■ 1 : : x m FÜRST BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN I BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN ERSTER BAND VOM STAATSSEKRETARIAT BIS ZUR MAROKKO-KRISE HERAUSGEGEBEN VON FRANZ VON STOCKHAMMERN IM VERLAG ULLSTEIN • BERLIN BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN IN VIER BÄNDEN 1. Vom Staats Sekretariat bis zur Marokko-Krise 2. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied 3. Weltkrieg und Zusammenbruch 4. Jugend- und Diplomaten]ahre Die Bände erscheinen in der Reihenfolge ihrer Niederschrift VORWORT DES HERAUSGEBERS ​​​Memoiren im Sinne anderer Völker sind in Deutschland selten. Goethes ​„Dichtung und Wahrheit", Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" gehören der Weltliteratur an, sind aber keine Memoiren. Die „Denkwürdigkeiten" des Fürsten Bülow, die nunmehr nach dem Heimgang des Verfassers der Öffentlichkeit übergeben werden, sind von ihm, der die Memoircn- literatur Frankreichs und Englands beherrschte, als Memoiren im eigentlichen Sinne des Wortes gedacht. Sie bringen nur Selbsterlebtes, Selbstgehandeltes. Nur Vorkommnisse und Personen, mit welchen den Verfasser sein langes und erfolgreiches Leben in Berührung gebracht hat, werden behandelt. Philosophische und historische Betrachtungen finden sich nur da, wo sie an den eigenen Lebensinhalt anknüpfen. Der Verfasser, sein Handeln und Erinnern steht im Mittelpunkt des Werkes. Der Subjektivismus, von dem die „Denkwürdigkeiten" des Fürsten getragen sind, strebt vor allem und über alles hinweg nach absoluter Richtigkeit der Darstellung, nach Gerechtigkeit und Objektivität des Urteils über Menschen und Geschehnisse. Seinem innersten Wesen entsprechend war er bemüht, kein Wort zu schreiben, keine Urteile zu fällen, keine Handlung zu bewerten, ohne von der Richtigkeit des Gesagten überzeugt zu sein. So sehr wünschte Fürst Bülow seinen „Denkwürdigkeiten" den Stempel der Wahrheit und Gerechtigkeit aufzudrücken, daß er allem Drängen seiner pohtischen Freunde und Verehrer zum Trotz zähe auf dem einmal gefaßten Beschluß beharrte, seine Memoiren erst nach seinem Tode veröffentlichen zu lassen. In diesem Verzicht auf augenblicklichen Erfolg, in dieser Zurückstellung jedweden materiellen Interesses erblickte er die einzige sichere Bürgschaft für die von ihm erstrebte Unabhängigkeit seines Urteils. Er wollte schreiben, wie er dachte, die Menschen beurteilen, wie er sie sah, gleichgültig, ob es sich um Souveräne oder diplomatische Kollegen handelte. Er wollte nicht durch Rücksichten persönlicher Art gegen wen immer es sei gebunden sein. Die Welt, in die das Leben ihn gestellt, das Wirkungsfeld, das Gott ihm anvertraut hatte, es sollte sich den späteren Geschlechtern so darstellen, wie er es sich von hoher Warte in seinen Gedanken zurechtgelegt und ausgebaut hatte. Rein in seinem Gewissen, in voller Unabhängigkeit seiner Gesinnung, wollte er es der Nach- X VORWORT DES HERAUSGEBERS weit überlassen, über ibn zu urteilen, zu stolz, um sich selbst verteidigen zu wollen. Der Fürst war zu alt geworden, er war zu abgeklärt, um jedes seiner Urteile, jede seiner Meinungen für unanfechtbar zu halten, und hätte daher jedem Widerspruch, den sein Werk, falls es bei seinen Lebzeiten veröffentlicht worden wäre, gefunden hätte, mit Ruhe entgegengesehen. Was er aber aus innerstem Herzen wünschte, war, daß die Welt an die Aufrichtigkeit und Überzeugungstreue seiner Darstellung glaube. Dafür schien ihm die posthume Veröffentlichung die sicherste Bürgschaft zu bieten. Dem Streben des Fürsten nach bestmöglicher Richtigkeit und absoluter Wahrhaftigkeit entsprach die Gewissenhaftigkeit, die er auf die „Denkwürdigkeiten" verwandt hat. Er war sein ganzes Leben gewohnt gewesen zu diktieren, und dem in seinem Arbeitszimmer Aufundabschrei- tenden formten sich die Sätze für die Niederschrift seiner Erinnerungen mit gleicher Mühelosigkeit, wie der Redner Bülow in drei Parlamenten mit sicherer Leichtigkeit seine glänzenden Perioden aneinanderzureihen gewußt hatte. Trotz dieser angeborenen Leichtigkeit geistigen Schaffens hat Fürst Bülow fünf Jahre auf das Diktat des Textes und drei weitere Jahre auf die sorgfältige, mühevolle Uberprüfung des Textes verwendet. Die Bismarcksche Arbeitsschule, in welcher der junge Attache, der Sekretär des Berliner Kongresses, aufgewachsen war, zeigte sich auch im hohen Alter noch nachhaltig und wirksam. Kein Name, kein Datum, kein Zitat, das nicht mehrmals durch Nachschlagen verifiziert, kein Satz, der nicht wieder und wieder sorgsam abgewogen und gefeilt worden wäre. Das außerordentlich starke Gedächtnis des Fürsten, das ihn über die Amtszeit hinaus bis ins hohe Greisenalter begleitet hat und nicht nur geschichtliche Persönlichkeiten und Ereignisse, sondern auch bedeutsame Zitate aus der Gedankenwelt aller zivilisierter Nationen in ihm aufgespeichert hatte, unterstützte das Werden des Werkes in hohem Maße. Material im eigentlichen Sinne des Wortes lag wenig vor, besonders Briefe in nur geringer Anzahl. Vom Kaiser war fast kein Brief vorhanden, da Fürst Bülow alle kaiserlichen Briefe, es waren in die Hunderte, nach seinem Rücktritt spontan, aus eigener Initiative dem Zivilkabinett zur Verwahrung im Hausarchiv übergeben hatte. So scharf und sicher aber war sein Gedächtnis, daß wiederholt Stellen aus Briefen oder Aufzeichnungen, für die anfangs eine schriftliche Unterlage nicht vorhanden gewesen war, sich bei deren späterem Auffinden nicht nur dem Sinne nach, sondern fast wortgetreu wiedergegeben erwiesen. Die „Denkwürdigkeiten" umfassen die Zeit von etwa 1850 bis 1919, enden also mit dem Zusammenbruch Deutschlands. Zwei Bände sind dem Werdenden und der glänzenden Laufbahn gewidmet, die ihn 1897 zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin führte, drei Bände dem VORWORT DES HERAUSGEBERS XI selbständig Handelnden, der zunächst drei Jahre unter dem greisen Fürsten Hohenlohe die auswärtige Politik Deutschlands und 1900 bis 1909 die Gesamtpolitik des Reiches leitet, selbst mehr und mehr Mittelpunkt der politischen Welt Europas. Auf dem Gebiet der äußeren Politik ist Höhepunkt die bosnische Krise 1908/1909, die mit einem glänzenden diplomatischen Erfolg Deutschlands abschließt. Höhepunkt der inneren Politik sind die Reichstagswahlen 1907, die zu einer vernichtenden Niederlage der Sozialdemokratie führen und einer weitausschauenden weisen Politik der Evolution die Wege ebnen sollten, auf denen der Fürst das politische Leben des deutschen Volkes behutsam zu modernisieren und parlamentarisch auszugestalten dachte. Dies weitgreifende Programm, zu groß angelegt, um zur Zeit seiner Inangriffnahme von den Banausen der deutschen Tagespolitik verstanden zu werden, erfuhr durch Bülows Rücktritt 1909 seinen jähen Abschluß. Die Tragik, die über den Geschicken des deutschen Volkes hegt, brachte es mit sich, daß der Nachfolger des Fürsten, Bethmann Hollweg, es als sein Programm verkünden konnte, Deutschland und Preußen nicht in das Lager des Parlamentarismus verschleppen zu lassen. Im letzten Band spricht Bülow der Spectator, der aus der Bethmannschen Zauderpolitik Wolken banger Sorge emporsteigen sieht. Absoluter Gegner der Fatalitätstheorie und im Bismarckschen Geist ebenso entschiedener Gegner prophylaktischer Kriege, prüft er die Entstehung des Weltkrieges mit der überlegenen Weisheit eines in der Schule von vier Jahrzehnten politischer und diplomatischer Tätigkeit geschärften Geistes. Aus der These, daß weder Kaiser Wilhelm IL, noch die deutsche Regierung, noch das deutsche Volk den Krieg gewollt, daß aber die unfähige politische Leitung Deutschlands im Jahre 1914 die Nation am Gängelband Österreichs in den unheilvollsten aller Kriege verstrickt habe, klingt jene Unternote tiefen vaterländischen Schmerzes, die dem dritten Bande bis zu seinem Ende eigen ist, und zeigt, wie bitter schmerzlich es dem Fürsten war, tatenlos all das Unheil um sich vollenden zu sehen. Das vertraute Verhältnis, in dem Fürst Bülow zu Kaiser Wilhelm IL stand, brachte es mit sich, daß beider Meinungen und Ansichten öfter gegeneinanderstießen, als dies zwischen Souverän und Minister der Fall zu sein pflegt. Wenn die „Denkwürdigkeiten" des Fürsten Bülow sich wieder und wieder mit dem Kaiser beschäftigen, so hegt dies in der Intimität ihres langjährigen freundschaftlichen Verhältnisses begründet. Trotz aller Schwierigkeiten aber, die Kaiser Wilhelm II. durch Unbesonnenheit und Taktlosigkeit dem Fürsten Bülow auf außer- und innerpolitischem Gebiet bereitet haben mag, trotz des erregten Widerspruchs, den manche übermütige Geste des Kaisers bei der gesamten Nation hervorrief, trotz des vielen, was der Fürst mit geschickter Hand, ungewußt von der Öffentlichkeit, in der XII VORWORT DES HERAUSGEBERS Stille zu Gunsten seines kaiserlichen Herrn auszugleichen und abzubiegen gehabt hat, ist das Urteil Bülows über den Kaiser nie bitter oder ungerecht. Wenn er den Souverän auch oft rügen und tadeln muß, so wird er doch immer der bedeutenden Persönlichkeit und den menschlich schönen Seiten gerecht, und auch da, wo sein Urteil sich zu ernster Sorge verdichtet, zeigt es sich mehr von freundschaftlichem, ja fast väterlichem Empfinden diktiert als vom Geist der Kritik. Diese Betrachtungsweise ändert sich auch nicht, wenn sie an die Darstellung der Katastrophe von 1918 und der Ereignisse, die sie vorbereiteten, herantritt. Die Sorge um Kaiser und Dynastie, die bis dahin überwogen hatte, wird abgelöst durch die noch größere Sorge um das Geschick des deutschen Volkes, um die Zukunft, um die Nation. Nichts aber, was auch immer Deutschland im Zusammenbruch und nach dem Schandfrieden von Versailles an bitterem Leid erfahren haben mag, vermochte den jugendstarken Optimismus zu hemmen, mit dem der weise alte Mann in die Zukunft Deutschlands sah. Wie sein Urteil über den Zusammenbruch des alten Systems und die Mängel, die ihn verschuldet hatten, gerecht und objektiv war, so zeigt sich auch seine Beurteilung des neuen Deutschlands, bei aller Schärfe, mit der dessen Schwächen gegeißelt werden, von überzeugtem Hoffen auf eine größere und glücklichere Zukunft diktiert. Was er all die Jahre hindurch innerlich litt, in denen er das Schicksal der Nation den schwachen Händen eines Bethmann, den zaudernden eines Michaelis, den kraftlosen eines Hertling und zuletzt den neurasthenischen eines Prinzen Max von Baden anvertraut sehen mußte, während im Feindesbunde Staatsmänner von der außergewöhnlichen Energie und Tatkraft eines Clemenceau, eines Lloyd George ihre Völker im Geiste des Widerstandes erhielten und mit zielbewußter Zähigkeit zum Enderfolg führten, das klingt in knapper Klarheit aus dem Schlußsatz des dritten Bandes der „Denkwürdigkeiten". Es ist hier eine Episode aus Herodot erwähnt. Der Fürst hebte es, die Geschehnisse seiner Zeit an der Geschichte, der großen Lehrmeisterin der Menschheit, zu messen, und schöpfte hierbei mit besonderer Vorhebe aus den ihm von früher Jugendzeit wohlvertrauten großen Griechen. Ein hochstehender Perser, wenige Tage vor der Schlacht von Platää befragt, warum er seinen Feldherrn Mardonius nicht vor einer großen, von ihm klar erkannten Gefahr warne, erwidert dem ihn fragenden Griechen: es gebe auf der Erde keinen größeren Kummer als den, Einsicht zu besitzen, nicht aber die Macht. „Dieser größte Kummer war mir beschieden", mit diesen Worten schmerzlicher Tragik zieht der Fürst das Fazit seines großen politischen Lebens. FRANZ VON STOCKHAMMERN f VORBEMERKUNG DES VERLAGES Im Jahre 1920 ließ Fürst Bülow durch einen Mittelsmann uns benachrichtigen, daß er seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben beabsichtige und daß er den Wunsch habe, sie dem Verlag Ullstein zur späteren Veröffentlichung zu übergeben. So kam am 15. Januar 1921 der Verlagsvertrag zustande. Den Kernpunkt der Abmachung bildete die Bestimmung, daß die Veröffentbchung des Werkes erst einige Zeit nach dem Ableben des Verfassers erfolgen dürfe. Das Manuskript wurde nach dem Diktat des Fürsten in den Jahren 1921 bis 1926 fertiggestellt. Der Verfasser hat dann während der folgenden Jahre handschriftlich ständig Streichungen und Einschaltungen vor» genommen, in Begleitblättern zu den Manuskriptbänden die Seitenziffern dieser seiner Änderungen registrieren lassen und durch eigenhändige Unterschrift ihre Richtigkeit bestätigt. Unter sechsfachem Siegel lag das Manuskript, das in drei Exemplaren ausgefertigt war, in den Stahlräumen einer Bank aufbewahrt. Nach dem Ableben des Fürsten am 28. Oktober 1929 wurde es dem nur wenigen Eingeweihten bekannten Aufbewahrungsort entnommen und dem Verlage übergeben. Die Herstellungsarbeiten setzten dann sofort ein, sie wurden von dem literarischen Testamentsvollstrecker und Herausgeber des Werkes, dem Ministerialdirektor z. D. Franz von Stockhammern überwacht. Sein dem Werk mitgegebenes Vorwort hat er noch zu Lebzeiten des Fürsten abgefaßt. Die Veröffentbchung des Werkes erfolgt jetzt genau in der Reihenfolge der Niederschrift. Fürst Bülow hat zuerst seine pobtischen Denkwürdigkeiten geschrieben, also die Zeit seines Staatssekretariats bis zu Krieg und Zusammenbruch, und hat erst später dieses Werk um seine Jugenderinnerungen vermehrt, die somit den Schlußband der Veröffentbchung bilden. Entsprechend den Abfassungszeiten der einzelnen Bände bat sich der Standpunkt des Fürsten bei der Beurteilung von Personen und Ereignissen XIV VORBEMERKUNG DES VERLAGES des öfteren verschoben. Dieses gilt insbesondere für die Stellungnahme des Verfassers zu der im November 1918 erfolgten Staatsumwälzung. An zahlreichen Stellen des Werkes hat der Fürst sich gegen Politiker wie Ebert und Erzberger geäußert, aber es ist charakteristisch, daß er versuchte, dem, was er anfänglich schroff abgelehnt hatte, später sachlich gerecht zu werden. Der vorliegende Band enthält mehrere Ausfälle gegen den ersten Reichspräsidenten Ebert (vergl. S. 125 und S. 286), aber wenige Jahre nach Niederschrift dieser ersten absprechenden Urteile nennt der Fürst, und zwar in dem dritten Bande der Denkwürdigkeiten, Ebert „einen Mann von natürlichem Anstand und gesundem Verstand" und hat den Eindruck, „mit einem redlichen und tüchtigen Mann zu sprechen". Der Fürst führt in diesem später entstandenen Bande aus, Ebert habe ihn nicht zur Sozialdemokratie und Republik bekehrt, und noch immer tadelt er die Revolution von 1918 in scharfen Worten, dann jedoch fährt Fürst Bülow wörtbch fort: „Aber nachdem, beginnend mit Bethmann Hollweg, im Weltkrieg vier Reichskanzler nacheinander völlig versagt hatten, nachdem Wilhelm II. ins Ausland geflohen und das durch den Genius von Bismarck und die Weisheit des alten Wilhelm I. geschaffene Deutsche Reich zusammengebrochen war, betrachtete ich es als ein Glück im Unglück, daß die Welle der Revolution auf den Präsidentenstuhl gerade diesen Mann trug. Er lieferte jedenfalls den Beweis, daß in unserem ach! so unpolitischen Deutschland der Arbeiterstand starke politische Talente, aller Achtung würdige Charaktere und hervorragende Parteiführer zu stellen vermag." Der Herausgeber des Werkes, Herr von Stockhammern, der die allmähliche innere Wandlung des Fürsten aus täglichen Gesprächen noch in verstärktem Maße beobachten konnte, erwog deshalb, ob es möglich sei, einzelne solcher Ausfälle gegen Ebert und andere diesem nahestehende Politiker im Werke zu mildern oder auszumerzen. Am 27. Februar 1930, also noch vor Beginn des Druckes, verstarb Herr von Stockhammern. Der Verlag sieht auf Grund der geschlossenen Abmachungen und der noch darüber hinaus dem Fürsten Bülow gegebenen Erklärungen keine Möglichkeit, seinerseits solche Änderungen vorzunehmen. Fürst Bülow hat von Anfang an den größten Wert darauf gelegt, vollständig unabhängig von allen äußeren Einflüssen seine Erinnerungen niederzuschreiben und sie zur Veröffentlichung zu bringen. VORBEMERKUNG DES VERLAGES XV Der Verlag hat mit Abschluß des Vertrages geglaubt, einer Persönlichkeit von der welthistorischen Bedeutung des Fürsten Bülow freie, rückhaltlose Meinungsäußerung gewähren zu müssen. So erscheint dieses Werk, wie es der Fürst geschaffen hat. Es bringt an vielen Stellen Kritiken politischer Vorgänge und Charakteristiken einzelner Persönlichkeiten, die sich mit den Ansichten des Verlages nicht decken, vielmehr zu seiner Gesamthaltung in direktem Widerspruch stehen. Berlin, im Herbst 1930 DER VERLAG I INHALT DES ERSTEN BANDES ERSTES KAPITEL...................... 3 Berufung nach Berlin (21. VI. 1897) • Abreise von Rom nach Verabschiedung von Visconti-Venosta und Rudini • Auf der Promenadenbank in den Frankfurter Anlagen • Beim Friseur im Berliner Kaiserhof ■ In der Wilhelmstraße: Holstein, Marschall, Hohenlohe • Eintreffen in Kiel an Bord der „Hohenzollern" Gespräch mit dem Generaladjutanten von Löwenfeld • Begrüßung durch Kaiser Wilhelm IL: „Der Badenser hat mich verraten! Sie müssen an die Front!" Kaiserliche Aufforderung, die im August bevorstehende Reise nach St. Petersburg mitzumachen • König Leopold von Belgien • Prinz Albrecht von Preußen ZWEITES KAPITEL.....................21 Besuch in Friedrichsruh • Wilmowski Vater und Sohn • Der 82jährige Bismarck Das Bismarcksche Heim • Übernahme der interimistischen Leitung des Auswärtigen Amtes • Freiherr von Rotenhan • Gedankenarbeit am Semmering • Die internationale Lage von 1897 • Graf Anton Monts und seine an Bülow gerichteten Situationsberichte DRITTES KAPITEL......,..............40 Weitere Zuschriften des Grafen Monts über Schädigung des Reichsgedankens und des Ansehens der Kaiserkrone durch die letzte besonders exzentrische Rede Wilhelms II. vor dem Brandenburger Provinziallandtag am 22. III. 1897 • Die von Monts bei einem Besuch in Berlin gewonnenen persönlichen Eindrücke Die Schilderungen von Monts bestätigen die Sorgen und Befürchtungen, die Bülow seit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck erfüllten • Wie ihm bei derÜbernahme der auswärtigen Geschäfte die internationale wie die innerdeutsche Lage erscheint • Rückkehr nach Berlin • Dort inzwischen erfolgter Personalwechsel • Brief des Freiherrn von Marschall (4. VII. 1897) VIERTES KAPITEL..................... 55 Besprechungen mit Kiderlen, Miquel und Hohenlohe • Telegramm von Francesco Crispi • Fahrt nach Kiel • Langer Spaziergang mit Wilhelm II. unter Erörterung der Flottenfrage • Abfahrt nach Peterhof »Die Kaiserliche Umgebung: Lucanus, Hahnke, Senden, August Eulenhurg, Plessen FÜNFTES KAPITEL.....................72 Die Kabinette • Die Hofstaaten • Die Adjutanten • Erste Meinungsverschiedenheit mit Wilhelm IL, rasche Wiederverständigung . Ankunft in St. Petersburg Impressionabilität Wilhelms IL XVIII INHALT DES ERSTEN BANDES SECHSTES KAPITEL.................... Unterredung mit Murawicw • Die Kiautschoufrage • Die Galatafel (7.VIII. 1897) Exzessiver Trinkspruch Wilhelms II. • Fürst Radolin • Finanzminister Witte Audienz bei Nikolaus II. • Kaiserin Alexandra Feodorowna SIEBENTESKAPITEL.................... Rückfahrt • Besprechung der Flottenfrage • Erziehung des Kaisers durch Hinzpeter, dessen Urteil über Wilhelm II. . Rückkehr nach Kiel (14. VIII. 1897) In Wilhelmshöhe • Tirpitz zum Vortrag • Konferenzen über die Flottenfrage ACHTES KAPITEL...................... Wilhelm II. bei der Herbstparade in Koblenz • Würzburg • Manöver des 2. Bayrischen Armeekorps • Fahrt nach Nürnberg mit den bayrischen Ministern (2. IX. 1897) . Ministerpräsident Freiherr von Crailsheim, Finanzminister von Riedel, Kriegsministcr Freiherr von Asch • Der preußische Gesandte beim Müncbener Hofe Graf Monts, dessen Briefe an Bülow und über Bülow • Kaisermanöver in Hessen • König Humbert und Königin Margherita von Italien General von Schweinitz • Der Gibraltar NEUNTES KAPITEL..................... Paradetafel in Homburg (4. IX. 1897) • Schwärmerei Wilhelms II. für Königin Margherita • Sein Brief an Philipp Eulenburg über seinen Besuch in St. Petersburg • Erste Begegnung mit dem späteren König Ludwig III. von Bayern • Die Adlerborte • Rückkehr nach Berlin • Fühlungnahme mit den fremden Botschaftern: Graf Szögyenyi, GrafLanza, Sir Frank Lascelles, Graf Osten-Sacken ZEHNTESKAPITEL ..................... Der spanisch-amerikanische Konflikt • Stellungnahme Wilhelms II. zu auswärtigen Komplikationen • Reise nach Budapest zu den dortigen Herbstmanövern (18. IX. 1897) • Audienz bei Kaiser Franz Josef • Die innerpolitischen ungarischen Verhältnisse • Ungarische Grafen und Staatsmänner ELFTES KAPITEL...................... Rede Wilhelms II. bei der Paradetafel in Budapest (18. IX. 1897) . Der Cercle, die Erzherzöge • Kaiser Wilhelm in Wiesbaden, der Zar in Darmstadt • Zusammenkunft der beiden Kaiser • Großherzog Friedrich und Großherzogin Luise von Baden • Ernennung zum Staatssekretär (20. X. 1897) • Mit dem Kaiser auf der Saalburg • Wilhelm II. und die römischen Kaiser • Seine Stellung zu Denkmälern • Theaterintendant Graf Georg Hülsen • Lauffund Knackfuß • Wilhelm II. in Kunstfragen • Besuch in Schillingsfürst bei Fürst und Fürstin Hohenlohe ZWÖLFTES KAPITEL.................... Reitertod des Generals Adolf von Bülow • Seine Charakteristik • Reichskanzlor- kandidaten Wilhelms II. • Ermordung katholischer Missionare in China • Nach Rom zur Überreichung des Abberufungsschreibens • Ansprache an die deutsche Kolonie, zurück nach Berlin • Brief von Theodor Mommsen ■ Der russische Botschafter über Kiautschou • Entsendung des deutschen Geschwaders nach Ost- INHALT DES ERSTEN BANDES XIX asien • Brief des Prinzen von Wales an die Kaiserin Friedrich über deutsche Seegelüste • Kaiserin Friedrich, ihre Freundschaft mit Frau von Bülow • Eröffnung des Deutschen Reichstags durch Wilhelm II. (30. XI. 1897) • Erste Reichs tagsrede DREIZEHNTES KAPITEL..................197 Parlamentarische Beredsamkeit in Deutschland: Bennigsen, Stresemann, Miquel, Basscrmann, Eugen Richter, Hertling, Bebel, Heydebrand, Naumann, Paasche • Mit Wilhelm II. in Kiel • Seine Rede von der gepanzerten Faust (15. XI. 1897) • Prinz Heinrich in London • Sein Bericht über seine Fahrt nach Ostasien • Wilhelm II. und Salisbury • Besuch Wilhelms II. in Friedrichsruh beim Fürsten Bismarck • Pachtvertrag über Kiautschou (5. I. 1898) VIERZEHNTES KAPITEL..................214 Die Annahme der Flottenvorlage (26. III. 1898) • Brief des Großherzogs Friedrich von Baden ■ Fürst Bismarck über Bülow • Ersetzung des Unterstaatssekretärs Freiherrn von Rotenhan durch Freiherrn von Richthofen • Helfferich, Ludwig Bamberger und Georg Siemens • Der spanisch-amerikanische Krieg Die Lippische Thronfolgefrage • Zehnjähriges Regierungsjubiläum des Kaisers Wilhelm II. (16. VI. 1898) • Sein Telegramm an Philipp Eulenburg • Dessen Stellung zum Hause Bismarck FÜNFZEHNTES KAPITEL..................228 Reichstagswahlen • Der Tod des Fürsten Bismarck • Trauerfeier in Friedrichsruh Brief Wilhelms II. an seine Mutter über Bismarck • Trauerfeier im Berliner Dom Abrüstungsvorschlag Nikolaus' II. • Ankündigung eines Gesetzes zum Schutze der Arbeitswilligen • Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn Die Dreyfus-Affäre SECHZEHNTESKAPITEL..................242 Die Orientreise • Letzte Begegnung mit König Humbert • Gefolge der Majestäten: Oberhofmeister Freiherr von Mirbach, Kabinettsrat v. d. Knesebeck, Oberhofmeisterin Gräfin Brockdorff, Staatsdame Gräfin Keller, Hofdame Fräulein von Gersdorff, Oberhofprediger Dryander • Konstantinopel • Audienz beim Sultan Abdul Hamid • Der Harem des Sultans • Die Bagdadbahn • Herr von Siemens Jerusalem • Damaskus • Deutsche Geheimpolizisten SIEBZEHNTESKAPITEL..................261 Kaiserin Auguste Viktoria • Die Rückreise • Malta • Neuerdings die Lippische Frage • München • Ankunft auf der Wildpark-Station • Wilhelm II. an seine Minister über die Türkei • Einzug in Berlin (1. XII. 1898) • Faschoda • Der Windsor-Vertrag • Chamberlains Stellungnahme zu einer deutsch-englischen Allianz • Brief des Botschafters Grafen Hatzfeldt ACHTZEHNTESKAPITEL..................279 Jahresschluß 1898 • Prinz Heinrich über Ostasien • Erwerbung von Samoa Großherzog Karl Alexander von Weimar • Erwerbung der Karolinen • Erhebung in den Grafenstand (22. VI. 1899) • Burenkrieg . Cecil Rhodes in Berlin . Die XX INHALT DES ERSTEN BANDES öffentliche Meinung in Deutschland gegenüber dem Burenkonflikt • Die Kanalvorlage • Finanzminister von Miquel • Brief der Kaiserin über die Kanalvorlage Die Kanalrebellen NEUNZEHNTESKAPITEL..................299 Kaiserbesuch in Karlsruhe • Burg Hohenzollern • Königin Wilhelmine von Holland in Berlin (Oktober 1899) • Besuch des Zarenpaares in Berlin • Die Reise der deutschen Majestäten nach England (20. XI. 1899) ■ Die Kaiserin gegen die Reise, ihr Brief an Bülow • Bericht Hatzfeldts • Landung in England • Die Herzogin von Connaught • Deutsche Prinzessinnen im Ausland • Windsor • Die Galatafel • Englische Hofleute und Staatsmänner • Memorandum des Fürsten Hohenlohe für Wilhelm II. ZWANZIGSTES KAPITEL..................314 Unterredung mit dem Kolonialminister Chamberlain • Wilhelm II. und Cham- berlain • Balfour • Lansdowne • Der Herzog von Devonshire • Goschen • Audienz bei der Königin Victoria ■ Chamberlains Allianzvorschläge: Für uns notwendige Bürgschaften EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.............329 Charakteristik Chamberlains • Überblick über die englischen Bündnisverhandlungen und Gesamteindruck • Briefe an Hohenlohe und Holstein, Bericht Hatzfeldts an den Reichskanzler • Besuch in Sandringham • Der Prinz von Wales, sein Verhältnis zu seinem Neffen Kaiser Wilhelm II. • Lord Acton • Abreise von England • Kaiserin Friedrich über die Kaiserreise nach England • Begegnung mit den holländischen Königinnen in Vlissingen ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............347 Haager Friedenskonferenz • Die Nordlandreisen des Kaisers, Berichte und Briefe des Grafen Philipp Eulenburg • Staatsstreichpläne des Kaisers, seine Stellung zur Sozialdemokratie • Wilhelm II. über Cecil Rhodes • Kardinal Hohenlohe über Kaiser Wilhelm II. • Bülows Reichstagsrede vom 11. XII. 1899: Deutschland Hammer oder Amboß • Jahrhundertfeier im Berliner Schloß • Ermordung des deutschen Gesandten in Peking . General Gündel Kommandeur der Expeditionstruppen • Hunnenrede Wilhelms II. DKEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............362 Bülows Verhältnis zu seinen Ministerkollegen • Graf Alfred Waldersee • Wilhelm II. wird Generalfeldmarschall • Sein forciertes Betonen seiner militärischen Befugnisse vor dem Kriege, sein völliges Zurücktreten im Krieg • Feldmarschall Waldersee Oberstkommandierender in China • Der Kaiser verabschiedet sich in melodramatischer Form von ihm in Kassel • Graf Metternich über die Lage Einnahme Pekings (15. VIII. 1900) • Berufung nach Hubertusstock: Erste Besprechung mit Wilhelm II. über die Nachfolge des Fürsten Hohenlohe • Kandidaten: Podbielski, Philipp Eulenburg, Karl Wedel, Botho Eulenburg, Hohen- lohe-Langenburg • Telephonische Berufung nach Homburg INHALT DES ERSTEN BANDES XXI VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL............379 Reise mit Lucanus nach Homburg (16. X. 1900) • Vortrag beim Kaiser . Unterredung mit Fürst Chlodwig Hohenlohe • Ernennung zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten • Donna Laura Minghetti • Entlassungsgesuch Posadowskys • Einsegnung des Prinzen Adalbert • Rückreise nach Berlin • Erste Staatsministerialsitzung unter Bülows Vorsitz • Brief des Generalfeldmarschalls von Loe • Herbert Bismarck an Bülow • Freiherr von Richthofen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes • Glückwunschschreiben ■ Personalveränderungen FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL............397 Einzug des Grafen Waldersee in Peking • Die auswärtige Lage • Deutsch-Englischer Chinavertrag • Österreich-Ungarn • Philipp Eulenburg über den österreichisch-ungarischen Thronfolger, Verhältnis Kaiser Wilhelms zu Erzherzog Franz Ferdinand • Unsere Beziehungen zu Frankreich • Heeresforderungen Adelsregimenter • Rußland: Brief des Generals von Werder über russische Verhältnisse, General von Schweinitz über Rußland • Graf Lambsdorff, russischer Minister des Äußern SECHSÜNDZWANZIGSTES KAPITEL............411 Unsere Beziehungen zu England • Ihre Entwicklung seit den siegreichen Kriegen von 1866 und 1870 • Unterredung mit Admiral von Tirpitz im Gehölz von Düsternbrook • Besprechung der Flottenvorlage in der Kommission • Interpretation des Schlagwortes „Weltpolitik" gegenüber dem Abgeordneten Gröber Botschafter Graf Hatzfeldt über Salisbury und England ■ Denkschrift des Grafen Paul Metternich über seine persönlichen Eindrücke in England SIEBENÜNDZWANZIGSTES KAPITEL...........427 Der englische Volkscharakter • Unsere Unterschätzung Englands • Unsere Irrtümer in Beurteilung und Behandlung fremder Völker • Hatzfeldt an Holstein über England, Holstein über ein deutsch-englisches Bündnis • Vorgänge in Ostasien • Bericht des Prinzen Heinrich an Bülow • Japan • Herr von Mumm Nachfolger Kettelers, sein erster Bericht • Innere Politik ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL............442 Der Bundesrat ■ Die Friedensliebe Kaiser Wilhelms II. • Mündigkeitserklärung des Kronprinzen (6. V. 1900) • Die Rechte der Krone und die Parteien • Bülows Verhältnis zum Kaiser • Wilhelm II. in den Briefen Eulenburgs an Bülow • Der Kaiser und Bismarck • Der Kaiser und die Sozialdemokratie • Gemütszustand der Kaiserin • Intrigen Eulenburgs gegen Ihre Maj estät • Eulenburgs Spiritismus Freundschaft Wilhelms II. mit dem Fürsten von Monako N E U N U N D Z W A N Z I G S T E S KAPITEL............453 Indiskretion am Berliner Hofe • Wilhelm II. und die Fremden • Der Lotse von Bari • Das Sprechbedürfnis des Kaisers und seine Harmlosigkeit in Gesprächen Einberufung des Reichstags • Debatte über die ostasiatische Expedition (19. XI. 1900) • Erstes Auftreten als Reichskanzler im Reichstage XXII INHALT DES ERSTEN BANDES DREISSIGSTES KAPITEL . .•...............467 Die Zwölftausend-Mark-Affäre • Interpellation im Reichstage • Bülow tritt für den Grafen Posadowsky ein • Dessen Charakteristik • Die Burenfrage • Hitzige deutsche Begeisterung für Präsident Krüger • Bülows Reden zur Burenfrage Rundreise bei den größeren deutschen Höfen • München, Prinz Luitpold • Berichte des Grafen Monts über den Verlauf des Münchener Besuchs • Stuttgart, Reich und Bundesstaaten EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL.............486 Fortsetzung der Rundreisen: Karlsruhe, Darmstadt, Dresden • Verleihung des Schwarzen Adlerordens (23. XII. 1900) • Glückwunsch des Fürsten Hohenlohe Prinz Max von Baden, Prinz Alexander von Hohenlohe-Schillingsfürst, Erbprinz Erni von Hohenlohe-Langenburg • Diplomatische Personalien: Fürst Radolin nach Paris, Graf Alvensleben nach Petersburg • Ängstliche Briefe Eulenburgs Freiherr von Mirbach und Dr. Hugo Preuß ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............502 Erkrankung der Königin Victoria • Wilhelm II. fährt nach England • Briefe der Kaiserin Auguste Viktoria an Bülow • Kaiser Wilhelm bleibt bis zur Beisetzung (21. I. 1901) • Graf Metternich über den kaiserlichen Besuch • Vortrag bei Wilhelm II. in Homburg (8. II. 1901) • Vorbereitungen für den Besuch des Königs Eduard bei seiner Schwester, der Kaiserin Friedrich • Denkschrift des Staatssekretärs Freiherrn von Richthofen vom 3. II. 1901 über unser Verhältnis zu England • Verlegung des Schwerpunktes der deutsch- englischen Verhandlungen nach Berlin • Promemoria des Fürsten Lichnowsky DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............516 Eintreffen des Königs Eduard in Kronberg • Seine Eindrücke während seiner Fahrt durch Deutschland • Miß Charlotte Knollys zu Bülow • Kaiserbesuch in Bremen (5. III. 1901) • Exzentrische Rede des Kaisers beim Alexanderregiment Brief des Großherzogs Friedrich von Baden über die Rede • Die verfahrene Kanalvorlage • Demission des Finanzministers von Miquel, sein Nachfolger Freiherr von Rheinbaben • Geburtstag des Kaisers Nikolaus, Rede Wilhelms II. in Metz • General Bonnal in Metz • Die Enthüllung des Bismarck-Denkmals in Berlin (16. VI. 1901) • Bülows Gedächtnisrede • Wilhelm IL, Herbert Bismarck • Der Prophet Jeremias über das menschliche Herz • Einigung mit dem bayrischen , Finanzminister Riedel über den Zolltarif • Peter Spahn, Ernst Bassermann, der Bund der Landwirte, Graf Limburg-Stirum VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL............534 Kaiser Wilhelm am Sterbelager der Kaiserin Friedrich • Ihr Tod (5. VIII. 1901) Graf Götz von Seckendorf! • Charakteristik der Kaiserin Friedrich • Graf Waldersees Rückkehr aus China • Zusammenkunft Wilhelms II. mit Nikolaus II. in Heia • Ungenügende Dekorierung des russischen Ministers des Äußern • Wilhelm II. in Rominten ■ Eulenburgs Schilderung des dortigen Aufenthalts • Prinz Heinrich beim Zaren in Spala • Verlobung des Prinzen Max von Baden mit der Großfürstin Helene Wladimirowna • Denkmalsenthüllungen in der Siegesallee Wilhelms II. Stellung zu den schönen Künsten • Heimgang der Idealistin Mal- vida von Meysenbug und des Königs Albert von Sachsen INHALT DES ERSTEN BANDES XXIII FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL............552 Rede Chamberlains in Edinburg (25. X. 1901) • Provokation der deutschen Armee • Unterredung mit dem englischen Botschafter, Weisungen an die Deutsche Botschaft in London • Eintreten für die Ehre unserer Armee im Reichstag • Geburtstag des Kaisers (27. I. 1902) • Unterredung Bülows mit dem Prinzen von Wales, späteren König Georg V. • Zwischenfall in Venezuela Präsident Castro • Rudyard Kipling • Die Ostmarkenpolitik • Reden im Reichstag und im Preußischen Landtag über das Ostmarkenproblem • Rede Wilhelms II. in der Marienburg SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL...........572 Die Bagdadbahn • Unsere Beziehungen zu den Vereinigten btaaten • Wilhelm II. und Roosevelt • Amerikafahrt des Prinzen Heinrich • Jubiläum des Königs- husarcn-Regiments in Bonn, die Parade des Pcgiments • Ernennung zum Oberst ä la suite der Armee, mit der Uniform der Königshusaren • Erneuerung des Dreibundes (28. VI. 1902) . Begegnung Wilhelms II. und Nikolaus' II. in Reval • Die Swinemünder Depesche, Erregung in Bayern • Tod von Alfred Krupp SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL...........587 Konfessionelle Verträglichkeit • Der Zwischenfall von Trier und Bischof Korum Kronprinzessin Luise von Sachsen • Zweite Beratung des Zolltarifs • Längste Sitzung des Reichstags (13. XII. 1902) • Bülow lehnt Erhebung in den Fürstenstand ab • Die Swinemünder Depesche im Reichstag (19. I. 1903) • Domdekan Schädler • Erste Stellungnahme zu Reden und Äußerungen des Kaisers • Rücktritt des Grafen Crailsheim • Unterredung mit dem Sozialistenführer von Vollmar • Die Führer der Konservativen, des Zentrums und der Nationalliberalcn werden beim Reichskanzler wegen der fortgesetzten kaiserlichen Entgleisungen vorstellig • Bülows Brief an Wilhelm II. ACHTUN D DREISSIGSTES KAPITEL........., . . 602 Romreise Wilhelms II. • Vorheriges diplomatisches Revirement: Philipp Eulenburg tritt zurück, Karl Wedel sein Nachfolger in Wien, Monts kommt nach Rom Das Gefolge des Kaisers • Sein persönliches Verhältnis zu Viktor Emanuel III. Bülows Unterredungen mit dem König von Italien und mit Giolitti • Wilhelm II. bei Leo XIII., seine Niederschrift über den Verlauf der Unterredung • Kostbares Geschenk des Papstes an Bülow • Empfang der kaiserlichen Dienerschaft durch Seine Heiligkeit • Vertrauliche Meldungen von Philipp Eulenburg über die Stimmung Seiner Majestät, über Ihre Majestät und das Leben auf der „Hohenzollern" NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL............619 Tod Leos XIII. (20. VII. 1903) • Geheimer Bericht des Kardinals Kopp über das Konklave • Herbstmanöver • Reise nach Wien, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin • Wilhelm II. macht nach einigem Widerstreben der Fürstin von Hohenberg einen Besuch • Bülows Unterredung mit Goluchowski • Audienz bei Kaiser Franz Josef • Der italienische Botschafter Graf Nigra . Kaiser Nikolaus in Hessen, Wilhelm II. in Wolfsgarten (4. XL 1903) . Die Möglichkeit eines russisch-japanischen Zusammenstoßes rückt näher . Unterredungen mit Graf Lambsdorff und Kaiser Nikolaus . Gespräche der beiden Kaiser • Stimmlippenoperation Wilhelms IL, seine mutige Haltung I. KAPITEL Berufung nach Berlin (21. VI. 1897) • Abreise von Rom nach Verabschiedung von Visconti-Venosta und Rudini • Auf der Promenadenbank in den Frankfurter Anlagen Beim Friseur im Berliner Kaiserhof • In der Wilhelmstraße: Holstein, Marschall, Hohenlohe • Eintreffen in Kiel an Bord der „Hohenzollern" • Gespräch mit dem Generaladjutanten von Löwenfeld • Begrüßung durch Kaiser Wilhelm II.: „Der Badenser hat mich verraten! Sie müssen an die Front!" • Kaiserliche Aufforderung, die im August bevorstehende Reise nach St. Petersburg mitzumachen • König Leopold von Belgien Prinz Albrecht von Preußen Am 21. Juni 1897 lag auf meinem Schreibtisch im Palazzo Caffarelli, dem damaligen Sitz der Kaiserlich deutschen Botschaft in Rom, die Das Entzifferung eines Telegramms des Auswärtigen Amtes, das die Weisung Telegramm enthielt, mich baldtunlichst bei Seiner Majestät dem Kaiser auf der des Jacht „Hohenzollern" einzufinden. Ich hatte ungefähr die Empfindung eines Fußgängers, der, nachdem er längere Zeit die Wolken am Himmel hat heraufziehen sehen, dann noch einiges Wetterleuchten, nun plötzlich der Entladung des Gewitters gegenübersteht. Ich suchte den Minister des Äußeren auf, um ihm zu sagen, daß ich für einige Tage nach Kiel zitiert worden sei. Seinem phlegmatischen Naturell und seiner bisweilen bis zur Komik gesteigerten Reserve entsprechend, frag Marquis Visconti- Venost a mich nur, ob ich über Mailand und die Schweiz oder über Verona und Tirol reisen würde, und bat um Empfehlungen an meine Frau. Der Abschied von Marquis Rudini, mit dem mich nähere Beziehungen verbanden und der auch um verschiedene Grade deutschfreundlicher war, gestaltete sich herzlicher. Er nahm an, daß ich kaum wieder nach Rom zurückkehren würde: „Iis voudront vous garder ä Berlin." Er bedauere meinen Fortgang von Rom, auch wegen unserer persönlichen Beziehungen, meinte aber, in Berlin würde ich der Sache gegenseitigen Verstehens und dadurch eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Deutschland und Italien vielleicht noch mehr nützen können als am Tiber. Als ich am nächsten Morgen in Mailand eintraf, las ich im „Secolo" In Frankschon eine Depesche aus Berlin, nach der meine Ernennung zum Staats- f UTt «• M.: Sekretär sicher wäre. Am 23. Juni erwartete mich in Frankfurt a. M. ptllll PP Philipp Eulenburg am Bahnhof. Er kam von seiner niederrheinischen Eulenbur Z ■■■MHHKHHHH ummammumtmmma&- 4 PHILIPP EULENBURG, DAS MÄDCHEN AUS DER FREMDE Besitzung Hertefeld, wo er sich in Urlaub befand. Da ich einen Aufenthalt von etwa anderthalb Stunden hatte, nahmen wir Platz auf einer Bank der Bockenheimer Promenade, nicht weit von der Büste des mit Weinlaub bekränzten Bacchus über dem Wasserbrunnen, an dem ich als Kind so oft vorübergekommen war, erst an der Hand englischer Nurses und französischer Gouvernanten, später unter dem strengeren Auge des deutschen Hauslehrers. Eulenburg wünschte dringend, daß ich den Ruf des Kaisers nicht ausschlagen möge. Einmal legte er Wert darauf, einen persönlichen Freund zum Vorgesetzten zu haben. Dann aber war die Rolle, die er sich bei Seiner Majestät zurechtgelegt hatte, die des gabenspendenden Mädchens aus der Fremde, aus dessen Hand der kaiserliche Freund alles Gute, alles Erwünschte und Ersehnte erhalten sollte. Er setzte mir mit jedem seiner weichen Natur möglichen Nachdruck auseinander, daß eine Absage den Kaiser nicht nur tief verstimmen, sondern ihm geradezu als Insubordination, wenn nicht als Desertion erscheinen würde. Ich wäre es auch dem Lande schuldig, mich ihm in so schwieriger äußerer wie innerer Lage nicht zu versagen. Was Eulenburg hierüber sagte, kam aus aufrichtigem Herzen. Er war für deutsche Gesichtspunkte ziemlich gleichgültig, hatte aber durch seine Erziehung und seine Verwandtschaften mehr preußisches Empfinden, als ihm im allgemeinen zugetraut wurde. Während wir auf der Promenadenbank diskutierten, kam auf einem großen schwarzbraunen Wallach ein hochgewachsener, noch jugendlich aussehender General vorbeigeritten, mit strengen Gesichtszügen, die Gestalt straff und wie aus Erz gegossen, eifrig bemüht um die Dressur seines edlen Tieres. Ich erkannte meinen Bruder Adolf, der nicht lange vorher zum Kommandeur der Frankfurter Kavallerie-Brigade ernannt worden war. Wer hätte mir vorausgesagt, daß wenige Monate später dieser stattliche Reiter mit eingedrücktem Brustkasten, im Todeskampf röchelnd, unter seinem schweren Pferd liegen würde! Wer konnte voraussehen, daß mein Nachbar auf der Bank wenige Jahre später als ein gemiedener und verfemter Mann, nicht wie mein armer Bruder körperlich, aber moralisch zerschmettert, sich in seinem Liebenberger Schloß verbergen würde! „Wohl vielerlei mag anschauend der Mensch Ausspähn; doch weissagt, eh' er geschaut, Kein Seher die Lose der Zukunft." Als wir uns trennten, drückte mir Eulenburg einen Zettel in die Hand Eulenburgs mit den Worten: „Dies mein letztes Wort, meine letzte Bitte an dich; sie Instruktion kommen aus treuem Freundesherzen und aus einem patriotischen Herzen. Nur wenn du den Kaiser psychologisch richtig nimmst, kannst du dem Land nützen, du bist aber die letzte Karte des Kaisers Wilhelm II." Auf WIE BEHANDELT MAN WILHELM IL? s dem Zettel stand: „Wilhelm II. nimmt alles persönlich. Nur persönliche Argumente machen ihm Eindruck. Er will andere belehren, läßt sich aber ungern belehren. Er verträgt keine Langeweile; schwerfällige, steife, allzu gründliche Menschen gehen ihm auf die Nerven und erreichen nichts bei ihm. Wilhelm II. will glänzen und alles selbst machen und entscheiden. Was er selbst machen will, geht leider oft schief aus. Er ist ruhmhebend, ehrgeizig und eifersüchtig. Um einen Gedanken bei ihm durchzusetzen, muß man tun, als ob der Gedanke von ihm käme. Man muß Wilhelm II. alles bequem machen. Er ermutigt andere gern zu forschem Vorgehen, läßt sie aber im Graben liegen, wenn sie dabei hereinfallen. Vergiß niemals, daß S. M. ein Lob hin und wieder braucht. Er gehört zu den Naturen, die ohne eine Anerkennung hin und wieder, aus bedeutendem Munde, mißmutig werden. Du wirst immer Zugang zu allen Deinen Wünschen haben, wenn Du nicht versäumst, Anerkennung zu äußern, wo S. M. sie verdient. Er ist dankbar dafür wie ein gutes, kluges Kind. Bei fortgesetztem Schweigen, wo er Anerkennung verdient, sucht er schließlich Übelwollen. Die Grenze zum Schmeicheln werden wir beide immer genau einhalten." So die letzte Ermahnung, die Phili an mich richtete, bevor ich die Arena betrat. Eine Mahnung, die für ihn selbst ebenso charakteristisch war wie für seinen hohen Freund. In Berlin stieg ich am nächsten Tage im Kaiserhof ab. Als ich mich früh zum Friseur begab, um mir nach der staubigen Beise den Kopf waschen Ankunft und die Haare schneiden zu lassen, erkannte ich in dem Herrn, der im Puder- wi Berlin mantel neben mir saß, meinen alten Freund Franz Arenberg. Er warf mir zornige Blicke zu, die sich an diesem Orte und unter seinem weißen Mantel sonderbar ausnahmen. „Que diable viens-tu faire ici?" begann er auf Französisch, in welche Sprache er aus Kindergewohnheit leicht verfiel, wenn er erregt war. „Was zum Teufel suchst du in Berlin ? Du wirst dich hoffentlich hier nicht einfangen lassen, du weißt, daß meine Partei- tief verstimmt ist durch den Bücktritt von Marschall, mit dem wir sehr zufrieden waren, der auch Verständnis für uns hat, er hat eine katholische Mutter. Du giltst für einen Bismarckianer, auch hast du ja gar keine parlamentarische Erfahrung. Wirst du überhaupt im Parlament sprechen können ? Ich habe dich zwar in Metz als Beferendar einen Baubmörder verteidigen hören, das machtest du ganz gut. Aber einmal ist das schon vierundzwanzig Jahre her, und dann ist es leichter, einen Baubmörder zu verteidigen, als Eugen Bichter und August Bebel Bede und Antwort zu stehen." Die Friseurgehilfen, die uns bedienten, sperrten Mund und Nase auf. Ich beruhigte meinen alten, treuen Freund nach besten Kräften. Ich wies darauf hin, daß ich zwar keine kathobsche Mutter, aber dafür eine katholische Frau hätte; jedenfalls besäße ich Verständnis für die Gefühle der Katholiken, die Bedeutung und die Bechte der katholischen Kirche und vor 6 DAS SCHRECKGESPENST FÜR HOLSTEIN allem für die Notwendigkeit voller Parität und großzügiger, großherziger Gerechtigkeit gegenüber beiden christlichen Kirchen. Im übrigen würde ich meinem heben Francois dankbar sein, wenn er mir ein praktisches und mit meinen Pflichten gegenüber Land und Krone vereinbares Mittel angäbe, von hier fort und nach Rom zurückzukommen. Noch immer knurrend, aber doch schon beruhigter und mit der freundlichen Zusicherung, er werde seine Partei zu besänftigen trachten, jedenfalls sie nicht noch mehr aufhetzen, begleitete mich Arenberg zum Auswärtigen Amt, wo ich Holstein aufsuchte, von dem ich schon einen aufgeregten Brief vorgefunden hatte, in dem er mich beschwor, niemand im Auswärtigen Amt zu besuchen, keinen Menschen in Berlin zu sehen und mir nach keiner Richtung irgendwie die Hände zu binden, bevor er mit mir gesprochen habe. Ich fand Holstein in einer nicht ganz einfachen Gemütsverfassung in seiner Erster Besuch berühmten Stube neben dem Zimmer des Staatssekretärs, zu dem er jeden bei Holstein Augenblick unangemeldet hereinstürzte und dessen Nerven und Gemütsruhe er dadurch auf eine harte Probe stellte. Holstein hätte am liebsten Marschall als Staatssekretär behalten, da er wußte, wie groß sein Einfluß gerade auf ihn war. Daß Marschalls Stellung stark erschüttert war, steigerte seine Zuneigung zu dem bisherigen Staatssekretär, weil der dadurch noch anlehnungsbedürftiger würde. Aber er sah mich noch immer lieber als manchen andern möglichen Nachfolger. Er ging zunächst mit mir diejenigen durch, von denen ich vielleicht hoffe, daß sie mir den bitteren Kelch ersparen könnten, indem sie sich selbst auf den Stuhl von Marschall setzten. Er machte dabei die geistreiche und zutreffende Bemerkung, daß Kiderlen unmöglich wäre: „Das Auswärtige Amt verträgt allenfalls Holstein, im schlimmsten Fall auch Kiderlen, aber Kiderlen und Holstein, das ist zu viel." Monts sei ausgeschlossen. Seine Begabung liege nur im Negativen, nur in der Kritik, positiv sei er unfähig. Er habe gute wirtschaftliche Kenntnisse, sei aber kein politischer Kopf, er könne keinen politischen Gedanken zu Ende denken. Vor allem sei er von einer gefährlichen Taktlosigkeit. Er habe bisher noch auf allen seinen Posten versagt. Ich merkte bald, daß Holstein nicht so sehr Monts als Nachfolger fürchtete, den er für ziemlich ausgeschlossen hielt, und ebensowenig Kiderlen, von dem er wußte, daß er beim Kaiser in Ungnade gefallen war, wohl aber ein Wiederhervorholen von Berchem oder gar die Rückkehr zu Herbert Bismarck, der ihm seit seinem Abfall vom Hause Bismarck in schlaflosen Nächten als Schreckgespenst erschien mit dem zornigen Riesenvater hinter sich. Während mich Holstein einerseits immer wieder bat und beschwor, dem Kaiser keine runde Absage zu geben, schilderte er mir andererseits das Auswärtige Amt, die Beziehungen der Minister untereinander und das ganze Berliner Leben als ein wahres Inferno. Das sollte mich von vornherein ängstlich und unsicher MARSCHALLS„GESUNDHEITSZUSTAND" 7 machen und damit meine Hilfsbedürftigkeit gegenüber dem großen Geheimrat erhöhen, der unter Hohenlohe, unter Caprivi und durch seinen alten und starken Einfluß auf Herbert schon in den letzten Jahren der Aera Bismarck der maßgebende Mann im Auswärtigen Amt gewesen war. Während mir Holstein in allen Tonarten zuredete, mir in Berlin und namentlich in Kiel alle Wege offenzuhalten, trat ein Kanzleidiener herein, der mich zum Staatssekretär bat, oder vielmehr er sprang herein. Die Kanzleidiener waren durch Herbert Bismarck so angelernt, und sie waren durch ihn in eine solche beständige Anspannung und Furcht versetzt worden, daß die Art und Weise, wie sie auf einen Ruf der Klingel in das Zimmer des Staatssekretärs stürzten, an den Sprung erinnerte, mit dem eine Forelle über ein Hindernis schnellt. Während meiner zwölfjährigen Amtstätigkeit konnten sie sich wieder einer ruhigen Gangart befleißigen. Ich habe selten tüchtigere, bravere, ausgezeichnetere Menschen gekannt als die Kanzleidiener im Auswärtigen Amt. Man brauchte nur in ihre guten, treuen Gesichter zu blicken, um zu fühlen, daß wie den preußischen Leutnant so auch den preußischen Unterbeamten uns kein Land der Welt nachmacht. Ich werde diesen ausgezeichneten Männern Mießner und Neumann, Söch- ting und Tagge immer ein dankbares und freundschaftliches Andenken bewahren. Ich fand den Staatssekretär von Marschall sehr verstimmt. Er hatte die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" vor sich und las mir das boshafte Beim Entrefilet vor, mit dem das hochoffiziöse Blatt meine Berufung nach Berlin FreiAerra AJ verkündet hatte: „Der kaiserliche Botschafter in Rom von Bülow wird von ars dem Vernehmen nach heute von dort abreisen, um sich an das Hoflager Seiner Majestät des Kaisers zu begeben. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß diese Reise mit dem Gesundheitszustand des Staatssekretärs Freiherrn von Marschall in Zusammenhang steht." Dieser Hinweis mit dem Zaunpfahl auf seinen durch Arbeit und Angriffe erschütterten Gesundheitszustand hatte Herrn von Marschall nicht mit Unrecht gekränkt. Er witterte hinter dieser perfiden Auslassung seinen intimen Feind Kiderlen. Wie manche Söhne des schönen Musterländle hebte Marschall weder die „groben" Bayern noch die „tückischen" Schwaben. Er wußte, daß Kiderlen ihn auf dem Berliner Kasino und anderswo oft lächerlich gemacht hatte, indem er in seiner drolligen Weise erzählte, daß Marschall, der bei seiner Ernennung kein Wort Französisch noch Englisch gekonnt hätte, seitdem mit einer französischen Gouvernante rechts, einer englischen links in seinem Garten spazierengehe, um auf diese Weise in die Geheimnisse der beiden Weltsprachen einzudringen. Kiderlen hatte auch mit Wonne das grausame Wort des Fürsten Bismarck über den 3 PRO PATRIA „Ministre etranger aux affaires" kolportiert. Nachdem er seinem Unmut über derartige „Rüpeleien" Luft gemacht hatte, sprach mir Marschall in ernsten Worten seine Befriedigung aus, daß ich und nicht etwa Kiderlen oder Monts zu seinem Nachfolger ausersehen wäre. Ich würde es in mancher Beziehung besser haben als er. Er sei daran gescheitert, daß er trotz seiner alten Beziehungen zum Hause Bismarck, die ja wie die meinigen bis in unsere Frankfurter Jugendzeit zurückreichten, und trotz seiner innerlichen Bewunderung für den großen Mann durch die Macht der Verhältnisse in scharfen Gegensatz zu Bismarck, Vater und Sohn, gedrängt worden sei. Ich könne mit reiner Weste vor die Bismarcks treten. Auch sei er, Marschall, wiewohl aus der konservativen Partei hervorgegangen, doch genötigt gewesen, manchen Strauß gerade mit dieser Fraktion auszufechten, die ihn als Abtrünnigen betrachte und dementsprechend behandele. Endlich habe er trotz seiner konservativen Vergangenheit und obschon er beispielsweise ein ausgesprochener Bimetallist gewesen sei, Handelsverträgen zustimmen müssen, mit denen die Agrarier sehr unzufrieden wären. Ich könne mein Amt mit der Uberzeugung antreten, daß ich es in allen Dingen leichter haben würde als er und darum auch dem Lande ersprießlichere Dienste leisten könne, als er dies durch die unglücksebgen Folgen der Entlassung des Fürsten Bismarck und unter dem direkten Eindruck dieser Entlassung vermocht hätte. Auch sei ich durch meinen ganzen Lebensgang mehr Diplomat als er und kenne das Ausland besser. Jedenfalls wisse er, daß mir wie ihm selbst das Wohl des Vaterlandes über allem stehe: Ich möge annehmen, pro patria. Nur leise und mit Würde Heß Marschall durchbbcken, daß er zwar angegriffen, weil abgearbeitet, sei, aber nicht so krank, um nicht noch gute Dienste leisten zu können. Er übernähme gern eine Botschaft. Petersburg traue er sich nicht recht zu, es sei ein gar zu glattes Terrain, auch habe er ja unter dem Einfluß von Holstein einen großen Anteil an der Nichterneuerung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland genommen und sie sogar im Reichstag verteidigen müssen. London sei auch ausgeschlossen, da er die Verantwortung für die Krügerdepesche, was er auch über ihre Vorgeschichte zu seiner Entschuldigung vorbringen könne, nicht ablehnen wolle. In Wien sei Graf Philipp Eulenburg wohl inamovibel. BHebe noch Rom und Konstantinopel, für welche Posten er sich auch am besten eignen dürfte. Er wisse, daß stark gegen seine Wiederverwendung im Dienste gearbeitet werde, rechne aber auf mein Wohlwollen und meine Unterstützung. Unsere Eltern wären ja schon in der guten alten Bundestagszeit befreundet gewesen. Ich konnte Herrn von Marschall mit gutem Gewissen versichern, daß nicht nur Erinnerungen der Vergangenheit, sondern vor allem das Interesse des Dienstes es mir wünschenswert erscheinen Keße, seine Fähigkeiten für das Land zu verwerten, BEI HOHENLOHE 9 Konstantinopel wäre wohl der Posten, wo er die besten Dienste leisten könnte. Er möge seinerseits nicht drängen, ich würde die Sache im Auge behalten und gegenüber dem Kaiser fest für ihn eintreten. Nachdem ich die zwei wichtigsten Besuche im Auswärtigen Amt erledigt hatte, begab ich mich in das Reichskanzlerpalais. Fürst Hohenlohe Der dritte machte mir äußerlich einen älteren und schwächeren Eindruck als bei Reichskan unserer letzten Begegnung. In sich versunken, mit gebeugtem Kopfe, saß der achtundsiebzig jährige Mann in seinem tiefen Lehnstuhl. Ein gelber hübscher Teckel schmiegte sich an ihn und Heß sich von dem Kanzler streicheln, dessen Greisenhand mit den in hohem Alter stark hervortretenden bläulichen Adern das niedliche Tierchen bebkoste. Der Kanzler empfing mich mit einem Zitat: „Hier steh' ich, ein entlaubter Stamm," Aus der Trennung von Marschall schien er sich nicht viel zu machen. Marschall sei ein Opportunist, der heute mit diesem, morgen mit jenem Winde segle, habe sich auch viel zu sehr in eine gehässige Feindschaft gegen das Haus Bismarck verbissen, weil er dem Fürsten einige sarkastische Bemerkungen über seine Unfähigkeit für die Leitung der auswärtigen Pohtik und Herbert Bismarck die grobe Szene, die ihm dieser nach dem Sturze der Familie Bismarck im Hause des bayrischen Gesandten Lerchenfeld gemacht habe, nicht vergessen könne. Herbert Bismarck sei damals, wie oft, zu leidenschaftlich und exzessiv gewesen, in der Sache aber habe er eigentlich recht gehabt, denn von Politik, wenigstens von großer Politik, verstehe Marschall nicht viel. Er sei mehr Jurist als Diplomat. Als ich einwarf, daß meines Erachtens Marschall an manchem diplomatischem Posten, beispielsweise in Konstantinopel, gute Dienste werde leisten können, meinte der alte Fürst, seinetwegen könnte ich Marschall hinschicken, wohin ich wolle, nur nicht gerade nach Paris oder Petersburg, da passe er wirklich nicht hin. Fürst Hohenlohe betonte hierbei, von wie überragender Wichtigkeit die Pflege guter Beziehungen gerade zu Rußland wäre. „Wir müssen tun, was möglich ist, um die Folgen der größten Sottise, die unsere Politik seit sieben Jahren gemacht hat, nämbch die Kündigung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland, einigermaßen wiedergutzumachen." Fürst Hohenlohe gab mir dann ein Bild der internationalen Lage und bewies durch seine im Flüsterton gehaltenen, aber gedanklich klaren Ausführungen, daß er noch im Besitz der Eigenschaften war, die seinem Urteil in meinen Augen seit jeher großen Wert gegeben haben: ruhiges, durchaus nüchternes Abwägen der verschiedenen Interessen, ganz realpolitisches Einschätzen der Kräfte und Ziele der verschiedenen europäischen Staaten. 10 „DIE ALTE REI CHSSCHAUTE' Beide Eigenschaften getragen von der Erfahrung eines fast achtzigjährigen Lebens und dem Weitblick des Grandseigneurs, der nicht nur viel gesehen hat, sondern dem auch, was mindestens ebenso wichtig ist, weniges imponiert. Wenn der Kanzler sich von Marschall ohne übertriebenes Bedauern getrennt hatte, so ging das Scheiden von Bötticher ihm nahe. Bötticher war ein Beamter nach seinem Sinn: arbeitsfreudig, bereit, nach höheren Wünschen und wie es gerade befohlen wurde, Bechts- oder Linksgalopp, zu gehen. Bötticher hatte auch durch seine etwas subalternen Formen das Herz des alten Fürsten gewonnen, der nicht vergaß, daß sein Haus einst souverän gewesen war und daß noch sein Großvater selbst Minister angestellt und entlassen hatte. Er war nie zufriedener, als wenn er, zweimal im Jahr, an seinem Geburtstag und an dem Geburtstag der Fürstin, seinen Hausorden, den Phönixorden, anlegte, den Philipp Ernst I., Fürst zu Hohenlohe, 1757 gestiftet hatte und der unter Anspielung auf den Namen des erlauchten Geschlechts die Devise trug: „Ex flammis orior." Bötticher hatte das ganze Herz Seiner Durchlaucht dadurch gewonnen, daß er ihn stets „mein gnädiger Herr" nannte. Er opferte den guten Bötticher ungern dem rasenden See der hinter der sogenannten Bismarckfronde und dem Bund der Landwirte stehenden Konservativen. Hohenlohe frug mich, was ich von Posadowsky hielte. Er gelte für einen Streber und Scharfmacher. Ich erwiderte, daß ich Posadowsky noch gar nicht kenne, was den Kanzler angenehm berührte. Ich fügte hinzu, daß nach allem, was ich hörte, Posadowsky ein hervorragend tüchtiger Beamter wäre. Probleme der inneren Politik schienen den Fürsten besonders zu präokkupieren. Auf diesem Gebiet waren für ihn offenbar zwei Gesichtspunkte maßgebend: der dringende Wunsch, seine seit dem Jahre 1848 und in München wie in Berlin und Straßburg sorgsam aufrechterhaltene und gepflegte Aureole als liberaler Staatsmann nicht einzubüßen, dadurch aber doch nicht das Wohlwollen und die Gunst des Kaisers zu verlieren. Er wiederholte mehrfach, er wünsche sich einmal in Frieden vom Kaiser zu trennen. Er wolle weder wie Bismarck mit einem Krach von Seiner Majestät scheiden, noch wie Caprivi als unbequemer Haushofmeister verabschiedet werden, dem die Herrschaft, weil er ihr durch Eigensinn und Harthörigkeit auf die Nerven geht, schließlich den Stuhl vor die Tür setzt. Das Verhältnis des Fürsten zum Kaiser war nicht ganz einfach. Der Kaiser nannte ihn Onkel und motivierte dies damit, daß die Mutter der Kaiserin eine Hohenlohe gewesen wäre. Die Kaiserin aber nannte den Fürsten Chlodwig vor Menschen niemals Onkel, sondern nur „lieber Fürst", betonte auch nie irgendwelche Verwandtschaft. Wenn der Kaiser dies tat, so hinderte ihn das nicht, sich oft sehr ungeniert über Onkel Chlodwig auszudrücken, den er „die alte Beichsschaute" zu nennen pflegte. Der Fürst war schwerhörig HOHENLOHE UND DIE S. J. 11 und Jesuiten und ziemlich einsilbig geworden, und der Kaiser liebte es nicht, wenn man ihn bei Diners neben Onkel Chlodwig setzte, mit dem die Konversation immer mühsamer wurde. Ich begegnete mich bei diesem ersten Wiedersehen mit dem Kanzler in der Überzeugung, daß wir im Innern die Parteien nicht noch mehr sich SoziaU untereinander verhetzen lassen dürften, sondern sie nach Möglichkeit zu demohratm gemeinsamer Arbeit vereinigen müßten. Ich stimmte ihm auch darin bei, daß ich mir ebenso wie er von Ausnahmegesetzen gegen die Sozialdemokratie nichts verspräche. Dagegen perhorreszierte er den Gedanken an eine Modifikation oder gar an die Aufhebung des Jesuitengesetzes, die damals von Seiten des Zentrums mit erneutem Eifer betrieben wurde. Gegen den Orden der Gesellschaft Jesu war er, obwohl Katholik, von einem Mißtrauen und einer Abneigung erfüllt, wie sie mir selbst bei eifrigen Protestanten selten vorgekommen ist. Er war voll von Geschichten und Anekdoten über Intrigen und Verbrechen, die von der Societas Jesu in früheren Jahrhunderten begangen worden seien. Er war überzeugt, daß die Jesuiten auch jetzt vor keinem Mittel zurückschreckten. Es sei sicher, daß sie den Staatssekretär Franchi in Rom vergiftet hätten. Dieser sei ihnen verdächtig gewesen durch liberale Neigungen und durch seine Tendenz, mit dem Königreich Italien zu einem Verständnis zu gelangen. Nach einer Messe, die er in einer Jesuitenkirche gelesen habe, wäre ihm von einem Geistlichen des Ordens ein Sorbett vorgesetzt worden, nach dessen Genuß er bald nachher unter fürchterlichen Leibschmerzen gestorben sei. Fürst Hohenlohe hat mir auch anvertraut, daß sein Bruder, der Kardinal, so sehr gefürchtet habe, von den Jesuiten mit den im 16. Jahrhundert bewährten Mitteln des Hauses Borgia beseitigt zu werden, daß er sich den für den Meßkelch bestimmten Wein immer nur aus einer von seinem Diener versiegelten Flasche habe eingießen lassen. Eine Lieblingswendung des Fürsten Hohenlohe war, daß es drei Mächte gebe, deren Feindschaft für jeden Politiker unbequem wäre: die Jesuiten, die Freimaurer und die Juden. Das Ideal wäre, sie alle drei für sich zu haben, das sei aber nicht ganz einfach. Andererseits dürfe man sich aber weder den Freimaurern, noch den Juden, noch den Jesuiten, und namentlich nicht den Jesuiten, ganz in die Hand geben. Letzteres führe sicher zur Katastrophe, wie dies das Schicksal Karls X. von Frankreich, die Mißgriffe des am Ende seiner Regierung von seiner bigotten Frau, der Kaiserin Eugenie, beherrschten Napoleon III., der Untergang Polens, der Regierungsabschluß der Königin Isabella von Spanien, der Ausgang des jesuitischen Regierungsexperiments in Paraguay, vor allem aber die österreichische Geschichte, namentlich in der Zeit der Gegenreformation und während der Konkordatsherrschaft, beweise. Bevor wir uns trennten, gab mir Fürst Hohenlohe mit einer leichten und Hebens- 12 DIE BUDE würdigen Wendung zu verstehen, er nähme an, daß der Kaiser mich zu seinem Nachfolger ausersehen hätte. Ich bestritt nicht, daß dies wohl möglich wäre. Aber einmal ändere der hohe Herr nicht selten seine Absichten und Pläne, dann aber könne ich dem Fürsten versichern, daß, wenn der Kaiser mich nicht zu seinem Nachfolger wähle, ich gern nach Rom zurückginge. Sollte aber der Kaiser an mir als an dem künftigen Kanzler festhalten, so wäre ich dankbar für jeden Tag, den der Fürst noch bliebe, und würde alles tun, um sein Bleiben zu erleichtern, denn ich wäre, ganz abgesehen von meiner persönlichen Anhänglichkeit an ihn, überzeugt, daß sein Bleiben im Interesse des Landes läge. Man habe ihn einst zwischen 1866 und 1870 „die lebendige Mainbrücke" genannt. Man könne ihn jetzt, ungeachtet seiner 78 Jahre, im Hinblick auf seine ganze Vergangenheit und seine Persönlichkeit eine Klammer nennen, die das Reich zusammenhalte. Als ich den Fürsten verließ, der mir beim Abschied sagte, wir würden uns Alexander in Kiel auf der „Hohenzollern" wiedersehen, traf ich im Vorzimmer seinen Hohenlohe Sohn Alexander. Der Prinz wäre gern neben seinem Vater in der Rolle aufgetreten, die während der letzten Jahre der Aera Bismarck Graf Herbert gespielt hatte. Es fehlte Alexander Hohenlohe weder an Ehrgeiz noch an Begabung, wohl aber an Kraft und Stetigkeit, auch an festen Grundsätzen und namentlich an festem und unbeirrbarem Patriotismus. Nicht als ob er nicht bestrebt gewesen wäre, seine Schuldigkeit gegenüber dem Lande zu tun. Aber der internationale Zug, den so manche deutsche Fürstenhäuser, souveräne wie mediatisierte, zeigen, war in ihm besonders stark ausgeprägt. Für Werki, die litauische Riesenbesitzung, die durch die Großmutter Radziwill und die Mutter Wittgenstein an das Haus Hohenlohe fallen sollte, sofern sich dies mit den russischen, fremdenfeindlichen Gesetzen vereinbaren Heße, war Alexander Hohenlohe gern bereit, Russe zu werden, und würde als solcher auch ohne Bedenken russischer Diplomat geworden sein. Hatte es doch sein Urgroßvater, der Fürst Ludwig Adolf Peter zu Sayn-Wittgenstein, in Rußland zum Generalfeldmarschall gebracht, nicht zu reden von den Dotationen, die ihm zuteil geworden waren. An jenem Tage, wo ich mich seinem Vater als designierter Staatssekretär und Nachfolger Marschalls vorstellte, suchte der Prinz mich namentlich davon zu überzeugen, daß letzterer gar keinen Anspruch auf eine Botschaft habe: „Wenn Sie ihm beim Kaiser Brüssel verschaffen, so ist das mehr als genug." Als ich das Auswärtige Amt verließ, hatte ich den Eindruck, daß Holstein es nicht ganz leicht sein würde, in dieser „Bude", wie das Amt von seinen und Kiderlen Angehörigen gern genannt wurde, sich dauernd zu behaupten. Mein Bruder Alfred pflegte in seiner stillen, Ränken und Schlichen, dem Ehrgeiz wie der Eifersucht gleich abgeneigten Art zu sagen, daß über dem Amt in dicken DON QUIXOTE UND SANCHO PANSA 13 Schwaden die Ausdünstungen der Intrigen lagerten, die dort seit Jahren gezettelt worden wären. An solchen Intrigen hatte es selbst in der Zeit des Fürsten Bismarck nicht gefehlt, aber wie die Sonne Nebelqualm, so durchbrach sein Genius solche Schattenseiten der Politik und der Menschen. Auch hatte während der sechs Jahre, wo mein Vater unter dem Fürsten Bismarck als Staatssekretär wirkte, sein auf innerliches, wahres und tiefes Christentum gegründetes, jeder Eitelkeit und Äußerlichkeit abgewandtes Wesen eine wohltätige Wirkung auf die inneren Zustände des von ihm geleiteten Amtes nicht verfehlt. Nicht ohne Grund war ihm dort der Beiname „die heilige Kraft" beigelegt worden. Nach dem Scheiden des großen Fürsten hatten Holstein und Kiderlen unter dem redlichen Caprivi wie unter dem vornehm denkenden Hohenlohe gewiß oft intrigiert, aber sie waren in ihrer Art und bei allen Fehlern beide in erster Linie um das Wohl des Landes besorgt. Holstein war ein strammer Preuße. Der Gedanke, daß Preußen und Deutschland ihre Stellung verlieren, von anderen Mächten geschädigt oder mißbraucht werden könnten, erregte ihn bis in die Tiefe seiner Seele. Man konnte von ihm in Wahrheit sagen, daß der Eifer um unser Haus ihn verzehrte, ja manchmal ihm den Sinn für die Realität der Dinge raubte und seine Wachsamkeit in übertriebenes Mißtrauen verwandelte. Kiderlen verhielt sich auch hier zu Holstein wie Sancho Pansa zu Don Quixote. Jeder Schwung, jede idealere Auffassung der Dinge lagen ihm fern. Er war immer terre ä terre, aber er hatte ein starkes Gefühl für das Renommee und den Vorteil der Firma, deren Konkurrenten er aufmerksam auf die Finger sah. Mit Bethmann kam ein Mann in die leitende Stellung im Reich, der von auswärtiger Politik nichts verstand und der die Hoffnung, er werde sich in sie allmählich hineinfühlen und hineinwachsen, leider völhg enttäuschte. Als auch Kiderlen vom Schauplatz verschwand und der körperlich wie geistig gleich kleine Jagow ihn ersetzte, wurde unser Auswärtiges Amt mehr und mehr zu einer Behörde, wo fast nur Mittelmäßigkeiten sich tummelten, die Arbeit immer mangelhafter geleistet wurde und schließlich kaum noch ein einziger politischer Kopf sich betätigte. Das Auswärtige Amt von 1914 war denn auch die Brutstätte, in der das Unheils-Ei des Ultimatums an Serbien ausgebrütet wurde. Hier wurden fast alle die fürchterbchen Fehler begangen, durch die wir in den Krieg hineingerieten und den Krieg verloren. Am 26. traf ich in Kiel ein. Ich stieg im Hotel Germania ab undließ mich sogleich an Bord der „Hohenzollern" rudern, wo ich von dem diensttuenden Flügeladjutanten, Oberst von Loewenfeld, empfangen wurde. Herr von Loewenfeld entstammte dem 1. Garderegiment zu Fuß, dem „ersten Regiment der Christenheit", wie seine Offiziere in alten Zeiten zu sagen pflegten, einem Regiment, das sich in allen preußischen Feldzügen mit 14 DIE POTSDAMER WACHTPARADE Ruhm bedeckt hatte, vor dessen Front viele Träger historischer preußischer Namen ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Blut besiegelt hatten, an dessen Spitze kurz vor dem Ausgang des Weltkrieges mit dem Degen in der Faust Oberst von Bismarck fiel. Als das Offizierkorps des 1. Garderegiments zu Fuß im August 1914, bevor das Regiment ins Feld rückte, im Kasino des Regiments noch einmal das Kaiserpaar bei sich sah, übergab die Kaiserin jedem der Offiziere mit ihren Segenswünschen eine Rose. Kaum einer der Helden, die diese Auszeichnung erhielten, ist unverwundet zurückgekehrt, die meisten deckt fremde Erde ... Prinz Eitel Friedrich von Preußen, der zweite Sohn des Kaisers, der selbst bei dem „langen Potsdamer Regiment", wie es in der Armee hieß, gestanden und es im Kriege wacker geführt hat, schreibt in seinem schönen Nachruf auf das Regiment, das 1678 durch den Großen Kurfürsten, den Begründer des Brandenburgisch- Preußischen Staates, errichtet worden war: „Das erste Garderegiment hatte bei Oudenarde und Malplaquet, bei Mollwitz und Hohenfriedberg, bei Prag, Leuthen und Torgau, bei Großgörschen, Leipzig und Brienne, bei König- grätz, Saint-Privat und Sedan gefochten. Es hat zweimal in einem Jahrhundert, 1814 und 1870, vor Paris gestanden. Aber selbst diese glänzenden Waffentaten sollten verschwinden gegen das furchtbare Ringen im Weltkriege, das mit der SchlachtvonNamur-Charleroi am23.und24.Augustl914 begann und mit dem letzten Angriff in der Maas-Stellung am 10. November 1918 endete. Dazwischen vier lange Jahre unausgesetzter Kriegstätigkeit: der Marsch durch Frankreich und Belgien gegen die Marne, die Schlacht bei Reims, der Einsatz in Artois, die Schlachten in Flandern, die Abwehrkämpfe in der Champagne, der gahzisch-polnische Feldzug 1915, die Herbstschlacht bei Arras und La Bassee, die Stellungskämpfe bei Roye und Noyon, der zweimabge Einsatz in der Sommeschlacht, die Doppelschlacht Aisne- Champagne, die Kämpfe in den Argonnen, die Durchbruchsschlacht in Ostgalizien, die Schlachten bei Riga und an der Düna, die , Große Schlacht' in Frankreich, neue Stellungskämpfe bei Reims, die Schlacht bei Soissons, die Marneschlacht von 1918, die Abwehrkämpfe zwischen Marne und Vesle, Oise und Aisne, zwischen Argonnen und Maas, aus denen das letzte erbitterte Ringen an der Aisne hervorging, dem sich der Rückmarsch im November 1918 in die Antwerpen-Maas-Stellung anschloß. In fünfzig Monaten unausgesetzter Kriegstätigkeit gegen Feinde in Ost und West besiegelten 124 Offiziere, 418 Unteroffiziere und 3208 brave Grenadiere und Füsiliere des ersten Garderegiments zu Fuß ihre Treue mit dem Tode." Das war das Ausklingen der Heldengeschichte der Potsdamer Wachtparade. Das deutsche Volk wäre seines Namens, wäre einstiger Größe und einstigen Ruhmes unwürdig, wenn es solches Heldentum jemals vergäße. „DER BADENSER HAT MICH VERRATEN!" 15 Oberst von Loewenfeld war ein Offizier nicht nur von großer militärischer Tüchtigkeit, auch von hoher Bildung. Er hatte eine englische Mutter und Oberst (dann war mit Rücksicht darauf, daß er gut Englisch sprach, vom Kaiser einmal General) als sein Vertreter zu einem Jubiläum nach Oxford gesandt worden, der alt- V °J^ oewen berühmten englischen Universitätsstadt. Am Abend seiner Ankunft fand ihm zu Ehren ein Diner statt, bei dem er die englischen Gelehrten durch die Fülle seiner Kenntnisse in Erstaunen versetzte. Am nächsten Morgen sollte eine Fuchsjagd geritten werden, an der eine große Anzahl Professoren in rotem Rock und tadellosen „Breeches" teilnahmen. Einer der englischen Professoren zeigte auf das Feld und meinte zu dem deutschen Obersten: „So gelehrt wie die Deutschen sind wir nicht, aber Professoren, die hinter den Hunden reiten, haben Sie dafür nicht." Die Verschiedenheit der beiden großen germanischen Völker konnte kaum prägnanter zum Ausdruck kommen. Oberst von Loewenfeld hebte es, sich des Potsdam-Berliner Offizierjargons zu bedienen, sagte aber in dieser humoristischen Form oft treffende Wahrheiten. „Ich könnte Ihnen sagen", begann er am 26. Juni 1897 sein Gespräch mit mir, „was jener alte Räuberhauptmann zu dem Stifter unserer Religion sagte, als der zu Worms ins Kreuzverhör genommen werden sollte. Was sagte er doch ? Ich glaube, er deutete an, daß die Chose für Luthern ziemlich faul stünde. Na, Sie werden ja bald hören, ob Sie ran müssen oder nicht. Angenehm ist der Ihnen zugedachte Posten gewiß nicht. Die Minister kommen mir mit dem Parlament immer vor wie der Tierbändiger, der in den Käfig zu den Bestien herein soll. Wird er mit den Tieren nicht fertig, so schickt man ihn fort. Wird er aber von den Biestern zerrissen, so weint ihm unser allergnädigster Herr, der aus der Loge zusieht, auch nicht allzu viele Tränen nach." Unsere Unterredung wurde durch den Leibjäger Schulz unterbrochen, der mich zu Seiner Majestät rief. In den Armen dieses treuen Mannes war Kaiser Friedrich gestorben, in gleicher Treue sorgte er um den Sohn und Nachfolger. In der breiten Brust schlug ihm ein goldenes Herz. Kaiser Wilhelm II. empfing mich auf dem Oberdeck des Schiffes, auf dem er allein auf und ab wandelte. Er streckte mir die Hand mit den Empfang Worten entgegen: „Mein lieber Bernhard, es tut mir leid für Sie und beim Kaiser noch mehr für die Contessina (so wurde von der Kaiserin Friedrich und von ihren Kindern seit jeher meine Frau genannt), aber Sie müssen an die Front. Der Badenser hat mich verraten!" Es folgte nun in raschen, sich überstürzenden und übersprudelnden Sätzen eine Darlegung, aus der hervorging, daß Marschall hinter dem Rücken Seiner Majestät gegen seinen Herrn Intrigen mit Zentrum und Demokratie gesponnen hätte. Was hierbei der letzte Gedanke des bisherigen Staatssekretärs gewesen wäre, sei noch nicht ganz klar. Aber gut habe er es mit seinem Herrn gewiß nicht gemeint. 16 BEDENKZEIT Es lägen Beweise dafür vor, daß Marschall die Rechte der Krone mit Hilfe der Reichsfeinde hätte verkürzen und ein parlamentarisches System etablieren wollen. Das verdiene Strafe, Marschall müsse fort von seinem Platz. Ich konnte mich nicht enthalten, meinem Erstaunen über diese traurige Enthüllung Ausdruck zu geben. Ob Marschall wirklich so teuflische Pläne verfolgt habe? Der Kaiser schlug mit seiner starken rechten Hand auf die Unke Brustseite. „Hier habe ich die Beweise", sagteer mit großer Bestimmtheit. Ich deutete an, daß es für mich von Interesse sein würde, diese Beweise kennenzulernen, schon damit ich mich vor ähnlichen Fallstricken hüten könne. Der Kaiser schlug einen Haken, wie man es in der Jägersprache nennt. ,,Die Beweise zeige ich Ihnen später einmal", meinte er, „jetzt will ich Ihnen vor allem sagen, daß Sie mich Anfang August nach Petersburg begleiten müssen. Sie sind dort als Botschaftsrat tätig gewesen und können sich mir da besonders nützlich machen. Die Engländer benehmen sich so schändlich gegen mich, daß wir die Beziehungen zu Rußland nur um so eifriger pflegen müssen." Ich entgegnete, daß ich Seiner Majestät für die Fahrt nach Petersburg zur Verfügung stünde, bis dahin bäte ich um Urlaub. „Nanu!" sagte der Kaiser, „ich meinte, von jetzt ab sollten wir uns gar nicht mehr trennen." Ich erwiderte, daß ich eine endgültige Antwort, ob ich den mir angetragenen Posten mit gutem Gewissen annehmen könne oder nicht, unmöglich erteilen könne, bevor ich mich über unsere internationale Situation an der Hand der Akten des Auswärtigen Amtes gründlich informiert hätte. Auch müßte ich mich innerlich erst sammeln, bevor ich die letzte Entscheidung treffe. Nicht aus irgendwelcher Ängstlichkeit, sondern aus dem Gefühl meiner Verantwortlichkeit gegenüber Land und Krone. Ich bäte deshalb, mich bis Ende Juli zu beurlauben, ich würde inzwischen meinen gewohnten Sommeraufenthalt, den Semmering, aufsuchen. Die dortige Stille sei am besten geeignet, mich an der Hand der Akten und mit ruhigem Nachdenken zu klaren Entschlüssen kommen zu lassen. Soviel wisse ich schon aus meiner Botschaftertätigkeit und schließlich auch aus der Geschichte und den Zeitungen, daß das Problem, vor das ich gestellt werden würde, im wesentlichen darauf hinauskomme, zu unserem Schutz und für unsere Sicherheit eine Flotte zu bauen, ohne durch den Bau dieser Flotte in Krieg mit England zu geraten. Das sei nicht ganz einfach. Wir dürften nicht „propter vitam vivendi perdere causas". Den Kaiser amüsierte mein Zitat. Ich scheine ja ein großer Lateiner zu sein, das sei weniger sein Fall. Trotz aller Mühe, die sich Hinzpeter in dieser Richtung gegeben hätte, habe das Latein keine besonderen Reize für ihn. Ich erzählte nun, daß ich nicht wüßte, von welchem lateinischen Schriftsteller die in Rede stehende Wahrheit geprägt worden wäre. Ich entsinne „ALLERHÖCHSTDERO" 17 mich aber, daß der genannte Vers vor 16 oder 17 Jahren von Gambetta, wenn ich mich nicht irrte, während einer Debatte über die von ihm vorgeschlagene Listenwahl zitiert worden w r äre. Nachdem der Kaiser mir noch einmal wiederholt hatte, daß er für den Besuch in Petersburg auf meine Begleitung rechne, entließ er mich in der freundbchsten Weise. Wie schon früher in Neapel, in Venedig und auch in Berlin und Potsdam hatte ich den Eindruck, daß es kaum möglich wäre, liebenswürdiger, einfacher, natürlicher zu sein, als es Wilhelm II. sein konnte. Die Klippen seines Wesens kamen erst nach längerer Fahrt in den kaiserlichen Gewässern zum Vorschein. Bei der Mittagstafel, zu der ich befohlen wurde, waren König Leopold II. von Belgien sowie Prinz Albrecht von Preußen und die Offi- Leopold II. ziere anwesend,'mit denen der Prinz als Vertreter des Kaisers in London von # c te lere in Kiel der Jubiläumsfeier der sechzig jährigen Regierung der Königin Victoria bei- 1 gewohnt hatte. König Leopold begrüßte mich als alten Bekannten aus Ostende. In deutscher Umgebung trat das Sarkastische seines Wesens noch deutlicher zutage, er suchte etwas darin, jede Wiedergabe von Gesprächen mit unserem Kaiser etwa folgendermaßen einzuleiten: „Seine Majestät der Kaiser und König haben die hohe Gnade gehabt, mir über Allerhöchstseme Stellungnahme zu der in Rede stehenden Frage huldvollst Nachstehendes zu sagen, was aus Allerhöchstdero Munde zu hören den Wert der Eröffnung und das Glück, in Allerhöchstdero Nähe zu weilen, für mich noch erhöht." Der König sprach sehr gut Deutsch, wenn auch mit leisem französischem Akzent. Unsere Kaiserin war über seinen Besuch nicht erfreut. Die hohe Frau hatte über seinen Lebenswandel allerlei Ungünstiges gehört, und so gütig ihr Herz war, so verstand sie in moralischen Fragen, in Fragen der Sittlichkeit keinen Spaß. Auch gefiel ihr nicht, daß der König von Belgien sich bemüht hatte, den Kaiser zur Beteiligung an einigen größeren wirtschaftlichen Entreprisen, namentbch in Ostasien, aber auch in Afrika, zu bewegen. „Der Kaiser sollte sich gar nicht mit dem abscheulichen Menschen einlassen", meinte die Kaiserin in ihrer rührenden Fürsorge für ihren Gemahl, die etwas Mütterliches hatte. „Wer weiß, ob der ihn nicht hereinlegt. Gott gebe nur, daß der nicht auch auf anderen Gebieten dem Kaiser böse Ratschläge gibt." Unsere politischen Beziehungen zu Belgien waren übrigens damals so vertrauensvoll und freundschaftlich, daß auch kleine Unstimmigkeiten daran nichts ändern konnten. Was die aus England zurückgekehrten Herren erzählten, hatte den Kaiser nicht erfreut. Als Prinz Albrecht mit seiner Suite in dem feier- Prinz liehen Londoner Festzuge vom 22. Juni vorbeigekommen war, hatte Albrechts die Menge in den Straßen den Deutschen unter Anspielung auf das Londoner Krüger-Telegramm wiederholt zugerufen: „Wenn Sie etwa ein Telegramm an Ohm Krüger aufgeben wollen, so finden Sie rechts um die 2 BUIow I Reise 18 FRIEDRICH WILHELM IV. ÜBER SICH UND SEINE BRÜDER Ecke ein Telegraphenamt!" Prinz Albrecht erzählte aber auch, es wäre ihm von einer Reihe maßgebender englischer Persönlichkeiten gesagt worden, daß das Krüger-Telegramm in England einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht habe. Vielleicht weniger auf die Minister und den Hof als auf die breiten Massen des Volkes und die öffentliche Meinung. Der Riß wäre tief gegangen, weil der Engländer in seiner naiven Art, sich selbst immer im Rechte zu glauben, nie an eine solche Beurteilung seines Streites mit dem Präsidenten der Burenrepublik von deutscher Seite geglaubt hätte. Von unserer Seite habe man in England so etwas nun und nimmer erwartet. Franzosen und selbst Russen würde der Engländer diesen Affront viel weniger übelgenommen haben. Prinz Albrecht war von allen Prinzen des königlichen Hauses der größte, ein wahrer Enakssohn. Er erinnerte ältere Leute in seiner Figur an Kaiser Nikolaus L, von dem er auch mit Vorhebe sprach. Nach jenem Diner auf der „Hohenzollern" erzählte er mir bei einem Vergleich zwischen dem englischen Hofe, den er jetzt wieder besucht hatte, und seinem früheren Besuche in St. Petersburg, wie unauslöschlich sich ihm Figur und Art des Kaisers Nikolaus I. eingeprägt hätten. Als er, damals ein ganz junger Mann, kaum 17 Jahre alt, sich dem Zaren vorgestellt habe, hätte dieser ihn zunächst gefragt, ob wirklich preußische Prinzen die Universität Bonn besuchen wollten oder gar schon besucht hätten. Es sei unerhört, daß man Prinzen, und noch dazu königliche Prinzen, sich ungeniert unter Studenten bewegen lasse, die alle von revolutionärem Gifte infiziert wären. Uber seine eigenen Leute habe sich der Zar so wenig Illusionen gemacht, daß er bei einer Parade, als der preußische Prinz seiner Bewunderung für die stramme Haltung und den Eifer der sogenannten Suitzkis, d. h. der Mitglieder der Maison militaire Ausdruck gab, ihm mit seinem harten russischen Akzent erwiderte: „Augendiener! Alles Augendiener !" Prinz Albrecht war ein verständiger Mann, mit einfachem, nüchternem Verstand, einem gütigen Herzen und von vornehmer Gesinnung. Er wurde von der älteren Generation noch „Prinz Albrecht Sohn" genannt, zum Unterschiede von „Prinz Albrecht Vater", dem jüngsten Sohn König Friedrich Wilhelms III. und der schönen Königin Luise. König Friedrich Wilhelm IV., der sehr viel Geist hatte und einen glänzenden Witz, aber auch scharfe und selbst ungerechte Witze nicht scheute, meinte einmal von sich und seinen Brüdern: „Wären wir vier als Söhne eines kleinen Beamten geboren, so würde ich Architekt geworden sein, Wilhelm Feldwebel, Karl wäre ins Gefängnis gekommen und Albrecht verbummelt." Die Bemerkung über Prinz Karl bezog sich auf einen üblen Zusammenstoß, den dieser als junger Prinz mit seinem eigenen Jäger gehabt hatte, von dem er bei dessen Frau überrascht worden war. Prinz DIE FRAU PRINZESSIN UND DER LAKAI 19 Albrecht Vater war mit der schönen Prinzessin Marianne der Niederlande vermählt. Die Ehe ging nicht besonders. Der Gatte verhebte sich in die anmutige Tochter des Kriegsministers von Rauch, der Garten des Kriegsministeriums grenzte an den Garten des Palais Albrecht, und zum Kummer des frommen Königs Friedrich Wilhelm IV. trennte sich Prinz Albrecht (Vater) von seiner Frau und heiratete Fräulein von Rauch. Mit seiner zweiten Frau vom König aus Berlin verwiesen, ließ er sich in Dresden nieder, wo er sich die Albrechtsburg erbaute und für seine Gemahlin und seine Kinder einige Jahre später vom Herzog von Sachsen-Meiningen den Namen Gräfin und Grafen von Hohenau erhielt. Prinzessin Marianne unternahm, um sich zu trösten, eine Reise nach Italien. In ihrer Umgebung befanden sich eine tugendreiche Hofdame, ein würdiger Kammerherr und ein als besonders zuverlässig empfohlener Lakai. Zunächst verlief die Reise sehr gut, der Kammerherr berichtete an das Oberhofmarschallamt in Berlin, daß die Frau Prinzessin die Itahener durch ihre Liebenswürdigkeit, ihr Gefolge durch ihre Güte bezaubere. Bald konnte er berichten, daß Ihre Königliche Hoheit nach wie vor in bester Stimmung wäre, daß sie mit ihrer ganzen Suite zufrieden zu sein scheine, aber die Dienste des trefflichen Lakaien besonders schätze. Diese Dienste und die Anstelhgkeit des Lakaien wurden auch weiter rühmend hervorgehoben, bis plötzlich die entsetzte Meldung in Berlin eintraf, die Frau Prinzessin habe befohlen, daß der Lakai an der Mittags- und Abendtafel teilnehmen solle. Prinzessin Marianne hat ihren Günstling später geheiratet. Sie wurde schlecht von ihm behandelt, der ein roher Mensch gewesen zu sein scheint, nahm aber, fromm wie sie war, die Züchtigungen ihres Gatten als heilsame Prüfung entgegen und ist ihm bis an sein Ende eine treue und gehorsame Frau gewesen. Ein Kind aus dieser Ehe starb in jungen Jahren. Je älter sie wurde, desto mehr steigerte sich bei der Prinzessin eine gewiß aufrichtige Religiosität, zugleich aber stellte sich der alte fürstliche Hochmut wieder ein, und sie urteilte schonungslos über jede Mesalliance in fürstlichen Häusern. Daß sie selbst unter ihrem Stande verheiratet gewesen war, hatte sie einfach vergessen. Ich weiß nicht mehr, welcher griechische Historiker irgendwo erzählt, daß ein griechischer Sophist von einem asiatischen König, den er gefragt hatte, welche Kunst er von ihm zu lernen wünsche, die Antwort erhielt: „Lehre mich die Kunst, vergessen zu können." Fürsten brauchen im allgemeinen diese Kunst nicht zu lernen, sie vergessen von selbst, woran sie nicht erinnert werden mögen. Ihrer religiösen Richtung entsprechend war Prinzessin Marianne auch politisch ganz nach rechts gerückt, und wenn sie ihren Sohn besuchte, der Kommandierender General in Hannover geworden war, mißbilligte sie laut und vor Hannoveranern die Annexion Hannovers V 20 MISSHEIRATEN durch Preußen. Prinz Albrecht-Sohn hatte die Eheirrung seiner Mutter völlig aus seinem Gedächtnis gestrichen. Er erzählte mir gelegentlich, wie peinlich es ihm gewesen wäre, bei einem Besuch in Madrid der Königin Christine einen Besuch machen zu müssen, die in zweiter Ehe den Leibgardisten Fernando Munoz geheiratet hatte. Solche Mißheiraten wären ihm ebenso antipathisch wie unbegreiflich. Auch Prinz Albrecht Sohn bedurfte keines besonderen Unterrichts in der Kunst des Vergessens. II. K A P I T E L Besuch in Friedrichsruh • Wilmowski Vater und Sohn • Der 82jährige Bismarck • Das Bismarcksche Heim • Übernahme der interimistischen Leitung des Auswärtigen Amtes • Freiherr von Rotenhan • Gedankenarbeit am Semmering • Die internationale Lage von 1867 • Graf Anton Monts und seine an Bülow gerichteten Situationsberichte Ich kehre von Madrid nach Kiel und auf die „Hohenzollern" zurück. Als sich der Kaiser zurückgezogen hatte, nahm mich Fürst Hohenlohe beiseite und frug mich, ob ich glaube, daß er es mit dem Kaiser verschütten würde, wenn er seinen Aufenthalt in Kiel zu einem Besuch in Friedrichsruh benützte. Ich erwiderte optima fide, daß ich das nicht glaube. Wenn er den Kaiser ausdrücklich um Erlaubnis bitte, werde ihm dieser die Absicht vielleicht ausreden wollen. Über die vollendete Tatsache werde sich der hohe Herr schwerlich aufregen. Der Kanzler frug, ob ich Lust hätte, ihn zu begleiten. Ich entgegnete, daß es mir eine besondere Ehre sein würde, mit dem Fürsten nach Friedrichsruh zu fahren. Ich selbst würde unter allen Umständen, früher oder später, dort einen Besuch abstatten. Bei der langjährigen Freundschaft, die meinen Vater mit dem Fürsten Bismarck verbunden habe und im Hinbück auf die Güte, die dieser mir und meinen Brüdern erwiesen hätte, möchte ich mein neues Amt nicht endgültig antreten, ohne mich in Friedrichsruh vorgestellt zu haben. „Sehr schön", meinte sichtlich erleichtert der Kanzler, „dann fahren wir beide zusammen. Herr von Wilmowski wird alles Weitere in die Hand nehmen." Wilmowski, der damalige Chef der Reichskanzlei, war der Sohn des lang- jährigen Chefs des Zivilkabinetts unter Kaiser Wilhelm I., eines hochbewähr- Der Chef ten, vorbildlichen preußischen Staatsdieners aus unserer besten Zeit, der sich Reichskan um die Aufrechterhaltung eines guten Einvernehmens zwischen unserem alten Kaiser und seinem gewaltigen Kanzler und damit um das Vaterland unvergängliche Verdienste erworben hatte. Während vieler Jahre hatte der Vater Wilmowski es verstanden, einerseits den reizbaren, leicht argwöhnischen und nicht immer bequemen Kanzler zu einem rücksichtsvollen Benehmen gegenüber seinem greisen Herrn zu bewegen, andererseits bei letzterem das Vertrauen zu seinem großen Diener immer wieder neu zu kräftigen. Der Sohn war eines solchen Vaters würdig, von dem er nicht 22 TISCHGESPRÄCH BEI BISMARCK nur die Zuverlässigkeit des Charakters, sondern auch ein sicheres Urteil und feinen Takt geerbt hatte. Er war für den schon recht alt gewordenen und in Fragen der Verwaltung und Gesetzgebung, überhaupt auf geschäftlichem Gebiet wenig beschlagenen Fürsten Hohenlohe eine ausgezeichnete Stütze. Er hat später mich in die Geschäfte des Reichskanzleramtes mit Umsicht eingeführt, war dann Oberpräsident zweier Provinzen, Schleswig- Holstein und Sachsen, und stand am Ende seines Lebens im Herrenhaus als Führer der konservativen Fraktion seinen Mann. Am 28. Juni trafen wir um die Mittagsstunde in Friedrichsruh ein. Wir Bismarck wurden am Bahnhof von dem Schwiegersohn des Fürsten, dem Grafen Cuno Rantzau, empfangen. Beide Söhne waren abwesend, dagegen weilte Hohenlohe e ' n a j ter un( j treuer Freund des Bismarckschen Hauses, Freiherr Ferdinand von Stumm, zuletzt Botschafter in Madrid, von welchem Posten er durch Holsteinsche Intrigen verdrängt worden war, zum Besuch in Friedrichsruh. Fürst Bismarck begrüßte den Fürsten Hohenlohe mit ausgesuchter und, wie mir schien, geflissentlicher Courtoisie. Er wollte offenbar noch äußerlich den Unterschied markieren, den er zwischen dem dritten und dem von ihm heftig befehdeten zweiten Reichskanzler machte. Ich fand den Fürsten Bismarck stark gealtert, aber aufrecht in seiner Haltung, geistig ganz der alte, die Augen und der Blick gleich gewaltig, die Stimme ebenso fein und leise wie früher. Er begrüßte Wilmowski und mich mit freundlichem Händedruck als alte Bekannte. Bei Tisch drehte sich die Unterhaltung namentlich um die russischen Besitzungen des Fürsten Hohenlohe, auf die Fürst Bismarck wiederholt zurückkam, indem er den Wunsch aussprach, daß man seinem zweiten Nachfolger den großen und schönen Besitz Werki lassen möge. Er erkundigte sich auch lebhaft nach der Fürstin Hohenlohe und fragte, ob die Frau Fürstin noch so eifrige Bärenjägerin wäre wie früher. Wie viele Bären sie in Werki schon zur Strecke gebracht habe? Er selbst hätte in Rußland seinerzeit manchen Bären erlegt. Leider wäre auch dies Vergnügen für ihn vorüber. Gegen Ende des Essens fragte mich Fürst Bismarck, wie es meinem Vater ginge. Seine Tochter, die Gräfin Rantzau, fiel ihm rasch ins Wort mit der Bemerkung, daß der Staatssekretär von Bülow, der zu seiner Zeit diese Stellung bekleidet hätte, schon vor Jahren verstorben wäre. Ich bemerkte nach dieser Richtigstellung einen wehmütigen Zug um die Mundwinkel des Vaters. Es schien ihm peinlich, sich diese kleine Blöße gegeben zu haben. „Es war nicht Gedächtnisschwäche", sagte mir nach Tisch die Gräfin Rantzau, ,,es war nur Zerstreutheit." Der Fürst kam später noch einmal auf mich zu, gab mir wieder die Hand und sagte mit gütigem Ausdruck: „Ich habe weder Ihren Herrn Vater vergessen noch Sie." Nach dem Kaffee und der Zigarre unternahm Fürst Bismarck mit dem Reichskanzler eine Spazierfahrt, nach deren Beendigung wieder die HB NIEMALS MIT BISMARCK ALLEIN 23 allgemeine Unterhaltung aufgenommen wurde, an der Baron Stumm sich lebhaft beteiligte, der sich als ein ebenso liebenswürdiger Gesellschafter zeigte, wie er in London und Paris, in Petersburg und Madrid ein fähiger und tüchtiger Diplomat gewesen war. Ferdinand Stumm hatte nur eine kleine Schwächerer war ein „malade imaginaire". Er erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit und sollte sich bis in ein vorgeschrittenes Alter ungewöhnliche körperliche und geistige Elastizität und ein jugend- bches Äußeres bewahren. Dabei klagte er unausgesetzt, daß ihm kein langes Leben bevorstünde. Seine reizende Tochter, die Fürstin Maria Hatzfeldt- Wildenburg, schenkte ihm einmal zu seinem Geburtstage einen von ihr selbst geschnitzten schönen Rahmen, in den sie unter Abwandlung des bekannten rührenden Ausspruchs des sterbenden Kaisers Friedrich die Worte eingegraben hatte: „Lerne zu klagen, ohne zu leiden." Fürst Bismarck fand während unseres Besuches am 28. Juni keine Gelegenheit, allein mit mir zu sprechen. Ich hatte die Empfindung, daß Fürst Hohenlohe das auch nicht gern gesehen haben würde. Nicht aus Eifersucht, die diesem wahren Grandseigneur fernlag, aber vielleicht, um bei seiner nächsten Begegnung mit dem Kaiser Seiner Majestät mit gutem Gewissen sagen zu können, ich hätte keine Gelegenheit gehabt, allein mit dem Alt-Reichskanzler zu sprechen. Namentlich Holstein, vor dem Fürst Hohenlohe eine starke Scheu empfand, wollte er das mit gutem Gewissen versichern können. Seit der Entlassung des Fürsten Bismarck wurde von Holstein mit verbissener Gehässigkeit der Grundsatz vertreten, daß unter keinen Umständen der Schein entstehen dürfe, als ob der neue Kurs sich bei dem großen Träger des alten Kurses Rat hole oder der Belehrung von dieser Seite bedürfe. Während sich Fürst Hohenlohe mit Gräfin Rantzau und Baron Stumm unterhielt, fand Fürst Bismarck aber doch Gelegenheit, mir mit einem Seitenblick auf den Fürsten Hohenlohe zu sagen: „Es ist nützlich, ihn auf Werki scharf zu machen, damit er säuberlich mit dem Knaben Absalon in St. Petersburg fährt, den zu verstimmen oder gar zu reizen wir keinen Anlaß haben." Es war mein erster Besuch in Friedrichsruh. Ich war ergriffen von der Einfachheit des Hauses, der Bescheidenheit der Möbel, der völligen Schmucklosigkeit und, um alles zu sagen, von dem unkünstlerischen Charakter der ganzen Einrichtung. Kein schönes Bild hing in Friedrichsruh außer einem herrlichen Lenbachschen Porträt des Fürsten. Von einer größeren Bibliothek war nichts zu sehen, von Plafonds, Gobelins und orientalischen Teppichen war erst recht nicht die Rede. Die Sonne Homers hatte diesem Hause nicht gelächelt, und von dem Glanz der italienischen Renaissance, der manche Schlösser in Deutsch- 24 BISMARCKS HAUS land bestrahlt hatte und von dem auf Tegel wie auf dem Goethehaus in Weimar noch immer ein Schimmer liegt, war in Friedrichsruh nichts zu spüren. Aber gerade diese Abwesenheit jedes schönen Scheins war ein würdiges Abbild des wahren preußischen Geistes, dessen letzter und größter Vertreter nach und mit Friedrich dem Großen Fürst Bismarck gewesen w _ ar. Das ganze Haus, sein ganzer Zuschnitt schien die Mahnung zu wiederholen, die das Orakel von Delphi einst den nach ihrer Zukunft fragenden Spartanern erteilt hatte: „Reichtum wahrlich allein, sonst nichts kann Sparta verderben." Und vor allem war dies das Haus des Mannes, der, wie ich vier Jahre spätervor seinem Denkmal in Berlin sagen sollte*, ausgeführt und vollendet hatte, was seit Jahrhunderten das Sehnen unseres Volkes und das Streben unserer edelsten Geister gewesen war, was die Ottonen und Saher und Hohenstaufen vergeblich angestrebt hatten, was 1813 den Kämpfenden als damals nicht erreichter Siegespreis vorschwebte, wofür eine lange Reihe Märtyrer der deutschen Idee gekämpft und gelitten hatten. Alle großen Erinnerungen, alle guten Geister der deutschen Geschichte schwebten über diesem scheinbar so nüchternen Haus. Während Fürst Hohenlohe mit mir in Friedrichsruh weilte, war durch W.T.B, das offiziöse WolfFsche Telegraphenbüro nachstehende Meldung verbreitet meldet worden: Vertretung Kie j 5 Montag, 28. Juni. „Nachdem der Gesundheitszustand des Freiherrn Marschall von Bieberstein seine Ersetzung als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes notwendig gemacht hat, ist, sicherem Vernehmen nach, der kaiserliche Botschafter in Rom Herr von Bülow von Seiner Majestät dem Kaiser zunächst stellvertretungsweise mit der Leitung des Auswärtigen Amtes betraut worden. Herr von Bülow, der sich zwei Tage lang hier aufgehalten hat und vom Kaiser wiederholt empfangen worden ist, wird die Geschäfte nach der Rückkehr desKaisers nach Berlin übernehmen; bis dahin werden sie wie bisher von dem Unterstaatssekretär Freiherrn von Rotenhan wahrgenommen." In Berlin fand ich auf meiner Durchreise nach dem Semmering Holstein und Rotenhan in gleich zufriedener Stimmung, Holstein froh, daß er sich noch einige Wochen, ohne von mir an die Leine genommen zu werden, umhertummeln konnte, Rotenhan zufrieden, daß ihm die interimistische Führung der Geschäfte anvertraut blieb. Ich war mir von Anfang an darüber klar, daß Herr von Rotenhan mir als Unterstaatssekretär nicht genügen würde. Er war wie alle Söhne dieses alten fränkischen Geschlechts ein vornehmer Charakter, dabei ein Mann von Erfahrung und Urteil, aber r * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 222; Kleine Ausgabe I, S. 246. AM SEMMERING 25 ■was die Engländer „a slow coach" nennen. Bevor er eine Antwort gab, pflegte er die Brille, die der kurzsichtige Mann immer trug, von der Nase abzunehmen, um sie langsam und lange zu putzen. Das gab ihm Zeit, seine Gedanken zu sammeln und seine Antwort vorzubereiten. Dieser Modus procedendi war gar nicht übel für Konversationen mit fremden Diplomaten, bei verfänghchen Fragen dieser letzteren. Aber der innerdiensthche Verkehr wurde dadurch nicht vereinfacht. Ich ersetzte später Botenhan durch den Freiherrn von Bichthofen, den ich als Direktor der Kolonialabteilung vorfand. Herr von Botenhan hat als Gesandter in Bern und beim Vatikan dem Lande noch gute Dienste geleistet. Er starb, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, infolge eines Straßenunfalls, der dem trefflichen Mann infolge der Schwäche seines Augenlichtes zugestoßen war. Als ich die Geschäfte des Auswärtigen Amtes übernahm und damit nicht nur in das Licht der Öffentlichkeit trat, sondern auch, um mit dem Fürsten Bismarck zu sprechen: in die Drecklinie einrückte, gab ich Weisung, alle auf mich bezüghchen Karikaturen sorgfältig zu sammeln. Sie trugen bei ihrem Erscheinen zu meiner Erheiterung bei, und noch heute blättere ich mit retrospektivem Vergnügen in den 27 stattlichen Bänden der über mich erschienenen Karikaturen, die eine Zierde meiner Bibliothek in der Villa Malta bilden. Als ich die Sammlung eröffnete, schrieb ich auf die erste Seite den Spruch von Goethe: „Sollen dich die Dohlen nicht umschrei'n, Mußt nicht Knopf auf dem Kirchturm sein." Am Semmering eingetroffen, tröstete ich meine Frau nach Mögbchkeit über die ihr nach meinem Empfinden ziemlich sicher bevorstehende Die Exilierung nach Berlin, das sie übrigens später sehr hebgewann und wo sie auswärtigen sich sehr glücklich fühlen sollte, und machte mich an das, was ich ihr gegen- Beziehungen über, die inzwischen Goethe las, meine Gedankenarbeit nannte. Ich hatte mir einige wichtige Aktenstücke über unsere Beziehungen namentlich zu England und zu Bußland und über die Verhältnisse in Ostasien mitgenommen, gleichzeitig auch das nötige Material für eine richtige Beurteilung unserer Handelsbeziehungen, insbesondere zu Bußland und Amerika. Ich hatte Hermann Helmholtz einmal erzählen hören, seine besten Gedanken wären ihm gekommen, wenn er, in mäßiger Gebirgsgegend langsam wandelnd, bergauf bergab gegangen wäre. Ohne mich mit dem großen Gelehrten vergleichen zu wollen, richtete ich mir meinen Tag so ein, daß ich am Vormittag die Akten studierte, nachmittags auf der Straße nach Mürzzuschlag oder bei der Besteigung des Sonnenwendsteins das Gelesene überdachte und mir unsere internationale Situation klarzumachen suchte. 26 GRUNDLINIEN Über einen Punkt war ich mir schon vor meiner Berufung nach Kiel im klaren gewesen: daß Deutschland bei einem Krieg wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren habe. Sollten wir nach Norden oder Süden, gen Osten oder gen Westen Eroberungszüge unternehmen, um neue Ländergebiete zu annektieren? Sollten wir kleinere Nachbarstaaten gewaltsam zum Anschluß zwingen ? Sollten wir den alten Reichsfeinden neue hinzufügen ? Das konnte kein klarbbckender deutscher Patriot wünschen. Noch weniger konnte dazu ein gewissenhafter deutscher Staatsmann raten. Um eine banale französische Wendung zu gebrauchen, die aber hier den Nagel auf den Kopf traf: Le jeu ne valait pas la chandelle. Ich war mir aber auch nicht im Zweifel darüber, daß, wie die Kulisse des Welttheaters während der letzten Jahrzehnte sich verschoben hatte, ein lokalisierter Krieg auf dem europäischen Festlande kaum denkbar war, vielmehr jeder europäische Konflikt die Gefahr in sich trug, sich in einen großen Krieg, in den Weltkrieg zu verwandeln, mit dem furchtbaren Risiko eines solchen Krieges, mit seinen unübersehbaren Möglichkeiten. Dagegen war jedes Jahr, wo wir den Frieden in Ehren wahrten, ein Gewinn für uns. Unsere Volkszahl und unsere wirtschaftliche Kraft nahmen mit jedem Jahr zu. Die Zeit ging für uns, namentlich im Vergleich mit unserem gefährlichsten Nachbar, dem Franzosen. Wie war der Friede zu erhalten, den das deutsche Volk wünschte, den es für seine weiteren Fortschritte auf allen Gebieten brauchte ? Die Antwort konnte nur lauten: niemanden provozieren, aber sich auch von niemandem auf die Füße treten lassen. In letzterer Hinsicht mußten wir des alten pommerschen Sprichwortes eingedenk bleiben, das Fürst Bismarck gern zitierte: „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen." Es war klar, daß, wenn wir uns Eingriffe und Übergriffe anderer gefallen ließen, auf die erste Rücksichtslosigkeit bald eine zweite, auf die erste Verletzung unserer Rechte bald eine neue und ärgere folgen würden. Einstweilen und bis den Bau der Welt Philosophie zusammenhält und bis sie dann ein ideales, ganz gerechtes, alle Rechte schützendes und alle Interessen berücksichtigendes System errichtet und durchführt, wird ein Volk, das einmal eine wirkliche und ernsthafte Verletzung seiner Interessen und seiner Ehre hinnimmt, mit weiteren Verletzungen und Übergriffen zu rechnen haben. Das Bild der internationalen Lage von 1897, wie ich es mir vor Augen führte, zeigte neben manchen Lichtseiten auch ernste und tiefe Schatten. Seit Anbeginn der deutschen Geschichte waren wir infolge unserer ungünstigen geographischen Lage in der Mitte von Europa Angriffen mehr ausgesetzt gewesen als irgendein anderes großes Volk. Eingekreist waren wir, um mich einer von mir in meiner „Deutschen Politik"* später * Fürst von Bülow, „Deutsche Politik", Volksausgabe 1916, S. 293. SIEBEN JAHRE NACH BISMARCKS STURZ 27 gebrauchten Wendung zu bedienen, tatsächbch seit dem Vertrage von Ver- dun, das heißt seit dem 11. August 843. Unser westlicher Nachbar war das französische Volk, das unruhigste, ehrgeizigste, eitelste, im wahren Sinne des Wortes das militärischste und nationalistischste aller europäischen Völker, seit dem letzten deutsch-französischen Krieg von uns durch einen Graben getrennt, den, wie mir noch 1913 ein hervorragender französischer Historiker schreiben sollte, nichts, gar nichts zu überbrücken imstande war. Im Osten umfaßten uns slawische Völkerschaften, von Abneigung gegen den Deutschen erfüllt, der ihnen Lehrer zu höherer Kultur gewesen war, den sie aber gerade deshalb mit dem giftigen Haß verfolgten, den ein un- geberdiger, vielfach roh veranlagter Zögling für den würdigen und tüchtigen Hauslehrer empfindet. Das galt noch mehr als für die Russen für die Tschechen und namentlich für die Polen, die seit der Gründung eines großpolnischen Reiches durch Boleslaw Chrobry, das heißt seit 900 Jahren, Ansprüche auf unsern Osten erhoben. Die Beziehungen zwischen Deutschen und Engländern hatten im Laufe der Jahrhunderte geschwankt. Im großen und ganzen stand John Bull immer auf dem Standpunkt, daß er den armen deutschen Vetter wohl begönnern und protegieren, ihn auch hier und da zu grober Arbeit verwenden, aber nicht als gleichberechtigt anerkennen wollte. Im Grunde mochten uns die anderen alle nicht. Solche Antipathie gegen uns bestand schon, bevor der Neid auf unsere von Bismarck geschaffene Macht und Wohlfahrt die Abneigung gegen uns noch erheblich verschärfte. Unsere geringe Beliebtheit war übrigens auch darauf zurückzuführen, daß wir die Bedeutung der Form unterschätzten, den Schein, wo doch schon der griechische Philosoph darauf hingewiesen hatte, daß die Menschen in ihrer großen Mehrheit nach dem Schein urteilen und fühlen, nicht nach dem Wesen der Dinge. Solche Auffassung und Gefühlsweise konnte sich der ernsthafte, gründliche, immer auf den Kern der Dinge gehende und deshalb für die Schale zu gleichgültige Deutsche schwer vorstellen. Wie war sieben Jahre nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck unsere auswärtige Lage? Wie lagen die Verhältnisse im Innern? Schon vor meiner Berufung nach Berlin, während meiner ganzen dienst- Mchen Tätigkeit im Auslande war ich bestrebt gewesen, mich in reger Füh- Graf Anton lungnahme mit der Heimat zu halten. Ich hatte die Entwicklung der inneren Monts Verhältnisse Deutschlands sorgsam beobachtet und die große europäische Presse regelmäßig verfolgt. Ich hatte mich insbesondere durch Briefwechsel mit Freunden und Kollegen immer auf dem laufenden gehalten. Besonders interessant waren mir die Nachrichten des Grafen Monts gewesen, die ich aufbewahrt hatte. Schon als junger Attache im Auswärtigen Amt lernte ich den Grafen Anton Monts kennen. Er hatte kurz vorher sein Assessor- 28 DER GESANDTE FÜR OLDENBURG Examen gemacht, ein sehr gutes Examen. Er war drei Jahre jünger als ich und wollte sich wie ich dem diplomatischen Dienst widmen. Er suchte sich mir zu nähern, gefiel mir aber nicht besonders. Er war weder Offizier gewesen noch Korpsstudent, und wie man auch über Offiziere und Korpsstudenten im allgemeinen denken mag, so ist doch nicht zu bestreiten, daß der nun einmal zu Formlosigkeit neigende junge Deutsche in ihrer Schule manierlicher wurde. Monts hatte schlechte Manieren. Er war sehr taktlos. Dabei war er ein „Streber", allzusehr und zu sichtlich auf das „Avancement" bedacht. Hyperkritisch und arrogant, wo er sich das erlauben zu können glaubte, servil und aufdringlich mit Stärkeren. Als ich Gesandter in Bukarest wurde, witterte er in mir einen „risingman", einen kommenden Mann, und richtete von Zeit zu Zeit Briefe an mich, in denen er seiner Sympathie für mich stark aufgetragenen Ausdruck gab. Nicht allzu lange nachher präsentierte er die Rechnung für sein Schweifwedeln. Er hatte als Generalkonsul in Budapest nicht besonders abgeschnitten. Beinahe ebenso schlecht wie vorher als Botschaftsrat in Wien. Der langjährige österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin Graf Szögyenyi pflegte zu sagen: „Zisleithanien und Trans- leithanien sind leider meist verschiedener Meinung, nur in einem Punkt sind sie einig: Zisleithanien und Transleithanien finden beide den Monts grauslig." Nach seinem Fiasko in Pest wie in Wien sollte Monts als wenig geeignet für europäische Posten nach Rio de Janeiro versetzt werden. Er richtete einen Hilferuf an mich („Aus tiefster Not schrei ich zu Dir!") und beschwor mich, ihn durch meine guten Beziehungen zum Auswärtigen Amt vor einem Posten zu retten, der bei seiner schlechten Gesundheit für ihn einen frühen Tod bedeuten würde („Bin ich doch noch so jung, so jung!" schloß sein nicht ohne Geist geschriebener Brief). Es gelang mir, die maßgebenden Herren im Auswärtigen Amt zu bestimmen, ihn statt in eine andere Hemisphäre nach Oldenburg, der von Wittekinds Enkel Walbert gegründeten und nach seiner Gattin Altburga benannten, behaglich an der Hunte gelegenen kleinen norddeutschen Residenz zu schicken, wo er jedenfalls im Schatten der St.-Lamberts-Kirche weniger für seine Gesundheit zu zittern brauchte als am Fuß des von tropischer Sonne bestrahlten Zuckerhuts, des Pao de Assuecar. In Oldenburg debütierte Monts mit einem Witz, der mir gefiel, der ich für Witze nun einmal eine Schwäche habe. Zur Antrittsaudienz bei Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog erschien Monts nicht im vorschriftsmäßigen Zylinder, sondern im runden Hut. Auf diesen Verstoß gegen die Etikette von einem darob entsetzten großherzoglichen Kammerherrn aufmerksam gemacht, erwiderte der neue Gesandte: „Kleiner Hof, kleiner Hut." Seit ich ihn vor Rio gerettet hatte, schrieb mir Monts häufiger. Sobald ich zum Gesandten in Bukarest avanciert war, hatte er mir am 3. Mai 1888, zu meinem Ungarn MONTS ALS BRIEFSCHREIBER 29 Geburtstag, ein Promemoria über rumänische Personalien überreicht, das schloß: „Verzeihen Sie diese Zeilen, sie entspringen dem Wunsch, Ihnen bei Ihrem Eintreffen in die immerhin nicht leichten rumänischen Verhältnisse nach meinen schwachen Kräften einen kleinen Dienst zu leisten. Mit Nachsicht und Freundlichkeit nehmen Sie die Notiz und die besten Wünsche für Ihre neue Stellung entgegen von Ihrem Ihnen aufrichtigst ergebenen Anton Monts!" Monts wußte in Bukarest Bescheid, wo er sich, ähnlich wie in Wien und Pest, als Legationssekretär ziemlich unmöglich gemacht hatte. Für meine Reflexionen am Semmering kamen nur einige Briefe in Betracht, in denen dieser rührige und aufgeweckte Beobachter mich über die Monts über zunehmenden Schwierigkeiten unterrichtete, mit denen unsere äußere Österreich- und innere Politik zu kämpfen hatte, nicht zuletzt durch die zunehmende Neigung Wilhelms II. zu selbstherrlichem Eingreifen in den ordnungsmäßigen Gang der Geschäfte. Die Perspektive, die diese in ihrer Frische und Unbefangenheit wirkungsvollen und einleuchtenden Briefe mir eröffneten, war nicht erfreulich. Über die Verhältnisse in Österreich-Ungarn, das in unserer politischen Rechnung einen starken Posten einnahm, seitdem Fürst Bismarck 1879 den Anschluß an Österreich gesucht und ein Defensivbündnis mit der habsburgischen Monarchie abgeschlossen hatte, schrieb mir Monts am 16. November 1891 aus Budapest: „Verehrter Gönner! Der Dualismus ist bei näherer Bekanntschaft das elendeste Machwerk, das je von leichtsinnigen Dilettanten geschaffen wurde. Wie lange wird die Armee noch mühsam die Einheit repräsentieren? Was wird ein Nachfolger, ohne die allgemeine Verehrung, die Franz Josef genießt, für unüberwindliche Schwierigkeiten finden! Die Magyaren magyarisieren nur die Deutschen und die Juden, gerade die Elemente, die sie im Reichsinteresse nicht ihrer deutschen Sprache berauben sollten, und sind machtlos gegen Rumänen, Kroaten und Slowaken. Erreichen die Magyaren ihr Ziel, die Personal-Union, so ist das Auseinanderfallen Österreichs sicher. Gleichzeitig aber schrumpft Ungarn auf die Hälfte seines Gebiets zusammen. Ob wir dann so stark sind, auf das restliche Österreich den für unsere Selbsterhaltung nötigen Einfluß uns ohne direkte Angliederung dieses katholischen Klotzes zu wahren und weiter uns auf Ungarn, Kroatien und Siebenbürgen eine Ingerenz zu sichern, bezweifle ich. Und doch wären wir allein zwischen den beiden Mühlsteinen, Frankreich und Rußland, verloren. Schon jetzt ist das Zahlenverhältnis ein sehr ungünstiges. Auf Itaben ist ohnehin nicht zu rechnen und Frankreichs Armee allein der unseren der Zahl nach überlegen. Wie Clausewitz aber sehr richtig deduziert, muß bei sonst gleichen Bedingungen die Zahl entscheiden. Und wieviel müßten wir an der Ostgrenze, auch schon um der österreichischen Armee einen moralischen Halt zu geben, zurücklassen! Wissen Sie übrigens, daß 30 ZWEI EISEN IM FEUER bei den Handelsvertragsverhandlungen uns Rudini jetzt den Stuhl vor die Türe setzte? Wenn Österreich nicht gewisse, Luzzati für seine Wähler dringend wünschenswerte ,Leinwandzölle' konzedierte, ginge er, Rudini, und damit würde die Triple-Allianz auch fliegen. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Panik dies im Berliner Auswärtigen Amt hervorrief. Ich war die kritischen Tage gerade in Wien, die Depeschen flogen nur so, und es endete der Scherz natürlich mit unserer Annahme der italienischen Forderungen. Der Bismarcksche Witz mit den beiden Eisen im Feuer hatte doch sein Gutes. Logisch müssen wir jetzt bei der Triple-Allianz in allem den kürzeren ziehen. Wir haben zwei deklarierte Todfeinde, Österreich nur einen. Italiens Position ist die günstigste, da die Feindschaft mit Frankreich im Grunde zu überbrücken wäre und schlimmstenfalls das für Österreich und Deutschland durchaus nicht hilfsbereite England Italien gegen jede Invasion deckt. Abgesehen hiervon ist Italien für Rußland unerreichbar, die kurze Alpengrenze gegen Frankreich leicht zu verteidigen. Ein wahrer Trost muß bei dieser Sachlage dem Patrioten die innere Lage des Reiches sein. Regis voluntas suprema lex! Wo soll das hinaus? In der heutigen Zeit so etwas, noch dazu in das Stammbuch der Stadt München, einzutragen ! Sehr traurig berührt auch Stablewskis Ernennung zum Erzbischof von Gnesen-Posen. Die Polen sind nicht zu versöhnen, im Kriege gegen Rußland stehen sie sowieso auf unserer Seite, wozu also eine so gefährliche Konzession machen ? In Posen und Westpreußen geht leider das deutsche Element stetig zurück. Die Germanisierung dieses Landes ist aber für uns eine Existenzfrage bei der Lage Berlins und bei der eventuellen späteren Notwendigkeit, das Land bis zur Weichsel zu annektieren. Denn trotz allem darf man nicht, wie Sie immer so richtig sagen, an der Zukunft der Nation verzweifeln. Mit einer Zertrümmerung Deutschlands wäre die europäische Zivilisation verloren, ein vereinigtes Slawenreich ginge bis zur Oder, gegen das das restierende Deutschland und Frankreich gar nicht in Betracht kämen. Ob sich Serenissimus wohl ein einigermaßen klares Bild von der Gefahr seiner Lage macht? Dazu glaubt er wohl noch immer, der Zar halte etwas von ihm. Und gerade dieser Zar, dieser unser einziger Friedensgarant, haßt unsern Herrn, wie ich aus bester Quelle höre, weil dieser nicht die Wahrheit Hebe. Sed haec hactenus. Legen Sie mich Ihrer liebenswürdigen Frau Gemahlin zu Füßen und seien Sie nicht ein zu harter Richter über den Salat in Briefform Ihres Sie herzlich grüßenden Monts." Am 6. April 1894 schrieb Monts, der dem Kleeblatt Holstein, Kiderlen, Phili Eulenburg eifrig den Hof machte, über die damals vom Kladderadatsch gegen Austernfreund (Holstein), Spätzle (Kiderlen) und Troubadour (Phili Eulenburg) eingeleitete Kampagne: „Die Kladderadatsch- Sache nimmt meines bescheidenen Dafürhaltens eine immer peinlichere DIE UMSTURZVORLAGE 31 Wendung. Man müßte sofort rücksichtslos mit dem Staatsanwalt gegen den Kladderadatsch vorgehen. Jetzt hat man die Blamage weg. Grüßen Sie, bitte, Phili herzlichst von mir und seien Sie versichert der dankbarsten Anhänglichkeit Ihres Prokonsuls in Pannonien Anton Monts." Am 1. November 1894 hatte mir Monts auf einige Worte, die ich während eines Besuches bei meinem Schwager Camporeale in Palermo von dort Monts an ihn gerichtet hatte, geschrieben: „Während Sie als Ambassadeur unter Capnt Palmen wandelten, hat sich in der Heimat ein Kulissenwechsel vollzogen. Auf das Risiko, Ihnen Schon-längst-Bekanntes zu melden, teile ich Ihnen mit, was ich als authentisch, aber nur als Prolog zum eigentbchen Drama, erfuhr: Der preußische Ministerpräsident Botho Eulenburg hatte einen Entwurf für ein Umsturzgesetz ausgearbeitet, in dem unter anderem von polizeilichen Präventivmaßregeln gegen die Presse die Rede war. Dabei bestand er darauf, daß die Schutzmaßregeln im Reiche, nicht in Preußen getroffen werden sollten. Eine der seinigen gegenüberstehende Auffassung, daß Preußen vorangehen sollte mit Vorlage eines Vereins- und Versammlungsgesetzes, überwand er während der ostpreußischen Manöver mit Hilfe Saxoniae Regis, und der Kaiser erklärte sich im Prinzip damit einverstanden, daß eine energische Vorlage für den Bundesrat von Botho Eulenburg ausgearbeitet werde. Diese Vorlage fiel aber so aus, daß S. M. sich überzeugte, ohne Staatsstreich sei dieselbe nicht durchzubringen. Überdem meldeten die Königreiche ihr Nichtmitgehen an. Demzufolge hat S. M. am 23., wie bekannt, Caprivi besucht und ihm mitgeteilt, daß er Botho angewiesen habe, nach Caprivis Programm die Vorlage umzuarbeiten. Hier reißt mein Faden ab. Sie wissen wahrscheinKch schon Näheres über die nun überstürzend schnelle Katastrophe. Ich selbst reiste am 25. nach Braunschweig, wo ich im Nebenamt akkreditiert bin, und war am 26. mittags in Blankenburg zur Begrüßung von S. M., dessen Sachen schon im Extrazug waren und der direkt vom Berliner Bittgottesdienst bei Schu- walow für den Zaren nach Blankenburg fahren wollte. In dieser Stunde trat der Drehpunkt ein. Um 2 Uhr traf in Blankenburg das Telegramm ein, wegen unaufschiebbarer Staatsgeschäfte sei das Kommen S. M. unmöglich. Dort fanden sich im Laufe des Nachmittags allerlei Leute ein, unter anderm Stolberg, Lehndorff, Waldersee. Alle Welt glaubte, der Zar sei tot, doch sagte man es nicht, bis abends das erste Extrablatt aus Berhn anlangte. Namentlich Waldersee wollte die Kombination Hohenlohe noch bis nächsten Sonnabend abend nicht glauben und war selbst am dritten Tage noch nicht klar. Die Berliner Herren wiesen auf das hohe Alter des Fürsten hin. Es standen wohl auch manche von ihnen der ostpreußisch-agrarischen Intrige nahe, deren Haupt bekanntlich der Ober-Hof- und Hausmarschall August Eulenburg war. Sehr erfreut waren aber alle Nichtpreußen. Ich 32 DER DONNERGOTT IM SACHSENWALD glaube, wir können mit dem Ergebnis außerordentlich zufrieden sein. Wir müssen danken: 1. Hohenlohe selbst und seinem Patriotismus und 2. dem weiten Blick Holsteins, der Hohenlohe seinerzeit hielt und ohne den Hohenlohe kaum die Sache übernommen hätte. Erfüllt nun Koller seine Pflichten, resp. ist er seiner Aufgabe gewachsen, so kann Hohenlohe auf den drei Beinen Holstein (Diplomatie und feinste Wäsche im Innern), Marschall (Parlament, Handelsscherze und grobe Hausarbeit), Koller (Administration und Vertrauensmann in dem allerdings reformbedürftigen preußischen Ministerium) wohl stehen. Sein Körper und Geist ist ja noch rüstig, so daß wir drei Jahre wohl noch auf ihn rechnen können. Drei Jahre aber sind eine lange Zeit. Dann müssen vielleicht Sie vor die Bresche treten. So sehr ich Ihnen alles andere gönne und wünsche, man wird sich aber mehr und mehr wohl supremo loco überzeugen, daß am besten für den höchsten Posten ein Diplomat paßt, und wen hätten wir da wohl ? Doch kann ja auch das Begime Hohenlohe länger dauern, er muß nur haushälterisch mit seinen Kräften und dem Einsetzen seiner Person sein. An Feinden, so begeisterte Anhänger er nun speziell in unserem Fach auch finden wird, so sehr Marschall und Holstein gewiß jeden Nerv anspannen werden, wird es dem Armen nicht fehlen. Die Ostpreußen, Waldersee, die Maison militaire, vielleicht bald die ganze Generalität, die wie die Hammel eventuell einem Leittier folgen könnte, und last not least der vielgewandte Ulysses Miquel. Gäbe Gott nur, daß unsere Konservativen die Zeichen der Zeit verstehen. Ohne sie kann man keine Majorität herstellen, denn mit Zentrum und Freisinn wirtschaften, hieße sich in die Sackgasse Caprivischer Staatskunst hineinverirren. So frivol es klingt, irgendein sozialistischer oder anarchistischer Gewaltstreich würde vielleicht ein Zusammenschließen aller gemäßigten, staatserhaltenden Leute inklusive eines Teils von Freisinn und Zentrum ermöglichen. Und dann il faut battre le fer pendant qu'il est chaud! Dann hieße es, das Wahlgesetz ,amendieren', nicht ändern, dazu fände sich nie die Zweidrittelmehrheit. Doch das wissen Sie bei Ihrer höheren Einsicht und größeren Kenntnis der Personen alles viel besser als ich. Lassen Sie uns aber einstweilen der Sonne uns erfreuen, die unstreitig für das Vaterland aus den Wolken bricht. Die ganze öffentliche Meinung ist so sehr für den Fürsten Hohenlohe, daß selbst der Donnergott im Sachsenwalde Friedensmelodien in den ,Hamburger Nachrichten' anstimmt. Was nun speziell unsere Karriere anlangt, so scheint mir jetzt gebotener als je, zumal nachdem Marschall den von ihm so sehnsüchtig erhofften Staatsministertitel erhalten hat, daß endlich etwas für Holstein geschieht. Man sammelt jetzt die Früchte seiner weisen Leitung der auswärtigen Dinge (Bußland, England pp.). Einige naive Leute schreiben dies auf Caprivis Konto, und der eigentliche Leiter steht unbemerkt und ungeehrt abseits. Ob nicht Phili KENNT S. M. SO WENIG SEINE LEUTE? 33 das dem Kaiser klarmachen könnte? Das wird nur sehr schwer sein. S. M. glaubt, er habe allein und selbst die Politik so geschoben. Wird nun unter dem neuen Zaren Werder Botschafter in St. Petersburg bleiben? Der Mann ist ja neuen Verhältnissen nicht mehr gewachsen. Ich habe das feste Zutrauen zum neuen Kanzler, daß, ebenso wie er die Statthalterschaft Botho Eulenburg in Straßburg zu eludieren wußte, er auch die Militärs abhalten wird, in St. Petersburg einzubrechen. Etwas anderes scheint es mir, ob es nicht nötig sein wird, dem geschlagenen Feind eine goldene Brücke zu bauen und dem gefährlichsten der Ostpreußen, dem Hausnarren August Eulenburg, zum längst erstrebten Botschafter zu verhelfen. Sonst wäre wohl Alvensleben der Mann, wenn auch recht schwächlicher Natur. Wie ja auch jeder etwas an sich denkt, obgleich ich kaum für mich an Brüssel (was mir sehr, sehr* recht wäre) zu denken wage, so könnte ich dann wohl auch auf ein Fort aus meiner hiesigen, wirklich unwürdigen Stellung hoffen durch irgendwelche Verschiebung. Was sagen Sie zu Deines Obergouverneur ? Ich rede nicht aus persönlicher Animosität, aber so einem beschränkten, einseitigen Subjekt die Erziehung des Kronprinzen anzuvertrauen, ist starker Tabak. Kennt S. M. so wenig seine Leute? Dazu noch ein verbissener Gegner von Holstein mehr, immer zur Hand und immer um den Kaiser! Sed haec hactenus. Freuen Sie sich auch weiterhin noch, wer weiß auf wie lange, des schönen römischen Winters. Legen Sie mich Ihrer Frau zu Füßen und gedenken Sie an einem gelegentlich trüben Tage Ihres in den nordischen Nebeln verhüllten Anton Monts." Die abfälligen Bemerkungen dieses Briefes über Botho und August Eulenburg, zwei ungewöhnlich kluge und dabei charaktervolle Männer, Botho und waren ungerecht. Gleich schief war die gehässige Beurteilung des Generals -August Deines. Mein alter Kriegskamerad Adolf Deines war ein Idealist und für Eulenour 8 das diplomatische Gewerbe zu sehr Idealist. Aber für den künftigen König und Kaiser und dessen Brüder war kein besserer Erzieher zu finden als der tüchtige, aufrechte und vornehm denkende Adolf Deines. Weniger vornehm denkend hatte sich Monts nach dem Sturz des Fürsten Bismarck sofort von ihm abgewandt, den er früher nur „unseren Heros" zu nennen pflegte, und Holstein in die Arme geworfen. Natürlich hatte er sich gleichzeitig von Herbert Bismarck losgelöst, den er vorher gern mit Jung Siegfried verglich. Am 26. Januar 1895 erhielt ich von Monts die nachstehenden Zeilen: „Ihren politischen Exkurs in Ihrem letzten gütigen Brief unterschreibe ich ohne Bückhalt. Buhe und Stetigkeit vor allem. Allmählich wird der preußischen Mühle dann schon von selbst das Wasser der nationalen * Unterstreichungen in den an mich gerichteten Briefen sind immer vom Briefschreiber vorgenommen worden. 3 Bülow I 34 A LA FRIEDRICH WILHELM IV. Aspiration wieder zufließen. Hohenlohe sprach neulich meo voto sehr gut. Wie freundlich bereitet doch die Bismarckpresse Herbert Bismarck einen Unterschlupf in einer Botschaft vor. Könnte man mit dem Opfer den Alten bekehren und mundtot machen, mag es darum sein. Da das aber nicht der Fall sein wird, kann man Holstein und Marschall nicht diesen Pfahl ins Fleisch setzen, der im besten Falle ein ungenügender Vertreter wäre, vermutlich aber nur Mordsstänkereien machen dürfte." Nachdem Monts, nicht zum wenigsten durch meine Fürsprache bei Hohenlohe, Gesandter in München geworden war, schrieb er mir von dort am 24. Februar 1895: „Nicht gut lauten die mir aus Berlin zugehenden Nachrichten. S. M. ist sehr traurig über den Fortgang und die Entfremdung der Engländer, weil er doch nun kaum nach Cowes kann!! Daher läuft er leider wieder diesen Leuten nach, gerade das Umgekehrte, was er tun sollte! Entsendung der ganz überflüssigen Gardeducorps-Deputation, Privatbrief an die schnapsende Großmutter und mündliche, ebenso wie der Brief dem Amte unbekannte Aufträge des Flügeladjutanten Arnim an die alte Hökerin. Üble Stimmung von Seiner Majestät, läßt er namentlich die Konservativen fühlen. Anstatt diesen geschlagenen Leuten goldene Brücken zu bauen, seil eint er sie leider noch zu verhöhnen. Wie man mir sagt, ist die Mißstimmung dieser Leute, auf die wir doch nun einmal angewiesen sind, daher eine hochgradige. Die jüdischen Kommerzienräte sind sehr gekränkt über den unterbliebenen Umzug auf dem Subskriptionsball, Hofbälle finden nicht statt, weil S. M. die Berliner Gesellscbaft für den Fall Kotze strafen will. Kurz, es sieht trübe aus, ä la Friedrich Wilhelm IV. Sehr gut geht es nur mit der äußeren Politik. Die Krüger-Depesche findet meinen vollen Beifall. Wenn man nur nicht zurückzoppt! Auch die ostasiatische Politik findet jetzt allgemeine Billigung, ebenso unsere Haltung am Goldenen Horn. In erster Linie kann man dies wohl alles Holstein aufs Konto schreiben. Freilich, ohne Hohenlohe wäre er machtlos, zusammen aber arbeiten Feldherr und Generalstabschef in mustergültiger Weise. Etwas zu kurz kommen nur die inneren deutschen Dinge. Speziell in München geht die Monis über Sache gar nicht gut. Bayern handelt zielbewußter in Einrichtung seiner Bayern und Stellung im Reich als je. Wir schwanken zwischen völligem Nachlassen der Zügel und gelegentlichem Aufbrausen. S.M., der Prinz Ludwig im Sommer in München den Wagenschlag öffnete und ihm dann das Wehen seiner Flagge auf der Schiffsjungengondel verbieten will, ist dafür typisch. Haus Wittelsbach versichert sich jetzt vor allem der Armee, die ich als rein dynastisch kennzeichnen muß. Wir haben mit Aufgabe des Inspektionsrechtes die letzte Handhabe verloren. Wo in einem Konfliktsfalle die bayrische Armee stünde, ist zweifellos. Die Illusionen darüber in Berlin kann ich nur belächeln. Eigentümlich ist Crailsheims Haltung. Die Schiidas Reich WASSER IN DEN AUTOKRATISCHEN WEIN 35 derungen Lerchenfelds von der verworrenen Lage in Berlin müssen ihn so impressionieren, daß er jetzt eine völlig ablehnende Haltung einnimmt. Er scheint wieder die alte bayrische Schaukelpolitik aus der Rumpelkammer hervorzuholen. Überall begegne ich seinem Bestreben, sich selbständig zu machen. Sein Ton ist ein viel festerer mir gegenüber, seine Deferenz hohen und klerikalen Wünschen gegenüber eine unbegrenzte. Der Hof ist widerhaariger denn je, gegenseitige Übelnehmerei trotz aller Depeschen pp. vergiften hüben und drüben die Stimmung. Lerchenfeld tut 6ein möglichstes, den Brand zu hellem Feuer anzublasen. Zu Vertrauten äußerte er sich sehr entrüstet über mich, und es ist gar nicht unmöghch, daß er mir schließlich doch erfolgreich ein Bein stellt, da sein Einfluß in Berlin sehr weit reicht, jedenfalls viel weiter wie der meinige. Glücklicherweise scheint Marschall jetzt doch nicht mehr ganz so vertrauensselig zu sein. Wenn man nur mit dem Amt allein zu tun hätte, könnte man die Politik Bayern gegenüber schon einrichten, man ist aber leider vor Überraschungen an allerhöchster Stelle nie sicher und weiß nie, welche Einflüsse sich da geltend machen. Bayern ist ein so wichtiger Faktor, der Schlußstein des ganzen deutschen Gebäudes, daß bei allem und jedem hierauf Rücksicht zu nehmen ist. Vortrefflich wirkt hier die richtige Bismarckpolitik Hohenlohes. Ich sprach neulich darüber mit Schweninger, der die Zufriedenheit Bismarcks darüber meldete und sich selbst auch sehr versöhnlich aussprach. Er äußerte sich aber gleichzeitig sehr besorgt über das Erstarken des Partikularismus, richtiger Separatismus hier zu Lande. Da unsere Freunde im Süden durchweg liberal sind, kann nur eine gemäßigt hberale Reichsleitung Wurzeln hier schlagen. Wir haben diese ja jetzt. Auch hat glücklicherweise S. M. wieder Wasser in den autokratischen Wein seiner Reden getan. Eine Rede aber kann die Arbeit vieler Monate zerstören und mehr dazu. Verlautet hier aber gar etwas über die Regattaschmerzen Seiner Majestät, so ist alles durch die Krüger-Depesche gewonnene Terrain im Handumdrehen verloren. Lerchenfeld lanciert seine Kuckuckseier dann immer in die hiesigen nationalen Blätter. Das wichtigste, die ,Münchner Neuesten Nachrichten', habe ich mir so weit gezähmt, daß sie mit bedenklichen Berliner Meldungen sehr vorsichtig umgehen, eventuell mich zu Rate ziehen. Alle Kanäle aber kann man nicht verstopfen. Sehr geschickt soll Lerchenfeld jetzt gegen das Bürgerliche Gesetzbuch agitieren, ich habe wenig Hoffnung, daß es noch in dieser Session in den Port gebracht wird. Die Verhältnisse bei unseren Bundesgenossen sind j a auch recht unerfreuhche. Die finanzielle Schwächung Italiens erregt mir große Besorgnis, 50000 Mann in Afrika sind eine zu schwere Last für den armen Staat Italien. Und in Österreich! Die Erneuerung des Zoll- und Handelsbündnisses bringt die ganze alte Scheune ins Wanken. Dazu der in Ungarn bevorstehende Krach. Unserer Freunde 3* 36 DAS SCHWIERIGE JUSTE-MILIEU Ansehen in Zisleithanien schrumpft immer mehr zusammen. In Ungarn haben wir eigentlich keine Freunde, innerlich haßt der Magyare den Deutschen kaum minder gründlich wie den Moskowiter. Und was wird aus Bulgarien ? Augenscheinlich will Lobanow den elenden Koburger einstweilen in suspenso lassen, da er einen servileren Satrapen kaum finden dürfte. Auf die Dauer wird die alte Leier doch wieder von vorn gespielt werden, und die beiden Mühlsteine, Selbstgefühl der Bulgaren und Anmaßung der Bussen, werden Ferdinand ebenso wie Alexander zermahlen. So sieht man überall — ich rede gar nicht von Ägypten, Japan usw. — Keime zu Verwicklungen. Die etwas übergroße von uns zur Schau getragene Friedenshebe dürfte uns in der harten Wirklichkeit der Dinge auch nicht frommen, denn wir sind noch lange nicht saturiert, werden auch, beständig mit der Friedensschalmei unterm Arme, schließlich zum Gespött ehrgeiziger Nachbarn. Das Juste-Milieu hier zu finden ist aber sehr schwer. Denn vor allem heißt es doch, England ins Feuer zu schicken. Sind dann letzteres, Bußland und Japan fest engagiert, dann könnte man in Gottes Namen auf die Franzosen losschlagen. Denn ohnedem kommen wir doch nicht zur Buhe, ohne einen äußeren Krieg schließlich können wir auch nicht Deutschland von seiner auf die Dauer unmöglichen jetzigen Verfassung befreien. Mit diesem Beichstag und dem Partikularismus der Glieder geht schließlich alles in Stücke. Doch nun Gott befohlen. Empfehlen Sie mich Ihrer von mir hochverehrten Gattin. Stets Ihr dankbarst ergebener Anton Monts." Monts hatte das Telegramm Seiner Majestät an den Präsidenten Krüger seinerzeit mit Jubel begrüßt und wünschte, daß Wilhelm II. recht bald England noch einmal auf sein empfindliches Hühnerauge treten möge. Seine Beurteilung der bayrischen Verhältnisse, wo er gleichzeitig auf Crailsheim und auf Lerchenfeld, auf den greisen Prinzregenten und auf den Prinzen Ludwig schimpfte, war ebensowenig staatsmännisch. Die Zweifel des Grafen Monts an der nationalen Gesinnung und Treue des bayrischen Heeres, das im Weltkrieg vom ersten bis zum letzten Tage treu und tapfer zum Beiche stand, sind durch die Ereignisse widerlegt worden. Über seine bei einem Besuch in Berlin empfangenen Eindrücke Monts Uber berichtet mir Monts am 20. Mai 1895: „Meine Berliner Eindrücke Berlin 1895 waren, was das Amt anlangt, sehr gute. Holstein geistig und körperlich sehr frisch, in intimstem Verkehr mit Hohenlohe, Marschall lediglich mit Parlament beschäftigt und darin voller Verdienst, Pourtales erledigt mit Hilfe des Professors Krüger sehr gut Holsteins Personaldirektiven und hofft inzwischen im stillen auf einen gelegentlich abfallenden kleinen Posten. Mumm bewährt sich. Als deutscher und geistlicher Beferent ist ein Legationsrat Klehmet tätig. Soll gut arbeiten, scheint intelligent, aber an Form, Kleidung usw. noch hundert Meter DIE MIKROZEPHALEN 37 unter Mumm stehend. Alexander Hohenlohe lernte ich leider nicht kennen. Der Kanzler ist merkwürdig frisch. Ich sprach der Fürstin meine Besorgnis aus, daß direkte Anspannungen, wie die Staatsratssitzungen, ihrem Gemahl doch schließlich schädlich sein müßten. Dazu die geselligen Lasten. Vortrefflich sind nach wie vor die Beziehungen mit S. M., Verkehr mit kleinen Billets-doux. Marschall bleibt also bis auf Weiteres, wenngleich er sich selbst sehr resigniert geriert. Daß Holstein Marschalls sofortigen Abgang zur Kabinettsfrage machen wollte, wissen Sie wohl. Andererseits aber will Holstein einem Wechsel im Laufe der Zeit, falls S. M. ihn dann wünschen sollte, nicht entgegen sein. Ich hoffe aber, die Wogen beruhigen sich. Doch wühlt der Apotheker Lucanus sowie das bismarckisch gesinnte Militärgesinde Imperatoris sehr gegen den armen Staatsanwalt'. Sehr bedenklich ist das Toben der Agrarier. Hohenlohe sagte mir, er stände deren Anträgen unbedingt ablehnend gegenüber. Marschall hat eine bimetallistische Ader, leider. Wenn die Agrarier bessere Taktiker wären, würden sie wohl den Kaiser herumkriegen. So ist Marschall aber der Fels in der Brandung. Am Unterspülen desselben arbeiten leider Adel, Hof und der einflußreichste Teil unserer Bürokratie. Selbst so kluge Leute wie Leo Buch sind ganz verrannt in den Antrag Kanitz. Der Ton der Konservativen im Reichstag ist ein mehr und mehr gereizter. Im Kasino predigt alle Abend Mirbach-Sorquitten einem Kreis von Mikrozephalen. Die Sozialdemokratie soll, wie ich von gut unterrichteten Leuten höre, jetzt auch unter den kleinen Beamten, Postboten, Schutzleuten, Amtsdienern immer weitere Anhänger gewinnen. Man hofft, daß sie sich allmählich zu einer radikalen Linken umgestalten wird. Eigentümlicherweise sind schon heute die sozialistischen Abgeordneten in vielen Fragen geradezu eine Stütze der Regierung. Von mancher Seite wurde der Fleiß und das Studium dieser Volksvertreter zu wenig vorteilhaften Vergleichen mit den konservativen Deputierten benutzt. Was sagen Sie zu Bill Bismarcks Ernennung zum Oberpräsidenten in Königsberg? Ich sprach ihn, er schien sehr erfreut. Pubheus ist sehr gut davon impressioniert. Wie ich als sicher hörte, hat aber außer August Dönhoff auch der Exminister Botho Eulenburg die Stellung refüsiert. Koller machte mir keinen sehr angenehmen Eindruck, sehr zurückgegangen schien Bötticher zu sein. Im Amt ist man mit Schenk unzufrieden und will ihn durch Heyking, der für Kairo zu schneidig ist, ersetzen. Nach Buenos Aires aber soll ein Homo novus namens Müller-Raschdau kommen. Komme ich hier einmal los, belästige ich Ihre hebenswürdige Gebieterin mit der Bitte, mir etwas Seidenstoff zu besorgen; ihr Geschmack ist ebenso bekannt wie ihre Güte, sodaß ich wohl die Bitte seinerzeit wagen möchte. Von Ihren Brüdern sah ich in Berlin nur den Ulanen Karl Ulrich, mit dem ich eines Abends Skat spielte. Er 38 KEINE WAHREN FREUNDE macht einen sehr angenehmen und gescheiten Eindruck. Vivat die Gens Bülow! Mit diesem Rufe, herzlichstem Gruß und angelegentlichster Empfehlung an Ihre Frau schließe ich diesen italienischen Salat, den ich, immer wieder unterbrochen, schnell zusammenschmieren mußte. Ihr treuer Monts." Uber die Eindrücke, die er bei einem zweiten kurzen Besuch in Berlin empfangen hatte, schrieb Monts am 27. März 1896: „S. M. begrüßte mich sehr flüchtig, der Kanzler dagegen lang und eingehend, immer der alte, klare, ruhige, leidenschaftslose Kopf. Nur stöhnt er etwas über den Kaiser und die Last der Geschäfte. Im Amt hat Holstein völlig die Führung. Seine Arbeitskraft ist bewunderungswürdig. Leider nur steigert sich beinahe seine Nervosität und Empfindlichkeit. Seine Beziehungen zu Alexander Hohenlohe, dem nächsteinflußreichen Manne, sind wieder regulär, doch scheint letzterer sich selbst und dadurch seinem Vater manche Feinde durch etwas zu nonchalantes Wesen und zu sehr zur Schau getragene Mißachtung des Mandarinentums zu verschaffen. Mumm (Extradry) schwamm auf dem Nil, Pourtales etwas zu sehr in Diners und eigener Größe, Klehmet bienenfleißig, aber höchst mittelmäßiger Kopf. Rotenhan scheint Anwandlungen von Selbständigkeit zu zeigen, die aber niemand ernst nimmt. Einstweilen zählt er des alten Otto Bülow Tage, um dann beim Vatikan die Dinge völlig zu verfahren. Marschall ist sehr gehoben durch seine parlamentarischen Erfolge. Wie er mit Holstein zur Zeit steht, konnte ich leider nicht ermitteln. Schwer drückt auf Holstein die geringe Gunst Imperatoris. Soweit das Amt. Viel ungünstiger waren meine sonstigen Eindrücke. Die Gesellschaft zeigt das Bild der Zersetzung, die mannigfachen Unklugheiten des Kaisers zeitigen jetzt ihre Früchte. Er hat außer dem eigentlichen Hofgesinde und den militärischen Höflingen leider gar keine wahren Freunde, und diese sind danach. Durch die ungleiche Behandlung der Princillons hat der Kaiser sich nun auch den letzten Rest der Sympathie des hohen Adels verscherzt. Der agrarische Kleinadel, schon an sich tief verbittert, ist durch gelegentliche soziale Rücksichtslosigkeiten noch mehr verstimmt. Die Welt der jüdischen Kommerzienräte ist durch das reaktionäre Treiben, die Frömmelei, sehr verletzt. Das Beamtentum kann nicht florieren, wenn Männer wie Bötticher immer noch weitergeschleppt werden und offener Widerstand gegen die Maßregeln des Ministeriums geheimen, aber mächtigen Rückhalt an allen möglichen einflußreichen reaktionären Berliner Persönlichkeiten findet. Und doch gibt es unter den BerHner Geheimen Räten nach wie vor vortreffliche Männer, denen nur die Vorgesetzten und der Parlamentarismus die Flügel beschneiden. Nicht schön ist endlich die Stimmung in militärischen Kreisen. In der Garde hat man das Gefüld, lediglich Spielzeug zu sein. An der Befähigung der höheren Führung tauchen HOF UND GENERALITÄT FÜR STAATSSTREICH 39 allseitig ernste Zweifel auf. Die Offizierkorps leben allgemein über ibre Verbältnisse, das Gift der Sozialdemokratie frißt sieb immer tiefer in die Reiben der gemeinen Soldaten binein. Uber die parlamentarische Misere brauche ich Ihnen nichts zu sagen. Ich komme oft mit alten Freunden aus der konservativen Partei zusammen und war entsetzt über die Ansichten derselben, gerade der klügsten von allen, Leo Buch, Heydebrand usw. Auch hier trat wieder ausgesprochene Abneigung gegen S. M. zu Tage. Ihren früheren Militärattache Engelbrecbt sah ich auch, er zeigte sich verstimmt und resigniert, hofft auf eine Brigade und dann auf den baldigen Abschied mit besserer Pension. Das Fazit aus allen diesen Unerfreulichkeiten, von denen freibch Hohenlohes nicht gering zu schätzende innere Pazifierungspolitik sich vorteilhaft abhebt, ist meo voto die Notwendigkeit, allseits sehr kurz zu treten. Solange Hohenlohe und Holstein die Zügel der auswärtigen Politik trotz gelegentbcher Eingriffe des Kaisers fest in der Hand halten, werden wir schon gut weiter lavieren. Was aber dann! ? Nach innen sprechen Hof und Generalität noch immer von Staatsstreich. Wendet man dann ein, dies sei das Ende des Reichs, dann heißt es: Um so besser, dann werden wir wieder ein Groß-Preußen mit 35—40 statt ein Reich mit 10—20 Millionen unzuverlässiger Einwohner mehr. Gott sei Dank fühlt S. M. aber durchaus deutsch und kaiserlich. Auch steht er dem Blödsinn des Bimetallismus, des Antrags Kanitz usw. durchaus feindlich gegenüber. Phili Eulenburg sah ich in Berlin, leider recht abgespannt und elend, vorigen Sonntag begegnete ich ihm wieder, gottlob sehr viel frischer und gesünder aussehend. Stets Ihr getreuer Anton Monts." III. KAPITEL Weitere Zuschriften des Grafen Monts über Schädigung des Reichsgedankens und des Ansehens der Kaiserkrone durch die letzte besonders exzentrische Rede Wilhelms II. vor dem Brandenburger Provinziallandtag am 22. III. 1897 • Die von Monts bei einem Besuch in Berlin gewonnenen persönlichen Eindrücke • Die Schilderungen von Monts bestätigen die Sorgen und Befürchtungen, die Bülow seit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck erfüllten • Wie ihm bei der Übernahme der auswärtigen Geschäfte die internationale wie die innerdeutsche Lage erscheint • Rückkehr nach Berlin • Dort inzwischen erfolgter Personalwechsel • Brief des Freiherrn von Marschall (4. VII. 1897) Ich habe schon früher erzählt, wie stark die Persönlichkeit Wilhelms II., sein lebhafter und origineller Geist, seine Liebenswürdigkeit und Güte für Zentennarrede mich bei den wenigen Gelegenheiten gewirkt hatten, bei denen ich bisher mit ihm in amtliche Fühlung getreten war. Diese Anlässe waren aber mehr festlicher, repräsentativer Natur gewesen. Jetzt lag die Sache anders. Jetzt hieß es für mich, dem Kaiser in der Prosa der politischen Tagesarbeit nahe sein, ihn vor übereilten Entschlüssen zu behüten, ihn allmählich auf den Weg einer gewissen Stetigkeit zu dirigieren. Wie groß die Schwierigkeit sein mußte, mit dem ungewöhnlich begabten, aber mehr und mehr eigenwilligen, hier und da ganz hemmungslosen Regenten auszukommen, entnahm ich einem weiteren Brief von Monts, der sich mit der sehr üblen Rede beschäftigt, die Wilhelm II. am 22. März 1897 bei einem Festmahl des Brandenburger Provinziallandtages gehalten hatte und die alle früheren oratorischen Leistungen Seiner Majestät an Taktlosigkeit übertraf. Nach einem schwülstigen Lob seines Großvaters, der heüig gesprochen worden wäre, wenn er im Mittelalter gelebt hätte, und an dessen Gebeinen in jenen frommen Zeiten Pilgerzüge aus allen Ländern Gebete verrichtet hätten, gab Wilhelm II. zu, daß durch Gottes gnädige Fügung in der Nähe seines Herrn Großvaters einige brave Ratgeber gewesen wären, welche die Ehre gehabt hätten, die Gedanken ihres Souveräns, dieses gewaltigen Mannes, dieses großen Herrn, auszuführen. Mit ihm selbst verglichen aber wären diese Ratgeber nur Pygmäen gewesen, Handlanger des allerhöchsten, erhabenen Willens. Am Schluß seiner Rede hatte Wilhelm II. zum Kampf gegen den Umsturz „mit allen Mitteln" aufgerufen, der nicht mehr „vor der geheiligten Person des allerhöchsten Herrn" Halt mache. Wer diese EINDRUCK DER HANDLANGERREDE 41 Rede las und hörte, mußte sich baß darüber wundern, daß derselbe Monarch, der einen solchen Appell an seine Brandenburger richtete, wenige Jahre vorher den stärksten Widersacher aller Umsturzbestrebungen, den Fürsten Bismarck, fortgeschickt hatte. Über den Eindruck, den diese Rede in München machte, hatte mir am 2. März 1897 Monts zutreffend geschrieben: „Meine neulich geäußerten Befürchtungen betreffs einer kaiserlichen Zentennar-Rede sind in kaum geahnter Weise in Erfüllung gegangen. Unsere Feinde hier finden es kaum noch nötig, unter scheinheiligem Achselzucken über den eigent- lich nicht mehr zurechnungsfähigen hohen Redner ihre helle Freude zu verbergen. Die Nationalgesinnten gleichen einem aufgeschreckten Hühnervolk. Der gebildete süddeutsche Durchschnittspolitiker, auch der klerikale, ist entrüstet über die von S. M. behebte Geschichtsfälschung und die Bezeichnung der Moltke und Bismarck als Handlanger des erhabenen Herrschers. Auch findet man allgemein den Ausfall gegen die Sozialdemokratie sehr taktlos. Bezüglich der Heiligsprechung (welches Bild für einen Herrscher protestantischen Glaubens!) bemerkt das partikulari- stisch-klerikale Münchener ,Vaterland', wenn das Volk nur erst zu allen Gebeinen deutscher Kaiser wallfahren könne, dann wäre ihm freilich wohler. Wohin treiben wir? Die Scholle noch nicht unterwaschenen Erdreichs, auf der der Vertreter des Reichs in Bayern steht, wird immer kleiner. Eine ähnliche Flut wie der märkische Redeschwall spült sie vollends hinweg. Einstweilen ist jedenfalls der Trumpf, den wir im toten allverehrten Kaiser in der Hand hier hatten, unter den Tisch geworfen, da einen Wilhelm den Großen hier absolut niemand akzeptiert. Verzeihen Sie, wenn ich Ihren vielen Sorgen um das Kretische Pulverfaß noch dies hors d'oeuvre hinzufüge." Am 4. Juni 1897 schrieb mir Monts: „Ihr vortreffhcher und sehr einsichtiger Bruder Alfred — ich möchte dies hier ganz besonders hervor- Monts über heben, Alfred ist und wird einer unserer besten Leute — wird über meine die Situation Auffassung der Lage Ihnen rapportiert haben. Ich möchte heute nur mit von 1897 Bezug auf die deutsche innerpolitische Lage an ein Wort des verstorbenen Grafen Eugen Kinsky erinnern, der in Wien einmal gefragt, was in einem kritischen Moment die Wiener Regierung wohl tun würde, antwortete: ,Weiß i, was das Dümmste ist?' Sie leben nicht in Deutschland. Trotz Ihres weiten Blickes und Ihrer weitreichenden Beziehungen können Sie sich kaum die ganz exakte Vorstellung der Verstimmung der Geister machen, speziell hier im Süden. Das einzige Erfreuliche ist, daß trotz allem die materielle Interessengemeinschaft so groß ist, daß man nicht auseinander will. Dies ist aber auch das einzige Gute. Vor allem hat der Kaiser die Abneigung gegen ihn persönlich auf einen Grad gebracht, der höchst bedenklich ist, so bedenkhch, daß merkwürdigerweise Casa Wittelsbach bis zu 42 WILHELM II. UND DIE VERBLENDETEN einem gewissen Grad für ihn auf mildernde Umstände anträgt. Die Reden und das Gebahren des Prinzen Ludwig in dieser Richtung sind sehr typisch. Es tritt das Solidaritätsgefühl der Prinzen in Erscheinung und die Erkenntnis, daß, fällt Berlin, die monarchischen Kartenhäuser hier in München, in Stuttgart und Greiz nachstürzen. Dabei ist man hier über die Gemütsdisposition des Kaisers völlig orientiert. Ich glaube kaum, daß letztere so ernst ist, wie die Pessimisten annehmen, daß aber Gefahr im Verzuge, ist mein Eindruck, auch nach meinem letzten Ersehen." Monts hatte bei einem Besuch in Berlin den Kaiser unter vier Augen hebenswürdig und soweit verständig gefunden. „Dann kamen mehrere Leute. Der Kaiser renommierte, wurde unklar und unangenehm, auch traten fixe Ideen zutage, Verfolgungsideen betreffend Bismarck, die Überhöhung des alten Wilhelm usw. Was man auch sagen mag, hier Hegt der Hund begraben. Ich habe, Sie glauben nicht, was man hier hört, und auch in Berlin, aus Andeutungen von Ärzten entnommen, daß der Kaiser noch zu kurieren sei, mit jedem Tage aber die Möglichkeit geringer würde. Phili darf man über diese Dinge nicht sprechen, er ist als Gefühlsmensch für solche Reflexionen nicht zu haben, glaubt außerdem trotz aller Evidenz, wie ich meine, ehrlich, an allen Gerüchten sei kein wahres Wort. Meine einzige Hoffnung ist nur der Kaiser selbst. Ob er nicht doch gelegentlich einen Einblick gewinnt, fühlt wie es mit ihm steht und wohin er sein Vaterland gesteuert hat. Wäre er von ehrlichen Leuten umgeben, müßte bei der hohen Intelligenz von S. M., bei den vielen ruhigen und klaren Momenten, schon längst der psychologische Augenblick da sein. Es scheinen aber zu viel Ehrgeiz, zu viele Verblendete die guten Regungen schnell wieder zu ersticken in der Lage zu sein. Das Jagen von Ort zu Ort, von Fest zu Fest, der Verkehr mit allen und jedem läßt keine innere Prüfung zu. Meine Uberzeugung trotz alledem ginge dahin, daß ein Jahr ruhigen Landlebens, wobei nur die nötigsten Repräsentationspflichten erfüllt würden, das Gleichgewicht wieder herstellen könnte. Entschließt sich aber S. M. hierzu nicht, so sehe ich eine unvorbereitete Gewaltpolitik voraus, Staatsstreiche, die ohne Zweck und Ziel auf ihre Urheber zurückfallen und mit dem Ende Kaiser Wilhelms II. schließen werden. Dazwischen wird freilich unendlich viel nach innen und außen verloren gehen. Ein Schwimmen gegen den Strom brachte selbst Caprivi und sein Adjutant Ebmeyer ä la longue nicht zu Wege. Die Nation, kinderleicht zu führen wie kein zweites Volk der Welt, läßt sich nicht an das Gängelband des abso luten Herrschers, der Junker und Pfaffen mehr nehmen. Der Deutsche verlangt ruhigen Genuß der bürgerlichen Freiheit, wobei er gern eine starke monarchische Gewalt über sich weiß. Die Lage nach innen wäre ja so günstig. Der Sozialdemokrat wächst sich zum radikalen Philister aus, seine Führer sind nicht minder uneins wie die Koryphäen des Zentrums, die INTRIGANTEN 43 Begehrlichkeit der agrarischen Konservativen wird nur durch ihre Borniertheit übertroffen. Man könnte peu ä peu alles mittelst divide et impera und ohne irgendwelche Konzession von den Leuten erreichen, und so macht man immer das Umgekehrte von dem, was zum Ziele führt. Diese Vereinsnovelle! Wie der alte Hohenlohe darin willigen konnte, ist mir noch unklar, da ich einige Zeit ohne Nachricht bin. Und dann dieser Hornochse, der Recke, der steht ja noch tief unter Koller. Sein Auftreten war ein geradezu klägliches. Ein zweites hübsches Lied könnte ich Ihnen von dem zweiten ,Versprechen' des Kanzlers singen, der Strafprozeßsache. Das Schlimmste ist, daß der Standpunkt der sogenannten Berliner Regierung je nach dem momentanen Einbläser immer wieder wechselt. Zweimal konzedierte man Bayern seinen obersten Gerichtshof, zweimal nahm man dies zurück. Der Patriot muß wirklich sein Haupt verhüllen. Der klare Mann sieht den Abgrund, dem wir zueilen, aber ändern kann er es nicht. So denkt ja auch Holstein. Inzwischen ist innerhalb Deutschlands und angesichts des Eingreifens des Kaisers auch in die äußere Pobtik doch ziemlich weiten Kreisen die Einsicht aufgegangen, wie vortrefflich die Nachfolge des großen Kanzlers, in dessen eigenstem Departement der Wilhelmstraße, ihres Amtes waltet. Ich konnte dies unzweifelhaft konstatieren. Nur so erklärte es sich auch, daß die allgemeine Enttäuschung über das Vereinsgesetz, die trotz der Landratskammer bis weit in konservative Kreise reicht, sich nicht in In- vektiven gegen den alten Kanzler Luft machte. Allseitig, am wenigsten von der ,Kreuzzeitung' und ihrem traurigen Agrariergefolge, wurde Hohenlohe geschont. Auch wird bisher noch von keiner Seite, außer gewissen Kuckuckseier legenden Intriganten, die Einlösung des zweiten Versprechens urgiert. So möchte ich beinahe hoffen, wir erreichen das Triennium des Hohenloheschen Kanzlertums. Was aber dann ?! Alfred wird Ihnen erzählt haben, welch tiefen Groll S. M. gegen Marschall hegt und wie Alfred und ich inständigst auf Phili einwirken, daß er dagegen Einspruch erhebt. Phili sagte dies auch zu und erkennt am besten die momentane Unentbehr- lichkeit von Marschall. Geht aber Marschall, geht auch Holstein, wie wohl auch Hohenlohe, der jetzt sehr richtig bedauert, Bronsart geopfert zu haben, ohne Marschall nicht bleibt. Utinam dii immortales hanc rem bene vertant, können wir nur sagen. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Sommer. Gott behüte Sie. Empfehlen Sie mich Ihrer heben guten Frau. Stets Ihr treuer Anton Monts." Die Situationsberichte von Monts gaben mir von der Lage der Dinge in Deutschland ein in manchen Einzelheiten und insbesondere in den Der Wert der Werturteilen nicht immer zutreffendes, aber doch auf scharfer Beobach- Montsschen tung beruhendes Bild. Es war ein für die mir bevorstehende Aufgabe wenig Bericllte ermutigendes Bild. Und was das Übelste war: die Schilderungen von 44 DER SCHWARZSEHER FÜRST BISMARCK Monts stimmten in der Hauptsache mit dem überein, was mir von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehend, aber im Endresultat sich deckend, Herbert Bismarck und Phüi Eulenburg gesagt und geschrieben hatten. Was ich von beiden über den rapide schwindenden Nimbus des Kaisers und damit leider auch der Krone, über die stark erschütterte Autorität der Regierung, die allgemeine Unsicherheit und die Unzufriedenheit in Deutschland hörte, bestätigte nur zu sehr die Sorgen und Befürchtungen, die mich selbst seit der in pietätloser und brutaler, in ungeschicktester Weise erfolgten Verabschiedung des Fürsten Bismarck erfüllten, vor der ich am 2. März 1890 in meinem Bukarester Brief an Phüi Eulenburg vergeblich gewarnt hatte. „Ich sehe schwarz in die Zukunft", hatte Fürst Bismarck schon im März 1891 zu Frau von Spitzemberg gesagt, der ihm und seiner Frau seit langen Jahren befreundeten Gattin des württembergischen Gesandten in Berlin, die es mir wiedererzählte. Das furchtbar Gefährliche im Charakter des Kaisers sei, daß er dauernd keinem, momentan jedem Einfluß zugänglich wäre und alles sofort zur Tat werden lasse, somit jede Stetigkeit aufhöre. Dazu Mangel an Rechtsgefühl und Augenmaß. Er achte weder noch empfinde er das Recht anderer und schieße immer über das Ziel hinaus. So Fürst Bismarck an Frau Hildegard von Spitzemberg, ein Jahr nach seinem Rücktritt. Meine Gedanken und Betrachtungen hatten sich in erster Linie der aus- Bismarck wärtigen Politik zuzuwenden, deren Leitung ich übernehmen sollte. Die mir und von Marschall hinterlassene Erbschaft war nicht erfreulich und nicht leicht. Rußland R u ß] arl( j war durch die von uns abgelehnte Erneuerung des Bismarck- schen RückVersicherungsvertrages vor den Kopf gestoßen und in die französischen Arme getrieben worden. England war durch das Krüger- Telegramm, Japan durch den von Holstein ausgeklügelten ostasiatischen Dreibund tief verletzt worden. Weniger die englische Regierung und die leitenden japanischen Staatsmänner als die breiten Schichten des englischen Volkes und die japanischen Intellektuellen. Frankreich war durch die bisweilen taktlosen Avancen des Kaisers nicht versöhnt worden, während das Bündnis mit Rußland das französische Selbstgefühl und mit dem Selbstgefühl die Hoffnung auf die große Revanche, la grande revanche, mächtig gesteigert hatte. Während neben mir die Wellen des Fröschnitzbaches murmelten, überdachte ich das internationale Schachbrett, wie es vor mir lag. Ich erkannte bald, daß der Punkt, der für uns entscheidend war, an der Newa lag. Schon Friedrich der Große hatte in seinem Testament geschrieben: „Von allen Nachbarn Preußens ist das russische Reich das gefährlichste, sowohl in Bezug auf seine Macht, als durch seine Lage. Die Regenten Preußens nach mir haben Grund genug, die Freundschaft mit diesen Barbaren zu pflegen." Der große König war während des Siebenjährigen DER DRAHT NACH ST. PETERSBURG 45 Krieges nur durch einen in St. Petersburg eingetretenen Thronwechsel im kritischsten Moment des Krieges gerettet worden. Unsere Erhebung und Erlösung nach Jena war dadurch ermöglicht worden, daß Friedrich Wilhelm III., die Königin Luise und Fürst Hardenberg sich auch durch das traurige Schauspiel von Tilsit nicht verleiten ließen, den Draht abzureißen, der Potsdam mit St. Petersburg verband. In den letzten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms III. und namentlich unter Friedrich Wilhelm IV., dessen nervöser Schwäche die rohe Kraft des Kaisers Nikolaus, dessen irrlichte- lierender Phantasie die geradlinige Brutalität des damahgen Zaren zu sehr imponierte, waren wir in eine oft nicht würdige Abhängigkeit von unserem östlichen Nachbarn geraten. Aber Bismarck hatte 1864 die Befreiung der Elbherzogtümer, 1866 den Ausschluß Österreichs aus Deutschland und die preußische Hegemonie in Norddeutschland, 1870 bis 1871 Kaiser und Reich nur erreichen können, weil er mit genialer Gleichgültigkeit für Gefühlsmomente sich seit seinem Amtsantritt, namentlich durch seine richtige Behandlung der polnischen Frage, die russische Rückendeckung gesichert hatte. Er hatte auf dem Gebiet der deutsch-russischen Beziehungen einmal, nur einmal einen großen Fehler begangen. Wer ist unfehlbar ? Wem gebngt alles ? Auf dem Berliner Kongreß hatte Bismarck 1878 den russischen Kanzler Gortschakow, dessen Eitelkeit und dessen affektiertes Parisertum ihm zuwider geworden waren und der ihn 1875 geärgert hatte, seinerseits schlecht behandelt, was diesen wiederum dazu trieb, Kaiser Alexander II. und die „Intelligenz" in Rußland gegen Deutschland aufzuhetzen. Bismarck hatte 1879 unter dem irrigen Eindruck, daß der Zar in Alexandrowo versucht habe, Kaiser Wilhelm gegen seinen großen Minister aufzustacheln, die Schwenkung zur Allianz mit Österreich ab irato und deshalb zu hastig und heftig vollzogen. Aber der Fürst hatte, nachdem die Fehler begangen worden waren, alle Ressourcen seines erfindungsreichen und elastischen Verstandes in Bewegung gesetzt, um das gestörte Verhältnis zu Rußland zu sanieren. Er hatte hierbei volles Verständnis und volle Unterstützung bei seinem alten Herrn gefunden, der noch auf dem Sterbebette dem Enkel und Nachfolger zugeflüstert hatte: „Mit Rußland stelle dich nur gut, davon haben wir viel Nutzen gehabt." Aus diesen Worten sprach nicht nur die Erfahrung langer Jahrzehnte, es sprach aus ihnen die ganze preußische Geschichte. Trotzdem hatte sich Kaiser Wilhelm II. durch Caprivi, Marschall und (last not least) Holstein verführen lassen, den Rückversicherungs- Die vertrag mit Rußland zu kündigen, obwohl er nach der Entlassung von Kündigung Bismarck dem russischen Botschafter Schuwalow persönlich erklärt hatte, des Rück ~ der Vertrag werde von uns aufrechterhalten werden. Die Kündigung war versicherun S s - VGTtTflf^ft in verletzender und ungeschickter Weise erfolgt. Sie hatte, wie dies von 46 REVANCHE Bismarck vorausgesehen und vorausgesagt worden war, automatisch die russisch-französische Allianz zur Folge gehabt, die bei den beteiligten Völkern inzwischen viel zu sehr in succum et sanguinem übergegangen war, als daß an ihre Aufhebung gedacht werden konnte. Die große Mehrheit der Franzosen scheute den Krieg, aber Elsaß und Lothringen, Metz und Straßburg waren nicht vergessen. Nur wenige erlesene Geister träumten in Frankreich den schönen Traum von allgemeiner Völkerversöhnung und durch sie von einem ewigen Frieden. „Qui dit alliance russe, dit revanche", sagte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein kriegsscheuer Deputierter zu dem Präsidenten der Patriotenliga Paul Deroulede. Dieser erwiderte, den Ängstlichen beruhigend: „Qui dit alliance russe, dit securite de la France." Die weit überwiegende Mehrheit des französischen Volkes sah in der Allianz mit Rußland, wenn nicht die einzige wirkliche, so doch die ganz überwiegende Garantie gegen einen deutschen Angriff. Aber auch in Rußland war an eine Preisgabe dieser Allianz und Abwendung von Frankreich nicht mehr zu denken. Keine russische Regierung konnte, noch dazu unter einem schwachen Herrscher wie Nikolaus II., es wagen, die Allianz mit Frankreich wieder aufzuheben. Es blieb also für uns nur übrig, im Rahmen dieser Allianz und trotz dieser Allianz zu Rußland ein Verhältnis aufrechtzuerhalten, das uns vor einem Zusammenstoß mit ihm bewahrte. Das war eine Frage diplomatischer Geschicklichkeit. „Im Westen freilich kann der Topf einmal überkochen, daß wir aber von Osten her angegriffen werden, glaube ich nicht, wenn unsere Diplomatie so geschickt ist, wie sie sein könnte", hatte am 10. Juli 1892 der Alte im Sachsenwalde einer Abordnung württembergischer Verehrer gesagt, die er mit den Worten aus Schillers „Glocke" begrüßt hatte: „Friede sei ihr erst Geläute." Die Aufrechterhaltung friedlicher und freundlicher Beziehungen zu Rußland war nur möglich bei sorgsamer Beachtung der Punkte, wo wir uns nicht in einen nicht wieder gut zu machenden Gegensatz zu Rußland stellen durften. Wir mußten Rußland zwar keinen Zweifel darüber lassen, daß wir ihm Österreich-Ungarn nicht opfern wollten, noch konnten. Aber Rußland mußte immer den Eindruck haben, daß die Führung im deutschösterreichischen Bündnis bei Deutschland lag und daß die deutsche Politik ein gutes Verhältnis zu Rußland im friderizianischen und bismarckschen Sinne wünsche und ehrlich erstrebe. In specie durfte in Rußland keinerlei Zweifel darüber aufkommen, daß wir trotz unserer wirtschaftlichen Interessen in der Türkei in der Dardanellenfrage uns Rußland nicht in den Weg stellen würden. An dieser für Rußland empfindlichsten Stelle durften wir ihm nicht entgegentreten, das mußten wir anderen überlassen. Die Öffnung der Dardanellen für russische Kriegsschiffe war mit dem Fort- ENGLISCHE GEREIZTHEIT 47 bestand der Türkei wohl vereinbar, ein etwaiges Erscheinen der russischen Flotte im Mittelmeer mochte für Frankreich, Italien, England unbequem sein, uns konnte es gleichgültig lassen. Wir mußten weiter nicht nur in Worten, sondern auch tatsächlich Rußland davon überzeugen, daß wir uns unserer Solidarität mit ihm in der polnischen Frage bewußt wären und nicht daran dächten, die polnische Karte gegen Rußland auszuspielen. Von einem französischen Historiker, der die preußisch-russischen wie die russisch-französischen Beziehungen zu seinem Spezialstudium erwählt hatte, von Albert Vandal, war das Wort geprägt worden, daß die Teilung Polens die blutige Wiege, „le berceau sanglant", der preußisch-russischen Freundschaft gewesen wäre. Wir mußten endlich in Petersburg immer wieder in geeigneter Weise darauf hinweisen, wie viele gemeinsame dynastische Interessen die beiden Regierungen und Reiche gegenüber revolutionären Gefahren verbänden. Denn es lag für den Weiterblickenden auf der Hand, daß, wie auch ein Krieg zwischen den beiden nordischen Reichen endigen möge, die Dynastien höchstwahrscheinlich die Zeche bezahlen würden. Auch das Verhältnis zu England war für uns von überragender Wichtigkeit. England vermochte nicht wie Rußland die deutsche Eiche an der Deutschland Wurzel zu treffen. Es konnte aber viele edle Zweige abhauen und schönes um * England Laubwerk vernichten. Es konnte uns unsere Kolonien entreißen, unsere Schiffahrt und unseren Handel zerstören und damit Milliardenwerte. Ich war immer überzeugt, daß, solange wir ein freundnachbarliches Verhältnis zu Rußland aufrechtzuerhalten verstanden, England uns nicht angreifen würde. Aber ich habe nie daran gezweifelt, daß, wenn wir mit Rußland aneinander kämen, die englische Politik, die mit beinahe unfehlbarem Instinkt das für England Nützliche tut, im Falle eines deutsch-russischen Krieges eine solche Gelegenheit nicht versäumen würde, die stärkste Macht auf dem Kontinent und damit den traditionellen Gegner Englands, vor allem aber seinen größten Rivalen in Schiffahrt und Handel zu vernichten. Gerade im Sommer 1897 hatten große englische Blätter Angriffe gegen Deutschland gebracht, die nicht als vorübergehende Stimmungen und als papierner Lärm beiseite geschoben werden konnten, denn aus ihnen sprachen jene englische Selbstsucht und unbeirrbare Realpolitik, die im letzten Ende immer die englische Außenpolitik bestimmt haben. Als in den achtziger Jahren die deutsche Industrie einen stärkeren Aufschwung nahm als den englischen Monopolisten erwünscht war, zeigte sich der Durchschnitts-Engländer schon beunruhigt. Die Krüger-Depesche vom 3. Januar 1896 zerriß den freundlichen Schleier, der bis dahin das tatsächlich seit lange nicht besonders herzliche Verhältnis zwischen den beiden germanischen Vettern verhüllt hatte. Als ich zur Leitung der auswärtigen Politik berufen 48 ITALIEN IM DREIBUND wurde, lag die Situation zwischen dem deutschen Volke und dem englischen Volke schon klar zutage. Die vor uns hegende, unendlich schwierige Aufgabe war, die Flotte, die wir gerade gegenüber England brauchten um der Milliardenwerte willen, die wir dem Meere anvertraut hatten, bis zu der Stärke zu bauen, wo ein Angriff gegen uns zu einem ernstlichen Risiko für den Angreifer wurde, ohne doch gerade durch diesen Flottenbau den Blitz auf uns herabzuziehen. Unser Verhältnis zu Italien hatte 1897 in den Augen der Italiener schon Italien manches von seinem ersten Schimmer verloren. Als Bismarck und nach ihm unter Cnspi Caprivi-Holstein dem Wunsche Crispis, bald zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem in Italien damals sehr verhaßten Frankreich zu kommen, kühl und ablehnend begegneten, erkannten die Italiener allmählich, daß der Dreibund in den Augen der Deutschen mehr eine Versicherungsgesellschaft als eine Erwerbsgenossenschaft sein sollte und daß sie ihre Vergrößerungspläne, sei es im Norden der Halbinsel und an den Ufern des Adriatischen Meeres, sei es in westlicher Richtung und an der Nordküste Afrikas, zurückstellen müßten. Aus dem unglücklichen Ausgang der abessinischen Expedition und den üblen Folgen des von Crispi begonnenen Handelskrieges mit Frankreich entnahmen viele Italiener die weitere Lehre, daß sich schlecht mit der größten lateinischen Nation zu stellen, für Italien auch seine Schattenseite habe. Der Italiener ist Realpolitiker. Alles in allem ist das italienische Volk mit dem englischen wohl das politisch begabteste der europäischen Völker, ob es sich um die Mon- signori handelt, die vom ältesten und größten Palast der Welt, dem Vatikan, aus den internationalen hierarchischen Apparat der Katholischen Kirche dirigieren oder um die Minister, die auf dem anderen Ufer des Tiber die Außenpolitik des geeinigten Königreichs Italien führen. Die Behandlung Italiens von unserer Seite mußte vorsichtig, taktvoll und elastisch sein, unter sorgsamer Beobachtung der Imponderabilien, die gerade in diesem Lande schwer ins Gewicht fallen, wo auf „gentilezza" der Form Wert gelegt wird. Eine entschiedene Verschlechterung unserer auswärtigen Lage war seit Japan der Entfernung des Fürsten Bismarck in bezug auf Japan eingetreten, das wir durch das mißglückte Holsteinsche Experiment des ostasiatischen Dreibunds stark verschnupft hatten. Noch mehr vielleicht durch das unglückselige Bild des Kaisers, dem er die Unterschrift gegeben hatte: „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter." Niemand verstand, wieso die heiligsten Güter der europäischen Menschheit durch die milde Lehre des Buddha bedroht sein sollten. Aber Wilhelm II. hatte sich mit dem ihm bei aller Flatterhaftigkeit gelegentlich auch wieder eigenen Starrsinn so sehr in diese Wahnidee verbissen, daß ihm selbst der einzelne Japaner anti- „VÖLKER EUROPAS...!" IN DEN OSTASIEN-SCHIFFEN 49 pathisch geworden war. Er behandelte die japanischen Diplomaten und Militärs trotz meiner und anderer Leute Vorstellungen persönlich schlecht und nötigte Ballin und Wiegand, die im übrigen von ihm mit großer Auszeichnung behandelten Direktoren der Hamburg-Amerika-Paketfahrt- Aktiengesellschaft und des Bremer Norddeutschen Lloyd, dieses sein groteskes Bild in ihren nach Ostasien fahrenden Schiffen aufzuhängen, zur Freude der Engländer, die aus solcher Verletzung japanischer Gefühle bis zum letzten Tage der Begierung des Kaisers für sich nicht unerhebhchen Nutzen ziehen sollten. Das Gesamtergebnis meiner stillen Prüfung der Weltlage war, daß das kostbarste Gut des deutschen Volkes, ein ehrenvoller Friede, wohl aufrechtzuerhalten war, auch wenn wir uns die Flotte bauten, die wir zu unserem Schutz und für defensive Zwecke benötigten. Diese Linie durften wir nicht um ein Haar breit überschreiten, aber bis zu dieser Linie konnten wir gehen, wenn unsere Politik mit Stetigkeit, mit Mut und Entschlossenheit, aber auch mit Vorsicht, mit Takt und (last not least) mit Geschick geführt wurde. Obwohl die Tätigkeit des Staatssekretärs des Äußern im allgemeinen auf das Feld der auswärtigen Politik beschränkt ist, war ich doch seit jeher Die innere der Ansicht, daß sich eine verständige und gesunde auswärtige Politik nur Lage bei richtiger Einschätzung der inneren Kräfte und in Fühlung mit den die Nation bewegenden Strömungen und Ideen führen lasse. Deshalb suchte ich mir auch unsere innere Lage während jener ruhigen Wochen möglichst deutlich vor Augen zu führen. Die unbehagliche und unzufriedene Stimmung, die seit der Entlassung des Fürsten Bismarck in Deutschland herrschte, hatte während der ersten Hälfte des Jahres 1897 neue Nahrung erhalten. Der Kaiser hatte auf dem Festessen des Brandenburger Provinzial- landtages am 26. Februar 1897 jene von mir schon erwähnte, mehr als exzentrische Bede gehalten. Bei dieser Bede waren dem Kaiser auch andere Irrtümer unterlaufen, er hatte Sir Francis Drake mit Baiboa verwechselt und den Stillen Ozean mit dem Atlantischen. Derartige kleine Entgleisungen passierten ihm nicht selten im Feuer der Bede. Als diesmal der kaiserliche Bedner geschlossen hatte, waren besorgte und gewissenhafte Flügeladjutanten von Stuhl zu Stuhl geeilt, um die anwesenden Herren zu bitten, über die Kraftstellen der Bede zu schweigen. Diese Bitte war auch von fast allen Anwesenden erfüllt worden, aber ein indiskreter Gast, wie behauptet wurde ein freisinniger Abgeordneter, hatte genügt, um die drastischsten Wendungen des Monarchen in die Öffentlichkeit zu bringen. Der allgemeine Eindruck war deplorabel. Von vielen Seiten erhob sich die Klage, daß, wenn es in dieser Weise weitergehe, das reiche Erbe, das Kaiser Wilhelm II. angetreten hatte, dies gewaltige Erbe an Ansehen, 4 Bülow I 50 NERVÖSER KOLLAPS DES KAISERS Kredit und Volkstümlichkeit, das eine lange Reihe preußischer Könige und insbesondere Wilhelm I. dem jetzt regierenden jungen Herrscher hinterlassen hatte, in absehbarer Zeit vergeudet sein würde. In konservativen Kreisen war die Brandenburger Rede am schärfsten kritisiert worden. Der mehr als achtzigjährige Generaladjutant Graf Karl von der Goltz, der ein halbes Jahrhundert in der Umgebung Wilhelms I. geweilt hatte, faßte mir gegenüber sein Urteil in die Worte zusammen: „Der Kaiser will seinen Herrn Großvater feiern, ihn recht hoch stellen. Wenn der alte Herr aus dem Grabe auferstünde und die Brandenburger Rede läse, würde er mit seinem hausbackenen, aber gesunden Menschenverstand und mit erhobenem Zeigefinger zu seinem Enkel sagen: ,Aber Wilhelm, du bist wohl verdreht!'" Die Freunde des regierenden Kaisers, manche aus Überzeugung und in guter Absicht, andere nur aus Selbstsucht und mit jenem Hang zur Schmeichelei, der, solange die Welt steht, an allen Höfen blüht und sich, nur in plumperer Form, auch in der Umgebung der republikanischen Machthaber seit 1918 bemerkbar machen dürfte, erklärten die Rede Seiner Majestät aus dem Schmerz, den der Kaiser darüber empfände, daß sein Großvater von seinem ersten Ratgeber gar zu sehr verdunkelt würde. In berechtigter Notwehr gegen die Unterschätzung des von ihm so hoch verehrten und heiß geliebten Großvaters habe der Kaiser dann mit einigen Wendungen vielleicht über das Ziel hinausgeschossen. Wirklichen Nutzen hatten von der Rede nur die Sozialdemokratie und bis zu einem gewissen Grade der Freisinn, die sich auch die Gelegenheit nicht entgehen ließen, aus dieser neuen und gar zu überspannten Rede wacker Kapital zu schlagen. Der Kaiser selbst war durch den Mißerfolg seiner Rede, der ihm nicht verborgen bleiben konnte, so enttäuscht gewesen, daß er, zum erstenmal seit seinem Regierungsantritt, einen nervösen Kollaps erlitt und zu seiner Erholung auf einige Tage nach dem Jagdschloß Hubertusstock fuhr. Er hatte sich gerade von dieser „forschen" Rede einen starken Erfolg versprochen. Was unter Wilhelm I. wie gegenüber dessen Sohn nie der Fall gewesen war: der Spott bemächtigte sich der kaiserlichen Rede. Ganz Berlin lachte über die Erzählung, nach der in der Friedrichstraße ein Ungar, der wie manche seiner Landsleute im Deutschen die Artikel „der" und „das" zu verwechseln geneigt war, an einen Polizisten die Frage gerichtet haben sollte: „Wo ist der Brandenburger Tor?" Der biedere Schutzmann hatte angeblich zornig erwidert: „Wenn Sie noch einmal über Seine Majestät ulken, werden Sie eingespunnen! Verstanden?!" Die Ablagerungsstätte für solche Medisance und Persiflage war namentlich die Hardensche „Zukunft" geworden, die unter Wilhelm I. nicht hätte aufkommen, geschweige denn einen großen Leserkreis, noch dazu in der Gesellschaft, finden können. DIE DETMOLDER OMELETTE 51 Kurz bevor ich nach Kiel berufen worden war, hatte eine große englische Wochenschrift, die „Saturday Review", das Catonische Macht- und Neiddiktat wiederholend, ihr „Ceterum censeo Germaniam esse delendam" in die Welt gerufen. Um dieselbe Zeit veröffentlichte ein Reichsgerichtsrat, Otto Mittelstadt, im Hinblick auf das Umsichgreifen der sozialdemokratischen Bewegung sein Buch „Vor der Flut", das ein Schrei der Angst und Verzweiflung war. Aber hoch über allen solchen bedrohlichen Erscheinungen stand für mich als Ergebnis unbefangener Prüfung der äußeren und inneren Lage und gesammelten Nachdenkens die Notwendigkeit, unserem Volk mit dem Frieden in Ehren das von Bismarck ins Leben gerufene monarchische Reich zu erhalten, was mir auch trotz aller Klippen und Sandbänke möglich erschien. Ich gedachte der schönen Worte, die bei meinem gehebten Homer der tüchtige Hektor seinem Wagenlenker Polydamas zuruft, der, erschreckt durch den Unglück ansagenden Flug der Vögel, ihn auffordert, das Kampffeld zu verlassen: „Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches, Ob sie rechts hinfliegen, zum Tageslicht und zu der Sonne, Oder auch links dorthin, zum nächtlichen Dunkel gewendet." Ein Wahrzeichen nur gilt, das Vaterland zu erretten! Ich bat Gott, mir Kraft und Geschick für mein Amt zu verleihen, und kehrte Ende Juli wieder nach Deutschland zurück. Während meiner Abwesenheit war Herr von Böttichcr durch den bisherigen Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Graf Posadowsky, Der Fall ersetzt, Miquel an Böttichers Stelle zum Vizepräsidenten des preu- Lippe ßischen Staatsministeriums, Generalleutnant von Podbielski zum Staatssekretär des Reichspostamtes ernannt worden. Vierzehn Tage später hatte Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe, nachdem das Schiedsgericht in der Erbfolgefrage unter dem Vorsitz des Königs Albert von Sachsen den Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld für erbfolgeberechtigt erklärt hatte, die Regentschaft über Detmold niedergelegt. Der Kaiser, der leider die Lippesche Angelegenheit vom ersten Tage an rein persönlich genommen hatte, richtete beim Abzug seines Schwagers und seiner Schwester Viktoria ein Telegramm an beide, in dem er in schwungvollen Worten und allzu emphatisch erklärte, daß Detmold niemals einen besseren Herrscher und nie eine bessere Herrscherin erhalten würde als das nun leider das Land verlassende fürstliche Paar. An den deutschen Höfen, aber auch in weiteren Kreisen erregte diese Kundgebung, die politisch deplaciert war, Erstaunen und Arger. Für sie wie für die ganze Behandlung, die der Kaiser der Detmolder Frage angedeihen ließ, konnte das französische Sprichwort gelten: „Tant de bruit pour une Omelette." 52 DAS DORNENVOLLE AMT Eingedenk eines alten Bülowschen Stammbuchverses, daß der nicht schon Bülow und ein Edelmann sei, der aus großem Stamm geboren wäre oder Geld und Reich- Marschall tum habe, sondern daß Tugend und daß Höf lichkeit einenMann adelten, hatte ich von Kiel aus an meinen Vorgänger, Herrn von Marschall, einige liebenswürdige Worte geschrieben. Dieser wußte nur zu gut, daß er wie jeder, der einige Jahre im Amt war, sich manche Feinde gemacht hatte. Er wußte vor allem, daß er beim Kaiser in Ungnade gefallen war und daß diese allerhöchste Ungnade für manche Ratte unter seinen bisherigen Kollegen wie bei seinen bisherigen Untergebenen das Signal gewesen war, sein sinkendes Schiff zu verlassen. Ich wollte ihm den Abschied aus leitender Stellung versüßen und ihn gleichzeitig über seine Zukunft beruhigen. Ich schalte seine Antwort ein, die nicht nur interessant ist durch die Verteidigung seiner Haltung und Politik während der sieben Jahre seiner Wirksamkeit als Staatssekretär des Äußern, sondern auch durch ihren warmen und für mich wahrhaft freundschaftlichen Ton. An dieser Tonart hielt Freiherr von Marschall fast mit Begeisterung fest, solange ich Staatssekretär und Reichskanzler war. Ich gestehe meine Naivität, denn ich besaß damals noch nicht die Erfahrungen und infolgedessen auch nicht die Menschenkenntnis, die ich seitdem durch das Schicksal erhielt, das Goethe einen vornehmen, aber kostspieligen Lehrmeister nennt: Ich glaubte wirklich, Herr von Marschall wäre mir dankbar, daß ich ihm, der, wenn auch nicht in erster Linie, so doch zu einem guten Teil die Verantwortung für die Kündigung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland wie für die Krüger-Depesche trug, eine schöne Botschaft und damit ein Feld für neue und ersprießliche Wirksamkeit gegen mancherlei Widerstände verschafft hatte. Es ist mir in späteren Jahren sogar gelungen, beim Kaiser für ihn den Schwarzen Adlerorden durchzusetzen, den der ehemalige „Verräter" mit Freude und mit Stolz trug. Leider muß ich hinzufügen, daß seine Freundschaft für mich mit dem Tage aufhörte, wo ich mein Amt niederlegte. „Denn so ändert sich der Sinn der sterblichen Erdenbewohner, So wie die Tag' herführet der waltende Vater vom Himmel." Also sprach vor dreitausend Jahren zum verständigen Amphinomos der vielgewanderte Odysseus. Ich lasse den Brief des Freiherrn von Marschall folgen: Verehrter Freund! Empfangen Sie meinen aufrichtigsten Dank für Ihren freundlichen Brief. Niemand vermag besser zu würdigen als ich, wie schwer Ihnen der Entschluß geworden, das dornenvolle Amt anzunehmen, welches das Vertrauen Sr. Majestät Ihnen beschieden hat, aber ich darf hinzufügen, wie auf- AN DEN DEMNÄCHSTIGEN NACHFOLGER 53 richtig ich mich vom Standpunkt des allgemeinen Interesses darüber freue, in Ihnen meinen demnächstigen Nachfolger begrüßen zu dürfen. Sie werden sich erinnern, daß ich schon bei unserem letzten Zusammensein im Herbste vor zwei Jahren voraussah, daß es so kommen werde und im Interesse von Kaiser und Reich so kommen müsse, wenn ich auch damals Zweifel darüber hegte, ob Ihnen nicht die Zwischenstufe des Staatssekretärs ganz erspart werden würde. In Ihrem neuen Amte wird Ihnen vieles unendlich leichter werden als mir. Sie bringen dazu eine Kenntnis der auswärtigen Politik mit, die ich mir nur allmählich und in gewissem Sinne unvollständig aneignen konnte — und für die innere Politik genießen Sie den unschätzbaren Vorteil, daß Sie inmitten des heftigen Kampfes der Parteien nach keiner Seite hin engagiert sind. Durch eine eigentümliche Verkettung von Umständen bin ich in den Fragen, die heute am stärksten die Leidenschaften erregen, nämlich denjenigen der Wirtschaftspolitik, nicht nur in den Vordergrund getreten, sondern allmählich in eine Stellung geraten, die mich meine parlamentarischen Kämpfe mit verkehrter Front fechten ließ, d. h. gegen die Rechte, der ich einst als Fraktionsmitglied angehörte, und unter dem Beifall der Linken, deren politische Grundsätze ich, seitdem ich politisch denken kann, allzeit bekämpfte. Auch Ihnen wird es beschieden sein — und zwar in nächster Zeit —, gegen agrarische Wünsche und Forderungen Stellung zu nehmen, aber darum wird gegen Sie nicht der Sturm entfesselt werden wie gegen mich, den Träger der gehaßten Handelsvertragspolitik. Und ich bin überzeugt, daß unter Ihnen das einzig vernünftige System wiederhergestellt werden wird, daß die parlamentarische Vertretung der Wirtschaftspolitik dem Reichsamt des Innern und dem Reichschatzamt überlassen bleibt, der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, soweit es sich um internationale Beziehungen handelt, die maßgebende Stimme behält, aber nicht nach außen hin mit handelspolitischen Programmen hervorzutreten, d. h. in den Parteikampf einzutreten braucht. Für Ihre freundlichen Wünsche betreffs meiner Gesundheit bin ich aufrichtig dankbar. Ich darf fast bestimmt erwarten, in wenigen Wochen so weit hergestellt zu sein, um meine Dienste wieder zur Verfügung zu stellen, wenn darauf reflektiert wird. Meine persönlichen Wünsche gehen nicht weiter, als noch einige Jahre für Kaiser und Reich tätig zu sein in der Stellung, die man mir anweist. Da ich annehme, daß es Ihren Wünschen entspricht, daß ich meine Dienstwohnung der notwendigen Veränderungen und Ausbesserungen halber bald räume, so werde ich gegen Ende August nach Berlin kommen, um das Nötige zu besorgen. 54 MARSCHALLS SCHLUSSFLOSKEL Mit der Bitte, Ihrer Frau Gemahlin mich angelegentlich empfehlen z wollen, bin ich in freundschaftlicher Verehrung Ihr ergebenster Marschall Neuerahausen, Station Hugstetten in Baden, 4. Juli 1897. IV. KAPITEL Besprechungen mit Kiderlen, Miquel und Hohenlohe • Telegramm von Francesco Crispi • Fahrt nach Kiel • Langer Spaziergang mit Wilhelm II. unter Erörterung der Flottenfrage • Abfahrt nach Peterhof • Die Kaiserliche Umgebung: Lucanus, Hahnke, Senden, August Eulenburg, Plessen A ls ich Anfang August in Berlin eintraf, suchte ich den Fürsten Hohenlohe, JLA-den Finanzminister von Miquel und den bisherigen Reisebegleiter des Bei Kaisers Herrn von Kiderlen auf. Fürst Hohenlohe sagte mir, daß er zu Hol] K.id Lande nach Peterhof fahren werde, die Seereise wäre ihm unbequem, auch wünsche er sich kurze Zeit in Wilna und Werki aufzuhalten. Er redete mir zu, mit dem Kaiser auf der „Hohenzollern" zu fahren. Ich frug Kiderlen, ob er den Kaiser nach St. Petersburg begleiten werde, welche Frage er verneinte. Ich ermunterte ihn, gerade diese Reise mitzumachen: „Qui va ä la chasse, perd sa place." Wenn er mitkomme, so stünde ich ihm dafür ein, daß ich sein seit einiger Zeit getrübtes Verhältnis zum Kaiser wieder einrenken würde. Ich besäße für den Kaiser noch den Reiz der Neuheit und würde die Versöhnung erreichen. Kiderlen blieb bei seiner Weigerung und meinte in seiner derben Art: „Exzellenz, wenn Sie erst so viele Jahre wie ich diese Reisen mit ihrer Unruhe mitgemacht hätten, würde das Ganze Ihnen ebenso zum Halse rausstehen wie mir." Den Finanzminister fand ich beeindruckt durch ein Telegramm, das er wenige Minuten vorher von Seiner Majestät aus Kiel erhalten hatte. In Schlesien, Sachsen und der Lausitz hatten große Überschwemmungen stattgefunden, leider waren dabei über hundert Menschen umgekommen. Aus diesem Anlaß hatte der Kaiser an Miquel ein Telegramm gerichtet, das in kühner Gedankenverbindung jenes schwere Unglück, das der Himmel über uns verhängt habe, in Verbindung mit dem Widerstand des Reichstags gegen die Flottenbestrebungen Seiner Majestät brachte. Miquel beruhigte sich über diese allerhöchste Willenskundgebung, die ihn anfänglich verblüfft hatte, als ich ihm aus genauerer Kenntnis der Art des Kaisers darlegte, wie dieser, wenn ihn eine Idee so ganz erfülle, wie jetzt der Flottengedanke, nach jedem Argument greife, um seine Wünsche der Verwirklichung entgegenzuführen, wobei die allzu lebhafte Phantasie des hohen Herrn mitspiele. Auch als die 56 „WIE WIRD'S MIT MEINEN SCHIFFEN?" englische Regierung am 30. Juli 1897 den deutsch-englischen Handelsvertrag vom 30. Mai 1865 gekündigt und gleichzeitig den Abschluß eines neuen Meistbegünstigungsvertrags angeregt hatte, der aber lediglich die Beziehungen zwischen England und Deutschland, also unter Ausschluß der englischen Kolonien regeln sollte, sah der Kaiser in dieser Maßnahme eine direkte Bedrohung vitaler deutscher Interessen, die nur durch den beschleunigten Bau einer deutschen Flotte pariert werden könne, und richtete in diesem Sinne erregte Telegramme an den Reichskanzler und den preußischen Finanzminister. Das en clair an den greisen Fürsten Hohenlohe gerichtete Telegramm, das diesen aus seiner wohlverdienten Sommerruhe in Alt-Aussee aufscheuchen sollte, lautete: „Von tiefstem Herzen bedauere Ich die so plötzlich erfolgte Kündigung der Handelsverträge, welche einen schweren Schlag für unser armes, von Wetterkatastrophen so schwer heimgesuchtes Volk bedeutet. Dieses unqualifizierbare Vorgehen ist gleichbedeutend mit dem Beginn eines Krieges bis aufs Messer gegen unseren eben aufblühenden produktiven Staat. Das Volk wird nun erkennen, welche kostbare Zeit in den letzten zehn Jahren meinen Warnungen zum Trotz verlorenging. Hätte die sozialistische Partei nicht jahrelang alle Schiffsbauten auf das heftigste bekämpft und in unbegreiflicher Verblendung zu Fall gebracht, so wären wir jetzt nicht auf See so gut wie wehrlos und den Angriffen auf unseren Handel ganz preisgegeben. Hätten wir eine starke, Achtung gebietende Flotte gehabt, wäre die Kündigung nicht erfolgt. Als Antwort muß eine schleunige, bedeutende Vermehrung unserer Neubauten ins Auge gefaßt werden." Bevor ich den Semmering verließ, hatte ich von Francesco Crispi, dem ich brieflich mein Bedauern ausgesprochen hatte, daß es mir nicht möglich gewesen wäre, persönlich von ihm Abschied zu nehmen, aus Palermo das nachstehende Telegramm erhalten: ,,Je vous remercie de vos sentiments. Je me rappeile avec le plus grand plaisir que pendant votre mission en Italie nous avons ete d'accord en tout ce qui regardait le bien-etre de nos pays et la paix de l'Europe." Am 3. August 1897 stand ich wieder vor dem Kaiser in Kiel. Der Kaiser Beim Kaiser frug mich mit dem offenen und gewinnenden Gesichtsausdruck, den er in Kiel hatte, wenn er in guter Stimmung war und solange ihm sein Visavis sympathisch blieb: „Nun, wie wird's mit meinen Schiffen? Was haben Sie sich in den österreichischen Bergen ausgedacht?" Ich wußte, daß Wilhelm II. Vorträge, und nun gar lange Vorträge, nicht goutierte. Um einem vorzeitigen Abbrechen der Unterredung vorzubeugen, entgegnete ich Seiner Majestät, daß es sich um einen Vortrag von immerhin ein bis zwei Stunden handele. Seufzend meinte der Kaiser, dann wollten wir die Konferenz ambulando abmachen. Wilhelm II. hatte von seiner Mutter die gesund- SPAZIERGANG MIT S. M. 57 heitlich sehr zuträgliche Leidenschaft für frische Luft geerbt. Namentlich in seinen ersten Herrscherjahren hatte er die Kräfte alter Exzellenzen aus der Regierungszeit seines Großvaters auf eine harte Probe gestellt, wenn er ihre Vorträge bei raschem Gehen oder gar auf schwankendem Schiff entgegennahm. Ich war körperlichen Anstrengungen gewachsen und ging gern auf den Vorschlag eines „tüchtigen Spaziergangs" ein. Der Kaiser ließ sich mit mir an Land setzen und schritt rüstig querfeldein. Er war damals das Bild der Gesundheit und Kraft, nicht so stattlich wie sein Vater, nicht ehrfurchtgebietend wie sein Großvater, aber voll Leben und Unternehmungsgeist, eine sehr anziehende Erscheinung. Wir begegneten auf unserer Wanderung, meist auf Sandwegen und längs der Holsteinschen Knicks, nur hin und wieder Arbeitern und Tagelöhnern. Es fiel mir auf, und ich freute mich, wie völlig gleichgültig und unbesorgt der Kaiser, obschon sich weder Polizisten noch Detektive in der Nähe zeigten, auch offenbar für seinen Schutz keinerlei Maßregeln getroffen waren, gegenüber jeder Attentatsgefahr erschien. Kritische Beobachter und Beurteiler Seiner Majestät, an denen es gerade in seiner Nähe nicht fehlte, meinten, das sei der Schneid der Unwissenheit. Der Kaiser fürchte nie, was er nicht mit Händen greifen könne; trete aber die Gefahr unmittelbar vor ihn, so sei deren Eindruck auf ihn desto stärker. Ich halte auch heute diese Beurteilung für ungerecht. Der Kaiser besaß zweifellos physischen Mut. Schon daß er sich mit nur einem brauchbaren Arm zu Pferde setzte, unverzagt darauf losritt, ja Hecken und Gräben nahm, bewies seine Furchtlosigkeit. Als sich mehrere Jahre später bei Wilhelm II. eine Wucherung im Halse zeigte, was in Erinnerung an das Krebsleiden seines Vaters wohl jeden Menschen stark impressioniert haben würde, verlor er in keiner Weise die Haltung. Nervöse Zusammenbrüche traten bei ihm ein nach großen seelischen Enttäuschungen oder wo er sich vor einer schweren politischen Gefahr sah oder zu befinden glaubte, die ihn aus dem Himmel seiner Phantasien riß. Ohne ein „fool" zu sein, lebte er nun einmal oft in „a fool's paradise". Für sein seelisches Gleichgewicht war ich oft besorgt, und zu den Gründen meiner auf die Erhaltung des deutschen Friedens gerichteten Politik gehörte, wenn auch nicht in erster Linie, die Überzeugung, daß Wilhelm IL nicht wie sein Vater und Großvater oder gar der große König seelisch den Wechselfällen und Prüfungen der ganzen Belastungsprobe eines großen Krieges gewachsen sein würde. Ich bin überzeugt, daß der Kaiser dies auch selbst fühlte und daß das einer der Gründe war, aus denen er lebhaft wünschte, daß ihm die Prüfung eines großen Krieges nicht auferlegt werden möge. Während wir weiterschritten, frug der Kaiser zum zweiten Male: „Wie steht es also mit meinen Schiffen?" Ich entwickelte ihm nun 58 „NUN, DAFÜR SIND SIE JA DA!" meine leitenden Gedanken in dieser Richtung. Es stehe für mich außer Zweifel, daß wir die Milliardenwerte schützen müßten, die wir nach und nach dem Meere anvertraut hätten, unsere Schiffahrt, unsern Handel, unsere gewaltig sich entwickelnde Industrie. Die Industrialisierung Deutschlands hätte sich mit einer Vehemenz vollzogen, die nur in den Vereinigten Staaten ihresgleichen habe. Noch Ende der siebziger Jahre habe die deutsche Landwirtschaft so viele Menschen ernährt wie Industrie und Handel zusammen, beim Rücktritt des Fürsten Bismarck habe sie allein hinter der Industrie um mehr als eine Million Berufsangehöriger zurückgestanden. Es werde immer eine der wundersamsten Erscheinungen der Geschichte bleiben, daß der Staatsmann, der wie kein zweiter aus der deutschen Erdscholle emporgewachsen war, der Gutsherr von Schönhausen und Deichhauptmann des Kreises Jerichow, der Mann, von dem, als er schon lange Reichskanzler war, seine Frau sagen konnte, eine Wruke (Kohlrübe) interessiere ihn mehr als die ganze Politik, der Mann, der noch am Ausgang seines Lebens sich um jede Einzelheit in der Landwirtschaft seiner Güter kümmerte, mehr zur Industrialisierung Deutschlands beigetragen habe als irgendein anderer: „Was er webt, das weiß kein Weber." Die Gefahren einer zu weit gehenden Industrialisierung habe Fürst Bismarck ex post nicht verkannt und ihnen durch kräftiges Eintreten für den Schutz der Landwirtschaft nach Möglichkeit entgegengewirkt. Fürst Bismarck habe die nach 6einem Rücktritt erfolgte Herabsetzung der Getreidezölle durch Caprivi meines Erachtens mit Recht getadelt und trete ja gegenwärtig, wie ich glaube auch mit Recht, für die Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle ein. Mit den gegebenen Faktoren müsse man aber in der Politik immer rechnen. An der riesigen, vielleicht übertriebenen, aber nun einmal vorhandenen Entfaltung von Industrie, Handel und Schiffahrt sei nichts zu ändern. Wir müßten diese Erwerbszweige, von denen Wohlstand und Leben von Millionen Deutschen abhänge, zweifellos besser schützen, als dies bisher der Fall gewesen wäre. Sei das möglich, ohne mit England aneinanderzu- kommen ? Ganz leicht würde das nicht sein, wie dies die Politik Englands in früheren Zeiten gegenüber seinen wirtschaftlichen Konkurrenten und namentbch seefahrenden Konkurrenten zeige. Die Voraussetzung des Erfolgs sei für uns eine ruhige, vorsichtige und, wenn ich mich so ausdrücken dürfte, eine elastische Politik von unserer Seite. „Nun, dafür sind Sie ja da!" unterbrach mich der Kaiser. Ich bat Seine Majestät, nicht an meinem guten Willen zu zweifeln, dieser genüge aber nicht, ich müsse auch von ihm unterstützt werden. Er schlug mir auf die Schulter und meinte, ich könne auf seine volle Unterstützung und sein volles Vertrauen rechnen. Ich deutete an, daß es sich nicht nur um aktive Hilfe von seiner Seite handele, sondern auch, und zwar vor allem, um „negative Unterstützung". DIE GARDINENPREDIGT 59 Er dürfe nichts tun und nicht zu viel sagen, was den inneren und unter Umständen auch den äußeren Frieden gefährden könne. „Aha!" lachte der Kaiser, „nun fängt die Gardinenpredigt an! Na, nur immer los." Ich hob freimütig den sehr ungünstigen Eindruck hervor, den die Brandenburger Rede auch auf absolut königstreue Kreise ausgeübt habe, und wies darauf hin, daß es nicht vorsichtig und jedenfalls nicht nötig gewesen wäre, bei der Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Köln am Waterloo-Tage England mit dem Dreizack, der in unsere Faust gehöre, vor der Nase herumzufuchteln. Ich wisse wohl, daß wir in Deutschland, wie die Verhältnisse bei uns nun einmal lägen, den Bau der zu unserer Verteidigung nötigen Flotte nur durchsetzen würden, wenn die dazu notwendige nationale Stimmung hervorgerufen werde. Marschall und Bötticher hätten das Ziel durch Verhandlungen mit den Fraktionen und Fraktionsführern erreichen wollen, das sei so aussichtslos wie die Bemühungen der Danaiden,Wasser in ein bodenloses Faß zu schöpfen. Bei den Konservativen sei vorläufig wenig Neigung für den Bau der Flotte vorhanden. Das Zentrum würde unter Umständen mitmachen, aber verlangen, daß ihm zur Belohnung eine große Extrawurst gebraten würde. Sicher wären eigentlich nur die Nationalliberalen und vielleicht ein Teil des Freisinns, die sogenannten Wadenstrümpfler, die Hofgänger um Rickert und Barth, schwerlich aber Eugen Richter in den Wasserstiefeln seiner etwas engen und philiströsen Anschauungen. Mit heftigem Widerstand von Seiten der Sozialdemokratie wäre natürlich unter allen Umständen zu rechnen. Die Parteien und vor allem ihre Führer würden nur mitmachen, wenn wir im Lande eine starke Strömung für den Flottengedanken hervorriefen. Wir müßten die nationale Trommel rühren. „Nur zu, nur zu!" rief freudig und begeistert der Kaiser. Ich sagte ihm, daß Flottenverein, Professoren und Patrioten von allen Richtungen gewiß das ihrige tun würden. Es käme aber darauf an, dadurch nicht die Beziehungen zu England in einer nicht wieder gutzumachenden Weise zu verderben. Ich sei fest überzeugt, daß wir den Bau einer für unsere Bedürfnisse, d. h. für unsere Sicherheit und zu defensiven Zwecken ausreichenden Flotte ermöglichen könnten, ohne mit England in Krieg zu geraten, wenn wir uns aller Exzentrizitäten enthielten, andererseits England aber auch nicht dadurch die Flanke zu erfolgreichem Angriff böten, daß wir mit Rußland in Feindschaft oder gar in ernstlichen Konflikt gerieten. Der Kaiser beteuerte mir mit dem Akzent voller Aufrichtigkeit, daß er nichts sehnlicher wünsche, als mit Rußland die Freundschaft wiederherzustellen, die zu den Zeiten seines Großvaters und seines Urgroßvaters die beiden Höfe und die beiden Länder verbunden habe. „Und dann sollen die Engländer vor Neid platzen." Ich erwiderte, man dürfe sich in der Politik nie von dem Wunsche leiten lassen, diesen oder jenen zu ärgern. Also nicht Rußland 60 DER MANGEL AN KONTINUITÄT entgegenkommen, nur um England zu ärgern, und umgekehrt! Eine ruhige, sachliche Politik nach beiden Seiten, ohne sich weder von dem einen noch von dem andern vorschieben und ausbeuten zu lassen, aber auch ohne dem einen oder dem anderen nachzulaufen, damit kämen wir am weitesten. Ich fühlte, daß ich dem Kaiser schon etwas zu sehr als Mentor erschien, der seinen Tele- mach mit grauer Theorie plagt, statt ihm Früchte vom Baum des Lebens zu reichen. „Die Leute bei uns müssen aber Ziele haben", meinte er, „ohne Ziele, ohne daß die Leute sehen, daß wir etwas erreichen, daß wir auch mitsprechen, ist keine Stimmung zu erzielen. Bismarck hat doch auch Kolonien erworben." Ich räumte die Richtigkeit dieses Hinweises ein. Vielleicht ließe sich auf diplomatischem Wege dies oder jenes in Polynesien machen. Auch in Ostasien liege für deutschen Unternehmungsgeist ein weites, überaus fruchtbares Feld. Ich hätte in den Akten, die ich im Semmering studiert habe, gesehen, daß von Seiten der Marine an allerlei Stützpunkte an den zukunftsreichen Gestaden des Stillen Ozeans gedacht werde. Es käme darauf an, den richtigen Moment abzuwarten und dann zu erfassen. Ostasien auf der einen Seite, Kleinasien auf der anderen wären Länder, wo wir uns nicht ganz ausschalten lassen dürften. Wir müßten aber vorsichtig operieren. Mein wiederholter Hinweis auf die gebotene Vorsicht namentlich auch in Worten wurmte den Kaiser, den meine Mißbilligung seiner Kölner Dreizackrede ohnehin verstimmt hatte. Ich bat ihn, mich nicht für ängstlich zu halten. Ich hoffte, ihm noch beweisen zu können, daß ich dies nicht wäre. Aber wir dürften die Lehren der deutschen Geschichte nicht vergessen. Das tragische Verhängnis der deutschen Geschichte sei ihr Mangel an Kontinuität. Treitschke habe mit Recht von den spärlichen Silberblicken in unserer Geschichte gesprochen, von jener deutschen Kaiserherrlichkeit des Mittelalters, die dahinging wie der Traum einer Sommernacht. Wir sähen in Deutschland auf keine einfache, ungebrochene Entwicklung zurück wie Frankreich, wo Thiers in einer für die Franzosen schwarzen Stunde, im Februar 1871, in Bordeaux in der Nationalversammlung tröstend auf die „admirable unite de l'histoire de la France" hingewiesen habe, wie in England, wo noch heute die Nachkommen der Staatsmänner regierten, die unter der Königin Elisabeth und mit König Wilhelm III. die Geschicke des Landes geleitet hatten, und wo die heute Regierenden die Geschäfte nach denselben Gesichtspunkten und ungefähr mit den gleichen Mitteln führten wie einst ihre Vorfahren. Wir dürften im Hinblick auf unsere oft unglückliche, verbogene Geschichte nie die Gefahr von Rückschlägen vergessen. Dazu fordere uns auch die preußische Geschichte auf mit ihren herrlichen Aufstiegen, denen aber bisweilen furcht- PRO PACE ET IMPERATORE (»1 bare Rückschläge gefolgt wären. Mein früherer Chef in St. Petersburg, General von Schweinitz, habe seinem ältesten Sohne selbst Geschichtsunterricht erteilt und dabei mit besonderer Sorgfalt und eingehend die Katastrophen von 1806 und 1848 behandelt. Solche Lehren unserer Geschichte mahnten zur Vorsicht. Zu den vielen guten Eigenschaften Wilhelms II. gehörte eine ungemein schnelle Auffassungsgabe, wie sie mir gleich rasch selten vorgekommen ist. Wo er ohne vorgefaßte Meinung war, an der er freilich unter Umständen mit dem Eigensinn festhalten konnte, der ein Erbteü seiner weifischen Mutter war, und wenn keine persönliche Ranküne bei ihm bestand, war er für gute Argumente empfänglich. „Ja, der Mensch soll sich überwinden können", meinte er schließlich mit einer mich tief bewegenden, weil herzlichen Aufrichtigkeit. „Wer überwindet, der gewinnt! Diesen Spruch hat meine gute Frau auf Pergament mit blauen Buchstaben malen, ihn schön einrahmen lassen und mir dann auf meinen Berliner Schreibtisch gestellt. Ich werde unser heutiges Gespräch nicht vergessen. Pro pace etimperatore." Der Kaiser hatte für römische Schriftsteller und Dichter wenig übrig, liebte es aber, seine Gedanken in kurze lateinische Schlagworte zu fassen: Tarnen, Semper talis, Nunquam retrorsum, pro Rege et grege u. ä. Wir waren inzwischen wieder am Anlegeplatz der „Hohenzollern" angelangt, auf der schon das Mittagsmahl auf den Kaiser wartete. Am Abend Abfahrt nach des 4. August trat die „Hohenzollern" die Fahrt nach Peterhof an. Der Kaiser Peterhof war auf dieser Reise begleitet von den Chefs seiner drei Kabinette, Herrn von Lucanus, General von Hahnke und Admiral Freiherrn von Senden, von dem Oberhof- und Hausmarschall Graf August zu Eulenburg, dem Kommandanten des Großen Hauptquartiers, General von Plessen, und von mir als kommissarischem Staatssekretär des Äußern. Herr von Lucanus war dem Kaiser während dessen Kronprinzenzeit vom Fürsten Bismarck als Kabinettsrat mit den Worten empfohlen worden: „Der holt Ihnen die Mütze aus jedem Dreck." Sein Vorgänger war Herr von Brandenstein gewesen, der Sprosse einer hochkonservativen Familie, Heidelberger Saxo-Borusse, Korpsbruder und Freund von Leo Buch, der später die Konservativen im Herrenhaus mit Festigkeit und Klugheit geführt hat. Brandenstein gehörte der schärferen Richtung der Konservativen an, die er hie und da auch nach außen zur Schau trug. Er sollte in späterer Zeit bei vielen braven Philistern Ärgernis durch eine Rede im Abgeordnetenhaus erregen, in der er darüber klagte, daß in der Neuzeit ein „anständiger" Mann in die Lage versetzt werden könne, in einem Abteil zweiter oder selbst erster Klasse mit Leuten zusammen zu sitzen, die Röllchen statt angenähter Manschetten trügen. Fürst Bismarck liebte seit seinen Reibungen mit den 62 DAS LIEBESMAHL Konservativen, die schon Ende der sechziger Jahre und in stärkerem Maße in der ersten Hälfte der siebziger begannen, die scharfen Konservativen nicht, obwohl er selbst aus ihren Reihen hervorgegangen war und manche ihrer Anschauungen bis an sein Lebensende teilte. Als dem Fürsten in seiner späteren Amtszeit für den Posten des Oberpräsidenten in Breslau ein Herr von Seydewitz vorgeschlagen wurde, der sich für diese Stellung nicht nur als geborener Schlesier, sondern auch durch andere Eigenschaften qualifizierte, schrieb er an den Rand: „Nein! Er ist ein Kreuzzeitungsmann, und die setzen den Parteistandpunkt über die Staatsräson." Brandenstein schien dem großen Kanzler für den künftigen Kaiser nicht der geeignete Berater. So wurde der tüchtige Mann aus der Umgebung des damaligen Kronprinzen entfernt und als Regierungspräsident nach Hannover versetzt. Im Hinblick auf seine Arbeitskraft, seine Geschäftskenntnisse und seinen aufrechten Charakter habe ich mich später bemüht, seine Fähigkeiten im Interesse des preußischen Staats zu verwerten. Ich nahm ihn als Oberpräsidenten für Königsberg in Aussicht, vielleicht mit einer Zwischenstation als Regierungspräsident in Düsseldorf, drang aber damit nicht beim Kaiser durch. Als ich Brandenstein für Düsseldorf nannte, meinte der Kaiser lächelnd: „Das geht wirklich nicht, Brandenstein kneipt zu gern, und in Düsseldorf gibt es zu gute Rheinweine. Er wird sich, dort angekommen, bezechen und in den Rhein fallen, und ich bin mit meinem Regierungspräsidenten blamiert." Von Königsberg wollte der Kaiser noch weniger wissen. „Das geht erst recht nicht, da gibt es zu guten Grog." Woher diese Besorgnisse ? Der Kaiser hatte vor Jahren in Hannover einem Liebesmahl bei seinem 13. Ulanenregiment, den Königsulanen, beigewohnt. Während des Essens war, wie dies gelegentlich vorkommt, nach allgemeiner und lebhafter Konversation eine Stille eingetreten. Wie man zu sagen pflegt: ein Engel ging durch das Zimmer. In diesem Augenblick hörte man einen Herrn ungewöhnlich laut sprechen. Der Kaiser fragte seinen Nachbar, den Generalfeldmarschall Grafen Alfred Waldersee, der nach dem deutsch- französischen Krieg die 13. Ulanen kommandiert hatte, wer da so laut krähe. Waldersee mochte Brandenstein nicht, der bei der streng denkenden, hoch kirchlichen Gräfin Waldersee, übrigens einer ausgezeichneten Frau, einer geborenen Amerikanerin mit puritanischer Weltanschauung, für einen losen Zeisig galt. „Das ist Brandenstein", antwortete also Waldersee Seiner Majestät, „der ist schon wieder betrunken." Wer in der Umgebung eines mächtigen Mannes lebt, möge dieser nun ein Souverän oder ein republikanischer Staatschef, ein Minister oder ein einflußreicher Parlamentarier sein, sollte, wie dies Beispiel zeigt, sich sorgsam vor abfälligen Bemerktingen über Außenstehende hüten. Lobende und anerkennende DER SENDBOTE 63 Äußerungen finden selten dauernden Widerhall, tadelnde, gehässige und persiflierende Auslassungen haften dagegen sehr häufig. „Der Menschen Sünden leben fort in Erz; Ihr edles Wirken schreiben wir ins Wasser!" sagt in Shakespeares „König Heinrich der Achte" der Marschall der Königin Catharina, der würdige Griffith, zu seiner unglücklichen Herrin. Herr von Lucanus war alles in allem von den beiden Bewerbern um die so wichtige Stelle zweifellos der geeignetere. Das Zentrum mochte ihn nicht, Lucanus weil es nicht vergessen konnte, daß Lucanus während des Kulturkampfes unter dem Minister Falk im Kultusministerium tätig gewesen war. Auch die Konservativen liebten Lucanus nicht, den sie für einen liberal gerichteten Beamten hielten. Er gehörte in der Tat zu jener Schule altliberaler Geheimräte, die unter Friedrich Wilhelm III. Preußen verwaltet hatten, unter Friedrich Wilhelm IV. vielfach von Romantikern, Pietisten und Hyperkonservativen verdrängt worden waren, von Bismarck nicht geliebt wurden, aber unter ihm doch wieder in die Höhe kamen, da sie ihm durch ihre Tüchtigkeit und durch ihr ausgesprochenes Staatsbewußtsein unentbehrlich waren. Herr von Lucanus besaß nicht nur eine jeder Anforderung gewachsene, immer parate Arbeitsfreudigkeit und Arbeitsfähigkeit und ungewöhnliche Kenntnisse auf allen Gebieten der Gesetzgebung und Verwaltung, sondern, und das ist das höchste Lob für ihn, sein Leitstern war im letzten Ende immer die Staatsräson. Er machte sich keine Illusionen darüber, daß manche Eigentümlichkeiten und Eigenschaften Kaiser Wilhelms II. ernste Gefahren für den Monarchen selbst wie für das Land in sich bargen. Aber eben deshalb sah er seine Aufgabe darin, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die Regierung gerade dieses Monarchen für ihn selbst und sein Haus wie für Preußen und Deutschland ohne nachhaltigen Schaden ablaufe. Herr von Lucanus besaß eine Schnelligkeit im Redigieren, wie sie mir selten begegnet ist. Als auf der „Hohenzollern" im Sommer 1898 die Nachricht vom Tode des Fürsten Bismarck eintraf, verfaßte Herr von Lucanus, auf einer Bank der kaiserlichen Jacht sitzend, den Taschenbleistift in der Hand und einen Papierblock auf den Knien, in einer Viertelstunde die anläßlich des Heimgangs des größten deutschen Staatsmanns vom Kaiser an das deutsche Volk und seine Fürsten zu richtende Kundgebung, die, was in Deutschland nicht häufig ist, allgemeine Zustimmung fand. Fürst Bismarck grollte seit seinem Rücktritt Herrn von Lucanus, weil dieser ihm im unheilvollen Märzmonat 1890 die kaiserliche Weisune über- D bracht hatte, schleunigst seinen Abschied einzureichen. Der Fürst hatte sich selbst oft genug über jene Könige des Mittelalters lustig gemacht, die 64 DER APOTHEKER den Boten, der eine Trauerkunde brachte, an dem nächsten Baum aufknüpfen ließen. Das große Publikum sah in Herrn von Lucanus vor allem den Beamten, der den für den Abschied reifen Ministern die seidene Schnur zu überbringen hatte. Man konnte ihn auch dem Hermes-Psychopompos vergleichen, der im 24. Gesang der Odyssee die Seelen der erschlagenen Freier in den Hades und zur Asphodeloswiese führt, in den Händen den Machtstab, schön aus Gold gebildet, und schwirrend folgen die Seelen. Eugen Richter hat dieses Thema in seiner „Freisinnigen Zeitung" in vielen Variationen und nicht ohne Witz behandelt. Kiderlen, der eine lose Zunge hatte, war mehrfach, aber vergebens bemüht gewesen, Herrn von Lucanus dadurch beim Kaiser zu ridikülisieren, daß er erzählte, Lucanus sei der Sohn eines Halberstädter Apothekers. Damit hatte er auf Wilhelm II. gar keinen Eindruck gemacht. Der Kaiser dachte viel zu vorurteilslos, um irgend jemandem seine Abkunft vorzuwerfen, geschweige denn die Abstammung von einem Pharmazeuten, wo doch gerade die Apothekerkunst besondere Sorgfalt, Vorsicht und gute Kenntnisse verlangt und schon bei den Griechen wie bei den Arabern, im Italien des früheren und im Deutschland des späteren Mittelalters hoch in Ehren stand. Der Tod des Kabinettsrats von Lucanus, der im August 1908 mit 77 Jahren in seinem Amt verschied, war ein schwerer Verlust für Kaiser Wilhelm IL, zumal der erfahrene und kluge Staatsmann, der zwei Jahrzehnte hindurch der Krone und dem Land hervorragende Dienste geleistet hatte, durch den subalternen, ganz mittelmäßigen Herrn von Valentini ersetzt wurde. Der Chef des Militärkabinetts, der damalige Generaladjutant, spätere Hahnke Generalfeldmarschall von Hahnke, war ein würdiger Vertreter der ruhmvollen Infanterie unseres alten Heeres. Er war aus der Gardeinfanterie hervorgegangen, an der er mit allen Fasern hing. Nahe Freundschaft hatte ihn viele Jahre mit einem anderen Vorbild jedes echten preußischen Gardeinfanteristen verbunden, mit dem Generaloberst von Pape, der am 18. August 1870 den Angriff der 1. Garde-Infanterie-Division auf St-Privat führte. Mochte die militärische Kritik aus Gründen der Taktik an diesem berühmten Angriff noch so viel aussetzen, mit Stolz gedachte jeder Gardist und jeder gute Preuße des herrlichen Angriffs, den ein Wandgemälde in der Ruhmeshalle darstellt. Der Garde war befohlen worden, nachdem sie geschossen hatte, sich auf die Erde zu werfen, damit die feindliche Salve über sie weggehe. Sie blieb aber stehen und schwenkte die Helme mit dem lauten Ruf: „Vorwärts! Nur immer vorwärts!" Im heftigsten Feuer war General von Pape die Front heruntergeritten. Von seinem zahlreichen Stabe wurden alle Offiziere getötet oder verwundet bis auf den Leutnant von Esbeck- Platen, der später lange Jahre diensttuender Zeremonienmeister war, ein Fürst Bismarck auf dem Balkon seines Hauses in Friedrichsruh beim Empfang studentischer Deputationen DER SCHÜTZENHERZOG VON KOBURG 65 unendlich höflicher, feiner Hofmann, dem man jene Feuerprobe nicht ansah. Er erinnerte ein wenig an die Figur des Aramis in dem berühmten Buch von Dumas pere: „Les trois mousquetaires", das in meiner Jugend das Entzücken aller der französischen Sprache mächtigen Knaben war. Bei jenem Angriff auf St-Privat waren die Verluste für die damalige Auffassung unverhältnismäßig groß gewesen, die „Kreuzzeitung" schrieb, daß Preußens Adel ein Jahr lang in Trauer gehen werde, und der „Kladderadatsch" brachte aus der Feder von Ernst Dohm ein herrliches Gedicht auf die Ernte, die der Tod mit mähender Sichel unter der Blüte des Heeres gehalten habe. Seitdem haben wir uns an noch ganz andere, viel schwerere Blutopfer gewöhnen müssen, und die Prophezeiung des Fürsten Bismarck, daß auf den nächsten Krieg die französische Wendung von dem „saigner ä blanc" zutreffen würde, fand eine nur zu furchtbare Bestätigung. Am 18. August 1870 hatte bei St-Privat die preußische Infanterie ihren größten Ehrentag seit Leuthen gehabt. Wie bei Leuthen war alles niedergebrochen, als sie vorrückte mit voller Wucht. „Als ging durch alle Glieder der Front ein eisern Niet, Trat sie vernichtend nieder in Staub, was nicht entflieht." Der alte Russe Suwarow hatte bekanntlich gesagt, die Kugel wäre eine Närrin, das Bajonett aber ein braver Kerl. Ahnlich dachten von oben bis unten vor dem Weltkrieg viele im preußischen Heere und namentlich in der Garde. Vom taktischen, strategischen und NützUchkeits-Standpunkt aus betrachtet, gewiß mit Unrecht. Aber zum ewigen Ruhme derer, die damals wie jetzt im Weltkrieg das höchste Heldentum betätigten, das die Welt seit Marathon und Platää gesehen hat. General von Hahnke hatte auch im bürgerlichen Leben stets den Kopf hoch getragen. Er war längere Jahre Adjutant des Herzogs Ernst von Koburg gewesen, von dem König Friedrich Wilhelm IV. spöttisch behauptete, er trage sich mit dem Ehrgeiz, in Mitteldeutschland ein Königreich Ostfalen zu gründen, und der in der ersten Hälfte der sechziger Jahre als „Schützen-Ernst" eine gewisse Popularität besaß. Damals hieß es vielfach, Ernst II. wolle auf dem Wege der Volkswahl Deutscher Kaiser werden. Das Jahr 1866 machte allen solchen Velleitäten ein Ende. Der Herzog schloß sich mit Elan an Preußen an, nahm an der Schlacht von Langensalza, wenn auch mehr im Hintergrunde, teil und machte seinen Frieden mit Bismarck. Einen Augenblick soll Ernst II. gehofft haben, an die Stelle der Albertiner in Dresden treten und so für die ernestinische Linie des Hauses Wettin eine wenn auch späte Rache an den Albertinern für ihren Verrat von 1547 nehmen zu können. 5 Blilowl 66 DIE ÄHNLICHKEIT DES KAISERS MIT IHM General von Hahnke erzählte manches von dem Hofe des Herzogs, der es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nahm, was ihm die große Gutmütigkeit seiner Gemahlin, einer Prinzessin von Baden, erleichterte. Die etwas lockeren Sitten am damaligen Koburger Hofe und insbesondere das Temperament des Herzogs sollen Gustav Freytag bei seinem Roman „Die verlorene Handschrift" vorgeschwebt haben. Der Hauptmann von Hahnke behauptete auch in diesem Milieu seine aufrechte und unabhängige Haltung. Nachdem er manches gesehen und erlebt hatte, was ihm nicht zusagte, ließ er seine Frau, eine Schwester des späteren Kommandierenden Generals des 8. und 14. Armeekorps, des Generaladjutanten Adolf Bülow, und des langjährigen Reisebegleiters Kaiser Wilhelms I. und nachmaligen Gesandten beim Vatikan, Otto Bülow, nicht mehr zu Hofe gehen. Der Herzog stellt ihn darüber zur Rede. Als er, die Gründe für die spröde Haltung seines Adjutanten ahnend, mit Schärfe daran erinnerte, daß die Frau Herzogin an den Festen des Herzogs gern teilnähme und keinen Anstoß an den Eingeladenen nähme, erwiderte Herr von Hahnke kurz: „Was sich für die Frau Herzogin paßt, paßt sich noch lange nicht für meine Frau." General von Hahnke hat mir oft gesagt, wie sehr ihn Wilhelm II. an seinen Onkel Ernst von Koburg erinnere. Natürlich nicht in puncto Moral, denn das Familienleben des Kaisers war vorbildlich, seine Ehe rein, seine Häuslichkeit, was das Verhältnis der beiden Ehegatten zueinander wie zu den Kindern betraf, konnte jedem deutschen Hause zum Vorbild dienen. Aber wenn General von Hahnke den Gang des Kaisers sah, der, wenn der hohe Herr sich ungezwungen gab, etwas trippelnd war, die hochgezogene Schulter, und vor allem wenn er den Kaiser erzählen und namentlich fabulieren hörte, fühlte sich der General lebhaft an Ernst II. erinnert. Der Herzog hatte sich während der Erhebung der Elbherzogtümer gegen Dänemark dem schleswig-holsteinischen Heere angeschlossen und befand sich gerade in Eckernförde, als das dänische Linienschiff „Christian VIII." die Stadt beschoß. Die Art und Weise, wie er diesen Tag beschrieb, hatte verschiedene Variationen oder, richtiger gesagt, Steigerungen durchgemacht. Zuerst war er nur Zuschauer gewesen, dann hatte er von einem Feldherrnhügel die Abwehr dirigiert und schließlich selbst den Schuß abgefeuert, der das dänische Schiff traf. Uber seine Beteiligung an der Schlacht von Langensalza pflegte er auch mancherlei Phantastisches zu erzählen, und während des Deutsch-Französischen Krieges erregte er unliebsames Aufsehen durch die kritischen Bemerkungen, die er aus dem sicheren „Hotel des Reservoirs" in Versailles, wo die deutschen Fürsten während der Belagerung von Paris sich aufzuhalten pflegten, über die militärischen Aktionen abgab, wobei es namentlich nicht an Seitenhieben gegenüber den beim Herzog von Koburg nicht gut angeschriebenen Sachsen des Königsreichs SIMON MEYER 67 fehlte. Der „Kladderadatsch" widmete dem Herzog damals die nachstehenden köstlichen Verse: An einen hohen Schlachtenbummler Variationen über das Thema: „hätten die Sachsen besser eingegriffen" Zwar hast Du diesmal Dir den Kriegermut, Die Heldentaten meisterlich verkniffen; Bei manchem hübschen Kind, manch jungem Blut Hast ehmals Du viel besser eingegriffen. Gesichert, wo der eh'rne Würfel fiel, Und fern der Wahlstatt, wo die Kugeln pfiffen, Hast einst im lustigen Komödienspiel Als Bolingbroke Du besser eingegriffen. Die armen Sachsen, die Du rezensiert, Mit einem Takt, so zart, so fein geschliffen! Hätt'st Du statt dessen selbst sie angeführt, Meinst Du, sie hätten besser eingegriffen? Von Klatschbasen ist namentlich in England die Behauptung verbreitet worden, der wirkliche Vater des Herzogs Ernst von Koburg und seines Bruders, des Prince-Consort von England, sei nicht Herzog Ernst I. von Koburg, sondern ein Jude namens Simon Meyer gewesen. Daran wurden dann allerlei mehr oder weniger schlechte Witze über S. M. in seiner zweifachen Auslegung geknüpft. Es soll richtig sein, daß mancherlei gegen die Vaterschaft des Herzogs Ernst I. von Koburg spricht. An den thüringischen Höfen aber war man, wie mir gelegentlich ein thüringischer Prinz erzählte, fest davon überzeugt, daß es sich keinesfalls um einen Herrn Simon Meyer, sondern im schlimmsten Fall um einen Herrn von Ziegesar handle, und „das ist", fügte jener thüringische Prinz beruhigend hinzu, „eine sehr anständige adlige Familie". Ich habe nie etwas müßiger gefunden, als solche Recherche de la paternite. Nicht nur weil ein derartiges Herumschnüffeln widerwärtig ist, sondern auch weil wir vor Gott alle gleich sind, alle arme Menschen mit menschlichen Unvollkommenheiten und Schwächen, wie auch unsere Blutmischung sein möge. Das war übrigens auch die Ansicht Kaiser Wilhelms II., der mir einmal eine hübsche Äußerung seiner Tante, der Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein-Sonderburg- Augustenburg, erzählte. Bei der Tragödie Struensee spielten die Beziehungen jenes Unglücklichen zu der Königin Karoline Mathilde von Dänemark eine große Rolle. Die Königin war durch einen niederträchtigen Betrug veranlaßt worden, unerlaubte Beziehungen zu dem früheren Arzt und späteren Staatsminister Struensee einzugestehen. Nicht lange nach der Hinrichtung von Struensee und der Verbannung der Königin wurde letztere von einer 5« 68 ADMIRAL VON SENDEN Tochter entbunden, die später den Herzog von Augustenburg heiratete, den Großvater der Prinzeß Henriette und Urgroßvater der Kaiserin Auguste Viktoria. Nach Lage der Dinge war es im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß jene nach dem Trauerspiel Struensee geborene Prinzessin Luise Auguste von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg die Tochter des Königs Christian VII. von Dänemark sein sollte. Als nun, erzählte mir der Kaiser, die Prinzessin Henriette gelegentlich von einer anderen Prinzessin wegen ihrer angeblichen Abstammung von Struensee gehänselt wurde, erwiderte sie: „Ich will lieber von einem gescheuten Arzt abstammen als von einem vertrottelten König." Kaiser Wilhelm II. fand diese Antwort ausgezeichnet. Er war wirklich kein Philister, wie ich gegenüber August Bebel einmal im Reichstag sagte. Der Chef des Marinekabinetts, Admiral Freiherr von Senden-Bibran, Admiral war der Sohn eines schlesischen Barons, der im österreichischen Dienst ge- Senden- standen hatte. Er selbst war in jungen Jahren in die deutsche Marine ein- Bibran g etreten? an ft eT er m j t Leidenschaft, man kann sagen mit Fanatismus hing. Außerhalb der Marine existierte nichts auf der Welt für den alten Junggesellen, der weder Weib noch Kind und nur wenige Freunde hatte. Solche Hingebung an die Sache war an sich schön und konnte auch nützlich wirken, wenn sie nicht zu völliger Einseitigkeit geführt hätte. Zu dem vielen, das, verglichen mit der Flotte, für Herrn von Senden nicht auf der Welt war, gehörten leider auch politische Rücksichtnahme und Vernunft. Die Liebe des Admirals von Senden für die Flotte ging so weit, daß er in ihrem Interesse auch den Admiral von Tirpitz hielt und stützte, den er persönlich haßte, aber für den einzigen Mann hielt, dessen organisatorische Befähigung und Energie einen raschen und zweckentsprechenden Ausbau der Flotte sicherten. Zur Zeit des Admirals Hollmann, der von 1890 bis 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamts gewesen war, der zu den sogenannten „Freunden" des Kaisers gehörte und, wie die meisten dieser Herren, Seiner Majestät gegenüber sehr nachgiebig war, hatte sich trotz aller Gegenvorstellungen des Admirals von Senden Wilhelm II. mehr als gut in Bau und Konstruktion der Kriegsschiffe eingemischt. Der Kaiser zeichnete mit Vorliebe Pläne für Häuser, für Schlösser, für Kirchen und namentlich für Schiffe. Die zeichnerische Begabung und die Lust am Zeichnen hatte Wilhelm II. wie vieles von seiner Mutter geerbt. Wie auf manchen anderen Gebieten war auch hier bei ihm die Kraft schwach, allein die Lust 'war groß. Während Admiral Hollmann Staatssekretär des Reichsmarineamts war, kam es häufig vor, daß der Kaiser die Konstruktionsabteilung direkt zu beeinflussen suchte. Er war bestrebt, hinsichtlich der Schiffsbauten überall und bei jedem Anlaß persönlich einzugreifen. In den neunziger DER KAISER ALS SCHIFFSZEICHNER 09 Jahren hatte der Kaiser bei einem Besuch in Italien die Bekanntschaft des damaligen italienischen Marineministers, des Admirals Brin, gemacht, der für einen der hervorragendsten Schiffskonstrukteure in Italien und selbst in Europa galt. Nach langen Gesprächen über die beste Art, Schiffe und insbesondere große Schlachtschiffe zu bauen, hatte der Kaiser den Admiral Brin gefragt, ob er ihm den Plan für den Bau eines Kampfschiffes übersenden dürfe, den er mit besonderer Sorgfalt ausgearbeitet habe und der die Frucht jahrelanger Studien, sauren Fleißes und vielen Nachdenkens wäre. Einige Wochen später erhielt der Minister Brin aus Potsdam den ihm in Aussicht gestellten Plan. Er schickte die Zeichnung dem Kaiser mit einem Brief zurück, der ein Meisterstück italienischer Feinheit, aber auch kühler Ironie war. „Das Schiff, das Eure Majestät bauen wollen", schrieb etwa der Admiral, „wird das mächtigste, furchtbarste und dabei schönste Kriegsschiff werden, das je gesehen wurde. Es wird eine Schnelligkeit entfalten, die noch nirgends erreicht wurde, seine Armatur übertrifft alles bis heute Dagewesene, seine Masten sind die höchsten, seine Geschütze die weitest- tragenden der Welt. Dabei ist es im Innern prächtig eingerichtet, es muß ein wahres Vergnügen sein, auf diesem Schiff zu fahren, für die ganze Mannschaft, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen. Das herrliche Fahrzeug hat nur einen Fehler: wenn es auf Wasser gesetzt wird, geht es unter wie eine bleierne Ente." Der Kaiser hat dem Admiral diese Antwort gar nicht übelgenommen. Es war ein in hohem Grade sympathischer Zug des Kaisers, und dadurch unterschied er sich von vielen anderen Fürsten, daß er für eine mit Geist vorgebrachte Kritik nicht empfindlich war — vorausgesetzt, daß sie nicht nach außen drang. Darum hatten es seine persönlichen Freunde leicht mit ihm, denn zwischen ihnen und Seiner Majestät spielte sich alles in der Intimität ab. Die Minister hatten es schwer, denn sie standen vor der Öffentlichkeit und der Kaiser mit ihnen. Aus den soeben angedeuteten Gründen, weil neben seinem Eifer für die Marine keine andere Erwägung für ihn bestand, hat der Admiral von Senden Des Kaisers auf die Beziehungen zwischen dem Kaiser und seinem Onkel, dem König Umgebung Eduard VII., und damit auf die deutsch-englischen Beziehungen sehr schädlich eingewirkt. Senden war, was man in Norddeutschland „stur" nennt. Er war leider auch sehr taktlos. Die Herren, die Wilhelm II. umgaben, hatten mit verschwindenden Ausnahmen viele treffliche Eigenschaften. Sie wurden von Außenstehenden oft ungerecht beurteilt. Es fehlte ihnen weder an Pflichttreue, noch an Wahrheitsliebe, noch an Unabhängigkeit der Gesinnung, aber Takt war nicht die Signatur der neuen Generation. Am Hofe Kaiser Wilhelms I. war der Ton sehr taktvoll. Von dem Milieu, in dem Wilhelm II. lebte, ließ sich dies auch mit dem besten Willen nicht behaupten. Selbst Philipp Eulenburg und Kuno Moltke konnten und wollten IHHHnHMHBNHMHIHllBHiHMI^^H£ttS3 70 STEINE DES ANSTOSSES dies nicht bestreiten, hatten aber dafür eine Formel gefunden: „Taktlosigkeit ist Männlichkeit." Der Admiral von Senden wurde häufig vom Kaiser in besonderen Aufträgen nach England geschickt und kam fast nie zurück, ohne dort durch Mangel an Takt Anstoß erregt zu haben. Mit Vorliebe sprach er in den Londoner Klubs davon, daß wir uns eine Riesenflotte bauen und, wenn diese erst fertiggestellt wäre, ein ernstes Wort mit England sprechen würden. Besonders schädlich wirkte ein Zwischenfall, der sich kurz vor meiner Ernennung zum Staatssekretär abgespielt hatte. Der Kaiser hatte Senden nach London geschickt mit einem Geschenk für seinen Onkel, den damaligen Prinzen von Wales, das dem Kaiser schön und geschmackvoll erschien, das der verwöhnte und raffinierte Oheim aber nicht besonders goutierte. Da der lebenslustige Prinz von Wales überdies alle mögüchen anderen Dinge vorhatte, so fand er nicht Zeit zu einer eingehenden Unterhaltung mit dem Abgesandten des Kaisers. Als der empfindliche Admiral bei seiner Rückkehr nach Potsdam Seiner Majestät dies meldete, wahrscheinlich en brodant im peu, mit einiger Ausschmückung und tendenziöser Zuspitzung, geriet der Kaiser in Zorn und schrieb seiner Großmutter, der Königin Victoria, einen Brief, in dem er sich in starken und stark übertreibenden Wendungen über die ihm durch die schlechte Behandlung seines Abgesandten widerfahrene Kränkung beschwerte. Der Prinz von Wales erklärte alles, was der Admiral von Senden über die ihm zuteil gewordene Behandlung erzählt hatte, für unwahr und hat ihm das, was er eine „häßliche Klatscherei" nannte, nie vergessen. Jedesmal, wenn der Kaiser nach England kam oder sein Oheim nach Deutschland, fanden lange und peinliche Verhandlungen darüber statt, ob der Oheim Herrn von Senden empfangen würde oder nicht. Es ist traurig, zu sagen, daß derartige persönliche Reibungen im Eduard VII. letzten Ende oft weitreichende, selbst politische Konsequenzen hatten. und J cn habe, unterstützt von anderen einsichtigen Männern, mir große Lonsdale jj^g g e g e b eni solche Steine des Anstoßes zwischen zwei so maßgebenden Persönbchkeiten, wie es der Kaiser und sein Oheim waren, aus der politischen Bahn zu entfernen. Senden war nicht der einzige und gefährlichste Stein. Es gab noch einen anderen Herrn, der zwischen dem Kaiser und seinem englischen Oheim ständig Anstoß und Ärger erregte, das war der Earl of Lonsdale. Der Kaiser schwärmte für diesen Mann, der in mancher Hinsicht der sympathische Typus eines lebensfrohen englischen Lords war: groß, breitschultrig, mit rotblonden Haaren und hochrotem Gesicht, riesenstark, immer bereit zu jeder körperlichen Anstrengung wie für jedes fröhliche Zusammensein, immer ein Goldstück in der Hand für jeden, der um etwas bat, und einen guten Spaß auf der Zunge. Er war einer der besten Reiter in England. DER TÄTOWIERTE EARL 71 Er war auch ein großer Jachtman. Es war ein Vergnügen, ihn auf der Jacht „Meteor", auf die der Kaiser ihn oft zum Segeln mitnahm, stehen zu sehen, in korrektem englischem Jachtanzug, die Hemdsärmel zurückgekrempelt, die muskulösen Arme und die entblößte, breite und starke Brust, über und über mit durchstochenen Herzen, kleinen Flaggen und Doppelbuchstaben tätowiert, in gestickten Pantoffeln, um auf dem glatten Deck nicht auszugleiten, jedem Matrosen an Kraft und Geschicklichkeit überlegen. Er war wirklich a jolly good fellow, aber er war nun einmal die bete noire des Königs Eduard, der ihn „the greatest bar in England" nannte, es auch nicht richtig fand, daß der Kaiser intim mit einem Herrn verkehrte, über dessen Vermögen schon seit längerer Zeit der Konkurs ausgesprochen war. In letzterer Beziehung befand sich der Earl of Lons- dale in derselben Lage wie später ein anderer Freund des Kaisers, der Fürst Max Fürstenberg, der gleichfalls in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Es war ein schöner Zug am Kaiser, daß er seinen Freunden die Treue hielt, das durfte aber nicht auf Kosten der Staatsräson geschehen, wie im Falle Lonsdale. Auch mußte ein Unterschied gemacht werden zwischen deutschen Freunden wie Senden, die als treue Kameraden angesprochen, behandelt und geschützt werden konnten, und einem frivolen Ausländer, von dem vorauszusehen war, daß er schwerlich an der Seite Seiner Majestät bleiben würde, wenn einmal die Trommel zum Streite wider Deutschland geschlagen werden sollte. Als England 1914 Deutschland den Krieg erklärte, hat, wie die Zeitungen meldeten, Lord Lonsdale, der im Gefolge des Kaisers an manchem deutschen Manöver zu Lande und zu Wasser teilgenommen hatte, auf seinem Schloß die vielen Bilder, die er vom Kaiser besaß, mit dem Gesicht gegen die Wand umdrehen lassen. Admiral von Senden war von dem Vorwurf nicht freizusprechen, daß er sich, im Gegensatz zu seinen Kollegen vom Zivil- und Militärkabinett, in Senden und die auswärtige Politik einzumischen liebte, seiner ganzen Richtung ent- P au ^ is sprechend natürlich in antienglischem Sinne. Er hat in dieser Beziehung manches verdorben. Das Wesen des Dilettanten besteht nach Goethe darin, daß er die Schwierigkeiten, die in einer Sache Hegen, unterschätzt. Von dem einfachen, aber, in seiner Einfachheit einfältig angewandt, gefährlichen Gedanken ausgehend, daß man Rußland gegen England ausspielen müsse, hatte sich Herr von Senden mit dem russischen Marineattache Paulis befreundet, mit dem er gern Gedankenaustausch über die Möglichkeit eines deutsch-russischen Zusammengehens gegen England pflog. Paulis war ein dunkler Ehrenmann, von dem niemand wußte, ob er nach seiner Herkunft Russe, Belgier oder Italiener war, und vor dem selbst der russische Botschafter leise warnte. In seiner Treue für seine „Freunde" heß sich aber der Kaiser nicht an seinem Kabinettschef und Admiral ä la suite irremachen. V. KAPITEL Die Kabinette • Die Hofstaaten • Die Adjutanten • Erste Meinungsverschiedenheit mit Wilhelm II., rasche Wiederverständigung • Ankunft in St. Petersburg • Imprcs- sionabilität Wilhelms II. Die Kabinette spielten unter Kaiser Wilhelm II. eine viel größere Rolle als unter seinem Großvater. Von dessen Kabinettsrat Herrn von Wil- Kabinetts- m0 wski wußte das große Publikum so gut wie nichts, denn er trat nie in systcm Öffentlichkeit. Herr von Lucanus dagegen gehörte zu den umstrittensten Persönlichkeiten seiner Zeit. Sein Name war in aller Munde, seine Karikatur war häufig in den Witzblättern anzutreffen, die von der Existenz des würdigen Herrn von Wilmowski keine Notiz genommen hatten. Das Ideal Kaiser Wilhelms II. wäre an und für sich das Kabinettssystem ßans phrase gewesen. Im ehrlichen Glauben, so am raschesten alle Schwierigkeiten und Hindernisse zu beseitigen, die sich seinen ja nur auf die Beglückung seines Landes gerichteten Bestrebungen in den Weg stellten, hätte der Kaiser am liebsten alles Militärische, eventuell auch gegen den Kriegsminister und selbst gegen den Generalstab, durch sein Militärkabinett geregelt und bestimmt, die Flotte mit seinem Marinekabinett gebaut, um dann allein über sie zu verfügen, durch das Zivilkabinett im Innern regiert. Wie manche andere Pläne und Wünsche des Kaisers scheiterten auch diese Aspirationen, die ihn in den ersten Jahren seiner Regierung erfüllt hatten, an der Macht der Verhältnisse und der Tücke des Objekts. So zu regieren, wie es Wilhelm II. bei der Entlassung des Fürsten Bismarck vorschwebte, wäre, wie die Verhältnisse in Deutschland und in der Welt 1890 lagen, auch einem Friedrich dem Großen nicht möglich gewesen. Der Kaiser hatte seitdem viel Wasser in seinen Wein gießen müssen. Aber die Kabinette behielten während seiner ganzen Regierungszeit zweifellos großen Einfluß. Das ging an, solange der kluge und ernste Herr von Lucanus an der Spitze des Zivilkabinetts stand, der vortreffliche, ehrwürdige General von Hahnke das Militärkabinett leitete; es ging von 1901 bis 1908 mit dem Grafen Dietrich Hülsen-Haeseler, der einen frischen und unbefangenen, gesunden Menschenverstand besaß, als Chef des Miktärkabinetts. Es ging sogar mit dem Admiral von Senden, der bei allen DIE HYDRA 73 seinen Schrullen doch von heiligem Eifer für die Sache, das heißt für die ihm so teure Flotte, deren Ehre und Ruhm erfüllt war. Es ging nicht mehr, als Herr von Valentini dem Zivilkabinett, Admiral Müller dem Marinekabinett und General von Lyncker, ein untadliger Ehrenmann, aber kleinlich und engherzig, dem Militärkabinett vorstand. Die Kabinettswirtschaft während des Weltkrieges hat zweifellos das ihrige zu unserer Niederlage beigetragen. Wenn Großadmiral von Tirpitz in seinen Briefen an seine Frau sie als eine „Hydra" bezeichnet und die drei Kabinettschefs als die drei Köpfe dieser neuen lernäischen Schlange, wenn er gegen die „feste Stuckmauer um den Kaiser herum", gegen „die verfluchte Bande in Pleß" wettert, wenn er von „einer Kabinettsregierung wie vor Jena" spricht und ausruft, der Hydra müsse zu Leibe gegangen werden, die Kabinettschefs gehörten an den Laternenpfahl, so ist dieser Wutschrei des Erbauers der Flotte nach allem, was er selbst unter den Quertreibereien des Admirals von Müller gelitten hatte, wie nach den Beobachtungen und Wahrnehmungen, die er aus nächster Nähe über den traurigen Herrn von Valentini anstellen konnte, menschlich wohl begreiflich. Facit indignatio versum. Wenn die Kabinette, die große und wichtige Interessenkreise des staatlichen Lebens wie in einem Brennpunkt zusammenfaßten, mir da und dort Sorge bereiten konnten und zum Teil auch bereitet haben, so stand ich der höfischen Welt, die den Kaiser umgab, mit voller Unbefangenheit gegenüber. Gewiß war weder der Einfluß der Maison militaire noch jener der eigentlichen Hofleute zu unterschätzen. Mit den Militärs, die sich in Politik kaum einmischten und von Wilhelm II. gelegentlich auch in ihre Schranken zurückgewiesen wurden, wenn sie an dies Gebiet rührten, und die zudem nach ihrer ganzen soldatischen Erziehung und ihrer Extraktion Leute von fest umgrenzten Ehrbegriffen waren, auszukommen, schien mir nicht schwierig. Was die Hofchargen anlangt, so wußte ich hier zu gut Bescheid, als daß ich von dieser Seite ernstliche Schwierigkeiten befürchtet hätte. Die ängstliche Furcht vor dem „großen Hof", in der mein armer Nachfolger gelebt hat, lag mir fern. „Ayant vecu dansleserail,j'enconnais- sais les detours." Mir konnte dies Milieu nicht imponieren. Überdies besaß ich in der unmittelbaren Umgebung der Majestäten in dem Kabinettsrat der Kaiserin, meinem alten Kriegskameraden Bodo Knesebeck, einen unbedingt zuverlässigen Freund. Vor allem aber lag in der Persönlichkeit des Ober-Hof- und Hausmarschalls, des Grafen August Eulenburg, die Gewähr dafür, daß sich der Hof innerhalb der Schranken seiner Wirkungssphäre hielt. Er war ein würdiger Sproß jenes ostpreußischen Adels, der dem preußischen Staat seit Jahrhunderten viele ausgezeichnete Männer in Krieg August und Frieden gestellt hat. Als 1813 die Provinz Ostpreußen sich gegen die Eulenhur S 74 DER ALTE HOF Franzosen erhob und den König und das ganze Land mit sich fortriß, in unvergänglichen Worten hat es Heinrich von Treitschke im ersten Band seiner deutschen Geschichte geschildert, stand der ostpreußische Adel voran. Unvergeßlich sind die schönen Verse, die Max von Schenkendorf in seinem „Lied von den drei Grafen" den ersten Opfern im Heiligen Kriege, den Grafen Kanitz, Dohna und Gröben, gewidmet hat. Unser langjähriger Botschafter in St. Petersburg, General von Schweinitz, pflegte zu sagen, daß jeder preußische König „seinen Ostpreußen" gehabt hätte. Einer der treuesten Paladine unseres alten Kaisers war sein langjähriger Adjutant, der bei Königgrätz und bei Gravelotte an seiner Seite ritt, Graf Heinrich Lehndorff. Der hochgewachsene Mann mit dem Kaiser-Wilhelm-Bart, wie man damals sagte, war eine der stattlichsten Erscheinungen des preußischen Hofes. Die Sage ging, daß er in seiner Jugend viele Herzen gebrochen habe. Als älterer Mann heiratete er die schöne Gräfin Margarete Kanitz, mit der er in glücklichster Ehe lebte und die ihm unter drei Kindern einen ungewöhnlich begabten Sohn schenkte, der für die Diplomatie bestimmt wurde, der eine große Zukunft vor sich sah, als er im Weltkrieg vor der Front der Gardekürassiere fiel. Der Vater, Graf Heinrich Lehndorff, hatte mit unendlichem Takt und unbedingter Loyalität die amtlichen und persönlichen Beziehungen zwischen dem alten Kaiser und dem Fürsten Bismarck betreut. Männer wie Graf Lehndorff, General von Lindequist, Graf Fritz und Graf Louis Perponcher, General von Albedyll, Graf Stillfried, Graf Pückler, General Graf Alten, Fürst Anton Radziwill, General von Steinäcker und manche andere gaben dem alten Hof sein vornehmes Gepräge. Graf Heinrich Lehndorff hatte auch in politischen Fragen ein gutes und scharfes Urteil. Ich werde es mir immer zur Ehre anrechnen, daß dieser im besten Sinne des Wortes noble Mann mir in meiner Jugend ein freundlicher Gönner und in späteren Jahren ein gütiger Freund war. Die segensreiche Rolle, die Graf Heinrich Lehndorff am Hofe des alten Kaisers gespielt hatte, war bei seinem Sohn, dem damaligen Kronprinzen und späteren Kaiser Friedrich, dem Grafen August Eulenburg zugedacht gewesen. Dieser war schon in jungen Jahren als Hauptmann im 1. Garderegiment zu Fuß dem Kronprinzen als Adjutant zugeteilt worden. Als sein Vorgänger, Major von Schweinitz, der spätere Botschafter in Petersburg, durch Eulenburg abgelöst wurde, beschwor er die Frau Kronprinzessin, sich in ein möglichst freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis zu Eulenburg D O zu stellen: einen besseren Führer und Berater im Labyrinth der Berliner Intrigen wie gegenüber den Problemen und Rätseln der Politik als den Grafen August Eulenburg werde sie schwerlich finden. Eine Zeitlang ging es; dann ließ sich die hochbegabte, aber impulsive und dabei doch wieder naive Frau von ihrem Kammerherrn, dem Grafen Seckendorff, gegen MARTIALISCH UND SCHLAU 75 Eulenburg einnehmen und ruhte nicht, bis letzterer ihren Hof verlassen hatte und als Ober-Zeremonienmeister zum großen Hof übergetreten war. In dieser Stellung befand sich Graf August Eulenburg, als Wilhelm II. den Thron bestieg, der zunächst seinen bisherigen Hofmarschall, Herrn Herr von Liebenau, zum Oberhofmarschall avancieren ließ. Herr von Liebenau von Liebenau war nach meinem Bruder Adolf militärischer Begleiter des Prinzen Wilhelm geworden, später sein Hofmarschall. Er hatte den Prinzen Wilhelm auf die Universität Bonn begleitet und stand ihm während der Potsdamer Dienstzeit beim 1. Garderegiment und bei den Gardehusaren zur Seite. Herr von Liebenau war äußerlich etwas rauher Krieger, er hatte nicht die Allüren eines Hofmarschalls. Die Hofdamen klagten über seinen „Wachtmeisterton", sie klagten noch mehr darüber, daß er ihnen zuviel Spazierfahrten und zu häufiges Ermüden der kaiserlichen Pferde verwies. Auch die Kaiserin fand ihn zu bärbeißig. So mußte Herr von Liebenau gehen, der übrigens trotz seiner martialischen Außenseite ein kluger, in seiner Weise sogar schlauer Hofmann war, der dem Kreise Normann-Stosch-Roggen- bach nahegestanden hatte und zu liberalen Anschauungen neigte. Ich habe öfters beobachten können, daß liberal angehauchte Kammerherren, Adjutanten und Hofmarschälle den „höchsten Herrschaften" gegenüber nachgiebiger und überhaupt serviler waren als stramme Konservative und echte Junker. Liebenau verließ schwer gekränkt den Hof und zog sich nach Wiesbaden zurück, wo er die Schar der verabschiedeten höheren Offiziere und Beamten vermehrte, die in diesem reizenden Badeort am Fuße des Nerobergs Betrachtungen darüber anstellten, wie viel besser es um Staat und Armee bestellt gewesen wäre, als sie noch im Dienst waren. Liebenau wurde durch den Grafen August Eulenburg ersetzt, der alle Eigenschaften des Verstandes und des Charakters mitbrachte, um dem Kaiser wie dem Hofe und damit, wie die Verhältnisse lagen, dem Lande ernste und ersprießliche Dienste zu leisten. In einer für mich unvergeßlichen Unterredung hatte mir, wie ich seinerzeit erzählte, im Oktober 1879 Fürst Bismarck gesagt, es gebe manche gute und auch einige kluge Leute, aber wenige, die gleichzeitig gut und klug wären. Zu diesen seltenen Männern, zu diesen rarae aves gehörte August Eulenburg. Sein Verstand war ebenso klar, scharf und hell wie sein Charakter fest und zuverlässig. Er verlor nie den Kopf noch die Haltung, weder als Hofmarschall auf dem glatten Parkett des Hofes noch als Hausminister gegenüber den Stürmen der Novemberrevolution. Er gehörte zu den nicht vielen, denen Wilhelm IL, dem es leider bisweilen an Takt fehlte, nie mankiert hat. Er wußte nach dem Umsturz durch seine vornehme und kühle Ruhe auch die demokratischen Parvenüs zu bändigen, mit denen er über die Vermögensangelegenheiten des königlichen Hauses zu verhandeln hatte. Er sah alles von hoher Warte, nahm das Große groß und 76 KRIEG IM FRIEDEN das Kleine klein, immer gewissenhaft und großzügig. Er war durch und durch ein scharfer preußischer Patriot und dabei von besten, konzilianten Formen. Ich hätte sehr gewünscht, ihn als Botschafter nach Petersburg, Wien oder London senden zu können, aber der Kaiser wollte nicht auf diese „Säule seines Hofes" verzichten. Es war kein Glück für den Kaiser und das Land, daß Graf Eulenburg vom Hofe in das Hausministerium übersiedelte, wo er den Kaiser seltener sah und nicht mehr auf Reisen begleitete. Es war namentlich kein Glück, daß Eulenburg durch den seichten und hohlen, dabei in seiner Selbstüberschätzung fast komisch wirkenden Herrn von Reischach ersetzt wurde, und das nicht lange vor dem Kriege, wo dem Kaiser ein kluger und charaktervoller Berater in unmittelbarer Umgebung doppelt not tat. Eulenburg hat dem Kaiser auch im Hausministerium und insbesondere nach der Novemberrevolution durch Besonnenheit und Einsicht hervorragende Dienste geleistet. Aber er fehlte in Koblenz und in Luxemburg, in Charleville und in Pleß. Er fehlte vor allem 1918 in Spa. Mit Graf August Eulenburg an seiner Seite wäre Kaiser Wilhelm II. nicht über die Grenze entwichen. Der Kommandant des Hauptquartiers, General von Plessen, der spätere General Generaloberst, war schon Adjutant beim alten Kaiser gewesen und hatte Plessen fa e g U ten Manieren, das ruhige Wesen und die Diskretion, die dessen Umgebung auszeichneten. Er war verheiratet mit der Tochter des großen Chirurgen und Generalarztes der Armee, Bernhard von Langenbeck. Aus der Adjutantur des alten Kaisers war Plessen in die des Enkels übergetreten, der ihn bald nach seinem Regierungsantritt zum Kommandanten des Großen Hauptquartiers machte. Unter dem alten Kaiser, der zwei große Kriege geführt hatte, gab es im Frieden kein Hauptquartier. Kaiser Wilhelm II. hatte diese Institution in Rußland kennengelernt. Der Gedanke hatte ihm gefallen, seiner Suite auch im Frieden ein kriegsmäßiges Gewand umzuhängen. Der hohe Herr spielte gern Krieg im Frieden. Als aber aus dem Krieg im Frieden wirklicher, blutiger und furchtbarer Krieg wurde, schauderte sein Inneres, seine im Grunde weiche Natur und sein ganzes sensitives Wesen vor der Wirklichkeit zurück. Von dem Generaloberst von Plessen hat in seinem bekannten Roman „Der König" der Wiener Journalist Karl Rosner ein zu boshaftes Porträt entworfen. Rosner war als Vertreter des „Lokalanzeigers" dem Großen Hauptquartier attachiert worden. Dem Kaiser gefielen seine blumenreichen Kriegsberichte, die regelmäßig in den Scherischen Blättern erschienen. Rosners Stil war echt wienerisch. Wenn Fürst Bismarck einen Artikel in die Presse zu glissieren wünschte, der in lebhaften Farben und mit einem sentimentalen Unterton gehalten sein sollte, so setzte er nach kurzer Skizzierung des Inhalts die Worte an den Rand: „Im Stylus austriacus." Es ist menschlich DIE FLUCHT NACH HOLLAND 77 begreiflich, daß Rosner die Herren der Umgebung des Kaisers nach der Beachtung einschätzt und schildert, die sie ihm zuteil werden ließen. Der Generaloberst von Plessen hat sich offenbar nicht viel um ihn gekümmert. Wohl darum schildert ihn Rosner als einen körperlich verbrauchten, geistig beschränkten, ziemlich albernen und dazu gefräßigen Herrn. General von Plessen war bis in seine letzten Dienstjahre ein körperlich elastischer, unermüdlicher und geradezu unverwüstlicher Generaladjutant mit besten Formen und normaler Intelligenz. Als solchen habe ich ihn viele Jahre gekannt. Er war weder Intrigant noch Schmeichler. Wie weit sind die Vorwürfe berechtigt, die anläßlich der Flucht Kaiser Wilhelms II. nach Holland gegen den Generaloberst von Plessen erhoben worden sind? Nach jener furchtbaren Katastrophe wurde erzählt, es sei der General von Plessen gewesen, der dem Kaiser zur Flucht, zu dem verhängnisvollen Entschluß des Übertritts nach Holland geraten oder wenigstens es Seiner Majestät ermöglicht habe, diesen nicht wieder gutzu machenden Fehler zu begehen. Am Abend des 8. November 1918 habe Kaiser Wilhelm II. den Generalfeldmarschall von Hindenburg und die anderen bei ihm befindhchen Herren mit der Bemerkung entlassen, daß die Fortsetzung der Beratung am nächsten Morgen stattfinden solle. Am Morgen des 9. November hätten die sich wieder zum \ ortrag meldenden Herren erfahren, der Kaiser wäre in der Nacht nach Holland abgereist. General von Plessen soll die nötigen Weisungen an das Eisenbahnpersonal und an die Dienerschaft in der Nacht erteilt und so die Hand zur Flucht geboten haben. Volle Wahrheit über diese unsäglich traurige Flucht wird wohl erst die Zukunft bringen. Aber selbst wenn General von Plessen einen diesbezüglichen kaiserlichen Befehl ausgeführt haben sollte, wäre es unbillig, deshalb über einen so lange im Dienst bewährten Offizier den Stab zu brechen. Fast 30 Jahre hatte er nie dem Kaiser widersprochen, fast drei Jahrzehnte hindurch war jeder Versuch, eine eigene Meinung zu äußern, vom Kaiser scherzhaft oder unwirsch abgewiesen worden. Gewiß hätte Plessen gut getan, in diesem fürchterlichen Moment der preußischen Geschichte den Kaiser beim Portepee zu fassen und ihm zu sagen, daß ein ehrenvoller Tod auf dem Schlachtfeld, und es wurde noch an der Front gefochten, für das Land, für die Dynastie und für den Kaiser selbst hundert- und tausendmal der Flucht vorzuziehen wäre. Aber eine solche Initiative war von einem so lange in Unselbständigkeit erhaltenen Begleiter nicht zu erwarten und nicht zu verlangen. „Schon ja die Hälfte der Tugend entrückt Zeus' waltende Vorsicht Einem Mann, sobald nur der Knechtschaft Tag ihn ereilet!" sagt bei Homer zum Odysseus der treffliche Sauhirt Eumäos. Kaiser 70 NICHT VERSTIMMEN Wilhelm II. war im Kern eine freundliche, wohlwollende und gutmütige Natur. Er wollte allen Herren seiner Umgebung wohl, er war immer erfreut, wenn er ihnen eine Freude bereiten konnte. Er war im Verkehr mit ihnen hebenswürdig und sogar gemütlich. Von Knechtschaft im banalen Sinne war bei der Suite des Kaisers wirklich nicht die Rede. Aber da Widerspruch den Kaiser verstimmte und die allgemeine Losung nun einmal war, der Kaiser müsse „in guter Stimmung" erhalten bleiben, so hatte ein großer Teil der Umgebung allmählich auf jede Initiative und bis zu einem gewissen Grade auf eine eigene Meinung verzichtet. Von heute auf morgen ändert sich aber der Mensch nun einmal nicht. Es wäre ein schreiender Mangel an Objektivität, es wäre mehr als ungerecht, wenn ich nicht hinzufügen wollte, daß ich weit entfernt bin zu glauben, solche geistige Knechtschaft existiere nur oder auch nur vorzugsweise an Höfen. Nirgends besteht sie ausgeprägter als in der sozialdemokratischen Herde. Ein Sozialist, aber ein Sozialist von Geist, der Franzose Proudhon, hat gesagt: „Auf meine Ehre und mein Gewissen, ich lasse mich lieber regieren von unseren alten Königen, die Jahrhunderte der Ehre und Wohlfahrt repräsentieren, als von Demagogen, die innerlich auf Volk und Staat pfeifen und die dem ersteren nur schmeicheln, um sich des letzteren zu bemächtigen." Und Voltaire meinte, alles in allem wolle er lieber von einem Löwen regiert werden, der apres tout ein Herr aus gutem Hause wäre, als von hundert Ratten. Wer damals, als wir mit Kaiser Wilhelm IL gen Rußland fuhren, ein solches Ende seiner Regierung vorausgesagt hätte, wie es einundzwanzig Jahre später eintrat, der würde auf ebenso ungläubige Gesichter gestoßen sein wie nach dem 22. Kapitel des ersten Buches der Könige der Prophet Micha, der Sohn Jemlas, als er dem Könige Israels Niederlage und Sturz seines Thrones prophezeite. Der König Israels sammelte alle seine Propheten um sich, bei vierhundert Mann, und fragte sie, ob er gen Ramoth in Gilead ziehen solle, um zu streiten, oder das lieber anstehen lasse. Alle von ihm befragten Propheten antworteten Seiner Majestät als gute Höflinge: „Ziehe hinauf, der Herr wird's in die Hand des Königs geben." Nur Micha sprach sich weniger optimistisch aus und erklärte, er sähe im Geist ganz Israel zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da schlug ihn ein höherer Hofbeamter, der Kammerherr Zedekia, auf die Backen, und der König befahl, daß man Micha in den Kerker setzen und mit Brot und Wasser der Trübsal speisen solle, bis Seine Majestät sieggekrönt wiederkomme. Er kam aber nie wieder. Gewiß erfüllten schon in den ersten Regierungsjahren des Kaisers viele Kaiserin und ernste Sorgen manche Herzen. Der grollende Titan in Friedrichsruh Friedrich über machte kein Hehl daraus, daß seine Entlassung und vor allem die Art •L Q 7. i ren o n semer Entlassung, die gleichzeitig erfolgte Kündigung des Rückversiche- „MEIN SOHN WIRD DEUTSCHLANDS RUIN SEIN!" 79 rungsvertrages mit Rußland und die Begleitumstände dieser Kündigung, daß manche exzentrische Reden und Handlungen des Kaisers und die ganze Regierungsweise des jungen Monarchen ihn mit tiefer Besorgnis erfüllten. Als die Kaiserin Friedrich Anfang der neunziger Jahre auf einer Reise nach Italien in Palermo weilte, besuchte sie dort meine Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, die bei ihrem Sohne erster Ehe, dem Fürsten Paolo Camporeale, in dessen schöner Villa an dem Olivuzze abgestiegen war. Beide Damen unternahmen zusammen eine Spazierfahrt nach dem zwischen Palermo und Termini gelegenen, meiner Frau gehörenden, seit Jahrhunderten in dem Besitz der Familie Camporeale befindlichen Altavilla. Der kleine Ort ist stolz auf eine 1277 von dem Normannenherzog Robert Guiscard, dem Eroberer von Sizilien, erbaute berühmte Kirche, La Chiesazza genannt, die ein wundertätiges Madonnenbild birgt. Man überblickt von der Chiesazza aus ein gutes Stück der Nordküste von Sizilien. Als die verwitwete Kaiserin selbst angesichts der herrlichen Landschaft, die vor ihren Augen lag, den traurigen Ausdruck bewahrte, der ihr seit dem Tode des Kaisers Friedrich eigen war, frug Donna Laura, ob das herrliche blaue Meer, das sich vor ihr ausbreitete, der malerische Monte Pellegrino mit der Kapelle der heiligen Rosahe im Hintergründe, die Zitronen- und Olivenbäume, die schlanken Palmen sie nicht auf andere Gedanken zu bringen und ihren Schmerz zu lindern vermöchten. „Ich trauere nicht allein um meinen teuren Mann", erwiderte die Kaiserin, „ich trauere auch um Deutschland." Und mit starrem Blick fügte sie hinzu: „Denken Sie an das, was ich Ihnen heute sage, Donna Laura: Mon fils sera la ruine de l'Allemagne." Entsetzt durch diese düstere Prophezeiung bat und beschwor Donna Laura, die eine optimistische Natur war und vor allem die höchste Meinung von deutscher Kraft und Macht hatte, die Kaiserin, sich nicht derartigen trüben Ahnungen hinzugeben. Diese aber wollte ihre Prophezeiung nicht zurücknehmen. Lange Jahre trennten uns damals noch von der furchtbaren Katastrophe, die im November 1918 über Dynastie und Land hereinbrach. Von allen, die in jenen Augusttagen 1897 auf der „Hohenzollern" fuhren, sollten nur zwei, der Kaiser und General von Plessen, einundzwanzig Jahre später an jener Katastrophe handelnd teilnehmen. Ich selbst war neun Jahre vorher vom Kaiser in völliger Ungnade geschieden. Graf August Eulenburg war während des ganzen Krieges durch sein Amt als Hausminister an Berlin gefesselt, und so fehlten leider im kritischsten Augenblick der preußischen und deutschen Geschichte sein weiser Rat und sein ausgeglichener und fester Charakter dem Kaiser. Lucanus, Hahnke, Senden waren schon lange von dieser Erde abberufen worden, als in den düsteren Novembertagen 1918 der Zusammenbruch kam, und ich preise sie glücklich, daß sie das Furchtbare nicht mehr zu erleben 80 DIE VIELEN ENTREVUEN brauchten, das in jenen Augusttagen von 1897, unserem Auge verborgen, noch in so weiter Ferne lag. Die Stimmung an Bord war heiter, der Kaiser in bester Laune wie immer, Nach wenn er auf Reisen war und vor einem interessanten Erlebnis stand. Ich Peterhof f ra gte den Kaiser einmal, wie es käme, daß er, der in so großer Stellung wäre unterwegs uq( j fe m a \\ cs zur Verfügung stünde, eine solche Freude an Reisen, Besuchen und fürstlichen Entrevuen hätte. Ich gestünde ihm, daß ein einfacher Mann wie ich sich daraus eigentlich nicht viel mache. Ich wäre ganz gern mit Seiner Majestät zusammen, aber die Reisen und Entrevuen betrachtete ich mehr als das, was man im Französischen „une corvee" nenne. Der Kaiser meinte, das erkläre sich wohl dadurch, daß ich schon in meiner Jugend und erst recht später als Diplomat überall herumgekommen wäre, daß ich reisen konnte, wohin ich wollte, und vieles gesehen hätte. Er wäre in der ersten Zeit seines Lebens so gut wie gar nicht gereist, hätte außer dem englischen kaum einen fremden Hof kennengelernt, hätte auch nie fürstlichen Begegnungen beigewohnt, nun habe er Trieb und Bedürfnis, das alles nachzuholen. Außerdem glaube er, daß durch direkte Rücksprache unter Souveränen mehr zu erreichen sei als durch die schönsten Noten der Minister. Auch diese bedauerliche Überschätzung der für fürstliche Persönlichkeiten möglichen Einwirkung auf fremde Souveräne und Minister hatte der Kaiser von seiner Frau Mutter übernommen, die in der Zeit, wo sie gegen Wünsche und Willen des alten Hofes, des Kaisers Wilhelm I. und der Kaiserin Augusta, vor allem gegen den dezidierten Widerspruch des Fürsten Bismarck und zum Leidwesen ihres Gemahls, des Kaisers Friedrich, mit leidenschaftlicher Hartnäckigkeit die Verbindung ihrer Tochter Viktoria mit dem Fürsten Alexander Battenberg betrieb, überzeugt war, eine einstündige Unterredung mit Kaiser Alexander III. würde ihr genügen, den Zaren für jenes Heiratsprojekt zu gewinnen. Der Besuch, den sie bald nach der Entlassung des Fürsten Bismarck in Paris abstattete und der mit einem Fiasko endete, war aus der gleichen übertriebenen Einschätzung fürstlichen persönlichen Einwirkens hervorgegangen, die viele Jahre später ihren Sohn zu der Tragikomödie von Björkö verleiten sollte. Mit Lebhaftigkeit erklärte mir der Kaiser schon am ersten Tage unserer Seefahrt nach Petersburg, er habe mir interessante und erfreuliche Mitteilungen zu machen. Der König von Belgien habe ihm in Kiel den Vorschlag gemacht, sich mit ihm an einigen großen Geschäften in Ostasien zu beteiligen, bei denen Millionen zu gewinnen wären. D afür habe ihm der König in Aussicht gestellt, er werde seinen Einfluß in England und Frankreich dafür geltend machen, daß von den Mächten zum Gouverneur von Kreta ein Deutscher bestimmt werde, was für Deutschland eine gute Sache wäre. Ich verhehlte 1 DIE BÄRENINSELN 81 Seiner Majestät nicht, daß mir finanzielle Spekulationen mit dem König von Belgien nicht besonders zusagten. Ich hätte in dieser Beziehung vielleicht antiquierte Anschauungen, aber für Könige und jedenfalls für den König von Preußen paßten sich solche Unternehmungen meines Erachtens nicht. Was aber Kreta anginge, so hätten wir allen Grund, unsere Finger aus dieser Pastete herauszuhalten. Wir hätten im Mittelmeer nur sekundäre Interessen. Was aus der Insel des Minos würde, könnte uns ziemlich gleichgültig sein, darüber möchten sich Bussen und Engländer, Türken und Griechen streiten. Ein deutscher Gouverneur für Kreta wäre für uns eine Last und eine Verlegenheit, nicht eine Freude oder Auszeichnung. Mit schon etwas enttäuschter Miene kam der Kaiser jetzt mit seinem zweiten und wichtigeren Vorschlag heraus. Philipp Eulenburg habe ihm Eine Idee des einen exzellenten Gedanken übermittelt, den ein vielgereister württem- Herzogs von Urach bergischer Herzog von Urach zuerst gehabt hätte. Der betreffende Herzog war derselbe Urach, der während des Weltkrieges der Kandidat des Herrn Erzberger für den litauischen Thron war. Zwei Jahrzehnte vorher suchte er die Aufmerksamkeit des Kaisers auf die Bäreninseln zu lenken, kleine Inseln im Nördlichen Eismeer, nördlich von Spitzbergen, kaum 600 qkm groß. Sie waren am Ende des sechzehnten Jahrhunderts von dem holländischen Seefahrer Willem Barents entdeckt worden, der versucht hatte, durch das Nördliche Eismeer nach China zu gelangen. Urach behauptete, und Phili glaubte, daß die Bäreninseln gewaltige Steinkohlenlager enthielten. Phili hatte nun Seiner Majestät den Vorschlag gemacht, wir möchten die Bäreninseln, die res nullius zu sein schienen, rasch okkupieren und sie dann den Russen als Kompensation für den von uns in China gewünschten Hafen anbieten. Der Kaiser hatte schon dem Admiral von Senden Weisung gegeben, ein Schiff bereitzuhalten, das auf telegraphische Order die Fahrt nach den Bäreninseln anzutreten haben würde. Als ich dieses Projekt, das die drei skandinavischen Nationen sicherlich beunruhigen würde, England und Rußland leicht verstimmen könnte, als unpraktisch und dabei phantastisch ablehnte, geriet der Kaiser in Erregung. Das hätte er nicht er- M'artet, als er mich berufen, ja sich nach mir als Minister gesehnt hätte. Er hätte angenommen, wir würden uns in allem verstehen. Das Gegenteil scheine der Fall zu sein. Ich wäre ja absprechender und schwerfälliger gegenüber neuen Gedanken als Marschall, über den er sich genug geärgert bätte. Das ließe er sich aber nicht gefallen. Ich fühlte, daß mein ganzes zukünftiges Verhältnis zum Kaiser, die Möglichkeit eines für das Land ersprießlichen Zusammenwirkens mit ihm und damit nach Lage der Verhältnisse ein gutes Stück unserer politischen Zukunft davon abhinge, jetzt nicht die Nerven zu verlieren, sondern fest zu bleiben. Ich hatte die Empfindung, die mich als jungen Husarenleutnant erfüllte, wenn ich bei einer 6 BUlow I 82 BÜLOW WILL IN MEMEL AUSSTEIGEN Parade auf einem unruhigen Pferde vor meinem Zuge ritt und mir sagte, daß, wenn ich mich jetzt nicht fest im Sattel hielte und das edle Roß fest am Zügel, dieses ausbrechen, die Schwadron in Unordnung geraten und die Parade verpfuscht sein würde. Ich erwiderte also Seiner Majestät in voller Ruhe und in respektvollstem Tone, aber sehr bestimmt, daß ich in keiner Weise an meinem Posten klebe. Ich wäre jeden AugenbUck bereit, und gern bereit, nach Rom zurückzukehren, und wenn t Seine Majestät mir Rom nicht wiedergeben wolle, so zöge ich mich auch ohne Schelten und Klagen ins Privatleben zurück. Ich könnte mich sehr gut selbst beschäftigen, ich läse sehr gern, und es gäbe eine Unzahl guter und interessanter Rücher, die ich kennenlernen möchte und noch nicht kenne. Am fernen Ufer tauchten die Türme von Memel auf, ich zeigte auf sie und fragte den Kaiser, ob er mich nicht in einer Pinasse dort absetzen lassen wolle. Es würde mir besonders interessant sein, bei diesem Anlaß die historische Stadt kennenzulernen, wo die preußische Monarchie ihre schwerste Stunde, aber auch den Ausgangspunkt ihres glorreichen Wiederaufstiegs gesehen hätte. Der Kaiser legte mir mit dem guten und dabei ehrlichen Ausdruck, den er haben konnte, die Hand auf die Schulter: „Nichts für ungut! Was sich zankt, das liebt sich. Wir werden schon miteinander auskommen, die Rären von Phili und Urach gebe ich auf." Ich konnte nun dem Kaiser, der freundlich und aufmerksam zuhörte, einProgramm gehend darlegen, wie ich mir den Gang unserer politischen Konversationen f ür in St. Petersburg vorstellte. Vor allem müßten wir in Peterhof vorsichtig St. Peters- ^ unse ren Äußerungen über Frankreich und noch mehr über England sein. Die Franzosen wären nun einmal die Alliierten der Russen, und sie zu kritisieren nütze ebensowenig, als wenn man einem Ehegatten, der verhebt in seine Frau ist, Übles über sie sage. Noch gefährlicher wären abfällige Äußerungen über die Engländer. Denn bei den zahlreichen Reziehungen zwischen dem englischen und dem russischen Hofe würde jede von unserer Seite in St. Petersburg gegen England gerichtete Auslassung sofort, und mit besonderer Vorliebe von weiblicher Feder, nach Osborne House, Windsor und Sandringham gemeldet werden. Dagegen müßten wir die deutsch-russische Solidarität gegenüber den Polen wie gegenüber der Revolution und revolutionären Gefahren unbefangen und nachdrücklich betonen. Nicht spontan, aber wenn von russischer Seite die Rede darauf gebracht würde, könnten wir hinsichtlich der Dardanellenfrage ruhig sagen, wir hielten eine den russischen Wünschen entsprechende Regelung dieser Frage mit dem Fortbestand und auch mit der Unabhängigkeit der Türkei für wohl vereinbar. Was Ostasien angehe, so würde es meiner Ansicht nach am besten sein, wenn Rußland sich ungefähr gleichzeitig mit Deutschland an der chinesischen Küste einen Hafen aussuchte. Wir stünden DER BALLSAAL 83 so England gegenüber gedeckter da. Die britische Eifersucht gegen jeden Mitbewerber auf irgendeinem Punkt der Erde, jener Ausfluß des bekannten englischen Standpunkts des „dog in the manger" würde dann bis zu einem gewissen Grade von uns abgelenkt werden. Wir wollten an Kiautschou festhalten, das die Marine mit seinem Hinterland Schantung wohl mit Recht als den für uns geeignetsten Stützpunkt betrachte, hätten aber nichts dagegen, daß sich die Russen an irgendeinem Punkt der Halbinsel Liautung etablierten, in welche Richtung ja anscheinend ihre Aspirationen gingen. Kaiser Wilhelm war mit diesem Programm, wie ich es skizzierte, durchaus einverstanden und nahm es in keiner Weise übel, als ich ihm sagte, der Zar möchte nicht gegenüber dem älteren, erfahreneren, willensstärkeren und bedeutenderen Kaiser bei persönlichem Zusammensein zu sehr in den Hintergrund treten, namentlich nicht vor seinen eigenen Untertanen. Während der nächsten Tage fanden noch wiederholt ähnliche Besprechungen zwischen dem Kaiser und mir statt, bei denen sich seine Freundlichkeit und Güte immer gleich bbeben. Wir waren inzwischen in den Finnischen Meerbusen eingelaufen: „Currit iter tutum non secius aequore classis Promisitque patris Neptuni interitum." Das Wetter war herrlich, die Ostsee so ruhig wie ein Binnensee, was dem Kaiser erwünscht war, den leidenschaftliche Liebe zur See erfüllte, der aber wie seine Mutter, die Kaiserin Friedrich, und wie der Admiral Nelson an Seekrankheit litt. Die Kaiserin Friedrich pflegte zu sagen, sie habe eine unglückliche Liebe für die See. Peterhof lag vor uns. Die Spannung des Kaisers hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wenn er der Begegnung mit einem anderen Potentaten ent- Ankunft in gegensah oder seinen Fuß auf fremden Boden setzte, so bewegte ihn das Peterhof aus Ungeduld, freudiger Erwartung und einer gewissen Nervosität zusammengesetzte Gefühl, mit dem ein junges Mädchen, einen Rosenstrauß in der Hand, zum erstenmal den Ballsaal betritt. Wie wird es abgehen? Wie werde ich abschneiden? Sind aber erst einige Rundtänze gut vorbeigegangen, haben sich beim Kotülon Buketts über Buketts auf dem Stuhl der Glücklichen gehäuft, so überkommt sie das Hochgefühl freudiger Erfüllung der kühnsten Wünsche. In dieser Stimmung war der Kaiser naturgemäß ausländischer Verführung besonders ausgesetzt. Es überkam ihn dann auch wohl eine Empfindung, die, wenn sie auch noch nicht Hybris war, doch die Grenzlinie zwischen Wunsch und Möglichkeit, Illusion und Realität leicht übersah. Es kam hinzu, daß der Kaiser mit seiner ungewöhnlichen geistigen Empfänglichkeit und Beweglichkeit sich in jedem Lande zu Hause fühlte. Was man von Alcibiades gesagt hat, daß er mit 6« 84 WILHELM II. SCHILLERT seinen athenischen Landsleuten über Kunst und Philosophie diskutierte, bei den Spartanern die schwarze Suppe aß und bei den Persern das lange asiatische Gewand trug, traf auch auf Wilhelm II. zu, nur daß Alcibiades, wie ich annehme, bewußte Mimikry trieb. Bei Wilhelm II. war es mehr der Drang, zu gefallen und zu diesem Zweck sich zu assimilieren. In Rußland empfand er wie ein sehr vornehmer russischer Generaladjutant alten Stils oder auch wie ein aus Oldenburg, Altenburg oder Strelitz nach Rußland eingewanderter Prinz, in England wie ein Enkel der Königin und „Admiral of the fleet", in Wien schwarz-gelb und in Pest magyarisch. In Italien schillerte er in verschiedenen Nuancen. Im Quirinal war er ganz Casa Savoia, im Vatikan sah er sich im Geiste als Schutzherrn des römischen Papsttums, wie es einst die römischen Kaiser deutscher Nation gewesen waren oder wenigstens sein wollten, in Sizilien folgte er den Spuren der Hohenstaufen. VI. KAPITEL Unterredung mit Murawiew • Die Kiautschoufrage • Die Galatafel (7. VIII. 1897). Exzessiver Trinkspruch Wilhelms II. • Fürst Radolin • Finanzminister Witte • Audienz bei Nikolaus II. • Kaiserin Alexandra Feodorowna [TTährend Wilhelm II. und Nikolaus II. die unter Souveränen üblichen V V Küsse auf beide Wangen austauschten, die im Laufe der Geschichte Das noch keinen Krieg und keinen Verrat verhindert haben, näherte sich mir Mura- russ Vcr* wiew, begrüßte mich als alten Freund und sagte mir, daß der inzwischen eri zu Lande eingetroffene Fürst Hohenlohe ihn und mich zu einer Besprechung in seinem Appartement in Peterhof erwarte. Die Souveräne zogen sich zu einem ersten vertraulichen Gedankenaustausch zurück, während das Gefolge ein opulentes Frühstück einnahm, das auf den goldenen Tellern serviert wurde, die unter Nikolaus I. und Alexander II. das Erstaunen und die Bewunderung der damals noch bescheideneren deutschen Gäste erregt hatten. Inzwischen waren wir selbst reicher und ziemlich üppig geworden und ließen uns weniger leicht blenden. Aus den Fenstern des Eßzimmers sah man auf den Park von Peterhof, der wie das Palais selbst von Peter dem Großen in Nachahmung von Versailles angelegt worden war, mit herrlichen Baumanlagen und prächtigen Kaskaden, die über breite Stufen herunterstürzten, um die in einem großen Becken hoch aufspringende, in ganz Bußland berühmte Simson-Fontäne zu speisen. Nicht allein deutschen Fürsten waren Versailles und der Hof Ludwigs XIV. Vorbild und Muster gewesen. Bis zur fernen Newa und bis zur Stadt, wo, wie die Großfürstin Helene Paulowna klagte, die Straßen feucht und die Herzen kalt waren, drang der Buhm des Sonnenkönigs. Der Einfluß französischen Wesens, französischen Glanzes und der raffinierten französischen Zivilisation auf den roheren, aber um so empfänglicheren Bussen reicht weit zurück. Im Park von Peterhof hatte jene Bose geblüht, von der Fürst Bismarck gern erzählte. Er behauptete, Kaiser Nikolaus I. habe auf einem seiner Spaziergänge in diesem Park eine Schildwache bemerkt, die vor einem kahlen Bosenstrauch stand. Der Zar fragte die Schildwache, weshalb sie dort stünde. Der biedere Grenadier wußte keine Antwort. Der Kaiser ließ Nachforschungen anstellen, und es wurde konstatiert, daß zur Zeit der Kaiserin 86 UNTER DEM BILD NIKOLAUS'I. Katharina II. jener Rosenstrauch einmal eine herrliche Rose getragen hätte. Damit sie nicht abgepflückt würde, hatte die Kaiserin dort einen Posten aufstellen lassen, der nach einem halben Jahrhundert und länger noch immer aufzog. Dem Fürsten Bismarck gefiel dieser Zug russischer Subordination und des mechanischen Gehorsams. Er war, namentlich seit seinem Ausscheiden aus dem Amte, mit seinem Souverän durchaus nicht immer einverstanden. Er war auch der Meinung, daß dem Jupiter manches gestattet sei, was dem ,,bos" nicht zieme, und nahm für sich gelegentlich das Recht weitgehender Kritik in Anspruch. Aber die Demokratie, was mit ihr zusammenhing und an sie erinnerte, w ar dem Fürsten durch Erziehung und Jugendeindrücke, nach seinem ganzen Wesen und seiner ganzen Mentalität unsympathisch, beinahe widerwärtig. Er wollte wohl gelegentlich nach seinem Ermessen und in den von ihm bestimmten Dosen das demokratische Gift anwenden, aber der preußische Staat und das deutsche Volkstum und Wesen durften nicht von ihm verseucht werden. Im Laufe des Tages vereinigten wir uns, Hohenlohe, Murawiew und ich, zu einer Besprechung in dem Salon des Fürsten Hohenlohe, in dem ein großes Bild des Kaisers Nikolaus I. hing, das hochmütig und streng auf die Gegenwart herunterblickte. Als Fürst Hohenlohe das Gespräch sogleich auf Ostasien lenkte, unterbrach ihn Murawiew, um ihm freundlich lächelnd zu sagen, Kaiser Wilhelm habe dem Zaren in ihrer ersten Unterredung eröffnet, daß er nicht die Absicht habe, sich in Kiautschou festzusetzen. Er überlasse diesen schönen Hafen gern seinem russischen Vetter und Freund und bäte nur um die Erlaubnis, daß deutsche Schiffe dort einlaufen und Kohlen einnehmen dürften. Der alte Hohenlohe hatte die ausgezeichnete Eigenschaft, daß er sich nicht verblüffen Heß. Er war befangen, wenn er vor ihm geistig an und für sich keineswegs gewachsenen Volksvertretern sprechen sollte. Bei einer parlamentarischen Debatte war es ihm nicht möglich, anders zu reden als mit einem Zettel in der Hand, auf dem er sich alles sorgfältig notiert hatte. Seit der Novemberrevolution pflegen bei uns fast alle Minister und Reichskanzler ihre Reden vorzulesen. Dabei passiert es ihnen sogar gelegentlich, daß sie Wörter lateinischen oder gar griechischen Ursprungs falsch aussprechen. Der sozialdemokratische Kanzler Bauer las einmal eine ihm vom Ministerialdirektor Rauscher, einem typischen Novembersoziabsten, ausgearbeitete Rede vor, in der das Wort „Politiker" vorkam. Mit Nachdruck und Pathos setzte er beim Vorlesen dieses Fremdwortes den Akzent auf die dritte Silbe. Als Rauscher dem Kanzler verzweifelt ins Ohr schrie: „Politiker, Politiker!" replizierte dieser unwirsch: „Was wollen Sie denn, ich habe ja ganz richtig abgelesen." Heute würde ein Kanzler, der in der Art des Fürsten Hohenlohe redete, kein Aufsehen erregen. Vor 25 Jahren war man anspruchsvoller, und darunter litt das DER HENKER VON LITAUEN 87 Prestige des Fürsten, der, abgesehen von seiner rednerischen Unvoll- kommenheit, so viele ausgezeichnete Eigenschaften besaß. Zu diesen gehörte in erster Linie, daß er sich von seinesgleichen, von Ministern wie von Fürstlichkeiten, nie imponieren ließ. Souveräne, erwiderte er sogleich dem russischen Minister, wären leicht geneigt, den edlen Regungen ihres großmütigen Herzens zu folgen. „C'est aux ministres qu'il incombe de mettre d'accord ces nobles elans avec les realites politiques et les necessites economiques." Murawiew lächelte und erwiderte, er schlüge vor, daß diese Frage, wie manche andere, zwischen mir und ihm gründlicher besprochen würde, als es jetzt möglich wäre. Wir wären alte und gute Freunde und würden eine Lösung finden. Später hatte ich eine zweistündige Unterredung mit dem Grafen Murawiew. Graf Michael Nikolajewitsch Murawiew, der einige Jahre älter war Gespräch mit als ich, entstammte einem russischen Bojarengeschlecht. Ein Sproß dieser Muraiview Familie, Graf Murawiew-Apostol, hatte 1825 zu den Führern der Deka- bristen-Bewegung gehört. Zum Tode verurteilt, sollte er gehängt werden. Der Strick riß, und Murawiew fiel zu Boden. Während der Henker am Galgen einen neuen Strick befestigte, rief ihm der schwärmerische Jüngling zu: „En Russie on ne sait rien bien faire, pas meme pendre." Sehr verschieden von diesem Idealisten war der sogenannte „Henker von Litauen", der dieselben Vornamen führte wie später der Minister des Auswärtigen. Als 1863 während des großen polnischen Aufstands, der Bismarck die Gelegenheit bieten sollte, durch seine stramm antipolnische Haltung sich das Vertrauen Alexanders II. für viele Jahre zu erwerben und so die Politik von 1864, 1866 und 1870 durchzuführen, die Zustände in Litauen immer bedrohlicher wurden und die Flammen des Aufruhrs bis Dünaburg und fast bis Pskow züngelten, ließ Alexander IL, von Sorge erfüllt, den damaligen Minister der Reichsdomänen, den Grafen M. N. Murawiew, kommen und beauftragte ihn mit der Wiederherstellung der Ordnung in den weiten litauischen Gebieten. Murawiew erklärte sich bereit, verlangte aber vollkommen freie Hand. Alexander IL, der, bei einer edlen Natur und einem weichen Herzen, wenn an seine Selbstherrschaft gerührt wurde, doch gelegentlich in das Wesen seines Vaters und Großvaters zurückfallen konnte, hatte ob dieser Zumutung zunächst einen förmlichen Wutanfall bekommen. Er faßte den Grafen beim Arm und fragte ihn, ob er als Rebell und Hochverräter erschossen zu werden wünsche. Da der zum Diktator in Aussicht genommene General aber dabei blieb, daß ein Diktator ohne diktatorische Befugnisse ein Unding sei, gab der Zar nach, wie jeder Autokrat nachgibt, wenn er Furcht hat. Vierundzwanzig Stunden später reiste Graf Michael Nikolajewitsch Murawiew nach Wilna ab. Zum Adjutanten hatte er sich einen jungen Offizier, den späteren Generaladjutanten Alexanders III., Tscherewin, 88 DAS GOLDENE BEIL genommen, der mir, als wir uns während meiner Tätigkeit als Botschaftsrat in St. Petersburg von 1884 bis 1888 nähertraten, manches auch über seinen damaligen Chef und dessen Auftreten erzählt hat. Als beide, Murawiew und Tscherewin, in Wilna ankamen, bestellte sich der Diktator für Mitternacht das übliche russische Souper, zu dem der Polizeipräsident von Wilna anzutreten hätte. Das Souper und der Polizeipräsident erschienen um die befohlene Zeit. Der Diktator verlangte die Liste der Verdächtigen, die ungefähr hundert Namen enthielt. Während er soupierte, bezeichnete Murawiew zwanzig Namen mit einem Kreuz, das er mit seinem Bleistift neben die Namen setzte. Schüchtern bemerkte der Polizeipräsident, die von Seiner hohen Exzellenz Angestrichenen und für den Galgen Bestimmten wären die am wenigsten Schuldigen. „Das ist gerade gut", antwortete Murawiew, „wenn das Urteil einschlägt wie der Blitz aus der Wolke, man weiß nicht, woher er kommt, und wo und warum er trifft, das erzeugt den größten Schrecken." Als dem Diktator am nächsten Tage gemeldet wurde, daß polnische Frauen die Gräber der Gehenkten mit Blumen geschmückt hätten, Heß er die Leichen ausgraben und auf den Exerzierplatz bringen, nur wenig mit Erde bedeckt. Dann mußten dort zwei Kosaken-Regimenter so lange exerzieren, bis aus den Leichen formlose Klumpen und Knochensplitter geworden waren. Die Antwort auf solche Greuel sollten ein halbes Jahrhundert später die russische Revolution und der Bolschewismus geben. Das Hegeische Gesetz von der Pendelschwingung trifft fast immer zu. Übrigens erregte die Brutalität des Diktators Murawiew schon zu seinen Lebzeiten bei edel Gesinnten Abscheu. Als Kaiser Alexander II. nach der Niederwerfung des litauischen Aufstands bei der Abendtafel fragte, welche Belohnung dem Grafen Murawiew zuteil werden könne, entgegnete ihm Fürst Suworow- Italijsky, der von 1848 bis 1861 den Ostseeprovinzen ein milder Generalgouverneur gewesen war: „Eure Majestät sollten Murawiew ein goldenes Beil verehren oder auch einen Miniatur-Galgen, auf der linken Brustseite neben anderen Medaillen zu tragen." Der Diktator Murawiew starb in voller Ungnade. Er hatte jenes tiefe Wort des Kaisers Alexander I. vergessen, der einmal zu einem übereifrigen Polizeiminister sagte: „Vergessen Sie nicht, daß die Fürsten zwar gelegentlich das Verbrechen lieben, aber selten diejenigen, die es ausführen." Der Minister des Äußern, Graf M. N. Murawiew, war kein Unmensch wie der Henker von Litauen, aber die Schwärmerei des unglücklichen Murawiew-Apostol lag ihm noch ferner. Er sah wie ein echter Russe aus, breitschultrig und grobschlächtig, mit wasserblauen Augen und stumpfer Nase, obwohl er eine deutsche, seine russischen Feinde und Neider behaupteten eine deutsch-jüdische Mutter hatte, die, als sie älter wurde, sich aus dem kalt-feuchten St. Petersburg nach dem wärmeren Wiesbaden DIE ALLIIERTE MARIANNE «9 zurückzog. Er selbst hatte in Heidelberg studiert und war dort Korpsstudent gewesen. Er sprach fast ebenso gut Deutsch wie Französisch, das jeder vornehme Russe wie seine Muttersprache spricht. Murawiew und ich hatten seit vielen Jahren die besten Beziehungen gehabt. Indem er dies betonte, ging er sofort in medias res. Die Verhältnisse lägen jetzt erheblich anders als in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, wo wir Kollegen in Paris gewesen wären, und als in deren zweiter Hälfte, wo er als Botschaftsrat in Berlin gewirkt hätte. Seitdem hätten wir das Bündnisverhältnis zwischen Preußen-Deutschland und Rußland, das bis auf die Tage der Heiligen Allianz und tatsächlich bis auf jene berühmte Szene in der Potsdamer Garnisonkirche zurückgehe, wo sich Alexander I., Friedrich Wilhelm III. und die Königin Luise am Grabe Friedrichs des Großen umarmten, von unserer Seite und trotz aller russischen Vorstellungen und Bitten in schroffer Weise und unter bedauerlichen Begleitumständen gekündigt. Wir hätten den alten und wertvollen Draht zerrissen. „Tu l'as voulu, George Dandin!" d. h. nicht ich, sondern „ce pauvre Caprivi", der sich nach seinen eigenen Worten unfähig gefühlt hätte, mit mehr als zwei Kugeln zu jonglieren, und Marschall, der „ministre etranger aux affaires", der, nachdem er Rußland vor den Kopf gestoßen hätte, nicht lange nachher mit der Krüger-Depesche auch die Engländer mit einem Fußtritt regaliert habe. So sei die französisch-russische Allianz zustande gekommen, gegen die er, Murawiew, vom Standpunkt der innerrussischen Politik und der Sicherheit der Dynastie schwere Bedenken gehabt hätte und noch habe. Sie wäre aber nun einmal da und an ihre Aufhebung natürlich nicht zu denken. Er wolle mir sogleich offen sagen, daß bei dem in wenigen Wochen bevorstehenden Besuch des Präsidenten der Französischen Repubkk in den bei dieser Begegnung auszutauschenden Toasten die zwischen Rußland und Frankreich abgeschlossene Allianz erwähnt werden würde. Es werde in den Toasten nicht nur von den befreundeten, sondern ausdrücklich von den alliierten Nationen die Rede sein. Murawiew wiederholte noch einmal, es wäre ihm aus verschiedenen Gründen erwünschter, wenn er mit uns alliiert wäre als mit der Französischen Republik. Daran sei aber nichts zu ändern. Er könne sich nicht von Marianne scheiden lassen und wieder zu seiner früheren deutschen Frau zurückkehren. „Was wir aber können", fuhr er fort, „ist, daß jeder von uns, Sie und ich, in seiner Gruppe im Sinne des Friedens wirkt. Die Voraussetzung hierfür ist, daß wir die Franzosen von Dummheiten abhalten und Sie die Österreicher, das heißt vor nicht wieder gutzumachenden Dummheiten. Dummheiten kommen ja immer vor, es dürfen nur keine irreparablen Dummheiten sein. Dessen versichere ich Sie aus tiefster Uberzeugung, daß der Kaiser Nikolaus und ich Frieden wollen, Frieden überall, aber besonders in Europa und ganz besonders zwischen 90 FURCHT VOR DEM EUROPÄISCHEN KRIEG Deutschland und Rußland. Sie wissen, daß ich durch und durch Monarchist bin, ich halte für Rußland die Autokratie für die einzig mögliche Staatsform. Nicht als ob nicht auch in Rußland Reformen möglich und notwendig wären, aber ein rein parlamentarisches, ein radikales System würde in Rußland, wie der Charakter des Russen nun einmal ist, der immer ins Extreme geht, zu Anarchie und Auflösung führen." Ein europäischer Krieg würde, setzte mir der russische Minister des Äußern weiter auseinander, für die innerrussische Entwicklung ernste Gefahren in sich bergen. Diejenigen irrten, die von einem großen Kriege für Rußland Erstarkung der dynastischen Gefühle im Volke und eine Hebung des Ansehens des Zaren und der Autokratie erhofften. Das Gegenteil würde der Fall sein, wie die Geschichte zeige: Auf den Krieg gegen Frankreich unter Alexander I. wäre die Dekabristen-Verschwörung gefolgt, deren Träger in Paris revolutionäre Ideen eingesogen hätten. Nach dem Krimkrieg hätte Alexander II. die von seinem Vater verweigerten Konzessionen machen müssen, und derselbe Alexander II. wäre nach dem von ihm geführten Türkenkrieg das Opfer der nach diesem Krieg entstandenen nihilistischen Bewegung geworden. Ich konnte diesen Ausführungen nur beistimmen und betonte, daß, wie die Verhältnisse in der Welt sich nach außen und im Innern allmählich gestaltet hätten, für jede' Monarchie Krieg eine gewagte Sache wäre. Kaiser Wilhelm sähe dies vollkommen ein, er wäre durch und durch friedlich. Er würde natürlich keine Eingriffe in seine Rechte und keine Verletzung seiner Ehre dulden, von niemandem. Aber er würde ganz gewiß tun, was an ihm wäre, um den Frieden zu erhalten, Frieden in Europa und Frieden insbesondere mit Rußland. Schon deshalb wären wir erfreut über die gemeinsamen Noten, die die Kabinette von St. Petersburg und von Wien am 29. April dieses Jahres an die Regierungen der Balkanstaaten gerichtet hätten. Diese kleinen Kläffer verdienten nicht, daß sich ihretwegen große Reiche und alte Dynastien gegenseitig zugrunde richteten. Murawiew verhehlte mir nicht, daß das Verhältnis zwischen Rußland und Österreich viel komplizierter und delikater wäre als das zwischen Deutschland und Rußland. Da müsse eben mit Geschicklichkeit und mit einem gewissen Takt operiert werden. Die russische Regierung wolle trotz allem Geschrei der Slawophilen keinen Krieg gegen Österreich, mit dem ja Rußland noch niemals den Degen gekreuzt habe. Sie wolle auch Österreich nicht von der Balkanhalbinsel verdrängen. Sie habe durch den Reichsstatter Vertrag von 1876 freiwillig die österreichischen Rechte auf Bosnien und die Herzegowina anerkannt. Der Minister erwähnte hierbei, daß auch nach dem Reichsstatter Vertrag während des Berliner Kongresses zwischen Gortschakow und Andrässy und bei der Begegnung in Skiernie- wice zwischen Giers und Kälnoky Briefe ausgetauscht worden wären, DAS KREUZ ÜBER BOSNIEN 91 wonach, wenn im Interesse der Ruhe des Orients und des europäischen Friedens Osterreich es für angezeigt halten sollte, die Okkupation in eine Annexion zu verwandeln, Rußland dagegen keinen Anspruch erheben würde. Die stille Voraussetzung hierbei wäre, daß Österreich gewissen russischen Wünschen hinsichtlich der Durchfahrt durch die Dardanellen kein schroffes Veto entgegensetzen würde. „Nous avons fait la croix sur la Bosnie et cela depuis longtemps." Natürlich dürfe Osterreich nichts FeindHches gegen Rußland auf der Balkanhalbinsel unternehmen. Rußland sei und bleibe eine slawische und orthodoxe Macht. Es könne nicht seiner ganzen Geschichte ins Gesicht schlagen. Übrigens stünde Österreich auf der Balkanhalbinsel fast besser da als Rußland, das in Belgrad wie in Sofia in keiner Weise prävabere, von Rumänien gar nicht zu reden. Ein weiterer delikater Punkt wäre die polnische Frage. Österreich müsse sich aller Agitationen unter den Polen des Königreichs, den russischen Die polnische Polen, enthalten. Er wisse wohl, daß Kaiser Franz Josef solche Wühlereien Frage mißbillige. Auch Goluchowski sei, obwohl Pole, ganz korrekt. Aber von Galizien aus würde doch im Königreich Polen viel gewühlt und viel gesündigt. Jedenfalls wäre zwischenDeutschland und Rußland der gemeinsame Gegensatz gegen die polnische Irredenta nach wie vor ein sehr starkes Bindeglied. Ich erinnerte Murawiew daran, daß wir einmal vor Jahren in * Paris zusammen einer polnischen Hochzeit beigewohnt hätten, der Heirat zwischen Georg Radziwill und Bichette Branicka, bei der Russen, Polen und Deutsche zugegen waren. Als wir von diesem Hochzeitsfest nach Hause gegangen wären, habe er mich auf dem Boulevard des Italiens gefragt, was die Polen mir gesagt hätten. Ich hätte wahrheitsgemäß geantwortet, sie hätten mir mit großer Liebenswürdigkeit und polnischer Lebhaftigkeit auseinandergesetzt, daß Deutsche und Polen, die beide zivilisierte Völker wären, sich sehr wohl verstehen und Heben könnten, nicht aber die Polen die barbarischen Russen. Er habe mir damals erwidert, ihm hätten die Polen, Damen und Herren, gesagt, zwischen Polen und Russen, die beide Slawen wären, bestünde kein unüberbrückbarer Gegensatz, den Deutschen aber würde der Pole nie lieben können. Wir würden also sehr einfältig sein, replizierte ich, wenn wir uns für die schönen Augen der Polen zerfleischen wollten. Und die Balkanvölker verdienten auch nicht, daß ihretwegen das Schicksal großer Reiche aufs Spiel gesetzt würde. Nicht lange vor dem Berliner Kongreß habe mir, der ich damals junger Geschäfstträger in Athen gewesen wäre, der griechische Minister des Äußern, als ich die Friedensliebe und die Friedenswünsche des Fürsten Bismarck betont hätte, mit feierlicher Miene geantwortet: „C'est bien, c'est bien, va.pour le prince de Bismarck, mais moi je vous declare qu'une grande guerre europeenne 92 EINE VERRUSSTE PRINZESSIN fera un bien enorme ä l'Hellenisme." Als ich dies während des Berliner Kongresses dem Fürsten Bismarck erzählt hätte, habe dieser gemeint: „Wir sollen also die Welt in Flammen setzen, nur damit die Griechen Larissa annektieren oder Trikkala oder ein ähnliches Saunest, dessen Namen ich nicht einmal kenne." Ich hatte es vermieden, von mir aus gegenüber Murawiew die ostasiatischen Fragen anzuschneiden, nachdem Fürst Hohenlohe mit kaum zu überbietendem Takt die Entgleisung des Kaisers bei seinem ersten Gespräch mit dem Zaren eingerenkt hatte. Aus eigenem Antrieb kam Graf Murawiew auf diese Materie mit dem Bemerken zu sprechen, daß er unsere Wünsche mit Bezug auf Kiautschou im Hinblick auf unsere großen und zunehmenden Handelsinteressen in Ostasien wie auf unsere Flottenpolitik wohl verstehe. Er neige persönlich zu der Ansicht, daß der Schwerpunkt der russischen Interessen mehr auf der Halbinsel Liautung hege. Er könne mir aber vorläufig nichts Bestimmtes sagen, da sich in dieser Beziehung am russischen Hofe noch verschiedene Strömungen und Wünsche durchkreuzten. Am gleichen Tage wurde ich von der Großfürstin Maria Paulowna Großfürstin empfangen. Sie war nicht mehr die blendende Schönheit, als die ich sie Maria { n vergangenen Zeiten gekannt hatte, aber mit ihren 43 Jahren noch immer Paulowna e ^ ne se h r anziehende Erscheinung. Ich empfing bald den Eindruck, daß ihre Treue und Anhänglichkeit für ihre deutsche Heimat bei ihr, der mecklenburgischen Prinzessin, nicht mehr so unbedingt waren wie einst. Sie war „verrußt". Gleich gebheben war sie sich in ihrer alten Abneigung gegen die regierende russische Kaiserin und den „großen" Petersburger Hof. Sie hatte Maria Feodorowna nicht gehebt, sie hebte Alexandra Feodorowna ebensowenig, die Hessin sogar noch weniger als die Dänin. Sie klagte über die englische Steifheit der regierenden Kaiserin, durch die diese sich selbst und die ganze Dynastie unbeliebt mache. Der russischen Gesellschaft sei nun einmal nichts antipathischer als ein kaltes und unnahbares Wesen. Die regierende Kaiserin glaube ihren Hochmut und ihre „english stiffness" dadurch gutzumachen, daß sie einen übertriebenen Eifer für die orthodoxe Kirche an den Tag lege, was bei der indifferenten und skeptischen russischen Gesellschaft nur Spott hervorrufe. Überhaupt schien mir die Großfürstin nicht unbesorgt hinsichtlich der weiteren Entwicklung der innerrussischen Zustände. Im vollen Gegensatz zu der Zeit Alexanders III., unter dessen starker und wuchtiger Hand in Hofkreisen und unter den Upper ten Thousand mit der Möglichkeit eines Umsturzes nur von den wenigsten gerechnet wurde, fiel mir jetzt bei der Großfürstin wie auch bei anderen Damen der Petersburger Gesellschaft, die ich später sah, sehr auf, daß sie von einer Revolution in Rußland als von etwas wenn GALADINER IN PETERHOF 93 nicht Wahrscheinlichem, so doch durchaus Möglichem sprachen. Wie weit für den Fall einer solchen Revolution die Großfürstin, wenn nicht für ihren Mann, dessen unbedingte Loyalität sie kannte, aber wenigstens für ihre Söhne an die Rolle dachte, die in Frankreich gegenüber der älteren Linie der Bourbons die Orleans gespielt hatten, will ich dahingestellt sein lassen. Über die deutsche Entwicklung während des letzten Dezenniums sprach die Großfürstin abfällig und nicht ohne Schärfe. Die Entlassung des Fürsten Bismarck sei ein ungeheurer Fehler gewesen. Die „schroffe und plumpe" Kündigung des RückVersicherungsvertrages, an dem Kaiser Alexander III., fast das ganze kaiserliche Haus und alle monarchisch und konservativ gerichteten Leute in Rußland festhalten wollten, wäre eine zweite und beinahe ebenso große „sottise". In diesem Augenblick trat der Großfürst ein, hörte die letzten Worte seiner Frau und meinte in seiner gutmütig-sarkastischen Weise: „Pourquoi abreuves-tu de reproches cet excellent Bülow pour des gaffes, dont il est parfaitement innocent ?" In ernstem Ton fügte er hinzu, daß, wenn sich auch manches im Leben in seinen Folgen nicht wieder reparieren lasse, so bleibe es doch immer geboten, to make the best of every thing. Es käme darauf an, in Berlin wie in Petersburg ruhig Blut zu bewahren und keine neuen Ungeschicklichkeiten zu begehen. „Du sang froid et de l'habilite, voüä ce qn'il faut." Am Abend des 7. August fand in Peterhof das übbche Galadiner statt. Vor dem Diner hatte der Zar den Kaiser zum Admiral der russischen Flotte ernannt. Es war die Art des Kaisers, daß er solche Äußerlichkeiten durchaus au serieux nahm. Er legte in sie einen tieferen Sinn, den die anderen gar nicht damit verbanden. Derartige FormaUtäten nahm er viel zu ernst, und bis zu einem gewissen Grade traf auf ihn zu, was Beaumarchais von den Höfen des Ancien regime sagte, daß sie les choses serieuses avec fri- volite, dagegen les choses frivoles avec serieux nähmen. Wilhelm IL hatte schon bald nach seiner Thronbesteigung das Befremden des Fürsten Bismarck dadurch hervorgerufen, daß die Ernennung zum englischen Admiral, zum Real Admiral of the Fleet, ihn in helle Begeisterung versetzte. Er explizierte damals dem großen Kanzler, daß diese Ernennung politisch wie militärisch von großer Bedeutung sei. Er habe nun die Möglichkeit und das Recht, direkt in Bau, Organisation und Leitung der englischen Flotte einzugreifen. Er könne, wenn er englische Schiffe betrete, sofort das Kommando über sie übernehmen. Freilich war der Kaiser weit entfernt, die Rechte, die er aus einer solchen Ehrenstellung in einer fremden Marine für sich selbst ableitete, auch anderen zu konzedieren. Als in späteren Jahren der kaiserliche Gesandte in Lissabon einmal berichtete, der König von Portugal habe sich nach der Bai von Vigo begeben, um als Admiral der engbschen Flotte, welche Ehrenstellung auch er bekleidete, das dort hegende englische 00 h V CO bß u cd « co o N g I s • rt p o> T3 V M S „LULULU!' 257 tischen Text dieser kaiserlichen Rede bat, mit Bestimmtheit erklärte, daß diese Ansprache nur in der mir richtig erscheinenden Fassung in die Öffentlichkeit gelangen werde. Taktvoll und verständig, wie der Botschafter war, insistierte er nicht weiter. Auch die von mir abgetönte Ansprache hat Abdul Hamid voll befriedigt. Wir waren in Jerusalem in einem Zeltlager untergebracht. Der feine Kalkstaub, den der kleinste Windstoß vom Boden aufwirbelte, machte den Aufenthalt nicht gerade angenehm. Wie oft überkam mich der Wunsch, diese Reise, die so erhabene und heilige Erinnerungen wachrief, allein, ohne Hetze und ungestört durch die Banalitäten einer aus den verschiedensten Menschen zusammengesetzten Umgebung, unternehmen zu können. Aber alle unerquicklichen oder widerwärtigen Zwischenfälle traten zurück vor dem gewaltigen Eindruck, den ich empfing, als wir mit dem Kaiserpaar uns im Garten Gethsemane im Schatten uralter Olivenbäume versammelten und dort nach einer Ansprache von Dryander im Gebet niederknieten. Vor uns sahen wir jenseits des tiefen, trocknen Kidrontals dieselben kahlen grauen Berge, auf denen der Blick des Erlösers geruht hatte, den Boden, auf dem er gewandelt war, den Hügel, auf dem sein Kreuz gestanden und wo er zum Schächer gesagt hatte: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein." Ich habe oft vom Kapitol auf das Forum hinabgesehen und viel dabei empfunden. Ich werde den Blick auf die Akropolis und von der Akropolis auf Salamis und Aegina, auf Sunion und die fernen Berge des Peloponnes nicht vergessen und den Taygetos und Sparta erst recht nicht. Aber das Bild, das ich auf dem öl- berg vor mir hatte, das Bild des dunklen Kidron und der Stätte, die da heißt Golgatha, das ist verdeutscht: Schädelstätte, lebt am stärksten in meiner Seele fort. Ursprünglich war beabsichtigt worden, noch andere heilige Stätten in Palästina zu besuchen. Der Kaiser gab aber diesen Gedanken bald auf, das Empfang Thermometer stieg immer höher, die Reise fing an, ihn zu ermüden. So ' n Damask, schifften wir uns am 4. November wieder in Jaffa ein, von wo wir am 8. November Damaskus erreichten. Der Enthusiasmus des Kaisers für den Islam erreichte hier seinen Höhepunkt. Er erblickte zum erstenmal eine arabische Stadt, arabische Innenhöfe mit Springbrunnen, den Reiz arabischer Basars, den großen Zauber arabischer Architektur und Lebensauffassung. Mehr aber noch war sein empfängliches Gemüt durch zwei Eindrücke beherrscht. Wo er erschien, begrüßte ihn die Bevölkerung mit dem langgezogenen, in Gutturaltönen hervorgestoßenen Zuruf: „Lululu, Lululu, Lululu." Dieser monotone Zuruf wirkte auf ihn wie Haschisch. Ich habe diesen stumpfsinnigen Refrain viele Jahre später unter sehr verschiedenen Umständen, aber ähnlich wieder vernommen, als um die Jahreswende 1918/1919 kommunistische Demonstranten durch die Straßen von 17 BUIow I 258 DER GROSSE SALADIN Berlin zogen mit dem in gleichförmigem Takt immer wiederholten Rufe: „Hoch — Liebknecht! Nieder — Ebert!" Es scheint, daß unseren Kommunisten diese Art von monotonem, aber gerade dadurch wirksamem Gesang von russischen Bolschewisten unter Hinweis darauf empfohlen worden war, daß damit in Rußland gute Erfolge für den Sowjet-Stern erzielt worden wären. Ein neuer Beweis dafür, wieviel Asiatisches das Russentum in sich birgt. Noch mehr als das immer wieder ertönende „Lululu" der Bevölkerung erfreuten den Kaiser zwei syrische Soldaten, die der Sultan ihm beigegeben hatte. Der Kaiser behauptete, diese Syrier, stattliche Gestalten mit funkelnden Augen, hätten von dem Beherrscher der Gläubigen den Befehl, jeden niederzustechen, der den Freund des Kalifen, den Deutschen Kaiser, scheel anschaue. Jedenfalls saßen die beiden Tapferen, in der Hand ein Riesengewehr mit einem langen Bajonett an der Spitze des Gewehrs, auf dem Bock des kaiserlichen Wagens und warfen fürchterliche Blicke um sich. Als in Damaskus der Scheich Abdobah Effendi auf dem Festmahl, das die Stadt dem Deutschen Kaiser zu Ehren gab, ihn mit freundlichen Worten begrüßte hatte, hielt Wilhelm II. eine Rede, in der er mit enthusiastischen Worten für den herrlichen Empfang der Stadt Damaskus dankte. Er sei tief ergriffen von diesem überwältigenden Schauspiel, zugleich aber bewegt von dem Gedanken, an der Stelle zu stehen, wo einer der ritterlichsten Herrscher aller Zeiten, der große Sultan Saladin geweilt habe, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der oft seine christlichen Gegner die rechte Art des Rittertums hätte lehren müssen. „Möge Seine Majestät der Sultan und mögen die dreihundert Millionen Mohammedaner, die, auf Erden zerstreut lebend, in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird." Nach Aufhebung der Tafel ließ ich mir den Stenographen kommen, der uns begleitete, um etwaige kaiserliche Ansprachen aufzunehmen, und sagte ihm, daß er diese Rede nicht veröffentlichen dürfe, bevor ich sie korrigiert hätte. Er erwiderte mit ziemlicher Verlegenheit, auf Weisung des Botschafters von Marschall, der sich auf einen direkten kaiserlichen Befehl berufen habe, sei das Telegramm an Wolff sofort und schon seit geraumer Zeit abgegangen. Ich hatte daraufhin eine ernste Auseinandersetzung mit Marschall, dem ich sagte, ich verstünde, daß er die Dinge mehr von seinem gegenwärtigen Standpunkt, d. h. als Botschafter bei den Türken, auffasse. Ich hätte aber die Pflicht, Übertreibungen dieses diplomatischen „Schwadronstandpunkts" zu verhindern, die einerseits in Konstantinopel gefährliche Illusionen erwecken, andererseits Franzosen, Engländer und Russen, die über Millionen von mohammedanischen Untertanen geböten, mißtrauisch machen und gegen uns verstimmen könnten. Ich habe die Beziehungen zur Türkei während meiner ganzen Amtszeit sorgsam gepflegt, und es gibt keinen türkischen DER GEHEIMAGENT 259 Orden, den ich nicht in Anerkennung dieser meiner Bemühungen, noch dazu mit Brillanten, erhalten hätte. Aber ich habe unsere Freundschaft mit der Türkei nur als Mittel zum Zweck betrachtet, und zwar mehr für wirtschaftliche als für politische Zwecke. Ich habe mir auch keine Illusionen über die Grenzen türkischer Leistungsfähigkeit gemacht. Sowohl Marschall als sein Nachfolger Wangenheim, die beide in ihrem Botschafterposten am Goldenen Horn das Sprungbrett sahen, um auf einen leitenden Berliner Posten zu gelangen, haben durch Schönfärberei in ihrer Berichterstattung viel gesündigt. Beim Rückblick auf unsere Palästinareise steigt ein Zwischenfall vor mir auf, der, wenn er im Augenblick eher komisch wirkte, doch auch zu nachdenklichen Betrachtungen Anlaß bieten konnte. Als Gerüchte von einem gegen den Kaiser geplanten Attentat nach Berlin gelangten, beschloß unsere Polizei, besondere Maßnahmen zum Schutz Seiner Majestät zu ergreifen. Der Minister des Inneren schrieb an den Chef des Zivilkabinetts, daß für diese delikate Mission ein besonders gewiegter und geschickter Geheimpolizist ausersehen wäre. Wir befanden uns auf dem Marsch von Haifa nach Jerusalem gerade beim Mittagsmahl, unter freiem Himmel, als sich dem Kaiser ein Herr in Zivil näherte, dem auf zehn Schritt der preußische Offizier anzusehen war an Haltung, Manieren und Anzug. Damit gar kein Zweifel obwalten könne, trug er möglichst auffällig das Eiserne Kreuz von 1870. Bei Seiner Majestät angelangt, meldete er mit einer Stimme, um die ihn Stentor hätte beneiden können, der starke Mann, von dessen eherner Stimme Homer rühmt, daß sie laut tönte wie die fünfzig anderer Männer: „Von N., früher Leutnant im x. Regiment, jetzt beim Königlichen Polizeipräsidium in Berlin beschäftigt und von dem Herrn Polizeipräsidenten als Geheimagent Eurer Majestät beigegeben zur Sekreten Bewachung Eurer Majestät Allerhöchster Person, meldet sich alleruntertänigst zur Stelle." Der Kaiser, sehr belustigt, schüttelte diesem Geheimagenten die Hand und riet ihm, baldmöglichst nach Berlin zurückzukehren. Der Schutz des Kaiserpaares blieb den beiden tapferen Syriern überlassen, die es jedenfalls mit allen Berliner Polizeiagenten aufnehmen konnten. Diese Episode erinnerte mich an eine gelegentliche, in meiner Gegenwart gefallene Äußerung des Fürsten Bismarck, der darüber klagte, daß er niemals einen wirklich geschickten Berliner Polizeipräsidenten zu seiner Verfügung gehabt hätte. Es fehlen uns nun einmal diejenigen Eigenschaften, die seit Fouche den Ruhm so vieler Pariser Polizeipräfekten ausgemacht haben, die mit angeborener Schlauheit und durch das Leben erworbener Menschenkenntnis Rücksichtslosigkeit und nötigenfalls brutale Energie verbanden. Der einzige Berliner Polizeipräsident, der etwas von dieser Art besaß, Hinkeldey, wurde unter Friedrich Wilhelm IV. im Duell von einem konservativen Edelmann erschossen. 17« 260 SCHNELL DANKTELEGRAMM AN DEN SULTAN Die Huldigungen, der Bevölkerung, die Aufmerksamkeiten aller Behörden, die Überzeugung, in den Türken und darüber hinaus in allen Beken- nern des Islams wahre Freunde und Verehrer zu besitzen, waren in Wilhelm II. so lebendig, daß er sich fast täglich gedrungen fühlte, dem Sultan seine Freude und Dankbarkeit telegraphisch auszusprechen. Ich hatte die Aufgabe, diese Telegramme aufzusetzen, in die doch eine gewisse Abwechslung gebracht werden mußte, so daß ich nach und nach alle Ausdrücke und Wendungen der französischen Sprache für die Begriffe Anerkennung, Vergnügen und Erkenntlichkeit erschöpfte. Wenn der Ruf Seiner Majestät ertönte, und das war ununterbrochen der Fall: „Dies war das Schönste, was wir noch erlebt haben! Bülow, ein Danktelegramm an den Sultan!", so nahm ich den Bleistift zur Hand und ersann eine neue Variante. Mein Freund Knesebeck sagte zu mir: „Es gibt Briefsteller für Liebende. Du solltest einen Briefsteller für freundschaftlichen Verkehr mit einem Sultan während einer Orientreise schreiben." Während Wilhelm II. in vollen Zügen die großartige Natur und die pittoresken Menschen des Orients genoß, seine Farbenpracht, die großen Erinnerungen und weiten Horizonte, resümierte Herr von Lucanus, Haiberstadts nüchterner Sohn, seine Eindrücke in einem Telegramm an seine in Potsdam zurückgebliebene Gattin, in dem es hieß: „Bin den Rummel satt. Sehne mich nach Dir und Hasenbraten mit Rotkohl." Er las diesen poetischen Gefühlsausbruch unserer Reisegesellschaft vor, zu deren großer Erheiterung, natürlich in Abwesenheit Seiner Majestät. XVII. KAPITEL Kaiserin Auguste Viktoria • Die Rückreise • Malta • Neuerdings die Lippische Frage München • Ankunft auf der Wildpark-Station • Wilhelm II. an seine Minister über die Türkei • Einzug in Berlin (1. XII. 1898) • Faschoda • Der Windsor-Vertrag • Cham- berlains Stellungnahme zu einer deutsch-englischen Allianz • Brief des Botschafters Grafen Hatzfeldt Ich kann nicht vom Orient und insbesondere vom Gelobten Lande Abschied nehmen, ohne in Ehrerbietung und Dankbarkeit der Kaiserin Auguste Auguste Viktoria zu gedenken. Alle Teilnehmer an der Reise waren dar- Viktoria über einig, daß ihre Herzensgüte, ihre Ruhe, ihre stets gleiche Liebenswürdigkeit und immer gute Laune in hohem Grade dazu beigetragen haben, die mancherlei Unzuträglichkeiten, die eine Reise in so großer und verschiedenartiger Gesellschaft mit sich bringt, zu glätten und zu überwinden. Daß die Reise alles in allem gut verlief und gut abschloß, war nicht zum wenigsten ihr Verdienst. Die Kaiserin Auguste Viktoria verkörperte alle trefflichen Eigenschaften der deutschen Frau. König Eduard VII. soll als Prinz von Wales die frivole Bemerkung gemacht haben, daß es für die deutsche Frau nichts gäbe als die drei K's: Kirche, Kinder und Küche. Für die Kaiserin Auguste Viktoria stand jedenfalls in erster Linie neben der Kirche und neben ihren Kindern, weit vor allem äußeren Glanz, vor allen irdischen Gütern ihr Mann. Ihre Hingebung und ihre Ergebenheit für ihren Gatten waren unbegrenzt. Nicht als ob sie die Klippen und Schwächen seines Wesens nicht wohl gekannt hätte, aber diese Erkenntnis erhöhte nur ihre Fürsorge und Liebe für den Kaiser. Im Gegensatz zu ihrer Schwiegermutter, der Kaiserin Friedrich, die immer Engländerin geblieben war, im Gegensatz zur Kaiserin Augusta, die als echte Tochter Weimars über nationalen Differenzen schwebte, war die Kaiserin Auguste Viktoria durch und durch deutsch. Sie mochte die Ausländer nicht. Die Russen erschienen ihr barbarisch und frivol, die Franzosen liederlich, den Südländern traute sie nicht, die Engländer hielt sie für selbstsüchtige und brutale Heuchler und hebte sie noch weniger als die drei anderen. Vor der Großmutter ihres kaiserlichen Gemahls, der Königin Victoria, empfand sie Respekt, wie die ganze Verwandtschaft des englischen Hofes; den Onkel Bertie, den künftigen König Eduard VII., verabscheute sie, schon weil ihm mit einiger 262 DIE FROMME KAISERIN Glaubwürdigkeit nachgesagt wurde, daß er sich als Ehemann manche Seitensprünge erlaubt habe. Bei aller Trefflichkeit ihres Wesens hat die Kaiserin Auguste Viktoria unsere Beziehungen zu Rußland wie namentlich zu England und bis zu einem gewissen Grade auch zu Italien durch ihr Ausländern gegenüber steifes und sprödes Wesen nicht erleichtert. Wenn ihr Gemahl in dieser Beziehung zu viel tat, war sie bisweilen geneigt, zu wenig zu tun. Die Kaiserin war eine durch und durch fromme Christin. Sie überwachte sorgsam den Religionsunterricht ihrer Kinder. Sie wollte nicht, daß in irgendeinem Punkt von der Auffassung strenger Gläubigkeit abgewichen würde, in der sie ihr Vater, Herzog Friedrich VIII. von Augustenburg, erzogen und der Oberhofprediger Dibelius in Dresden eingesegnet hatte. Die Kinder sollten glauben, daß der Prophet Jonas sich einige Tage im Bauche eines Walfisches aufgehalten hätte und daß auf des tapferen Josuas Gebot die Sonne stillstand zu Gibeon und der Mond im Tal Ajalon. Die Kaiserin war nicht unduldsam, aber wenn Rationalisten ihr unsympathisch, Atheisten abscheulich erschienen, so blickte sie auf die katholische Kirche mit der Scheu, die manche an sich treffliche Protestanten vor dem „altbösen Feind" des Lutherliedes empfinden, dessen grausame Werkzeuge große Macht und viel List sind. Sie erzählte mir selbst einmal, daß der ausgezeichnete Kultusminister Graf Robert von Zedlitz ihr mit Bezug hierauf, bei seinem Rücktritt, in seiner Abschiedsaudienz gesagt habe: „Eure Majestät sind mir nicht tolerant genug." Ich habe mich oft bemüht, bei der Kaiserin Verständnis für die vielen, großen und schönen Seiten der katholischen Kirche und der katholischen Weltanschauung zu erwecken, aber ohne damit viel Erfolg zu haben. Die Kaiserin würde nie eine Ungerechtigkeit gegenüber Katholiken oder gar eine Verletzung der Rechte der katholischen Kirche gebilligt haben, dazu war sie zu pflichttreu und zu gütig. Aber sie konnte sich nicht entschließen, Katholiken als Oberhofmeister oder Hofdamen in ihre nähere Umgebung zu ziehen, wie ich ihr das wiederholt riet. Sie konnte sich freilich mit einigem Recht darauf beziehen, daß am bayrischen Hofe die Hofdamen ausnahmslos katholisch waren, obwohl zwei Fünftel der bayrischen Bevölkerung evangelisch sind. Der Kaiser wußte, was er an seiner Gemahlin hatte. Er hebte sie, freilich in den Grenzen seiner naiven Selbstsucht. Er kannte und würdigte ihre Treue, aber sie erschien ihm, namentlich verglichen mit seiner Mutter, als eine kleine Prinzeß. „Man merkt ihr immer wieder an", meinte er mehr als einmal zu mir, „daß sie nicht in Windsor aufgewachsen ist, sondern in Primkenau." Politische Eingriffe hat sich die Kaiserin nie erlaubt. Soweit sie sich um Politik kümmerte, stand sie auf dem Standpunkt eines orthodox-protestantischen Konservativen mit instinktiver Vorliebe für die DIE PRINZESSIN VON AUGUSTENBURG 263 Agrarier als die sicherste Stütze von Thron und Altar. So wie sie war, würde sie eine vortreffliche Kommandeuse geworden sein, wie man in der Sprache unserer alten ruhmvollen Armee sagte. Sie würde sich als Frau des Kommandierenden Generals oder des Oberpräsidenten einer Provinz, auch als Ministergattin allgemein Achtung und Liebe erworben haben. In allen diesen Stellungen würde das Urteil über sie gelautet haben: Tadellose Frau, durch und durch pflichttreu und so ganz deutsch! Sie hatte nicht die komplizierte Seele der Russin, nicht den Elan der Polin, nicht die Härte und noch weniger die Koketterie der Französin, nicht die Leidenschaft und den Charme der Italienerin. Sie war auch kein Sport-woman wie die Engländerin, und jeder Gedanke an Flirt lag ihr meilenfern. Ihre Verbindung mit dem künftigen König von Preußen und Deutschen Kaiser, dem damaligen Prinzen Wilhelm von Preußen, war von der Königin Victoria von England und deren ältester Tochter, der Kronprinzessin von Preußen, schon beschlossen worden, als die Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg ebenso wie ihr künftiger Gemahl noch Kinder waren. Wilhelm II. hat mir gelegentlich erzählt, er sei als Knabe einmal in Venedig gewesen. Da habe ihn seine Mutter mit einem Kranz nach einer Insel in der Nähe von Venedig geschickt, wo sich das Grab einer längst verstorbenen Prinzeß von Holstein befunden habe, dort hätte er den Kranz niederlegen müssen. Erst später habe er begriffen, daß damals schon seine Vermählung mit einer Prinzeß von Holstein beschlossene Sache gewesen wäre. Die Familie Holstein hatte gefürchtet, daß Fürst Bismarck im Hinblick auf die politischen Streitigkeiten, die er mit dem Herzog Friedrich von Augustenburg gehabt hatte, nicht seine Einwilligung zu einer Verbindung des künftigen Königs von Preußen mit einer Tochter des Herzogs geben würde. Diese Besorgnis stellte sich als unbegründet heraus. Der Kanzler erhob keinen Widerspruch. Trotzdem stand die Kaiserin Auguste Viktoria dem Fürsten Bismarck innerlich kühl gegenüber. Sie hat nie die aus Augustenburgischer Ranküne, Mißtrauen und Furcht gemischte Scheu überwunden, mit der sie bei der ersten Defibercour nach ihrer Vermählung den großen Kanzler begrüßt hatte. Herbert Bismarck war ihr ganz antipathisch. Daß er in feucht-fröhlicher Stimmung gelegentlich formlos sein konnte, würde sie allenfalls verziehen haben, nicht aber die „unpassenden" Witze und Anekdötchen, die er auch vor Damen zum besten gab. Ich glaube nicht, daß die Kaiserin Auguste Viktoria auf den Sturz des Fürsten hingearbeitet hat, dazu war sie zu gewissenhaft, auch lagen ihr Intrigen fern. Aber sie hat, wie gesagt, bei aller ihrer sonstigen Herzensgüte und trotz ihres aufrichtigen Christentums dem großen preußischen Minister ganz doch nie verziehen, daß er ihren Vater und ihr Haus verhindert hat, den Thron des meerumschlungenen Schleswig- 264 MULIER FORTIS Holstein zu besteigen. Sie hielt Bismarck für den „bösen Mann" und meinte einmal in meinem Beisein, der liebe Gott habe dem guten alten Kaiser Wilhelm die für eine erfolgreiche Politik in dieser schlechten Welt vielleicht notwendigen Sünden und Bosheiten ersparen wollen und sie deshalb von Bismarck ausführen lassen. Die partikularistischen Velleitäten der Kaiserin machten übrigens auf ihren Gemahl nicht den mindesten Eindruck. Als er zum erstenmal als Kaiser ein Manöver in der Provinz Schleswig-Holstein abhielt, ließ er die Chefs der beiden Linien des Hauses Holstein, seine beiden Schwäger, den Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und den Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein-Sonderburg- Glücksburg, als Ordonnanzoffiziere vor seinem Wagen reiten. Die Kaiserin Auguste Viktoria war eine optimistische Natur. Sie war erfüllt von dem festen, unerschütterlichen Glauben an die göttliche Hilfe, die den Frommen und Guten nicht im Stich läßt, wie uns das in so vielen schönen Psalmen verkündet wird. Als die bösen Tage kamen, hoffte und glaubte sie bis zuletzt. Sie war unermüdlich in Pflichterfüllung, in Fürsorge für die Verwundeten, die Kranken und Hungernden. Sie hielt den Kaiser aufrecht, sie ermutigte ihn, der leicht zwischen Furcht und Hoffnung hin und her schwankte. Es ist richtig, daß sie sich über die Lage, in die wir durch unsere ungeschickte Diplomatie im Sommer 1914 und durch eine schwache pohtische Zügelführung während des ganzen Krieges geraten waren, bis zuletzt Illusionen gemacht hat. Aber einmal hoffte sie wie Augustinus contra spem, d. h. gegen menschliche Auffassung, auf die göttliche Hilfe. Und dann fürchtete sie für den Fall, daß der Kaiser die Lage in ihrer vollen Gefährlichkeit erkenne, einen völligen moralischen Zusammenbruch ihres Gatten. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, hat sie bis zuletzt nach Möglichkeit verhindert, daß dem Kaiser ganz reiner Wein eingeschenkt wurde. Als aber der Niederbruch kam, war sie die Mulier fortis der Heiligen Schrift. Sie hätte nicht Heer und Land verlassen. Sie behielt den Kopf oben, sie hielt sich würdig und aufrecht, auch als roher Mob sie am 9. November 1918 in ihren Wohnzimmern im Schloß bedrohte und beschimpfte. An ihrem Hochzeitstage war ihr Lieblingshed, das schöne Lied des Grafen Nikolaus Zinzendorf: „Jesu, geh voran", von der Schloßgemeinde gesungen worden. Den zweiten Vers dieses Liedes hat die Kaiserin wahr gemacht: Soll's uns hart ergehen, Laß uns feste stehen Und auch in den schwersten Tagen Niemals über Lasten klagen; Denn durch Trübsal hier Geht der Weg zu dir. DIE ENGLÄNDER AUF MALTA 265 Nur wenige Tage nachdem der Kaiser nach Holland geflohen war, begah sich die Kaiserin zu ihm. Als sie in Amerongen ankam, stand Wilhelm II. vor ihr auf der Fallbrücke, die in das kleine holländische Schloß führt. Sie hatte ihn nicht mehr gesehen, seitdem er Anfang November das Neue Palais verlassen hatte, um sich an die Front zu begeben. Wilhelm II. sah sehr unglücklich aus, vor allem sehr verlegen. Die Kaiserin aber, so erzählte mir ein Augenzeuge dieser Begegnung, wandte ihrem Gemahl einen Blick grenzenloser, tiefster Liebe zu, den Blick einer Mutter, die zu ihrem Sohn sagt: „Was du auch getan haben magst, meiner Liebe, meines Verständnisses, meiner Nachsicht, wo du solcher bedarfst, bist du immer sicher." Sie hat, bevor sie erlöst wurde, nicht nur seelisch, auch körperlich schwer leiden müssen. Ich bin überzeugt, daß sie diese Leiden geduldig getragen hat als eine Prüfung und im festen Glauben an das Jenseits. Und so möge sich an der edlen und guten Frau das Schlußwort des Zinzendorfschen Liedes erfüllen: Tu uns nach dem Lauf Deine Türe auf. Die Rückreise von Syrien nach der Heimat sollte ursprünglich über Malta und Gibraltar gehen. Der Kaiser begründete seine Reiselust in dieser Rückfahrt Richtung damit, daß er zur Beurteilung der europäischen Gesamtsituation " 6er Malta sich durch den Augenschein davon überzeugen müsse, wie stark die englische Position in diesen beiden Hauptstützpunkten der Engländer im Mittelmeer wäre. Es gelang der Kaiserin, ihrem Gemahl Gibraltar auszureden, indem sie ihm vorstellte, daß die Rückreise von dort auf dem Landwege über Spanien ein zu großer Umweg wäre, während es andererseits keinen rechten Sinn hätte, an den Toren des Herkules umzukehren. So wurde, zur Befriedigung aller Reisegefährten, auf eine weitere Ausdehnung der Reise verzichtet, und wir begnügten uns mit Malta, der Insel, wo Phönizier und Karthager, Römer, Vandalen und Goten, Byzantiner und Araber geherrscht, wo der ritterliche Orden St. Johannes vom Spital und der Premier consul Bonaparte geboten hatten, bis sie wie so viele andere wichtigste Punkte der Erde an England fiel, das mit neuen Methoden und in anderer Form die römische Weltherrschaft erneuert hat. Vor unserem Eintreffen hatte der Kaiser wiederholt bei Tisch erklärt, daß er gegenüber dem Engländer auf Malta und insbesondere gegenüber den englischen Seeoffizieren eine ernste Sprache führen werde, denn er habe sich über eine Reihe englischer Übergriffe und Unfreundlichkeiten zu beklagen. In letzterer Richtung war die Ranküne Seiner Majestät damals übertrieben, sie kam aber überhaupt nicht zum Ausbruch, denn wie meist bei persönlichen Begegnungen mit Engländern erlag der Kaiser dem Zauber, 266 WILHELM II. VERZÖGERT DIE HEIMFAHRT den ein gut erzogener, richtiger Engländer mit seinen ruhigen Manieren, seiner sicheren Haltung, seiner mit respektvollen Formen verbundenen inneren Unabhängigkeit seit seiner Jugend auf ihn ausübte. Der Admiral von Senden, dessen antienglische Grundstimmung um so mehr hervorbrach, je mehr wir uns Malta näherten, sagte mir in dem Augenblick des Einlaufens in den Hafen mit einem gewissen Triumph, da er wußte, daß ich freundliche Beziehungen zu England aufrechtzuerhalten bemüht war: „Nun sollen Sie einmal sehen, wie unser Kaiser hier mit dem Engländer umspringen wird, den Admiral nimmt er sich zuerst vor." Als ich eine halbe Stunde später mit Senden auf dem Oberdeck auf und ab ging, deutete er ingrimmig auf die Kommandobrücke. Dort stand der Kaiser Arm in Arm mit dem kurz vorher zur Meldung eingetroffenen englischen Admiral, den er mit allen Zeichen kameradschaftlicher und wärmster Freundschaft beehrte. Nachdem wir in Malta alles irgendwie Sehenswerte eingehend besichtigt und bewundert hatten, drängte mit verdoppeltem Eifer die ganze Reisegesellschaft zur Rückkehr in die Heimat, voran die Kaiserin, die als gute Mutter sich nach den Kindern sehnte. Nur der Kaiser selbst war bemüht, die Rückkehr nach Möglichkeit hinauszuschieben. Ihn graute förmlich vor den unerfreulichen und insbesondere vor den langweiligen Seiten seines Berliner und Potsdamer Lebens, die doch nun einmal mit seinem Herrscherberuf unzertrennlich verbunden waren. Wir blieben mehrere Tage vor Syrakus. Der Kaiser trug kein Verlangen nach dem Besuch der Latomien von Syrakus mit der Pracht ihrer Vegetation und ihren melancholischen Erinnerungen an die gefangenen Athener, die sich dort über die Grausamkeit ihres Gefängnisses durch Rezitieren der Verse des Euripides getröstet hatten. Auch das Grab von August Platen reizte ihn nicht, noch die Quelle der Arethusa. Er ging statt dessen den ganzen Tag auf dem Promenadendeck der „Hohenzollern" mit mir auf und ab, um die für ihn im Vordergrund stehende politische Frage ungestört zu besprechen. Aufgestachelt durch die Briefe seiner Mutter, die ihn immer wieder im Interesse ihrer Tochter, der Prinzessin Viktoria von Schaumburg-Lippe, gegen die unglücklichen Biesterfelder hetzte, wollte er Mit tel und Wege finden, um, wenn auch nicht den Grafen Ernst aus Detmold zu entfernen, so doch dessen Nachkommen wegen angeblicher Unebenbürtigkeit von der Sukzession auszuschließen. An einer Stätte, die so eindrucksvoll die Vergänglichkeit alles Irdischen predigte, wo das Glück Athens zerschellte, war das Hin- und Herreden über diesen typischen Fall deutscher Kleinstaaterei doppelt kleinlich. Aber wo einst phönizische und athenische Flotten, römische und karthagische Trieren, normannische und arabische Segler, wo die Galeeren der Kreuzfahrer vorbeigezogen waren, wo Don Juan d'Austria als Sieger von Lepanto geprangt hatte, wurden jetzt die Ahnfrauen des Fürsten Georg SÜDDEUTSCHE HÖFE 267 von Schaumburg-Lippe und des Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld gegeneinander abgewogen. Der Kaiser wurde einen Augenblick stutzig, als ich ihm vorhielt, daß es dem preußischen Interesse nicht entspreche, die Kinder einer Gräfin Wartensleben für unebenbürtig zu erklären, wo die Familie Wartensleben der Monarchie viele und treffliche Offiziere und Beamte gestellt hätte und wo überhaupt der sogenannte kleine Adel für die Nation auf allen Gebieten viel mehr geleistet habe als alle Mediatisierten und die Mehrzahl der kleinen Fürstenhäuser zusammen. Der Kaiser kam immer wieder darauf zurück, daß es nicht an der öffentlichen Meinung, der Presse oder gar am Reichstag sei, Sukzessionsfragen zu entscheiden, die zu regeln ausschließlich Sache der deutschen Fürsten wäre. Er werde sich auf der Rückreise durch Deutschland bemühen, die Fürsten für seine Anschauungen und Pläne in dieser Richtung zu gewinnen. Wir passierten bald darauf die süddeutschen Hauptstädte. Überall benutzte der Kaiser den 10 bis 15 Minuten langen Aufenthalt, um die Reise Fürsten und Minister, die ihn erwarteten, für seinen Standpunkt in der durch Süd- Lippischen Frage zu erwärmen. Sie alle, insbesondere der Prinzregent von Deutschland Bayern und der König von Württemberg, erwiderten, daß sie gegen die Ansicht ihrer Minister und ohne Anhörung ihrer Kammern nichts machen könnten. Nichts wurmte den Kaiser mehr, als wenn Fürsten sich außerstande erklärten, den Widerstand ihrer Volksvertretungen oder ihrer Minister zu überwinden. Er sah darin eine Art Untreue gegen das von Gott dem Fürsten übertragene Amt, für das dieser, wie Wilhelm II. ja auch öffentlich ausgeführt hatte, nur dem Allmächtigen, keinem Menschen sonst verantwortlich wäre. An dieser Uberzeugung hat Kaiser Wilhelm bis an das Ende seiner Regierung festgehalten. Als ein der deutschen Sprache mächtiger römischer Prälat im Frühjahr 1915 vom Kaiser im Schloß Pleß empfangen wurde, richtete Seine Majestät scharfe Angriffe gegen* König Victor Emanuel von Italien, der kurz vorher Österreich den Krieg hatte erklären lassen. Als der Monsignore darauf hinwies, daß der König von Italien kaum anders habe handeln können, da das Ministerium Salandra- Sonnino auf der Kriegserklärung an Österreich bestanden hätte, bestritt der Kaiser mit Vehemenz diese Auffassung. Beim Jüngsten Gericht, führte der Kaiser aus, werde König Victor Emanuel nicht damit durchkommen, daß er die Verantwortung für die Kriegserklärung auf seine Minister abschiebe. Der liebe Gott werde dann zu ihm sagen: „Ne, Männeken, damit kommst du bei mir nicht durch! Wer hat dich zum König gemacht ? Deine Minister ? Dein Parlament ? Ich allein habe dich zu dieser Stellung erhoben, mir allein bist du verantwortlich, herunter mit dir in die Hölle oder wenigstens ins Fegefeuer." Der römische Prälat war nicht wenig konsterniert ob dieser etwas anthropomorphistischen Betrachtungweise Seiner Majestät. 268 BAYERN UND DER MILITÄR-STRAFPROZESS Bei den Besuchen in Stuttgart und München blieben alle Überredungskünste des Kaisers, seine glänzende Dialektik und seine gewinnende Liebenswürdigkeit vergeblich gegenüber der Vis inertiae der Souveräne, die gerade in der Lippischen Frage ihre Kammern mehr fürchteten als eine Verstimmung des Kaisers, von der sie bei dem Naturell des hohen Herrn annahmen, daß sie nur vorübergehend sein würde. Nur in Baden-Baden, wo wir einen ganzen Tag zubrachten, fand der Kaiser willigeres Gehör. Im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Fürsten stand Großherzog Friedrich infolge verwandtschaftlicher Beziehungen zu Bückeburg innerlich mehr auf dessen Seite, obwohl die Geschichte gerade des Hauses Zähringen ihn zur Nachsicht gegenüber unebenbürtigen Ehen hätte veranlassen sollen. Die Sympathie des Großherzogs für den kaiserlichen Standpunkt in der Lippe-Frage war aber mehr platonischer Natur. Auch er wünschte sich nicht öffentlich im Sinne des Kaisers zu engagieren. Erfreulich war, daß ich den kurzen Aufenthalt in München benutzen konnte, um uns endgültig mit Bayern über die leidige Frage der Militär- Strafprozeß-Reform zu verständigen. Der Prinzregent willigte in die Errichtung eines bayrischen Senats mit dem Sitz in Berlin beim Obersten Militärgerichtshof. Dagegen räumten wir Bayern das Recht der Ernennung des Vorsitzenden wie der Mitglieder im Berliner Senat sowie des Militäranwalts ein. Damit war diese Frage endlich geregelt, die zu vielen Empfindlichkeiten Anlaß gab und sich schon viel zu lange hingezogen hatte und deren endliche Beilegung namentlich dem Fürsten Hohenlohe sehr am Herzen lag. Der Kaiser, der in seinem Widerstand lange vom Chef des Militärkabinetts, General von Hahnke, bestärkt worden war, gab endlich nach, als ich ihm das italienische Sprichwort vorhielt: „Le cose lunge diven- tano serpe" („Verschleppte Schwierigkeiten werden zu Giftschlangen") und ihm schließlich diesen schönen Spruch auf einen Zettel schrieb. Es hing zusammen mit der raschen Auffassung und mit der Empfänglichkeit für Geist in jeder Form, zwei Eigenschaften, die Wilhelm II. in hohem Maße besaß, daß zugespitzte Zitate, Sprichwörter, für einen Fall passende Worte historischer Persönlichkeiten mehr Eindruck auf ihn machten als die längsten Denkschriften. Am 26. November trafen wir wieder auf der Wildparkstation in Potsdam Eintreffen ein, wohin die preußischen Minister mit dem Fürsten Hohenlohe an der n Potsdam Spitze zum Empfang befohlen worden waren. Der Kaiser hielt eine Ansprache an seine verfassungsmäßigen Berater, in der er eine begeisterte Schilderung nicht nur des ihm im türkischen Reiche gewordenen Empfangs, sondern vor allem der herrlichen Zustände in der Türkei gab. Er ging hierbei so weit, zu sagen, daß die Türkei mit dem unbedingten Gehorsam ihrer Bewohner gegenüber dem Sultan, in dem sie nicht nur ihren Souverän, DIE „BRAVE BÜRGERSCHAFT' 269 sondern auch ihren Kalifen, d. h. den Statthalter Gottes, verehrten, für andere Länder vorbildlich sein könnte. Der Segen des Himmels ruhe sichtbar auf der Türkei, auch wirtschaftlich wäre das Land in blühendem Zustand. Als wir mit der Eisenbahn nach Berlin zurückfuhren, meinte der Kultusminister Dr. Bosse mir gegenüber, er sei tief erschüttert durch die kaiserliche Ansprache. Er habe mit einer größeren Anzahl Geistlicher um die gleiche Zeit wie der Kaiser und ungefähr auf demselben Wege Palästina und Syrien besucht. Er habe überall Armut, Verwahrlosung und Mißregierung konstatiert. Wie sei es möglich, daß sich der Kaiser, ein so hochbegabter Herr, in solchen Illusionen bewege ? Fürst Hohenlohe fühlte sich wieder an Ludwig II. von Bayern erinnert, der für die Inseln im Ägäischen Meer geschwärmt habe und das prosaische Bayern gern für sie eingetauscht hätte. Ich möchte auch bei diesem Anlaß wiederholen, daß nach meiner festen Uberzeugung der Kaiser geistig nicht anormal war, wohl aber oberflächlich, sehr impressionabel, ohne Kritik gegenüber der eigenen Phantasie, ohne Hemmungen und darum allerdings oft der Spielball wechselnder Eindrücke. Am 1. Dezember hielt der Kaiser mit der Kaiserin einen feierlichen Einzug in Berlin. Er wurde vom Bürgermeister am Brandenburger Tor Einzug begrüßt, dem er erklärte, daß er auf seiner Orientreise schöne und mächtige in Berlin Eindrücke auf dem Gebiete der Religion, der Kunst und Industrie gewonnen habe. Das eine könne er dem Bürgermeister sagen, daß er den deutschen Namen überall, in allen Ländern und allen Städten, geschätzt und geachtet gefunden hätte wie nie zuvor. Der Bürgermeister möge der „braven Bürgerschaft" seinen Dank übermitteln. Der Kaiser hatte in seiner großen Liebenswürdigkeit meine Frau und ihre gerade bei ihr weilende Mutter Donna Laura Minghetti aufgefordert, sich seinen Einzug von dem Balkon des Niederländischen Palais anzusehen. Donna Laura, die einen scharfen Verstand besaß, übrigens Kaiser Wilhelm II. schon wegen seiner Güte für ihre Tochter und für mich sehr hebte, sagte mir, nachdem sie sich den Einzug angesehen hatte: Ein Monarch täte besser, sich eine solche „Entree triomphale" nur nach einem gewonnenen Kriege zu erlauben. Es sei ein großes Glück für Deutschland und für Europa, daß der Kaiser friedlich gesinnt sei. Aber Einzüge wie dieser, nach einer Reise, deren Arrangement Cook übernommen habe, hätten etwas Ridiküles. Während ich im Orient weilte, erhielt meine Frau aus Windsor Castle mehrere Briefe von der ihr so gütig gesinnten Kaiserin Friedrich, die dort Briefe zu Besuch bei ihrer Mutter weilte. Unter anderem schrieb sie: „Dearest der Kaiserin Marie — the only reason why I regret not being at Berlin — is that I can Friedrich have no little chats with you! L'inverno a Berlino mi pare sempre tanto tristo, adesso piü che mai! I would be very grateful to escape one of these 270 FES UND HALBMOND winters if I did not just miss you! You must come again to Friedrichshof— will you not? Your hushand will return to Berlin now and be glad to bc home again I am sure! I expect to see the whole of Berlin Court with the ,Fez' on their head, and the ,Halfmoon' on their breast, since the friendship with the Sultan is so great! Si potrebbe anche scegliere un amico piü nobile ? ? This modern Nero inspires me with nothing but disgust! Goodbye, darling contessina, ever your devoted friend Victoria." Kaiser Wilhelm hatte in dieser Zeit unter dem Einfluß des ihm in Konstantinopel zum Ehrendienst beigegebenen geschickten und intriganten Albanesen Turkhan-Pascha trotz meines Abratens dem Kaiser Nikolaus einen Brief geschrieben, in dem er mit Wärme für die türkischen Ansprüche auf Kreta eintrat. In Damaskus konnte er sich nicht enthalten, in einem zweiten Brief an den Zaren seiner Begeisterung für die Türken Ausdruck zu geben. Nach Berlin zurückgekehrt, erhielt er von seinem „Kollegen, Freund und Schwippschwager", wie er ihn scherzhaft zu nennen pflegte, die nachstehende Antwort: Livadia, Dezember 2. 14. 1898* Dearest Willy, It was very kind of You to have written two long and interesting letters during Your voyage — one from Constantinople — the second from Damaskus! I thank You heartily for them, I was particularly interested in hearing Your personal impressions, as unluckily I had not the chance of visiting Syria and Palestina during my voyage to the East. A few days ago I got a special report from Count Osten-Sacken, upon a conversation, he had had with You — the day he presented the picture of Your arrival at Cronstadt last year. Your usual frankness towards him made me happy and I beg You to continue to rely upon him even as much as You rely upon and trust me! Whenever You want to have a good explanation upon a question or if You want me to learn some news, which might concern us both, please, except writing to me(:if You have got time:) send for Osten-Sacken — in the future. I assure You the affair would in this way be quickly and noiselessly done. I hope England's arrogant conduct is not going to last long. She seemed to be very earnest in the beginning of her war-preparations, but now that she sees the effect she hoped to produce on the Powers — was not so great as she had hoped it would be, I am sure her martial mood will soon go down. I don't think there is much chance for England to form a real alliance with the United States, against Europe in general, and Russia in particular — as there are so many divergent interests . . . Canada or the growing question of the * Deutsche Übersetzung siehe Anhang, S. 790. KITCHENER HISST DIE ENGLISCHE FLAGGE 271 Nicaragua canal. Of course they — (I mean the English) would like to push the Americans against us in China. This neither frightens me, because we sit firmly on land at Port Arthur — and above every thing — Russia's borders touch the Afghan frontier! And England should not forget this! I am glad, that the Cretan affair is at last nearing its end. You know the reason, why Russia had to take such a prominent part in its Solution — at the risk of damaging our good and cordial relations with Turkey — the fear of another Power establishing itself on the island and of course the wish to put a final stop to the constant bloodshed. There was no other way of settling the question than sending George as High Com- missioner of the four Powers — it is a radical measure, but therefore the only one in my opinion. Our troops shall remain there as long as England keeps her's on the island. We have both spent a most enjoyable time here; the autumn has been a real summer to us who come from the north. One does feel so well being out of doors all day, riding, playing lawn-tennis etc. and not having to receive daily tiresome ministers. Still they do not forget to belabour me with Hills of papers, that I get twice a week. Alas! the end of our stay at Livadia is approaching, as we think of leaving about the 10. 22. Dec. Alix sends You her best love; please give mine to Victoria and with warm thanks for Your kind letters believe me dearest Willy ever Your most loving cousin and faithful friend » T . , Nicky. Während unserer Orientreise hatte sich der Faschoda-Streit zwischen England und Frankreich abgespielt. Im April 1898 hatte der Sirdar Herbert Faschoda Kitchener, derselbe, der während des Weltkriegs von den Wellen der Nordsee verschlungen werden sollte, ein harter, rücksichtsloser, aber energischer Kriegsmann, die Verkörperung jener englischen bulldoggenartigen Tatkraft, die sich Indien und Südafrika unterwarf, die Derwische bei Atbara aufs Haupt geschlagen. Ungefähr um dieselbe Zeit war der französische Major Marchand von Abangki abmarschiert und hatte Faschoda am oberen Nil besetzt. Es war der letzte schüchterne Versuch der Franzosen, von ihrer früheren großen Stellung in Ägypten wenigstens einige kleine Fetzen im Niltal zu retten. Es ging ihnen aber damit ähnlich wie im 18. Jahrhundert bei den Kämpfen um Kanada. Bei jedem kolonialen Zusammenstoß mit England ist Frankreich immer wieder auf seine kontinentale Politik zurückgeworfen worden. Als Kitchener von der Expedition Marchands erfuhr, nahm er seinen Vormarsch nach Süden wieder auf und brachte den um die Hälfte stärkeren Derwischen eine neue, vernichtende Niederlage bei. Am 5. September besetzte Kitchener Chartum, drei Wochen später hißte er die englische Flagge in Faschoda und forderte Marchand zur 272 MARCHAND ZURÜCKGEHOLT Räumung auf. Marchand weigerte sich, ohne Befehl seiner Regierung Faschoda zu verlassen. Die französische Presse tobte, aber die französische Regierung dachte nicht einen Augenblick daran, sich wegen einer afrikanischen Frage mit England zu brouillieren. Die französische auswärtige Poktik wurde damals von Delcasse geleitet, Delcasse dem zähesten und dabei geschicktesten Vertreter der Revanche-Idee, der sein ganzes Denken, Sinnen und Leben gehörte. Er Heß der englischen Regierung keinen Zweifel darüber, daß Frankreich aus der Faschoda-Frage keinen ernsten Zwist, geschweige denn einen Casus belk' machen würde. Wie ich nicht lange nachher aus sicherer Quelle hörte, erklärte Delcasse ohne Umschweife dem englischen Botschafter: „Solange die Deutschen in Straßburg und Metz stehen, hat Frankreich nur einen einzigen permanenten Feind. Unter diesem Gesichtswinkel werden wir jede Differenz mit anderen Mächten, mit England wie mit Rußland, mit ItaUen und Spanien wie mit Amerika behandeln und beilegen." Eine Note der Agence Havas meldete denn auch, daß die französische Regierung beschlossen habe, die Mission Marchand in Faschoda nicht aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig dementierte sie in scharfer Form alle beunruhigenden Gerüchte, die über die Beziehungen zwischen Frankreich und England verbreitet würden. Es sei durchaus unrichtig, daß in irgendeinem französischen Kriegshafen außerordentliche Maßregeln getroffen würden. Ein mir befreundeter Vertreter eines bei diesem Streitfall unbeteiligten Landes in Konstantinopel erzählte mir später, daß, als dort die Nachricht eingetroffen wäre, daß Frankreich in dem Faschoda-Streitfall auf der ganzen Linie nachgegeben hätte, der französische Botschafter, Paul Cambon, der spätere Botschafter in London, ihm gesagt habe: „Je suis ravi de cette bonne nouvelle." In Deutschland verfielen damals öffentliche Meinung und Presse, wie schon früher und wie leider nur zu oft auch später, in den Fehler, gegenüber dem englisch-französischen Streit mit wenig Witz und viel Behagen, vor allem mit sehr wenig Takt die Haltung anzunehmen, in der sich das Straßenpublikum gefällt, wenn zwei Hunde aneinanderkommen. Gegenüber einer so schiefen Einstellung und solchen Entgleisungen der deutschen Stimmung und der sie reflektierenden Presse konnte ich acht Jahre später in meiner Rede vom 14. November 1906* mit Recht vom mißverstandenen Bismarck sprechen. Weil in den Jahren des Werdens des Deutschen Reichs, in einer Zeit, wo Eifersucht, Mißtrauen und Haß gegen unsere wachsende Macht und unseren zunehmenden Wohlstand bei weitem nicht so hoch gestiegen waren wie seitdem, Fürst Bismarck mit seiner einzigartigen, genialen Findigkeit aus den Gegensätzen zwischen den anderen Großmächten Vorteile gezogen * Fürst Bülows Reden. Große Ausgabe II, S. 326; Kleine Ausgabe IV, S. 134. REVANCHE UND FRIEDEN 273 hatte, glaubten viele Leute in Deutschland, das „Duobus litigantibus, tertius gaudet" müsse Motiv und Ziel der deutschen Politik sein. Ich habe auch später gelegentlich im Reichstag darauf hingewiesen, daß wir nicht von der Feindschaft zwischen anderen Mächten leben könnten. Ich habe unter vier Augen mehr als einem deutschen Politiker und Publizisten auseinandergesetzt, das sicherste Mittel, Streit zwischen anderen Mächten zu verhindern, sei, daß wir Sehnsucht nach solchen Differenzen verrieten und die Freude des Tertius gaudens gar zu naiv zur Schau trügen. Aber die unpolitische, die meist mit dem Gefühl, selten mit kalter Überlegung operierende Art der Söhne des Teut verfiel immer wieder in diesen Fehler. Die Stimmung der Franzosen uns gegenüber ist nie besser charakterisiert worden als durch jenes von mir bereits erwähnte Wort: „La France desire la revanche, mais eile veut la paix." Frankreich hat seit 1871 niemals weder das Straßburger Münster noch die Metzer Kathedrale noch vor allem die beherrschende Stellung vergessen, die es im Laufe der letzten Jahrhunderte wiederholt in Europa einnahm. Solche Wünsche lebten als Unterströmungen in fast allen französischen Herzen fort. Damit sie es aber auf den Krieg ankommen ließen, mußte den Franzosen eine Situation geboten werden, wie sie durch das Ungeschick unserer politischen Leitung im Sommer 1914 plötzlich vor ihnen lag: die von unserer Seite erfolgte Kriegserklärung an Rußland, die ebenfalls von uns ausgehende Kriegserklärung an Frankreich selbst, die daraus hervorgehende Möglichkeit für ItaUen und Rumänien, sich nach dem Wortlaut der Verträge ex nexu foederis zu setzen, die Invasion Belgiens, die der englischen Regierung die Möglichkeit gab, und ihr nach englischer politischer Tradition fast die Pflicht auferlegte, gegen uns vorzugehen, und endhch, last not least, Reden und Worte des deutschen Kanzlers Bethmann, die von vornherein alle Imponderabilien in das Spiel unserer Gegner brachten. England gegenüber lagen die Verhältnisse auch 1898 anders als mit Frankreich. Von Unversöhnlichkeit war dort keine Rede. Es bestand in Deutschland England viel Neid gegen uns, auch Mißtrauen und Abneigung namentlich in unc * Englam höheren Kreisen. Der Prinz von Wales mochte die Deutschen nicht und haßte seinen Neffen, den Kaiser Wilhelm. Es gab aber andererseits weite enghsche Kreise, und zu diesen gehörten viele der besten und ehrenwertesten Engländer, denen ein Krieg zwischen Deutschland und England als ein Verbrechen erschien. Ich hatte im Sommer 1898 in vollem Einvernehmen mit unserem Botschafter in London, dem Grafen Paul Hatzfeldt, einen Versuch gemacht, uns mit England über afrikanische Fragen in einer Weise zu verständigen, durch die berechtigte Empfindungen anderer nicht verletzt werden konnten und die gleichzeitig den Interessen der beiden Kontrahenten gleichmäßig Rechnung trug. Es kam mir dabei nicht nur auf das 18 BUlow I 274 DER BÖSE ZAHLER PORTUGAL Objekt, die portugiesischen Besitzungen in Afrika, sondern auch darauf an, bei diesem Anlaß festzustellen, wie weit wir uns auf die englische Bona fides verlassen konnten. Die Gelegenheit war günstig. Portugal, der böse Zahler, befand sich in einer Geldklemme, unter der seine Gläubiger, Deutschland wie England, seit Jahren litten, da sie gar keine Zinsen mehr erhielten. Portugal bot bei uns wie in England Verkauf oder Verpfändung seiner Besitzungen an. Nach unserem Abkommen sollten Mozambique, für dessen Hafen Laurenco-Marquez England schon seit längerer Zeit ein Vorkaufsrecht besaß, in die engbsche Sphäre fallen, die portugiesischen Besitzungen an der afrikanischen Westküste in unsere Sphäre. Der portugiesische Besitz im Sunda-Archipel sollte zwischen den beiden Großmächten geteilt werden. Das Abkommen wurde im Oktober 1898 unterzeichnet. Als ich Ende August dem Kaiser melden konnte, daß sich die englische Regierung in allen wesentlichen Punkten mit unseren Vorschlägen einverstanden erklärt hätte, telegraphierte mir Seine Majestät: „Diese Wendung begrüße ich mit Freude, die um so größer ist, als durch die Friedens- und Abrüstungsvorschläge und das sich anschließende Gerede die Kriegsaussichten sich wesentlich mehren. Ich danke Ihnen, lieber Bülow, für die aufopfernde und erfolgreiche Arbeit und die Geschicklichkeit, mit der Sie England dazu gebracht haben, uns endlich nachzugeben. Es ist dieses wieder ein großer Triumph Ihrer diplomatischen Feinheit und Weitsichtigkeit." Um die Wende des Jahrhunderts erfuhr ich durch die Indiskretion Der Windsor- eines mir seit meiner Jugend befreundeten nicht deutschen Diplomaten Vertrag un( l wurde mir durch Nachrichten aus Pariser Bankkreisen bestätigt, daß England ein Jahr nach seinem Abkommen mit Deutschland ein geheimes Abkommen mit Portugal geschlossen hatte, den sogenannten Windsor-Vertrag, der alte Verträge ausdrücklich wieder bestätigte, in denen sich das mächtige England und dessen langjähriger Klient, das kleine Portugal, ihren beiderseitigen Besitzstand garantierten mit der Verpflichtung, ihn im Notfall gegenseitig zu verteidigen. Das Zustandekommen des Windsor-Vertrages war namentlich durch den damaligen Prinzen von Wales gefördert worden, zu dessen persönlichen und intimen Freunden der portugiesische Gesandte in London, Marquis Soveral, gehörte. Natürlich stand dieser Windsor-Vertrag mit dem Geist des deutschenglischen Abkommens über die portugiesischen Kolonien in flagrantem Widerspruch. Er war nicht nur eine Garantie für Portugal, sondern geradezu eine Ermunterung für dieses Land, seine Kolonien nicht zu belasten. Er stärkte die alte Neigung der Portugiesen, in allen wirtschaftlichen Fragen England zu bevorzugen. Gar nicht davon zu reden, daß die politische Abhängigkeit der Portugiesen von England durch den Windsor-Vertrag noch erheblich verstärkt wurde. POLITISCHE MORAL ENGLANDS 275 In ihren interessanten Memoiren erzählt die Marquise de Boigne aus der Zeit, wo sie vor der großen Französischen Revolution als Tochter des damaligen französischen Botschafters in England weilte, die nachstehende Episode. Ihr Vater gab ein Diner, während dessen die Tochter plötzlich entdeckte, daß ihr kleiner Schoßhund sich unter dem Tisch verkrochen hatte. Um das Tier herausbringen zu lassen, hielt sie ihm einen Leckerbissen hin, das Hündchen schnappte danach, und sie konnte es fassen und einem Diener zum Hinaustragen übergeben. Mit großem Ernst sagte darauf der englische Minister des Äußeren, neben dem sie saß, zu dem jungen Fräulein: „Das ist sehr unrecht von Ihnen, daß Sie das Vertrauen dieses guten Hündchens getäuscht haben, dadurch verderben Sie seine Moral." Gerührt und beschämt erzählte die junge Dame am nächsten Tage ihrem Vater den Vorfall. Dieser riet ihr, sich keine weiteren Vorwürfe zu machen. Derselbe englische Minister, der so rigoros über unsere sittlichen Pflichten gegenüber kleinen Hunden denke, habe ihn in einer großen politischen Frage derartig hereingelegt, daß er wahrscheinlich seinen Posten verlieren würde. In keinem Lande wird die Grenzlinie zwischen privater und politischer Moral so scharf und kühl gezogen wie in England. Auch der persönlich ehrenhafteste Engländer wird in der Politik die bedenklichsten Mittel mit derselben Ruhe anwenden, mit der ein Arzt, wo es geboten erscheint, auch giftige Substanzen benutzt. Ein englisches Sprichwort sagt: In love and in politics everything is fair. Ohne den Krieg hätte nichtsdestoweniger auch dieses 1898 mit dem deutsch-englischen Vertrag über die portugiesischen Kolonien von mir gepflanzte Samenkorn Früchte getragen. Als in Lissabon nicht mehr das Haus Koburg-Braganza auf dem Thron saß, das, mit dem engbschen Königshause nahe verwandt, von der engUschen Politik geschont wurde, und als nicht mehr der Intimus des Königs Eduard, der elegante Marquis Soveral, Portugal in London vertrat, sondern irgendein portugiesischer Radikaler, der keinen Zutritt in der englischen Gesellschaft hatte, verlor England das Interesse an Portugal. Das Abkommen von 1898 zwischen uns und England sollte reaktiviert und unterzeichnet werden, als die nach dem Ultimatum an Serbien entstandene Krise mit vielen anderen Werten und Aussichten auch diese Zukunftshoffnung vernichtete. Am Ende des verflossenen Jahrhunderts aber war es begreifhch, daß ich nach einer solchen Erfahrung einige Zeit später Vorsicht für geboten hielt, als Chamberlain, ohne das ganze Ministerium und namentlich ohne den Premierminister auf seiner Seite zu haben, uns den Köder einer deutsch-englischen Allianz in einem Augenblick hinwarf, wo es ihm als dem Urheber des Burenkrieges sehr erwünscht gewesen wäre, Deutschland zwischen sich und Rußland-Frankreich zu schieben. Ich lasse die wichtigen Teile eines Briefes folgen, den am 27. Juni 1898, 18* 276 CHAMBERLAIN NACHDENKLICH noch bevor ich Wind von dem Windsor-Vertrag bekam, Graf Paul Hatzfeldt an seinen Freund Holstein richtete. Der Brief ist nicht uninteressant durch die Schlaglichter, die er auf das Verhältnis zwischen dem Premierminister Salisbury und dem Kolonialminister Chamberlain wirft. Er zeigt auch, wie sich unser nüchterner und erfahrener Botschafter in London keine Illusionen darüber machte, daß Chamberlain schon damals gern einen Vertrag mit uns schKeßen wollte, der seine Spitze gegen Bußland richten sollte, daß er uns reale Vorteile aber ebensowenig gönnte wie Salisbury. London, den 27. Juni 1898 Lieber Freund, ich liege seit zwei Tagen zu Bett mit einer ziemlich starken Erkältung. Verloren ist dabei nichts, da ich es, auch wenn ich wohl wäre, nicht für richtig halten würde, Salisbury gegenüber zu große Eile in der portugiesischen Frage zu zeigen. Den Leuten hier, mit Einschluß von Salisbury und Chamberlain, ist es odios, uns einen fetten Bissen zuwenden zu sollen. Ihre Frage, ob ich glaube, daß durch Chamberlain mehr zu erreichen wäre, glaube ich nach bestem Wissen verneinen zu müssen. Wenn ich ihm eine politische Abmachung mit der Spitze gegen Bußland bieten könnte, würde er mir gewiß erhebliche koloniale Zugeständnisse machen, ohnedem aber nach meiner Uberzeugung gewiß nicht. Mit Salisbury stehen wir, obwohl er uns auch nichts gönnt, insofern besser, als er keine politische Abmachung gegen Bußland verlangt und dennoch für politische Erwägungen Verständnis hat, deren Gewicht Chamberlain nicht zu beurteilen vermag oder doch unterschätzt. Was ich meine, werden Sie aus folgendem ersehen. Im Laufe einer meiner letzten Unterhaltungen mit Salisbury über die portugiesische Frage sagte ich ihm: „Sehr zu bedauern wäre es, wenn man hier nicht verstände, daß man durch eine unfreundliche und abweisende Haltung in dieser Frage allen denjenigen bei uns, die gegen freundschaftliche Beziehungen mit England und für eine intime Verständigung mit seinen Gegnern sind, selbst Waffen und Argumente dafür in die Hand gibt." Er machte ein nachdenkliches Gesicht und erwiderte: „Das ist gerade die unangenehme Alternative, in der wir uns befinden." Obwohl er nicht näher darauf einging, beweisen diese Worte für denjenigen, der ihn kennt, hinreichend, daß die Besorgnis, uns ganz in das russische Lager zu treiben, auf ihm lastet und in seinen Erwägungen eine bedeutende Bolle spielt. Dies ist von Chamberlain nicht oder nicht in demselben Maße zu erwarten. Bei dieser Gelegenheit will ich noch eine andere Äußerung Salisburys vertraulich für Bülow und Sie anführen, da sie sich für einen Bericht nicht eignet. Als ich ihm gegenüber hervorhob, welche Dienste wir den Engländern bezüglich Ägyptens geleistet, und dabei SALISBURY VERMEIDET ÄUSSERUNG 277 durchblicken ließ, daß Frankreich und Rußland, letzteres wegen des Suezkanals, sich längst in afrikanischen Fragen gegen England gewandt haben würden, wenn wir nicht ihrem Wunsche, Ägypten hineinzuziehen, bis jetzt entschieden im Wege gestanden hätten, erwiderte er mir: „Oui, tout irait encore bien si nous avions toujours Caprivi." Auf meine Frage, was er denn dem jetzigen Herrn Reichskanzler vorzuwerfen habe, sagte er: „II a une femme russe." Ich erwiderte: „Vous oubliez qu'elle est morte." Darauf er: „Oui, mais ils ont de grandes proprietes en Russie qui dependent du gouvernement russe." Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß ich es als lächerlich bezeichnete, dem Fürsten Hohenlohe hervorragende russische Sympathien zuzuschreiben, weil die verstorbene Fürstin eine einzige Besitzung in Rußland vorläufig behalten habe. Sie sehen aber aus diesen hingeworfenen konfidentiellen Äußerungen, wie groß das Mißtrauen gegen unsere Absichten ist. Das hat auch seine gute Seite; denn die fragliche Besorgnis der Engländer ist, wie die Dinge liegen, der einzige Druck, den wir hier ausüben können, um koloniale Zugeständnisse zu erreichen. Sie werden bemerkt haben, daß Salisbury bis jetzt sorgfältig vermieden hat, über die von mir formulierten Vorschläge eine bestimmte Ansicht zu äußern und auch nur annähernd anzugeben, wie er sich seinerseits die Auseinandersetzung zwischen uns denken würde. Infolge dieser Haltung befindet er sich in der angenehmen Lage, 1. mir gegenüber in bezug auf jeden Punkt lediglich zu sagen, daß wir viel zuviel verlangen, und 2. uns, wie auch eventuell anderen gegenüber, geltend zu machen, daß er überhaupt nichts von uns verlangt und uns auch nichts angeboten, sondern lediglich unsere höchst unbescheidenen Vorschläge angehört habe. Es blieb, wie die Dinge liegen, nichts übrig, als infolge seiner Frage unsere Forderungen im großen und ganzen anzugeben, aber wir dürfen ihn meines Erachtens keinen Augenblick länger als nötig in der von ihm eingenommenen bevorzugten Stellung lassen. Mit anderen Worten: Wenn es zu einer weiteren Besprechung über die Auseinandersetzung zwischen uns überhaupt noch kommt, gedenke ich den Spieß sofort umzudrehen, jede weitere Erläuterung über die von mir formulierten Punkte abzulehnen und mich auf den Standpunkt zu stellen, daß es jetzt seine Sache sei, mir mitzuteilen, zu welchen Konzessionen man hier in bezug auf die portugiesischen Kolonien Afrikas uns gegenüber bereit sei. In bezug aufChamberlain möchte ich hier nochmals hervorheben und bitte Sie, dies eventuell geltend zu machen, daß mir jede Möglichkeit fehlt, mit ihm in direkten geschäftlichen Verkehr zu treten, ohne mich mit Salisbury zu entzweien und meine weitere amtliche Tätigkeit hier vollständig nutzlos zu machen. Aus allen Äußerungen Salisburys seit seiner Rückkehr ging stets unverkennbar hervor, daß er es zwar natürlich findet, daß ich die 278 SALISBURY GEGEN VERKEHR Besprechungen mit demselben seinerzeit nicht abgelehnt habe, namentlich mit Rücksicht darauf, daß Mr. Balfour, der amtliche Vertreter Salisburys, bei der Sache beteiligt war, daß er, Salisbury, aber durchaus keine Fort- Setzung dieses Verkehrs wünscht, außer in solchen Fällen, wo er sich vorher damit einverstanden erklärt hat. Ich habe daher nicht den geringsten Zweifel, daß er jeden Versuch meinerseits, mit Chamberlain in persönliche Verbindung zu treten, als einen Mangel an Loyalität betrachten würde. Meine Stellung würde hiernach, solange Lord Salisbury am Ruder bleibt, geschäftlich unhaltbar werden, und Sie könnten mich ebensogut abberufen. Wie erwünscht es mir wäre, Herrn von Bülow einmal zu sehen, brauche ich nicht erst zu sagen. Mit herzlichem Gruß Ihr gez. Hatzfeldt XVIII. KAPITEL Jahresschluß 1898 • Prinz Heinrich über Ostasien • Erwerbung von Samoa • Großherzog Karl Alexander von Weimar • Erwerbung der Karolinen • Erhebung in den Grafenstand (22. VI. 1899) • Burenkrieg • Cecil Rhodes in Berlin • Die öffentliche Meinung in Deutschland gegenüber dem Burenkonflikt • Die Kanalvorlage • Finanzminister von Miqucl • Brief der Kaiserin über die Kanalvorlage • Die Kanalrebellen A ls das ereignisreiche Jahr 1898 zu Ende ging, erhielt ich am 12. De- .LjLzember 1898 das nachstehende Telegramm en clair des Kaisers: „Heute vor einem Jahr standen wir auf dem Deck S. M. S. ,Deutschland' und gaben Heinrich das Geleit. Ungewiß lag die Zukunft vor uns und zum Teil drohend. Wie herrlich aber dank Ihrer kundigen Hand und Gottes Hilfe hat sich alles entwickelt! Zumal für unsere Marine ist die Entwicklung gesichert und unseren Kolonien der Schutz in Aussicht, dessen sie bedürfen. Möge Ihr besonnener Rat sowie der Beistand des Herrn auch ferner mir zur Seite stehen. Wilhelm I. R." Um dieselbe Zeit schrieb mir mein Vorgänger, der Freiherr von Marschall: „Hochverehrter Freund! Es drängt mich, Ihnen meine herzlichsten Brief Wünsche zum neuen Jahr auszusprechen und Ihnen ganz besonders zu Marscha sagen, wie sehr ich mich über Ihren jüngsten parlamentarischen Erfolg gefreut habe. Sie werden wohl von einem alten Parlamentarier, der, wie Bismarck sich einst mir gegenüber ausdrückte, unseren Reichstag als Belagerer und als Belagerter kennengelernt hat, die Anerkennung freundlich entgegennehmen, daß Ihre neuliche Rede an Form und Inhalt gleich ausgezeichnet gewesen ist. Gerade die feinen Andeutungen, die den Abgeordneten erkennen lassen, daß der Minister gern bereit wäre, über die verschiedensten Fragen der auswärtigen Politik Auskunft zu geben, aber nicht imstande ist, alles zu sagen, was er weiß, machen im Parlament einen vorzüglichen Eindruck. Sie haben sich in kürzester Frist das allgemeine Vertrauen erworben und damit das natürliche Verhältnis zwischen Auswärtigem Amt und Volksvertretung wiederhergestellt, das mir in den letzten Jahren sehr zum Nachteil der auswärtigen Politik gefehlt hat. Von Herzen wünsche ich Ihnen und dem Reiche, daß das neue Jahr ebenso erfolgreich sein möge wie das vergangene und an Widerwärtigkeiten nicht mehr bringen möge. 280 STÜBELS PECH als mit Ihrem verantwortlichen Amt nun einmal unlösbar verbunden ist." Herbert Bismarck schrieb mir am Silvestertag 1898: „Ihnen wünsche ich neben allem anderen Guten stets Befriedigung und steigende Triumphe in Ihrer Tätigkeit zum Heile unseres Vaterlandes. Daß Sie manche Schwierigkeiten haben, kann ein erfahrener Zeitungsleser auch zwischen den Zeilen gewisser Artikel erkennen. Sie müssen uns jetzt aus dem unbequemen Fahrwasser heraussteuern, in das die unrichtige Navigation von 1890-91 uns gebracht hat. Good speed wünsche ich dazu und bedauere nur, daß Sie in Ihrer diplomatischen Armee so wenig geschickte Helfer haben, so daß Sie alles allein machen müssen." Noch vor Schluß des Jahres 1898 hatte ich einen Brief des Prinzen Brief des Heinrich von Preußen erhalten, der mir von S. M. S. „Deutschland" mit Prinzen der prägnanten Ortsbezeichnung „Chinesisches Meer" unter dem 28. No- Heinrich vemDer 1898 schrieb: „Mein lieber Herr von Bülow! Als wir vor nunmehr bald einem Jahr voneinander schieden, gestanden Sie mir die Erlaubnis zu, dann und wann über Ihre Untergebenen ein freies Wort zu äußern." Der Herzensgüte des Prinzen entsprechend war dies freie Wort eine warme Befürwortung der Ernennung des Generalkonsuls Dr. St übel in Shanghai zum Gesandten in Peking. Stübel war ein tüchtiger Beamter, dessen dienstliche Laufbahn aber an einen melancholischen Vers erinnert, den ich vor vielen Jahren in einem alten Bülowschen Stammbuch fand. In dieses Buch hatte ein Bülow aus dem 16. Jahrhundert eine Zickzacklinie eingetragen und darunter geschrieben: Sic eunt fata hominum, Ach, gingen sie doch nicht so krumm! Mit Rottenburg hatte Dr. Stübel seinerzeit für den Posten des Chefs der Reichskanzlei beim Fürsten Bismarck zur engeren Wahl gestanden, ein Beweis, daß er Qualitäten besaß. Er hatte sich dann im Konsulardienst in Ostasien wohl bewährt, wurde Direktor der Kolonialabteilung, warf aber als solcher um, da er nicht frei sprechen konnte. Bei der ersten Rede, die er bei Beratung seines ersten Etats im Reichstag halten sollte, saß ich neben ihm. Er suchte nach Worten, ohne sie zu finden, stockte nach jedem Satz, wiederholte zweimal dieselbe Wendung, blickte hilflos um sich, zur Decke und in den Saal, wo ihm die Vertreter des deutschen Volkes mit dem boshaften Vergnügen zuhörten, das im Theater die Besucher der Galerie empfinden, wenn ein Schauspieler trotz krampfhaften Einblasens von Seiten des Souffleurs steckenbleibt. Ich selbst habe beim Reden nie Befangenheit empfunden, aber es ist mir geradezu eine Qual, wenn ein anderer bei öffentlichem Sprechen nicht vorwärtskommt. Möge diese kleine Schwäche mir als Altruismus ausgelegt und angerechnet werden. Da der brave Stübel PRINZ HEINRICH FÜR ENGLAND 281 vor dem Reichstag und damit als Staatssekretär nicht zu verwerten war, so verschaffte ich ihm den schönen Posten des Gesandten in Christiania, heute Oslo genannt. Als solcher hatte er das Pech, daß er während der Nordlandreise des Kaisers, gerade als dieser in der Hauptstadt Norwegens erwartet wurde, ein Telegramm liegenließ. Dieses Telegramm enthielt die Meldung von der Geburt des ältesten Sohnes des Kronprinzen, des künftigen Königs und Kaisers. Daraus entstand ein halb komisches, halb tragisches Quidproquo, das damit endigte, daß Stübel trotz meiner Verwendung im Ruhestand verschwand. Der Kardinal Mazarin pflegte, wenn ihm für einen wichtigen Posten ein Anwärter vorgeschlagen wurde, zu fragen: ,,Est-il heureux ?" Als Friedrich der Große einmal die Vorposten beritt, stieß er auf einen Hauptmann, der in dem nach seiner Gewohnheit ganz einfach gekleideten Reiter den König nicht erkannte. Der König begann ein Gespräch mit dem Hauptmann, der ihm klagte, daß er, obschon ein braver Offizier und wiederholt blessiert, nie dekoriert worden wäre. Nach Hause gekommen, gab der König einem seiner Adjutanten einen Orden pour le merite mit dem Befehl, ihn dem Offizier zu bringen, der an der vom König genau bezeichneten Stelle auf Vorposten stünde. Am nächsten Tage begegnete der König wieder dem Hauptmann, sah ihn ohne Pour le merite und frug, weshalb er den ihm verliehenen Orden nicht trage. ,,Ich bin vom Unglück verfolgt", entgegnete der Hauptmann, „als der von Eurer Majestät gnädigst für mich bestimmte Orden hier eintraf, war ich zehn Minuten vorher abgelöst worden!" Der große König drehte ihm kalt den Rücken mit den Worten: „Geh' Er, Er hat kein Glück!" Der arme Stübel gehörte in die Kategorie der Leute, die Mazarin und Friedrich der Große nicht mochten, weil sie kein Glück hätten. Das Glück ist eine Eigenschaft wie jede andere. Schiller hat das in einem wunderschönen Gedicht zum Ausdruck gebracht: Selig, welchen die Götter, die gnädigen, Vor der Geburt schon liebten. Aus jenem Brief des Prinzen Heinrich vom 28. November 1898 sprach wieder seine alte Vorliebe für die Engländer: „Unser Ansehen in Ostasien ist groß. Das Verhältnis zu den Engländern gut und auf gegenseitigen Sympathien beruhend, mit den Leuten ist viel zu machen, wenn man sie richtig zu nehmen und zu behandeln versteht, ein Zusammengehen mit ihnen ist beiderseitig erwünscht, weil in beiderseitigem Interesse. Der Russe ist gemeinsam gefürchtet und unbeUebt, der Franzose allgemein verachtet." Der Wunsch des Prinzen nach einem freundschaftlichen Verhältnis mit England überall und auch im fernen Osten wurde von mir geteilt. Über China schrieb der Prinz: „Man mag über China und die Chinesen denken, wie man will, man steht einem dreitausend Jahre alten Kulturvolk gegenüber, 282 DER ZIEGELSTEIN das noch wenig oder gar nicht von europäischer Kultur beeinflußt worden ist und bei welchem gelegentlich der Verhandlungen wohl zu überlegen ist, wann der Augenbhck des Brüskierens und wann der Milde und des Nachgebens am Platze ist. So unglaublich die jüngsten Pekinger Ereignisse scheinen mögen, sie gehören zur Geschichte dieses Riesenreiches wie unsere auf heimischem Boden gelieferten Kämpfe und Schlachten. Solche Momente geschickt auszunutzen, den Chinesen ihre schwache Seite zu zeigen, ihnen gleichzeitig Vertrauen in unsere Regierung beizubringen, dazu sind unsere Vertreter berufen. Das Gesagte soll nur eine flüchtige Skizze sein, und mag mein brennendes Interesse für die Fortentwicklung der deutschen Sache den Inhalt dieser Zeilen vor Ihren Augen entschuldigen. Ich verbleibe, mein lieber Herr von Bülow, mit den aufrichtigsten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr Ihr sehr treu und stets dankbarst ergebener Heinrich Prinz von Preußen." Das Jahr 1898 bot die Möglichkeit, unseren Kolonialbesitz durch zwei Erwerbung Erwerbungen zu bereichern, die für das deutsche Volk auch einen Gefühls- derKarolinen wert hatten. In Samoa und auf den Karolinen besaßen wir erhebliche und Samoas -wirtschaftliche Interessen. Die eine wie die andere dieser beiden Inselgruppen bot unserem Handel und unserer Flotte erwünschte Stützpunkte. Alle Verständigen waren darüber einig, daß Fürst Bismarck 1885 wohl daran getan hatte, nicht gegen den damaligen hitzigen Widerspruch des spanischen Volkes von den Karolinen Besitz zu ergreifen, wie dies in jener Zeit der stürmische Herbert Bismarck wollte. Es war ebenso richtig, daß sich Fürst Bismarck 1889 mit der durch die Berliner Samoa-Konferenz zwischen Deutschland, England und Amerika eingesetzten Dreiherrschaft auf Samoa zufriedengab, obwohl diese Lösung weder für die Ruhe in Samoa noch für unsere speziellen deutschen Interessen besonders vorteilhaft war. Aber in weiten Kreisen des deutschen Volkes lebte die Hoffnung fort, daß sich für Samoa wie für die Karolinen einmal Gelegenheit finden würde, nachzuholen, was in der Konstellation der achtziger Jahre unterlassen werden mußte. Anfang März 1899 meldete mir ein Telegramm, daß nach längeren Streitigkeiten zwischen dem deutschen, dem englischen und dem amerikanischen Konsul in Samoa englische und amerikanische Kreuzer Apia bombardiert hätten. Gleichzeitig wären deutsche Kolonisten widerrechtlich verhaftet worden. Ich befand mich, als diese Hiobspost anlangte, in Flottbek, begab mich aber sofort nach Berlin. Am Bahnhof erwartete mich Holstein, um mir in lebhafter, aber, wie mir schien, gespielter Erregung zu sagen, die einzige Möglichkeit, aus dieser üblen Situation herauszukommen, wäre, daß ich meinen Abschied einreichte, nachdem mir ein solcher Ziegelstein auf den Kopf gefallen wäre. Ich entgegnete dem unverbesserlichen Querkopf mit vollkommener Ruhe, daß eine solche Lösung für mich manches DER ZAUBERER 283 Verlockende hätte. Im Falle, daß ich zurücktreten sollte, würde ich dem Kaiser als meinen Nachfolger den Fürsten Herbert Bismarck empfehlen, schon um dadurch den Schatten des großen Vaters zu versöhnen. Holstein, der seit 1890 die Familie Bismarck fürchtete wie der Teufel das Weihwasser, faßte alsbald die Lage verständiger auf. Es gelang mir auch, sowohl England als Amerika für die Bildung einer Kommission zu gewinnen, welche die Aufgabe erhielt, die letzten unliebsamen Vorfälle zu untersuchen, die Ruhe wiederherzustellen und für die Neuordnung der Verwaltung wie des Verhältnisses unter den drei Mächten Vorschläge auszuarbeiten. So wurde eine für uns befriedigende Lösung vorbereitet, durch die wir schließlich nach längeren Verhandlungen die beiden Hauptinseln Upolo und Savaii in deutschen Besitz brachten. Aus der Reichstagsdebatte, die bei ziemlicher Aufregung nicht nur des Hauses, sondern weiter deutscher Kreise am 14. April 1899 stattfand, steht mir heute noch ein kleiner, aber immerhin bezeichnender Vorfall in Erinnerung. Während der Interpellant seine Anfrage entwickelte, sagte mir sotto voce der neben mir sitzende Tirpitz: eigentlich hätte es keinen Zweck, daß ich spräche. Es wäre ja klar, daß das Vorgehen der Engländer und Amerikaner auf den festen Willen hindeute, uns mit Krieg zu überziehen, um uns zugrunde zu richten, bevor unsere Flotte aus den Eierschalen heraus sei. Andernfalls müsse man ja annehmen, daß sowohl John Bull wie Jonathan verrückt geworden wären. Diese Auffassung war bezeichnend für die militärische Betrachtungsweise, die dazu neigt, die Relativität der Dinge und der Menschen außer Rechnung zu stellen, die sich deshalb leicht in Extremen bewegt und so politisch zu falschen Schlußfolgerungen gelangt. Für die Betrachtung und Behandlung politischer Fragen ist die militärische Mentalität nicht elastisch genug. „Wenden können" war eine Eigenschaft, die Fürst Bismarck in erster Linie von seinen Diplomaten verlangte. Ich erwiderte meinem Freunde Tirpitz, daß weder die Engländer noch die Amerikaner übergeschnappt wären. Sie hätten auch nicht die Absicht, einen Krieg mit uns vom Zaun zu brechen. Es handele sich um ein direktionsloses Vorgehen aufgeregter Konsuln und Marineoffiziere. Alle würden sich beruhigen, wenn wir nur nicht selbst die Nerven verlören. Die mehr in Deutschland als in England und Amerika entstandene und nicht ungefährliche Erregung flaute in der Tat nach einiger Zeit wieder ab. Samoa sollte noch fünfzehn Jahre unser koloniales Diadem als einer seiner schönsten Brillanten zieren. Als uns der Besitz von Samoa gesichert war, richtete Wilhelm II. an mich das nachstehende Telegramm: „Bravo! Bin hocherfreut und beglückt. Sie sind der reine Zauberer, den Mir ganz unverdienterweise der Himmel in seiner Güte bescherte." Im Auftrag des Deutschen Kolonialrats telegraphierte mir dessen Präsident, der Fürst zu 284 SERENISSIMUS Wied: „Hocherfreut über die gute Kunde von der glücklichen Erwerbung der beiden Samoa-Inseln Upolo und Savaii für Deutschland kann der heute hier versammelte Kolonialrat nicht unterlassen, Eure Exzellenz als den bewährten Leiter der auswärtigen Reichspolitik für diesen glänzenden kolonialpolitischen Erfolg, der sich zugleich als eine echt volkstümliche Tat darstellt, auf das wärmste zu beglückwünschen. Eure Exzellenz wollen gestatten, daß der Kolonialrat angesichts der überaus großen Schwierigkeiten, welche die deutsche Diplomatie bei der Durchführung der Erwerbung der Samoa-Inseln zu überwinden hatte, von neuem versichert, daß Eure Exzellenz das volle und ungeteilte Vertrauen aller kolonialen Kreise unseres Vaterlandes besitzen." Der Großherzog Karl Alexander von Weimar telegraphierte mir: „Die Nachricht der Erwerbung Samoas für Deutschland läßt mich aufs neue die erleuchtete und gewandte Führung Eurer Exzellenz erkennen und um so herzlicher Ihnen zu diesem Resultat Glück wünschen. Eure Exzellenz aber wissen, wie aufrichtig ich dies meine und wie stolz ich die Geschäfte in Ihrer Hand zu wissen mich fühle." Der Großherzog Karl Alexander war bekanntlich das Vorbild der vielen, Karl nicht immer geschmackvollen und nicht einmal witzigen Serenissimus- Alexander Komödien, die in den letzten Jahrzehnten vor dem Weltkrieg über die n Sachsen- B retter deutscher Dülmen gingen. In Wirklichkeit war Großherzog Karl Alexander von Sachsen einer der innerlich vornehmsten, kultiviertesten und humansten Fürsten, die auf einem deutschen Throne gesessen haben. Erfüllt von der großen Tradition seines kleinen Landes, war er, und das nicht nur in Worten, Schriftstellern und Künstlern ein gütiger und erleuchteter Mäzen. Er fühlte die Größe von Richard Wagner und schützte und unterstützte ihn, als dessen Genius noch von den wenigsten begriffen wurde und die sogenannte Intelligenz „Tannhäuser" und „Lohengrin" ignorierte oder faule Witze über diese Meisterwerke machte. Lebenslange und treue Freundschaft verband ihn mit Franz Liszt. Er förderte Adolf Stahr und Richard Voß. Der Großherzog war ein treuer Patriot. Obwohl ein Bruder der Kaiserin Augusta, die in jahrelanger Fehde mit dem Fürsten Bismarck lebte, war er ein unentwegter Freund und Bewunderer des großen Kanzlers, dem er, ebenso wie seine tapfere Tochter, die Prinzessin Heinrich VII. Reuß, auch nach dem Sturz die Treue wahrte. Obschon für seine Person ein gläubiger Christ, hielt er gegen alle Angriffe den großen Naturforscher Haeckel auf seinem Lehrstuhl in Jena. Zahllos sind die mehr oder weniger wahren Anekdoten, die über ihn in Umlauf waren und Äußerungen von ihm wiedergaben, die komisch anmuten können, aber meist nur der Ausdruck momentaner Zerstreutheit oder Verlegenheit waren. Eine harmlose Äußerung dieser Art gebe ich wieder, weil ich sie selbst hörte. Während ich an der Pariser Botschaft tätig war, nahm der Großherzog Karl Alexander ANEKDOTEN ÜBER KARL ALEXANDER 285 dort einen mehrtägigen Aufenthalt. Der Botschafter Fürst Chlodwig Hohenlohe machte ihn darauf aufmerksam, daß er dem Präsidenten Grevy einen Besuch abstatten müsse. Der Großherzog weigerte sich, dies zu tun, da er als Vetter und Freund des Hauses Orleans nicht zum Präsidenten der Republik gehen könne. Schließlich gab er nach und begab sich mit dem Botschafter und mir in das Elysee. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß der Großherzog einige Zeit warten mußte, bevor er bei Grevy eintreten konnte. Um ihn, der schon ärgerlich wurde, zu beschwichtigen, meinte, unter Anspielung auf des guten Johann Gottfried Seume bekanntes Gedicht „Der Wilde", Fürst Hohenlohe lächelnd: „Grevy ist eben ein Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kennt." Hocherfreut replizierte der Großherzog: „Oh, er ist aus Kanada, das macht ihn mir wenigstens interessant!" Alles Exotische zog ihn an, wie viele Deutsche der alten Generation. Während desselben Pariser Aufenthalts wünschte der Großherzog, wie er sich ausdrückte, der großen Interpretin von Corneille und Racine, Fräulein Sarah Bernhardt, die Glückwünsche der Bühne von Goethe und Schiller zu überbringen. In dem Appartement der Künstlerin empfing ihn ein sehr wohlerzogener junger Mann, der ihm als der Sohn des Hauses vorgestellt wurde. Etwas erstaunt frug der Großherzog, wie es käme, daß Fräulein Bernhardt einen Sohn habe und wer der Vater wäre. Als er die Antwort erhielt, der Vater sei ein Prinz de Ligne, meinte Karl Alexander: „Nun, das macht die Sache besser." Ich möchte nur noch eine Auekdote hinzufügen, weil sie Art und Geist einer hinter uns liegenden, schöneren Zeit anschaulich wiedergibt. Der Großherzog wohnte in den siebziger Jahren in Deutz einem Liebesmahl des stolzen 8. Kürassierregiments bei, dessen Chef er war. Er saß oben am Tisch, am unteren Ende die jungen Offiziere, unter denen plötzlich große Heiterkeit entstand. Ein kecker Leutnant, Herr von P., hatte mit leiser Stimme den nachstehenden Toast ausgebracht: „Das Rindvieh säuft aus dem Eimer, Es lebe der Großherzog von Weimar!" Der Großherzog frug nach der Ursache des Jubels. Ein unvorsichtiger Fähnrich vergaloppierte sich und sprach von einem Toast. Der Großherzog wollte den Toast hören. Leutnant von P. erhob sich und rief mit sonorer Stimme, mit einer wahren Kürassierstimme, in den Kasinosaal: „Besser als die Pappenheimer Reiten die Kürassiere des Großherzogs von Weimar!" Sehr befriedigt verlieh ihm der Großherzog nach Tisch den Falkenorden 3. Klasse, dessen Großkreuz Goethe trug. Derselbe Großherzog Karl Alexander, der Heiterkeit erregen konnte, hatte in Weimar, in anderer Art 286 DER DURCHSCHNITTSDEUTSCHE als sein großer Ahn Karl August, aber mit hohem Sinn und mit der gleichen Achtung für Geist und wahre Kultur an seinem Teil zur Pflege der Uberheferungen seines Hauses und seiner Residenz wie zur Festigung und Verbreitung echter deutscher Bildung beigetragen. Er hatte etwas feierliche Manieren, aber er besaß jene „politesse du cceur", die im neuen Deutschland leider selten geworden ist. Wenn der alte Großherzog den Unglückswinter erlebt hätte, wo die Nationalversammlung in Weimar tagte, wo Fritz Ebert dem Genius loci wenig geschmackvolle Ovationen und gleichzeitig im großherzoglichen Schloßkeller dem Bacchus allzu reichliche Libationen darbrachte, wo Matthias Erzberger durch Eintrag in das Fremdenbuch eines Wirtshauses den Deutschen als Trost für den Versailler Diktat- und Schandfrieden Trinken und Lachen empfahl, so würde die Unkultur jener Tage und die geistige Vulgarität ihrer Matadore den Großherzog Karl Alexander sehr betrübt haben. Die Erwerbung der Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln ging aus Verhand- Unterhandlungen hervor, die ich mit dem ausgezeichneten spanischen Bot- lungen mit schafter in Berlin, Herrn Mendez de Vigo, geführt hatte. Unsere Akquisition Spanien -^ujiJe von übereifrigen Kolonialpolitikern sofort für ziemlich wertlos erklärt. Es ist ein alter deutscher Fehler, sich über günstige Schicksalswendungen nicht ehrlich zu freuen, sondern an solchen herumzustochern und aus dem Glück durch Reflexion ein halbes oder ganzes Unglück zu machen. Bei unglücklichen Ereignissen liebt es dagegen der Durchschnittsdeutsche, zehn, fünfzig, auch hundert Jahre zurückzugreifen, um zunächst einmal die letzte Ursache eines Unglücks „wissenschaftlich" festzustellen. Der Deutsche empfindet auf politischem Gebiete nicht natürlich, nicht einfach, nicht naiv genug. Seine politischen Gefühle sind oft verbogen und schief, jedenfalls selten spontan. Die kluge Königin Margherita von Italien, die als Tochter einer deutschen Mutter beide Völker kannte, sagte mir vor vielen Jahren: „Sehen Sie, wie verschieden Deutsche und Italiener sind: das Gefühlsleben des Italieners ist einfach, er Hebt oder haßt, was sich für ihn gewöhnlich damit deckt, ob er eine Person oder einen Begriff sympathisch oder antipathisch findet. Dagegen ist der italienische Verstand gewandt und gelenk, anstellig und geschickt, fein und voll Ressourcen. Er nimmt die Dinge nicht absolut, sondern relativ, sucht nach einem Ausweg und findet auch meist eine ,combinazione', um das scheinbar Unvereinbare zu vereinen und die Situation zu retten. Der Deutsche ist gerade umgekehrt. Als Verstandesmensch ist er gar zu oft das, was der Italiener einen ,sempli- ciotto' nennt, oft ein pedantischer, schwerfälliger Doktrinär, der den Wald vor Bäumen nicht sieht; sein Gefühl aber ist unendlicher Modulationen fähig, von der zartesten Liebe bis zur halsstarrigsten Widerspenstigkeit, von der echt deutschen sittlichen Entrüstung bis zur ebenso deutschen DAS SCHUTZGEBIET IM PAZIFIK 287 Pikiertheit." Diese Verschiedenheit der heiden Nationen tritt nur zu oft auch in der Politik hervor. Die deutschen Kritiker, die 1899 an der Erwerbung der Karolinen und Marianen mäkelten und den Wert dieser Inselgruppe nach Möglichkeit herabsetzten, werden, wenn sie noch leben, heute vermutlich gerade der entgegengesetzten Ansicht sein. Jedenfalls beweisen die Differenzen, die nach dem Weltkrieg zwischen Japan, Amerika und Australien wegen einzelner Karolinen-Inseln entstanden, welchen hohen Wert andere Mächte gerade auf diese Inseln legen. Für uns wurde durch die Karolinen und Marianen unser Schutzgebiet im Großen Ozean in ein zusammenhängendes Ganzes verwandelt. Mit dem Bismarck-Archipel und dem Kaiser-Wilhelm-Land im Süden, den Marschall-, Karolinen- und den Palau-Inseln in der Mitte, den Marianen im Norden besaßen wir jetzt einen festen Stützpunkt für unsere wirtschaftliche und allgemein politische Entwicklung in Ozeanien. Ich durfte im Reichstag auch hervorheben, daß durch die Erwerbung der Karolinen unsere Beziehungen zu Spanien in keiner Weise geschädigt worden waren. Für Spanien seien die Inseln nur noch Bruchstücke eines eingestürzten Gebäudes gewesen, für uns wären sie die Pfeiler und Strebebogen für einen „so Gott will" zukunftsvollen Bau. Ich konnte damals, am 22. Juni 1899, nicht voraussehen, daß, wie das hoffnungsvolle Schantung mit Kiautschou, so auch Samoa, die Karolinen und Marianen uns verlorengehen würden, als wir trotz aller Warnungen, die unser größter Staatsmann schon als Bundestagsgesandter in Frankfurt und bis in seine allerletzten Lebenstage erhoben hatte, uns von Österreich das Leitseil überwerfen und wegen Serbiens in einen Weltkrieg hineinziehen Keßen. Nach Empfang der Nachricht von der Annahme der Karolinen-Vorlage durch den Reichstag telegraphierte mir Wilhelm II. am 22. Juni 1899: Graf Bülow „Mit hoher, freudiger Genugtuung habe ich Ihre Meldung über die Annahme der Karolinen-Vorlage durch den Reichstag in dritter Lesung erhalten. Ich danke Gott, daß er es also gefügt hat und daß die Erwerbung auch dem braven Schiff ,Iltis' als ehrende Rechtfertigung angesehen werden kann. Nächst Ihm danke ich Ihnen auf das wärmste, daß Sie dieses Perlenjuwel meiner Krone haben erwerben helfen. Um meinem Dank hierfür besonderen Ausdruck zu verleihen, erhebe ich Sie in den Grafenstand, da Sie es mir ermöglicht haben, mein bei der Thronbesteigung meinem treuen deutschen Volke gegebenes Versprechen zu halten: allezeit in Frieden Mehrer des Reichs zu sein. Gott segne Sie dafür und unser ganzes Vaterland." Wenige Stunden später erhielt ich ein zweites Telegramm des Kaisers, das charakteristisch war für die Wärme seines Gefühls wie für seinen romantischen Sinn und die poetische Färbung, die er seinen rednerischen und schriftlichen Auslassungen zu geben bebte: „Auf mein Signal hat die Flotte soeben freuden- 288 VERRÄTER" erfüllt über den erworbenen Gebietszuwachs drei weithin schallende Hurras auf das deutsche Vaterland ausgebracht, und noch waren dieselben kaum verklungen, als die von schweren Wolken bedeckte Sonne plötzlich hervorbrach. Die hellen Stralden erschienen wie ein Symbol des Himmels, der auch fernerhin mit unserem geliebten Vaterlande sein möge." Schon vorher hatte ich von S. M. dem Kaiser und allen Herren seiner Umgebung aus Prökelwitz, dem ostpreußischen Besitz des Fürsten Richard Dohna, das nachstehende Telegramm erhalten: „Staatssekretär von Bülow, Berlin. Dem gewandtesten Staatsmanne, dem weisesten Berater, dem liebenswürdigsten Carolinen- und Marianen-Besorger bringen ein dankbar donnerndes Hurra Wilhelm I. R., Philipp Eulenburg, v. Kessel, Eberhard Dohna, Dohna-Malmitz, Finckenstein-Simnau, Ilberg, Mackensen, Richard Dohna." Kessel ist der spätere Generaloberst, Gouverneur von Berlin und Oberkommandierende in den Marken; der damalige Oberst und Flügeladjutant Mackensen hat als ruhmvoller Heerführer im Weltkriege seinen Namen für immer in die Geschichte eingetragen. Wer hätte mir damals in Aussicht gestellt, daß derselbe Fürst, der mich mit so gnädigen, vielleicht zu gnädigen Worten bei der Erfüllung meiner schweren Amtspflichten ermutigte, mich später der langen Liste derjenigen anreihen würde, die er mit dem Prädikat „Verräter" beehrte! „Verlaßt euch nicht auf Fürsten", sagt der Psalmist, und es deutet auf intime Kenntnis der Höfe, wenn der Generaladjutant Leopold von Gerlach unter Friedrich Wilhelm IV. von Zeit zu Zeit bei der Morgenandacht singen ließ: Verlasset euch auf Fürsten nicht! Sie sind wie eine Wiege; Wer heute „Hosianna" spricht, Ruft morgen: „Crucifige!" Während der Debatten, die im Reichstag über die Regelung der Samoa- Samoa- Frage wie die Erwerbung der Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln Debatte im stattfanden, legte ich die Grundsätze dar, die für die Behandlung inter- Reichstag na ti 0 naler Differenzen unverrückbar für mich feststanden. In einer dieser Diskussionen hatte im Juni 1899 einer der lautesten Wortführer der sogenannten alldeutschen Richtung, der antisemitische Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg, von der „wenig beneidenswerten Rolle" gesprochen, die wir in Samoa gegenüber England gespielt hätten. Ich entgegnete, daß wir nichts unterlassen würden, damit unseren Landsleuten ihr gutes Recht würde. Wir würden nicht um eines Haares Breite von unserem guten Recht abweichen. Aber ich fügte hinzu: „Auf der andern Seite werden wir nicht vergessen, daß internationale Differenzen, bei denen sich nicht nur DER STURMVOGEL 289 mancherlei politische und wirtschaftliche Interessen durchkreuzen, sondern wo auch das nationale Empfinden mitgesprochen hat, mit ruhiger Überlegung und mit kaltem Blut behandelt werden müssen."* Das spanisch-amerikanische Gewitter war vorbeigezogen, ohne daß unsere Fluren geschädigt oder unsere Interessen verletzt worden wären. Cetil Aber schon ballten sich über Südafrika neue Wolken zusammen. Das Jahr In Be 1899 brachte den seit lange latenten Konflikt zwischen den Burenrepubliken in Südafrika und dem englischen Weltreich zumAusbruch. Wieder Sturmvogel dem Unwetter vorauszieht, so erschien im März 1899 Cecil Bhodes in Berlin. Sein Besuch galt ostentativ der Legung einer englischen Telegraphenlinie durch unser ostafrikanisches Schutzgebiet. Er wurde am 11. März 1899 vom Kaiser empfangen, dem sein Besuch augenscheinlich in erster Linie galt und der ihn nach der Audienz zur Mittagstafel einlud, der ich beiwohnte. Cecil Rhodes mußte auf jeden Unbefangenen einen bedeutenden Eindruck machen. An ihm war nichts Pose, alles ruhige Stärke. Er gab sich natürlich, in keiner Weise gespreizt. Er stand dem Kaiser ehrerbietig gegenüber, aber ohne Aufregung oder gar Befangenheit. In breiten Zügen entwickelte er Seiner Majestät das Projekt einer englischen Kap-Kairo-Bahn. Die Augen des Kaisers leuchteten, denn jeder groß angelegte Plan in jedem Erdteil entflammte seine Phantasie und entzückte seinen für alles Ungewöhnliche empfänglichen Sinn. Diese schönen und ausdrucksvollen Augen leuchteten in noch hellerem Glanz, als Cecil Rhodes der Ansicht Ausdruck gab, daß Deutschland zwar in Afrika keine lebenswichtigen Interessen besäße, dafür aber in Kleinasien schadlos gehalten werden sollte. Mesopotamien, der Euphrat und der Tigris, Bagdad, die Kalifenstadt, dort läge seine Zukunft. Ich hatte Seine Majestät gebeten, sich gegenüber Cecil Rhodes um so mehr auf Anhören und Zuhören zu beschränken, als dieser, wie mir der englische Botschafter ausdrücklich erklärt hatte, nur im eigenen Namen spräche, ohne Auftrag seiner Regierung. Wir müßten uns vorläufig also freie Hand wahren. Aber der Wunsch, einem Engländer, und nun gar einem hervorragenden Engländer, zu imponieren, riß den Kaiser zu einem langen, geist- und gedankenreichen, sehr glänzenden Vortrag hin, in dem er seine Gefühle, Ansichten und Pläne über die Weltlage im allgemeinen und über Amerika und Japan, Rußland, Italien, Osterreich, über die Dardanellen und den Suezkanal, die Donau und den Jangtsekiang, sein ganzes Programm für die deutsche auswärtige Politik entwickelte. Als die Tafel aufgehoben war, glaubte Wilhelm IL, der unaufhörlich peroriert und Cecil Rhodes kaum zu Worte hatte kommen lassen, auf diesen einen gewaltigen Eindruck gemacht zu haben. Cecil Rhodes * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 72; Kleine Ausgabe I, S. 82. 19 Biilow I 290 RHODES IM CUTAWAY hatte vermutlich seinerseits die Überzeugung gewonnen, daß der Deutsche Kaiser in seinen politischen Urteilen und Plänen weniger von Überlegung und Einsicht als von seiner Phantasie geleitet werde. In längeren Unterredungen, die ich allein mit Cecil Rhodes hatte, konnte ich ihm auseinandersetzen, daß der Kaiser, der Kanzler und ich mit England nicht nur in Frieden, sondern in möglichst enger Freundschaft leben wollten, natürlich auf der Basis des „do, ut des" und vor allem mit gleichen Sicherungen. Was den Streit zwischen England und den Buren angehe, so würden wir um so eher neutral bleiben können, je mehr England unseren Interessen in der Welt praktisch Rechnung trüge und alles unterließe, was die deutsche öffentbche Meinung als eine Herausforderung empfinden würde. Der Besuch von Cecil Rhodes führte zunächst zu einem Abkommen, das der Transafrikanischen Telegraphengesellschaft die Erlaubnis erteilte, durch unser ostafrikanisches Schutzgebiet eine Telegraphenlinie zu legen. Wir brachten dadurch unseren Wunsch zum Ausdruck, auch in Afrika mit England in gutem Einvernehmen zu bleiben. Gegenüber dem übertriebenen Mißtrauen, das namentlich die rechte Seite des Reichstags gegenüber England beseelte, hob ich im Reichstag hervor, daß bei diesem Abkommen unsere Interessen in keiner Weise zu kurz kämen. Die Art und Weise, wie damals ein großer Teil der deutschen Presse den Die Kaiserin Besuch von Cecil Rhodes und ihn selbst behandelte, war kleinlich und gegen England spießbürgerlich. Daß Cecil Rhodes zum Kaiser nicht im Bratenrock, sondern im Cutaway gekommen war, wurde in philiströser Weise breitgetreten, in der Presse, in den Wandelgängen des Reichstags und auch in der Gesellschaft. Die Erregung hatte auch die Kaiserin ergriffen, die mir in jenen Tagen schrieb: „Am heutigen Tage, wo Ihre Zeit gewiß ganz besetzt ist, möchte ich Sie nicht unnütz stören. Aber durch eine Konversation mit dem Kaiser habe ich den Eindruck, daß der Kaiser momentan wieder sehr Volldampf voraus auf England lossteuert, wenn man so sagen darf. Ich würde gern von Ihnen hören, wie ich diesen Abend Cecil Rhodes behandeln soll, ob etwas kühl oder ob man ihm besonders freundlich entgegenkommen soll. Ich würde nach meinem Geschmack ersteres wählen. Außerdem sagt der Kaiser, er ginge auf Einladung der Königin im August nach Cowes. Dieses finde ich ganz unglaublich! Daß er seine Großmutter besucht, ist vielleicht nicht zu verhindern, aber bitte dringend, daß Sie verhindern, daß er in Cowes wieder segelt, besonders auf dem ,Meteor'. Er könnte doch auf der ,Hohenzollern' hinfahren, der Königin einen Besuch machen und dann zurückkehren. Sich nach allem, was vorgefallen ist, wieder in diese Gesellschaft zu begeben, sich der Gefahr dieser Segelei auszusetzen und — last, not least — sich durch irgendeinen Kniff der Engländer im letzten Moment immer schlagen zu lassen, das empört mich zu sehr im Sinne des DAS ROTE TUCH 291 Deutschen Kaisers sowohl als meines Mannes. Ich hoffe, Sie verhindern es. Sie werden vielleicht sagen, warum diesen langen Brief gerade heute. Aber ich fürchtete, bei dem englischen Diner heute abend könnte der Kaiser sich hinreißen lassen, Versprechen abzugeben, die nachher sehr schwer zu redressieren sind. Falls Sie den Kaiser diesen Vormittag noch sehen sollten, würde vielleicht doch noch ein beruhigendes Wort von Ihnen etwas langsamere Drehungen der Maschine hervorrufen. Natürlich ist dies ohne Wissen des Kaisers geschrieben. Es sieht hinterrücks aus, aber wo so viel auf dem Spiel steht und Sie solchen günstigen Einfluß haben, werden Sie verstehen, wie ich es meine. Ich gebe zu, daß ich gestern leider etwas heftig wurde, daher möchte ich nicht gleich heute wieder von der Sache anfangen. Also, bitte, lassen Sie mich ganz aus dem Spiel. Verzeihen Sie die Länge des Briefes. Ich hätte Sie ja lieber gesprochen, aber das würde noch mehr auffallen." Auch in dieser intimen Äußerung der Kaiserin kommt der vorsichtige und verständige Sinn zum Ausdruck, den die hohe Frau mit dem gütigsten Herzen verband. Leider war ihr Geist dialektisch nicht hinreichend geschult, um sich gegenüber dem stürmischen Gatten in der Diskussion behaupten zu können. Im vorhegenden Fall gelang es mir leicht, die Kaiserin zu beruhigen, die dann auch dem englischen Gast mit ihrer gewohnten Güte und Freundlichkeit entgegentrat. Weniger leicht war die deutsche öffentliche Meinung zu beruhigen, auf die Cecil Rhodes, wie später Chamberlain, wirkte wie das rote Tuch auf den Stier. Die gegen Cecil Rhodes gerichteten Angriffe und Persiflagen waren wenig angebracht gegenüber einem Manne, der einer jener großen Konquistadoren war, die das englische Weltreich aufbauten, dem seitdem auf den endlosen Grasflächen Südafrikas ein gewaltiges Denkmal errichtet wurde, eine aus Riesensteinen zusammengesetzte Pyramide zum Andenken desjenigen, der den Süden des dunklen Weltteils für Großbritannien gewann. Cecil Rhodes war übrigens für seine Person ein Freund guter Beziehungen zwischen Deutschland und England. Er stiftete nach seinem Besuch in Berlin eine größere Summe, um deutschen Studenten den Besuch enghscher Universitäten und englischen Studierenden das Studium an deutschen Hochschulen zu erleichtern. Der Gedanke fand in beiden Ländern Anklang. Die deutschen Studenten in Oxford bildeten einen Anglo- German-Club, dem auch zahlreiche Engländer beitraten. Die jungen Herren hatten im Frühjahr 1914 die Liebenswürdigkeit, mich zum Ehrenpräsidenten ihrer Vereinigung zu wählen. Ich werde seinerzeit berichten müssen, wie der Anglo-German-Club in Oxford gerade im Begriffe stand, sein Stiftungsfest unter Beteiligung zahlreicher enghscher Notabilitäten zu feiern, als das Berchtold-Bethmannsche Ultimatum und unsere diplomatische 19* 292 DIE BUREN-BEGEISTERUNG Behandlung der dadurch entstandenen Krise es zum Weltkrieg kommen ließen. Ich war mir während des südafrikanischen Krieges nicht einen Augenblick darüber im Zweifel, daß England den Kampf siegreich durchführen würde. Bei seiner außerordentlichen Überlegenheit an Menschenzahl, an Geld und an Hilfsmitteln aller Art mußte es die Oberhand behalten, wenn es Truppen nach Südafrika schicken konnte. Das konnte es, solange es die Meere beherrschte, und es beherrschte die Wellen. Ähnlich wie während des spanisch-amerikanischen Krieges beurteilten auch im südafrikanischen Konflikt weite deutsche Kreise, und selbst militärische Kreise, die Situation in Südafrika, weil mit dem Gefühl, in unzutreffender Weise. Die mihtärische Suite Seiner Majestät, darunter sonst verständige Leute, war überzeugt, daß die Engländer mit den Buren nicht fertig werden würden, und der Kaiser neigte von Zeit zu Zeit dieser Ansicht zu. Die öffentbche Meinung in Deutschland betrachtete die ganze Lage nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen, und das deutsche Herz war Feuer und Flamme für die armen Buren. Ich war von Anfang an entschlossen, uns an Schritten für die Buren und gegen die Engländer nicht zu beteiligen. Ich fühlte mich hierzu um so mehr berechtigt, als ich seit Monaten, seitdem die Beziehungen zwischen England und den südafrikanischen Bepubliken wieder gespannter geworden waren, diesen und ganz besonders dem Präsidenten Krüger dringend Vorsicht und Entgegenkommen angeraten und gar keinen Zweifel darüber gelassen hatte, daß die Buren bei aller in Deutschland für sie bestehenden Achtung und Sympathie auf Hilfe von unserer Seite nicht zu rechnen hätten. Ich wußte, daß, wenn es zu einem Konflikt zwischen Bußland, Frankreich und England käme, die Franzosen nicht mit uns gegen England fechten, sondern uns in den Rücken fallen würden. Welche Schwenkung dann das seit acht Jahren mit Frankreich verbündete Rußland machen würde, war nicht mit Bestimmtheit vorauszusagen. Die französische Presse goß über England Kübel der Entrüstung, des Hohnes und des Hasses aus. In den Zeitungskiosken der Pariser Boulevards prangten unsägHch gemeine Karikaturen der Witzblätter auf die Königin Victoria. Aber in einer Besprechung, die in dieser Zeit zwischen französischen Staatsmännern der verschiedensten Richtungen stattfand, stimmten alle maßgebenden Leute Waldeck-Rousseau zu, als er erklärte, daß ein Zusammengehen mit Deutschland in einer ernsten und großen Frage so viel bedeute, als wieder und endgültig die Abtretung von Elsaß-Lothringen zu unterzeichnen, und das sei unmöglich. Meine Meinung, daß weder Rußland noch Frankreich daran dächte, etwas Ernstliches für die Buren zu tun, wurde auch von dem weitsichtigsten unserer Diplomaten, dem Botschafter in London, dem Grafen Paul DER KAMPF UM DEN KANAL 293 Hatzfeldt, geteilt. Er schrieb an Holstein noch vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten in Südafrika: „Zu meinem Erstaunen höre ich, daß in den Büros unseres Auswärtigen Amts eine gewisse Verwunderung, vielleicht sogar Unzufriedenheit darüber herrscht, daß ich mich für die Erhaltung des Friedens in Südafrika interessiere und in diesem Sinne arbeite. Nächstens wird wohl noch behauptet werden, daß ich dabei irgendein persönliches Interesse habe. Dagegen liegt die Sache so, daß ich im Anfang allerdings im Zweifel war, ob der Ausbruch des Krieges nicht vorteilhaft für uns sein würde. Sie sprachen damals eine andere Ansicht aus, zu welcher ich mich dann bekehrt habe. Noch heute würde ich der Ansicht sein, daß der Krieg für uns wünschenswert ist, wenn ich irgendeine Hoffnung sehen könnte, daß Rußland oder Frankreich für den Transvaal einträten und es dabei auf einen Konflikt mit England ankommen lassen würden. Diese Hoffnung aber scheint mir vollständig ausgeschlossen, und ich vermag nicht zu sehen, welchen Vorteil wir unter diesen Umständen vom Krieg haben würden. Es ist nicht anzunehmen, daß England, wenn es mit den Buren allein zu tun hätte, dadurch in eine so schwierige Lage geriete, daß es für unsere Freundschaft große Opfer bringen müßte. Ebensowenig Vorteil würden wir davon haben, wenn England schließlich den Transvaal annektiert oder wenn das Ende ist, daß sich aus Südafrika eine Republik entwickelt, die kein angenehmer oder bequemer Nachbar für uns sein würde." In der inneren Politik stand im Sommer 1899 die Kanalvorlage im Vordergrund. Kein ruhig Urteilender wird heute bestreiten, daß Kaiser Der Wilhelm im vollen Rechte und auf dem richtigen Wege war, als er den Bau Mittelland- von zwei neuen Kanälen in Aussicht nahm, des Dortmund-Rhein- und des k"™ 0 ^.. ^ Mittelland-Kanals. Der Ausbau unseres Kanalnetzes war in jeder Beziehung, aus wirtschaftlichen wie aus strategischen und nationalen Gründen gleich wünschenswert. Die dagegen vorgebrachten Argumente gingen aus partikularistischen Erwägungen, Kirchturminteressen und Fraktionsrücksichten hervor, die im deutschen Leben leider seit jeher eine so bedauerliche Rolle gespielt und unseren größten Dichter zu dem grausamen Ausspruch geführt haben, der Deutsche sei im einzelnen achtungswert, im ganzen miserabel. Das Durchgehen der Kanalvorlage wurde um die Wende des Jahrhunderts allerdings in hohem Grade durch das persönliche Eingreifen, Reden, Telegraphieren und Drohen des Kaisers erschwert, der ähnlich wie bei der Arbeitswilligen-Vorlage das Kind im Mutterleibe erschlug. Je stürmischer er trotz aller Gegenvorstellungen seiner Ratgeber für die Kanalvorlage eintrat, um so leichter wurde es den Gegnern, sie als ein Produkt kaiserlicher Laune hinzustellen, was sie in Wirklichkeit gar nicht war. Fast unhaltbar wurde durch das impetuose Vorgehen des Monarchen die Stellung des Finanzministers Miquel, auf dessen Schultern bei dem hohen 294 MIQUEL FREUND ODER GEGNER? Alter und der rednerischen Insuffizienz des Ministerpräsidenten Hohenlohe die Vertretung der Kanalvorlage ruhte. Johannes Miquel war nicht nur ein großer Redner, er war auch im Gespräch von hinreißendem Zauber. Wie manche ältere Leute — ich nehme mich dabei nicht aus — neigte er dazu, auch im Privatverkehr Vorträge zu halten, die aber, wenigstens bei ihm, von ausgebreitetsten historischen Kenntnissen und reicher Erfahrung getragen waren. Zu seinen Lieblingsvorträgen gehörte außer einer glänzenden Schilderung des allmählichen Aufbaus des römischen Weltreichs auch der Nachweis, wie bedeutsam für die Wohlfahrt des Landes ein gutes Kanalnetz wäre und daß deshalb alle großen Fürsten Kanäle gebaut hätten. Wilhelm II. hatte mehrfach in After-dinner-Unterhaltungen diesen Kanalvortrag zu hören bekommen. Sein empfängbches Gemüt wurde rasch entflammt, und mit dem Schüler im „Faust" dachte er: Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen! Ich denke mir, wieviel es nützt. Der Kaiser verlangte nun von Miquel eine Kanalvorlage, für die der sehr tüchtige Minister der öffentlichen Arbeiten, der aus dem Westen stammende Thielen, mit Uberzeugung und Eifer eintrat. Jetzt geriet Miquel in Verlegenheit. Er war in seiner politischen Entwicklung, die mit dem Kommunismus von Karl Marx begonnen hatte, zu konservativen und sogar zu hochkonservativ-agrarischen Anschauungen gelangt. Er wußte, daß die Konservativen gegen alle Kanalpläne waren, weil sie von ihnen eine Erleichterung der ausländischen Getreideeinfuhr und zunehmende Abwanderung östbcher Landarbeiter nach dem Westen befürchteten. Danach richtete Miquel seine erste Rede für die Kanalvorlage ein, nachdem es ihm nicht gelungen war, deren Einbringung zu verhindern. Miquel war ein großer Dialektiker. Der „Kladderadatsch" meinte einmal, ein Jesuit verstünde die Behauptung, daß 2 mal 2 = 5 mache, mit drei Argumenten zu beweisen, Miquel mit fünf und ich mit sieben. Das war, nebenbei gesagt, was meine dialektische Begabung angeht, wohl eine zu günstige Beurteilung. Miquel aber hielt bei jenem Anlaß für die Kanalvorlage eine so lavierende, um nicht zu sagen zweideutige Rede, daß einer der Führer der Konservativen, Graf Hans Kanitz, seine Gegenrede mit den Worten beginnen konnte: ob der Finanzminister Miquel ein Freund oder ein Gegner des Kanalprojektes sei, wisse man nach der eben von ihm gehörten Rede so wenig wie vorher. Der Kaiser las bei seinem brennenden Interesse für das Kanalprojekt die Zeitungsberichte über die Kanaldebatte mit mehr Aufmerksamkeit, als er sie im allgemeinen für Parlamentsberichte übrig hatte. Die Bemerkung von Kanitz erweckte sein Mißtrauen, er bestellte sich Miquel auf den Potsdamer Bahnhof und wusch ihm dort, bevor er sich in DIE ANGST DER KAISERIN 295 den Sonderzug setzte, der ihn nach dem Neuen Palais zurückführen sollte, in heftigen Worten den Kopf. Seitdem wurde Miquel noch unsicherer. Sein intimer Freund, der freikonservative Abgeordnete Freiherr Oktavio von Zedlitz, der in Parlamentskreisen wegen seines Hangs zur Intrige der „Helldunkle" hieß, ließ sich mit dem unzuverlässigen, aus Wien nach Berlin verpflanzten Leibj ournalisten von Miquel, Herrn Viktor Schweinburg, zu allerlei Quertreibereien hinreißen, und nach heftigen Debatten siegten im Abgeordnetenhaus die von dem Grafen Limburg-Stirum und Graf Balles trem, einem Konservativen und einem Zentrumsmann, geführten Kanalgegner. Die Erregung des Kaisers über diesen Schlag, den er, wie gewöhnlich, als gegen sich persönlich gerichtet auffaßte, war groß. Er bombardierte mich, Der Sieg der ich als Staatssekretär des Äußeren damals mit der Kanalvorlage nicht der Kanal- Aas mindeste zu tun hatte, mit Telegrammen en clair, die von Injurien re ^ e ^ m namentlich gegen Stirum strotzten. Die Kaiserin, die als treue Gattin im allgemeinen nicht nur die Nöte und Sorgen, sondern auch alle Gefühle ihres Mannes teilte, aber in diesem Falle, da sie mit ihrem Herzen politisch rechts orientiert war, unter dem Zorn des Kaisers gegen die Konservativen litt, schrieb mir aus Wilhelmshöhe am 18. August 1899: „In meiner Angst komme ich zu Ihnen. Gestern abend mußte ich den Kaiser in großer Aufregung und Betrübnis leider abreisen lassen, nach Metz und Saint-Privat. Diese unglückselige Kanalvorlage! Wenn Sonnabend auch eine ungünstige Entscheidung fällt, weiß ich nicht, was passiert. Ach, könnten Sie dem Kaiser nicht einen etwas beruhigenden Brief schreiben? Es ist wirklich nötig! Ich bin sehr unglücklich, nicht bei ihm jetzt sein zu können. Der Arzt wollte das viele Reisen durchaus nicht für meinen Fuß, außerdem habe ich hier ein krankes Kind, meinen kleinen Oskar. Ach, es ist ein schlimmer Sommer gewesen. Gott helfe weiter. Ihre herzlich ergebene Viktoria." Schon im April 1899 hatte der Kaiser an den Minister des Innern, Herrn von der Recke, ein Telegramm gerichtet, das diesen anwies, den Landräten im Abgeordnetenhaus mit „Kassation" zu drohen und mit Abbruch der persönlichen Beziehungen zu Seiner Majestät, wenn sie nicht für die Kanalvorlage stimmten. Graf Limburg-Stirum sollte wegen seiner Opposition gegen die Kanalvorlage aus der Liste der Geheimräte gestrichen werden. „Den von den konservativen Parteien in grenzenloser Borniertheit und junkerhaftem Ubermut Mir hingeworfenen Fehdehandschuh werde Ich aufnehmen." Nicht ohne Grund klagte mir, der ich in Fragen der inneren Politik noch nicht in der Feuerlinie stand, der Finanzminister Miquel damals darüber, wie sehr ihm seine Stellung in der Kanalfrage durch die Unmöglichkeit erschwert werde, Seiner Majestät klarzumachen, daß die Konservativen als Partei nicht bloße Vollstrecker des königlichen Willens 296 DIE STÜTZEN VON THRON UND ALTAR sein könnten, da sie sonst jeden Boden in der Wählerschaft verHeren würden. „Der Kaiser", äußerte Miquel in dieser Zeit gelegentlich mir gegenüber, „ist bei großer und vielseitiger Begabung politisch farbenblind." Ein geniales Wort, das mir häufig wieder eingefallen ist, und auch ein richtiges Wort. Um so größer freilich, um so schwerer die Verantwortung der Ratgeber Seiner Majestät. Als im Laufe des Sommers die Aussichten für die Kanalvorlage immer ungünstiger wurden und sie schließlich abgelehnt wurde, telegraphierte mir der Kaiser im August 1899: „Krasse Dummheit ist, mit bösem Willen gepaart, durch einen Judenjungen ausgenutzt. Ich bin entschlossen, die Partei durch schwere gesellschaftliche Strafen meinen Zorn fühlen zu lassen und sie so zu zwingen, das Werk doch zu machen. Keine Auflösung, worauf Zentrum und Freisinn gehofft. Aber Ausschluß der Limburger und Genossen aus der Gesellschaft." Im September 1899 folgte das nachstehende kaiserliche Telegramm an mich: „Die traditionellen Stützen von Thron und Altar, die von jeher vom königlichen Hause verzogen worden sind, haben sich gegen den Herrn gewandt, und das unter Führung des Judenabkömmlings Limburg. Lassen Sie Ihre Preßhunde alle los und schmettern Sie mit Keulenschlägen auf die Partei herunter." Graf Limburg-Stirum, der langjährige Führer der Konservativen in Preußen, war der Sohn eines niederländischen Edelmanns aus altem Geschlecht und einer Israelitin. Die von mir schon einmal zitierte, ein wenig derbe Äußerung des Fürsten Bismarck, daß die Paarung zwischen einem germanischen Hengst und einer semitischen Stute bisweilen gute Resultate ergäbe, traf auf Graf Stirum zu. Er hatte von väterlicher Seite Ernst, Zähigkeit und Arbeitskraft, von mütterlicher einen scharfen und klaren Verstand geerbt. In den Jahren nach dem Sturz des Fürsten Bismarck, wo sich so viele von ihm abwandten, stand Graf Limburg-Stirum treu zu dem Alten im Sachsenwalde. Das führte während der Ära Caprivi zu einem ebenso überflüssigen wie törichten Disziplinarverfahren gegen Stirum, der als Gesandter z. D. in einem Zeitungsartikel gegen die Caprivi- Marschaflschen Handelsverträge Stellung genommen hatte. Der biedere Caprivi, der diesen Fall vom Standpunkt militärischer Disziplin beurteilte, war von Holstein aufgehetzt worden, der Stirum nicht mochte. Da Graf Stirum gleichzeitig vom Kaiser bei verschiedenen Gelegenheiten geschnitten und brüskiert worden war, so mochte seine Stimmung gegenüber Seiner Majestät allmählich bitter geworden sein. Sein politisches Urteil wurde aber, wie ich hervorheben muß, durch diese Erlebnisse nicht beeinflußt. Er war ein weniger geschickter Parteiführer im engeren Sinne des Wortes als sein Nachfolger Heydebrand, er sprach weniger schlagfertig und oratorisch nicht wirksam, schon weil er wegen chronischer Heiserkeit mit gedämpfter Stimme redete. Aber sein Horizont war weiter als der seines Nachfolgers, GEGEN DIE RÄDELSFÜHRER 297 er hatte mehr Verständnis für die Wechselbeziehungen zwischen innerer und äußerer Politik, und vor allem stand ihm die Staatsräson über dem Parteiinteresse. Er war nicht umsonst durch die Bismarcksche Schule gegangen. Die Ausfälle des Kaisers gegen seine jüdische Abstammung waren übrigens um so verwunderlicher, als Wilhelm II. in keiner Weise Antisemit war. Generelle Abneigung gegen Juden und Judentum lag seiner Natur und Art gänzlich fern. Er stand auch in persönlich freundschaftlichen Beziehungen zu vielen markanten Israeliten, wie Albert Balün, Emil Rathenau, Eduard Arnhold, Paul von Schwabach, Robert von Mendelssohn und manchen anderen treff liehen Männern. Natürlich habe ich mich gehütet, die Weisung hinsichtlich der „Preßhunde" auszuführen, sondern im Gegenteil auf eine ruhige Behandlung des Kanalstreits in der Presse tunlichst hingewirkt. Trotz seines Zornes gegen die Kanalgegner wollte Wilhelm II. von einer Auflösung des Abgeordnetenhauses nichts wissen, obwohl Fürst Hohenlohe, der den preußischen Konservativen ein wenig mit der aus Hoffart und Mangel an Verständnis gemischten Abneigung gegenüberstand, die der süddeutsche Standesherr bisweilen gegen den norddeutschen Junker empfindet, auf die Auflösung hinarbeitete, in der Hoffnung, damit zu einer liberalen Mehrheit in Preußen zu kommen. Aber gerade die letztere Möglichkeit war dem Kaiser doch unsympathisch, und so hielt er denn an das versammelte Staatsministerium eine Ansprache, in der er, originell wie so oft, die ganze Angelegenheit nach militärischen Gesichtspunkten beurteilte. Wenn ein Regiment rebelliere, führte Seine Majestät etwa aus, so würde es deshalb nicht aufgelöst, denn das wäre ein Schaden für die Armee und undankbar gegenüber den früheren Meriten des betreffenden Truppenteils. Aber die Rädelsführer würden vor die Front gestellt und erschossen. Nach dieser Analogie müßten jetzt alle Beamten, insbesondere die Landräte, die im Abgeordnetenhaus gegen die Kanalvorlage gestimmt hätten, abgesetzt werden. Mit Ausnahme des Fürsten Hohenlohe waren alle Minister gegen eine solche Lösung. Miquel sah voraus, daß sie die konservativen Kreise sehr erbittern würde, aber er zog sie noch immer der Auflösung vor, von der er eine größere Schwächung seines Einflusses und seiner Position befürchtete. So wurde eine große Anzahl biederer Landräte, darunter einige, die schon Jahrzehnte, getragen von dem Vertrauen aller Eingesessenen, ihre Kreise verwalteten, als „Kanalrebellen" zur Disposition gestellt. Unter diesen „Rebellen" befanden sich freilich verschiedene Herren, die, wie der künftige Statthalter von Elsaß-Lothringen, Herr von Dallwitz, der künftige Oberpräsident von Westpreußen, Herr von Jagow, und mehrere andere, sich später wieder in der vollen Gnade Seiner Majestät sonnen durften. Wenn das Ausscheiden der Landräte den Kaiser wenig berührt hatte, so 298 „DIE GROSSEN MEINES HOFES VERLASSEN MICH" war die Wirkung eine andere, als der Oberstjägermeister Herzog von Pleß. einer der reichsten und vornehmsten schlesischen Magnaten, seinen Abschied mit der Motivierung einreichte, er sei ein Gegner des Kanals und wolle nicht besser behandelt werden als seine Gesinnungsgenossen. Aus demselben Grunde bat auch der Oberstkämmerer Fürst Hohenlohe- Oehringen um Enthebung von seinem Amt. Nun wurde die Sache ernst. Der Kaiser beschied mich sofort in das Neue Palais und empfing mich sichtlich bestürzt mit den Worten: „Die Großen meines Hofes verlassen mich." In dem darauffolgenden Gespräch erreichte ich, daß den bewährtesten unter den verabschiedeten Landräten für die Zukunft Wiederanstellung in Aussicht gestellt wurde. Den Herzog von Pleß versöhnte der Kaiser dadurch, daß er seinen Schwiegersohn, den Fürsten Fritz Solms, zum Oberstkämmerer an Stelle des Fürsten Hohenlohe-Oehringen ernannte. Den letzteren hatte der Kaiser erst wenige Jahre vorher zur ersten preußischen Hofcharge ernannt, die seit alter Zeit nach dem preußischen Hofrangreglement mit dem Ministerpräsidenten und den Generalfeldmarschällen rangierte. Damals hatte der Kaiser dem Fürsten Christian Kraft von Hohenlohe-Oehringen seine Ernennung in einem für ihn sehr schmeichelhaften, warm gehaltenen Telegramm angekündigt. Nun hatte der Fürst, der sich gerade in einem österreichischen Badeorte inkognito in Damenbegleitung befand, er war unverheiratet, angeordnet, daß alle für ihn bestimmten, in Berlin oder Slawentzitz, seinem schlesischen Schlosse, anlangenden Telegramme nach jenem österreichischen Bade unter der Adresse seines dort in seiner Begleitung befindlichen Kammerdieners nachtelegraphiert werden sollten. So kam es, daß zum großen Erstaunen der K.K. Telegraphenbeamten in Kaltenleutgeben bei Wien die nachstehende Depesche eintraf: „Kammerdiener Hermann Schulze. In dankbarer Würdigung Deiner in Krieg und Frieden geleisteten hervorragenden Dienste ernenne ich Dich zu meinem Oberstkämmerer. Wilhelm R." Die Kanalfrage, die durch Fehler von allen Seiten verfahren worden war, wurde von mir in späteren Jahren, während ich preußischer Ministerpräsident war, in ein ruhiges Fahrwasser geleitet und befriedigend gelöst. XIX. KAPITEL Kaiserbesuch in Karlsruhe • Burg Hohenzollern • Königin Wilhelmine von Holland in Berlin (Oktober 1899) • Besuch des Zarenpaares in Berlin • Die Reise der deutschen Majestäten nach England (20. XI. 1899) • Die Kaiserin gegen die Reise, ihr Brief an Bülow • Bericht Hatzfeldts • Landung in England • Die Herzogin von Connaught Deutsche Prinzessinnen im Ausland • Windsor • Die Galatafel • Englische Hof leute und Staatsmänner • Memorandum des Fürsten Hohenlohe für Wilhelm II. Im September begleitete ich den Kaiser bei einem Besuch in Karlsruhe. Das Zusammensein mit den badischen Herrschaften war immer wohl- Karlsruhe tuend und aufrichtend. Großherzog Friedrich und Großherzogin Luise un d B" r g waren beide im besten Sinne des Wortes Idealisten, die unberührt von den Hohenzollern Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Tages an die großen Ziele dachten, die, sternengleich, dem Patrioten leuchten sollen. Trotz diesem vaterländischen Idealismus hatte das Verhältnis zwischen dem Großherzog Friedrich und dem Fürsten Bismarck mehrfach Trübungen erfahren. Ungeachtet meiner Bewunderung und Liebe für den größten deutschen Staatsmann und einen der größten Männer aller Zeiten muß ich zugeben, daß an solchen Friktionen der Fürst größere Schuld trug als der Großherzog. Namentlich in der Affäre Roggenbach- Geffcken hatte sich Bismarck durch Mißtrauen und Ranküne zu weit fortreißen lassen. Das tut seiner Größe keinen Abbruch. Napoleon bleibt groß, obschon er den Herzog von Enghien erschießen ließ, was niemand billigen kann. Von Karlsruhe fuhr der Kaiser mit mir auf das Manöverfeld und dann zum Besuch der Burg Hohenzollern. Wir waren um fünf Uhr morgens in Karlsruhe aufgebrochen und kehrten erst um neun Uhr abends dorthin zurück, wo uns noch eine Theatervorstellung und nach ihr eine Hofsoiree mit Cercle bevorstand. Der Kaiser überwand solche Anstrengungen spielend. Nachdem er dem Manöver während drei Stunden im Sattel beigewohnt hatte, nahm er, unmittelbar nach einem kräftigen Frühstück im Waggon, einen langen Vortrag von mir entgegen, im Laufe dessen ich ihm eine Reihe diplomatischer Personalveränderungen vortrug. Darunter leider auch die Wiederanstellung des Legationsrats von Schön, der sich als Hofmarschall in Koburg festgefahren hatte und wieder in die Diplomatie zurückzukehren wünschte, wo er als Botschafter in Petersburg und Paris 300 DER PRINCE CITRON von Holland in Potsdam wie als Staatssekretär des Äußern in Berlin keine Lorbeeren pflücken sollte. Auf dem Hohenzollern, dessen Besuch mich immer ebenso tief bewegt hat wie der Anblick des Hohenstaufen, jener beiden Gipfel im Schwabenlande, die mit mahnender Hand des deutschen Volkes Geschichte künden, schenkte mir der Kaiser ein schönes Bild des Schlosses seiner Ahnen und schrieb darunter das Datum des Tages: 9. 9. 99. Er erzählte mir bei diesem Anlaß, daß seine Großmutter, die Kaiserin Augusta, ihm einmal, als von der schönen Fernsicht vom Hohenzollern die Rede war, gesagt hatte: „Das soll dir eine Mahnung sein, dir einen weiten und freien Blick zu erwerben und zu wahren." Eine Äußerung im Geiste Goethes. Im Oktober 1899 erfolgte in Potsdam der Besuch der Königinnen von Die Holland. Die Königin-Mutter Emma, eine Prinzessin von Waldeck, machte Königinnen e i ne n verständigen, ruhigen und zuverlässigen Eindruck. Sie hatte 1879 den um mehr als vierzig Jahre älteren König Wilhelm III. von Holland geheiratet, der in erster, nicht gerade glücklicher Ehe mit der Prinzessin Sophie von Württemberg vermählt gewesen war, einer klugen und geistvollen Frau, der Freundin von Ernest Renan und anderen französischen Schöngeistern, die aber, wie leider viele ins Ausland vermählte deutsche Prinzessinnen, bis zur Gehässigkeit antideutsch geworden war. Aus dieser Ehe stammte nur ein Sohn, der Prinz von Oranien, der meist in Paris lebte, wo der „Prince d'Orange" von der Lebewelt „Prince Citron" genannt zu werden pflegte. Als der Prince Citron infolge starker Exzesse im Dienste des Bacchus in frühen Jahren starb, entschloß sich König Wilhelm III. auf Wunsch seines Volkes und um das Aussterben des ruhmreichen Hauses Oranien zu verhüten, zu einer zweiten Ehe. Königin Emma hatte das nicht leichte Joch dieser Ehe mit Hingebung, Geduld und Takt getragen. Trotz seiner Exzentrizitäten war Wilhelm III. bei dem niederländischen Volk, das mit unerschütterlicher Treue am Haus Oranien hängt, bis an sein Ende populär gebheben. Die kleinen Züge, die von ihm und seinen vielen Seltsamkeiten erzählt wurden, erhöhten nur seine Volkstümlichkeit. Als ihm einmal der Besuch seines ihm nicht besonders sympathischen Ministers gemeldet wurde, empfing er diesen badend in einem Teich seines Parks und forderte den Minister auf, sich ebenfalls auszukleiden, zu ihm ins Wasser zu steigen und dort seinen Vortrag zu halten. Als er seinen Einzug mit der Königin Emma in Amsterdam hielt, reichte ihm das begeisterte Volk einen ganz in Orangefarben gekleideten vierzehnjährigen Knaben in die Karosse. Das sollte eine Huldigung sein, der König nahm es aber als Aufdringlichkeit, ergriff den Knaben und schleuderte ihn in weitem Bogen über die Pferde weg in die Menge, die diesen Beweis königlicher Kraft mit Jubel aufnahm. Die bei ihrem Besuch in Potsdam kaum neunzehnjährige Königin Wilhelmine war damals ein reizendes junges Mädchen, das noch ganz unter KAISERLICHE REDNEREI 301 dem Einfluß der Mutter zu stehen schien. Der Kaiser veranstaltete zu Ehren der niederländischen Gäste im Neuen Palais eine allegorische Vorstellung, die in gut gestellten Bildern und nicht üblen Versen die innigen Bande zwischen den Häusern Hohenzollern und Oranien und die stolze Vergangenheit des Hauses Oranien zum Ausdruck brachte. Bei dem nachfolgenden Souper saß ich mit dem Kaiser und den beiden Königinnen ä quatre an einem Tisch. Der Kaiser führte die Unterhaltung und sprach sich über den Burenkrieg, der in vollem Gang war, in so antienglischem Sinne aus, in so hitzig übertriebener Rederei, daß die Königin-Mutter mir nach der Mahlzeit sagte, sie stünde mit ihren Sympathien begreif Ucher- weise auf der Seite der ihrem Volke stammverwandten Buren, frage sich aber doch, ob die mit solcher Heftigkeit zur Schau getragene antienglische Haltung des Kaisers nicht unvorsichtig wäre. Hätte Königin Emma geahnt, mit welchem Enthusiasmus derselbe Kaiser kaum sechs Wochen später im englischen Fahrwasser schwimmen würde, hätte sie sich schwerlich solche Sorgen gemacht. Am 8. November 1899 traf das Zarenpaar in Begleitung des Ministers Murawiew auf der Rückfahrt von Darmstadt nach St. Petersburg zu einem B kurzen Besuch in Potsdam ein. Kaiser Nikolaus beehrte mich nach der z er Bismarck Erinnerungen", die den Kaiser in hohem Grade gereizt und verstimmt hatten, obwohl der dritte Band damals noch nicht publiziert worden war. Eulenburg schrieb mir hierüber: „Der Kaiser sagte, daß er über die eigentlichen Gründe der Entlassung des Fürsten Bismarck während seiner Lebenszeit nichts sagen wolle. Er motivierte dies mit den Worten: ,Ich kann und will dem deutschen Volk nicht seine Ideale rauben.' Aber wenn seine Regierungszeit gewissermaßen Geschichte geworden sei, bei seinem Tode, solle das deutsche Volk erfahren, weshalb er sich von Bismarck getrennt habe. Der Kaiser von Österreich und die Königin von England besäßen jetzt schon in ihren Privatarchiven die motivierende Aufzeichnung, die er beiden Souveränen quasi zu seiner Rechtfertigung geschrieben habe. Das ,Testament an das deutsche Volk', welches die Richtigstellung der Entlassung enthalte und gleich nach seinem Tode publiziert werden solle, habe er an Scholl diktiert; es läge in seinem privaten eisernen Schränkchen. Ich ließ in Gedanken die Wirkung, die dieses Testament haben wird, in meinem Geiste vorüberziehn, aber ich mochte dem guten Kaiser nicht die Illusion rauben, in der er sich wiegte. Das Volk wird auch nach der Publikation des Testaments auf die Seite seines Heros treten. Nicht für Kaiser Wilhelm II., sondern für Bismarck werden die Bergfeuer flammen, nicht am 27. Januar, sondern am 1. April. Es macht mich Kaiserin Friedrich Gemälde von Heinrich v. Angeli (1894) KARDINAL HOHENLOHE: DER KAISER MÜSSE SEHR VORSICHTIG SEIN 353 angesichts des scheußlichen Kampfes, den ich, in vorderster Reihe stehend, gegen Schmutz und Verleumdung kämpfen mußte, traurig, so urteilen zu müssen. Welche Erfahrungen haben diese Nüchternheit zuwege gebracht! . . . Als ich dem Kaiser nicht verhehlte, daß der Bismarckismus eine Kraft sei, deren Wurzeln immer noch sehr tief und fest in den deutschen Herzen säßen, hörte er dies nicht gern. Er sprach die Ansicht aus, daß der Kaiser fester darin säße als alles andere." In der Entrüstung über das hinterlassene Werk des Fürsten Bismarck begegnete sich der Kaiser mit seiner Mutter, die in vielen Fragen so anders dachte als ihr Sohn. Sie schrieb über die „Gedanken und Erinnerungen" an meine Frau: „I suppose, dearest Marie, vou have read the vile book of Prince Bismarck, the one by Busch and the other by himself, truly disgusting. He has already so succeeded in poison- ning the minds of half his countrymen that they will no doubt accept all his lies these books contain — and which emanate from him as sacred truths! One is truly ashamed of such vulgarity and low taste." Nicht ohne innere Befriedigung berichtete mir Philipp Eulenburg, daß der Kaiser auf das bestimmteste erklärt habe, „niemals" und „unter keinen Umständen" Herbert Bismarck wieder anstellen zu wollen. Seitdem Eulenburg persönlich von Herbert Bismarck bei der Leichenfeier in Friedrichsruh brüskiert wurde, war ihm der Sohn Bismarck fast ebenso verhaßt wie der Vater. Auch wußte er, daß ich Herbert Bismarck gern als Botschafter in London, Petersburg oder Wien gesehen hätte. Wiederholt schrieb mir Eulenburg, daß er dem Kaiser beständig Vorsicht predige, auch unter Hinweis darauf, daß der Kardinal Hohenlohe ihm, Eulenburg Eulenburg, vertraulich geschrieben habe, der Kaiser müsse sehr auf seiner über den Hut sein, sehr vorsichtig, sehr weise. Der Kardinal habe ihm geschrieben, Kaiser er wisse „positiv", daß der Gedanke, den Kaiser für unzurechnungsfähig zu erklären, in vielen Köpfen erwogen würde und viele, auch hohe Persönlichkeiten, gern ihre Hand dazu leihen würden, das Verfahren einzuleiten. Eulenburg rühmte sich, eine „ernste und eingehende Unterredung" mit Wilhelm II. über diese heikle Materie mit den Worten geschlossen zu haben: Es sei keine Gefahr für den Kaiser, wenn ich an des Kaisers Seite stünde und er selbst vorsichtig bliebe. Gegen seine Gewohnheit habe der Kaiser dieses Gespräch nicht mit einem Scherz oder „mit einem energischen mündlichen Haudegenhieb ä la 1. Garderegiment" beendigt, sondern er sei „nachdenklich" gebheben. Daß mich solche Briefe sehr ernst stimmen mußten, liegt auf der Hand, obschon es in der menschlichen Natur hegt, sich allmählich an alles zu gewöhnen, wie an Kälte und Hitze, an Hunger und Durst, so auch an eigenartige Charaktere. Wenn der Mensch auch nicht immer aus Gemeinem gemacht ist, so emanzipiert er sich doch selten und nie ganz von seiner Amme, 23 Bülow I 354 BUMERANGS der Gewohnheit. Ich darf aher hinzufügen, daß keine Gewöhnung mich je abgestumpft hat gegen die Gefahren, die in der Natur des Kaisers für das Land lagen, und daß ich schon während meiner bisherigen Amtszeit keinen Tag aufgehört hatte, es als meine erste Pflicht und vornehmste Aufgabe zu betrachten, dafür zu sorgen, daß auch mit diesem Monarchen das Deutsche Reich und das deutsche Volk vor Schaden bewahrt blieben. Zu immer neuen Bedenken gab insbesondere die Unbesonnenheit Anlaß, mit welcher der Kaiser politische Gespräche führte. Er hatte mir oft, sehr oft versprochen, daß er nicht wieder in den Fehler verfallen wolle, mit A. über B. und mit B. über A. zu räsonieren, auf die Gefahr, und selbst auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß A. und B. sich die kaiserlichen Boutaden gegenseitig anvertrauen und beide mißtrauisch gegen den Kaiser werden würden. Er wolle sich, hatte er mir mehr als einmal erklärt, überhaupt klarmachen, daß unvorsichtige Äußerungen eines Monarchen dem Bumerang glichen, jener australischen Waffe, die auf denjenigen zurückprallt, der sie abschleuderte. Wilhelm II. vergaß sich immer wieder, namentlich in Gesprächen mit den fremden Botschaftern, nicht aus Böswilligkeit, ein Dolus lag nie vor; aber, wie der Franzose treffend sagt, c'etait plus fort que lui. Wenn ich von Diplomaten auf solche unvorsichtigen Auslassungen Seiner Majestät angesprochen wurde, pflegte ich wahrheitsgemäß zu erwidern, daß scharfe Bemerkungen des Kaisers über den einen oder andern Staat oder Regenten nur dann von praktischer Bedeutung sein würden, wenn der Kaiser ein Mann ä la Napoleon I. wäre, der unter Umständen einen Angriffskrieg mache. Dann allerdings wäre für diejenigen, gegen die sich seine Worte richteten, bei solchen Äußerungen die Vorbereitung zur Abwehr begreiflich. Der Kaiser sei aber in Wirklichkeit nur auf Erhaltung und Verteidigung bedacht. Seine ethischen Grundsätze, sein aufrichtiges Christentum, sein im Grunde verständiges Wesen verböten ihm jeden Gedanken an einen Angriffskrieg. Er werde niemals einen solchen machen. Seine gereizten Auslassungen gegen diesen oder jenen Staat trügen immer nur einen Defensivcharakter und reagierten lediglich auf das, was an den Kaiser über feind- bche Absichten dieses oder jenes Staates oder Regenten in wirtschaftlicher, politischer oder verwandtschaftlicher Hinsicht herangebracht worden wäre. Die Gesinnung änderte sich wieder, wenn der Kaiser nach einiger Zeit sähe, daß jene von ihm supponierten feindlichen Absichten nicht mehr vorhanden oder wenigstens ihrer Verwirklichung nicht nähergebracht worden wären. Die bei aller ihrer Beweglichkeit in ihren Grundzügen unabänderliche Eine Debatte Natur des Kaisers machte mir beim Rückblick auf das Jahr 1899 wie auf im Reichstag das ganze hinter uns liegende Jahrzehnt schwere Sorgen und bedeutete eine ernste Aufforderung für mich, „toujours en vedette" zu bleiben, wie der große König dies für Preußen gefordert hatte. Aber nicht nur die DR. SCHÄDLER GEGEN GOETHEDENKMAL 355 Individualität des Kaisers, sondern auch unser Volk in seiner Gesamtheit flößte mir ernste Sorgen ein. Ich konnte mich bei einer solchen retrospektiven Betrachtung nicht der Einsicht verschließen, daß das deutsche Volk, über das die Vorsehung während des seinem Ende entgegengehenden Jahrhunderts so viel Glück, so viele Wohltaten und Güter ausgeschüttet hatte, das sich aus dem Elend von Jena und Tilsit zu dem Ruhm von Dennewitz und Leipzig erhoben und von der französischen Zwingherrschaft befreit hatte, das durch Bismarck zu Einheit, Macht und Größe geführt worden war, wie es unsere Väter ersehnt, aber in solchem Ausmaß und solcher Fülle kaum für möglich gehalten hatten, leider noch immer weit davon entfernt war, das nationale Empfinden, das nationale Ehrgefühl, den patriotischen Stolz und auch nur den patriotischen Takt anderer Völker zu besitzen. Sehr bezeichnend dafür war mir eine kurze Debatte gewesen, die 1899 im Reichstag über ein Goethedenkmal für Straßburg stattfand. Der warmherzige und hochgebildete nationalliberale Abgeordnete Prinz Heinrich Carolath, persönlich ein Goethekenner und Goethejünger, hatte beantragt, als Beihilfe zu den Kosten eines Goethedenkmals in Straßburg den Betrag von M. 50000 in einen Ergänzungshaushalt einzustellen. Dieser Antrag wurde unter völliger Teilnahmlosigkeit des Hauses diskutiert. Ein wenig sympathisches Mitglied des Zentrums, der Abgeordnete Schädler, frug: „Warum soll Goethe gerade in Straßburg ein besonderes Denkmal haben ?" Aus praktischen, nüchternen Erwägungen trete er, Schädler, dem Antrag entgegen. Der Etat enthalte schon viel zu viel Forderungen für Kunst und Wissenschaft. Auch sei der Antrag gefährlich wegen seiner etwaigen Konsequenzen für andere „große Männer", denen man auch Monumente werde errichten wollen. In welchem Lande außer in Deutschland war ein solcher Vorgang, eine so unwürdige Rede möglich! Man denke sich, daß in der französischen Deputiertenkammer jetzt, nachdem wir, Gott sei es geklagt, „die wunderschöne Stadt" wieder verloren haben, der Vorschlag gemacht würde, Rouget de l'Isle ein Denkmal in Straßburg zu errichten, wo das Sturmlied der Französischen Revolution von ihm zuerst vorgetragen worden war. Jeder Abgeordnete, der sich gegen einen solchen Antrag wenden sollte, würde von der Tribüne heruntergerissen werden. Er würde allgemeiner Verachtung verfallen und sich nicht mehr auf der Straße zeigen können. Ein solcher Abgeordneter würde sich aber in Frankreich, Italien und England, in allen anderen mir bekannten Ländern überhaupt nicht finden. Jene Diskussion vom 26. Januar 1899 war mehr als symptomatisch, eine Rede wie des Domherrn Schädler war tief beschämend. Konnte Deutschland wirklich reiten, nachdem es von Bismarck in den Sattel gesetzt worden war? Schon in den achtziger Jahren hatte der Baumeister des Reichs darüber geklagt, daß, kaum fünfzehn Jahre nach der Wieder- 23* 356 HAMMER ODER AMBOSS errichtung des Reiches der nationale Gedanke in der Verfinsterung begriffen sei, schon damals hatte er den Reichstag ermahnt, den nationalen Gedanken leuchten zu lassen über Deutschland. In der Rede, die ich am 11. Dezember 1899 im Reichstag zur 2. Flotten- Flottenvorlage vorläge hielt*, sagte ich: „Meine Herren, die letzten Jahrzehnte haben viel Glück und Macht und Wohlstand über Deutschland gebracht. Glück und steigender Wohlstand des einen pflegen bei den anderen nicht immer reine Befriedigung hervorzurufen, das kann auch Neid erwecken. Der Neid spielt im Leben des einzelnen und im Leben der Völker eine große Rolle. Es ist viel Neid gegen uns in der Welt vorhanden, politischer Neid und wirtschaftlicher Neid. Es gibt Individuen, und es gibt Interessentengruppen, und es gibt Strömungen, und es gibt vielleicht auch Völker, die finden, daß der Deutsche bequemer war und daß der Deutsche für seine Nachbarn angenehmer war in jenen früheren Tagen, wo trotz unserer Bildung und trotz unserer Kultur die Fremden in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht auf uns herabsahen wie hochnäsige Kavaliere auf den bescheidenen Hauslehrer. Diese Zeiten politischer Ohnmacht und wirtschaftlicher und politischer Demut sollen nicht wiederkehren. Wir wollen nicht wieder, um mit Friedrich List zu sprechen, die Knechte der Menschheit werden. Wir werden uns aber nur dann auf der Höhe erhalten, wenn wir einsehen, daß es für uns ohne Macht, ohne ein starkes Heer und eine starke Flotte keine Wohlfahrt gibt. Das Mittel, in dieser Welt den Kampf ums Dasein durchzufechten ohne starke Rüstung zu Lande und zu Wasser, ist für ein Volk von bald sechzig Millionen, das die Mitte von Europa bewohnt und gleichzeitig seine wirtschaftlichen Fühlhörner ausstreckt nach allen Seiten, noch nicht gefunden worden. In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein." Wurde dieser Hinweis auf die Vergangenheit, auf unsere geographische Lage, auf die Leidensgeschichte des deutschen Volks vom Reichstag, wurde er im Volke verstanden ? Als ich davon sprach, daß der Fremde einst auf uns herabgesehen habe wie ein hochnäsiger Kavalier auf den bescheidenen Hauslehrer, entstand im Hause die Heiterkeit verständnisloser Unbildung, obschon die Mentalität des Auslands gegenüber dem Deutschen früherer Jahrhunderte nicht prägnanter gekennzeichnet werden konnte. Und wie sieht seit unserem Zusammenbruch und der Novemberrevolution, seit 1918, der Fremde wieder herab auf unser einst so glückliches und stolzes Volk! „Comme je vous plains", sagte mir nach meiner Rückkehr nach Rom 1920 ein deutschfreundlich gebliebener alter italienischer Freund, „de voir votre pays tombe si bas." Am letzten Tage des alten Jahrhunderts erhielt ich von König Karl von * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 88; Kleine Ausgabe I, S. 96. DIE JAHRHUNDERT-KNIEBEUGE 357 Rumänien das nachstehende Telegramm: „Im Augenblick, wo ein reich- bewegtes Jahrhundert zur Neige geht, in welchem wir so große Ereignisse erlebt und das die Bedingungen einer friedlichen Entwicklung der Staaten geschaffen, liegt es mir am Herzen, Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin ein glückliches neues Jahr zu wünschen, auf welchem der Segen Gottes ruhen möge. Gleichzeitig bitte ich Sie, die Versicherung meiner freundschaftlichen Gesinnung zu empfangen und überzeugt zu sein, wie sehr ich erfreut und beruhigt bin, die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, in welchen Sie bereits so schöne Erfolge gehabt, Ihren bewährten Händen anvertraut zu wissen." Die Feier, die Kaiser Wilhelm zur Jahrhundertwende im Schloß und in der Ruhmeshalle veranstaltete, trug einen allzu theatralischen Charakter. Auf zwei Seiten aufgestellte Apparate photographierten den Kaiser und alle Anwesenden in dem Moment, wo sie während des Gebets der Geistlichkeit und des von dieser erteilten Segens niederknieten. Und der stets, bisweilen zu gutem, bisweilen zu bösem Witz aufgelegte Berliner sprach von der Jahrhundert-Kniebeuge. Das erste Jahr des neuen Jahrhunderts führte zur völligen Besiegung der Buren. Im März nahm Lord Roberts Bloemfontein, im Juni rückte er Die China- in Pretoria ein. Schloß sich aber der Janustempel für Südafrika, so öffnete Expedition er seine beiden Pforten bald nachher in Ostasien. Am 18. Juni wurde in China der deutsche Gesandte Freiherr von Ketteier ermordet. Im Juni erfolgte die Kabinettsorder über BUdung und Führung eines Expeditionskorps nach China, zu dessen Kommandeur der Generalleutnant Lessei ernannt wurde. Als Chef des Stabes wurde ihm einer der besten Offiziere des Generalstabes, der damalige Oberst Gündel, beigegeben. Es war derselbe Offizier, der, inzwischen zum General der Infanterie aufgerückt, im November 1918 ursprünglich zum Vorsitzenden der Waffenstillstandskommission bestimmt worden war, eine Stellung, für die er durch Umsicht, Besonnenheit, Takt, vollkommene Beherrschung des Französischen und Übung im Verkehr mit französischen Offizieren sich hervorragend eignete. Den Vorsitz der Waffenstillstandskommission riß aber 1918 mit der ihm eigenen stürmischen Vordringlichkeit der Abgeordnete Erzberger an sich, indem er manu propria unter Zustimmung des schwachen Prinzen Max von Baden den Namen des Generals Gündel ausstrich und an dessen Stelle seinen eigenen Namen setzte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich für die Leitung der Waffenstillstandsverhandlungen General Gündel viel, sehr viel besser geeignet haben würde als Erzberger, der manche jener Eigenschaften besaß, die dem Demagogen vorwärtshelfen, auch nicht ohne eine gewisse naive Gutmütigkeit war, dem aber für eine diplomatische Mission ungefähr alles fehlte, Kenntnisse und Erfahrung, Takt wie Würde. So kam es, daß im November 1918, an jenem traurigsten Tage der deutschen 358 NICHTS MEHR OHNE DEN DEUTSCHEN KAISER Bremerhaven Geschichte im Walde von Compiegne dem siegreichen französischen Oberbefehlshaber die auch äußerlich groteske Figur des Abgeordneten für Biberach entgegentrat. Mit dem Weltkrieg, dessen entsetzlichen Abschluß das Erscheinen von Matthias Erzberger im Walde von Compiegne bildete, war die chinesische Expedition von 1900 natürlich in keiner Weise zu vergleichen. Aber gerade weil der Krieg gegen China von Wilhelm II. aufweite Entfernung, mit verhältnismäßig geringem Einsatz, ohne persönliches Risiko und mit der begründeten Hoffnung geführt wurde, daß es mir gelingen würde, politisch-diplomatisch die Sache einzurenken, entlud sich das Temperament des Kaisers bei diesem Anlaß mit voller Wucht. „Jetzt ist es eine Lust zu leben!" äußerte er damals wiederholt vor mir. Ich habe Kaiser Wilhelm, dem ich während des Weltkrieges freilich nicht Reden mehr zur Seite stand, niemals in einer solchen Erregung gesehen wie während Wilhelms II. d er ersten Phase der chinesischen Wirren. Zunächst hielt er in Wilhelms- m Wilhelms- h averl un( j m Bremerhaven Reden, die nicht nur den Chinesen, sondern der ganzen Welt imponieren sollten. In Wilhelmshaven sprach er am 2. Juli 1900 von dem in seiner „Frechheit unerhörten, durch seine Grausamkeit Schauder erregenden" Verbrechen der Chinesen, verlangte „exemplarische Bestrafung und Rache" und erinnerte daran, daß er diese Scheußlichkeit vorausgesehen habe, aber nicht verstanden worden wäre. „Mitten in den tiefsten Frieden hinein, für mich leider nicht unerwartet, ist die Brandfackel des Krieges geschleudert worden." Das war ein Hinweis auf das berühmte Bild „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter". Am nächsten Tage hielt der Kaiser anläßlich des Besuchs des Prinzen Rupprecht von Bayern bei Tisch eine Rede, wo er die bedenklicheren Worte sprach, daß ohne den Deutschen Kaiser keine große Entscheidung mehr in der Welt fallen dürfe. Er würde rücksichtslos die schärfsten Mittel anwenden, um die Weltmachtstellung des deutschen Volkes zu erhalten, das sei seine Pflicht und sein schönstes Vorrecht. Hohenlohe und ich wollten diese Rede nicht veröffentlichen lassen, sie war aber von Seiner Majestät sofort und direkt an den Vertreter von Wolfis Telegraphenbüro gegeben worden, bevor das Diner zu Ende war. Um zu verhindern, daß solche kaiserlichen Ergüsse unsere Politik aus ihrem Geleise brachten, richtete ich aus Wilhelmshaven am 2. Juli an das Auswärtige Amt die nachstehende telegraphische Direktive: „Auch nach der Ermordung des Freiherrn von Ketteier wird unsere Politik in Ostasien eine besonnene, ruhige und nüchterne bleiben. Wir werden insbesondere vermeiden, was die Eintracht unter den Mächten stören könnte, weiter Fühlung mit Rußland halten, England nicht abstoßen, auch Japan und Amerika freundlich behandeln. Die Situation hat sich aber insofern durch die Niedermetzelung unseres Gesandten verändert, als es jetzt vor allem darauf ankommt, der Nation zu zeigen, daß diejenigen, DIE HUNNENREDE 359 die ihre Geschäfte führen, das deutsche Ansehen und die deutsche Ehre mit Schnelligkeit und Nachdruck zu wahren wissen. Dies ist die Politik, die ich hei Seiner Majestät dem Kaiser vertreten habe und welche die Allerhöchste volle Zustimmung fand." In der Theorie hatte das in vorstehenden Sätzen von mir skizzierte Programm allerdings die Allerhöchste Zustimmung gefunden, tatsächlich aber riß den Kaiser die ungestüme Unbesonnenheit, die ihm in seinen Reden eigen war, immer wieder zu bedauerlichen Expektorationen hin. Die schlimmste Rede jener Zeit und vielleicht die schädlichste, die Wilhelm II. je gehalten hat, war die Rede in Bremerhaven am 27. Juni 1900. Als Hohenlohe und ich dort eintrafen, erblickten wir am Hafen, wo die für Ostasien bestimmten Truppen aufgestellt waren, ein hölzernes Gerüst. Es wurde darüber hin und her geredet, welchem Zweck es dienen sollte. Die einen meinten, daß sich die Feuerwehr von Bremerhaven an diesem Turm für Feuersbrünste einexerziere, andere glaubten, die Matrosen sollten hier Turnübungen anstellen. Plötzhch erschien der Kaiser und erkletterte die, wie sich jetzt herausstellte, für ihn errichtete Redekanzel. In der Rede, die er von diesem Podium mit scharfer, weithin reichender Stimme hielt, befand sich der Satz: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter König Etzel sich einen Namen gemacht haben, der sie noch jetzt in Uberlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre durch euch in einer Weise betätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." Noch während der Kaiser sprach, setzte ich mich mit dem Direktor des Bremer Lloyd, dem verständigen Herrn Wiegand, in Verbindung, um alle anwesenden Journalisten darauf zu verpflichten, daß sie diese Rede nicht ohne vorherige Korrektur durch mich veröffentlichen würden. Diese Zusage wurde auch von allen gegeben und loyal gehalten. Als ich auf die ,,Hohenzollern" zurückkehrte, meldete sich ein Berliner Publizist bei mir, der die Rede wörtlich nachstenographiert hatte und glücklich war, sie als erster seinem Blatt telegraphieren zu können. Auf mein Zureden erklärte er sich in anständiger Weise bereit, auf diese Primeur zu verzichten und die Kraftstellen der kaiserlichen Ansprache zu unterdrücken. Während der Kaiser gesprochen hatte, war das Gesicht des einundachtzigjährigen Fürsten Hohenlohe immer länger geworden. Er hatte mir kaum drei Monate vorher telegraphiert: „Seien Sie versichert, daß ich, solange ich noch fähig bin, mein Amt zu verwalten, glücklich sein werde, auf Ihre Mitarbeit rechnen zu dürfen." Jetzt meinte er, indem er sich mit resigniertem Gesicht mir zuwandte: „Das kann ich unmöglich im Reichstag vertreten, das müssen Sie versuchen." Bei der Abendtafel 360 DAS SCHÖNSTE WEGGESTRICHEN wurden die Zeitungen gebracht. Der Kaiser griff nach ihnen und war sehr verwundert, seine Rede nur in der ihr von mir gegebenen Fassung, d. h. unter Weglassung der bedenklichen Wendungen, zu finden. „Sie haben ja gerade das Schönste weggestrichen", meinte er zu mir, der ich ihm gegenübersaß, weniger erzürnt als enttäuscht und betrübt. Da wurde ein kleines, in Wilhelmshaven erscheinendes Blatt gebracht, das die kaiserliche Rede in extenso veröffentlicht hatte. Ein Mitarbeiter dieses Blättchens hatte, auf einem Dache sitzend, die Rede nachstenographiert und sofort publiziert, ohne daß Wiegand oder ich es hatten hindern können. Er hatte auch schon die betreffende Nummer seines Blattes nach Bremen, Hamburg, Hannover, Emden und Berlin in Tausenden von Exemplaren expediert, froh über das gute Geschäft, das er machen würde. Der Kaiser war entzückt, als er nun seine Rede in ihrem vollen Wortlaut las, aber weniger erfreut, als ich, während er nachher seine Zigarre rauchte, ihn über seine Auslassungen zur Rede stellte. Ich wies zunächst auf sein so oft freudig bekanntes Christentum hin. Seine Auslassungen würden bei guten Christen Bedauern und Ärgernis hervorrufen. Der Kaiser replizierte mit gewohnter Schlagfertigkeit, daß Moses, Josua und andere Helden der Bibel an ihre Heerscharen noch viel schärfere Ansprachen gerichtet hätten. Ich konnte erwidern, daß wir nicht im alten, sondern im neuen Bunde lebten, dessen Geist ein anderer wäre als die Mentalität, mit der vor Jahrtausenden die Israeliten Kanaan erobert hätten, ging dann aber auf die vorauszusehende politische Wirkung der exzentrischen Rede ein. Sie würde bei unseren Freunden in der Welt Trauer und Anstoß erregen, von unseren Feinden aber benutzt werden, um Mißtrauen und Haß gegen uns zu säen. Diese Rede würde verheerend wirken. Der Kaiser wurde sichtlich betreten. Er erwarte, meinte er, von meiner „Freundschaft" für ihn wie von meiner „famosen Beredsamkeit", daß ich ihn im Reichstag „herauspauken" würde. Ich wies darauf hin, daß ich das Parlament weniger fürchte als die Meinung und die Stimmung der Welt. Solche „Entgleisungen", ich gebrauchte mehrmals diesen Ausdruck, wären Wasser auf die Mühlen aller derjenigen, die das Land von Goethe und Schiller, von Humboldt und Kant als ein Land von Barbaren und Heiden, unseren Kaiser, der in seinem innersten Kern, wie ich nach wie vor überzeugt wäre, ein guter Christ und guter Mensch sei, der gar nichts Böses wolle, als einen eroberungslustigen und blutdürstigen Eroberer hinstellten, was Seine Majestät, Gott sei Dank, in keiner Weise wäre. Unsere Unterredung dauerte bis nach Mitternacht. Als der Kaiser mich entließ, gab er mir die Hand mit den Worten: „Ich weiß, daß Sie nur mein Bestes wollen, aber ich bin nun einmal, wie ich bin, und ich kann mich nicht ändern." Ich verließ den Kaiser mit der Überzeugung, daß er mich nach dieser Unterredung schwerlich zum Reichskanzler nehmen würde, ein „THE HUNS" 361 Eindruck, der mich weder enttäuschte noch betrübte. Im übrigen hat sich alles, was ich damals Seiner Majestät voraussagte, leider nur zu sehr bewahrheitet. Im Reichstage bin ich einige Monate später mit den gegen den Kaiser gerichteten Angriffen in der Tat fertig geworden. Was ich aber nicht verhindern konnte, war, daß, als Kurzsichtigkeit und plumpes Ungeschick uns in den Krieg straucheln ließen, die französische und noch mehr die englische und die amerikanische Propaganda gerade mit der „Hunnenrede" des Deutschen Kaisers arbeitete, um die Welt gegen uns aufzuhetzen. Wenn das gute und edle deutsche Volk, das im besten Sinne humaner denkt und fühlt als irgendein anderes Volk in beiden Hemisphären, von Millionen „the huns", „les huns", „die Hunnen" genannt wurde, so war das eine Folge jener unseligen Rede, die Wilhelm II. in Bremerhaven gehalten hatte. XXIII. KAPITEL Bülows Verhältnis zu seinen Ministerkollegen • Graf Alfred Waldersee • Wilhelm II. wird Generalfeldmarschall • Sein forciertes Betonen seiner militärischen Befugnisse vor dem Kriege, sein völliges Zurücktreten im Krieg • Feldmarschall Waldersee Oberstkommandierender in China • Der Kaiser verabschiedet sich in melodramatischer Form von ihm in Kassel • Graf Metternich über die Lage • Einnahme Pekings (15. VIII. 1900) • Berufung nach Hubertusstock: Erste Besprechung mit Wilhelm II. über die Nachfolge des Fürsten Hohenlohe • Kandidaten: Podbielski, Philipp Eulenburg, Karl Wedel, Botho Eulenburg, Hohenlohe-Langenburg • Telephonische Berufung nach Homburg Mein Verhältnis zu meinen Kollegen, insbesondere zu Tirpitz und Miquel, war gut. Mit dem Reichskanzler verbanden mich alte und nie getrübte Miquel freundschaftliche Beziehungen. Fürst Hohenlohe sah in Miquel, dessen geniale Natur mir von Anfang an sympathisch gewesen war, dem aber viele und nicht die Schlechtesten mißtrauten, ein Element der Unruhe und Unsicherheit und schrieb mir aus Baden-Baden über ihn: „Verehrter Graf, Miquel, der nicht nur gegen mich, sondern, wie mir ein Abgeordneter versichert, auch und noch mehr gegen Sie intrigiert, weil Sie mehr als er das Ohr des Kaisers haben, will es durchaus zu einem Krach mit dem Reichstag bringen. Deshalb hat er Herrn von Lucanus, der sein gehorsamer Diener ist und durch den er leider auf Seine Majestät einwirken kann, bestimmt, für die sofortige Vorlage der Marine-Novelle zu plädieren, weil daraus der Krach hervorgehen kann. Der Großherzog von Baden ist durchdrungen von der Notwendigkeit, Miquel zu beseitigen. Ich habe es nicht angeregt, sondern fand ihn voll Bitterkeit gegen den Finanzminister, ich glaube, er wird darüber an den Kaiser schreiben. In unverändert freundschaftlicher Gesinnung Ihr ergebenster Hohenlohe." Um dieselbe Zeit schrieb mir der so wenig freundlich beurteilte Minister von Miquel: „Ich denke jetzt viel an Sie und Ihre schweren Sorgen und Mühen, und wie schwer es sein muß, zwischen dem Zuviel und Zuwenig die richtige Linie zu halten, nicht zu sehr in den Vordergrund und nicht zu viel in den Hintergrund zu treten. Aber mein Vertrauen zu dem Lenker unserer Pohtik ist so groß, er wird das Schiff glücklich durch die Brandung führen... Ich bitte um die herzlichsten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin, meine DER „VERRÄTER" WALDERSEE 363 so sehr verehrte Gönnerin, und bleihe in aufrichtiger Dankbarkeit und bekannter Verehrung und Bewunderung immer Ihr treu ergebenster Miquel." Als ich Tirpitz in den gleichen Tagen zu einem Allerhöchsten Gnadenbeweis anläßlich der Annahme des Flottengesetzes in dritter Lesung beglückwünschte, antwortete er mir: „Aufrichtigen Dank für Ihren freundlichen Glückwunsch. Das Persönliche tritt für mich bei dem großen Erfolg fast ganz zurück. Ich würde mich an dem Bewußtsein begnügen, Ihnen das Handwerkszeug beschaffen zu können, das Sie brauchen, um Deutschland größer und weiter aufbauen zu können. Möge Ihnen diese Arbeit nicht zu schwer gemacht werden, das wünscht Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (gez.) Tirpitz." Schon als ich 1897 mein Amt als Staatssekretär des Äußeren übernahm, drei Jahre vor der Entsendung Waldersees nach China, hatte mir Holstein, Wilhelm dessen Argwohn nie schlief, durch den würdigen Geheimen Rat Mechler, un< * " 7 ^ ** Ichthofen aatssekretär jf^i^ur ^pf^n^f ß/ft st^At/.' ^ '^W^ J^k^u. % ^m^f-n ^twt*. ^U^^^^^f^pr s^*^/fy^ Si/i^S -J^h /fat^44***j £%J*r S»4^ Jx/MA'ß^^ hy0 A*v**f^> ^ft*MnJlpi\ ^J~; sti^ü^* '^^C J^H4*t Jt^t^ ^^?%v-i^* £c. ^^*^^si ^fiÄ ^foyTC^ ^^Xy^M^^s^ m^J^^ *y faA* ^4l^£~p£U* A ^r^A^ ^Tt^n U s^^^ufb*' far ^//^ ^4 $^v^r >&^4ty^7l4i ^uyui ^^A^i^/^ 'fay ichthofen .aatssekretär ympathie- .und- ibungen RICHTHOFEN FÜR DAS ÄUSSERE 393 Radowitz waren Todfeinde, die sich nicht zusammen vor denselben Wagen spannen ließen. Ich hatte mich schon auf der Fahrt von Berlin nach Homburg für den bisherigen Unterstaatssekretär Richthofen als künftigen Staatssekretär Richthofen des Äußern entschieden. Holstein hatte mir für diesen Posten einige ganz Staatssekretär unfähige Kandidaten vorgeschlagen, in der Hoffnung, unter einem unzulänglichen Staatssekretär für alle Seitensprünge und Intrigen freiere Hand zu haben. Ich hatte einige Mühe gehabt, den Kaiser für Richthofen zu gewinnen. Der hohe Herr hebte nicht den traditionellen preußischen Beamten mit seiner Nüchternheit, seiner Sachlichkeit, seinem Bienenfleiß, seiner Gewissenhaftigkeit und strengen Pflichttreue. Er fand solche Leute „ledern", gab aber bei ruhiger Überlegung doch zu, daß sie im Verein mit dem preußischen Offizier den preußischen Staat aufgerichtet und über alle Stürme weggebracht hatten. Als Unterstaatssekretär setzte ich den bisherigen Direktor der handelspolitischen Abteilung, den Geheimen Rat von Mühlberg, durch, der, ein ebenso hervorragender Arbeiter und Beamter wie Richthofen, gleich diesem in allen von ihm bekleideten Stellungen dem Lande ausgezeichnete Dienste geleistet hat. Der begabteste Vertreter der Bismarckschen Tradition in der Presse, Hugo Jacobi, hatte mir nach meiner Ernennung zum Reichskanzler ge- Sympathie- schrieben: „Ihrer noch ungebrochenen Kraft harren große und schwere -K" n <* _ Aufgaben, an deren Gehngen das Heil des Landes hängt; aber ein großes S eoun 6 cn Vertrauen kommt Ihnen hoffnungsvoll entgegen. Seit zehn Jahren wartet die Nation auf ihren politischen Führer. Ihren Amtsantritt umleuchtet glückverheißend die glorreiche Erinnerung des 18. Oktobers. Möge das ,nova vita ineipit' wie für Eure Exzellenz auch für das Vaterland gelten." Ich kann bei diesem Anlaß einflechten, daß Herbert Bismarck, als er einige Monate vor meiner Ernennung zum Reichskanzler mir die Hoffnung ausdrückte, ich würde bald an die Stelle von Hohenlohe treten, hinzufügte: „Mein Vater hat mir schon vor Jahren gesagt: Der junge Bernhard Bülow gehört zu den drei oder vier Männern, die nach meinem Tode das Reich zusammenhalten müssen." Ein anderer intimer Freund des Hauses Bismarck, Graf, später Fürst Guido Henckel-Donnersmarck, schrieb mir: „Zu der angetretenen großen Erbschaft aufrichtigen Glückwunsch. Lägen nicht Caprivi und Hohenlohe dazwischen, würde ich mit größerer Begeisterung Glück wünschen und mich der Begebenheit inniger freuen. Indes, keine Rose ohne Dornen." Der mir seit jeher etwas unheimliche Dr. Hinzpeter schrieb mir, er gratuliere mir um so aufrichtiger, als er wisse, wie unendlich schwer es sei, zugleich das Vertrauen und die Sympathie seines früheren hohen Zöglings zu erwerben. Da es ihm selbst nur gelungen sei, das erstere und nicht das letztere zu erlangen, könne er sich nicht einer gewissen 394 HINZPETER ÜBER SEINEN ZÖGLING Bewunderung erwehren für den Mann, der beides sich gewonnen habe, und Seine Majestät sei „wegen solchen seltenen Fundes" glücklich zu preisen. Schwungvoll war der Glückwunsch unseres Botschafters in Madrid, Josef von Radowitz, der mir einst in Paris und vorher, während ich Geschäftsträger in Athen war, ein Vorgesetzter gewesen war, von dem ich manches gelernt hatte, mit dem aber nicht immer leicht auszukommen war: „Sie sind nun, vom Vertrauen aller getragen und gerufen, auf die Höhe gelangt. Gestatten Sie mir, in freudiger Ergebenheit Ihnen und uns dazu Glück zu wünschen, wenn ich auch wohl fühle, wie groß und ernst das persönliche Opfer ist, das Sie im Einsatz Ihrer ganzen Lebenskraft dabei bringen. Möge Ihnen vor allem das Rüstzeug der Gesundheit erhalten bleiben. Dann soll sich der alte Spruch erfüllen, der die Ziele der Gegenwart und Zukunft mit dem Vergangenen verbindet: Zu alter Wahrheit neue Liebe, Zu neuem Leben neue Triebe, Vor altem Bösen neues Grauen, Zum alten Gott ein neu Vertrauen, Ein neues Schwert zu neuem Kriege, Im alten Kriege neue Siege!" Der langjährige württembergische Ministerpräsident Herr von Mittnacht, dem ich anläßlich seines in dieser Zeit erfolgten Rücktrittes den sehr verdienten Dank ausgeprochen hatte, den die Reichspolitik diesem klugen und charaktervollen Staatsmann schuldete, schrieb mit seinem Dank für meine Zuschrift: „Ich habe es freudig begrüßt, als das höchste Reichsamt in die Hände Eurer Exzellenz gelegt wurde, in welchen es wohl und sicher bewahrt ist." Schlicht und einfach, wie es seinem vornehmen Wesen entsprach, hatte mir der Oberhofmarschall Graf August Eulenburg, vom Kaiser über meine bevorstehende Ernennung unterrichtet, schon vor meinem Eintreffen in Homburg telegraphiert: „Innigen Glückwunsch und Gottes Segen." Ans Herz grifF mir der Glückwunsch der Beamten des Chiffrierbüros, dieser ausgezeichneten Männer, durch deren Hände täglich die wichtigsten Meldungen und Instruktionen, große Staatsgeheimnisse gingen, deren Pflichttreue ihresgleichen suchte. „Euer Exzellenz", schrieb mir im Namen der Beamten des Chiffrierbüros ihr Vorsteher, der alte Geheimrat Willisch, „wollen gnädigst gestatten, daß die gehorsamst unterzeichneten Beamten aus Anlaß der durch Übertragung der höchsten Würde des Reichs Eurer Exzellenz zuteil gewordenen ruhmvollen Allerhöchsten Auszeichnung in tiefster Ehrerbietung ihre treusten Glückwünsche darbringen dürfen. Wie dieselben mit stolzem Vertrauen und in unwandelbarer Verehrung und Dankbarkeit zu ihrem bisherigen Herrn Staatssekretär ^^^■i KIDERLEN, TSCHIRSCHKY. SCHÖN 395 emporgeblickt haben, so werden sie diese Gefühle allezeit auch ihrem nunmehrigen Herrn Reichskanzler entgegenbringen und durch treue Pflichterfüllung sich bemühen, das ihnen bisher stets erwiesene Wohlwollen auch fernerhin zu verdienen." Ich erwiderte: „Ihnen und den Beamten des Chiffrierbüros, die mich mit voller Hingebung so treu unterstützt haben, herzlichsten Dank in immer gleicher Gesinnung." Willisch war ein Original. Er hatte schon unter dem Ministerpräsidenten Manteuffel sein Amt versehen und diesem gleichzeitig als Geheimsekretär gedient. Er gehörte einer protestantischen Sekte an, ich glaube den Herrnhutern, liebte mystische Grübeleien und hatte infolge eifriger Lektüre der Apokalypse bisweilen seltsame Visionen, die an die Bilder erinnerten, die der Jünger, den der Herr liebhatte, auf der Insel Patmos schaute. Es erschienen ihm nicht nur Engel und Posaunen und himmlische Reiter auf weißen Pferden, sondern hie und da auch das böse Tier mit den zehn Hörnern und der Drache auf dem Stuhl. Dann schrieb er mir mit dem Vermerk „Eigenhändig! Ganz geheim!" versehene Briefe, in denen er solche Visionen mit politischen Ereignissen der Gegenwart verknüpfte. Das verhinderte Willisch aber nicht, ein überaus tüchtiger und pflichttreuer Beamter zu sein. Bald nach meiner Ernennung zum Reichskanzler fand ich die Möglichkeit, drei jüngeren Diplomaten persönliche Wünsche zu erfüllen. Ich ver- Revirements schaffte dem Gesandten in Kopenhagen, Kiderlen, die Versetzung nach Bukarest, die er wünschte, da ihn das bunte, zuweilen stürmische politische Leben in Rumänien stärker anzog als die mehr beschauliche Tätigkeit in dem stillen Kopenhagen. Tschirschky, damals Botschaftsrat in St. Petersburg, erhielt den Gesandtenposten in Luxemburg. Der spätere Botschafter und Staatssekretär Schön wünschte lebhaft, wieder in den diplomatischen Dienst zurückzukehren. Ich habe schon erzählt, wie ich dies am 9. September 1899 auf der Fahrt von Karlsruhe zur „Hohenzollern" bei Seiner Majestät durchsetzte. Schön war als Botschaftsrat in Paris von dem Botschafter Münster nicht gut behandelt worden. Fürst Münster, der für Paris wie vorher für London manche Qualitäten besaß, war ein nicht immer freundlicher Chef und von Hause aus ein hochfahrender hannöverscher Aristokrat. Er konnte es Schön, der einer in der Lederindustrie reich gewordenen Wormser Familie entstammte, nicht verzeihen, daß er „nach Leder" röche. Schön flüchtete sich mit Hilfe der Kaiserin Friedrich, der er sich nützlich gemacht hatte, als ihr von der in Paris lebenden steinreichen Herzogin von Galliera eine große Erbschaft zufiel, an den Koburger Hof, wo es aber auch nicht lange mit ihm ging. Böse Zungen behaupteten, daß er, als die Herzogin Alfred von Koburg, die einzige Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland, ihm ihre Huld zuwandte, der hohen Dame eine hübsche Schauspielerin des Koburger Theaters vorgezogen hätte. I 396 KEINE CORDELIA UNTER DEN DREI Also der Fall von Lord Leicester und Monaldeschi, nur daß der Ausgang, Gott sei Dank, kein so tragischer war. Schön sollte als Botschafter wie als Staatssekretär manches Unheil anrichten. Bei Shakespeare fragt König Lear seine drei Töchter, welche ihn am meisten liebe. Regan und Goneril ergehen sich in feurigen Beteuerungen ihrer brennenden Liebe für ihren angebeteten Vater, während Cordelia liebt und schweigt. Dem Vorbilde der Cordelia folgte keiner der drei von mir bevorzugten Diplomaten. Am meisten Würde bewahrte Kiderlen, der sich damit begnügte, für die ihm von mir stets und jetzt erneut bewiesene wohlwollende Gesinnung seinen wärmsten Dank darzubringen und mich seiner unwandelbaren Dankbarkeit und Ergebenheit zu versichern. Tschirschky bat um die Erlaubnis, in dem Bewußtsein, den ihm gewordenen Allerhöchsten Gnadenbeweis in erster Linie meinem „gnädigen", ihm stets gezeigten Wohlwollen zu danken, dem Gefühl seiner „tiefsten" Erkenntlichkeit Ausdruck geben zu dürfen. Er bäte mich, jederzeit mich seiner „treusten" Anhänglichkeit und „steten" Verehrung versichert halten zu wollen. Schön schrieb: „Ich bitte Euer Exzellenz, versichert sein zu wollen, daß ich die mir zugedachte hohe Auszeichnung nach ihrem vollen und besonderen Wert zu schätzen weiß und alle Kraft daran setzen werde, mich derselben würdig zu erweisen, wohl bewußt, daß ich dieselbe in erster Linie Eurer Exzellenz freundlichem Interesse und gütiger Fürsprache verdanke, wofür ich meine ehrerbietigste, wärmste Erkenntlichkeit ausspreche." Am relativ anständigsten benahm sich in der Zukunft mir gegenüber der für roh geltende Kiderlen, der nur in seinen an Frau Kypke gerichteten Billetdoux über mich herzog. Der „treu gehorsamst ergebene" Schön schwenkte von mir ab, als 1908 der Novembersturm losbrach. Tschirschky intrigierte schon früher gegen mich. Überrascht hat mich keiner dieser Gesinnungswechsel. XXV. KAPITEL Einzug des Grafen Waldersee in Peking • Die auswärtige Lage • Deutsch-Englischer Chinavertrag • Österreich-Ungarn • Philipp Eulenburg über den österreichisch-ungarischen Thronfolger, Verhältnis Kaiser Wilhelms zu Erzherzog Franz Ferdinand • Unsere Beziehungen zu Frankreich • Heeresforderungen • Adelsregimcnter • Rußland: Brief des Generals von Werder über russische Verhältnisse, General von Schweinitz über Kußland • Graf Lambsdorff, russischer Minister des Äußern Unter dem Fürsten Hohenlohe hatte ich die auswärtigen Geschäfte ziemlich seihständig geführt. Es war aber verständlich, daß mir nach meiner Ernennung zum Reichskanzler meine persönliche Verantwortung für den Gang unserer auswärtigen Politik noch deutlicher zum Bewußtsein kam und daß ich noch stärker die Pflicht empfand, alle Kräfte anzuspannen, um die Zukunft des deutschen Volkes zu sichern und ihm durch Vorsicht, Umsicht und, soweit menschliches Vermögen reicht, Einsicht den Frieden mit Ehre und mit Würde zu erhalten. Bismarck hat mehr als einmal geäußert, daß der Mensch, da die wirklichen Propheten und Prophetensöhne ausgestorben wären, den Gang der Ereignisse nur für etwa vier bis fünf Jahre voraussehen könne. Er hatte in einem berühmten Erlaß an Harry Arnim es sogar als einen gewöhnlichen Fehler gerade deutscher Politiker bezeichnet, sich von zu langer Hand auf die Ereignisse vorzubereiten. Ich habe ihn auch sagen hören, in der Politik wäre Weitsichtigkeit gefährlicher und ein größerer Fehler als Kurzsichtigkeit. Worauf es ankomme, sei, Menschen und Dinge realpolitisch zu nehmen. Der geniale Ferdinand Lassalle hat das Wort geprägt: „Sehen, was ist!" Alle wirklichen Staatsmänner, Cavour und Disraeli, Thiers und Franz Deäk, waren mit Bismarck darin einig, daß es politisch darauf ankomme, zu sehen, was ist. Diese Pflicht lag mir doppelt ob, wo der Monarch, dem ich diente, im Gegensatz zu seinem nüchternen Großvater, mehr Phantasie als „bon sens" besaß und daher Gefahr lief, Personen und Ereignisse entweder zu überschätzen oder zu unterschätzen und zwischen sanguinischem Optimismus und pessimistischer Verzagtheit hin und her zu schwanken. Nachdem sich der Schwärm der ersten Gratulanten und Besucher verlaufen und ich in der Frage des Zolltarifs mit meinen Kollegen und den Führern des Zentrums, der Nationalliberalen und der Konservativen die 398 DIE KAISERIN FÜR DIE BUREN erforderlichen Rücksprachen genommen hatte, war ich bestrebt, mir in abgemessenen Stunden und in ruhiger Überlegung die auswärtige Situation noch einmal klarzumachen. Am Tage meiner Ernennung zum Reichskanzler war Feldmarschall Fortgang Graf Waldersee in Peking eingetroffen. Damit trat die chinesische Frage des in das Stadium ganz überwiegend diplomatischer Behandlung. Am Tage nach Burenhnegs me ^ ]lel Ernennung schiffte sich Präsident Krüger in Lourenzo Marques auf dem niederländischen Kreuzer „Gelderland" nach Europa ein. Es lag auf der Hand, daß Ohm Krüger, nachdem Lord Roberts Johannesburg und Pretoria besetzt, der englische Gouverneur der Kapkolonie im Parlament den Krieg als fast beendet bezeichnet und endlich Lord Roberts am 3. September die südafrikanische Republik für annektiert erklärt hatte, sein ganzes Bestreben darauf richten würde, die europäischen Kontinentalmächte und namentlich Deutschland, wo in allen Kreisen besonders lebhafte Sympathien für die Buren bestanden, zu einer Intervention zu bewegen. In beiden Burenländern wurde der Guerillakrieg fortgesetzt. Die Burenführer Wet und Delarey meldeten fortgesetzte Erfolge. Der erstere fiel sogar in die Kapkolonie ein, was die Hoffnungen der deutschen Burenfreunde neu belebte und sie in der Überzeugung bestärkte, daß die Sache der Buren noch nicht endgültig verloren wäre, sofern die deutsche Regierung sich nur entschlösse, endlich zu ihren Gunsten zu intervenieren. Es war mit Sicherheit zu erwarten, daß ich gegenüber den im Reichstag wie im deutschen Volk weit verbreiteten und sehr hitzigen Sympathien für die Buren einen harten Stand mit meiner Politik strenger Neutralität und absoluter Nicht-Intervention haben würde. Die Kaiserin, deren Herz von Anfang an mit der großen Mehrheit des deutschen Volkes für die Buren schlug,, hatte mir im Sommer geschrieben: „Eben teilt mir der Kaiser mit, daß die Buren ihn telegraphisch um Vermittlung des Friedens angegangen hätten. Der Kaiser hat, wie Ihnen natürlich schon bekannt ist, nur unter der Bedingung zugesagt, daß England dasselbe täte, sonst nicht. Ich telegraphierte dem Kaiser, ich hoffte, er würde günstige Friedensbedingungen für die Buren bewirken können, da sie dies durch ihre Tapferkeit doch verdient hätten. Ich wollte auch in diesem Sinne schreiben, habe noch meinem Brief hinzugefügt, die Engländer müßten doch einsehen lernen, daß die armen Buren auf ihrem Grund und Boden existenzberechtigt seien. Ich fürchte, wir werden sonst wieder zu sehr auf die englische Seite gedrängt. Der Kaiser sprach sich in letzter Zeit sehr zugunsten der Engländer aus." Unbekümmert um diese im deutschen Volk wie in der unmittelbaren China-Vertrag Umgebung Seiner Majestät zum Teil stürmisch hervortretenden Sympa- mit England thien für die Burensache, hatte ich vierundzwanzig Stunden vor meiner Ernennung zum Reichskanzler mit England über die chinesische Frage und DIE OFFENE TÜR 399 die von beiden Mächten in China zu verfolgende Politik ein Abkommen getroffen, das in nuce folgendes festsetzte: 1. Für die Angehörigen aller Nationen offene Tür in allen an den Flüssen und an der Küste Chinas gelegenen Häfen, insbesondere auch in denjenigen Teilen des chinesischen Gebiets, wo England und Deutschland einen Einfluß ausüben könnten. 2. Aufrechterhaltung des unverminderten Territorialbestands des chinesischen Reichs. 3. Sollte eine andere Macht die chinesische Komplikation benutzen, um unter irgendeiner Form territoriale Vorteile zu erlangen, so behalten Deutschland und England sich vor, sich untereinander über etwaige Schritte zur Sicherung ihrer eigenen Interessen in China zu verständigen; sie wollen ihrerseits die gegenwärtige Verwicklung aber nicht benutzen, um für sich territoriale Vorteile auf chinesischem Gebiet zu erlangen. Dieser Vertrag sollte allen in China interessierten Mächten, also Frankreich, Itaüen, Japan, Österreich-Ungarn, Rußland und den Vereinigten Staaten von Amerika, mit der Aufforderung mitgeteilt werden, den darin niedergelegten Grundsätzen beizutreten. Die nächste Folge dieses Vertrages war, daß in England die ministeriellen Blätter meine Ernennung zum Reichskanzler mit Beifall begrüßten. Dagegen griffen mich die russischen Blätter wegen des deutsch-englischen China-Vertrages scharf an. Die „Nowosti" erklärten, daß ich den Verstand verloren hätte, die „Nowoje Wremja" drohte mit einem Gegen vertrage zwischen Rußland, Frankreich, Amerika und Japan. Bei meiner an diese Vorgänge anknüpfenden Betrachtung der internationalen Lage wandte ich naturgemäß meine Blicke zunächst unserem Österreich- österreichisch-ungarischen Bundesgenossen zu. Uber seine innere Schwäche Ungarn und fortschreitende Zersetzung durch die Hybris der Magyaren, die Arroganz der Polen, die durch den österreichischen Hochadel genährte Uberhebung der Tschechen war ich mir nie im Zweifel gewesen. Die Zertrümmerung der Doppelmonarchie durften wir nicht zulassen, denn dann standen wir, nachdem Caprivi und Marschall leider den Draht mit Rußland zerschnitten hatten, allein auf weiter Flur, und bei einem kontinentalen Krieg konnte uns England zu Lande nicht viel helfen. Wenn wir aber die habs- burgische Monarchie weder vernichten noch durch ungeschickte Behandlung in das gegnerische Lager treiben durften, so war andererseits eine der vornehmsten Pflichten unserer Politik, Österreich zu führen, nicht aber uns von Österreich in einen unheilbaren Gegensatz zu Rußland drängen oder gar in einen Krieg mit Rußland verwickeln zu lassen. Die habsburgische Monarchie glich einem alten, halb ruinierten Kavalier, der allmählich in die Stimmung geraten ist, mit Galgenhumor alles auf eine Karte zu setzen. 400 WILHELM IL BRÜSKIERT FRANZ FERDINAND Namentlich die österreichischen Militärs waren leichtsinnig, wie sie dies vor 59 und 66 auch gewesen waren. Gegenüber Rußland wie auch gegenüber Italien, Serbien und Rumänien mußten sie fest an der Leine gehalten werden. In den Vordergrund der österreichischen Politik trat bei dem hohen Der Alter und der zunehmenden Stumpfheit des Kaisers Franz Josef mehr und österreichische menr eters ^ v besten Anwärter ansehe, geschrieben hatte: „Verehrter Graf! Durch Influenza ans Bett gebunden, diktiere ich meiner Tochter den Dank dafür, daß Sie mir durch einen Beweis ehrenden Vertrauens die Anregung gaben, über einen mich besonders interessierenden Gegenstand nachzudenken. Vor meinem Ausscheiden im Herbst 1892 bezeichnete ich als maßgebend für die Wahl meines Nachfolgers drei Punkte: Diplomat von Fach; geborener Preuße; Vertrauen erweckende Persönlichkeit. Euer Exzellenz erinnern sich, wie sehr Alexander III. zu Mißtrauen neigte, besonders gegen geistig hervorragende Menschen. Die drei von mir bezeichneten Eigenschaften fand ich damals in Grafen Alvensleben vereinigt. General Caprivi stimmte mir bei, und wenn ich nicht irre, hatte auch Seine Majestät schon eingewilligt, als unter Wladimirschem Zutun ein Wechsel eintrat. Kaiser Alexander, dem mein Abgang unerwünscht und die Ernennung eines Unbekannten unheimlich war, hatte sich gefreut, als man ihm den von früher her bekannten und sympathischen Alvensleben nannte. Dies war aber Alvensleben caelebs. Mit Eurer Exzellenz halte ich Baron Stumm für den Geeignetsten ; er hatte eine gute Stellung in Petersburg, verstand es vortreff Uch, mit den gros-bonnets der Ministerien laufenden Geschäften nachzuhelfen; dabei stand er mit den femmes huppees auf gutem Fuß. Die Baronin Stumm ist elegant, klug, reich, der Frau von Montebello mindestens gewachsen. Ich fürchte aber, Baron Stumm würde den Posten nicht annehmen; einer der Faktoren seines Ausscheidens ist noch nicht beseitigt, außerdem ist seine Gesundheit nicht gut. Er ist ruhelos — aber wer dann ? Ich muß 408 PARISER EINZUGSMARSCH UND MARSEILLAISE erklären, warum ich Wert darauf lege, daß wir in Petersburg durch einen Preußen vertreten werden. Obgleich die Pietätstraditionen von Königin Luise, Heiliger Allianz, Kaiserin Charlotte usw., welche 1866 und 70 noch schwer wogen, gründlich verwischt sind, so gibt es doch unlösbare Bande, welche Rußland an Preußen, nicht aber an das Reich fesseln, vor allem die Teilung Polens mit ihren endlosen Konsequenzen. Ich möchte unsere Beziehungen zu Rußland so sorgsam gepflegt sehen, daß wir selbst in dem schlimmsten Falle — Zerwürfnis im Reiche — ein preußisch-russisches Bündnis haben können, gleichviel auf wessen Kosten. Nach Kaiser Franz Josefs Abberufung wird es nur zwei wirkliche Monarchen geben. Zwischen ihnen muß ein fester Preuße stehen; ein plumper Schwabe, ein liberaler Badenser, ein katholischer Bayer würden solche Geschäfte nicht besorgen können. Darüber, daß ein Fachmann nach Petersburg gehört, bin ich ebenso wie 1892 nicht im Zweifel. Besonders erscheint es nicht ratsam, einen General dorthin zu schicken: das, was früher so nützlich war, die häufige Begegnung mit dem Kaiser, ist weggefallen; eine Erscheinung wie Werder oder ich in Krasnoje Selo an der Tafel, wo Kaiser Alexander der Zweite in Gegenwart des Generals Chanzy mit mir auf St.-Privat anstieß und den Pariser Einzugsmarsch spielen Heß, wäre jetzt, wo die Marseillaise gespielt wird, ein gespensterhafter Anachronismus. Da wäre ein Admiral noch besser wie ein General. Das dritte meiner Postulate von 1892: vertrauenerweckende Persönlichkeit, fällt jetzt weg; das Reich braucht in Petersburg einen Vertreter, der nicht bloß mit dem Grafen Murawiew fertig wird, was ja wohl nicht schwer sein dürfte, sondern der auch tanti ist, einem der merkwürdigsten Staatsmänner unserer Zeit, dem Herrn von Witte, gegenüber Stellung zu nehmen. Eine solche Kapazität würden Euer Exzellenz vielleicht unter mir nicht bekannten Persönlichkeiten finden, aber leider ist die gesellschaftliche Stellung des Botschafters oder des botschaftlichen Paares in St. Petersburg von solcher Wichtigkeit, daß sie meines Erachtens in erster Linie erwogen werden muß. Die große intellektuelle Arbeit, freilich nicht die mikroskopische Beobachtung, kann ja schließlich in der Villa an der Königgrätzer Straße besorgt werden; aber den kleinen ,pannes' in der großen Morskoi ist von Berlin aus nicht vorzubeugen, und da weiß ich nun freilich kein anderes Ehepaar als das Pourtalessche. Ich sehne mich nach einem Stündchen Gesprächs mit Ihnen, aber ich konnte wegen Unwohlseins nicht zum Ordenskapitel kommen und kann mich schwer zu einer Reise entschließen, wenn kein äußerer Anlaß vorliegt. Mit der Bitte, mich der Frau Gräfin zu empfehlen und Ihren Herrn Bruder Alfred zu grüßen, bin ich in treuer Anhänglichkeit Ihr aufrichtig ergebener von Schweinitz." Die Bemerkung dieses Briefes über Baron Ferdinand Stumm bezog sich auf dessen Zerwürfnis mit Holstein. Während der Ära Caprivi-Marschall EIN ÜBERRASCHEND PLÖTZLICHES ABLEBEN 409 war es Holstein gelungen, Stumm, der unter Bismarck Botschafter in Madrid geworden war, durch allerlei Quertreibereien den Dienst zu verleiden. Graf Alvensleben war als Junggeselle in St. Petersburg mehrere Jahre Botschaftsrat, fungierte auch wiederholt als Geschäftsträger und machte sich allgemein beliebt. Durch seine Vermählung mit der verwitweten Generahn Winterfeld, geborenen Röder, hatte seine diplomatische Verwertbarkeit gelitten. Mit dem „plumpen Schwaben" meinte Schweinitz Herrn von Kiderlen-Wächter, mit dem „liberalen Badenser" Herrn von Brauer, mit dem „katholischen Bayer" den Grafen Berchen. Schweinitz traf den Nagel auf den Kopf, wenn er darauf hinwies, daß eins der bei verständiger deutscher Politik unlösbaren Bande, die Rußland an Preußen fesselten, die Teilung Polens wäre mit allen ihren Konsequenzen. Er hatte auch recht, wenn er forderte, daß unsere Beziehungen zu Rußland so sorgsam gepflegt werden müßten, daß wir selbst im schlimmsten Fall ein preußisch-russisches Bündnis haben könnten, gleichviel auf wessen Kosten. Das galt nicht nur für ein eventuelles Zerwürfnis im Reich, sondern in noch höherem Grade für das Verhältnis zwischen uns, Rußland und Österreich. Wir durften uns, wenn wir dem fridericianischen, dem bismarckschen Geiste treubleiben wollten, nicht ganz die Möglichkeit verbauen, in dem allerschlimmsten Fall uns mit Rußland auf Kosten von Österreich zu arrangieren. Während des Sommers 1900 war der russische Minister des Auswärtigen, Graf Murawiew, 55 Jahre alt, plötzlich gestorben. Sein Tod war ein Verlust Tod für uns, denn er hatte zwei gute Eigenschaften: er war klug genug, voraus- Murawiews, zusehen, daß ein großer Krieg in allen drei Kaiserreichen, namentlich aber Nachfolge in Rußland, für die monarchische Regierungsform eine gefährliche Probe sein würde, und er war von mißtrauischer und tiefer Abneigung gegen die Polen erfüllt. Sein Tod trat sehr unvermutet ein. Mein langjähriger Arzt und Freund Professor Renvers hat mir erzählt, daß sich Murawiew nicht lange vor seinem Tode von ihm habe untersuchen lassen. Renvers, dessen Diagnose selten fehlging, fand bei dieser Untersuchung das Herz von Murawiew in tadellosem Zustand. Ohne ein bestimmtes Urteil abgeben zu wollen, vertraute mir Renvers schon damals an, daß das Ableben des russischen Ministers des Äußern ihm sehr überraschend gekommen sei. Vierzehn Jahre später, bei Beginn des Weltkriegs, wurde der Finanzminister Witte gleichfalls sehr rasch und auch einigermaßen rätselhaft vom Tode ereilt. Beide, Witte wie Murawiew, starben der panslawistischen, revolutionären Bewegung sehr gelegen. Zum Nachfolger des Grafen Murawiew war nach einigem Schwanken am 8. August 1900 sein bisheriger Gehilfe Graf Lambsdorff ernannt worden. Lambsdorff war einer der treusten Jünger des ausgesprochen friedhebenden und deutschfreundlichen Ministers von Giers gewesen. Er war einer der wenigen Beamten des Hauses an Lambsdorffs 410 LAMBSDORFF der Sängerbrücke in St. Petersburg, wo die russische auswärtige Politik gemacht wurde, der in den deutschen RückVersicherungsvertrag eingeweiht worden war. Giers hatte sich seiner Feder bedient, um den Vertrag vorzubereiten und aufzusetzen. „C'est un homme de toute confiance", pflegte der Minister von seinem Mitarbeiter zu sagen. Lambsdorff war uns, als er ins Amt trat, politisch sehr wohlgesinnt. Er war vorsichtig, diskret, ein strenger Monarchist, friedhebend. Er hatte nur einen Fehler: er war eine sensitive Natur, er war empfindlich, er war nicht ohne Eitelkeit. Es kam für die Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen viel darauf an, wie er von uns behandelt wurde. XXVI. KAPITEL Unsere Beziehungen zu England • Ihre Entwicklung seit den siegreichen Kriegen von 1866 und 1870 • Unterredung mit Admiral von Tirpitz im Gehölz von Düsternbrook, Besprechung der Flottenvorlage in der Kommission • Interpretation des Schlagwortes „Weltpolitik" gegenüber dem Abgeordneten Gröber • Botschafter Graf Hatzfeldt über Salisbury und England • Denkschrift des Grafen Paul Metternich über seine persönlichen Eindrücke in England Beziehungen Am kompliziertesten, also am schwierigsten, lagen unsre Beziehungen zu England. Gewiß war, wie ich mir schon drei Jahre früher, als mir die Phasen Leitung des Auswärtigen Amts übertragen wurde, klargemacht hatte und hier der deutsch- bereits ausführte, unser Verhältnis zu Rußland im letzten Ende noch lebens- c ^8^ s ^ en wichtiger als das Verhältnis zu England. Wie wir uns zu Rußland stellten, war eine Frage auf Leben und Tod. Unser Verhältnis zu England hatte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts drei Etappen durchgemacht. Der Deutsche war in England gesellschaftlich nie wirklich beUebt gewesen. Aber nachdem er als harmloser Träumer viele Jahre mehr belächelt als gehaßt oder gar beneidet worden war, erweckten unsre foudroyanten Siege von 1866 und noch mehr von 1870 jenseits des Kanals Erstaunen und eine gewisse Unruhe. Ich entsinne mich, daß der Phantasieroman der ,,Battie of Dorkey", der den plötzlichen Überfall des zu sorglos, zu faul, vor allem zu pazifistisch gewordenen Englands durch ein wildes Teutonenheer mit kühner Phantasie, aber drastisch schilderte, in der ersten Hälfte der siebziger Jahre von meinen englischen Kollegen und Freunden viel gelesen und unter damals meist noch humoristischen, hier und da aber schon besorgten Kommentaren besprochen wurde. Die Franzosen bliesen natürlich in dies Feuer, das vorläufig nur ein Feuerchen war. In den achtziger Jahren regte sich zum erstenmal und lebhaft die britische Eifersucht gegen das in glänzender und stürmischer, vielleicht zu stürmischer wirtschaftlicher Entfaltung vorwärtsdrängende Deutschland. Die aus dieser Eifersucht hervorgegangene Verordnung, daß alle deutschen Waren mit der Bezeichnung ihres Ursprungs, mit dem Vermerk „Made in Germany" kenntbch zu machen seien, erwies sich bald als ein Fehlschlag. Dieses Zwangsetikett wirkte nicht als abschreckendes Brandmal, sondern mehr als Lockung und 412 DIE KRÜGER-DEPESCHE Empfehlung. Die deutsche Konkurrenz wurde nicht geschwächt, sondern gestärkt, und mit ihr der englische Neid. Ich entsinne mich eines Gesprächs, das ich Anfang der achtziger Jahre in Paris mit der damaligen deutschen Kronprinzessin führte. Sie hielt sich auf der Rückreise von London nach Berlin einige Tage in Paris auf. Unter der weisen und taktvollen Obhut des Botschafters Chlodwig Hohenlohe verlief dieser Besuch ohne Anstoß. Die Kronprinzessin hatte mich, der ich damals Zweiter Sekretär unserer Botschaft war, mit dem kaiserlichen Botschafter zum Frühstück nach dem Hotel Westminster eingeladen, wo sie abgestiegen war. Ganz Engländerin, wie sie dies bis an ihr Lebensende blieb, klagte die Kronprinzessin vor dem nachsichtig lächelnden Hohenlohe darüber, daß die „unangenehme" und „aufgeregte" Konkurrenz, die der Deutsche dem Engländer neuerdings auch in solchen Branchen mache, wo die englische Ware bis dahin unbestritten den ersten Platz eingenommen hätte, in England starke und begreifliche Unzufriedenheit hervorrufe, was doch sehr traurig wäre. Die Deutschen sollten nicht so „pushing" sein. Der gleichfalls anwesende Bruder ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit, der Herzog von Connaught, nahm in taktvoller Weise uns arme Deutsche in Schutz, indem er ausführte, daß auf dieser großen und weiten Welt Platz für Deutsche wie für Engländer wäre. Die Kronprinzessin blieb aber dabei, daß unsere gar zu intensive und, wie sie behauptete, nicht immer „faire" Konkurrenz uns die bisherigen englischen Sympathien kosten würde, was tief zu beklagen sei. Den Ausgangspunkt der zweiten Phase der deutsch-englischen Beziehungen bildete die Krüger-Depesche. Baron Beyens, vor dem Weltkrieg belgischer Gesandter in Berlin, dann belgischer Minister des Äußern, erzählt in seinem Buche über seine Berliner Mission, auf das ich später noch einmal zurückkommen werde, daß ihm ein Jahr vor dem Ausbruch des Weltkrieges der englische Botschafter in Berlin, Sir Edward Goschen, gesagt habe, der Eindruck, den die Krüger-Depesche in England gemacht hätte, sei nie wieder ganz verwischt worden. Diese intempestive Kundgebung zerriß eben den freundlichen Vorhang, der bis dahin die Unzufriedenheit und Abneigung verhüllte, die sich seit dem Deutsch-Französischen Krieg in England nach und nach gegen uns angesammelt hatte. In das dritte und entscheidende Stadium der deutsch-englischen Beziehungen traten wir ein, als wir mit unserem Flottenbau begannen, der, wie ich wiederholt vor dem Reichstag und vor dem Lande darlegte und auch in diesen meinen Lebenserinnerungen ausgeführt habe, durch unsere elementare wirtschaftliche Entwicklung zur Notwendigkeit geworden war. Die mir bei meiner Berufung von Rom nach Berlin gestellte Aufgabe war, die zu einer Existenzfrage für uns gewordene Verstärkung unserer Flotte MIT TIRPITZ AN DER KIELER BUCHT 413 zu ermöglichen, ohne daß dieser Ausbau zu einem Krieg mit England führte. Ich sollte, wie der Kaiser und Tirpitz mir oft wiederholten, das deutsche Schiff durch die Gefahrzone leiten. Der ungeheuren Schwierigkeit dieser Aufgabe war ich mir vom ersten Tage an bewußt gewesen, und sie wurde mir mit jedem Tage meiner Amtsführung deutlicher. Ich entsinne mich eines ernsten Gesprächs, das ich in den ersten Jahren meiner Kanzlerschaft in Kiel mit Tirpitz führte. Wir machten zusammen einen Spaziergang auf dem Wege, der von Kiel durch das anmutige Gehölz Düsternbrook nach Bellevue führt. Von dem Weg, den schöne holsteinische Buchen beschatten, blickten wir auf die Kieler Bucht, die ich in meiner Kindheit als dänischen Hafen gekannt hatte und die ich später als Staatssekretär und Reichskanzler oft an Bord der Jacht „Meteor" durchquert habe. Die Kieler Föhrde ist die Königin der Ostseebuchten, tief wie das Weltmeer und dabei gegen Stürme geschützt, geräumig genug, allen Flotten der Welt zum Hafen zu dienen. Hier sollte ich an demselben Junitage, an dem ich 1897 mit der Leitung der auswärtigen Geschäfte betraut worden war, 1909 meinen Abschied als Reichskanzler erhalten, an Bord der prächtigen „Hohenzollern", die, als ich zurücktrat, umgeben war von der inzwischen zur zweitgrößten Marine der Welt gewordenen deutschen Flotte. Still, leer, ausgeraubt und wehrlos liegt heute die Kieler Föhrde vor uns, einst unser Stolz, heute ein trauriges, herzzerreißendes Bild unseres Zusammenbruchs und Niedergangs. Im Laufe jener Unterredung mit Tirpitz frug ich ihn, wann er glaube, daß unsere im Bau befindliche Flotte eine Stärke erreicht haben werde, die einen unprovozierten englischen Angriff für vernünftige Menschen unwahrscheinlich machen würde. Tirpitz erwiderte mir, daß wir etwa 1904 oder 1905 in die kritischste Phase unserer Beziehungen zu England eintreten würden. Um diese Zeit würde unsere Marine so stark geworden sein, daß sie in England Eifersucht und starke Unruhe hervorrufen werde. Nach diesem voraussichtlich kritischsten Moment werde sich die Gefahr eines englischen Angriffs mehr und mehr verringern. Die Engländer würden dann einsehen, daß ein Vorgehen gegen uns auch für sie mit einem unverhältnismäßigen Risiko verbunden wäre. Da wir nicht daran dächten, England anzugreifen, würde auf dieser Grundlage einem friedlichen Nebeneinanderleben und Sichentwickeln des deutschen und des englischen Volks nichts mehr im Wege stehen. In der Tat konnte, wie ich anläßlich des Kaiserbesuchs in England (November 1899) schon erwähnte, ein ausgesprochener Pazifist, einer der eifrigsten Befürworter guter Beziehungen Deutschlands zu England, ein Bewunderer und Vertrauter von Bethmann Hollweg, Professor Dr. Hans Delbrück, im November 1913 nach einem Besuch in England feststellen, daß der englische Argwohn gegen Deutschland geschwunden sei, daß an den guten Beziehungen zwischen England 414 KRIEG MIT ENGLAND? und Deutschland auch die Schiffsbauten nichts verdürben und daß überall Windstille herrsche. Das Furchtbare am deutschen Schicksal ist, daß wir die eigentliche Gefahrzone, schon überwunden hatten, daß sogar dem listenreichen König Eduard die Karten, die er so geschickt zu mischen wußte, der Tod aus der Hand genommen hatte, als eine kaum je dagewesene Verbindung politischer Kurzsichtigkeit, Unbesonnenheit und Ungeschicklichkeit uns durch Bethmann und Jagow doch in den Krieg hineingleiten ließ. Ich hatte mich im Frühling des Jahres 1900, in dessen Herbst ich Reichskanzler werden sollte, in der Budgetkommission des Reichstags eingehend und wiederholt über Zweck und Ziele unseres Flottenbaus ausgesprochen. Tirpitz hatte mich mündlich und schriftlich gebeten, die politische Begründung der damals eingebrachten Flottennovelle in der Kommission allein zu übernehmen. Der Reichskanzler Hohenlohe war bei seinem hohen Alter und mit Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit den langen und ermüdenden Kommissionssitzungen nicht mehr gewachsen. Tirpitz selbst konnte vorher ausgearbeitete Reden, wenn auch mit leiser Stimme, so doch bisweilen mit guter Wirkung, im Plenum vortragen, besaß aber für die Debatte in der Kommission nicht die wünschenswerte Schlagfertigkeit. In der Kommissionssitzung vom 27. März 1900 hatte ich in einer programmatischen Ausführung den Gedanken an die Spitze gestellt: der Zweck der Novelle sei vor allem, uns den Frieden auch gegenüber England zu sichern. Ein Zusammenstoß mit England würde, wie die Dinge heute lägen, für uns deshalb so gefährlich sein, weil uns England bei unserer gegenwärtigen Inferiorität zur See schweren Schaden zufügen könne, ohne jedes Risiko für sich selbst, während wir andererseits, solange wir zur See so schwach wären wie jetzt, gerade gegen England im Konfliktsfall kaum Bundesgenossen finden würden. Und wenn selbst Rußland in einem Konflikt mit England auf unserer Seite stünde, so würde doch bei unserer größeren Angreifbarkeit zur See die Hauptlast des Krieges auf uns fallen, und die Hauptverluste im Kriege würden uns treffen. Ein unglücklicher Krieg mit England könne uns durch die Vernichtung unserer groß und immer größer gewordenen überseeischen Interessen, durch die Zerstörung unseres Handels, die Schädigung unserer Exportindustrie in unserer wirtschaftlichen und politischen Entwicklung um Generationen zurückwerfen. Wir könnten nur dann sicher sein, mit England dauernd in Frieden zu leben, wie wir dies aufrichtig wünschten, wenn ein englischer Angriff auf uns nicht mehr so gefahrlos erschiene wie heute. Heute lägen die Dinge so, daß wir gegen Angriffe von der Landseite wohl gerüstet wären, daß dagegen unsere Rüstung nach der Seeseite bei einem Angriff Englands die bedenklichsten Lücken aufweise. England sei die einzige Macht, die uns ohne erhebliches Risiko für sich WARNUNGEN 415 selbst angreifen könne. Die Möglichkeit eines solchen Angriffs sei aus zwei Gründen gegeben: einmal weil die imperialistischen Ideen in England, die dort seit Jahren mehr und mehr an Boden gewonnen hätten, nach der voraussichtlich siegreichen Beendigung des südafrikanischen Krieges völlig zur Herrschaft gelangen könnten, dann, weil infolge der scharfen wirtschaftlichen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, die wiederum die Folge unseres enormen industriellen Aufschwungs, unseres wachsenden Handels, unserer zunehmenden überseeischen Interessen sei, in den breiten Massen des englischen Volks sich mehr und mehr eine starke Antipathie gegen Deutschland als den Hauptkonkurrenten Englands rege. Bei imserer heutigen Schwäche zur See erscheine ein Krieg mit Deutschland der Mehrheit des englischen Volks als eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, zu der England nur seine Flotte brauche und die dem englischen Volk bei dem Fehlen der allgemeinen Wehrpflicht keine besonderen Opfer auferlegen würde. Seit einem Jahr, führte ich weiter vertraulich aus, wären unsere Beziehungen zu England ohne irgendwelche Veranlassung oder gar Schuld von unserer Seite zweimal in ein akutes und kritisches Stadium getreten. Solche Zwischenfälle, wie sie sich im Frühjahr 1899 in Samoa und im Januar 1900, anläßlich der Beschlagnahme unserer Postdampfer, ereignet hätten, ließen sich nicht immer diplomatisch beilegen. In beiden Fällen wäre England auch anderweitig engagiert gewesen, was eine friedliche Beilegung erleichtert habe. Und selbst auf dieser Basis sei die Beilegung des Konflikts gegenüber der Stimmung in England nur möglich gewesen durch ziemlich scharfe diplomatische Druckmittel, die sich ohne irgendwie genügende Macht nicht oft wiederholen ließen. Wenn wir solche Warnungen nicht beherzigten, so könnten wir uns ein drittes Mal in einer Lage sehen, wo wir nur die Wahl zwischen einer schweren Demütigung und einem unglücklichen Krieg haben würden. Gerade weil wir uns in Frieden neben England entwickeln wollten, nur im friedlichen industriellen und gewerblichen Wettstreit, müßten wir England gegenüber wenigstens zur Defensive fähig sein. Im Laufe der Debatte vom 27. März 1900 hatte ich gegenüber dem Zentrumsabgeordneten Gröber, der mich um eine authentische Inter- Deutsche pretation des Wortes „Weltpolitik" gebeten hatte, ausdrücklich betont, Weltpolitik daß ich unter Weltpolitik lediglich die Pflege und Entwicklung der uns durch die Ausdehnung unserer Industrie, unseres Handels und unserer Schiffahrt erwachsenen Aufgaben verstehe. Das Anschwellen der deutschen überseeischen Interessen könnten wir nicht hemmen. Unseren Handel, unsere Industrie, die Arbeitskraft, Regsamkeit und Intelligenz unseres Volks könnten wir nicht kappen. Wir dächten nicht daran, aggressive Expansionspolitik zu treiben. Wir wollten nur die schwerwiegenden Interessen schützen, die wir durch die natürliche Entwicklung der Dinge in allen Weltteilen 416 POLITIK DER SICHERUNG erworben hätten. Der in manchen Zentrumskreisen herrschende Argwohn, daß wir eine „protestantische "Weltpolitik" treiben wollten, wäre mir unverständlich. Ich hätte in meiner Politik in Ostasien wie in Kleinasien hinreichend gezeigt, daß mir die katholischen Interessen gerade so am Herzen lägen wie die evangelischen. Ich triebe weder protestantische noch katholische, sondern nur deutsche Politik. Offensive Tendenzen lägen uns völlig fern, wir wollten keine abenteuerliche und keine phantastische Politik, wir wollten uns nur in wirtschaftlicher wie in politischer Beziehung auch fernerhin im Frieden entwickeln. Gegenüber dem Abgeordneten Richter konstatierte ich, daß in Samoa das Verhalten unserer Offiziere korrekt, vorsichtig und zurückhaltend gewesen wäre. Unsere Marineoffiziere wären sogar, ungerechterweise, getadelt worden, weil sie nicht früher und schärfer eingeschritten wären. Unsere konsularischen Agenten hätten sich streng auf dem Boden der damals gültigen Samoa-Akte gehalten. Nichtsdestoweniger seien plötzlich englische und amerikanische Schiffe vor Samoa erschienen, sie hätten deutsches Eigentum beschossen und zerstört und die Samoa-Akte verletzt. Nur durch Anwendung energischer diplomatischer Druckmittel wären die Engländer zu bewegen gewesen, auf den gerechten und verständigen Vorschlag der Einsetzung einer gemeinsamen Kommission der drei Mächte in Samoa einzugehen. Die Art und Weise, wie die englische öffentliche Meinung die Samoafrage behandelt hätte, beweise, wie prekär unsere Lage gegenüber England bei der jetzt dort herrschenden imperialistischen und chauvinistischen Stimmung und Strömung geworden wäre. Der Entsendung unserer Flotte nach Manila hätte ich nur beigestimmt, um die dortigen erheblichen wirtschaftlichen deutschen Interessen zu schützen. Jede feindliche Tendenz gegen Amerika läge uns völlig fern. Aber auch in den Vereinigten Staaten sei seit dem amerikanisch-spanischen Kriege die Stimmung von Regierung und Volk so chauvinistisch geworden, daß die bloße Anwesenheit deutscher Schiffe genügt habe, eine, von mir glücklicherweise wieder beigelegte, Spannung herbeizuführen. Solche Vorfälle zeigten, welchen Gefahren der Friede bei unserer jetzigen Schwäche zur See ausgesetzt sei. Gegenüber dem Abgeordneten Bebel führte ich aus, daß zwischen der Flottennovelle und meiner friedlichen Politik gegenüber England kein Widerspruch bestehe. Beide hätten denselben Zweck, nämlich den, die Aufrechterhaltung des Friedens zu sichern. Wir wollten unsere Flotte verstärken, weil wir hierin eine Sicherung gegen die Gefahr eines englischen Angriffs erblickten: wir verfolgten eine auswärtige Politik, welche die englische Empfindlichkeit sorgsam schone, weil wir nicht mit England in einen Konflikt geraten wollten. Gegenüber der Kritik, die an dem Kaiserbesuch in England, an der Südsee-Abmachung über Samoa und an dem deutsch-englischen Abkommen über Südafrika als Symptomen übertriebenen EUGEN RICHTER ZU ALT 417 Entgegenkommens gegenüber England geübt worden war, verteidigte ich sowohl die letztgenannten Abkommen und den Kaiserbesuch in England wie insbesondere unsere absolute Neutralität gegenüber dem Burenkrieg mit der Notwendigkeit und Pflicht, freundliche und freundschaftliche Beziehungen zu England aufrechtzuerhalten. Diese Pflicht ergebe sich aus der europäischen Gesamtweltlage wie aus dem deutschen Gesamtinteresse. Wir könnten in Südafrika nicht den kleineren Interessen die größeren und wichtigeren opfern. Auf einen Zwischenruf des Abgeordneten Bebel erwiderte ich sofort und mit dem allergrößten Nachdruck: wir würden auch mit größerer Macht zur Eugen Richter See eine maßvolle und besonnene Politik treiben. Die mir in den Mund und dle Fl° tle gelegte Äußerung, wenn wir erst eine starke Flotte hätten, würden wir vom Leder ziehen, hätte ich natürkch nie gemacht. Ich sei kein Narr und redete keinen Blödsinn. Auch mit einer verstärkten Flotte würden wir eine durchaus friedliche Politik verfolgen. Wenn wir zur See stärker wären, würden uns andere Mächte mehr respektieren und solche Zwischenfälle wie in Samoa und bei der Beschlagnahme der Reichspostdampfer sich hoffentlich nicht wiederholen. Ich betonte schließlich — nicht ganz zur Zufriedenheit von Tirpitz, dem vor allem an dem schleunigen Bau der großen Schlachtflotte gelegen war —, daß ich für den Schutz unserer Handelsinteressen vom Standpunkt des auswärtigen Ressorts hohes Gewicht auf die Forderung der Auslandsschiffe legen müsse. Gerade in Südamerika und Ostasien bedürften wir eines größeren Schutzes durch Vermehrung der Zahl unserer Kreuzer. Es war nach der langen und bewegten Sitzung der Budgetkommission vom 27. März 1900, daß, wie ich in meinem Buch „Deutsche Politik" schon erwähnt habe*, der Führer der Volkspartei, Eugen Richter, an mich herantrat und mir unter vier Augen sagte: „Sie werden es durchsetzen, Sie werden die Mehrheit für Ihre Flottennovelle bekommen. Ich hätte es nicht gedacht." In der Unterredung, die sich an diese Bemerkung knüpfte, bemühte ich mich, dem in mancher Hinsicht tüchtigen Mann darzulegen, warum mir seine ablehnende Haltung gegenüber der Flottenvorlage nicht verständlich wäre, denn deutsche Seegeltung sei während Jahrzehnten gerade von der deutschen Demokratie gefordert worden. Herwegh habe der deutschen Flotte das Wiegenlied gesungen, und die ersten deutschen Kriegsschiffe seien im Jahre 1848 erbaut worden. Ich wies auf alle Gründe hin, aus denen wir unsere Industrie und unseren Handel auf dem Weltmeer schützen müßten. Richter hörte mir freundlich und aufmerksam zu und meinte schließlich: „Sie mögen recht haben. Ich bin aber zu alt, ich kann die Wendung nicht mehr mitmachen." Die von Eugen Richter vorausgesagte Wendung trat in der Blockzeit ein. * Fürst von Bülow, „Deutsche Politik". Volksausgabe, S. 116. 27 Bülow I 418 SALISBURY NOCH SEHR GEREIZT Schon vor dem Kaiserbesuch in Windsor und Sandringham, im Früh- Hatzfeldt sommer 1899, hatte ich die Aufmerksamkeit unserer Botschaft in London auf bei Salisbury Marokko gelenkt. Das Bestreben der Franzosen, ihren nordafrikanischen Besitz durch Marokko zu vergrößern, trat immer sichtbarer hervor, und der Gedanke lag nahe, daß Deutschland und England sich über die Zukunft dieses Landes verständigen könnten. Graf Hatzfeldt hatte auf meine Anregung durch ein längeres Schreiben an Holstein vom 8. Juli 1899 geantwortet, in dem er zunächst darauf hinwies, daß der englische Premierminister die persönlichen Angriffe, zu denen sich Kaiser Wilhelm II. ihm gegenüber leider hatte hinreißen lassen, noch keineswegs verdaut habe. Obschon Lord Salisbury hochmütige Gleichgültigkeit vorschütze, sei er innerlich noch sehr gereizt gegen unseren Kaiser, wie das aus manchen seiner Äußerungen hervorgehe. Das politische Gespräch über Marokko habe dem englischen Premierminister Gelegenheit zu recht lebhaften, um nicht zu sagen scharfen Auslassungen in dieser Richtung gegeben. Er, der Botschafter, habe ernste Bedenken getragen, diese Äußerungen amtlich wiederzugeben und dadurch öl ins Feuer zu gießen. Er habe aber während seiner Konversation mit Lord Salisbury es an freundschaftlichen, jedoch sehr bestimmten Warnungen bezügHch einer Abschwenkung von Deutschland nicht fehlen lassen, wie sie kaum ein anderer in London riskieren könnte. Als Lord Salisbury eine gewisse Ungläubigkeit bezüglich anderer europäischer Gruppierungen habe durchbHcken lassen, erklärte ihm Hatzfeldt, er könne ihm aus eigener persönlicher Erfahrung vertraulich das Beispiel anführen, daß selbst der „Freund" des enghschen Premierministers, der französische Botschafter in London, Baron Courcel, Deutschland in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die französische Unterstützung angeboten habe, wenn wir nur in die Liste der in London zu erhebenden Reklamationen auch Ägypten aufnehmen wollten, was wir abgelehnt hätten. Außer Frankreich gäbe es aber noch andere Mächte, deren Bestreben dahin gehe, sich mit uns zu verständigen, wahrscheinlich auf Kosten Englands. Der Marineminister Goschen habe ihm, Hatzfeldt, neulich eingewendet, daß Deutschland keine ernste Schwächung Englands wünschen könne. Graf Hatzfeldt hatte erwidert, daß dies richtig sei, vorausgesetzt, daß die deutschen berechtigten Interessen von England gebührend berücksichtigt würden. Die Gefahr England feindlicher Kombinationen läge aber vor, solange man Deutschland in England so schlecht behandle und für die deutschen Interessen weder Verständnis noch tatsächliches Entgegenkommen zeige. So mächtig die englische Flotte sein möge, so lasse sich doch die Möglichkeit nicht bestreiten, daß England durch gewisse, immerhin mögliche Kombinationen in eine unbequeme Lage kommen könnte, die DEM KAISER EIN VERGNÜGEN MACHEN 419 sich durch etwas größeres Entgegenkommen Deutschland gegenüber jedenfalls vermeiden ließe. Lord Salisbury, dem die Erwähnung der Unterhaltung mit Mr. Goschen und die Äußerung desselben wenig erwünscht schien, war auf keine nähere Erörterung zukünftiger politischer Eventualitäten eingegangen. Als Graf Hatzfeldt ihn durch Hinweis auf die Unsicherheit der Zukunft drängte, bemerkte ihm Lord Salisbury, daß England in gewissen Fällen nach seinem Wappenspruch würde handeln müssen: „Dieu et mon droit." Er hatte höflich hinzugefügt, daß er an der freundschaftlichen Absicht der Sondierung des Botschafters durchaus nicht zweifle. Seine persönliche Gereiztheit wäre aber sofort wieder hervorgetreten, als Graf Hatzfeldt die Unterredung von neuem auf Marokko lenkte. Nachdem sich Lord Salisbury längere Zeit gedreht und gewendet hätte, um jeder eingehenden Äußerung zu entgehen, meinte er, sein Hauptgrund gegen die fragliche Abmachung sei seine entschiedene und grundsätzliche Abneigung gegen alle Verträge, durch die das Besitztum noch lebender Eigentümer im voraus geteilt werden solle. Als Graf Hatzfeldt einwandte, daß Lord Sabsbury ganz dasselbe seinerzeit bezüglich der Kolonien des England befreundeten Portugal getan habe, hatte der Premierminister lebhaft erwidert, dies habe Mr. Bal- four getan, den er dafür nicht tadeln wolle; er, Salisbury, würde das deutschenglische Abkommen über die portugiesischen Kolonien nicht geschlossen haben. Auf die sofortige und bestimmte Einwendung des Botschafters, daß er 1899 den wesentlichsten Teil jenes deutsch-engbschen Abkommens mit Lord Salisbury selbst verhandelt und festgestellt habe, hatte Lord Salisbury mit den Achseln gezuckt und wiederholt, er würde jenes Abkommen mit uns nicht abgeschlossen haben. Als Graf Hatzfeldt ferner geltend machte, daß es jetzt darauf ankomme, die durch mancherlei Zwischenfälle, wie Samoa, getrübten Beziehungen zwischen Deutschland und England wiederherzustellen, und daß die Berücksichtigung unserer Interessen in Marokko der beste Weg dazu sei, hatte Lord Salisbury mit einer gewissen Bitterkeit erwidert: „Sie wollen Ihrem Kaiser damit ein Vergnügen machen, und da soll ich mittun." Im weiteren Verlauf seines Briefes an Holstein erbat Graf Hatzfeldt meine Zustimmung dazu, daß er derartige gereizte persönliche Äußerungen des Premierministers, insbesondere gegen Seine Majestät den Kaiser, nicht zum Gegenstand seiner amtlichen Berichterstattung mache, weil dadurch, wie die Dinge lägen, der größte Schaden angerichtet werden würde. Er werde nicht unterlassen, alles zu tun, damit die gereizte Stimmung des englischen Premierministers gegenüber Seiner Majestät dem Kaiser durch eine ruhigere, objektive Auffassung der poHtischen Situation ersetzt würde. Dazu gehöre aber Zeit. 27« 420 FAULE ÄPFEL Zunächst müsse sich der Botschafter nach seiner auf langer Erfahrung begründeten Überzeugung ganz still verhalten. Vor allem müsse er den Eindruck vermeiden, daß wir trotz aller englischen Unfreundlichkeiten der englischen Freundschaft nachliefen. So unser Botschafter in London vor dem Kaiserbesuch in England. Einige Wochen nach jenem Besuch, am 26. Dezember 1899, schrieb Graf Hatzfeldt Hatzfeldt an Baron Holstein: „Wenn Sie mir sagen, daß unsere öffentliche an Holstein Meinung nur Zanzibar akzeptiert, wenn die Engländer die Delagoa-Bai nehmen, so bin ich natürlich überzeugt, daß es sich so verhält. Auf der anderen Seite glaube ich — und Eckardstein nahm dies bei unserem letzten Zusammentreffen als ausgemacht an —, daß man hier für Zanzibar noch lange nicht weich genug ist, weder die Regierung noch auch und namentlich die öffentliche Meinung. Der Grund ist sehr einfach. Das Publikum glaubt, daß England die Buren unter allen Umständen bewältigen kann, wenn es nur ein paar Millionen mehr oder weniger dafür ausgibt und die nötigen Verstärkungen schickt. Gegen europäische Verwicklungen und daraus resultierende Gefahren hält man sich für vollständig gedeckt, erstens durch die übermächtige englische Flotte und zweitens und vor allem, weil weder Rußland noch Frankreich sich zu einem aktiven Vorgehen gegen England entschließen werden. Wie weit diese letztere Annahme begründet ist, lasse ich dahingestellt. Meine persönliche Auffassung, die ich wiederholt ausgesprochen habe, ist, daß die Franzosen allein gewiß nichts unternehmen und daß der Kaiser von Rußland auch nicht besonders kampflustig ist. Auch glaube ich nicht, daß beide, selbst zusammen, feindselig vorgehen, solange sie unserer nicht ganz sicher sind. Unser Beitritt würde die Sachlage allerdings mit einem Schlage verändern und könnte England teuer zu stehen kommen. Wir werden dabei nur zu überlegen haben, ob es unseren politischen Interessen in der Zukunft entspricht, England als Großmacht ernstlich zu schwächen. Selbst Fürst Bismarck, mit allen seinen russischen Sympathien, war nicht dieser Ansicht, und ich schließe mich dem vollständig an. Was nun zunächst die Weiterbehandlung der Sache hier betrifft, so müssen wir uns, wie ich glaube, darüber klar sein, welchen Zweck wir bei unserem Tun und Lassen zu verfolgen haben. Nach meiner Auffassung müssen wir den Engländern unter der Hand klarzumachen suchen, daß wir ihnen zwar durchaus nicht feindlich gesinnt sind, daß aber auch wir mit unserer öffentlichen Meinung zu rechnen haben, die uns mit faulen Äpfeln bewerfen würde, wenn wir Delagoa-Bai ohne sehr bedeutende Vorteile fahren lassen sollten. Konklusion: Könnt ihr uns solche Vorteile nicht bieten, so laßt die Hände davon und sucht ohne Delagoa fertig zu werden, sonst bringt ihr uns in die unerwünschte Situation, daß unsere öffentliche Meinung uns in ihrer Entrüstung in andere Bahnen drängt. Wenn dieser MAPLES SCHWIEGERSOHN 421 Grundgedanke richtig ist, so bitte ich, daß der Staatssekretär mir seine Zustimmung zu erkennen gibt, damit ich die etwaigen weiteren Besprechungen zwischen Eckardstein und Chamberlain, Balfour usw. (ich selbst darf dabei noch nicht in den Vordergrund treten) in diesem Sinne leiten kann. Namentlich von Balfour nehme ich an, daß er Verständnis für die Situation haben und uns daher nützlich sein wird. Chamberlain ist, wie ich Ihnen immer gesagt habe, unberechenbar. In bezug auf Salisbury habe ich ein intuitives Gefühl, mehr ist es vorläufig nicht, daß er heute schon wieder daran denkt, sich den Russen und Franzosen zu nähern, sie durch Freundlichkeit und Entgegenkommen auf anderen Gebieten, nötigenfalls auch durch wirkliche Konzessionen zu beruhigen und von einem gemeinschaftlichen Vorgehen gegen England abzuleiten. Gelingt es ihm, nur in Petersburg einer feindlichen Aktion vorzubeugen, so fürchtet man sich hier bekanntlich vor Frankreich allein keinen Augenblick, und es gibt Leute genug, wie Chamberlain, die sich über die Gelegenheit, die französische Flotte zu vernichten und einige französische Häfen zusammenzuschießen, ganz'besonders freuen würden. Die Münsterschen Nachrichten über französische feindliche Absichten gegen England halte ich für sehr phantastisch. Wenn alles, was unser Botschafter in Paris von französischen Bewegungen sagt, richtig ist, so beweist es noch lange nicht, daß die Franzosen im entscheidenden Moment beißen und nicht, wie bei Faschoda, den Schwanz zwischen die Beine nehmen. Ich halte dies sogar für sicher, wenn die Russen sich nicht zum gleichzeitigen feindlichen Losgehen ausdrücklich verpflichtet haben, was ich stark bezweifle." Im Juni 1900 hatte mir Holstein gemeldet, Botschaftsrat von Eckardstein habe ihm geschrieben, daß sich die Engländer ein territoriales Fest- Die Rolle des setzen der Deutschen im Jangtse-Tal nicht gefallenlassen würden. Schon Herrn der Verdacht, daß Deutschland politische Erwerbungen im Jangtse-Gebiet ^ € ^ aT ^ ste " ins Auge fassen könne, sei geeignet, die Engländer zu den allergrößten Anstrengungen anzuspornen behufs Verständigung mit Rußland. Eckardstein entwickelte sich immer mehr zum Sprachrohr namentlich von Mr. Chamberlain, der den eitlen, wenig charaktervollen und schon aus finanziellen Erwägungen ganz zum Engländer gewordenen Schwiegersohn von Sir John Blundell Maple benutzte, um die Deutschen einzuschüchtern. Ich hatte übrigens niemals an eine territoriale Festsetzung im Jangtse-Tal gedacht, geschweige denn im Gegensatz zu England und im Widerspruch mit England. Eckardstein schrieb auch an Holstein, daß Lord Salisbury zu • einer Verständigung mit jeder anderen Macht eher als mit Deutschland bereit wäre. Jede positive Politik sei dem Premierminister unangenehm, und es werde eines starken Drucks seiner Ministerkollegen bedürfen, um den kranken alten Herrn zu einer Entscheidung zu bringen. Das ganze übrige 422 SALISBURY AUFGERÜTTELT Kabinett sei eher deutsch-freundlich, würde aber sofort in voller Einigkeit gegen Deutschland Front machen, wenn es gälte, das Jangtse-Tal gegen deutsche Annexionsneigung zu verteidigen. Graf Paul Metternich, damals noch preußischer Gesandter in Hamburg, hatte in den ersten Wintermonaten 1900 einen längeren Aufenthalt in England genommen, wo er viele persönliche Freunde besaß. Nach Deutschland zurückgekehrt, überreichte er mir im Sommer 1900 eine Aufzeichnung über seine englischen Eindrücke, in der er unter anderem ausführte: „Als ich im Anfang Februar d. J. nach England kam, wurde ich von Bericht manchen Seiten daraufaufmerksam gemacht, daß Lord Salisburyeinalterund des Grafen gebrochener Mann sei, der nicht mehr lange im Vordergrunde der Geschäfte Metternich g^^^ wero " e> E r j s t 5 wenn ich mich recht erinnere, siebzig Jahre alt. Die langwierige Krankheit seiner Frau, die er Anfang des vergangenen Winters verloren hat und an der er sehr hing, war ihm besonders nahegegangen und hatte ihn harassiert. Der südafrikanische Krieg, in den er ohne sein Zutun hineingezogen worden ist, legte vor den Augen der Welt manche Schäden bloß und verminderte, besonders im Anfang des Winters, das Ansehen Englands in der Welt. Auch dies wird ihm nahegegangen sein. Er ist im Herzen ein stolzer Patriot, und unter den lebenden Staatsmännern verkörpert sich das Prestige Englands hauptsächlich in ihm. Aber, wie das so geht im Leben, drohende Schicksalsschläge, die der Mensch herannahen sieht, bedrücken ihn oft mehr als das Eintreten des gefürchteten Ereignisses selbst, und durch den Tod seiner Frau war unter dem heilenden Einfluß der Zeit, welcher bei alten Leuten noch schneller wirkt als bei jüngeren, eine Last von ihm genommen, so daß sich Lord Salisbury wieder freier dem öffentlichen Leben zuwenden konnte. Auch der Krieg nahm eine andere Wendung, der tiefste politische Barometerstand war für England vorüber; was die Unfähigkeit seiner Generale verschuldet hatte, schienen die reichen Hilfsquellen des Landes und des Reichs an Geld und Menschen wieder gutzumachen, und eine fröhlichere, frischere Stimmung bemächtigte sich der Gemüter. Auch dies mag dazu beigetragen haben, Lord Salisbury aus der Lethargie aufzurütteln, in die ihn Alter, Mißgeschick und zunehmende Korpulenz zu versenken gedroht hatten. Ich fand ihn, als ich ihn Mitte Februar zuerst wiedersah, wohler aussehend als vor vier Jahren. Nur der Blick ist matter und sein Wesen noch unbestimmter, ungreifbarer möchte ich sagen, als ehedem. Er ist von der äußersten Vorsicht des Ausdrucks geworden, und wenn er glaubt etwas zugestanden zu haben, so sucht er es im nächsten Augenblick wieder abzuschwächen. Er war als Cunctator immer bekannt. Das Alter, die Kriegslage, vielleicht auch Mißtrauen gegen uns mögen diese Naturanlage verschärft haben, obwohl ich weiß, daß er mir persönlich sehr wohlgesinnt ist. Nach dem Tode KEIN BESONDERES VERTRAUEN ZU DEUTSCHLAND 423 seiner Frau hieß es, daß er abgehen wolle. Im Februar und März hielt er im Oberhause Reden, die so schwach waren, daß es von seinen Anhängern peinlich empfunden wurde. Lord Rosebery zerzauste ihn mit solcher Schärfe, daß es als unfair empfunden wurde, den schwachen alten Mann mit solcher Härte zu behandeln. Später hielt Lord Salisbury wieder Reden großen Stils, und heute steht er wieder obenan. Seine Partei hat von jeher viel an ihm auszusetzen gehabt. Besonders daß er mit oft beißendem Hohn Persönlichkeiten und Richtungen in seiner Rede verletzte ohne Rücksicht auf die Wählerschaft. Er hat nie um die Gunst der öffentbchen Meinung gebuhlt. Unter den lebenden englischen Staatsmännern gilt er für den größten. Niemand besitzt nach Ansicht seiner Landsleute eine solche Summe von Erfahrung in Behandlung der Staatsgeschäfte und besonders der auswärtigen Fragen. Vorsicht und Zurückhaltung werden ihm als Tugend angerechnet, wenngleich es Perioden gab, wo er, wie in der Open-door-Frage in China, von der öffentbchen Meinung zur Aktion gedrängt wurde und wo ihm Unschlüssigkeit vorgeworfen wurde. Das englische Volk stürzt sich nicht gern in unüberlegte Abenteuer, und wer es davon zurückhält, dem weiß es auf die Dauer Dank. Ich sehe nicht, weshalb Lord Salisbury die Zügel des Staatswagens aus der Hand geben sollte, und ohne zwingenden Grund treten wenige aus bedeutenden Stellungen zurück. Lord Salisbury soll gegen die baldige Vornahme von Neuwahlen sein. Chamberlain ist dafür. Sahsbury wird sich sagen, daß er für zwei Jahre noch fest im Sattel sitzt, während Neuwahlen ein Element der Ungewißheit in sich bergen. Ich halte Lord Sahsbury für einen zu bedeutenden Staatsmann, um zu glauben, daß er sich durch persönliche Sympathie leiten Keße. Ich glaube daher auch nicht, daß er für dieses oder jenes Land eine besondere Vorliebe oder Abneigung hätte. Ich halte ihn nicht für einen Feind Deutschlands, bin aber auch weit davon entfernt, anzunehmen, daß er uns besonderes Vertrauen entgegenbrächte. Aus früheren Perioden mag der Eindruck in ihm zurückgebheben sein, daß wir uns im Kriegsfalle immer lieber mit unseren mächtigen territorialen Nachbarn verständigen würden als mit England, daß wir aber in der Zwischenzeit ganz gern koloniale oder andere Vorteile auf Grund einer Verständigung mit England einzuheimsen bereit seien. Wir werden nur dann mit Sahsbury oder seinem Nachfolger eine leichte Politik haben, wenn sich zuerst in England das Bedürfnis einer Spezialverständigung mit uns fühlbar macht. Ebensowenig wie ein prinzipieller Gegner Deutschlands dürfte Lord Sahsbury ein entschiedener Freund Frankreichs sein. Er wird sich aber ebensogut mit Frankreich wie mit uns über schwebende Tagesfragen verständigen, wenn es ihm in seine Politik paßt, d. h. wenn er glaubt, daß es im Interesse Englands hegt. Als ich kürzlich von ihm Abschied nahm, warf er die Frage auf, in einer Weise, als ob 424 DER IMPERIALIST CHAMBERLAIN er sie bejahend beantworten wolle, ob Frankreich sich nach beendeter Weltausstellung gegen England kehren würde. Die Elemente der Unruhe in Frankreich schienen sich zu verdichten und eine gefährliche Gestalt anzunehmen. Denselben Ideengang nahm ich bei dem Unterstaatssekretär Mr. Bertie wahr, welcher mir sagte, die französischen Truppenverstärkungen nach Madagaskar könnten nur eine feindselige Spitze gegen England haben. Den Franzosen hat Lord Salisbury Faschoda geboten, d. h. er hat die Anfänge eines bewaffneten französischen Eindringens an den oberen Nil mit Gewalt unterdrückt. Den Russen würde er nicht so leicht ein Faschoda bieten, weil die Russen zu Lande gegen die englische Macht vordringen können, während die Franzosen erst über das Meer müssen, wo die englische Flotte herrscht. Die englische Politik, ob unter Lord Salisbury oder unter einem anderen, wird sich vor dem russischen Andrang in Nordchina und in Persien langsam und widerstrebend zurückziehen. An der indischen Grenze, wo die Russen übrigens noch nicht sind und auch nicht so leicht hinkommen können, wie vielfach angenommen wird, würde England dagegen meiner Uberzeugung nach ohne Zaudern zu den Waffen greifen. Eine Verständigung zwischen England und Rußland liegt in weiterem Felde als die zwischen England und Frankreich. Weder das eine noch das andere ist vor der Hand zu erwarten. Italien betrachtet Lord Salisbury als Quantite negligeable. Er macht sich wenig aus den nervösen Wünschen Italiens und befürchtet ebensowenig ein Abschwenken dieses Landes nach Frankreich. Er glaubt, daß das Interesse Italiens im Banne der englischen Politik liege. Chamberlain ist in den breiten Klassen des englischen Volks der volkstümlichste Mann, welcher England siegreich und zuversichtlich in die Bahnen des Imperialismus leitet. Als leitender Minister in auswärtigen Angelegenheiten wird er aber bei den oberen Zehntausend gefürchtet, weil man ihm keine ruhige Hand zutraut und von ihm annimmt, daß er als Rosse- und Wagenlenker tollkühne Dinge und Sprünge unternehmen würde. Mr. Chamberlain wünscht noch immer mit Deutschland zusammenzugehen. Er wünscht die kolonialen Fragen, welche uns trennen oder nähern können, je nachdem sie behandelt werden, in Fluß zu bringen. Er würde gern an die Ausführung des deutsch-englischen Abkommens über Südafrika herantreten. Nach der Konsolidierung des Gebiets, welches Rhodesia und die beiden Burenrepubliken umfaßt, wird sich sehr bald das Bedürfnis eines nahen Zuganges zum Meere herausstellen, und die Delagoa-Frage kann dann akut werden. Der verstärkten französischen Besatzung in Madagaskar gegenüber wird die englische Politik jene Frage, auch abgesehen von unserem Abkommen, lieber mit als ohne uns lösen. Die Schwierigkeit der Ausführung unseres Abkommens liegt, wenn wir auch für den Augenblick übersehen wollen, daß zunächst das Einverständnis Portugals dazu BALFOUR UND GREY 425 erforderlich ist, in der Bestimmung, daß pari passu vorgegangen werden soll. Jeder von beiden Teilen wird eifersüchtig darüber wachen, daß niemand zuerst und allein vorgehe, während der Verfall des portugiesischen Besitzes und die natürlichen Bedingungen der Besitzergreifung durch einen Dritten in der einen Kolonie rascher reifen können als in der anderen. Es wird schwierig sein, die stückweise Abbröcklung zugunsten beider Kontrahenten zu gleicher Zeit vorzunehmen, wenn das eine Stück fester sitzt als das andere. Wenn die Delagoabai-Frage zunächst angeschnitten werden soll, so sind wir in der vorteilhaften Lage, daß dann England zuerst mit Vorschlägen an uns herantreten muß. Im Gegensatz zu Mr. Chamberlain gilt Lord Rosebery als der besonnene und zuverlässige Staatsmann in der auswärtigen Politik. Konservative wie Liberale würden ihn gern an der Spitze des Foreign Office sehen. Ich halte ihn nicht für einen bequemen auswärtigen Minister, obwohl ich glaube, daß er lieber mit Deutschland als mit Frankreich oder Rußland gehen würde. Lord Rosebery ist sehr von der öffentlichen Meinung abhängig, d. h. er wird sich nicht leicht zu etwas aufraffen, wo er nicht die sofortige öffentliche Zustimmung voraussetzt. Die besten auswärtigen Minister für uns würden auf der konservativen Seite Mr. Balfour, auf der liberalen Seite Sir Edward Grey sein. Das Verhältnis von England zu Amerika hat eine Wandlung erfahren. Wenn wir vor einem oder zwei Jahren kriegerische Verwicklungen mit Nordamerika gehabt hätten, so würde ich darin die einzige Kriegsgefahr auch zwischen England und uns erblickt haben. Heute nicht mehr. Die Amerikaner haben zu deutlich ihre Abneigung gegen England gezeigt, und obwohl die Engländer dies weder sich noch anderen eingestehen wollen, so wissen sie es doch. Von Amerika wird sich England mehr gefallen lassen als von irgend jemand anders, und gegen Amerika wird es auch in rein diplomatischen Fragen schwerer zu haben sein als gegen irgendeine andere Macht. An aggressive Absichten Englands gegen Deutschland habe ich nie geglaubt. Ich traue ihm nicht die schwarze Absicht zu, über unsere Schiffe herzufallen und unseren Handel zu vernichten, nur um einen Konkurrenten weniger zu haben. Das englische Kapital ist zu stark in Deutschland interessiert, um eine Vernichtung des deutschen Wohlstandes wünschen zu können, und um sich die Erbfeindschaft Deutschlands aufzubürden, lohnt das Spiel die Mühe nicht. Ich möchte sogar die ketzerische Ansicht aussprechen, im Gegensatz zu vielen klugen Männern und im Gegensatz vielleicht zu der Mehrzahl der europäischen Kabinette, daß die englische Politik wissentlich nicht auf die Anzettelung eines europäischen Krieges gerichtet ist. Eine solche macchiavellistische Politik liegt dem englischen Geiste fern, und ich kann nicht einsehen, weshalb der Engländer es als einen Vorteü empfinden würde, wenn Europa in Flammen stände. Es geht ihm 426 PERFIDIE ja auch ohnedem ganz gut. Die Stimmung in England gegen Deutschland hat sich mit der günstigeren Kriegslage bedeutend gebessert. Das Auftreten Seiner Majestät des Kaisers, die Reise nach Altona, die Sammlung für die Notleidenden in Indien, einzelne Äußerungen haben einen tiefen Eindruck in England hervorgebracht und eine versöhnliche Stimmung angebahnt." Zu den Darlegungen von Metternich bemerke ich, daß ihm die Perfidie, mit der, unmittelbar nach dem Abschluß des deutsch-englischen Vertrages von 1899 über die portugiesischen Kolonien, die Engländer diese Abmachung durch eine gleichzeitige Konvention mit den Portugiesen, den sogenannten Windsor-Vertrag, sabotiert hatten, ebensowenig bekannt -war wie dem Botschafter Hatzfeldt, Holstein und dem Kaiser. Einerseits hatte ich seinerzeit meinem Gewährsmann mein persönliches Ehrenwort gegeben, daß ich die mir persönlich gemachte Confidence nicht anderen mitteilen würde. Andererseits erschien es mir auch politisch ratsamer, so erregbare Naturen wie Wilhelm II. und Holstein nicht ganz aus dem Gleichgewicht zu bringen und den ohnehin gegen große Schwierigkeiten kämpfenden Botschafter Hatzfeldt nicht völlig zu entmutigen. XXVII. KAPITEL Der englische Volkscharakter • Unsere Unterschätzung Englands • Unsere Irrtümer in Beurteilung und Behandlung fremder Völker • Hatzfeldt an Holstein über England, Holstein über ein deutsch-englisches Bündnis • Vorgänge in Ostasien • Bericht des Prinzen Heinrich an Bülow • Japan • Herr von Mumm Nachfolger Kettelers, sein erster Bericht • Innere Politik Mein Lebenslauf hat mich mit vielen amtlichen Persönlichkeiten in dienstliche Berührung gebracht. Ich habe als Untergebener, als Kollege, Deutsche als Vorgesetzter zahlreiche Botschafter, Staatssekretäre und Minister an Urteile über der Arbeit gesehen. Es gibt wenige deutsche Diplomaten, die ich nicht ge- England kannt oder über deren Leistungsfähigkeit ich mir nicht ein persönliches Urteil gebildet hätte. Ich darf wohl sagen, daß mir kein Diplomatentypus unbekannt blieb. Wenn ich wiederholt Briefe und Berichte unseres langjährigen Botschafters in London, des Grafen Paul Metternich, wiedergebe, so geschieht das nicht nur wegen ihres sachlichen Inhalts, sondern weil ich in ihnen Musterbeispiele einer ruhigen, abgewogenen, durchdachten Berichterstattung erblicke. Zu den guten Seiten des Grafen Paul Metternich gehörte, daß er, ohne sich wie manche Deutsche krampfhaft zu bemühen, dem Engländer abzugucken, wie dieser sich räuspert und wie er spuckt, wie er die Hände in die Hosentaschen steckt, wie er grüßt oder vielmehr nicht grüßt, ohne also den biederen und tüchtigen deutschen Michel zu einem Affen des hochmütigen John Bull zu degradieren, einen offenen Blick für die guten und großen Seiten und vor allem für die ungeheuren latenten Kräfte des britischen Weltreichs besaß. Im Gegensatz zu den meisten Deutschen schätzte Metternich diese Kräfte richtig ein. Ihre Unterschätzung war namentlich in Preußen und insbesondere in preußischen militärischen und aristokratischen Kreisen ein tief eingewurzelter Irrtum. Als im August 1914 dem Chef des Generalstabs, Generaloberst vonMoltke, die englische Kriegserklärung gemeldet wurde, meinte er tief aufatmend: ,,Gott sei Dank! Ich habe die englische Armee Heber vor mir, damit ich sie schlagen kann, als unerreichbar in mißgünstiger Neutralität." In München wurde öffentlich eine Äußerung König Ludwigs III. angeschlagen: „England hat uns den Krieg erklärt, ein Feind mehr, um so ehrenvoller unser Sieg." In mehr als einer deutschen Stadt sang nach dem Bekanntwerden der englischen Kriegs- 428 DAS SCHIBBOLETH erklärung die Menge andächtig und begeistert: „Nun danket alle Gott." Ich glaube nicht, daß das von der Northcliffe-Propaganda damals Wilhelm II. in den Mund gelegte Wort von der „despicable little british army" authentisch ist. Aber auch Wilhelm II. unterschätzte, trotz seiner englischen Gewohnheiten und Neigungen, wenigstens die militärischen und moralischen Ressourcen Englands erheblich. Auch solche Deutsche, die der in einer langen und erfolgreichen Geschichte sattsam dokumentierten, unbegrenzten politischen Selbstsucht der Engländer nicht so naiv gegenüberstanden wie die Mehrzahl ihrer Landsleute, hatten von der Stärke des englischen Volks wie des englischen Volkscharakters nur eine unvollkommene Vorstellung. Der alte Fehler des Deutschen, große außenpolitische Fragen, die Vorgänge auf dem Welttheater, die Völker der Welt vom Standpunkt der beschränkten deutschen Parteipolitik zu beurteilen, machte sich auch England gegenüber geltend. Mit grimmigen Augen blickte der deutsche Demokrat und nun gar der deutsche Sozialdemokrat auf das zaristische Rußland, in „zorniger Entrüstung" rötete sich seine Denkerstirn, wenn ihm gute oder gar intime Beziehungen zu diesem „Barbarenland" zugemutet wurden. Viele demokratisch gerichtete Deutsche legten lange an alle Franzosen den Maßstab der Affäre Dreyfus. Im Buch der Richter, KapitelXII, Vers 5 und 6, wird uns erzählt, daß die Gileaditer jeden fliehenden Ephraiter, der sich durch die Furt des Jordans retten wollte, nötigten, das Wörtchen „Schibboleth" auszusprechen. Wenn er das nicht konnte, wie das bei allen Nicht-Gilea- ditern der Fall war, und statt „Schibboleth" erwiderte: „Sibboleth", so wurde er erschlagen, so daß zu der Zeit von Ephraim fielen 42000 Mann. Was für die wackeren Gileaditer das Wörtchen „Schibboleth", war für den freisinnigen Deutschen bei der Beurteilung französischer Zustände während Jahrzehnten die Stellung des einzelnen Franzosen zu der Dreyfus- Affäre. Jeder Franzose, der für Dreyfus eingetreten war, galt als pazifistisch und womöglich als deutschfreundlich, obwohl manche der eifrigsten Verteidiger des Hauptmanns Dreyfus, z. B. Clemenceau, der Kriegsminister Picquart, der Senator Scheurer-Kestner u. a., enragierte Chauvinisten und Deutschenfeinde waren. Andererseits sahen deutsche Konservative mit spöttischem Auge auf das „Krämervolk", wo Wellington, als er eine Parade abhielt, von einem Platzregen überrascht, einen rasch herbeigeschafften Regenschirm aufspannte und wo Herzogssöhne als Kommis in Bankhäuser eintraten. Mitten im Weltkrieg, als die Engländer schon manche Beweise nicht nur starken Nationalgefühls, sondern auch unzweifelhafter persönlicher Bravour abgelegt hatten, schrieb ein namhafter deutscher Gelehrter, Professor Werner Sombart, ein Kriegsbuch, das er ,,Helden und Händler" betitelte. Die Händler waren natürlich die Eng- BISMARCK ÜBER DEN ENGLISCHEN BULLEN 429 länder, die Helden wir. Eine grobe Geschmacklosigkeit und eine Ungerechtigkeit, denn wenn sich die Deutschen unbeschadet ihrer kommerziellen und industriellen Leistungsfähigkeit wahrhch als ein Volk von Helden zeigten, so läßt sich dies Lob auch den Briten nicht versagen. Schon vor dem Kriege begegneten sich deutsche Konservative und Liberale in der Abneigung gegen den Kultus, den im Gegensatz zu dem mehr „gemüthchen", d. h. saloppen und spießbürgerlichen Deutschen der Engländer mit der äußeren Form treibt, in der Antipathie gegen die englische Unterwürfigkeit gegenüber dem strengen Zepter der Mode. Von der Unterschätzung der englischen Kräfte und der moralischen Ressourcen des Britischen Reichs war selbst Fürst Bismarck nicht ganz frei. Ich habe ihn in den achtziger Jahren mehr als einmal sagen hören: der englische Bulle werde zu faul. Im Interesse des europäischen Gleichgewichts wäre zu wünschen, daß dieser Vierfüßler so lange von dieser oder jener Seite Fußtritte erhielte, bis er sich von der Spreu erhebe und wieder tüchtig um sich stoße. In jener Zeit vertraute mir Herbert Bismarck an, sein großer Vater habe ihm als letzten und eigentlichen Grund der von ihm inaugurierten deutschen Kolonialpolitik den Wunsch bezeichnet, zwischen Deutschland und England „künstliche Reibungsflächen" zu schaffen, damit der damaHge Kronprinz und der damalige Prinz Wilhelm, beide von Hause aus und mit dem Gefühl sehr anglo- phil, uns nicht zu sehr in die englische Intimität und damit in die englische Abhängigkeit führen könnten, was vom Standpunkt der auswärtigen Politik ebenso bedenklich wäre wie im Hinblick auf unsere inneren Verhältnisse. Wenn ich zwanzig Jahre später daran zurückdachte, so deuchte mir, die fromme Schloßgemeinde von Homburg vor der Höhe habe nicht ganz mit Unrecht am 18. Oktober 1900 gesungen, daß Wahn bisweilen auch die Weisen treibe und Trug die Klugen halte. Wenn ich seit jeher und bis zuletzt die Kraft und die Gefährlichkeit Albions richtig einschätzte, so bin ich nicht so geschmacklos und so albern, mir gegenüber Bismarck darauf etwas zugute zu tun. Ich war in einem internationalen Milieu groß geworden, war früh und oft mit Ausländern, insbesondere mit Engländern und Franzosen, in Berührung gekommen. Ich gehörte einer jüngeren Generation an als der große Fürst und hatte es darum leichter als er, sowohl England und die Engländer wie auch die römische Kurie und den Katholizismus, vielleicht auch Demokratie und Sozialdemokratie zu sehen, wie sie sind. Persönlich stand ich England mit einer Mischung von Bewunderung und Neid gegenüber: Bewunderung für die Kräfte und Tugenden des englischen Volks, für seine Pietät gegenüber dem Historischgewordenen, dieses sicherste Kriterium starker und großer Völker, für seinen unbeugsamen Nationalstolz und sein unerschütterliches Nationalgefühl, seinen fast untrüglichen 430 WIR GINGEN DER WELT AUF DIE NERVEN politischen Instinkt, der dem deutschen Volke versagt blieb. Der uner- forschliche Wille der Vorsehung schuf, wie fast jede deutsche parlamentarische Debatte, namentlich über auswärtige Fragen, wie ein Bück auf die politischen Expektorationen eines Sombart, eines Lasson, eines Haller zeigt, den Deutschen als gcöoi' cljioXitixÖv. Die Voraussetzung jeder gesunden Pobtik ist die Erkenntnis, daß das Wesen eines großen Staates in erster Linie Macht ist. Aber in Deutschland schrieb, als der Weltkrieg auf seinem Höhepunkt stand und die letzte Entscheidung immer näher rückte, als Lloyd George vom „knock out" sprach und Clemenceau die „guerre jusqu'au bout" predigte, als beide Stolz und Ehrgeiz und Machtwillen ihrer Völker mit allen Mitteln aufpeitschten, der Hoftheologe Dr. Adolf von Harnack mit einer Mischung von kindbcher Naivität und seniler Süffisance in einem durch Indiskretion in den Münchener „Bayrischen Kurier" gelangten Brief: er betrachte den Willen zur Macht immer mehr als Sünde. „Geh ins Kloster, Ophelia!" hätten dem gelehrten Herrn seine Studenten zurufen sollen oder, noch besser, die Worte, die ein großer engbscher Staatsmann, Disraeli, einst im englischen Unterhause sprach: „Professoren und Bhetoren erfinden Systeme und Prinzipien. Die wahrhaften Staatsmänner sind nur von dem Instinkt zur Macht und der Liebe zum Vaterland beseelt. Das sind Gefühle und Methoden, die große Reiche schaffen." Wie die Erkenntnis, daß der Wille zur Macht Triebfeder und Seele eines Deutschland großen Staatswesens sein muß, so fehlte einem nicht kleinen Teil gerade der und das Gebildeten unseres Volkes das Verständnis für die Notwendigkeit welt- Ausland m ä nll i S cher Formen im internationalen Verkehr. Manche Deutsche wirkten abstoßend auf das Ausland durch einen groben Ton, durch Überhebung und stetes, allzu lautes Renommieren. Es war weit weniger der Miles gloriosus, der uns unbeliebt machte — der deutsche Offizier war, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, wohlerzogen und höflich —, als der aufgeblasene deutsche „Herr Doktor", der „Herr Professor" gar und der über Leichen gehende Pionier des Handels. Wir waren nie besonders beliebt gewesen, wir fingen an verhaßt zu werden. Schweizer, holländische, italienische, skandinavische, englische Freunde sagten es mir bei jedem Zusammentreffen, nach jedem internationalen Kongreß. Und leider trug Wilhelm IL, der von dem brennenden Wunsch erfüllt war, uns nicht nur die Achtung, sondern auch die Liebe der Welt zu erwerben, gerade weil er viele der Schwächen und auch manche der antipathischen Eigenschaften des modernen Deutschen verkörperte, dazu bei, uns die Sympathien des Auslandes zu entfremden. Wir gingen allmähbch der Welt auf die Nerven. Nur wir selbst haben das bis zum Ende des Weltkriegs gar nicht bemerkt. Bethmann, Michaelis, Hertbng fehlten mit der weltmännischen Schulung das weltmännische Auftreten und die weltmännischen Manieren, ohne daß sie, wie DIE QUADRATUR DES ZIRKELS 431 Posadowsky und Tirpitz, diesen Mangel durch überragende fachliche Leistungsfähigkeit wettgemacht hätten. Sie fühlten diesen Mangel auch gar nicht, überzeugt, wie sie es mit einem großen Teil ihrer gebildeten Landsleute waren, daß ein moralischer Charakter, einige gut bestandene Examina, vielleicht auch der Titel als Hofrat oder Geheimrat vollständig ausreichten, damit ein biederer Deutscher überall gern gesehen sei. Vollends den Kanzlern, die wir seit der Revolution im Amt sahen, Scheidemann, Fehrenbach und Wirth, Hermann Müller und Bauer, von dem remuantesten und einflußreichsten deutschen Politiker der ersten Revolutionsjahre, Matthias Erzberger, nicht zu reden, mangelte jede weltmännische Ader, ja jedes Verständnis für weltmännisches Auftreten und weltmännische Form. Alle diese Erscheinungen, die im Laufe des Krieges den Deutschen erst grenzenlos erstaunen, dann in steigendem Maße erbittern sollten und die, als mit der Auflösung und dem Verschwinden unserer herrlichen Armee der Respekt vor Deutschland, vor dem einzelnen Deutschen, vor dem deutschen Geist überall um 80 Prozent abnahm, sich noch akzentuierten, waren um die Wende des Jahrhunderts den meisten noch verborgen. Die wenigsten fühlten, daß zwischen uns und anderen Völkern nicht nur wirtschaftliche Eifersucht und politische Feindschaft lagen, sondern vielfach auch gesellschaftliche Antipathien. Das häßliche Wort „boche", das die Franzosen dem Volke angehängt haben, das einen Hölderlin und Mozart, einen Goethe und Wilhelm Humboldt hervorbrachte und in Dichtkunst und Sprache, in allen Künsten zarter, inniger, im besten Sinne feinfühlender ist als alle andern, soll ja bedeuten, daß der Engländer uns nicht „gentleman- like", der Franzose nicht „gens du monde" findet, der Italiener bei uns die „gentilezza" vermißt. Wenn ich solche Symptome, diesen latenten Gegensatz schon früher bemerkte, so war es, weil ich einen großen, ja den größten Teil meines Lebens im Auslande zugebracht hatte, das Ausland kannte und die fremde Literatur und Presse verfolgte. Dagegen erklärten mir während des Weltkriegs mit einem gewissen Stolz deutsche Freunde, wackere und gelehrte Männer in angesehener, ja wichtiger Stellung, daß sie „grundsätzlich" keine ausländische Zeitung in die Hand nähmen. Je mehr ich mich seit 1897, also während dreier Jahre, in meinen Wirkungskreis hineingearbeitet hatte, um so deutlicher hatte ich es als meine Hauptaufgabe erkannt, uns in Würde und Ehren den Frieden zu erhalten, um so deutlicher wurde mir, daß diese Aufgabe zum guten Teil sich mit dem Problem deckte, den für unseren Schutz unentbehrlichen Flottenbau durchzuführen, ohne Zusammenstoß mit Albion. Holstein, der sich in spitzen Redensarten gefiel, pflegte zu sagen, daß diese Zumutung ihn an die Quadratur des Zirkels erinnere oder besser an das aus Eisen anzufertigende hölzerne Messer. Aber auch für den besonnen prüfenden Geist war diese 432 NICHT MEHR NUR BINNENVOLK Aufgabe sehr, sehr schwierig. Oft habe ich während der neun Sommer, die ich als Reichskanzler in Norderney verlebte, von unserer Villa Edda sorgenvoll hinausgeblickt auf die dunkel wogende Nordsee, das deutsche Meer, mich fragend, ob Gott es mir gewähren würde, diese Aufgabe zu lösen. Vor wie nach meiner Ernennung zum Reichskanzler habe ich gerade England gegenüber stets Ruhe und festen Mut empfohlen. Als ich am 10. Januar 1900 auf der Werft des Vulkan in Stettin den Schnelldampfer „Deutschland" der Hamburg-Amerika-Linie taufte, sagte ich in meiner Taufrede: Deutschland, das dem Meer ungeheure Werte anvertraut habe, das seit lange nicht mehr nur Binnenvolk im Herzen Europas sei, sondern im Vorder- treffen der Konkurrenz stehe, müsse auch zur See stark genug sein, um unseren Frieden, unsere Ehre und unsere Wohlfahrt wahren zu können. „Wenn wir auf diesem, uns vom Schicksal vorgezeichneten Wege Hindernisse zu überwinden und schwierige Stellen zu passieren haben, so wird uns das weder irremachen noch niederbeugen. Mutig und stetig müssen und wollen wir weiterschreiten*." Großherzogin Luise von Baden, die Tochter des ersten, die Schwester des zweiten Deutschen Kaisers, die Gemahlin desjenigen deutschen Fürsten, der die heilige Flamme des deutschen nationalen Gedankens besonders innig und rein in seinem Herzen hegte, telegraphierte mir am nächsten Tage: „Ich trage fast Bedenken, Ihre so sehr in Anspruch genommene Zeit auch nur auf einen Augenblick zu behelligen, kann mir aber dennoch nicht versagen, Ihnen auszusprechen, wie sehr die patriotischen, maßvollen und begeisterungsreichen Worte Ihrer gestrigen Rede in Stettin den dankbarsten Widerhall in mir erweckt haben. Von Herzen wünsche ich Ihnen Glück zu dieser bedeutungsvollen Rede, ruhevoll und überzeugend in ernster Zeit." Die mir gestellte Aufgabe war gelöst, über Erwarten gut, ja glänzend gelöst, als ein weder direkt noch indirekt wegen der Flotte entstandener, nicht von England noch mit England begonnener, sondern durch die täppische Behandlung eines chronischen Orientgeschwürs ermöglichter Weltkrieg alle Anstrengungen langer, fruchtbarer Jahre vergeblich machte. So steht der Arzt, der sich bewußt ist, ein ihm teures Leben über manche gefährliche Krisis weggebracht zu haben, erschüttert vor dem Sterbebett des von ungeschickten Pfuschern hinterher zugrundegerichteten Freundes. Von aktuellem politischem Interesse waren für mich, wie schon gesagt, Hatzfeldt die Briefe gewesen, die in den letzten Wochen meiner Geschäftsführung als an Holstein Staatssekretär Graf Paul Hatzfeldt an Baron Holstein gerichtet hatte. Ende Juli 1900 hatte der Botschafter seinem Freunde geschrieben, er habe ihm nicht viel Erfreuliches zu sagen. Wie er aus den Londoner Telegrammen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 98; kleine Ausgabe I, S. 131. ^ VON SALISBURY NICHTS ZU ERWARTEN 433 herausgefühlt haben werde, mache Salisbury Schwierigkeiten in der Oberbefehlsfrage, und es sei unberechenbar, wozu er sich schließlich entscheiden werde. Der Botschafter versuche jetzt Lascelles ins Feuer zu schicken und auch Chamberlain für die Sache zu interessieren. Aber er dürfe ihm im Vertrauen nicht verheimlichen, daß die Stimmung in den englischen Regierungskreisen keine günstige für uns sei. Das Foreign Office sei verstimmt, daß wir seine Anregung bezüglich der japanischen Intervention in China unter den Tisch hätten fallen lassen. Hatzfeldt war den Herren vom Foreign Office die Antwort nicht schuldig geblieben und hatte sie sehr bestimmt darauf hingewiesen, daß die Haltung der deutschen Regierung in Südafrika wie in China angesichts der deutschen öffentlichen Meinung eine außerordentlich korrekte und dankenswerte gewesen wäre. In betreff der japanischen Intervention hätte man nicht verlangen können, daß wir uns pour les beaux yeux de l'Angleterre, auf dessen eventuelle Unterstützung wir nicht einmal mit Sicherheit rechnen könnten, die russische Feindschaft zuziehen sollten. Lascelles hatte dies auch gar nicht geleugnet, war aber immer wieder darauf zurückgekommen, daß man unsere Haltung in England nicht als eine überall und stets freundschaftliche betrachten könne. Der Brief schloß mit den Worten: „Sie werden hoffentlich mit mir einverstanden sein, daß ich über diese Symptome nicht, oder wenigstens noch nicht, amtlich berichte, da dies großen Schaden an maßgebenden Stellen anrichten könnte. Dem Staatssekretär Graf Bülow und Ihnen gegenüber glaube ich aber die Wahrheit nicht verschweigen zu dürfen. Sie müssen wissen, daß wir momentan hier nicht mit freundlichen Gesinnungen zu rechnen haben." Am 20. August 1900 hatte Hatzfeldt an Holstein geschrieben: „In be- zug auf unsere Beziehungen zum jetzigen englischen Kabinett muß ich leider bei der Ihnen wiederholt ausgesprochenen Uberzeugung bleiben, daß wir vom jetzigen Premierminister Salisbury keine Freundlichkeit zu erwarten haben. Ich glaube ihn persönlich besser zu kennen als irgendein Fremder und weiß, daß der Hochmut bei ihm persönlich die größte Rolle spielt. In diesem Hochmut fühlt er sich teils durch politische, noch vielmehr aber durch persönliche Vorgänge verletzt, und nichts, was ich dagegen sagen könnte, wird an dieser Stimmung etwas ändern. Nur die politische Notwendigkeit wird ihn veranlassen, in einzelnen Fragen einzulenken, wie er dies in der Frage des Oberbefehls, de mauvaise gräce und weil er nicht anders konnte, getan hat. Unsere Aufgabe ist es daher, die Dinge so zu wenden, daß er uns folgen muß wie in der Oberbefehlsfrage, ohne daß er deshalb behaupten könnte, uns eine besondre Gefälligkeit erwiesen zu haben. Jedenfalls werden wir aber nach meinem Gefühl noch längere Zeit mit ihm zu rechnen haben, da ich 28 Bülow I 434 DER „METEOR" GEWINNT NICHT weder an die ihm zugeschriebene Absicht, sich zurückzuziehen, noch auch daran glaube, daß er durch Neuwahlen oder andere Umstände aus dem Sattel gehoben werden wird. Wir dürfen uns aber meines Erachtens auch darüber nicht täuschen, daß Lord Sahsbury in der Regierungspartei nicht der einzige ist, der uns politisch nicht wohlwill. Als ich neulich in der Oberbefehlsfrage auf andere Minister einzuwirken suchte, fand ich zwar politisches Verständnis für die Notwendigkeit, uns entgegenzukommen, aber nur geringen persönlichen Enthusiasmus. In den Büros des Foreign Office herrscht, wie ich Ihnen schon früher schrieb, durchaus keine freundliche Gesinnung für uns, für Deutschland und die Deutschen, wenn sie sich auch unter freundlichen Formen versteckt. Man findet dort ganz naiv, daß unser Interesse in allen großen politischen Fragen, wenn wir es richtig verstehen, mit demjenigen Englands übereinstimmt und daß wir daher letzterem zu folgen haben, ohne besondere Belohnung oder Vorteile dafür zu verlangen. Auch in geselligen Kreisen finden wir wenig Sympathie. Es wird mir aus sehr guter Quelle versichert, daß neulich in Cowes sogar unter den Seiner Majestät nahestehenden Kreisen (Lord Ormonde usw.) durchaus keine Mißstimmung herrschte, als der ,Meteor' nicht gewann. Das Fazit aus alledem scheint nach wie vor, daß wir den Leuten hier in den vorkommenden Fragen zeigen müssen, ohne Animosität an den Tag zu legen, daß wir r wie in der Jangtse-Frage, nicht zu haben sind, wenn man uns nicht das entsprechende Entgegenkommen zeigt. Das setzt natürlich voraus, daß wir uns auch Rußland gegenüber nicht fest engagieren. Soweit sich die Stimmung dort gegen uns nach den Zeitungen beurteden läßt, würden wir davon auch wenig Freude haben." Die persönliche Verstimmung des englischen Premierministers gegen uns war bekanntlich auf wiederholte Friktionen zwischen ihm und Wilhelm II. zurückzuführen, die der hochfahrende Lord dem unvorsichtigen Monarchen nie verziehen hat. Der Marquess of Salisbury hatte Kaiser Wilhelm IL weder den persönlichen Zusammenstoß vergessen, den dieser vor meinem Amtsantritt bei einem seiner ersten Besuche in England mit ihm gehabt hatte, noch insbesondere dessen Versuch, hinter dem Rücken seiner deutschen verfassungsmäßigen Berater den leitenden englischen Minister in den Augen der Großmutter Seiner Majestät, der Königin Victoria, zu diskreditieren. Lord Sahsbury war übrigens nicht der einzige große Minister eines großen Landes, der einen derartigen Versuch eines fremden Souveräns krummnahm. Der eigentliche Grund, daß Fürst Bismarck 1879 die Wendung zum Bündnis mit Österreich so rasch und heftig vornahm, war, wie man sich erinnert, der Verdacht, daß Alexander II. in Alexandrowo seinen Onkel* den alten Kaiser Wilhelm, allein oder gar in Verbindung mit dem Feldmarschall von Manteuffel gegen den Fürsten Bismarck aufgestachelt hätte DAS ALLZU PRÄPOTENTE AUFTRETEN 435 Um auf Marokko zurückzukommen: Holstein schrieb mir am 24. August 1900 nach Norderney: „Auch ich habe wie Sie ernste Sorge, daß die Die ma- marokkanische Frage einmal losgeht. Wir müssen mit der Notwendigkeit rokkanische rechnen, daß Salisbury den Franzosen zwar nicht Tanger, aber das ganze ^ ra & e Binnenland von Marokko bis zum Atlantischen Ozean preisgibt, um sie in anderen Fragen, z. B. für China und den Jangtse, nachgiebig zu stimmen, oder auch nur in der Hoffnung, daß ein französischer Vorstoß am Atlantischen Ozean Deutschland veranlassen würde, gegen Frankreich vorzugehen. In der Tat weiß ich auch nicht, ob wir uns das würden gefallen lassen können, ob wir daher nicht in Paris einen vorbeugenden, aber ernsten diplomatischen Schritt tun sollten, für welchen das zweite Zirkular des Sultans in Marokko (dringender Hilferuf) den Ausgangspunkt bilden könnte. Münster würde deswegen seinen Urlaub zu unterbrechen haben. Die Fassung und Nuance unserer Eröffnung bleibt noch zu erörtern: entweder Anfrage, was Frankreich vorhat, oder Vorschlag, uns über Marokko zu verständigen. Letzteres bei der bekannten Eigenart der Franzosen ziemlich aussichtslos. Zu lange werden wir mit diesem Schritt nicht warten dürfen, denn je mehr die französische Regierung sich mit einem Aktionsprogramm festgelegt hat, desto schwerer wird sie zurückkönnen. Natürlich wird sie ihre Antwort sehr davon abhängen lassen, wie die französischen resp. die deutschen Beziehungen zu den anderen Mächten, namentlich zu England, in dem Augenblick aussehen. Wenn die deutsch-englischen Beziehungen gespannte sind, so wird Frankreich, welches der russischen Unterstützung wenn auch nicht im ersten Augenbhck, so doch nach den ersten französischen Niederlagen ohnehin sicher ist, sich vielleicht mit dem Kriegsgedanken vertraut machen. Als wirksamstes Moment für den Frieden bleibt allerdings auch dann noch die Furcht bestehen, daß ein siegreicher General eine Gefahr für die gegenwärtige Regierung wie für die Republik werden könnte. Die Beziehungen zu England sind in diesem Augenblick wichtiger als je, und ich gäbe viel darum, wenn Salisbury unlustig oder unfähig würde, weiterzuregieren. Danach sieht es aber leider nicht aus. Der Ton des letzten Hatzfeldtschen Briefes klang recht resigniert: kein Wunder, denn alle Kreise werden einem ja gestört. Neid und Haß gegen unseren allergnädigsten Herrn wachsen stetig infolge seines allzu präpotenten Auftretens. Daß der kümmerliche kleine Russe jetzt nach Dänemark geht, ist doch wieder eine offenbare Demonstration gegen S. M." Hinsichtlich einer deutsch-englischen Allianz stand ich, wie ich unter Hinweis auf früher Gesagtes ausdrücklich wiederholen möchte, nach wie vor Allianz-Frage auf demselben Standpunkt, den ich während der drei verflossenen Jahre in Übereinstimmung mit dem Kanzler Hohenlohe und dem Botschafter Hatz- feldt einnahm und den übrigens schon Caprivi und Marschall und vor allem 26* • 436 EIN MARGINAL DES KAISERS Fürst Bismarck vertreten hatten. Wie sie würde auch ich freudig einem Vertrage zugestimmt haben, der die Verpflichtungen und das Risiko zwischen den beiden großen Reichen gleichmäßig verteilte. Eine Societas leonina zugunsten des britischen Löwen konnten und durften wir nicht eingehen. Deshalb mußten wir darauf bestehen, daß ein deutsch-englischer Vertrag nicht geheim blieb, sondern daß die Parlamente beider Länder ihre Zustimmung erteilten, schon weil andernfalls die Gefahr vorlag, daß im Falle eines Krieges England sich seinen Verpflichtungen durch einen Regierungswechsel entzog. Die zweite Voraussetzung einer für uns annehmbaren Allianz war, daß, wenn wir eine Garantie für die englischen Besitzungen, insbesondere für einen russischen Angriff gegen Indien, übernehmen sollten, England uns für den Fall eines russischen Angriffs auf Österreich-Ungarn und eines französischen Angriffs auf Italien zu Hilfe kommen müsse. Andernfalls wurde unser Verhältnis zu Österreich-Ungarn wie zu Italien ganz in das Belieben von London gestellt, und unsere beiden Bundesgenossen gerieten völlig in englische Abhängigkeit. Kaiser Wilhelm II. teilte diesen Standpunkt. Er schrieb noch kurze Zeit vor meinem Rücktritt, im Februar 1909, ad marginem eines Artikels des Berliner Tageblatts über deutsch-englische Allianzverhandhmgen in den Jahren 1899 und 1900: „Ich entsinne mich genau, daß das Allianz-Angebot von Cham- berlain gemacht wurde, als Ich im Frühjahr in Homburg vor der Höhe war, Metternich war damals bei Mir, zum auswärtigen Dienst kommandiert, und haben wir die Angelegenheit während eines Ritts auf den Feldberg besprochen. Wir sollten nach Chamberlains Wunsch die Rolle übernehmen, die später Japan übernahm, Rußland durch die Waffen von Indien abzuhalten. Die Sache zerschlug sich, als Ich verlangte, es solle ein vom englischen Ministerrat unterschriebener Allianzvertrag mit uns dem englischen Parlament vorgelegt und von diesem einstimmig votiert werden." Die Schlußbemerkung dieses Marginals war eine Übertreibung. Wir hatten natürlich nicht ein einstimmiges Votum des Parlaments verlangt, sondern nur die Annahme des Vertrages durch das englische Parlament unter Zustimmung der beiden großen Parteien. Über die Vorgänge in Ostasien wurde ich nach wie vor durch verständige Prinz Briefe des Prinzen Heinrich unterrichtet. Er konnte mir mit Befriedigung Heinrich schreiben, daß der ausgezeichnete Direktor des Bremer Norddeutschen Ostasien Ll 0 y,j ? Herr Wiegand, Tsingtau besucht habe und von den dortigen Zuständen „im höchsten Maß" erbaut gewesen wäre. Wiegand zolle den bisherigen Leistungen „volle Anerkennung". Nach einem Besuch in Japan hatte mir der Prinz geschrieben: „Sehr gelegen für meinen Aufenthalt in Japan kam Ihre in einer Ihrer letzten Reichstagsreden gebrauchte Wendung, welche ein Kompliment für die Japaner enthielt. Dergleichen Kom- PRINZ HEINRICH LOBT JAPAN 437 plimente verfehlen bei den Japanern niemals ihre Wirkung und fallen auf den sehr fruchtbaren Boden ihrer großen Eitelkeit. Es ist erstaunlich, was jenes Land in den letzten zwanzig Jahren geleistet hat, um sich zu der Stellung emporzuarbeiten, die es jetzt zweifellos einnimmt. Japan will als Großmacht behandelt und angesehen werden, und kann ich nur hinzufügen, daß es hierzu ein volles Recht hat. Man sagte mir, daß Japans Handelsbeziehungen stets zugunsten jener Nation ausfielen, welche es am besten behandelte. Die Artigkeit, Zuvorkommenheit und Höflichkeit, mit der ich in jenem Lande aufgenommen wurde, ist über jedes Lob erhaben. An der chinesischen Küste ist man unter den Europäern geneigt, über den Japaner schlecht und schroff zu urteilen, und muß ich gestehen, daß ich bis zu dem Augenblick der persönlich gewonnen Eindrücke stark beeinflußt worden war. Gründe für diese Abneigung sind wohl darin zu suchen, daß der japanische Kaufmann nicht so zuverlässig ist wie der chinesische und daß man in Japan nicht mehr unter denselben Bedingungen leben kann wie vor zwanzig Jahren. Diese Auffassung kann ich jedoch nur als eine einseitige und beschränkte bezeichnen. Ein Volk, welches wie Japan mit aller Energie an seiner Selbständigkeit und Emanzipation von den Europäern arbeitet, wird den letzteren naturgemäß unbequem. Die Nation dieserhalb zu verurteilen, halte ich nicht für richtig. England mit seinem klugen, gut geschulten und weitgehenden Weltenblick handelte weise, als es den Japanern zu ihrer eigenen Jurisdiktion verhalf und bei dieser Frage die leitende Stelle zugunsten Japans nahm . . . Dem heutigen vorurteilsfreien Beschauer kann es nicht entgehen, daß Japan nicht mehr das harmlose Land der Geishas, Lackwaren usw. ist, sondern vielmehr aus einem sehr patriotisch und streng national gesonnenen Volke besteht, welches jetzt bereits die erste und achtunggebietende Macht in Ostasien repräsentiert. Sich mit dieser Macht gut stellen, heißt eine politische Klugheit begehen." Der Brief des Prinzen Heinrich schloß mit den für seine schlichte Art wie für seine Herzensgüte bezeichnenden Worten: „Ich bin nach wie vor gern in meiner Stellung, die mir so unendlich viel Interessantes bietet, worin ich die Kompensation erblicke für die lange Trennung von der Heimat und den Meinen. Andererseits erblicke ich in diesem Opfer meine Pflicht und meinen Stolz als Seeoffizier. Indem ich Sie bitte, mich der Frau Gräfin auf das angelegentlichste zu empfehlen, verbleibe ich, mein lieber Herr Graf, Ihr sehr treu und dankbar ergebener Prinz Heinrich von Preußen." Ich hatte diesen Brief zum Gegenstand eines längeren Vortrages beim Kaiser gemacht, um ihn, wie schon mehrfach früher und wie später noch oft, zum Eingehen auf gewisse japanische Wünsche (Zulassung japanischer Offiziere zum Besuch unserer Kriegsakademie u. ä.) sowie für eine freund- 438 DIE MUMMS liebere Behandlung japanischer Prinzen und Diplomaten zu gewinnen. Ich bemühte mich namentlich immer wieder, die endliche Beseitigung des unseren Ostasien-Dampfern aufgenötigten ominösen und für den Japaner beleidigenden Bildes zu erreichen, wo Deutschland den europäischen Nationen den heiligen Krieg gegen den armen Buddha predigt. Aber meine Vorstellungen prallten an dem Eigensinn des Kaisers ab, der bei anscheinend oder verhältnismäßig geringfügigen Anlässen noch stärker hervortrat als in großen Fragen. Er fuhr fort, von der „gelben Gefahr" zu sprechen und von einem „Kreuzzug" der Weißen gegen die Gelben zu phantasieren. Nach seiner Rückkehr aus Ostasien schrieb mir Prinz Heinrich von seinem Gut Hemmelmarck bei Eckernförde: „Gewiß ist Reden Silber und Schweigen Gold, doch wird es mir furchtbar sauer, bei den jetzigen Verhältnissen den Mund ganz zu halten, und ich muß mir, vertrauend auf die übbehe Nachsicht, Luft machen! Mir will scheinen, als ließe das Strohfeuer der Chinesen endlich nach. Die Einnahme von Tientsin, Deutschlands und der übrigen Mächte energische Haltung wirken! Der Süden Chinas ist immer noch ruhig. Japan beträgt sich musterhaft und verdient volle Anerkennung. Rußland hat alle Hände voll zu tun. Daher gebe man dem Russen, was des Russen ist, und Japan, was Japans ist! Wir können gutmachen, was wir seinerzeit mit Liaotung verfahren haben! Man lasse den Russen ihren Teil der Mandschurei und einen Teil Koreas und den Japanern den anderen Teil der koreanischen Halbinsel. England wird sich hierzu gewiß bereit erklären, und hätten wir Frieden unter den Mächten. Japan alle Anerkennung einer Großmacht zollen, ist nicht mehr denn klug." In den stillen Zeiten, wo sich die Vertreter von dreiunddreißig deutschen Gesandter Regierungen jeden Donnerstag in dem stattlichen Palais des Fürsten Mumm von Thum und Taxis in der Eschenheimer Gasse in Frankfurt am Main zu versammeln pflegten, vertrat mein Vater für die Herzogtümer Holstein und Lauenburg das Königreich Dänemark. Dänischer Konsul in Frankfurt am Main war damals ein angesehener Frankfurter Kaufmann aus alter patrizischer Familie, der von Österreich unter dem Namen Mumm von Schwarzenstein nobüitiert wurde. Der Sohn Mumm wurde Anfang der neunziger Jahre als Legationssekretär der Kaiserlichen Gesandtschaft in Bukarest zugeteilt, während ich dort als Gesandter tätig war, und ich fand Gelegenheit, seine Pflichttreue, seine Arbeitskraft, seine Kenntnisse zu schätzen. Speziell von wirtschaftlichen und handelspoUtischen Fragen verstand er mehr als die meisten deutschen Diplomaten jener Tage. Als Herr von Ketteier von den Chinesen ermordet worden war, Heß ich Herrn von Mumm zu mir bitten und frug ihn, ob er die Nachfolge übernehmen wolle. Er nahm mein Anerbieten sogleich und mit sichtlichem Vergnügen Schwarzenstein IM VERWÜSTETEN PEKING 439 an. Als ich ihn zu der Furchtlosigkeit beglückwünschte, mit der er bereit wäre, sich auf den Stuhl eines ermordeten Vorgängers zu setzen, meinte er lächelnd: „Ich habe mich viel mit diplomatischer Geschichte beschäftigt und festgestellt, daß noch niemals an demselben Posten zwei diplomatische Vertreter derselben Macht hintereinander ermordet worden sind. Also bin ich in Peking sicherer als irgendwo sonst." Er trat dann ohne Verzug die Fahrt nach Peking an, von wo er mir bald nach meiner Ernennung zum Reichskanzler in einem längeren Schreiben seine ersten Eindrücke schilderte. Wie die meisten unserer Auslandsvertreter begann er mit der Versicherung, wie sehr es ihn beglücke, daß bei der Wiederbesetzung des Kanzlerpostens die Wahl Seiner Majestät gerade auf mich gefallen wäre. Donec eris felix, multos numerabis amicos. Aufrichtig, wie ich glaube, fügte Mumm hinzu, er wünsche sich selbst Glück, daß ein so gütiger und menschlichen Regungen zugänglicher Vorgesetzter ihm nunmehr zum dritten Male beschert würde, und freue sich noch nachträglich seiner Versetzung nach Bukarest, die ihn mir nahegebracht hätte. Er gab eine malerische Schilderung der großen Schwierigkeiten seiner Fahrt von der Küste nach Peking, die er bei eisigem Nordsturm, eingehüllt in gewaltige Staubwolken, in „dem" Salonwagen, d. h. in dem einzigen besseren Waggon der Eisenbahn, unternommen hätte, in dem trotz der Kugellöcher ein kleiner Ofen die Existenz einigermaßen erträglich gemacht habe. Verglichen mit den Nachtquartieren in den chinesischen Häusern wäre ein besserer Schweinestall bei uns ein Palast. Eine Kälte von drei bis vier Grad unter Null wäre durch die nur mit einer Matte verdeckte Türöffnung und durch die Papierfenster in empfindlichster Weise eingedrungen; er begriffe noch nicht, wie er ohne Lungenentzündung davongekommen sei. Nach dem Verlassen der Eisenbahn mußte die Fahrt im Wagen fortgesetzt werden, mit ganz überwiegend schlechten Pferden. „Glücklicherweise befand sich unter den Pferden der Eskorte zufällig auch ein ostpreußisches, und da ein Preuße eben unter allen Umständen seine Pflicht tut, wurde es angespannt und brachte uns gegen sechs Uhr abends nach Tungchou." Der Weg von dortnach Pekinghatte dem Gesandten einen trostlosen Eindruck gemacht. Alle Ortschaften gänzlich verödet und vollständig in Trümmern. Die einzigen lebenden Wesen halb verhungerte Hunde, die keine Leichen mehr zum Fressen fanden. Auch der erste Eindruck von Peking war sehr niederdrückend gewesen. Die gewaltigen Steinmauern erschienen dem Gesandten wie Gefängnismauern, und die grenzenlose Verwüstung verstimmte sein Gemüt. Nichts als Schutt und Trümmer. Er fuhr durch das Tung-Pien-Men-Tor, auf dem „unsere stolze schwarz-weiß-rote Flagge" wehte, in die chinesische Stadt und dann durch das weltberühmte Hatamen-Tor in die Tatarenstadt. Die Straße vom Hatamen-Tor an, in welcher der Vorgänger von Mumm 440 „MEIN LIEBER CLIQUOT" ermordet worden war, hatte diesem zu Ehren den Namen Kettelerstraße erhalten. Uber sein Verhältnis zu den Chinesen schrieb Herr von Mumm: „Man könnte mit diesem Volk gar nicht zurechtkommen, wenn das Gefühl der Verantwortung des einen für den anderen bei den Chinesen nicht so ausgebildet wäre. Für alles, was passiert, ist mir der Headboy verantwortlich. Er wird am Ohr gezogen, wenn irgend etwas schief geht, und ihm bleibt überlassen, sich nach unten schadlos zu halten und die erhaltene Schelte weiterzugeben. Im übrigen ist das Leben infolge der Findigkeit der Chinesen und des zahlreichen Personals leicht. Man gibt Befehle und überläßt es den Untergebenen, wie sie die Ausführung möglich machen." Zu diesem letzten Satz hatte der Kaiser, dem ich den Brief von Mumm vorgelegt hatte, ad marginem geschrieben: „Bravo! Das ist mein Fall!" Ich glaube kaum, daß selten eine Randbemerkung des Kaisers die Grundanschauung Seiner Majestät prägnanter ausgedrückt hat. Am Schlüsse seines Briefes führte Herr von Mumm in verständiger Weise aus, daß er, ohne seinen russischen Kollegen, den persönlich wenig sympathischen Herrn von Giers, vor den Kopf zu stoßen, mit dem klugen Engländer Satow die besten Beziehungen unterhalte und auch mit dem Franzosen Pichon, dem nachmaligen Minister des Äußern, gut auskomme. Unter den Brief von Mumm hatte der Kaiser geschrieben: „Cliquot fängt seine Sache sehr geschickt an!" Der Gesandte Mumm von Schwarzenstein war Besitzer großer Weinberge und Kellereien in der Champagne. Während er Botschaftssekretär in Paris war, sagte sein damaliger Chef, der greise Fürst Münster, der in seinem hohen Alter leicht Namen verwechselte, zu Mumm: „Mein lieber Cliquot, warum nennen Sie sich nicht lieber nur mit Ihrem zweiten Namen Ratzenstein, das klingt besser." Münster verwechselte Mumm mit Cliquot und Schwarzenstein mit Ratzenstein. Während des ganzen Verlaufs der chinesischen Wirren war die damals von Die Mächte- Delcasse geleitete französische Politik bemüht, uns von England abzu- Gruppierung ziehen und zu einer Verständigung mit Frankreich und Rußland zunächst über Ostasien im antiengUschen Sinne zu überreden. Da jedoch die Russen hierbei kaum einen Zweifel darüber ließen, daß die Franzosen die elsaßlothringischen Ansprüche um keinen Preis fallenlassen und ihre Agitation gegen den Frankfurter Frieden trotz etwaiger Sonderabmachungen mit uns schwerlich einstellen würden, durften wir uns in Ostasien so wenig wie in Südafrika in einen Gegensatz zu England drängen lassen. Im übrigen war die damalige unbehagliche Stimmung der Russen begreif lieh. Die chinesischen Unruhen bedeuteten eine Schwächung der europäischen Machtstellung Rußlands, weil sie die ostasiatischen Friktionen zwischen Rußland einerseits, China, Japan, England und Amerika andererseits in steigendem Maße verschärften. Für Deutschland war dieser Zustand eine Entlastung WITTE HAT FURCHT VOR UMSTURZ 441 an seiner Ost- und folgerichtig auch an seiner Westgrenze. In diesem Sinne sagte mir einige Zeit später Sergej Juljewitsch Witte, als ich im Sommer 1904 mit ihm einen für uns sehr günstigen Handelsvertrag in Norderney abschloß: „Wenn Sie nicht nach Kiautschou gegangen wären, brauchte ich jetzt nicht diesen Handelsvertrag zu unterschreiben." Ich muß hinzufügen, daß Witte nichtsdestoweniger mit uns in Frieden und Freundschaft zu leben wünschte. Wie alle weiterblickenden Russen begriff er, daß ein Krieg mit Deutschland für Rußland nicht nur die Gefahr, sondern beinahe die Gewißheit eines inneren Umsturzes in sich trug. Witte war bis zu seinem Tode, sofern wir nur den mit dem Fortbestand der Türkei wie mit unseren wirtschaftlichen Interessen im türkischen Reich vereinbarten russischen Wünschen hinsichtlich der Dardanellen Rechnung trugen, ein sicherer Anhänger friedlicher und freundlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland. XXVIII. KAPITEL Der Bundesrat • Die Friedensliebe Kaiser Wilhelms II. • Mündigkeitserklärung des Kronprinzen (6. V. 1900) • Die Rechte der Krone und die Parteien • Bülows Verhältnis zum Kaiser ■ Wilhelm II. in den Briefen Eulenburgs an Bülow • Der Kaiser und Bismarck Der Kaiser und die Sozialdemokratie • Gemütszustand der Kaiserin • Intrigen Eulenburgs gegen Ihre Majestät • Eulenburgs Spiritismus • Freundschaft Wilhelms II. mit enn ich nach Prüfung der außenpolitischen Lage, die ich im Spätherbst VV 1900 nach meiner Ernennung zum Reichskanzler vorfand, meinen Blick nach innen richtete, so war ich mir natürlich wohl bewußt, daß ich nach meinem ganzen Lebensgang unseren inneren Verhältnissen noch ziemlich fernstand. Das hatte den Nachteil, daß es mir vielfach an Detailkenntnissen fehlte. Es hatte den Vorteil, daß ich ohne vorgefaßte Meinung, ohne Scheuklappen, ohne Vorurteile irgendwelcher Art an die Probleme der inneren Politik herantrat. Es hatte die gute Seite, daß ich nicht, wie in Deutschland viele, sonst treffliche, redliche und biedere Beamte und Volksvertreter, über Einzelheiten die große Linie vergaß, daß es mir nicht oder nicht so häufig wie manchem Landsmann passierte, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen. Auch beruhigte mich der Gedanke, daß in England der Bankier Goschen ein tüchtiger Marineminister gewesen war und daß in Preußen aus dem Schreiber beim Berliner Polizeiamt Christian Rother ein guter Chef der Seehandlung, ein guter Direktor der Königlichen Bank und sodann während zwölf Jahre ein ausgezeichneter Finanzminister wurde. Freilich war Rother in der ganz alten, ganz guten Zeit vor 1848 vom Schreiber zum Staatsminister aufgerückt. Bismarck hatte zu dem ehemaligen Schiffsarzt Lucius, der das ihm angebotene Finanzministerium wegen Mangels an Fachkenntnissen ablehnte, gesagt: „Das Finanzministerium ist das einfachste Ding von der Welt; wenn Bodelschwingh ihm hat acht Jahre vorstehen können, so kann das jeder." Lucius selbst war, wenn auch nicht Finanz-, so doch Landwirtschaftsminister geworden und hatte sich als solcher bewährt. War nicht aus dem Landjunker von Maitzahn-Gültz ein brauchbarer Reichsschatzsekretär, aus dem Husarenoberst von Podbielski ein sehr brauchbarer Reichspostminister geworden? Was andere Junker konnten, das konnte ich auch. dem Fürsten von Monako FLITTERWOCHEN DER KANZLERZEIT 443 Ich durfte endlich mit Genugtuung feststellen, daß ich das Vertrauen der Bundesregierungen besaß. In der Sitzung des Bundesratsausschusses Rede vor dem für auswärtige Angelegenheiten, die am 11. Juli 1900 abgehalten worden Bundesrats- war, hatte nach einem von mir gegebenen ÜberbHck über den Stand der ■^ usscnu ß chinesischen Angelegenheit wie über die gesamte Weltlage der Vorsitzende des Ausschusses, der königlich bayrische Staatsminister Freiherr von Crailsheim, im Namen des Bundesrats erklärt, die bayrische Regierung sei mit den Grundzügen der von mir dargelegten Politik einverstanden, sie würde meine Politik mit voller Uberzeugung unterstützen. Ich möge mich des Vertrauens der königlich bayrischen Regierung versichert halten. Die gleiche Erklärung gab für die sächsische Regierung Staatsminister von Metzsch ab: die sächsische Regierung billige mein Programm und meine Ziele und erkenne meine schon bewährte Politik als die richtige an. Alle übrigen Vertreter der Bundesstaaten äußerten sich in gleichem Sinne. So konnte der Vorsitzende des Ausschusses, Freiherr von Crailsheim, die abgegebenen Erklärungen dahin resümieren, daß die im Ausschuß vertretenen Bundesregierungen die von dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes dargelegte und vertretene Politik einmütig billigten. Bevor die Sitzung aufgehoben wurde, ergriff der Vorsitzende noch einmal das Wort, um zu erklären, daß nach der Überzeugung aller Bundesregierungen die Leitung unserer auswärtigen Politik gegenwärtig in guten Händen liege. Man könne mit Vertrauen in die Zukunft blicken, „solange diese Hände das Steuer hielten". Die letzten Worte hatte Crailsheim mit gewolltem Nachdruck und erhobener Stimme gesprochen. Ich stellte in meiner Erwiderung auf dieses Vertrauensvotum fest, daß meine zu meiner Befriedigung von den verbündeten Regierungen gebilligte politische Tätigkeit die Ausführung der tatkräftigen, zugleich maßvollen und besonnenen Politik Seiner Majestät des Kaisers wäre. Wenn ich stets entschlossen war, mein Bestes daran zu setzen, Kaiser Wilhelm II. ein einsichtiger Berater zu sein, so ging mir selbst damals in den Charakteristik Flitterwochen meiner Kanzlerzeit, wo der hohe Herr mich mit Beweisen von Wilhelms II. Freundschaft und Vertrauen überschüttete, mehr als einmal das melancholische Wort durch den Sinn, das Madame Mere, die Mutter des großen Napoleon, sprach, als das Kaisertum der Bonaparte auf seinem Gipfel stand: ,,Ca va bien pourvu que ca dure." Ich habe mich des Vertrauens und der Freundschaft des Kaisers Wilhelm II. nie ganz und nie wirklich sicher gefühlt. Ich habe zu ihm nie das Vertrauen gehabt, das ich in langen Jahren in Paris wie in Berlin zu dem Fürsten Chlodwig Hohenlohe, das ich zu Loe, zu dem Prinzen Heinrich VII. Reuß und dem Fürsten Otto Stolberg als Vorgesetzten, das ich zu Rheinbaben und Schorlemer, zu Bosse und Studt als Kollegen, das ich zu Franz Arenberg, zu Knesebeck und 444 WILHELM IL REITET ATTACKE August Dönhoff, zu Adolph Deines und zu Fritz Vitztum als Freunden empfand. Gewiß war auf dem Gebiet der auswärtigen Politik die Friedensliebe Seiner Majestät über jeden Zweifel erhaben. Auf Ehre und Gewissen kann ich versichern, daß Kaiser Wilhelm II. nie, in keiner Stunde meiner Ministerzeit, an einen Angriffskrieg gedacht hat. Wühelm II. hat einige Jahre vor dem Weltkrieg (wenn ich mich nicht irre, von einem pomischen Maler) ein Bild malen lassen, das in der Form eines Triptychons nebeneinander Friedrich den Großen, den Krückstock in der Hand, auf dem Schlachtfeld von Leuthen, Wilhelm I., bei Königgrätz von den siegreichen Truppen begrüßt, und Wilhelm IL, mit hochgeschwungenem Säbel an der Spitze seiner Königsulanen bei einer Manöverattacke, darstellte. Wilhelm II. verschenkte gern dieses Bild, das besser als die längste Abhandlung die ganz aufrichtige Friedensliebe Seiner Majestät zum Ausdruck brachte. Das war es, was er in Wirklichkeit wollte: „schneidige" Allüren und ein „forsches" Auftreten, aber keine wirkliche Gefahr, keine ernstbche Probe. Er hat nie andere als Manöverattacken reiten wollen. Sein Unglück war nur, daß er aus Naivität, auch aus Oberflächlichkeit, vor allem in bisweilen kindbcher Eitelkeit den Schein für Wirklichkeit nahm und zur Wirklichkeit stempeln wollte. Tatsächlich war er, soweit es sich um Krieg und Frieden handelte, eher ängstlich. Sein böser Oheim Eduard VII. hatte schon als Prinz von Wales in Paris den Franzosen, die sich wegen einer rasselnden Rede des Deutschen Kaisers alarmiert zeigten, lächelnd gesagt: „Chien qui aboie ne mord pas." Schon die Möglichkeit kriegerischer Verwicklungen erschreckte ihn, und es lag bisweilen die Gefahr vor, daß unsere Gegner im Vertrauen auf die innerliche, intensive Scheu des Kaisers vor ernstlichen Komplikationen uns zu viel bieten könnten. Womöglich noch ferner als der Plan, mit dem deutschen Heer über unsere Nachbarn herzufallen, lag Kaiser Wilhelm II. die Absicht, mit seiner gehebten Flotte England anzugreifen. Nie ist Wilhelm II. der Gedanke auch nur durch den Kopf gegangen, England mit Krieg zu überziehen. Tirpitz hatte, bis er sich von seinem Eifer für sein Ressort, für seine Sache weiter, immer weiter und schließlich zu weit fortreißen ließ, den richtigen Gedanken vertreten, wir müßten zur See so stark werden, daß ein Angriff auf uns für den Angreifer mit einem erheblichen Risiko verbunden wäre. Dann stünde ruhigen, vertrauensvollen und sicheren Beziehungen zwischen dem deutschen und dem englischen Volke auf der Basis der Gleichberechtigung nichts mehr im Wege. Das Bild, das der Phantasie Wilhelms II. als schönste Zukunftsperspektive vorschwebte, war, daß er an der Spitze einer großen, einer sehr großen deutschen Flotte eine friedliche Fahrt nach England antreten würde. Auf der Höhe von Portsmouth würde den Deutschen Kaiser der englische Souverän an der Spitze seiner Kriegsflotte erwarten. DER „WELTHISTORISCHE MOMENT ERSTER GRÜSSE" 445 Die beiden Flotten würden aneinander vorbeidefiberen, jeder der beiden Souveräne auf der Kommandobrücke seines Flaggschiffs in der Marineuniform des anderen und mit dem Ordensband des anderen. Dann würde nach dem Austausch der obligaten Umarmungen und Küsse in Cowes ein Galadiner mit herrlichen Reden stattfinden. Kein deutscher und erst recht kein englischer oder französischer Pazifist war von so ehrlicher und tiefer Friedensliebe erfüllt wie Kaiser Wilhelm II. Sein und unser Unglück war nur, daß seine Worte und seine Gesten dieser inneren Stimmung nicht entsprachen. Wenn er in Worten renommierte oder gar drohte, so war es übrigens nicht selten, um seine innere ängstliche Gemütsstimmung zu betäuben. Heinrich Heine spricht in einem boshaften Gedicht von den Kindern, die, um sich im Finstern Mut zu machen, ein lautes Lied anstimmen. Ein englisches Blatt, der „Spectator", erinnerte mit Bezug auf die vom Kaiser von Zeit zu Zeit gehaltenen hochgemuten Reden an die irische Anekdote von dem Jungen, der abends über den Kirchhof geht und seine Furcht unter Pfeifen verbirgt. Dazu kam der bedauerbche Hang zum Bramarbasieren und Renommieren, den Wilhelm II. weder von seinem edlen, ritterbchen und ganz furchtlosen, aber dabei innerlich, bescheidenen Vater geerbt hatte, noch von seinem gerade durch sein schlichtes Wesen so vornehmen Großvater Wilhelm I., noch von seiner hochgebildeten, in ihrem Auftreten fast schüchternen Mutter, noch von seinen beiden Großmüttern, der Kaiserin Augusta und der Königin Victoria, die beide durch Würde und Takt auch geistig auf der Menschheit Höhen wandelten. Das Großsprecherische im Wesen Wilhelms II. war im Frühjahr 1900 in besonders charakteristischer Weise bei dem Toast zum Ausdruck ge- Toast bei kommen, den er am 6. Mai anläßlich der Mündigkeitserklärung des Krön- Mündigk prinzen in Gegenwart des fast siebzigjährigen Kaisers Franz Josef, vor den er ^ arun S fürstlichen Vertretern aller deutschen und vieler ausländischen Staaten Kron P rin ausbrachte. Er erklärte in seiner Rede, daß es sich nicht um ein einfaches Familienfest, sondern um einen „welthistorischen Moment erster Größe" handle. Ach, diese Mündigkeitserklärung war nur ein höfisches Intermezzo. Auch die Geburt des einzigen Sohnes des Kaisers Napoleon III. und die des einzigen Sohnes des Kaisers Franz Josef, beide in meinen Jugenderinnerungen von mir gestreift, waren nicht wirkbch historische Momente. Und selbst die Geburt des Königs von Rom war kein Ereignis wie die Reformation oder die große Französische Revolution oder die Einigung Deutschlands durch Bismarck oder das italienische Risorgimento oder die Unabhängigkeitserklärung der dreizehn Vereinigten Staaten von Nordamerika. Und doch hatte von der Geburt des Königs von Rom Victor Hugo gesungen: 446 TAFEL IM WEISSEN SAAL Et l'on vit se dresser sur le monde L'homme predestine, Et les peuples beants ne purent que se taire, Car de ses deux bras il leva sur la terre Un enfant nouveau ne. An jenem 6. Mai 1900 erhob Wilhelm II. nach einem begeisterten Hymnus auf seine eigenen Vorfahren und sein eigenes Haus sein Glas mit dem Wunsch, daß allen seinen Vettern und allen seinen Oheimen die Genugtuung zuteil werden möge, die er selbst in diesem Augenblick empfinde, daß auch ihnen ihre Länder und ihre Untertanen ihre Arbeit so danken möchten, wie sie dem Kaiser seine Untertanen dankten. Von den an der Tafel im Weißen Saal mir gegenüber sitzenden Onkeln und Vettern des Kaisers Wilhelm II. sahen nach dieser gar zu selbstgefälligen Expektoration die älteren verwundert und leise froissiert aus, die jüngeren schauten ironisch drein. Jedenfalls konnte es auch für denjenigen, der die guten Absichten des Kaisers so genau kannte, der sein im Grunde edles Herz und seine in vieler Hinsicht glänzende Begabung so rückhaltlos anerkannte wie ich, nicht zweifelhaft sein, daß sein Auftreten und sein Temperament nicht nur die ständige Gefahr unliebsamer Zwischenfälle in sich barg, sondern daß immer wiederholte Entgleisungen schließlich den in Deutschland vorhandenen sehr großen Fonds an monarchischer Gesinnung gefährden müßten. Ich war entschlossen, die Grundlagen der Monarchie, die Rechte der Krone gegenüber den Parteien und gegenüber dem Reichstag mit Festigkeit und, wenn es nicht anders ging, so rücksichtslos zu wahren und zu verteidigen, wie ich mich als junger Husar auf den Schlachtfeldern der Pikardie meiner Feinde erwehrt hatte. Aber die Animosität, die den Kaiser und einen Teil seiner näheren Umgebung gegenüber dem Parlament als solchem erfüllte, teilte ich nicht. Ich wünschte nicht die Volksvertretung auszuschalten, in ihrem Ansehen herabzusetzen oder in den Hintergrund zu schieben, die Volksrechte oder auch nur die Freiheit der Presse zu beschränken. Gerade für Wilhelm II. erschienen mir diese Schranken nützlich und notwendig, schon im Hinblick auf seine Impressionabilität gegenüber Schmeichlern und Ohrenbläsern, auf die sein Vater und sein Großvater nicht hörten, die aber bei ihm leichteres Spiel hatten. Bismarck hatte gesagt, daß, wenn es kein Parlament gäbe, der Kammerdiener regieren würde. Cavour hatte gemeint: ,,La plus mauvaise chambre vaut mieux que l'antichambre." Diese meine Überzeugung war weit entfernt von Unterwürfigkeit oder auch nur von Ängstlichkeit und dadurch hervorgerufener übertriebener und schwächlicher Rücksichtnahme gegenüber den Parteien. Ich habe mich nie einer Partei ganz zu eigen gegeben, die Staatsräson stand mir immer hoch über den Fraktionen. Ich hielt es mit Jakob Grimm, der „JETZT MÄKELT ALLES" 447 nach seiner Amtsentsetzung 1838 scnrieb: „Meine Vaterlandsliebe habe ich niemals hingeben mögen in die Bande, aus welchen sich zwei Parteien einander anfeinden. Ich habe gesehen, daß Hebreiche Herzen in diesen Fesseln erstarren. Wer nicht eine von den paar Farben, welche die kurzsichtige Politik in Kurs bringt, aufsteckt, wer nicht die von Gott mit unergründlichen Gaben ausgestattete Seele der Menschheit wie ein schwarz und weiß geteiltes Schachbrett ansieht, den haßt sie mehr als ihren Gegner, der nur ihre Livree anzuziehen braucht, um ihr zu gefallen." Darum habe ich mit allen Parteien nacheinander gestritten und gekämpft: mit den Konservativen im letzten Winter meiner Amtszeit (1908/1909), mit dem Zentrum 1906, mit dem Freisinn wiederholt, mit den Sozialdemokraten fortgesetzt. Aber ich habe auch nie verkannt, daß in jeder Partei ein guter Kern war und daß es die Aufgabe einer weisen Staatsleitung ist, zwar jede Partei zu verhindern, durch fraktionelle Selbstsucht und Uberspannung ihrer Sonderinteressen das Ganze zu schädigen, andererseits aber auch die Fähigkeiten und Kräfte aller Parteien zum Besten des Ganzen zu verwerten. Im Sommer 1899 hatte mir Philipp Eulenburg von der Nordlandreise geschrieben: „Ich sehe eine Art Bitternis überall herausblicken. Früher Wilhelm II. stritt ich mich mit mäkelnden zwei oder höchstens drei, jetzt mäkelt alles B e S en den ohne Ausnahme in einer ermüdeten, hoffnungslosen Weise, die dem gesamten Gefolge ein orientalisches Gepräge von Fatalismus gibt und — von mißmutiger Angst vor dem Sultan. Es macht mich diese Erfahrung tief melancholisch. Der arme liebe Herr wird immer einsamer. Ich möchte Ihm so viel sagen — und dann schnürt sein Kalifentum mir die Kehle zu, wenn ich im AugenbUck vorher glaubte, Harun-al-Raschid gütig im Volke wandeln zu sehen!" Am folgenden Tage fuhr Eulenburg fort: „Ich ging mit dem Kaiser bei strömendem Regen zu Loenvand (Nord-Fjord). Er sagte mir: ,Wenn man das Gebaren der Leute zu Hause sieht, so kann man wirklich jede Lust verlieren, weiterzuregieren. Das einzige Mittel ist, gar nicht auf sie Rücksicht zu nehmen. Die kolossale Diskreditierung, der Zusammenbruch des Parlamentarismus macht die öffentliche Meinung krank, so wie Rußland auch innerlich krank ist. Dort flüchtete man sich deshalb in die auswärtige Politik, bei uns macht sich die Krankheit in Zerfahrenheit und Unzufriedenheit Luft. Diese hemmen die Ziele der Regierung und werfen ihr Steine in den Weg, wo sie nur können!' Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und sagte (ziemlich wörtlich) folgendes: ,Die Unzufriedenheit bemerke ich seit langer Zeit, und sie beginnt mir unheimlich zu werden, weil sich die sonst so zerrissenen Parteien in der gemeinsamen Erbitterung gegen Eure Majestät zusammenfinden.' Der Kaiser sagte: ,Das ist Mir nichts Neues! Wenn Ich den Kampf gegen Bismarck acht Jahre ausgehalten habe, so kann Mich nichts mehr besonders anfechten. Dies Argument Parlamentarismus 448 „ES MUSS JA DOCH EINMAL KRACHEN" .* kannst du gut anwenden, wenn dir die Leute mit Besorgnissen kommen!' Ich erwiderte: ,Der alte Kampf spielt in die jetzige Lage noch hinein. Er gipfelt in einem bedenklichen Gegensatz zwischen der Persönlichkeit Eurer Majestät und dem gesamten Volk. Die zweifellos moderne Seite Eurer Majestät, durch welche Sie sich an die Spitze des Neuen stellen, welche Gestalt es auch haben möge, trägt einen fast fortschrittbchen Charakter, aber sie wird paralysiert durch eine zu harte, in die Öffentlichkeit tretende Energie. Durch Reden, durch Telegramme erwecken Eure Majestät den Eindruck, den absoluten König wieder aufleben lassen zu wollen. Das aber wird von keiner Partei mehr des ganzen Reichs verstanden und begriffen. Der Parlamentarismus sitzt tief in allen deutschen Knochen, und der von Ihnen behauptete Zusammenbruch des Parlamentarismus ist nur eine Unzufriedenheit mit einigen Formen desselben.' Nicht ohne Schärfe antwortete der Kaiser: ,Ich beanspruche für Mich das freie Wort wie jeder deutsche Mann, Ich muß sagen, was Ich will, damit die vernünftigen Elemente wissen, wie und wem sie folgen sollen. Wenn Ich schweige, würde das (wörtlich!) ,völlig fertige Bürgertum' gar nicht wissen, was es zu tun hat!' Ich erwiderte: ,Taten sind für einen Herrscher besser als Worte.' Darauf Seine Majestät: ,Und die sollen sie auch zu sehen bekommen.' Dann lächelnd: ,Du hast nur Angst, daß Ich mit Gewaltmaßregeln gegen das Parlament vorgehe.' Ich erwiderte: ,Nein, Angst habe ich deshalb nicht, weil Eure Majestät mir zu oft gesagt haben, daß Sie nur eine Änderung der Verfassung vornehmen könnten, wenn aus dem Volk, aus dem Parlament heraus der bezügbche Wunsch an Sie herantrete. Sie sind ja auch ein viel zu moderner Mensch und haben viel zu viel Verstand, um nicht zu erkennen, daß Deutschland ohne ein Parlament nicht mehr leben kann und will.' Der Kaiser rief aus: ,Das heißt, es muß ein modifiziertes Parlament haben — nicht das heutige!' Ich antwortete: ,Darüber Heße sich ja einmal reden, aber auch nur auf dem angegebenen Wege. Und dieser Weg ist unfahrbar, wenn sich das Volk in seiner Mehrheit in einem Gegensatz zu seinem Kaiser befindet.' Darauf Seine Majestät: ,Wäre dies wirklich der Fall, so kommt es eben zu einer Revolution, in irgendeiner Form muß es ja doch einmal krachen. Alles führt daraufhin, und man muß deshalb den Kampf akzeptieren.' Ich sagte: ,Den inneren Kampf? Den eine Koalition der europäischen Mächte nur erwartet, um über uns herzufallen ? Die Russen bezahlen Zeitungen, die Engländer die Streiks in Hamburg, die Franzosen hetzen uns die Slawen auf den Hals, und wir laufen in die Falle.' Der Kaiser: ,Ja, wollte man diese Lage nur verstehen und begreifen, was Ich mit meinen Ermahnungen bezwecke. Aber dazu sind die Deutschen viel zu eng und kurzsichtig, aufgehend in kleinlichen Leidenschaften.' Ich rief aus: ,Und da sind wir RANKÜNE GEGEN BISMARCK 449 wieder an dem Anfang unseres Gesprächs angelangt. Die Erregung wendet sich gegen den absoluten Kaiser, und dasjenige, was diese Ansicht erwecken kann, muß vermieden werden.' Fast spottend meinte der Kaiser: ,Ich ein absoluter König!!' In diesem Augenblick trat Goertz zwischen uns, das Gespräch unterbrechend, das ich Dir, wie gesagt, fast wörtlich wiedergebe. Die Tendenz zur , Gewalt' leuchtet trotz aller Einschränkungen heraus, die S. M. sich auferlegt. Ein verhängnisvolles Mißverstehen der Lage tritt mir entgegen, das uns mit banger, quälender Sorge erfüllen muß. Wird es Dir gelingen, Ihn vor unberechenbaren Schritten zu bewahren ? Die Elemente zu beseitigen, die ihn zu Dingen treiben, deren Tragweite er nicht kennt? Der Kaiser kam später noch einmal auf das Gespräch zurück, indem er meinte: ,Bei dem, was du Mir sagst, wird Mir die kolossale Perfidie des alten Bismarck recht klar, der Mich veranlassen wollte, den Absolutismus schärfer herauszudrehen und Preußen materiell mehr (auf Kosten der Bundesstaaten) in den Vordergrund zu stellen! Ich war doch zu schlau, um auf diese Zumutung hineinzufallen, die Mich in Verlegenheit und dadurch in Abhängigkeit von ihm bringen sollte.'" Obschon er mir das Gegenteil versicherte, ließ Philipp Eulenburg es sich doch nur zu oft angelegen sein, von ihm sorgsam destilliertes, nicht selten Feststellung?, vergiftetes öl in die Glut der kaiserlichen Ranküne gegen Bismarck zu u ^ er gießen. Zu den von Eulenburg und seinem damaligen Intimus Holstein mit ^ lsmarc Vorhebe vorgebrachten Insinuationen gehörte die Behauptung, Bismarck habe den jungen Kaiser Wilhelm II. zu einem Staatsstreich im Innern überreden und ihn gleichzeitig veranlassen wollen, Österreich an Rußland zu verraten. Wilhelm II. hat namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung gern mit diesen beiden Argumenten operiert, um die Entlassung des Fürsten Bismarck zu rechtfertigen. Beide sind in Wirklichkeit mehr oder weniger sophistische Vorwände. Wilhelm II. beging, von Caprivi, Marschall und Holstein schlecht beraten, in jugendlicher Unüberlegtheit, in Geschäftsunkenntnis und Urteilslosigkeit den großen, inkommensurablen Fehler, den deutsch-russischen RückVersicherungsvertrag, noch dazu in verletzender und ungeschickter Form, zu kündigen, hat aber im weiteren Fortgang seiner Regierung mehr als einmal versucht, wieder zu einem vertragsmäßigen Verhältnis zu Rußland zu gelangen. Er hat auch bald nach dem Sturz des Fürsten Bismarck und bis an das Ende seiner Regierung von seinen Ministern nicht nur gesetzliche Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie, sondern mehr als einmal gewaltsames Einschreiten gefordert. Wenn er 1890 anders sprach, so war es, weil er damals zunächst und vor allem den ihm lästigen Kanzler loswerden wollte, nicht weil er einen Staatsstreich an und für sich als verwerflich oder ein vertragsmäßiges Verhältnis mit Rußland als einen Verrat an Österreich-Ungarn betrachtet hätte. 29 Bülow I 450 PHILI HETZT „Quand on veut noyer son chien, on dit qu'il est galeux", sagt das von mir gern zitierte französische Sprichwort. Bedenklich war die Art und Weise, wie Philipp Eulenburg im Sommer Intrigen 1899 einen auf seinem Gute Liebenberg ausgebrochenen Brand benutzte, Philipp um den Kaiser gegen die Sozialdemokratie aufzustacheln. Er schrieb lenburgs g emer Majestät, es sei erwiesen, daß Brandstiftung vorläge. Auf Veranlassung des Staatsanwalts wäre ein Arbeiter verhaftet worden, der vor einigen Jahren zugezogen sei und von dem das Gerücht ginge, daß er Sozialdemokrat wäre. Der Brand sei „entsetzlich" gewesen, der Zustand im Schloß, Wirtschaft und Dorf „fast unerträglich". Seine Kinder, die beim Löschen und Retten in wahrhaft großartiger Weise mitgeholfen hätten, schliefen, von Phantasien aller Art geplagt, keine Nacht mehr. Selbst vernünftige alte Leute sähen überall Brandstifter, Mörder und Verbrecher! Liebenberg gliche einem im Kriege verwüsteten Ort. Der Staatsanwalt sei außer sich und sehr erschrocken. Es hieß dann wörtlich: „Ich glaube annehmen zu müssen, daß Sozialdemokraten an der Arbeit sind, um Unfrieden, Sorge zu stiften. Meine Leute sind ohne Ausnahme so ungewöhnlich gut gestellt und logiert, es ist ein so gutes Verhältnis zwischen ihnen allen und meinem eigenen Hause, daß Brandlegung oder auch nur ein verbrecherischer Gedanke ausgeschlossen ist." Derartige Insinuationen waren deshalb gefährlich, weil Wilhelm II. nach seiner Mentalität und ganzen Natur die sozialdemokratische Bewegung gleichzeitig über- und unterschätzte. Einerseits hatte er sie bei der Entlassung des Fürsten Bismarck öffentlich für „eine vorübergehende Erscheinung" erklärt, deren Uberwindung er auf sich nähme. Andererseits sah er dann wieder in den Sozialdemokraten eine Rotte wüster Verschwörer und Mordbrenner, die nur auf den Augenblick lauerten, Leitern an das königliche Schloß in Berlin anzulegen, um, ein Messer zwischen den Zähnen und einen Revolver in der Hand, in die Schlafzimmer der Majestäten einzusteigen und sie samt den kaiserlichen Prinzen zu erwürgen. Wilhelm II. schätzte weder die ungeheure Gefahr richtig ein, mit der die Sozialdemokratie Macht und Glück, Wohlfahrt und Zukunft des Deutschen Reichs bedrohte, noch kannte er die tiefen Wurzeln, die sie in den Herzen der Arbeiter geschlagen hatte, die blendende Dialektik, durch die sie auch auf Gebildete wirkte, den ethischen Kern, den ich ihr, obschon ich sie als nach meiner Überzeugung für uns verderblich und unheüvoll bekämpfte, doch nicht absprechen konnte. Was den Liebenberger Brand angeht, so stellte sich übrigens bald heraus, daß die Sozialdemokratie nichts damit zu tun hatte. In allen Briefen, die ich von Eidenburg erhielt, spielte der Gemütszustand der Kaiserin eine große Rolle. Als ich kurz vor meiner Ernennung zum Reichskanzler nach Hubertusstock befohlen wurde, war mir Philipp EULENBURG GEGEN DIE KAISERIN 451 Eulenburg auf halbem Wege zwischen dem kaiserlichen Jagdschloß und Neustadt-Eberswalde entgegengekommen, hatte sich zu mir in den Wagen gesetzt und mir mit fieberhaftem Eifer auseinandergesetzt, die Kaiserin befinde sich in einer so hochgradigen Erregung, daß ihre baldmöglichste Trennung vom Kaiser geboten wäre. In Hubertusstock angekommen, wurde ich von Lucanus beiseitegenommen, der mir aus eigener Initiative sagte, er hielte es für seine Pflicht, mich auf die Intrigen aufmerksam zu machen, die Philipp Eulenburg gegen die Kaiserin spinne. Er schildere sie als aufgeregt, hysterisch, beinahe geisteskrank. Davon sei gar keine Rede. Der Kaiserin, die eine zärtliche Mutter sei, werde es nur sehr schwer, sich von ihren jüngeren Söhnen zu trennen, namentlich von dem zarten und schwächlichen Joachim. Wenn die Forderung, die Kinder aus dem Hause zu geben, plötzlich und schroff an sie herantrete, geriete sie zunächst in große Erregung. Das würde aber auch vielen bürgerlichen Frauen so gehen, ohne daß sie deshalb eingesperrt würden. ,,Die Kaiserin ist so vernünftig wie Sie und ich. Wenn sie aber für längere Zeit gegen ihren Wunsch und Willen von Mann und Kindern getrennt wird, so ist freilich nicht zu sagen, wie das auf ihren Gemütszustand einwirken kann." Ich versprach Lucanus, daß ich, soviel an mir wäre, in jeder Richtung bemüht sein würde, die von mir hochverehrte Kaiserin zu schützen. Als viele Jahre später, während der Prozesse, die Philipp Eulenburg zugrunde richten sollten, seine Versuche zur Sprache kamen, die Frau Eulenburg seines besten Freundes, des Grafen Kuno Moltke, und seine eigene Schwä- un d der gerin Klara Eulenburg, geborene von Schaeffer-Voit, die spätere Gräfin Sp irl,lsmu Alexander Wartensleben, für geisteskrank erklären zu lassen, stieg die Erinnerung an sein sonderbares Verhalten gegenüber der Kaiserin Auguste Viktoria wieder in mir auf. Welche Abgründe birgt die menschliche Natur, welche Nachtseiten, von denen sich der Rlick des physisch und psychisch Gesunden schaudernd abwendet! Lucanus sah in den Insinuationen des intimsten Freundes des Kaisers gegen die Gemahlin Seiner Majestät vor allem den Versuch, den Monarchen ganz und allein in die Hand zu bekommen. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, daß Eulenburg gleichzeitig wünschte, den Kaiser zum Spiritismus zu bekehren. Philipp Eulenburg war ausgesprochener Spiritist. Spiritistische Neigungen und Gedankengänge haben mir zeitlebens nicht nur ferngelegen, sondern sie waren und sind mir antipathisch. Wenn mir Eulenburg davon sprach, so suchte er mich vor allem davon zu überzeugen, daß seine spiritistischen Experimente ihn in seinem Gottesglauben bestärkt hätten. Was ihm die Geister enthüllten, beweise ihm die Sicherheit eines zukünftigen Lebens, wäre sein Halt in diesem Leben, sein Trost im Unglück, das Beste, was er besitze. Ich hatte ihm immer erwidert, daß ich ihm diesen Trost nicht nehmen wolle, da ich 29* 452 DER FÜRST VON MONAKO grundsätzlich jeden nach seiner Fasson selig werden lasse. Ich müßte aber von ihm die bestimmte Zusage verlangen, daß er den Kaiser nicht mit seinen spiritistischen Neigungen anstecke und nicht etwa zu spiritistischen Spielereien verleite. Das sei bei dem Naturell Sr. Majestät zu gefährlich. Nachdem mir die Mutter Seiner Majestät, die Kaiserin Friedrich, gesagt hatte, sie bäte mich dringend, dafür zu sorgen, daß Eulenburg nicht etwa seinen kaiserlichen Freund spiritistisch infiziere, denn das würde „das Ende" sein, hatte ich mit Philipp Eulenburg eine ernste Auseinandersetzung. Ich verlangte und erhielt von ihm sein Ehrenwort, daß er nicht versuchen werde, den Kaiser für den Spiritismus zu gewinnen oder in spiritistische Gedankengänge einzuspinnen. Am 5. Juli 1900 schrieb er mir aus Brunsbüttel: „Der Fürst von Monako war eben hier. Bei der langen Unterhaltung mit ihm sagte der Kaiser, daß jetzt von Frankreich gar nicht mehr die Rede in China und dem Osten sei, nur Rußland und Deutschland sprächen — alles andere schwiege. Die persönliche Verbindung zwischen ihm und dem Zaren wäre so intim und nahe wie kaum jemals vorher seit Lebzeiten Alexanders II. Ich möchte annehmen, daß Monako die interessante Nachricht an seinen Gefährten auf der ,Alice', den ehemaligen französischen Konsul in Hamburg, schleunigst mitteilt." Der Fürst von Monako gehörte zu den Ausländern, denen der Deutsche Kaiser trotz aller Warnungen mit menschlich rührendem, politisch blindem Vertrauen entgegenkam, die er nicht nur seiner Freundschaft würdigte, sondern denen er auch vieles sagte, was sie nicht zu hören brauchten. XXIX. KAPITEL Indiskretion am Berliner Hofe • Wilhelm II. und die Fremden • Der Lotse von Bari Das Sprechbedürfnis des Kaisers und seine Harmlosigkeit in Gesprächen • Einberufung des Reichstags • Debatte über die ostasiatische Expedition (19. XI. 1900) • Erstes Auftreten als Reichskanzler im Reichstag In den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hatte die Überlegenheit der preußischen Politik namentlich gegenüber Frankreich zum Kaiserliche Teil auch darauf beruht, daß der Tuilerien-Hof sehr indiskret war, daß Improvisa- fremde Diplomaten dort von Kammerherren und Hofdamen manches n erfuhren, daß die Kaiserin Eugenie in ihrer spanischen Lebhaftigkeit, der Kaiser Napoleon III. in seiner träumerischen, den Realitäten des Lebens abgewandten Art manches sagten, was sie besser für sich behalten hätten. Dagegen herrschte am Hofe Kaiser Wilhelms L die strengste Diskretion, die der König nicht nur sich selbst zur Pflicht gemacht hatte, sondern auf die er bei seiner ganzen Umgebung und bei allen seinen Dienern hielt. Jetzt war es umgekehrt. Man hörte selten von Indiskretionen am englischen Hof. Die Königin Victoria beehrte Fremde fast niemals mit politischen Ansprachen, und der Prinz von Wales war so besonnen und so schlau, daß er gelegentlich Ausländern deren Geheimnisse entlockte, aber selbst nur sagte, was er sich genau überlegt hatte. Am Berliner Hofe war die Kaiserin Auguste Viktoria sehr diskret, sie sprach nur mit ihrer allernächsten Umgebung über Politik, und auch dann mit Reserve und Vorsicht. Um so mehr sprach der Kaiser, und gerade mit Fremden sprach er besonders gern. Sie amüsierten und interessierten ihn mehr als die eigenen Untertanen. Er hoffte auch, auf diesem Wege dem Ausland im Licht eines großen Fürsten zu erscheinen. Die Berichte der fremden Vertreter in Berlin wimmelten während der ganzen Regierungszeit Wilhelms II. von zum Teil exzentrischen, zum Teil sehr unvorsichtigen Auslassungen des Monarchen. Mein alter Freund und Regimentskamerad, der Kabinettsrat der Kaiserin, Bodo von dem Knesebeck, erzählte mir gelegentlich die nachstehende kleine Episode. Gegen Ende meiner Kanzlerzeit, 1908 oder 1909, hatte der Kaiser im Frühjahr die immer mit Ungeduld erwartete Reise nach seinem geliebten schönen 454 DER LOTSE VON BARI Schloß Achilleion angetreten. Von Bari trug ihn die „Hohenzollern" nach Korfu. Knesebeck hielt sich während der Fahrt seit einer Viertelstunde in einer der sogenannten „Lauben" auf, kleinen, offenen, halb versteckten Kabinen auf dem Oberdeck, als plötzlich der Kaiser auftauchte, der mit einem anderen Herrn auf dem Deck auf und ab ging. Knesebeck mochte nicht aus der Laube hervor und dem Kaiser in den Weg treten, weil dies Seine Majestät leicht verstimmte. Er blieb also sitzen und wurde der unfreiwillige Zuhörer des von dem Monarchen sehr laut geführten Gesprächs. Der Kaiser sprach abwechselnd Englisch, Französisch, Italienisch, seltener Deutsch, er sprach über alles und jedes, über seine auswärtige und seine innere Politik, über sein persönliches Verhältnis zu allen großen Souveränen, über seine Minister, de omni re scibili et de quibusdam aliis. Knesebeck zerbrach sich den Kopf, wer der Herr sein könnte, dem der Deutsche Kaiser so offen sein ganzes Herz ausschüttete und der sich dabei selbst rein zuhörend verhielt. Er riet nacheinander auf einen englischen Lord, einen französischen Sportsmann, einen italienischen Admiral, einen russischen Großfürsten oder einen griechischen Prinzen. Als der Kaiser und sein Begleiter verschwunden waren, fragte Knesebeck einen vorbeieilenden Matrosen, wer der Herr gewesen sei, mit dem Seine Majestät so lange und so eifrig konversiert habe. „Das war der Lotse", antwortete der brave Matrose, „den wir in Bari an Bord genommen haben, damit er uns nach Korfu bringt." Wenn später der Kaiser vor Knesebeck und mir mit Ausländern eifrig große Konversation machte, pflegte Knesebeck zu mir zu sagen: „Der Lotse von Bari!" Das Sprechbedürfnis des Kaisers, sein Bedürfnis, sich zu entladen, sfogarsi, wie die Itahener es malerisch und treffend bezeichnen, war unbegrenzt. Er litt tatsächlich an der Krankheit der „parlantina", wie die (selbst gesprächigen) Itahener übertriebene Bedseligkeit nennen. Der Gefahr unüberlegter Äußerungen und Gespräche ist Wilhelm IL sich nie recht bewußt geworden, jedenfalls nicht vor der durch solche in Highcliffe geführte, sehr unbesonnene Gespräche provozierten Novemberkrisis von 1908. Bei einem der Morgenbesuche, die mir der Kaiser in Berlin fast täglich zwischen neun und zehn Uhr abstattete und während deren er gewöhnlich mit mir im Beichskanzlergarten auf und ab ging, brachte er einmal seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, mit. Der Prinz schien von vornherein verstimmt, der Kaiser war barsch und unfreundlich mit ihm. Insbesondere sprach er sich in den unfreundlichsten und schärfsten Ausdrücken über den vom Prinzen Heinrich zärtlich geliebten Schwager Seiner Königlichen Hoheit, den Zaren, aus, den er mit Kosenamen wie „Schlappier", „Jammerhuhn" und ärgeren Prädikaten belegte. Als sich der Prinz endlich mit hochrotem Kopf entfernt hatte, fragte ich den Kaiser, ob er ganz sicher wäre, KEIN PAPAGENOSCHLOSS 455 daß der Prinz bei aller zweifellosen Treue und Loyalität nicht seiner lieben Frau solche Äußerungen wiedererzählen könnte. Der Kaiser entgegnete, das sei mehr als wahrscheinlich. Ich fuhr fort: „Ich habe die größte Verehrung für die als Gattin, Mutter und Frau gleich ausgezeichnete Prinzessin Heinrich. Aber ist es völlig ausgeschlossen, daß die gute Prinzeß, was sie von ihrem Mann hört, gelegentlich ihren beiden Schwestern in Rußland, der Kaiserin Alexandra Feodorowna und der Großfürstin Elisabeth Feodorowna, oder ihrer ältesten, ganz englisch und sehr wenig deutschfreundlich eingestellten Schwester in London, der Prinzessin Viktoria Battenberg, anvertraut ?" Auch das erklärte der Kaiser für so gut wie sicher. „Nun sehen Sie", fuhr ich fort, „Sie geben sich solche Mühe um den Zaren, Sie tun fast zu viel mit Deputationen, Geschenken, Briefen, Besuchen, Aufmerksamkeiten aller Art. Und eine einzige Äußerung, wie wir sie eben hörten, kann alle Ihre Bemühungen zu Wasser machen." In seiner blitzschnellen Art und mit der ihm eigenen Dialektik entgegnete der Kaiser: „Ich bin auch der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde, der sich nie gehenlassen kann, nicht einmal vor Meinem Bruder! Sie können vor Ihren Brüdern sagen, was Sie wollen. Sie können auf Gott und auf die Welt schimpfen, Mich einen Narren und alle Minister Trottel nennen, ohne eine Indiskretion zu befürchten oder Unannehmlichkeiten für sich. Nur Ich soll immer mit einem Papagenoschloß vor dem Mund herumlaufen, sogar in Gesellschaft Meines einzigen Bruders." Ich mußte Seiner Majestät antworten, daß ich nicht Kaiser wäre und daß die höchste Würde die schwerste Bürde mit sich führe. Aber ich sagte mir innerlich, daß als Mensch Wilhelm II. in seiner natürlichen Art, wenn er sich ungezwungen gab, einen großen Zauber ausübe. Der von Philipp Eulenburg in seinem Briefe vom 5. Juli 1900 genannte Fürst von Monako war durch Erziehung und Sympathien ganz Franzose. Er war mit den meisten leitenden französischen Politikern persönlich befreundet. Als der Weltkrieg ausbrach, stellte er sich sogleich und laut auf die französische Seite und hielt Reden, in denen er seinen langjährigen Gönner Wilhelm II. in pöbelhafter Weise beschimpfte. In jenem Brief des Fürsten Eulenburg vom 5. Juli 1900 hatte es weiter geheißen: „Ich bin kontinuierlich in Angst, daß irgend gefährliche direkte Depeschen an den Zaren abgehen. Die heutige gab mir Seine Majestät zu lesen, nachdem er sie bei Tisch aufgeschrieben hatte. Diese war nicht bedenklich, der Vorschlag bezüglich der Kontrolle der Schiffe in bezug auf Waffeneinfuhr nach China in ruhiger Form gehalten." Hinsichtlich seiner Korrespondenz mit fremden Souveränen hatte mir der Kaiser wiederholt motu proprio gesagt, daß er mir alle solche Briefe vorher zeigen wolle. Es war dies auch seine ehrliche Absicht. Es kam aber doch häufig vor, daß er, wenn wir nicht an demselben Ort weilten, weil er eine Rückfrage scheute 456 DER „KRACH" IN KIEL oder in der Eile oder auch, ohne viel nachzudenken, auf eigene Faust schrieb oder telegraphierte. In den nach der russischen Revolution von den Bolschewisten herausgegebenen Briefen des Kaisers an den Zaren ist leicht zu erkennen, welche ihm ganz von seinen verfassungsmäßigen Beratern aufgesetzt worden sind, welche ihm von diesen korrigiert wurden, welche von ihm im Entwurf abgeändert oder auch von ihm ganz allein konzipiert worden sind. Ich glaube übrigens, daß auch die englischen Minister nicht alle Briefe des Königs Eduard und namentlich der Königin Victoria kontrolliert oder auch nur von allen Briefen gewußt haben. Am 14. Juli 1900 schrieb mir Eulenburg aus Trondhj em : „Man kommt Zwischenfälle gar nicht zur Ruhe und ist von früh 348 bis abends %12 beständig in auf der Unruhe. Schon das gräßliche Turnen früh um 8 Uhr kann einen entsetzen! Nordlandreise Q ott i 0 b [ st 3. M. entschieden ruhiger seit der Abreise bis auf einige kleine unbedeutende Ausbrüche. Er ist seit jener Krachgeschichte in Kiel von immer gleicher, rührend netter Zutraulichkeit und Rücksicht für mich. Ein kritischer Moment wird die Rückkehr zu der Kaiserin werden. Das ist eine ernste Frage, die für die Weiterentwicklung des Kaisers mit Gefahren verknüpft ist und von der guten Kaiserin aus Mangel an Verstand und Einsicht nicht gelöst werden wird." Der „Krach" in Kiel hatte einige Tage vor dem Antritt der Nordlandreise die Nerven des armen Phili auf eine harte Probe gestellt. Die allmählich bei Seiner Majestät aufdämmernde Erkenntnis, daß es dem Feldmarschall Waldersee nicht mehr beschieden sein würde, große Schlachten zu gewinnen, ja daß Peking ohne ihn entsetzt werden könnte, hatte Seine Majestät nach der mir durch Eulenburg von dieser Szene gegebenen Schilderung völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Er hatte über Rußland und England, die ihn „verraten" hätten, in den heftigsten Ausdrücken gesprochen, auch seine eigenen Ratgeber nicht geschont und schließlich von Eulenburg verlangt, er solle ihm ein Telegramm an das Auswärtige Amt aufsetzen, in dem er den sofortigen Abschluß eines Schutz- und Trutzbündnisses mit dem bisher von ihm verachteten und geschmähten Japan befehle. Nur mühsam war es Eulenburg gelungen, den Kaiser von diesem Gedanken abzubringen. Am 15. Juli 1900 meldete mir Philipp Eulenburg: „Gestern schrieb ich Dir, daß eine größere Ruhe eingetreten sei. Heute muß ich Dir schon mitteilen, daß gestern abend wieder ein heftiger Ausbruch stattfand, der mich mit Sorgen erfüllt. Ich ging mit Seiner Majestät und Georg Hülsen auf Deck spazieren. Wir erzählten uns harmlose Theatergeschichten. Der Kaiser sprach vom ,Publikum' im Theater und sprang auf die Berliner Gesellschaft über, von dieser zu den Konservativen, Agrariern usw. Die Heftigkeit war geradezu erschreckend, und die Sorge, die ich Dir schon früher aussprach, er könne sich, mit allen alten preußischen Traditionen brechend, DER LEIBARZT IST RATLOS 457 feindlich tatsächlich gegen die Konservativen wenden, indem er sich den Liberalen in die Arme wirft, um die Konservativen zu zerschlagen, trat mir persönlich ganz aktuell vor Augen. Ich kann nicht anders sagen, als daß ich in einen Abgrund von Haß und Erbitterung geblickt habe, der durch nichts eine Änderung erfahren kann. Ich habe das Gefühl, daß irgendeine neue in Erscheinung tretende Opposition der Agrar-Konser- vativen den Becher zum Uberlaufen bringen muß. Seine Majestät hat sich nicht mehr in der Gewalt, wenn ihn die Wut erfaßt. Gestern sah er nicht einmal, daß Matrosen in der Nähe standen, als er tobte, die jede Silbe hören konnten. Hülsen war so entsetzt, daß er nachher krank wurde . . . Ich halte den Zustand für sehr gefährlich, in dem wir uns befinden, und weiß keinen Rat, Leuthold ist auch unsicher. Er sieht eine Art Schwäche des Nervensystems in diesem Zustand, weist aber jede Befürchtung bezüglich geistiger Veränderungen entschieden zurück. Ich habe das Gefühl, auf einem Pulverfaß zu sitzen, und bin äußerst vorsichtig. Beschränke, bitte, die politischen Mitteilungen auf ein möglichst geringes Maß und erfordere Entscheidungen nur, wo sie unvermeidlich sind." Leuthold, der langjährige Leibarzt Kaiser Wilhelms L, war nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. in derselben Eigenschaft in dessen Dienst getreten. Er war ein durch und durch achtungswerter, ruhiger und treuer Mann. Am späten Abend desselben 15. Juli schrieb Eulenburg, es habe wieder bei Tisch und nach Tisch so viele Aufregungen über Lappalien gegeben, daß man nicht wisse, wohin dieser Zustand führen könne. Leuthold hätte ihm erklärt, er sei ganz ratlos. Jeder Vorschlag einer Änderung der Lebensweise würde von Seiner Majestät heftig zurückgewiesen. Es hieß in dem an mich gerichteten Brief des besten Freundes Seiner Majestät weiter: „Leuthold erklärt mir, das Leben auf dem Schiff sei keine Erholung, sondern eine Anstrengung, doch wisse er nichts Besseres vorzuschlagen. Ich sehe auch nichts anderes, als ruhig abzuwarten und Gott zu bitten, daß nicht irgend komplizierte Dinge an Seine Majestät herantreten, denn mehrere Szenen, wie ich sie in Kiel hatte, würden zu irgendeiner nervösen Krise führen, deren Form nicht vorauszusehen ist. Gute Nacht. Es ist 1 Uhr, und ich bin sehr müde. Diese Dinge gehen mir sehr nahe. Ich habe so viel Zutrauen in des Kaisers Begabung — und in die Zeit gehabt, jetzt versagt beides, und man sieht einen Menschen leiden, den man von Herzen lieb hat, ohne ihm helfen zu können!" Am 20. September 1900, vier Wochen vor meiner Ernennung zum Reichskanzler, hatte mir Eulenburg aus Rominten eine „lebhafte" Unterredung Unruhe gemeldet, die er mit Seiner Majestät über die agrarische Bewegung gehabt in Rominten hätte. Es hieß in diesem Brief: „Ich fand den Kaiser total verändert wieder: gut aussehend, frisch, einfach, natürlich und ohne Exaltation. Das Manöver, 458 SO FLIEGEN MEHRERE KÖPFE" das übrigens schrecklich gewesen sein soll durch seine Führung, die lediglich auf Knalleffekte hinauslief, hat ihn erfrischt und von mancherlei abgelenkt, was ihn nervös machte. So fand ich ihn denn viel besser, als ich nach den traurigen Erfahrungen im Juli nur irgend erwarten konnte. Ich freue mich von Herzen, daß solche Beruhigungen noch möglich sind, pourvu que cela dure! Gegen Abend Ankunft in dem sehr hübschen Cadinen. Die Unterhaltung dreht sich bei dem Abendessen und noch nachher um die Brandstiftung in meinem Liebenberg. Der Kaiser behauptet, es ginge von Sozialdemokraten aus, die mich treffen wollten, weil ich mit ihm befreundet sei." Am 21. September 1900 fuhr Eulenburg fort: „Die Majestäten reiten früh 7 Uhr mit den Adjutanten spazieren. Ich schlafe natürlich unterdessen. Nach dem Frühstück ruft mich der Kaiser auf die Gartenterrasse. Er liest die Depeschen. Ich knüpfe eine Unterhaltung an, in der ich ungefähr sagte: Die Frage in China sei entsetzlich schwierig, die Gefahr einer Verständigung Rußlands und Englands, um ihnzublamieren, groß, weniger die einer kriegerischen Koalition gegen uns. Äußerste Vorsicht sei für ihn zwingende Notwendigkeit. Ein Fehler, den er mache und der nicht mehr durch seine Beamten gedeckt werden könnte, würde alle ihm feindlichen Elemente in Deutschland einigen und eine Koabtion im Inneren heraufbeschwören, der er vielleicht weniger Herr werden könne als einer äußeren. Der Kaiser erging sich dann in Betrachtungen über die Politik der Agrarier, wobei er immer lebhafter wurde. Zum Schluß sagte er: ,Wenn die Hunde es wagen sollten, aus irgendeinem Anlaß sich gegen Mich zu wenden, in offenkundiger, systematischer, gefährbcher Weise, so fliegen mehrere Köpfe, so wahr Ich hier stehe. Denn das ist Hochverrat.' Ich hielt es für besser, abzubrechen. Wie sich der Gute wohl das Köpfenlassen im Jahre 1900 denkt ? ? . . . Später lange Mitteilungen des Kaisers über die Haltung der Kaiserin in Fragen der Erziehung der Prinzen August Wilhelm und Oskar. Sie hat schon in Berlin und Stettin erklärt, daß sie sich absolut widersetzen werde, daß die Prinzen im nächsten Jahr nach Plön kommen. S. M. befindet sich in Angst wegen einer drohenden großen Szene. Um 10 Uhr fährt der Kaiser mit mir auf das Feld, um neue Kartoffelaushebemaschinen zu sehen . . . Die Kaiserin ist beleidigt, daß sie nicht mitfahren darf, und macht mir bei Tisch die Bemerkung, daß sie natürbch nicht mitkommen dürfe, wenn ich da sei. Um 4 Uhr Fahrt zu der neuen Ziegelei, die mir S. M. zeigen will. Die Kaiserin erscheint, angebbch mit Schnupfen und Kopfschmerzen, und fährt mit uns. Vor dem Essen, als alles versammelt ist, erscheint der Kammerdiener mit der Nachricht, die Kaiserin käme nicht zum Essen. S. M. ziembch zerstreut, geht gleich nach Tisch im dunklen Garten mit mir auf und ab. Es hat eine entsetzbche Szene gegeben. Endlose Auseinandersetzungen, in denen der Kaiser fest bleibt, da er der PAROXYSMUS DER KAISERIN 459 festen Überzeugung ist, daß nicht nur für die Prinzen, sondern für die Nerven der Kaiserin eine Trennung von den beiden Prinzen eine Notwendigkeit ist. Er findet nicht das geringste Verständnis und ist voller Not und Sorge." Am 22. September schrieb Eulenburg weiter: ,,Ich begab mich nach dem Frühstück zu der Gruft des Vorbesitzers, um die schöne Aussicht zu genießen, und sah, während ich dort saß, eine Gestalt in größter Eile in den Park hinausstürzen . . . Ich wendete mich dem Weg zu und entdeckte die Kaiserin, die wie ein gehetztes Reh (ich will nicht sagen wie eine gehetzte Kuh) dem Kaiser nachstürzte. Es wunderte mich wahrhaftig, daß sie nicht der Schlag getroffen hat! . . . Die arme, liebe Kaiserin scheint wirklich in einer schlimmen Nervenverfassung zu sein! Nachmittags fuhren wir nach Braunsberg und Tilsit. Der Kaiser nahm mich sofort in sein Coupe, und es begann ein recht peinlicher, trauriger Herzenserguß. Ich willdas herausheben, was ich für das Wichtigste halte, denn diese Dinge werden für die nächste Zeit leider sehr bestimmend, sehr eingreifend in das Privatleben des Kaisers einschneiden und möglicherweise auf dem Nervenwege bedeutsam für die Politik werden. Die Kaiserin hatte die ganze Nacht Szenen gemacht mit Weinen und Schreien . . . Ein vollständiger Paroxysmus!" Im Anschluß hieran schilderte mir Eulenburg die „Ratlosigkeit" des Kaisers, den diese Krisen und Szenen ,,tot"machten. Er könne es nicht länger aushalten, die Kaiserin sei krank durch eine unmögliche Tageseinteilung. Sie könne nicht „bürgerliche" Mutter, zärtliche Gattin und regierende Kaiserin zugleich sein. Eulenburg behauptete, der Kaiser habe zu ihm gesagt: „Sage Mir um Gottes willen, wie da zu helfen ist, denn der Gedanke, die arme Kaiserin in einer Kaltwasserheilanstalt endigen zu sehen, ist entsetzbeh." Eulenburg hatte erwidert, man müsse leider bei der Kaiserin eine momentane Erkrankung des Nervensystems annehmen. Es handle sich nur darum, das ärztliche Mittel zu finden, die Heilung herbeizuführen. Die politische äußere Lage, die innere nicht minder, sei so entsetzlich schwierig, daß sie die äußerste Kaltblütigkeit und Ruhe des Kaisers erfordere. Verliere er die Ruhe im Hause durch gestörte Nächte und Szenen aller Art, so leide nicht nur er, sondern auch der Staat durch seine gesteigerte Nervosität. Es müsse Wandel geschaffen werden. Die Eingeweihten würden die etwa getroffenen Maßregeln sicherlich nur als Schutz für Seine Majestät und niemals als eine Wendung gegen Ihre Majestät auffassen. Eulenburg hatte dann einerseits die Trennung der Kaiserin von den Söhnen August Wilhelm und Oskar, so daß sie nur den jüngsten Prinzen Joachim und die Prinzessin bei sich behielt, andererseits einen längeren Aufenthalt in stiller und guter Luft empfohlen. Der Kaiser könne dann in gewissen Zeiträumen zu ihr fahren, müsse jedoch, auch wenn der Aufenthalt für vierzehn Tage 460 GEISTER UND GESPENSTER bemessen sei, unmittelbar nacb der ersten Szene abreisen. Die Kaiserin müsse durcb die Gefahr, ihn zu verlieren, zur Besinnung gebracht werden. In einem späteren Brief hob Eulenburg hervor, daß „die großen Szenen" von Seiten der Kaiserin sich häuften. Ihre Nerven bedürften der Gesundung, auch äußerlich sei schon eine Wirkung der zerstörten Nerven zu sehen in dem runzligen, früh gealterten Gesicht und den grauen Haaren. Der Kaiser hätte zu ihm, Eulenburg gesagt: „Eine Kur müsse auch deshalb gemacht werden, weil ich meine Ruhe brauche... Es ist eine Pflicht, die Ich habe, für Meine Ruhe zu sorgen." Eulenburg wiederholte immer wieder, es müsse durch eingreifende und vielleicht für die arme Kaiserin momentan schmerzliche Maßregeln das Familienglück „gerettet" werden, mußte aber selbst hinzufügen, daß große Vorsicht geboten sei, um die Kaiserin nicht völlig krank zu machen oder zu einem Verzweiflungscoup zu treiben. Am 25. September schrieb Phili, er habe, gepeinigt von Brandphantasien, wie er sie zuletzt in Liebenberg gehabt hätte, miserabel geschlafen. Der Kaiser habe einen starken Schnupfen. „Ansteckung von der Kaiserin!" Am Abend wäre von Gedankenübertragung die Rede gewesen, der Kaiser habe über die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Lebenden und Geistern gesprochen. „Alles bleibt ziemlich passiv und vorsichtig, doch eher zustimmend. Admiral Hollmann zeigte sich als unverhüllter Anhänger des Spiritismus." Offenbar um mich nicht zu beunruhigen, fügte Eulenburg hinzu, er habe, um der Konversation über Geisterund Gespenster ein Ende zu setzen, eine scherzhafte Geschichte über einen Geist erzählt, der eine gefüllte Kompottschüssel getragen habe. „Damit wendet sich die Unterhaltung der Realität zu, deren Boden der Kaiser völlig verloren hatte. Ich habe den Eindruck, daß der sehr kleine Kreis ruhiger, anständiger Leute nicht das Gehörte in die Provinz tragen wird." Nach seinen Mitteilungen hatte Philipp Eulenburg immer wieder versucht, auf die Entfernung der Prinzen hinzuwirken, und Seiner Majestät geraten, die Kaiserin mit „gebildeten Damen" zu umgeben. Er war stolz darauf, daß er den Mut gefunden hatte, dem Kaiser zu raten, wenn die Kaiserin wieder nächtliche Szenen machte, das Zimmer zu verlassen, sich in seinem eigenen Zimmer niederzulegen und die Tür abzuschließen. Der Kaiser hatte dazu genickt und „sehr bedächtig" geantwortet: „Das könnte man ja versuchen, das ist kein übler Gedanke." Eulenburg fügte hinzu: „Ich gestehe, daß eine so kindliche Naivität in seiner Zustimmung zu dem doch recht nahebiegenden, einfachen Gedanken lag, daß mir recht klar wurde, zu welchem Kultus das kaiserliche Ehebett durch die Kaiserin — und durch die Kaiserin Friedrich — erhoben worden ist." Begreif licherweise wünschte Philipp Eulenburg, daß die Kaiserin nicht von solchen Gesprächen mit dem Kaiser erfahre. „Ich hoffe", schrieb er, „daß der Kaiser um seiner ANGST VOR ENGLAND 461 Würde willen nichts der Kaiserin von meiner Unterhaltung sagt. Denn da er mir eingestand, daß die Kaiserin sehr eifersüchtig auf mich sei, sie Hebe durchaus nicht die längere Anwesenheit von Freunden, so könnte das eine höse Geschichte werden." In einem Brief vom 1. Oktober, auch noch aus Rominten, zeigte sich Eulenburg beunruhigt durch meinen kurz vorher in Friedrichsruh Herbert Bismarck abgestatteten Besuch, zu dem ich die alten freundschaftlichen Beziehungen aufrechterhielt, obschon er bei Seiner Majestät in tiefster Ungnade stand. „Menschlich wird Friedrichsruh Dir wenig geboten haben. Das Rauschen der alten Buchen ist ein Widerspruch zu dem versetzten weltlichen Ehrgeiz Herberts. Der Alte paßte besser hinein, wie ein merkwürdiges Untier, das allerhand Dämonisches daraus hörte." Über meine Sorgen und Mühen im Auswärtigen Amt tröstete Phili mich mit den Worten: „Du kannst fest davon überzeugt sein, daß solche Mühe und Not nicht umsonst für Deine Seele sind, weil Du sie Dir rein und edel erhalten hast — trotz allen Giftes, das böse Dämonen in Dich hineinzugießen versuchen, Geister, die hier nicht bestanden haben." Über die politische Stimmung des Kaisers hatte mir Eulenburg am 28. September 1900 aus Rominten berichtet: „Du kennst die Ansicht von Tirpitz über England resp. seine Angst vor England. S. M. äußerte sich scharf gegen England, und es blitzte sein Haß namentlich gegen Salisbury wie Wetterleuchten auf. Tirpitz wagte nicht, seine Angst zu zeigen. Seine Bemerkungen über die drohende große Gefahr waren sehr vorsichtig. Momentan ist also die Allerhöchste Stimmung ebenso scharf gegen England wie gegen Rußland, was zu einer Art Ruhe führt: otium cum veneno. In einer längeren Unterredung mit Tirpitz unterwegs sagte er mir, daß er die Mission Waldersee für außerordentlich gefährlich hielte. Daß alle anderen Großmächte nur darauflauerten, uns eine unsterbliche Blamage zu bereiten, sei über jeden Zweifel erhaben." Wenn ich diese in die Zeit vor meiner Kanzlerschaft zurückreichenden Briefe Eulenburgs hier anführe, so geschieht das, um, besser als ich es auf Grund eigener Beobachtungen darzustellen vermöchte, die Kompliziertheit der Verhältnisse zu beleuchten, die ich am kaiserlichen Hofe vorfand und über deren Tragweite und Tragik ich mir von vornherein vollkommen im klaren war. Wilhelm II. war eine in sich widerspruchsvolle Natur. Fürst Guido Henckel-Donnersmarck pflegte zu sagen, der Kaiser erinnere ihn an einen Würfelbecher, in dem die Würfel sich gegeneinander stoßen. Er sei keine einheitliche, in sich geschlossene, harmonische Individualität, in der sich alle Eigenschaften gegenseitig durchdringen, wie bei dem chemischen Prozeß der Amalgamierung sich widerstrebende Stoffe und Elemente verbinden. Alle Minister, und ich wahrlich nicht am wenigsten, 462 PHILIPP EULENBURG LEGT SICH ZU BETT Bülouis Kanzlerschaft hatten unter der Indiskretion Seiner Majestät zu leiden. Der Kaiser konnte aber auch verschwiegen sein wie das Grab. So hatte er seinem Intimus Eulenburg, obwohl dieser, als ich nach Hubertusstock berufen worden war, dort in der kaiserlichen Umgebung weilte, kein Wort davon gesagt, daß er die Absicht habe, mir die Nachfolge des Fürsten Hohenlohe anzutragen. Meine Ernennung zum Kanzler kam daher Eulenburg, der inzwischen Eulenburgs nach Wien zurückgekehrt war, völlig überraschend. Wie meist in solchen Stellung zu Fällen, rettete er sich dadurch, daß er sich zunächst ins Bett legte. Erst vierundzwanzig Stunden nachdem er meine Ernennung erfahren hatte, schrieb er mir: „Geliebter, guter Bernhard, ich liege an Erkältung zu Bett, doch kann ich meinen Dienst verrichten — und viel, viel über Dich nachdenken. Zu schreiben vermochte ich vorgestern und gestern nicht; ich war zu elend. Als ich jung war und der damals so schönen Elisabeth Hatzfeldt huldigte, schrieb sie mir in ein Stammbuch: ,Nicht träumen sollt ihr euer Leben — erleben sollt ihr, was ihr träumt!' Nun, ich habe in vieler Hinsicht mehr erlebt, als ich geträumt habe; im ganzen aber total andere Dinge, als ich geträumt habe — und schreckliche dazu. Du hast aber genau das erlebt, was Du geträumt hast — und zwar mit einer seltsamen Stetigkeit vorschreitend, für die Du Gott sehr dankbar sein mußt. Du bist nicht, wie ich, herumgezerrt und -gerissen worden in erschreckenden Kurven und hast nicht schließlich statt des geträumten Lorbeers um die Harfe einen Fürstenhut, ganz auf dem linken Ohr hängend, erwischt! Eine der besten Aufgaben, zu denen mich aber Gott bestimmte, war mein Eingreifen in Deinen Lebensgang. Dieses Eingreifen, das ich stets als eine Mission empfunden habe. Ich weiß sehr genau, was ich von gewissen sehr seltsamen und feinen Empfindungen zu halten habe, die mich bisweilen ergriffen! Erinnerst Du Dich eines langen Gespräches auf der grünen Semmeringer Matte, wo wir das Programm machten: Du solltest Staatssekretär eine Zeitlang bleiben, um das Berliner Terrain, die innere Politik ä fond kennenzulernen. Dann solltest Du Reichskanzler werden zu einem Augenblick, wo keine Krise bestünde. Das ist merkwürdig genau eingetroffen, wenn mir auch, das gestehe ich offen, die Zeit als Staatssekretär für Dich etwas lang wurde. Daß schließlich die Wendung so schnell eintreten konnte, daß Du mir acht Tage vorher in Berlin noch das Verbleiben Hohenlohes als unumstößlich darstellen konntest, spricht dafür, daß wir in der Zeit der Überraschungen leben. Ich gestehe Dir, daß ich nicht daran glaubte, daß Hohenlohe noch einmal vor den Reichstag treten würde. Ein sehr alter Mann kann ja der Welt viel bieten, er nähert sich auch darin dem Kinde, ehe die öffentliche Meinung ,stutzig' wird, aber hier war doch eigentlich die Grenze des Möglichen lange überschritten, und das wird Lucanus auch gefunden haben. Mir träumte letzthin — es gibt eben merk- DIE BALANCIERSTANGE 463 würdige Träume —, Hohenlohe schnitte mir die Fußnägel!! Ich weigerte mich lebhaft und begriff es nicht. ,Sehen Sie denn nicht', sagte er, ,daß diese gekrümmte Lage mir jetzt die bequemste ist?' Dieser Unsinn wäre wahrhaftig ein Vorbild für den Simplicissimus! Du wirst mir, wenn wir uns wiedersehen, erzählen, wie die Wendung in Homburg kam, die Dich plötzlich zum ersten Manne im Deutschen Reich machte. Es scheint in dem Zwiegespräch zwischen Kaiser und Hohenlohe die Lösung etwas Unabsichtliches' gehabt zu haben. Im Leben geht es bisweilen so zu. Ein Vetter von mir machte in einem Hause einen Besuch mit der Absicht, der Mutter anzudeuten, daß er die Tochter nicht heiraten könne. Als er aber davon zu stammeln begann, schloß ihn die Mutter in die Arme und holte schnell die Tochter. So war denn alles plötzlich anders gekommen, als er es sich gedacht hatte! Wie schwer Du es haben wirst, mein geliebter Bernhard, das spüre ich schon in den Zeitungsbemerkungen, die den ,starken Mann' in Dir ganz unverhüllt betonen zur Zügelung des armen lieben Herrn. Deutschland befriedigen und den Kaiser nicht verletzen — das steht auf Deiner Fahne. Gott wird Dir auf dem Seile, auf dem Du gehen mußt, die Balancierstange halten — das ist meine Hoffnung und meine Zuversicht! Daß Du als Entree Europa Dein Abkommen mit England vorsetztest, ist, abgesehen davon, daß die Sache unvergleichlich an sich ist, ein Meisterstück Deiner Taktik. Dein treuer alter Philipp." Eulenburg war, nachdem er sich in der Gunst des Kaisers festgestzt hatte, eifrig und ehrlich bemüht gewesen, die Aufmerksamkeit Seiner Majestät auf mich zu lenken. Er war überzeugt, daß ich dem Kaiser wie dem Lande würde nützliche Dienste leisten können. Es war ihm auch erwünscht, einen Freund in einflußreicher Stellung zu haben. Und endlich war er, wie ich auch heute noch überzeugt bin, von herzlicher Freundschaft für mich erfüllt seit der Zeit, da ich ihm und seiner Familie in Paris nähergetreten war. Er hatte gemeinsam mit seinem damaligen Intimus, späteren Todfeind Holstein meine Ernennung zum Botschafter in Rom eifrig betrieben. Später hatte er alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit ich, nicht gerade zu meiner Freude, als Staatssekretär nach Berlin berufen wurde. Meine Erhebung zum Reichskanzler dagegen entsprach weder seinen Erwartungen noch seinen intimeren Wünschen. Nicht als ob er mir gegenüber gemeinen Neid empfunden hätte. Aber einmal war, wie ich von Lucanus wußte, sein Kandidat für den Reichskanzlerposten der Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg, an dessen Stelle als Statthalter in Straßburg er selbst zu treten wünschte. Straßburg blieb bis an das Ende seiner Laufbahn das letzte Ziel seines Ehrgeizes. Und endlich fürchtete er wohl, daß ich als Reichskanzler dem Kaiser persönlich näherkommen würde als er selbst und daß er dadurch nach und nach für Seine Majestät entbehrlich werden 464 LÖWE UND TIERBÄNDIGER könne. Ich sage nicht, daß Eulenburg ein Zerwürfnis zwischen dem Kaiser und mir wünschte. Aber er war überzeugt, daß bei der Natur Wilhelms II. meine Kanzlerschaft mit einem solchen endigen würde. So betrachtete er meine Wirksamkeit als Kanzler etwa mit den Empfindungen, von denen beseelt jener Engländer dem seinerzeit berühmten Tierbändiger Beatty durch den ganzen Kontinent nachreiste und jeder seiner Produktionen beiwohnte, immer in der sicheren Erwartung, den spannenden Moment zu erleben, in dem der Löwe über Beatty herfallen und ihn auffressen würde. Daß der Reichstag nicht schon im Sommer 1900 im Hinbbck auf die Einberufung Chinawirren einberufen wurde, war in erster Linie darauf zurückzuführen, des Reichstags j a ß d er Kaiser und ich den Reichskanzler Hohenlohe bei seiner körperlichen Schonungsbedürftigkeit nicht den aller Voraussicht nach stürmischen parlamentarischen Debatten aussetzen wollten. Nach meiner Ernennung zum Reichskanzler vertrat ich beim Kaiser den Standpunkt, daß der Reichstag nun so bald als möglich einberufen werden müsse. Der Kaiser sah es im allgemeinen Heber, wenn der Reichstag nicht beisammen war, stimmte aber schließlich der Einberufung zum 14. November zu. Am 19. November begann die Debatte über die chinesische Frage, die vier Tage in Anspruch nahm. Am 24. November folgte die Interpellation wegen der Zwölftausend- Mark-Affäre. Mitte Dezember kamen die Burenfrage und der Nicht-Empfang des Präsidenten Krüger zur Sprache. Ich hatte als Staatssekretär des Äußern mehrfach im Reichstag das Wort ergriffen, stand aber jetzt, zum erstenmal vor langen und großen Debatten, wo nach allen Seiten Front gemacht werden mußte. Während ich diese Erinnerungen niederschreibe, liegt ein Zeitungsbericht über eine bewegte Reichstagssitzung vor mir, wo das dem gegenwärtigen Reichskanzler sehr freundlich gesinnte Blatt feierlich und mit einer gewissen Rührung schildert, wie gewissenhaft der erste Beamte des Reichs seine lange Rede verlesen habe. „Der Reichskanzler", heißt es in diesem Parlamentsbericht, „erhebt sich und eilt ans Rednerpult. Rasch entfaltet er sein ziemlich umfangreiches Manuskript. Alles ist darin Wort für Wort vorgezeichnet. Für rhetorische Abweichungen ist kein Raum gelassen. Der Kanzler hat auch keine Gelegenheit dazu, denn Zwischenrufe erfolgen kaum, und wenn welche laut werden, sind sie belanglos und erheischen keine Erwiderung." Ein solches Ablesen einer Rede wäre vor fünfzehn oder zwanzig Jahren bei uns nicht möglich gewesen, geschweige denn auch heute in irgendeinem anderen Lande. Ein französischer, italienischer oder englischer Minister, der an seinem Manuskript kleben würde wie ein unbeholfener Kandidat der Theologie, der seine Predigt nicht zu Ende bringen kann ohne ein großes weißes Papier vor sich, würde dort unter allgemeinem Hohn- EUGEN RICHTERS KRANKER BRUDER 465 gelächter seinen Platz räumen müssen. Aber schon in jenen nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Pflege der deutschen Sprache und der deutschen Redekunst glücklicheren Zeiten bei Beginn des Jahrhunderts fiel mir auf, wie wenig Replik den meisten deutschen Volksboten zu Gebote stand. Namentlich auf ironische Wendungen wußten sie fast nie etwas zu erwidern. Ein alter Pariser Witz, ich glaube, er stammt von Alphonse Karr, behauptet, ein deutscher Besucher von Paris habe einmal ohne sichtbaren Grund nachmittags zwischen drei und vier Uhr laut zu lachen begonnen. Von französischen Freunden über den Grund dieser plötzlichen Heiterkeit befragt, habe er erwidert: nun erst hätte er den Witz verstanden, den er gestern abend im Theater gehört habe. Sarkastische Wendungen im Redegefecht werden bei uns im Parlament zunächst kaum begriffen. Erst wenn die Presse sie unterstrichen hat, werden sie erfaßt und je nach dem Parteistandpunkt als vorzüglicher Witz beifällig belacht oder als frivoler Scherz mit Entrüstung zurückgewiesen. Während der Diskussion über die nach der Meinung der Opposition, insbesondere auch der freisinnigen, zu späte Einberufung des Reichstags legte, vom Hause und von den Tribünen unbemerkt, ein mir persönlich nicht bekannter Abgeordneter ■— ich hörte später, es wäre ein Sozialist gewesen — einen Zeitungsausschnitt vor mich auf den Tisch. Als ich ihn zur Hand nahm, sah ich, daß es ein Artikel war, den die „Freisinnige Zeitung", das Organ des Abgeordneten Richter, im Sommer über die Frage der Einberufung des Reichstags gebracht hatte und der, wenn auch in verklausulierter Form, ein Zusammentreten der Volksvertretung schon im Sommer für unangebracht erklärte. Ich benutzte sogleich diese Auslassung, um den Führer der Freisinnigen unter großer Heiterkeit des Hauses in Widerspruch mit sich selbst zu setzen*. Am nächsten Tage erzählte mir ein Parteifreund von Eugen Richter, der fragliche Aufsatz der „Freisinnigen Zeitung" sei allerdings von Eugen Richter selbst geschrieben worden. Der Grund für sein Eintreten gegen eine frühere Einberufung des Reichstags mache aber dem guten, ja weichen Herzen des nach außen so bärbeißigen Demokraten nur Ehre. Sein Bruder sei von einem schweren, qualvollen und unheilbaren Leiden befallen worden, und der Wunsch, ihm während der letzten Wochen seines Lebens in dessen Todesstunde nahe zu sein, habe ihn zum Widerspruch gegen eine frühere Einberufung des Reichstags veranlaßt. Ich ließ Herrn Richter sofort wissen, daß, wenn dieser Sachverhalt mir bekannt gewesen wäre, ich ihn wegen dieser Frage nicht angegriffen und ihn namentlich nicht zum Objekt der Heiterkeit des Hauses gemacht haben würde. Herr Richter dankte mir persönlich, als ich ihm einige Tage später im * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 143; Kleine Ausgabe I, S. 161. 30 Bülow I 466 DIE HUNNENBRIEFE Couloir des Reichstags begegnete. Ich habe oft gedacht, wie anders manches in Deutschland verlaufen wäre, wenn Fürst Bismarck seinen Gegnern gegenüber hier und da den Menschen hervorgekehrt hätte, nicht nur den unerbittlichen politischen Antagonisten. Ich bin überzeugt, daß ein so gewaltiger Mann, dessen Größe ja nicht zu bestreiten war, Richter und Lasker, Windt- horst und Rickert menschlich hätte näherkommen können. An politischem Kampf würde es auch dann natürlich nicht gefehlt haben, aber er wäre nicht so gehässig, nicht so giftig geführt worden, wie dies bei uns vielfach der Fall war. Im Gegensatz zu manchen anderen linksstehenden Politikern hatte August Bebel Sinn für das Komische. In seinen Reden trat dies nur selten hervor, dazu war er zu pathetisch, auch zu fanatisch. Aber als ich seinen heftigen Klagen über die angebliche Grausamkeit deutscher Soldaten in China das für unsere Soldaten günstige Zeugnis des chinesischen Gesandten in Berlin gegenüberstellte und daran die Bemerkung knüpfte, daß hinsichtlich der Beurteilung chinesischer Vorgänge der chinesische Gesandte mir mehr Vertrauen einflöße als er, denn der sei doch ein geborener Chinese, Bebel aber nur ein freiwilliger Chinese, ein Chinese aus Wahlverwandtschaft*, quittierte Bebel diese Wendung mit ungekünstelter Heiterkeit. Meine Verteidigung der Ehre und des guten Rufs unserer braven Soldaten fand übrigens den Beifall der großen Mehrheit des Reichstags. Es war ja auch nur in Deutschland möglich, daß die sozialistische Presse sich bestrebte, die Soldaten des eigenen Landes durch Veröffentlichung angeblicher Soldatenbriefe aus China im Lichte grausamer Barbaren erscheinen zu lassen. Daß die sozialistische Presse diese zum größten Teil ohne Frage erfundenen Briefe als „Hunnenbriefe" bezeichnen konnte, war die Folge der bedauerlichen Entgleisung des Kaisers in seiner Bremer- havener Rede vom 27. Juli 1900. Aber ein solches Beschmutzen des eigenen Nestes, wie sich dies damals unsere sozialdemokratische Presse leistete, wäre in keinem anderen Lande von der öffentlichen Meinung geduldet worden. * Fürst Biilows Reden, Große Ausgabe I, S. 151; Kleine Ausgabe I, S. 171. XXX. KAPITEL Die Zwölftausend-Mark-Affüre • Interpellation im Reichstag ■ Bülow tritt für den Grafen Posadowsky ein. • Dessen Charakteristik • Die Burenfrage • Hitzige deutsche Begeisterung für Präsident Krüger • Bülows Reden zur Burenfrage • Rundreise bei den größeren deutschen Höfen • München, Prinz Luitpold • Berichte des Grafen Monts über den Verlauf des Münchencr Besuchs • Stuttgart, Reich und Bundesstaaten PVer erste Kollege, den ich nach meinem Amtsantritt in Berlin aufsuchte, JL'war der Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky gewesen. Gerade Der Zentral- weil ich wußte, daß er gehofft hatte, selbst Reichskanzler zu werden, und daß verband der meine Ernennung eine Enttäuschung für ihn bedeutete, war ich ihm mit Industriellen besonderer und aufrichtiger Freundlichkeit entgegengekommen. Aber trotz aller Liebenswürdigkeit von meiner Seite war es mir nicht gelungen, den Winter seines Mißvergnügens zu verscheuchen. Wenige Tage später ließ sich Graf Posadowsky spät am Abend, zwischen 11 und 12 Uhr, bei mir melden, um mir mit allen Zeichen der Erregung und Bestürzung mitzuteilen, daß die sozialdemokratische „Leipziger Volkszeitung" ein von dem Abgeordneten Bueck unterzeichnetes Schreiben des Vorstandes des Zentralverbandes deutscher Industrieller an mehrere große Unternehmer veröffentlicht habe, das ihn, den Staatssekretär, in eine überaus peinliche Lage bringe. Es hieß in diesem Schreiben, das Reichsamt des Innern habe dem Vorstand gegenüber den Wunsch geäußert, daß die Industrie ihm 12 Ü00 Mark zum Zweck der Agitation für den Entwurf eines Gesetzes zum Schutz des gewerbHchen Arbeitsverhältnisses zur Verfügung stellen möchte. Der Vorstand habe diese Angelegenheit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralverbands, Herrn Geheimen Finanzrat Jencke, unterbreitet, der es „aus naheliegenden Gründen" für zweckmäßig erachtet habe, „dieses etwas eigentümliche Verlangen" nicht zurückzuweisen. Jencke habe für die Firma Krupp 5000 Mark für den erwähnten Zweck zur Verfügung gestellt. Herr Bueck hatte den Artikel der „Leipziger Volkszeitung" dahin richtiggestellt, daß der Vorgang sich nicht 1898, sondern 1899 zugetragen habe, im übrigen aber die Authentizität seines Schreibens nicht bestritten. Graf Posadowsky, der augenscheinlich völlig die Nerven verloren hatte, fürchtete einerseits, daß der Kaiser ihn fallenlassen würde, andererseits 3C* 468 WOEDTKES OPFERUNG besorgte er sehr heftige Angriffe von Seiten der Sozialisten und ein Abrücken der Freisinnigen und namentlich des Zentrums von dem kompromittierten Staatssekretär. Ich sagte ihm sogleich, daß ich einen verdienten und hervorragenden Beamten wegen eines Vorfalles, bei dem es sich in keiner Weise um einen Mangel an Pflichttreue oder gar an Integrität handle, sondern höchstens um eine Unbesonnenheit, unter gar keinen Umständen im Stich lassen würde. Ich übernähme die Bürgschaft für eine richtige Beurteilung der ganzen Angelegenheit durch Seine Majestät den Kaiser. Im Reichstag würde ich selbst für den Staatssekretär eintreten. Sichtlich beruhigt setzte mir Graf Posadowsky nunmehr auseinander, daß die Verantwortung für die ganze Angelegenheit nicht eigentlich er selbst, sondern der Direktor im Reichsamt des Innern Dr. von Wo e d t k e trage, der den Generalsekretär des Zentralverbandes, Herrn Bueck, gebeten habe, die fragliche Summe von 12000 Mark zur Verfügung zu stellen. Wenn ich mir heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, klarmache, daß dieser ganze Sturm wegen 12000 Mark entstanden war, so wird mir recht deutlich, in welchem Zustand fast paradiesischer Unschuld wir uns im alten Deutschland befanden. Im Prozeß Erzberger handelte es sich um ganz andere Pudenda und um ganz andere Summen, und einer nicht geringen Anzahl Machthabern der Repubhk sind weit schlimmere Sünden vorgehalten worden als die Andeutung, daß 12000 Mark für Agitationszwecke der Regierung nicht unerwünscht sein würden. Aber wir lebten damals im Obrigkeitsstaat, dessen leitende Männer nicht die Rhinozeroshaut der Koryphäen des „Volksstaats" besaßen und in puncto Ehrbarkeit und Integrität sogar sehr pointillös waren. Bevor er mich verließ, erbat Graf Posadowsky, nachdem er mir für mein freundschaftliches Entgegenkommen auf das wärmste gedankt hatte, die Erlaubnis, den Sachverhalt „in objektiver Weise" in der Presse beleuchten zu lassen. Es geschah dies denn auch durch einen Artikel in der ministeriellen „Berliner Korrespondenz", in dem es hieß: „Auf Anregung und durch Vermittlung des Direktors im Reichsamt des Innern Dr. von Woedtke hat der Generalsekretär Bueck eine Summe von 12000 Mark zur Verfügung gestellt. Diese ist zur Deckung der Kosten verwendet worden, die durch Druck und Verbreitung amtlichen Materials entstanden sind. Über die Verausgabung der Summe behufs Verbreitung des bezeichneten, in den Drucksachen des Reichstags bereits niedergelegten amtlichen Materials besitzt der genannte Beamte urkundliche Belege." Am 24. November fand im Reichstag die Verhandlung über die von Sozialistische sozialdemokratischer Seite eingebrachte Interpellation statt. Der soziahsti- Interpellation sehe Abgeordnete Auer begründete seine Anfrage in würdiger, maßvoller Form. Ignaz Auer war eines der sympathischsten Mitglieder der sozialisti- DER ZWÖLFTAU SEND-MARK-SKANDAL VOR DEM REICHSTAG 469 sehen Fraktion. Sohn einer armen Pfälzer Magd, hatte er durch angeborene Begabung, aber auch durch unermüdlichen Fleiß sich eine tüchtige Bildung erworben und war fortdauernd bemüht, die Lücken seines Wissens zu ergänzen. Der Vertreter der „Kölnischen Zeitung" in Berlin, Herr von Huhn, erzählte mir gelegentlich, daß er bei einem gemeinsamen Mittagessen dem Abgeordneten Auer sein Erstaunen über dessen Vertrautheit nicht nur mit unserer Gesetzgebung, sondern auch mit unserer gesamten inneren Politik ausgesprochen habe. Mit einem wehmütigen Lächeln habe ihm Auer, halb im Scherz und halb im Ernst, erwidert: „Ich würde all mein Wissen darum geben, wenn ich genau wüßte, ob man Fisch und Spargel nur mit der Gabel oder auch mit dem Messer essen kann." Ich habe auf Männer wie Auer immer nur mit Sympathie geblickt, mit großer Achtung und mit Verständnis für ihre Ideale. Es war, nebenbei gesagt, Herr von Huhn, der meine Aufmerksamkeit auf den späteren Abgeordneten Eduard Bernstein lenkte, der damals als Flüchtling in London lebte, da ihm infolge einer früheren Verurteilung die Rückkehr nach Deutschland versagt war. Ich ließ die Angelegenheit in Ordnung bringen, und Eduard Bernstein konnte nach Deutschland zurückkehren, wo er im Reichstag und in der sozialdemokratischen Fraktion eine bedeutsame Rolle spielen sollte, nicht immer zur Freude des fanatischen August Bebel, aber mit zweifelloser Ehrlichkeit und Überzeugungstreue. Von allen Parteien war uns gesagt worden, die Voraussetzung für eine Beilegung des durch die Zwölftausend-Mark-Affäre hervorgerufenen Skandals sei, daß Graf Posadowsky nicht selbst das Wort ergriffe. Andernfalls wären tumultuarische Szenen zu erwarten. Graf Posadowsky nahm also neben mir Platz, beteiligte sich aber nicht an der Debatte. Ich hob in meiner Rede hervor, wie lächerlich es wäre, bei diesem Anlaß von einem „Panama" und von einer „Maffia" zu sprechen. Das französische Panama wäre wirklich ganz anders gewesen, und die sizilianischen „Maffiosi" schauten nicht aus wie Berliner Geheimräte. Ich erklärte mit Nachdruck, daß ich die eminente Arbeitskraft, die Geschäftserfahrung, die Kenntnisse und den Charakter des Grafen Posadowsky trotz aller gegen ihn gerichteten Angriffe immer gleich hochstelle. Im vollen Einverständnis mit ihm selbst wäre ich jedoch der Ansicht, daß derartige Wege in Zukunft nicht wieder eingeschlagen werden sollten. Uber diese meine Auffassung und Willensmeinung als des allein im Reich leitenden Ministers hätte ich das beteiligte Ressort nicht im Zweifel gelassen. Ich stünde auch nicht an, trotz des guten Glaubens, in dem die beteiligten Beamten gemeint hätten einer Vorlage der verbündeten Regierungen zu dienen, den dabei eingeschlagenen Weg als einen Mißgriff zu bezeichnen. Zu weiteren Maßnahmen sähe ich mich nicht veranlaßt, denn vor Intrigen und Angriffen aus dem Hinterhalt beugte ich mich nicht, vor dunklen und unlauteren Machenschaften wiche 470 EINE LEICHENFEIER ich nicht zurück. Solchen Treibereien und Machenschaften räumte ich keinen Einfluß ein auf meine amtlichen Entschließungen. Im übrigen könnte die Sozialdemokratie versichert sein, daß ich keine Neigung empfinde, ihr je wieder ähnlichen Agitationsstofl" zuführen zu lassen. Etwa acht Tage nach dieser meiner Erklärung, durch die ich das ministe- Tod rielle Leben meines Kollegen Posadowsky um sieben Jahre verlängerte, Woedtkes ersuchte mich der Ministerialdirektor von Woedtke um eine Unterredung. Ich sah einen gebrochenen Mann vor mir. Mit allen Zeichen nicht sowohl der Erregtheit als tiefen Schmerzes sagte er mir, er habe das Bedürfnis, sich vor seinem obersten Vorgesetzten moralisch zu rechtfertigen, ohne daran irgendein Ersuchen zu knüpfen. Als die „Leipziger Volkszeitung" das Schreiben des Herrn Bueck veröffentlicht hätte, habe Graf Posadowsky ihn sofort kommen lassen und ihm gesagt: Wenn dieser Vorwurf des sozialdemokratischen Blattes auf ihm, dem Minister sitzenbleibe, wäre seine amtliche Zukunft vernichtet. Er, Woedtke, möge die Verantwortung auf sich nehmen. Einerseits gehöre die ganze Angelegenheit in sein Ressort, andererseits würde der Vorfall ihm als einem mehr im Hintergrunde stehenden Beamten weiter nicht schaden. Daraufhin habe er, Woedtke, seine Zustimmung gegeben, daß in der Richtigstellung der „Berliner Korrespondenz" auf ihn als Anreger und Vermittler des Gesuches um die Summe von 12000 Mark hingewiesen würde. Nachdem er nun derartig zum Sündenbock gestempelt worden sei, habe Graf Posadowsky sich auch äußerlich von ihm abgewandt und ihm sogar verboten, sich weiter im Reichstag und in den Reichstagskommissionen zu zeigen. Ich habe selten einen Mann vor mir gesehen, der mir so tiefes Mitleid einflößte wie dieser langgediente, wohlverdiente und zweifellos durch und durch ehrenhafte Beamte. Herr von Woedtke starb einige Wochen später, nicht, wie getuschelt wurde, durch Selbstmord, aber infolge seebscher Erschütterung. Als unter den Kollegen des Grafen Posadowsky die Frage erörtert wurde, ob dieser der Leichenfeier seines Untergebenen beiwohnen würde, meinte einer der Minister, es wäre besser, daß Posadowsky nicht im Trauerhause erschiene. Sonst könnte es ihm ergehen wie Hagen, als der an die Leiche von Siegfried trat imd dessen Wunden wieder zu bluten anfingen. Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, Wenn man den Mordbefleckten bei dem Toten sieht, So bluten ihm die Wunden heißt es im Nibelungenlied. Graf Arthur Posadowsky war ein Mann von vielen und starken Vorzügen. Ich habe selten, selbst in Deutschland, dem Land der Arbeit, eine ähnliche Arbeitskraft gesehen. Er beherrschte alle Zweige und Materien seines um- OHM KRÜGER WILL NACH BERLIN 471 fangreichen Ressorts in staunenswerter Weise. Es wurde ihm mit Recht nachgesagt, daß er der einzige Mensch in Deutschland wäre, der alle Bestimmungen nicht nur der Gewerbeordnung, sondern auch sämtlicher Versicherungsgesetze kenne. In jedem Lande der Welt würden seine Kenntnisse und seine Leistlingsfähigkeit ihm eine hervorragende Stellung gesichert haben. Aber von ihm galt das Wort, das in der Apokalypse an den Engel der Gemeinde zu Ephesus gerichtet wird: „Ich weiß deine Werke und deine Arbeit, und bist nicht müde geworden, aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlassest." Es fehlten dem in so mancher Hinsicht ausgezeichneten Manne die Liebe, die menschliche Güte, das Herz. Wie er hart war mit seiner originellen, gar nicht weltklugen, aber gescheiten und herzensguten Frau, so war er es auch mit den Menschen, mit denen ihn das Schicksal zusammenführte. Vielleicht war es der lange Kampf ums Dasein, der einen harten Panzer um sein Herz gelegt hatte. Er hatte eine schwere Jugend gehabt und sich ohne Konnexionen, ohne Vermögen durchschlagen müssen. Er konnte sich auf das Wort des Tacitus berufen: „Eo immitior, quia toleraverat." Wenn es mir bei der rednerischen Unbeholfenheit der meisten deutschen Volksvertreter nicht schwer fiel, die Entgleisungen des Kaisers vor dem Reichstag wieder einzurenken, leider damit noch nicht vor Europa, und wenn mir auch die Rettung des Grafen Posadowsky gelang, so lagen hinsichtlich der Burenfrage die Dinge verwickelter. Am 19. Oktober 1900 hatte sich der Präsident Krüger in Laurenzo Marques nach Europa eingeschifft. Am 2. Dezember traf er in Köhl ein, um sich von dort nach Berlin zu begeben. Die Kölner bereiteten ihm einen enthusiastischen Empfang. Als der Kaiser die Nachricht in den Morgenblättern gelesen hatte, bat er mich sogleich nach dem Neuen Palais und sagte mir in großer Erregung: gleichzeitig mit der Kunde von der Ankunft des Präsidenten Krüger in Deutschland habe er ein Telegramm seiner Großmutter, der Königin Victoria, erhalten, in dem sie ihn dringend bäte, im Interesse guter Beziehungen zwischen dem deutschen Volk und dem englischen Volk, die ihr sehr am Herzen lägen, den Präsidenten nicht zu empfangen. Ich erwiderte, daß bei aller Verehrung für die weise und deutschfreundliche Königin die Rücksicht auf die Großmutter Seiner Majestät meine politischen Entschließungen und Ratschläge nie beeinflussen würde. Aber ohne Rücksicht auf das Telegramm Ihrer Großbritannischen Majestät, von dem ich Seine Majestät bäte nach außen nichts verlauten zu lassen, wäre ich der Ansicht, daß im Interesse freundlicher und friedlicher Beziehungen zwischen Deutschland und England, also auch im deutschen Interesse, der Kaiser besser tun würde, den Präsidenten Krüger nicht zu empfangen. Ich würde diesen Standpunkt im Reichstag ohne Zögern und mit Nachdruck vertreten. Der 472 DIE BURENBEGEISTERUNG Kaiser war sehr erfreut. Ihm lag in diesem Augenblick vor allem daran, seine englischen Verwandten, für die er abwechselnd schwärmte, um dann wieder in eine gereizte Stimmung gegen die „verfluchte family" zu verfallen, nicht vor den Kopf zu stoßen. Nach Berlin zurückgekehrt, wies ich den kaiserlichen Gesandten in Luxemburg Herrn von Tschirschky an, sich nach Köln zu begeben, um dem Präsidenten Krüger im Auftrage des Kaisers in höflicher und freundlicher Form mitzuteilen, daß Seine Majestät ihn nach seinen bereits getroffenen Dispositionen nicht empfangen könne. Infolgedessen reiste Krüger zwei Tage später von Köhl direkt nach dem Haag. Es war von jeher ein Fehler des deutschen Volkes, sich für fremde Stimmung der Interessen zu erhitzen und Vorgänge außerhalb unserer Grenzen mit dem Öjßeiitlichkeit Gemüt zu beurteilen, statt an sie ledighch den kühlen Maßstab des deutschen Interesses zu legen. Während des polnischen Aufstands von 1830 schwärmte das deutsche Volk für die „edlen" Polen, denen deutsche Dichter, der geniale August Platen an der Spitze, gerührte und begeisterte Verse widmeten. 1848 nahm ein großer Teil der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche Partei für die Aspirationen der Polen, die inzwischen auf die Deutschen in Posen und Westpreußen schössen. Die Begeisterung für den Prinzen Alexander Battenberg, Fürsten von Bulgarien, war in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Deutschland allgemein, obwohl dieser Prinz nie einen Finger für deutsche Interessen gerührt hatte und obschon unser Verhältnis zu Rußland und dessen Kaiser Alexander III. weit wichtiger war als die unsicheren und schwankenden Beziehungen zu dem battenbergischen Bulgarien. Zur Verteidigung der Burenschwärmerei wurde vielfach darauf hingewiesen, daß die Buren als Holländer eigentlich Deutsche wären. Nun sind die Holländer ein tüchtiges und ausgezeichnetes Volk mit einer ruhmvollen Geschichte. Sie haben sich aber schon vor Jahrhunderten freiwillig vom Deutschen Reich getrennt und sich immer gegen jede nähere wirtschaftliche, politische oder gar militärische Verbindung mit Deutschland gesperrt, was ihnen von ihrem Standpunkt aus auch gar nicht übelzunehmen ist. Speziell die Buren hegten für uns Deutsche keine besonders lebhaften Sympathien. Deutsche, die sich in ihrem Lande niederließen, wurden nicht allzu freundlich aufgenommen, und im Weltkrieg focht die Mehrheit der Buren auf englischer Seite und fiel mit den Engländern in unsere Kolonien ein. Aber alle Erwägungen ruhiger Vernunft verhinderten nicht, daß die Mehrheit der Deutschen infolge des Vorgehens der Engländer gegen die Buren in einen wahren Taumel von Begeisterung für die Buren und Entrüstung, Feindschaft und Haß gegen England geriet. In einem burenfreundbchen Blatt las ich, daß nie ein Mensch, auch kein Deutscher, auch Wühelm I. und Bismarck nicht. „LORD BÜLOW" 473 in einer deutschen Stadt so begeistert empfangen worden wäre wie jetzt „Ohm Krüger" in Köln. Es war die einzige Zeit meiner ministeriellen Tätigkeit, wo ich von polizeilicher Seite ernstlich darauf aufmerksam gemacht wurde, daß es zu Attentaten gegen mich kommen könnte, weil ich als Feind der Buren gälte. Selbstverständlich machten diese Warnungen mir keinen Eindruck. Wurde ich damals von einem Burenschwärmer umgebracht, so starb ich in Erfüllung meiner Pflicht und für das Wohl des deutschen Volkes. Also ein anständiger und schöner Tod. In manchen Zeitungen wurde ich damals abwechselnd „Lord Bülow" und „Viscount Bülow" genannt. Das sollte blutiger, vernichtender Hohn sein. Unter den Zeitungen, die mich mit solchen Wendungen angriffen, befanden sich einige, die mir später vorwarfen, ich hätte die Beziehungen zu England eifriger pflegen sollen. Bevor ich am 10. Dezember 1900 das Wort ergriff, machte der Präsident des Reichstags, Graf Ballestrem, ein verständiger Mann, der mir mit aufrichtigem Wohlwollen gegenüberstand, mich darauf aufmerksam, daß ich das Haus nicht reizen möge; die große Mehrheit mißbillige durchaus meine nach ihrer Ansicht für England viel zu freundliche Politik. Ich ließ mich dadurch nicht abhalten, den von mir eingenommenen Standpunkt klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen. Erschwert wurde mir meine Stellungnahme durch die Depesche, die vor meiner Übernahme der auswärtigen Geschäfte anläßlich des Einfalls von Nochmals die Jameson in die Südafrikanische Republik der Kaiser an den Präsidenten Krüger- Krüger gerichtet hatte und die ich bereits an anderer Stelle gewürdigt Depesche habe. Von wem war die Initiative zu diesem Telegramm ausgegangen? Marschall hat mir wiederholt versichert, er habe seine Zustimmung nur gegeben, weil der Kaiser sonst „noch viel ärgere Dummheiten" gemacht hätte. Wunsch und Absicht des Kaisers wäre damals gewesen, den Konflikt zwischen der Burenrepublik und der englischen Kapkolonie zu „lokalisieren". Seiner Majestät hätte 1896 die phantastische Idee vorgeschwebt, mit den Buren ein Schutz- und Trutzbündnis abzuschließen und an ihrer Seite in Afrika gegen die Engländer zu fechten; in Europa aber habe er mit England Frieden halten wollen. Der Kaiser wäre, nach Marschall, damals so sehr Feuer und Flamme für die Buren gewesen, weil er den Vorstoß von Jameson auf seinen Onkel, den Prinzen von Wales, und dessen kapitalistische Freunde, Beit und Sir Ernest Cassel, nebenbei gesagt zwei deutsche Israeliten, zurückgeführt hätte. Marschall beteuerte mir immer wieder, er hätte das Telegramm an Krüger nur durchgelassen, um Schlimmeres zu verhüten. Andererseits hat mir Wilhelm II. nach den Novemberereignissen von 1908, als er über die Ungerechtigkeit des deutschen Volkes ihm gegenüber bewegliche Klage führte, gesagt, daß er zu dem Krüger-Telegramm von Marschall, Hohenlohe und dem damaligen Direktor der Kolonial- 474 FINGER ZWISCHEN TÜR UND ANGEL abteilung, Kayser, „gezwungen" worden sei. Er habe sich lange geweigert, dies Telegramm zu unterschreiben, sich aber schließlich, wenn auch sehr ungern, seinen verantwortlichen Ratgebern gefügt. In aller Unparteilichkeit muß ich sagen, daß diese letztere Version der Wahrheit doch wohl nicht ganz entspricht. Andernfalls würde der Kaiser mir schon früher, namentlich während der Burendebatte vom Dezember 1900, den nach seiner Ansicht richtigen Sachverhalt enthüllt haben. An dem Krüger-Telegramm waren, wie ich glaube, alle damals maßgebenden Faktoren beteiligt. Wilhelm II. wollte in der Stimmung, die ihn in jenen Tagen beherrschte, den Engländern und namentlich seinem Onkel Eduard „eins auswischen". Marschall hoffte durch dieses Telegramm, das er im Reichstag mit Emphase vertrat, sich populär zu machen, denn er litt unter seiner Unpopularität, die eine Folge der persönlichen Feindschaft des Hauses Bismarck gegen ihn war. Der alte Kanzler Hohenlohe war ein müder Mann, der die Dinge laufen ließ. Und der Kolonialdirektor Kayser war, um mit Bismarck zu reden, ein sattelfester Jurist und ein kluger Kopf, aber er konnte, je nachdem dies oben gewünscht wurde, rechts und auch links schreiben. In meiner Rede vom 10. Dezember 1900* konnte ich zunächst darauf Reichstags- hinweisen, daß ich im Frühjahr 1899 auf dem Weg über den Haag und im debatte Verein mit der niederländischen Regierung dem Präsidenten Krüger nachher die fiuren drücklich Mäßigung und Vorsicht angeraten hätte. Noch im Juni 1899 hätte ich ihm die Anrufung einer Vermittlung empfohlen; er habe mir aber erwidert, er halte den Augenblick für die Anrufung einer solchen Vermittlung noch nicht für gekommen. Zum letztenmal hätte ich ihm im August 1899 vertraulich und dringend geraten, die englischen Vorschläge nicht kurzerhand abzulehnen, denn ich wäre davon überzeugt, daß jeder Schritt der Buren bei einer der Großmächte in diesem kritischen Augenblick ohne irgendein Ergebnis und sehr gefährlich für die afrikanischen Republiken sein würde. Wegen des Ausbruchs des Kriegs, stellte ich fest, träfe uns also keinerlei Verantwortung. So weit hätten wir freilich nicht gehen dürfen, daß wir, um den Ausbruch der Feindseligkeiten zu verhüten, die eigenen Finger zwischen Tür und Angel klemmten. Damit würden wir den Buren nichts genützt und uns geschadet haben. Die Politik eines großen Landes dürfe in kritischer Stunde nicht von den Eingebungen des Gefühls beherrscht, sondern sie müsse lediglich geleitet werden im Hinblick auf das ruhig und nüchtern erwogene Interesse des Landes. Jeder Versuch einer deutschen Mediation würde zur Intervention geführt haben, diese aber zu einer diplomatischen Niederlage oder zu einem bewaffneten Konflikt. In einem solchen Konflikt würde es uns ergangen sein wie in einem schönen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 161; Kleine Ausgabe I, S. 181. DR. HASSE, DER ALLDEUTSCHE 475 Schillerschen Gedicht dem von seinem Idealismus vorwärtsgetriebenen Jüngling, der klagt: Doch ach, schon auf des Weges Mitte Verließen die Begleiter mich, Sie wandten seitwärts ihre Schritte, Und einer nach dem andern wich. Als ich mit Nachdruck erklärte, in eine solche Situation hätte ich das deutsche Volk nicht bringen wollen und nicht bringen dürfen, erscholl lebhafter Beifall des bei Beginn meiner Rede nicht freundlich gestimmten Hauses. Ich hob noch hervor, daß ein Empfang des Präsidenten Krüger durch den Kaiser weder den Buren noch uns genützt haben würde. Ich fand Zustimmung, als ich erklärte, daß ich mich nicht zwingen lassen würde, England gegenüber den Don Quichotte zu spielen, die Lanze einzulegen und loszurennen, wo irgend in der Welt englische Windmühlen gingen. Uns unnötig mit der dauernden Feindschaft Englands zu belasten, würde eine politische Dummheit sein, für die ich die Verantwortung nicht übernähme. Meine Rede vom 10. Dezember erfolgte als Antwort auf die verhältnismäßig maßvolle Kritik, die der konservative Graf von Limburg-Stirum und der nationalliberale Dr. Sattler an unserer Haltung im Burenkrieg übten. Der eigentliche Inspirator und Leiter der Agitation für die Buren war der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der nationalliberale Abgeordnete Dr.Hasse. Als ich am 10. Dezember zu Fuß aus dem Reichstag nach dem Reichskanzlerpalais zurückkehrte, begegnete ich im Tiergarten Herrn Dr. Hasse, der von zwei Damen begleitet war, einer älteren und einer jüngeren, anscheinend seiner Frau und seiner Tochter. Als er mich verlegen und gereizt grüßte, sah ich in ein von Erregung und Zorn gerötetes Antlitz. Herr Hasse war ein kreuzbraver Mann. UrsprüngUch sächsischer Offizier, hatte er als solcher einen Streit mit einem hannoverschen, in den sächsischen Dienst übergetretenen Kameraden, der sich unfreundlich über die Lösung von 1866 und über Preußen ausgesprochen hatte. Infolge dieses Auftritts war er verabschiedet worden, denn der sächsische Hof, der namentlich in der ersten Zeit nach 1866 nichts weniger als preußenfreundlich war, protegierte die Weifen im sächsischen Dienst. Herr Hasse wurde Direktor des Statistischen Amts in Leipzig, später auch Professor an der dortigen Universität. Es war kaum möglich, redlicher, aber auch naiver zu sein, als er es politisch war. Unbekümmert um seine feindlichen Blicke ging ich auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte zu ihm: „Lieber Herr Hasse, ich zweifle nicht an Ihrem warmen und tiefen Patriotismus. Ich weiß, Sie meinen es gut. Aber wenn Sie und Ihre Freunde so fortfahren, helfen alle 476 ORDENSREISE meine Bemühungen nichts, ein gutes Verhältnis zu England herzustellen. Die Engländer werden sich sagen, daß gegenüber einer derartigen Stimmung im deutschen Volk auch die besten Absichten der Regierung wenig bedeuten." Nicht ohne Würde erwiderte mir Herr Dr. Ernst Hasse: „Als Volksvertreter habe ich wie das Recht so die Pflicht, den Gefühlen des deutschen Volkes rückhaltlosen Ausdruck zu geben. An Ihnen, Exzellenz, als dem Minister, ist es, dafür zu sorgen, daß unsere diplomatischen Beziehungen darunter nicht leiden." Ich muß sagen, daß mich diese Antwort betrübte, denn nie wurde mir klarer, wie unpolitisch der Deutsche ist. Der deutschen Menschheit ganzer Jammer faßte mich an, als der Abgeordnete Hasse so sprach, während seine Damen bewundernd zu ihm aufblickten. Als ich ihm am nächsten Tage im Reichstag auf weitere, sehr heftige Angriffe von seiner Seite antwortete, sagte ich: „Der Politiker ist kein Sittenrichter. Er hat lediglich die Interessen und Rechte seines eigenen Landes zu wahren. Vom Standpunkt der reinen Moralphilosophie kann ich auswärtige Politik nicht treiben und vom Standpunkt der Bierbank auch nicht." Das Wort von der Bierbank wurde mir sehr übelgenommen. Ich erhielt eine große Anzahl meist anonymer Briefe, in denen dies zum Ausdruck kam. Sie wanderten alle in den Papierkorb. Aber auch von einem klugen und erfahrenen Freunde wurde mir geschrieben, daß die deutschen Kannegießer, also ein sehr erheblicher Teil des deutschen Volkes, mir das Wort von der „Bierbank" nicht verzeihen würden. Sobald es mir geschäftlich möglich war, trat ich meine Rundreise bei den Besuch größeren deutschen Höfen an. Als Staatssekretär hatte ich es absichtlich in München vermieden, sie aufzusuchen. Später waren die Staatssekretäre nicht mehr so bescheiden. „Die Ordensreise" nach Süddeutschland wurde zum ersten Programmpunkt jedes Ressortchefs nach der Geschäftsübernahme. Eine Ausnahme hatte ich vor meiner Ernennung zum Reichskanzler nur zugunsten des badischen Hofes gemacht, von dem ich eine Einladung des mir besonders freundlich gesinnten Großherzogs Friedrich schon früher angenommen hatte. Jetzt sagte ich mit dem Hirten Damoetas in den Eklogen: „Ab Jove principium!" und suchte zunächst den Münchener Hof auf. Der damals schon fast achtzigjährige Prinzregent empfing mich in gütiger Weise und stattete mir unmittelbar nachher einen persönbchen Besuch im Hotel „Zum Bayrischen Hof" ab, wo er in glänzender Rüstigkeit die zwei Treppen erstieg, die zu meinen Zimmern führten. Dort angelangt, überreichte er mir den Hubertusorden mit den Worten: „Das ist mein Dank für die Entschiedenheit, mit der Sie meine Jura circa sacra vor dem Reichstag gewahrt haben." Im ersten Augenblick verstand ich nicht recht, welches besondere Verdienst ich mir um Bayern und um das Haus ^ ittelsbaeh durch meine Haltung in der Reichstagssitzung vom DANK DES HAUSES WITTELSBACH 477 5. Dezember erworben hatte*. In dieser Sitzung war ein vom Zentrum eingebrachter Antrag verhandelt worden, wonach jedem Reichsangehörigen innerhalb des Reichsgebiets volle Freiheit des Rehgionsbekenntnisses, der Vereinigung zu religiösen Gemeinschaften sowie der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsübung zustehen solle. Dieser Antrag bezweckte, der von mir durchaus gemißbilligten differenziellen Rehandlung der Katholiken in Braunschweig und namentlich im Königreich Sachsen entgegenzutreten. In meiner Antwort* hatte ich hervorgehoben, daß ich die Uberzeugungen und Gefühle, die dem Antrag des Zentrums zugrunde lägen, verstehe und achte, jedoch außerstande wäre, einem Vorschlag zuzustimmen, der die verfassungsmäßige Selbständigkeit der Bundesstaaten auf einem Gebiet beschränken wolle, das der Zuständigkeit der Landesgesetzgebung vorbehaltlich bleiben müsse. Ich ahnte nicht, wie sehr ich damit einer bayrischen Haustradition entgegengekommen war. Die Dynastie Wittelsbach beanspruchte, gestützt auf ihre Haltung in und nach der Reformationszeit, eine Art Schutzstellung über die katholische Kirche, deren Wesen sich in dem den gallikanischen Artikeln entnommenen Begriff der Jura circa sacra ausprägte. Sie fühlte sich gegenüber dem Episkopat in der Position, die einst einem Gutsherrn gegenüber dem Patronats- klerus seines Kirchensprengels zukam. Über die Wahrung dieser von der Kirche mit Sanftmut, aber Zähigkeit bekämpften Stellung wachte das Haus Wittelsbach eifersüchtig, und der ebenso maßvolle wie aufrichtig katholische Prinzregent würde es als eine Verletzung seiner Regentenpflichten und als Versündigung am Erbteil seiner Väter betrachtet haben, wenn seine Regierung sich nicht mit allem Nachdruck gegen den Antrag des Zentrums gewendet hätte. Fürst Bismarck wird das Wort zugeschrieben, der Bayer sei der Übergang vom Österreicher zum Menschen. Ich entsinne mich, daß ich wenige Jahre vor dem Sturz des Fürsten mit dem damaligen Legationsrat Graf Louis Arco im Bismarckschen Hause aß. Arco war sehr witzig. Er hatte die Gabe, den Fürsten aufzuheitern. Daß er seine witzigen Bemerkungen mit ernster Miene und in feierlichem Tone vorbrachte, erhöhte noch ihre Wirkung. Bei jenem Mittagessen im Bismarckschen Hause richtete, und zwar in einem Augenblick, wo allgemeines Schweigen herrschte, Arco die Frage an den Kanzler, ob er ihn um die Interpretation einer seiner bedeutsamsten Auslassungen ersuchen dürfe. Als der Fürst zustimmend nickte, fragte Arco weiter: „Haben Eure Durchlaucht eigentlich gesagt, daß der Bayer der Übergang vom Österreicher zum Menschen wäre, oder umgekehrt gemeint, der Österreicher sei der Übergang zwischen dem Menschen und dem Bayern? Die erstere Version wäre für * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 159. 478 DER PRINZREGENT UND DER BERCHTESGADENER uns Bayern viel schmeichelhafter." Bismarck lachte herzlich, dann erwiderte er mit seiner feinen, leisen Stimme und mit großem Ernst: „Ich kann mir nicht denken, daß ein Minister in verantwortlicher Stellung jemals so ungehörige Bemerkungen gemacht haben soll." In Wahrheit stammte die Äußerung aus der Frankfurter Zeit des Fürsten Bismarck, wo er gegen Österreich in hohem Grade erbittert und, in direktem Gegensatz zu später, auch auf Bayern nicht besonders gut zu sprechen war. Bichtig ist, daß zwischen Bayern und Österreich, zwischen München und Wien und namentlich zwischen dem Münchener und dem Wiener Hofe viele Berührungspunkte und eine gewisse Ähnlichkeit bestanden. Wie der Wiener, so zeichnete sich auch der Münchener Hof durch eine Verbindung von Natürlichkeit und Vornehmheit, Feierlichkeit und Schlichtheit aus. Bei der Hoftafel, zu der ich in München geladen wurde und die, wie in Wien, schon nachmittags stattfand, saß der würdige Prinzregent neben seiner Schwester, der Herzogin Adelgunde von Modena, die das Volk in München Modelgunde nannte. Sie war die letzte souveräne Herrscherin von Modena gewesen. Vor dem Palast, den sie noch bewohnt hat, erhebt sich jetzt die Statue von Giro Menotti, den der vorletzte Herzog von Modena auf demselben großen Platz aufhängen ließ, wo jetzt das Monument des Märtyrers und Freiheitshelden prangt. Die ganze alte Zeit stieg vor mir auf, als ich in München das ehrwürdige Paar nebeneinander sitzen sah. Die Herzogin Adelgunde war die Schwägerin des Grafen von Chambord, des letzten Sprossen der älteren Linie des Hauses Bourbon und letzten Vertreters der Legitimität in Frankreich. Der Prinzregent, der mir zu Ehren den Schwarzen Adlerorden angelegt hatte, trug diese höchste preußische Auszeichnung in einer Form und Fassung, wie man sie in neuerer Zeit kaum noch sah. Er hatte als Bruder der künftigen Königin von Preußen den Orden in ganz jungen Jahren von Friedrich Wilhelm III. erhalten. Ich bin selten einem Manne in vorgerückten Jahren begegnet, der einen Prinzregent so kerngesunden Eindruck machte wie der Prinzregent Luitpold von Luitpold Bayern. Der Prinzregent wußte das, und er hörte gern, daß seine körperliche Frische anerkannt und gerühmt wurde. Seine Umgebung lud ihm im Sommer in Berchtesgaden mit Vorliebe Siebzig- und Achtzigjährige, aber noch rüstige Bergbewohner ein, damit er sich an der guten körperlichen Verfassung seiner Altersgenossen erfreue. Als er wieder einmal einen dieser würdigen Greise fragte, wie es ihm ginge, meinte der Alte in der naiven Art der Älpler: „Körperlich ginge es ja noch, aber geistig werden wir eben alle allmählich alt und gebrechlich." „Davon merke ich gar nichts", meinte etwas pikiert der Prinzregent. „I a net", meinte darauf der treffliche Berchtesgadener, „aber die Lait merken's, die Lait! Dös darfst mir glauben." Er ist nicht wieder zu Seiner Königlichen Hoheit befohlen worden. WILHELM IL SCHNEIDET HERTLING 479 Am Abend nach meinem Empfang beim Prinzregenten folgte ich einer Einladung des Grafen Crailsheim zur Soiree, bei der sich mir mit sichtlichem Freiherr Empressement der Reichstagsabgeordnete Freiherr von Hertling näherte, von Hertling den ich aus dem Reichstag kannte, mit dem ich aber noch nicht eingehender gesprochen hatte. Hertling hatte schon mit dem Staatssekretär von Marschall freundliche Beziehungen unterhalten. Marschall hatte sich sogar bemüht, die Vorurteile, die Wilhelm II. gegen Volksvertreter im allgemeinen und gegen Zentrumsabgeordnete im besonderen hegte, zu zerstreuen und wenigstens zu erreichen, daß Wilhelm II. sich den Freiherrn von Hertling vorstellen ließ. Zu diesem Zweck näherte sich Baron Marschall, begleitet von Hertling und dem bayrischen Gesandten Grafen Hugo Lerchenfeld, während eines Hofballs im Weißen Saal Seiner Majestät. Als der Kaiser Marschall, mit Lerchenfeld rechts von sich und einem bebrillten, nach einem Gelehrten aussehenden Herrn Links, auf sich zukommen sah, ahnte er, was die drei im Schilde führten. Behende und gewandt, wie er war, chassierte er durch den ganzen Saal vor den drei Herren weg, die ihn nicht zu erreichen vermochten, bis ihnen endlich, am Ende des Saals angelangt, eine kurze und ziemlich frostige Anrede zuteil wurde. Nicht mit Unrecht rät der ausgezeichnete Florentiner Geschichtsschreiber Francesco Guicciar- dini den Mächtigen, jeden Gegner, den man nicht sogleich und völlig zu vernichten vermöge, so zu behandeln, als ob er doch einmal ein Freund werden könnte, andererseits aber auch bei den besten Freunden nicht zu vergessen, daß im Wandel der Zeiten vielleicht Feinde aus ihnen werden würden. Als die Sonne Wilhelms II. sich zum Untergang neigte, appellierte er an denselben Hertling, den er achtzehn Jahre früher du haut en bas behandelt hatte, der aber inzwischen zum körperlich und geistig verkalkten Greis geworden war. Freiherr, später Graf Georg von Hertling entstammte dem Beamtenadel des Großherzogtums Hessen, und zwar dem streng katholischen Kreise, den in Darmstadt die Familien Biegeleben, Guaita, Hertling, Brentano, Schlosser e tutti quanti bildeten. Schon als Gymnasiast hatte er auf einem katholischen Jugendtag einen Vortrag gehalten, der sich wie durch Beredsamkeit so durch streng katholische Weltanschauung auszeichnete. Als Student gehörte er einer katholischen Studentenverbindung an. Nach seiner ganzen Richtung ausgesprochen österreichisch und großdeutsch gesinnt, habilitierte er sich trotzdem als Privatdozent in Bonn, wo er während des Kulturkampfes ungerechter- und törichterweise wegen seiner katholischen Richtung nicht zum Professor befördert wurde. In den Reichstag gewählt, zeigte er sich durch die ihm widerfahrene Behandlung nicht verbittert, sondern gehörte zu denjenigen Zentrumsmitgliedern, die gern bereit waren, mit der Regierung zu paktieren. Der geistliche Berater und Beichtvater des Grafen Hertling war, auch während 480 EIN PURITANER seiner Kanzlerzeit, ein Jesuit, der Pater Blum. Für die Bettelorden hatte Hertling nicht viel übrig. Das Unglück des Grafen wollte, daß er am Abend seines Lebens, noch dazu in einem unendlich schwierigen Moment, mitten im Weltkrieg zum Reichskanzler ernannt wurde, als er dieser Aufgabe in keiner Weise mehr gewachsen war. Als wir in München nähere Bekanntschaft machten, stand er erst im siebenundfünfzigsten Lebensjahr. Meine persönlichen Beziehungen zu ihm sind auch durch spätere politische Zerwürfnisse und Mißverständnisse nicht getrübt worden. Er war der einzige Zentrumsabgeordnete, der nach meiner Reichstagsauflösung vom 13. Dezember 1906 Karten bei mir ließ, während die übrigen Vertreter der klerikalen Richtung die üble deutsche Gewohnheit befolgten, politische Differenzen auf das persönliche Gebiet zu übertragen, eine Unsitte, die in England und Frankreich, in Italien, in allen übrigen zivilisierten Ländern kein gebildeter Mensch versteht. Graf Hertling war eine Aristides-Natur, von strenger, ich möchte sagen spröder Integrität. Er war in jeder Richtung ein Puritaner, und obwohl mit dem Kopf der überzeugteste Katholik, erinnerte er in seinem Wesen an englische, Genfer oder holländische Kalvinisten. Fürst Chlodwig Hohenlohe, der Hertling nicht liebte, der allerdings ganz anders geartet war, pflegte von ihm zu sagen, er habe nie ein gutes Glas Wein getrunken, nie eine hübsche Frau geküßt, nie eine gut sitzende Hose gehabt. Hertling war eine kalte Natur. Ich weiß nicht, ob er je wirkliche Freundschaft empfunden hat. Er war gerecht, aber nicht wohlwollend. Jedes Strebertum, jeder Snobismus lag ihm ganz fern. Er war ein innerlich vornehmer Mann. Als der nationalliberale Abgeordnete Prinz Heinrich Carolathihn als Reichskanzler begrüßte und hierbei daran erinnerte, daß Hertling ihm schon vierzig Jahre früher in Bonn freundlich begegnet wäre, erwiderte der neue Kanzler: „Aber mein lieber Prinz, die Sache lag in Bonn gerade umgekehrt. Eure Durchlaucht waren dem bescheidenen Privatdozenten ein gütiger Gönner." Derselbe Hertling war geistig nicht ohne Hochmut. Auf Nichtgelehrte und Nichtgebildete sah er mit einer gewissen Verachtung herab und noch mehr auf Halbgebildete, zu denen er auch Gymnasialdirektoren und Landgerichtsräte zählte, die in seiner Partei in Berlin wie in München zahlreich vertreten waren. Hertling würde in seiner guten Zeit ein vortreffhcher preußischer oder bayrischer Minister gewesen sein. Sein Leitstern war in allem die Autorität. 1900 stand er in vertrauensvollen, guten Beziehungen zu dem Ministerpräsidenten Crailsheim, den er hochstellte, während er für dessen Nachfolger Podewils später nicht viel übrig hatte. Dieser doch kluge und tüchtige Mann war Hertling zu flott, zu elegant, nicht „ernst" genug. Ich benutzte meinen Aufenthalt in München, um mich von Lenbach malen zu lassen, und bestimmte damals mein Bild für den Reichstag, ohne DIE FÖDERALE GRUNDLAGE 481 zu ahnen, daß ich dort einmal neben Fehrenbach, Joseph Wirth und Gustav Brief des Bauer hängen würde. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß der königliche Grafen Monis Gesandte in München, Graf Anton Monts, sobald ich München verlassen hatte, an mich einen Bericht richtete, um den nach seiner Behauptung überwältigenden Eindruck zu schildern, den ich dort hervorgerufen hätte. Er meldete amtlich: „Die heutige Nummer der ,Münchner Neuesten Nachrichten' bringt an erster Stelle eine offenbar von der Geheimkanzlei Seiner Königlichen Hoheit des Regenten inspirierte Meldung über den Aufenthalt Eurer Exzellenz in München und die von den hiesigen leitenden Persönlichkeiten gewonnenen günstigen Eindrücke. Übereinstimmend mit dem Inhalt dieser Meldung versicherte Generaladjutant von Wiedemann mir wiederholt, der Regent sei geradezu entzückt gewesen. Obgleich er, Wiedemann, viele Jahre die Ehre habe, zur nächsten Umgebung Seiner Königlichen Hoheit zu gehören, so sei es ihm doch bisher nicht vorgekommen, daß sein in der Regel wenig expansiver Herr sich so befriedigt über einen persönlichen Eindruck aussprach. Desgleichen erzählte mir der Hofmarschall Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ludwig, daß auch sein gnädiger Herr Worte hoher Anerkennung über die mit Eurer Exzellenz gehabte Aussprache geäußert habe. Freiherr von Crailsheim, den ich nach Eurer Exzellenz Abreise noch zu sprechen Gelegenheit nahm, wies zunächst auf die außerordentliche Befriedigung Seiner Königlichen Hoheit des Regenten hin. Während der Regent sich sonst bei ähnlichen Anlässen mit Vorfahren und Kartenabgabe begnüge, sei der längere Besuch des hohen Herrn bei Eurer Exzellenz im Hotel ein sicheres Zeichen dafür, wie sympathisch Höchstihm Eure Exzellenz als Persönlichkeit wären. Er, der Minister, erhoffe von dieser guten Disposition des Staatsoberhaupts weitere Förderung der Berlin-Münchener Beziehungen. Ferner hätten Eurer Exzellenz von ehrendem Vertrauen zeugende Eröffnungen seine und seiner Minister- Kollegen ohnehin schon bestehende Verehrung für den neuen verantwortlichen ersten Reichsbeamten noch mehr vertieft. Die Versicherung, auf den bewährten Bahnen Bismarckscher, der föderalen Grundlage des Reichs gerecht werdender innerdeutscher Politik wandeln zu wollen, müsse der bayrischen Regierung zur höchsten Genugtuung gereichen. Ferner sprach der Minister des Innern mir noch gestern abend seine wärmsten Glückwünsche aus anläßlich des so überaus befriedigenden Verlaufs des Besuchs. Auch andere Persönlichkeiten, wie Graf Berchem, Professor von Hertling, die beiden Bürgermeister usw., äußerten sich in ähnlichem Sinne. Zum Schluß beehre ich mich, das eingangs erwähnte Communique sowie einen kurzen, auch dem weiteren Münchener Publikum gerecht werdenden lokalen Artikel der ,Münchner Neuesten Nachrichten' gehorsamst einzureichen. Übrigens hebt auch die ,Allgemeine Zeitung' in ihrem heutigen 31 BUlowI 482 VON LENBACH GEMALT Morgen-Artikel noch ganz besonders lobend hervor, wie Eure Exzellenz nicht nur mit Fürstlichkeiten, Staatsmännern und Diplomaten Berührung gesucht, sondern auch der tüchtig emporstrebenden Bürgerschaft der bayrischen Besidenzstadt grüßende Achtung bekundet hätten." Der Verehrung und Liebe, die der Gesandte für mich hegte, genügte aber diese amthche Meldung nicht. Noch am gleichen Tage schrieb Graf Monts an meine Gattin: „Gnädigste Gräfin, da Sie vermutlich vom Besuch bei der armen Kaiserin Friedrich vor Ihrem Gatten nach Berlin zurückkehren, möchte ich Ihnen kurz über Bernhards hiesige Erfolge berichten. Er hat auf hoch und niedrig den allerbesten Eindruck gemacht, und brachte ihm sogar Publicus bei der Abfahrt ein lebhaftes spontanes Hoch aus. Der alte Regent, keineswegs leicht zu kaptivieren und im Grunde nur und ausschließlich an seine hohe Person denkend, ist entzückt, so äußerte er zu verschiedenen Persönlichkeiten; dito die Minister, dito u. a. auch Berchem, der, wie Sie wissen, keineswegs von Wohlwollen für B. früher überfloß. Ich denke, Bernhard hat sich hier recht viele Freunde erworben, das Terrain vorher ebneten freilich seine Leistungen und Beden; an Feinden fehlt es ihm in gewissen Kreisen ja ohnehin nicht, um so mehr werden wir hier arbeiten, um ihm im Reich die neugewonnenen Stützen auch ferner dienstwillig zu erhalten. Ich habe mich übrigens recht gefreut, B. so frisch und in bester geistiger wie körperHcher Disposition zu sehen. Und doch war die China- und Krüger-Campagne keine Kleinigkeit, und in aller Schwere fühlt er auf sich die Verantwortlichkeit lasten. Hoffentlich macht Lenbach seine Sache gut. Er baissierte in letzter Zeit unendlich, bzw. malte nur noch fabrikmäßig fürs liebe Geld. Seine Frau drückt auf ihn sichtlich und möchte aus seinem Talent möglichst viel Geld herausquetschen, ehe dem immer müden Meister der Tod den Pinsel aus der Hand nimmt. Dabei ist L. sehr reizbar, oft kommt der Bauer in elementarer Grobheit durch. In der Künstlerschaft, oft von ihm vergewaltigt, gärt es, sie wollen ihm die Präsidentschaft nehmen und dergleichen mehr. Vielleicht aber rafft sich L. bei dem Bild von Bernhard nochmals auf, auch alternden Künstlern gelingen ja mitunter noch große Würfe. Nun aber zum Schluß. Sie haben jetzt viel mit Weihnachten und noch mehr mit der Einrichtung des Palais zu tun. Es wird gewiß une merveille an Geschmack und Schönheit werden. Donna Lauras Rat und Hilfe dabei wird mehr wert sein wie die Handreichung aller Berliner Stobwasser und Genossen. Möge Ihnen ein gutes Fest beschieden sein. Bitte, legen Sie mich Donna Laura zu Füßen und grüßen Sie den alten, ehrlichen Lichnowsky. In stets gleicher Verehrung und Dankbarkeit Ihr gehorsamst getreuer Monts." Der Angriff, den Graf Monts gegen Lenbach richtete, war ungerecht. Lenbach war ein großer Künstler und ein edler Mensch. Dem Genius seiner Kunst wird noch gehuldigt „KLEINE VERHÄLTNISSE" 483 werden, wenn kein Mensch mehr etwas von Monts wissen wird, von dem Holstein zu sagen pflegte, er habe nicht nur, wie manche andere, an einem, sondern an drei Posten: Budapest, München und Rom, Fiasko gemacht. So Holstein, obwohl ihm, solange er der einflußreichste Mann im Auswärtigen Amt war, Monts beinahe ebenso begeistert gehuldigt hatte wie mir. Von München begab ich mich nach Stuttgart. In der guten Zeit vor der Novemberrevolution vertrat der preußische Gesandte in Weimar Preußen Besuch auch bei den Höfen von Meiningen und Koburg-Gotha. Als er einmal dem "» Stuttgart Großherzog Karl Alexander meldete, daß er Weimar auf einige Tage verlassen werde, um sein Beglaubigungsschreiben in Meiningen zu überreichen, erwiderte ihm der Großherzog mit der ihm eigenen Mischung von Würde und Freundlichkeit: „Da werden Sie kleine Verhältnisse kennenlernen." So sprachen die bayrischen Würdenträger nicht zu mir, als ich mich von ihnen verabschiedete, um nach Stuttgart zu fahren. Aber zweifellos hatte jeder bayrische Minister und höhere Beamte das Gefühl, daß, verglichen mit den übrigen süddeutschen Staaten, Bayern eine Großmacht wäre. Diese Auffassung war im Hinblick auf die bayrische und deutsche Geschichte nicht ganz unberechtigt. Ich habe es immer für meine Pflicht gehalten, der besonderen Stellung von Bayern im Reich politisch Rechnung zu tragen. Ich habe selten oder nie im Bundesrat einen Antrag forciert, der auf den Widerspruch, den bewußten und entschiedenen Widerspruch von Bayern stieß. Ich habe es mir immer angelegen sein lassen, mir das Vertrauen des bayrischen Königshauses, des Prinzregenten Luitpold, des Prinzen Ludwig, des Prinzen Rupprecht zu erhalten. Von diesen drei Fürsten war der letztgenannte zweifellos der begabteste. Ein ganz offener, vorurteilsloser und scharfsinniger Kopf, dabei ein ausgezeichneter, auch im Weltkrieg hochbewährter General. Das letztere Lob gebührt auch dem Prinzen Leopold von Bayern, dem zweiten Sohn des Prinzregenten Luitpold. Ich bin während meiner Amtszeit mehrmals mit ihm auf Manövern zusammengetroffen, und ich habe mich an seinem echt militärischen Wesen, seinem offenen, freimütigen Urteil, seiner ganzen männlichen Persördichkeit erfreut. Die Vorzugsstellung, die ich Bayern stets innerlich eingeräumt habe, verhinderte nicht, daß ich den anderen deutschen Bundesstaaten gegenüber jede denkbare Rücksicht walten ließ und bei voller Wahrung der Reichseinheit und Hochhaltung des Einheitsgedankens ihre berechtigten Eigen- tümhchkeiten schonte, ihren besonderen Wünschen, wenn irgend möglich, entgegenkam. Eins nach außen, schwertgewaltig, Um ein hoch Panier geschart! Innen reich und vielgestaltig, Jeder Stamm nach seiner Art! 31* 484 DER KÖNIG VON WÜRTTEMBERG Diese schönen Verse von Geibel sind mir hinsichtlich der Behandlung der Bundesstaaten als der Weisheit letzter Schluß erschienen. Irgendwelche politische Superiorität von Bayern anzuerkennen, lag übrigens niemandem ferner als den Schwaben. Mein Amtsvorgänger Fürst Chlodwig Hohenlohe hat mir oft erzählt, daß er als bayrischer Ministerpräsident zwischen 1867 und 1870, im Einverständnis mit dem damaligen norddeutschen Bundeskanzler Bismarck, ein engeres Verhältnis der süddeutschen Staaten unter der Leitung von Bayern angestrebt habe. Für die Idee einer Konföderation fand er in Stuttgart freudiges Verständnis. Der Gedanke an eine Leitung des Bundes durch Bayern oder auch nur an ein bayrisches Präsidium wurde aber mit Entrüstung abgelehnt, gelegentlich unter Hinweis darauf, daß Württemberg dem deutschen Volke einige seiner größten Geister: Schiller und Hegel, Hölderlin, Uhland und Mörike, Schelling und Friedrich List, geschenkt habe, während Bayern auf dem Parnaß unserer Dichter und Denker so gut wie gar nicht vertreten wäre. Umgekehrt wurde in Karlsruhe dem bayrischen Ministerpräsidenten Hohenlohe erwidert, daß das ,,Musterländle", das immer die Vorhut der deutschen politischen Entwicklung gebildet hätte und das politisch Deutschland als Vorbild dienen könne, sich weder unter Württemberg noch unter Bayern beugen könne. In Darmstadt hielt man auch die badischen Ansprüche und die badische Selbsteinschätzung für stark übertrieben. Alles dies beweist nur wieder, daß Bismarck wie in der bekannten Erzählung Columbus das Ei auf den Kopf stellte, als er das glorreiche Reich schuf, in dem sich die Unitas in necessariis so glücklich mit der Libertas in dubiis verband. König Wilhelm von Württemberg, der mich im Schloß absteigen beß, war ein Fürst von schlichtem Wesen, mit einem goldenen Herzen, ein guter Schwabe und dabei ein glühender deutscher Patriot. Er war vor allem treu. Wie er zeitlebens zu dem Studentenkorps hielt, dem er in Göttingen angehört hatte, zu dem Potsdamer Leibgarde-Husarenregiment, in dem er als Rittmeister gestanden hatte, so hing er mit unerschütterbcher Treue an Kaiser und Reich. Durchaus leutselig, ohne jede Aufgeblasenheit, stand er doch dem parlamentarischen Leben in Württemberg und erst recht im Reich etwas fremd gegenüber. Er war erstaunt, als ich ihm den württembergischen Zentrumsabgeordneten Gröber rühmte, von dem er bis dahin kaum etwas gehört hatte. Ich vermute, daß die Rolle, die später Matthias Erzberger aus Buttenhausen spielen sollte, den König Wühelm noch mehr befremdet hat. Wie vorher in München, später in Karlsruhe, Darmstadt und Dresden benützte ich auch in Stuttgart meinen Besuch vornehmbch dazu, mich mit den maßgebenden Ministern über die endgültige Fassung wie über die parlamentarische Behandlung der Zolltarifvorlage zu verständigen. Ich hatte zu diesem Zweck eingehende Unter- DIE ZOLLTARIFVORLAGE 485 redungen, die sich bisweilen bis spät in die Nacht ausdehnten, und fand bei allen Ministern Zustimmung zu meiner Formel: erhöhter Schutz für die Landwirtschaft, aber unter Wahrung der Möglichkeit, zu Handelsverträgen zu kommen. Freüich handelte es sich noch darum, diese Formel in die Wirklichkeit zu überführen. Von den mittelstaatlichen Ministern machten mir der bayrische Finanzminister Freiherr von Riedel und der badische Finanzminister Dr. Buchenberger einen hervorragend sachverständigen Eindruck. XXXI. KAPITEL Fortsetzung der Rundreisen: Karlsruhe, Darmstadt, Dresden • Verleihung des Schwarzen Adlerordens (23. XII. 1900) • Glückwunsch des Fürsten Hohenlohe • Prinz Max von Baden, Prinz Alexander von Hohenlohe-Schillingsfürst, Erbprinz Erni von Hohen- lohc-Langenburg • Diplomatische Personalien: Fürst Radolin nach Paris, Graf Alvens- leben nach Petersburg • Ängstliche Briefe Eulenburgs • Freiherr von Mirbach und Dr. Hugo Preuß d: von Baden k er Großherzog von Baden hatte mich aufgefordert, ihn in seinem Schloß 'in Baden-Baden aufzusuchen. Der große Maler Hans Thoma hat ein Beim Bild von dem Großherzog Friedrich geschaffen, das dessen Wesen wunder- Großherzog Dar wiedergibt: die Verbindung einer idealistischen Weltanschauung mit dem Verständnis für die Forderungen des praktischen Lebens, große, wahre Herzensgüte und dabei ein fester Charakter, wirkliche Vornehmheit, verbunden mit Geist und getragen von Geist. Die Großherzogin Luise stand ihrem Gemahl nicht nur mit dem größten Verständnis für dessen Bedeutung gegenüber, sondern sie ergänzte ihn in glücklicher Weise. Ich glaube, daß auch das patriarchalische Deutschland keine Fürstin gekannt hat, die ihren Beruf als Landesmutter mit größerer Pflichttreue ausübte. Sie tat in dieser Beziehung vielleicht zu viel, wenn es möglich ist, des Guten zu viel zu tun. „Elle creerait des malheurs pour pouvoir les soulager", hat von ihr ein maliziöser französischer Diplomat gemeint. Ein ungerechtes Wort, denn die Tränen, die sie getrocknet, die Wunden, die sie verbunden und geheilt hat, das viele Gute, das sie tat, werden nie vergessen werden. Der Großherzog empfing mich in seinem Arbeitszimmer, aus dessen Eckfenster man eine herrliche Rundsicht auf Baden-Baden, die uralte Civitas Aurelia Aquensis, die bewaldeten Vorberge des Schwarzwaldes und die Rheinebene hatte. Er war ein Mann der Vermittlung und der Versöhnung. Er war völlig einverstanden mit meiner Absicht, der Landwirtschaft zu helfen, ohne Handel und Industrie zu schädigen. Er hielt es für eine Notwendigkeit, den Flottenbau fortzuführen ohne Zusammenstoß mit England, aber andererseits auch nicht in Abhängigkeit von England zu geraten und namentlich uns nicht wegen Englands in Gegensatz zu Rußland zu stellen. Seine Hauptsorge war der Kaiser, den er nicht nur als den Schlußstein der deutschen Einheit ansah, sondern auch als Menschen und EISENBAHN GEGEN PARTIKULARISMUS 487 Neffen liebte. Er kam immer wieder darauf zurück, daß es meine wichtigste Aufgabe wäre, die hohe und glänzende Begabung des Kaisers, seine guten Absichten, sein edles Wollen in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, ohne daß die zweifellos gefährlichen, zum Teil sehr gefährbchen Eigenschaften des Oberhauptes des Reichs Bestand und Zukunft des Reichs gefährdeten. Während der Großherzog über dieses Thema lange mit mir sprach, ruhte seine Hand auf der Bibel, die er neben sich liegen hatte. Er blickte auf das bebbche Oostal, das sich vor uns ausdehnte. „Wenn wir nur Frieden behalten, den Frieden der Ordnung im Innern, den Frieden mit der Welt, einen Frieden in Ehren nach außen, so zweifle ich nicht an unserer Zukunft. Blicken Sie auf dieses blühende Land. Wenn es auch anderswo nicht ganz so schön ist wie in unserem Baden, so sieht es doch in ganz Deutschland jetzt gut aus, besser als je in unserer Vergangenheit, besser als in fast allen anderen Ländern. Wir brauchen nur Ordnung und Frieden. Gott helfe Ihnen beide erhalten." Von Karlsruhe begab ich mich nach Darmstadt, wobei mir klar wurde, daß die deutsche Einheit durch nichts mehr gefördert worden war als durch Reise nach die Erleichterung der Verkehrsmöglichkeiten. Eisenbahn und Telegraph Darmstadt waren die größten Feinde des Partikularismus. Wenn der Reisende in zwei Stunden bequem von der badischen zur hessischen Hauptstadt gelangen konnte, so war ein ernstlicher Gegensatz zwischen diesen beiden „Staaten" wirklich kaum noch mögbch. Auch in Darmstadt stieg ich, einer Aufforderung des Großherzogs folgend, im Schloß ab. Überall stieß der Besucher dort auf russische Erinnerungen. Daß die russischen Zaren zweimal zu ihren Lebensgefährtinnen hessische Prinzessinnen gewählt hatten und daß neben Alexander II. und Nikolaus II. Töchter des Darmstädter Hauses den Zarenthron bestiegen hatten, war der Stolz jedes braven Darmstädters und insbesondere des Fürstenhauses. Von den Wänden der Zimmer, die ich bewohnte, schauten Zarenbilder herunter. Nachbildungen des Kreml, des herrbchen Petersburger Denkmals Peters des Großen und des stolzen Monuments Kaiser Nikolaus' I. prangten auf Tischen und Schränken. Der Großherzog Ernst Ludwig hatte wenig von seinem biederen Vater, dem Großherzog Ludwig IV., der als tapferer Divisionär im Feldzug gegen Frankreich verwundet worden war. Er hatte mehr von seiner bedeutenden Mutter, der Großherzogin Alice, die, voll Geist und Bildung, die Darmstädter durch die Freisinnigkeit ihrer politischen und religiösen Anschauungen in Verwunderung gesetzt hatte. Großherzog Ernst Ludwig interessierte sich lebhaft für die bildenden Künste, besonders für Architektur, auch für Philosophie, hier und da in etwas inkohärenter Weise. Bei der Tafel fiel mir auf, wie steif und unfreundlich der Verkehr zwischen dem Großherzog und der Großherzogin war. Die Großherzogin Viktoria 488 EINE EHEKOMÖDIE war die zweite Tochter des Herzogs Alfred von Koburg und der Großfürstin Maria von Rußland, der einzigen Tochter des Kaisers Alexander II. Sie war sehr schön. Man konnte kaum etwas Anmutigeres sehen, als wenn die brünette Großherzogin Viktoria neben ihrer blonden Schwester, der damaligen Prinzessin, späteren Königin Maria von Rumänien, stand. Die letztere hat bekanntlich erheblich dazu beigetragen, daß König Ferdinand von Rumänien, ein Hohenzoller, der die Ehre gehabt hatte, beim 1. Garderegiment zu stehen, im Weltkrieg zu unseren Feinden überlief. Prinzessin Viktoria sollte sich damit begnügen, Darmstadt den Rücken zu kehren und, nachdem ihre erste Ehe geschieden war, sich mit dem Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch von Rußland zu vermählen. Weniger schön war die melodramatische Art und Weise, wie sie den endgültigen Rruch mit Darmstadt, das sieben Jahre in ihr seine Herrin verehrt hatte, nach erfolgter Scheidung in Szene setzte. Die einzige Tochter des großherzoglichen Paares war nach kurzer Krankheit in Petersburg gestorben. Zur Beisetzung in Darmstadt erschien die Mutter, wo sie mit Achtung und Sympathie empfangen wurde. Das verhinderte sie nicht, nach Beendigung der Trauerfeierlichkeit, bevor sie das Trauerzimmer verließ, ihren hessischen Orden samt Ordensband auf den Sarg des armen Prinzeßchens niederzulegen, um damit anzudeuten, daß zwischen ihr und ihrer bisherigen Heimat das letzte Band zerschnitten sei. Wenn bei dem Detmolder Erbfolgestreit die mesquine und dabei schwerfällige Rechthaberei deutschen Kleinfürstentums zutage trat, so war Darmstadt seinerzeit der Schauplatz einer ehelichen Komödie gewesen, bei der die ganze Hilflosigkeit eines deutschen Fürsten in verwickelter Situation enthüllt wurde. Der gute Großherzog Ludwig IV., der sich nach dem Tode der ihm intellektuell sehr überlegenen Großherzogin Alice einsam und anlehnungsbedürftig fühlte, hatte die Bekanntschaft der Gattin des Sekretärs der russischen Gesandtschaft in Darmstadt, Madame Kolemine, gemacht. Sie war von Geburt eine Polin, eine Gräfin Czapska, hübsch, interessant und unternehmend. In vollem Einvernehmen mit seiner ältesten Tochter, der Prinzessin Viktoria von Hessen, beschloß der Großherzog, Madame Kolemine zu ehelichen, nachdem sie in Rußland von ihrem ersten Gatten geschieden worden war. Inzwischen hatte sich Prinzeß Viktoria mit dem in englischem Dienst stehenden Prinzen Louis Battenberg verlobt. Ihre Hochzeit sollte am 30. April 1884 mit großem Pomp im Beisein des damaligen deutschen Kronprinzenpaares, vieler deutscher Fürstlichkeiten und vor allem der Königin Victoria von England gefeiert werden. Der Großherzog und seine Tochter beschlossen, daß der Vater sich an demselben Tage im stillen in einer kleinen Kapelle mit Madame Kolemine trauen lassen würde. Der leitende hessische Minister Freiherr von Stark hatte sich bereit erklärt, seinem hohen Gebieter als Trauzeuge zur Seite zu stehen. DIE QUEEN UND MADAME KOLEMINE 489 Unmittelbar nach der Trauung wurde aber der würdige Staatsminister von Gewissensbissen gequält. Er eilte zu dem preußischen Gesandten, dem Baron Ferdinand Stumm, dem nachmaligen Botschafter in Madrid, und beichtete ihm alles. Stumm meldete pflichtschuldigst den betrübenden Vorfall den kronprinzlichen Herrschaften und der Berliner Begierung. Niemand wußte Bat, bis die Königin Victoria eingriff. Sie war als Königin von Großbritannien und Irland eine streng konstitutionelle Herrscherin. Als Mutter, Großmutter und insbesondere als Schwiegermutter fühlte sie sich als Autokratin. Sie erklärte sogleich, daß die Ehe ihres früheren Schwiegersohns mit Madame Kolemine einfach nicht vollzogen werden würde, nahm den Schwiegersohn beim Ohrläppchen und fuhr noch am selben Abend mit ihm nach Balmoral in Schottland, wo er Zeit hatte, über sein nur erträumtes Eheglück nachzudenken. Inzwischen wurde seine Verbindung mit Madame Kolemine annulliert. Sie erhielt eine nicht unbedeutende Abfindungssumme und den Titel einer Gräfin von Bomrod. Sie hat später einen russischen Diplomaten, Herrn von Bacheracht, geheiratet, mit ihm eine beide Teile befriedigende Ehe geführt und während des Weltkriegs in Bern, wo ihr Gatte russischer Gesandter war, eifrig für die Entente gewirkt. Der ganze Vorfall würde Jacques Offenbach den Vorwurf zu einer vielleicht reizenden Operette geboten haben, wenn er ihn noch erlebt hätte. Betrüblich an ihm war nur die Unselbständigkeit und Batlosigkeit des Begenten eines deutschen Mittelstaats bei etwas bewegterem Gang seines Lebensschiffes. Es war derselbe Mangel an Entschlußkraft, Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit, den später viele deutsche Fürsten gegenüber der Bevolution zeigten. 1884 ließ sich das hessische Volk an seinem Landesvater nicht irremachen, sondern umgab ihn nach seinem zweiten, ach so kurzen und unvollkommenen Eheglück mit gerührter Sympathie. Die Zeche bezahlte der Minister Stark, der zurücktreten mußte. Von Darmstadt führte mich nach kurzem Aufenthalt, der mir aber doch Gelegenheit geboten hatte, mich mit den hessischen Ministern über die Zoll- Besuch tariffrage zu verständigen, mein Weg nach der Hauptstadt des Königreichs w» Dresden Sachsen. Wenn Stuttgart an politischer Bedeutung und als Hof nicht München gleichkam, Darmstadt nicht Karlsruhe und Stuttgart, so wehte in Dresden wieder die Luft eines größeren Staatswesens. Vor allem hatte ich dort die Ehre, König Albert wiederzusehen, eine der bedeutendsten Figuren des neuen Deutschen Beichs. Der Feldmarschall Moltke hatte bekanntlich von ihm gesagt, er sei der einzige deutsche General, der im Deutsch- Französischen Krieg keinen Fehler gemacht habe. Als tapferer und kluger Feldherr hatte sich Kronprinz Albert schon im Krieg von 1866 als Führer der sächsischen Armee bei Münchengrätz, Gitschin und Königgrätz auf österreichischer Seite bewährt. Ihm war es zu danken gewesen, daß nach 490 KÖNIG ALBERT UND BISMARCK der Niederlage von Königgrätz, wo die Sachsen sich glänzend geschlagen hatten, die österreichische Armee nicht gänzlich aufgerieben wurde. Der große Anteil, den er als Kommandeur der Maasarmee an dem Siege von Sedan, dem stolzesten Siege der ganzen deutschen Geschichte, gehabt hat, war jedermann bekannt. Die Eigenschaften, die den Feldherrn Albert von Sachsen auszeichneten: unerschütterliche Ruhe, Klarheit, Festigkeit, Geistesgegenwart, machten aus ihm auch einen hervorragenden Staatsmann. Das war von Fürst Bismarck erkannt und anerkannt worden, den mit dem Sachsenkönig langjährige, auf beiden Seiten aufrichtige Freundschaft verband. König Albert hat mir viel und interessant über Bismarck gesprochen. Ich entsinne mich, daß er mir einmal von dem Versöhnungsdiner erzählte, das im Herbst 1866 in Berlin nach wiederhergestelltem Frieden zwischen Preußen und Sachsen im königlichen Schloß stattfand. Oben an der langen Tafel saßen der alte König Wilhelm und der alte König Johann. Sie waren Verwandte, sie waren Altersgenossen. Viele Jahre ihres Lebens hatten sie in ungetrübter Freundschaft nebeneinander gestanden. Dann riß sie 1866 die Politik und das Genie von Bismarck auseinander, und nun fanden sie sich wieder, der König von Preußen als Sieger, der Sachsenkönig als Besiegter. In wahrer, echter Herzensgüte, mit dem ihm eigenen Takt war König Wilhelm bemüht, dem König Johann den Ubergang in die neuen Verhältnisse zu erleichtern, begreifliche Bitterkeit zu verscheuchen, ihm zu zeigen, daß sein, des Königs Wilhelm Herz noch ebenso warm und aufrichtig für ihn schlage wie früher. Am anderen Ende der Tafel saßen der preußische Ministerpräsident Graf Bismarck und der sächsische Ministerpräsident Freiherr von Friesen nebeneinander. Da sagte mit einem nachdenklichen Blick auf die beiden Monarchen Bismarck zu seinem sächsischen Kollegen: „Sie haben es gut! Sie haben es mit einem hochgebildeten, sogar mit einem gelehrten Fürsten zu tun, der den Dante metrisch übersetzt hat, der sich den Beinamen Philaletes zulegte, der Kunst und Wissenschaft hochhält. Nun sehen Sie sich aber einmal den alten Infanterieoberst an, mit dem ich zu tun habe." Nachdem er mir dies erzählt hatte, fuhr König Albert, es war mehrere Jahre nach dem Sturz des Fürsten Bismarck, mit ernstem Gesicht fort: „Und doch war Bismarck der größte Diener, den das Haus Hohenzollern jemals gehabt hat, einer der größten Staatsmänner, die je einen Souverän beraten haben! Und weil er dies erkannt hat, weil er sich niemals an diesem Bismarck hat irremachen lassen, weder durch dessen Boutaden noch durch dessen Eigenwilligkeit und Rücksichtslosigkeit noch durch den sehr, sehr diffizilen Charakter des ersten Reichskanzlers, weil er über das alles wegsah im Interesse der Staatsräson, für den Staat, für Preußen und für das Reich, darum war Wilhelm I. ein großer, ein sehr großer Herrscher. In der Geschichte wird unser alter Kaiser als ein Großer MEISSNER PORZELLAN 491 fortleben. Und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Bismarck ist ebenso einzig und ebenso schön wie das zwischen Goethe und Schiller." König Albert war, als ich ihn 1900 besuchte, schon schwerkrank. Er litt an einem überaus schmerzlichen Blasenleiden, dem er kaum anderthalb Jahre später erliegen sollte. Er empfing mich auf der Chaiselongue liegend, seinen Gesichtszügen waren die Schmerzen anzusehen, die ihm seine Krankheit verursachte. Aber sein Geist überwand körperliche Qual. Mit ruhiger Klarheit schilderte er mir die innere und die äußere Lage, wie er beide auffaßte. Nach außen dürften wir nicht nur aus Gründen der Loyalität, sondern im eigenen deutschen Interesse Österreich nicht preisgeben. Wir müßten aber einem Krieg mit Rußland so lange als irgend möglich ausweichen, denn bei einem solchen sei wenig zu gewinnen und viel zu verlieren. ,,Le jeu ne vaut pas la chandelle." Der König war von der Richtigkeit und Notwendigkeit unseres Flottenbaues überzeugt. Ein Krieg mit England erschien ihm aber vielleicht noch bedenklicher und, rein politisch gesprochen, noch überflüssiger als ein Zusammenstoß mit Rußland. Wir müßten die nötige Defensivstärke zur See erlangen, ohne daß die Engländer unseren Handel und unsere Schiffahrt entzweischlügen, solange sie dies ohne Risiko für sich selbst vermöchten. „Wir gehen in dieser Beziehung einen schmalen und schlüpfrigen Weg. Aber für ein scharfes Auge, einen festen Fuß und ein tapferes Herz ist alles möglich — freilich nur, wenn die nötige Vorsicht und Geschicklichkeit dazukommen." Die sozialdemokratische Bewegung war für König Albert, dessen Land bei seiner wirtschaftlichen Struktur ganz überwiegend auf die Industrie angewiesen und der soziabstischen Wühlarbeit besonders ausgesetzt war, ein Gegenstand großer und ernster Sorge. Er war aber zu einsichtig, auch zu feinfühlig, um die Rettung nur von der Gewalt zu erwarten. Selbst abgesehen von der Frage, ob Kaiser Wilhelm II. der Mann sein würde, einen Staatsstreich durchzuführen, stand für ihn in erster Linie der Gedanke: Et apres ? Wie in der auswärtigen, so läge auch in der inneren Politik das Heil in Kaltblütigkeit und ruhiger Festigkeit. „Wenn Sie das unserem guten Kaiser nach und nach klarmachen, so erwerben Sie sich dadurch ein ganz großes Verdienst." Wie von fast allen deutschen Fürsten, wie von Bismarck, wie von fast allen unseren älteren Staatsmännern wurde auch von König Albert die richtige Behandlung des Kaisers als die wichtigste Aufgabe des Reichskanzlers angesehen. „Sie sollen die glänzende Begabung des Kaisers für das Reich, für uns alle verwerten, aber gleichzeitig der Riesengefahr vorbeugen, daß seine Fehler und Schwächen, daß die bedenklichen Seiten seines Charakters uns zugrunderichten." Neben König Albert stand, während er so mit mir sprach, ein hübscher Tisch aus Meißner Porzellan, auf dem er seine Unterschriften gab, die von Zeit zu Zeit ein Sekretär ihm brachte. Die Gemahlin des 492 „SO GUT HERAUSGEPAUKT Königs, die Königin Carola von Sachsen, schenkte mir nach dem Heimgang ihres Gemahls diesen Tisch, der in Flottbeck in meinem Zimmer steht und mich an einen der besten und bedeutendsten Fürsten erinnert, die Deutschland gehabt hat. Nach Berlin zurückgekehrt erhielt ich am Vorabend des Weihnachts- Der tages, am 23. Dezember 1900, den Besuch des Kaisers. Er überreichte mir Schwarze (j en Schwarzen Adlerorden mit den Worten: „Das soll mein Dank dafür Adlerorden sem ^ j a ß gj e m i cn vor ,j em Reichstag so gut herausgepaukt haben." Ich dankte von Herzen, bat aber, mir nicht zu häufig Gelegenheit zu solchen Ritterdiensten zu geben. Ich sei jederzeit bereit, vor dem Parlament für den Kaiser einzutreten, aber er schade sich selbst durch Unvorsichtigkeit, Indiskretion und Mangel an Selbstbeherrschung. Nichts war herzlicher als der Händedruck, mit dem der Kaiser mir versicherte, er werde von jetzt ab mir nie wieder Anlaß geben, für ihn einzuspringen. Nur zwei Jahrzehnte trennen mich zur Zeit, wo ich diese meine Erinnerungen diktiere, von der Verleihung des höchsten preußischen Ordens. Als ich ihn erhielt, war ich der jüngste Ritter, heute bin ich der Anciennität nach der älteste. Eheu fugaces, Postume, Postume, labuntur anni. Wohltuend berührte mich ein Brief, den ich bald nach der Verleihung des Schwarzen Adlerordens von meinem Amtsvorgänger erhielt. Ich gebe ihn wieder, um zu zeigen, in wie hohem Grade Fürst Chlodwig Hohenlohe vornehme Gesinnung mit Güte des Herzens verband. Er schrieb mir aus Meran am 26. Dezember: „Eure Exzellenz begrüße ich als der derzeitige älteste Ritter des Schwarzen Adlerordens bei Ihrem Eintritt in unsere Mitte und wünsche von Herzen Glück zu der wohlverdienten Auszeichnung. Zugleich erlaube ich mir, Ihnen und der Gräfin meine besten Wünsche zu dem bevorstehenden Jahreswechsel darzubringen. Möge das beginnende Jahr Ihnen nur Gutes und weitere Erfolge bringen. Mit der Versicherung freundschaftbcher Ergebenheit Ch. Hohenlohe." Einige Tage später schrieb Alexander der zweite Sohn meines Amtsvorgängers, Prinz Alexander Hohenlohe, Hohenlohe damals Bezirkspräsident in Kolmar, an meine Frau: „Bei dem Beginn des neuen Jahrs werden Ihnen voraussichtlich diesesmal so viele Glückwünsche von allen Seiten zugehen, daß Sie kaum Zeit haben werden, sie alle zu bewältigen. Trotzdem müssen Sie mir erlauben, auch die meinigen denselben hinzuzufügen mit der Bitte, Sie möchten sie zu denjenigen legen, von denen Sie überzeugt sind, daß sie wirklich aufrichtig gemeint sind. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß dieselben zugleich auch dem Reichskanzler gelten sollen, dessen kostbare Zeit ich nicht durch einen direkt an ihn gerichteten Neujahrsbrief in Anspruch nehmen möchte. Auf dem Höhepunkt, auf dem Sie beide am Anfang dieses neuen Jahrhunderts angelangt sind, wird ja der gewöhnliche Sterbbche leicht versucht sein zu glauben, daß es DREI SÜDDEUTSCHE ARISTOKRATEN 493 von Überfluß sei, Ihnen noch weitere Wünsche auszusprechen. Aber ich meine, etwas gibt es, was man jedem wünschen kann und was mehr wert ist als die äußeren Ehren und Erfolge, das ist, wie schon Schopenhauer ausgeführt hat, die Gesundheit. Und das wünsche ich Ihnen und namentlich dem Reichskanzler, daß er sich dieselbe bei seiner aufreibenden Tätigkeit bewahre, damit er lange Jahre an der Stelle erhalten bleibe, an der gerade er wie kein anderer Großes und Nützliches wirken kann. Es wird Ihnen in der letzten Zeit gewiß soviel Schmeichelhaftes über ihn zu Ohren gekommen sein, daß es fast banal aussieht, wenn ich in diesen Chor einstimme. Aber ich muß Ihnen doch sagen, daß ich seine Reden im Reichstag meisterhaft gefunden habe, sowohl in der Form wie in der Sache. Und was mich daran zwar nicht erstaunt, aber besonders gefreut hat, das war, daß er sich in ihnen nicht nur als ein hervorragend geschickter Politiker und Staatsmann gezeigt hat, sondern auch als ein selbständiger Charakter nach allen Seiten hin. Das ist es gerade, was wir so notwendig haben und was die hohe Meinung, die ich stets von ihm hatte, wenn möglich noch verstärkt hat. Ich bin sehr gespannt, zu sehen, in welches Zauberschloß Sie inzwischen das alte Reichskanzlerpalais verwandelt haben werden! Von meinem Vater habe ich unberufen sehr gute Nachrichten aus Meran." Alexander Hohenlohe gehörte mit dem Erbprinzen Ernst von Hohen- lohe-Langenburg und dem Prinzen Max von Baden zu einer Gruppe süddeutscher Aristokraten, die jeder in seiner Weise eine Rolle in unserem politischen Leben gespielt haben. Von diesen drei Herren war Alexander Hohenlohe der begabteste. Er war ein guter Verwaltungsbeamter, er würde einen guten Gesandten und Botschafter abgegeben haben. Er vereinigte vornehme Gesinnung mit freiem Blick und offenem Kopf. Mein Wunsch, ihn im diplomatischen Dienst zu verwerten, scheiterte an dem Widerspruch des Kaisers, der Alexander Hohenlohe nie gemocht hatte und ihn später, als er die Veröffentlichung der Denkwürdigkeiten seines Vaters nicht verhinderte, ganz und heftig en grippe nahm. Prinz Max von Baden erweckte allerlei Hoffnungen, enttäuschte aber alle, als er auf eine ernste Probe gestellt wurde. Als Wilhelm II. die unglückliche Idee hatte, diesen charmanten Dilettanten, noch dazu in einem unendlich schwierigen Augenblick, zum Reichskanzler zu erwählen, war ein fürchterliches Fiasko unvermeidlich. Max von Baden war nicht der „Verräter" noch der „Schurke", als den ihn seit den trüben Novembertagen 1918 der nun einmal starke Ausdrücke liebende Kaiser hinstellte. Aber er gehörte zu den Leuten, die, in kritischer Stunde gewogen, zu leicht befunden werden. Der politisch unbrauchbarste der drei genannten Aristokraten war der damalige Erbprinz Ernst von Hohenlohe-Langenburg, der genügte, solange er als Regent von Sachsen-Koburg-Gotha (von 1900 bis 1905) es dabei bewenden ließ, die 494 ERNI repräsentativen Pflichten seiner Stellung mit Würde und Liebenswürdigkeit zu erfüllen, das Regieren aber seinen Ministern überheß. Fürst Bismarck erzählte gern die Anekdote von dem Kurfürsten von Hessen, der zu seinem Leidwesen vernahm, daß sein Schwager, ein Herzog von Anhalt, von einem Schlaganfall betroffen worden war. Er entsandte seinen Leibmedikus zu seinem Schwager, um diesen sorgsam zu untersuchen und dann genauen Bericht zu erstatten. Als der Leibarzt zurückkam, fragte ihn der Kurfürst: „Kann mein Herr Schwager noch hören ?" Die Antwort lautete verneinend. „Kann er noch sehen?" Wieder erfolgte eine verneinende Antwort. „Kann er noch sprechen ?" Auch diese Frage wurde kategorisch verneint. „Das ist ja schrecklich!" rief der Kurfürst. „Dann wird mein Schwager ja abdanken müssen." Beruhigend entgegnete der Leibarzt: „0 nein, zum Regieren reicht es noch aus." Als „Erni" Hohenlohe nach allerlei Intrigen auf Wunsch des Kaisers 1905 zur Leitung der Kolonialabteilung berufen wurde und mehr als repräsentieren sollte, warf er vollständig um. Als Vizepräsident des Reichstags sollte er sich später gleichfalls nicht gerade mit Ruhm bedecken. Fürst Chlodwig Hohenlohe nahm auch nach seinem Rücktritt Anteil an Brief der Politik. Um die Jahreswende schrieb er aus Schillingsfürst an Holstein, des Fürsten der j}j m se j^ seiner Pariser Botschafterzeit nahestand: „Verehrter Freund, Hohenlohe h erz ii cnen Dank für Ihr freundbches, ausführliches Schreiben in der Krügersache. Nun bin ich vollkommen beruhigt. Vernünftige Leute in Süddeutschland sehen sehr gut ein, daß die Sache ernst ist und daß wir vor der Wahl stehen, entweder mit England Krieg zu führen, bei dem uns Rußland und Frankreich natürbch im Stich lassen würden, oder die Buren ihrem Schicksal zu überlassen. Was sich für Krüger begeistert, sind Radaumenschen, die der Regierung Schwierigkeiten bereiten wollen, oder Narren wie mein Schwager Salm, der meine Schwester zu törichten Demonstrationen treibt. Bedauerbch ist die Ungeschicklichkeit unserer Pobzei in Köln, die dann der Regierung zur Last geschrieben wird. Ich gehe Montag nach München, besuche den Prinzregenten und fahre dann nach Meran weiter. Hier fängt es an ungemütbch zu werden. Der Sturm macht sich mir im Bette fühlbar. Die Notiz über Miquels Bbndekuhspiel hat mich sehr ergötzt. In freundschaftbcher Ergebenheit. Ch. Hohenlohe." Seiner Abneigung gegen Miquel bbeb Hohenlohe bis zum Schluß seines Lebens treu. Schheß- lich sollten die beiden alten Männer fast um dieselbe Zeit zur großen Armee abberufen werden: Chlodwig Hohenlohe zweiundachtzigjährig am 6. Jub, Johannes Miquel dreiundsiebzigjährig am 8. September 1901. Omnes eodem cogimur. Ich hatte nach meiner Ernennung zum Reichskanzler den Wunsch nicht aufgegeben, die ungewöhnbche Begabung des Grafen August Eulenburg EINER, DER NICHT DEN KOPF VERLOR 495 vom Kaiser abgelehnt für unseren diplomatischen Dienst nutzbar zu machen. Ich machte in dieser August Richtung noch einen Vorstoß, stieß aber auf den unüberwindlichen Wider- Eulenburg spruch des Kaisers. Nicht ohne wehmütige Ironie schrieb mir, nachdem die Allerhöchste Entscheidung gefallen war, Graf August Eulenburg: Seine Majestät wäre ein so großer Souverän, daß er seine persönliche Bequemlichkeit gewiß allen entgegenstehenden Wünschen und Interessen seiner Diener und Untertanen voranzustellen berechtigt sei. Der Kaiser vergesse nur oder wolle vielmehr aus momentaner Bequemhchkeit den Altersunterschied von reichlich zwanzig Jahren vergessen, der ihn von ihm trenne. Das würde mit der Zeit nicht besser, sondern schlechter werden zu seinen, Eulenburgs, Ungunsten. In zehn Jahren, wenn er überhaupt noch mit so langen Fristen rechnen könnte, würde er ein Greis sein, während Seine Majestät sich dann immer noch in den besten Jahren befände. Der Moment der Trennung käme also doch; die Unbequemlichkeit sei nur verschoben. Die Form der Trennung aber werde dann wahrscheinlich für beide Teile und für den Diener Seiner Majestät jedenfalls empfindlicher sein als für Seine Majestät. Diese Voraussage des sonst so scharfsinnigen Mannes hat sich nicht erfüllt. Wer hätte auch voraussehen können, daß viele Jahre später August Eulenburg durch seine unerschütterliche Ruhe, seine Geistesgegenwart, seine Würde und seine Gewandtheit dem Kaiser nach dessen Fall noch wertvolle Dienste leisten und einer der wenigen Vertrauten Wilhelms II. sein würde, der nicht den Kopf verlor ? August Eulenburg schloß seinen Brief mit der freundlichen Wendung: „Unter Ihnen arbeiten zu dürfen, wäre mir allerdings eine Freude und ein Stolz gewesen. Aber auch unter den jetzigen Verhältnissen seien Sie überzeugt, daß Sie unter allen Umständen und in allen Wechselfällen auf meine Treue und dankbare Ergebenheit rechnen können." Der ausgezeichnete und edle Mann, der in seinem Leben jede Probe bestanden hatte, sollte auch diese Zusage einlösen und ist mir bis zu seinem erst 1921 erfolgten Tode ein treuer Freund gebheben. Da ich die Fähigkeiten des Grafen August Eulenburg weder in London noch in St. Petersburg für das Land verwenden konnte, gab ich den drin- Fürst Radolin genden Bitten und Vorstellungen von Holstein nach, der auf das lebhafteste nac ^ P° ris die Versetzung des Fürsten Radolin von Petersburg nach Paris wünschte, wo Fürst Münster, der inzwischen achtzig Jahre alt geworden war, kaum noch zu halten war. Nicht als ob der würdige Fürst-Botschafter etwa selbst dieser Ansicht gewesen wäre! Er fand sich noch vollständig auf der Höhe und war überzeugt, daß niemand besser als er das Deutsche Reich in Paris vertreten könne. Er nahm mir seine Verabschiedung, obschon sie in der denkbar schonendsten und für ihn ehrenvollsten Weise erfolgte, sehr übel und verhehlte seinen Groll weder mir noch irgend jemand sonst. Richtig ist, daß Münster gerade zu den Franzosen gut paßte. Für London war er als 496 HOLSTEIN UND RADOLIN halber Engländer, der von vornherein von der unbedingten Superiorität aller englischen Sitten und Unsitten, Einrichtungen und Anschauungen überzeugt war und alles vom englischen Standpunkt aus betrachtete, gar zu anglophil. Für die Franzosen eignete er sich besser mit seiner durch nichts zu erschütternden Dickfelligkeit, die mit Humor gepaart und von bon sens getragen war. Die Entsendung von Radolin nach Paris hatte mancherlei Bedenken. Die Fürstin Radolin, eine geborene Gräfin Oppersdorf, hatte eine französische Mutter, eine Talleyrand, und war mit einem großen Teil des Faubourg Saint-Germain, insbesondere mit einigen pobtisch rührigen Mitgliedern der Familie Castellane, verwandt, was gegenüber dem in Frankreich herrschenden republikanischen Regime nicht ohne Gefahr war. Uber diese beruhigte mich freilich der damalige französische Botschafter in Berlin, der alte Marquis de Noailles, mit den Worten: „Nos ministres actuels savent ä peine qui fut Talleyrand! Quant aux Castellane, ils ne se doutent pas meme de leur existence." Holstein drängte so unaufhörlich, daß ich schließlich nachgab. Der eigenartige Mann hatte auch sentimentale Seiten. Zu diesen gehörte eine fast schwärmerische Freundschaft für Radolin, mit dem er in jungen Jahren als Student in Bonn zusammengetroffen war. Der kränkliche Fritz von Holstein, der unter der Obhut seiner Mutter und seiner Tante sich dem Bonner Studententreiben ebenso fernhielt wie den Königshusaren, fühlte sich hingezogen zu dem jungen Polen, der ebenso empfand. „Ich habe Sie nie um etwas gebeten", sagte mir Holstein, „heute komme ich mit einer innigen Bitte. Ich habe einen einzigen ganz guten Freund, das ist Radolin. Setzen Sie seine Ernennung nach Paris durch, wenn nicht für ihn selbst, so doch für mich. Ich war schon Geheimer Rat, als Sie noch Attache waren. Heute sind Sie Reichskanzler und ich bin immer noch Geheimer Rat. Wo ich für mich selbst weder Beförderung noch Orden noch irgendwelche äußere Ehren will, welche die meisten anderen anstreben, tuen Sie wenigstens etwas für meinen Freund." Als neun Jahre später Holstein in Berlin starb, hatte Radolin, damals noch Botschafter in Paris, wohl die Absicht, seiner Beerdigung beizuwohnen. Er setzte sich in Paris in die Eisenbahn und fuhr bis Köln. Dort angelangt, dachte er mit dem Großonkel seiner Frau, dem Fürsten Talleyrand, qu'il faut se mefier du premier mouvement, car il est le bon. Er erinnerte sich daran, daß Holstein bei Seiner Majestät in Ungnade gefallen war, und kehrte in Köln wieder um. So wurde Holstein, der in seiner mißtrauischen Launenhaftigkeit während seines Lebens sich mit so vielen alten Freunden überworfen hatte, von seinem vermeintlich einzigen wirklichen Freund nach seinem Tod im Stich gelassen. Daß ich, seinem Drängen nachgebend, Radolin nach Paris setzte, war übrigens einer der nicht wenigen Fehler, die ich mir in personalibus vorzuwerfen habe. Radolin war so lange und so sehr gewohnt, sich von dem KEIN FLIEGER, ABER — 497 viel bedeutenderen Holstein inspirieren und führen zu lassen, daß er auf dem Pariser Posten, wo in erster Linie ruhige Nerven erforderlich waren, alle meist hastigen und unüberlegten, bisweilen ganz verfehlten Weisungen von Holstein stante pede und verbotenus ausführte und die Situation nur mit dessen Augen sah. Da Holstein seine ihm schon in der Bismarckschen Zeit eingeräumte Befugnis, mit den ihm befreundeten Botschaftern durch Privatchiffre zu verkehren, seinem geistigen Knecht Badolin gegenüber mit besondrer Vorhebe ausnutzte, so sind gerade auf diesem Posten meine politischen Weisungen speziell in der Marokko-Frage teils verschleppt, teils umgangen, teils falsch ausgeführt worden. Für Badolin kam nach St. Petersburg Graf Alvensleben, unter dem ich fünfundzwanzig Jahre früher als junger Sekretär debütiert hatte. Alvensleben Er war kein Flieger, aber ein sicherer und pflichttreuer Beamter, der' nacn das Petersburger Terrain kannte, wo er schon in den siebziger Jahren Petersbur S unter Prinz Heinrich VII. Beuß als Botschaftsrat gedient hatte und der die Bussen zu nehmen wußte. Seine politische Brauchbarkeit wurde allerdings erheblich eingeschränkt, als er später als alter Junggeselle sich unter Hymens Joch beugte. Bismarck, der das glänzende Wort von der Hypothek der Eitelkeit geprägt hat, die von dem Werte jedes Menschen abgezogen werden müsse, meinte auch einmal, daß die Brauchbarkeit der meisten Diplomaten unter ihren Frauen litte. Ich habe ihn in Zusammenhang mit dieser Feststellung ausführen hören, daß die Frage zu erwägen sei, ob für Diplomaten nicht, wie für die katholischen Geistlichen, das Zölibat eingeführt werden sollte. Der große Mann liebte geistreiche Paradoxa. Er konnte, wenn er sich über die Volksvertretung geärgert hatte, in anscheinend vollem Ernst Bismarcks darüber diskurrieren, ob es sich nicht empfehle, den Beichstag nach Kassel Paradoxa zu verlegen. „Ab nach Kassel!" wiederholte er dann lachend nochmals. Er behauptete sogar, er habe dem Kaiser vor langen Jahren einen solchen Vorschlag gemacht, wäre damit aber leider nicht durchgedrungen. Gewiß hat Fürst Bismarck teils infolge des nicht immer unbegründeten Widerspruchs seines alten Herrn, teils bei reiflicher Überlegung und aus besserer Einsicht manchen in ihm auftauchenden Gedanken nicht ausgeführt. Er hat aber nicht selten Gedanken, die niemand für realisierbar hielt, doch zur Wirklichkeit gemacht. Als ich im Jahre 1874 als junger Attache eines Abends im Salon der Fürstin Bismarck weilte, erschien ihr großer Gatte und verkündigte den Anwesenden, er werde am nächsten Tage den ehemaligen Botschafter Graf Harry Arnim verhaften und einsperren lassen. Als ich mit dem gleichfalls anwesenden damaligen Gesandten und späteren Botschafter Josef Badowitz die Treppe hinunterging — es war noch im alten Auswärtigen Amt, das heutige Beichskanzlerpalais war 32 Bülow I 498 HARRY ARNIMS VERHAFTUNG DURCH BISMARCK noch das Hotel de Radziwill —•, sagte mir Radowitz: „Bisweilen sagt der große Otto doch Dinge, von denen er unmöglich annehmen kann, daß irgend jemand sie ernst nehmen soll. Das gilt auch von dem, was er soeben über Harry Arnim ankündigte. Er wird sich hüten, gegen Arnim vorzugehen." Am nächsten Mittag wurde der ehemalige Botschafter in Paris Graf Harry Arnim auf seinem Gute Nassenheide arretiert. Den Anstoß zum Untergang des begabten, aber eitlen und unzuverlässigen Harry Arnim hatte Holstein gegeben. Eine der dramatischsten Szenen in „Richard III." ist der Auftritt, wo Shakespeare diesem bösen englischen König die Geister derjenigen erscheinen läßt, die er umgebracht hat: die bleichen Züge des Königs Heinrich IV., des armen Clarence, des Lord Hastings, der beiden im Tower erwürgten jungen Prinzen tauchen vor ihm auf. Wenn, was ich nicht weiß, Holstein vor seinem Tode eine ähnliche Vision gehabt haben sollte, so wird er eine lange Reihe von Gesichtern derjenigen erblickt haben, die er, wenn auch nicht körperhch, so doch geschäftlich, dienstlich ums Leben gebracht hat. Harry Arnim würde den Reigen eröffnet haben, Keudell, Kusserow, Radowitz, Schlözer, Ferdinand Stumm, der Unterstaatssekretär und spätere Gesandte Dr. Busch hätten sich angeschlossen, die melancholische Figur des seufzenden Philipp Eulenburg wäre zuletzt vorbeigezogen. Und auch der gewaltige Fürst hätte nicht im Zuge gefehlt, der einst in St. Petersburg den jungen Attache von Holstein freundlich aufgenommen hatte und dem dreißig Jahre später der alte Geheimrat von Holstein in Berlin den Dolch in den Rücken stieß. Als ich Reichskanzler wurde, waren Philipp Eulenburg und Holstein Philipp die besten Freunde. Gerade damals übersandte Eulenburg seinem Freunde Eulenburg Holstein ein Exemplar der Briefe seines Onkels, des Grafen Fritz Eulen- id Holstein bm-g^ d er von I859 bis 1862 als außerordentlicher Gesandter die preußische Expedition nach Ostasien geführt hatte, dort Handelsverträge mit Japan, China und Siam abschloß und später, von 1862 bis 1878, unter Bismarck Minister des Innern war, mit nachstehendem Brief: „Lieber Freund, direkt vom Verleger wird Ihnen morgen ein Exemplar der Briefe meines Onkels Fritz Eulenburg aus Ostasien zugehen, die ich soeben herausgegeben habe. Ich denke mir, daß Ihnen dieselben Spaß machen werden, und es würde mich glücklich machen, wenn ich damit erreichen könnte, Ihnen am Heiligen Abend eine kleine Zerstreuung zubereiten. Wir haben uns unendlich lange nicht gesehen und geschrieben. Daß es mir nicht glückte, Ihnen im Herbst zu begegnen, hat mir sehr leid getan. Blicke ich am Schluß des Jahres, das wie kein anderes vorher durch den Wechsel des Jahrhunderts dazu einladet, auf meine Arbeit und alle Kämpfe und Not zurück, die ich durchgemacht habe, so taucht immer Ihr Bild beratend, mitkämpfend und mitleidend vor mir auf. Ich fühle mich immer zu Ihnen gehörend, und träte EULENBURG ZITTERT 499 selbst, vorübergehend, einmal eine verschiedene Auffassung einer Frage auf, so vermöchte dieses niemals trennend zu wirken. Es liegt mir daran, Ihnen dieses recht warm zu sagen. Ich hänge mit großer Zähigkeit und Treue an meinen alten Freunden — vorallenanlhnen! Mit diesem Weihnachtsgruß schließt Ihr alter getreuer Philipp Eulenburg." Weshalb und wodurch sich die langjährige, persönliche und politische Freundschaft zwischen Philipp Eulenburg und Holstein, die beide, jeder in seiner Weise, den Bruch zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck gefördert hatten, in bittere Feindschaft verwandelt hat, habe ich nie feststellen können. Bei der schrullenhaften Unberechenbarkeit von Holstein, der schwer zu fixierenden, molluskenhaften Zerflossenheit von Phili wird das nicht leicht zu ergründen sein. Die Briefe des letzteren an mich brachten mehr und mehr die Sorge zum Ausdruck, daß der Kaiser mir meine Erfolge im Reichstag übelnehmen Weitere könne. „Nur ein Wort", schrieb er mir, „um Dir Glück zu wünschen zu Briefe Philis Deinen Reden, die in Wien einen außerordentlichen Eindruck machen. an ^ ü ^ ow Du bist in die erste Stelle der gesamten politischen Welt gerückt. Das ist mein Eindruck. Aber ich zittere bei dem Eindruck, den mir die immer schärfere Wendung gegen S. M. macht. Wie diese ganze Reichstagssippe glücklich wäre, mit Dir gegen Seine Majestät zu gehen!! Zwischen allen ihren Worten blitzt es heraus." Gleichzeitig teilte er mir mit, daß mein „treuer \erehrer" Monts ihm schrieb, in München wäre man überzeugt, daß der Kaiser mich nicht lange vertragen würde. Ich telegraphierte daraufhin an Eulenburg: „Als die Agrarier mir wegen Amerika grollten, fürchtetest Du die Gefahr von rechts, jetzt scheint sie Dir mehr von links zu kommen. Solche Stürme bringt das politische Leben nun einmal mit sich. Ich lasse mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, es gibt gefährlichere Dinge als politische Anfechtungen, und ich bin wohl und guter Dinge. Sage an Monts, daß er lieber trachten soll, seine Münchener Freunde zu kalmieren, anstatt dem seligen Jeremias Konkurrenz zu machen." Als mir Eulenburg bald nachher mitteilte, er glaube zu wissen, daß der Kaiser in Kiel, wo er einen kurzen Besuch abstatten wolle und wo angesichts der allmählich stärker werdenden Flotte seine Pulse rascher schlügen, persönlich Stellung zu der ungerechten Beurteilung seiner im Chinesen-Sommer 1900 gehaltenen exzentrischen Rede nehmen würde, telegraphierte ich ihm: Ich hätte die Empfindung, daß ich durch mein Auftreten wie vorher im Bundesrat so jetzt im Reichstag eine verfahrene und schwierige Situation eingerenkt hätte. Eulenburg selbst habe ja immerfort auf die Gefahr einer Koalition der deutschen Fürsten und des Deutschen Reichstags gegen Seine Majestät hingewiesen. Nun möge er bei seinem großen Einfluß auf den Kaiser dazu beitragen, daß dieser sich ruhig hielte und, wenigstens 32» 500 DER OBERHOFMEISTER RÜGT DIE STADTVERORDNETEN ' Freiherr von Mirbach und die Berliner Stadtverordneten solange der Reichstag beisammen sei, weder in Kiel noch anderswo Brandreden halte. Mein Amtsvorgänger Fürst Chlodwig Hohenlohe beurteilte wie unsere auswärtige Lage so auch die inneren Verhältnisse mit dem ihm eigenen Takt. Er war erfüllt von aufrichtiger Verehrung für die Kaiserin Auguste Viktoria. Als aber deren Oberhofmeister Freiherr von Mirbach, angeblich im Allerhöchsten Auftrag, ein Schreiben an die Berliner Stadtverordneten richtete, das nach Form und Inhalt als Nachmittagspredigt vielleicht am Platz gewesen wäre, als politisches Schriftstück aber eine bedenkliche Entgleisung war, schrieb mir Fürst Hohenlohe: „Wenn der Brief des Freiherrn von Mirbach an die Stadtverordneten von Berlin auf Allerhöchster Weisung beruht, so habe ich keine Bemerkung zu machen. In diesem Fall bitte ich, meinen Brief in den Papierkorb zu werfen und ihn als non-avenu zu betrachten. Sollte aber derselbe der Initiative des Freiherrn von Mirbach entsprungen sein, so ist die Sache sehr ernst. In diesem Fall würde ich anheimstellen, den Artikel zur Kenntnis Seiner Majestät zu bringen. Es kann doch nicht geduldet werden, daß der erste Hofbeamte Ihre Majestät in dieser Weise bloßstellt. Die Sache macht den übelsten Eindruck, was um so bedauerlicher ist, als Ihre Majestät der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist." In dem Brief des Freiherrn von Mirbach war gesagt worden, Ihre Majestät hoffe, daß es mit der Zeit den guten und treuen Elementen der Stadtverordnetenversammlung gelingen werde, neben der Förderung des äußeren Blühens und Gedeihens auch an die vielen und tiefen inneren Schäden, an denen die Reichshauptstadt kranke, die versöhnende und bessernde Hand mit Erfolg anzulegen. Mit tiefem Schmerze habe Ihre Majestät davon Kenntnis genommen, daß in der Stadtverordnetenversammlung ein Mitglied, ohne in gebührender Weise zurechtgewiesen zu werden, heilige biblische Trostworte in einer Weise zum Spott benutzt hätte, die jede gute Sitte, vor allem aber das christliche Gefühl auf das tiefste verletzen müsse. Der Stadtverordnete, dem diese böse Zensur erteilt wurde, war Dr. Preuß, der achtzehn Jahre später die Mißgeburt der Weimarer Reichsverfassung in die Welt setzen sollte. Fürst Chlodwig Hohenlohe hatte unzweifelhaft darin recht, daß, wie man auch über Opportunität und Takt jener schnoddrigen Witzeleien des Dr. Hugo Preuß in der Stadtverordnetenversammlung denken mochte, es unangebracht war, die Kaiserin in den politischen Streit hineinzuzerren. Der gute Mirbach hat dies während meiner Amtszeit auch nicht wieder versucht, sondern sich darauf beschränkt, mit unbegrenztem Eifer die Berliner Kirchenbauten zu fördern, bis er auch in dieser Richtung kaltgestellt werden mußte. Wenn dem Oberhofmeister Mirbach der Sinn für das politisch Mögliche DER VIZEOBERZEREMONIENMEISTER 501 und Schickliche leider bisweilen abging, so hatte ich am Hofe der Kaiserin Bodo in deren Kabinettsrat, dem späteren Vizeoberzeremonienmeister Bodo Knes Knesebeck, nicht nur einen treu ergebenen Freund, sondern auch eine politisch einsichtige Stütze. Am 23. Dezember 1870 hatten wir zusammen in der Schlacht an der Hallue attackiert. In Erinnerung hieran übersandte er mir eine schöne Medaille des Fürsten Bismarck auf einem künstlerisch ausgeführten Sockel mit nachstehenden Worten: „Heute vor dreißig Jahren verübten wir gemeinsam den kleinen Husarenstreich, dessen Du Dich entsinnen wirst. In dem Wandel der Menschen und Dinge hat das Geschick Dich an die hohe Stelle geführt, auf der einst der eiserne Kanzler weltgebietend seines Amtes waltete, und gewährt mir die Genugtuung, Zeuge Deiner staatsmännischen Erfolge zu sein. Ich sende Dir das eherne Bildnis Deines gewaltigen Vorgängers für Deinen Schreibtisch. Möge sein Anblick Dich mahnen an unsere größte Zeit und der heutige Tag die Erinnerung erwecken an den alten Schneid für Kaiser und Beich. Damals wie heute Dein getreuer Freund Bodo Knesebeck." 1 XXXII. KAPITEL Erkrankung der Königin Victoria • Wilhelm II. fährt nach England • Briefe der Kaiserin Auguste Viktoria an Bülow • Kaiser Wilhelm bleibt bis zur Beisetzung (21. I. 1901) • Graf Metternich über den kaiserlichen Besuch • Vortrag bei Wilhelm II. in Homburg (8. II. 1901) • Vorbereitungen für den Besuch des Königs Eduard bei seiner Schwester, der Kaiserin Friedrich • Denkschrift des Staatssekretärs Freiherrn von Richthofen vom 3. II. 1901 über unser Verhältnis zu England • Verlegung des Schwerpunktes der deutsch-englischen Verhandlungen nach Berlin • Promemoria des Fürsten Lichnowsky Am 19. Januar 1901 wurde ich vom Kaiser in das Berliner Schloß gerufen. Als ich das kaiserliche Arbeitszimmer betrat, fand ich Seine Majestät des Kaisers j n eifrigem Gespräch mit seinem Oheim, dem Herzog von Connaught. ich England j Q gjchtiicjj erregter Stimmung eröffnete mir der Kaiser, daß er soeben die Nachricht von einer ernsten Erkrankung seiner Großmutter, der Königin Victoria, erhalten habe. Er werde sich sofort an das Krankenbett der Königin begeben. Als ich darauf aufmerksam machte, daß es sich empfehle, zunächst den weiteren Verlauf der Krankheit abzuwarten, entgegnete der Kaiser nicht ohne Ungeduld, wo es sich um das Leben seiner teuren Großmutter handle, die er unbedingt noch einmal sehen wolle, müsse jede andere Erwägung schweigen. Er habe übrigens schon Plätze auf einem der zwischen Vlissingen und Dover kursierenden Dampfer belegt. Während sich der Kaiser für einige Minuten entfernte, um weitere Anordnungen für seine Expedition nach England zu geben, besprach sein Onkel mit mir in großer Ruhe und Objektivität diesen neuesten Einfall Seiner Majestät. Von der ganzen englischen Königsfamilie war außer der Königin Victoria der Herzog wohl der einzige, der für Kaiser Wilhelm aufrichtige Freundschaft empfand. Obwohl durch und durch Engländer, war er wie seine Mutter davon überzeugt, daß friedliche und freundliche Beziehungen zwischen den beiden großen germanischen Völkern für sie selbst und für die Welt gleich wünschenswert wären. Er machte mir gegenüber kein Hehl daraus, daß, wenn die vom Kaiser beabsichtigte Reise gewiß ein schöner Beweis seiner Herzensgüte wäre, dieser plötzliche Uberfall der englischen Königsfamilie doch mancherlei Bedenken hervorriefe. Am Sterbebette der Königin werde der Kaiser „genieren". Die Royal ANS STERBELAGER DER QUEEN 503 Family werde nicht recht wissen, was sie mit ihm anfangen solle. Was das englische Volk betreffe und die englische öffentliche Meinung, so würde jenseits des Kanals der hochherzige Entschluß des Kaisers voll gewürdigt werden. Dieser Besuch am Sterbelager würde, ähnlich wie der Besuch des Kaisers während des Burenkrieges, den Kaiser in England persönlich sehr populär machen. Er, der Herzog, besorge aber, daß umgekehrt diese Reise in Deutschland die öffentliche Meinung noch mehr gegen England erregen würde. „Nun scheint mir", schloß der Herzog seine Ausführungen, ,,daß es jetzt vor allem darauf ankommt, die deutsche öffentliche Meinung nicht zu reizen, ihr Zeit zu lassen, sich zu beruhigen, sie nicht vor den Kopf zu stoßen. Kein verständiger Mensch in England zweifelt daran, daß sowohl der Kaiser wie Sie, daß die deutsche Regierung und die deutschen Bundesfürsten aufrichtig und lebhaft gute Beziehungen zu England wünschen. Aber so Hegen auch in dem noch ziemlich patriarchalischen Deutschland die Dinge nicht mehr, daß Kaiser und Regierung unbekümmert um die öffentliche Meinung die ihnen richtig erscheinende Politik durchführen können. Das habe ich in England manchen Leuten gesagt. Deshalb sage ich Ihnen, daß der Kaiser diesen Besuch besser unterließe." Während wir uns noch freundschaftlich unterhielten, trat der Kaiser wieder ein und sagte uns, alle Vorbereitungen für seine Abreise wären getroffen. Es würde sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln, aber dieser Besuch am Kranken-, vielleicht Sterbebette seiner geliebten Großmutter sei für ihn Herzenssache. Der Herzog, der sah, daß nichts zu machen war, empfahl sich, um in Berlin noch einige Verwandtenbesuche zu machen. Beim Weggehen drückte er mir die Hand und zuckte die Achseln. Kaiser Wilhelm empfand für seine Großmutter in England, „our English Grand- mamma", wie alle Kinder der Kaiserin Friedrich sie nannten, nicht nur einen ihm von Kindheit an eingeprägten, tiefen und unbegrenzten Respekt, sondern auch wirkliche Liebe. Sie war immer gütig gegen ihn gewesen. Sie war mit seinen frühesten Erinnerungen verknüpft. Die schönsten Tage seiner ersten Jugend waren die Besuche bei der englischen Großmutter gewesen, der Aufenthalt in dem überwältigend großartigen Windsor, in Osborne mit dem Blick auf die See und die vorüberziehenden mächtigen englischen Kriegsschiffe, die Ausflüge nach der Weltstadt London. Aber obwohl Wilhelm II. kaum für irgendeinen anderen Menschen eine so gleichmäßig aus Achtung und Zärtlichkeit hervorgehende Empfindung gehegt hat wie für die Königin Victoria, eilte er an ihr Sterbelager mit der stürmischen Ungeduld eines jungen Mannes, der seine erste größere Auslandsreise antritt. Kaiser Wilhelm konnte, namentlich während der ersten Hälfte seiner Regierung, schwer das ruhige Gleichmaß der Tage ertragen. Er wollte, daß immer etwas los sei, er wollte immer neue Eindrücke, neue Bilder. Es 504 DAS LEIDEN DER KAISERIN FRIEDRICH liegt eine große Härte des Schicksals darin, daß dieser impressionable, unstete und quecksilberige Mann, der novarum rerum cupidus war wie kaum igendein Gallier zu Cäsars Zeit, nach seinem Sturz verurteilt wurde, das stillste, monotonste, beengteste und eingeschränkteste Leben zu führen, das einem Mann in seinen Jahren beschieden sein kann. Während der Englandfahrt des Kaisers erhielt ich eine Reihe von Auguste Telegrammen, die in freudigem Tone, in glücklichster Stimmung den präch- Viktona tigen Anblick des von Schiffen belebten Meeres, der malerischen Kreide- ^bei der £ e j sen ^ eT englischen Küste schüderten. Der Kaiser hatte seine Großmutter Friedrich nocn lebend angetroffen. Sie starb am 21. Januar 1901. Sie war eine der größten Erscheinungen der englischen Geschichte, einer der erfolgreichsten, verehrtesten, geliebtesten Souveräne der Weltgeschichte. In beAvegten Worten schilderte mir der Kaiser, wie er seiner sterbenden Großmutter noch allerlei kleine Dienste hätte leisten können, daß sie, gestützt von ihm, „gewissermaßen" in seinen Armen gestorben wäre. Die Reise des Kaisers an das Sterbelager der Großmutter war der Kaiserin Auguste Viktoria, obwohl auch sie in Ehrerbietung an der Großmutter hing, nicht erwünscht gewesen. Ihr Gemahl war über ihren Widerspruch ohne jedes Bedenken und stürmisch hinweggegangen. Nun wünschte sie dringend, daß der Kaiser nicht bis zu dem Begräbnis in England bleiben möge, das erst vierzehn Tage nach dem Heimgang der Königin stattfinden sollte. Sie schrieb mir am 23. Januar aus Homburg, wohin sie gefahren war, um ihre schwerkranke Schwiegermutter, die Kaiserin Friedrich, zu besuchen: „Ich hoffe, Sie werden es noch möglich machen, den Kaiser zu überreden, die Beisetzung aufzugeben und sich damit zu begnügen, den Kronprinzen und vielleicht Prinz Heinrich, der darauf brennt, hinzuschicken, oder, wenn dies wirklich nicht zu machen ist, daß der Kaiser inzwischen hierher zu seiner Mutter kommt. Sogar die Kaiserin Friedrich meint, er solle nicht auf die Beisetzung warten. Sie wünscht persönlich sehr, den Kaiser zu sehen. Der Anblick der hohen Frau ist einfach jammervoll. Sie trägt es wirklich groß. Ich glaube nicht, daß der Zustand sich wesentlich verschlimmern wird nach diesem Todesfall, dafür war sie heute schon zu gefaßt." Am folgenden Tage schrieb mir Ihre Majestät weiter aus Homburg: „Sie werden nächstens meine Handschrift verabscheuen, aber ich muß Ihnen einhegendes Telegramm senden. Es traf gestern abend spät ein. In verschiedener Weise hat es mich beunruhigt: 1. da ich aus demselben ersehe, daß der Kaiser wieder sehr nervös, abgespannt ist. Aber das trifft, wie Sie wissen, leicht ein beim Kaiser und ist natürlich, da er sich einer Sache immer ganz hingibt. 2. Aber besonders gefährlich ist meiner Ansicht nach, daß man jetzt versucht, besonders die Damen, auf seine warme, freundliche Natur einzustürmen, ihm so schönzutun (jede will ihn natürlich nur für ihre Zwecke gewinnen)' WILHELM IL ZU MITGENOMMEN, UM SIE ZU BESUCHEN 505 daß der Kaiser den Eindruck gewinnt, dort absolut nötig zu sein. Ich finde, Sie müßten ihm vorstellen, wenn er sich jetzt noch etwas ausgeruht hat, dann zurückzukehren zur Mutter, die Beisetzung dem Kronprinzen und vielleicht Heinrich zu überlassen. Aber wer weiß, ob er es tut. Wenn er wirklich durchaus der Beisetzung beiwohnen will, würde es sich wohl kaum lohnen oder ihn vielleicht zu sehr ermüden, dazwischen zurückzukommen. In einem heute eingetroffenen Brief vom 21. schrieb der Kaiser mir, Eckardstein habe ihm erzählt, ,als am Abend in London bekannt wurde, daß Ich käme, um bei Großmama zu sein, da hätten die Leute vor Freude geweint, und oft sei Eckardstein gesagt worden, das wäre ein Akt, den Mir das englische Volk nie vergessen werde'." Das mir von der Kaiserin übersandte Telegramm war vom 23. Januar. Es bezog sich darauf, daß die Kaiserin angefragt hatte, ob der Kaiser nicht zu seiner schwerkranken Mutter kommen könnte. Wie die Kaiserin selbst hinzufügte, war dieser Vorschlag in der stillen Hoffnung gemacht worden, daß der Kaiser dann die Beisetzung in England aufgeben würde. Der Kaiser hatte erwidert: „Durch Reisen, durch Wartetage und -nächte und durch Flut von Telegrammen, die unaufhörlich hereinströmen, bin ich so mitgenommen, daß ich für den Augenblick außerstande bin, schon wieder eine Tour wie hinunter nach Homburg zu machen. Zudem sind die Tanten vollkommen allein hier, und ich muß ihnen beistehen in vielen Dingen, wo Rat nötig. Sie sind so lieb und gut zu mir, daß ich von Ihnen als Bruder und Freund, nicht als Neffe behandelt werde. Sobald etwas Ruhe und weniger Arbeit ist, werde ich sehen, ob ich noch vor der Beisetzung kommen kann. Es war eine furchtbar schwere und aufregende Zeit." Am 26. Januar schrieb mir die Kaiserin weiter aus Homburg: „Am Nachmittag besuchte ich meine arme Schwiegermutter, die doch einen sehr traurigen Anblick bietet. Sie leidet doch immer noch sehr. Nun kommt der große Kummer hinzu, der Wunsch, nach England zu gelangen, was meiner Ansicht nach bei ihrem Zustand ausgeschlossen ist. Dies gibt Unruhe und Qual. Dazwischen kann sie wieder ganz heiter sein. Was nun die Rückkehr des Kaisers betrifft, so ist ja leider eingetroffen, was ich befürchtete, daß er die ganzen vierzehn Tage in England bleibt, noch dazu mit dem Kronprinzen und dem Prinzen Heinrich. Als Krone von allem hat der neue König den Deutschen Kaiser zum englischen Feldmarschall gemacht. Wenn das nicht eine Ironie im jetzigen Moment ist, dann weiß ich es nicht. Es soll wohl eine Liebenswürdigkeit sein, ich halte es für eine Taktlosigkeit. Natürlich muß der Kaiser ein liebenswürdiges Gesicht machen. Ich habe ihm geschrieben, ich hoffte, er (der Kaiser) verlangte nicht, daß ich ihm hierzu gratuliere, es solle wohl eine Liebenswürdigkeit sein, vielleicht hätte man verschiedene Auffassung für die Sache. Ich 506 HINTER DEM RÜCKEN glaube, im Lande wird man auch sehr unzufrieden sein. Nun noch der Geburtstag außer Landes. Ich kann nur sagen, ich habe einen morabschen Kater." Telegraphisch berichtete mir die Kaiserin noch von Friedrichshof: „Trotzdem Kaiserin Friedrich durch den Tod der Mutter zuerst natürlich tief bewegt war, fand ich sie bereits sehr gefaßt. Sie fragte sehr, ob der Kaiser bald zurückkäme, schien sehr den Wunsch zu hegen, den Kaiser bald zu sehen." Die Nachteile eines zu langen Aufenthalts leuchteten auch dem England Graf freundlich gesinnten Grafen Paul Metternich ein, der mir am 23. Januar Metternich sichtlich präokkupiert in diesem Sinne telegraphierte. Am 24. Januar 1"/^tMt scn " e k er m ^ r scnon beruhigter: „Wechselnde Bilder ziehen rasch an einem in England voruDer > un & ich empfinde heute weniger die Befürchtungen, die ich Ihnen gestern über einen längeren Aufenthalt Seiner Majestät in Osborne aussprach. Die Einladung des Kronprinzen zum Geburtstag Seiner Majestät ist auf die eigene Initiative des neuen Königs von England zurückzuführen. Ich habe gestern Gelegenheit gehabt, Seine Majestät in dürren Worten auf die Gefahren von Indiskretionen nach Rußland hin aufmerksam zu machen, und ich glaube, daß Seine Majestät, soweit die Zukunft in Betracht kommt, meine Bemerkungen nicht unberücksichtigt lassen wird." Phibpp Eulenburg, der viel Flair hatte, schrieb mir wenige Tage nach dem Tode der Königin Victoria aus Wien: „Mir wird bange, wenn ich an den gehebten Herrn in Osborne denke: Was wird er alles reden! — Wie ein Kind zwischen diesen trotz aller Trauer rohen Naturen wandelnd. In ihrer Mitte verhert er auch alle seine sonstige ,Gerissenheit'. Eine Art treuherzige Verlegenheit tritt ein, und es wäre dem ersten besten leicht, ihm alle seine Seelengeheimnisse (und unsere Staatsgeheimnisse) zu entreißen. Dabei überall im Wege! Die Familie schimpft hinter seinem Rücken, und die eigenen Adjutanten ringen die Hände und wollen nach Hause. Mich macht trotz allen Ernstes und der wahrenTrauer, die er empfindet, der Gedanke lächeln, wie er die tote Großmutter ,ausschlachtet', um sich eine Zeitlang von ,Muttern' zu drücken. Hoff entheb bekommt ihm das Spazierengehen in Osborne und das Herumfahren bei Cowes zu allen Kriegsschiffen, die ihn mit der denkbar größten Nonchalance empfangen, gut; das ist schließ- lich die Hauptsache. Der ,New York Herald' hat meine bevorstehende Ernennung zum Statthalter im Elsaß gebracht. Gott weiß, woher das stammt! Wenn es auch der einzige Posten ist, den ich gern nähme, so hörte ich weder, daß der Langenburger zurücktreten will, noch, daß Adolf Schaumburg eine andere Unterkunft haben sollte." Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg war Statthalter der Reichslande. Den Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe, den Schwager des Kaisers, fürchtete Phili als Konkurrenten für Straßburg, wohin er selbst kommen wollte. Mit ENGLISCHER FELDMARSCHALL, HOSENBAND IN BRILLANTEN 507 von Plessen „Muttern" ist die Kaiserin Auguste Viktoria gemeint, deren Einfluß er den Kaiser zu entziehen suchte. Aus England schrieb mir am 1. Februar der Generaladjutant von Plessen: „Eurer Exzellenz darf ich meine Eindrücke hier offen mitteilen: Brief S. M. haben durch sein schnelles Kommen, durch seine liebevolle Teil- d ßS Generals nähme, durch sein frisches, tatkräftiges Eingreifen in den ersten Trauerstunden hier die Herzen aller im Sturm erobert! Die ganze Königliche Familie stand unter seinem Charme, inklusive derjenigen Damen, welche uns sonst am wenigsten geneigt sind, z. B. die Königin Alexandra, die Herzogin von York, die Christian Holstein. Alle Umgebungen haben mir dies ebenso rückhaltlos ausgesprochen wie die Herrschaften selbst! Als der Tod der Queen herannahte, schlug ich S. M. vor, gleich danach sofort nach Friedrichshof zur kranken Mutter zu fahren und dann zu der vermutlich nicht so bald zu erwartenden Beisetzung wieder herzukommen. Das würde die Welt begreifen, und hier wäre er, der Deutsche Kaiser, in dieser Zwischenzeit nicht dringend nötig! Er warf dies sofort weit weg! Er wäre hier nicht als Kaiser, sondern lediglich Enkel! Ich bin überzeugt, daß von dem im ersten Moment gemachten Gewinn durch unser Bleiben manches wieder verlorengegangen ist. Alle Umgebungen fragten uns in jener Zeit, wann wir abreisten, wie lange wir bleiben würden! Als man des Kaisers Entschluß nach und nach erkannte, hat man hier aus der Not eine Tugend gemacht. ,Der König hat', so sagte uns S. M., ,mich zu bleiben gebeten!' Nun, ich glaube, daß vieles, was in diesen vierzehn Tagen gesprochen wurde, besser ungesprochen geblieben wäre. Von englischer Seite hat man jedenfalls nichts unversucht gelassen, uns an sich zu binden! Der ,Feldmarschall', der ,Hosenband in Brillanten' und nun diese Umfahrt durch London, um dem Publikum Gelegenheit zu geben, seinen Dank dem Kaiser für sein Kommen abzustatten! Gebe Gott, daß uns dabei kein Unglück passiert!!! Aus allem habe ich den Eindruck, daß den Engländern in ihren großen Kalamitäten (Süd-Afrika), in welche dieser Begierungswechsel fällt, bei ihrer allgemeinen Verhaßtheit, von der sie offen sprechen, unser Herkommen und unseres Kaisers Freundschaftsbeweise unaussprechlich erwünscht gekommen sind. Sie sind momentan so klein, wie sie so bald nicht wieder sein werden! Durch unseren Herrn gehoben, fangen sie sicherlich bald wieder an, ihre historische Unverschämtheit wiederzugewinnen! Ganz zum Überfluß mußte im Zimmer neben S. M. der Herzog von York an den Masern erkranken! Unser Herr war nicht dazu zu bringen, mit dem Kronprinzen auf die ,Hohenzollern' zu ziehen. Er vertauschte nur seine Wohnung mit einer im entlegenen Flügel. Wären wir nur erst mit beiden glücklich zu Hause! Und zu Hause soll jetzt in Homburg v. d. H. ein längerer Aufenthalt genommen werden, weil man in Berlin sonst die 508 DER FELDZUGSPLAN FÜR ROBERTS kleinen Kinder anstecken könnte! Hier wird die Ansteckungsgefahr gering geachtet, zu Hause muß sie uns zum Vorwand dienen, länger von Berlin fortzubleiben! Ich finde es schrecklich, daß in diesen arbeitsreichen, folgenschweren Geschäftswochen S. M. nicht in Berlin ist. Oder wollen Sie Heber, daß er den Geschäften fernbleibt ? Jedenfalls hoffe ich, daß Sie recht bald nach Homburg kommen, wo wir am 7. Februar morgens 8 Uhr eintreffen." Die antienglische Stimmung der Kaiserin Auguste Viktoria, der mili- Dcr Schwarze tärischen Umgebung Seiner Majestät und der großen Mehrheit des deutschen Adler Volkes war unklug. Aber die Übertreibungen des Kaisers gegenüber Eng- jür Roberts j anc ^ dem er in jenen Tagen ebenso stürmisch und demonstrativ huldigte, wie er vorher und nachher gelegentlich antienglische Gefühle zur Schau trug, regten die weitesten Kreise in Deutschland immer von neuem auf, und das ohne realen politischen Nutzen. Die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den Besieger der Buren, Feldmarschall Roberts, die ohne Rückfrage bei mir erfolgte, machte bei dem stolzen Selbstgefühl der Engländer dort wenig Eindruck, während sie in Deutschland vielfach als ein Schlag ins Gesicht der öffentlichen Meinung und Stimmung des Landes empfunden wurde. Die Kunst der Politik besteht auch darin, de donner ä chaque chose sa juste valeur, wie der weise Marco Minghetti zu sagen pflegte. Diese demonstrative Auszeichnung hat nicht einmal den damit Begnadeten für die Dauer gewonnen. Als später Wilhelm II. in einem bedauerlichen Anfall von phantastischer Großsprecherei die unwahre Behauptung aufstellte, Lord Roberts habe die Buren nur mit Hilfe eines von ihm, dem Kaiser, entworfenen und an die Königin Victoria gesandten Feldzugsplans besiegt, verwandelte sich der Feldmarschall, der übrigens ein tüchtiger und tapferer Soldat war, der in allen Weltteilen durch sein ganzes langes Leben hindurch für den Ruhm der englischen Fahne gefochten hatte, in einen persönlichen und bitteren Gegner des Deutschen Kaisers. Es war dies einer der vielen Fälle, wo Kaiser Wilhelm II. bei den besten Absichten und felsenfest überzeugt, er sei auf dem richtigen Wege, gerade das Gegenteil von dem erreichte, was er bezweckte. Als ich den Kaiser in Homburg wußte, begab ich mich dorthin. Ich Wilhelm II. fand ihn noch ganz im Banne seiner englischen Eindrücke. Während er sich »n Homburg sons t nicht genug tun konnte im Wechseln militärischer Uniformen, zeigte er sich jetzt nur in Zivil, wie er sich in England gekleidet hatte. Dazu trug er eine Krawattennadel mit der Chiffre seiner verewigten Großmutter. Die aus dem nahen Frankfurt zur Mittags- oder Abendtafel befohlenen Militärs waren sehr erstaunt, ihren obersten Kriegsherrn im bürgerlichen Kleide zu erblicken. Sie schienen nicht angenehm berührt durch die immer wiederholten enthusiastischen Kundgebungen für England und alles Englische, EDUARD VII. LEHNT HOMBURG AB 509 ,das hoch über deutscher Art und Sitte stünde'. KönigEduard hatte vor der Abreise des Kaisers aus England ihm seinen Besuch angekündigt. Obwohl ich Seine Majestät darauf aufmerksam machte, daß der König vor allem seine todkranke Schwester, die Kaiserin Friedrich, noch einmal sehen wolle und deshalb lieber bei ihr im Schloß Friedrichshof absteigen würde als in Homburg, bestand der Kaiser darauf, daß sein Onkel bei ihm wohnen müsse und nicht in Friedrichshof. Da das Schloß in Homburg nicht für den Winter eingerichtet war, so mußten rasch eiserne Öfen in allen Zimmern aufgestellt werden. Einmal im Gange, verbreiteten sie eine kaum erträgbche Hitze. Wurden dann notgedrungen die Fenster geöffnet, so fror der Gast in der kalten Februarluft. Die Gesundheit des Generalobersten Hahnke, des Kabinettsrats Lucanus und anderer ehrwürdiger Greise in der kaiserlichen Suite wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Heizungsversuche fanden dadurch ihren Abschluß, daß König Eduard seinem Neffen schrieb, er könne seine gütige Einladung für Homburg nicht annehmen, da er möglichst in der Nähe seiner armen Schwester bleiben wolle. Bei der großen Impressionabilität Seiner Majestät bewirkte diese Absage eine merkliche Abkühlung der kaiserlichen Empfindungen nicht nur für seinen königlichen Oheim, sondern auch für dessen Land. Mich beschäftigte inzwischen vor allem der Wunsch, die Annäherung zwischen dem Kaiser und dem König und die günstige Rückwirkung der Die kaiserlichen Reise auf weite Kreise des englischen Volks zu benutzen, um Verständigung zu einer für uns annehmbaren vertragsmäßigen Verständigung mit Groß- mlt En S^ and britannien zu kommen. Schon aus Berlin telegraphierte ich an die Kaiserliche Botschaft in London, daß, wenn Chamberlain gegenüber Eckardstein die Frage eines engeren Anschlusses von Großbritannien an uns und die zentraleuropäische Friedensgruppe berühre, dieser etwa folgendem Gedankengang Ausdruck geben möge: Das deutsch-englische Zusammengehen auf Grund von Interessengemeinschaft habe sich neuerdings mehrfach praktisch bewährt. Nirgends bestehe jetzt mehr zwischen uns ein eigentlicher Gegensatz. Der friedliche Wettbewerb auf kolonialem oder wirtschaftlichem Gebiet des einen Landes sei auf keinem Teil des Globus unvereinbar mit den Rechten und Interessen des anderen. Die neuerliche intime Annäherung der beiderseitigen Herrscher habe dazu beigetragen, die Völker einander näherzubringen. Unter diesen Umständen erscheine es nicht ausgeschlossen, daß von unserer Seite dem Gedanken eines engeren Anschlusses nähergetreten würde, falls derselbe eine bestimmte Gestalt annehmen und in amtlicher Form angeregt würde. Die Befestigung des Weltfriedens müsse das beiderseitige Ziel sein. Für England ebensowenig wie für uns sei Rußland oder Frankreich a 11 e i n in Betracht zu ziehen. Einer allein würde für England wie für den Weltfrieden gleich unbedenklich 510 IMMER NOCH DIE DEUTSCH-ENGLISCHE ALLIANZ sein. Vereinigt aber wären Rußland und Frankreich für England um so mehr zu fürchten, als für den Fall eines englisch-russisch-französischen Konflikts sich Deutschland bisher noch nicht zu einer für Großbritannien unbedingt wohlwollenden Neutralität verpflichtet habe. Genau in derselben Lage befände sich umgekehrt auch Deutschland. Daraus ergebe sich fast von selbst der Gedanke eines defensiven Bündnisses. Für den Fall eines Angriffs von Rußland und Frankreich auf England oder auf Deutschland sollte die entsprechende andere Macht mit ihrer gesamten Land- und Seemacht zugunsten des Angegriffenen eintreten. Der Vertrag müsse nach Unterzeichnung durch die beiderseitigen Souveräne und Minister den Parlamenten zur Annahme vorgelegt werden und solle zunächst auf fünf Jahre Gültigkeit haben. Baron Eckardstein könne dabei hervorheben, daß ein solches Schutz- und Friedensbündnis den Vorzug besitze, nicht den Keim eines eventuellen Zwistes mit einer fremden Macht in sich zu tragen. Er könne dabei durchblicken lassen, daß sich vielleicht später auf der Grundlage eines defensiven Friedensvertrages eine weitere Vereinbarung, also beispielsweise die Teilung eines viel umworbenen Streitobjektes wie Marokko, um so leichter aufbauen ließe. Im Gegensatz zu Holstein, der bei hoher politischer Begabung, reicher Denkschrift Erfahrung und unbegrenzter Arbeitsfreudigkeit in seiner sprunghaften, hier Richthofens un( j j a m0 rbiden Weise nur zu oft die nötige Stetigkeit und Abgewogenheit vermissen ließ, zeichnete sich der Staatssekretär Freiherr von Richthofen durch Überlegung und ruhiges Urteil aus. Am 3. Februar hatte er mir die nachstehende Denkschrift überreicht, die um so beachtenswerter war, als Richthofen, wie ich bereits ausgeführt habe, nach Erziehung, Lebensgang und durch seine ganze Weltanschauung weit mehr Sympathien für England als für Rußland hegte: „Eine deutsch-englische Allianz gewährt uns für den Kriegsfall nach zweierlei Richtung Vorteile: 1. den Hauptvorteil, daß England nicht in den Reihen unserer Gegner steht; 2. den nebensächlicheren Vorteil, daß England in der Lage ist, die Flotten unserer Gegner von den Meeren wegzufegen und so die Nichtbeeinträchtigung unseres überseeischen Handels und unserer Kolonien zu sichern. Eine Unterstützung durch englische Landtruppen wird bei der gegenwärtigen Desorganisiertheit der britischen Armee und ihrer Inanspruchnahme in Südafrika nicht wesentlich ins Gewicht fallen. Ebenso auch nicht die Absorbierung russischer und französischer Landtruppen durch Beschäftigung derselben an der indischen Grenze oder sonstigen Kolonialgrenzen. Der oben bezeichnete zweite Vorteil ist deshalb ein nebensächlicher, weil England voraussichtlich auch ohne Allianz die Gelegenheit eines Krieges des Zweibundes gegen Deutschland oder den Dreibund benutzen würde, um die Flotten des ersteren möglichst lahmzulegen, und sodann, weil, wenn nur als Mindestmaß die englische RICHTHOFEN FÜR KRIEGS AUSSCHLUSS-VERTRAG 511 Neutralität uns gesichert ist, die deutsche Flotte allmählich selbst stark genug sein und werden wird, den Schutz des überseeischen deutschen Handels zu übernehmen, zumal eventuell gemeinsam mit Italien und Osterreich gegen Frankreich und Rußland. Für uns von hochbedeutendem Interesse ist es daher meines Erachtens nur, uns, wenn irgend tunlich, den zu 1 bezeichneten Hauptvorteil zu sichern. Von unserem Standpunkt aus benötigte es hierzu keiner Allianz, sondern ausreichend wäre ein sozusagen Pactum de non inter se bellum gerendo. Ein solcher Kriegsausschlußvertrag würde naturgemäß gleichzeitig ein Verfahren zur Regelung aller etwaigen Streitfälle in sich zu schließen haben, das wohl nur auf einer Art schiedsgerichtlicher Rasis denkbar ist. Ein solcher Vertrag würde, glaube ich, ohne weiteres, selbst wenn auch zunächst nur für etwa zehn Jahre abgeschlossen, die Rilligung unseres Reichstags und des deutschen Volkes finden, und, da den allgemeinen humanitären Gedanken der Zeit entgegenkommend, wohl auch diejenige des britischen Parlaments. Er würde jede Spitze gegen dritte Regierungen ausschließen, da die Anerkennung des territorialen Status quo, der Abschluß eines gleichen Vertrages vom Dreibund dem Zweibund auch angeboten werden könnte. Ob die englische Regierung einem solchen Paktum zustimmen würde, steht dahin. Es bietet ihr viel weniger als eine deutsch-englische Allianz, aber immerhin die Sicherheit, nicht mit der Möglichkeit einer gegnerischen Koalition Rußland-Deutschland-Frankreich rechnen zu müssen. Uber ein solches Paktum hinauszugehen, in ein Allianzverhältnis einzutreten, halte ich nach wie vor für sehr bedenklich. Um in England einige Gewähr für Halten des Vertrages zu haben, würde die parlamentarische Sanktion unbedingt geboten sein; geschieht solche in London, werden wir unser Parlament nicht ausschalten können. Die Zustimmung des Reichstags aber zu einem Vertrage, welcher auch nur die kleinste Möglichkeit offenläßt, daß wir in die Situation kommen könnten, uns für nicht-deutsche englische Interessen, also z. R. für Indien, zu schlagen, würde, insbesondere in gegenwärtiger burophiler Zeit, nicht zu erlangen sein. Für österreichische oder italienische Interessen einzutreten, würde man, an den Dreibund gewöhnt, äußerstenfalls bereit sein, für englische, die sich nicht voll mit den unsrigen decken, aber auf lange Zeit hinaus nicht. Der Abschluß eines dem Dreibund-Verträge ähnelnden Defensiv-Abkommens mit England würde einem geschickten und skrupellosen englischen Staatsmann eine mächtige, für uns aber sehr gefährliche Waffe in die Hand geben. Einen Angriffskrieg Rußlands und Frankreichs gegen England provozierend, würde er einerseits die Flotten der beiden Angriffsstaaten abrasieren, andererseits auf dem Kontinent die drei Rivalen Englands: Rußland, Deutschland und Frankreich, in gewaltigem Kampfe sich verbluten lassen können, um schließlich als der in Europa einzig Gebietende dazustehen. 512 GESPENST EINES RUSSISCH-ENGLISCHEN BUNDES Jede Allianz mit England setzt uns der Gefahr aus, unsererseits einen kontinentalen Landkrieg wesentlich allein, und ohne absolute Notwendigkeit dazu, ausfechten zu müssen. Mir erscheint eine solche deshalb ausgeschlossen. Ein Paktum der eingangs erwähnten Art halte ich von unserem Standpunkt aus für möglich und nützlich. Ist ein solches nicht erreichbar, oder auch neben einem solchen, könnten Abkommen und Einzelfragen territorialer Natur zum Abschluß gelangen, wenn auch das letzte deutschenglische Abkommen hierzu nicht anreizt, dessen Wert für England durch die tatsächliche Ausnutzung von Lourenco Marques als britische Station beseitigt und dessen Fortbestand durch die Neuproklamierung der portugiesischen Allianz für die Wirklichkeit in Frage gestellt ist. Nur als auf eine Nebenerscheinung möchte ich noch darauf hinweisen, daß jedes Paktum, welches eine englische Kriegsgefahr für uns mindert, in unserem Reichstag auf eine Neigung zu weiter gehenden Flottenbewilligungen abschwächend einwirken wird. Ich glaube, daß bei einiger Vorsicht und namentlich ruhiger Behandlung von hier aus die doch nur vorübergehende chinesische Phase zum Abschluß gebracht werden kann, ohne eine irgendwie dauernde russische Verstimmung gegen Deutschland zurückzulassen." Am 5. Februar schrieb mir Richthofen: „Meines Erachtens hegt in den Vorgängen der letzten Zeit keinerlei Grund vor, um uns von dem bisher festgehaltenen Satz, England uns kommen zu lassen und nicht unsererseits England zu kommen, abweichen zu lassen. Weder der Thronwechsel in England noch die liebenswürdige Ausdehnung des Kaiserlichen Besuchs dort noch der englische Ansturm auf uns in der Tientsin-Settlement-Frage, welcher doch nur darauf ausging, uns in die erste Linie gegen Rußland zu schieben, und, sobald die Erfolglosigkeit bemerkt wurde, sofort abgestoppt worden ist, dürften einen solchen ausreichenden Grund darbieten. England gegenüber läuft aller Wahrscheinlichkeit nach die Situation für uns. Je mehr es in Südafrika engagiert wird, und es sieht so aus, als würde dies der Fall sein, desto mehr wird es in Europa und Asien lahmgelegt und bedarf es des Wohlwollens anderer Mächte, d. h. von Amerika abgesehen, insbesondere Rußlands, Frankreichs und Deutschlands. Das Gespenst einer russischenglischen Allianz erscheint mir auch nach den mehrfachen Unterhaltungen, die ich hierüber mit Geheimrat von Holstein gepflogen, durchaus lediglich als ein solches. England würde durch Arrangements mit Rußland stets sicher verlieren, nur kurze Waffenstillstandssicherungen erlangen und sich immer wieder Rußlands Unersättlichkeit gegenüber sehen. Was kann England z. Z. Rußland bieten? Die Mandschurei? Die hat Rußland schon, ohne England zu fragen, genommen. Korea ? England würde sich dadurch ja Japan für immer verfeinden. Gewährt England Vorteile an Rußland in Persien oder nach Indien zu, so würden es entweder nur solche sein können, ENGLAND-FRANKREICH? 513 die sich Rußland auch ohne Englands Zustimmung jederzeit von selbst nehmen kann, oder solche, die Englands ganzes Prestige und ganze Herrschaft im zentralen Südasien zu erschüttern geeignet sein und außerdem doch nur das Sprungbrett für weitere russische Forderungen bilden würden. Was sollte Rußland denn als Äquivalent an England gewähren? NichtIntervention gegen britische Einflußsphäre am Jangtse ? Eine solche Zusage würde Frankreich sehr verstimmen, andererseits aber belanglos sein, da Rußland sichtlieh gar keine Intentionen hat, von Süden aus in die Jangtse- Frage sich einzumischen, und andererseits eine Einmischung von Norden her, sobald sie für Rußland ausführbar wird, wohl durch keinen Traktat der Welt würde gehemmt werden können. Rußlands und Englands Interessen sind zu gegensätzliche, um selbst eine nur zeitweise Überbrückung wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Rußlands Stärke Hegt darin, daß es keine Kolonien, sondern nur die Ausdehnung seiner eigenen Grenzen will. In verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich diese Ausdehnung stark und stetig vollzogen; jede Verbesserung im Landtransport gegenüber dem verhältnismäßig doch immer schwerfällig bleibenden Seetransport erleichtert die Erreichung des Zieles. Hat Rußland weiter Geduld — und dies zu bezweifeln Hegt namentlich unter dem gegenwärtigen Zaren kein Grund vor —, so wird ihm sanft noch mehreres zufallen. Kaum fünfzig Jahre sind seit dem Krimkriege verflossen. Würde jetzt noch irgendeine KoaHtion gegen Rußland zustande zu bringen sein, wenn es die Hand nach Armenien, ja selbst nach dem Goldenen Horn ausstrecken woUte ? Die Mandschurei fäUt Rußland ohne Weiteres in den Schoß. Wird sich, faUs es nach einiger Zeit aus TschiH hinübergreift, jemand finden, der ,Halt!' ruft? Kaum. England ist gegenüber Rußlands Aspirationen eigentlich schon, was Asien anbetrifft, auf Indien und die Küstenstrecken eingeengt; im Innern Persiens und Chinas wird es kaum gegen Rußland kräftig agieren können. Ein anglo- französisches Bündnis ist an sich nicht undenkbar. Die Spitze eines solchen würde französischerseits gegen uns, englischerseits gegen Rußland gerichtet sein. Uns aHein abzurasieren unter gleichzeitigem Hochkommen Frankreichs und Rußlands, daran hat England kein Interesse. Andererseits kann es Frankreich nicht erwünscht sein, Deutschland und Rußland zu schwächen und sich dann aHeinstehend England gegenüber zu sehen. Immerhin ist natürHch die Gefahr, die ein solches Bündnis für uns in sich schHeßen würde, nicht zu übersehen und ein Grund mehr für uns, mit England auf gutem Fuß zu bleiben. Wir sind und bleiben schHeßHch für England immer der bequemste Anhalt. Mit unserer Macht absorbieren wir so viele russische und französische Streitkräfte, daß dadurch Rußland und Frankreich von abenteuerHchen Unternehmungen, die sich hier oder dort gegen England richten würden, abgehalten werden und damit der engHsche Machtstand 33 BUIow I 514 AM BESTEN GEBETTET wenigstens im Status quo erhalten wird. Wir verlangen andererseits nichts von englischem Besitz, sondern nur, daß wir in Ruhe gelassen werden und daß wir, wenn England aus einer fremden Schüssel eines Schwachen speisen will, es uns mitspeisen läßt. England kann hierfür eine Gegenleistung nicht mehr verlangen, als daß wir es unsererseits auch in Ruhe und Frieden lassen und seinen politischen Interessen nicht entgegentreten. Ein Arrangement in dieser Richtung kann uns nur erwünscht sein. Darüber hinaus aber ein Schutz- und Trutzbündnis oder unter gewissen Voraussetzungen eine Allianz, die man Defensiv-Allianz nennen kann, die aber de facto von einem der Paziszenten leicht zu einer Offensiv-Allianz gemacht werden kann, • einzugehen, würde m. E. für uns sehr bedenklich sein, da die Spitze einer solchen Allianz, man mag sie einkleiden, wie man will, immer gegen Rußland gerichtet sein und im Konflikt mit Rußland immer wesentlich unsere Schultern und nicht die englischen herzuhalten haben würden. Mit der Seemacht ist Rußland, zumal bei jetzigen Verhältnissen Blockaden nicht mehr so schwer wiegen, vielleicht von Dritten (Amerika?) gar nicht mal immer würden anerkannt werden, nur wenig beizukommen. Bleiben wir mit Frankreich auf dem jetzigen Fuße, können wir uns davor sichern, daß England in die uns gegnerische Reihe tritt, und behandeln wir Rußland einerseits freundlich, andererseits aber fest und nicht nachgiebig oder gar nachlaufend, so sind wir, glaube ich, am besten gebettet. In letzterer Beziehung hapert es m. E. am meisten. Es muß in Petersburg sowohl wie hier (Osten-Sacken) klargemacht und zum Bewußtsein gebracht werden, daß der Schwerpunkt unserer Politik bei uns in der Hand, und zwar in der sicheren, ruhigen, gleichbleibenden Hand des Reichskanzlers,liegt. Eine englisch-französisch-deutsche Gruppierung kontra Rußland und Amerika widerspricht m. E. unseren Interessen, da wir allen Grund haben, ohne zwingende Notwendigkeit nicht in Gegensatz zu den beiden letzteren Staaten zu treten und diese zu einer für ganz Mittel- und Westeuropa höchst gefährlichen Koalition zu treiben. Andererseits würde eine solche Gruppierung unzuverlässig sein, da Frankreich aus solcher, sobald es anderweitig eine Gelegenheit zum Aufrollen der elsaß-lothringischen Frage erschauen sollte, ohne weiteres und schleunigst echappieren würde." Die Bemerkung des Staatssekretärs, es möge den Russen klargemacht werden, daß der Schwerpunkt der deutschen Politik in der Hand des Reichskanzlers liege, bezog sich natürlich auf den Kaiser, der leider auch Rußland gegenüber dazu neigte, zwischen naiver Aufdringlichkeit und abrupter Unart hin und her zu schwanken. Bevor ich zum Kaiser nach Homburg reiste, gab ich sowohl Richthofen wie Holstein gegenüber dem Wunsch Ausdruck, daß der Schwerpunkt der weiteren deutsch-englischen Besprechungen aus der Hand des nicht NICHT GEGEN RUSSLAND VORSCHIEBEN LASSEN 515 genügend zuverlässigen, jedenfalls von englischen Gedankengängen beherrschten und insbesondere von England finanziell abhängigen Eckardstein nach Berlin verlegt werden möge. Wenn die englische Regierung etwas von uns wolle, so möge ihr amtlicher Vertreter in Berlin an uns herantreten. Erörterungen von solcher Tragweite könnten unmöglich lediglich durch die Vermittlung eines jungen Sekretärs gehen, dessen Berichte und dessen ganzes Verhalten gar zu sehr darauf hindeuteten, daß sein Charakter ebenso fragwürdig wäre wie seine finanzielle Integrität. Auffällig sei die neuerdings aus allen Eckardsteinschen Telegrammen hervorgehende Tendenz, uns Angst zu machen vor einem plötzlichen Rückzug der Engländer aus dem nördlichen Ostasien unter Preisgabe aller dortigen britischen Interessen. Unterstützt durch die britische Flotte, wären die Japaner augenblicklich den Russen in Ostasien entschieden überlegen. Das Bestreben, uns für englische Zwecke gegen Rußland vorzuschieben, sei bei der Tientsin-Angelegenheit sehr deutlich zutage getreten. Bei dem Mandschurei-Abkommen hätte Lansdowne die Miaotao-Inseln als von Rußland beansprucht erwähnt, während in dem Telegramm des englischen Gesandten Satow dieser den Zugang zum Golf von Petschili beherrschenden Inselgruppe mit keinem Wort Erwähnung geschehe. Der damalige Dezernent für England, der seit jeher anglophile Prinz Lichnowsky, der spätere Botschafter in London, faßte seine Ansicht am Schlüsse eines Promemorias in die Worte zusammen: „Angesichts ihrer Lage in Südafrika, des momentan schwierigen Standes ihrer Finanzen, der Zwangslage, in der wir uns durch die Entsendung des Grafen Waldersee befinden, der antirussischen Auslassungen und Reden Seiner Majestät in England und der in London genau bekannten, durch solche kaiserliche Reden hervorgerufenen ungünstigen Stimmung für uns an der Newa wäre es geradezu naiv, wenn die englischen Staatsleiter nicht versuchen wollten, uns, ohne sich selbst zu engagieren oder gar ernstlich zu binden, gegen Rußland vorzuschieben." XXXIII. KAPITEL Eintreffen des Königs Eduard in Kronberg • Seine Eindrücke während seiner Fahrt durch Deutschland ■ Miß Charlotte Knollys zu Bülow • Kaiserbesuch in Bremen (5. III. 1901) • Exzentrische Rede des Kaisers beim Alexander-Regiment • Brief des Großherzogs Friedrich von Baden über die Rede • Die verfahrene Kanalvorlage • Demission des Finanzministers von Miquel, sein Nachfolger Freiherr von Rheinbaben • Geburtstag des Kaisers Nikolaus, Rede Wilhelms II. in Metz • General Bonnal in Metz • Die Enthüllung des Bismarck-Denkmals in Berlin (16. VI. 1901) • Bülows Gedächtnisrede. Wilhelm IL, Herbert Bismarck • Der Prophet Jeremias über das menschliche Herz. Einigung mit dem bayrischen Finanzminister Riedel über den Zolltarif • Peter Spahn, Ernst Bassermann, der Bund der Landwirte, Graf Limburg-Stirum Die sterbende Kaiserin Friedrich wünschte lebhaft, ihren ältesten Bruder noch einmal zu sehen. Als Eduard VII. an das Schmerzenslager seiner Eduard VII. Schwester eilte, war er von rein menschlichen Empfindungen geleitet. in Deutsch- Politisch ist diese Reise des Königs für sein weiteres Verhalten wie für seine land ganze Beurteilung deutscher Verhältnisse von unerfreulicher Wirkung gewesen. Im Gegensatz zu dem theoretisch angelegten Deutschen, der sein Urteil gern aus Büchern schöpft oder auch aus der Tiefe seiner ethischen Überzeugungen, geht der Engländer von der unmittelbaren Anschauung aus. Als der König, von VHssingen kommend, deutschen Boden betrat und den Rhein hinauffuhr, konnte er sich unmöglich dem Eindruck verschließen, daß der englandfeindliche Burentaumel in Deutschland zu einem wirklichen Paroxismus geworden war. Die Polizei hatte Mühe, auf den Stationen, wo der Zug haltmachte, den königbehen Waggon durch sorgsame Überwachung und strenge Absperrung vor Insulten zu schützen. Kein politischer Kordon konnte verhindern, daß an vielen Stationen rohe Schmähungen gegen England und den König an das Ohr Eduards VII. drangen. Um dieselbe Zeit war in «dien Zeitungen zu lesen, daß in Heidelberg harmlose deutsche Korpsstudenten, die Fußball spielten, von Arbeitern für Engländer gehalten und als solche verprügelt worden waren. Als der König, der am 25. Februar 1901 in Friedrichshof angekommen war, zum Besuch des Kaisers in Homburg eintraf, war er in sehr ernster Stimmung. Mir sagte er: „Sie haben es schwer. Die Leute sind hier ja wie verrückt. Um so mehr erkenne ich an, wie Sie für ein gutes Verhältnis zu DER FELDZUGSPLAN PURER NONSENS 517 England überall, auch im Reichstag eingetreten sind. Lassen sich die Leute Unterredung in Deutschland denn gar nicht beruhigen ? They seem to have a crack, they mü are like mad." Am nächsten Tage hatte ich eine Unterredung mit der lang- Mi ß Kn °Uy s jährigen Hofdame der Königin Alexandra von England, Miß Charlotte Knollys, mit der ich seit vielen Jahren befreundet war. Mit dem praktischen Sinn ihres Volkes sagte sie mir: „Was helfen denn alle neuerlichen Zärtlichkeiten zwischen dem Onkel und dem Neffen, was helfen auch alle Bemühungen der beiderseitigen Minister, wenn die Völker sich wie Hund und Katze gegenüberstehen? Der Kaiser sagt immer, in Deutschland käme es nur auf ihn an, und alles müsse sich seinem Willen beugen. Ich glaube aber, daß, wenn das \olk in Deutschland auch nicht so mitspricht wie in England, man doch mit ihm rechnen muß. Ihre Leute sind ja viel antienglischer, als sie antifranzösisch oder gar antirussisch sind. Ich sehe hinter allen Liebeserklärungen des Kaisers und Ihren gewiß ehrlichen Bemühungen, ein näheres Verhältnis zu England herbeizuführen, als realen Faktor ein Volk von fünfzig Millionen, das unser schlimmster Feind in der Welt ist. Und was den Kaiser angeht, so wissen Sie, daß ich ihn persönlich gern mag, sehr gern sogar. Er ist so unterhaltend, so lebendig, so natürlich, he is really a good fellow, a very good fellow all around. Aber, Hand aufs Herz, ist Verlaß auf ihn ? Sprechen wir doch ganz offen als alte, gute Freunde, wie wir zusammen sprachen, als Sie noch nicht Kanzler, sondern ein junger Legationssekretär waren. Während des Burenkriegs überfiel Ihr guter Kaiser, God bless him, unseren armen Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, der sich spät zur Ruhe legt und gern bis zehn Uhr schläft, schon um 8 Uhr früh, setzte sich an sein Bett und ruhte nicht, bis Lascelles ein Telegramm aufsetzte, das einen vom Kaiser entworfenen Feldzugsplan gegen die Buren enthielt, der angeblich der sichere Schlüssel zur Vernichtung dieser Leute sein sollte, unter uns gesagt aber a pure nonsense war. Lascelles mußte das Telegramm, das einen im gleichen Sinn gehaltenen Brief Ihres Kaisers an unsere Königin erläutern und in seiner Wirkung verstärken sollte, sofort abgehen lassen. Hinterher hatte er dann die Pflicht, bei Regenwetter den Kaiser in Pyjama und Slippers bis an seinen Wagen und in die Wilhelmstraße zu begleiten. Einige Zeit 6päter schrieb der Kaiser seinem Onkel, wenn ein Birminghamer Football-Club von einem Glasgower Football-Club besiegt worden wäre, brüte er nicht Rache, sondern man schüttle sich die Hand. So möchten es die Engländer nach den von ihnen in Südafrika erlittenen Schlappen auch machen. Der König antwortete seinem Neffen, daß der Krieg, den ein großes Reich führe, kein Football-Match sei. Ich will gern zugeben, daß Sie und Ihre Regierung ein gutes Verhältnis zu England wünschen. Aber Ihr Kaiser ist unberechenbar, und Ihr Volk, ein Volk von fünfzig Millionen, haßt uns." 518 EIN EISENSTÜCK Für den 5. März hatte der Kaiser seinen Besuch in Bremen angesagt. Wilhelm II. Bei seinem ausgesprochenen Interesse für Handel und Schiffahrt fühlte in Bremen s j c h "Wilhelm II. in den Hansestädten besonders wohl. Zwischen Hamburg und Bremen bestand seit alter Zeit, deutscher Art entsprechend, eine gewisse Eifersucht. In den ersten Jahren nach seiner Thronbesteigung bevorzugte Wilhelm II. die Stadt an der Weser, was er in seiner originellen Weise damit begründete, daß die Bremer Mädchen mit Vorliebe Marineoffiziere heirateten, während die Hamburgerinnen reichen Kaufleuten und wohlhabenden Rittergutsbesitzern, hier und da auch stattbchen Kavallerieoffizieren den Vorzug gäben. Bald aber eroberte auch das mächtige, großartige Hamburg das kaiserliche Herz, und in den letzten Jahren seiner Regierung wurde es seine Lieblingsstadt. Er vergaß aber darüber nicht Bremen, die Stadt, die wie keine andere das Deutschtum in den Osten getragen, die Riga angelegt hatte, deren Schiffe schon im Mittelalter das Mittelmeer befuhren, die am Ausgang des zwölften Jahrhunderts vor Accon den Deutschen Orden gründete und deren verdientes Lob in seinem schönen Liede auf die deutschen Städte Max von Schenkendorf sang: Den Weg hast du bereitet Dem höchsten Christengott, Hast deutsche Art verbreitet, Bis Riga, Nowgorod. Aus mildem Bürgerstande, Aus stillem Bürgerfleiß Erblüht im heil'gen Lande Der Ritterorden Preis. Während der Kaiser auf der Rückkehr von dem durch Wilhelm Hauffs „Phantasien" poetisch verherrbchten Bremer Ratskeller, wo ihm zu Ehren ein Festessen stattgefunden hatte, nach dem Bahnhof fuhr, schleuderte ein Arbeiter ein Eisenstück nach dem kaiserlichen Wagen. Der Kaiser wurde nicht unbedeutend an der rechten Wange verletzt. Es hätte nicht viel gefehlt und das rechte Auge war verloren. Heftig blutend war der Kaiser am Bremer Bahnhof angelangt, hatte aber vollständige Fassung bewahrt. Noch im Laufe der Nacht erhielt ich von ihm ein in den ruhigsten Ausdrücken abgefaßtes Telegramm. Als ich ihn am frühen Morgen am Lehrter Bahnhof abholte, zeigte er keinerlei Erregung und berührte den Vorfall nur kurz und mit freundlichem Gleichmut. Als ich ihn nach dem Schloß begleitete, beauftragte er mich, sobald wir in seinem Arbeitszimmer angelangt waren, an den Ersten Bürgermeister in Bremen zu telegraphieren, daß er dem Vorgang keine Bedeutung beilege und daß seine Liebe und An- Ein bedeutungsloses Attentat DIE AUFLEHNUNG BERLINS 519 känglichkeit für die Bremer Bürgerschaft in keiner Weise darunter leiden würde. Seine Haltung war über jedes Lob erhaben, wahrhaft königlich. Etwa vierzehn Tage später empfing der Kaiser, inzwischen ganz wiederhergestellt, das Präsidium des Abgeordnetenhauses. Der Erste Präsident Rede der damaligen preußischen Volksvertretung, Jordan von Kröcher, besaß des Kaisers alle Fehler, die, oft mit Unrecht, den Junkern nachgesagt werden, aber "^ eT ^ nicht die großen Eigenschaften, die sie tatsächlich besitzen. Er war derb, j^ ascrne aber ohne echten Humor, bauernschlau, aber ohne tiefere Einsicht, emsig bedacht auf Interesse und Wohl seiner Partei und seines Standes, aber ohne die nötige Rücksicht für das Staatsinteresse. Er hat durch seine hochmütige und schnoddrige Behandlung der wenigen Sozialisten, denen es nach und nach gelungen war, trotz des damals sehr beschränkten preußischen Wahlrechts in die Zweite Kammer einzudringen, die Arbeiter gereizt, ohne auf sie Eindruck zu machen. Herr von Kröcher benutzte seinen Empfang durch den Kaiser, um eine Parallele zwischen den Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1878 und dem Vorfall in Bremen zu ziehen, obwohl in. zwischen festgestellt worden war, daß der Bremer Attentäter ein epileptischer, halb oder ganz blödsinniger Mensch war. Die Schlußfolgerung aus der Kröcherschen Parallele war natürlich, daß es geboten sei, ebenso wie dreiundzwanzig Jahre früher, mit Ausnahmegesetzen gegen die sozialistische Bewegung vorzugehen. Das führte zunächst zu einer unerquicklichen Debatte im Abgeordnetenhaus zwischen Eugen Richter und dem Präsidenten von Kröcher, wirkte aber, was schlimmer war, aufreizend und erregend auf den so leicht zu beeinflussenden Kaiser, der am 28. März bei der Einweihung der neuen Kaserne des Kaiser-Alexander-Regiments wieder eine recht exzentrische Rede hielt. Das 1. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Alexander von Rußland bbekte auf eine stolze Vergangenheit zurück. Es hatte im März 1848 gegenüber der damaligen aufständischen Bewegung in vollem Maße seine Schuldigkeit getan, es hatte sich 1870 in der Schlacht von Saint-Privat bei dem Sturm auf Sainte-Marie-aux-Chenes besonders ausgezeichnet. Seine Fahne war die älteste Fahne der Armee. Sie hatte am Tage von Saint-Privat der jüngste Offizier des Regiments, Leutnant von Dewitz, getragen, aus altem pommerschem Geschlecht. Er fiel, die Fahne über sich. An diese heroische Vergangenheit zu erinnern, war des Kaisers gutes Recht, es war sogar seine Pflicht. Er fügte aber hinzu, daß, wenn sich Berlin je wieder in frecher Auflehnung gegen den König erheben sollte, das Alexander-Regiment solche Unbotmäßigkeit und Unverschämtheit nachdrücklichst in die Schranken zurückweisen werde. Er schloß mit der Erklärung: Es lebe ihm ein gewaltiger Verbündeter, der alte, gute Gott im Himmel, der schon seit den Zeiten des Großen Kurfürsten und des Großen Königs stets auf unserer Seite gewesen wäre. Der Eindruck dieser Rede im 520 DIE DROHENDE GEFAHR In- und Ausland war deplorabel. Der streng konservative, kireklich- orthodoxe „Reichsbote" wies warnend darauf hin, daß der größte Feind der Autorität ihre Uberspannung sei. Die Autorität Kaiser Wilhelms I. habe darauf beruht, daß er gegenüber seinen Ratgebern Selbstbeherrschung, in allem Vernunft und weise Zurückhaltung walten ließ. Fürsten, die solche Bescheidenheit vermissen keßen, pflegten an den Realitäten des Lebens zu scheitern und schließlich auf eine unglückliche Regierung zurückzusehen. Harte und leider prophetische Worte. Die „Times" sprach in einem ernsten Artikel die Besorgnis aus, daß durch den Bremer Vorfall das seeüsche Gleichgewicht des Kaisers gestört sein müsse, wenn er solchen „nonsense" rede. Andere englische und amerikanische Blätter sprachen von „moral insanity". Die französische Presse erging sich in ridikülisierenden und persiflierenden Betrachtungen. Ich legte den Artikel des leitenden englischen Blatts dem Kaiser an erster Stelle vor, da ich wußte, daß die Auslassungen der Londoner Presse ihm einen stärkeren Eindruck machten als deutsche Zeitungsartikel. Auch die amerikanischen und französischen Presseurteile ersparte ich ihm nicht. Wenige Tage später erhielt ich einen Brief des Großherzogs Friedrich Briefe des von Baden, in dem es hieß: Er müsse mir bekennen, daß ihm die Lage Großherzogs unserer deutschen öffentlichen Verhältnisse einen Höhepunkt in der Ge- von Baden f^j. gleicht zu haben scheine, der uns zwinge, nötige Schutzmittel für die Zukunft vorzubereiten. Die Reden des Kaisers bildeten die Gefahr, die er als eine drohende bezeichnen müsse. Alle kaiserbchen Reden sollten vorher dem Reichskanzler vorgelegt w T erden, so daß Korrekturen und etwaige Müderungen eingeschaltet werden könnten. Andernfalls sei Herabsetzung der Autorität der Krone, Schädigung ihres Ansehens, allmähbche Erschütterung der monarchischen Ordnung im gesamten Reich, endüch auch eine ungünstige Beurteilung des Deutschen Reichs durch das Ausland und damit eine Schwächung des Vertrauens in Deutschlands Macht und Stärke zu besorgen. Kaiserliche Reden an die Truppenteile sollten überhaupt nicht veröffentlicht werden. Die Rede an das Alexander-Regiment hätte in den weitesten Kreisen tiefgehende Verstimmung hervorgerufen, und zwar gerade in den höheren und erfahrenen Schichten. Gerade weü er, der Großherzog, die Fähigkeiten des Kaisers hochschätze, wünsche er, daß das Oberhaupt des Reichs außerhalb der Diskussion bleibe. Nachdem der Großherzog den Kaiser bei dessen Durchreise durch Karlsruhe gesprochen hatte, schrieb er mir am 18. Mai 1901: Er danke mir zunächst für die vertrauensvollen Darlegungen, die er inzwischen von mir erhalten habe und durch die er einen vollständigen Einbbck in die Wege erhalten hätte, die ich zu gehen gesonnen sei. Aus den Äußerungen des Kaisers ihm gegenüber hoffe er zu seiner Freude annehmen zu können, daß der Kaiser meinen Vorstellungen und DAS SPIEL MIT DER KANALVORLAGE 521 Ratschlägen künftig besser folgen werde. „Das wird nur gute Folgen haben können und die öffenthche Diskussion wesentlich vermindern." Über die auswärtige Politik schrieb der erfahrene und weise Großherzog, der Kaiser habe sich ihm gegenüber mit großer Gereiztheit über die russische Politik ausgelassen und den Zaren sehr ungünstig beurteilt. Er, der Großherzog, sei überzeugt, daß ein möglichst vertrauensvolles Zusammengehen mit England gewiß geboten sei, wir müßten aber vermeiden, in Abhängigkeit von England zu geraten. Über dem Ausbau der Flotte dürfe die Verstärkung des Heeres nicht versäumt werden. Gute Beziehungen zum russischen Kaiser wären sehr zu wünschen, denn sie stärkten die Möglichkeit, unsere eigenen Interessen erfolgreich zu fördern. Deshalb, fügte der liberal eingestellte Großherzog hinzu, beklage er die ungemeine Schärfe des Kaisers gegenüber dem Zaren und Rußland, denn die politische Klugheit dürfe nicht übersehen, daß die engbsche Politik noch mehr als die jeder anderen Macht nur und allein das eigene Interesse kenne. Der Großherzog, der es bitter empfunden hatte, daß der Kaiser seine Bitte, seinem Sohn, dem vortrefflichen und tüchtigen Erbgroßherzog, das vakante Generalkommando des 14. Armeekorps zu übertragen, noch dazu in verletzender und unfreundlicher Form, abgelehnt hatte, schloß mit den Worten: „Inzwischen ist mein Sohn schwer erkrankt, und so konnte er die Enttäuschung nicht erfahren. Mein Lebensabend ist zu freudloser Arbeit umgestaltet, und die treue Pflichterfüllung ist mit Opfern verbunden. Immerhin muß tapfer gearbeitet werden, und solange mir Gott die Kraft gnädig gewährt, werde ich ihm dienen und mich dem Wohl des Landes widmen. Wiederholt danke ich Ihnen für das mich hoch erfreuende Vertrauen, das Sie mir in so freundlicher Weise widmen und das mich immer wieder ermutigt, demselben nach Kräften zu entsprechen. Ich tue das um so lieber, da ich weiß, wie schwere Arbeit auf Ihnen lastet. Bewahren Sie mir auch fortan Ihr Vertrauen und bauen Sie dabei auf die treuen Absichten des in Dankbarkeit Ihnen sehr ergebenen Friedrich Großherzog von Baden." Im Mittelpunkt der innerpreußischen Politik stand seit Jahr und Tag die Kanalvorlage. Ich habe bei der Besprechung der Kanalkrisis von 1899 Schlie schon darauf hingewiesen, wie gründlich verfahren diese Angelegenheit des war, in der alle recht und alle unrecht hatten oder umgekehrt niemand ganz ^ reu ß recht und niemand ganz unrecht. Der Kaiser und die kanalfreundlichen Parteien hatten recht, wenn sie im wirtschaftlichen Interesse des Landes den Ausbau unseres Kanalnetzes forderten. Die Gegner hatten recht, wenn sie Front machten gegen die autokratische Art und Weise, mit der Wilhelm II. seine Pläne durchzusetzen suchte. Der Kaiser hatte unrecht, wenn er die Angelegenheit in der Art von Friedrich Wilhelm I. betrieb, teils weil er weit davon entfernt war, ein Friedrich Wilhelm I. zu sein, teils auch weil 522 EINE UNERWARTETE ERÖFFNUNG sich die Zeiten inzwischen erheblich geändert hatten. Die Gegner der Kanalprojekte hatten sehr unrecht, wenn sie aus übertriebener Furcht vor der Einführung fremdländischen Getreides, aus agrarischer Eifersucht gegen die Industrie und bis zu einem gewissen Grade aus Eifersucht des Ostelbiers auf den reicheren Westen den Bau neuer Kanäle zu verhindern trachteten. Ich hatte, als ich mich am 9. Januar 1901* dem Preußischen Abgeordnetenhaus als Ministerpräsident vorstellte, alle Teile des Hauses vor Kurzsichtigkeit und Selbstsucht gewarnt. Ich hatte zur Einigkeit aufgefordert zwischen dem Westen mit seiner alten Kultur, seiner mächtig entwickelten Industrie, seiner Regsamkeit und seinen Hilfsquellen und dem Osten, der Wiege der preußischen Monarchie, der unserem Beamtentum und unserer Armee seinen starken, seinen großen Stempel aufgedrückt hat. Als ich die Wohlfahrt der gesamten Volkswirtschaft, das Wohl der ganzen Monarchie als meinen Leitstern bezeichnete, fand ich einen in diesem Hause seltenen stürmischen Beifall. Aber als es sich darum handelte, vom Bravorufen und Händeklatschen zu Taten überzugehen, hörte die Begeisterung auf. Die Beratungen in der Kommission rückten nicht vorwärts, das Feilschen nahm kein Ende. Es blieb nichts anderes übrig, als die ganze Frage auf ein anderes Geleise zu schieben. In einer von mir zu diesem Zweck angesetzten Sitzung des Staatsministeriums führte ich aus, daß dem grausamen Spiel in der Kanalfrage ein Ende gemacht werden müsse. Selbst für den Fall, daß das Herrenhaus die im Abgeordnetenhaus verstümmelte Vorlage wiederherstellen sollte, was nicht einmal sicher sei, könne im Abgeordnetenhaus mit einiger Sicherheit nur auf die Annahme eines Teils des Mittellandkanals gerechnet werden. Unter solchen Umständen hätte ich von Seiner Maj estät die Zustimmung zur Schließung des Landtags erbeten und erhalten. Im ausdrücklichen Auftrage Seiner Majestät hätte ich allen beteiligten Ministern, namentlich dem Herrn Vizepräsidenten von Miquel, die Allerhöchste Anerkennung für die vortreff liehe Vertretung der Kanalvorlage auszusprechen. Diese unerwartete Eröffnung wirkte auf meine Herren Kollegen in ver- Für Miquel schiedenartiger Weise. Der Landwirtschaftsminister von Hammerstein und Rheinbaben 3k v 7'L / ..fr, tjLtt( JJ-/ ^J^q, &t^C^^*^st+*S'**-*J a£ t^tc^***?* Zi- t/*i~*t- c y/' ^ߣM i/^M^^j r>- BÜLOWS REDE AUF BISMARCK 529 diger und klarer als in den Tagen, wo Fürst Bismarck unter uns weilte. Sein gigantischer Schatten wird wachsen, je weiter der Lebenstag des deutschen Volkes vorrückt und je mehr das nationale Urteil ausreift. Bismarck hat ausgeführt und vollendet, was seit Jahrhunderten das Sehnen unseres Volkes und das Streben unserer edelsten Geister gewesen war, was die Ottonen und Salier und Hohenstaufen vergeblich angestrebt hatten, was 1813 den Kämpfenden als damals nicht erreichter Siegespreis vorschwebte, wofür eine lange Reihe Märtyrer der deutschen Idee gekämpft und gelitten hatten. Und er ist gleichzeitig der Ausgangspunkt und Bahnbrecher einer neuen Zeit für das deutsche Volk geworden. In jeder Hinsicht stehen wir auf seinen Schultern." Ich schloß: „Dort vor uns liegt die Siegesallee. Wenn diese stolze Straße von den Nürnberger Burggrafen bis zum großen Deutschen Kaiser führt, so verdanken wir es in erster Linie dem Genius des Mannes, dessen Bild in Erz sich jetzt vor unseren Blicken enthüllen soll, seinem heldenhaften Mut, seiner Arbeit für die Dynastie. Möge des großen Mannes Name als Feuersäule vor unserem Volke herziehen, möge sein Geist für immer mit uns sein." Meine Frau war bei der Feier zugegen. Ich wünschte im allgemeinen nicht, daß sie den Sitzungen des Parlaments beiwohnte, wenn die Möglichkeit vorlag, daß ich sprechen würde. Teils wollte ich nicht, daß aus ihrer Anwesenheit im Hause und auf der Journalisten-Tribüne der Schluß gezogen würde, ich werde das Wort ergreifen. Andererseits pflegte ich ihr scherzend zu sagen, ich hätte nicht Lust, mich in ihrem Beisein zu blamieren, und wünsche nicht, durch anzügliche Reden meiner Gegner meinen Nimbus in ihren schönen Augen einzubüßen. An der Feier für Bismarck wollte sie aber gern teilnehmen, begleitet von dem Chef der Reichskanzlei, Wil- mowski. Als meine Rede sich ihrem Schluß näherte, sagte Wilmowski zu meiner Frau, ich hätte famos gesprochen, sie möge aber ihre Koffer packen, denn diese Rede würde der Kaiser kaum schlucken. Als ich geendigt hatte, kam der Kaiser auf mich zu mit einem so guten und lieben Ausdruck, wie ich ihn selten bei ihm gesehen habe. Er drückte mir lange die Hand und sagte mir: „Ihre Worte haben mich im Innersten ergriffen." Wie unberechenbar war Wilhelm IL! Selbst in Momenten, wo diejenigen, die ihn genau kannten, bei ihm eine Verstimmung erwarteten, konnte der edle Kern seines Wesens plötzlich die Oberhand gewinnen. Dann legte er seinen Arm unter meinen Arm und führte mich zu Herbert Bismarck, drückte auch ihm die Hand und fragte ihn, ob ich nicht gut gesprochen hätte. „Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen ?" klagt Jeremias, der Sohn Hiskias, aus den Priestern zu Anatboth, im Lande Benjamin. Nicht lange vor der Enthüllung des Bismarck-Monuments hatte ich von Herbert Bismarck einen herzlichen Brief erhalten, der mit den Worten 34 Bülow I 530 HERBERT BISMARCK VERSTIMMT schloß: „Daß China Ihren Urlaub verdorben hat, ist beklagenswert. Es kann aber noch manches Beklagenswerte für uns eintreten, wenn Ihre Bremsvorrichtungen einmal unwirksam werden sollten! In alter Treue Ihr Bismarck." Herbert wußte, daß ich seinem Vater immer die Treue gehalten hatte. Er hatte lebhaft meine Ernennung zum Staatssekretär, noch lebhafter meinen Aufstieg zum Reichskanzler gewünscht. Seit langen Jahren verband uns treue Freundschaft. Jetzt erwiderte er dem Kaiser mit verkniffenem Gesicht: „Ichfinde, daßnamentlichLevetzowgut gesprochen hat." Herr Albert von Levetzow auf Gussow in der Neumark, gewesener Landesdirektor der Provinz Brandenburg, Mitglied des Herrenhauses und des Staatsrats, war seit dem Sturz des Fürsten Bismarck in Friedrichsruh unbebebt, fast verhaßt gewesen, weil er 1890 als Präsident des Reichstags nicht den Mut gefunden hatte, der Verdienste des ersten Reichskanzlers nach dessen Verabschiedung mit einigen Worten im Reichstag zu gedenken. Bei der Denkmalsenthüllung am 16. Juni 1901 hatte er vor meiner Rede eine banale, farblose Ansprache gehalten, in der nur von Seiner Majestät und den Hohenzollern die Rede war. Als Herbert Bismarck ihn im Gegensatz zu mir herausstrich, warf mir der Kaiser einen langen Blick zu, in dem vieles lag. Dann lud er mich zum Frühstück im Schlosse ein, zu dem er auch den Feldmarschall Loe befohlen hatte und wo er mir in dessen Gegenwart noch einmal seine Befriedigung aussprach. Der Großherzog Friedrich von Baden, der mit Bismarck manche, bisweilen gereizte und selbst heftige Auseinandersetzung gehabt hatte, bei denen der große Bismarck nicht immer im Recht gewesen war, dankte mir in einem herzlichen Telegramm für meine „wunderschöne" Rede, die ein wertvolles Geschenk für die Nation wäre, für deren Denken und Empfinden sie leitend und fördernd wirken möge. Ich zeige, daß Wollen Können erfordere. Dagegen bielt Herbert Bismarck einige Tage später in einer konservativen Versammlung in Stendal, der Wiege des Bismarckschen Geschlechts, eine Rede, in der er sehr gereizt, sehr bissig sich gegen mich wandte, weil ich vor dem Denkmal seines unsterblichen Vaters erklärt hatte: Wir stünden in jeder Hinsicht auf dessen Schultern, aber nicht in dem Sinne, als ob es vaterländische Pflicht wäre, alles zu billigen, was Bismarck gesagt und getan hätte, denn nur Toren und Fanatiker würden behaupten wollen, daß Fürst Bismarck niemals geirrt hätte. Wir huldigten Bismarck aucb nicht in dem Sinn, als ob er Maximen aufgestellt hätte, die nun unter allen Umständen, in jedem Falle und in jeder Lage blindlings anzuwenden wären. Starre Dogmen gäbe es weder im politischen nocb im wirtschaftlichen Leben, und gerade Fürst Bismarck habe nicht viel von der Doktrin gehalten. So sind die Scbüler oft unduldsamer als der Meister. Richard Wagner sagte einmal zu meiner Frau: „Meyerbeer hat einige sehr scböne Sachen komponiert. Das dürfen Sie DIE ZOLLPOLITIK 531 aber nicht den Wagnerianern sagen, die würden Ihnen die Augen auskratzen." Einige Wochen vor meiner Bismarckrede hatte ich einer geheimen Beratung der höheren Beamten der zuständigen Reichsressorts und der Beratungen größeren Bundesstaaten über unsere Zollpolitik präsidiert, an der von über den preußischer Seite Posadowsky, Wermuth, Thielmann, Richthofen, Mühl- ZolUari f berg, Körner, Rheinbaben, Podbielski, Kapp, Möller, von den bundesstaatlichen Ministem Riedel, Feilitzsch, Metzsch, Rüger, Buchenberger, Rothe teilnahmen. Bevor die Diskussion begann, einigte ich mich mit dem bayrischen Fmanzminister Riedel in einem nicht allzu langen Gespräch, das wir unter vier Augen in einer Fensternische des Bundesraatssaales führten, endgültig über nachstehende Leitsätze: 1. Der Zolltarif müsse eine Gestaltung bekommen, die das Zustandekommen von Handelsverträgen nicht ausschlösse. 2. Doppelsätze sollten für möglichst wenige Warengattungen aufgenommen werden. 3. Die Zollsätze für Brotgetreide könnten auf etwa fünf bis sechs Mark erhöht werden, ohne daß die Volksernährung dadurch gefährdet würde. 4. Eine Differenzierung des Weizen- und Roggenzolls wäre wünschenswert, um mit Rußland zu einem Handelsvertrag zu kommen und dadurch die Mauer zu durchbrechen, die sich sonst um uns schließen könnte. 5. Der Gerstenzoll dürfe nicht so hoch bemessen werden, daß er zu einer erheblichen Erhöhung der Bierpreise führe. 6. Die Vieh- und Fleischzölle dürften unter gar keinen Umständen so hoch gegriffen werden, daß die Ernährung der Arbeiterbevölkerung in den großen Städten verteuert würde. Hier wären hohe Zollsätze besonders bedenklich und gefährlich. Auf dieser Grundlage erfolgte die Ausarbeitung des Zolltarifs, der im Dezember desselben Jahres eingebracht werden sollte. Ich war mir von Anfang an darüber klar gewesen, daß, wenn einerseits der Landwirtschaft der notwendige Schutz gewährt, andererseits aber auch die Möglichkeit nicht verbaut werden sollte, zu neuen Handelsverträgen zu gelangen, der künftige Zolltarif aus einer Verständigung zwischen Zentrum, Nationalliberalen und Konservativen hervorgehen mußte. Das Rückgrat einer solchen Koalition konnte nur das Zentrum bilden, das nach seiner ganzen Struktur einen Mikrokosmos der deutschen wirtschaftlichen Verhältnisse darstellte. In seinen Reihen fanden sich Landwirte, Industrielle und Gewerkschaftssekretäre vereinigt. Es wurde durch seine Natur auf die Politik der Diagonale hingewiesen, die ich selbst verfolgte und die dem Interesse des Landes entsprach. Daß ich während der langen und erbitterten Kämpfe um den Zolltarif bei der Zentrumspartei einen nie versagenden Rückhalt fand, war auch der Die Haltung Umsicht und Klugheit zu verdanken, mit der die Fraktion von dem Ab- der Parteien geordneten Spahn geführt wurde. Peter Spahn war nicht das, was man einen 34* 532 EXTREME AGRARIER Charmeur nennt. Wie er kein hinreißender Redner war, vielmehr trocken und mit kaum verständlicher Stimme sprach, so fehlte ihm auch im persönlichen Verkehr das Gewinnende. Aber er war ein durch und durch ehrenhafter Mann, von hervorragender Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, dazu ein ausgezeichneter Jurist. Er hatte auch zu lange der näheren Umgebung von Windthorst angehört, um nicht zu wissen, daß die Politik die Kunst des Möglichen ist und daß hinsichtlich der Mittel, durch die das grundsätzlich festgestellte Ziel erreicht werden soll, nicht ohne einen gewissen Opportunismus Erfolge erzielt werden können. Gewiß gab es in der Zentrumsfraktion auch unbedeutende, ja einfältige Mitglieder, aber die Partei als solche hatte doch einen Hauch des Geistes verspürt, der seit Jahrhunderten die Stärke und den Erfolg der Politik der römischen Kurie ausmacht. Die Nationalliberalen zeigten gegenüber dem Zolltarif die zwei Seelen, die nach einem bekannten Scherz von Eugen Richter in ihrer Brust wohnten: Die Mehrheit wünschte mit der Schwerindustrie möglichst hohe Zölle, die Minderheit neigte zum Asphalt-Liberalismus der Freisinnigen. Es war das hohe Verdienst des Abgeordneten Bassermann, daß er trotz einiger kleiner Schwankungen unter Absplitterung von einer oder zwei Stimmen die Partei auf der richtigen Linie hielt. Das Gros der Konservativen, darunter Graf Hans Kanitz und Graf von Der Bund Schwerin-Löwitz, zwei gleich patriotische und gleich einsichtige Männer, der Landwirte stand mir treu zur Seite. Der Bund der Landwirte aber glich den Kindern, die schreien, um noch mehr Pflaumen zu bekommen, auf die Gefahr hin, sich gründlich den Magen zu verderben. Der verständigste in ihren Reihen war der Vorsitzende des Bundes, der Freiherr Konrad von Wangenheim, ein aufrechter Mann und nobler Charakter. Bei Dr. Gustav Roesicke überwog der parteipolitische Gesichtspunkt schon in bedenklichem Grade. Der Bruder dieses Agrarierhäuptlings gehörte gleichfalls dem Reichstag an, hatte sich aber der Freisinnigen Volkspartei angeschlossen. Beide Klopffechternaturen. Das galt erst recht von Dietrich Hahn, der sich vom Beamten der Deutschen Bank zum Wanderredner des Bundes der Landwirte, vom ausgesprochenen Freihändler zum outrierten Agrarier entwickelt hatte. Lord Beaconsfield hat einmal geäußert, daß ohne gelegentliche Intrigen ein Staatsmann kaum größere Erfolge erzielen könne. Bismarck drückte den gleichen Gedanken mit den Worten aus: „Nur die Dummen wissen nicht, wie es gemacht wird." Es kam mir vor allem darauf an, daß die extremenAgrarier mit ihrem Unverstand nicht meine guten Absichten für die Landwirtschaft vereitelten. Zu diesem Zweck mußten sie in die Defensive gedrängt, d. h. gezwungen werden, sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, viel zu viel zu verlangen. Sie durften nicht in der Lage sein, auch nur mit einem Schein von EIN TRICK 533 Gutgläubigkeit und Glaubwürdigkeit der Regierung Mangel an Entgegenkommen für die Interessen der Landwirtschaft vorzuwerfen. Um dies zu erreichen, gHssierte ich unter der Hand in ein demokratisches süddeutsches Blatt die Notiz, daß allen denjenigen eine herbe Enttäuschung bevorstehe, die einen maßvollen Zolltarif erwartet hätten. Nach dem, was über den künftigen Zolltarif verlaute, wären die weitestgehenden Besorgnisse hinsichtlich einer allgemeinen Verteuerung der Volksernährung und einer gleichzeitigen ernsten Störung aller unserer Handelsbeziehungen nur zu sehr gerechtfertigt. Es folgten einige ad hoc ausgesuchte und zugespitzte Angaben über die von der Regierung „leider" in Aussicht genommenen „exorbitanten" Agrarzölle. Bald nachher ließ ich in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erklären, daß, nachdem „durch eine bedauerliche Indiskretion" ein Teil des Zolltarifentwurfs bekanntgeworden wäre, ich die Zustimmung der Bundesregierung zur amtlichen Publikation eingeholt hätte, die sodann erfolgte. Nun erhob sich in der ganzen linksstehenden Presse ein fürchterliches Geschrei. Die demokratischen Blätter tobten wegen der gesetzlichen Bindung der Mindestzölle, die sozialistischen drohten mit Obstruktion. Der „Vorwärts" erklärte, der Zolltarif ginge weit über jedes Maß hinaus, das selbst die pessimistischsten Beurteiler des Kanzlers Bülow erwartet hätten. Auch die mildere Tante Voß sah das Ende der Handelsvertragspolitik, die völlige wirtschaftliche Isolierung Deutschlands gekommen. Das agrarische Hauptorgan, die „Deutsche Tageszeitung", suchte den Hieb zu parieren, indem sie behauptete, der von der Regierung beabsichtigte Zolltarif könne selbst die bescheidensten Landwirte nicht zufriedenstellen. Sie fand aber damit wenig Glauben und nicht viel Anklang. Die Stimmung war für sie verdorben, die Situation verschoben. Die extremen Agrarier waren, wie ich das beabsichtigt hatte, aus der Rolle des mit einigem Recht klagenden Hungerleiders in die des nie zu befriedigenden Nimmersatts versetzt worden. So wurde es dem Führer der Konservativen, dem Grafen Stirum, erleichtert, seine Partei zusammenzuhalten und vor einer selbstmörderischen Opposition gegen den Zolltarifentwurf zu bewahren, die für die Konservativen ebenso verderblich gewesen wäre wie für die Landwirtschaft. Die Führung des Grafen Stirum war vom Staatsinteresse inspiriert und in ihren Zielen eine staatsmännische. Acht Jahre später wurde die konservative Partei von Herrn von Heyde- brand, der über parteipolitischen Erwägungen das Staatsinteresse vergaß, in eine Richtung gedrängt, die Preußen, die dem Reiche und die schließlich auch der Partei selbst schwere Wunden schlagen sollte. XXXIV. KAPITEL Kaiser Wilhelm am Sterbelager der Kaiserin Friedrich • Ihr Tod (5. VIII. 1901) • Graf Götz von Seckendorff • Charakteristik der Kaiserin Friedrich • Graf Waldersees Rückkehr aus China • Zusammenkunft Wilhelms II. mit Nikolaus II. in Heia • Ungenügende Dekorierung des russischen Ministers des Äußern • Wilhelm II. in Rominten • Eulen- burgs Schilderung des dortigen Aufenthalts • Prinz Heinrich beim Zaren in Spala • Verlobung des Prinzen Max von Baden mit der Großfürstin Helene Wladimirowna • Denkmalsenthüllungen in der Siegesallee • Wilhelms II. Stellung zu den schönen Künsten Heimgang der Idealistin Malvida von Meysenbug und des Königs Albert von Sachsen [7~ aiser Wilhelm II. hatte, hevor er die Nordlandreise antrat, dem JLx. Professor Renvers, dem großen Arzt, der bei der Kaiserin Friedrich ein Krebsleiden diagnostizierte und seitdem bemüht gewesen war, mit seiner hervorragenden ärztlichen Kunst und der ebenso seltenen Güte seines Herzens der armen Frau jede mögliche Erleichterung zu verschaffen, das Versprechen abgenommen, er werde ihn rechtzeitig benachrichtigen, wenn die Tage seiner Mutter sich dem Ende zuneigen sollten. Sobald der Kaiser ein dahingehendes Telegramm erhalten hatte, trat er von Norwegen die Rückreise nach Deutschland an. Ich fuhr ihm nach Kiel entgegen. Der Kaiser war schmerzlich bewegt, er war vor allem in hohem Grade erregt. Er überhäufte seine arme Frau, die ihn mit mir in Kiel erwartete, mit Vorwürfen, daß sie nicht am Krankenbette ihrer Schwiegermutter weile, die dies gar nicht gewünscht hatte. Er wurde nur allmählich durch die Herzogin Karoline Mathilde von Glücksburg beruhigt, die ältere Schwester der Kaiserin Auguste Viktoria, ebenso wie diese eine gute und verständige Frau. Der Kaiser stieg mit mir im Homburger Schloß ab, dann begab er sich nach Schloß Friedrichshof und blieb dort bis zum Tode der Mutter, die unsäglich litt. Sie starb, gestützt von Renvers, der keinen Augenblick vom Krankenbett wich, und von ihrem Sohn, am 5. August 1901. Am nächsten Morgen unternahm der Kaiser mit mir einen längeren Spaziergang im Schloßgarten von Homburg. Er erzählte mir, daß seine Mutter bestimmt habe, ihre Leiche solle unbekleidet in eine enghsche Flagge, den Union- Jack, eingewickelt und so in den Sarg gelegt werden. Sie hatte auch angeordnet, daß der Sarg nach England überführt und dort beigesetzt werden solle. Der Kaiser fand meine Zustimmung, als er der Ansicht Ausdruck gab, DIE PRINCESS ROYAL 535 daß er mit Rücksicht auf die Empfindungen des deutschen Volkes und auf die Würde unseres Volkes diese Wünsche seiner Mutter nicht erfüllen dürfe. Sie wurde einige Tage später in der Friedenskirche in Potsdam beigesetzt. Ich kenne kaum ein tragischeres Schicksal als das der Kaiserin Friedrich. Aufgewachsen als Princess Royal of Great-Rritain and Ireland, als älteste Tochter der Königin Victoria, in allem Glanz des englischen Hofes, umgeben nicht nur von der Zärtlichkeit ihrer Eltern und Geschwister, sondern auch von der ungeheuren Volkstümlichkeit des englischen Königtums, hatte sie die glücklichste Jugend genossen. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters, des Prince-Consort Albert, der ihr seine Anschauungen über Welt und Politik von früh auf eingeprägt hatte. Es waren die Anschauungen des gemäßigten Liberalismus der fünfziger Jahre, aber natürlich mit starkem englischem Einschlag. Obwohl Prinz Albert von Koburg in England im Grunde nicht behebt war, fühlte er sich mit der Assimilationsfähigkeit des Deutschen doch als Engländer und als solcher erhaben über seine deutschen Verwandten und Landsleute. Er schärfte seiner ältesten Tochter, als sie nach ihrer Vermählung die Reise nach Deutschland antrat, vor allem ein, sie möge nie vergessen, daß sie die älteste Tochter der Königin von England und Princess Royal von Großbritannien wäre. Erst in zweiter Linie durfte sie daran denken, daß sie auch Kronprinzessin von Preußen geworden war. Es ist möglich, daß, wenn Prinz Albert länger gelebt hätte, er seine Anschauungen insbesondere über preußische und deutsche Verhältnisse revidiert hätte. So aber blieb die Tochter nach dem schon 1861, kaum drei Jahre nach ihrer Vermählung erfolgten Tode ihres von ihr angebeteten Vaters auf dem Standpunkt stehen, den dieser ihr eingeprägt hatte. In Berlin und noch mehr in Potsdam fand sie alles ärmlich und kleinlich, verglichen mit Windsor und Osborne. Es gab in den preußischen Palais damals kaum Badezimmer. König Wilhelm I. wurde zweimal in der Woche sein Bad in einer mit einem weißen Laken bedeckten Wanne aus dem Hotel de Rome in sein Palais gebracht. Als die junge englische Prinzessin beim Breakfast nach einem Eierbecher verlangte, erwiderte der Lakai mit verlegenem Lächeln, die „Herrschaften" hätten die Gewohnheit, die Eier in ein Kognakgläschen zu stecken. Und gar die W. C. ließen alles zu wünschen übrig. Selbstbewußt und eigensinnig, wie sie von Natur war, wußte die damalige Prinzeß Friedrich Wilhelm von Preußen sich nicht mit ihren Schwiegereltern zu stellen. Um so besser gelang es ihr bald, starken Einfluß auf ihren edlen, herzensguten, tapferen und dabei milden Mann zu gewinnen. Der spätere Botschafter von Schweinitz, damals Adjutant des Prinzen Friedrich Wilhelm, der dessen Hochzeit beigewohnt hatte, erzählte mir, die Prinzessin habe bei der Abreise von Windsor, nachdem die Abschiedsküsse mit der zurückbleibenden englischen Familie ausgetauscht worden 536 DIE QUEEN UND JOHN BROWN waren, den ihr eben angetrauten Mann unter den Arm genommen und mit einer energischen Bewegung zum Eisenbahncoupe geführt. „So hat sie ihn durch das ganze Leben dirigiert", fügte Schweinitz hinzu. Es wäre ungerecht, nicht hinzuzufügen, daß die Kronprinzessin intellektuell ihrem Mann überlegen war, daß sie weitere Horizonte hatte, weniger Hemmungen, eine raschere Auffassung, eine größere Beweglichkeit des Geistes. Aber obwohl sie ihren Mann zärtlich liebte, hat sie, solange dieser lebte, seine herrlichen Eigenschaften, die Lauterkeit seines Wesens, seine Reinheit, seine Ritterlichkeit, seine vollkommene Furchtlosigkeit, seine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, seine rührende Herzensgüte nicht so gewürdigt, wie sie dies hätte tun sollen. Ich möchte schon hier sagen, daß alles, was über eine Neigung der Kronprinzessin für ihren Kammerherrn, den Grafen Goetz Seckendorff, getuschelt wurde, alberner, völlig unbegründeter Klatsch ist. Die Stellung Seckendorffs am kronprinzlichen Hofe beruhte zum kleineren Teil darauf, daß er sich sehr gut auf Haushaltung, Arrangement im Hause, auf Einkäufe von Antiquitäten verstand, auch allerhand dilettantische Liebhabereien der Kronprinzessin für Aquarellieren, Gartenkunst u. ä. teilte. Zum größeren Teil lag das Geheimnis seines Einflusses in der rücksichtslosen, ungenierten Art, mit der er seiner hohen Gebieterin widersprach, was ihm als Aufrichtigkeit und wahre Treue ausgelegt wurde. Ganz ähnlich stand es zwischen der Königin Victoria und dem Leibjäger ihres verewigten, von ihr innig geliebten Gemahls, dem Schotten Brown. Der grobe Freimut, den dieser biedere Landsmann von Walter Scott immer und überall an den Tag legte, bürgte Ihrer Majestät nur für seine unbedingte Zuverlässigkeit. Der Leibarzt der Königin, der von ihr nach Rumänien geschickt worden war, um die damalige Maria von Rumänien zu entbinden, erzählte mir, als wir uns in Sinaja begegneten, wo wir viel zusammen spazierengingen, er sei in London zugegen gewesen, als die Königin nach einem Besuch bei ihrer Schwiegertochter, der Herzogin von Connaught, in ihren Wagen stieg. Hinten auf dem Bock saß John Brown. Die Königin fragte nach ihrem Schal. John Brown entgegnete ihr, sie säße ja auf ihrem Schal, und fügte brummend hinzu, aus Zerstreutheit würde Ihre Majestät wohl nächstens ihren Kopf verlieren. Ruhig und milde entgegnete die Königin: „You are very right. I am a poor widow, >vho lost her dear beloved husband and who feels very helpless." Vollends die Behauptung, die Kaiserin Friedrich habe sich nach dem Tode ihres Gemahls mit dem Grafen Seckendorf? heimlich vermählt, ist eine der albernsten Lügen, die je verbreitet wurden. Der Kammerherr Graf Götz von Seckendorff gehörte einer alten fränkischen Familie an, von der ein Zweig im achtzehnten Jahrhundert über Ansbach und Bayreuth nach Preußen gekommen war. Der berühmteste Sohn des Geschlechts war GRAF SECKENDORFF 537 der Feldmarschall und Reichsgraf Friedrich Heinrich von Seckendorff, der als österreichischer Gesandter in Berlin Friedrich Wilhelm I. so zu kapti- vieren wußte, daß dieser ihm den berüchtigten Vertrag vom 23. Dezember 1728 gewährte, der Preußen in eine Abhängigkeit von Österreich brachte, wie sie erst fast zweihundert Jahre später wieder erreicht werden sollte, als Bethmann Hollweg 1914 Preußen und Deutschland an das Narrenschiff der Wiener Diplomaten fesselte. Der Kammerherr Graf Götz von Seckendorff war Hofmann, aber nicht in dem Sinne, wie uns Baltasar Gracian, der Rektor des Jesuitenkollegiums zu Tarragona, in seinem „El discreto" und in seinen von unserem Schopenhauer übersetzten „Oraculo manual", wie uns Labruyere in seinen „Caracteres" den vollendeten Hof- und Weltmann gezeichnet haben. Das Höfische in Seckendorff zeigte sich in der Art und Weise, wie er alle Verhältnisse und Vorgänge nur vom Standpunkt der Höfe und der Allerhöchsten Familienbeziehungen einschätzte. Obwohl er aus dem 1. Garderegiment hervorgegangen war, fehlte ihm festes preußisches und deutsches Nationalgefühl. Maßgebend für ihn waren die Stimmungen und Wünsche des englischen Hofes, auf die er sich einstellte wie die Magnetnadel im Kompaß auf den Meridian. Das Ziel seiner Wünsche war, deutscher Botschafter in London zu werden, eine Aufgabe, der er in keiner Weise gewachsen war. Als ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllen konnte und durfte, erkaltete seine früher warme Freundschaft und, wie er sich auszudrücken die Güte hatte, seine Bewunderung für mich merklich. Er ist vor dem Beginn des Weltkrieges gestorben, ohne sein Ziel, die Londoner Botschaft, erreicht zu haben. Daß ein Mann, der so viele Jahre der Umgebung der Kaiserin Friedrich angehörte, nicht wirklich und richtig preußisch und deutsch empfand, hat jedenfalls mit dazu beigetragen, daß sie selbst leider niemals eine gute Preußin geworden ist. Deutsch war sie nur, soweit es sich um eine gewisse platonische Zuneigung zu dem alten bescheidenen Deutschland der Biedermeierzeit handelte. Das mächtige Bismarcksche Deutschland hat sie nie geliebt. Daß sie sich nicht mit Bismarck zu stellen wußte, war das Unglück ihres Lebens. Der große Staatsmann hat sich namentlich in der Konfliktszeit bemüht, sich mit ihr zu verständigen, aber alle seine Versuche prallten ab an ihrem Eigensinn, der noch stärker war als der ihrer Mutter, was etwas sagen will. Der Tochter fehlten die praktischen Erfahrungen der Mutter. Sie war nicht wie diese daran gewöhnt worden, daß der fürstliche Wille an den Institutionen des Landes, an seinen Traditionen und an der Staatsräson eherne Schranken finden soll. Die Kaiserin Friedrich hatte einen großen Charme, den zu einem nicht geringen Teil ihr ältester Sohn von ihr geerbt hatte. Es war ein Vergnügen, mit ihr zu diskutieren, auch wenn von vornherein klar war, daß es nie gelingen würde, sie von ihrer vorgefaßten Meinung 538 KAISERIN FRIEDRICH UND IHR ÄLTESTER SOHN abzubringen. Sie malte ganz nett, aber natürlich als Dilettantin. Sie hat meine Frau mehrfach porträtiert. Zwei Porträts hängen in der Villa Malta, eins in Flottbeck, die freilich alle drei gegen die herrlichen Porträts von Makart und Lenbach sehr abfallen. Die Kaiserin Friedrich fragte mich gelegentlich, wie mir die von ihr gemalten Porträts meiner Frau gefielen. Ich erzählte Ihrer Majestät daraufhin, daß ein großer Monarch, Ludwig XIV., le Grand Roi, dem Duc de Saint-Simon einmal ein von ihm verfaßtes Sonett vorgelesen und ihn um sein Urteil ersucht hätte. Der Herzog habe ihm erwidert: „Sire, rien n'est impossible ä Votre Majeste. Vous avez voulu faire un mauvais sonnet, vous avez pleinement reussi." Ich schloß: „Eure Majestät haben ein unähnliches Porträt meiner Frau machen wollen und es erreicht." Die Kaiserin lachte. Weit davon entfernt, meinen Scherz übelzunehmen, fand sie die Antwort des Duc de Saint-Simon entzückend. Die Kaiserin Friedrich wäre unter allen Verhältnissen und in jeder Lebenslage eine ungewöhnliche Frau gewesen. Durch ihren Lebensgang wurde sie eine der unglücklichsten Frauen, die es je gegeben hat. Sie hat Enttäuschungen über Enttäuschungen erlebt. Sie konnte ihre Pläne nicht durchführen. Vor dem Regierungsantritt ihres Mannes sah sie die Jahre kommen und gehen, ohne in das Rad der Geschichte eingreifen zu können. Nach seinem Tode verglich sie sich einmal mir gegenüber mit einem Menschen, der an einem Fluß steht, der teilnahmlos, gleichgültig an ihm vorüberströmt. Die Kaiserin Friedrich hat ihrem ältesten Sohn niemals dessen lieb- und herzloses Benehmen gegenüber seinem sterbenden Vater in San Remo verziehen. Sie hat auch nie die Brutalität vergessen noch vergeben, mit der sie vom Sohn nach dem Tode des Vaters in Potsdam behandelt wurde. Der tiefe Groll, den sie seitdem gegen ihren Erstgeborenen im Busen trug, hatte sich bedauerlicherweise auf ihren Bruder, den König Eduard, übertragen, der seit seiner Kindheit mit seiner ältesten Schwester durch zärtliche Liebe und volles gegenseitiges Vertrauen verbunden war. Politisch war die Kaiserin Friedrich liberal gesinnt, wie sie auch in religiöser Beziehung sehr freien Ansichten huldigte. Würde sie als Kaiserin die Kraft gehabt haben, Reformen im Sinne des vorgeschrittenen Liberahsmus durchzusetzen? Ich möchte diese Frage nicht bejahen. Ich glaube, daß es für einen Reichskanzler, der ihren im Grunde doch sehr weiblichen, impressionablen und ängstlichen Charakter kannte, nicht allzu schwer gewesen wäre, sie dahin zu bringen, daß sie sich darauf beschränkt hätte, Wissenschaft und Kunst in ihrer Weise zu fördern. Den Respekt vor der Wissenschaft hatte Wilhelm II. von ihr geerbt. Auch ihre Neigung, ihre wissenschaftlichen Kenntnisse nach außen hervortreten zu lassen, obwohl dies bei der Mutter nie in der überhebenden Weise des Sohnes geschah. Jede Art von Prahlerei lag ihr fern. In ihrem Wesen, ihren Manieren war sie bescheiden, beinahe befangen. SCHWIEGERMUTTER UND SCHWIEGERTOCHTER 539 Sie hatte etwas Vornehmeres als ihr ältester Sohn, der aher in gewisser Hinsicht mehr Bon Enfant war als sie, mehr gemütlich im deutschen Sinn. Dafür hatte die Mutter eine tiefere Bildung als der Sohn, auch bessere Manieren. Die Gerechtigkeit gebietet, hinzuzufügen, daß die geistigen Horizonte beider, der Mutter und des Sohnes, weiter gezogen waren als jene, die das Gesichtsfeld der Tiefenbacher der deutschen Republik, der Scheidemann und Wirth, der Preuß und Erzberger, bestimmten. Auf künstlerischem Gebiet dachte die Kaiserin Friedrich spießbürgerhch. Sie zog Händel weit Richard Wagner vor, ließ kaum Beethoven gelten und fand Schillers Lied an die Freude „schrecklich übertrieben, beinahe als ob ein Betrunkener es gedichtet hätte". Ihr Ideal war Tennyson, der Poeta laureatus der Victorianischen Epoche. Für Kunstgewerbe hatte sie lebhaftes Interesse und zweifellos Verständnis und war nicht ohne Erfolg bemüht, in Berlin nicht nur die Möbel, sondern den ganzen Zuschnitt des Lebens in ihrer Weise zu zivilisieren. Der verwandtschaftliche Sinn war bei ihr viel ausgeprägter als bei dem Sohn, bei dem das liebe Ich alles andere in den Hintergrund drängte. Die Kaiserin Friedrich war für ihre Töchter die zärtlichste Mutter, sie liebte diese mehr, als die Töchter sie bebten, was vielleicht darauf zurückzuführen war, daß sie durch ihre ungeheure Aktivität die Töchter stark ermüdete und ihnen dadurch das längere Zusammensein mit ihr verleidete. Mit unbegrenzter Liebe hing sie an ihren englischen Verwandten und allen Verwandten ihrer englischen Verwandten, an allem, was Leiningen, Hohenlohe, Battenberg, Augustenburg, Koburg hieß bis herunter zur Familie Mensdorff-Pouilly. Daß die Kaiserin Auguste Viktoria von väterlicher Seite eine Holstein, von mütterlicher eine Hohenlohe-Langenburg war, hatte in der damabgen Kronprinzessin Viktoria den Plan entstehen und reifen lassen, die am Berliner Hof unbekannte Tochter eines halbverschollenen Prätendenten, über den das Rad der geschichtlichen Entwicklung hinweggegangen war, zur künftigen Königin und Kaiserin zu bestimmen, als diese wie der ihr zugedachte Prinz Wilhelm noch in der Kinderstube spielten. Nachdem später die Verbindung zustande gekommen war, stellte sich die junge Prinzeß von Holstein, wie mir dies der kluge Justizminister Friedberg vorausgesagt hatte, bei allen Differenzen zwischen ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter auf die Seite ihres Mannes, an dem sie nicht nur pflichtmäßig, sondern mit der ganzen Wärme ihres Gemüts hing. So wurde das Verhältnis zwischen der Schwiegertochter Auguste Viktoria und ihrer Schwiegermutter, der Kaiserin Friedrich, noch weniger freundbch, als es einst das Verhältnis der Schwiegertochter Viktoria zu der Schwiegermutter Augusta gewesen war. Fürst Bismarck stand der Kaiserin Friedrich nie mit der innerlichen Erbitterung gegenüber wie während seiner ganzen 540 KÜHLER EMPFANG WALDERSEES Amtszeit der Kaiserin Augusta. Aber er verstand sie nicht und unterschätzte sie. Als Bismarck einmal in den achtziger Jahren endlich eine von allen Seiten gewünschte und betriebene Audienz bei der damaligen Kronprinzessin erreicht hatte und nach seiner Rückkehr von seinem Sohn Herbert gefragt wurde, wie ihm die hohe Frau gefiele, erwiderte er: „Die Arme ist ja eine ganz dumme Gans. Sie hat mir die ganze Zeit von ihrer Tante Feodora von Holstein oder Hohenlohe oder Gott weiß von wo gesprochen, deren Wünsche sie allein zu interessieren schienen." Ein ungerechtes Urteil des ausschließlich von seinen eigenen großen Plänen erfüllten Genies. Wenn ein freundlicherer Stern über ihr gewaltet hätte, würde die Kaiserin Friedrich in England oder in Deutschland ein glückliches Leben geführt haben, an der Stätte ihrer Wirksamkeit allgemein verehrt und bewundert. Zwischen den harten Mühlsteinen bismarckischer Politik und preußischer Tradition wurde sie zerrieben. Auf ein Beileidstelegramm, das ich nach dem Tode der Kaiserin Friedrich an ihren Bruder, den König Eduard, richtete, erwiderte mir dieser: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Teilnahme. Die teuerste Kaiserin hat Sie und Ihre Frau immer hoch geschätzt." Nachdem die Beisetzung der Kaiserin Friedrich in der Friedenskirche in Begegnung Potsdam stattgefunden hatte, wo sie neben ihrem herrUchen Gemahl, dem mit dem Zaren Kaiser Friedrich, in einem von Reinhold Begas ausgeführten schönen in Heia ]y[ armorsar k:ophage nach so viel Schmerzen, Enttäuschungen und Leiden die ewige Ruhe gefunden hat, rüstete sich der Kaiser für die Begegnung mit dem Kaiser Nikolaus von Rußland, der eine Einladung zu dem deutschen Marinemanöver angenommen hatte, das in der ersten Septemberhälfte auf der Reede von Heia in der Danziger Bucht stattfinden sollte. Vorher empfing Wilhelm II. noch in Homburg den aus China zurückkehrenden Waldersee. Mit erhobenem Haupte schritt der Feldmarschall auf seinen hohen Gebieter zu. In seinen Zügen lag die gespannte Erwartung, welcher außerordentliche Gnadenbeweis ihm bei seiner Rückkehr zuteil werden würde, nachdem er bei seiner Ausreise in noch kaum dagewesener Weise gefeiert worden war. Nun wollte ein neckischer Zufall, daß Wilhelmll. am Tage vorher von einer seiner englischen Tanten einen Brief erhalten hatte, wonach Waldersee sich vor seiner Abreise von China englischen Offizieren gegenüber dahin geäußert hätte, er müsse rasch nach Deutschland gelangen, um dort den Reichskanzlerposten zu übernehmen: Bülow habe schon ausgespielt. Als sich nun Waldersee auf dem Homburger Bahnhof dem Kaiser näherte, rief ihm dieser schon von weitem zu, er möge sich bei mir bedanken, der ich ihn durch meine geschickte Politik aus der Affäre gezogen hätte. Der ehrgeizige Marschall, der wohl an alles andere eher gedacht hatte, als sich bei mir noch bedanken zu müssen, sah sehr erstaunt aus, LAMBSDORFF ERHÄLT SCHWARZEN ADLER NICHT 541 recht wenig erfreut. „Das eigentliche Wesen des Ehrgeizes ist nur der Schatten eines Traumes", sagt der Kammerherr von Güldenstern zum Dänenprinzen Hamlet. Ich suchte Waldersee im Laufe des Tages auf, um die ostasiatischen Verhältnisse mit ihm zu besprechen, die er verständig und klug schilderte. Er ist bald nachher einem tückischen Darmleiden erlegen, das der schon siebzigjährige Mann sich im chinesischen Feldzuge geholt hatte. Der Kaiser las das Telegramm mit der Todesnachricht in meinem Beisein mit der gleichgültigsten Miene von der Welt und hat diesem Toten, den er Ende der achtziger Jahre, während des Konflikts Waldersee-Bismarck dem großen Kanzler gegenüber mit scharfer Pointierung seinen bedeutendsten und dabei treuesten Freund genannt hatte, keine Träne nachgeweint. Bei manchen Fehlern war Waldersee als Soldat eine glänzende Erscheinung. Er hat auch in China nicht nur die Harmonie zwischen den Mächten aufrechterhalten, sondern an seinem Teil beigetragen zu der großen und aussichtsreichen wirtschaftlichen und politischen Stellung, die wir bis 1914 in Ostasien einnahmen. Der Entrevue von Heia sah Wilhelm II. mit den gespanntesten Erwartungen und selbst bei ihm ungewöhnlicher Ungeduld entgegen. Ich sollte Krüskierung Seine Majestät begleiten, da Kaiser Nikolaus den Deutschen Kaiser hatte Lambsdorßs wissen lassen, daß er den russischen Minister des Äußern, den Grafen Lambsdorff, mitbringen würde. Als ich mich in Kiel an Bord der „Hohen- zollern" begab, empfing mich der Gesandte von Tschirschky, der als Vertreter des Auswärtigen Amtes bei Seiner Majestät weilte, um mir mit allen äußeren Zeichen der Erregung und Betrübnis zu melden, der Kaiser weigere sich, Lambsdorff den Schwarzen Adlerorden zu verleihen. Tschirschky hatte nach seiner Versicherung alle Bitten und Vorstellungen erschöpft, hatte im ernstesten Ton darauf hingewiesen, daß es ein politischer Fehler sein würde, den uns bisher geneigten russischen Minister zu kränken. Es wäre ihm aber leider unmöglich gewesen, den Eigensinn Seiner Majestät zu brechen. In diesem Augenblick näherte sich uns der Kaiser. Tschirschky entfernte sich, und ich brachte die Bede sofort auf die Ordensfrage. Ich erinnerte an das Wort von Napoleon, daß Orden in der Politik dieselbe Bolle spielten wie bei Kindern ein Spielzeug. „Les hommes sont comme les enfants, il leur faut des hochets." Die Orden wären ein Mittel, die Menschen zu gewinnen. In diesem Falle liege die Sache nun so, daß der russische Minister des Äußern traditionell stets den Schwarzen Adlerorden erhalten hätte. Wenn wir Lambsdorff gegenüber von dieser Gewohnheit abwichen, würde der uns bis jetzt wohlgesinnte, aber empfindliche Mann das nicht verzeihen. Der Zar wäre seinen Batgebern gegenüber bestimmbar und nachgiebig, wir hätten wirklich keinen Grund, Lambsdorff vor den Kopf zu stoßen. Der Kaiser entgegnete mit einer wenigstens mir gegenüber sehr 542 DIE HÖFLINGE ungewöhnlichen Heftigkeit, er könne seinen höchsten Orden nicht „wegwerfen". Als ich darauf hinwies, daß dieser hohe Orden schon manchen Personen verliehen worden wäre, die weniger Anspruch darauf hätten als der Minister des Äußern einer Großmacht, meinte Seine Majestät, daß ich, immer nur von rein politischen Motiven beherrscht, für seine innersten, heiligsten Gefühle kein Verständnis hätte. Tschirschky verstände ihn besser; Tschirschky habe ihm noch vor einer Stunde erklärt, er hätte ganz recht, wenn er sich weigere, Lambsdorff den hohen Orden vom Schwarzen Adler zu geben. In diesem Moment tauchte Tschirschky nicht weit von uns wieder auf. Ich winkte ihn heran und fragte ihn, indem ich ihm scharf in die Augen sah, ob er dem Kaiser von der Verleihung des Schwarzen Adlerordens abgeraten habe. Tschirschky bekam einen feuerroten Kopf, aber er erwiderte nichts. Die Unterredung zwischen Seiner Majestät und mir dauerte noch geraume Zeit und endete damit, daß der Kaiser mir sagte, er würde seinen Vetter, Kollegen und Freund Nicky fragen, welchen preußischen Orden er für Lambsdorff wünsche. Als ich später den alten Lucanus fragte, wie der Kaiser noch Vertrauen haben könne zu Herrn von Tschirschky, der doch auf einer flagranten Unwahrheit ertappt worden wäre, erwiderte mir der vielerfahrene Greis: „Tschirschky wird einfach dem Kaiser sagen, er wäre innerlich bei der Ansicht geblieben, daß Seine Majestät mit seiner Weigerung völlig im Recht sei. Der Kanzler wäre aber herrschsüchtig und nachträgerisch, deshalb habe er lavieren müssen." Zu meinem Befremden befand sich in der kaiserlichen Umgebung auch Fürst Max der Fürst Max Fürstenberg, mit dem ich übrigens damals gut stand. Er Egon von machte mir in jeder Weise den Hof. Als ich im Frühjahr 1901 kurze Zeit Fürstenberg am >pi t j see j m Schwarzwald weilte, lud er mich und meine Frau auf sein schönes Schloß in Donaueschingen ein, wo er uns mit Liebenswürdigkeiten überhäufte. Diesen österreichischen Grandseigneur zu einer Begegnung mit dem russischen Kaiser mitzunehmen, war natürlich ein politischer Fehler. Ein mir seit Jahren befreundeter russischer Flügeladjutant sagte mir halb im Scherz, halb im Ernst: „Was würden Sie dazu sagen, wenn wir einen prominenten Franzosen mitgebracht hätten?" Wie alle Höflinge war Max Fürstenberg vor allem bemüht, Kaiser Wilhelm II. zu amüsieren. Er Keß sich jeden Morgen aus Wien den neuesten Börsenwitz telegraphieren, um diesen dem Kaiser beim ersten Frühstück vorzusetzen. Er küßte auch Seiner Majestät bei jeder Gelegenheit die Hand. Wieviel Unheil haben in monarchischen Staaten Höflinge angerichtet! Die Witze, mit denen die Günstlinge Wilhelms II. ihm die Zeit zu vertreiben suchten, haben politisch manche schädliche Wirkung gehabt. Den Grund zu der ungünstigen, persiflierenden Beurteilung des Kronprinzen Viktor Emanuel von Italien und seiner Gattin, der späteren Königin Elena, hatten Philipp Eulenburg und DER SEEKRANKE LAMBSDORFF 543 Kuno Moltke gelegt, als sie bei einer Nordlandreise, die zu einer Begegnung zwischen unserem Kaiser und dem damaligen italienischen Kronprinzenpaar führte, allerlei alberne Witze über letzteres machten, über den „kleinen" Prinzen und die Prinzessin aus den „wilden" Bergen der Crnagora. Bei der Entrevue von Heia suchte sich Max Fürstenberg als Objekt seiner mokanten Bemerkungen Lambsdorff aus. Der russische Minister vertrug die See nicht und sah sehr blaß aus, als er bei ziemhch starkem Seegang in einem schwankenden Boot zur „Hohenzollern" fuhr. Er war ungewandt und schwächlich, und die Art und Weise, wie er vom Boot auf das Fallreep gelangte, war nicht gerade ein Meisterstück der Turnerei. Er trug auch nicht das kleidsame Jacht-Kostüm, das alle Seine Majestät begleitenden Herren angelegt hatten, sondern er erschien in der häßlichen russischen Beamtenuniform, die ihm eine unerwünschte Ähnlichkeit mit einem älteren Zollbeamten gab, in sehr hoher Mütze mit großem Schirm und großer Kokarde. Da er von kleiner Statur war, so trug er Schuhe mit sehr hohen Absätzen, ein Kunstgriff, dessen sich übrigens auch le Grand Roi Louis XIV bedient haben soll, um seine Figur zu verlängern. Der Kaiser, von Fürstenberg auf die hohen Hacken, die Riesenmütze und die bleiche Gesichtsfarbe des Grafen Lambsdorff aufmerksam gemacht, erlaubte sich diesem gegenüber einige wenig glückliche Scherze, die den Minister in sichtliche Verlegenheit setzten. Als ich mit Bedauern diese Vorgänge wahrgenommen hatte, hielt ich es um so mehr für meine Pflicht, noch einmal und energisch wegen der Verleihung des Schwarzen Adlerordens an Lambsdorff zu insistieren. Ich klopfte unangemeldet an die Tür der Kabine Seiner Majestät und trat bei ihm ein, während er sich zum Diner umzog. Er sperrte sich noch immer, meinte aber schließlich, da ich es durchaus wolle, müsse er nachgeben. Das Diner nahm den besten Verlauf, der Zar zog mich nach Aufhebung der Tafel in eine längere Unterhaltung, in der er mir spontan sagte: Rußland Der Zar und Deutschland würden, wenn sie nicht friedlich und freundschaftlich, en und Bülou> paix et en amitie, miteinander auskämen, sich ins eigene Fleisch schneiden. Den Vorteil von einer Brouille zwischen Preußen-Deutschland und Rußland würden die Revolution und die Polen haben, den Nachteil aber die beiden Reiche und ihre Dynastien. Er überreichte mir dann den Andreasorden, wie er sich ausdrückte: „Comme preuve de mon amitie pour vous et de ma confiance en vous." Während der Zar sich mit mir unterhielt, hatte Kaiser Wilhelm die preußischen Dekorationen selbst an die russische Umgebung verteilt. Ich bemerkte, daß Lambsdorff, der bis dahin trotz der Witzeleien des Kaisers über seine mangelhaften nautischen Fähigkeiten eine heitere Miene zur Schau trug, einen so verdrießlichen, ja giftigen Ausdruck 544 DER KAISER-WILHELM-ORDEN annahm, wie ich ihn, allerdings unter anderen Verhältnissen, nur noch einmal bei einem leitenden Minister gesehen habe, nämlich beim Fürsten Gort- schakow, als sich Bismarck 1878 am Schluß des Berliner Kongresses in demonstrativer Weise ohne Rücksicht auf den russischen Kanzler nur mit Peter Schuwalow, Beaconsfield und Andrässy beschäftigte. Schließlich kam Lambsdorff auf mich zu, um mir in höflichstem Tone, aber mit kaum verhehltem Ingrimm zu sagen, mein allergnädigster Souverän hätte ihm statt des bisher jedem russischen Minister des Äußern als einzig mögliche Dekoration verliehenen Schwarzen Adlerordens eine Dekoration überreicht, von der er bisher überhaupt noch nie etwas gehört habe. Um seinen Willen, in diesem Fall eine Laune, durchzusetzen, hatte Kaiser Wilhelm nämlich dem russischen Minister den vor einiger Zeit von ihm neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Orden verliehen, dessen nicht gerade geschmackvolles Band selbst bei uns niemand recht haben wollte, schon weil dieser Orden sich auf diejenigen abgehenden Minister und verabschiedeten Generäle und Admiräle herabzusenken pflegte, die des Schwarzen Adlers nicht würdig erachtet wurden. Als ich den Kaiser am nächsten Tage wegen des Quidpro- quo interpellierte, behauptete er, Kaiser Nikolaus habe ihm gesagt, er würde es „mit besonderem Dank" aufnehmen, wenn sein Minister des Äußern den Orden bekäme, der von seinem teuren Freund und Vetter Willy gestiftet und dessen Insignien von diesem Allerhöchstselbst gezeichnet worden wären. Ob diese Version dem wirklichen Sachverhalt entsprach, erschien mir als unsicher; als sicher dagegen, daß wir uns aus dem einstigen Vertrauensmann von Giers, aus dem Beamten, der bei dem Abschluß des RückVersicherungsvertrages die Feder führte, einen Feind gemacht hatten. Der Philosoph wird es, und mit Recht, bedauerlich finden, daß die Frage, ob ein Minister seinen meist nur zu reichlichen Ordensbesitz um diesen oder jenen neuen Ordensstern vermehrt, die politischen Beziehungen zwischen großen Völkern zu beeinflussen und zu schädigen vermag. Aber leider lehrt die Erfahrung, daß persönliche Eitelkeit, Empfindlichkeit und Ranküne nicht nur im Privatleben, sondern auch auf politischem Gebiet Unheil anrichten können. Nicht immer geht es in der Politik so zu wie in dem bekannten Lustspiel von Scribe, wo ein Glas Wasser über Krieg und Frieden und das Schicksal von England und Frankreich entscheidet. Aber die politische Entwicklung vollzieht sich auch nicht so, wie sich dies an ihrem Schreibtisch weltfremde Doktrinäre einbilden, nur nach „wissenschaftlichen Gesetzen", sondern von menschlichen Stimmungen und Leidenschaften beeinflußt. Was nun äußerliche Ehrenzeichen angeht, so kann solchen wohl niemand Parenthese innerlich gleichgültiger gegenüberstehen als ich. Ganz abgesehen von meiner über Orden philosophischen Betrachtungsweise auch deshalb, weil ich sie alle besitze: BONBONS 545 den hohen Orden vom Schwarzen Adler mit Brillanten und das spanische Goldene Vlies, den russischen Andreasorden mit Brillanten und den österreichischen Stefansorden mit Brillanten, den italienischen Orden von der Heiligen Verkündigung, den Annunziatenorden und den sehr edlen portugiesischen Orden vom Turm und Schwert, den dänischen Elefanten- und den schwedischen Seraphinenorden, den bayrischen Hubertus und die sächsische Baute, türkische und japanische, chinesische und siamesische Orden, alle, alle. Nachdem ich die allererste Jugend hinter mir hatte, verlangte ich so wenig nach Orden, Ordenssternen und -ketten, wie es den Konditor nach Bonbons und Konfitüren gelüstet. Ich habe, wenn nicht Courtoisie gebot, zu Ehren eines ausländischen Gastes einen fremden Orden anzulegen, nie einen anderen Stern getragen als den des Schwarzen Adlerordens. Aber als alter und erfahrener Mann, der die Welt kennt und die Menschen, ihre Schwächen und Fehler und Triebe, sage ich: Das Verbot der Orden und Uniformen durch die Weimarer Verfassung ist ein weiterer Beweis dafür, daß es dem Herrn Dr. Hugo Preuß, dem Vater unserer republikanischen Staatsverfassung, an Menschenkenntnis wie an Weitläufigkeit fehlte. Er gab damit von vornherein die Möglichkeit aus der Hand, maßgebende Ausländer zu erfreuen und sie zu gewinnen. Dieser triste deutsche Solon ist auch schuld daran, daß seit dem Novemberumsturz zwischen seinen uniformierten und dekorierten Kollegen der deutsche Vertreter im Frack und ohne Orden dasteht wie das Aschenbrödel unter seinen festlich gekleideten Gespielinnen. Die französische Bepubbk hat sich wohl gehütet, eine solche Dummheit zu begehen. Sie hat weder Uniformen noch Orden abgeschafft. Die Aussicht auf das rote Bändchen und gar auf die Bosette der Ehrenlegion belebt im Inland Patriotismus und Ehrgeiz des Durchschnittsfranzosen. Gegenüber dem Auslande war und ist die Verleihung der Legion d'honneur für die französische Propaganda ein bewährtes Mittel, in der Welt Sympathien für Frankreich zu erwecken und französische Gesinnung zu belohnen. Hiermit schließe ich diese Parenthese, zu der ich durch die nachteiligen politischen Folgen veranlaßt wurde, die bei der Monarchenzusammenkunft von Heia die ungeschickte Behandlung des russischen Ministers des Äußern in einer Ordensangelegenheit hatte. Ich betone noch einmal, daß ich die Abneigung verstehe, mit der ein jedem Deutschen teurer Dichter auf die Fürstenrät' und Hofmarschälle blickt, die mit kühlem Stern auf kalter Brust nicht an Geisterstimmen glauben. Aber der Staatsmann muß auch mit den Schwächen und Kleinlichkeiten der Menschen rechnen, er soll auch sie für das Beste des Landes verwerten. „II faut faire fleche de tout bois", sagte einmal Fürst Bismarck zu Kaiser Friedrich, dem edlen Idealisten, der darüber klagte, daß die Politik manchmal auch die weniger schönen Triebe der Menschen für ihre Zwecke benutzt. 35 Bülow I 546 WILHELM II. ALS KURIER DES ZAREN Von Heia begab sich Kaiser Wilhelm II. nach herzlichem Abschied von Ritt des Kaiser Nikolaus II. zu seinem gewohnten Jagdaufenthalt nach Rominten, Kaisers nach w0 schon Philipp Eulenburg auf ihn wartete, der mir unter dem 23. Sep- Wyschtyten tern jj er 1901 schrieb: ,,S. M. nahm meine Gratulation zu seinem Danziger Erfolg sehr warm auf und erzählte mir viele Details: natürlich war der Besuch des Zaren in Frankreich ein großer Mißerfolg, und auf England hagelte es verächtliche und fast feindliche Worte. Wilhelm Proteus. Von Dir sprach S. M. in der wärmsten und anerkennendsten Weise. Du hättest Kaiser Nikolaus völlig bezaubert, und das sei das Wichtigste der ganzen Entrevue gewesen." Philipp Eulenburg, der ein nicht gewöhnliches Erzählertalent besaß, gab mir weiter eine deliziöse Schilderung der kaiserlichen Expedition nach Wyschtyten, einem Städtchen an der preußischrussischen Grenze, nur wenige Kilometer von Rominten entfernt. Der kleine Ort war einige Wochen früher zum größten Teil durch Feuer zerstört worden. Philipp Eulenburg schrieb mir: „Wir waren kaum gestern abend in Rominten eingetroffen, als ein langer Bericht über den Brand der kleinen russischen Grenzstadt einverlangt wurde, den der schläfrige Forstmeister Saint-Paul abstattete, dann wurde gegessen und nachher verkündet, Seine Majestät werde morgen, also heute nachmittag, als russischer General nach Wyschtyten sprengen und auf dem dortigen abgebrannten Marktplatz 5000 Rubel im Auftrag des Zaren unter die weinende Bevölkerung verteilen. Es sind 150 Familien abgebrannt, lauter Juden. Das kann ja ein großartiger Moment werden. Der selige Jeremias wird die Stunde segnen und sich besonders sehr über die neue russische Dragoneruniform freuen." Am nächsten Tag schrieb mir Eulenburg über diesen „apokalyptischen Ritt" weiter: „Seine Majestät bestieg ein Pferd und ritt, von zwei Adjutanten, Richard Dohna und Forstmeister Saint-Paul begleitet, im Galopp über die Grenze. Ich folgte mit August Eulenburg und Admiral Hollmann im Wagen. Welches seltsame Unternehmen! Der Polizeiwachtmeister trieb schimpfend und schlagend die armen Juden auf den Marktplatz, wo S. M. sich aufgestellt hatte, um eine Rede zu halten. Die Juden hatten die ,lange Nacht' und kamen widerwillig und greulich schmutzig aus der Synagoge. Endlich standen etwa 200 Menschen auf dem Platz, und der Kaiser hielt eine schwungvolle Rede, die niemand verstand. Dann traten Juden an mich heran und fragten, wer der russische Offizier sei? Sie glaubten nicht, daß es der Deutsche Kaiser sei, ,der doch wohl nicht nach Wyschtyten käme und dann doch eine deutsche Uniform tragen müsse'. Kurz und gut, es hat eigentlich niemand begriffen, wozu das alles war. In der Hauptsache war es wohl der Wunsch, Wyschtyten zu sehen, dazu kam die Gelegenheit, eine Rede zu halten, die russische Uniform zu tragen, und doch auch der Wunsch, zu helfen. Heute früh schoß der Kaiser nach zwei vergeblichen Pirschen ÜRRAH! 547 zwei Achtzehnender. Die Laune ist rosig." Am nächsten Tag telegraphierte Philipp Eulenburg amtlich, der Kaiser befehle, daß die von ihm in Wyschtyten gehaltene Rede durch Wolfis Telegraphen-Büro verbreitet werden solle. Sie lautete: „Seine Majestät Kaiser Nikolaus, euer erhabener Landesherr, Mein geliebter Freund, hat von eurem schweren Unglück gehört. Er läßt euch durch Meinen Mund mitteilen, wie sehr ihn diese Nachricht betrübt hat, und läßt euch sein herzliches Mitgefühl aussprechen. Aber noch mehr, er sendet euch durch Mich als Zeichen seiner landesväterlichen Fürsorge eine Spende von 5000 Rubel. Ihr erseht hieraus, wie das Auge eures erhabenen Landesvaters überall bis an die Grenzstädte seines gewaltigen Reiches reicht und wie sein gütiges, warmes Herz für seine noch so entfernten Untertanen schlägt. Eurer Dankbarkeit und Liebe für euren Kaiser und Vater werdet ihr jetzt Ausdruck geben, indem ihr ruft: Ssa Sdarwje jewo Welitschestwo Gossudarja Imperatora Nicolai! Urrah!" Wenn von der Begleitung inklusive dem intimsten Freund Seiner Majestät, Philipp Eulenburg, niemand den Zweck dieses Einritts in ein kleines russisches Grenzstädtchen begriff, so ist es mir auch heute noch psychologisch unverständlich, wie ein in mancher Hinsicht hochbegabter Mann wie Wilhelm IL, der viele und ernste Interessen hatte, der damals schon zweiundvierzig Jahre alt war und schon über zwölf Jahre auf dem Thron saß, an solchen Kindereien Gefallen finden, ein derartig operetten- haftes Unternehmen in Szene setzen konnte. Nicht lange nach dieser seltsamen Expedition stattete Prinz Heinrich seinem Schwager, dem Zaren, zu dem er in den allerbesten Beziehungen Bes stand, in dessen Jagdschloß Spala im russisch-polnischen Gouvernement des Petrikow einen längeren Besuch ab. Uber seine Eindrücke erzählte mir Prinz Heinrich bei seiner Rückkehr, Kaiser Nikolaus habe ihn auf das verwandtschaftlichste empfangen, ihn wiederholt dringend gebeten, noch länger zu bleiben, ihm immer wiederholt, daß das Zusammensein mit dem preußischen Schwager ihm eine wahre Freude und Wohltat sei. Das waren ausnahmsweise keine Redensarten. Für seinen Schwager Heinrich empfand der (vorläufig) letzte russische Zar aufrichtige Freundschaft. Prinz Heinrich schilderte mir seinen Schwager als sehr wohlerzogen und immer liebenswürdig in der Form, auch im allgemeinen wohlwollend und selbst human, aber gewillt, das autokratische System aufrechtzuerhalten. Uber religiöse Dinge denke der Zar im Gegensatz zu seinem Vater sehr frei. Er werde sich aber öffentlich nie in Widerspruch zur Orthodoxie setzen. Er interessiere sich für Armee und Marine, habe Verständnis für militärische Dinge und sei als junger Prinz ein guter Kompagnieführer und selbst Regimentskommandeur gewesen, wäre aber ganz friedlich gesinnt. Kaiser Wilhelm imponiere dem Zaren, aber gehe diesem bisweilen auf die Nerven. Unser Kaiser dürfe 548 DER ZAR WILL RUHE HABEN gegenüber dem Zaren die Note nicht forcieren. Den Ritt nach Wyschtyten hätten nicht nur die meisten Russen, sondern auch der Zar für ein nicht nur seltsames, sondern etwas würdeloses Nachlaufen gehalten. „Trachten Sie, meinen Bruder, den Kaiser, dahin zu bringen, freundlich und höf lieh mit dem Zaren zu sein, ihn aber nicht mißtrauisch zu machen und vor allem ihn in Ruhe zu lassen. Das ist die richtige Formel für seine Behandlung." Von der Umgebung des Zaren hätte der Generaladjutant und Hausminister Fredericksz den größten Einfluß; er sei entschieden deutschfreundlich und durchaus zuverlässig. Prinz Heinrich, der sehr englisch war und Politik mehr mit dem Herzen als mit berechnendem Verstand trieb, klagte darüber, daß der Zar „leider" schlecht auf England zu sprechen wäre. Der Zar mißtraue der englischen Politik und verachte die englische Armee wie das englische konstitutionelle, parlamentarische Regierungssystem. Darin sei er Moskowiter. Er habe auch keine besondere Achtung vor seinem Onkel, dem König Eduard. Unternehmen wolle er aber gegen England ebensowenig etwas wie gegen irgendein anderes europäisches Land. Wenn er je in Europa Krieg führe, so würde dies nur sein, weil er sich von einer anderen Großmacht angegriffen glaube. Der Zar wolle nicht einmal die Mandschurei haben, sie aber auch keinem anderen überlassen. Dasselbe gelte für Korea. Der Zar sagte seinem Schwager Heinrich, die Japaner in Korea würden so viel bedeuten, als daß in Ostasien eine neue Bosporus-Frage geschaffen werde. Wenn die Japaner versuchen sollten, sich in Korea festzusetzen, so wäre das für Rußland allerdings ein Casus belli. Der Zar vertraute seinem Schwager an, daß ein Zusammenstoß zwischen Japan und Rußland früher oder später eintreten dürfte, aber nicht vor vier Jahren, bis wohin Rußland die maritime Superiorität im Stillen Ozean erlangt haben würde. Wäre Rußland erst so weit, so würden sich die Japaner hüten, mit ihm anzubinden. In fünf bis sechs Jahren würde auch die Sibirische Bahn vollendet sein, die er, der Zar, als sein Lebenswerk betrachte. Für diese Bahn brauche er französisches Geld, würde aber politisch vor den Franzosen auf der Hut sein und sich nicht von ihnen exploitieren lassen. Deutschland und Rußland müßten untereinander Frieden halten und so den Weltfrieden aufrechterhalten. Die Mitteilungen, die ich aus St. Petersburg von dem Botschafter Alvens- Berichte leben, von Zeit zu Zeit auch durch den Freund der russischen Kaiserfamilie, Alvenslebens (J en na ch wie vor oft nach St. Petersburg eingeladenen General von Werder, und Werders gjjjjgl^ stimmten im allgemeinen mit den Eindrücken des Prinzen Heinrich aus Petersburg u j )ere; j 11> Werder hatte mir im Frühjahr 1901 geschrieben, daß auch die Kaiserin-Mutter, obwohl sie seinerzeit über die Wilhelmshavener Rede des Kaisers („Pardon wird nicht gegeben") außer sich gewesen wäre, doch überzeugt sei, daß wenigstens der Reichskanzler aufrichtig bemüht wäre, MAX VON BADEN ENTLOBT 549 die freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland aufrechtzuerhalten und zu befestigen. Uber die Stimmung des Zaren schrieb mir Werder, dieser habe im Grunde für Kaiser Wilhelm etwas übrig, wenn ihm auch manches an ihm nicht gefalle. Daß Deutschland wirtschaftliche Vorteile in der Türkei wünsche, finde er begreifhch; aber die von Kaiser Wilhelm affichierte Begeisterung für Hohe Pforte, Koran und Sultan agaziere den Zaren. Er äußerte vor Werder: „Je n'aime pas le Sultan, je le cede ä l'Empereur d'Allemagne." Der Botschafter Alvensleben war längere Zeit eifrig bemüht gewesen, eine Verbindung der hübschen Tochter des Großfürsten Wladimir, der Großfürstin Helene, mit einem deutschen Prinzen zustande zu bringen. Der Prinz Friedrich Heinrich von Preußen, der später seinen Namen und seinen Rock in trauriger Weise beflecken sollte, zeigte sich abgeneigt, der junge Großherzog Wilhelm Ernst von Weimar gefiel in Petersburg nicht. Auch fürchtete Alvensleben von letzterer Verbindung eine Förderung etwaiger auf Lockerung des Reichsverbands mittels dynastischer Beziehungen gerichteter russischer Bestrebungen. Die Gefahren einer Verbindung mit dem Prinzen Louis Napoleon, der ein imponierendes Äußeres besitze, ein guter Soldat sei und wohl imstande, einer jungen, liebebedürftigen Prinzessin zu gefallen, flößte Alvensleben mit Recht noch stärkere Befürchtungen ein. Auch eine Verbindung mit dem Grafen von Turin hätte für uns ihre Nachteile. Schließlich war es zu einer Verlobung der jungen Prinzessin mit dem Prinzen Max von Baden gekommen. Dieser, der in seiner äußeren Erscheinung, aber nur hierin, an seinen Urgroßvater, den Kaiser Nikolaus L, erinnerte, Heß sich von seiner Mutter, einer russischen Leuchtenberg, zu der von ihr lebhaft gewünschten Verlobung mit der jungen Großfürstin Helene bestimmen. Bei näherer Überlegung sagte er sich aber doch, daß eine Ehe mit der von Alvensleben nicht nur als jung und hübsch, sondern auch als temperamentvoll und hebebedürftig charakterisierten Prinzessin kaum sein Fall sein würde, und hob die Verlobung wieder auf. Großfürst Wladimir nahm diese Absage mit dem ihm eigenen humoristischen Phlegma und tröstete seine weinende Tochter mit den Worten: „Ne pleure pas, ma cherie, Karlsruhe aurait ete pour toi un enterrement sans pompe." Dagegen war die Großfürstin Wladimir außer sich, und ihre bisherige Anhänglichkeit an ihre deutsche Heimat hat sehr unter diesem Zwischenfall gelitten. Die reizende Großfürstin Helene Wladimirowna heiratete später einen griechischen Prinzen, der die Eigenschaften besessen zu haben scheint, die dem Prinzen Max von Baden fehlten. Kurz vor dem Ende des Jahres 1901 wurde das letzte Denkmal in der Wilhelm II. Siegesallee enthüllt. Die Siegesallee verdient meines Erachtens nicht und die den schlechten Ruf, den sie genießt. Donna Laura Minghetti, die mit Sle S esallee 550 WILHELM IL NEBEN COSIMA angeborenem Schönheitsgefühl die Erfahrungen verband, die sie im Verkehr mit Morelli, mit Lenbach und Makart, mit Barnabei und Baracco, Nieuwekerke, Carpeaux, Ary Scheffer und vielen anderen Künstlern und Kunstkennern erworben hatte, tadelte an der Siegesallee, daß die Denkmäler in Marmor ausgeführt wären, der sich im Norden nie gut ausnähme, denn er brauche, um zu wirken, italienische oder griechische Sonne. Auch würde das Ganze dadurch etwas monoton, daß alle dem Hause Hohenzollern entstammenden Fürsten in gar zu selbstbewußter Attitüde dargestellt würden. Trotzdem sei alles in allem das Ganze nicht so übel. Aber selbst wohlwollende Beurteiler lächelten, als der Kaiser bei diesem Anlaß (nicht in meinem Beisein) eine Rede hielt, in der er erklärte, daß die moderne Berliner Bildhauerschule auf der Höhe der klassischen Zeit der Griechen und der italienischen Renaissance stünde. Er verglich sich selbst zwar nicht mit Perikles, aber doch mit Lorenzo Medici und sprach die Hoffnung aus, daß auch seinen Enkeln und Urenkeln gleiche Meister zur Seite stehen möchten, wie diejenigen, die unter seiner Leitung die Siegesallee geschaffen hätten. „Der Eindruck, den die Siegesallee auf die Fremden macht, ist ein ganz überwältigender. Überall macht sich ein ungeheurer Respekt für die deutsche Bildhauerei bemerkbar." Da es in dieser Rede auch nicht an einem heftigen Ausfall gegen die moderne Richtung in der Kunst fehlte, die ,,in den Rinnstein niedersteigt", so trug leider auch dieser Redeerguß dazu bei, die Kluft zwischen dem in mancher Hinsicht modern und fortschrittlich gesinnten Kaiser und den Intellektuellen in Deutschland zu erweitern. Ich hatte zu viel damit zu tun, den Kaiser politisch auf dem richtigen Weg zu erhalten, als daß ich mit ihm auch noch über ästhetische Probleme hätte diskutieren können. Es wäre auch wohl nutzlos gewesen, denn Wilhelm II. war auf künstlerischem Gebiet durch und durch Dilettant, und das Wesen des Dilettanten besteht bekanntlich darin, daß er sich über die Schwierigkeiten und den Ernst der Kunst nicht im klaren ist. Als Kaiser Wilhelm II. sich einmal für den Abend bei uns angesagt hatte, richtete ich es bei dem Souper so ein, daß er neben Cosima Wagner saß, die gerade in Berlin weilte. Sie führten eine lange und angeregte Konversation miteinander. Als ich später Frau Cosima frug, wie sie sich mit dem Kaiser verstanden hätte, meinte sie, eine der bedeutendsten Frauen, die mir in meinem Leben begegnet sind: „Der Kaiser ist menschlich sehr sympathisch, aber um ihm auch nur die Anfangsgründe der Kunst klarzumachen, müßte ich drei Jahre mit ihm allein auf einer einsamen Insel sein." Von Frau Cosima hatte ich zu meinem Bedauern erfahren, daß es um Tod von unsere liebe alte Freundin Malwida von Meysenbug nicht zum besten Malivida von stehe. Ich hatte ihr sogleich geschrieben und tröstend unter anderem Meysenbug „ esa ^ : ;) I nn ig hoffe ich, Sie haben sich wieder erholt. Warum sollten Sie MALWIDA, DIE IDEALISTIN 551 nicht so alt werden wie die Sibylle von Cumae, die schon 700 Jahre zählte, als Aeneas sie aufsuchte, und dann noch drei Jahrhunderte lebte? Ich denke oft an Sie. Was uns zu trennen scheint, gehört der Erscheinungswelt an, was uns verbindet, ist unvergängbch." Sie antwortete mir in einem längeren Brief, an dem sie mit Rücksicht auf ihre vorschreitende Krankheit fünf oder sechs Tage geschrieben hatte. Diese Antwort spiegelt den hohen Geist dieser Frau so wundervoll wieder, daß ich sie folgen lassen möchte: „Nein, lieber Freund, ich möchte nicht die 700 Jahre der Sibylle von Cumae erleben, weil man, wenn man die Geschichte so aus der Vogelperspektive sieht wie ich jetzt, es einsehen muß, daß in der Welt der Erscheinung die Ideale nur wie Meteore vorüberziehen und nur in einzelnen, großen, reinen Seelen zur Wirklichkeit werden. Es ist übrigens auch keine Wahrscheinlichkeit, nicht einmal zu 300, denn der schwere Anfall dieses Winters läßt sich noch nicht recht überwinden. Und nun zum Schluß noch eine kleine Erzählung aus meinem tiefinnerlichsten Erleben, die kein Mensch außer Ihnen kennen wird, da Sprechen über so etwas entweiht. Es sei aber Antwort auf Ihre lieben Worte, daß, was uns verbindet, das Unvergängliche ist, und zugleich ein Vermächtnis meiner Freundschaft für Sie, die Sie, in wohl nicht zu fernen Tagen, wenn ich die Welt der Erscheinungen verlassen habe, liebevoll an mich erinnern möge. In den schlaflosen Nächten jetzt, während der schlimmsten Periode der Krankheit, war mein Geist vollkommen klar und frei und beschäftigte sich mit den höchsten Lebensfragen. In einer Nacht, ganz besonders klar und bewußt, fühlte ich mich wirklich wie allem Zeitlichen entrückt, im Urgrund des Seins höchster Seligkeit genießend. Da war keine Form, kein Bild, der letzte Schleier war noch nicht zerrissen, nur die Nähe der Vollendung war mir deutlich, und ich fragte: Was ist es ? Ist es die Liebe, die große, reine, erlösende ? Nein, es ist noch viel höher, ward mir zur Antwort, es ist das Ewige, das allein Wahre, das endlos Zeugende, das alles in sich Begreifende. Und ich schwamm wie getragen auf Wellen unsäglicher Wonne, und plötzlich rief es aus den Tiefen der Seele, des eigentlichen Selbst, das im Tageslärm so selten zum Ausdruck kommt: Ich bete an!" Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen, das ich von der „Idealistin" erhielt. Am Schluß des Jahres 1901 bekam ich ein persönliches Telegramm des Königs Albert von Sachsen, in dem er mir den Wunsch aussprach, daß das neue Jahr mich zum Wohl des Reichs in ungetrübter Kraft erhalten möge. Wenige Monate später starb der edle und bedeutende König. XXXV. KAPITEL Rede Chamberlains in Edinburg (25. X. 1901) • Provokation der deutschen Armee Unterredung mit dem englischen Botschafter, Weisungen an die Deutsche Botschaft in London • Eintreten für die Ehre unserer Armee im Reichstag • Geburtstag des Kaisers (27. I. 1902) • Unterredung Bülows mit dem Prinzen von Wales, späteren König Georg 'V. • Zwischenfall in Venezuela • Präsident Castro • Rudyard Kipling • Die Ostmarkenpolitik, Reden im Reichstag und im Preußischen Landtag über das Ostmarkenproblem • Rede Wilhelms II. in der Marienburg Am 25. Oktober 1901 hatte der Kolonialminister Chamberlain, auf dessen sprunghafte Unberechenbarkeit Graf Hatzfeldt wie Graf Metter- Speech n j cn i n ihrer Berichterstattung oft hinwiesen, in einer in Edinburg gehaltenen in Edinburg ö ff ent ii cnen R e( j e geäußert: Selbst wenn England die strengsten Maßregeln gegen die noch in Südafrika Widerstand leistenden Buren ergreifen sollte, würden sich solche Maßnahmen nie der Grausamkeit und Barbarei nähern, die andere Nationen in Polen, im Kaukasus, in Bosnien, in Tongking und im Kriege von 1870 begangen hätten. Da ich voraussah, daß diese Provokation in Deutschland starke Erregung hervorrufen würde, bat ich sogleich in einer vertraulichen Unterredung den uns poKtisch wohlgesinnten und persönlich mir seit einem Vierteljahrhundert befreundeten englischen Botschafter Sir Frank Lascelles, unter der Hand und in einer Weise, die das Selbstgefühl des englischen Ministers in keiner Weise verletzen könnte, darauf hinzuwirken, daß letzterer den Eindruck, den seine Worte nach Lage der Dinge in Deutschland machen mußten, in irgendeiner Form korrigiere. Er brauche ja nur zu erklären, daß er nicht beabsichtigt habe, das deutsche Heer oder das deutsche Volk zu beleidigen. Schon eine sympathische Äußerung über Tapferkeit und Manneszucht des deutschen Heeres würde günstig wirken. Allenfalls könne auch ein anderes Mitglied des englischen Kabinetts eine solche Erklärung abgeben, oder Chamberlain möge durch einen zur Verlesung bestimmten Brief an den Grafen Metternich mir die Möglichkeit geben, bei der vorauszusehenden Debatte im Beichstag Angriffen gegen ihn die Spitze abzubrechen. Ich machte den englischen Botschafter darauf aufmerksam, daß ich andernfalls zu meinem aufrichtigen Bedauern genötigt sein würde, meinerseits öffentlich für den guten Ruf und die Ehre des deutschen Volks und seines Heeres einzutreten. Die CH AMBERL AI N ÜBER 1870 553 wüsten Kämpfe der Russen mit Schamyl und der Franzosen mit den Schwarzflaggen in Tongking, die österreichischen Strafexpeditionen gegen bosnische Insurgenten und die vielfach barbarische russische Repression polnischer Aufstände könnten nicht auf eine Stufe mit dem von uns gegen Frankreich geführten Verteidigungskrieg gesetzt werden. Eher hätte Cham- berlain auf Napoleon I. und die Erschießung von Palm, von Andreas Hofer und der Schillschen Offiziere hinweisen können. Wir könnten im Gegenteil an die Proklamation erinnern, die Kaiser Wilhelm I. 1870 beim Beginn des Deutsch-Französischen Krieges an das deutsche Heer gerichtet hatte: „Wir führen den Krieg nicht gegen friedliche Einwohner." Sir Frank hatte volles Verständnis für meine Vorstellungen. Er sagte mir aus eigener Initiative, das Vorgehen von Chamberlain wäre um so bedauerlicher, als ich während des ganzen Burenkrieges der antiengbschen Stimmung in Deutschland unerschrocken entgegengetreten wäre, ganz abgesehen von meiner englandfreundlichen Politik. Es gelang Lascelles aber nicht, Mr. Chamberlain zu irgendeiner Erklärung zu veranlassen. Auch unsere Botschaft in London, die in der gleichen Richtung tätig war, erreichte nichts. Auf eine Interpellation im englischen Parlament, in der Chamberlain von einem liberalen Mitglied des Unterhauses gefragt wurde, weshalb er die deutsche öffentliche Meinung ohne allen Anlaß provoziert und beleidigt habe, entgegnete der Kolonialminister von oben herunter: Kein vernünftiger Deutscher könne sich durch seine Worte beleidigt fühlen, die Entrüstung in Deutschland sei künstlich erzeugt. Das goß natürlich Öl ins Feuer. Ich bin jetzt wie damals der Ansicht, daß bei einer so hochmütigen Haltung des englischen Kolonialministers es meine Pflicht war, als seine Schmähungen bei der ersten Lesung des Reichshaushaltsetats für das Rechnungsjahr 1902 zur Sprache gebracht wurden, nicht nur den heroischen Charakter und die sittHchen Grundlagen unserer nationalen Einheitskämpfe zu verteidigen, sondern auch „das schiefe Urteil" des englischen Ministers zurückzuweisen. Es sei begreiflich, führte ich aus, wenn in einem Volk, das mit seinem Heere so innig verwachsen wäre wie das deutsche, das allgemeine Gefühl sich auflehne gegen den Versuch und schon gegen den Schein, unser Heer und unser Volk zu beleidigen. Ich nähme an, daß Mr. Chamberlain nicht die Absicht gehabt habe, unsere Gefühle zu verletzen. Aber gegenüber einem Lande, das wie Deutschland stets bestrebt gewesen wäre, gute, freundschaftliche und ungetrübte Beziehungen zu England zu unterhalten, müßten auch Mißverständnisse vermieden werden. Unser Heer stehe aber zu hoch, und sein Wappenschild sei zu blank, als daß es durch ungerechte Angriffe berührt werden könne. Hier gelte das Wort Friedrichs des Großen, der in einem ähnlichen Fall einmal gesagt hätte: „Laßt den Mann gewähren und regt 554 GRANIT euch nicht auf, er beißt auf Granit." Als im weiteren Verlauf der Debatte der antisemitische Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg, einer von jenen extremen Alldeutschen, die es geradezu darauf angelegt zu haben schienen, überall im Ausland Fensterscheiben einzuwerfen, einen rohen Ausdruck über den englischen Kolonialminister gebraucht hatte, ergriff ich sogleich noch einmal das Wort, gab meiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß der Reichstagspräsident über Herrn von Liebermann die parlamentarische Zensur verhängt habe, und erklärte, ich wäre sicher, die große, die sehr große Mehrheit des Reichstags auf meiner Seite zu haben, wenn ich der Hoffnung Ausdruck gäbe, daß sich nicht die Gewohnheit einbürgern möge, von der Tribüne des Deutschen Reichstags aus fremde Minister zu beleidigen. Das würde weder den Gepflogenheiten des deutschen Volks entsprechen, das ein gesittetes Volk sei, noch den Interessen unserer Politik. Ich müsse gleichzeitig mein tiefes Bedauern aussprechen über die Art und Weise, wie der Abgeordnete Liebermarm über das Heer eines Volks gesprochen habe, mit dem wir in Frieden und Freundschaft leben wollten. Wenn wir empfindHch wären für jeden Angriff gegen die Ehre unseres eigenen Heeres, so dürften wir nicht fremde Heere schmähen, wo es auch Männer gäbe, die zu sterben wüßten. Ich fand mit dieser Zurückweisung Beifall auf allen Seiten des Deutschen Reichstags. Ich fand ebenso lebhaften Beifall, als ich im weiteren Verlauf der Etatsberatung erklärte, ich wolle nicht den mindesten Zweifel darüber lassen, daß ich mich nicht zu einer unfreundlichen Haltung drängen lassen würde gegenüber dem englischen Volk, dem wir nie feindlich gegenübergestanden hätten, mit dem uns zahlreiche und schwerwiegende Interessen verbänden. Durch Reden, Resolutionen und Volksversammlungen Heße ich mir die Richtung der auswärtigen Politik nicht vorschreiben. Der Kurs unserer auswärtigen Pobtik würde ledigbch bestimmt durch das reale Interesse des Landes, und dieses weise darauf hin, unter Aufrechterhaltung unserer Würde und Ehre friedbche und freundliche Beziehungen mit England zu pflegen. Die Haltung unserer Presse und öffenthchen Meinung war bei diesem Zwischenfall, wie leider nur zu oft in Deutschland, zwiespältig und ohne sicheren Instinkt. Auf der einen Seite konnten einige deutsche Blätter die Gefahren eines Zwistes mit England gar nicht laut genug betonen, nicht grell genug an die Wand malen. Das wurde natürlich von unseren Patrioten schlecht aufgenommen, ermutigte alle unsere Gegner im Ausland und machte insbesondere die Engländer noch selbstbewußter und übermütiger, als sie es ohnehin schon waren. Andererseits stimmten Synoden und Kriegervereine einen heftigen Lärm an, sie verfielen gegenüber Mr. Chamberlain und den Engländern in derartige Übertreibungen, daß ruhige Beobachter, wie zum Beispiel der Korrespondent der DER NEUE PRINZ VON WALES IN BERLIN 555 „Frankfurter Zeitung", mein Freund August Stein, sich nicht mit Unrecht in einem Irrenhaus wähnten. Ich setzte mich mit dem Kultusminister und mit dem Kriegsminister in Verbindung, damit auf die Kriegervereine und auf die Synoden energisch eingewirkt würde. Die Bewegung flaute auch bald ab. Aber es hatte sich bei diesem Anlaß wieder gezeigt, wie übertrieben und unvernünftig antienglisch die Stimmung in Deutschland war und wie unerschütterlich selbstbewußt und hochmütig der Engländer. Zwei Dezennien sind seit diesem Zwischenfall verflossen. Bei völlig ruhiger, objektiver und rein geschichtlicher Betrachtung der ganzen Angelegenheit gebe ich auch heute der Überzeugung Ausdruck, daß ich die Abweisung des Chamberlainschen Vorstoßes nicht nur der Würde unseres Landes schuldig war, sondern daß ich damit auch politisch richtig und im Interesse des Friedens handelte. „Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen", pflegte Bismarck zu sagen. Wer auf leichtfertige, völlig unbegründete Herausforderungen des Auslands nichts erwidert, wer sich unentschuldbare Anremplungen fremder Minister gefallen läßt, der provoziert neue Angriffe und erfährt und verdient schließlich dauernd schlechte Behandlung. Als viele Jahre später, nach meinem Rücktritt, anläßlich der Entsendung des „Panther" nach Agadir Lloyd George das Deutsche Reich brüskierte, schwieg Bethmann Hollweg und steckte diese Ohrfeige ohne Widerspruch ein. Acht Wochen darauf sagte mir einer der klügsten italienischen Diplomaten, der aus Paris und London kam: „Die europäische Situation fängt an, mich, der ich sie bisher günstig beurteilt habe, ernstlich zu beunruhigen. Daß der deutsche Reichskanzler die Sottisen von Lloyd George eingesteckt hat, ohne dagegen irgendwie zu reagieren, erweckt in England die Empfindung, Deutschland fühle sich nicht mehr sicher. Noch bedenklicher ist, daß seitdem den Franzosen der Kamm gewaltig schwoll." Der „esprit nouveau" wurde in dem Augenblick in Frankreich geboren, wo man in Berlin die Provokation von Lloyd George ohne Widerspruch hinnahm. Zum Geburtstag des Kaisers erschien am 27. Januar 1902 der Prinz von Wales in Berlin, im ausdrücklichen Auftrag seines Vaters, des Königs d Eduard VII., der durch diese Entsendung zeigen wollte, daß die deutsch- B englischen Beziehungen nach wie vor friedlich und freundlich wären. Nach ^ e dem Galadiner im Weißen Saal fand im Heinrichssaal ein Bierabend statt. Wilhelm II. hebte es, nach feierlichen Hoffesten noch eine gemütliche Aussprache abzuhalten. Wir hatten uns kaum gesetzt, als der Prinz von Wales auf mich zukam, mir die Hand schüttelte und mich frug, ob er sich offen mit mir aussprechen könne. Ich hatte es vor wie nach dem Diner vermieden, mich Seiner Königlichen Hoheit zu nähern, ließ den hohen Herrn vielmehr an mich herankommen. Als der Prinz mich so freundlich und freimütig anredete, erwiderte ich natürlich sogleich, daß ich für eine offene Aussprache 556 DER ERBE DER BRITISCHEN KRONE Seiner Königlichen Hoheit sehr dankbar sein würde. Ich bäte nur um die Erlaubnis, meinerseits ebenso offen antworten zu dürfen. Der Prinz, der einen klaren, verständigen, sehr männlichen Eindruck machte, begann mit der Hervorhebung der Verdienste, die sich Mr. Chamberlain um England erworben hätte. „Ihm ist zu verdanken, wenn in den Kolonien jetzt ein loyaler britischer Sinn herrscht. Die Idee eines großen britischen Empire ist seinem Kopf entsprungen. Damit muß mein Vater König Eduard rechnen. Übrigens hat Mr. Chamberlain mir vor meiner Abreise versichert, daß er niemals beabsichtigt hätte, der deutschen Armee und dem deutschen Volk zu nahe zu treten." Ich erwiderte, daß hinsichtlich der Verdienste eines englischen Ministers um England Seine Majestät der König von England der einzige zuständige Richter sei. „Aber auch ich", fuhr ich fort, „bin weit davon entfernt, die großen Gaben und Leistungen des englischen Kolonialministers zu bestreiten, die ich im Gegenteil sehr hochstelle. Ich bezweifle auch nicht, daß Mr. Chamberlain Deutschland nicht mit Absicht beleidigt hat. Er hat aber den Fehler begangen, nicht etwa das englische Heer und englische Kriegsusancen mit dem deutschen Heer und deutschen Kriegsgebräuchen auf eine Stufe zu stellen — das hätten wir nicht übelnehmen können —, sondern zu erklären, das, was bisher bei der englischen Kriegführung in Südafrika geschehen sei, auch nicht annähernd an die Vorkommnisse des Krieges von 1870/71 heranreiche. Das habe ich im Hinblick auf berechtigtes deutsches Volksempfinden wie auf die Armee, deren Uniform ich seit über dreißig Jahren trage, mit Ernst zurückweisen müssen." Der Prinz meinte, ich möge nicht vergessen, daß Chamberlain als Kolonialminister und für englische Kaufleute gesprochen habe, die nur koloniale Dinge verstünden und im Kopf hätten; diesem Milieu wäre sein Edinburger Speech angepaßt gewesen. Ich antwortete, daß auch ich mich in meiner Redeweise nach dem Milieu richten müsse, in dem ich zu sprechen habe: „Wenn ich die Ehre hätte, vor Ihnen, Königliche Hoheit, und vor allen übrigen jetzt im Heinrichssaal versammelten Fürstlichkeiten eine Rede zu halten, so würde sie anders ausfallen, als wenn ich mich an deutsche Landwirte, Rechtsanwälte oder Professoren wendete. Im allgemeinen möchte ich meinen, daß Minister, möge es sich nun um Mr. Chamberlain oder um mich handeln, überhaupt nicht zu oft und über auswärtige Verhältnisse möglichst selten reden sollten." Dem stimmte der Prinz mit Wärme und mit heiterem Lächeln zu. Als er mir dann mit lebhafter Befriedigung von seinem Berliner Aufenthalt wie von der Herzlichkeit des ihm zuteil gewordenen Empfangs sprach, sagte ich ihm, ich hätte nie an einer solchen Aufnahme des Erben der britischen Krone gezweifelt. „Ich gebe zu", sagte ich, „daß es nicht ganz leicht ist, die gegenwärtige deutsche Stimmung gegenüber England zu erklären. Man fühlt sich in Deutschland DER DEUTSCHE VETTER 557 infolge von mancherlei älteren und neueren Vorkommnissen von England schlecht behandelt." Ich gab Seiner Königlichen Hoheit einen kurzen Abriß der deutsch-englischen Beziehungen vom Krim krieg und der Austragung der schleswig-holsteinschen Frage bis zu Samoa und zur Beschlagnahme unserer Postdampfer. Dazu komme das nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, ja in der ganzen Welt bestehende Mitgefühl für die Buren. „Von Haß gegen England, das heißt dem Wunsch, England politisch zu schwächen, ist aber bei keinem zurechnungsfähigen Deutschen die Rede. Hiervon abgesehen, wird Kaiser Wilhelm II. nie eine England feindliche Politik machen, solange ihm von engbscher Seite eine für England freundliche Haltung nur irgendwie möglich gemacht wird. Das Schreien und Schimpfen der Presse hüben und drüben ist albern, involviert aber keine Gefahr für den Frieden, wenn die Regierungen ruhig Blut behalten. Die deutsche und die englische Regierung sind vollkommen in der Lage, friedliche und freundliche Beziehungen zwischen Deutschland und England aufrecht- und die Zukunft für eine intimere Annäherung offenzuhalten." Der Prinz folgte meinen historisch-politischen Darlegungen mit Interesse, stimmte meinen Konklusionen mit Lebhaftigkeit zu und sagte mir schließlich wörtlich: „Mein Vater hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß er Sie nach wie vor als seinen Freund betrachtet. Er ist auch überzeugt, daß Sie gute Beziehungen zu England ebenso lebhaft wünschen wie er gute Beziehungen zu Deutschland. Er bittet nur, weitere Rekriminationen über das Vergangene zu vermeiden und über die anläßlich meines Erscheinens zum Geburtstag meines Vetters, des Kaisers, ausgewechselten Familien- briefe nichts in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Wir müssen das Vergangene vergangen sein lassen und nur daran denken, daß wir in Zukunft gute Freunde bleiben wollen." Als ich selbstverständlich vollste Diskretion und außerdem politisch den besten Willen in Aussicht stellte, verabschiedete sich der Prinz von mir mit wiederholtem Händedruck und der Versicherung, daß es ihm eine große Beruhigung und Freude gewesen sei, sich mit mir aussprechen zu können. Wie nach einem heftigen Sturm, auch wenn Poseidon nicht mehr die Winde erregt, sich noch längere Zeit die Dünung bemerkbar macht, eine Vei Wellenbewegung der See, die eine Nachwirkung des vorhergegangenen Zu> Sturms ist, so dauerte in England die während des Burenkrieges entstandene oder, richtiger gesagt, durch den Burenkrieg wieder akut gewordene Abneigung und Verstimmung gegen den deutschen Vetter noch längere Zeit an. Sie trat namentlich bei dem Venezuela-Zwischenfall zutage, als Ende November 1902 die englische und die deutsche Regierung gemeinsam die von der venezolanischen Regierung hartnäckig verweigerte Zahlung der deutschen und englischen Staatsangehörigen geschuldeten Gelder 558 CASTRO eintreiben wollten. Als die Regierung von Venezuela fortdauernd ablehnte, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, wurden der deutsche und der englische Vertreter abberufen, deutsche und englische Boote nahmen die venezolanische „Flotte", vier kleine Dampfer, in La Guaira weg, ein deutscher und ein englischer Kreuzer zerstörten ein Fort bei Puerto Cabello. Als Deutschland und England einige Tage später die Blockade von La Guaira begannen, akzeptierte der Präsident von Venezuela, Herr Castro, ein ungewöhnlich übler Bursche, das von mir in Vorschlag gebrachte Schiedsgericht des Haager Gerichtshofes. Die deutsche und die englische Regierung handelten bei diesem Zwischenfall in vollem Einverständnis, mit voller Loyalität und mit großem Takt. In der englischen Presse erhoben sich jedoch scharfe, zum Teil wüste Proteste gegen jedes Zusammengehen mit Deutschland. Die „Times" erklärte ein solches für unmöglich, da sich zwar nicht die deutsche Regierung, aber, was viel schlimmer wäre, das deutsche Volk im Burenkrieg als ärgster Feind Englands gezeigt habe. Der englische Dichter Rudyard Kipling, ein sehr begabter Poet, für dessen pittoreske Schilderungen indischer Natur und indischen Lebens, nebenbei gesagt, Kaiser Wilhelm II. schwärmte, der aber starke demagogische Instinkte hatte und dessen Hauptbestreben es war, dem „man in the street" zu gefallen, veröffentlichte scharf geschliffene, sehr perfide Verse gegen eine Kooperation von Deutschland und England, wäre es auch nur in Venezuela. Darüber schrieb mir unser neuer Botschafter in London, Graf Metter- Bericht nich, der an die Stelle des am 22. November 1901 verstorbenen Grafen des Grafen Paul Hatzfeldt getreten war: „Die Venezuela-Affäre lehrt, daß der während Metternich ^ uren ^ T i e g es n i er gegen das deutsche Volk gesammelte Unwille vorläufig noch stärker ist als die Vernunft und das eigene Interesse der Engländer. Die Verblendung, die sich während des Burenkriegs der öffentlichen Meinung bei uns bemächtigt hatte, ist jetzt über den Kanal gezogen. Auf der anderen Seite bewährt sich die englische Regierung, die sich durch das Zusammengehen mit Deutschland entschieden unbeliebt machte, nicht schlecht. Lord Lansdowne verurteilte scharf das Gedicht von Rudyard Kipling in der heutigen ,Times'. In Zeiten großer Spannung der öffentlichen Meinung ist es aber, besonders in England, schwer, auf die großen unabhängigen Preßorgane, die sich selbst dem Einfluß der englischen Regierung entziehen, einzuwirken. Die englische Presse war nie so feindselig gegen uns als im vergangenen Jahr, wo bis vor kurzem Eckardstein, der Minister der Preßbeziehungen, noch hier wirkte. Ich bin weit entfernt davon, ihm hieraus den Vorwurf machen zu wollen, daß er es an Diligentia hat fehlen lassen. Niemand würde dies haben r ändern können, außer wenn sich die beiden ^Regierungen seit Jahr und Tag weniger in den Haaren BOTSCHAFTER METTERNICH 559 gelegen hätten. Aber auch dazu war guter Grund vorhanden, und das Resultat ist die vorherrschende Stimmung. Ich betrachte sie selber als eine Ansteckung durch Deutschland. Wir sind in der Genesung begriffen, während hier erst der Höhepunkt des Fiebers und damit der Raserei erreicht ist." Ohne die geniale Ader seines Vorgängers Paul Hatzfeldt zu besitzen, zeichnete sich Paul Metternich durch gesunden Menschenverstand und unerschütterliche Ruhe aus, sicherlich diejenige Eigenschaft, die in bewegten Zeitläuften einem Diplomaten vor allem nottut. Mein Geburtstag wurde mir am 3. Mai 1902 dadurch verschönert, daß der gerade in Rerlin weilende Generalfeldmarschall von Loe mir die Ehre Geburtstags erwies, sich bei uns zu Tisch anzusagen. In der Uniform unseres alten Regi- rede des eil ments hielt er eine Ansprache an mich, deren Niederschrift er mir einige ucnerals ^ c Tage später übersandte. Ich gebe seine Rede wieder. „Meine hochverehrte Gönnerin! Ihre Einladung, heute im Kreise der vertrauten Freunde an dieser Tafel Platz zu nehmen, hat mir die denkbar größte Freude bereitet. Sie haben den Wert derselben durch die Genehmigung meiner Bitte verdoppelt, der Verehrung und Bewunderung Ihrer Gäste für Ihren Gemahl in Worten Ausdruck geben zu dürfen. Ich leugne nicht, daß ich meine Bitte zaghaft ausgesprochen habe. Diesmal bin ich nicht sicher, der begeisterten allseitigen Empfindung entsprechend die würdige Form zu finden. Namentlich nicht vor Zuhörern, welche gewohnt sind, den Reichskanzler nicht allein als den überlegenen Staatsmann, sondern auch als den Meister der Rede zu bewundern. Aber nachdem ich das Wort ergriffen, ist die Zaghaftigkeit überwunden. Mich ermutigt das Bewußtsein, in dieser Versammlung des Reichskanzlers ältester Freund zu sein und als solcher seiner Laufbahn von Anfang an mit hellem Blicke und warmem Herzen nahegestanden zu haben. So will ich denn reden, wie es mir ums Herz ist, und dann weiß ich, daß Sie mit mir zufrieden sein werden. Vor kurzem wurde ich in Rom gefragt, welche die schönste Erinnerung meines langen und glücklichen Berufslebens sei. Ich antwortete: in einem siegreichen Kriege ein Regiment kommandiert zu haben, welches bezüglich der aus ihm hervorgegangenen ausgezeichneten Männer an der Spitze der Armee steht. Daß mir bei der Antwort in dieser nicht geringen Zahl an erster Stelle der Reichskanzler vorschwebte, bedarf wohl keiner Erwähnung. Wenn ich von seiner frühesten Jugend seiner Entwicklung aufmerksam folgen konnte, so verdanke ich diese Freude dem Vertrauen seines mir nahe befreundeten Vaters, des Staatssekretärs von Bülow. Beim Ausbruch des Französischen Krieges wählte derselbe das Königshusaren-Regiment, um seinen hoffnungsvollen ältesten Sohn bei demselben eintreten zu lassen. Es war in den ersten Novembertagen 1870, unmittelbar nach der Kapitulation von Metz und vor dem Beginne des Nord-Feldzuges, als ich ein von Bonn 560 EINE DREISSIGJÄHRIGE FREUNDSCHAFT eingetroffenes Ersatz-Kommando besichtigte. Da meldete sich bei mir der junge Husar von Bülow mit einem Briefe seines Vaters. In die 1. Eskadron eingestellt, nahm er mit derselben an allen Schlachten und Gefechten des Nord-Feldzuges teil. Seines in der Armee berühmten Namens eingedenk, zeichnete sich der junge Husar in glänzendem Wetteifer mit seinen Kameraden namentlich als Patrouillenreiter dergestalt aus, daß ich ihn zu rascher Beförderung vorschlagen konnte. Am 19. Januar, dem glorreichen Schlachttage von Saint-Quentin, wurde er zum Fahnenjunker, kurze Zeit darauf zum Offizier ernannt. Bald nach dem Friedensschlüsse nahm er seine ursprünglich geplante Laufbahn wieder auf, aber seine Dienstzeit im aktiven Heere, seine Teilnahme an dem ruhmvollen Feldzuge hat wesentlich dazu beigetragen, in ihm die angeborene Liebe zur Armee zu steigern. Die für jeden preußischen Staatsmann unentbehrliche Uberzeugung, daß die Armee der ,rocher de bronze' des Preußischen Staates ist, blieb in ihm unerschütterlich. Seine ideale Auffassung auf diesem Gebiete, die gemeinsame Erinnerung an den Feldzug war das Band zwischen dem kühn aufstrebenden jungen Manne und seinem Feldobersten. Es ist zwischen dem Reichskanzler auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit und dem alten General, welcher frohen Sinnes auf seine Vergangenheit zurückbbekt, unauflöslich geblieben. Unsere dreißigjährige Freundschaft, welche auf Frankreichs Schlachtfeldern Wurzel geschlagen, gehört zu den wertvollsten Errungenschaften meiner Laufbahn. Dieses unser Verhältnis und unsere nahen Famüienbeziehungen brachten es mit sich, daß ich, nachdem der junge Offizier den aktiven Dienst verlassen, seiner Laufbahn ununterbrochen mit Aufmerksamkeit gefolgt bin. Ich habe den Ernst beobachtet, mit welchem der junge Mann stets sein hohes Berufsziel im Auge behielt, den eisernen Fleiß, welchen er während seines Dienstes im Auslande auf die Geschichtskenntnis des betreffenden Landes, auf die Sprache und die Gesetze verwandte. Aus der mühevoll erworbenen Fähigkeit, sich überall in die fremden Verhältnisse und Personen hineinzufinden, hat sich bei ihm eine seltene Eigenschaft entwickelt, welche ihm über die riesenhaften Schwierigkeiten seiner hochverantwortüchen Stelle hinweghilft. Ich meine die Unparteilichkeit seines Urteils, seine gewinnenden Formen im mündlichen und schriftlichen, im diplomatischen und politischen Verkehr, die Urbanität seines Wesens, welche ihm während der heftigsten Kämpfe gegenüber den leidenschaftlichen Angriffen seiner Gegner die siegreiche Durchführung seines Wahlspruches: ,Suaviter in modo, fortiter in re'ermöglichte. For- titer in re! In diesem Teile des Wahlspruches gipfelt das Wesen seiner Politik, weil er der Grundzug seines Charakters ist. Das Suaviter in modo ist der wertvolle Rahmen. Ein solcher Charakter steht aber nicht in der Jugend aus einem Gusse fertig da; er härtet und festigt sich im Kampfes- DAS VERTRAUEN DES KAISERS 561 leben des Mannes. Die Vorbedingung solcher Entwicklung ist der Glaube an ideale Lebensziele, welche dem Jünglinge vorschweben, an welchen der Mann in jeder Lebenslage unerschütterlich festhält. Der gesunde Idealismus des Reichskanzlers ist der Boden, auf welchem seine Persönlichkeit emporgewachsen ist. Ich habe das Aufkeimen und das Wachstum der Pflanze beobachtet, hatte in ihren Anfängen das Glück, sie pflegen zu dürfen. Welche sind aber die idealen Ziele des Reichskanzlers, an denen er festgehalten und die ihm heute als Sterne auf seiner mühevollen Bahn voranleuchten ? Es ist vor allem der Glaube an den weltgeschichtlichen Beruf der Hohenzollern und an ihre selbstgeschaffene Armee, welcher das Fundament seiner Königstreue und der Eckstein seiner Politik ist. Es ist ferner seine strenge Gewissenhaftigkeit, seine Gerechtigkeit und sein Pflichtgefühl, aus welchem die Achtung vor jedem Rechte entspringt — jene große menschliche und staatsmännische Eigenschaft, welche ihm im Inlande das Vertrauen der Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession, des Standes und der Partei, im Auslande der leitenden Persönlichkeiten ohne Unterschied der Nationen sichert. Wenn er sich aber mit uns bewußt ist, daß das allseitige Vertrauen der Hauptfaktor seiner Stärke ist, so vor allem das Vertrauen Seiner Majestät des Kaisers, welches der Felsen ist, auf dem er steht. Ich habe nun versucht, in wenigen Worten den Empfindungen Ausdruck zu geben, welche uns heute an dieser Tafel erfüllen. Aber ich würde meine Aufgabe schlecht gelöst haben, wenn ich schließen würde, ohne unter den Idealen des Geburtstagskindes dasjenige genannt zu haben, welches den ersten Platz in seinem Herzen hat. Ich habe geschildert, daß sein Leben Mühe und Arbeit ist, daß ihm auch der Lohn, die Zufriedenheit seines Kaisers, das Vertrauen der Nation, die eigene Befriedigung nicht fehlen. Aber das Glück, ohne welches der Mann auf dem Pflichtwege einsam wandelt — das innerste Lebensglück bringt ihm die holde Frau, in deren Augen er jetzt sieht. Ihre zärtliche Liebe ist nicht allein der Schmuck seines Lebens, sie erhält ihm auch die Begeisterung für seinen Beruf; sie hilft ihm über die Momente der Enttäuschung hinweg, von welchen im Berufsleben niemand verschont bleibt. Ihr wunderbares Herzensverständnis für den Mann, welcher dem Vaterlande so notwendig ist, erhält dem Kaiser und Deutschland den Reichskanzler. Das ist ihr großes Verdienst, welches in der Geschichte unvergessen bleiben wird. Nun, so denke ich Ihrer Zustimmung sicher zu sein, wenn ich Ihnen vorschlage, unsern heutigen Glückwunsch in die herzlichen Worte zu fassen: Graf und Gräfin Bülow, sie leben hoch!" In meinem langen und bewegten Leben hat mir kaum ein Lob so wohlgetan wie diese Anerkennung meines alten Feldobersten. Seit dem ersten Tage meiner Amtsführung als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident hatte ich mich mit besonderem Interesse den 36 BUIow I 562 DIE PREUSSISCHEN POLEN Ostmarken- Problemen unserer Ostmark zugewandt. Was ich in meinem während des Politik Weltkriegs, 1916, in Sonderausgabe erschienenen Buch über „Deutsche Politik" am Schlüsse des Kapitels über die deutsche Ostmarkenpolitik später sagte, daß ich die Ostmarkenfrage für eine der wichtigsten Fragen unserer inneren Politik hielt*, wurde mir schon fünfzehn Jahre früher klar, als ich mich eingehend mit dem Gang dieser Politik beschäftigte und den so gewonnenen Uberblick durch ausführliche Besprechungen mit Männern ergänzte, welche die Verhältnisse in Posen, Westpreußen und Oberschlesien aus eigener Anschauung kannten. Unter diesen nenne ich in erster Linie den damaligen Chef der Reichskanzlei, den Geheimen Rat Conrad, der ein gebürtiger Westpreuße war, den langjährigen Polizeipräsidenten in Posen Staudy, den Kultusminister Studt, der viele Jahre im Osten gedient hatte, den Regierungspräsidenten von Tiedemann in Bromberg und manche andere. Die Geschichte zeigt, daß deutsche Versuche, die Polen durch Entgegenkommen zu gewinnen, diesen Zweck nie erreicht, wohl aber die deutschen Interessen geschädigt haben. Friedrich Wilhelm III. war nach Wiedererwerbung von Posen und Westpreußen seinen polnischen Untertanen mit der größten Milde entgegengetreten. Ihrer Eigenart wurde weitgehend Rechnung getragen, die pomische Landwirtschaft wurde besonders unterstützt, die Landräte durften gewählt werden und wurden polnisch gewählt, dem preußischen Oberpräsidenten wurde ein polnischer Statthalter zur Seite gesetzt. Die Quittung war der Aufstand von 1830. Die damalige Insurrektion hatte wenigstens den Vorteil, daß neue Männer im Osten an die Spitze gestellt wurden, von denen die Namen des Generals von Grolman und des Oberpräsidenten von Flottwell in der deutschen Geschichte stets einen ehrenvollen Klang behalten werden. Sie hatten aber nur zehn Jahre Zeit, im Osten deutsche Politik zu treiben. Als Friedrich Wilhelm IV., der in seiner romantischen Art für die Staatsräson weniger Verständnis besaß als sein nüchterner Vater und der den „Racker von Staat", wie er ihn nannte, eigentlich höchst unsympathisch fand, der den trefflichen Oberpräsidenten von Flottwell strafweise von Posen nach Magdeburg versetzte und wieder zu dem mißlungenen Kurs zwischen 1815 und 1830 zurückkehrte, eine sogenannte „nationale Reorganisation" Posens und Westpreußens unternahm, machte diese Politik nochmals ein völliges Fiasko, schon bevor das Jahr 1848 der großpolnischen Agitation die erwünschte Möglichkeit bot, ihre wahren Ziele und Gefühle an den Tag zu legen. Ein neuer Umschwung, eine neue Wendung zum Guten trat erst wieder ein, als Bismarck, auch auf diesem Gebiet wie auf so vielen anderen an die Traditionen des großen Königs anknüpfend, mit dem fundamentalen * Fürst von Bülow, „Deutsche Politik", Volksausgabe, S. 243. CAPRIVIS POLENKURS 563 Ansiedlungsgesetz von 1886 den Kampf um den Boden im großen Stil begann. Das Ansiedlungswerk war und blieb das Kernstück der preußischen Ostmarkenpolitik, denn es siedelte deutsche Menschen in den östlichen Gebieten an. Wieder erfolgte ein neuer Rückschlag nach dem Sturz des Fürsten Bismarck. Graf Caprivi hätte gerade bei Beginn seiner Amtszeit eine glänzende Chance gehabt, das Deutschtum im Osten zu fördern. Durch den Notstand der Landwirtschaft waren damals die Gutspreise rapide gesunken. Es wäre nicht schwer gewesen, eine gewaltige Landmasse für die Zwecke späterer Besiedlung durch Deutsche aus polnischer Hand zu gewinnen. Caprivi glaubte aber in der Ostmarkenpolitik wieder einmal den Kurs wechseln zu müssen. Daß er den Polen in Schul- und Kirchenfragen entgegenkam, war zu ertragen. Ich persönlich war immer der Ansicht, daß es nicht notwendig und nicht einmal politisch nützlich wäre, auf diesem Gebiete die Polen zu drangsalieren. Caprivi aber ging so weit, durch eine Hilfeleistung für die polnische Landbank eine Rettungsaktion für eben die polnischen Grundbesitzer zu unternehmen, aus deren Liegenschaften die Ansiedlungskommission bestrebt sein mußte Land zu erwerben. Man hat behauptet, daß Caprivi, der, von seinem rein militärischen Standpunkt aus und weil überhaupt eine starre Natur, den Krieg gegen Rußland für unvermeidlich hielt, sich für diesen Fall die Möglichkeit habe schaffen wollen, ein selbständiges polnisches Staatswesen wiederherzustellen. Ich glaube, daß dies ein ungerechter Vorwurf ist. Caprivi hatte doch zu viel altpreußisches Empfinden und zu viel Staatsgefühl, als daß er sich zu einer solchen Verirrung hätte hinreißen lassen. Er betrachtete die Polen wohl mehr mit den Augen eines friderizianischen Generals, der bereit sein konnte, ein Freikorps aus Kroaten und Slowaken zu bilden, diesen aber deshalb noch nicht gestattet hätte, den Bestand der preußischen Monarchie zu gefährden. Um an unserer Ostgrenze ein selbständiges polnisches Reich zu errichten, bedurfte es eines Bethmann Hollweg, der ohne Verständnis für die Traditionen des großen Königs und des größten deutschen Staatsmanns, unter dem Beifallsjubel von Hans Delbrück, Riezler (Rüdorffer) und ähnlichen Toren, vielleicht auch von Österreich eingefangen und beeinflußt, diesen ungeheuren Fehler beging und damit selbst die Axt an die Wurzel des preußischen Staates legte. Von Anfang an war mir zweifellos, daß unsere Politik im Osten vor allem stetig sein mußte. Nichts hatte uns mehr geschadet als immer wiederkehrende Schwankungen und Rückfälle in alte Fehler. Andererseits konnte ich mir auch nicht verhehlen, daß, wie mit melancholischem Gesicht in einer Staatsministerialsitzung einmal Graf Posadowsky ausführte, der lange Zeit in der Provinz Posen tätig gewesen war, die Ostmarkenfrage für uns nicht nur eine Frage der Polen in Deutschland, sondern auch eine 36* 564 DER ZERSCHNITTENE DRAHT MIT RUSSLAND Frage der Deutschen unter den Polen war. Ich sah ein, daß aus Gründen, die mit unseren guten und mit unseren weniger guten Eigenschaften zusammenhingen, der Deutsche im Nationalitätenkampf nicht die wünschenswerte Widerstandskraft besitzt, daß er in diesem Kampfe nur zu oft Gefahr läuft, sein Volkstum zu verlieren, wenn ihm nicht der Staat den Rücken stärkt und ihm schützend und stützend zur Seite steht. In dem schwachen Nationalgefühl des Deutschen lag eine der größten Schwierigkeiten der Ostmarkenfrage, aber zugleich für mich der vielleicht stärkste Beweis für die Unerläßlichkeit einer festen und stetigen Ostmarkenpolitik. Wir besaßen nun einmal nicht die Eigenschaften, die es den Franzosen ermöglicht hatten, sich wenigstens die höheren Schichten der elsässischen und lothringischen Bevölkerung zu assimilieren, mit denen Nizza und Korsika französi- siert worden waren. Was aus den Deutschen wurde, wenn nicht der Staat seine Hand über sie hielt, zeigte ein Blick auf Österreich. Ich kannte die dortigen Verhältnisse besser als die meisten Deutschen. Ich wußte, daß das Deutschtum in Böhmen, in Mähren, in Krain und in Südsteiermark an die Wand gedrückt wurde und zurückging, sobald es von Wien aus nicht mehr gehalten wurde, daß es in Galizien, in Ungarn verdrängt und aufgesogen worden war, als es keinen Rückhalt mehr in Wien fand. Von sentimentalen Regungen gegenüber den Polen war ich frei. Ich hatte weder die Haltung der polnischen Intelligenz 1830 und 1848 vergessen, noch das Blutbad von Thorn, noch die erste Schlacht von Tannenberg, die größte Niederlage, die unser Volkstum in Jahrhunderten erlitten hatte. Und wie sprangen die Polen selbst mit den Ruthenen in Galizien um! Führten nicht die Ruthenen in den Karpathen und am Pruth gleiche, nur noch heftigere und vor allem viel begründetere Klagen gegen die Polen als diese an der Warthe und an der Weichsel gegen uns ? Ich bin mir nie darüber im Zweifel gewesen, daß, wenn es je den Polen gelingen würde, sich Deutsche zu unterwerfen, sie diese Unglücklichen mit größter Härte und schnödem Übermut regieren würden. Zu meiner Haltung in der Ostmarkenfrage bestimmten mich auch schwerwiegende Gründe unserer auswärtigen Politik. Eine der Voraussetzungen für die so wichtige und, nachdem von uns selbst in ungeschickter Weise der Draht mit Rußland zerschnitten und das russisch-französische Bündnis ermöglicht worden war, schwierige Aufrechterhaltung freundlicher Beziehungen zu Rußland war ein fester Kurs in unserer Polenpolitik. Jede schwächliche Nachgiebigkeit gegenüber der großpolnischen Agitation bei uns erweckte Mißtrauen in St. Petersburg, wo man seit den Tagen von Caprivi dahinter die Absicht vermutete, sich die Kooperation der Polen für einen Krieg mit Rußland zu sichern. Ich war immer der Ansicht, daß wir alles Interesse daran hatten, einen Krieg mit Rußland zu vermeiden. Ich war überzeugt, daß ein solcher Konflikt zu vermeiden war, und zwar in allen EIN SCHAUERLICHES FIASKO 565 Ehren und mit aller Würde. Vor allem war ich davon durchdrungen, daß uns kaum ein größeres Unheil zustoßen könne als die Wiederherstellung eines seihständigen Polens. Zu dieser Ansicht habe ich mich nicht etwa post festum bekehrt, nachdem das Experiment von Bethmann Hollweg und seinen Freunden ein so elendes, ein so schauerliches Fiasko gemacht hat. Seit den ersten Tagen meiner Amtsführung als Reichskanzler war ich ebenso durchdrungen von der Gefahr jeder Wiederherstellung von Polen wie von der Notwendigkeit, das Deutschtum in unseren östlichen Provinzen mit Stetigkeit und mit Energie zu schützen und zu fördern. Auf meinem Schreibtisch lag während vieler Jahre der prächtige Aufsatz von Treitschke über das deutsche Ordensland Preußen. Darum hatte ich schon am 10. Dezember 1901 im Reichstag erklärt, daß für meine Ostmarkenpolitik nichts anderes maßgebend sein könne als die Staatsräson und meine Pflicht gegenüber dem Deutschtum. Dieser meiner Pflicht wolle ich eingedenk bleiben. Angesichts der ernsten Gefahr, die nach meiner Überzeugung unserem Volkstum im Osten drohe, würde ich tun, was meines Amtes sei, damit der Deutsche im Osten nicht unter die Räder komme*. Damals hatte ein unbedeutender Vorfall in einer Gemeindeschule in der kleinen Kreisstadt Wreschen in Warschau und in Lemberg zu deutsch- Polnisi feindlichen Kundgebungen vor dem Deutschen Konsulat geführt. In War- Demon schau waren diese Demonstrationen von der russischen Polizei mit Ent- stratl °' schlossenheit unterdrückt worden. In Lemberg war die Haltung der k. k. Behörden zweideutig und schwächlich gewesen. Auch darauf hatte ich in meiner Reichstagsrede hingewiesen, was den österreichisch-ungarischen Vertreter in Berlin, meinen alten Freund Szögyenyi, sehr unglücklich machte, aber für den Ballplatz in Wien ein nützlicher Avis au lecteur war. In einer zweistündigen Rede im Preußischen Landtag** entwickelte ich am 13. Januar 1902 meinen Standpunkt in der Ostmarkenfrage ausführlich und gründlich. Ich wandte mich vor allem gegen den Vorwurf, als ob ich irgendwie daran dächte, im Osten den Rechten der katholischen Kirche oder den Empfindungen katholischer Staatsbürger zunahezutreten. Solche Rechte und Empfindungen würde ich immer und überall gewissenhaft respektieren. Ich würde die Politik des Landes niemals nach einseitig konfessionellen Gesichtspunkten zurechtschneiden. Ich würde ebensowenig eine protestantisch-konfessionelle wie eine katholisch-konfessionelle Politik machen, so wenig eine liberale wie eine konservative Parteipolitik. Für mich gäbe es weder ein evangehsches noch ein katholisches, so wenig ein konservatives wie ein liberales Deutschland, sondern vor meinen Augen stünde die eine und unteilbare Nation, unteilbar in materieller und unteilbar in * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 237: Kleine Ausgabe II, S. 22. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 256; Kleine Ausgabe II, S. 93. 566 DER POLONISMUS ideeller Beziehung. Ein solches Bekenntnis war nützlich und notwendig in Deutschland, wo leider seit jeher nicht nur einseitige konfessionelle Gesichtspunkte, sondern noch mehr Parteiinteressen und Parteivorurteile, jämmerliche Parteistänkereien und last, not least partikularistische Tendenzen nationale Erwägungen und die Gebote der Staatsräson überwuchern. In anderen großen Ländern wäre eine solche Erklärung kaum erforderlich gewesen. Ich führte weiter aus, daß ich in vielen Fragen liberal dächte. Aber in nationalen Fragen verstünde ich keinen Spaß. Wir lebten nicht in Wolkenkuckucksheim, leider auch nicht im Paradies, sondern auf dieser harten Erde, wo es heiße, Hammer oder Amboß sein. Nachdem ich mich über die einzelnen von der Regierung für den Osten in Aussicht genommenen Verwaltungsmaßregeln eingehend verbreitet hatte, erklärte ich, daß ich ebenso wie der Abgeordnete Hobrecht, der frühere Finanzminister unter Bismarck, der vor mir gesprochen hatte, die Ostmarkenfrage nicht nur für eine der wichtigsten Fragen unserer Politik, sondern geradezu für diejenige Frage hielte, von deren Entwicklung die nächste Zukunft unseres Vaterlandes abhinge. Hier gelte das Wort unseres größten Dichters: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Erschwert wurde mir der von mir verfolgte Kurs in der Ostmarken- Polenfrage politik, an dem ich bis zum letzten Tage meiner Amtsführung festgehalten und Parteien \xabe, durch unsere unseligen Parteiverhältnisse. Wie mir mein lieber Freund, der Zentrumsabgeordnete Prinz Franz Arenberg, von Anfang an gesagt hatte, sahen viele Zentrumsmitglieder innerlich die Notwendigkeit von Abwehrmaßnahmen gegenüber der frechen polnischen Agitation und die Unerläßlichkeit eines wirksamen Schutzes der Deutschen im Osten wohl ein, aber Erwägungen parlamentarischer Taktik hinderten sie, gegen die polnische Fraktion Stellung zu nehmen. Mein hochverehrter Freund und Gönner, der Kardinal Kopp, ein scharfer Gegner des Polonismus, dem er in Oberschlesien mit nicht genug zu rühmender Festigkeit entgegentrat, sagte mir: „Ich unterstütze Sie, wo ich kann. Aber wie nun einmal der Deutsche ist, wird das Schlagwort von der Glaubensgemeinschaft zwischen den deutschen Katholiken und den Polen auf die deutschen Katholiken immer wieder Eindruck machen, obwohl umgekehrt damit kein polnischer Hund vom Ofen gelockt wird und obschon eine Polonisierung unserer östlichen Provinzen nach meiner festen Uberzeugung gar nicht den Interessen der katholischen Kirche entspricht." Das scharfe Auge des Kardinals hatte früh die Gefahren erkannt, die dem preußischen Staat und der deutschen Sache in Oberschlesien von dem fanatisch antideutschen polnischen Agitator Korfanty drohten. Er ging schon während meiner Amtszeit gegen dieses üble Subjekt vor. Es sollte die Zeit kommen, wo sich Korfanty der Gunst der preußischen Regierung erfreute. Graf Hutten-Czapski, ein Pole, DER HAKATISTEN-VEREIN 567 der, ohne seine Nationalität zu verleugnen, während des ganzen Weltkrieges seine Pflicht als preußischer Offizier, als Schloßhauptmann von Posen und als Mitglied des Herrenhauses erfüllte, erzählte mir mit Erstaunen, er habe im Sommer 1914 konstatieren müssen, daß Korfanty, der von unseren Militärbehörden nicht ohne Grund als verdächtig vigiliert wurde, auf der Reichskanzlei von Exzellenz Wahnschaffe und einen Stock höher vom Reichskanzler Bethmann Hollweg mit Auszeichnung und Vertrauen behandelt wurde. DerVorsitzende des Deutschen Ostmarkenvereins, Herr vonT i edemann- Seeheim, schrieb am Tage nach meiner großen Polen-Rede, am 14. Januar, an den Chef der Reichskanzlei, Conrad: „Mit großer Freude habe ich wahrgenommen, wie es dem Reichskanzler gelungen ist, sich in immer steigendem Maße die Sympathien des preußischen und des deutschen Volkes zu erwerben! Ich verkehre in so vielen Volksschichten, daß ich mich in dieser Wahrnehmung nicht täusche. Gestern ist es nach meiner innersten Überzeugung dem Reichskanzler beschieden gewesen, sich das unbedingte Vertrauen der deutschen Volksseele zu erobern. Bülow hat einen in seinen Folgen nicht hoch genug zu veranschlagenden Erfolg errungen: er hat der Welt gezeigt, daß er das diffizile Roß der inneren Politik ebenso sicher wie geschickt zu reiten versteht! Der führende Staatsmann kann nur Großes leisten, wenn er sich der freudigen Zustimmung der guten und loyalen Elemente seines Landes gewiß weiß. Dieser Überzeugung kann der Reichskanzler nunmehr getrost leben! Daß der von ihm vorgezeichnete Weg zur Lösung der Ostmarkenfrage der richtige ist, der auch zweifellos zum Siege führen muß, brauche ich Ihnen gegenüber, der Sie ein Sohn unserer Ostmark sind, wahrlich nicht hervorzuheben." Der preußische Gesandte in München meldete am gleichen Tage: „Graf Crailsheim äußerte heute zu mir, die eindrucksvolle Art und die Entschiedenheit, mit der von Eurer Exzellenz die Wreschener Interpellation erwidert wurde, habe er nur freudigst begrüßen können. Die Polen seien unverbesserlich, und je energischer die preußische Regierung den Polonisierungsbestrebungen in der Ostmark entgegentrete, um so größere Verdienste erwerbe sie sich um Deutschland. Übrigens sei ihm, dem Minister, die Nuancierung keineswegs entgangen, mit der Eure Exzellenz des Verhaltens unserer beiden Nachbarn gedacht hätten. Das schlaffe Österreich, wenn man überhaupt noch von einer k. k. Regierung in Galizien reden könne, hätte selbst über eine härtere Sprache unsererseits nicht klagen können. Gleiche Genugtuung wie der Minister empfinden alle hiesigen nationalen Elemente. Die liberale Presse sorgt in anerkennenswerter Weise weiter für Richtigstellung der von pohlischer Seite verbreiteten Märchen. Gleichzeitig wird erneut auf die fortgesetzte Mißhandlung der nichtpolnischen Majorität Galiziens durch die Schlachta hingewiesen und 568 WILHELM IL UND DAS JOHANNITERKAPITEL den Radziwill und Genossen dringend geraten, zunächst in dem eigenen schmutzigen Hause zum Rechten zu sehen. Möge, so schließen alle Betrachtungen, die preußische Regierung hart bleiben und niemals wieder über schwächliche Rückfälle Klage zu führen sein." Der Kaiser, der gar zu gern Feste feierte, am liebsten Feste mit histori- Wilhelm II. schem Hintergrund, denn seine Begeisterung für geschichtliche Größe war auf der echt, hatte beschlossen, am 5. Juni 1902 in der herrlichen Marienburg ein Manenburg f e i er ij cnes Kapitel des Johanniterordens abzuhalten. Er legte besonderes Gewicht darauf, daß ich diesem Kapitel beiwohnen möchte, und zwar in der prächtigen Johanniteruniform, die er selbst anlegen wollte. Wer Wilhelm II. nicht im persönlichen Verkehr gekannt hat, kann sich schwer eine Vorstellung davon machen, wie groß der Charme war, den er durch seine Natürlichkeit und Herzlichkeit im täglichen Umgang ausübte, ein Zauber, der um so stärker wirkte, als er unabsichtlich war. Der im guten Sinne naive Zug in der Art des Kaisers, sich zu geben, machte ihn für seine Freunde und Diener ebenso anziehend, wie er Fremden und Gegnern gegenüber pohtisch für den Monarchen eine Gefahr bildete. Vor dem Beginn des feierlichen Gottesdienstes in der Marienkapelle des Schlosses kam der Kaiser in mein Zimmer, um sich de ses yeux von der Korrektheit meiner Johanniteruniform zu überzeugen. Als er meinen langjährigen italienischen Kammerdiener, den er gut kannte, weil er mich auf allen unseren Reisen begleitete, und mit dem er gern scherzte, frug, wie er mich als Johanniter fände, meinte dieser: „II cancelliere e magnifico, somiglia a un antico romano del Trastevere." Meinem biederen Cameriere, der in den Sabinerbergen geboren war, erschien ein alter Römer, noch dazu aus dem volkstümlichen Quartier jenseits des Tiberflusses, dem Trastevere, als der Inbegriff aller Pracht. Der Kaiser empfing am Vormittag den zu seiner Begrüßung von russischer Seite entsandten Generalgouverneur von Warschau, den General der Kavallerie und Generaladjutanten Tschertkow, einen typischen russischen General der alten Schule, der ihm so gefiel, daß er eine schöne Ansprache an ihn improvisierte, in der er ungefähr ausführte: Seine Beziehungen zu Rußland seien so innige, daß er beschlossen habe, Posen als Festung aufzugeben, denn gegen einen Freund wie den Zaren bedürfe er keines militärischen Schutzes. Der alte Russe, der wie seine ganze Generation eine gute Dosis Pfiffigkeit besaß, meinte hernach zu mir, den er aus St. Petersburg kannte: „Sa Majeste l'Empereur a parle comme Ciceron, mais, entre nous, ce qu'il m'a dit sur Posen ne tient pas debout. Posen ne vaut plus rien comme forteresse et vous construisez d'autres forteresses qui remplacent Posen avantageusement." Mit meinem alten Regimentskameraden und langjährigen Freund, dem Grafen August von Dönhoff-Friedricbstein, machte ich einen Rundgang „ZÜCHTIGUNG DER SARMATEN 569 um die Marienburg, wobei wir auf einem Turm eine alte Fahne mit dem Dönboffscben Wappen entdeckten, dem schwarzen wilden Eberkopf mit emporstehenden Borsten. Sie stammte aus der traurigen Zeit, wo ein großer Teil jener deutschen Geschlechter, die einst mit dem Deutschen Orden nach Ostland gefahren waren, sich den Polen angeschlossen hatte. Wir begegneten uns in dem Wunsch, daß die Marienburg nie wieder solche Zeiten deutschen Niedergangs und deutscher Ohnmacht sehen möge, ohne zu ahnen, daß schon um diese Zeit in Potsdam als Oberpräsident der unglückselige Mann saß, der vierzehn Jahre später Polen wiederherstellen und damit dem Deutschtum der Ostmark die schwerste Wunde schlagen sollte. Bei dem Prunkmahl, das er am 5. Juni 1902 im großen Remter der Marienburg gab, hielt Wilhelm II. eine Rede, deren Schwung und Feuer selbst Lucanus und mich überraschten, die wir in dieser Beziehung schon manches erlebt hatten. Der Kaiser erinnerte seine verehrten Brüder vom Orden St. Johannis daran, daß in der Geschichte des Ordens wie in keiner anderen der Finger der Vorsehung zu erblicken sei. Als der Orden im Heiligen Lande seine dort unfruchtbare und aussichtslose Mission aufgegeben hätte (das w r ar eine Liebenswürdigkeit für den Sultan und den Islam), wären die Ritter mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Mantel nach der Weichsel gezogen. Und nun folgte ein feuriger Aufruf an die Johanniter, den Kaiser in seinem Kampf gegen die Polen zu unterstützen. Derselbe Monarch, der meiner wohlüberlegten und stetigen Ostmarkenpolitik oft zweifelnd und zögernd, gelegentlich ablehnend gegenüberstand und der im Weltkrieg unter Bethmann Hollwegschem Einfluß Polen wiederherstellte, forderte am 5. Juni 1902 die um ihn Versammelten, durch und durch ehrenwerten, aber in der Mehrzahl schon bejahrten und wohlbeleibten Ordensritter auf, mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust auf die Sarmaten einzuhauen, deren Frechheit zu züchtigen, sie zu vertilgen. Wie so oft vorher und nachher, untersagte ich dem anwesenden Vertreter des Wölfischen Telegraphenbüros, die Rede Seiner Majestät im Wortlaut zu veröffentlichen, und entwarf rasch auf der Rückseite meiner Tischkarte eine neue, feste, aber würdige und ruhige, in keiner Weise exzentrische Ansprache. Diesmal tat Eile not, denn kaum eine halbe Stunde nach Aufhebung der Tafel wollte der Kaiser nach Potsdam zurückkehren. Ich näherte mich ihm mit meinem Entwurf, gefolgt von Lucanus. Als ich meine Fassung vorlas, überkam den Kaiser ein ganz großer Zorn. Er bestand namentlich auf der „Züchtigung der Sarmaten", obwohl ich ihm vorstellte, daß dies die Russen beleidigen würde, da sie die Brandmarkung der Sarmaten auf sich beziehen könnten. Wir stritten eine Weile über die alten Sarmaten, ob sie ihren Wohnsitz an der Weichsel oder am Don gehabt hätten. Der Kaiser berief sich auf Herodot, ich aber auf Strabo. Schließlich meinte Seine Majestät: „Meine 570 WILHELM, DER SCHÜCHTERNE Rede war der alten Hochmeister würdig, eines Hermann von Balk und eines Hermann von Salza. Sie aber lassen mich reden, als ob ich Lehrer der Geschichte an einer höheren Töchterschule wäre." Lucanus und ich Heßen aber nicht locker, die Zeit drängte, und schließlich gab der Kaiser nach, aber nicht ohne dem Chef des Zivilkabinetts den gemessenen Befehl zu geben, den Urtext seiner Rede im kaiserlichen Hausarchiv aufzubewahren. ,,Denn", meinte der Kaiser, „meine Nachfolger sollen einmal wissen, daß ich forsch war." Als der Kaiser abgereist war, sagte mir der russische Botschafter, Graf Osten-Sacken, der die Ansprache Seiner Majestät in ihrer ursprüngbchen Fassung schaudernd angehört und meine Auseinandersetzung mit dem hohen Herrn nach Aufhebung der Tafel beobachtet hatte: „Sa Majeste l'Empereur est charmant, tout ce qu'il y a de plus seduisant comme homme. Mais comme souverain, il est bien dangereux et cela sans vouloir, au fond, faire du mal ä personne. Voilä, il est incoherent! Dieu vous garde aupres de lui." Um dieselbe Zeit schrieb ein französischer Schriftsteller Nauzannes in einer Studie über Wilhelm II.: „II fallait ä l'Allemagne un chef grave, silencieux et mesure. Le destin lui a donne un maitre agreable et primesautier, mais faible et enerve. Mibtaire, il ne l'est que pour ses diplomates, diplomate il ne Pest que pour ses militaires. Aucun chef d'Etat couronne n'a fait plus de mal ä la monarchie et trahi plus completement et plus inconsciemment la confiance du meilleur de son peuple. On ne peut que le plaindre, tout en rendant hommage a. ses qualites de cceur et d'esprit dont une vanite maladive annule tous les bons effets." Ich habe oft beobachtet, daß auch über den Durchschnitt begabte Männer sich gern das Ansehen geben, gerade diejenigen Eigenschaften zu besitzen, die ihnen fehlen. Wilhelm II. verhehlte sich im Grunde nicht, daß ihm die Mens aequa, die Mens solida und die Tenacitas propositi abgingen, die Quintus Horatius Flaccus vom Manne fordert. Gerade deshalb suchte der Kaiser durch laute Reden und starke Worte andere und sich selbst über seine innere Unsicherheit und Ängstlichkeit zu täuschen. Diese Tendenz soll nach meinem Rücktritt noch zugenommen haben, nachdem Seiner Majestät eingeredet worden war, die Franzosen hätten ihm den Spitznamen „Guillaume le Timide" gegeben. Ich hatte im schlimmen Julimonat 1914 nicht mehr die Ehre, in der Nähe Seiner Majestät zu weilen, habe aber von zuverlässigen Herren aus der Allerhöchsten Umgebung gehört, daß die sehr erregten, kriegerisch anmutenden Marginalien des Kaisers vor und nach dem unseligen Ultimatum an Serbien dem Wunsch entsprungen waren, jeden Zweifel an seiner Bravour zu beseitigen. In Wirklichkeit hat, wie ich vorgreifend hier schon feststellen will, der Kaiser 1914 so wenig wie in irgendeiner anderen Phase seiner Regierung den Krieg gewollt. „ES WAR VOLLKOMMEN IN DER ORDNUNG" 571 Als in der Sitzung des Preußischen Abgeordnetenhauses vom 7. Juni 1902, achtundvierzig Stunden nach der Feier in der Marienburg, der polnische Abgeordnete von Glembocki die in der Marienburg gehaltene kaiserliche Rede zum Gegenstand seiner Angriffe machte, entgegnete ich ihm: „Es war vollkommen in der Ordnung", und als mich die Polen lärmend unterbrachen, wiederholte ich noch einmal: „Gewiß, meine Herren, es war ganz und gar in der Ordnung, daß Seine Majestät der Kaiser gerade in der Marienburg diese Worte gesprochen hat. Denn wie das Straßburger Münster im Westen, so ist die Marienburg im Osten ein mahnendes Wahrzeichen, die Grenzen des Deutschen Reichs und deutschen Volkstums zu schirmen*. * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 339; Kleine Ausgabe II, S. 36. XXXVI. KAPITEL Die Bagdadbahn • Unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten • Wilhelm II. und Roosevelt • Amerikafahrt des Prinzen Heinrich • Jubiläum des Königshusaren-Regiments in Bonn, die Parade des Regiments • Ernennung zum Oberst ä la suite der Armee, mit der Uniform der Königshusaren • Erneuerung des Dreibundes (28. VI. 1 902) • Begegnung Wilhelms II. und Nikolaus' II. in Reval • Die Swinemünder Depesche, Erregung in Bayern • Tod von Alfred Krupp Ich habe schon erzählt, wie 'während des kaiserlichen Besuchs in Konstantinopel aus einer Unterredung zwischen Georg von Siemens und mir für die Jag Projekt der Bagdadbahn entstand, an einem wundervollen Oktober- Bagdadbahn mor „ en au f emer Fahrt von Konstantinopel nach Haidar-Pascha, während erteilt ein pfeilschnelles Kaik uns über die blauen Wellen trug, die einst Leander durchschwamm, um seine Hero in die Arme zu schließen. Anfang Januar 1902 wurde in Konstantinopel das kaiserliche Irade veröffentlicht, durch das die Konzession für die Bahn erteilt wurde, die mit ihren Zweiglinien eine Länge von 2500 Kilometer haben sollte. Die Bagdadlinie sollte ihren Ausgangspunkt in Konia nehmen und über Bagdad gehen. Der Punkt, an dem die Bagdadlinie am Persischen Golf endigen würde, sollte später mit der Pforte gemeinsam festgesetzt werden. Auf die letztere Bestimmung hatte ich hingewirkt, weil ich hinsichtlich des Endpunkts der Bagdadbahn mich mit England verständigen und alles vermeiden wollte, was in dieser Beziehung Widerspruch oder Mißtrauen bei den Beherrschern von Indien erregen könnte. Der kluge Nachfolger des leider früh verstorbenen Georg von Siemens, Herr Arthur von Gwinner, teilte meine Auffassung, daß das großartige Unternehmen der Bagdadbahn nur im Einvernehmen mit England zu einem guten Ende geführt werden konnte. Bei seinen mannigfachen Beziehungen zu England gelang es Herrn von Gwinner in zielbewußter und langjähriger Arbeit, eine deutsch-englische Verständigung über das Bagdadunternehmen zu erreichen, als das österreichisch-deutsche Ultimatum an Serbien auch diese Anstrengungen und diese Hoffnungen vernichtete. Je schwieriger aus oft dargelegten Gründen sich unser Verhältnis zu England gestaltet hatte, um so mehr Gewicht legte ich auf freundliche Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Kaiser Wilhelm II. für meine BRIEFE DES KAISERS AN SEINEN FREUND ROOSEVELT 573 Anschauungen und Bemühungen in dieser Richtung zu gewinnen, war nicht Wilhelm II. schwer. Nach seiner ganzen Individualität gefiel der unternehmende, tätige, U.S.A. unermüdliche, waghalsige Amerikaner Seiner Majestät dem Kaiser besonders gut. Der amerikanische Multimillionär, der damals anfing sich häufiger in Europa zu zeigen, gefiel dem Deutschen Kaiser sogar ausgezeichnet. Wilhelm II. glich darin seinem Onkel, dem König Eduard, daß viel Geld ihm imponierte. Der damals erste Mann der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt, übte auf den Kaiser besondere Attraktionskraft aus. „Das ist mein Mann!" pflegte er auszurufen, sobald die Rede auf ihn kam. Mit Bewunderung las er in den Berichten unseres Botschafters, daß Roosevelt gleich einem Cowboy die gewagtesten Reiterkunststücke ausführte, daß er wie Buffalo Bill auf die weiteste Entfernung mit der Büchse jedes Ziel treffe, daß er den Teufel im Leibe habe, sich vor nichts fürchte und alles unternehme. Wie aber bei Wilhelm II. meist die Gefahr der Übertreibung an und für sich richtiger Gedanken bestand, so war es auch in diesem Fall. Er begann bald eine Korrespondenz mit Roosevelt, von der dasselbe galt wie von seinen Briefen an den Zaren. Wenn er mir seine in vortrefflichem Englisch geschriebenen Briefe vor ihrer Absendung zeigte und mir gestattete, zwei oder drei bedenkliche Wendungen zu ehminieren, so konnte der Rest in seiner ursprünglichen, kräftigen Art nur gut wirken. Eine solche prophylaktische Kontrolle war freilich nötig. Die unselige Voreingenommenheit Seiner Majestät gegen das Land der aufgehenden Sonne machte sich auch in seiner Korrespondenz mit Roosevelt geltend. Der Kaiser wollte immer wieder Roosevelt vor heimtückischen Plänen der Japaner warnen. Er war überzeugt, daß ein Krieg zwischen Japan und den Vereinigten Staaten ganz unvermeidlich und nahebevorstehend sei, und hat vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtszeit an dieser Wahnvorstellung festgehalten, obschon ich ihm auf Grund meiner guten Beziehungen zu japanischen Diplomaten wie namentlich zu vielen Amerikanern beständig das Gegenteil versicherte. Ich entsinne mich, daß er mir einmal gelegentlich sagte, er habe während einer Abwesenheit von Berlin einen „famosen" Brief an seinen Freund Roosevelt geschrieben, der diesem einen ordentlichen Floh ins Ohr setzen würde. Da er und ich damals räumlich getrennt gewesen wären, hätte er mir diese Epistel nicht vor ihrer Absendung zeigen können, wolle sie mir aber jetzt nicht länger vorenthalten. Der fragliche Brief enthielt neben sehr heftigen Ausfällen gegen die „Japs" ziemlich phantastische Nachrichten über deren Kriegsvorbereitungen gegen Amerika und die energische Aufforderung, Roosevelt möge gegen die „gelbe Gefahr" besser als bisher auf der Hut sein. Ich erklärte dem Kaiser, daß dieser Brief nicht in die Hände von Roosevelt gelangen dürfe: einerseits hielte ich das Schreiben sachlich für unzutreffend, andererseits dürfe der Kaiser nicht 574 WILHELMS IL GESICHT WIRD LÄNGER eine solche Waffe gegen sich in die Hände von Roosevelt gelangen lassen. „Aber Roosevelt ist mein Freund", rief der Kaiser aus. Als ich entgegnete, daß es „Freunde" in seinem Sinne in der Politik nicht gäbe, sah der hohe Herr mich sehr mißtrauisch an. Schließlich setzte ich durch, daß der Depeschenkasten, der den kaiserlichen Brief an Roosevelt über den Atlantischen Ozean trug, bei der Ankunft in New York festgehalten und unsere dortige Vertretung angewiesen wurde, das Schreiben uneröffnet wieder nach Berlin zurückzuschicken. Ich nehme an, daß, als nach dem Beginn des Weltkriegs Roosevelt gleich Monako, Lonsdale, Lacroix und Bonnal, gleich vielen ausländischen „Freunden" Seiner Majestät sich gegen Wilhelm II. wandte, dieser sich gefreut haben wird, daß wenigstens jener unvorsichtige Brief, der Roosevelt gegen Japan hetzen sollte, sich nicht in den Händen des bewunderten Theodore befand, der sich im Sommer 1914 nicht schämte, öffentbch einen hohen Preis für denjenigen auszusetzen, der ihm den „Emperor William" lebendig bringen würde, damit er ihn an einen Pfahl anbinden lassen könne. Nach meinem Rücktritt wurde, wie ich nebenbei bemerke, der inzwischen ooseveh zurückgetretene Roosevelt bei seiner Rundreise durch Europa in Berlin i Berlin f ast königlichen Ehren empfangen. Der Kaiser wollte seinen Freund ursprünglich im Schloß logieren. Dies unterblieb nur, weil in jenen Tagen der Oheim des Kaisers, König Eduard, gestorben war. Der Kaiser wohnte aber trotz tiefer Familientrauer dem Vortrag bei, den Roosevelt in der Berliner Universität hielt. Dieser Vortrag war freilich eine Enttäuschung für Seine Majestät. Roosevelt begann, wie mir von Ohrenzeugen erzählt wurde, mit ungewöhnlich lauter und scharfer Stimme, indem er den Kaiser direkt fixierte und alle seine prächtigen Zähne zeigte, mit einem Panegyrikus auf das Schiff „May-flower", das einst die ersten englischen Auswanderer nach Amerika gebracht hatte. „Das Schiff war klein", führte Roosevelt etwa aus, „es hatte nur eine geringe Besatzung. Aber es trug als Ladung Grundsätze, die die Welt transformieren sollten: die Idee der religiösen Freiheit, den Grundsatz, daß der Mensch sein Verhältnis zu Gott selbst regeln dürfe, ohne die Einwirkung irgendwelcher hierarchischer Autorität zu admittieren. Und weiter den großen Gedanken, daß der Mensch sich seine weltliche Obrigkeit selber einsetzen könne und müsse, unter bestimmten Voraussetzungen und ganz bestimmten Bedingungen, daß er nicht etwa eine absolute, ihm durch göttlichen Ratschluß auferlegte Herrschaft brauche." Solange Roosevelt seine religiösen Ideen darlegte, war der Kaiser nur erstaunt. Beim direkten Vorstoß gegen das Gottesgnadentum machte er ein langes Gesicht. Ich betone noch einmal, daß nach Abstreifung von Übertreibungen und Unbesonnenheiten das Bestreben des Kaisers nach möglichst guten Beziehungen mit Amerika durchaus verständig war. Die DIE AMERIKANER BEI DER KIELER WOCHE 575 Antipathie, die namentlich in konservativen deutschen Kreisen gegen Amerika herrschte, war töricht. Der Ärger, den während der Kieler Woche unsere Hofgesellschaft über angebliche Bevorzugung von Mr. Vanderbilt, Mr. Armour, Mr. Pierpont Morgan, Mr. Carnegie empfand, war albern und die Preßhetze gegen diese amerikanischen Herren, wenn sie mit kaiserlicher Erlaubnis und auf kaiserliche Aufforderung die Potsdamer Schlösser, die Marienburg oder Kadinen besuchten, philiströs und Heinlich. Am 15. Februar 1902 schiffte sich Prinz Heinrich an Bord des Lloyddampfers „Kronprinz Wilhelm" in Bremerhaven nach New York ein. Vor Prinz seiner Abreise hatte ich ein längeres Schreiben an ihn gerichtet, in dem ich Heinrich unter anderem ausführte: Von dem Prinzen würde in Amerika keinerlei nacnAm ' politische Tat erwartet. Er solle von dort weder einen politischen Vertrag noch ein handelspolitisches Abkommen noch irgendwelche politische, wirtschaftliche oder gar territoriale Konzessionen mitbringen. Der Zweck seiner Reise sei lediglich, die Amerikaner zu erfreuen und zu gewinnen, sie von der Sympathie des Kaisers und des deutschen Volks für das groß und mächtig aufstrebende amerikanische Volk zu überzeugen wie von der Nützlichkeit guter Beziehungen zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Volk. Deutschland und Amerika wären durch keinerlei politische Differenzen getrennt, wohl aber verbunden durch zahlreiche und schwerwiegende Interessen, durch alte Traditionen, die zurückreichten bis zu den Tagen des großen Friedrich und des großen Washington. Sie wären auch durch Blutsverwandtschaft verbunden. Die Burenfrage möge der Prinz aus eigener Initiative gar nicht berühren. Würde sie von anderer Seite angeschnitten, so möge er sich tunlichst ausschweigen. Eine zu lebhafte Teilnahme für die Buren würde nicht in Einklang stehen mit der von uns gegenüber dem Südafrikanischen Krieg eingenommenen neutralen, loyalen und in diesem Rahmen für England freundlichen Haltung. Andererseits hätten wir auch keine Veranlassung, in Amerika die Geschäfte der Engländer zu besorgen. Chacun pour soi et Dieu pour tout le monde. Die Verhältnisse in Süd- und Zentralamerika möge der Prinz aus eigener Initiative nicht besprechen und selbstverständlich keinerlei Absichten Deutschlands auf jene Gegenden zugeben oder gar durchblicken lassen. Sollten die Amerikaner Besorgnisse hinsichtlich deutscher Eroberungsgedanken bezüglich Mittel- und Südamerikas an den Tag legen, so könne der Prinz solche Befürchtungen unter Hinweis auf die Friedlichkeit unserer Politik und die vielen Aufgaben, die wir sonst in der Welt zu lösen hätten, mit gutem Gewissen als absurde Hirngespinste ablehnen. Das geschehe noch besser in der Form ironischer Zurückweisung als durch pomphafte Erklärungen. Deutschland wolle auf der ganzen westlichen Hemisphäre 576 REISEPOLITIK Frieden und gute Freundschaft mit den Vereinigten Staaten. Auf die Philippinenfrage und die Vorgänge in Manila im Sommer 1898 würde am besten gar nicht zurückgekommen. C'est un incident clos. Ich empfahl dem Prinzen, wenn er nicht umhinkönne, in Amerika, wo viel öffentlich geredet würde, öffentlich das Wort zu ergreifen, seine Ansprache vorher schriftlich zu fixieren, um vor Verdrehung und Ausbeutung seiner Worte sicher zu sein. Der Amerikaner sei, und mit Recht, stolz auf die rasche und gewaltige Entwicklung seines Landes, die kaum ihresgleichen in der Weltgeschichte habe. Er sei ehrgeizig, ruhmbegierig, er wünsche, sein Land gelobt zu hören. Jede Kritik amerikanischer Zustände aus fremdem Munde verletze den Amerikaner. Aber die Ehre des Besuches eines königlichen Prinzen werde in diesem Lande, das in Flutenfrische glänze, noch mehr gewürdigt als in Europa, und gern werde der Amerikaner den Prinzen von Deutschland, von unserem Kaiser, unserem Heer, unserer Wissenschaft und Kunst erzählen hören. In dem Gesandten von Holleben fände der Prinz einen durch langjährigen Aufenthalt mit amerikanischen Gewohnheiten, Stimmungen und Verhältnissen gut vertrauten, gewissenhaften und ehrlichen Mann. Ich schloß mit den Worten:,,Seit vielenjahren war keine Reise eines königlichen Prinzen von solcher Bedeutung für das Vaterland wie diese Ihre Fahrt nach der großen Republik, die Columbus aus dem Ozean hervorzog." Gleichzeitig gab ich für alle Fälle dem Prinzen Heinrich ein Promemoria über die diplomatische Vorgeschichte des Spanisch-Amerikanischen Krieges mit, um nötigenfalls perfiden Verdächtigungen der englischen Presse entgegentreten zu können, die Deutschland beschuldigte, sich vier Jahre.vorher unfreundlich zu Amerika gestellt zu haben. Die Reise des Prinzen verlief ohne jeden Anstoß. Die aufrichtige, natürliche, gerade und ehrliche Art des Prinzen gefiel den Amerikanern. Wo es nötig war, ergriff er das Wort, er sprach frei von der Leber weg, aber ohne je zu entgleisen. Besonderen Beifall fand die humoristische und dabei doch taktvolle Ansprache, die er bei einem ihm von der amerikanischen Presse gegebenen Diner hielt. Daß er Englisch wie ein Engländer sprach, kam dem Prinzen natürlich zustatten. Prinz Heinrich machte seine Sache vortrefflich, und es war geschmacklos, wenn der sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Gradnauer im Reichstag „diese Art von Reisepolitik" heftig angriff. Wollte Gott, daß wir in den traurigen und bedrängten Zeiten, die auf unseren Niederbruch vom November 1918 folgten, in Zeiten, wo wir so sehr der freundlichen Gesinnung des amerikanischen Volkes bedurften, einen Prinzen Heinrich hätten nach Amerika schicken können, um dort für uns zu wirken und zu werben. Das dürfte der inzwischen zum sächsischen Gesandten in Berlin avancierte Herr Gradnauer jetzt wohl selbst einsehen. Im fröhlichen Besitz dieser Sinekure wird er wohl auch nicht mehr mit PARADEMARSCH IN BONN 577 derselben „flammenden Entrüstung" wie einst „die Drohnen im Staat" zur Zielscheibe seiner Kritik machen. Mitte Juni 1902 wurde die goldene Hochzeit der Stadt Bonn mit dem Königshusaren-Regiment gefeiert, das nunmehr seit einem halben Jahr- Regiments- hundert in der schönen Rheinstadt stand. Ich wollte nicht fehlen an diesem jMläum Ehrentag meines Regiments, an dem ich mit ganzem Herzen hing. Einer 1,1 ^ onn Einladung des Feldmarschalls von Lofe* folgend, stieg ich bei ihm ab. Er hatte sich nach seinem Rücktritt als Gouverneur von Berlin ein kleines Häuschen in der Stadt gekauft, die recht eigentlich seine Heimat war, und in dem noch 1922, bald neunzigjährig, seine Witwe lebte, eine Schwester des langjährigen Oberpräsidenten von Schlesien, des Fürsten Hermann Hatz- feldt und der schönen Fürstin Elisabeth Carolath. Am Siebzehnten früh trafen die Majestäten, von mir begleitet, in Bonn ein. Das Regiment stand in Parade auf der Hofgartenwiese, Front nach dem Rhein, das Trompeterkorps im Haken, Front nach der Universität. Dem Regiment gegenüber die Vereine ehemaliger Königshusaren. Um 11 Uhr erschien auf einem herrlichen dunklen Schimmel der Kaiser, gefolgt vom Kronprinzen. Er ritt die Front des Regiments ab und hielt eine gute Ansprache an die Husaren. Beim Parademarsch in Zügen führten der Feldmarschall von Loe und der Schwager des Kaisers, der Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe, der früher im Regiment gestanden hatte, dieses vorbei. Während sich das Regiment zum Vorbeimarsch in Eskadronsfront formierte, ritt der Kaiser, in dessen Suite ich zu Pferde hielt, auf mich zu und sagte mir, daß er mich zum Obersten ä la suite der Armee mit der Uniform meines alten Regiments ernenne. Ich war zur Parade als Rittmeister der Reserve erschienen. Gleichzeitig forderte Seine Majestät mich auf, beim zweiten Vorbeimarsch des Regiments ebenfalls vor der Front des Regiments zu reiten. Dann setzte sich der Kaiser mit Loe und mir vor die Standarten-Eskadron und führte das Regiment zur Sternkorpskaserne, wo ich gerade einunddreißig Jahre früher eingekleidet worden war und Pferde gestriegelt hatte. Beim Frühstück im Kasino, wo ich so manches Mal als Leutnant meinen Schoppen Moselwein getrunken hatte, erwiderte der Kaiser auf die Huldigungsworte des Kommandeurs, des Oberstleutnants von Hertzberg: es gebe wenige Regimenter, vor deren Front drei Offiziere mit dem Schwarzen Adlerorden reiten könnten. Das Königshusaren - Regiment wäre eine der ersten Pflanzschulen der Armee für hervorragende Offiziere und Generäle nicht allein, sondern auch für große Staatsmänner, und er empfände Freude darüber, daß der Reichskanzler aus diesem schönen Regiment hervorgegangen sei. Am Nachmittage machte ich mit alten Kriegskameraden einen langen Spaziergang an dem ruhig fließenden Rhein und dachte vergangener 37 Bülow I 578 DER DREIBUND Zeiten. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Vor uns das „Paradies des Rheins", das Siebengebirge. Aus dem Strom erhob sich der Fels, wo Siegfried den Drachen schlug. Gegenüber ragten die Ruinen von Rolandseck, wo Roland um die schöne Hildegard trauerte. Zwischen Rolandseck und dem Drachenfels lag mitten im Rhein ruhig und freundlich mit ihren Ulmen, Pappeln und Weiden die Insel Nonnenwerth, auf der das Kloster stand, in das Hildegard sich von der Welt zurückgezogen hatte, um nur dem Himmel zu leben. Diesen Strom umkreist mit mächtigem Flügelschlag die deutsche Sage, er mahnt an Roland und an Siegfried, er mahnt aber auch an Ernst Moritz Arndt, an den Reichsfreiherrn vom Stein, an den alten Blücher, der in der gesegneten Neujahrsnacht 1814 den Rhein überschritt. Der Strom, an dem sich immer wieder die Schicksale des deutschen Volkes entscheiden, der nationale Strom, wo jetzt französischer Ubermut sich breitmacht, der Strom, nach dem sie sich gleich gierigen Raben lange, aber vergeblich heiserschrien, bis sie ihm jetzt, schwarze und weiße Barbaren, ihr Joch aufzwangen. Dieses Joch zu brechen, sei der erste und letzte Gedanke jedes Deutschen, der diesen Namen verdient! Im Hochsommer 1902 mußte die Erneuerung des Dreiverbandes er- Unveränderte folgen. Sowohl in Wien wie in Rom trat die Tendenz hervor, bei dieser Erneuerung Gelegenheit den Dreibund zu modifizieren. In Wien bestand der Wunsch, ies Dreibunds j) eutsc j 1 j an) j m Am 4. Oktober 1903 schrieb mir der Botschafter in London mit Bezug auf Marokko: „Falls Frankreich, England und Spanien sich über einen Plan zur Aufteilung Marokkos einigten, könnten wir den drei Mächten zunächst mitteilen, daß wir einen Teilungsplan, an dem wir nicht beteiligt wären, nicht anerkennten. Wir erhöben also Protest, weil unsere bedeutenden Handelsinteressen an der atlantischen Küste nicht berücksichtigt worden wären. Dem steht freüich entgegen, daß ein leerer Protest ohne Druck- und Drohmittel in seinen Folgen meist verhängnisvoller ist als ruhiges Geschehenlassen. Solche Mittel ließen sich wohl finden, ihre Anwendung wäre aber ein nicht ungewagtes Spiel. Wenn England den Franzosen große Zugeständnisse in Marokko macht, so wird es trachten, bei diesem Anlaß Ägypten aller internationalen Fesseln zu entledigen. Die Franzosen haben längst ein Kreuz über Ägypten gemacht und würden für Marokko gern an England das wenige zugestehen, was sie in Ägypten noch an politischem Einfluß besitzen. Wir dürfen in eine aktive antienglische Politik in Ägypten natürlich nur eintreten, wenn sich England in Marokko gegen uns stellt. Der blo(Je Verdacht genügt nicht, wenn wir nicht die englische Regierung geradezu in eine grundsätzüch feindliche Stellung gegen uns drängen wollen." Der Brief Metternichs schloß: „Wenn England sich trolz allem mit Frankreich über eine gründliche Aufteilung Marokkos verständigt, was ich immerhin noch bezweifle, denn die Aufgabe der wenigen den Franzosen in Ägypten übriggebliebenen Rechte wiegt für die Engländer nicht den Verzicht von Marokko auf, so dürfte England hierzu nur durch den Wunsch bewegt werden, die neue Freundschaft mit Frankreich ä tout prix fester zu knüpfen. Gegen Frankreich haben wir ein weit stärkeres Druckmittel als gegen England, sofern über unsere Köpfe hinweg die Teilung inszeniert werden sollte. Wir können der französischen Regierung le cas echeant sagen, daß sie viel zu weise wäre, um die mehr als dreißig Jahre mit Vorsicht gepflegten friedlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Wir brauchen deshalb kein Armeekorps zu mobihsieren, und die Franzosen werden dies auch nicht ohne weiteres tun. Aber Marokko ist ein ernstliches Game of bluff." Metternich warnte vor einem vorzeitigen deutschen Hervortreten in der Marokko-Frage und namentlich vor einer inopportunen Preßkampagne. „Wenn überhaupt, können wir nur im opportunen Moment durch schweres diplomatisches Geschütz etwas ausrichten. Je früher wir die Batterie auffahren, um so mehr Zeit wird den Gegnern gegeben, sich zu verschanzen und Gegenmaßnahmen zu treffen. Wann der richtige Augenblick für uns eintritt, kann nur die Entwicklung der Dinge lehren oder erst durch die genauere Kenntnis der englisch-französischen Abmachungen bestimmt werden." 6 GEFAHR FÜR DIE RUSSISCHE DYNASTIE Petersburg Nicht lange nach der Begegnung unseres Kaisers mit dem russischen Prinz Kaiserpaar in Wolfsgarten hatte ich von meinem früheren Chefin St.Peters- Hemrich VII. burg und späteren langjährigen Gönner und Freund, dem Prinzen Reuß über ji e j Iir j cn VII. Reuß, einen nicht uninteressanten Brief über russische Hofvorgänge und Hofzustände erhalten. Er hatte auf seinem Gute Trebschen in der IN eumark den Besuch seiner Nich te, der Großfürstin Wladimir, erhalten. Über die vertraulichen Mitteilungen der schönen Frau schrieb er mir: „Von allem, was ich habe hören können, habe ich einen recht unerfreulichen Eindruck gewonnen. Der gute Wille, die bessere Einsicht des Kaisers Nikolaus kommen nicht zur Geltung, weil Tatkraft gänzlich fehlt und auch Interesse an den Geschäften. Auch weil sich Einflüsse geltend machen, die perniziös sind, und zwar von weiblicher Seite, mit einer bedenklichen Beimischung von Mystizismus, deren Trägerinnen die montenegrinischen Prinzessinnen sind, welche ihrerseits entschiedenen Einfluß auf die regierende Kaiserin ausüben, ein Einfluß, dem selbst die Kaiserin-Mutter nicht mehr gewachsen ist. Beispiel: die Ungnade Wittes, der sich weigerte, Geld für den Beherrscher der Schwarzen Berge herzugeben in dem Umfange, wie es von den Töchtern verlangt wurde. In dem Hang zu dem mystischen Treiben dieser Clique liegt nach der Überzeugung der Großfürstin Wladimir eine große Gefahr für die Dynastie. Das russische Volk wittere Unrat, und dadurch litte das Ansehen Väterchens. Das würde von der revolutionären Partei geschickt benutzt, um das kaiserliche Ansehen noch mehr zu untergraben. Die Nihilisten hätten ihre Taktik geändert. Nicht mehr Mord des Dynasten, sondern Schüren gegen seine dynastische Unfehlbarkeit in den breiten Schichten des Volks sei heute die Losung. Und oben sei man vollkommen blind gegen diese Gefahr, bilde sich ein, alles ginge zum besten, und wenn man überhaupt jemand Gehör schenke, so sei es denen, die alles schön zu färben verstünden. Niemand werde gehört, und mit eifersüchtigen Augen würden diejenigen beobachtet resp. abgedrängt, die den Mut hätten, die Wahrheit zu sagen." Diesen Mitteilungen seiner Nichte, der Großfürstin, fügte Prinz Reuß hinzu: „Erfreulich ist, daß der Zar Sympathie für unseren Allergnädig- sten Herrn hat, und wenn das Wasser auch keine Balken hat und ein unsicheres Element ist, so sind doch die Rendezvous auf demselben eine treffliche Erfindung, besonders auch deshalb, weil das Ewigweibliche davon ausgeschlossen bleibt. Zur größten Vorsicht ist aber zu raten, nicht zu viel Avancen zu machen. Das macht dort den entgegengesetzten Effekt des Gewünschten. Die Leidenschaft für den Alliierten an der Seine scheint nur künstlich genährt zu werden. Über Lambsdorff meinte die Großfürstin, es fehle ihm viel zum hervorragenden Staatsmann, aber er wäre zuverlässig." ROTE, SCHWARZE ODER GELBE AFFEN 7 Einige Wochen vor dem Besuch der Großfürstin Wladimir in Trebschen hatte Tirpitz in St. Petersburg geweilt. Er war von Kaiser Wilhelm beauftragt worden, dem Zaren Zeichnungen von unseren im Bau begriffenen Panzerschiffen zu übergeben und ihm darzulegen, daß unsere Seemacht auf die Nordsee konzentriert bleibe. Die von der französischen Presse verbreitete Nachricht, wir wollten Danzig in einen Kriegshafen verwandeln, sei unbegründet. Tirpitz hatte natürüch keine Gelegenheit gehabt, in die Intimitäten des Zarenhofes einzudringen, aber er war mit größter Auszeichnung empfangen worden. Er hatte in Zarskoje Selo im engsten Kreis bei den Majestäten gefrühstückt. Die bisher für wenig deutschfreundlich geltenden Großfürsten Alexei Alexandrowitsch und Alexander Micha- ilowitsch waren ihm sehr freundlich entgegengekommen. Der Vizeadmiral Avellan, der dreizehn Jahre früher das russische Geschwader nach Toulon geführt hatte, zeigte sich besonders empressiert. In Deutschland hatten die Wahlen von 1903 der Sozialdemokratie einen bedeutenden Zuwachs an Stimmen gebracht. Wilhelm II. war zu intelli- Reichstags- gent, um nicht zu fühlen, daß zu diesem Anschwellen der Sozialdemo- wählen kratischen Stimmen er selbst durch seine Beden und Gesten nicht unwesent- von * 903 lieh beigetragen hatte. Wie dies aber leider nur zu oft seine Art war, verschloß er seine Augen vor der eigenen Verantwortung und richtete proprio motu ein Telegramm en clair an mich, in dem es hieß, es sei ihm vollständig gleichgültig, ob in dem Beichstagskäfig rote, schwarze oder gelbe Affen herumsprängen. Daß dies mehr als burschikose Telegramm nicht in die Öffentlichkeit kam, war ein schöner Beweis für die Treue und Verschwiegenheit des Telegraphenpersonals. Für mich war es weniger der von der Sozialdemokratie erzielte Gewinn, der mir bedenklich erschien, als die in Deutschland immer weiter um sich greifende und schließlich bei vielen fast zum Glaubenssatz gewordene Meinung, daß die sozialdemokratische Bewegung unter keinen Umständen zum Stillstehen zu bringen wäre, sondern wie ein Naturereignis, dem Meere oder einer Lawine vergleichbar, unaufhaltsam weiterrolle. Ich suchte deshalb nach einer Gelegenheit zur öffentlichen Abrechnung mit der sozialdemokratischen Partei. Ich war von der Notwendigkeit durchdrungen, im passenden Augenblick eine Beichstagsauflösung herbeizuführen, um einen besser zusammengesetzten Beichstag zu erhalten. Unerschütterlich gewillt, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten, war ich nach wie vor gegen unprovozierte Gewaltmaßregeln, geschweige denn einen Staatsstreich und Bruch der beschworenen Verfassung. Ich war und bin der Ansicht, daß große soziale Bewegungen und Strömungen auf die Dauer nur geistig zu überwinden sind, das heißt mit Vernunft und Ge>st, was eine feste Hand im Notfall nicht ausschließt. In Deutschland wird die Bedeutung des gesprochenen Wortes vielfach unterschätzt. Ohne faustisch 8 DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE angelegt oder gar begabt zu sein, betet mancher deutsche Philister das Wort des Faust nach: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen." In Wirklichkeit ist die Bedeutung des Worts ungeheuer groß. Ich glaube, daß wir im Jahre 1906 nicht einen so glänzenden Sieg über die Sozialdemokratie erfochten haben würden, wenn meine vorher gehaltenen und in Millionen von Exemplaren verbreiteten Reichstagsredeu nicht das Terrain vorbereitet hätten. Wenn ich die Sozialdemokratie bekämpfte, so geschah dies nicht aus Mangel an Verständnis für den berechtigten Kern ihrer Bestrebungen. Noch weniger aus dem Gesichtswinkel eines beschränkten Aristokratendünkels oder gar aus irgendwelchen selbstsüchtigen Motiven. Ich war überzeugt, daß die Herrschaft der Sozialdemokratie gerade in Deutschland das Ende der Größe, Macht und Wohlfahrt des Deutschen Reichs bedeuten würde. Nicht nur die Schwächen, auch die Vorzüge des deutschen Charakters machen die Sozialdemokratie für Deutschland besonders gefährlich. Der Deutsche ist doktrinärer als irgendein anderes Volk. Er versteht es viel weniger als der Engländer, Franzose und Italiener, sich in praktischen Fragen von den Netzen der Theorie zu befreien. Er geht in seinem Doktrinarismus mit dem Kopf durch die Wand. Als während meiner Amtszeit in Bern ein internationaler Kongreß zum Zweck der Regulierung der Frauen- und Kinderarbeit stattfand, sagte der französische Delegierte, der spätere Präsident der Französischen Republik, Alexandre Millerand, damals einer der Führer der französischen Sozialdemokraten, meinem Bruder Alfred, der deutscher Gesandter in Bern war: „Zügeln Sie doch Ihre Geheimen Räte, die man aus Berlin zu diesem Kongreß hierhergesandt hat. Die sind ja doktrinärer und unpraktischer als unsere törichtsten sozialistischen Schwärmer. Que diable, avant tout il faut que l'industrie marche." Der Typus Millerand, Briand, Albert Thomas, Lloyd George, Crispi, Fortis, d. h. der Typus des Demagogen, der sich allmählich zu einem verständigen Staatsmann durchmausert, findet sich immer von neuem und zum Wohl dieser Länder in Frankreich, England, Italien. In Deutschland ist er selten. Wir haben in Deutschland noch keinen Clemenceau gehabt, der, Minister geworden, auf streikende Arbeiter schießen ließ und, gegenüber diesem grausamen Vorgehen an frühere arbeiterfreundliche Reden erinnert, kühl erwiderte: „A present je suis de l'autre cote de la barricade." Vor allem ist das Nationalgefühl bei unseren Nachbarn viel, unendlich viel stärker als bei uns. Der französische Sozialist will, daß auch ein sozialistisch organisiertes. Frankreich in Europa dominieren soll, schon weil Frankreich, das Frankreich von 1789, „la mere de la revolution" ist. Gerade so wie der französische Klerikale fordert, daß Frankreich als „fils aine de l'Eglise" die katholische Welt beherrsche. Der französische Sozialist sucht sich emporzuheben aus dem Dunst der Niederung, der deutsche will die anderen Reichskanzler Fürst, von Bülow DEBATTE MIT BEBEL 9 in seine Niederungen hinabziehen. Selbst die größte Gabe des Deutschen, sein Organisationstalent, hat unendlich viel zum Aufschwung der deutschen Sozialdemokratie beigetragen, aber auch gleichzeitig zu ihrer Erstarrung. Sidney Sonnino sagte mir einmal im Winter 1914 auf 1915: „Gewiß bewundere ich die Fähigkeit des Deutschen im Organisieren. Aber so unbeschränkt, wie sie bei Ihnen waltet, führt sie zur Arteriosklerose, zur geistigen Verkalkung." Ähnlich meinte während des Weltkrieges Balfour: die Deutschen hätten ein für die Welt gefährliches Talent zum Organisieren, aber vielleicht gerade deshalb wären sie keine Psychologen. Während meines Rededuells mit Bebel am 10., 14. und 15. Dezember 1903* setzte ich mich mit Programm und Weltanschauung der deutschen Sozialdemokratie auseinander. Ich hatte vielleicht gerade deshalb Erfolg, weil ich, bis auf einige positive Mitteilungen über Skandalosa in der Garnison Forbach und über die Erhebung von Abgaben auf den Wasserstraßen, unvorbereitet sprach. Als ich die von Bebel auf dem Dresdener Sozialdemokratischen Parteitag gezeigte Unduldsamkeit geißelte, fand ich bis weit in die Linke hinein Verständnis. Die revisionistischen Sozialisten schmunzelten stillvergnügt. Als ich der Sozialdemokratie für Disziplin und Opferfreudigkeit die Zensur Ia, für positive Leistungen und Klarheit des Programms die Zensur V b erteilte, sagte ich leider nur zu sehr die Zukunft voraus. Man hat mich oft gefragt, woher das von mir Bebel zugerufene Zitat stamme: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein." Ich wußte es damals nicht und weiß es auch heute noch nicht. Da das Verschen mir im Laufe meiner Rede einfiel, so möchte ich annehmen, daß ich es schon in meiner ersten Jugend in Frankfurt a. M., Sachsenhausen oder Bonames habe singen hören, wo damals noch mancherlei Reminiszenzen an das Jahr 1848 lebendig waren. Die sehr gescheite Nichte des Fürsten Bismarck, die Tochter seiner geliebten Malle, Frau von Kotze, geborene von Arnim-KröchlendorfT, schrieb mir: „In meinem Bismarckschen Blute steckt die glühende Liebe zum Vaterland, und diese hat aufgejubelt bei Ihrer Rede. Eine solche ist seit Bismarcks Zeiten im Reichstag nicht gehalten worden. Da lacht einem das Herz im Leibe, wenn der Führer der Nation so tapfere, klare, scharfe Kampfesworte findet. Worte, die nicht nur Worte sind, sondern eine Tat. Sie richten das Vertrauen zu Ihnen auf und beleben die Überzeugung, daß vielleicht manches anders wäre, wenn sich Ihrem Wollen nicht oft unüberwindliche Hindernisse entgegentürmten. Jeder Patriot muß den brennenden Wunsch hegen, Sie noch lange Jahre an der Spitze unserer Regierung zu sehen. Daß diesen Wunsch jemand ausspricht, der so wie ich über beide * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 1 ff.; Kleine Ausgabe III, S. 10 ff. 10 DIE JESUITEIN Ohren in den alten Traditionen drinsteckt, möge Ihnen die Stärke meiner tiefen, freudigen Erregung beweisen." Der Dichter Ernst von Wildenbruch schrieb mir: „Wie schon manchmal ist es auch diesmal Ihnen gegeben gewesen, einem allgemeinen Empfinden überzeugenden Ausdruck zu verleihen. Und wenn ich zu jedem Ihrer kraft- und geistvollen Worte Ja und Amen sage, so geht für mich aus dem Gesamteindruck Ihrer Reden doch noch eine höhere Befriedigung hervor, die Freude, daß wir Deutsche an solcher Stelle einen Mann von so umfassendem Blick und zugleich von so unbeirrbarer innerer Geschlossenheit besitzen." Ein anderer Dichter, Adolf Wilbrandt, schrieb: „Lieber, verehrtester Freund. Herrlich! Ehe ich an mein dramatisches Tagewerk gehe, muß ich Ihnen sagen, daß ich von Ihren jüngsten Reichstagsreden geradezu entzückt bin. Hätt' ich sie doch selbst gehört! Den Grauschimmel Bebel haben Sie meisterhaft geritten!" Und aus Hamburg telegraphierte mir der nüchterne, gescheite Albert Ballin: „Ich bitte um die Erlaubnis, Euer Exzellenz es aussprechen zu dürfen, wie sehr mich Ihre letzten Reden gegen Bebel begeistert haben. Das war das rechte Wort zur rechten Zeit. Das Wort, auf welches die Nation gewartet hatte und welches Euer Exzellenz Freunde und Verehrer erwerben wird weit über des Vaterlandes Grenzen hinaus." Wenn ich nach Jahren an diese Debatten zurückdenke, so werde ich in der Überzeugung bestärkt, daß die kaum zu bestreitende Dürre und Langeweile derzeitiger deutscher parlamentarischer Verhandlungen nicht zum kleinsten^Teil auf die leidige Neigung unserer heutigen Parlamentarier zu langen, seit lange vorbereiteten, mehr oder weniger vom Manuskript abgelesenen Einzel Vorträgen zurückzuführen ist. Solche Monologe ohne direktes Eingehen auf Argumente des Gegners, ohne sofortige Replik auf Zwischenrufe können nie die Lebhaftigkeit und Frische, die Unmittelbarkeit und Wirksamkeit französischer Debatten erreichen, die eine wirkliche Auseinandersetzung mit unmittelbarer und deshalb auch viel stärkerer Wirkung sind. In jeder Reichstagssession wurde von Seiten des Zentrums ein Antrag Aufliebung auf Aufhebung des sogenannten Jesuitengesetzes, d. h. des Reichsgesetzes des Jesuiten- V om 4. Juli 1872, betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu, oder wenig- Gesetzes sten8 au f Modifikation dieses Gesetzes gestellt. Es handelte sich hierbei zunächst nicht um den in § 1 niedergelegten Grundgedanken des Gesetzes, durch den die Tätigkeit des Jesuitenordens im Deutschen Reich verboten wurde. Wohl aber sollte der § 2 des Gesetzes aufgehoben werden, wonach die Angehörigen des Ordens oder der ihm verwandten Orden oder ordensähnlicher Kongregationen aus dem Bundesgebiet ausgewiesen werden durften, wenn sie Ausländer waren. Waren sie Inländer, so konnte ihnen der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orten versagt oder angewiesen werden. Ich war mit Ausnahme unserer Ostmark, wo wir uns gegenüber „HÖLLENSÖHNE" 11 der großpolnischen Agitation im Zustande der Notwehr befanden und wo es um Sein oder Nichtsein des Preußischen Staates und deutschen Volkstums ging, kein Freund von Ausnahmegesetzen. Es erschien mir unbillig, daß die Angehörigen des Jesuitenordens die einzigen Deutschen sein sollten, denen das Recht genommen oder wenigstens beschränkt werden konnte, in der Heimat zu weilen. Seit mehreren Jahren hatten sowohl die Konservativen wie die große Mehrheit der Liberalen regelmäßig für den Antrag auf Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes gestimmt. Nachdem ich schon am 3. Februar 1903 auf eine Anfrage des Abgeordneten Spahn erwidert hatte, daß nach meiner Ansicht die konfessionellen Verhältnisse innerhalb des Deutschen Reichs es nicht länger notwendig erscheinen ließen, einzelne deutsche Staatsangehörige deshalb, weil sie der Gesellschaft Jesu angehörten, unter die Bestimmung eines Ausnahmegesetzes zu stellen, setzte ich am 8. März 1904 in einer Sitzung des Bundesrats die Aufhebung des § 2 durch und erlangte am selben Tage die Unterschrift des Kaisers für den nunmehr vorliegenden übereinstimmenden Beschluß von Bundesrat und Reichstag. Die Unterschrift Seiner Majestät zu erreichen, war in diesem Falle nicht ganz leicht. Der Kaiser war wie viele Protestanten, übrigens auch nicht wenige Katholiken, gegen die Jesuiten sehr eingenommen. Wenn in einem Bericht von Söhnen des hl. Ignaz von Loyola die Rede war, pflegte er „Höllensöhne" oder „Teufelsbraten" an den Rand zu schreiben. Im Bundesrat widerstrebten namentlich Sachsen und die thüringischen Staaten. Der weise und weitblickende König Albert hatte immer der Tatsache Rechnung getragen, daß Sachsen die Wiege der Reformation war und daß das sächsische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit an seiner evangelischen Konfession festhielt. Sein Bruder und Nachfolger, der König Georg, dessen Söhne und Enkel huldigten einer ultraklerikalen Weltanschauung, die sie auch nach außen gelegentlich zur Schau trugen und die jedermann kannte. Es machte deshalb keinen erhebenden Eindruck, als im ausdrücklichen Auftrag des Königs Georg der sächsische Kultusminister in der Sächsischen Zweiten Kammer erklärte, daß nach einem vom Sächsischen Staatsministerium einstimmig gefaßten Beschluß die sächsischen Stimmen im Bundesrat gegen die Aufhebung des § 2 abgegeben worden seien. Unter lebhaften Bravorufen der damals sehr loyalen Sächsischen Kammer fügte der Minister hinzu, daß dies Vorgehen der Minister die vollste Zustimmung des Königs Georg gefunden habe, was den tief empfundenen und aufrichtigen Dank des sächsischen Volkes verdiene. Das bedeutete natürlich einen aus rein partikularistisch-dynastischen Motiven hervorgehenden, nebenbei gesagt von wenig Mut und ebensowenig Aufrichtigkeit zeugenden Stoß in meinen Rücken. Es liegt eine gewisse Ironie darin, daß der Enkel des Königs Georg, der Kronprinz Georg von 12 HEYDEBRAND Sachsen, nach dem Umsturz erst Priester wurde und dann als Pater Georg von Sachsen Mitglied der Gesellschaft Jesu. Die Debatten, zu denen im Preußischen Abgeordnetenhaus die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes führte, gewährten mir reichlich Gelegenheit, mich von der Unzuverlässigkeit und Unehrlichkeit unserer Parlamentarier aller Parteien zu überzeugen. Der Abgeordnete von Heyde- brand, der nach dem Rücktritt des einsichtigeren Grafen Stirum die Führung der preußischen Konservativen an sich gerissen hatte, erklärte in der pathetischsten Haltung und Stellung, zu der er sich bei seiner kleinen Figur emporrecken konnte: „Bis hierher, Herr Reichskanzler, aber nicht weiter!" Die berufenen Stellen, führte er weiter aus, wahrten nicht genügend die evangelischen Interessen, die regierenden Faktoren zeigten gegenüber dem Ultramontanismus keine Festigkeit. Während der Diskussion konnte ich beobachten, wie Herr von Heydebrand auf einen ausgesprochenen Kulturkämpfer in der nationalliberalen Partei, den Abgeordneten Sattler, übrigens einen tüchtigen Mann, der bald nachher an einer schmerzhaften Krankheit sterben sollte, lebhaft einredete, daß er noch schärfer gegen die Regierung vorgehen möge. Es sollte die Zeit kommen, wo Herr von Heydebrand in schroffer Form und mit beklagenswerter politischer Kurzsichtigkeit mit den Nationalliberalen brach, um sich ganz dem Zentrum in die Arme zu werfen. Die höchsten Töne schlug der nationalliberale Führer Professor Dr. Friedberg an. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mir mit erhobener Stimme und ausgestrecktem Arm zurief: Wenn ein künftiger Treitschke die innere preußische Politik vom Jahre 1904 schildern sollte, so würde der Kanzler Bülow schlecht wegkommen, der die Tür des deutschen Hauses wieder den Jesuiten geöffnet hätte. Es war mir noch vergönnt, denselben Abgeordneten Friedberg im Jahre 1917 vor mir zu sehen, wie er als Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums den Sitzungssaal des Herrenhauses Arm in Arm mit dem Ministerpräsidenten Hertling betrat, ein Herz und eine Seele mit ihm, der Zeit seines Lebens den Jesuiten immer besonders nahegestanden hatte. „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau'n und Männer bloße Spieler", sagt bei Shakespeare der melancholische Edelmann Jacques zu seinem verbannten Herzog. Ich brachte wenigstens die Lacher auf meine Seite, als ich einen Abgeordneten, der ein Jahr vorher für den Antrag auf Aufhebung des § 2 gestimmt hatte, mich nun aber, als ich diesem Antrag entgegenkam, deshalb angriff, frug, ob er etwa jenen Antrag eingebracht hätte in der stillen Hoffnung, mit der Reservatio mentalis, die Regierung würde nicht darauf eingehen. Das wäre ja beinahe jesuitisch. Ich gab meinen innersten Empfindungen Ausdruck, als ich gegenüber den bei dieser Gelegenheit gegen mich gerichteten, zum Teil recht platten Angriffen bemerkte, ich verstünde jetzt die Gefühle, mit denen Hus GATTE EINER KATHOLIKIN L3 sehen Kreisen dem alten „und stupiden" Weibe zusah, das Reisig zu seinem Scheiterhaufen herbeitrug. „Sancta simplicitas!" Am Hofe wurde mir namentlich von den Damen der Kaiserin die Aufhebung des § 2 nicht wenig verargt. Wenn ich im Laufe des südafrikanischen Widerstand Krieges zahlreiche anonyme und nicht anonyme Zuschriften erhalten hatte, in Protestantin denen ich als „Knecht Englands" und „Verräter an der deutschen Sache' geschmäht und bedroht wurde, so kam die Reihe jetzt an meine bebe, ganz unpoÜtische Frau, der während Wochen hitzige Protestanten in meist anonymen Briefen und Postkarten, bisweilen unter wüsten Drohungen, vorwarfen, daß sie, als Katholikin, das Vaterland und ihren Gatten an die S. J. verriete. Auch diese Zuschriften wanderten in den Papierkorb. Aus der Umgebung der Majestäten schrieb mir ein freundlich gesinnter Flügeladjutant: „Während der gestrigen Abendtafel meinte eine der Damen Ihrer Majestät seufzend: ,Der Herr Reichskanzler hat eine katholische Frau, einen katholischen Adjutanten, den Erbprinzen von Salm, auch sein Privatsekretär, der Hofrat Schefer, soll katholisch sein. Jedenfalls ist sein Hausfreund, der Prinz Franz Arenberg, ein eifriger Katholik, der die Frau Reichskanzlerin jeden Sonntag zur Messe in die Hedwigskirche geleitet. Wo soll das hinführen ?' S. M. antwortete nichts, I. M. schwieg auch, sah aber betrübt aus." Ich ließ mich durch solche Mischung von Bosheit und Einfältigkeit nicht irremachen. Ich begreife die Abneigung und das Mißtrauen, das in weiten evangelischen Kreisen gegen die Societas Jesu besteht. Sehen doch auch viele Katholiken mit gleichen Empfindungen auf diesen Orden. Niemand hat an den Jesuiten eine vernichtendere Kritik geübt als in seinen unsterblichen Briefen „Les Provinciales" Blaise Pascal, einer der größten katholischen Geister aller Zeiten. Es ist ein Katholik, der gesagt hat: „O vos, qui cum Jesu itis, non ite cum Jesuitis." Es ist ein kathobscher Tiroler, Hermann Gilm, der wie kaum ein anderer in seinen Jesuitenliedern die Geißel über diesem Orden geschwungen hat. Ich möchte meine Ansicht dahin zusammenfassen, daß in ganz überwiegend protestantischen Ländern wie England und Amerika die Jesuiten wenig Schaden anrichten können. Daß sie in überwiegend oder rein katholischen Ländern durch Leidenschaftlichkeit, Kurzsichtigkeit und Herrschsucht viel zu verderben vermögen, zeigt die polnische, die österreichische und die französische Geschichte. Bei einem Volk wie dem deutschen, wo sich zwei Konfessionen annähernd gleich stark gegenüberstehen, hat der Orden nicht immer zur Verträgbchkeit zwischen den Konfessionen beigetragen. Um so mehr wird es an dem evangelischen Teil der Bevölkerung sein, in großzügiger Toleranz, aber auch mit treuem Festhalten an seinem Bekenntnis, die Rechte und die Stellung der evangebschen Kirche zu verteidigen. Ich möchte ausdrücklich betonen, wie ich weit davon entfernt bin, zu bestreiten, 14 WILHELM II. AUF DEM H AP AG-D AMPFER daß es unter den Jesuiten nicht nur kluge und tüchtige, sondern auch gute, edle, von reinstem Idealismus erfüllte Männer gibt. Während des Deutsch-Französischen Krieges stand ich bei derselben Schwadron mit einem westfälischen Freiherrn von Böselager. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Er war ein ungewöhnlich unterrichteter und begabter junger Mann, dabei ein tüchtiger Soldat, der sich von keinem Königshusaren an Eifer im Dienst, an Unermüdlichkeit im Patrouillereiten, an Tapferkeit bei der Attacke übertreffen ließ. Wir führten oft lange religiöse Gespräche, im Geiste des großen Wortes: „In necessariis unitas." Sobald der Feldzug zu Ende war, bestimmte Böselager sein ganzes nicht unbeträchtliches Vermögen für fromme Zwecke, dann trat er in den Jesuitenorden ein. Als ich mich viele Jahre später bei einem seiner Verwandten nach seinem Ergehen erkundigte, hörte ich, daß Karl Böselager in den sumpfigen Niederungen des Ganges einer Pestepidemie erlegen wäre, bis zum letzten Atemzuge die Kranken pflegend und versehend, die Gesunden aufrichtend und tröstend. Ave, pia anima! Als ich die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes erreicht hatte, schrieb mir Kardinal Kopp: „Eure Exzellenz wollen geneigen, wenigstens ein stilles Dankeswort für die Erledigung der Jesuiten-Frage entgegenzunehmen. Die Wogen der wohl meist nur künstlichen Aufregung werden sich voraussichtlich bald verlaufen, die Katholiken aber hoffentlich der Opfer eingedenk bleiben, die Eure Exzellenz für diese Friedensaktion gebracht haben. In unwandelbarer Treue und Verehrung. G. Kard. Kopp." Mein lieber alter Freund der Prinz Franz Arenberg schrieb mir: „Jukus Bachem, der Redakteur der Kölnischen Volkszeitung, sagt mir soeben, die zweite Auflage des Katholischen Staatslexikons sei fertiggestellt, und die Redaktion habe beschlossen, Dir ein Exemplar in Prachtband zu verehren. Die Leute wissen sehr gut, welches Maß von Dank sie Dir für alle Anfechtungen schulden, denen Du Dich ihretwegen ausgesetzt hast, und wollen Dir mit dieser Aufmerksamkeit ihre Verehrung und Erkenntlichkeit zeigen. Diesen Beweis anständiger Gesinnung bin ich sehr glücklich Dir übermitteln zu können." Mündlich sagte mir Arenberg in jenen Tagen: „Als Zentrumsmann danke ich dir. Als dein Freund sage ich dir: Nun aber Schluß! Wenn in Deutschland eine Partei ungefähr alles erreicht hat, was sie vernünftigerweise verlangen kann, dann ist für die Regierung nicht mehr mit ihr auszukommen, dann wird sie unverschämt." Diese Prophezeiung sollte sich schon zwei Jahre später erfüllen. Im März 1904 unternahm Kaiser Wilhelm seine erste Mittelmeerreise. Mittelmeer- Die Hamburg-Amerika-Linie hatte ihm zu diesem Zweck einen ihrer größten fahrt des Dampfer zur Verfügung gestellt, was Seine Majestät die Möglichkeit bot, °' sers eine stattliche Zahl von Bekannten auf diese Fahrt mitzunehmen. Als der PROFESSOR SCHIEMANN LS Kaiser von der Reise zurückkehrte, sagte mir der Chef des Militärkabinetts Graf Dietrich Hülsen, der viel gesunden Menschenverstand besaß: „Warum haben Sie uns diesen gräßlichen Schiemann auf die Reise mitgegeben ? Er ist ein Schmarotzer, ein Schleicher und ein Schmeichler, das zusammen ist zu viel." Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so muß ich gestehen, daß, wenn Irren überhaupt menschliches Los ist, ich das Malheur hatte, in personalibus häufig zu irren. Als ich Staatssekretär des Äußern wurde, lenkten Waldersee und Holstein meine Aufmerksamkeit auf einen baltischen Professor der Geschichte, Herrn Theodor Schiemann, der sich in einer materiell bedrängten Lage befände. Ich lud ihn zu Tisch ein und fand einen in der russischen Geschichte wohlbeschlagenen Mann. Da ich mich für Geschichte immer lebhaft interessiert, auch während meines langen Aufenthaltes in Rußland selbst russische Geschichte studiert hatte, fand ich Gefallen an ihm, obwohl mich die allzu weit getriebene Unterwürfigkeit seiner Manieren nicht angenehm berührte. Da es ihm wirklich recht schlecht zu gehen schien, so unterstützte ich ihn gelegentlich aus dem kleinen Fonds, der mir für solche Zwecke zur Verfügung stand. Ich erfüllte auch seinen brennenden Wunsch, dem Kaiser vorgestellt zu werden, und ließ ihn nach einem Diner, an dem Seine Majestät teilgenommen hatte, seine Paradestücke aufsagen: die Hinrichtung des unglücklichen Zarewitsch Alexei durch seinen Vater, Peter den Großen, die Ermordung des Kaisers Peter III. durch seine Gemahlin, die Kaiserin Katharina, die Erdrosselung des Kaisers Paul unter stillem Mitwissen, wenn nicht mit Konnivenz semer Gemahlin und seines ältesten Sohnes, des Kaisers Alexander I. Ich setzte ihn auch auf die Liste der Personen, die ich dem Kaiser vorschlug auf die Mittelmeerfahrt mitzunehmen. Da Schiemann nicht nur sehr verhungert aussah, wodurch er von vornherein das weiche Herz meiner Frau gerührt hatte, sondern auch recht schäbig angezogen war, so ließ ich ihn für die Reise neu ausstaffieren. Er erhielt einen stattlichen dunkelblauen und einen schmucken hellgrauen Anzug, mit denen bekleidet er sich ohne Scheu dem Allerhöchsten Gefolge anschließen konnte. Aber Theodor Schiemann vertrug wie manche andere Gelehrte die Hof luft nicht. Er bildete sich immer mehr zum Speichellecker und Ohrenbläser aus und sollte mir und, was schlimmer war, unserer Politik im Laufe der Jahre viele Ungelegenheiten bereiten. Schiemann schrieb damals in der „Kreuzzeitung" die wöchentHche Rundschau über auswärtige Politik und benutzte fast jeden seiner Artikel zu einem Trompetenstoß für mich. Diese Aufsätze sind später in Buchform erschienen. Sie stehen wohlgeordnet in meiner Bibliothek. Sie waren schön eingebunden in prächtigem rotem Leder, sie brauchten also nicht zu erröten, als sich Professor Schiemann mir gegenüber nach meinem Rücktritt aus einem eifrigen Lobredner in einen gehässigen Gegner verwandelte. L6 PLÖTZLICHER KURS AUF GENUA Während der Kaiser das Mittelmeer befuhr, erfolgte der Besuch des Keine Präsidenten der Französischen Republik Loubet in Rom. Wilhelm II. hätte Begegnung g ar zu g ern e j ne Begegnung mit Loubet herbeigeführt. Er überlegte sich mit Loubet e jf r £g ,j as Zeremoniell des Zusammentreffens. Er bezeichnete es mir als unmöglich, bei einem Besuch von Loubet an Bord eines deutschen Schiffes die „Marseillaise" spielen zu lassen. „Das wäre gegen meine legitimistischen Grundsätze", meinte der Kaiser. Dagegen wollte er dem Präsidenten den französischen Armeemarsch „Sambre et Meuse" konzedieren, obwohl auch dieser Marsch die Bluttaufe der Revolution erhalten hatte. Ich sagte dem Kaiser, daß er sich umsonst den Kopf zerbreche, denn Loubet würde schwerlich den Mut haben, mit ihm zusammenzutreffen und dadurch alle französischen Chauvinisten, Deroulede und die Ligue des Patriotes vor den Kopf zu stoßen. Das würde er gerade in dem Augenblick nicht wollen, wo er bemüht wäre, unter Brüskierung des Papstes die Italiener einzufangen. Der Kaiser hielt aber an seinem Plan mit der Hartnäckigkeit fest, die ihm eigen war, wo es sich um persönliche Inspirationen handelte. Er hatte ursprünglich die Absicht gehabt, vor Beendigung seiner Mittelmeer-Reise Korfu anzulaufen, um dort mit seiner Schwester, der Kronprinzessin Sophie von Griechenland, zusammenzutreffen und sich gleichzeitig das Achilleion anzusehen, das schöne Schloß der Kaiserin Elisabeth von Österreich^ von dem er viel gehört hatte, das er zu besitzen wünschte und später auch erworben hat. Plötzlich wurde, ohne daß es mir nach Berlin mitgeteilt worden wäre, der Kurs des Dampfers, der Seine Majestät trug, geändert und statt auf Korfu und Venedig auf Genua genommen, in der Hoffnung, unterwegs dem in denselben Tagen von Neapel nach Frankreich zurückkehrenden Präsidenten Loubet zu begegnen, richtiger gesagt, um ihn zwischen Neapel und Genua zu überfallen. Der Kaiserliche Botschafter in Rom Graf Monts schrieb mir unter dem 31. März 1904, daß Seine Majestät an der Ausschiffung in Genua festhalte. Es hieß in diesem Brief: „Da der für Genua in Aussicht genommene Termin des 29. mit dem Termin der Abreise des Präsidenten Loubet aus Neapel zusammenfällt, war von italienischer Seite vertraulich angeregt worden, ob nicht eine Änderung des Reiseprogramms Seiner Majestät zu ermöglichen wäre. Der Kaiser hatte indes ein Parallelprogramm, in welchem Major von Chelius eine Ausschiffung in Triest in Vorschlag brachte, abgelehnt. Da gegen Schluß der Reise ein Besuch des Adriatischen Meers, speziell der Insel Korfu in Aussicht steht, wird vermutlich italienischerseits in der Rückkehr in das Mittelländische Meer zwecks Ausschiffung in Genua eine Absichtlichkeit gefunden werden. Dieselbe würde in erster Linie auf den König Viktor Emanuel verstimmend einwirken und den tatsächlich guten Verlauf der Neapler Entrevue beeinträchtigen. Der italienische Hof würde nicht u mh inkönnen, UM LOUBET ABZUFANGEN 17 in Genua eine offizielle Begrüßung zu inszenieren. Ein deutscher Kaiser auf einem Kriegsschiff mit Kriegsschiffsbegleitung kann nicht als Privatmann den Fuß ans Land setzen. Zur Begrüßung unseres Herrn würde höchstens ein italienischer Prinz, wohl der Herzog von Genua, mobil gemacht werden, während der König die Einschiffung des Präsidenten Loubet in Neapel zur gleichen Stunde persönlich überwacht. Es ergäben sich da Vergleiche, die weder für die Offentlichkeit nützlich noch für Seine Majestät persönlich erfreulich sein würden. Abgesehen hiervon, müßten die jetzt schon hin und wieder auftauchenden Gerüchte über den Wunsch nach einer Entrevue mit Loubet neue Nahrung erhalten, wenn der Deutsche Kaiser sozusagen die Kiellinie des französischen Geschwaders kreuzt. Die Angelegenheit ist von mir mehrfach mit dem Vertreter des Auswärtigen Amts an Bord des kaiserlichen Schiffes, Herrn von Tschirschky, erwogen worden. Derselbe meinte, daß es nur Eurer Exzellenz persönlich möglich sein würde, den Kaiser unter Darlegung obiger Gründe von der Bückkehr ins Mittelmeer abzubringen. Es wird überhaupt sowieso nicht leicht sein, Seine Majestät zur Änderung des Programms zu veranlassen, da Allerhöchstderselbe zu einigen Adjutanten, nicht zu Herrn von Tschirschky oder mir, den Wunsch ausgesprochen hat, dem französischen, nach Neapel gehenden Geschwader wie zufällig auf der Fahrt zu begegnen. Übrigens würde, wenn es schon einem Nelson nicht gelang, die nach Ägypten gehende Flotte zu treffen, auch dem Comodore Usedom es sicherlich schwerfallen, die Panzer der Bepublik auf olfener See sozusagen abzufangen. Zum Schlüsse bemerke ich noch ehrerbietigst, daß während meines Aufenthalts in Neapel öfter Äußerungen aus dem Munde des Kaisers fielen, die auf den Wunsch einer nächstjährigen Wiederholung der Osterfahrt hindeuten. Hiermit quadriert auch die trotz aller gegenteiligen Äußerungen Seiner Majestät doch sehr auffallend gewesene Freundlichkeit gegen den König sowie die allen Vorschlägen entgegenkommende, oft dieselben geradezu überholende Bereitwilligkeit, Gnaden und Orden auszuteilen." Am 2. April fügte der Botschafter das nachstehende Postskriptum hinzu: „Unmittelbar vor Postschluß erhalte ich ein Telegramm des Gesandten von Tschirschky. Derselbe bittet dringend. Eure Exzellenz möchten ja nicht zu S. M. irgend etwas darüber verlauten lassen, daß Allerhöchstderselbe den Wunsch geäußert hat, die französische Flotte im Mittelmeer zu treffen. Die betreffende Marine- und Adjutantenquelle würde dadurch aufs peinlichste kompromittiert und für den auswärtigen Dienst für immer verstopft werden." Dem Kaiser blieb schließhch nichts anderes übrig, als sich mit den landschaftlichen Beizen Siziliens zu entschädigen, die sein für das Schöne empfängliches Gemüt in helle Begeisterung versetzten. Die erhabenen Grabdenkmäler zweier großer deutscher Kaiser, des genialen und unglücklichen 2 BUlow II 18 ECKAKDSTEINS„FAMOSER" RAT Frankreich Kaisers Friedrich II. und seines gewaltigen Vaters, Heinrichs VI., im Dom von Palermo riefen ihm die Hohenstaufen ins Gedächtnis, die in Sizilien selbst ziemlich vergessen und deren Bilder jedenfalls für die Einheimischen bereits stark verblaßt sind. Es erregte deshalb einiges Erstaunen, als der Kaiser bei seiner Rückkehr nach Deutschland in Karlsruhe am 28. April 1904 auf eine Ansprache des Bürgermeisters erwiderte, er komme aus einem Lande, wo das Andenken an die deutschen Kaiser treuer gepflegt und lebendiger aufrechterhalten würde als irgendwo sonst. Ich tönte diese Rede nach Möglichkeit ab, bevor sie veröffentlicht wurde, sie erregte aber doch Kopfschütteln. Es war nun einmal der Charme, aber auch die Klippe Wilhelms IL, sich den wechselndsten Eindrücken unterschiedslos mit dem gleichen Impetus hinzugeben. Als ich einige Stunden vor dem Kaiser in Karlsruhe eintraf, um ihn dort Der Kaiser zu begrüßen, fand ich ein chiffriertes Telegramm des Auswärtigen Amts vor, und m d em m i r gemeldet wurde, daß sich der Legationsrat von Eckardstein nach Karlsruhe begeben habe. Der Staatssekretär von Richthofen, der dies Telegramm an mich gesandt hatte, fügte hinzu, er höre von einem großen und durchaus zuverlässigen Berliner Bankier, daß Eckardstein stark ä la baisse engagiert sei. Ich möge ein Auge auf seinen Verkehr mit dem Kaiser haben. Eckardstein hatte nicht lange vorher den Dienst verlassen, in dem Augenblick, wo ich, trotzdem mir allmählich manches an ihm mißfiel, für ihn an einen kleineren Gesandtenposten dachte. Er motivierte seinen Rücktritt damit, daß seine Frau nur in England leben könne und daß ihn selbst beträchtliche Vermögensinteressen an die Heimat seiner Gattin knüpften. In späteren Jahren sollte es sich herausstellen, daß Eckardstein schon damals zu tief in große und gewagte Börsenspekulationen verwickelt war, um fern von der Londoner City ein Amt übernehmen zu können. In Karlsruhe merkte ich bald, was ihn dorthin geführt hatte. Der Kaiser erzählte mir in seiner offenherzigen Weise, daß Eckardstein ihm einen „famosen" Rat gegeben habe. Er möge die erste sich darbietende Gelegenheit, z. B. die unmittelbar bevorstehende Einweihung eines Kriegerdenkmals in Metz oder Saarbrücken, benutzen, um einen festen Kaltwasserstrahl nach Paris zu richten. Das würde des Kaisers Prestige erhöhen, die Franzosen aber dämpfen. Der Ratschlag war insofern gefährlich, als der Kaiser sich gerade damals in gereizter Stimmung gegen die Franzosen befand, weil Loubet es nicht zu der von Seiner Majestät brennend gewünschten Entrevue hatte kommen lassen. Es gelang mir, den Kaiser von Entgleisungen in der von Eckardstein empfohlenen Richtung abzuhalten, und bald nachher führte ein anderer Zwischenfall bei Seiner Majestät einen neuen und vollen Umschwung zugunsten der „belle France" herbei. Bei einem in Homburg vor der Höhe abgehaltenen Automobilrennen, dem der Kaiser beiwohnte, „VIVE L'EMPEREUR!" 19 siegte ein französischer Fahrer. Als der Kaiser ihm den von Ihrer Majestät ausgesetzten Ehrenpreis überreichte, riefen einige der anwesenden Franzosen: „Vive 1'Empereur!" Der Kaiser war von dieser Huldigung so begeistert, daß er stante pede an Präsident Loubet drahtete: „Ich beeile mich, Ihnen zu dem Siege Glück zu wünschen, den die französische Industrie soeben davongetragen hat und dessen Zeuge ich zu meiner Freude gewesen bin. Der dem Sieger vom Publikum bereitete Empfang beweist, wie sehr ein durch Intelligenz und mutiges Streben errungener Sieg dazu dient, Gefühle frei von Rivalität zu erzeugen." Der Kaiser hatte seinem Enthusiasmus ursprünglich weit mehr die Zügel 6chießen lassen wollen. Es gelang meinem Freunde, dem Kabinettsrat von dem Knesebeck, der in meiner Abwesenheit mit der Redaktion der Depesche betraut wurde, eine verständige Fassung durchzusetzen. Präsident Loubet antwortete mit Würde und Vorsicht. Mir telegraphierte der Kaiser: „Gordon-Bennet-Rennen großartig verlaufen! Ungeheure Beteiligung namentlich aus Frankreich. Franzose gewann. Französischer Präsident des Pariser Autoklubs und Vorstandsmitglieder wurden mir vorgestellt und brachten mir proprio motu ein Hurra namens Frankreichs, in welches die vielen Hunderte von Franzosen und Französinnen begeistert einstimmten. Man hörte vielfach: ,Vive l'Imperatrice!' und ,Vive 1'Empereur!' Haltung der Franzosen tadellos, Tribünen im Stil eines römischen Zirkus, von Jacobi, einfach großartig! Allgemeine Zufriedenheit und Begeisterung, ganz hervorragende Arrangements. Behörden haben brillant gearbeitet. Ich glaube, beide Länder sind sich einen Schritt nähergekommen." Der kleine Vorfall zeigte wieder, wie sehr Wilhelm IL dazu neigte, politisch ziemlich gleichgültigen Episoden eine übertriebene Bedeutung beizulegen. Diesmal war es das „Vive 1'Empereur!", das den Kaiser elektrisierte. Schon Bismarck hatte anläßlich des von Wilhelm II. bald nach seinem Regierungsantritt geförderten Besuchs seiner Mutter in Paris, der bekanntlich zu einem Fiasko wurde, bitter geäußert: „Unserem Allergnädigsten Herrn genügt das preußische Hurra nicht mehr, er sehnt sich nach dem französischen Vive 1'Empereur." Der naive Subjektivismus Wilhelms IL, seine, um ein modernes Schlagwort zu gebrauchen, egozentrische Veranlagung zeigte sich auch gegenüber dem Automobil. Als die ersten Automobile Unter den Linden auftauchten, der Kaiser selbst sie aber noch nicht benutzte, ärgerte er sich über die Straßenfahrzeuge, die seine Pferde scheu machten. Er verlangte ihre polizeiliche Überwachung und Einschränkung und meinte vor mir: „Ich möchte ara liebsten jedem Chauffeur mit Schrot in den---schießen!" Als er dann selbst fuhr und seine eigenen Chauffeure lustig ihr Tatütata erschallen ließen, wurde er ein feuriger Lobredner und Anhänger des Automobilsports und betrachtete jede Kritik seiner Auswüchse fast als persönliche Beleidigung. 2« II. KAPITEL Herero-Auf stand (1904) • Kriege sollen nicht nur militärisch, sondern politisch geführt werden • Der Russisch-Japanische Krieg • Kuropatkin • Besuch König Eduards in Kiel Bülow mit Tirpitz zum Vortrag beim Kaiser, Eintreffen Eduards VII. in Kiel (25. VI. 1904) • Bülows Unterredung mit dem englischen König • Die Presse beider Länder Toaste in Kiel • Besuch des englischen Herrschers in Hamburg • Bülows Unterredung mit dem Earl of Seiborne • Der Segelsport in Kiel Während des Jahres 1904 wurde meine Aufmerksamkeit besonders durch zwei Fragen in Anspruch genommen. Einmal durch den Aufstand in Deutsch- m un serer südwestafrikanischen Kolonie, dann und in noch höherem Grade Südtvestafrika j urcn ^ en J^rieg zwischen Rußland und Japan. In Deutschland wurde vielfach behauptet, die Insurrektion der Hereros wäre von den Engländern angestiftet worden. Ich habe das damals nicht geglaubt und glaube es auch heute nicht. Solche Erhebungen in afrikanischen Kolonien und namentlich in neu erworbenen Kolonien hat es immer und überall in allen Teilen des dunklen Erdteils gegeben. Der Aufstand war ernst, wurde aber dank der Zähigkeit und Bravour unserer Truppen, wenn auch unter schmerzlichen Opfern und mit erheblichen Kosten, in langen und mühsamen Kämpfen überwunden. Die ausgezeichnete Haltung der Truppe war ein schöner Beweis dafür, daß unser Volk in langer Friedenszeit seine kriegerischen Tugenden nicht eingebüßt hatte. Mit Recht durfte ich in meiner „Deutschen Politik" sagen, daß die Namen der Tapferen, die im afrikanischen Wüstensand kämpften und starben, es verdienten, im Gedächtnis unseres Volks fortzuleben.* Damals, 1916, fügte ich hinzu: „Möge dies Blut nicht umsonst geflossen sein und Südwestafrika, die älteste deutsche Kolonie, das große Gebiet, wo, von Bismarck geführt, Deutschland zum erstenmal afrikanischen Boden betrat, nach diesem Krieg mit seinen Diamantfeldern für immer in unseren Besitz zurückkehren." Diesen Wunsch hat die Vorsehung nicht erfüllt. Südwestafrika ging im Weltkrieg Deutschland nach heldenmütigem Widerstand verloren. 1904 bezeichnete der südwestafrikanische Aufstand eine Krisis in unserer Kolonialpolitik, aber auch eine Wendung zum Besseren. Alle unsere Kolonien waren in bester Entwicklung, Verständnis * Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, S. 107. DIE HEREROS IN DIE SANDWÜSTE 21 für den Wert und die Bedeutung unserer Kolonien war allmählich in die weitesten Kreise des deutschen Volks gedrungen, als der unglückliche Ausgang des Weltkriegs mit dem Sturz des glorreichen Deutschen Reichs auch diese schönen Hoffnungen zerstörte. Wenn ich an den südafrikanischen Aufstand zurückdenke, so drängt sich mir unwillkürlich die Erinnerung an einen Zwischenfall auf, der mir während des Weltkrieges mehr als einmal wieder lebendig wurde. Der General von Trotha, ein schneidiger Gardeinfanterist, war im Frühjahr 1904 mit der Leitung der Operationen in Südwestafrika betraut worden. Um rascher mit den Hereros fertig zu werden, schlug er vor, sie mit Frauen und Kindern in eine wasserlose Wüste zu treiben, wo sie einem sicheren und qualvollen Tod entgegengegangen wären. Ich erklärte Seiner Majestät, daß ich meine Zustimmung zu diesem Vorgehen nicht geben würde. Der Kaiser machte erst große Augen, dann geriet er in Erregung. Meinem Hinweis auf unser Christentum begegnete er mit der Einwendung, daß dessen Gebote gegenüber Heiden und Wilden keine Geltung hätten. Ich sagte ihm: „Ich verzichte auf alle theologischen Argumente und berufe mich nicht auf die Bergpredigt, sondern auf einen sehr unheiligen Mann, auf Talleyrand, der nach der Erschießung des Duc d'Enghien meinte: ,Cest' pire qu'un crime, c'est une faute.' Eurer Majestät Kein-Pardon-Rede hat schon viel Unheil angerichtet, obwohl das nur eine Ankündigung war. Wenn Sie jetzt von der Theorie zur Praxis übergehen, so richten Sie einen Schaden an, der den Einsatz nicht lohnt. Kriege können nicht rein militärisch geführt werden, die Politik muß mitsprechen." Der Kaiser brauste auf, und wir trennten uns in nicht freundlicher Stimmung. Nach einigen Stunden erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mir mitteilte, er füge sich meinen Vorstellungen, und den er mit jener Mischung von Güte und Geist, die ihm oft eigen sein konnte, unterzeichnete: Wilhelm I. R. qui laudabiliter se subjecit. Ich bin fest überzeugt, daß, wenn Wilhelm II. im Weltkrieg als politischen Berater an seiner Seite statt vier Unzulänglichkeiten einen Kanzler gehabt hätte, der diesen Namen verdiente, wir nicht militärische Maßnahmen ergriffen haben würden, deren reeller praktischer Vorteil nicht die Einbuße aufwog, die sie uns moralisch und politisch zufügten. Kriege werden im letzten Ende nicht allein militärisch, sondern vor allem politisch gewonnen oder verloren. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß auch unsere schärfsten militärischen Maßnahmen während des Weltkriegs nicht entfernt an die Grausamkeit eines Davoust in Hamburg, eines Melac in der Pfalz, eines Kitchener in Südafrika heranreichten und daß die von England im Weltkrieg 22 DER ZAR IN DEN KRIEG GETAUMELT gegen uns in Szene gesetzte Blockade, die den Mord an vielen tausenden unschuldigen deutschen Frauen und Kindern bedeutete, verabscheuungs- würdiger war als die Versenkung der „Lusitania" und die Erschießung von Miß Cavell. Aber wie beim Beginn des Krieges durch unsere täppische diplomatische Taktik, so beluden wir uns in dessen weiterem Verlauf durch die blöde Ungeschicklichkeit unsrer „Frightfulness" mit dem bösen Schein. Auch hier waren wir das Schaf im Wolfspelz. Graf Osten-Sacken, der ein alter und erfahrener Diplomat war, hatte mir Russisch- gegenüber schon im Herbst 1903 die Beibungen zwischen Bußland und Japanischer Japan, die dem Ausbruch des Krieges vorausgingen, nicht ohne Grund mit Krie S dem Ursprung des mexikanischen Abenteuers verglichen. Der Bussisch- Japanische und der Französisch-Mexikanische Krieg glichen sich darin, daß sie beide aus unsauberen Börsenspekulationen hervorgingen. Sie glichen sich auch darin, daß diese von Jobbern inszenierten kriegerischen Unternehmungen mit patriotischen Phrasen als weitsichtige politische Aktionen drapiert wurden. In Frankreich hatte Bouher die mexikanische Expedition „la plus grande pensee du regne" genannt. In Bußland versicherten die Kamarilla, die den Zaren umgab, die Großfürsten, die am Jalu Geld gewinnen wollten, und alle Höflinge dem Zaren, daß die russische Expansion in Ostasien an die große Politik des großen Peter und der großen Katharina erinnere. Um so begreiflicher war das Unbehagen der Panslawisten, die gewünscht hätten, daß Bußland alle seine Kräfte für Europa und insbesondere für den Balkan zusammenfasse und aufspare. Zum Oberbefehlshaber der russischen Landarmee in der Mandschurei wurde Kuropatkin ernannt, bis dahin der Abgott russischer Patrioten. Er galt nicht nur für einen glänzenden Haudegen ä la Skobelew, sondern auch als ein ganz großer Stratege von fast napoleonischen Dimensionen. Ich bin ihm in Petersburg mehr als einmal in Gesellschaft begegnet, auch bei kleineren Diners. Er wirkte dadurch, daß er wenig sprach, was als Zeichen eines tiefen Geistes ausgelegt wurde. Statt zu reden, trank er ein Gläschen Wodka nach dem anderen, was als Beweis einer echt russischen Natur allgemein gefiel. Der arme Mann sollte das Schicksal von Gyulai und Benedek, von Lebceuf, Bazaine und Trochu und manchen anderen zuerst überschätzten, dann geschmähten Feldherren erfahren. Kaiser Nikolaus war in diesen Krieg hineingetaumelt. Der Zusammenstoß mit Japan war ihm immer als möglich, zeitweise sogar als wahrscheinlich erschienen; er hatte aber nicht gedacht, daß der Krieg so bald und so plötzlich ausbrechen würde. Am Tage bevor japanische Torpedoboote das russische Geschwader auf der Außenreede von Port Arthur angriffen, beehrte auf einem Hof ball in St. Petersburg der Zar den japanischen Gesandten mit einer längeren und gnädigen Ansprache. Im weiteren Verlauf des Balles äußerte der Japaner mit dem unbewegüchen DIE ANGEREGTE ENTREVUE 23 Gesicht des Ostasiaten zu der deutschen Botschafterin, der Gräfin AJvens- leben: „Der arme Zar weiß nicht, daß, während er hier mit mir spricht, sein Geschwader in Port Arthur von uns versenkt wird." Auch nachdem das Seegefecht von Tschemulpo tatsächlich Korea in japanischen Besitz gebracht hatte, erwiderte Kaiser Nikolaus dem Hofmarschall Benckendorff auf dessen Frage, ob im Hinblick auf den Krieg mit Japan die bevorstehenden Hofbälle nicht abgesagt werden sollten: „Es wird ja gar nicht zu einem ernstlichen Krieg kommen. Les Japonais n'oseront pas." Eine russische Freundin sagte mir später darüber: „Les imperiaux dans tous les pays ne veulent jamais croire et admettre ce qui ne leur convient pas." Sie hätte auch den lateinischen Spruch zitieren können: „Quos deus perdere vult, dementat prius." Wenn der Mai gekommen war und die Bäume ausschlugen, pflegte sich in der beweglichen Brust des Kaisers Tatendrang zu regen. Nicht immer zu Eduard VII. seinem Heil. Im Frühjahr 1904 überraschte er mich mit der Mitteilung, kommt nach daß sein Oheim König Eduard sich zu einem Besuch in Kiel angesagt hätte. Klel Ich hatte sogleich Zweifel daran, ob dieser Besuch wirklich aus der Initiative des Königs hervorgegangen wäre. Ich hörte denn auch später, daß der Kaiser durch seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, dem König den Wunsch eines Zusammentreffens in Kiel hatte nahelegen lassen. Der Gedanke, den englischen Monarchen gerade in die Werkstatt unserer Flotte, in unseren schönsten Hafen zu führen und ihm die raschen Fortschritte unserer Marine ad oculos zu demonstrieren, behagte mir nicht. Ich hätte lieber einen Besuch in Berlin oder ein Zusammensein in Wilhelmshöhe mit seiner prächtigen Umgebung oder in Homburg v. d. Höhe mit Automobilausflügen im Taunus und hübschen Fahrten auf dem Rhein gesehen. Während ich mir diese Erwägungen durch den Kopf gehen Heß, trat Tirpitz bei mir ein, dem der Kaiser den ihm angeblich angesagten englischen Besuch in Kiel gleichfalls telephonisch mitgeteilt hatte. Die Entrevue in Kiel mißfiel ihm fast noch mehr als mir. Er meinte, der Kaiser würde bei seiner kindlichen Eitelkeit es nicht lassen können, sich vor den Engländern mit der raschen Entwicklung seiner Flotte und den von ihm auf diesem Gebiet bereits erzielten Erfolgen zu brüsten. Das Renommieren wäre ihm nun einmal nicht abzugewöhnen. Es handle sich also nur noch darum, ihm keine zu bedenkliche Gelegenheit zum Prahlen zu geben. Jedenfalls müßten wir verhindern, daß der Kaiser die ganze Flotte in Kiel zusammenzöge. Je weniger Schiffe er dort den Engländern vorführe, um so besser. Wir beschlossen, dem Kaiser gemeinsam Vorstellungen zu machen, und fuhren zu diesem Zweck sogleich von Berlin nach dem Neuen Palais. Als ich dem Kaiser sagte, daß ich eine Begegnung in Homburg, Wilhelmshöhe und auch in Berlin lieber gesehen hätte als in unserem größten 24 IMPONIEREN Kriegshafen, erwiderte er nicht ohne Gereiztheit, sein Onkel habe ihm den Besuch in Berlin bisher verweigert, um einen solchen „betteln" wolle er aber nicht. Da ich diesen Einwurf vorausgesehen hatte, zog ich ein den Akten entnommenes Telegramm aus der Tasche, aus dem hervorging, daß König Eduard schon vor längerer Zeit dem Kaiser einen Besuch in Berlin hatte abstatten wollen. Von Seiten des Kaisers, dem der Besuch damals nicht paßte, da er andere Dinge vorhatte, war abgewinkt worden. Seiner Majestät blieb nichts anderes übrig, als sich darauf zu berufen, daß er dem König von England bereits telegraphiert hätte, er wäre hocherfreut über dessen baldige Ankunft in Kiel. Dabei müsse es bleiben. In ruhiger und sachlicher Weise entwickelte nun der Staatssekretär des Beichsmarineamts, daß wir besser täten, nicht unsere ganze Flotte in Kiel zusammenzuziehen. Der Kaiser, der Tirpitz seit längerer Zeit nicht mehr mochte, während er für mich damals noch von gütigen und freundschaftlichen Gefühlen beseelt war, erklärte in unwirschem Tone, es sei kindisch, zu glauben, daß die Engländer nicht über den Bestand unserer ganzen Flotte, von den Groß- kampfschiffen bis zur kleinsten Pinasse, genau orientiert wären. Tirpitz entgegnete, daß auch er daran nicht zweifle. Es sei aber ein Unterschied, ob König Eduard und die ihn begleitenden Admirale und Seeoffiziere über unsere Marine nur durch die Berichte des englischen Marineattaches in Berlin und gelegentliche Meldungen von Agenten und Spionen informiert würden oder ob sie unsere Flotte in ihrer ganzen Stärke und Manövrierfähigkeit vor sich erblickten. Gerade auf den Engländer wirke sehr stark, was er vor sich sehe, der direkte Eindruck. Ich unterstützte lebhaft und nachdrücklich die durchaus zutreffenden Vorstellungen von Tirpitz. Schließlich meinte der Kaiser, Tirpitz möge so viele oder so wenige Schiffe nach Kiel zusammenziehen, wie er wolle. Am nächsten Tage stellte sich heraus, daß der Kaiser trotzdem im Laufe der Nacht durch das Marinekabinett direkt Weisung gegeben hatte, auch den kleinsten Kahn nach Kiel zu schicken. Er wollte auch bei diesem Anlaß vor allem „imponieren". Am 25. Juni sollte der König von England in Kiel eintreffen. Der Kaiser hatte die Absicht, seinen Onkel, der den Weg durch den Kaiser-Wilhelm- Kanal einschlagen wollte, in Brunsbüttel zu empfangen, wovon ich ihn mit Mühe abhielt, unter Hinweis darauf, daß es dem nicht mehr ganz jungen King schwerlich angenehm sein würde, morgens zwischen vier und fünf Uhr im Schlafe gestört zu werden. Der Kaiser bestand aber darauf, daß er dann wenigstens dem König an Bord seines Schiffes den ersten Besuch abstatten wolle. Als er seinen Oheim dies wissen ließ, entgegnete dieser mit dem von ihm nie verleugneten Takt, es wäre an dem Besucher, dem Besuchten die erste Visite zu machen. Der Kaiser hatte alles in Bewegung gesetzt, um den Empfang so glänzend wie nur irgend möglich zu gestalten. TOASTE AN BORD DER „HOHENZOLLERN" 25 Wie man auf französisch sagt, er hatte zu diesem Zweck die kleinen Töpfe in die großen Töpfe gestellt, il avait mis les petits pots dans les grands. Alle Staatsminister waren zum Empfang Seiner Großbritannischen Majestät nach Kiel befohlen worden. Wenn ich mich nicht täusche, auch die Staatssekretäre. Ein wahrer Schwärm von goldbetreßten, mit Ordenssternen bedeckten Exzellenzen bewegte sich mit feierlicher Würde am Ufer des Hafens. Alle königlichen Prinzen mußten bei der Ehrenkompagnie eintreten, die an der Landungsstelle aufmarschiert war. Der Kaiser war so nervös, daß er in dem Augenblick, wo sein Onkel die Landungsbrücke betrat, die zum Ehrendienst bei ihm kommandierten Generäle und Admiräle mit kleinen freundschaftlichen Rippenstößen zu größerem Empressement ermunterte. Um so ruhiger war der Onkel. Er hatte den Ersten Lord der Admiralität, den Earl of Seiborne, den Admiral Prinz Louis Battenberg und den englischen Militärattache in Berlin, Graf Gleichen, mitgebracht. Die beiden letzteren waren von Geburt Deutsche: Battenberg der Sohn des Prinzen Alexander von Hessen und der polnischen Gräfin Hauke, Gleichen ein Sohn des Prinzen Viktor von Hohenlohe-Langenburg und einer englischen Miss Seymour. Wie es mit deutschen Renegaten zu gehen pflegt, suchten beide ihre deutsche Abstammung durch outriertes englisches Jingotum in Vergessenheit zu bringen. Battenberg war der Schwager des Prinzen Heinrich von Preußen, Gleichen ein leiblicher Vetter der Kaiserin Auguste Viktoria. Auf diese Weise hörten beide mehr, als gut war. Am Tage der Ankunft des englischen Besuchs fand an Bord der „Hohen- zollern" eine Festtafel statt. Der Kaiser hatte die bei diesem Anlaß von ihm zu haltende Rede mit mir entworfen. Daß er auf einer Wendung bestanden hatte, wonach der König „gütigst" an den Veranstaltungen des deutschen Segelsports Anteil nehmen wolle, schadete nichts. Dafür ließ er meine Sätze stehen, daß die deutsche Flotte, erbaut zum Schutz unseres Handels und des deutschen Bodens, für die Aufrechterhaltung des Friedens bestimmt wäre, den das Deutsche Reich seit über dreißig Jahren gehalten und gemeinsam mit den anderen Großmächten Europa miterhalten habe. „Einem jeden ist bekannt, durch Euer Majestät Wort und Wirken, daß Eurer Majestät Streben auf eben dieses Ziel gerichtet ist: die Erhaltung des Friedens. Da dieses Ziel zu erreichen auch Ich stets meine gesamten Kräfte eingesetzt habe, so möge Gott unseren gemeinsamen Bestrebungen Gelingen verleihen." Am Schluß folgte eine von Wilhelm II. gewünschte Wendung, die an die vom König und vom Kaiser, vom Sohn und vom Enkel gemeinsam verlebten unvergeßlichen Stunden am Sterbebette der großen Beherrscherin des jetzt von König Eduard gelenkten Weltreichs erinnerte. Der König antwortete in deutscher Sprache, in freier Rede und mit Wärme, er sei gerührt, daß sein Bestreben nach Erhaltung des Friedens so freundlich 26 UNTER VIER AUGEN anerkannt worden wäre, und beglückt in der Gewißheit, daß der Deutsche Kaiser das gleiche Ziel im Auge habe. „Möchten unsere beiden Flaggen bis in die fernsten Zeiten, ebenso wie heute, nebeneinander wehen zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Wohlfahrt, nicht allein unserer Länder, sondern auch aller anderen Nationen." Mit einem Hinweis auf die unvergeßliche Königin Victoria, deren Andenken dem Sohn und dem Enkel gleich heilig sei, erhob der König sein Glas auf das Wohl der deutschen Majestäten. Nach einem Frühstück, das am nächsten Tage an Bord der Segeljacht Unterredung „Meteor" stattfand, zog mich der König in ein fast einstündiges Gespräch Eduards VII. unter vier Augen. Es ist falsch, wenn später hier und da verbreitet worden mit Bülow j gt ^ j cn n g tte b e j di esem Anlaß dem König eine Allianz zwischen Deutschland und England vorgeschlagen. Niemand kann mir ernstlich die Taktlosigkeit zutrauen, die dazu gehört hätte, dem König von England nach einem Luncheon, ex abrupto eine solche Proposition zu machen, nachdem die Allianzverhandlungen zwischen uns und England einige Jahre früher an dem Widerstand des damaligen englischen Premierministers und an dem Unverstand der deutschen öffentlichen Meinung gescheitert waren. Der König kam bei jenem Gespräch auf dem „Meteor" zunächst auf Ostasien zu reden. „Die Russen", sagte er mir, „haben sich ihr Mißgeschick selbst zuzuschreiben. Ihre Diplomatie war ebenso ungeschickt, wie es jetzt ihre Kriegführung zu Wasser und zu Lande ist. Die Japaner machen sich in jeder Richtung ausgezeichnet. Sie sind auch moralisch im Recht, Rußland hatte weder Befugnis noch Anlaß, nach Port Arthur zu gehen. Es hat in Korea gar nichts zu suchen und hat die Mandschurei den Chinesen in brutaler Weise entrissen." Der König erzählte mir hierbei, daß Rußland, wenn es auf ihn gehört hätte, um den Krieg herumgekommen wäre. „Ich habe", führte er aus, „Ende November dem damals in Spala weilenden Kaiser Nikolaus die maßvollen Bedingungen übermittelt, unter denen Japan zu einer Verständigung mit Rußland bereit gewesen wäre. Kaiser Nikolaus hat die Antwort auf diese Vorschläge zu lange hinausgeschoben, woran allerdings auch der Tod der kleinen Prinzeß Elisabeth von Hessen mit schuld war, der ihn sehr impressionierte. Die Japaner haben immer wiederholt, daß, wenn Rußland nicht bald eine Antwort gebe, sie ihre kriegslustige öffentliche Meinung nicht länger zügeln könnten. Als sich der Zar endlich entschloß, die japanischen Vorschläge anzunehmen, war es zu spät. Die leitenden japanischen Männer harten sich inzwischen für den Krieg entschlossen." König Eduard machte kein Hehl daraus, daß er ein baldiges Ende des ostasiatischen Krieges wünsche und zu diesem Zweck bald seine Vermittlung eintreten lassen möchte. Die Japaner würden kidant sein. Als ich einwarf, daß Rußland nach solchen Niederlagen ohne schwere Erschütterung seines Prestiges kaum Frieden schließen könne, bemerkte „EINE GROSSE NARRHEIT" 27 der König, er sähe nicht ein, wie sich die Lage für Rußland verbessern solle. „Auf russische Erfolge ist weder zu Wasser noch zu Lande zu rechnen, und das Klügste, was die Russen tun können, wäre, baldmöglichst und zu möglichst akzeptablen Bedingungen Frieden zu schließen." Der König kam auch auf die von Kaiser Wilhelm proklamierte „gelbe Gefahr" zu sprechen und meinte: er könne im Gegensatz zu seinem Neffen und, wie er annehmen möchte, in Übereinstimmung mit mir eine solche nicht anerkennen. „Die Japaner sind ein intelligentes, tapferes und ritterliches Volk, ebenso zivilisiert wie die Europäer, von denen sie nur die Hautfarbe unterscheidet. Es wäre bedauerlich, wenn die Besorgnis vor dem nach meiner Ansicht gar nicht vorhandenen Yellow peril die deutsche Politik in einem Japan feind- bchen Sinn influenzieren würde." Ich entgegnete dem König mit Bestimmtheit, daß wir in dem Ostasiatischen Krieg auch weiter eine neutrale und loyale Haltung beobachten würden. Wir dächten nicht daran, uns in diesen Konflikt einzumischen. Als ich dann dem König meinen Dank für seinen Toast vom vorhergehenden Tage aussprach, bemerkte der hohe Herr, daß ihm ein friedliches und freundliches Verhältnis zu Deutschland aufrichtig am Herzen liege. „Deshalb bin ich Ihnen auch persönlich dankbar für den Mut und für die Festigkeit Ihrer Haltung während des Burenkriegs. Sie hatten es damals nicht leicht. Es ist ein Unglück, daß das deutsche und das englische Volk sich nicht besser verstehen. Es ist das eigentlich schwer zu begreifen, denn der einzelne Deutsche, der nach England kommt, fühlt sich dort sehr wohl und schätzt die großen Eigenschaften des englischen Volks. Umgekehrt sind alle Engländer, die in Deutschland leben, voll Anerkennung für die Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes auf allen Gebieten, in der Wissenschaft, in der Kunst, neuerdings auch in Handel und Industrie." Ich erlaubte mir lächelnd einzuwerfen: „With the exception of Mr. Saunders." Es war dies der damalige Korrespondent der „Times", der, wie ich dies schon 1899, bei meinem damaligen Besuch in England, Mr. Balfour auseinandergesetzt hatte, in der gehässigsten und perfidesten Weise gegen uns hetzte. Der König stimmte mir mit Lebhaftigkeit bei. „An der Verstimmung zwischen Deutschland und England", äußerte er mit Nachdruck, „trägt die Presse eine Hauptschuld. Ich will nicht untersuchen, ob die deutsche Presse mehr sündigt oder die englische. Ich will nur feststellen, daß zwischen Deutschland und England zwar leider viel Illfeeling vorhanden ist, aber ganz gewiß kein unversöhnlicher Interessengegensatz. Ein Zusammenstoß zwischen beiden Ländern wäre das größte Unglück, das der Welt widerfahren könnte, und speziell für Europa. Es wird aber nicht dazu kommen, da es nicht nur ein großes Unglück, sondern auch eine große Narrheit (folly) sein würde. Man muß nur in Deutschland wie in 28 ENGLISCH-FRANZÖSISCHES AGREEMENT England nicht zu mißtrauisch und nicht zu empfindlich sein. Weite englische Kreise sind überzeugt, daß die Deutschen ihre Flotte mit der Absicht bauen, wenn sie zur See stark genug sein werden, über England herzufallen und ihm durch Vernichtung seines Handels oder gar durch eine Invasion für immer das Rückgrat zu brechen. Ich teile diese Auffassung nicht, ich bekämpfe sie sogar. Sie müssen aber auch verstehen, daß, da England steht und fällt mit seiner Sicherheit zur See, die englische Admiralität für jedes neue deutsche Schiff zwei neue englische Schiffe baut. In Deutschland ist man geneigt, freundschaftliche Beziehungen zwischen England einerseits, Frankreich, Rußland, Italien, Spanien andererseits als eine direkte Bedrohung aufzufassen. Solche Beziehungen sind aber von demselben defensiven Geist eingegeben wie der Dreibund und wie die deutschen Flottenbauten. Wenn man in Berlin wie in London kaltes Blut bewahrt und keine ,ganz großen Dummheiten' macht, so wird die Spannung zwischen Deutschland und England mit der Zeit gerade so vorübergehen, wie während der letzten neunzig Jahre ähnliche, sogar noch bedenklichere Spannungen zwischen Frankreich und England und zwischen England und Rußland sich allmählich verflüchtigt haben." Im Anschluß hieran kam der König aus eigener Initiative auf das Der König „Agreement" zu sprechen, das vom Kabinett Balfour am 8. April mit Frank- über den re ich über die Schlichtung kolonialer Streitfragen abgeschlossen worden en & war. Es war an demselben Tage unterzeichnet worden, an dem Wilhelm II. v , . , auf einer Mittelmeerreise Malta besucht hatte. Das Abkommen bestand aus Kolonial- vertrag drei Erklärungen: L England versprach, an dem bestehenden Zustande in Ägypten nichts zu ändern; Frankreich, keinen Räumungstermin zu fordern. 2. Frankreich versprach, den politischen Zustand in Marokko nicht zu ändern; England erkannte an, daß Frankreich als Nachbarstaat Marokkos das Recht habe, die Ruhe dort zu erhalten und dem Sultan im Notfall bei seinen Verwaltungsreformen militärische und finanzielle Hilfe zu leisten. 3. Langjährige Grenz- und Zolldifferenzen zwischen beiden Ländern in Senegambien, am Niger, in Siam, in Madagaskar sowie die alten Streitigkeiten wegen der Neufundländer Fischerei und der Rechtslage der Eingeborenen auf den Hebriden sollten durch gegenseitige Nachgiebigkeit gütlich geschlichtet werden. König Eduard bemerkte über dieses sehr bedeutsame Agreement, an dessen Zustandekommen er persönlich einen großen Anteil gehabt hatte: „Zwischen England und Deutschland bedarf es keiner besonderen Abmachungen, da ja zwischen uns keine konkreten politischen Interessengegensätze obwalten. Mit Frankreich lag die Sache anders. Eine Verständigung über alte und schwierige Differenzpunkte war hier eine absolute Notwendigkeit. Die Verständigung zwischen Englaud und Frankreich richtet aber ihre Spitze nicht gegen Deutschland. Ich denke „MIT GEDULD UND TAKT 29 nicht daran, Deutschland isolieren zu wollen. Ich wünsche im Gegenteil, die Reibungsflächen zwischen allen Großmächten zu verringern und Europa für möglichst lange Zeit den allgemeinen Frieden zu sichern, der ebensosehr im deutschen wie im englischen Interesse hegt. Ich werde trachten, auch zwischen England und Rußland die Reibungsflächen zu verringern. Der Friede ist eine Notwendigkeit für alle Völker, die alle unter der Last ihrer Rüstungen und Steuern seufzen." Beiläufig äußerte der König, er würde es beklagen, wenn es im näheren Orient zu Unruhen käme. „Ich bin überall für Ruhe. Mit dem Sultan und den Türken ist freilich nicht mehr viel anzufangen. Der erstere ist unbelehrbar, und die letzteren haben sich überlebt. Die Zukunft auf der Balkanhalbinsel gehört den Rumänen, Griechen und Bulgaren." Mit großer Liebe sprach König Eduard von seiner Nichte, der Kronprinzessin Maria von Rumänien. Er verstünde nicht recht, weshalb Kaiser Wilhelm sich über diese seine leibliche Kusine überall so wenig freundlich äußere. Ein wenig Koketterie, hier und da ein kleiner Flirt wären einer jungen und hübschen Frau wohl zu gönnen. Übrigens pflege in solchen Fällen die Fama meist zu übertreiben. Unfreundliche Äußerungen des Kaisers über die Kronprinzessin von Rumänien wären ihr hinterbracht worden und hätten sie gegen Seine Majestät verstimmt. „Ihren Mann natürlich auch", fügte der König lächelnd hinzu. „Man tut gut, nicht überall den Schulmeister zu spielen." Die inneren russischen Verhältnisse beurteilte König Eduard sehr pessimistisch, General Bobrikow verglich er mit dem Landvogt Geßler. Über Kaiser Nikolaus sprach er mit verwandtschaftlicher Zuneigung. Der König beendete die Unterredung, die durch ihre Länge den Kaiser zu präokkupieren schien, der aber nicht eingriff, sondern außer Hörweite auf dem Achtersteven des „Meteor" den anwesenden Marineleuten Vorträge über Schiffsbau hielt, mit den ruhig und bestimmt gesprochenen Worten: „Mit Geduld und Takt werden beide Völker allmählich wieder zu einem besseren gegenseitigen Verständnis gelangen. Ich habe persönlich nach wie vor Vertrauen zu Ihnen, zu Ihrer aufrichtigen Friedensliebe und zu Ihrer Geschicklichkeit." Wenn ich mir diese Unterredung, die ich ihrer historischen Bedeutung wegen auf Grund einer sofortigen Aufzeichnung fast wörtlich wiedergegeben habe, rückschauend vergegenwärtige, so steht für mich heute wie damals fest, daß es das eifrigste Bestreben des Königs Eduard war und blieb, Deutschland und Rußland auseinanderzuhalten. Er war gewiß bemüht, im Hinblick auf alle Möglichkeiten der Zukunft die englischen Beziehungen zu Frankreich wie zu Rußland, aber auch zu Amerika und zu Japan, zu Italien und zu Spanien sorgsam zu pflegen. Ich habe schon einmal, bei der Besprechung der Pariser Weltausstellung von 1878, ausgeführt, daß König Eduard, obschon er rein deutscher Abstammung war, von väterlicher Seite 30 DER TEE-NABOB LIPTON Koburger, von mütterlicher Weife, die Franzosen sympathischer fand als uns Deutsche und daß er seine innere Abneigung gegen das Bismarcksche, das starke und mächtige Deutschland während des Deutsch-Dänischen, des Preußisch-Österreichischen und namentlich des Deutsch-Französischen Krieges offen zur Schau trug. Ich wiederhole, daß König Eduard seinem Neffen gern bei passender Gelegenheit ein wenig auf die Finger klopfte. Krieg mit uns wollte er nicht. Zwischen Onkel und Neffen hätten sich auch allmählich manche Ecken abgeschliffen, wenn der Kaiser nicht immer wieder seinen Oheim durch seinen vielleicht größten Fehler, seine Taktlosigkeit, verärgert hätte. Ich habe schon gesagt, daß eine Bete noire des Königs der verschuldete, tief verschuldete und liederliche Lord Lonsdale war. Warum sich gerade Kaiser Wilhelm dieses mauvais sujet als Spezialfreund ausgesucht hatte, verstand niemand in England und noch weniger in Deutschland. Die von deutscher Seite erfolgte Einladung des Earl of Lonsdale nach Kiel verstimmte von vornherein den König von England. Es war mir aber nicht möglich gewesen, die Einladung des edlen Lords nach Kiel zu verhindern. Das Amt des Reichskanzlers, wenn es gewissenhaft aufgefaßt und ausgeübt wurde, nahm die Arbeitskraft eines guten Arbeiters voll in Anspruch. Aber die richtige Behandlung des Kaisers, die im Interesse des Landes notwendige ständige Fühlung mit ihm, die Pflicht, seine Entgleisungen zu redressieren oder, noch besser, solchen vorzubeugen, erforderte mindestens ebensoviel Zeit und Kraft. König Eduard war durch die Anwesenheit des ihm unausstehlichen Lonsdale in Kiel arg verschnupft. Er wollte nun wenigstens, daß sein Spezialfreund, der große Teemagnat Sir Edward Lipton, den er nach Kiel mitgebracht hatte, vom Kaiser gnädig behandelt würde. Das war nicht zu erreichen. Der Kaiser behauptete, daß sein Onkel den steinreichen Lipton, der ganz England mit seinem Ceylon- Tee versorgte, um Millionen angepumpt hätte; ein so unwürdiges Verhältnis könne er nicht fördern. Verständigerweise hätte es natürlich dem Kaiser ganz gleichgültig sein können, worauf die Freundschaft zwischen dem König und dem gar nicht dummen noch uninteressanten Lipton sich gründete. Der Kaiser hätte, wenn er weltklug gewesen wäre, durch einige kleine Aufmerksamkeiten für den Tee-Nabob seinem Onkel eine große Freude bereiten und den von ihm im übrigen so stürmisch gefeierten Beherrscher des Weltreichs besser für sich stimmen können. ,,Pour etre aime il faut etre aimable", pflegte Marco Minghetti zu sagen. Wenn die am 25. Juni ausgewechselten Reden verständig waren, so hielt Kaiserlicher Wilhelm II. zwei Tage später im Kaiserlichen Jachtklub eine mehr naive Toast im a \ a staatskluge, aber für sein innerstes Wesen überaus bezeichnende Ansprache. Er feierte zunächst den König als den Admiral der Royal-Yacht- Scpiadron, dem England die Entwicklung und den Aufschwung seines Jachtklub „MEIN LIEBER WILLY" 31 prächtigen Sports verdanke. Er erinnerte dann daran, daß er in England seine Lehrzeit als Seemann absolviert habe, und sagte wörtlich: „An der Hand gütiger Tanten und freundlicher Admirale durfte Ich als kleiner Junge Portsmouth und Plymouth besuchen und in diesen beiden herrlichen Häfen die stolzen englischen Schiffe bewundern. Da entstand in Mir der Wunsch, auch solche Schiffe zu bauen, und der Plan, auch einmal eine so schöne Flotte wie die englische zu besitzen." Während der Kaiser so sprach, glänzten ehrliche Tränen in seinem Auge. Er war gerührt über sich selbst. Als der Aufforderung des Kaisers, „nach echter Seglerart" drei Hurras auf den englischen König auszubringen, mit „Hipphipphurra!" Genüge geleistet worden war, antwortete der König. Seine Gabe, sich in jede Situation zu finden, und seine weltmännische Sicherheit mußte ich wieder bewundern. Seine Antwort war eine Mischung von gutmütiger Ironie und freundlichem Dank für den ihm im Jachtklub bereiteten Empfang. „Du bist, mein lieber Willy", führte er in deutscher Sprache aus, „für mich immer so sehr nett und so überaus freundlich gewesen, daß es mir wirklich schwerfällt, dir für alle deine Liebenswürdigkeiten so zu danken, wie dies mein Herz wünscht. Ich bin stolz, heute Mitglied dieses Klubs geworden zu sein. Ich danke tausendmal für alle deine guten Wünsche, ich trinke auf deine Gesundheit als Admiral des Kaiserlichen Jacht-Klubs." Ich hatte, während der Kaiser seinen Toast ausbrachte, dem Vertreter von Wolffs Telegraphenbüro verboten, diesen Trinkspruch nach Berlin zu drahten, bevor ich ihn korrigiert hätte. Sobald ich das Stenogramm erhalten hatte, entwarf ich, wie schon öfters bei ähnlichen Anlässen, eine neue, freundliche, aber nüchterne Kaiserrede, die ich durch Wolff verbreiten ließ. Als der Kaiser sie später in der „Kieler Zeitung" las, meinte er ohne Zorn, aber in elegischem Ton: „Sie haben mir ja wieder eine ganz andere Rede gemacht! Gerade das Schönste haben Sie fortgelassen." Ich erwiderte ruhig und ernst: „Eure Majestät können mir glauben, daß es so besser für Sie und für uns ist. Wenn Sie unsere große, nicht ungefährliche, jedenfalls arbeits- und kostenreiche Flottenaktion in so sentimentaler Weise als Ausfluß persönlicher Neigungen und Jugenderinnerungen hinstellen, wird es nicht leicht sein, vom Reichstag immer weitere Millionen für die Marine zu erhalten." Der Kaiser brummte: „Ach, der verfluchte Reichstag!" Aber dabei hatte es sein Bewenden. Am nächsten Tag fuhr der König nach Hamburg. Der Besuch unserer größten Handelsstadt verlief ausgezeichnet. Es war sicherlich der Glanz- Eduard VII. punkt der ganzen Begegnung. Die Hamburger Art gefiel dem König. Bei Hamburg dem Essen, das die Stadt ihm gab, war er in der allerbesten Stimmung, freier und unbefangener als unter den Uniformen in Kiel. In der kurzen Ansprache, die er hielt, erklärte er, daß, wenn er in sein Land zurückkehre, 32 DIE HAMBURGER POKALE er jede Gelegenheit ergreifen würde, um allen zu sagen, wie gut und herzlich er in Hamburg empfangen worden wäre. Er wisse sehr wohl, daß dieser Empfang nicht nur seiner Person, sondern auch dem großen Reich gelte, zu dessen Herrscher Gott ihn eingesetzt hätte. Ein kleiner Zwischenfall trug dazu bei, den König in noch bessere Stimmung zu versetzen. Auf dem Tisch standen einige prächtige Pokale, beste Goldschmiedekunst. Als der König sie lobte, bat ihn der Bürgermeister, diese Becher zum Andenken an Hamburg als Geschenk anzunehmen. Der König, der wie manche große Souveräne kleine Geschenke liebte, akzeptierte mit Vergnügen und meinte in der besten Laune, er würde bei dem Anblick dieses schönen Pokals stets an das herrliche Hamburg denken und die guten Beziehungen, die zwischen dieser großen Stadt und England seit Jahrhunderten bestünden. Nach seiner Rückkehr von Hamburg sagte mir der König, er habe an Lord Lansdowne, den damaligen Staatssekretär des Foreign Office, telegraphiert, daß er in einer englischen Stadt nicht besser hätte empfangen werden können als in Hamburg. Am 29. Juni hatte ich ein eingehendes Gespräch mit dem Earl of Sel- Gespräch borne. Er erzählte mir viel von Lord Salisbury, der wenige Monate vorher Bülows mit au f se i nem Schlosse Hatfield die Augen geschlossen hatte. Er hatte dem elborne g ro ß en englischen Staatsmann nahegestanden, ich glaube, er war sein Schwiegersohn. Er sagte mir unter anderem, daß Salisbury immer für friedliche und freundliche Beziehungen zwischen Deutschland und England gewesen wäre. Eine Allianz habe er freilich nicht gewollt, da er grundsätzlich ein Gegner von Bündnissen zwischen England und kontinentalen Staaten gewesen wäre. Er sei, wie er dies einmal an unseren Botschafter gesagt habe, der Meinung gewesen, daß das Meer und die englischen Kreidefelsen für England die besten Alliierten wären. Auch habe er zwar die Begabung von Chamberlain geschätzt, ihn aber auf dem Gebiet der auswärtigen Politik für unruhig, stürmisch und unbesonnen gehalten und ihn persönlich überhaupt nicht besonders gemocht. Lord Salisbury habe sich noch während seiner letzten Krankheit vor seinen Söhnen und nächsten Freunden dahin ausgesprochen, daß England trachten müsse, mit Deutschland trotz gelegentlicher Friktionen auf einem friedlichen Fuße zu bleiben. Ein Krieg zwischen beiden Völkern würde eine Katastrophe für unseren Erdteil und weder für Deutschland noch für England ein Glück sein. Wie glänzend war das Bild, das, von freundlicher Junisonne bestrahlt, Die Kieler in jenen Tagen die Kieler Föhrde bot! Die „Kieler Woche", das Kieler Woche Leben und Treiben war die Schöpfung Kaiser Wilhelms IL Nirgends war er zufriedener als dort. Es war für ihn, was das Schlachtfeld mit Kanonengebrüll und wiehernder Rosse Getrabe für Napoleon, der Exerzierplatz von Krasnoje Selo für Nikolaus L, die Gemsjagd für Kaiser Maximilian L, WILHELM II. STEUERT 33 Galerien und Museen für die Mediceer waren. Er konnte es nach meiner Ernennung zum Staatssekretär kaum erwarten, mich während der „Kieler Woche" dort zu sehen. Jahr für Jahr mußte ich in seiner Begleitung in Kiel weilen, obschon es mir manchmal recht unbequem war, Berlin zu verlassen. So dankbar ich auch heute noch dem Kaiser für die Güte und Liebenswürdigkeit bin, die er gerade in Kiel mir erwiesen hat, so gestehe ich doch, daß ich in mancher Hinsicht mit einem gewissen Grauen an jene Tage zurückdenke. Wir schifften uns gewöhnlich schon sehr früh, vor sechs Uhr auf dem „Meteor" ein. Es war nicht das frühe Aufstehen, was mir schwerfiel, wohl aber die nun folgende endlose Langeweile. Da ich für den Segelsport wenig Interesse hatte, auch von nichts anderem auf dem „Meteor" gesprochen wurde, so suchte ich mich nach einigen Tagen einer der zwei kleinen Kabinen zu bemächtigen, die für die Gäste des „Meteor" bestimmt waren. Als Lektüre befanden sich an Bord nur engbsche Romane, deren ich eine ganze Anzahl von der ersten bis zur letzten Zeile bei diesem Anlaß durchgelesen habe. Mit Vergnügen erinnere ich mich an „Peter Simple", einen Seeroman, der in reizender Weise die Erlebnisse eines englischen Midshipman schilderte, an „Japhet in search of his father", an „David Copperfield" und manche andere. Von Zeit zu Zeit zeigte ich mich auf Deck, um festzustellen, wie lange das Vergnügen wohl noch dauern würde. Das Beste war das Frühstück um ein Uhr, das der englische Koch schmackhaft zurichtete und bei dem es gute Eisgetränke zu geben pflegte. Im übrigen verlief die Fahrt fast immer in folgender Weise: Wenn wir den „Meteor" bestiegen, standen am Steuer die beiden englischen Skipper, wie man die Kapitäne der Jacht zu nennen pflegte. Der Kaiser war stets von dem brennenden Wunsch erfüllt, die Jacht selbst zu steuern, wußte aber, daß die Skipper dies nicht gern sahen, da sie im Interesse ihrer Reputation zu siegen wünschten und überzeugt waren, daß dies ausgeschlossen wäre, wenn der Kaiser steuerte. Nun versuchte der Kaiser, die Skipper durch Liebenswürdigkeit für seine Absicht zu gewinnen. Er knüpfte freundliche Gespräche mit ihnen an, er klopfte ihnen auf die Schulter, er offerierte ihnen Zigaretten. Schließlich hatte er sie gewöhnlich so weit, daß sie ihm das Steuer überließen. Dann trat früher oder später der Moment ein, wo alles darauf ankam, die Jacht so um das Endziel herumzubringen, daß sie weder an die dort hegende Boje anstieß, noch auch einen zu weiten Bogen machte, der Zeitverlust bedeutete. Steuerte der Kaiser selbst, so stießen wir regelmäßig an die Boje. Dann war der Kaiser sehr betrübt, die Skipper brummten und fluchten auf englisch, Prinz Heinrich, der die Sache verstand, machte ein verdrießliches Gesicht, und dieser oder jener vorwitzige Flügeladjutant meinte mit melancholischem Lächern: „So geht es immer, wenn er selbst steuern will.'* 3 BHlOTC H III. KAPITEL Deutscher Flottenbesuch in Plymouth im Juli 1904 ■ Bericht des Grafen Metternich, Erläuterungen zu diesem Briefe • Vorbereitung der deutsch-russischen Handelsvertragsverhandlungen • Graf Witte, seine Virhandlungsmethode • Die Ermordung des russischen Ministers des Innern Plehwe • Handelsvertrag mit Rumänien, Handclsver- tragsverhandlungen mit Österreich-Ungarn • \ erheiratung des Kronprinzen • Die in Aussicht genommenen Prinzessinnen, Verlobung mit Prinzessin Cecilie von Mecklenburg a: m letzten Tage der Kieler Begegnung hatte König Eduard dem Kaiser proponiert, die deutsche Flotte nach Plymouth zu schicken, um diesem großen englischen Kriegshafen einen Besuch abzustatten. So behauptete wenigstens der Kaiser. Mir war es, wie ich offen gestehe, schon damals wahrscheinlicher, daß dieser Vorschlag in Wirklichkeit von Wilhelm II. ausging, der hoffte, mit seinen stolzen und schmucken Schiffen in England Eindruck, vielleicht moralische Eroberungen zu machen, jedenfalls den Briten gewaltig zu imponieren. Diese seine Erwartung ging nicht in Erfüllung. Der Besuch unserer Flotte in Plymouth war a failure, ein Fehlschlag. Der Empfang unserer Schiffe von Seiten der Bevölkerung war nicht freund- Uch, von Seiten der englischen Marine frostig. Englische Zeitungen brachten häßliche Artikel, in denen wir beschuldigt wurden, englische Häfen durch den Besuch deutscher Schiffe ausspionieren zu wollen. Ein großes englisches Blatt stellte die alberne Behauptung auf, die deutschen Marineautoritäten hätten die geeignete Landungsstelle für eine Invasion Englands aussuchen und prüfen wollen. Unser Botschafter in London, Graf Metternich, schrieb mir darüber: Metternich unser Flottenbesuch in Plymouth habe in der englischen Presse „einen sehr Uber Intrigen mäßigen Erfolg" erzielt. Die englischen Zeitungen zeigten oder heuchelten zwischen Mißtrauen über die „Auskundschaftung" (!) englischer Kriegshäfen. Mit r , Bezug auf die immer wiederholten, aber nicht immer taktvollen Bemühun- London ° gen unseres Kaisers, sich in England anzubiedern, fügte der Botschafter hinzu: „Es ist nicht dignified, von Leuten mehr Liebe zu verlangen, als sie geneigt sind zu geben. Alles zu seiner Zeit." Einige Tage später erhielt ich von Metternich einen Brief, in dem er sich mit Quertreibereien beschäftigen mußte, die nicht ohne ernsten und bedenklichen Hintergrund waren. Er schrieb mir unter dem 9. Juli 1904: DER BLAUE AFFE 35 „Ich habe heute an anderer Stelle über den Eindruck berichtet, den der Kieler Besuch des Königs Eduard in England gemacht hat. Prince of Wales, Herzog von Connaught, die Prinzessinnen, alle sprachen sich mir gegenüber sehr erfreut über diesen erfolgreichen Besuch aus. Aber nicht nur am Hof, sondern überall höre ich von Kiel als ,a great success' reden. Sie wissen, ich gebe im allgemeinen auf Klatsch und Tratsch nicht sehr viel und bin Kombinationen, die keine solide Basis haben, nicht sehr geneigt. Es unterhegt mir aber keinem Zweifel, daß wir es schon länger mit einer geheimen Verschwörung zu tun haben, die gegen die deutsch-englische Verständigung gerichtet ist. In der Publizistik, besonders in den Revuen, finde ich mitunter Angaben, die nur auf fremde diplomatische Einflüsterungen zurückzuführen sind. Der Engländer, auch der gebildete, ist geneigt, von seinen Monatsschriften anzunehmen, daß sie keinen politischen Einfluß ausüben, weil sie nur von wenigen gelesen werden. Ich bin nicht der Ansicht. Von wenigen geht der Impuls aus, der sich auf die Menge überträgt, und selbst die abstrakten Gedanken der Wissenschaft, wenn sie tief und packend sind und eine Wahrheit enthalten, formieren das Geschlecht der Zeitgenossen, die jene ursprünglich kaum kannten noch verstanden. Den Anonymus des Revueschreibers habe ich häufig auf seinen richtigen Namen zurückgeführt, über seinen dahinterstehenden Informanten bleibt aber der Schleier gedeckt. Vor Kiel wurde ein allgemeiner Anlauf unternommen, uns zu verdächtigen und vor uns zu warnen, nicht nur in den politischen Zeitschriften, sondern auch bei Hofe. Ich weiß bestimmt, daß starke Einflüsse auf König Eduard eingewirkt haben, um ihn von Kiel abzuhalten. Unter den Diplomaten gibt es nur drei, die das Ohr des Königs haben: der Portugiese Soveral, der Österreicher Mensdorff und der Russe Benckendorff. Soveral ist nicht intrigant, auch nicht deutschfeindlich, und könnte uns sogar sehr nützlich sein, wenn er nicht glaubte, an höchster Stelle bei uns zu mißfallen und gesnobbed worden zu sein. Ich weiß, daß Seine Majestät ein starkes Vorurteil gegen ihn hat. Ich bedauere dies und möchte glauben, daß Seine Majestät nicht immer richtig über Soveral informiert worden ist. Wie alle Südländer und auch wie mancher Nordländer ist er eitel, und wenn ich wüßte, daß er in Berlin auf der Durchreise gut behandelt würde (das heißt von Seiner Majestät), so würde ich ihn gelegentlich durch Hans Heinrich Pleß nach Fürstenstein einladen lassen. Ohne daß er von Seiner Majestät empfangen wird, würde er, soweit ich ihn beurteilen kann, nicht nach Berlin reisen. Die Zeiten, wo er der ,blaue Affe' war, sind vorüber, und er ist jetzt eine nicht unwichtige und allgemein behebte Persönlichkeit, die für uns hier vielleicht von großem Nutzen sein könnte, insofern, als er Verdächtigungen und Beschuldigungen entgegentreten würde, die er jetzt laufen läßt, wenn er, bei der Eitelkeit gefaßt, von Seiner Majestät gut und 3' 36 DER RUSSE BENCKENDORFF mit einer gewissen Auszeichnung behandelt würde. Soveral sagte mir auch dieser Tage in einem längeren Gespräch, das ich mit ihm hatte, daß König Eduard außerordentüch befriedigt von Kiel zurückgekommen sei. Soveral, der ein kluger Mann ist und den König vielleicht ebenso gut kennt wie irgendein anderer, bemerkte, dem König habe stets außerordentlich viel an guten politischen Beziehungen zu Deutschland gelegen. Der König sei der Tradition und dem Gefühle nach für Deutschland, und Mißhelligkeiten mit Deutschland wirkten geradezu ungünstig auf sein Wohlbehagen ein. Soveral verhehlte mir nicht, daß wir irgendwo einen starken Feind sitzen hätten, dessen Hand man vielfach verfolgen könne, der aber zuletzt immer verschwinde. Er konnte oder wollte nicht sagen, wer er sei. Ich halte Soveral wirklich nicht für so diabolisch, daß er mir dies gesagt hätte, wenn er selbst der verborgene Feind wäre. Es ist das Interesse Österreichs, daß die deutsche und die englische Politik sich in ähnlichen Bahnen bewegen. Schon deshalb glaube ich nicht, daß Mensdorff gegen uns intrigiert. Außerdem habe ich gar keine Anzeichen dafür und nie gehört, daß er gegen uns wirkt. Er wird wohl mitunter mitschwätzen und mitsympathisieren, wenn eine Royalty glaubt, ein ,grief gegen uns zu haben, aber ich bin überzeugt, daß er sich nicht politisch gegen uns stellt. Ich weiß sogar bestimmt, daß es ihm höchst fatal war, als die deutsch-englischen Beziehungen sich verschlechterten. Bleibt Benckendorff. Bei ihm erfordert das politische Interesse schlechte Beziehungen zwischen England und Deutschland. Ich habe mehrfach lange Gespräche mit ihm gehabt, worin er sich als sehr deutschfreundlich gibt. Er mag aber dem Grundsatz huldigen, daß gute Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland ebenso nützlich sind wie schlechte zwischen Deutschland und England. Er ist sehr geschickt und glatt, und bis ich lerne, daß ich mich getäuscht habe, wende ich auf ihn den Grundsatz an: ä larron, larron et demi. Alles, was ich ihm sage, mag er unbeschadet hier und in Petersburg wiederholen. Obschon ich ungern ohne feste Grundlage anklage, so kann ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, daß mir von verschiedenen Seiten zu Ohren gekommen ist, daß Benckendorff bei König Eduard den Besuch in Kiel zu hintertreiben versucht hat. Von allen Gerüchten ist Hofgerüchten vielleicht am wenigsten zu trauen. Der Consensus of opinion ist aber doch auffallend. Wenn man einen verborgenen Gegner hat, den man nicht fassen kann, so wäre natürlich nichts ungeschickter, als wollte man ihn in der Öffentlichkeit oder in der Presse brandmarken. Es würde ihn dies nur um so bissiger, giftiger und vorsichtiger machen. Sich nichts merken lassen, beobachten, auf der Hut sein und abwarten, bis man ihn mit etwas Tatsächlichem am Wickel hat, ist hier das richtige Rezept. Bei dem Intrigenspiele gegen das Deutsche Reich muß auch die Botschaft herhalten. Es amüsiert mich, zu erfahren, wie ich das eine IN DER LOGE EDUARDS VII. 37 Mal als gefährlicher Mensch hingestellt werde, der den armen Lansdowne und das Foreign Office stets übers Ohr haut, das andere Mal als ein unversöhnlicher Anglophobe geschildert werde, der nur auf den Ruin Englands sinnt. Aber leider wird auch aus dem eigenen Lager die Botschaft nicht unbehelligt gelassen. Was mich selbst betrifft, so ist es mir gänzlich gleichgültig, was man über mich sagt. Ich kann mich schon wehren, wenn es der Mühe wert ist — wenn aber ein früheres Mitglied der Botschaft, lediglich aus Unmut über geknickte, weitgehende Hoffnungen, die außer ihm selbst von niemandem geteilt wurden, die Stellung der jüngeren Botschaftsmitglieder unter Ausnutzung seiner persönlichen gesellschaftlichen Beziehungen zu diskreditieren sucht, so ist das ein unpatriotisches Vorgehen, das selbst gekränkte Eitelkeit und seine übertriebene Meinung von der eigenen Wichtigkeit nicht rechtfertigen kann. Über Viktor Eulenburg, der sich hier in überraschend kurzer Zeit eine vorzügliche Stellung erworben hat, wird ausgestreut, daß er bei den Engländern sehr unpopulär und zu dem Zweck hierhergeschickt worden sei, um als eine Art gesellschaftlicher Spion Seiner Majestät über den tagtäglichen Klatsch aus London zu berichten. Da diese Geschichte hier die Runde macht, so bin ich ihr nachgegangen und habe wenigstens die eine Hälfte auf ihren Urheber festgenagelt. Von einem absolut zuverlässigen Ohrenzeugen ist mir folgende kleine Szene geschildert worden: König Eduard im Hintergrunde seiner Box in der Oper, eine Zigarette rauchend, in Begleitung eines ihm befreundeten Herrn, der mir die Sache erzählt hat. Unter vielen Verbeugungen und Händereiben tritt unaufgefordert herein Alfred Rothschild, der sich nach dem Befinden des hohen Herrn und dem Verlauf der Kieler Reise unter mannigfacher Fragestellung erkundigt, unter anderm auch danach, wie S. M. der Kaiser den Ostasiatischen Krieg beurteile, worauf der König kurze und ausweichende Antworten erteilt. A. Rothschild erwähnt dann, daß ein neuer Sekretär, Graf Eulenburg, bei der deutschen Botschaft sei, der sich allgemein unpopulär hier mache, wie er höre. Der König sagt, davon wisse er nichts. In Kiel habe sich der junge Eulenburg im Gegenteil recht nützlich erwiesen (er hatte dort mit den Herren des Gefolges kleine Ordensangelegenheiten in meinem Auftrage zu besprechen). Befragt, erklärt A. Rothschild, Eckardstein habe ihm gesagt, daß Eulenburg hier sehr unpopulär sei. Der andere Herr greift nun in die Unterhaltung ein und bemerkt, das sei gar nicht der Fall, Eulenburg gefalle hier im Gegenteil recht gut, sei ein sehr angenehmer Mensch, und Eckardstein erzähle so etwas nur aus Pik gegen die deutsche Botschaft, weil er nicht mehr dazu gehöre und selber hätte Botschafter werden wollen. Darauf der König: ,Good heavens no, that would never do!' Alfred Rothschild, still und perplex, bemerkt zu spät, daß er seinem Freunde und Günstling Eckardstein einen 38 TRÜFFEL GRAB, WOLKENSCHIEBER, SEMMELAFFE schlechten Dienst erwiesen hatte. Ob Eckardstein auch die Historie von der geheimen Berichterstattung an Seine Majestät kolportiert hat, kann ich nicht sagen. Da aber beide Geschichten immer zugleich erzählt werden, so ist es naheliegend, daß sie auch denselben Urheber haben können. Ich darf wohl darauf rechnen, daß Sie dafür sorgen, daß die private Äußerung in der Opera box nicht an Eckardstein oder A. Rothschild zurückgelangt, besonders da letzterer sich uns häufig als nützlich und als Freund erwiesen hat, mit dem ich auch persönlich die besten Beziehungen pflege." Ich muß meinerseits diesem Brief unseres Botschafters in London einen kurzen Kommentar beifügen. Der Marquis Soveral hatte als erster Sekretär der portugiesischen Gesandtschaft in Berlin, unter dem alten Regime, in der Berliner Gesellschaft der achtziger Jahre eine gewisse Rolle gespielt. Er war allgemein beliebt, ein häufiger Gast bei den Liebesmahlen der Gardekürassiere und Gardeulanen, ein großer Ladies-man. Der alte Kaiser, der wie seine ganze Generation Leute mit weltmännischen Allüren und insbesondere elegante Kurmacher gern mochte, hatte Soveral wiederholt ausgezeichnet. Der Berliner Witz hat sich seit jeher darin gefallen, bekannten Leuten Spitznamen zu geben. Der Hofmarschall des Prinzen Karl, Graf Gerhard Dönhoff, ein berühmter Gourmand, wurde das Trüffelgrab genannt. Ich habe gelegentlich erzählt, daß mein Großonkel, der Oberstkämmerer Graf Wilhelm Redern, wegen seiner steifen Gangart und weil er die Nase hoch trug, der Wolkenschieber, sein Bruder, der Obergewandkämmerer Graf Heinrich Redern, der nicht gerade mit viel Geist, aber mit einem auffällig großen Mund begabt war, der Semmelaffe hieß. Soveral nannte man wegen seiner südländisch blauschwarzen Haare den „blauen Affen". Das neue Regime, das 1888 begann, war leider weniger taktvoll als das alte. Wilhelm II. gefiel sich darin, den Marquis Soveral nicht nur im Gespräch mit anderen den „blauen Affen" zu nennen, sondern ihn mitunter, wenn auch nur in der Form eines jovialen Scherzes, als solchen anzureden. Das war nicht nur geschmacklos, es war auch ungeschickt. Als Gesandter nach London versetzt, wurde Soveral sehr bald ein Günstling und Freund des Königs Eduard und der Königin Alexandra und ein Liebling der Londoner Gesellschaft mit großem sozialem, nicht geringem politischem Einfluß. Von dem berühmten englischen Seemann Sir Walter Raleigh wird erzählt, daß er einmal, als die Königin Elisabeth von England an einem Regentag vor ihrem Palast aus ihrem Wagen aussteigen wollte, seinen kostbaren Mantel vor ihr ausgebreitet habe, damit sie ihre weißen Atlasschuhe nicht beschmutze. Soveral soll denselben Akt heroischer Galanterie gegenüber einer schönen Botschafterin vollzogen haben. Schon daß solche Anekdoten über ihn erzählt wurden, machte ihn den Londoner Upper ten thousand interessant. Meine Bemühungen, den Kaiser FOItTÜNE 39 Wilhelm II. dahin zu bringen, den Marquis Soveral, mit dem ich persönlich seit jeher,gut stand, durch Liebenswürdigkeit wiederzugewinnen, blieben ebenso erfolglos wie mein jahrelanges Bestreben, Seine Majestät freund- licher für die Japaner zu stimmen. Graf Benckendorff war deutschen Ursprungs. Die Karriere seiner Familie war bezeichnend für altrussische Verhältnisse. Sie bewies, daß Die Kaiser Paul I. nicht unrecht hatte, als er dem englischen Botschafter, der Bench vor ihm einen Fürsten Dolgoruky einen Grandseigneur nannte, zornig dor -ff $ anfuhr: „Sachez, Monsieur, que dans mon pays on n'est grandseigneur que quand je parle ä quelqu'un et pendant que je parle ä quelqu'un." Die Gemahlin ebendieses Kaisers Paul, die Kaiserin Maria Feodorowna, eine württembergische Prinzeß, suchte nach einer zuverlässigen Gouvernante für ihre Kinder. Scbon im Hinblick auf ihren launenhaften und unberechenbaren Gatten war diese Frage für sie von Wichtigkeit. Ein ehemaliger russischer Gouverneur der baltischen Provinzen lenkte die Aufmerksamkeit der Kaiserin auf die wohlerzogene Tochter eines Artilleriemajors aus Riga namens Benkendorf. Vater und Tochter gehörten nicht dem alten baltischen Adel an, waren auch nicht mit der märkischen Familie BeneckendorfF- Hindenburg verwandt, welcher der ruhmvolle Generalfeldmarschall entsproß. Fräulein Benkendorf aus Riga machte sich gut als Erzieherin der kaiserlichen Kinder, die ihr stets ein dankbares Andenken bewahrten. Sie selbst wurde mit einem Herrn von Lieven aus gutem baltischem Adel vermählt, der dank seiner Frau Botschafter in London und Fürst wurde. Sie konnte auch für die Karriere ihrer Brüder sorgen. Sagt doch Mephisto von dem Floh, den der König liebt, daß auch seine Geschwister bei Hofe bald große Herren wurden. Ein Benckendorff (das feudal klingende „c" setzte die Familie später vor das „k" in ihrem Namen und verdoppelte das „f" am Schluß) wurde unter Kaiser Nikolaus Chef der Dritten Abteilung, d. h. der geheimen politischen Polizei, damals der wichtigste Posten im russischen Reich. Ein anderer heiratete die Tochter des russischen Gesandten in Berlin, Alopeus, der auch ein Glücksritter war, eigenthch Fuchs hieß und es vom Kandidaten der Theologie zum Baron und russischen Gesandten in Berlin brachte. Mancher Deutsche hat im siebzehnten, auch noch im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert in Rußland Fortüne gemacht. Ich erinnere an Cancrin, der als Sohn des Professors Krebs in Hanau zur Welt gekommen war und in Rußland unter Kaiser Nikolaus I. vom kleinen Angestellten im Salzwerk von Staraja Russa allmählich bis zum vieljährigen Finanzminister und Grafen Cancrin avancierte, an Brunnow, der vom Hauslehrer zum Botschafter in London emporstieg, an die nach Rußland ausgewanderten Söhne und Enkel des von dem schwärmerischen Studenten Sand ermordeten Lustspieldichters Kotzebue, die Generäle, Admiräle, Gesandte und General- 40 ADJUTANTEN gouverneure wurden, und manche andere. Der Botschafter Benckendorff, von dem mir Metternich sprach, war, wie die von den Bolschewisten inzwischen veröffentlichten Papiere beweisen, in der Tat bestrebt, seine deutsche Herkunft in St. Petersburg durch antideutsche Treibereien in Vergessenheit zu bringen. Am übelsten war, was Graf Metternich mir über die Umtriebe von Eckardstein schrieb, der offenbar immer tiefer sank, bis einige Jahre später der von ihm gegen seine Frau angestrengte skandalöse Ehescheidungsprozeß seinen gesellschaftlichen und moralischen Zusammenbruch nach sich zog. Graf Viktor Eulenburg, ein Sohn des damaligen Oberhofmarschalls Viktor und späteren Hausministers, war ein ungewöhnlich tüchtiger, begabter, Lulenburg durch un( j durch anständiger junger Mann, der mehrere Jahre Adjutant u Erbprinz j^. g ewegen war> J cn habe als Reichskanzler drei Adjutanten gehabt, die alle vor mir in jungen Jahren gestorben sind und denen ich ein dankbares Andenken bewahre. Mein erster Adjutant war der Erbprinz Emanuel von Salm-Salm, der später eine Erzherzogin von Österreich heiratete. Als Rittmeister bei den Gardeducorps starb er im Weltkrieg den Heldentod. Er Avurde vom Ausbruch des Weltkriegs in Indien überrascht, wo er Tiger schießen wollte. Von den Engländern interniert, gelang es ihm mit Hilfe der Tante seiner Frau, der Königin Christine von Spanien, die Erlaubnis zur Rückreise nach Deutschland zu erhalten. In Gibraltar wurde er ein zweites Mal festgenommen, aber infolge seiner inständigen Bitten durch Vermittlung der Königin nochmals in Freiheit gesetzt. Er reiste, ohne sich in der Heimat aufzuhalten, direkt nach dem östlichen Kriegsschauplatz, wo sein Regiment stand, das soeben siegreich gegen Russen gefochten hatte. Während seine Kameraden ihn jubelnd begrüßten, traf eine letzte Kosakenkugel Emanuel Salm, der, an der Schläfe getroffen, lautlos, schmerzlos umsank. Der weise Solon würde ihn neben dem Tellos von Athen als einen der wenigen ganz und wirklich Glücklichen bezeichnet haben. Auf Emanuel Salm passen die schönen Verse, die Ernst Moritz Arndt dem 1814 in den Ardennen gefallenen Friedrich Friesen gesungen hat: War je ein Ritter edel, Du warst es tausendmal, Vom Fuße bis zum Schädel Ein lichter Schönheitsstrahl. Sein Nachfolger Graf Viktor Eulenburg erlag in verhältnismäßig jungen Jahren einer tückischen Tuberkulose, die er sich als Teilnehmer an einer Expedition nach Abessinien zugezogen hatte. Bei seiner ungewöhnlichen Begabung lag eine große Zukunft vor ihm. Mein letzter Adjutant, Erich von Schwartzkoppen, der Sohn eines ausgezeichneten Heerführers im MENDELSSOHN VERBINDET MIT WITTE 4] Kriege von 1870/71, war ein echter Vertreter jener aus dem Kadettenkorps hervorgegangenen, durch Pflichttreue, Tüchtigkeit und jede soldatische und menschliche Tugend ausgezeichneten preußischen Offiziere, die uns, wie Bismarck einmal sagte, niemand nachmacht. Auch er starb in jungen Jahren. Bei sorgsamer Prüfung unserer handelspolitischen Beziehungen zu unseren Nachbarn hatte ich mich davon überzeugt, daß wir vor allem mit Der Rußland zu einer Verständigung kommen müßten. War eine solche erreicht, Handelsso würden Rumänien, Österreich-Ungarn, die Schweiz und die übrigen V ßß° S Länder folgen. Ich war weiter der Ansicht, daß der russische Staatsmann, mit dem wir uns am leichtesten verständigen könnten, der frühere Finanz- minister, nunmehrige Ministerpräsident Sergeji Juljewitsch Witte war. Aber wie an ihn herankommen? Ich erinnerte mich, daß mir Witte bei unserer Begegnung in Petersburg gesagt hatte, es gäbe zwei große Finanzmänner in Europa, zu denen er absolutes Vertrauen habe, Rothschild in Paris und Ernst Mendelssohn in Berlin. Ich setzte mich mit letzterem in Verbindung, der ein kluger Kopf, ein ausgezeichneter Geschäftsmann war und unbedingte Zuverlässigkeit mit warmem Patriotismus verband. Er war in der Lage, sich auf geheimem und sicherem Wege in Verbindung mit Witte zu setzen. Ich beß bei diesem anfragen, ob er geneigt sein würde, mit mir über einen neuen Handelsvertrag direkt zu verhandeln und, sofern dies der Fall wäre, wie seine Entsendung zu diesem Zweck am besten in die Wege geleitet werden könnte. Witte hatte bis dahin in den ihm nahestehenden russischen Blättern eine heftige, teilweise sogar sehr grobe Polemik gegen die deutschen Wünsche und Ansprüche auf handelspolitischem Gebiet führen lassen. Das machte mich nicht irre. „La langue", sagte Talleyrand, „a ete donnee ä l'homme pour deguiser ses pensees." Nicht lange nachher konnte Herr von Mendelssohn mir mitteilen, daß Witte gern mit mir direkt verhandeln wolle. Um hierzu die Möglichkeit zu bieten, wäre der beste Weg, daß der Deutsche Kaiser in möglichst unauffälliger, recht natürlicher Form diesen Gedanken in seiner Korrespondenz mit Kaiser Nikolaus durchschimmern beße. Kaiser WUhelm, der mit meinen Plänen einverstanden war, gestattete mir, ein oder zwei in diesem Sinn redigierte Briefe an den Zaren aufzusetzen. Wir sagten ungefähr: Um die Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland von jeder Trübung frei zu halten, würde es sich empfehlen, dafür zu sorgen, daß die langweihfen Zollplackereien aufhörten und auf wirtschaftlichem Gebiet eine Verständigung herbeigeführt würde. Wenn nur deutsche Geheimräte und russische Tschinowniks mit dieser Aufgabe betraut würden, wäre kein Ende abzusehen. Praktischer wäre es, zwei wirkbche Staatsmänner, also die größte wirtschaftliche und finanzpobtische Autorität in Rußland, Herrn Witte, und den deutschen 42 DIE KAPPS Kanzler, zusammen einzusperren, damit sie möglichst rasch zu einem für beide Teile befriedigenden Ergebnis gelangten. In einem Gefängnis brauchten sie sich j a nicht gerade zu begegnen, Witte möge nach Norderney kommen, wo der deutsche Kanzler die heißen Monate zu verleben pflege und wo die gute Seeluft auch Sergej Juljewitsch neue Spannkraft verleihen würde. Die Antwort des Zaren lautete freundlich und zustimmend. Im Laufe des Juli traf Witte in Norderney ein. Er hatte einen großen Witte in Stab von Beamten mitgebracht, darunter den früheren russischen Finanz- Norderney a ttache in Berlin und späteren Handelsminister Timiriaseff, der ein guter Musiker und schlauer Unterhändler war. Ich hatte eine größere Anzahl leitender Beamten nach der Nordseeinsel zitiert, unter ihnen Posadowsky, Podbielski, Wermuth, Körner und eine Reihe vortrefflicher HUfskräfte, darunter Kapp und Göbel. Wolfgang Kapp war in New York geboren, als Sohn eines Westfalen, der als Vierundzwanzigj ähriger im September 1848 zu den revolutionären Sturmgesellen gehört hatte, die versuchten, die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mit Waffengewalt zu sprengen. Er mußte deshalb sein Vaterland verlassen, blieb aber auch in Amerika ein guter Deutscher und kehrte 1870 nach Deutschland zurück. Er hat ein vortreffliches Buch über den schmählichen Soldatenhandel deutscher Kleinfürsten geschrieben. Der Sohn Kapp trat jung als Hilfsarbeiter ins Preußische Finanzministerium ein und wurde dann Landrat des Kreises Guben, wo er als ultrakonservativer Parteimann auftrat und in beständiger Fehde mit dem Vertreter des Kreises, dem liberal gerichteten Prinzen Heinrich Carolath, lebte, obwohl der letztere eine hebenswürdige, aber weiche Natur war, weswegen er auch den Spitznamen „Butter-Heinrich" führte. 1900 wurde Wolfgang Kapp Vortragender Rat im Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, als dessen Kommissar er bei den Handelsvertragsverhandlungen in Norderney 1904 fungierte. Er war ein hervorragend fleißiger und tüchtiger Beamter, von durchaus ehrenhaftem Charakter, ein Patriot und ein Idealist, aber es fehlte ihm die Einsicht in die Grenzen seiner bescheidenen Fähigkeiten wie der Überblick über größere Verhältnisse und die allgemeine Lage. Als selbsternannter Reichskanzler während des Putsches vom Frühjahr 1920 war er eine tragikomische Figur und erinnerte halb an den General Claude Francois de Mallet, der sich im Oktober 1812, unmittelbar nachdem Napoleon das brennende Moskau geräumt hatte, zum Gouverneur von Paris proklamierte und sich für vierundzwanzig Stunden der Gewalt bemächtigte, halb an den Hauptmann von Köpenick. Dem bescheidenen Kommissar, der in Norderney in respektvoller Entfernung seinem Chef, dem jovialen Podbielski, zu den Sitzungen folgte, war seine bewegte Zukunft nicht anzusehen, in die ihn letzten Endes wohl die kleinlichen und WITTE ÜBER SEINE ENTLASSUNG 43 gehässigen Angriffe getrieben haben, die später von der Höhe seiner Reichskanzlerstellung in offener Reichstagssitzung Bethmann Hollweg während des Weltkrieges gegen den inzwischen zum Generallandschaftsdirektor in Königsberg gewählten Kapp richtete, den er dadurch um Amt und Brot brachte. In Norderney setzte ich mich von vornherein mit Witte auf den Fuß, daß ich ihn bat, abends bei uns in unserer Villa zu essen. An das Diner schloß sich dann gewöhnlich eine gemütliche, manchmal zwei und selbst auch drei Stunden dauernde Plauderei. Witte sprach ungeniert über alles, was die erste Voraussetzung ist, bei häufigerem Zusammensein nicht langweilig zu wirken. Er war bei seinem Monarchen in Ungnade gefallen und grollte ihm. Er liebte auch die Kaiserin Alexandra Feodorowna nicht, die er beschuldigte, ihren Gemahl gegen ihn aufgestachelt zu haben. Sie hätte sich hierzu des bewährten Mittels bedient, demZaren zu sagen, die Petersburger Gesellschaft wäre davon überzeugt, daß er eine Marionette in den Händen von Witte wäre. Die Kaiserin hätte sogar eine kleine Karikatur gezeichnet, die Witte mit seiner massigen Figur und seinen eher groben Gesichtszügen darstellte, wie er einen kleinen Hampelmann in der Hand hielt, der die feinen Züge des angeblichen Selbstherrschers trug. Mit gutem Humor schilderte Witte, wie die montenegrinischen Großfürstinnen es anfingen, mit Hilfe eines französischen Spiritisten, eines Monsieur Philippe, die Zarin und den Zaren in ihr Garn zu ziehen. Der Spiritist Heß den Geist des Kaisers Alexander III. erscheinen. Gefragt, welche Ratschläge er dem Sohn zu geben habe, mahnte der Geist zu treuem Festhalten an dem Vermächtnis des Vaters und insbesondere an dem Bündnis mit Frankreich. Schließlich aber rief er mit Grabesstimme dem erschrockenen Sohn zu: „Et, surtout, n'oublie pas de donner beaucoup d'argent au Prince de Montenegro, mon meilleur ami." Ich nahm mir vor, meinerseits dafür zu sorgen, daß an unserem Hofe und in der hellen Berliner Luft solches Blend- und Zauberwerk nicht um sich greife. Seine Entlassung schilderte mir Witte folgendermaßen : „Als ich meinen üblichen Vortrag, den Daklod, wie wir auf russisch sagen, an dem festgesetzten Tage beendet hatte, sah der Kaiser Nikolaus einige Zeit verlegen vor sich auf seinen Schreibtisch. Dann sagte er mir mit sanfter Stimme, ohne mich anzusehen, er habe den Eindruck, daß meine Gesundheit in der letzten Zeit gelitten hätte, er wolle nicht, daß ich mich überarbeite. Deshalb enthebe er mich meines Postens als Finanz- minister und ernenne mich zum Vorsitzenden des Minister-Konseils." Witte fuhr fort, wobei dem heftigen Mann der Zorn noch nachträglich die Backen rötete: „Da verlor ich die Geduld. So viel Falschheit und Heuchelei empörten mich. Ich sagte dem Kaiser: ,Ich verstehe nicht, warum Sie eine solche Komödie mit mir aufführen. Die Stellung des Präsidenten des Minister- u WITTE KEIN SLAWOPHILE komitees ist ja in Rußland eine reine Sinekure. Ebensogut hätten Sie mich nach dem Kaukasus oder nach Sibirien verschicken können'." Nach einer kleinen Pause fügte Witte nicht ohne eine gewisse Rührung in der Stimme hinzu: „Nun werden Sie sehen, daß der Kaiser auch wieder gute Seiten hat. Am selben Abend schickte er mir ein dickes Kuvert, in dem 400000 Rubel waren." Witte war augenscheinlich stolz auf dieses Schmerzensgeld. Witte war ein überzeugter Anhänger guter Beziehungen zwischen seinem Vaterland und Deutschland. Nicht als ob er besondere Sympathien für die Deutschen empfunden hätte. Er zog Paris als Stadt Berlin vor, die Franzosen gefielen ihm persönlich besser als die Deutschen, die Engländer und Amerikaner imponierten ihm in höherem Grade. Aber er war überzeugt, daß von der Aufrechterhaltung des Friedens und guter Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland das Schicksal des russischen Kaiserhauses abhing, und bei aller Ranküne gegen den derzeitigen Zaren und obschon nicht ohne gelegentliche liberale Anwandlungen, war er durchaus monarchisch gesinnt. Er war schon 1904 der Meinung, daß der Sturz der Monarchie in Rußland das Signal für Anarchie, Elend, Ruin und Zerrüttung des Riesenreichs bedeuten würde. Ähnlich wie mancher andere russische Staatsmann mißbilligte und verachtete Witte die slawophile Schwärmerei für die Balkanvölker, die Rußland seine Blut- und Geldopfer, alle, ohne Ausnahme, die Serben früher, die Bulgaren später, die Griechen und Rumänen bei jeder Gelegenheit, mit schnödem Undank gelohnt hätten. Rußland brauche keine Vergrößerung, es sei eher zu umfangreich. Nicht nur in Sibirien und in Turkestan, auch im Kaukasus und selbst im europäischen Rußland warteten ungeheure Flächen darauf, bebaut und kultiviert zu werden, wären noch unermeßliche Bodenschätze zu heben. Der Besitz von Konstantinopel würde für Rußland ein zweifelhaftes Glück sein. Kaiser Nikolaus I. habe einmal an den Rand eines Berichts, in dem gesagt worden war, das orthodoxe Kreuz müsse wieder auf der Sophienkirche aufgepflanzt werden, mit fester Hand geschrieben: „In der Theorie ist das schön und gut, aber in Wirklichkeit wäre der Besitz von Konstantinopel kein Glück für Rußland, eher ein Moment der Schwäche als der Stärke. Wollen wir drei Hauptstädte haben ? Petersburg, die Schöpfung des größten russischen Kaisers, das wir doch nicht aufgeben können, das heilige Mütterchen Moskau, das wir noch weniger aufgeben können, und endbch Byzanz ?" Witte war erst recht mit Entschiedenheit gegen jede Gebietserweiterung des russischen Reichs in Europa. Ostpreußen? Rußland habe schon genug Deutsche. Posen? Rußland habe schon genug Polen. Galizien? Rußland habe schon genug Juden. Der Hauptgrund aber, aus dem Witte ein Vertreter des Friedens und der Eintracht mit dem deutschen Nachbar war, lag in seiner felsenfesten Uberzeugung, der er, wie ich höre, bis zum letzten BLUFF IS Augenblick seines Lebens treu geblieben ist, daß ein Krieg zwischen Rußland und Deutschland vielleicht zum Sturz der Hohenzollern, sicherlich zum Sturz der Romanows führen und nur der Revolution zugute kommen würde. Die Handelsvertragsverhandlungen fanden gewöhnlich am Vormittag, bisweilen auch am Vor- und Nachmittag statt. Witte begegnete sich mit Die mir in dem Wunsch, nicht über Detailfragen und Kleinigkeiten zu stolpern, Handels- sondern das ganze Problem von einem höheren Gesichtspunkt aus zu behan- rer ' ra 5 s ' . x Verhandlungen dein. Es war nicht zu leugnen, daß er meinen verehrten deutschen Mitarbeitern an Großzügigkeit überlegen war. Wenn diese sich mit dem Stabe von Witte einige Zeit herumgezankt hatten, pflegte letzterer mir einen kleinen Zettel herüberzureichen, auf dem etwa stand: „Mettons fin ä ces commerages inutiles! Je vous propose la Solution suivante . . ." Seine Vorschläge waren immer praktisch, meist annehmbar. Als ihm einer der deutschen Delegierten einmal entgegenhielt, daß, wenn er in diesem oder jenem Punkt nicht nachgebe, es uns vielleicht nicht unmöglich sein 'würde, in einiger Zeit einen Reichstagsbeschluß herbeizuführen, durch den die Regierung aufgefordert werden könnte, gerade in diesem Punkt den Russen nicht nachzugeben, entgegnete Witte lächelnd: „Und ich kann mit einem kurzen Telegramm einen kaiserlichen Ukas erwirken, durch den alle unsere Forderungen um 400 Prozent erhöht werden. Laissons ces enfantillages." Natürlich war ich weit davon entfernt, mich von ihm bluffen zu lassen, schon weil ich wußte, daß dies seit langem ein beliebter Kunstgriff gerade der Russen war. Eines Nachmittags, nach einer ziemlich heftigen Diskussion, die zu keiner Verständigung geführt hatte, schickte Witte mir einen seiner Sekretäre, um sich zu erkundigen, um welche Zeit der Schnellzug nach Berlin von Norddeich, der Endstation der Bahn gegenüber der Insel Norderney, am nächsten Tage abginge. Ich erwiderte ihm nach einer Stunde, ich hätte Weisung gegeben, daß er für die Reise von Norddeich nach Berlin einen Salonwagen bekäme, schon im Hinblick auf die lange Fahrt, die ihm noch von Berlin bis St. Petersburg bevorstünde. Er kam nicht wieder auf den Gedanken der Abreise zurück. fi Unvergeßlich ist mir eine kleine Szene aus einer der letzten Sitzungen. Witte, der den Abend vorher in meiner Villa in angeregtem Gespräch bis spät in die Nacht zugebracht hatte, holte einen Zettel hervor und hielt dabei eine kleine Ansprache, in der er etwa sagte: In Anerkennung des auch von deutscher Seite gezeigten guten Willens und um seiner persönlichen Sympathie für den deutschen Kanzler Ausdruck zu geben, wolle er uns freiwillig noch einige nicht ganz unbeträchtliche Konzessionen machen. Er hatte kaum diese Zugeständnisse verlesen, als der Unterstaatssekretär Wermuth, der neben mir saß, obwohl ich ihn durch sanften Druck meines 46 DER UNTERSTAATSSEKRETÄR WERMUTH Fußes auf seinen Stiefel warnte und zurückzuhalten suchte, in einem sehr mangelhaften Französisch erklärte: Wo die Russen in der Gebelaune zu sein schienen, müßten die Deutschen noch vier oder fünf andere Wünsche zur Sprache bringen, die den russischen Zugeständnissen erst ihren vollen Wert verleihen würden. Witte erwiderte kühl: „ J'ai voulu vous faire plaisir, mais comme vous semblez mal comprendre mes mobiles et mes intentions, je retire ce que j'ai dit." Der Unterstaatssekretär Wermuth war ein arbeitsfreudiger und kenntnisreicher, aber nicht gerade feinfühliger Beamter. Er war der Sohn eines ehemaligen Polizeipräsidenten des Königs Georg von Hannover, eines Beamten, der sich durch sein reaktionäres Verhalten in den letzten Jahren vor der Katastrophe von 1866 sehr verhaßt gemacht hatte, aber vielleicht gerade deshalb von dem blinden König geschätzt wurde. Damals sangen die Straßenjungen von Hannover: Du hast den groben Tschirnitz, Hast Liebig, den süßen Friseur, Du hast den bitteren Wermuth, Mein Georgie, was willst du noch mehr? Tschirnitz war ein ob seines rauhen Wesens gefürchteter Generaladjutant, Liebig der besondere Günstling des letzten Königs von Hannover. Der Sohn Wermuth war, als er mir bei den Handelsvertragsverhandlungen zur Seite stand, ausgesprochen agrarisch und ängstlich bemüht, nicht bei den Konservativen anzustoßen, vor denen ihm sehr bange war. Ich hätte damals nicht geglaubt, daß er sich in späteren Jahren als Oberbürgermeister von Berlin auf das beste nicht nur mit den Mehrheitssozialisten, sondern auch mit den Unabhängigen und Kommunisten im Roten Hause in der Königstraße verstehen würde. Eine wackere Stütze war mir der Direktor der handelspolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt, der Geheime Rat Körner. Sein Vater hatte in der alten Zeit im sächsischen Finanzministerium die Zollfragen bearbeitet, und man sagte von dem Sohn, daß er unter Tabellen und Zollverordnungen aufgewachsen wäre wie andere Kinder zwischen Schaukelpferden und Baukästen. Seine Tüchtigkeit und sein Wissen imponierten Witte, dem auch sein Auftreten und sein Wesen gefielen. Bei der Diskussion einer nicht unwichtigen Zollposition, die für die Chemnitzer Industrie von Bedeutung war, sagte Witte: „Je vous cede cette position pour faire plaisir ä Mr. Körner cpii est Saxon." Als einundzwanzig Jahre später die deutsche Republik Zollverhandlungen mit Sowjet-Rußland einzuleiten wünschte, konnte sie nichts Klügeres tun, als an die Autorität dieses hervorragenden Beamten des alten Systems zu appellieren und ihn zu bitten, die Verhandlungen mit dem neuen Rußland zu führen. DIE BOMBE FÜR PLEHWE 47 Kaiser Wilhelm, dem ich melden konnte, daß die Verhandlungen mit Witte zum Abschluß gekommen seien, richtete an mich das nachstehende Telegramm: „Ihre Meldung hat Mich mit hoher Befriedigung und herzlicher Freude erfüllt. Nach jahrelanger mühevoller, dorniger Arbeit ist Ihnen das große Werk gelungen, dank Ihrer nie erlahmenden Arbeitskraft und aufopfernden Hingabe. Möge unser Volk und Vaterland sich zu voller Würdigung dessen, was Sie ihm errungen haben, durch die Unterzeichnung des Handelsvertrages emporarbeiten und Ihnen ebenso warmen und rückhaltlosen Dank zollen, wie Ich es jetzt schon tue. Genießen Sie nun Ihre Ferien in verdienter Ruhe." Für einige Tage nach Berlin zurückgekehrt, wo ich Geschäfte zu erledigen hatte, begegnete ich bei einem Morgenritt im Tiergarten meinem Freund Plchwes Witte, der mir schon von weitem in freudiger Erregung zurief: „Une bonne Ermordung nouvelle! Plehwe vient d'etre assassine!" Der russische Minister des Innern, Herr von Plehwe, ein Gegner Wittes, war am 28. Juli auf einer Fahrt nach dem Warschauer Bahnhof von einem Anarchisten mittels einer Sprengbombe getötet worden. Plehwe war einer jener Deutschrussen, die, vielleicht weniger grausam als die Nationalrussen, sich doch durch ihre methodische Härte und Strenge noch verhaßter als diese machten. Er war ein Typus, wie man ihn seit Peter dem Großen in Rußland häufig gesehen hatte. Sohn eines verarmten ostpreußischen Gutsbesitzers, war er als Kind mit seinem Vater nach Russisch-Polen gekommen, wo dieser, der in seiner Heimat auf keinen grünen Zweig kommen konnte, sich ein kleines Gut gekauft hatte. Der junge Plehwe wurde dort zum Polen erzogen. Später siedelte der Vater nach dem inneren Rußland über, wo der Sohn sich ebenso rasch aus einem Polen in einen Russen verwandelte wie früher aus einem Deutschen in einen Polen. Der ehrliche Wilhelm Plehwe war bald ein polnischer Vaclav geworden. Mit der gleichen Fixigkeit und Unbefangenheit entwickelte er sich etwas später aus einem Vaclav zu einem russischen Wjatscheslaw. Plehwe hatte eine ungewöhnliche Arbeitskraft, eine eiserne Faust, einen unbeugsamen Willen und hohen persönlichen Mut. Beständig von Bomben und Kugeln bedroht, fuhr er in einem gepanzerten Wagen und bestimmte erst im letzten Augenblick beim Einsteigen das Ziel der Fahrt. Trotzdem galt er für einen gezeichneten Baum. Jedermann war überzeugt, daß er früher oder später in die Luft gesprengt werden würde. Er hatte der Frau eines französischen Militärattaches eine große Leidenschaft eingeflößt. In hysterischer, beinahe pathologischer Weise behauptete sie, daß mit dem von ihr heiß gehebten Mann gemeinsam in Todesgefahr zu schweben für sie der höchste Genuß wäre. An dem Tage, wo Plehwe die Sprengbombe traf, war sie zufälligerweise nicht mit ihm im Wagen. Vierzehn Tage nach der Ermordung von Plehwe wurde Kaiser Nikolaus II. 4a DER THRONFOLGER ALEXEJ der langersehnte Sohn geboren, der den echt russischen Namen Alexej Nikolajewitsch erhielt und schon am Tage seiner Geburt zum Chef eines finnländischen Leibgarderegiments, eines ostsibirischen Schützenregiments, zum Hetman aller Kosakenregimenter ernannt und gleichzeitig ä la suite von zwei Garde- und vier Linienregimentern gestellt wurde. Alle diese heute fast kindlich anmutenden Auszeichnungen haben nicht hindern können, daß das arme Kind ein frühes und schreckliches Ende fand, ein um so grausameres Schicksal, als es sich um einen seit seiner Geburt kränklichen Knaben handelte. Alexej Nikolajewitsch war, was man einen Bluter nennt. Seine Taufpaten waren Kaiser Wilhelm und König Eduard. Der erstere ließ sich bei der Taufe in Petersburg durch seinen Bruder Heinrich vertreten, der mir bei seiner Rückkehr nicht genug zu rühmen wußte, wie glücklich die kaiserlichen Eltern über die Geburt des Thronerben wären. Die Kaiserin Alexandra Feodorowna war zur Belohnung zum Chef eines Dragonerregiments ernannt worden. Durch den Abschluß eines Handelsvertrags mit Rußland waren wir Handels- gegen die Gefahr einer wirtschaftlichen Isolierung Deutschlands gesichert. vertrage mit j)j e Anbahnung vertrauensvoller und freundschaftlicher Beziehungen Rumänien^ zw j gc ] ien m j r (J em hervorragendsten Staatsmann, über den das rus- Österreich s ^ scne Reich damals gebot, war für uns ein nicht zu verachtender Nebengewinn. Ich wünschte auch den Handelsvertrag mit Rumänien so bald als möglich unter Dach und Fach zu bringen und lud zu diesem Zweck meinen alten persönlichen Freund, den rumänischen Staatsmann Demeter Sturdza, nach Homburg v. d. H. ein, wo ich im Herbst einige Wochen verlebte. In kurzer Zeit kam zwischen uns eine Verständigung zuwege. Da ich dem um das Zustandekommen des Zolltarifs sehr verdienten Grafen Posadowsky die Freude bereiten wollte, einen wichtigen Vertrag, den Handelsvertrag mit Österreich-Ungarn, selbständig abzuschließen, so entsandte ich ihn zu diesem Zweck nach Wien. Es zeigte sich bald, daß eine ungewöhnliche Arbeitskraft und ebenso seltene wirtschaftliche Kenntnisse noch nicht zum Unterhändler befähigen, mit anderen Worten, daß die Diplomatie, um mit Bismarck zu reden, nicht, wie die Deutschen bisweilen glauben, eine Wissenschaft, sondern eine Kunst ist. Posadowsky fuhr sich in Wien in kurzer Zeit völlig fest. Statt die dortigen Verhältnisse zu nehmen, wie sie nun einmal waren, und das Beste aus ihnen zu machen, hielt er Zis- und Transleithaniern im Tone des geheimrätlichen Berliner Besserwissers Vorträge über die Nachteile des Dualismus, bei dem niemand wisse, wer eigentlich Koch und wer Kellner sei. Die Nachteile jener Staatsordnung waren unbestreitbar, sie schrien zum Himmel. Aber die österreichischen Unterhändler waren nun einmal nicht in der Lage, sie zu beseitigen, und wünschten vor allem nicht, durch einen Fremden darüber belehrt zu werden. „Je EINE PARTIE FÜR DEN KRONPRINZEN 49 sais bien que je suis laid", meinte jener Franzose, „mais je n'aime pas qu'on me le dise." Da sich die Beziehungen zwischen Posadowsky und den Vertretern der Doppelmonarchie auch persönlich immer weniger freundlich gestalteten, so sah unser Staatssekretär des Innern selbst ein, daß er nicht weiterkam. Statt dies ruhig einzugestehen — non omnia possumus omnes —, beschuldigte er unseren Botschafter, den Grafen, späteren Fürsten Karl Wedel, ihn nicht ausreichend unterstützt zu haben. Wedel, als alter Gardeulan, nahm die Sache persönlich und frug sich und mich, ob er Posadowsky fordern solle. Ich mußte letzteren nach Berlin zurückrufen und dort die Verhandlungen mit den von Wien entsandten österreichischen Delegierten persönlich führen. Jakob Grimm hat schon vor einem halben Jahrhundert und länger geschrieben, daß die Deutschen in allen formalen Fragen, wo es sich um verhältnismäßig nebensächbche Punkte handle, streitsüchtiger und rechthaberischer wären als irgendein Volk. In großen Fragen operiere der Deutsche im allgemeinen unbeholfener und unglücklicher als jeder andere. Unter den österreichischen Delegierten, mit denen wir in Berlin bald zu einer vollen Verständigung gelangten, fiel mir durch seine Gewandtheit Baron Max Beck auf. Er war bei der Vorbereitung der Heirat des Erzherzogs Franz Ferdinand mit Sopherl Chotek der juristische Beistand Seiner Kaiserlichen Hoheit gewesen. Er trug in seiner Brusttasche ein Bild, das den Erzherzog Arm in Arm mit der Erwählten seines Herzens darstellte und das die Unterschrift trug: „Ein glückliches Paar dem treu bewährten Freund." Als Beck bald nachher als österreichischer Ministerpräsident ein auf dem allgemeinen Stimmrecht beruhendes Wahlgesetz durchbrachte, das gerade die Klerikalen und manche Aristokraten gewünscht hatten, fiel er bei dem launischen Erzherzog in tiefe Ungnade. Wie oft vergessen auch kluge Leute den weisen Rat des Psalmisten: „Verlasset euch nicht auf Fürsten" (Psalm 146, 3). Den Abschluß der übrigen Handelsverträge konnte ich vertrauensvoll meinen bewährten Mitarbeitern, insbesondere Exzellenz von Körner, überlassen. Die Verheiratung des Kronprinzen beschäftigte seit Jahr und Tag seine treue Mutter, die Kaiserin Auguste Viktoria. In ihrer schlichten Frömmig- Hohenzollern- keit und strengen Sittlichkeit wünschte sie, daß ihre Söhne möglichst früh Cumberland heiraten möchten, um rein und unberührt in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Für den ältesten Sohn des Kaiserpaares wurde zunächst an eine der Töchter des Herzogs von Cumberland gedacht. Die Kaiserin, die selbst die Tochter eines nicht zum Ziel gelangten Prätendenten war, empfand begreifliche Sympathie für das weifische Haus, das, ebenso wie das holsteinische, der großen Politik des großen Fürsten Bismarck zum Opfer gefallen war. Philipp Eulenburg, der mit seiner eminenten persönhchen 4 Billow II 50 HEINRICH XVIII. REUSS SCHLÄGT CECILIE VOR Gewandtheit gute Beziehungen zu der Familie Cumberland angeknüpft hatte, war eifrig bestrebt, der von Ihrer Majestät gewünschten Verbindung die Wege zu ebnen. Seine Bemühungen scheiterten aber an der Vis inertiae des Herzogs Ernst August von Cumberland, der durch seinen passiven Widerstand Kaiser Wilhelm in so großen Zorn versetzte, daß er einmal an den Rand eines Eulenburgschen Briefes schrieb: „Ehe Ich den uuver- schämten Weifen auf Braunschweigs Thron klettern lasse, möge er Heber verderben!" Das hat Wilhelm II. nicht abgehalten, dem Sohn des „unverschämten" Weifen später seine einzige, übrigens charmante Tochter und als Morgengabe Braunschweigs Thron zu gewähren. Die Kaiserin dachte in zweiter Linie an eine der beiden Töchter des Prinzen Albert von Sachsen-Altenburg und einer preußischen Prinzessin. Auf Wunsch Ihrer Majestät bat ich die jungen Damen zu Tisch. Sie sahen recht blaß aus, bei Tisch fühlte sich die eine unwohl. Ich hatte den Eindruck, daß sie für die aufreibende Stellung einer preußischen und deutschen Kronprinzessin zu zart wären. Sie haben übrigens beide später geheiratet, die eine einen Prinzen Reuß, die andere einen Grafen Pückler. Zu meinen ältesten und treusten persönlichen Freunden gehörte der Verlobung des Prinz Heinrich XVIII. Reuß. Es ist allgemein bekannt, daß alle Prinzen Kronprinzen R eu ß einem der größten deutschen Kaiser, dem Hohenstaufen-Kaiser Heinrich VI. zu Ehren den Vornamen Heinrich führen. Sie unterscheiden sich durch ihre Nummern, wobei die ältere Linie bis 100 zählt, die jüngere mit jedem Jahrhundert wieder mit I beginnt. Da sie sich im Familienkreise nicht mit ihren Nummern anreden lassen mochten, so führten sie kleine Beinamen: Der hochverdiente Botschafter in St. Petersburg, Konstantinopel und Wien Prinz Heinrich VII. Reuß wurde Septi genannt, einen anderen Reuß, der die Nummer IX trug, nannte man scherzweise Pio Nono, noch einen anderen Enrico, und so weiter. Das Fürstentum Reuß war der kleinste deutsche Bundesstaat. Als Friedrich der Große bei einer Reise durch seinen Staat einmal an der Grenze von einem Fürsten Reuß begrüßt wurde, redete er ihn mit den Worten an: „Voilä deux souverains qui se rencontrent." Prinz Heinrich XVIII. Reuß, der mit einer Prinzessin von Mecklenburg vermählt war, lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Kusine seiner Frau, die Prinzessin Gecilie von Mecklenburg-Schwerin. Der Kaiserin war diese Verbindung von vornherein sympathisch. Sie stieß sich auch nicht an der exzentrischen Mutter der Prinzeß Cecilie, der Großherzogin Anastasia, einer Tochter des Großfürsten Michael Alexandrowitsch von Rußland. Als die Verlobung zustande kam, sagte mir die Frau Großherzogin Luise von Baden, die wie niemand sonst befähigt war, eine junge Fürstin zu beurteilen: „Sie werden mit ihr zufrieden sein und das Land auch. Die junge Prinzessin Cecilie hat mehr Welt und weitere Horizonte als die meisten DER KAISER UND DIE BRAUT 5J deutschen Prinzessinnen. Dabei aber wird sie von keiner mir bekannten deutschen Prinzessin an Herz und Charakter übertroffen." Diese Beurteilung hat Prinzeß Cecilie als Kronprinzessin vollauf gerechtfertigt, im Glück wie im Unglück. Durch die Anmut und die Natürlichkeit ihres Wesens, ihren großen Liebreiz eroberte sie alle Herzen. Durch ihren Verstand, ihr Streben, sich geistig immer weiter auszubilden, den Ernst ihrer Lebensauffassung, ihre Pflichttreue gewann sie die Achtung aller, die ihr nähertraten. Sie hat Anspruch auf das Lob, das in einem seiner schönsten Gedichte Heinrich von Kleist der Königin Luise spendete. Auch Kronprinzessin Cecilie hat mit der Grazie Schritt auf jungen Schultern das Unglück edel getragen. Am 4. September 1904 teilte mir die Kaiserin auf dem Herbstmanöver des 9. Armeekorps in Altona mit, daß die Verlobung des Kronprinzen mit der Prinzessin Cecilie in Schloß Gelbesande bei Doberan stattgefunden habe. Im Laufe des Paradediners, das am Abend im Hotel Kaiserhof in Altona stattfand, proklamierte der Kaiser freudestrahlend in schwungvoller Rede die vollzogene Verlobung. Mit Tränen der Rührung und Freude in den Augen erhob die gute Kaiserin das kleine Gläschen, das vor ihr stand, und trank mir zu. IV. KAPITEL Tod des Fürsten Herbert Bismarek (18. IX. 04) • Seine Charakteristik • Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges • Brief des Grafen Metternich über den Doggerbankzwischenfall • Der Lippische Thronfolgestreit, seine Beilegung im Bundesrat • Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti in Homburg • Wilhelm II. drängt zu einer Allianz mit Rußland • Der Kaiser auf den Jagden in Schlesien, ungünstige dortige Einflüsse, Bericht des Gesandten von Schön • Antienglische Stimmung Wilhelms II. Die Frage der dänischen Neutralität • Besorgte Briefe Philipp Eulenburgs aus Schlesien Unterredung mit Wilhelm II. am Silvestertag 1904: Bülow bemüht sich, die deprimierte Stimmung Seiner Majestät zu heben und den Kaiser aufzurichten Schon seit längerer Zeit waren beunruhigende Gerüchte über den Gesundheitszustand des Fürsten Herbert Bismarck verbreitet. Es war schwer Bismarck zu glauben, daß der stattliche Mann, der ein Bild von Kraft und Lebensbejahung schien, den Todeskeim in sich tragen sollte. Um so erschütternder wirkte auf mich die Nachricht von seinem Tod, die mich am 18. September 1904 überraschte. Ich habe fünf Freunde gehabt, die meinem Herzen besonders nahestanden: Herbert Bismarck, Philipp Eulenburg, Franz Arenberg, Bodo Knesebeck, Friedrich Vitzthum. Herbert habe ich wohl am meisten geliebt, wozu auch die Bewunderung beigetragen haben mag, die ich von Kindesbeinen an und durch mein ganzes Leben hindurch für seinen großen Vater empfand. Meine erste Erinnerung an Herbert ist, daß ich in dem hübschen Garten unseres Frankfurter Hauses in der Mainzer Gasse mit Herbert, seinem Bruder Bill und unserer gemeinsamen Freundin, der damaligen kleinen Christa Eisendecher, späteren Gräfin Eickstedt- Peterswaldt, spielte. Herbert und Bill wollten die ldeine Christa zwingen, eine dicke Kröte zu küssen. Ein Zug germanischer Boheit war beiden Brüdern eigen. Mein Bruder Adolf und ich verteidigten Christa, was zu einer solennen Prügelei führte. Das Leben führte uns erst viele Jahre später wieder zusammen. Politisch trat ich Herbert während meiner Petersburger Dienstzeit nahe, wo eine lange fortgesetzte politische Privatkorrespondenz zwischen uns ihren Anfang nahm. Nach dem Sturz seines Vaters suchte Herbert mich im August 1890 in Wi'dbad auf, wo ich einige Wochen mit meiner Frau weilte. Was er mir hier über die Trennung zwischen dem großen Fürsten und Kaiser Wilhelm II. erzählte, konnte meine Treue für den ersteren nur noch vertiefen. HERBERT BISMARCKS SCHICKSAL 53 Meinen politischen Aufstieg hatte Herbert von meiner Beförderung zum Legationssekretär nach Absolvierung meines diplomatischen Examens bis zu meiner Ernennung zum Reichskanzler, also während eines Vierteljahrhunderts, von 1875 bis 1900, mit aufrichtiger Genugtuung begrüßt. Als ich auf dem Stuhl seines Vaters saß, konnte er diesen Anblick doch nicht recht vertragen. Ich habe ihm dies nie übelgenommen. Wer wie er sich mit der Hoffnung getragen hatte, einmal an die Stelle des unvergleichlichen Vaters zu treten, wer sich als legitimer Erbe betrachtete, von dem war nicht zu verlangen, daß er auch einen guten Freund gern in dem Palais in der Wilhelmstraße sah, in dem er groß geworden war. Als Herbert einmal im zweiten oder dritten Jahr meiner Kanzlerschaft bei uns aß, zeigte ihm meine Frau die verschiedenen Räume des ihm so wohlbekannten Reichskanzlerpalais und führte ihn schließlich auch in das sogenannte „Bismarck- Zimmer", wo wir alle Erinnerungen an den Fürsten gesammelt hatten und das nur seinem Andenken geweiht war. Herbert war sehr bewegt und küßte ihr mit sicherlich nicht gespielter Rührung die Hand. Er erzählte dies am nächsten Tage einem gemeinsamen Freunde, fügte aber hinzu: „Ich kann es aber trotzdem nicht vertragen, daß Bernhard Bülow jetzt dort ist, wo wir waren. Es geht über mein Vermögen." Daß er der Nachfulger seines Vaters sein wollte, war Herberts Kraft, aber auch sein Unglück: seine Kraft, weil dieser Wunsch seinem Eifer für die Geschäfte Flügel gab, sein Unglück, weil es ihn von vornherein politisch in eine schiefe Stellung brachte und ihn, nachdem sein Wunsch sich nicht erfüllt hatte, in steigendem Maße bitter machte. Der Generaloberst von Plessen erzählte mir, er sei, als er Flügeladjutant des alten Kaisers Wilhelm I. war, kurz vor dessen Tod, 1887 oder 1888, zu Seiner Majestät ins Zimmer getreten, der gerade einen Vortrag von Herbert entgegengenommen hatte. Er fand den Kaiser erschöpft, beinahe niedergeschlagen. Der alte Herr sagte zu Plessen: „Die Vorträge des jungen Bismarck sind für mich immer so ermüdend. Er ist so stürmisch, noch viel mehr als der Vater. Er hat gar keinen Takt. Ich vermisse schmerzlich den Staatssekretär von Bülow, mit dem ich mich so gut verstand. Ich vermisse auch den Grafen Paul Hatzfeldt, obschon mir manches an ihm mißfiel, aber er war homme du monde, mit guten Formen. Das war auch Radowitz, wenn er gleich ein bißchen viel sprach." Der Kaiser schwieg einen Augenblick, dann fügte er hinzu: „Neuerdings kommt es mir beinahe so vor, als ob der Fürst möchte, daß Herbert einmal an seine Stelle tritt. Das ist ja ganz unmöglich. Solange ich lebe, werde ich mich nie vom Fürsten trennen, der mich wahrscheinlich und hoffentlich überleben wird. Er ist achtzehn Jahre jünger als ich. Aber auch meine Nachfolger werden das Kanzleramt nicht erblich machen wollen. Das geht ja gar nicht." Graf Stirum, ein treuer Bismarckianer, meinte gelegentlich mir gegenüber, 54 EIN PRÄTENDENT es sei für Sohn und Vater Bismarck kein Glück gewesen, daß Herbert die Sukzession seines Vaters angestrebt habe. Stirum fügte hinzu: „Dem Fürsten dies auszureden, wäre freilich niemand imstande gewesen außer seiner Frau, und die war zu vernarrt in Herbert, um das übers Herz zu bringen." Es ist bezeichnend für die geniale Unbefangenheit des großen Kanzlers, daß er trotz des Wunsches, einmal das Kanzleramt an Herbert zu hinterlassen, sich über dessen Fehler und Schwächen keine Illusionen machte. Ich habe ihn selbst sagen hören: „Herbert ist mit noch nicht vierzig Jahren unbelehrbar und eingebildeter, als ich es mit über siebzig Jahren und nach einigen Erfolgen bin." Er sagte auch zu dem Unterstaatssekretär Busch, der die Arbeitskraft des neuen Staatssekretärs Herbert Bismarck rühmte: „Sie brauchen ihn mir gar nicht zu loben. Ich würde ihn auch zum Staatssekretär gemacht haben, wenn er alle jene Eigenschaften, die Sie an ihm preisen, gar nicht besäße, denn ich will neben mir einen Mann haben, auf den ich mich absolut verlassen kann und der mir ganz bequem ist. In meinem hohen Alter und nachdem ich mich im königlichen Dienst verbraucht und verzehrt habe, darf ich das wohl beanspruchen." Ähnlich äußerte er sich nach seinem Sturz gegenüber dem ihm nahestehenden freikonservativen Abgeordneten Wilhelm von Kardorff. Bei den außerordentlich diskreten Dingen, die er im Auswärtigen Amt und als Reichskanzler zu behandeln gehabt hätte, wäre es für ihn sehr verführerisch gewesen, sich im gegebenen Fall keiner anderen Beihüfe als der seines Sohnes bedienen zu dürfen. Der Gedanke, Herbert zu seinem Nachfolger zu machen, ist bei dem großen Fürsten erst in den allerletzten Jahren vor seinem Sturz hervorgetreten. Würde Herbert ein guter Reichskanzler für Wilhelm II. gewesen sein ? Bei aller Freundschaft für Herbert kann ich diese Frage nicht bejahen. Ich glaube, daß die Verbindung Wilhelm II.- Herbert Bismarck gefährlich gewesen wäre. Gewiß besaß Herbert viel mehr politische Routine und eine weit größere politische Begabung als Caprivi oder gar Bethmann und Michaelis. Aber obwohl an Ernst für die Geschäfte, an Fleiß wie an politischem Scharfblick Wilhelm II. überlegen, besaß er manche Fehler des letzteren. Er hatte mehr Energie und mehr Mut als Wilhelm II., aber er war dafür leichter geneigt, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Er verstand es nicht, vor einem Hindernis abzubiegen, er konnte sich nicht wieder fangen, wie der Terminus technicus seines Vaters lautete. Er war oft zu heftig, zuweilen eigensinnig, bisweilen brutal. Und doch werde ich niemals die Stunde vergessen, wo ich, vorbei an dem Balkon des schlichten Hauses im Sachsenwald, von dem Fürst Bismarck oft zu seinen Verehrern und über sie weg zur Nation gesprochen hatte, vorbei an dem Hirsch, der mit seinem mächtigen Geweih die ihn anfallenden Hunde verscheucht, die sterbliche Hülle von Herbert Bismarck zur letzten „ICH LASSE DAS MILITÄR NICHT VEREIDIGEN!" 55 des Biester- felders Ruhe in das Mausoleum geleitete, wo sein großer Vater ruht. Nehmt alles nur in allem, er war ein Mann, mit seinen Fehlern und mit seinen Tugenden. Er war eine achilleische Natur, und wie dem Peliden war ihm kein langes Leben beschieden. Über den Tod von Herbert Bismarck schrieb mir Philipp Eulenburg: „Der Tod Herbert Bismarcks hat auch bei mir eine Welt von Erinnerungen wachgerufen! Welch ein armer Mensch! Das innerliche Leben zu Bitterkeit und unbefriedigtem Erdenhoffen zusammengetrocknet. Wie wenig Liebe gab er, und wie wenig empfing er. Ich habe ihn einst sehr gern gehabt. Sein Leben war wie eine leuchtende Rakete, die wir so schnell aufsteigen sehen und die vor uns plötzlich in einzelnen verglimmenden Teilen im Dunkel verschwindet. Daß ich ihn überleben würde, habe ich niemals für möglich gehalten. Du hast durch den Tod dieses Unzufriedenen, der um seine Träume mit immer leidenschaftlicherer Energie kämpfte, je mehr die Jahre seines Lebens den Zenit überschritten, gewonnen. Du beklagst seinen Tod, weil Du ein guter Mensch bist." Während der Heimgang des Fürsten Herbert Bismarck vor der Nation wieder die gewaltige Gestalt seines Vaters erstehen ließ, war die an sich un- Wilhelm II. beträchtliche Erbschafts- und Regentschaftsfrage in Lippe-Detmold durch an den So,ln den Tod des Regenten von Lippe, des Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld, wieder einmal aufgerollt worden. Der Kaiser richtete aus Rominten an den Grafen Leopold von Lippe, der ihm den Heimgang seines Vaters in der respektvollsten Form gemeldet hatte, das nachstehende Telegramm: „Ich spreche Ihnen mein Beileid zum Ableben Ihres Herrn Vaters aus. Da die Rechtslage in keiner Weise geklärt ist, kann Ich die Regentschaftsübernahme Ihrerseits nicht anerkennen. Ich lasse auch das Militär nicht vereidigen." Der Kaiser hatte dieses Telegramm unmittelbar nach dem Eingang der Meldung des Grafen Leopold und ohne Rückfrage bei mir abgesandt, obwohl ich ihn immer wieder ersucht hatte, diese an und für sich kleine und kleinliche Angelegenheit nicht durch die Art und Weise, wie er sie behandelte oder, richtiger gesagt, mißhandelte, zu einer größeren und für die innere Ruhe des Reichs nicht unbedenklichen Frage aufzubauschen. Das scharfe Telegramm des Kaisers an den Sohn, in dem Augenblick, wo dieser um seinen Vater trauerte, machte nicht nur an fast allen deutschen Höfen, sondern in den weitesten Kreisen des deutschen Volks einen sehr ungünstigen Eindruck. Das kleine Land stellte sich hinter den Grafen Leopold. Der Vizepräsident des Lippeschen Landtages, der Kommerzien- rat Hoffmann, erschien bei mir in Homburg v. d. H., wo ich mich gerade aufhielt, um mir die Erregung zu schildern, die in seiner Heimat herrsche. Der Kaiser antwortete auf meine Telegramme, in denen ich zu größerer Vorsicht riet, mit dem von ihm immer wieder ins Feld geführten Argument der vollen Ebenbürtigkeit als der Grundlage deutscher Fürsten- und somit 56 „IN LIPPE ALLES AUF DER KIPPE" deutscher Reichsherrlichkeit. An den Rand der ihm von mir vorgelegten Zeitungsartikel, die seine Romintener Depesche heftig tadelten, schrieb er kleine Scherze, mit besonderer Vorliebe „In Lippe — steht alles auf der Kippe" und ähnliche jokose Marginalien. Gegenüber dieser Sachlage richtete ich an den Vizepräsidenten Hoff- mann ohne vorherige nochmalige Anfrage bei Seiner Majestät das nachstehende Schreiben: „Geehrter Herr Kommerzienrat! Sie haben mich heute mündlich um eine authentische Interpretation des Telegramms Seiner Majestät des Kaisers und Königs vom 26. v. M. gebeten. Ich bin gern bereit, Ihnen meine Antwort schriftlich zu bestätigen, und ermächtige Sie, unter Rerufung auf mich öffentlich zu erklären, daß Seine Majestät der Kaiser mit diesem Telegramm lediglich bezweckt hat, die vorläufige Nichtvereidigung der Truppen für den Regenten und den Grund derselben mitzuteilen. Mit der Auffassung des Bundesrates, daß die Rechtslage noch ungeklärt sei, konnte Seine Majestät sich nicht in Widerspruch setzen. Jeder Eingriff in die verfassungsmäßigen Rechte des Fürstentums hat Seiner Majestät dem Kaiser selbstverständlich ferngelegen, und insbesondere liegt es außerhalb Allerhöchstseiner Absicht, der derzeitigen Ausübung der Regentschaft im Fürstentum durch den Herrn Grafen Leopold zu Lippe irgendwelches Hindernis zu bereiten. Wie stets im Reiche wird auch im vorliegenden Falle der Rechtsboden nicht verlassen werden, und die Lippesche Frage wird ihre Erledigung ausschließlich nach Rechtsgrundsätzen finden. Ich hoffe, daß es unter den Auspizien des Bundesrats bald gebngen wird, auf schiedsrichterlichem Wege zum Wohle des Lippeschen Landes zu einer endgültigen Lösung der Frage zu gelangen, und werde das meinige tun, um dieses Ziel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. In vorzüglicher Hochachtung Graf von Bülow, Reichskanzler." Ich ließ dieses Schreiben sogleich durch Wolff verbreiten und übersandte es ohne weiteren Kommentar an Seine Majestät. Der Kaiser hatte mir unmittelbar nach dem Eingang der Nachricht vom Tode des Grafen Ernst kurz und bündig telegraphiert : „Biesterfelder ist tot. Ich erkenne selbstverständlich den Sohn nicht an." Nachdem er von meinem Schreiben an Hoffmann Kenntnis erhalten hatte, telegraphierte mir Seine Majestät in direktem Gegensatz zu seiner früheren Willensmeinung: „Mit allem einverstanden. Bin erstaunt über die fabelhaft malveillante und absichtliche Verdrehung, mit der Mein gänzlich harmloses, streng geschäftliches Telegramm wieder gegen besseres Wissen verdreht worden ist. Ihre Antwort an Hoffmann entspricht wörtlich Meinen Ansichten, die eigentlich sich klar daraus lesen lassen. Diese Wirtschaft nenne ich chercher midi ä quatorze heures." Nach Berlin zurückgekehrt, setzte ich eine Sitzung des Bundesrats an, in der ich der hohen Versammlung darlegen konnte, daß die leidige Lippesche Sireitfrage IM GARTEN VON BELLEVUE 57 dem Kaiser nunmehr endgültig geregelt wäre. Die Vertreter der deutschen Regierungen haben mir selten mit größerer Wärme gedankt als bei diesem Anlaß, der die deutschen Souveräne und Minister an ihrer kitzligsten Stelle berührte, nämlich ihrem mehr oder weniger formalen, aber ausgesprochenen Rechtsgefühl und in ihrem souveränen Bewußtsein. Am nächsten Tage hatte ich über die ganze lippesche Angelegenheit im Garten des Schlosses Bellevue eine abschließende Unterredung mit dem Unterredung Kaiser. Ich dankte ihm für sein Einlenken, konnte mich aber nicht ent- Buh™ mit halten, ihm zu sagen, daß es sich in der ganzen Sache eben doch um Imponderabilien gehandelt habe, die nicht ungestraft mißachtet würden. Ich sagte Seiner Majestät: „Es liegt eine große Gefahr darin, daß Eure Majestät alle Vorgänge zu persönlich nehmen, nur nach Ihren persönlichen Empfindungen, Ihren Sympathien und Antipathien, statt lediglich vom Standpunkt der Staatsräson und mit kühler Überlegung." Während wir um den Rasen gingen, auf dem der tapfere Prinz August von Preußen, der sich bei Kulm so brav hielt, der Freund von Madame de Stael, seinen im Kindesalter verstorbenen Anverwandten bescheidene Denksäulen errichtet hat, hörte mir der Kaiser in freundlichster Weise zu. Er schien wirklich überzeugt zu sein, daß ich es nicht nur gut mit ihm meinte, sondern auch in der Sache recht hätte. Leider fanden sich immer wieder Byzantiner in der Art von Theodor Schiemann und Adolf Harnack, die ihm versicherten, daß Boutaden wie die seinigen auch Friedrich dem Großen eigentümlich gewesen wären und zu der Art und Weise ganz großer Fürsten gehörten. Gutmütig wie Wilhelm II. im Grunde war, trug er dem Hause Biesterfeld, nachdem er sich nun einmal mit ihm hatte versöhnen müssen, dessen frühere Übeltaten nicht lange nach, sondern verlieh dem einst so hart angelassenen Grafen Leopold später den hohen Orden vom Schwarzen Adler und schoß im Lippeschen Wald mit besonderem Vergnügen starke Hirsche. Graf, später Fürst Leopold gehörte zu den nicht allzu zahlreichen Personen, die mir für einen geleisteten Dienst dankbar waren. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß meine Regelung der Lippeschen Frage nicht pour les beaux yeux des Hauses Biesterfeld, sondern im Interesse der inneren Festigkeit des Deutschen Reichs erfolgte. Der nunmehrige Beherrscher des Bundesstaats Lippe schrieb mir, nachdem in Ausführung des Beschlusses des Bundesrats vom 18. November und in Gemäßheit des Schiedsvertrages vom 5./8. November die Lippesche Streitsache der richterlichen Kognition überwiesen worden war: „Daß diese Streitsache in einer das allgemeine Rechtsgefühl so hoch befriedigenden Weise zum endgültigen Austrag gebracht wurde, ist dem Rechtssinn und der weisen Energie Eurer Exzellenz zuzuschreiben, und es drängt mich, nach dem Abschluß dieses allseitig anerkannten Aktes Eurer Exzellenz für die glänzende Erledigung 58 GIOVANNI GIOLITTI der Angelegenheit auch meinen wärmsten Dank auszusprechen. Eurer Exzellenz allezeit dankbar ergebener Leopold Graf-Regent zu Lippe." Als ich in einem der folgenden Sommer in Norderney weilte, stattete mir der 1905 zum Fürsten und zur „Hochfürstlichen Durchlaucht" avancierte Leopold IV. dort einen sehr freundlichen Besuch ab. Als mein langjähriger italienischer Kammerdiener Augusto den hohen Herrn in einem bescheidenen Mietswagen vor unserer Villa ankommen sah, meinte er erstaunt: „E questo si chiama in Germania un Sovrano!" Der ganze Unterschied zwischen italienischer und deutscher Einheit, italienischer und deutscher Mentalität liegt in dieser kleinen Bemerkung. Und doch war der Lippesche Streitfall, der Höfe, Regierungen und Volk in Deutschland so unverhältnismäßig erregte, ein Wetterleuchten, das dem Novembersturm von 1908 vorausging. Gerade in den Tagen, wo durch den Tod des Graf-Regenten Ernst zu Giolitti in Lippe die Erbschafts- und Regentschaftsfrage in jenem Ländchen die Homburg Deutschen beschäftigte, empfing ich in Homburg v. d. H. den Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti, zu dem ich schon während des Kaiserbesuchs in Rom gute persönliche Beziehungen angeknüpft hatte. Giovanni Giolitti ist einer der bedeutendsten Staatsmänner, die das an politischen Köpfen nicht arme moderne Italien seit dem Risorgimento hervorgebracht hat. Piemontese, besitzt er die tüchtigen Eigenschaften seines Stammes. Er hatte schon unter Marco Minghetti im Finanzministerium gearbeitet, war noch während dessen Ministerpräsidentschaft Generalinspektor des Steuerwesens geworden, später Generaldirektor des Rechnungshofes. Erst 1882, mit vierzig Jahren, ließ er sich zum Deputierten wählen. Es ist Giolitti immer zustatten gekommen, daß er als Beamter von der Pike auf gedient hatte und die Verwaltung in allen ihren Zweigen gründlich kannte. Als Abgeordneter zeigte er bald ungewöhnliche parlamentarische Vorzüge: unerschütterlichen Gleichmut gegenüber parlamentarischen Stürmen, Festigkeit, wo solche nottat, eine elastische Hand, wo sie sich empfahl. Wie er nie seine Ruhe verlor, so auch nicht seine gute Laune. Er war imstande, in den Wandelgängen der Kammer zwei Dutzend Deputierte nacheinander anzusprechen und sie dadurch zufriedenzustellen. Er war auch imstande und besaß die physische Widerstandsfähigkeit, im Ministerium des Innern, dem alten Palazzo Braschi, vor dem das Erz- denkmal von Marco Minghetti steht, die zahlreichen Bittsteller freundlich zu empfangen, die in Italien die Vorzimmer aller Minister füllen und die den heftigen Crispi, den kränklichen Rudini, den menschenscheuen Sonnino zur Verzweiflung brachten. In seinem Auftreten und in seinen Manieren ist Giolitti, wie die meisten seiner Landsleute, einfach und natürlich, ohne Pose noch Prätention. Das affektierte Wesen, das manche Deutsche an den Tag legen, sobald sie eine gewisse Stellung erklettert haben, „MORTE A GIOLITTI!" 59 und das sie dann leider antipathisch oder ridikül erscheinen läßt, liegt ihm fern. Giolitti wurde 1889 zum erstenmal Minister, Schatzminister, ein Jahr später Finanzminister, 1892 Ministerpräsident. Er stürzte im November 1893, wie ich seinerzeit erzählte, über die in Sizilien und in der Lunigiana ausgebrochenen Aufstände. Als ich im Dezember 1893 in Rom eintraf, galt Giolitti dort als ein für immer erledigter Mann. In einem römischen Salon charakterisierte ihn damals der geistreiche Duca Onorato Sermoneta unter allgemeinem Beifall mit den Worten: „Una mortadella di Bologna, mezzo asino, mezzo porco." Die übrigens recht schmackhafte Wurst, die man in Italien „Mortadella di Bologna" nennt, wird halb aus Schweine-, halb aus Eselfleisch zubereitet. Von Crispi verfolgt, brachte Giolitti den Winter 1893 auf 1894 in Deutschland, in Charlottenburg bei Berlin, zu. Aber dieser hochgewachsene Mann mit den breiten Schultern und dem schweren Gang besaß zu große staatsmännische Eigenschaften, als daß man ihn nicht hätte zurückrufen sollen. Von 1901 bis 1903 war er wieder Minister des Innern, im März 1905 und seitdem wiederholt Ministerpräsident. Selbst in Italien hat kaum ein anderer Staatsmann so oft den Weg vom Kapitol hinab zum Tarpejischen Felsen und wieder vom Tarpejischen Felsen hinauf zum Kapitol durchmessen. Im Mai 1915 durchzogen von der Französischen Botschaft und dem damaligen Ministerpräsidenten Salandra bezahlte Banden mit dem Rufe „Morte a Giolitti!" die Straßen Roms. Wenige Jahre später rief ganz Italien nach demselben Giolitti, und als er 1921 wieder als Ministerpräsident den Senat betrat, erhoben sich alle Mitglieder, darunter nicht wenige alte Gegner, und verneigten sich schweigend vor ihm. Als Giolitti im Herbst 1904 mit mir durch die schönen Wälder schritt, die Homburg umgeben — Giolitti ist wie ich ein großer Spaziergänger —, Giol brachte er zunächst das Gespräch auf den empfindlichsten Punkt des Dreibundes und das schwierigste Problem der italienischen auswärtigen Politik, nämlich das Verhältnis Italiens zu Österreich. Das Kabinett Zanardelli habe dem Irredentismus zu sehr die Zügel schießen lassen. Aber andererseits, fuhr Herr Giolitti fort, würde die österreichische Regierung wohl daran tun, gegenüber ihren italienischen Untertanen eine weniger unfreundliche und weniger unkluge Politik zu führen. Schon infolge ihrer geringen Zahl könnten die Italiener in Zisleithanien dem österreichischen Staatsgedanken gar nicht wirklich gefährlich werden. Warum sie in die Opposition gegen den österreichischen Staat und das deutsche Bevölkerungselement treiben ? Das natürliche sei doch, daß Italiener und Deutsche gegen die Slawen zusammenhielten. Italien wolle sich in Albanien nicht engagieren, dies müsse aber auch für Österreich ein Noli me tangere sein. Die Adria frei zu erhalten, sei eine Lebensfrage für Italien, das auf der Balkanhalbinsel gewiß Österreich nicht verdrängen wolle, dort aber auch 60 DER GEIST DES DREIBUNDVERTRAGS kein österreichisches Übergewicht und namentlich kein aggressives Vorgehen der Österreicher gegen Rumänien oder Serbien tolerieren könne. In dieser Beziehung müßten beide, Österreich wie Italien, nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Geist des Dreibundvertrages treu bleiben. „Patti chiari, lunga amicizia." Ohne unnötige Emphase, die nicht in seiner Art liegt, aber mit ruhiger Bestimmtheit erklärte mir Herr Giolitti, daß Italien sich nicht von Frankreich aus dem Dreibund herauslocken lassen werde. Es läge im italienischen Interesse, nicht in gespannten Beziehungen zu Frankreich zu stehen, wie das in den neunziger Jahren zeitweise der Fall gewesen wäre. Auch sei der durch den Besuch des Königs Viktor Emanuel in Paris hervorgerufene Gegenbesuch von Loubet in Rom für Italien sehr nützüch gewesen, weil dadurch die Frage der weltlichen Herrschaft des Papstes ein für allemal aus der Welt geschafft worden wäre. Es habe nur eine einzige Macht gegeben, der zuzutrauen gewesen wäre, daß sie das Potere temporale wiederherzustellen Neigung empfinden könne. Diese Macht sei Frankreich gewesen. Nachdem das französische Staatsoberhaupt Rom besucht habe, ohne irgendwelche Notiz vom Papst zu nehmen, sei diese Frage erledigt und Rom tatsächlich die Capitale intangibile des Regno d'Italia geworden. Das vor allem habe Italien von Frankreich erreichen müssen. Die italienische Regierung denke aber nicht daran, die Allianz mit Deutschland durch ein Bündnis mit Frankreich zu ersetzen. Das italienische Volk, inklusive der vorgeschrittenen Radikalen, sei zu klug, als daß es nicht in seiner Mehrheit in dieser Beziehung ebenso dächte wie die Regierung. König Viktor Emanuel sei von der Notwendigkeit des Zusammengehens mit Deutschland heute noch mehr durchdrungen als früher. Als wir aus dem Walde herauskamen, sahen wir eine Reihe von kleinen Italien und Dörfern vor uns liegen, in jedem eine hübsche Kirche. Ich machte meinen die Kurie Besucher darauf aufmerksam, daß in dieser Taunus-Gegend Protestanten und Katholiken so durcheinandergewürfelt wären, daß häufig neben einem evangelischen Dorf ein katholisches liege. Dadurch kamen wir auf das Verhältnis der itaMenischen Regierung zur Kurie. Herr Giolitti war mit Pius X. zufrieden, der ein einfacher Landgeistlicher sei. dem politische Kombinationen fernlägen. Leo XIII. und Rampolla hätten das Ziel verfolgt, die italienische Monarchie zu beseitigen, um eine italienische föderative Republik unter französischem Schutz und mit dem Papst an der Spitze herzustellen, wie sie schon Napoleon III. im Frieden zu Villafranca vorgeschwebt habe. Seit dem guten Pius X. sei davon nicht mehr die Rede. Natürlich könne der Papst pro foro externo den Prinzipien der römischen Kirche nichts vergeben; das verlange auch kein Italiener von ihm. In Wirklichkeit suche Pius X., der als patriotischer Italiener fühle, die italienische Monarchie zu erhalten und zu stützen. Über den damals tobenden HOHENZOLLERN — ROMANOW Ol französischen Kulturkampf empfand Giolitti begreifliche Genugtuung, betonte aber, daß er nicht dumm genug sein würde, einen solchen in Italien zu inszenieren. Die Italiener wären ein skeptisches Volk und begriffen nicht, wie man sich wegen religiöser Fragen echauffieren könne. Es gelang mir nur schwer, Herrn Giolitti klarzumachen, weshalb sich eigentlich ein großer Teil der Deutschen über die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes aufgeregt habe. Als Giolitti die Sache endlich begriff, meinte er, der deutsche Doktrinarismus sei „unergründlich". In Italien wäre seit 1848 eine Reihe von Gesetzen gegen die Jesuiten erlassen worden, die aber gar nicht angewandt zu werden brauchten. Die Jesuiten wüßten, daß, wenn sie sich direkt oder indirekt gegen die italienische Nationalidee vergingen, sie sofort ausgewiesen werden würden. Sie verhielten sich also ganz ruhig und sehr korrekt. Herr Giolitti besorgte damals, daß Monsieur Combes durch seine Übertreibungen in Frankreich eine klerikale Reaktion hervorrufen könnte, was für Italien natürlich unerwünscht sein würde. Der Präsident Loubet und der Minister des Äußern Delcasse hatten bei ihrem Resuch in Rom Herrn Giolitti gesagt, daß sie den Antiklerikalismus von Combes „sehr übertrieben" fänden. In demselben Sinne hatten sich beide gegenüber der streng katholischen Königin-Mutter Margherita ausgesprochen. Hinsichtlich seiner inneren Politik wiederholte mir Giolitti, was er mir schon öfters gesagt hatte, nämlich, daß die Ordnung mit fester, mit sehr fester Hand aufrechterhalten werden müsse, daß aber bei dem Druck, der in Italien namentlich auf der ländlichen Arbeiterbevölkerung laste, die italienische Monarchie sich nicht ganz mit den ländlichen Arbeitgebern, den „Signori", identifizieren dürfe. Übrigens stehe die Monarchie in Italien viel fester, als im Ausland angenommen würde. Wenn die Berichte veröffentlicht werden sollten, welche die in Italien akkreditierten fremden Gesandten in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts über die italienischen Zustände geschrieben hätten, so würde sich herausstellen, daß diese Herren, vielleicht mit alleiniger Ausnahme des ruhig beobachtenden Engländers, alle den Sturz des Hauses Savoyen prophezeiten. Wie sich die damaligen Propheten geirrt hätten, so würden auch diejenigen unrecht behalten, die heute die italienischen Zustände mit übertriebener Schwarzseherei beurteilten. Die Monarchie werde sich in Italien weiterbehaupten, Italien aber werde bei verständiger, ruhiger und taktvoller Poktik von beiden Seiten an der Seite von Deutschland bleiben. Kaum ein anderer Gedanke hat Kaiser Wilhelm II. während seiner Regierung lebhafter beschäftigt als der Wunsch einer Allianz zwischen den Der Kaiser Häusern Hohenzollern und Romanow, zwischen der preußisch-deutschen und Rußland und der russischen Monarchie. Wie fast irrmer bei Seiner Majestät war auch dieser Wunsch des Kaisers aus persönüchen Empfindungen hervorgegangen, (>2 DAS ZERREISSEN DES DRAHTES Wilhelm II. wußte sehr wohl, wenn er es auch nicht eingestand, daß er an der von deutscher Seite erfolgten Kündigung des Bismarckschen Rück- versicherungsvertrages mit Rußland, die ipso facto zur russisch-französischen Allianz geführt hatte, wenn nicht die Hauptschuld, so doch einen großen Teil der Schuld trug. Bei seiner von ihm nur zu oft proklamierten Theorie von der alleinigen Verantwortung des Monarchen vor Gott, vor seinem Volk und vor der Geschichte wäre er sogar der allein Schuldige an diesem inkommensurablen Fehler gewesen. In den ersten Jahren nach der Entlassung des Fürsten Bismarck motivierte Wilhelm II. das Zerreißen des Drahtes nach Rußland mit ethischen Motiven: der Vertrag wäre ein „Verrat an Habsburg" gewesen. Da dieses ihm von Holstein und Phili Eulenburg soufflierte Argument auf die Länge nicht zog, behauptete der Kaiser, er hätte sich von Rußland abwenden müssen, um wirklich gute Beziehungen zu England zu erreichen. Auch diese Behauptung war nach der Krüger-Depesche nicht mehr aufrechtzuerhalten. So blieb dem Kaiser nichts anderes übrig, als den Beweis zu führen, daß er auch nach Bismarck, ohne Bismarck und trotz Bismarck wieder mit Rußland zu einem Vertragsverhältnis kommen könne. Ich hatte dem Kaiser schon bei meiner Berufung von Rom nach Berlin, 1897, gesagt, daß, nachdem der deutsch-russische Vertrag sieben Jahre früher von uns, noch dazu unter wenig erquicklichen Begleiterscheinungen und in unfreundlicher Form, gekündigt worden wäre, die russische Regierung sich nicht bereitfinden lassen würde und tatsächlich bei der Volksstimmung in Rußland auch kaum in der Lage sei, unter Zerreißung der feierlich proklamierten Allianz mit Frankreich ein Bündnis mit uns zu schließen. Was wir selbst 1890 erschlagen hätten, könne nicht wieder zum Leben erweckt werden. Was aber durchaus möglich sei, wäre, durch eine geschickte und ruhige Politik nicht nur Frieden, sondern auch Freundschaft mit Rußland zu erhalten. Der Kaiser gab aber die Hoffnung nicht auf, durch persönliche Einwirkung auf den Zaren sein Ziel zu erreichen. Es lag in seiner Natur und in der irrigen Auffassung seiner Stellung als Herrscher, daß er auswärtige Politik vor allem durch Einwirkung auf andere Souveräne und mit anderen Souveränen machen wollte. Er hatte dem Ausbruch des Kriegs zwischen Rußland und Japan vor allem deshalb mit von mir schwer zu zügelnder Ungeduld entgegengesehen, weil er hoffte, daß die Not eines großen auswärtigen Konfliktes Kaiser Nikolaus nötigen werde, bei seinem deutschen „Kollegen" Unterstützung und vor allem guten Rat zu erbitten. Als der Kaiser am 21. Januar 1904, also mehr als zwei Wochen vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, ein Telegramm des Zaren erhalten hatte, das die Hoffnung aussprach, daß der Friede nicht gestört werden würde, war Seine Majestät sehr niedergeschlagen. Er besorgte, daß der Zar es keinesfalls zum Krieg mit Japan kommen lassen DER KAISER BESTÜRZT 63 wolle. Das würde, so kombinierte Wilhelm II. weiter, zu einer französisch- englischen Vermittlung führen, aus der eine französisch-englisch-russische Koalition gegen uns hervorgehen könne. Die Besorgnisse, die Japan, Amerika und namentlich England dem Zaren bereitet hätten, würden ihn zu einer Annäherung an diese Mächte bewegen, wahrscheinlich auch zu einer festeren Schürzung des Allianzknotens mit Frankreich. Vor allem aber drohe uns die Gefahr, daß durch die schwächliche Politik der Russen die Japaner übermütig werden würden. Wir wären den Japanern zur See noch nicht gewachsen. Kiautschou erschien Seiner Majestät schon so gut wie verloren. Ich entgegnete, wir müßten vor allem vermeiden, bei dem Zaren den Argwohn zu erwecken, als ob wir ihn in einen Krieg treiben wollten, zu dem er und seine Minister aus naheliegenden Gründen gar keine Lust hätten. Je weniger wir uns jetzt dekuvrierten und je stiller wir säßen, um so besser. Wenn wir weder den Zaren mißtrauisch machten, und vor allem, wenn wir ihm nicht als falsche Freunde erschienen, uns aber andererseits auch nicht von anderen gegen England vorschieben ließen noch Japan brüskierten, könnten wir der weiteren Entwicklung ruhig entgegensehen. Ich hatte gehofft, den Kaiser einigermaßen kalmiert zu haben. Dies war jedoch nicht der Fall. Jedenfalls hatte die Beruhigung nicht lange gedauert. Am 14. Februar erschien der Kaiser schon in ganz früher Morgenstunde bei mir. Der Kaiser sah niedergeschlagen, fast bestürzt aus. Zwischen ihm und mir entspann sich folgender Dialog, über den ich noch am gleichen Tage die nachstehende Niederschrift zu meinen Akten nahm: Unterredung Der Kaiser: Ich dachte, die Wärme meiner letzten Briefe würde den mit Bülow Zaren veranlassen, seine ganze Macht gegen Japan einzusetzen. Statt 14. Febr. 190' dessen bleibt seine Haltung nach wie vor eine schlappe. Er scheint nicht fechten zu wollen. Er ist imstande, schließlich die Mandschurei ohne Schwertstreich, wenigstens ohne ernstlichen Widerstand, den Japanern zu überlassen. Eine solche Wendung der Dinge muß ä tout prix verhindert werden. Ich: Das sicherste Mittel, um zu erreichen, daß die Russen mit Japan einen voreiligen und faulen Frieden schließen, würden unvorsichtige deutsche Ermutigungen an die Adresse des Zaren sein. Wenn der Zar den Wunsch Eurer Majestät merkt, daß er sich mit Japan fest verbeißen soll, so wird ihn das veranlassen, so bald als möglich abzuschnappen. Der Kaiser: Vom Standpunkt des Staatsmanns mögen Sie recht haben. Ich fühle aber als Souverän, und als solcher empfinde ich die Blößen, die sich Kaiser Nikolaus durch sein kleinmütiges Auftreten gibt, als eine Schande für alle Monarchen und insbesondere für mich. Damit kompromittiert der Zar alle großen Souveräne. Im Interesse des Ansehens der Monarchie muß etwas geschehen, damit Kaiser Nikolaus forscher auftritt. 64 „DIE NACHWELT SOLL SEHEN" Ich: Eure Majestät haben nur die Pflicht, Ihre eigene Ehre und das Interesse des preußischen und des deutschen Volkes zu wahren. Für andere Herrscher und für andere Völker ist der Deutsche Kaiser nicht verantwortlich. Kaiser Wilhelm I. und Friedrich der Große haben sich nicht für andere den Kopf zerbrochen. Wie Ludwig XV. und Peter III. regierten, war dem großen König höchst gleichgültig, wenn er nur seine eigenen Vorteile wahrnahm. Der Kaiser: Jetzt sind andere Zeiten. Damals gab es keine Sozialisten und keine Nihilisten, die aus der Blamage der Fürsten Vorteile ziehen. Durch sein jämmerliches Verhalten schädigt der Zar das monarchische Prinzip. Er muß nach Moskau fahren, das heilige Rußland zum Kampf aufzurufen, ihm das Kreuz vorantragen, seine ganze Armee mobilisieren. Ich: Ob der Zar das tun will, überlassen Eure Majestät doch ihm selbst. Noch weniger als andere Menschen beben Fürsten, belehrt zu werden. Sie selbst lassen sich ja auch nur recht ungern belehren. (Seine Majestät lächelte.) Zuviel Belehrung würde jedenfalls den Kaiser Nikolaus nicht in die gewünschte Richtung bringen, sondern verstimmen und mißtrauisch machen. Der Kaiser: Ihre Argumente mögen vom politischen Standpunkt aus zutreffend sein. Sie übersehen aber eine ungeheure Gefahr, die ich als Souverän besser würdigen kann als . alle Diplomaten, die gewohnheitsmäßig nur mit der Gegenwart rechnen, nämlich die gelbe Gefahr. Sie ist die größte Gefahr, welche die weiße Rasse, Christentum und unsere gesamte Kultur bedroht. Wenn die Russen vor den Japanern kneifen, wird die gelbe Rasse in zwanzig Jahren in Moskau und Posen stehen. Ich: Eure Majestät wissen seit langem, daß ich an eine solche gelbe Gefahr nicht glaube. Sie berührt jedenfalls alle anderen Weltmächte, Rußland und England, Amerika und Frankreich näher als uns. Sie überschätzen die gelbe Gefahr. Eure Majestät sind zu sehr geneigt, die poetischen Vorgänge durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten. Wie Sie im fernen Osten die gelbe Gefahr überschätzen, so im nahen Osten die grüne Fahne des Propheten, d. h. Macht und Bedeutung des Islam, des Sultans und der Türken. Der Kaiser: Ich bleibe bei meiner Ansicht. Bringen Sie jedenfalls alles, was ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, zu Papier und deponieren Sie diese Niederschrift i m Archiv, damit die Nachwelt sieht, wie richtig ich die Situation beurteilt habe. Es ist eine wahre Schande, daß Frankreich seine russischen Verbündeten im Stich läßt und England und die Vereinigten Staaten mit Japan sympathisieren. Wir müssen den Zaren auf die Größe der gelben Gefahr aufmerksam machen, die der Arme noch gar nicht begreift. „GRÄSSLICH VERFAHREN' 65 Ich: Das würde nur die Folge haben, daß der Zar uns auffordern würde, ihm gegen eine Gefahr, die uns so groß erscheint, bewaffnete Hilfe zu leisten. Damit wäre der Krieg zwischen uns und England gegeben, den ich zu vermeiden wünsche und seit Jahr und Tag zu vermeiden mit Erfolg bemüht bin, ein Konflikt, den Sie, Majestät, ja auch gar nicht wünschen. Leider sehen Sie aber die Weltlage nicht richtig. Darf ich ganz offen sein ? Eure Majestät haben l'esprit batailleur. Aber Sie haben nicht wie Napoleon I. und Karl XII. von Schweden, wie Friedrich der Große une äme guerriere. Sie wollen ja gar nicht den Krieg! Sie haben ihn nie gewollt und werden ihn nie wollen. Sie haben mir oft selbst gesagt, Ihr Ideal wäre, wie Friedrich Wilhelm I. vorzuarbeiten, das Rüstzeug zu schmieden, das einst Ihr Sohn, noch besser Ihr Enkel brauchen soll. Warum bei innerlich ganz friedfertiger Gesinnung die Nachbarn entweder reizen oder mißtrauisch machen ? Der Kaiser (durch die letzten, mit Nachdruck gesprochenen Worte ernüchtert): Lieber Bernhard, wie denken Sie sich denn einen Ausweg aus dieser durch die Schwäche des Zaren, die Perfidie der Engländer und die Selbstsucht der Franzosen so gräßlich verfahrenen Situation? Ich: Es gilt, zweierlei zu vermeiden. Einmal, daß unsere Beziehungen zu Rußland durch den Krieg geschädigt werden. Zu diesem Zweck müssen wir unterlassen, was uns dort als unsichere und namentlich als schadenfrohe und hinterlistige Nachbarn erscheinen lassen könnte. Andererseits wäre es ein grober Fehler, uns von den Russen gegen Japan oder gar gegen England vorschieben zu lassen. Beide Klippen werden wir um so sicherer umschiffen, je mehr wir uns einer besonnenen Haltung befleißigen. — Nicht lange nach diesem Gespräch trafen Nachrichten ein, die für die russischen Waffen sehr ungünstig lauteten. Es war mir gelungen, den Kaiser Der während des ganzen Jahres 1904 gegenüber dem Konflikt im fernen Osten Doggerbank- trotz seiner innerbchen Erregung nach außen zu einem verständigen Ver- ^ w ^ sc ^ en f a ^ halten zu bestimmen. Während sich der Kaiser im Spätherbst 1904 in Schlesien aufhielt, wo er gern in dieser Jahreszeit den großen Jagden der dortigen Magnaten beiwohnte, hatten sich allerlei Einflüsse geltend gemacht, die aufreizend auf den hohen Herrn einwirkten. Hierzu trug natürlich auch die immer deutlicher hervortretende gehässige Stimmung nicht der engliscben Regierung, aber weiter Kreise des engbschen Volkes gegen uns bei. Alle militärischen Aktionen der Russen im fernen Osten standen unter einem ungünstigen Stern. Am meisten aber war dies der Fall bei der Fahrt der russisch-baltischen Flotte nach Ostasien, auf die Kaiser Nikolaus und der russische Hof große Hoffnungen gesetzt hatten. Die Führung der Flotte zeigte von Anfang an ein verhängnisvolles Ungeschick. Beim Passieren der Doggerbank eröffneten die Russen ein heftiges Feuer auf Fahrzeuge, deren Bauart ihnen unbekannt war und die sie für japanische Torpedoboote 5 Bülow II 66 NICHT DER TERTIUS GAUDENS hielten. In Wahrheit waren es harmlose englische Fischerkutter, deren mehrere in den Grund gebohrt wurden. Die englische Presse erhob großen Lärm, sie beschimpfte in allen Tonarten den russischen Admiral Roschdest- wensky, forderte eine eklatante Genugtuung und erklärte, daß ein Krieg schwer zu vermeiden sein würde. Gleichzeitig aber war die englische Regierung im stillen bestrebt, es nicht zum Krieg mit Rußland kommen zu lassen. Noch eifriger bemühten sich in dieser Richtung die beiden dänischen Schwestern, die Zarin-Mutter Maria Feodorowna und die Königin Alexandra von England, die, wie man sich erinnert, schon 1885 während der afghanischen Krise viel zu einer Verständigung zwischen Walfisch und Bär beigetragen hatten. Unser Botschafter Graf Metternich schrieb mir bereits am 6. November 1904: „Den Nordseezwischenfall schätze ich, soweit England in Betracht kommt, gering ein. Nach kurzem werden englischerseits dieselben Anstrengungen wie vorher gemacht werden, um zu einer Verständigung mit Rußland zu gelangen. Frankreich wird dieses Ziel, solange es erreichbar ist, nie aus dem Auge verlieren und stets besänftigend und im Sinne der Annäherung nach beiden Seiten hin wirken. Irgendeine deutschenglische Kombination halte ich nicht within the reach of practical politics. Im Gegenteil, die Abneigung gegen uns ist hier im Wachsen, obwohl wir ihr seit längerer Zeit gar keine Nahrung gegeben haben." Ich hatte nach Möglichkeit darauf hingewirkt, daß unsere Presse gegenüber der Dogger- bank-Affäre nicht nach übler deutscher Gewohnheit den Tertius gaudens spielte, sondern 6ich einer taktvollen Zurückhaltung befleißigte. Die Lehre, die aus diesem Zwischenfall gezogen werden mußte, war, daß alle Streitigkeiten zwischen den Deutschland umgebenden Mächten Rußland, England und Frankreich verhältnismäßig leicht beizulegen waren, da sie sich, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen, untereinander kein Auge auszuhacken wünschten. Um so vorsichtiger mußten wir in unserer zentralen Lage, bei dem Neid, den unsere glänzende wirtschaftliche Entwicklung, und bei den Besorgnissen, die unsere gewaltige Machtstellung in der Welt hervorriefen, der Gefahr ausbiegen, den anderen Mächten eine opportune Gelegenheit für einen kriegerischen Gang mit uns zu bieten. Der Niederschlag aller kaiserlichen Stimmungen und Verstimmungen Geheimbericht war ein geheimer Bericht, den am 2. Dezember 1904 der als Vertreter des von Schöns Auswärtigen Amtes den Kaiser auf Reisen begleitende damalige Gesandte von Schön, der spätere Botschafter in St. Petersburg und Paris und Staatssekretär des Äußern, an mich richtete. Herr von Schön meldete mir: „Seine Majestät der Kaiser und König hatten im Laufe der Reise nach Schlesien aus Allerhöchsteigener Initiative die Gnade, mich, nach der Vorbemerkung, daß es sich um eine ganz geheime Sache handle, in längerer Ausführung über die Entschließungen zu unterrichten, zu denen Aller- DIE MEERENGEN 67 höchstderselbe sich für den Fall veranlaßt sehen könnte, daß die verbitterte Stimmung Englands gegen uns und namentlich die anscheinend immer ernstlicher erwogene Absicht, der weiteren Entwicklung der Kaiserlichen Marine entgegenzutreten, sich zu konkreten Handlungen verdichten sollten, die unsererseits als unfreundliche Akte aufgefaßt werden müßten. Seine Majestät würden es in derartigem Falle für unabweisbar erachten, den unerhörten britischen Anmaßungen mit bewaffneter Hand Halt zu gebieten und feindseligen Unternehmungen gegen unsere Nord- und Ostseeküsten durch schleunige und umfassende militärische Maßnahmen vorzubeugen. Dabei würden Seine Majestät nicht umhinkönnen, die bislang geübte und nicht überall nach Gebühr gewürdigte Rücksicht auf große und kleine Nachbarn beiseitezusetzen und diese vor die binnen kürzester Frist zu entscheidende Frage zu stellen, ob sie in dem Konflikt unsere Freunde und Bundesgenossen sein oder sich zu unseren Gegnern rechnen wollen. Derartige Sommationen würden in Paris, in Brüssel, im Haag und in Kopenhagen überreicht werden, am letzteren Platze gleichzeitig mit der Besetzung einiger strategisch wichtiger Punkte in und an den dänischen Wasserstraßen. Dänemark werde zwar auf seine Neutralität verweisen. Da es zu deren wirksamer Aufrechterhaltung und Verteidigung indessen nur kläglich unzulängliche Machtmittel besitze, sei diese wertlos. Überdies werde sie noch dadurch illusorisch — Seine Majestät betonte diesen Punkt besonders —, daß Dänemark grundsätzlich fremden Kriegsschiffen Lotsen und Durchfahrt der Meerengen gewähre. Meiner Bemerkung, daß Dänemark bei der grundsätzlichen Gestellung von Lotsen sich auf internationale Verpflichtungen (SundVerträge), auf eine feststehende Tradition und auf praktische Notwendigkeiten stütze, begegnete Seine Majestät mit der Äußerung, daß man über derartige Dinge eben hinweggehen müsse. Gegen jedes der vorerwähnten Nachbarländer, so fuhr Seine Majestät fort, das nicht umgehend und unzweideutig sich für uns entscheide, würde unverzüg- bch mit militärischer Gewalt vorgegangen werden. Der Zeitpunkt, wo ein feindseliger Akt Englands zu erwarten stehe, würde mit dem Moment als eingetreten zu erachten sein, wo es seine Flotte aus dem Mittelmeer nach den heimischen Gewässern ziehe. Auf meine vorsichtige Zwischenfrage, ob nicht mit der Möglichkeit zu rechnen sein dürfte, daß unsere Besetzung dänischen Bodens und Gewässers schließlich Rußland beunruhigen und, vielleicht unter der gleichzeitigen Wirkung fremder Einflüsterungen, von uns hinwegziehen und England in die Arme treiben könnte, äußerte Seine Majestät, diese Gefahr liege zu einer Zeit nicht nahe, wo der Krieg in Ostasien im Gange sei und voraussichtlich sich noch Jahre hinziehen werde, wo ferner die alten Gegensätze zwischen Rußland und England durch des letzteren hinterlistiges Vorgehen in Tibet sowie durch die Art der 68 DER HERR WAR MIT DAVID Behandlung des Doggerbank-Vorfalls in tiefgehender, nachhaltiger Weise verschärft seien. Bei späterer Gelegenheit kam Seine Majestät auf die dänische Frage mit der Äußerung zurück, Dänemark werde sich entschließen müssen, sich in irgendeiner Weise, zunächst in Form eines Zollbündnisses, sodann auch mit militärischen Einräumungen, unter den Schutz des Deutschen Reichs zu stellen, wogegen ihm sein Besitzstand gewährleistet werde. Zu Lebzeiten König Christians werde Er, der Kaiser und König, möglichste Rücksicht walten lassen, später aber würde diese hinwegfallen. In ähnlichem Sinne wie Seine Majestät hat sich der Generaladjutant von Plessen bezüglich Dänemarks in einem Tischgespräch zu mir geäußert. Der General bemerkte noch, daß es für uns im höchsten Grade erwünscht sei, nicht nur Dänemark, sondern auch Holland mit seinen Kolonien in die Hand zu bekommen, schon in Hinsicht auf die dringlich erforderliche Errichtung von Kohlenstationen. Auf meine Bemerkung, daß solche Pläne nicht ohne blutige Konflikte mit nahezu allen Großmächten einschließlich Amerikas durchführbar seien, gab der General zu, daß ihre Verwirklichung vielleicht noch in weite Fernen zu rücken sei." Philipp Eulenburg, der den Kaiser nach seiner Rückkehr von den Brief der schlesischen Jagden gesehen hatte, schrieb mir unter dem 19. Dezember Kaiserin über 1904, nicht ohne Besorgnis: „In diesen komplizierten Zeiten folge ich den Kaiser j) e j nen \^ e g en m jt treuer Liebe und Teilnahme. Ganz große Politik läßt sich nur in vollkommener Ruhe und bei tiefem Schweigen machen. Alle Gewehre aus seinem eigenen Gewehrschrank nehmen und damit seine Feinde bewaffnen — das geht nicht. Hier ist nicht der Platz, über so ernste Dinge zu reden. Ich will damit warten, bis wir uns wiedersehen. Ich denke mir, daß es in der Weihnachtswoche sein kann. Dein treuer alter dankbarer Philipp E." Die Kaiserin schrieb mir nach den schlesischen Jagden: „Der Kaiser scheint sehr zufrieden mit Jagd und Gesellschaftskreis der verschiedenen von ihm besuchten Häuser. Ich freue mich über diese Abwechslung, denn der Kaiser war durch die jetzige politische Lage so sehr ernst gestimmt. Ich habe versucht, ihn wieder freundlicher zu stimmen, indem ich ihm sagte, wenn wir auch schwächer wären in der Marine, erstens ist unser Menschenmaterial doch besser durchgebildet und mehr Verlaß, und dann sagte ich dem Kaiser, wie bei David und Goliath, auf Davids Seite war die Kraft, da der Herr mit ihm war. Und das hoffe ich bei uns auch. Freilich dürfen wir die Arbeit nicht ruhen lassen, und dafür sorgen Sie und der Kaiser. Ich würde Ihnen aber doch dankbar sein, wenn Sie mir ein Wort senden würden, ob Sie auch so schwarz sehen. Ich habe neubch die kleine Altenburg gesehen, bin aber sehr dankbar, daß ich eine andere Schwiegertochter habe. Diese kleine Altenburg sieht schrecklich zart und langweilig aus. Mit herzlichen Grüßen Ihre Viktoria." WILHELMS II. „ERSTER" MISSERFOLG 69 Trotz aller Beschwichtigungsversuche der vortrefflichen Kaiserin wurde die Stimmung Seiner Majestät immer düsterer und namentlich immer Absage erregter. Der Kaiser hatte während der beiden letzten Monate dem Zaren Zaren aus den schlesischen Jagdgründen mit Briefen zugesetzt, in denen er im Widerspruch zu allem, was ich ihm empfohlen hatte, gegen meinen ausdrücklichen Rat ihn von Frankreich abzuziehen suchte. Diese Briefe hatten natürlich das gerade Gegenteil des von Seiner Majestät erwarteten Erfolges erzielt. Am 28. Dezember 1904, drei Tage vor Jahresschluß, schrieb mir der Kaiser, der Zar habe ihm „eine klare Absage an jeden Gedanken einer Verabredung ohne Vorwissen Galliens" erteilt, „ein gänzlich negatives Resultat nach zweimonatiger ehrlicher Arbeit". Das sei „der erste Mißerfolg", den er seit seinem Regierungsantritt „persönlich" erlebe. Hoffentlich eröffne er nicht eine Reihe ähnlicher Vorgänge. Jetzt müßten wir Japan kultivieren und Paris „eins auswischen". Delcasse, der „verflucht geschickt und sehr stark" sei, habe die Verhandlungen Seiner Majestät vereitelt. In einer langen Unterredung, die ich am SUvestertag 1904 mit dem Kaiser hatte, gab er mündlich seiner Entmutigung noch drastischeren Ausdruck. Die Depression, die ihn befallen zu haben schien, war selbst für sein leicht von einem Gegensatz zum anderen überspringendes Naturell ungewöhnlich. „Ich verstehe", erwiderte ich, „Eurer Majestät Befürchtungen, ich verstehe sehr wohl Ihre Sorgen, die ich seit langem selbst empfinde. Darum dürfen wir aber nicht den Mut verlieren. Ich erinnere Eure Majestät an Goethes Wort: Nur heute, heute nur laß dich nicht fangen, So bist du hundertmal entgangen. Auf die Politik und auf uns übertragen heißt das: nicht bei jeder Gefahr, bei jedem Hindernis die Nerven verlieren, sondern die Hindernisse mit Mut, Geduld und Zähigkeit überwinden, Gefahren klug ausweichen. Ich erinnere Sie an die Worte, die ich in Gegenwart Eurer Majestät beim Stapellauf des Linienschiffs ,Preußen' in der Hauptstadt Pommerns gesprochen habe. Der Staat, sagte ich damals, dessen Namen dieses Linienschiff tragen soll, war von Anfang an bedroht, gefürchtet und gehaßt von seinen Gegnern, aber gebebt und hochgehalten von seinen Söhnen mit Anspannung aller Kräfte wie kaum ein anderer. Oft von Stürmen umbraust, hat er mit Gottes Hilfe alle Stürme siegreich überstanden. Sie haben uns oft bedrängt, von unserer J ugend auf, aber uns nicht übermocht. Heute am letzten Tage des bewegten Jahres 1904 sage ich dem König von Preußen und Deutschen Kaiser: Unsere Neider und Feinde werden uns auch weiter nicht übermögen, wenn wir uns selbst, wenn wir dem Geist der preußischen Geschichte treu bleiben. Mit festem Mut, mit kaltem Blut und mit elastischer Hand kommen wir in Ehren durch." V. KAPITEL Neujahr 1905 • Denkschrift der englischen Admiralität über Flottenfragen . Fall von Port Arthur • Neuerliche und bedenkliche Erregungszustände bei Wilhelm II. • Die belgische Neutralität • Der ein Jahr vorher erfolgte Besuch des Königs Leopold von Belgien in Berlin • Dessen damalige Unterredung mit Bülow, sein Tete-ä-Tete mit Wilhelm II. • Richtlinien Bismarcks hinsichtlich unserer Stellungnahme zur belgischen Neutralität • Graf Alfred Schließen über das belgische Problem • Artikel der Deutschen Revue • Feststellung des Auswärtigen Amtes vom 6. VII. 1920, bezüglich angeblicher Meinungsverschiedenheiten mit dem Generalstabe über die Frage eines Durchmarsches durch Belgien ■ Generaloberst Moltke über die belgische Frage • Wunsch Wilhelms II. nach einem Bündnis mit Dänemark • Betrachtungen zur außen- und innenpolitischen Lage im Jahre 1905 • Der englische Botschafter Lascelles über Wilhelm II. • Idiosynkrasie des Kaisers gegen Japan Das Jahr 1905, von dem ein dunkles Gefühl den Völkern und insbesondere uns Deutschen sagte, daß es ein ereignisreiches sein würde, von predigt und dem viele besorgten, daß ihm im Zeitenschoße mehr schwarze als heitere Defiliercour j^ ose run t en? begann für mich, wie üblich, in der Kapelle des Königlichen Schlosses. Rechts vom Altar saßen die Staatsminister, links die Ritter vom Schwarzen Adler. Ich hatte die Wahl, ob ich meinen Platz bei den einen oder bei den anderen nehmen wollte, schloß mich aber grundsätzbeh den Ministern an, die als feste Pfeiler den preußischen Staat stützten oder jedenfalls stützen sollten, während die Ordensritter in ihren Ordensmänteln von rotem Samt mit blauem Futter diesen Staat mehr als ornamentaler Schmuck zierten. Gegenüber dem Altar saß der Kaiser mit der Kaiserin, umgeben von den Prinzen des königlichen Hauses und den zur Neujahrscour in Berlin erschienenen fürstbchen Gästen. Es gab keinen aufmerksameren Zuhörer als Wilhelm II. Er, sonst so quecksilberig, lauschte der längsten Predigt und dem langweiligsten Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit und in der unbewegbehen Haltung, die er bei allen Hofzeremonien und auf allen Paraden zeigte. Darin wie in vielem anderen war mir der Kaiser entschieden über. Vorträgen oder Predigten zu folgen, war mir von Jugend an beschwerbch. Selbst im Reichstag hörte ich den Rednern nur zu, wenn ich wußte, daß ich auf ihre Ausführungen sofort würde antworten müssen. Während der Predigt in der Schloßkapelle pflegte ich die Königsbilder zu mustern, mit denen die romantische Phan- DIE REDE DES ZIVILLORDS LEE 71 tasie des Königs Friedrich Wilhelm IV. die Wände der Kapelle geschmückt hatte. Da sah man neben dem biederen, verständigen und nüchternen Friedrich Wilhelm III. den jähzornigen und wilden Frankenkönig Chlodwig, neben David mit der Harfe Friedrich Barbarossa mit wallendem Barte und steilem Reichsschwert, neben dem glaubensstarken Gustav Adolf den rationalistischen großen König. Auf den Gottesdienst in der Schloßkapelle folgte die Defihercour, bei der mir die Blässe des Kaisers auffiel. Nach der Cour hörte ich von Tirpitz, daß Dislokation die Denkschrift, die am Ausgang des verflossenen Jahres der Erste Lord deT der englischen Admiralität, derEarl of Seiborne, dem House of Commons m vorgelegt hatte, den Kaiser stark impressioniert habe. In dieser Denkschrift wurde als Ziel der Admiralität bezeichnet, die ganze englische Marine kriegsbereit in dem Sinn zu halten, daß sie stets gerüstet sei, einen sofortigen Schlag führen zu können. Die Heimatflotte solle künftig Kanalflotte, die jetzige Kanalflotte dagegen Atlantische Flotte genannt werden. Es lag auf der Hand, daß diese Dislokation ein Zugeständnis an die durch unsere Schiffsbauten mehr und mehr erregte englische öffentliche Meinung war. Es war auch ziemlich wahrscheinlich, daß die Bildung einer besonderen Atlantischen Flotte die englische Antwort auf die wenig glückliche Idee des Kaisers war, sich „Admiral of the Atlantic" zu nennen. Der Veröffentlichung der Denkschrift des Earl of Seiborne war ein Artikel der „Army-and-Navy- Gazette" vorausgegangen, in dem es hieß: „Früher hätte England eine Flotte, von der wir Grund hatten anzunehmen, daß sie zu unserem Schaden gebraucht werden könne, einfach vernichtet. Wir wollen offen aussprechen, daß der gegenwärtige Augenbhck ganz besonders günstig ist, zu erklären, daß diese Flotte fürderhin nicht vergrößert werden solle. Die anderen Mächte würden einer solchen Aktion wahrscheinlich mit schlecht verhehltem Vergnügen, wenn nicht mit offener Billigung zusehen." Nicht lange nachher hatte der Zivülord der englischen Admiralität Mr. Lee eine Rede gehalten, in der er erklärte, England müsse Deutschland den Ausbau seiner Flotte verbieten. Als der Führer der liberalen Opposition, Mr. Campbell Bannerman, in der Adreßdebatte im Unterhaus sein Bedauern darüber aussprach, daß Lee Deutschland grundlos provoziert habe, nahm der Premierminister Balfour den streitbaren Zivillord in Schutz, erklärte den Tadel des Führers der Opposition für „unedelmütig" und lobte mit Pathos den Fleiß und die große Geschicklichkeit von Lee, die für sein Land von hohem Werte wären. Es war nicht zu bestreiten, daß bei Beginn des Jahres 1905 viel auf die erregbaren und labilen Nerven des Kaisers einstürmte. Am 2. Januar kapitulierte Port Arthur mit 8 Generälen, 4Admirälen, 57 Stabsoffizieren, über 30000 Kombattanten, über 50 Geschützen und 4 Schlachtschiffen, was die Erregung und, voreingenommen wie er gegen die „Japs" war, den 72 DAS FALSCHE PFERD Zorn Seiner Majestät noch steigerte. Wie während des Spanisch-Amerikanischen Krieges, so hatte Wilhelm II. auch diesmal die Belligerenten unrichtig eingeschätzt und ebenso bestimmt auf den Sieg der Russen gerechnet wie sieben Jahre früher auf den Triumph der Spanier. Er hatte wieder einmal auf das falsche Pferd gesetzt. In seinem Bedürfnis, überall dabeizusein und immer im Vordergrunde der Bühne zu stehen, verfiel er auf den Ausweg, den Sieger und den Besiegten gleichmäßig auszuzeichnen, indem er sowohl dem Verteidiger von Port Arthur, dem General Stössel, wie dem Eroberer, dem General Nogi, die höchste preußische militärische Auszeichnung, den von Friedrich dem Großen gestifteten Orden Pour le merite, verlieh. Als er mich post festum von diesem Einfall in Kenntnis setzte, verhehlte ich Seiner Majestät nicht, daß das mißgünstige Ausland in diesem Akt wieder das Bestreben sehen werde, nach rechts und links Kränze auszuteilen und damit den Arbiter mundi zu spielen. „Eure Majestät", sagte ich dem Kaiser, „sind das Oberhaupt eines großen, mächtigen und blühenden, aber von Neidern und Feinden umgebenen Reichs. Sie sind nicht ein römischer Caesar-Imperator, der den kämpfenden Gladiatoren entweder zunickt oder sie pollice verso zum Tode verurteilt." Der Kaiser schwieg. Aber in einer langen Unterredung, mit der er mich bald nachher nach einem Hoffest beehrte, machte sich seine innere Erregung in selbst bei ihm ungewöhnlich stürmischer Weise Luft. Er wiederholte mir hierbei alles, was er einige Wochen vorher in Schlesien dem Gesandten von Schön über die Maßnahmen gesagt hatte, die er „unweigerlich" treffen werde, wenn England es wagen sollte, ihn am Weiterbau seiner Flotte zu hindern. Ich muß bei diesem Anlaß auf ein Ereignis zurückgreifen, das zwar an Zwischenfall sich fast ein Jahr zurücklag, das aber erst in Zusammenhalt mit der Geistes- mit dem Verfassung, in der ich den Kaiser an diesem schwer zu vergessenden Januar- Konig der ta g 1905 fand, in seiner eigentlichen Tragweite zutage tritt. Ich besitze auch Belgier j enen Vorfall, der sich am 28. Januar 1904 in demselben altersgrauen, für mein Herz so ehrwürdigen Schloß abgespielt hatte, Notizen, die ich damals sofort gemacht und zu Papier gebracht habe. Im Januar 1904 hatte mir der Kaiser zu meiner Überraschung erklärt, daß König Leopold von Belgien ihm den Wunsch ausgesprochen habe, ihm in Berlin einen Besuch abzustatten. Diese günstige Gelegenheit müsse nach seiner festen Uberzeugung benutzt werden, um Belgien enger an uns zu fesseln. „Der Belgierkönig", setzte mir der Kaiser auseinander, „ist jetzt eine Non-valeur, ein Mr. Nobody unter den großen Fürsten, um den sich niemand kümmert, und doch hat Belgien eine herrliche Vergangenheit. Wir müssen König Leopold auf den Glanz und die Pracht des alten Burgund hinweisen, an Philipp den Gütigen und Karl den Kühnen erinnern. Wenn wir ihm die Aussicht eröffnen, durch ein Bündnis mit uns zu gleicher Höhe LEOPOLD VON BELGIEN IN BERLIN 73 emporzusteigen, wird Leopold zu allem bereit sein." Natürlich riet ich ab. Die Belgier wären nicht ambitiös. Sie sängen nicht: 0 nein, nein, nein! Mein Vaterland muß größer sein! Sie wären nur auf ihre Neutralität und Unabhängigkeit bedacht, das aber sehr. Der Kaiser versprach mir, auf die Versucherrolle zu verzichten, die er sich schon zurechtgelegt hatte. Ich will nicht verschweigen, daß ich mir noch heute im Zweifel darüber bin, ob König Leopold sich wirklich aus eigenem Antrieb zum Besuch in Berlin angemeldet hatte, oder ob die Einladung vom Kaiser ausging, oder ob der Militärattache in Brüssel den Anstoß gab. König Leopold traf am 26. Januar 1904 in Berlin ein. Er beehrte mich am nächstfolgenden Tage, am Geburtstage Seiner Majestät, am 27. Januar, mit einem langen Besuch, in dessen Verlauf wir an der Hand einer auf meinem Schreibtisch ausgebreiteten großen Karte von Zentralafrika eine Reihe strittiger Kolonialfragen regelten, über die ich mir von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts eingehenden Vortrag hatte halten lassen. Der König war ein guter Geschäftsmann. Seine Klarheit, Sachlichkeit und Sicherheit machten mir einen günstigen Eindruck. Von unseren kleinen Kolonialdifferenzen kamen wir auf die allgemeine europäische Lage und im Anschluß hieran auf die Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland zu sprechen. Der König hob nicht nur als seinen persönlichen Wunsch, sondern als den Wunsch aller Belgier ohne Unterschied der Partei, als das Hauptinteresse Belgiens die Aufrechterhaltung des Friedens hervor, die ihm durchaus möglich erschien, wenn in Berlin, London und St. Petersburg eine verständige und ruhige Politik gemacht werde. Was das Verhältnis zwischen Belgien und Deutschland angehe, so sei es so gut als möglich. Französisch sei die Muttersprache der Wallonen, ganz Belgien stehe unter dem Einfluß der französischen Zivilisation, Brüssel sei in geistiger, literarischer und künstlerischer Hinsicht sozusagen un faubourg de Paris. Die Belgier wären aber viel zu nüchtern und viel zu vernünftig, um sich dadurch politisch beeinflussen zu lassen. Politisch hätten sie mehr Vertrauen zu Deutschland als zu Frankreich. Die Furcht, von Frankreich einmal überrannt oder gar heruntergeschluckt zu werden, sei in Belgien alt, sei weit verbreitet und werde neuerdings in dem gut katholischen Land durch die antiklerikale Richtung der Französischen Republik noch verschärft. Von Deutschland, führte der König aus, wisse jeder Belgier schon aus den Bismarckschen Veröffentlichungen vor dem Beginn des Deutsch- Französischen Krieges von 1870, daß es der Verteidiger und treue Wächter der belgischen Neutralität und Unabhängigkeit sei. Der König lobte den damabgen deutschen Gesandten in Brüssel, den Grafen Nikolaus Wallwitz, 74 ABREISE NACH KRACH den Gatten meiner Stieftochter, der Gräfin Eugenie Dönhoff. „On m'a dit", meinte der König, „que vous destinez Wallwitz ä une ambassade. Si tel etait le cas, je ne voudrais pas entraver la carriere de ce diplomate tres distingue. Mais personnellement je serais heureux de garder le comte Wallwitz ä Bruxelles, oü il jouit de beaucoup de consideration et de la confiance generale." Ich erwiderte, daß ich nicht die Absicht hätte, den Grafen Wall- witz Seiner Majestät dem Kaiser schon jetzt für eine Botschaft vorzuschlagen, und daß er bis auf weiteres in Brüssel bleiben werde, was den König sichtlich erfreute. Über die flämische Bewegung äußerte der König, daß sie an Boden gewönne, selbstverständlich im Rahmen des belgischen Staates und in voller Treue für das Flamen und Wallonen gemeinsame Vaterland. Die Flamen wären ebensogute Belgier wie die Wallonen. Ihr berechtigtes Streben, ihre reiche und schöne Sprache zu pflegen und ihre kulturelle Eigenart zu erhalten, würde auch bei den Wallonen um so mehr Verständnis finden, je weniger sich die deutsche Presse um die flämische Bewegung kümmere. Der hohe Herr wollte auch meine Frau begrüßen, der er gleichfalls in high terms von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn sprach, und überreichte mir schließlich eine prächtige Tabatiere mit seinem von Brillanten umgebenen Porträt. Die Tabatiere steht noch auf einer Etagere der Villa Malta, neben den Büsten des Königs Eduard und der Königin Alexandra von England, einem Bilde der Königin Alexandra mit ihrem Enkel, dem jetzigen Prinzen von Wales, auf dem Arm, zwei Porträts des Zaren, den Bildern der Großfürstin Maria Paulowna, der Königin Olga von Griechenland, des Königs und der Königin von Rumänien, der Kaiserin von China und vieler anderer Fürstlichkeiten. Als mich während des Winters 1914 auf 1915, wo ich mich, von Berlin alles eher denn loyal unterstützt, von Wien beständig konterkariert, in Rom bemühte, dem Ausbruch des Krieges zwischen Italien und den Zentralmächten vorzubeugen, ein geistreicher deutscher Freund in der Villa Malta besuchte und jene Erinnerungen einer glücklicheren Vergangenheit erblickte, meinte er: „Ich finde Sie umgeben von den Trümmern der Bethmann Hollweg- schen Politik." Als jene wehmütige Äußerung fiel, im Januar 1915, war mehr als ein Jahrzehnt verflossen seit dem Besuch, den König Leopold II. der Reichshauptstadt abgestattet hatte. Die ersten Tage jenes Besuchs waren damals in voller Harmonie vorübergegangen. Es kam der letzte Tag, der 28. Januar 1904, an dem der König abreisen wollte. Die Abendtafel war zu 8 Uhr angesagt,' die Abreise sollte unmittelbar nachher erfolgen. Alle Eingeladenen waren erschienen, auch die Kaiserin war schon lange da, nur der Kaiser und sein belgischer Gast fehlten. Endlich traten beide ein. Mir fiel sogleich der DER VERKEHRT AUFGESETZTE DRAGONERHELM 75 gereizte Ausdruck des Kaisers und die verstörte Miene des Königs auf, der gegen seine Gewohnheit bei Tisch mit der neben ihm sitzenden Kaiserin kaum sprach. Sobald die Tafel aufgehoben war, verließ der König mit dem Kaiser das Schloß, um zum Bahnhof zu fahren. Der König drückte mir im Vorübergehen die Hand mit den leise, aber ernst und bestimmt gesprochenen Worten: „L'empereur m'a dit des choses epouvantables. Je compte sur votre bonne inßuence, sur votre sagesse et sur votre savoir-faire pour eviter de grands malheurs." Als der Kaiser vom Bahnhof zurückkehrte, frug mich, sichtlich erschrocken, einer der Adjutanten, der ihn begleitet hatte: „Was hat denn der Belgierkönig ? Es scheint einen Krach gegeben zu haben. Der König sah ganz verbiestert aus. Der alte Herr war so sehr aus dem Häuschen, daß er den Helm seines preußischen Dragonerregiments falsch aufgesetzt hatte, mit dem Adler nach hinten anstatt nach vom." Der hinzutretende Kaiser entführte mich der Gesellschaft, die er rasch und zerstreut entließ. Als er mit mir in sein schönes Arbeitszimmer eingetreten war, in dem die Bilder seines Vaters und seines Großvaters, des großen Fürsten Bismarck und des großen Meisters von Bayreuth, des Zaren und der Queen Victoria friedlich nebeneinander an der Wand hingen, erfolgte ein sehr temperamentvoller Ausbruch über die „Jämmerlichkeit" seiner „Kollegen". Er habe dem Belgierkönig in denkbar gütigster Weise von seinen stolzen Vorgängern, den Burgunder her zögen, gesprochen und hinzugefügt, wenn der König wolle, könne er deren Reich wieder errichten und sein Zepter über Französisch-Flandern, Artois und die Ardennen ausstrecken. Der König habe ihn zunächst verständnislos „angeglotzt" und schließlich „grinsend" gemeint, daß von so hochfliegenden Plänen weder die belgischen Minister noch die belgischen Kammern etwas wissen wollten. „Da verlor ich die Geduld", fuhr der Kaiser fort, „ich sagte dem König, daß ich einen Monarchen nicht achten könne, der sich Deputierten und Ministern verantwortlich fühle, anstatt allein unserem Herrgott im Himmel. Ich habe ihm auch gesagt, daß ich nicht mit mir spaßen ließe. Wer im Falle eines europäischen Krieges nicht für mich sei, der sei gegen mich. Als Soldat gehörte ich der Schule Friedrichs des Großen an, der Schule Napoleons 1. Wie jener den Siebenjährigen Krieg mit der Invasion von Sachsen begonnen habe und dieser stets blitzschnell seinen Gegnern zuvorgekommen wäre, so würde ich, sofern Belgien nicht mit mir gehe, mich nur von strategischen Erwägungen leiten lassen." Es entstand eine lange Pause. „Ich hoffte", meinte endlich der Kaiser sichtlich verstimmt, „bei Ihnen Verständnis und Lob zu finden, allein leider scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Das ist mir die herbste Enttäuschung an diesem Tag." Ich legte darauf in ruhiger, möglichst präziser Form Seiner Majestät den Standpunkt pobtischer Vernunft dar. Mein Streben wäre auf die Aufrechterhaltung des Friedens 70 DER DURCHMARSCH DURCH BELGIEN gerichtet, eines Friedens in Ehren und mit Würde. Einen solchen Frieden wünsche und erstrebe ja auch er, der Kaiser. Ein Frieden mit Würde und in Ehren liege im deutschen Interesse, denu die Zeit gehe für uns. Würden wir angegriffen und sollten unsere Gegner, Franzosen oder Engländer, in Belgien einrücken oder dort Truppen landen, so wären wir selbstverständlich berechtigt, auch unsererseits sofort in Belgien einzumarschieren. Aber ohne vorhergegangene Verletzung der belgischen Neutralität durch unsere Feinde dürften wir nicht unter Mißachtung der auch von uns unterzeichneten und feierlich beschworenen Verträge in Belgien einfallen. Zu einem so ungeheuren Fehler würde ich nicht die Hand bieten, denn durch ein solches Verfahren würden wir jene Imponderabilien in die Hand unserer Gegner bringen, jene unwägbaren Faktoren, die, um mit Bismarck zu reden, schwerer wögen als materielle Werte. Ich wiederholte nochmals, daß wir im Kriegsfall nur nicht die ersten sein dürften, weiche die belgische, völkerrechtlich garantierte Neutralität verletzen. Kriege würden im letzten Ende nicht allein militärisch gewonnen oder verloren, sondern mindestens ebensosehr politisch. Napoleon hätte trotz seiner überragenden militärischen Genialität als Gefangener in St. Helena geendigt, Friedrich der Große, nicht nur Feldherr, sondern auch Staatsmann, wäre auf dem Thron gestorben. Unser Gespräch zog sich bis nach Mitternacht hin. Der Kaiser wurde im Laufe der Unterhaltung nervöser und heftiger, als das sonst mit mir seine Art war. Er ließ halblaut die Äußerung fallen: „Wenn Sie so denken, werde ich mich im Falle eines Krieges nach einem anderen Reichskanzler umsehen müssen." Ich schied von ihm mit dem Empfinden, daß ich den Kaiser zwar nicht ganz überzeugt hätte, daß er aber, solange ich im Amte bliebe, im entscheidenden Moment mir folgen würde, vielleicht weniger aus Einsicht als aus Vorsicht, in dem ihn damals noch beherrschenden Gefühl, daß er mit mir am sichersten fahre. Ich will diese lange Parenthese nicht schließen, ohne hinzuzufügen, daß sowohl Graf Alfred Schlieffen als dessen Nachfolger Hellmuth Moltke die Frage eines Durchmarsches durch Belgien gelegentlich und gesprächsweise mit mir berührt haben. Meine persönlichen Beziehungen zu beiden waren die besten. Moltke war mein alter und treuer Jugendfreund und ist es mir bis zu seinem Tode geblieben. Schlieffen hatte das 1. Gardeulanen- Regiment kommandiert, eines der schönsten Regimenter der Armee, vor dessen alter Kaserne in Potsdam jetzt das Denkmal des sterbenden Reiters steht, das kein guter Preuße ohne Wehmut und tiefe Bewegung betrachten kann. Zwei meiner Brüder, die späteren Generäle Adolf und Karl Ulrich Bülow, hatten unter Schlieffen bei diesem Regiment gestanden. Ich entsinne mich, daß Schlieffen sich einige Zeit vor meinem Rücktritt, 1904 oder 1905, mit mir über die Chancen eines etwaigen Krieges unterhielt. Er führte SCHLIEFFEN UND DIE BELGISCHE NEUTRALITÄT 77 hierbei aus, daß im Falle eines Krieges mit Frankreich und Rußland wir trachten müßten, zuerst Frankreich niederzukämpfen. Der sicherste Weg, um dies Ziel zu erreichen, führe über Belgien. Ich entgegnete, daß mir dies wohlbekannt wäre. Schon als Bonner Husarenleutnant hätte ich unter dem Einfluß meines damaligen Kommandeurs, des späteren Feldmarschalls Loe, Clausewitz studiert und dort die Wendung gefunden, daß die Herzgrube Frankreichs zwischen Brüssel und Paris liege. Wir dürften aber, fügte ich hinzu, aus schwerwiegenden politischen Gründen diesen Weg nur dann einschlagen, wenn und sofern die belgische Neutralität vorher von unseren Gegnern verletzt worden wäre. Ich erinnerte den genialen Strategen an einen mir unvergeßlichen Vorgang aus dem Winter 1887 auf 1888. In jener Zeit habe zwischen Deutschland und Frankreich eine starke Spannung bestanden, der Krieg hätte, ähnlich wie schon 1875, 1879 und 1885, in der Luft gelegen. Damals seien die englischen Sympathien auf deutscher Seite gewesen, und ein großes englisches Blatt, wenn ich nicht irrte, der „Standard", habe ungefähr geäußert: Allerdings hätte sich England seinerzeit für die belgische Neutralität verbürgt. Das wolle aber nicht bedeuten, daß es diese Neutralität unter allen Umständen mit den Waffen für Frankreich und gegen Deutschland zu verteidigen brauche. Auf diese verführerische Andeutung habe Fürst Bismarck in einem von ihm selbst angegebenen Artikel eine Antwort erteilt, deren ich mich genau erinnere. Ich sei in jenen kritischen Tagen Geschäftsträger in St. Petersburg gewesen und hätte als solcher die in Rede stehende Auslassung meines großen Chefs mit begreiflicher Aufmerksamkeit gelesen und durchdacht. (In jenem Artikel eines hochoffiziösen Blatts, der Berliner „Post", hätte Fürst Bismarck die nachstehenden Richtlinien aufgestellt, die auch für Bismarck über mich maßgebend geblieben wären: den Kriegsfall 1. Die deutsche Politik würde nie deshalb einen Krieg beginnen, weil sie glaube, daß er ihr sonst aufgedrungen werden könnte. 2. Vor allem würde Deutschland niemals einen Krieg mit der Verletzung eines europäischen Vertrags beginnen. 3. Wenn man in England annähme, daß die deutsch-französische Grenze durch die französischen Sperrforts für jede deutsche Offensive unzugänglich geworden sei und daß infolgedessen der deutsche Generalstab den Durchbruch durch Belgien ins Auge fassen müßte, so meine man in Berlin, daß die Kombinationen des deutschen Generalstabs nicht so leicht zu erschöpfen wären. Jedenfalls befänden sich alle die im Irrtum, die glaubten, die Leitung der Politik sei in Deutschland den Gesichtspunkten des Generalstabs unterworfen und nicht umgekehrt. 4. Ebensowenig wie die Schweizer werde jemals die belgische Neutralität von Deutschland verletzt werden. 78 SCHLIEFFENS ALARM 5. Die deutsche Staatsleitung lege den höchsten Wert auf Wahrung ihres Rufs als strenge Beobachterin der Verträge, die Europa zur Bewahrung seines Friedens geschlossen habe. Überdies lebre der gesunde Menschenverstand, daß es nicht gerade klug wäre, die Waffenkräfte Belgiens oder der Schweiz zur Waffengemeinschaft mit dem französischen Angriff zu zwingen. Graf Alfred Schlieffen, mit dem ich nach wie vor diesem Gespräch in einem ungetrübten freundschaftlichen Verhältnis gestanden habe, drehte nach seiner Gewohnheit mehrmals sein Monokel im Auge herum und meinte dann: „Natürlich! Das stimmt noch heute. Wir sind seitdem nicht dümmer geworden." Allerdings, fügte Schlieffen hinzu, neige er zu der Ansicht, daß Holland im Kriegsfall in uns seinen natürlichen Bundesgenossen gegen England sehen würde. Was Belgien angehe, so würde es sich einem deutschen Einmarsch wohl kaum mit Waffengewalt widersetzen, sondern sich mit einem Protest begnügen. Übrigens glaube er, Schlieffen, daß im Falle eines großen Krieges die Franzosen, eventuell auch die Engländer, sofort in Belgien einrücken würden. Damit bekämen wir die Hände frei. Ich betone ausdrücklich, daß nach meiner Kenntnis der Verhältnisse es bis zum Weltkrieg auch Generalstäbler gegeben hat, die für den Fall eines deutschfranzösischen Krieges den Weg durch Belgien nicht für den richtigen hielten, jedenfalls nicht für den einzig möglichen, um Frankreich zu schlagen. Auch nach dem Kriege sagte mir einer unserer bekanntesten Generäle, wir hätten besser getan, nicht den Weg über Belgien mit seinen fürchterlichen politischen Konsequenzen zu wählen, sondern uns für eine andere Kombination zu entscheiden. Ich will bei diesem Anlaß auch noch vorgreifend erwähnen, daß einige Monate vor meinem Rücktritt Graf Alfred Schlieffen in der „Deutschen Revue" einen ziemlich alarmierend gehaltenen Aufsatz über die Chancen eines allgemeinen Krieges veröffentlichte, der einige Wendungen enthielt, die in Belgien Unbehagen erregten. Einen darauf bezüglichen Bericht des Grafen Wallwitz, der zu jener Zeit noch das Reich in Brüssel vertrat, übersandte ich dem damaligen Chef des Generalstabes der Armee, dem Generaloberst von Moltke, der mir unter dem 19. Januar 1909 wörtlich erwiderte: „Es ist mir unerfindlich, wie aus den Ausführungen des Grafen Schlieffen herausgelesen werden kann, daß man maßgebenden Orts mit dem Durchmarsch unserer Truppen durch Belgien als etwas Höchstwahrscheinlichem, etwas Gegebenem rechnet. Es dürfte Graf Wall witz, dem zur Zeit seiner Berichterstattung der Urtext des Aufsatzes noch nicht vorlag, nicht schwerfallen, an der Hand des Textes etwa auftretende Bedenken zu zerstreuen." Ich möchte endheh noch feststellen, daß auf meine Anfrage vom 1. Juli 1920, ob nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck, unter der TIRPITZ WILL NORD SCHLESWIG ZURÜCKGEBEN 79 Kanzlerschaft des Grafen Caprivi, des Fürsten Hohenlohe oder während meiner Amtszeit zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Generalstab der Armee ein Meinungsaustausch wegen eines etwaigen Einmarsches in Luxemburg, Belgien oder Holland stattgefunden hätte, mir der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Herr von Haniel, am 6. Juli 1920 amtbch erwiderte: „Hochzuverehrender Fürst! Auf die gefällige Anfrage vom 1. d.M., ob während der Jahre 1890 bis 1909 ein Meinungsaustausch zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Generalstab der Armee wegen eines etwaigen Einmarsches in Luxemburg, Belgien oder Holland stattgefunden hat, beehre ich mich, Eurer Durchlaucht mitzuteilen, daß die Akten des Auswärtigen Amts nichts über die Führung eines derartigen Schriftwechsels enthalten. In aufrichtiger Verehrung Ihr sehr ergebener E. Haniel." Kaiser Wilhelm II. ist während der zweiten Hälfte meiner Reichskanzlerzeit, von 1904 bis 1909, mir gegenüber auf den Gedanken einer Invasion WiUielm II. Belgiens nicht wieder zurückgekommen. Um so eifriger beschäftigte er sich mit dem Plan, ein engeres Verhältnis zu Dänemark herzustellen. Dieser ^ änemar ^ Wunsch war in den Kreisen unserer Marine weit verbreitet. Um ein Bündnis mit Dänemark zu erreichen, wäre Tirpitz gern bereit gewesen, Nordschleswig an Dänemark zurückzugeben. Andere unserer Seeleute hielten es in dieser Richtung mehr mit dem Erlkönig: „Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." Ich bin mir nie im Zweifel darüber gewesen, daß jeder Versuch, ein näheres Verhältnis zu Dänemark herbeizuführen oder gar zu erzwingen, sicherlich England, wahrscheinlich auch Frankreich und vielleicht selbst Rußland uns auf den Hals ziehen würde. Als mir der Kaiser im Februar 1905 zweimal hintereinander ex abrupto telegraphierte: „Wir müssen ein engeres Verhältnis zu Dänemark herstellen", schrieb ich ihm, daß eine deutsche diplomatische Aktion zur Herbeiführung einer Allianz mit Dänemark die schon vorhandene Unsicherheit der Weltlage noch erheblich erhöhen würde. Eine Allianz zwischen dem mächtigen Deutschen Reich und dem kleinen Dänemark würde allgemein als ein Verzicht Dänemarks auf seine Unabhängigkeit und als dessen Angliederung an das Deutsche Reich aufgefaßt werden. Der greise König Christian IX. hege für den Deutschen Kaiser innerlich vielleicht jene „väterliche Zuneigung", von welcher der Kaiser mir wiederholt gesprochen habe. Der König könne aber gar kein Bündnis abschließen ohne Zuziehung der konstitutionellen Organe, welche letztere wieder von der Volksstimmung abhängig wären. Das dänische Volk sei deutschfeindlich. Diese Gesinnung habe sich im Laufe von vierzig Jahren dank dem heilenden Einfluß der Zeit und einer vernünftigen Politik von deutscher Seite allmählich beruhigt, aber der Verdacht, daß Dänemark in Abhängigkeit von Deutschland gebracht werden solle, würde sofort Instinkte wachrufen, die sich diplomatischer Einwirkung entzögen. Nicht 80 DIE GEISEL-THEORIE nur die dänische Presse und das dänische Volk, sondern auch die dänische Regierung und der dänische Hof würden sich um Hilfe nach England und Rußland wenden, denn jede dänische Regierung, die in einem solchen Augenblick nicht den nationalen Gefühlen Rechnung trüge, würde im Handumdrehen beseitigt werden, und selbst das dänische Königtum, dem man seine deutschen Wurzeln nicht ganz vergessen hätte, könnte dann gefährdet sein. England würde so Gelegenheit geboten, sich zum Verteidiger des kleinen Landes und seiner Unabhängigkeit gegen eine „erzwungene" deutsche Allianz aufzuwerfen. „Manche engüsche Kreise warten ja nur darauf, die dankbare Rolle des Beschützers der verfolgten Unschuld und eines schwachen Landes uns gegenüber zu spielen." Delcasse würde es sich mit Vergnügen angelegen sein lassen, wie den Engländern so auch den Russen klarzumachen, daß zwischen ihnen keine Gegensätze beständen, die ein anglo-russisch-französisches Zusammenwirken zum Schutz der dänischen Unabhängigkeit verhindern könnten. Die Hineinziehung Dänemarks in die äußere Peripherie des deutschen Reichsverbandes sei ein Traum, ein nicht ungefährlicher Traum. Zu seiner Verwirklichung gehöre, daß entweder die englische Flotte anderweitig beschäftigt oder daß ihr die deutsche, sei es allein, sei es mit einer verbündeten zusammen, ungefähr gleicbwertig wäre. Zur Zeit sei weder die eine noch die andere Voraussetzung gegeben. Unvorsichtige Schritte in der Richtung einer Angliederung von Dänemark an Deutschland würden unseren Feinden und namentlich den diplomatischen Förderern eines französisch-russisch-englischen Dreibundes nur erwünscht sein. Damit wäre unseren Gegnern in Paris, London und St. Petersburg derjenige Anlaß zum Zusammenschluß geboten, der ihnen durch die Verhinderung der Aufteilung Chinas zeitweilig genommen worden sei. Je schlechter infolgedessen die Laune mancher Leute in Paris und London wäre, um so eifriger würden sie die unerwartet gebotene Gelegenheit ergreifen, um zunächst wegen Dänemarks den neuen Dreibund ins Leben zu rufen, der, wenn erst einmal zustande gebracht, weitere Aufgaben suchen und finden würde. In jener langen und ernsten Unterredung über Belgien, die sich meinem Professor Gedächtnis so fest eingeprägt hat, daß ich mich jeder Redewendung, fast Theodor j e d er Geste und jedes Wortes des Kaisers erinnere, hatte ich Seine Majestät chiemann aucn ,j avor gewarnt, mit der sogenannten Geisel-Theorie Mißbrauch zu treiben. Diese Theorie war eine Erfindung des Professors Theodor Schiern ann. Oder richtiger gesagt, dieser geschwätzige und taktlose Wichtigtuer hatte eine Boutade von Holstein, der gemeint hatte, daß, wenn England uns überfallen sollte, wir uns an Frankreich halten würden, in plumper Weise wiederholt und breitgetreten. Als nun gar eine Pariser Zeitung die Wendung vom „Schiemannisme" geprägt hatte, um damit die angebbeh in EIN FRISCHER, FRÖHLICHER KRIEG 81 Berlin herrschende Doktrin zu bezeichnen, nach der die Deutschen, unfähig, sich gegen England zur See zu wehren, im Falle eines Krieges mit England sich auf Frankreich stürzen würden, fühlte sich Schiemann als eine europäische Zelebrität und erging sich in so unvorsichtigen und immer wiederholten Wendungen und Drohungen, daß ich ihn durch den Unterstaatssekretär von Mühlberg ernstlich und scharf verwarnen ließ. Er richtete daraufhin einen demütigen Brief an mich, in dem er hoch und teuer schwor, er lege einen so „außerordentlich hohen Wert" darauf, in seiner „bescheidenen publizistischen Tätigkeit" nicht in Gegensatz zu den von mir vertretenen und gewahrten Interessen Deutschlands zu geraten, daß er künftig noch vorsichtiger als bisher sprechen und schreiben würde. Der Brief schloß mit den Worten: „Wenn ich aber trotzdem noch zu viel sagen sollte, bitte ich, es unter keinen Umständen meinem üblen Willen, sondern nur meinem Ungeschick zuzuschreiben. In stets dankbarer Verehrung Eurer Exzellenz ehrfurchtsvoll ergebener Theodor Schiemann." Dieser Schwur verhinderte Herrn Schiemann nicht, sich dem impres- sionablen und phantasievollen Kaiser immer wieder mit unsinnigen Vorschlägen und Projekten zu nähern. Bald sollten wir mitten im Frieden Libau und Riga besetzen, um gegenüber Rußland ein Pfand in der Hand zu haben, bald auch an England ein Ultimatum stellen, daß dieses entweder aufhören solle, uns wegen unseres Flottenbaues zu bedrohen, oder es auf einen „ehrlichen und ritterlichen Waffengang" zur See mit uns ankommen lassen möge. Gegenüber den uns drohenden inneren und äußeren Gefahren, so versicherte Schiemann dem Kaiser, sei ein frischer, fröhlicher Krieg „das einzige Auskunftsmittel". Für den Waffengang mit England müsse allerdings wie für ein Turnier des Mittelalters der Kampfplatz und die Wahl der Waffen, in diesem Fall also die Zahl der einzusetzenden Schiffe, im voraus bestimmt werden. Es bedeutete tatsächlich eine starke Belastung meiner Geduld und meiner durch ernste Geschäfte in Anspruch genommenen Leistungsfähigkeit, daß ich auf die Widerlegung und Abwehr solcher auf die in manchen Dingen große Naivität des Kaisers berechneten Kindereien Zeit und Kraft verwenden mußte. Bei hoher, ja höchster Meinung von Würde und Heiligkeit seines königlichen Berufes verstand Wilhelm II. nicht, daß gerade dieser Beruf wie kein anderer Arbeitsamkeit, Konzentration und Ernst verlangt. Er hat nie die tiefe Wahrheit des Rats begriffen, den in den „Wahlverwandtschaften" die Weisheit unseres größten Dichters dem verständigen Hauptmann in den Mund legt. „Nur eines laßt uns festsetzen und einrichten", spricht der Hauptmann zu seinem Freunde Eduard, „trennen wir alles, was eigentlich Geschäft ist, vom Leben! Das Geschäft verlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkür; das Geschäft die reinste Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist Hebenswürdig 6 Biilow II 82 IM REICHSKANZLERPALAIS und erheiternd." Kaiser Wilhelm II. hielt es mehr mit Eduard, der nie dazu kommen konnte, seine Papiere nach Fächern abzuteilen, und auch Geschäfte und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam voneinander absonderte. Während meiner ganzen Amtszeit habe ich daran festgehalten, von Zeit Bilanz 1905 zu Zeit in der Stille meines Schreibzimmers in Ruhe und Sammlung die internationale Situation wie unsere innere Lage durchzudenken. Wenn je ein Jahr, so bot das Jahr 1905, das unter für die Mentalität Wilhelms II. so bedeutungsvollen Auspizien begonnen hatte, hierzu Anlaß. Die alten schönen Bäume im Garten des Reichskanzlerpalais, unter denen die erste Liebe unseres guten alten Kaisers, die Prinzessin Elise Radziwill, träumte und litt, auf denen das Auge des Fürsten Bismarck geruht hat, sind mir Zeugen, wie oft ich mit ernsten und schweren Sorgen um Sicherheit und Zukunft des Vaterlandes auf sie geblickt habe. Wie jeder, der im öffentlichen Leben gestanden hat, habe ich geirrt. Als der vielerfahrene und menschenkundige König Salomo den Tempel zu Jerusalem einweihte, wandte er sein Angesicht und segnete die ganze Gemeinde Israel und sprach zu ihr: „Es ist keiner, der nicht sündigt." Das gilt von den Fürsten und Staatsmännern unserer Tage noch viel mehr als von den Zeitgenossen des Monarchen, dessen Weisheit größer war denn aller Ägypter Weisheit, der 3000 Sprüche redete, 1005 Lieder dichtete und alle Bäume kannte, von der Zeder auf dem Libanon bis zum Ysop, der aus der Wand wächst. Aber wenn ich meine Fehler und Irrtümer in keiner Weise beschönigen will, so gibt es doch einen Vorwurf, der mir bisweilen, aber mit großem Unrecht, gemacht worden ist, nämlich die Behauptung, daß ich, ein Lächeln auf den Lippen, in immer gleich strahlender Heiterkeit meines Amtes gewaltet hätte. Die von mir in ihrer künstlerischen Bedeutung nicht unterschätzte Karikatur hat gegenüber der geschichtlichen Wahrheit manches auf dem Kerbholz. Impressionistisch wie keine andere Kunstart, hat sie aus mir den heiteren Lebenskünstler, hat sie später aus Bethmann Hollweg den tiefsinnigen Philosophen gemacht. Ich war ebensowenig ein Epikuräer wie Bethmann ein Kantianer, der zu diesem Epitheton nur kam, weil unsere Witzblätter ihn wieder und immer wieder mit der „Kritik der reinen Vernunft" unter dem Arm darstellten. Ich bin während meiner zwölfj ährigen Amtszeit in Berlin selten ohne ernste Sorgen aufgewacht und habe mich nur zu oft, wenn die Nacht sich niedersenkte, sorgenvoll auf das Lager gestreckt. Aber ich war allerdings der Meinung, daß der leitende Staatsmann eines großen Landes nicht wie ein bedrückter Aktuarius dreinschauen und unseren Gegnern entgegentreten soll, und ich war vor allem der Ansicht, daß es besser ist, den Hektor zu spielen als die Kassandra, daß das englische „never say die" ein gutes Wort ist, daß, um unseren größten Dichter anzurufen: AUSWÄRTIGE LAGE ERNST 83 Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen, Allen Gewalten Zum Trotz sich erhalten die Arme der Götter herbeiruft und das Schicksal zwingt. Gewiß, die auswärtige Lage war ernst. Die Indier sagen, jeder Mensch trüge sein Schicksal auf seiner Stirn geschrieben. So auch die Völker. Dem deutschen Volk bedeutet seine geographische Lage in der Mitte von Europa, eingepfercht zwischen Franzosen und Slawen, sein Schicksal. In diesem Sinne habe ich geschrieben*, eingekreist seien wir seit dem Vertrage von Verdun, seit mehr denn tausend Jahren. Die Schwierigkeiten unserer Lage wurden erhöht durch die englische Eifersucht auf die sich immer mächtiger entfaltende, immer stürmischer, vielleicht zu stürmisch auf allen Weltmärkten vordrängende deutsche Industrie. Die Demokratie unserer großen Städte, die Asphalt-Demokratie, wie ich sie einmal genannt habe, verstand nicht, daß ich für den Schutz der deutschen Landwirtschaft nicht nur aus Gründen innerpolitischer ausgleichender Gerechtigkeit eintrat. Ich sah in einer blühenden Landwirtschaft auch ein Gegengewicht und einen Hemmschuh gegen eine zu ausschließlich industrielle Entfaltung, die aus inner- wie aus außenpolitischen Erwägungen gleich bedenklich war. Aber schon Bismarck hatte gesagt, daß sich unsere industrielle Entwicklung nicht gewaltsam „kappen" ließe. Wo wir uns nun einmal in dieser Richtung entwickelten, mußten wir, aus den in meinen öffentlichen Reden und jetzt in diesen meinen Denkwürdigkeiten oft dargelegten Gründen, den großen, von uns der See anvertrauten Teil unseres Nationalvermögens schützen, d. h. Kriegsschiffe bauen, was die englische Feindschaft gegen uns erheblich verschärfte und damit die Schwierigkeiten unserer Politik vermehrte. Als ich 1904 Seine Majestät zur Vereidigung der Marinerekruten nach Wilhelmshaven begleitete, hatte während des im Anschluß an die Vereidigung im Marinekasino stattfindenden Mittagessens der Kaiser, neben dem ich saß, plötzlich seine Hand auf meinen Arm mit den leise gesprochenen Worten gelegt: „Ist es nicht entsetzlich, zu denken, daß diese guten blauen Jungen, denen ich soeben den Eid abgenommen habe, vielleicht in wenigen Wochen tot auf dem Grund der Nordsee liegen sollen?" Während er dies sagte, sprach aus seinen guten Augen eine solche Wehmut, so viel Kümmernis und Sorge, daß es mir durch das Herz schnitt. Diese menschlich gewiß begreifliche Regung konnte aber nicht meine aus ruhiger Prüfung der Lage hervorgehende Überzeugung beeinflussen, daß trotz aller drohenden Reden der englischen Seeleute, deren bedeutendster, Lord Fisher, dem König * Deutsche Politik, S. 293. 6» 84 DELCASSfi Eduard VII. beständig in den Ohren lag, er möge ihm erlauben, bevor es zu spät würde, die deutsche Flotte zu „kopenhagenen", das heißt ohne Kriegsansage zu überfallen und zu vernichten, England nur gegen uns vorgehen würde, wenn und nachdem wir mit Rußland in Krieg geraten wären. Schon darum mußten wir, der Bismarckschen Mahnungen und Warnungen eingedenk, mit Rußland Frieden halten. Das erschien möglich, wenn wir Rußland nicht an den Dardanellen entgegentraten und in unseren östlichen Provinzen der großpolnischen Propaganda keine Zugeständnisse machten. Wir durften natürlich Oesterreich nicht zertrümmern lassen. Wir durften aber die antirussischen Tendenzen und Pläne aufgeregter österreichischer Generäle und traditionell unfähiger Wiener Diplomaten wie der allzu hitzigen Magyaren nicht bis an die Grenze heranlassen, wo der Krieg zwischen Oesterreich und dem slawischen und orthodoxen Rußland unvermeidlich wurde. Bedenklich war auf dem europäischen Schachbrett eine Figur, und das war der französische Minister des Äußern, Delcasse. König Eduard war nicht der Mann, uns plötzlich zu überfallen, wie manche Jingoes mit und ohne Marineuniform dies wollten. Auf meinen Neujahrsglückwunsch hatte er mir erwidert: „The Queen and I thank you for your good wishes and trust that the new year may bring peace and prosperity to the world at large. Eduard R." Eine andere Frage war, ob der König ein französisches Vorgehen gegen uns nicht ganz gern sehen würde. Delcasse manövrierte nach dem berüchtigten Wort, das vor Olmütz dem Fürsten Felix Schwarzenberg in den Mund gelegt wurde: „II faut avilir la Prusse et puis la demolir." Delcasse wollte zunächst einmal unserem Ansehen in der Welt einen tüchtigen Stoß versetzen, das Weitere werde sich dann schon finden. Daß Rußland momentan mit dem japanischen Krieg beschäftigt war, störte Delcasse nicht. Er hatte, wie damals die ganze Welt, eine ungeheure Meinung von den unbegrenzten Machtmitteln des unermeßlichen russischen Reichs mit seinen 130 Millionen Einwohnern. Er glaubte auch, daß sich im Falle eines deutsch-französischen Krieges der Friede zwischen Rußland und Japan unter englischer Ägide rasch herstellen lassen würde. Bismarck pflegte zu sagen, daß er, im Gegensatz zu dem bekannten englischen Spruch: „Measures not men", der Ansicht wäre, es käme mehr auf die Männer an, die eine Maßregel durchzuführen hätten, als auf die Maßnahme selbst. Er hat auch das von ihm in das Goldene Buch des Germanischen Museums zu Nürnberg eingetragene tiefe Wort: „Unrla fert nec regitur" selbst dahin definiert, daß Gang und Stärke der Welle von der Vorsehung bestimmt würden, daß aber die Fähigkeit, sich von der Welle tragen zu lassen, von Kraft und Geschick des Schwimmers abhinge. Längeres Zuwarten gegenüber den bösen Absichten wie den Intrigen des franzö- DER MONARCHISCHE REITER 85 siechen Ministers des Äußern erschien bedenklich, seine Beseitigung ohne Krieg erstrebenswert. Im Mittelpunkt meiner inner- und außenpolitischen Sorgen stand nach wie vor die Persönlichkeit des Kaisers. Bismarck hatte mit vollem Bewußtsein den König zum Träger des preußischen und damit des deutschen Staatswesens gemacht. Nach seinem Rücktritt hat Bismarck mehr als einmal geäußert, er habe dem monarchischen Reiter wieder in den Sattel geholfen, aber zu sehr. „Troppo mi ha aiutato Sant' Antonio", meint der neapolitanische Schiffer, wenn der heilige Antonius, den er um Wind gebeten hat, ihm einen Sturm schickt. Schon lange vor dem Schicksals- und Unheilsjahr 1890 hatte mein Vater, ein kirchlich gläubiger, politisch konservativer und ganz monarchisch gerichteter Mann, dem Fürsten Bismarck mehr als einmal gesagt, er habe das Schwergewicht des Staatswesens, Wohl und Wehe des Reichs zu sehr mit der Person des Monarchen verknüpft. Bismarck hat sich über diesen Punkt meinem Vater gegenüber, der einer der wenigen war, von denen er Ratschläge annahm, offen ausgesprochen. Er erwiderte meinem Vater auf dessen Bemerkung, für das Staatsganze wie für des Fürsten eigene Stellung würde es nützlich sein, der Volksvertretung einen größeren Einfluß einzuräumen, statt sich ganz auf den Thron einzustellen: ,,An und für sich haben Sie wohl recht, aber niemand kann über seinen Schatten springen. Ich bin nun einmal in erster Linie Royalist, alles andere kommt hinterher. Ich schimpfe auf den König, ich kann mir auch denken, daß man als Junker gegen den König rebelliert, ich nehme den König in meiner Weise, ich beeinflusse, ich ,behandle', ich leite ihn, aber er ist mir der Mittelpunkt meines Denkens und Handelns, der Punkt des Archimedes, von dem aus ich die Welt bewege." Wie nun einmal Bismarck das Deutsche Reich erbaut und eingerichtet hatte, war für die äußere wie für die innere Politik die Individualität des Königs von Preußen und Deutschen Kaisers von der allerentscheidendsten Bedeutung. Darüber war sich Bismarck selbst nie im Zweifel. Nach dem Nobiling-Attentat 1878 sagte er in meiner Gegenwart zu seinem Sohn Herbert, der trübe Betrachtungen über die Zukunft angestellt hatte: „Um das deutsche Volk ist mir nicht bange, der Klumpen ist zu groß, als daß er ganz zerrieben werden könnte. Die einzelnen Teile werden sich wohl immer wieder in irgendeiner Weise zusammenfinden. Aber die Hohenzollern könnten allerdings kopfüber gehen, wenn sie die Eigenschaften verlieren sollten, die unser alter Herr besitzt, den nüchternen, hausbackenen Menschenverstand, die auf ein ruhiges und gutes Nervensystem fundierte Courage, die Bescheidenheit." Gerade diese Qualitäten mangelten zu seinem und unserem Unglück dem im übrigen so reich, so glänzend begabten Wilhelm II. Von ihm noch mehr als von seiner Mutter galt das Wort, das über diese einmal einer der 86 WILHELM II. RÄSONIERT ausgezeichnetsten englischen Staatsmänner der Victorianischen Ära, der 1891 verstorbene Earl of Granville, zu meiner ihm durch Verwandtschaft verbundenen Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, gesprochen hatte: „Our Princess Royal, the Crown Princess of Prussia, is very clever, but not wise." Nach außen erregte Wilhelm II. nach siebzehnjähriger Regierung bei den Völkern schon vielfach Widerspruch und Abneigung, aber noch immer Neugierde und Interesse. Das Vertrauen der Höfe und Regierungen zu ihm hatte sehr abgenommen. Die meisten Fürstlichkeiten hatte er sich ebenso ■wie viele fremde Staatsmänner durch die Unvorsichtigkeit, mit der er seiner Zunge freien Lauf ließ, zu Feinden gemacht. „Die Zunge", schreibt der Apostel Jakobus, „ist ein kleines Glied, aber sie richtet große Dinge an." Bei Wilhelm IL hat sie viel Böses angerichtet und vor allem ihm selbst viel Schaden zugefügt. Er hätte sich schwere Stunden, seinen Ratgebern schwere Mühen ersparen können, wenn er der Warnung des Apostelfürsten Petrus besser eingedenk geblieben wäre, die ich ihm gelegentlich vor einer bevorstehenden Reise ins Ausland, als Vademecum, niedergeschrieben auf ein Blättchen Papier, mitgab: „Wer leben will und gute Tage ßehen, der schweige seine Zunge." (I. Petr. 3, 10.) Der englische Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, mein langjähriger Freund, sagte mir 1905, die Abneigung König Eduards gegen seinen Neffen flöße ihm weniger Besorgnis ein als die Tatsache, daß der Kaiser bei den maßgebenden englischen Politikern allmählich alles Vertrauen einbüße. Sir Frank begründete diese Äußerung damit, daß der Kaiser jedem Engländer hoch und heilig beteuere, er sei schon als Enkel der Königin Victoria Englands bester Freund; hinter dem Rücken der Engländer aber hetze er gegen sie. Als ich das bestritt, vertraute mir Lascelles den nachstehenden Vorfall an: Während der letzten Kieler Woche habe der Kaiser wiederholt dort eingetroffene amerikanische Jachten besucht. Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte er leidlich verständig gesprochen, sonst aber in allen Tonarten über die Engländer räsoniert und den Amerikanern anempfohlen, bei ihm, dem Kaiser, Schutz gegen das perfide Albion zu suchen. „Der Kaiser", fuhr Lascelles fort, „wußte nicht, daß sich auf einer der amerikanischen Jachten unter den Amerikanern der englische Marineattache in Washington befand, der über die Auslassungen Seiner Majestät nach London berichtete. Ich habe den Bericht selbst gesehen und gelesen." Die Gefühle des Zaren für den Kaiser waren allmählich mehr und mehr erkaltet, weil „Nicky" den Ton, den „Willy" ihm gegenüber bisweilen anschlug, zu belehrend und überheblich fand. Der Großfürst Wladimir sagte mir bei einer zufälligen Begegnung, die ich mit ihm hatte: „Votre Empereur commence a donner sur les nerfs ä mon neveu, l'Empereur. Mon neveu le trouve trop outre- cuidant et les conseils que votre Empereur lui donne, trop cousus de Iii DIE GELBEN BÄUME »7 blanc, sourtout quand dans ses lettres ü lui dit du mal de l'Oncle Edouard et de la Republique francaise." In Itaken hatte es Wilhelm II. mit dem König Viktor Emanuel III. und der Königin Elena persönlich schon längst verdorben. Der einzige Hof, den er menagierte, war der Wiener Hof, und auf den kam es verhältnismäßig am wenigsten an, weil Österreich uns notwendiger brauchte als wir die Doppelmonarchie. Auch die Idiosynkrasie des Kaisers gegen die Japaner störte unsere politischen Kreise. Als der Russisch-Japanische Krieg sich seiner Entscheidung näherte, schrieb ich darüber Seiner Majestät: Ein Wieder auferstehen der Tamerlan und Dschingiskhan hätten wir vorläufig nicht zu befürchten. Einer solchen Gefahr entgegenzutreten, wären übrigens, wie ein Blick auf die Landkarte zeige, in erster Linie Rußland, England und Frankreich berufen. Es wäre Sache dieser Mächte, einer etwaigen gelben Gefahr entgegenzutreten. Von diesen drei Vertretern der weißen Rasse erschiene aber jetzt Rußland allein auf dem Plan. Frankreich hätte in aller Stille seine Nadel aus dem Spiel gezogen, England sich mit der gelben Rasse verbündet. Für Deutschland hege in der gegenwärtigen Dislozierung der Machtfaktoren meines Erachtens eine ernste Mahnung zur Vorsicht. Daß die gelben Bäume nicht in den Himmel wüchsen, dafür sei auch ohne Deutschlands Mitwirkung mehr als genügend gesorgt. Ich betonte: „Viel näher liegt die Gefahr, daß wir eines Tages Japan als den Verbündeten weißer Feinde gegen uns haben." Wir hätten also ein unmittelbares und erhebhches politisches Interesse daran, die gegenwärtige Krisis auszunutzen, um unsere Beziehungen zu Japan zu verbessern, was ohne Falschheit gegen Rußland geschehen könne, wenn wir an unserer bisherigen loyalen Neutralität auch weiter festhielten. VI. KAPITEL Bülows Verhältnis zu Wilhelm IL: Bülow hat das Gefühl, Seiner Majestät allmählich unbequem zu werden • Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet • Die Bergarbeiternovelle- Debatte im Preußischen Abgeordnetenhaus • Die neuen Handelsverträge im Reichstag (1. II. 1905) • Zustimmende Briefe und Erklärungen • Die Annahme der Kanalvorlage (25. II. 1905) • Minister von Budde • Verhältnis Wilhelms II. zu den Parteien • Briefe des Grafen Monts über Zentrum und Katholizismus • Mission des Freiherrn von Hert- ling nach Rom • Rücktritt des Oberpräsidenten von Schlesien, Fürsten Hatzfeldt- Trachenberg • Dr. Michaelis, der spätere Reichskanzler, wird für die Stellung eines Oberpräsidialrats in Breslau zu unbedeutend befunden • Die Marokko-Frage, Stellungnahme W ilhelms II. Büloivs zum Kaiser Auf dem Gebiet der inneren Politik fehlte es so wenig an kaiserlichen Entgleisungen wie hinsichtlich der diplomatischen Behandlung unserer Beziehungen N ac hbarn, nur waren sie weniger gefährlich. Das in der auswärtigen Politik zerschlagene Porzellan war kostbarer, als was im Innern zu Schaden kam. Ich habe bis zu meinem Rücktritt an der Uberzeugung festgehalten, daß es zu einer Revolution nur nach einem unglücklichen Krieg kommen würde. Zu wünschen war allerdings, daß Wilhelm II. nicht durch ungeschickte autokratische Allüren die intellektuellen Kreise zu sehr vor den Kopf stieß. Dabei war Wilhelm II. im Grunde und in Wirklichkeit in keiner Weise ein Monarch ä la Friedrich Wilhelm I. oder Nikolaus I. Er gab sich nur den Anschein eines Autokraten, ohne es zu sein. Er hat nie ernstlich daran gedacht, die Verfassung aufzuheben. Es fehlte ihm zum wirklichen Autokraten die Festigkeit, die Härte, die geistige Energie, die Stetigkeit. Seine Auffassung des Herrscherberufs ist mir nie deutlicher entgegengetreten als bei einem kurzen Gespräch, das ich einmal im Neuen Palais mit ihm hatte. Ich war mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter zur Mittagstafel eingeladen. Nach Tisch zeigte uns der Kaiser in liebenswürdiger Weise die von Friedrich dem Großen bewohnten Zimmer. Auf einem Tisch lag unter einer Glasplatte ein Faksimile des Testaments des großen Königs, das, an seinen Neffen und Nachfolger gerichtet, in französischer Sprache ungefähr mit den Worten anhebt: Der Zufall der Geburt habe den künftigen Friedrich WUhelm II. zum Erben der Krone bestimmt. Nur durch Tüchtigkeit, Gewissenhaftigkeit und ernste Arbeit könne er beweisen, daß er diese Stelle verdiene. Wilhelm II. trat auf mich zu, als ich diese herrlichen Worte „LANGE NICHT SO INDISKRET..." 89 las, und sagte zu mir: „Ich kann mir denken, daß Sie diese Auffassung bewundern. Ich selbst denke aber doch nicht ganz so." Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Ich halte es mit Kaiser Maximilian I. Der mußte auf einer Gemsjagd in einer kleinen Jagdhütte übernachten. Während er schlief, schrieben einige Herren seines Gefolges, so ein paar freche Junker, mit Kreide an die Wand: ,Maximilian! Maximikan! Du bist nur ein Mann wie ein anderer Mann.' Kaiser Maximikan schrieb mit derselben Kreide darunter: ,Wohl bin ich ein Mann wie ein anderer Mann, nur daß mir Gott hat Ehre angetan.' Da hatten die Junker ihr Fett weg." Von dem Kaiser Maximilian sagt Gregorovius in seiner klassischen Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, daß sein Geist nicht tief, aber aufgeregt und phantasievoll gewesen wäre. Mein persönliches Verhältnis zum Kaiser blieb trotz gelegentlicher Friktionen noch gut. Doch mag ich ihm schon damals hier und da unbequem geworden sein. Dies trat charakteristisch bei nachstehendem Vorfall zutage. Als ich ihm vor einer Begegnung mit dem König Georgios von Griechenland, der als dänischer Prinz und weil vom Kaiser damals nicht immer freundlich behandelt, auch infolge des alten Gegensatzes zwischen den Häusern Glücksburg und Augustenburg den Kaiser persönlich nicht mochte, andererseits aber als Bruder der Königin Alexandra von England und der Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland manche Möglichkeit besaß, uns zu schaden, Vorsicht in seinen politischen Äußerungen anempfahl, telegraphierte mir der Kaiser: „Ich finde es zum mindesten entwürdigend, daß Eure Exzellenz Mich für eine solche klatschsüchtige alte Kafleeschwester halten. Ich bin lange nicht so indiskret wie Ihre Büro- und Auswärtigen-Amts-Räte!" Als ich hierauf die Antwort nicht schuldig blieb, telegraphierte mir Seine Majestät von der Burg Hohenzollern, die er gern von Zeit zu Zeit aufsuchte: „Sende Ihnen von der Stammfeste meines Hauses, die ich eben besuche, herzbchste Grüße. Ein großartiger Rundblick wird uns bei herrlichstem Wetter gewährt und erhebt den Geist dankerfüllt zu den blauen Fernen empor, aus denen Gott dieses Schloß und sein Geschlecht so herrlich gesegnet, nicht zum mindesten mit so treuen Dienern, wie Sie einer sind." Man konnte Wilhelm II. nicht lange böse sein. Ruhige Überlegung führte mich zu dem Entschluß, in der inneren Politik zunächst die zur parlamentarischen Beratung stehenden Gesetzesvorlagen durchzuführen. In Voltaires unsterblichem „Candide" antwortet der Held des Romans seinem Lehrer Pangloss auf dessen metaphysische Betrachtungen: „Cela est bien dit, mais il faut cultiver votre j ardin." Und der Freund beider, der alte Philosoph Martin, meint: „Travailler sans raisonner, c'est le seul moyen de rendre la vie supportable." 90 BERGARBEITER STREIK Die erste innerpolitische Frage, die meiner Aufmerksamkeit bedurfte, Vermittlung -war der drohende Bergarbeiterstreik. Unter den Bergarbeitern des Ruhr- i Ruhrgebiet rev iers zeigte sich seit Anfang Januar 1905 eine starke Gärung. Sie klagten über das Sinken der Löhne in den letzten Jahren, namentlich darüber, daß die Ein- und Ausfahrt nicht in die Arbeitszeit mit eingerechnet würde, über hohe Geldstrafen, rigoroses Wagennullen, aber auch über schlechte Behandlung von Seiten ihrer Vorgesetzten. Am 14. Januar 1905 streikten schon 60000, acht Tage später 200000 Bergarbeiter von 270000. Der Kaiser neigte zu der Ansicht, daß wir in den Streik nicht eingreifen und namentlich nicht vermitteln sollten. Je toller es im Ruhrgebiet hergehe, um so besser, das würde die Bourgeoisie klüger und vorsichtiger machen. Das würde ihr zeigen, daß er, der Kaiser, als er in seiner berühmten Bielefelder Rede für jeden, der einen deutschen Arbeiter am Arbeiten hindere, Zuchthausstrafe verlangt habe, ganz recht gehabt hätte. Er vertrat mit einem Wort den Standpunkt, den er seinerzeit lebhaft bekämpft hatte, als nicht lange vor dem Rücktritt des Fürsten Bismarck zwischen dem großen Kanzler und dem Kaiser wegen der Arbeiterfrage im allgemeinen und insbesondere wegen des damaligen Streiks im Ruhrrevier die Ansichten weit auseinandergingen. Bei aller Bewunderung für den Fürsten Bismarck konnte ich mich der Auffassung, die er im Frühjahr 1890 in der Arbeiterfrage vertreten hatte, nicht anschließen. Amicus Plato, amicior veritas. Jedenfalls fand ich die Taktik, die fünfzehn Jahre früher mit dem Gründer des Reichs vielleicht triumphiert hätte, für 1905 nicht angebracht. Ich entsandte den Oberberghauptmann von Velsen in das Streikgebiet, um eine Verständigung herbeizuführen. Er begegnete bei den Zechenbesitzern schroffer Ablehnung. Sie erklärten, daß sie unter keinen Umständen mit der Gesamtheit der Arbeiter verhandeln wollten, sondern nur Unterhandlungen zwischen einzelnen Zechen und einzelnen Arbeitern admittierten. Einige der großen Arbeitgeber wiesen dem Oberberghauptmann, zu dem sie früher in freundschaftlichen Beziehungen gestanden hatten, die Tür. Infolge dieser schroffen Haltung der Arbeitgeber wandten sich die Sympathien mehr und mehr den Arbeitnehmern zu. Der Erzbischof Fischer von Köln schenkte den Christlichen Gewerkschaften Mk. 1000.—, der Evangelisch-soziale Kongreß forderte zur Unterstützung der Arbeiter auf, ohne deshalb alle ihre Forderungen billigen zu wollen. Mitte Januar kam die Frage im Reichstag zur Erörterung. Ich nahm keinen Anstand, zu erklären*, daß nach meiner Auffassung die Behörden bei Streiks eine doppelte Pflicht zu erfüllen hätten. Sie müßten dafür einstehen, daß Ordnung und Ruhe aufrechterhalten blieben und die Gesetze * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 151 ff., 203 ff., 219ff., 224 ff., 233 ff.; Kleine Ausgabe III, S. 205 ff, 285 ff, 292 ff, 298 ff., 306 ff., 317 ff. DER LANGE MÖLLER 91 gleichmäßig und gereckt zur Anwendung gebracht würden. Sie müßten sich aber auch nach Kräften bemühen, im Interesse des sozialen Friedens, des Gedeihens der Industrie und des Schutzes der Arbeiter eine Einigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herbeizuführen. Ich forderte die Arbeitnehmer auf, sich von Ausschreitungen fern und streng im Rahmen der Gesetze zu halten. Ich richtete an die Arbeitgeber die Mahnung, gegenüber den Wünschen und Beschwerden der Arbeitnehmer Verständnis und Entgegenkommen zu zeigen. Deshalb schlösse ich mich von ganzem Herzen der Hoffnung an, die, bevor ick das Wort ergriff, der Zentrumsabgeordnete Herold ausgesprochen katte: daß auf beiden Seiten die besonnene Überlegung die Oberkand bekalten möge! Inzwiscken katte ick im preußiscken Staatsministerium nickt okne Sckwierigkeit einen Gesetzentwurf durckgesetzt, der unter Abänderung des Berggesetzes hinsichtlich des Arbeiterschutzes die Interessen der Bergarbeiter gegen die Folgen des willkürlichen Stillegens der Zechen von Seiten der Besitzer sicherstellte. Ich hielt es für meine Pflicht, die Bergarbeiternovelle im Abgeordnetenhaus selbst zu vertreten. Es kam dazu, daß der Handelsminister Möller von seiner eigenen Partei, den Nationalliberalen, so sckarf befekdet wurde, daß ick für ikn einspringen mußte. Der Handelsminister Möller war vor seiner Ernennung ein allgemein ge- acktetes und besonders behebtes Mitglied des Reickstags gewesen. Ick katte Möller und ihn dem Kaiser als Handelsminister vorgescklagen, nickt nur, weil er dieser die National- Stellung sacklick gewacksen war, sondern auck, um einen Anfang mit der Berufung von Parlamentariern in das Staatsministerium zu macken. Er war kaum ernannt, als gerade von parlamentariscker Seite seine Ernennung getadelt und er selber angegriffen wurde. Eugen Rickter erregte Stürme von Heiterkeit, als er bei der Etatsdebatte seine Betracktungen über den Etat des Handelsriiinisteriums mit den Worten begann: „Es wird immer döller, da kommt der lange Möller." Minister Möller war ein kockgewacksener, stattkcker Mann. Am giftigsten befekdete ikn seine eigene Partei. Als ick ikn einmal frug, worauf dies zurückzuf ükren wäre, meinte er mit dem Gleich - mut und dem Humor, die diesen eckten Westfalen nie verließen: „Das ist sekr einfack! In meiner Fraktion sind mindestens drei, die selbst gern Minister geworden wären." Die Hauptsckwierigkeiten kamen ikm von dem nationalliberalen Abgeordneten Heyl. Herr Cornekus Heyl war ein reicker Lederkändler aus Worms. Er katte das bei Worms gelegene, altberükmte Gut Herrnskeim gekauft, das einst das Stammgut der kistoriscken Famdie Dalberg war, die als Erbkämmerer des Hocbstifts Worms dem alten Reick mehrere Erzbiscköfe und Kurfürsten gesckenkt katte. Bei jeder Krönung mußte der Reickskerold rufen: „Ist kein Dalberg da?" War einer da, so erkielt dieser den ersten Ritterschlag vom neuen römischen Kaiser deutscher liberalen 92 RITTER VOM LEDER Nation. Karl Dalberg war der letzte Kurfürst von Mainz und Erzkanzler des alten Reichs, dann Großherzog von Frankfurt. Wolfgang Dalberg wurde die Zierde seines Geschlechts, indem er als Intendant des Mannheimer Nationaltheaters Schillers erste Dramen aufführen ließ. Emmerich Dalberg schloß sich erst Napoleon, nach dessen Sturz den Bourbonen an und wurde französischer Duc. Er war der letzte Dalberg der Herrnsheimer Linie. Seine einzige Tochter heiratete den englischen Lord Acton, einen Onkel meiner Frau. Herrnsheim wurde an den reichen Cornelius Heyl verkauft. Der ließ sich vom Großherzog von Hessen baronisieren und gleichzeitig ein prächtiges Buch schreiben, in dem Schloß Herrnsheim und die Familie Dalberg verherrlicht wurden. Seitdem hielt sich Cornelius Heyl durch eine Art von Autosuggestion für einen Dalberg. In einer parlamentarischen Diskussion mit ihm ließ sich Eugen Richter einmal zu der boshaften Äußerung hinreißen: Es gäbe Ritter vom Schwert, diesen könne er seine Achtung nicht versagen. Es gäbe auch Ritter von der Feder, die er gleichfalls hochstelle. Aber für die Ritter vom Leder habe er nichts übrig. Im Gegensatz zu dem Freiherrn von Heyl machte mir der sozialdemokratische Vertreter von Bochum-Gelsenkirchen, Otto Hue, einen sehr sympathischen Eindruck. Sohn eines Hüttenarbeiters, erst Schlosser, dann Bergarbeiter, hatte er sich auf den Reisen, die er als Handwerksbursche mit offenem Blick unternommen hatte, eine ungewöhnliche Kenntnis der Arbeiter- und insbesondere der Bergarbeiter-Verhältnisse nicht nur in Deutschland, sondern auch in Belgien, Frankreich und England angeeignet. Er blieb auch in der Debatte immer sachlich und besonnen. Man brauchte bloß in sein ehrliches Gesicht zu sehen, um zu wissen, daß er ein kreuzbraver Mann war. Bei den Verhandlungen in Spa (1920), bei denen der redliche, aber spießbürgerlich wirkende Kanzler Fehrenbach durch die Rührseligkeit seiner Reden mehr als einmal den leisen Spott der Entente- Staatsmänner erregte, äußerte Lloyd George, daß Hue ihm von den deutschen Vertretern weitaus den besten Eindruck gemacht habe. Bebel behandelte 1905 den Streik und die Streiklage lediglich vom Stand- Novelle zum punkt der Agitation. Natürlich goß er alle Schalen seines Zorns über mich Berggesetz auS) d em er Verständnislosigkeit für die Nöte und Wünsche der Arbeiter und Unterwürfigkeit gegenüber den Arbeitgebern vorwarf, die ihrerseits mich feindsebger Gesinnung gegen sie selbst und des Kokettierens mit der Sozialdemokratie beschuldigten. So konnte ich wieder einmal mit dem Apostel Paulus sagen: „Judaeis scandalum, Graecis stultitia." Ich tröstete mich damit, daß mir der französische Botschafter nach Beendigung des Streiks sagte, ein wochenlanger Ausstand von 200000 Bergarbeitern ohne einen einzigen Krawall, ohne daß ein einziger Schuß gefallen wäre, sei für die sichere Fundierung der deutschen Verhältnisse und für die verständige Art, AGRAR- UND INDUSTRIELAND 93 mit der in Deutschland regiert würde, ein glänzendes Zeugnis. Die von mir eingebrachte Novelle zum Berggesetz, die es der Regierung ermöglichte, übermäßige Arbeitszeiten herabzusetzen, die das Strafsystem reformierte, eine Reihe sanitärer Vorschriften brachte und vor allem Arbeiterausschüsse einsetzte, um die Wünsche der Arbeiterschaft den Besitzern vorzutragen, stieß im Preußischen Landtag auf starken Widerstand bei den Konservativen und fast noch mehr bei dem rechten Flügel der Nationalliberalen, wurde aber schließlich durch eine Mehrheit, die aus Zentrum, Freikonservativen und einem Teil der Nationalliberalen bestand, in der von mir gewünschten Form angenommen. Ich war immer der Ansicht, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer berufen sind, an unserer wirtschaftlichen Entwicklung gemeinsam mitzuwirken. Ich hoffte, daß der große Gedanke der Arbeitsgemeinschaft unserer werktätigen Bevölkerung sich im Frieden, allmählich und ohne gewaltsamen Umsturz durchsetzen werde. Möge nach so viel Blut und Tränen die Notwendigkeit der Zusammenfassung aller schaffenden Kräfte unseres Wirtschaftslebens mehr und mehr unser Volk durchdringen und dazu beitragen, die Wunden zu heilen, die Krieg und Revolution uns geschlagen haben. Am 1. Februar brachte ich im Reichstag die neuen Handelsverträge ein mit einer mehr als zweistündigen Rede*. Die Parteien, die mir im vorigen Annahme Reichstag geholfen hatten, den Zolltarif durchzusetzen, blieben mir auch neuen jetzt treu. Als ich feststellte, daß es meinen Mitarbeitern und mir gelungen ^ an ^ e ^ Sm wäre, bei erheblich verstärktem Schutz für die Landwirtschaft doch auch vertra8e die Interessen unserer Industrie und unseres Handels wahrzunehmen, entsprechend meiner Uberzeugung, daß Deutschland Agrar- und Industrieland wäre, unterbrachen mich Protestrufe der Linken. Ich habe nie etwas davon gehört, daß, als sich unsere Industrie und unser Handel unter dem Schutz dieser von meinen Mitarbeitern und mir abgeschlossenen Handelsverträge während des nächsten Jahrzehnts glänzend entwickelten, die Zwischenrufer von damals ihren Irrtum eingestanden hätten. Wohl aber behielt ich recht mit der von mir am Schluß meiner langen Rede ausgesprochenen Überzeugung, daß von den neuen Handelsverträgen kein Erwerbsstand im Deutschen Reich ganz befriedigt sein werde, daß sie aber das Wohl unserer gesamten nationalen Arbeit fördern würden und daß, wer ihnen seine Zustimmung erteile, der inneren und äußeren Wohlfahrt des Deutschen Reichs diene. Diese Auffassung teilten die deutschen Bundesfürsten, von denen mir der Großherzog Friedrich von Baden telegraphierte, sein nationales Empfinden dränge ihn, mir seine Dankbarkeit auszusprechen „für diesen großen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 157—176; Kleine Ausgabe III, S. 212—238. 94 THEODOR BARTH Akt staatsmännischen Wirkens". Der König von Sachsen schrieb mir, daß dies ganz besonders für Sachsen hocherfreuliche Ereignis meiner Klugheit zu verdanken wäre. Der badische Staatsminister von Brauer schrieb: „Wir wissen alle, daß das Zustandekommen dieses wichtigen Vertragswerks in allererster Linie Ihrem geschickten Vorgehen zu danken ist." Aus München richtete der damals schon vierundachtzigj ährige Prinzregent Luitpold ein Handschreiben an mich, in dem es hieß: „Mit der Annahme der neuen Handelsverträge können Eure Exzellenz auf ein Werk zurückblicken, das zu den schwierigsten und mühevollsten der Staatskunst gehört. Ich hoffe zuversichtlich, daß die für die wirtschaftliche Entwicklung des Reichs so bedeutsamen Verträge für alle Erwerbsstände unseres deutschen Vaterlandes von segensreicher Wirkung sein werden. Das Verdienst, dieses große Werk durch alle Schwierigkeiten hindurchgeführt und zum glücklichen Abschluß gebracht zu haben, gebührt vor allem Eurer Exzellenz. Es gereicht mir zur wahren Freude, dies auszusprechen und Sie zu diesem neuen Erfolge Ihres mühevollen und aufopfernden Wirkens herzlichst zu beglückwünschen." In Ergänzung dieses Handschreibens schrieb mir der bayrische Staatsminister von Podewils: „Die bayrischen Minister fühlen sich gedrungen, ihrer Überzeugung Ausdruck zu geben, daß das gewaltige Vertragswerk, das den ökonomischen Interessen Deutschlands auf lange Jahre hinaus den unschätzbaren Vorteil ruhiger, gedeihlicher Entwicklung zu sichern bestimmt ist, ohne die unermüdliche Tatkraft und weise, von großen Gesichtspunkten getragene Leitung Eurer Exzellenz schwerlich hätte zur Vollendung gelangen können." Freiherr von Podewils bezeichnete es gleichzeitig als die tiefgefühlte Pflicht der bayrischen Regierung, ihrem innersten Dank dafür rückhaltlosen Ausdruck zu geben, daß ich neben den allgemeinen Interessen auch den Sonderinteressen des bayrischen Landes stets volle Beachtung und Förderung hätte angedeihen lassen. Gegenüber den von freihändlerischer Seite und ganz besonders von dem Bremer Syndikus und Abgeordneten Theodor Barth gegen meine Handelspolitik gerichteten Angriffen war es mir eine Beruhigung, daß der Präsident des Norddeutschen Lloyd, dem ebenso wie der Hamburger Hapag mein besonderes Interesse galt, die Überzeugung aussprach, die neuen Handelsverträge, die in erster Linie der Tatkraft und Energie des Reichskanzlers zu verdanken wären, würden dem deutschen wirtschaftlichen Leben reichen Segen bringen. Vielleicht die größte Freude bereitete mir das nachstehende Telegramm meines alten Freundes, des Poeten Adolf Wilbrandt, aus Rostock: „Sie haben in diesen letzten Jahren und Wochen ein großes Stück Ihres Lebenswerks vollendet, nicht etwas Makelloses, das noch niemand vom Himmel herunterholte, oder gar das allen Genügende, das beim Schöpfer in den Winkern der schreienden Unmöglichkeiten schlummert, MINISTER BUDDE 95 aber ein großes Werk voll Patriotismus, Klugheit und Tatkraft, bei dem wir ehrenvoll und kräfte6pannend weitergedeihen mögen, das segne Gott! Lieber Freund, ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen." Der Kaiser richtete ein Handschreiben an mich, in dem es hieß: „Gern und freudig erkenne Ich an, daß es vornehmlich das Verdienst Ihrer staatsmännischen Kunst und Ihrer zielbewußten Leitung der Verhandlungen gewesen ist, daß dieser schöne Erfolg trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten erreicht worden ist. Ihnen gebührt daher in erster Linie Mein Dank, den Ich Ihnen von ganzem Herzen ausspreche, und Ich bitte Sie zugleich, als äußeres Zeichen Meiner Anerkennung und Meines Wohlwollens Meine Büste in Marmor freundlichst anzunehmen." Die Unterschrift dieses Handschreibens lautete: „Ihrer treuen Dienste allezeit eingedenk, verbleibe Ich Ihr dankbarer Kaiser und König Wilhelm, I. R." Das Wort „allezeit" hatte Seine Majestät dick unterstrichen. Auf meinen Vorschlag verlieh der Kaiser meinem hochverdienten Mitarbeiter, dem Grafen Posadowsky, den Schwarzen Adlerorden und ernannte den Staatssekretär von Richthofen, der sich um das Zustandekommen der Handelsverträge ebenfalls sehr verdient gemacht hatte, zum preußischen Staatsminister. Seit Jahr und Tag spielte in unserer inneren Politik die Kanalfrage eine große Rolle. Sie hatte viel Staub aufgewirbelt, sie hatte sehr zur Vergiftung Annahme der der inneren Atmosphäre und unserer inneren Politik beigetragen. Dem Kanalvorlage Kaiser schwebte, wie nicht selten, ein gutes Ziel vor, würdig des Schweißes der Edlen. Um so verfehlter war seine Taktik, bald zu drohen und zu toben, dann wieder alle Hoffnung aufzugeben. In langwierigen Besprechungen und Beratungen erreichte ich schließlich, daß die Kanalvorlage am 27. Februar 1905 mit 256 gegen 132 Stimmen angenommen wurde. Eine Reihe führender Konservativer war einsichtig genug, für die Vorlage zu stimmen, unter ihnen Wartensleben-Rogasen und Wartensleben-Sehwirsen, Pappenheim, der Chefredakteur der „Kreuzzeitung" Dr. Kropatschek, Arnim-Züsedom, Saldern-Plettenburg, Bülow-Bothkamp, Bülow-Bossee, Putlitz. Das Hauptverdienst an dem endlichen Zustandekommen des großen Werks hatte der Minister der öffentlichen Arbeiten, Budde. Der alte Obrigkeitsstaat hat viele hervorragende Beamte und Offiziere hervorgebracht, kaum einen tüchtigeren Mann als Hermann Budde. Sein Leben verdiente auch in den Schulen des neuen Deutschland, wo leider nur zu viele „Republikaner" mit flachem Verstand und kurzem Gedärm alle Erinnerungen an bessere Zeiten in Vergessenheit bringen möchten, unserer heranwachsenden Jugend als Vorbild erzählt zu werden, damit sie lerne, was ein Mann ist. In Bensberg bei Köln geboren, aus dem Kadettenkorps hervorgegangen, war er als blutjunger Offizier im Deutsch-Französischen Krieg durch die Brust geschossen worden, leistete trotzdem nach dem Krieg % INDUSTRIE GEHALT UND MINISTEREINKOMMEN noch einige Jahre Frontdienst, wurde aber dann in den Generalstab versetzt, wo seine Vorgesetzten bald seine ungewöhnliche Begabung für das Eisenbahnwesen erkannten. Er nahm 1900 seinen Abschied als Generalmajor. Seine Befähigung war so allgemein bekannt und anerkannt, daß mehrere große industrielle Unternehmungen sich bemühten, ihn als Mitarbeiter zu gewinnen. Er entschied sich für die Waffenfabrik Löwe, die ihn mit einem für damalige Verhältnisse sehr hohen Gehalt anstellte. Als der Ruf an ihn erging, Minister der öffentbchen Arbeiten zu werden, fuhr ich mit ihm von Berlin nach dem Neuen Palais in Potsdam, um ihn dem Kaiser vorzustellen. Er erzählte mir unterwegs, daß es ihm schon mit Rücksicht auf Frau und Kinder nicht leicht falle, das große Gehalt und die noch größeren Tantiemen, die er jetzt beziehe, mit dem bescheidenen Einkommen eines preußischen Ministers zu vertauschen. Er sei aber jederzeit bereit, persönliche Neigungen und alle materiellen Rücksichten dem staatlichen Interesse unterzuordnen. Während er noch für die Kanalvorlage focht, wurde er von schwerer Krankheit befallen, einem sich rapide entwickelnden Krebsleiden, das nicht nur von Anfang an unheilbar und hoffnungslos erschien, sondern ihm auch entsetzbche körperliche Schmerzen verursachte. Er 6tand aber bis zum letzten Hauch auf der Bresche. Auf meine Bitte verlieh der Kaiser, gern und mit Freuden, dem heldenhaften Mann auf seinem Sterbebette den Schwarzen Adlerorden. Frau Budde schrieb mir nach der Verleihung: „Eure Exzellenz wissen die schweren Stunden, welche wir durchgemacht haben, und daß mein Mann mit den größten körperüchen Schmerzen seine ihm gestellte Aufgabe gelöst hat. Bange Sorgen haben mich oft dabei erfüllt und wollen auch für die Zukunft nicht weichen. Daß es aber meinem Gatten noch vergönnt worden, diesen Erfolg zu erleben, dafür bin ich unendlich dankbar. Gott gebe, daß mein Mann seine alte Gesundheit wiederfindet, dann wird auch seine letzte Kraft dem Vaterlande gehören." Der Minister Budde starb im Frühjahr 1906. Seine junge und schöne Frau folgte ihm wenige Jahre später in die Ewigkeit. Ein Bruder von ihm war der bekannte protestantische Theologe, der über althebräische Literatur und biblische Geschichte wertvolle Schriften veröffentlicht hat. Nach der Armahme der Kanal vorläge dankte mir der Kaiser telegraphisch „auf das wärmste" für die „ebenso geschickte wie tatkräftige Förderung der Kanalpläne". Herr von Heydebrand-Nassadel, oratorisch und dialektisch nicht so begabt wie sein Vetter auf Klein-Tschunkawe, aber besonnener und einsichtiger, schrieb mir: „Eure Exzellenz wollen geneigtest auch mir einen aufrichtigen Glückwunsch gestatten. Nicht allein zu dem Allerhöchsten Gnadenbeweis, sondern vor allem zu dem Monumentum aere perennius, welches Eure Exzellenz sich selbst dadurch gesetzt haben, daß die deutsche Landwirtschaft, auch wenn ihre Wünsche nicht alle erfüllt sind „DIE HUNDEBANDE VOM ZENTRUM' 97 und sehr vieles von der Ausführung und Handhabung abhängt, wieder Vertrauen fassen kann. Sehr wohl hat mir und vielen auch die gerechte Würdigung getan, welche Eure Exzellenz in der Rede bei dem Festessen des Deutschen Landwirtschaftsrates der Haltung der Parteien in der Kanalfrage, unter denen diejenige der konservativen Partei besondere Schwierigkeiten bot, haben zuteil werden lassen. Das Meisterstück in der temporären maßgebenden Erledigung der beiden Vorlagen wird Eurer Exzellenz wohl so bald niemand nachmachen." Mein Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien war im großen und ganzen befriedigend. Keine der bürgerlichen Parteien war ganz zufrieden mit mir, Der und das war ein gutes Zeichen. Denn in einem Lande, wo leider der Partei- Zern geist so sehr den Staatssinn und die Rücksicht auf staatliche Interessen überwiegt wie in Deutschland, ist es immer bedenklich, wenn eine Partei an einem Minister gar nichts mehr auszusetzen findet. „Get you home you fragments!" ruft in den „Gedanken und Erinnerungen" mit Shakespeares Coriolan Fürst Bismarck den von ihm so tief verachteten Fraktionen zu. Wenn der Kampf gegen die Selbstsucht der Parteien mir als die Pflicht eines gewissenhaften Ministers erschien, so war ich immer bestrebt, den Kaiser aus dem Parteigetriebe herauszuhalten und ihn von jedem Angriff und auch von zu vielem Räsonieren auf die einzelnen Parteien abzuhalten. Die Krone mußte nach meiner Auffassung über den Parteien stehen, sich weder für noch gegen sie engagieren. Das war vom Kaiser nicht immer leicht zu erreichen. Am meisten ärgerte sich Wilhelm II. über jede Opposition der Konservativen, die ihm ebenso verwerflich erschien, als wenn das erste Garderegiment rebellieren wollte. Seine besondere Abneigung galt dem Zentrum. Anläßlich einer belanglosen Debatte im Münchener Landtag über eine untergeordnete Heeresfrage telegraphierte der Kaiser, wahrscheinlich noch erregt durch die von mir kurz vorher durchgesetzte Aufhebung des Artikels 2 des Jesuitengesetzes, mir en clair: „Die Hundebande vom Zentrum ist bestrebt, die Fundamente der Disziplin des Heeres und damit der Hohenzollernmonarchie zu unterwühlen." Es handelte sich um einen ziemlich belanglosen Konflikt zwischen dem bayrischen Kriegsminister Asch und dem bayrischen Abgeordneten Pichler wegen eines Einjährig-Freiwilligen, der bestraft worden war, weil er unter Abweichung vom Dienstweg eine Beschwerde eingereicht hatte. Wilhelm n. dachte in allen konfessionellen Fragen groß und gerecht. Jede Abneigung gegen die katholische Kirche und die Katholiken lag ihm ebenso fern wie aller Antisemitismus. Aber wie er an seine Schwester Sophie, die damalige Kronprinzessin von Griechenland, als sie zur orthodoxen Kirche übertrat, ein Schreiben richtete, durch das er sie „für alle Zeiten" aus seinen Landen „verbannte", so geriet er auch in ganz großen Zorn, als 7 BUlow II 98 MIT REVOLVER UND DEGEN die Landgrälin Anna von Hessen, eine Tochter des Prinzen Karl von Preußen, die in ihrer Jugend viel geliebt hatte, im Alter Ruhe und Frieden im Schöße der katholischen Kirche suchte. Er schrieb der alternden Büßerin einen wutschnaubenden Brief, und ich hatte, als er mir das Konzept zeigte, nicht geringe Mühe, die ärgsten Stellen auszumerzen. Der Kaiser bestand aber darauf, daß die Wendung stehenbheb: „Das Haus Hohenzollern stößt Eure Königliche Hoheit aus und hat Ihre Existenz vergessen." Umsonst erinnerte ich Wilhelm II. an das Wort seines größten Vorgängers, daß im preußischen Staat jeder nach seiner Fasson selig werden könnte, umsonst auch an das noch schönere Wort des Heilands, daß im Hause unseres himmlischen Vaters viele Wohnungen sind. Die Neigung zu starken Worten war nun einmal bei Wilhelm II. unüberwindlich. Freilich folgte auf den Donner der Worte selten der Blitz der Tat. Mit seiner schönen Schwester Sophie hat Wilhelm II. sich bald wieder ausgesöhnt und auch der Tante Anna nicht lange gegrollt. Aber die Unbesonnenheit in Worten blieb doch bedenklich. Im Sommer 1905 telegraphierte mir der Kaiser wiederum enclair: ,,,B.T.' hat die Frechheit und Unflätigkeit, meiner Mutter die abscheulichsten Sachen nachzusagen. Ich habe Plessen und Löwenfeld mit Revolver und Degen auf das Redaktionsbüro geschickt und den Redakteur zum Widerruf gezwungen. Ew. Exzellenz überlasse Ich, in geeigneter Weise das Schweinepack von Zeitungspiraten durch die Presse gebührend zu brandmarken." Die Auslassung des „Berliner Tageblatts", die sich, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, auf das alberne Gerücht bezog, die Kaiserin Friedrich hätte nach dem Tode ihres Gemahls eine zweite Ehe geschlossen, ging mehr aus Geschmack- und Taktlosigkeit als aus Bösartigkeit hervor. Die von Seiner Majestät „mit Revolver und Degen" auf das Redaktionsbüro geschickten beiden Generäle hatten übrigens verständigerweise keinen Skandal provoziert, sondern in einer von beiden Seiten mit Höflichkeit geführten Unterredung die Sache beigelegt. Im Frühjahr 1905 hatte der Kaiser nach einer Parade, die er in Straß- Wilhelm II. bur g abhielt, die Generalität um sich versammelt und an sie eine Ansprache an die gehalten, in der er in seiner farbenfrohen und drastischen, aber zu oft un- f 7 'i "* enera i a j, e8onnenen Art über Russen und Japaner gleichmäßig die Schale zorniger Kritik ergoß. Er wisse von seinem Vetter, dem Prinzen Friedrich Leopold, der es ihm erzählt habe, daß die russischen Generäle zwar keine Generalstabskarten besäßen, dafür aber Körbe voll Sekt mitgeschleppt hätten. Das russische Heer, das bei Mukden gefochten habe, sei durch Alkohol und Unzucht entnervt gewesen. Jetzt hätte Deutschland die Aufgabe, der gelben Gefahr allein entgegenzutreten, da Rußland leider versagt habe. Offiziere und Mannschaften des deutschen Heeres sollten strenge darauf halten, daß ihre Zeit gut ausgefüllt sei, damit sie nicht wie die Russen in DEK ARRETIERTE REDAKTEUR 99 Völlerei und Hurerei verfielen. Was die Japaner angehe, so würden 6ie nie triumphiert haben, wenn der Deutsche Reichstag dem Deutschen Kaiser früher eine deutsche Flotte bewilligt haben würde, mit der er sie rechtzeitig hätte zu Paaren treiben können. Ein nicht weit vom Kaiser stehender Reporter der „Straßburger Bürgerzeitung" war bei dem lauten Organ Seiner Majestät in der Lage gewesen, die kaiserliche Rede nachzu- stenographieren, und veröffentlichte sie noch am selben Abend. Als ich wegen dieser nach beiden Seiten, für die Russen wie für die Japaner sehr beleidigenden Rede ernste Vorstellungen erhob, antwortete mir der Kaiser aus Urville, wo er inzwischen eingetroffen war, die Journalisten wären so aufdringlich, daß er sich nicht vor ihnen retten könne. Er habe in seinem Garten in Urville persönlich einen berüchtigten Redakteur einer Metzer Zeitung arretiert. „Es fehlte nicht viel, daß ich ihm selbst das Fell versohlt hätte." Der Mann am Steuer des Schiffs bedurfte angespannter Aufmerksamkeit und nicht geringer Geduld, um den richtigen Kurs zu halten, während der Kapitän solchen Unfug trieb. Ich habe während meiner Amtszeit mehr als einmal an ein Wort gedacht, das ich als Sekretär unserer Botschaft in Paris von dem damaligen klugen Korrespondenten der „Times" in der französischen Hauptstadt, Herrn Oppert-Blowitz, hörte. Als ich meiner damaligen und niemals erloschenen Bewunderung und Verehrung für den Fürsten Bismarck Ausdruck gab, meinte Biowitz: „C'est bien, mais n'oubliez pas que Bismarck est une rose dont l'Empereur est la tige." In einem Lande, dessen Monarch eine so gewaltige Stellung einnahm, wie sie seit und durch Bismarck der König von Preußen und Deutsche Kaiser besaß, war es sehr schwierig, ohne dauernden und festen Rückhalt an ihm Politik zu machen. Der alte Kabinettsrat von Lucanus 6agte mir, als ich Staatssekretär wurde: „Auf unseren Allerhöchsten Herrn hat jeder Einfluß und doch eigentlich niemand." Das sollte heißen, daß der Kaiser gelegentlich und vorübergehend auf jeden, dauernd auf keinen höre. Natürlich benutzten alle Streber und Intriganten gereizte Stimmungen Seiner Majestät gegen diese oder jene Partei, um da einzuhaken. Der Botschafter in Rom Graf Monts hatte kaum gehört, daß der Kaiser auf das Zentrum schelte, als er seine alte Abneigung gegen alles Katholische Graf Monts mit Ostentation zur Schau trug. In diesem Sinne schrieb er an meinen " &er Personaldezernenten, den ähnlich denkenden Prinzen, späteren Fürsten kathollsche Lichnowsky, daß meine innere Politik ihm wegen meiner freundlichen Haltung gegenüber der kathoüschen Kirche schwere Besorgnis einflöße. Es hieß in diesem Brief von Monts, der auch als Botschafter in Rom mir gegenüber den gewohnten Ton des Adoranten vorläufig noch beibehielt: „Bülow überragt geistig uns, seine Freunde alle ja so bedeutend, daß es an 7" 100 PAPST PIUS sich schon schwierig ist, ihn auf Irrtümer aufmerksam zu machen." Lich- nowsky sei der einzige, der mir gelegentlich den Revers meiner inneren Politik zeigen könne, er sei vorurteilslos und freidenkend. Er müsse mir sagen, daß auch der Klügste irre und daß ich die ultramontane Gefahr bedeutend unterschätze. Opfere ich die Schule den „Römlingen" und schlüge, namentlich in bezug auf die Universitäten, „bayrische Wege" ein, so wären wir verloren, so würde uns Frankreich geistig den Rang ablaufen. „Der Bund mit dem Pfaffen führt zum Orkus." Monts, der sich, als er diesen Brief schrieb, gerade auf Urlaub in Südtirol, in Campiglio befand, wies darauf hin, daß man in diesem ganz unter geistlichem Einfluß stehenden Lande sehen könne, wohin die Herrschaft der katholischen Kirche führe. „Dabei verkommt das schöne Land, da der Pfaff' jede Aufklärung und jeden Fortschritt in Ackerbau und Waldwirtschaft verhindert. Grenzenlose Armut und Stumpfheit herrschen vor." Über den neuen Papst Pius X. meinte Monts: „Über Papst Sarto bin ich noch nicht informiert. Er wird bei den römischen vielfachen Totalisatoren als Outsider kolossale Quoten gebracht haben. Meo voto ist jetzt für den ,Stuhl' die Hauptfrage die französische. Die Basis der materiellen Erkenntnis bildet für die Firma Heiliger Stuhl die gallische Kirchenprovinz. Wird nun Piuschen X. nachgeben, z.B. in der Besuchsfrage ?... Die Sorge ist nicht unbegründet, daß uns frei erzogene Franzosen geistig ein- resp. überholen, zumal, wenn wir weiter die jetzigen Wege wandeln. Es gibt Kleriker in Rom, die im Abfalle Frankreichs das Ende der universalen geistigen Großmacht des Papstes erblicken. Das wäre ja an und für sich für uns nur erwünscht, könnte aber bei Lage unserer inneren Dinge die unerfreuliche Rückwirkung haben, daß wir uns an Frankreichs Stelle zum Protector Petri aufwerfen, was nur zu neuen Konzessionen gegenüber der Geistlichkeit und zu äußeren Niederlagen führen müßte. Ich begegne leider immer erneut der völligen Verkennung der Institution des Papsttums, das nun einmal generell das fatale Deutschland mit seinem protestantischen Kaisertum und Luthertum als Urquell aller Bedrängnisse ansieht. . . Aber wir, die idealen Deutschen, konstruieren uns Traumgebilde von Schwesterkirche, Thron und Altar, Gottesfurcht und Untertanentreue, die auf dem Boden rechtgläubiger römischer Weltanschauung schlechterdings Blech sind . . . Doch wissen Sie, lieber Lichnowsky, das alles ja viel besser als ich." Monts würde wahrscheinlich noch mehr getobt haben, wenn er gewußt hätte, wie wohlwollend mir auch der neue Papst Pius X. gesinnt war. Schon im Frühjahr 1904 hatte mir der damalige Reichstagsabgeordnete Freiherr von Hertling, der spätere Reichskanzler, der in meinem Auftrage zweimal in besonderer Mission in Rom geweilt hatte, nach seiner Rückkehr nach München von dort geschrieben: „Als ich am Schluß meiner Abschiedsaudienz den Heiligen DER FALL DES FÜRSTEN HATZFELDT 101 Vater frug, ob er mir einen Auftrag an Eure Exzellenz zu geben habe, antwortete er zunächst durch Betonung seiner wohlgeneigten Gesinnung und fügte dann hinzu: ,11 papa se gli raccomanda', einen Satz, den er nochmals mit Nachdruck wiederholte." Ich habe Hertling zweimal nach Rom geschickt, 1904 und 1905. Als Zweck dieser Mission wurde von mir nach außen nur die Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät in Straßburg angegeben, die im Vatikan auf Schwierigkeiten stieß. Ich verfolgte bei der Entsendung von Hertling aber in petto auch die Absicht, ihn mit den römischen Verhältnissen vertraut zu machen. Ich wünschte die preußische Gesandtschaft beim Päpstlichen Stuhl mit der Zeit in eine deutsche Botschaft zu verwandeln, und Hertling erschien mir als geeigneter Reichsbotschafter. Mit der Entsendung von Hertling war Kardinal Kopp nicht einverstanden. Dieser große Kirchenfürst, der mir bis zu seinem Tode ein gütiger Gönner und treuer Freund blieb, schrieb mir darüber: „Wenn der gute Hertling in Rom nur sehr vorsichtig ist, um nicht nach zwei Seiten anzustoßen, in den vatikanischen Kreisen unter dem Verdachte, die Rolle des f Kraus fortsetzen zu wollen, in unseren einheimischen liberalen Kreisen durch die scheinbare Übernahme einer Nebenstellung zu unserem Gesandten, Herrn von Rotenhan. Hertling muß sehr zurückhalten und sich nicht im Reden gefallen. Doch werden Eure Exzellenz seine Aufträge mit gewohnter weiser Umsicht genau umschrieben haben." Ich habe mich während meiner ganzen Amtszeit weder durch wechselnde Stimmungen an Allerhöchster Stelle noch durch die bei uns meist mehr durch Gefühl und vorgefaßte Meinung als durch ruhige Einsicht bestimmte öffentliche Meinung in der Überzeugung erschüttern lassen, daß in unserem konfessionell gespaltenen Vaterland Gerechtigkeit gegen beide Konfessionen, volle Parität und sorgsame Schonung der Gefühle der katholischen Minorität im Interesse der nationalen Einheit eine Lebensfrage für die Nation sind. Diese meine grundsätzliche Stellung zur katholischen Kirche hat mich allerdings nicht verhindert, auch der Zentrumsfraktion entgegenzutreten und auch mit ihr den Kampf aufzunehmen, wenn mir dies im staatlichen Interesse geboten erschien. Bei diesem Rückblick auf unsere innere Politik möchte ich noch einen an und für sich bedeutungslosen Vorfall erwähnen, dessen ich mich aber Fürst zwölf Jahre später in einem traurigen Moment unserer Geschichte erinnern Hatzfeldt sollte. Der langjährige Oberpräsident von Schlesien, Fürst Hermann Hätz- scht feldt, Herzog von Trachenberg, hatte seinen Abschied eingereicht, angeblich wegen eines plötzlich hervorgetretenen Augenleidens, in Wahrheit, weil er sich in dem Irrgarten der Liebe verirrt hatte. Er gehörte einem alten und vornehmen Geschlecht an, von dem aber nicht mit Unrecht gesagt wurde, daß es mehr Liaisons, Scheidungen und Entführungen aufzuweisen hätte 102 DR. MICHAELIS als irgendein anderes hochadliges Haus. Diesem Haus war die strahlend schöne Fürstin Elisabeth Carolath entsprossen, die von Herbert Bismarck bewogen wurde, sich von ihrem ungeliebten Gatten scheiden zu lassen. Als aber nach erfolgter Scheidung Herbert die Freundin heiraten wollte, stieß er auf heftigen Widerspruch bei seinen Eltern, und es erging der armen Elisabeth wie der auf Naxos von Theseus verlassenen Ariadne. Herbert ließ sie sitzen und heiratete elf Jahre später die Gräfin Marguerite Hoyos. Ich bin noch heute überzeugt, daß der Konflikt, den er damals durchkämpfen mußte, bei Herbert Bismarck tiefe Spuren hinterlassen hat und daß diese seinem Herzen geschlagene Wunde nie ganz vernarbt ist. Eine geistig bedeutende Tochter des Geschlechts war die Gräfin Sophie Hatz- feldt, die Freundin von Ferdinand Lassalle. Sie war die Mutter des Botschafters Paul Hatzfeldt. Bei dem Oberpräsidenten von Schlesien, dem Herzog von Trachenberg, regte sich Cupido noch im späten Alter. Er wurde von einem Schaffner überrascht, als er in der Eisenbahn zwischen Breslau und Berlin einer jungen schlesischen Komteß Unterricht in den Anfangsgründen der ars amandi erteilte. Der Schaffner stellte den Herzog scharf zur Rede, dieser erwiderte allzu heftig. Als der Herzog, der für knauserig galt, den Mann des Gesetzes durch ein mehr als kärgliches Trinkgeld zu beruhigen trachtete, drohte dieser mit Strafanzeige. Um einem Skandal zu entgehen, reichte Hatzfeldt-Trachenberg seinen Abschied ein, der ihm in Gnaden und mit einem Orden bewilligt wurde. Dankbar und gerührt schrieb mir der edle Herzog: „Eurer Durchlaucht geehrte vorgestrige Zeilen verpflichten mich zu neuem Dank. Wenn ich meinen wärmsten Dank hiermit zum Ausdruck bringe, bitte ich gleichzeitig die Versicherung aufrichtiger Verehrung entgegennehmen zu wollen als Eurer Durchlaucht gehorsamster Hatzfeldt." An Stelle Hatzfeld ts wünschte der Kaiser den ihm befreundeten Grafen Tiele-Winkler auf Möschen, einen der reichsten schlesischen Magnaten, oder den Prinzen Heinrich XXVIII. Reuß zu setzen, der das war, was die Engländer „a good whip" nennen, das heißt ein Gentleman, der ein Vierergespann vom Bock zu lenken versteht. Lucanus frug bei mir an, ob ich meine Zustimmung zu der einen oder der anderen dieser beiden Kandidaturen geben würde. Dabei ließ er einfließen, daß, wenn Tiele oder Reuß Oberpräsident werden sollte, der Oberpräsidialrat Dr. Michaelis durch eine bessere Kraft ersetzt werden müsse, denn er sei schon unter normalen Verhältnissen unzureichend, geschweige denn unter einem wenig geschulten Aristokraten. Ich hätte damals wahrlich nicht gedacht, daß zwölf Jahre später derselbe Büromensch, der nicht der bescheidenen Stellung eines Oberpräsidialrats in Breslau gewachsen war, in denkbar ernstester, kritischer und bedrohter Lage des Landes zum Kanzler des Deutschen Reichs ernannt werden würde. 1905 gelang es mir, als Nachfolger des Herzogs EIN HOMO NOVUS: BETHMANN 103 Minister des Innern von Trachenberg den 1892 als Kultusminister zurückgetretenen, 1899 zum Oberpräsidenten von Hessen-Nassau ernannten Grafen Robert von Zedlitz-Trützscbler durchzusetzen, einen der bedeutendsten und dabei charaktervollsten Staatsmänner, über die Preußen zu verfügen hatte. In demselben Jahre, wo ich zum ersten Male in meinem Leben von Michaelis hörte, schlug ich Seiner Majestät den damaligen Oberpräsidenten Bethmann von Brandenburg, Herrn von Bethmann Hollweg, zum Minister des Innern Hoüweg vor. Ich hatte ihn schon 1904 für diesen Posten in Aussicht genommen, da er mir durch seine Tüchtigkeit als Verwaltungsbeamter wie durch sein bescheidenes und biederes Wesen angenehm aufgefallen war. Damals hatte er mich gebeten, von ihm abzusehen, solange die Kanalfrage nicht gelöst wäre. Als „homo novus", als Mann von jungem Adel, „halb kaufmännischer, halb professoraler Extraktion", könne er nicht gut gegen die Konservativen kämpfen, unter denen der alte, bodenständige Adel prävahere, dem wohl seine Frau, aber nicht er selbst angehöre. „Sie würden mich übel zurichten", hatte er nicht ohne Ängstlichkeit gemeint. Aber am Abend des Tages, wo er mir 1904 diese Absage erteilte, hatte er mir einen sentimentalen Brief geschrieben, aus dem eine gewisse Reue sprach und in dem er sich mir für die Zukunft „zu geneigter Berücksichtigung" empfahl. Schon damals zeigte sich bei dem unglücklichen Mann jenes „bängliche Schwanken, weibische Zagen, ängstliche Klagen", das uns in den „dümmsten und unnötigsten aller Kriege", um mit Albert Ballin zu sprechen, ungeschickt straucheln und dann diesen Krieg verlieren ließ. Bereits bei früheren Betrachtungen über unsere auswärtige PoHtik habe ich ausgeführt, wie mein Wunsch, mit England zu einer Verständigung Die über Marokko zu gelangen, trotz der geschickten Bemühungen unseres Marokko- damaligen Botschafters Paul Hatzfeldt und des guten Willens des englischen Fr " Be Botschafters in Berlin, Sir Frank Lascelles, an der Scheu des Premierministers Salisbury vor jeder Bindung der englischen Politik, vielleicht ebensosehr an seiner tiefen Abneigung gegen Wühelm IL, gescheitert war. Als Lord Salisbury 1902 die pobtische Bühne verlassen hatte, war die Stimmung in England gegen uns zu mißgünstig und feindlich geworden, als daß an ein englisch-deutsches Abkommen über Marokko zu denken gewesen wäre. Auch gegenüber einer ganz unfreundlichen englischen Mentalität ist mir die Erhaltung des Friedens mit dieser großen Macht, sofern wir Rußland gegenüber vorsichtig manövrierten, bis zuletzt als möghch erschienen, ein deutsch-englisches Abkommen über Marokko freilich nicht. Hinsichtlich Marokkos bestanden zwischen Kaiser Wilhelm IL 104 ELSASS UND MAROKKO und mir seit jeher Meinungsverschiedenheiten. Nach der Ansicht Seiner Majestät lag es im deutschen Interesse, daß sich Frankreich in Marokko engagiere und festlege. Dadurch würden die Blicke der Franzosen von den Vogesen abgelenkt. Sie würden so allmählich Elsaß-Lothringen vergessen und verschmerzen. Auch würde Frankreich durch die Eroberung und Behauptung von Marokko militärisch geschwächt werden. Zu meinem Erstaunen wurde der Kaiser in dieser Auffassung von militärischer Seite bestärkt. Überhaupt kann ich bei aller Bewunderung für Wissen, Arbeitskraft, Pflichttreue und Vaterlandsliebe der ausgezeichneten Männer, die in dem nun leider verwaisten, historischen roten Backsteinbau am Königsplatz im Geiste unseres großen Feldmarschalls Moltke wirkten, doch nicht verschweigen, daß unser Generalstab neuen Erscheinungen gegenüber nicht rechtzeitig Verständnis und richtige Einschätzung zeigte. So wie unsere Generalstäbler später die Improvisationsfähigkeit der Engländer und Amerikaner auf militärischem Gebiet, deren Artillerie und Tanks, überhaupt die Bedeutung des technischen, maschinellen Elements für die moderne Kriegführung, die Energie der vom Geiste der Konventszeit getragenen Kriegführung des Advokaten Poincare und des Arztes Clemenceau unterschätzten, so schätzten sie schon zehn Jahre früher die militärische Tragweite der nordafrikanischen Eroberungen Frankreichs nicht richtig ein. Im Gegensatz hierzu habe ich schon 1913 in meiner Studie über deutsche Politik darauf hingewiesen*, daß die volle und unbeschränkte politische, wirtschaftliche und militärische Herrschaft über Marokko für die Zukunft eine erhebliche Stärkung Frankreichs bedeuten könne, ein Eindruck, den ich schon bei meiner Reise durch Tunis und Algier im Frühjahr 1884 gewonnen hatte. Ich war mir auch nie im Zweifel darüber, daß Frankreich einen vollgültigen Ersatz für den Verlust Elsaß-Lothringens selbst in dem gewaltigsten Kolonialbesitz nicht erblicken würde, daß Tunis und Fez, Kairuan und Rabat die Bücke der Franzosen vom Straßburger Münster und der Metzer Esplanade nicht ablenken würden. Ich hatte diese Auffassung seit jeher gegenüber dem Kaiser vertreten, der aber bei seiner Ansicht blieb. Er hatte schon am 20. August 1904 zu dem Unterstaatssekretär von Mühl- berg gesagt, es sei ganz gut, wenn Frankreich Marokko pazifiziere und dort Ordnung schaffe, da ihm diese Kulturarbeit große Opfer an Blut und Geld kosten werde. Habe Frankreich seine Aufgabe erfüllt, sei Marokko erst der Zivilisation erschlossen, so werde der deutsche Handel dort schon seinen Platz finden, eine Ansicht, welcher der Unterstaatssekretär unter Hinweis auf die prohibitionistische französische Kolonialpolitik vergeblich widersprochen hatte. • Fürst von Bülow, Deutsche Politik, S. 8-1. KÖNIG ALFONS 105 Schon früher hatte der Kaiser dem König Alfons XIII. von Spanien bei ihrer Begegnung in Vigo am 16. März 1904 ein gutes Verhältnis mit Frankreich in beinahe stürmischer Weise anempfohlen. Seinen ersten Auslandsbesuch müsse der König jedenfalls in Paris abstatten. Gegenüber England möge er dagegen vorsichtig, gegenüber Portugal mißtrauisch sein. Der Kaiser hatte dabei nachdrücklich betont, daß Deutschland in Marokko keinerlei Interessen habe, natürlich auch keine territorialen Wünsche verfolge, sondern sich ausschließlich auf Förderung der Kulturarbeit beschränken würde. Auch Spanien müsse in Marokko nur eine Kulturmission verfolgen, auf sie allein seine Kräfte richten und Verständigung mit den anderen in Nordafrika engagierten Nationen suchen, in erster Linie mit Frankreich. König Alfons war über soviel Liebe für Frankreich bei Wilhelm IL, ver- D * bunden mit einer solchen Selbstlosigkeit, beinahe erstaunt gewesen, zumal sich Spanien, wie mir die Königin-Mutter Christine bei unserem Wiener Besuch im September 1903 erzählt hatte, seit Mitte der neunziger Jahre der französischen Umwerbungen und Allianzanträge kaum erwehren konnte. Der Eifer, mit dem Wilhelm II. den Spaniern ein möglichst gutes Verhältnis zu Frankreich anempfahl, entsprang zum Teil auch der Hoffnung, daß diesbezügliche Äußerungen Seiner Majestät von Madrid nach Paris gelangen und dort Stimmung für den Kaiser machen würden. Der Wunsch, sich mit Frankreich zu „versöhnen", ist von seiner Thronbesteigung bis zum Weltkrieg bei Wilhelm II. immer wieder hervorgetreten, allerdings mit gelegentlichen Schwankungen, bisweilen auch, wenn sein Liebeswerben gar keinen Erfolg gehabt hatte, mit Ausbrüchen übler Laune, die im Grunde nur „depit amoureux" waren. VII. KAPITEL Die MittelmeerreiBe Wilhelms II. im März 1904 • Entwicklung der Marokko-Frage • Ihr Stand beim Antritt der Mittelmeerreise des Kaisers • Programm der deutschen Regierung • Der bestehende Rechtszustand • Unsere Taktik • Anlaufen des Kaisers in Tanger Landung des Kaisers in Tanger • Legationssekretär Kühlmann • Mission des Grafen Tattenbach nach Fez • Graf Monts bemüht sich, unter dem Einfluß seines Kollegen Barrere, eine Rettungsaktion für Delcassü zu inszenieren • Englische Bemühungen für Delcasse • Sturz Delcasses Kaisers Schon bei der Rückkehr von seiner Palästina-Reise, 1898, hatte der Kaiser den Wunsch gehegt, den Weg über Gibraltar zu nehmen. Bei Mütelmeer- diesem Anlaß wollte er auch Tanger berühren. „Nachdem ich nun in Asien s war, möchte ich gern einmal meinen Fuß auch auf afrikanischen Boden setzen, zumal ich auf Ägypten verzichten mußte", meinte der Kaiser damals zu mir. Dieser Wunsch ging lediglich aus Reiselust hervor, ohne jede politische Nebenabsicht. Wie ich seinerzeit erzählte, gelang es 1898 der Kaiserin und mir, den Kaiser zu bewegen, von Malta auf dem kürzesten Wege durch das Adriatische Meer nach Deutschland zurückzukehren. Die Kaiserin drängte, als gute Mutter, die sie war, zu ihren Kindern; ich hielt es für nötig, nach längerer Abwesenheit in Berlin im Auswärtigen Amt die Zügel wieder selbst in die Hand zu nehmen. Bei seiner ersten Mittelmeerreise, die WUhelm II. am 12. März 1904 an Bord des Lloyddampfers „König Albert" in Bremerhaven angetreten hatte, wollte er ursprünglich auch Tanger besuchen, wiederum nur als Tourist, der nach neuen und interessanten Eindrücken begierig ist. Ich sprach mich damals gegen einen Aufenthalt in Tanger aus, da es mir im Frühjahr 1904 nicht angezeigt erschien, in irgendeiner Weise die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu lenken, und der Kaiser verzichtete sogleich und willig auf das Anlaufen dieser afrikanischen Küstenstadt. Als er sich am 28. März 1905 in Cuxhaven an Bord des Hapag-Dampfers „Hamburg" für die zweite Mittelmeerreise einschiffte, auf der er, wie bei seiner ersten Mittelmeerfahrt, nicht nur von einem stattlichen militärischen Gefolge, sondern auch von einer großen Anzahl persönlicher Freunde und Bekannter in allen Lebensstellungen begleitet war, tauchte in der ausländischen Presse das Gerücht auf, er werde Tanger anlaufen. Eine solche Absicht lag damals bei Seiner PfiNfiTRATION PACIFIQUE 107 Majestät in keiner Weise vor. Es mag aber sein, daß indiskrete Redereien von Berliner Hof leuten über frühere Wünsche des Kaisers, sich einmal Tanger anzusehen und afrikanischen Boden zu betreten, ihren Weg in die Presse gefunden hatten. Jedenfalls ergingen sich französische Blätter bereits in den Tagen, als der Kaiser 1905 seine Mittelmeerreise antrat, in überhebenden, zum Teil frechen Drohungen für den Fall, daß der Deutsche Kaiser sich unterstehen sollte, eich in Tanger zu zeigen. Die Haltung nicht nur der Pariser Presse, sondern auch des Staatsmannes, der sie inspirierte, des Ministers des Äußern Delcasse, wurde Marokko- nach und nach dreister. Drei Wochen vor dem Abschluß des englisch- Konflikt französischen Vertrages von 1904 hatte Herr Delcasse unserem Botschafter in Paris, dem Fürsten Radolin, die Hauptbestimmungen der Konvention mitgeteilt und ihm zugleich versichert, daß die Rechte dritter Staaten, auch Deutschlands, durch sie nicht in Frage gestellt würden. Ich hatte diese Mitteilung sogleich in höflicher Weise quittiert, indem ich am 12. Aprü 1904 im Reichstag gesagt hatte*: Wir hätten keine Ursache, anzunehmen, daß das englisch-französische Kolonialabkommen eine Spitze gegen eine andere Macht enthalte. Es schiene sich nur um den Versuch zu handeln, eine Reihe alter Differenzpunkte zwischen England und Frankreich durch Verständigung aus dem Weg zu räumen. Dagegen hätten wir vom Standpunkt deutscher Interessen nichts einzuwenden. Gegenüber Widerspruch von alldeutscher Seite erklärte ich zwei Tage später, daß wir weder auf das ganze noch auf Teile des Scherifischen Kaiserreichs Anspruch erhöben**. Gleichzeitig hatte ich im April 1904 in der Presse ausführen lassen, daß Deutschland in Marokko nicht politischen Einfluß suche, sondern bloß die Interessen der deutschen Volkswirtschaft zu schützen habe. Als im Oktober 1904 bekanntgeworden war, daß Paris mit Madrid einen Vertrag über Marokko abgeschlossen habe, hatte ich mich um Auskunft nach Paris gewandt, worauf Delcasse versicherte, auch dieses Übereinkommen würde den deutschen Handel in Marokko nicht benachteiligen, ihm sogar infolge der zu erwartenden Verbesserung der Rechtspflege in Marokko nützlich sein. Ich Heß daraufhin durch den Staatssekretär Richthofen dem französischen Botschafter Bihourd erklären, wir wären durch diese Mitteilung befriedigt. Im Winter 1904 auf 1905 trat jedoch ein Umschwung ein, und Delcasse zeigte die Krallen. Er ließ in seiner Presse nicht nur das Wort von der „Penetration pacifique" Marokkos in Umlaufsetzen, sondern die französischen Zeitungen forderten die „tunisification" des * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 73 ff.; Kleine Ausgabe II, S. 67 ff. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 90 ff.; Kleine Ausgabe II, S. 87 ff. 108 DIE KRIEGS FRAGE Marokkanischen Kaiserreichs, das heißt dessen Herabdrückung zum Vasallenstaat in der Art von Tunis. Wir waren nicht um unsere Ansicht gefragt worden. Es war nicht einmal die Rücksicht geübt worden, den Vertrag von 1904, nachdem er den Parlamenten in Paris und London vorgelegt worden war, auch in Berlin und Wien mitteilen zu lassen. In Marokko selbst spitzten sich die Dinge immer schärfer zu. Am 21. Februar 1905 war der französische Gesandte Saint-Rene Taillandier in Fez eingetroffen und hatte vom Sultan kategorisch, „en termes pressants" verlangt, dieser solle seine Truppen von französischen Offizieren ausbilden, auch die Zölle unter Aufsicht französischer Oberbeamten eintreiben lassen. Der Sultan, zu dem der französische Vertreter du haut en bas, wie zu einem Vasallen, gesprochen hatte, wandte sich an die deutsche Regierung und frug insbesondere, ob die Behauptung Taillandiers, daß er seine Forderungen nicht nur als französischer Gesandter, sondern im Namen Europas stelle, der Wahrheit entspreche. Gegenüber dieser Kette französischer Herausforderungen erschien es mir notwendig, in Paris wieder das Deutsche Reich in Erinnerung zu bringen. Es war nicht sowohl die Größe unserer wirtschaftlichen und politischen Interessen in und an Marokko, die mich bestimmte, dem Kaiser zu Widerstand und Abwehr zu raten, sondern die Uberzeugung, daß wir uns gerade im Interesse des Friedens derartige Provokationen nicht länger gefallen lassen dürften. Damals so wenig wie vorher oder nachher wollte ich den Krieg mit Frankreich, schon weil ich wußte, daß jeder ernstliche Konflikt in Europa, wie die Verhältnisse lagen, zum Weltkrieg führen würde. Aber ich scheute mich nicht, Frankreich vor die Kriegsfrage zu stellen, weil ich mir das Geschick und die Kraft zutraute, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen, wohl aber Delcasse zu Fall zu bringen, damit den aggressiven Plänen der französischen Politik die Spitze abzubrechen, Eduard VII. und der Kriegsgruppe in England ihren festländischen Degen aus der Hand zu schlagen und so gleichzeitig mit dem Frieden die deutsche Ehre zu wahren und das deutsche Ansehen zu stärken. In meinem Entschluß wurde ich durch den Brief eines alten und zuverlässigen Pariser Freundes bestärkt, desselben, der mich sieben Jahre früher über, den Windsor-Vertrag orientiert hatte. Er war von Geburt Schweizer, wir hatten uns in Lausanne kennengelernt. Später ließ er sich in Paris nieder. Er hegte lebhafte Sympathien für Frankreich, ebenso für England, das er häufig besuchte und wo er in den besten Kreisen verkehrte. Aber alles trat bei ihm zurück hinter seinem auf tiefster Uberzeugung beruhenden, beinahe leidenschaftlichen Pazifismus. Er wurde nicht müde, die entsetzlichen Konsequenzen zu schildern, die, wie die Dinge in der Welt lägen, ein großer Krieg nach sich ziehen würde. Ein solcher würde alle bösen Leidenschaften und Triebe der Menschheit DIE MADRIDER KONFERENZ VON 1880 109 wecken, Haß und Rachsucht, Roheit und Grausamkeit, er würde Milliarden verschlingen, Hekatomben von Menschenleben fordern, Europa für Jahrzehnte, vielleicht für Jahrhunderte zugrunde richten. Der Gute, der den Weltkrieg nicht mehr erleben sollte, hat nur zu richtig gesehen. Er war mit Recht überzeugt, daß ich ehrlich bemüht wäre, den Frieden zu erhalten. Noch mehr aus diesem Grunde als aus persönlicher Anhänglichkeit an mich Heß er mir von Zeit zu Zeit nützliche Winke zukommen. Ich hatte ihm mein Ehrenwort geben müssen, daß ich ihn nie als Quelle nennen, auch seine Briefe nach Kenntnisnahme sofort vernichten würde, denn er wünschte nicht das Schicksal des Hauptmanns Dreyfus zu teilen. Dieser Mann, der nur von den reinsten Absichten geleitet war und ein ideales Ziel verfolgte, schrieb mir fast in demselben Augenblick, als der Kaiser 1905 seine zweite Mittelmeerreise antrat: Delcasse wäre entschlossen, es auf den Krieg ankommen zu lassen, überzeugt, daß König Eduard ihn nicht im Stich lassen und daß es möglich sein würde, zwischen Rußland und Japan rasch den Frieden wiederherzustellen. König Eduard und die von ihm beeinflußten englischen Minister und Staatsmänner wollten nicht sofort in den Krieg mit Deutschland eintreten, würden aber eine völlige Niederwerfung Frankreichs nicht zulassen und jedenfalls, sobald der Kampf begonnen hätte, an Deutschland die kategorische Forderung richten, seinen Flottenbau einzustellen. Ich war von Anfang an gewillt, mich in der marokkanischen Frage auf dem Boden der Verträge zu halten. Ich wußte sehr wohl, daß es töricht wäre, sich in Lebensfragen, wo es um Ehre und Sicherheit des Landes geht, nur auf Verträge zu verlassen. Die einzige wirkliche und dauernde Sicherheit Hegt für ein großes Volk in der eigenen Kraft, in seiner Macht und vor aHem in der nationalen Gesinnung und dem Patriotismus seiner Bürger. Aber selbst vom Standpunkt der RealpoHtik ist es in hohem Grade wünschenswert, weil nützlich, sich auf den Boden der Verträge zu steUen, das Vertragsrecht für sich zu haben und damit die Sympathien der rechtHch und ethisch Denkenden. Es war daher eine Unglücksstunde für das Deutsche Reich, als der Kanzler Bethmann HoH- weg in seiner (leider) nicht vergessenen Unterredung mit dem engHschen Botschafter Goschen Verträge als Papierfetzen, als „chiffon de papier", als „scrape of paper" bezeichnete. Wir konnten uns 1905 für unser Vorgehen auf das Ergebnis der 1880 zu Madrid abgehaltenen Marokko-Konferenz berufen, auf der die am Handel mit Marokko beteüigten Staaten (Deutschland, Frankreich, England, Österreich-Ungarn, ItaHen, Spanien, die Vereinigten Staaten und Holland) übereingekommen waren, daß vom Scherifischen Kaiserreich den Untertanen irgendeines fremden Staates Vorzugsrechte nicht gewährt werden dürften. WoUte also Frankreich das wirtschafthche oder poHtische Ubergewicht in Marokko an sich reißen, so 110 DEMONSTRATIVE LANDUNG mußten die übrigen Unterzeichner jener Madrider Konferenz von 1880 um ihre Zustimmung angegangen werden. Abgesehen von diesem Madrider Vertrage bestand seit 1890 ein Handelsabkommen zwischen Deutschland und Marokko, in dem uns Meistbegünstigung eingeräumt worden war. Wir befanden uns also in der günstigen Lage, uns auf das internationale Recht stützen zu können. Was die Taktik unseres Vorgehens betraf, so hatte Frankreich auch in dem Abkommen vom 8. April 1904 ausdrücklich versprochen, daß es den politischen Zustand von Marokko nicht ändern werde. Schon deshalb schien es mir indiziert, zunächst abzuwarten, ob die französische Regierung diese Zusage erfüllen, wie sie überhaupt das Abkommen in der Praxis ausführen und namentlich wie sie sich mit unseren vertragsmäßigen Rechten in Marokko und den dortigen deutschen Interessen abfinden würde. Hiervon abgesehen, hängt es immer von den Umständen ab und ist eine Frage der Opportunität, wann eine diplomatische Aktion begonnen werden soll. Es erschien mir ratsam, das englisch-französische Abkommen weder mit sofortigen Drohungen zu beantworten, noch mit Nervosität aufzunehmen. Ich wollte Frankreich auch in der marokkanischen Frage nicht a priori Mißtrauen oder Übelwollen zeigen. Es lag kein Anlaß vor, gegen denjenigen Teil des französisch-englischen Abkommens Stellung zu nehmen, der sich auf Ägypten bezog. Wir würden durch einen solchen Einspruch unsere ohnehin schwierigen Beziehungen zu England noch mehr kompliziert haben, auch abgesehen davon, daß unsere Pobtik traditionell gerade in Ägypten den Engländern nie Schwierigkeiten bereitet hatte. Um so mehr waren wir berechtigt, uns gegen eine Verletzung des bestehenden Rechtszustandes und unserer wirtschaftlichen Interessen in Marokko zur Wehr zu setzen, wenn es sich zeigte, daß Frankreich diese zu achten nicht gewillt sei. Darum legte ich zunächst weder Überraschung noch Verstimmung an Bülow rät den Tag. Als aber Delcasse in seiner Presse wie in seinen Auslassungen gegen- dem Kaiser, u lj er den in Paris akkreditierten fremden Vertretern immer dreister jene in Tanger zu tückische Feindseligkeit" an den Tag legte, die ihm Deutschland gegenüber Jaures in der Kammer vorwarf, als selbst Lord Rosebery erklärte, es sei unstatthaft, eine große Macht wie Deutschland im Welthandel mit Ostentation beiseitezuschieben, als Delcasse jedes Einlenken trotzig ablehnte, riet ich brieflich dem Kaiser, Tanger anzulaufen. Ich empfahl gleichzeitig, dort keine Prunkrede zu halten, sondern nur mit möghehster Unbefangenheit zu sagen, er habe keinen Grund gehabt, nicht auch dem Sultan von Marokko, der ein unabhängiger Herrscher sei, einen Besuch abzustatten; er hoffe, daß Marokko, das sich auf den Madrider Vertrag und auf das internationale Recht berufen und stützen könne, auch fernerhin dem friedlichen Wettbewerb aller Nationen offenstehen würde. Der Kaiser DER BOCKENDE BERBERHENGST 111 entschloß sich nicht gern zu diesem Besuch in Tanger, da er natürlich sogleich fühlte und überdies aus meinem Brief ersah, daß es sich dabei nicht um ein touristisches Sight-seeing, sondern um einen sehr schwerwiegenden politischen Akt handelte. Dazu kam, daß das Meer, als Seiner Majestät meine Anregung zuging, stürmisch bewegt, das Ausbooten und demnächstige Landen mit der Gefahr eines nassen Bades verbunden war. Es war bei dieser Gelegenheit, daß der damalige Geschäftsträger in Tanger, Herr von Kühlmann, zum erstenmal die Aufmerksamkeit Seiner Majestät auf sich lenkte. Der junge Kühlmann, ein Sohn des langjährigen Vertreters von Hirsch, dem sogenannten Türken-Hirsch in Konstantinopel, kam nach dem Eintreffen der „Hamburg" an Bord des kaiserlichen Schiffes. Die körperliche Gewandtheit, mit der Kühlmann, noch dazu in der schmucken Uniform des bayrischen Ulanenregiments Seiner Majestät, mit der Tschapka auf dem Kopf und in langen Stiefeln aus dem auf und ab schaukelnden Boot an einer Strickleiter an Bord der „Hamburg" gelangte, trug wesentlich dazu bei, daß er sich dauernd in der Gunst Seiner Majestät festsetzte, die seinen ganzen späteren Aufstieg bis zum Staatssekretär begleitete. Als Minister des Äußern zeigte er leider nicht dieselbe Geschicklichkeit und namentlich nicht die gleiche Sicherheit wie bei der Turnübung auf dem Hapag-Dampfer. Josef Joachim, der große Violinspieler und liebenswerte Mensch, erzählte mir einmal, er habe sich im Winter auf der Rousseauinsel im Berliner Tiergarten im Schlittschuhlaufen versucht. Als er ein paarmal auf die Nase gefallen war, hatte der dabeistehende Wärter der Eisbahn mit gutmütigem Lachen gemeint: „Ja, ja, Herr Professor, Schlittschuhlaufen ist nicht so leicht wie Geigespielen." Mit Kühlmann stand es umgekehrt: er mußte die Erfahrung machen, daß sich, um ein Bismarcksches Bild zu gebrauchen, auf dem straffen Seil der großen Politik im Gleichgewicht zu erhalten schwieriger ist, als am Fallreep heraufzuklettern. Kühlmann warf als Staatssekretär des Äußern vollständig um und verschwand seitdem von der politischen Bühne. An jenem 31. März 1905, dem Tage der Landung in Tanger, gelangte der Kaiser physisch wohlbehalten an Land, aber psychisch durch das Risiko des ganzen Unternehmens erregt. Dazu kam, daß die Pferde, die ihm der Sultan an den Landungsplatz entgegengeschickt hatte, Berberhengste, unruhig gingen, so daß der Kaiser, nachdem er gefürchtet hatte, ein nasses Bad im Mittelmeer zu nehmen, unmittelbar nachher besorgen mußte, vor den Augen der staunenden und gaffenden Mauren und Araber von seinem Gaul heruntergebockt zu werden. Infolgedessen trugen die beiden Ansprachen, die der Kaiser an den ihn begrüßenden Oheim des Sultans sowie an die deutsche Kolonie hielt, einen erregteren und schärferen Charakter, als dies ursprünglich seine Absicht gewesen war. 112 HOLSTEIN ÄRGERT SICH Holstein, mindestens ebenso impressionabel wie der Kaiser, aber älter Der und verbrauchter, ärgerte sich über diese Abweichung vom Programm, das problematische er gern als das seine betrachtet zu sehen wünschte, so sehr, daß er in der Holstein darauffolgenden Nacht eine starke Magenblutung erlitt. Sie war das erste Auftreten eines Leidens, dem er vier Jahre später erliegen sollte. Ich will bei diesem Anlaß feststellen, daß die ganze Aktion, für die ich vor dem Reichstag wie vor der Öffentlichkeit sofort die volle Verantwortung übernommen habe, von mir ausging. Gerade weil Holstein sich möglichst im Hintergrunde und im Dunkeln hielt, nur wenig Menschen sah, einsam in der von der Wilhelmstraße weit entfernten Großbeerenstraße in drei kleinen Zimmern hauste, erschien seine Persönlichkeit und seine politische Tätigkeit den meisten in fast romanhaftem, jedenfalls sehr übertriebenem, bisweilen auch verzerrtem Licht. Sein Einfluß war während meiner Amtszeit nicht so groß wie in den vorhergegangenen zwei Jahrzehnten. So paradox dies auch manchem erscheinen mag, Holstein übte nie einen größeren Einfluß aus als während der zweiten Hälfte der Ära Bismarck. Damals war seine Macht namentlich in Personalien sehr weitreichend, seine Stellung fast unerschütterlich durch das absolute Vertrauen, das der große Kanzler persönlich in ihn setzte, wie durch die intime Freundschaft, die Herbert Bismarck seit seiner ersten Jugend mit Holstein verband, der als Attache der preußischen Gesandtschaft in St. Petersburg ständiger Gast im Hause des damaligen Gesandten von Bismarck-Schönhausen gewesen war. Namentlich seit dem 1879 erfolgten Tode meines Vaters, der, solange er das Auswärtige Amt leitete, durch seine alten, vertrauensvollen Beziehungen zum Fürsten Bismarck wie durch seine Ruhe und Abgeklärtheit ein nützUches Gegengewicht zu Holstein gebildet hatte, trat letzterer mehr und mehr in den Vordergrund. Mein Vater bebte Holstein nicht, sie waren ganz verschiedenartige Naturen. Holstein, dem, wenn er wollte, auch ein sentimentaler Augenaufschlag zu Gebote stand, hat mir mehr als einmal gesagt, er wisse sehr gut, daß er bei meinem Vater nicht in Gnaden gestanden habe; um so rührender wären die Hingebung und Treue, mit der er mich unterstütze und mir „diene". Nachdem Fürst Bismarck, zweifellos nicht ohne Mitwirkung von Holstein, gestürzt worden war, klammerten sich seine Nachfolger Caprivi und Marschall, denen zunächst jeder ÜberbUck über das internationale Schachbrett, alle diplomatische Routine und selbst die nötigen Sprachkenntnisse fehlten, an Holstein an wie Ertrinkende an einen Rettungsgürtel. Er mußte aber die Macht, die er dadurch gewann, mit Kiderlen teilen, der sich nicht gern die Butter vom Brot nehmen ließ. Auch war er gerade damals der Gegenstand heftiger Presseangriffe namentlich im „Kladderadatsch" und in der Hardenschen „Zukunft", die ihn noch menschenscheuer und damit noch weltfremder machten als früher. Unter Telegramm des Kaisers an Bülow über die Landung in Tanger (Zu Seite 110) 21. März 1905 «• s - M I B [von Seiner Majestät Bülow] S. [einer] E. [xzellenz] Reichskanzler Ersehe aus Wolff und Wedekind daß deutsche Colonie und Marokkaner Vorbereitungen machen um meinen Besuch auszuschlachten und Briten ihn gegen Gallier ausspielen. Es ist sofort nach Tanger zu telegraphieren, daß es höchst zweifelhaft ist ob ich lande; und daß ich incog.: als Tourist nur Reise, also keine Audienzen, keine Empfänge Wilhelm I. R. J. Mll U SWa-m Alf (/ ' ' ^ V /•^OU^A^J^ • ^MsV 1 (Debitoren: JL «Pf. ^Mngcnonrmcn burdj: CelegropWe leutfdp Betyu. ***** ben 190 7 1 . U&r 9JI. mttt. in Ctg. Don SRr. mit ..................... Berlin C. 5djloß - £etegraj>|)enamt. 3B. 190 ben ../ um Ubr ÜJtin................mitt. an burd) fjjlßjrttmm _ /T> Wwyv1^ /Vyy^y^^yv,.........../Hw.........../i^VH^Vvy« AvJ.............I^'t^t.. >yl.................................i....y^w................ryv>......... /|f d( rv wwU..........^L^v4v.......... üJJa ^A/yyy^..........&!f^.^/y!^^!^ r .........ii<#s>x*^ A ^ r J^Jjt{ yML- m ' / / / > Qtätb.........LahAJi.'/$m DAS DEUTSCHE REICH PROTESTIERT 113 Hohenlohe atmete er wieder auf, denn die Presseangrifi'e, die seine empfindsame Seele tief verletzt hatten, flauten allmählich ab. Hohenlohe behandelte Holstein mit der immer gleichen, vornehmen Höflichkeit, die ihm eigen war, hatte aber nicht entfernt das Vertrauen zu ihm, mit dem Fürst Bismarck den Geheimen Rat von Holstein ausgezeichnet hatte. Als ich Staatssekretär wurde, hatte Hohenlohe mich vor Holstein gewarnt mit den Worten: „Alle bedenklichen und schlechten Ratschläge kommen meist von Holstein." Im direkten Gegensatz hierzu hatte Fürst Bismarck zu meinem Vater, der eine abfällige Äußerung über Holstein gemacht hatte, zwanzig Jahre früher nachdenklich geäußert: „Er ist aber doch sehr fein. Ich verdanke ihm manche nützliche Warnung, manchen klugen Gedanken, auch manchen guten Ratschlag." Ich kehre zu der Marokko-Differenz zurück. Am Tage, wo der Kaiser in Tanger landete, hatte Delcasse in der französischen Kammer keinen Zweifel Sendung darüber gelassen, daß er sich auf dem von ihm betretenen Wege durch Tauenbachs deutschen Widerspruch nicht irremachen lassen würde. Man kann darüber nac ^ 1 streiten und stritt schon im April 1905 darüber, ob es ratsam war, den Kaiser in Tanger in den Vordergrund treten zu lassen. Nachdem dies einmal geschehen war, mußten wir durchhalten. Am 11. und 12. April richtete ich Erlasse an unsere Vertretungen in London, Petersburg, Wien und bei einer Reihe anderer Regierungen, in denen ich ausführte, daß die kaiserliche Regierung ein Recht Frankreichs, Englands und Spaniens auf eine selbständige Ordnung der marokkanischen Angelegenheit nicht anerkennen könne und die Mitwirkung der acht Staaten fordere, die den Madrider Vertrag von 1880 unterzeichnet hatten. Ich wies die französische Behauptung, die Madrider Akte habe nur die Regelung der Privatrechte der fremden Untertanen in Marokko bezweckt, als rabulistisch zurück und rückte nochmals die völkerrechtliche Bedeutung des Vertrages in den Vordergrund. Deutsche Rechte könnten nicht von anderen Mächten an irgend jemanden, auch nicht von England an Frankreich abgetreten werden. In dem an den kaiserlichen Botschafter in London gerichteten Erlaß schrieb ich: wir träten für unsere Interessen ein, über die ohne unsere Zustimmung verfügt werden solle. Die Bedeutung der Interessen wäre dabei nebensächlich. Derjenige, dem Geld aus der Tasche genommen werden soll, werde sich immer nach Möglichkeit wehren, einerlei ob es sich um fünf oder um fünftausend Mark handle. Wenn wir unsere nicht unerheblichen wirtschaftlichen Interessen in Marokko stillschweigend preisgäben, ^yürden wir damit andere zu ähnlichen Rücksichtslosigkeiten gegen uns ermuntern, und das vielleicht bei größeren, lebenswichtigeren Fragen. Ich entsandte den Grafen Tattenbach, bis dahin Gesandten in Lissabon, in besonderer Mission nach Fez, um den Sultan in der Zurückweisung der vertragswidrigen französischen Ansprüche 8 BUlow II 114 DELCASSfi, DER „GROSSE FRANZOSE' auf die Oberaufsicht seiner Armee und seiner Finanzen zu bestärken und ihm zu raten, die bei dem Madrider Vertrag beteiligten Kabinette behufs Feststellung seiner Rechte zu einer Konferenz einzuladen. Ich betonte dabei nochmals ausdrücklich, daß Deutschland für sich in Marokko keine Vorteile anstrebe, dagegen die Aufrechterhaltung eines im Wesen verletzten Vertrages für alle Vertragsteilnehmer wünsche. Dadurch, daß der Sultan von Marokko nicht nur uns um Schutz anging, wurde unsere Stellung in dem Streit gestärkt. Tattenbach behielt auch weiterhin die Scherifische Majestät fest in der Hand. Graf Tattenbach war ein Altbayer und besaß den tapferen Mut und die unbeugsame Festigkeit, die diesen wackeren Volksstamm auszeichnen. Er war als bayrischer Offizier im Deutsch-Französischen Krieg verwundet worden, ein treuer, ja leidenschaftlicher Patriot. Inzwischen wurde die Lage von Delcasse schwierig. In der Sitzung Delcasse der französischen Kammer vom 19. April 1905 wurde er nicht nur von den wankt Sozialisten Jaures und Pressense, sondern auch von dem früheren und späteren Kammerpräsidenten, dem opportunistischen Deschanel, dem schönsten und noch für Jahre hinaus glücklichsten Mann des französischen Parlaments, heftig angegriffen, von dem Ministerpräsidenten Rouvier lau unterstützt. Um so leidenschaftlicher trat, unbekümmert um die klare Rechtslage, die englische Presse und Diplomatie für ihn ein. Die „Times" hörte nicht auf, Delcasse den „großen Franzosen" zu nennen, während sie gleichzeitig Deutschland bedrohte und schmähte. Die Idee einer Konferenz über Marokko wurde von ihr als Demütigung, als Kapitulation weit abgewiesen. In derselben Richtung tobten auch andere englische Blätter: „Daily Chronicle", „Standard", vor allem „Daily Mail", das Organ North- cUffes. König Eduard erschien am 6. April 1905 selbst in der französischen Hauptstadt und riet dem Präsidenten Loubet in langer Unterredung, Delcasse zu halten. Am 31. April 1905 traf der König auf der Rückkehr von Nizza nochmals in Paris ein und empfing dort Delcasse zu eingehender Rücksprache. Eduard VII. tat alles, was in seinen Kräften stand, um den deutsch-französischen Streit erbitterter werden zu lassen, wie er sich auch drei Jahre später eifrig bemühte, während der bosnischen Krise Rußland gegen Deutschland aufzuhetzen. Er war ein geschickter Giftmischer. Neben König Eduard, proximus sed longo intervallo, unternahm unser Rentings- Botschafter in Rom, Graf Monts, einen schüchternen, etwas seltsamen versuch des Versuch, den schon stark ins Wackeln geratenen Minister Delcasse zu afen Monts setzen. Bismarck hat nicht selten darüber geklagt, daß die deutschen Diplomaten meist für irgendein fremdes Land schwärmten: der deutsche Diplomat, der einige Zeit in England gelebt hätte, würde anglophil und behaupte, daß man nur in England sich anzuziehen, nur in England zu reiten und zu jagen, zu segeln, zu rudern, zu angeln und sich zu benehmen MONTS UND HARRERE 115 verstehe. Andere deutsche Diplomaten sähen in Österreich den Sitz wahrer Vornehmheit und würdiger Tradition. Noch anderen imponiere das russische Reich, der russische Zar, das russische Leben von den Bärenjagden bis zu den Bällen im Winterpalais. Für noch andere wäre Paris das einzige Klima, das sie vertrügen. In die letztere Kategorie gehörte Monts. Er rühmte sich, von einem Dynasten des Languedoc abzustammen. Leute, die in der Genealogie besser Bescheid wußten als ich, behaupteten dagegen, der Großvater Monts habe zu den französischen Finanzkommis gehört, die Friedrich der Große in den letzten Jahren seiner Regierung aus Frankreich bezog, um in Preußen die indirekten Steuern mit französischer Härte und Habsucht einzuführen. Wie dem auch sein möge, Monts führte gern den angeblichen Wahlspruch seines Geschlechts „Fortis ut mons" im Munde und trug auf seinen Manschettenknöpfen drei kleine Berggipfel, mit denen, wie er zu verstehen gab, auf ihrem Schilde seine Ahnen in Toulouse bei ritterlichen Turnieren in die Schranken geritten wären. Als er Botschafter zu werden wünschte, äußerte er mir gegenüber: „Ich möchte mich nicht selbst rühmen, aber ich glaube, daß ich für die große Diplomatie zwei Eigenschaften mitbringe, un nom ronflant et un devouement absolu für Sie." Monts war in Rom bald unter den Einfluß seines ihm an diplomatischer Routine, in der Menschenbehandlung, vor allem an Geschicklichkeit sehr überlegenen französischen Kollegen Barrere geraten. Barrere war ein intimer persönlicher Freund von Delcasse. Er setzte alles in Bewegung, um seinen Chef zu halten. In derselben Richtung arbeitete Luigi Luzzatti, ein namhafter Volkswirt, ein guter Schatzminister, ein Idealist, aber durch und durch französisch gesinnt. Barrere und Luzzatti veranlaßten Monts, im Höhepunkt der Delcasse-Krisis einen Bericht an mich zu richten, der als Rettungsgürtel für Delcasse dienen sollte und in dem es hieß: Luzzatti habe ihn, Monts, aufgesucht und ihm in bewegten Worten die Sorgen geschildert, die Barrere um seinen Chef und Freund Delcasse empfinde. Als Luzzatti auf die prononciert antideutsche Politik des französischen Ministers des Äußern hingewiesen hätte, habe Barrere diese Politik mit dem Hinweis darauf verteidigt, daß die Republik die Traditionen Gambettas, der im Herzen unwandelbar die Hoffnung auf eine Wiederangbederung von Elsaß-Lothringen genährt hätte, wenigstens im Prinzip nicht aufgeben könne und daß das französische Volk zu einer Versöhnung mit uns noch nicht reif wäre. Diesen Ausführungen sei von ihm, Luzzatti, entgegengesetzt worden, daß mit der Revanche es sich wie mit dem Blute des heiligen Januarius in Neapel verhielte. Nur wenn die Drahtzieher in Paris es wünschten, beßen sie die elsässische Wunde bluten. Tatsächlich aber wolle die große Masse der französischen Nation den Frieden. Das empfinde jetzt Delcasse. Man glaube in Paris zu wissen, daß Monts persönlich jedes Chauvinismus bar sei und zu 8« 116 DIE WUNDE VON 1870 einem Ausgleich mit Frankreich hinneige. Da er, Luzzatti, in gleicher Weise mit Barrere und Monts durch Freundschaft verbunden wäre, hätten sich die Augen der französischen Staatsmänner auf die genannten beiden Diplomaten gelenkt, um durch sie zur Behebung der gegenwärtigen Spannung zu gelangen. Frankreichs Lage sei jetzt prekär. Die Nation wünsche, einer unhaltbaren und nach französischer Ansicht unheilschwangeren Krisis ein Ende zu bereiten, die Regierung wisse aber nicht, wie sie aus der marokkanischen Sackgasse herauskommen solle. Man frage sich in Paris, ob Seiner Majestät dem Kaiser und König irgendeine Allerhöchstihm von Frankreich zu erweisende eklatante persönliche Genugtuung genehm sein würde. Der französische Botschafter sei von Delcasse ermächtigt, mit seinem Freunde Monts die Sachlage zu erörtern. Herr Luzzatti hatte noch geäußert, daß England die französischen Hoffnungen bitter enttäuscht habe. Man hätte in London erklärt, daß das Marokkoabkommen England verpflichte, diplomatisch Frankreichs Ansprüche zu unterstützen. Darüber hinaus könne England nicht gehen. Auch an der Newa wolle man wegen Marokkos die freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland nicht aufs Spiel setzen. Luzzatti gab zu, daß Delcasse den Plan verfolgt hätte, Deutschland völlig zu isolieren. Er habe aber mit falschen Prämissen gerechnet. Die japanischen Siege hätten, wie Delcasse selbst an Barrere schrieb, seine Pläne umgeworfen, nachdem er noch im vergangenen Frühjahr die ihm von Deutschland dargebotene Hand zurückgewiesen habe. Herr Delcasse habe damals in Rom die ihm von Italien übermittelte Anregung einer Begegnung des französischen Präsidenten mit Seiner Majestät dem Kaiser mit der ausdrücklichen Begründung abgelehnt, im französischen Volk brenne die Wunde von 1870 noch zu tief, es würde seine Staatsmänner nicht verstehen und sie, vielleicht sogar den Präsidenten, fortjagen, wenn es zu einer Begegnung zwischen dem Deutschen Kaiser und dem französischen Staatsoberhaupt komme. Jetzt herrsche in den weitesten Schichten des französischen Volks negativ „paura", positiv der Wille, die Regierung zu einem Ausgleich mit uns zu zwingen. Leichten Herzens würden sich die glühenden Patrioten Delcasse und Barrere gewiß nicht zu einem immerhin demütigenden Schritt entschlossen haben, denn sie bäten jetzt durch Luzzatti bei Monts direkt um gutes Wetter. Auf die Frage des deutschen Botschafters, ob die französische Regierung einen ehrlichen Frieden mit uns wolle, der ohne endgültigen Verzicht auf Elsaß-Lothringen nicht möglich sei — denn der Gott der Schlachten, 1870 nicht von uns angerufen, habe für Deutschland entschieden, die Reichslande wären mit dem Blute von hunderttausend braven deutschen Männern erkauft, so lange ein Deutsches Reich existiere, gäben wir sie nicht heraus, darüber dürfe kein Zweifel und kein Sous-Entendu bestehen —, hatte Luzzatti keine klare Antwort gegeben. DELCASSES SPIEL 117 Dagegen hatte er den ihm von Monts „suggerierten" Gedanken eines großen Arrangements zwischen Deutschland und Frankreich, ähnlich dem englisch-französischen, unter das dann auch neben nahem und fernem Orient Marokko zu subsumieren wäre, mit Begeisterung aufgegriffen. Luzzatti hätte ausgerufen, daß, wenn ein solches Arrangement gelänge, die Geschichte den Namen Kaiser Wilhelms II. als den des größten Pazifikators der Weltgeschichte und eines zweiten Titus für immer in ihre ehernen Tafeln eintragen würde. Hierbei stellte sich jedoch heraus, daß Herr Del- casse Teilungsvorschläge meditierte oder vorspiegelte. Darauf hatte Monts entgegnet, Deutschland könne den durch die Madrider Konvention geschaffenen Boden nicht verlassen. Es verlange für sich nur die gleichen Rechte wie für alle, und gerade deshalb sei seine Position so unangreifbar. Übrigens wäre ja die ganze marokkanische Angelegenheit nur das Symptom einer tiefgehenden Krankheit. An uns hätte es nicht gelegen, daß die deutsch-französischen Beziehungen nicht schon längst normale und solche geworden wären, wie sie zwischen Nachbarn bestehen sollten. Aber auch der übergeduldige deutsche Michel lasse sich nicht dauernd als Quantite negligeable behandeln. Diesem langen Bericht hatte Monts einen Privatbrief beigegeben, in dem er mir schrieb: „Ohne irgendwie der Entscheidung Eurer Exzellenz vorzugreifen, möchte ich als meinen persönlichen Eindruck, wie ich ihn aus den Äußerungen Luzzattis und sonstigen Symptomen hier gewinne, Hochdemselben folgendes ehrerbietigst unterbreiten: Delcasse sucht augenscheinlich in geschickter Wendung dort eine Stütze, wohin er bisher alle seine Angriffe richtete. Der ehrgeizige Mann sieht sich ohne einen Ausgleich mit uns verloren. Vielleicht hätten wir daher a priori gerade mit ihm leichtes Spiel. Dazu kommt, daß Barrere, der längst für Rom das Interesse verloren, für sich persönlich den Berliner Posten bei der Sache heraushängen sieht. Er«würde also mit Dampf arbeiten und schließlich seine gewichtige Stimme einlegen, wenn die Verhandlungen, wie vorauszusehen, schwierig werden sollten. Er wäre vielleicht später auch tatsächlich der richtige Mann, um die Verhältnisse zwischen Berlin und Paris dauernd zu guten zu gestalten. Eure Exzellenz würden ihn schon in seinen Schranken zu halten wissen! Der ehrgeizige Barrere will partout persönliche Erfolge erringen. Er würde mit Feuereifer vielleicht noch mehr für seinen Ruhm als für Frankreich arbeiten, wenn er sein Spiel auf die erstklassige deutsch-französische Karte setzen kann. Herr Barrere hatte mir vor zwei Jahren in Camaldoli schon einmal gesagt: ,Weshalb habt ihr, statt den Dreibund zu erneuern, nicht eine Allianz mit uns geschlossen?' Das X für mich ist freilich die Wandelbarkeit des französischen Volkscharakters. Oder sollte die Bourgeois- Republik sich schon zu einem solchen Phäakentum und Philistertum 118 EIN KUCKUCKSEI umgebildet haben, daß man nocb für eine weitere Reibe von Jahren auf ihr Fortbesteben und auf Ruhe in Frankreich rechnen kann? Wie Eurer Exzellenz höhere Einsicht hierüber auch urteilen mag und wie weit Hochdieselben in Ihrer französischen Politik auch eventuell gehen mögen, Sie wollen mir für heute gestatten, daß ich zu dem in der Marokkosache jetzt schon sichtbaren großen Erfolg unter dem heutigen Datum des faustus eventus Ihres Geburtstages meine wärmsten Glückwünsche ausspreche. Die Frucht des Canossagangs der Franzosen wird eine doppelte sein, wenn Seine Majestät der Kaiser in allen seinen Verlautbarungen Allerhöchstsich die größte Reserve jetzt auferlegen wollte." Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps. Ex post neige ich heute noch mehr als 1905 zu der Ansicht, der Holstein schon damals Ausdruck gab, nämüch zu der Meinung, daß dem Monts- schen Rettungsversuch für Delcasse der Wunsch zugrunde lag, auf diese Weise mit Nachhilfe von Barrere und Delcasse als Botschafter nach Paris zu kommen. Monts fühlte sich nicht mehr wohl in Rom, schon weil er sich dort in kurzer Frist allgemein unbeHebt gemacht hatte, in der italienischen Gesellschaft wie in der deutschen Kolonie. Das Ziel seiner Ambitionen war in erster Linie Paris, in zweiter Wien. Holstein war eine mißtrauische Natur, bisweilen, wie unbestreitbar ist, von krankhaftem Mißtrauen erfüllt. Aber wenn Robespierre gesagt haben soll, daß das Mißtrauen die notwendigste aller repubbkanischen Tugenden sei, so ist nicht zu leugnen, daß eine gute Dosis von dieser Eigenschaft auch dem Diplomaten zu empfehlen ist. Nüchtern sei, gedenk des Argwohns, dieses hält den Geist gelenk, sagt irgendwo Aristophanes, dessen Seele nicht nur nach Plato der Lieblingssitz der Anmut, sondern auch erleuchteter Vernunft war. Welches auch die Motive von Monts gewesen sein mögen, sie mußten erfolglos bleiben. Nur en passant gedenke ich eines Vorschlages von Eckardstein, der auf Umwegen an den Kaiser den Plan heranbrachte, in einer von Seiner Majestät zu haltenden „großen" Rede auszuführen, daß er zwar sein Recht wahrnehmen wolle, daß aber eine Friedensstörung ihm und seiner Regierung völlig fernliege. Ich zertrat dieses Kuckucksei in der Schale, zumal ich bald erfuhr, daß die Eckardsteinsche Proposition wieder einmal auf eine größere Börsenoperation zurückzuführen war, bei der er diesmal aber nicht ä la baisse, sondern a la hausse spekuherte. Als Kuriosum erwähne ich endhch nocb, daß die „eklatante Satisfaktion", die von Barrere und seinem Freunde Delcasse für Kaiser Wilhelm IL in Aussicht genommen war, wie sich später herausstellte, entweder das Großkreuz der Ehrenlegion sein DIE 150 000 ENGLÄNDER 119 sollte oder das Versprechen des Präsidenten Loubet, im nächsten Jahr auf eine Begegnung mit dem Deutschen Kaiser einzugehen. In meinen Unterredungen mit dem französischen Botschafter Bihourd, einem sehr höflichen, wohlerzogenen, eher schüchternen Diplomaten, den Delcasse wohl gerade deshalb nach Berlin geschickt hatte, um unter diesem Samthandschuh seine härtere Hand zu verbergen, vermied ich alle Drohungen, jede schroffe oder auch nur unhöfliche Wendung. In freundlichem Tone sagte ich dem Botschafter, daß, wenn er überzeugt sei, daß England den Franzosen zu Hilfe eilen werde, ich die Richtigkeit dieser Auffassung nicht a priori in Zweifel ziehen wolle. Ich gäbe auch vollkommen zu, daß England unserem Handel schwere Schläge versetzen, daß es unsere im Bau befindliche Flotte zerstören könne. Aber nach Lage der Dinge würde bei einem Krieg, den ich ebenso und geradeso wie Bihourd zu vermeiden wünsche, das arme Frankreich am meisten leiden. „C'est vous, je le con- state avec tristesse, qui payerez les pots casses, non par notre mechancete, mais par la force des choses." Je mehr sich die Situation zuspitzte, um so eifriger war England bemüht, seinen Schützling Delcasse zu halten. Die englische Regierung Heß Delcasse Sturz wissen, daß sie ihn nicht sitzenlassen würde. Frankreich möge ruhig die Delcasste Konferenz ablehnen und abwarten, ob Deutschland es wagen würde, die Offensive zu ergreifen. Delcasse versicherte bestimmt und wiederholt seinen Ministerkollegen, daß England bereit wäre, 150000 Mann nach Holstein zu werfen, die einen großen Teil der deutschen Landarmee von der deutschen Westgrenze abziehen würden. Am 6. Juni fand in Paris die entscheidende Ministersitzung statt. Delcasse vertrat die Ansicht, daß, wenn Frankreich auf seiner Ablehnung der Konferenz mit Festigkeit beharre, Deutschland zurückweichen, d. h. eine Demütigung dem Kriege vorziehen würde. Der Kriegsminister Bertaux zeigte sich weniger zuversichtlich. Der Ministerpräsident R o u vi e r gab die Entscheidung, als er die Überzeugung aussprach, daß Delcasse sich täusche, wenn er glaube, daß Deutschland nur bluffe. Der Ministerrat sprach sich für die Beschickung der Konferenz, also gegen Delcasse, aus. Da erhob sich dieser, erklärte seinen Austritt aus der Regierung und verließ tief gekränkt den Sitzungssaal. Er sollte erst acht Jahre später, vier Jahre nach meinem Rücktritt, wieder auf der großen politischen Bühne erscheinen, als ihm 1913 die Botschaft in St. Petersburg übertragen wurde, wo er alle Hebel in Bewegung setzte, um Rußland für den Krieg gegen Deutschland zu gewinnen und in diesen Krieg hineinzutreiben. Wenn er sich 1905 vergeblich bemüht hatte, entweder den Revanchekrieg oder eine tiefe Demütigung Deutschlands herbeizuführen, so war er 1913 der Sturmvogel, der dem Gewitter vorauszog, das sich ein Jahr später entlud. Die Beseitigung von Delcasse hat uns den Frieden für viele Jahre 120 DER BRANDSTIFTER erhalten. Ein Blatt, das seinerzeit meine Politik von 1905 lebhaft kritisiert hatte, das „Berliner Tageblatt", schrieb nach dem 1923 erfolgten Tod von Delcasse in einem „Das Ende eines Brandstifters" überschriebenen Artikel: die Laufbahn dieses Brandstifters habe mit dem Abschluß der Entente cordiale begonnen, wäre dann aber jäh unterbrochen worden, als der von Haß und Ehrgeiz geschwollene, mit aller Kraft zum Kriege gegen Deutschland treibende Delcasse 1905 gestürzt worden wäre. Neun Jahre später habe Delcasse, nachdem er als Abgesandter seines Freundes Poincare in Sankt Petersburg den Weltkrieg vorbereitet hätte, seinen Traum, die Entzündung des Weltbrandes, verwirklicht gesehen. VIII. KAPITEL Vermählung des Kronprinzen (6. VI. 1905) • Bülows Erhebung in den Fürstenstand Wilhelm II. und der General Lacroix • Folgen des Sturzes von Delcasse • Rouvier Der französische Patriotismus • Brief Metternichs zur Lage • Eduard VII. lädt den Deutschen Kronprinzen zu Jagden ein • Wilhelm IL gegen diese Reise • Die Lage in Rußland • Brief der Großfürstin Maria Pawlowna an ihren Onkel Prinz Heinrich VII. Reuß • Das Verhältnis zwischen Wilhelm IL und Nikolaus IL • Prinz Heinrich von Preußen • Entwurf eines deutsch-russischen RückVersicherungsvertrages • Korrespondenz zwischen Wilhelm II. und Nikolaus IL An demselben 6. Juni 1905, da Delcasse stürzte, fand in Berlin die Trauung des Deutschen Kronprinzen mit der Herzogin Cecilie von Hochzeit Mecklenburg-Schwerin statt. Am Vormittag dieses Tages erschien der Kai- » m Berliner ser bei mir im Reichskanzlerpalais, um mir mitzuteilen, daß er mich in den ScMo/? Fürstenstand erhoben hätte. Mit der liebenswürdigen Natürlichkeit, die sein großer Zauber war und blieb, meinte er: „Diesmal können Sie mir nicht entwischen. Das Patent ist unterzeichnet, die Ernennung wird schon durch Wolff verbreitet. Lucanus hat alles besorgt." In sehr herzlicher, sehr gütiger Weise fügte der Kaiser hinzu, er freue sich, gerade am Hochzeitstage seines ältesten Sohnes, des künftigen Königs und Kaisers, einem der hervorragendsten Diener seines Hauses diese Auszeichnung zuteil werden zu lassen. Bei diesem Anlaß möchte ich erwähnen, daß meine Erhebung in den Fürstenstand in keiner Weise mit dem Rücktritt des Herrn Delcasse zusammenhing, der erst am Abend des 6. Juni in Berlin bekannt wurde. Kaiser Wilhelm II. hat während seiner Regierungszeit 8ieben Erhebungen in den Fürstenstand vorgenommen. Vor mir wurden 1899 der Botschafter Graf Münster-Derneburg, 1900 der Botschafter Graf Philipp Eulenburg, Graf Richard zu Dohna-Schlobitten und Graf Edzard Kyphausen, 1901 Graf Guido Henckel-Donnersmarck, nach mir 1913 der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Graf Karl Wedel, in den Fürstenstand erhoben. Fürst Hermann Hatzfeldt hatte 1900 die Herzogswürde erhalten. Die Vermählung des Kronprinzen wurde mit großem Glanz gefeiert. Der Kronprinz sah glücklich, seine junge Frau reizend aus. Am Abend fand nach altem Brauch des königlichen Hauses der Fackeltanz statt. Ursprünglich wurden bei diesem altdeutschen Hochzeitstanz die Fackeln von den 122 DER FACKELTANZ Ministern getragen. Wilhelm II. fand mit Recht, daß es kein sehr ästhetischer Anblick wäre, bejahrte, zum Teil schon gebrechliche, zum Teil allzu beleibte Staatsmänner mühsam auf dem glatten Parkett des Weißen Saales eine Reihe von Rundgängen ausführen zu sehen, qualmende Fackeln in der Hand, die ihre reich vergoldeten Uniformen mit Wachs beträufelten. Er bestimmte, daß künftig junge und adrette Pagen die Fackeln tragen sollten, was in der Tat viel besser aussah. Jeder Prinz und jede Prinzessin mußten hinter dem Pagen, die paarweise vorausschritten, einen Rundgang durch den Saal unternehmen. Voraus schritt der Oberstmarschall Fürst Max Fürstenberg. Früher hatte der inzwischen zum Hausminister ernannte Oberhofmarschall und Oberzeremonienmeister Graf August Eulenburg mit unübertrefflicher Sicherheit, Würde und Vornehmheit den Fackeltanz geleitet. Er sah aus wie herausgeschnitten aus einem schönen Stich des Grand Siecle. Aber auch Max Fürstenberg, wenngleich weniger distinguiert, gewährte in der roten Galauniform der Gardeducorps einen stattlichen Anblick. Ich stand während der Zeremonie neben dem französischen Botschafter, der mit einer Mischung von Melancholie und Neid die Bemerkung fallen ließ: „Et nous aussi, nous avons vu et connu tout cela lorsque le Roi-Soleil tronait ä Versailles et attirait tous les regards. Enfin, chacun son tour, comme disait en mourant ce bon Benjamin Constant." Das Hochzeitsfest des Kronprinzen war glänzend und mußte jeden kultivierten Europäer erfreuen, jeden, der nicht böotisch empfand. Und doch ließen auch die prächtigsten Hoffeste bei mir meist einen melancholischen Eindruck zurück. Ich entsinne mich einer Paradetafel am 2. September, dem Sedantag, nach deren Aufhebung Posadowsky und ich aus einem der Fenster des Schlosses auf das von der untergehenden Sonne rot beleuchtete Berlin blickten. Mit dem Ausdruck schweren Ernstes, der ihm eigen war, sagte mir Posadowsky, auf den roten Abendhimmel deutend: „Wenn der Kaiser fortfährt, so übermütig und insbesondere so unbesonnen zu sein, so wird früher oder später dies Schloß von der Masse bedroht, vielleicht gestürmt werden." Als ich am 6. Juni 1905, etwas ermüdet von den langen Zeremonien der Wilhelm II. Hochzeitsfeier und noch mehr von der großen Hitze, die an diesem Tage in und General Berlin geherrscht hatte, mich gegen Mitternacht auf der Gartenterrasse Lacroix neDen me inem Arbeitszimmer in der nächtlichen Kühle erholte, ließ mir der Kaiser telephonieren, er habe soeben von Wolff die Nachricht erhalten, daß Delcasse zurückgetreten wäre. Ich hatte den Rücktritt erwartet, der mich freute, ohne mich zu überraschen oder gar zu erregen. Aber ich beging einen Fehler, als ich mir nicht sogleich sagte, daß der Kaiser bei seinem Naturell und mit seinem Temperament aus der quälenden Sorge, die ihn wegen der Spannung mit Frankreich bisher beherrscht hatte, in das andere Extrem, in übertriebenen Jubel, übertriebene Hoffnungen und namentlich in ein DER FRANZÖSISCHE HOCHZEITSGAST 123 übertriebenes Entgegenkommen gegenüber Frankreich verfallen würde. Das Verständnis für die Notwendigkeit des Horazischen Aequam memento rebus in arduis Servare mentem, non secus in bonis Ab insolenti temperatam Laetitia, moriture Delli lag ihm nicht. Dieselbe Empfindung wie ich hatte der wohlmeinende, politisch nicht unverständige Flügeladjutant Graf Kuno Moltke gehabt, ein Jugendfreund von mir aus Neustrelitz, der mir in der Nacht schrieb, der Kaiser würde am nächsten Tage bei einer von ihm angesetzten Felddienstübung den zu den Hochzeitsfeierlichkeiten entsandten französischen General Lacroix treffen. „Ich teile Ihnen dies mit, auf daß rechtzeitig in den schäumenden Wein der kaiserlichen Freude, ich will nicht sagen Bitterwasser, aber doch aqua destillata von Ihnen gemischt werde." Leider erhielt ich diesen Brief durch ein Versehen oder die Bummelei des mit seiner Überbringung beauftragten Lakaien erst am Mittag des folgenden Tages. Inzwischen hatte der Kaiser in einem erregten Herzenserguß dem General Lacroix seine enthusiastische Freude über den Rücktritt von Delcasse und gleichzeitig die feste Überzeugung ausgedrückt, daß nunmehr alles in schönster Ordnung wäre. Auf Marokko habe er nie Wert gelegt, er gönne es gern den Franzosen. Diese spontane, gut gemeinte, aber undiplomatische und unpolitische Expektoration des Kaisers hat uns bis zur Konferenz von Algeciras und darüber hinaus die Unterhandlungen mit Frankreich und die Beziehungen zu Frankreich sehr erschwert. Nicht mit Unrecht sollte mir Holstein vor der Algeciras-Konferenz im Herbst 1905 schreiben: „Während wir im Schweiße unseres Angesichts für einen unseren wirtschaftlichen und politischen Interessen entsprechenden Ausgang des Marokkostreits kämpfen, hatte Seine Majestät schon längst nachgegeben. Die Franzosen wußten das, aber unser Publikum wußte es nicht, sondern stand ohne Erklärung vor der Tatsache, daß die französische Regierung vor der Rückkehr des Generals Lacroix weich und nachgiebig gewesen, nachher aber zähe und selbstbewußt geworden war. Die Franzosen hatten eben die direkte Zusage des Kaisers." Der Sturz von Delcasse war für uns kein Augenblickserfolg. Sein Sturz lähmte den französischen Chauvinismus in gleichem Maße wie die englischen Jingoes. Das erleichterte nicht nur die Fortführung unseres Flottenbaus, sondern unsere ganze Politik. Delcasse war das Instrument, dessen sich unsere Gegner bedienen wollten, um uns zu treffen. Durch Delcasse dachten, wie der damals in London weilende Karl Peters mit Recht schrieb, diejenigen englischen Kreise, die uns unser Flottenprogramm nicht ausführen 124 ROUVIER lassen wollten, Frankreich zum Kriegsbündnis mit England zu bewegen, um uns dann mit der englischen Flotte zu überfallen. Daß wir dies verhinderten, war gerade damals, wo wir uns mit unserem Flottenbau auf der Mitte des Weges befanden, besonders wichtig. Rouvier, der an die Stelle von Delcasse trat, war, wie alle französischen Minister, die seit 1871, seit dem Frankfurter Frieden in dem schönen Palais am Quai d'Orsay gewaltet haben, durch und durch Patriot. Er hatte Gambetta nahegestanden. Sein Aufstieg ist charakteristisch für das dramatische Element, das die französische Geschichte und französische Politik so anziehend macht. Wenige Tage nachdem die französische Nationalversammlung in Bordeaux den Präliminarfrieden mit Deutschland angenommen hatte, begegneten sich in der Hauptstadt der Gironde zwei junge Südfranzosen, Cremieux und Rouvier. Seit langem befreundet, überlegten sie miteinander, was sie unter den obwaltenden Verhältnissen anfangen sollten. Cremieux schlug vor, nach Marseille zu fahren, wo die radikale Partei, der sie beide angehörten, sich der Gewalt bemächtigt habe. Als Wahlmacher von Gambetta hatte Cremieux dort Beziehungen und Einfluß. Rouvier meinte, es sei ratsamer, mit Thiers nach Versailles zu gehen. Am nächsten Morgen traf Cremieux in Marseille ein, er wurde dort von seinen Freunden empfangen und nach dem Rathaus geleitet, wo er die Kommune von Marseille proklamierte und sich selbst zum Chef der Kommune. Im Laufe des Nachmittags wurde er von dem in Marseille kommandierenden General, der nicht den Kopf verloren hatte, arretiert und im Laufe der darauffolgenden Nacht nach französischer, in allen französischen Revolutionen bewährter Tradition erschossen. Gambetta kam, auch nachdem er der mächtigste Mann in Frankreich geworden war, nie nach Marseille, ohne der Witwe von Cremieux einen Besuch abzustatten. Der vorsichtigere Rouvier überstand im Schatten von Thiers die Krisis der Kommune, ließ sich 1876 in die Deputiertenkammer wählen, wurde 1881 Handelsminister, 1887 und dann wieder 1905 Ministerpräsident. Er kam nach und nach nicht nur zu erhebUchem politischem Einfluß, sondern als geschickter Financier auch zu einem nicht unbedeutenden Vermögen. Er stand in guten Beziehungen zu der Pariser Hautefinance, namentheh zum Hause Rothschild. Er war für die nach dem Rücktritt von Delcasse entstandene Situation der gegebene Mann, da er schon im Hinbbck auf die französischen Finanzen vor allem den Frieden wollte. Schon vor dem Rücktritt von Delcasse hatte mir der Unterstaatssekretär Rouvier von Mühlberg, dessen ruhiges und abgewogenes Urteil sich mehr und [■unscht Ver- menr hewährte, geschrieben: „Alle Anregungen, die von Delcasse kommen, standigimg jjjggjj-j-g j c ;h fQ r Versuche halten, uns aus unserer jetzigen Position herauszudrängen, ohne uns Ernsthaftes zu bieten. Nicht so mit Rouvier, der vor allem Finanzmann ist. Wie alle Leute dieser Kategorie will er in dieser NOCH KEINE FRANZÖSISCHEN VORSCHLÄGE 125 seiner hervorragenden Eigenschaft den Frieden. Er möchte keine Verwicklungen mit uns. Ich möchte deshalb seine Annäherungsversuche für ehrlich gemeint halten. Sie bestehen eine Prüfung, wenn Radolin auf seine Friedenswünsche mit uns eingeht und ihm bei gegebener Gelegenheit, die er aber nicht zu suchen hat, sagt: Bist du wirklich so versöhnlich und deutschfreundlich gesinnt, nun gut — eine Konferenz ist der beste Weg, die Sache zu ordnen. Wir werden dann hören, ob Rouvier seine Freundschaftsschalmei weiterbläst. Die Konferenz ist nicht allein ein äußerer Erfolg unserer Politik, der im Ausland wie im Inland uns Prestige verleiht, sie kann auch materiell gut von uns ausgefüllt werden." Der Gesandte Graf Tattenbach hatte, nachdem er sich de visu in Fez von der Zerfahrenheit und Verrottung der Verhältnisse im Scherifischen Reich, dem Maghreb el Aksa, überzeugt hatte, den Vorschlag gemacht, Frankreich und Spanien die Teilung von Marokko nach Interessensphären vorzuschlagen. Dieser Gedanke hätte sicherlich zunächst den stürmischen Beifall aller Alldeutschen gefunden, ich glaube aber noch heute, daß Herr von Mühlberg sich nicht irrte, wenn er in seinem Votum vom 30. April ausführte: „Wenn nach Dezennien ein Historiker in unseren Archiven das Telegramm Nr. 1084 ausgräbt, so wird er wahrscheinlich sagen: Der Gesandte hat recht gehabt. Warum wirft sich die deutsche Politik zur Schützerin von Reichen auf, die wie Türkei und Marokko durch den Lauf der Geschichte zum Untergang bestimmt sind ? Allein wir armen Zeitgenossen müssen mit den gegebenen Tatsachen rechnen. Einer Politik, wie sie Graf Tattenbach inauguriert zu sehen wünscht, steht zuerst der Widerwille Seiner Majestät entgegen, der kein militärisches Festlegen in Marokko wünscht, und dies müßte ins Auge gefaßt werden, sobald wir dort uns eine Interessensphäre aneignen. Sodann stehen dieser Politik entgegen unsere bisherigen Erklärungen und Versicherungen, den Status quo zu erhalten und nur für ,open door' zu fechten." Positive Vorschläge wegen einer Verständigung über Marokko sind uns 1905 von französischer Seite überhaupt nicht gemacht worden. Das stellte sechs Jahre später in der Sitzung der Budgetkommission des Reichstags vom 11. November 1911 der damalige Staatssekretär des Auswärtigen Amts von Kiderlen-Waechter fest, indem er ausführte: Nach der Tangerreise des Deutschen Kaisers habe Delcasse den Versuch einer direkten Verhandlung mit uns gemacht, der aber mangels positiver Vorschläge von französischer Seite zu keinem Ergebnis geführt hätte. Nach dem Rücktritt von Delcasse habe Rouvier auf offiziellem und offiziösem Wege dem Wunsch nach einer Verständigung mit uns Ausdruck gegeben, wobei zum erstenmal das Wort „Kongo" gefallen wäre. Wir hätten positive Vorschläge erbeten, ohne damit zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. „Inzwischen", schloß Kiderlen seine damaligen Ausführungen, „hatten wir uns auf den Stand- 126 ENGLISCHER ÄRGER ÜBER DELCASSfiS STURZ punkt festgelegt, daß Änderungen in Marokko nur mit Zustimmung der Signatarmächte der Madrider Konferenz erfolgen dürften, um uns eventuell nicht zwischen zwei Stühle zu setzen. Daher konnte Fürst Bülow nicht weiter auf die französischen Verständigungswünsche eingehen, die niemals von positiven Vorschlägen begleitet gewesen waren." In ihrer Beurteilung des ganzen Streits um Marokko ging unsere öffentliche Meinung deshalb so oft in die Irre, weil sie die Unterströmungen in Frankreich und die Leidenschaftlichkeit und Intensität des französischen Patriotismus nicht richtig einschätzte. Sehr friedlich, sehr gutmütig, etwas naiv, bei allen seinen sonstigen großen und herrlichen Eigenschaften politisch wenig begabt, beurteilte und beurteilt der Deutsche den Franzosen zu sehr nach sich selbst und unterschätzt den brennenden französischen Ehrgeiz, die grenzenlose französische Eitelkeit, die französische Härte und Grausamkeit, aber auch die französische Spannkraft und Elastizität, den bewunderungswürdigen Patriotismus aller Franzosen. Deshalb wies ich schon vor dem Weltkrieg* auf die nie übertroffene Schilderung des französischen Charakters durch Alexis de Tocqueville hin, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem meisterhaften Werk „L'ancien regime et la revolution" schrieb: „Quand je considere cette nation, je la trouve plus extraordinaire qu'aucun des evenements de son histoire, faisant toujours plus mal ou mieux qu'on ne s'y attendait. La plus brillante et la plus dangereuse des nations de l'Europe et la mieux faite pour y devenir tour ä tour un objet d'admiration, de haine, de pitie, de terreur, mais jamais d'indifference." Je mehr von engbscher Seite Neid und Haß bemüht gewesen waren, Antideutsche Delcasse zu stützen, die englische Presse laut und dreist, König Eduard Stimmung in (jj e unter seinem Einfluß stehenden Minister des Tory-Kabinetts mehr England j m gt j|] en? um so g ro ßer war an der Themse der Ärger über den Sturz dieses Staatsmannes, der durch den Lauf der Ereignisse wie in seinem tiefen und hitzigen Haß gegen Deutschland die Revanche-Idee verkörperte. Am 25. Juli 1905 schrieb mir unser Botschafter Paul Metternich aus London: „Ihre Königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland und die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, welche mit ihren Kindern in Seaford, einem kleinen englischen Badeort, weilen und seit etwa acht Tagen im Buckingham Palace zum Besuch sind, hatten sich heute zum Lunch bei mir angesagt. Die Kronprinzessin sagte mir, sie sei ganz erschrocken und traurig über die antideutsche Stimmung, die hier bei Hofe herrsche. Sie sei ahnungslos in dieses erbitterte Milieu hineingeraten. Es wäre dies sehr traurig, da England und Deutschland eigentlich dazu berufen wären, zusammenzugehen. König Eduard wünsche, trotz seiner * Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, S. 81 f. EDUARD VII. VERSTIMMT 127 augenblicklichen Verstimmung, im Grunde seines Herzens gute Beziehungen zu uns. Viel habe wohl bei der Verstimmung die Eifersucht des Königs auf die größere Begabung seines kaiserlichen Neffen zu tun. Auch Marokko spiele dabei mit. Eine Zusammenkunft zwischen unserem Allergnädigsten Herrn und König Eduard würde gewiß viel dazu beitragen, um die persönliche Verstimmung auf beiden Seiten zu heben. König Eduard gehöre der alten Schule an, sei von Natur gut und wohlwollend und leicht zu gewinnen avec de petits egards. Die Kronprinzessin von Griechenland, die, wie Sie wissen, eine aufrichtige Bewunderung für ihren kaiserlichen Bruder, zugleich aber auch viele englische Sympathien hat, bedauert die hiesige Gereiztheit und gab mir darin recht, daß dafür gar kein Grund vorliege, da wir den Engländern nichts Unfreundliches getan hätten. Auch die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen bestätigte mir das Vorhandensein einer an das Unvernünftige grenzenden antideutschen Stimmung. Ich weiß nicht, wie Graf Seckendorff sich Ihnen gegenüber ausspricht. Da seine Äußerungen nicht frei von persönlichen Beweggründen sind, so lege ich ihnen kein allzu großes Gewicht bei. Hier suchte er beschwichtigend zu wirken, aber ohne sonderlichen Erfolg. Er erzählte hier, daß wir unsere Flotte bauten, damit wir ein wertvoller Bundesgenosse für England werden. Die Engländer mokierten sich natürlich über dergleichen Versuche im jetzigen Moment. Es hat, wie ich aus guter Quelle weiß, König Eduard ganz besonders verstimmt, daß man in Deutschland geglaubt und verbreitet hätte, England wolle die Franzosen nur in die Marokko-Affäre hineinjagen, um sie mit uns zu verhetzen und sie dann sitzenzulassen. Mich sucht man hier bei Hofe, besonders von gelegentlich durchreisenden Landsleuten, auch anzuschwärzen und einer stark antienglischen Politik zu beschuldigen. Diese Bemühungen haben bisher aber hier keinen Erfolg gehabt, besonders nicht bei König Eduard. Ich vermute, daß dieselben Gelegenheitsbesucher mich in Berlin oder Norderney einer anglophilen Haltung verdächtigen." Die Verstimmung des Königs Eduard über die deutsche Presse war in diesem Fall nicht ganz unbegründet. Plumpe Insinuationen mancher deutscher Blätter über das „perfide Albion", das die „armen" Franzosen in den Marokko-Sumpf gelockt habe, um sie dann kaltblütig ihrem Schicksal zu überlassen, ärgerten nicht nur den englischen König, sondern auch weite Kreise des englischen Volks. Die Absicht solcher Insinuationen lag zu klar zutage, als daß sie nicht Verstimmung hätte hervorrufen sollen. Der frühere Oberhofmeister der Kaiserin, Friedrich Graf Götz Seckendorff, war nicht der einzige Hofmann, der sich für die Londoner Botschaft besonders geeignet hielt. Von dem gleichen Wahn waren auch andere Höflinge, wie der Hofmarschall Reischach und der Zeremonienmeister Eugen 128 WILHELM II. UND „DER JUNGE" Röder, befangen. Der erstere stützte seine Ansprüche auf die weitläufige Verwandtschaft seiner Frau, einer geborenen Hohenlohe, mit dem englischen Königshause, der letztere berief sich auf den Umstand, daß seine Gattin sogar von Geburt Engländerin wäre. Da die durch die Natur der Dinge hervorgerufene Gegnerschaft zwischen uns und England durch das unfreundliche Verhältnis zwischen dem Onkel in London und dem Neffen in Berlin noch verschärft wurde, so war ich bemüht, wenigstens in letzterer Richtung eine Besserung herbeizuführen. Unser Kronprinz gefiel dem König Eduard persönlich weit besser als unser Kaiser. Der Kronprinz war weniger glänzend als sein Herr Vater, nicht so vielseitig begabt, aber er war bescheidener als dieser, weniger laut, er hatte mehr Takt, eine Eigenschaft, die bekanntlich angeboren ist und sich weder erwerben noch lernen läßt. Vor allem lagen zwischen dem König und seinem Großneffen nicht die bösen Erinnerungen, die seit San Remo und den neunundneunzig Tagen das Verhältnis zwischen Neffen und Onkel vergifteten. König Eduard hatte wiederholt seinen Großneffen zu einem Besuch in England eingeladen. Ich wünschte, daß der junge, damals dreiundzwanzigjährige Prinz die Einladung annehmen möge, stieß aber auf hartnäckigen Widerstand sowohl beim Kaiser wie bei der Kaiserin. Der Kaiser wollte selbst gern nach England fahren, und zwar so oft als möglich. Wenn das nicht zu erreichen war, so sollte auch „der Junge", wie er seinen ältesten Sohn zu nennen pflegte, nicht die Freuden englischer Gastfreundschaft und des großartigen englischen Lebens genießen. Es war damit nicht anders wie mit der Uniform der Gardeducorps. Auf seine wiederholte Bitte erhielt der Kronprinz zwar eine Schwadron bei diesem Eliteregiment, aber nicht dessen Uniform. Er mußte sich mit dem Koller eines Linien-Kürassierregimentes begnügen. Es gab Rechte und Genüsse, die Wilhelm II. mit niemandem, auch nicht mit seinem ältesten Sohn teilen wollte. Dahin gehörte das Recht, die stärksten Hirsche in Rominten zu schießen, das Monopol der prächtigsten Uniformen und das Herumreisen in England. Die Kaiserin war erst recht gegen eine englische Reise ihres ältesten Sohnes, schon aus Besorgnis, daß die Tugend des Kronprinzen in dem Lande der schönen Frauen und reizenden Misses gefährdet werden könnte. Je feindseliger gegen Deutschland die Stimmung in England wurde, Kritische um so mehr drängte Wilhelm II. nach der russischen Seite. Als letztes Ziel Situation schwebte ihm ein regelrechtes und förmliches deutsch-russisches Bündnis Rußlands V0I ^ oJj-yyoJj] i cn j nm schon bei meiner Geschäftsübernahme und seitdem wiederholt auseinandergesetzt hatte, daß das, was er im Frühjahr 1890 mit der von seiner Seite erfolgten Kündigung des Bismarckschen Rück- versicherungsvertrages ausgeschlagen hätte, nachdem sich inzwischen die russisch-französische Allianz bei beiden beteiligten Völkern eingelebt habe, GEFAHR IN RUSSLAND 129 in der alten Form nicht wieder zurückzubringen wäre. Hierbei betonte ich immer wieder, daß bei einer vorsichtig und einigermaßen klug geführten deutschen Politik ein gutes und freundschaftliches Verhältnis mit Rußland auch ohne Staatsvertrag möglich sei. Der Wunsch, mit Rußland zu einem vertragsmäßigen Verhältnis zu gelangen, tauchte bei Wilhelm II. wieder sehr lebhaft auf, als ihm der Zar infolge des für Rußland unerfreulichen Ganges des Russisch-Japanischen Krieges anlehnungsbedürftiger erschien. Es waren nicht allein die Erfolge der wie von Wilhelm II. so auch vom russischen Hofe lange verachteten Japaner, die dem Zaren Sorgen einflößten. Auch im Innern des russischen Riesenreichs gestaltete sich die Lage kritisch. Die Großfürstin Maria Pawlowna schrieb an ihren Onkel, den Prinzen Heinrich VII. Reuß, unseren ehemaligen Botschafter in St. Petersburg, Konstantinopel und Wien, der mir auch diesen Brief vertraulich mitteilte: Der Arbeiterunruhen sei man Herr geworden durch die Macht der Truppen. Die Geister aber hätten sich nicht beruhigt. Im Gegenteil, aller Klassen und Kreise habe sich eine Art Fieber bemächtigt, und jeder glaube sich berufen, das Vaterland zu retten und zu führen. Dieser allgemeine Zustand sei ein nur zu günstiger Boden für ernste Umsturzpläne, und die Leute wären auch nicht müßig pour exploiter et diriger le mouvement. Es hieß weiter in diesem Schreiben: „Das Traurigste bei dem allen ist der totale Mangel d'une ligne de conduite von oben. Man schwankt von einem System zum andern, oft von einem Tag zum andern, und Du kannst Dir denken, wie das alles zurückwirkt. Darum ist auchwenig Hoffnung und Rettung, und die scheinbaren Reformen haben keinen Gehalt, denn man läßt ihnen keine Zeit. Kaum ausposaunt, sind sie schon durch neue ersetzt, meistens gelähmt. Man will oder kann nicht klar sehen, und warnende Stimmen wie zum Beispiel Wladimirs bleiben ohne Erfolg. Ich fürchte, Attentate werden bald ihre Schrecken verbreiten und die allgemeine Konfusion noch vergrößern. Könnte ein halbwegs anständiger Frieden bald kommen, ließe sich die Geschichte vielleicht noch aufhalten. Eine feste, energische Hand könnte überhaupt alles noch retten. Nun, das steht in Gottes Willen. In treuer Liebe Maria." Ähnlich wie die Großfürstin Wladimir sprach sich mir gegenüber vertraulich der russische Botschafter Osten-Sacken aus. Die Hauptgefahr wurzle in einem allgemeinen Gefühl von Unsicherheit. Beinahe weinend resümierte der greise Diplomat seine Ansicht in die Worte: „Un peu d'energie pourrait nous sauver, mais on ne la voit paraitre nulle part." Für Osten-Sacken stand nach seiner eigenen Mentalität wie nach den Traditionen seiner Familie die Rettung der russischen Dynastie in erster Linie. Deshalb war er gegen einen Frieden mit Japan um jeden Preis. Einen solchen wünschten nach seiner Angabe Liberale und Umstürzler, die in Rußland manchmal schwer zu unterscheiden 9 Bülow II 130 DIE RUSSISCHEN NIEDERLAGEN wären. Auch Witte empfehle einen solchen, aber aus Ranküne gegen Kaiser Nikolaus II. Gewiß würde ein Friedensschluß in diesem Augenblick, meinte der russische Botschafter, momentan von der Presse in Rußland und von den Börsenkreisen der ganzen Welt mit Befriedigung begrüßt, aber bald nachher von dem ganzen russischen Volk als eine furchtbare Demütigung empfunden und für diese der Zar persönlich und direkt verantwortlich gemacht werden. ,,(^a pourrait etre la fin." Wenn aber der Zar durchhalte, würde sich die Lage für ihn bessern und für Japan verschlechtern. Der deutsche Generalstab beurteilte die militärische Lage in Ostasien ähnlich. Er hielt es für ausgeschlossen, daß Rußland selbst durch weitere japanische Siege zu Lande oder zu Wasser gezwungen werden könnte, Frieden zu machen. Japan könne Sachalin und auch Wladiwostok erobern, aber irgendwo in den sibirischen Steppen würde es haltmachen müssen und werde dann genötigt werden, mit Gewehr bei Fuß und unter kolossalen Geldopfern zu warten, bis die russische Armee nach längeren Monaten wieder schlagfertig sei. General Kuropatkin habe einige große Fehler gemacht, aber bei Rückschlägen eine außerordentliche Tatkraft entwickelt. Der russische Soldat habe auch im Unglück eine ganz ungewöhnliche Widerstandskraft und Zähigkeit gezeigt. Unser Generalstab sah das entscheidende Moment für Rußland in der Ausdauer, Für mich waren damals zwei Momente entscheidend, um ein weiteres Durchhalten Rußlands gegenüber Japan zu wünschen: einmal die Besorgnis, daß ein übereilter, allzu ungünstiger Friedensschluß mit Japan den Zarenthron gefährden könne. Ich hielt alles in allem mit meinem größten Vorgänger ein zaristisches Rußland für den Weltfrieden wie für die deutschen Interessen für nützlicher als ein parlamentarisch regiertes oder republikanisches, in dem die grundsätzlich und leidenschaftlich antideutschen panslawistischen Elemente zu noch größerem Einfluß gelangen würden. Hiervon abgesehen, erschien es mir in unserem Interesse ratsam, daß Rußland sich in Ostasien so sehr als möglich engagierte, schon um dadurch die russische Aufmerksamkeit vom Balkan und die russischen Heere von der österreichischen und deutschen Grenze abzulenken. Kaiser Nikolaus stand seit seinem Regierungsantritt unserem Kaiser mit gemischten Gefühlen gegenüber, bald freundschaftlich und selbst vertrauensvoll, bisweilen gereizt und übellaunig. Der Kaiser hatte den Zaren nicht allein, wie ich schon mehrfach andeutete, durch allzu häufige und unerbetene Ratschläge wie Besuche verstimmt, sondern auch mit seiner fast naiv zur Schau getragenen Präpotenz, über die sich namentlich die beiden russischen Kaiserinnen, Maria Feodorowna und Alexandra Feodo- rowna, ärgerten. Diese Präpotenz kam nicht nur in den Briefen des Kaisers zum Ausdruck, sondern auch in den nach seinen Angaben von seinem Leib- NICKY UND WILLY 131 maier Knackfuß angefertigten Bildern, die er dem Zaren zu Weihnachten und zu seinem Geburtstag als eigene Erzeugnisse verehrt hatte. Das erste dieser Bilder war nach der Besitzergreifung von Kiautschou entstanden und zeigte Wilhelm II. in sinnbildlicher Verherrlichung als Erzengel mit feurigem Schwert, der die Großmächte zum Kampf gegen den unheiligen Buddha auffordert. Ich habe bei Besprechung unserer wirtschaftlichen wie politisch wichtigen Beziehungen zu Japan erwähnt, wie sehr uns diese geschmacklose Allegorie bei Millionen Buddhisten geschadet und unser Verhältnis zu Japan erschwert hat. Dem russischen Kaiser hat sie vielleicht zugesagt. Das zweite Bild, wo der heilige Michael mit dem eisernen Kreuz auf der Brust und vielen Beichsadlern auf seinem Harnisch die gegen den Tempel der Ordnung und des Friedens anstürmenden Dämonen der Hölle abwehrt, konnte revolutionären Geistern mißfallen, aber kaum dem Russenkaiser. Ganz übel aber war das dritte Bild, auf dem Kaiser Wilhelm in prächtiger Haltung und schimmernder Rüstung, in der hocherhobenen Rechten ein riesiges Kruzifix, vor dem Zaren steht, der in demütiger, beinahe lächerlicher Positur und in einem byzantinischen Gewände, das mehr einem Schlafrock gleicht, bewundernd zu dem Deutschen Kaiser aufschaut. Im Hintergrunde kreuzen deutsche und russische Panzerschiffe. Wenn also die Gefühle des Kaisers Nikolaus für Kaiser Wilhelm geteilt waren, so empfand der Zar für seinen Schwager, den Bruder des Deutschen Nachrichten Kaisers, den Prinzen Heinrich von Preußen, nur Freundschaft und Ver- des Prinzen trauen. Das hatte mich im April 1905 veranlaßt, den Prinzen zu bitten, den Zaren persönlich aufzusuchen, um sich de visu et auditu über dessen Stimmung zu informieren und ihm Mut und Ausdauer einzuflößen. Der Prinz war immer bereit, sich seinem Bruder, dem Kaiser, und dem Lande nützlich zu machen. Er schrieb mir, daß auch seine Privatnachrichten aus Petersburg beunruhigend lauteten. Man fürchte am Hofe besonders die Rachsucht von Witte, der mit der Kaiserin-Mutter gut stehe, um so schlechter mit der regierenden Kaiserin, die ihm zutraue, daß er unter Umständen kein Mittel, auch das schlimmste nicht, scheuen würde, um seine Zwecke zu verwirklichen. Weiter hieß es in diesem Brief: „Mit unserem Kaiser hatte ich auf der Fahrt von Bremen nach Cuxhaven, wie immer im Kreise einer größeren Zuhörerschaft, ein leider wenig sachliches Gespräch über den Zaren, währenddessen ich in die Rolle gedrängt wurde, die Person des Zaren vor Anklagen und Ausdrücken schärfster Art zu schützen. Im Verlauf dieses Gesprächs betonte S. M. die Notwendigkeit, daß der Zar zu seinen Truppen nach der Front müsse. Daß das Haus Romanow um seine Krone und somit um seine Existenz kämpft, unterhege wohl keinem Zweifel... Die Rolle, die Sie mir zugedacht haben, wird sich am besten Heinrich 132 DER KAISER WILL DIE KRONE NIEDERLEGEN dadurch einleiten lassen, daß ich meine Frau nach Zarskoje Selo begleite, woselbst sie ihre Schwester Elisabeth trifft, um gemeinsam mit dieser nach Moskau zu reisen und dort einige Wochen zu verbleiben. Ich selbst dachte meinen Aufenthalt auf zwei bis drei Tage in Zarskoje zu beschränken. Aufrichtig danke ich für das mir in letzter Zeit wieder mehrfach erwiesene Vertrauen, dessen ich mich würdig zu erweisen versuchen will. Ihr Chiffreur, der mir Ihren Brief überbrachte, soll Ihnen diese Zeilen übergeben mit einem sehr herzlichen Gruß von Ihrem allzeit dankbaren und ebenso treuen wie aufrichtig ergebenen Heinrich, Prinz von Preußen." Nach mehrtägigem Aufenthalt in Zarskoje Selo drahtete mir Prinz Heinrich: „Kaiser vorläufig entschlossen, Krieg fortzusetzen, ungeachtet starker Friedensagitation. Er setzt seine ganze Hoffnung auf Roschdestwensky, welcher binnen kurzem im Sunda-Archipel ankommen soll, Kaiser in ruhiger, normaler Stimmung." Trotz ernster Bedenken von meiner Seite bestand Wilhelm II. darauf, daß die unter Admiral Roschdestwensky gegen die Japaner entsandte russische Flotte durch deutsche Kohlenlieferungen unterstützt würde, wobei auch der Wunsch mitsprach, der von Seiner Majestät so sehr geliebten Hapag, der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Aktiengesellschaft, ein von Albert Ballin lebhaft befürwortetes, für unsere größte Dampfschiffsgesellschaft in der Tat vorteilhaftes Geschäft zuzuwenden. Der Drang Seiner Majestät, der russischen Flotte einen vernichtenden Schlag gegen die verhaßten Japaner zu ermöglichen, war so ungestüm, daß er mir, als ich im Hinblick auf Japan wie auf England Vorsicht anempfahl, mit gewohnter hitziger Übertreibung seiner Rednerei sagte und mir sogar schrieb: Er persönlich könne es weder mit seiner brüderlichen Freundschaft für den Zaren noch mit seiner Christenpflicht vereinbaren, die russische Flotte in ihrem Kampf für das Kreuz im Stiche zu lassen. Da ich aber bei der schwierigen internationalen Gesamtlage für die Leitung unserer auswärtigen Politik unentbehrlicher wäre als er selbst, so würde er, wenn ich auf meinem Widerspruch gegen die deutschen Kohlenlieferungen an die russische Flotte beharre, die Krone niederlegen und seinen Sohn auffordern, mit meiner Unterstützung in der mir richtig erscheinenden Weise weiterzuregieren. Natürlich habe ich diese Boutade ebensowenig ernst genommen wie• zahlreiche gleich exzentrische Marginalien. Als der Zar nach dem Zwischenfall bei der Doggerbank, der ihn wenig- Deutsch- stens vorübergehend aus seiner gewohnten indolenten Apathie aufgerüttelt russisches hatte, in einem Augenblick besonderer Mutlosigkeit, verbunden mit Gereizt- ^l""^' ^eit 8 e 8 en perfiden Engländer, dem Kaiser eine Allianz vorgeschlagen scheitert natte > setzte ich seinen Wünschen entsprechend einen Vertragsentwurf in drei Artikeln auf, der trotz des bestehenden russisch-französischen EIN BRIEF, DEN DIE BOLSCHEWISTEN VERÖFFENTLICHEN 133 Allianzvertrages vielleicht die russische Zustimmung finden konnte. Als Zweck dieses Vertrages war im Eingang der Wunsch bezeichnet worden, den Russisch-Japanischen Krieg möglichst zu lokalisieren. Der defensive Charakter des Bündnisses wurde in den Vordergrund gestellt. In Artikel I hieß es, daß, wenn eines der beiden Kaiserreiche angegriffen werden sollte, sein Verbündeter mit allen seinen Streitkräften zu Lande und zur See ihm beistehen müsse. Vorkommendenfalls würden die beiden Verbündeten gemeinsame Sache machen, um Frankreich zur Beachtung der Verbindlichkeiten aufzufordern, die es nach dem Wortlaute des französischrussischen Bündnisvertrages übernommen habe. Durch Artikel II verpflichteten sich die beiden hohen Parteien, keinen Separatfrieden mit irgendeinem gemeinsamen Feinde zu schließen. Artikel III bestimmte die Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfeleistung auch für den Fall, daß Handlungen, die von einer der beiden vertragschließenden Parteien während des Krieges vollzogen worden wären, wie z. B. die Lieferung von Kohlen an einen der Kriegführenden, Reklamationen seitens einer dritten Macht als angebliche Verletzung des Neutralitätsrechts veranlassen sollten. Ich hatte Seiner Majestät vorgeschlagen, den Vertragsentwurf dem Zaren mit einem von mir aufgesetzten, kurzen und rein sachlichen Brief zugehen zu lassen. Der Kaiser erweiterte aber mein diesbezügliches Konzept zu einem langen Schreiben, von dem die Welt fünfzehn Jahre später Kenntnis erhielt, als die Bolschewisten die von ihnen aufgefundenen Briefe des Kaisers an den Zaren veröffentlichten. Wenn es in diesem Schreiben hieß, daß das deutsche Auswärtige Amt von der Antwort des Kaisers nichts wisse, so stand diese Versicherung mit der Wirklichkeit nicht im Einklang. Der etwas sentimentale Taufsegen, den ich, nach dem Schreiben Seiner Majestät, nach erfolgter Redaktion des Vertragsentwurfs über den Entwurf gesprochen haben sollte („Möge Gottes Segen ruhen auf dem Vorhaben der beiden Herrscher und die mächtige dreifache Gruppe Rußland, Deutschland, Frankreich für immer Europa den Frieden bewahren helfen, das walte Gott!"), war nur die malerische Ausschmückung eines an und für sich nüchternen Vorgangs, wie der Kaiser sie bebte. Wie ich das vorausgesehen und Seiner Majestät vorausgesagt hatte, scheiterten unsere Bündnispläne an dem Widerspruch von Lambsdorff, dem es gelang, seinen Herrscher davon zu überzeugen, daß der deutsche Vorschlag mit dem russisch-französischen Bündnis in Widerspruch stünde, diesem heritage sacre de feu l'Empereur Alexandre III d'imperissable memoire, und obschon ich gegenüber den Bedenken des schwankenden Zaren dessen Wünschen in einem zweiten Vertragsentwurf tunlichst Rechnung trug. Ob der Widerstand des Grafen Lambsdorff auch dann so hartnäckig gewesen wäre, wenn er nicht früher von Wilhelm II. 134 WILHELM IL DRÄNGT DEN ZAREN persönlich verletzt worden wäre ? Vielleicht hätte ein vom Deutschen Kaiser mit immer gleichmäßiger Freundlichkeit behandelter Lambsdorff schließlich gefunden, daß die russisch-französische Allianz und ein vorsichtig redigiertes russisch-deutsches Defensiv-Abkommen nebeneinander be- O stehen könnten. Es lag hier ähnlich wie bei den deutsch-englischen Allianzmöglichkeiten um die Jahrhundertwende, wo auch der halsstarrige Widerstand des englischen Premierministers Salisbury zu einem nicht geringen Teil auf dessen persönliche Ranküne gegen den Deutschen Kaiser zurückzuführen war. Erst nachdem ich in einer Unterredung mit dem Grafen Osten-Sacken mit Nachdruck erklärt hatte, ich hätte keine Lust, den „dindon de la farce" zu spielen, und würde deutsche Kohlenlieferungen an Rußland nur zulassen, wenn uns Rußland bindende Zusicherungen für den Fall gäbe, daß solche Lieferungen uns in einen Konflikt mit Japan oder England verwickeln sollten, bequemte sich das St. Petersburger Kabinett zu einer schriftlichen Zusage. Trotz der durch mich an ihn gelangten Warnung des Großfürsten Wladimir, dem schwachen, aber, wie die meisten schwachen Menschen, gleichzeitig empfindlichen Zaren nicht zuviel Ratschläge zu erteilen, versteifte sich Wilhelm IL auf seine Mentorrolle. Schon im Februar 1905 hatte der Kaiser einem seiner Vertrauten, dem Professor Theodor Schie- mann, gesagt, er arbeite an einem „prächtigen" Briefe, in welchem er dem Zaren „gute Ratschläge" geben wolle. Dieser müsse von Moskau aus eine Proklamation erlassen, ständische Vertretungen einführen und die anarchistische Bewegung mit Gewalt niederschlagen. Nach und nach ging Kaiser Wilhelm noch mehr aus sich heraus. Wie aus den von den Bolsche- wisten veröffentlichten Briefen des Kaisers an den Zaren weiter erhellt, riet er ihm, sich selbst an die Spitze seiner Schwarze-Meer-Flotte zu stellen, aus eigener Kraft deren Durchfahrt durch die Meerengen zu erzwingen und mit seinen stolzen Schiffen in den Kampf zu ziehen. Er möge, um sein Volk mit fortzureißen, Vertreter aller Provinzen nach Moskau in den Kreml berufen, um sie in einer flammenden Ansprache für den Krieg zu begeistern und ihre Unterstützung für die vaterländische Sache und das öffentliche Wohl zu gewinnen. Derselbe Monarch, der anderen gegenüber so freigebig mit kühnen und hochherzigen Ratschlägen war, ließ selbst, ein Dezennium später, in einem noch viel schwereren Kriege die Zügel der politischen Leitung am Boden schleifen. Er spielte, nachdem er so oft seine Stellung als oberster Kriegsherr als den Rocher de bronze seines Thrones bezeichnet hatte, im Weltkrieg die Rolle des tatenlosen Zuschauers und verhielt sich in allem passiver als die wegen ihrer bescheidenen Zurückhaltung von ihm oft getadelten und verspotteten Monarchen von Belgien und Italien, Rumänien und Griechenland, ja als die Präsidenten der Französischen „DER RUHMREDIGE" 135 Republik und der Vereinigten Staaten von Amerika. So wahr ist das Wort, das einst der alte Destouches geprägt hat: „La critique est aisee et l'art est difficile." Der war ein Favorit des Regenten von Frankreich, des Herzogs Philipp von Orleans. Er schrieb eine seinerzeit berühmte Komödie: „Le Glorieux", die am 18. Januar 1732, genau einunddreißig Jahre nach der Krönung des ersten Preußenkönigs, in Paris aufgeführt wurde. In ihr befindet sich jene treffliche Bemerkung über Kritik und Kunst. IX. KAPITEL Begegnung des deutschen und des russischen Kaisers in Björkö • Enthusiastisches Telegramm Wilhelms II. üher seinen Triumph in Björkö • Bülows Immediatbericht an den Kaiser (3. VIII. 1905), er reicht seine Demission ein • Ablehnung durch den Kaiser Das kaiserliche Schreiben, Bülows Antwort • Wilhelm II. „wie neugeboren" • Abschluß der Björkö-Affäre Als mir Kaiser Wilhelm II. im Juni 1905 mitteilte, daß er im Hinblick auf den zwischen Norwegen und Schweden ausgebrochenen Zwist in < * es diesem Jahre auf seiner gewohnten sommerlichen Nordlandsfahrt nicht die Zusammen- norwe „j scnen Fjorde aufsuchen, sondern lieber in der Ostsee kreuzen werde, treffens in . niiii i in Björkö konnte ich dieser Entschließung nur zustimmen. Als ich bald merkte, daß der Kaiser in der Ostsee mit dem Zaren zusammenzutreffen wünschte, wurde in Gesprächen zwischen Seiner Majestät und mir die Opportunität einer solchen Begegnung mehrfach erwogen. Ich stimmte dem Kaiser darin bei, daß es ihm vielleicht glücken könne, wie ihm dies vorschwebe, den schwergeprüften russischen Monarchen durch die Teilnahme, die er ihm jetzt zeigen wolle, dauernd an sich zu fesseln, wie das einst Alexander I. von Rußland mit Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise bei ihrem ersten Wiedersehen nach den schwarzen Tagen von Jena und Tilsit gelungen wäre. Ich machte aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß es dem Zaren ebensogut peinlich sein könne, sich besiegt und mehr oder weniger blamiert seinem „Bruder" zu zeigen. Ich gab zur größten Verwunderung Seiner Majestät der Meinung Ausdruck, es sei besser, wenn Graf Lambsdorff bei der Begegnung zugegen wäre, wo er seine Bedenken und Gegengründe mit offenem Visier vorbringen und vertreten müsse, als wenn er hinterher, nach der Rückkehr des Zaren nach St. Petersburg, die Rolle der Penelope spiele, die das am Tage gewirkte Gewebe in der Nacht wieder auftrennte. Unter allen Umständen möge der Kaiser nicht vergessen, daß ohne die Zustimmung des russischen Ministers des Äußern schwerlich etwas Dauerhaftes zu erreichen sei. Deshalb empfehle es sich, vom Zaren nur die Zusage zu erwirken, diese aber in möglichst bindender Form, daß er seinem Minister des Äußern den Abschluß eines Defensivabkommens mit Deutschland ernstlich anbefehlen und die Ausführung eines solchen ernsten und BJÖRKÜ 137 deutlichen Befehls auch durchsetzen würde. Ich legte dem Kaiser, namentlich in der letzten Unterredung, die ich vor seiner am 10. Juli 1905 in Swmemünde erfolgten Abreise mit ihm hatte, besonders ans Herz, keine unvorsichtige Verabredung über Dänemark und die Ostsee zu treffen, da uns dies nach meiner Beurteilung der Gesamtlage jetzt einem englischen Angriff oder wenigstens einer Demütigung durch England aussetzen könne. Ich ließ Seiner Majestät keinen Zweifel darüber, daß es meines Erachtens am ratsamsten wäre, wenn er vom Zaren nur die bereits erwähnte Zusage erwirken würde, daß er Lambsdorff den Abschluß eines deutsch-russischen Defensiv- und Friedensabkommens, qui serait une infraction ni aux stipulations austro-allemandes ni au traite russo-francais, mais qui garan- tirait et assurerait le repos et la paix du monde, deutlich anempfehle, alles Weitere aber den Besprechungen zwischen Lambsdorff und mir überließe. Zu diesem Zwecke könnten wir beide uns entweder in Baden-Baden treffen, oder Lambsdorff möge bei seiner üblichen Herbstreise nach Paris auf ein paar Tage nach Berlin kommen, oder ich würde nach St. Petersburg gehen, wo ich Beziehungen besäße und das Terrain kenne. Ein leichter Schatten flog über das aufgeweckte, bewegliche Gesicht Seiner Majestät und zeigte mir, daß der hohe Herr gerade diesmal im Vertrauen auf die bezwingende Macht seiner Persönlichkeit alles allein besorgen und machen wolle. Als ich frug, ob ich mitfahren solle, erwiderte mir der Kaiser mit größter Liebenswürdigkeit, meine Gesellschaft wäre ihm an und für sich immer und überall im höchsten Grade angenehm und erwünscht, aber diesmal glaube und fühle er, daß er mehr erreichen würde, wenn er allein, Aug' in Auge, dem Selbstherrscher aller Reußen gegenüberstünde. Nur der „treue" Tschirschky solle ihn begleiten. Am 22. Juli erhielt ich ein Telegramm des Kaisers, in dem er mir erfreut mitteilte, daß der Zar ihn aufgefordert habe, in B j ö r k ö, einer kleinen Der Verlrag Insel in den finnischen Schären, mit ihm zusammenzutreffen. Am folgenden '„perfekt" Tage erreichte mich in Norderney, wo ich mich aufhielt, ein noch freudigeres Telegramm Seiner Majestät, um mir zu sagen, der Zar sei tief bewegt und hoch beglückt durch das Wiedersehen. Er sei auf alle Wünsche des Deutschen Kaisers eingegangen, der deutsch-russische Vertrag sei perfekt. Ich habe manches exzentrische Telegramm vom Kaiser erhalten, aber nie eine so enthusiastische Kundgebung wie aus Björkö. Mit überschwenglicher Begeisterung schilderte mir Wilhelm II. den Augenblick der Unterzeichnung. Als er die Feder aus der Hand gelegt hätte, mit der er diesen welthistorischen Akt unterschrieben habe, sei ein Sonnenstrahl durch das Fenster der Kabine auf den Tisch gefallen, wo die Unterschrift vollzogen worden war. Er habe nach oben geblickt. Da wäre ihm gewesen, als ob im Himmel sein Großvater Wilhelm I. und Kaiser Nikolaus I. sich tief 138 DAS „SLOSCHUSS" DES ADMIRALS BIRILEW bewegt die Hände gereicht und zufrieden auf ihre Enkel herabgeblickt hätten. Als mir bald nachher der Gesandte von Tschirschky, der als Vertreter „En Europe" des Auswärtigen Amts den Kaiser auf seiner Reise begleitete, den Text des Vertrages übersandte, stieß ich zunächst im ersten Artikel auf den Zusatz „en Europe": der deutsch-russische Vertrag war auf Europa beschränkt worden. Ich erkannte natürlich sogleich, daß durch diese Einschränkung der Vertrag für uns einen großen Teil seines Wertes verlor, denn Rußland konnte uns gegen England in Europa keine Dienste leisten. Nur wenn es Indien bedrohte, wurden die Engländer an einem für sie empfindlichen Punkt getroffen. Für noch bedenklicher hielt ich die Absicht des Kaisers, Dänemark in das deutsch-russische Bündnis hineinzuziehen, um so zu erreichen, daß Dänemark eintretendenfalls durch Sperrung des Sundes einer britischen Flotte die Einfahrt in die Ostsee unmöglich mache. Daß sich der Kaiser inzwischen schon nach Kopenhagen begeben hatte, um von dem alten König Christian IX. persönlich den Anschluß des dänischen Staates an das deutsch-russische Abkommen zu erreichen, machte die Sache noch schlimmer und erhöhte die von dieser Seite drohenden Gefahren. Endlich mußte es mir in hohem Grade mißfallen, daß der vom Kaiser durchgesetzte Vertrag nicht von den auswärtigen Ministern beider Reiche, sondern von unserer Seite durch den damaligen Gesandten in Hamburg, Herrn von Tschirschky, von russischer durch den Marineminister Birilew unterzeichnet worden war. Der kaum vierzehn Tage vorher zum Marineminister ernannte Admiral Birilew, ein biederer Seemann, hatte von Politik keine Ahnung und erklärte denn auch später, er habe den von ihm gegengezeichneten Vertrag von Björkö überhaupt nicht gelesen, da der Deutsche Kaiser seine Hand über das Dokument gehalten hätte. Als der Zar ihn aufgefordert hätte, den Vertrag gegenzuzeichnen, habe er pflichtschuldigst erwidert: „Sloschuss!", das heißt „Ich gehorche!", die Formel, mit welcher der russische Soldat antwortete, wenn er einen Befehl erhielt. Nach längerem und gründlichem Durchdenken der durch das Vorgehen des Kaisers entstandenen Lage schrieb ich an Holstein, der in diesem Falle wie bisweilen in kritischen Phasen, aus Scheu, eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, zu keiner klaren Stellungnahme kam: „Es besteht ein Gegensatz zwischen der Art und Weise, wie Sie in Ihrem soeben erhaltenen Brief den Vertrag von Björkö beurteilen, und Ihren letzten Telegrammen. In Telegramm Nr. 51 sagten Sie: ,Der Vertrag in seiner jetzigen Fassung ist immer noch entschieden vorteilhaft für uns.' In Telegramm Nr. 57 meinten Sie noch: ,Der Vertrag ist zwar durch die beiden Zusätze verschlechtert, ist aber immer noch der Konservierung wert. Eine Verweigerung der Gegenzeichnung würde ich für durchaus nachteilig halten.' DER ZUSATZ „EN EUROPE" 139 Dagegen schreiben Sie mir jetzt: ,Die Öffentlichkeit wird den Vertrag, so wie er ist, als einen diplomatischen Reinfall für Deutschland ansehen.' Falls die letztere Auffassung zutrifft, denke ich gar nicht daran, den Vertrag gegenzuzeichnen, sondern werde ihn entweder durch Verweigerung meiner Gegenzeichnung hinfällig machen oder zurücktreten. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich Ihre Vermutung, daß der Zar den Vertragsentwurf Seiner Majestät vorgelegt habe, für unrichtig halte. Ich glaube nicht einmal, daß der Zar einen Vertragsentwurf mitgebracht hatte. Ich glaube beinahe, daß der Zar, als er in Björkö erschien, gar nicht mehr an den Vertrag dachte. Ich glaube, daß die ganze Initiative von Seiner Majestät ausgegangen ist — alles dies aber sauf erreur. Worin ich mich sicherlich nicht irre, ist, daß der Zusatz ,en Europe' nicht von Tschirschky inspiriert worden ist. Beide Zusätze sind zweifellos von Seiner Majestät ausgegangen. Tschirschky trifft nur der Vorwurf, daß er den Zusatz ,en Europe' nicht verhindert hat. Deshalb ist es unmöglich, Seiner Majestät zu sagen, daß Tschirschky die Schuld an der Verschlechterung trüge; Seine Majestät ist zu loyal, um das zu akzeptieren, wo es eben nicht der Fall ist. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß das Verdienst an dem Zustandekommen des Vertrages — si merite il y a — lediglich bei Seiner Majestät liegt. Das alles verhindert aber nicht, daß ich den Vertrag nicht akzeptiere und lieber abgehe, wenn derselbe nach reiflicher Prüfung sich dem Lande als schädlich herausstellt. Neugierig bin ich, ob meine Vermutung bestätigt werden wird, daß Lambsdorff durch den Abschluß des Vertrages ebenso überrascht worden ist wie Sie und ich. Sehr wichtig erscheint mir noch folgender Punkt: Wenn wir den Vertrag mit Rußland konservieren wollen, so dürfen wir nach meiner festesten Uberzeugung in der nächsten Zeit keine Schiebereien mit Frankreich haben und namentlich nicht in der Marokko- Frage. Daß wir uns mit Frankreich im wesentlichen geeinigt haben, war wohl zweifellos die Voraussetzung dafür, daß der Zar überhaupt auf den Vertrag einging." Am 3. August unterbreitete ich dem aus der Ostsee nach Wilhelmshöhe zurückgekehrten Kaiser den nachstehenden Immediatbericht, in Immediat- dem ich gegenüber einigen ungnädigen Randbemerkungen Seiner Majestät Bericht zu zwei Telegrammen, die ich unmittelbar vor seinem Eintreffen in Björkö, Ralows am 22. Juli, und sodann vor seiner Ankunft in Kopenhagen, am 28. Juli, an ihn gerichtet hatte, Stellung nahm und dann ausführte: „Ew. K. u. K. Majestät Allerhöchste Marginalien zu meinen untertänigsten Telegrammen vom 22. und 28. v. M. habe ich zu erhalten die Ehre gehabt. In einer für Ew. Majestät und das Land so ernsten und wichtigen Frage, wie es der zwischen Ew. Majestät und Sr. Majestät dem Kaiser von Rußland abgeschlossene Vertrag ist, bin ich 140 DIE VERSCHLECHTERUNG Ew. Majestät gegenüber vor allem zu voller Aufrichtigkeit verpflichtet. Als ich durch Ew. Majestät huldvolles Telegramm vom 24. v. M. die Nachricht von dem Abschluß des Vertrages erhielt, war ich hocherfreut. Als mir der Text des Vertrages telegraphiert wurde und ich auf den Zusatz ,en Europe' stieß, glaubte ich zunächst, es handle sich um ein Versehen beim Chiffrieren. Als festgestellt war, daß kein solches Versehen vorlag, nahm ich an, daß jener Zusatz auf lebhaftes Drängen Sr. Majestät des Kaisers Nikolaus oder eine hartnäckige Weigerung Höchstdesselben zurückzuführen sei, den Vertrag in seiner ursprünglichen Fassung anzunehmen. Seitdem ich weiß, daß jener Zusatz von unserer Seite ausgegangen ist, bin ich redlich bemüht gewesen, ihm eine günstige Seite abzugewinnen. Ew. Majestät wissen, daß ich nicht rechthaberisch bin. Je länger ich mir aber die Sache überlege, um so mehr befestigt sich in mir die Uberzeugung, daß der Zusatz ,en Europe' eine wesentliche und verhängnisvolle Verschlechterung des Vertrages bedeutet. Durch diesen Zusatz wird das Verhältnis zwischen dem deutschen Einsatz und dem russischen Einsatz für den Fall eines durch Angriff auf Deutschland provozierten Krieges ein für uns zu ungünstiges. Was setzt Deutschland ein ? Eine schöne Flotte, einen blühenden Handel, reiche Küstenstädte, unsere Kolonien. Was setzt, nachdem Asien ausgeschaltet ist, Rußland ein? Eine kaum noch vorhandene Marine, einen geringen Handel, unbedeutende Küstenorte, keinen Kolonialbesitz. Das Risiko ist mit der Einschränkung ,en Europe' ein ganz unverhältnismäßiges. Mit dieser Limitierung werden auch die eintretendenfalls zu fordernden Leistungen sehr ungleiche. In Europa kann uns Rußland mit seiner Flotte wenig, mit seinem Heere gegen England nichts nutzen. Gerade derjenige Punkt, wo sich England vor Rußland fürchtet, nämlich Indien und Persien, ist durch den Zusatz ,en Europe' von einer Bedrohung durch die Russen expressis verbis ausgenommen worden. Das Argument, daß ein russischer Vorstoß gegen Indien schwierig oder gar undurchführbar sei, ist meines ehrfurchtsvollsten Erachtens nicht stichhaltig. Es kommt für die Beurteilung der Wirkung des Vertrages nicht auf die Meinung unseres Generalstabes über die Aussichten eines russischen Vorgehens in Zentralasien, sondern auf die in dieser Beziehung in England herrschenden Anschauungen an. Warum würden die Engländer Millionen über Millionen in die Befestigung der indischen Grenzen und in die Verstärkung der indischen Armee stecken, warum würden sie ihren besten General gerade nach Indien senden, wenn sie sich nicht vor einer russischen Invasion fürchteten ? Die ganze anglo-indische Literatur, die englische Presse, die enghsche politische Welt und die breiten Massen des englischen Volks stehen unter dem Eindruck dieser Besorgnis. Gerade jetzt sind die Engländer bei der Erneuerung der anglo-j apanischen Allianz bestrebt, von Japan bindende Zusicherungen DIE ENGLÄNDER WERDEN GERET7.T 1A1 Der Vertrag von Björkö nach der ei (Zu Seite Björkoe 24/VII1905 111VII LeuTS Majestes les Empereurs de toutes les Russies et d'Allemagne, afin d , assurer le mainlien de la paix en Europe ont arreti les Articles suivants cTure traite d'Alliance defensif. Arlicle I. En cas oü Vun des deux Empires serait attaque par une Puissance Europeenne son allie" Vaidera en Europe de toutes ses forces de terre et de mer. Artide II. Les hautes parties contractantes s , engagent ä ne conclure de paix siparee avec aucun adversaire commun. Article III. Le present Traite entrera en vigueur aussitöt que la paix entre la Russie et le Japon sera conclue, et restera valide tant qu'il ne sera pas denonce une annee ä Vavance. Article IV. L'Empereur de toutes les Russies, apres Ventree en vigueur de ce traite, fera les demarches necessaires pour initier la France ä cet accord et Vengager ä s'j associer comme alliee. Wilhelm I. R. von Tschirschky und Bögendorff Nicolas A Birileff ndigen Niederschrift Wilhelms II. Björkö 24/VII 1905 III VII Lhre Majestätendie Kaiser aller Reußen undvon Deutschland haben, um die Fortdauer des Friedens in Europa zu sichern, die folgenden Artikel eines Vertrags über ein Defensiv-Bündnis festgelegt. Artikel I. Falls eines der beiden Kaiserreiche von einer europäischen Macht angegriffen werden sollte, wird sein Verbündeter ihm mit allen seinen Streitkräften zu Land und zu Wasser Hilfe leisten. Artikel II. Die hohen Vertragschließenden verpflichten sich, keinen Separatfrieden mit irgendeinem gemeinsamen Gegner einzugehen. Artikel III. Der vorliegende Vertrag wird in Kraft treten, sobald der Friede zwischen Rußland und Japan abgeschlossen sein wird, und in Geltung bleiben, sofern er nicht ein Jahr vorher gekündigt wird. Artikel IV. Der Kaiser aller Reußen wird, nachdem dieser Vertrag in Kraft getreten ist, die notwendigen Schritte tun, um Frankreich in diese Vereinbarung einzuweihen und es aufzufordern, ihr als Verbündeter beizutreten. Wilhelm I. R. von Tschirschky und Bögendorff Nikolaus A Birileff DIE ENGLÄNDER WERDEN GEREIZT 14.1 Hl : *pr iqpj H/ST li»hA Li i^jjMAMSt Jl trf® I* f*AÜtA J^ll* tMt***4p+ t Jp+ l { *A*hMK L+**du^~ JlL /t*tjt 4*U*f*td: Ca kfcoht W*wfc dt^1v*UZ' JüJ^+aJ kkcJU I. t ^ A^rt^w^ khcuk Jt^^A^Ö«* trfu^vUAvvu 4*v JliJ ( % %jJiih^ %*^kfatü AiA^tuAdc \ AKUJ&ß -1 DIE ENGLÄNDER WERDEN GEREIZT 141 für den Fall eines russischen Angriffs auf Indien zu erlangen. Nach der Ansicht der Engländer ist Indien außer Kanada die einzige verwundbare Stelle des britischen Weltreichs. Die Besorgnis, daß im Falle eines englischen Angriffs auf Deutschland Indien durch die Russen bedroht wäre, würde die Engländer uns gegenüber vorsichtiger machen. Nachdem durch den Zusatz ,en Europe' diese Gefahr ausgeschaltet erscheint, ist zu befürchten, daß ein solcher Vertrag die Engländer nur reizen wird. A strong bullet stops a man; a small bullet excites a man. Der Vertrag in seiner ursprünglichen Form war a strong bullet; mit dem Zusatz ,en Europe' ist der Vertrag, wie ich fürchte und glaube, a small bullet. Eure Majestät meinen in Allerhöchst Ihren Marginalien zu meinem ehrfurchtsvollen Telegramm vom 28. v. M., daß die Russen auch ohne Vertrag mit uns Indien angreifen könnten, wir könnten ihnen im Falle eines Krieges mit England zu einem Vorgehen gegen Indien raten. Hier gilt aber das Wort: ,Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.' Wenn die Russen von einem Vorgehen auf Indien nicht ausdrücklich befreit worden wären, würden sie im Falle eines Krieges mit England an der indischen Grenze mindestens militärische Demonstrationen vorgenommen haben, welche einen Teil der englischen Streitkräfte von Europa weg- und nach Asien abgezogen hätten. Freiwillig werden sie das schwerlich tun. Es liegt jetzt sogar die Möglichkeit vor, daß Rußland früher oder später mit England ein Abkommen trifft, das einen Krieg an der indischen Grenze ausschließt, die Wucht des Krieges also auf Europa beschränkt und eine Situation hervorruft, in der uns Rußland gegenüber England geradezu gar keine Heeresfolge leistet. Die Stimmung des Zaren kann sich ändern. E mobile. Die hohen Damen am russischen Hofe neigen, soweit sie Einfluß haben, mehr zu England als zu Deutschland. Ob im Falle eines Krieges mit England ein Rat Ew. Majestät den Zaren bewegen würde, freiwillig gegen Indien vorzugehen, ist meines untertänigsten Erachtens sehr zweifelhaft. Seit zehn Jahren haben wir oft erlebt, daß eine persönliche Einwirkung Ew. Majestät auf den Zaren möglich war, schriftliche Vorstellungen aber wenig Erfolg hatten. In einem derartigen Falle würde selbst ein persönlicher Druck weit schwieriger sein, weil der Zar nicht wie diesmal in Bj örkö in der schwächeren und hilfsbedürftigeren, sondern bei einem auf Europa beschränkten Konflikt zwischen England, Deutschland und Rußland in der günstigeren und stärkeren Lage wäre als wir. Die Hauptsache aber bleibt immer, daß durch die Beschränkung ,en Europe' die englische Kriegslust uns gegenüber, welche die Gefahr des AugenbHcks und nach menschlicher Berechnung der nächsten Zukunft bildet, nicht abgeschwächt, sondern erhöht wird. Das Mißtrauen der Engländer gegen uns ist durch das Gerücht, daß wir die Neutralisierung der Ostsee anstrebten, neu genährt worden. Die 142 SOCIETAS LEONINA Engländer, welche wohl wissen, daß insbesondere Dänemark sich freiwillig nie Tendenzen anschließen wird, die es mit England in Konflikt bringen könnten, würden, wenn solche auf den Ausschluß der englischen Flotte aus der Ostsee gerichtete Absichten greifbare Gestalt annähmen, gegen uns vorgehen. Die Kriegsgefahr ist näher, als sie seit Jahren war. Ich habe mich gefragt, ob Ew. Majestät bei Einfügung des Zusatzes ,en Europe' vielleicht nur den Fall im Auge gehabt haben, daß England Rußland angreift und wir beizuspringen haben. In diesem Fall sind für Angriff und Küstenverteidigung in Europa erforderlich die deutsche Flotte, das bißchen russische Flotte und geringe Teile der deutschen und der russischen Armee. Es blieben also noch disponibel fast die gesamte deutsche und russische Armee, welche an die einzige sonst noch in Betracht kommende Kriegsstelle, die indische Grenze, sich zu werfen hätten. Der Fall, daß England Rußland angreift, ist aber sehr viel unwahrscheinlicher, als daß England uns angreift. Das hat sich schon 1885, vor zwanzig Jahren, bei dem afghanischen Konflikt, das hat sich vor einem Jahr bei der Beschlagnahme englischer Handelsschiffe durch russische Kreuzer und anläßlich des Zwischenfalls bei der Doggerbank wiederum gezeigt. Das geht aus der ganzen Tendenz der gegenwärtigen englischen Politik wie aus den persönlichen Dispositionen Sr. Majestät des Königs Eduard hervor. Und wenn es zu einem solchen englischen Angriff gegen Rußland käme, würde immer noch ein Vorgehen der englischen Flotte gegen die russischen europäischen Küsten wahrscheinlicher sein als ein englischer Vormarsch in Asien. Auch liegt es auf der Hand, daß die Erfüllung der Verpflichtung, Truppen nach Asien zu senden, in aller Loyalität wohl jederzeit von uns wird abgelehnt werden können im Hinblick auf die Notwendigkeit, Frankreich gegenüber unsere militärischen Kräfte zusammenzuhalten. So weit meine Voraussicht reicht, wird der Vertrag in seiner jetzigen Fassung mit dem Zusatz ,en Europe', wenn er bekannt wird, in England mit einem großen Gefühl der Erleichterung aufgenommen werden. Dem deutschen Volk aber wird dieser Vertrag als eine Societas leonin a erscheinen, wo wir unendlich viel mehr geben und riskieren als der andere Teil. Was Frankreich angeht, so sind wir durch den Vertrag mit oder ohne ,en Europe' gesichert an unserer Ostgrenze für die Fälle, daß uns Frankreich angreift oder neutral bleibt. Der erstere Fall ist wenig wahrscheinlich. Der letztere wäre das Ungünstigste, was uns passieren könnte, denn Frankreich würde nur so. lange neutral bleiben, bis wir durch England so weit geschwächt wären, daß es uns gegenüber freiere Hand hätte. Der Fall, daß wir Frankreich angreifen, ist durch den Vertrag nicht gedeckt, wohl aber durch den russisch-französischen Zweibundsvertrag. Der deutschrussische Vertrag in seiner ursprünglichen Fassung ohne den Zusatz ,en Europe' würde bei einem Zusammenstoß mit England die Chancen so ABSPRINGEN 143 verteilt haben, daß ein Zusammengehen Frankreichs mit Deutschland und Rußland auch im Falle eines englischen Angriffs auf Deutschland nicht ausgeschlossen erschien. Durch die ausdrückliche Eximierung von Asien werden die Chancen eines Krieges zwischen den beiden Kaiserreichen und England für uns so wenig günstig, daß Frankreich sich uns nicht anschließen wird. Es wird dadurch aber auch die Möglichkeit einer russischenglisch-französischen Verständigung über Asien gefördert. Dieser Zusatz nimmt uns einen Haupttrumpf aus der Hand, während Rußland seine Stiche behält und England das As der Gegner nicht mehr zu fürchten hat. Ich bin meinem Kaiserlichen Herrn schuldig, offen zu sagen, daß ich nach ruhiger und rein sachlicher Prüfung vor Gott und meinem Gewissen den Zusatz ,en Europe' für schädlich und gefährlich halten muß. Auf der anderen Seite sehe ich wohl ein, daß Ew. Majestät bei Sr. Majestät dem Kaiser Nikolaus eine Modifikation des soeben von Ew. Majestät vorgeschlagenen und unterschriebenen Vertrags nicht wohl anregen können. Se. Majestät der Kaiser Nikolaus wird schwerlich auf einen Zusatz verzichten wollen, der für Rußland eine Erleichterung und Bequemlichkeit bedeutet. Alvensleben, der nicht im Geheimnis ist, meldet, daß Lambsdorff, der im Winter nicht an den Vortrag heranwollte, jetzt nach Björkö in ungewöhnlich guter Laune war. Werden die Russen den ihnen in den Schoß gefallenen Vorteil preisgeben ? Wird es möglich sein, ihnen die nachträgliche Ehminierung der Worte ,en Europe' mundgerecht zu machen? Der Zar wird auch schwerlich für einen Zusatz oder eine Interpretation zu dem Vertrag zu gewinnen sein, dem zufolge Rußland sich verpflichtet, auch im Falle eines Angriffs auf Deutschland den Krieg für das gesamte russische Reichsgebiet zu erklären, oder nach dem beide Mächte sich verpflichten, jeden aus dem Bündnis folgenden Krieg für ihr gesamtes Gebiet zu erklären. Würden solche Anregungen nicht wie Rauhreif auf die jetzige gute Stimmung des Zaren fallen? Ich verkenne auch nicht, daß jede solche Anregung deshalb höchst gefährlich wäre, weil sie den Russen die Möglichkeit bieten könnte, von dem ganzen Vertrage abzuspringen. Geschähe dies, wo würde eine Situation geschaffen werden, die schlechter wäre als diejenige, die vor dem Abschluß des Vertrages bestand. Deshalb bitte Ew. Majestät ich in tiefster Ehrfurcht, die Leitung der auswärtigen Politik anderen Händen anvertrauen zu wollen. Es ist möglich, daß ein anderer, in die Situation eingeweiht, sie anders beurteilt als ich. Er könnte sich vielleicht mit gutem Gewissen auf Ew. Majestät Standpunkt stellen und mit dem Vertrag in dieser Fassung weiteroperieren. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich meinen Rücktritt selbstverständlich nur mit Gesundheitsrücksichten begründen würde. Ich brauche noch weniger zu sagen, daß meine treuesten, dankbarsten und allerinnig8ten Wünsche immer meinen Kaiserlichen Herrn 144 DIE ZERSTREUTHEIT DES ZAREN begleiten würden und daß bis zu meinem letzten Atemzug mein ganzes Herz für das Glück und den Rubm Ew. Majestät scblagen wird. gez. Bülow." Ich hatte es in diesem Immediatbericht absichtlich vermieden, der Ahnimg Ausdruck zu geben, die sofort in mir aufgestiegen war, als ich das Telegramm des Kaisers über den in Björkö von ihm erzielten Triumph erhalten hatte, nämlich dem Argwohn, daß es dem Grafen Lambsdorff nach dem Wiedereintreffen seines Souveräns in Petersburg gelingen würde, den Zaren zur nachträglichen Desavouierung des von Kaiser Wilhelm im Sturm errungenen Vertrages und zur Zurückziehung seiner Unterschrift zu bewegen. Der Zar hatte sich dem Kaiser gegenüber schwach, unselbständig und einfältig gezeigt. Gegenüber seinem Minister zeigte er sich ebenso schwach, ebenfalls unselbständig, aber außerdem noch perfide. Als Kaiser Nikolaus den Grafen Lambsdorff wiedersah, der ihm durch seine große Höflichkeit, sein unterwürfiges Wesen, vor allem durch seine stille Art, die angenehm abstach von den gröberen Manieren, dem lauten Organ und dem herrischen Auftreten des Finanzministers Witte, besonders sympathisch war, fand er den Minister des Äußern sehr verstimmt. Wladimir Nikolaje- witsch zeigte sich tief verletzt, daß er zu einem so wichtigen Staatsakt wie dem „traite ou soi-disant traite de Björkö" nicht zugezogen worden war. Er deutete an, daß der selbstherrschende Zar sich vom Deutschen Kaiser habe überrennen lassen. Dieser hätte die allzu große Courtoisie, vielleicht auch eine momentane „distraction" des Zaren benutzt, um ihn hinter das Licht zu führen. So wurde mir später von Witte und Iswolskij die Szene zwischen dem aus Björkö zurückkehrenden Zaren und seinem Minister des Äußern geschildert. Jedenfalls wurde es Lambsdorff nicht schwer, seinen Monarchen davon zu überzeugen, daß der von ihm in Björkö unterzeichnete Vertrag nicht in Einklang mit dem russisch-französischen Bündnis zu bringen wäre. Dem deutschen Botschafter sagte Graf Lambsdorff, es sei zu bedauern, daß er, der zuständige Minister, in Björkö nicht zugezogen worden wäre. Er würde vor übertriebenen Hoffnungen gewarnt und verhindert haben, daß die Monarchen einen Pakt unterzeichneten, dessen Ausführung unmöglich sei. Es ist nur zu wahrscheinlich, daß sich Lambsdorff in diesem Sinne auch gegenüber dem französischen, vielleicht auch dem englischen Botschafter ausgesprochen hat. Jedenfalls wurde der St. Petersburger Korrespondent des „Daily Telegraph", Mr. Dillon, von russischer Seite in die Lage versetzt, die Version des Grafen Lambsdorff über die Björköer Zusammenkunft der englischen Regierung zu übermitteln. Der Besuch des Kaisers Wilhelm II. in Kopenhagen war völlig erfolglos geblieben. Der damals schon siebenundachtzigj ährige König Christian IX. war durch ein langes, wechselvolles Leben, das ihm schwere Prüfungen, aber dafür Erfahrung gebracht hatte, viel zu gewitzigt, um nicht der BÜLOWS ABSCHIEDSGESUCH 145 stürmischen Umwerbung des Deutschen Kaisers eine höfliche, aber bestimmte Ablehnung entgegenzusetzen. Er schickte sogar seinen Minister des Äußern, den Grafen Raben, nach London, um dort die Versicherung abzugeben, daß Dänemark sich unter allen Umständen der striktesten Neutralität befleißigen würde. Graf Raben, mit dem mich alte Beziehungen und eine entfernte Verwandtschaft verbanden, erzählte mir später, der König Christian sei zu dieser Entsendung auch durch einen Brief seiner Tochter, der Königin Alexandra von England, bewogen worden, die bei ihm „ganz entsetzt" angefragt habe, ob er England „verraten" wolle. Die englische Presse verbreitete die Nachricht, daß der Deutsche Kaiser nicht nur die norwegische Krone für einen Prinzen seines Hauses erstrebe, sondern auch Dänemark zwingen wolle, die Ostsee allen Schiffen außer denen der baltischen Nationen zu verschließen. Gleichzeitig wurde der bevorstehende Besuch eines englischen Geschwaders in der Ostsee angekündigt. Dies war in großen Umrissen die Lage, als Kaiser Wilhelm II. im Schloß Wilhelmshöhe, wohin er sich nach seiner Rückkehr von seiner Ostseefahrt Antwort des begeben hatte, mein Abschiedsgesuch erhielt. Seine Antwort war der nach- Kaisers stehende Brief: „Mein lieber Bülow, Ihren Brief per Boten eben erhalten. Ich bin nach reiflicher Erwägung völlig außerstande, zu sehen, daß die Lage für uns durch ,en Europe' eine so ernstere oder gefährlichere gegen die bisherige geworden sei, daß Sie Veranlassung haben, Mir Ihre Entlassung anzubieten. Sie haben von Mir mitgeteilt erhalten zwei Tatsachen, die allein schon einen so enormen Fortschritt bedeuten gegen früher, daß sie für uns hoch eingeschätzt werden müssen: 1. daß S. M. der Kaiser Mir feierlich erklärte, daß für Rußland die Elsaß-Lothringen-Frage un incident clos sei, 2. daß er Mir in die Hand versprochen hat, niemals mit England gegen uns eine Verabredung oder Bündnis einzugehen. Wenn es Bismarck gelungen wäre, einen dieser beiden Punkte von Alexander II. oder III. zu erreichen, so wäre er außer sich vor Freude gewesen und hätte sich von allem Volk feiern lassen, als ob er einen großen Erfolg errungen hätte. Das sind zwei so schwerwiegende Tatsachen, daß Ich glaube, diese allein bedeuten für unser Vaterland eine festere Sicherung als alle Verträge und sonstigen Rückversicherungen. Aus Meinem Privatbriefe werden Sie ersehen haben, wie hochernst, ja wie heilig Mir das Wohl Meines Landes war, wie ich überzeugt war, daß Ich Ihnen eine große Erleichterung Ihrer schweren Aufgaben zu bringen imstande war — wovon Ich auch jetzt überzeugt bin — und daß Ich vor allem stets vor Augen hatte, Ihnen vorzuarbeiten und Ihnen zu helfen. Denken Sie an Ihre Abschiedsworte an Mich in Saßnitz: ,0 wenn es doch möglich wäre, daß Sie mit dem Zaren zusammentreffen könnten, ich würde mich unendlich freuen, es wäre für 10 Bülow II 146 DES KAISERS SEELENZUSTAND beide Völker und die Welt von größtem Segen, aber wir können es nicht von BerUn aus anregen; schlägt er es vor oder bittet darum, dann gehen Sie hin, und Gott sei mit Ihnen.' Nun geschah es also, Ich glaubte für Sie gearbeitet und etwas Besonderes geleistet zu haben, da senden Sie Mir ein paar kühle Zeilen und Ihre Entlassung! ! ! Meinen Seelenzustand Ihnen zu schildern, werden Sie, lieber Bülow, wohl Mir erlassen. Vom besten, intimsten Freund, den Ich habe — seit meines armen Adolf Tode —, so behandelt zu werden, ohne Angabe eines stichhaltigen Grundes, das hat mir einen solchen fürchterlichen Stoß gegeben, daß ich vollkommen zusammengebrochen bin und befürchten muß, einer schweren Nervenkrankheit anheimzufallen! Sie sagen, die Situation durch den Vertrag mit ,en Europe' sei so ernst geworden, daß Sie keine Verantwortung übernehmen können. Vor wem? Und im selben Atemzuge glauben Sie es vor Gott verantworten zu können, in der von Ihnen als besonders verschärft und ernst angesehenen Lage Ihren Kaiser und Herrn, dem Sie Treue geschworen, der Sie mit Liebe und Auszeichnungen überhäuft hat, Ihr Vaterland und, wie Ich glaubte, Ihren treusten Freund in derselben sitzenzulassen ! ? Mein lieber Bülow, das werden Sie uns beiden nicht antun! Wir sind beide von Gott berufen und füreinander geschaffen, für unser liebes deutsches Vaterland zu arbeiten und zu wirken! Ist wirklich — was Ich nicht glaube — durch einen Fehler von Mir eine Ihrer Ansicht nach bedenklichere Situation geschaffen, so ist das im vollsten guten Glauben gewesen! So weit werden Sie Mich doch wohl kennen, um das anzunehmen! Ihre Person ist für Mich und unser Vaterland 100 000 mal mehr wert als alle Verträge der Welt. Ich habe sofort beim Kaiser Schritte getan, die diese beiden Worte abschwächen oder eliminieren sollen! Vergessen Sie nicht, daß Sie Mich persönlich gegen Meinen Willen in Tanger eingesetzt haben, um einen Erfolg in Ihrer Marokko-Politik zu haben. Lesen Sie Mein Telegramm vor dem Tangerbesuch durch. Sie haben Mir selbst gestanden, Sie hätten eine solche Angst ausgestanden, daß, als Sie die Meldung erhalten hätten, Ich sei wieder fort, Sie einen Weinkrampf bekommen haben. Ich bin Ihnen zuliebe, weil es das Vaterland erheischte, gelandet, auf ein fremdes Pferd, trotz Meiner durch den verkrüppelten linken Arm behinderten Reitfähigkeit, gestiegen, und das Pferd hätte Mich um ein Haar ums Leben gebracht, was Ihr Einsatz war! Ich ritt mitten zwischen den spanischen Anarchisten durch, weil Sie es wollten und Ihre Politik davon profitieren sollte! Und jetzt wollen Sie, wo Ich das alles — und wie Ich zuversichtlich glaube, noch weit mehr — für Sie getan, Mich einfach fahrenlassen, weil eine Situation Ihnen zu ernst erscheint! ! Aber Bülow, das habe Ich nicht um Sie verdient! Nein, Mein Freund, Sie bleiben im Amt und bei Mir und werden mit Mir gemeinschaftlich weiterarbeiten ad APPELL AN DIE FREUNDSCHAFT 147 majorem Germaniae Gloriam. Sie sind Mir durch Meine diesjährige Verwendung ja geradezu verpflichtet. Sie können und dürfen Mir nicht versagen, damit wäre Ihre ganze eigene diesjährige Politik von Ihnen selbst desavouiert und Ich auf ewig blamiert. Was Ich nicht überleben kann. Gönnen Sie mir ein paar Tage erst der Ruhe und Sammlung, ehe Sie kommen, denn die durch Ihre Briefe verursachte Nervenaufregung ist zu groß, Ich bin jetzt außerstande, in Ruhe zu debattieren. Ihr treuer Freund Wilhelm I. R. — P. S. Ich appelliere an Ihre Freundschaft für Mich, und lassen Sie nicht wieder etwas von Ihrer Abgangsabsicht hören. Telegraphieren Sie Mir nach diesem Briefe: ,Allright!', dann weiß Ich, daß Sie bleiben! Denn der Morgen nach dem Eintreffen Ihres Abschiedsgesuches würde den Kaiser nicht mehr am Leben treffen! Denken Sie an Meine arme Frau und Kinder. W. — P. S. Habe ein Chiffretelegramm an den Zaren vorbereitet, worin Abänderung vorgeschlagen wird in Ihrem Sinne. Ich stehe seit Björkö so mit ihm, er hat ein so festes Vertrauen auf Mich, daß Ich hoffe, es zu erreichen. Soll Ich Sie und konstitutionelle Vertretungsgründe noch mit hineinbringen? Oder nur von uns aus direkt? Bitte Drahtantwort. W." Als ich diesen Brief las, war ich tief bewegt. Es fehlt in dem Schreiben Seiner Majestät nicht an Übertreibungen. Einiges war frei erfunden. Die mir in den Mund gelegten feierlichen Abschiedsworte angesichts der Kreidefelsen von Saßnitz hatte ich nie gesprochen. Ich hatte dort nur dem Kaiser für den Fall einer Begegnung mit dem Zaren, der ich rebus sie stantibus nüchtern, eher skeptisch gegenüberstand, Vorsicht und ruhiges Blut angeraten. Die von mir leider nicht genügend in Anschlag gebrachten Fähr- lichkeiten der Landung und des Einzugs in Tanger habe ich hinterher lebhaft bedauert. Die Behauptung, ich hätte dem Kaiser erzählt, daß ich nach seiner Abfahrt aus Tanger von einem Weinkrampf befallen worden wäre, war unwahr. Von einem solchen bin ich weder damals noch später heimgesucht worden. Je n'ai pas la lärme aussi facile, so locker sitzen mir die Tränen nicht. Mit diesem Weinkrampf verhält es sich ebenso wie mit den Weinkrämpfen, die Wilhelm II. in seinem nach der Entlassung des Fürsten Bismarck an Kaiser Franz Josef gerichteten Brief seinem größten Kanzler andichtet. Aber trotz solcher kleinen Schönheitsfehler erschütterte mich dieser kaiserliche Brief. Namentlich der Hinweis auf seinen unvollkommenen Arm rührte mich. Unter den vielen gewinnenden menschlichen Eigenschaften des Kaisers war mir kaum eine sympathischer als die wahrhaft männliche Art, wie er die Lähmung seines Unken Armes ertrug und überwand. Ohne diesen körperlichen Mangel irgendwie zu verstecken, hatte er sich durch eiserne Konsequenzen trotzdem zu einem kühnen Reiter, einem 10' 148 ACHT JAHRE ZUSAMMENARBEIT brillanten Schützen und gewandten Lawn-Tennis-Spieler ausgebildet. In achtjährigem Zusammenarbeiten mit dem Kaiser hatte ich mich davon überzeugen müssen, daß ihm viele Eigenschaften abgingen, die ein Staatsoberhaupt besitzen muß, um mit dauerndem Erfolge zu regieren. Es hatte schon manche Meinungsverschiedenheit zwischen uns gegeben, wir hatten uns nicht selten „gekabbelt", um einen Lieblingsausdruck Seiner Majestät zu gebrauchen, ich hatte mich bisweilen, sogar recht häufig, über ihn geärgert. Aber trotzdem hebte ich ihn mit ganzem Herzen, nicht nur für alle Güte, alles Wohlwollen, die er mir fast überreichlich gezeigt und erwiesen hatte, sondern ich hebte auch den hochbegabten, edel veranlagten Menschen, der so liebenswürdig und liebenswert, so einfach und natürlich, so großherzig und großzügig sein konnte. Ich scheue mich nicht, es zu sagen, daß ich noch ganz unter seinem Zauber stand. Obwohl ich kaum zehn Jahre älter war als der Kaiser, war ich gereifter als er. Die im Purpur geboren wurden, die Porphyrogeniti, bleiben im allgemeinen lange unreif, sie sind bisweilen mit vierzig Jahren jugendlicher als andere Sterbliche mit fünfundzwanzig Jahren. Das Schwabenalter beginnt für Prinzen später als für die meisten Erdenbewohner. Die Empfindungen, die ich für den Kaiser hegte, waren die, die ein Vater für seinen Sohn hat, der ihn bisweilen verstimmt, der ihm noch öfter Sorgen einflößt, dessen glänzende Talente, dessen große Geistes- und Herzensgaben, dessen viele schöne Eigenschaften ihn aber doch immer wieder erfreuen und anziehen. Auch in späteren Jahren, als ich mir über die Oberflächlichkeit und Eitelkeit, die Unzu- verlässigkeit und namentlich über die Unwahrhaftigkeit des Kaisers Wilhelm II. keine Illusionen mehr machen konnte, selbst nachdem er, Ruinen hinter sich zurücklassend, ins Ausland geflohen war, konnte ich mich nie entschließen, ihn zu hassen. Auch in den Novembertagen 1908 war ich dem Kaiser gegenüber frei von jeder Abneigung oder Gereiztheit oder auch nur Ungeduld. Ich empfand damals, wenn ich den Vergleich gebrauchen darf, wie ein gewissenhafter Arzt, der im gegebenen Augenblick die Pflicht hat, beim Patienten, wie teuer dieser ihm auch sein möge, den schmerzlichen, aber heilenden Schnitt vorzunehmen. Vor allem habe ich vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung in Wilhelm II. immer den Sohn seines herrlichen Vaters, den Enkel des Siegers von Sadowa und Sedan, den Nachfahren des großen Königs und des Großen Kurfürsten, den König von Preußen und Deutschen Kaiser erblickt, den Vertreter der ruhmvollsten Dynastie, die Deutschland seit den Hohenstaufen sah, der Dynastie, für die und mit der Bismarck Deutschland geeinigt hatte, des Herrschergeschlechts, auf dessen Schultern die Zukunft des Deutschen Reichs ruhte. Der Brief des Kaisers wurde mir durch den Generaladjutanten von BÜLOWS ANTWORT 149 Moltke überbracht, der mir erzählte, daß der Kaiser durch mein Abschiedsgesuch völlig aus der Fassung gebracht worden sei. Er fürchte jetzt nicht nur ein Abspringen von Rußland, sondern auch einen englischen Angriff. General Moltke gab mir eine bewegliche Schilderung von der anfänglichen Erregung des Kaisers, der bald tiefe Niedergeschlagenheit gefolgt wäre, auch von seiner körperlichen Ermüdung, die „durch das ewige Hinundher- flitzen" hervorgerufen, durch die Augusthitze noch gesteigert worden wäre. Er säße vor seinem Schreibtisch mit unglücklichem Ausdruck, Schweißtropfen perlten von seiner Stirn, er sei sehr blaß. Moltke bat mich dringend, dem Kaiser so bald und vor allem so herzlich als irgend möglich zu schreiben, um ihn zu beruhigen. Andernfalls wäre ein „totaler Zusammenbruch" zu befürchten. Ich schrieb sogleich und nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Ich schrieb, daß mich seine Worte tief erschüttert hätten. Ihm Sorge und Unruhe bereitet zu haben, sei mir schmerzlich. Ich würde ja mein Leben geben, um für meinen König und Kaiser alles günstig zu gestalten, aus seinem Wege Steine fortzuräumen, ihm die Erreichung der großen Ziele zu ermöglichen, die er für das Wohl des Vaterlandes so eifrig anstrebe. Wirkliche Erfolge des Kaisers erweckten bei mir nicht Eifersucht, sondern machten mich stolz. Ich wäre auch nicht undankbar und hätte immer die große Güte vor Augen, die er mir seit vielen Jahren gezeigt habe, die vielen Auszeichnungen, mit denen er mich überhäuft hätte. Ich wäre ja der kleinlichste aller Menschen, wenn dem König und Kaiser gegenüber Regungen jämmerlicher Rechthaberei oder Eitelkeit in mir aufsteigen könnten. Aber gerade die mir so vielfach erwiesene Güte verpflichte mich gegenüber Seiner Majestät zu voller Offenheit, auch dann, wenn es mir schwer würde. Gerade weil ich den Kaiser nicht nur als meinen König und Herrn, als den Träger der nationalen Idee, sondern auch als den hochbegabten, an Geist und Charakter hochragenden Menschen liebte, müsse ich offen und wahr sein. Ich würde das Vertrauen Seiner Majestät nicht verdienen, wenn ich nicht den Mut und die Ehrlichkeit hätte, immer, in allen Lagen und coüte que coüte so zu handeln, wie ich es vor meinem Gewissen für recht hielte. Ich hätte nicht aus alberner Empfindlichkeit oder aus Arroganz auf drohende Nachteile und Gefahren hingewiesen, sondern weil mich mein Gewissen dazu getrieben hätte. Wenn ich gebeten hätte, die auswärtigen Geschäfte anderen Händen anzuvertrauen, so wäre dies in dem Gefühl geschehen, daß ein anderer die Situation anders und vielleicht richtiger als ich beurteilen und unter den gegebenen Umständen den Intentionen Seiner Majestät besser entsprechen würde. Wolle der Kaiser mich behalten, auch nachdem ich meine Bedenken und Sorgen offen dargelegt hätte, so würde mein Streben darauf gerichtet sein, das 150 A LA HUSSARDE möglichste zu tun, damit das, was der Kaiser in Björkö erreicht zu haben glaube, dem Vaterland und unserer Politik tatsächlich zum Vorteil gereiche. Gegenüber seinen Sorgen und Ängsten erinnerte ich ihn an den Spruch des ersten und größten Oraniers: „Saevis tranquillus in undis." Das wäre dessen Wahlspruch gewesen, unter einem Sturmvogel, der über Wellen und Stürmen ruhig, ganz ruhig und still schwebe. Auch der tapfere Oranier wäre von Feinden und Neidern bedrängt worden, hätte ihnen aber mit Ruhe und Ausdauer standgehalten. An seinem Vorbild möge der Kaiser sich aufrichten. Wenn er mich weiter verwenden wolle, so würde ich ihm zur Seite stehen in Dankbarkeit und Hingebung und mit dem einzigen Wunsch und Gedanken, ihm so zu nützen, wie es meiner Pflicht und meiner Liebe zu ihm und zum Lande entspräche. Ich schloß mit der Bitte, mich wissen zu lassen, wann ich ihm über einen etwaigen Brief an den Zaren und über die allgemeine Lage Vortrag halten könne. Seine Majestät erwiderte mir sofort telegraphisch: „Herzlichen Dank, ich bin wie neugeboren." Es stand mir nun noch die delikate Aufgabe bevor, die Björkö-Episode Der Zar so abzuwickeln, daß sie beim Kaiser Nikolaus keinen tieferen Stachel revoziert zurückließ. Kaiser Wilhelm hielt längere Zeit an der Illusion fest, daß der Bjorkö 2 ar dem ihm in Björkö ä la hussarde aufgenötigten Vertrage treubleiben werde. Er hat noch im September dem Zaren vorgeschlagen, er möge seine Vertreter im Ausland anweisen, in allen Fragen gemeinsamer Politik mit ihren deutschen Kollegen zusammenzugehen und zu diesem Zweck ihre deutschen Kollegen über ihre Instruktionen und Ideen zu unterrichten. Als aber Lambsdorff den russischen Botschafter in Berlin anwies, mir vertraulich mitzuteilen, der Zar fühle sich durch dringende Gründe bestimmt, von der in Björkö getroffenen Abmachung zurückzutreten, mußte Wilhelm II. erkennen, daß sich durch einen Handstreich in wenigen Stunden eine seit fünfzehn Jahren bestehende Machtgruppierung nicht ändern läßt. Graf Osten-Sacken hatte mir übrigens auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers Nikolaus und im Auftrag des Grafen Lambsdorff mitgeteilt, daß beide zu mir nicht nur volles Vertrauen hätten, sondern daß es auch der aufrichtige und lebhafte Wunsch des Zaren wie des St. Petersburger Kabinetts wäre, mit dem deutschen Nachbar nach wie vor die friedlichen, freundschaftlichen und sicheren Beziehungen fortzusetzen, die seit hundertundfünfzig Jahren zwischen Rußland und Preußen-Deutschland bestünden. Kaiser Wilhelm richtete unter meiner Mitwirkung, die er bei seinen Briefen an den Zaren während einiger Zeit unter dem einen oder dem anderen Vorwand umgangen hatte, im Dezember 1905 ein würdiges Schreiben an Kaiser Nikolaus, in dem er dem russischen Herrscher sagte, es wäre nicht seine Absicht, ihm eine Lösung aufzudrängen, die Rußland DIE STAATSRÄSON 151 unerwünscht erscheinen möge, und fügte hinzu: „Unter allen Umständen werden wir treue und loyale Freunde bleiben." Die erste ernste Belastungsprobe, der ich zum Wohle des Reiches mein persönliches Verhältnis zu Wilhelm II. hatte unterziehen müssen, war befriedigend, im Sinne der Staatsräson verlaufen. Ob unsere Beziehungen eine zweite derartige Belastung ertragen würden, erschien mir schon damals zweifelhaft. Das Jahr 1908 brachte die Bestätigung meiner Annahme. X. KAPITEL Englische Flottendemonstration in der Ostsee • Einladung des Kronprinzen zu den Jagden nach England • Bericht des Gesandten von Tschirschky über die zunehmende Gereiztheit Wilhelms II. gegen England • Graf Albert Mensdorff • Kündigung der Union zwischen Schweden und Norwegen • Graf Metternich über den Prinzen von Wales (Georg V.) • Gärung in Rußland ■ General Trepoff, Militärdiktator ■ Attentate, Großfürst Sergius ermordet • Persönliches Regiment Wilhelms IL, sein schädlicher Einfluß auf die Berichterstattung der deutschen Diplomaten • Bülows Zirkular an die Deutschen Missionen im Ausland über Berichterstattung • Besuch des französischen Politikers Millerand bei Staatssekretär von Richthofen D; iie Nachrichten, die auf höfischen wie auf diplomatischen Wegen, unter Die englisch« X.J teilweise arglistiger Entstellung der Tatsachen, über die Kaiser- Flotte vor begegnung von Björkö aus St, Petersburg nach London gedrungen waren, Swinemünde menr nocn vielleicht der improvisierte und demonstrative Besuch, den Wilhelm II. in Kopenhagen abgestattet hatte und über den sich der uns feindliche Teil der europäischen Presse in den verworrensten Mutmaßungen erging, war in den englischen Regierungskreisen nicht ohne die vorauszusehende Wirkung geblieben. Ende August erschienen englische Schiffe in der Ostsee, wo sich die Kriegsflotte Großbritanniens seit langem nicht mehr hatte sehen lassen. Über den Eindruck dieser englischen Demonstration auf Wilhelm II. wie über seine Stimmung gegenüber dem englischen Hofe berichtete mir am 22. August 1905 der Vertreter des Auswärtigen Amtes bei Seiner Majestät, Gesandter von Tschirschky: „Euer Durchlaucht möchte ich nicht unterlassen von Nachstehendem gehorsamst Kenntnis zu geben. S. M. zeigten mir heute nachmittag ein Telegramm S. K. H. des Kronprinzen. Letzterer meldete darin, er habe von Onkel Bertie einen Brief erhalten, in dem er und Cecilie für Anfang November zur Jagd nach Windsor eingeladen werden. Der Kronprinz fügte noch hinzu, dem König scheine viel daran zu liegen, daß die Einladung angenommen werde, da er ihm zur Reise die Königliche Jacht ,Victoria and Albert' zur Verfügung stelle. Der Kronprinz bittet schließlich, die Annahme der Einladung zu gestatten. S. M. waren über diesen neuen ,Winkelzug' seines Onkels sehr aufgebracht. Schon im vorigen Jahre, meinten S. M., habe König Eduard den Krön- DER PLAN MIT DEM KRONPRINZEN 153 prinzen eingeladen, ohne zuvor, wie dies sich gehöre, ihm, dem Kaiser, Nachricht zu geben. Dem Kronprinzen gegenüber habe der König sogar wider besseres Wissen behauptet, er hätte sich des Einverständnisses des Kaisers vorher versichert, und daraufhin habe damals der Kronprinz die Einladung angenommen. Er, der Kaiser, habe dann mit vieler Mühe dem Kronprinzen klarmachen müssen, daß er als Verlobter unmöglich sich dort in England von all den Damen den Hof machen lassen könne. Jetzt, nachdem der König ihn selbst, den Vater, so ostentativ gemieden, fange er wieder damit an, seinen Sohn ,hintenherum' einzuladen. Der König verfolge damit den doppelten Zweck: einmal, seinen Sohn mit seinem Vater zu entzweien, und dann wolle er nach altem englischem Rezepte sich hier eines Mitgliedes der Familie versichern, das ihm als Spion und Kundschafter dienen und das er nach Gutdünken für seine Interessen benutzen könne. Mit Geschick habe sein Onkel denjenigen seiner Söhne herausgefunden, der am leichtesten für solche Pläne einzufangen sei. Der Kronprinz sei blind in seiner Bewunderung Englands und könne den Reizen des dortigen Lebens und der schönen Engländerinnen nicht widerstehen. Die Einladung des Kronprinzen sei eine ,offene Beleidigung' für ihn, den Kaiser, nach allem, was vorhergegangen. Ihre Majestät unterstützte den Kaiser in seiner Auffassung. Es soll nun der Kronprinz telegraphisch antworten, er könne wegen des Besuchs des Königs von Spanien (der in der Woche zwischen dem 5. und 12. November nach Berlin kommen soll) die Einladung leider nicht annehmen. General von Plessen wurde später auch ins Geheimnis gezogen und äußerte, bei dem Charakter des Kronprinzen sei es zweifellos, daß er von König Eduard und den dortigen Damen völlig ,eingewickelt' werden würde. General von Plessen sagte mir noch heute abend, der Kaiser habe befohlen, daß er und General Löwenfeld sich unauffällig während des Besuchs der englischen Flotte in Swinemünde aufhalten sollten, um den Gang der Dinge an Ort und Stelle zu beobachten und dann zu berichten. Ich habe General von Plessen eindringlich vorgestellt, daß seine Anwesenheit in Swinemünde doch nicht geheim bleiben werde und daß es einen sehr schlechten Eindruck machen werde, wenn er bei seinen nahen Beziehungen zu S. M. dort quasi als Geheimagent des Kaisers auftauche. Auf meine Veranlassung ist nun zunächst an den General von Löwenfeld, und zwar chiffriert, durch das A. A. die Weisung ergangen, in Zivil dorthinzugehen. Plessen will S. M. bitten, von seiner Entsendung abzusehen. Am letzten Tage seiner Anwesenheit in Wilhelmshöhe kam Max Fürstenberg noch zu mir und erzählte mir ganz erregt, S. M. habe ihm gegenüber in solchen Ausdrücken über König Eduard gesprochen, daß er noch ganz perplex sei. Er könne mir gar nicht wiederholen, was der Kaiser gesagt habe; und auch auf den österreichischen Botschafter in London, Graf Mensdorff, scheine 154 DIE ENGLÄNDER BETRUNKEN MACHEN S. M. sehr schlecht zu sprechen zu sein. Ich sagte zu Fürst Max Fürstenberg, der Kaiser habe augenscheinlich mit ihm als seinem persönlichen Freund gesprochen, und ich hoffte, er werde als solcher die Worte S. M. in seinem Busen bewahren. S. M. habe ich abends unter vier Augen erzählt, was mir Fürstenberg gesagt hatte, und ich habe S. M. beschworen, vorsichtig zu sein. Der persönliche Zwist zwischen ihm und dem König Eduard könne die weittragendsten und unheilvollsten Konsequenzen haben; die Engländer warteten doch nur darauf, daß er sich eine Blöße gebe. Nun kommt leider wieder die Sache mit dem Kronprinzen! Beide Majestäten sind unter dem Eindruck der bedauerbchen Unreife des Kronprinzen. Ich habe neulich ein langes Gespräch mit der Kaiserin darüber gehabt und habe ihr gesagt, ich hätte ihr schon vor zwei Jahren geraten, den Kronprinzen einmal beim Landrat oder, wenn es nicht anders gehe, beim Oberpräsidenten ordentlich arbeiten zu lassen. Denn bisher, auch militärisch, spielt er ja nur. Die Kaiserin fand allerhand Gründe, weshalb es bis jetzt nicht möglich gewesen sei, will nun aber alles tun, damit im Herbst eine Entscheidung in dieser Richtung getroffen werde. Eine Unterstützung dieses Planes durch Eure Durchlaucht würde gewiß von bester Wirkung sein und die guten Absichten der Majestäten zu praktischer Ausführung bringen. Mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung und tiefster Verehrung Euer Durchlaucht ganz gehorsamer von Tschirschky." Der Gedanke, zwei Generaladjutanten nach Swinemünde zu schicken, um dort das Verhalten der engbschen Flotte zu beobachten, war in der Tat nicht glücklich. Fast noch kindlicher, um nicht zu sagen kindischer, war, was in derselben Zeit, am 25. August 1905, Kaiser Wilhelm ohne mein Wissen an seinen Freund Nicky schrieb: „Ich habe Meiner Flotte befohlen, der britischen in der Ostsee wie ein Schatten zu folgen und, wenn sie in Swinemünde Anker geworfen hat, in der Nähe der britischen Flotte anzulegen, ihnen ein Diner zu geben und sie so betrunken zu machen wie mög- bch, um herauszukriegen, was sie vorhaben, und dann wieder fortzusegeln." In Wirklichkeit wurde die englische Flotte in Swinemünde von allen Behörden in der üblichen Form, mit ruhiger Höfbchkeit begrüßt und aufgenommen. Alle Offiziere unserer Marine, mit denen ich während meines Lebens in Berührung gekommen bin, zeichneten sich durch gute Manieren und ein einnehmendes Wesen aus, erwarben sich auch überall Sympathien. Der in dem Briefe des Gesandten von Tschirschky erwähnte öster- Graf Mens- reichische Botschafter in London Graf Albert Mensdorff war Persona in- dorff-Pouilly gratissima bei Seiner Majestät. Die Mensdorffs entstammten einer kleinen lothringischen Familie, die ursprünglich Pouilly hieß. Ein Pouilly emigrierte während der Französischen Revolution nach Koblenz und wurde von dort nach Österreich verschlagen, wo es ihm gelang, das Herz der Prin- DAS VÄTERLICHE VERBOT 155 Zessin Sophie von Sachsen-Saalfeld-Koburg zu erobern. Um die Heirat zu ermöglichen, wurde er in den Grafenstand erhoben und erhielt den Namen des Dorfes Mensdorff, aus dem er stammte. Die Königin Victoria erstreckte die unbegrenzte Liebe, die sie für ihren Gemahl empfand, auf alle seine Verwandten, auf alle, die irgendwie mit dem Hause Koburg zusammenhingen, also auch auf die Familie Mensdorff. Wenn ein Mensdorff zur Königin eingeladen wurde, erhielt er einen besonderen sehr hohen Rang. König Eduard machte es in dieser Beziehung wie seine Mutter. Der Erzherzog Franz Ferdinand erzählte mir gelegentlich mit zornigem Ausdruck, man habe ihn in England bei einem feierlichen Anlaß in derselben Reihe mit einem österreichischen Untertan, dem Botschafter Mensdorff, placiert. Die Königin und ihr Sohn gingen davon aus, daß der Rang sich nach dem Grade der Verwandtschaft mit dem englischen Königshause richte. In England fand alle Welt mit englischem Aplomb und englischem Hochmut dies völlig in der Ordnung, Tories und Whigs, Aristokraten wie Demokraten. Kaiser Wilhelm, obwohl er von allen nichtenglischen Fürstlichkeiten dem englischen Königshause verwandtschaftlich am nächsten stand und schon deshalb sein Rang nicht angetastet werden konnte, ärgerte sich doch darüber, daß Albert Mensdorff, der übrigens ganz gewandt, auch etwas intrigant war und es nicht ungern sah, wenn die englische Gesellschaft den „netten" (nice) Österreicher dem „bösen" (wicked) Deutschen vorzog, so sehr fetiert wurde. Am 8. September berichtete mir Tschirschky weiter: „Euer Durchlaucht beehre ich mich Nachstehendes gehorsamst zu melden. Seine Majestät ge- Einladung ruhten mir soeben mitzuteilen, daß S. K. H. der Kronprinz einen Brief des Kron- des Königs Eduard erhalten hat, in dem der König sich darüber beklagt, pr in * en J ia ^ 1 daß Seine Majestät auch dieses Jahr den Besuch des Kronprinzen in Eng- gc j e ^ nt land verhindert habe. Hiernach sei es klar, daß der Kaiser überhaupt nicht wolle, daß der Kronprinz nach England komme. Der Ton des Briefes sei wenig freundlich gewesen. S. M. fügten hinzu, der Kronprinz scheine leider seiner Weisung, als Grund für die Ablehnung der Einladung den Besuch des Königs von Spanien anzuführen, nicht gefolgt zu haben, sondern habe in seinem Unmute über das entgangene Amüsement in England sich nur auf das kaiserliche Verbot berufen. S. M. will nun dem König direkt schreiben und ihm ganz ruhig sagen, daß der bei allen Höfen herrschende Brauch bei Einladungen von Prinzen eine vorgängige Anfrage bei dem Familienoberhaupt fordert. Lord Lonsdale tut, wie gewöhnlich, das Mögliche, um den Antagonismus zwischen den beiden Herrschern zu schüren. S. M. erzählte mir, der Lord habe ihm vorgeklagt, daß der König ihn nicht mehr empfangen wolle, und zwar nur deshalb, weil er mit dem Deutschen Kaiser befreundet 6ei! Der Lord habe ihm weiter bestätigt, daß die Presse- 156 A GREAT LIAR" kampagne in England gegen uns vom König persönlich geleitet werde. Er, Lonsdale, habe im Laufe des Sommers verschiedene deutschfreundliche Artikel in die englische Presse lanciert und sei deshalb durch dritte Personen im Auftrage des Königs zur Rede gestellt worden. Er habe sich aber dieses Vorgehen des Königs energisch verbeten und ihm antworten lassen, falls der König etwas von ihm wolle, so möchte er ihn als Peer des Reichs und Mitglied des Oberhauses zu sich rufen lassen. Seitens der Deutschen Botschaft sei bei Behandlung der Presse in England nicht geschickt verfahren worden. Graf Bernstorff habe mit untergeordneten Presseleuten gearbeitet und dadurch nur erreicht, daß die eigentlichen Leiter der Blätter sich gekränkt fühlten. Auch habe man von der Botschaft antifranzösische Artikel in die englischen Blätter lancieren wollen; das sei natürlich sofort bekanntgeworden und habe den gegenteiligen Effekt hervorgerufen. Lord Lonsdale hat S. M. weiter erzählt, er sei mit der Minorität im Oberhause gegen den Abschluß des neuen japanischen Vertrags; die Regierung habe aber jede Kundgebung in dieser Richtung verboten. Der Vertrag müsse für England verhängnisvoll werden! Der Lord hat im Anschluß hieran von der ,asiatischen' und der ,gelben Gefahr' gesprochen." Die renommistischen Aufschneidereien des Earl of Lonsdale bewiesen, daß König Eduard nicht unrecht hatte, diesen verkrachten Nobleman und Personal friend des Kaisers „a great liar" zu nennen. Die Insinuation gegen Bernstorff war unbegründet. Graf Bernstorff, damals Botschaftsrat in London, später Botschafter in Washington, hatte, im Gegensatz zu Eckardstein, die schwierigen Beziehungen der Deutschen Botschaft zur englischen Presse mit ebensoviel Würde wie Geschick vermittelt. Im Juni 1905 war die lange erwartete Kündigung der Union zwischen Trennung Schweden und Norwegen durch Norwegen erfolgt. Die Beziehungen Norwegens zwischen den beiden Völkern waren, seitdem der Wiener Kongreß sie zu- C Ii fJ i scnuieaen sammen g esc h we jßt hatte, nie wirklich freundliche gewesen. Das Verhältnis glich einer jener trostlosen Ehen, wie sie Strindberg schildert. Es ist schwer zu sagen, ob die englische Politik zu der schließlichen Scheidung beigetragen hat. Jedenfalls entsprach diese dem englischen Interesse. Schweden hatte während des achtzehnten Jahrhunderts bald zu Rußland geneigt, bald zu Frankreich. Im neunzehnten Jahrhundert war es unter dem Einfluß einer Dynastie französischen Ursprungs bis in die achtziger Jahre französisch gerichtet, seitdem aber traten bei dem ritterlichen schwedischen Volk starke Sympathien für Deutschland hervor. Um Norwegen hatte Wilhelm II. sich viel Mühe gegeben. Er besuchte jedes Jahr, wie viele andere Deutsche, das herrliche Land. Der Sang an Ägir, der in Wirklichkeit von Phili Eulenburg verfaßt und komponiert war, erschien unter dem Namen des Kaisers. Der Kaiser hatte einem Helden der norwegischen Sage, Frithj of, KAISERLICHE PRÄSENTE 157 der nach Überwindung unendlicher Gefahren und Schwierigkeiten die Tochter des Königs Belli, die schöne Ingibjorg, trotz des Widerstands ihrer bösen Brüder, Helgi und Halfdan, zur Gemahlin errang, am norwegischen Strande ein prächtiges Denkmal errichtet. Aber die politischen Sympathien der Norweger gingen wie ihr Handel und ihre Schiffahrt überwiegend in englischer Richtung. Die Errichtung eines Monuments für den wackeren Frithjof war ebensowenig von dauernder Wirkung wie das Geschenk eines Denkmals des größten Preußenkönigs an die Vereinigten Staaten, die Errichtung eines Goethe-Denkmals in Rom, eines Denkmals für König Wilhelm III. von England in London. Als das letztgenannte Monument seinen Weg nach England genommen hatte, legte ich dem Kaiser einen Ausschnitt aus der „Times" vor, derzufolge im englischen Parlament angefragt worden war, was die englische Regierung mit dieser seltsamen Gabe zu tun gedenke. Ein schlagfertiger Vertreter des Foreign Office auf der Regierungsbank hatte geantwortet, die Regierung beabsichtige, das Denkmal König Wilhelms III., der ein Oranier gewesen wäre, vor einer Orangerie aufzustellen. Hinter dieser Bemerkung verzeichnete der Parlamentsbericht: „Loud and general laughter." Auch das machte den Kaiser nicht irre in seiner Neigung, andere Völker und Staaten durch Geschenke zu erfreuen. Für Wilhelm II. traf, ein Beweis seiner gutmütigen Veranlagung, die englische Wendung zu: to enjoy one's seif. Anderen Aufmerksamkeiten zu erweisen, sich anderen gegenüber generös und nobel zu zeigen, bereitete ihm selbst den größten Spaß. Es gelang König Eduard, den Norwegern als König des selbständig gewordenen Norwegen den mit seiner dritten Tochter, der Prinzessin Maud, verheirateten Prinzen Karl von Dänemark, den zweiten Sohn des Königs Friedrich VII. von Dänemark, mundgerecht zu machen. Die junge Prinzeß, die bis dahin mit ihrem Gatten eine reizende Cottage in der Nähe von Sandringham bewohnt hatte, empfand gar keine Lust, das großartige und bequeme englische Leben mit einer weit weniger brillanten Existenz in dem melancholischen Christiania (jetzt Oslo genannt) zu vertauschen. Sie sagte zu ihrem Vater, sie wolle lieber auf dem kleinsten englischen, ja selbst irischen Pachthofe sitzen als auf dem norwegischen Thron. König Eduard, der bei aller Bonhomie in seiner Familie keinen Widerspruch duldete, erwiderte seiner Tochter auf ihre Klagen und Bitten: „Prinzessinnen haben nicht Liebhabereien, sondern Pflichten." Prinz Karl nahm den echt norwegischen Namen Haakon an mit der Chiffre VII., da es in fabelhaften Zeiten schon sechs norwegische Könige mit dem Namen Haakon gegeben hat, darunter Haakon den Alten, der sich im dreizehnten Jahrhundert Island und Grönland unterwarf. Des jungen Königs Haakon Söhnchen, das 1905, bei der Erhebung des Vaters auf den Königsthron, noch nicht zwei Jahre alt war und bis dahin Alexander 158 DIE ENGLISCHE PRESSE MALIZIÖS hieß, wurde in Olav umgetauft. König Oskar von Schweden, der während seiner langen Regierung mehr nach dem Lorbeer des Dichters als nach dem des Monarchen gestrebt hatte, empfand den Abfall der Norweger sehr bitter. Als er mir bei seiner Durchreise durch Berlin davon sprach, wurde er von einem Weinkrampf überwältigt und fiel mir schluchzend um den Hals. Ich sah keinen Anlaß, in diesem skandinavischen Zwist, nachdem die Trennung erfolgt war, Partei zu ergreifen. Als König Haakon VII. am 25. November 1905 in Christiania landete, wurde er auf meinen Vorschlag nicht nur von englischen, sondern auch von deutschen Kriegsschiffen begleitet, und Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Seiner Majestät, wohnte den Feierlichkeiten der Thronbesteigung bei. Wenn die Sprache der englischen Presse während des ganzen Jahres Der Prinz von 1905 im allgemeinen recht unfreundlich gewesen war, die Haltung des Walen gegen Königs Eduard, gelinde gesagt, undurchsichtig und maliziös, so waren antideutsche j ense jt 8 des Kanals doch auch vernünftige Stimmen laut geworden. Als ein Agitation g ewor( j ener englischer Seeoffizier, der Vizeadmiral a. D. Fitzgerald, noch dazu in der „Deutschen Revue" auseinandersetzte, ein baldiger Krieg zwischen England und Deutschland sei unvermeidlich, wenn Deutschland seine Flotte weiter verstärke, wurde dieser Ausfall von der großen Mehrheit der englischen Presse zum Teil mit Schärfe abgelehnt. Erfreulich war und gute Hoffnungen für die Zukunft erweckte die ruhige Sprache und Haltung des damaligen Prinzen von Wales, des nachmaligen Königs Georg V. Darüber schrieb mir der Botschafter Metternich: „Ich habe gestern bei König Eduard diniert und saß neben dem Prinzen von Wales. Der Prinz besprach mit mir die Arthur Leesche Rede, die er als eine Ungeschicklichkeit ohne böse Absicht hinstellte. Er verwies den Gedanken kriegerischer Absichten Englands gegen Deutschland in das Gebiet der Fabel und sprach sich sehr heftig gegen die Zeitungen im allgemeinen und besonders gegen die ,Times' aus. Die Verhetzungen dieses Blattes wären unerhört. Die hiesige Regierung sei diesem Treiben gegenüber aber machtlos. Er könne nicht verstehen, wie man in Deutschland an kriegerische Absichten Englands habe glauben können. A rotten paper, wie die ,Army and Navy Gazette', habe gar nichts zu bedeuten, ebensowenig wie das sogenannte ,Court Journal', das außer seinem selbstverliehenen hochtrabenden Namen mit dem hiesigen Hofe nicht mehr zu tun habe wie die ,Daily Mail'. Kriegerische Verwicklungen zwischen England und Deutschland seien so sehr gegen das Interesse der beiden Völker und gegen den gesunden Menschenverstand, daß er für seine Person es ausgeschlossen halte, daß es jemals dazu kommen könne. Das größte Unglück, das die Welt treffen könne, sei, seiner Ansicht nach, ein Krieg zwischen England und Frankreich oder zwischen England und Deutschland oder zwischen Deutschland und BISMARCK NIE ANTIZARISTISCH 159 Frankreich. Auch König Eduard sprach lange mit mir, ohne jedoch politisch Wichtiges hervorzuheben." Daß der damalige Prinz von Wales Deutschland und dem Deutschen Kaiser unbefangener gegenüberstand als sein Vater, bestärkte mich in meiner auf die Erhaltung des Friedens gerichteten Politik. Die Zeit ging für uns. Es kam aber darauf an, Riffe und Sandbänke zu vermeiden, bis eine Änderung der gesamten Weltlage, wie eine solche von Zeit zu Zeit immer wieder eintritt, denn xdvza gel, ewig wechselt alles, uns leichtere und ruhigere Fahrt vergönnte. Ob ein autokratisch regiertes Rußland für uns nützlicher sei oder ein revolutionäres, konnte zweifelhaft erscheinen. Fürst Bismarck war der Innere Vor- ersteren Ansicht. Herbert Bismarck äußerte mir gegenüber, als ich 1884 g° n 8 e "* als Botschaftsrat nach St. Petersburg geschickt wurde, sein Vater habe seit ^ u ß^ a ' 1 ^ jeher seine Politik gegenüber Rußland auf die Person des gerade regierenden Zaren eingestellt. Andererseits war es klar, daß, wenn es für uns leichter war, uns mit dem zaristischen Rußland zu verständigen als mit einem republikanischen, weil wir am russischen Hofe, in der russischen Gesellschaft und im russischen Beamtentum viel mehr Anknüpfungspunkte, Verständnis und Sympathien fanden als bei den die Autokratie bekämpfenden Elementen, doch das Hochkommen der letzteren die russische Macht schwächen mußte. Jedenfalls hat Fürst Bismarck recht behalten mit seiner Voraussage, daß ein Krieg zwischen den drei Kaiserreichen eine ernste Gefahr für die drei Kaiser bedeuten würde. Er würde nie einem Krieg gegen Rußland eine so antizaristische Spitze gegeben haben, wie dies Bethmann tat. Er hätte auch schwerlich die bolschewistischen Führer aus der Schweiz nach Rußland zurückgeführt. Daß die innere Lage in Rußland, je länger der Krieg gegen Japan dauerte, um so bedrohlicher wurde, war zweifellos. Der russische Botschafter in London, Graf Benckendorff, sprach sich seinem deutschen Kollegen gegenüber hinsichtlich der weiteren Entwicklung der innerrussischen Verhältnisse sehr ängstlich aus. Kaiser Nikolaus, hatte der russische Botschafter in London dem Grafen Metternich unter anderem gesagt, sei vorläufig noch entschlossen, den Krieg gegen Japan mit allen Mitteln weiterzuführen. Es könne sich dies aber auch plötzlich ändern, da die verschiedensten Einflüsse auf den Zaren einwirkten. Im Gegensatz zu früher, wo der Zar sich abgeschlossen habe, könne jetzt jeder, der irgendeinen Plan zur Rettung Rußlands hege, persönlich an ihn herankommen. Den ganzen Tag kämen und gingen Vertreter der Semstwos und andere mit Vorschlägen und Bittschriften zum Zaren. Auf eine Frage des Grafen Metternich nach der Stellung des Grafen Witte hatte der russische Botschafter erwidert, der Zar könne Witte nach wie vor nicht ausstehen, dessen Macht sei aber trotzdem auf Grund seiner bedeutenden Persönlichkeit nicht zu unterschätzen. 160 MASSAKER UND DIKTATUR IN PETERSBURG Das Jahr 1905 hatte für Rußland damit begonnen, daß der Präsident Beginn der der Moskauer Semstwos, Fürst Trubetzkoi, in einem offenen Schreiben an russischen J en Minister des Innern, den eher liberal gesinnten Fürsten Mirski, die Revolution Notwendigkeit von Reformen betonte, „um eine Revolution zu vermeiden". Es folgten zahlreiche Kundgebungen der Arbeiterschaft wie der „Intelli- genzia" für konstitutionelle und administrative Reformen. Die Polizei schritt vergeblich dagegen ein. Stärkeren Eindruck machte auf den Zaren, daß bei dem jedes Jahr am Epiphaniastage stattfindenden Feste der Wasserweihe, die vom St. Petersburger Hof seit jeher mit besonderem Glanz gefeiert wurde, in das Zelt, unter dem sich der Kaiser mit dem Hof auf dem Eise der Newa versammelt hatte, beimSalutschießen plötzlich mehrere Kartätschkugeln einschlugen. Es ist niemals festgestellt worden, wie es möglich war, daß dieser Scharfschuß abgefeuert werden konnte. Drei Tage später folgte ein blutiger Zusammenstoß zwischen Militär und einer Massendeputation streikender Arbeiter, die von dem Popen Gapon, einem ausgesprungenen Priester, geführt wurden. Die Arbeiter, an deren Spitze Gapon mit dem orthodoxen Kreuz in der einen Hand, ein Bild des Zaren in der anderen, marschierte, wollten im Winterpalais eine Bittschrift überreichen, die alle jene Wünsche und Grundrechte aufzählte, welche die Demokratie des Westens seit langem erreicht hatte, die aber in Rußland nie öffentlich verlangt worden waren und die übrigens nach erfolgtem Umsturz von der siegreichen Revolution mit Füßen getreten werden sollten: Freiheit des Worts, Gewissensfreiheit, Gewährleistung des Versammlungsrechts, Garantien der persönlichen Sicherheit, eine Volksvertretung, Gleichheit aller vor Gericht, Verantwortlichkeit der Minister, obligatorischer Schulbesuch auf Staatskosten, Einkommensteuer usw. Dazu traten neue sozialistische Forderungen, wie Achtstundentag, Streikrecht, Vorkehrungen gegen die Bedrückungen der Arbeiter durch das Kapital. Ein rasch herbeigeholtes Garderegiment verhinderte die Demonstranten, bis zum Winterpalais zu gelangen. Es gab mehrere Tausende von Toten. Unter den Verhafteten befand sich der talentvolle Dichter Maxim Gorki, dessen „Nachtasyl" auch in Deutschland, meisterhaft gegeben, viel Interesse erregt hatte. Achtundvierzig Stunden nach diesem Zusammenstoß wurde in St. Petersburg die Militärdiktatur erklärt, an deren Spitze General Dimitrij Fedorowitsch Trepow trat. Er war eine echt russische Erscheinung. Sein Vater war als ausgesetztes Kind auf der Treppe eines reichen deutschen Kaufmanns in Wassily-Ostrow gefunden worden, der ihm den Namen Trepow (Treppauf) beilegte. Er kam später in das Kadettenkorps, brachte es in der Armee bis zum Obersten und wurde als solcher unter Kaiser Alexander II. Polizeipräsident von Petersburg. Das Attentat, das Vera Sassulitsch 1875 gegen ihn gerichtet hatte, bezeichnet den Beginn der modernen, von unten auf- DIE ERMORDUNG DES GROSSFÜRSTEN SERGEI 161 steigenden revolutionären Bewegung in Rußland. Bis dahin hatte Rußland nur Palastrevolutionen und Adelsverschwörungen gekannt. Ein russischer Bauer drückte das gegenüber dem mir befreundeten Grafen Lewaschow nach der Ermordung des Kaisers Alexander II. mit den Worten aus: „Früher war es nur den großen Herren erlaubt, einen Zaren umzubringen, jetzt macht das aber auch den kleinen Leuten Spaß." Die Reden, die der arme junge Kaiser Nikolaus II. von Zeit zu Zeit an Arbeiterdeputationen oder Abordnungen von Bauern richtete, waren matt und machten keinen Eindruck. Weitere Attentate erfolgten in rascher Folge. Der Großfürst Wladimir, der neue Minister des Innern Bulygin, der für energisch galt, der Generalgouverneur Trepow selbst entgingen nur mit Mühe den für sie bestimmten Kugeln. Die meisten großen Städte waren der Schauplatz blutiger Straßenkämpfe. In Russisch-Polen kam es neben sozialistischen Unruhen auch zu national-polnischen Erneuten. Der Großfürst Sergei, Schwager und Oheim des Zaren, wurde in dem Augenblick ermordet, wo Prinz Friedrich Leopold von Preußen am russischen Hofe weilte. Der Prinz erzählte mir nach seiner Rückkehr, die Nachricht von dem in Moskau verübten Verbrechen wäre in Peterhof, wo sich der Zar aufhielt, zwei Stunden vor der Abendtafel eingetroffen. Der Prinz ließ sich erkundigen, ob die Abendtafel stattfinden würde, oder ob der von einem solchen Schicksalsschlag betroffene Kaiser lieber allein sein wolle. Der Prinz erhielt die Antwort, daß er ruhig zum Diner kommen möge. Die Kaiserin erschien allerdings nicht, dagegen waren der Kaiser und sein gleichfalls anwesender Schwager, der Großfürst Alexander Michailo- witsch, in bester Stimmung. Von der Ermordung des Großfürsten war überhaupt nicht die Rede. Nach Tisch amüsierten sich der Kaiser und sein Schwager damit, daß sie vor den Augen des erstaunten deutschen Gastes sich gegenseitig von einem schmalen und langen Sofa herunter- zudrängeln suchten. In derselben Stunde betrat die Großfürstin Sergei, eine Prinzessin von Hessen-Darmstadt, allein den Kerker, in dem der Attentäter, der ihren Gatten ermordet hatte, vor seiner auf den nächsten Tag angesetzten Hinrichtung gefangensaß. Sie frug ihn, weshalb er ihr in so grausamer Weise den Gatten geraubt hätte. Der Mörder erwiderte, er hätte persönlich nichts gegen den Großfürsten gehabt, und es betrübe ihn, der Großfürstin Schmerz bereitet zu haben, aber seine Grundsätze hätten ihm das Attentat zur Pflicht gemacht. Als die Großfürstin den Kerker verließ, verneigte er sich vor ihr und küßte den Saum ihres Kleides. Die Großfürstin Elisabeth Feodorowna ist bekanntlich im Juni 1918 in Alajagawesk, einem kleinen Städtchen im Ural, von Bolschewisten in einen tiefen Schacht gestürzt worden. Auf den noch lebenden, aber zerschmetterten und röchelnden Leib wurde ungelöschter Kalk geschüttet. 11 Bttlow u 162 DAS SATYRSPIEL VON BJÖRKÖ Die Schwester der Großfürstin, die in England lebende Prinzessin Viktoria von Battenberg, erreichte durch Mittelspersonen die Herausgabe der Leiche, die sie in Jerusalem am Fuße des ölberges in geweihter Erde beisetzen ließ. George Sand hat die richtige Bemerkung gemacht: „que la vie ressemble plus au roman que le roman ä la vie". Die Geschichte verzeichnet entsetzlichere Tragödien, als sie die Phantasie der größten Dichter, eines Äschylos oder Shakespeare, zu ersinnen vermochte. Damit dem Drama von Björkö neben seinen tragischen Momenten auch Brief ein Satyrspiel nicht fehle, erhielt ich Mitte August ein längeres Entschul- Tschirschkys digungsschreiben des den Kaiser damals auf seinen Reisen als Vertreter zum Bjarkö- j eg Auswärtigen Amtes begleitenden Gesandten von Tschirschky. Der J^ßftros , fühlte natürlich, daß er während der Entrevue von Björkö vollkommen versagt hatte, indem er, nur bestrebt, Seiner Majestät nach dem Munde zu reden, und stets in Angst, das Allerhöchste Mißfallen zu erregen, weder auf die Schädlichkeit des Zusatzes „en Europe" hingewiesen noch überhaupt davor gewarnt hatte, ohne Zuziehung des deutschen Reichskanzlers und des russischen Ministers des Äußern einen Staatsvertrag mit der unbesonnenen Schnelligkeit abschließen zu wollen, mit der sich kaum ein Leutnant verloben würde. In einem mit „Privat" und „Ganz vertraulich" bezeichneten Brief schrieb er mir, daß er „einem inneren dringenden Bedürfnisse folgend" mir einige Betrachtungen unterbreiten müsse, die mir mündlich vorzutragen er nicht den Mut gefunden habe. Er sei mir eine Antwort auf die von mir an ihn gerichtete Frage schuldig, warum er mich nicht besser über alle Vorgänge vor und in Björkö unterrichtet hätte. Er habe dies unterlassen, weil seine Versuche, mir außeramtlich näherzutreten, die „aus seinem innersten Herzen" hervorgegangen seien, bei mir nach seiner Empfindung kühler Zurückhaltung begegnet wären. Insbesondere wären weder er noch seine Gattin, obwohl sie regelmäßig Karten bei mir gelassen hätten, in der letzten Zeit mit einer Einladung in mein „sonst so gastfreies Haus" beehrt worden. Im Winter 1903 auf 1904 wäre er fast eine ganze Woche in Berlin gewesen, ohne vom Reichskanzler zu Tisch geladen zu werden. Das hätte ihn doppelt geschmerzt, weil er gehofft habe, von mir einige tröstende Worte zu hören, nachdem er zu seinem Kummer bei einer kürzeren Reise Seiner Majestät „übergangen" worden sei. Nichts wäre ihm mehr zuwider als der Gedanke, sich aufzudrängen, er würde auch nie wagen, dem Kanzler Vorschriften machen zu wollen, aber seine betrübte Stimmung und die aus dieser Stimmung hervorgehende Zurückhaltung wären doch begreiflich. Vor zwei Jahren hätte ich ihm wegen eines Versehens einen dienstlichen Verweis erteilt, der ihn, der sich mehr als „deutscher Edelmann und sächsischer Kammerherr" fühle wie als Beamter, tief verletzt habe. Er nähme sich nicht heraus, an mir Kritik zu üben, glaube TSCHIRSCIIKYS MONOLOG 163 aber, daß seine „Treue" und seine „edelmännischen Eigenschaften" von mir nicht genügend gewürdigt würden. Dann hieß es wörtlich: „Ich will nicht davon sprechen, wie ich, besonders in den letzten Wochen, meine ganze Person für die Aufrechterhaltung guter Beziehungen zwischen Seiner Majestät und Eurer Durchlaucht eingesetzt habe. Das war einfach meine Pflicht. Für mich selbst erstrebe ich gar nichts. Streber bin ich nicht; vielleicht weniger aus bewußter Tugend als nach Charakteranlage. Die beinahe sechs Jahre, die ich bei Seiner Majestät bin, habe ich, soviel mir bewußt, noch nie mit einem Worte von mir selber gesprochen oder irgend etwas ,herausschlagen' wollen. Ich will niemanden verdrängen, habe auch gar keinen Ehrgeiz, in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen zu wollen. Wenn ich die Hoffnung hege, daß mir gelegentlich einmal eine Botschaft anvertraut werden könnte, so liegt das in der Natur der Dinge. Wünschen würde ich es vielleicht in erster Linie meiner Frau wegen, die eigentlich zu etwas Besserem geboren ist, als ihre besten Jahre in Hamburg zu verbringen, wo, wie Euer Durchlaucht bekannt ist, das Leben des Charmes entbehrt, wenn man nicht selber Hamburger Kaufmann oder Reeder ist." Am Schlüsse seines Briefes bat mich Tschirschky, der sich mir gegenüber schon einmal, nach Absendung der Swinemünder Depesche des Kaisers an den Prinzregenten von Bayern, in ebenso mesquinen und larmoyanten Quengeleien ergangen hatte, seine Ausführungen als einen „Monolog" zu betrachten, der aus der Tiefe seiner Seele aufsteige. Er versicherte mich, daß er stets mit schuldigem Respekt alles akzeptieren würde, was seine Vorgesetzten über ihn beschlössen, und endigte mit den Worten: „Euer Durchlaucht wollen die Länge dieses Schreibens entschuldigen. Es wird aber hoffentlich nur kurz erscheinen im Verhältnis zu der Länge der Zeit, während der ich hoffen darf, meine geringen Dienste in Zukunft Eurer Durchlaucht in Ihrem hohen Amte ganz zur Verfügung stellen zu dürfen." Die Behauptung dieses Petenten, daß er keinen besseren Posten anstrebe als das von ihm „als Edelmann" so sehr verachtete Hamburg, traf Zirkular an natürlich nicht zu. Der Kaiser hatte mich, sicheriich nicht aus eigenem An- die Vertreter trieb, schon mehrfach gefragt, ob Tschirschky sich nicht gut für die Londoner oder die römische Botschaft eignen würde. Dies kleine Beispiel zeigt, wie sehr mir die Führung der Geschäfte durch Beamte erschwert wurde, bei denen kleinliche persönliche Empfindlichkeiten und Ambitionen in so hohem Maße sachliche Gesichtspunkte und die Rücksicht auf die großen Interessen des Vaterlandes überwogen. Auch dieser Mißstand war zweifellos eine Folge des von Wilhelm II. auf die Spitze getriebenen persönlichen Regiments. Nicht nur drehten sich alle charakterlosen Beamten—und solche wird es in jedem Lande und unter jedem Regime geben — nach dem Kaiserthron wie die Sonnenblume nach der Sonne, sondern bei nur zu vielen n* 164 DEUTSCHE DIPLOMATEN überwog jede andere Rücksicht der brennende Wunsch, die Zeit, wo sie in der Nähe Seiner Majestät weilen durften, zu benutzen, um, wie Fürst Bismarck dies nannte, die eigene Matratze zu stopfen, d. h. die eigene Karriere zu fördern. Ganz frei von einer solchen Tendenz war als Begleiter des Kaisers der spätere Botschafter in London, Graf Paul Metternich, gewesen. Er hat nie einen Finger gerührt, um den damaligen Botschafter in London, Grafen Paul Hatzfeldt, zu verdrängen, obschon er selbst sich für London hervorragend eignete und obwohl Hatzfeldt durch seinen traurigen Gesundheitszustand die Möglichkeit bot, ihn zu „demolieren", wie der diplomatische Terminus technicus lautet. Holstein und Kiderlen hatten gewiß ihre großen Fehler, aber im Gegensatz zu Tschirschky, Schön, Flotow, Jagow e tutti quanti war der rein politische Betätigungsdrang bei ihnen stärker ausgebildet als die persönliche Ambition. Ein anderer Fehler, der mir in den Berichten unserer Auslandsvertreter nur zu oft entgegentrat, war die Neigung, fremde Länder, fremde Zustände, ausländische führende Persönlichkeiten mit übertriebener Schärfe zu kritisieren und vor allem sie mit mehr Behagen als Witz zu ironisieren. Auch diese Unsitte war im letzten Ende auf Schwächen Seiner Majestät zurückzuführen. Die Berichterstatter wußten, daß dem hohen Herrn ein gewisses überhebendes Heruntermachen alles Ausländischen, ein gewisser, sit venia verbo, naßforscher Ton nicht mißfielen und daß er insbesondere gern über schlechte Witze lachte, namenthch wenn sie ihm unsympathischen Fürstlichkeiten, Ministern oder gar Parlamentariern galten. Ich sah mich deshalb am 20. Mai 1905 veranlaßt, an unsere Missionen das nachstehende Zirkular zu richten: „Ein mir vorhegender Bericht gibt mir Anlaß zu der Bemerkung, daß eine einseitige Kritik über das öffentliche Leben fremder Staaten ein Fehler ist, in den unsere Diplomaten zu meinem Bedauern zu häufig verfallen. Negierende Kritik ist ohne praktischen Wert. Bei den Kaiserlichen Vertretern im Auslande kommt es auf positive Tätigkeit an. Manche Beamte des auswärtigen Dienstes anderer Länder zeigen, was mit zielbewußter, vorurteilsloser und intensiver positiver Arbeit zu erreichen ist. Auch wir müssen bemüht sein, aus den Verhältnissen, wie sie nun einmal gegeben sind, den möglichsten Nutzen für uns zu ziehen. So hat, um nur ein Beispiel anzuführen, der deutsche Export die Aufgabe, sich den Gewohnheiten und Wünschen der fremden Einfuhrländer anzupassen, ohne Versuch, unseren Geschmack dort aufzudrängen. Häufige Reisen im Lande, persönliche Betätigung an Ort und Stelle und reger Verkehr gerade mit inländischen Kreisen werden dazu beitragen, daß die Kaiserlichen Vertreter für die besonderen Verhältnisse der Fremde Verständnis erwerben. Sie müssen dabei abweichenden Anschauungen und Gebräuchen unbefangen DIE MAROKKO-KONFERENZ 165 Gerechtigkeit widerfahren lassen und vermeiden, ihremUrteil den Maßstab der Heimat, abstrakte Grundsätze oder subjektive Liebhabereien zugrunde zu legen. Die Förderung der deutschen wirtschaftlichen und politischen Interessen muß allein Ziel sein. Lamentationen über fremde Fehler und mehr oder weniger gelungene Ironisierungen ausländischer Zustände sind wertlos. Die vorstehenden Direktiven werden nicht nur bei der Berichterstattung, sondern auch materiell als Richtschnur dienen können." Inzwischen waren die Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz wesentHch vorangeschritten. Zwischen uns und Frankreich waren über das Programm am 8. Juh und am 28. September 1905 Vereinbarungen getroffen worden, die" bewiesen, daß es leichter war, mit Herrn Rouvier zu einer Verständigung zu kommen als mit seinem Vorgänger. Auch in den parlamentarischen Kreisen Frankreichs machte sich eine Besserung der Stimmung bemerkbar. Die seit dem Frankfurter Frieden bestehende Unterströmung blieb natürlich unverändert, aber die Oberfläche hatte sich seit dem Rücktritt von Delcasse erheblich geglättet. Im Herbst 1905 besuchte der Abgeordnete Millerand, Millerand damals einer der Führer der französischen Sozialdemokraten, später ein Berlin sehr nationalistischer Kriegsminister, Ministerpräsident und Präsident der Französischen Republik, die Reichshauptstadt. Uber seine Begegnung mit Millerand meldete mir der Staatssekretär von Richthofen: „Herr Millerand besuchte mich heute. Aussehend wie aus mittlerem Bürgerstand, nicht groß, etwas rund, von guten Formen und sehr höflich. Er ist mit seiner Frau unterwegs nach Wien zu einem Arbeiterversicherungskongreß, weilt zwei Tage hier, reist heute abend ab und will morgen einige Stunden die Museen in Dresden besuchen. Zum erstenmal hier, scheint ihm Berlin sehr zu gefallen. Er äußerte sich sehr befriedigt über seine Aufnahme hier und daß ihm so vieles, insbesondere durch die Herren Bödecker und Freund, gezeigt worden sei; alles Amtliche scheine ihm vortrefflich organisiert. In politischer Beziehung sprach Millerand abfällig über Delcasse. Nachdem man ihn Deutschland geopfert habe, hätte man in der Marokko-Frage größeres Entgegenkommen erwartet und sei etwas desülusioniert gewesen. Ich erwiderte ihm, es handle sich wesentüch um Bagatellen, und ich verstünde nicht, daß man wegen dieser in Paris so schwierig sei. Es scheine aber jetzt sich alles zu ordnen. Millerand bemerkte ferner, man gehe fehl, wenn man in Deutschland etwa geglaubt habe, daß Frankreich mit England eine Allianz zu schließen beabsichtige. England habe als in seinem Interesse liegend befunden, die Sache so darzustellen: ,L'alliance avec la Russie et bon ami avec l'Angleterre et avec l'Allemagne si eile veut.' Je besser die Beziehungen zu Deutschland sich gestalteten, desto mehr werde man in Frankreich befriedigt sein, und er hoffe — welche Hoffnung ich teilte —, daß sich aus den Marokko-Beratungen schließlich ein besseres Verhältnis 166 DER MINISTRABLE MILLERAND zwischen den beiden Nachbarn entwickeln werde. Er sei eben in Hamburg gewesen und bewundere, was deutsche Tatkraft hier und dort geschaffen habe. Deutschland scheine ihm ein besonders glückliches Land, da es schon allein durch sein Schwergewicht und seine Machtfülle und sodann durch den Fleiß der Deutschen im Ausland überall seinen Einfluß ausübe. Keine Äußerung des Herrn Millerand verriet auch nur andeutungsweise sozialdemokratische Anschauungen. Sichtlich bestrebt, Ministerkandidat zu bleiben! Ich sagte Herrn Millerand, daß Eure Durchlaucht sich jedenfalls, wenn Sie hier gewesen wären, gern die Freude verschafft hätten, seine Bekanntschaft zu machen." XL KAPITEL Indiskretionen Delcasses • Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz • Russisch-japanische Friedensverhandlungen • Wittes Erfolg in Portsmouth • Witte auf der Rückreise in Berlin und Rominten • Brief Philipp Eulenburgs über Rominten (September 1905) Brief der Gräfin Witte an Herrn von Mendelssohn • Großfürstin Wladimir an ihren Onkel, Prinz Heinrich VII. Reuß, über russische Zustände • Die Heirat des Großfürsten Kyrill • Kuisermanöver in der Rheinprovinz, Bülow wird zum Generalmajor a la suite der Armee mit der Uniform de9 Königshusaren-Regiments ernannt • Herr von Bethmann Hollweg preußischer Minister des Innern Der von Herrn Millerand so ungünstig beurteilte Delcasse konnte seinen Sturz und das Scheitern seiner kriegerischen Pläne nicht verwinden. Delcasse nach Kaum einen Monat nach seinem Rücktritt erklärte er einem Mitarbeiter d ßm Sturz des „ Gaulois", er habe in der Ministerratssitzung, in der er seine Entlassung gab, seinen Kollegen auseinandergesetzt, daß sie im Vertrauen auf England alles wagen könnten. Nachdem Frankreich sich entschlossen hätte, jede Konkurrenz zur See gegenüber England aufzugeben und ihm die Herrschaft über das Meer und seine Wellen nie wieder streitig zu machen, stünde einer engbsch-französischen intimen Allianz, nichts mehr im Wege, die automatisch zu besseren Beziehungen zwischen Rußland und England führen werde. Seine Kollegen hätten ihm auf seine mutigen Worte ängst- Uch erwidert: „Aber dann wird uns Deutschland angreifen!" Er, Delcasse, habe den furchtsamen Ministem zugerufen: „Nun, so mag uns Deutschland angreifen, wir sind in der Lage, zu antworten!" Delcasse hatte mit den Worten geschlossen: „Sich zur Konferenz zu begeben, ist für Frankreich ein Fehler, und welch ein Fehler!" Drei Monate später wurde Delcasse in seinen Indiskretionen kühner. Er ließ durch den „Matin" verbreiten, er sei während der Marokko-Krise in der Lage gewesen, im Minister-Konseil mitzuteilen, daß England der französischen Regierung das Versprechen gegeben hätte, es werde im Falle eines deutschen Angriffs seine Flotte mobilmachen, den Kaiser-Wilhelm- Kanal besetzen und 100000 Mann in Schleswig-Holstein landen. Aus diesem Grunde sei er, Delcasse, für die Ablehnung des Konferenzvorschlages gewesen. Auf diese Enthüllung erwiderte wenige Tage später der Führer der französischen Sozialisten, Jaures, Delcasse habe bei der englischen 168 EIFERSUCHT IM A. A. Regierung den Eindruck hervorgerufen, daß er zu allem bereit sei, und die englische Regierung hätte bei dem eitlen Ex-Minister die Rolle des Versuchers gespielt. Die Mehrzahl der französischen Rlätter tadelten Delcasse, weil er Staatsgeheimnisse preisgegeben habe. Die offiziöse „Agence Havas" erklärte sich ermächtigt, die vom „Gaulois" und vom „Matin" verbreiteten Erzählungen über die Zwischenfälle, die den Rücktritt Delcasses herbeigeführt hätten, wie über die Einzelheiten bezüglich der Sitzung des damaligen Ministerrats als unzutreffend zu bezeichnen. Gleichzeitig erklärte das Büro Reuter die Enthüllungen des „Matin" über das militärische Versprechen Englands für unwahr. Der englische Botschafter suchte mich auf, um mir amtlich, im Auftrag seiner Regierung zu erklären, daß die Behauptung des Ex-Ministers Delcasse, die englische Regierung habe ihm militärische Hilfe in Aussicht gestellt und 100000 Mann in Holstein landen wollen, unwahr wäre. Ich erwiderte meinem Freunde Lascelles, ich hielte an der Hoffnung fest, daß das englische und das deutsche Volk sich nicht durch französische Treibereien verleiten lassen würden, sich „pour les beaux yeux de la belle France" in die Haare zu geraten und das namenlose Unglück eines allgemeinen Krieges über die Welt heraufzubeschwören. In der offiziösen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" hieß ich den Enthüllungen des „Matin" und des „Gaulois" jede Bedeutung für die in den letzten Monaten erzielte freundlichere Gestaltung des deutsch-französischen Verhältnisses absprechen. In der halboffiziösen „Kölnischen Zeitung" wurde gleichzeitig ausgeführt, daß die Enthüllungen des „Matin" nicht als lächerliche Phantastereien abgetan werden könnten. Es empfehle sich, sie ernst zu nehmen. Es habe wenig gefehlt, daß die leidenschaftliche Gefühlspolitik des Herrn Delcasse Europa in einen Krieg gestürzt hätte, wie er furchtbarer nicht gedacht werden könne. Bei den Vorarbeiten für die Konferenz von Algeciras machten sich in der Vorbereitung politischen Abteilung des Auswärtigen Amts allerlei Eifersüchteleien und fiir Algeciras Zänkereien geltend. Sie waren zum großen Teil auf die Unverträglichkeit des Geheimen Rats von Holstein zurückzuführen, der dem Staatssekretär Richthofen, nachdem er eine Zeitlang mit ihm leidlich ausgekommen war, neuerdings Amt und Leben sehr erschwerte. Gleichzeitig hatte er einen der kenntnisreichsten und begabtesten Beamten im Auswärtigen Amt, den damaligen Legationsrat, späteren Gesandten und endlich nach dem Umsturz kurze Zeit Minister des Äußern Rosen, Gott weiß warum, en grippe genommen. Der Botschafter Radolin in Paris bildete sich ohne Grund ein, Rosen wäre zu seinem Nachfolger bestimmt, und erschwerte infolgedessen Rosen, als dieser zur Besprechung mehrerer Spezialfragen für einige Wochen nach Paris geschickt worden war, in etwas kleinlicher Weise seine Aufgabe. Der Vertrauensmann von Holstein war damals der Geheime Rat Kriege, Der Friede von Portsmouth Die Vertreter Rußlands und Japans als Gäste Roosevelts auf der Präsidentenyacht „Mayflower" am 5. August 1905. Von links nach rechts Witte, der russische Botschafter in Washington Baron Rosen, Roosevelt, Baron Komura, Takahira DER ZAR MACHT FRIEDEN 169 der als Jurist zu tüchtig war, um ein brauchbarer Diplomat zu sein. Da endlich die ängstliche Eifersucht von Radolm durch den damaligen Botschaftsrat in Paris, Hans von Flotow, dessen dienstliche Tüchtigkeit und politische Befähigung nicht auf der Höhe seiner Neigung zu Intrigen standen, noch erheblich verstärkt wurde, so herrschte gerade bei der Behandlung der so eminent wichtigen Marokko-Frage unter den Dii minorum gentium ein bedauerliches Durcheinander. Ich schrieb darüber an den Staatssekretär: „Besten Dank für die Nachrichten über den Fortgang der Marokko-Angelegenheit. Für unsere Weltstellung wie für die Stimmung in Deutschland ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir anständig aus dieser Frage herauskommen. Vorbedingung hierfür ist, daß alle Beteiligten — Rosen und Kriege, Radolin und das Amt — unter Zurückdrängung kleinlicher persönlicher Gesichtspunkte nur an das Vaterland und sein Wohl denken. Darauf müssen Sie hinwirken, und in dieser Richtung werde ich Sie, wenn es nötig werden sollte, mit rücksichtsloser Entschiedenheit unterstützen. Ich dulde jetzt keine Quertreibereien und persönliche Empfindlichkeiten." Die russische Widerstandskraft gegenüber den Japanern näherte sich inzwischen ihrem Ende. Da sich gleichzeitig die innere Lage des großen Der Friede Reichs immer bedrohlicher gestaltete, entschloß sich Kaiser Nikolaus zum von Ports- Frieden, obwohl die meisten älteren Ratgeber des Zaren, viele Generale moutfl und insbesondere der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch, davon abrieten. Es war, wenn auch mühsam, gelungen, in Moskau eine Erhebung, die keine Revolte mehr war, sondern eine sozialistische Revolution, in mehrtägigem Straßenkampf niederzuwerfen. Die Versuche der Polizei, die Erregung der Massen auf die Juden abzulenken, unter denen entsetzliche Metzeleien angerichtet wurden, schadeten dem zaristischen System bei allen Gebildeten und menschlich Empfindenden, ohne der Autokratie mehr als vorübergehende Entlastung zu verschaffen. In einem ad hoc einberufenen Kronrat gab der Zar für die Friedenspartei den Ausschlag. Er entschloß sich auch, den ihm persönlich antipathischen Witte mit den Friedensverhandlungen zu betrauen, die unter amerikanischer Ägide in Portsmouth, einem amerikanischen Städtchen nördlich von Boston, im Staate New Hampshire, stattfanden. Witte zeigte sich als ein Friedensunterhändler ersten Ranges. Obwohl er schlecht Englisch sprach, gelang es ihm doch durch sein imponierendes Äußeres, die slawisch-russische Leichtigkeit seiner Umgangsformen und die Unermüdlichkeit, mit der er Händedrücke austeilte, durch sein ganzes Auftreten sich in Amerika rasch Bewunderung und Sympathien zu erwerben. Er hat mir später selbst erzählt, daß er an jenem Nachmittage stundenlang jeden, der sich meldete, empfangen und so viele Shake-hands ausgetauscht habe, daß ihm hinterher die ganze Nacht seine rechte Hand 170 VERTRAULICHES DINER MIT WITTE geschmerzt hätte. Er habe sie mit Opodeldok eingerieben und am nächsten Tage wieder angefangen. Er bewies durch seinen Erfolg, daß Talleyrand nicht unrecht hatte, wenn er meinte, qu'avec un front d'airain et le sourire sur les levres un diplomate de race passe partout. Das Beste für Witte tat natürlich sein berühmter Name. Es ist betrübend, zu denken, daß, als Deutschland sich zu Friedensverhandlungen genötigt sah, wir den siegreichen Franzosen in den Wald von Compiegne keinen besseren Unterhändler entgegenzusenden wußten als den armen Matthias Erzberger, über den der kluge Papst Benedikt XV., nachdem er ihn im Frühjahr 1915 einige Male empfangen hatte, zu einem Herrn seiner Umgebung äußerte: „Pare che questo famoso Erzberger sia molto bravo nel parlamento. Ma come, per Bacco, si mescola nella diplomazia per la quäle mi pare non sia adatto a fatto." Die englische Politik war während der Friedensverhandlungen von Portsmouth bestrebt, die Japaner von übertriebenen Forderungen abzuhalten und sich den Russen nützlich zu machen. Witte erreichte in Portsmouth weit mehr, als man in Rußland angenommen hatte. Aus Petersburg wurde mir geschrieben, daß dank seiner Geschicklichkeit Rußland nach einer militärisch schlecht verlaufenen Kampagne eine diplomatische Niederlage vermieden habe. Der Zar richtete ein würdiges Telegramm an den General Linjewitsch, der nach der Abberufung des unglücklichen Kuro- patkin den Oberbefehl über die russischen Truppen in Ostasien übernommen hatte, in dem er dem russischen Soldaten für die wiederum von ihm bewiesene Mannhaftigkeit und Selbstaufopferung dankte. Im altrussischen Stil, im Stil des Kaisers Nikolaus I. hieß es: „Möge die Armee wissen, daß ich und Rußland ihre in diesem schweren Krieg gebrachten Opfer schätzen." Es war vorauszusehen, daß das für Rußland unglückliche Ende des Russisch-Japanischen Krieges einerseits den nahen Osten, die Balkanhalbinsel, wieder wie in den siebziger und achtziger Jahren zum Mittelpunkt der russischen Aspirationen und Wühlereien machen, andererseits intime Beziehungen zwischen Rußland und England erheblich erleichtern würde. Als Witte aus Amerika nach Europa zurückkehrte, Heß er mich um eine vertrauliche Begegnung bitten. Ich lud Witte zu einem Diner in dem altberühmten Restaurant von Borchardt ein, bei dem wir von acht Uhr bis nach Mitternacht alle uns interessierenden Fragen gründlich durchsprachen. Das Ideal von Witte war noch immer die deutsch-russisch-französische Allianz gegen England. Er suchte mich davon zu überzeugen, daß, wenn wir den Franzosen Lothringen zurückgäben, eine solche Gruppierung nicht unmöglich wäre. Er fügte hinzu, daß die Franzosen sich in diesem Fall wohl bereitfinden lassen würden, die Festungswerke von Metz niederzureißen. Ich entgegnete ihm, daß es für jeden deutschen Kanzler und auch WITTE IN ROMINTEN 171 für jeden deutschen Kaiser sehr schwer sein würde, Metz, für das so viel deutsches Blut geflossen wäre, das wir nun seit einem Vierteljahrhundert besäßen, wieder herauszugeben. Dann frug ich ihn ä brüle pourpoint, ob er wirklich sicher wäre, daß die Franzosen, wenn sie Metz wiederhätten, ehrlich und aufrichtig auf Straßburg verzichten würden. Witte, der wie alle ernsthaften Staatsmänner kleine Finasserien, Winkelzüge und Unwahrheiten verachtete, erwiderte mir nach kurzem Nachdenken: „Non! Iis deposeront des le lendemain des couronnes aux pieds de la statue de Strasbourg sur la Place de la Concorde, en criant: Et Strasbourg ? Strasbourg!" Er suchte mich davon zu überzeugen, daß ein kontinentaler Bund gegen England mit unserem Verzicht auf Elsaß-Lothringen nicht zu teuer erkauft wäre. Ich mußte ihm darlegen, daß ein deutscher Verzicht auf unsere Reichslande nicht so leicht zu bewerkstelligen wäre wie die Preisgabe von Sachalin und selbst von Korea. Man könne nachträglich darüber streiten, ob Fürst Bismarck seinerzeit alle Folgen der Abtretung von Elsaß-Lothringen an Deutschland vorausgesehen habe. Vielleicht habe er selbst 1871 die leidenschaftliche Zähigkeit des französischen Patriotismus, das Einheitsgefühl der Franzosen, die Bedeutung der geistigen Fäden wie der Erinnerungen, die Elsaß und Lothringen seit der großen Französischen Revolution mit Frankreich verbänden, unterschätzt. Aber nachdem vor einem Menschenalter dieser Schritt geschehen wäre und nun die deutsche Fahne auf dem Straßburger Münster und auf den Wällen von Metz wehe, sei eine rückwärtige Revision des Frankfurter Friedens nicht möglich. Von Berlin begab sich Witte nach Rominten, wo ihn Kaiser Wilhelm, der kaum etwas so sehr goutierte wie Begegnungen und Unterredungen mit Wilhelm II. prominenten Ausländern, mit Sehnsucht erwartete. Philipp Eulenburg, empfängt der einige Tage vorher in Rominten eingetroffen war, schrieb mir am Tage Witle vor dem Eintreffen von Witte, am 24. September 1905, über seine dortigen Eindrücke: Er könne mir nicht verhehlen, daß ihn, der dem diplomatischen Dienst Valet gesagt hätte, der trotz aller äußerlichen Unruhe und Bewegung stehengebliebene Hof, die Intrigen, die lächelnde Maske der in Ehrgeiz und Hoffnungen aufgeblähten Figuren, die sich Menschen nennten, merkwürdig anmuteten. Er müsse unaufhörlich an sich halten, um nicht Wahrheiten ganz schlicht, ohne Groll und Haß, zu sagen, die aber in diesem Milieu erstaunen und verletzen würden. Eulenburg fuhr fort: „Und doch ist es mir schwer, zu schweigen, wenn S. M. mir in alter Vertraulichkeit den ganzen Gang der Politik erzählt und sie mit hundert Details ausschmückt, in welchen ich haarscharf die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu unterscheiden vermag. Bisweilen will er imponieren, bisweilen auch amüsieren — bisweilen hat es gar keinen Zweck — eine Angewohnheit wie eine andere. Ich werde, wenn wir uns wiedersehen, eine kleine Kontrolle bei Dir 172 DAS FATALE AUTO eintreten lassen und die Bilder Monaco, Bourgeois, Rouvier, Zarenbegegnung usw. Revue passieren lassen. Von all diesen Bildern scheint mir die Gegnerschaft zwischen Onkel Bertie und Neffe Willy am wahrsten hervorzutreten, und sie scheint sehr beachtenswert, weil die stärkste Triebfeder aller Handlungen — also auch der Politik — immer persönliche Leidenschaft sein wird. In manchen Naturen wirkt der Neid, in anderen die Rache als stärkste Triebfeder. Bei Onkel Bertie wohl beides, denn die sittliche Entrüstung des Neffen über den ,spielenden Onkel' wird dieser wohl niemals vergessen haben. Auch will er jetzt, an der Spitze des gewaltigen England, mehr gehört werden als der Neffe. Früher waren es die Weiber, jetzt ist die Politik sein Sport, und da er sein Leben lang nur Sport getrieben hat, wird die Mischung von Sport und persönlicher Leidenschaft von seinen Feinden zu fürchten sein. Der bevorstehende Besuch Wittes interessiert mich sehr. Ich werde Dir den Besuch schildern, fürchte aber, daß S. M. wieder einmal zu offen sein wird — was sich schließlich meiner Kontrolle entzieht." Zwei Tage später schrieb mir Eulenburg unter dem 26. September 1905: „Witte traf heute Mittwoch %1 Uhr auf der Station ein. Ich holte ihn in einem geschlossenen Automobil ab und mußte mich bei dem Gebrause des fatalen Vehikels anstrengen, den leise sprechenden Mann zu verstehen. Wir kamen bald in medias res, es freute mich, zu konstatieren, wie genau er mit seinen Gedanken unsere Wege wandelt. Er fühlt sich in der Tat solidarisch mit unseren Interessen — aber was nützt es, wenn Kaiser Nikolaus ihn nicht an die Spitze stellt? Um 1 Uhr trafen wir am Jagdhaus ein. Der Kaiser empfing Witte, vor der Tür promenierend. Er geleitete ihn mit August Eulenburg in sein Zimmer. Um %2 Diner. Witte rechts von der Kaiserin. Die Unterhaltung über amerikanische Gewohnheiten war fließend, aber nicht übermäßig lebhaft. Nach dem Essen ging es besser. Der Kaiser, Witte und ich harmlos plaudernd und lachend. Dann empfahl sich die Kaiserin. Um wanderte der Kaiser mit Witte in sein Zimmer hinauf, und ich höre jetzt — %5 Uhr — in meinem Zimmer daneben bald lebhafter, bald schwächer die tönenden Laute der Unterhaltung. Um %5 wurde der Pirschwagen gemeldet, und nach einem Gespräch von 2 % Stunden trat der Kaiser mit Witte aus dem Zimmer. Der Kaiser sagte mir leise: ,Es war großartig', und ich begleitete Witte in sein Zimmer. Er stand ganz unter dem Zauber der Persönlichkeit des Kaisers und sagte mir — so bewegt, als er es überhaupt sein konnte: ,Björkö est le plus grand soulagement de ma vie! — le seul moyen d'arriver ä une politique stable.' (S. M. hatte ihm gesagt, daß ich orientiert sei.) Es knüpfte sich natürlich an diese Bemerkung ein Gespräch über die Wirkung und die Art der Behandlung der Angelegenheit. Ich betonte öfters, daß die absolute Verschwiegenheit DIE RUSSEN UND DIE PARISER HETÄREN 173 vorderhand das wichtigste Erfordernis sei. Frankreich würde in eine sehr schwierige Lage kommen, und König Eduard würde diese Situation ausnutzen, wenn jetzt nicht peinlichste Stille waltete. Besonders eifrig wandte sich Witte gegen Benckendorff und Nelidow. Wie weit sein Einfluß in dieser Hinsicht reichen wird, Wandlung zu schaffen, lasse ich dahingestellt. Er hat den Eindruck, daß ihm der Besuch in Rominten und die Wiedergabe des Gesprächs mit S. M. nützen werden — um so mehr, als er in der Lage ist, seinem Herrn allerhand Details über englische Machenschaften zu geben, die den Zaren höchst unangenehm berühren müssen. Hoffen wir das Beste! Den Inhalt seiner Besprechung mit Witte wird Dir S. M. mitteilen. Es führt mich hier zu weit — und ich habe schon viel mehr getan, als ich mit meiner elenden Gesundheit vermag." Am 27. September 1905 berichtete Eulenburg mir weiter: „Witte war gestern abend beim Souper ganz aufgetaut und erzählte sehr behaglich. Ob ihn nach dem Essen eine endlose Erzählung Hollmanns über einen Schiffschronometer, der nicht aufgezogen war, und eine Erzählung des Kaisers über eine Boje, die eigentlich eine andere hätte sein sollen, sehr begeistert haben wird, bezweifle ich. Als aber darauf gar Richard Dohna eine sehr ernste Geschichte von einem Erdbeben erzählte, bei dem sich gar nichts ereignete, sagte ich, daß eine Dame durch ein Erdbeben einen Nervenschock erlitten habe und so empfindlich geblieben sei, daß sie, als auf einer Station ein Kellner sehr laut,Erdbeeren!' rief, in Ohnmacht fiel. Diese dumme Geschichte erregte so große Heiterkeit, daß die Majestäten aufstanden und zur Erlösung Wittes zu Bette gingen. Es war eine Pille, die endlich zu Stuhle führte. Heute früh um %9 fand die gemeinschaftliche Mahlzeit statt, an der auch Witte, den Schlaf noch in den Augen, teilnahm. Um 9 Uhr fuhr der Kaiser mit Witte und mir zur Station. Die Unterhaltung drehte sich meist um Frankreich und die Schwierigkeit, es zu ködern. Bei der Rückfahrt sprach S. M. alles nochmals mit mir durch. Wie immer bei solchen Gelegenheiten schätzte er die Werte zu hoch ein." Über die russischen Botschafter in London und Paris, Graf Alexander Benckendorff und Alexander Iwanowitsch Nelidow, hatte sich Witte auch mir gegenüber sehr abfällig ausgesprochen. Er meinte, daß der letztere, der früher ein ausgesprochener Anhänger guter Beziehungen zu Deutschland gewesen wäre, jetzt alles mit französischen Augen ansehe unter dem bestrickenden Einfluß der Pariser Hetären, in deren Armen der schon siebzigjährige Nelidow nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen früheren politischen Scharfblick eingebüßt habe. Mit Benckendorff stünde es noch übler. Trotz seiner wohlhabenden Frau stäke er oft in Geldschwierigkeiten. Er, Witte, habe als Finanzminister in früheren Zeiten mehrfach die Schulden von Benckendorff bezahlen müssen, auf Wunsch der Kaiserin-Mutter, deren Wohlwollen 174 DAS FRANZÖSISCH DER FRAU WITTE Benckendorff als Mazurka-Tänzer erworben hätte. Jetzt wäre es die englische Regierung, welche die Aufgabe übernommen habe, Benckendorff finanziell über Wasser zu halten. „II se fait payer par l'Angleterre." Die Bemerkung Eulenburgs, daß Kaiser Wilhelm „meist die Werte zu hoch einschätze", war zutreffend. In vorliegendem Fall war freilich Eulenburg selbst in diesen Fehler verfallen. In seinen Memoiren erzählt Witte in direktem Gegensatz zu den Äußerungen Seiner Majestät und den Mitteilungen Eulenburgs, daß ihm Kaiser Wilhelm den Text des Vertrages von Björkö habe zeigen wollen, er hätte dieses Anerbieten aber abgelehnt und dem Kaiser nur gesagt, daß dessen Worte ihn mit Freude erfüllten. Als er später von Lambsdorff den genauen Wortlaut des Vertrages erfahren hätte, sei er entsetzt gewesen. Es ist wohl zweifellos, daß auch Witte trotz seines Wunsches, wenn mögbc,h ein festländisches Bündnis zwischen Deutschland, Rußland und Frankreich zu erreichen, jedenfalls aber mit Deutschland Frieden und Freundschaft aufrechtzuerhalten, die Überrumplung von Björkö mißbilligte und beklagte. Er hat sich ebenso wie Lambsdorff bemüht, den Zaren zum Abspringen von diesem Vertrage zu bewegen, Lambsdorff in giftigerer Weise, Witte offener und rücksichtsloser. Ein bezeichnendes Licht auf russische Zustände warf ein Brief, den die Gräfin Witte in jenen Wochen an Herrn Ernst Mendelssohn richtete und in dem sie unsere Vermittlung erbat, damit ihr Mann russischer Botschafter in Paris würde. Sie schrieb in einem seltsamen Französisch, mit origineller Orthographie und mit einiger Naivität an den großen Berliner Bankier, der die russischen Anleihen vermittelte: „Cher Monsieur Mendelsohn, voilä je m'adresse ä Vous de nouveau avec une grande priere, voilä en quoi eile consiste. Maintenant dans quelques semaines viendra le jour oü on proposera ä mon mari toute sorte des postes en Russie. Vue la sante de mon mari et la position interieure de la Russie pour lui ce serait tout bonnement un malheur de se fourrer dans toute cette affaire. D'un autre cote vu que maintenant le poste d'Ambassadeur en France devient non seulement pour la Russie mais au plus forte raison tres grave aussi pour l'Allemagne ce serait un vrai bonheur pour nous si l'Empereur nomme mon marie Ambassadeur ä Paris. Je sais que l'Empereur est mecontent de Nelidoff et Sa Ma- jeste trouve lui-meme vu les circonstances qu'il faut nommer une personne qui a des autres vues. Vous nous ferez, cher Monsieur Mendelsohn, un verkable Service d'ami si Vous insinuerez cette idee ä Sa Majeste Votre Empereur. Nous sommes sür que Votre Empereur trouvera cette idee magnifique et si II insiste sur cette idee chez notre Empereur, notre Empereur consentira, mais seulement il ne faut pas perdre du temps. Je vous serai tres reconnaissant si vous trouvez le moyen de me faire sa- voir le re"sultat de Vos demarches. J'espere que vous ne m'en voudrez pas DER BIEN MUSS 175 pour les ennuis que je vous cause, mais votre amitie me donne le courage de vous deranger avec ma lettre. Mes compliments les plus amicales ä Madame Mendelsohn. Je me dis Votre tres devouee Comtesse Witte." Die treue Gattin hatte darin recht, daß es für Sergej Juljewitsch besser gewesen wäre, russischer Botschafter in Paris zu werden, als sich in der inneren russischen Politik zu verbrauchen. Eine Förderung ihres Wunsches aber war nach Lage der Verhältnisse für uns nicht gut möglich. Während meines letzten Zusammenseins mit Witte bei Borchardt sagte ich ihm, er sei unter Kaiser Alexander III. ein guter Minister gewesen, er würde wahrscheinlich unter dessen Großvater, Kaiser Nikolaus I., noch besser am Platze gewesen sein. Auch unter dem schwächeren Nikolaus II. habe er, solange der Zar, wenigstens dem Namen nach, Selbstherrscher gewesen wäre, Ersprießliches geleistet. Zum parlamentarischen Ministerpräsidenten aber fehle ihm ungefähr alles. Als Witte mir, nicht ohne Pikiertheit, auseinandersetzte, er sei ein Liberaler, er freue sich auf das Zusammenarbeiten mit dem Parlament und werde die Duma zähmen und zu leiten wissen, verhehlte ich ihm nicht meine Bedenken und Zweifel. Gewiß wären seine Allüren liberal, er verfüge auch über eine bemerkenswerte europäische Bildung, aber seine ganze Denkungsweise wäre nicht nur echt russisch, sondern altrussisch. Im Grunde halte er es mit dem Spruch des Kaisers Nikolaus Pawlowitsch: „Der Bien will nicht, aber er muß." Nachdem einmal, nicht ohne sein Zutun, in Rußland die Schleusen des Parlamentarismus geöffnet worden wären, werde er bald erkennen, daß sein ganzes Naturell nicht in ein parlamentarisches Rußland passe. Jedenfalls möge er die Arbeit mit der Duma Heber anderen überlassen, er sei nun einmal kein Ministre parlamentaire und noch weniger ein Chancelier parlamentaire, es fehle ihm die Gewandtheit, die „souplesse". Witte machte ein sauersüßes Gesicht. Er war nicht ohne Eitelkeit, aber die Ereignisse sollten mir recht geben. Und dabei hatte ich, um Wittes Selbstgefühl zu schonen, ihm nicht einmal gesagt, daß seine Rauheit nach den Erfahrungen, die ich mit ihm in Norderney gemacht hatte, mehr eine äußere Haut war, die keine wirkliche, unbeugsame und stählerne Energie verhüllte. Über die immer unerfreulicher werdenden russischen inneren und insbesondere russischen Hofzustände schrieb, wenige Wochen bevor Sergej Juljewitsch zum ersten konstitutionellen russischen Ministerpräsidenten Wladimir ernannt wurde, die Großfürstin Wladimir ihrem Onkel, dem Prinzen Hein- uheT dl f rieh VII. Reuß, in einem Brief, den dieser mir vertraulich mitteilte: „Mein lieber Onkel, am Sonntag, dem 8. Oktober n. St., hat sich Kyrill mit Viktoria-Melitta von Koburg trauen lassen. Die Hochzeit fand in Tegernsee statt und ward durch den Priester meiner Schwägerin vollzogen. Die Situation war unhaltbar geworden, und da nun Frieden bei uns einzog, so hatte Großfürstin russische Dynastie 176 KYRILLS EHE Kyrill sein Versprechen gehalten, bis dahin zu warten. Wir haben in diesen vier Jahren alles getan, um diese Ehe zu verhindern; die Herzen wollten aber nicht voneinander lassen, und so war es schließlich für Kyrüls Namen und Ehre besser, die Sache endete mit einer Heirat. Daß die Sache hier nicht ganz glatt verlaufen würde, wußten wir und waren auf einige momentane Unannehmlichkeiten gefaßt. Die blinde Rachsucht und Wut der jungen Kaiserin hat aber alles übertroffen an Bosheit, was die wildeste Phantasie sich ausmalen könnte. Sie hat wie eine Wahnsinnige getobt und gewütet, ihren schwachen Mann mit fortreißend, der ihr seine Macht hergab, um an ihrer Ex-Schwägerin sich zu rächen in dem Mann ihrer Wahl. Man hat gehandelt, als ob ein furchtbares Verbrechen begangen worden sei, und so gerichtet. Dieses Wüten gegen einen Großfürsten, der ein Opfer des Krieges ist, der sich einen Namen in Port Arthur machte, der eine ebenbürtige Frau sich wählte, der, statt zu desertieren wie die anderen, gleich herkam, sich seinem Kaiser zu stellen zur Sühne! Dem Sohn des ältesten Onkels, der seit fünfundzwanzig Jahren unermüdlich und treu an der Spitze der hiesigen Truppen steht, hundertmal den Kaiser herausgerissen hat usw., und das in diesem Moment, das ist den Menschen doch zuviel, und es geht ein furchtbarer Aufschrei der Entrüstung durch alle Klassen der Bevölkerung. Wladimir hat infolge der entehrenden Behandlung seines Sohnes seine Entlassung eingereicht, denn er, der Treuste der Treuen bisher, sagt, er könne mit den Gefühlen jetzt im Herzen gegen den Kaiser ihm nicht mehr dienen. Die Truppen sind sehr aufgebracht, daß sie ihren geliebten Führer verlieren sollen, und ich weiß, daß von allen Seiten in den Kaiser gedrungen wird, ihm klarzumachen, es läge Gefahr darin, diesen Onkel gehen zu lassen. Darum verzögert sich die Antwort nun schon seit sechs Tagen. Aber ich glaube nicht, daß Wladimir bleiben kann, auch auf eine Bitte des Kaisers hin nicht, außer man rehabilitiert unseren Sohn. Was der Sache die Krone aufsetzt, ist, daß Kyrill mit Genehmigung des Kaisers herkam, seine Heirat ihm zu melden, und daß ihm gerade dies Herkommen als Hauptschuld angerechnet wird. Du, beber Onkel, mußt glauben, daß dies so nicht möglich ist; aber, leider, hier ist jetzt alles möglich, und wenn ich hinzufüge, daß diese Genehmigung ohne Wissen der Kaiserin gegeben wurde, wirst Du Dir wohl ein genaues Bild der Situation machen können. Also es wurde so gehandelt: Kaum war Kyrill angekommen, erschien der Hausminister mit dem Befehl, sofort Rußland wieder zu verlassen. Die Kaiserin wollte, noch an demselben Abend, aber das wäre nur im Luftballon möglich gewesen. Dann Ausstreichen aus Flotte und Armee. Verlust aller Uniformen und Grade; Verlust seines Chefregiments, bei seiner Geburt von seinem Großvater ihm verliehen. Verlust seiner Apanagen: Verlust seines Namens und Titels und ewige Verbannung. Die Sache mit dem Namen HASS DER SCHWÄGERINNEN 177 mußte der Kaiser einige Tage darauf zurücknehmen, da ihm alle Minister klarmachten, daß er dies einfach nicht könne. Und warum das alles? Weil die Kaiserin die gehaßte Ex-Schwägerin nicht in der Familie hahen will, denn alle anderen Gründe sind Formsachen, die sich leicht arangieren ließen, denn gegen die Ehre ist nichts in dieser Heirat, wenn wir sie auch nicht wünschten. Wir haben schwer gelitten und leiden noch. Dabei macht mir Wladimirs Gesundheit Sorge. Der Kaiser weiß, daß starke Emotionen ihm gefährlich sind! Aber das zählt alles nicht. Denke unserer! Deine Maria." Ich habe bei einem früheren Anlaß erwähnt, daß die Großherzogin Viktoria-Melitta von Hessen, eine Tochter des Herzogs Alfred von Koburg und der einzigen Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland, sich 1901 hatte scheiden lassen, um vier Jahre später ihren Vetter, den Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch von Rußland zu heiraten. Die Kaiserin Alexandra Feodorowna von Rußland, die mit großer Liebe an ihrem Bruder, dem Großherzog Ernst Ludwig, hing, haßte seitdem ihre frühere Schwägerin. Sich selbst überlassen, würde der schwache Nikolaus II. gegen seinen Vetter Kyrill und dessen Gattin schwerlich etwas unternommen haben. Die willensstärkere Kaiserin aber ruhte nicht, bis dem jungen Großfürsten in einer für ihn und seine Eltern allerdings sehr verletzenden Weise sein Regiment, seine Uniform, seine Apanage genommen und er gleichzeitig für immer aus Rußland verbannt wurde. Die Sache machte in der Petersburger Gesellschaft böses Blut und trug erheblich dazu bei, Kaiser Nikolaus im Lichte eines Schwächlings und Pantoffelhelden, seine in mancher Hinsicht edle, aber unglücklich veranlagte Gemahlin als hysterische Närrin, wie sie im vertrauten Kreise die jungen Großfürsten nannten, erscheinen zu lassen. Die Großfürstin Wladimir und ihre Söhne nährten seitdem für den großen Hof, die Kaiserin, den Kaiser und den kränklichen Thronfolger die Gefühle, die das Haus Orleans von Philipp Egalite bis zu Louis Philippe für die ältere Linie Bourbon empfunden hat. Wie weit die „Wladimirowitschs" an dem Sturz des Kaisers Nikolaus beteiligt waren, wird schwer festzustellen sein. Nach dessen Abdankung erließen die jungen Großfürsten öffentliche Erklärungen, in denen sie sich vom Kaiser lossagten und dessen unglückliche Gemahlin in gehässiger und roher Weise beschimpften. Viel Glück hatte ihnen diese Felonie nicht gebracht. Die ungeheure Welle des Bolschewismus ging bald genug auch über sie hinweg. Beim Rückblick auf das bewegte Jahr 1905 muß ich noch des Kaisermanövers in der Rheinprovinz gedenken, das in der ersten Septemberhälfte Bülows auch mein hebes Regiment nach Koblenz führte. An der Spitze des 8. Ar- Freund Adolf meekorps stand damals mein alter Regimentskamerad und Freund Adolf Deines von Deines. Er war einer der wenigen wirklich guten Menschen, die mir 12 BUlow II 178 DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH-UNGARN, RUSSLAND im Leben begegnet sind. Sein einziger Fehler war ein zu weit gebender Idealismus, der, von der eigenen Herzensgüte und Reinbeit der Seele ausgebend, bei anderen gleiche Gefühle voraussetzte. Er war der Sohn eines kurhessischen Beamten, der an seinem angestammten Kurhause trotz dessen bekannter Sünden und Narrheiten mit deutscher Treue hing. Der Alte wollte dem Sohn, den Neigung und Begabung zum Heere zogen, anfänglich nicht erlauben, in der preußischen Armee auf Avancement zu dienen. Erst als der Sohn Reserveoffizier geworden war, gestattete ihm der Vater den Übertritt zur aktiven Armee. Deines führte in Wirklichkeit den Vornamen Adolf, hieß aber bei allen seinen Freunden und in der ganzen Armee „Anton", vielleicht, um damit die Biederkeit seines Wesens zu charakterisieren. Er wurde ein ausgezeichneter Offizier, der sich im Krieg als Leutnant bei den Königshusaren ebenso bewährte wie später als Rittmeister bei den für ihr kühnes Reiten berühmten Zietenhusaren und endlich als Generalstäbler. „Anton" und ich waren seit dem Feldzug treue Freunde, obschon er mir nicht verhehlte, daß er die Diplomaten gar nicht mochte, weil er sie mit wenigen Ausnahmen entweder für falsch oder für schlapp hielte. Deines war ein Liebling von Waldersee, dem sein forsches Wesen gefiel und der auch fühlen mochte, daß jener nach seiner ganzen Art dazu neigte, das willfährige Werkzeug eines Listigeren zu werden. Das brachte Deines während seiner Tätigkeit als Müitärbevollmächtigter in Wien in einen für beide Teile charakteristischen Konflikt mit dem Fürsten Bismarck. Im Dezember 1887 hatte Major von Deines über eine Unterredung mit dem Kaiser Franz Josef und im Anschluß hieran über die Stimmung in Österreich-Ungarn und über die dort allgemein herrschende Begeisterung für einen Krieg der Mittelmächte gegen Rußland berichtet. Man glaube in Österreich-Ungarn fest an einen schheßlichen Erfolg Schulter an Schulter mit dem Deutschen Reich. Die österreichische Armee würde in einen Krieg gegen Rußland ohne Deutschland mit banger Besorgnis und mit bitteren Gefühlen gegen Deutschland eintreten. Die Masse denke sich unter der deutsch-österreichischen Allianz ein festes Schutz- und Trutzbündnis für alle Fälle. Diese Stimmung sei nicht künstbch erzeugt, sie habe sich von selbst gebildet, man müsse mit ihr rechnen. Im gesamten Offizierkorps der Doppelmonarchie bestehe ein felsenfestes Vertrauen zu uns und unseren sieggewohnten Fahnen. Schlügen wir gleich los, so würden alle Bedenken schwinden. An ihre Stelle würden Begeisterung und ein gesunder Ehrgeiz treten, es den Deutschen gleichzutun. Auf diesen seinen Bericht erhielt mein Freund Anton einen Erlaß des Fürsten Bismarck, dessen Schluß so bezeichnend für die Art des großen Kanzlers ist, daß ich ihn hier wiedergeben will: „Wenn ich Euer Hochwohlgeboren diese Erwägungen, welche mich bei der politischen Beratung Seiner Majestät des Kaisers leiten, hier in BISMARCK GEGEN GENERAL STABSPOLITIK 179 Kürze darlege, so geschieht dies nicht, um Euer Hochwohlgeboren von der Richtigkeit derselben zu überzeugen, sondern um mich der mir unerwünsch- ten Notwendigkeit zu überheben, den Abbruch der dienstlichen Beziehungen, in welchen sich das Auswärtige Amt zu Euer Hochwohlgeboren befindet, von Seiner Majestät zu erbitten. Die auswärtige Politik Seiner Majestät wird nicht vom Generalstab, sondern ausschließlich von mir beraten." Vorher befand sich in diesem Erlaß der nachstehende monumentale Satz: „Die wichtigste Frage, die überhaupt an die Politik des Deutschen Reichs gestellt werden kann, ist diese: Ob wir Österreich und demnächst Deutschland freiwillig und bewußterweise in einen Angriffskrieg gegen Rußland verwickeln sollen, der für uns den Verteidigungskrieg gegen Frankreich sofort nach sich ziehen würde, also den größten jetzt möglichen Krieg nach zwei Seiten hin, und der für uns, auch wenn wir ihn siegreich nach beiden Seiten hin durchführen, keinen annehmbaren Kampfpreis und keinen anderen im voraus berechenbaren Erfolg haben wird als die dauernde Ausdehnung der französischen Revanchestimmung auf die russische Nation." Der brave Deines fühlte das Wehen des Genius, der aus diesen Worten sprach. Er richtete einen der Lauterkeit seines Wesens entsprechenden Brief an den Fürsten, in dem er ihm seinen Dank für die hochgeneigtest erteilte Weisung und Warnung aussprach und gleichzeitig das feste Versprechen gab, fortan nur im Sinne der Instruktion Seiner Durchlaucht zu wirken. Mir aber haben sich diese vom Fürsten Bismarck 1887 an den Militärattache von Deines gerichteten Worte, die er während meines Aufenthaltes in Koblenz, während der Septembermanöver von 1905, zu meiner Kenntnis brachte, tief eingeprägt, und sie sollten mir drei Jahre später, bei der bosnischen Krise, eine Mahnung und eine Direktive sein. Deines war Kaiser Wilhelm II. durch meinen Bruder Adolf als Gouverneur für den Kronprinzen empfohlen worden. In dem Brief, den mein Bruder im November 1894 an Deines richtete, um ihm klarzumachen, daß er der richtige Mann für die Erziehung des Kronprinzen sei, hieß es: „Weshalb ich Sie für geeignet halte ? Sie sind, wie König Philipp über Posa sagt, einer der so wenigen, ,gut und fröhbch und kennt doch alle Menschen'. Sie sind nicht in der Gefahr, eine solche Aufgabe flach äußerlich aufzufassen oder nach einiger Zeit stumpf und blasiert zu werden: nicht in der Gefahr, mit Parademarsch, Uniform und Wachtstube allein die Seele des Kaisers der Zukunft zu erfüllen, nicht in der Gefahr, auf Äußerlichkeiten und Gedächtnis statt auf Inneres und Charakter zu wirken. Ich vertraue fest, daß, wenn der künftige Kaiser Sie einige Jahre als Beispiel vor sich hat, er so werden wird, wie unser Vaterland es braucht." Es war in der Tat nicht möglich, eine bessere Wahl zu treffen als Deines, der, tapfer und hochgebildet, streng gegen sich und gütig für andere, das Muster eines preußischen Offiziers 180 Ä LA SUITE Wechsel im Preußischen Ministerium des Innern und gleichzeitig, um mit Goethe zu sprechen, ein wahrhafter Deutscher war. Adolf von Deines starb nicht lange vor Beginn des Weltkriegs an den Folgen einer schweren Operation unter großen Schmerzen. Zu der ihn pflegenden Diakonissin sagte er: „Ich klage nicht über die Schmerzen, die ich empfinde. Aber, liebe Schwester, der Tod auf dem Schlachtfeld ist doch schöner." Während des Manövers ließ mich der Kaiser zu meiner Freude zweimal mein altes Regiment vorbeiführen, im Trabe und im Galopp. Als ich nach dem Vorbeimarsch mit der vorschriftsmäßigen Volte mich links von Seiner Majestät postierte, sagte mir Deines, der neben dem Kaiser hielt: „Das du die Volte so schön geritten hast, macht Seiner Majestät mehr Spaß, als wenn du ihm die längsten Denkschriften schmiedest." Ich begrüßte später die Offiziere meines Regiments, von denen ein Jahrzehnt später viele ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Blute besiegeln sollten. Auch im Weltkrieg hat das Königshusaren-Regiment, an dessen Spitze im vergangenen Jahrhundert Graf Karl Lazarus Henckel von Don- nersmarck, Graf Eduard von Oriola,' Graf Carl von der Goltz, der Freiherr Walter von Loe, der Prinz Heinrich XIII. Reuß, Karl von Colomb, Richard von Winterfeld und Friedrich von Hertzberg gestanden haben, seinem alten kriegerischen Ruhm Ehre gemacht! und neue Lorbeeren um seine stolze Standarte geflochten. Während des Manövers, unmittelbar nach dem Parademarsch, überreichte mir der Kaiser das Patent, durch das er mich zum General ä la suite der Armee mit der Uniform des Königshusaren-Regiments ernannte. Das Patent lautete: „Hochgeborener Fürst! Es ist mir besonders er- freubch, Ihnen an dem heutigen Tage einen erneuten Beweis Meiner wohlwollenden Gesinnungen dadurch zu geben, daß ich Ihnen, unter Belassung der Uniform des Husaren-Regiments König Wilhelm I. (1. Rheinisches Nr. 7), hierdurch den Charakter als Generalmajor verleihe. Ich verbleibe mit besonderer Wertschätzung des Herrn Fürsten wohlgeneigter und stets dankbarer Wilhelm R." Die Schlußworte „und stets dankbarer" waren von Seiner Majestät eigenhändig hinzugefügt und das Wort „stets" doppelt unterstrichen worden. Im März 1905 war der Minister des Innern, der biedere Freiherr Hans von Hammerstein, einem Herzschlag erlegen. Bei ihm wie ein Jahr später bei Richthofen war Überarbeitung die eigentbche Todesursache. Hammerstein starb so arm, und die Witwenpensionen waren damals so bescheiden, daß die Famibe des Staatsministers kaum die Beerdigungskosten und die Kosten für den Umzug in ihr Lüneburger Häuschen bestreiten konnte. Wenn ich angesichts solcher Einfachheit und Genügsamkeit auf die in den Anfängen der Republik bei uns eingerissene Unwirtschaftbchkeit Micke, so möchte ich den Machthabern jener Zeit zurufen, was bei Vergil der BETHMANN HOLLWEG WIRD MINISTER 181 König Euander dem frommen Aeneas sagt, als er ihn unter den Giebel des eng umschließenden Hauses führt/ Aude, hospes, contemnere opes, et te quoque dignum Finge Deo, rebusque veni non asper egenis. Als Nachfolger des Freiherrn von Hammerstein wählte ich Herrn Theobald von Bethmann Hollweg, der sich als Regierungspräsident von Bromberg wie als Oberpräsident von Brandenburg wohl bewährt hatte, auch vom Kaiser gewünscht wurde, dem sein redliches, freilich sehr untertäniges Wesen gefiel. Weniger zufrieden mit dieser Wahl war der Führer der Konservativen im Landtag, Herr von Heydebrand, der mir sagte: „Als Minister des Innern brauchen wir einen Mann mit fester Hand und Rückgrat. Einen Mann wie Fritz und Botho Eulenburg, Puttkamer, Koller. Statt eines Mannes geben Sie uns einen Philosophen." Bethmann Hollweg hatte einen ausgesprochen doktrinären Zug und nahm schon als Minister des Innern meine Zeit ungebührlich mit langatmigen Denkschriften in Anspruch, in denen er seine Pläne einer „Vergeistigung" des preußischen Staats unter gleichzeitiger „Ertüchtigung" des deutschen Volkes durch preußisches Wesen mehr akademisch als praktisch realisierbar entwickelte. XII. KAPITEL Die Frage der Nachfolge des Generalstabschefs Grafen Schlieffen • Bülows Unterredung mit General Hellmuth von Moltke, während sie auf dem Berliner Hippodrom um den Wasserturm reiten • Graf Hülsen, Chef des Militärkabinetts, zu dieser Frage • Der Kaiser besteht auf der Wahl Moltkes • Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg Kolonialdirektor • Erstes Auftreten Erzbergers • Die Verstimmung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. macht sich immer fühlbarer • Brief Wilhelms II. über seine Unterredung mit dem englischen Finanzier Beit (30. Dezember 1905) An einem schönen Herbsttage des Jahres 1905 begegnete ich bei meinem gewohnten Morgenritt auf dem Berliner Hippodrom dem mir seit Jahren Rücktritt befreundeten Generaladjutanten Hellmuth Moltke. Der sorgenvolle Ausdruck seines Gesichts fiel mir auf. Nachdem wir eine Zeitlang nebeneinander galoppiert hatten, meinte Moltke, er möchte eine ernste Angelegenheit in Ruhe mit mir besprechen, zu welchem Zwecke es wohl ratsam sei, sich in Schritt zu setzen. Wir lenkten nun unsere Pferde nach dem sogenannten Wasserturm, nicht weit vom Eingang zum Hippodrom. Während wir im Schritt immer wieder um diesen Turm ritten, sagte mir Moltke, der Kaiser habe sich entschlossen, den derzeitigen Chef des Großen Generalstabes in den Ruhestand treten zu lassen. Seine Majestät zolle der Genialität des Grafen Schlieffen volle Anerkennung, fände ihn aber mit dreiundsiebzig Jahren zu alt für diesen nicht nur große Arbeitskraft, sondern auch unverminderte körperliche Rüstigkeit verlangenden Posten. Übrigens wolle Graf Schlieffen selbst gehen. Moltke fuhr fort: „Nun will der Kaiser partout mich als Nachfolger haben. Dagegen sträubt sich alles in mir." In ruhiger, klarer Weise entwickelte Moltke, daß er sich nicht kleiner machen wolle, als er sei. Er würde das Arbeitspensum des Generalstabschefs gewissenhaft und, wie er annehme, gut erledigen. Er würde sich auch nicht einen Augenblick besinnen, Seiner Majestät zu sagen, daß die bisherige „Manöverspielerei aufhören müsse", über die viele und begründete Klagen laut würden. Er habe endlich schon als junger Offizier beim Sturm auf Saint-Privat vor der Front des Alexander-Regiments bewiesen, daß es ihm nicht an Mut fehle. Aber eine innere Stimme sage ihm, daß er für die Aufgabe, die der Chef des Generalstabs im Kriege zu erfüllen habe, nicht der richtige Mann sei. In der bei ihm gewohnten schlichten Art und mit edler NE JANZ DOLLE IDEE VON S. M.' 183 Bescheidenheit setzte, jedes Wort betonend, Moltke mir auseinander: „Für die Aufgabe des Feldherrn im Kriege bin ich zu schwerblütig, zu bedächtig und bedenklich, zu gewissenhaft, wenn Sie wollen. Es geht mir die Fähigkeit ab, unter Umständen alles auf eine Karte zu setzen, was die eigentliche Größe des wahren und geborenen Feldherrn, die Größe von Napoleon, von unserem Alten Fritz und meinem Onkel ausmachte. Der Meister der theoretischen Kriegskunst, Karl von Clausewitz, nennt ja Napoleon einen leidenschaftlichen Spieler. Clausewitz meint auch, und diese Worte sind mir in diesen Tagen oft durch den Sinn gegangen, daß der Krieg immer etwas von der Natur des Glücksspiels behalte. Deshalb werde der Feldherr, der zu wenig Neigung für dieses Spiel habe, im großen Kontobuche der kriegerischen Erfolge in eine tiefe Schuld geraten. Ich habe keine Neigung, auch nicht das Temperament zum Hasardieren." Moltke fügte hinzu, daß ihm der Gedanke entsetzlich wäre, mit dem Bewußtsein seiner Unzulänglichkeit einen derartig wichtigen Posten zu übernehmen, auf die Gefahr hin, nicht nur die Armee und das Land zu schädigen, sondern auch auf den hell leuchtenden Namen seines Oheims einen Schatten zu werfen. Er knüpfte an diese mit Überzeugung gesprochenen Worte die dringende Bitte, ich möchte den Kaiser von dem Gedanken abbringen, ihn zum Chef des preußischen Generalstabes zu ernennen. Ich erwiderte Moltke, daß es mir peinlich wäre, ihm seine Bitte abzuschlagen. Ich hätte mir aber zur Regel gemacht, mich nicht in militärische Angelegenheiten und insbesondere Personalien einzumischen. Ich erlaubte keine Ingerenz in meinen eigenen Wirkungskreis, wolle aber auch nicht in die Rechte und Obliegenheiten anderer eingreifen. Mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber in Würdigung meiner Beweggründe trennte sich Moltke mit kräftigem Händedruck von mir. Am Nachmittage desselben Tages begegnete ich in der Wilhelmstraße dem Chef des Militärkabinetts, dem Grafen Dietrich Hülsen, der ebenso wie Moltke seit langem zu meinen besten Freunden gehörte. Ich erzählte ihm meine Unterredung mit Moltke. Mit Humor und in seinem unverfälschten Berliner Deutsch erwiderte mir Hülsen: „Det is sehr vernünftig von Julius (so wurde Moltke von seinen Freunden, ich weiß selbst nicht warum, genannt), so zu sprechen. Er paßt auch jar nicht in den roten Kasten am Königsplatz. Det is ne janz dolle Idee von S. M." Sehr ernst werdend, fuhr Hülsen fort: „Es wird aber unendlich schwer sein, dem Kaiser diesen Gedanken auszureden. Wenn ich dem Kaiser für irgendein Armeekorps einen neuen Kommandierenden General vorschlage, für die wichtigsten Korps, für Metz oder Posen, und es soll nicht gerade Kaisermanöver bei dem betreffenden Korps sein, so stimmt Seine Majestät ohne weiteres zu. Aber wenn es sich um Posten handelt, mit deren Trägern er in häufige Berührung kommt, also z. B. um die Kommandeure der Leibregimenter oder um den 184 WER WIRD GENERALSTABSCHEF? Kommandierenden General des Gardekorps oder um den Kommandanten des Großen Hauptquartiers oder auch um den Chef des Großen Generalstabs, so ist es Seiner Majestät in hohem Grade unerwünscht, ja beinahe unerträglich, in solchen Stellungen nicht ihm ganz sympathische Leute, womöglich gute Freunde zu haben." Ich erwiderte, daß dann der Kaiser bei der Auswahl der militärischen Spitzen bedauerlicherweise sehr verschieden von seinem Großvater wäre. Der hätte den späteren Feldmarschall Man- teuffel bei seinem Regierungsantritt zum Chef des Militärkabinetts bestimmt, obwohl er sich gerade mit diesem Offizier, solange derselbe Adjutant des Königs Friedrich Wilhelm IV. gewesen war, wiederholt und heftig gestritten hätte. Als Manteuffel, von der ihm bevorstehenden Beförderung informiert, den alten König an diese Vergangenheit erinnert hätte, habe Wilhelm I. erwidert: „Gerade weil Sie meinem Bruder so treu gedient haben, habe ich Sie für den in Rede stehenden wichtigen Posten ausgesucht." Der alte Herr habe auch den berühmten General von Voigts-Rhetz, einen der wenigen ihm persönlich ganz antipathischen Generale nicht nur rasch avancieren lassen, sondern ihn 1866 zum Generalstabschef der ersten preußischen Armee, später zum Generalgouverneur von Hannover und 1870 zum Führer des 10. Armeekorps designiert. Ich frug dann Hülsen, wer außer Moltke für den Posten des Generalstabschefs nach seiner Ansicht noch in Frage kommen könne. Hülsen nannte mir in erster Linie den Kommandierenden General des 3. Armeekorps Karl Bülow, den späteren Feldmarschall, fügte aber gleich hinzu: „Den nimmt der Kaiser nicht, er erklärt ihn für einen Dickkopf." Er nannte dann noch die beiden Generale Bock von Polach, den Generalleutnant, der damals das 9., und den General der Infanterie, der das 14. Armeekorps kommandierte, den General von Falkenhausen, den General Colmar von der Goltz, den General von Hin- denburg, den General von Eichhorn und den General von Woyrsch, bemerkte aber bei jedem Namen, daß der Betreffende aus diesem oder jenem Grunde persönlich Seiner Majestät nicht konveniere. Den einen nenne er einen Zimmerstrategen, den andern einen Klugredner, einen dritten einen Phantasten. Es war dies, nebenbei gesagt, das erstemal in meinem Leben, daß ich den großen Namen des Siegers von Tannenberg, des späteren Generalfeldmarschalls von Hindenburg, hörte. Schließlich sagte mir Hülsen, er habe nicht das mindeste dagegen, sondern würde sich im Gegenteil sehr freuen, wenn ich versuchte, Seine Majestät von der Ernennung von Moltke abzubringen. Ich schrieb noch an demselben Tage einen Brief an den Kaiser, in dem ich ihm etwa sagte: er wisse aus langem Zusammenarbeiten mit mir, daß mir eine Einmischimg in militärische Fragen und Personalien fernläge. Der General von Moltke babe mir aber in so bestimmter Weise, mit solcher Redlichkeit und mit so zutreffenden Gründen die Überzeugung MOLTKE BITTET, ES NICHT ZU WERDEN 185 ausgesprochen, daß er sich für den ihm zugedachten, nicht nur militärisch, sondern auch politisch für Wohl und Wehe des Landes ungeheuer wichtigen Posten nicht eigne, daß ich den Kaiser dringend bitte, sich die Sache noch einmal zu überlegen und von der Wahl abzustehen. Der Kaiser antwortete mir zuerst in Kürze brieflich, später eingehend mündlich in freundlichster Weise, er nähme mir meine Vorstellung gar nicht übel, da er darin nur einen neuen Beweis meiner Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit sähe. Er wisse auch wohl, daß Moltke nicht wolle. Diese seine Weigerung mache seiner Bescheidenheit Ehre, sie könne aber ihn, den Kaiser, nicht in seinem Entschluß irremachen, der wohlüberlegt und unwiderruflich wäre und dem der göttliche Segen nicht fehlen würde. Der Kaiser erinnerte mich daran, daß auch ich mich nur nach reiflicher Überlegung und nach Uberwindung mancher Bedenken bereit erklärt hätte, den Posten des Staatssekretärs des Äußern zu übernehmen. Schließlich wäre es ganz gut mit mir gegangen. Er sei überzeugt, daß es auch mit Moltke gut gehen würde. Es ist bekannt, daß in Preußen alle militärischen Ernennungen vom König in seiner Eigenschaft als oberster Kriegsherr, ohne Gegenzeichnung des Kriegsministers und lediglich auf Vorschlag des Militärkabinetts vollzogen wurden. Unter einem weisen, sachlichen und erfahrenen Monarchen wie Wilhelm I. hatte die Durchführung dieses Grundsatzes nichts Bedenkliches, sie hat sogar dazu beigetragen, im preußischen Offizierkorps jenen Geist großzuziehen, dem wir drei siegreiche Kriege verdanken. Unter Wilhelm II., der in vielem das gerade Gegenteil seines Herrn Großvaters war, zeigten sich die Schattenseiten dieses Systems. Im November 1905 trat der bisherige Kolomaldirektor Stübel zurück. Als Nachfolger schlug mir der Kaiser den Erbprinzen Ernst zu Hohenlohe- Erbprinz Langenburg vor, mit dem Hinzufügen, daß es ihm eine besondere Freude zu Hohen- sein würde, wenn ich mich mit dieser seiner Wahl einverstanden erklärte. l ° ne ' Lan S en ' Ich bin nie dahintergekommen, wer den Kaiser auf den Einfall gebracht Xolonial- hatte, mir Erni Hohenlohe als Kolonialdirektor zu proponieren. Der Gute, direktor dessen ganze Force in seinen hohen Verwandtschaften bestand, hatte von 1900 bis 1905 nach dem Tode des Herzogs Alfred von Koburg mehrere Jahre die Herzogtümer Koburg und Gotha als Regent beherrscht. Er machte sich nicht klar, daß es damals leichter war, einen thüringischen Kleinstaat zu „regieren", als einem ziemlich schwierigen Reichsressort vorzustehen, das Arbeitskraft, Verwaltungspraxis und die Fähigkeit voraussetzte, gelegentlich im Parlament Anfragen zu beantworten und Angriffe abzuwehren. Erni Hohenlohe war nicht nur mit einer englischen Prinzessin, der Tochter des verstorbenen Prinzen Alfred von Großbritannien und Irland, Herzogs von Edinburgh, des zweiten Sohnes der Königin Victoria, vermählt, sondern er war auch der Sohn einer badischen Prinzeß und 186 ERNI gleichzeitig ein leiblicher Vetter der regierenden Kaiserin, deren Mutter bekanntlich eine Hohenlohe-Langenburg gewesen war. Dies verhinderte die immer pflichttreue und mir stets freundlich gesinnte Kaiserin nicht, mich in ihrer vorsichtigen Weise mit leiser Andeutung zu warnen. Sie hegte den Argwohn, daß Erni den Posten als Leiter der Kolonialabteilung als Sprungbrett betrachten wolle, um sich auf den Reichskanzlersessel zu schwingen. „Und dieser Aufgabe", fügte sie lächelnd hinzu, „ist der arme, kleine Erni ja gar nicht gewachsen." Für ganz unbegründet halte ich auch heute diesen Verdacht nicht. Ich halte es sogar für nicht ausgeschlossen, daß Holstein bei dieser Intrige die Hand im Spiele hatte, denn er wußte, daß der Erbprinz von Langenburg bei seiner politischen Hilflosigkeit Wachs in den Händen des routinierten alten Geheimrats sein würde, mit dem ihn seit Jahren persönlich freundliche Beziehungen verbanden. Wie dem auch sein möge, ich ließ mich in diesem Fall so wenig wie bei manchen anderen Gelegenheiten durch solche Umtriebe beeindrucken und akzeptierte den Erbprinzen als Kolonialdirektor, dem ich — er war, wie sein Vater, der Statthalter von Elsaß-Lothringen, ein sehr eifriger Protestant — nur die Bedingung stellte, daß er in seinem Amt, das ihn mit den katholischen Missionen in enge Fühlung brachte, konfessionell unparteiisch und vorurteilslos handeln und auftreten müsse. Einige Wochen später hatte ich Gelegenheit, diesen von mir unentwegt Dr. Besehr festgehaltenen Grundsatz der Toleranz und vollen Parität auch meinerseits preußischer zu betätigen. Der Justizminister Schönstedt trat aus Gesundheitsrücksichten zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Präsident des Oberlandesgerichts in Breslau, Dr. Beseler, ein tüchtiger Jurist. Er entstammte der bekannten holsteinischen Gelehrtenfamilie, deren berühmtester Sproß, Wilhelm Hartwig Beseler, 1844 Präsident der Schleswigschen Ständeversammlung, 1848 Präsident der schleswig-holsteinischen provisorischen Regierung, Mitglied der Statthalterschaft und der Deutschen Nationalversammlung war. Nach Breslau kam der bisherige Oberlandesgerichtspräsident in Kiel Dr. Vierhaus. Für dessen Nachfolgeschaft schlug ich den damaligen Reichsgerichtsrat und Reichstagsabgeordneten Peter Spahn dem königlichen Staatsministerium vor, stieß aber damit zunächst auf starken Widerstand. Die meisten meiner Kollegen trugen Bedenken, einem Katholiken und Zentrumsmann das in Rede stehende hohe Amt in einer ganz protestantischen Provinz zu übertragen. Ich hielt gegenüber diesem Widerspruch an dem Grundsatz fest, daß, wenn das Staatsministerium keinen Anstand nähme, Protestanten nach der Rheinprovinz, nach Westfalen und Oberschlesien zu schicken, ich nicht einsehe, warum nicht ein Katholik auch in einer überwiegend oder ganz protestantischen Provinz eine erfolgreiche Wirksamkeit ausüben könne. Erwähnen möchte ich endlich Justizminister DER UNMUT DES KÖNIGLICHEN ONKELS 187 noch, daß in diesem Jahr 1905 der Abgeordnete Matthias Erzberger zum erstenmal in das Licht der Öffentlichkeit trat. Die „Kölnische Volkszeitung" veröffentlichte Angriffe auf die Kolonialverwaltung, die unrichtige Mitteilungen über die Kamerun-Eisenbahn gemacht hätte und für private literarische Veröffentlichungen Reichsgelder zur Verfügung stelle. Die Kolonialverwaltung wies diese Behauptung unter Anführung von überzeugendem Aktenmaterial scharf als „leeres Gerede" zurück. Die „Kölnische Volkszeitung" erkannte an, daß die Behauptung ihres Gewährsmannes unhaltbar wäre. Es stellte sich bald heraus, daß der Urheber dieser verleumderischen Insinuationen der Abgeordnete Matthias Erzberger war. Mit dieser Stänkerei begann die pohtische Laufbahn des unsehgen Mannes, der, nachdem er viel Schaden angerichtet hatte, ein böses Ende finden sollte. Im Spätherbst 1905 erhielt ich mehrere Briefe von Metternich aus London, die sich mit den persönlich leider so wenig freundlichen Beziehun- Briefe des gen zwischen unserem Kaiser und seinem Oheim, dem König Eduard VIL, Botschafters beschäftigten. Metternich Am 2. Oktober 1905 hatte mir Metternich während seines Herbsturlaubs geschrieben: „Lascelles hat, wie Sie wissen, an Seine Majestät König Eduard über eine Unterredung Bericht erstattet, die er kürzlich mit Seiner Majestät dem Kaiser in Homburg über die persördichen Beziehungen zwischen den Monarchen gehabt hat. Der Botschafter hat vor einigen Tagen die Antwort des Königs durch Lord Knollys erhalten. Als ich jetzt in Berlin bei Lascelles war, teilte er mir aus der Antwort einzelnes vertraulich mit. Der König beginnt mit der Behauptung, er habe keinen Streit mit Seiner Majestät dem Kaiser und wünsche auch keinen zu haben. Eine Zusammenkunft auf der Reise nach Marienbad wäre nicht möglich gewesen, weil jeder Tag seines Programms für die Badekur festgesetzt gewesen sei, und jeden einzelnen Beschwerdepunkt Seiner Majestät des Kaisers hält der König für unbegründet. Er stellt dafür die Behauptung auf, daß Seine Majestät der Kaiser überall gegen ihn, den König, seinen Einfluß geltend zu machen suche. Aus dieser kurzen Übersicht ist ersichtlich, daß die Zeit für eine Aussprache oder Aussöhnung zwischen den beiden hohen Herren noch nicht reif ist. Je ruhiger sich Seine Majestät der Kaiser dem Unmute seines Könighchen Onkels gegenüber verhält, umso mehr wird dieser in das Unrecht versetzt, und um so eher wird wieder ein richtiges Verhältnis zwischen den beiden Herrschern eintreten. Ich weiß bestimmt, daß schon jetzt den leitenden englischen Staatsmännern aus pobtischen Rücksichten das persördiche Zerwürfnis zwischen Kaiser und König höchst unerwünscht ist. Sobald sie deuthcher empfinden, daß die Schuld am König hegt und daß aus den persönlichen Beziehungen der beiden Herrscher 188 DIE POTS CASSES politische Störungen drohen, werden sie selbst bei dem Könige vermittelnd einzugreifen versuchen, da seine Untertanen nicht die geringste Lust haben, sich an den Deutschen die Köpfe blutig zu rennen, weü der Onkel den Neffen nicht mag. Seine Majestät König Eduard ist klug genug, selbst einzulenken, sobald er empfindet, daß er zu weit gegangen ist. Nur muß man den Prozeß dieser Erkenntnis den Engländern selbst überlassen. Sollten wir irgend etwas tun, was so gedeutet werden kann, als wollten wir die Engländer gegen ihren eigenen König einnehmen, so würden sie einstimmig für ihn einstehen und gegen uns Front machen. Die Beziehungen zwischen Souveränen in die Zeitungen zu zerren, ist überhaupt unangebracht. In diesem Falle würde es außerdem direkt fehlerhaft sein. Ich werde hier nach wie vor vollkommen unbefangen auftreten und versöhnend und beruhigend wirken, wo sich mir eine Gelegenheit dazu bietet. Falls Seine Majestät König Eduard mit mir über die Einladung des Kronprinzen anfängt, werde ich ihm in der entsprechenden Form zu verstehen geben, daß es nicht freundlich ist, den Sohn ohne Wissen des Vaters einzuladen in dem Augenblick, wo man einer Begegnung mit dem letzteren ausweicht und zu verstehen gibt, daß man nichts mit ihm zu tun haben will. Das Argument, daß die Anwesenheit des Kronprinzen in Berlin während des Besuchs des Königs von Spanien ebenso notwendig ist wie die Anwesenheit des Prinzen von Wales in London während des gleichen Besuchs, werde ich deshalb nicht verwerten können, weil König Eduard, ehe er den Kronprinzen einlud, sich in Madrid nach dem Datum des spanischen Besuchs in Berlin erkundigt hat und den Kronprinzen nach Ablauf des spanischen Besuchs in Berlin nach England eingeladen hatte. Ich bedaure die Haltung eines wichtigen Teils unserer Presse in ihrer Stellungnahme gegen das englisch-japanische Bündnis. Dieses vertritt seinem Wortlaute nach genau unsere erklärte Politik: Integrität Chinas, Aufrechterhaltung des Status quo, Gewährleistung des Besitzstandes der einzelnen Mächte in Ostasien, Gleichberechtigung des Handels für alle. Wir können abwarten, ob der Geist des neuen Abkommens sich gegen unsere Interessen richten wird. Es ist von unserem Standpunkte aus unnütz und gefährlich, einen deutsch-russischen Gegensatz gegen das englisch-japanische Bündnis zu konstruieren; denn dieselbe Rolle wie Frankreich in einem deutsch-englischen Kriege würde Deutschland in einem russisch-englischen Krieg, in den wir verwickelt würden, spielen, d. h. wir würden die Pots casses zu zahlen haben. Eine deutschrussische Annäherung sollte sich mit Frankreich, nicht mit England beschäftigen. Sie sollte Frankreich entweder kaltstellen oder zu uns hinüberziehen, obwohl es nicht ausgeschlossen ist, daß es dann auch ganz zu den Engländern übergeht. Eine deutsch-russische Annäherung mit der Spitze gegen England bringt uns gar keinen Nutzen, sondern nur Schaden und DER MANN IM MOND 189 Gefahr, aus dein einfachen Grunde, weil, wie ich schon kürzlich mir erlaubte zu sagen, die russische Hilfe gegen England für uns ungefähr so viel wert ist wie die des Mannes im Mond. Eine Flotte besitzt Rußland nicht, unsere Häfen und unseren Handel kann es nicht schützen, und sein Landheer kann uns gegen England nichts nützen. Dagegen würden wir uns unter Umständen noch die Japaner auf den Hals ziehen und Kiautschou verlieren. Deshalb sollten wir das englisch-japanische Bündnis möglichst in Ruhe lassen und es den Russen, die Grund dazu haben, allein überlassen, sich darüber aufzuregen." \i~ ' Metternich hatte nur zu recht, wenn er die fortgesetzten Entgleisungen deutscher Blätter gegenüber England tadelte. Es war taktlos, die Streitigkeiten zwischen Onkel und Neffen in die öffentliche Diskussion zu ziehen. Es war ungeschickt, gegen das englisch-japanische Bündnis von vornherein, noch dazu mit wenig glücklichen Argumenten Sturm zu laufen. Am 19. Oktober schrieb mir Metternich mit dem Vermerk „ganz geheim" über das gleiche unerquickliche Thema: „Aus Andeutungen, die mir aus Hof kreisen seit meiner Rückkehr nach England gemacht worden sind, entnehme ich, daß die Verstimmung König Eduards gegen S. M. den Kaiser außer der Politik auch zum großen Teil auf Äußerungen zurückzuführen ist, die unser AUergnädigster Herr in diesem Jahre in Kiel im Kreise von fremden Gästen, hauptsächlich Amerikanern, gemacht zu haben scheint. Solche Äußerungen kommen stets wieder hierher zurück, gewöhnlich in vergrößertem und entstelltem Maße. S. M. soll sich im Jachting-Kreise über die liederliche engbsche Gesellschaft und über die Beziehungen König Eduards zu Mrs. Keppel ausgelassen haben. In dem letzteren Punkt ist König Eduard sehr empfindlich, und es soll ihn das mehr als alles aufgebracht haben. Ich schreibe Ihnen dies nicht als Klatsch, sondern damit Sie über die Gründe der in höchstem Grade beklagenswerten tiefen Entfremdung zwischen den beiden nahe verwandten Souveränen möglichst genau orientiert sind. Ich glaube nicht, daß sich vorläufig irgend etwas Ersprießliches zur Annäherung der beiden hohen Herren tun läßt. Graf Seckendorff hat dem Könige vor einiger Zeit geschrieben, es sei seine Pflicht, sich mit dem Kaiser auszusöhnen. Über diesen Brief hat der König bemerkt, es sei eine Impertinenz, ihm vorschreiben zu wollen, was seine Pflicht sei. So weit dies unerfreuliche Thema. Hoffentlich entsteht keine deutsche Preßfehde gegen Lord Lansdowne auf Grund des Artikels der ,Neuen Freien Presse'. Es würde das nicht nur die Stellung des Ministers hier stärken, sondern auch seiner Partei zugute kommen, zum Schaden der Liberalen, die offen auf eine Aussöhnung mit Deutschland hinarbeiten." Am 3. November 1905 erhielt ich von Metternich die nachstehenden Zeilen: „Ich weiß bestimmt, aus sicherster Quelle, daß König Eduard den 190 DIE BEIDEN SOUVERÄNE Wunsch hat, Anfang nächsten Jahres, ,wenn nichts dazwischenkommt', mit S. M. dem Kaiser zusammenzutreffen. Ich vermute, dies ist aber lediglich Vermutung, durch Einladung nach England. Es ist ja auch möglich, daß König Eduard daran denkt, daß sich die Sache im Mittelländischen Meer machen läßt. Ich möchte aber dringend abraten, irgend jemand, auch nicht Lascelles, davon zu sprechen." Über die Lage der Dinge in Rußland fügte der Botschafter Nachstehendes hinzu: „Ich weiß nicht, ob nach Ihren Nachrichten die Lage der Autokratie in Rußland ebenso gefährdet erscheint wie nach den meinigen. Nach meiner Überzeugung ist die Autokratie verloren. Wenn auch jetzt die Revolution nochmals mit Gewalt unterdrückt werden sollte, wonach es aber auch nicht aussieht, so wird sie binnen eines halben Jahres mit bewaffneter Gewalt doch wieder losbrechen. Die Gärung ist zu allgemein und die Unzufriedenheit zu weit verbreitet, um die Wiederherstellung der Ruhe im alten Geleise zu ermöglichen." Über das Thema der dynastischen Beziehungen zwischen Berlin und London schrieb ich um dieselbe Zeit an den Staatssekretär von Richt- hofen: „Als ich mich in Koblenz von Seiner Majestät trennte, schien er nicht mehr die Absicht zu haben, direkt an den König Eduard zu schreiben, namentlich mit Rücksicht darauf, daß er sich gegenüber dem Botschafter und bis zu einem gewissen Grade auch gegenüber dem englischen Militärattache offen ausgesprochen hatte. Sagen Sie an Lascelles, ich teilte seine Ansicht, daß unter den beiden Völkern die unvernünftige Gegnerschaft, gerade weil sie so durchaus unvernünftig sei, allmählich etwas abflaue. Um so mehr müsse alles geschehen, um die persönliche Gereiztheit zwischen den beiden Souveränen zu mildern. Ich täte in dieser Beziehung, was ich könnte, was meine persönliche alte und aufrichtige Anhänglichkeit für den König Eduard mir erleichtere. Ich sei überzeugt, daß Lascelles, der seinerseits die guten und edlen Seiten des Kaisers kenne, mich dabei unterstützen würde. Die Hauptsache ist, daß keine weiteren gegenseitigen Häkeleien stattfinden, sondern zunächst wenigstens beiderseitige Ruhe ohne gegenseitiges Sichanärgern und Reizen eintritt." Am 30. Dezember 1905 schrieb mir der Kaiser aus dem Neuen Palais Der Finanzier in Potsdam einen sehr langen Brief über eine Unterredung, die er mit dem Beit in Pou- Londoner Financier Beit gehabt hatte. Beit, von Geburt Hamburger, war in Südafrika zu einem Riesenvermögen gekommen. König Eduard, den eine ausgesprochene Vorhebe für sehr reiche Leute erfüllte, hatte Beit in den Kreis seiner „personal friends" gezogen. Beit war ein Landsmann und Freund von meinem Freunde Albert Ballin, der mir diesen originellen und in seiner Art bedeutenden Mann oft geschildert hat. Mit allen seinen Millionen bewohnte Beit ein nicht allzu großes Haus, dessen Zimmer aber mit Meisterwerken der größten Maler angefüllt waren. In seinem Schlafzimmer dam WILHELM II. UND DER SPEKULANT 191 hingen Gemälde von Tizian, Rembrandt und anderen Großen. Der Brief Seiner Majestät lautete: „Lieber Bülow. Gestern war der berüchtigte Börsenfreund und Spekulant of H. M. E. VII., Herr Beit, bei Mir, um Mir den illustrierten Katalog seiner Kunstschätze — vom guten Bode gemacht — zu überreichen. Nachdem Ich alles gebührend bewundert und ihm die Wohnung Friedrichs des Großen gezeigt hatte, kam bald das Gespräch auf Marokko und die Beziehungen von England zu Deutschland. Auf Meine Bemerkung, es sei sehr erfreulich, daß von hüben und drüben in Versammlungen pp. die Leute sich regten und trachteten, die Reibungen zu mindern, fiel er mit seiner hastigen Lebhaftigkeit ein, voll zustimmend, und um so mehr, als England ja gar nichts von uns wolle als mit uns in guten Beziehungen sein. Nur Marokko sei ein dunkler Punkt. Auf Meine Frage, weshalb, erwiderte er: weil in England die Ansicht vorherrsche, wir wollten den Franzosen den Krieg machen, weil sie mit England das Abkommen getroffen und die ,Entente cordiale' geschlossen hätten. Ich bemerkte dazu, ,es sei höherer Blödsinn'. Die Engländer könnten mit Frankreich so viel ,ententes cordiales' machen, wie sie wollten, das wäre uns ebenso egal wie der gallo-russische Zweibund, der uns auch nicht erschüttert hätte. Das Abkommen betreffend, so habe England seine Interessen an Frankreich abgetreten, also sich ,desinteressiert', das ginge uns auch nichts an und sei lediglich Englands Sache, allein damit nicht genug, habe es Frankreich Vorzugsrechte auf Kosten der anderen Staaten und deren Interessen zugebilligt, und das gehe nicht an, da dadurch die Konvention von Madrid geschädigt werde. Wie es anderen Staaten in unter französischem Protektorat stehenden Ländern ergehe, zeige ja Tunis, Algier — und, setzte Beit hinzu, ,Madagaskar'. Das habe uns allen in Marokko gedroht, und das wollten wir nicht. Zudem sei es doch recht unmanierbch gewesen, daß niemand es für gut befunden, uns das geringste über das Abkommen, in dem unsere Rechte ignoriert würden, mitzuteilen. Dazu die engHschen Intrigen in Paris, die durch die Delcasseschen Enthüllungen herausgekommen, wären Grund genug, daß wir uns nicht in der rosigsten Laune befänden. Sondern eben den Eindruck hätten, zwei Buschkleppern uns gegenüber zu befinden, die einen nach Verabredung beim Spazierengehen zu überfallen sich anschickten; dann griffe man eben zum Revolver! Lebhaft unterbrach Mich Herr Beit und erklärte: Was das in den Delcasse-Enthül- lungen erwähnte Angebot beträfe mit bewaffneter Hilfe, so ,sei das nur in dem Falle gemeint gewesen, falls Deutschland Frankreich unrechtmäßigerweise überfiele'! England fühle eben durch die ,entente cordiale' sich an Frankreich in der Marokko-Frage fest gebunden und werde die französischen Ansprüche unterstützen, weil das im Abkommen so bedungen sei und sie die französische Freundschaft sich absolut 192 KRIEGSAUSBRUCH NAHE? fürs erste erhalten wollten. Daher erachte sich England im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich für unbedingt verpflichtet, dem letzteren sofort beizuspringen, und das werde es auch bestimmt tun. Aber von sich aus allein einen Krieg mit Deutschland machen oder gar uns überfallen, daran dächte niemand in England, da wäre das ganze große Publikum absolut dagegen, denn es wolle unbedingt gute Beziehungen mit uns haben. Auch die Regierung, deren Mitglieder er kenne, sei von demselben Wunsche erfüllt und würde alles tun, die freundschaftlichen Gefühle zu fördern. Dafür wäre es aber enorm wichtig, daß die leidige Marokko-Frage erst von der Tagesordnung verschwinde, denn die laste wie ein Alp auf den Engländern, gerade wegen des in Aussicht stehenden Krieges Deutschlands gegen Frankreich. Als Ich nochmals erklärte, davon sei gar keine Rede, wir würden mit den Franzosen schon zu Rande kommen, wenn London sie nur in Frieden ließe, sagte Beit: in Frankreich glaube man ebenso fest an den nahen Ausbruch des Krieges wie in London! Rouvier, den er vor ein paar Tagen besucht habe, habe es ihm auch gesagt, als er über die Konferenz mit ihm gesprochen, die werde sich wohl allmählich abwickeln, aber er habe große Sorgen vor Überraschungen, ,car il est incontestable qu'il y a quelque chose dans l'air'. Nicht genug damit, habe Beit in Paris konstatiert, daß man sich in aller Stille auf einen Krieg vorbereite! Die Reserveoffiziere hätten ihre Einberufungsorders zu Ende Februar erhalten, dem mutmaßlichen Datum des Kriegsausbruchs, und überall hätten Vorbereitungen stattgefunden, soweit man solche treffen könne, ohne direkt mobilzumachen. Die Stimmung in Paris sei ernst, besorgt, aber fest und entschlossen gewesen. Der Schreck vom Frühjahr sei fort, und im Bewußtsein der sichergestellten englischen Hilfe sei man auch guten Muts. Ich erwiderte: wir hätten seit den Enthüllungen nie daran gezweifelt, daß England mit Frankreich gehen werde — überhaupt stets auf der Seite unserer jeweiligen Gegner zu finden sein werde. Die ganze Kriegsangst der Franzosen sei lächerlich, an Irrsinn grenzend; falls sie entschlossen seien, sich loyal und gentlemanbke in der Konferenz zu benehmen, würden sie bei uns dasselbe Verfahren finden, und hoffte Ich, daß aus dem Verlauf sich ein ,good understanding' herausentwickeln werde. Da sei also gar kein Grund zu irgendwelchem Krieg und Sorge vor Uberfall von uns. Aber der Grund zu allem diesem Verdrusse sei nicht in Frankreich, sondern in London zu suchen! Das sei die verfluchte englische organisierte Hetze gegen uns, die systematisch unter der Hand in der Presse aller Länder mit skrupelloser Verleumdung, Lüge und Verdächtigung alles gegen uns einzunehmen und aufzubringen trachte! ,Glauben Sie, daß die englische Regierung das macht?' fragte Beit. Ich erwiderte: ,Nein!' Aber englisches Kapital von reichen Privatiers, welche der Regierung indirekt damit DIE BRUNNENVERGIFTER 193 Dienste leisten! Ich sei von Franzosen informiert, daß England 300000 Frcs. in die Pariser Presse stecke für antideutsche Hetzartikel! Beit bestätigte das, nur die Summe sei ihm nicht bekannt gewesen, das Faktum sei aber absolut richtig! Desgleichen hätten auch die Russen ihre Summen, die sie in Paris spielen ließen, auch gegen uns; Ich wisse da auch die Summe, 360 000 Francs! Dazu setzte Beit ,monatlich'! Desgleichen wisse Ich es aus Belgien, wo die liberalen Parteichefs, die gern ein freundschaftliches Verhältnis mit uns haben wollten, sich beklagten, daß sie ihre Presse nicht dirigieren könnten, da sie glatt von England bestochen und im antideutschen Sinne redigiert werde! Ebenso in Rußland, wo auch einflußreiche Blätter erkauft und gegen uns mit Gift versehen würden! Zu diesen Operationen im Auslande träte die systematische jahrelange Brunnenvergiftung in den zahllosen englischen Revuen, wo die Leute, die sich Calchas, Diplomaticus, One who knows, Vates etc. unterschrieben, die unerhörtesten, schamlosesten Verleumdungen und Lügen über Deutschland und Mich dem englischen Publikum unwidersprochen vorgesetzt hätten, die daher auch geglaubt worden seien. Herr Beit rief da aus: ,Ja, wenn man nur wüßte, nur herauskriegen könnte, wer diese infamen Kerle sind!? Ich habe mich ja auch schmählich darüber geärgert.' Als Ich ihm erwiderte, die Herren seien uns längst bekannt, machte er ein erstauntes Gesicht, aber noch größer wurden seine Augen, als Ich ihm sagte: ,Wes- selitzky, Toklewsky, Tatischeff und Delcasses Privatsekretär.' Donnerwetter, davon, das kann ich Ihnen versichern, hat man in England keinen Schimmer!' war die Antwort. Dann fuhr Beit fort: Das, worüber Ich geklagt, sei recht, die Presse habe sich ganz unqualifizierbar benommen und habe die Hauptschuld an dem Zustande, wie er heute sei. Peccatur extra et intra! Es sei auch leider wahr, daß viel englisches Geld in die fremde Presse zu unlauteren und bösen Dingen gesteckt worden sei. Aber es sei jetzt der Anfang ehrlicher Annäherung gemacht, und er verspreche Mir, mit seinem ganzen Einfluß sich dafür einzusetzen, daß dem Preßtreiben und Hetzen ein Ende bereitet werde. Er tue das um so freudiger, als er sich aus Meinen Ausführungen überzeugt habe, daß Ich ehrbch Frieden wolle und nicht die Franzosen überfallen wolle, wie ihm das in London und Paris eingeredet worden sei. Seine Majestät K. E. VII. wolle bestimmt auch nur den Frieden, noch vor kurzem habe ihm ein Offizier, auf den Burenkrieg angeredet, erklärt, in dem nächsten Krieg werde es besser gehen, dazu hätten sie sich besser vorbereitet, worauf II. M. ausrief: ,There shan't be any more war, I won't have any more war, peace, peace, peace!' Das sei auch das Gefühl, von dem die gesamte Regierung erfüllt sei und alle Börsen-, City- sowie Handelskreise in ganz England. Sie wollten alle keinen Krieg; sie seien nur besorgt, 13 BUlow II 194 ADMIRALE NACH TISCH wegen Marokkos, eventuell, wenn die Franzosen angegriffen würden, ihnen beispringen zu müssen. Diese Sorge werde er in London zerstreuen. Ich setzte hinzu, er möge doch sofort dahin wirken, daß die Preßhetze in Paris eingestellt werde, denn, wenn wir auch die besten Absichten hätten und loyal sein und friedlich bleiben wollten, so sei doch die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß bei fortgesetztem Aufputschen der Franzosen seitens Londons diese schließlich, im Vertrauen auf die ihnen sichere englische HUfe, uns gegenüber dergestalt ungezogen, renitent und provokant auftreten würden, bis endlich die nationale Ehre ins Spiel komme und dieser zuliebe die Waffen angerufen werden müßten. Dann müßten wir losschlagen, und damit wäre der Grund für Englands Mithilfe gegeben, i. e. der ,un- rechtmäßige Überfall' von uns auf Frankreich. Und das sei eine ungeheuerliche Perfidie, auf so etwas hinzuarbeiten. Herr Beit sagte sofort, das soll und darf unter keinen Umständen geschehen. ,Ich werde in London sagen: man wünsche in Berlin nur eines, London möge Paris endlich mal in Frieden lassen, damit Paris mit Berlin sich vertragen und einen Modus vivendi finden könne. England habe von Berlin ungestört seine Entente cordiale mit Frankreich gemacht, nun dürfe es aber auch anstandshalber keine Schwierigkeiten Deutschland in den Weg legen, wenn es auch mit Frankreich zu einer ebensolchen Entente kommen wolle. Im Gegenteil, London müsse Berlin dazu beistehen und in Paris zureden.' Was seine obigen Auslassungen über die Friedensliebe der Regierung beträfe, müsse er noch eine Ergänzung machen. Ein einziger sei nämlich vorhanden, der wolle den Krieg, habe ihn bis ins Detail vorbereitet und hetze dazu. Das sei der Admiral Sir John Fisher. Der habe neulich noch gesagt: ,We are now quite ready and as powerful as possible, the Germans are not yet ready and are weak, now is the time for us, let us hit them on the head.' Ich erwiderte, das hätte Ich von Sir John Fisher als selbstverständlich vorausgesetzt und dementsprechend Meine Vorsichtsmaßregeln getroffen: alle Anordnungen der britischen Flotte seit November 1904 seien für Mich nur Mobilmachungsund Kriegsvorbereitungen gewesen und als solche eskomptiert worden. ,Nun', erwiderte Herr Beit, ,lassen Sie sich das nicht weiter zu Herzen gehen, Fisher ist ein Hitzkopf, hat aber politisch nichts zu sagen und muß sich der Regierung fügen. Auch wenn Admirale nach Tisch Reden halten, nehmen Sie das nicht zu ernst, wie z. B. mit der lächerlichen Drohung der Landung von 100000 bei Ihnen, das ist ja Unsinn und zu dumm!' Ich erklärte darauf, das sei gar kein Unsinn, sondern bei dem kolossalen numerischen Übergewicht der englischen Flotte gut ausführbar, und zwar in Dänemark, da, wo die britische Flotte in diesem Sommer rekognosziert hätte. ,So?' sagte Herr Beit. ,Das ist möglich? Ja, aber wenn sie an Land gekommen sind, dann schlagen Sie sie alle tot!' Darauf erwiderte Ich: DER CASUS FOEDERIS 195 ,Das ist wieder etwas ganz anderes, und das ist lediglich unsere Sache!' Er wollte vor Lachen platzen. ,Nun' — so schieden wir — ,machen Sie, daß Sie mit den Franzosen ins reine kommen über Marokko, so werden Sie mit England keine Schwierigkeiten mehr haben. Ich werde für die nötige Aufklärung in London sorgen.' ,Nehmen Sie nur unsere Hauptgegner aufs Korn dort', sagte Ich, ,nämlich Herrn Moberly-Bell und Mr. Harmsworth, den H. M. jetzt zum Lord macht!' ,Ja', sagte Beit, ,und noch einen, der sehr übel ist, das ist Mr. Saunders, Times-Korrespondent in Berlin; der hat jetzt eben vor kurzem nach London telegraphiert, daß er aus sicherer, einwandfreier Quelle wisse, daß binnen zwei Monaten — also Ende Februar — der Krieg erklärt werden solle von hier!!!',That is a fat lie and a good one.' Die Konversation mit Herrn Beit hat Material zutage gefördert, das sehr wichtig ist. Einmal, daß in der Marokkosache England und Frankreich wie zwei Verbündete handeln werden. Daß Fisher brennend gern die Gelegenheit benutzen möchte, unsere See- und Handelsmarine bei dieser Gelegenheit zu vernichten. Daß zu diesem Zweck die fremde Pariser Presse mit englischem Privatkapital auf das schärfste bearbeitet wird, um die Gallier möglichst mutig zu machen und dazu zu bringen, uns zu provozieren, um den Casus foederis zu haben. Daß es ganz richtig von unserem Admiralstabschef geurteilt und gesehen war, als die im vorigen November 1904 begonnenen Marineveränderungen für Kriegsvorbereitungen und nicht bloß gewöhnliche Dislokationen angesehen wurden. Daß die Berichte über die Stimmung in Paris vollkommen richtig sind, die Gallier zum Kampf entschlossen, wenn auch schweren Herzens so doch geschlossen und fest geschart hinter ihrer Regierung stehen und tatsächlich eine Menge Kriegs Vorbereitungen gemacht haben und noch machen, wodurch sie eine Überraschung ausschließen und den Einfall bedeutend erschweren werden. Daß der von Saunders nach London telegraphierte, wenn auch fingierte Termin in London und Paris als echt angenommen wird, das geht daraus hervor, daß England einen Beobachtungskreuzer nach Kiel schickt, um zu sehen, ob wir schon in der heimlichen Mobilmachungsvorbereitung sind, und die Gallier jetzt noch einen Kreuzer nach Kopenhagen schicken, um zu beobachten, ob in Dänemark Abwehrmaßregeln von dort oder von uns vorbereitet werden. Damit stimmt ferner überein die Neuformation — soeben beendet — des englischen Nordsee- Lastern Squadron) Geschwaders — 6 Linienschiffe, 5 Kreuzer — und die zu Anfang Februar befohlene Konzentration der gesamten englischen Seestreitkräfte — 33 Linienschiffe, 25 Panzerkreuzer — an der portugiesischen Küste. Idest: 1. Kanalflotte mit 11 Linienschiffen und einer Kreuzerdivision, 2. Atlantic-Flotte mit 8 Linienschiffen und einer Kreuzerdivision, 3. Nordsee-Geschwader mit 6 Linienschiffen und einer 13* 196 DIE ANGST DER FRANZÖSISCHEN SCHWIEGERMÜTTER Kreuzerdivision, 4. Mittelmeerflotte, 8 Linienschiffe und eine Kreuzerdivision. Dieser Termin (Februar) ist Mir auch von anderer Seite bestätigt worden, durch den Oberhofmeister Ihrer Majestät, Mirbach, der jetzt einen Monat mit seiner belgischen Frau in Belgien zubrachte. Zu dem sind über ein Dutzend in Tränen aufgelöste Schwiegermütter französischer Reserveoffiziere aus den Verwandten- und Bekanntenkreisen seiner Frau gekommen, um zu hören, ob er es wüßte, ob es wahr sei, daß in zwei Monaten der Krieg ausbreche. Als er sich darüber totlachte, wurden die Damen ganz ärgerlich und erzählten ihm, daß sie von ihren Schwiegersöhnen die Mitteilungen erhalten hätten, letztere seien alle angewiesen, sich bereit zu halten, zum Februar einzurücken, da Deutschland dann den Krieg erklären werde. Sie hätten auch alle ihre Testamente geschrieben! Mirbach hat die Damen dann ernstlich vermahnt, nicht solchen Blech zu glauben, und sie ermächtigt, nach Paris zu schreiben, das sei alles Unsinn und Lüge. Das haben die Drachen aufatmend umgehend getan. Daß ferner nur die Zusammenwirkung mit Frankreich in der Marokko-Frage in London zum Kriege führt, sonst aber ohnedem, weil dann Frankreich nicht direkt beteiligt, England nicht mit uns Krieg haben will, der großen Kreisen des Volkes unsympathisch ist. Daß H. M. E. VII. auch friedlicher geworden ist und keinen Krieg an sich mehr will. Daß Herr Beit eine Rekognoszierung hierher über Paris unternommen hat, um zu dementieren und orientiert zu werden. Daß er wohl nach allen Seiten hin beruhigend und kalmierend O wirken wird. Daß Mr. Saunders ein Erzschweinehund erster Klasse ist! Daß — was das Allerwichtigste ist — tatsächlich England an Frankreich ein Angebot mit Waffenunterstützung gemacht hat — Herr Beit hat das ohne Umschweife zugegeben, nur etwas eingeschränkt — und auch jetzt noch die Unterstützung aufrechterhält! Also hat Lans- downe Metternich angelogen, was wir ja gleich vorausgesetzt hatten, deswegen konnte er auch nicht Dementi erlassen. Daß die Berichte unserer Herren in Paris richtig und ihre Beobachtungen genau und korrekt sind, i. e. daß die Gallier keine Angst mehr vor uns haben wie im Frühjahr, geht außerdem noch aus ihrer gesamten Militärliteratur hervor. Aus einer weiteren Andeutung Beits nehme ich an, daß die nächste konservative Regierung unter Chamberlains Ägide die Schutzzollpolitik einführen wird, für die Herr Beit auch sehr eingenommen zu sein scheint. Mit besten Grüßen Ihr Wilhelm I. R." XIII. KAPITEL Aufgeregter Brief Wilhelms II. vom Silvesterabend 1905 • Seine Furcht vor Krieg Die Konferenz von Algeciras • Herr von Radowitz und Graf Tattenbach • Graf Metternich über die Lage von Algeciras • Die Neuwahlen in England Januar 1906 • Niederlage der Unionisten, ihre Bedeutung für die Entspannung in den deutsch-englischen Beziehungen • Weitere Nachrichten aus St. Petersburg • Graf Udo Stolberg zur Marokko- Politik • Rede Wilhelms II. bei der Paroleausgabe (1. Januar 1906) • Großherzog Friedrich von Baden an Wilhelm II. • Bülows Unterredung mit dem Kaiser Die Widersprüche, das Sprunghafte im Wesen Wilhelms II. kamen nicht nur in seinen Reden und Gesprächen, sondern auch in seiner Korrespondenz zum Ausdruck. In seinem Vorwort zu meinen Denkwürdigkeiten wird der Herr Herausgeber feststellen, daß ich nur wenige eigenhändige Briefe Wilhelms II. besitze, da ich nach meinem Rücktritt unaufgefordert alles, was der Kaiser an mich geschrieben hatte (Briefe, Telegramme, lose Zettel) dem Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Herrn von Valentini, aus freien Stücken zurückgegeben hatte. Vom Inhalt nur weniger Piecen habe ich mir seinerzeit als Gedächtnisstütze Aufzeichnungen gemacht. Andere sind zufällig unter meinen Papieren gebheben. Unter ihnen befindet sich der Brief, den Wilhelm II. vierundzwanzig Stunden nach seiner Unterredung mit Beit am Silvesterabend 1905 an mich richtete. Jeder unparteiische Leser wird zugeben, daß der Kaiser, von einigen etwas forcierten Ausdrücken abgesehen, diese Unterredung nicht nur mit glänzender Schlagfertigkeit, sondern auch geschickt und verständig, daß er sie vor allem mit Würde geführt hatte. Aber leider wechselten bei Wilhelm II. die Stimmungen rascher als das Wetter im April oder die Farbe des Chamäleons. Es hat wenige Monarchen gegeben, die so notwendig wie er einen kaltblütigen, vorsichtigen, vor allem einen mutigen Berater brauchten. In dem erwähnten Silvesterbrief schrieb mir derselbe hohe Herr, der in der Unterredung mit Beit so gut abgeschnitten und in seinem Bericht Silvesterbrief darüber sich als Mann von Common sense gezeigt hatte, er habe beim Wilhelms II. Jahresschluß sich die Weltlage durch den Kopf gehen lassen unter dem wiederangezündeten Tannenbaum. Er wolle keinen Krieg, bevor wir nicht ein festes Bündnis mit der Türkei geschlossen hätten. Eine Allianz mit dem 198 SOZIALISTEN ABSCHIESSEN — KRIEG NACH AUSSEN! Sultan müsse coüte que coüte erreicht werden, ebenso mit „allen arabischen und maurischen Herrschern". Bevor ein solches Bündnis mit dem Islam nicht perfekt wäre, dürften wir nicht losgehen. Allein könnten wir überhaupt nicht gegen England und Frankreich Krieg führen, wenigstens nicht zur See. Die letzteren vier Worte hatte Seine Majestät dick unterstrichen. Übrigens sei das Jahr 1906 zum Kriegführen besonders ungünstig, weil wir gerade in der Neubewaflhung unserer Artillerie begriffen wären, die mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen würde. Auch die Infanterie sei in der Neubewaffnung begriffen, bei Metz wären viele unvollendete Forts und Batterien. Die Hauptsache aber wäre, daß wir wegen unserer Sozialisten keinen Mann aus dem Lande nehmen könnten ohne äußerste Gefahr für Leben und Besitz der Bürger. „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig per Blutbad, und dann Krieg nach außen. Aber nicht vorher und nicht a tempo!" Der Kaiser forderte mich in diesem Brief schließlich auf, die auswärtige Politik so zu führen, daß uns „so weit als irgendmöglich und jedenfalls für jetzt" die Kriegsentscheidung erspart würde. Es dürfe aber nicht aussehen „wie ein Faschoda". Aus jeder Zeile dieses Briefes sprach die Angst des Kaisers vor Krieg. Allein dieser Brief widerlegt die von unseren Feinden im Weltkrieg und auch nach dem Weltkrieg vorbereitete Lüge, daß WUhelm II. den Krieg absichtlich herbeigeführt hätte. Er war beinahe zu friedfertig, insofern er seine Scheu vor jedem ernstlichen Konflikt für schärfer blickende Beobachter allzu deutlich durchschimmern ließ, und das bisweilen unmittelbar nachdem er fremde Völker und Potentaten, die öffentliche Meinung in allen Ländern durch Großsprechereien gereizt oder durch taktlose Entgleisungen vor den Kopf gestoßen hatte. Als mich der Kaiser bei der Neujahrscour von 1906 mit besorgter Miene frug, was ich zu seinem Silvesterbrief meine, entgegnete ich ihm: Ich hätte seinerzeit lebhaft bedauert, daß er der schönen Feier ferngeblieben wäre, die am 9. Mai, dem hundertj ährigen Todestag Schillers, in Berlin stattgefunden habe. Bei dieser Feier wäre nach einer erhebenden Rede von Erich Schmidt das Reiterlied aus Wallensteins Lager gesungen worden: Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein. Wenn wir uns erfüllten mit dem Schillerschen Geist, der recht eigentlich der deutsche Geist, der idealistische deutsche Geist wäre, und wenn wir uns dabei mit dem in der Politik gebotenen Sinn für Reahtäten vor Fallstricken und Fallgruben unserer Gegner hüteten, wäre kein Anlaß zum Verzagen oder gar zum Verzweifeln. Gewiß wollten wir nicht ä la Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken, aber wir brauchten auch nicht den Kopf zu senken, und vor allem dürften wir nicht den Kopf verHeren. ALGECIRAS 199 Am 16. Januar 1906 wurde die Marokko-Konferenz in Algeciras eröffnet, einer in der Provinz Cadiz, nicht weit von Gibraltar, gegenüber von Eröffnung Ceuta gelegenen kleinen spanischen Hafenstadt. Hier hatte 105 Jahre früher rfer MaroWco- eine französisch-spanische Flotte die Engländer besiegt, einige Tage später Konferenz hatten die letzteren eine eklatante Revanche genommen. Jetzt traten hier die beiden Westmächte eng verbunden auf, und Spanien bemühte sich um eine Verständigung zwischen ihnen und uns. Vertreten waren auf der Konferenz außer Deutschland, Frankreich, England, Rußland, Italien, Österreich-Ungarn und Spanien die Vereinigten Staaten, die Niederlande, Schweden, Belgien, Portugal und natürlich auch der Maghrcb el Aksa, das Reich des Scherifs, Marokko. Ich war mir, als wir nach Algeciras gingen, nicht im Zweifel darüber, daß wir dort diplomatisch einen harten Stand haben würden. Rußland war seit fünfzehn Jahren der Verbündete von Frankreich, England durch den Vertrag vom 8. April 1904 in der Marokko- Frage an Frankreich gebunden. Italien befand sich, wie sein Minister des Äußern, der Marquis Guicciardini, im Italienischen Senat ausführte, in einer besonders delikaten Lage, denn die Konferenz solle eine Streitfrage regeln zwischen einer Macht, mit der Italien verbündet wäre, und einer anderen Macht, mit der es vor Jahren ein Sonderabkommen über die das Mittelmeer betreffenden afrikanischen Fragen abgeschlossen habe. Schon im Mai 1905 hatte der damalige italienische Minister des Äußern, Tittoni, in der Italienischen Kammer erklärt, daß sich Italien in Tripolis von allen Mächten gewisse Vorrechte habe garantieren lassen. Italien beabsichtige, sich dieser Vorzugsrechte durch eine Besetzung von Tripolis jedoch nur dann zu bedienen, wenn die Umstände dies ganz unerläßlich machen sollten. An die tatsächliche Besetzung von Tripolis dürfe Italien nicht denken, solange es mit der Türkei in freundschaftlichen Beziehungen stehe, da es durch ein solches Vorgehen diejenigen ermutigen würde, die das Ende der Türkei beschleunigen wollten, deren Integrität eine der Grundlagen der auswärtigen Politik Italiens büde. Diese Erklärung des Herrn Tittoni hatte die Zustimmung der ganzen Kammer gefunden. In der Tat hat sich Italien zu einem Vorgehen in Tripolis erst 1911 entschlossen, als kein Zweifel mehr darüber bestehen konnte, daß Deutschland durch den zwischen Kiderlen und Jules Cambon abgeschlossenen Kongo-Vertrag Marokko völlig den Franzosen preisgegeben hatte. In Algeciras war 1906 von Italien nach Lage der Dinge eine vorsichtig lavierende und ausgleichende Haltung zu erwarten, die es mit keinem der Streitenden ganz verdarb, eine Taktik, die übrigens den bewährten Traditionen der italienischen Diplomatie entsprach, die sich immer durch die Gabe ausgezeichnet hat, sich möglichst jeder Lage anzupassen und sich immer eine Tür offenzulassen. Diese Taktik hat es später der Kurie ermöglicht, das Gewitter des Weltkriegs ohne Schädigung 200 RADOWITZ zu überstehen, dem italienischen Nationalstaat aber geholfen, in seinem hundertjährigen Werdegang auch Rückschläge und Mißerfolge zu überwinden, um schließlich alle Aspirationen der italienischen Patrioten von Azeglio Gioberti und Mazzini bis zu Cavour, Crispi und Giolitti restlos zu verwirklichen. Wenn ich mir über die uns in Algeciras erwartenden erheblichen Schwierigkeiten keine Illusionen machte, so wußte ich erst recht, daß die deutsche öffentliche Meinung in ihrer von Gefühlsmomenten inspirierten, zwischen dröhnenden Welteroberungsphrasen und weltfremden pazifistischen Sentimentalitäten hin und her schwankenden, meist kindlich-naiven Betrachtungsweise auch mit einem relativ günstigen Ergebnis der Konferenz unzufrieden sein würde. Wenn ich trotzdem nach Algeciras ging, so war es, weil es mir nützlich erschien, den Beweis zu erbringen, daß auch eine sehr schwierige, recht verwickelte, ernste und gefährliche Differenz, wie es der Streit um Marokko zweifellos war, sich in friedlicher Beratung, ohne Krieg, am Konferenztisch beilegen ließe. Hätten nicht neun Jahre später, im Unglückssommer 1914, die diplomatischen Leiter aller Großmächte den Kopf verloren, die deutschen, Gott sei es geklagt, noch mehr als die anderen, und wäre in der zweiten Julihälfte 1914 eine Konferenz der Großmächte zur Schlichtung des serbisch-österreichischen Konflikts zusammengetreten, so hätte sich die entsetzlichste Katastrophe vermeiden lassen, welche die Welt seit Jahrhunderten sah. Auf Vorschlag des deutschen Delegierten wählte die Konferenz von Die deutschen Algeciras den spanischen Vertreter, den Herzog Almodovar, zum Vor- Vertreter: sitzenden. Als unsere Vertreter hatte ich Seiner Majestät unseren Bot- Radowiiz und^ scna f ter Madrid, Herrn von Radowitz, und unseren Gesandten in Marokko, den Grafen Tattenbach, vorgeschlagen. Radowitz gehörte zu denjenigen Staatsmännern, von denen Thiers zu sagen pflegte, daß sie eine große Zukunft hinter sich hätten. Als er dreißig Jahre alt war, sah man in dem glänzend begabten, schnell und gut redigierenden, viel und geistreich sprechenden, in jeder Richtung brillanten Diplomaten den „rising man of Germany", den kommenden Mann. Von meinem Vater sehr geschätzt, wurde Radowitz vießeicht gerade deshalb von Holstein angefeindet. Während des Berliner Kongresses, dessen Sekretariat Radowitz vorstand, wurde er von Holstein beim Fürsten Bismarck angeschwärzt. Er gehört in die lange Reihe der Opfer Holsteinschen Mißtrauens und Holsteinscher Verfolgungsmanie. Schließlich war Radowitz doch noch in verhältnismäßig jungen Jahren, 1882, Botschafter in Konstantinopel geworden. Aber sein früher Nimbus war schon verblaßt, und eine der bedeutendsten Frauen, denen ich begegnet bin, Cosima Wagner, meinte damals von ihm, als er sie in Bayreuth besucht hatte: „II n'a pas assez d'esprit pour celui qu'il veut FRIEDRICH WILHELM IV. WEINT TRÄNEN 201 faire." Immerhin blieb er ein Mann von Geist und wußte interessant aus dem Leben seines Vaters zu berichten. So erzählte er gern als Beitrag zur Psychologie der Fürsten, wie sich Friedrich Wilhelm IV. von seinem liebsten Freunde trennte. Als dieser im November 1850, wenige Tage vor der 01- mützer Konvention, seinen Vortrag als Minister des Äußeren beendigt hätte, habe der König ihn in seine Arme geschlossen und ihm unter Tränen versichert, daß nichts auf der Welt sie voneinander scheiden könne und werde. Er begleitete seinen Günstling noch bis ins Vorzimmer und sah ihm nach, bis er die Schloßtreppe hinabstieg. Zu Hause angekommen, habe der Minister ein Schreiben des Königs vorgefunden, etwa folgenden Inhalts: Als Seine Majestät den Minister soeben in seine Arme geschlossen hätte, wären seine Tränen um so reichlicher geflossen, als er gewußt hätte, daß er ihn nicht so bald wiedersehen würde. Er müsse der Staatsräson das schmerzliche Opfer bringen, sich von seinem teuersten Freund zu trennen. Dem gefallenen Minister wurde eine Sinekure in Erfurt übertragen mit der Weisung, diesen Ort nur mit spezieller Erlaubnis Seiner Majestät zu verlassen. Der Gestürzte überlebte seinen Fall nur um zwei Jahre. Der Sohn war nach zehnjähriger verdienstvoller Tätigkeit am Goldenen Horn auf Betreiben Holsteins in Madrid kaltgestellt worden. Mir war es eine Freude, ihm am Ende seiner politischen Laufbahn, nach vielen ihm widerfahrenen Enttäuschungen die Genugtuung zu verschaffen, in den Vordergrund der politischen Bühne zu treten. Über die europäische Konstellation und speziell über die Lage der Dinge in England im Augenblick, wo die Konferenz von Algeciras begann, hatte Brief mir Metternich einen interessanten Brief geschrieben. Es war ihm Metternichs gelungen, im Sommer 1905 mit angesehenen Führern der englischen Bülow Liberalen die gemeingefährliche Deutschenhetze in England zu besprechen und sie auf die Gefahr dieser Agitation aufmerksam zu machen. Einer der angesehensten Führer der Liberalen, der leider bald nachher durch einen Schlaganfall der poktischen Arena entrückte Lord Spencer, hatte daraufhin öffentlich in eindringlicher Weise zur Versöhnlichkeit gemahnt. Die engbsche Presse, besonders die liberale, hatte einen ruhigeren, zum Teil sogar freundlichen Ton gegenüber Deutschland angeschlagen. Auch eine Anzahl Novembernummern verschiedener Revuen hatten verständige Artikel über die deutsch-englischen Beziehungen gebracht. Metternich fuhr fort: „Aus allem geht hervor, daß man hier Einsicht nimmt und an eine Umkehr denkt. Leider sind die Matin- Enthüllungen dazwischengefahren und haben das deutsche Volk, wie das nicht anders sein konnte, mit Erbitterung gegen England erfüllt. Ich mache nicht zum ersten Male, seitdem ich England kenne, die Beobachtung, daß, wenn Neigung in Deutschland zur Annäherung an England hervortritt, sie 202 MR. HALDANE FÜR ENGLISCH-DEUTSCHE VERSTÄNDIGUNG in England nicht erwidert wird und umgekehrt. Die Instrumente werden nicht auf beiden Seiten zu gleicher Zeit gestimmt, und die Harmonie auf der einen wird mit einer Dissonanz auf der anderen beantwortet. England und Deutschland haben nicht den gleichen Resonanzboden. Wie es aber auch sein mag, ich weiß, Sie sind mit mir der Ansicht, daß ich die versöhnliche Stimmimg unterstützen soll. Ich möchte nun Ihre besondere Aufmerksamkeit auf eine kürzlich stattgehabte Unterredung mit Mr. Haid ane lenken, da sie von weittragender Bedeutung für unser Verhältnis zu England und zum Ausgangspunkt einer Ära der Aussöhnung zwischen beiden Völkern werden kann. Die maßgebenden Leiter der liberalen Partei, die nach allgemeiner Ansicht spätestens im Februar oder März nächsten Jahres die Zügel der Regierung ergreifen wird, sind zu diesem Werke gewonnen. Mr. Haidane, Mitgüed eines früheren liberalen Ministeriums und dazu bestimmt, einen wichtigen Posten in dem kommenden Kabinett einzunehmen, genießt großes Ansehen bei beiden Parteien. Er hat deutsche Bildung genossen, spricht Deutsch und ist durch und durch deutschfreundlich gesinnt. Er wird, nach dem hiesigen Ausdruck, zum ,inner circle of the Cabinet' gehören. Er ist ein Liberaler der neuen Roseberyschen imperialistischen Richtung, aber ohne jeden Anflug von Chauvinismus. Rosebery, Sir Edward Grey, Asquith sind in demselben Fahrwasser und persönliche Freunde Haldanes. Er hat sich aber nicht wie Rosebery mit dem radikalen, mehr doktrinär angehauchten Flügel der Partei, zu dem Sir Henry Camp- bell-Bannerman, Mr. Morley und Mr. Bryce gehören, überworfen, sondern übt auch bei ihnen großen Einfluß aus. In auswärtigen Fragen hört der Engländer lieber auf Rosebery als auf Bryce. Die Doktrinär-Radikalen stehen hier im Geruch des Little-Engländertums, der liberale Imperialist dagegen nicht. Ich sagte Mr. Haidane, ich hätte mit Bedauern der Rede Sir Edward Greys, dessen Ansichten über auswärtige Fragen bei der liberalen Partei besonders ins Gewicht fielen, entnommen, daß auch er ein besseres Verhältnis zwischen England und Deutschland davon abhängig mache, daß wir anstandslos die französische Marokko-PoHtik hinunterschluckten. Wir hätten den dringenden Wunsch, mit Frankreich in Frieden und Freundschaft zu leben, wir ließen aber nicht unsere Rechte und Interessen mit Füßen treten, auch nicht dann, wenn England, welches ebensowenig wie Frankreich über Marokko verfügen könne, den Franzosen seine Hilfe anbiete. Ich sähe nur darin eine Gefahr für den Frieden, daß Frankreich in dem Glauben an englische Hilfe dahin getrieben werden könne, sich über unsere Rechte und Interessen hinwegzusetzen. Dies würden wir uns nicht gefallen lassen. Es sei möglich, daß wir manche Fehler hätten, aber Feiglinge seien wir nicht. Wir hofften und nähmen an, daß durch unser Abkommen mit Frankreich über das Konferenzprogramm die Haupt- DIE BEWAFFNETE ENTENTE CORDIALE 203 Schwierigkeiten behoben seien. Ich könne mich aber nicht der Sorge verschließen, daß die Franzosen, wenn sie von England sich angespornt fühlten, weiter gingen, als sie nach Recht und Billigkeit dürften. Leider seien die Beziehungen zwischen England und Deutschland infolge der jüngsten Enthüllungen und Preßfehden auch nicht gerade besser geworden. Man scheine sich hier nicht recht darüber klargeworden zu sein, welchen tiefen Eindruck es in Deutschland habe machen müssen, plötzlich zu erfahren, daß England sich bereit erkläre, mit den Franzosen gegen uns zu kämpfen, und zwar freiwillig, ohne vorher eingegangene Verpflichtung. Zu sehen, daß ein Land, mit dem wir nie in Krieg gewesen wären, mit dem keine wichtigen Interessengegensätze beständen, sich ganz kühl dazu bekenne, daß es gegen uns kämpfen würde, wenn es mit unserem Erbfeinde zum Kriege käme, habe nicht Furcht, aber notwendige Erbitterung im deutschen Volk erwecken müssen. Wenn man nun auch von allem Sensationellen und Unwahren der jüngsten Enthüllungen absehe, so bleibe doch die nackte Tatsache bestehen, daß sowohl die engüsche öffentliche Meinung erklärt wie auch die englische Regierung zu verstehen gegeben habe, daß bei einem deutschen Angriff die Franzosen die bewaffnete Hilfe Englands haben würden. Uber die Verklausulierungen hinsichtlich des Angriffs mache sich wohl niemand eine Illusion, der die hiesige Stimmung kenne. Wenn die Franzosen morgen über die deutsche Grenze gingen, so würde es übermorgen in ganz England heißen, daß sie durch die herausfordernde Haltung Deutschlands dazu gezwungen worden seien. Wenn man hierzu noch das ihm, Mr. Haidane, bekannte Verhältnis zwischen König und Kaiser nähme, so sei das Bild vollständig. (Mr. Haidane war gerade einige Tage in Balmoral bei König Eduard zu Gast gewesen und weiß genau, wie es zwischen den beiden hohen Herren steht.) Ich führe nur dies aus meinen Ausführungen an, um die Antwort Mr. Haldanes verständlich zu machen, übergehe aber der Kürze halber vieles andere und insbesondere alle meine Äußerungen, die den englisch-deutschen Gegensatz als unverständig und die Preßhetze als gefährlich bezeichneten. Ich malte absichtlich schwarz, um meinen Zuhörer zu impressionieren und in ihm den Wunsch nach Abänderung des vorhandenen Zustandes zu befestigen. Mr. Haidane bemerkte, er wisse ganz bestimmt, daß Sir Edward Grey die Aussöhnung mit Deutschland wünsche. Von konservativer Seite werde versucht, die Uberale Partei als im Gegensatz zur bisherigen auswärtigen Politik Englands hinzustellen. Das gute Einvernehmen mit Amerika, die Entente cordiale und das japanische Bündnis seien aber Grundsätze der auswärtigen Politik, an denen ganz England festzuhalten wünsche. Sir Edward Grey habe daher mehr von dem Gesichtspunkte der inneren Politik aus die auswärtige Lage beleuchtet, um die Kontinuität der auswärtigen Politik Englands festzustellen und um 204 HALDANE ÜBER DIE ENTENTE dem konservativen Wahlmanöver der Anschwärzung der liberalen Partei in auswärtigen Dingen entgegenzutreten. Von diesem Gesichtspunkte aus müsse die Rede betrachtet werden. Sir Edward Grey und die übrigen Leiter der liberalen Partei seien aber einig darin, daß gegen die Verhetzung zwischen England und Deutschland etwas geschehen müsse. Der Enthusiasmus für Frankreich sei hier deshalb so groß, weil die Liebe noch jung sei. Mit der Zeit werde alles in ruhigere Bahnen gleiten, und wenn, wie er hoffe, die Marokko-Konferenz ohne neue ernstliche Reibungen zwischen Deutschland und Frankreich vorübergegangen und die liberale Regierung in einigen Monaten am Ruder sei, so sei der Augenblick für eine Annäherung an Deutschland gekommen. Die liberale Partei wünsche zwar die Entente mit Frankreich festzuhalten, sie wolle deshalb aber nicht einen Gegensatz zu Deutschland schaffen. Er und seine poetischen Freunde hätten den Wunsch, eine ebensolche Annäherung zwischen England und Deutschland herbeizuführen, wie sie zwischen England und Frankreich gelungen sei. Wenn in einigen Monaten die liberale Regierung formiert sei, so werde systematisch an dem Werke der Annäherung an Deutschland gearbeitet werden. Auch müsse versucht werden, eine Annäherung zwischen den beiden Herrschern herbeizuführen. Die Mißstimmung bei König Eduard hänge noch vielfach mit Erinnerungen an die Behandlung zusammen, die er als Prinz von Wales erfahren habe. Wenn das Werk der Annäherung zwischen den beiden Nationen gelingen solle, so müsse bei dem großen persönüchen Einfluß der beiden Souveräne auf den Gang der Politik auch eine Annäherung zwischen ihnen wieder erfolgen. Ich erwiderte Herrn Haidane, daß er und seine Mitarbeiter bei dem Werke der Aussöhnung zwischen beiden Ländern auf meine bescheidene Hilfe und auch auf den guten Willen der kaiserbchen Regierung zählen könnten. Er war über diese Zusicherung sehr erfreut. Die Aussöhnung mit Deutschland steht schon jetzt auf dem Programm der liberalen Partei, wie aus vielen Reden und Schriften ihrer Mitgbeder ersichtlich ist. Die Parteileitung will sich aber vor den Wahlen nicht zu sehr avancieren, um nicht der Beschuldigung ausgesetzt zu werden, daß sie die populäre Entente cordiale dadurch störe. Sie hat aber die Absicht, sobald sie fest im Sattel sitzt, eine Annäherung an Deutschland zu betreiben. Ende nächster Woche treffe ich mit zwei oder drei anderen liberalen Parteiführern eigens zu dem Zweck zusammen, um die deutsch-englischen Beziehungen mit ihnen zu besprechen. Ich glaube, daß auch unter der übe- ralen Regierung die Entente mit Frankreich den Pivot der englischen Politik bilden wird. Es ist aber immerhin schon erfreulich, den guten Willen vorzufinden, um die Spannung mit Deutschland zu beseitigen." Am 6. November 1905 hatte der englische Minister des Äußern Lord Lansdowne erklärt, daß die englischen Einvernehmen mit Japan und BALFOUR WEICHT DEN LIBERALEN 205 Frankreich in keiner Weise eine Entfremdung gegenüber anderen Mächten bedeuteten. England halte an der Freundschaft mit Frankreich und Japan fest, sei aber gewillt, auch mit anderen Mächten die besten Beziehungen zu unterhalten. Einige Tage später hatte der Ministerpräsident Balfour auf dem Lordmayorsbankett ausgeführt: „Ich bin so sanguinisch, zu denken, daß wir in Zukunft keinen Krieg sehen werden, es sei denn, daß eine Nation oder ein Herrscher erstände, die unfähig wären, einen Plan nationaler Vergrößerung anders auszuführen als durch Niedertreten der Rechte der Nachbarn. Ich habe aber keinen Grund zu der Annahme, daß ein solches Unglück in Europa eintreten wird. Soweit die menschliche Voraussicht geht, glaube ich, einen langen Frieden prophezeien zu können." Bald nach dieser Rede von Mr. Balfour kam ich im Reichstag bei der ersten Beratung des Etats auch auf die in England hervortretende Abneigung der öffentlichen Meinung gegen uns zu sprechen. Erst in allerletzter Zeit hätten sich Anläufe gegen diese bedenkliche Spannung in ernsten englischen Kreisen bemerkbar gemacht. Unter dem Beifall des Hauses hatte ich hinzugefügt: „Ich begrüße aufrichtig solche günstigeren Zeichen. Ich möchte gern darin einen Anfang dafür sehen, daß man zu dem leider unterbrochenen wechselseitigen Verständnis zweier großer Völker von gleichartiger Kultur zurückkehren will."* Am 4. Dezember 1905 hatte das Ministerium Balfour seine Demission eingereicht. Am 10. Dezember war das neue liberale Kabinett gebildet Das worden mit Sir Henry Campbell-Bannerman als Premierminister, ^ am Asquith als Schatzkanzler, Sir Edward Grey als Minister des Äußern, Haidane als Kriegsminister, Lord Tweedmouth für die Admiralität, Lloyd George für das Handelsamt, John Burns von der Arbeiterpartei für die Lokalverwaltung, Bryce für Irland. Der Earl of Crewe, der Schwiegersohn des Earl of Rosebery, wurde Lord-Präsident des Geheimen Rates, der Marques of Ripon Lord-Geheimsiegelbewahrer. Mit dem Gefühl für die Notwendigkeit einer stetigen auswärtigen Politik, das alle englischen Parteien auszeichnet, hatte der neue Ministerpräsident Campbell-Bannerman am 21. Dezember 1905 in seiner Programmrede ausgeführt, daß das ganze englische Volk an dem von Lord Lansdowne „so weise" abgeschlossenen Abkommen mit der französischen Regierung festhalte, aber hinzugefügt: „Was Deutschland anbelangt, so sehe ich nicht die geringste Veranlassung zur Entfremdung in irgendeinem Interesse der beiden Völker, und wir heißen die inoffiziellen Freundschaftsdemonstrationen, die in der letzten Zeit zwischen den beiden Ländern ausgetauscht wurden, willkommen." Im Januar 1906 fanden die enghschen Neuwahlen statt, die zu einer gewaltigen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 250 ff.; Kleine Ausgabe IV, 30 ff. 206 NIE KRIEG UM MAROKKO Niederlage der Unionisten führten, das heißt der Partei, die recht eigentlich den englischen Chauvinismus und die aus diesem Chauvinismus hervorgehende Abneigung gegen Deutschland verkörperte. Der frühere Ministerpräsident Balfour selbst wurde im ersten Wahlgang nicht gewählt und kam nur durch eine Nachwahl wieder in das Parlament, in dem 400 Liberalen mit 29 Mitgliedern der Arbeiterpartei und 83 Iren nur 159 Unionisten gegenüberstanden. Die Ursachen der deutsch-englischen Entfremdung lagen zu tief, sie waren auch in der Natur der Dinge zu sehr begründet, als daß ein Kabinettswechsel sie hätte beseitigen können. Immerhin bedeutete der in England eingetretene Regierungswechsel eine erhebliche Erleichterung für unsere Politik und eine Gewähr für die Aufrechterhaltung des Friedens. Ernst lautete ein Brief, den ich aus St. Petersburg von einer klugen russischen Freundin über die Lage der Dinge in Rußland erhielt und in dem es hieß: „Lors de ma derniere visite ä Berlin, vous m'avez peut-etre trouvee tres pessimiste pour tout ce qui se passe chez nous, helas mes points de vue etaient d'un rose tendre en comparaison du noir que l'on broie ici. J'ai tort de dire noir, c'est rouge qu'il faut dire, car l'horizon est rouge du sang des assassinats, de la re- pression et des incendies. Quel chaos dans les idees! J'ai passe deux jours ä la Douma et, quoique j'aie vu plus d'une seance orageuse ä Paris, Londres et Berlin, tout cela est pale en comparaison de ce qui s'est passe ici il y a quelques jours. Vous avez lu les discours de ces forcenes, mais ce que vous n'avez pas pu voir ce sont des poings tendus avec des gestes insolents vers les ministres qui avaient l'air d'etre non seulement des accuses mais des condamnes, des regards lancant la haine, des tetes de forcats. Si comme moi vous aviez entendu les applaudissements frenetiques qui saluaient l'apparition de ces quart-d'intellectuels, vous vous seriez dit que la revolu- tion est lä et que peut-etre eile nous balayera tous. Quand je pense qu'il y a un an et demi ä peine ces murs du palais de la Tauride etaient couverts de splendides portraits du XVIII ieme siecle qu'une foule elegante venait admirer, il me semble que ces images du grand regne de Catherine avaient ete evoquees expres pour faire ressortir encore davan- tage le contraste avec toute cette Canaille haineuse, crachant sur les beaux meubles Louis XVI et n'ayant en fait d'opinion politique q'une seule idee, la terre d'autrui." Die Umwälzung, die zwölf Jahre später über das russische Reich hereinbrechen sollte, warf für den schärfer Blickenden ihre Schatten voraus. Ich habe nie die Absicht gehabt, es anläßlich des Marokko-Streits zu Die Nervosität einem Kriege kommen zu lassen, weder vor noch während der Konferenz dauert an von Algeciras. Unverrückbar war meine Überzeugung, daß nach der Gesamtlage der Weltverhältnisse jeder ernstliche europäische Konflikt aller EIN FOYERGESPRÄCH 207 Wahrscheinlichkeit nach zu einem Weltkriege führen würde. Ebenso fest stand für mich, daß die Aufrechterhaltung eines würdigen Friedens in der Gegenwart und für die Zukunft nicht nur im deutschen Interesse läge, sondern eine Lebensfrage für unser Volk wäre. Kaiser Wilhelm teilte sachlich durchaus diese meine Auffassung, erschwerte mir aber meine Aufgabe bald durch unvorsichtiges Reden und Agieren auf der Weltbühne, dann wieder, indem er, wie ich schon einmal sagte, bei Krisen in der auswärtigen Politik seine Kriegsfurcht gar zu offenherzig an den Tag legte. Aus Paris hörte ich durch einen dortigen Agent de change deutschen Ursprungs, von dem ich bisweilen gute Nachrichten erhielt, daß König Eduard nach wie vor allen Franzosen gegenüber in allen Tönen über seinen kaiserlichen Neuen schimpfe und insbesondere immer wiederhole: „Croyez-moi, dans l'affaire marocaine il ne bougera pas. II rentrera dans son coin." Auch in deutschen parlamentarischen Kreisen wurde die Lage zum Teil mit unbegründeter Besorgnis betrachtet. Es berührt eigentümlich, daß dieselben Parlamentarier und dieselbe deutsche öffentliche Meinung, die während der Algeciras-Konferenz, ebenso vier Jahre später während der bosnischen Krisis mit übertriebener Nervosität den Krieg für unvermeidlich hielten, im Sommer 1914 nicht sahen und nicht erkannten, daß der Kriegswolf wirklich vor der Tür stand. Zur Illustrierung des hyperkritischen Geistes, der in Deutschland in weiten und ernsten Kreisen an die Konferenz von Algeciras gewendet wurde, möge die nachstehende kleine Episode dienen. Mein Pressechef, Geheimrat Dr. Hammann, der in der Behandlung der öffentlichen Meinung und ihrer journalistischen Vertreter nicht immer geschickt, bisweilen geschmacklos war, aber überall horchte und herumschnüffelte und einen guten Detektiv abgegeben haben würde, meldete mir: „Foyergespräch. Graf Udo Stolberg: ,Mir wird unsere Marokkopolitik immer unverständlicher. Es wäre doch unerhört, wenn wir wegen der Jesuiten einen Krieg mit Frankreich führen sollten!' — ,Wieso?' — ,Na, das ist doch klar. Wir sollen für den Papst Rache an der antiklerikalen französischen Republik nehmen.' — ,Ernst oder Spaß?' — ,Voller Ernst. Sieht man doch jeden Sonntag die Fürstin Bülow mit dem Prinzen Arenberg zur Messe gehen.' — Moral: Was soll man von parteiverrannten Zeitungsschreibern erwarten, wenn ehemalige Oberpräsidenten im Auswärtigen solche Kinder sind?" — So weit Dr. Hammann. Graf Udo Stolberg, früher Oberpräsident in Königsberg, einer der Führer der Konservativen, ein persönlicher Freund von mir, war im übrigen ein ganz verständiger Mann. Am Abend des Neujahrstages 1906 hatte sich in Berlin das Gerücht verbreitet, der Kaiser habe bei Gelegenheit der Ausgabe der großen Parole 208 KAISERLICHE NEU JAHRSREDE IM ZEUGHAUS im Lichthof des Zeughauses an die versammelten Offiziere eine aufgeregte Rede gehalten, in der er sich üher die europäische Lage sehr pessimistisch geäußert hätte. Die Börse quittierte diese Nachricht mit einer Baisse. Aus der Umgehung Seiner Majestät wurde mir vertraulich gemeldet, daß der Kaiser, anknüpfend an die hundertjährige Erinnerung des Jahres 1806, unter anderem ausgeführt hätte: Er habe einen trefflichen Reichskanzler, den er schätze und liebe, der aber den Wagen bisweilen zu nah am Graben fahre. Als ich mich in unbefangenem Tone beim Kaiser erkundigte, was er im Zeughaus gesagt hätte, übersandte er mir den Text seiner Rede, die wohl nachträglich von ihm etwas zurechtgestutzt worden war, aber jedenfalls nichts Bedenkliches enthielt. Sie war im Stil der meisten kaiserlichen Kundgebungen gehalten. Das Wort „oberster Kriegsherr" kam fünfmal vor. Als Zweck der Ausbildung des Heeres wurde bezeichnet, daß die Armee das „unüberwindliche Werkzeug Seiner Majestät" sein müsse. Alle Anstrengungen des Offizierkorps wären darauf zu richten, „das Heer perfekt für seinen König zu machen", dessen Lob und Zufriedenheit der schönste Lohn für die Armee wäre. Die Aufforderung, zur alten preußischen Sparsamkeit zurückzukehren, den Luxus zu fliehen, altbewährte Einfachheit der Sitten unserer Väter wieder einzuführen, sich selbst zu überwinden, war durchaus berechtigt, nur hätte der Kaiser selbst in dieser Richtung mit gutem Beispiel vorangehen sollen, wovon leider nicht viel zu merken war. Die Mahnung, daß der Offizier nicht nur für seinen Kriegsherrn sterben müsse, sondern auch ein anderes Leben zu führen habe „als der gewöhnliche Sterbliche", daß der Offiziersstand „in seiner Abgeschlossenheit" strengeren Anschauungen huldigen müsse als der Bürger, entsprach einer schönen und bewährten preußischen Tradition, wurde aber von Wilhelm II. nach außen schärfer und lauter akzentuiert als von Friedrich dem Großen oder Wilhelm I. • Es freute mich, dem Kaiser, der dem Gang der Beratungen und Verhandlungen in Algeciras mit übertriebener Besorgnis entgegensah, bald nach der Eröffnung der Konferenz schreiben zu können, daß der aus London zurückgekehrte englische Botschafter Lascelles mir vertraulich die Überzeugung ausgedrückt habe, eine Besserung der deutsch-englischen Beziehungen wäre unter der neuen liberalen englischen Regierung nach Abwicklung der Marokko-Frage nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Sei die Marokko- Frage erst einmal erledigt und damit eine Detente in den deutsch-französischen Beziehungen eingetreten, so würde die neue englische Regierung in der Öffentlichkeit uns gegenüber freundlichere Saiten aufziehen. Ein liberales englisches Ministerium, namentlich wenn es von einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen werde, könne uns gegenüber eine andere Politik WILHELM II. IN UNRUHE 209 machen als Lansdowne-Chamberlain-Balfour in den letzten Jahren. Ich fügte in meinem Brief an den Kaiser hinzu, und dies nicht bloß referierend, sondern recht eigentlich in usum Delphini: „Ich habe mit beiden Knien auf unsere Presse gedrückt, damit sie nun kein Triumphgeschrei anstimmt und auch die Anbiederung an England nicht zu weit treibt, denn es kommt jetzt darauf an, die englischen Liberalen nicht durch ein forciertes Sichherandrängen kopfscheu zu machen und der englischen Aktionspartei nicht die Möglichkeit zu geben, die Liberalen als germanophil zu diskreditieren." Je länger die Konferenz von Algeciras dauerte, um so höher stieg die Nervosität Seiner Majestät. Sie wurde noch durch einen wohlgemeinten, aber nach Lage der Verhältnisse nicht glücklich wirkenden Brief des trefflichen Großherzogs Friedrich von Baden verstärkt, der Seiner Majestät unter anderem schrieb: „Wie schädlich ein Krieg mit Frankreich dermalen für uns wäre und wie unpopulär in Deutschland, das ist wohl selbstredend. Ein solcher Krieg kann nur von denen gewünscht werden, die unsere hochentwickelte Industrie durch Hinderung eines genügenden Exportes ruinieren wollen, was auch erfolgen würde, wenn der Krieg endlich siegreiche Erfolge zu Lande hätte. Aber wir würden alle Verbündeten verlieren und nur schwer wiedergewinnen. Bei der gottlob vorhandenen friedlichen Gesinnung der deutschen Reichsregierung würde man in Deutschland ein Entgegenkommen derselben in der Marokko-Frage freudig begrüßen und dem Wiederaufblühen unserer industriellen Interessen dankbar entgegensehen. Ist Frankreich seiner östlichen Grenzen sicher und überzeugt, daß Deutschland aufrichtig den Frieden will, so wird uns trotz der elsaß- lothringischen Frage ein Entgegenkommen in Algeciras von größtem Nutzen sein." Ich ließ es mir angelegen sein, den patriotischen und weisen, mir freundüch gesinnten Großherzog durch eingehende vertrauliche Mitteilungen aus den Akten darüber aufzuklären, daß seine Wünsche sich mit meinen Zielen deckten, die ich mit Gottes Hilfe auch zu erreichen hoffe. Dem Kaiser gegenüber hielt ich daran fest, daß, wenn wir nicht die Nerven verlören, wir zu einer Verständigung gelangen würden, auch ohne „nach Olmütz zu gehen". Ich glaube, daß wir in Algeciras in verschiedenen Einzelfragen noch mehr durchgesetzt haben würden, wenn wir, unbeeindruckt durch das Geschrei der englischen und französischen Presse und das ziemlich unwürdige Gewinsel einiger deutscher Zeitungen, keinen Zweifel darüber gelassen hätten, daß wir ein ergebnisloses Auseinandergehen der Konferenz nicht mehr als andere zu fürchten hätten. Der Kaiser wollte es aber auf einen solchen Ausgang nicht ankommen lassen. In einem langen Gespräch im Garten des Reichskanzlerpalais, Anfang April 1906, drückte 14 Bülow II 210 „OHNE BLAMAGE" er mir die feste Überzeugung aus, daß, wenn ich in Algeciras nicht noch einige Konzessionen machte, es zum Krieg kommen würde, für den „zur Zeit" aus militärisch-technischen Gründen die Chancen so ungünstig wie möglich lägen. Er wolle und könne es auf einen solchen Krieg nicht ankommen lassen. Ich möge ihn nicht im Stich lassen, sondern ihn „ohne Blamage" vor dem Krieg bewahren, für den weder bei den deutschen Fürsten, noch im Reichstag, noch im Volk irgendwelche Stimmung sei. XIV. KAPITEL Der Vertrag von Algeciras • Der amerikanische Botschafter Charlemagne Tower über die Algeciras-Akte • Bülows Reichstagsrede vom 5. April 1906 • Bülows Ohnmachtsanfall Rücktritt des Herrn von Holstein • Bülows Rekonvaleszenz in Norderney • Freundliche Kundgebungen • Wilhelm II. an Goluchowski („brillanter Sekundant") • Besuch des Kaisers bei Bülow in Norderney • Rede Wilhelms II. in Cuxhaven über Bülows Genesung Am 7. April 1906 wurde die Algeciras-Akte unterzeichnet, die über die Organisation der Polizei in Marokko, die Unterdrückung des Waffen- Die Schmuggels, die Einrichtung einer Staatsbank, die Verbesserung der Steuer- Algeciras- erträge, die Verbesserung des Zolldienstes, die Einrichtung des öffentlichen ^ te Dienstes und der öffentlichen Arbeiten Bestimmungen enthielt, durch die wir nicht alles Erwünschte, aber doch das Wesentliche erreichten. Die Souveränität des Sultans wurde aufs neue anerkannt und blieb Bestandteil des Völkerrechts. Frankreich erlangte nicht das von ihm angestrebte Protektorat über den Sultan, vor allem nicht den Oberbefehl über dessen Heer, den es im Frühjahr 1905 in erster Linie gefordert hatte. Wir hatten die Handelsfreiheit in Marokko erfolgreich verteidigt. An der künftigen Gestaltung der marokkanischen Angelegenheiten war uns ein entscheidendes Mitbestimmungsrecht gesichert, auf das wir ohne ausreichende Kompensation nicht zu verzichten brauchten. Der Versuch, uns von einer großen internationalen Entscheidung auszuschließen, war erfolgreich durchkreuzt worden. Die Beschlüsse der Konferenz von Algeciras waren, wie ich mich elf Jahre später in meinem Buch über die „Deutsche Politik" ausdrückte*, ein Riegel vor den Tunifikationsbestrebungen Frankreichs in Marokko; sie waren auch eine Klingel, die wir jederzeit ziehen konnten, wenn Frankreich wieder solche Tendenzen an den Tag legte. Als nach dem Bekanntwerden der Algeciras-Akte in manchen deutschen Kreisen Verwünschungen und Klagen laut wurden, sagte mir der verständige, uns wohlgesinnte amerikanische Botschafter Charlemagne Tower: „Ich verstehe wirklich nicht das Geschrei, das hier jetzt einige Leute erheben. Sie haben ja in Algeciras ungefähr alles erreicht, was Sie vernünftigerweise fordern konnten." Ach, es sollte die Zeit kommen, wo die Toren und Narren, die damals von „deutscher Schmach" und „deutschem Elend" faselten, * Deutsche Politik, Volksausgabc, S. 91. 14* 212 ALGECIRAS VOR DEM REICHSTAG erkannten, was wirkliches Elend, was wirkliche Schmach sind! Als ich Seiner Majestät das Ergebnis der Algeciras-Konferenz und die unmittelbar bevorstehende Unterzeichnung der Algeciras-Akte meldete, sprach mir der Kaiser telegraphisch seine lebhafte Befriedigung aus. Dieser friedliche Ausgang der schwierigen Verhandlungen bedeute für ihn eine wahre Erleichterung. Von dem Ergebnis sei er durchaus befriedigt. Das Telegramm schloß mit einem lateinischen Zitat: Hic optime manebimus. Am 5. April hatte ich die erste sich mir bietende Gelegenheit benutzt, um im Reichstag festzustellen, was Ausgangspunkt, Ziel und Ergebnis der Konferenz von Algeciras gewesen wäre*. Wir hätten in Marokko keine direkten politischen Interessen, auch keine politischen Aspirationen, wohl aber vertragsmäßige Rechte und wirtschaftliche Interessen. Über sie nicht ohne unsere Zustimmung verfügen zu lassen, wäre eine Frage der Würde des Deutschen Reichs gewesen, das sich nicht als Quantite negligeable behandeln lasse. Es wäre ein Mangel an Augenmaß gewesen, wenn wir wegen untergeordneter Fragen die Konferenz gesprengt hätten. Für sekundäre Forderungen Kopf und Kragen daranzusetzen, wäre nicht praktische Politik. An dem großen Grundsatz der offenen Tür hätten wir unerschütterlich festgehalten, an diesem Grundsatz, der uns während der ganzen Marokko-Aktion geleitet habe und leiten mußte. Ich schloß mit den Worten: „Meine Herren, es war ein ziemlich schwieriger Berg, den wir zu ersteigen hatten. Manche Übergänge waren nicht ohne Gefahr. Eine Zeit der Mühe und Unruhe liegt hinter uns. Ich glaube, daß wir jetzt mit mehr Ruhe ins Weite blicken dürfen. Die Konferenz von Algeciras hat, wie ich glaube, ein für Deutschland und Frankreich gleich befriedigendes, für alle Kulturländer nützliches Ergebnis geliefert." In der Tat sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich seit dem Frankfurter Frieden nie so ruhig und verhältnismäßig freundlich gewesen wie während der fünf Jahre, die zwischen der Algeciras-Akte und dem Panthersprung nach Agadir lagen. Die Ausführungen, die ich am 5. April 1906 im Reichstag machte, wurden von allen bürgerlichen Parteien mit Zustimmung aufgenommen, insbesondere stimmte mir unter lebhaftem Beifall im Namen des Zentrums der Abgeordnete Freiherr von Herlling zu. Nach Hert.ling erging sich der Abgeordnete Bebel in den gewohnten sozialdemokratischen Klagen über die Regierung im allgemeinen und ihre auswärtige Politik im besonderen. Er meinte, daß Bismarck, den er übrigens noch maßloser anzugreifen pflegte als mich, nie die Konferenz von Algeciras zugelassen haben würde. Noch weit fehlerhafter als meine Marokko-Politik wäre, daß ich freundliche Beziehungen zu dem „barbarischen" Rußland unterhielte. * Fürst Bülow9 Reden, Große Ausgabe II, 303 ff.; Reclam-Ausgabe IV, 92 ff. OHNMACHTSANFALL BÜLOWS 213 Während Bebel sprach, wurde ich von einer Ohnmacht befallen. Bebel, der mir als Mensch nicht mißfiel und von dem ich glaube, daß er ein gutes Der Herz hatte, ließ mir später durch unseren gemeinsamen Freund, den Ver- Zwischenfall treter der „Frankfurter Zeitung", August Stein, sagen, er bedaure, daß V ™£' Ap " 1 die Wucht seiner Angriffe die Schuld an meiner Ohnmacht getragen hätte. Diese Selbstanklage war unbegründet. Der gute Bebel, der in den letzten Jahren sehr gealtert hatte, auch, wie ich gern anerkenne, sich in rastloser Agitation für die von ihm als richtig betrachteten Ziele verzehrte, hatte am 5. April 1906 recht matt gesprochen. Mein Unwohlsein war lediglich darauf zurückzuführen, daß ich während des ganzen Winters und speziell während der letzten Wochen, mit Arbeiten überhäuft, meinen Schlaf zu sehr verkürzt hatte. In den letzten Tagen vor jener Beichstagssitzung ging ich selten vor zwei Uhr, manchmal drei Uhr nachts zu Bett und mußte, um den Kaiser, der sehr früh bei mir vorzusprechen pflegte, zu empfangen, schon um sieben Uhr wieder aufstehen. Bichtig ist nur, daß das letzte, was ich mit vollem Bewußtsein sah, das von einem schon stark ergrauten Bart umrahmte, nicht unsympathische Gesicht von August Bebel und seine lebhaften und intelligenten Augen waren. Im übrigen kann ich nur sagen, daß das Gefühl, mit dem ich in Ohnmacht fiel, angenehm war. Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach, Ins hohe Meer werd' ich hinaus gewiesen. Die Spiegelüut erglänzt zu meinen Füßen, Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. Ein Feuerwagen schwebt auf leichten Schwingen An mich heran! Ich fühle mich bereit, Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit. Als ich wieder erwachte, befand ich mich außerhalb des Sitzungssaales, in dem für den Beichskanzler bestimmten Büro. Das Zimmer war von Menschen angefüllt, die mir teils die Hände rieben, teils die Füße, nachdem sie mir Stiefel und Strümpfe ausgezogen hatten. Andere flößten mir Kognak ein, noch andere einen greulichen heißen Zichorienkaffee. Ich hörte deutlich, wie meine verehrten Kollegen, die Minister, sich darüber unterhielten, wer mein Nachfolger, oder wenn mit einer längeren Beurlaubung zu rechnen wäre, Vizekanzler werden würde. Der einzige, der den Kopf nicht verlor, war Geheimrat Hammann. Ich habe ihm das nicht vergessen und ihn, als er nicht lange vor meinem Bücktritt in eine schwierige Situation geriet, meinerseits gehalten. Hammann trieb Minister, Abgeordnete und Journahsten aus meinem Zimmer und telephonierte nach meiner Frau und nach meinem ausgezeichneten Arzt und Freund, dem Geheimen Bat 214 STURZ HOLSTEINS Renvers. Letzterer erschien sehr bald, untersuchte mein Herz, ließ mich einige Gehversuche machen und sagte mir dann ernst und bestimmt: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Ehrenmann, daß es nur eine Ohnmacht, in keiner Weise ein Schlaganfall war. Daß Sie sich übergeben haben, kommt nur daher, daß man Ihnen unsinnigerweise alles möghche Zeug in den Hals gegossen hat. Sie werden in kurzer Zeit völlig wiederhergestellt sein, aber Sie müssen Ruhe und vor allem Schlaf haben." Der Kaiser, dem mein Unfall telephonisch mitgeteilt worden war, erschien sogleich im Reichstag, den er sonst nie zu betreten pflegte, sprach in herzlichster, rührender Weise meiner Frau seine Teilnahme aus und wollte mich durchaus sehen, was aber Renvers als gewissenhafter Arzt nicht zuließ. Renvers fuhr mit mir und meiner Frau nach dem Reichskanzlerpalais, wo er mich ins Bett steckte und mir für vier bis fünf Tage jede andere Beschäftigung als die Lektüre illustrierter Zeitungen verbot. Dann durfte ich Romane lesen, deren ich während der folgenden Wochen eine ganze Reihe verschlang, darunter ganz hübsche. Betreut und mit selbstloser Aufopferung gepflegt wurde ich in diesen Tagen von der langjährigen Kammerfrau meiner Frau, die heute noch in unseren Diensten und von dem Tage nicht mehr fern ist, an dem sie auf fünfzig Jahre in unserem Hause zurückschauen kann. In ihrer Hingabe, ihrer Umsicht und Opferfähigkeit ersetzte sie jede Berufspflegerin. Frau Luise Cholin, von meiner Frau mehr als Freundin denn als Dienerin behandelt, ist ein seltener Charakter. Unermüdlich in Pflichterfüllung, nur ihrem Dienste und ihrer Familie lebend, stellt sie den besten Typus einer guten deutschen Frau dar, die sie, die Tochter des Breisgaues, auch gebbeben ist, nachdem sie Monsieur Chobn, unsern langjährigen Koch, geheiratet hatte. Meine Ohnmacht war der ungewollte Anlaß für den poHtischen Tod des Holsteins Geheimen Rats von Holstein, der bis dahin so viele Stürme, alle Fährnisse Abschieds- überstanden hatte. Sein Sturz beweist, daß der Krug in der Tat so lange zu gesuch Nasser geht, bis er bricht. Er hatte sich, wie schon bemerkt, wie mit vielen anderen so auch mit dem Staatssekretär von Richthofen auf die Länge nicht vertragen können. Als mir am 17. Januar 1906 der Tod diesen ausgezeichneten, klugen und treuen Mitarbeiter entrissen hatte, war es nicht leicht, einen Nachfolger zu finden, der gleichzeitig seinem Amt gewachsen, Seiner Majestät genehm und Holstein nicht zu ungenehm war. Der Kaiser lehnte sowohl Mühlberg wie Kiderlen ab, die übrigens Holstein beide auch nicht wollte. Seine Majestät wünschte seinen treuen „Mimile", wie er, ich weiß nicht weshalb, Tschirschky zu nennen pflegte. Holstein befürwortete mit Enthusiasmus diesen Wunsch Seiner Majestät, zu meinem Befremden, denn er pflegte im allgemeinen sich immer in Gegensatz zum Kaiser zu stellen. Sein, wie oft, verschlungener Gedankengang war der folgende: SEIN ABSCHIEDSGESUCH 215 Tschirschky hatte sich als Botschaftsrat des Fürsten Radolin in St. Petersburg sehr mit diesem angefreundet. Namentlich hatte sich Frau von Tschirschky in der Rolle einer Suivante der Fürstin Radolin gefallen. Holstein, der intime Freund des Ehepaars Radolm, glaubte deshalb Tschirschkys völlig sicher zu sein. Diese Hoffnung scheiterte an der im Auswärtigen Amt berühmten Verbindungstür zwischen dem Zimmer des Staatssekretärs und dem des Geheimen Rats von Holstein, durch die der letztere bei jedem Anlaß, unangemeldet, hinter dem Rücken seines Chefs einzutreten pflegte. Marschall hatte sich das gefallen lassen. Da ich Zeit meines Lebens gute Nerven gehabt habe, hatte es mich auch nicht weiter gestört. Tschirschky schloß die Tür ab, da seine Nerven die fortgesetzte Bedrohung, den finsteren Holstein unvermutet hinter sich zu fühlen, nicht ertrugen. Als Holstein, durch diesen Ab- und Ausschluß schon gereizt, das Zimmer des Staatssekretärs durch die Korridortür betrat, mit einem großen Stoß Akten unter dem Arm, forderte ihn Tschirschky kühl und trocken auf, die Akten auf den Tisch zu legen und zu warten, bis er gerufen würde. Bei der Verzogenheit und Reizbarkeit von Holstein bedeutete dies den Bruch. Er reichte sofort seinen Abschied ein, war aber überzeugt, daß ich die Annahme desselben verhindern würde. Während einiger Tage erneuerte er fortgesetzt sein Abschiedsgesuch in an mich gerichteten Briefen, in denen er einen elegischen, fast weltschmerzlichen Ton anschlug. Er wolle mir keine Schwierigkeiten bereiten und sehne sich nach Ruhe und Stille. Macchiavelli erzählt in seinem „Principe", Cesare Borgia habe ihm gesagt, er und sein Vater, der kluge Papst Alexander VI., hätten alle Möglichkeiten der Zukunft erwogen, nur die eine nicht, daß sie gleichzeitig sterben oder wenigstens schwer erkranken würden. Nun trat aber gerade dieser Fall ein. Alexander VI. wünschte sich einiger ihm unbequemer Kardinäle zu entledigen. Zu diesem Zweck lud er sie zu einem Gastmahl ein, bei dem den Betreffenden vergiftete Speisen vorgesetzt werden sollten. Durch ein unliebsames Versehen verwechselten die Diener die Teller, und die gefährlichen Gerichte wurden dem Papst und seinem Sohn gereicht. Der Papst selbst starb in der folgenden Nacht, die Riesennatur des Sohnes überwand das Gift, aber er blieb mehrere Wochen an das Bett gefesselt. Inzwischen empörten sich die von ihm eroberten Städte und Schlösser der Romagna, und die Herrschaft des Hauses Borgia brach zusammen. So hatte auch Fritz von Holstein vieles wohl berechnet, aber nicht an den Fall gedacht, daß ich gerade in dem Augenblick erkranken und auf Grund ärztlicher Anordnung für Rücksprachen und Akten unerreichbar werden könnte, in dem sein Abschiedsgesuch sich in den Händen des mit ihm verfeindeten Staatssekretärs Tschirschky befinden würde. Tschirschky benutzte die günstige Gelegenheit, um Holstein kaltblütig abzuwürgen. 216 HOLSTEIN, DER HÖLLENSOHN Der Kaiser genehmigte ohne Bedenken das Abschiedsgesuch. Als ich zwei Jahre früher, der unaufhörlichen Streitigkeiten zwischen Holstein und anderen Beamten des Auswärtigen Amtes müde, dem alten Geheimrat erklärt hatte, wenn er nicht endlich Ruhe gäbe, würde ich genötigt sein, wenn auch mit Bedauern, aber im Interesse des Dienstes, mich von ihm zu trennen, ließ er diese meine Mahnung durch seinen Freund Radolin sofort zur Kenntnis des Kaisers bringen. Das nächste Mal, wo der Kaiser mir begegnete, es war bei einem Galadiner im Schloß, schoß er auf mich zu mit den lebhaft hervorgestoßenen Worten: „Bernhard, das sage ich Ihnen, meinen alten guten Holstein müssen Sie mir in Ruh lassen. Er war der einzige, der in meinem Kampf gegen den Beelzebub Bismarck treu zu mir gestanden hat." Als es sich nach der Ernennung von Tschirschky zum Staatssekretär bald herausstellte, daß dieser seiner Aufgabe nicht gewachsen war, meinte der Kaiser mit derselben Lebhaftigkeit und mit derselben Uberzeugung: „Lieber Bernhard, das muß ich mir ausbitten, an Tschirschky laß ich nicht rühren. Der war der einzige, der mir in meinem Kampf gegen den Höllensohn Holstein treu zur Seite gestanden hat." Als ich den zu lange versäumten Schlaf einigermaßen nachgeholt hatte, Bülmv in schickte mich Renvers nach Norderney. Ich habe selten in so hohem Grade Norderney (J as empfunden, was die Franzosen „la joie de vivre" nennen, als während meiner Rekonvaleszenz im Wonnemonat 1906, wo ich in kräftiger Seeluft, am Strande des weitaufrauschenden Meeres lange Ritte um die Insel unternahm. Von Kindesbeinen an ritt ich gern. Als Minister machte ich auch bei schlechtem Wetter meinen täglichen Galopp. Gern denke ich an die braven Pferde, die mich in Berlin durch die Alleen des Tiergartens und um das Hippodrom, in Norderney zum Leuchtturm trugen, später durch die römische Campagna und auf den Sandwegen längs der holsteinischen Knicks, an die unermüdliche Roßbach und den braven Peter mit seinem Schlitzohr, an die kokette Senta und den flotten Torero, an die schöne Apfelschimmelstute Lina und den klugen Hans. Ich habe nie ein Pferd verkauft, sondern ihnen, wenn sie dienstunfähig wurden, das Gnadenbrot gegeben, im Freien auf grüner Wiese. Zwei dieser guten Tiere sind dem Weltkrieg zum Opfer gefallen. Die Roßbach flog nicht weit von Peronne bei der Explosion eines Munitionsdepots in die Luft, der Torero wurde in demselben Augen- bhck von einer Kugel erreicht, wo sein tapferer Reiter, der Bataillonsadjutant des 1. Garderegiments zu Fuß Leutnant von Oppen vor der Front seines stolzen Regiments, von einer Kugel getroffen, den Heldentod starb. Auf diesen Ritten begleitete mich mein treuer Diener Joseph Vehres, heute noch in meinem Dienst und mir durch seine Anhänglichkeit und Anstelligkeit eine unentbehrliche Stütze. Rheinländer von Geburt, stand er NORDERNEY UND BERLIN 217 bei meinem Regiment, den Königshusaren, und hat in diesem Regiment auch den Weltkrieg mitgemacht. Er ist ein Musterbeispiel dafür, was in unserm Volk an Tüchtigkeit und Intelligenz, an Fleiß und Ernst steckt. Er hat sich Italienisch vollkommen angeeignet und weiß in technischen Dingen, in Elektrizität und Mechanik nicht weniger gut Bescheid als früher mit seinen von ihm mit Hingabe betreuten Gäulen. Er war ein forscher Reiter, hatte im Rennstall Suermondt in Aachen eine gute Schule gehabt und schon mit zehn Jahren jedes Hindernis auf ungesatteltem Gaul und ohne Bügel zu nehmen gelernt. Hätte das Schicksal seine Eltern mit mehr Glücksgütern gesegnet und hätte er studieren können, so wäre er ein ausgezeichneter Beamter, ein scharfer Staatsanwalt, ein energischer Landrat geworden. Aus vielen Gesprächen mit diesem trefflichen Diener habe ich die Erfahrung gewonnen, daß ein Mann aus dem Volk mit offenem Kopf die Dinge dieser Welt oft rascher und klarer erfaßt als mancher Intellektuelle und Politiker. Was ich in Norderney aus Berlin hörte, war nicht immer erfreulich. Zwar wurde die Reichs finanzre form mit ihren Steuervorlagen im Annahme der Reichstag angenommen, was dem Kaiser Gelegenheit bot, ein gnädiges Reichs- Handschreiben an mich zu richten, in dem es hieß: „Ich bin mir wohl be- fi nanzre f orm wüßt, welcher hervorragende Anteil an dem Entstehen wie an dem Gelingen dieses bedeutsamen Reformwerkes dem staatsmännischen Geschick und der aufopfernden Hingebung gebührt, mit denen Sie die mühevollen Arbeiten geleitet und gefördert haben. Von ganzem Herzen beglückwünsche Ich Sie zu diesem Erfolge, durch welchen' Sie sich von neuem den Dank Ihres Kaisers und Königs wie des Vaterlandes erworben haben. Zugleich benutze Ich die Gelegenheit, Ihnen, mein lieber Fürst, meine innige Freude darüber auszusprechen, daß Ihre durch das Übermaß der Arbeit angegriffene Gesundheit durch Gottes Gnade vollständig wiederhergestellt ist und Ich mich der zuversichtlichen Hoffnung hingeben kann, daß Ihre ausgezeichneten Dienste Mir noch recht lange erhalten bleiben zum Segen für das deutsche Volk und das Vaterland. Ich verbleibe mit unveränderlichem Wohlwollen und Vertrauen Ihr wohlgeneigter und dankbarer Kaiser und König." Auch die für die Armee bedeutungsvollen Militär-Pensions-Gesetze waren vom Reichstag endgültig angenommen worden, um deren Einbringung und für deren Annahme ich mich sehr bemüht hatte. Seiner Meldung, daß die Pensionsgesetze definitiv durchgegangen wären, fügte der Kriegsminister von Einem hinzu: „Ohne die Maßnahmen Eurer Durchlaucht und ohne Ihre Mitwirkung wäre ein solches Resultat niemals möglich gewesen. Eurer Durchlaucht fühle ich mich daher gedrängt meinen wärmsten Dank ehrfurchtsvoll zum Ausdruck zu bringen. In aufrichtiger Hochachtung und Verehrung und in der Hoffnung, daß Eure Durchlaucht 218 KEIN STAATSSEKRETÄR FÜR DAS KOLONIAL AMT in vollster Gesundheit und Kraft hierher zurückkehren werden, habe ich die Ehre, zu zeichnen Eurer Durchlaucht sehr ergebener von Einem." Zu diesem Dank des Kriegsministers hatte der Kaiser ad marginem bemerkt : „Ich schließe mich dem Herrn Kriegsminister an." Dagegen lehnte der Reichstag zu allgemeiner Überraschung in dritter Beratung des Etats den Posten des Staatssekretärs für das Kolonialamt mit 142 gegen 119 Stimmen bei 9 Enthaltungen ab. Nicht lange nachher wurde ferner die Fortführung der Bahn Lüderitzbucht—Kubub nach Keetmanshoop, an deren sachlicher Notwendigkeit gar kein Zweifel obwalten konnte, mit 186 gegen 95 Stimmen abgelehnt. Allerdings war in beiden Fällen der Standpunkt der Regierung von dem Staatssekretär Tschirschky und dem Kolonialdirektor Hohenlohe-Langenburg sehr schwach, von dem Staatssekretär Posadowsky, der darüber verstimmt war, daß er nicht meine Sukzession angetreten hatte, gar nicht verteidigt worden. Es gab doch zu denken, daß mein verhältnismäßig kurzes Fernbleiben von den Geschäften genügte, damit die gouvernementale Maschinerie knarrte und stockte. Es war immerhin nicht unbedenklich, daß meine fortgesetzte Fühlungnahme mit den Parteiführern und die stete Leitung und Überwachung der Kollegen nötig war, um die Geschäfte in Gang zu erhalten. War die ganze Maschinerie, war unser staatlicher Organismus nicht zu sehr auf die Person des Kanzlers eingestellt ? Gar nicht zu reden von den Schwierigkeiten und Gefahren der auswärtigen Politik, die bei der damaligen internationalen Lage besondere Erfahrung, Umsicht und eine geschickte Hand verlangten. Dagegen wurde der Schulvorlage im Preußischen Landtag durch ein Kompromiß zwischen Konservativen, Zentrum und Nationalliberalen zur Annahme verholfen. Ein sehr bedeutsamer Erfolg für den, der nicht vergaß, wie schwierig seit jeher in Preußen die Behandlung aller Schulfragen war, wie heftige Kämpfe und gefährliche Krisen gerade Schulgesetze in der Vergangenheit hervorgerufen hatten. Auf meine Bitte und zu meiner Freude verlieh der Kaiser bei diesem Anlaß dem trefflichen Kultusminister Studt, einem schon vor seiner Berufung zum Unterrichtsminister als Landrat in Ostpreußen, als Unterstaatssekretär in Elsaß-Lothringen und als Oberpräsident von Westfalen sehr bewährten, charaktervollen und tüchtigen Beamten, den Schwarzen Adler. Ich darf es mir versagen, alle Beweise von Sympathie wiederzugeben, Sympathie- die mir anläßlich meiner Erkrankung aus ganz Deutschland zugingen. Die ndgebungen Kaiserin hatte mir nach meiner Erkrankung telegraphiert: „Ich bete zu Gott, daß der Herr Ihre Gesundheit zum Besten des Kaisers und des Landes wiederherstelle. Viele herzliche Grüße Ihrer Frau." Vom Kronprinzen erhielt ich einen Brief, in dem er mir seine Teilnahme an meiner Erkrankung wie herzliche Wünsche für baldige völlige Besserung aussprach und HINZPETER SCHREIBT 219 sich unterzeichnete als „Ihr stets treuer Kronprinz Wilhelm". Ich erhielt viele Hunderte von Telegrammen und Briefen zum Teil von mir persönlich unbekannten Verehrern. Am meisten rührte mich der Brief, in dem Prinz Heinrich XXXIII. Reuß mir den am Tage vor meinem Geburtstag, am 2. Mai 1906, erfolgten Tod seines Vaters, des Prinzen Heinrich VII. Reuß, mitteilte. Prinz Septi Reuß, wie er zum Unterschied von seinen zahlreichen Namensvettern genannt wurde, war mir im Winter 1875/76 in St. Petersburg ein gütiger Chef gewesen, als ich, damals ein sechsundzwanzigj ähriger Botschaftssekretär, dort debütierte. Er war zehn Jahre später mein Trauzeuge, als ich in Wien heiratete und damit das innerliche Glück meines Lebens begründete. Er blieb mir stets ein von mir hochverehrter Gönner und Freund. Sein Sohn schrieb mir: „Diese Zeilen sollen Eurer Durchlaucht die letzten herzUchsten Grüße von meinem heute früh sanft heim- gegangenen Vater bringen. Papa trug mir noch gestern abend, als er nur noch mühsam sprechen konnte, auf, ja nicht zu vergessen, Euer Durchlaucht seine herzlichsten und wärmsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag zu übermitteln. ,Gute Besserung, gute Besserung', war sein herzlichster Wunsch. Wollen Euer Durchlaucht mich nicht für unbescheiden halten, wenn ich Ihnen unseren tiefsten Dank sage für die treue Freundschaft zu meinem Vater, die ihm so gut tat, ihn so erfreute. Er hat sich stets das Befinden Euer Durchlaucht aus der Zeitung vorlesen lassen und sich so an den Fortschritten erfreut." Einen starken Eindruck machte mir ein Brief des Erziehers Seiner Majestät, des Dr. Hinzpeter, der mir nach Norderney schrieb: „Auch ich wage die Bitte, meinen Glückwunsch vorzubringen, zugleich mit dem Ausdruck der Freude darüber, daß wir noch mit dem Schrecken davongekommen sind. Der Schrecken aber war groß und bei mir noch größer als bei den meisten anderen. Denn mein Hauptgedanke bei der Nachricht von dem Zusammenbruch des Kanzlers war nicht: Der arme Fürst! sondern: Der arme Kaiser! Ob dem Fürsten Bülow seine glänzenden Erfolge ein genügender Lohn für die ungeheure Arbeit und die ungeheure Mühe sind und also die Fortführung eines so harten Lebens ihm besonders wünschenswert erscheint, kann ich nicht wissen; aber ganz bestimmt weiß ich, daß des Kaisers weiteres Leben und Wirken ohne seinen jetzigen Kanzler wesentlich ärmer und unfruchtbarer geworden sein würde, weil er als Mensch und als Regent einen absolut unersetzlichen Verlust erlitten haben würde." Es gab nicht viele, die Wilhelm II. so von Grund aus kannten wie Hinzpeter. Da er überdies gar keinen Anlaß hatte, sich um meine Gunst zu bewerben, denn er erwartete nichts mehr vom Leben, so hatte sein Urteil für mich Wert. Der spätere Hausminister, damalige Oberhofmarschall August Eulenburg schrieb mir nach Norderney: „Gott sei Dank, daß Sie dem Kaiser, dem Vaterlande und Ihren Freunden und 220 TATTENBACH ÜBER ALGECIRAS Bewunderern in alter Tatkraft und Frische wiedergegeben sind. Mit angelegentliehen Empfehlungen an die Frau Fürstin, die nun wieder aufatmen und sich des Lebens freuen kann, bin ich in aufrichtiger und herzlicher Verehrung Ihr treu und dankbar ergebener August Eulenburg." Der Gesandte Graf Tattenbach, dem ich für seine erfolgreiche Tätigkeit in Algeciras eine wohlverdiente Auszeichnung erwirkt hatte, schrieb mir mit der bei diesem wackeren Mann gewohnten Bescheidenheit: „Wenn ich in Algeciras einiges Nützliche habe leisten können, darf dies nicht meinem Verdienst zugute kommen. Die gründliche Kenntnis von Land und Leuten, eine Frucht siebenjährigen Aufenthalts daselbst und einige nützliche juristische und administrative Reminiszenzen aus meiner Dienstzeit in den Reichslanden haben mir die Sache leicht gemacht. Ich habe zahlreiche Zuschriften erhalten, aus denen hervorgeht, daß man in Deutschland in den praktisch interessierten Kreisen mit dem Ergebnis zufrieden ist, u. a. auch von der Hamburger Kaufmannschaft. Der politische Wert der Abmachungen liegt aber m. E. darin, daß Frankreich fernerhin in Marokko auf unseren guten Willen angewiesen ist. Wir können, wenn wir es für nötig erachten, ein Auge zudrücken. Wir können aber auch die zahllosen Vorbehalte und Kautelen, die sich in den Abmachungen vorfinden, benutzen, um den Franzosen auf Schritt und Tritt ernste Schwierigkeiten zu bereiten." Graf Tattenbach beurteilte die Algeciras-Akte genau so, wie die leitende französische Halbmonatsschrift, die „Revue des Deux Mondes", es tat, die meinte: „On a vu nulle part une souverainete aussi garottee par des liens multiples et assujettie ä de si nombreuses et si minutieuses servitudes . . . Les puissances, ou plutot la principale entre elles, l'AUemagne, ont consent! ä ce que nous etablissions notre protectorat au Maroc ä la condition de n'y jouir d'aucun avantage economique ... La France, c'est triste ä dire, n'a obtenu aucune prime de gestion au Maroc." Der Reichstagspräsident Graf Ballestrem, der mir vor meiner Abreise nach No derney einen längeren Besuch abgestattet hatte, schrieb mir, daß es ihm erne große Freude gewesen wäre, dem Reichstag in dessen nächster Sitzung imitzuteilen, daß er mich in gutem Gesundheitszustand und unverändert durch die Krankheit gefunden habe. Seine Mitteilungen wären von allen Seiten des Hauses mit lebhaftem Beifall aufgenommen worden, der bewiesen hätte, daß ich wohl politische Gegner, aber keine persönlichen Feinde im Parlament hätte. Der Führer des Zentrums, Herr Spahn, sprach mir brieflich die Hoffnung aus, daß es ihm noch vergöunt sein möge, gemeinsam mit mir für das Vaterland zu wirken. Herr von Hertling schrieb mir in demselben Sinne, er hoffe, mich bald an derselben Stelle in alter geistiger und körperlicher Kraft wiederzusehen. Herr von Heydebrand, dem ich für seine Mitwirkung beim Zustandekommen des Schulgesetzes gedankt ELASTISCHES NATURELL 221 hatte, schrieb mir: „Auf dem arbeits- und dornenvollen Felde der Politik, das Eure Durchlaucht wie kein anderer kennen, belebt und erfrischt den von formalem Ehrgeiz Freien, mit anderen selten, mit sich nie Zufriedenen kaum etwas besser als die so freundliche Anerkennung unseres bedeutendsten Staatsmannes. Ich kann hieran nur die Bitte um ferneres Wohlwollen und den Ausdruck der Hoffnung knüpfen, die ich mit allen Patrioten teile, daß Euer Durchlaucht Gesundheit sich wieder völlig zu der alten Kraft stählen möge, der ich bin Eurer Durchlaucht ehrerbietigst ergebener von Heydebrand." Der Führer der Reichspartei, Fürst Hermann Hatzfelds Herzog von Trachenberg, schrieb: „Eure Durchlaucht wollen mir gestatten, meiner aufrichtigen Freude darüber Ausdruck zu geben, daß Sie sich von dem vorübergehenden Unwohlsein so rasch erholt und die Zügel der Regierung wieder in die kräftige, zielbewußt leitende Hand genommen haben. In hoher Verehrung verharre ich Eurer Durchlaucht gehorsamster Hermann Hatzfeldt." Der alte Vertraute des Hauses Bismarck und sein Wortführer in der Presse, Hugo Jacobi, schrieb mir: „Durch das Rauschen der Wellen in Norderney klingt Ihnen das Lied vom Vaterlande als eine unaufhörliche Ermahnung zur Gesundung, von der für uns alle, für Deutschland so viel abhängt." Sein Antipode, der Chefredakteur der „Frankfurter Zeitung", Theodor Curti, sprach mir seine besten Wünsche dafür aus, daß ich mich bald wieder im Besitz meiner ganzen Kraft und früheren Rüstigkeit befinden möge: „Neben der Kunst des Hippokrates ist Ihre eigne Kunst, mit der Sie Handlung und Betrachtung, Staatssorge und Philosophie miteinander zu verbinden wissen, ein Elixier, das Ihnen noch lange Jahre mit frohen Tagen geben wird." Curti hatte recht, wenn er annahm, daß mein schon von meinem verehrten Lehrer Hermann Adalbert Daniel in Halle beobachtetes elastisches Naturell persönliche Prüfungen und Enttäuschungen überwinden würde. Uber meinen Rücktritt und die bei diesem Anlaß zutage getretene Undankbarkeit des Kaisers wie über die Jämmerlichkeit so mancher, die jahrelang vor mir scherwenzelt hatten, um mich später im Augenblick der Schwierigkeiten und Gefahren feige im Stich zu lassen, hat mir die in einem bewegten Leben allmählich erworbene Selbstbeherrschung in der Tat später weggeholfen. Gegen das Herzeleid, das mir der Zusammenbruch, die Not und Schmach des Vaterlandes brachten, ist für mich kein Kraut gewachsen. Graf Udo Stolberg schrieb an meinen Arzt Renvers, nachdem er mir vor meiner Abreise nach Norderney einen Besuch abgestattet hatte: „Ich muß sagen, daß mir ein sehr schwerer Stein vom Herzen gefallen ist, als ich mich durch den Augenschein davon überzeugen konnte, daß dem Fürsten von seinem Unfall absolut nichts anzumerken ist, da ich mir eine Zukunft, in der er mit verminderter Kraft oder gar nicht mehr wirken könnte, eigentlich nicht denken kann. Diese 222 FERN DER ZENTRALE Zukunft wird ja einmal eintreten, aber nicht mehr für mich. Sie sollten aber, sehr geehrter Herr Renvers, zusammen mit Bülow eine hygienische Reform für die oberen Zehntausend dadurch herbeiführen, daß es polizeilich verboten würde, später als um 7 Uhr zum Diner einzuladen." Die letztere Bemerkung war zutreffend. Die Unsitte später, lange dauernder und allzu reichlicher Diners war eine Kalamität, unter der die Börse der weniger bemittelten Staatsbeamten und die Gesundheit aller litten. Unter den gesundheitsschädlichen Folgen der Berliner Diners Htt ich weniger als die meisten meiner Kollegen, da ich mir seit meiner Ernennung zum Minister eine strenge Diät auferlegt, Tabak, Kaffee, Bier und Liköre von einem Tage zum anderen ganz abgewöhnt und den Weingenuß auf eine halbe Flasche Rotwein am Abend eingeschränkt hatte. Ich verband diese Diät mit täglichem, fünfunddreißig Minuten langem, strammem Turnen nach der bewährten Methode des biederen Dr. Schreber in Leipzig (Ärztliche Zimmergymnastik, Leipzig, Friedrich Fleischer). Insbesondere die von Schreber angeratene Übung Nr. 33 (Niederlassen bei festgeschlossenen Fersen, auf den Fußspitzen und mit senkrecht erhaltenem Rumpf) nehme ich bis in mein Greisenalter jeden Morgen 25 mal vor. Diese Lebensweise, verbunden mit täglichem Reiten bei guter Jahreszeit und einem mehrstündigen Fußmarsch am Sonntag nachmittag hat mich nach menschlicher Berechnung vor dem Schicksal von Herbert Bismarck, Marschall, Richthofen, Kiderlen und manchen anderen bewahrt, die vor der Zeit aus dem Leben schieden pour avoir brüle la chandelle par les deux bouts. Nicht umsonst mahnte Juvenal, der im sinkenden Rom reichliche Gelegenheit gehabt haben dürfte, die Wichtigkeit einer verständigen Hygiene zu studieren: Mens sana in corpore sano. Das soll natürlich nicht heißen, daß nicht auch in einem gebrechlichen Leibe eine feurige Seele und ein starker Wille leben können. Aber für Staatsdiener wie für Staatslenker wird im allgemeinen die Sanitas des Körpers eine Garantie für das Gleichgewicht der Seele wie für gute Nerven sein. Ich habe mir oft den Gedanken durch den Kopf gehen lassen, ob sich die vortreffliche Einrichtung des englischen Weekend nicht bei uns einbürgern ließe. Aber meine Anregungen scheiterten teils an der unübertrefflichen Gewissenhaftigkeit und Arbeitsfreudigkeit des deutschen Beamten unter dem alten Regime, der mit dem großen jonischen Maler, mit Apelles aus Kolophon, dem Grundsatz des „Nulla dies sine linea" huldigte, teils auch an der in Deutschland traditionellen Überschätzung der „Schreibe", an unserer Schreibewut. Es liegt in der Natur der Dinge, daß der an der Zentralstelle mit Arbeit überhäufte, fortgesetzt in Anspruch genommene, oft gestörte Minister DER UMGETAUFTE BISMARCK-PLATZ 223 kleine, an sich untergeordnete Symptome im öffentlichen Leben weniger scharf beobachtet, als wenn er während einer auch nur kurzen Zeit der Ruhe und Ausspannung die Zeitereignisse verfolgt. Ich erinnere mich des schmerzlichen Eindrucks, den es mir machte, als ich bald nach meiner Ankunft in Norderney las, daß der Gemeinderat von Waldshut in Baden den dortigen Bismarck-Platz in St.-Josefs-Platz umgetauft habe. Dazu hatte ein klerikal- partikularistisches Blatt, „Der badische Landsmann", geschrieben: „Bravo! Es ist an sich ein Zeichen großer Charakterschwäche, daß bei uns im Badener Land Bismarck solche Verehrung genießt. Wir Badener sollten uns doch etwas mehr auf uns selbst besinnen und bedenken, daß Bismarck es war, der ad majorem gloriam Borussiae uns anno 1866 den blutigen Krieg aufgehalst und nachher verschiedene Silberlinge abgeknöpft hat. Mögen All- und Stalldeutsche Bismarcksäulen bauen und alljährlich am 1. April, an dem man nichts ernst nimmt, darauf ihrem Götzen Bismarck ein Rauchopfer darbringen — wenn sie einen Stier oder besser einen (aber vierbeinigen) Esel darauf brieten, wäre das Ganze noch natürlicher —, das badische Volk als solches hat keinen Teil daran." In welche abgrundtiefe Gemeinheit, Dummheit und Vaterlandslosigkeit ließen solche Auslassungen bücken! War eine solche Sprache in Italien über Cavour oder Minghetti, in Frankreich über Thiers oder Gambetta, in England über Disraeli oder Gladstone auch nur denkbar? Ja, Treitschke hat recht: Es gibt Niedrigkeiten, zu denen nur in Deutschland der Parteihaß hinabsteigt. Während ich diese Zeilen diktiere, liegt der Artikel eines deutschen Intellektuellen vor mir, des „Kunstschriftstellers" Julius Meier-Graefe, der in der „Neuen Rundschau" vom September 1922 über die von ihm bei einem Ausfluge nach Paris dort empfangenen Eindrücke schreibt: „Was vermochte ein Weltkrieg gegen dieses Paris! Es ist hundertmal schöner hier als früher, da wir um ebensoviel häßlicher geworden sind. Auch die Menschen sind nicht anders. Wie sollten sie? Wie könnten sie, selbst wenn sie möchten? Soll die Sprache der Racine, Stendhal und Flaubert plötzlich krächzen? Soll das Mädchen, das von Fouquet bis Renoir lächelnd gemalt wurde, auf einmal Grimassen schneiden ? Kann die Place de la Concorde verschwinden ? Es war auch kein reizloses Vergnügen, wieder einmal richtigen Camembert zu essen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich die ersten drei Tage morgens, mittags und abends Camembert zu mir genommen habe. Dabei die Unterhaltung beim Essen in dem Ton, den es nur in Paris gibt!. . . Die Pazifisten sind den Parisern so etwas wie in der Kunst die Kubisten, die längst abgewirtschaftet haben. Auch von den sogenannten deutschen Greueltaten wird nicht mehr gesprochen. Legen wir den Krieg ad acta. Aber Reparieren, um Gottes willen, und n'en parlons plus. Der Rentner-Instinkt der Franzosen wird von uns gründlich unterschätzt. Auch er gehört zur franzö- 224 DER „BRILLANTE SEKUNDANT" sischen Kultur. Sie wollen nicht so arbeiten wie wir und haben recht. Man kann der deutschen Regierung nicht dringend genug diesen Wunsch ans Herz legen. Es gibt gegenwärtig keine ernstere Frage auf dem Globus." So schreibt ein deutscher Ästhet, während die Franzosen am deutschen Rhein stehen, während sie uns den letzten Groschen abpressen, uns mit sadistischer Grausamkeit quälen, uns mit Füßen treten! Ja, es gibt eine Niedrigkeit der Gesinnung, die nur in Deutschland möglich ist! Wie anders der Franzose mit seiner von Eitelkeit nicht freien, aber darum nur um so leidenschaftlicheren Vaterlandsliebe, der Engländer mit seinem oft selbstsüchtigen, nicht selten heuchlerischen, aber robusten und unerschütterlichen Patriotismus, der Italiener mit seinem Slancio, seiner feurigen Liebe zur Heimat! Aber je mehr den tiefer und schärfer blickenden Vaterlandsfreund die Wilhelm II. noch immer nicht überwundene Schwäche des deutschen Nationalgefühls, are der Mangel des Deutschen an patriotischer Selbstdisziplin, an nationalem Goluchowski Ehrgefühl, oft genug selbst am einfachsten Geschmack, schon 1906 bekümmern mußte, um so wünschenswerter war es, daß der Kaiser durch Vernunft und durch Würde vorbildlich wirkte, daß er wenigstens sich keine Blößen gab. „II fallait ä l'Allemagne un chef grave, silencieux, constant et mesure", hatte im Frühjahr 1904 ein französischer Publizist, Henri de Noussanne, in einer Studie über Wilhelm II. geschrieben, an der auch andere französische Schriftsteller beteiligt waren, die aus der Beobachtung deutscher Zustände und Persönlichkeiten ihr Spezialstudium gemacht hatten, „mais le Destin a donne anx Allemands un maitre qui s'imagine que des paroles et des gestes suffisent ä conduire Ies hommes. Encore faut-il approprier les paroles et les gestes ä l'epoque et aux circonstances. En reahte, aucun chef d'Etat couronne n'a fait plus de mal ä la monarchie que GuiJlaume II." Kaum vierundzwanzig Stunden nach meiner Erkrankung im Reichstag hatte Wilhelm II. an den österreichisch-ungarischen Minister des Äußern, den Grafen Goluchowski, ein Telegramm gerichtet, das mit den Worten schloß: „Sie haben sich als brillanter Sekundant erwiesen und können gleicher Dienste in gleichem Falle auch von mir gewiß sein." Das im Ton allzu burschikose Telegramm rief durch seinen Inhalt in Wien Verlegenheit, in Budapest Verwahrungen, in dem uns ungünstig gesinnten Ausland Gelächter und ironische Kommentare hervor. Im Herbst sollte mit der sogenannten Schwarzseher-Rede eine noch ärgere Entgleisung folgen. Ich machte den Kaiser brieflich darauf aufmerksam, daß ich bei der Wiedereröffnung des Reichstags im Spätherbst Mühe haben würde, sein Sekundanten-Telegramm zu vertreten. Der Kaiser ging auf die Sache nicht weiter ein, aber am 18. Juni traf er unvermutet zur See in Norderney bei mir ein. Er hätte mich am liebsten ganz unerwartet überrumpelt, da IN DER GLASVERANDA 225 ihm nichts größere Freude machte als Überraschen und Alarmieren. Aber einer seiner Adjutanten hatte die Freundlichkeit gehabt, mich zwei Stunden vorher zu avertieren, damit ich wenigstens für die leibliche Notdurft Seiner Majestät und des Allerhöchsten Gefolges während ihres Aufenthalts auf der Insel Vorkehrung treffen könne. Der Besuch war charakteristisch für die seltsame Mischung aus Liebenswürdigkeit und Derbheit, aus großer Güte und Rücksichtslosigkeit, die Wilhelm II. eigen war. Er setzte sich zunächst mit mir in eine von der Sonne beschienene Glasveranda, in der eine derartige Hitze herrschte, daß es in der Tat ein gutes Zeichen für meine völlige Genesung war, wenn ich nicht einen neuen Ohnmachtsanfall erbtt. Nachdem er auf diese Weise während einer fast zweistündigen angeregten Konversation meinen Gesundheitszustand gründlich geprüft hatte, begab er sich mit mir zu meiner Frau, die er durch die Herzlichkeit, mit der er ihr seine Genugtuung über meine Wiederherstellung aussprach, wahrhaft bezauberte. Am Abend des nächsten Tages hielt er in Cuxhaven beim Festmahl des Norddeutschen Regatta-Vereins eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: „Gott hat uns den Frieden erhalten, den Frieden in Ehren, den er uns auch weiter schenken möge. Derjenige aber, der die größte Arbeit an diesem Friedenswerk geleistet hat, der erste Ratgeber des Reichs, den wir alle in den vergangenen Wochen mit unseren Segenswünschen verfolgt haben, befindet sich, wie ich Ihnen zu meiner Freude mitteilen kann und wovon ich mich gestern persönlich überzeugt habe, im vollsten Wohlsein und in bester Gesundheit und wird in der Lage sein, wieder in vollem Umfang als mein erster Ratgeber im Lenken des Reichs zu wirken." Der Kaiser hatte sogar bei dem Diner in Cuxhaven in Wirklichkeit mich den „Lenker des Reichs" genannt und der Erwartung Ausdruck gegeben, daß ich wieder in vollem Umfange das Reich „regieren" würde. Bevor die Verbreitung der Rede durch Wolfis Telegraphenbüro erfolgte, wurde korrekterweise bei mir angefragt, und ich änderte den Lenker natürhch in Ratgeber um. 15 BillowII XV. K A P IT E L Bülows grundsätzliche Stellung als Reichskanzler gegenüber der Heeresleitung • Sein Schreiben an den Kriegsminister von Einem (1. Juli 1906) • Die Unterschätzung der Technik durch unsere Militärs • Bülows Brief an seinen Bruder, den Gesandten Alfred von Bülow in Bern, über die innere und außenpolitische Lage • Bülows Glückwunschschreiben an den Kaiser anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin • Ein „Privatissimum" für Wilhem II. Seit den ersten Tagen meiner Amtsführung als Reichskanzler hatte ich an dem Grundsatz festgehalten, mich im Frieden in militärische Angelegenheiten nicht einzumischen, während ich andererseits fest entschlossen war, im Fall eines großen Kriegs der politischen Führung, die letzten Endes ausschlaggebend bleibt und bleiben muß, unter allen Umständen die Oberhand zu sichern. Ich hatte vor mir das große Vorbild Bismarcks, der Moltke gegenüber in den kritischen Tagen des Beginnes des Krieges von 1866 wie während des ganzen Deutsch-Französischen Krieges diesen Standpunkt mit unbeugsamer Energie behauptet hatte. Die schwere Sorge aber, mit der ich zu Beginn des Jahres 1906 die Weltlage betrachten mußte, veran- laßte mich zum Abgehen von meinem Grundsatz, in Friedenszeiten die Arbeit des MUitärs nicht durch politische Erwägungen zu stören. Am 1. Juli 1906 hatte ich aus Norderney das nachfolgende Schreiben Bülow an den an den Kriegsminister von Einem gerichtet: „Bei der Lektüre französischer Kriegsminister Zeitungen ist mir seit Monaten aufgefallen, daß in denselben viel von den v. Einem g ro ß en Vorbereitungen die Rede ist, die Frankreich seit einem Jahr auf militärischem Gebiet getroffen hat. Man spricht von vielen hundert Millionen, die Frankreich zu diesem Zwecke aufgebraucht hat. Es ist mir mit Gottes Hilfe gelungen, aus der Marokko-Frage Deutschland in einer Weise herauszuführen, die unter voller Wahrung unserer Rechte, unserer Interessen und unserer Würde uns den Frieden erhalten hat. Nach menschlicher Voraussicht werden wir einige Jahre der Ruhe und des Friedens haben. Das Friedens- und Ruhebedürfnis in der Welt ist sehr groß. Ihnen, verehrter Freund, brauche ich aber nicht zu sagen, daß in einigen Jahren und, wenn es wider Hoffen und Erwarten ginge, schon früher die Lage eine ganz andere sein könnte. Es ist viel Neid, Haß und Feindschaft gegen uns in der Welt vorhanden. Die englische Abneigung und Eifersucht BÜLOW AN DEN KRIEGSMINISTER 227 gegen uns haben sich zwar verringert, sind aber noch nicht endgültig überwunden. In Frankreich ist die Revanche-Idee, der Gedanke nicht nur an die Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen, sondern auch an eine Genugtuung für die vor fünfunddreißig Jahren erlittenen Niederlagen und die Wiedergewinnung der leitenden Stellung in Europa, die Frankreich von Heinrich IV. bis Napoleon III., also zweihundertsiebzig Jahre, eingenommen hat, nicht erloschen. Die russischen Verhältnisse sind unberechenbar. Die in Rußland anscheinend mehr und mehr emporsteigende demokratisch- revolutionäre Richtung ist antideutsch, teils wegen ihrer Hinneigung zu den panslawistischen Strömungen, teils weil sie in dem deutschen Kaiserreich und in der preußischen Monarchie im Gegensatz zu dem radikal-demokratischen Frankreich und dem konstitutionell-liberalen England einen Hort der ihr verhaßten monarchisch-konservativen Ordnung sieht. Von unseren Bundesgenossen war der eine (Italien) ein nie ganz sicher einzuschätzender Faktor, der andere (Österreich-Ungarn) wird im besten Fall noch lange mit schweren inneren Problemen zu kämpfen haben. Unter diesen Umständen ist es unsere heilige Pflicht, nichts zu verabsäumen, damit die Nation, wenn früher oder später sich ein Ungewitter über uns entladen sollte, diesem so wohlgerüstet entgegensieht, als dies zu erreichen nur immer in unserer Kraft steht. Wie eintretendenfalls die Würfel auf dem Schlachtfelde fallen, steht in Gottes Hand. Aber wir sind vor Gott und der Geschichte dafür verantwortlich, daß hinsichtlich der technischen Ausrüstung der Armee nichts verabsäumt wird, damit das deutsche Volk, wenn es den Kriegspfad beschreiten muß, dies in tadelloser und lückenloser Rüstung mit allen Chancen des Erfolges tut. Es ist ein militärischer Laie, der zu Ihnen spricht. Deshalb kann ich natürlich nicht auf Einzelheiten eingehen, und auch für die nachstehenden Fragen erbitte ich die Nachsicht eines so kompetenten Militärs, wie Sie es sind. Welche militärischen Maßnahmen technischer Natur könnten unsererseits in Betracht kommen als Gegenmaßregeln gegen die französischen Maßnahmen und Anstrengungen ? Brauchen wir nicht mehr Maschinengewehre? Ist eine schnellere Umbewaflhung der Artillerie nicht notwendig ? Wie steht es mit der Ausgestaltung der Verkehrstruppen ? Mit der Bespannung der schweren Artillerie des Feldheeres? Mit den lenkbaren Luftschiffen? Mit einer praktischeren, mehr als jetzt auf den Ernstfall berechneten, lediglich nach kriegerischen Rücksichten und Erwägungen ausgewählten Uniformierung der Armee? Was nun die taktische Behandlung einer eventuellen Vorlage angeht, so empfiehlt es sich natürlich, zu vermeiden, was im Auslande Mißtrauen oder auch nur unnötiges Aufsehen erregen könnte. Wir müssen in dieser Beziehung den Franzosen nachahmen, die ihre Rüstungen in aller Ruhe und Stille vornehmen. Also keine provozierenden Reden, keine gegen irgendeine Macht besonders ihre Spitze 15* 228 DER TRADITIONSGEIST richtenden Agitationen, keine hoch- oder auch nur rein-politischen Argumente, überhaupt keinen unnötigen Lärm. Von der eventuellen Forderung muß vorher und namentlich jetzt unmittelbar nach Annahme der Finanzvorlage im Reich möglichst wenig die Rede sein, sonst setzt die Gegenagitation ein. Die Forderung muß seinerzeit so ruhig als nur irgend möglich vertreten werden, mit technischen Argumenten. Ich bemerke noch ausdrücklich, daß Seine Majestät der Kaiser von diesem Brief nichts weiß." Abschrift des vorstehenden Schreibens ließ ich dem Generalstabschef von Moltke zugehen, dem gegenüber ich mich schon wiederholt mündlich im gleichen Sinne ausgesprochen hatte. Meine Mahnungen und Warnungen waren nicht allein durch die krampfhaften militärischen Anstrengungen namentlich der Franzosen hervorgerufen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Bedeutung der Technik in unserem Heer unterschätzt würde. Solche Denkweise hatte 1870 bei Mars-la-Tour und Saint-Privat Offizieren und Mannschaften der preußischen Garde Gelegenheit geboten, einen persönlichen Heldenmut zu betätigen, wie ihn die Welt seit Leuthen und Möckern nicht mehr gesehen hatte, aber auch zu schweren, in diesem Umfange nicht erforderlichen Verlusten geführt. Übertriebener Konservativismus, allzu strenges Festhalten an alter Tradition, Abneigung und Mißtrauen gegen alles Neue verhinderten während der auf zwei siegreiche Kriege folgenden, fast halbhundertjährigen Friedensperiode, daß aus den Erfahrungen von 1870 die richtigen Lehren gezogen wurden, obschon Graf Alfred Schlieffen mit der Feder und mit dem Wort dazu angeregt hatte. Auf seinen Manövern hatte Wilhelm II. nur zu oft Gefechtsbilder vorgeführt, die auf Verkennung der Grenzen beruhten, welche die moderne Waffenwirkung dem Vorgehen nicht allein der Kavallerie, sondern auch der Infanterie zieht. Der Mangel an technischem Verständnis und Empfinden zeigte sich auch auf artilleristischem Gebiet, nicht nur in unserer Artillerietaktik, sondern auch in der Anschauungsweise dieser Waffe, die sie einerseits zu einer Überschätzung des Furor Teutonicus verführte, andererseits zu unzutreffender Einschätzung der Bedeutung der technischen Leistungsfähigkeit wie des großen Unterschieds zwischen Manöverbildern und kriegsmäßigen Verhältnissen. In keinem anderen Heer herrschte ein so schöner kameradschaftlicher Geist wie in der deutschen Armee. Es fehlte aber auch nicht an schädlichen Vorurteilen. Die Kavallerie galt manchen für die eleganteste Waffe, für die ritterliche Waffe par excellence, die Infanterie für die entscheidende, dann erst kam für viele die Artillerie, aus der doch ein Napoleon hervorgegangen war. Die eigentlich technischen Truppen wurden in einen für sie nicht schmeichelhaften Gegensatz zu den „kämpfenden Truppen" gebracht, die hohe Wichtigkeit des Trains nicht nach Verdienst gewürdigt, und die Müitärtechnische FLOTTE UND ARMEE 229 Akademie führte den Spitznamen „Schlosserakademie". Solche Wahrnehmungen, Erwägungen und Sorgen veranlaßten mich, von dem sonst festgehaltenen Grundsatz der Nichteinmischung in militärische Angelegenheiten in diesem Fall abzusehen. Ich hatte noch einen besonderen Grund zu meinen Vorstellungen beim Kriegsminister wie beim Chef des Generalstabs. Ich hatte den Ausbau unserer Flotte im preußischen Staatsministerium wie im Bundesrat eifrig gefördert. Ich hatte im Reichstag und im Lande mit Erfolg Stimmung für die Marine gemacht. Niemand hat das wärmer und lebhafter anerkannt als Tirpitz während und nach meiner Amtszeit. Aber ich verkannte nicht die Gefahr, daß bei der starken Persönlichkeit von Tirpitz und seiner rastlosen Energie, die naturgemäß mit einer gewissen Einseitigkeit verbunden war, gegenüber der Flotte die Armee zu kurz kommen könnte. Auch deshalb habe ich mich vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung gegenüber dem Kriegsministerium bereit erklärt, jede notwendige und nützliche militärische Forderung jederzeit vor dem Reichstag und vor dem Lande zu vertreten, und zwar usque ad effusionem sanguinis, d. h. in diesem Falle bis zur Reichstagsauflösung mit allen ihren Konsequenzen. Die felsenfeste Überzeugung, daß auf den Schultern der Armee im letzten Ende der Bestand des Reichs und die Zukunft des deutschen Volks und des Deutschtums beruhten, war es, die mich veranlaßte, gegenüber Kriegsminister und Generalstab auf gewisse Vorurteile und Selbsttäuschungen hinzuweisen, die bei so vielen leuchtenden Vorzügen unserem Heer, richtiger gesagt dem preußischen militärischen Denken, eigentümÜch waren. Einige Tage nachdem ich dem Kriegsminister geschrieben hatte, richtete ich an meinen Bruder Alfred, der nach kurzem Zusammensein mit mir in Bülow an Norderney bei seiner Schwiegermutter, der Gräfin Dillen-Spiering, auf seinen Bruder ihrem Schloß Dätzingen, im Herzen Schwabens, im Oberamt Böblingen, Alfred weilte, den nachstehenden Brief, in dem ich Stellung zu der exzessiven Kritik nahm, die von alldeutscher Seite an der Algeciras-Akte geübt wurde: „Liebster Alfred, vor allem möchte ich Dir sagen, wie sehr ich mich über Deinen Besuch gefreut habe. Unsere schönen Spaziergänge am Meer und am Watt, unser Gedankenaustausch über so manche Fragen und Probleme haben mir wohlgetan. Mit wem könnte ich offener reden als mit meinem fast gleichaltrigen Bruder? Seit des armen Adolf zu frühem Tode bist Du ja der einzige, mit dem mich Erinnerungen seit unserer Kindheit verbinden. Es war mir eine Genugtuung, daß auch Du der Ansicht bist, wir hätten in Algeciras erreicht, was vernünftigerweise zu verlangen und zu erlangen war. Gewiß hätten wir, wenn S. M. nicht zum Schluß nervös geworden wäre, in einer Reihe von Einzelpunkten noch mehr erreichen können. Aber wir haben 230 DAS GESCHREI DER ALLDEUTSCHEN alles in allem unseren Standpunkt behauptet, unter schwierigen Verhältnissen behauptet. Dazu kommen zwei Errungenschaften: Wir haben gezeigt, daß auch stachlige Fragen, bei denen das Prestige großer Mächte engagiert war, in friedlicher Beratung am Konferenztisch beigelegt werden können. Ohne Krieg, bei dem wir, wie die Dinge in der Welt liegen, viel einsetzen, bei dem wir sehr viel verlieren, aber nicht viel gewinnen können! Wenn ich dazurechne, daß ich durch meine Behandlung der Marokko-Frage Delcasse gestürzt habe, den gefährlichsten unserer Gegner, der gar zu gern die Brandfackel an das europäische Pulverfaß gelegt hätte, so meine ich, wir können zufrieden sein. Es wird Dich interessieren, daß der Präsident Roose- velt unserem Botschafter Speck von Sternburg schon im März sagte: seinem Gefühle nach habe Deutschland den Zweck seiner Intervention in der Marokko-Angelegenheit mit der Konferenz erreicht, das getroffene Arrangement sei ein Triumph der deutschen diplomatischen Leitung. Vom Standpunkt eines beiden Parteien freundlich Gesinnten und — soweit nicht die Interessen des Friedens berührt würden — am Ausgang der Konferenz nicht direkt interessierten Beobachters habe der Präsident triftige Gründe anzunehmen, daß, wenn die Konferenz daran scheitern sollte, daß Deutschland noch weitere Zugeständnisse von Frankreich erpressen wolle, die öffentliche Meinung von Europa und Amerika sich gegen Deutschland wenden und Deutschland an Kredit und Einfluß erheblich verlieren, ja voraussichtlich weit über jede Berechtigung hinaus für alle schlimmen Folgen verantwortlich gemacht werden würde, die sich dann für die Störung der allgemeinen Weltlage ergeben könnten. Vorstehendes meldete mir nach einem langen Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten unser Botschafter Speck von Sternburg am 7. März. Das Geschrei der Alldeutschen läßt mich kalt. Woher nehmen diese Narren das Becht, mir ungenügende und schwächliche Vertretung der deutschen Bechte und Interessen vorzuwerfen? Wo es sich um die Vertretung unserer Interessen und Rechte handelt, bin ich ebenso empfindlich, so gewissenhaft und fest wie irgendwer. In dieser Beziehung stehe ich niemandem nach und lasse mich von niemandem übertreffen. Was die mir bisweilen vorgeworfene Liebenswürdigkeit dem Ausland gegenüber angeht, so soll man mir doch sagen, wo ich die deutschen Rechte und Interessen, die deutsche Würde ungenügend vertreten habe. Da man mir keinen einzigen solchen Fall nennen kann, so schließe ich daraus, daß meine Gegner die Urbanität, deren ich mich als Mensch und im persönlichen Verkehr befleißige, ohne weiteres auch meiner politischen Tätigkeit als einzige Richtschnur unterstellen. Das ist ein Irrtum! Und ich muß ferner annehmen, daß Hasse, Liebermann von Sonnenberg e tutti craanti sich nicht gegenwärtig halten, wie in der auswärtigen Politik Höflichkeit und Festigkeit sich gar nicht ausschließen. DIE BERUFUNG AUF BISMARCK 231 Es kommt nur darauf an, die eine wie die andere Eigenschaft im richtigen Moment zur Anwendung zu bringen. Ein konsequent überheblicher und rücksichtsloser, chauvinistischer Ton, knotige Manieren, ungestüme Anremplungen des Auslandes, wie wir sie leider nur allzu häufig in einem Teil unserer Presse erleben, wirken schädbch. Es würde unberechenbare Konsequenzen nach sich ziehen, wenn ich in meiner verantwortlichen Stellung einen solchen Ton anschlüge. Ich denke also auch weiterhin festzuhalten an dem Motto, das auf einem alten Bülowschen Famüienstammbuch von 1650 steht: Der ist nicht flugs ein Edelmann, Der geboren ist aus großem Stamm Oder der Geld und Reichtum hat Und tut doch keine redliche Tat. Die Tugend und die Höflichkeit Adelt den Menschen allezeit. Wenn die Alldeutschen sich auf den Fürsten Bismarck berufen, so zeigt ein eingehenderes Studium der Reden und Handlungen dieses größten deutschen Staatsmannes, daß dessen Force nicht in sporenklirrenden Kürassierstiefeln noch im rasselnden Pallasch bestand, sondern im rechten Augenmaß für Menschen und Dinge. Ein Minister, hat Bismarck einmal im Reichstag gesagt — oder war es im Preußischen Abgeordnetenhaus ? — könne den Strom der Zeit nicht hervorrufen, könne ihn nicht einmal lenken. Er könne das Staatsschiff nur steuern nach seiner Ansicht und Überzeugung. Steuere er es mit Glück, so habe er seinem Lande gut gedient, steuere er es mit Ungeschick, so verfalle er der Vergessenheit. Die Bestrebungen des Alldeutschen Verbandes haben das Gute, daß sie das Nationalgefühl wach- zuerhalten suchen, indem sie dem Hang des deutschen Philisters zu verschwommenem Kosmopolitismus und zu beschränkter Kirchturmspolitik entgegenwirken. Aber für die praktische Führung der Politik kommt es noch mehr auf den Kopf als auf Wärme und Güte des Herzens an, davon würde sich selbst der gute Professor Hasse überzeugen, wenn er an meiner Stelle stünde. Mein Nationalgefühl ist mindestens ebenso empfindlich und ebenso lebendig wie das des gesinnungstüchtigsten Alldeutschen. Aber mein Patriotismus ist verbunden mit einem größeren Maß von Selbstbeherrschung und Vorsicht, von Mäßigung und Überlegung. Ich besitze eine genauere Kenntnis der Verhältnisse als diese guten Leute und schlechten Musikanten, eine Kenntnis, die mich in den Stand setzt, Gefahren zu erkennen, die sie nicht sehen, und die mich verhindert, mich subjektiven Empfindungen widerstandslos hinzugeben. Ich kann besser als sie übersehen, welche Folgen eine impulsive Politik für das Land haben würde. 232 DIE POLITIK DER KÜRASSIER STIEFEL Und deshalb und weil ich die Verantwortung trage für den Gang der Dinge, wende ich mich im Reichstag und am Hofe gegen Bestrebungen und Tendenzen, welche dieses Moment der Verantwortlichkeit nicht genügend würdigen. Ich wende mich dagegen, daß bei Angelegenheiten, die eine sehr behutsame Hand und einen klaren Kopf verlangen, uns jene berühmte Politik der Kürassierstiefel empfohlen wird, die Fürst Bismarck nie am unrechten Ort angewandt hat. Wenn man mir immer wieder vom Rational- stolz' redet, so meine ich, der wahre Nationalstolz besteht darin, stets und unter allen Umständen das wirkliche und dauernde Interesse des Landes im Auge zu behalten. Wohin eine romantisch-sentimentale Politik führt, das haben wir beim zweiten Empire, bei Napoleon III. gesehen. Der war weder unedel noch unbegabt, und doch ging er schließlich kopfüber. Ich möchte nicht, daß auch wir mit einer großen Dummheit endigten. Du erzähltest mir, daß viele Leute, auch bei Hofe und selbst im Auswärtigen Amt, meinten, ich ließe es an der nötigen Entschiedenheit fehlen. Ich glaube seit Jahr und Tag in China und in Marokko, in Polynesien und in Südamerika, in Venezuela und in Haiti, von den deutschen Gläubigern Griechenlands zu schweigen, bewiesen zu haben, daß ich es mit der Vertretung unserer Rechte und Interessen im Auslande sehr ernst nehme. Oder habe ich es etwa bei den Zwischenfällen, die stattfanden, seitdem ich die auswärtige Politik leite, also z. B. im Frühjahr 1899, als sich die Samoa- Frage zu einer akuten Krisis zuspitzte, oder im Januar 1900, als deutsche Postdampfer in brutaler Weise von England mit Beschlag belegt wurden, an der nötigen Festigkeit fehlen lassen ? Gegenüber diesen Zwischenfällen hatten wir die Wahl zwischen drei Wegen. Entweder konnten wir den Krieg erklären. Gewiß!! Entweder haben die alldeutschen Klagen über meine angebliche Nachgiebigkeit bei diesen und ähnlichen Zwischenfällen gar keinen Sinn, oder sie involvieren einen Tadel darüber, daß wir damals nicht an die Ultima ratio regum appelliert haben. In der auswärtigen Politik muß man der Konsequenz dessen, was man sagt und rät und tadelt, klar und rechtzeitig ins Auge sehen. Da ist mit Halbheiten, mit Unklarheiten, mit allgemeinen Hochgefühlen nicht gedient. Also ich sage, der eine Weg war, daß wir den Krieg erklärten. Ich weiß nicht, ob selbst Hasse und Liebermann von Sonnenberg und Jordan Kröcher, der auch in mir den starken Mann' vermißt, wirklich bedauern, daß ich nicht den Kriegspfad beschritten habe. Ich weiß namentlich nicht, ob selbst diese Herren diesen Weg eingeschlagen haben würden, wenn sie an verantwortlicher Stelle stünden. Ich bezweifele das. Dazu habe ich trotz allem doch eine zu günstige Meinung von ihrem Patriotismus. Wenn wir angegriffen werden sollten, von wem es auch sei, und wenn wirkliche deutsche Lebensinteressen, die Sicherheit und die Ehre unseres Landes wirklich verletzt KRIEG LEICHTEN HERZENS 233 würden, von wem es auch sei, so müßten wir uns wehren, und wir werden, solange ich am Ruder stehe, in einem solchen Fall uns wehren, und wir werden kämpfen bis aufs Messer. Aber ohne zwingende Gründe einen Krieg zu provozieren, der gesittete Völker, unter ihnen Völker, die sich noch nie mit der Waffe in der Hand gegenübergestanden haben, in einen furchtbaren Kampf verwickeln würde, dessen Konsequenzen für das Wirtschaftsleben dieser Völker, für ihr ganzes Erwerbsleben, und nicht nur für den Erwerb, für den Wohlstand dieser Völker, nein auch für den Wohlstand der ganzen Welt, für die Kulturfortschritte der Menschheit ich Dir gar nicht erst auszumalen brauche, dafür kann derjenige nicht die Verantwortung übernehmen, dem es mit dem Wohl des Landes wirklich Ernst ist und dessen Vaterlandshebe nicht nur in tönenden Worten besteht. Er habe drei Kriege geführt, die notwendig gewesen wären, hat in seiner unsterblichen Rede auf dem Marktplatz zu Jena Fürst Bismarck ausgeführt. Nachdem diese Kriege geführt worden wären, hielte er es nicht für notwendig, daß wir weitere Kriege führten. Wir hätten in solchen nichts zu erstreben. Er hielte es für frivol oder ungeschickt, wenn wir uns in weitere Kriege hineinziehen ließen. Ich will die Frage unerörtert lassen, ob es bei uns Leute gibt, welche sich die Chauvinisten und Jingoes anderer Länder zum Vorbild genommen haben. Wenn manche Leute und manche Richtungen bei uns, auch Leute bei Hofe, auch Reichsboten und Journalisten, auch Leute auf dem Katheder, einen Minister des Äußern haben wollen, der unser Land, le cceur leger, wie ein französischer Minister sich ausgedrückt hat, mit leichtem Herzen, in Abenteuer stürzt, müssen sie sich nach einem andern Reichskanzler umsehen. Dafür bin ich nicht zu haben. Mit dem Mißbrauch der edlen Worte ,Ehre' und ,Ruhm' hat man große Völker in den Abgrund geführt. Ich halte, wie ich Dir oft sagte, eine verständige Kritik gegenüber jeder Regierung und gegenüber jedem Minister für sehr indiziert. Eine vernünftige Kritik ist für die politische Gesundheit und das seelische Gleichgewicht eines Ministers ebenso zuträglich wie das Salz für die leibliche Kost und das körperliche Wohlbefinden. Die Kritik hat das Gute, daß sie zur Selbstbeobachtung zwingt und der Selbstgenügsamkeit ein Ende bereitet, die ein ganz großer Fehler ist. Ich betrachte eine solche Kritik geradezu als die Würze meiner amtlichen Tätigkeit. Und darum lese ich seit neun Jahren das ,Berliner Tageblatt' und die ,Deutsche Tageszeitung' zu meinem Morgentee. Wenn mich die eine schont, tadelt mich gewöhnlich die andere, manchmal gehen sie auch gleichzeitig mit mir ins Gericht, aber meist in sachlicher Weise, so daß ich dabei profitiere. Auf diese Weise nehme ich jeden Morgen das nötige Quantum kritischen Salzes in mich auf, das fördert die Verdauung. Aber, wie das auch bisweilen geschieht, ohne wirkliche 234 DER KREDIT IN DER WELT Kenntnis der internationalen Beziehungen, ohne tiefere Einsicht in die wirkliche Weltlage, ohne Überblick über das komplizierte Schachbrett der auswärtigen Politik durch törichte Hetzartikel mit nervöser, tendenziöser, hysterischer Kritik einzugreifen in die Speichen des Rades der auswärtigen Politik, lähmt die Aktion des Landes nach außen, diskreditiert und schwächt das Land nach außen. Der Kredit, den ein Land in der Welt genießt, muß geschont werden, ihn ohne Not zu erschüttern, ist leichtfertig und kann ruchlos sein. Wenn wir also wegen jener eben genannten Zwischenfälle in Samoa und an der ostafrikanischen Küste nicht Krieg führen wollten, so blieb uns noch ein zweiter Weg, den wir auch nicht eingeschlagen haben, nämlich die Dinge ihren Lauf gehen zu lassen und still nach Haus zu gehen, uns höchstens auf Proteste zu beschränken. Mit leeren Protesten ist aber der auswärtigen Pobtik selten, mit Maulheldentum nie gedient, und auch mit der lauten ,Entrüstung' nicht. Es bleibt der dritte Weg, nämlich: durch diplomatische Verhandlungen das möglichste für uns herauszuschlagen, unter entschiedenem Festhalten an unseren Rechten und mit geschickter Vertretung unserer Interessen unseren Standpunkt zu verteidigen. Indem ich dies tat, glaube ich nicht nur das klügste getan zu haben, was man tun konnte, sondern das einzige, was den dauernden Interessen des deutschen Volkes entsprach. Auf diese Art haben wir seinerzeit die Angelegenheit der beschlagnahmten Dampfer in einer für uns zufriedenstellenden Weise erledigt. Was Samoa angeht, so haben wir schließlich Upolu mit Apia bekommen und auch in dieser Frage das reale Interesse des deutschen Volkes erfolgreich wahrgenommen. Einen anderen Leitstern als das reale dauernde Interesse der Nation wird es für mich nie geben. Deshalb machen mich auch die Vorwürfe und das Geschrei der Alldeutschen nicht irre. Denn wer diesem Leitstern folgt, der behält schließbch doch recht. Was nun unser jetzt wieder viel erörtertes Verhältnis zu England angeht, so mißbilligt die Mehrheit des deutschen Volkes, das ein gebildetes und zivilisiertes Volk ist, die plumpen und rohen Gehässigkeiten, zu welchen leider auch bei uns die Sympathiekundgebungen für die Buren geführt haben. Diese Mehrheit erkennt willig an, daß, wenn die Buren für Haus und Hof wacker gekämpft haben, das engbsche Heer, Offiziere und Soldaten, seinen alten Ruf der Tapferkeit und Ausdauer bewahrt hat und daß die engbsche Nation während des Südafrikanischen Krieges eine Zähigkeit, eine Entschlossenheit und eine Vaterlandsliebe an den Tag gelegt hat, die zu verkennen kleinlich wäre und die ich uns eintreffendenfalls wünsche. Die neuerfichen Hetzereien der englischen Presse gegen uns sind natürlich ebenso verwerflich und ebenso töricht, wie es früher diejenigen der deutschen Presse gegen England waren. Vor allem aber begreift die Mehrheit VERBRECHERISCH UND STUPIDE 235 des deutschen Volkes, daß die Regierung nicht die Aufgabe hat, die Vor- iehung auf Erden zu spielen, wie ihr das der grübelnde deutsche Doktrinarismus immer wieder zumutet. Sie hat auch keine Sittenpolizei auszuüben, wie dies die zu ethischer Betrachtungsweise geneigte öffentliche deutsche Meinung möchte. Die deutsche Regierung hat ledigüch die bleibenden Interessen des Reichs zu vertreten. Das habe ich getan, und damit habe ich mich um das Land verdient gemacht. Eine andere Politik hätte, das sage ich Dir mit der größten Bestimmtheit, die Sicherheit des Reiches gefährdet. Sie würde vielleicht die Gefahr eines Weltkrieges heraufbeschworen haben. Ohne Grund das Land solchen Eventualitäten auszusetzen, war nicht meine Sache. Solange ich Kanzler bin, werde ich, unbekümmert um ungerechte Angriffe, unbeirrt durch Verdächtigung und Verkennung, gleichgültig für den Civium ardor prava jubentium wie für den Vultus instantis tyranni nur die Wege wandeln, die die Zukunft des deutschen Volkes nicht gefährden. Mit dem mir anvertrauten Pfund der nationalen Wohlfahrt, Ehre und Zukunft spiele ich nicht va banque, dazu bin ich zu gewissenhaft und zu patriotisch, dazu bin ich auch zu klug. Die Politik eines großen Landes kann nicht nach Sympathien und Antipathien, sondern nur im Hinblick auf die allgemeine Weltlage geführt werden. So einfach und leicht ist unsere Stellung in Europa und in der Welt denn doch nicht, daß wir uns den Luxus gestatten könnten, unpolitischen Gefühlswallungen nachzugeben. Eine von innerpolitischer Tendenz beeinflußte auswärtige Politik, wie sie bei uns manche Konservative, Agrarier, auch nationalliberale Industrielle gegenüber England möchten, wie sie Demokraten und Sozialdemokraten gern gegenüber Rußland sähen, ist immer falsch. Um das Schiff des Reiches zwischen Klippen in Süd und Nord, in Ost und West hindurchzusteuern, dazu bedarf es der Abwesenheit von vorgefaßten Meinungen, von jeglicher Sentimentalität, eines klaren Kopfes und einer ruhigen Hand. Ich wünsche mit England in guten Beziehungen zu bleiben, im Zeichen der Gleichberechtigung und auf der Basis voller deutscher Selbständigkeit. Als Festlandsdegen Englands dürfen wir uns nicht mißbrauchen lassen, am wenigsten gegen Rußland. Unser Verhältnis zu einem großen Reich wie England muß mit nationalem Selbstbewußtsein, es muß aber auch mit ruhiger Vernunft, ohne unklare Leidenschaften behandelt werden. Die Stimmung des deutschen Volkes gegen England zu erbittern, immer und überall gegen England zu hetzen, kleine Verstimmungen anzublasen, damit womöglich ein Feuer daraus entsteht, ist nicht nur verbrecherisch, sondern auch stupide. Wir haben gar keinen Anlaß, uns in eine Erbfeindschaft mit England zu bringen, so zu England zu stehen, daß wir von vornherein sicher sind, es bei jeder politischen Konstellation unter unseren Gegnern zu wissen. Wenn historische Notwendig- 236 DIE REICHSVERDROSSENHEIT keiten, der Gang der Weltgeschichte, was die Griechen die ,Ananke' nannten, zwischen zwei Völkern ein solches Verhältnis herbeiführen, wie es zwischen uns und Frankreich nun einmal der Fall ist, so muß man das in Kauf nehmen, wie man elementare Ereignisse mit in Kauf nimmt. Aber sich künstlich einen mächtigen Gegner zu schaffen — ich wiederhole —: das ist ruchlos und dumm. Wir haben zahlreiche Berührungspunkte mit England. England ist für unsere Ausfuhrindustrie der größte Abnehmer und der beste Zahler. Es hat uns bisher seine Häfen und seinen Handel eröffnet wie seinen eigenen Angehörigen. Wir streiten gemeinsam mit England für Handelsfreiheit in fremden Ländern. Gewiß gibt es Punkte, wo zwischen Deutschland und England Friktionen denkbar wären, es gibt sogar Fragen, wo es gegenseitigen Entgegenkommens bedarf, um Reibungen zu vermeiden. Es gibt aber nach meiner Ansicht keinen Punkt, wo sich bei gegenseitigem gutem Willen, mit Ruhe und dem nötigen doigte nicht zwischen deutschen und englischen Interessen auf einer friedlichen und gerechten Basis ein Ausgleich finden ließe. Das ist meine wohlerwogene Überzeugung. So lange ich am Steuer stehe, werde ich festhalten an meiner bisherigen Politik. Wenn wir Rußland nicht durch Kokettieren mit den Polen mißtrauisch machen, ihm nicht an den Dardanellen, dem Herzstück des Bis- marckschen RückVersicherungsvertrages, entgegentreten und wenn wir im Orient die habsburgische Monarchie von abenteuerlichen Aktionen gegen die Balkanvölker (Rumänien, Montenegro, Serbien) abhalten, Aktionen, von denen ehrgeizige k. und k. Generalstäbler und hitzige Magyaren träumen, die dem alten Kaiser Franz Josef aber im Grund gar nicht Uegen und seinem antiungarischen, slawophilen Thronfolger auch nicht, Aktionen, die Rußland nach seiner Geschichte und seinen Traditionen nicht zulassen kann, so sehe ich keinen Grund, warum wir nicht den Frieden bewahren sollten, dessen Aufrechterhaltung in unserem Interesse liegt. Den Frieden zu erhalten, wäre unsere erste Aufgabe und wäre für uns ein Bedürfnis, sagte vor genau vierzehn Jahren Bismarck, den ich noch einmal zitieren will, zu schwäbischen Verehrern, die ihm in Friedrichsruh huldigten (vielleicht waren Dätzinger und Böblinger unter ihnen). Das gilt auch heute für unsere Politik. Noch ein Wort über die ,Reichsverdrossenheit'. Ich verstehe es, wenn die Sozialdemokraten mit der Feder und dem Munde bestrebt sind, solche Reichsverdrossenheit zu züchten. Das liegt in ihrem Programm, in ihrem Wesen. Die Unzufriedenheit ist der Nährboden, ohne den sich der Bazillus der Sozialdemokratie gar nicht entwickeln kann. ,Die verdammte Zufriedenheit!' meinte, von seinem Standpunkt mit Recht, schon Ferdinand Lassalle. Was ich weniger verstehen kann, ist die Hypochondrie und Nörgelwut, mit der NichtSozialdemokraten und Patrioten par excellence hinter DIE „WAHREN" PATRIOTEN 237 jedem, auch dem unbedeutendsten Vorfall her sind, um unsere Zustände schwarz in schwarz zu malen. Und das sage ich mit aller Bestimmtheit, daß solche Gehässigkeiten und Übertreibungen von nationaler Seite mindestens ebenso schädlich wirken wie die sozialdemokratischen Treibereien und Tiraden. Je mehr nach oben das Vertrauen untergraben wird, desto mehr Sozialdemokraten entstehen unten. Wie soll uns das Ausland achten, wenn diejenigen, die sich bei uns als die wahren Patrioten, als die Hüter des vaterländischen Feuers betrachten und aufspielen, sich gar nicht genug tun können im Herunterreißen unserer Verhältnisse, im Nachweisen von Mißerfolgen und mit wahrer Wollust jeden Fehler aufbauschen, immer alles in pejus drehen und hinstellen ? Dieses Sichselbsterniedrigen und Sichzerfleischen ist eine Krankheitserscheinung, deren Verbreitung sich leider auf Deutschland beschränkt. Nur der deutsche Vogel beschmutzt in dieser Weise sein Nest. Wo findest Du das anderswo ? Gibt es nicht auch anderswo Unvollkommenheiten, Fehler und Mißstände in Hülle und Fülle?! Sie werden aber nicht derartig in die Öffentlichkeit gezerrt, nicht in so künstlicher Vergrößerung vorgeführt wie bei uns. Ich denke bisweilen an das Wort von Treitschke, der Deutsche im Inland möge für deutsche Zustände nur einen kleinen Teil des Verständnisses zeigen, das der Deutsche im Ausland so gern ausländischen Zuständen entgegenbringt. Sieht es im Ausland wirklich so viel besser aus als bei uns? Ich möchte die Konservativen sehen, wenn sie plötzlich nach den Vereinigten Staaten versetzt würden, oder die Herren vom Zentrum im kirchenfeindlichen Frankreich oder die Herren Sozialdemokraten nicht nur in Rußland, sondern auch in England und Italien, wo es kein allgemeines, gleiches, direktes, geheimes Wahlrecht gibt, in Frankreich, wo noch immer die Einkommensteuer nicht existiert, in Amerika, wo man mit den Schülern von Marx wenig Federlesen macht. Wenn das Ausland uns nach unserem eigenen Urteil über unsere inneren Zustände beurteilt, so muß es einen schönen Begriff von uns bekommen. Was soll man dazu sagen, wenn große deutsche Blätter, von dem Spießbürger auf der Bierbank gar nicht zu reden, über den angeblichen deutschen ^Militarismus' sich das Maul zerreißen, während die Franzosen, die ich fast ebensogut kenne wie meine eigenen Landsleute, im Grunde, im innersten Kern viel militaristischer sind als wir! Was soll das Geschrei Uber den deutschen Imperialismus', der im Vergleich zu dem englischen Imperialismus und Marinismus sehr harmlos ist! Wir liefern durch unsere übertriebene, ungezügelte Selbstkritik fortgesetzt dem Ausland Waffen, und wirksame Waffen, gegen uns. Ich bin mehr in die Länge und Breite gegangen, als dies ursprünglich meine Absicht war. Das kommt vom Diktieren! Der ,Diktator' wird gar zu leicht redselig und weitschweifig. Vielleicht macht sich auch bei mir schon 238 NOCHMALS DIE SEKUNDANTENDEPESCHE das Alter bemerkbar. Ich habe zwar noch nicht wie Nestor drei Menschenalter gesehen, aber mit siebenundfünfzig Jahren beinahe zwei. Übrigens glaube ich, daß die Gewohnheit des Diktierens, die ich vor einem Vierteljahrhundert an der Pariser Botschaft annahm, auch ihr Gutes hat. Ich glaube fast, daß ich die Leichtigkeit, mit der ich aus dem Stegreif, unvorbereitet öffentlich spreche, zum großen Teil der Gewohnheit des Diktierens verdanke. Das Diktieren zwingt dazu, die Gedanken rasch zu ordnen, schnell eine Disposition zu entwerfen, verführt allerdings zu allzu reichlichem Redefluß. Nun aber: Claudite jam rivos, pneri, sat prata biberunt! Mit diesem Wort des alten Palaemon in den Eklogen des Virgil schloß während meines ersten römischen Winters 1874/75 ein glänzender Redner, Marco Minghetti, eine Rede, der ich als junger Attache bewundernd lauschte. Ich hatte merkwürdigerweise, bevor ich selbst im Reichstag reden mußte, außer Minghetti nur vier parlamentarische Redner gehört. Als Primaner hörte ich Bismarck, der am 1. April 1867 die Bennigsensche Interpellation über Luxemburg beantwortete. Ich stand im Hintergrund der diplomatischen Loge, in die unser Vater, damals mecklenburgischer Gesandter in Berlin, mich eingeschmuggelt hatte. 1875 hörte ich, wie eben erwähnt, Minghetti, den Stiefvater von Marie, den sie so sehr liebte und verehrte. 1879 hörte ich in Paris, oder vielmehr in Versailles, wo damals noch das französische Parlament tagte, Gambetta, Leon Say und Dufaure. Als ich 1897 im Reichstag zum erstenmal sprach, stand mir Leon Say vor Augen mit seiner ruhigen, sicheren, klaren Art zu reden. Vale ac me ama. Bhd." Wenn ich heute diesen im Jahre 1906 an meinen Bruder gerichteten Brief, in dem ich zusammenfaßte, was ich in vielen Unterredungen mit deutschen Politikern und Publizisten, was ich zum Teil auch im Reichstag ausgeführt habe, wieder vor mir sehe, so berührt mich die Äußerung Roosevelts, der damals noch als deutschfreundlich gelten konnte, wahrhaft tragisch. Deutschland hat acht Jahre später, als es zur Verteidigung seiner Existenz zu den Waffen griff, die öffentliche Meinung der gesamten Welt von vornherein gegen sich gehabt. Das deutsche Volk ist, um mit Roosevelt zu sprechen, weit über jede Berechtigung hinaus für den Weltkrieg und seine Folgen verantwortüch gemacht worden. Und es wird mit einer in der Weltgeschichte noch nie gesehenen Brutalität bis aufs Blut für Entschädigungen ausgebeutet, zu denen es sich mit abgepreßter Unterschrift verpflichten mußte. Die mindestens unvorsichtige Sekundantendepesche an Goluchowski Brief Bülows und manches, was ich in der gleichen Richtung aus Berlin hörte, ließen es an den Kaiser m ; r nützlich erscheinen, dem Kaiser, der seit unserer durch meine Erkrankimg herbeigeführten räumlichen Trennung seinen selbstherrlichen PRIVATISSIMUM FÜR DEN KAISER 239 Trieben neuerdings wieder allzusehr die Zügel schießen ließ, ein historisch- politisches Privatissimum zu lesen. Noch ein anderer Vorfall hatte mir zu denken gegeben. Bei dem gnädigen Besuch, mit dem mich Wilhelm II. in Norderney beehrt hatte, war mir in der langen Unterredung, die Seine Majestät mit mir führte, eine Äußerung besonders aufgefallen. Als ich den Mut und die Einsicht des neuen russischen Ministerpräsidenten Stolypin wie des eben zurückgetretenen Finanzministers Witte rühmte, die zwar die Revolution bekämpften, aber nicht die Rückkehr zum alten autokratischen System wollten, hatte der Kaiser nach kurzem Nachdenken gemeint: „Ja, gewiß, Stolypin und Witte sind klug und schneidig, aber mir scheint, daß sie doch mehr an Rußland denken als an den Zaren, ihren Herrn." Ich benutzte für meine Admonition die günstige Gelegenheit, die mir das Glückwunschschreiben bot, das ich anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin, am 17. Juli 1906, an Seine Majestät richtete. In diesem Briefe riet ich zunächst Seiner Majestät, anläßlich der Taufe des Prinzen-Enkels in einer würdigen Kabinettsorder, wie sie Lucanus auszuarbeiten verstehe, dem deutschen Volk seinen Dank für den Anteil abzustatten, den alle Kreise an diesem erfreulichen Ereignis genommen hätten. Ich schlug vor, der Gesellschaft für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, welche die Gründung eines Säuglingskrankenhauses betreibe, mit dem auch eine Forschungsstätte für Säuglingserkrankungen verbunden werden solle, eine möglichst große Spende zukommen zu lassen. Ich empfahl weiter, den König Eduard um die Annahme einer Patenstelle bei dem Erstgeborenen des Kronprinzen zu bitten. Der König, der wie alle Koburger einen ausgeprägten Familiensinn besitze, werde gern annehmen. „Les petits cadeaux entretiennent l'amitie." Ich regte auch an, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Patenstelle anzubieten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hätten bei der Taufe von preußischen Prinzen und, wie ich glaubte, speziell bei der Taufe Friedrichs des Großen, der Schultheiß von Bern und die Niederländischen Generalstaaten Paten gestanden. In dem bedeutungsvolleren Teil meiner Ausführungen ging ich von der Lage der Dinge in Rußland aus. Die dortige Situation sei sehr ernst. Wir stünden vor dem Zusammenbruch des russischen autokratischen Systems, das während fast eines Jahrhunderts der Abscheu und nicht selten der Schrecken des demokratischen, andererseits die Hoffnung und bisweilen die Stütze des konservativen und monarchischen Europas gewesen wäre. Dieses System habe dem slawisch-tatarischen, dem asiatischen Kern des russischen Wesens entsprochen, dem germanischen Empfinden wäre es immer fremd geblieben. Der Germane sei individualistisch und freiheitsliebend. Als die germanischen Völker auf der Weltbühne erschienen wären, hätten sie Begriffe von Freiheit und Gleichheit gehabt, die an die heutigen 240 „DER STAAT BIN ICH" amerikanischen Einrichtungen erinnerten. Als in Deutschland, im 18. Jahrhundert, der absolutistische Gedanke vorübergehend die Oberhand gewonnen hätte, was übrigens unserer staatlichen Ausbildung und auch dem kulturellen Fortschritt zugute gekommen wäre, habe es sich um eine Nachäffung der Bourbons gehandelt, denen die deutschen Fürsten nicht nur ihre Schlösser, sondern auch ihre Regierungsweise nachmachten. Und dabei doch welch ein Unterschied zwischen Friedrich dem Großen und Ludwig XIV.! Der letztere sagt: „L'Etat c'est moi"; der erstere: „Je ne suis que le premier serviteur de l'Etat." Die Deutschen hätten seit jeher das Verhältnis zwischen Fürst und Volk als ein gegenseitiges aufgefaßt: Treue um Treue. Der Kaiser selbst habe mich, als ich die Ehre gehabt hätte, mit ihm der Aufführung des „Zar Feodor" durch eine übrigens exzellente russische Schauspielertruppe beizuwohnen, darauf aufmerksam gemacht, daß die russische Unterwürfigkeit noch mehr der Institution als der Person des Herrschers gelte. Darum verneige sich der Türke vor dem Thron, und der Chinese werde hingerichtet, wenn er nicht vor dem Bilde des Sohnes des Himmels die Mütze ziehe. Alle solche Sitten und Vorstellungen wären dem Germanen von jeher unverständlich gewesen, der weder vom chinesischen Kotau noch von der byzantinischen Proskynese etwas wissen wolle. Welch ein Unterschied zwischen der trotzigen Haltung der Edlen von Brabant in dem urgermanischen „Lohengrin" und der Kriecherei der Bojaren im „Zar Feodor"! Ich betonte weiter, daß der Kaiser wohl daran tue, gegenüber den inneren Vorgängen in Rußland Reserve zu beobachten und sich in keiner Weise in die dortigen Vorgänge einzumischen. Das zu versuchen, würde die Wiederholung des groben Fehlers sein, den Friedrich Wilhelm II. beging, als er bei Beginn der Französischen Revolution in Frankreich einrückte. Übrigens sei der jetzt regierende Zar von Mitschuld an der in Rußland herrschenden Gärung ebensowenig freizusprechen wie sein verewigter Vater. Ich fuhr fort: „Beide haben die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen vermocht. Sie glaubten, daß eine große Bewegung, wie es die freiheitliche Bewegung in Rußland im Grund und trotz aller Auswüchse doch ist, ohne Reformen noch rechtzeitige Zugeständnisse, nur durch Peitschenhiebe der Kosaken, Lanzen der Ulanen und Flintenschüsse der Grenadiere unterdrückt werden könnte. Das war ein verhängnisvoller Irrtum, nicht nur der Plehwe und Tscherewin, sondern auch zweier Zaren. Sobald nun ein unglücklicher Krieg kam, den gerade ein persönliches Regierungssystem nicht verträgt, erfolgte das Debäcle, das auch die schwere und strenge Hand Alexanders III. vielleicht hätte aufhalten, aber schwerlich vermeiden können. Dieses russische Debäcle erleichtert uns unter gewissen Voraussetzungen unsere auswärtige Lage. Andererseits wird aber dadurch der Unterschied in der Entwicklung der östlichen Monarchien mit derjenigen DIE MONARCHIE 241 der westlichen Staaten den Völkern ad oculos demonstriert. Das konstitutionelle und liberale England steht glänzend da, vor der amerikanischen Republik öffnen sich gewaltige Zukunftsmöglichkeiten. Die von Sozialisten mitregierte Französische Republik genießt allgemeine Sympathien, und alle Könige geben sich in ihrer Hauptstadt Stelldichein. Auch in dem parlamentarisch regierten Italien sieht es lange nicht so schlimm aus, wie manchmal behauptet wird. Demokratische kleine Länder, wie Dänemark, Belgien, Holland, Norwegen, erfreuen sich im Innern großer Blüte, während in der jahrhundertjährigen Hochburg monarchischer und konservativer Grundsätze, in der altehrwürdigen habsburgischen Monarchie alles aus dem Leim geht und in Rußland, das der unzerstörbare Hort streng autokratischer, militärischer und orthodoxer Grundsätze schien, Fundamente, Giebel und Balken wackeln." Auch für einen mächtigen und starken Monarchen werde durch diese Entwicklung die Situation erschwert. Ich betrachtete diese nach wie vor nicht pessimistisch, aber nur unter der Voraussetzung, daß wir in unserer inneren Politik Festigkeit mit Umsicht und Vorsicht verbänden, mit einem Wort: unerschrocken, aber ruhig und insbesondere vernünftig operierten. „Wer die Entwicklung der letzten hundert Jahre gewissermaßen ä vol d'oiseau überschaut, wird wieder in der alten Überzeugung bestärkt, daß die irdischen Dinge sich nicht in gerader Linie, sondern in Oszillationen oder wie Ebbe und Flut fortbilden. Die große französische Revolution bedeutete einen ungeheuren Ruck nach vorwärts für die demokratischen Ideen und Ideale. Nach der Niederwerfung von Napoleon, der einerseits der größte Soldat seiner Zeit, andererseits der Erbe der Revolution war, versuchten die wiederhergestellten alten Monarchien den Status quo ante 1789 wiederaufzurichten, allerdings mehr mit reinen Prinzipien als mit Vernunft und Geschicklichkeit. Schon 1830 kam der erste Rückschlag, 1848 der zweite und stärkere. Dann kam mit und durch Bismarck der ungeheure Umschwung von 1866 und 1870. Seitdem war die Ansicht verbreitet, daß eine starke Monarchie mit tüchtigen Ministern mehr Wert hätte als liberale Institutionen, demokratische Tendenzen und parlamentarische Spielereien. Der gute alte Herr an der Donau und der liebenswürdige junge Herr an der Newa haben es durch eine Kette von Fehlern, Versäumnissen und Übereilungen fertigbekommen, daß jetzt wieder vielfach geglaubt wird, das Heil läge doch mehr links als rechts." Darin sähe ich so lange keine Gefahr, als wir im Innern mit Vernunft und Ruhe, nach außen mit Ruhe und Geschicklichkeit regierten. Da ich die Vorliebe Seiner Majestät für lateinische Zitate kannte, so schloß ich mit der Warnung, die in einer seiner besten Oden der kluge Quintus Horatius Flaccus der KaUiope zuruft: Vis consilii expers mole mit sua! 18 Bülow II 242 „JETZT DOZIERT ER Sinn und Hintergrund dieses Briefes verstand der Kaiser nicht. Er äußerte gegenüber meinem Vetter, dem Gesandten von Jenisch, der ihn als Vertreter des Auswärtigen Amtes auf seiner Nordlandreise begleitete: „Ich habe vom Reichskanzler eine lange Epistel erhalten, mit der ich nichts anzufangen weiß. Er schrieb früher brillant, geistreich, es war eine Freude. Jetzt doziert er. Nach seiner Erkrankung haben ihm alle Parteien Liebenswürdigkeiten gesagt. Er wird sich doch nicht von den--Parlamentariern einseifen lassen ?" XVI. KAPITEL Auswärtige Fragen • Bericht des Herrn von Jenisch aus Drontheim über außenpolitische. Gespräche des Kaisers • Phantastische Ideen und Pläne des Professors Dr. Schiemann Bethmann und die polnische Frage • Brief der Kaiserin an Bülow • Begegnung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. in Friedrichshof • Der Herzog von Connaught in Kiel Tod des Prinzen Albrecht, Prinzregenten von Braunschweig • Der Braunschweigische Regentschaflsrat ■ Amnestie anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin • Die Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe • Stellungnahme Wilhelms II. zu Memoiren von Ministem • Ableger der Familie Hohenlohe im Ausland • Die Affäre Tippeiskirch, Minister von Podbielski • Neue und üble Entgleisung des Botschafters Monts Der bewegliche, bisweilen phantastische Geist Seiner Majestät bereitete mir bei der Führung der auswärtigen Geschäfte des Landes noch mehr Der Kaiser Sorgen und Schwierigkeiten als in innerpolitischen Fragen, namentlich " ier einen wenn sich Dilettanten und Intriganten fanden, um diese Schwäche auszu- Zer f al1 nutzen. Der Vertreter des Auswärtigen Amts bei Seiner Majestät, Herr von Ru ^ ands Jenisch, hatte mir Ende Juli aus Drontheim gemeldet: „Nach einer längeren Unterredung mit Professor Schiemann sagte mir Seine Majestät der Kaiser heute ungefähr folgendes: Falls in Rußland demnächst alles drunter und drüber geht und sich dort, wie Schön in seinem Bericht voraussieht, die Bildung einer Anzahl föderativer Republiken vorbereitet, dann lasse ich die baltischen Provinzen unter keinen Umständen im Stich, sondern komme ihnen zu Hilfe, und sie müssen dann dem Deutschen Reich angegliedert werden. Ich werde keinen Finger rühren, solange die russische Regierung noch besteht, aber umkommen lasse ich die Balten nicht in ihrer Not. Die Polen werden natürlich versuchen, ihren Machtbereich bis in den Norden an das Meer auszudehnen, das lasse ich niemals zu. Sie mögen sich nach Osten und Südosten ausbreiten, wo sie ihre wirtschaftlichen Interessen haben. Ich habe schon mit Bülow und Bethmann Hollweg gesprochen, daß wir im Fall einer Katastrophe in Rußland dem polnischen Programm (Wiederherstellung des Königreichs Polen) keine Hindernisse in den Weg legen. Dann wird der Moment gekommen sein, wo alle polnischen Großgrundbesitzer mir den Homogialeid leisten müssen. Wer den nicht leistet, muß das preußische Gebiet verlassen, so entledigen wir uns am besten der unbequemen polnischen Elemente. Unsere Politik und unsere Diplomatie 16« 244 DIE BALTISCHEN PROVINZEN ANGLIEDERN wird in der nahen Zukunft vor ganz andere Aufgaben gestellt werden wie heute." Freiherr von Jenisch hatte hinzugefügt, es unterläge für ihn keinem Zweifel, daß dieser Ideengang des Kaisers die Folge seiner Gespräche mit Schiemann sei. Schiemann hatte sich Jenisch gegenüber schon vorher in ähnlichem Sinne geäußert. Dieser hatte ihn dringend davor gewarnt, dem Kaiser solche Vorschläge zu machen oder Ratschläge zu geben. Schiemann hatte das auch fest zugesagt, aber sein Versprechen nicht gehalten. Herr von Jenisch fuhr in seiner Meldung fort: „Ich habe dem Kaiser gesagt, daß, wie mir Kapitän Hintze versichert, von einer Gravitierung der deutschen Elemente in den baltischen Provinzen bisher nichts zu merken sei und daß Schiemann die Verhältnisse in den Ostseeprovinzen sehr einseitig zu beurteilen scheine. Wie mir Admiral von Müller erzählt, fängt der Kaiser an ungeduldig darüber zu werden, daß aus Peterhof noch keine bestimmten Mitteilungen über die Absichten des Kaisers Nikolaus hinsichtlich einer Begegnung mit ihm eingetroffen sind. Seine Majestät wollten daher dort telegraphisch anfragen. Ich habe Admiral von Müller in seiner Ansicht bestärkt, daß ein solcher Schritt notwendigerweise in Peterhof den Eindruck hervorrufen würde, als ob uns besonders an der Begegnung gelegen sei und wir in diesen kritischen Zeiten den Zaren zum Verlassen seines Reichs bewegen wollten. Das werde dann wieder wie schon früher politisch gegen uns ausgenutzt werden. Der Kaiser hat sich nunmehr damit einverstanden erklärt, daß Kapitän Hintze, der nach den Festlichkeiten in Drontheim nach Petersburg zurückkehrt, sich unter der Hand nach den Absichten des Zaren erkundigt. Prinz Heinrich hat neidich in Kiel mich dringend ersucht, Dich zu bitten, Du möchtest Tirpitz in seinem Amt zu erhalten suchen. Der Kaiser sei von irgendeiner Seite gegen ihn beeinflußt worden und habe ihm, Prinz Heinrich, wiederholt gesagt, Tirpitz sei mit an Deiner Erkrankung schuld. Das habe Prinz Heinrich gleich zurückgewiesen, ebenso die Insinuation, daß Tirpitz Reichskanzler werden wolle. Er, der Prinz, kenne Tirpitz viel zu genau, um nicht zu wissen, daß er niemals solche Ambitionen haben würde. Leider sei Tirpitz von Charakter sehr mißtrauisch und übelnehmerisch. Der französische Jachtbesitzer Menier, derselbe, der vor vier Jahren Waldeck-Rousseau an Bord hatte, wurde mit zwei schönen jungen Frauen und seiner sonstigen Begleitung ganz besonders vom Kaiser ausgezeichnet. Er plädierte für einen Zusammenschluß der europäischen Mächte gegen Amerika und für einen Besuch des Kaisers in Paris. Seine Majestät hat übrigens den Wunsch ausgesprochen, daß seine sämtlichen Gäste, mit der Gesandtschaft 34 Personen, zu dem Galadiner in Drontheim eingeladen werden." Die polnische ^ er von m ' r bereits mehrfach erwähnte Professor Theodor Schiemann Frage gehörte zu denjenigen Balten, die alle Vorgänge und Verhältnisse, die ganze BETHMANN HOLLWEG UND DIE WIEDERHERSTELLUNG POLENS 245 Welllage aus dem schmalen Gesichtswinkel ihrer engeren Heimat beurteilten. So rührend, ja bis zu einem gewissen Grade begreif lieh dieser Lokalpatriotismus der in einem jahrhundertjährigen Kampf für ihr Deutschtum gestählten Balten nun auch ist, so hatte eine solche Unterordnung der Reichsinteressen, der nationalen Salus publica unter die Leidenschaften und Hoffnungen eines kleinen Bruchteils des Germanentums doch ihre großen Bedenken. Bei Schiemann kam dazu, daß er persönlich zu den Schmeichlern gehörte, die seit jeher gerade für die Fürsten gefährlich waren, deren Phantasie nicht genügend durch nüchterne Überlegung gezügelt wurde. Hintze war unser tüchtiger Marineattache in St. Petersburg, der sich dort eine bedeutende Stellung gemacht und nützliche Verbindungen angeknüpft hatte. Tirpitz war eine Kraft ersten Ranges, aber das, was die Franzosen „un mauvais coucheur" nennen. Es war niebt leicht mit ihm auszukommen. Die Behauptung Seiner Majestät, er habe mich für sein polnisches Programm gewonnen, war mir ein neuer Beweis dafür, wie sehr die lebhafte Art des Kaisers, seine Redseligkeit und seine Phantasie dazu neigten, anderen Äußerungen in den Mund zu legen, die genau so erfunden waren wie die Erzählungen des seligen Münchhausen. Der Kaiser hatte mir gegenüber die polnische Frage selten berührt, war aber von mir nie im unklaren darüber gelassen worden, daß ich die Wiederherstellung eines selbständigen Polen als den größten Fehler betrachten würde, den die preußische, die deutsche Politik überhaupt, begehen könnte. Ein polnisches Reich an unserer Ostgrenze würde, hatte ich ihm Miederholt gesagt, der geborene Bundesgenosse unserer unversöhnlichen Gegner im Westen sein, eine polnische Armee in Warschau so viel bedeuten wie französische Truppen auch an unserer östlichen Flanke. Daß Bethmann Ilollweg sich für die polnischen Ideale erwärmt hatte, führte ich auf atavistische Regungen zurück. Der Großvater von Theobald Bethmann, der Professor August Moritz von Bethmann Hollweg, der seit jeher und bis zu seinem Tod Otto von Bismarck mit giftigem Haß bekämpfte, hatte sich in den füiffziger und sechziger Jahren in politischen Kreisen wie am preußischen Hof mit blindem Eifer für eine polenfreundliche Politik eingesetzt. Als ich im Spätsommer 1906, bei meiner Rückkehr nach Berlin, den damaligen Minister des Innern, Theobald von Bethmann Hollweg, wiedersah, stellte ich ihn bei einem gemeinsamen Abendessen im Zoologischen Garten mit ihm und anderen Ministerkollegen wegen seiner Stellung zur Poleufrage direkt zur Rede. Bethmann erwiderte mir nicht ohne Verlegenheit, daß es sich bei seinen Auslassungen gegenüber Seiner Majestät nur um eine „rein akademische Idee", nur um eine „Gedankenspielerei" gehandelt haben könne. Als ich ihm über meinen ablehnenden Standpunkt gegenüber derartigen Narreteien keinen Zweifel Heß, versicherte er mir, daß 246 DER SCHOKOLADENFABRIKANT MENIER ihm während seiner Tätigkeit als Regierungspräsident in Bromberg die Gefährlichkeit der polnischen Propaganda für Monarchie und Reich viel zu sehr zum Bewußtsein gekommen wäre, als daß er je ernstlich an eine solche „Tollheit" wie die Wiedererweckung von Polen denken könne. Bethmann Hollweg hat auch in der Tat seitdem und bis zu meinem Rücktritt als preußischer Minister wie als Staatssekretär des Innern im Reich mir gegenüber den strammen Hakatisten gespielt. Er plädierte sogar mit Eifer für die Enteignungsnovelle, die mir große Bedenken einflößte. Bald nach meinem Rücktritt erwiderte er als Reichskanzler auf eine Anfrage des Ostmarkenvereins, ob unter ihm der alte Kurs in der Ostmarkenfrage beibehalten werden würde, mit einem pathetischen „Nunquam retrorsum!" Nicht lange nachher fing er an, in der Ostmarkenfrage zu schwanken und zu lavieren, um 1914, seit Beginn des Weltkriegs allmählich die Wiederaufrichtung von Polen anzubahnen, anfänglich mehr im stillen und versteckt, dann auch in seinen Reden und in Verhandlungen mit Wien, trotz aller Warnungen und trotz des lebhaften Widerspruchs des preußischen Staatsministeriums. Wie mit dem unsinnigen Ultimatum an Serbien, so bleibt auch mit dem zweitgrößten Fehler unserer Geschichte, der Wiedererrichtung von Polen, der Name Theobald von Bethmann Hollweg für immer verknüpft. Der Jachtbesitzer Menier, der französische Schokoladenfabrikant, sollte mir im Juni 1909 in Kiel begegnen, wo er mit seiner Jacht an der Kieler Woche teilnahm. Es war an Bord dieser Jacht, bei einem von den Franzosen gegebenen Frühstück, daß ich an dem Tage, an dem ich meinen Abschied erbat, zum letztenmal auf dem Meer mit Wilhelm II. zusammentraf. Ich bemühte mich während meines Urlaubs von 1906 auch brieflich, Brief der Petersburg im Klub und in der Gesellschaft viel gesehen. Ich hatte auch Gelegenheit gehabt, mich ihm durch meine guten Beziehungen zu dem Minister Giers, zu dessen Adjoint Vlangaly wie zu dem einflußreichen Chef des asiatischen Departements, Zinowjew, nützlich zu machen. In dem damaligen Rußland spielten, wie in allen absolutistisch regierten Ländern, persönliche Beziehungen und Einflüsse, die Klubs und Salons, Empfehlungen und Konnexionen eine große Rolle. Iswolski war vor allem ein Snob. Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, wünschte er den Damen zu gefallen. Damals lag er einer schönen Witwe, der Generalin A., zu Füßen. Sie schlug aber seine wiederholten Heiratsanträge ab. Als Iswolski es später zum Botschafter und Minister des Äußern brachte, wurde Madame A. von einer Freundin gefragt, ob sie nicht bedaure, eine so glänzende Partie refüsiert zu haben. Sie erwiderte: „Je Tai regrette tous les jours, mais je m'en suis felicitee toutes les nuits." Iswolski war sehr häßlich, er sah aus wie ein Kalmücke, aber er war intelligent und ehrgeizig. Er hatte in seiner Karriere les hauts und les bas gekannt. Erst nur an kleinen Balkanposten verwandt, wo er sich nach der alten Tradition der russischen Balkandiplomatie mit Eifer an Komplotten und Verschwörungen beteiligte, wurde er Gesandter beim Päpstlichen Stuhl, während ich Botschafter beim Quirinal war. Er verkehrte viel in meinem Haus. Er hatte inzwischen eine liebenswürdige, hübsche und elegante Frau aus distinguierter Familie geheiratet, eine Gräfin Toll, Tochter des langjährigen russischen Gesandten in Weimar, die nach Abstammung und Erziehung halb oder vielmehr dreiviertel deutsch war, übrigens auch evangelisch. Alexander Petrowitsch liebte und bewunderte sie, sans comparasion, etwa wie Napoleon als junger republikanischer General zu der Vicomtesse Josephine Beauharnais emporsah als zu einem Wesen aus einer höheren Gesellschaftssphäre. Er begleitete sie jeden Sonntag zum Gottesdienst in die evangelische Kapelle des Palazzo Caflarelli. Von Rom kam Iswolski zu seinem Schmerz nach Japan. Er fürchtete bei der heiklen Natur der russisch-japanischen Beziehungen, da die russischen Generäle und viele einflußreiche Spekulanten Japan brutalisierten, die russischen Diplomaten aber keinen Krieg mit Japan wollten, sich dort den Hals zu brechen. Ich tröstete ihn mit der Versicherung, daß seine Gewandtheit ihm schon durchhelfen würde. Mein Zuspruch tat ihm wohl, und er hat mich oft dankbar daran erinnert. Er kam auch mit heiler Haut aus Japan zurück, um Gesandter in Kopenhagen zu werden, für Rußland eine Familiengesandtschaft und ein Sprungbrett für künftige Botschafter. Als Iswolski hörte, daß in St. Petersburg ein großes diplomatisches Revirement vorbereitet würde, schickte er seinen UNTERREDUNG IN SWINEMÜNDE 295 intelligenten deutschen Kammerdiener dorthin mit dem Auftrag, sich umzuhören, welche Botschaft ihm bestimmt wäre. Wenn der Kammerdiener höre, daß Iswolski Botschafter bei dem Königreich Italien werden solle, möge er ihm telegraphieren: Makkaroni; wenn er aber für Berlin bestimmt wäre, wohin Iswolski am liebsten gegangen wäre: Sauerkraut. Als der Kammerdiener hörte, daß Iswolski voraussichtlich Minister des Äußern werden würde, telegraphierte er: Kaviar. Iswolski war von Hause aus in keiner Weise antideutsch. Er wurde es erst allmählich, besonders nachdem er von Kaiser Wilhelm bei gelegentlichen Begegnungen schlecht behandelt worden war. In dem Maße, wie unsere oft wenig geschickte Presse aus ihm einen Kinderschreck für alle guten Deutschen machte, nahm die Deutschfeindlichkeit von Iswolski natürlich zu. Ähnlich ist es später mit Sir Edward Grey gegangen. Die Rahel schrieb einmal, ihre Liebhaber wären Schatten gewesen, von ihrem Feuer koloriert. Unsere politischen Gegner, von IgnatiefF und Iswolski bis zu Grey und König Eduard VII., haben wir, besonders Wilhelm II., mit hypernervöser Phantasie ärger gemacht, als sie in Wirklichkeit waren. Mißtrauen ist gut, sogar nötig, aber es darf nicht übertrieben werden. Die Aussprache, die ich mit Iswolski in Swinemünde hatte, war nicht unbefriedigend. Ich fand den russischen Minister des Äußern sehr impres- sioniert durch die trotz aller Unterdrückungsmaßnahmen und trotz mancher Konzessionen und Reformen in Rußland immer mehr um sich greifende und fortschreitende revolutionäre Gärung. Ich erblickte darin für uns einen Grund mehr, einem kriegerischen Konflikt mit Rußland auszuweichen. Ich erinnerte mich daran, wie schon Fürst Bismarck den Grafen Kälnoky darauf hingewiesen hatte, daß wir durch Abwarten vielleicht früher den inneren Verfall und die Zersetzung Rußlands als einen russischen Angriff erleben würden. An dieser Auffassung habe ich immer festgehalten und fand sie bestätigt, als mir im Mai 1914 der kurz vorher zurückgetretene russische Ministerpräsident Kokowzew in Rom auf meine Frage, ob er an Krieg glaube, ruhig und bestimmt erwiderte: „A la guerre? Non. A moins d'y etre forces par vous, nous ne ferons pas la guerre. Mais je crois ä la pos- sibilite, et, malheureusement, je crois meme ä la vraisemblance d'une revolution en Russie." Hinsichtlich Frankreichs wiederholte mir Iswolski in Swinemünde, was mir Murawiew zehn Jahre früher gesagt hatte, nämlich daß Rußland der Verbündete Frankreichs sei und bleiben müsse, daß es aber darum doch nicht unfreundÜche Beziehungen zu uns, geschweige denn Krieg wolle. Mit England müsse sich Rußland nach seiner schweren Niederlage in Ostasien verständigen. Aber es würde uns gegenüber nicht den „lansquenet de l'Angleterre" spielen. Vor allem war Iswolski damals noch überzeugt, daß schlechte Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland 296 EDUARD VII. IN WILHELMS HÖHE nur der Revolution zugute kommen würden, die beide Reiche bedrohe, Rußland noch mehr als Deutschland. Es sei ein grober Irrtum mancher russischer Chauvinisten, äußerte er zu mir, anzunehmen, daß ein auswärtiger Krieg gegenüber der inneren, revolutionären Gefahr als „derivatif" wirken würde. Ich entgegnete ihm: „Vous parlez d'or, mon eher ami. Se preeipiter dans la guerre pour eviter la revolution serait imiter l'exemple de Guibollard, qui, chez Rabelais, se jette dans l'eau pour echapper ä la pluie." Er lachte und gab mir recht. Wenn man in St. Petersburg kaltes Rlut bewahre, von deutscher Seite Rußland nicht in der polnischen Frage und auf der Balkanhalbinsel brüskiere, würden wir beide nicht ersaufen. Am 14. August fand in Wilhelms höhe eine Zusammenkunft zwischen „Peace and Wilhelm II. und Eduard VII. statt. Der König beehrte mich mit einer lan- gootl will" g en Aussprache, in der er den Gedanken in den Vordergrund stellte, daß, je törichter sich vielfach diesseits und jenseits des Kanals die Presse, je unvernünftiger auch die Völker oder wenigstens eine Minorität innerhalb der beiden Völker sich benähmen, um so mehr die beiden Regierungen kaltes Blut bewahren müßten. Er versicherte mich seines unveränderten Vertrauens und fügte hinzu, ich könne sicher sein, daß er nach wie vor auf das lebhafteste „Peace and good will" zwischen Deutschland und England wünsche. In einem sehr warmen Trinkspruch, dessen Veröffentlichung er ausdrücklich erbat, dankte er für den herzlichen Empfang, der ihm bereitet worden sei, nicht nur von Seiten der Behörden und der Truppen, die in Parade gestanden hätten, sondern auch von dem Volk, wo es ihm in den Straßen begegnet wäre. Er fuhr in seinem Trinkspruch fort: „Indem ich von ganzem Herzen meinen besten Dank ausspreche, füge ich hinzu, es ist mein größter Wunsch, daß zwischen unseren beiden Ländern nur die besten und angenehmsten Beziehungen bestehen. Ich freue mich sehr, daß Eure Majestät mich bald in England besuchen werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß nicht nur meine Familie, sondern das ganze englische Volk Eure Majestät und Ihre Majestät die Kaiserin mit der größten Freude empfangen werden." Vor dem Abendessen unternahm der Kaiser mit dem König eine Rundfahrt durch die anmutige Umgebung von Wilhelmshöhe und die Straßen des aufblühenden Kassel, dessen Bürgermeister damals noch nicht Herr Philipp Scheidemann, sondern ein bewährter Jurist und Verwaltungsbeamter war. Der König hatte den Kaiser aufgefordert, mich zur Teilnahme an dieser Fahrt einzuladen, worauf der Kaiser mit Freude einging. Die Unterredung ä trois war ungezwungen und durchaus freundlich. Ich weiß nicht, wie der Kaiser auf die Idee kam, den König zu fragen, wie es Eckardstein ginge. Der König antwortete mit verächtlicher Betonung und einer wegwerfenden Handbewegung, daß er nicht wisse, „what became of that fellow". Als der Kaiser den König erstaunt frug, ob er etwa Eckardstein PROZESS MAPLE-ECK ARD STEIN 297 nicht mehr empfange, meinte der König: „Oh, good gracious! He is not more received anywhere." Er erzählte dann dem Kaiser, daß sich Eckardstein „in a most inconvenient, a most ungentlemanlike way" gegenüber seiner Gattin benommen habe. Deren Vater, der reiche Möbelhändler Maple, hätte ursprünglich Eckardstein zu seinem Erben eingesetzt. Als Eckardstein trotz aller Warnungen seines würdigen Schwiegervaters immer wieder große Summen durch unsinnige Spekulationen verloren hätte, habe Maple sein Vermögen seiner Tochter zu deren freier Verfügung hinterlassen. Nun habe Eckardstein angefangen, immer größere Summen von seiner Gattin zu erpressen, was die Beziehungen zwischen den beiden natürlich verschlechtert hätte. Als die Baronin Eckardstein endlich erklärt habe, sie könne nicht mehr für die Börsengeschäfte und Schulden ihres Gatten aufkommen, von dem sie de facto schon getrennt lebte, hätte Eckardstein sie mit einem Skandalprozeß bedroht, und als sie sich dadurch nicht beeindrucken ließ, gegen sie einen Prozeß wegen Ehebruchs, begangen mit ihrem Arzt in London, angestrengt. Aus dem Prozeß wäre die Baronin Eckardstein völlig gerechtfertigt hervorgegangen, Eckardstein aber derartig bloßgestellt und in einem so üblen Lichte, daß das anwesende Publikum ihn beim Verlassen des Gerichtssaals beschimpft, tätlich bedroht und fast verprügelt hätte. Er sei seitdem für alle anständigen Leute erledigt. Kaiser Wilhelm geriet in heftige Erregung und erklärte sofort, nicht ohne Pathos, denn er wollte seinem Onkel zeigen, ein wie strenger Hüter des Anstandes und guter Sitte er sei, daß Eckardstein den „schlichten Abschied" erhalten müsse, wie der militärische Terminus technicus laute, und daß dies im Reichsanzeiger öffentlich bekanntgegeben werden solle. Ich habe diesen Befehl wie manchen anderen nicht buchstäblich ausgeführt und Eckardstein wie später den unglücklichen Philipp Eulenburg ohne Aufsehen noch Lärm aus der Stellung z. D. in die Stellung a. D. überführen lassen. Ich sollte erst während der letzten Zeit meiner Reichskanzlerschaft wieder von Eckardstein hören, wo er gemeinsam mit dem Pamphletisten Rudolf Martin, der sich nach der Novemberrevolution von 1918 der U. S. P. D., dem linken Flügel der Sozialdemokratie, anschloß, und dem Zeremonienmeister Eugen Röder, dem üblen Bruder der intriganten Gräfin Paula Alvensleben, gegen mich einen „Bund der Kaisertreuen" bilden wollte. Vom 15. Juni bis zum 15. Oktober 1907 tagte im Haag die zweite Friedenskonferenz, die durch den niederländischen Minister des Äußern, den Zweite Haager früheren niederländischen Gesandten in Berlin, Herrn Tets van Goudrian, Friedens- einen wohlgesinnten und taktvollen Diplomaten, eröffnet wurde. Den Konferenz Vorsitz übernahm der russische Bevollmächtigte, Botschafter Nelidow. In der Frage der internationalen Friedens- und Abrüstungsbestrebungen gegenüber der pazifistischen Propaganda und den Forderungen nach 298 ZWISCHEN SZYLLA UND CHARYBDIS Abrüstung mußte ich, wie in so manchen anderen Fragen, den Weg zwischen Szylla und Charybdis nehmen, die Mittelstraße, die in diesem Falle die richtige war. Ich habe natürlich nie daran gedacht, die Sicherheit des Landes scheinheiligen Versicherungen unserer Feinde und Neider, hohlen Phrasen weltfremder, bisweilen auch unehrlicher Schwärmer zu opfern. Das brauche ich nicht weiter zu begründen, nachdem die Sieger des Weltkriegs, sobald sie mit Hilfe der auf die einfältigen deutschen Pazifisten berechneten „Vierzehn Punkte" Wilsons ihr Spiel gewonnen hatten, die pazifistische Maske abgeworfen haben und uns unverhülll ihr grinsendes, grausames Antlitz zeigten. Der Vertrag von Versailles, der nicht nur allen pazifistischen Ideen und Grundsätzen ins Gesicht schlägt, allen Bestrebungen für Völkerversöhnung und Völkerbund den Boden entzieht, sondern der in seinem ganzen Aufbau wie in seiner Ausführung ein Hohn auf Gerechtigkeit und Vernunft, auf Treue und Redlichkeit ist, zeigt zu deut- bch, wie innerlich verlogen die feindliche Propaganda uns gegenüber ist und von jeher war. Um so trauriger, daß aus Einfältigkeit und Verblendung, bisweilen auch aus niederträchtiger Parteiverbissenheit oder erbärmlichen persönlichen Motiven manche Deutsche solchem Treiben unserer Feinde Vorschub geleistet haben. Das Brandmal der Schande und Infamie, das die Geschichte auf die Stirn des Ephialtes und des Judas Ischariot drückte, haftet für immer an den Namen Greiling und Eisner, Friedrich Wilhelm Förster und Fechenbach. Aber gerade weil ich die Verlogenheit der Deutschland feindlichen Propaganda auf Grund eigener und langjähriger Erfahrung im Ausland nur zu wohl kannte, war ich bemüht, den Kaiser von Reden und Gesten abzuhalten, die ihn als einen Friedensstörer erscheinen ließen, der er gar nicht sein wollte und tatsächlich auch gar nicht war. Ich hatte ihn schon im Mai 1899 bei dem ersten Friedensvorschlag des Zaren ermahnt, nicht die odiose Rolle des Störenfrieds zu spielen, der die edlen Pläne der Friedensfreunde vereitle und die Schuld trüge, wenn die Welt unter der Last wachsender Militärausgaben seufze. Darum bestand ich auch jetzt, acht Jahre später, gegenüber dem anfänglichen Widerspruch Seiner Majestät auf unserer Teilnahme an der zweiten internationalen Friedenskonferenz. Wie ich schon öfters hervorheben mußte, gefiel sich Wilhelm IL, der im Kern seines Wesens ein echter und ernster Friedensfreund und jedenfalls im Handeln ein aufrichtigerer Pazifist war als mancher andere Souverän und als die meisten demokratischen Schwätzer im Inlande und namentlich im Auslande, mit der ihm eigenen Zwiespältigkeit des Wesens, mit seiner so häufigen Verwechslung von Schein und Wesen darin, pazifistischen Bestrebungen nach außen hin ablehnend gegen überzutreten und, wo sich eine passende oder auch unpassende Gelegenheit bot, die Schale seines Spotts über solche Bestrebungen auszugießen. DIE PARTEI DER EHRLICHEN LEUTE 299 Zum deutschen Vertreter im Haag hatte ich unseren Botschafter in Konstantinopel, Herrn von Marschall, ausersehen, der ein guter juristischer Kopf war und sich im diplomatischen Dienst auch nach und nach die wünschenswerte Verbindung von Würde und Kulanz angeeignet hatte. Es gelang ihm bald, im Haag eine führende Rolle zu spielen. Der englische Friedensapostel Stead, der fünf Jahre später beim Untergang des Dampfers „Titanic" einen tragischen Tod fand, gibt in seinem Buch über die Haager Konferenz zu, daß der deutsche Vertreter nicht nur der scharfsinnigste Redner der Versammlung gewesen wäre, sondern auch durch seine Sachkenntnis die positiven Arbeiten mehr als irgendein anderer gefördert hätte. Mit wahrem Ingrimm fügte der Engländer Stead hinzu: „Statt daß die englischen Vertreter in der Friedenskonferenz die Führung hätten übernehmen sollen, blieben sie im Rückstand und ließen Deutschland den ersten Platz. Eine kläglichere und schändbchere Niederlage habe ich selten gesehen." Die Einsetzung eines ständigen internationalen Schiedsgerichtshofes war das Verdienst des deutschen Delegierten, der auch später für die Minderheit das Wort führte, die das obligatorische Schiedsgericht ablehnte. Es war bezeichnend für den Unterschied zwischen Redlichkeit und Unredlichkeit, daß zu denjenigen Staaten, die mit Deutschland und Österreich- Ungarn das obligatorische Schiedsgericht ablehnten, Belgien, die Schweiz und die Türkei gehörten. An der ehrlichen Friedensliebe dieser Länder war kein Zweifel möglich, während sich als Verfechter des obligatorischen Schiedsgerichtshofs gerade die Staaten der Entente gerierten, deren Pazifismus doch nur sehr naive Politiker für bare Münze nehmen konnten. Als ich unsere Haltung auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz im Reichstag erläuterte*, fand ich die Zustimmung aller Parteien und zu meiner Genugtuung auch den Beifall fast der ganzen englischen Presse. Die liberalen englischen Blätter hoben die Würde und Ehrlichkeit der deutschen Reichstagsdebatte wie meiner Erklärungen hervor, und auch die unionistischen Journale stellten fest, daß ich mit meiner freimütigen, den deutschen Standpunkt darlegenden Rede einen überraschenden Erfolg in England erzielt und die „Partei der ehrlichen Leute" gewonnen hätte. Daß meine Haltung und Sprache gegenüber der Haager Friedens-Konferenz in England einen guten Eindruck gemacht und daß insbesondere die ruhige Freundlichkeit, mit der ich mich am 30. April* über die deutschenglischen Beziehungen geäußert hatte, die Anerkennung selbst der „Times" fand, erfüllte den Kaiser mit lebhafter und aufrichtiger Freude. Er übersandte mir sehr beglückt den nachstehenden Brief eines hervorragenden englischen Seemannes, des Admirals Montagu, der ihm über meine Rede * Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, Verlag Reimar Hobbing, Berlin. 300 DIE BLOCKPOLITIK im Reichstag geschrieben hatte: „Your Majesty, If anything in the world can conduce to peace and harmony, sound sense and great ability of Statement, the speach of Prince Bülow on foreign policy in my humble opinion is the finest piece of rhetoric and absolutely sound judgement it is possible to conceive. I write as humble individual, but I hope, I aspire to common sense. But as an Englishman all I say is, that his Statement should be accepted throughout the world as a master-piece of sound reasoning. He not only shows his patriotism as his first duty, but holds out the olive branch of peace to the world, in the most graceful manner. I hope that individuals of other countries besides my own will note the greatness of Your Majesty's Chancellor. Your most obedient servant V. A. Montagu." Das Jahr 1907 brachte zwei bedeutungsvolle Wechsel im Reich und in Für Preußen. Bei aller Wertschätzung der eminenten Kenntnisse und der Posadowsky Arbeitskraft des Grafen Posadowsky mußte ich mich, nachdem ich mich lethmann^ einmal für die, nicht von mir aber von anderen, „Blockpolitik" getaufte Tschirschky Richtung entschieden hatte, die ich lieber als eine besonnene und allmäh- Schön liehe Überleitung zu einem liberaleren inneren System und einer stärkeren und häufigeren Heranziehung parlamentarischer Kräfte in die Regierung bezeichnen möchte, von einem Mitarbeiter trennen, der dieser Wendung innerlich widerstrebte. Ich ersetzte Posadowsky durch Bethmann, der seinem Vorgänger in vieler Hinsicht nicht gewachsen war, von dem ich aber sicher sein konnte, daß er, so lange ich Reichskanzler war, um mit Bismarck zu reden, einschwenken würde wie ein Unteroffizier. Preußischer Minister des Innern wurde der Bruder des Generalstabschefs, der Oberpräsident von Ostpreußen, Friedrich von Moltke, um vier Jahre jünger als jener, an gutem Willen und Lauterkeit des Wesens ihm ähnlich. Ich sorgte dafür, daß Seine Majestät der Kaiser den hochverdienten Grafen Posadowsky durch ein für ihn in hohem Grade ehrenvolles Handschreiben und durch die Übersendung seiner Büste in Marmor wie durch die ausdrückliche Versicherung seines unveränderten Wohlwollens beglückte. Auch der vortreffliche Kultusminister Studt trat zurück, weniger unter dem Eindruck der von liberaler Seite gegen ihn gerichteten Angriffe als im Hinblick auf Kränklichkeit und hohes Alter. Er wurde ins Herrenhaus berufen und gleichzeitig mit einem besonders gnädigen Handschreiben ausgezeichnet. Vorgreifend möchte ich jetzt schon erwähnen, daß im Herbst 1907 auch im auswärtigen Dienst bedeutungsvolle Wechsel stattfanden. Der mir von Seiner Majestät mehr oder weniger aufgedrängte Staatssekretär des Äußern Tschirschky zeigte sich seiner Aufgabe, das Amt zu leiten und mich im Verkehr mit den Diplomaten zu entlasten, in keiner Weise gewachsen. Er war innerlich hochmütig, äußerlich steif und hölzern, Pessimist, immer der „docteur tant pis", um mit Lafontaine zu sprechen, sehr empfindlich, allzu DER NEUE STAATSSEKRETÄR DES ÄUSSERN 301 geneigt, die „gekränkte Leberwurst" zu spielen, wie in seinem drolligen Jargon der Berliner sich ausdrückt. Da der Kaiser gleichzeitig auf der Abberufung des allerdings schon fünfundsiebzigjährigen, selbst dem damals ziemlich bequemen Posten des Statthalters von Straßburg nicht mehr gewachsenen Fürsten Hermann zu Hohenlohe-Langenburg bestand, so ergab sich die Notwendigkeit eines umfassenden Revirements. Eine große Schwierigkeit meines Amtes war von Anfang an für mich gewesen, der nicht bös gemeinten, meist aus gütigem Herzen hervorgehenden, aber nicht immer den Interessen des Dienstes entsprechenden Einmischung des Kaisers in Personalien zu begegnen. Bei seiner Vorliebe für Tschirschky würde der Kaiser dessen Enthebung von dem Posten des Staatssekretärs nie zugestimmt haben, wenn der „allezeit Getreue", der zwar im Reichstag nicht sprechen konnte, Seiner Majestät aber nie widersprach, nicht ein ausreichendes Äquivalent erhalten hätte. Ich muß übrigens zugeben, daß Tschirschky den Posten des Staatssekretärs nur ungern übernommen hatte. Er hatte mir im Augenblick seiner Ernennung in wehmütigem Tone geschrieben: „Euer Durchlaucht ist nicht unbekannt, daß mein Sinn nie darauf gerichtet gewesen ist, in der Öffentlichkeit irgendeine Rolle zu spielen. Die ganze Anlage meiner Natur liegt nicht in dieser Richtung." Nachdem er dargelegt hatte, daß und warum das Glück im Winkel mehr sein Ideal sei als rauschende Erfolge auf der Agora, daß ihm die Nerven fehlten, um dem Parlament gegenüber wirksam aufzutreten, bat er darum, ihm die parlamentarischen Pflichten seines Amtes „durch Unterstützung von anderer Seite" zu erleichtern. Da ich bei meiner geschäftlichen Überlastung unmöglich jede an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts gerichtete Anfrage in der Kommission oder im Plenum selbst beantworten konnte, wir in Deutschland auch keine besonderen Sprechminister hatten, wie ihn das zweite Kaiserreich in Frankreich in Rouher besaß, und endlich der Unterstaatssekretär auch nicht nach parlamentarisch-oratorischen Triumphen verlangt, trennte ich mich von Tschirschky. Als dessen Nachfolger verlangte der Kaiser einen ihm „sympathischen" Diplomaten, was leider nicht immer ein Beweis für die Tüchtigkeit des Betreffenden war. Endlich wünschte Seine Majestät nach Straßburg einen General zu setzen, entweder den Chef des Militärkabinetts Dietrich Hülsen oder den Kommandanten des Großen Hauptquartiers, den General von Plessen. Ich entschloß mich schließlich zu einer auf gegenseitigen Zugeständnissen beruhenden Lösung, durch die Tschirschky nach Wien kam, der bisherige Botschafter in Petersburg, Herr von Schön, Staatssekretär des Äußern wurde und der bisherige Botschafter in Wien, Graf Karl Wedel, Statthalter von Elsaß-Lothringen. Die letztere Wahl war die einzige wirklich gute. Tschirschky war im Grunde 302 LE BARON DE SCHOEN kein Botschafter, konnte aber in Wien weniger Schaden anrichten als in London, wohin ihn der Kaiser ursprünglich dirigieren wollte. Die Minderwertigkeit des Baron de Schoen, wie sich der deutsche Staatssekretär auf seinen Visitenkarten nannte, die mir schon früher bisweilen Sorge bereitet hatte, sollte in ihrem ganzen Umfange erst nach seiner Berufung an die Zentralstelle zutage treten. Ich weiß nicht, ob der berüchtigte Semi-Gotha recht hat, wenn er behauptet, Schön sei aus der „uralten Wormser Judengemeinde" hervorgegangen, er gehöre sogar dem besonders geachteten jüdischen Stamm Isaschar (Schochem) an. Das mit der Familie Schön verwandte Haus Heyl zu Herrnsheim sei gleichfalls eine durch Leder reich gewordene Wormser Judenfamilie. Die jüdische Extraktion des Barons von Schön würde mich nicht gestört haben. Ich muß aber leider feststellen, daß ich bei ihm jene Arbeitslust und Arbeitskraft, die Klarheit und Schärfe des Verstandes, die geschäftliche Tüchtigkeit und den geschäftlichen Ernst vermißt habe, die mir bei vielen Israeliten entgegengetreten sind und die ihnen auch von ihren Gegnern nicht abgesprochen werden können. Frau von Schön, eine Belgierin, durch langen Aufenthalt im Seinebabel bedenklich verparisert, trug nicht dazu bei, die ohnedies bescheidene dienstliche Brauchbarkeit ihres Gatten zu erhöhen. Der Kaiser war aber nicht dazu zu bewegen, Mühlberg oder Kiderlen als Staatssekretär zu akzeptieren. Botschafter in Petersburg wurde Graf Friedrich Pourtales, der dort mehrere Jahre Botschaftsrat gewesen war und das dortige Terrain kannte, auch in der Bismarckschen Zeit als Amanuensis von Herbert Einblick in die große Politik gewonnen hatte. XX. KAPITEL Gegenbesuch Wilhelms II. am dänischen Hofe • Die Nordmark • Stellung der Kaiserin zu Dänemark • Vorgänge vor der Kaiserreise nach Eugland • Festmahl in Windsor (12. XI. 1907) • Stimmung Wilhelms II. in Highclille . Der Prozeß Moltke-Ilurden im Reichstag • Beginn der Tragödie des Fürsten Eulenburg . Die romantische Heirat der Komtesse Augusta Eulenburg • Brief Eulenburgs an deu Kaiser • Euleuburg nimmt trotz Abmahnung seiner Freunde am Ordensfest teil • Kaiserliche Order vom 31. V. 1907 über Erledigung des i alles Eulenburg • Bülows Prozeß gegen den „Schriftsteller" Brand • Das Meineidsverfahxen gegen Eulenburg Im Juni 1907 erwiderte der Kaiser mit der Kaiserin dem neuen König von Dänemark, Friedrich VIII., den ihm von diesem nicht lange vorher in Reise des Berlin abgestatteten Besuch. Ich hatte einige Monate früher mit Dänemark Kaisers nach einen Vertrag abgeschlossen, nach dem die bisher staatenlosen Optanten- Kopenhagen kinder auf ihren Antrag in jedem der beiden Staaten die Staatsangehörigkeit erhalten konnten. Dieser „Optantenvertrag" war in Dänemark durchweg günstig beurteilt worden. Das dänische Regierungsblatt bezeichnete ihn als das bedeutungsvollste Ereignis in der Geschichte der Beziehungen zwischen Dänemark und Deutschland seit 1864, lobte den „redlichen Willen" der deutschen Regierung und drückte die Hoffnung aus, daß dieser Vertrag eine Scheide zwischen Vergangenheit und Zukunft werden würde. Ich habe nie die Illusionen des Kaisers geteilt, der immer wieder hoffte, Dänemark für einen ganz engen Anschluß an Deutschland oder wenigstens für ein Bündnis mit Deutschland gewinnen zu können. Ich habe auch Tirpitz, der im Interesse seiner Seepolitik Dänemark möglichst an uns heranziehen wollte, nicht verhehlt, daß korrekte Beziehungen ohne Hintergedanken auf dänischer Seite das Äußerste wären, was wir erreichen könnten. Das aber wäre bei verständiger Behandlung der dänischen Nordschleswiger allerdings möglich. Ich habe die Nationali tätenverh ältnisse in Nordschleswig immer anders beurteilt als den Kampf um die Ostmark. „II faut donner ä toute chose sa jii8te valeur", war eine von mir gern zitierte Lieblingswendung des weisen Minghetti. Im Osten handelte es sich um den Schutz der Wurzeln des preußischen Staats, um die Erhaltung lebenswichtiger Bestandteile des Deutschen Reichs. Fortschritte der polnischen Propaganda bedeuteten die 304 DIE TOCHTER DER NORDMARK höchste Gefahr für unsere Sicherheit und für unsere Zukunft. Ein Paktieren mit den Polen konnten nur weltfremde deutsche Phantasten empfehlen. Dagegen waren die kaum 135000 Dänen in Nordschleswig keine ernstliche Gefahr für unseren Staat und für unser Volkstum. Mein Wunsch war, vom Landtag eine größere Summe für das allmähliche Aufkaufen der dänischen Bauerngüter in Schleswig zu erlangen und an ihrer Stelle Süd- schleswiger oder Holsteiner anzusiedeln. Die Sprachenfrage wollte ich kulant behandeln, denn wenn leider eine alte Erfahrung zeigte, daß die romanischen Sprachen, Französisch und Italienisch, der deutschen leicht Terrain abgewinnen und daß selbst die slawischen im Kampf gegen die deutsche Sprache traurige Erfolge aufzuweisen haben, so ist die deutsche Sprache in Nordschleswig seit Jahrhunderten im Fortschreiten gewesen. Gegen die Forderung eines größeren Fonds für Nordschleswig hatte leider das Staatsministerium Bedenken, und in der Sprachenfrage wollte der Kaiser unter dem Einfluß seiner Augustenburgischen, sehr antidänischen Verwandten nicht nachgeben. Die Kaiserin hatte meinem Vetter Jenisch, der sie und den Kaiser nach Kopenhagen begleitete, nicht verhehlt, daß sie mich zu „dänenfreundlich" fände. Sie schrieb ihm: „Ich bin als Kaiserin und Frau meines Mannes nach Dänemark gegangen, natürlich auch höflich und freundlich gewesen, da diese Reise es von mir verlangte. Es ist das erstemal, daß ich als Tochter der Nordmark dies tun mußte. Wo ist der Dank ? Der Nutzen ? Sie wissen, daß ich mich nicht gern politisch einmische, aber etwas Lokalpatriotismus hat man doch. Die Kämpfe Schleswig-Holsteins gegen Dänemark sind derartig mit meiner eigenen Familie verquickt gewesen, mein eigener Vater ist ein Opfer dieser Kämpfe geworden, da werden Sie verstehen, daß es auch mir ins Herz schneidet, wenn das Deutschtum in Nordschleswig durch zu larges Entgegenkommen für Dänemark froissiert wird. Die Dänen sind stets glatt gewesen, aber falsch." Wenn die gute Kaiserin in an und für sich begreiflicher Familientradition keinerlei Schonung der Dänen wünschte, so hatte bei dem Besuch in Kopenhagen der Kaiser es umgekehrt übelgenommen, daß ich ihn durch den Vertreter des Auswärtigen Amts hatte bitten lassen, in seinen dortigen Auslassungen die dänenfreundliche Note nicht zu forcieren. Herr von Jenisch schrieb mir darüber: „Ich sagte Seiner Majestät, es sei Deines Erachtens wichtig, in Kopenhagen den richtigen Ton anzuschlagen und bei der Ängstlichkeit des Königs nicht zu chaleureux zu werden. Das hättest Du mir bei Deiner Abreise noch besonders ans Herz gelegt. Seine Majestät antwortete mir, das solle man nur ruhig ihm überlassen, er werde schon den richtigen Ton treflen. Dafür regiere er schon zwanzig Jahre. Nach dieser Antwort war es natürlich für mich ganz unmöglich, ohne Gefahr zu laufen, einen gewaltigen Zorn zu erregen, Deinen Entwurf zu einer Rede vorzulegen." DIE DROHENDEN HARDEN-PROZESSE 305 Am 9. November 1907 sollte das Kaiserpaar seine Reise nach England antreten. Die Alten glaubten, daß, wenn menschlichen Unternehmungen Abreise mit Gefahr und Unheil drohten, die Götter dies vorher durch Unglück ver- Hindernissen heißende Zeichen ankündigten. Dann flogen die Adler links statt rechts, nach England oder die heiligen Hübner weigerten sich, das ihnen vorgeschüttete Futter zu fressen. Der Kaiserreise nach England ging ein im Geiste der antiken Denkweise bedeutungsvolles Vorspiel voraus. Alle Vorbereitungen waren getroffen, als der Kaiser mich plötzbch ans Telephon rief, um mir mitzuteüen, daß er einen Unfall gehabt hätte. Er habe sich schwindlig gefühlt und auf ein Sofa ausgestreckt. Plötzbch wäre er, offenbar von einer kurzen Ohnmacht befallen, vom Sofa heruntergefallen. „Mein Kopf schlug so hart auf den Boden auf, daß meine Frau, von dem Lärm erschreckt, voll Angst hereinstürzte." Der Kaiser fügte hinzu, daß er bei so angegriffenem Gesundheitszustand unmöglich die ermüdende Reise nach England unternehmen könne und dies seinem Onkel, dem König, telegraphiert habe. Bald nachher erschien der Oberhofmarschall Graf August Eulenburg bei mir, um mir im Auftrag der Kaiserin zu sagen, daß der „Unfall" nicht schlimm gewesen wäre. Die Ohnmacht und das Aufschlagen des Kopfes auf den Boden hätten nur in der Phantasie Seiner Majestät existiert. Mit der Bitte um strengste Diskretion erklärte mir Graf August Eulenburg den ganzen Vorgang damit, daß es dem Kaiser im Hinblick auf die Kampagne der Hardenschen „Zukunft" gegen den Fürsten Eulenburg, den Grafen Kuno Moltke und andere Freunde Seiner Majestät und die drohenden Skandalprozesse peinlich sei, sich jetzt in England zu zeigen. Einige Stunden später kam, sehr bestürzt, der engbsche Botschafter zu mir. Er habe von seinem Souverän ein dringendes Telegramm erhalten, durch das ihm König Eduard mitteile, er habe vom Kaiser die Nachricht bekommen, daß dieser seine Reise nach England aufgebe. Ein so plötzlicher, ganz uner- klärbcher Entschluß würde politisch von bedenkbchen Folgen sein und jedenfalls die in der letzten Zeit in erfreulicher Weise gebesserten deutsch- enghschen Beziehungen nicht günstig beeinflussen. Der König bat um sofortige Aufklärung über den rätselhaften Entschluß des Kaisers. Ich versprach dem Botschafter, daß ich Rücksprache mit Seiner Majestät nehmen würde. Er meinte, daß sich dies in der Tat empfehlen würde. „Das schlimmste ist nämlich", fuhr er fort, „daß ich vor einer Stunde im Tiergarten dem angebbch schwer erkrankten Kaiser begegnet bin, der sehr vergnügt, umgeben von einem Schwärm Adjutanten, die große Querallee herunterritt." Ich schrieb nun Seiner Majestät einen ernst gehaltenen Brief, in dem ich meinerseits um Aufklärung bat, nicht nur, um den englischen Botschafter beruhigen zu können, sondern auch für meine eigene Beruhigung im Hinblick auf die deutsch-englischen Beziehungen. Der 20 Bülow II 306 EINE STEH AUF-NATUR Kaiser ließ mich nach einigen Stunden bitten, den Abend mit ihm im Theater zu verbringen oder wenigstens, wenn meine Geschäfte dies nicht zuließen, ihm dort während der großen Pause in dem kleinen Salon vor der kaiserlichen Loge meinen Vortrag zu halten. Ich fand den Kaiser sehr munter, ganz unbefangen. Er war wirklich eine Stehauf-Natur. Er meinte, die Indisposition wäre überwunden. Er habe einen ihn erfrischenden Spazierritt gemacht und gut gegessen. Er fühle sich wieder ganz unternehmungslustig, sehr „kregel", und sei bereit, überall hinzureisen, wohin ich ihn im Interesse unserer Politik schicken wolle. Ich konnte meinen alten Freund Lascelles noch an demselben Abend davon in Kenntnis setzen, daß Seine Majestät der Kaiser sich wieder wohl und in der Lage fühle, die Reise nach England zu unternehmen. Am 10. November traf das Kaiserpaar in London ein. Am 12. November war das große Festmahl in Windsor. König Eduard konnte sich nicht versagen, in seine Rede den etwas maliziösen Passus einzufügen, er hätte seit langer Zeit gehofft, diesen Besuch zu empfangen, aber im letzten Augen- bbck gefürchtet, daß die Reise infolge einer Unpäßlichkeit des Deutschen Kaisers nicht stattfinden könnte. „Glücklicherweise sehen Eure Majestäten jetzt beide so voller Gesundheit aus, daß ich nur hoffen kann, Eurer Majestäten Aufenthalt in England werde Euren Majestäten recht wohltun." Der König hatte mit dem Kaiser, obwohl dieser inzwischen schon achtundvierzig Jahre alt geworden war, gelegentlich immer noch den schalkhaften Ton eines würdigen und erfahrenen Onkels mit einem noch jugendlichen, unreifen und etwas unberechenbaren Neffen. Dann aber fuhr der König fort, daß er niemals, so lange er lebe, die Güte und Sympathie vergessen werde, die ihm der Kaiser in der Zeit erwiesen hätte, als die große, verehrte Königin Victoria aus dem Leben schied. Der Kaiser möge versichert sein, daß seine Besuche in England stets eine aufrichtige Freude wären sowohl für das englische Königspaar als für das ganze englische Volk. „Ich hege", schloß der König, „nicht nur innige Hoffnungen für das Gedeihen und das Glück des großen Reichs, über das Eure Majestät herrschen, sondern auch für die Erhaltung des Friedens." Am nächsten Tage wurden in der Guildhall sehr freundschaftliche Trinksprüche zwischen dem Lordmayor und dem Kaiser gewechselt. Der Kaiser nahm die Würde eines Ehrendoktors des Zivilrechts der Universität Oxford aus den Händen von Lord Curzon, einem der hervorragendsten und einflußreichsten englischen Staatsmänner, entgegen. Alle englischen Zeitungen widmeten ihm freundliche Artikel und betonten, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und England sich bedeutend verbessert hätten. Es Hege kein Grund zur Spannung vor. Einige Tage später hielt der Minister des Äußern, Sir Edward Grey, in Berwick eine öffentliche Rede über die auswärtige Politik, in der DER BESUCH IN HIGHCLIFFE 307 er hervorhob, daß das englisch-japanische Bündnis gegen kein anderes Land gerichtet wäre. England sei bereit, ähnliche Abmachungen mit anderen Ländern über Angelegenheiten abzuschließen, die sie und England direkt angingen. Die Abmachungen mit Rußland bezweckten die Sicherung der indischen Grenze, die Sicherung des Friedens zwischen England und Rußland, und würden dazu beitragen, den Frieden der ganzen Welt zu sichern. Auch die orientalische Frage, insbesondere die Wirren in Mazedonien würden das Konzert der europäischen Mächte nicht stören. Was die deutschen Flottenbauten angehe, so wolle er diese in keiner Weise kritisieren. Wenn andere Nationen ihre Flotte vergrößerten, so müsse England die seinige auch vergrößern. Doch brauche sich England nicht in besondere Unkosten zu stürzen, noch sich über Flottenausgaben irgendeines anderen Landes zu beunruhigen. Einige Tage vorher hatten 136 liberale Unterhausmitglieder dem Premierminister Campell-Bannerman eine Denkschrift überreicht, worin sie die Herabsetzung der Ausgaben für Heer und Marine vorschlugen. Wenn die Kaiserreise nach England den besten Verlauf genommen und zweifellos Gelegenheit geboten hatte, die friedlichen Wünsche der großen Der IIa, Mehrheit des englischen wie des deutschen Volks zum Ausdruck zu bringen, Mohke- so war ich weniger erfreut über das, was ich über Stimmung und Reden des J roz ^ Kaisers während seines Besuchs in Highcliffe hörte, der schön gelegenen Besitzung des englischen Obersten Stewart Wortley auf der anmutigen Insel Wight, dem Garten Englands. Während der Kaiser dort weilte, wurden im Reichstag von dem Führer des Zentrums, dem Abgeordneten Spahn, die Enthüllungen zur Sprache gebracht, die der Prozeß Moltke-Harden über Unsittlichkeiten zutage gefördert hätte, die an das heidnische Rom erinnerten. Er rügte, daß zwei besonders schuldige Offiziere, GrafLynar und Graf Hohenau, mit Pension entlassen worden wären, sprach aber ausdrücklich dem Kaiser und dem Kronprinzen für ihr rasches Einschreiten seinen Dank aus. Ich erwiderte*, daß die im Prozeß Harden-Moltke zur Sprache gebrachten sittlichen Verfehlungen auch mich mit Ekel und Scham erfüllten, aber ich müsse mich gegen die Auffassung wenden, als ob das deutsche Volk und das deutsche Heer in ihrem innersten Kern nicht voll- ' kommen gesund wären. So wie es niemanden gäbe, der an dem sittlichen Ernst unseres Kaiserpaares zweifle, das in seinem Familienleben dem Lande ein schönes Vorbild gebe, so sei auch das deutsche Volk kein Sodom, und in der deutschen Armee herrschten nicht Zustände wie im sinkenden römischen Kaiserreich. Die Volksvertretung könne sich darauf verlassen, daß gerade unser Kaiser mit scharfem Besen alles ausfegen werde, was nicht zur Reinheit seines Wesens und seines Hauses passe. Was die Klagen über * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 250ff.; Kleine Ausgabe IV, 30ff. 20* 308 DIE KAMARILLA Kamarilla angehe, so wäre doch die erste Voraussetzung für das Gedeihen solcher Giftpflanzen die Abgeschlossenheit und Unselbständigkeit des Monarchen. Nun habe man ja dem Kaiser manchen Vorwurf gemacht, wie man jedem Menschen diesen oder jenen Vorwurf mache. Aber daß er sich abschließe im Verkehr und keinen eigenen Willen hätte, fügte ich unter großer Heiterkeit des Hauses hinzu, das sei ihm meines Wissens noch niemals vorgeworfen worden. Man möge also endlich aufhören mit dem Gerede und Geraune und Geflüstere über Kamarilla. Dem Abgeordneten Bebel, der gemeint hatte, nur in Monarchien gebe es Kamarilla und ähnliche betrübende Erscheinungen, entgegnete ich, daß es nicht nur eine höfische Kamarilla gebe, sondern auch eine rote Kamarilla, nicht nur vor fürstlicher Eitelkeit würde Weihrauch angezündet, sondern auch vor König Demos. ,,In der Kunst des Bauchrutschens und des Schweifwedeins sind die Höflinge des Königs Demos den Höflingen des Fürsten über, das können Sie mir glauben, der ich beide Spielarten kenne." Ich schloß mit den Worten: „Wir leben in einer Zeit, wo der Minister sich gar nicht so zu fürchten braucht vor der Tyrannei von oben. Was hat denn heute ein Minister von oben zu riskieren ? Höchstens seine Entlassung! Glauben Sie denn, daß es ein solches Vergnügen ist, Minister zu sein ? Wohl aber soll in unseren Tagen ein Minister sich nicht fürchten vor der Tyrannei von unten, die die drückendste und schlimmste aller Tyranneien ist." Diese meine Rede war im Auszug wie gewöhnlich ins Ausland, also auch nach England, telegraphiert worden. Als der Kaiser bei seinem Abendessen in Highcliffe, im Kreise seiner deutschen Umgebung das betreffende Telegramm des Reuterbüros las, geriet er in heftige Erregung. Es sei unerhört von mir, daß ich den Moltke-Prozeß berührt hätte. Ich hätte dem Reichstag verbieten sollen, diese Materie zur Sprache zu bringen. Von Kamarilla, höfischen Intrigen, überhaupt vom Hofe dürfe im Reichstag nicht gesprochen werden. Der Kaiser setzte ein in diesem Sinn gehaltenes, scharfes Telegramm an mich auf, das er seinen Tischgenossen vorlas. Sie schwiegen alle. Nur der Botschafter Metternich machte Seine Majestät darauf auf- ' merksam, daß, wenn ich das vom Kaiser entworfene unhöfliche Telegramm erhielte, ich zweifellos meinen Abschied einreichen würde. Der Botschafter fügte hinzu, daß, hiervon abgesehen, Seiner Majestät sicherlich damit besser gedient werde, wenn sein erster Minister die Verteidigung im Reichstag übernehme, als wenn er gegenüber Vorgängen, über die allenthalben gesprochen würde, sich in verlegenes Schweigen hülle. Der Kaiser protestierte heftig und entwickelte sein Lieblingsthema, daß ein Minister überhaupt nicht das Recht hätte, seinen Abschied zu verlangen; er habe zu warten, bis er den Abschied bekomme. Aber während er so sprach, zerknüllte er allmählich den von ihm schon auf ein Telegrammformular nieder- EULENBURGS ZUSAMMENBRUCH 309 geschriebenen zornigen Erguß, und als dies Schriftstück zu einer kleinen Kugel geworden war, schleuderte er sie in die Ecke mit den Worten: „Na, meinetwegen!" Der arme Herr hat lange die Fähigkeit bewiesen, sich auch nach starken Entgleisungen wieder zu fangen. Schlimmer als diese Vorgänge intra muros, d. h. im Kreise seiner deutschen Umgebung, waren die Gespräche, die Wilhelm II. in Highcliffe mit zahlreichen dort eingeladenen oder ihn besuchenden Engländern führte, Gespräche, von denen ich nichts wußte und die erst später in dem bekannten Artikel des „Daily Telegraph" das Tageslicht erblicken sollten. Bevor ich mich den großen politischen Vorgängen des Jahres 1908 zuwende, muß ich die Tragödie des Fürsten Philipp Eulenburg mit ihren Der Begleiterscheinungen zu Ende führen, nicht allein weil sie während Eulenburg Monaten den Gesprächsstoff in allen Berliner Kreisen bildete, sondern Skandal auch weil sie Wilhelm II. in hohem Grade erregte und affizierte und dadurch politische Folgen nach sich zog. Diese sehr unerquicklichen Vorgänge erinnerten, toute proportion gardee, an die mysteriösen, unheimlichen Ausschreitungen und Laster, die zweihundert Jahre früher unter Ludwig XIV. zur Errichtung der Chambre ardente führten. Auf den armen Fürsten Eulenburg stürmte allmählich viel ein. Während eines Aufenthalts, den er mit seiner Familie in Territet am Genfer See genommen hatte, war seine dritte Tochter, die Komteß Augusta, ein liebenswürdiges Mädchen, mit dem Privatsekretär des Vaters, Herrn Jaroljmek durchgegangen. Die Eltern hatten zunächst an einen Selbstmord ihrer Tochter geglaubt angesichts der Weigerung des Vaters, seinen Konsens zu der von der jungen Komteß gewünschten, in der Tat etwas exzentrischen Verbindung zu geben. Die ganze Nacht suchte man in der Nähe von Territet den See mit Stangen ab, aber ohne die Vermißte zu finden. Das war auch ganz begreiflich, denn sie hatte sich inzwischen mit dem Geliebten trauen lassen. Eulenburg schickte mir die Abschrift des geradezu verzweifelten Briefes, den er an den Kaiser geschrieben hatte und der mit den Worten begann: „Eure Majestät sehen heute einen Menschen vor sich, dem grenzenloses Leid angetan ist, dem er ohnmächtig gegenübersteht, — das Schwerste, das einem liebenden Vater, einem Familienhaupt angetan werden kann." Nun war dieser Vorfall gewiß schmerzlich und peinlich. Als ich den intimen Freund von Eulenburg, den württembergischen Gesandten Axel Varnbüler, frag, was für eine Art Mensch dieser Jaroljmek wäre, erwiderte er: „Jaroljmek war der vertraute Sekretär und besondere Liebling unseres guten Philipp. Er ist ein Südslawe, sehr schön, sehr romantisch. Er hat ganz große Augen, ganz schwarzes Haar und trug, als ich ihn zuletzt sah, einen Strohhut, der mit roten Vogelbeeren umrankt war." Wenn Eulenburg wahrscheinlich recht hatte, an den Kaiser zu schreiben, Jaroljmek sei ein junger Fant, der zu nichts zu 310 KEIN EINGRIFF IN DEN PROZESS brauchen wäre, so fand ich es doch übertrieben, wenn er hinzufügte, er habe seine Tocbter für immer verstoßen, ihr Name dürfe in seinem Hause nicht mehr genannt werden, sein schönes Familienleben wäre unwiderruflich zerstört, besser, der Tod hätte ibm diese unwürdige Tochter entrissen, niemand werde ihn und die Seinigen mehr achten können, seine Qual sei „unsäglich". Sein Brief an den Kaiser schloß: „Wenn ich ruhiger bin, kann ich Eurer Majestät mündlich gelegentlich Näheres mitteilen, heute muß ich Unglücklicher schließen." Mir schrieb Eulenburg in einem kurzen Begleitschreiben: „Ich leide so furchtbar, daß mir jedes Wort eine Qual ist. Mein Leben hatte viel Sonnenschein, jetzt kommen die tiefen Schatten. Es ist Zeit, heimzukehren ■— Gott wolle mir in Gnaden bald das Ende geben." Ich schrieb Eulenburg einen freundschaftlichen, herzlichen Brief, um ihn zu beruhigen und wieder aufzurichten. Ich schrieb, es wäre doch nicht das erstemal, daß ein junges Mädchen über alle Hürden springe, um dem Mann ihrer Liebe zu folgen. Kein zurechnungsfähiger Mensch würde deswegen auf ihn und seine Familie einen Stein werfen. Ich glaubte nach wie vor an die sittbche Reinheit von Eulenburg, aber die Ängstbchkeit, mit der er den Prozeß Moltke-Harden verfolgte, der zur Freisprechung des Schriftstellers Maximiban Harden führte, begann auch mich zu beunruhigen, obwohl ich seit langem wußte, wie neurasthenisch Eulenburg war. Er hörte nicht auf, mich brief bch zu bitten, ich möge darauf hinwirken, daß in dem in Rede stehenden Prozeß sein, Eulenburgs, Name nicht genannt und er in keiner Weise in diesen Prozeß hineingezogen werde. „Dieser Prozeß", schrieb er mir, „ist für mich, wenn ich auch tatsächlich nichts zu fürchten habe, doch ein Schrecken, weil ich so krank bin, weil meine Nerven so zerrüttet durch die namenlos schwere Zeit sind, die ich körperlich und seelisch durchzukämpfen hatte, daß mich der Gedanke, wiederum durch alle Gossen geschleift zu werden, geradezu mit Entsetzen erfüllt und ich das Gefühl habe, solchen Qualen nicht gewachsen zu sein. Abgesehen davon, halte ich eine neue Auflage der Hardenschen Skandale für eine Gefahr. Nachdem ,man' durch die Eile, mit der allerhand Entlassungen stattfanden, eine tiefe Verbeugung vor diesem Judenbengel gemacht hat, würde jeder neue Skandal, der natürbch europäische Formen annimmt, geradezu staatsgefährhch sein. Wie man aber den Prozeß und weiteren Skandal verhindern könnte, das weiß ich wahrhaftig nicht. Trotz allen Grübelns fällt mir nichts ein als höchstens die Instruktion an den Vorsitzenden, jedes Wort abzuschneiden, das nicht streng auf die "Beleidigung Kunos Bezug hat." Ich mußte ihm natürbch antworten, daß ich als höchster Reichsbeamter in den Gang der unabhängigen Justiz nicht eingreifen könne. Anfang Januar 1907 hatte ich Eulenburg, der, noch ganz erfüllt von der Flucht seiner Tochter, mich besuchte, geraten, diesen an und für sich ja WILHELM II. GEGEN PHILI 311 betrübenden Vorfall zu benutzen, um für einige Zeit ins Ausland zu geben, was alle Welt natürHcb finden würde. Er möge den Winter mit den Seinigen in der Schweiz oder in Itaben verleben, sich dem Berliner Geklatsche und Gerede entziehen, gleichzeitig die widrigen Eindrücke der letzten Zeit vergessen und seine angegriffenen Nerven wiederherstellen. Nach dem, was mir Rathenau und Berger gesagt hatten, hoffte ich, daß, wenn Eulenburg Berlin verließe und sich namentlich dem Kaiser fernhielte, sowohl seine Gegner am Hofe wie Harden ihn in Ruhe lassen würden. Aber der Arme glich der Mücke, die immer wieder in das Licht fliegt. Er konnte nicht ohne den Kaiser, die kaiserliche Nähe und die kaiserliche Gunst leben. Er hatte mir geschrieben: „Ich möchte im Verkehr mit den Meinen und den mir gebhebenen Freunden in tiefe Vergessenheit sinken. Ich bin tatsächlich zu krank für alles andere. Ich habe genug an den Qualen dieser Erde und will Gott auf Knien danken, wenn er mich in Ruhe sterben läßt." Nichtsdestoweniger und trotz meiner ausdrücklichen Warnung erschien er im Januar 1907 in Berlin, um sich mit dem Schwarzen Adlerorden investieren zu lassen. Die Verleihung des höchsten preußischen Ordens an Eulenburg hatte schon seinerzeit in weiten Kreisen Ärgernis gegeben. Seine Anwesenheit bei der Investitur, die ihm vom Kaiser mit besonderer Herzlichkeit erteilte Akkolade erregte seine Gegner am Hofe, namentüch die Kabinetts-Chefs, und erbitterte den Kronprinzen.Das Kesseltreiben gegen ihn begann wieder von allen Seiten. Im Mai 1907 wandte sich der Kaiser ebenso plötzlich und ebenso stürmisch gegen Eulenburg, wie er ihn jahrelang an sich gezogen hatte. Nachdem er schon einige Tage vorher meinem Bruder Karl Ulrich, der damals die 2. Gardeulanen kommandierte, bei einer Besichtigung gesagt hatte, er fände mich Eulenburg gegenüber zu gutmütig, nicht energisch genug, ich müsse mich endhch aufraffen, traf am 31. Mai 1907 ein kaiserhches Schreiben bei mir ein, in dem es hieß: Seine Majestät habe erfahren, daß Eulenburg bereits seit Monaten in der „Zukunft" angegriffen werde, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Dagegen habe Eulenburg sich unter der Hand mit Harden in Verbindung gesetzt und ihn gebeten, von ferneren Angriffen abzustehen. Im Widerspruch mit diesem tatsächlichen Sachverhalt habe Eulenburg Seiner Majestät in mehreren Briefen versichert, daß er von den Artikeln der „Zukunft" gar keine Kenntnis hätte, die „Zukunft" nicht lese und überhaupt nicht wisse, was in ihr stünde. Seine Majestät müsse daraus schließen, daß Harden Briefe von Eulenburg an Moltke besäße, die in jeder Richtung kompromittierend wären. Seine Majestät habe ferner gehört, daß Eulenburg während eines Kaiserbesuchs in seinem Schlosse Liebenberg anrüchige Persönlichkeiten eingeladen hätte, unter ihnen einen französischen Diplomaten, der sich des schlechtesten Rufes erfreue und deshalb von dem könig- 312 DER FREUND LECOMTE liehen Gesandten in München niemals eingeladen worden wäre. Er, der Kaiser, sei empört, daß Eulenburg Allerhöchst ihn dadurch in eine für einen Monarchen unerhörte Situation gebracht hätte. Der in Rede stehende französische Diplomat war ein gewisser Lecomte, der allerdings eine üble Persönlichkeit war und von dem mir der bayrische Ministerpräsident Pode- wils gesagt hatte, er hätte als Mitglied der französischen Mission in München allgemein im Rufe perverser Neigungen gestanden und wäre deshalb sogar polizeilich überwacht worden. Ich hatte wiederholt und ernstlich Eulenburg vor ihm warnen lassen. Er hatte trotzdem die allerdings grobe Taktlosigkeit begangen, seinen Freund Lecomte gleichzeitig mit Seiner Majestät einzuladen. Die Order Seiner Majestät an mich schloß: „Ich erwarte hiernach, daß Eulenburg sofort seine Pensionierung nachsucht. Sofern die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen wegen perverser Neigungen unwahr sind und sein Gewissen Mir gegenüber vollständig frei und klar ist, sehe Ich einer unzweideutigen Erklärung von ihm hierüber entgegen, worauf er gegen Harden vorzugehen hat. Andererseits erwarte ich, daß er unter Rückgabe des Schwarzen Adlerordens und Vermeidung jeden Aufsehens alsbald das Land verläßt und sich ins Ausland begibt." Den Anstoß zu diesem Vorgehen des Kaisers hatte, wie ich aus der Umgebung Seiner Majestät erfuhr, Fürst Max Fürstenberg gegeben, der an die Stelle von Eulenburg als Favorit Seiner Majestät getreten war und seinen Vorgänger haßte. Ich ließ Eulenburg die Allerhöchste Willensäußerung durch seinen Freund Varnbüler in möglichst schonender Weise übermitteln. Nach Empfang der betreffenden Order schrieb mir Eulenburg: „Dieser Abschluß ist eine abscheubche Roheit. Äußeren Glanz zu verlieren, gibt mir ein schönes Gefühl der Freiheit. Den langjährigen kaiserbchen Freund zu verlieren, von dessen Treue ich sprechen konnte, war nicht die grausame Enttäuschung, die Du vielleicht in mir vermutet hast, denn ich kenne den Seefahrer zu genau, der das Ölzeug stets anzieht, noch lange bevor es nötig ist. Die Enttäuschung lag nur in der häßbehen Form, mich abzuschlachten. Und doch bin ich objektiv genug, zu verstehen, daß ein Monarch bei der widerbchen Wendung, die meine Sache dank der Kompagnie Holstein- Harden nahm, so schnell als möglich einen unbequemen Freund lossein will. Für mich liegt darin nur die Gefahr, daß ich für den Kaiser jetzt auch so schuldvoll, so schlecht als irgend mögbeh sein muß. In dieser Hinsicht flehe ich um Deinen Freundschaftsschutz, an den ich fest glaube. Nicht flehe ich für mich. 0 nein! Meine Frau, meine Kinder, die Du kennst seit frühen Jahren, die Dir beb waren. Nur um ihretwegen stehe treu neben mir! Bei der Untersuchung habe ich keine Zeugen zu fürchten. Ich fühle mich vollkommen unschuldig und kann abwarten, aber falsche Zeugen DIE KRONE EX NEXU 313 fürchte ich, weil es Holstein nicht auf 10000 Mark ankäme, wenn er dafür einen einwandfreien Zeugen bekäme. Zu welcher Macht Harden resp. Holstein durch die erfolgten Verabschiedungen (Kuno Moltke, beide Hohenau) stiegen, ist ganz unerhört. Und dennoch finde ich es absolut richtig, daß Du diese fabelhaften Fehler geschehen ließest, ohne eine Krise zu machen. Du hättest nur die Stellung der Generäle bis ins Unendliche gesteigert, und wir hätten leicht, nachdem ihr Einfluß so gewachsen ist, wie die letzten Vorgänge zeigen, einen Reichskanzler Hülsen haben können. Deine Leitung durch die Stromschnellen ist die einzig mögliche und eine patriotische Tat, wenn Du sie vollbringst. Du siehst hieraus, gebebter Bernhard, wie ich die Lage auffasse und wie es mir darum ganz fern lag, Deine Mitarbeit an meinem letzten Akt als Kränkung zu empfinden. Ich danke Dir auch von Herzen für die Art, wie du den treuen Axel benütztest. Was Du in alter Freundschaft in der gefährhchsten Lage für mich getan und tust, weiß ich durch Axel Varnbüler und meinen Vetter August Eulenburg und werde es Dir niemals vergessen." Dem Kaiser schrieb ich, einige Tage nachdem ich seine Order erhalten hatte, Phüipp Eulenburg sei schwerkrank. Er habe mir telegraphiert, daß er völlig aus dem Dienst scheiden wolle, aus dem er bis dahin mit Wartegeld beurlaubt gewesen war. Ich fügte hinzu: In diesen peinlichen Angelegenheiten müßten wir darauf halten, daß einerseits die Krone ex nexu gehalten und aus der Sache ganz herausgebracht würde, daß aber auch andererseits, soweit dies unsere Gesetzgebung zuließe, nicht zur Freude des Auslands zu viel Skandal öffentlich breitgetreten würde. Über jedes Lob erhaben war die unerschütterliche Treue und unbegrenzte Liebe, mit der während dieser furchtbaren Prüfung die Fürstin Augusta Eulenburg zu ihrem Manne hielt. Sie hat nie an ihm gezweifelt, ihn immer und gegen jeden verteidigt, ihn bis zu seinem Tode mit Liebe und Zärtbchkeit umgeben. Nicht mit Unrecht hatte Eulenburg sie in den Gedichten seiner Jugend mit den stdlen Seen ihrer schwedischen Heimat vergbchen. Alles in ihr war klar und rein. Das Unechte und Unrechte lag ihr nicht nur fern, sondern war ihr unverständlich. Als Phibpp Eulenburg im Herbst 1921 starb, schrieb sie an meine Frau, die ihr kondobert hatte, sie habe nur noch den einen Wunsch, bald mit ihrem geliebten „Märtyrer" vereinigt zu sein, dort, wo Gottes „flammende Gerechtigkeit" alles erhellen werde, was jetzt dunkel sei. Mein Bruder Alfred, der Phibpp Eulenburg von Jugend auf nahestand, mit ihm in Straßburg studiert und die Referendarszeit gemeinsam mit ihm in Neu- Ruppin verlebt hatte, schrieb mir im Winter 1907/1908: „Alles kommt darauf an, daß Philipp Eulenburg, wenn er auch in noch so jammervollem körperhchem und seelischem Zustande ist, seinen Prozeß, der ja, wie ich in den Zeitungen lese, angestrengt ist, klar und unzweideutig durchficht und 311 DER „SCHRIFTSTELLER" BRAND unzweideutige Erklärungen abgibt. Ich hoffe, daß er sich seine Situation klarmacht und sich nicht verhängnisvollen Illusionen hingibt." Das traf den Nagel auf den Kopf. Statt dessen suchte Eulenburg seine Rettung in allerlei phantastischen Ausflüchten, mit besonderer Vorhebe in der Behauptung, alle Angriffe gegen ihn wären auf die Jesuiten zurückzuführen, die ihm seine in München betätigte antikatholische Weltanschauung nicht verzeihen könnten. Übrigens haben auch die Frauen der anderen Verirrten, die ähnlich wie Eulenburg damals scheiterten, die beiden Gräfinnen Hohenau und die Gräfin Johannes Lynar, ihre Männer nicht im Stich gelassen. Die letztgenannte, eine geborene Prinzessin Solms, Schwester der Großherzogin von Hessen-Darmstadt, begleitete ihren Gatten, der, weil er sich an Untergebenen vergangen hatte, zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden war, nach Leipzig, wo er seine Strafe verbüßte, um ihm näher zu sein. Solche Treue war der einzige Lichtblick in diesen an und für sich so traurigen und widerwärtigen Vorgängen. „Das Ewig- Weibliche zieht uns hinan." Die Söhne des Fürsten Eulenburg folgten dem Vorbild der Mutter. Der älteste stand treu zu seinen Eltern, ich habe über ihn nur Gutes gehört. Der zweite, Graf Sigwart Eulenburg, musikalisch sehr begabt, verheiratet mit der trefflichen Kammersängerin Helene Staege- mann, starb im Weltkrieg auf dem östlichen Kriegsschauplatz den Heldentod. Der jüngste Sohn des Grafen Fritz Hohenau fiel als Flieger im letzten Jahre des Weltkriegs im Luftkampf bei Peronne, der zweite Sohn des Grafen Johannes Lynar als Gardeulan in Galizien. Beide haben die Verfehlungen ihrer Väter ritterlich gesühnt. Als ich in meiner Reichstagsrede vom 28. November 1907 die Behaup- Prozeß tung des Abgeordneten Spahn zurückwies, daß ich den Kaiser früher über gegen Brand fö e Verfehlungen einiger seiner Freunde hätte informieren müssen, hatte ich gesagt, daß etwas Tatsächliches oder auch nur Greifbares erst im Frühjahr 1907 zu meiner Kenntnis gekommen wäre. Ein verantwortlicher Minister könne so schwerwiegende Anschuldigungen nur erheben, wenn er in der Lage sei, Beweise vorzubringen. Ich fügte hinzu: „Was wird in unserer Zeit nicht alles geklatscht und gelogen. Bin ich nicht selbst der Gegenstand unwürdiger Verdächtigungen, sinnloser Verleumdungen gewesen?" Das bezog sich auf den Prozeß, den ich gegen den „Schriftsteller" Adolf Brand angestrengt hatte. Während ich in Flottbek weilte, war mir gemeldet worden, daß der Genannte, der eine „Gesellschaft der Eigenen" ins Leben gerufen hatte, welche die „Berechtigung" der Männerhebe verteidigte, mir sittliche Verfehlungen vorgeworfen habe. Ob es mir peinlich wäre, einen Prozeß gegen ihn zu führen ? Ich erwiderte, daß die Klage sofort erhoben werden solle. Der Prozeß wurde in Moabit verhandelt. Zu der Verhandlung hatte sich Philipp Eulenburg eingefunden, offenbar in der Hoff- EULENBURGS MEINEID 315 nung, im Laufe des Prozesses eine ihm selbst nützliche Erklärung abgeben zu können. Der Angeklagte, ein verkommenes Subjekt, saß neben der Bank, wo ich als Kläger Platz zu nehmen hatte. Bei meiner Vernehmung erklärte ich, daß die in Rede stehenden Verirrungen mir seit jeher nicht nur in hohem Grade ekelhaft, sondern vollkommen unbegreiflich erschienen und gewesen wären. Ich fügte hinzu: „Diese meine eidliche Erklärung bezieht sich nicht nur auf Zuwiderhandlungen gegen den § 175 des Strafgesetzbuches, sondern auf alle und jede widernatürliche, anormale, perverse Neigungen, Anlagen und Empfindungen in jeder Form und in jedem Grade." Es ging eine starke Bewegung durch den gefüllten Saal, als ich diese Erklärung abgab. Am Schluß meiner Vernehmung wies ich darauf hin, daß dies der erste Prozeß sei, den ich in meinem Leben führe. Ich hätte ihn angestrengt im Interesse der öffentlichen Reinlichkeit. Gegenüber derartig niedrigen und sinnlosen Verleumdungen appellierte ich an den Schutz der Gerichte und an die Strenge der Gesetze. Brand wurde zum höchsten zulässigen Strafmaß, 1/4 Jahren Gefängnis, verurteilt. Bevor seine Verurteilung erfolgte, hatte er einen förmlichen Widerruf geleistet und seine Verleumdungen zurückgenommen mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß er sich getäuscht habe. Mit geradezu pathologischer Feierlichkeit fügte er hinzu, der einzige Lichtblick an diesem für ihn trüben Tage sei gewesen, daß er den „edlen" Fürsten Philipp Eulenburg erblickt habe. Als meine Vernehmung beendigt war und ich entlassen wurde, erhoben sich die Richter von ihren Sitzen und verneigten sich vor mir, mit den Richtern alle im Saale Anwesenden. Der unglückliche Fürst Eulenburg kam erst nach einiger Zeit dazu, jenen Eid zu leisten, durch den er, allerdings von Harden und von den Advokaten der Gegenpartei scharf bedrängt, eidlich bestritt, jemals widernatürliche Handlungen begangen zu haben. Als in dem bekannten Münchener Prozeß im Frühjahr 1908 ein Starnberger Fischer zugab, mit Eulenburg solche Verfehlungen begangen zu haben, wurde gegen den Fürsten in Berlin ein Meineidsprozeß eingeleitet, der bekanntlich mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand nicht zu Ende geführt werden konnte und auch nie wieder aufgenommen worden ist, weil Eulenburg stets erklärte, er sei physisch noch nicht vernehmungsfähig. War er schuldig? Als ich einige Jahre später in Berlin einem Herrn begegnete, der zu den Geschworenen gehört hatte, vor denen das gegen Eulenburg eingeleitete Meineidsverfahren behandelt wurde, sagte mir dieser: „Wir waren alle überzeugt, daß Fürst Eulenburg schuldig wäre. Wir hätten ihn aber doch freigesprochen. Die Sache lag weit zurück, und der alte Mann tat uns so leid." XXI. KAPITEL Entrevue von Reval zwischen Eduard VII. und Nikolaus II. (Juli 1908) • Russischenglische Interessensphären in Asien • Döberitzer Rede Wilhelms II., seine Besorgnisse vor einerDeutschland drohenden Einkreisung-Begegnung Wilhelms II. und Eduards VII. in Homburg (11. VIII. 1908) • Botschafter Graf Metternich über die deutschen Flottenrüstungen • Unterredung Wilhelms II. mit dem englischen Unterstaatssekretär Sir Charles Hardinge • Brief des Kaisers an Lord Tweedmouth • Bülows Zirkularnote an die preußischen Gesandten über die Begegnung von Reval • Die türkische Revolution Zusammenkunft Tm Mittelpunkt der politischen Begebenheiten des Jahres 1908 steht für Englisch- J-die rückschauende Betrachtung die Begegnung, die am 9. und 10. Juli in russische Reval zwischen König Eduard und dem russischen Kaiserpaar stattfand. Monarchen- J cn brauche kaum zu sagen, daß ich mir über die Tragweite und, bei unvorsichtiger und ungeschickter deutscher Politik, über die möglichen schlimmen Folgen des Zusammentreffens des englischen Königs mit dem Zaren nicht im Zweifel war. Die vernichtenden und für den russischen Hochmut beschämenden Niederlagen der russischen Armee und der russischen Flotte im Krieg gegen Japan hatten die russische Politik aus dem fernen in den nahen Osten zurückgeworfen. Die Enttäuschung war zu groß gewesen, als daß irgendeine russische Regierung Lust gehabt hätte, sich wieder in Ostasien die Finger zu verbrennen. Es kam dazu, daß die russische Volksseele sich für Wladiwostok und Charbin nie erwärmt hatte. Alle Traditionen und Gefühle des russischen Volkes richteten sich seit Jahrhunderten auf Zari- grad und die Hagia Sofia. Daraus mußte ein verschärfter Gegensatz zu Österreich und, bei nicht sehr vorsichtig geleiteter deutscher Politik, zu Deutschland hervorgehen. Immerhin besaß Rußland auch nach seinen Mißerfolgen noch eine Reihe von Stützpunkten am Stillen Ozean. Es besaß in Sibirien und in Zentralasien ein ungeheures Imperium, und das nötigte wieder die russische PoUtik zur Rücksichtnahme auf England. Fast ein Jahr früher, im August 1907, war zwischen Bär und Walfisch, zwischen Rußland und England, ein Vertrag über die Teilung der Einflußsphären in Asien zustande gekommen. Nordpersien wurde den Russen, das persische Küstenland den Briten zugeteilt. Der Vertrag war im Grunde für die Russen günstiger als für die Engländer, und die Befriedigung, die nach dem Abschluß des Vertrages der zu Eitelkeit neigende Iswolski zur Schau trug, DIE EINKREISUNG DURCH REVAL 317 nicht unbegründet. Daß dies Arrangement zustande kam, bewies — und ich lenkte die Aufmerksamkeit des Kaisers gerade auf diesen Gesichtspunkt —, daß wir für England der Hauptgegenstand seiner Eifersucht und seiner Sorge geworden waren und daß es auch zu beträchtlichen Opfern bereit war, um sich gegen uns zu sichern. Alle fortschrittbchen Elemente in Rußland drängten ohnehin zu den liberalen Westmächten in der Erwartung, daß nähere Beziehungen zu ihnen den Sieg liberaler und demokratischer Ideen in Rußland erleichtern würden. Die Begegnung von Reval hatte schon einige Wochen vorher ihre Schatten vorausgeworfen. In Berlin liefen Kriegsgerüchte um. Die Zeitun- Rede gen schrieben über „Einkreisung", vielfach ohne zu bedenken, daß das Zur- Wilhelms II. schautragen übertriebener Nervosität unseren Feinden als ein Beweis von ln ■"'* crl '- Schwäche und Ängstlichkeit erschien, dagegen unsere Freunde entmutigte und somit die Kriegsgefahr steigerte. Am 29. Mai 1908 hielt Kaiser Wilhelm II. auf dem Exerzierplatz von Döberitz eine Rede, in der er, auf die Einkreisung Deutschlands hinweisend, einen kriegerisch-drohenden Ton anschlug. Bei dieser Rede waren in Hörweite der russische und der japanische Müitärattache zugegen gewesen, die selbstverständlich für das Bekanntwerden der feurigen Allokution sorgten. Es scheine, hatte der Kaiser gesagt, daß die Taktik der Einkreisung Deutschlands fortgesetzt werden solle. Es werde dadurch eine Lage geschaffen, die sehr ernst sei. Das Beispiel Friedrichs des Großen müsse uns vorleuchten, der, von Feinden umringt und eingeschlossen, einen nach dem andern geschlagen hätte. Als ich den Kaiser wiedersah, wiederholte ich ihm oft Gesagtes: Gerade weil die Lage eine gespannte und in mancher Hinsicht unsichere wäre, müßten wir nach dem Spruch handeln: Non cantu sed actu. Solche Kritik hörte der Kaiser nicht gern. Als er nun einige Wochen später bei einem Besuch in Hamburg dort mit Begeisterung akklamiert wurde, schrieb er mir, übrigens in freundlichem Der Kaiser Ton, er wäre während seiner ganzen Regierung nie in so großartiger Weise "&er empfangen worden wie jetzt in der größten deutschen Handelsstadt. Enthusiasmus und Wärme hätten jeden Begriff überstiegen. Die Zahl der zu seiner Begrüßung zusammengeströmten Menschen wäre unglaublich gewesen, ihre Haltung und Disziplin musterhaft, die Huldigung auf der Alster geradezu ergreifend. Als er dem Senat und der Seefahrtsgenossenschaft sein bewegtes Erstaunen über einen derartig überwältigenden, alles übertreffenden Empfang ausgedrückt hätte, habe er die Antwort erhalten: „Das ist der Dank für die Döberitzer Rede, sie hat wahrhaft zündend gewirkt. Ein wahres Wort zu rechter Zeit." Der Arger über Eduard VII. und sein Entente-Getriebe sei allgemein. Den Hamburgern wäre die Geduld ausgegangen. Es folgte eine lange Reihe von Nachrichten aus England, die Eduard VII. 318 EDUARD VII., DER „BÖRSENMAKLER' der Kaiser von dem eben aus London zurückgekehrten Ballin erhalten haben wollte, die aber wohl mehr den Wünschen und der lebhaften Phantasie Seiner Majestät entsprangen als dem Kopf des Leiters der Hapag. Die Politik des Königs Eduard werde in England allgemein kritisiert, seine Deutschfeindlichkeit überall scharf verurteilt. Sir Richard Henderson, der größte englische Schiffsreeder, habe in einem vornehmen Londoner Klub unter allgemeinem Beifall und Händeklatschen die Politik des Königs in Grund und Boden verdammt. Sir Ernest Cassel, der bekannte Londoner Bankier und intime Freund des Königs Eduard VIL, von Geburt Kölner, hätte im Auftrag des englischen Königs Ballin gesagt, der Deutsche Kaiser möge endlich mit dem Flottenbau aufhören. Der König glaube nicht, daß der Kaiser ihn überfallen wolle, aber wenn er sterbe, dann werde es über seinen Sohn hergehen, und dem wolle Eduard VII. vorbauen. Ballin hätte geantwortet, wenn ein so unerhörtes Postulat von England oder gar von England, Rußland und Frankreich an Deutschland gestellt würde, dann gebe es für den Kaiser nur eine Antwort: die Mobilmachung! Die Revaler Zusammenkunft, hieß es weiter in dem Brief Seiner Majestät an mich, wäre Geldgeschäfte wegen arrangiert worden. Cassel und sein Strohmann Lord Revelstoke sollten eine Anleihe für Rußland machen. Damit sie reüssiere, hätten sie König Eduard veranlaßt, nach Reval zu gehen. König Eduard habe bei dem Geschäft „kolossal" verdient. Die City säße aber jetzt bis zum Hals mit der Anleihe fest, da Japan vor dem Bankerott stehe. Cassel habe seine Schilderung mit dem Ausruf beendigt: „Warum ist aber der König auch so furchtbar dumm gewesen, diese verdammte Allianz mit den ekelhaften Japs zu machen, er wird uns noch alle ruinieren." Der König sei voll Neid und Eifersucht gegen seinen kaiserlichen Neffen. Jeden Morgen beim Frühstück suche er in den Zeitungen, was der Kaiser getan hätte, und dächte darüber nach, wie er ihn übertrumpfen könne. Sein einziger Wunsch wäre, daß nur von ihm in den Zeitungen gesprochen werde. Eduard VII. sei eigentbch nur noch „ein Makler in Börsensachen", hauptsächlich für den französischen Markt. Dieses etwas phantastische Schreiben veranlaßte mich, dem Kaiser bald Ernster Vor- nachher einen der längsten und ernstesten Vorträge zu halten, deren ich trag Eiilows m i cn erinnern kann. Ich legte Seiner Majestät eingehend dar, daß das von allen Seiten ertönende Wort „Einkreisung" mich nicht aus der Fassung bringe. Eingekreist wären wir, wie ich schon wiederholt ausgeführt hätte, seit dem Frieden von Verdun, also seit 1065 Jahren. Koalitionen wären wir infolge unserer geographischen Lage immer ausgesetzt gewesen. Aber Schwierigkeiten wären da, um überwunden zu werden, durch Ruhe, mit Mut, aber auch mit Besonnenheit. Ich betonte das letztere Wort. Ich ging nun die Reihe unserer Nachbarn durch. Ich erinnerte den Kaiser an die UNFREUNDLICHE ENTREVUE IN VENEDIG 319 Auseinandersetzung, die ich im Frühsommer 1907 über unser Verhältnis zu Frankreich mit ihm gehabt hatte, und an die ungnädigen MarginaUen Seiner Majestät zu meinem Brief vom 25. August 1907. Ich gab nochmals der Uberzeugung Ausdruck, daß, wie der Franzose nun einmal wäre, das Rezept von Cambon für uns das richtige sei, über das wir uns vor einem Jahr nach der Kieler Woche gestritten hätten: nichts zu überstürzen. Uber Italien faßte ich mich kurz. Die letzte Begegnung unseres Kaisers mit dem König Viktor Emanuel III., die am 25. März 1908 in Venedig stattgefunden hatte, war nicht gut verlaufen. Der König hatte, als er mit dem Kaiser in die Gondel eingestiegen war, das Gespräch auf den Balkan gelenkt, was bei der damaligen Gärung in Mazedonien ziemlich natürlich, jedenfalls kein Verbrechen war. Der Kaiser hatte jedoch jede Diskussion über dieses Thema schroff abgelehnt. Als der König, der ein lebhaftes Interesse für Geschichte hatte, im weiteren Verlauf der Konversation Napoleon I. als großes Genie bezeichnete, unter starker Betonung seiner italienischen Abkunft, hatte dies den Kaiser geärgert. Als schließlich der König, um seinen hohen Gast in bessere Laune zu bringen, die Rede auf die prächtige deutsche Flotte brachte, hatte der Kaiser gemeint: Während seiner langen Regierung habe er die Erfahrung machen müssen, daß seine Kollegen, die anderen Souveräne, seine Reden und Worte zu wenig beachteten. Eine möglichst starke deutsche Flotte werde in Zukunft dazu beitragen, daß man den Worten des Deutschen Kaisers mehr Gehör schenke. Ich hatte einen achttägigen Besuch, den ich bald nachher, im April 1908, in Rom abstattete, nicht ohne Erfolg dazu benutzt, um in längerer Unterredung mit dem Minister des Äußern, Herrn Tittoni, und später in Venedig mit dem Ministerpräsidenten Giolitti den ungünstigen Eindruck der Entrevue zwischen den beiden Souveränen nach Möglichkeit zu verwischen. Der Hauptzweck meines Immediatvortrags vom Juli 1908 war, den Kaiser zu einer vorsichtigeren Haltung England gegenüber zu bewegen. Verlang- Alles, was ich aus London hörte, stimmte darin überein, daß weder König samung des Eduard noch die Minister den Krieg mit uns wollten. Der König, hatte mir noch im Juli 1908 ein wohlinformierter englischer Publizist erzählt, habe, wie er bestimmt wisse, kürzlich geäußert: „I shall never allow a rupture witb Germany." Ich legte dem Kaiser dar, daß, wenn wir durch eine Verlangsamung unseres Flottenbautempos erreichen könnten, daß England uns zusage, Frankreich nicht beizustehen, wenn dieses uns angreife, wir ein gutes Geschäft machen würden. Der Kaiser widersprach meinen Ausführungen auf das allerheftigste: Er werde sich in der Flottenfrage von niemandem hereinreden lassen. Ich konnte mich gegenüber Seiner Majestät wie in meinen Konferenzen mit Tirpitz darauf berufen, daß ich zur Popularisierung des Flottengedankens im Lande wie für die Bewilligung der für den Flottenbau Flottenbaues 320 DAS SYSTEM TIRPITZ erforderlichen Mittel durch den Reichstag einiges beigetragen hätte. Schon deshalb hätte ich das Recht, zu Maß und Vorsicht zu mahnen. „Est modus in rebus, sunt certi denique fines", zitierte ich aus den Satiren des Horaz. Ich wäre nach wie vor der Überzeugung, daß wir wie das Recht so die Pflicht hätten, uns eine für unsere Verteidigung ausreichende Flotte zu bauen. Ich könne aber nicht einsehen, warum wir nicht trachten sollten, auf der Basis eines langsameren Tempos im Ausbau der Flotte mit England zu einer Verständigung zu gelangen. Es gibt kaum eine andere Frage, über die ich so häufige und bisweilen so scharfe Diskussionen mit Seiner Majestät gehabt habe. Mit Tirpitz ging ich mehr auf Einzelheiten ein. Unter voller Anerkennung seines Organisationstalents, bei aller Achtung für seine geniale Persönlichkeit und seine glühende Vaterlandsliebe frug ich, warum wir unsere Flotte immer sprungbereit England gegenüber in der Nordsee hielten, statt unsere Kriegsflagge auch einmal in anderen Meeren, im Mittelmeer oder im Stillen Ozean zu zeigen. Ich frug auch, warum wir uns ganz auf den Bau der Großkampfschiffe konzentrierten, statt mehr Gewicht auf die Küstenbefestigungen und das Torpedowesen zu legen und namentlich und vor allem auf die Entwicklung und Förderung der U-Boot-Waffe. Tirpitz antwortete mir, der Kaiser besorge, daß, wenn wir seine gebebten Großkampfschiffe aus den heimatlichen Gewässern herausschickten, die Engländer sie „kopenhagenen" würden, um eine Wendung von Lord Fisher zu gebrauchen. Die Großkampfschiffe erklärte Tirpitz für den wenn nicht allein so doch ganz überwiegend entscheidenden Faktor in einem eventuellen Krieg. Der ganze Gedankengang des Erbauers der deutschen Flotte ging offenbar dahin, daß wir, wenn es zum Kriege käme, sofort mit unserer Flotte auslaufen und die Engländer zu einer großen Schlacht auf offener See zwingen müßten. In einer solchen könnten wir vielleicht siegen. Jedenfalls hätten wir gute Chancen und würden zweifellos die englische Flotte so schwächen, daß dann der Augenblick gekommen wäre, mit Unterseebooten das nicht mehr die Meere beherrschende Albion zum Frieden zu zwingen. Ich maße mir kein Urteil über die Richtigkeit dieses Gedankengangs an. Aber ich bin der Meinung, daß Wilhelm II. nach dem Ausbruch des Weltkrieges wohl daran getan hätte, dem Erbauer und Schöpfer der Flotte, Tirpitz, auch ihre Verwendung und Leitung zu überlassen. Und ich bin weiter der Überzeugung, daß in diesem Falle wir nicht das jammervolle Ende erlebt hätten, das unserer tapferen Flotte in Scapa Flow beschieden war. Diejenigen, die Tirpitz bei Beginn des Weltkrieges die Disposition über die Flotte aus der Hand nahmen und ihn selbst kaltstellten, der Chef des Marinekabinetts Admiral Müller, der Admiral Holtzendorff, vor allem Bethmann Hollweg und Jagow, die England nicht „reizen" wollten, tragen die Schuld, wenn so langjährige Arbeiten und Mühen, so viel Geist und OHEIM UND NEFFE IN HOMBURG 321 Kraft umsonst verschwendet worden waren, so viel kostbares Blut umsonst floß. Und Wilhelm II., der solche „Diener" gewähren ließ, trägt vor Land und Geschichte leider gleiche Verantwortung. 1908 trat bei Seiner Majestät alles gegen den Wunsch zurück, in möglichst raschem Tempo weiter und immer weiter Kriegsschiffe zu bauen. Als ich ein Jahr vorher zu der Begegnung mit dem Zaren nach Swinemünde gefahren war, kam mir der den Kaiser begleitende Gesandte von Treutier entgegen, um mich zu beschwören, Seine Majestät nicht wieder vor einem überhitzten Tempo beim Bau der Großkampfschiffe zu warnen, da dies den Kaiser „tief unglücklich" machen und „ganz aus dem Häuschen" bringen würde. Diese Wölke stand seit einem Jahr zwischen Seiner Majestät und mir, als der Kaiser und sein Oheim, der König, sich in Homburg trafen. Bei Gespräch dieser kurzen Begegnung, die am 11. August 1908 stattfand und der ich Wilhelms II. wegen anderweitiger dringender Amtsgeschäfte nicht beiwohnen konnte, mtt Har(iin S e kam es zwischen dem Kaiser und dem den König begleitenden Unterstaatssekretär im englischen Auswärtigen Amt, Sir Charles Hardinge, zu einem Gespräch, in dessen Verlauf Sir Charles unter lebhafter Betonung der friedlichen Gesinnung der englischen Regierung andeutete, daß das rasche Tempo der deutschen Flottenrüstungen in England Besorgnisse hervorrufe. Über dieses Thema hatte mir unser Botschafter in London, Graf Metternich, nicht lange vorher geschrieben: „Niemand wird imstande sein, den Engländern beizubringen, daß eine deutsche Flotte von 38 Linienschiffen, 20 Panzerkreuzern und 38 kleinen geschützten Kreuzern mit den entsprechenden Torpedobooten und Unterseebooten — der Sollbestand unserer schwimmenden Streitkräfte nach Durchführung des Flottengesetzes im Jahre 1920 — für sie eine belanglose Sache ist. Was wir zur Rechtfertigung dieses Tempos an technischen Argumenten vorbringen, macht die Engländer nur noch mißtrauischer." War schon dieser Brief des Deutschen Botschafters in London, den ich beim Kaiser zum Vortrag gebracht hatte, von Seiner Majestät ungnädig aufgenommen worden, so mißfielen ihm die Äußerungen von Hardinge in noch höherem Grade. Ex post erschien ihm die ganze Unterhaltung, die er mit dem genannten englischen Diplomaten gehabt hatte, und insbesondere seine eigenen Ausführungen und sein eigenes Auftreten in phantastisch übertriebenem und vergrößertem Licht. Am folgenden Tage, dem 12. August 1908, erhielt ich von Seiner Majestät ein langes, sehr langes Telegramm, in dem er mir das in Rede stehende Gespräch in dramatischem Stil schilderte. Hardinge habe ihm von „grave apprehension" gesprochen, die alle Kreise Englands über unsern Flottenbau erfüllten. Das englische Volk sei darüber voll Aufregung und schwerer Besorgnis. Er, der Kaiser, habe erwidert: „Das ist j a absoluter Blödsinn! Wer hat 21 Bülo-wH 322 HARDINGE „DIE ZÄHNE GEZEIGT" Ihnen denn den Unsinn aufgebunden?" Als Sir Charles sich auf das authentische Material der englischen Admiralität berufen habe, hätte er dem Unterstaatssekretär entgegnet: „Ihr Material ist falsch, ich bin Admiral auch der englischen Flotte, die ich genau kenne, und verstehe das besser als Sie, der Sie ein Zivilist sind und gar nichts davon verstehen." Als er daraufhin den „JNauticus" habe herunterholen lassen, ein von dem deutschen Reichsmarineamt herausgegebenes marinetechnisches Handbuch, und Sir Charles die vom „IMauticus" veröffentlichten Tabellen mit den Schiffsbaukurven vorgehalten hätte, da habe sich „sprachloses Erstaunen" auf den Gesichtszügen des englischen Diplomaten ausgeprägt. Während dieber Szene hätte der englische Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, sich vor Lachen gar nicht zu halten gewußt. Sir Frank sei vom „JNauticus" begeistert und akzeptiere rite dessen Anschauungen. Dann sei das Gespräch mit Hardinge fortgesetzt worden. Dieser habe gefragt: „Can't you put a stop to your building? Or build less ships?" Es möchte doch ein Arrangement getroffen werden, um den Bau einzuschränken. Da habe er, der Kaiser, erwidert: „Then we shail fight, for it is a question of national honour and dignity." Dabei hätte der Kaiser dem englischen Diplomaten „fest und scharf" in die Augen gesehen, der habe einen „feuerroten" Kopf bekommen, einen Diener gemacht und um Entschuldigung gebeten für seine „versehentlichen Bemerkungen", die Seine Majestät ihm vergeben und vergessen möge. Am Abend sei Sir Charles ein ganz anderer gewesen, liebenswürdig und vergnügt, er habe sogar würzige Anekdoten erzählt. Als er ihm schließlich den Roten Adlerorden I. Klasse verheben habe, wäre Hardinge „windelweich" geworden. „Die offene Aussprache mit mir, in der ich ihm scharf die Zähne gezeigt habe, hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Mit Engländern muß man immer so verkehren." Beim Scheiden habe der Kaiser den Unterstaatssekretär an seine, des Kaisers, letzte Guildhall- Rede erinnert, an welche die englische Regierung sich zu halten habe, und hinzugefügt: „Wenn der Kaiser spricht, macht er keine Phrasen. He speaks what he means." Ich merkte diesem telegraphischen Erguß sogleich an, daß die Phantasie Wilhelms II. in maiorem gloriam suam einen Vorgang von der Art der welthistorischen Szene zu konstruieren wünschte, die sich im Juü 1870 in Ems zwischen Wilhelm I. und Benedetti abgespielt hatte. Den Unterstaatssekretär Stemrich, der in diesen Tagen Vortrag hatte, empfing der Kaiser mit den Worten: „Haben Sie mein Telegramm an den Reichskanzler gelesen? Habe ich es Sir Charles nicht ordentlich gegeben?" In Wirklichkeit war das Zwiegespräch von Homburg, wie ich später von deutschen Zuhörern erfuhr, gemütlicher verlaufen. Der Kaiser und Hardinge hatten nebeneinander auf einem Billard gesessen. Hardinge DER KAISER VON BÜLOW BITTER ENTTÄUSCHT 323 Lord Tweed- mouth hatte mit englischer Unbefangenheit, aber durchaus respektvoll und ruhig gesprochen, der Kaiser mit guter Laune und sehr höf lieh. Sir Charles Har- dinge. der spätere Vizekönig von Indien, wurde von König Eduard sehr geschätzt. Er hatte den König im August 1907 zu der Begegnung von Wilhelmshöhe begleitet, wo ich mich mit ihm über die politische Lage und insbesondere über die deutsch-englischen Beziehungen in ruhiger und befriedigender Weise aussprechen konnte. Sir Charles hatte eine große Stellung in der Londoner Gesellschaft, wozu auch seine schöne, elegante und hebenswürdige Frau beitrug. Er und ich waren gute Freunde geblieben, seitdem wir uns in Bukarest, zwanzig Jahre vor der Homburger Entrevue, kennengelernt hatten, wo Hardinge damals Sekretär der englischen Gesandtschaft war, wählend ich als Gesandter das Deutsche Reich bei König Carol vertrat. Der ganze Vorgang an und auf dem Homburger Billard, namentlich wie ihn sich Wilhelm II. hinterher konstruierte, trug aber leider dazu bei, Brief des den Kaiser gegenüber allen Versuchen, mit England zu einer Verständigung Kaisers an über die Flottenfrage zu kommen, noch eigensinniger zu machen, als dies schon früher der Fall gewesen war. Als ich nach wie vor der Begegnung von Homburg den Kaiser brieflich auf die große Vorsicht erheischende europäische Lage aufmerksam machte und insbesondere darauf hinwies, daß die deutsch-englischen Beziehungen, vor allem die Flottenfrage, behutsam behandelt werden müßten, Heß er mir durch den ihn begleitenden Vertreter des Auswärtigen Amts, den Freiherrn von Jenisch, antworten: er teile in keiner Weise meine Sorgen. Jedenfalls habe er inzwischen in seinen wenn auch kurzen Gesprächen mit Hardinge, Lascelles und König Eduard alles wieder eingerenkt. Zu meiner Orientierung begleitete Jenisch diesen kaiserlichen Auftrag mit einem streng vertraulichen Kommentar, in dem er mir nicht verhehlte, daß der Kaiser sehr verstimmt gegen mich wäre. Meine „kühle Haltung" nach dem Empfange seiner Mitteilung über seinen „Erfolg" in Homburg habe ihn bitter enttäuscht. Er hätte „Dank und Lob" erwartet. Er habe gehofft, daß ich ihn für seine Sprache gegenüber Hardinge „beloben", daß ich den guten Dienst begreifen und würdigen werde, den er mir und dem Vaterlande in Homburg erwiesen habe. Er verstehe es nun einmal besser als die anderen Deutschen, die Engländer zu nehmen und ihnen in aller Freundlichkeit Wahrheiten zu sagen, die ihnen zu denken gäben und sie überzeugten. Er habe die volle Zuversicht, daß er jetzt in Homburg im Handumdrehen nicht nur Hardinge, sondern auch seinen Oheim, den König, für sich und seinen Standpunkt gewonnen hätte. Der Moment sei auch besonders günstig gewesen. Der begeisterte Empfang, der ihm, dem Kaiser, kürzlich in Hamburg bereitet worden sei, dieser Empfang, bei dem er den Pulsschlag des deutschen Volks gefühlt 21« 324 PRESSESTURM IN ENGLAND habe, die wachsende Begeisterung für Zeppelin, alles das gebe John Bull zu denken und stimme ihn vorsichtig. Überdies versichere ihm der Generalstabschef Moltke, daß wir gut gerüstet wären. Da hätten wir keinen Anlaß, leisezutreten, und namentlich gar keine Veranlassung, das Tempo des Flottenbaues zu verlangsamen oder zu irgendwelchen Flottenarrangements mit Albion die Hand zu bieten. Ich möge ihn, den Kaiser, nur ruhig gewähren und die Dinge „nach seiner Fasson" machen lassen. Mit den Engländern sei rücksichtslose, selbst brutale Offenheit das einzig Richtige. Da wäre mit Diplomatisieren und Finassieren nichts zu machen. Auf die Engländer verstehe er sich, er sei ja selbst „ein halber Engländer". Ähnlich wie früher in Björkö trat mir auch in Homburg wieder die Tendenz Seiner Majestät entgegen, die auswärtigen Geschäfte möglichst selbständig zu führen, froh „das innerliche Licht" verfolgend, wie im zweiten Teil des Faust der Bakkalaureus. Das war aber gegenüber England noch gefährlicher als mit Frankreich, schon weil Wilhelm II. sich einbildete, gerade in der Behandlung der Engländer Meister zu sein. Aus dieser leider unbegründeten Überzeugung gingen die verhängnisvollen Gespräche hervor, die Wilhelm II. in Highcliffe Castle mit englischen „Freunden" führte. Dieser Mentalität war auch der bedauerliche Brief entsprungen, den der Kaiser im März 1908 hinter meinem Rücken an den Ersten Lord der Britischen Admiralität, Lord Tweedmouth, gerichtet hatte, um ihn von der Harmlosigkeit der deutschen Flottenbauten zu überzeugen. Nicht lange vorher hatte ich Seiner Majestät einen Brief des Botschafters Metternich an mich unterbreitet, in dem dieser, oft Gesagtes wiederholend, ausführte, daß jede Versicherung, unser Flottenbau sei harmlos, „das sofortige, allgemeine und energische Dementi" der englischen öffentlichen Meinung erzeugen würde. Das Bekanntwerden der neuen kaiserlichen Ingerenz in eine der heikelsten Fragen der englischen Verwaltung und Politik rief in England einen Pressesturm hervor, der den Kaiser erschreckte. Überdies hatte sein Oheim, der König, ihn höhnisch in einem Brief gefragt, ob sein direktes Schreiben an Lord Tweedmouth etwa „a new departure", eine neue Aera in den internationalen Gebräuchen und Beziehungen bedeuten solle. Der Kaiser wollte sich bei mir damit entschuldigen, daß ich in den Tagen, wo er an seinem Brief gedrechselt hätte, einen Schnupfen gehabt habe und er sich wegen seines alten Ohrenleidens Katarrhen nicht aussetzen dürfe. Aber er war sichtlich verärgert, daß sein Versuch, sich zur Verbesserung der deutschenglischen Beziehungen einmal wieder selbst zu „betätigen", ein völliger Mißerfolg, a failure, gewesen war. Über den kaiserlichen Brief an Admiral Tweedmouth war niemand entsetzter als Admiral Tirpitz, der insbesondere beklagte, daß der Kaiser, um Lord Tweedmouth „einzuseifen", in fast kindlicher Weise eine Reihe falscher Angaben gemacht hatte, die von den ISWOLSKI DURCH EDUARD VII. GEWONNEN 325 Engländern natürlich sofort als solche erkannt worden waren. Die englischen Minister, insbesondere Asquith und Grey, hatten bei einer Interpellation im Unterhaus die ganze peinliche Angelegenheit mit Takt und dem sichtlichen Bestreben behandelt, die Gemüter zu beruhigen. Der Botschafter in London, Graf Metternich, meldete gleichzeitig: „Der englischen konstitutionellen Auffassung läuft es zuwider, daß ein fremder Souverän sich in direkten amtlichen Verkehr mit einem englischen Minister setzt. Ich wurde nicht amtlich, aber von ministerieller Seite auf den sehr unangenehmen Eindruck hingewiesen, den der Brief unseres allergnädigsten Herrn an Lord Tweedmouth hier hervorgerufen hat. Ich wurde gefragt, wie es wohl Seine Majestät der Kaiser und die kaiserliche Begierung aufnehmen würden, wenn König Eduard sich mit Umgehung seiner verantwortlichen Organe in Flottenfragen direkt an den Staatssekretär des Beichsmarine- amts in Berlin wendete. Ich bin mir wohl bewußt, daß es eine höchst undankbare Aufgabe ist, Dinge zu schreiben, die sich nicht angenehm lesen. Wenn man aber in einer verantwortlichen Stellung ist, so muß man auch dazu den Mut finden." Es ist verständlich, daß mich eine derartige, die Grenze des Zulässigen bedenklich überschreitende Eigenmächtigkeit des Kaisers nicht nur verstimmen, sondern auch mit tiefer Sorge erfüllen und mich in dem Entschluß bestärken mußte, im Interesse des Landes die nächste sich bietende Gelegenheit zu einer energischen Korrektur der das Wohl des Beichs gefährdenden und schädigenden kaiserlichen Übergriffe pflichtgemäß wahrzunehmen. Die Begegnung in Beval, die am 9. und 10. Juni vor sich gegangen war, hatte König Eduard die Möglichkeit geboten, mit seiner großen Kunst der Menschenbehandlung und unterstützt von seiner Nichte, der Kaiserin Alexandra Feodorowna von Bußland, die sehr englisch und, obwohl die Tochter eines uralten deutschen Fürstenhauses, antideutsch fühlte, den russischen Kaiser für sich einzunehmen. K Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der König den eitlen und schon deshalb beeinflußbaren Iswolski für ein Programm gewonnen hatte, das Zirkular- auf eine Lösung der mazedonischen Frage im Sinne einer weitgehenden Erlaß BÜlows Beschneidung der Macht des Sultans herauskam. Die Unruhe, um nicht zu sagen die Furcht, die dieser russisch-englische Aktionsplan in einer großen Balkanfrage in Österreich hervorrief, Heß es in erster Linie geboten erscheinen, den Österreichern Mut zu machen. Es lag die Gefahr vor, daß die Doppelmonarchie, wenn zu sehr eingeschüchtert, die Nerven verlor und Bußland ins Maul flog wie der eingeschüchterte Kolibri der drohenden Klapperschlange. Die Kunst unserer Politik mußte darin bestehen, daß wir Österreich an unserer Seite hielten und für den bei geschickter Politik durchaus nicht unvermeidlichen, aber natürlich immer in Bechnung zu 326 BEDROHUNG NOCH NICHT UNMITTELBAR stellenden Fall eines Krieges die trotz der inneren Zersetzung Österreichs noch immer tüchtige und starke k. und k. Armee auf unserer Seite hatten, uns aber andererseits von Österreich nicht gegen unseren Willen in einen Weltkrieg hineinziehen ließen. Ich richtete deshalb am 25. Juli 1908, bald nach der Begegnung von Reval, an die königlich preußischen Missionen in München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Darmstadt, Hamburg, Weimar und Oldenburg einen Zirkularerlaß, in dem ich ausführte, daß die durch die Revaler Begegnung hervorgerufene Situation ernst sei, daß aber kein Anlaß wäre, den Kopf zu verlieren. Wir hätten überwiegende Gründe, „bis auf weiteres" der Annahme zuzuneigen, daß in Reval keine „direkt" feindseligen Pläne gegen den Dreibund und Deutschland gefaßt worden wären. Wir stützten diese Annahme nicht nur auf die allgemeine politische Lage, die in Reval gewechselten und veröffentlichten Tischreden, sondern auch auf die von der russischen wie von der englischen Regierung uns und anderwärts abgegebenen bestimmten Erklärungen, endlich auch auf ein in Potsdam am 11. Juni, also unmittelbar nach der Begegnung, eingetroffenes direktes Telegramm des Kaisers von Rußland an den Deutschen Kaiser, daß die Begegnung an der politischen Lage „absolut nichts" geändert habe. Der russische Minister des Äußern habe dem kaiserlichen Botschafter in St. Petersburg erklärt, daß in Reval über andere Fragen als die durch das vorjährige englisch-russische Abkommen behandelten keinerlei Vereinbarungen getroffen worden wären, insbesondere nicht über die allgemeine Politik. Am allerwenigsten sei etwas vereinbart oder auch nur besprochen worden, das sich irgendwie gegen Deutschland richten könne. Einige Zeit später habe Iswolski durch seinen politischen Vertrauensmann, den Abteilungschef Baron Taube, erneut mündlich in Berlin versichern lassen, daß die Revaler Begegnung in den deutsch-russischen Beziehungen absolut nichts ändern werde. In sachlich gleicher Art wie der russische Minister habe sich Sir Edward Grey in London gegenüber unserem Botschafter Metternich dahin ausgelassen, daß in Reval nichts gegen Deutschland verabredet oder geplant worden sei. In meinem Zirkularerlaß hieß es weiter: „Sind wir nach alledem nicht veranlaßt, der Revaler Begegnung auch im Zusammenhang mit den ihr vorausgegangenen Entrevuen und Ententen zunächst nicht den Charakter einer unmittelbaren Bedrohung für uns und Österreich-Ungarn beizulegen, so würde es doch ein verhängnisvoller Fehler sein, wollten wir etwa, im Vertrauen auf die uns abgegebenen Versicherungen verkennen, daß durch diese Vorgänge unsere politische Bewegungsfreiheit unter Umständen beeinträchtigt werden könnte. Wir haben damit zu rechnen, daß, wenn wir oder Österreich-Ungarn mit einer der Ententemächte in einen ernsteren Interessenkonflikt geraten sollten, DER DRAHT MIT PETERSBURG 327 die bis dahin noch losen und vagen Ententen und Verständigungen sich zu konkreten Bündnissen verdichten würden, so daß wir, zusammen mit Österreich-Ungarn, uns einer starken Koalition gegenübersehen könnten. Die Grundursachen der uns umgebenden politischen Gefahren können wir nicht beseitigen, ohne uns selbst aufzugeben. Sie liegen, was Deutschland angeht, in der fortgesetzten Erstarkung seiner wirtschaftlichen Kraft seit Gründung des Reichs. Es ist die — natürlich nicht berechtigte — Furcht vor einem etwaigen Mißbrauch der wirtschaftlichen und damit auch politischen Macht Deutschlands und seines nächsten Bundesgenossen, die andere Staaten zu Ententen gegen uns treibt. Diese Ententen und Allianzen sind ihrem Ursprung nach eher defensiven Charakters. Man würde aber vielleicht nicht zögern, auch aggressiv gegen uns vorzugehen und uns womöglich niederzuzwingen, wenn man sich dazu die Macht zutraute. In gleicher Weise wie wir wird durch die neue Konstellation auch unser österreichisch-ungarischer Bundesgenosse bedroht, zumal bei ihm in den gegen den Bestand und die Zukunft der habsburgischen Monarchie gerichteten Leidenschaften und Umtrieben dritte Nationen gewisse Chancen für das Einsetzen einer von außen kommenden Zerstörungsarbeit zu erblicken scheinen. Ist ja doch der angeblich nahe bevorstehende Zerfall der Doppelmonarchie ein ständiges und beliebtes Thema in der französischen und sonstigen auswärtigen Presse. Auch ist Österreich-Ungarn infolge seiner großen Interessen auf der Balkanhalbinsel dort mehr als wir der Gefahr von Konflikten mit den Ententemächten ausgesetzt. Das Vorstehende ergänzend, möchte ich zur Charakteristik unserer allgemeinen Beziehungen zu den Nachbarstaaten, einerseits zu Rußland, England und Frankreich, andererseits zu den Dreibundmächten, folgendes bemerken: Rußland ist infolge des Japanischen Krieges noch für längere Zeit wenig aktionsfähig. Seine Regierung sucht im Hinblick auf ihre besonders in Asien geschwächte und gefährdete Position mit dem bisherigen Gegner, England, zu paktieren, zugleich aber an der traditionellen Freundschaft mit uns festzuhalten. Wir unsererseits haben auch ferner Interesse daran, den alten Draht mit St. Petersburg nicht zu durchschneiden. England, bedrückt von — unbegründeter — Furcht vor dem vermeintlich drohenden deutschen Übergewicht in wirtschaftlicher wie in militärischer Beziehung, sucht dagegen wenn auch noch nicht Allianzen so doch Freundschaften, immer von seiner hergebrachten Politik geleitet, andere für sich ins Feuer zu schicken. Uns bleibt demgegenüber nur übrig, unsere bisherige Politik der Geduld und Vorsicht fortzusetzen und uns zu bemühen, unbegründete Befürchtungen nach Möglichkeit zu zerstreuen. Frankreich geht militärisch wie an Volkskraft eher zurück, es schwebt in ständiger Besorgnis vor einem Konflikt 328 FÜR UNS LÄUFT DIE ZEIT mit uns und ßucht, ohne eigentlich kriegerische Absichten gegen uns zu hegen, nach deckenden Freundschaften. Frankreich will korrekte Beziehungen und selbst einen Modus vivendi mit uns. Doch sind die Revancheträume, das Verlangen nach Wiedergewinnung der Hegemonie, die es zwei Jahrhunderte hindurch in Europa ausgeübt hat, und selbst der Wunsch nach der Rheingrenze in Frankreich noch keineswegs erloschen. Für uns läuft — schon aus dem biologischen Grunde der in Frankreich bekanntlich nahezu stationären, bei uns aber im ganzen noch immer zunehmenden Bevölkerungsvermehrung — die Zeit. Je weiter wir den Zeitpunkt eines bewaffneten Konflikts mit unserem westlichen Nachbarn hinausschieben, um so weniger wird dieser imstande sein, den schon numerisch immer ungleicher werdenden Kampf mit uns, selbst bei Unterstützung von anderer Seite, aufzunehmen. Unsere Politik gegenüber Frankreich ist uns damit gegeben: sie muß dilatorisch sein und irritierende Reibungen vermeiden. Dagegen würde jedes direkte oder indirekte Anerbieten eines intimen Verhältnisses zu Frankreich heute dort nur falsch verstanden werden und das Gegenteil von einer Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen zur Folge haben. Für unsere Haltung im Orient und speziell auf der Balkanhalbinsel, wo wir nur wirtschaftlichen Interessen nachgehen, sind und bleiben in erster Linie maßgebend die Wünsche, Bedürfnisse und Interessen des uns eng befreundeten und verbündeten Österreich-Ungarn. Aus der vorstehend skizzierten Konstellation, die ich nicht anstehe als eine für die beiden mitteleuropäischen Monarchien in gleichem Maße ernste zu bezeichnen, entspringen nach Ansicht der kaiserlichen Regierung die nachstehenden Folgerungen für unsere politische Haltung. Unsere auswärtige Politik wird wie bisher, bei aller Entschlossenheit in der Wahrung unserer Rechte und berechtigten Interessen, Gelegenheiten sorgsam vermeiden, die andere Mächte zu dem Versuche der Bildung von übermächtigen Koalitionen gegen uns anreizen könnten. Deshalb wird die Reichsleitung sich z. B. ein Nachgeben gegenüber chauvinistischen Bestrebungen, mögen sie von alldeutscher oder sonstiger Seite kommen, entschieden zu versagen und ihre Aufgabe vornehmlich in der Verteidigung unserer Rechte und berechtigten Interessen zu erblicken haben, indem sie den weiteren Ausbau unserer wirtschaftlichen Stellung, wenigstens eine Zeitlang, mehr der deutschen Privatinitiative überläßt und die fördernde staatliche Hand dabei nach außen hin tunlichst im Hintergründe hält. Ich darf dabei darauf hinweisen, daß ich in der ersten Rede, die ich als Staatssekretär des Auswärtigen Amts vor dem Reichstag, am 6. Dezember 1897, über auswärtige Politik gehalten habe, sagte: Wir empfänden nicht das Bedürfnis, unsere Finger in jeden Topf zu stecken, seien aber der Ansicht, daß es sich nicht empfehle, Deutschland in zukunftsreichen Ländern von vornherein auszuschließen vom Mitbewerb mit anderen MÖGLICHST GERÄUSCHLOS 329 Völkern. An diesem Standpunkt halte ich auch heute noch fest. Ferner müssen wir in der Erkenntnis, daß es die Furcht vor unserer Stärke ist, die andere Mächte davon abhält, über uns herzufallen, unsere militärische Rüstung zu Wasser und zu Lande so achtunggebietend wie möglich gestalten. Mißstimmung, die dadurch anderwärts entsteht, müssen wir gelassen in Kauf nehmen, ohne darüber Erregung zu zeigen. Vereinbarungen, die auf eine Einschränkung unserer Wehrmacht hinauslaufen, sind für uns unter keinen Umständen diskutierbar. Eine Macht, die uns zu einer solchen Vereinbarung auffordert, möge sich darüber klar sein, daß eine solche Aufforderung den Krieg mit uns bedeutet. Neben der militärischen dürfen wir aber auch nicht die finanzielle und wirtschaftliche Rüstung vernachlässigen. Es ist auch vom Standpunkt unserer auswärtigen Politik, d. h. im Interesse der Wahrung des Friedens und unserer Weltstellung, unumgänglich, unsere öffentlichen Finanzen, deren heutiger Zustand dem Auslande fortgesetzt zu übelwollender Anzweiflung unserer wirtschaftlichen und damit auch unserer pohtischen Widerstandskraft Anlaß bietet, ohne Zögern und unter Hintansetzung ängstlicher Bedenken und Rücksichten auf Sonderinteressen einzelner Berufs- oder Bevölkerungsklassen auf eine gesunde und für lange hinaus genügende Basis zu bringen. Wie eine vielfältige Erfahrung lehrt, ist ein gutes Teil der Mißstimmung, die das Ausland gegen uns hegt und in politische Aktion umzusetzen strebt, auf Manifestationen unserer Presse und öffentlichen Meinung zurückzuführen, in denen auf Denkweise und Stimmung anderer Nationen keine hinreichende Rücksicht genommen wird. Deshalb ist es erforderlich, daß bei der konsequenten Verfolgung unserer oben bezeichneten Aufgaben ruhig und möglichst geräuschlos verfahren wird. Die bessere Zügelung einer manchmal bemerkbaren herausfordernden und andere Nationen ohne Not verletzenden Ruhmredigkeit in unserer Presse und in öffentlichen Versammlungen ist eine wesentliche Vorbedingung für die Durchführung einer kühlen und vorsichtigen, dabei aber entschlossenen Politik, wie sie uns die derzeitige internationale Gestaltung auferlegt. Behalten wir andererseits die vorbezeichneten Gesichtspunkte als Richtschnur gewissenhaft im Auge, so werden wir getrost und ohne Furcht in die Zukunft sehen dürfen. Solange Deutschland fest, einig und mutig bleibt, stellt es eine gewaltige Volkskraft und eine große militärische Kraft dar, an die sich andere nicht so leicht heranwagen werden. Deutschland und Österreich-Ungam bilden einen starken Block, der allen Stürmen Trotz zu bieten vermag. Ihr auf Interessensolidarität und gemeinsamer Hochhaltung des monarchischen Staatsgedankens beruhender Bund ist für die beiden Monarchien die beste Sicherheit gegen andere, vielfach von revolutionären Bestrebungen und autoritätsfeindlichen Ideen angefressene Mächte. Treues Zusammenstehen 330 II OCH SOMMER-GEWITTER mit Österreich-Ungarn soll und muß auch in Zukunft der oberste Grundsatz der deutschen auswärtigen Politik bleiben. Ich schließe hier in Abschrift zwei Situationsberichte des Grafen Pourtales vom 12. und 14. d. M., zwei Berichte des Grafen Metternich vom 5. und 15. d. M. und eine Aufzeichnung des Staatssekretärs von Schön über dessen oben erwähnte Unterredung mit dem russischen Abteilungschef Baron Taube bei." Ich möchte zu diesem meinem streng vertraulichen Erlaß vom 25. Juni 1908 bemerken, daß, wenn ich fremde Einmischung in unsere Wehrverhältnisse ablehnte, ich damit nur unser gutes und selbstverständliches Recht wahrte, als souveräner und unabhängiger Staat Maß und Umfang unserer übrigens nur defensiven Zwecken dienenden Rüstungen selbst zu bestimmen. Das schloß natürlich nicht aus, daß wir über das Tempo unserer Schiffsbauten sehr wohl mit England zu einer gütlichen Verständigung gelangen konnten. Was den Schlußsatz betrifft, der darauf berechnet war, Österreich-Ungarn bei der Stange zu halten, so war ich mir damals wie immer nicht im Zweifel darüber, daß, wenn Talleyrand, der gewiegte Diplomat, bekanntlich jede Allianz mit dem Verhältnis zwischen Reiter und Pferd verglichen hat, wir bei unserem Zusammengehen mit der Donaumonarchie den Reiter zu spielen hatten. Mein Zirkularerlaß vom 25. Juli 1908, den ich durch den Grafen Szögyenyi direkt zur Kenntnis des mir damals sehr gnädig gesinnten Kaisers Franz Josef hatte bringen lassen, trug wesentlich dazu bei, daß Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät, als sich ihr am 13. August in Ischl König Eduard als Verführer näherte, besseren Widerstand leistete als unsere Ahnfrau Eva der Schlange im Paradies. In die schwüle Atmosphäre, die im Hochsommer 1908 über Europa lag, ie türkische fuhr wie ein reinigendes Gewitter die türkische Revolution. Sie war zum Revolution Teil durch die in Reval von Rußland und England angekündigten Reformpläne für Mazedonien hervorgerufen worden, denen nach der Ansicht der türkischen Patrioten der immer finassierende, dabei von beständiger Angst für sein Leben erfüllte Sultan Abdul Hamid keinen genügenden Widerstand leistete. Der türkische Umschwung machte den russisch-englischen Reformplänen schon deshalb ein Ende, weil die englischen Liberalen, die am Ruder waren, gestützt auf eine starke Mehrheit im Unterhause, nichts von einer Vergewaltigung der freiheithch gesinnten Jungtürken wissen wollten. Ich heß in unserer offiziösen Presse keinen Zweifel darüber, daß wir uns zu der Umwälzung in der Türkei freundlich stellten. Ich konnte mich darauf verlassen, daß unser Botschafter Freiherr von Marschall, der sich in Konstantinopel in elf Jahren eine große Stellung gemacht hatte, mit den Jungtürken gerade so gut auskommen würde wie vorher mit dem ins Exil geschickten Padischah. Ich konnte also ohne Gefahr, in Kon- STÜTZUNG DES OTTOMANISCHEN REICHS 331 stantinopel Widerspruch hervorzurufen, in einer inspirierten Kundgebung der Wiener „Politischen Korrespondenz" erklären lassen, daß sich an den deutsch-türkischen Beziehungen nichts geändert hätte: „Das türkische Volk ist sich jetzt wie immer dessen bewußt, daß Deutschland einer der wenigen Staaten ist, die nie auf den oft prophezeiten Zusammenbruch der Türkei spekulierten, sondern im Gegenteil stets darauf bedacht waren, zur wirtschaftlichen und poütischen Kräftigung des ottomanischen Reichs beizutragen." XXII. KAPITEL Kritik der deutschen PropagandaimWeltkrieg • Die bosnische Krise setzt ein • Zusammenkunft Iswolskis und Aehrenthals in Buchlau • Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn am 5. X. 1908 • Vorbereitungen für die Reichsfinanzreform • Das Manuskript für den Artikel des „Daily Telegraph" • Trotz strenger Weisung Bülows, es sorgsam zu prüfen, kommt das verhängnisvolle Elaborat vom Auswärtigen Amt als „unbedenklich" zurück. Wilhelm II. wünscht eine plötzliche und radikale Kursänderung der auswärtigen Politik • Die preußische Thronrede • Vermählungsfeier des Prinzen August Wilhelm "Feh habe Bismarck gelegentlich sagen hören, in der Politik sei Weitsichtig- Die Balkan- JLkeit gefährlicher als Kurzsichtigkeit. Obwohl ich selbst ähnlich denke, krise von 1908 so verstehe ich doch, daß man in diesem Punkt anderer Ansicht sein kann. Zweifellos aber ist es ein nicht seltener Fehler deutscher politischer Betrachtung, Ereignisse und Fragen der Gegenwart auf allzu weit zurückreichende Ursachen zurückzuführen. Es hängt dies mit der deutschen Neigung zu gründlicher, bisweilen pedantischer Betrachtung zusammen, mit dem Trieb, sich in verstiegene Gedankengänge zu vertiefen. Der Philosoph, der tritt herein Und beweist euch, es müßt' so sein; Das Erst' war' so, und das Zweite so, Und drum das Dritt' und Vierte so, Und wenn das Erst' und Zweit' nicht war, Das Dritt' und Viert' war nimmermehr, Das preisen die Schüler allerorten, Sind aber keine Weber geworden. Diese Neigung hat uns auch während des Weltkriegs geschadet. Ein französischer Schriftsteller persiflierte damals diese Manie nicht übel so: Als Thiers nach Sedan den ihm seit langem befreundeten Leopold von Ranke frug, gegen wen nach dem Sturz von Napoleon III. die Deutschen noch Krieg führten, habe ihm der deutsche Historiker mit Geist erwidert: gegen Ludwig XIV. In der Tat habe der Roi Soleil seinerzeit die damalige Schwäche des Deutschen Reichs benutzt, um Deutschland das Elsaß zu entreißen. Woher rührte diese Schwäche? Vom Dreißigjährigen Krieg. DIE BÜCHSE DER PANDORA 333 Warum der Dreißigjährige Krieg ? Er war eine Folge der Reformation. Und warum die Reformation ? Sie war eine Phase in der Geschichte des Christentums. Und warum mußte Christus kommen? Um die seit dem Sündenfall verlorene Menschheit zu erlösen. „Also", schloß der Aufsatz, „wäre nach deutscher wissenschaftlicher Methode der Weltkrieg darauf zurückzuführen, daß unsere graziöse Altermutter Eva in den Apfel biß. Sans Eve et sans la pomme, point d'ultimatum, point de guerre." Unsere während des Weltkriegs überhaupt wenig wirkungsvolle Propaganda gefiel sich zu sehr in langatmigen Betrachtungen über längstvergangene Ereignisse, die nicht nur im feindlichen, sondern auch im neutralen Ausland wenig interessierten, während es doch darauf ankam, unser Vorgehen und unsere Haltung im Sommer 1914 zu erklären und, so gut es ging, zu rechtfertigen. Dies war insbesondere nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges, als es sich darum handelte, der Schuldlüge der Feinde entgegenzutreten, nur möglich, wenn wir das Ungeschick derjenigen einräumten, ja unterstrichen, in deren Händen 1914 die deutsche auswärtige Politik lag. Das soll später ausgeführt werden, wenn mir die schmerzliche Aufgabe obliegen wird, die Gründe zu beleuchten, aus denen unser friedliches, tüchtiges, gutes und besonnenes Volk, unser friedliebender, ja kriegsscheuer Kaiser in den entsetzlichsten und dabei dümmsten aller Kriege stolperten. An dieser Stelle will ich nur meine Parenthese über die Bedenken allzu genereller retrospektiver Betrachtung mit der Einschränkung schließen, daß es selbstverständlich Ereignisse gibt, die das Schlußglied einer langen Kette sind. Dahin gehört die bosnischeFrage, die im Herbst 1908 zu einer ernsten Spannung zwischen Rußland und Österreich führte und damit Deutschland vor eine nicht ungefährliche, jedenfalls schwierige Lage stellte. Die bosnische Frage, cette boite de Pandore pleine de surprises, de perils et de graves possibilites, wie ein rumänischer Diplomat sie mir schon früher charakterisiert hatte, läßt sich mit gutem Recht und ohne weiteres auf den Russisch-Türkischen Krieg von 1877 zurückführen. Als Alexander II. 1876, sehr ä contre cceur, unter dem Druck der starken slawophilen Strömung in Rußland, natürlich auch beeinflußt von alten zaristischen Traditionen und Gefühlen, sich entschloß, das russische Schwert für die glaubens- und stammverwandten Balkanslawen zu ziehen, erinnerte sich sein Kanzler Gortschakow daran, daß Rußland im Krimkrieg im letzten Ende an der feindlichen Haltung von Österreich gescheitert war. Als damals Kaiser Nikolaus I. beim Beginn des Krimkriegs, 1854, nach Besetzung der Moldau und Walachei seine Heere in Bulgarien hatte einrücken lassen, sah er sich bald nachher zur Räumung der ganzen Balkanhalbinsel genötigt, sobald Österreich in Galizien ein Heer zusammenzog. Um Rußland nicht wieder der Gefahr auszusetzen, von einer österreichischen Armee im Rücken 334 BOSNIEN GEGEN DARDANELLEN gefaßt zu werden, entschloß sich Gortschakow 1876, die österreichische Zustimmung zu dem russischen Vorgehen gegen die Türken durch Überlassung von Bosnien und der Herzegowina an die habsburgische Monarchie zu erkaufen. Ich werde bei der Darstellung der dem Berliner Kongreß vorausgehenden Vorgänge diese Zusammenhänge eingehend erörtern. „II faut faire la part du feu", so hatte der alte Kanzler seinem Souverän gegenüber diesen Schachzug motiviert. Als junger Botschaftssekretär in Wien erlebte ich die in der Ofener Königsburg abgeschlossene Konvention, durch die Gortschakow die Zeit und die Mittel der militärischen Okkupation Bosniens und der Herzegowina in die Wahl des Wiener Kabinetts stellte. Als Sekretär des Berliner Kongresses wurde ich Zeuge der Konsekration der Ofener Abmachung unter freudiger Zustimmung Rußlands durch den Berliner Vertrag (Artikel XXV des Berliner Vertrags): „Les provinces de Bosnie et d'Herzegovine seront occupees et administrees par l'Autriche-Hongrie." Seitdem waren wiederholt, schon während des Berliner Kongresses und sechs Jahre später in Skierniewice, mündlich und in der Form des Aide- Memoire zwischen Österreich-Ungarn und Rußland Erklärungen ausgetauscht worden, wonach Rußland keine Einwendungen erheben würde, wenn Österreich im Interesse der Ruhe auf der Balkanhalbinsel wie zum Besten des europäischen Friedens die Okkupation in eine Annexion verwandeln sollte. Es war also an und für sich nicht auffällig, daß Iswolski, unmittelbar nach der Zusammenkunft von Reval, schriftlich dem österreichisch-ungarischen Minister des Äußern den Vorschlag machte, einerseits über die Umwandlung der Okkupation in eine Annexion, andererseits über die Öffnung der Meerengen Unterhandlungen einzuleiten. Verwunderlich war freilich, daß Iswolski seinem Wiener Kollegen eine solche Offerte machte, obwohl ihn dieser kurz vorher mit dem österreichisch-türkischen Vertrag über den Bau der Sandschak-Bahn, d. h. des Mittelstücks zwischen der bosnischen und der mazedonischen Linie, überrascht hatte, eine Überrumplung, die nicht nur die russische öffentliche Meinung stark erregte, sondern auch zu gereizten Auseinandersetzungen zwischen den Kabinetten von St. Petersburg und Wien führte. Der Vorschlag Iswolskis ist wohl dadurch zu erklären, daß der ehrgeizige Iswolski und aber gleichzeitig unbesonnene russische Außenminister alles über dem Aehrenthal brennenden Wunsch vergaß, durch die Realisierung der jahrhundertalten russischen Wünsche und Aspirationen hinsichtlich der Dardanellen sich einen dauernden Platz in den Herzen aller guten Moskowiter wie in der russischen Geschichte zu erobern und gleichzeitig vielleicht auch den Grafentitel mit dem Andreasorden. Es kam noch hinzu, daß Aehrenthal, der fast seine ganze diplomatische Karriere in St. Petersburg gemacht hatte, als Attache, als Sekretär, dann als Botschaftsrat, schließhch als Botschafter, in Buchlau AEHRENTHAL 335 die Russen genau zu kennen glaubte und jedenfalls in der St. Petersburger Gesellschaft sehr populär war, wozu eine Liaison mit einer schönen Dame der Petersburger Gesellschaft beigetragen hatte. Seine Stellung in den Petersburger Salons war in der Tat stärker als die von Iswolski, auf den er gesellschaftlieh etwas herabsah. Er glaubte sich der Russen ganz sicher. Daraus schöpfte er die Zuversicht, daß er mit Iswolski unter allen Umständen fertig werden würde. „Je tiens les Russes dans ma poche", sollte er geäußert haben. Aehrenthal übersah, daß in der russischen Hauptstadt allmählich neben wohlbeleibten, ruheliebenden Generaladjutanten und Ministern, geistreichen Frauen und charmanten Großfürstinnen eine rauhe nationalistisch gefärbte Opposition emporgekommen war, die, Österreich grundsätzlich feindlich, mit Eifersucht und Mißtrauen über die slawischen und orthodoxen „Brüderchen" auf der Balkanhalbinsel wachte. Zunächst erreichte Aehrenthal, daß sein russischer Kollege Iswolski mit Freude die Einladung annahm, mit ihm auf dem mährischen Schloß Buchlau des österreichischen Botschafters in St. Petersburg, des Grafen Leopold Berch- told, des späteren so unglücklichen Ministers des Äußern, zusammenzutreffen. Graf, vor seinem Erfolg in der bosnischen Sache Freiherr von Aehrenthal war der Enkel des israeütischen Getreidehändlers Lexa in Prag, der im Anfang des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf seinen lukrativen Beruf unter dem prägnanten Namen Aehrenthal nobilitiert worden war. Die Großmutter des Ministers, eine Gräfin Wilczek, seine Mutter, eine Gräfin Thun, waren dem österreichischen Hochadel entsprossen. Seine Schwester war mit einem Grafen Bylandt vermählt, er selbst mit einer Gräfin Szechenyi aus großem ungarischem Hause. Er vereinigte den scharfen Verstand, die Betriebsamkeit und die überlegte Klugheit seiner väterlichen Vorfahren mit dem innerlichen Hochmut, dem „Fumo", um sich wienerisch auszudrücken, der österreichischen Aristokratie. Groß, breitschulterig, etwas gebückt, sehr kurzsichtig, allmähbch fast blind, mit meist halbgeschlossenen Augenlidern und müdem Gesichtsausdruck, aber mit regelmäßigen Zügen und vornehmen Allüren, zurückhaltend, eher indolent, fast apathisch, stand Aehrenthal auch äußerlich im Gegensatz zu dem kleineren, unruhigen, aufgeregten, bisweilen vordringlichen Kalmücken Iswolski. Wie mit Iswolski war ich auch mit Aehrenthal seit langem befreundet, habe aber nie das Vertrauen in ihn gesetzt, das ich für seinen Vorgänger Goluchowski empfand. Als dieser im Oktober 1906 zurücktrat, hatte er mir in Erwiderung meines Abschiedsgrußes telegraphiert: „Tief gerührt durch die so warmen und freundschaftlichen Worte, welche Eure Durchlaucht anläßlich meines Scheidens aus dem Amt an mich zu richten die Güte hatten, enpfinde ich es als ein wahres Herzensbedürfnis, Ihnen, verehrter Fürst, für das Vertrauen und Entgegenkommen, welches Sie mir in 336 DIE GEDENKTAFEL IN BUCHLAU den langen Jahren unserer gleichzeitigen amtlichen Tätigkeit nie versagt haben, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Zugleich bitte ich Eure Durchlaucht, die Versicherung entgegennehmen zu wollen, daß ich die so weit zurückreichenden freundschaftlichen Beziehungen, welche mir mit Ihnen zu unterhalten vergönnt war, zu den angenehmsten Erinnerungen zähle, welche ich aus der Zeit meiner amtlichen Tätigkeit in das Privatleben hinübernehme." Es war eine eigentümliche Fügung, daß Goluchowski, der in Petersburg anfänglich großem Mißtrauen begegnet war, mit dem 1903 in Mürzsteg zwischen Österreich und Rußland abgeschlossenen Übereinkommen eine Periode ruhiger und freundlicher Beziehungen zwischen den beiden alten Rivalen auf der Balkanhalbinsel einleiten konnte, während Aehrenthal, der sich nur zu oft in St. Petersburg im Gegensatz zu dem Polen Goluchowski als wahrer Russenfreund geriert und drapiert hatte, es fast zum Bruch mit Rußland treiben sollte. Es war das mir ein neuer Beweis für die Richtigkeit der Bemerkung, die mir einst ein rumänischer Minister, Herr Vernesco, machte, als ich, damals ein junger Gesandter, ihn an mir früher von ihm gegebene, aber, nachdem er an die Macht gekommen war, nicht gehaltene Zusagen erinnerte: „Vous ne sauriez croire, mon eher monsieur, ä quel point le gouvernement change les idees d'un homme." Es ist deshalb fast immer falsch, aus der früheren Haltung, den früheren Sympathien und Antipathien eines Politikers auf die Richtung zu schließen, die er als leitender Minister einschlagen wird. D faut le voir ä l'oeuvre. Es empfiehlt sich, abzuwarten, wie er manövrieren wird, erst zu sehen, wie er sich anraucht, um wieder einmal ein Bismarcksches Bild zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob die Gedenktafel, die Graf Berchtold im Oktober 1908 in seinem Schloß Buchlau anbringen Heß, um der Nachwelt zu verkünden, daß hier Aloys Aehrenthal und Alexander Iswolski am 15. September 1908 über die europäischen Angelegenheiten beraten hätten, noch vorhanden ist oder ob die Regierung des tschechisch-slowakischen Staates, dessen struppiges Karyatidenhaupt Friedrich Hebbel mit ahnungsvollem Grauen sich in der Zukunft erheben sah, dieses Erinnerungszeichen an die „fluchwürdige Vergangenheit" inzwischen entfernt hat. Uber die Besprechung zwischen den beiden leitenden Ministern habe ich nachträglich die Aehrenthalsche und die Iswolskische Version vernommen. Mein erster Eindruck, den die Zeit und alles, was ich später hörte und sah, nur bestärkte, ist, daß das formale Recht auf der Seite von Aehrenthal war, der auch schlauer operierte, daß aber sein Verhalten nicht ganz „fair" war, um ein in diesem Fall zutreffendes englisches Wort anzuwenden. Gewiß war es unklug und unbesonnen von Iswolski, daß er Aehrenthal, nachdem er ihm sein grundsätzliches Einverständnis mit der in Aussicht genommenen .Annexion ausgesprochen Marginal Wilhelms II. datiert Rominten, 6. Oktober 1908, auf einem Schreiben des Fürsten Bülow über das Ersuchen des österreichisch-ungarischen Botschafters Szögcnyi-Marich um Audienz zur Überreichung eines persönlichen Briefes Franz Josefs I. an den Deutschen Kaiser (Zu Seite 341) Das wir gegen die Annexion nichts ihun ist selbstverständlich! Ich bin aber persönlich auf das tiefste in meinen Gefühlen als Bundesgenosse verletzt, daß ich nicht im Geringsten vorher von S. M. ins Vertrauen gezogen wurde. Die 1. Nachricht von der bevorstehenden Annexion bekam ich gestern (5 h ) Abends aus Stambul aus türkischer Quelle. Die Polit. Veränderungen in Stambul, die als Grund für die Annexion im Briefe S. M. angegeben werden, fanden im Juli statt. Es wäre wohl angängig gewesen, wenn am 18. August der Botschafter — für mich persönlich — eine streng vertraut. Mittheilung gemacht hätte, daß Etwas dergleichen im Werke sei. So bin ich der Letzte von Allen in Europa, der überhaupt Etwas erfahren! Das ist ein netter Dank für die Hilfe in der Sandschackbahnfrage, wo wir die ganze Wuth Iswolskis monatelang auszuhalten hatten, und für die Huldigung in Wien! Ich beklage tief die Form in der die Angelegenheit gestartet wurde. Der lügnerische Heuchler Ferdinand und der würdige alte Kaiser die gemeinsam als Spolialoren der Türkei in Bengalischer Beleuchtung auf der Bühne erschienen!! Die Engländer werden nun erst Recht behaupten, daß alles von Österreich und uns vorher mit Bulgarien — also gegen die Türkei! — arrangirt gewesen sei, und daß wir in der Orientbahnfrage eine unsaubere Comödie gespielt haben. Vom Türkischen Standpunkt aus betrachtet ergiebt sich die Lage, daß nach 20 Jahren Freundespolitik von mir, mein bester Verbündeter der erste ist der das Signal zum Auftheilen der Europ. Türkei gegeben hat! Eine angenehme Situation für uns in Stambul. Die Griechen werden schäumen bei ihrem grenzenlosen Haß gegen Bulgarien und Rußland, die in ihren Augen stets zusammengehen. Aehrenthal will — wie Ew. D. sagen —■ die Russen nicht auf dem Balkan sehen, dabei stärkt er ihre Avantgarde und Hauptagenten die Bulgaren! Angesichts dieser Verhältnisse muß nun aber die elende Marokko- affaire zum Abschluß gebracht werden, schnell und endgültig. There is much labour lost, das ist der Eindruck, den der vorzügliche Bericht von Vassel mir hinterließ. Es ist nichts zu machen, französisch wird es doch; also mit Anstand aus der Affaire heraus, damit wir endlich aus den Friktionen mit Frankreich herauskommen, jetzt wo große Fragen auf dem Spiele stehen. Wenn der Sultan in seiner Nolh den Krieg erklärt und in Stambul die Grüne Fahne des Heil. Kriegs entrollte, würde ich ihm das nicht sonderlich verdenken, und den Christen — falschen Galgenvögeln — auf dem Balkan wäre es gesund! seine zur c liehe sich und K Kaise Gnade empfa $4/1 JA ^J^^y^K i^A J^v s ^ ^ ß^K^v \ O^^^ (tjUr/UivVyU^ f UU SS .XMMr j »K& r H*>n»v /^A-«^|wvC^VV ... ^ffph^ ^mvZiWlX JMfaw ■ fjD&^^AU. ^^„vv^L^^^lK' ^JvL, ü ; ^ vw^^k^w ^ r^i a^v 4{~V<<>Jft^ Jrv, |5jU^t (\\JM$Li (^JL 0^ M^^y^J^ /u>4vm , /tlw*i!t ^) ^wy^XvvV , TLu^j Mv^l AlT j>i J -ira s Ftv^ ......., , |^i5vl ,5*« ^V^f *«, /vw f 4^ ; 'uJ«i ■0f1iU*MtifI|opv J !b -cm* pe« [vi| M0ÜUJ '..n. '*uipi*f M(i jo iüma "M ^C*-D |Ü3UJC|^ pJO-Cj tollt!* 11 nu<»*>° u; > JC H iq jwsjiq «UOJSVpCv ■ww.j U| JWUJlT) JO ui ';»[tlcui - )U'>3 i>HX eiqvrmujoj ■qa'jULU I -o(; 0 * ,U|| M " Slv 'Jnwoj •Hl p » m u? H , X^U.K juipjUf ••jqnjttpiMpj! iunp äUURJO[iUtx>*j swng oqj »mwjoq )i •je.ua sti u.w.iä bin ui vis»' 'W" •jUüjj ur*« 00 * UI qmaj qiiAi bejq ojo.u i pajno]oo -000 jo in'H * , ™* , sj^paoa q; J° P 3 »* 1 . , )«in •«H^l-ow.'op.^ |njoJiK> ai*, u uwp ^uouje injq.oaipui jo 9i »qsjM'j tftLM dTqsjwjq • qii.u eu/i si A.iif.»*iS-»Ai[o jCpreuoiiJi "»jju«m -amb eqi *» '*IM nb R|q uooq oat 1 pMVfa -cn -pojm*»*» qaq* "•«!. ^ ■ ^ * WA »UO ^JV M^doo qiS -|nwnj\ mj joaaiip 'm »qs ' tseaanci »q-; Jj-B |BWI M |ll *n si *>q>«*»1 J »'I a iMOi«|l ^ lurui '[t«a >iq isouijc jo i^l-n^ooi x*b»3 iuöisvh °Ho popiq« •*po*j ■i|q*pnt j«j|oo Mfl qsiqM^uoop al(s >boj3 * w 'pojopiojq 1Jl!]f pn« nonsMb »»HJ. jn J l*q.»OlUt>S *>P """V*, pmoj H" "»"«.iioiiMJU» iuOTs»a it>o «nx uio-ihä* i»q _ 11 sl«"F -joqo 1* « f«™ uq, m J»" 1°. "J" », ,d« n * ' A I'H 8 ! J . aao« aq 01 0111 ni An 1 " n M qonm »K»q Wj , SO m „■«reo u-^jo— eij*j ^« 'tfjyj^in '*soqi SaiMoa^ 'strq enbo; japtsuoo u»a '9]oqjt pu« ^'ao'nwqaoJisB pmM uxnwodo -v-d ™ 'jW™!" * J° aodn poc J * M H 01 ^* ■ ""dd» 8»ip»i aoq« *>i, * ■IVB W c' 3 * A ^)*npcojq jo -oaud a ,,, BI „ B ut ff)aaä«« A Bsojpaa ptm niop eaoji HXid m»( aui>( )«qi -an «nji f«1<>p qDnm •« qocaj* «M? °0 'OBnOlUST^ •o2w iv»A v Ui'llO'H isatvai " 'CSO'öfil'tf* s ? »Ml 8 U |d -jne oqx t-'yi« pJJJojo-ij pmJ uotutuoQ «il — pjiiqj.q» si piDpiAip je|n8oj oqj, oSt * « OOO'töl-'ll '«"öl Iä£L'»j»* Oy Wo s uo Kj*pjü.poi|t|u/i -j8^ä p.T![ oe -idag auipuo joj ^- (pÄfti r ,u " oi; *»uo f »utputf joumib aqi joj ^: '.'jü'oöä n 'MS'UOr&i sn * "Wjj »U'pua Jo^en, pjiq, rfql JOJ säuiUJ«i> !-•!: ■■.!■■..!;■■:]■) i --.^ *[oq<>-nq * ?u«o * ^noq« poüu«Api vtaq^ pTio.iqi pa« s.oud yuni:[nmns oj* oq.« 'good Jvuoi^vui^Dt .»qj jo BJ.M{uidui .\q epvai .q.i.uj oj« j«»^ oqi OJOjoq j»ddoo ^uoo g[ jo saoipifMjj ■iloiTn« oa p»9Q«i pn* p»tnjgaooun si 'euv^jc^ oqt ui ofqnoj^ äut^vdi.iiiuv '.idujir^ joj OJOq p«Jopjo uooq pitq sunä Süi[)cr) pus 'ecuj* jo vpuv^s OOO'OGQ 1*qi loiJjsip jviouvug oqi ui ^jodej y 'isoaisnq )ittq i||Bjaao3 pn« sjouio.mm )D3 'wJinjt;jiiuiiiu joj '.-i.,^j*m aonp v*j 'su3bm j^müj ppnoji 'iuouiÄo[dm» jo )no naq Hjom 3o;j»ujq> 'poiinijno oq p|no.u aoiionpoig" ii'qi '3uissaj3ojd «ou oiuvd ,»qi diojj u»aoo«j oqi pj»^j p[no.» it -jwqt 'jaiCTsip ssoaimq pJIIUt1UOJ-^UO| pUTT [VJ.tli.f'J A'q p*MO[|OJ gq pptOM U0lt3»{0 E.uv.Og jj\ i«qi nji|Mp jo ajk i.u.Lt^ oq; )vqi a'uü 'qMods n iooy IK.u ii.mj ij oqjei 'BJO^usq pääojiJLtjd auj y 'icjiaos Jdpan sa'bmjv e«m ioi]j*ai oq; ^nq '\\vu13 üvm so[tt9 jo otnrqoA oqx ^p oqi ao Eni»8 qiu 'KoqiDC ( | uj H|; pu« • p :nivr;|TTuiy'w^Qipoog 'eqoiii^ st qjuv ' --■] 1 Suisojo "äug pat ."».in.it wjuiI p[jq pa« 'itu«{« inoqiiA suoi)«j^t •□o:uop uv.'."jj[ jvdjä > t ; 1 poqo-]mi leejig [p?^ 'u*[d ?;qi jo o9po[jioui{ opisui jo innoo^« oq EJ010A [n uqnop ooaiAQoj pa» opn «qi ain^ 01 looy -jj^j uo u»ä« -uvtn it:tiruu.j oq) pue ]uopiEdJ ( | oq) 'ijulv iiq JOAqop o) )ooy jj\ Suisijnn Aq 'iq2g «q; |o sjnoq duisop oqi nr dit|SJonjeAOf} oqi joj )ioj*p B ( )Ejt:oH 'J|\ pernio ii^a.ipoo ji jjq ooq* 'oa* SJ.VOA* om) jo OE|d oqt 3iti]dop* 'rt^t nuw] )ooJig ll B S\ ditoja [|CUJ9 siqi qbnojq^ -{«Anjdd* iviiUiipisojj oqi p>Ai»Mi fp»«j]t rrq 'lj«X J W JU J aSicduiHo oqi qoaqa 01 pa)3ddz« ui q.xq.u 'qjoodfi s,ioo^j i]\ pin 'Xjoa:[*p oqi joj QJVfd oqj vt l Hiai\u*(\ ao*qi Ol Suipjooü« 'px^).jd(ofl u^oq tiitq ifJoi^ MOjij ■iqüia A*vpJtn«S ixoa aSiBdraTo t»no»jtii opqi m pju* |»aq * jdAi]*p 01 'JÄJWoq-oSwww n 'n*ri\ -J^ 'dl*lS i° A-iciajOEfl oqi p*i»jas pa* 'dnoo siq pjJFd.»jd Apwjj« «q inopi««^ oqi irqi X«p-oi aoiintnjojut oi«A:jd poiiaou oA»q sjdqawq i«iiti-*nyui ijcx |o ip"?»q ao i[AA.mK>u jLiopujj,! mojj ia*iJodajt Sarqi -omo« 3uucui3:ia« 'u^itdintj [viiuopraojj 4p Jaqutij s)i*j*v i»J)g [fa^ A«pwnx MUOA *)Uopuode0üO3 (Cjoucuu jhq tuftij •KOixoaaa qky iNaaisaaa otiotl)«] pu« 'A'lJDl '»AI1ISU9S X[3AtB9»jdan »jDiva « JO ft«) -qjoj« i>qi jo Saipupuuopun vnojoaaS aiovi pa* poanirai ejom * inoq» SuiJq ^prug iwt pa« *sn icSaom« aomtdo oijqnd jo «jopvaf oqi jo •mo« A'q aooq oijaqitq B«q oq u*qi pooiuopsa jwjioq oq 01 qsuk eiq jo aouueqoadau» >a*( -x*d « qi;« suvpiiiiod {npqSaoqi [ps tnjdtDi jffptAIA 9M0IA QUO Mq JO Mft*Mf4 -ro A[u*tu pa« ioojip 9 Jojodaig aeauoQ oqx tiootqns qmo siq jo vaotioos eaj«[ jo »oipnl •ojd Aquoisan oq) 01 noutsoddo jvaiov ta pn« '[noj ai pu» joq)»OJi ji«j ni qioq '^ip«i«»d«i poAOjd OA«q Ol sum-p A")wfvj\ crq qoiq* drqs -paoijj « jo A*iU9oapt oqi ai *>Aoq*q 01 pa«(8Ttg jo »idood »qi 01 p«o 'pi«« OAUtj OA St 'JSAOMOQ *XCU 1U«1 -Alp «j ^fiDiväc aoavjnsai jo p«o{ jCacmj « qiiM ji«ej«»q äuiuopinq «1 £a*atJ»«) l*qi MW iiqwqojd £u%m *q>$a»jQi I«A«a B ( ^u«nLiOf) jo aoii«3JO oqi. joj ao««w l«iDedi pn« lamaiuiop oqi oq i»«a «H ut Buoii«oi[daioo £a« ;ini*S« «jvddjd 01 «Jitop «l* 1! "»nfl ' o91 siv^i üdj * Biq jo otaoqi -jdoa«j « k« q^iq* ,, m»d M0 U°A 3 MX n P*H° ■ am " '» ot "na A~w*f«w TÜR GERMAN EMPEROR AND ENGLAND. PERSONAL INTERVIEW. FRANK STATEMENT op WORLD POLICY. PROOFS OF FRIENDSHIP We hava recoived the following com- mnnication from a »ource of such unimpeachable authority that we can witbout besitation oommend tho obvioos m es sage which it conveys to the attention of the public. Discretion i.s tba flrrt and lact qnaltty rcqoi- *it« in & diplomattBt, and abould still b« ob- •enred by tbose wbo, lik« myielf, have \oo% pass«d from public into private litV Yet mom^nta aonwtim« occur in the hirtory of nationa wheo a catculated indiscrntion provc» of tbe highest pnblic service, and it is for that reason that I bave d«cided to male« known tbe aubstanee of n lrne;tby conTaraation wbich it was my recent privileg« to hare witb hii Majesty the German KmperoT. I do so in tho hope tbat it may help to remove that nbitinat* miaconeoption of tha character of the Kaiaer's feelinf;s towards England which, I fear, deoply rooted in the ordinary Engliihman's breast. It is the Empernr's sincere wish tbat it sbould be eradicated He has given repeated proofs of bis desire by word and deed. But, to speak frankly, his patience ic aorely tried, now that he finds himself so continoally roisrepre- •ented, and haa so often experiancod the nvorti- fication of finding tbat aoy mornentary im provement of reiations ts fotlowed by renewed oatbursta of prejudice, and a prompt return to the old attitade of suspicion As I have uid, hia Majesty bonoared mc with a long conversation, and spoke with impulsive and unusual frankneea " Too Eng- lish," he said, " are mad, mad, mad aa March harea. What has com« over you that you are so complctely given orer to suKpiciorts quite unwortLy of a great nationP Wbat more can I do than I have done? I declared with all tbe ftrnphasis at my command, in my speecb at Guildhall, that my heart is set upon peace, and that it is one of my deareat wishea to Hv« on the best of tenni with England. Have I evor been falte to my word? Ealsehood and prevarication are alien to my natnre. My actions ought to «peak for tbAmeelve«, bat you listen not to them, bat to those who müunter- pret and düitort them That )■ a personal insult which I feel and recent. To be for ever misjudged. to have my repeated offers of friendship weighed and cerutiniaed with jealoos, miatrnitfu) eyea, taxes my patience severely. I have said ttme after time that I am a frieod of England, and your Press—or, at least, a considerabl« aection of it—bids tbe people of England refase my proffered band, and insinaates that the other holda a dagger. How can 1 convince a nation against its will ?" "I repeat," continuod his Majtrty, "that I Ii «Bf ^fä$M&J Ii- 3>l 9_s3fc3nSiä?ä -5 3p 5 = ü B¥ig!i ?E«ri| 0 S3? KTTOBER 28, 1908. 11 appcrmost in hii mind--bis proved friendahip foT England. " I hnve referred," ho seid, " to the ipeeches in which I bave done all tbat i Sovereign oan to prociaim my goodwill. But, u acttons speak louder than vrnrdt, let me also refer to my acta. It is commonly helieved in England tfcat thrmighout the South African War Germany was hostüe to her. German ijnmon undoubtedly wa* hoetile —bitterly hostüe. The Ptm* was bostile; private opinion was hoatilo. Bat wbat of official German/P Let my oritics aak themselves what brougfat to I radden atop, and, indeed, to absolut« col- lapae, tho European tour of th« Boer delegatee «rfao were atriving to obtain European inter- rention t Tbey were f*ted in Holland ; France rave them n rapturou« welcome. They wiabed to come to Berlin, whero th« German people vould hmv* crowoed tbsm with flowers. But wbonthey aaked meto receivethem—I refused. Tbe egitation immediataly died away, and thc dplcgation returned empty-banded. Was thxt, I aak, th* action of a surret enemy ? " ".Again. when thostrnggle was at it« beight, tho German Govornment was invited by tho Government« of Franc© and Russia to joro with them in calling upon England to put an tnd to tho war. Tho moment had come, they said, not only to save the Boer Republica, but also to humiliato England to the dust. What was my reply? I said that so far from Germany joining in any eonrerted European action to put pressure upon England and bring about her downfall, Germany would alwayi keep aloof from politics that could bring hoc into eomplicatioos with a Sea Power like England. Poaterity will one day read th« exaot terms of the telegram—now in the archives of Windsor Castle—in wbich I informed the Sovereign of England of tbe enswer I bad returned to the Powers which tben sought to compass her fall. Englishmon who now insult me by doubting my word shonld know wbat were my actions in the hour of their adversity." " Nor was tbat all. Jost at tbe time if your Black Week, in the Deoember ef 1899, when disasters followed one anotber in rapid sucoes- sion, I reoeiTed a letter from Queen Victoria, my revered grandmother, written in sorraw and affliction, and hearing manifest tratet of tbe anxieties which were preying upon her mind and health. I at once raturned a sympathetic reply. Nay, I did more. I bade -me of my offieen procure for me as exact an account as hs eoald obtain of tbe number of combatants in South Africa on both sidos, and of tho actnal Position of the Dpposing forces. With the figures befor« me, I worked out what I eon- sidored to be the be6t plan of eampsign Moder the circamstances, and submitted rt to my General Staff for tbeir criticism. Thon I de- spatched it to England, and that doeunwnt, ükewiae, is among the State papers at Windsor Castle, awaiting the serenely imparti.il verdict of bistory. And, as a matter of cnrioos coinrii- denoe, let me sdd that the phn which I forma lated ran very mucb on tho same Ünes as that wbich was actnally adopted by Lord Robert« and carried by him into surcessful Operation Was that, f repeat, the act of one who wished England ill ? Let Eaglishmen be just and say 1 " " Bot, you will say, wbat of the German navyP Surcly, that is a menaoe to England! Against whora but England are my squadrans bcing prepared ? If England is not in the mmdc of those Gennajis who sre bent an creating a powerlul fleot, why b Germany aaked to oon- sent to such new and heavr bordena of taxa- tton » My anawer is clear. Germany is a young and growing Empire Sbe has a world-wide commerce, which is rapidly expanding. end to whieh the legitimat* ambition of patr>tic Germans refuses to assign any bonnds. Germany must bare a powerful fleet to protect that commerce, and her reanifold interests in er*» th« most distant seas. She expects thoae interests to go on growing, and she must be abie to cbam- mon them manfullT in any quarter of the globe. LIGEN SING BILL. COM PENSATION CLAUSES CAKEIl'n. BALKAN CRISIS. GERMAN^S POLICY. Under the Operation of thf closore regula- tions, Clauaes 10 and 11 of tho Lioenning BDI were agreed to by tho Corumittee. in the House of Common* yestcrday, on the rmamcd discus- sion of Mr. J. F. Hope s amendment. Th« dobate, as on Friday, turned principally apoo the basis of compensation, tbe Talue of a Schedule A aasessmeot a* a measnre of ralae, tbe intrntioD of the framors of th« Act of 1904, and the meaning and the propriety of tbe Kennedy judgmeot. The chief speecbee were those of Mr. Cave and Mr. Balfoar from the Opposition side, and those of Hr. Leif Jones and Mr. Asquitb from the defeodera of tbe Bill. Mr. Care, especially, deliTered a weighty, cloaely-rpasoned speech, which was listened to od both sides of the House with marked attention snd resp**ct. Mr. Balfour argued with snrae warmth that there nfrer had been the slightont amhiguity about the meaning of the Act of 1904, as regards romponsation. Two dehnite principles had been clcarly laid down : (1) The Inland Revenue autboritiex were instructed to eatimate the value of a tioenae for compensation, just as they esti- matod the value of an estate for estate duty. (2) The compensation was to be th« füll market raloe of the liccnae. And what is the füll market raloeP Ob- Tioosly, what it will fetch from th« person most destrnus of parchasing tbe house to which the license is attached. That person is the brewer. And on that prmciple Mr. Justice Kennedy framed bis famoos judgment. Mr. A^qutth doee not aooept tiiat jodirraent, either qua iawyer or qua statecman. Ii* " fundamental noe," beaaid, isthat it lsclodes m tho ralue of th« hoens* tbe brewer's wbo;«- sale proflt, as if wben a brewer lost a tied bouae bis trade with that house were ab*"- Iutely lo*t and were not transferred elsewhere. Mr. Aaquith's argument was ibat you should lock not to acüual market value, but stmply to the cspitalised rack rem tralue, in addition ro the local goodwill arttanhing to tbe Position and traditiona of tbe bouae itaeJf, as apart from tbe personal goodwill attaching to tbe popn lariTy or «kill of tbe license-holder. Both theee fartont, be contended, ought to afrpesr to tbeir füll extent in a Schedole A aseeus and therefore Lhat had been takeo as the teet of ralue under tbe brfl. Tbe Governmont, he s«)d, had been aetnated by no other motiro; though tbe Temperam orarors on bis side had inrated tbat SchedoJ« A had been solocted as fho basis of compensation in order subataotiaUy to reduoe the amoont of compensation and so accelerate the rate of redactinn of licensee. Bat it was not the exüftmg Schedule A aaseasrnents, baphazard, chaotic, and oaaed oa no uniform System, tbat the Governtmcnt had in mind, but renaed and increased assessmeots, which wotild represent the real valne of the housee. " We are going to makewer5 honest hy Act of Parlvamcni,' said Mr. I>eif Jones, cbeerfully. " Can there be any fairer measure of ralne than Schedule A ?" asked Mr. Asquitb. " Can any he more groteequely unfair?" asked Mr. Care and Mr. Balfoar. Tbe latter pointed out that in any giren localtty it does not much matter whether the assessmente are unduly htgh or unduty low, so long as all poople are asseesed on the same prmciple, high or low. But it makes alt the diffprence whco you pick out one trade, as the Government propose to do, in that locality, and force license-holden to push up their a&sossmonts if they aant proper compensation on rednetion, which means that they will hare to pay higher rates for all local purposes, while their oeighbour» pay on the old unduly low scale. Mr. Care also made a rery strong point with regard to the ante 1869 beer-housee, which roluntarily gaTe up thoir statutory privileget four years ago on the honourable unterstand- ing that they should share the pririleges of tbe Act of 1904 in the matter of oompensation, i They hare now parted with their old eecurity, and the bilt deprires them of their quid pro quo. ■ m V. ■ ■■ Ii ■■ ■ I i Iii i M. ISWOLSKY'S VISIT TO BERLIN. PRACTICALLY RESÜLTLESS. Tbere is no confirmation of the report that Germany has agreed to the programme of tbe Conierenoe. In ofbciai quarters, both in Lour and elaewbere, it is regarded as at least prematare. In any caee, it is recognised that Germaoy'e attitode will be mainly detar- nrned by that of AusUia. Acoordmg to Baron toh AebrenithjJ, Aostria is Willing to go to tbe Conforeooe, said eeen tt di.sr.uss tbe annexation of Bosnia and Herze- govina, but only on Kondition that hör '■Sovereign rights " are reene^-tod. Much int tow;vrds the annfxntion. It is r«-gardnd as signiheant that tholVar ha.«; not yet thougbt fit to graut an audimen to tho AuMrian Ara- ba5.sador. who arrived at St. Fotrniburg many day* ago mnih an aiito^rapb Irtter from th« Kraporor Francis Joseph, announnng t he "fait aooomplL." Freiing in the Duma ts strongly a^ainst the id**a of Russia renounring the protection of the Soirthcrti SlaTs, snd th« visit of tlio young Crown Hnnoo of Sorvia to St.. Petcrhburg will not, it n tiioiight, tend to dirainish Muscovite sentiment agaunst Aas- Uift's srtion. The Bulgarian Government ia now said to be more favo-urably inclined towards grantingoompensation to Turkey, but the opp<»iton of the Sofia. Parbament may bnng abont a Cahinet CT ISIS. From Our Special Correspondent. PARIS, Tueaday Night. The generaJ conaensus of opinion here is that M. lswolsky's visit to Berfin has provM practicallybarren. Itroaybe truethatGermany has corutenU:d to take part in a Conference, bot she attaches to her aaaent two rondittons whirh nrtnally nullify it. She wül agree to a ron- ference if tho programme to be laid hefore it is acreptnd by Ausina on tbe one hand and by Turkey on the other. Aa, bowover, the chief obstacle to the meoting of a Conference is that Austria ia detormined to exclude, and Turkev to inoJude, Üie qneslion of the annexation of BosDia aod Herregovina, Germany's qualifie«! assent does not bring us any nearer to a Conference. The official announoement issned in London to the effect that England has nerer oppoaed direct negotiations between Anstna and Turkey confirms the new frequently ex- preesed in my messages. On tbe contrary, all the three parties to the> new understaodiog would rejoice to learn that a provistonal arrangemunt between Anstna and Taxkey had been reached. Their potition in this respect is not open to qoostiom. They ask, in the first place, that the terms should be such that Turkey can aooept them voluntarily without injury to her Imperial interests, or to the pres- tige of the new regime. In tbe aeeond place, they demand that the terms, in so far as they modify or repeal any of the proviaion* of the Treaty of Berbu, should be submitted to tbe signatoriea of that treaty for sanction and rati- fication. There is no danger whatever of any objeo- tion on tbe partof France, Russia, and England being ratsed to an agreement which haa beeo oordiaUy and freely acoepted by Turkey. Tbe decision, therefore, still rosts with Germany, because no one believea that Austria would deliberately reject adrice siuoerely teadered by Berliu. When, therefore, we »re told that tiie negotiations, sdSrWrded "st "Berlin, wiT^4saL^e- nowod at St. Petersburg, all that is me*aitis~* that Germany will be ready to act ae inter- roediar>- in any negotiatioos wbich Ao«tria may deairo to nodertako with Raasia. ^RSONA i, F-orATToy. J DIE PERSÖNLICHEN WÜNSCHE VON S. M. 353 Während ich diese an Unbesonnenheit und Taktlosigkeit kaum zu überbietenden Auslassungen las, stieg in mir plötzlich der Verdacht auf, daß ich Der den Artikel vor mir hätte, den mir vor einiger Zeit Herr von Jenisch im Legationsrat Auftrage Seiner Majestät aus Rominten übersandt und den ich nicht selbst Klenmet gelesen hatte. Ich ließ den Legationsrat Klehmet zu mir bitten, der als zuständiger Referent das in Rede stehende Manuskript zu prüfen gehabt hatte. Als er das Wolff-Telegramm vor sich sah, meinte er zögernd und mit sichtlicher Verlegenheit, daß es sich in der Tat um den von Rominten nach Norderney geschickten und von dort an das Auswärtige Amt zur Prüfung ibersandten Zeitungsartikel handle. Als ich weiter frug, wie er diese unglaublichen Äußerungen habe durchlassen können, meinte Klehmet, er habe den entschiedenen und bestimmten Eindruck gehabt, daß Seine Majestät der Kaiser die Veröffentlichung des Artikels und gerade der jetzt von mir beanstandeten Kraftstellen persönlich lebhaft wünsche. Ich habe, als ich mit dem Diktieren meiner Erinnerungen begann, mir gesagt, daß ich das, was ich schreibe, gewissermaßen unter meinen Eid stellen wolle. Wie man vor Gericht schwöre, die volle Wahrheit zu sagen, also nichts hinzuzufügen und nichts Wesentliches zu verschweigen, so wollte ich in meinen Denkwürdigkeiten auch das sagen, was mir persönlich peinlich oder schmerzlich wäre, begangene Fehler eingestehen und selbst Worte wiederholen, die gesprochen zu haben ich nachträglich bedaure. So will ich denn nicht verschweigen, daß, als der Wirkliche Legationsrat Klehmet sich in dieser Weise zu rechtfertigen suchte, ich ihm in der ersten Erregung antwortete: „Haben Sie noch nicht erfaßt, daß die persönlichen Wünsche Seiner Majestät bisweilen Narreteien sind ?" Mit gutem Gewissen kann ich hinzufügen, daß dies das einzige Mal in meinem dienstlichen Leben war, wo ich leider die Haltung verlor. Ich ließ nun den Chef der Reichskanzlei, Herrn von Loebell, und den Pressechef Hammann kommen, um ihnen die Sachlage zu explizieren. Es gelte jetzt, nicht den Kopf zu verlieren. Ich gab zwei Richtlinien aus: einerseits über den ganzen Vorfall die volle Wahrheit zu sagen, einerlei ob ich und das Amt dadurch bloßgestellt würden, andererseits und vor allem die Krone außerhalb des Meinungsstreits zu halten. Es stellte sich bei diesem Anlaß heraus, daß das Manuskript im Auswärtigen Amt von dem Staatssekretär von Schön, dem Unterstaatssekretär Stemrich und dem Referenten Klehmet gelesen worden war. Die beiden ersteren hatten den Bericht von Klehmet, daß das Manuskript nichts Bedenkliches enthielte, eigenhändig paraphiert. Ich diktierte hierauf den nachstehenden Immediatbericht an Seine Majestät: „Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät überreiche ich in Immediat- der Anlage eine Reihe von Zeitungsartikeln über das Interview, das der bericht an den Oberst Stewart Wortley über eine mit Eurer Majestät geführte Unter- 23 BUlow II Kaiser 354 BÜLOW BIETET RÜCKTRITT AN redung veröffentlicht hat. Die englische Presse bespricht das Interview überwiegend in skeptischer, kritischer und ablehnender Weise. Maßgebende englische Persönlichkeiten, wie Lord Roberts und Sir Edward Grey, haben es abgelehnt, sich über dieses Interview überhaupt zu äußern. Die französischen und russischen Blätter benutzen die Gelegenheit zu heftigen Ausfällen gegen Eure Majestät und die deutsche Politik. Vor allem ist die deutsche Presse mit verschwindenden Ausnahmen der Ansicht, daß durch das Interview unsere Politik und unser Land schwer geschädigt worden sind. Die Angriffe der deutschen Zeitungen sind ungerecht. Denn Eure Majestät haben die Gnade gehabt, mir durch den Gesandten Freiherrn von Jenisch die Aufzeichnungen des englischen Autors zur Prüfung zu übersenden. Ich war damals in Norderney mit ernsten Fragen (Orientkrisis, Reichsfinanzreform, andere innere Angelegenheiten) überhäuft und habe deshalb das auf schlecbtem Papier sehr unleserlich geschriebene lange Elaborat des Obersten Wortley nicht selbst gelesen, sondern zur Prüfung an das Auswärtige Amt geschickt. Ich gab hierbei die strikte Weisung, den Artikel auf seine Wirkung auf das sorgfältigste zu prüfen und mir zu melden, wo Änderungen, Zusätze, Weglassungen notwendig erschienen. Das Auswärtige Amt reichte mir das englische Manuskript mit einem Bericht zurück, in dem es einige kleine Änderungen vorschlug, sonst gegen die Veröffentlichung keinerlei Bedenken geltend machte. Im Sinne dieses Berichts schrieb der bei mir weilende vortragende Rat an den Gesandten von Jenisch. Wenn ich von dem Manuskript selbst Kenntnis genommen hätte, so würde ich Eure Majestät gebeten haben, die Erlaubnis zu der Veröffentlichung, zumal im gegenwärtigen Augenblick, nicht zu geben. Wenn Eure Majestät mein Verhalten darin mißbilligen, daß ich im Drange der Geschäfte das englische Manuskript nicht selbst geprüft habe, und den vom Auswärtigen Amt bewiesenen Mangel an Umsicht mir zum Vorwurf machen, so bitte ich alleruntertänigst, mich aus meiner Stellung entlassen zu wollen. Wenn ich aber das Vertrauen Eurer Majestät nicht verloren habe, kann ich nur bleiben, sofern ich in die Lage versetzt werde, den ungerechtfertigten Angriffen gegen meinen Kaiserlichen Herrn offen und nachdrück- Uch entgegenzutreten. Eure Kaiserliche und Königliche Majestät muß ich deshalb um die Erlaubnis bitten, in der ,Norddeutschen Allgemeinen Zeitung' amtlich sagen zu dürfen, daß die gegen Eure Majestät in einem großen Teil der Presse erhobenen Angriffe vollkommen ungerecht sind, daß Eure Majestät mir das Manuskript des englischen Autors zugesandt haben, daß ich dasselbe dem Auswärtigen Amt hätte zugehen lassen und daß dieses nur geringe Änderungen vorgeschlagen hätte." Ad marginem dieses Immediatberichtes bemerkte der Kaiser, daß ich sein Vertrauen nicht verloren hätte und daß er mit der von mir in Aussicht LAUTES GELÄCHTER IM UNTERHAUS 355 genommenen amtlichen Feststellung in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" einverstanden wäre. Zu meinen Ausführungen über die bedauerliche Wirkung seiner Äußerungen schrieb der Kaiser: „Einverstanden!" Am Schlüsse meines Immediatberichts hatte der Kaiser noch bemerkt: „Es kann noch hinzugefügt werden, daß das Manuskript den Niederschlag einer Reihe von Gesprächen darstelle, die Ich im Laufe des vorigen Herbstes in England mit verschiedenen Persönlichkeiten gehabt hätte. Und daß es der Wunsch derselben gewesen sei — weil sie so überzeugend für das englische Publikum sein würden —, den Inhalt einem möglichst großen Kreise ihrer Landsleute zugänglich zu machen; was Ich genehmigte nach Einschlagung des oben gekennzeichneten Weges." Was die Wirkung der kaiserlichen Äußerungen auf England betraf, so hätte ich in meinem Immediatbericht noch hinzufügen können, daß unmit- Wirkung telbar nach dem Erscheinen des „Daily-Telegraph"-Artikels ein Abgeord- des Artikels neter im Unterhaus den Kriegsminister frug, ob wirklich der Feldzugsplan in England zur Beendigung des Burenkriegs, eines Kriegs, von dem in England bisher geglaubt worden wäre, daß ihn Feldmarschall Roberts gewonnen habe, vom Deutschen Kaiser ausgearbeitet worden sei, und wenn das der Fall wäre, ob Kriegsminister Haidane dieses Schriftstück veröffentlichen wolle. Der Kriegsminister erwiderte, daß die Archive des Kriegsministeriums kein derartiges Schriftstück enthielten, auch sei ein solches nicht in den Besitz irgendeiner anderen mit dem Kriegsministerium zusammenhängenden Stelle gekommen. „Ich bin daher nicht in der Lage", hatte der Kriegsminister Haidane geschlossen, „den Wunsch nach Veröffentlichung des betreffenden Schriftstücks zu erfüllen." Hinter dieser Antwort des Kriegs- ministers verzeichnete der englische Parlamentsbericht: „Lautes und allgemeines Gelächter." Wenn dieses Gelächter die Stimmung der Mitglieder des Unterhauses gegenüber den Phantastereien des Kaisers wiedergab, so will ich nicht verschweigen, daß die Haltung der englischen Regierung durchaus korrekt und freundlich war. Sie ließ mich durch den englischen Botschafter in Berlin vertraulich wissen, daß sie alles tun würde, was in ihren Kräften stünde, um meine durch den Artikel des „Daily Telegraph" schwierig gewordene Lage zu erleichtern und jedenfalls eine Verschärfung der Situation zu verhindern. An der Spitze der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ließ ich die nachstehende Verlautbarung veröffentlichen: „Ein großer Teil der ausländischen und inländischen Presse hat wegen des im ,Daily Telegraph' veröffentlichten Artikels kritische Betrachtungen gegen die Person Seiner Majestät des Kaisers gerichtet, wobei von der Annahme ausgegangen wurde, der Kaiser hätte diese Publikation ohne Vorwissen der für die Politik des Reichs verantwortlichen Stelle veranlaßt. Diese Annahme ist unbegründet. Seine Majestät der Kaiser hatte von einem 23* 356 DAS HARAKIRI englischen Privatmann, mit der Bitte, die Veröffentlichung zu genehmigen, das Manuskript eines Artikels erhalten, in dem eine Reihe von Gesprächen Seiner Majestät mit verschiedenen englischen Persönlichkeiten und zu verschiedenen Zeiten zusammengefaßt war. Jener Bitte lag der Wunsch zugrunde, die Äußerungen Seiner Majestät einem möglichst großen Kreise englischer Leser bekanntzugeben und damit den guten Beziehungen zwischen England und Deutschland zu dienen. Der Kaiser ließ den Entwurf des Artikels an den Reichskanzler gelangen, der das Manuskript dem Auswärtigen Amt mit der Weisung überwies, dasselbe einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Nachdem in einem Bericht des Auswärtigen Amts Bedenken nicht erhoben worden waren, ist die Veröffentlichung erfolgt. Als der Reichskanzler durch die Publikation des ,Daily Telegraph' von dem Inhalt des Artikels Kenntnis erhielt, erklärte er Seiner Majestät dem Kaiser: er hätte den Entwurf des Artikels nicht selbst gelesen; andernfalls würde er Bedenken erhoben und die Veröffentlichung widerraten haben; er betrachte sich aber als für den Vorgang allein verantwortlich und decke die ihm unterstellten Ressorts und Beamten. Gleichzeitig unterbreitete der Reichskanzler Seiner Majestät dem Kaiser sein Abschiedsgesuch. Seine Majestät der Kaiser hat diesem Gesuch keine Folge gegeben, jedoch auf Antrag des Reichskanzlers genehmigt, daß dieser durch Veröffentlichung des oben dargestellten Sachverhalts in die Lage versetzt werde, den ungerechten Angriffen auf Seine Majestät den Kaiser den Boden zu entziehen." Sowohl Loebell wie namentlich Hammann hatten starke Bedenken gegen diesen Artikel, da ich mich dadurch persönlich zu sehr bloßstelle, weit mehr, als nötig wäre. Hammann meinte: „Wollen Eure Durchlaucht wirklich zur Rettung der eigentlich Schuldigen ein solches Harakiri an sich selbst vollziehen?" Auch mein Stellvertreter im Reich, der Staatssekretär des Innern von Bethmann Hollweg, riet mir dringend und, wie ich überzeugt bin, in redlicher Absicht, die Beamten des Auswärtigen Amts zu opfern, statt sie ausdrücklich zu decken und alles auf mich zu nehmen. Es erschien mir aber nicht würdig, es zu machen wie der russische Bauer, der, von Wölfen verfolgt, ihnen erst seinen Hammel, dann sein Kind und schließlich seine Frau vorwirft, um sich selbst zu retten. Vor allem wollte ich die Krone aus der Feuerlinie bringen. Es stellte sich nur zu bald heraus, daß dies über mein Vermögen ging, wie ich heute hinzufüge, auch über das Vermögen jedes unter den damaligen Verhältnissen und in der damaligen Lage im Amt befindlichen Reichskanzlers. Der Sturm, der sich wegen des „Daily-Telegraph"-Interviews in Deutsch- Wirkung in land erhob, galt nicht den bei der Behandlung dieser Angelegenheit be- Deutschland gangenen formalen Versehen. Die durch den „Daily Telegraph" bekanntgewordenen politischen Betrachtungen und Äußerungen des Kaisers DAS GEFÄSS LÄUFT ÜBER 357 bildeten nur den Tropfen, der das bis zum Rande gefüllte Gefäß der öffentlichen Unzufriedenheit über die sich immer wiederholenden Unvorsichtigkeiten und Entgleisungen Seiner Majestät zum Überlaufen brachte. Die Nation wurde durch die englischen Gespräche Wilhelms II. gewaltsam, wie mit einem Rippenstoß, an alle politischen Fehler erinnert, die der Kaiser während der zwanzig Jahre seiner bisherigen Regierung sich hatte zuschulden kommen lassen, an alle Warnungen, an alle grollenden Prophezeiungen des entamteten Fürsten Bismarck. Es ging auch wie eine dunkle Ahnung durch die weitesten Kreise, daß ein so unvorsichtiges, übereiltes, unkluges, ja kindisches Reden und Handeln des Oberhaupts des Reichs schließlich zu Katastrophen führen könne. Der Kaiser selbst fühlte, wenigstens vorübergehend, den Boden unter seinen Füßen wanken. Er hatte die Absicht gehabt, Ende Oktober Hamburg und Kiel einen kurzen Besuch abzustatten, gab aber dieses Projekt auf, nachdem ihm Ballin geschrieben hatte, er möge nicht Hamburg passieren, da dort unfreundliche Demonstrationen zu gewärtigen wären. Dieser Avis au lecteur machte den Kaiser sehr betroffen. Er stattete mir am 31. Oktober, zwei Tage nach der Veröffentlichung des „Daily Telegraph", einen Tag nach dem Artikel in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", einen mehr als zweistündigen Besuch ab. Er war, wie immer in kritischen Augenblicken, sehr weich, sehr klein. Ich verhehlte ihm nicht, daß, wenn ich auch gern bereit wäre, mich nicht nur, wie dies meine Pflicht sei, vor ihn zu stellen, sondern auch die Angriffe tunlichst auf mich zu lenken und immer wieder die bei der Behandlung des Artikels begangenen Büro-Versehen in den Vordergrund zu rücken, es im Reichstag doch wieder auf eine große Debatte über das schon so oft beanstandete persönliche Regiment Seiner Majestät herauskommen würde. Ich erinnerte den Kaiser daran, daß ich am 14. November 1906, also gerade zwei Jahre früher, vor dem Reichstag erklärt hätte: ich könne mir sehr wohl denken, daß ein Minister finden könne, daß ein übertriebenes persönliches Hervortreten des Regenten, daß ein zu weit getriebener monarchischer Subjektivismus dem monarchischen Interesse nicht zuträglich sei und daß er dafür die Verantwortung vor Krone, Land und Geschichte zu übernehmen nicht in der Lage wäre. Ich würde diesmal ähnlich sprechen müssen, und das im Interesse der Krone. Der Kaiser antwortete mir sehr ruhig: „Tun Sie, was Sie nicht lassen können." Mit fast bittendem Ausdruck fügte er hinzu: „Bringen Sie mich nur durch, vor allem bringen Sie uns durch!" Seine vertrauensvolle, kindliche Haltung rührte mich um so mehr, je weniger er mir Vorwürfe wegen des Versagens des doch sonst von ihm gar nicht gehebten Auswärtigen Amts machte. Auch hier muß ich wieder einen Fehler beichten, diesmal aber nicht einen moralischen, sondern einen intellektuellen Irrtum. Ich hätte 358 KABARETT IN DONAUESCHINGEN unbedingt darauf bestehen müssen, daß der Kaiser während der bevorstehenden Krisis in Berlin blieb. Das würde mir die weitere Behandlung Seiner Majestät sehr erleichtert haben. Wenn der Kaiser den damaligen Stand der öffentlichen Meinung in der Reichshauptstadt, die Stimmung im Parlament, die große Erregung auch und gerade in den intellektuellen Kreisen aus der Nähe beobachtet hätte, so würde er mein Verhalten und Vorgehen ganz anders und weit richtiger beurteilt haben als aus dem sicheren Port in Donaueschingen, umgeben von zum Teil frivolen und unwissenden Elementen. Nun wünschte aber der Kaiser dringend, noch einmal mit dem Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich zusammenzukommen, und hielt eine solche Begegnung im Hinblick auf die bosnische Krisis für durchaus notwendig. Er sehnte sich freilich auch nach Donaueschingen, wo ihm Fuchsjagden, Kabarettvorträge, alle möglichen Genüsse in Aussicht gestellt waren. Ich gab seinem Wunsch nach, auch in der Erwägung, daß ich in einer parlamentarisch und politisch so bewegten Zeit, die so viele persönliche Rücksprachen und Direktiven von mir erforderte, die Schwierigkeiten besser überwinden würde, wenn ich nicht täglich von Berlin nach dem Neuen Palais in Potsdam zu fahren brauchte, wo, wenn er nicht auf Reisen war, der Hof bis nach Weihnachten weilte. Bevor der Kaiser Berlin verließ, ermahnte ich ihn mündlich und schriftlich, weder in Wien noch in Konopischt noch gegenüber den in Donaueschingen weilenden Österreichern, unter denen sich der spätere Minister des Äußern Graf Ottokar Czernin befand, hinsichtlich der Dardanellenfrage irgendeine Verpflichtung einzugehen oder Zusagen zu machen. Wir müßten uns in dieser Beziehung ganz freie Hand wahren. Gegen die russischen Wünsche in dieser Richtung würde ich keinesfalls aktiv auftreten. Bevor ich zur Reichstagsdebatte über den „Daily-Telegraph"-Artikel Die beteiligten komme, möchte ich in Kürze das weitere Schicksal der schuldigen Beamten Beamten erwähnen. Klehmet überreichte mir nach unserer etwas stürmischen Unterredung unmittelbar nach dem Erscheinen des „Daily-Telegraph"-Artikels eine längere Aufzeichnung, die im wesentlichen wieder darauf hinauskam, er habe annehmen müssen, daß Seine Majestät der Kaiser die Veröffentlichung des Artikel „entschieden" verlange und daß die vorherige Mitteilung an den Reichskanzler lediglich bezwecke, zu etwa wünschenswert erscheinenden Abänderungen „einzelner Stellen" die Möglichkeit zu bieten. Er sei überzeugt gewesen, daß Seine Majestät den größten Wert darauf lege, von dem dankenswerten englischen Anerbieten Gebrauch zu machen. Aus einem in der Fleischerschen Revue enthaltenen (mir, nebenbei gesagt, unbekannten) Aufsatz habe er geglaubt entnehmen zu dürfen, daß alles Wesentliche aus dem englischen Artikel bereits bekannt wäre. Um so weniger habe er gewagt, dem „entschiedenen Willen des Kaisers" ENTSCHULDIGUNGEN 359 entgegenzutreten. Er habe geglaubt, es komme darauf an, angesichts der (von Seiner Majestät und Tirpitz abgewiesenen) Versuche von Haidane und Lloyd George, zu einer Vereinbarung über Einschränkungen der Seerüstungen zu gelangen, die englische Stimmung uns gegenüber „ä tout prix" zu besänftigen, und daß es deshalb gerechtfertigt sein könnte, nach altem Bismarckschem Prinzip zur Erreichung des Hauptziels, der Besserung unserer Stellung zu England, alle anderen Rücksichten, namentlich diejenigen auf Frankreich und Rußland, einstweilen beiseitezustellen. Er habe auch der Versicherung des nominellen englischen Verfassers Wortley, daß der Artikel in England gut wirken werde, glauben müssen. Es hätte ihm an durchschlagenden Gründen gefehlt, um der Auffassung Seiner Majestät entgegenzutreten. Er hätte angenommen, daß eine Äußerung über die Opportunität der Veröffentlichung von ihm gar nicht verlangt worden wäre. Einzelne Stellen auszumerzen wäre nicht möglich gewesen, weil das Ganze eine „streng einheitliche Argumentation" gewesen sei. Insbesondere sei der Passus über den von Seiner Majestät ausgearbeiteten Feldzugsplan unentbehrlich gewesen als „Kulmination der ganzen Beweisführung". Der Unterstaatssekretär Stemrich und der Staatssekretär von Schön hätten doch den von ihm, Klehmet, entworfenen Bericht ohne jede Änderung gezeichnet. Er habe sich auch gesagt, daß die Authentizität der in dem Artikel angeführten kaiserlichen Ausführungen gar nicht zu bestreiten wäre, daß eine Veröffentlichung dieser Äußerungen, auch wenn Seine Majestät die Veröffentlichung ablehne, doch von anderer Seite erfolgen würde und daß es würdiger wäre, wenn Seine Majestät sich jetzt sogleich zu seinen Auslassungen bekenne, als wenn er später dazu gezwungen würde. Die Verbreitung des Artikels des „Daily Telegraph" durch Wolffs Büro sei ohne Rückfrage bei ihm und beim Reichskanzler auf Weisung des Geheimen Rats Hammann erfolgt. Der vorletzte Satz war richtig. Es war in der Tat zweifellos, daß die gegenüber so vielen Engländern, vor so vielen Zuhörern aus allen Kreisen von Seiner Majestät in pointierter Form, mit Nachdruck und Bestimmtheit gemachten und immer wiederholten Ausführungen derartig sensationeller Natur in irgendeiner Weise in die Öffentlichkeit gelangt wären. Es war auch zutreffend, daß wegen der Verbreitung des „Daily-Telegraph"-Artikels durch Wolffs Büro weder bei Klehmet noch vor allem bei mir angefragt worden war. Holstein, der den Menschen, mit denen er sich überworfen hatte, gern alles Schlechte nachsagte, wollte mich bis an sein Lebensende davon überzeugen, daß Hammann meine Ermächtigung zur Verbreitung des „Daily-Telegraph"- Artikels durch Wolff in böser Absicht nicht eingeholt habe, um mir auf diese Weise Ungelegenheiten zu bereiten. Ich möchte eher annehmen, daß es sich um eine Bummelei des bisweilen bummeligen Hammann handelte. 360 SCHÖN LEGT SICH ZU BETT Viel jämmerlicher als die Entschuldigung des Legationsrats Klehmet war der Rechtfertigungsversuch des Gesandten von Müller, den noch schwerere Schuld traf als den Legationsrat Klehmet. Zunächst entschuldigte sich Müller damit, daß er nicht Zeit gehabt hätte, meiner Weisung entsprechend das Manuskript zu prüfen. Als ich ihn am nächsten Tage, und sehr nachdrücklich, gefragt hätte, ob er die ganze Sache auch wirklich ernstlich und genau geprüft habe, hätte er sich geschämt, mir zu sagen, daß er dies versäumt habe. Bis zu meinem Rücktritt Heß er nichts weiter von sich hören, versicherte aber dann meine Frau in einem weinerlichen Briefe seines tiefsten Mitgefühls. Er wisse, wie sie gewöhnt sei, auch auf politischem Gebiet Freud und Leid mit mir zu teilen. Die Kämpfe, die ich zu bestehen hätte, erweckten deshalb seine, Müllers, innigste Teilnahme. Tröstend fügte er hinzu, er erinnere sich bei diesem Anlaß der zahlreichen „Wohltaten", die er schon seit einer langen Reihe von Jahren durch die ihm in meinem Hause bewiesene, sich stets gleichbleibende Güte erfahren hätte. Sie träten ihm immer neu vor die Seele. Er versichere uns seiner unwandelbaren Dankbarkeit. „Sind die traurigen Stunden des Abschiednehmens von liebgewordenen Beziehungen und Gepflogenheiten erst vorüber, so bin ich in dem Gedanken beglückt, daß einesteils am Nordseegestade, wo die vergrößerte Villa Ihrer harrt, teils in der Ewigen Stadt sonnigere Zeiten winken." Am erbärmlichsten benahm sich der Staatssekretär von Schön. Er legte sich einfach zu Bett. Seine belgische Gattin schrieb mir in einem ziemlich mangelhaften Deutsch, ihr Mann habe „un arret du cceur" erlitten. Ich glaubte an einen lebensgefährlichen Herzkrampf und schickte meinen Arzt und Freund Geheimrat Renvers zu Schön. Nach einer halben Stunde kehrte Renvers lächelnd mit der beruhigenden Versicherung zurück, daß die Erkrankung des Staatssekretärs nur Angst vor den Schwierigkeiten sei, in die er durch seine Nachlässigkeit geraten sei. Er fürchte sich, das Auswärtige Amt und dessen Geschäftsgang vor dem Reichstag zu verteidigen, er fürchte sich noch mehr vor etwaigen Friktionen zwischen Kaiser und Kanzler. Ich schickte Schön auf Urlaub und Heß den Gesandten in Bukarest, Kiderlen-Wächter, nach Berlin kommen, um ihm die provisorische Leitung des Auswärtigen Amts anzuvertrauen. Am unschuldigsten war der Unterstaatssekretär Stemrich, der, erst kurze Zeit im Amt, den Fall nicht genügend übersehen konnte. Der wackere Mann ist bald nachher erkrankt und früh gestorben. Klehmet, der mir leid tat, habe ich noch vor meinem Rücktritt als deutschen Delegierten der Internationalen Finanzkommission in Athen untergebracht, wo er im Schatten des Ölbaums, wo flüsternd leis zu der Ulme sich neigt die Platane, DER GESANDTE VON MÜLLER 361 noch einige gute Jahre verlebte. Felix von Müller hat sich lange nach der „Daily-Telegraph"-Affäre erschossen. Ich bin weit entfernt anzunehmen, daß Reue und Selbstvorwürfe über sein undienstliches Verhalten ihm die Pistole in die Hand gedrückt haben. Er war kein Brutus, der sich in das eigene Schwert stürzt. Seine Mutter gehörte der Familie Stumm an, die ausgezeichnete Männer hervorbrachte, u. a. den Freiherrn Karl Ferdinand von Stumm-Halberg, den sogenannten König Stumm, den bekannten Großindustriellen und Reichstagsabgeordneten, einen der tüchtigsten und charaktervollsten Männer, die das deutsche Wirtschaftsleben sah, die aber auch manche Angehörige gehabt hat, die, erbbch belastet, in Geisteskrankheit verfielen. Ich glaube, diejenigen haben recht, die mir erzählten, Felix von Müller sei in einem Anfall geistiger Störung aus dem Leben geschieden. XXIV. KAPITEL Diskussion der Lage im Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten, vertrauliche Aussprache unter den leitenden Ministern • Die Stimmung im preußischen Staatsministerium • Besonders scharfe Kritik der konservativen Presse • Reichstagsdebatte über die kaiserlichen Gespräche • Die Veröffentlichung eines neuen unbesonnenen Interviews Wilhelms II. kann noch rechtzeitig inhibiert werden Bevor der Reichstag weder zusammentrat, fand langjähriger Tradition entsprechend eine Sitzung des Bundesratsausschusses für auswärtige Bundesrats- Angelegenheiten statt, in der ich eingehende Mitteilungen über den Stand ausschusses j er deutschen internationalen Beziehungen, die bosnische Frage, die Casa- blanca-Affäre und über unser Verhältnis zu England gab. Der Ausschuß sprach mir einmütig den Dank der verbündeten Regierungen und ihr volles Vertrauen aus. Alle Bundesregierungen ohne jede Ausnahme wären von dem lebhaften und aufrichtigen Wunsche erfüllt, daß ich noch viele Jahre die auswärtige und innere Politik des Reiches leiten möge. Bevor die Mitglieder des Ausschusses den Sitzungssaal verließen, kam es noch zu einer freien und freimütigen Aussprache über die durch die englischen Gespräche des Kaisers hervorgerufene Lage. Von allen Seiten wurde mir in angemessener und würdiger Form, aber mit Ernst und mit Nachdruck gesagt, daß es so nicht weiter ginge, Seine Majestät der Kaiser müsse sich endlich größerer Vorsicht in Reden und Tun befleißigen, müsse besonnener werden, wenn nicht die monarchische Idee in Deutschland und damit das Reich selbst schweren Schaden leiden sollten. Von verschiedenen Seiten wurde angeregt, ob es sich nicht empfehle, daß sämtliche deutschen Fürsten in corpore in Berlin erschienen, um persönlich dem Kaiser ihre Sorgen und Bedenken vorzutragen. Ich widersprach, und nicht ohne Schärfe, diesem Vorschlag, der für mich nicht diskutabel sei. Eine solche Schilderhebung der deutschen Fürsten würde an trübe Zeiten des alten Reichs erinnern, sie würde im Ausland als eine Demonstration der Partikularfürsten gegen die Kaiserkrone und die in der Kaiserkrone gipfelnde Einheit des Reiches aufgefaßt werden und somit die Lage verschlimmern. Ich übernähme persönlich die volle Verantwortung dafür, daß der Kaiser sich künftig ruhiger halten und vernünftiger benehmen würde. STAATSKANZLER, NICHT HOFKANZLER 363 Staatsministeriums Am Abend dieses Tages fand ein Diner bei mir statt, zu dem icb alle im Auswärtigen Ausschuß vertretenen Bundesratsmitglieder mit den preußischen Staatsministern eingeladen hatte. Die würdigen Herren waren derartig erregt, daß sie nicht nur mir, sondern auch meiner sehr unpolitischen Frau heftig zusetzten, wobei sich namentlich der Staatssekretär des Innern, Herr von Bethmann Hollweg, durch seinen Eifer hervortat. Mit dem ihm eigenen feierlichen Pathos rief er meiner Frau zu: „Sie müssen Ihrem Herrn Gemahl, dem von mir so hochverehrten Fürsten, immer wieder sagen, daß er nicht Hofkanzler, sondern Staatskanzler ist." Derselbe Bethmann hat später nie den Mut gefunden, meine Haltung in den Novembertagen gegenüber dem Kaiser zu rechtfertigen oder auch nur zu verteidigen. Besonders animos war die Stimmung im preußischen Staatsministerium. In der von mir zusammenberufenen Sitzung erklärten alle Minister, daß es Sitzung des die Pflicht des Königlichen Staatsministeriums sei, Seine Majestät preußischen den Kaiser im Interesse, für das Wohl, ja vielleicht für die Rettung der preußischen Monarchie auf das entschiedenste vor weiteren Fehlern zu warnen, ihm mehr Selbstbeherrschung, mehr Ernst anzuempfehlen, ihn auf das Vorbild seiner großen Ahnen, vor allem auf das Vorbild seines Herrn Großvaters hinzuweisen. Der Kriegsminister von Einem führte aus, daß die Unzufriedenheit mit dem Verhalten und Gebahren des Kaisers, mit den Auswüchsen des persönlichen Regiments, mit den kaiserlichen Temperamentsausbrüchen und Launen auch in Offizierskreisen mehr und mehr um sich greife. Das wirke demoralisierend, und darin hege eine große Gefahr. Gewiß seien ehrenhafte und ruhmvolle Traditionen im Heere noch stark und lebendig. Das Offizierkorps würde im Ernstfall zweifellos gegenüber dem Feind voll und glänzend seine Pflicht erfüllen wie 1870, wie 1866, wie anno 13 und wie im Siebenjährigen Krieg. Aber das Ansehen des Königs, seine Stellung gegenüber dem Offizierkorps seien doch nicht mehr so fest fundiert wie früher, und das durch die Schuld Seiner Majestät. Es habe militärisch mehr oder weniger begabte preußische Könige gegeben, aber keinen, der sich so sehr nur in „Soldatenspielerei", in falschen Manöverbildern, in „albernen Kinkerlitzchen", in reinen Äußerlichkeiten, in der Einführung neuer Uniformen und Griffe gefallen, der in dem ernstesten aller Ressorts, in der Armee, so sehr Schein und Wirklichkeit, Schale und Kern verwechselt hätte. Der Staatssekretär von Tirpitz sprach sich in gleichem Sinne aus. Die Marine, die Lieblingswaffe Seiner Majestät, denke ebenso. Sie sei gewiß dankbar für das besondere Interesse, das der Kaiser seiner Flotte entgegenbringe, für alles, was er für die Flotte getan habe und noch tue. Aber es gebe wenig Marineoffiziere, die nicht der Uberzeugung wären, daß der größte Dienst, den der Kaiser wie 364 EIN VERNICHTETES PROTOKOLL der Armee so insbesondere auch der Marine erweisen könne, größere Zurückhaltung, mehr Sachlichkeit, mehr Ernst, Umsicht und Vorsicht in seinem ganzen Verhalten sein würde. Der Staatssekretär des Innern, Herr von Bethmann Hollweg, zog daraus das Fazit, daß es die Pflicht des Ministerpräsidenten sei, Seiner Majestät dem Kaiser ein „Bis hierher und nicht weiter!" zuzurufen. Gegenüber dem Reichstag aber dürfe der Kanzler keinen Zweifel darüber lassen, daß der Kaiser künftig Handlungen und Worte unterlassen müsse und würde, die für die Autorität der Krone und die Ruhe im Lande gleich gefährlich wären. Ich darf nicht verschweigen, daß, als ich einige Monate später das Protokoll dieser denkwürdigen Sitzung verlangte, der Unterstaatssekretär im Staatsministerium mir mit einiger Verlegenheit meldete, auf dringende Bitte mehrerer Mitglieder des hohen Staatsministeriums sei dieses Protokoll „im Interesse der Würde der Krone" vernichtet worden. Am 6. November brachte die „Konservative Korrespondenz", das offizielle Organ der Konservativen Partei, eine parteioffizielle Kundgebung, in der es hieß: „Wir sehen mit Sorge, daß Äußerungen Seiner Majestät des Kaisers, gewiß stets von edlen Motiven ausgehend, nicht selten dazu beigetragen haben, teilweise durch die mißverständliche Auslegung, unsere auswärtige Politik in schwierige Lage zu bringen. Wir halten, geleitet von dem Bestreben, das kaiserhche Ansehen vor einer Kritik und Diskussion, die ihm nicht zuträglich sind, zu bewahren, sowie von der Pflicht beseelt, das Deutsche Reich und Volk vor Verwicklungen und Nachteilen zu schützen, uns zu dem ehrfurchtsvollen Ausdruck des Wunsches verbunden, daß in solchen Äußerungen künftig eine größere Zurückhaltung beobachtet werden möge." Die „Kreuz - Zeitung" erklärte in ihrem Kommentar zu dieser Kundgebung der Konservativen Parteileitung: „Möge der alles Dankes würdige, mutige Schritt unserer Parteiführer zum Segen des Vaterlandes gereichen! Und sollte er selbst nicht vollen Erfolg haben, so wissen wir doch von neuem, daß die Konservative Partei sich auf die Einsicht und Selbstlosigkeit unserer Führer immerdar verlassen kann, wie sie selbst sich auf die Partei verlassen können." In weiten Kreisen wurde die Erregung gegen den Kaiser noch dadurch verstärkt, daß über den Aufenthalt Seiner Majestät in Donaueschingen durch seinen Gastgeber, den Fürsten Max Fürstenberg, taktlose Berichte in die Presse gelangten, in denen nur von prächtigen Fuchsjagden und höchst amüsanten Vorträgen eines aus Frankfurt nach dem Fürstenbergi- schen Schloß berufenen Kabaretts die Rede war. Als ich durch Vermittlung des Oberhofmarschalls und Hausministers August Eulenburg in Donau- eschingen darauf aufmerksam machen Heß, daß das dortige, wenig ernste DER GANZE REICHSTAG OPPONIERT 365 Treiben im Lande keinen guten Eindruck mache, kam der Kaiser, schnell von Entschluß wie er war und immer bereit und fähig, sich umzuschalten, auf den Einfall, der öffentlichen Meinung, wie er meinte, „ein Paroli zu bieten", indem er gerade an dem Tage, an dem im Reichstag die Interpellationen über das Kaiserinterview beantwortet werden sollten, am 10. November 1908, dem anfänglich von ihm verspotteten, dann wenig beachteten Grafen Zeppelin eine melodramatische Huldigung darbrachte, ihm den hohen Orden vom Schwarzen Adler umhängte, ihn dreimal umarmte und eine Rede an ihn hielt, in der er ihn, anno 1908, zum größten Deutschen des ganzen (eben angebrochenen) zwanzigsten Jahrhunderts proklamierte. Am gleichen Tage begann die Reichstagsdebatte. Die Nationalliberalen, die Freisinnigen, die Sozialisten, die Deutschkonservativen und die Reichstags- Reichspartei hatten Interpellationen eingebracht. In würdigen, maßvollen Debatte Worten eröffnete der Führer der Nationalliberalen, Ernst Bassermann, die Debatte. Er hob hervor, daß der Reichskanzler während seiner Amtszeit und insbesondere gegenüber der bedrohlichen bosnischen Krisis eine Politik der Sachlichkeit und Festigkeit gemacht habe, eine Politik, die allgemein gebilligt werde. Bassermann protestierte gegen die unvorsichtige und gefährliche Behauptung des Kaisers, daß das deutsche Volk in seiner großen Mehrheit nicht freundlich oder gar feindlich für England gesinnt sei. Der Schwerpunkt der ganzen Krisis, führte Bassermann aus, liege keineswegs in der Veröffentlichung, sondern in den Tatsachen: „Auch wenn diese Gespräche nicht bekannt geworden wären vor aller Welt, in England laufen sie von Mund zu Mund. Und wieviele andere Gespräche mögen in den Archiven fremder Nationen hegen!" Am Schluß seiner Ausführungen protestierte Bassermann gegen die Behauptung des Kaisers, daß die deutsche Flotte dazu bestimmt sei, Weltpolitik im Stillen Ozean zu treiben. Der Reichstag müsse feierlich erklären, daß das deutsche Flottengesetz einen defensiven Charakter habe, daß die deutsche Flotte zur Verteidigung unserer Küsten, unserer Flußläufe, unserer Küstenstädte bestimmt sei. Vor allem liege der großen Mehrheit des verständigen und friedliebenden deutschen Volkes Feindschaft gegen England wie gegen Japan durchaus fern. Der Führer der Sozialdemokratie, Herr Singer, sprach sehr maßvoll. Vielleicht mit dem Hintergedanken, daß der Weizen der Sozialdemokratie nur um so üppiger blühen würde, je mehr das Oberhaupt des Reichs seinem Naturell die Zügel schießen ließe. Es mögen aber auch weniger parteiegoistische Motive mitgesprochen haben. Mein Freund Renvers erzählte mir am Vormittag des 10. November, er sei zufällig am Abend vorher mit Herrn Singer in einem beiden befreundeten Hause zusammengetroffen. Singer habe ihm bei diesem Anlaß proprio motu gesagt, die Sozialdemo- 366 AUCH DIE KAISERTREUEN kratische Partei werde mir keine besonderen Schwierigkeiten bereiten, mich auch nicht mit unnötiger Heftigkeit angreifen. Sie wünsche keinen Krieg und glaube trotz aller innerpolitischen Differenzen zwischen ihr und mir, daß unter meiner Leitung der auswärtigen Politik bei der derzeitigen verworrenen europäischen Lage der Friede am besten gesichert sei. Der Führer der Konservativen Partei, Herr von Heydebrand, sprach viel schärfer als Paul Singer. Er bezeichnete die in Deutschland herrschende Erregung als eine sehr große und sehr nachhaltige. Man würde dieser Erregung nicht gerecht werden, wenn man lediglich an die letzten Veröffent- Uchungen anknüpfen wolle. Es müsse offen ausgesprochen werden, daß es sich um einen Unmut handle, der sich seit Jahren angesammelt habe. Dieser Unmut herrsche auch in den Kreisen, denen es an Treue zu Kaiser und Reich bisher noch niemals gefehlt habe. Die im Auswärtigen Amt begangenen Versehen seien keineswegs das Wichtigste, sondern die Vorgänge, die hinter dieser Veröffentlichimg lägen. Die Konservativen hätten auf das bestimmteste allem zugestimmt, was ich früher über die schwerwiegende Frage ausgeführt hätte, wie weit ich die Verantwortung für Äußerungen des Kaisers zu tragen imstande sei. „Aber ich weiß nicht", fuhr Herr von Heydebrand fort, „ob der Reichskanzler nicht selbst die Empfindung hat, ob er den Nachdruck immer in der gehörigen Weise in die Erscheinung hat treten lassen und daß das vielleicht noch entschiedener hätte geschehen müssen und in der Zukunft geschehen muß, wenn Vorgänge dieser Art verhindert werden sollen. Es wäre ungerecht, fuhr Herr von Heydebrand fort, in diesem Augenblick zu vergessen, was Fürst Bülow in seiner Tätigkeit für das Deutsche Reich und das deutsche Volk getan und geleistet habe. So stünden die Dinge nicht, daß man wegen einer einzelnen Frage mir nichts dir nichts auslöschen könne, was viel Arbeit, was viel Pflichttreue, was viel Geschick und viel Vaterlandshebe bedeutet habe." Herr von Heydebrand schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die Antwort des Reichskanzlers ehrlich, entschieden, aber auch eine Hoffnung für die Zukunft sein würde. Die Rede des Führers der Reichspartei, des Fürsten Hatzfeldt, Herzogs von Trachenberg, erinnerte an die Limonade der armen Luise Miller, die Ferdinand von Walter matt fand. Er begnügte sich mit der Versicherung, daß er die monarchische Gesinnung in den Vordergrund stelle. Auf diese wenigen Worte glaube er sich in dem gegenwärtigen Stadium beschränken zu dürfen. Diese Ausführungen bewiesen, daß der edle Herzog noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, schließlich doch noch einmal den Eckplatz auf der Ministerbank im Reichstage einzunehmen, und daß er sich seine wenn auch bescheidenen Chancen für den Reichskanzlerposten an Allerhöchster Stelle nicht verderben wollte. REDE BÜLOw"S 367 Auch die Auslassungen des Freisinnigen Wiemer waren weder kalt noch warm. Nach Hermann Hatzfeldt ergriff ich das Wort*. Ich glauhe sagen zu dürfen, daß ich im Parlament immer Verständnis für das gehabt habe, was die Italiener das Ambiente nennen, d. h. die Stimmung der Umgebung, in der man spricht, die Atmosphäre, die im Sitzungssaal herrscht. Ich fühlte, daß ich sehr ernst und sehr offen sprechen müsse, wie das übrigens durchaus meinem inneren Empfinden entsprach. Ich hatte vor allem die Pflicht, die durch die unbesonnenen kaiserlichen Äußerungen im Auslande hervorgerufenen Verstimmungen zu beruhigen, das in England, Rußland, Frankreich, Japan neugeweckte Mißtrauen zu besänftigen. Ich führte aus, daß das, was der Kaiser über seine Verhinderung einer russisch-französischen Intervention im Burenkrieg erzählt habe, eine längst bekannte Sache sei. Von einer Enthüllung könne keine Rede sein. Der Kaiser habe allerdings die Farben zu stark aufgetragen. Ich stellte auch die Geschichte mit dem Feldzugsplan richtig. Es habe sich nicht um einen ausgearbeiteten und detaillierten Feldzugsplan, sondern um einige „rein akademische Gedanken", um „Aphorismen" gehandelt. Als mich bei diesen Worten das Gelächter der Sozialdemokraten unterbrach, erinnerte ich daran, daß wir uns in einer ernsten Debatte befänden. Die Dinge, über die ich spräche, seien ernster Natur und von großer politischer Tragweite. Ich bat, mich ruhig anzuhören, was dann auch geschah. Der Chef des Generalstabs, General von Moltke, und sein Vorgänger, General Graf Schlieffen, hätten erklärt, daß der Generalstab zwar über den Burenkrieg, wie über jeden großen oder kleinen Krieg, dem Kaiser Vortrag gehalten habe. Beide hätten mir aber gleichzeitig versichert, daß der deutsche Generalstab niemals einen Feldzugsplan oder eine ähnliche auf den Burenkrieg bezügliche Arbeit des Kaisers geprüft oder nach England weitergegeben habe. Diese meine Feststellung entsprach durchaus dem Sachverhalt. Tatsächlich war alles, was Wilhelm II. seinen englischen Freunden über seinen persönlichen Anteil an der Besiegung der armen Buren erzählt hatte, nur Geflunker gewesen. Ich führte weiter aus, daß manche Ausdrücke in dem Artikel des „Daily Telegraph" nicht glücklich gewählt gewesen wären. „Das gilt zunächst", erklärte ich unter allseitigem und sehr lebhaftem Bravo, „von der Stelle, wo der Kaiser gesagt haben soll, die Mehrheit des deutschen Volks sei England feindlich gesinnt. Zwischen Deutschland und England haben Mißverständnisse stattgefunden, ernste, bedauerliche Mißverständnisse. Aber ich weiß mich einig mit diesem ganzen hohen Hause in der Auffassung, daß das ganze deutsche Volk auf der Basis gegenseitiger Achtung * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 134ff.; Reclam-Ausgabe V, 82ff. 368 DER KAISER WIRD SICH ZURÜCKHALTEN friedliche und freundliche Beziehungen zu England wünscht, und ich konstatiere, daß sich die Redner aller Parteien heute in gleichem Sinne ausgesprochen haben. Die Farben sind auch zu stark aufgetragen an der Stelle, die Bezug hat auf unsere Interessen im Pazifischen Meer. Sie ist in einem für Japan feindlichen Sinne ausgelegt worden. Mit Unrecht! Wir haben im Fernen Osten nie an etwas anderes gedacht als dies: für Deutschland einen Anteil an dem Handel Ostasiens bei der großen wirtschaftlichen Zukunft dieser Gebiete zu erwerben und zu behaupten. Wir denken nicht daran, uns dort auf maritime Abenteuer einzulassen. Aggressive Tendenzen liegen dem deutschen Flottenbau im Stillen Ozean ebenso fern wie in Europa. Im übrigen stimmt Seine Majestät der Kaiser mit dem verantwortlichen Leiter der auswärtigen Politik völlig überein in der Anerkennung der hohen politischen Bedeutung, die sich das japanische Volk durch politische Tatkraft und militärische Leistungsfähigkeit errungen hat. Die deutsche Politik betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, dem japanischen Volk den Genuß und den Ausbau des Erworbenen zu schmälern." Nachdem ich in dieser Weise die übelsten Äußerungen Seiner Majestät nach Möglichkeit glattgebogen und eingerenkt hatte — noch mehr, ich wiederhole es, noch viel mehr im Hinblick auf das Ausland, auf die Welt, als auf den Reichstag —, ging ich, als ich fühlte, daß sich die Gemüter unter dem Eindruck meiner Ausführungen allmählich einigermaßen beruhigt hatten, zu einer direkten Apologie des Kaisers und seiner Persönlichkeit über. „Dem Kaiser", rief ich dem Reichstag zu, „geschieht schweres Unrecht mit jedem Zweifel an der Reinheit seiner Absichten, an seiner idealen Gesinnung und seiner tiefen Vaterlandsliebe." Und nun sprach ich die Worte, die, nachdem der Sturm vorüber war, von Ohrenbläsern und Speichelleckern, von Ränkeschmieden und Achselträgern benutzt wurden, um die Eigenhebe des Kaisers gegen mich aufzustacheln, die Worte, die ich damals mit voller Überzeugung gesprochen habe und von denen ich noch heute überzeugt bin, daß sie unbedingt notwendig waren, um nicht nur den Reichstag, sondern auch das deutsche Volk zu beruhigen und ihm wieder Vertrauen einzuflößen, um zwischen Volk und Kaiser gegenseitiges Verständnis und Eintracht zu schaffen: „Meine Herren, die Einsicht, daß die Veröffentlichung seiner in England geführten Gespräche die von Seiner Majestät dem Kaiser gewollte Wirkung nicht hervorgerufen, in unserem Lande aber tiefe Erregung und schmerzliches Bedauern verursacht hat, wird, diese feste Überzeugung habe ich in diesen Tagen gewonnen, Seine Majestät den Kaiser dahin führen, ferner auch in Privatgesprächen jene Zurückhaltung zu beobachten, die im Interesse einer einheitlichen Politik und für die Autorität der Krone gleich unentbehrlich ist." Hier erscholl, namentlich auf der rechten Seite des Hauses, lebhafter Beifall. „Wäre es DIE WARNUNG 369 nicht so", so fügte ich unter anhaltendem Beifall der Konservativen und der Nationalliberalen hinzu, „so könnte weder ich noch einer meiner Nachfolger die Verantwortung tragen." Als der Artikel des „Daily Telegraph" erschienen sei, dessen verhängnisvolle Wirkung mir nicht einen Augenblick zweifelhaft sein konnte, hätte ich mein Abschiedsgesuch eingereicht. Dieser Entschluß sei geboten gewesen, er sei mir nicht schwer geworden. Der ernstete und schwerste Entschluß, den ich in meinem politischen Leben gefaßt hätte, sei, dem Wunsch des Kaisers folgend, im Amte zu bleiben. Ich hätte mich hierzu nur entschlossen, weil ich es für ein Gebot der politischen Pflicht ansehe, gerade in dieser schwierigen Zeit Seiner Majestät dem Kaiser und dem Lande weiter zu dienen. Auch hier erscholl lebhafter und allseitiger Beifall. Wie lange mir das möglich sein werde, stehe dahin. Ich wolle aber noch eins sagen: In einem Augenbhck, wo vieles in der Welt wieder einmal im Flusse sei, wo es darauf ankomme, unsere Stellung nach außen zu wahren und, ohne uns vorzudrängen, mit ruhiger Festigkeit unsere Interessen zur Geltung zu bringen, wo die Gesamtlage ernsteste Aufmerksamkeit erheische, dürften wir uns vor dem Ausland nicht kleinmütig zeigen, dürften wir ein Unglück nicht zur Katastrophe machen. Ich wolle mich jeder Kritik der Übertreibungen enthalten, die wir in diesen Tagen erlebt hätten. Gewiß dürfe keiner die Warnung vergessen, welche die Vorgänge dieser Tage uns allen gegeben hätten. Ich betonte die Worte „keiner" und „allen". Aber es sei keine Ursache, eine Fassungslosigkeit zu zeigen, die bei unseren Gegnern den Anschein erwecken müsse, als wäre das Reich im Innern und nach außen gelähmt. Ich schloß mit den Worten: „An den berufenen Vertretern der Nation ist es, die Besonnenheit zu zeigen, die dem Ernst der Zeit entspricht. Ich sage es nicht für mich, ich sage es für das Land. Die Unterstützung hierbei ist keine Gnade, sie ist eine Pflicht, der sich dies hohe Haus nicht entziehen wird." Als ich unter starkem Beifall schloß, fühlte ich, daß die Partie gewonnen war. Nach mir sprach der Zentrumsführer Hertling, ruhig und gemessen. Er stimmte mit Bassermann darin überein, daß die veröffentlichten Tatsachen weit wichtiger seien als die begangenen Kanzleiversehen. Trotz der damals zwischen der Zentrumspartei und mir bestehenden Spannung erklärte Herr von Hertling: Der Reichskanzler Fürst Bülow habe „in der loyalsten Weise" die Verantwortung übernommen sowohl für die Versehen seiner Untergebenen als für die unbesonnenen Äußerungen des unverantwortlichen Kaisers. Der Sinn und die Bedeutung für die Ministerverantwortlichkeit hege aber darin, daß es für die verantwortliche Stelle ein „Bis hierher und nicht weiter!" gebe und geben müsse. Er nehme deshalb auch an, daß ich meine Demission eingereicht habe nicht wegen der 24 Bülow H 370 1908 — 1918 Veröffentlichung, die ich nicht verhindert hätte, sondern wegen des Inhalts. Er nehme auch an, daß, als ich Seiner Majestät die Zusicherung gegeben habe, die Geschäfte weiterzuführen, ich ganz bestimmte Garantien gefordert hätte. Das deutsche Volk habe ein Recht, zu verlangen, daß es dem Reichskanzler in Zukunft beschieden sein möge, ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Am Schluß der Sitzung sprach der Antisemit Liebermann von Sonnenberg, roh und plump, weit ausfallender gegen den Kaiser als Singer oder gar als Hertling und Wiemer. Als ich vom Reichstag zu Fuß durch den Tiergarten nach Hause ging, begegnete ich Ernst Bassermann. Er drückte mir die Hand mit den Worten: „Heute haben Sie ein politisches und oratorisches Meisterstück geleistet." Nachdenklich fügte er hinzu: „Aber wie wird's zwischen Ihnen und dem Kaiser?" Als ich entgegnete, ich hoffte und glaubte, Seine Majestät der Kaiser werde die Staatsräson und das Wohl des Reichs über kleinliche persönliche Regungen setzen, meinte Bassermann: „Ja, wenn er wäre wie sein Vater und wie sein Großvater. Aber er ist gar so eitel!" Bassermann hat recht behalten. In den ersten Tagen nach der Novemberdebatte von 1908 und auch zeitweise während des folgenden Winters siegte in Wilhelm II. die bessere Stimme. Aber schheßlich behielten — wie ich zur Entschuldigung Seiner Majestät ausdrücklich hervorheben möchte, unter dem Einfluß selbstsüchtiger Ohrenbläser — die gekränkte Eitelkeit, der verletzte Hochmut die Oberhand. Und das Verhängnis ging seinen Weg. Zehn Jahre nachdem ich diese Rede für den Kaiser hielt und im Deutschen Reichstag für Wilhelm II. in die Bresche getreten war, im November 1918 überschritt bei grauem, düsterem Himmel und strömendem Regen Kaiser Wilhelm II. als Flüchtling die holländische Grenze. Am 11. November 1908 wurde im Reichstag die am vorhergegangenen Reichstags- Tage begonnene Debatte fortgesetzt. Miquel, ein gründlicher Kenner des debatte, deutschen Parlamentarismus, sagte mir einmal, die Kunst der Rede sei -.weiter Tag m rj eutsc { 1 j an j g0 wen jg entwickelt und gepflegt, politische Begabung sei so selten, unser politisches Temperament so matt, daß jede parlamentarische Diskussion am zweiten Tage zu versanden pflege. In der Debatte vom 11. November 1908 gab zunächst im Namen der Konservativen der Abgeordnete von Normann die Erklärung ab: „Wir erachten die gestrige Antwort des Reichskanzlers für eine der Gesamtsituation entsprechende und dürfen nur die Erwartung aussprechen, daß der Herr Reichskanzler den Worten auch diejenige Ausführung geben wird, welche das Wohl des Vaterlandes erfordert." Herr von Normann war ein Mann, der seiner Partei wie dem Reichstag zur Zierde gereichte. Er war aus den roten Husaren, den Zietenhusaren, hervorgegangen und hatte als Ordonnanzoffizier des Prinzen Friedrich Karl am Vorabend der Schlacht bei Königgrätz auf einem KIDERLEN WIRD VERLACHT 371 kühnen Ritt, der ihn mitten durch die feindlichen Vorposten führte, dem Kronprinzen die Meldung überbracht, wo am folgenden Tage, dem Schlachttage, Prinz Friedrich Karl seinem Vetter zu begegnen hoffe. Nach ihm betrat der württembergische Demokrat Konrad Haußmann die Tribüne. Während vieler Jahre haben neben dem in keiner Weise hervorragenden, aber redlichen und gutmütigen Herrn von Payer, dem späteren Vizekanzler der letzten Ubergangszeit vor dem Umsturz, die Brüder Haußmann in der Süddeutschen Volkspartei eine gewisse Rolle gespielt. Konrad und Friedrich Haußmann waren Zwillinge. Von Konrad Haußmann pflegte der Korrespondent der „Frankfurter Zeitung", August Stein, der, selbst Demokrat, es wissen mußte, zu sagen, daß er derjenige der Zwillinge wäre, der noch weniger politisches Verständnis besäße als der andere. Seine Rede vom 11. November erhob sich nicht über das Plädoyer eines mittelmäßigen Advokaten in einer schwäbischen Kleinstadt. Dann folgte nach einer gediegenen und relativ gemäßigten Rede des Sozialisten Heine ein unglückliches Intermezzo, dessen unfreiwilliger Held mein Freund Kiderlen war. Da ich Kiderlen als einen starknervigen und dreisten Mann kannte, der in keiner Weise auf das Maul gefallen war, so hatte ich ihn gefragt, ob er Neigung verspüre, für das viel und damals überwiegend mit Unrecht angefochtene Auswärtige Amt ein paar Worte zu sagen. Kiderlen ging sofort und mit Vergnügen auf meine Anregung ein und ergriff am Schluß der Sitzung vom 11. November das Wort. Was er sagte, war sachbch gar nicht übel. Er sprach auch weit fließender als Tschirschky, der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg, Stübel, Jagow und andere Herren, die vor ihm oder nach ihm für das Auswärtige Amt das Wort ergriffen haben. Aber er vergriff sich im Ton. Als er erklärte, er sei ermächtigt, den Herren im Reichstag mitzuteilen, die Regierung gedenke die verlangte Reform des Auswärtigen Amts damit einzuleiten, daß sie dem Reichstag Vorschläge für Vermehrung des Personals machen werde, entstand allgemeine Heiterkeit. Seitdem haben wir gesehen, daß republikanische Regierungen in Deutschland im Auswärtigen Amt keine durchgreifenden Reformen vorgenommen, wohl aber die Zahl der Beamten verdoppelt und verdreifacht haben, um Parteigenossen unterzubringen, ohne daß damit im Parlament irgendein Widerspruch erweckt worden wäre. Der arme Kiderlen erregte aber noch größere Heiterkeit, als er nicht nur die Gewissenhaftigkeit der Beamten des Auswärtigen Amts und ihre Arbeitsfreudigkeit rühmte, sondern auch die Vortrefflichkeit unserer Büros, die man uns im Auslande nicht nachzumachen vermöge. Das Gelächter wurde schließlich so groß, daß Kiderlen seine Rede nicht zu Ende führen konnte. Das hatte aber noch andere Ursachen als die sachlichen Argumente des Redners. Der Deutsche Reichstag hat vor der November-Revolution von 1918 nie Stürme und 24 # 372 SEINE GELBE WESTE Ausschreitungen erlebt, wie sie das französische und das italienische Parlament bisweilen gesehen haben, aber seine Stimmung wurde von Zeit zu Zeit ulkig. Es gibt keinen richtigeren Ausdruck, um sie zu kennzeichnen, eine Stimmung, wie sie, wenn die Fidelitas beginnt, auf deutschen Studentenkommersen, auf Liebesmählern in Offizierkorps, auf Vereinsfesten im alten, fröhlichen Deutschland herrschte. Der Mißerfolg von Kiderlen war auch auf seine prononciert schwäbische Aussprache und, horribile dictu, auf die von ihm getragene gelbe Weste zurückzuführen. Während sich das Haus noch in dieser nicht gerade würdigen Stimmung befand, wurde ich von verschiedenen Seiten gebeten, nach Kiderlen noch einmal das Wort zu ergreifen, um wieder, aber noch eingehender als am vorhergegangenen Tage, die Angriffe gegen den Kaiser zurückzuweisen. Ich hatte schon am Abend des vorhergehenden Tages für alle Fälle einige Schlußworte in dieser Richtung an Hammann diktiert, der ebenso wie Loebell mir riet, in diesem Sinne und auf diese Weise die Debatte zu beendigen. Mein Stellvertreter im Reich, Herr von Bethmann, riet mir dringend ab. Ich würde den ganzen großen Erfolg vom vorhergegangenen Tage in Frage stellen, wenn ich wieder das Wort ergriffe. Ich habe später öfters hören müssen, daß Bethmann Hollweg mir absichtlich einen schlechten Rat gegeben hätte. Ich habe das damals nicht geglaubt und glaube es heute nicht, obwohl ich inzwischen manche Illusionen über Bethmann Hollweg verloren habe. Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß ich am 11. November 1908 recht gehabt habe, nicht noch einmal zu sprechen. Freüich ist dieses mein wohlüberlegtes Schweigen gerade von denjenigen, die während des Sturms sich in ihren Mauselöchern versteckt hatten, benutzt worden, um dem Kaiser einzureden, ich hätte ihn wirkungsvoller und wärmer verteidigen müssen. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß dieselben Intriganten, wenn ich wirklich noch einmal das Wort ergriffen hätte, Seiner Majestät gesagt haben würden: die Wirkung meiner ersten Rede sei dadurch paralysiert worden, daß ich mit meiner bekannten Neigung, dem Reichstag bei jeder Gelegenheit Rede zu stehen und meine oratorischen Leistungen bewundern zu lassen, Seine Majestät überflüssigerweise neuerdings in den Mittelpunkt der Debatte gestellt hätte. Ich wiederhole nochmals: Ich würde mit einer zweiten Rede den Eindruck der ersten abgeschwächt haben. Das Land hätte darin nur eine Verbeugung vor dem Kaiser gesehen, und das Land wünschte, daß der Kaiser seine Regierungsweise ändere. Das Land hätte sein damals großes Vertrauen zu mir verloren. Endlich würde eine neue Rede von mir natürlich neue Repliken aus dem Hause hervorgerufen haben, und die Debatte wäre uferlos geworden. Ich tat wohl daran, nicht zum zweitenmal zu sprechen, zumal bei der augenbhcklichen Stimmung, in der sich das Parlament befand. DIE HULDIGUNG FÜR ZEPPELIN 373 Meine Rede vom 10. November wurde von der rechtsstehenden deutschen Presse mit Beifall aufgenommen. Die sozialdemokratische Presse warf dem Reichstag vor, daß er keine ausreichenden Garantien zur Beseitigung des persönlichen Regiments gefordert und sich von Bülow habe hinter das Licht führen lassen. Das leitende Wiener Blatt, „Die Neue Freie Presse", schrieb über die Sitzung des Deutschen Reichstags: „Fürst Bülow, der niemals einen sympathischeren Eindruck gemacht hat als in dem Augenblick, da er in einer der schwierigsten Situationen war, in der sich ein Staatsmann überhaupt befinden kann, hat nicht als Höfling, sondern als ein für die Geschäfte verantwortlicher Staatsmann gesprochen." Der Pariser „Figaro" meinte: „Le discours du Prince de Bülow semblera un peu etrange dans sa forme brutale ä peine voilee par quelques precautions de langage. Mais il faut reconnaitre qu'il correspondait ä une Situation non moins etrange et ä peu pres sans precedent. Le ministre n'avait qu'un moyen d'en sortir: la franchise entiere. Et il en a heureusement use." Die ganze englische Presse betrachtete meine Rede als Zeichen der freundschaftlichen Gesinnung der deutschen Regierung für England und sprach die Hoffnung aus, daß das deutsche Volk diese Gesinnung teile. Die freimütige Kritik kaiserlicher Mißgriffe nicht nur in der deutschen Presse, sondern auch im Deutschen Reichstag sei ein erfreuliches Zeichen für verfassungsmäßige Zustände in Deutschland und die Unabhängigkeit des deutschen Parlaments. Kaiser Wilhelm II. ließ zunächst gar nichts von sich hören. Von seiner Umgebung hörte ich, daß seine Stimmung einerseits stark erregt, anderer- Fortdauer der seits recht beklommen wäre. Seine Niedergeschlagenheit wurde dadurch Kritik in der erhöht, daß die dem Grafen Zeppelin dargebrachte kaiserliche Huldigung J durch ihre Übertreibungen die von Seiner Majestät erhoffte Wirkung auf das deutsche Volk nicht gehabt hatte. Die Mehrzahl der Deutschen fand es an und für sich ganz erfreulich, daß der Kaiser sich zu einer gerechten Würdigung des unermüdlichen, unerschrockenen, nie verzagenden Bahnbrechers der Luftschiffahrt durchgerungen hatte. Aber dieselben biederen, verständig-nüchternen Deutschen schüttelten den Kopf, wenn sie in der auf Allerhöchsten Befehl sofort durch Wolff verbreiteten Ansprache an Zeppelin lasen: „Es dürfte wohl nicht zu viel gesagt sein, daß wir heute einen der größten Momente in der menschlichen Kultur erlebt haben. Ich danke Gott mit allen Deutschen, daß er unser Volk für würdig erachtete, Sie den Unseren zu nennen." Als diese wieder mindestens exzentrische Rede am 11. November in Berlin bekannt wurde, machte sie im Reichstag keinen guten Eindruck. Auch im Lande wurde sie als neuer Beweis mangelnden inneren Gleichgewichts aufgefaßt. Inzwischen fuhr die nichtdeutsche Presse fort, sich über die Persönlichkeit, das Auftreten und die Regierungsweise des Deutschen Kaisers mit einer bis dahin noch nicht presse 374 EIN NEUER SKANDAL ERSTICKT dagewesenen Schärfe zu verbreiten. Englische Blätter erklärten nach wie vor, daß sie in den kaiserlichen Freundschaftsbeteuerungen für Großbritannien lediglich eine wenig würdige Bemühung um die englische Gunst sähen. Im übrigen könnten die Auslassungen des Kaisers seinen Gegnern nur erwünscht sein: Frankreich und Rußland würden wegen seiner Mitteilungen über ihre Interventionspläne im Burenkrieg jedes Vertrauen in die deutsche Diskretion verHeren. Japan werde aufs neue mißtrauisch werden. Die angebliche Ausarbeitung des Feldzugsplanes sei einfach unglaublich, geradezu eine England von Wilhelm II. zugefügte Beleidigung. Wilhelm II. als der wahre Sieger im Burenkrieg wurde auch in kleinen englischen Blättern verhöhnt. Gleichzeitig hieß es, daß Lord Roberts tief beleidigt wäre und nur mit Mühe davon abgehalten würde, den Schwarzen Adlerorden zurückzuschicken, den ihm sieben Jahre früher der Kaiser zum großen Unbehagen der damals burenfreundlichen deutschen öffentlichen Meinung verliehen hatte. Große französische Blätter ironisierten die persönliche Politik des Deutschen Kaisers als phantastische Romantik. In Rußland erklärte das größte und einflußreichste russische Blatt, die „Nowoje Wremja", die Russen würden an diese Worte des Deutschen Kaisers nicht glauben, wenn sie nicht gedruckt vor ihnen lägen. Der Kaiser habe Rußland und Frankreich gegenüber „taktlos und perfide" gehandelt. Die italienische Presse fällte ebenso harte Urteile über die kaiserliche Politik und Regierungsweise: Wilhelm IL scheine es darauf anzulegen, das Deutsche Reich mit aller Welt zu verfeinden. Die japanische Presse meinte, daß die Bemerkungen des Kaisers über den Fernen Osten nutzlos und schädlich seien. Die Japaner begriffen nicht, warum der Kaiser Vorbereitungen gegen Japans Fortschritte und gegen Chinas Erwachen treffe. Namentlich und vor allem auf England war die Wirkung der von Wil- Kaiserliches heim IL in England mit Engländern geführten Gespräche die eines Hagel- Interview mit Schlags im Frühsommer. Und sie wäre noch niederschmetternder geworden, wenn es mir nicht gelungen wäre, die in Amerika eben in Gang befindliche Veröffentlichung eines Interviews zu verhindern, das Wilhelm II. dem amerikanischen Journalisten Haie gewährt hatte und das in krassem Gegensatz zu seinen Auslassungen in Highcliffe stand. Derselbe Kaiser, der in so stürmischer Weise England und die Engländer seiner treuen Freundschaft versichert hatte, sprach gegenüber dem Amerikaner gerade umgekehrt. Er hatte ihn vor der englischen Tücke und den feindlichen Absichten der Engländer gegen Amerika gewarnt und den Amerikanern geraten, bei Deutschland Schutz gegen das perfide Albion zu suchen. Es gelang, den wohlmeinenden Besitzer der amerikanischen Zeitschrift „Century Magazine", der dies Interview erworben hatte, zu bewegen, auf die Veröffentlichung zu verzichten. Um dieselbe Zeit meldete mir der deutsche General- kaner Haie HARMS WORTH HATTE VERZICHTET 375 konsul in New York, Herr Bünz, daß das auf England bezügliche „famose Interview" des „Daily Telegraph", bevor es in die Hände dieses Blatts gelangt sei, dem Besitzer der „Daily Mail", dem im Weltkrieg als Lord North- cliffe zu trauriger Berühmtheit gelangten Mr. Harmsworth, angeboten worden wäre. Die „Daily Mail" habe „schweren Herzens" auf die Publikation verzichtet, nachdem Herrn Harmsworth im englischen Auswärtigen Amt gesagt worden wäre, die Veröffentlichung sei nicht erwünscht. XXV. KAPITEL Bedenkliche Wirkung der kaiserlichen Äußerungen im Ausland • Kurz vorher gehaltene deutschfreundliche Reden englischer Staatsmänner • Bülows Interview mit Sidney Whit- man • Audienz bei Wilhelm II. • Stellungnahme der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" • Dia Reichsfinanzreform im Reichstag • Wilhelm II. will abdanken • Der Kronprinz zur Lage • Feier im Berliner Rathaus • Wilhelm II. verliest zum erstenmal seine Rede • Briefe und Kundgebungen zu den Novemberereignissen • Wilhelm II. erholt sich Der Bärendienst, den Wilhelm II. meiner Politik und den deutsch-englischen Beziehungen geleistet hatte, war um so bedauerlicher, als gerade chill, Har- j m Sommer 1908 eine Reihe beachtenswerter Symptome darauf hinge- court maßvoll jg^g-j. na tte, daß maßgebende Männer des englischen öffentlichen Lebens QCSGTlituCr Deutschland s * c ^ bemühten, die englische öffentliche Meinung gegenüber Deutschland und auch gegenüber den deutschen Flottenbauten zu beruhigen. So hatte im Juli im Unterhause im Namen der Admiralität Mr. Mac Kenna gegenüber einer alarmierenden Rede des Admirals Lord Beresford erklärt, daß die große Überlegenheit, die England in den älteren Schiffstypen besitze, und das Übergewicht, das zwölf Dreadnoughts und Invincibles gegenüber neun auf Seiten Deutschlands verliehen, England vollkommene Sicherheit im Jahre 1911 verbürge. Gewiß sei diese unbedingte Sicherheit eine Lebensfrage für Großbritannien, aber darüber hinauszugehen, würde Verschwendung sein. Der Staatssekretär des Äußern, Sir Edward Grey, hatte am 27. Juli im Unterhause betont, daß er nicht auf die Isolierung Deutschlands ausgehe. Der bis dahin sehr streitbare Handelsminister Churchill hatte am 15. August in Swansea in einer Bergarbeiterversammlung eine von Lord Cromer im Oberhause kurz vorher gehaltene Rede scharf getadelt, die gegen die angebbeh England von Deutschland drohenden Gefahren gerichtet gewesen war. Ein Krieg zwischen England und Deutschland würde für beide Länder und für die Welt eine furchtbare Katastrophe bedeuten. „Mag auch das Schnappen und Knurren in den Zeitungen und Klubs von London immer so fortgehen, die beiden Völker haben gar keinen Grund, sich zu bekämpfen. Es wird in Deutschland keine zehntausend Personen geben, die ein solches höllisches und verruchtes Verbrechen ernstlich in Betracht ziehen, und in England, glaube ich, nicht einmal so viele." Ende September 1908 hatte in Lancaster in einer öffentlichen Versammlung das AUDIENZ IN POTSDAM 377 Mitglied des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, Mr. Harcourt, gegen den „halb feigen, halb chauvinistischen" Lärm der englischen gelben Presse protestiert. Er erklärte: „Innerhalb der letzten zehn oder fünfzehn Jahre hat es keine Zeit gegeben, und ich spreche mit Wissen und Bewußtsein der vollen Verantwortlichkeit, in welcher unsere Beziehungen zu Deutschland auf festerem und freundschaftlicherem Fuße gewesen sind als heute. Wenn in beiden Ländern eine kleine Schicht von Publizisten vorhanden ist, die infolge selbstsüchtiger, unpatriotischer Absichten kriegerische Wünsche hegen, so sind sie Straßenräuber der Politik und Feinde des Menschengeschlechts. Halten Sie den Kopf kühl, die Flotte bereit und die Zunge höflich, und Sie brauchen das Gekläff dieser Pariahunde nicht zu fürchten, welche die Hütte beschmutzen, in der sie wohnen." Ich hatte dieses Entgegenkommen benutzt, um meinerseits im September 1908 in einer vom „Standard" wiedergegebenen Unterredung mit dem friedlich und deutschfreundlich gesinnten engKschen Schriftsteller Sidney Whitman, der in Deutschland im Vitztumgymnasium zu Dresden erzogen worden war und dem Fürsten Bismarck wiederholt als Sprachrohr gedient hatte, das deutsch - englische Verhältnis freimütig, aber natürlich mit gebotenem Takt, in einer Tonart zu besprechen, die in England günstig aufgenommen worden war. Als Wilhelm II. im November 1908 endlich wieder in Potsdam eingetroffen war, erbat ich eine Audienz, die mir der Kaiser am 17. November Bülow bei im Neuen Palais bewilligte. Seit unserer langen Unterredung vom 31. Ok- Wilhelm I tober hatte ich direkt nur zwei Lebenszeichen von ihm erhalten. Durch den Gesandten von Jenisch ließ er mir telegraphieren, es würde bei Besprechung der ,,Daily-Telegraph"-Angelegenheit viel zu wenig Gewicht darauf gelegt, daß der Wunsch der Veröffentlichung nicht von uns, sondern von englischer Seite ausgegangen wäre und daß in England die Meinung vorgeherrscht hätte, die Veröffentlichung würde den Interessen der deutschenglischen Beziehungen dienen. Am Vorabend der Reichstagsdebatte telegraphierte mir Seine Majestät in englischer Sprache, ich möge nicht vergessen, daß auch hinter der schwärzesten Wolke ein silberner Sonnenstrahl verborgen wäre. Am 17. November 1908 traf ich den Kaiser auf der Terrasse vor dem Neuen Palais. Die Kaiserin stand neben ihrem hohen Gemahl. Sie ging mir rasch einige Schritte entgegen und sagte mir leise: „Seien Sie recht gut zum Kaiser, recht milde. Er ist ganz gebrochen." Dann forderte mich der Kaiser auf, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten. Dort angelangt, setzten wir uns. Der Kaiser sah in der Tat recht niedergeschlagen aus. Er war namentlich sehr blaß. Er erwartete offenbar von mir eine große Strafpredigt. Es wäre geschmacklos gewesen, ihm in diesem Augenblick eine solche zu halten. Ich begnügte mich, zu bemerken, daß wir alle Punkte, 378 DIE VERWUNDBARSTE STELLE alle Fragen, die jetzt den Gegenstand leidenschaftlicher Beschwerden und Klagen bildeten, ja schon oft besprochen hätten. Der Kaiser erwiderte mit natürlichem und offenem Ausdruck: „Gewiß, Sie haben mir das alles vorausgesagt." Dann frug er zögernd und mit sichtlicher Besorgnis: „Aber was nun ? Was wird ? Kommen wir durch ?" Ich erwiderte, daß ich daran nicht zweifle, wenn Seine Majestät sich nur entschlösse, künftig größere Vorsicht und Zurückhaltung zu beobachten. Das gelte namentlich für das Feld der auswärtigen Politik: die „Hunnenrede" und die „Dreizackrede" wären bedenklicher gewesen als das natürlich auch nicht löbliche Swinemünder Telegramm oder die Schwarzseher-Rede. Der Scherz mit dem „Admiral of the Atlantic" und der direkte Brief an Lord Tweedmouth hätten mehr geschadet als gelegentliche Boutaden unter Landsleuten. Der Kaiser nickte zustimmend. Er wolle, äußerte er, „ganz gewiß" sich von jetzt an mehr in acht nehmen. Er wolle es auch vermeiden, die Leute vor den Kopf zu stoßen. „Worüber haben sich denn die Menschen so geärgert ?" Ich erwiderte, daß die unbestreitbare Verärgerung nicht auf politische Momente zurückzuführen wäre. Ich wies auf sein allzu absprechendes, allzu heftiges Auftreten gegenüber der modernen Richtung in Kunst und Literatur hin. Gerade in diesem Punkte sei der Deutsche gar empfindlich und lasse sich nicht von oben in diese oder jene Richtung stoßen. Hier protestierte der Kaiser zum erstenmal. Gegen Liebermann und Hauptmann Stellung zu nehmen, halte er nicht nur für sein Recht, sondern für seine Pflicht, denn solche Menschen vergifteten die Seele des deutschen Volkes. Ich entgegnete, daß Max Liebermann doch einige recht schöne Bilder gemalt und Gerhart Hauptmann, Denker und Dichter in einer Person, manches tiefe und ergreifende Stück von bleibendem Wert auf die Bretter gebracht hätte, welche die Welt bedeuteten. Gegen Talent und Genie zu kämpfen sei immer mißhch. Jedenfalls würde der Kaiser in diesem Streit unterliegen, wenn er Liebermann nur Knackfuß und Hauptmann nur den Major Lauff entgegenzuhalten habe. Die „Netzflickerinnen" und das „Altmännerhaus" von Liebermann würden immer Bewunderer finden, „Hannele" und „Die versunkene Glocke", „Die Weber" und „Florian Geyer" Hauptmanns noch lange Herzen rühren und bewegen. Ich sagte das ohne Schärfe, im leichten Gesprächston, unter Bezugnahme auf frühere Unterredungen mit Seiner Majestät über dieses Thema. Ich fühlte aber sogleich, daß merkwürdigerweise hier die verwundbarste Stelle war, und lenkte die Konversation auf die für mich ja auch erheblich wichtigeren Fragen der Politik. Ich wies in langem Vortrag auf die Schwierigkeiten hin, die in dem bevorstehenden Winter zu überwinden wären. Innerpolitisch stehe die große Reichsfinanzreform im Vordergrunde, deren Erledigung eine absolute Not- DER VORTRAG BÜLOWS 379 wendigkeit wäre. Das deutsche Volk sei kein steuerfreudiges Volk. Dazu käme die Frage, ob wir nur indirekte Steuern beantragen oder auch eine direkte Steuer in Vorschlag bringen sollten. Ich hielte es politisch und sozial für gefährlich, eine so eingreifende Finanzreform nur auf indirekte Steuern zu basieren. Es würde aber nicht leicht sein, die von mir in Aussicht genommene direkte Steuer durchzubringen, da sie bei den Konservativen auf starken Widerstand stoßen dürfte. Daraus könne, da das Zentrum jeden Spalt im Block benutzen würde, um die gegenwärtige Parteigruppierung zu sprengen, eine innere Krisis hervorgehen. Der Kaiser betonte mit Lebhaftigkeit, wie sehr er die weitere Aufrechterhaltung des Blocks wünsche. Ich bestärkte ihn in dieser Auffassung mit dem Bemerken, daß mein Bestreben dahin ginge, unter Aufrechterhaltung der derzeitigen freundlichen Beziehungen zwischen Konservativen und Nationalliberalen und ohne Abstoßen der Freisinnigen allmählich wieder einen Modus vivendi mit dem Zentrum zu finden. Einem solchen Ausgleich hätten wir durch sorgsame Schonung der Rechte der katholischen Kirche und aller katholischen Gefühle vorgearbeitet. Auch hoffte ich, daß meine freundschaftlichen Beziehungen zu dem von mir sehr verehrten Kardinal Kopp und die wohlwollende Gesinnung des Heiligen Vaters und der Kurie für mich eine allmähliche Versöhnung mit der Zentrumspartei erleichtern würden. In diesem Falle würde ich mir erlauben, die Erhebung der Preußischen Gesandtschaft beim Päpstlichen Stuhl zur Deutschen Botschaft in Vorschlag zu bringen. Ich hätte auch schon einen Kandidaten für diesen Posten in Aussicht: den Reichstagsabgeordneten von Hertling. Der Kaiser schien nicht abgeneigt. Ich kam nun auf die äußere Lage zu sprechen, die in noch höherem Grade unsere ernsteste Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen müsse. Die bosnische Frage befinde sich zur Zeit in einem akuten Stadium. Ich hielte aber durchaus an der Hoffnung fest, daß wir ohne irgendwelche Preisgabe des guten Rechts wie der Sicherheit der habsburgischen Monarchie, aber auch ohne Schädigung unserer eigenen Beziehungen zu Rußland die Krisis zu einem befriedigenden Abschluß bringen würden. Ich verhehlte Seiner Majestät dem Kaiser nicht, daß Allerhöchstseine Gespräche in Highcliffe sich wie Reif in der Frühlingsnacht auf die gerade in den letzten Monaten emporsprossenden Blüten besseren Verständnisses zwischen den beiden großen Völkern diesseits und jenseits des Kanals niedergesenkt hätten. Aber auch darüber wäre wegzukommen. Der englische Botschafter habe mir vertraulich gesagt, daß König Eduard sich mit der bestimmten Absicht trage, seinen Wunsch, zwischen England und Deutschland „peace and good will" walten zu sehen, durch einen mit der Königin Alexandra in Berlin abzustattenden, ganz offiziellen Besuch urbi et orbi zu dokumentieren. 380 EINVERSTANDEN WILHELM I. R." „Das ist ja wunderschön", meinte schon sichtlich erleichtert der Kaiser- Er schien aber immer noch zu erwarten, daß ich für mein Verbleihen im Amt noch eine ernste, böse Bedingung stellen würde. Nach kurzem, von beiden Seiten beobachtetem Schweigen frug der Kaiser, der offenbar diesen Punkt in seinem Innern schon eingehend erwogen hatte: „Verlangen Sie eine Proklamation an das Volk? Oder eine Kabinettsorder an Sie und für Sie ? Ich bin zu allem bereit." Er sagte das in liebenswürdigem Ton. Ich erwiderte, daß ich meinem allergnädigsten Herrn keinerlei Kapitulation oder gar ein unwürdiges Pater peccavi zumuten würde. Ich schlüge vor, in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zu sagen, daß Seine Majestät der Kaiser mir die Möglichkeit geboten hätte, ihm die durch die Veröffentlichung des „Daily Telegraph" hervorgerufene Erregung zu schildern und meine Behandlung der Beichstags- interpellation zu motivieren. Im Anschluß hieran könne gesagt werden, daß der Kaiser die Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten im Beich und der Stetigkeit der Beichspolitik als seine Pflicht betrachte und mich nach wie vor mit seinem Vertrauen beehre. Ich hatte schon am vorhergehenden Tage einen in diesem Sinne gehaltenen Entwurf aufgesetzt, der wie folgt lautete: „In der dem Beichskanzler gewährten Audienz hörte Seine Majestät der Kaiser und König einen mehrstündigen Vortrag des Fürsten von Bülow. Der Beichskanzler schilderte die im Anschluß an die Veröffentlichung des ,Daily Telegraph' im deutschen Volk hervorgetretene Stimmung. Er erläuterte die Haltung, die er in den Verhandlungen des Beichstags über die Interpellationen eingenommen hatte. Seine Majestät nahm die Darlegungen und Erklärungen des Beichskanzlers mit großem Ernst entgegen und gab Seinen Willen dahin kund: Unbeirrt durch die von Ihm als ungerecht empfundenen Übertreibungen der öffentlichen Kritik, erblicke Er Seine vornehmste Kaiserliche Aufgabe darin, die Stetigkeit der Politik des Beichs unter Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten zu sichern." Der Kaiser stimmte sofort zu und mit Empressement. Er schien geradezu erstaunt, so gut davonzukommen. Als ich ihm das Entrefilet zum zweitenmal vorlas, fügte ich im ersten Absatz hinter dem Wort „Stimmung" noch die Worte ein: „und deren Ursachen". Mit dem von mir vorgeschlagenen Schluß der Verlautbarung war der Kaiser nach seiner Versicherung besonders einverstanden. Er lautete: „Demgemäß billigte Seine Majestät der Kaiser und König die Ausführungen des Beichskanzlers im Beichstage und versicherte den Fürsten von Bülow Seines fortdauernden Vertrauens." Der Kaiser bestand darauf, auf den Entwurf dieses Artikels sein „Einverstanden Wilhelm I. B." zu setzen, obwohl ich dies für nicht erforderlich erklärte. „Ich bin ja mit jedem Wort einverstanden", meinte er, „und das soll bei den Akten bleiben und in den Akten stehen." AKKOLADE 381 Als ich in das Arbeitszimmer eingetreten war, das neben dem Sterbezimmer des Kaisers Friedrich lag und dessen Tür mit einer hübschen Melodie auf und zu ging, hatte der Kaiser mir mit einem starken Händedruck gesagt: „Helfen Sie mir! Retten Sie mich!" Bevor ich das Zimmer verließ, umarmte und küßte er mich auf beide Wangen, was er nur zweimal getan hat, diesmal und als er mir 1901 bei meiner Investitur mit dem hohen Orden vom Schwarzen Adler die übliche Akkolade erteilte. Während ich mich unter der Tür verbeugte, wiederholte der Kaiser zweimal: „Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen von Herzen!" Als ich bei meiner Rückkehr aus dem Neuen Palais wieder im Reichskanzlerpalais eintraf, sagte ich zu meiner Frau, die mir in einem oft stürmischen Leben mit immer gleicher Treue und Liebe zur Seite gestanden hat: „Den Kaiser und die Krone habe ich noch einmal durchgebracht. Wie lange wir in diesem Hause bleiben, das ist eine andere Frage." Achtundvierzig Stunden später begann im Reichstag die Beratung der Reichsfinanzreform. Ich eröffnete sie mit einer Rede, die über zwei Rede zur Stunden dauerte*. Reichsfin Ich sprach, wie immer, ganz frei. Ich hatte mich monatelang mit re f orm den einschlägigen Fragen beschäftigt, sie im Kopfe hin und her gewälzt. Ich habe gelegentlich sagen hören, ich wäre bei der Reichsfinanzreform zu Fall gekommen, weil ich nach meinem ganzen Lebensgang diese Materie nicht genügend beherrscht hätte. Selbst gute Freunde haben mir gegenüber gelegentlich gemeint, daß meine persönliche Gleichgültigkeit in Geld- und Finanzfragen bei meiner Behandlung der Reichsfinanzreform einen nachteiligen Einfluß ausgeübt hätte. Diese Auffassung trifft nicht zu. Auch bei der Vorbereitung wie bei der parlamentarischen Behandlung und Vertretung des Zolltarifs war ich weit davon entfernt, jedes Detail zu kennen. Ich habe schon einmal gesagt, daß es sich für einen leitenden Staatsmann gar nicht empfiehlt, in den Einzelheiten aufzugehen. „Le detail est une vermine qui ronge les grandes choses." Ich wiederhole: Es ist nicht unerläßlich, daß ein leitender Mann jeden Baum im Walde kenne. Aber er soll und muß den Fehler vermeiden, den Wald vor Bäumen nicht zu sehen. Und aus Gründen, die unseren Fehlern wie unseren Vorzügen entspringen, verfällt der Deutsche leicht in den letzteren Fehler. Ich hätte die Reichsfinanzreform geradeso gut durchgebracht wie Zolltarif und Handelsverträge, wenn 1908/1909 die Konservativen eine so verständige Haltung eingenommen hätten wie acht Jahre früher bei der Tarifaktion und den Handelsverträgen und wenn der Kaiser fest hinter mir gestanden hätte. * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 141 ff.; Reclam-Ausgabe V, 89ff. 382 WILHELM II. WILL ABDANKEN Der hohe Herr aher hatte schon im Frühjahr 1908, Monate vor dem Erscheinen des „Daily-Telegraph"-Artikels, zu dem Kriegsminister von Einem, der es mich, streng vertraulich, aher in guter Absicht und warnend, wissen ließ, unmutig geäußert: „Bülow wird mir zu groß." Als durch die Reichstagsdebatte vom November 1908 sein überspanntes Selbstgefühl verletzt worden war und als Intriganten, Neider und Streber in diese Wunde das Gift der Verdächtigung und Verleumdung träufelten, wandte sich der Kaiser erst von mir ab, dann gegen mich. Mir gegenüber trug er vorerst noch die Maske des Wohlwollens und der Freundschaft. Als ich mich in der Reichstagssitzung vom 19. November 1908 zum Worte gemeldet hatte, um die Vorlage zur Reichsfinanzreform zu begründen, flüsterte einer der Herren der Reichskanzlei mir leise zu: „Seine Majestät der Kaiser läßt Eurer Durchlaucht durch den Kammerdiener Schulz telephonisch mitteilen, daß er die Absicht habe, abzudanken." Ich hatte gerade noch Zeit, zu antworten: „Telephonieren Sie sehr ernst zurück, man möge nichts überstürzen und jedenfalls die Feier im Rathaus abwarten, die übermorgen vor sich gehen wird." In diesem Augenblicke hörte ich schon die Stimme des Präsidenten: „Der Herr Reichskanzler hat das Wort." Ich wies zunächst in großen Zügen auf die Grundlagen unserer internationalen Stellung hin. Emporkömmlinge seien im allgemeinen nicht behebt. Das Deutsche Reich, das jüngste Mitglied der europäischen Staatengemeinschaft, hätte seit seiner Errichtung im Ausland mehr Respekt und selbst Furcht als Zuneigung genossen. Deutschland, früher der bequeme Tummelplatz für fremde Einmischung, wäre eben ein unbequemer Konkurrent geworden. Auch Bismarck habe nicht verhindern können, daß der Revanchegedanke in Frankreich nicht erlöschen wolle, daß in Rußland nach dem Türkenkrieg eine deutschfeindliche Welle gekommen sei. Es sei auch nicht ganz unnatürlich, daß unsere aus dem Wachstum unserer Bevölkerung und unserer produktiven Kräfte hervorgegangene wirtschaftliche Expansion wenigstens bei einem Teil des englischen Volks die einst freundlicheren Gefühle allmählich in eine gewisse Besorgnis verwandelt hätte. Solche Gegnerschaften beruhten im letzten Ende auf elementaren Ursachen, wären aber nach meiner Überzeugung in keiner Weise unüberwindlich. Manche Gegensätze werde die Zeit heilen oder mildern. „Was wir brauchen, ist Kaltblütigkeit, Furchtlosigkeit, Stetigkeit, Ruhe nach außen und im Innern!" Unter Bewegung im ganzen Hause erinnerte ich an das tiefsinnige Bild unseres größten deutschen Meisters, an jenes Bild von Albrecht Dürer, das einen Ritter darstellt, der in voller Rüstung neben Tod und Teufel ruhig und kaltblütig das Tal hinan reitet. Diesem Bild stellte ich ein anderes gegenüber, das ich vor einiger Zeit in einer französischen Zeitung gefunden hatte. Es DIE SCHULDENWIRTSCHAFT 383 stellte einen deutschen Kürassier dar, mit blankem Pallasch und Helm, aber in abgerissener Uniform, der einem hochmütig, mit abwehrender Geste vorübergehenden Fremden bettelnd die Hand entgegenstreckt, ein Bild, wie sich unsere Finanzlage und damit unsere Verteidigungsfähigkeit, unsere Schlagfertigkeit in weiten Kreisen des Auslandes darstelle. Hier liege eine Gefahr, und diese Gefahr zu überwinden, hänge ganz allein von uns ab. Wir wollten und müßten diesmal ganze Arbeit tun. Kein Mensch in der ganzen Welt zweifle daran, daß das deutsche Volk stark genug wäre, die für eine gründliche Reichsfinanzreform erforderlichen Lasten zu tragen. Jedermann wisse, daß in Deutschland jahraus, jahrein über drei Milliarden in Bier, Wein und Branntwein versoffen würden, daß der Deutsche die billigsten und preiswertesten Zigarren der Welt rauche. Der Tabak wäre bei uns mit etwas über 1 Y 2 Mark pro Kopf belastet, in Österreich mit fast 5 Mark, in Großbritannien mit über 6 Mark, in Frankreich gar mit fast 8 Mark! In Deutschland entfielen an Abgabe auf Bier auf den Kopf der Bevölkerung kaum 1% Mark, in Großbritannien dagegen über 6% Mark! An Branntweinsteuer betrüge die durchschnittliche Belastung auf den Kopf bei uns etwas über 2% Mark, in Frankreich mehr als 6% Mark, in Großbritannien 8% Mark! Dabei nehme der Reichtum in Deutschland erfreulicherweise gewaltig zu. Ich schätzte unseren jährlichen Zuwachs an Nationalvermögen auf fast vier Milliarden Mark. Der Wert der Privatdepots bei den Banken steige jährlich um 400 Millionen Mark. Allein in Börsenwerten würden jährlich in Deutschland etwa drei Milliarden aufgenommen. Dazu kämen 500 Millionen Mark Sparkassen-Neueinlagen und 225 Millionen Einlagen bei den Genossenschaftsbanken. Ein solches Land sei nicht arm, ein solches Land könne im Interesse seines Ansehens, seiner Sicherheit noch weit stärkere Lasten tragen. Das alles sehe nicht nach Bankrott aus, deute nicht auf Niedergang hin. Aber einen moralischen Bankrott würden wir erleiden, wenn wir nicht endlich Wandel schafften und mit der Schuldenwirtschaft brächen. Ich berief mich auf den mir befreundeten freisinnigen Prorektor der Freiburger Universität, den Professor von Schulze-Gävernitz, der kürzlich erklärt habe, daß die deutsche Finanzmisere nicht auf mangelnder Steuerfähigkeit, sondern auf mangelnder Steuerwilligkeit beruhe. Ich berief mich auf meinen alten Gönner und Freund, den Professor Adolf Wagner, der von deutscher „Steuerfilzigkeit" und „Steuerknickrigkeit" gesprochen hätte. Ich richtete an den Reichstag und über den Reichstag hinaus an das deutsche Volk gleichzeitig eine ernste Mahnung zu größerer Sparsamkeit. Ziemlich plötzlich reich geworden, glichen wir demjenigen Erben, der seine Verhältnisse überschätze, sich nicht einzurichten verstehe und nun wahrnehme, daß er über sein Budget hinaus gelebt habe. „Wir waren zu lange 384 DER ÜBERFLÜSSIGE LUXUS arm, um nicht der Versuchung zu unterliegen, es unseren reichen Nachbarn in Wohlleben und Luxus gleichzutun. Ich will es offen aussprechen. Es ist bei uns eine Zeit des Luxus, der Überschätzung des materiellen Genusses eingerissen, die jeden mit ernster Sorge erfüllen muß, dem das höchste Gut unseres Volkes, seine intellektuelle Kultur, am Herzen liegt. Wir müssen alle in unserer ganzen Lebenshaltung zurück zu größerer Einfachheit." Als mich Zurufe von den Sozialdemokraten unterbrachen, erwiderte ich: „Ich nehme niemanden aus. Eine einfache Lebenshaltung ist würdiger, sie ist vornehmer, und gerade den Deutschen kleidet sie besser." Ich erinnerte daran, daß von jeher Reichtum ein Mittel zur Macht gewesen ist. Er werde das mit jedem Jahrzehnt mehr, weil mit jedem Jahrzehnt die wirtschaftlichen und industriellen Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse wichtiger würden für die internationalen Beziehungen und für die Gruppierung der Völker. Ich rühmte die mir aus meinem langen Aufenthalt in Frankreich wohlbekannte, bewunderungswürdige Sparkraft der Franzosen, die „force d'epargne" des einzelnen Franzosen und der einzelnen Französin, die uns in dieser Beziehung ein nachahmenswertes Beispiel gäben. Ich forderte die Fachmänner auf, diese meine Ausführungen aus persönlicher Kenntnis und Erfahrung im einzelnen zu ergänzen und zu bereichern. Ich betonte unter dem Beifall der Sozialdemokraten, daß meine Mahnung über den überflüssigen Luxus sich in erster Linie an die mittleren und an die höheren Stände richte. Ich ging auch hier von meinen persön- bchen Erfahrungen aus, und ich erinnerte daran, wie einfach es in Bonn auf unserem Kasino zugegangen wäre, als ich dort als Leutnant bei den Königshusaren gestanden hätte. Als diese Reminiszenz von einem Teil des Hauses mit Heiterkeit aufgenommen wurde, wiederholte ich noch einmal, daß dies ein sehr ernstes, ein trauriges Kapitel sei: Es sei des deutschen Volkes, es sei seiner kulturellen Größe, es sei seiner ruhmvollen geistigen Geschichte unwürdig, daß solche gesellschaftliche Sitte oder vielmehr Unsitte, welche die gesellschaftliche Schätzung zu einer Frage des Geldes mache, solche soziale Moral oder vielmehr Unmoral hätte aufkommen können. Ich schloß mit dem Ausdruck der festen Zuversicht, daß der Reichstag die Dringlichkeit und die Größe der ihm gestellten Aufgabe erkennen, daß die Vertreter der Nation diese Aufgabe so erfüllen würden, wie es eines großen, friedlich vorwärtsstrebenden und starken Volkes würdig wäre. Nach mir ergriff der neue Staatssekretär des Reichsschatzamts Sydow Debüt das Wort. Ich muß hier gleich bemerken, daß seine Wahl keine glückliche, des Staats- sondern ein Mißgriff von mir war. Als ich die Unerläßlichkeit einer gründ- sekretärs {[q^^ Finanzreform und damit einer für damalige Begriffe erheblichen Steuervermehrung erkannt hatte, war mir klargeworden, daß diese Aufgabe Sydow DER KAISER NICHT FÜR RATIIENAU 385 mit dem bisherigen Reichsschatzsekretär Stengel nicht zu lösen war. Er war ein gewissenhafter, vorzüglicher Beamter, aber als langjähriger bayrischer Bevollmächtigter zum Bundesrat mit dem bisherigen System zu eng verknüpft, um als scharfer Besen verwertet werden zu können. Auch stand er der Zentrumspartei nahe, die wünschte, mich anläßlich der Finanzreform und durch die Finanzreform zu Fall zu bringen. Als Nachfolger dachte ich zunächst an Walter Rathenau, der viel in meinem Hause verkehrte und mir wiederholt Beweise großer und feuriger Verehrung für mich gegeben hatte. Am Abend des 17. November übersandte er mir ein prächtiges Blumenarrangement mit seiner Visitenkarte, auf der stand: „Dem Retter des Vaterlands sein allezeit getreuer Walter Rathenau." Ich glaube noch heute, daß er sich zum Reichsschatzsekretär wohl geeignet haben würde, besser als später zum Minister des Äußern. Bei Kaiser Wilhelm war er wohlgelitten. Ich habe schon gelegentlich erwähnt, daß dem Kaiser konfessionelle Voreingenommenheit und Rassenvorurteile, insbesondere auch jeder Antisemitismus völlig fernlagen. Er meinte aber, daß die Ernennung eines Israeliten für dieses im damaligen Moment besonders wichtige Amt des Reichsschatzsekretärs die Rechte zu sehr verstimmen würde, die ohnehin gerade in Steuerfragen schwer bei der Stange zu halten war. Aus diesem Grunde lehnte er auch den sehr klugen Bankier Carl Fürstenberg ab und selbst seinen Liebling Albert Ballin. Ich bin übrigens nicht sicher, ob die beiden letztgenannten, vorher und nachher von mir sehr geschätzten Herren meinem Rufe gefolgt wären, wenn ich einen solchen an sie gerichtet hätte. Ich wendete mich dann an einen anderen hervorragenden Bankier, Herrn Waldemar Müller von der Dresdner Bank. Er lehnte ab, da er gerade in diesem Augenblick nicht aus der Bank ausscheiden könne, deren Hauptdirektion kurz vorher zwei ihrer Mitglieder verloren habe. So mußte ich einen Beamten wählen, und meine Wahl war auf den bisherigen Unterstaatssekretär Sydow gefallen. Sydow war ein ehrenhafter, fleißiger und gewissenhafter Mann, den viele der traditionellen guten Eigenschaften des preußischen Beamten zierten, aber er besaß auch manche der Fehler, die unseren Bürokraten nun einmal anhaften. Er war steif, er war starr, er übersah über kleinen Erwägungen oft die große Linie, er war unbeholfen, er war zu gründlich. Er hatte nicht über das tiefsinnige Wort des französischen Dichters nachgedacht, das freilich gerade der brave Deutsche schwer versteht: Glissez, heureux mortels, n'appuyez pas. Die Rede, mit der er sich am 19. November einführte, war offenbar in Die Kaiserin mühseliger Arbeit am Schreibtisch entstanden, lang, streng sachlich, aber interveniert 25 BUlow II 386 DER LAKAI DER KAISERIN langweilig und deshalb wirkungslos. Während die Worte von seinen Lippen fielen wie die Tropfen eines stillen Landregens, verließ ich das Parlament. Als ich in der Richtung vom Reichstag nach dem Großen Stern ging, um mir die Beine zu vertreten und mich ein wenig zu erfrischen, näherte sich mir ein Herr, den ich als einen königlichen Lakaien erkannte, obwohl er in Zivil, nicht in Livree war. Er übergab mir einen Brief. Ich erkannte auf der Adresse des Kuverts sofort die Handschrift der Kaiserin. Das Billett enthielt nur die wenigen Worte: „Ich möchte Sie sprechen. Alles Weitere durch den Überbringer. V." Wir gingen nun zusammen weiter. Wenige Minuten später hielt mein Begleiter eine verschlossene Droschke an, mit der wir zum Potsdamer Bahnhof gelangten, von wo wir mit der Wannseebahn nach Potsdam fuhren. Wir benützten, um unerkannt zu bleiben, ein Abteil zweiter Klasse. Von Potsdam aus fuhren wir wieder in einer verschlossenen Droschke bis in die Nähe des Neuen Palais. Ihre Majestät die Kaiserin empfing mich im Erdgeschoß. Sie hatte rotgeweinte Augen, aber ihre Haltung war durchaus königlich. Sie frug mich sofort: „Muß denn der Kaiser abdanken? Wollen Sie, daß er abdankt?" Ich entgegnete ohne einen Augenblick der Besinnung mit größter Bestimmtheit, daß mir jeder solche Gedanke fernhege und daß ich die Abdankung auch in keiner Weise für notwendig hielte. Die Kaiserin setzte sich und bat mich, auch Platz zu nehmen. Sie erzählte mir, daß der Kaiser einen „Nervenschock" erhtten habe, einen „Kollaps". Das wäre schon früher dagewesen nach starken Erregungen, z. B. nach seiner mißglückten Rede an die Brandenburger Herren, auch nach der Swinemünder Depesche an den Prinzregenten von Bayern. Diesmal sei es aber viel ärger. Der Kaiser habe sich zu Bett legen müssen, mit Schüttelfrost und Weinkrämpfen. Ich setzte nun der Kaiserin die Lage auseinander. Ich brauchte ihr nicht die Gründe darzulegen, die zu der heftigen Erregung der öffentlichen Meinung geführt hatten, denn obwohl in felsenfester Treue und grenzenloser Liebe ihrem Gemahl ergeben, machte sich die Kaiserin mit ihrem feinen Takt und ihrem ausgeprägten Bon sens keine Illusionen über die gefährlichen Seiten in der Natur ihres hohen Gemahls. Ich erklärte der Kaiserin, und mit voller Überzeugung, ich könne ihr mit bestem Gewissen die Versicherung geben, daß der nach meiner Reichstagsrede schon im Abflauen begriffene Sturm bald vorübergegangen sein werde. Ich würde es zu keinerlei Verkürzung der verfassungsmäßigen und traditionellen Rechte der preußischen Krone kommen lassen, darauf könne sie sich fest verlassen. Der Kaiser müsse freilich endlich ruhiger werden, vorsichtiger und besonnener im Auftreten, im Reden und Schreiben, in allem seinem Tun. Ich würde es für sehr nützlich halten, wenn der Kaiser bei der Feier erschiene, die am 21. November, d. h. übermorgen, im Berliner Rathaus stattfände. DER THRONERBE INFORMIERT SICH 387 Die Kaiserin meinte, sie wisse nicht, ob Seine Majestät dazu übermorgen schon imstande sein würde. Ich entgegnete, der Kaiser sei eine Steh-auf- Natur. Wenn Ihre Majestät ihm gut zuspräche, werde er kommen und seine Sache im Rathause sehr gut machen. Ich hätte ihm eine schöne Rede vorbereitet. Als die Kaiserin mich entließ, schien sie getröstet und beruhigt. Ich kam auf demselben Wege, in derselben Weise völlig unerkannt wieder nach Hause, wo meine Abwesenheit gar nicht bemerkt, sondern auf einen längeren Spaziergang im Tiergarten zurückgeführt worden war, wie ich solche nicht selten unternahm, auch ohne Begleitung durch die mir beigegebenen wackeren Polizisten. Am 20. November kam der Kronprinz zu mir. Er wußte ebensowenig wie sein Herr Vater, daß ich am Tage vorher im Neuen Palais vorgesprochen Besuch des hatte. Er kam, um sich über die Lage der Dinge zu informieren. Er war wie Kronprinzen immer höflich und bescheiden, im Gegensatz zu seinem Herrn Vater mehr zögernd, mehr rezeptiv als perorierend. Ich merkte aber bald, daß er nicht ungern wenigstens für einige Zeit die Zügel der Regierung ergriffen hätte. Während er sich über die überall hervortretende, gereizte, ja erbitterte Stimmung weiter Kreise gegen Seine Majestät den Kaiser in vorsichtigen, aber doch durchsichtigen Wendungen verbreitete, stieg vor meinem Geiste die berühmte Szene auf, in der Shakespeare den Prinzen von Wales, den nachmaligen König Heinrich den Fünften, schildert, wie er, am Bette seines schlafenden Vaters, König Heinrichs des Vierten, sitzend, die auf dessen Kissen liegende Krone erblickt, sie ergreift, sie sich aufsetzt: Hier sitzt sie, seht; Der Himmel schütze sie! Der Kronprinz frag, ob ich glaube, daß der Kaiser, der namentlich von Maximilian Harden, aber auch von anderen Seiten so maßlos angegriffen werde, „ohne weiteres" fortfahren könne zu regieren, als ob nichts vorgefallen wäre. Ob nicht eine Pause, und sogar eine längere Pause, wünschenswert, ja notwendig sei? Ich erwiderte, daß meines Erachtens der Kaiser schon morgen, geschweige denn in acht Tagen, sein hohes Amt in seinem ganzen Umfange wieder aufnehmen könne und werde. Wenn Seine Majestät der Kaiser und König künftig angemessen auftrete, werde er nicht mit verminderter, sondern mit vermehrter Autorität weiterregieren können. Die preußische Krone sei aus sehr festem Metall geschmiedet. Sie verkörpere eine fast fünf hundertjährige glorreiche Geschichte, stromweise sei für sie das Blut des märkisch-preußischen Volkes genossen, von Fehrbellin bis Mars-la- Tour. Die deutsche Kaiserkrone, die Wilhelm I. mit Bismarck aus dem Kyff- häuser hervorgeholt habe, umgebe noch immer ein Zauber, ein Nimbus ohnegleichen. Es müßten „ungeheure Dummheiten" gemacht werden, um diesen 25" 388 „MEINE STADT BERLIN" Zauber, diesen Nimbus zu zerstören, diese Treue ins Wanken zu bringen. Der Kronprinz verließ mich mit etwas enttäuschtem Ausdruck. Wenn er in seinen Denkwürdigkeiten erzählt, daß er nach den Novembertagen als Stellvertreter seines Vatefs tiefe und ihn beunruhigende Einblicke in unsere Regierungsmaschine getan habe, so täuscht ihn sein Gedächtnis. Ich entsinne mich nicht, ihm in jener Zeit einen einzigen wirklich wichtigen Bericht unterbreitet oder einen bedeutsamen Vortrag gehalten zu haben. Jedenfalls habe ich, bevor der Kaiser völlig wiederhergestellt war, vom Kronprinzen keinerlei Entscheidung von irgend größerer Tragweite erbeten. Am 21. November fand im Berliner Rathaus die Hundertjahrfeier der Der Kaiser im preußischen Städteordnung statt. Der Kaiser erschien mit gewohnter Berliner Rat- Pünktlichkeit. Er sah noch immer blaß aus. Er begrüßte alle Anwesenden ^ aus mit großer Freundlichkeit. Auf die Ansprache des Oberbürgermeisters erwiderte er nicht, wie dies bisher seine Gewohnheit gewesen war, in freier Rede, sondern er nahm aus meinen Händen die von mir aufgesetzte Rede entgegen, die er mit kräftiger Stimme, ganz unbefangen vorlas. Es hieß in dieser Ansprache: „Der mit der Gewährung der Selbstverwaltung von Meinem Ahn seinem Volk gegebene Beweis des Vertrauens und der damit verbundene Appell an die geistige und sittliche Kraft des Bürgertums haben reiche Früchte gezeitigt. Echtes Gold wird klar im Feuer. Das echte Gold deutscher Treue und Tüchtigkeit, welche die Bürgerschaft der Städte erfüllen, ist im Feuer der Befreiungskriege geklärt und in hundertjähriger ernster, opferfreudiger Arbeit für das Gemeinwohl bewährt. Wenn nach den Worten des Preußenliedes nicht immer heller Sonnenschein leuchten kann und es auch trübe Tage geben muß, so sollen aufsteigende Wolken ihre Schatten niemals trennend zwischen Mich und Mein Volk werfen. Gott segne Meine Stadt Berlin!" Die Rede wurde von allen Anwesenden, auch von den linksgerichteten Stadtverordneten, mit Beifall aufgenommen. Als er seine Rede verlesen hatte, winkte mich der Kaiser zu sich und gab mir das Manuskript der Rede wieder zurück, worauf er mir die Hand schüttelte. Er wollte zeigen, daß er sich als konstitutioneller Herrscher fühle. Die Erregung, welche die Novemberereignisse im deutschen Volke hervorgerufen hatten, zeigte sich auch in einer Flut von Briefen und Zuschriften an mich, von denen ich nur einige wenige wiedergeben kann. Der verständige, sehr patriotische König Wilhelm von Württemberg telegraphierte mir: „Ich kann mir nicht versagen, meiner lebhaften Freude Ausdruck zu geben, daß Eure Durchlaucht auch fernerhin die Leitung der Geschicke unserer gemeinsamen Lande in Ihrer erprobten Hand behalten werden." Auch sein ausgezeichneter Ministerpräsident Weizsäcker gab seiner „innigen" Freude Ausdruck, daß ich an der Spitze der Reichsgeschäfte verbliebe. Die badische Regierung sprach mir ihre „dankbare KUNDGEBUNGEN 389 und freudige Genugtuung" darüber aus, daß mein Verbleiben auf dem Posten des Reichskanzlers gesichert wäre. „Möge es Eurer Durchlaucht noch lange vergönnt sein, die deutsche Politik sicher und stetig zu leiten zum Segen des Reichs und zur Förderung des Friedens unter den Völkern." In der Zweiten Sächsischen Kammer erklärte der Staatsminister Graf Hohenthal in einer Debatte über die Reichspolitik: „In der Sitzung des Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten hat Fürst Bülow in vierstündigem freiem Vortrage über alles eingehende Mitteilung gemacht, was sich in den letzten Jahren in bezug auf die auswärtigen Angelegenheiten begeben hat. Diese Mitteilungen waren streng vertraulich. Ich kann aber hervorheben, daß in der Aussprache, an der sämtliche Mitglieder des Ausschusses teilnahmen, festgestellt wurde, daß die Leitung der auswärtigen Politik in den allerbesten Händen ist und daß der Reichskanzler, wenn er, wiewohl schweren Herzens, sich entschlossen hat, in kritischer Stunde die Bürde seines Amtes weiter zu tragen, dies aus reinem Patriotismus, Pflichtgefühl und Anhänglichkeit an den Kaiser geschah." Der bayrische Gesandte gab mir gegenüber im Auftrage des greisen Prinzregenten mit großer Wärme dem Wunsche Ausdruck, ich möge im Amt verbleiben. Zwei journalistische Veteranen aus der Bismarckzeit, Paul Lindau und Ludwig Pietsch, gratulierten mir mit gleicher Wärme wie Eugen Zimmermann, der spätere Mitarbeiter Wilhelms II. bei seinen „Erscheinungen und Gestalten". Dr. Oertel, Chefredakteur der agrarischen „Deutschen Tageszeitung", ein konservativer Politiker und Parlamentarier von Talent und Gewicht, begrüßte in einem an mich gerichteten Telegramm mein Bleiben „nicht nur im Interesse Eurer Durchlaucht, sondern in dem des Kaisers und des Reichs"; Gott möge mir Kraft und Frische geben, noch lange des schweren hohen Amtes zu walten, damit diese letzten bangen Tage bleibende gute Früchte zeitigten. In gleichem Sinne telegraphierte mir der Leiter der konservativen „Schlesischen Zeitung", Otto Ruese. Es fehlte auch nicht an scherzhaften Zuschriften. Ein „English admirer" schickte mir nachstehende, mit kunstvollen Lettern und großen Initialen auf Pergamentpapier gedruckten Verse: For the Kaiser Something to remember: If your lips you'd keep from slips Five things observe with care: Of whom you speak, to whom you speak And how, and when, and where. Albert Ballin telegraphierte mir „glücklich und von Herzen dankbar", daß ich in der hohen Stellung dem Vaterland erhalten bliebe. Der General 390 DAS BEFINDEN VON S. M. BESSERT SICH von Kracht, ein Veteran von Siebzig und Ehrenbürger der Stadt Zerbst, schickte mir eine Postkarte mit dem Bilde einer alten preußischen Fahne, die einer seiner Vorfahren geführt hätte. Er fügte hinzu, daß in seinen Kreisen nur eine Stimme der Genugtuung herrsche, daß ich weiter an der Spitze bliebe. Ein alter würdiger Pfarrer aus Unterfranken dankte mir für die Mannestat, die ich im Reichstag wie im Neuen Palais unter Zurückstellung persördicher Interessen zum „Wohl des Vaterlandes" vollbracht und für das „unermeßliche Verdienst", das ich mir dadurch um Volk und Monarchie erworben hätte. Er fügte hinzu: „Mein Christenglaube, der mich in dem Herrn aller Herren und König aller Könige den Lenker unserer Geschicke erkennen läßt, möchte Dank und Wunsch an Eure Durchlaucht in die Worte fassen: Der Herr segne Ihr ferneres Wirken zum Wohl des deutschen Vaterlandes und gebe Seiner Majestät dem Kaiser und Eurer Durchlaucht Kraft und Weisheit zu allem löblichen Tun." Ein deutscher Professor aus der national alt- und vielumstrittenen Stadt Flensburg schrieb: „Aus dem schwarzen Tag wurde ein großer Tag, vielleicht Ihr größter. Zu den Hunderttausenden, die in Dankbarkeit und Bewunderung heute abend zu dem Staatsmann und Menschen aufschauen, gehöre auch ich mit Frau und Kindern. Im Geiste ist mir ein Händedruck erlaubt." Aus dem Rheinland schrieb mir ein anderer Professor: „Möge Ihnen die feste Zuversicht nicht fehlen, daß dasjenige, was Sie für Deutschland geleistet haben und leisten wollen, überall von verständigen Männern nicht nur der Jetztzeit, sondern auch in der späteren Geschichte gewürdigt werden wird. Möge die Gottheit Sie schützen!" Er unterzeichnete: „Ein Deutscher, abseits der Bierbänke und der Parteien, fern allem Byzantinismus, voll einer hohen und von Lüge und Äußerlichkeit völlig freien Achtung." Während sich der Sturm der tiefgehenden Erregung im deutschen Volk allmählich beruhigte, besserte sich auch das körperliche Befinden Seiner Majestät. Am Tage nach der Rathausfeier ließ er mir noch telephonieren, ich möge ihm keine anderen Eingänge unterbreiten als solche, die auf seine Villa Achilleion in Korfu Bezug hätten. Von Politik wolle er nie wieder etwas hören. Einige Tage später schrieb mir Graf August Eulenburg, der Kaiser sei schon wieder recht munter, er spiele ganz vergnügt mit seinen Teckeln. In dieser Beziehung konnte ich den Kaiser ganz verstehen. Ich mag alle Tiere, ich Hebe außer den Pferden besonders die Hunde und unter den Hunden neben dem Pudel die Teckel. Sie sind seit dem Beginn meiner glücklichen Ehe immer um mich gewesen. In St. Petersburg die kleine Erda, die wir in der Mochowaja begruben, wo sie schlief, während sich das zaristische Rußland in die Sowjet-Union verwandelte. Nach Bukarest und Rom begleitete uns Waldi I, der seine letzte Ruhestätte im Garten des BÜLOWS HUNDE 391 Palazzo Caffarelli fand, des vieljährigen Sitzes der preußischen und deutschen Vertretung, den wir im Weltkrieg verlieren sollten. Im Garten des Reichskanzlerpalais wurde der kluge Froh heigesetzt, neben den Windspielen des Fürsten Radziwill und dem großen Tyras des großen Kanzlers. Im Garten der Villa Malta, nahe der von Goethe gepflanzten Palme, hat Erdmann seine Ruhe gefunden, der in Berlin und Norderney so oft Besucher in die Beine biß oder ihnen wenigstens die Hosen zerriß. Und jetzt leistet mir Waldi II Gesellschaft, der seit einem Jahrzehnt dem entamteten Kanzler ein treuer und hebevoller Gefährte ist. All meinen Hunden bewahre ich in meinem Herzen ein kleines, aber treues Plätzchen. XXVI. KAPITEL Veränderte Stimmung des Kaisers Bülow gegenüber • Höfische Einflüsse und Intrigen gegen Bülow • Reflexionen über die Pflichten des Staatsmannes • Weitergang der bosnischen Krise • Rundreise Iswolskis • Sein Besuch in Berlin • Frühstück beim Kaiser • Bülows Erlaß an den deutschen Botschafter in Wien • Die Haltung der Großmächte • Der russische Botschafter Graf Osten-Sacken bei Bülow • Rußland stimmt vorbehaltlos zu (24. III. 1909) • Die kriegerische Stimmung in Wien ■ Aehrenthal Nach und nach erholte sich Kaiser Wilhelm körperlich und seelisch von den Eindrücken des Novembersturms. Ich habe irgendwo eine hübsche Anekdote von einem Alpinisten gelesen, der sich bei Chamonix verstiegen hatte. Er versprach dem Führer, wenn er ihn gesund vom Montblanc herunterbringe, hunderttausend Francs. Als die schlimmsten Gletscher und Grate überwunden waren, offerierte er fünfzigtausend Francs. Im Tale angelangt, meinte er, daß zehntausend Francs eigentlich mehr als genug wären; er zürnte sogar dem Führer, daß er die Notlage übertrieben, ihn auch falsch geführt hätte. Als die durch die Gespräche des Kaisers in England hervorgerufene akute Krise überwunden war, setzten sofort Versuche ein, die Nachwirkung der Krise auf das Gemüt Seiner Majestät zu benutzen, um meine Stellung zu untergraben. Dadurch wurde zunächst eine verständige, wirtschaftlich und insbesondere politisch ersprießliche Durchführung der Reichsfinanzreform erschwert. Ich war nie im Zweifel darüber, daß ich eine Umgestaltung der Reichsfinanzreform in einer nach meiner Uberzeugung nicht nur Wirtschaft - hch, sondern auch politisch für uns schädlichen und verhängnisvollen Form nicht akzeptieren dürfe und könne. Ich habe immer wenig von den Ministern gehalten, „die auch anders können". Ein Minister und nun gar ein Reichskanzler soll in großen Fragen mit seiner Überzeugung stehen und fallen, und er soll Überzeugungen haben. In Fragen, für die er sich ernstlich eingesetzt hat, soll der leitende Staatsmann keine Wetterfahne sein, die sich ebenso gern und ebenso leicht nach rechts wie nach links dreht. In Fragen, von deren richtiger Lösung nach seiner Überzeugung die Zukunft des Landes abhängt, soll der führende Staatsmann nicht umfallen. Mit solcher Auffassung meiner Stellung, meines Amtes und seiner Pflichten mußte ich 1908 bei der Flatterhaftigkeit und UnZuverlässigkeit Wilhelms II. die MÖGLICHKEIT VON BÜLOWS RÜCKTRITT 393 Möglichkeit meines Rücktritts ernstlich ins Auge fassen. Um so mehr war ich bemüht, meinem eventuellen Nachfolger die außen- und innenpolitischen Geschäfte in möglichst gutem Stand zu hinterlassen. In der inneren Politik wollte ich einerseits Konservative und Liberale zusammenhalten, denn es erschien mir bedenklich, die Regierung nur auf die Ritter und auf die Heiligen zu stellen. Gleichzeitig aber mußte durch eine gerechte, vernünftige und entgegenkommende Haltung nicht nur gegenüber der katholischen Kirche, dem Episkopat und dem Vatikan, sondern auch gegenüber dem Fühlen, Glauben und Empfinden des katholischen Teils des deutschen Volkes der Zentrumspartei der „aditus ad pacem" offengehalten werden. In der bosnischen Frage mußte die Krise zu einem Abschluß gebracht werden, der ohne Schädigung unserer Beziehungen zu Rußland den Fortbestand Österreichs sicherte. Eine Verständigung mit England über die Flottenbau- frage, namentlich über das Bautentempo, lag mir nicht minder am Herzen. Ich kehre zunächst zur bosnischen Frage zurück, die zuletzt Ende Oktober 1908 Gegenstand einer längeren Besprechung zwischen Seiner Iswolskis Majestät und mir gewesen war. „Wehe denen, die bei sich selbst weise sind Mißerfolg und halten sich selbst für klug", warnt Jesaias, und Paulus empfiehlt der jungen Christengemeinde in Rom unter anderen goldenen Lebensregeln: „Haltet euch nicht selbst für klug." Ob die ersten Leser des Römerbriefs diese Lehre beherzigt haben, wissen wir nicht, möchten es aber annehmen. Dagegen haben die Könige Usia, Jotham, Ahas und Jehiskia von Juda nicht den Rat des größten Propheten des Alten Bundes befolgt. Und das bekam ihnen schlecht. Alexander Petrowitsch Iswolski hielt sich selbst für sehr klug. Er besaß auch tatsächlich eine gute Portion jener slawischen Schlauheit, die namentlich im dreisten Lügen und unbefangenen Fordern besteht und durch die sich der redliche Deutsche im Laufe seiner Geschichte oft hinter das Licht führen ließ, hier und da von den Russen, noch häufiger von Tschechen und Serben, am häufigsten von den Polen. Und trotz solcher Pfiffigkeit beging Iswolski seit der Begegnung mit Aerenthal in Buchlau Fehler auf Fehler, Dummheit über Dummheit. Es war, wie ich schon ausführte, ein grober Fehler, daß er am 15. September 1908 Aehren- thal in Buchlau nicht ersucht hatte, ihm klipp und klar zu sagen, wann und in welcher Form er die Annexion Bosniens und der Herzegowina vorzunehmen gedenke. Es war ein weiterer und großer Fehler, daß er, als ihn Aehrenthal mit der Annexionsproklamation vom 5. Oktober 1908 überraschte, nicht sofort nach St Petersburg zurückkehrte, um dort sowohl gegenüber dem Zaren wie in der Duma seine Politik mit offenem Visier und mannhaft zu verteidigen. Statt dessen hatte er, ein anderer Odysseus, in fast komischer Weise Quer- und Irrfahrten durch die europäischen Hauptstädte unternommen. Er war nach Wien erst in London, dann in Paris 394 ISWOLSKI GEBROCHEN erschienen. Der Zweck seiner Reisen sollte die Förderung, vielleicht und hoffentlich die Erfüllung der russischen Dardanellenwünsche sein. Damit hatte er nun weder an der Themse noch an der Seine Glück gehabt. In London wurde ihm gesagt, daß das liberale englische Kabinett mit Rücksicht auf den linken Flügel der liberalen Partei sich nicht durch Unterstützung der russischen Dardanellenaspirationen den Jungtürken unangenehm machen könne, die als Freiheitshelden dem englischen Radikalismus ebenso sympathisch waren, wie dieser vordem den Sultan als „blood- stained tyrant" verabscheut hatte. Auch in Paris hatte Iswolski nichts erreicht. In beiden westlichen Hauptstädten ging er mit seinen Klagen über Aehrenthal wie mit seinem inopportunen Drängen wegen der Dardanellen aller Welt auf die Nerven. „Iswolski is a great boar", hieß es in London, „Iswolski nous embete" in Paris. Iswolski brachte es aber nicht über das Herz, auf die ihm in englischen Schlössern winkenden „selected parties" zu verzichten. Er brachte es noch weniger über sein zärtliches Gattenherz, seiner Frau die Bitte abzuschlagen, in Paris für sie Weihnachtstoiletten zu kaufen. Mimi Iswolski war eine reizende Frau, eine liebevolle Gattin und gute Mutter, dabei hübsch und elegant. Die galanten Franzosen nannten sie später, als Iswolski russischer Botschafter in Paris geworden war: Le sourire de Paris. Aber im Herbst 1908 war sie kein Glück für ihren Mann, den sie zu weiterem Hinausschieben seiner Rückkehr nach St. Petersburg veranlaßte. Am 24. Oktober 1908 traf Iswolski in Berlin bei mir ein. Er erschien vor mir als gebrochener Mann. In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. Je betrübter Iswolski war, um so mehr ließ ich es mir angelegen sein, ihm mit ruhiger Freundlichkeit zu begegnen, und das nicht nur aus angeborener Gutmütigkeit und in Erfüllung einer Christenpflicht, sondern weil ich es für politisch nützlich hielt. Iswolski erinnerte mich daran, daß, als er in einer allerdings lange nicht so fatalen Lage, vor seiner Versetzung nach Tokio, meinen Rat erbeten hätte, ich ihn nicht nur in freundschaftlicher, sondern auch in überlegter und kluger Weise remontiert hätte. Es ginge ihm wirklich schlecht. „Alors je me trouvai devant une täche diffi- cile. Aujourd'hui je suis dans un affreux petrin." Ich erwiderte ihm, daß ich nicht nur von dem Wunsch erfüllt wäre, mich ihm als meinem langjährigen Freund nützlich zu machen, sondern vor allem die traditionellen, für beide Länder gleich lebenswichtigen guten Beziehungen zwischen dem deutschen und dem russischen Reich vor Schädigung zu bewahren. Ich könne aber natürlich nicht Österreich im Stiche lassen. Lächelnd fügte ich hinzu: „Sie wollen sich ja auch nicht von Frankreich trennen." Es war EIN WÜTENDER AFFE 395 dem russischen Minister nicht zu verargen, wenn er darauf entgegnete, daß die Weigerung, den Bismärckschen RückVersicherungsvertrag fortzusetzen, von deutscher Seite, von Caprivi, Marschall und Holstein ausgegangen wäre. Ich schnitt diese retrospektiven Betrachtungen ab, indem ich darauf hinwies, daß in der bosnischen Frage die habsburgische Monarchie nicht nur das Vertragsrecht auf ihrer Seite habe, sondern auch in ihrem diplomatischen Spiel einige sehr starke Atouts in Händen halte, ganz besonders den Brief, durch den Iswolski selbst Aehrenthal aufgefordert hätte, die Okkupation in eine Annexion zu verwandeln. Alexander Petrowitsch hatte hierauf nicht viel zu erwidern. Die von ihm begangenen Fehler lagen zu deutlich zutage. Er wiederholte nur immer: „Le sale juif m'a trompe, il m'a menti, il m'a mis dedans, l'affreux juif." Aufgeregt, mit hochrotem Kopf und verzerrtem Gesicht, glich er einem wütenden Affen. Ich steckte meine beiden Zeigefinger in meine beiden Ohren und sagte ihm ruhig und ernst: „Tant que vous direz du mal de mon ami Aehrenthal, je me bouche les oreilles. Mais je vous promets que, si Aehrenthal se servait jamais de termes aussi inconvenants sur mon ami Iswolski, je me boucherais egalementles oreilles." Nach und nach beruhigte sich der erregte Mann. Zur Erklärung der von ihm begangenen diplomatischen Fehler wußte er freilich nichts Neues vorzubringen. Er wiederholte, daß er „leider" an die Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit von Aehrenthal geglaubt habe, aber grausam enttäuscht worden sei. Das war fast komisch von Seiten eines russischen Ministers, da der berühmteste russische Diplomat der letzten fünfzig Jahre, Ignatiew, mit Stolz den ihm von den Türken gegebenen Beinamen „Vater der Lüge" trug und auch Gortschakow, Saburow und manche andere russische Staatsmänner sich nicht gerade durch Wahrheitsliebe ausgezeichnet hatten. Ich flocht die Frage ein, ob Iswolski in London und Paris hinsichtlich der Dardanellen-Frage positive Ergebnisse erzielt hätte. Er erwiderte mir mit einiger Verlegenheit, in London sei ihm gesagt worden, daß eine liberale englische Regierung bei der Stimmung der liberalen englischen Wähler gegenwärtig nicht russische Wünsche unterstützen könne, welche die Jungtürken in große Aufregung versetzen und in eine schwierige Position bringen würden. Als ich mich erkundigte, wie man sich in Paris zur Dardanellen-Frage stelle, meinte Iswolski, die Franzosen behaupteten, in dieser Angelegenheit nichts ohne England tun zu können. Auch müsse die französische Regierung Rücksicht auf den kleinen französischen Rentier nehmen, der stark in türkischen Werten engagiert sei. Ohne in den Ton des Pharisäers zu verfallen, der Gott dankt, daß er nicht sei wie der Zöllner, verhehlte ich dem russischen Minister nicht meinen Standpunkt zur Dardanellen-Frage. Ich stünde in dieser Beziehung noch immer auf dem Boden des Bismärckschen RückVersicherungsvertrages. Deutschland habe an der ■I 396 DIE EUROPÄISCHE KONFERENZ Meerengenfrage kein primäres Interesse. Unsere Stellungnahme zu dieser Frage sei abhängig von der allgemeinen Lage und der Konstellation zwischen den Mächten, natürlich auch von der uns von Rußland zuteil werdenden Behandlung. Wir würden die russische Meerengenpolitik nicht bekämpfen. Daß wir sie bei der heutigen Gruppierung der Mächte förderten, werde Iswolski selbst kaum erwarten, da ja sein Verbündeter Frankreich weder im Sandschak noch in den Meerengen die volle Souveränität der Türkei beeinträchtigen wolle. ,,Je ne vous dis pas: lächez la France et nous lächerons l'Autriche, mais je vous dis: soyons, vous dans l'Entente, nous dans la Triple-Alliance, un element de paix et de conciliation." Iswolski reichte mir die Hand mit den Worten: „Votre langage est non seulement celui d'un homme d'etat, mais aussi celui d'un ami de la Russie. J'ai pleine confiance en vous, et mon souverain a pour vous les memes sentiments que moi." Als Iswolski mich am nächsten Tage wieder aufsuchte, war er in ruhigerer Stimmung als bei seinem ersten Besuch. Ich benutzte dies, um die allgemeine Lage und eine Reihe von Einzelpunkten sachlich mit ihm durchzusprechen. Hinsichtlich der Konferenz sagte ich ihm, ich hätte keine grundsätzliche Abneigung gegen den Konferenzgedanken, lehnte eine solche auch nicht prinzipiell ab. Als notwendige Voraussetzung für eine Konferenz betrachtete ich aber eine vorherige Einigung zwischen den Mächten über die auf der Konferenz zu behandelnden Fragen. Ein Konzert dürfe erst beginnen, wenn die Instrumente gestimmt wären. Iswolski irre sich, wenn er jeden österreichisch-ungarischen Schritt auf unser Konto setze. Ich machte ihn auch nicht für alles verantwortlich, was in Paris geschehe, dort gefördert und gehofft werde. Österreich-Ungarn sei eine ebenso unabhängige Großmacht wie Frankreich. Es treibe eine unabhängige Balkanpolitik. Bei einer retrospektiven Kritik des österreichischungarischen Vorgehens käme nicht viel heraus. There is no use crying for spilt milk. Daß wir für Österreich-Ungarn in seiner augenblicklichen Bedrängnis fest und ehrlich eingetreten wären, sei für uns ein Gebot nicht nur der Loyalität, sondern auch der Klugheit gewesen. Für den Türken brauchten wir uns jetzt gar nicht besonders einzusetzen, da England ihn unter seinen besonderen Schutz genommen habe. „Les Anglais sont devenus plus turcs que les Turcs." (Iswolski nickte.) Da wir in der Türkei nach meiner Ansicht keine direkten politischen Interessen hätten, so wäre dort für uns jede Politik möglich, natürlich unter Rücksichtnahme auf unsere erheb- Uchen wirtschaftlichen Interessen. Die Garantierung des europäischen Besitzstandes der Türkei erschiene mir als ein Gedanke, dessen Durchführung im Interesse aller Mächte wie des Friedens liege. Iswolski griff diese im Konversationston leicht hingeworfene Äußerung sofort auf. Er sei zu lange EIN FRÜHSTÜCK IM BERLINER SCHLOSS 397 im Orient gewesen, um nicht den Egoismus, die Unzuverlässigkeit und die durchaus demokratisch-radikalen Instinkte der Balkanvölker zu kennen. Bulgaren und Serben, Rumänen und Griechen seien gleich nichtsnutzig, gleich unzuverlässig. Wenn die Dardanellen-Frage in einer für Rußland annehmbaren Weise geregelt würde, so wäre der Status quo auf der Balkanhalbinsel und der Fortbestand der Türkei alles in allem für Rußland das Erwünschteste. Als ich Iswolski sagte, daß sich die Türken bereits direkt mit Österreich-Ungarn und Bulgarien in Verbindung gesetzt hätten, und zwar, soweit Bulgarien in Frage komme, auf Frankreichs Rat, zuckte er die Achseln mit melancholischem Lächeln. Wahrheitsgemäß konnte ich ihm schließlich versichern, es sei mir ganz lieb, daß ich von Aehrenthal über dessen Annexionspläne erst so spät informiert worden sei. Auf diese Weise hätte ich freie Hand und keine Verantwortung. Wir trennten uns in freundschaftlicher Weise. Als mir Iswolski immer wiederholte, er gehe in St. Petersburg einem wahren Fegefeuer entgegen, er glaube nicht, daß er sich als Minister des Äußern halten werde, übrigens lauere sein Adjoint Tscharykow nur darauf, an seine Stelle zu treten, sagte ich ihm: „Vous serez encore ministre ou ambassadeur, quand je planterai mes choux dans le jardin de la Villa Malta." Er erhob abwehrend die Hände: „A Dieu ne plaise! Restez ä votre poste, nous avons tous besoin de vous." Kaiser Wilhelm hatte Iswolski zum Frühstück eingeladen; Ich hatte Seine Majestät gebeten, mit dem russischen Minister des Äußern keine ein- Isivohki Gast gehenderen politischen Gespräche zu führen, auf die bosnische Frage nur in rfes Kaisers allgemeinen Wendungen einzugehen, um so bestimmter aber unseren Wunsch nach Aufrechterhaltung des Friedens und der traditionellen guten Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu betonen. Vor allem möge er den russischen Minister mit ruhiger Freundlichkeit behandeln. Leider befolgte Wilhelm II. diesen Rat nicht. Im Grunde war ihm jeder Minister des Äußern unsympathisch, weil er am liebsten die großen politischen Geschäfte mit den fremden Souveränen ohne Mittelsperson behandelt hätte. „Ich verstehe mich am besten direkt mit meinen Kollegen", pflegte er zu sagen. Ich erkenne aber dankbar an, daß der Kaiser, solange er mich mochte, meinen Rat bereitwillig in Anspruch nahm, wenn auch nicht immer befolgte. Bei jenem Frühstück im königlichen Schloß am 25. Oktober 1908 schien der Kaiser etwas darin gesucht zu haben, alle politischen Bemerkungen, Anspielungen, geschweige denn Fragen des russischen Ministers, zu überhören und das Gespräch immer wieder auf die gleichgültigsten Vorgänge zu lenken. Zur Abwechslung unterbrach der Kaiser die Konversation durch uralte Kalauer und Anekdoten, unter großer Heiterkeit der anwesenden deutschen Gäste, denen vorher angekündigt worden war, daß Seine Majestät in dieser Weise Iswolski „frozzeln" würde. 398 WILHELMS II. ERHEITERT SICH Ich war bei diesem Frühstück nicht zugegen. Iswolski sagte mir beim Abschied: „Vous avez ete charmant pour moi. Quant ä Sa Majeste l'Empereur, il s'est beaucoup egaye ä mon sujet. J'ai eu l'honneur de lui servir de tete de turc." Ich hatte Seiner Majestät seit dem Beginn der bosnischen Krise immer wiederholt, es käme darauf an, daß einerseits die Österreicher nicht die Nerven verlören, sich andererseits aber auch nicht zu Schritten hinreißen ließen, die zu einem allgemeinen Krieg führen könnten. Um der erstgenannten Gefahr vorzubeugen, richtete ich am 12. De- Bülow an zember 1908 einen Erlaß an den kaiserlichen Botschafter in Wien, Herrn Tschirschky von Tschirschky,in dem ich die von englischer wie namentlich von russischer Seite über die Möglichkeit und selbst Wahrscheinlichkeit eines Krieges im kommenden Frühjahr verbreiteten Nachrichten als Einschüchterungsversuche bezeichnete. Nach unseren Nachrichten aus Rußland und über Rußland denke dort trotz der gereizten Sprache des in seiner Eigen- Uebe gekränkten Iswolski kein ernster Staatsmann an Krieg. Wie ich aus Paris, aus gut unterrichteten Bankkreisen, hörte, müsse Rußland spätestens im Frühjahr größere Ansprüche an den europäischen Geldmarkt erheben. Die Einlösung der in Frankreich placierten, im Mai fälligen Schatzbonds lasse sich kaum länger verschieben. Das Defizit des außerordentlichen Budgets, zirka hundertfünfzig Millionen Rubel, müsse gedeckt werden. Uber die dazu erforderliche Anleihe von einer Milliarde Mark sei ein Ubereinkommen zwischen Rußland und Frankreich im Prinzip fertig. Beide Länder hätten daher alles Interesse, die vorhandene politische Spannung beseitigt zu sehen. Gerade weil in Rußland an eine kriegerische Aktion zur Zeit nicht ernstlich gedacht werde, sei Iswolski um so emsiger bemüht, die Doppelmonarchie durch Kriegsfanfaren einzuschüchtern. Rebus sie stantibus, sei Festigkeit für Österreich die richtige Politik. Andererseits möge sich die österreichisch-ungarische Monarchie gegenüber der Türkei namentlich in Geldfragen kulant zeigen. Sie werde auch sehr wohl daran tun, durch eine geschickte und entgegenkommende Politik Bulgarien, Rumänien und Griechenland auf ihre Seite zu ziehen. Österreich dürfe weder die Türkei zu hart behandeln noch die Balkanstaaten vernachlässigen oder gar brüskieren. Österreich müsse Rumänien in den Handelsvertragsverhandlungen entgegenkommen, es möge auch die Rumänen im Bereich der Stefanskrone freundlicher behandeln. Griechenland könne auf Albanien verwiesen werden. Natürlich müsse das Wiener Kabinett Italien in Tripolis freie Hand lassen, da dort ItaHen wegen Ägyptens den Engländern, wegen Tunis den Franzosen nicht bequem wäre, österreichische und deutsche Interessen aber in keiner Weise schädige. Bulgarien müsse ebenso wie Rumänien von Österreich auch in der Form freundbeh behandelt werden. Ich schloß diesen Erlaß, den der Botschafter von Tschirschky ÖL INS FEUER 399 dem Minister Aehrenthal vorzulesen hatte, mit der Versicherung, ich sei überzeugt, daß die ganze Krisis durch Festigkeit auf der einen, durch Entgegenkommen auf der anderen Seite zu einem guten Ende geführt werden könne. Ende Dezember 1908 sah ich das erste sichere Anzeichen, daß Iswolski den Rückzug antrat. Er richtete ein Rundschreiben an die Mächte, in dem er Iswolsk zwar das österreichische Vorgehen scharf kritisierte und seinen Vorschlag Rückzug auf Berufung einer europäischen Konferenz des näheren begründete, aber sich doch bereit erklärte, dem Wunsch der österreichischen Regierung insofern Rechnung zu tragen, als die Konferenz der vollendeten Tatsache, der Annexion, ohne Beratung zustimmen solle. Die Erörterung darüber zwischen den einzelnen Kabinetten könne vorher stattfinden. In ähnlichen Wendungen, die im Grunde eine Rückzugskanonade waren, bewegte sich Iswolski in der Rede, die er am 25. Dezember 1908 in der Duma hielt. König Eduard war während der ganzen bosnischen Krise eifrig bemüht, Öl ins Feuer zu gießen. Seine Lust an politischen Intrigen und seine Begabung für politische Giftmischerei zeigten sich in hellem Licht. Er hätte am liebsten Aehrenthal aus dem Sattel gehoben und ihn durch den österreichischen Botschafter in London, den Grafen Albert Mensdorff, ersetzt, der schon als entfernter Verwandter der englischen Königsfamilie, wie ich früher gelegentlich erwähnte, die volle Gunst des englischen Hofes genoß. Vorsichtiger und bedächtiger war die Haltung des englischen Ministers des Äußern. Sir Edward Grey war zweifellos von dem Wunsch erfüllt, es nicht bis zum Bruch zu treiben. Auch der damalige Unterstaatssekretär im Ministerium des Äußern, Sir Charles Hardinge, der seinerzeit im Homburger Schloß auf dem Billard mit Wilhelm II. die von mir geschilderte Unterredung gehabt hatte, wirkte in friedlichem Sinne. Dagegen hetzte der englische Botschafter in Petersburg, Nicolson, die Russen nicht nur gegen Österreich, sondern fast noch mehr gegen uns. Daß, wie ich vorgreifend erwähnen will, nicht lange nach meinem Rücktritt Nicolson im Jahre 1910 an Stelle Hardinges beständiger Unterstaatssekretär im Ministerium des Äußern wurde, war ein fast ebenso übles Symptom wie die zwei Jahre später, 1913, erfolgte Entsendung von Delcasse als Botschafter nach St. Petersburg. Tadellos war während der ganzen Krisis das Verhalten Rumäniens oder richtiger gesagt des Königs Carol. Der König ließ mir schon im ersten Stadium der Krisis sagen, ich könne mich ebenso fest auf eine korrekte Haltung von seiner Seite verlassen, wie er überzeugt sei, daß ich in voller Bündnistreue für Österreich doch den Weltfrieden nicht gefährden lassen werde. Die italienische Politik geriet in eine schwierige Lage. In der Debatte, Die Haltung die Anfang Dezember 1908 in der italienischen Deputiertenkammer über Italiens 400 ITALIEN IM DILEMMA die auswärtige Politik Italiens stattfand, richtete nicht nur der Triestiner Flüchtling und Irredentist Barzilai, sondern auch der Radikale Fortis, ein früherer Minister des Äußern, scharfe Angriffe gegen Österreich. Es gelang aber der Gewandtheit des damaligen Ministers des Äußern, späteren Botschafters in London und Paris und Senatspräsidenten Tittoni, unterstützt von der unerschütterlichen Ruhe des Ministerpräsidenten Giolitti, zwischen der Szylla und Charybdis, d. h. zwischen den italienischen Verpflichtungen gegenüber Österreich und der antiösterreichischen Stimmung weitester italienischer Kreise sich mit Erfolg durchzuwinden. Als es mir geglückt war, die bosnische Krise ohne Preisgabe noch Schädigung der habsburgischen Monarchie, aber auch ohne eine große Komplikation zum Abschluß zu bringen, machte sich gerade in Italien neben allgemeiner Befriedigung eine höhere Bewertung des Dreibunds geltend. Der damalige Führer der konstitutionellen Opposition und spätere Minister des Äußern, Sidney Sonnino, richtete an seine Wähler ein Sendschreiben, in dem es hieß: „Der Dreibund hat während der letzten Jahre fortgefahren, wirksam zur Erhaltung des Weltfriedens beizutragen. Es ist daher in jeder Hinsicht wünschenswert, daß es der Diplomatie gelinge, so bald wie möglich jeden leisen Zweifel, Argwohn oder Mißverständnis, die zwischen den Verbündeten entstanden sein könnten, zu zerstreuen, und daß schleunigst zwischen der italienischen Regierung und der des benachbarten Kaiserreichs (Österreich) die Beziehungen von Vertrauen und Herzlichkeit wiederhergestellt werden, welche die Lösung jeder noch so verwickelten und schwierigen Frage so sehr erleichtern." Der frühere und spätere Minister des Äußern, Guicciardini, hielt vor seinen Wählern in San Miniato eine Rede, in der er erklärte, daß er den Dreibund für die große Bürgschaft des Friedens und also auch für einen großen Faktor des Fortschritts erachte. Trotz solcher günstigen Symptome konnte es für den ruhigen und mit einigem Scharfsinn begabten Beobachter der internationalen Beziehungen und der allgemeinen Weltlage natürlich nicht zweifelhaft sein, daß, wenn Österreich in Serbien einrücken würde und daraus eine Verwicklung entstünde, es ohne starke Angebote an Italien nicht möglich sein würde, die Halbinsel im Dreibund zu halten. Am 14. März 1909 ließ sich der russische Botschafter, Graf Osten- Bülow Sacken, bei mir melden. In der Unterredung, die ich noch am gleichen vermittelt Tage mit ihm hatte, appellierte er an unsere Unterstützung, um den russischen Minister des Äußern aus einer für ihn persönlich wie politisch gleich peinlichen Lage zu befreien. Der österreichische Minister des Äußern habe gedroht, er werde, um seine von russischer Seite angezweifelte Loyalität zu beweisen, eine Anzahl geheimer Dokumente veröffentlichen, in denen Iswolski nicht nur seine volle Zustimmung zu der Annexion von Bosnien und der Herzegowina gegeben, sondern den Minister geradezu ermutigt DIE FRIEDLICHE LÖSUNG 401 habe, diesen Schritt zu tun, wenn nicht zu beschleunigen. Ich sagte dem russischen Botschafter, fortiter in re, suavissime in modo, ich wäre gern zur freundschaftlichen Vermittlung bereit, um nicht nur Iswolski aus der Sackgasse herauszuhelfen, in die er sich verrannt hätte, sondern auch um der Welt den Frieden zu erhalten und ganz besonders im Interesse der weiteren Aufrechterhaltung der traditionellen Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland. Es sei doch gar zu töricht, aus rein formellen Erwägungen einer Annexion entgegenzutreten, die an dem Status quo auf dem Balkan tatsächlich nichts ändere und sehr wohl zwischen den direkt Beteiligten in friedlicher Weise zum Austrag gebracht werden könne. Es würde ein Verbrechen gegen den gesunden Menschenverstand sein, das friedensbedürftige Europa in einen Krieg zu stürzen, von dem nur eins sicher wäre, nämlich, daß er ungeheure Opfer kosten und Elend und Ruinen hinterlassen würde. Die Voraussetzung für ein Eingreifen unsererseits wäre aber natürlich, daß Rußland die Serben an die Leine nähme, wozu es Mittel und Wege hätte. Insofern uns Iswolski in dieser Richtung keine bündige Zusage geben könne, bliebe uns zu unserem lebhaften Bedauern kaum etwas anderes übrig, als es unserem Österreich-ungarischen Bundesgenossen zu überlassen, in der ihm geeignet erscheinenden Weise vorzugehen. Wäre aber Rußland ernstlich gewillt, Serbien zur Ruhe zu bringen, sei ich gern bereit, mit Iswolski in einen freundschaftlichen Gedankenaustausch darüber einzutreten, wie ein energischer Druck Rußlands in Belgrad ermöglicht werden könnte, ohne daß er mit seiner bisherigen Politik in Widerspruch gerate. Bei gutem Willen auf beiden Seiten und einiger Geschicklichkeit würde sich wohl eine „combinazione" finden lassen, um mich des itab'enischen Terminus technicus zu bedienen. Wenn Rußland es übernähme, von sich aus auf Serbien einzuwirken, würde das Verdienst des Ausgleichs dem Petersburger Kabinett zufallen. Wenn die Mächte der Annexion Bosniens durch amiliche Erklärungen zustimmten, brauche eine europäische Konferenz überhaupt nicht stattzufinden. Auf diese Art lasse sich der viel zu sehr aufgebauschte Streitfall am besten erledigen. Aus naheliegenden Gründen bat ich mir in St. Petersburg nur aus, daß Iswolski dem englischen Botschafter nicht früher eine Mitteilung über meine Vorschläge machen dürfe, bevor er selbst eine Entscheidung getroffen habe. Es war ein gutes Vorzeichen für eine friedliche Lösung, daß Iswolski vor Herrn Nicolson tatsächlich Schweigen bewahrte. Zehn Tage nach meiner Unterredung mit dem Grafen Osten-Sacken traf die vorbehaltlose Zustimmung Rußlands zur Annexion von Bosnien Rußland und der Herzegowina in Berlin und in Wien ein. Erst dann wurde Nicolson sllmm ' "<"■■ in Kenntnis gesetzt, der seinem Ärger und seiner Enttäuschung dadurch 6e/laJt ' 0i z " Luft machte, daß er die Lüge verbreitete, Deutschland habe durch 26 BUlow rj 402 DAS ZERSCHNITTENE TISCHTUCH Drohungen, durch einen Druck „mit gepanzerter Faust" Rußland zum Einlenken bewogen. Unaufgefordert sei Deutschland dazwischengefahren. Ich lasse dahingestellt, ob Iswolski nicht mitgeholfen hat, diese Legende zu verbreiten. Jedenfalls war er ihr nicht mit dem erforderlichen Nachdruck entgegengetreten. Ich ließ deshalb bei Herrn von Tscharykow durch unseren Botschafter anfragen, ob es sich nicht empfehle, durch gleichzeitige Veröffentlichung der gleichlautenden Aktenstücke den tatsächlichen Hergang bei unserer von Rußland erbetenen, wohlmeinenden, freundlichhöflichen und erfolgreichen Vermittlung klarzulegen und die in Umlauf gesetzten böswilligen Verdächtigungen aus der Welt zu schaffen. In den weiteren Besprechungen zwischen Herrn von Tscharykow, Herrn Iswolski und unserem Botschafter stellte sich heraus, daß von russischer Seite gewisse Abänderungen an den in Frage kommenden Aktenstücken dringend gewünscht wurden. Deshalb und vor allem, damit aus der ganzen bosnischen Verwicklung zwischen uns und Rußland keinerlei Verstimmung zurück- bbebe, stand ich von der Veröffentlichung ab. Damit war der erste Akt der bosnischen Verwicklung erledigt. Die Gefahr, daß Rußland die Serben zu weiterem Widerstand gegen Österreich- Ungarn hetzte, war beseitigt. Und zwar, worauf ich besonderes Gewicht gelegt und besondere Mühe gewandt hatte, ohne Bruch mit Rußland. Iswolski habe ich seit jener denkwürdigen Unterredung zwischen ihm und mir, vom 26. Oktober 1908, nicht mehr gesehen. Er hatte mir damals, als er von mir Abschied nahm, gesagt: „Zwischen Aehrenthal und Rußland ist das Tischtuch für immer zerschnitten, noch mehr aus persönlichen wie aus sachlichen Gründen. Aehrenthal hat sich gegen uns nicht nur illoyal, sondern auch allzu undankbar benommen. Er hat uns als Attache, als Sekretär, als Geschäftsträger, als Botschafter in St. Petersburg beständig erzählt, er wäre ein treuer Freund Rußlands und ein unbeugsamer Vertreter guter Beziehungen zwischen seiner Monarchie und dem russischen Reich. Als er St. Petersburg verließ, um Minister des Äußern zu werden, haben wir ihm den Andreasorden umgehängt. Zum Dank hat er uns so brüskiert, mit uns ein so perfides Spiel gespielt, daß ohne Ihre kluge und freundschaftliche Vermittlung der Krieg hätte ausbrechen können, d. h. das größte Unheil, das die Welt und insbesondere die drei Kaiserreiche treffen kann." Zu dieser Erklärung Iswolskis bemerke ich meinerseits ex post, daß die russische Diplomatie und der russische Hof Aehrenthal sein Verhalten in der bosnischen Krise nicht verziehen haben. Einige Zeit nach dem Abschluß der bosnischen Krisis passierte ein russischer Großfürst Wien. Er ließ durch den russischen Botschafter wissen, daß er glücklich sein würde, Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostohschen Majestät seine ehrfurchtsvolle Aufwartung zu machen, er würde sich auch sehr DIE DREI MONARCHIEN 403 freuen, österreichische und ungarische Würdenträger und Staatsmänner zu sehen. Ein Zusammentreffen mit Aehrenthal sei für ihn ausgeschlossen. Aehrenthal hatte gewünscht, daß nach dieser schroffen Ablehnung seiner Person sein allerhöchster Herr auf den Besuch des russischen Großfürsten verzichten möge. Der alte Kaiser Franz Josef aber wollte den diplomatischen Streit zwischen Österreich und Rußland nicht zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden Höfen und Dynastien ausarten lassen und empfing den Großfürsten mit gewohnter ritterlicher Courtoisie. Über das österreichisch-russische Verhältnis hatte bei unserem letzten Zusammensein Iswolski gemeint, er würdige nach wie vor alles, was ich österreichisch- ihm oft genug über die schweren Gefahren gesagt hätte, die jeder ernstliche r """ c ' ia Konflikt zwischen den drei Kaiserreichen für den Bestand der monarchi- ^ tz '- e ^ un & en sehen Ordnung und der Dynastien in sich berge. Das monarchische und konservative Rußland habe an und für sich gar kein Interesse an einem Krieg mit der habsburgischen Monarchie. Es habe bisher nie einen Krieg zwischen Österreich und Rußland gegeben trotz mancherlei Interessengegensätze und gelegentlicher Zerwürfnisse. Was im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert möglich gewesen sei, nämlich die Vermeidung einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Rußland und Österreich, sollte auch im zwanzigsten Jahrhundert gelingen. Die Voraussetzung aber sei, daß Österreich nicht versuche, Rußland ganz von der Balkanhalbinsel zu verdrängen. Fürst Bismarck habe lange empfohlen, einen Modus vivendi zwischen Rußland und Österreich auf der Basis zu suchen, daß Rußland in Bulgarien, Österreich in Serbien freie Hand erhalte. Inzwischen sei erst durch die Battenberg-Episode, dann durch die Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburg zum Fürsten von Bulgarien der österreichische Einfluß in Sofia weit stärker als der russische geworden. Ahnlich stünde es in Bukarest, wo man sich mehr nach Berlin und Wien als nach Petersburg orientiere. Damit wäre die alte Bismarcksche Lösung hinfällig geworden. Jedenfalls dürfe Österreich, nachdem es jetzt einen eklatanten Erfolg in der bosnischen Frage erzielt habe, Serbien nicht weiter bedrängen. Ne bis in idem! Serbien habe auf der ganzen Linie nachgegeben, es sei gedemütigt, es sei genügend gestraft worden. Weitere Fußtritte würden vom Übel sein. Österreich-Ungarn würde sogar klug daran tun, in wirtschaftlichen Fragen den Serben einige Konzessionen zu machen. Würde ein kleiner Hafen für Serbien an der adriatischen Küste wirklich eine Gefahr für die große österreichisch-ungarische Monarchie sein? Iswolski sagte mir wörtlich: ,,Si j'avais des arriere-pensces, je me rejouirais des maladresses des Autrichiens et des Hongrois vis-ä-vis des Serbes qu'on pousse ainsi dans nos bras. Mais dans l'interet de la paix europeenne et des grandes dynasties je vou- drais que TAutriche soit un peu plus habile." Iswolski schloß unsere letzte 26* 404 DIE ZERSCHLAGENEN TÖPFE Unterredung mit der Erklärung, daß die deutsch-russischen Beziehungen dieselben blieben wie früher. Er sei mir dankbar für meine vermittelnde Haltung. Ich erfreute mich nach wie vor des Wohlwollens und des Vertrauens des Kaisers Nikolaus. „Vous avez la pleine confiance de l'Empereur Nicolas qui sait ce que vous devez ä l'alliance avec l'Autriche, mais qui sait aussi que vous etes l'ami de la Russie et un homme d'etat sage et habile. Nous esperons tous que vous resterez encore longtemps ä la tete des affaires." Auf ein Album mit Ansichten meiner römischen Villa Malta deutend, das auf dem Tische lag, meinte Iswolski: „N'allez pas de sitot jouir de votre belle Villa. Restez a Berlin." Die letzten Worte, die ich in meinem Leben an Iswolski gerichtet habe, waren:,, Je vous le repete et le Prince de Bismarck l'a dit avant moi: Dieu seul sait, comment finirait militairement une guerre entre les trois empires. Mai ce que 1'homme reflechietprudent peut prevoir est ceci: Ce seront en-tout-cas, et quelle que soit l'issue militaire du conflit, les trois dynasties qui payeront les pots casses." Iswolski hat lange genug gelebt, um die Richtigkeit meiner Voraussage am eigenen Leibe zu spüren. Er hat die Niederlage und den Sturz des Zarismus mitansehen müssen, er hat erlebt, daß das alte, mächtige und stolze Rußland in einem Meer von Blut und Tränen unterging. Er ist als abgetakelter Botschafter krank und verbittert in einer ärmlichen Wohnung in einer kleinen südfranzösischen Stadt gestorben, wo er von der französischen Regierung eine bescheidene Unterstützung bezog, eine kärgliche Belohnung für seine hetzerische Tätigkeit unmittelbar vor dem Weltkrieg und im Wellkrieg, eine mehr als kärgliche Spende, verglichen mit den Millionen, die während Jahrzehnte aus Rußland in die Taschen geldgieriger französischer Journalisten und Politiker geflossen waren. Nachdem die von Norden drohende Kriegsgefahr beseitigt war, kam es Conrad will 1909 darauf an, Wien zu zügeln. Es gab auch dort eine Kriegsgefahr. Ich losschlagen wußte sehr wohl, daß namentlich die österreichischen Generäle, ähnlich wie in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts, auch 1908/1909 zum Losschlagen drängten. Der Chef des österreichischungarischen Generalstabs, Freiherr Conrad von Hoetzendorf, warf mir seit Jahren vor, daß ich den richtigen Moment zum Losschlagen verpaßte. Denselben Vorwurf hatten die österreichischen Generäle zwanzig Jahre früher dem Fürsten Bismarck gemacht. Freiherr von Hoetzendorf hatte es namentlich auf Italien abgesehen, aber auch gegen Rußland wollte er losschlagen, natürlich erst recht gegen Serbien, das „gezüchtigt" werden müsse. Seine Argumente waren die gleichen, die zwei Jahrzehnte früher in Berlin Graf Alfred Waldersee in seinem Kampf gegen den Fürsten Bismarck vorgebracht hatte. Die Abrechnung mit Serbien, Italien, Rußland sei unvermeidlich, predigte im Winter 1908/1909 der Freiherr Conrad von Hoetzen- DIE KRIEGSTREIBEREIEN 405 dorf. Je länger man zögere, desto schwieriger werde die Lage. Der Feind werde mit jedem Tage stärker, während die Zentralmächte auf der Höhe der für sie möglichen Machtentfaltung angelangt seien. Also: Schlagen wir sofort los, bevor es zu spät ist! Ich war nicht gewillt, Deutschland durch solche Quertreibereien in einen Krieg von unberechenbaren Dimensionen hineinziehen zu lassen, bei dem nur eins sicher war: Wir hatten nicht viel zu gewinnen, was die natürliche Entwicklung der Dinge uns nicht auch ohne Krieg bringen konnte. Wir riskierten ungeheuer viel, wir setzten unermeßliche Werte aufs Spiel. Ich sprach in diesem Sinne, sobald mir das Einlenken der Russen gewiß war, ernst und nachdrücklich mit dem österreichischungarischen Botschafter Szögyenyi. Ich ließ auch in diesem Sinne durch meinen Bruder Karl Ulrich, der sieben Jahre deutscher Militärbevollmächtigter in Wien gewesen war und dort gute Beziehungen besaß, namentlich zu der Umgebung des Erzherzogs Franz Ferdinand, nach Wien schreiben. Ich sagte dem österreichischen Botschafter, der, ein alter und erfahrener Diplomat, innerlich ganz meiner Meinung war und in diesem Sinne privatim an Freunde in der Umgebung des Kaisers Franz Josef schrieb: Ein österreichischer Einmarsch in Serbien bedeute neun gegen eins den Krieg mit Rußland, ein Krieg mit Rußland neunundneunzig gegen eins den Weltkrieg. Auf eine so ungeheure Partie könne ich mich nur einlassen, wenn vorher alle für uns erreichbaren Trümpfe in das Spiel der Zentralmächte gebracht würden. Ich verwies auf den Artikel VII des Dreibundvertrages, der bestimme, daß im Falle der Ausdehnung Österreich-Ungarns Italien ein Recht auf Vergrößerung habe. Dieser Verpflichtung könne sich Österreich nicht dadurch entziehen, daß es behaupte, die Niederwerfung Serbiens, der von österreichischen Generalen betriebene Einmarsch in Serbien wäre keine Landerwerbung in dem vom Dreibundvertrage vorgesehenen Sinne. Das seien Sophismen, Kniffe, mit denen in großen, die Völker bewegenden Fragen nicht durchzukommen wäre. Natürlich würde durch die Eroberung Serbiens und schon durch den Einmarsch in Serbien das Kräfteverhältnis auf der Balkanhalbinsel verschoben. Habe Österreich Lust, Italien hierfür ein Äquivalent zu gewähren? Etwa das ehemalige Bistum Trient? Görz, Gradiska, Pola, Triest? Ähnlich stünde es mit Rumänien. Habe Österreich Lust, Rumänien mit der Bukowina zu entschädigen ? Um eine ehrliche Kooperation der Rumänen mit Österreich sicherzustellen, müsse mindestens den ungarländischen Rumänen eine freundlichere Behandlung und eine stärkere Vertretung im ungarischen Parlament garantiert werden. Ich fand bei meinem erfolgreichen Bestreben, Österreich-Ungarn von unbesonnenem Vorgehen abzuhalten, die Unterstützung sowohl des Ministers Aehrenthal wie des Thronfolgers, des Erzherzogs Franz Ferdinand. 406 DER STERBENDE AEHRENTHAL Aehrenthal wurde infolgedessen von der unter dem Einfluß des österreichischen Generalstahs stehenden Wiener Presse mit einer Gehässigkeit angegriffen, welche die letzten Lehenstage des inzwischen schwer erkrankten Ministers vergiftete. Namentlich die Witzblätter ergingen sich in den gemeinsten Beschimpfungen und Verdächtigungen gegen den sterbenden Mann. Er blieb aber fest. Meine Haltung in der bosnischen Erage hatte von Anfang an Verständnis bei Aehrenthal gefunden. Als im Reichstag der bayrische Zentrumsabgeordnete Speck, dessen Horizont sich nie über den Eichstätts ausgedehnt hat, mir mit erhobener Stimme und pathetischer Entrüstung den Vorwurf unzulänglicher Unterstützung des österreichischen Bundesgenossen machte, schrieb Baron Aehrenthal an den Botschafter von Szögyenyi: „Die Verkehrtheit der gegen den Reichskanzler aus dem Grunde erhobenen Angriffe, weil er unserer Politik nicht genügenden Rückhalt und Unterstützung gewährt habe, hat Fürst Büluw sehr treffend als ein allzu durchsichtiges Manöver charakterisiert. Ein Verlassen der Linie, welche Fürst Bülow sich vorgezeichnet, wäre, wie er klar erkannte, nach zwei Seiten hin inopportun gewesen. Es hätte nämlich hier ein Hervortreten der deutschen Politik aus ihrer freundschaftlichen und zurückhaltenden Reserve als eine gewisse Bevormundung angesehen werden und schlechtes Blut erzeugen können, während andererseits durch eine solche veränderte Haltung Deutschlands unsere direkten Verhandlungen mit der Türkei gewiß nicht gefördert worden wären. Die prinzipielle Annahme unserer Vorschläge in der bosnischen Frage seitens des Großwesirs und das dem letzteren durch das türkische Parlament ausgesprochene Vertrauensvotum sind schlagende Beweise dafür, daß die Methode des Fürsten Bülow mit Bezug auf die uns zu gewährende Unterstützung in jeder Hinsicht die richtige war." XXVII. KAPITEL Bülows Besuche in Rom nnd Wien • Audienz bei Pius X. • Der Erzherzog-Thronfolger Kaiser Franz Josef • Die bosnische Frage im Reichstag (23. III. 1909) • Deutschlands „Nibelungentreue" • Deutsch-französisches Abkommen über Marokko, Casablanca Der Deutsche Kronprinz kritisiert dieses Abkommen • Charakteristik des Kronprinzen Frage der Abdankung Wilhelms II. • Brief des Kronprinzen über Herrn von Kiderlen- Wächter, Bülows Antwort an ihn • Die Haltung Englands während der bosnischen Krise Neuerliche Briefe des Grafen Metternich zur Fluttenfrage • Besuch des englUchen Königspaares in Berlin • Tod des Geheimrats von Renvers Wie der österreichische Minister des Äußern, so war auch der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, einverstanden mit meiner Haltung Audienzen und Politik in der bosnischen Frage und insbesondere damit, daß ich den in R° m europäischen Frieden nicht gefährden ließ. Ich hatte im Frühjahr 1908 die parlamentarischen Osterferien benutzt, um in Rom wie in Wien kurze Besuche abzustatten. In Rom hatte ich mit König Victor Emanucl wie mit dem Ministerpräsidenten Giolitti und dem Minister des Äußern, Tittoni, denen ich die mir von ihnen in Homburg und Baden-Baden abgestatteten Besuche erwiderte, eingehende Unterredungen, die, wie die offiziöse „Agenzia Stefani" mit Recht hervorhob, die Ubereinstimmung unserer Gesichtspunkte und Anschauungen ergab. Eine Audienz bei Pius X., der mich und meine Frau mit der rührenden Güte empfing, die diesem verehrungswürdigen Greis eigen war, der auch einem Nicht-Katholiken als ein wahrer Nachfolger der Apostel erscheinen mußte, bot dem Papst Gelegenheit, mich seines fortdauernden vollen Vertrauens und Wohlwollens zu versichern, das durch die mir vom Zentrum gemachte Opposition nicht beeinträchtigt würde. Die deutschen Katholiken gehörten, so meinte der Papst, zu den treusten und besten Söhnen der Kirche, aber ihre parlamentarische Vertretung sei offenbar gelegentlich etwas verbohrt (osti- nato). Natürlich hatte ich meine Differenz mit der Zentrumspartei nicht von mir aus zur Sprache gebracht. Pius X. ließ aus eigener Initiative, mit feinem Lächeln, diese Bemerkung fallen. In Wien war ich von Kaiser Franz Josef mit gewohnter Huld empfangen worden. Mit dem Erzherzog Franz Ferdinand, der mir immer wohlgesinnt Audienz gewesen war, hatte ich im März 1908 ein langes Gespräch geführt. Der in Wien 408 DIE HERZOGIN VON HOHENBERG Erzherzog hatte die Güte gehabt, mich zum Afternoon-tea einzuladen. Ich blieb zwei Stunden allein mit ihm und seiner Gemalüin, der Herzogin von Hohenberg. Wie lebhaft steht das Bild dieses Zusammenseins mir vor Augen! Der Erzherzog, eine männliche, schöne Erscheinung, mit leidenschaftlichen, vielleicht etwas zu leidenschaftlichen Augen, energischen Handbewegungen, offenem, geradem Wesen. Die Herzogin, keine eigentliche Schönheit, aber überaus anmutig, durch und durch die elegante, rassige, „fesche" österreichische Komteß aus gutem Hause. Ich entsinne mich, daß der Erzherzog immer wieder das Gespräch auf die Zustände in Bosnien lenkte. Er machte aus seiner Abneigung gegen die Magyaren und seiner Vorliebe für die Slawen kein Hehl, klagte aber über die russisch- panslawistische Agitation in Galizien, in Böhmen und namentlich in Bosnien und der Herzegowina. Die Herzogin von Hohenberg stimmte lebhaft in diese Klagen ein. Sie war namentlich über die Hindernisse entrüstet, die der schismatische Klerus der Missionstätigkeit der „guten Franziskaner" in den Weg lege. Die Franziskaner hätten unter dem religiösen Indifferentismus der ungarischen Staatsmänner und den josefinischen Tendenzen der österreichischen Beamten fast mehr zu leiden als früher unter der Herrschaft des Islam. Es war hauptsächlich ihr warmes Interesse für die katholische Sache, an welcher der Erzherzog und die Herzogin mit Treue und Leidenschaft hingen, das sechs Jahre später das unglückliche Paar nach Serajewo trieb, wo, wie es in den Lamentationen von Heinrich Heine heißt, der böse Thanatos ihrer wartete, auf fahlem Roß. Die Ermordung des Erzherzogs gerade durch Serben war um so unsinniger, als der Thronerbe sicherlich die Slawen den Magyaren und Italienern, im Grunde auch den Deutschen, vorzog. Die Slawenfreundlichkeit des Erzherzogs Franz Ferdinand war einer der Gründe, die ihn veranlaßten, meine Bemühungen um die Aufrechterhaltung des Weltfriedens ehrlich und aufrichtig zu unterstützen. Darin begegnete er sich, trotz mancher sonstiger Differenzen, mit dem alten Kaiser, der von meiner Politik so erbaut war, daß er dies auch äußerlich zum Ausdruck bringen wollte. Da ich schon alle österreichischen Orden besaß, den Stefansorden mit Brillanten, die Photographie des Kaisers Franz Josef in prächtigem Rahmen und mit eigenhändiger Unterschrift, seine Statuette aus Bronze, so verehrte mir der alte Herr nach glücklicher Erledigung der bosnischen Schwierigkeit sein überlebensgroßes Bild in der Uniform seines preußischen Regiments mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens. Das Bild war von dem ungarischen Maler Leopold Horovitz gemalt und hat einen beträchtlichen künstlerischen Wert. Uber die einfältigen Angriffe, die der bayrische Zentrumsabgeordnete und Oberzollrat Speck wegen angeblich mangelhafter Unterstützung unseres österreichischen Verbündeten gegen mich gerichtet hatte, be- SERBIEN KEINEN WELTBRAND WERT 409 ruhigte micli, wenn es dessen bedurft hätte, völlig die Kundgebung eines der tüchtigsten und weitestblickenden österreichischen Staatsmänner, des Freiherrn von Chlumecky, nacheinander österreichischer Ackerbau- und Handelsminister, langjähriger Führer der deutschen Liberalen im Wiener Abgeordnetenhause, erster Vizepräsident, schließlich Präsident des Abgeordnetenhauses, der mir nach Abschluß der Krise telegraphierte: „Innigen, tiefgefühlten Dank eines alten Österreichers für alles, was Durchlaucht für den Verbündeten getan, und für die herrlichen Reichstagsreden." In meiner Reichstagsrede vom 29. März 1909* hatte ich keinen Zweifel darüber gelassen, daß wir seit Beginn der bosnischen Verwicklung treu zu unserem österreichischen Verbündeten gestanden bätten. Ich hatte das Wort von der Nibelungentreue geprägt, das später von berufener und unberufener Seite totgehetzt worden ist, aber im Augenbbck, wo es gesprochen wurde, günstig wirkte. Ich hatte namentlich hervorgehoben, daß Serbien keinen Krieg, geschweige denn einen Weltbrand wert wäre. Es sei ein unerträglicher Gedanke, daß der europäische Friede wegen Serbiens gefährdet werden sollte, zumal die Annexion der beiden Provinzen kein zynischer Landraub, sondern nur der letzte Schritt auf der Babn einer seit dreißig Jahren unter Anerkennung aller Mächte betätigten kulturellen Arbeit wäre. Ich hob hervor, daß ich dem russischen Minister des Äußern zwar keinen Zweifel darüber hätte lassen dürfen, daß wir uns in der Konferenzfrage nicht von Österreich-Ungarn trennen könnten, fügte aber mit Nachdruck hinzu: ,,Im übrigen begegneten wir, Herr Iswolski und ich, uns in der Überzeugung, daß die russische Politik keine Spitze gegen Deutschland haben solle und umgekehrt, vielmehr die alten freundschaftlichen Beziehungen bestehenbleiben müßten. Der russische Minister hat mir aufs neue versichert, daß keine, weder offene noch geheime russisch-englische Abmachungen bestünden, die sich gegen die deutschen Interessen richten könnten." Die Haltung der französischen Regierung war während der ganzen bosnischen Krise für Deutschland nicht unfreundlich. Das trat selbst in Marokko- sonst recht deutschfeindlichen Pariser Blättern zutage. Die Pariser Presse Abkommen stand dem österreichisch-serbischen Konflikt ruhiger gegenüber als ein m ^ ran ^ re großer Teil der englischen. Der „Temps" erklärte mit dürren Worten, Frankreich habe kein Interesse an einem großen Krieg, bei dem es mehr riskiere als England, aber trotzdem einen größeren militärischen und finanziellen Einsatz zu leisten haben würde. Der Beistand der französischen Armee in einem europäischen Krieg, in den England verwickelt würde, habe für England einen unschätzbaren Wert. Der Beistand Englands in * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 179; Reclam-Ausgabe V, 117ff. 410 DER KRONPRINZ UND DER POMMERSCHE GRENADIER einem europäischen Krieg, in den Frankreich verwickelt wäre, habe für Frankreich nicht entfernt den gleichen Wert. Es war mir geglückt, diesen verständigen Artikel durch eine mir seit langem befreundete Dame in das führende Pariser Blatt bringen zu lassen. Der französische Botschafter in Konstantinopel, Herr Constans, sagte zu seinem deutschen Kollegen, dem Freiherrn von Marschall: „Si les Russes croient que nous allons faire la guerre pour leurs beaux yeux, ils se fourrent le doigt dans l'oeil." Die vorsichtige und zurückhaltende Haltung der Franzosen in einem Augenblick, wo ein großer Krieg in den Bereich der Möglichkeiten rückte, war auch auf die Unterhandlungen zurückzuführen, die ich nach dem ärgerlichen Zwischenfall bei Casablanca mit den Franzosen wegen Marokkos aufgenommen hatte und die schließlich, am 9. Februar 1909, zu dem besten Abkommen führten, das über den Maghreb el Aksa zwischen uns und Frankreich zustande gekommen ist. Wir räumten den Franzosen in politischen Dingen den Vortritt ein, ohne ihnen die völlige Unterwerfung des Landes zuzugestehen, dessen Integrität und Souveränität nochmals von der französischen Regierung zugesichert wurde. Dagegen sicherten uns die Franzosen in Marokko die volle wirtschaftliche Gleichberechtigung zu, worauf es in erster Linie ankam. Während meiner Unterhandlungen mit Frankreich über Marokko hatte Brief des ich am 2. Oktober 1908 vom Kronprinzen einen Brief erhalten, in dem er Kronprinzen un ter Bezugnahme auf einen alarmierenden Artikel der alldeutschen ultra- an Buloiv cüauv i n i s ti scnen „Rheinisch-Westfäüschen Zeitung", welche die Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes nach Casablanca verlangte und dabei mir vorgeworfen hatte, ich hätte unserem „früher ehrliebenden und furchtlosen Volke" den Gedanken beigebracht, daß Ruhe und Friede höher zu schätzen wären als Ehre und Krieg, mir Nachstehendes schrieb: „Euer Durchlaucht bitte ich zunächst, den Blei zu entschuldigen, aber hier im Jagdhaus, wo ich zur Zeit weile, sind die Schreibmaterialien sehr mangelhaft. Sie sind stets so freundlich und offen gegen mich gewesen, und wir haben so manche politische Frage zusammen erörtert, daß ich mir den Mut nehme, Ihnen folgendes zu schreiben. Ich bin der festen Überzeugung, daß dieser Casablanca-Zwischenfall keine zufällige Sache ist, sondern eine französische Kraftprobe, festzustellen, wieviel wir uns bei unserer Friedensliebe gefallen lassen. Ich spreche jetzt im vollen Ernst und nach reiflicher Überlegung und in dem Gedanken, daß ich später einmal die Folgen tragen werde. Wenn den Franzosen diese Sache durchgeht, ohne daß sie uns absolute und klare Genugtuung geben und ganz gehörig sich entschuldigen, ist unser Ansehen auf lange Zeit dahin. Unsere Ehre ist sehr stark engagiert, und es ist die höchste Zeit, daß die freche Bande in Paris einmal wieder fühlt, was der pommersche Grenadier kann. Glauben mir DIE DESERTEURE VON CASABLANCA 411 Durchlaucht, ein großer Teil des Volkes denkt so, und die gesamte Armee sehnt sich danach, sich zu betätigen. Wenn die Sache einem englischen Konsul passiert wäre, so wären vier englische Kreuzer vor Casablanca mit den Mannschaften an den Geschützen angetreten. Wenn ich diese meine innerste Überzeugung schreibe, werden Sie es mir auch nicht verübeln und mich recht verstehen. Ich bitte Sie inständig, eine volle Genugtuung zu fordern, widrigenfalls mit ernsten Maßnahmen gedroht wird. Unsere deutschen Kaufleute sollen schon in Verzweiflung darüber 6ein, daß ihre Heimat sie ganz im Stiche läßt. Ew. Durchlaucht können mir immer vorhalten, daß mich dies alles nichts angeht, aber schließlich muß ich später doch die Folgen tragen, und kommt man einmal in den Ruf, ,überaus friedhebend zu sein', ist es schwer, seine Stellung wiederzugewinnen. Mit tausend Grüßen in Treue Ihr Wilhelm." Ich beantwortete diesen Brief am 11. Oktober 1908 mit nachstehendem Schreiben: „Eure Kaiserliche und Königliche Hoheit haben mich durch den gnädigen Brief aus Groß-Mützelburg sehr beglückt. Ich bitte, meinen untertänigsten Dank aussprechen und das Vertrauen, mit dem Eure Kaiserliche Hoheit mich beehrt haben, durch die vollste Offenheit erwidern zu dürfen. In dem Spezialfall, um den es sich handelt, liegt die Sache doch nicht ganz so einfach, wie es nach den Zeitungsnachrichten den Anschein hat. Vom völkerrechtlichen Standpunkte aus ist es einigermaßen zweifelhaft, ob unser Konsulat in Casablanca berechtigt gewesen ist, französischen Deserteuren zur Flucht zu verhelfen. Jedenfalls war es nicht berechtigt, sich auch nicht-deutscher Deserteure anzunehmen. Im engsten Vertrauen, denn die Sache ist glücklicherweise noch nicht zur Kenntnis der Franzosen gelangt, bemerke ich, daß seitens des deutschen Konsulats (hoffentlich nur aus Versehen) eine Bescheinigung falsch ausgestellt worden ist, das heißt, es waren auf dieser Bescheinigung unter anderen auch österreichische Staatsangehörige als Deutsche eingetragen. Natürlich haben sich in dieser Angelegenheit auch die Franzosen Blößen gegeben, und deshalb reklamieren wir. Aber die Handlungsweise unseres Konsulats ist nicht ganz einwandfrei, und die Individuen, um die es sich handelt, verdienen tatsächlich wenig Sympathie, da sie, soweit sie Deutsche sind, Deserteure sind. Im engsten Vertrauen möchte ich noch betonen, was die Franzosen besser nicht erfahren, daß zur Zeit des Fürsten Bismarck nach den sehr viel strengeren Grundsätzen der Allgemeinen Dienstinstruktion zum Konsulargesetz von 1871/73 verfahren wurde, wonach unsere Konsulate der Deserteure sich nicht annehmen, namentlich sie nicht nach Deutschland zurückbefördern sollten, da nach der Ansicht des großen Kanzlers solche Leute dies gar nicht verdienten. Hierbei verfehle ich nicht, zu erwähnen, daß Seine Majestät der Kaiser und König durch Randvermerk in 412 BÜLOW BELEHRT DEN KRONPRINZEN ähnlicher Weise Allerhöchst Seine Willensmeinung kundgegeben hat. Über den Einzelfall hinaus gestatte ich mir Nachstehendes zu sagen: Mit Eurer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit stimme ich darin vollkommen überein, daß es nicht ratsam ist, die eigene Friedensliebe zu oft zu betonen, da das die anderen zu sicher macht. Vor allem bin ich davon durchdrungen, daß, wo es sich um die Ehre des Landes handelt, coüte que coüte losgeschlagen werden muß, wie auch die Chancen liegen. Wo aber unsere Ehre nicht engagiert ist, müssen wir uns doch immer fragen, was bei einem Kriege herausschaut. Wir haben bei einem Krieg in Europa nicht viel zu gewinnen. Mehr slawische und französische Elemente und Gebietsteile können wir nicht brauchen. Durch die gewaltsame Inkorporierung kleiner Länder würden wir nur die zentrifugalen Elemente verstärken, die in Deutschland leider ohnehin nicht fehlen. Alles das würde uns natürlich an einem Krieg nicht hindern, wenn er uns aufgedrungen wäre oder unsere Ehre ihn verlangte. Aber der Kriegsfrage gegenüber bleibt Vorsicht geboten. In den Jahren 1866 und 1870 winkte uns ein großer Preis. Von einem solchen ist jetzt nicht die Rede. Vor allem darf nicht vergessen werden, daß man in unserer Zeit Kriege nur dann führen kann, wenn das Volk davon überzeugt ist, daß der Krieg notwendig und daß er gerecht ist. Ein in frivoler und leichtsinniger Weise hervorgerufener Krieg würde, selbst wenn er glücklich ausliefe, im Innern nicht günstig wirken. Ein Krieg, der, in solcher Voraussetzung, schief ausginge, würde nach menschlicher Voraussicht eine Katastrophe für die Dynastie bedeuten. Die Geschichte lehrt, daß auf jeden großen Krieg eine liberale Ära folgt, denn die Völker verlangen für die große Anstrengung, die der Krieg ihnen auferlegt, entschädigt zu werden. Ein unglücklicher Krieg aber zwingt die Dynastie, die ihn geführt hat, mindestens zu Konzessionen, die ihr vorher unerträglich erschienen wären. Ich erinnere an die Zugeständnisse, die Seine Majestät der Kaiser Franz Josef nach 1859 und dann nach 1866 hat machen müssen, und an die Konsequenzen, die der Japanische Krieg für Rußland gehabt hat. Deshalb hat Fürst Bismarck, der selbst die Verantwortung für zwei große Kriege auf sich genommen hat, um so eindringlicher vor Kriegen gewarnt, die nicht durch die Staatsräson und durch vitale Interessen des Landes geboten waren. Er hat namentlich davor gewarnt, Zwischenfälle, wie sie sehr häufig sich ereignet haben, zu dramatisch zu nehmen. Die Stimmung in der Armee kann da nicht allein maßgebend sein. Es ist gewiß gut und in der Ordnung, wenn die Armee immer bereit ist, vom Leder zu ziehen: so muß sogar die Armee denken. Aber die Aufgabe der politischen Staatsleitung ist es, sich auch die politischen Folgen klarzumachen. Quidquid agis prudenter agas et respice finem! Im Jahre 1875 waren manche Militärs der Ansicht, wir sollten Frankreich, wo der Chauvinismus sich wieder zu regen WILHELM IL UND SEIN SOHN 413 anfing, niederschlagen, bevor es stärker werde. Seitdem haben wir mit Frankreich Frieden durch dreiunddreißig Jahre, in denen unser Wohlstand und unsere Bevölkerung sich ganz außerordentlich gehoben haben. 1887 und 1888 wurden Fürst Bismarck lebhafte Vorwürfe gemacht, weil er gegen Rußland nicht den sogenannten prophylaktischen Krieg führen wollte. Es hieß damals allgemein, dieser Krieg sei doch unvermeidlich. Seit zwanzig Jahren haben wir trotzdem Frieden mit Rußland. Ich wiederhole, daß wir, wenn es sein muß, wie der große König, auch gegen eine Welt in Waffen kämpfen würden. Allein wir müßten uns auch dann bewußt bleiben, daß ein Krieg heutzutage eine sehr ernste Sache sein würde, viel ernster als vor achtunddreißig Jahren, denn die französische Armee ist jetzt besser als damals. Außerdem würde ein Krieg mit Frankreich voraussichtlich einen solchen mit England bedeuten. Wenn wir Frankreich angriffen, würde auch Rußland für Frankreich eintreten. Unter diesen Umständen scheint es mir angesichts der recht schwierigen Lage, in der sich Europa gegenwärtig befindet, hauptsächlich darauf anzukommen, daß wir unser Pulver trocken halten, daß wir alles daransetzen, unsere Armee auf der Höhe zu halten, und im übrigen kaltes Blut bewahren." Der Kronprinz besaß weder die ungewöhnlich rasche Auffassung seines Vaters noch dessen rednerische Begabung. Es fehlte ihm auch der persönliche Charme, mit dem Wilhelm II. namentlich bei der ersten Begegnung und bevor seine Fehler und Schwächen hervortraten, viele Menschen bezaubert hat. Der Kronprinz hatte aber von seiner verständigen Mutter einen vorsichtigen, nüchternen Zug geerbt, der seinem Herrn Vater leider abging. Bei größerer Besonnenheit hatte der Sohn doch gleichzeitig widerstandsfähigere Nerven als der Vater. Der Kronprinz war, wie alle seine Brüder, wie sein Onkel Prinz Heinrich, wie Kaiser Friedrich und Kaiser Wilhelm I., wie Prinz Friedrich Karl und Prinz Albrecht, ganz furchtlos. Er würde, wenn er auf den Thron gelangt wäre, die Welt weniger in Erstaunen gesetzt haben als sein Vater, er hätte die allgemeine Aufmerksamkeit weit weniger auf sich gelenkt, er hätte aber nicht so oft wie der Vater Souveräne, Minister und ganze Völker vor den Kopf gestoßen. Es wäre leichter gewesen, mit ihm zu regieren als mit Wilhelm II. Ich bin nach unserem Unglück bisweilen gefragt worden, warum ich die Novemberereignisse nicht benutzt hätte, um den Kronprinzen an die Stelle seines Vaters zu setzen. Ich habe darauf erwidert und erwidere heute: Ich hatte Wilhelm II. als Minister Treue geschworen und würde unter keinen Umständen meinen dem König und Kaiser geleisteten Eid gebrochen haben. Eine unfreiwillige, durch Überredung, drängenden Zuspruch, Überrumplung oder List herbeigeführte Abdankung des Kaisers war für mich ausgeschlossen. Ich würde mich einem Versuch von dritter Seite, 414 SOLLTE DER KAISER ABDANKEN? auf diese Weise die Abdankung des Kaisers herbeizuführen, mit allen Mitteln und nötigenfalls mit Gewalt widersetzt haben. Ich glaube nicht, daß Kaiser Wilhelm II. 1908 zu einer freiwilligen Abdankung zu bewegen gewesen wäre, zumal einer solchen auch die Kaiserin mit allen einer Frau und namentlich einer so charaktervollen Frau zu Gebote stehenden Mitteln opponiert haben würde. Ich füge auch heute nach allem, was sich inzwischen ereignet hat, hinzu, daß die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes 1908 nicht die Abdankung des Kaisers wollte. Die Nation würde einen Thronverzicht nicht verstanden haben. Sie wollte die Monarchie, die so viel Ehre, Ruhm, Glück und Segen verkörperte und ohne jede Frage an und für sich für Deutschland nicht nur die geeignetste, sondern die einzig wirklich brauchbare Regierungsform war und bleibt. Ich sage das nicht aus vorgefaßter Meinung. Ich sage es auch nicht als grundsätzlicher Anhänger der Lehre vom Gottesgnadentum und nun gar eines Gottesgnadentums im Sinne der Stuarts, der Bourbons und des letzten Weifenkönigs, sondern auf Grund meiner geschichtlichen Kenntnisse und Erfahrungen. Die Macht der Kaiseridee war in Deutschland so stark, daß die Nation dem Träger dieser Idee, wie sich nach glücklicher Beilegung der Novemberkrise zeigte, bald und gern verzieh, was er gefehlt haben mochte. Wenn auf den Fürsten Felix Schwarzenberg hingewiesen worden ist, der 1848 Kaiser Ferdinand I. von Österreich zur Abdankung, dessen Bruder, den Erzherzog Franz Karl, zum Verzicht auf die Krone bewog und den achtzehnjährigen Erzherzog Franz Josef auf den Thron erhob, so halte ich dem entgegen, daß Wilhelm II. kein Trottel war wie Kaiser Ferdinand I. und der gute Erzherzog Franz Karl, sondern im Gegenteil bei manchen Mängeln und Schwächen ein ungewöhnlich begabter Mann. Wir befanden uns 1908 auch nicht, wie 1848 die österreichische Monarchie, im Bürgerkrieg, im Kampf mit aufständischen Provinzen und im Krieg mit einem Nachbarstaat. Die deutschen Fürsten und das deutsche Volk wollten im Spätherbst 1908 lediglich ein verständigeres und vorsichtigeres Verhalten des Reichsoberhaupts, mehr Selbstbeherrschung und mehr Ruhe. Die Novemberkrisis blieb auch nicht ohne nützliche Wirkung auf den Hauptleidtragenden. Wenn nicht im Unglückssommer 1914 die ganze Welt, und leider Deutschland in erster Linie, durch einen selten oder nie dagewesenen Mangel an Scharfblick, Klugheit, Gewandtheit in die schlimmste Katastrophe vieler Jahrhunderte hineingesegelt wäre, hätte Wilhelm II. sich noch viele Jahre in Ehren auf dem Thron behaupten können. Einer Belastungsprobe, wie sie der Wellkrieg mit sich brachte, war er persönlich nicht gewachsen. Da er, unfähig, selbst das Schiff im Sturm zu führen, auch nicht für brauchbare Männer am Steuerruder sorgte, so scheiterte unser gutes Schiff. DER KRONPRINZ UND FRAU KYPKE 415 Meine persönlichen Beziehungen zum Kronprinzen waren immer gut. Zu seinen vortrefflichen Eigenschaften gehörte, daß er nicht übelnehmerisch Eine Intrige war. Er war auch nicht eitel. Er zeigte sich gern auf einem flotten Pferd, gegenKiderlcn er war ein kühner Reiter, gewandt in allen körperlichen Übungen, er trug die Mütze im Nacken, wie dies der schneidige Leutnant von den Gardehusaren oder den Gardeducorps tat, er huldigte nicht ungern hübschen Mädchen und schönen Frauen. Aber wie jedes hochfahrende Wesen, so lagen ihm auch geistiger Hochmut und geistige Eitelkeit fern. Alle Pose, alles Feierliche war ihm zuwider, vielleicht zu sehr, denn die Völker wollen nun einmal, daß ihre Fürsten einen gewissen Nimbus um sich verbreiten und mit einer gewissen Grandezza auftreten. Das verlangt der Deutsche eigentlich schon von seinen Ministern und Kanzlern. Mein lieber Freund Franz Arenberg hat mir oft gesagt: „Du bist nicht feierlich genug. Du posierst nicht genug. Du bist zu natürlich! Nicht nur die Beamten, sondern auch die Parlamentarier in Deutschland sind anders, als es in England, in Italien, in Frankreich die Leute sind. Unsere Volksboten sind Spießbürger von Lieber bis zu Eugen Richter und Bebel. Sie verlangen jene Würde, jene Höhe, durch die bei Schiller das Mädchen aus der Fremde die Vertraulichkeit entfernt." Ich gab die Richtigkeit dieser Kritik bis zu einem gewissen Grade zu, habe mich aber doch nicht ändern wollen oder können, da die natürliche Anlage oder Begabung sich schließbch immer wieder durchsetzt. Derselbe alte Destouches, der das von mir oft zitierte Wort geprägt hat, leicht sei die Kritik und schwer die Kunst, hat auch mit Recht gesagt: „Chassez le naturel, il revient au galop." Gerade weil ich mich in vielen Dingen gut mit dem Kronprinzen verstand und uns das verband, was der Franzose „les atomes crochus" nennt, nahm ich mit ihm bei gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten noch weniger als mit seinem Vater ein Blatt vor den Mund. Ich erinnere mich, daß er mir im Winter 1908/1909 mit einem ziemlich aufgeregten Brief einen Zeitungsartikel übersandte, der den von mir zur Vertretung des unbrauchbaren Staatssekretärs von Schön einberufenen Gesandten von Kiderlen boshaft und ordinär angriff. Kiderlen wurden unerlaubte Beziehungen zu seiner Haushälterin, der Witwe Kypke, vorgeworfen. Der Kronprinz schrieb mir, er halte es für seine Pflicht, mich auf derartige Zustände aufmerksam zu machen, „die man nicht so hingehen lassen kann". Ich müsse sofort eingreifen. „Ich habe schon einmal Eurer Durchlaucht Aufmerksamkeit auf diese Vorgänge zu lenken mir erlaubt, ich habe auch von ernsten Menschen, die die dortigen Verhältnisse kennen, dasselbe gehört. Ein offizielles Dementi, wenn dieses angreifbar ist, scheint mir sehr gefährlich." Ich richtete nach Empfang dieses Briefes ein geharnischtes Schreiben an den jungen Herrn, in dem ich ihm sagte, ich hoffte, daß, wenn er einmal in ferner Zukunft den Thron seiner 416 KIDERLENS HAUSDAME Ahnen bestiege, er nicht tüchtige, begabte und bewährte Beamte unwürdigem Klatsch opfern würde. Jedenfalls ließe ich Kiderlen nicht fallen, weil irgendein Neider oder Konkurrent oder vielleicht auch ein unbeschäftigter Reporter schmutzige Pfeile gegen ihn abschösse. Der Kronprinz nahm mir, was ich ihm zur Ehre anrechne, diese Abfuhr nicht übel. Ich hörte übrigens später, daß die ganze Intrige gegen Kiderlen von dem damaligen Gesandten in Athen und späteren Botschafter in Konstantinopel, dem ehrgeizigen Baron -von Wangenheim, ausging, der Kiderlen als Konkurrent für Konstantinopel ausschalten wollte, wohl auch gern selbst Staatssekretär geworden wäre. Wangenheim hatte eine ganz hübsche Frau, die Tochter des langjährigen württembergischen Gesandten in Berlin, Baron Spitzemberg, welcher der Kronprinz, natürlich in allen Ehren, zu Füßen lag. Als ich, nachdem die Intrige abgewehrt war, Kiderlen von der Sachlage in Kenntnis setzte, erwiderte er mir in unverfälschtestem Schwäbisch sehr gemütlich: „Wenn ich Ihnen das Corpus delicti vorführen würde, Durchlaucht, so würden Sie schwerlich an unerlaubte Beziehungen zwischen mir und dieser dicken Alten glauben. Sie ischt eine brave Schwäbin, längscht über das kanonische Alter hinaus. Meine Schwester, die Baronin Gemmingen, hat sie mir als Hausdame besorgt." Ich habe nicht viele Mitarbeiter gehabt, die mir als ausführende Organe so bequem waren wie Kiderlen. Eine ungewöhnliche Arbeitskraft, ausdauernd und behende, von rascher Auffassung und scharfem Urteil, verstand Alfred von Kiderlen- Wächter wie kaum ein anderer meine Gedanken und Intentionen. Ich gebe aber zu, daß er den Pferden glich, die nicht unter jedem Reiter gehen. Unter Bethmann Hollweg, der nichts von auswärtiger Politik verstand und sich dabei vor Kiderlen fürchtete, konnte dieser später seinem derben, hier und da rohen Naturell und seiner bisweilen hervorbrechenden Taktlosigkeit zu sehr die Zügel schießen lassen. Es konnte mir nicht entgehen, daß die Haltung der Russen und selbst Die der Franzosen während der bosnischen Verwicklung für uns freundlicher Beziehungen gewesen war als die der Engländer. Damit meine ich nicht die englische zu England R e gj erun g ebensowenig die große Mehrheit des englischen Volkes. Insbesondere der englische Minister des Äußern, Sir Edward Grey, war bestrebt gewesen, es nicht wegen Serbien zu einer großen Konflagration kommen zu lassen. Aber der englische Botschafter in St. Petersburg, Nicolson, hatte die Russen nicht nur gegen Österreich, sondern fast noch mehr gegen Deutschland aufgewiegelt und dabei mit Verdächtigungen unserer Absichten, mit Intrigen und Verleumdungen nicht gespart. Und König Eduard hatte diesem Spiel schmunzelnd zugesehen, es sogar begünstigt und gefördert. Auch jetzt, nachdem wir schaudernd den Weltkrieg erlebt haben, glaube ich nicht, daß Eduard VII. 1908 direkt auf einen W f^n^w.u 4fa ^ A, -u ^H&j/iu /wwS^V-- O*-^rm^ >: *MW : ^tl 'fifar. "Um ^ß4lMA00^ t&ffi#~ 4i^0^k^ j >iu^ /0- . tihw 'ifT tUuc Ob Ci sUua^ / ihuu ^TUt J iOi^ / l^/lUufU'^pff' ^fd/Utu W0lwim rf>tt' ffaj ~^7 ^iu?ü <^vf ^f4^n^ jfoit ffctf -KAM ^4/>Ui(l^f C ^H^tpMA 0#Uj ■ S y. / / iS*' ^ A^^^ii^ '/l^lciu 'fnJTwutfty 4 'tffaMAAtZy x^if trl*^ yinM fi/fö - /^t^w^y tHM. >f q -^W ^t^r W^r^ ^^K^f /7 c/^ ^W^^ 4yht^ü /UhIu^ K- /w^^4^ - 3. ^^^^^ ^^tMu^ Oynl (mj] ^Vt^W ^^j^ ^^Jrmji Sa § - % /? /7/7 * /V)/ • ^U*i4yr/A4. fyidtvh. Sf4^iH^/L^ ff r r 1H vernünftigen Flottenverständigung zu kommen. Je mehr unsere Flottenbauten England beunruhigten, um so mehr suchte Wilhelm II. nach einem Sündenbock für diese ihm unbehagliche und sehr unerwünschte Stimmung und fand ihn ungerechterweise in unserem früher bei ihm wohlgelittenen Botschafter in London, Paul Metternich, dem er vorwarf, daß er den englischen Besorgnissen und falschen Vorstellungen nicht mit der nötigen Energie entgegentrete. Ein Niederschlag solcher Verstimmung war Anfang April der nachstehende Brief Seiner Majestät an mich: „Ich habe heute, ehe Tirpitz zu Ihnen ging, noch einmal die ganze englische Flotten- und Dreadnought- Schweinerei mit ihm in Gegenwart von Müller und Plessen durchgesprochen und ihn ermächtigt, im selben Sinne auch Ihnen gegenüber sich auszusprechen. Es ist dabei übereinstimmend konstatiert worden, an der Hand der historischen Daten, daß tatsächlich Metternich einen Teil der Schuld trägt an dem Verfahren der Situation, indem er von vornherein die kolossale persönliche Konzession, die Ich ihm zu eventuellem Gebrauch zur Verfügung gestellt hatte, nämlich, daß 1912 keine Novelle kommen werde, ohne Grund von vornherein aus der Hand gegeben hat, ohne von England die geringste Gegenleistung zu erhalten als ungezählte Lügen, Verleumdungen und Verdächtigungen und Grobheiten. Dadurch ist das Ganze schlecht und falsch ,gemanaged' worden und er, und dadurch wir, in die Ecke gedrückt worden. Weil erstens die Engländer, trotzdem sie der konstitutionelle Staat par excellence sind, den groben politischen Fehler begingen, in Cronberg unter Überspringen aller konstitutionellen PersönHchkeiten und Gepflogenheiten, also Sie, Schön, Tirpitz usw., direkt den Monarchen und Obersten Kriegsherrn zu koramieren und zu stellen, und zwar ,per Drohung und im Befehlstone': ,You must stop building'. Das durfte nicht geschehen, da das kein Angebot zu Verhandlungen', wie jetzt im Parlament behauptet wurde, war, sondern nur ganz einseitiges Verlangen von England an uns, das nur so beantwortet werden konnte, wie es geschah. Dieses Verfahren mußte im Herbst, als man sich Metternich mit allerhand Anfragen und Konversationen, unverbindlich, näherte seitens England, der Botschafter mit aller Schärfe und allem Nachdruck der Regierung in gröbster Form unter die Nase reiben und sie veranlassen, erstmal für das unqualifizierbare Benehmen uns um Verzeihungzubitten. Erstnachdemdas geschehen, konnte man verbindliche Vorschläge von London entgegennehmen und darüber verhandeln. Zweitens: Weü der Botschafter leider das obige 430 DIE UNVERBINDLICHEN ENGLISCHEN OUVERTÜREN Verfahren unterlassen hat, ist Cronberg bzw. der Ton und die Haltung Englands von damals bestehengeblieben, und es hat Metternich und durch ihn uns stets in peremptorischer Weise attackiert mit neuem verkapptem Verlangen, was wir erfüllen sollten. Daher, wenn es auch unverbindlich geschah, die Situation nie die einer Verhandlung über Vorschläge zwischen zwei gleichberechtigten Mächten wurde, sondern stets als ein ziemlich hochmütiges Ersuchen eines Stärkeren an einen von ihm nicht gleichgeachteten Schwächeren wirken mußte. Daher auch die Ablehnung, da stets die eigene Ehre beinahe auf dem Spiel stand. Drittens: Weil die englischen Ouvertüren, wie gesagt, wenn auch in unverbindlicher Form', stets nur in Form von Ersuchen und Aufforderungen, die unsererseits sofort möglichst zu erfüllen seien, an uns gerichtet wurden, war aus ihnen niemals die Absicht einer Verhandlung herauszulesen, die von Gleichem zu Gleichem geht, mit derselben Verbindlichkeit für beide Teile. Es war also weder in Cronberg — wo es ,you must stop building' hieß — oder später bei den Unterhaltungen im Herbst und Winter irgendwo auch nur die leiseste Spur zu entdecken, daß die Engländer auch selbst Abrüstung wirklich beabsichtigten, sondern es wurde uns stets nur klargemacht, es läge im englischen Interesse, daß wir mit Rüsten aufhörten! Damit sie wohlverstanden ihren Vorsprung mit möglichst wenig Geduld und Mühe aufrechterhalten konnten. Das war ein Standpunkt, auf den wir uns vom militärischen wie nationalen Ehrenstandpunkt nicht einlassen konnten. Viertens: Weil die ganzen Machinationen Englands darauf hinauslaufen, daß es sich von uns die absolute Anerkennung des ,Two Powers Standard' erzwingen will und wir das ohne Kapitulation vor der Welt oder ohne Verletzung unserer nationalen Ehre einfach nicht können, noch wollen, noch werden. Es kann eine Überlegenheit zur See beanspruchen, soviel es will, und danach bauen, es kann das auch nach irgendwelchen Verhältniszahlen konstruieren, dagegen ist nichts zu sagen, aber den Two Powers Standard, noch dazu gegen uns allein angewendet, anzuerkennen, dazu bin Ich vollkommen außerstande, noch weniger, denselben durch Abmachungen irgendwelcher Art für die Ewigkeit zu verbriefen. Einen gewissen Vorsprung sollen sie haben, den Two Powers Standard niemals. Das sind die Worte, die Admiral Tirpitz vor Zeugen ausgesprochen hat. Fünftens: Aus obigem geht folglich hervor: daß bisher England keine ehrliche Eröffnungen für Verhandlungen verbindlich als von gleich zu gleich gemacht hat, sondern nur unverbindlich versucht hat, uns in die Ecke zu drücken und am Bauen einseitig zu hindern. Daher konnte darauf nicht eingegangen werden. Ich bin aber nach Übereinkunft mit Admiral Tirpitz vollkommen bereit und einverstanden, auf der von ihm skizzierten technischen Basis, GROSSE SITZUNG 431 wenn England uns ehrlich, um Verhandlungen hittet, mit England zu verhandeln auf der Relation 3 : 4 in Linienschiffen, mit Fallenlassen des Vorschlags vom Herhst, der Nichteinbringung einer Novelle 1912. Das kann anderweitig erledigt werden nach Tirpitz' Vorschlag. Lassen Euer Durchlaucht sich also von Tirpitz eine Formel ausarbeiten, wo Zahlen und Typen vorläufig beiseitegelassen sind, die in großen Zügen unsere Vorschläge darstellt, die wir machen wollen, falls die englische Regierung uns wieder Gelegenheit offizieller, verbindlicher Natur gibt, uns darüber zu äußern. Natürlich muß sie ehrlich ihrerseits die Einstellung des übermäßigen Baues uns vorschlagen und versprechen. Also Verhandlungen in höflicher Form von gleich zu gleich, nicht aber peremptorische Wünsche einerseits. Das ist der Inhalt des Vortrages von Tirpitz an Mich, mit dem Ich einverstanden bin. "Wilhelm I. R." Zu dem kaiserlichen Brief, den ich wortgetreu wiedergebe, bemerke ich erläuternd, daß der am Eingang genannte Müller der Chef des Marine- Konferenz im kabinetts, Plessen der von mir bereits eingehend geschilderte langjährige Reicns - diensttuende Generaladjutant und Kommandant des Kaiserlichen Haupt- kanzlerpalaü quartiers war. Am 3. Juni 1909 fand eine von mir einberufene Besprechung über die Frage einer Verständigung mit England im Reichskanzlerpalais statt, an der außer mir, Tirpitz, Metternich die Staatssekretäre des Innern und des Äußern, Bethmann Hollweg und Schön, der Chef des Marinekabinetts Vizeadmiral von Müller und der Chef des Generalstabs General von Moltke teilnahmen. Ich lasse das amtliche Protokoll über diese Besprechung folgen: „Der Herr Reichskanzler eröffnet die Besprechung nach einem kurzen Hinweis auf die hohe Wichtigkeit des Gegenstandes mit Verlesung des Briefes Seiner Majestät des Kaisers vom 3. April 1909. In diesem Brief gibt Seine Majestät der Kaiser sein Einverständnis mit den Allerhöchstihm von Admiral von Tirpitz vorgetragenen Anschauungen über eine eventuelle Verständigung mit England kund und weist den Herrn Reichskanzler an, von dem Herrn Staatssekretär des Reichsmarineamts eine Formel als Basis für Verhandlungen ausarbeiten zu lassen. Der Brief tadelt das Verhalten des Botschafters Grafen Metternich, der von den englischen Staatsmännern keine Gegenleistung für unseren etwaigen Verzicht auf eine Flottennovelle erlangt und für das inkonstitutionelle Vorgehen des Sir Charles Hardinge in Cronberg keine Sühne verlangt habe. Der Herr Reichskanzler verliest hierauf ein Schreiben des Grafen Metternich, worin dieser seine Haltung rechtfertigt. Der Herr Reichskanzler betont, daß unter den Anwesenden von persönlicher Empfindlichkeit nicht die Rede sein dürfe und könne. Alle wären einig in dem Bestreben, Kaiser und Reich nach bestem Wissen zu dienen. Uber einen Punkt aber wolle er keinen 432 DIE VERLANGSAMUNG DES BAUTEMPOS Zweifel lassen. Erste Pflicht eines Vertreters Seiner Majestät im Auslande sei, die Wahrheit zu berichten und die Verhältnisse so zu schildern, wie sie in Wahrheit lägen. Einen Botschafter, der das tue, werde er, der Reichskanzler, stets decken, unbekümmert darum, ob diese ungeschminkte Wahrheit zu hören immer angenehm sei. Es nütze auch nichts, auf das Barometer zu schelten, weil es schlechtes Wetter anzeige. Die zunächst zur Erörterung stehende Frage war, ob der Vorschlag des Admirals von Tirpitz einer Relation von 3 : 4 mit Fallenlassen des Verzichts auf eine Novelle als Basis einer Verständigung mit England betrachtet werden könne. Nach der Ansicht des Botschafters würde ein derartiges an England gerichtetes Ansinnen in kürzester Frist zum Kriege führen. Der Reichskanzler hob seinerseits hervor, daß nach allen ihm zugehenden Nachrichten die Stimmung in England uns gegenüber eine sehr ernste sei. Sie werde von der Befürchtung beherrscht, daß wir im Flottenbau den Engländern gefährlich nahe kommen könnten. Unter dem Eindruck dieser Besorgnis trete uns England in letzter Zeit überall in der Welt feindlich gegenüber; es versuche auch andere Mächte in Konflikt mit uns zu treiben. Wir hätten dafür in jüngster Zeit manche Belege erhalten. Ernsthafte Leute in England sähen einen Krieg mit Deutschland kommen. Es frage sich nun, wie in einem solchen Kriege unsere Chancen liegen würden. Admiral von Tirpitz habe seine Ansicht dahin ausgesprochen, daß wir einem Zusammenstoß mit England in den nächsten Jahren mit Ruhe nicht entgegensehen könnten. Da dränge sich die Frage auf, ob nicht eine Verständigung mit England möglich sei. Diplomatische Mittel genügten augenscheinbch nicht mehr, um England zu beruhigen. Eine Verständigung mit England über die Flottenbaufrage könnten wir vielleicht erreichen auf der Basis einer gegenseitigen Verlangsamung des Bautempos. Eine solche würde am besten in Verbindung mit einer Verständigung in anderen Fragen, zum Beispiel auf kolonialem Gebiet, in Handelspohtik, und allgemeinpolitischer Natur, etwa in Form eines Neutralitätsabkommens, erfolgen. Unsere Beziehungen zu England seien die einzige schwarze Wolke am Horizont unserer auswärtigen Politik, der im übrigen jetzt heller sei als seit vielen Jahren. Wir hätten seit zwanzig Jahren in der Welt nicht so geachtet und gefürchtet dagestanden wie jetzt. Aber das Verhältnis zu England trübe den Ausblick in die Zukunft. Graf Metternich gibt auf Anregung des Herrn Reichskanzlers eine Schilderung der Stimmung in England: Diese sei noch vor zwei Jahrzehnten uns und dem Dreibund günstig gewesen. Durch die Krüger-Depesche und die Haltung der deutschen öffentUchen Meinung während des Burenkrieges habe sie allerdings eine Trübung erfahren. Sie habe sich aber INITIATIVE GEFÄHRLICH 433 gründlich und ernstlich erst verdüstert, seitdem unsere Flottenbauten und die Agitation für diese den Engländern die immer mehr anwachsende feste Überzeugung beigebracht hätten, daß unsere Flotte eine ernste Bedrohung für England bedeute, für welches die absolute Sicherheit und Überlegenheit auf maritimem Gebiet nun einmal eine Lebensfrage sei. Nicht die deutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt, wenn sie auch den Engländern unbequem, wäre es, welche die tiefgehende Verstimmung erzeugt habe, sondern lediglich die deutsche Flottenpolitik. Admiral von Tirpitz meint, daß sich in dem Briefe Seiner Majestät und dessen Auslegung vielleicht Mißverständnisse finden könnten. Er sei stets bemüht gewesen, Seine Majestät davon zu überzeugen, daß es unrichtig wäre, eine Diskussion über eine gegenseitige Verständigung in den Flottenrüstungen a limine abzulehnen. Bei dem von Seiner Durchlaucht berührten Immediatvortrage vom 3. April 1903, der auf Veranlassung desselben erfolgt sei, habe es sich nur um die Vergangenheit gehandelt und habe er hierbei Seiner Majestät gegenüber erwähnt, daß sich im Herbste 1908 wohl Gelegenheit geboten haben würde, eine Relation 3 : 4 in Neubauten als Grundlage für Verhandlungen mit England zu benutzen. Damals hätte der Vorschlag wohl Aussicht auf Annahme seitens Englands gehabt, da die Engländer damals nur vier neue Schiffe bauen wollten. Jetzt sei dies anders. Für solche Verhandlungen wäre es zweckmäßiger gewesen, den Verzicht auf eine Novelle für 1912 nicht aus der Hand gegeben zu haben, sondern ihn als Verhandlungsmittel auszunutzen. Die Gefahr eines Zusammenstoßes mit England sei im übrigen seiner Ansicht nach nicht so groß, wie Graf Metternich es schilderte, die Verstimmung der Engländer wurzele nach seinen Erfahrungen in dem Unbehagen über die wirtschaftliche und politische Konkurrenz, die jetzige Erregung aber sei in der Hauptsache Mache Sir John Fishers, der die englische Admiralität repräsentiere und mit allen Mitteln der Perfidie gegen Deutschland arbeite. Je stärker wir unsere Flotten machen, desto mehr wird sich England hüten, mit uns ernstkch anzubinden. Er glaube, daß der „navy scare" in England überwunden sei. Er könne nur nochmals bedauern, daß Graf Metternich die Zusicherung, es sei 1912 keine Novelle beabsichtigt, ohne Gegenkonzession gegeben habe, aber er, der Staatssekretär, sei bei der dem Grafen Metternich erteilten Instruktion nicht gehört worden. Eine Initiative zu einer Verständigung mit England unsererseits zu ergreifen, halte er nach dem Verhalten der englischen Regierung in diesem Frühjahr nicht für angezeigt, ja für gefährlich. England solle seinerseits zunächst mit Vorschlägen hervortreten, dann könne man ja hören, was angeboten wird, und danach sein Gegenangebot machen. Übrigens gingen unsere Neubauten im Jahre 1912 von vier auf zwei Schiffe herunter, ein Umstand, der an sich schon eine Ver- 28 BUlow n 434 POLITIK DES VOGELS STRAUSS langsamung des Bautempos darstelle und als solche den Engländern hätte dargestellt werden müssen. Diese Tatsache bedeute aber seines Erachtens, daß ein erneuter Agreements-Versuch gar nicht zu erwarten sei. In keinem Falle könnten wir uns auf eine Verständigung mit England ohne genügende militärische Gegenleistungen von englischer Seite einlassen. Im ganzen sei er in jetziger Lage für ruhiges Abwarten. Graf Metternich betont nochmals, daß er von Seiner Majestät dem Kaiser die bestimmte Weisung erhalten habe, den Engländern zu sagen, Seine Majestät habe nicht die Absicht, über das Flottenprogramm hinauszugehen. Von einer etwaigen Novelle für 1912 habe er bis vor wenigen Tagen nie etwas gehört. Admiral von T i r p i t z erklärt, daß es allgemein, auch bei den Engländern, bekannt sein müßte, daß das Jahr 1911 ein kritisches sei, in dem eine Novelle erwartet werden könnte. Die Befürchtung der Engländer, daß in einigen Jahren eine abermalige Novelle zum deutschen Flottengesetz kommen werde, sei vom Herrn Botschafter bereits in seinem Berichte über die Unterredung mit Sir Charles Hardinge vom 30. Juni 1908 klar ausgesprochen worden. Der Herr Reichskanzler hebt hervor, daß er bisher aus den mündlichen und schriftlichen Besprechungen mit dem Herrn Staatssekretär des Reichsmarineamts niemals den Eindruck erhalten habe, daß dieser eine Verständigung mit England in der Flottenfrage wünsche. Er sei erstaunt, jetzt zu hören, daß der Herr Staatssekretär im vorigen Herbst eine solche Verständigung für möglich und sogar für erstrebenswert gehalten habe; davon habe er, der Reichskanzler, bisher keine Ahnung gehabt. Er verstehe aber auch nicht recht, warum das, was damals dem Staatssekretär möglich und nützlich erschienen wäre, jetzt von ihm perhorresziert würde. Die Beunruhigung in England sei nicht Mache Sir John Fishers, sondern entspringe leider der tiefen und festen Uberzeugung des englischen Volks, daß das Anwachsen unserer Seemacht das britische Reich an der Wurzel bedrohe. Darüber dürften wir uns keinen Täuschungen hingeben. Man könne mancherlei Politik treiben; die bedenkbchste Politik aber sei die PoHtik des Vogels Strauß. Trotz der von uns allen anerkannten und bewunderten Tüchtigkeit unserer Flotte seien wir, nach der Ansicht des Admirals von Tirpitz, jetzt nicht in der Lage, einen Konllikt mit England siegreich zu bestehen. Um die zwischen heute und dem Ausbau unserer Flotte hegende Gefahrzone zu durchschreiten, empfehle sich eine Verständigung mit England. Selbstverständlich könne eine solche Verständigung nur auf Gegenseitigkeit beruhen. Daß er, der Reichskanzler, keine Lösung akzeptieren und keinen Schritt empfehlen werde, der nicht im vollen Einklang mit der Würde der Nation sei, brauche er nicht besonders zu betonen. Dafür bürge wohl die Art und Weise, SCHEITERN BEDEUTET KRIEG 435 wie er seit nunmehr zwölf Jahren die auswärtigen Geschäfte des Landes führe. Admiral von Tirpitz verschließt sich nicht der bestehenden Gefahr, auf die er auch schon früher aufmerksam gemacht und deren Erkenntnis ihn auch veranlaßt habe, die Agitation des Flottenvereins unter General Keim zu mißbilligen. Er sei auch für Herbeiführung einer Detente. In bezug hierauf und auf die Darlegung des Herrn Reichskanzlers verweise er auf seinen schriftlichen Bericht an Seine Durchlaucht vom 20. Januar 1909, in dem er gemeldet habe, daß er durchaus der Ansicht des Herrn Reichskanzlers sei, man dürfe eine erneute Anregung seitens Englands, in eine vertragsmäßige Verminderung der beiderseitigen Flottenbauten einzutreten, nicht a limine ablehnen, schon allein aus dem Grunde nicbt, um das Odium einer solchen Abweisung von uns abzuhalten. In diesem Berichte habe er, der Staatssekretär, weiter gemeldet, daß er sich schon Ende September 1908 bemüht habe, Seiner Majestät dem Kaiser diesen Standpunkt klarzulegen. Sein in demselben Bericht gemachter Vorschlag der Grundlage einer Relation von 3 : 4 würde den Engländern innerhalb zehn Jahren noch immer nahezu die Stellung des Two Powers Standard, nämlich des Verhältnisses 2 : 3—6 gegeben haben. Staatsminister Bethmann hält eine Initiative unsererseits zu einer Verständigung nur dann für ratsam, wenn wir einen bestimmten Vorschlag zu formulieren in der Lage wären. So weit 6eien wir aber in der heutigen Beratung noch nicht gelangt. Vielleicht lasse sich eine gewisse Detente mit England auch auf kolonialem Gebiete und in der Handelspolitik erreichen. Für letztere schienen ihm aber die Voraussetzungen, nämlich der Übergang Englands zum Schutzzoll, zu fehlen. Graf Metternich hält eine Verständigung über koloniale und handelspolitische Fragen für erwünscht, aber nicht für genügend zur Beruhigung Englands. Diese sei allein durch eine Flottenverständigung zu erzielen. Sollte es nicht möglich sein, eine Konzession an England durch Verlangsamung unseres Bautempos in Schiffen zu machen? Admiral von Tirpitz weist demgegenüber auf den Sprung hin, der im Jahre 1912 von vier auf zwei Schiffe stattfinden wird. Der Herr Reichskanzler stellt zur Erwägung, ob nicht Graf Metternich ermächtigt werden soll, den Engländern gesprächsweise zu sagen, wir seien bereit, in Flottenfragen mit uns reden zu lassen, dabei zwar seinerseits keine konkreten Vorschläge zu machen, aber anzudeuten, daß unsere Konzessionen in Verlangsamung des Bautempos und in Verzicht auf Novellen bestehen könnten. Staatsminister von Bethmann wirft zunächst die Frage ein, ob eine Verlangsamung des Bautempos ohne Änderung des Flottengesetzes möglich sei. General von Moltke vertritt den '28* 436 DIE GEFAHRZONE 1915 ÜBERSTANDEN Standpunkt, daß wir keinerlei Chance haben, einen Konflikt mit England erfolgreich auszufechten. Eine ehrenvolle Verständigung, etwa auf der Basis einer Verlangsamung des Bautempos, scheine daher auch ihm erstrebenswert. Dabei dürfe man sich freilich nicht verhehlen, daß ein Scheitern von Verständigungsversuchen den Krieg bedeuten könnte. Der Herr Beichs- kanzler weist wiederholt auf die Gefahren der Situation hin. Die einzige schwarze Wolke lagere zur Zeit über der Nordsee, aber sie sei gewitterschwer. Admiral Tirpitz hebt den von Jahr zu Jahr wachsenden Wert unserer Flotte hervor, auch in den Beservebildungen. Ein etwaiges Hinausziehen des Bauprogramms um fünf Jahre, also bis 1925, wie es Graf Metternich im Auge zu haben scheine, würde für uns aber den Verlust von fünfzehn Capital Ships bedeuten. Wolle man solche Verlangsamung, dann werde das ganze Flottenprogramm wertlos. Staatsminister von Bethmann: ,Das Erstarken unserer Flotte ist eben das, was die Engländer erkannt haben und was sie so lebhaft beunruhigt. Was könnte unsere Marine bieten, wenn eine freundschaftliche Anregung seitens Englands zu erneuter Besprechung erfolgen sollte?' Admiral von Tirpitz: ,Unser etwaiges Angebot kann sich nur nach einem englischen Vorschlag richten, nicht vorher formuliert werden.' Staatsminister von Bethmann: ,Ist nicht eine Verlangsamung des Bautempos in dem Sinne möglich, daß wir im nächsten Jahr nicht vier, sondern nur drei Schiffe bauen, wenn die Engländer ihrerseits sich auf vier Neubauten beschränken — immer nur Capital Ships gerechnet ?' Admiral von Tirpitz führt aus: Zu einer solchen Verlangsamung des Bautempos sei eine Änderung des Flottengesetzes nicht erforderlich, eine Verlangsamung von vier auf drei Schiffe lasse sich im Etat durchführen. Der Herr Beichskanzler konstatiert, daß die Verlangsamung also möglich sei, ohne daß dies zu Debatten im Beichstag führe oder überhaupt sehr in die Öffentlichkeit trete. Admiral von Müller betont, es dürfe kein Mißverständnis darüber bestehen, daß eine Verständigung mit England auf Basis der Verlangsamung des Bautempos nur unter der Bedingung zustande kommen dürfe, daß auch England eine Gegenleistung auf dem gleichen Gebiete, also ebenfalls eine Verlangsamung, bietet. Alle Anwesenden sind darüber einig, daß solche Gegenseitigkeit unbedingt Voraussetzung für das Zustandekommen einer Verständigung sein müsse. Insbesondere wiederholt der Herr Beichskanzler, daß England uns nicht nur volle Gegenseitigkeit auf militärisch-technischem Gebiet, sondern auch eine politische Assekuranz geben müsse. Admiral von Tirpitz führt aus: Nach seiner Ansicht würde die Gefahrzone in unserem Verhältnis zu England in fünf bis sechs Jahren, also etwa 1915, EIN RÜSTUNGSABKOMMEN? 437 nach Erweiterung des Kaiser-Wilhelm-Kanals und Fertigstellung der Helgolandposition überstanden sein. Schon in zwei Jahren werde sie erheblich geringer sein. Der Herr Reichskanzler: ,Das ist sehr schön. Die Frage ist aber immer wieder: Wie kommen wir über die derzeitigen Gefahren weg?' Admiral von Tirpitz hält eine Beseitigung der Gefahr durch eine Verständigung über Neubauten im Verhältnisse 3 : 4 für möglich. Der Herr Reichskanzler ersucht den Staatssekretär des Reichsmarineamts, den Befehlen Seiner Majestät gemäß eine Formel für eine Verständigung auszuarbeiten. Er macht aber dabei darauf aufmerksam, daß keine Diplomatie der Welt die englische Regierung dahin bringen könne, eine Formel zu akzeptieren, die England als für seine Existenz bedrohhch erscheine. Admiral von Tirpitz kann der Aufstellung einer Formel im jetzigen Augenbücke keinen Wert beimessen. Besonders, da bei der praktischen Verwendung derselben durch einen anderen in etwaigen Verhandlungen mit den Engländern leicht Mißverständnisse unterlaufen könnten. Eine solche Formel könne nur als eine Vorbereitung aufzufassen sein für den Fall, daß England tatsächlich einen Schritt zur Annäherung an uns zum Zwecke der Herbeiführung eines Rüstungsabkommens tun sollte. Erst nach dem Maße der englischen Annäherung würde zu beurteilen sein, welche Gestalt eine eventuelle Formel anzunehmen habe. Der Staatssekretär von Tirpitz wiederholt im Anschluß daran seine früher gemachten Ausführungen (s. S. 5 des Protokolls), daß nach dem Verhalten der englischen Regierung in diesem Frühjahr die Initiative nicht von uns ausgehen dürfe. Der Herr Reichskanzler bittet schließlich, die Tatsache und den Inhalt dieser Besprechung streng geheim zu halten." XXIX. KAPITEL Der Kaiser zu dieser Konferenz • Wandlung im Verhältnis Wilhelms II. zu Bülow • Erschwerung seiner Geschäftsführung • Neue Kahinettschefs • Schwierigkeiten im Auswärtigen Amt • Geheimrat Hammann • Unterredung zwischen Kaiser und Kanzler • Die Majestäten zum Diner im Kanzler-Palais • Wilhelm II. wieder in bester Laune Die Konferenz vom 3. Juni 1909 hat mir einen dauernden Eindruck hinterlassen. Graf Paul Metternich, sehr ruhig, fast phlegmatisch, aber Vortrag über ]jj ar? nüchtern, ganz Matter-of-fact-Mensch. Er wußte, daß er, lange bei Konfirfz ^ e " ier Majestät gut angeschrieben, durch seinen Widerspruch gegen die allmählich über ihre Ufer tretende Flottenpolitik des hohen Herrn sich dessen Gunst verscherzte. Aber er stellte seine Uberzeugung über sein Amt. Tirpitz, innerbch leidenschaftlich bewegt, nach außen kalt, bisweilen verbissen, voll brennenden Ehrgeizes, voll glühender Vaterlandsliebe, voll Vertrauen auf sein Werk, auf die Kraft des deutschen Volks, groß auch in seinen Irrtümern, aber einseitig. Die beiden Staatssekretäre des Innern und des Äußern, Bethmann Hollweg und Schön, gleichmäßig bestrebt, weder bei Seiner Majestät anzustoßen noch auch beim Reichskanzler, von dem man nicht wissen könne, ob er nicht schließlich doch im Amte bleiben würde. Par nobile fratrum, aber in dem sarkastischen Sinne, in dem Horaz diese Wendung geprägt hat. Moltke, wohlmeinend in seinen Gedankengängen, verständig und klar, leider nur kein Mann der Tat. Der Chef des Marinekabinetts von Müller, damals noch ein Anhänger von Tirpitz, dessen perfider Gegner er werden sollte, sobald sich die kaiserliche Gnadensonne von dem Erbauer der Flotte abwandte. Ich hielt es für meine Pflicht, Seiner Majestät über den Verlauf der Konferenz vom 3. Juni und über die Gründe, welche die Einberufung dieser Konferenz und meine Haltung in der Besprechung bestimmt hatten, auch noch mündliche Erläuterungen zu geben. Der von mir erbetene Immediatvortrag wurde mir erst nach einer Woche, am 11. Juni gewährt. Über seinen Verlauf nahm ich die nachstehende Notiz zu den Akten: „Seine Majestät erklärte mir auf meine heutigen Vorstellungen über die von englischer Seite infolge der englischen Besorgnisse vor unseren Schiflsbauten drohenden Gefahren: Er könne nicht an eine solche Gefahr glauben. Die Engländer würden uns allein nie angreifen. DER ZWEIFRONTENKRIEG DER ZUKUNFT 439 Bundesgenossen fänden sie jetzt nicht. Wir brauchten auch einen englischen Angriff nicht zu fürchten, denn wir könnten den Engländern zur See schon jetzt den größten Schaden zufügen. Die angebliche englische Aufregung über unsere Schiffsbauten sei nur ,Mache', aus innerpolitischen Motiven hervorgegangen. Das sei die Auffassung, die ihm Admiral von Tirpitz vorgetragen habe, und der müsse er sich anschließen." Die vorstehende Aufzeichnung gibt nur das Gerippe meines langen und eingehenden Immediatvortrages vom 11. Juni 1909. Ich wies nachdrücklich, mit statistischem Material und an der Hand der Geschichte auf die großen Hilfsquellen hin, über die England verfüge, auf die gewaltige Leistungsfähigkeit und Energie, die es in allen seinen Kriegen, von den Kriegen gegen Ludwig XIV. und Napoleon I. bis zum Burenkrieg, entfaltet habe. Ich sagte Seiner Majestät, ich glaubte auch jetzt nicht, daß England uns von heute auf morgen, unerwartet, überfallen werde, wieder Kaiser dies mehrfach befürchtet habe. Wohl aber bestehe die Gefahr, daß, wenn das Rennen mit England im Schiffsbau im bisherigen Tempo fortgesetzt würde, England, sobald wir in Verwicklung mit irgendeiner andern Macht gerieten, insbesondere mit Rußland, sich sofort auf die Seite unserer Gegner schlagen würde. Das lähme unsere Politik nicht nur in der Gegenwart, sondern bedrohe uns für die Zukunft mit schweren Gefahren. Ein Zweifrontenkrieg sei unter allen Umständen für uns eine ernste Sache, mit England auf der Seite von Frankreich und Rußland auf der anderen Seite. Der Kaiser wollte meine Besorgnisse nicht gelten lassen. Er berief sich dabei auf unseren Generalstab. Ich erwiderte, auch der Generalstab sei nicht unfehlbar; so unterschätze er auch erheblich die Force noire der Franzosen und meine, aus Afrika würde Frankreich nicht viel brauebares Soldatenmaterial ziehen können; Afrika würde im Gegenteil den Franzosen mehr Soldaten zum Uberwachen kosten, als Soldaten für die französische Armee gegen uns stellen. Diese Auffassung hielte ich auf Grund meiner bei einer Reise in Algier und Tunis gewonnenen Eindrücke für irrig. Ich hätte, betonte ich, die denkbar beste Meinung von dem preußischen Generalstab, diesem klugen Hirn der Armee, aber es sei von alters her ein Fehler unseres preußischen militärischen Denkens gewesen, die Westmächte und speziell die Engländer militärisch zu unterschätzen. Ich schalte hier ein, daß mir die Zukunft, zu meinem Schmerz, in dieser Beziehung recht gegeben hat. Schon Weihnachten 1914 standen fast fünfhunderttausend Engländer in Frankreich, 1917 an zwei Millionen. England hat im Weltkrieg über sechs Millionen Mann ins Feld gestellt, dazu noch über drei Millionen Soldaten aus seinen Kolonien, aus seinen Dominions und aus Indien. Es hat im ganzen zehn Millionen Mann mobilisiert. Im Laufe meiner wiederholten, von meiner Seite ruhig und mit mögbehster Klarheit ernst und nachdrücklich 440 DER KAISER IST UNGNÄDIG zum Kaiser gehaltenen, von Seiner Majestät hier und da ungeduldig und gereizt angehörten Vorträge über die Vortede einer durch Verlangsamung unseres Flotten- hautempos zu erreichenden Verständigung mit England erinnerte ich den Kaiser mehr als einmal an die allerersten Unterredungen, die ich nach meinem Eintreffen aus Rom in Kiel, im Juni 1897, mit ihm über unsere Flottenpolitik gehabt hätte. Vor die Aufgabe gestellt, den Bau unserer Flotte ohne Zusammenstoß mit England zu ermöglichen, hätte ich ihn damals an ein römisches Dichterwort erinnert. Wir dürften nicht, hätte ich ihm gesagt, propter vitam vivendi perdere causas. Jetzt, zwölf Jahre später, müsse ich diese Warnung mit größerem, mit dem größten Nachdruck wiederholen. Wir hätten die Flotte gebaut zu unserer Sicherheit und zu unserem Schutze, wir dürften uns aber nicht wegen dieser Flotte und durch diese Flotte unser Verhältnis zu England ganz verderben. Die letzten sieben Monate meiner Amtszeit sind nicht zu verstehen ohne Verhältnis Berücksichtigung der eigenartigen, sprunghaften, wandelbaren, der inko- Bulows härenten Natur Wilhelms II. Nach außen hatte sich sein Benehmen mir gegenüber nicht geändert. Er war sogar in mancher Hinsicht rücksichtsvoller geworden, widersprach mir selten und ungern, wurde nur in der Flottenfrage ärgerlich, und das auch nur dann, wenn ich diese Frage anschnitt. Er schien auch sehr besorgt um meine Gesundheit, obschon sie nichts zu wünschen übrigließ. Am 6. Februar 1909, dem Geburtstag meiner Frau, erschien der Kaiser mit der Kaiserin bei mir, um meiner Frau unter Überreichung eines schönen Straußes aus roten Nelken, seinen Lieblingsblumen, seine herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Aber ich hörte von allen Seiten, daß hinter meinem Rücken der Kaiser sich nicht nur ungnädig über mich ausließ, sondern allerlei Märchen über die Vorgeschichte der Novem- berkrisis und mein Verhalten während dieser Krisis erzähle. Das erschwerte mir in hohem Grade die Geschäfte. Ich hatte es ohnehin schwerer als früher, wo die damaligen drei Kabinettschefs, Lucanus, Hülsen und Senden, mir feste Stützen gewesen waren. Der Letztgenannte hatte mir durch seine antienglischen Marotten, nicht selten auch durch Taktlosigkeit die Führung der auswärtigen Politik erschwert, aber er hatte immerhin mein Bleiben im Interesse des Reichs wie des Kaisers für notwendig erachtet und sich aus diesem Grunde Intrigen gegen mich widersetzt. Sein Nachfolger, Admiral von Müller, war liebenswürdiger, taktvoller, aber unzuverlässiger und dem Kaiser gegenüber ganz unterwürfig. Dabei innerlich ein unklarer, pietistisch angehauchter Pazifist, was seinem Gemüt vielleicht Ehre machte, ihn aber nicht zum Vertreter des brillanten Geistes der Entschlossenheit und Handlungsfreudigkeit quaUfizierte, der unsere Marine auszeichnete. Der Generaladjutant von Hahnke war mir, dem weit jüngeren Manne, ein wohlwollender, durchaus verläßlicher Gönner gewesen, sein Nachfolger ^AässSHH» u V rO u V 4-* C« E V T3 <+-! P CS :U O hJ P O > H h v -C "C N « -c ü cJ> DIE NEUEN KABINETTSCHEFS 441 Graf Hülsen-Hacseler ein langjähriger und persönlicher Freund. Hülsen war während der Novemberkrisis im Schlosse Donaueschingen von einem Herzschlag gerührt tot umgesunken, nur wenige Stunden nachdem er dem Kaiser dringend geraten hatte, sich nicht von mir zu trennen. Sein Nachfolger, General von Lyncker, war ein tüchtiger Militär, ein tadelloser Ehrenmann, aber ohne Initiative. Er betrachtete sich nur als immer dienstbereiten und dienstbeflissenen Generaladjutanten. Und endlich war an die Stelle des sehr klugen, sehr gewandten, mir gleichfalls treu ergebenen Lucanus Herr von Valentini getreten. Ein geistreicher russischer Freund, Ernst Meyendorff, sagte mir einmal: „Une longue experience m'a prouve qu'on ne reussit jamais ä tuer son successeur." Lucanus kannte die Wetter- wendigkeit Seiner Majestät. Als er zu bemerken glaubte, daß der hohe Herr für den Vortragenden Rat in Allerhöchstseinem Kabinett, Herrn von Berg, Korpsbruder und persönlichen Freund Seiner Majestät, große Vorliebe zeigte, sorgte er für dessen Versetzung. Zu seinem Nachfolger wählte Lucanus den Regierungspräsidenten in Frankfurt a. 0., Herrn von Valentini, der ihm so unbeträchtlich erschien, daß er ihn als Chef des Zivilkabinetts Seiner Majestät für ausgeschlossen hielt. Seinen eigentlichen Zweck, Berg aus der Umgebung Seiner Majestät zu entfernen, hat Lucanus nicht erreicht, denn Berg wurde schließlich doch, nicht lange vor dem Umsturz, Chef des Zivilkabinetts. Valentini hat aber während eines Jahrzehnts Gelegenheit gehabt, seine Unbedeutendheit und leider auch seinen Mangel an Charakter nur zu reichlich an den Tag zu legen. Ich füge den letzten Brief bei, den ich von Lucanus kurz vor dessen Heimgang erhielt: „Eure Durchlaucht haben mich erfreut und beglückt durch den so warmen Ausdruck Ihrer Teilnahme an meinem Wohlergehen. Ich habe das Bett verlassen dürfen und hoffe, bald wieder auf dem Posten zu sein. Wie viele und große Aufgaben harren jetzt der Lösung durch Ihre Hand! Möge Gottes Schirm und Schutz über Eurer Durchlaucht walten. In unwandelbarer Verehrung und steter Anhänglichkeit bin und bleibe ich Eurer Durchlaucht treu und dankbar ergebener von Lucanus." Schmerzlicher noch als der Wegfall der drei Kabinettschefs hatte mich der Heimgang meines verehrten und heben Kriegsobersten, meines lang- Tod des Fcld- jährigen väterlichen Freundes, des Generalfeldmarschalls von Loe, be- Marschalls troffen, der zur großen Armee abberufen worden war. Tiefbewegt richtete von °* ich an seine Witwe, die erst vierzehn Jahre später, fast neunzig Jahre alt, ihrem Gatten in die Ewigkeit folgte, das nachstehende Telegramm: „Die Nachricht von dem Heimgang Ihres hochverehrten Mannes hat mich tief bewegt. Der Name des verewigten Feldmarschalls wird unvergänglich fortleben in der preußischen und in der deutschen Geschichte. Er war ein Ritter ohne Furcht und Tadel, treu Gott, König und Vaterland. Sein 442 DER FALL HAMMANN Patriotismus kannte keine Schranken. Er verkörperte die unlösbare Zusammengehörigkeit der Rheinlande mit der Monarchie. Persönlich werde ich dem teuren Entschlafenen, der mir seit dem großen Kriege in allen Lebenslagen ein väterlicher Freund war, immer das dankbarste und liebevollste Andenken bewahren. Meine Frau schließt sich meinen Empfindungen von Herzen an." Möge der Feldmarschall Loe, der ein ritterlicher Soldat, ein treuer Sohn der katholischen Kirche, ein treuer Diener vier preußischer Könige und dreier deutscher Kaiser, ein glühender preußischer und deutscher Patriot war, den Söhnen der schönsten preußischen Provinz als Vorbild vor Augen stehen, bis einst an dem von Knechtschaft und Schmach befreiten deutschen Rhein sich der Denkstein erheben wird, den wir Walter Loe jetzt nur in unserem Herzen errichten können. Im Auswärtigen Amt hatte ich es schwerer als früher. Herr von Schön Veränderun- war nicht von den Interessen der Geschäftsführung, sondern wie sein Vorgen im Aus- gänger Tschirschky in erster Linie von dem Gedanken beherrscht, nicht an värtigen Amt ^H er } 1 5 c { is t er Stelle anzustoßen. Nur daß, im Gegensatz zu Tschirschky, der das vorstellte, was man auf französisch „un rond de cuir" nennt, das heißt ein Aktenmensch, der auf seinem amtUchen Sessel am Schreibtisch seinen Mann steht, le Baron de Schön ebenso unzulänglich wie unzuverlässig war. Und endlich versagte infolge widriger Privatverhältnisse mein Pressechef, Otto Hammann, gerade im letzten Winter meiner Amtszeit. Hammann hatte, bald nachdem ich Staatssekretär geworden war, seine erste Frau auf einer mit ihr im Schwarzwald unternommenen Fußreise durch einen plötzlichen Tod verloren. Holstein, der, wenn er haßte, zügellos in seinen Verdächtigungen war, wollte, nachdem er sich mit seinem früheren Fidus Achates und Kampfgenossen gegen den entamteten Bismarck, dem Geheimrat Hammann, überworfen hatte, mir einreden, daß die erste Frau Hammann keines natürlichen Todes gestorben sei. Ich habe das nie geglaubt und diese Insinuation weit von mir gewiesen. Allerdings soll der Kummer über die Liebe ihres Gatten für eine andere das Ende der armen Frau beschleunigt haben. Witwer geworden, drängte Hammann, der nicht wie ein Lovelace aussah, aber offenbar eine leidenschaftliche Seele war, die von ihm angebetete Dame zur Scheidung. Deren Gatte, der einer der ersten Architekten in Deutschland war, widersetzte sich. Schließlich kam ein Arrangement zustande, das einen finanziellen Hintergrund hatte. Die geschiedene Frau sollte von ihrem bisherigen Mann eine nicht unbedeutende Jahresrente erhalten, unter der Bedingung, daß zwischen ihr und ihrem künftigen Ehemann bis zur Wiederverheiratung keine intimen Beziehungen stattfänden. Der verlassene Gatte war nicht in bester Laune, was sich denken läßt. Er war noch immer eifersüchtig, was auch begreiflich ist. Er ermittelte durch einen gewiegten Detektiv, wo die Ungetreue sich mit ihrem DER PRESSECHEF VON 1914 443 Liebhaber traf. Er mietete ein Zimmer über dem Zimmer, wo die Rendezvous der Verbebten vor sich gingen, bobrte dort ein Loch durch den Fußboden und beobachtete die Vorgänge, die sich unter ihm abspielten und die. ihn nicht erfreuten. Das Ganze würde einem Boccaccio den Stoff zu einer lustigen Erzählung geboten haben. Leider griff der Staatsanwalt ein und erhob gegen den Geheimrat Hammann, der die Korrektheit seiner Beziehungen zu seiner Dulcinea eidlich bekräftigt hatte, Anklage wegen Meineids. Ich wurde von vielen Seiten gedrängt, Hammann vom Dienste zu suspendieren. Der furchtsame Staatssekretär Schön weigerte sich, mit Hammann zugleich in der Budgetkommission des Reichstags zu erscheinen. Ich ließ Hammann in dieser bedrängten Lage nicht fallen. Er hatte 6ich mir gegenüber in einem kritischen Moment, nach meiner Ohnmacht im Reichstag, treu und tapfer benommen, und es war seit jeher eine meiner Lebensregeln, geleistete Dienste nicht zu vergessen. Es wurde ein Ausweg dahin gefunden, daß Hammann von sich aus seine Entbindung vom Dienste bis auf weiteres beantragte. Er wurde schließlich freigesprochen, aber es war entschuldbar, daß er in den bangen Wochen, wo er mit einem Fuß im Zuchthaus zu stehen fürchtete, für sein Ressort unter ohnehin schwierigen Verhältnissen und bei stürmischer politischer Lage nicht die wünschenswerte Ruhe und geistige Freiheit besaß. Ich habe übrigens Hammann nicht nur für seine mir am 5. April 1906 bewiesene Treue belohnt, sondern ihm dauernd wieder in den Sattel geholfen. Er bbeb auch unter Bethmann Hollweg und gewann unter diesem einen politischen Einfluß, den er unter mir nicht hatte, wo er insbesondere auf dem Gebiete der auswärtigen Politik nur die für die Orientierung der Presse wünschenswerten Direktiven erhielt, nicht aber tieferen EinbUck in vertraubche außenpolitische Vorgänge. Ich fürchte, daß Hammann, der für die Behandlung verwickelter diplomatischer Fragen und nun gar für große Probleme der auswärtigen Politik weder Erfahrung noch Kenntnis des Auslands noch den unerläß- bchen Takt mitbrachte, im Sommer 1914 zu der mit dem Ultimatum an Serbien eingeleiteten plumpen Politik sein Teil beigetragen hat. Die unglück- bche Bethmannsche Rede vom 4. August 1914 erinnerte mich in Fassung und Gedankengang an Hammannsche Entwürfe für offiziöse Presseartikel, die noch nicht meine Zensur passiert hatten. Die Pressepropaganda während des Weltkrieges hat der inzwischen zur Exzellenz avancierte Otto Hammann mit wenig Glück geleitet. Die verschiedenen Bücher, die Hammann später über zeitgenössische Politik veröffentlicht hat, stehen unter dem Einfluß der jeweiligen Machtverhältnisse in Deutschland. Als sein erstes Buch „Der neue Kurs", d. h. der Caprivi-Kurs, erschien, fühlte sich der Kaiser noch ganz Herr der Lage. Rebus sie stantibus behandelte Hammann den Sturz von Bismarck in der Tonart eines Offiziösen von 1891: „Nach der 444 RENVERS STIRBT Reichsverfassung ernennt und entläßt der Kaiser den Reichskanzler; Kaiser Wilhelm II. war somit völlig berechtigt, Bismarck fortzuschicken; also wozu der Lärm ?" Bötticher hätte es nicht schöner sagen können. Auch in einem späteren Buch über die Vorgeschichte des Weltkrieges wird vor allem auf Seine Majestät Rücksicht genommen. Das Buch „Um den Kaiser", das nach dem Novemberumsturz erschien, geht mit dem gestürzten Kaiser grausam ins Gericht. Alle drei Bücher sind ohne bleibenden Wert. Höher steht das später entstandene Buch „Vom mißverstandenen Bismarck", dessen Titel eine Anleihe bei mir war. Ich hatte in meiner Reichstagsrede vom 14. November 1906 gesagt: „Das Dogmatisieren des Fürsten Bismarck ist übrigens, das möchte ich doch einmal aussprechen, nicht nur zu einer Manie, sondern zu einer Kalamität geworden. Wir laborieren an dem mißverstandenen Fürsten Bismarck. Da zeigt sich recht unsere deutsche Neigung, alles zu einem System zu machen." Auch die jüngste Gabe der Ham- mannschen Muse: „Bilder aus der letzten Kaiserzeit", ist leichte Ware, aber ganz unterhaltend. Die in diesen „Bildern" wiedergegebenen Briefe und Direktiven von mir sind nicht auf meine Veranlassung publiziert worden; ich verleugne sie aber nicht. Bedeuteten die Veränderungen, die in der Umgebung Wilhelms II. und Tod des in dem für den Reichskanzler so wichtigen Auswärtigen Amt eingetreten icimrats -waren, eine Erhöhung meiner geschäftlichen Schwierigkeiten, eine Ver- Renvers menrun g ,j er Reibungsflächen, so traf mich der im Frühjahr 1909 erfolgte Tod meines lieben Freundes und langjährigen ärztlichen Beraters Renvers, der im besten Mannesalter sterben mußte, als ein persönlicher Schmerz, der mich im Innersten erschütterte. Mit immer gleicher Treue und Güte, mit hoher ärztlicher Kunst hatte er mich während meiner Amtszeit, die so große Ansprüche an meine körperlichen Kräfte stellte, beschützt und geleitet. Mit psychologischer Meisterschaft wußte er mich, der ich, von Hause aus kräftig, mich bis dahin wenig um meine Gesundheit gekümmert hatte, zur Selbstbeobachtung und zu einer vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Er pflegte zu sagen: „Wer nicht mit fünfzig Jahren sein eigener Arzt sein kann, an dem ist Hopfen und Malz verloren." Er hielt auf Maß im Essen und noch mehr im Trinken, auf regelmäßiges dreiviertelstündiges oder wenigstens halbstündiges Turnen, auf Gehen und Reiten. Er war aber nicht nur der Arzt des Körpers, er war auch Seelenarzt. In manchen politischen und persönlichen Schwierigkeiten fand ich bei ihm Verständnis und klugen Rat. Er, der mich so gewissenhaft betreute, der so vielen Menschen Gesundheit und Leben gerettet hatte, starb eines frühen Todes, weil er ein eigenes inneres Leiden vernachlässigte. Er, dessen Diagnose für unfehlbar galt, er, der mir bisweilen scherzend gesagt hatte, die eigentliche Arzneikunde habe seit Hippokrates nur bescheidene Fortschritte gemacht, sehr DIE ERBSCHAFTSSTEUER 445 große aber die Chirurgie, ließ sich zu spät operieren. Als ich mich unter seiner Obhut nach meinem Ohnmachtsanfall im Reichstag wieder vollkommen erholt hatte, veranstaltete meine Frau ein kleines Essen in unserem Hause, zu dem wir außer Renvers und seiner liebenswürdigen Gattin eine Anzahl Freunde einluden. Ich hielt einen Trinkspruch auf ihn, in dem ich an das Wort von Schopenhauer erinnerte, daß der Advokat den Menschen in seiner ganzen Schlechtigkeit sehe, der Theologe in seiner ganzen Dummheit und der Arzt in seiner ganzen Schwäche. Bei aller Bewunderung für den scharfsinnigen, tiefen Denker und großen Prosaisten Schopenhauer erklärte ich sein Urteil über den Advokaten und über den Geistlichen für ungerecht. Vor allem stellte ich fest, daß der Arzt den Menschen zuweilen auch in seiner ganzen Dankbarkeit vor sich sehe, und das gelte für mein Verhältnis zu Renvers. Ich werde ihn nie vergessen. Bei der grundsätzlichen Opposition des Zentrums und der starken Abneigung der Konservativen sowohl gegen die von mir in Preußen beab- Die Haltung sichtigte Wahlreform wie gegen die von mir vorgeschlagene Erbschafts- ^ cs Zentrums Steuer war der Block nur zusammenzuhalten, wenn die Krone fest hinter mir stand. Das Zentrum war ursprünglich und an und für sich der Erbschaftssteuer in keiner Weise abgeneigt gewesen. Als ich 1905 die sogenannte kleine Finanzreform in Angriff nahm, hatte ich in der Rede, die ich am 6. Dezember 1905 bei der ersten Etatsberatung hielt*, eingehend und offen die Bedenken ausgeführt, die ich gegen die Erbschaftssteuer empfände. Als ich meine Rede gehalten hatte, machte mir der Führer des Zentrums, Herr Spahn, artige Komplimente über die Klarheit, mit der ich diesen schwierigen Gegenstand behandelt hätte. Ich hätte es verstanden, sogar diesem spröden Stoff Geist abzugewinnen. Er verstünde nur nicht, weshalb ich gegen die Erbschaftssteuer Bedenken hätte. Ich entgegnete ihm, daß ich einige Tage vorher eine Eingabe der rheinisch-westfälischen Malteser erhalten hätte, die vom Standpunkt der Familie gerade gegen diese Steuer protestierten. Ich hörte, daß auch die Bischöfe von Bedenken gegen die Erbschaftssteuer erfüllt wären. Nicht ohne Humor erwiderte mir Herr Spahn: „Ja, wenn Sie die Finanzreform und Steuervorschläge aus dem Gesichtswinkel der Maltesergenossenschaft oder auch der hochwürdigen Herren Bischöfe machen wollen, dann werden Sie nicht weit kommen." Nach Tische las man's anders. Gerade die von mir aus wohlerwogenen, sachlichen Gründen vorgeschlagene Erbschaftssteuer erschien dem Zentrum als der geeignete Boden, die Konservativen zu sich herüberzulocken und gemeinsam mit ihnen mich zu Fall zu bringen. Um einerseits die Reichsfinanzreform in einer dem wahren Interesse des Reichs wie der Krone ent- * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 237; Reclam-Ausgabe IV, 12. 446 DEN STIER BEI DEN HÖRNERN FASSEN Vertrauensfrage sprechenden Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, durchzubringen, andererseits auch um ein Flottenabkommen mit England vor meinem Rücktritt und für alle Eventualitäten der Zukunft unter Dach und Fach zu bringen, mußte mein persönliches Verhältnis zum Kaiser geklärt werden. Ich beschloß, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Nachdem ich am Bülow stellt an 11. März 1909 dem Kaiser über die auswärtige Lage Vortrag gehalten hatte, JenKaiserdie tat ich, mir noch einen Augenblick in persönlicher Angelegenheit Gehör zu schenken. Ich hätte die Empfindung, daß er, der unmittelbar nach den Novemberereignissen von der Richtigkeit und namentlich von der absoluten Loyalität meiner Haltung überzeugt gewesen wäre, mir seitdem nicht mehr in dem früheren Maße sein Vertrauen entgegenbrächte. Ob und von welcher Seite ich verleumdet worden sei, wolle ich nicht erörtern. Ich könne mein schweres Amt nur weiterführen, wenn ich das volle Vertrauen meines kaiserÜchen Herrn besäße. Ich möge in dieser oder jener Einzelheit geirrt haben. Niemand sei unfehlbar. Ich hätte aber niemals etwas anderes gewollt, als einen dauernden Zwiespalt zwischen dem Träger der Kaiserkrone und dem deutschen Volke verhindern. Mein ganzes Streben sei darauf gerichtet gewesen, dem Kaiser das Vertrauen der Bundesfürsten zu erhalten, die Fürsten und die erregten Gemüter gerade der Gutgesinnten in Deutschland zu beruhigen, Seiner Majestät die Liebe seines Volkes zu wahren. Ich hätte immer das Ziel vor Augen gehabt, das Schiff so zu führen, daß, wenn der Sturm vorüber, der Kaiser bei den deutschen Fürsten wie bei dem deutschen Volke an Vertrauen und Liebe nicht verloren, sondern gewonnen hätte. Wenn aber das Vertrauen Seiner Majestät zu mir irgendwie gelitten habe, so möge der Kaiser mich in Gnaden entlassen. Er könne das ruhig tun. Ich würde weder frondieren, noch ihm sonst Unannehmlichkeiten bereiten, sondern mit dem aufrichtigen Wunsche scheiden, daß ihm eine lange, ruhmreiche und glückliche Regierung beschieden sein möge. Seine Majestät dankte mir für meine Offenheit. Es sei ihm heb, auch seinerseits seinem Herzen Luft machen zu können. Er habe allerdings den Eindruck gehabt, ich hätte gegenüber den Angriffen, denen er ausgesetzt gewesen sei, nicht genügend darauf hingewiesen, daß alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe völlig unbegründet gewesen wären. In dem Gespräch, das sich jetzt entwickelte, sagte ich Seiner Majestät in Ehrfurcht, aber offen, daß seine während seines Besuchs in England verschiedenen Personen gegenüber gemachten Eröffnungen, die in dem Artikel des „Daily Telegraph" von dem Oberst Stuart Wortley zusammengefaßt worden seien, geeignet gewesen wären, im Inland die Gemüter zu erregen und uns gegenüber dem Ausland ernste Schwierigkeiten zu bereiten. Seine Majestät erwiderte: er habe mir seinerzeit aus England alles geschrieben oder DIE AUSSPRACHE MIT S. M. 447 telegraphiert, was in dem Artikel des „Daily Telegraph" stände. Als ich das auf das entschiedenste bestreiten mußte, meinte der Kaiser, er habe es mir entweder vorher angekündigt oder nachträglich erzählt. Als ich auch das wahrheitsgemäß nicht zugeben konnte, brachte Seine Majestät die Rede auf die allgemeine Ungerechtigkeit, die in seiner Beurteilung so oft hervortrete. Ich wies an einer Reihe von Vorgängen der letzten Jahre nach, daß nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Bundesregierungen durch manche Antezedenzien (Swinemünder Depesche, Fall Lippe, verschiedene Reden usw.) beunruhigt worden seien. Darauf hätte ich ibn schon früher mehr als einmal hingewiesen und ihn um mehr Vorsicht und Zurückhaltung gebeten. Die in Deutschland nach und nach entstandene Verstimmung habe sich während der Novembertage zu einem glücklicherweise nur kurzen Gewitter verdichtet, bei dem gewiß Übertreibungen und Ungerechtigkeiten mit untergelaufen wären. Seine Majestät erinnerte sich dieser Vorgänge, insbesondere der Swinemünder Depesche, deren Existenz er anfänglich bestritt, nicht im einzelnen und fand, daß sie jedenfalls sehr aufgebauscht worden wären. Als ich nochmals bat, mich gehen zu lassen, sofern Seine Majestät irgendwie Grund zu Unzufriedenheit oder zu Tadel zu haben glaube, erklärte mir der Kaiser, daß davon nicht die Rede sein könne. Nicht nur hätte ich ihm während langer Jahre in so vielen schweren Lagen ausgezeichnete Dienste geleistet, sondern auch gerade in diesem Winter „in meisterhafter Weise" die auswärtige Politik geleitet. Er wisse auch, daß meine Absichten immer die besten und reinsten gewesen seien. Er lasse sich nicht an mir irremachen. Die Unterredung schloß, indem ich Seiner Majestät meinen herzlichen Dank für das gnädige Vertrauen aussprach und Seine Majestät mich seines vollsten Vertrauens versicherte. Ich gebe im Vorstehenden wörtlich die Aufzeichnung wieder, die ich noch am gleichen Tage zu den Akten nahm. Die ganze Unterhaltung wurde Diktat Bülows von Seiner Majestät in freundlichster Form, von mir mit der denkbar ü6cr die größten Ruhe geführt. Die Anerkennung, die der Kaiser die Güte hatte Unterre,iun S mir bei diesem Vortrag zu spenden, habe ich in meinem Diktat eher abgeschwächt. Ich erinnere mich, daß der Kaiser wiederholt äußerte, ich sei „ein Meister der auswärtigen Politik", und er wisse gar nicht, was ohne mich aus der auswärtigen Politik werden solle. Die Unterredung fand ambulando im Weißen Saal des Berliner Schlosses statt. Als der Vortrag zu Ende war, unterhielt sich der Kaiser noch einige Zeit in liebenswürdiger Weise mit mir über die Verschönerungen, die er im Weißen Saal, der historischen Stätte so vieler bedeutsamer Ereignisse der preußischen Geschichte, vorgenommen habe. „Auch das ist Ihr Verdienst", meinte er, „da Sie uns den Frieden erhalten haben, der es mir ermöglicht, die Künste zu pflegen." 448 FROBEN UND SEIN HERR Ich möchte endlich noch eine Äußerung des Kaisers erwähnen, die ich seinerzeit absichtlich nicht in die Registratur über meinen Immediat- vortrag vom 11. März 1909 aufgenommen habe, die ich aber nachträglich wiedergeben möchte, weil sie überaus charakteristisch ist für die Mischung von naiver Selbstsucht und sentimentaler Romantik, die Wilhelm II. eigen war. Im Laufe unseres Gesprächs Heß der Kaiser die Äußerung fallen: „In der Reichstagsdebatte vom 10. November würde Froben anders gesprochen haben als Sie." Ich frag in ernstem Ton, ob der Kaiser damit sagen wolle, daß ich mich scheuen würde, für den König mein Leben einzusetzen. Mit herzlicher Betonung entgegnete der Kaiser, daß ihm ein solcher Gedanke völlig fernhege und immer ferngelegen habe. „Ich meinte nur dies. Wenn der Stallmeister Froben, der sich bei Fehrbellin auf den Schecken des Großen Kurfürsten setzte, um die feindliche Kugel von seinem Herrn abzulenken, als Reichskanzler vor dem Reichstag gestanden hätte, würde er wohl erklärt haben, er hätte dem Kaiser geraten und anempfohlen, in England so zu reden und zu sprechen, wie der Kaiser dies getan habe." Ich erwiderte: „Ich bitte, ganz offen sein zu dürfen. Als die Bombe des ,Daily-TeIegraph'-Artikels platzte, schärfte ich meinen Untergebenen zwei Gesichtspunkte ein: erstens, über den ganzen Vorfall nur die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit." (Der Kaiser zuckte die Achseln.) „Doch, Eure Majestät! In einer so ernsten Krisis durften wir das Land nicht anschwindeln. Zweitens gab ich die Weisung, alles zu tun, um die Krone aus der Feuerlinie zu bringen, um die Krone zu decken, um sie durchzubringen." Der Kaiser: „Na also!" Ich: „Ich habe Eurer Majestät schon wiederholt gesagt, daß der ,Daily-Telegraph'-Artikel vier besonders bedenkliche Punkte enthielt: die Behauptung, daß Eure Majestät ungefähr der einzige England freundlich gesinnte Deutsche wären. Diese Behauptung stand im Widerspruch nicht nur mit der Wirklichkeit, sondern auch mit allem, was ich seit Jahren im Reichstag, in meinen Gesprächen mit englischen Staatsmännern, in Interviews gesagt hatte. Eure Majestät hatten ferner in Ihren Unterredungen mit Engländern erklärt, Sie bauten Ihre Flotte gegen Japan. Wie sollte ich Eurer Majestät zu einer solchen Behauptung geraten haben, wo ich, wie sehr viele Leute wissen, seit meinem Amtsantritt, das heißt seit bald zwölf Jahren, Ihnen ständig empfohlen habe, Japan nicht unnötig zu kränken, zu reizen und vor den Kopf zu stoßen! Weiter hatten Eure Majestät den Engländern versichert, Sie hätten England davor gerettet, durch Rußland und Frankreich bis in den Staub gedemütigt zu werden. Nun habe ich Eure Majestät immer gebeten, nicht mit dem A über den B und dann mit dem B über den A zu räsonieren, denn A und B könnten sich einmal begegnen und sich gegenseitig Konfidenzen machen, und das würde zur Folge haben, daß A sowohl wie B jedes Vertrauen zu Eurer Majestät WIR BLEIBEN ZUSAMMEN!" 449 verlieren würden. Und endlich haben Eure Majestät sich in Highcliffe gerühmt, der wahre Sieger über die Buren zu sein, denn der Plan, mit dem Lord Roberts die Buren besiegt hätte, wäre von Ihnen ausgearbeitet worden. Ich halte es für ausgeschlossen, daß irgendein Mensch in Deutschland oder in England mir zugetraut haben würde, ich hätte Eurer Majestät dazu geraten, so etwas zu behaupten." Der Kaiser: „Das heißt so viel, als daß Sie mich für ein Rindvieh halten, dem man Dummheiten zutraut, die man Ihnen nicht zutrauen würde." Ich: „Das sei ferne! Ich muß mal wieder zitieren: Non omnia possumus omnes, sagt der Lateiner, und Schiller konstatiert, daß die Lebensgüter ungleich verteilt sind. Die menschlichen Gaben sind auch ungleich verteilt. Eure Majestät sind mir auf vielen, auf sehr vielen Gebieten sehr überlegen, nicht nur, wie das selbstverständlich ist, auf militärischem und noch viel mehr auf marinetechnischem Gebiet, sondern in allen Naturwissenschaften. Ich habe oft mit Bewunderung angehört, wie Sie das Barometer erläuterten oder die drahtlose Telegraphie oder die Röntgenstrahlen. Ich bin in allen Zweigen der Naturkunde von einer mich beschämenden Unwissenheit. Ich habe keine Ahnung von Chemie und Physik, ich bin ganz außerstande, den einfachsten naturwissenschaftlichen Vorgang zu explizieren. Dafür habe ich einige historische Kenntnisse und besitze vielleicht auch gewisse für die eigentliche Politik, insbesondere für die Diplomatie nützliche Qualitäten." Der Kaiser stimmte mir lebhaft zu. „Ich habe Ihnen immer gesagt", meinte er, nun wieder in bester Stimmung, „daß wir beide uns famos ergänzen. Wir müssen zusammenbleiben, und wir bleiben zusammen!" Er schüttelte mir mehrmals kräftig die Hand und fuhr von mir direkt zum Justizminister Dr. Beseler, bei dem er sich zu ein Uhr zum Frühstück angesagt hatte. Es war inzwischen einhalb zwei geworden, denn mein Immediatvortrag hatte lange gedauert. Im Justizministerium angelangt, wo alles gespannt und unruhig auf den hohen Herrn wartete, ging dieser direkt auf den Chef der Reichskanzlei, meinen treuen Mitarbeiter L o e b e 11, zu, dem er die Hand mit den Worten reichte: „Ich habe mich soeben mit dem Reichskanzler ausgesprochen, alles ist in schönster Ordnung. Wer mir jetzt noch etwas gegen den Fürsten Bülow sagt, dem fahre ich mit der Faust unter die Nase." Dabei machte der Kaiser eine entsprechende Handbewegung. Am nächsten Tage erzählte mir mein alter Kriegskamerad und treuer Freund, der Kabinettsrat Ihrer Majestät, Bodo Knesebeck, er habe am vorhergegangenen Abend an der Tafel der Kaiserlichen Majestäten teilgenommen, zu der außer den kaiserlichen Kindern nur er befohlen war. Der Kaiser habe, zu seinen Söhnen und zu ihm gewandt, mit freudigem Ausdruck gesagt: „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Ihr könnt mir alle gratulieren, zwischen mir und dem Kanzler 20 Btilow II 450 DAS MÄRCHEN VON DEM WEINKRAMPF ist alles im reinen." Die Kaiserin wäre überglücklich gewesen und hätte das auch ausgesprochen. Am 12. März erschien im Auftrage Seiner Majestät Graf August Eulen- Neue bürg bei meiner Frau, überreichte ihr auf Allerhöchsten Befehl ein präch- Abirrungen tiges Blumenbukett und frug, ob der Kaiser mit der Kaiserin an demselben Abend bei uns im kleinen Kreise speisen könne. Meine Frau bat Eulenburg, den Majestäten ihren Dank und ihre Freude zu übermitteln. Allerdings war sie in einiger Verlegenheit, ob sich in so kurzer Zeit ein Diner für die Majestäten bewerkstelligen lassen würde. Sie Heß unseren langjährigen Küchenchef, Monsieur Cholin, kommen und frug ihn, was da zu machen wäre. Dieser erwiderte mit Würde: „Je ne suis nullement etonne, cela ressemble bien ä Sa Majeste. II n'en fait jamais d'autres. Mais je n'en tirerai ä mon honneur." Das Essen war nicht nur gut, sondern das ganze Diner verlief in harmonischer Stimmung. Wilhelm II. begrüßte meine Frau mit den Worten: „Wie glücklich bin ich, wieder hier zu sein! Was war das für ein schrecklicher Winter! Nun ist aber alles wieder in schönster Ordnung." Der Kaiser bbeb von acht bis einhalb ein Uhr. Tags darauf kam Graf August Eulenburg, um im Allerhöchsten Auftrag meiner Frau nochmals zu sagen, wie glückhch der Kaiser über die volle Aussöhnung wäre. Ich habe Wilhelm II. während meiner langjährigen dienstlichen und persönlichen Beziehungen zu ihm selten in einer besseren, freundlicheren Stimmung gesehen als während der nun folgenden Wochen. Das erste Wölkchen, das sich an dem sonst geklärten Horizont zeigte, war die mir aus sicherster Quelle zugehende Nachricht, daß der Kaiser am Abend meiner langen Aussprache mit ihm, am 11. März, an seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, telegraphiert habe: „Ich habe Bülow verziehen, nachdem er Mich unter Weinkrämpfen um Pardon gebeten hat." Ich sprach über diese völlig unwahre, doch sehr seltsame Kundgebung mit August Eulenburg, der ihr keine größere Bedeutung beimaß. Er meinte, der Kaiser sei in Verlegenheit gewesen, wie er seinem Bruder seine Versöhnung mit mir erklären solle, nachdem er während der letzten Zeit sich diesem gegenüber über mich sehr unfreundlich und ausfallend geäußert hätte. Da habe er zu dem Märchen von dem Weinkrampf gegriffen. „Bei der größten Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben soll, immer ins Gedränge. Er will einen Begriff davon überliefern, und so macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein Nichts ist, welches für etwas gehalten werden will", bemerkt Goethe in seiner italienischen Reise, als er sich anschickt, die Villa Pallagonia in Palermo zu schildern, über deren phantastische Exzentrizitäten der normale Mensch von gesundem Menschenverstand den Kopf schüttelt. XXX. KAPITEL Die Stimmung im Lande • Schmoller und Harnack • Der Stand der Reichsfinanzreform Die Konservativen machen Schwierigkeiten • Ihre Führer beim Reichskanzler (29. IV. 1909) • Herr von Heydebrand mit Bülow unter vier Augen • Die Frage der Übertragung des Reichstags-Wahlrechts auf Preußen PVie steigenden Schwierigkeiten, die ich in dieser Zeit mit den Parteien im \J Hinblick auf die herannahende Entscheidung in der Erbschaftssteuerfrage hatte, konnten mich nicht von der Richtlinie abdrängen, die ich mir seit Beginn meiner Amtsführung für mein Verhältnis zum Parlament gezogen hatte und die dahin ging, daß es an dem Reichskanzler wäre, die in Deutschland oft allzu selbstsüchtigen, meist sehr kurzsichtigen Parteien zu leiten, nicht aber sich von ihnen führen zu lassen. Ich war auch der Überzeugung, die der Ausfall der Wahlen von 1907 mir bestätigt hatte: daß das Volk verständiger ist als die Fraktionen. ,,Le pays est sage, les partis ne le sont guere", sagte Thiers als Präsident der Französischen Republik 1872 oder 1873 zu dem damaligen deutschen Botschafter in Paris, Harry Arnim, und Bismarck lobte dieses kluge Wort. Auch in der letzten Zeit meiner Amtstätigkeit war das Land auf meiner Seite. Die Stimmung weiter Kreise gab eine genial gezeichnete Karikatur des „Simplicissimus" wieder, die eine behäbige Germania darstellte, die sich ängstlich an den Reichskanzler anklammert mit den Worten: „Bernhard, bleibe bei mir! Die bösen Männer stehen schon vor der Tür." Durch das Fenster schauen zwei Einbrecher in die Stube: ein Sozialdemokrat mit der Ballonmütze auf dem Kopf und ein Geistbcher im Pastorenhut. Ich konnte die Stimmung des Landes aus zahlreichen Zuschriften entnehmen, die mir aus allen Teilen des Reichs zugingen. Ich führe von den in G; jener Zeit an mich gelangten Schreiben nur einen Brief an, den der lang- 01 jährige bayrische Minister des Innern Graf Feilitzsch am 31. März 1909 an mich richtete und in dem es hieß: „Seit dem Deutsch-Französischen Kriege, der Deutschlands Einigung und Größe begründet hat, ist wohl kein so wichtiges Ereignis in die Erscheinung getreten als die friedliche Begleichung der Balkan-Frage. Wir haben dies der zielbewußten, energischen Pohtik Eurer Durchlaucht zu danken. Deutschland war stark genug, um 29* 452 DIE REICHSFINANZREFORM Europa den Frieden zu diktieren, uns vor einem Kriege zu bewahren. Die Nörgler sind nun still. Die jüngsten großzügigen Reden Eurer Durchlaucht im Reichstag haben sowohl dort selbst, aber auch in der ganzen in- und ausländischen Presse, wie bei allen patriotisch gesinnten Männern Zustimmung und Bewunderung hervorgerufen. Mag dies Ihnen eine kleine Entschädigung bieten für die unsägliche Mühe und Arbeit, für die gehässigen Angriffe und Verdächtigungen, die Durchlaucht in neuerer Zeit über sich ergehen lassen mußten. Das schönste und edelste ist doch das Bewußtsein, für Deutschland Großes geleistet zu haben. Gestatten Sie einem Mann, der den Krieg 70/71 mitgemacht, der dann unter vier Reichskanzlern länger als ein Vierteljahrhundert als Minister und Bundesratsbevollmächtigter das Glück hatte, Zeuge der großartigen Entwicklung und Machtentfaltung unseres Vaterlandes sein zu dürfen, daß derselbe Eurer Durchlaucht zu diesem großartigen Erfolge seine ebenso aufrichtigen als herzlichsten Glückwünsche darbringt. Es erübrigt sich nun, noch eine ebenso wichtige wie schwierige Frage der Erledigung zuzuführen. Wichtig, weil hiervon die fernere Machtstellung Deutschlands abhängt, schwierig, weil die Zersplitterung der Meinungen selbst in großen Fragen bei uns eine schwer zu heilende Krankheit ist. Es ist dies die Reichsfinanzreform! Durchlaucht haben in einer von mir soeben gelesenen Rede im Reichstage so klar und überzeugend den Weg bezeichnet, der zu beschreiten ist. Alles ist über die absolute Notwendigkeit der Reform einig, fast alles ist der Uberzeugung, daß neben einer Konsumsteuer auch eine Besitzsteuer Platz greifen muß, niemand hat bisher einen akzeptablen Gegenvorschlag gemacht, und trotz alledem wird man nicht einig. Wir sind in Süddeutschland auch schwer an die Nachlaß- oder Erbschaftssteuer gegangen, aber es muß eben sein, weil kein anderer Ausweg für die restlichen hundert Millionen zu finden ist. Ich hoffe und glaube, daß der Widerstand der Konservativen, wenigstens der Mehrzahl derselben, noch zu beheben ist. Die gestrige Rede Eurer Durchlaucht wird wohl dazu beitragen! Es wird hier viel für das Zustandekommen der Reform gearbeitet. Verzeihen Eure Durchlaucht, daß ich Ihre kostbare Zeit über Gebühr in Anspruch nehme, aber wenn das Herz voll ist, geht der Mund über. Stets in unbegrenzter Verehrung Euer Durchlaucht ganz ergebenster Dr. Graf von Feüitzsch, k. Staatsminister a. D." Graf Feilitzsch, ein Staatsmann von langjähriger und reicher Erfahrung, Reden im hob nicht mit Unrecht die günstige Wirkung meiner Reden auf die Stim- Reichstag und mun g j m Lande hervor. Ich habe es mir gerade am Ausgang meiner amt- Abgeordneten u c jj en Tätigkeit angelegen sein lassen, über den Reichstag hinaus zum Lande zu sprechen und unserem Volk noch einmal die Grundwahrheiten vor Augen zu halten, von deren Erkenntnis unsere Zukunft abhing. In DAS UHLAND-BILD IM STERBEZIMMER BISMARCKS 453 meiner Rede vom 30. November 1907* hatte ich die von mir in meiner inneren Politik erstrebten Ziele und gleichzeitig Kern und Wesen der Blockpolitik in die Worte zusammengefaßt: „Gegenüber dem Spott, der vielfach an dem Worte von der konservativ-liberalen Paarung geübt worden ist, möchte ich Ihnen ein Erlebnis erzählen, das zu den tiefsten und dauerndsten Eindrücken meines Lebens gehört. Als ich im Sterbezimmer des Fürsten Bismarck stand, diesem einfachen und schmucklosen Zimmer im Sachsenwalde, fiel mein Bück auf ein Büd, das an der Wand hing. Es war ein Holzschnitt, es war das Bild von Ludwig Uhland. Der Sänger des guten alten Rechts, der Mann, der in der Frankfurter Paulskirche gesagt batte: es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist, schaute hinüber nach dem Lager, wo der große Mann der Tat verschieden war, der dem deutschen Volke den Traum der Jahrhunderte erfüllt hatte. Die ganze deutsche Geschichte sprach aus diesem Gegenüber, und nur die Verbindung von altpreußisch- konservativer Tatkraft und Zucht mit deutschem, weitherzigem liberalem Geiste kann die Zukunft der Nation zu einer glücklichen gestalten." Am 26. März 1908** hatte ich gegenüber Bebel, der gemeint hatte, es würde kein Unglück sein, wenn der preußische Staat verschwände, betont: „Das Reich kann Preußen nicht missen, aber Preußen kann auch das Reich nicht entbehren. Das ist das segensreiche, das glorreiche Ergebnis der preußischen und deutschen Geschichte seit 250 Jahren; das ist die Frucht der Arbeit und der Genialität des Großen Kurfürsten und des großen Königs und der Männer von 1813. Das ist vor allem das Ergebnis der Bis- marckschen Politik. In dieser Einheit ruht die Zukunft der Nation, diese Einheit ist unser höchstes Gut, diese Einheit — das betone ich nicht nur vor dem Inlande, sondern auch vor dem Auslande — diese Einheit wird weder durch auswärtige Angriffe noch durch innere Krisen je wieder zerstört werden können." Den gleichen Zweck hatte die Rede verfolgt, mit der ich am 19. Januar 1909 mich in der Etatsdebatte des Abgeordnetenhauses über Stellung und Bedeutung der Krone ausgesprochen hatte***. Ich hätte mich, führte ich aus, seitdem ich die Verantwortung trüge für den Gang der Staatsgeschäfte, niemals der Verpflichtung entzogen, den Träger der Krone zu decken. „Ich habe aber auch die Pflicht", fuhr ich fort, „dafür zu sorgen, daß zwischen dem Träger der Krone und den Wünschen und Empfindungen des Landes nicht ein Zwiespalt entsteht, der für beide Teile verhängnisvoll sein müßte. Der verantwortliche Minister hat dafür zu sorgen, daß der Träger der Krone nicht irre wird an dem Land und das Land nicht an dem * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 93f., Reclam-Ausgabe V, 43f. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 132f., Reclam-Ausgabe V, 65. *** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 174ff., Reclam-Ausgabe V, 189ff. 454 ABENDESSEN MIT PROFESSOREN Träger der Krone. Er hat dafür zu sorgen, daß die Verfassung nicht nur dem Buchstaben nach, sondern auch dem Geiste nach aufrechterhalten bleibt. Der preußische Ministerpräsident hat vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß die historische Stellung der Krone, die eine ruhmvolle Vergangenheit uns überliefert hat und die die Grundlage unserer Wohlfahrt und Macht, unserer Einheit und unserer Zukunft ist, nicht auf das Spiel gesetzt wird und daß sie nicht abgenutzt wird." Nachdem ich daran erinnert hatte, daß Preußen groß geworden sei durch seine Herrscher, hob ich die edlen Absichten, den Idealismus, die Verdienste des jetzt regierenden Königs und Kaisers um die Schlagfertigkeit des Heeres, um die Schaffung der Flotte, um Handel und Industrie, um Technik und Wissenschaft hervor und schloß mit den Worten: „In dem Verständnis zwischen König und Volk, in dem Vertrauen zwischen König und Volk, in dem Ernst, mit dem von beiden Seiten dieses Verhältnis aufgefaßt wird, darin, daß der Fürst sich fühlt als erster Diener des Landes und daß das Land weiß, daß die Interessen des Landes, und nur die Interessen des Landes, auch die Interessen des Fürsten und seine Richtschnur sind, darin lag in der Vergangenheit unsere Kraft, darauf beruht auch unsere Zukunft." Als ich einige Tage später meinem verehrten Freund Gustav Schmoll er begegnete, bezeichnete er mir gegenüber diese meine Ausführungen als „das Testament eines wahren Monarchisten", das ihn tief ergriffen habe. Der eine fragt: was kommt danach? Der andre: was ist recht? Und dadurch unterscheidet sich Der Freie von dem Knecht. Bald nach der Novemberkrise hatte ich Gustav Schmoller und Adolf von Harnack zu einem Abendessen bei mir eingeladen. Schmoller sprach mir mit dem Freimut eines aufrechten Mannes seine Zustimmung zu meiner Sprache und Haltung in der Novemberdebatte aus. Ich hätte gegenüber dem Land und auch gegenüber dem Kaiser meine Pflicht als preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler getan. Er erinnerte daran, daß, von dem Fürsten Bismarck zu schweigen, auch andere preußische Minister sich genötigt gesehen hätten, ihrem Könige entgegenzutreten: so Graf Brandenburg und Freiherr von Manteuffel mehr als einmal dem König Friedrich Wilhelm IV., der große Freiherr vom Stein und Wilhelm von Humboldt gegenüber Friedrich Wilhelm HL, Graf Robert Zedlitz und Kultusminister von Goßler, der Kriegsminister Bronsart von Schellendorff gegenüber Wilhelm II. Harnack schwieg verlegen, obschon er sich als Theologe an manche Stelle aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament hätte erinnern können, in der Wahrheit und Freimut dem Christen zur Pflicht gemacht „IST ER WENDIG?' 455 werden. Nach einigen Tagen hörte ich aus der Umgebung Seiner Majestät, daß Harnack durch seinen baltischen Landsmann und intimen Freund Theodor Schiemann dem Kaiser habe sagen lassen, er würde eine Einladung bei mir nicht angenommen haben, wenn sie nach meiner Novemberrede an ihn ergangen wäre; er sei aber schon vorher von mir eingeladen worden und babe nicht wohl nachträglich absagen können. Diese Entschuldigung war nicht einmal wahr, Harnack war nach der Novemberdebatte von mir zu Tisch gebeten worden, aber unmittelbar nach unserem kleinen Symposion bekam er es mit der Angst. Die Ratten verließen das sinkende Schiff. Inzwischen schleppten sich die Verhandlungen in der Finanzkommission des Reichstags langsam und mühsam fort, wie in der alten Schwicrig- guten Zeit zwischen Oranienburg und Berlin im märkischen Sande die leiten in der Postkutsche, mit der ich als Primaner aus den im Elternhaus in Neu- J?lnanz ' Strelitz verlebten Ferien auf das Pädagogium zu Halle, das alte gute „Päd- chen", zurückkehrte. Sydow besaß nicht die Gabe, auszugleichen, über Schwierigkeiten wegzuleiten, das zu ersinnen und durchzuführen, was die Italiener „una combinazione" nennen. Bismarck pflegte, wenn man ihm jemand zu einer leitenden Stellung vorschlug, zu fragen: „Ist er wendig ?" Sydow war gar nicht wendig. Bismarck pflegte auch zu sagen, in gewissen Situationen müsse ein Minister „fleche de tout bois" machen. Als er diese Maxime einmal während der Konfliktszeit gegenüber dem damaligen Kronprinzen zum Ausdruck brachte, war dieser in seiner durch und durch gewissenhaften, edlen und ganz und gar ethischen Art darüber entsetzt. Aber für die Verhandlungen der Finanzkommission war das Bismarcksche Wort zutreffend. Sydow war weder wendig noch „un homme ä expedients". Dazu kam, daß er, ohne in bösem Sinne zu kleben, doch gern, sehr gern „ein großes Tier" bleiben wollte, wie man das in Berlin nannte. Das ist ihm auch gelungen. Als Sydow als Staatssekretär des Reichsschatzamts in der Frage der Erbschaftssteuer umgefallen war, schlug ihn nach meinem Rücktritt der Sydow seelenverwandte Bethmann Hollweg zum Handelsminister vor, als welcher er den zum Staatssekretär des Innern avancierten Clemens Delbrück ersetzte. Wilhelm II. war Sydow wohlgesinnt, besonders seitdem ihm Bethmann Hollweg gesagt hatte, daß Sydow geäußert habe: „Ich reiche meinen Abschied überhaupt nicht ein, ich warte, bis Seine Majestät ihn mir gibt." Sydow überdauerte als Minister alle seine Kollegen und hat, wenn ich mich nicht irre, als letzter preußischer Minister den Schwarzen Adlerorden erhalten, im Herbst 1918, kurz vor der Flucht Wilhelms II. nach Holland. Die Schwierigkeiten in der die innere Pobtik beherrschenden Frage der Reichsfinanzreform kamen vor allem von den Konservativen. Bismarck Opposition der hat einmal gemeint, Parteipobtiker scheuten in der Politik nicht vor Hand- Konservativen lungen zurück, die sie als Privatleute im Privatleben als unanständig weit 456 DER KRAKEELER HEYDEBRAND von sich beweisen würden. Das trifft auf das Verhalten der Konservativen mir gegenüber im Winter 1908/1909 zu. Als die von Wilhelm II. in High- cliffe geführten unvorsichtigen Gespräche bekannt wurden, waren die Konservativen die ersten gewesen, die in dem erwähnten Artikel der parteioffiziösen „Konservativen Korrespondenz" die Alarmglocke läuteten. In der Reichstagsdebatte vom 10. und 11. November hatten sich die konservativen Redner weit schärfer als die Vertreter anderer Parteien, schärfer als die Sozialisten Heine und Singer über die kaiserlichen Entgleisungen ausgesprochen. Wenige Tage später, als die Konservativen, denen es niemals an Beziehungen zum Hof fehlte, gehört hatten, daß es nicht ganz sicher sei, ob mir der Kaiser meine Haltung in der Novemberdebatte nicht nachträglich übelnehmen würde, erklärte dieselbe „Konservative Korrespondenz", ich hätte den Kaiser besser in Schutz nehmen sollen. Das Hauptorgan der Konservativen, die „Kreuz-Zeitung", und die agrarische „Deutsche Tageszeitung" machten zwar gegen diese perfide Insinuation Front, aber es war klar, daß Herr von Heydebrand die Segel umstellte. Ernst von Heydebrand und der Lasa auf Klein-Tschunkawe in Oberschlesien, damals 58 Jahre alt, war ein Mann von hoher Begabung, voll geistiger Interessen, sehr kenntnisreich. Er hatte viel gelesen und noch mehr, was wichtiger ist, über das Gelesene nachgedacht. In allen Staatswissenschaften, im Staatsrecht und Verwaltungsrecht, in Nationalökonomie und Finanzwissenschaft war er wohlbewandert. Er interessierte sich für Geschichte und sogar für Philosophie. Er war einer der schlagfertigsten Redner, die mir vorgekommen sind. Er sprach oft scharf, aber nie banal und noch weniger roh, immer als hochgebildeter Mann und in gewählter Form. Er war ein Charakter. Mit seinen Fähigkeiten hätte er im Verwaltungsdienst eine große Zukunft gehabt. Er hatte einige Jahre bei der Regierung in Oppeln unter Graf Robert Zedlitz gearbeitet, dem seine Begabung auffiel. Von 1887 bis 1895 war er Landrat von Militsch-Trachenberg, in welcher Stellung er sich beständig mit den beiden größten Grundbesitzern seines Kreises, dem Grafen Andreas von Maltzan-Militsch und dem Fürsten Hermann von Hatzfeldt-Trachenberg, stritt. Er war ein Krakeeler. 1895 schied er freiwillig aus dem Staatsdienst aus, um für seine parlamentarische Tätigkeit volle Ellbogenfreiheit zu haben. Ich habe mich oft über ihn geärgert, persönlich unsympathisch ist er mir nie gewesen. Aber die parteipolitischen Gesichtspunkte standen für ihn in erster Linie, vielleicht ohne daß er sich hiervon selbst Rechenschaft ablegte. Er substituierte die Staatsräson dem Interesse seiner Partei, und wie er davon überzeugt war, daß für Preußen und damit auch für Deutschland das Heil nur von einer ausgesprochen konservativen Politik zu erwarten wäre, so hielt er sich selbst für den besten, wenn nicht den einzig richtigen Vertreter und Leiter DIE HERRSCHAFT DER KONSERVATIVEN 457 einer solchen Politik. Nicht als ob er je hätte Minister werden wollen. Er würde eine solche Aufforderung mit Entrüstung, jedenfalls mit Gereiztheit abgelehnt haben. Aber er wollte hinter den Kulissen die innere Politik dirigieren. Herr von Heydebrand war von sehr kleiner Statur. Der alte Georg von Koller, langjähriger Präsident des Abgeordnetenhauses, das wackere Urbild eines pommerschen Junkers von altem Schrot und Korn, pflegte zu sagen, es wäre das Unglück von Heydebrand, daß er so klein sei. Er wolle immer beweisen: „Klein, aber oho!" Der spätere Minister des Innern Friedrich von Moltke meinte gelegentlich, wenn er etwas von Heydebrand erreichen wolle, richte er es so ein, daß die Unterredung von ihm sitzend, von Heydebrand stehend geführt würde. Andernfalls wäre Heydebrand dem baumlangen Moltke gegenüber von vornherein in einer pikierten Stimmung. In der letzten Zeit vor meinem Rücktritt kam es Heydebrand vornehmlich auf zwei Punkte an. Er wollte im Abgeordnetenhause die Alleinherrschaft der Konservativen nicht erschüttern lassen, und er wollte im Reichstag nichts von Erbschafts- oder Nachlaßsteuer wissen, um nicht den Bund der Landwirte zu verstimmen, der eine Hauptstütze seiner Macht war. Ende April 1909 fand eine Besprechung zwischen mir und dem Präsidenten des Herrenhauses, dem Freiherrn Otto von Manteuffel, Herrn von Heydebrand und Herrn von Normann statt, über deren Verlauf mir die nachstehende Registratur für die Akten vorgelegt wurde: „Der Herr Reichskanzler führte etwa folgendes aus: Er höre, daß die Herren für Freitag, den 30. dieses Monats, den weiteren Vorstand (Fünfziger-Ausschuß) der Konservativen Partei zusammenberufen hätten, um zur Reichsfinanzreform Stellung zu nehmen. Er wisse nicht, welche Beschlüsse sie vorschlagen wollten. Nach den Artikeln der konservativen Presse müsse er aber befürchten, daß sie die Partei gegen die erweiterte Erbschaftssteuer festlegen wollten, deswegen halte er es für seine Pflicht, sie über die politische Situation aufzuklären. Es sei ihm, dem Kanzler, sicher, daß, wenn die konservative Partei sich mit ihrem Widerstand gegen die Erbschaftssteuer festlege, für ihn das Zustandebringen der Finanzreform unmöglich sei, aus sachlichen und persönlichen Gründen. Übereinstimmung bestehe darüber, daß bei Fünfhundert-MiUionen-Bedarf hundert Millionen auf den Besitz gelegt werden sollen. Uber die Art der Besitzsteuer sei viel debattiert und geschrieben worden. Auch ihm, dem Kanzler, sei eine Erbschaftssteuer an und für sich wenig sympathisch. Es sei für ihn ein schwerer Entschluß gewesen, seine Ansicht zu ändern, aber er sei dazu gezwungen worden von einer „dira necessitas". Hätten wir inzwischen einen Krieg gehabt oder einen neuen Aufstand in Südwestafrika, so hätte er ebenso handeln müssen. Es gebe nach der Ansicht der verbündeten Regierungen und insbesondere der größeren Bundesstaaten keine andere ausreichende 458 BÜLOWS AUSEINANDERSETZUNG MIT IHNEN und zweckmäßige Besitzsteuer, die den erforderlichen Ertrag bringe. Die von den Konservativen vorgeschlagene Wertzuwachssteuer sei durchaus erwägenswert. Schon seit langer Zeit werde dieser Gedanke erwogen, aber sehr viele Bedenken, die jetzt auf Wunsch der Konservativen sachlich geprüft werden sollten, ständen seiner Durchführung entgegen. Er sei überzeugt, daß die Bedenken überwiegen, vor allem, daß diese Steuer nicht annähernd den vom Beichstag berechneten Betrag ergeben, sich vielmehr höchstens auf fünfundzwanzig Millionen stellen werde. Es stehe jetzt schon fest, daß die Wertzuwachssteuer auf Wertpapiere einfach undurchführbar 6ei. Diese Steuer könne also nicht als voller Ersatz der Erbschaftssteuer gelten. Eine weitere Erhöhung der Matrikularbeiträge sei ausgeschlossen. Veredelte Matrikularbeiträge seien eine Beichseinkommen- oder Vermögenssteuer, die rohen für die kleinen und mittleren Staaten unerträglich. Der Kanzler müsse also die Finanzreform als gescheitert ansehen, wenn die Erbschaftssteuer falle. Er könne keine Beform machen allein mit Konservativen, Wirtschaftlicher Vereinigung, Zentrum und Polen. Er würde seiner ganzen Politik ins Gesicht schlagen, wenn er jetzt die Situation durch die Polen retten ließe. Die Nationalliberalen müßten dabei sein, sie würden sich aber einer solchen Mehrheit nicht anschließen. Er, der Kanzler, wolle aber auch die Beform nicht gegen die Konservativen machen. Wenn diese bei ihrem Widerstand blieben, sähe er sich außerstande, die Geschäfte des Landes zu führen. Auf die Konservativen gehe dann die Verantwortung über. Da er den Kaiser bei seinem Abgange auch wegen der weiteren Politik und der Männer, die sie eventuell durchführen sollen, beraten müsse, so frage er die Herren: Erstens, welches Programm sie nach dem Scheitern dieser Beform zur Sanierung der Finanzen aufstellen wollten? Zweitens, mit welchen Parteien sie das Programm durchführen wollten? Und drittens, welche Männer sie sich an der Spitze der Begierung dächten, um ihre Ziele zu erreichen? Die heutige Besprechung solle nicht dartun, daß der Kanzler zum parlamentarischen Begime übergehe und sich einer politischen Partei, sei es auch die konservative, unterwerfe. Er habe es aber als seine Pflicht betrachtet, die Herren vollständig aufzuklären, weil er bisher während der ganzen Zeit seiner Kanzlerschaft mit der konservativen Partei konservativ-agrarisch regiert habe. Alles Gerede von der antikonservativen Begierung sei Blödsinn oder Verleumdung. Jeder verständige Mensch wisse, daß in der Verwaltung und in der Politik von ihm, dem Kanzler, konservative Grundsätze zur Geltung gebracht seien. Die Begierung werde in konservativem Geist und landwirtschaftsfreundlich geführt und so, wie jeder der Herren, wenn er Minister wäre, sie führen müßte, wenn er in der Politik vorwärtskommen wolle. Auch Herr von Heydebrand würde an Stelle des Kanzlers nicht lediglich Grundsätze seines konservativen UNTER VIER AUGEN 459 Programms durchführen können. Er, Fürst Bülow, habe es als seine Pflicht angesehen, zwischen Krone und Konservativen wieder normale Beziehungen herzustellen. Er wolle keine Reform gegen die Konservativen, mache aber auch keine mit Zentrum und Polen. Wenn die Reform scheitere, so hätten die Konservativen die Verantwortung und müßten ihr Programm zur Geltung bringen. Es werde jetzt vielfach Auf lösungvorgeschlagen. Er könne dem Kaiser die Auflösung nicht mit gutem Gewissen vorschlagen, weil sie zur Dezimierung der Konservativen und zur Wiedererstarkung der Sozialdemokraten führen würde, die durch seine, des Kanzlers Politik in ihrem bisherigen Siegeslauf aufgehalten, geschwächt, diskreditiert und bei den letzten Wahlen halbiert worden wären. Das würde seiner ganzen bisherigen Politik widersprechen. Er werde dem Kaiser nur Ratschläge erteilen, die sich mit seinen Grundsätzen vereinten. Und nun bitte er um Beantwortung seiner vorhin gestellten Fragen. Die drei Herren erwiderten ad eins: sie hofften für die von ihnen perhorreszierte Erbschaftssteuer eine geeignete Ersatzsteuer auf den Besitz zu finden, die vorzugsweise die Börse treffen müsse; ad zwei: sie hielten die Reform nicht ohne das Zentrum für durchführbar; ad drei: darüber erlaubten sie sich kein Urteil." Bedeutsamer war eine Unterredung, die ich einige Tage später unter vier Augen mit Herrn von Heydebrand hatte. Er setzte mir auch hier ausein- Mit ander, daß er weder für die Erbschaftssteuer noch für irgendeine Vcrände- Heydebrand allein rung des preußischen Wahlrechts zu haben wäre. Er müsse sich nach den Wünschen und Überzeugungen seiner Parteigenossen richten, und die wollten weder von einer Reform des preußischen Wahlrechts noch von Nachlaß- oder Erbschaftssteuer etwas wissen. Ich sagte ihm, daß sein Standpunkt mich an eine Äußerung des Pariser Polizeipräfekten Caussidicre erinnere. Der sei im Jahre 1848, gefolgt von einer Anzahl unruhiger Elemente, über die Boulevards gezogen. Von einem Freunde gefragt, wie er eine solche Demonstration mit solchen Elementen unternehmen könne, hätte er geantwortet: „Je suis leur chef, il faut que je les suive." Ich fuhr dann fort: „Sie glauben unsere innerpolitischen Verhältnisse besser zu kennen als ich. Ich will das gar nicht bestreiten. Mein langer Aufenthalt im Ausland macht, daß ich nicht in allen Schlupfwinkeln und Irrgängen unserer Parteipolitik so Bescheid weiß wie Sie. Aber glauben Sie mir, ich sehe weiter als Sie. Sie wollen die Verbindung zwischen den Konservativen und den Nationalliberalen lösen, unbekümmert darum, daß Bismarck auf das Zusammengehen gerade dieser Parteien immer den größten Wert gelegt hat. Sie glauben besser zu fahren, wenn Sie sich dem Zentrum an den Hals werfen. Ich habe an und für sich gar nichts gegen das Zentrum. Im Gegenteil! Ich denke an das Zentrum zurück wie an eine alte Geliebte, von der man sich nur ungern trennte und für die man noch immer etwas übrighat. 460 LETZTER APPELL Ich möchte Sie auch daran erinnern, daß Sie mir während der Debatte im Abgeordnetenhaus über die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes nicht ohne Pathos zuriefen: ,Bis hierher, Herr Reichskanzler, aber nicht weiter! Sie sind in Ihrer Nachgiebigkeit, Ihrem Entgegenkommen gegenüber dem katholischen Teil der Bevölkerung bis zur äußersten Grenze des Erträglichen gegangen.' So sprachen Sie damals, im März 1904. Ich mache auch heute kein Hehl daraus, daß ich auf katholische Gefühle und Uberzeugungen stets große Rücksicht genommen habe, gerade weil die Katholiken bei uns die Minderheit bilden. Aber diese meine Rücksichtnahme, meine Achtung und Sympathie für die großen Seiten der katholischen Kirche können meine politische Haltung gegenüber der politischen Zentrumspartei nicht beeinflussen. Ich kenne das Zentrum besser als Sie, Herr von Heydebrand. Der von Ihnen gewollte Bund mit dem Zentrum wird nicht von langer Dauer sein. Im Grunde sind mehr Berührungspunkte zwischen dem Zentrum und den liberalen Fraktionen als zwischen dem Zentrum und den Konservativen. Der Weg von Erzberger zu Haußmann und Payer, von Bassermann zu Hertling ist kürzer als der von Klein-Tschunkawe zu den maßgebenden Leuten im Zentrum. Ich will Ihnen voraussagen, wohin Ihr Bruch mit den Nationalliberalen führen wird: zu jener Koalition Windt- horst-Richter-Grillenberger, die Bismarck in seinen bösen Träumen sah." Herr von Heydebrand erwiderte: „Hier steht Uberzeugung gegen Überzeugung, Ansicht gegen Ansicht. Ich glaube die Situation richtiger zu beurteilen." Ich erinnerte ihn daran, daß er sich in seinen pobtischen Prognosen bisweilen getäuscht hätte. So habe er nach der Reichstagsauflösung am 13. Dezember 1906 erklärt, sie werde zu einer schweren Niederlage der Regierung wie der Konservativen führen. Die Sache sei gerade umgekehrt gekommen. Nicht ohne Selbstgefühl meinte Heydebrand: auch er sei nicht unfehlbar. Was er aber mit Bestimmtheit voraussagen könne, wäre, daß die nächsten Wahlen „sehr gut, ja glänzend" für die Konservativen gehen würden, gerade wenn sie sich von den Liberalen trennten und dem Zentrum näherten. Ich richtete noch einen letzten Appell an den Führer der Konservativen. Ich sagte ihm: „Vom Standpunkt des Politikers ist es natürlich nichts weniger als geschickt, daß ich Ihnen, Normann und Manteuffel gesagt habe, ich würde jetzt nicht auflösen und nicht gegen die Konservativen den Wahlkampf führen. Ich bin klug genug, das wohl zu wissen. Ich gelte doch im allgemeinen nicht für dumm oder ungeschickt. Aber ich will gerade mit den Konservativen nicht finassieren, nicht au plus fin spielen. Und vor allem will ich nicht meinen Grundsätzen untreu werden, nicht meiner Überzeugung von dem, was dem Staatswohl frommt, und von dem, was ihm schadet. Eine Auflösung in diesem Augenbhck liegt weder im Interesse des preußischen Staats noch des Deutschen Reichs noch der EIN TOTENGRÄBER DES ALTEN PREUSSEN 461 Krone. Als Preuße, als Royalist und als deutscher Kanzler löse ich nicht auf. Aber als Mann, der mit seiner Überzeugung steht und fällt, bleibe ich nicht, wenn Sie jetzt den Block sprengen, statt sein natürliches Ende abzuwarten, wenn Sie mir eine verständige Reichsfinanzreform verhunzen, wenn Sie alle Errungenschaften der letzten Wahlen leichtfertig aufs Spiel setzen." Herr von Heydebrand verabschiedete sich mit der Bemerkung, daß er mir meine zum Teil scharfen Wendungen nicht übernehme, teils weil er die verbitterte Stimmung eines mit Arbeit überhäuften und von manchen Sorgen gequälten Staatsmanns begreife, teils auch weil meine royalistische und preußische Grundgesinnung für ihn über jeden Zweifel erhaben sei. Aber auch er könne seine Uberzeugung nicht opfern. Im Gegensatz zu Wilhelm von Kardorff-Wabnitz, zu Graf Limburg- Stirum, zu Graf Kanitz-Podangen, zu Graf Udo Stolberg, zu Graf Mirbach- Sorquitten kam Heydebrand nicht aus der Bismarckschen Schule. Er wurzelte mit seinen Anschauungen in den Gedankengängen von Julius Stahl, von Karl von Bodelschwingh, von Graf Leopold Lippe, von Ludwig von Gerlach. Er würde, wenn er zwanzig Jahre früher auf die Welt gekommen wäre, während der Konfliktszeit mit Begeisterung den Ministerpräsidenten von Bismarck-Schönhausen unterstützt haben, er wäre als guter Preuße auch mit ihm Sadowa entgegengezogen. Aber in den siebziger Jahren wäre er in die Opposition gegangen, und er hätte zu den Deklaranten der „Kreuz- Zeitung" gehört. Mit ungewöhnlichen Gaben und lauterer Gesinnung ist Heydebrand schließlich durch Kurzsichtigkeit, Einseitigkeit und blinden Eigensinn zu einem Totengräber des alten Preußen geworden. In der Frage der Erbschaftssteuer stand Herr von Heydebrand mehr unter dem Druck des Bundes der Landwirte, als daß er aus innerem Antrieb einen intransi- genten Standpunkt eingenommen hätte. Der Bund der Landwirte widersetzte sich der Nachlaß- und Erbschaftssteuer aus agitatorischen Gründen. Ich hatte im Laufe der Jahre die vernünftigen und berechtigten Wünsche der deutschen Landwirtschaft erfüllt. Um eine so sehr auf Agitation gestellte Organisation wie den Bund der Landwirte bei der Stange zu halten, mußte seinen Anhängern immer weder ein Streitobjekt und Kampfziel vorgehalten werden. Der Schlachtruf: Keine Erbschaftssteuer, keine Nachlaßsteuer! erschien als der beste Cry für eventuelle Wahlen. Der Widerstand des Herrn von Heydebrand gegen jede Reform des preußischen Wahlrechts aber kam aus der Tiefe seiner Seele, beruhte auf seinen inner- lichsten Wünschen, Leidenschaften und Überzeugungen. Er wollte ä tout prix seine dominierende Stellung im Hause der Abgeordneten behaupten. Das war nur möglich, wenn die Konservativen dort über die absolute Mehrheit verfügten, und das wiederum hing davon ab, daß das bestehende Wahlrecht in keiner Weise modifiziert wurde. 462 DAS PREUSSISCHE WAHLRECHT Ich habe nie daran gedacht, das Reichstagswahlrecht auf Preußen zu Bülow gegen übertragen. Ich hatte mich darüber schon ein Jahr früher, am 26. März Reichstags- 1908, ausgesprochen, und zwar nicht im Landtag, wo ich für diesen meinen Wahlrecht Standpunkt einen starken Resonanzboden gefunden hätte, sondern im für Preußen T^ e j cnsta g^ (J essen Mehrheit, wenigstens in der Theorie, das Reichstagswahlrecht in Preußen eingeführt wissen wollte*. Ich betonte mit Nachdruck, voller Überzeugung und Wahrhaftigkeit, daß die verbündeten Regierungen an keine Änderung des bestehenden Reichstagswahlrechts dächten. Ich entwickelte aber auch die Gründe, aus denen im Reich ein Wahlrecht auf breitester Rasis gerechtfertigt sei, in Preußen eine gewisse Abstufung des Wahlrechts nicht unbillig. Ich machte kein Hehl daraus, daß auch das direkte, allgemeine und geheime Wahlrecht kein Dogma sei, kein Götze und kein Fetisch. Ich sei kein Fetischanbeter, treibe keinen Götzendienst, und an Dogmen glaube ich in der Politik überhaupt nicht. Es gebe gar kein für alle Länder und für alle Verhältnisse passendes, absolut gutes Wahlrecht. Den Abgeordneten Friedrich Naumann, der mit besonderem Eifer die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen verlangt hatte, erinnerte ich daran, daß weder in England noch in Italien noch in Relgien das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht bestände. Unter großer Heiterkeit aller Parteien frug ich Naumann, ob er wirklich glaube, daß das von ihm wegen seiner patriarchalischen Verfassungszustände so sehr perhorreszierte Mecklenburg schlechter regiert würde als Haiti. Haiti besäße ein pikfeines Wahlrecht, das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. Ich erinnerte die Freisinnigen daran, daß jede radikale Änderung des preußischen Wahlrechts mit zwingender Notwendigkeit zu der Frage führe, ob dann noch das Dreiklassenwahlrecht in den Kommunen aufrechterhalten bleiben könne. Ich erinnerte daran, daß kein Land der Welt eine so integre, tüchtige, leistungsfähige städtische Verwaltung habe wie unser Land, daß sich unsere kommunale Verfassung unter einem überwiegend Uberalen Regiment voll bewährt hätte. Ich sagte: „Stellen Sie sich doch nur eine Rerliner Stadtverordnetenversammlung vor, die aus dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht hervorgegangen wäre, und dann wünschen Sie noch, daß das gewiß mangelhafte Dreiklassenwahlrecht ersetzt werden soll durch ein System, das in mehr als einer Kommune die Herrschaft nur einer Partei bedeuten könnte, welche die unduldsamste von allen Parteien ist." Ich glaube dieser meiner Remcrkung vom 26. März 1908 heute die Frage hinzufügen zu können: Gibt es einen Demokraten in Deutschland, der befriedigt ist von der Wirkung, welche die Einführung des Reichstags Wahlrechts in den Kommunen und speziell in Rerlin für die städtische Verwaltung gehabt * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 122ff.; Reclam-Ausgabe V, 54ff. STROH UNTER DEN AST 463 hat? Der erfreut ist von dem parlamentarischen Ton, der seit der Einführung des gleichen, allgemeinen Wahlrechts in der Berliner Stadtverordnetenversammlung herrscht? Während ich diese Zeilen diktiere, hegt mir eine Zeitung vor, in der über einen kürzlich vorgekommenen Zwischenfall in einer Sitzung des Berliner Stadtparlaments das Nachstehende herichtet wird: Der sozialdemokratische Stadtverordnete Ullrich stürzte sich im Laufe der Debatte über die Zirkus-Busch-Krawalle plötzlich auf seinen rechts gerichteten Kollegen Luedtke, hieb auf ihn ein, stieß ihn in den Rücken und rief dem Zubodengeworfenen zu: „Sie Lump, Ihnen zerreiße ich in Stücke." Der Mißhandelte erhob Klage vor der Schöffenabteilung Berlin-Mitte. Der Amtsanwalt vertrat die Anklage mit großer Milde. Er gestand dem sozialdemokratischen Rohling „eine gewisse Erregung" zu, fand aber doch, daß derartige Szenen die deutschen Parlamente im In- und Auslande etwas in Mißkredit brächten. Offenbar erinnerte er sich an das Wort des Reichskanzlers Josef Wirth, daß der Feind immer rechts stehe. Er beantragte schließlich nur sechs Wochen Gefängnis. Das Gericht verurteilte zu einer höheren Geldstrafe oder entsprechender Gefängnisstrafe. Meines Erachtens hätte der Genosse Ullrich vor allem veranlaßt werden sollen, noch einige Zeit die Elementarschule zu besuchen, um zu lernen, daß, wenn ein waschechter Sozialist allenfalls einen Kollegen an Leib und Leben bedrohen kann, er ihm doch nicht zurufen darf: „Ihnen zerreiße ich in Stücke", sondern sagen muß: „Sie zerreiße ich in Stücke." In der Frage des preußischen Wahlrechts war es meine Absicht, die wünschenswerte und notwendige Reform in einer Weise durchzuführen, die der Alleinherrschaft und Präpotenz der Konservativen ein Ende setzte, ohne ihnen deshalb die Möglichkeit zu nehmen, sei es mit dem Zentrum, sei es mit den Liberalen, eine Mehrheit zu bilden. Um dahin zu gelangen, gab es damals mehr als einen gangbaren und verständigen Weg. Gerade die Liberalen wünschten im letzten Jahr meiner AmtsführuDg eine besonnene und möglichst maßvolle Wahlreform. Der Führer der Nationalliberalen, Professor Robert Friedberg, ein Jahrzehnt später Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums unter Hertling, erklärte mir: „Wir Nationalliberalen können bei jeder Wahlreform nur verlieren. Wenn wir einer solchen zustimmen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Legen Sie wenigstens ordentbch Stroh unter, damit wir uns nicht den Hals brechen." Einer der klügsten und einflußreichsten Freisinnigen, Reinhart Schmidt- Elberfeld, 1895 erster, 1898 bis 1900 zweiter Vizepräsident des Reichstags, sagte mir, die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen werde zweifellos die Einführung dieses Wahlrechts auch in den Kommunen nach sich ziehen, also Stellung und Einfluß der bürgerlichen Demokratie gerade da bedrohen, wo die starken Wurzeln ihrer Kraft lägen. 464 ABENDTAFEL IM NEUEN PALAIS „Gebe der Himmel", meinte Schmidt-Elberfeld, „daß die Regierung fest bleibt und es nicht dahin kommen läßt! Lassen Sie sich nur nicht dadurch irremachen, daß wir eine Erklärung verlesen werden, durch die wir die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen fordern werden. Das ist gar nicht ernst gemeint! Wir werden gerade Ihnen in dieser Frage ebensowenig ernste Schwierigkeiten machen wie seinerzeit bei den Kämpfen um den Zolltarif." Herr Schmidt-Elberfeld hatte Eugen Richter nahegestanden. Er sagte mir, daß auch dieser innerheh ein Gegner der Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen gewesen wäre. Eifrig und aufrichtig betrieb von den Freisinnigen nur Friedrich Naumann die Einführung des allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen. Als ich meinen Freund Albert Ballin frug, wie er es sich erklärte, daß ein hochgebildeter, ideal angelegter Mann wie Naumann so unverständig sein könne, den Erisapfel der Wahlrechtsfrage unter die Blockparteien zu werfen, entgegnete mir Ballin mit seinem ausgesprochen hamburgischen Akzent: „Aber, Durchlaucht, haben Sie noch nicht gemerkt, daß unser guter Naumann politisch enorm dumm ist ?" Er sprach das Wort „enorm" als echter Hamburger aus: „eno-o-o-rm". Ballin sollte mir im Laufe des Weltkriegs noch zweimal über die „eno-o-o-rme" pobtische Torheit des D. Naumann klagen: als dieser sein sehr oberflächliches Buch über Mitteleuropa schrieb und als er gemeinsam mit Hans Delbrück, Riezler-Rüdorffer und ähnlichen Narren die Wiederherstellung von Polen betrieb. Von bnks sabotierte Naumann durch seine Unbesonnenheit den Block. Von rechts beß, unbelehrt durch alles, was ich ihm gesagt hatte, unbekümmert um meine ernsten Warnungen, Herr von Heydebrand den Nationalhberalen durch Herrn von Normann parteioffiziell erklären, die Konservativen würden keine Besitzsteuer akzeptieren, und insbesondere würden sie unter keinen Umständen die Nachlaß- oder Erbschaftssteuer bewilligen. Das war natürlich die Kündigung des Blocks, wie dies auch von konservativer Seite zugegeben wurde. Während die innerpobtische Lage einer gefährbchen Krisis entgegen- ■Ibendtafcl trieb, war die Stimmung des Kaisers mir gegenüber, allerdings nur vorüber- t Potsdam gehend, wieder freundbeh und vertrauensvob 1 geworden. Dazu trug vor allein der günstige Gang der auswärtigen Pobtik bei. Die bosnische Krisis war in einer unseren Interessen und unserem Prestige gleich förderbchen Weise gelöst worden. Nicht lange nach dem für ihren Abschluß bedeutungsvollen 14. März hatte ich, während ich einer Sitzung des Reichstags beiwohnte, aus dem Neuen Palais eine telephonische Einladung zur Abendtafel erhalten. Als ich antworten ließ, ich bäte, mich zu entschuldigen, da ich im Reichstag zurückgehalten würde, beß mir der Kaiser telephonieren, er werde mit dem Essen auf mich warten. Er schickte mir zwei Automobile, TIRPITZ BINDET SICH NICHT 465 mit denen ich und meine Frau kommen möchten, wann es uns paßte. Wenn das eine Automobil unterwegs eine Panne hätte, sollten wir in das andere steigen. Meine Frau und ich trafen erst nach neun Uhr in Potsdam ein. Als meine Frau sich bei der Kaiserin entschuldigte, meinte diese: „Wir haben gern auf Sie und Ihren Mann gewartet. Der Kaiser freut sich so sehr, Ihren Mann zu sehen und ihm zu danken." Bald nachher erschien der Kaiser und sagte mir freudestrahlend, er habe ein Telegramm des Zaren erhalten, der ihm aus eigener Initiative eine Begegnung in den finnischen Schären vorschlage. „Das wagte ich ja gar nicht zu hoffen", meinte der Kaiser, „das geht über meine Erwartungen und Hoffnungen! Die bosnische Frage haben Sie großartig gedeichselt." Die freudige Stimmung des Kaisers wurde noch dadurch erhöht, daß in denselben Tagen der Marineetat im Beichstag glatt über die Bahn ging. Bülow Alle bürgerlichen Parteien stimmten zu, die Sozialdemokraten enthielten an Tirpitz sich der Abstimmung, aber erhoben keinen Widerspruch. Gerade im Hin- bHck darauf, daß durch diese Haltung und Abstimmung des Beichstags uns die Möglichkeit gegeben war, England in der Frage der Verlangsamung des Flottenbautempos entgegenzukommen, ohne uns der Mißdeutung auszusetzen, als ob wir aus der Not eine Tugend machten — ein Moment, auf das in seinem Brief vom 25. Januar 1909 Metternich besonders Gewicht gelegt hatte —, entschloß ich mich zu einem sehr eingehenden und sehr ernsten Schriftwechsel mit dem Staatssekretär des Beichsmarineamts. Gerade weil ich nicht wußte, wie lange ich noch die auswärtige Politik des Beichs führen würde, wollte ich noch einmal auf das Wünschenswerte einer freundlichen Verständigung mit England nachdrücklich hinweisen und jedenfalls einer Forcierung unserer Schiffsbauten für die Zukunft einen Biegel vorschieben. Meine Ausführungen kamen im Kern darauf hinaus, daß die Marine uns endlich erklären müsse, wann wir die für unsere Verteidigung notwendige Flottenstärke erreicht haben würden. Ich erinnerte an meine früheren Ausführungen in dieser Bichtung. Ich erinnerte auch an alles, was ich positiv und negativ für den Bau der Flotte getan hätte: positiv, indem ich im Lande das Verständnis für die Notwendigkeit einer verteidigungsfähigen Flotte erweckte und die zu diesem Zwecke nötigen Vorlagen im Beichstage durchbrachte; negativ, indem ich unter sehr schwierigen Verhältnissen erreichte, daß die Flotte im Frieden gebaut werden konnte. Tirpitz antwortete ausweichend. Er wollte sich nicht binden, sich alle Möglichkeiten offenhalten, getrieben von edlem Ehrgeiz, von tiefer Vaterlandsliebe, von überragender Sachkenntnis auf seinem Spezialgebiet, dem Schiffsbau, aber doch mit Unterschätzung der Gefahren, die im Fall einer europäischen Konflagration von einem durch unsere Schiffsbauten allzu gereizten und allzu mißtrauisch gewordenen England drohten. 30 Bülow II XXXI. KAPITEL Bülows Abschiedsbesuch bei Holstein • Begegnung mit Tittoni in Venedig ■ Wilhelm II. trifft in Venedig ein • Spricht Monts als künftigen Kanzler an • Weitere Schicksale des Grafen Monts • Der Kaiser fährt nach Korfu ■ Bericht des Freiherrn von Wangenheim über die Begegnung Wilhelms II. mit dem italienischen Königspaar in Brindisi • Der Kaiser in Wien • Stand der Reichsfinanzreform • Wilhelm II. nimmt in Wiesbaden Bülows Vortrag über die Finanzreform entgegen • Sängerfest in Frankfurt, jubelnder Empfang Wilhelms II. • Die deutschen Bundesfürsten zum Geburtstag des Kaisers in Berlin • Die Intrigen gegen den Kanzler mehren sich • Der Bund der „Kaisertreuen" Rudolf Martin und Fürst Fürstenberg • Begegnung zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. Die „Zehn Gebote" für den Kaiser Auf Wunsch meines lieben ärztlichen Beraters und Freundes Renvers hatte ich beschlossen, mich während der Osterferien zu meiner Er- erkrankten holung nach Venedig zu begeben, das wie wenige andere Orte der Welt zur Holstein Sammlung und zum Nachdenken auffordert und das erregte Innere beruhigt. Da ich gehört hatte, daß Holstein erkrankt sei, machte ich ihm vor meiner Abreise einen Besuch. Er hatte mich, wohl nur wegen seines Gesundheitszustandes, seit langem nicht mehr aufgesucht. Ich selbst war während unserer mehr als dreißigjährigen Beziehungen nie in seiner Behausung gewesen. Dieser Mann, der unter Bismarck, unter Caprivi und unter Hohenlohe einer der mächtigsten Leute im Staat gewesen war, der auch unter mir nach allen Seiten seine Fühlhörner ausstreckte und durch seine weitreichenden persönbchen Beziehungen wie durch seine Geschäftskenntnis und seine große Erfahrung, durch die SchneUigkeit seiner Auffassung, seine Entschlußkraft und (last not least) seine Verschlagenheit und Rücksichtslosigkeit eine große Rolle spielte, bewohnte in der entlegenen, nüchternen, in keiner Weise eleganten Großbeerenstraße im dritten Stock zwei einfache Zimmer, die einem bescheidenen Subalternbeamten kaum genügt hätten. Im Vorzimmer fand ich die langjährige Freundin von Holstein, Frau von Lebbin. Sie hatte sich zwei in Papier eingewickelte Butterstullen mitgebracht, die mit einem Stückchen Käse und einem Glase Bier ihr Mittagsmahl bilden sollten. Im Nebenzimmer lag Holstein im Bett. An der Wand hingen nur drei Bilder: das Bild des Botschafters Paul Hatzfeldt, des ihm politisch am nächsten stehenden deutschen Diplomaten, ein Bild HOLSTEIN: „SIE MÜSSEN BLEIBEN!' 467 des langjährigen italienischen Botschafters in Berlin, Grafen Launay, den Holstein als das Vorbild eines abwägenden, vorsichtigen Staatsmannes schätzte, und endlich eine Photographie, die meine Frau und meinen Bruder Alfred darstellte, wie sie in Venedig auf dem Markusplatz Tauben füttern. Solche Bilder werden bekanntlich in Venedig für einige Lire in kürzester Frist hergestellt. Holstein hatte von Fieber glänzende Augen und stark gerötete Wangen. Von Frau von Lebbin war mir vorher gesagt worden, daß er, um bei seinem Schwächezustand mit mir sprechen zu können, sich zur Anregung der Herztätigkeit eine starke Kampfereinspritzung hatte geben lassen. Die erste Frage, die er an mich richtete, war, ob ich bleiben würde. Ich erwiderte, daß das nicht allein von mir abhinge. Holstein setzte mir mit sichtbarer Anstrengung in eindringlichstem Ton auseinander, ich müsse im HinbUck auf die auswärtige Lage unter allen Umständen bleiben, einerlei ob der Kaiser noch Vertrauen zu mir habe oder nicht, einerlei ob der Reichstag meinen Vorschlägen in der Reichsfinanzreform zustimme oder nicht. Ich antwortete, daß, sich Situationen ergeben könnten, wo es mir nicht möglich sein würde, zu bleiben. Ich wollte nach zwölfjähriger Amtstätigkeit als aufrechter Mann bleiben oder fallen. Ich würde meinen Namen nicht unter Gesetze setzen, nicht Maßnahmen zustimmen, von deren Schädlichkeit ich überzeugt wäre, überhaupt eine Entwicklung nicht mitmachen, die ich für falsch und verderblich hielte. In erregten, sich überstürzenden Worten entgegnete der alte Holstein: „Sie müssen bleiben, ich sage Ihnen, Sie müssen bleiben! Wer soll denn außer Ihnen mit einem so unberechenbaren und unvorsichtigen Kaiser, mit einem so unpolitischen Volk und mit einem in allen auswärtigen Fragen kindlich unreifen Reichstag unser Schiff steuern ? Bleiben Sie wenigstens noch vier, fünf Jahre! Sie haben die bosnische Krise brillant überwunden, Sie haben es gleichzeitig verstanden, uns wieder zu Rußland in ein besseres Verhältnis zu bringen, als wir es seit Bismarck gehabt haben. Selbst Harden, der Sie nie gesehen hat, der Sie seit Ihrem Amtsantritt, also seit zwölf Jahren, auf das schärfste angreift, erklärt in der ,Zukunft', daß Sie im Balkanrennen, wie er es nennt, der einzige wirkliche Sieger wären. König Eduard habe die erste sichtbare Niederlage seines Regentenlebens erlitten, Iswolski den Ruf eines boshaften Narren erreicht, Clemenceau sich nur durchgeschlängelt, Aehrenthal die Erreichung seines Ziels mit zu hohem Preise bezahlt. Sie allein hätten alles erreicht, was Sie angestrebt hätten, und sich wieder^als unentbehrlicher Meister der Diplomatie bewährt. Sie müssen bleiben! Das sagt sogar Harden, Ihr Feind Maximilian Harden! Man soll Einen wenigstens Zeit lassen, ein Flottenabkommen mit England zustande zu bringen. Dann mag man Sie in Teufels Namen fortschicken. Aber jetzt sind Sie noch unentbehrlich!" Ich wollte den dem Tode nahen Mann nicht durch Widerspruch noch mehr 30» 468 HOLSTEINS TOD erregen. Ich beschränkte mich darauf, zu wiederholen, daß ich mich nicht unter ein kaudinisches Joch beugen könne, möge mir das vom Kaiser oder von den feindlichen Parteien zugemutet werden. Es war das letzte Mal, daß ich Holstein sah, dem ich zum erstenmal, dreißig Jahre früher, während des Berliner Kongresses, nähergetreten war. Noch in der Tür, während ich mich von Frau von Lebbin verabschiedete, hörte ich seine heisere Stimme: „Bleiben! Bleiben!" Das war meine letzte Begegnung mit dem eigenartigen Mann, der mir nie sympathisch war, dessen hohe politische Begabung ich aber nicht verkennen konnte. Er starb bald nachher. Zu seinem Begräbnis erschien zum allgemeinen Erstaunen Josef von Radowitz, den er während dreißig Jahren gehaßt und verfolgt hatte: wie die einen glaubten, um dem Gebote der Bergpredigt zu folgen, die uns mahnt, unsere Feinde zu heben; wie die anderen meinten, um sich davon zu überzeugen, daß Holstein wirklich dorthin abgereist sei, von wo es keine Wiederkehr gibt. Am 12. April traf ich in Venedig ein. Bald nach meiner Ankunft erhielt Eintreffen ich den Besuch des damaligen italienischen Ministers des Äußern Tommaso m Venedig, Tittoni. Er war „un Romano di Roma", ein echter Sohn der Ewigen Stadt, B e ™ c h m seiner abgewogenen, vorsichtigen, überlegten und klugen Art. Er hatte einen Teil seiner Studien in Oxford absolviert, sprach Englisch und hatte einige Jahre als Botschafter in London gewirkt. Er war ein Mann des Ausgleichs und der Verständigung, der auch als italienischer Minister und Botschafter gute Beziehungen zum Vatikan zu unterhalten wußte. Mein Verhältnis zu ihm war immer vortrefflich gewesen. Auch diesmal waren wir uns darüber einig, daß bei einer ruhigen und vernünftigen Politik an den maßgebenden Stellen weder für die deutsch-itahenischen Beziehungen noch für den europäischen Frieden unüberwindliche Gefahren drohten. Kurz nachher traf der Kaiser, begleitet von der Kaiserin, auf der Der Kaiser „Hohenzollern" in Venedig ein. Als wir uns acht oder zehn Tage früher in m Venedig Potsdam getrennt hatten, war der hohe Herr für mich in einer freundschaftlichen, in einer sehr vertrauensvollen und liebenswürdigen Stimmung gewesen. Jetzt fand ich ihn kühler, nervös, augenscheinlich verstimmt und mißtrauisch. Ich habe später gehört, daß es während unserer kurzen Trennung meinen höfischen Gegnern, insbesondere dem Fürsten Max Fürstenberg, dem Zeremonienmeister Eugen Röder und einigen anderen Hof schranzen gelungen war, ihn wieder gegen mich einzunehmen. Dagegen war der hohe Herr für meine Frau wie immer von ritterlicher Courtoisie. Gleichzeitig mit mir war unser Botschafter in Italien, Graf Monts, in Venedig eingetroffen. Ich hatte schon während des vorjährigen Besuchs in Rom mich zu meinem Bedauern davon überzeugen müssen, daß Monts sich dort vollkommen festgefahren hatte. In der italienischen politischen Welt, bei der Regierung und in parlamentarischen Kreisen und erst recht in der „ICH HABE NIE ETWAS VON BÜLOW GEHALTEN" 469 italienischen Gesellschaft geradezu verhaßt, hatte er sich gleichzeitig auch mit der deutschen Kolonie üherworfen. Er drängte selbst von Rom fort. Sein Ziel war Wien. Diesem seinem Wunsch stand aber die schon früher von mir erwähnte ausgesprochene Abneigung sowohl der österreichischen wie der ungarischen Regierung gegen ihn und die fast noch stärkere Antipathie des alten Kaisers Franz Josef wie des Thronerben Franz Ferdinand im Wege. Niemand in Österreich-Ungarn wollte von dem „grausligen" Monts etwas wissen. Monts war gleichzeitig mit mir und meiner Frau zur Abendtafel auf der „Hohenzollern" befohlen worden. Als wir uns verabschiedeten, um in unser Hotel zurückzukehren, sah ich, wie der Kaiser raschen Schritts auf Monts zuging, der sich tief, übertrieben tief vor ihm bückte. Am nächsten Tage hörte ich von einem durchaus verläßlichen Herrn der Allerhöchsten Umgebung, daß Wilhelm II. den Grafen Monts laut und vernehmlich mit den Worten angeredet hatte: „Bülow hat mich verraten! Sie müssen an seine Stelle. Bülow ist ja auch vom Botschafter in Rom Reichskanzler geworden." Monts erwiderte, immer in gleich respektvoller, fast demütiger Haltung: „Eure Majestät nehmen mir das Schloß vom Munde. Ich habe nie etwas von Bülow gehalten." So hatte sich Monts von Anfang an bis zu Ende den Vetter Anselmo zum Vorbild genommen, wie ihn, Strebern und Augendienern zum abscheulichen Exempel, Chamisso gezeichnet hat. Bei Chamisso gibt schließlich der weise Yglano dem Vetter Anselmo einen Backenstreich und läßt ihn dann vor die Tür setzen. Bei Monts übernahm das Schicksal den Hinauswurf. Strahlend verließ Graf Anton Monts am 15. April 1909 Venedig in dem beglückenden Bewußtsein, daß er bald Reichskanzler werden würde. In Graf Monis Rom eingetroffen, suchte er meine Schwiegermutter auf und sagte ihr, in Erwartung seines Bleibens im Palazzo Caffarelli werde nicht mehr lange sein, aber er fiele nicht die Treppe hinunter, sondern er würde höher, sehr hoch steigen. Er traf Vorbereitungen für seine Ubersiedlung nach Berlin und bereitete sich geistig durch Gedankenaustausch mit einigen bewährten Freunden aus der Finanzwelt auf den ihm in Aussicht gestellten hohen Posten vor. Wirklich und tatsächlich hat, wie ich vorgreifend schon hier bemerken will, Wü- helm II., als ich zwei Monate später meinen Abschied einreichte, in erster Linie Monts zu meinem Nachfolger machen wollen. Diese Absicht scheiterte an dem Widerspruch des Kabinettsrats Valentini. Sonst nur zu willfährig, erklärte er in diesem Fall, ein so takt- und direktionsloser Geselle wie Monts, der sich überall, in Wien, in Pest, in Oldenburg, in München und schließlich in Rom unmöglich gemacht habe, der überdies der freien Rede so wenig mächtig sei, daß er nur mit Ach und Krach an Kaisers Geburtstag vor der deutschen Kolonie mühsam einige Worte habe stammeln können, sei als Reichskanzler nicht mögÜch. Der Kaiser bestand nicht B 470 DAS BLAUE MITTELMEER ernstlich auf seinem Einfall und ließ durch Valentini an Monts schreiben: er bedaure, ihn nicht zu seinem Kanzler machen zu können. Er brauche aber jetzt einen Reichskanzler, der mit den innerpolitischen Verhältnissen in Deutschland genauer vertraut wäre. Er behalte sich vor, den erprobten Rat des Grafen Monts, auch wenn er nunmehr in den Ruhestand treten sollte, oft in Anspruch zu nehmen. Er lüde Monts ein, den nächsten Winter in Berlin zu verbringen. Erwartungsvoll erschien der inzwischen zur Disposition gestellte Anton Monts auf dem ersten Hof ball des Jahres 1910. Der Kaiser beglückte ihn mit einer langen und viel bemerkten Ansprache. Auf dem zweiten Hof ball sprach ihn der Kaiser nur kurz an, und auf dem dritten nahm er gar keine Notiz mehr von ihm. Seitdem war seine Rolle ausgespielt. Er hat den Abend seines Lebens in der Nähe von München zugebracht, wo er sich sogar als abgetakelter Diplomat so unbeliebt machte, daß ihm auf Weisung des würdigen und gütigen Prinzregenten Luitpold die Streichung von der Liste der bei Hof vorgestellten Fremden angedroht werden mußte. Ich kehre nach Venedig zurück, von wo Wilhelm II. am 15. April 1909 Wilhelm II. auf der „Hohenzollern" nach Korfu abdampfte. Seitdem der Kaiser das in Korfu schöne Achilleion erworben hatte, konnte er es im Frühjahr kaum erwarten, sich auf der Insel der Phäaken von den Anstrengungen des Berliner Winters zu erholen. Im Frühjahr 1909 war die Sehnsucht nach den seligen Gestaden, wo einst die königliche Jungfrau Nausikaa sich des vom Schwimmen erschöpften edlen Dulders Odysseus erbarmte, besonders groß, denn die Krisis vom vergangenen November hatte, wie der Kaiser mir wiederholt versicherte, auch sein körperliches Befinden affiziert. Der Kaiser hatte schon am 28. Februar 1909 ad marginem eines Pariser Berichts, in dem eine geplante Mittelmeerreise des Königs Friedrich August von Sachsen erwähnt wurde, wehmütig bemerkt: „Glücklicher Mann! Wäre ich erst so weit, daß ich auf dem blauen Mittelmeer schwämme." Uber die Stimmung und Tätigkeit Seiner Majestät während der vier halkyonischen Wochen, die Wilhelm II. in Korfu verlebte, schrieb der damalige Gesandte am griechischen Hofe, spätere Botschafter in Konstantinopel, Freiherr von Wangenheim, an meinen Personaldezernenten Flotow: „In aller Eile möchte ich meinen in einer halben Stunde abgehenden Berichten über Korfu noch einige erklärende Worte hinzufügen. Ich schreibe an Sie, weil Sie den Reichskanzler eher sehen als die anderen Herren. Was ich Ihnen sagen werde, ist natürlich streng vertraulich. Die Berichte habe ich auf den mir dreimal wiederholten Wunsch des Kaisers erstatten müssen, der durchaus wollte, daß der Reichskanzler über seine Erfolge in Korfu unterrichtet werde. S. M. war in den letzten Tagen von so berückender Liebenswürdigkeit gegen mich, daß er offenbar einen Zweck damit verfolgt hat. Er wollte erreichen, daß ich ihm beim R. K. eine gute RETUSCHIERTE KAI SERGESPRÄCHE 471 Zensur gebe. Ob S. M. damit aucb seiner Stellung als konstitutioneller Monarch nachträglich Rechnung tragen oder nur mit dem Achilleion und den angeblichen Erfolgen seiner politischen Tätigkeit auf Korfu sich brüsten wollte, weiß ich nicht. Jedenfalls lautete der Auftrag so bestimmt, daß ich ihn ausführen mußte. Der Kaiser sagte mir noch beim Abschied, daß er sich meine Berichte vorlegen lassen werde. Damit sollte mir die Note angewiesen werden. Sie können sich denken, wie wenig der erteilte Auftrag mir sympathisch war. Es ist das erste Mal, daß ich in einem Bericht über Blumenflor und Volkstänze schreiben muß. Aber der Kaiser hat gewollt, daß alle diese Kindereien in dem Berichte erwähnt würden. Noch weniger leicht war es, über die von dem Kaiser geführten Gespräche zu berichten. Nach meiner Darstellung nimmt es sich so aus, als ob S. M. in hoher Weisheit immer gleich die richtigen Antworten erteilt habe. Das war aber keineswegs immer der Fall. Im Gegenteil haben Jenisch und ich immer retuschieren müssen, um bei den Griechen eine richtige Auffassung der kaiserlichen Reden zu erzielen. Gleich bei der ersten Begegnung mit König Georg hatte der letztere den Kaiser so gerührt, daß er bereits versprochen hatte, den anderen Kabinetten eine baldige Lösung der Kreta-Frage im griechenfreundlichen Sinne zu empfehlen. Nachdem er dann mit mir und Jenisch gesprochen, ist er geschickt umgeschwenkt. Drei Wochen lang habe ich mich bemüht, S. M. davon zu überzeugen, daß wir nichts für Griechenland tun könnten, solange die Kreta-Frage nicht gelöst und die Möglichkeit von Schwierigkeiten zwischen Griechenland und der Türkei vorhanden ist. Trotzdem ist uns der Kaiser, der die Richtigkeit des obigen Grundsatzes voll anerkannt hatte, in den letzten Tagen wieder durchgegangen, indem er dem König und dann Theotoki einen Admiral anbot und auf die Flottenfrage zurückkam. Theotoki, der ja selbst zu klug ist, um nicht zu sehen, daß jede griechische Machenschaft mit Deutschland sofort Englands Widerstand und damit Schwierigkeiten wegen Kreta hervorrufen würde, hat selbst ausweichend geantwortet und den Kaiser auf später vertröstet. Ich habe alles dies in meinem Berichte nicht sagen können, sondern in einer kleinen, aber frommen Geschichtsfälschung den Kaiser als den großen, weisen Mann erscheinen lassen. Wenn S. M. meine Berichte liest, möchte ich aber beinahe annehmen, daß er nachträglich sich freut, so logisch gesprochen zu haben, besonders, wenn ihm der R. K. bei sich bietender Gelegenheit zu seiner Weisheit gratuliert. Korfu war sehr interessant, aber nicht immer angenehm. Die Griechen sind dieses Mal besser behandelt worden. Jenisch hatte zum Schluß Angst vor Brindisi und der Absicht des Kaisers, Tittoni den Kopf zu waschen. Was mag daraus geworden sein ?" Die Zweifel des Gesandten von Wangenheim an der Opportunität der von Seiner Majestät auf Korfu betriebenen Politik waren nicht ganz unberechtigt. 472 „DER KLEINE ZWERG Wilhelm II. wollte 1909 ebenso stürmisch für die griechischen Aspirationen auf Kreta eintreten, wie er zwölf Jahre früher die türkischen Rechte auf die Insel des Minos vertreten hatte. Er bewegte sich gern in Extremen, er mußte oft gezügelt, immer überwacht und geleitet werden. In Brindisi, wo am 12. Mai eine Begegnung zwischen dem deutschen und dem italienischen Herrscherpaar stattfand, gelang es dem Gesandten von Jenisch, der Seine Majestät als Vertreter des Auswärtigen Amts begleitete, den italienischen Minister des Äußern, Tittoni, vor der ihm angedrohten kaiserlichen Strafpredigt zu bewahren. Herr von Jenisch konnte nicht verhindern, daß der Kaiser, als der König mit seinem Boot bei der „Hohenzollern" anlegte, seiner Umgebung zurief: „Nun paßt einmal auf, wie der kleine Zwerg das Fallreep herauf klettert." Ein dem Deutschen Kaiser zum Ehrendienst zugeteilter italienischer Offizier, der die wenig taktvolle Bemerkung mitanhören mußte, sagte mit scharfer Betonung zu seinem neben ihm stehenden Kameraden: „Ich verstehe Deutsch." Der Zwischenfall wurde nicht weiter releviert, es wurden sogar bei dem Diner an Bord des italienischen Kriegsschiffs „Vittorio Emanuele" korrekte Trinksprüche gewechselt. Aber das Verhältnis zwischen den beiden Souveränen war und blieb frostig und prekär. Am 13. Mai traf Wilhelm II. über Pola in Wien ein, wo er einen neuen Wilhelm II. und selbst für mich überraschenden Beweis seiner geistigen Desinvoltura, der Wiener seiner staunenswerten Unbefangenheit ablegte. Er, der bei Beginn der Hoßmrg k osn j sc h en Krisis plötzlich, unvorbereitet, von einem Tage zum andern unsere ganze Politik auf den Kopf stellen und damit Österreich-Ungarn in die Arme der Entente treiben wollte, hielt jetzt in der Hofburg eine Rede, die nicht nur von Begeisterung für die „erhabene Person des allverehrten Kaisers Franz Josef" und für „die goldenen Alt-Wiener Herzen" überfloß, sondern in der er auch erklärte, der Friede sei der Welt erhalten worden, weil er, der Kaiser Wilhelm II., sich in schimmernder Wehr neben Österreich gestellt habe. Der Botschafter Tschirschky nahm mit Recht an, daß ein solcher Trompetenstoß mein Mißfallen erregen würde, und er änderte mit freudiger Zustimmung der Österreicher den betreffenden Passus für Wolfis Telegraphenbüro in den müderen Satz um: „Alle Welt weiß, wie wirkungsvoll gerade in den letzten Monaten unser Bündnis dazu beigetragen hat, ganz Europa den Frieden zu erhalten." Die Huldigungen der Stadt Wien, die eine Wiener Straße unter Bezugnahme auf die von mir geprägte Wendung in „Nibelungenstraße" umgetauft hatte, taten dem Kaiser wohl. Er befahl dem Botschafter Tschirschky, über den ihm in Wien bereiteten Empfang einen eingehenden Bericht an den Reichskanzler zu senden, „damit der sieht, daß man hier noch etwas von mir hält". BÜLOW, DER ANGEBLICHE SOZIALIST 473 Während Kaiser Wilhelm im eigentlichsten Sinne des von Bismarck geprägten Wortes auf der Basis der Phäaken in Korfu schöne Tage verlebt hatte, waren meine Aufmerksamkeit und meine Bemühungen ganz überwiegend auf die große Forderung des Tages, die Reichsfinanzreform, gerichtet gewesen. Die Stimmung im Lande wurde der Reform in der von mir vorgeschlagenen Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, immer günstiger. Ich bemühte mich, und nicht ohne Erfolg, diese Stimmung durch Rücksprachen mit einflußreichen Männern des Erwerbslebens aus allen Kreisen und Parteien zu beleben und zu vertiefen. Ich empfing in dieser Zeit bis zehn und zwölf Personen an einem Tage zu Einzelunterredungen. Auf weitere Kreise suchte ich durch Schreiben und Telegramme zu wirken, die in der Presse veröffentlicht wurden. Auf ein Telegramm des Abgeordneten Bassermann, in dem er mir im Namen der Nationalliberalen Partei volles Vertrauen und unbedingte Unterstützung zusagte, erwiderte ich: „Stärker als die Sorge um die sich türmenden Schwierigkeiten ist in mir der feste Glaube an des deutschen Volkes Zukunft. In dieser Zuversicht werde ich unverzagt an dem begonnenen Reformwerk weiterarbeiten und freue mich, dabei Ihrer Unterstützung sicher zu sein." Ahnliche Kundgebungen ergingen in allen Richtungen und nach allen Teilen des Reichs. Am 20. April hatte ich im Kongreßsaal des Reichskanzlerpalais Deputationen aus Bayern, Sachsen, Baden, Württemberg und Thüringen emp- BUlow fangen. Unter ihnen befanden sich hervorragende Männer des Wirtschafts- empfängt lebens, Wortführer und Vertrauensmänner weiter Schichten des deutschen Deputati Volks. In einer längeren Rede, die ich an die um mich versammelten Herren hielt, betonte ich, daß ich in ihnen nicht Sprecher bestimmter Parteien sähe, sondern Männer, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liege und die deshalb die Reichsfinanzreform nicht als eine Parteifrage betrachteten. Ich warnte vor dem Doktrinarismus und seinem Schlagwort „Wider alle Monopole!" Das sei eine Phrase, die ihre Bedeutung verliere im Zeitalter der Kartelle und Trusts. Ich mahnte die Landwirtschaft, nicht zu vergessen, daß ich gerade ihre Interessen mit der größten Gewissenhaftigkeit gefördert hätte. Ich ermahnte die Konservativen, die Stimmen aus dem Mittelstand nicht zu überhören. Meine Ausführungen wurden von diesen ernsten Männern mit Zustimmung aufgenommen und nach jedem Satz durch Beifall unterbrochen. Insbesondere fand mein Standpunkt in der Frage der Erbanfallsteuer volle Zustimmung. Mit Wehmut erinnere ich mich heute an einen Passus in meinen damaligen Ausführungen. Ich wandte mich in meiner Ansprache gegen den Vorwurf des Sozialismus, der mir von Konservativen gemacht worden war, weil ich einem aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Parlament wie dem Reichstag die Erbschaftssteuer in die Hand geben wolle. In diesem Zusammenhang sagte ich: „Solange die 474 MIT DER ERBSCHAFTSSTEUER STEHEN UND FALLEN Sozialdemokratie nicht Bundesrat und Reichstag beherrscht, so lange besteht nicht die Gefahr konfiskatorischer Ausbeutung dieser Steuer. Sollten aber einmal die Sozialdemokraten die Geschäfte in die Hand nehmen, so würden die Erbschaften daran glauben müssen, ob die Sozialdemokratie die Deszendentenbesteuerung vorfände oder nicht. Mit dem Vorwurf des Sozialismus soll man uns also nicht kommen. Vor dem brauchen wir uns ebenso wenig zu fürchten, wie es Fürst Bismarck tat." So sprach ich nach dem Ausfall der Wahlen von 1907. Und heute darf ich wohl sagen, daß, wenn Unverstand und Verblendung der bürgerlichen Fraktionen die Früchte jenes Wahlsieges nicht verscherzt hätten, die Dinge eine andere Entwicklung genommen haben würden, als wir sie in den auf meinen Rücktritt folgenden Jahren erleben mußten. Meine persönliche Stellung zu der Frage der Erbschaftssteuer hatte ich in die Worte zusammengefaßt : „Was in den verschiedensten Ländern der Welt, was in den Hansestädten, in Elsaß-Lothringen, in den deutschen Kantonen der Schweiz, in Österreich-Ungarn, in England und in Frankreich in jahrzehntelanger Übung zu keiner Erschütterung des Familiensinns geführt hat, das wird auch in Deutschland, wenn sich die Wogen gelegt haben, als eine erträgliche Steuer angesehen werden, und spätere Generationen werden die Erregung unserer Tage in dieser Hinsicht kaum noch begreifen können." Eine so klare und bestimmte Erklärung ließ natürlich keinen Zweifel darüber, daß ich persönlich mit der Erbschaftssteuer stünde und fiele. Nach dem Empfang der am 20. April im Kongreßsaal bei mir erschienenen Herren hatte ich mich noch lange mit jedem einzeln unterhalten und immer wieder die zweifellos ehrliche und aufrichtige Versicherung gehört, daß die überwiegende Mehrheit des Landes mit meiner Haltung einverstanden sei. Anders standen die Dinge im Reichstag. In der zweiten Hälfte des Heydfbrand April 1909 hatte ich Herrn von Heydebrand mit dem Führer der sächsischen rechnet auf Konservativen und Präsidenten der Zweiten Sächsischen Kammer, Meh- lülows Sturz n e r t ^ zu Tische geladen. Die sächsischen Mitglieder der Konservativen Partei gehörten zu meinen treusten Anhängern und standen unentwegt auf meiner Seite, auch in der Frage der Erbschaftssteuer. Sie wußten warum. Bei den Wahlen von 1907 hatten die bürgerlichen Parteien in Sachsen nicht weniger als dreizehn Wahlsitze auf Kosten der Sozialisten erobert. Während Mehnert mit Heydebrand die Treppe zu mir hinaufstieg, setzte er ihm mit großer Eindringlichkeit auseinander, wie bedauerbch mein Rücktritt für den weiteren Gang nicht nur unserer auswärtigen, sondern auch unserer inneren Politik sein würde und daß die Konservative Partei eine große Verantwortung übernehme, wenn sie helfe, einen solchen herbeizuführen. Heydebrand erwiderte: „An und für sich haben Sie ganz recht, Sie vergessen aber, daß, auch wenn wir dem Reichskanzler die Erbschaftssteuer IMMEDI AT VORTRAG BEI S. M. 475 konzedieren, wir ihn damit doch nicht retten. Der Kaiser ist fest entschlossen, sich von Bülow zu trennen. Wir essen bei einem toten Mann, einem solchen dürfen wir weder die Erbschaftssteuer noch die Reform des preußischen Wahlrechts in sein Grab nachwerfen." So erzählte Mehnert nach meinem Rücktritt meinem alten Freunde, dem Präsidenten der Ersten Sächsischen Kammer, dem Grafen Friedrich Vitzthum. Heydebrand war über die Stimmung Seiner Majestät mir gegenüber sehr genau orientiert. Er war ein Schulfreund des Grafen Anton Monts, und obwohl sie innerpolitisch sehr verschiedenen Anschauungen huldigten, Heydebrand stand sehr weit rechts, Monts dagegen damals ganz links, waren sie persönlich gute Freunde geblieben. Monts hatte, nachdem ihm in Venedig durch Kaiser Wilhelm II. meine Nachfolge in Aussicht gestellt worden war, sofort an Heydebrand geschrieben, er könne mit der unumstößlichen Tatsache rechnen, daß der Kaiser entschlossen sei, sich von mir zu trennen. Er hatte ihm nicht verraten, daß er selbst sich mit Hoffnungen auf meine Nachfolge trug, denn er wußte, daß Heydebrand hiervon nicht sehr entzückt sein würde. Aber er hatte ihm keinen Zweifel darüber gelassen, daß meine Stellung beim Kaiser endgültig erschüttert sei. Zu viele Symptome deuteten für mich darauf hin, daß der Sitz aller Schwierigkeiten, denen ich begegnete, an der Allerhöchsten Stelle war, als daß ich nicht das Bedürfnis empfunden hätte, mein Verhältnis zum Kaiser noch einmal und endgültig zu klären. Ich erbat einen Immediat- vortrag, der mir am 18. Mai in Wiesbaden gewährt wurde. Ich fand den Kaiser in frohster Stimmung. Er begrüßte mich mit der Versicherung, daß sein diesmaliger Empfang in Wien „wirklich und wahrhaftig" alles übertroffen hätte, was er bei solchem Anlaß an Begeisterung und Liebe je erlebt habe. Er war auch sehr stolz auf seine politischen Erfolge in Korfu. Er habe die Griechen für immer auf unsere Seite gebracht, und das bedeute ein starkes Aktivum in unserer gesamten politischen Bilanz. Als ich auf Grund meines eigenen, fast zweijährigen Aufenthalts in Griechenland der Meinung Ausdruck gab, daß die modernen Griechen bei ihren zerfahrenen inneren Verhältnissen, ihrer militärischen Schwäche und ihrer Unzuver- lässigkeit mehr an die Graeculi der Römerzeit erinnerten als an die Helden von Marathon und den Thermopylen und daß wir sie deshalb nicht als einen ernsten und gewichtigen Faktor in unsere politische Rechnung einstellen dürften, schlug die anfänglich gute Laune Seiner Majestät rasch um. Sie wurde nicht besser, als ich das ihm ohnehin langweilige und unsympathische Thema der Reichsfinanzreform anschnitt. Ich Ueß aber keinen Zweifel darüber, daß ich ihm gerade über den Stand dieser Frage eingehend Vortrag halten müsse. Unbekümmert darum, daß der Kaiser mehrfach Zeichen von Ungeduld gab und ein- oder zweimal nur mühsam ein Gähnen unterdrückte, 476 DER KAISER FÜNFZIGJÄHRIG verbreitete ich mich während einer guten Stunde über die Haltung der Parteien, über die Lage im Reichstag und über meine eigene Stellung gegenüber dieser Situation, vielleicht zu eingehend, aber möglichst klar und ohne Umschweife. Als ich davon sprach, daß sich die politische Situation durch die Kurzsichtigkeit und unstaatsmännische Haltung der Konservativen bedenklich zugespitzt hätte, meinte der Kaiser, mich rasch unterbrechend, daß er einer Auflösung des Reichstags nicht zustimmen könne. Ich erwiderte, ich hätte die Auflösung ja gar nicht in Vorschlag gebracht, da auch ich eine solche im Interesse des Landes und der Krone nicht für ratsam halte. Eine andere Frage sei, ob ich eine politische Entwicklung würde mitmachen können und wollen, die mit der Sprengung des Blocks begonnen habe und durch die Verwerfung der Erbschaftssteuer gekrönt werden solle. Ich beobachtete, während ich dies entwickelte, das Mienenspiel Seiner Majestät. Ich kannte den hohen Herrn zu genau, um nicht zu merken, daß zwei Gefühle in ihm stritten. Er wünschte meinen Rücktritt, er wollte mich loswerden. Aber er wollte den Augenblick meines Ausscheidens, die Form und die Modalität meines Fortgehens selbst bestimmen. Vier Tage später begegneten wir uns wieder auf dem Sängerfest in Sängerfest Frankfurt a. M. Ich habe selten einen enthusiastischeren Empfang erlebt in Frankfurt a \ 3 fori, der Wilhelm IL bei diesem Wettstreit deutscher Männergesang- ^' vereine in der alten Wahl- und Krönungsstadt deutscher Kaiser bereitet wurde, in der schönen Mainstadt, wo ich meine Kindheit verlebt hatte. Der Jubel war unbeschreiblich. Als der herrliche Kaisermarsch von Richard Wagner ertönte, drückte mir die Kaiserin die Hand. Sie hatte Tränen im Auge, als sie mir sagte: „Es ist alles so gut gekommen, wie Sie es mir im Neuen Palais voraussagten, ich danke Ihnen von Herzen." Sie sagte das mit leiser Stimme und mit einem ängstlichen Bück auf den Kaiser, der in einiger Entfernung mit lauter Stimme seiner Umgebung auseinandersetzte, er habe recht behalten mit seiner Überzeugung, daß das deutsche Volk ihm stets durch dick und dünn folgen würde. Das Selbstgefühl Seiner Majestät hob sich immer mehr. Er hatte schon bald nach seinem letzten Geburtstag in dieser Richtung ein bezeichnendes Marginal zu den Akten gegeben. Ich hatte den Bundesfürsten vertraulich nahelegen lassen, zum fünfzigsten Geburtstag des Kaisers, zum 27. Januar 1909, nach Berlin zu kommen. Das Erscheinen aller deutschen Souveräne trug nicht wenig dazu bei, den Glanz dieser Geburtstagsfeier zu erhöhen. In Vertretung seines Vaters, des durch sein hohes Alter am Erscheinen verhinderten Prinzregenten Luitpold, verlas Prinz Ludwig von Bayern eine sehr schöne Ansprache, in welcher der Gedanke der Reichseinheit zu erhebendem Ausdruck gelangte. Während des Cercles, der nach der Galatafel in der Bildergalerie stattfand, gaben fast alle Bundesfürsten ihren patriotischen Empfindungen IM KREIS DER KRONENTRÄGER 477 und Gesinnungen mir gegenüber lebhaften Ausdruck. Die meisten von ihnen sprachen mir gleichzeitig die Hoffnung aus, daß ich zum Wohle des Reichs noch viele Jahre in meinem Amt bleiben würde, mit besonderer Wärme der Prinz Ludwig von Bayern, der Großherzog von Baden und der König von Württemberg. König Wilhelm von Württemberg, ein ebenso patriotischer wie verständiger Herr, dem Kaiser schon als alter Gardehusar treu ergeben, aber ebenso treu dem Reich, sagte mir: „Wir hoffen alle, daß Sie bleiben, und das Volk wünscht und hofft es auch. In meinem Lande gibt es sogar viele Zentrumswählcr, die, wie mir katholische Herren in Württemberg versichert haben, schon im Hinblick auf die auswärtige Pobtik Ihr Bleiben wünschen." Der Kaiser bewegte sich mit hohem und markiertem Selbstgefühl im Kreise der Kronenträger. Mein Freund Knesebeck sagte mir, leise auf den Enkel des bescheidenen Kaisers Wilhelm I. deutend: „Sieht er nicht aus wie ein Pfau, der sein Rad schlägt?" Und mit melanchobschem Lächeln fügte der kluge und treue Freund hinzu: „Und noch mehr erinnert er leider an den jungen Lord von Edenhall in Uhlands Gedicht. Absit omen!" Als einige Tage später in einigen Berichten der preußischen Gesandten bei den deutschen Höfen die diskrete Einwirkung gestreift wurde, die zu dem Erscheinen aller deutschen Fürsten im Berliner Schloß beigetragen hatte, schrieb der Kaiser an den Rand, daß solche Beeinflussung unnötig gewesen wäre, denn die Bundesfürsten wüßten selbst, was des Kaisers Majestät gegenüber ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit sei. Inzwischen hatte die von Herrn von Heydebrand gegen den Widerspruch vieler Konservativer (Schwerin-Löwitz, Kanitz-Podangen, Kap- Eine Koterie hengst, Hohenlohe-Oehringen, Pauli usw.) hartnäckig verfolgte Annäherung bildet sich an das Zentrum und die Polen unter Abwendung von den Liberalen weitere Fortschritte gemacht. Es wurde immer unwahrscheinlicher, daß die Reichsfinanzreform mit der von mir gewünschten Besitzsteuer im Reichstag durchgehen würde. Graf Udo Stolberg, seitdem durch die Wahlen von 1907 herbeigeführten Umschwung Präsident des Reichstags, seit achtunddreißig Jahren Mitgbed des Reichstags, einer der klügsten und bewährtesten Vorkämpfer der konservativen Richtung und Partei hatte schon am 22. Mai 1909 an Herrn von Loebell geschrieben: „Meine einzige Hoffnung, daß es nicht schiefgeht, beruht auf der Person des Reichskanzlers. Ich bin in einer ähnlichen Lage wie Ballestrem, der einen Fehler, den seine Freunde begingen, sah, aber nicht ändern konnte. Ich nehme an, daß Sie diesen Brief nicht veröffentlichen oder daß Sie es erst tun, wenn ich tot bin, in welchem Fall es mir gleichgültig ist." Gleichzeitig wurde mehr als je beim Kaiser gegen mich intrigiert. Es hatte sich zu diesem Zweck eine Gruppe zusammengefunden, die sich der „Bund der Kaisertreuen" nannte. Eine Hauptrolle in dieser Koterie spielte Fürst Max Fürstenberg, der, wie ich 478 DER BUND DER KAISERTREUEN schon anläßlich des Sturzes des armen Philipp Eidenburg erwähnte, letzteren als Favorit des Kaisers abgelöst hatte. Er war durch den Tod seines Vetters Karl Egon in den Besitz der großen schwäbischen Standesherrschaft Donaueschingen getreten, aber innerlich schwarzgelber Österreicher gebbeben. Seine Erziehung war eine österreichische gewesen, seine Mutter, eine Khevenhüller, seine Frau, eine Schönborn-Buchheim, waren Vollblut-Österreicherinnen. Er war mir oft dadurch unbequem geworden, daß er den Kaiser nicht nur als Schwarzgelber gegen Italien, sondern auch gegen Rußland aufstachelte. Dagegen trat er, wo er konnte, für die Polen ein. Der Oberhofmarschall Reischach, mit einer Ratibor verheiratet, deren Mutter eine Fürstenberg gewesen war, fühlte sich beglückt, mit einem Fürsten Fürstenberg als „Vetter" renommieren zu können, und hielt, wo er konnte, dem Günstling des Kaisers den Steigbügel. Daß Max Fürstenberg in Geldverlegenheiten geraten war, störte den Kaiser nicht. Neben Fürstenberg spielte der Zeremonienmeister Eugen Röder mit seiner Schwester, der Gräfin Paula Alvensleben, im Bunde der Kaisertreuen eine Rolle. Er hatte schon gegen Bismarck, Vater und Sohn, intrigiert und intrigierte jetzt gegen mich, obwohl er mir jahrelang in platter Weise die Cour gemacht hatte. Wenn ich zu einem Hofball fuhr, so pflegte er mich und meine Frau, den federgeschmückten Hut in der Hand, am herrlichen Eosanderschen Portal des Schlosses zu erwarten, um die Ehre zuhaben, meine Frau vom Tor bis in den Weißen Saal zu führen. Wenn ich ihn ermahnte, sich nicht einem Schnupfen auszusetzen, legte er die Hand aufs Herz und meinte mit heroischer Miene: „Lieber eine Lungenentzündung, als meine Pflicht gegenüber der Frau Fürstin versäumen." Durch den in England gescheiterten früheren Botschaftsrat Eckardstein waren die „Kaisertreuen" mit dem Pamphletisten Rudolf Martin in Verbindung getreten. Martin war ein sächsischer Beamter gewesen, der bei seinen Vorgesetzten durch outriertes Strebertum mißliebig geworden war. Es gelang der sächsischen Regierung, ihn aus Sachsen fortzuloben und ihn dem Reichsamt des Innern anzuhängen. Dort geriet er in Konflikt mit dem Grafen Posadowsky, der ihn in seiner mit Unzuverlässigkeit verbundenen Unbrauchbarkeit bald erkannte und in einem unbedeutenden Dezernat kaltstellte. Um sich zu rächen, veröffentlichte Martin eine Broschüre gegen Posadowsky. Er hatte die Frechheit, sie mir zu übersenden. Er hatte gehört, daß zwischen Posadowsky und mir Meinungsverschiedenheiten bestünden, und hoffte, sich bei mir durch seinen hinterrückschen Angriff gegen seinen Chef lieb Kind zu machen. Natürlich Heß ich eine Disziplinaruntersuchung gegen ihn einleiten, die zu seiner Entfernimg aus dem Reichsdienst führte. In wessen Solde Burschen wie Rudolf Martin und Eckardstein standen, möchte ich nicht weiter erörtern. Der damalige Direktor im Scherl-Verlag und spätere Mitarbeiter des Kaisers DER BÖSE KANZLER DES MEROWJNGERS 479 bei den „Gestalten und Erscheinungen", Eugen Zimmermann, der während der letzten Monate meiner Kanzlerzeit eifrig und schneidig meine Sache in der Presse führte, 6agte und schrieb mir, hinter Piraten wie Rudolf Martin und Eckardstein stünden schlesische Magnaten, die mir meine nach ihrer Auffassung zu arbeiterfreundliche Sozialpolitik übelnähmen. Ich habe solchen Mitteilungen keinen Wert beigelegt und mich auch in meinen persönlichen Beziehungen namentlich zu dem Fürsten Guido Henckel- Donnersmark und anderen schlesischen Herren dadurch nicht irremachen lassen. Sicher ist, daß derselbe Graf Oppersdorff, der zehn Jahre später in Deutschlands schwerster Stunde sein Vaterland verraten und zu den Polen Graf überlaufen sollte, einer der eifrigsten Teilnehmer des Bundes der Kaiser- Oppersdorff treuen war. Er hatte sich mit dem Elsässer Wetterle angefreundet, der bekanntlich sofort nach Ausbruch des Weltkrieges bei Nacht und Nebel von Kolmar über die Grenze nach Frankreich floh, dort während des ganzen Krieges gegen uns hetzte und sich noch jetzt in Paris als französischer Patriot und Todfeind der ,-,Boches" geriert. Der Abbe Wetterle brachte im Auftrag von Oppersdorff durch den Chefredakteur des „Figaro", Calmette, Artikel in dieses Blatt, die bestimmt waren, dem Kaiser vorgelegt zu werden. Sie waren nicht ungeschickt auf die kindliche Phantasie Seiner Majestät berechnet. Ich erinnere mich eines Artikels, in dem als warnendes und abschreckendes Exempel dem Kaiser das Schicksal eines Merowinger- königs vorgeführt wurde, den sein böser Kanzler Gonthram-Bose mit arger List erst umstrickte und betörte, dann durch eine fein eingefädelte Verschwörung lahmlegte und schließlich scheren ließ und in ein Kloster steckte. Näheres über diesen traurigen Vorfall ist in den „Recits des temps mero- vingiens" von Augustin Thierry nachzulesen. Es heißt da über den bösen Gonthram: „Gonthram Bose presentait dans son caractere une singularite remarquable. Germain d'origine, il surpassait en habilete pratique, en talent de ressources, en instinct de rouerie, si ce mot peut Stre employe ici, les hommes plus delies parmi la race gallo-romaine. Ce n'etait pas la mauvaise foi tudesque, ce mensonge brutal accompagne d'un gros rire: c'etait quelque chose de plus raffine et de plus pervers en meme temps, un esprit d'intrigue universel et en quelque sorte nomade, car il allait s'exercant d'un bout ä l'autre de la Gaule. Personne ne savait mieux que cet Austrasien pousser les autres dans un pas dangereux et s'en tirer ä propos. On disait de lui que jamais il n'avait fait de serment ä un ami, sans le trahir aussitöt, et c'est de lä probablement que lui venait son surnom germanique. Bose, en Allemand moderne boese, signifie mahn, mechant." Die Parallele zwischen dem argbstigen Gonthram-Bose und dem Fürsten Bülow, dem bösen Kanzler des Deutschen Kaisers, lag auf der Hand. Einige der 480 „SCHMERZLICHES BEDAUERN" „Kaisertreuen." hat später das Schicksal ereilt oder wenigstens entlarvt. Von Calmette zu schweigen, den kurz vor Beginn des Weltkriegs Frau Caillaux erschoß, wurde Eckardstein während des Weltkriegs unter Verdacht des Landesverrats von der Militärbehörde hinter Schloß und Riegel gebracht. Rudolf Martin schwenkte, als die Novemberrevolution ausbrach, von den Kaisertreuen zu den Sozialisten über. Graf Hans Oppersdorff auf Oberglogau in Schlesien verfiel als „OppersdorfFski" der allgemeinen Verachtung. Ich habe schon erwähnt, wie beglückt Wilhelm II. war, daß ihn sein Zehn Gebote Kollege Nicky aus eigenem Antrieb zu einer freundschaftlichen Begegnung für den Kaiser ^ ^ cn russischen Gewässern aufforderte. Im Hinblick auf die kritische innere Lage dispensierte mich der Kaiser proprio motu von der Teilnahme an der Entrevue durch das nachstehende Schreiben, das der Chef des Zivilkabinetts schon am 2. Juni 1909 an mich richtete. „Eurer Durchlaucht beehre ich mich auf Allerhöchsten Befehl ganz ergebenst zu melden, daß Seine Majestät der Kaiser und König Allerhöchstsich sehr gefreut hätten, wenn bei der bevorstehenden Zusammenkunft mit Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland Eure Durchlaucht Allerhöchstihnen zur Seite gestanden hätten. Seine Majestät haben aber erfahren, daß der Reichstag am 15. d. M. wieder zusammentritt, und glauben bei der besonderen Wichtigkeit der bevorstehenden Beratungen über die Reichsfinanzreform die Anwesenheit Eurer Durchlaucht im Reichstage für unentbehrlich halten zu müssen. Unter diesen Umständen wollen Seine Majestät zu Allerhöchstihrem schmerzlichen Bedauern auf Eurer Durchlaucht Begleitung nach Danzig verzichten und ersuchen Eure Durchlaucht, Sich durch den Herrn Staatssekretär des Auswärtigen Amts vertreten zu lassen. Unter dem Ausdruck meiner ausgezeichneten Verehrung Eurer Durchlaucht sehr ergebener von Valentini." Der Brief des Kabinettschefs war mit Maschinenschrift geschrieben. Das Wörtchen „schmerzlich" hatte Herr von Valentini nachträglich noch mit der Feder eingetragen. Ich gab Herrn von Schön, der Seine Majestät begleiten sollte, als Direktive eine kurze Aufzeichnung mit, die ich „Zehn Gebote" überschrieb. Dieser Dekalog, von dem ich Seiner Majestät eine Abschrift übersandte, lautete wie folgt: 1. Die Russen, insbesondere Iswolski, freundlich behandeln. Wir müssen mit Iswolski über Politik sprechen, da er zu diesem Zweck von seinem Souverän mitgebracht wird. Natürbch ist gerade ihm gegenüber Vorsicht geboten. Ihn reden lassen. 2. Den Russen nichts sagen, was, nach Wien (sei es direkt, sei es indirekt, etwa via London oder Paris) gemeldet, dort Mißtrauen erregen könnte. Kaiser Wilhelm II. als Großer Kurfürst Eigenhändiger Vermerk Bülows auf der Rückseite: Avant la lettre, vor den Novcmher-Ereignissen DIE BEFOLGTEN ZEHN GEBOTE 481 3. Dardanellen-Frage nicht anschneiden. Falls Russen davon anfangen, ihnen freundlich erwidern: das sei eine europäische Frage, aber an unserem Widerstand würden die russischen Wünsche gewiß nicht scheitern, sofern die weitere Gestaltung der deutsch-russischen Beziehungen uns eine für Rußland entgegenkommende Haltung gestatte. 4. Kreta-Frage nicht anschneiden. Falls die Russen sie anregen, sagen: wir seien nicht Schutzmacht und gänzlich uninteressiert. 5. Bei etwaigen Klagen der Russen über Österreich seufzen oder lächeln wir, je nach ihrer Intensität, zucken die Achseln, stimmen aber nicht ein. 6. Wir betonen immer wieder die traditionellen freundschaftlichen deutsch-russischen Beziehungen, die Basis der monarchischen Ordnung in der Welt und des Friedens. Das Dreikaiserbündnis bleibt unser Ideal, aber Russen damit kommen lassen. Wir können uns jetzt auf keine Separatverständigung mit Rußland einlassen, nur gemeinsam mit Österreich. 7. Wenn die Russen die Zustände in der Türkei als unsicher und unberechenbar hinstellen, ihnen nicht widersprechen; aber selbst die türkischen Vorgänge mit heiterer Ruhe behandeln. Wir sind dort nicht in erster Linie engagiert. 8. Kein Wort gegen England sagen! Es würde sofort dorthin weitergegeben werden und überdies die Russen nur in ihrer gegenwärtigen Hinneigung zu England bestärken. 9. Wir denken nicht daran, in Persien oder sonst im Orient den Russen entgegenzutreten. Die persischen Vorgänge interessieren uns gar nicht. Nescio quid nobis magis farcimentum sit. 10. Nicht ratsam, zu sehr auf die Vorgänge vom vorigen Winter zurückzukommen. Wenn die Russen davon anfangen, ihnen sagen: wir waren loyal gegenüber Österreich, ehrlich-freundschaftlich für Rußland; wir haben stets den Frieden gewollt. Auf Björkö nicht zurückkommen." Die Begegnung, die am 17. Juni in den finnischen Schären bei Frederiks- haven stattfand, war die letzte, die während meiner Amtszeit zwischen dem Die Kaiser und dem Zaren erfolgte. Sie verlief gut. Der Kaiser befolgte meine Begegnung „Zehn Gebote". Er hielt auf meinen ausdrücklichen Wunsch auch keine ^ en t> c i • • finnischen Rede aus dem Stegreif, sondern verlas einen von mir sorgsam erwogenen Schären und schriftlich aufgesetzten Toast. Kaiser Nikolaus hatte bei früheren Entrevuen darunter gelitten, daß der Kaiser bei solchem Anlaß seine hervorragenden rednerischen Gaben zu entfalten liebte, während der Zar, der kein Demosthenes war, mühsam und gequält von einem großen weißen Blatt seinen Toast ablas. Diesmal verlasen beide Monarchen ihre Ansprachen, was den Zaren sehr angenehm berührte. In dem politischen Gespräch, das sich nach dem Diner entspann, gab der Zar dem Kaiser sein 31 BülowII 482 ISWOLSKI GEGEN AEHRENTHAL „ernstes und heiliges Wort", er würde weder gegenüber Frankreich noch gegenüber England auf eine Zumutung eingehen, die eine Spitze gegen Deutschland habe oder einer gegen Deutschland gerichteten Absicht entspringe. Er sei Kaiser Wilhelm in aufrichtiger und vertrauensvoller Freundschaft verbunden und werde dieser für ihn, seine Krone und sein Reich überaus wertvollen Freundschaft unter allen Umständen treu bleiben. Er bitte Kaiser Wilhelm, dieser seiner Versicherung unbedingten Glauben zu schenken. Iswolski war in seinen Gesprächen mit dem Kaiser Wilhelm begleitenden Staatssekretär des Äußern, Baron Schön, wieder auf die „Unzuver- lässigkeit" und die „Indiskretion" des Barons Aehrenthal zurückgekommen, den er wegen seiner Drohung, streng vertrauliche russische Schriftstücke zu veröffentlichen, der Chantage beschuldigte. Aehrenthal habe es dadurch persönlich für immer mit dem russischen Hofe verschüttet, der berechtigt gewesen wäre, von dem langjährigen und mit russischen Gnadenbeweisen und Auszeichnungen überschütteten österreichisch-ungarischen Botschafter in St. Petersburg eine andere Handlungsweise zu erwarten. Gegenwärtig seien die Beziehungen zwischen Rußland und Österreich-Ungarn dadurch auf den Gefrierpunkt äußerlich halbwegs korrekter Formen gesunken. Die russische Politik bleibe nichtsdestoweniger friedlich. Allerdings hoffe und erwarte das St. Petersburger Kabinett, daß die deutsche Regierung die österreichische Regierung eintretendenfalls von einem neuen aggressiven Vorgehen auf der Balkanhalbinsel abhalten würde, da Rußland als slawische und orthodoxe Macht ein solches nach seinen Traditionen nicht ruhig hinnehmen könnte. Herr von Schön erwiderte auf Grund der ihm von mir erteilten Weisungen, daß die Österreicher die Idee des Vormarsches auf Saloniki aufgegeben hätten. In der Annexions-Frage habe es sich lediglich um die formelle Erledigung einer im Prinzip längst entschiedenen Frage gehandelt, zu deren praktischer Lösung äußere Umstände gedrängt hätten. Weder bei dem österreichischen Vorgehen im Sandschak noch in der Annexions-Frage hätten wir schiebend hinter Österreich-Ungarn gestanden. Der russische Minister des Äußern beß mir durch Schön die bestimmte Versicherung übermitteln, daß sich das russisch-engbsche Einvernehmen ausschließbch auf die bekannten zentralasiatischen Fragen erstrecke und ein weiterer Ausbau desselben von ihm nicht beabsichtigt und niemals, auch nicht in Reval, in Frage gekommen wäre. Er wolle weder die deutschen wirtschaftbchen Interessen in Persien beeinträchtigen, zumal er deren maßvolle Verfolgung von unserer Seite gern anerkenne, noch insbesondere seinem Einvernehmen mit England eine Spitze gegen Deutschland geben. Die Triple-Entente sei eine Erfindung der Presse. Kaiser Nikolaus und er dächten nicht daran, sich durch eine feste Gruppenbildung die Hände für DER ERSTE PRÄPARIERTE TOAST 483 immer zu binden. Der Ministerpräsident Stolypin sprach sich sowohl dem Kaiser wie Baron Schön gegenüber sehr erfreut über die Monarebenbegegnung und ihren guten Verlauf aus. Er erblicke in der Aufrechterhaltung friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden nordischen Nachbarmächten für Rußland eine Lebensfrage, und zwar nicht nur in außen-, sondern auch in innerpolitischer Richtung. Im Augenblick, wo er die russischen Gewässer verb'eß, erhielt Kaiser Wilhelm das nachstehende Telegramm des Zaren: „Glad to hear you arrived safely. Ahx and I were most happy to have reeeived you. We thank you hearty for the great pleasure you gave us by your visit and for your kindness to all our chddren who kiss their uncle. Your loving and devoted friend Nicky." Gleichzeitig übergab mir der russische Botschafter in Berlin einen vertraulichen Brief des Ministers Iswolski, in dem letzterer der hohen Befriedigung des Kaisers Nikolaus über den Verlauf der Begegnung Ausdruck gab. Es hieß in diesem Brief: „Pour la premiere fois nous avons vu l'Empereur Guillaume lisant en langue francaise un toast prepare d'avance et presque calque Sur celui de notre Auguste Maitre dont on nous avait demande le texte." 31* XXXII. KAPITEL Die Steuerfragen im Reichstag (16. VI. 1909) • Bülows letzte Rede im Reichstag • Das Ostmarken-Problem • Die Enteignungsvorlage • Wilhelm II. zu diesem Gesetz • Bülows frühere Reden (1907, 1908) zur Ostmarkenpolitik • Kundgebungen zur Annahme der Enteignungs-Vorlage • Widerspruchsvolle Haltung Wilhelms II. Bülow gegenüber Unterirdische Intrigen gegen Bülow • Erzberger, Röder, Martin • Wer wird Kanzler? Brief des Fürsten Wedel an Bülow Am Tage bevor die Entrevue in den finnischen Schären stattfand, am 16. Juni, begann im Reichstag die zweite Lesung der Steuervorlage*. Beim Reichstags- Beginn der Sitzung ergriff ich sogleich das Wort, um mich mit den großen rede bürgerlichen Parteien auseinanderzusetzen. Gegenüber dem Zentrum konstatierte ich, daß es mir nicht eingefallen wäre, seine Mitwirkung bei der Reichsfinanzreform abzulehnen. Auf meine ausdrückliche Weisung wäre das Zentrum wie alle anderen bürgerlichen Parteien von vornherein über die Absichten der verbündeten Regierungen unterrichtet worden. Ich hätte überhaupt nie eine Partei an positiver Arbeit verhindert, ich würde sachliche Unterstützung auch von den Sozialdemokraten annehmen. Ich hielt dem Zentrum die Verdächtigungen vor, die von Angehörigen seiner Partei gegen mich erhoben worden wären. In meiner politischen Haltung hätte mich das nicht irregemacht. Gegen Verleumdungen wäre ich abgebrüht. Ich verstünde allmählich, was Fürst Bismarck gemeint hätte, als er einmal einem ausgezeichneten Mann, der wenig Neigung zeigte, ein Ministerportefeuille zu übernehmen, in der ihm eigenen drastischen Ausdrucksweise sagte: „Eigentlich begreife ich, daß Sie nicht Lust haben, in die Drecklinie einzurücken." Ich hätte mich auch nicht dadurch beirren lassen, daß Mitglieder des Zentrums ihre gesellschaftlichen Beziehungen zu mir abgebrochen hätten. „Vielleicht trägt mein langer Aufenthalt im Ausland dazu bei, daß ich nicht gewohnt bin, daß man sich gegenseitig gesellschaftlich ausschließt, weil man politisch aneinandergeraten ist oder politisch oder wirtschaftlich anders denkt. Ich hoffe, daß sich in dieser Beziehung der Takt bei uns bessern wird, daß man auch bei uns dahin kommen wird, wo andere Völker schon lange sind. Namenüich in England denkt man nicht * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 214; Kleine Ausgabe II, 194. PREUSSEN UND DAS REICH 485 so kleinlich, die politischen Gegensätze auf das persönliche Gebiet zu übertragen. Ich hoffe, wir werden auch dahin kommen, daß man den, der in politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Fragen anders denkt als man selbst, deshalb nicht gleich für einen Narren oder für einen Schurken hält. Das wird dann ein schöner Fortschritt sein auf dem Wege der Befreiung von geistiger Gebundenheit, auf dem von Goethe empfohlenen Wege der Abstreifung von Philisternetzen. Aber vorläufig sind wir noch nicht so weit." Im weiteren Verlauf meiner Ausführungen hieß ich keinen Zweifel über meinen festen Entschluß, die Geschäfte so zu führen, daß die Liberalen nicht von der Mitwirkung ausgeschlossen würden, denn eine solche Mitarbeit erscheine mir im Interesse einer ruhigen und gesunden Fortentwicklung in hohem Grade wünschenswert. Den liberalen Geist auszuschalten aus unserem öffentlichen Leben und unserer Gesetzgebung, würde ich für ein historisches Unrecht halten und für einen politischen Fehler. „Was in dem alten Einheitsstaat Preußen möglich und gut war, ist nicht immer möglich und gut in dem Bundesstaat Deutsches Reich. Man wird in Süddeutschland und in Mitteldeutschland lernen müssen, den Wert des konservativen Preußen noch höher, viel höher zu schätzen. Man wird aber auch in dem konservativen Preußen nicht vergessen dürfen, daß die stämmeverbindende Kraft des Liberalismus mit seinem Anrecht auf nationaldeutsche Gesinnung für das Deutsche Reich unentbehrlich ist." Dann rechnete ich mit der Rechten ab. Ich erinnerte sie daran, daß ich, kaum Minister geworden, die damalige Spannung zwischen der Konservativen Partei und der Krone beseitigt, daß ich in jahrelanger Arbeit, mit großer Mühe, mit großer Geduld die gänzlich verfahrene Kanalfrage eingerenkt hätte, daß ich seit dem ersten Tage, buchstäblich seit der ersten Stunde meiner amtlichen Tätigkeit für die Wünsche, die Bedürfnisse, die Interessen der Landwirtschaft eingetreten wäre. Unter lebhafter Zustimmung und großer Heiterkeit der Linken rief ich den Konservativen zu: „Sie werden lange warten können, bis Sie wieder einen Kanzler bekommen, der konservative Interessen, die wahrhaft konservativen Interessen und die wirklichen und dauernden Bedürfnisse der Landwirtschaft so konsequent und namentlich so erfolgreich fördert wie ich. Ja! Ich habe sie gefördert, aber im Rahmen des Staatsinteresses. Von der Linie, die mir die Staatsräson vorschreibt, lasse ich mich auch durch die Konservative Partei nicht abdrängen." Die Konservativen irrten sich, fuhr ich fort, wenn sie glaubten, daß Konsequenz auch politische Fehler rechtfertige. „Der Sieg in der Gegenwart ist häufig der Pfad zur Niederlage in der Zukunft!" Ich scheute mich nicht, trotz lärmendem Widerspruch der Linken zu sagen, daß unter Führung der Monarchie die Junker, jawohl, die mit Unrecht viel geschmähten 486 WARNUNG AN DIE KONSERVATIVEN Junker, die preußische Macht aufgerichtet hätten und mit der preußischen Macht das Deutsche Reich. Ich wisse wohl, was die Elemente, die das Rückgrat der Konservativen Partei bildeten, während Jahrhunderten für Preußen geleistet hätten. Wenn sich aber die Konservative Partei berechtigten Forderungen verschließe, wenn sie unhaltbare Positionen nicht rechtzeitig räume, grabe sie sich durch ihre eigene Schuld ihr eigenes Grab. Ich richtete an die Konservative Partei jene warnenden Worte, die die Weiterentwicklung der Dinge nur zu sehr bestätigt hat: „Durch Ihr ,Unannehmbar' werden Sie die Erbschaftssteuer vielleicht in diesem Augenblick zu Fall bringen. Aber Sie werden dadurch für die Zukunft neuen Erbschaftssteuern die Wege bahnen, die ohne Sie und gegen Sie kommen und die den Gesichtspunkten und Wünschen der Konservativen Partei weniger Rechnung tragen werden als die Ihnen heute vorgeschlagene Besteuerung. Die Haltung der Konservativen Partei in dieser großen nationalen Frage wird einen tiefen Eindruck machen auf das deutsche Volk. Es können dadurch Widerstände und Gegensätze gegen die Konservative Partei hervorgerufen und gesammelt werden, es kann dadurch einem Radikalismus der Weg geebnet werden, den zu begünstigen weder Sie noch ich vor der Nachwelt verantworten können. Ich habe heute morgen in einem Zeitungsartikel gelesen, daß mein Gedanke einer Annäherung zwischen Konservativen und Liberalen nur ein Einfall zu taktischen Zwecken, zu Erlangung einer vorübergehenden parlamentarischen Konstellation gewesen wäre. Das trifft nicht zu. Durch die konservativ-liberale Parteikombination habe ich nicht nur die Liberalen zu politischer Mitarbeit und zur Anerkennung staatlicher Notwendigkeiten, sondern auch die Konservativen zu gesunder Fortentwicklung führen wollen. Ich habe dadurch Gegensätzen und Kämpfen vorbeugen wollen, die das politische Leben des zukünftigen Deutschland schwer erschüttern können. Daß das ein staatsmännischer Gedanke war, wird die Zukunft zeigen, und das wird auch die Geschichte anerkennen, gleichviel, ob der Träger dieses Gedankens früher oder später von seinem Platz abtreten wird." Ich betonte noch einmal scharf und klar, daß und warum ich an der Erbschaftssteuer festhielte. Ich lehnte es ab, im Bundesrat Steuern zu vertreten, die Handel und Verkehr schädigten, die Industrie belasteten, unsere gesamtwirtschaftliche Stellung verschlechterten. „Ich betrachte es als eine Pßicht ausgleichender Gerechtigkeit, als eine sozialpolitische Notwendigkeit, daß die der Gesamtheit aufzulegenden neuen Steuern zu einem erheblichen Teil von den Besitzenden getragen werden. Es geht nicht an, fünfhundert Millionen neue Steuern nur auf Verbrauchsabgaben oder andere indirekte Steuern zu legen, welche die Mittelklassen und die Wenigerbemittelten verhältnismäßig härter treffen als die Begüterten. Weil sie den Anforderungen sozialer Gerechtigkeit ANSAGE DES RÜCKTRITTS 487 entspricht, deshalb, nicht aus Eigensinn oder Rechthaberei, halte ich an der Erbschaftssteuer fest. Ich hoffe, daß im Reichstag Gemeinsinn, nationales und soziales Empfinden den Sieg davontragen werden über Kleinlichkeit und Parteigezänk." Ich schloß mit den Worten: „Wenn ich mich überzeugen sollte, daß meine Person der Sache entgegensteht, daß ein anderer leichter zum Ziel gelangt, oder wenn sich die Verhältnisse in einer Richtung entwickeln sollten, die ich nicht mitmachen kann, nicht mitmachen will und nicht mitmachen werde, so wird es mir auch möglich sein, den Träger der Krone von der Opportunität meines Rücktritts zu überzeugen, \md dann wird mein Wunsch, daß meinem Nachfolger Erfolg beschieden sein möge, ebenso ehrbch sein, wie es meine Arbeit im Dienste des Landes war." Es war das letzte Mal, daß ich im Deutschen Reichstag das Wort ergriffen habe. Während des ersten Teils meiner Rede wurde ich vom Zentrum und von den Sozialdemokraten mehrfach unterbrochen, dann aber schweigend angehört. Die beiden mir feindbehen Parteien zischten auch nicht, als ich schloß, während die Liberalen und die Mehrheit der Konservativen in stürmischen Beifall ausbrachen. Von den Berliner Abendblättern meinte das demokratische „Berliner Tageblatt", es würde zum mindesten nicht überraschen, wenn sich Fürst Bülow auch diesmal, trotzdem er mit seinem Rücktritt spiele, als Herr der Situation erweisen sollte. Die konservative „Kreuz-Zeitung" versicherte: „Die hohen Verdienste dieses Reichskanzlers auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik und der auswärtigen Politik sichern ihm für alle Zeit die Dankbarkeit der Nation und auch der Konservativen Partei. Wir hoffen und vertrauen auch heute noch, daß sein großes und staatsmännisches Geschick ihn Mittel und Wege finden läßt, um die gründ- Kche Reform der Reichsfinanzen in einer befriedigenden Weise zu lösen." Das leitende klerikale Blatt, die „Germania", bezeichnete meine Rede als „einen neuen Affront" gegen das Zentrum. Die freikonservative „Post" schrieb: „Darüber konnte niemand im Zweifel sein, daß der Tag der Abrechnung gekommen war, als Fürst Bülow sich erhob, um sofort mit einem mächtigen Ausfall ,aufs Ganze' vorzugehen. Klar und bestimmt übernahm er seine Führerrolle. Jedem einzelnen sagte er offen und ohne mit der Wimper zu zucken, wohin er sich verlaufen hätte und wo sein Platz sein muß, jeder Fraktion zeigte er ihre Irrtümer und taktischen Fehler und seine eigene Stellung." Mit Befriedigung konnte ich in diesen Monaten, die meinem Rücktritt vorangingen, auf den Stand der Ostmarkenfrage blicken. Ich hatte, nach- D ie dem die Zügel der preußischen Regierung in meine Hand gelegt worden waren, mehr als einmal erklärt, daß ich die Ostmarkenfrage als die wichtigste Frage unserer inneren Politik betrachte. Der Schwerpunkt lag in der konsequenten und entschlossenen Förderung des Ansiedlungswerks. Aber je Ostmarken- frage 488 W.-P.-, P.-P.- UND A.-A.-JAGOW bessere Fortschritte das Ansiedlungswerk machte, um so intensiver und leidenschaftlicher wurden die Anstrengungen der Polen, den Übergang polnischen Besitzes in deutsche Hand zu verhindern. Vor allem suchten sie zu verhindern, daß das Deutschtum zusammenhängenden Besitz auf Kosten des Polentums erwarb. Das aber war gerade notwendig, um den einmal für die deutsche Kolonisation erworbenen Grund und Boden gegen pohlische Einbrüche und Übergriffe zu sichern. Schon seit längerer Zeit war zwischen mir und den beiden Oberpräsidenten von Posen und Westpreußen eingehend und gründlich die Frage besprochen worden, wie der polnische Widerstand am besten zu überwinden wäre. Herr von Waldow und Herr von Jagow gehörten beide zu den tüchtigsten Beamten im alten preußischen Staat, und das wollte etwas bedeuten. Von Waldow sagte mir Bill Bismarck, der seinerzeit als Oberpräsident von Ostpreußen Herrn von Waldow als Regierungspräsidenten neben sich gehabt hatte, dieser wäre aus dem Holz, aus dem Fürst Bismarck brauchbare Verwaltungsbeamte zu schnitzen liebte. Seine Gegner nannten Waldow wegen seiner kühlen und etwas steifen Art „das gefrorene Handtuch", aber er war ein Mann. Jagow war nicht weniger brauchbar. Damals waren im Staatsdienst drei Sprossen dieser alten und trefflichen märkischen Familie: der W.-P.-Jagow, Oberpräsident von Westpreußen, der P.-P.-Jagow, Polizeipräsident von Berlin, und der A.-A.-Jagow, der spätere Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Die beiden Erstgenannten haben ihrer Familie und der Mark Brandenburg Ehre gemacht. Bei dem A.-A.-Jagow entsprach die kleinliche Seele dem kümmerlichen Körper, in dem sie hauste. Durchdrungen von der Notwendigkeit, die deutsche Ansiedlung in den Ostmarken zu fördern, entschloß ich mich, eine Enteignungsvorlage vor den Landtag zu bringen. Ich mache kein Hehl daraus, daß ich mich während meiner langen Amtszeit zu keiner anderen gesetzgeberischen Maßnahme so ungern entschlossen habe wie zu dem Enteignungsgesetz. Der Gesetzentwurf fand Gegnerschaft auf allen Seiten, nicht nur bei den traditionellen Gegnern jeder kräftigen Ostmarkenpolitik, dem Zentrum und den Freisinnigen, bei denen in diesem Falle das Fraktionsinteresse oder doktrinäre Betrachtungsweise und vorgefaßte Meinungen die Salus publica überwogen, sondern auch bei staatstreuen, einsichtigen und im übrigen regierungsfreundlichen Persönlichkeiten. Gewiß fielen Bedenken von dieser Seite für mich besonders ins Gewicht. Es gab aber keinen anderen Weg, uns die Möglichkeit zu gewähren, solchen Grundbesitz, der von polnischer Seite nur zu dem Zweck erworben und festgehalten wurde, um der Staatspolitik Widerstand und Hindernisse zu bereiten, auch gegen den Willen des jeweiligen Besitzers für den Staat zu erwerben. Rückschauend muß ich sogar gestehen, daß ich heute meine damaligen Bedenken gegen die streng, fast ängstlich umgrenzte, Letzte Rede Bülows im Reichstag am 16. Juni 1909 über seine Stellung zu den Parteien „IMMER FESTE AUF DIE WESTEI' 489 auf ganz bestimmte Fälle beschränkte Enteignungsvorlage ziemlich übertrieben finde. In einem Blatt, das seinerzeit meine Enteignuugspolitik heftig bekämpfte, im „Berliner Tageblatt", las ich um die Weihnachtszeit 1922: „Hinter der erschreckenden Ziffer der seit der Besitzergreifung deutschen Landes durch die Polen allein aus Posen und Westpreußen vertriebenen siebenmalhunderttausend Deutschen steigt die ganze Mensch- heits- und Kulturtragödie herauf, die sich hinter den Grenzmauern des neuen Polen, innerhalb des deutschen Posen, Westpreußen und Oberschlesien abspielt." ,Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen!' läßt Seume seinen Kanadier sagen. Als ich dem Kaiser gemeinsam mit dem Landwirtschaftsminister Arnim- Krieven und dem Finanzminister Rheinbaben über die Enteignungsfrage Die Vortrag hielt, hob ich mit Ernst und rückhaltlos alle Bedenken hervor, die Enteignung ich gegen diese gesetzgeberische Maßnahme gehegt und nur schwer und nur P°'" lse ' lerl angesichts einer Dira necessitas in mir überwunden hätte. Wilhelm II. ro ^ runrf D besitzes ging rasch und mit Ungeduld über meine Skrupel weg. „Nur immer feste auf die Weste!" meinte er. „Ich wünsche seit langem ein solches Gesetz! Endlich!" Als der Vortrag zu Ende war und wir die Marmortreppe hinuntergingen, die in breiten, eckigen Windungen die verschiedenen Stockwerke des Schlosses verbindet, frug mich der eifrige und redliche Rheinbaben erstaunt und beinahe unwillig: „Warum in aller Welt haben Eure Durchlaucht in den schäumenden köstlichen Wein der kaiserlichen Begeisterung für unsere Vorlage den Wermut Ihrer Zweifel und Bedenken gegossen?" Ich entgegnete, daß ich es für meine Pflicht gehalten habe, wie bei jedem gewagten Vorgehen auch diesmal Seiner Majestät das Pro wie das Contra gewissenhaft vorzutragen. Ich fügte hinzu: „Freuen wir uns, wenn Seine Majestät bei der Stange bleibt. Den Kaiser für neue Ideen, ein neues Unternehmen zu begeistern, ist leicht. Aber zu erreichen, daß er durchhält, daß er, wenn Schwierigkeiten und Gefahren eintreten, nicht ausbiegt oder umfällt, das ist nicht so leicht." Es dauerte auch nicht lange, daß Wilhelm IL, namentlich unter dem Einfluß seines Günstlings, des Fürsten Max Fürstenberg, in der Enteignungsfrage ins Schwanken geriet, daß er diese Maßnahme tadelte, daß er sie rückgängig machen wollte, und nach meinem Rücktritt wurde die Enteignungsvorlage für Seine Majestät ein Lieblingsthema, um meine politische Beschränktheit und moralische Minderwertigkeit zu beweisen. Immerhin: Quod licet Jovi, non licet bovi. Jupiter hat Rechte und Freiheiten, die dem Bos nicht zustehen. Während der Chef der Reichskanzlei, Loebell, meine Bedenken und Zweifel gegenüber der Enteignung würdigte, in sich erwog und durcharbeitete, überbot der Vortragende Rat in der Reichskanzlei, Wahnschaffe, wegen seiner glänzenden Fassade der „schöne" Wahnschaffe genannt, in 490 W AH?. SCHAFFE seinem Kampfeseifer gegen die Polen die schärfsten Hakatisten. Ich mußte ihn mehr als einmal daran erinnern, daß ich eine Anwendung der Enteignung nur da zuließe, wo es sich um Grimdbesitz handelte, der erst in neuester Zeit aus deutschen in polnische Hände übergegangen war oder dessen polnische Eigentümer seit Jahr und Tag der eigenen Scholle fern im Auslande, in Paris oder Monte Carlo, weilten. Wahnschaffe wäre am liebsten ohne Wahl noch Unterschied gegen jeden polnischen Besitz vorgegangen. Derselbe Wahnschaffe hat als treuer Knecht von Bethmann Hollweg während des Weltkriegs mein Buch über „Deutsche Politik" im Bereich des Oberkommandos Ost verbieten lassen, da das, nebenbei gesagt, sehr maßvolle Kapitel über Ostmarkenpobtik die Gefühle unserer „ritterlichen polnischen Freunde" verletzen könnte. Es war derselbe Geheimrat Wahnschaffe, der unter Prinz Max von Baden im November 1918 als Chef der Reichskanzlei nicht aus der Telefonzelle der Berliner Reichskanzlei wich und immer wieder Spa mit der Frage anklingelte, ob Seine Majestät der Kaiser und König nicht endbch abdanken wolle. Bei der besonderen Schwierigkeit der Enteignungsvorlage habe ich, wie ich hier zusammenfassend bemerken möchte, sie im Abgeordnetenhaus wie im Herrenhaus persönlich vertreten. Ich hatte schon am 26. November 1907 konstatiert*, daß während meiner Die Vorlage Amtszeit ungefähr doppelt so viel deutsche Bauernfamüien im deutschen im Abgeord- Osten angesiedelt worden waren wie in allen vorangegangenen Jahren seit netenhaus jggg^ wo p^gt Bismarck die Ansiedlung in Angriff nahm. Es wäre also, führte ich aus, die Hoffnung berechtigt, daß durch unsere Ostmarkenpobtik in der Provinz Posen die seit 1867 beständige Verschiebung der Bevölkerungsziffer zuungunsten des Deutschtums allmählich zum Stillstand gekommen wäre. Ich wies mit reichhaltigem Material darauf hin, daß im letzten Ende der Grundbesitz darüber entscheide, ob unsere Ostprovinzen deutsch oder polnisch sein würden. Ginge es so weiter, so würde voraus- 6ichtbch in zwanzig Jahren der deutsche Grundbesitz nur aus Fidei- kommissen und Domänen bestehen und gegenüber dem polnischen sich in verschwindender Minderheit befinden. Unter lärmendem Widerspruch der Polen erklärte ich klipp und klar: „Wir können unsern Landbedarf im freihändigen Ankauf nicht mehr decken, und daraus ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit, daß ein eminentes Staatsinteresse die Einräumung der Enteignungsbefugnis an die Ansiedlungskommission erfordert." Der preußische Staat würde seine oberste Pflicht, die Pflicht der Selbsterhaltung, versäumen, wenn er die wirksamste Schutzmaßregel, die Ansiedlungs- pobtik, in dem Augenblick aufgeben wollte, wo sie anfinge, dauernde Erfolge * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 45ff.; Reclam-AuBgabe IV, 257ff. STURM IM LANDTAG 491 zu verheißen. Ich sprach den Parteien, die meine Politik bis dahin unterstützt hatten, den Dank der Königlichen Staatsregierung aus für die Einmütigkeit, mit der sie unter Zurückstellung gewichtiger Bedenken 6ich bereit erklärt hätten, freie Bahn zu scharfen für die Fortsetzung unserer Ansiedlungspolitik, einer Politik, durch die allein unser Staatswesen bleiben könne, was es immer bleiben müsse, ein nationaler Staat. Der Sitzungsbericht vom 16. Januar 1908 verzeichnet hinter meiner bei der zweiten Beratung der Enteignungsvorlage im Hause der Abgeordneten gehaltenen Rede*: „Lebhaftes Bravo rechts und bei den Nationalliberalen, Zischen bei den Polen und im Zentrum. — Wiederholtes starkes Bravo rechts und bei den Nationalhberalen, erneutes heftiges Zischen bei den Polen und im Zentrum. Stürmisches Bravo rechts und bei den Nationalhberalen." Ich habe selbst im Reichstag kaum stürmischere Debatten erlebt als die Redekämpfe im Preußischen Landtag anläßlich der Enteignungsvorlage. Noch schwieriger als im Abgeordnetenhaus war die Enteignungsvorlage im Herrenhaus durchzubringen. Hier opponierte ihr, in gewählter Form, Im würdig und maßvoll wie immer, aber mit großer Zähigkeit, mein verehrter Herrenhaus Gönner und Freund, der Kardinal Kopp. Auch der frühere Landwirtschafts- minister Lucius, mein alter Freund Graf Mirbach- Sorquitten, Leo Buch und andere treffliche Männer machten mir scharfe Opposition. Ich hielt aber in stundenlangen Debatten während drei Tagen fest an meinem Leitsatz. Ohne die Möglichkeit der Enteignung keine zweckmäßige Ansiedlungspolitik, ohne die Ansiedlungspolitik verlieren wir unsere östlichen Marken. Ich mußte fünf- oder sechsmal im Landtag das Wort ergreifen, im Herrenhaus mehrmals in derselben Sitzung. Gegenüber Rechtsbedenken, die gegen die Enteignungsvorlage geltend gemacht worden waren, sagte ich: „Die Kehrseite des lebendigen und warmen Rechtsgefühls, das unser Volk auszeichnet, dieser seiner vielleicht schönsten Eigenschaft, ist seine politisch oft gefährliche Neigung, sich in abstraktem Formalismus zu verirren, ist der uns Deutschen seit jeher eigene Trieb, auch große politische Fragen lediglich vom Standpunkte des Privatrechts zu beurteilen. Damit kommt man in großen politischen Existenzfragen nicht durch. Die erste, die oberste und vornehmste Pflicht des Staats ist, sich selbst zu behaupten. So machen es alle anderen Völker, und wenn wir es nicht ebenso machen, so kommen wir unter die Räder." Gegenüber der Behauptung, daß unsere Ostmarkenpolitik in Österreich mißfiele und uns dort schaden würde, erklärte ich: „Es ist gut, alle Wetterzeichen am Horizont der auswärtigen Politik zu beachten und namentlich jedes Wetterleuchten. Aber vor jedem Stirnrunzeln * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 90ff.; Reclam-Ausgabe IV, 286ff. 492 POLEN-KOMPROMISS des Auslandes zu erbeben, ist nicbt die Art großer Völker. Es ist unsere Pflicbt, durch eine gerechte und ruhige Politik Vertrauen und Achtung zu erwerben und mitzuarbeiten an der großen, gemeinsamen Aufgabe der Zivilisation. Aber allen Haß und jeden Neid zu entwaffnen, das ist weder dem einzelnen möglich noch einem ganzen Volk. Wir müssen uns mehr ruhiges Nationalgefühl angewöhnen, mehr trotzigen Selbsterhaltungstrieb." Schließlich gelang es mir, in beiden Häusern des Landtags den Kompromißantrag Adickes durchzubringen, durch den die Beschränkung der Enteignung auf neun Kreise von Posen und Westpreußen beseitigt und der Regierung das Recht eingeräumt wurde, in allen Teilen der genannten Provinzen bis zu einer Gesamtfläche von siebzigtausend Hektar zu enteignen. Im Gegensatz zu manchen seiner konservativen und agrarischen Freunde trat Herr von Oldenburg mit Schwung und Schneid für die Enteignungsvorlage ein. Er war mit seinem Humor, in seiner Originalität und Urwüchsigkeit ein Junker von der besten Sorte. Er sprach mir aus der Seele, als er seine Rede mit den Worten schloß: Der Adler Preußens wendet sich zum Lichte, Schwer ist sein Flug, er trägt die Weltgeschichte. Nach Durchbringung der Vorlage erhielt ich von dem Vorstand des Ostrich An- marken Vereins ein Dankschreiben, in dem die unter meiner „hingebungs- nahme des vollen und zielbewußten Führung" erkämpfte Annahme des Enteignungs- ompromisses g ese t zes a l s em d em Deutschtum in den Ostmarken erwiesener Dienst von weltgeschichtlicher Tragweite bezeichnet wurde. Die überwältigende Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung atme, von einem schweren Alpdruck befreit, freudig und hoffnungsvoll auf. Der ehrwürdige, mehr als achtzigjährige General Graf Wartensleben, im siegreichen Kriege gegen Frankreich der ruhmvolle Oberqnartiermeister der Ersten Armee, schrieb mir: „Euer Durchlaucht beglückwünsche ich von ganzem Herzen zu dem schweren, aber entscheidenden Siege in der Ostmarkensache. Ich hatte mich schon vor längerer Zeit für den 26. zum Wort gemeldet. Leider bin ich aber zum erstenmal mit meinen einundachtzig Jahren zur unrechten Zeit erkrankt und mußte auf entschiedenes Verbot des Arztes die Reise nach Berlin aufgeben. Ich trage schwer daran, daß ich dieses Mal meiner Pflicht nicht genügen konnte. Die Hauptsache aber ist das gestrige, anscheinend über Erwarten günstige Ergebnis. In altbekannter Verehrung Eurer Durchlaucht aufrichtig ergebenster Graf Wartensleben, General der Kavallerie." Mein Personalreferent Fürst Lichnowsky erzählte mir bald nach Jer Annahme der Enteignungsvorlage vertraulich, daß seine an den Polen Lanskoronski verheiratete jüngste Schwester ihm geschrieben habe, sie höre von allen ihren galizischen Verwandten, Nachbarn und Freunden die BÜLOWS GEGNER 493 Ansicht, daß, wenn nun das Enteignungsgesetz ohne unnötige Härten, aber mit ruhiger Festigkeit und Stetigkeit zehn Jahre durchgeführt würde, das Deutschtum im preußischen Osten gesiegt habe. So standen im Osten die Dinge, als Heydebrand und sein Schildknappe Westarp mit Hilfe der Polen meinen Rücktritt herbeiführten und damit einer Entwicklung die Wege ebneten, die zu der Wiederherstellung von Polen und damit zum Verlust der deutschen Ostmark führte. Je näher in der Frage der Erbschaftssteuer die Entscheidung rückte, um so höher stieg die Erregung im Lande, das ohne Frage und gerade in Wilhelm II. seinen besten, in den national gesinnten Kreisen mein Bleiben wünschte. un(l Bül° w Um so eifriger aber wurden auch die Bemühungen meiner Gegner und namentlich meiner höfischen Gegner, meinen Rücktritt herbeizuführen. Die Haltung Seiner Majestät wurde immer widerspruchsvoller. Ich hatte Weisung gegeben, dem Kaiser alle ernsten Zeitungsartikel über die inner- politische Lage und insbesondere über mich selbst vorzulegen, nicht nur die freundlichen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, die unfreundlichen. Ad marginem der für mich günstigen Artikel schrieb Seine Majestät; „Bravo! Bravissimo! Ganz vorzüglich! So sollten alle denken!" Tadel und Angriffe gegen mich wurden mit Randvermerken versehen, wie „Lüge! Verleumdung! Elender Preßpirat!" Ich entsinne mich des Artikels eines Wiener Blatts, in dem ausgeführt wurde, der Kaiser wäre zu edel und zu patriotisch, als daß er mir meine Haltung während der Novemberkrisis von 1908 nachtragen könnte. Der Kaiser schrieb ad marginem: „Ist mir aus der Seele geschrieben!" Ich entsinne mich auch eines anderen Artikels, in dem es hieß, daß der Kaiser innerlich meinen Fortgang nicht ungern sehen würde, denn er grolle mir wegen der Vorhaltungen, die ich ihm im November 1908 gemacht hätte. Der Kaiser schrieb an den Rand: „Schurke! Erbärmbcher Verleumder!" Leider hörte ich aber auf der anderen Seite von Vorgängen, die nicht ganz mit diesen Allerhöchsten Marginalien übereinstimmten. Graf August Eulenburg teilte mir vertraubch mit, daß der Kaiser zu längerer Unterredung denselben Eckardstein empfangen hätte, den er nach seinem skandalösen Ehescheidungsprozeß und allerlei anderen üblen Streichen und öffentlicher Brandmarkung aus dem Beamtenstand hatte ausstoßen wollen. Ich hörte auch, daß der Kaiser einen meiner gehässigsten Gegner, den Grafen Hans Oppersdorff, mit seiner Frau zu einem kleinen Diner befohlen und sich lange mit ihm unterhalten habe. Um diese Einladung vor der Kaiserin, die lebhaft mein Bleiben wünschte, zu motivieren, war ihr gesagt worden, daß die Gräfin Oppersdorff nicht weniger als zwölf Kindern das Leben gegeben hätte und das in vierzehn Jahren. Unter den zwölf Sprossen waren nämlich zwei Zwillingspärchen. Die Gräfin Dodo Oppersdorff, eine geborene Prinzessin Radziwill, war übrigens eine schöne 494 EIN HINTERTREPPENROMAN und gute Frau, sehr verschieden von ihrem üblen Gatten. Die Kaiserin Auguste Viktoria, die das war, was die Heilige Schrift eine fröhliche Kindermutter nennt, interessierte es sehr, eine Frau zu sehen, die so Großes für die Volksvermehrung geleistet hatte. Am ärgsten trieb es der Zeremonienmeister Eugen Röder. Er hatte heimliche Zusammenkünfte mit meinem heftigsten Gegner im Zentrum, dem später viel genannten Matthias Erz- berger, dem er auseinandersetzte, daß der Kaiser mir innerlich feindlich gesinnt sei und sehr erfreut sein würde, wenn es dem Zentrum gelänge, mich zu stürzen. Der Abgeordnete von Biberach, damals noch nicht vierunddreißig Jahre alt, wurde dadurch zu einer sehr heftigen Rede veranlaßt, in der er mich unter Anspielung auf ein bekanntes Gedicht von Ludwig Uhland mit dem schlechten Knecht vergüch, der seinen edlen Herrn erstach, weil er selbst gern Ritter sein wollte. Das ließ sich als Witz allenfalls hören, wenn es auch nicht geistreich war, wie die schon erwähnten Artikel des Pariser „Figaro", in denen ich mit Gonthram-le-Bose verglichen worden war. Ganz plump war ein Pamphlet, das Rudolf Martin gegen mich vom Stapel ließ. Hier wurde im Stil und mit den Mitteln eines Hintertreppenromans meine Verworfenheit enthüllt. Ich hätte den Kaiser dazu verleitet, in England die Äußerungen zu tun und die Gespräche zu führen, die ich dann absichtlich durch den Artikel des „Daily Telegraph" zur allgemeinen Kenntnis gebracht habe. Mein Plan sei gewesen, den auf diese Weise kompromittierten Kaiser durch den von mir ad hoc gebildeten Block absetzen zu lassen. Zweck und Ziel des Ganzen: die Proklamierung der Republik unter meiner Präsidentschaft. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel dieses Machwerks und auch nicht genau an seinen Inhalt. Solche Schmähschriften haben mir übrigens nie den mindesten Eindruck gemacht, die Martinsche so wenig wie das dreizehn Jahre später erschienene, noch dümmere Pamphlet des Professors Dr. Johannes Haller in Tübingen. Gegenüber derartigen Angriffen tröstete ich mich mit dem Verschen von Goethe, daß, wo sogar der große Walfisch seine Laus habe, der kleinere Mensch sich über Insektenstiche nicht aufzuregen brauche. Immerhin war es kein gutes Symptom, daß der Kaiser das Martinsche Pamphlet mehrfach als ein ganz gutes Buch empfohlen hatte, das ein neues Licht auf die Novemberkrisis von 1908 werfe. Wie stimmte das zu der freundlichen Haltung Seiner Majestät mir gegenüber ? Wie stimmte es namentlich zu den Allerhöchsten Marginalien ? Ich glaube nicht, daß von Seiten des Kaisers bewußte Falschheit, absichtliche Doppelzüngigkeit vorlag. Er war kein Louis XI von Frankreich und noch weniger, trotz der törichten Schrift, die bald nach seinem Regierungsantritt unter dem Titel „Caligula" der freisinnige Professor Quidde über ihn veröffentlicht hatte, ein vom Cäsarenwahnsinn erfaßter römischer OHNE KAISERLICHEN SCHILD 495 Kaiser. Er war, wie sich eine englische Freundin von mir ausdrückte, die Wilhelm II. seit seiner Jugend kannte: „Not false but fickle“. Je nach seiner momentanen Stimmung wechselten seine Ansichten und Urteile. Die Stimmung hing wieder zum großen Teil von den Menschen ab, die er gerade gesehen hatte. Albert Ballin pflegte zu sagen: „Wenn ich zum Kaiser gehen muß, pflege ich immer zu fragen, wer zuletzt mit ihm gesprochen hat. Dann weiß ich auch, was er denkt.“ Ich möchte übrigens ausdrücklich betonen, daß unter den „Kaisertreuen“, die gegen mich intrigierten, Unterschiede, zum Teil tiefgehende Differenzen in Art und Wesen bestanden. Einige waren nur Werkzeuge, die von den Höherstehenden benutzt, aber gleichzeitig verachtet wurden. Als einige Jahre nach meinem Rücktritt der Kaiser die Schweiz besuchte, nahm er Eugen von Röder zur Belohnung für seine Kaisertreue mit auf die Reise. Der Vater Röder war deutscher Gesandter, und ein ganz tüchtiger Gesandter, in der Schweiz gewesen. Deutscher Gesandter in Bern war während dieses Kaiserbesuchs mein Bruder Alfred. Als der Kaiser mit seinem Gefolge bei einem kleinen Spaziergang auf einem Schweizer Bauernhöfe weilte, wo sich in ländlicher Unschuld auch eine Mistgrube breitmachte, bemerkte mein Bruder, wie sich Röder in allzu großer Nähe dieser übel duftenden Grube befand, und gab der Besorgnis Ausdruck, daß er in diese Grube fallen und so zu Schaden kommen könnte. „Lassen Sie nur gut sein“, meinte der neben meinem Bruder stehende Max Fürstenberg, „in die Jauche gehört das Ferkel.“ Zu meinem Geburtstag hatte ich ein ungewöhnlich herzliches Telegramm des Kaisers erhalten. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich nach meinem Rücktritt freiwillig und unaufgefordert dem Kaiser alle von ihm an mich gerichteten Briefe und Telegramme zurückgereicht und nur von wenigen Abschrift behalten habe. Ich erinnere mich aber mit Bestimmtheit, daß der Kaiser in diesem letzten Geburtstagstelegramm, das er während meiner Amtszeit an mich richtete, dem Wunsch und der Hoffnung Ausdruck gab, ich möge ihm noch lange als Kanzler zur Seite stehen. Es folgte in dem kaiserlichen Telegramm ein sehr kräftiger Satz, daß er sich weder durch gegen mich gerichtete Angriffe noch durch Presseumtriebe oder parlamentarische Beschlüsse an mir irremachen lassen würde. Loebell bat um die Erlaubnis, diesen Beweis Allerhöchster Gnade und Allerhöchsten Vertrauens zu veröffentlichen. Ich habe das abgelehnt. Nachdem ich im November 1908 den Kaiser im Interesse des Landes wie der Krone vor allzu häufigem Erscheinen auf der politischen Bühne gewarnt hatte, erschien es mir nicht würdig, jetzt den kaiserlichen Schild vor mich zu halten. Ich pflegte, solange ich Reichskanzler war, zu meinem Geburtstage viele Glückwünsche zu erhalten. Donec eris felix, multos numerabis amicos. Zum 3. Mai 1909 war die Zahl der Gratulanten besonders groß. Der General- Biilows 60. Geburtstag 496 BÜLOWS SECHZIGSTER GEBURTSTAG adjutant von Plessen schrieb mir: „Klassischer Zeuge der unermüdlichen Mühen und Sorgen, welche täglich aufs neue Ihren Schultern zugemutet werden, zittere ich vor dem Gedanken, daß Sie eines Tages diese Bürde abschütteln könnten. Wollte Gott, daß Ihr kommendes Lebensjahr dem Kaiser und dem Vaterlande geweiht sei! Ich weiß sonst nicht, was werden soll. Die Fürstin hat Sie so lange in der schweren Arbeit gestützt und gepflegt, möchte ihre selbstlose Hingabe der guten Sache auch ferner beistehen! Das sagen Sie ihr, bitte, mit meinen besten Empfehlungen." Der Staatssekretär von Bethmann Hollweg, dem ich anläßlich der Annahme des Vereins- und des Börsengesetzes meine Befriedigung ausgesprochen hatte, telegraphierte mir mit gleichzeitigem Glückwunsch zu meinem Geburtstag: „Die Mitarbeit an der durch Eure Durchlaucht neu orientierten inneren Politik, welche zahllose, früher verbitterte Kräfte zu neuem Leben erweckt und welche schließlich auch eine neue Brücke über den Main schlagen wird, ist mir der größte Lohn." Natürlich fehlte auch der aufdringliche Professor Schiemann nicht, den ich wieder einmal wegen eines taktlosen Artikels hatte koramieren müssen. Er schrieb nach submissem Glückwunsch zu meinem sechzigsten Geburtstag: „Ich bin mir bewußt, mit größter Vorsicht vorzugehen, und weiß nicht, worin ich fehlgegriffen habe. Aber das Bewußtsein, nicht zu nützen, sondern schädlich zu wirken, wäre mir unerträglich! Aus dieser Empfindung heraus bin ich in stets gleicher Verehrung Eurer Durchlaucht ehrfurchtsvollst ergebener Theodor Schiemann." Mein Pressechef Hammann wollte seinen Glückwunsch nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich darbringen und schrieb trotz der Fährden und Nöte seines Meineidsprozesses: „Eure Durchlaucht mögen überzeugt sein, daß ich mich heute wie immer unter denen befinde, die dem Menschen wie dem Staatsmann von ganzem Herzen Glück und Segen und neue Erfolge für des Beiches Wohl im reichsten Maße wünschen. Ein Jahr voll großer Arbeit liegt hinter Ihnen. Sie haben das Schwerste standhaft und treu im gottbegnadeten Vollbesitz Ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Gaben überwunden. Möge Eure Durchlaucht im neuen Jahr der alte bleiben, im Menschlichen wie im Politischen, im Mühen wie im Erfolg. In dankbarer Verehrung Euer Durchlaucht gehorsamer Hammann." Der langjährige Korrespondent der „Frankfurter Zeitung", August Stein, der politisch nicht immer mit mir einverstanden war, mir menschlich aber wohlwollte, hatte nicht lange vor meinem Geburtstag sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Mitarbeiter des großen Frankfurter Blattes gefeiert. Auf einen Glückwunsch, den ich ihm bei dieser Gelegeuheit ausgesprochen hatte und in dem ich dem scherzhaften Erwarten Ausdruck gab, er werde auf die silberne Hochzeit mit der Frankfurterin auch noch WER WIRD NACHFOLGER? 497 die goldene folgen lassen, antwortete mir August Stein: „Eure Durchlaucht bitte ich, meinen besten Dank entgegenzunehmen für die freundlichen Worte und Wünsche, mit denen Sie mich aus Anlaß meiner silbernen Hochzeit mit der Frankfurterin geehrt haben. Doch Eurer Durchlaucht mögen mir verzeihen: noch fünfundzwanzig Jahre in diesem Dienst und noch einen Reichskanzler, der mir wohlgesinnt ist und dem ich durch persönliche Verehrung in allen Wechseln der Politik ergeben bin--nein, Durchlaucht, das wären ,Vota diis exaudita mabgnis'. Der Publizist wandelt in Deutschland nicht ungestraft unter der Gunst und in der Verehrung für den leitenden Staatsmann. Ich habe gar keine Sehnsucht nach irgendeinem Nachfolger. Die sozialdemokratische Leipziger Volkszeitung hat mich in diesen Tagen ,neben Mohrchen den treusten Stubenhund des Reichskanzlers' genannt. Das nehme ich lachend hin, aber der Gedanke ängstigt mich, daß ein späterer Kanzler irgendein anderes Haustier halten könnte, mit dem dann sozialdemokratische Liebenswürdigkeit mich vergliche. Dem Nächsten würde ich unbedingt opponieren. Und da ich das nicht gern täte, lassen Eure Durchlaucht sich vielleicht bewegen, noch einige Jahre an der Spitze zu bleiben, und lassen sich gefallen die aufrichtige Verehrung Ihres ganz ergebenen A. Stein." Gustav Schmoller, neben und mit Ulrich von Wilamo- witz seit Mommsens Tod der größte lebende deutsche Gelehrte, schrieb meiner Frau: „Ich kann diese Zeilen nicht abgehen lassen, ohne Ihnen von ganzer Seele zu gratulieren zu den letzten Reden des Reichskanzlers. Er hat sich mit denselben selbst übertroffen. Ganz Europa bewundert ihn als den Friedensstifter, und mit Recht. Und ich hoffe, seine große Staatskunst wird ihm auch in der inneren Pohtik, in der Reichsfinanzreform weitere große Erfolge sichern. Je schwieriger die innere Lage bei uns in Deutschland ist, je mehr das Parteigetriebe die Leitung der Reichspolitik erschwert und großen Reformen Hindernisse bereitet, desto unentbehrlicher ist Fürst Bülow für uns. Seine Geschicklichkeit in der Behandlung der Menschen und Parteien ist ebenso groß wie seine Beredsamkeit, welche glücklichen Humor mit der Höhe der Gesichtspunkte und der zwingenden Kraft durchschlagender Argumente verbindet." Es war begreifbch, daß seit der Novemberkrisis von 1908, und insbesondere seitdem abfällige Äußerungen Seiner Majestät über mich kol- Brief des portiert wurden, die Frage meiner Nachfolgerschaft diskutiert wurde. Statthalters Während mancher Ehrgeizige sich in dieser Richtung bemühte, erhielt ich ^ Ta f en Wedel von dem Statthalter von Elsaß-Lothringen, dem damaligen Grafen, späteren Fürsten Karl Wedel einen Brief, den ich folgen lasse, weil er den lauteren Charakter, die vornehme Bescheidenheit und den Patriotismus dieses ausgezeichneten Mannes treu wiedergibt: „Mein beber Bülow! Die langjährigen freundschaftlichen Beziehungen, die uns verknüpfen, geben 32 Bülow II 498 GRAF WEDEL WILL NICHT eine Bürgschaft dafür, daß Sie mich nicht mißverstehen, wenn ich Ihnen ganz offen mit einem Anliegen komme, das Ihnen im ersten Moment vielleicht eigenartig erscheinen mag. Ich hatte anfangs die Absicht, Ihren Bruder Karl Ulrich als Vermittler in Anspruch zu nehmen, bei ruhigem Nachdenken erscheint es mir indessen viel richtiger und einfacher, mich vertrauensvoll an Sie direkt zu wenden. Ich erachte mich dazu sogar verpflichtet, da Sie wissen, daß ich Ihnen nicht nur in Freundschaft, sondern auch in aufrichtiger Dankbarkeit ergeben bin. Doch zur Sache, um Sie nicht zu lange aufzuhalten. Verschiedene Blätter nennen mich seit einiger Zeit unter denen, die berufen sein könnten, einmal Ihre Nachfolge anzutreten. Darauf baute ich nicht, weil die Zeitungen viel dummes Zeug schwätzen. Auch auf privatem Wege sind Andeutungen in dieser Richtung an mich herangetreten. Dem lege ich ebensowenig Bedeutung bei, indem ich mich indifferent oder ablehnend verhalte. Was mich aber frappiert hat, ist, daß mir vor etlichen Monaten zugetragen wurde, Sie hätten die Absicht geäußert, mich damals im Falle Ihres Abgangs zu Ihrem Nachfolger vorzuschlagen. Im stillen hatte ich gehofft, daß Sie während unseres langen, intimen Tete-ä-tete im Januar mir eine bezügliche vertrauliche Andeutung machen würden, da ich meinerseits ja aus begreif licher Diskretion die Frage nicht anrühren konnte. Wäre ersteres geschehen, so hätte ich mich Ihnen gegenüber sofort vertraulich und offen ausgesprochen, und dieser Brief wäre gegenstandslos geworden. Vielleicht war ja übrigens jene Nachricht überhaupt falsch. Dann würde ich freilich die Prämisse verloren haben, die Aussprache aber bleibt mir trotzdem Bedürfnis. Ohne mich eines Mangels an Bescheidenheit schuldig zu machen, glaube ich sagen zu dürfen, daß es mir an tiefem Pflichtgefühl und Patriotismus niemals gefehlt hat. Ich bin daher auch stets bereit, meinem kaiserlichen Herrn und meinem Vaterlande jedes Opfer zu bringen. Aber ich halte es ebenso für die vornehmste Pflicht jedes reifen und ehrlichen Mannes, sich selbst zu erkennen und gewissenhaft zu prüfen. Ein Amt zu übernehmen, dem man sich nach innerster, fester Uberzeugung nicht gewachsen fühlt, erachte ich für eine leichtfertige und unpatriotische Handlung, denn um Versuche oder Experimente zu wagen, dazu stehen zu hohe Güter auf dem Spiel. Das Vertrauen anderer ist gewiß ein köstlich Ding, aber es verliert einen großen Teil seiner Bedeutung, wenn es nicht durch das Vertrauen auf das eigene Ich die unbedingt notwendige Ergänzung findet. Das Wollen reicht nicht aus, auf das Können kommt es an! Nun, da haben Sie meine Lage! Sapienti sat! Wenn man mir also einmal den Kanzlerposten anbieten sollte, so würde meine Antwort nach Pflicht und Gewissen ein unerschütterliches ,Nein' sein, auch wenn die Konsequenz der Verzicht auf mein jetziges Amt sein müßte. Mein Ehrgeiz ist längst befriedigt, und wenn ich auch noch arbeitsfähig SEIN FREUNDESBRIEF 499 und arbeitslustig bin, so würde doch das Bewußtsein, mit meinem Refus lediglich eine patriotische Pflicht erfüllt zu haben, mir den eventuell notwendigen Rücktritt leicht machen. Daß jenes Anerbieten niemals an mich herantreten wird, hoffe und glaube ich zwar aus verschiedenen Gründen, daß Sie aber gegebenenfalls dasselbe nicht anregen, ist der Zweck dieser Zeilen, indem ich die inständige Bitte an Sie richte, von meiner Kandidatur ein für allemal Abstand zu nehmen und mich nicht in die peinliche Notwendigkeit einer kategorischen Ablehnung bringen zu wollen. Glücklicherweise Hegt ja der Fall vorderhand noch auf rein hypothetischem Gebiete und wünsche ich von Herzen, daß Sie uns noch lange an der Spitze der Reichsverwaltung erhalten bleiben, so schwer Sie auch manchmal unter den jetzigen Verhältnissen die Bürde des Amtes drücken mag. Daß gegen Sie intrigiert und an gewisser Stelle Stimmung gegen Sie gemacht wird, das hörte ich ja, und ebenso kann ich mir nach meiner Personalkenntnis psychologisch das Vorhandensein einer tiefen Gereiztheit wohl erklären. Aber das kann und wird sich ändern, besonders wenn Ihre Unentbehrlich- keit sich von neuem durch Erfolge dokumentiert und der zur Waffe geschmiedete Vorwurf lauer Vertretung bei längerer, ruhiger Erwägung der tatsächlichen Verhältnisse sich als haltlos verflüchtigt. Ganz objektiv betrachtet, hat ja der jetzige formelle Verkehr gute Früchte gezeitigt, denn seit Jahren haben wir uns nicht solcher Ruhe und Stetigkeit erfreut wie in den letzten Monaten, und das trotz der ernsten inneren und äußeren politischen Lage. Ich freue mich dessen als treuer Diener unseres Herrn und als Patriot, und zwar für Ihn wie für das Vaterland. Mit dem warmen Wunsche, daß Ihnen das große Werk der Finanzreform gelingen und es Ihnen damit beschieden sein möge, dem Reichsschiffe diejenige Festigkeit zu geben, deren es bedarf, um etwaige Stürme nicht nur nicht zu scheuen, sondern ihnen im Notfall auch erfolgreich zu trotzen, bin ich in alter Freundschaft Ihr treu ergebener Carl Wedel." 32* XXXIII. KAPITEL Wilhelm II. hält nach außen noch zu Bülow • Deutsch-französische Beziehungen Briefe des Grafen Metternich • Die Würfel fallen im Reichstag • Abstimmung vom 24. VI. 1909 • Bülows Demissionsgesuch • Audienz bei Wilhelm II. in Kiel • Herr von Bethmann Hollweg als Kanzler in Aussicht genommen • Kabinettsrat von Valentini • Frühstück an Bord der Jacht des Fürsten von Monaco • Abschied vom Kaiser, Bülows letzte Ermahnungen • Herr von Valentini wünscht Kanzlerwechsel erst im Herbst Je näher die entscheidende Abstimmung des Reichstags über die Erbschaftssteuer rückte, um so eifriger wurden von meinen Gegnern abfällige Äußerungen Seiner Majestät über mich kolportiert. Ich konnte an ihrer Authentizität nicht zweifeln, obschon der Kaiser bis unmittelbar vor der Ablehnung der Erbschaftssteuer durch den Reichstag in seinen öffentlichen Kundgebungen sich demonstrativ auf meine Seite stellte. Noch am 22. Juni 1909 hielt Wilhelm II. in Cuxhaven bei dem Festmahl des Norddeutschen Regattavereins an Rord des zehn Jahre früher auf der Werft des Vulkan in Stettin von mir getauften Hapag-Dampfers „Deutschland" eine Rede, in der er der bestimmten Hoffnung Ausdruck gab, daß in der Frage der Reichsfinanzreform, dieser für unser Vaterland nach innen wie nach außen unumgänglich notwendigen Reform, Gemeinsinn über Parteisinn siegen würde. In schwungvollen Worten teilte er gleichzeitig den um ihn versammelten Sportsfreunden mit, daß er mit Seiner Majestät dem Kaiser aller Reußen bei der Zusammenkunft in den finnischen Schären sich über eine energische Bekräftigung und Verteidigung des Friedens geeinigt habe. „Wir fühlen uns als Monarchen unserem Gott verantwortlich für das Wohl und Wehe unserer Völker. Alle Völker brauchen den Frieden. Daher werden wir beide stets danach streben, mit Gottes Hilfe für Förderung und Wahrung des Friedens zu wirken. Unter diesem Frieden kann sich natürlich auch der Sport in vollster Weise entwickeln." Es lag im Interesse meiner Friedenspolitik, mit der Wilhelm II. ehrlich und aufrichtig einverstanden war, daß er trotz seiner alten Abneigung gegen die „Japs" auf meinen Wunsch zwei japanische Prinzen, die im Frühjahr nach Deutschland gekommen waren, mit einer Einladung nach dem Neuen Palais in Potsdam beehrte, sie freundlich behandelte, sie an einer Potsdamer Parade teilnehmen ließ und ihnen sogar den Schwarzen Adlerorden verlieh. Es war DIE CASABLANCA-AFFÄRE BEIGELEGT 501 das ein kleines, aber dankbar empfundenes Pflaster auf die Wunde, welche die von Seiner Majestät in Highcliffe über Japan gesprochenen bösen Worte dem Selbstgefühl der Japaner geschlagen hatten. Mit meinem Dank für die Folgsamkeit Seiner Majestät in dieser Beziehung konnte ich dem Kaiser gleichzeitig melden, daß die sehr heikle Casa- Ausgleichs- blanca-Affäre nun auch in der Form völlig und endgültig beigelegt sei. Am Protokoll 29. Mai hatten, wie bereits bemerkt, beide Regierungen in Berlin ein Pro- "™ sc ^ tokoll unterzeichnet, in dem sie erklärten, daß jede, soweit sie betroffen sei, un(i ihr Bedauern über das in dem Haager Schiedsspruch ihren Angestellten in Frankreich Casablanca zum Vorwurf gemachte Verhalten ausdrücke. Der befriedigende Abschluß dieser Affäre war ein Beweis dafür, daß auch eine knifflicke Streitfrage, wo Recht und Unrecht schwer zu unterscheiden waren und bei der die nationale Ehre mitspielte, auf schiedsgerichtlichem Wege beigelegt werden konnte. Ich entsinne mich kaum einer Zeit, wo die deutsch-französischen Beziehungen so ruhig waren wie im Frühjahr 1909. Auf Einladung des Zentralkomitees für eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich hatte Ende April 1909 der französische Senator Baron d'Estour- nelles de Constant im Kaisersaal des Preußischen Herrenhauses einen Vortrag über das Thema gehalten: „Die deutsch-französische Annäherung als Grundlage des Weltfriedens". D'Estournelles de Constant war ein alter Freund von mir. Ich war ihm bei der schönen Reise begegnet, die ich ein Vierteljahrhundert früher als Erster Sekretär unserer Botschaft in Paris im Lenz 1884 nach Tunis und Algier unternommen hatte. D'Estournelles de Constant hatte mir damals in liebenswürdiger Weise die Honneurs von Tunis gemacht, wo er als Legationssekretär bei dem französischen Ministerresidenten tätig war. Wir waren uns später mehrmals wieder begegnet, zuletzt in Kiel bei der Entrevue, die dort 1904 zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard stattfand. Eduard VII. hatte Baron d'Estournelles mitgebracht, den er seit der Zeit schätzte, wo dieser Sekretär der Französischen Botschaft in London gewesen war. D'Estournelles war ein überzeugter Pazifist. Er wünschte Frieden zwischen England und Deutschland, Frieden in der ganzen Welt, vor allem Frieden und allmähliche, ganz allmähliche, mit Vorsicht und Takt anzubahnende Aussöhnung zwischen seinem Vaterlande und uns. Sein Vortrag im Herrenhaus war recht verständig. Ebenso vernünftig sprach er sich aus, als er einen Tag später in kleinem Kreise bei mir aß. Beim Abschied schenkte er mir ein mit Pariser Geschmack eingebundenes Exemplar des „Chasseur vert" von Stendhal. Er kannte meine Bewunderung für den großen Schriftsteller, der nicht nur seinem Vaterlande, sondern der Welt zwei Meisterwerke wie „Le Rouge et le Noir" und „La chartreuse de Parme" geschenkt hat. Der „Chasseur vert" steht noch in meiner Bibliothek. Es ist das einzige, was von den Beziehungen zwischen 502 EIN WUNSCH DES ZAREN dem guten d'Estournelles de Constant und mir noch übriggeblieben ist. Als der Weltkrieg ausgebrochen war und wir Frankreich den Krieg erklärt hatten, verwandelte sich d'Estournelles, wie alle französischen Pazifisten und wie dies jeder, der Frankreich und die Stärke des französischen Patriotismus kannte, nicht anders erwarten konnte, in einen leidenschaftlichen Patrioten, der mit Begeisterung in den allgemeinen Kriegsruf einstimmte: „Aux armes, citoyens!" Ungefähr um dieselbe Zeit, wo mein Freund d'Estournelles de Constant Telegramm des seinen schönen Vortrag in Berlin hielt, hatte ich ein direktes Telegramm Zaren an vom Kaiser Nikolaus erhalten, in dem er mir in ungewöhnlich warmen Bülow Tff 0I t en mitteilte, daß er mir als Zeichen seines Vertrauens und seines besonderen Wohlwollens den Andreas-Orden mit Brillanten verleihe. Als der russische Botschafter mir einige Tage später diese mit prächtigen Diamanten verzierte Dekoration überreichte, sagte er mir vertraulich, daß der Kaiser mit seiner Ordensverleihung noch einen besonderen Zweck verfolge. Er habe selbstverständbch weder das Recht noch die Absicht, sich in innerdeutsche Verhältnisse einzumischen. Er habe aber doch zum Ausdruck bringen wollen, wie sehr er im Interesse der guten Beziehungen zwischen beiden Ländern und des europäischen Friedens wünsche, daß ich Reichskanzler bleiben möge. Deshalb habe er mir eine so ungewöhnliche Auszeichnung zuteil werden lassen. Mit einer ähnlichen Wendung hatte müder rumänische Gesandte um dieselbe Zeit den von König Carol von Rumänien kurz vorher gestifteten Carols-Orden überreicht, den der mir seit so lange freundlich gesinnte, weise Monarch mir als erstem Nicht- Souverän verlieh. Aus Rom hatte mir schon während des Winters mein Freund Schor- lemer geschrieben, daß Pius X., dem er die Glückwünsche Wilhelms II. zum Bischofsjubiläum überbracht hatte, ihm mit sichtlicher Freude von dem Besuch gesprochen habe, den ich gemeinsam mit meiner Frau im Frühjahr 1908 dem Heiligen Vater abgestattet hatte. Es hieß in diesem Brief weiter: „Einen sehr angenehmen Eindruck hat mir der Kardinal Rampolla gemacht. Er sprach sehr erfreut davon, daß es Eurer Durchlaucht gelungen sei, die Novemberkrisis zu einem guten Abschluß zu bringen. Auch unter den übrigen Diplomaten, die ich bei dem spanischen und österreichischen Botschafter gesprochen habe, kam unverhohlen die Freude zum Ausdruck, daß Eure Durchlaucht die Geschäfte des Reichskanzlers weiterführen würden." Im Frühjahr schrieb mir Kardinal Kopp: „Daß Eurer Durchlaucht die Reise nach Venedig eine wirkliche Erholung und Kräftigung gewesen sei, ist mein innigster Wunsch." Im Vatikan dauere der günstige Eindruck fort, den mein vorjähriger Besuch dort hinterlassen habe. Insbesondere sei Seine Heiligkeit über die Lage der katholischen ÜBER DIE FLOTTENFRAGE LÄSST SICH REDEN 503 Kirche in Preußen ganz beruhigt. Der Brief schloß: „Ich freue mich in dem beruhigenden Bewußtsein, daß Eure Durchlaucht das Staatsruder in Händen haben. In treuester Verehrung und Anhänglichkeit Eurer Durchlaucht ergebenster G. Kardinal Kopp." Gerade in den Tagen, wo im Reichstag die Würfel fielen, wurden zwischen mir und dem Botschafter in London bedeutsame Briefe gewechselt. Ich gab Briefwechsel in meinem Schreiben vom 23. Juni 1909 an Metternich der Ansicht Aus- m " rfcm druck, daß der Wunsch, durch eine Verständigung mit Deutschland die ^j"^" . ^ Sorgen um die Sicherung der englischen maritimen Unantastbarkeit und um die finanziellen Lasten, die eine zu schnelle und starke Flottenvermehrung erfordere, einigermaßen vermindert zu sehen, nach wie vor in England vorhanden wäre. Daß ein ähnlicher Wunsch in weiten Kreisen auf unserer Seite bestehe, hätte ich dem Botschafter in früheren Erlassen mehr als einmal dargelegt. Eine Änderung in dieser Beziehung sei bei uns nicht eingetreten. Ich hielte es für ratsam, in England an geeigneter Stelle zunächst andeutungsweise zu erkennen zu geben, daß wir nicht abgeneigt wären, auf billiger Grundlage mit uns über die Flottenfrage reden zu lassen. Ich schrieb: „Es ist meine feste Überzeugung, daß man bei gutem Willen auf beiden Seiten und wenn englischerseits alles vermieden wird, was als Drohung oder Druck aussieht, sehr wohl im Rahmen einer allgemeinen Annäherung auch zu einer Verständigung über die Schiffsbauten gelangen könnte. Daher bitte ich Sie, sobald die Finanzfrage bei uns geklärt sein wird, Gespräche mit leitenden politischen Persönlichkeiten über die Flottenfrage nicht gerade zu forcieren, aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit keinen Zweifel darüber zu lassen, daß eine Verständigung mit England auch über die Flottenfrage durchaus nicht außer dem Bereich der Möglichkeit liegt, sofern damit eine uns freundlichere Orientierung der allgemeinen englischen Politik verbunden ist. Es empfiehlt sich um so mehr, daß Sie sich auch gegenüber Sir Edward Grey und Sir Charles Hardinge, immer ungesucht, im Sinne meiner Erlasse äußern, damit bei ihnen nicht der Eindruck hervorgerufen wird, als ob wir unsere Ansicht verändert hätten. Falls Grey und Hardinge Sie auf die Sache direkt anreden, können Sie auch schon vor der Erledigung der Finanzreform bei uns sich in diesem Sinne äußern, doch müßte vermieden werden, daß bei den beiden Staatsmännern der Eindruck erweckt wird, wir kämen ihnen mit dieser Sache, weil uns der Atem auf finanziellem Gebiete ausginge. Wie wir in der Sache weiter handeln, wird vornehmlich von den Gegenäußerungen und etwaigen Vorschlägen abhängen, denen Sie begegnen werden und über die ich Ihren Berichten mit Interesse entgegensehe." Eine Woche später schrieb mir Paul Metternich: „Ich werde Ihnen in den nächsten Tagen einen eingehenden Bericht oder Privatbrief über die hiesige Lage mit Bezug auf die 504 KEINE INTERVENTION BEI EDUARD VII. Flottenfrage zusenden, der sich zugleich mit dem wertvollen Gedanken Ihrer letzten Briefe befassen wird. Heute möchte ich nur meinem großen Bedauern Ausdruck geben über Ihren Entschluß, den die Zeitungen veröffent- lichen, daß Sie nach Durchführung der Finanzreform Ihr Amt niederlegen wollen. Ich hoffe immer noch, daß die Verhältnisse sich so gestalten werden, daß Ihr Entschluß rückgängig gemacht werden kann, obwohl die letzte Nachricht, wonach Ihr Entschluß unwiderruflich sein soll, hierzu wenig Aussicht läßt. Ich fürchte, daß nicht nur die unerquicklichen Parteiverhältnisse im Reichstag, sondern auch andere Umstände in den letzten Tagen Sie dazu bewogen haben, Ihren Rücktritt ins Auge zu fassen. Ich mag mich hierin aber auch täuschen. Wenn ich wüßte, daß es politisch nützlich wäre, so würde ich Lord Knollys gegenüber in Gesprächen betonen, daß Ihr etwaiger Rücktritt auch deshalb zu bedauern sei, weil Sie einer Verständigung auf dem Flottengebiet keineswegs abgeneigt seien. Ich werde in dieser Beziehung aber nichts unternehmen, ohne daß Sie mich dazu ermutigen." Lord Knollys war ein Vertrauter, vielleicht der intimste Vertraute des Königs Eduard. Ich habe den Botschafter sofort gebeten, in der von ihm nach seiner Andeutung erwogenen Richtung keinerlei Schritte zu unternehmen, weil ich mein Bleiben oder Gehen nicht von irgendwelcher fremden Einwirkung abhängig machte. Am 24. Juni 1909 fielen die Würfel. Im Namen der Konservativen Partei Entscheidung eröffnete Herr von Richthofen die zweite Lesung des Erbschaftssteuer- im Reichstag gesetzentwurfes, der allmählich in den Vordergrund der Steuervorlagen getreten war. Heydebrand zog es vor, sich im Augenblick der Entscheidung nicht in den Vordergrund zu stellen, arbeitete aber um so eifriger hinter den Kulissen. Karl Freiherr von Richthofen-Damsdorf war ein typischer Konservativer der alten Sorte: Rittergutsbesitzer, Korpsstudent, Rittmeister . der Reserve des Garde-Kürassier-Regiments, hintereinander Assessor, Regierungsrat und Oberregierungsrat, bewirtschaftete er sein schlesisches Ahnengut und erfreute sich als Mitglied der Landwirtschaftskammer und des Kreistages allgemeiner Achtung. Er hatte in den von mir geleiteten Wahlen im schlesischen Wahlkreis Schweidnitz-Striegau den bisherigen Vertreter, einen Sozialisten, verdrängt. Ich glaube kaum, daß Herr von Richthofen innerlich mit der von Heydebrand eingeschlagenen Richtung einverstanden war. Aber den deutschen politischen Traditionen und Gepflogenheiten entsprechend, unterwarf er sich dem Willen des Parteiführers. Seine Rede war matt und farblos. Unter Gelächter der Linken erklärte er, es sei niemals die Absicht der Konservativen gewesen, einen Minister zu stürzen, die Konservativen wollten lediglich eine Pflicht gegen das Vaterland erfüllen. Hoffentlich würden sich nach Ablehnung der Erbschaftssteuer alle bürgerlichen Parteien zum Zustandebringen der Reform DIE ABSTIMMUNG 505 auf anderem Wege zusammenfinden. Inzwischen würden die Konservativen das Erbschaftssteuergesetz mit großer Mehrheit ablehnen. Der Reichsschatzsekretär Sydow antwortete in einer kurzen Rede, der einzigen guten, die er als Schatzsekretär gehalten hat: die Erbschaftssteuer sei die beste Steuer im ganzen Bukett der Regierung, man möge sie darum nicht zerpflücken. Ausländern sei der ablehnende Standpunkt gegen die Erbschaftssteuer ganz unverständlich. Auch Deutschland würde sich an die Steuer gewöhnen. Für die Reichspartei verlas Fürst Hermann Hatzfeldt, Herzog von Trachenberg, eine windelweiche Erklärung, wonach seine Freunde an der Erbschaftssteuer zwar keinen Geschmack fänden, aber trotzdem mit wenigen Ausnahmen für sie stimmen würden, um einen letzten Versuch zu machen, die Finanzreform zur Verabschiedung zu bringen. Die Erklärung war so formuliert, daß sie die allerdings bescheidenen Chancen des Herzogs, mein Nachfolger zu werden, mögbchst wenig schädigte. Nun folgte Freiherr von Hertling.Das Zentrum hatte sein konservativstes Mitglied vorgeschickt, um die Rechte zu beruhigen und zu gewinnen. Herr von Hertling hatte keinen glücklichen Tag. Er begann seine Rede mit der Bemerkung, in manchen Kreisen wäre das Gefühl verbreitet, daß der heutige Tag die Entscheidung sein würde für das Schicksal der Finanzreform. Er wisse nicht, ob das richtig sei, denn die Zukunft wäre dunkel. Die von der Linken ertönenden Zurufe „Sehr richtig!" erweckten stürmische, anhaltende Heiterkeit auf allen Bänken. Hertling machte weiter mysteriöse Andeutungen, daß es sich nicht um eine einzelne Steuerfrage handle, sondern um einen grundsätzlichen und großen Machtkampf zwischen Rechts und Links. Damit wollte Hertling natürlich die Konservativen gruselig machen. Die durch das Schwenken der Konservativen zum Zentrum eingeleitete Entwicklung sollte aber tatsächlich ganz andere Wege gehen. Sie sollte zu einer Konstellation führen, bei der unter Ausschaltung der Konservativen das Zentrum der Dritte im Bunde mit Demokraten und Sozialdemokraten wurde, zu einer Lage der Dinge, die es dem stärksten Mann im Zentrum, Herrn Wirth, ermöglichte, später von der Reichstagstribüne die Parole auszugeben: „Der Feind steht rechts." Als Hertling es dann für begreiflich erklärte, daß das Zentrum in dieser Frage auf Seiten der preußischen Konservativen stünde, wurde ihm, wieder unter großer Heiterkeit, zugerufen: „Nein, umgekehrt! Die Konservativen haben sich auf Ihre Seite gestellt." Der sozialdemokratische Redner, Dr. David, eine der sympathischen Figuren in der sozialdemokratischen Partei, ein feiner und geistvoller Kopf, hatte es nicht allzu schwer, die schwachen Argumente des Freiherrn von Hertling zu zerpflücken. Es kam die Abstimmung. Zunächst wurden Einleitung und Überschrift der Vorlage abgelehnt. Der Vizepräsident Dr. Paasche teilte mit, daß damit 506 DIE ERBANFALLSTEUER ABGELEHNT vom Gesetzentwurf nichts mehr übrig sei und es also nicht zur dritten Lesung kommen könne. Bei der nun folgenden Abstimmung über die Erb anfallsteuer stimmten die Nationalliberalen, Freisinnigen und Sozialdemokraten geschlossen für die Erbanfallsteuer, gegen sie geschlossen Zentrum und Polen. Die Konservativen stimmten überwiegend mit „Nein". Ich möchte die Namen der Konservativen nennen, die für die Erbanfallsteuer stimmten und damit als Patrioten und Ehrenmänner das Staatsinteresse über den engen Fraktionsstandpunkt stellten. Es waren die Abgeordneten von Kaphengst, Fürst Hohenlohe-Oehringen, PauU (Potsdam), Arnold (Reuß ä. L.) und zwei Sachsen: Wagner (Freiberg) und Giese (Oschatz-Grimmen). Von den Nationalliberalen drückten sich die Abgeordneten Cornelius Heyl zu Herrnsheim und Graf Waldemar Oriola um die Abstimmung, da sie sich persönlich alle Wege offenzuhalten wünschten und nirgends anstoßen wollten. Von der Wirtschaftlichen Vereinigung und der Reformpartei stimmten die Antisemiten Liebermann von Sonnenberg, Bindwald, Köhler und die beiden Brüder Vogt gegen mich. Die Erbanfallsteuer wurde mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt. Ich hatte während der Rede des Abgeordneten Hertling den Saal verlassen. Ich ging zu Fuß durch den Tiergarten nach Hause. Ich fühlte mich frei von Erregung und Unsicherheit. Der Mensch ist innerlich ruhig, wenn er mit sich selbst im reinen ist: „Denn Recht hat jeder eigene Charakter, Der übereinstimmt mit sich seihst, Es gibt kein Unrecht als den Widerspruch" sagt die Gräfin Terzky zu Wallenstein, dem Herzog von Friedland. Der Widerspruch ist aber nicht nur ein Unrecht, sondern auch die Quelle der Unsicherheit, Zerfahrenheit, kurz der Schwäche, d. h. der politischen Todsünde wider den Heiligen Geist. Ich nahm den Weg durch den Tiergarten und freute mich, wie gut gehalten er war. Ich freute mich an den schönen alten Bäumen, unter denen sich wahre Riesen befinden, an den wohlgepflegten Blumenbeeten, an dem hübschen See, der sich um die Rousseau-Insel schlängelt, über die ritterlichen, schneidigen Offiziere, die auf schönen Pferden die Reitwege heruntergaloppierten. Ich freute mich auch über die Spaziergänger, denen ich begegnete, die alle so gesund, wohlgenährt und kräftig ausschauten. Deutschland war doch ein kerngesundes Land mit seinen Buchen, Eichen und Linden, wie Heinrich Heine es gerühmt hatte. Zu Hause angekommen, fand ich meine Frau in dem kleinen Gartensalon zu ebener Erde. Hier hatte der musikfreundliche Fürst Anton Radziwill, der seinerzeit zu Goethes Freude die Musik zum „Faust" komponierte, dem Klavierspiel und Gesang seiner DAS ABSCHIEDSGESUCH 507 Tochter Elise gelauscht, der Jugendliebe unseres alten guten Kaisers. Meine Frau sah der weiteren Gestaltung unseres Schicksals ebenso ruhig entgegen wie ich, denn sie war seit langem gewöhnt, das innere Glück über äußere Ereignisse und Eindrücke zu stellen. Es war ein schöner Junitag. Die Sonne blickte durch der Zweige Grün und malte die gewaltigen Schatten der alten Bäume des Reichskanzlergartens auf den freundlichen Rasen. Während wir über allerlei plauderten, wurde mir eine verschlossene Mappe gebracht, in der sich eine Mitteilung des Chefs der Reichskanzlei befand, TeU-gra- der mir die Verw erfung der Erbschaftssteuer anzeigte. Ich ließ einen meiner phische Bitte 7 Tf • , Sekretäre kommen und diktierte ihm ein Telegramm an den Kaiser, in (Meds dem ich Seiner Majestät das Resultat der Abstimmung meldete und gleich- au j- criz zeitig unter Hinweis auf meinen dem Kaiser am 18. Mai in Wiesbaden gehaltenen Immediatvortrag bat, mir eine Audienz zu gewähren, um Seiner Majestät mein Abschiedsgesuch zu unterbreiten. Am nächsten Tage erhielt ich eine ziemlich kühle Antwort, in der mir mitgeteilt wurde, daß der Kaiser mich am 26. Juni in Kiel an Bord der „Hohenzollern" empfangen wolle. Schon am 25. Juni traf eine große Anzahl von Briefen und Telegrammen bei mir ein, in denen Bedauern, Erbitterung und Zorn über die Abstimmung im Reichstag zum Ausdruck kam. In allen Zuschriften wurde die Haltung des Zentrums und noch mehr die der Konservativen als unpatriotisch getadelt. Die Wendung von dem „schwarz-blauen Block" tauchte auf und die Versicherung, daß sich das Land unter dieses Joch nicht beugen würde. Kaisers alten Landen Sind zwei Geschlechter nur entstanden, Sie stützen würdig seinen Thron: Die Heiligen sind es und die Ritter; Sie stehen jedem Ungewitter Und nehmen Kirch und Staat zum Lohn. So spricht im zweiten Teil des „Faust" der Kanzler zu seinem Kaiser. Aber solche Zeiten waren vergangen, und für den Weiterblickenden konnte es von Anfang an nicht zweifelhaft sein, daß die durch die Politik des Herrn von Heydebrand eingeleitete Entwicklung im letzten Ende nur der Sozialdemokratie zum Vorteil gereichen würde. Ich erhielt übrigens schon in den ersten Tagen nach der Verwerfung der Erbschaftssteuer auch zahlreiche Briefe konservativ gerichteter Männer, die ihr Bedauern über die Schwenkung der Konservativen ausdrückten. Männer wie Graf Kanitz und Graf Schwerin-Löwitz, um nur zwei der besten Konservativen zu nennen, waren von Heydebrand mehr überrumpelt als überzeugt worden. Mancher Konservative hatte bei der entscheidenden zweiten Abstimmung gegen die Erbschaftssteuer votiert, weil ihm vorgespiegelt worden war, es würde noch 508 WESTARP eine dritte Lesung stattfinden. Die Hauptstütze des Führers Heydebrand bei seiner Wendung gegen mich war Graf Cuno Westarp. Er stammte aus der unebenbürtigen Ehe eines Prinzen von Anhalt-Bernburg-Schaumburg- Hoym mit einem bürgerlichen Fräulein Westarp. Er sprach leicht und flüssig, aber ohne zu packen, auch ohne neue Gedanken zu entwickeln, bisweilen bissig, nie witzig, meist klar, niemals tief. Er schrieb eine behende Feder, aber immer banal. Er gehörte zu den Politikern, die an enttäuschtem Ehrgeiz leiden und dadurch etwas Bitteres, unter Umständen Verbissenes bekommen. Man hat ihn mit einem zu früh pensionierten Polizeikommissar verglichen. In der Tat war er in jüngeren Jahren erst Polizeidirektor, dann Polizeipräsident von Schöneberg gewesen, vorher Hilfsarbeiter eines Landrats, dann selbst Landrat in Bomst, einer Kleinstadt im Begierungsbezirk Posen, an der faulen Obra, einem der verrufensten Nester des Ostens, wenig geeignet, Lebensfreude zu erwecken. Westarp hatte es nie zum Begierungspräsidenten bringen können und betrachtete das als ein ihm widerfahrenes schweres Unrecht. Nicht ganz ohne Grund, denn er war fleißig, pünktlich, akkurat. Ich war ihm vor seinem Eintritt in den Beichstag nie persönlich begegnet, hatte aber seine dienstlichen Qualitäten rühmen hören und regte wiederholt im Ministerrat seine Beförderung zum Begierungspräsidenten an, stieß aber immer auf Widerspruch bei meinen Kollegen. Der blasse, verdrossen dreinschauende Westarp galt im Ministerium des Innern für einen Streber und war dort als solcher unbeliebt. Westarp war durch eine Nachwahl in den Beichstag gekommen. Nach dem Tode des konservativen Abgeordneten von Gersdorff gaben alle deutschen Parteien des Kreises Meseritz-Bomst ihm ihre Stimme, und er siegte mit gut zweitausend Stimmen Mehrheit über seinen polnischen Gegenkandidaten. Um so unverantwortlicher war es von ihm, daß er die Politik von Heydebrand unterstützte, der mit Hilfe der Polen den entschiedensten und konsequentesten Vertreter einer kräftigen Ostmarkenpolitik zu Fall brachte. Am 26. Juni trat ich die Beise nach Kiel an. Vor meiner Abreise von Bülows Reise Berlin suchte mich der Staatssekretär des Innern Herr von Bethmann nach Kiel Hollwegauf. Ich habe Hamlet gelesen und auf der Bühne gesehen, bin auch im Leben mancher schwankenden Gestalt begegnet, aber keiner schwankenderen als Bethmann Hollweg. Wünschte er mein Nachfolger zu werden ? Wollte er es nicht? Sicher bin ich mir darüber auch heute nicht. Fast in demselben Atemzug sagte er mir, daß er mich dringend bäte, von ihm abzusehen, dann wieder riet er mir von Schorlemer ab, „der katholische Scheuklappen trägt", und warnte mich vor Bheinbaben, der in unruhigem Ehrgeiz es kaum erwarten könne, Beichskanzler zu werden. Er war ganz Zweifel, Sorge und Angst, aber mit einem Untergrund von Strebertum und hoher Meinung von der eigenen Vortrefflichkeit. Er bat, mich bis an die IM WAGEN MIT VALENTINI 509 Bahn begleiten zu dürfen, und ich nahm ihn in meinem Wagen mit. Sein letztes Wort an mich war: „Also lieber nicht! Es sei denn daß ..." Am Bahnhof stand der Kabinettsrat Valentini. Er kam vom Kaiser, zu dem er unmittelbar nach der Abstimmung im Reichstag gefahren war, um dessen Befehle entgegenzunehmen. Wie viele verabschiedete Minister hatte sein Vorgänger Lucanus während seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit in die Unterwelt geleitet! Valentini war offenbar stolz darauf, daß er seine Tätigkeit als Führer zum Hades mit einem Reichskanzler beginnen sollte, wollte aber seines Amtes mit Milde walten. Er versicherte mich, als wir zusammen allein in einem Abteil Platz genommen hatten, daß er meinen Rücktritt lebhaft bedaure, namentlich im Hinblick auf die auswärtige Politik. In dieser Beziehung habe er große Sorgen. Er kam dann auf die „Daily- Telegraph"-Affäre zu sprechen. Sie sei nicht die Ursache der Allerhöchsten Unzufriedenheit mit mir. Der Kaiser wisse wohl, daß ich Allerhöchstihn nicht nur mit „großartiger Geschicklichkeit" und mit „bewunderungswürdiger Ruhe und Energie" über den Sturm und die Krise weggebracht, sondern auch als wirklich „treuer Diener" gehandelt hätte. Aber meine innere Politik seit dem Wahlsieg von 1907 hätte dem Kaiser wachsendes Mißtrauen eingeflößt, ihn tief beunruhigt. Der Kaiser habe befürchtet, daß ich das „stramm monarchische", das heißt persönliche, Regiment beseitigen und ein parlamentarisches Regime wie in England, Belgien, Italien einführen wolle. Ich folge bei der Wiedergabe meiner Unterredung mit Valentini einer Aufzeichnung, die ich am 27. Juni 1909 zu meinen Privatakten nahm. Ich erwiderte Herrn von Valentini auf seine Andeutung hinsichtlich der Besorgnisse Seiner Majestät vor meinen parlamentarischen Neigungen: „Ein parlamentarisches Regime wie in England bei uns einführen zu wollen, ist mir nie eingefallen, denn ich weiß sehr wohl, daß die Voraussetzungen hierfür bei uns fehlen. Ich wollte ebensowenig eine Regierungsweise wie in Italien, Belgien, Rumänien usw., denn ich weiß, daß darunter nicht nur unsere Verwaltung leiden würde, sondern auch die Armee, das ganze Staats- gefüge in Preußen, vielleicht selbst die Reichseinheit. Aber allerdings halte ich eine stärkere Heranziehung von Parlamentariern für nützbch und wünschenswert, um auf diese Weise eine allmähliche und besonnene Parlamentarisierung unserer Verhältnisse zu erreichen. Warum sollte nicht zum Beispiel in Preußen Spahn Justizminister werden? Schwerin-Löwitz Landwirtschaftsminister? Fischbeck Handelsminister? Der nationalliberale Miquel ist ja auch Finanzminister geworden, und zwar ein sehr guter! Warum sollen wir nicht im Reich Bassermann zum Staatssekretär des Reichsjustizamts machen? Heinrich Carolath oder Hertling zum Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt? Gamp zum Minister der öffentlichen 510 NOCH SCHÄRFERES PERSÖNLICHES REGIMENT Arbeiten ? Kanitz oder Udo Stolberg zum Staatssekretär des Reichsschatz- amts? Auch aus Heckseber, Dove, Dobrn, Mommsen und anderen Freisinnigen Heßen sich ganz brauchbare Staatssekretäre und Unterstaatssekretäre machen. Sind erst einmal drei oder vier Abgeordnete Minister oder Staatssekretäre geworden, so werden sich mehr als bisher tüchtige und fähige Männer in den Reichstag wählen lassen, das Niveau des Reichstags wird sich heben, und das wird in jeder Hinsicht gut sein. Ich wäre sogar nicht abgeneigt, diesen oder jenen wirklich tüchtigen Sozialisten, z. B. Otto Hue' oder Carl Legien als Direktoren oder Vortragende Räte in das Reichsamt des Innern zu setzen. Jetzt, nach der schweren Niederlage, welche die sozialdemokratische Partei bei den Wahlen erlitten hat, wäre gerade der richtige Moment gewesen." Valentini (entsetzt): „Darauf wird Seine Majestät nie eingehen." Ich: „Ich wollte das ja auch nicht von heute auf morgen, sondern nach und nach, allmählich und besonnen. Ich erinnere Sie übrigens daran, daß ich Seine Majestät über den Novembersturm gebracht habe, ohne irgendwelche Minderung oder Beeinträchtigung der Kronrechte. Ich würde es für illoyal gehalten haben, diese Krisis zu benutzen, um ein liberales Regime anzubahnen." Valentini: „Seine Majestät will das Gegenteil von solchen Plänen. Seine Majestät möchte das, was Sie persönliches Regiment nennen, noch schärfer akzentuieren." Ich: „Das halte ich für sehr bedenklich. Worauf wollen Sie denn eigentlich hinaus ? Auf Zustände wie in Rußland?" Valentini: „Nicht gerade wie in Rußland, aber ähnlich, unseren Verhältnissen entsprechend. Vor allem muß der Reichstag mehr an den Zügel genommen werden! Seine Majestät findet seit langem, daß Sie dem Reichstag zu sehr um den Bart gehen. Eure Durchlaucht haben Seiner Majestät dort auch zu viele und zu schöne Reden gehalten." Ich: „Damit habe ich doch während zwölf Jahren ungefähr alles erreicht, was Seine Majestät anstrebte und was im Staatsinteresse lag. Was wollen Sie denn noch mehr ?" Valentini: „Gewiß! Aber das alles wurde dank Eurer Durchlaucht Geschicklichkeit bewilligt, dank Ihrer rednerischen Überlegenheit, kurz Ihrer Individualität, aber nicht grundsätzlich, nicht aus Gehorsam gegenüber dem Kaiser. Die Parlamentarier sind unter Eurer Durchlaucht zu frech geworden, und Sie sind seit langem Seiner Majestät etwas zu groß geworden, hochverehrte Durchlaucht." Ich: „Vous vous plaignez que la mariee est trop belle, würde ich mich auf französisch ausdrücken." Valentini (der diesen Witz augenscheinbeh nicht versteht): „Mögen Eure Durchlaucht überzeugt sein, daß ich wie alle Patrioten Eurer Durchlaucht hohe Verdienste auf allen Gebieten anerkenne, Eure Durchlaucht hochschätze und verehre und Eurer Durchlaucht Scheiden mit Schmerz und Sorge begleite." Wir schüttelten uns die Hände, er gerührt, ich sehr höflich. Während der Zug in die Kieler Bahnhofshalle einfuhr, sagte mir Valentini, er habe die Frage meiner AN BORD DER „HOHENZOLLERN" 511 Nachfolge mit mir nicht berühren können, da der Kaiser sich vorbehalte, darüber Allerhöchstselbst mit mir zu sprechen. Lächelnd und mit leiser Stimme fügte er hinzu: „Monts habe ich ihm ausgeredet, und zwar ohne besondere Mühe. Unser Allergnädigster Herr hat zuweilen komische Einfälle." Vor uns lag die Kieler Föhrde, diese Königin der Ostseebuchten. Wie immer, wenn der Kaiser für die Kieler Woche in Kiel weilte, lag der Hafen voller Kriegsschiffe. Ein gewaltiges Panzerschiff drängte sichneben das andere. Ich sah nachdenklich auf diese mächtige Flotte: „Es ist gerade zwölf Jahre her", äußerte ich, „auf den Monat, auf den Tag, daß ich am 26. Juni 1897 in Kiel, an Bord der ,Hohenzollern', mit der Leitung der auswärtigen Geschäfte betraut wurde." Valentini war zu pfiffig, um nicht zu erraten, was ich nicht aussprechen wollte, aber innerhch empfand. „Eure Durchlaucht", meinte er mit einer gewissen Feierlichkeit, „können sich heute, am 26. Juni 1909, mit berechtigtem Stolz sagen, daß diese herrliche Flotte, die seit Ihrer damaligen Audienz' bei unserem Allergnädigsten Herrn ohne Zusammenstoß mit England emporwuchs, Eurer Durchlaucht hohes Verdienst ist, der Sie den Bau ermöglichten, gleichzeitig den Frieden erhielten, unser wirtschaftliches Wachstum förderten, unsere politische Machtstellung wahrten." Wir schüttelten uns nochmals die Hand. Inzwischen hatte sich der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, genähert, der mich an Bord der „Hohenzollern" bringen sollte. Er war in besorgter Stimmung. Ihm sei bange, meinte er, als Valentini sich entfernt hatte, wegen des weiteren Ganges unserer auswärtigen Politik. Als langjähriger Adjutant des Prinzen Heinrich wisse er, daß man am englischen wie am russischen Hofe unserem Allergnädigsten Herrn im Grund nicht traue, weil man ihn für unberechenbar halte, ihn auch nicht möge, weil er durch sein präpotentes Wesen und seinen Mangel an Takt nicht nur den fürstlichen Damen, sondern auch den Männern an beiden Höfen auf die Nerven gehe. „Eure Durchlaucht werden uns sehr fehlen", wiederholte er mehrmals. Ich beruhigte den Admiral, der sich übrigens bald genug in einen begeisterten Anhänger der Bethmannschen Politik verwandeln sollte. Wenn wir eine vernünftige Politik machten, sagte ich ihm, furchtlos, aber vorsichtig, kämen wir mit Gottes Hilfe durch. Der Kaiser empfing mich am Fallreep, augenscheinlich nervös, zappelig, ungeduldig, mit einem Anflug von Verlegenheit. Seine heftigen Gestiku- Dialug mit lationen fielen mir auf. Es entspann sich der nachstehende Dialog, dem ich dem Kai«er wiederum eine am 27. Juni 1909 gemachte Aufzeichnung zugrunde lege. — S. M.: „Wegen Ihrer Nachfolge, lieber Bülow, brauchen Sie sich nicht mit einem längeren Vortrag zu quälen, auf den Sie sich wahrscheinlich vorbereitet haben. Ich bin entschlossen, Bethmannzu nehmen. Damit sind 512 DAS DEMI SS IONS GESPRÄCH MIT WILHELM II. Sie ja gewiß sehr einverstanden. Er ist treu wie Gold, ein Biedermann durch und durch, ein kolossaler Arbeiter, auch sehr schneidig, er wird Mir den Reichstag aufmöbeln. Übrigens habe Ich bei ihm in Hohenfinow Meinen ersten Rehbock geschossen." Ich: „Da Eurer Majestät Wahl schon getroffen ist, kann ich nur mit Hamlet sagen: The rest is silence." S. M.: „Im Zitieren sind Sie immer noch großartig, aber machen Sie nicht ein so elegisches Gesicht. Setzen Sie Mir Ihre Bedenken auseinander. Ich bin zwar sehr eibg, weil Ich um ein Uhr bei dem Fürsten Monaco lunchen soll. Aber Sie höre Ich immer gern." Ich: „Für die innere Politik ist Bethmann wohl alles in allem der Beste. Die Linke wird er bei der Stange halten, das Zentrum wieder heranziehen, die Konservativen sind ihm, soviel ich weiß, auch wohlgesinnt. Er versteht nur gar nichts von auswärtiger Pobtik." S. M. (lachend, heiter): „Die auswärtige Politik überlassen Sie nur Mir! Ich habe bei Ihnen einiges gelernt. Es wird schon gehen." Ich: „Das hoffe ich. Aber Eure Majestät brauchen wenigstens als Amanuensis einen guten Staatssekretär des Auswärtigen Amts. Schön ist unfähig." S. M.: „Er hat in der bosnischen Frage aber doch famos abgeschnitten, denke Ich." Ich: „Ja, unter mir." S. M. (zum erstenmal etwas gereizt): „Was unter Ihnen ging, mein lieber Bülow, wird wohl auch unter Mir gehen." Ich: „Als Stütze und Hilfe für das auswärtige Ressort empfehle ich Eurer Majestät Mühlberg oder Kiderlen." S. M.: „Die nehme Ich beide nicht." Ich: „Dann nehmen Eure Majestät Bernstorff. Der würde sich eventuell auch zum Reichskanzler eignen." S. M.: „Das will Ich Mir merken, Ich habe Bernstorff sehr gern." Ich: „Ein begabter Mensch ist auch Brockdorff- Rantzau." S. M.: „Den nehme Ich nicht. Er ist ein Neffe von Therese Brockdorff, der Oberhofmeisterin Meiner Frau, und Ich mag keine Verwandtschaften zwischen dem Auswärtigen Amt und Meinen Hofleuten." Ich: „Sachlich lege ich Eurer Majestät zwei Bitten ans Herz, sehr ernst und sehr dringend." S. M. (abwehrend, ungeduldig, sieht nach seiner Armbanduhr): „Lieber Bernhard, Ich habe wirklich keine Zeit mehr." Ich: „Das tut mir leid. Ich werde mich aber bemühen, Extrakt zu reden, in fliegender Eile, wie der arme Dietrich Hülsen zu sagen pflegte. Trachten Sie, zu einem Naval agreement mit England zu kommen." S. M. (sehr gereizt): „Nun kommen Sie Mir zum Schluß noch mit dieser Sache! Habe Ich Ihnen nicht oft genug gesagt, mündbch und brieflich und in soundsoviel Marginalien, daß Ich Mir in Meine Schiffsbauten nicht hineinreden lasse! Jeder solche Vorschlag ist eine Demütigung für Mich und Meine Marine." Ich: „Ich habe Eurer Majestät nie zu etwas geraten, worunter unsere Ehre leiden könnte. Aber eine so weitreichende und dabei schwierige Frage kann nicht vom Standpunkt des Paukkomments behandelt werden. (Seine Majestät runzelt die Stirn.) Und dann! Wie soll unsere Ehre darunter leiden, POLYKRATES 513 wenn wir freiwillig, avec un beau geste, mit England zu einem Abkommen gelangen, das mit der englischen Besorgnis vor dem Tempo unserer Schiffs- bauten die latente Kriegsgefahr verringert?" S. M. (mit großer Bestimmtheit) : „Ich glaube nicht an eine solche Kriegsgefahr!" Der Kaiser blickte, während er so sprach, auf die seine „Hohenzollern" umgebende Kriegsflotte. Indem er mit der Hand auf die gewaltigen Panzerschiffe deutete, rief er mit erhobener Stimme und mit stolz zurückgebogenem Haupte mir zu: „Wenn einer, wie Ich in diesem Moment, die Früchte seiner ehrlichen und sauern Mühen so unmittelbar vor Augen hat, dann darf er wohl ein gewisses Selbstgefühl betätigen." Ich mußte an Schillers Polykrates denken, der von seines Daches Zinnen auf Samos schaute mit vergnügten Sinnen. Ich erwiderte: „Auch ich glaube nicht, daß England von heute auf morgen über uns herfallen wird wie seinerzeit Nelson über Kopenhagen und die kleine dänische Flotte. Was ich glaube, ist, daß, wenn wir unseren Schiffsbau forcieren — ich unterstreiche das Wort: forcieren! — ein durch das Tempo unserer Bauten schließlich allzu sehr beunruhigtes und gereiztes England sich gegen uns wenden wird, falls irgendeine größere Kompbkation ihm dazu Gelegenheit bietet." S. M.: „Ich will Mich doch im guten und in Frieden von Ihnen trennen, lieber Bülow, warum kommen Sie auf diesen alten Streitpunkt zurück ?" Ich: „Weil die Gelegenheit für eine Verständigung mit England gerade jetzt günstig liegt. Mein Rücktritt, ein neuer Reichskanzler, das gibt a new departure. Auch kann es jetzt nicht so aussehen, als ob wir deshalb über das Tempo unserer Schiffsbauten mit uns reden ließen, weil uns der finanzielle Atem ausginge. Unsere Kassen sind wieder voll." S. M.: „Ich kann und will John Bull nicht erlauben, Mir das Tempo Meiner Schiffsbauten vorzuschreiben!" Ich: „Es handelt sich ja gar nicht um ein Vorschreiben, um ein Diktat, auch nicht um einen Zwang, sondern um ein freiwilliges und freundliches Arrangement." S. M. (sehr ungeduldig): „Das sind Wortspielereien! Ich bitte Sie noch einmal, hören Sie damit endlich auf. Wir wollen uns doch im guten trennen, nicht wahr ?" Ich: „Dixi et salvavi animam meam." S. M.: „Schon wieder ein Zitat! Nun, und wie ist es mit der zweiten Ermahnung des großen Pädagogen?" Ich: „Wiederholen Sie nicht die bosnische Aktion." S. M. (mißtrauisch): „Die war aber doch ein Triumph für Sie!" Ich: „Die Situationen wiederholen sich in der auswärtigen Politik selten in ganz gleicher Weise. Im vorigen Winter lagen die Dinge, wie sie kaum je wieder hegen werden. Ne bis in idem!" S. M. (wieder heiter, freundlich): „Sie zitieren zum Schluß aber noch gewaltig. Das wenigstens macht Ihnen keiner nach. Also, Sie meinen, Ich soll auf dem Balkan vorsichtig sein?" Ich: „Ja, dort noch mehr als anderswo. Dort hegt die Gefahr. Denken Eure Majestät, bitte, an alles, was Bismarck in dieser Beziehung gesagt, geschrieben, gewarnt hat. 33 Bülow II 514 DER BLICK AUF DIE ARMBANDUHR Denken Eure Majestät an seinen Erlaß an den guten Deines, meinen alten Freund und Regimentskameraden, Eurer Majestät ausgezeichneten Generaladjutanten. Ich habe Eurer Majestät nach dem Manöver in Koblenz, es war wohl 1905, die Abschrift dieses Bismarckschen Erlasses, die ich mir genommen hatte, vorgelesen und Eure Majestät gebeten, sie an Sich zu nehmen." S. M. (sieht wieder nach der Armbanduhr): „Schön, schön. Ich werde das nicht vergessen. Seien Sie ganz ruhig. Nun muß Ich aber fort. Ich darf Monaco nicht warten lassen. Ich nehme Sie aber mit in Mein Boot und fahre Sie hin." Ich: „Sehr gnädig, Eure Majestät! Nur noch das eine: Gerade wenn Sie zu meinem lebhaften Bedauern ein Agreement mit England über das Tempo unserer Schiffsbauten ablehnen, müssen Sie doppelt vorsichtig mit den Russen sein. Ich sage es noch einmal, an einen plötzlichen Uberfall von Seiten der Engländer glaube ich nicht, wohl aber, daß ein durch das Tempo unserer Schiffsbauten ganz außer Rand und Band gebrachtes England gegen uns vorgehen wird, sobald wir mit Rußland aneinander sind. Und dann: Wollen Sie wirklich Bethmann? Karl Wedel wäre besser." S. M. (während er zum Fallreep geht): „Der ist Mir zu eigensinnig, zu sehr Dickkopf, das wissen Sie ja seit langem." Ich: „Oder Schorlemer? Er hat mehr Kavalierperspektive als Bethmann. Oder Rheinbaben ? Der hat mehr Courage." S. M.: „Nein! Es bleibt bei Bethmann. Passen Sie nur auf, wenn der lange Kerl sich von der Bank des Bundesrats im Reichstag erhebt und die verehrten Reichsboten mit seinen strengen Augen ansieht, dann kriegen sie es alle mit der Angst und verkriechen sich in ihre Mauselöcher. Und dafür ist es hohe Zeit! Nun aber rein ins Boot." Einige Minuten später waren wir an Bord der „Alice", der Dampfjacht Beim Fürsten des Fürsten von Monaco. Der Fürst, der sich ganz als Franzose fühlte, von Monaco hatte eine größere Zahl französischer Freunde an Bord. Andere Franzosen waren von der Dampfj acht des reichen Schokoladenfabrikanten Menier gekommen, die gleichfalls im Kieler Hafen lag. Sie alle wußten, daß ich in Kiel war, um meinen Abschied einzureichen, und beobachteten mit gespannter Aufmerksamkeit, mit nicht geringer Neugier und mit einer gewissen Malice, wie sich der Verkehr zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler abspielen würde. Ich war natürlich vollkommen ruhig und führte eine lebhafte Konversation. Der Kaiser war auch in bester Haltung und lachte sehr über einige Anekdoten, die ich erzählte. Als wir uns von Tisch erhoben, näherte sich mir einer der französischen Herren, ein früherer Minister ■—■ wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, hieß er Jules Roche oder ähnlich — und sagte mir: „Ma foi, ce dejeuner a ete delicieux. Nous avons cru assister ä une scene de theätre, ä un drame de Scribe ou de notre grand Hugo. J'ai vu plus d'un ministre s'en aller, mais pas un dans une aussi belle attitude. Vous avez ete parfait, mon Prince, le sourire sur les levres et ES RÖCHE NACH PARLAMENTARISMUS 515 le front haut. Je vous en fais mon compliment." Es berührte mich'eigentümlich, daß bei dieser Henkersmahlzeit für den preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Reichskanzler außer Seiner Majestät, mir und dem diensttuenden Flügeladjutanten nur Franzosen zugegen waren. Als ich mich auf der „Alice" vom Kaiser verabschiedete, um auf die „Hohenzollern" zurückzukehren, fand ich dort den General von Plessen und den Kabinettsrat Valentini. Plessen sagte mir: „Sie wissen, wie lebhaft ich Ihr Bleiben gewünscht habe. Aber jetzt sage ich Ihnen: Sie haben recht, zu gehen. Das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Kaiser ist unhaltbar geworden. Aber alles, was recht ist: Sie haben bis zuletzt famos die Haltung gewahrt." Valentini frug mich, ob er mich zur Bahn begleiten dürfe. Unterwegs erkundigte er sich, ob der Kaiser mir mitgeteilt hätte, daß er Bethmann Hollweg als meinen Nachfolger in Aussicht genommen habe. Als ich diese Frage bejahte, meinte Valentini mit entschiedener und nachdrücklicher Betonung: „Bethmann ist auch weitaus der Beste, darüber kann kein Zweifel sein." Bethmann und Valentini waren intime Freunde. Wenn ich nicht irre, hatten sie zusammen studiert. Darüber beruhigt, daß die Nachfolge von Bethmann Hollweg endgültig gesichert war, frug Valentini, ob ich mich nicht entschließen könne, bis zum Herbst zu bleiben. Natürlich müsse ich in diesem Faß vor Reichstag und Land die Verantwortung für die Reichsfinanzreform in der Fassung übernehmen, wie sie ihr von Konservativen und Zentrum gegeben worden wäre. Die Zumutung war naiv und zeigte den Mangel an staatsmännischem Denken, der Valentini charakterisierte. Ich erklärte ihm, daß mir dies nicht möglich wäre. Ich sei der Meinung, daß die Ausmerzung der Erbschaftssteuer wie die Sprengung des Blocks in der Weise, wie sie von den Konservativen vorgenommen wurde, verhängnisvolle Fehler seien. Diese meine Uberzeugung könne ich nicht verleugnen. Nach meiner Ansicht müsse ein Minister mit seiner Überzeugung stehen oder fallen. Valentini schien enttäuscht und betrübt, daß ich nicht auf seinen Wunsch eingehen wollte. Ich sagte Valentini expressis verbis, ich hätte nicht Friktionen mit Seiner Majestät und die mir neuerdings immer ungnädiger gewordene Stimmung Seiner Majestät als Grund meines Rücktritts hinstellen wollen, sondern die Verwerfung der Erbschaftssteuer unter Sprengung des Blocks. Valentini meinte, letzteres wäre sicherlich besser, viel besser als Rücktritt wegen Zerwürfnis mit dem Kaiser, aber das eigentlich Wünschenswerte sei es nicht, denn es röche nach Parlamentarismus. Ich möge die von der neuen Reichstagsmehrheit angebotenen Millionen nehmen und bis zum Wiederzusammentritt des Reichstags bleiben, das sei die einzig richtige Lösung. Sie würde auch von meinem Nachfolger Bethmann Hollweg gewünscht, der sein schweres Amt erst im Spätherbst antreten möchte. Gegenüber dem fortgesetzten Insistieren von Valentini und 33» 516 NOCH EINE FEIERLICHE AUDIENZ seinem fast taktlosen Drängen sagte ich ihm schließlich: „Beste Exzellenz, Sie können nicht von mir verlangen, daß ich mich selbst kastriere." Bevor sich der Zug nach Berlin in Bewegung setzte, eröffnete mir Valentini, daß mich der Kaiser in den nächsten Tagen in Berlin, im königlichen Schloß, in feierlicher Abschiedsaudienz empfangen würde. „Das wird", fügte er hinzu, „ein großer Tag, eine ernste und doch schöne Stunde für Eure Durchlaucht werden." Nach Berlin zurückgekehrt, brachte ich sogleich meine Eindrücke zu Papier. Diese Aufzeichnung liegt der vorhergehenden Schilderung der Unterredungen und Vorgänge dieses bewegten und interessanten Tages zugrunde. XXXIV. KAPITEL Amtliche Verlautbarungen zum Kanzlerwechsel • Die Presse • Dritte Lesung der Finanzreform • Haltung der Konservativen • Erneutes Abschiedsgesuch • Bülows Interview mit Herrn von Eckardt • Bei Philippi sehen wir uns wieder • Veröffentlichung der Entlassung Bülows im Reichsanzeiger (14. VII. 1909) • Kaiserliches Handschreiben • Abschiedsaudienz bei Wilhelm II. • Die Majestäten zum letztenmal beim Reichskanzler zum Diner • Unterredung des Kaisers mit der Fürstin Bülow • Abschied von der Kaiserin . Abreise von Berlin (17. VII. 1909) Nach meiner Abreise aus Kiel ließ Valentini durch das Wölfische Büro eine Kundgebung verbreiten, in der es hieß, der Reichskanzler habe Seine Vertagung Majestät um seine sofortige Entlassung gebeten. Der Kaiser hätte es jedoch v ° n Bülows abgelehnt, im gegenwärtigen Augenblick dem Ansuchen des Fürsten Bülow Demission zu entsprechen. Er könne der Erfüllung des Wunsches des Fürsten nicht eher nähertreten, als bis die Arbeiten für die Reichsfinanzreform ein positives und für die verbündeten Regierungen annehmbares Ergebnis haben würden. Ich ließ sogleich an der Spitze der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" unter der Überschrift „Zur weiteren Klarstellung" erklären: Allerdings habe der Kaiser den Fürsten Bülow gebeten, sein Amt noch so lange zu führen, bis die Reichsfinanzreform zustande gebracht sei. Der Reichskanzler habe sich dem Ersuchen des Kaisers nicht entziehen wollen. „Jedoch ist Fürst Bülow mit Rücksicht auf die politische Entwicklung, die durch die Abstimmung über die Erbschaftssteuer ihren Ausdruck gefunden hat, unwiderruflich entschlossen, alsbald nach Erledigung der Finanzreform aus dem Amte zu scheiden." Der erste Besuch, den ich in Berlin erhielt, war der von Bethmann Hollweg. Er war sehr kleinlaut. Er frug mich immer wieder, ob ich meinen Rücktritt nicht bis zum Herbst hinausschieben könne. Wenigstens möge ich vor dem Lande die Verantwortung für die Reichsfinanzreform in der ihr von den Konservativen und dem Zentrum gegebenen Fassung übernehmen. Obwohl ich ihm dies mündlich abschlug, kam er schriftlich in einem larmoyanten und ziemlich konfusen Brief noch einmal darauf zurück und übersandte mir schließlich alle betreffenden Schriftstücke in einem Umschlag, auf dem mit Bleistift geschrieben stand: „Mit der gehorsamsten und dringenden Bitte, die Unterschriften zu vollziehen 518 DER UMFALL und damit Eurer Durchlaucht großen Namen unter ein großes Werk zu setzen." Ich sandte die Aktenstücke ohne Begleitschreiben zurück, da ich der Ansicht war, daß in dieser Frage nun der Worte genug gewechselt wären. Die Stimmung in Berlin war in allen Kreisen eine gedrückte. Die „Frankfurter Zeitung" wies in einem Artikel nach, daß hinter den Parteien, welche die Erbschaftssteuer verworfen hätten, kaum vier Millionen Wähler stünden, hinter den Parteien, die für die Erbschaftssteuer gestimmt hätten, dagegen rund sieben Millionen. Natürlich erklärte die demokratische „Frankfurter Zeitung", daß sich daraus die absolute Notwendigkeit einer Neueinteilung der Wahlkreise ergebe. In der Tat hat damals die Bewegung für diese Neueinteilung ihren Anfang genommen, während ich während meiner langen Amtszeit keine Mühe gehabt hatte, darauf bezügliche Anträge a limine abzuweisen. Das leitende Blatt der Zentrumspartei, die „Germania", hatte die Lüge verbreitet, zwischen mir und den Mitgliedern des Bundesrats und insbesondere zwischen mir und dem bayrischen Gesandten Lerchenfeld hätten stets starke Verstimmungen bestanden. Der bayrische Gesandte Graf Hugo Lerchenfeld, ein untadliger Ehrenmann und mir seit Jahrzehnten durch persönliche Freundschaft verbunden, gab darauf im Reichstag spontan eine Erklärung ab, durch die er die Behauptung der „Germania" in das Gebiet der Fabel verwies. Fürst Bülow habe während zwölf Jahren mit allen Mitgliedern des Bundesrats die besten, vertrauensvollsten Beziehungen unterhalten. Insbesondere weise er, Lerchenfeld, die Erfindung von einer persönlichen Verstimmung zwischen ihm und dem Fürsten Bülow auf das allerentschiedenste zurück. Ernster war der Sturm, den der bisherige Staatssekretär Sydow entfesselte, als er bei der zweiten Lesung der Branntweinsteuervorlage am 3. Juli versuchte, die Haltung der verbündeten Regierungen zu verteidigen, die unter Verzicht auf die von ihnen einmütig gewünschte und immer wieder mit Nachdruck geforderte Erbschaftssteuer der Reichsfinanzreform in der ihr von Konversativen und Zentrum gegebenen Fassung zustimmten. Gegenüber dem Lärm im Hause konnte Sydow kaum zu Worte kommen. Als er, sehr verlegen und befangen, endlich seine Rede mit den mehr gestammelten als gesprochenen Worten begann: „Die verbündeten Regierungen stehen auf dem Standpunkt", rief ihm der Führer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Singer, mit Stentorstimme zu: „Sie stehen ja gar nicht, Sie sind schon längst umgefallen!" Das stürmische Gelächter, das hierdurch hervorgerufen wurde, dauerte minutenlang. Der arme Sydow klammerte sich an die Tribüne, ohne seine Rede fortsetzen zu können. Der Reichstag hatte seit Jahren keine solche Lärmszene erlebt. In einer besonders fatalen Lage befanden sich die Konservativen in Sachsen. Sie erklärten, sie hätten nicht den Wunsch gehabt, den unbestreitbar HEYDEBRAND BEREUT 519 hochverdienten Fürsten Bülow aus dem Amt zu bringen. Es half ihnen das nicht viel. 1907 hatten, wie ich schon erwähnte, die bürgerlichen Parteien in Sachsen dreizehn Sitze erobert; 1912 sollten sie fast alle diese Sitze wieder an die Sozialdemokratie verlieren. Heute pendelt Sachsen zwischen einer rein sozialistischen und einer soziahstisch-kommunistischen Regierung hin und her und ist zeitweise sogar der Tummelplatz des deutschen Rinaldo Rinaldini, des Herrn Max Hölz, geworden. Heydebrand, der fühlen mochte, einen wie großen Fehler er begangen hatte, benutzte die dritte Lesung der Finanzreform, am 10. Juli, um sich nach Möglichkeit reinzuwaschen. Seine Rede war dialektisch recht geschickt. Aber die Wahlen von 1912 sollten beweisen, daß es Fälle gibt, wo alle Rabulistik versagt. Heydebrand spendete mir, dem „hochverdienten" Kanzler, hohes Lob. Die Konservative Partei würde nie vergessen — hier rief die Linke: „Daß Sie ihn gestürzt haben!" — Heydebrand replizierte: „Nein, sondern was dieser Staatsmann für uns gewesen ist. Dieser Saal ist oft genug Zeuge gewesen, mit welch hinreißender Klarheit und Geistesschärfe dieser bedeutende Mann die Interessen des Landes und des ganzen Reichs nicht bloß im Innern, sondern auch nach außen hin vertreten hat." Die Konservativen würden niemals vergessen, was dieser Kanzler auch für die wirtschaftlichen Interessen des Landes, deren Schutz und Sicherheit getan hätte, mit welcher „niederschlagenden Beredsamkeit" er der sozialdemokratischen Partei entgegengetreten wäre. Besonders aber erkenne die ganze Konservative Partei einmütig und dankbar die „männliche und feste Art" an, mit der Fürst Bülow so oft vor die Person des Kaisers und Königs getreten sei. Mit sichtlicher Verlegenheit und gegen seine Gewohnheit in fast stockendem Tone suchte Heydebrand das Zusammengehen der Konservativen mit den Polen wenn nicht zu rechtfertigen so doch zu beschönigen. Dies Zusammengehen sei „ein mehr zufälliges" gewesen. Die Konservativen würden nach wie vor für die deutsche Kultur im Osten eintreten, sie würden, wenn es sein müsse, für diese Kultur „bis auf den letzten Mann" fallen. Vierundzwanzig Stunden nach diesem sehr schwachen Rechtfertigungsversuch erklärte das offizielle Organ der polnischen Fraktion, der „Dziennik Berlinski", im Namen und Auftrag der Polenpartei: „Wir erklären mit allem Nachdruck, daß die polnischen Mitglieder des Reichstags mit ihrer Abstimmung, die das Schicksal der Vorlage über die Erbschaftssteuer entschied, einzig und allein die Beseitigung des Fürsten Bülow erzielen wollten." In der Tat war, wie bereits bemerkt, die Erbanfallsteuer am 24. Juni mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt worden, d. h. mit einer Mehrheit von nur acht Stimmen. Ohne die Hilfe der polnischen Stimmen wäre die Erschaftssteuer durchgegangen. Der Sprecher der Wirtschaftlichen Vereinigung, der Abgeordnete Raab, folgte dem Vorbild des 520 DIE ANGEBLICHE SCHULD DER LINKEN Abgeordneten Heydebrand, indem er in derselben Sitzung vom 10. Juli mir zwar meine Illusionen hinsichtlich der Liberalen vorwarf, aber doch erklärte: „Auch wir bedauern das Scheiden des Kanzlers! Wer weiß, ob wir je einen solchen Mann wiederbekommen! Wir waren aber an seinem Sturz nicht schuld, den hat die Linke verursacht." Am 13. Juli 1909 wurden die Verhandlungen des Reichstags geschlossen, Erneutes Ab- am Tage darauf erneuerte ich mein Abschiedsgesuch. An demselben Tage schiedsgesuch sprach ich mich gegenüber dem Chefredakteur des „Hamburgischen Corre- spondenten", Felix von Eckardt, über meine Auffassung der politischen Lage aus*. Ich verfolgte mit dieser Unterredung einen doppelten Zweck. Einmal wollte ich der schon sehr verbreiteten und nicht ganz grundlosen Meinung entgegentreten, als ob der eigentliche Grund meines Rücktritts in dem Verhalten des Kaisers mir gegenüber zu suchen wäre. Aus Rücksicht auf die Krone, um den Kaiser nicht bloßzustellen, bezeichnete ich die Haltung der Konservativen mir gegenüber als den einzigen Grund meines Rücktritts. „Daß die Erweiterung der Erbschaftssteuer gefallen ist", erklärte ich Herrn von Eckardt, „bedauert niemand tiefer als ich. Die Folgen der Ablehnung dieser vernünftigen und gerechten Steuer werden sich in ernster Weise bemerkbar machen. Daß das Zentrum die Erbschaftssteuer zu Fall gebracht hat, das hat mich nicht gewundert. Das Zentrum hat sich über die unbestreitbaren Vorzüge dieser Steuer, über die Tatsache, daß viele seiner namhaftesten Vertreter ebenso wie leitende Zentrumsblätter seit Jahren für diese Steuer eingetreten sind, über die Tatsache, daß sie sozialpolitisch und steuertechnisch dem Zentrumsprogramm entspricht, über alles das hat sich das Zentrum in dem Augenblick mit der ihm eigenen taktischen Elastizität hinweggesetzt, wo es hoffen konnte, die Konservativen zu sich hinüberzuziehen und mir damit ein Bein zu stellen. Ich nehme das dem Zentrum gar nicht übel. Ich nehme das dem Zentrum so wenig übel, wie ich die gleiche Haltung den Polen übelnehme, die auch, obwohl an und für sich Freunde der Erbschaftssteuer, aus Haß gegen mich gegen die Erweiterung der Erbschaftssteuer gestimmt haben. A la guerre, comme a la guerre. Von der Seite hatte ich es nicht anders erwartet. Die Haltung der Konservativen ist mir weniger verständlich gewesen, und es wird nicht gelingen, sie dem Lande verständlich zu machen. Der Eindruck wird unverwischbar haften, daß die Konservativen dem zur ausschlaggebenden Stellung zurückverlangenden Zentrum Handlangerdienste geleistet haben. Wenn die Konservativen jetzt erklären lassen, sie hätten die grundsätzliche Ausschaltung des Zentrums für einen politischen Fehler gehalten, so kann damit nur die Blockpolitik gemeint sein. Denn den politischen Fehler der grundsätzlichen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 369; Kleine Ausgabe V, 210. Brief des Kronprinzen Wilhelm an Bülow (Zu Seite 520) Euer Durchlaucht, danke ich von Herzen für den so freundlichen Brief und die gute Meinung die Sie darin von mir haben. Sie sind stets offen und freundlich gegen mich gewesen und haben wir manches ernste Wort in Ihrem schönen Zimmer gesprochen. Ich bedaure von Herzen daß Sie aus Ihrem dornenvollen Amte scheiden, besonders wegen des großen Einflusses den Durchlaucht stets bei meinem Vater genossen haben. Auf der anderen Hand verstehe ich es sehr gut, daß ein friedliches Leben auch recht verlockend erscheinen muß nach all den Jahren des Kampfes. Ihr Herr Nachfolger hat in der inneren Politik kein ganz leichtes Erbe. Er wird versuchen müssen den Blockgedanken Ew. Durchl. zuletzt doch wieder durchzusetzen, wegen des deutschen Volkes. Er muß S. M. den Konservativen gegenüber beruhigen, wir können nicht den Ast absägen auf dem wir sitzen. Er muß auf sparsame Wirtschaft in allen Zweigen der Verwaltung halten, besonders der Eisenbahn. Diese 3 Punkte halte ich für ernst. Glauben Sie nicht auch ? Indem ich Ew. Durchlaucht alles Gute für die Zukunft wünsche verbleibe ich mit einem Handkuß der Frau Fürstin stets Ihr treuer Wilhelm K. P. S. Ich habe mir erlaubt Ew. Durchl. noch das versprochene Bild zu senden. 53 AI m er w. 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Worten daran, 2 Bülow III ^du^d ^^^^läJ\^ /^LI^au^ ^oU^L- Zl^lJ _^ lZl-^<^/<__ / tu^J~L. ^Cd^L ^i^Ä~y^c^ L^L_ JLa^J\_ ^Ju^u^^ lc^/t $l^L -^Ca^ a^m^^^c^ PRÄVENTIVKRIEG EIN VERBRECHEN 17 r. i_____ -i. /^£^LsLA- (/-^U^L^~ ^— ^c^L t^4- /-/^Ajx JLlt+-> to^J^L, plol^It) (/^u^yl — ,UJ+^L^ iU^J- 4^^- t^tA-lU^ il^UuA^. Ua^X V^L- L^t^C^ jt(AA~ ^4^W^^<- /T^^Jum^ %CAAU^ y^Lzsi ßM^~ ^^n/^ ^A^fyk yu~ sOl-^jLj/^ ^tooJL | ( Lo^*L /ajlo^ lU^c^J^u-- ZccS^—. <^JajJL <&^u^laa— (aU+u^ 166a^- --Ct^tA^h/^-- £jt/, f. ^ . tri t Hr.1180 M\ ■ ^Ki, .■w^ysfFY .. \ L 4|p 4 /t^jf/rt^ •n ^su gelangen, da es unabsehbar sei,welche Folgen eine kriegerische Verwickelung,in die eine oder mehrere der Grossmächte hineingesogen wurden,haben konnte.England sei unbedingt friedlich und kein Mensch wolle hier den Krieg,schon aus wirtschaftlichen Gr-ünden .Aber bei einem allgemeinen europäischen Wirrwarr,der sich doch aus dem Einmarsch Österreichs in Serbien ergeben konnte,falls Serbien nicht gutwillig die besetzte Adriaküste räumte , sei es kaum wahrscheinlich, das s Grossbritannien werde der stille Zuschauer bleiben können. Ich entgegnete,ich wolle nicht die Frage an ihn richten, ob das so viel hiesse,als ob England alsdann gegen uns feindlich vorgehen würde.Er erwiderte,dass das gewiss nicht die notwendige,wohl aber die mögliche Folge eines Krieges sein würde swischen beiden kontinentalen Gruppen. Die Wurseln,so drückte er sioh aus,der englischen Politik lägen in der hier allgemein verbreiteten E'mpfindung,dass das Gleichgewicht der Gruppen einigermassen aufrecht su erhalten sei.England würde daher unter keinen Umständen eine Niederwerfung der Franzosen dulden können,die er,ein \grosser Bewunderer unseres Heerwesens und unserer militä- Seiner Exsellens dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg i, im a „ . l . . //<Ä ^i^w k/vfu** tm/t " % - 7 %i ff V 2- ^^^\ma^ /?tyu !jf^,(;i{^vv^v>«v AftV ß!X M^A ■p^*4f riechen Einrichtungen,mit einiger Sicherheit voraussieht . I .. v^w-vtsi England könne und wolle sich nicht nachher einer einheit- ■W' ) ^l'Mlichen kontinentalen Gruppe unter Führung einer einsigen v 'UUv t *\ |L«^^ Wj4 /u* p ^iV^ *m c,vw|vwT^"^ kjl^'H^ /^WivvAj^l Aw> *VvC »jN/Wfvt' c acht gegenüber sehen. Sollte also Deutschland durch Österreich in den Zwist hineingesogen werden , und dadurch in Krieg mit Frankreich geraten , so würden in England Strömungen entstehen, denen keine Regierung widerstehejx^, könu r te_und deren Folgen gans unberechenbare wären.Die Theorie von dem Gleioh- gewicht der Gruppen bilde eben für Englands Aussenpoli- tik ein Axiom und habe auch su der Anlehnung -an Frankreich und Russland geführt .Er könne mir verbürgen,dass man hier das beste Verhältnis mit Deutschland wünsche 4 ö^M'V und die Aufnahme,die s.B.die Ausführungen Euerer Exsel- i lenz und des Herrn von Eiderlen im Reichstage sowie mei- e neuerliche Rede beim Festmahl der Royal Society ge- h TL i\l L \ sen.Auch würde unf niemand hier den Erieg machen wollen, jwn ^ 'funden,müssten mir die Richtigkeit dieser Ansicht bewei , %@Tfa ^Tf^^tu^K <)?, : f v '». * «■ v S-0fo*C*>' Beim Fürsten Donnersmarck iL. // ^ ^ ^ in» BÜROKRAT UND PROFESSOR 153 in den Händen weniger Männer. In erster Linie führte Bethmann die mit dem Ultimatum an Serbien eingeleitete Politik. Bethmann hatte mir, wie ich seinerzeit erzählte, als er meine Nachfolge antrat, mit redlichem oder aufgeblasenem und jedenfalls naivem Ausdruck gesagt, er habe der auswärtigen Politik bisher fremd gegenübergestanden. Er hoffe sich aber mit Eifer und Fleiß in sie einzuarbeiten. Er vergaß hierbei die vom Fürsten Bismarck oft ausgesprochene Wahrheit, daß die Diplomatie kein Handwerk sei, das man mit den Jahren erlerne; sie sei überhaupt weniger eine Wissenschaft als eine Kunst. Im Juli 1914, wo er schon fünf Jahre im Amte war, glaubte Bethmann die diplomatische Kunst zu beherrschen. „Wer alles weiß", sagt die Weisheit der Brahmanen, „der ist seüg zu preisen. Wer nichts weiß, dem kann geholfen werden. Aber wer halb weiß, an dem wird Brahma selbst zum Knecht." In Wirklichkeit war Bethmann zu schwerfälligen Geistes, um je auf diplomatischem Gebiet glänzen zu können. Weder sein Lebensgang noch sein Naturell qualifizierte ihn zum Diplomaten. Als ich im Kriegswinter 1915—1916 in Berlin weilte, pflegte ich oft meine Abende beim Fürsten Guido Henckel-Donnersmarck zuzu- Beim Fürsten bringen, dem ich während meiner Pariser Dienstzeit, in der ersten Hälfte Donnersmarck der achtziger Jahre nähergetreten war. Er hatte inzwischen seine erste Gattin, die Paiva, durch den Tod verloren. Er hatte Paris verlassen, er hatte sich rangiert, er war von Wilhelm IL, der ihn lange als Bismarckianer gehaßt und verfolgt hatte, dem aber sein riesiger Beichtum imponierte, in den Fürstenstand erhoben worden. Er hatte sich in Berlin niedergelassen und bewohnte mit seiner zweiten Frau, einer geborenen Bussin, die eine gute Deutsche geworden war, am Pariser Platz ein seinen Vermögensverhältnissen angemessenes prächtiges Appartement. Der schon fünfund- achtzigj ährige Fürst war einsilbig geworden, aber er war ein Mann von reicher Erfahrung und klarem Blick. Er kannte die Menschen, und er kannte die Welt. Er hatte die Gewohnheit, wenn er vom Fürsten Bismarck sprach, dem er während vieler Jahre nahestand, ihn mit feiner Ironie einen „nicht unbegabten Politiker" oder auch „einen Staatsmann von Erfahrung" zu nennen. An einem mir unvergeßlichen Abend sagte der alte Fürst Donnersmarck zu mir: „Ein Staatsmann von einiger Erfahrung, der Fürst Bismarck, äußerte einmal vor mir, das Deutsche Beich könne jeden Reichskanzler vertragen, nur nicht einen Bürokraten." Henckel verfiel darauf in Schweigen. Nach einigen Minuten fuhr er fort: „Ein nicht unbegabter Politiker, Otto Bismarck, meinte einmal in meiner Gegenwart: ,Wir vertragen jeden Kanzler, nur nicht einen Professor'." Wiederum schwieg der Fürst von Donnersmarck. Dann mit einem Seufzer: „Jetzt haben wir einen Reichskanzler, der beides ist, Bürokrat und Professor." Der bürokratischen 154 KOPFLOSIGKEIT Art von Bethmann entsprach es, daß er die Bearbeitung der Ultimatums- Angelegenhcit, auch nachdem sie zu einer schweren Krisis geführt hatte, sich selbst vorbehielt. Er wollte damit, wie er im Verlauf der Krise gegenüber einem seiner Mitarbeiter äußerte, sein „Probe- und Meisterstück" in der diplomatischen Kunst ablegen. Er hat speziell für die nach London gehenden Telegramme nicht nur persönlich die Direktiven erteilt, sondern sie zum Teil selbst konzipiert. Der professorale Zug in seinem Wesen trat darin zutage, daß er mit eigensinnigem Doktrinarismus an der Vorstellung festhielt, er habe sich durch seine Ehrlichkeit und Loyab'tät die sichere Freundschaft und zuverlässige Unterstützung von England erworben und, auf sie gestützt, keine große Konflagration zu befürchten, zumal der russische, selbstherrschende und orthodoxe Zar für die serbischen Verschwörer und Königsmörder nicht das Schwert ziehen würde. Als nach und nach alle diese Vorstellungen sich als Illusionen und Träumereien erwiesen und Bethmann Hollweg, ihm selbst völlig unerwartet, vor einem Abgrund stand, verlor er den Kopf. Seitdem glich er dem Ertrinkenden, der nach jedem Strohhalm greift, während er mehr und mehr den Boden unter den Füßen verliert und der Atem ihm ausgeht. Seine Kopflosigkeit ging schließlich so weit, daß er am Vorabend des Tages, an dem wir Rußland den Krieg erklärten, den englischen Botschafter, Sir Edward Goschen, in das Reichskanzlerpalais beschied und ihm ä brüle pour-point ein „understanding" zwischen Deutschland und England proponierte. Das trug ihm zunächst eine sarkastische Vorantwort des Botschafters ein und am nächsten Tage von dem englischen Minister des Äußern, Sir Edward Grey, eine scharfe persönliche Zurechtweisung. In der Antwort, die der englische Minister auf das seltsame Bündnisangebot des deutschen Kanzlers erteilte, war von einem „bargain" die Rede, einem Schacher, „a disgrace from which the good name of this country would never recover". Während Bethmann Hollweg mit ungeschickten diplomatischen Schach- Staatssekretär zügen das Reich der schwersten Kriegsgefahr aussetzte, in der wir uns seit Delbrück meur a ls vierzig Jahren befunden hatten, traf er keinerlei Vorbereitungen für den Ernstfall. Wieder und immer wieder muß darauf hingewiesen werden, daß Bethmann den Krieg nicht wollte. Bei ihm wie bei seinen Mitarbeitern lag kein Dolus vor, sondern nur Stultitia. Der Staatssekretär des Innern, der verständige Clemens Delbrück, war Ende Juni 1914 sehr überarbeitet auf Urlaub gegangen. Am 9. Juli kehrte er, getrieben von innerer Unruhe, die ihn seit dem Attentat von Sarajewo beherrschte, nach Berlin zurück und suchte noch am selben Abend Bethmann auf, der ihn in die gesamte politische Lage einweihte, wie er sie auffaßte. Es war der Tag, an dem der Staatssekretär Jagow den österreichischen Botschafter Szögyenyi-Marich empfing, der ihm den Dank des Wiener Kabinetts für die „ES GIBT JA KEINEN KRIEG!" 155 Bereitwilligkeit aussprach, mit welcher der Deutsche Kaiser und der deutsche Kanzler Österreich für die gegen Serbien geplante Exekution ihre volle Unterstützung zugesagt hätten. Jagow quittierte diesen Dank damit, daß er den Österreichern mögüchst schneidiges Vorgehen anempfahl. Als er den Staatssekretär Delbrück über die Situation informierte, fügte Beth- mann erläuternd hinzu, daß er den Inhalt des von Österreich geplanten Ultimatums an Serbien nicht kenne. Er sei jedoch mit Jagow der Meinung, daß es im Falle kriegerischer Verwicklungen zwischen Österreich und Serbien gelingen werde, den Brand zu „lokalisieren". Als Delbrück die Frage an den Kanzler richtete, ob es sich nicht empfehle, die seit Jahr und Tag für einen Kriegsfall in Aussicht genommenen Maßnahmen zu treffen und vor allem Getreide ankaufe in Rotterdam vorzunehmen, erwiderte Bethmann, es sei nicht angängig, von deutscher Seite irgendwelche Schritte zu unternehmen, die als Vorbereitung zu einem Krieg gedeutet werden könnten. Delbrück möge übrigens noch mit Herrn von Jagow sprechen. Am nächsten Tage suchte Delbrück den Staatssekretär Jagow auf, der ebenso wie Bethmann alle wirtschaftlichen Vorsorgemaßregeln für die Zivilbevölkerung als „vollkommen überflüssig" bezeichnete. Dem Staatssekretär des Äußern wie dem Kanzler waren die Anfragen des Staatssekretärs des Innern augenscheinlich unbequem. Wie Clemens Delbrück mir bald nachher selbst erzählt hat, deuteten ihm während seiner ersten Anwesenheit in Berlin, Anfang Juli 1914, der Kanzler wie der Staatssekretär des Äußern an, daß die politische Lage seine Anwesenheit in Berlin in keiner Weise erfordere. So ging Delbrück von neuem in Urlaub und traf erst am 24. Juli wieder in Berlin ein. Wegen etwaiger Getreideankäufe in Rotterdam war inzwischen nichts geschehen. Der Reichsschatzsekretär Kühn hatte die geforderten Kredite mit den Worten abgelehnt: „Es gibt ja keinen Krieg!" Erst nach wiederholtem Drängen Delbrücks beim Kanzler Bethmann wurden die erforderlichen Gelder angewiesen, inzwischen war aber der Rotterdamer Markt von unseren Gegnern ausgekauft worden. Im Gegensatz zu Bethmann hatte Clemens Delbrück von Anfang an mit einer längeren Kriegsdauer gerechnet. Schon deshalb erfüllte ihn die in den ersten Kriegsmonaten an der Front und in der Heimat getriebene Verschwendung mit schweren Sorgen. Er forderte die sofortige Erfassung und Rationierung aller Lebensmittel, drang aber mit seinen Vorschlägen bei Bethmann Hollweg nicht durch. In Berlin war die unverständige, jedenfalls in hohem Grade gewagte österreichische Ultimatumsaktion zugelassen worden, ohne daß für den Ernstfall Vorbereitungen getroffen wurden. In Paris dagegen hatte schon im Januar 1914 die Stadtverwaltung beschlossen, mit Hilfe namhafter Aufwendungen, in die sie sich mit allen Militärbehörden teilte, die Mehlvorräte von Paris so weit zu erhöhen, daß die Stadt während der 156 „DIE ZEIT DRÄNGT! Verkehrssperre einer eventuellen Mobilmachung keinen Mangel zu leiden brauche. Der Militärgouverneur von Paris, General Michel, erklärte bei diesen Beratungen: „Die Zeit drängt, dieses Jahr ist ein besonderes Jahr. Wir wissen nicht, was es uns bringen kann. Wir wissen nicht, ob wir nicht im März oder April Mobilmachung haben werden." Während Bethmann und Jagow, alles andere eher als kühne Männer, im Die Kriegs- Grunde beide ängsthche Naturen, ihre unvorsichtige Politik mit der Harm- vorbereitung losigkeit von Kindern betrieben, die im Walde Pilze suchen, machten sich in Paris p' ranzosen keine Illusionen über den Ernst der europäischen Gesamtlage. Am 20. Februar 1914 sagte, wie aus den nach dem Kriege erfolgten amtlichen Veröffentlichungen hervorgeht, der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, zu dem belgischen Gesandten Beyens: Die Mehrzahl der Deutschen wie der Franzosen wünsche in Frieden zu leben, aber in beiden Ländern träume eine mächtige Minorität nur von Schlachten und Eroberungen oder Revanchekämpfen. „Darin hegt die Gefahr, neben der man wie neben einem Pulverfaß leben muß, dessen Explosion durch eine Unvorsichtigkeit hervorgerufen werden könnte." Am 10. März berichtete der belgische Gesandtem Paris, Herr Guillaume, seiner Regierung, es wäre für niemand ein Geheimnis, daß der Sturz des chauvinistischen Kabinetts Barthou dem Präsidenten Poincare peinlich gewesen sei. Der Präsident sehe in dem Sturz von Barthou einen Mißerfolg seiner eigenen, militaristischen und nationalistischen Politik, die er systematisch verfolge seit dem Tage, wo er als Ministerpräsident an die Spitze der Regierung getreten sei. Hand in Hand mit Delcasse, Millerand und einigen anderen, predige Poincare unablässig die militärische und politische Wiederaufrichtung Frankreichs und bemühe sich gleichzeitig, die russische Regierung mißtrauisch gegen Deutschland zu machen und sie für den Gedanken eines gemeinsamen Krieges gegen Deutschland allmählich zu gewinnen. Bei gespannter internationaler Lage konnten wir natürlich gar nicht vorsichtig genug sein, mußte die Berliner Politik mit Umsicht und Besonnenheit geleitet werden. An der Aufrechterhaltung des Friedens hatte kein Land ein größeres Interesse als Deutschland. Baron Beyens, der wie die Mehrheit seiner Landsleute damals den Krieg, und nun gar einen Weltkrieg, sicherlich nicht wünschte, sondern fürchtete, übersandte am 12. Juni 1914 anläßlich des Sturzes des Ministeriums Barthou und der Einführung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich seiner Regierung einen längeren Bericht. Nach einigen tadelnden Bemerkungen über die „schlecht unterrichteten" Herren Poincare und Barthou, die in übereilter Weise die dreijährige Dienstzeit in Frankreich durchgesetzt und damit die in der Welt herrschende Unruhe noch verstärkt, den überall aufgehäuften Zündstoff noch vermehrt hätten, hieß es in diesem Bericht: „Die Mehrheit des fran- FALKENHAYN 157 zösischen Volks will gewiß keinen Krieg, und Deutschland braucht diesen Krieg nicht. In wenigen Jahren wird ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen den beiden Nachbarn nicht mehr möglich sein. Deutschland braucht sich nur zu gedulden, braucht nur im Frieden seine wirtschaftliche und finanzielle Macht zu steigern, braucht nur die Wirkung seines Geburtenüberschusses abzuwarten, um ohne Widerspruch und ohne Kampf in Zentraleuropa zu dominieren." Das war eine durchaus zutreffende Beurteilung der Lage, eine Auffassung, von der ich selbst während meiner ganzen Amtszeit geleitet wurde. Unser Interesse war der Friede. Wir hatten bei einem Krieg, und nun gar bei einem Weltkrieg, viel mehr, sehr viel mehr zu verlieren als zu gewinnen. Der von mir erwähnte Bericht des Baron Beyens schloß mit einem erneuten Tadel gegen Poincare und Barthou, die klüger daran getan hätten, mit größerer Kaltblütigkeit die Frage zu prüfen, ob es kern besseres Mittel zur Wahrung des Friedens zwischen Frankreich und Deutschland gäbe als einen solchen Wettbewerb der Rüstungen und eine derartige Erhöhung der Präsenzstärke, deren Lasten Frankreich nicht so lange zu ertragen fähig sei wie Deutschland. Unser armes Deutschland glich, schlecht gesteuert, dem guten Schiff, das nach langer, wechselvoller Fahrt, unmittelbar bevor es den Hafen erreicht, an einer Klippe scheitert und untergeht. Die Sorglosigkeit, mit der Kaiser Wilhelm an dem Gängelband der Wiener Politik in den Weltkrieg hineinstolperte, war nicht geringer als die Sorglosigkeit seines Kanzlers und seines Staatssekretärs des Äußern. Am Abend jenes » n Berlin verhängnisvollen Tages, an dem der Kaiser Österreich volle Unterstützung für seine abenteuerlichen Pläne gegen Serbien zugesagt hatte, informierte der hohe Herr den Kriegsminister von Falkenhayn über die österreichische Demarche und frug ihn, ob das Heer für alle Fälle bereit sei. Falkenhayn bejahte diese Frage, indem er die Hacken zusammenschlug und die Hand an den Helm legte, mit einem strammen „Zu Befehl, Eure Majestät!" Begreiflicherweise erkundigte sich der Kriegsminister gleichzeitig, ob irgendwelche militärischen Vorbereitungen zu treffen wären. Der Kaiser lehnte solche Vorbereitungen ausdrücklich ab und wünschte dem Kriegsminister einen vergnügten Sommer. Am nächsten Tage empfing er, unmittelbar bevor er zum Antritt seiner Nordlandreise, seiner letzten Nordlandreise, nach Kiel fuhr, die Vertreter des Generalstabs, des Admiral- stabs und des Reichsmarineamts und teilte ihnen mit, daß Österreich die Serben wegen des Mordes von Sarajewo zur Rechenschaft ziehen werde. Größere kriegerische Verwicklungen seien aber nicht zu erwarten. Es erübrige sich daher, irgendwelche militärischen oder maritimen Vorbereitungen zu treffen. — Ich habe soeben Wilhelm IL, Bethmann und Jagow mit harmlosen Kindern verglichen, die im Walde Pilze suchen. Noch 158 HORRIBILE DICTU zutreffender wäre der Vergleich mit törichten Knaben, die mit einer Granate 6pielen, ohne zu wissen, daß sie geladen ist und bei täppischer Berührung explodieren kann. Wenn Bethmann die Entschuldigung hatte, daß er tatsächlich von Direktiven Diplomatie und auswärtiger Politik nichts verstand, so konnte der Staats- Jagows gekretär von Jagow nicht einmal diese mildernden Umstände geltend machen. Er gehörte schon an zwanzig Jahre dem diplomatischen Dienst an. Weit entfernt, den Kanzler von ungeheuerlichen Fehlern abzuhalten, bestärkte Jagow seinen Chef durch seine blinde Vorhebe für das „aristokratische" Österreich in allen Dummheiten. Auch Jagow glaubte (horribile dictu) nicht entfernt an die Möglichkeit eines Krieges. Er hatte fünf Tage vor der Übergabe des Ultimatums, am 18. Juli 1914, an den Botschafter in London ein Schreiben gerichtet, um ihn über die gegen Serbien geplante Aktion zu orientieren. Österreich, hieß es in diesem Schreiben, wolle sich endlich und endgültig mit seinem kleinen Nachbarn Serbien auseinandersetzen und habe dies in Berlin zur Kenntnis gebracht. Wir könnten und dürften Österreich nicht in den Arm fallen. Wir müßten aber trachten, den Konflikt zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren. Je entschlossener sich Österreich zeige, je energischer wir es stützten, um so eher werde Rußland still bleiben. Einiges Gepolter in Petersburg werde zwar nicht ausbleiben, aber im Grunde sei Rußland noch nicht kriegsbereit. Frankreich und England würden jetzt auch keinen Krieg wünschen. Nachdem Jagow dann die seit Jahrzehnten bekannten und trotz Bismarck immer wiederholten Scheingründe für einen prophylaktischen Krieg noch einmal ins Feld geführt hatte — Rußland werde in einigen Jahren schlagfertiger sein als jetzt, inzwischen werde die deutsche Gruppe immer schwächer, das Slawentum immer deutschfeindlicher—, erklärte er trotzdem: „Ich will keinen Präventivkrieg; aber wenn der Kampf sich bietet, dürfen wir nicht kneifen. Ich hoffe und glaube auch heute noch, daß der Krieg sich lokalisieren läßt!" Am Schlüsse des Briefes wurde Lichnowsky angewiesen, darauf hinzuwirken, daß die englische öffentliche Meinung sich nicht für Serbien erhitze. Man müsse in dieser Richtung tun, was irgend möglich sei, obwohl von Sympathie und Antipathie bis zur Entfachung eines Weltbrandes doch noch ein weiter Weg wäre. Wenn Sir Edward Grey logisch und ehrlich sei, müsse er der kaiserlichen Regierung beistehen, den Konflikt zu lokalisieren. So Jagow am 18. Juli an Lichnowsky. So derselbe Jagow am selben Tag zum bayrischen Geschäftsträger Schön, dem Neffen des Botschafters, als der Vertreter des zweitgrößten Bundesstaates im Auftrage der bayrischen Regierung ihm mitteilte, der russische Gesandte in München, Herr von Boulatzeff, habe dem Grafen HertHng „ä titre d'ami" durch einen Vertrauensmann wörtlich sagen lassen: „La Russie ne permettra DIE SEKUNDÄREN 159 jamais que la petite Serbie soit mangee par l'Autriche." Der bayrische Geschäftsträger hatte den Eindruck, den er auch pflichtgemäß nach München meldete, daß der Staatssekretär über die Münchener Warnung „gelächelt" habe. Als sich aber das Gepolter in St. Petersburg in den Kanonendonner des Weltkrieges verwandelte, lächelte der kleine Jagow nicht länger. Wie sein Chef Bethmann, verlor auch Jagow vollständig die Nerven. Zu dem Reichstagsabgeordneten Heckscher, der ihn am 2. August besuchte, sagte er, wie dieser mir nicht lange nachher erzählte: „Ich habe das Herz nicht in den Hosen, ich habe es in den Stiefelspitzen." Neben Bethmann und Jagow spielten Zimmermann, Stumm und Bergen eine mehr sekundäre Rolle. Den größten Einfluß übte Wilhelm Das Aus- Stumm aus, weil er der einzige in dem Konsilium war, der London und "> art ig e ^ St. Petersburg aus eigener Anschauung kannte. Als während des Krieges in einer Geheimsitzung der Budgetkommission des Reichstages über die Entstehung des Krieges diskutiert wurde, frug, wie mir später der anwesende Reichstagsabgeordnete Prinz Heinrich Carolath vertraulich erzählte, ein Sozialist die Regierungsvertreter, ob es wahr sei, daß der Wirkliche Legationsrat Wilhelm von Stumm Ende Juli 1914 im Union-Klub in Berlin vor Zeugen geäußert habe: „Bis morgen vormittag habe ich die Russen in die Knie gebracht!" Von Seiten der Regierungsvertreter erfolgte keine Antwort. Daß Wilhelm Stumm nicht wie sein Chef Bethmann aus Einfältigkeit und Ungeschick, sondern mit Übermut den Ernst der Situation verkannte, dürfte leider keinem Zweifel unterhegen. Anders lag die Sache bei dem Unterstaatssekretär Zimmermann. Der war ein wackerer Mann, der, wenn er im Konsulatsdienst gebheben wäre oder im Auswärtigen Amt nur als Arbeitsbiene gewirkt hätte, sich bestens bewährt haben würde. Noch mehr wäre er als Oberstaatsanwalt oder Regierungspräsident in seiner ostpreußischen Heimat am Platze gewesen. Er hätte sich dort allgemeiner Achtung und Beliebtheit erfreut. Wenn er zum Frühschoppen erschienen wäre, würde ihm im Gasthof „Zum Preußischen Adler" oder „Zur Linde" von allen Seiten entgegen gerufen worden sein: „Herr Präsident! Herr Oberstaatsanwalt! Ich komme Ihnen einen Ganzen!" Von europäischer Politik verstand Zimmermann nicht viel, die in Petersburg und Paris, in London und Wien maßgebenden Leute kannte er nicht. Und dabei neigte seine ganze Natur zu „forschem" Auftreten. Durchaus gewissenhaft, im Gegensatz zu Jagow und auch zu Bethmann, ein Feind jeder Intrige, ehrlich und loyal, hat er doch durch seine draufgängerische Art zur Verschärfung der Krise beigetragen. Der Dezernent für die Dreibund-Angelegenheiten, Diego von Bergen, der Sohn eines Pommern, der es im Konsulatsdienst bis zum Vertreter Deutschlands bei einer zentralamerikanischen Republik gebracht hatte, 160 DAS GREMIUM und einer Tochter des fernen Guatemala, wagte während der Ultimatums- Krisis überhaupt nicht, eine eigene Meinung zu äußern. Er hat an einflußreicher Stelle im Hochsommer 1914 nichts verhindert und wollte auch gar nichts verhindern, da es ihm darauf ankam, an keiner Stelle anzustoßen. Es ist ihm in der Tat gelungen, sich während des Weltkrieges nicht nur bei seinen verschiedenen Vorgesetzten, sondern, was für ihn viel wichtiger war, bei dem Abgeordneten Erzberger zu empfehlen. Als im Laufe des Krieges die Macht des Buttenhausers immer höher stieg, erschien dieser fast täglich auf dem Auswärtigen Amt und verlangte die Ein- und Ausgänge zu lesen. Da selbst der schwache Bethmann dem indiskreten, oft völlig hemmungslosen Matthias Erzberger, der noch dazu alles, was er hörte und erfuhr, dem Nunzius in München schrieb, nicht sämtliche Arcana imperü zugänglich machen wollte, wurde der Geheime Legationsrat von Bergen für die Aufgabe bestimmt, Erzberger zu empfangen, ihm möglichst wenig zu zeigen, aber dafür sein Geschwätz und seine Kannegießereien während ein bis zwei Stunden zu ertragen. Bergen benutzte die auf diese Weise mit Erzberger gewonnene Fühlung dazu, durch seinen bei allen Fehlern im Grunde gutmütigen Protektor den Gesandtenposten beim Päpstlichen Stuhle zu erreichen. So war das Gremium beschaffen, das das Deutsche Reich und das deutsche Volk in den Weltkrieg hineinführte. Der größte Fehler dieser blinden Leiter unseres Schicksals war, daß sie, wie ich schon hervorhob, niemanden zu Rate zogen, niemandem einen Blick in ihre Absichten, in ihre verfehlten Schachzüge gestatteten. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß, wenn nach dem Attentat von Sarajewo Bethmann Holl weg und seine Mitarbeiter den damaligen Gesandten beim Päpstlichen Stuhle und langjährigen Unterstaatssekretär Mühlberg oder den Botschafter in Washington, Bernstorfr, oder den Grafen Brockdorff-Rantzau, oder Rosen oder Mumm, oder den erfahrenen, speziell in allem, was England betraf, sehr erfahrenen, die englische Politik ruhig und nüchtern beurteilenden Grafen Paul Metternich um Rat gefragt hätten, alle diese Herren Bethmann und Konsorten in den Arm gefallen wären, ihnen Vernunft gepredigt haben wurden. Wenn ich, der ich seit meinem Rücktritt, seit fünf Jahren, durch Bethmann Hollweg politisch ganz ausgeschaltet war und mich daher im Unglückssommer 1914 in völliger Unkenntnis seiner Absichten und Pläne befand, um meine Meinung gefragt worden wäre, so würde ich zunächst festgestellt haben, ob man in Berlin wirklich einen prophylaktischen Krieg wolle. Wäre diese meine Frage bejaht worden, so würde ich auf den monumentalen Erlaß hingewiesen haben, den am 16. Februar 1887 der Staatssekretär Graf Bismarck im Auftrage des Reichskanzlers an den Leopold Graf Berchtold, österreichisch-ungarischer Minister des Äußern DER VORBEUGENDE KRIEG 161 kaiserlichen Botschafter in Wien, den Prinzen Heinrich VII. Reuß, richtete Bismarck über und in dem es heißt: „Der Herr Reichskanzler hat Ew. Durchlaucht ge- den Präventiv- fälligen Bericht Nr. 99 vom 4. ds. Mts. mit Interesse gelesen und es als kries vollkommen korrekt bezeichnet, daß Ew. Durchlaucht Ihrem russischen Kollegen erklärt haben, wir würden einen Krieg niemals aus dem Grunde führen, weil es früher oder später wahrscheinlich doch zu einem solchen kommen würde. Niemand kann der göttlichen Vorsehung so weit vorgreifen, um dies mit unbedingter Sicherheit zu behaupten. Es können sich im Laufe der Zeit allerhand unberechenbare Vorfälle ereignen, die den Ausbruch eines Krieges verhindern." Im gleichen Sinne hat Fürst Bismarck in einem oft zitierten Immediatbericht gegenüber seinem alten Herrn den Präventivkrieg überhaupt kategorisch und grundsätzlich abgelehnt. „Ich würde", führte Fürst Bismarck aus, „noch heute wie 1867 in der Luxemburger Frage Ew. Majestät niemals zureden, einen Krieg um deswillen sofort zu führen, weil es wahrscheinlich ist, daß der Gegner ihn später, besser gerüstet, beginnen werde. Man kann die Wege der göttlichen Vorsehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen." Ich würde an die Schärfe erinnert haben, mit der, wie ich bei meiner Besprechung des Herbstmanövers in der Rheinprovinz, 1905, ausführbch erzählte, Fürst Bismarck meinen alten Regimentskameraden und Freund, den damaligen Militärattache in Wien, Major von Deines, zur Ordnung rief, als dieser bei ihm in den Verdacht geraten war, die Österreicher zum Vorgehen gegen Rußland zu ermuntern. Als bei Fürst Bismarck der gleiche Argwohn gegen den Chef des Generalstabs, den Grafen Alfred Waldersee, aufstieg, schrieb der große Kanzler an den Chef des Militärkabinetts, den General von Albedyll: die deutsche Politik habe die Aufgabe, den Krieg wenn möglich ganz zu verhindern, gehe das nicht an, ihn doch zu verschieben. An einer anderen Politik würde er, Fürst Bismarck, nicht mitwirken können. Ich würde vor allem immer wieder daran erinnert haben, daß Fürst Bismarck wiederholt einen kriegerischen Konflikt zwischen Österreich und Rußland als die unter mancherlei Möglichkeiten für uns allerunerwünschteste Möglichkeit bezeichnet hatte. Ich nehme an, daß Bethmann und seine Mitarbeiter mir erwidert haben würden, der Gedanke eines prophylaktischen Krieges läge ihnen fern. Sie glaubten aber, daß ein Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien sich „lokalisieren" lassen würde. Darauf hätte ich natürlich entgegnen müssen, daß eine solche Annahme eiue sehr gefährliche Illusion wäre, die nur aus Unkenntnis der russischen, der französischen, der englischen, der ganzen Weltverhältnisse hervorgehen könne. Rußland werde und könne Österreich nicht erlauben, eine Strafexpedition gegen die Serben in Szene zu setzen. Wenn diplomatisch nicht sehr vorsichtig operiert würde, könnte der so geschaffene Antagonismus 11 BUlow III 162 WAS HÄTTE BÜLOW GESAGT? zwischen Österreich-Ungarn einerseits, Rußland und Serbien andererseits zu einer schweren Krisis führen, eine solche zu Rüstungen, das heißt zu akuter Kriegsgefahr. Frankreich werde sich sofort auf die Seite der Russen stellen. Es wäre seit einem Vierteljahrhundert nie zweifelhaft gewesen, daß im Falle eines deutsch-französischen Zusammenstoßes die Russen vielleicht einige Zeit zögern könnten, bevor sie gegen uns gingen, daß aber bei einem russisch-deutschen Konflikt die französischen Gewehre von selbst losgehen würden. Und wenn, hätte ich geschlossen, wir uns im Kriege mit Rußland und Frankreich befänden, wäre es mehr als wahrscheinlich, daß England eine so glänzende Konjunktur benutzen würde, um ohne unverhältnismäßiges Risiko für sich selbst seinen gefährlichsten Rivalen in Handel, Schiffahrt und Industrie abzuwürgen, zumal dieser wirtschaftliche Rivale zugleich der mächtigste Kontinentalstaat wäre, also nach alter englischer Auffassung sein traditioneller Gegner. Ich hätte gefragt, ob wir im Falle eines Krieges der Italiener und Rumänen sicher wären. Ich bemerke ausdrücklich, daß eine solche Sprache von meiner Seite in keiner Weise ein Beweis besonderen politischen Scharfsinns oder auch nur größerer diplomatischer Erfahrung gewesen wäre. Ich wiederhole, daß Metternich, Mühlberg, Brockdorff-Rantzau, Bernstorff, Mumm, Rosen, jeder normale deutsche Diplomat nach meiner Überzeugung im Juli 1914 sich so aussprechen mußte. XIII. KAPITEL Rücktrittsabsichten Bethmann Hollwegs • Heroische Stimmung und Haltung des deutschen Volkes • Bethmanns Kriegserklärung an Rußland, seine Motive • Ungeschickte diplomatische Behandlung Italiens • Rumänien • Gespräch mit Fürst Wedel über die militärische Lage • Die Telephonate Lichnowskys mit Grey • Der Fall Lüttichs General Ludendorff • Die ersten Nachrichten über die Marneschlacht • Der Einfall in Belgien • Der Schlieffensche Plan • Rede Bethmanns über Belgien vom 4. August 1914 Der Fetzen Papier taatsmännern und Völkern, die in ihr Verderben rennen, bietet, wie die Geschichte lehrt, die Vorsehung oft noch eine letzte Möglichkeit, dem 1870 und 1914 Sturz zu entgehen. Fürst Bismarck hat in meiner Gegenwart in den achtziger Jahren einmal ausgeführt, daß, wenn Emile Ollivier und der Duc de Gramont im Jahre 1870 den Verzicht des Erbprinzen Leopold von Hohen- zollern klug und geschickt ausgenutzt hätten, sie dem Kriege ausgewichen wären und gleichzeitig einen starken politischen Erfolg erzielt haben würden. Nach dem Eintreffen, meinte Bismarck, jenes Telegramms des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern, in dem er erklärte, im Namen seines Sohnes, des Erbprinzen Leopold, auf den spanischen Thron zu verzichten, hätte Ollivier sofort in das Corps legislatif gehen und dort etwa erklären müssen: „II y a peu de temps, la candidature d'un prince prussien au trone de Charles-Quint avait surgi. La France a eleve sa voix, la France a ete obeie. Les bons rapports entre la France et sa noble sceur, l'Espagne, n'ont jamais ete troubles. Quant ä ceux, dont les ambitions et les intrigues ont mis en danger la paix europeenne, nous esperons et l'Europe espere avec nous qu'ils ne recommenceront pas." Nachdem Fürst Bismarck ungefähr so die Rede skizziert hatte, die Herr Emile Ollivier hätte halten können, wenn er eben nicht Ollivier, das heißt ein Schwachkopf gewesen wäre, fuhr er fort: „Was hätte ich erwidern können? Ich wäre in eine schwierige Situation geraten. Meine Stellung war damals nicht so fest, wie sie später wurde, weder dem Ausland gegenüber noch im Inland. Mein alter Herr war keineswegs kriegerisch oder auch nur unternehmungslustig, der Kronprinz ebensowenig. Die fürstlichen Damen, die Königin Augusta und die Frau Kronprinzessin, waren gegen mich. Alle meine inneren Gegner, die Demokratie in ganz Deutschland, die norddeutschen Fortschrittler und die n 164 DIE STIRNLOCKE DER FORTUNA süddeutschen UltramoDtanen, hätten gegen den Friedensstörer gezetert. Ich glaube, ich hätte zurücktreten müssen." Im Hochsommer 1914 hatten wir noch am 25. Juli die Möglichkeit, den Die serbische Krieg zu vermeiden. Wir brauchten nur in Wien zu erklären, daß wir unter Antwort an keinen Umständen den Abbruch der Beziehungen zwischen österreich- Österreich Ungarn und Serbien gestatteten, bevor wir selbst die serbische Antwort genau geprüft hätten. Gehe Österreich-Ungarn ohne unsere Erlaubnis militärisch gegen Serbien vor, so tue es dies auf eigene Gefahr, ä ses propres risques et perils; wir würden ihm in diesem Falle nicht zu Hilfe kommen, sondern es seinem Schicksal überlassen. Nach Prüfung der serbischen Antwort mußten wir öffentlich erklären, wir konstatierten mit Genugtuung, daß die serbische Regierung dank den weisen Ratschlägen aller Großmächte fast alle österreichischen Vorschläge angenommen habe. Wir schlügen gleichzeitig vor, die noch streitigen Punkte dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten. Damit war 9 gegen 1 der Friede gerettet. Das hat der unglückliche Kaiser Wilhelm IL klarer erkannt als Bethmann und Konsorten. Um sein Probe- und Meisterstück in der diplomatischen Kunst ungestört anfertigen zu können, hatte Bethmann seinem Souverän geraten, die gewohnte Nordlandreise ja nicht aufzugeben. Auch als die Krisis sich immer mehr zuspitzte, bat Bethmann den Kaiser inständig, weder die deutsche Flotte aus den norwegischen Gewässern zurückzuziehen, noch selbst in die Heimat zurückzukehren. Als ihm fern im Norden, in Odde am Utnefjord, die serbische Antwort vorgelegt wurde, schrieb Wilhelm II. ad marginem: Er begreife nicht, was die Österreicher mehr wollten; sie hätten einen schönen diplomatischen Erfolg erzielt. Gleichzeitig telegraphierte im Auftrage des Kaisers der Generaladjutant Plessen an den Chef des Generalstabes, Moltke, daß für Österreich-Ungarn jeder Anlaß zum Kriege fortfalle, da Serbien die meisten österreichischen Forderungen zugestanden habe. Die Alten sagten bekanntlich, daß die Fortuna eine schöne Stirnlocke habe, aber einen glattrasierten, kahlen Hinterkopf; wer sie nicht rasch bei der Locke ergreife, der hielte sie nicht mehr fest. Bethmann und Jagow wußten die Stirnlocke nicht zu fassen. Sie ließen die Österreicher frei gewähren. Sie sahen mit apathischer Ruhe und in völliger Indolenz zu, als der k. und k. österreichisch-ungarische Gesandte, fast unmittelbar nach dem Empfang der serbischen Antwortnote und ohne sie zu prüfen, Belgrad verließ und damit die Beziehungen zu Serbien abbrach. Sie ließen es geschehen, daß Österreich noch am gleichen Abend die Teilmobilmachung gegen Serbien anordnete. Sie wichen, Österreich zu Liebe, um das österreichische „Prestige" zu schonen und den Hochmut Seiner Apostolischen Majestät nicht zu verletzen, beharrlich allen englischen Konferenzvorschlägen aus und belasteten sich und uns mit dem Schein der Ab- BETHMANN BITTET UM SEINEN ABSCHIED 165 geneigtheit gegen jede friedliche Regelung. Würde ein Staatsmann von Ressourcen und Geschick derart alle Möglichkeiten haben vorübergehen lassen, die hereinbrechende Katastrophe zu verhüten ? Meine Antwort ist: Nein! Die deutsche Regierung von 1914 ließ sich vom Strom treiben, ohne auch nur den Versuch zu machen, durch eine Drehung des Steuers im letzten Augenblick der drohenden Stromschnelle zu entgehen — und das stolze Schiff des Deutschen Reiches scheiterte! Als Kaiser Wilhelm endlich am 27. Juli aus Odde nach Berh'n zurückkehrte, richtete er an den ihn mit verstörtem Gesicht und in demütiger Kaiser und Haltung erwartenden Kanzler Bethmann, nur in viel schärferer Form, die Kanzler Frage, die ich einige Tage später in höflicher Tonart an meinen Nachfolger richten sollte: Wie das alles gekommen sei? Der Unmut und die zornige Erregung des Kaisers waren begreiflich, denn Bethmann hatte Seiner Majestät bis zuletzt versichert, daß dem Frieden keine Gefahr drohe und daß er insbesondere mit England in steter Fühlungnahme und in bestem Einvernehmen stünde. Graf August Eulenburg, der dieser Auseinandersetzung des Kaisers mit dem Kanzler beiwohnte, erzählte mir, daß Bethmann Hollweg ganz zerschmettert dem Kaiser erklärt hätte, er habe sich allerdings in jeder Richtung getäuscht und bäte um seinen Abschied. Seine Majestät der Kaiser habe ihm erwidert: „Sie haben mir diese Suppe eingebrockt, nun sollen Sie sie auch ausfressen!" So kläglich unsere diplomatische Leitung im Hochsommer 1914 war, so bewunderungswürdig war die Haltung des deutschen Volkes. Erhobenen Die Hauptes, ohne mit der Wimper zu zucken, entschlossen und einmütig ging militärische die Nation dem Krieg gegen eine Welt von Feinden entgegen. Die eigent- ^ ünrun S liehe Mobilmachung dauerte nur fünf Tage. Sie ging glatt und tadellos vor sich. Dann rollten die Aufmarschtransporte gen West und Ost in langer Folge. Nirgends entstand eine Reibung. Es bedurfte nicht einer einzigen Rückfrage an den Großen Generalstab in Berlin. Genau zur festgesetzten Zeit, vierzehn Tage nach Verkündigung der Mobilmachung, standen die Armeen in ihren Aufmarschräumen. Alles hatte geklappt, um einen militärischen Ausdruck zu gebrauchen. Wie denn überhaupt unser staatlicher Organismus, das Räderwerk des staatlichen Mechanismus bei dieser großen, dieser höchsten Prüfung sich glänzend bewährte. Nur die strategische Führung versagte, wie die diplomatische versagt hatte. Moltke versagte, wie Bethmann Hollweg versagt hatte. Und mit beiden versagte der Kaiser, der es nicht verstanden hatte, an die allerentscheidendsten Stellen die richtigen Männer zu setzen. Mit Recht lehrte schon vor über 2000 Jahren ein griechischer Philosoph, daß ein Heer von Hirschen, von einem Löwen geführt, einem Heer von Löwen überlegen wäre, das ein Hirsch kommandiere. Nie werde ich den Anbück der heldenhaften Jugend 166 DAS ODIUM DES ANGRIFFS von 1914 vergessen, die Begeisterung, den heroischen Trotz, wie sie dem Feind und dem Schicksal die Brust bot. Von allen Seiten strömten jubelnd und singend Freiwillige zu den Fahnen. Noch in meiner Sterbestunde werden mir die Verse im Ohre klingen, die damals das Ver sacrum, der heilige Frühb'ng des deutschen Volkes, beim Ausrücken einer Welt von Feinden entgegensang: Gloria Victoria! Ja, mit Herz und Hand Fürs Vaterland! Die Vöglein im Walde, Die sangen so wunder-, wunderschön: In der Heimat, in der Heimat, Da gibt's ein Wiedersehn. Es gibt im Thucydides, der wie kaum ein anderer Historiker die Gabe hat, ewige Bilder in das Gedächtnis der Menschheit einzugraben, eine wundervolle Schilderung der Abfahrt der Expedition, welche die Athener gegen Syrakus ausgerüstet hatten. Männer und Frauen sitzen auf den Stufen des Parthenon, an den Abhängen des Hymettos und des Pentekkon und sehen der abfahrenden Flotte nach mit Stolz, mit Wehmut, mit freudiger Hoffnung auf den Sieg. So blickte ganz Deutschland auf das Heer von 1914, von dem unser erbittertster Gegner, der französische Marschall Foch, gesagt hat, es sei die beste Armee gewesen, die jemals die Welt gesehen habe, das Heer, das in vier Kriegsjahren an Tapferkeit und Zähigkeit im Schlagen und Ertragen Unvergleichliches und Unvergängliches leisten sollte. Wer jene Augusttage von 1914 erlebte, mußte sich in Ehrfurcht beugen vor der Größe des deutschen Volkes, vor seiner stürmischen Tapferkeit, seiner männlichen Tüchtigkeit, seiner seelischen Reinheit, seinem Idealismus, vor der Armee, dem Volk in Waffen, die diese Tugenden widerspiegelte. Und doch mußte ein einigermaßen erfahrener Beobachter sich sorgenvoll fragen, ob selbst ein Heer wie das deutsche imstande sein würde, die Wirkungen der von dem leitenden deutschen Staatsmann begangenen politischen Fehler zu paralysieren. Fürst Bismarck hatte es verstanden, sowohl 1870 wie selbst 1866, dem Die Kriegs- Gegner die formale Kriegserklärung zuzuschieben. Da nun einmal der erklärung an Schein die Welt regiert und da, wie schon die Griechen sagten, der Schein Rußland Q £ t ^richtigei j s t a i s fc e Wirklichkeit, brachte Bismarck auf diese Art die unendlich wichtigen Imponderabilien in sein Spiel. Bethmann Hollweg war plump und ungeschickt genug, das Odium des Angriffs auf uns zu laden. Wenn es bis zu einem gewissen Grade verständlich ist, daß wir, nachdem wir uns mit Rußland im Krieg befanden, den Stoß gegen Frankreich so BETHMANN DRÄNGT 167 rasch wie möglich führen wollten, so ist es doch unverständlich und völlig unbegreiflich, warum wir Rußland von uns aus den Krieg erklärt haben. Das hat uns, mit Unrecht, aber in schwer zu widerlegender Weise, in den Augen der Welt als die Brandstifter erscheinen lassen. Der Generaloberst Moltke hat mir wiederholt versichert, er habe nicht nur die vorzeitige Kriegserklärung an Rußland nicht gewünscht, sondern es wäre ihm lieber gewesen, wenn wir den Bruch mit Rußland tunlichst hinausgezögert hätten. Ebensowenig hat Tirpitz auf „Losschlagen" gedrängt. Er befand sich während der zweiten Julihälfte überhaupt nicht in Berlin. Er weilte zur Kur in Tarasp. Der preußische Minister des Innern, Herr von Loebell, der gleichzeitig dort badete und Brunnen trank, hat mir später erzählt, daß Tirpitz erschrocken war, als er aus den im Kursaal angeschlagenen Depeschen ersah, daß die vom Kaiser und vom Auswärtigen Amt als harmlos angesehene österreichische Ultimatumsaktion zu einer so ernsten diplomatischen Krisis geführt hatte. Er und Tirpitz frugen sofort beim Reichskanzler an, ob sie nicht nach Berlin zurückkehren sollten. Bethmann antwortete mit der dringenden Bitte, nicht nach Berlin zu kommen, da dies „Aufsehen" erregen könne. Schließlich fuhren Tirpitz und Loebell gegen den Willen des Kanzlers Bethmann nach Berlin, da sie es nicht mit ihrer Dienstpflicht vereinigen konnten, bei derartig bedrohter Lage des Reichs im Engadin, im Ausland zu weilen. Warum erklärten wir schon am 1. August in überstürzter Hast an Rußland den Krieg? Der Grund hierfür wie für manchen anderen falschen diplomatischen Schachzug lag in der innerpoh'tischen Einstellung, richtiger gesagt in den innerpolitischen Ängsten des Kanzlers. Albert Ballin hat mir eine anschauliche Schilderung der Szene gegeben, die sich in seiner Gegenwart am Tage der Kriegserklärung an Rußland im Reichskanzlerpalais abspielte. Als Ballin in den Gartensalon zu ebener Erde eintrat, in dem damals so furchtbare Entschlüsse gefaßt wurden, sah er den Reichskanzler vor sich, den Kriegskanzler, wie man anfing, ihn zu nennen, der mit langen Schritten in großer Erregung im Zimmer auf und ab ging. Vor ihm saß an einem mit Folianten bedeckten Tisch der Geheime Rat Kriege. Kriege war ein fleißiger, ein gewissenhafter, ein eifriger Beamter. Er war, um einen Bismarckschen Ausdruck zu gebrauchen, ein sattelfester Jurist. Aber seine politische Begabung stand nicht auf der Höhe seines juristischen Wissens. Bethmann, so erzählte mir Ballin, richtete von Zeit zu Zeit an Kriege die ungeduldige Frage: „Ist die Kriegserklärung an Rußland noch nicht fertig? Ich muß meine Kriegserklärung an Rußland sofort haben!" Der ganz verstört aussehende Kriege suchte inzwischen nach einem Simile in den bewährtesten Lehrbüchern des Völker- und Staatsrechts von Hugo Grotius „De jure belli ac pacis" bis zu Bluntschli, Heffter 168 BETHMANNS FALSCHE TAKTIK undMartens. Ballin erlaubte sich die Frage an den Reichskanzler: „Exzellenz, warum haben Sie denn eine so eno-o-orme Eile, Rußland den Krieg zu erklären?" Bethmann, die lange Unzulänglichkeit, wie ihn mit Witz der Sozialist Frank genannt hat, antwortete: „Sonst kriege ich die Sozialdemokraten nicht mit." In der psychologischen Erklärung dieser Antwort stimmten Ballin und ich überein: Bethmann hatte erkannt, in welche fürchterliche Lage er das Reich und sich selbst gebracht hatte. Ihm bangte vor der Verantwortung. Instinktiv wollte er vor allem die linksradikalen Elemente beschwichtigen, weil er sie am meisten fürchtete. Er glaubte dies zu erreichen, wenn er dem Krieg, den zu verhindern ihm nicht gelungen war, die Spitze gegen das zaristische Rußland gab. An dieser falschen Taktik hat Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt festgehalten. Als am 3. August 1914 unsere Kriegserklärung an Frankreich der Der Krieg Kriegserklärung an Rußland folgte, wurde sie mit Unwahrheiten be- gegen gründet. Es wurde den Franzosen nicht schwer, zu beweisen, daß Frankreich f ranz 5 S j scne Flieger keine Bomben auf die Eisenbahnstrecke Nürnberg bis Ingolstadt abgeworfen hätten. Um den durch die Kriegserklärung an Rußland militärisch notwendig gewordenen Bruch mit Frankreich zu beschleunigen, wurde überdies an Frankreich das Ansinnen gestellt, uns als Pfand Beifort, Toul und Verdun zu überlassen, eine Zumutung, die von der Propaganda der Entente natürlich als Beweis für deutsche Eroberungspläne und deutsche Unersättlichkeit ausposaunt wurde. Der Botschafter Schön kam gar nicht in die Lage, diese telegraphische Weisung auszuführen. Aber das in Rede stehende Berliner Telegramm fiel in die Hände der Franzosen. Es ist traurig, feststellen zu müssen, daß, als der Weltsturm losbrach, nicht nur die Zentrale, Bethmann Hollweg und Jagow, Wilhelm von Stumm und Diego von Bergen, sondern auch unsere Botschaften kläglich versagten. Zu den Fehlern des Juli 1914 gehörte auch unser Versteckspiel gegenüber Italien Italien. Bethmann und Jagow fürchteten, daß Italien in der Ultimatumsangelegenheit das Geheimnis nicht wahren würde und daß so über die gegen Serbien geplante große Aktion etwas nach St. Petersburg durchsickern und dort diplomatische Proteste hervorrufen könnte. Es wäre, nebenbei gesagt, ein „godsend", eine gnädige Fügung der Vorsehung gewesen, wenn die durch das Ultimatum an Serbien eingeleitete wahnwitzige Aktion auf diese Weise im Keime erstickt worden wäre. Um Italien hinter das Licht zu führen, erklärte während der Woche, die der Überreichung des Ultimatums vorausging, der Staatssekretär von Jagow Tag für Tag dem italienischen Botschafter Bollati, der im Auftrag seiner Regierung beständig frug, ob, wie in Bukarest, in Konstantinopel und auch anderswo getuschelt würde, Österreich-Ungarn gegen Serbien etwas im Schilde führe, daß hiervon keine Rede sei. Weder in Wien noch in Berlin trage man sich mit solchen ITALIEN BLEIBT NEUTRAL 169 Absiebten. Es lag auf der Hand, daß die Zentralmächte, wenn sie im Falle einer großen Konflagration, zu der das Ultimatum an Serbien nur zu leicht führen konnte, Italien auf ihrer Seite haben wollten, sich die Kooperation der Apenninischen Halbinsel rechtzeitig sichern mußten. Das ging natürlich nicht ohne Konzessionen von österreichischer Seite. Sie waren nach Lage der Dinge unerläßlich, wenn man Italien nicht in das gegnerische Lager treiben wollte. Da solche Zugeständnisse nicht erfolgten, stand Italien im entscheidenden Augenblick vor dieser Situation: Der Dreibund vertrag war durch die von Österreich ohne vorherige Verständigung mit Italien eingeleitete Aktion nicht nur dem Geiste nach, sondern auch nach seinem Buchstaben verletzt worden. Überdies hatten wir die italienische Regierung bis zum letzten Augenblick in völligem Dunkel gehalten. Endlich erklärten wir von uns aus den Krieg an Rußland und Frankreich und boten dadurch den Italienern die bequeme Handhabe, sich ex nexu foederis zu setzen. Fürst Bismarck hatte alle unsere Bündnisverträge auf die Verteidigung gestellt. Er hielt es für undenkbar, daß ein Kanzler des saturierten Deutschen Reichs, dessen größtes Interesse der Friede war, dumm genug sein könnte, von uns aus den Krieg, sei es an Frankreich, sei es an Rußland, zu erklären. Am 31. Juli entschied sich der italienische Ministerrat für Neutralität. Der einflußreichste und dabei zuverlässigste Freund, den wir in Italien hatten, der damals nicht im Amte befindliche Giovanni Gioütti, erklärte nach Prüfung der Lage dem Ministerpräsidenten Salandra wie dem Minister des Äußern, dem ihm persönlich nahestehenden und politisch befreundeten San Giuliano spontan, er betrachte nach der von Österreich ausgehenden und von Deutschland leider geduldeten kopflosen Aktion gegen Serbien Neutraütät als die einzige für Italien mögüche Haltung. Daß daran Briefe und Telegramme des Kaisers an den von ihm persönlich mehr als einmal brüskierten König Viktor Emanuel nichts ändern würden, war vorauszusehen. Die Neutralitätserklärung Italiens bot Frankreich den ungeheuren Vorteil, alle seine an der italienischen Grenze stehenden Truppen von den Südalpen wegnehmen und sie gegen Deutschland werfen zu können. Das bereitete die Situation für die Marneschlacht. Und diese Schlacht war, wie die rückschauende Betrachtung der militärischen Kritiker des Weltkrieges übereinstimmend festgestellt hat, für das Schicksal des Weltkrieges entscheidend. So furchtbar rächen sich politische Fehler. Und so zweifellos ist es, daß Kriege letzten Endes nicht militärisch, sondern politisch gewonnen oder verloren werden. Nicht die Führer unserer Heere, sondern in erster Linie Bethmann und Jagow haben den Weltkrieg verloren. Gegenüber Rumänien ging es ähnlich. Hier wurde König Carol, der während seiner ganzen Regierung es als seine vornehmste Aufgabe Rumänien 170 KÖNIG CAROL betrachtet hatte, für den Fall eines großen Krieges sein Land an der Seite von Deutschland und Österreich-Ungarn zu halten, in die Unmöglichkeit versetzt, sich uns anzuschließen. Es kam alles so, wie es mir Peter Carp im Frühjahr in Rom vorausgesagt hatte. Ohne rechtzeitige Orientierung, ohne eine mit verständigen Argumenten gestützte Beweisführung, plötzlich mit der Forderung überrumpelt, in einem offensichtlich durch die Leichtfertigkeit der österreichischen und die Schwäche der deutschen diplomatischen Leitung möglich gewordenen Krieg, der ein Weltkrieg zu werden drohte, an die Seite der Zentralmächte zu treten, stand der alte, weise und würdige König Carol vor dem schmerzlichen Seelenkonflikt: entweder nach einer Regierung von fast einem halben Jahrhundert die Krone niederzulegen und seinem Adoptiwaterland den Rücken zu kehren oder als Hohen- zoller, als preußischer Offizier seinem Heimatlande untreu zu werden. An diesem Konflikt ist, wie mir seine Gemahlin, die Königin Elisabeth, nach seinem zwei Monate später erfolgten Tode durch den zu seiner Beisetzung von Berlin entsandten Fürsten Wedel sagen Heß, König Carol gestorben. Während unsere Heere auf Paris marschierten, wurde ich als Fünf- Der undsechzigj ähriger noch einmal von allen Gefühlen bewegt, mit denen ich Vormarsch f as t eui halbes Jahrhundert früher als Jüngling zu den Fahnen geeilt war. auf Paris j cn p r j eg diejenigen glücklich, die ohne politische Befürchtungen und Sorgen in den Reihen der Armee stehen und kämpfen durften, ich wäre glücklich gewesen, mit der Armee ins Feld ziehen zu können. Ich traf mich fast jeden Morgen mit meinem alten, lieben Freunde, dem Fürsten Karl Wedel, der ebenso wie ich empfand. Er sah auf eine lange, mehr als fünfzigjährige militärische Dienstzeit zurück. Er hatte nicht nur reiche militärische Erfahrungen, sondern auch militärischen Blick. Er war überzeugt, daß die Armee sich des alten Ruhmes würdig zeigen, daß sie alles leisten werde, was in menschlichem Vermögen liege. Aber die Heere der Entente wären den Heeren der beiden Zentralmächte an Zahl weit überlegen. Fürst Wedel hatte vor der Abreise des Großen Hauptquartiers eine längere Unterredung mit dem Chef des Generalstabs, dem Generalobersten von Moltke, gehabt. Nach der Berechnung des deutschen Generalstabs stünden etwas über drei Millionen Soldaten der beiden Mittelmächte fast fünf und einer halben Million Franzosen, Russen, Engländer, Belgier und Serben gegenüber. Wedel beklagte es, daß Deutschland trotz der während der letzten Jahre unverkennbar verschlechterten politischen Lage seine militärischen Hilfsquellen nicht besser ausgenutzt habe. Das um 28 Millionen Einwohner ärmere Frankreich träte, dank seiner dreijährigen Dienstzeit, mit annähernd der gleichen Heeresstärke in den Krieg wie das Deutsche Reich. Der Generalstab hatte eine weit größere Militärvorlage gewünscht, als sie 1913 schließlich eingebracht worden war. Aber Moltke, so klagte Wedel, „EIN KURZES GEWITTER" 171 habe nicht die Kraft besessen, seine bessere Einsicht gegen mancherlei Widerstände durchzusetzen. Im Reichsschatzamt 6eien kleinliche und engherzige Ressortbedenken erhoben worden, die in einer solchen Lebensfrage natürlich in den Hintergrund treten mußten. Bethmann Hollweg sei kein Kanzler, der nach großen Gesichtspunkten urteile und seine Entschlüsse energisch durchzudrücken wisse. Bei unserm Alliierten sei noch mehr versäumt worden. Österreich-Ungarn, dem zuliebe wir zum Schwert griffen, sei infolge seiner zerfahrenen inneren Verhältnisse und unter schwachen und immer schwächer werdenden Regierungen mit seinen militärischen Rüstungen und Heeresvermehrungen weit, sehr weit unter der Grenze des Möglichen gebheben. Wedel wies auch schon im August 1914 darauf hin, daß die Entente, die das Meer beherrsche, bessere Möglichkeiten habe, sich zu verproviantieren, als das dicht bevölkerte und auf eine erhebliche Nahrungsmitteleinfuhr angewiesene Deutschland. Die Entente besitze für die Vermehrung und Ergänzung ihrer Heere und ihres Kriegsbedarfs größere und ergiebigere Quellen als Mitteleuropa. Wedel, und ich teilte diese seine Auffassung, glaubte nicht wie Bethmann Hollweg, daß der Krieg nicht lange dauern, daß der nunmehr ausgebrochene Weltkrieg nur „ein kurzes Gewitter" sein würde. Wir fragten uns beide, ob der auf große Warenimporte eingerichtete Bau der deutschen Volkswirtschaft einer langen Kriegsdauer widerstehen würde. Ich gab der Besorgnis Ausdruck, daß bei der Unbeholfenheit und gleichzeitigen Schwäche unserer politischdiplomatischen Leitung Italien, Rumänien und schließlich sogar die Vereinigten Staaten sich unseren Gegnern anschließen würden. Wedel bedauerte auch, daß in so ernster Zeit zwischen Diplomatie und Generalstab die enge Fühlung, die ich wie mit Schlieffen so auch mit Moltke unterhalten hätte, nicht mehr bestände. Das Verhältnis zwischen Bethmann Hollweg und Moltke sei mehr als kühl. Beide seien empfindliche Naturen und schlössen sich mehr als gut voneinander ab. Während seiner Unterredungen mit dem Generalstabschef hatte Wedel mit Besorgnis wahrgenommen, daß dessen Gesundheitszustand nicht der Telegramm beste war. Moltke hatte ihm erzählt, daß er einen schweren Ohnmachts- Lichnowskys anfall erlitten habe infolge eines politischen„Mißverständnisses", das aller- üheT Neutral dings die Kopflosigkeit und das ganze Durcheinander unserer damaligen jg**^^ Leitung in wahrhaft erschreckender Weise zutage treten Heß. Am 1. August, also einen Tag nach Verhängung des „Zustandes drohender Kriegsgefahr" über Deutschland, wenige Stunden vor der Erklärung der endgültigen Mobilmachung, war ein Telegramm des deutschen Botschafters in London eingetroffen. Fürst Lichnowsky hatte in diesem Telegramm gemeldet, England sei bereit, die Neutralität Frankreichs zu garantieren, wenn 172 LICHNOWSKYS MISSVERSTÄNDNIS letzteres nicht von Deutschland angegriffen würde. Diese Meldung war von Kaiser Wilhelm wie vom Kanzler Bethmann nicht nur mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, sondern mit fast jubelnder Freude aufgenommen worden, die ebenso für beider Friedensliebe wie für ihre politische Ahnungs- losigkeit sprach. Der Kaiser ließ sogleich den Chef des Generalstabs kommen und befahl ihm, den Aufmarsch gegen Frankreich zu stoppen; die ganze Armee solle sofort die Front gegen Rußland nehmen. Als Moltke darauf hinwies, daß durch diesen Eingriff völlige, heillose Unordnung mit unberechenbaren Konsequenzen hervorgerufen und die ganze Mobilmachung gestört werden würde, wurde er vom Kaiser hart angelassen, der einen seiner Flügeladjutanten anwies, der bereits auf Luxemburg marschierenden sechzehnten Division den direkten Befehl Seiner Majestät zu übermitteln, augenblicklich haltzumachen. In Ubereinstimmung mit Bethmann, der triumphierend ausrief, er habe sich also doch nicht in den Engländern getäuscht, richtete der Kaiser ein Telegramm an den König Georg von England, in dem er den englischen Vorschlag mit Freude und Dank annahm. Wenn England sich mit seinen Streitkräften für die Neutralität Frankreichs einsetze, übernehme er, Kaiser Wilhelm, die Verpflichtung, die französische Grenze bis zum 3., abends 7 Uhr, nicht zu überschreiten. In der Nacht vom 1. zum 2. August traf beim Kaiser die Antwort seines Vetters, des Königs von England, ein. König Georg erklärte, daß er die Vorschläge des Kaisers überhaupt nicht verstünde; es könne sich nur um ein grobes Mißverständnis des deutschen Botschafters handeln. In der Tat hatte Fürst Lichnowsky eine telephonische Mitteilung aus dem Foreign Office nicht richtig verstanden. Statt nun, wie es das ABC des diplomatischen Handwerks gebot, so rasch wie möghch Sir Edward Grey aufzusuchen, um sich Gewißheit zu verschaffen, hatte der durch die Krisis der letzten Tage völlig demoralisierte Botschafter ohne weiteres das vermeintliche Neutralitätsangebot Englands nach Berlin gemeldet. Der Kaiser, der, als die Antwort des Königs Georg in Berlin eintraf, schon im Bette lag, wurde mit dem betrüblichen Telegramm seines Vetters durch seinen Leibjäger, den treffhehen Schulz, aus dem ersten Schlummer geweckt. Er ließ sogleich Moltke kommen, empfing ihn in Unterhosen und sagte ibm, daß es mit dem englischen Neutralitätsanerbieten leider nichts sei, die Mobilmachung müsse ihren Fortgang nehmen. Moltke versicherte dem Fürsten Wedel, daß die durch dieses kaum glaubliche Quidproquo hervorgerufene Erschütterung ihm den Lebensnerv durchschnitten habe. Er habe plötzbeh die Empfindung gehabt, vor einem Abgrund zu stehen. Er habe das Gefühl, damals einen Schlagfluß erlitten zu haben. Gewiß eine Übertreibung, aber ein Zeichen, daß der arme Moltke physisch und psychisch ein schwerkranker Mann war. GENERAL LUDENDORFF 173 Fürst Wedel fand den nunmehr begonnenen Vormarsch auf Paris zu stürmisch. Die Anforderungen an die marschierenden Truppen gingen Lüttich nach seiner Meinung über das Maß menschlicher Kräfte hinaus. Aber wir hatten beide, Wedel und ich, den glänzenden Auftakt des Krieges, die Eroberung von Lüttich, mit Jubel begrüßt. Für das Gelingen des Feldzugsplanes im Westen war die möglichst rasche Eroberung der Festung Lütt ich, die unserem rechten Heeresflügel die Straße nach der Hauptstadt Belgiens versperrte, von eminenter Bedeutung. Lüttich mußte fallen, bevor französische oder englische Hilfe eintraf. Ein planmäßiger Angriff hätte zuviel Zeit gekostet. So entstand der Gedanke, vor Beendigung des Aufmarsches, mit vorausbeförderten Truppen, Lüttich im Überfall zu nehmen. Am Abend des 5. August versuchten einige deutsche Brigaden, die vor dem Fortsgürtel von Lüttich standen, in der Dunkelheit zwischen den Werken in das Innere der Festung einzudringen. Der Handstreich wäre fast mißlungen. Die Sturmtruppen kamen nicht vorwärts. Einzelne Teile verloren ihre Führer und gerieten in Gefangenschaft. In diesem kritischen Augenblick stellte sich ein Offizier, der vorübergehend zum Stabe des Führers der Angriffstruppen, des Generals von Emmich, kommandiert worden war, der Oberst Ludendorff, an die Spitze einer Sturmkolonne, der 14. Infanterie-Brigade, deren Führer gefallen war. Den Degen in der Faust, riß er durch sein persönliches Vorbild eine Handvoll tapferer Leute vorwärts und drang durch die Fortlinie in den inneren Raum der Festung. Mit einer einzigen Brigade bemächtigte er sich des durch die noch . von den Belgiern besetzte Fortlinie ganz von der Außenwelt abgeschiedenen Kerns der Festung, deren starke Besatzung vor den wenigen Deutschen das Feld räumte. Deutsche Verstärkungen trafen est nach sechsunddreißig Stunden ein. Die Oberste Heeresleitung atmete auf, denn die Gefahr war beseitigt, daß der deutsche rechte Flügel durch die beiden gewaltigen Maassperren, Lüttich und Namur, in den Raum südlich der Maas zusammengedrängt werden könnte. Namur konnte jetzt von Norden her umgangen werden. Unsere Umfassungsbewegung hatte freie Bahn. Nicht nur bei Wedel und mir, in ganz Deutschland erweckte dieser erste deutsche Erfolg helle Begeisterung. In dem Pulverdampf von Lüttich erblickte das deutsche Volk zum erstenmal den großen General, der sich während vier Kriegsjahren mit Ruhm bedeckte, der um die Fahnen der Armee neuen und reichen Lorbeer winden sollte, der trotz dem Gekläff blinder Demagogen und der kindischen Kritik weit- und kriegsfremder Stubengelehrter, trotz seiner späteren politischen Entgleisungen, so bedauerlich sie auch an und für sich waren, immer eine der großen Erscheinungen der deutschen Geschichte bleiben wird: den General Ludendorff. In den nächsten Tagen freute ich mich mit Wedel der Siege von 174 „BETET FÜR UNS!" Die Mülhausen, Saarburg, Neufchäteau, an der Maas und bei Monts, bei Charleroi, Marneschlacht Maubeuge, Saint-Quentin. Wir hörten, daß die Ulanen schon die Türme von Paris, daß sie schon den Eifelturm vor sich sähen. Aber bald nachher hatte Wedel einen jüngeren Offizier gesprochen, der, als der Vormarsch in Unordnung geraten war, in den ersten Tagen des September dienstlich bei Moltke gewesen war. Er war entsetzt über das Aussehen des Chefs des Generalstabes, der, als er bei ihm eintrat, gebrochen an seinem Tisch saß, das Gesicht in beide Hände vergraben. Als er auf blickte, sah der Besucher in ein bleiches, von Tränen überströmtes Antlitz. Ein oder zwei Tage später hörte Wedel aus der Umgebung der Kaiserin, sie hätte von ihrem hohen Gemahl ein Telegramm erhalten: „Betet für uns!" Es wäre eine Anmaßung von meiner Seite, wenn ich mir in strategischen Fragen ein Urteil erlauben wollte, weil ich einst als Husarenleutnant vor dem Zuge geritten bin. Bei unbegrenzter Liebe und Treue für die Armee, deren Uniform ich ein halbes Jahrhundert trug, bin ich mir meiner Unzuständigkeit in dieser Richtung durchaus bewußt. Ich meine aber, daß auch der Laie das Recht hat, nachstehendes zu sagen: Große Konzeptionen, politische wie strategische, lassen sich nicht im voraus auf dem Papier festlegen, um dann Jahre nachher in die Tat umgesetzt zu werden. Solche Konzeptionen sind keine Heringsware, die man einpökeln kann auf einige Jahre. Das hat niemand häufiger und schärfer betont als Bismarck. Napoleon I. hat nicht selten vorher getroffene Dispositionen geändert, wenn . er, auf dem Schlachtfeld eingetroffen, während das Gefecht schon im Gange war, sich vor eine neue Situation gestellt sah. Kriegs-Führung und Politik wären einfacher und leichter, als sie in Wirklichkeit sind, wenn der zum Handeln berufene Staatsmann oder Feldherr nur eine Schublade aufzuziehen brauchte, um dort ein für jeden Fall passendes und Erfolg versprechendes Rezept zu finden. Der Plan, den der geniale Graf Alfred Schlieffen eine Reihe von Jahren vor Ausbruch des Weltkrieges ersonnen hatte, konnte Anregungen und Fingerzeige, er konnte sogar die großen Richtlinien der Kriegs-Führung geben. Er durfte nicht als ein Ukas aufgefaßt und behandelt werden, der nun blind und mechanisch ausgeführt wurde. Auch hier gilt das Wort des Apostels, daß der Buchstabe tötet und daß nur der Geist lebendig macht und lebendig erhält. Dem Geist des Schlieffenschen Planes aber wurde Moltke II untreu in wesentlichen und lebenswichtigen Punkten, wie dies die militärische Kritik seitdem nachgewiesen hat und wie das auch der Laie begreift. Es zeigte sich, wie berechtigt die Zweifel und Besorgnisse gewesen waren, die der arme Moltke im September 1905 mir gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte, als wir um den Wasserturm am Hippodrom ritten, als er mir auseinandersetzte, wie schwere Bedenken er gegen die Übernahme der MACCHIAVELLI 175 für den Kriegsfall mit einer so ungeheuren Verantwortung verbundenen Stellung des Chefs des Generalstabs empfinde. Es zeigte sich, welche Gefahren es in sich barg, daß Wilhelm II. Posten, von deren richtiger Besetzung Sieg oder Niederlage, Aufstieg oder Untergang, Wohl und Wehe des Reiches abhingen, nach persönlicher Sympathie oder Antipathie zu besetzen geneigt war. Ein reiner und lauterer Mensch, mit den besten Absichten, gewissenhaft und pflichttreu, Idealist durch und durch, gehörte der Neffe des großen Schlachtendenkers, des Organisators der Siege von Sadowa und Sedan, in die Reihe jener unglücklichen Feldherren, die von Mardonios und Varus bis zu Benedek und Trochu das Mitleid aller menschlich Empfindenden erwecken, die aber vor dem Richterstuhl der Geschichte nicht bestehen. Als der Rückzug unserer Heere amtlich in der Form zugestanden wurde, daß wir unseren rechten Flügel „zurückgebogen" hätten, machte Belgi sich Fürst Wedel, der manche guten militärischen Verbindungen hatte, keine Illusionen darüber, daß der deutsche Angriffsplan vereitelt worden war. Ich stimmte mit ihm darin überein, daß damit unser Einmarsch in Belgien als ein ungeheuerlicher Fehler erscheinen mußte. Es gibt Aktionen, die nur zu verteidigen sind, wenn sie reüssieren. Dann kann manchmal das Wort des Macchiavelli zutreffen, daß auch eine schlimme Handlung nützlich, segensreich und gut erscheine, wenn sie gelinge. Cosa fatta capo ha! Aber eine zweifelhafte Handlung, die scheitert, ist schwerer zu rechtfertigen. Als es uns weder gelang, den durch das Ultimatum an Serbien provozierten Konflikt zu lokalisieren, wie Bethmann und Jagow dies erwartet hatten, noch mit dem Einmarsch in Belgien den französischen Widerstand rasch und endgültig zu brechen, lag es auf der Hand, daß wir uns moralisch ins Unrecht gesetzt hatten, ohne einen entsprechenden realen politischen Gewinn zu erzielen. „Quand on fait des crasses, il faut cra'elles reussissent", pflegte meine geistreiche Petersburger Freundin Missy Durnow zu sagen. Daß unser Einmarsch in Belgien und damit verbunden die Verletzung der Souveränität und Neutralität Belgiens und von uns unterzeichneter und während eines Jahrhunderts von aller Welt respektierter Verträge ein Schritt von der allergrößten politischen Tragweite war, konnte nicht zweifelhaft sein. Verschärft wurde dieser Fehler durch die ungeheuerliche Rede, die Bethmann Hollweg am 4. August 1914 im Reichstag hielt. Selten oder nie hat ein für die Sicherheit und Zukunft eines großen Volkes verantwortlicher Staatsmann in einem Augenblick weltgeschichtlicher Entscheidung eine ungeschicktere, eine unglücklichere, eine unheilvollere Rede gehalten. Vor dem eigenen Lande und vor der ganzen Welt erklärte der deutsche, nicht etwa der französische oder belgische leitende 176 EIN VERHÄNGNISVOLLES WORT Staatsmann, daß wir mit dem Einmarsch in Belgien ein Unrecht begingen, daß aber Not kein Gebot kenne. Die Stunde, in der ich diese Rede las, wird mir unvergeßlich bleiben, denn selten in meinem Leben habe ich einen solchen Seelenkrampf empfunden. Ich verstand, was die Leute aus dem Volke, was die Kinder meinen, wenn sie sagen: „Das Herz stand mir still." Ich fühlte, daß wir uns mit dieser programmatischen Erklärung a priori alle Imponderabilien verscherzt hatten, daß wir nach dieser unqualifizierbar einfältigen Rede die öffentliche Meinung der ganzen Welt gegen uns haben würden. Und am Abend desselben Unglückstages, des 4. August 1914, bezeichnete der deutsche Reichskanzler in seiner Unterredung mit dem englischen Botschafter, Sir Edward Goschen, die internationalen Verträge, auf denen die Neutralität Belgiens beruhte, als einen Fetzen Papier, un chiffon de papier, a scrape of paper. Seit jenem 15. Juli 1870, wo dem französischen Ministerpräsidenten, Emile Ollivier, im Pariser Corps legis- latif das Wort cceur leger entfuhr, war kein verhängnisvolleres Wort gesprochen worden. Ollivier, der in öffentlicher Parlamentssitzung von dem leichten Herzen gesprochen hatte, mit dem er in den Krieg zöge, blieb nichts anderes übrig, als den, übrigens mißlungenen, Versuch zu machen, sich in einem dickleibigen Buch zu diskulpieren. Für Bethmann Hollweg, der seine Dummheit unter vier Augen von sich gegeben hatte, lag die Sache erheblich einfacher und leichter. Man brauchte wahrhaftig kein Macchiavelli zu sein, um zu begreifen, daß, wenn Bethmann Hollweg seine unselige Äußerung in einem Augenblick seelischen Zusammenbruchs wirklich gemacht hatte, die Staatsräson und die höchsten Interessen der Nation ihm geboten, sie umgehend und kategorisch dementieren zu lassen. Es stand Behauptung gegen Behauptung, der Negation kam der gleiche Wert zu wie der Affirmation. Bethmann durfte das deutsche Volk nicht mit diesem fürchterlichen Wort belasten, das die Entente während des ganzen Weltkrieges und bis zum Frieden von Versailles mit systematischer Ausdauer der öffentlichen Meinung der Welt einhämmerte, um Deutschland als ruchlosen Vertragsbrecher hinzustellen und einem solchen Volke gegenüber besondere Schutzmaßnahmen als notwendig erscheinen zu lassen. Man denke sich Bismarck, man denke sich auch nur Talleyrand oder Metternich in einer solchen Situation! Wie ganz anders war die Haltung, die Fürst Clemens Metternich gegenüber einem Napoleon in der berühmten Dresdener Unterhaltung von 1813 zur Schau trug, wie anders das Auftreten des Fürsten Talleyrand in seiner von ihm selbst in seinem bekannten Bericht an Louis XVIII wiedergegebenen Unterredung mit Kaiser Alexander I. 1814, während des Wiener Kongresses: Metternich ganz der Grandseigneur, der nie aus der Fassung gerät, Talleyrand der geschickte Diplomat, der sich mit Takt, mit Aplomb und in guter Form aus jeder Affäre herauszieht. Übersetzung der englischen Note an Deutschland wegen der Neutralität Belgiens. Durch den englischen Botschafter Sir E. Goschen dem Staatssekretär von Jagow am 4. August überreicht (Zu S. 175) Notiz. Sir E. Goschen ist von Sir Edward Grey benachrichtigt worden, daß S. M. der König der Belgier an S. M. König Georg eine Bitte um diplomatische Intervention zugunsten Belgiens gerichtet hat. Sr. M. Regierung hat auch erfahren, daß die deutsche Regierung an die belgische Regierung eine Note gerichtet und ihr vorgeschlagen hat, wohlwollende Neutralität zu beobachten, die f eien Durchmarsch durch belgisches Gebiet zur Folge haben ivürde, ivührend Deutschland verspricht, bei Friedensschluß die Unabhängigkeit und Integrität des Königreichs und seiner Besitzungen aufrechtzuerhalten, jedoch droht, Belgien im Falle einer Weigerung als Feind zu betrachten. Es wurde verlangt, daß innerhalb zwölf Stunden eine Antwort gegeben werde. Sr. Majestät Regierung hat auch gehört, daß diese Forderung als eine offenkundige Verletzung des Völkerrechts energisch zurückgewiesen worden ist. Sir Edward Grey erklärt, daß Sr. M. Regierung verpflichtet ist, gegen die Verletzung eines Vertrags zu protestieren, den Deutschland gemeinsam mit ihr selbst geschlossen hat, und daß sie eine Zusicherung verlangen muß, daß die an Belgien gestellte Forderung nicht weiter verfolgt werden wird, und daß Deutschland die Neutralität Belgiens achten wird. Sir Edward Goschen ist angewiesen, um eine umgehende Antwort zu ersuchen. Berlin, 4. August 1914. Randvermerk Jagows: „Von Sir E. Goschen heute nachmittag überreicht 4/8. v. J." Der Kaiser vermerkt darauf am gleichen Tage: „7 h. N. M." (7 Uhr nachmittag) und ordnet durch Randverfügung Weiterleitung an den Chef des Generalstabs an. Jagoiv vermerkte auf der Innenseite der Ausfertigung: „Ich habe Sir E. Goschen geantivortet, daß wir die belgische Neutralität aus Notwehr hätten verletzen müssen, ich habe alle unsere zwingenden Gründe auseinandergesetzt und alle in London abgegebenen Versicherungen nochmals wiederholt. Jagoiv." Am gleichen Tage abends 7 Uhr erschien der englische Botschafter aufs neue im Auswärtigen Amt und überreichte dem Staatssekretär von Jagow das englische Ultimatum und verlangte gleichzeitig seine Pässe, da ein Nachgeben von deutscher Seite nicht in Aussicht gestellt werden konnte. Die Note hatte in deutscher Übersetzung folgenden Wortlaut: „Sr. M. Regierung erfährt, daß Deutschland an den belgischen Minister des Auswärtigen eine Note des Inhalts gerichtet hat, daß die deutsche Regierung nötigenfalls mit Waffengewalt Maßnahmen, die sie für unentbehrlich hält, durchzuführen gezwungen sein werde. Sr. M. Regierung hat auch erfahren, daß belgisches Gebiet bei Gemmenich i'erletzt ivorden ist. Unter diesen Umständen und in Anbetracht der Tatsache, daß Deutschland sich geweigert hat, in betreff Belgiens die gleiche Versicherung zu erteilen, die Frankreich vergangene Woche als Antivort auf das gleichzeitig in Berlin und Paris gestellte Ersuchen abgegeben hat, muß Sr. M. Regierung dieses Ersuchen wiederholen und verlangen, daß hierauf und auf die von Sir Edward Goschen früher im Laufe des Nachmittags gemachte Mitteilung bis heute 12 Uhr nachts eine zufriedenstellende Antwort in London eingeht. Andernfalls ist Sir Edward Goschen angewiesen, seine Pässe zu verlangen und mitzuteilen, daß Sr. M. Regierung sich für verpflichtet hält, alle in ihrer Macht liegenden Schritte zu tun, um die Neutralität Belgiens und die Einhaltung eines Vertrages zu sichern, zu dessen Unterzeichnern Deutschland ebenso gehört wie Sr. M. Regierung." -/5?3' n VyLt^r %Us> /. L j^, ■ü <^L> i ^ 4 f l k Aide Memoi: •4 *tyw \vJ Sir Edward Goschen Edward Grey that His Ms Belgians has addressed t appeal for dipjomatic ir Belgium. His Majesty's Gove a Note has beer delivere by the German Government ^7 / entailing free passage t I promising to maintain at independence and integri possessions, threatening ft£« O fti^tsi^-L A l-iU ? Ä ^ tuty*^6\^ 'tr O^ef be« ^etrewlfiabeS ber %xtm % * fcUr^n^ (.hi/v» /tl/iisÄAw -tVu/k eneray in case of refusal. It was requested that an answer might be returned within twelve hours. His Majesty's Government also understand that this request has been categorically refused by. Belgium as a flagrant violation of the Law of Nations. Sir Edward Grey states that His Majesty's Government are bound to protest against this violation of a Treaty to which Germany is a party in common with themselves and that they must request an assurance that the demand made upon Belgium will not be proceeded with and that Germany will respect the neutrality of Belgium. SLr Edward Goschen is instructed to ask for an immediate reply. BERLIN, August 4, 1914. XIV. KAPITEL War der Weltkrieg zu vermeiden? • Warum wurde die Flotte nicht eingesetzt? • Die oberste militärische Führung • Generaloberst von Moltke • Die Mission des Oberstleutnants Hentsch • Die Schlacht bei Tannenberg • General von Falkenhayn Nachfolger Moltkes • Für uns bedenkliche Entwicklung der Dinge in Rom • Der österreichischungarische Botschafter Merey • Passivität des deutschen Botschafters Flotow • Italiens Neutralitätserklärung Nach der unseligen Kanzlerrede vom 4. August 1914 las ich mit trüben Ahnungen in der politischen Chronik der „Revue des Deux Mondes" Francis die Ausführungen, mit denen mein alter Freund, Francis Charmes, ein Charmes guter Franzose und Schüler von Gambetta, aber ein ruhiger und maßvoller " 6e f den Politiker und Publizist, den Ausbruch des Krieges begrüßte. Es hieß in diesem Artikel: „La guerre s'est presentee ä nous dans des conditions telles que, meme dans nos reves, nous n'aurions jamais pu en imaginer de plus favorables. Si une fee tutelaire etait venue nous dire: La guerre est certaine, inevitable, prochaine: comment preferez-vous, comment souhaitez-vous qu'elle s'engage ? qu'aurions — nous pu repondre, sinon en exprimant le desir que, des le premier moment, la Russie, notre alliee, et l'Angleterre, notre amie, marchassent resolument avec nous, que Pltalie, notre sceur latine, desapprouvant l'aggression dont nous aurions ete l'objet refusät de s'y associer et proclamät sa neutralite en attendant mieux; que des puissances, petites par leur territoire mais tres grandes par le cceur, fussent provoquees et envahies au mepris de la foi juree, de maniere ä ce que leur cause se confondit avec la notre et ä ce que l'opinion du monde civihse, se prononcant en leur faveur, mit egalement son espoir en nous ? Nous aurions demande que ces müle ,forces imponderables' dont Bismarck connaissait la valeur fussent de notre cote. Eh bien: tous ce veeux dont la realisation totale paraissait si difficile que nous n'aurions pas ose les exprimer, tous ont ete exauces. Nous ne savons pas ce que sera la suite de la campagne, mais eile ne pouvait mieux commencer. Nous le disons hardiment: toutes les chances sont de notre cote." Eheu! Wir hatten diplomatisch, politisch den Krieg verloren, bevor der erste Schuß gefallen war. In alten Zeiten war in Tierarzneischulen ein Bild zu sehen, das das Gerippe eines Pferdes darstellte. Uber dem Bild stand als Aufschrift: „Das 12 Billow III 178 WAHN kranke Pferd." Auf dem Gerippe waren bildlich alle Krankheiten angegeben, von denen ein armes Roß befallen werden kann, vom Rotz bis zur Strahlfäule. In der Hochschule für Politik, die für die Ausbildung unserer künftigen diplomatischen Beamten vor einiger Zeit ins Leben gerufen wurde, sollte ein Spezialkursus eingerichtet werden, der an den von der deutschen Politik im Hochsommer 1914 begangenen Fehlern den Schülern zeigt, wie Diplomaten es nicht machen dürfen, der die Stümperei von Bethmann Hollweg und Jagow dem diplomatischen Nachwuchs als abschreckendes Beispiel vor Augen führt: Hier seht, wie ihr es nicht machen sollt, wie ihr es nicht machen dürft! Bethmann und Jagow täuschten sich im Sommer 1914 in allem und jedem. Sie täuschten sich in der von ihnen vorausgesetzten Zugkraft der Mordtat von Sarajewo, die, wie sie fälschlich annahmen, alle Mächte an die Seite Österreichs führen würde. Gegenüber der russischen Mentalität war, wie ich dies Bethmann vorausgesagt hatte, diese Zugkraft von vornherein sehr gering. Und auch im Westen versagte sie, als dort die Übertreibungen, die Schroffheit und Plumpheit der österreichischen Forderungen und Pläne zutage traten. Die Leiter unserer auswärtigen Politik täuschten sich in Italien und in Rumänien, die sie zu übertölpeln und zu überrennen dachten, die sich aber mit Rußland und Frankreich hinter sich und gestützt auf den Wortlaut der Dreibundsverträge weder überbsten noch einschüchtern ließen. Bethmann und Jagow täuschten sich vor allem in England. Bethmann hat jedermann, dem Kaiser Wilhelm II. wie dem Bundesrat, dem österreichisch-ungarischen Botschafter wie den deutschen Vertretern im Auslande versichert, wir könnten mit Sicherheit darauf rechnen, daß England wenigstens im ersten Stadium des Krieges neutral bleiben würde. Wahn, überall Wahn. Wie ich schon hervorhob, bestand der wohl allergröbste Fehler der vier oder fünf Personen, die uns ins Verderben führten, darin, daß sie Beschlüsse von solcher Tragweite in der Dunkelkammer des Auswärtigen Amts faßten, ohne irgend jemand um Rat zu fragen, weder erfahrene Diplomaten noch kluge Männer des wirtschaftlichen Lebens, wie Albert Ballin, Arthur Gwinner, Emil Rathenau, Max Warburg, Karl Fürstenberg, Paul von Schwabach. Seufzend sagte mir Albert Ballin im zweiten Jahr des Weltkrieges: „Wenn ich im Sommer 1914 etwas gewußt hätte von dem, was Bethmann Hollweg und Jagow vorhatten, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte von dem geplanten Ultimatum und der in Aussicht genommenen Strafexpedition gegen Serbien, so würde ich auf alle Fälle Deutschland wenigstens rechtzeitig mit Getreide vollgepumpt haben." Das Ungeschick, Die Weltkrise mit dem unser Comite — nicht de Salut pubhc, sondern de Catastrophe durch das publique — die durch das Ultimatum hervorgerufene Weltkrisis weiter Ultimatum behandelte, spottete jeder Beschreibung. Die englischen Ver- BERLINER UND WIENER KABINETT 179 mittlungsvorschläge wurden a limine abgelehnt, verschleppt oder sabotiert. Ich wiederhole noch einmal: Nicht als ob die Lenker der deutschen Politik den Weltkrieg gewollt hätten, sondern weil sie sich törichterweise Die Note einbildeten, es werde ihnen gelingen, eine österreichische Strafexpedition an Serb ' e " zur „Züchtigung" Serbiens in Szene zu setzen, ohne daß es zu einem europäischen Kriege käme. Dadurch wurde nicht nur die Gefahr des von Poincare und Delcasse, von Paleologue und Cambon, von den englischen Jingoes wie von dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch und den montenegrinischen Großfürstinnen gewünschten Weltbrandes gesteigert, sondern wir kamen in den unberechtigten und tatsächlich ganz unbegründeten Verdacht, den Krieg gewollt und absichtlich herbeigeführt zu haben. Während das deutsche Volk ehrlich davon überzeugt war, daß es das Opfer eines heimtückischen Uberfalls geworden sei, hielt uns die ganze Welt für den Brandstifter, der mit dem Ultimatum an Serbien die Fackel in das europäische Pulverfaß geschleudert und überdies durch die Verletzung der belgischen Neutralität einen unerhörten Bruch beschworener Verträge wie des Völkerrechts begangen habe. Während wir nicht für eine zugkräftige Parole gesorgt hatten, um die öffentliche Meinung der Welt auf unsere Seite zu bringen, lieferten wir durch unsere ungeschickte Politik unseren Feinden zwei Argumente, mit denen sie die Weltmeinung für sich gewannen: daß das große Österreich das kleine Serbien überfallen und daß Deutschland durch seinen Einmarsch in Belgien das internationale Völkerrecht verletzt hätte. Unsere ungeschickte Propaganda tat das übrige. Wir leugneten, daß wir den Inhalt des Ultimatums gekannt hätten. Nun mußten wir aber selbst zugeben, daß der österreichisch-ungarische Minister des Äußern, Graf Berchtold, am 21. Juli vormittags die Note an Serbien unserem Botschafter Tschirschky zugestellt hatte. Wenn Tschirschky diese Note, deren Tragweite ihm doch nicht einen Augenblick zweifelhaft sein konnte, sogleich durch einen seiner Beamten nach Berlin schickte, so lag sie am 22. Juli vormittags auf dem Tisch des Beichskanzlers und des Staatssekretärs. Wir hatten also noch achtzehn Stunden Zeit, die Übergabe des Ultimatums in Belgrad aufzuhalten, die erst am 23. Juli, nachmittags sechs Uhr, erfolgte. Wobei zweierlei nicht zu vergessen ist: Erstens, daß das Auswärtige Amt den Inhalt des Ultimatums in Wirklichkeit schon früher kannte, wie dies aus dem bekannten Bericht des bayrischen Geschäftsträgers in Berlin, des Legationsrats von Schön, und aus einer ebenso bekannten, gleichzeitigen Äußerung des bayrischen Ministerpräsidenten Hertling gegenüber dem französischen Gesandten in München, Herrn Allize, hervorgeht. Übrigens ist noch die Frage, was politisch der schlimmere 12» 180 GRAF LEOPOLD BERCHTOLD Fehler gewesen wäre: dem Wiener Kabinett die Absendung einer derartigen Note an Serbien in voller Kenntnis ihres Inhalts zu erlauben oder Österreich- Ungarn einen Blanko-Wechsel für seine Politik gegenüber Serbien auszustellen. Der kluge Ballin hat mir mehrmals gesagt, daß er die zweite Alternative für die noch größere Dummheit hielte. Wenn er die Absicht habe, seinem Sozius zu erlauben, ihr gemeinschaftliches Kapital in Monte Carlo auf Rot oder Schwarz, Pair oder Impair zu setzen, so wolle er wenigstens selbst dabei sein, wenn sein Kompagnon den Coup riskiere. Daß er aber seinen Sozius allein nach Monte Carlo reisen lasse und dessen eigenem Ermessen alles Weitere anheimstelle, sei das Allerdämlichste. Noch unverzeihlicher war, ich muß auch dies wiederholen, daß Bethmann und Jagow, nachdem sie Zeit gehabt hatten, das Ultimatum gründlich zu studieren, nicht wenigstens in Wien kategorisch erklärten, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien und gar ein militärisches Vorgehen Österreichs gegen Serbien dürfe keinesfalls erfolgen, bevor wir die serbische Antwort sorgsam geprüft hätten. Im Gegenteil: Je gefährlicher die Situation sich zuspitzte, um so mehr gerieten Bethmann und Jagow, Wilhelm Stumm und Diego Bergen in immer größere, schließhch blinde Abhängigkeit vom Wiener Ballplatz, wo Graf Leopold Berchtold thronte. Bei Jagow spielte hierbei, wie ich schon andeutete, kleinjunkerliche Voreingenommenheit für die „ehrwürdige und heilige" habsburgische Monarchie mit. Den anderen Mitgliedern der Berliner Zentrale, die das waren, was adliger Hochmut „Roturiers" nennt, imponierte ein Vollblutaristokrat, Vliesritter und großer Kavalier wie Berchtold, der einen Rennstall hielt, glänzende Jagden gab und von sich zu sagen pflegte, daß es für ihn als Minister nur zwei wirklich angenehme Augenbhcke gäbe: den Moment seiner Ernennung, wo er als Nachfolger des Fürsten Clemens Metternich und des Fürsten Felix Schwarzenberg die Glückwünsche seiner Standesgenossen entgegengenommen habe, und den Tag, wo er seinen Abschied einreichen werde, um sich nur noch der Jagd und seinem Rennstall zu widmen. Von einem solchen Schwachmatikus ließen sich Bethmann und seine Mitarbeiter in Krieg und Verderben verstricken. Ohne den Krieg zu wollen, nur aus Einfältigkeit. Nur einmal im Laufe jener verhängnisvollen Entwicklung hat sich 1908undl914 Bethmann Hollweg zu einer einigermaßen klaren Verwahrung aufgerafft, als er am 29. Juli von Österreich die Wiederaufnahme der abgebrochenen direkten Besprechungen mit St. Petersburg mit den Worten forderte: „Wir sind zwar bereit, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen." Nachdem Bethmann, Jagow und mit ihnen leider auch Wilhelm II. von Anfang an Österreich Carte DAS SIMILE 181 blanche gegeben und es in seinem weiteren Vorgeben bestärkt und ermuntert hatten, mußte diese um zehn Tage verspätete Warnung wirkungslos verpuffen. Es scheint, daß Bethmann der Gedanke vorschwebte, meine Taktik während der bosnischen Krisis, die sich fast sechs Jahre vor dem Weltkrieg abgespielt hatte, mit dem Ultimatum an Serbien nachzuahmen. Nun gibt es aber in der auswärtigen Pobtik nichts Bedenklicheres, als, um mit dem Fürsten Bismarck zu reden, nach einem Simile zu arbeiten, denn diplomatische Situationen gleichen sich nie vollständig. Die Umstände, die in Frage kommenden Persönbchkeiten, die Stimmungen und Strömungen sind immer verschieden. Der Polizeipräsident, der eine Verordnung für den Marktverkehr ausarbeitet, mag nach einem Simile greifen. Wer Pobtik treiben will, muß eigene Gedanken haben. Schon Kiderlen war in den Fehler verfallen, mit dem Panthersprung nach Agadir die Pobtik nachahmen zu wollen, mit der ich durch den Kaiserbesuch in Tanger den damals für uns und den Weltfrieden gefährbchsten Gegner, Delcasse, für viele Jahre mattsetzte. Mit Tanger erreichte ich diesen Zweck. Agadir mißlang. Es gbch jenem Vorgang, der sich gelegentbch bei Feuerwerken ereignet: Statt gerade in die Luft zu steigen, fährt die Rakete den Umstehenden zwischen die Berne und richtet Verwirrung und Schaden an. Noch weit verfehlter als der Kiderlensche Panthersprung war der Gedanke Bethmanns, mit seiner Ultimatumspobtik meine Behandlung der bosnischen Krise zu imitieren. Bethmann woUte endbch einmal auch einen politischen Erfolg haben. Wie Sasonow im April 1914 mit Recht an den russischen Botschafter in Rom geschrieben hatte, lagen aber die Verhältnisse 1914 total anders als 1908, sechs Jahre früher. Rußland war 1908 durch eine Reihe von vertraulichen Noten und Verabredungen gebunden, insbesondere durch einen Brief seines Ministers des Auswärtigen, Iswolski, der eine nicht wegzuleugnende Invite an Österreich enthielt. 1908 hatte ich Osterreich fest in der Hand und war sicher, daß es die ihm von mir gezogene Grenze nicht überschreiten würde. Ich verlor weder die Fühlung mit Rußland noch auch die mit Itaben. Um mich französisch auszudrücken: Je jouais sur le velours. 1914 hatte Bethmann keine anderen Atouts in seinem diplomatischen Spiel als die durch die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand erweckte Entrüstung, die sich verflüchtigte, als die eigentbchen Motive und wahren Ziele der Berchtold und Conrad von Hötzendorf zutage traten und damit die Möglichkeit eines Weltbrandes. Si duo faciunt idem, non est idem. Das gilt namentlich für die Pobtik, wo alles fließt. Ich weiß wohl, daß die Meinung weit verbreitet ist, der Weltkrieg würde, auch wenn er 1914 vermieden worden wäre, 1915 oder 1916 doch gekommen sein. Der Weltkrieg wäre ein unentrinnbares Fatum gewesen. Ich halte 182 DAVID UND GOLIATH diese Auffassung für grundfalsch. Ich glaube nicht an die zwangsläufige Entwicklung. Ich halte es mit Napoleon, der einem geschlagenen Unterbefehlshaber erwiderte, der sich mit der „fatalite" entschuldigte: „La fatalite, l'excuse des incapables et des maladroits." Wir konnten mit einer ruhigen und gewandten Hand 1914 ebensogut den Frieden wahren, wie wir ihn 1888, 1905 und 1909 erhalten hatten. Jedenfalls brauchte sich das Deutsche Reich nicht unter einer derartig ungünstigen Konstellation, in so ungeschickter Weise, am Wiener Gängelband in diesen furchtbaren Krieg verstricken zu lassen. Es ist begreif lieh, daß ich, der ich an dem Ausbau unserer Flotte einen Die großen Anteil gehabt habe, ihrer Betätigung im Kriege mit Spannung, mit U-Boot-Waffe hohen Erwartungen entgegensah. Die Tüchtigkeit unserer Matrosen, die Intelligenz und der glänzende Geist unserer Seeoffiziere, die Stimmung in der Heimat, die mit vollem Vertrauen auf unsere blauen Jungen blickte, berechtigten zu stolzen Hoffnungen. Ich war, wie ich schon ausgeführt habe und wie ziemlich allgemein bekannt ist, bei aller Hochachtung für die ungewöhnliche Persönlichkeit des Großadmirals von Tirpitz, sein Organisationstalent und seine Tatkraft doch seit dem Beginn des methodischen Ausbaus der Flotte, der mit der Ernennung von Tirpitz zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes und meiner Ernennung zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts zusammenfällt, nicht ganz damit einverstanden, daß Tirpitz das Hauptgewicht gar so sehr auf den Bau großer Kampfschiffe legte. Ich hätte es Heber gesehen, wenn Tirpitz, dem ihm vom greisen Bismarck erteilten Rat folgend, mehr Kreuzer auf Kiel gelegt, wenn er später, als die neue Waffe aufkam, rechtzeitig und in möglichst großer Zahl U-Boote gebaut, wenn er eifriger für Flugzeuge gesorgt hätte. Laie auf diesem Gebiet und weit entfernt, in eine mir fernliegende Materie dilettantisch einzugreifen, hatte ich doch das instinktive Gefühl, daß wir mit einem forcierten Bau von Groß- und Schlachtschiffen die Engländer immer mißtrauischer machten, sie schwer reizten, ohne sie doch überflügeln zu können. Das U-Boot erschien meinem Laienverstand als die Schleuder, mit welcher der kleine David, wenn ihm Wagemut und Glück nicht fehlen, den großen Goliath bezwingt. Nach dem Ende des Weltkrieges schrieb der englische Admiral Scott: „Wenn Kaiser Wilhelm im Herbst 1914 den Vorschlag, England durch U-Boote zu blockieren, angenommen hätte, so würde damals eine solche Blockade in kürzester Zeit den Zusammenbruch herbeigeführt haben." Und als im Dezember 1914 der Kaiser den Admiral Ingenohl, der unter sehr günstigen Gefechtsbedingungen den Kampf mit einem englischen Geschwader aufnehmen wollte, zwang, abzudrehen und nach Wilhelmshaven zurückzukehren, schrieb Admiral Scheer, der spätere Sieger von Skagerrak: „Der Eindruck, eine selten günstige Gelegenheit DIE FLOTTE WIRD GESCHONT 183 versäumt zu haben, blieb haften, die Wiederkehr einer solchen Gelegenheit war kaum zu erwarten." Und Tirpitz erklärte direkt: „Am 16. Dezember hatte Ingenohl das Schicksal Deutschlands in der Hand." Woran lag es, daß unsere Schlachtflotte nicht rechtzeitig eingesetzt wurde ? Von Generalstabsoffizieren ist mir versichert worden, daß Schließen Die Nicht- wie Moltke auf eine sofortige und offensive deutsche Kriegführung auf hoher einsetzung der See immer großen Wert gelegt hätten. Der Großadmiral Tirpitz stand auf Schlacht fl°" e dem gleichen Standpunkt und wünschte grundsätzlich eine baldmöglichste Entscheidung zur See, nicht nur, weil er sich von einer solchen vollen Erfolg versprach, sondern auch, um zu beweisen, daß die von ihm geschmiedete Waffe schlagfertig und schlagkräftig sei. Aber der Kaiser, das lahme Auswärtige Amt und der schwankende, ängstliche Reichskanzler dachten anders. Wilhelm II. hatte von Anfang an, seitdem er begann die Flotte zu bauen, der Gedanke ganz ferngelegen, seine Marine kriegerisch zu verwenden. Eine möglichst starke deutsche Seemacht sollte nur eine Schutzwehr gegen Friedensstörungen sein. Sie sollte auch gelegenth'ch die Möglichkeit zu prächtigen Manövern bieten. Mehr nicht. Der Kaiser kannte jedes einzelne seiner Kampfschiffe. Er hatte auf jedem seine besondere Kabine, jede Kabine mit Komfort eingerichtet, mit allen Toilettengegenständen, die ihm sein biederer Leibjäger, Vater Schulz, aufgebaut hatte, mit allen Bildern seiner Lieben an der Wand. Diese seine schönen, ihm ans Herz gewachsenen Schiffe dem Untergang auszusetzen, brachte er nicht über sich. Das kam ihm ähnlich vor, als wenn man einem Rennstallbesitzer vorgeschlagen hätte, seine edelsten Rennpferde vor die Erntewagen zu spannen mit der Gefahr, daß sie lahmgefahren würden. Der Kaiser wollte die Flotte „schonen", Bethmann Hollweg wollte die Engländer „nicht reizen". So begegneten sich beide in der Formel, daß die Flotte bis zum Friedensschluß unversehrt erhalten werden müsse, um dann bei den Friedensverhandlungen in die Waagschale gelegt zu werden. Das Ende war Scapa Flow. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß die Vorwürfe, welche die retrospektive militärische Kritik dem Generaloberst Moltke macht, auch dem- Die Lage jenigen, der nie die karmoisinroten Streifen des Generalstäblers trug, <"> der berechtigt erscheinen. Der Vorwurf, der ihm vor allem gemacht werden Westfront muß, ist, daß er die Zügel am Boden schleifen ließ, daß er die Armeeführung nicht in der Hand behielt, daß sein Standort, erst Koblenz, dann Luxemburg, von dem entscheidenden rechten deutschen Flügel zu weit entfernt war, daß er nicht einmal für bessere Verständigungsmöglichkeiten zwischen sich und den betreffenden Hauptquartieren des rechten Flügels gesorgt hatte. Die einzelnen Armeen leisteten Glänzendes, aber es fehlte die zentrale Leitung, die einheitliche Hand, die alle Einzelhandlungen in Überein- 184 DAS MARNE-WUNDER Stimmung brachte. Als die Lage an der französischen Front immer kritischer wurde, hätte Moltke selbst die drei Armeen des rechten Flügels aufsuchen müssen, um sich de visu über den Stand der Dinge zu unterrichten und die Einheitlichkeit der Kampfhandlung sicherzustellen. Statt dessen entsandte er in der entscheidenden Stunde, am 8. September, einen Abteilungschef seines Stabes, den Oberstleutnant Hentsch, zu den drei Armeen des rechten Flügels, legte die Entscheidung in dessen Hand, erwähnte in seiner letzten mündlichen Instruktion an ihn die Möglichkeit eines Ausweichens, gab sogar Hinweise für die Richtung eines erforderlich werdenden Rückzuges. Von allen Offizieren seines Stabes war Hentsch derjenige, bei dem die angeborene Farbe der Entschließung am meisten von des ängstlichen und schwankenden Gedankens Blässe angekränkelt war. Gerade darum war er dem Chef sympathisch. Als Hentsch, dem das Schicksal der Schlacht, des Feldzuges, der Armee, des Landes in die Hand gegeben war, bei dem Oberkommando der zweiten Armee eine ungünstige Auffassung der Lage vorfand, empfahl er deren Führer, dem Generalfeldmarschall von Bülow, Zurückgehen in nordöstlicher Richtung. Unmittelbar nachher drängte er den Oberkommandierenden der ersten Armee, den Generaloberst v. Kluck, den er inzwischen aufgesucht hatte, gleichfalls zum Rückmarsch. Die Franzosen und Engländer fühlten sich so wenig als Sieger, daß sie den Rückzug der Deutschen nicht störten. Erst später konstruierten französische Ruhmredigkeit und französische Gewandtheit das „Marne-Wunder", „Le Miracle de la Marne", das Frankreich und, wie die Franzosen behaupten, die ganze Welt vor deutscher Raubsucht und Eroberungslust gerettet habe. Wohl mußte den Franzosen, deren Regierung am 2. September, vier- Statt Molikes undvierzig Jahre nach dem Tage von Sedan, fluchtartig Paris verlassen Falkenhayn un( j i üren Sitz nach Bordeaux verlegt hatte, der plötzliche Rückzug der Deutschen wie ein Mirakel erscheinen. Wunderbar, verwunderlich und entsetzlich war aber vor allem, daß der Nachfolger von Moltke I und Schlieffen so gar nicht auf der Höhe seiner Vorgänger stand. Unter dem Druck der auf ihm lastenden Verantwortung war er zusammengebrochen. Seinen kraftlosen Händen war im entscheidenden Augenblick die Führung entglitten. Truppe und Unterführer hatten gesiegt, die oberste Heeresleitung hatte versagt. Moltke soll gehofft haben, daß die Zurücknahme des rechten Flügels nach einigen Tagen durch eine neue Offensive wettgemacht werden könnte. Ich hörte, daß er mit der dritten, vierten und fünften Armee die Vorwärtsbewegung wieder in Gang bringen wolle. Aber schon am 10. September wurde dieser Gedanke wieder aufgegeben, am 11. September erschien ihm sogar das Ausharren dieser Armeen in ihren augenblicklichen Stellungen untunlich, und auch für sie wurde der Rückzug MOLTKES SCHICKSAL 185 angeordnet. Moltke hat mir später mit Tränen in den Augen erzählt, daß die seelischen Schmerzen, die er in diesen Tagen, gleichzeitig körperlich leidend, durchgemacht hätte, „unsägliche" gewesen wären. Der Kaiser, an seinem langjährigen Freund irre geworden und nach seiner Art von einem Extrem in das andere fallend, hatte ihm mit barschen Worten die Leitung der Operationen entzogen und sie dem Kriegsminister General von Falkenhayn übertragen. Nach außen sollte aber der Wechsel vorläufig nicht bekanntwerden, um die Heimat nicht zu beunruhigen. So mußte, de facto völlig ausgeschaltet, Moltke doch pro forma an allen militärischen Beratungen teilnehmen, wurde aber weder gefragt noch gehört noch irgendwie beachtet. Stumm saß er neben seinem bisherigen Rivalen und nunmehrigen Nachfolger. „Ich glaube nicht", äußerte Moltke später zu mir, „daß unter den Qualen der Hölle, von denen Dante in seinem Inferno berichtet, auch nur eine an das seelische Martyrium heranreicht, das ich durchgemacht habe." Die Heimat wurde von diesem Zusammenbruch stolzer Hoffnungen und gewaltiger militärischer Anstrengungen im Westen vorerst nicht be- Die Schlacht rührt, denn sie stand noch unter dem Eindruck des Sieges von Tannenberg, bei Das Städtchen Tannenberg, wo fünf Jahrhunderte früher das deutsche Tannenberg Volk eine der schwersten Niederlagen seiner Geschichte erlitten hatte, war jetzt der Schauplatz eines der größten deutschen Siege aller Zeiten geworden. Der Cannae-Gedanke, den Moltke im Westen zu realisieren versuchte, aber nicht vermochte, war hier mit höchster Kühnheit und zugleich mit genialer Sicherheit verwirklicht worden. Neunzigtausend Russen waren gefangen, noch mehr erlagen dem deutschen Feuer oder ertranken in den Masurischen Seen. Und als die Nebel, die über den Masurischen Seen lagerten, sich verzogen hatten, erkannte das Volk in dem Sieger der Schlacht den General von Hindenburg, einen seiner Großen. Deutsch bis in die Knochen. Deutsch auch in seiner äußeren Erscheinung, der Mann mit den breiten Schultern, dem schweren, festen Gang, den großen, gütigen Augen, der vollkommenen Natürlichkeit, verbunden mit nicht gewollter, nicht beabsichtigter, in seinem Wesen hegender und von seinem Wesen ausgehender Würde. Streng, wo es nottat, aber immer menschlich und gütig, nie eitel, nie persönlich, nie kleinlich. Groß vor allem durch die sittliche Stärke, die den hervorstechendsten Zug seines Wesens bildet, verkörpert der Generalfeldmarschall von Hindenburg alle guten und herrlichen Eigenschaften des deutschen Volkes und insbesondere der preußischen Armee. So steht er in unserer Geschichte als ein ganz Großer. Seine Größe zeigte sich auch in seinem Verhältnis zu seinem Generalstabschef, dem General Ludendorff. Die vollkommene Neidlosigkeit, mit der Hindenburg den genialen, aber oft stürmischen, nicht immer bequemen Ludendorff 186 FALKENHAYN nicht nur neben sich ertrug, sondern ihn hielt und stützte, erinnert an das Verhältnis des alten Blücher zu seinem Gneisenau. Alle vier gehören für alle Zeiten in die deutsche Ruhmeshalle. Der durch den katastrophalen Ausgang der Marneschlacht notwendig War Verdun gewordene Wechsel in der obersten Heeresleitung führte den preußischen ein Fehler? Kriegsminister von Falkenhayn an die Stelle des Generalobersten von Moltke. Erich von Falkenhayn war, was Goethe und nach ihm Spielhagen eine problematische Natur genannt haben, ein Typus, der im französischen, russischen, spanischen, selbst im österreichischen Heere nicht selten, aber in der preußischen Armee, wenigstens an den höchsten Stellen, kaum vertreten war. Sohn einer alten pommerschen Adelsfamilie, mit allen guten Eigenschaften des aus dem Junkertum hervorgegangenen Offiziers, wagemutig, kräftig, nie ängstlich oder gar erschrocken, äußerlich anzuschauen wie ein Kriegsgott, hatte er schon als junger Infanterieoffizier wegen Schulden den Dienst quittieren müssen, war nach China gegangen und hatte sich dort mit der Ausbildung chinesischer Rekruten ziemlich kümmerlich durchgeschlagen, aber sich den Weltwind um die Ohren gehen lassen. Durch den Feldmarschall Waldersee, dem sein gutes Aussehen, seine Anstelligkeit und seine Brauchbarkeit auffielen, nach Deutschland zurückgebracht, machte er von da an eine ungewöhnlich rasche Karriere. Er wurde vom Generalobersten von Moltke protegiert, der sich damit freilich wenn auch nicht gerade eine Schlange am Busen, so doch den zukünftigen Nachfolger erzog. Mit seinen Vorzügen wie mit seinen Schwächen war der General von Falkenhayn ganz der Mann, Kaiser Wilhelm II. zu gefallen. Wenn Moltke, körperlich schon sehr verbraucht, mit starker Neigung zu mystischen Spielereien und zu theosophischem Grübeln, den Kaiser, sobald sich das Glück von uns abzuwenden schien, eher deprimiert hatte, so hob der frische, resolute, nie um eine Auskunft oder einen Ausweg verlegene, forsche Falkenhayn sogleich die Stimmung Seiner Majestät. Da war doch Nervenkraft und Verantwortungsfreudigkeit. Ich enthalte mich eines Urteils über die militärischen Leistungen des Generals von Falkenhayn. War Verdun ein Fehler? War Ypern ein Fehler? Beide kosteten Ströme von Blut, beide brachten keinen durchschlagenden Erfolg. Sicher scheint, daß Falkenhayn, dem die streng sachliche, wohl auch die ethische Größe von Hindenburg abging, durch die Lässigkeit, um nicht zu sagen eifersüchtige Engherzigkeit, mit der er wiederholt das dringende Ersuchen von Ober-Ost um Verstärkung behandelte, eine schwere Verantwortung auf sich genommen hat. Dagegen erfordert die Gerechtigkeit, anzuerkennen, daß Falkenhayn für politische Fragen, Zusammenhänge und auch Gefahren mehrfach mehr Verständnis zeigte als Ludendorff. Niemals darf das deutsche Volk die Helden vergessen, die vor Verdun in einem Höllenfeuer DER WINK ITALIENS 187 aushielten. Ewig wird die Erinnerung fortleben an die Begeisterung, mit der an der Yser und bei Ypern die jungen Korps, meist Studenten, zum Teil Gymnasiasten, mit dem Gesang der Wacht am Rhein und des Deutschlandliedes stürmend dem Tode entgegengingen und mit ihren jungen Leibern die blutgedüngte Walstatt deckten. An diesem Teil der belgischen Nordseeküste, an die jetzt kein Deutscher ohne Wehmut denken kann, hatte ich, wie ich seinerzeit erzählt habe, im Hochsommer 1889, ein Vierteljahrhundert vor den Schlachten an der Yser und bei Ypern, in dem kleinen Nordseebad Nieuport schöne Wochen mit meiner Frau verlebt, nicht ahnend, daß hier einst die Blüte unseres Volkes verbluten sollte. Zu den schweren Fehlern, die sich unsere politische Leitung im Hochsommer 1914 zuschulden kommen ließ, gehört auch ihre Taktik gegenüber Italien Italien. An diesem Mikrokosmus läßt sich nur zu deutüch die Zerfahrenheit und Unbeholfenheit, die Schwäche und Unbesonnenheit, die aus Perfidie Mlttelm ' und Naivität seltsam gemischte Unzulänglichkeit der deutschen Diplomatie von 1914 nachweisen, die unser tüchtiges und friedliebendes Volk in den Krieg hineinstolpern und uns den Krieg verHeren ließ. Wie aus den von den Bolschewisten veröffentlichten Geheimberichten hervorgeht, wurde noch Ende Mai 1914 bei den Beratungen des russischen Admiralstabes über die abzuschließende russisch-englische Marinekonvention von russischer Seite an die Engländer die Forderung gestellt, daß sie, um einen österreichisch- italienischen Angriff auf das Schwarze Meer zu verhindern, den russischen Schiffen die englischen Flottenstützpunkte zur Verfügung stellen müßten. Damals rechneten Russen wie Engländer noch damit, daß Italien im Kriegsfall an der Seite der Mittelmächte bleiben werde. Als das Gewitter des Ultimatums am Horizont aufstieg, erklärte am 14. Juli 1914 der italienische Minister des Äußern, der Marquis San Giuliano, dessen politische Ambitionen von jeher auf die Ausbreitung des italienischen Einflusses im Mittelmeer und insbesondere an der nordafrikanischen Küste gerichtet waren und der deshalb bis dahin ein Anhänger des Dreibundes und auch korrekter Beziehungen zwischen Italien und Österreich gewesen war, in einer Unterredung mit dem deutschen Botschafter Flotow, Italien könne exorbitante österreichisch-ungarische Forderungen an Serbien nicht unterstützen. Drei Tage später wiederholte der Minister dem deutschen Botschafter, Italien werde Österreich territoriale Eroberungen in Serbien nicht erlauben. Statt sich diesen zweifellos auch an die Wiener Adresse gerichteten Wink zur Warnung dienen zu lassen, empfahl der österreichisch- ungarische Botschafter in Rom, Herr von Merey, dem Grafen Berchtold, die italienische Regierung mit der Aktion gegen Serbien zu „überrumpeln". 188 DER SPEISESAAL IN FIUGGI Es war verhängnisvoll, daß sowohl Österreich-Ungarn wie Deutschland vor Beginn des Weltkrieges in Rom schlecht vertreten waren. Herr von Merey hatte sich durch sein kassantes Wesen, seine kaum verhüllte Abneigung und Gereiztheit gegen das neue Italien, seine beständigen Quengeleien und Nadelstiche allgemein verhaßt gemacht. Sein persönliches Verhältnis zu dem weltmännischen, kulanten San Giuliano war allmählich so gespannt geworden, daß beide sich kaum noch sahen und der italienische Minister erwog, ob er die gesellschaftlichen Beziehungen zu dem Vertreter der habsburgischen Monarchie nicht besser ganz einstellen solle. Der deutsche Botschafter Flotow war zu furchtsam, um aggressiv oder Flotow und gar beleidigend aufzutreten. Dafür hatte er sich weder politisch noch sozial Barrere eme Stellung gemacht. Mit einer Vollblutrussin verheiratet, die kaum Deutsch sprach und in ihrem Salon eine große, übrigens schöne Bronzebüste Iwans des Schrecklichen aufstellte, die von biederen deutschen Besuchern für das Konterfei des Alarich, Theoderich oder eines anderen Helden der germanischen Völkerwanderung gehalten wurde, war der deutsche Botschafter gesellschaftlich eine halbkomische Figur geworden, ohne poütischen Einfluß. Dazu kam, daß Flotow, der von jeher ein Malade imaginaire war, sich nicht entschließen konnte, in der Sommerhitze in Rom auszuharren, wie dies 1914 die drei Entente-Botschafter Barrere, Sir Rennel Rodd und Krupenski als Selbstverständlichkeit betrachteten, sondern nach dem ziemlich weit von Rom entfernten Badeort Fiuggi geflüchtet war. Gegenüber seinem Busenfreunde Jagow und dem Kanzler Bethmann hatte Flotow dies damit motiviert, daß er in Fiuggi die beste Gelegenheit habe, San Giuliano zu sprechen. Die Sache lag gerade umgekehrt. Der wirklich kränkliche, ja schwerkranke San Giuliano brachte auf ärztlichen Rat zu seiner Erholung die Nächte in Fiuggi zu, wollte aber dort von neun Uhr abends bis sieben Uhr morgens nicht gestört werden. Jeden Abend versuchte Flotow sich an den für den Minister im Speisesaal reservierten Tisch heranzuschlängeln, wurde aber zur Belustigung aller Badegäste von San Giuliano regelmäßig abgewiesen mit der Bemerkung, er stünde in Rom den ganzen Tag zur Verfügung aller Diplomaten, wolle aber in Fiuggi während der Abend- und Nachtstunden in Ruhe gelassen werden. Während Flotow sich nicht einmal dazu entschließen konnte, in Rom dem Begräbnis des Anfang Oktober verstorbenen San Giuliano beizuwohnen, verließ sein gefährlichster Gegenspieler, der Franzose Barrere, Rom auch nicht eine Stunde, machte den ganzen Tag Besuche, bearbeitete Senatoren, Deputierte, Minister und Journalisten. Obgleich infolge eines Automobil-Unfalls körperlieh schwer leidend, wohnte Barrere der Beisetzung von San Giuliano bei. Er wurde während der Trauermesse ohnmächtig, aber er tat seine Pflicht. ZU „OBERFLÄCHLICHER" KENNTNIS 189 Es stellte sich bald heraus, daß eine Kooperation zwischen Italien und den Zentralmächten nur möglich war, wenn Österreich den Italienern Kom- Die Frage pensationen bot. Ich glaube noch heute, daß es bei Beginn des Krieges mit t * er Kompen- solchen Kompensationen möglich gewesen wäre, Italien zum Vorgehen auf sa l0nen unserer Seite zu bewegen. Unser militärisches Prestige war vor dem Marne- Rückzug gewaltig. Ein großer Teil der maßgebenden Italiener stand mit ihren Sympathien auf deutscher Seite. Wenn Österreich den Italienern damals die Abtretung des Trentino und die Autonomie von Triest zugestanden hätte und wenn wir ihnen gleichzeitig Tunis und Nizza in Aussicht stellten, so hätten wir Italien mitbekommen. Das publizistische Organ von Sidney Sonnino, der später Italien ins Entente-Lager führte, forderte damals täglich mit stürmischer Heftigkeit, daß Italien an der Seite von Deutschland in den Krieg treten müsse, um seine Zukunft zu sichern. Der Florentiner Sonnino mag an den Rat des großen Segretario seiner Heimatstadt gedacht haben, sich immer an den Stärkeren zu halten, denn dort finde man Ruhm, Ehre, Geld und alle guten Dinge dieser Welt. Damals hielt man uns noch für den Starken, für den Stärkeren. Bethmann machte einen schwächlichen Versuch, den Grafen Berchtold zu einer zuvorkommenderen Haltung gegenüber Italien zu bewegen, wurde aber von diesem hochmütig abgewiesen, obwohl wir durch unsere weitere Behandlung der österreichischen Aktion gegen Serbien das denkbar stärkste diplomatische Druckmittel in der Hand hatten. Berchtold wies den österreichischen Botschafter in Rom an, der italienischen Regierung nur „oberflächliche" Kenntnis von den an Serbien gestellten Forderungen zu geben, ohne Bekanntgabe der einzelnen Punkte. Merey entledigte sich dieses Auftrages in salopper, beinahe beleidigender Form. Der italienische Gegenzug war, daß der italienische Ministerpräsident und der italienische Minister des Äußern erklärten, sie mißbilligten das österreichische Vorgehen und behielten sich freie Hand vor. Während diese Erklärung schon in nuce die spätere Neutralitäts- erklärung und die nachfolgende Kriegserklärung Italiens an Österreich enthielt, glaubten die Berliner besonders schlau zu handeln, indem sie Österreich, das doch in seiner Aktion gegen Serbien völlig von uns abbing, gegenüber Italien freie Hand ließen. Inzwischen hatte der Generalsekretär im italienischen Ministerium des Äußern De Martino dem französischen Botschafter gesagt, die italienische Regierung würde die österreichische Note an Serbien nicht gebilligt haben, wenn sie ihr vorher mitgeteilt worden wäre. Gleichzeitig erklärte De Martino dem Botschafter Merey, Italien sei in keiner Hinsicht gebunden, da es von der österreichischen Aktion gegen Serbien nicht vorher unterrichtet worden sei. Durch diese Erklärung nicht belehrt, riet Merey seiner Regierung, alle italienischen Kompensationsansprüche a limine abzulehnen. 190 ITALIEN ENTZIEHT SICH Unter dem Einfluß von Moltke, der eine Verständigung Österreich-Ungarns mit Italien aus militärischen Rücksichten für dringend wünschenswert hielt, fand Bethmann am 26. Juli den Mut zu einem Telegramm nach Wien, beruhigte sich aber bald, als Berchtold ihn kühl und hochmütig abfallen Heß. Der Staatssekretär Jagow, noch austrophiler als sein Chef, erklärte dem österreichischen Botschafter Szögyenyi, Berchtold habe eigentlich ganz recht, den italienischen Forderungen gegenüber die kalte Schulter zu zeigen. Am29. Juli eröffnete San Giuliano dem österreichischen wie dem deutschen Botschafter, daß, wenn Österreich sich nicht sehr bald zu Kompensationen an Italien entschließe, sein Vorgehen Italiens Interessen verletzen und der italienischen Regierung die Unterstützung Wiens unmöglich machen würde. Mit kaltblütiger Offenheit, mit einer „Desinvoltura", die den Beifall des Macchiavelli gefunden hätte, fügte San Giuliano hinzu, Italien könne sich nur von seinen Interessen leiten lassen. Das hätte sich Wien und hätte sich namentlich Berlin von vornherein sagen müssen. Anders hatte sich die italienische Regierung auch während des Deutsch-Französischen Krieges nicht verhalten, wo sie, unbekümmert um früher gegen Frankreich eingegangene Verpflichtungen, die Franzosen im Stiche Heß, als das itaüenische Interesse, das damals die Krönung der italienischen Einheit durch die Besitzergreifung Roms bot, diese Schwenkung empfahl. „Pour un diplomate, il est fort important de savoir retirer ä temps son epingle du jeu", pflegte der kluge Marquis Emiüo Visconti-Venosta zu sagen. Und Bismarck hat es, wie ich schon früher erwähnt habe, als die Pflicht eines leitenden Ministers bezeichnet, sich in tunlichst guter Form den Verpflichtungen eines Bündnisses zu entziehen, wenn durch deren Erfüllung das eigene Staatsinteresse geschädigt würde. An demselben 29. Juli sagte der Privatsekretär Greys, Mr. Tyrrell, warnend dem deutschen Botschafter Lichnowsky, Italien werde sich im Falle einer Ausdehnung des Konfliktes zwischen Österreich-Ungarn und Serbien vom Dreibund abwenden. Vierundzwanzig Stunden später riet der österreichische Botschafter Merey, von Berchtold um seine Ansicht befragt, seinem Chef dringend ab, sich auf irgendwelche italienischen Kompensationswünsche einzulassen. Direkte Telegramme des Kaisers Wilhelm nach Wien und Rom, in denen er gleichzeitig an die Bundestreue des Königs Viktor Emanuel appellierte und dem alten Kaiser Franz Josef Entgegenkommen gegenüber den Wünschen Italiens anriet, blieben ohne Erfolg. Persönliche Kundgebungen des Kaisers Wilhelm II. waren seit sechsundzwanzig Jahren zu häufig bald in dieser, bald in jener Richtung erfolgt, um noch wirken zu können. Unbeeindruckt durch das kaiserliche Eingreifen, erklärte San Giuliano dem Botschafter Flotow, Italien könne den Bündnisfall nicht anerkennen, da das Vorgehen Österreichs gegen Serbien ein SCHROFFER ABBRUCH 191. aggressives sei und somit dem Grundgedanken des Dreibundes widerspräche, überdies auch die italienischen Interessen schädige. Der Minister ließ dabei einfließen, daß auch Rumänien ebenso wie Italien seine Interessen durch das gewaltsame Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien bedroht sähe. Am 3. August richtete König Viktor Emanuel ein Telegramm an Kaiser Wilhelm, um ihm endgültig mitzuteilen, daß nach Ansicht seiner Regierung Die der Casus foederis nicht vorhege. Gleichzeitig überreichte der italienische ^ eut Botschafter in Berlin die Neutralitätserklärung Italiens. Der gleiche Schritt erfolgte in Wien, wo Graf Berchtold dem italienischen Botschafter, dem Herzog von Avarna, wutschnaubend erwiderte, Italien treibe eine „unkluge" Politik, die es „bitter" bereuen werde. Es sollte leider umgekehrt kommen. Nachdem wir Rußland den Krieg erklärt hatten, wollte Wien, jetzt der Knochen des Pommerschen Grenadiers ganz sicher, weniger denn je von Kompensationen für Itahen etwas wissen. Graf Berchtold ließ durch den österreichischen Botschafter in Berlin dem Kanzler sagen, die Neutralität Itahens genüge ihm, und er werde über Kompensationen überhaupt nicht mehr verhandeln. Zu dieser schroffen Erklärung hatte ein Telegramm von Merey beigetragen, der nach Wien gemeldet hatte, daß San Giuliano ausdrücklich auf den Italienisch sprechenden Teil von Tirol, das Gebiet des ehemaligen Fürstbistums Trient, hingewiesen hätte. Das deutsche Volk war nicht nur mit Entschlossenheit, sondern mit voller Zuversicht auf Erfolg und Sieg in den Krieg eingetreten. Die stolzen Erinnerungen der preußischen Geschichte, die Erinnerung an den Siebenjährigen Krieg, wo der große König an der Spitze des damals weit kleineren Preußen drei Großmächten widerstanden hatte, an die Erhebung gegen Napoleon, wo nach Jena und Tilsit das geschwächte und ausgesogene Preußen mit heldenhafter Anstrengung die Ketten des korsischen Zwingherrn zerbrochen hatte, vor allem die Erinnerung an die drei siegreichen Kriege der Bismarckschen Ära ließen dauernde Mißerfolge oder eine wirkliche Niederlage der Mehrheit des deutschen Volkes fast unmöglich erscheinen. Trotz des Rückzuges an der Marne und der furchtbaren Opfer vor Verdun und an der Yser blieb die Stimmung der Nation eine hochgemute. Einen schönen Ausdruck gab ihr das Reiterlied von Rudolf Alexander Schröder, dessen erste Strophen lauten: Wir reiten von Wäldern und Schluchten verborgen, Wir traben hinein in den dämmernden Morgen, Deutschland, Deutschland! Es wiehert und stampfet der Scheck und der Schimmel, Es klappert und trappelt der Hufe Gewimmel, Rot leuchtet der Himmel. REITERLIED Und deutet die blutige Röte Verderben, Für dicb will ich leben, für dich will ich sterben, Deutschland, Deutschland! Und wenn sie mit Eisen und Stahl dich umklammern, Wir schlagen die Bresche, wir brechen die Klammern, Deutschland, Deutschland! Wir kommen wie Geier vom Felsen gestoßen, Wir kommen wie Wasser vom Berge geschossen, Wie Hagel und Schloßen! Da klirren der Stahl und das Eisen in Scherben; Für dich will ich leben, für dich will ich sterben, Deutschland, Deutschland! XV. KAPITEL Bülows römische Mission 1914/1915 • Brief Bethmanns, Antwort Bülows • Reise nach Rom Mitte Dezember 1915 • Jagow-Flotow gegeu Bülow • Brief Bullins • Für Bülow freundliche Stimmen aus der Heimat Trotz der patriotischen Haltung der weit überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes und der jedes Lob überragenden Leistungen der Armee Vor Bülows konnten ruhige, welterfahrene Beobachter sich nicht verhehlen, wie unge- Entsendung heuer schwierig die Aufgabe war, vor die, dank einer bereits in ihren ersten Demarchen unglücklichen Diplomatie, Armee und Volk sich gestellt sahen. England, auf dessen Neutralität Bethmann mit der größten Bestimmtheit gerechnet hatte, focht gegen uns. Es entfaltete Kräfte, die weit stärker waren, als dies der arme Moltke angenommen hatte, der nach der englischen Kriegserklärung gleichmütig meinte, er habe die englische Armee lieber vor sich als Gegner, wo er sie mühelos schlagen könne, als in zweifelhafter und lauernder Neutralität. Die Besorgnis, daß Italien und Rumänien, die sich ihrer Bündnispflicht entzogen hatten, schließlich die Waffen gegen uns erheben könnten, griff bei Klarerblickenden mehr und mehr um sich. In weiten Kreisen trat der Wunsch hervor, daß die Regierung mich nach Rom entsenden möge, um einen letzten Versuch zu machen, Italien von einem Vorgehen gegen unsere österreichischen Bundesgenossen abzuhalten. Im Reichstag begegneten sich in diesem Wunsche alle Parteien, von der Rechten bis zu den Sozialisten. Andererseits taten Jagow und Bethmann, was ihnen möglich war, um, ohne sich selbst allzu sehr zu dekuvrieren, meine Entsendung nach Rom zu verhindern. Einem der Führer der Konservativen, dem Grafen Schwerin-Löwitz, der dem Staatssekretär des Äußern meine baldmöglichste Entsendung nach Rom ans Herz legte, erwiderte Jagow mit gespieltem Erstaunen: „Aber gerade aus Rücksicht für die Konservativen war ich gegen die Entsendung des Fürsten, da ein solcher Schritt nach dem Zerwürfnis zwischen dem Fürsten und den Konservativen von Ihnen und Ihren Freunden als ein Affront aufgefaßt werden könnte." Schwerin-Löwitz, ein Patriot und ein Ehrenmann, erwiderte, daß er die Brouille zwischen dem Fürsten und den Konservativen lebhaft bedauere, die Schuld an dem Zerwürfnis aber, wie mancher andere Konservative, 13 Bülow III 194 DAS OPFER nicht dem Fürsten Bülow allein zumesse. Jedenfalls wären die Konservativen zu gute Patrioten, als daß sie sich in Lehensfragen der auswärtigen Politik von innerpoütischen Rankünen leiten Ließen: Die Konservativen wünschten lebhaft und einmütig, daß die Regierung mich nach Rom schicken möge. Jagow schwieg betreten. Auch der Versuch, den Groll des Kaisers neu gegen mich zu beleben und dadurch meine Entsendung nach Rom unmöglich zu machen, hatte keinen Erfolg. Von Parlamentariern und Militärs, von allen Seiten scharf getrieben, Brief entschloß sich Bethmann nach langem Zögern, am 30. November 1914 Bethmanns d en nachstehenden Brief an mich nach Hamburg zu richten, wo ich im Hotel Atlantic weilte: „Als wir kurz nach Ausbruch des Krieges die Verhältnisse in Italien miteinander besprachen, erklärten Sie sich im Prinzip bereit, nach Rom zu gehen und Ihren Einfluß dort zur Geltung zu bringen, sobald sich eine Gelegenheit zu einer besonderen Mission bieten würde. Diese Gelegenheit hat sich jetzt geboten. Unser Botschafter, dessen, wie Sie wissen, an sich nicht starke Gesundheit unter den Aufregungen und Anstrengungen dieses Sommers noch mehr gelitten hat, hat mir geschrieben, er müsse mir pflichtgemäß mitteilen, daß die Ärzte zur Wiederherstellung seiner Kräfte dringend von ihm verlangt hätten, Rom für einige Monate zu verlassen und sich auszuruhen. Ich sehe selbst ein, daß, so gut Herr von Flotow unsere Interessen in Italien bisher vertreten hat, demselben mit einer Ablehnung dieses Gesuches wenig gedient wäre, denn auch das beste Wollen und die besten Fähigkeiten würden durch dasVersagen der physischen Kräfte paralysiert werden. Bei der Bedeutung des römischen Postens im jetzigen Moment könnte natürlich nur eine besonders geeignete Persönlichkeit für die Vertretung unserer dortigen Interessen in Frage kommen. Daß Sie, mein lieber Fürst, infolge Ihrer Stellung in der Welt, Ihrer Lokalkenntnisse und langjährigen Beziehungen diese Persönlichkeit sein würden, brauche ich nicht hervorzuheben. Da ich nun von verschiedenen Seiten höre, daß Sie auch jetzt noch bereit wären, in patriotischer Hingebung eine Mission in Italien zu übernehmen, möchte ich nach Einholung der Genehmigung Seiner Majestät des Kaisers die Bitte an Sie richten, als außerordentlicher Botschafter nach Rom zu gehen und die Geschäfte unserer dortigen Botschaft ad interim zu übernehmen. Ich hoffe, daß, abgesehen von der Arbeit und Mühe, die eine solche Mission auferlegt, das von Ihnen und der Frau Fürstin zu bringende Opfer im jetzigen Moment auch insofern ein geringeres sein wird, als ja die Jahreszeit gekommen ist, wo Sie in anderen Jahren und unter normalen Verhältnissen Ihren Wohnsitz in der schönen Villa Malta zu nehmen pflegen. Was von Italien überhaupt noch zu erreichen ist, werden Sie jedenfalls erreichen! Darf ich Sie bitten, lieber Fürst, mir telegraphisch Ihre Entscheidung mitteilen zu wollen? Ich würde dann GEMISCHTE EMPFINDUNGEN 195 im Falle Ihrer Annahme Ihnen dankhar sein, wenn Sie zu einer persönlichen Bücksprache während meines kurzen hiesigen Aufenthaltes nach Berlin kommen würden. Da ich während der nächsten zwei Tage fast ganz durch den Beichstag in Anspruch genommen bin, darf ich mir einen Vorschlag über den Tag unserer Besprechung noch vorbehalten. Heute möchte ich nur eines hervorheben: Es ist bereits der Gedanke aufgetaucht, den Krieg durch eine Konferenz zu beenden. Sowohl uns wie unseren österreichischen Verbündeten wäre hiermit, wie Sie selbst am besten erkennen werden, wenig gedient. Es wird Ihnen jedenfalls ein leichtes sein, dem Konferenzgedanken, wenn er in Born Fuß fassen sollte, a limine vorzubeugen. Aber auch hierfür möchte ich mir noch mündlichen Gedankenaustausch vorbehalten. In der aufrichtigen Hoffnung, verehrter Fürst, daß Sie mich keine Fehlbitte tun lassen, sondern bereit sind, dem Vaterland in schwerer Zeit einen großen Dienst zu leisten, bin ich in alter Verehrung Euer Durchlaucht stets ergebenster von Bethmann Hollweg." Ich las diese gewundenen und unaufrichtigen Ausführungen meines Nachfolgers mit gemischten Empfindungen. Zu deutlich sprach für den, der zwischen den Zeilen zu lesen verstand, aus diesem Brief, wie ungern der * Kanzler mich nach Bom schickte, wie er vor allem bestrebt war, den Busenfreund des Staatssekretärs Jagow, den von ihm selbst hochgeschätzten bisherigen Botschafter Flotow zu schonen. Ich sah voraus, daß bei solcher Stimmung der Berkner Zentrale ich in Bom einen schweren Stand haben würde. Nichtsdestoweniger zögerte ich keinen Augenblick, mich zur Verfügung zu stellen. Mehr als das. Auch meinen guten Namen, wie der mir wohlgesinnte König Ludwig III. von Bayern damals zum Grafen Hertling sagte. Ich gedachte anfänglich, Bethmann bei Annahme der Mission schrift- hch darüber aufzuklären, daß ich mir der Schwierigkeit der Situation in Bom wie der Undankbarkeit meiner Aufgabe klar bewußt sei. Mein für den Kanzler bestimmter Brief lautete: „Selbstverständlich folge ich dem an mich gerichteten Buf, die Leitung der Botschaft in Bom zu Antwort übernehmen. Daß ich schon vor einundzwanzig Jahren in Bom als Bot- Bülows schafter wirkte, seitdem während zwölf Jahren unsere auswärtige Politik leitete und neun Jahre Beichskanzler war, fällt für mich in keiner Weise ins Gewicht. Persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Ambitionen liegen mir fern. Ich zögere um so weniger, als nach allem, was ich aus Itaben, und zwar von sicherer Seite, höre, wir dort in den letzten zwei Jahren sehr an Boden verloren haben. Die Wahl von Flotow war keine glückliche. Ich darf dies um so offener aussprechen, als ich und meine Frau uns bemüht haben, ihm eine freundbehe Aufnahme in Bom zu bereiten und seine Aufgabe zu erleichtern. Er hat es nicht verstanden, die wünschenswerten Verbindungen anzuknüpfen, Einfluß zu gewinnen und sich eine Stellung zu 13* 196 VERLORENES TERRAIN machen. Als der Krieg zwischen uns und Rußland ausbrach, geriet Flotow als Gatte einer mit allen Erinnerungen, Gewohnheiten und Traditionen eines langen Lebens und auch pekuniär ganz und gar in Rußland wurzelnden Frau und mit einem im russischen Heer gegen Deutschland fechtenden Stiefsohn gegenüber der deutschen Kolonie in eine peinliche, gegenüber der italienischen Gesellschaft und seinen Kollegen in eine mindestens seltsame Situation. Dies und sein Gesundheitszustand, mag es sich nun in letzterer Beziehung um imaginäre oder um reelle Krankheit handeln, haben jedenfalls seine Leistungsfähigkeiten so sehr eingeschränkt, daß er den Schwierigkeiten der Lage nicht gewachsen war. Dies gilt insbesondere von den kritischen Wochen unmittelbar vor und nach der Kriegserklärung, wo es, wie mir von kompetenten Beurteilern versichert wurde, bei größerer Tatkraft und besserer persönlicher Position unseres Vertreters in Rom wohl möglich gewesen wäre, eine aktive italienische Kooperation zu erreichen. Seitdem haben wir fortgesetzt an Terrain verloren. In diesem Sinne haben sich mir gegenüber eine Reihe wirkliche Kenuer der italienischen Verhältnisse mit Bestimmtheit ausgesprochen. Es scheint, daß schon Verhandlungen zwischen Italien und England im Gange, wenn nicht abgeschlossen sind, damit Italien im Frühjahr unter dem Vorwand, der türkische Vormarsch gegen Ägypten gefährde seine Interessen in Erythräa, der Cyrenaika und in Tripolis, der Türkei den Krieg erkläre und so automatisch an die Seite unserer Gegner geführt werde. Ich habe aber nie zu den Schwarzsehern gehört, und wenn ich mir auch nicht verhehle, daß jetzt unter vielfach trügerischer Oberfläche die wirkliche Sachlage in Italien keineswegs eine sichere und erfreuliche ist, so ist das für mich nur ein Sporn und ein Grund mehr, zu tun, was in meinen Kräften steht, um verlorenes Gebiet zurückzuerobern und jedenfalls das Schlimmste abzuwenden. Ich rechne hierbei auf Ihre freundschaftliche Unterstützung und bin in alter Gesinnung Ihr aufrichtig ergebener Fürst von Bülow." Es war Ballin, der, als ich ihm diesen bereits unterschriebenen Brief zeigte, mich beschwor, den ohnehin nur allzu unentschlossenen, furchtsamen Reichskanzler nicht auch noch wegen Italien zu ängstigen und dadurch ganz zu demoralisieren. So begnügte ich mich, Herrn von Bethmann zu telegraphieren: „Brief erhalten. Selbstverständlich bin ich bereit, die Absicht, während der Kriegsdauer im Vaterland zu bleiben, aufzugeben, wenn ich mich in Rom nützlich machen kann. Indem ich dem Ruf, als außerordentlicher Botschafter nach Rom zu gehen, folge, nehme ich an, daß die Dauer nicht davon abhängt, wann sich Herr von Flotow wieder gesund meldet, sondern daß es sich um Mission bis zum Friedensschluß handelt. Zu näherer Verständigung auch über Form und Zeitpunkt der Verlautbarung meiner Mission bin ich jederzeit bereit, nach Berlin zu kommen." GEGENTENDENZEN 197 Den vorher erwähnten Brief an Herrn von Bethmann deponierte ich bei meinem Generalbevollmächtigten in Hamburg, Herrn Heinrich Meinecke, in dessen Safe er geruht hat, bis ich ihn mir jetzt, während ich meine Denkwürdigkeiten diktiere, wiedergeben üeß. Ich will schon hier erwähnen, daß Bethmann und Jagow nur sehr ungern darauf verzichteten, die Rückkehr des Herrn von Flotow auf den römischen Botschafter-Posten dessen eigenem Ermessen anheimzustellen. Am liebsten wäre es ihnen gewesen, wenn Flotow sich nach wenigen Wochen gesund gemeldet und die Zügel der Botschaft wieder in die eigene kräftige Faust genommen hätte. Da dies nicht mehr anging, wurde flotow wenigstens ermächtigt, in Itab'en zu bleiben und alles Weitere in dem milden Klima von Neapel am schönen Posilipo abzuwarten. Von dort hat Flotow während meiner ganzen Tätigkeit in Rom Privatbriefe an Jagow und Bethmann gerichtet. Das Thema seiner Ausführungen war: Italien denke gar nicht daran, zu den Waffen zu greifen. Fürst Bülow schildere die Lage gefährlicher, als sie in Wirklichkeit sei, um sich auf diese Weise einen beememen und leichten Erfolg zu konstruieren. Jagow sekundierte seinem gehebten Freunde nach Kräften. Als unsere gute Kaiserin in Gegenwart ihrer Oberhofmeisterin, meiner Kusine, der Gräfin Therese Brockdorff, am Tage meiner Abreise nach Rom Der Trentino Herrn von Jagow, der eine Audienz bei ihr nachgesucht hatte, die innige Hoffnung aussprach, es werde mir gelingen, Italien neutral zu halten, erwiderte der Staatssekretär des Äußern: „Aber, Euer Majestät, die Aufgabe ist so leicht! Wir haben dem Fürsten Bülow den Trentino in seinem Koffer milgegeben. Damit kann jetzt jeder Italien vom Kriege abhalten." Das war eine Unwahrheit. Wir hatten hinsichtlich des Trentino von Wien noch nicht die geringste bindende Zusage erhalten. Im Gegenteil: Jagow hat auch später, und zwar während der ganzen Dauer meiner Mission, durch mündliche Äußerungen gegenüber dem österreichischen Botschafter in Berlin, durch Briefe an den deutschen Botschafter in Wien und endlich durch die Entsendung des gehässig antiitalienischen und dabei mir, gerade weil er mir früher in unwürdiger Weise geschmeichelt hatte, jetzt doppelt feindlich gesinnten Grafen Anton Monts nach Wien, die Österreicher von einem raschen und ehrlichen Entgegenkommen gegenüber den italienischen Kompensationswünschen abgehalten. Herr von Flotow seinerseits hatte wohl nur im Sinne seines Chefs und Freundes, des Staatssekretärs Jagow, gehandelt, wenn er, bevor er Rom verließ, um sich nach der bella Napoli zurückzuziehen, zu dem Botschaftsrat von Hindenburg, einem vornehm gesinnten, pflichttreuen und wahrheitsliebenden Ehrenmann, wörtlich sagte: „Fürst Bülow hat es durch allerlei 198 DIE BERLINER ZENTRALE Intrigen erreicht, daß er nach Rom geschickt wird. Aber Kanzler und Staatssekretär haben nur ungern dem unvernünftigen Drängen urteilsloser Parlamentarier und Journalisten nachgegeben. Als Ihr Freund mache ich Sie darauf aufmerksam, daß die Berliner Zentrale ein Erfolg des Fürsten Bülow nicht gerade beglücken würde." Als Hindenburg erstaunt und betreten erwiderte, er wisse nicht, wie er diese Äußerung verstehen solle, es sei doch seine Pflicht, Amts- und Anstandspflicht, auch seinen neuen Chef zu unterstützen, meinte Flotow lächelnd: „Sie wollen mich nicht verstehen, lieber Hindenburg! Ich kenne die Welt und spreche als Ihr väterlicher Freund. Surtout pas trop de zele im Dienste des Fürsten Bülow! Es würde dies nicht gerade für Ihre Karriere förderlich sein." Den Italienern sagte FlotoAV, ich hätte mich in Berlin anheischig gemacht, Italien nicht nur neutral zu erhalten, sondern an unserer Seite in den Krieg gegen Frankreich und England zu treiben, d. h. zu einer Aktion, von der nach der Marne-Schlacht nicht mehr die Rede sein konnte, an die in Italien niemand mehr dachte. Es handelte sich, als ich nach Rom geschickt wurde, nur noch um das Dilemma: Fortsetzung der italienischen Neutralität oder kriegerisches Vorgehen der Italiener gegen Österreich. Bevor ich mich von Hamburg, wo mich die Aufforderung des Kanzlers Bülow an Bethmann erreicht hatte, nach Berlin begab, richtete ich an meinen Freund Ballin Albert BaJlin einen vertraulichen Brief, in dem ich der Uberzeugung Ausdruck gab, daß, wenn man mich nach Rom schicken wollte, dies in würdiger Form schon im August hätte geschehen sollen. Seither sei dort viel Terrain verlorengegangen. Man würde mich wohl auch nicht ohne Nutzen in der Zeit zwischen dem Ultimatum an Serbien und unserer Kriegserklärung an Rußland befragt haben, wie man die Sache fingern müsse, um Italien mitzubekommen. Es würde überhaupt nicht geschadet haben, wenn man mich zu jener Zeit über die Gesamtlage befragt hätte. Ich würde dann den Finger auf die Punkte gelegt haben, die im Ultimatum zu modifizieren waren, wenn wir — natürlich in allen Ehren! — um einen so furchtbaren Krieg herumkommen wollten, und ich hätte auch die Wege angegeben, wie wir selbst nach Überreichung dieses Ultimatums ohne Einbuße an Prestige für uns oder für Österreich und sogar mit einem diplomatischen Erfolg (wie 1908/09) den Frieden erhalten konnten. Einen praktischen Erfolg versprach ich mir nicht von diesem Brief, aber ich hatte das Bedürfnis, mir Gedanken und Sorgen, die mich während Monaten gequält hatten, einmal vom Herzen zu schreiben. Albert Ballin, obschon von Hause aus eine optimistische Natur, neigte seit Ausbruch des Krieges zu einer pessimistischen Beurteilung unserer Lage. Er hatte mir vor Antritt meiner Mission geschrieben: „Ich war beim Kaiser und fand ihn zuversichtlich, aber von Zorn erfüllt gegen England, DIE TEMPORÄRE VERTRETUNG 199 eine Stimmung, welche von der Kaiserin besonders verstärkt wurde. Es werden Leidenschaft und private Gefühle in die Politik hineingetragen; das halte ich für sehr gefährlich! Beim Kaiser wie beim Kanzler fand ich eine zu rosige Auffassung unserer militärischen Situation. Meines Erachtens bleibt die Partie ziemlich gleich. Wir haben Belgien, England hat die Nordsee, Rußland hat Galizien, die Japaner haben Kiautschou usw. Es ist ja, selbst wenn man weiß, daß es noch viel besser hätte kommen können, wenn nicht in der Führung Fehler gemacht worden wären, eine großartige Leistung des Heeres, daß es gelungen ist, den Krieg, von einigen kleinen Einbrüchen in Ostpreußen und im Elsaß abgesehen, in Feindesland zu halten, und daß wir überhaupt gegen diese Welt von Feinden immerhin noch so vortrefflich dastehen und durch die letzten Hindenburgschen Erfolge weitere günstige Perspektiven sich eröffnen. Aber wie der Friede gestaltet werden soll, ist mir vorläufig rätselhaft. Natürlich können wir nur auf dem Wege des Separatfriedens mit den einzelnen Parteien vorwärtskommen, und unter diesen Parteien ist Rußland diejenige, welche am leichtesten zu bewegen wäre, sich von den Vereinbarungen mit England loszulösen. Solche Verständigung mit Rußland würde, wenn sie nicht ohne weiteres Frankreich mit sich zöge, uns die Möglichkeit bringen, aus dem Osten Hindenburg und einen großen Teil seiner Armeen frei zu machen und der Sache im Westen ein glückliches Ende zu bereiten. Der ganze Gedanke ist beinahe zu gut, um Wahrheit zu werden, und ich glaube auch deshalb vorläufig nicht daran. Wir werden vielmehr guttun, uns darauf vorzubereiten, daß man uns zwingen wird, diesen Krieg weiterzuführen." In Berlin eingetroffen, fand ich den Kanzler Bethmann in verlegener, zwiespältiger Geistesverfassung. Mein Wiedererscheinen auf der politischen Bülow Bühne war ihm offenbar nichts weniger als erwünscht. Beinahe naiv er- l ' n Berlü kundigte er sich, ob ich die Absicht hätte, vor meiner Abreise nach Rom Abgeordnete und Journalisten zu empfangen, und riet mir in „alter Treue und Verehrung", wie er sich ausdrückte, davon Abstand zu nehmen, um nicht die „leider" noch bestehende Gereiztheit Seiner Majestät gegen mich neu zu beleben. Das wäre ja auch der Grund gewesen, warum er. der Kanzler, meiner Mission nach Rom gern den Charakter einer nur temporären Vertretung des erkrankten Botschafters Flotow habe geben wollen. Daß die Gereiztheit des Kaisers gegen mich, die übrigens von meinem Nachfolger nach Kräften genährt wurde, nicht so groß war, wie er vorgab, ging daraus hervor, daß ich noch in Hamburg ein direktes Telegramm Seiner Majestät erhielt, in dem es hieß: „Ich würde es freudig begrüßen, wenn Eure Durchlaucht baldigst nach Rom gehen und Ihren großen persönlichen Einfluß bei den Italienern in unserem Interesse geltend machen könnten. Viele Grüße an die Frau Fürstin." Andererseits war Bethmann ängstlich 200 LISTIGE HALBHEIT bemüht, mich davon zu überzeugen, daß ich auf seine loyale Unterstützung bauen könne. Den kleinen Jagow fand ich in giftiger Stimmung. Er hatte kurz vorher dem Fürsten Wedel, der bei ihm für meine Entsendung nach Rom plädiert hatte, gesagt, niemand könne von ihm verlangen, daß er seinem hebsten Freunde, Hans von Flotow, bitteres Herzeleid bereite. Mir gegenüber meinte er, ich würde wohl selbst von der mir zugedachten Aufgabe nicht sehr begeistert sein. Besser als Flotow könne es niemand machen, das habe erst kürzlich der „Corriere della Sera" anerkannt und sich für das Bleiben von Flolow ausgesprochen. Als ich erwiderte, daß das genannte Blatt das deutschfeindlichste in ganz Italien wäre, schwieg Jagow und machte dabei ein bis zum Komischen verlegenes Gesicht. Von allen Seiten hörte ich, daß Reichskanzler und Auswärtiges Amt alles ihnen Mögliche versucht hätten, um meine Entsendung nach Rom zu verhindern. So hatte mir der Mitarbeiter des „Berliner Lokalanzeigers" Herr Eugen Zimmermann schon im November geschrieben: „Im Auswärtigen Amt erklärte das Pressebüro auf Anfrage des Scherl-Verlages, Eure Durchlaucht hätten es abgelehnt, die Leitung der römischen Botschaft zu übernehmen; vielleicht sei es auch besser, während des Krieges keinen Wechsel in Rom eintreten zu lassen. Von anderer Seite hörte ich, Jagow habe im Einvernehmen mit dem Kanzler Bethmann sich geweigert, für Euer Durchlaucht Entsendung nach Rom auch nur einen Finger zu rühren. Der Kanzler habe auch den Kaiser in diesem Sinne bearbeitet. Sicher scheint mir, daß man ganz allgemein Angst hat, Fähigere als die augen- bbcklichen Machthaber ans Licht zu lassen. So begreif lieh das menschlich ist, so bedenldich ist es für die Sache und namentlich in so schwerer Zeit! Jeder müßte lieber heut als morgen auf den Platz gestellt werden, auf dem er am meisten helfen und nützen kann, sonst können wir diesen Kampf nicht gewinnen." Um dieselbe Zeit schrieb mir ein damals ganz rechts gerichteter Journalist, Herbert von Berger, der ein im orthodox-konservativen Geist gehaltenes Buch über den konservativen Staatsrechtslehrer Stahl geschrieben hatte, der Wunsch, mich nach Rom gehen zu sehen, sei nun auch in die Presse gekommen. Leider! müsse man sagen, angesichts der Stimmung an maßgebender Stelle, beim Reichskanzler und im Auswärtigen Amt. In der „Frankfurter Zeitung" heiße es offiziös, Fürst Bülow werde ohnehin nach Rom gehen, auch ohne besondere Mission. Darauf wolle man hinaus: meine Rückkehr nach Rom zum gewohnten Winteraufenthalt gegenüber der deutschen öffentlichen Meinung auszunützen und aus ihr möglichsten Vorteil zu ziehen, ohne doch zu offizieller Bekräftigung und Bestätigung zu schreiten. Diese Denkweise in ihrer „listigen Halbheit" sei unendbeh bezeichnend für Bethmann Hollweg und seine Leute. „Euer EIN WITZ ÜBER DEUTSCHE DIPLOMATEN 201 Durchlaucht werden das schon durchschaut haben und auf dem Ganzen bestehen. Und sicherlich wünsche ich, als Euer Durchlaucht treuest ergebener Anhänger, wie jetzt selbst Eurer Durchlaucht alte Gegner, daß bald zu lesen ist, Euer Durchlaucht seien dem Reichsdienst wiedergegeben." Ende November 1914 schrieb mir Fürst Wedel, er habe den Generaladjutanten von Plessen auf die „völlige Unzulänglichkeit" der deutschen Vertretung in Rom hingewiesen. Er habe dabei die „direkt skandalöse Tatsache" betont, daß Frau von Flotow sich in Stockholm verstecke, weil sie sich nicht zu ihrem deutschen Manne zu bekennen wage, daß sie dort in enger Fühlung mit der russischen Gesandtschaft stehe und daß der Stiefsohn unseres römischen Botschafters in den Reihen unserer Feinde gegen uns kämpfe. Jagow sträubte sich noch immer gegen die Abberufung seines „Busenfreundes". Aber die Zeiten wären so ernst, daß alle Mann an Bord gehörten. Loebell schrieb: „Durch Annahme der Berufung nach Rom bringen Sie ein großes Opfer, aber ich bin überzeugt, es wird gern gebracht, denn zu allen Zeiten war das Wohl des Vaterlandes die einzige Richtschnur Ihrer Handlungen. Es will mir scheinen, als ob die Stimmung in Itaüen gerade jetzt wieder viel zu wünschen übrig läßt. Es ist dort gar zu viel verdorben und zu viel Unheil angerichtet worden, was doch hätte vermieden werden können." Mein verständiger und abgeklärter Bruder Alfred schrieb mir, sobald er von der Möglichkeit meiner Entsendung nach Rom hörte, ich dürfe mich trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller gegen mich gerichteten Umtriebe und Intrigen, trotz der Unzuverlässigkeit und Unaufrichtigkeit der Berliner Leitung einem Rufe des Kaisers nicht entziehen. Er fügte hinzu: „Gebe Gott, daß in einer so schwerwiegenden, so ernsten, unser Land und sein Wohl betreffenden Frage bei der Leitung unserer auswärtigen Angelegenheiten nur vaterländische Gesichtspunkte und nicht persönliche Engherzigkeit und Interessiertheit eine Rolle spielen werden! Das wäre unverantwortlich. Übrigens ist die Mißstimmung gegen unsere derzeitigen Diplomaten und das derzeitige Auswärtige Amt in Deutschland eine große. Man macht den Witz: Die französische Regierung hätte sondiert, welche Friedensbedingungen wir stellen würden. Wir hätten erwidert, Regulierung der Vogesengrenze, Schleifung von Toul, Nancy, Verdun usw. Darauf wären die Franzosen eingegangen. Dann hätten wir aber die Forderung gestellt, die Franzosen müßten fünf oder sechs unserer gegenwärtigen hohen Diplomaten übernehmen. Auf diese Bedingung hätten aber die Franzosen erklärt auf keinen Fall eingehen zu können." Über die Erbärmhchkeit der gegen mich gesponnenen Intrigen und die Jämmerlichkeit der Berliner pobtischen Leitung hoben mich die Kund- Vertrauens- gebungen des Vertrauens und der Sympathie hinweg, die mir spontan von Kundgebun- vielen Seiten zugingen. Großherzogin Luise von Baden telegraphierte mir S en 202 DIE LUFT DER INTRIGE nach Berlin: „Darf ich meiner aufrichtigen Freude Ausdruck geben, daß Ihre Mitarbeit in dieser ernsten und schweren Zeit wiederum für die Wahrung unserer vaterländischen Interessen in Aussicht steht." Ernst Bassermann telegraphierte: „Mit freudiger Genugtuung begrüße ich mit allen meinen Freunden, daß Euer Durchlaucht sich erneut an wichtigster Stelle in den Dienst des Reichs stellen." Bald nachher schrieb er mir: „Meiner großen Freude, daß Sie sich entschlossen haben, Rom anzunehmen, muß ich nochmals Ausdruck geben. Italien: das ist und bleibt eine Gefahr, und wenn jemand dort für uns Gutes wirken kann, sind Sie es. Daß Beth- mann die geeignete Persönlichkeit für einen Frieden großen Stils ist, bezweifelt das Volk. Einstweilen stecken wir im Westen in Wasser und Sumpf und kommen nicht weiter. Im Westen fehlt die einheitliche, zielbewußte Führung, das ist mein Eindruck aus vielen Besprechungen. Moltke schied in Uneinigkeit mit S. M.; Falkenhayn ist nicht aus der obersten Generalstabskarriere hervorgegangen, entbehrt der nötigen Autorität, vielleicht auch der Begabung großen Stils. Daneben gehen im Großen Hauptquartier viel Intrigen hin und her. So erfährt man viel Unerfreuliches. Statt an das große Ziel zu denken, wie es unser Volk in rührender Aufopferung tut, ringt man um persönlichen Einfluß. Ich will das Thema nicht vertiefen, da Euer Durchlaucht diese Luft der Intrige leider aus eigener Erfahrung genügend kennen." Meine Jugendgespielin, die Gräfin Christa Eickstedt, die langjährige Freundin des Bismarckschen Hauses, die am Sterbebette des großen Fürsten gestanden hatte, schrieb mir: „Lieber Fürst Bernhard, eben erfahre ich, daß Sie noch einige Tage in Berlin sind, da kann ich's nicht lassen, Ihnen meine innigsten und treuesten Segenswünsche zu senden für alles, was Sie jenseits der Alpen im Dienst unseres geliebten Vaterlandes tun werden. Ich habe mich unbeschreiblich gefreut über Ihre Annahme dieser Mission, und ich glaube, Ihr großer Freund und Vorgänger, der Fürst Bismarck, würde diese Freude teilen — sein Segen möge Sie geleiten — einen besseren Wunsch wüßte ich Ihnen nicht mitzugeben. Ihnen und der Fürstin sendet die herzlichsten Grüße Ihre alte getreue Freundin aus der Kinderzeit Christa Eickstedt." Hocherfreut, daß ich mich bereit erklärt hätte, die Leitung der römischen Botschaft zu übernehmen, trotz aller Schwierigkeiten und der zu erwartenden Intrigen, schrieben mir Schwerin-Löwitz und Clemens Schorlemer. Die Witwe des Reichstagspräsidenten Udo Stolberg gab in einem Brief an meine Frau ihrer dankbaren Freude darüber Ausdruck, daß ich trotz aller Ränke und Widerwärtigkeiten, auf die sie nicht näher eingehen wolle, dieses großes Opfer gebracht hätte. „In dieser großen Zeit bringt jeder gern ein Opfer." Natürlich fehlte der Hoftheologe Adolph Harnack nicht mit einem begeisterten Glückwunsch „aus freudigem Herzen" und in der Hoffnung, daß mir seinerzeit BÜLOW GREIFT EIN 203 auch die Leitung der Friedensverhandlungen übertragen werden möge. Ehrlicher waren die Wünsche des Musikers Engelbert Humperdinck, des Hebenswürdigen Komponisten der reizenden Märchenoper „Hansel und Gretel", der uns während seines zweimaligen Winteraufenthaltes in der „Villa Falconieri" in Frascati ein lieber Freund geworden war. Und am meisten freute mich ein Gedicht, das mir der Schriftleiter des „Kladderadatsch", Paul Warncke, in seinem Blatt widmete. Warncke war mir, wie sein Vorgänger Trojan, ein guter Freund. Der „Kladderadatsch", dessen sämtliche Jahrgänge seit 1848 meine Bibliothek zieren und der meinem großen Amtsvorgänger Bismarck auch über das Grab hinaus die Treue hielt, hat mir, solange ich im Amte war, nach dem Rat des Horaz, ridendo dicere verum, oft lachend die Wahrheit gesagt. Dem Entamtetcn blieb das älteste und beste Organ deutschen Humors und der Berliner Satire wohlwollend und freundlich gesinnt. Ich möchte noch ein Briefchen der Witwe des hochverdienten Ministers Rudolph Delbrück, des Mitarbeiters Bismarcks in großer Zeit, erwähnen, die meiner Frau schrieb: „Groß ist die Freude in allen Kreisen, den Fürsten wieder als unseren offiziellen Vertreter nach Rom gehen zu sehen, gemeinsam mit Eurer Durchlaucht. So ist nun endüch erfolgt, was wir seit langer Zeit für unser Vaterland erhofft und ersehnt hatten, und es drängt mich, meine innige Befriedigung und Freude darüber auszusprechen! Gott wolle Sie beide segnen, zum Wohle Deutschlands und zu Ihrer eigenen hohen Befriedigung in der Arbeit für unser Vaterland!" Walter Rathenau telegraphierte mir: „Hocherfreut, daß Euer Durchlaucht sich entschlossen haben, in schwerer Zeit in die Staatsgeschäfte einzugreifen, vertraue ich alter Kraft und neuem Glück." Die deutsche Presse, ohne Unterschied der Partei, gab ihrer Genugtuung über meine Entsendung Ausdruck. Mit Recht konnte der Leiter der agrarischen „Deutschen Tageszeitung", der Reichstagsabgeordnete Dr. Georg Oertel, mir schreiben: „Ich wünsche von ganzem Herzen, daß die Tätigkeit Eurer Durchlaucht erfolgreich sein möge. Das ist nicht nur mein tiefempfundener Wunsch, sondern der des ganzen Volkes ohne jeden Unterschied der Partei." XVI. KAPITEL Audienz bei Kaiser Wilhelm II. • Abschiedsbesuch bei Moltke • Abreise nach Rom • FIo- tow bleibt in Italien und intrigiert weiter gegen Bülow • Erzbergers Ankunft in Rom, dessen loyales Verhalten • Aus den Akten der römischen Botschaft • Tätigkeit des Fürsten in Rom • Briefe aus Deutschland • Stimmung des Kaisers • Die deutsche Kolonie • Graf Greppi • Ersetzung des österreichisch-ungarischen Botschafters von Merey durch den Freiherrn von Macchio Vor meiner Abreise empfing mich der Kaiser im Schloß Bellevue. Nicht ohne innere Bewegung trat ich durch den alten Park in dies Palais, das so Wilhelm II. viel gesehen hat, wo Prinz Louis Ferdinand vor Saalfeld Abschied nahm im Schloß von semer Schwester, der Fürstin Radziwill, und ihr seine Kinder ans Herz Bellevue } e g te? wo E rns t Moritz Arndt nach Jena die schweigsamsten Wege aufsuchte, um in schwerer Zeit über die Not des Vaterlandes und dessen" Rettung nachzusinnen. Hier sollte, vier Jahre später, als das tragische Schicksal Deutschlands mit dem Scheitern unserer letzten großen Offensive im Westen sieb zu erfüllen begann, Kaiser WUhelm dem General Ludendorff mit harten und barschen Worten den Abschied erteilen. Jetzt war der Kaiser in zuversichtlicher und gehobener Stimmung. Im freundschaft lichsten Tone, als ob zwischen uns niemals Meinuugsverschiedenheiten be standen oder Friktionen stattgefunden hätten, entwickelte er mir seine Auffassung über die Entstehung des Krieges: Sein Vetter, der König von Eng land, und sein Vetter, der Kaiser von Rußland, hätten sich im Mai 1913 während der Hochzeitsfeierlichkeiten anläßlich der Vermählung der Prin zessin Viktoria Luise mit dem Herzog von Braunschweig, gegen ihn ver schworen. Die Geschichte aller Zeiten kenne keine größere Niedertracht Tücke und Verrat im Herzen, hätten die beiden „Vettern und Kollegen' sein armes Kind zu Gottes Altar geführt. Dafür werde sie Gottes Strafe treffen. Als er am Tage vor der Hochzeit im Berliner Schloß unvermutet bei dem König von England eingetreten sei, habe er ihn im Tete-ä-tete mit dem Zaren überrascht. Beide wären erschrocken aufgefahren. Damals hätten sie die letzten Verabredungen für den Überfall auf Deutschland getroffen. Die Undankbarkeit des Zaren, dem er immer ein treuer Freund gewesen wäre und dem er so viele vortreffliche Ratschläge erteilt hätte, schreie zum Himmel. Uber das Benehmen von „Georgie" könne er nur DER ERKRANKTE HELLMUTH MOLTKE 205 sagen, ihre gemeinsame Großmutter, die Königin Victoria, hätte sich sicher im Grabe umgedreht, als ihr englischer Enkel ihrem deutschen Enkel den Fehdehandschuh hingeworfen habe. Es berührte mich schmerzlich, daß selbst die bitteren Lehren der ersten Kriegsmonate WUhelm II. nicht zu sachlicher und nüchterner Beurteilung der Ereignisse hatten bringen können. Als ich darauf hinwies, daß die englische Politik, namentlich seit der Thronbesteigung des Königs Georg V., von den Ministern mit dem Parlament gemacht würde, sah mich der Kaiser einen Augenblick gereizt an, meinte aber dann, wieder mit freundlichem Ausdruck und indem er mich unter den Arm faßte, jetzt wollten wir zu seiner Frau gehen, die sehr wünsche, mich wiederzusehen. Nichts konnte friedücher sein als die Stimmung, in der wir drei einige Minuten später um den Teetisch der Kaiserin saßen, von der eine Atmosphäre der Güte und der Behaglichkeit ausging, die alle Dissonanzen verscheuchte. Einige Tage vor meiner Audienz bei Seiner Majestät hatte ich den Generalobersten von Mol tke aufgesucht. Er war aus dem Schloß in Horn- Bei Molike bürg v. d. H. in das Generalstabsgebäude übergesiedelt, den „roten Kasten" am Königsplatz, gegenüber der Siegessäule, das Haus, an das sich so große Traditionen knüpfen, ein Haus, an dem ich heute nicht ohne melancholische Erinnerungen an eine bessere, eine glückliche und stolze Vergangenheit vorbeigehen kann. Ich fand Moltke im Bett. Er sah krank aus, bleicher als sein Bettuch. Mit melancholischem Lächeln winkte er mir zu: „Erinnern Sie sich noch, als wir zusammen um den Wasserturm am Hippodrom ritten? Ich hatte doch recht, als ich den Posten nicht annehmen wollte." Im übrigen kam aus seinem Munde kein Wort weder der persönlichen Rechtfertigung noch der Anklage gegen andere, sondern nur Äußerungen seiner Besorgnisse für die Zukunft, für das Schicksal des Vaterlandes, seiner heißen Liebe für das Vaterland. Er gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, daß ich an die Stelle von Bethmann treten möge, der zum Steuermann des Reichsschiffes in diesem Weltsturm in keiner Weise geeignet sei. Als ich das Schlafzimmer Moltkes verließ, erwartete mich vor der Tür seine Frau. Sie entstammte der dänisch-schwedischen Linie der Familie Moltke. Sie war eine hübsche, begabte, ihrem Gatten treu ergebene Frau, hatte sich aber leider mit spiritistischem und theosophischem Unfug abgegeben und damit auch ihren Mann angesteckt, der ohnehin zu Mystizismus neigte. Eliza von Moltke, Lizzie, wie sie in der Familie genannt wurde, zitterte vor Erregung über das Schicksal ihres Mannes, vor Entrüstung über diejenigen, denen sie die Schuld an seinem Zusammenbruch zuschob. Der Kaiser habe ihrem Gatten die Leitung der Operationen in dem Augenblick entzogen, wo er im Begriffe stand, auf dem westlichen Kriegs- 206 GRÄFIN MOLTKE BEKLAGT SICH Schauplatz alles wieder in Ordnung zu bringen und zum Guten zu wenden. Der Kaiser und Falkenhayn hätten auch nicht auf die Ratschläge gehört, die ihnen Moltke für die Verproviantierung des Landes gegeben habe. Diese Klage war nicht unbegründet. Moltke hatte mit Clemens Delbrück zu denjenigen gehört, die schon früh erkannten, daß wir beizeiten gegen die uns drohende Hungerblockade Vorsorge treffen mußten. Schon vor diesem Besuch hatte ich mit Moltke Briefe gewechselt. Ich Moltke über hatte dem alten Freund, dessen hartes Schicksal mir naheging, Worte der den Krieg Teilnahme und Sympathie geschrieben. Ich gebe seine Antwort wieder: „Euer Durchlaucht haben mir mit Ihren freundlichen und, wie ich wohl sagen darf, freundschaftlichen Zeilen vom 24. d. M. eine sehr große Freude gemacht. Nicht das, was Euer Durchlaucht über unsern Aufmarsch sagen, ist es, denn dafür gebührt die Anerkennung nicht einem einzelnen, sie gebührt der Gesamtarbeit des Generalstabs, der Pflichterfüllung und Arbeit aller Offiziere, die an dem gewaltigen Werk des Aufmarsches eines Millio- nenheercs beteiligt waren, in erster Linie den über alles Lob erhabenen Leistungen der Eisenbahnabteilung. Die Siege, die dem Aufmarsch folgten, sind aber das Verdienst der todesmutigen Tapferkeit unserer Soldaten und ihrer Führer vom ersten bis zum letzten Mann. Es ist unser Volk selbst, das Volk in Waffen, das diese Siege mit Hingabe seines Herzblutes errungen hat, ihm gebührt die Ehre. Und nicht nur das Volk in Waffen, auch die Gesamtheit der Nation, die tapfer und zu jedem Opfer bereit hinter dem Heere steht, hat ihren Anteil an dem bisher Errungenen. Sie ist es, aus der das Heer sich immer neue Kraft holt, mit der es innig verbunden ist mit Millionen Fäden, die ihren Geist, ihre hochgemute Gesinnung in einem immer belebenden Strom dauernd in das Heer einfließen läßt und ihm Stärke verleiht. Das ganze deutsche Volk führt diesen Kampf um das Heiügste, Avas es hat, um seine nationale Selbständigkeit, um den Schutz des Vaterlandes vor Vergewaltigung und Vernichtung. Und in diesem großen Volksganzen von siebzig Millionen lebt das Bewußtsein, daß es den Kampf nicht nur im eigenen, sondern im Interesse der gesamten Menschheit führt, daß es gilt, für diese das deutsche Geistesleben zu erhalten, das allein die Gewähr bietet, die Menschheit weiter zu führen auf dem Wege geistiger Kultur. Man müßte an jeder Weiterentwicklung verzweifeln, wenn diese höchsten Güter von russischer Barbarei, von englischem Materialismus überwältigt und vernichtet werden sollten. Daher bin ich mit Ihnen der gewissen Zuversicht, daß unser Volk unbesiegbar ist und sein muß. Wie ich Ihre Worte las über die mangelhafte diplomatische Vorbereitung dieses Krieges, mußte ich an so manche Unterhaltung denken, die wir in früheren Zeiten gehabt haben. Seit Euer Durchlaucht die diplomatische Leitung niedergelegt haben, hat nur ein Gedanke dieselbe beherrscht: Erhaltung KRIEG UND DIPLOMATIE 207 des Friedens um jeden Preis! Daß es die höchste Aufgahe der Diplomatie sein muß, den Staat so zu führen, daß er eventuell unter möglichst günstigen Vorbedingungen in einen Krieg eintreten könne, war völlig vergessen. Und doch stand dieser Krieg seit Jahren fast greifbar deutlich vor der Tür. Wir wollten ihn nicht haben, wir wollten ihn nicht vorbereiten, wir wollten ihn nur verhindern. Daß die Weltentwickluug einer neuen Phase zustrebte, daß das Gewitter des europäischen Krieges sich entladen mußte, wurde nicht erkannt. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß 80 schwere Schläge wie das Versagen Rumäniens und Italiens uns unvorbereitet treffen konnten. Ich bin der Uberzeugung, daß der Krieg schon jetzt siegreich für uns erledigt sein würde, wenn es gelungen wäre, diese beiden Staaten an unserer Seite zu erhalten. Daß dies nicht geschehen ist, wird die Geschichte einst als schwersten Fehler verurteilen. Auch über diese Dinge haben wir früher öfter gesprochen. Sie lebten lebendig in Ihnen, Durchlaucht, und die Befürchtung, daß die für das Deutsche Reich von so überragender Bedeutung wichtigen Ziele vergessen werden könnten, war es, die mir das Herz schwer machten, als Sie schieden. Wenn es Gottes Wille ist, daß wir trotzdem siegreich aus diesem Riesenkampf hervorgehen, so wird es vor allem auf eins ankommen: Die ethischen Kräfte, die er in unserem Volk hat aufleben lassen, der hohe Idealismus, der es durch alle Volksschichten hindurch erfüllt, die herrliche Einheit der Nation, die Klassen- und Parteiunterschiede ausgelöscht hat, das alles sind geistige Güter höchster Art. Das brennende Feuer des Schmerzes hat in der Volksseele das Gold höchster idealer Gesinnung herausgeschmolzen, es hat sie von dem materiellen Zug abgewendet, der in den Jahren des Wohllebens und Gedeihens diese Volksseele zu ersticken drohte und der parteiischen Hader, Zwietracht und Neid in die Massen trug. Hier ist durch den Krieg ein Schatz aus den Tiefen des Volkes gehoben worden von allergrößtem Wert und Bedeutung. Wenn der höchste Wille, der die Geschicke der Menschheit leitet, es gut mit uns meint, so gebe er uns Männer, die nicht nur mit materiellen Ergebnissen des Friedens rechnen, sondern die es verstehen, dem Deutschtum das geistige Gut zu erhalten, das der Krieg ihm gegeben hat. Das ist mein heißer Wunsch und zugleich meine Besorgnis. Der Staatsmann, der es jetzt nicht versteht, in die Tiefe unserer Volksseele zu blicken, ihren lebendigen Odem zu spüren, wird das Volk nicht der Bestimmung entgegeuführen, die ihm vorgezeichnet ist. Sie wissen, Durchlaucht, wie sehr ich Sie verehre, aber nicht nur diesem Empfinden entspringt mein sehnlicher Wunsch, daß Sie es sein mögen, der diese Aufgabe zu lösen berufen ist. Ich weiß, daß Sie Verständnis für die hier angeregten Fragen haben. Sie haben schon einmal an den Idealismus unseres Volkes appelliert, und Sie haben den Erfolg unserer damaligen schwierigen Ver- 208 DIE FATALITÄTSTHEORIE hältnisse gehabt. Ich weiß keinen anderen Mann, der Sie ersetzen könnte. Verzeihen Sie die Länge meines Briefes. Ich bin durch meine Erkrankung aus der Mitarbeit am Kriege ausgeschaltet und sitze einsam im alten Homburger Schloß. Aber mein Herz und meine Seele sind verknüpft mit den Geschehnissen dieser großen, heiligen Zeit. Und der heiße Wunsch, daß unser Volk durch Kampf und Nacht zum Licht geführt werden möge, lebt in mir mit heißer Gewalt. Das Wort Vaterland umschließt all mein Denken und Fühlen, und ich weiß, daß in Ihnen dieselben Gedanken leben. Gott gebe uns den Sieg, und er gebe unserm Volk einen Frieden, der ihm seine höchsten Güter wahrt. Ihr treu ergebener Moltke." Ein kritischer Beurteiler des vorstehenden Briefes wird an ihm manches auszusetzen haben: Meinem Nachfolger Bethmann war nicht so sehr vorzuwerfen, daß er den Frieden um jeden Preis gewollt hätte, als das Ungeschick, mit dem er sich in den Krieg hatte verstricken lassen. Es war auch nicht richtig, daß das Gewitter eines Weltkrieges sich notwendig und unentrinnbar entladen mußte. Das war die leidige, die schwächliche Fatalitätstheorie, an die Bismarck ebensowenig glaubte wie an die Notwendigkeit prophylaktischer Kriege. Zutreffend dagegen war die Bemerkung, daß wir den Krieg rasch hätten gewinnen können, wenn wir von vornherein Italien und Rumänien auf unserer Seite gehabt hätten. Daß wir dies nicht erreichten, war tatsächlich die Schuld der Wiener und der Berliner Diplomaten. Im großen und ganzen ist der Brief von Moltke mehr die von hohem Idealismus inspirierte und von edler Weltauffassung getragene Betrachtung eines Professors der Ethik als das Bekenntnis und Testament eines Feldherrn. Aus den Schriften des großen Königs und dem „Memorial de Sainte- Helene" weht ein anderer Geist. Unser Verhängnis hat gewollt, daß bei Beginn des größten aller Kriege die beiden wichtigsten Posten nicht mit tatenfreudigen und tatkräftigen, nicht mit klugen, gewandten, geschickten Männern besetzt waren, sondern mit Philosophen. Ich füge noch hinzu, daß das Urteil der Geschichte, und mit Recht, über Bethmann strenger und härter ausfallen wird als über seinen Schicksals- und Leidensgenossen Moltke. Am 14. Dezember 1914 fuhr ich mit dem Schnellzug nach Rom. Dort Ankunft erhielt ich wenige Tage später den Brief eines dem Auswärtigen Amt nahe- Bülows stehenden Journalisten, der mir schrieb: „Staatssekretär von Jagow sagte m Rom n j er ^ unm ittelbar nach Ihrer Abfahrt von Berlin, jedem, der es hören wollte, Italiens wären wir völlig sicher. Es werde eingreifen, und zwar auf deutscher Seite. Darüber sei kein Zweifel." Die Absicht, mir in die Suppe zu spucken, trat klar zutage. In Rom erwartete mich das Personal der Botschaft an der Bahn, aber ohne den Botschafter Flotow. Ich stieg in meiner Villa Malta ab, nicht im Palazzo Caffarelli, der mich vierzig Jahre früher als Attache ERZBERGER 209 und zwanzig Jahre früher als Botschafter beherbergt hatte. Am Nachmittag Heß sich Flotow melden. Haltung und Ausdruck hätten jedem Schauspieler als Vorbild dienen können, dem die Rolle des Sekretärs Wurm in Schillers „Kabale und Liebe" zugefallen wäre. „Ist mir's doch", meint der redliche Stadtmusikant und Kunstpfeifer Miller in dem „bürgerlichen Trauerspiel" des jugendlichen Schiller über den Haussekretär des Präsidenten von Walter, „wie Gift und Operment, wenn ich den Federfuchser zu Gesichte krieg." Herr von Flotow betonte, daß er mit ausdrücklicher Ermächtigung des Reichskanzlers und des Staatssekretärs Italien nicht verlassen, sondern seinen Urlaub dort verleben und seinen Wohnsitz „bis auf Weiteres" nach Neapel verlegen werde. Wenige Tage später traf der Abgeordnete Erzberger in Rom ein. Seit meinem Zerwürfnis mit dem Zentrum hatte mich kein Mitglied dieser Partei Bekanntschaft schärfer angegriffen als er. Von ihm namentlich war das Märchen aus- mlt Erzberger gegangen, das von dem früheren Regierungsrat Martin und dem Chefredakteur des Pariser „Figaro", Gaston Calmette, weitergesponnen wurde, daß ich den Plan verfolgt hätte, den Kaiser zur Abdankung zu zwingen und mich zum Präsidenten der deutschen Republik proklamieren zu lassen. Die persönliche Bekanntschaft von Erzberger hatte ich noch nicht gemacht. Als er in mein Arbeitszimmer trat, sah ich einen mittelgroßen, untersetzten Mann vor mir stehen, unbeholfen in Bewegungen und Gesten, mit derben Gesichtszügen. „Er sieht aus wie ein Bierstöpsel", meinte eine ungarische Gräfin, der ich ihn bald nachher vorstellte. Aber in der Unterhaltung, die sich nun entspann, trat mir ein Mann von rascher und beweglicher Auffassungsgabe entgegen, nicht geistreich, noch weniger gebildet, aber nicht aufs Maul gefallen. Der Gerber Kleon würde in Erzberger einen ihm verwandten Demagogentypus erkannt haben, bei aller sonstigen Verschiedenheit zwischen dem Athener und dem Buttenhäuscr. Albert Ballin sagte mir einmal von Erzberger, er sei tüchtig, aber es fehle ihm das eigentliche Fundament. Der feingebildete Abt-Primas des Benediktiner-Ordens, Freiherr von Stotzingen, meinte nach einer längeren Unterredung mit Erzberger: „Es fehlen ihm die Humaniora." Papst Benedikt XV. gab, wie ich gelegentlich schon erwähnte, nachdem er ihn in Audienz empfangen hatte, seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß der Signor Erzberger, der im Parlament vielleicht ganz gut am Platze wäre, sich als Diplomat betätigen wolle, wozu er sich in keiner Weise eigne. Matthias Erzberger hat während der letzten Jahre des Krieges und auch nach dem Umsturz viele und schwere politische Fehler begangen. Er hat großen Schaden angerichtet. Um so mehr ist es Pflicht, hervorzuheben, daß sein Verhalten in Rom loyal war, daß er dort gute Dienste geleistet hat. 14 BUIow III 210 ERZBERGERS TRAURIGES ENDE Er fing damit an, mir zu sagen, daß er mich nur aus Parteirücksichten angegriffen, sich aber dabei gar nichts Böses gedacht habe und jetzt Verehrung und Bewunderung für mich empfinde. Ich könne mich vollständig auf ihn und seine Ehrlichkeit verlassen. Bethmann und Jagow hätten ihn aufgefordert, nach Rom zu fahren, ihm auch eine besondere Chiffre mitgegeben und ihm gesagt, er möge über seine Beobachtungen namentlich über mein Verhalten ihnen rückhaltlos berichten. Natürlich wären die Absichten des Kanzlers und des Staatssekretärs bei dieser Aufforderung nicht gerade freundlich für mich gewesen. Er würde aber nach Berlin nichts telegraphieren noch schreiben, was er mir nicht vorher gezeigt hätte. Diesem seinem Versprechen ist Erzberger treu geblieben. Er hat mir alle seine Berichte und Meldungen nach Berlin vorher vorgelegt, mich auch über seine in Rom geführten politischen Gespräche genau informiert. Als er, nicht ohne Grund, für seine persönliche Sicherheit fürchtete, weil seine häufigen Besuche im Vatikan von der italienischen Presse abfällig kritisiert worden waren, forderte ich ihn auf, bei mir in der Villa Malta Wohnung zu nehmen, und zeigte gleichzeitig der Consulta an, daß der Abgeordnete Erzberger von mir der Botschaft interimistisch attachiert worden sei. Der gute Matthias schien dies als eine erfreuliche Vorbedeutung für künftigen diplomatischen Aufstieg aufzufassen. Ich räumte ihm zwei schöne Zimmer im zweiten Stock ein, von wo er einen herrlichen Rundblick auf die Ewige Stadt, die mächtige Kuppel der Peterskirche und die Berge hatte, die Rom umkränzen. Er war mir und meiner Frau ein angenehmer Hausgenosse. Er war natürlich und behaglich, er konnte auch drollig sein, wenn er, gemütlich schwäbelnd, von Berlin erzählte. Er wisse selbst nicht, warum der Reichskanzler einen solchen Affen an ihm gefressen hätte. Er müsse mindestens einmal wöchentlich bei ihm speisen. Neulich habe „der Herr Kanschler" zu ihm gesagt: „Wie fangen Sie es nur an, um so viele gute Einfälle zu haben ? Mir fällt nie etwas ein." Erzberger erzählte das ohne jede Ironie. Als der Arme später ein so trauriges Ende fand, übersandte mir seine Witwe die Traueranzeige mit seinem Bild, das als Unterschrift die Worte des Apostels Paulus trug: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe Glauben gehalten." So erschien er nicht nur seiner Familie, seinen näheren Freunden, seinen Landsleuten in Buttenhausen, sondern auch einem großen Teil des klerikalen wie des demokratischen Deutschland. Ein anderer Teil des Volkes sah in ihm einen Schädling, ja einen Verbrecher. Ein deutscher Gerichtshof, ehrenhafte und in jeder Beziehung hochstehende Richter haben ihm Ausbeutung seiner politischen Stellung für private Erwerbszwecke bescheinigt. Der Advokat seines Gegners Helfferich schlug auf die vor ihm hegende Mappe und rief zu Erzberger gewandt: „Hier ist Material, mit dem jeder Assessor ein Dutzend Prozesse gegen Sie anstrengen und DIE BLANKOVOLLMACHT 211 Zessionen Österreichs gegen Sie gewinnen könnte!" Erzberger schwieg. Vor Immanuel Kant und dessen strenger Moral würde er nicht bestehen. Aber kann er sich nicht auf den Schächer am Kreuz berufen ? Hoffentlich hat er schließlich doch noch ein Plätzchen im Paradies gefunden. Auch in Rom erhielt ich während des schweren Winters von 1914 auf 1915, wo ich, von Berlin schlecht unterstützt, noch weniger von Wien Keine Kon sekundiert, gegen viele feindliche und widerwärtige Einflüsse zu kämpfen hatte, von Moltke ab und zu Briefe, aus denen ebensosehr seine freundschaftliche Gesinnung für mich wie sein Patriotismus sprachen. Ich glaube, daß nur wenige mir so aufrichtig und innig für meine römische Mission Erfolg wünschten wie Hellmuth Moltke. Solcher Wünsche und Gebete bedurfte ich in der Tat. Bei meiner ersten Unterredung mit dem Botschaftsrat Hindenburg verglich ich mich mit dem Arzt, der zu spät an das Krankenbett berufen wird. Dieser Vergleich war zutreffend. Wenn im Juli 1914 die militärische Kooperation Italiens bei geschickter deutscher Politik denkbar gewesen war, vor dem Marne-Rückzug wenigstens volle und sichere Neutralität, so war jetzt selbst die Neutralität nur zu erreichen, wenn Österreich sofort, rückhaltlos und avec un beau geste den Trentino opferte und die Autonomie von Triest konzedierte. Aber weder wollten die Österreicher sich zu den unerläßlichen Konzessionen entschließen, noch ermannten sich Bethmann und Jagow dazu, einen energischen Druck auf das Wiener Kabinett auszuüben. Nachdem wir ohne Zögern, vorbehaltlos unsere Zustimmung zu dem Strafverfahren Österreichs gegen Serbien gegeben und dem Wiener Kabinett die Wahl der anzuwendenden Mittel überlassen hatten, glaubten sich die Österreicher unserer Rückendeckung absolut sicher und uns gegenüber an keine Rücksicht gebunden. Mit unserer Blankovollmacht in der Tasche setzten sie sich an den Spieltisch, wo es leider nicht nur um ihr, sondern auch um unser Geld ging. Wir hatten ihnen ja von vornherein erlaubt, es gegenüber Serbien bis zum Äußersten, bis zum Kriege mit allen seinen Konsequenzen zu treiben. In Rom fand ich bei den Akten einen Brief des Botschaftsrats in Wien, Prinzen Stolberg, der während einer kurzen Abwesenheit seines Chefs, Brief des des Botschafters von Tschirschky, etwa acht Tage vor der Überreichung -P" nzen des Ultimatums, Mitte Juli 1914, nach Berlin meldete: er habe in Aus- 0 er ^ führung des ihm erteilten Auftrages den Grafen Berchtold gefragt, ob das Wiener Kabinett an dem Gedanken festhalte, scharfe Sühneforderungen für den Mord von Sarajewo an die serbische Regierung zu stellen. Auf die bejahende Antwort des Ministers habe er auftragsgemäß weiter gefragt, was geschehen würde, wenn Serbien alle österreichischen Forderungen annähme. Lächelnd (Berchtold wie Jagow Hebten zu lächeln) habe der k. und k. Minister erwidert: er halte es für ausgeschlossen, daß selbst eine 14» 212 DIE STAATSRÄSON Regierung wie die serbische solche Forderungen schlucke. Sollte dies aber doch der Fall sein, so bleibe eben nichts anderes übrig, als auch nach Annahme aller Forderungen Serbien so lange zu reizen, bis Osterreich die Möglichkeit erhalte, in Serbien einzumarschieren. Weiter befanden sich bei den römischen Akten Abschriften zweier Briefe des Staatssekretärs Jagow aus dem Großen Hauptquartier an den Unterstaatssekretär Zimmermann, die mir einen neuen melancholischen Einblick in die Kopf- und Ziellosigkeit des Auswärtigen Amtes vom Sommer 1914 gewährten. In dem einen vor dem Marne-Rückzug geschriebenen Brief ermahnte Jagow das Auswärtige Amt und die Kaiserliche Botschaft in Rom, sich Italien gegenüber nur ja nicht zu engagieren, weder durch Versprechungen und Zusagen noch durch Konversationen über etwaige Kompensationen. Wir dürften uns für die zukünftigen Friedensverhandlungen Italien gegenüber in keiner Weise die Hände binden. Das erinnerte an den französischen Minister des Äußern von 1870, den Duc de Gramont, der, als ihm gemeldet wurde, daß die süddeutschen Staaten mit Preußen gegen Frankreich gehen würden, mit heiterer Ruhe erwidert hatte: „Tant mieux! Nos armees se deployeront ä leur aise dans les plaines de l'Allemagne meridionale, et nous aurons les coudees franches pour les negociations de la paix." Nach dem Marne- Rückzug, einige Wochen später, war ein händeringendes Schreiben desselben Jagow in Rom eingetroffen, in dem er bat, alles aufzubieten, damit Italien sich uns anschließe. Wenn ich, wie jeder, der im öffentlichen Leben steht, bisweilen geirrt Pessimismus habe, vielleicht sogar, wie meine Gegner behaupten, oft irrte, so kann ich Ballins doch mit gutem Gewissen sagen, daß ich nie einem anderen Leitstern gefolgt bin als der Staatsräson. Seit ich als Kriegsfreiwilliger bei den Bonner Königshusaren eintrat und König und Vaterland Treue schwur, habe ich meine körperlichen und seelischen Kräfte, ohne Schonung meiner Person, in den Dienst des Landes gestellt, niemals bewußter und rückhaltloser als während meiner römischen Mission im Winter 1914/15. Gerade weil ich mir keine Illusionen über die lebensgefährliche Lage machte, in die wir fünf Jahre nach meinem Rücktritt durch die Unfähigkeit meines Nachfolgers und seiner Mitarbeiter geraten waren, spannte ich jeden Nerv an, um dem schon von so vielen und starken Feinden umringten, von allen Seiten bedrängten Deutschen Reich einen neuen und nicht zu unterschätzenden Gegner zu ersparen. Was ich aus der Heimat hörte, bestärkte mich in meiner ernsten Beurteilung der Lage. Albert Ballin schrieb mir bald nach meinem Eintreffen in Rom: „Ich vermag der ganzen Situation kein freundliches Gesicht aufzuzwingen. Der Gedanke einer Unterseeboot- Blockade, die, wenn sie glückte, uns die Aussicht schaffen würde, England mürbezumachen, stößt bei den Juristen und den führenden Geistern des ÖSTERREICH UND ITALIEN 213 Auswärtigen Amtes auf hundert Bedenken. In der Türkei sieht es nicht rosig aus. Munitionsmangel, hervorgerufen durch Rumäniens Weigerung, unsere bezüglichen Transporte durchzulassen. Weder am Suezkanal noch in Ägypten irgendein Ziel für eine erfolgreiche Operation. Wie die Lage sich gestalten wird, ist es gar nicht zu verstehen, warum wir nicht mit dem größten Nachdruck in Wien dahin wirken, daß man sich auch unter erheblichen Opfern mit Italien verständigt. Es ist für Österreich eine bittere Notwendigkeit, die an der italienischen Grenze gehaltenen Streitkräfte für die endliche Bewältigung der Serben frei zu machen. Daß es Österreich nicht gelang, schnell mit den Serben fertig zu werden, hat m. E. die militärische Lage für uns sehr verschlechtert. Hätten die Österreicher die Serben schnell zu Boden geworfen, so hätten sie durch Konzessionen diese kleine, tüchtige Macht sich verbünden können und damit eine Situation schaffen, die dem Zaren vielleicht den Vorwand für einen Separat-Frieden gegeben hätte. Gott besser's! Ich gehe bald für einige Zeit nach Berlin und werde Zimmermann zu einer energischen Aktion gegen Österreich zwecks Einigung mit Italien dringend raten. Militärische Erfolge, die wir erreichen, werden den Dreiverbandsmächten zu noch stärkerem Werben in Rumänien und Italien den Anlaß geben. Mih'tärische Mißerfolge w _ erden die ohnehin bestehende Neigung, gegen Österreich vorzugehen, dort und in Bukarest erhöhen. Wir sind also between the devil and the deep sea und sollten suchen, bald einen ehrenvollen Frieden zu machen. Was wir erreichen, ist ja an sich groß! Gegen diese Welt von Feinden den Krieg im Feindesland konzentrieren und sich so glänzend halten, ist sicherlich eine große Leistung." Der Generaldirektor des Scherischen Verlages, der mit dem Großen Hauptquartier enge Fühlung hatte und häufig dort weilte, Herr Eugen Brief i Zimmermann, der drei Jahre später Wilhelm II. bei der Abfassung seines Eugen Buches „Gestalten und Erscheinungen" unterstützen sollte, hatte mir Zimme schon vor meiner Abreise nach der Ewigen Stadt geschrieben: „Über die Kriegslage macht sich allgemein eine pessimistische Auffassung bemerkbar. Es geht sehr langsam und nur mit enormen Verlusten vorwärts. Die Gegner gewinnen viel Zeit, Gegenmaßregeln zu treffen. Russische Artillerie wird durch japanische ergänzt. Die Franzosen ziehen immer mehr Farbige heran. Die Engländer bilden fieberhaft aus. An der Yser verloren wir bis zum 1. November rund lunfzigtausend Offiziere und Soldaten. Fünfzigjährige Oberleutnants und Kompagnieführer sind durchaus keine Seltenheit an der Front. Der Kampf kommt immer mehr auf die Entscheidung durch brutale Gewalt heraus. Die Kriegskunst tritt zurück. Eine operative Überlegenheit ist nicht bemerkbar. Unsere Überlegenheit an Zahl im Westen (zirka dreihundertfünf zigtausend Mann) dringt nicht durch. Trotz allem kann und muß man auf den endlichen Erfolg hoffen. Aber je mehr er der Armee, dem 214 DER UNTERTON Volk, dem einzelnen Mann, je weniger überlegener Führung schließlich zugeschrieben werden müßte, je größer werden die Forderungen der Demokratie nach dem Kriege sein. Wenn man hier Herren der Regierung spricht, ist man entsetzt über die Unkenntnis aller Vorgänge im Volk." Der damals noch auf dem rechten Flügel der konservativen Partei stehende Publizist Herbert von Berger schrieb mir: „Hoffentlich erlebt die heute geborene Generation eine Zeit, in der von der Jugend des preußischen Adels Kopf und Herz und nicht nur das Blut in der Stunde der Not genutzt wird. Mit den wenigen verwundeten Gardeoffizieren, die hier sind, etwa achtzig Prozent sind ja gefallen, bin ich oft zusammen, sie meinen, das stolze Vorrecht, vor dem Feinde zu sterben, dies Vorrecht des Adels wäre ihm reichlicher zugeschoben worden, als notwendig gewesen ist. Ganze Geschlechter sind ja vernichtet. Und bitter fragte mich neulich ein Verstümmelter, ein höherer Offizier, ob vielleicht aus politischen Gründen eine Ausrottimg des preußischen Militär- und Beamten-Adels beabsichtigt sei. Ich mußte dabei unwillkürlich an das geistreiche Wort eines bekannten Historikers denken, daß Rom zu Grunde gehen mußte, weil seine Aristokratie untergegangen war. Es ist überhaupt eigenartig, wie diese Zeit, die das Größte und Beste im Deutschen wieder zu Ehre und zur Geltung bringt, einen trüben, ja verdrießlichen Unterton in den wertvollsten Kreisen hat. Es ist da doch der Mangel an Führung und Führern von Charakter und Kraft zu empfinden. Der eine Hindenburg kann schließlich nicht für alle aufkommen. Und endlich scheint man an den maßgebenden Stellen besorgt zu sein, keinen derer in den Vordergrund zu lassen, die Staatsmann und nicht nur Beamter sein können. Nach Euer Durchlaucht fragen Politiker im Offiziersrock und im Bürgergewand. Es gibt nicht einen nachdenklichen und politisch einigermaßen urteilsfähigen Deutschen, der nicht weiß, daß der gegenwärtige Kanzler bei Friedensschluß versagen wird, wie er bei Kriegsausbruch versagt hat. Und doch steht dieser Mann fest, nur weil er ein bequemer Diener ist. Darf man sich wundern, Avenn in einem Volk, das willig und gern so Ungeheures leistet, allmählich die Frage laut wird, ob es nicht an der Zeit sei, in Erwägung tief einschneidender, verfassungsrechtlicher Änderungen einzutreten, das Ministerernennungsrecht auf eine breitere Basis zu stellen als den monarchischen Willen. Es ist eben nicht zu leugnen: schwache und gedankenarme Minister wie Bethmann und Jagow sind nicht nur eine Gefahr für das Land nach außen, sondern auch für seine Verfassung im Innern." Im Gegensatz zu solchen warnenden und ernsten Stimmen patriotischer Brief des g esor „ n £ g gc^jgj, m j r aus ,j em Schloß Bellevue der diensttuende General- Generai- ° adjutanten adjutant von Chelius über die Allerhöchste Stimmung: „Der Kaiser will v. Chelius noch immer nicht glauben, daß man in Italien Ernst mache gegen Öster- ALLERHÖCHSTE STIMMUNG 215 reich, und hofft, daß Rumänien, wo sich eine Stimmung für die Zentralmächte Bahn zu brechen scheint, Italien von einem verhängnisvollen Schritt abhalten werde. Ganz vertraulich möchte ich noch hinzufügen, daß man hier die Meinung hat, der Papst werde im Frühjahr den Frieden anbahnen und vermitteln. Dieser Gedanke ist Seiner Majestät sehr sympathisch. Natürlich könne das aber nur auf der Basis des militärischen Status quo erfolgen. Dieser Weg wäre denkbar, da ein Friedensbedürfnis in Frankreich und England zweifellos vorhanden sei. England geht man mit der Marine tüchtig zu Leibe, natürlich nicht ohne Gefahr für die eigene Zufuhr, besonders für Belgien. Seine Majestät ist guter Dinge und erwartet mit Zuversicht die Operationen im Osten, die vielleicht einen Wendepunkt militärisch und politisch in sich tragen." Eine große Freude war für mich das Vertrauen, das mir die in Italien lebenden Landsleute vom ersten bis zum letzten Tage meiner Mission entgegenbrachten. Zahbeiche Briefe und Telegramme aus Rom und Florenz, Mailand und Neapel lieferten mir hierfür mich tief rührende Beweise. Aus der deutschen Kolonie in Rom wurde mir telegraphiert: „Ganze Kolonie beglückt und erlöst." Aus Mailand telegraphierte mir der seit langem dort ansässige, angesehene Bankier Joel, ein geborener Danziger: „Mit wärmster Genugtuung begrüßen wir den hochherzigen Entschluß Eurer Durchlaucht, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß er segensreiche Folgen für alle Teile haben werde." Der erste meiner italienischen Freunde, dem ich nach meiner Ankunft in Rom auf dem Pincio begegnete, war Graf Giu- GrafGreppi seppe Greppi. Er war damals schon fünfundneunzig Jahre alt. Mailänder von Geburt, war er als siebzehnjähriger Attache 1836 in den österreichischen diplomatischen Dienst eingetreten. Er hatte in Parma bei der Witwe des Kaisers Napoleon, der Kaiserin Marie Louise, gefrühstückt und lobte deren schöne Büste und zierliche Füßchen. Er hatte in Rom im Palazzo Bonaparte, auf dem Corso, gegenüber dem „Gesü", der Mutter des großen Korsen, Madame Mere, die Hand geküßt. Er hatte vor König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und vor dem letzten römischen Kaiser deutscher Nation, vor Franz IL, vor Wellington und vor dem Erzherzog Karl, dem Sieger von Aspern, gestanden. Er war zwei Jahre lang Kabinettschef des Staatskanzlers Clemens Metternich für die itahenischen Angelegenheiten gewesen und schilderte anschaub'ch, wie der damalige Lenker der österreichischen und bis zu einem gewissen Grade der europäischen Politik abends in seinem Salon seinen Untergebenen und den ihn besuchenden Verehrern, an eine Säule gelehnt, in feierlicher Haltung und in feierlichem Ton Vorträge hielt über die großen Prinzipien der Legitimität, der streng monarchischen Ordnung und des weisen Stillstandes, nach denen regiert werden müsse. Solche Vorträge des Staatskanzlers, des „Cocher de l'Europe", wie 216 EIN KABINETTS-CHEF METTERNICHS er von seinen Verehrern genannt wurde, pflegten mit der selbstbewußten Versicherung zu schließen: „Je suis le rocher de l'ordre politique et social." Graf Greppi hatte mit Chateaubriand und mit Alfred de Musset gesprochen, er hatte dem Gesang der Henriette Sontag gelauscht, er sah die göttliche Fanny Elßler tanzen. Als es 1848 zum Kriege zwischen der habsburgischen Monarchie und der von dem Hause Savoyen geführten italienischen Nationalbewegung kam, verließ Greppi den österreichischen Dienst. Einige Jahre später in die italienische Diplomatie aufgenommen, fungierte er als Botschafter des Königreichs Italien in Madrid und St. Petersburg. Er hatte viel erlebt und viel gesehen, ohne sich je in seinem Gleichmut stören zu lassen. Als ich ihn einmal frug, wie er es angefangen habe, um so alt zu werden, antwortete er mir: „Ich habe mich niemals und über nichts geärgert." Mit feinem Lächeln fügte er hinzu: „Einmal, aber wirklich nur einmal, bin ich diesem meinem Grundsatz untreu geworden. Das kam so: Ich befand mich Ende der achtziger Jahre, damals italienischer Botschafter in St. Petersburg, auf Urlaub in Rom. Ich hatte bei Gianette Doria in seinem schönen Palazzo gegessen und sehr gut gegessen. Als ich nach dem Diner das Haus verließ und auf den Corso trat, wurden die Abendzeitungen ausgerufen. Ich kaufte mir die ,Tribuna' und fand an der Spitze der Nummer in gesperrtem Druck die Nachricht, daß der Botschafter in St. Petersburg, Graf Greppi, in den Ruhestand versetzt worden sei. Das war ein brutaler Akt von Crispi, qui n'en faisait jamais d'autres. Er hatte den guten König Humbert das Dekret, durch das ich in den Ruhestand versetzt wurde, unterschreiben und dieses Dekret sofort veröffentlichen lassen, ohne mich auch nur zu informieren. Einen Augenblick, ich schäme mich, es zu sagen, war ich verstimmt, ich ärgerte mich. Aber das dauerte nicht lange. Sehr bald machte ich mir klar, daß ich mich im Ruhestand glücklicher und freier fühlen würde als in den Fesseln des Dienstes und zufriedener in Rom, in Mailand und am Comersee als auf ausländischen Posten. Ne jamais se faire du mauvais sang, voilä la vraie Eau de Jouvence." Greppi ist 103 Jahre alt geworden. Am Nachmittag des Tages, wo er am Abend ohne Todeskampf in seinem väterlichen Palais in Mailand das Haupt senken und verscheiden sollte, hatte er in bester Stimmung den Rennen beigewohnt. An seinem hundertsten Geburtstage, am 26. März 1919, hatte er für die hundert nach seiner Meinung schönsten Damen in Rom ein Diner im Grand Hotel gegeben. Jede Dame fand auf ihrem Kuvert eine prachtvolle Rose. An jenem Dezembertag 1914, an dem ich dem Grafen Greppi nach meinem Eintreffen in Rom auf dem Pincio begegnete, sagte er mir: „Cette gurre est differente de toutes les autres guerres que j'ai vues dans ma longue vie: la guerre de Crimee, la guerre de 1859 entre l'Autriche et la France, vos guerres avec l'Autriche en 1866 et avec la France en 1870, les DAS SYSTEM 217 guerres de la Russie avec la Turquie et avec le Japon, la guerre entre l'Espagne et les Etats-Unis. La guerre actuelle n'est pas ä proprement parier une guerre, c'est un terremoto, un immense tremblement de terre, qui changera non seulement la carte de l'Europe mais politiquement et socialement la face du monde." Als ich die Geschäfte der Botschaft übernahm, war Herr von Merey soeben abberufen worden, da sein persönliches Verhältnis zu den italienischen Ministern allmählich unmöglich geworden war. Sein Nachfolger, der bisherige Erste Sektionschef im Wiener Ministerium des Äußern, Herr Botschafter von Macchio, war ein echter Typus des österreichischen Beamten der Baron alten und ältesten Schule. Langsam in jeder Bewegung und insbesondere Macchio mit jedem Gedanken, durch und durch Formalist, indolent, ohne Initiative, ohne eigene Meinung. In jeder Unterredung, die ich während meiner römischen Mission mit dem Minister des Äußern, Sonnino, hatte, sagte ich diesem, ich würde tun, was in meinen Kräften stünde, damit die Österreicher sich zur Abtretung des Trentino verstünden. Wenn aber der Minister den Baron Macchio, der nach mir bei ihm einzutreten pflegte, frug, ob er ihm etwas über den Trentino zu sagen hätte, erwiderte der k. und k. Botschafter mit steifem Gesicht: er wisse nicht, was der Minister meine. Es war bei Macchio eine Art System, das zweifellos auf Wiener Direktiven zurückging, der italienischen Regierung ungefähr das Gegenteil von dem zu sagen, was ich Sonnino gegenüber ausgeführt hatte. Zu dieser Haltung des k. und k. Botschafters mag auch beigetragen haben, daß, wie ich später erfuhr, Jagow sich ein Vergnügen daraus machte, einige meiner vertraulichen Berichte, in denen ich mich mit pflichtgemäßer Offenheit über die Unzulänglichkeit der k. und k. Vertretung in Rom ausgesprochen hatte, entweder den österreichischen Botschafter in Berlin, den Prinzen Gottfried Hohenlohe, lesen oder durch Tschirschky in Wien bekanntgeben zu lassen. Gegen eine solche Allianz hätte ein Halbgott vergebens gekämpft. XVII. KAPITEL Sidney Sonnino, italienischer Minister des Äußern • Propaganda der Entente in Italien Ausbeutung der Invasion Belgiens von Seiten der Entente • König Vittorio Emanuele III Königin Margherita, vertrauliche Äußerungen der Königin-Mutter zur Fürstin Bülow Botschaftsrat von Hindenburg • Giolittis „Parecchio" • Papst Benedikt • Klägliche politische Zügelführung in Berlin • Brief Bethmanns an Bülow • Flotow taucht wieder in Bom auf • Abschiedsaudienz Bülows beim König Viktor Emanuel III. • Erzbergers Optimismus Am Tage nach meiner Ankunft in Rom suchte ich den Minister des Äußern, Sidney Sonnino, in der Consulta auf. Dieser herrliche Palast, Sonnino dessen einfache, große und schöne Formen so wohl zu dem Charakter der Ewigen Stadt passen, beherbergte damals das italienische Auswärtige Amt, das erst nach dem Weltkrieg in den am Corso gelegenen Palazzo Chigi übersiedelte, den früheren Sitz der Vertretung des inzwischen zertrümmerten habsburgischen Reichs. Oft war ich die zweiarmige Doppeltreppe der Consulta emporgestiegen. In dem großen, mit gelbem Damast tapezierten Empfangszimmer hatte ich als junger Attache im Winter 1874/75 Visconti- Venosta thronen sehen, der sich aus einem Sekretär des Verschwörers und revolutionären Agitators Mazzini in einen politisch ausgesprochen Konservativen, religiös gut katholischen Staatsmann verwandelt hatte, später erblickte ich dort den Grafen Robilant, den Sohn einer preußischen Mutter, einer Gräfin Waldburg-Capustigall. Der hatte als junger piemontesischer Offizier in der Schlacht von Novara am 23. März 1849 einen Arm verloren und den blutigen Stumpf emporgehoben mit dem Rufe: „Viva il Re!" Er wurde in den achtziger Jahren italienischer Botschafter in Wien, wo er eine Österreicherin, eine Tochter des Fürsten Clary, heiratete. Während meiner ersten Botschafterzeit in Rom, von 1894 bis 1897, konferierte ich in der Consulta mit dem feurigen Baron Blanc, dem klugen Marchese Rudini und wiederum mit dem inzwischen zweiundzwanzig Jahre älter und noch vorsichtiger und reservierter gewordenen Visconti-Venosta. Jetzt fand ich hier Herrn Sidney Sonnino. Als ich in das Wartezimmer des Ministers eintrat, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die Kolosse des Kastor und Pollux mit ihren Pferden hat, ein Ausblick, nach dem sich Wilhelm von Humboldt noch in BARRERE BEDECKT DIE AUGEN 219 Berlin und in Tegel zurücksehnte, stand ich vor den drei Botschaftern der Entente: Barrere, Sir Rennel Rodd und Krupenski. Ihr Verhalten mir gegenüber war charakteristisch für den Geist ihrer Völker. Der gute Krupenski stürzte auf mich zu und versicherte mir, daß seine persönlichen Gefühle der Freundschaft für mich sich in keiner Weise verändert hätten. Der kluge und feine Rodd reichte mir die Hand mit den Worten: „I wish to shake hands with you and to heg you to give my very best compliments to Princess Bülow." Von den drei Ententebotschaftern war Camille Barrere mein ältester Freund. Aber als er mich erblickte, hob er beide Arme gen Himmel mit dem jedem Franzosen angeborenen schauspielerischen Talent. Er sah mich entsetzt an, dann legte er die Hände vor die Augen und wandte sich ab. „C'etait la France elle-meme qui se dressait irreconciliable devant l'ennemi", würde ein französischer Zuschauer gesagt haben. Mit dem Minister Sidney Sonnino war ich seit vielen Jahren persönlich befreundet. In der Levante als Sohn eines itaüenischen Israeliten und einer Sonninn englischen Mutter geboren, vereinigte er britische Zähigkeit, aber auch britischen Eigensinn mit jüdischer Verstandesschärfe und Dialektik. Es ist, nebenbei gesagt, ein schöner Beweis für die italienische Weitherzigkeit und Großzügigkeit, daß niemand in Italien etwas dabei fand, daß in entscheidendster Stunde die Leitung der italienischen Politik in den Händen eines Juden lag, der zwar als Kind zum Christentum übergetreten war, aber nicht zum Katholizismus, dem die ungeheure Mehrheit der Italiener angehört, sondern zum Protestantismus. Kein italienisches Blatt, nicht einmal das Sprachrohr der Kurie, der,, Osservatore romano", hat je darauf hingewiesen, daß der Minister des Äußern sich zu einer Konfession bekannte, die in Italien bei fast vierzig Millionen Einwohnern kaum hundertdreißig- tausend Anhänger zählt. Noch weniger wurde je die jüdische Abstammung des Ministers releviert. Bei meiner Besprechung der Kaiserreise nach England, 1899, habe ich auf die Assimilationskraft hingewiesen, mit der das englische Volk fremdartige Bestandteile aufsaugt und dabei an das Wort Goethes erinnert, daß die Kraft einer Sprache sich nicht im Abstoßen, sondern im Verschlingen zeige. Das gilt auch für das Verhältnis eines Volkes zu den innerhalb seiner Grenzen lebenden jüdischen Mitbürgern, die es zu assimilieren gilt, nicht abzustoßen. Sonnino hatte sich bei Beginn des Krieges für das Zusammengehen Italiens mit den Zentralmächten eingesetzt. Er wollte vor allem, daß Italien nicht ohne Vergrößerung seines Territoriums aus dem Weltkrieg hervorgehe. Es hatte 1866, es hatte auch 1870 Vorteil aus den Kriegen anderer gezogen, das sollte auch diesmal geschehen. Neben Sonnino spielte der Ministerpräsident Salandra eine verhältnismäßig sekundäre Rolle. Er besaß weder die Geistesschärfe, noch den Ernst, Salandra 220 DAS MINIMUM noch den Charakter des Ministers des Äußern. Er wollte lediglich bei dem großen Wirrwarr der Welt, bei dem ungeheuren Durcheinander, irgend etwas für sein Land profitieren. Seine Stellung im Parlament beruhte darauf, daß er über die Suada des Südländers verfügte, während Sidney Sonnino unbeholfen sprach, meistens, was in den Parlamenten romanischer Völker eine große Seltenheit ist, nicht frei, sondern mit dem Konzept der vorher von ihm ausgearbeiteten Rede in der Hand. Sonnino setzte mir von vornherein seine Auffassung der Situation mit Erklärungen Klarheit und Offenheit auseinander: Die Entente stelle Italien alle von Sonninos Italienern bewohnten österreichischen Gebietsteile als Kriegsziel in Aussicht. Wenn eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Italien und der habsburgischen Monarchie vermieden werden solle, müsse Osterreich auch seinerseits Zugeständnisse machen, in konkreter, in bindender Form. Solche Zugeständnisse müßten auch in anständiger Form erfolgen. Sie dürften Italien nicht hingeworfen werden, wie man einem lästigen Bettler ein Almosen zuwerfe. Sie müßten der Ausdruck des aufrichtigen Wunsches sein, zwischen den alten Gegnern Österreich und Italien ein festes, sicheres, klares und dauerhaftes Freundschaftsverhältnis herzustellen. Sie müßten vor allem so bald als möglich erfolgen. Das Minimum solcher Zugeständnisse wäre der Trentino, der überdies nicht althabsburgischer Besitz sei, sondern bis zum Wiener Kongreß erst ein selbständiges Bistum, dann ein Teil des vom Vizekönig Eugen Beauharnais regierten Königreichs Italien gewesen wäre. Natürlich werde von vielen Italienern die An- gliederung der überwiegend von Italienern bevölkerten Stadt Triest gefordert. Gegen die Vereinigung von Triest mit ItaUen sprächen aber mancherlei Bedenken: entweder würde ein aufblühendes Triest das ihm so nahe gelegene Venedig schädigen, dessen Handel gerade in den letzten Jahren von der italienischen Regierung mit Mühe und beträchtlichen Summen gefördert worden wäre, oder Triest würde verkümmern, das bei der Vereinigung mit Italien sein jetziges Hinterland verlöre. Gegen die Erwerbung von Istrien und noch mehr von Dalmatien spräche die Erwägung, daß in diesen Teilen der habsburgischen Monarchie das italienische Element gegenüber dem serbisch-kroatischen ganz in der Minderheit sei. Die sofortige und vorbehaltlose Abtretung des rein italienischen Teils von Tirol, des Trentino, Autonomie für Triest im Rahmen der habsburgischen Monarchie sowie eine bessere Behandlung der Italiener in Istrien und in Dalmatien seien jedoch unerläßlich. Sonnino erinnerte mich bei diesem Anlaß daran, daß, nicht allzu lange vor dem Beginn des Weltkrieges, österreichische Ungeschicklichkeit mit der plötzlichen Ausweisung zahlreicher italienischer Staatsangehöriger aus Triest in Italien eine Erbitterung hervorgerufen hätte, die beim Beginn des DIE ÖSTERREICHISCHEN HOHENLOHES 221 Weltkrieges noch nachgezittert habe. Tatsächlich war jede österreichische Maßnahme ein betrübendes Symptom für die Zerfahrenheit der österreichischen Politik und die am Wiener Hofe sich durchkreuzenden Intrigen und Ambitionen gewesen. Ich habe schon erwähnt, daß die Verlobung des Erzherzogs Franz Ferdinand mit der hübschen Hofdame der Erzherzogin Friedrieb, der Gräfin Sofie Chotek, der Ausgangspunkt gespannter und unfreundlicher Beziehungen zwischen dem Hofe des Erzherzogs Friedrich und namentheh zwischen dessen Gemahlin, der Erzherzogin Isabella, einer geborenen Prinzessin Croy, und dem Erzherzog Franz Ferdinand, dem künftigen Kaiser, und Soferl Chotek wurde, die inzwischen zur Herzogin von Hohenberg avanciert war und ihren Gemahl völlig beherrschte. Nachdem aus ihrem Plane, ihre Tochter mit dem zukünftigen Kaiser von Österreich zu vermählen, nichts geworden war, akzeptierte die Erzherzogin Isabella als nach ihrer Auffassung ziemlich dürftigen Ersatz den Prinzen Gottfried Hohenlohe. Der gehörte zu jenen österreichischen Aristo- Prinz kraten, die durch Leichtsinn und Unfähigkeit viel zum Sturz des habs- Gott f ri < Hohen burgischen Reiches beigetragen haben. Ebenso ambitiös wie un- 0 en brauchbar, litt er unter der Abneigung des leidenschaftlichen und jähzornigen Erzherzogs Franz Ferdinand, der nicht nur die Erzherzogin Isabella, sondern auch deren Angehörige mit seiner Ungnade strafte. Er sann darüber nach, wie diesem ihn sehr bedrückenden Zustand ein Ende bereitet werden könnte, als ihm ein rettender Gedanke kam. Gottfried Hohenlohe hatte einen Bruder, den späteren Oberhofmeister Konrad Hohenlohe, der damals Statthalter von Triest war. Beide Brüder Hohenlohe kannten die an Idiosynkrasie streifende Abneigung des Erzherzogs Franz Ferdinand gegen das moderne Italien. Darum riet Gottfried seinem Bruder Konrad, die erste Gelegenheit zu ergreifen, um als Statthalter von Triest mit möglichstem Aufsehen und Lärm auf die Itahener zu hauen. Das tat denn auch der Statthalter Konrad Hohenlohe, und zwar gerade in dem Moment, wo die Beziehungen zwischen Italien und Österreich sich wirklich gebessert hatten und von italienischer Seite zu dem Jubiläum der österreichischen Militärakademie in Wiener-Neustadt als besonderer Abgesandter des Königs von Italien ein italienischer General entsandt worden war, der seine militärische Ausbildung in dieser Akademie erhalten hatte und bei der Feier eine für das kaiserliche Heer achtungsvolle und schmeichelhafte Ansprache hielt. Das Vorgehen des Statthalters Hohenlohe unmittelbar nach diesem italienischen Entgegenkommen wurde natürlich in Italien als Affront empfunden und machte böses Blut. Doch der Erzherzog Franz Ferdinand war entzückt über das Verhalten des Statthalters Konrad Hohenlohe. „Das hat der Konrad brav gemacht!" sagte er, während dreier Tage froh gelaunt, zu jedem, dem er begegnete, und seine verbesserte 222 RASCH HANDELN! Stimmung gegenüber der Familie Hohenlohe versetzte diese in Wonne. Aber die politische Konsequenz dieses Knabenstreiches war übel, doppelt übel so kurze Zeit vor der Ultimatums-Aktion. Ich gewann in allen Unterredungen mit dem Minister Sonnino ebenso Bülows wie aus den Äußerungen meiner Freunde und Bekannten in Rom den Intervention Eindruck, daß es vor allem darauf ankäme, rasch zu handeln, wenn es gelingen sollte, ein Vorgehen der Italiener gegen Österreich noch im letzten Augenblick zu verhindern. „Bis dat qui cito dat", wiederholte ich dem österreichischen Botschafter Macchio und in meinen Berichten und Briefen nach Berlin. Ich konnte nicht genau bestimmen, wie weit, und vor allem, wie fest sich Italien vor meiner Ankunft gegenüber der Entente gebunden hatte. Ich fühlte, daß die vorbereitenden Besprechungen und Verhandlungen schon sehr weit gediehen waren, daß aber noch keine endgültige und unwandelbare Bindung vorlag. Es kam also darauf an, baldmöglichst bei den maßgebenden italienischen Staatsmännern die Überzeugung zu erwecken, daß Österreich ohne Hintergedanken das Minimum der italienischen Forderungen erfüllen würde, und gleichzeitig im italienischen Volk eine Bewegung hervorzurufen, die eine Befriedigung der italienischen Aspirationen auf dem Wege friedlicher Verhandlungen dem Würfelspiel des Krieges vorzog. Was ich in diesem Sinne tat, die Entschlossenheit, mit der ich mein persönliches Ansehen einsetzte, um den Ausbruch des Krieges zwischen Italien und Österreich zu verhindern, sollte nicht den Interessen der habsburgischen Monarchie, sondern denen meines deutschen Vaterlandes dienen, das schon gegen so viele Feinde kämpfte. Ich sah voraus, daß ein Krieg zwischen Italien und Österreich uns mit einer schweren militärischen Hilfsaktion belasten würde. Ich bin übrigens noch heute der Meinung, daß Italien, wenn es 1915 nicht in den Krieg gegen Österreich eingetreten wäre, später mehr als eine Gelegenheit gefunden hätte, ohne Kampf, Opfer und Blutvergießen den Trentino, die Autonomie von Triest und eine bessere Behandlung der Italiener in Österreich zu erreichen. Wäre Italien neutral geblieben, so hätte es während des Weltkrieges allen ein Asyl bieten und nach allen Seiten exportieren können. Die Lira stünde dann heute so hoch wie der Schweizer Franken. Ich glaube weiter, daß Italien, als es im Frieden von Versailles aus den Händen der Entente große, von Deutschen und Südslawen bewohnte Gebietsteile entgegennahm, nicht nur gegen das Nationalitätsprinzip verstieß, auf das es sich selbst so oft berufen hatte, sondern auch gegen sein eigenes, wahres und dauerndes Interesse. Ohne das Eintreten von Italien in den Krieg wäre es schwerlich zu dem Frieden von Versailles gekommen, der, wenn nicht die völlige Vernichtung, so doch die Verkrüppelung, eine namenlose Schwächung Deutschlands, der die Aufhebung des europäischen Gleich- DIE BELGISCHE PROPAGANDA 223 gewichts und die Hegemonie Frankreichs auf dem europäischen Kontinent wie im Mittelmeer und in Nordafrika bedeutet. Diese traurigen Folgen des Versailler Vertrages entsprechen nicht dem wohlverstandenen Interesse Italiens. Weder Crispi, noch Minghetti, noch Cavour würden von einem solchen Ergebnis nach den schweren von Italien gebrachten Blut- und Geldopfern befriedigt gewesen sein. Die Propaganda der Entente arbeitete gerade in Rom nicht nur mit Hochdruck, sondern auch mit Geschick. Ihre wirksamste Waffe war und Die Entente blieb die Verletzung der belgischen Neutralität durch uns, unter, wie arbeitet immer wieder hervorgehoben wurde, Nichtachtung und Bruch alter, feierlicher Verträge. Als ich bald nach meiner Ankunft in Rom über die Piazza di Spagna ging, bemerkte ich in dem Schaufenster einer Buchhandlung auf einem in Evidenz gestellten Karton mein Wappen. Die Aufschrift des Kartons in roten Lettern lautete: „Le chiffon de papier!" Als ich näher zusah, handelte es sich um den Abdruck jenes Artikels des Londoner Protokolls von 1831, der die Unabhängigkeit und Neutralität von Belgien stabilierte. Das Abkommen war unterzeichnet von den damaligen Vertretern der Großmächte in London, deren Unterschriften und Wappensiegel folgten. Für Rußland hatte, wenn ich mich nicht irre, Pozzo di Borgo, für Frankreich Talleyrand, für Österreich Apponyi, für Großbritannien Palmerston und für Preußen mein Großonkel, Heinrich Bülow, unterzeichnet. Die belgische Propaganda bediente sich aber auch drastischer, auf die Psyche eines in seinen unteren Schichten naiven Volks berechneter Mittel. So wurden kleine Statuetten der Madonna verteilt, vor der ein Kind mit abgehackten Händen kniet. „Heilige Mutter Gottes, laß mir die Hände wieder wachsen, die mir die barbarischen und grausamen Deutschen abgeschnitten haben." Natürlich hat nie ein deutscher Soldat ein belgisches oder französisches Kind verstümmelt. Ich glaube, daß nie ein Heer strammere Manneszucht hielt, nie ein Heer im innersten Kern humaner und edler war als unser Heer im Weltkriege. Ich hatte am 23. November 1900 gegenüber Angriffen, die von deutschen Sozialdemokraten gegen das Verhalten der deutschen Soldaten in China im Reichstag erhoben wurden, zu Herrn Bebel gewandt erklärt: „Ich stelle fest, daß bei aller Energie der Kriegführung der deutsche Soldat sich auch an Manneszucht und an Menschlichkeit von keinem anderen Soldaten der Welt übertreffen läßt. Dafür bürgt der Charakter des deutschen Soldaten, dafür birgt der Genius des deutschen Volkes, das in seiner tausendjährigen Geschichte noch immer gewußt hat, Humanität mit Heroismus zu verbinden*." Diese Worte gelten für das deutsche Heer in Belgien und in * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, 154; Kleine Ausgabe I, 174. 224 „FATTE PRESTO" Frankreich, wie sie für die deutschen Truppen in China gegolten und der Wahrheit entsprochen hatten. Aber unsere Nichtachtung des Vertragsund Völkerrechts gegenüber Belgien, noch verschärft durch die plumpe Bethmannsche Rede vom 4. August 1914 und durch seine tölpelhafte Wendung, daß völkerrechtliche Verträge nur Papierfetzen bedeuteten, hatte uns überall, auch in Italien, unermeßlichen Schaden zugefügt. Es wurde den belgischen Sendboten, unter denen sich gleichzeitig einer der eloquentesten Führer der Sozialisten und ein berühmter Kanzelredner, Pater Jansens 0. S. B., durch ihre Redegabe hervortaten, nicht schwer, Mitleid für das „Überfallene" Belgien und damit Zweifel an der Gerechtigkeit der deutschen Sache zu wecken. Als ich vom König Viktor Emanuel III. zur Überreichung meiner Audiens bei Krcditive empfangen wurde, begrüßte er mich mit den Worten: ,,Si vous König und gtiez reste au pouvoir, toutes ces betises ne seraient pas arrivees." Im ^Af S « n " we,tcren Verlauf der Audienz setzte mir der König mit Ruhe und in rein sachlichem Ton auseinander, daß, nachdem Italien mit der Ultimatums- Aktion überrumpelt worden sei, es für jede italienische Regierung unmöglich gewesen wäre, an der Seite der Zentralmächte in den Krieg zu treten. Überdies hätte Deutschland von sich aus Frankreich wie Rußland den Krieg erklärt, nachdem es schon durch sein Gewährenlassen der österreichischen Aktion den Geist des Bündnisvertrages verletzt hätte. Er wisse wohl, daß von deutscher Seite hierbei keine Perfidie vorgelegen habe. Das hätte auch der bisherige italienische Botschafter in Berlin, Herr Bollati, immer wieder hervorgehoben. Aber in der Politik wirke Ungeschicklichkeit oft noch schädlicher als Bosheit. Der König sprach höflicherweise nicht von „maladresse", sondern nur von einem „certain manque d'habilete". Jetzt komme es darauf an, daß Österreich die nötigen Konzessionen bald mache. „Fatte presto." Am nächstfolgenden Tage wurde ich mit meiner Frau von der Königin- Mutter Margherita empfangen. Vor dem Kriege hatten wir, meine Frau und ich, als Privatleute oft ihre Gastfreundschaft genossen, in ihrem schönen römischen Palais wie in ihrem Schloß Stupinigi bei Turin. Sie Hebte ernste Gespräche. Vor dem Weltkrieg war sie, die Tochter einer deutschen Mutter, einer Prinzessin von Sachsen, einer Schwester der Könige Albert und Georg von Sachsen, ebenso deutschfreundlich wie ihr ritterlicher Gemahl, der König Humbert. Sie sprach und schrieb Deutsch wie eine Deutsche. Aber die Ultimatumsaktion, die Bethmannschen rednerischen Entgleisungen und die Invasion von Belgien hatten nach dem, was ich gehört hatte, ihr sehr mißfallen. Als ich in Rom eintraf, war ihr von alten Dienern ihres Hauses längst gesagt worden, daß sie sich vor allem nicht in Widerspruch zu den italienischen nationalen Aspirationen setzen dürfe. Entwurf eines Telegramms Betlimann Hollwegs n Bülow, dem deutschen Botschafter in Rom (22. Mai 1915) (Zu Seite 235) Wenn Italien seine Beziehungen zu Österreich abbricht und E. D. dann von dortiger Regierung auch Ihre Pässe fordern, bitte ich beim Abschied Baron Sonnino zu erklären: Sie müßten ihn darauf aufmerksam machen, daß überall die österreichischen Heeresverbände mit deutschen Truppen gemischt wären ein Angriff gegen österreichische Truppen sich also zugleich gegen deutsche richten würde. Zu E. D. vertraulichen Orientierung: wir würden auf diese Weise automatisch in Krieg eintreten und vermeiden denselben formell an Italien zu erklären. Das Konzeft stammt von der Hand des Staatssekretärs des Ausivär- tigen von Jagow, trägt am Schluß das Zeichen des Reichskanzlers v. Beth- mann Holhveg und (rechts) das des Unterstaatssekretärs Zimmermann J&T*f } pr< 22. M ai 1915. | o.. ^ 12. -kc^Ji A\ f.* ^ yt^u^^^t^t^, j _ ^C-^l ;u jftv^y.-g^ V ^tv^tv^ tjut^f *b>^&s^~ 6. tw W-» i^/ ifr tUt.ZZ/f. f/'l^ r.istr- (H^x. Deutschland 123 fyh.iC U) 0i Am « X y -A- ^ . i—js - ^jfy — J y%~^ fK * +u + lS~*i''< k ^ T y# vs ^r-^y — s&c* m A V * ~? Sh fl^t~xF_ Sr<^*- l *-v JL. /i t - / ^*^ tr --jtslsjs'l fj( fi^m y_ <4^i 7 JUk ^s^/f* J bvf-iu-*^ _ /t^^l _ <^< .fi-~t^i. * vLa t*-ij jL .s^<\d£+-*-t___ \ߣ-its(*%*~±**.____ <7q-_ A—d^^A m -a _ l J MARGHERITA 225 Als Königin müsse sie noch ehrgeiziger für Italien sein als irgendeine andere Italienerin. Das brauchte der Königin übrigens kaum gesagt zu werden, die ohnehin eine leidenschaftliche italienische Patriotin war. Bei unserer Audienz führte sie die Unterhaltung mit dem Takt und der Liebenswürdigkeit, die ihr eigen war. Über den Krieg bemerkte sie, sie bedaure, daß Heiraten zwischen deutschen Prinzessinnen und Prinzen einerseits, russischen und englischen Fürstenkindern andererseits durch die jetzigen Ereignisse sehr erschwert würden. Ich erwiderte, daß die Politik großer Länder nicht, wie dies früher bisweilen der Fall gewesen sei, durch fürstliche Heiraten bestimmt werden könne. Die Königin erinnerte mich daran, und sie hatte recht, daß fürstliche Heiraten zwischen Deutschland und Rußland, Deutschland und England dem Weltfrieden und auch den deutschen Interessen überwiegend förderlich gewesen seien. Als eine zweite unerfreuliche Folge des Krieges bezeichnete die hohe Frau die Gefahr, daß durch den Weltkrieg vielleicht überall, sicherlich aber in Deutschland, Rußland und Österreich die demokratischen Ideen sehr gefördert werden würden. Sie sei, wie ich wisse, in keiner Weise „una codina", eine Reaktionärin, aber ein weiteres Anschwellen der demokratischen und namentlich der sozialistischen Flut habe doch seine Bedenken. Bevor die Königin Margherita die Audienz aufhob, nahm die Königin meine Frau zur Seite, mit der sie seit ihrer beider Jugend eng befreundet war. Sie sagte zu ihr: „Sage mir die Wahrheit, Maria, ihr habt den Krieg gewollt!" Meine Frau erwiderte, sie könne bei allem, was ihr heilig wäre, bei der heiligen Mutter Gottes schwören, daß weder der Kaiser noch das deutsche Volk den Krieg gewollt hätten. „Dann", erwiderte die Königin, „sind die deutschen Diplomaten und Minister, die im Sommer 1914 im Amte waren, die größten Esel, die je die Welt gesehen hat." Vorgreifend will ich schon jetzt erzählen, daß ich diese Äußerungen der Königin Margherita fast zwei Jahre später bei der einzigen Gelegenheit, die mir von Kaiser Wilhelm seit meiner Abreise nach Rom geboten wurde, ihn zu sehen, Seiner Majestät erzählte. Es war im Herbst 1916. Ich war, mir unerwartet, ohne besonderen Anlaß zum Kaiser in das Neue Palais befohlen worden. Er frug mich nach der Königin Margherita, für die er früher heftig geschwärmt hatte. „Was sagt sie zum Krieg?" Die Bemerkung der Königin über die Vorteile, die fürstliche Heiraten auch in politischer Beziehung haben könnten, erregte nicht den Widerspruch Seiner Majestät. Um so weniger war er mit der Ansicht der Königin einverstanden, daß der Weltkrieg der Demokratie zugute kommen werde. „Das gerade Gegenteil ist der Fall", rief der Kaiser, nicht ohne Gereiztheit mich unterbrechend, „ich höre von allen Seiten, daß die Berliner finden, sie wären nie besser regiert worden als von Isaak. Wenn man das Volk gewähren ließe, so würde es die 15 Biilow m 226 HELFER BÜLOWS Schwatzbude im Reichstag schließen, die Minister für ziemlich überflüssig erklären und bitten, auch fernerhin von Kommandierenden Generälen regiert zu werden." Isaak war der Spitzname des Generals von Kessel, eines besonderen Lieblings Seiner Majestät, der während des Krieges als stellvertretender Kommandierender General des Gardekorps und Gouverneur von Berlin fungierte. Die Zukunft hat leider nicht Wilhelm II. recht gegeben, sondern der Königin Margherita. Eine gute Stütze war mir während der schweren Wintermonate der Hindenburg Botschaftsrat von Hindenburg. Er war ein Sohn des damals schon verstorbenen Generals von Hindenburg, eines alten Gardeschützen, der ein leibbcher Vetter des großen Feldmarschalls war. Durch seine Mutter war der Botschaftsrat von Hindenburg ein Enkel des langjährigen Botschafters in Paris und London, des Fürsten Herbert Münster. Er selbst war vermählt mit einer Engländerin, die sich mit Takt, mit Würde und Herzensgüte in die schwerige Lage fand, in die sie durch den Krieg zwischen ihrer Heimat und dem Lande ihres Mannes geriet. Militärattache war der Major . Schweinitz von Schweinitz, der Sohn des ehemaligen deutschen Botschafters in Wien und in St. Petersburg. Wie viele Hoffnungen wurden durch den Krieg und seine Folge, die Revolution, zerstört! Wilhelm von Schweinitz war ein hervorragend tüchtiger, dabei hochgebildeter Offizier, dem eine schöne Zukunft winkte. Er hätte einen gleich guten Kommandierenden General wie Botschafter, Generaladjutanten wie Oberhofmarschall abgegeben. Wenn ich ihn ansah, dachte ich an das Wort von Goethe, daß die größten Vorteile in der Gesellschaft ein gebildeter Offizier genieße. Wilhelm Schweinitz vereinigte die Vorzüge zweier Rassen. Von väterlicher Seite entstammte er einer alten schlesischen Adelsfamilie und besaß alle guten Eigenschaften des preußischen Junkers. Von seiner amerikanischen Mutter hatte er weiten Blick und praktischen Sinn geerbt. Als Wilhelm von Schweinitz geboren wurde, es war in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, hatte der Vater, der damalige deutsche Botschafter in Wien, seinen Schwiegervater, den amerikanischen Gesandten Mr. Jay, indem er auf die Wiege bhckte, in welcher der Knabe lag, gefragt: „Was soll nun der Junge werden, Kaiser von Amerika oder Präsident der deutschen RepubUk?" Die erste Eventualität dürfte ganz ausgeschlossen sein, die zweite nicht wahrscheinlich. Wilhelm Schweinitz und Herbert Hindenburg waren mir loyale und treffUche Mitarbeiter. Vor allem fand ich eine nie versagende Stütze an dem einige Wochen vor meiner Ankunft in Rom der bayrischen Gesandtschaft beim Quirinal zugeteilten bayrischen Kämmerer und Geheimen v. Stock- Legationsrat Franz Xaver von Stockhammern, der mir und dem hammern Vaterlande durch seine Vertrautheit mit italienischer Sprache und Kultur, seine Arbeitskraft und Arbeitslust, noch mehr durch seinen zuverlässigen DAS HAUS SAVOYEN 227 und vornehmen Charakter in meiner in jeder Beziehimg schwierigen und gefährdeten Stellung die wertvollsten Dienste leistete. Die italienische Gesellschaft zeichnete sich durch den Takt und das feine Gefühl aus, die alten Kulturvölkern eigen zu sein pflegen. Während der fünf Monate meiner Tätigkeit in Rom wurde mir von allen Seiten, sowohl von denen, die den Krieg mit Österreich wollten, den sogenannten Guerri- fondaji, wie von den Gegnern des Krieges mit gleicher Höflichkeit und Achtung begegnet. Dem entsprach die Haltung des Volkes. Selbst in den Tagen, wo Presse, Parlament und Straße die Kriegsfrage in der heftigsten und leidenschaftlichsten Weise erörterten, wurde ich bei meinen täglichen Spaziergängen auf dem Corso, in der Villa Borghese oder auf dem Pincio niemals bedroht oder auch nur durch Neugierde belästigt. Wenige Tage vor der italienischen Kriegserklärung an Österreich aß einer der ausgesprochensten Anhänger der Kriegspolitik an meinem Tisch, Gespräch mit der General Graf Morra. Er hatte in der Schlacht von Novara, 1849, als dem General blutjunger Offizier in den Reihen der piemontesischen Armee gekämpft. Morra Er hatte den König Carlo Alberto vor sich gesehen, wie dieser durch die Reihen des Heeres ritt in der schwermütigen Haltung, mit der der Herrscher auf seinem Monument nahe dem Quirinal dargestellt ist. Als der König den jungen Morra erkannte, den Sohn seines Hofmarschalls, reichte er ihm freundlich die Hand und sagte zu dem Jungen, er habe ihm Grüße von seinem Vater zu bringen, dem er Ehre machen möge. Aus dem Leutnant von Novara wurde mit der Zeit ein General, später der Erzieher des Königs Viktor Emanuel III. und endlich der Botschafter in St. Petersburg. Sein Standpunkt, den er gegenüber seinem früheren Zögling und dessen Mutter vertrat und den er auch mir im Winter 1914/15 nicht verhehlte, war: Das Haus Savoyen muß, gleichgültig gegen alle anderen Erwägungen, unbeirrt durch Widerspruch und Zweifel, immer mit der italienischen Nationalidee gehen. In den bangen Tagen, wo Carlo Alberto schwankte, ob er, treu den bisherigen Traditionen seines Hauses, mit den Österreichern gehen solle oder gegen die Österreicher mit der national-revolutionären Bewegung, sagte der zu Melancholie neigende Monarch zu seinem Hofmarschall Morra: „Je suis entre le poignard des Carbonari et le chocolat des Jesuites." Er ging mit den Carbonari, wurde bei Novara besiegt, starb im Exil in einem portugiesischen Kloster, in Oporto, behielt aber doch recht. Und sein Sohn hatte recht, trotz Novara die nationale Politik fortzusetzen. Die Politik von Cavour wurde von dem größeren Teil des piemontesischen Adels und fast der ganzen Geistlichkeit heftig bekämpft. Sie hat uns aber nach Mailand, Florenz, Neapel, Palermo und schließlich nach Rom geführt. Der Einmarsch in Rom stieß auch in Norditalien, und gerade in Piemont, wo seit jeher die Kirche großen Einfluß ausübte, auf Tadel und Widerspruch. Aber trotz 15* 228 .EINIGES" aller Gegenströmungen, Hindernisse und Rückschläge sitzt das Haus Savoyen noch immer auf dem Thron, während die Bourbonen und Habsburger, die sich der italienischen Nationalidee widersetzten, aus Neapel und Florenz, aus Parma und Modena verjagt wurden. So Graf Morra. Es gab übrigens bis zu dem Augenblick der Kriegserklärung, wie ich ausdrücklich hervorheben möchte, nicht nur in der römischen Gesellschaft, sondern auch im ganzen Lande viele gute Patrioten, die für die Aufrecht- crhaltung der Neutralität plädierten. Die kriegerisch gesinnten Elemente machten den größeren Lärm, aber die Anhänger der Neutralitätspolitik waren im Grunde in der Majorität. Noch Mitte Mai 1915 erzählte mir ein befreundeter Abgeordneter, der Minister des Innern habe ihm gesagt, daß bei einer Volksabstimmung die Mehrheit gegen den Krieg votieren würde. Giolitti Der mächtigste Politiker in Italien war seit Jahren Giovanni Giolitti. Er hatte, wie alle unsere Freunde im Ausland, unsere Ultimatumspolitik überaus ungeschickt gefunden. Auch Giolitti wünschte und forderte nach dem Ausbruch des Weltkrieges den Trentino und Garantien für eine bessere Behandlung der Italiener in Österreich. Er hatte in einem an seinen Freund, den Abgeordneten Peano, gerichteten Brief für die italienischen Forderungen die berühmt gewordene Formel vom „Parecchio" (Einiges) geprägt. Aber er glaubte, daß sich diese Forderungen auch ohne voraussichtlich schwere Opfer an Blut und Gut und ein immerhin gewaltiges Risiko verwirklichen lassen würden. Auch er war von Anfang an der Ansicht, daß der Krieg nur zu vermeiden sei, wenn Österreich die nötigen Konzessionen ohne Hintergedanken, in guter Form und rasch mache. Je länger Österreich zögerte, je schwankender, schwächlicher und undurchsichtiger unsere Politik war, um so näher rückte die Gefahr des Krieges. Mit Weisheit und Güte, mit Klugheit und Festigkeit wirkte Papst Papst Benedikt XV., ohne die Grenzen seines geistlichen Amtes irgendwie zu Benedikt XV. überschreiten, für den Frieden, als ein wahrer Vertreter des ewigen Friedensfürsten. Ich werde es mir immer zur Ehre anrechnen, daß Benedikt XV. meine Friedensbemühungen warm unterstützte. Er wünschte die Erhaltung des habsburgischen Reiches, der letzten katholischen Großmacht. Er sah aber vollkommen ein, daß sich der Krieg nur vermeiden ließe, wenn Österreich nicht länger zögere, mindestens den Trentino zu opfern. Der Papst, der Italien hebte, wünschte die Erfüllung der italienischen nationalen Aspirationen bis zu der Grenze, die mit dem Fortbestand des habsburgischen Reiches verträglich war. Er betrachtete es vor allem als seine Pflicht, dem entsetzlichen Blutvergießen des Weltkrieges möglichst bald ein Ende zu setzen und jedenfalls zu verhindern, daß der Weltbrand noch weiter um sich griff. Er beauftragte den Erzbischof von Wien, den Kardinal Piffl, in diesem Sinne mit dem alten Kaiser Franz Josef zu FRANZ JOSEF UND DER KARDINAL 229 sprechen. Der damals schon vierundachtzigjährige Kaiser Heß den Kardinal, der ihm schüchtern und bescheiden den Wunsch des Heiligen Vaters vortrug, gar nicht ausreden. Zornige Röte bedeckte sein Greisenantlitz. Er ergriff den Kardinal beim Arm und schob ihn buchstäblich zur Tür hinaus. Kaiser Franz Josef war ein treuer Sohn seiner Kirche, deren Vorschriften er gewissenhaft befolgte. Aber das fürstliche Bewußtsein war in ihm noch stärker als das religiöse Empfinden. Als das Osterfest sich näherte, übersandte der Papst meiner Frau den Apostolischen Segen und Heß ihr gleichzeitig sagen, er bete für den Erfolg der Mission ihres Gatten. In Erwiderung auf ein Schreiben, in dem ich dem Heiligen Vater meinen ehrfurchtsvollen Dank für die mir gewährte erleuchtete Unterstützung aussprach, erhielt ich von ihm den nachstehenden eigenhändigen Brief: „Eccelenza, Accogliemmo con particolare gradimento Der Papst la pregiata lettera che l'Eccelenza Vostra si compiaceva indirizzarci in data an Bülow de 21 corrente. Teniamo ora a significare personalmente all'Eccelenza Vostra quanto noi abbiamo apprezzato le nobili espressioni, nelle quali si traduceva l'ossequio cordiale che Ella professa alla Nostra persona ed a questa Sede apostolica su cui, in circostanze cosi calamitose, volle il Signore collocarci; manifestazioni dell'animo di Lei grande e delicato, delle quali serberemo caro e perenne il ricordo. L'alta stima, inoltre, che Noi sempre Le portammo ed il riconoscimento delle doti esiemie che L'adornano e delle non poche benemerenze che Ella, nelle lunga Sua vita politica, seppe acquistarsi verso la Sua patria, avrebbero reso a Noi sommamente accetto l'omaggio che l'Eccelenza Vostra, insieme con la degnissima sua Consorte si riprometteva di presentarci personalmente alle Sua partenza da questa citta, qualora le circostanze l'avessero consentito. Ad ogni modo, accetiamo con animo grato l'augurio cortese che Ella, Signor Principe, sul finire della lettera affidava Prowidenza Divina, perche propizzia assista questa Sede, e alla Nostra volta Noi amiamo di volgerla con pieno ricambio del Nostro affetto paterno, alla di Lei Nazione, a Vostra Eccelenza stessa ed alla nobilissima Sua Sposa, Cui altresi concediamo ben di cuore la implorata benedizione apostolica. Benedictus P. P. XV. Roma, 30. Maggio 1915." („Durchlaucht! Wir empfangen mit besonderer Genugtuung das geschätzte Schreiben, das Eure Durchlaucht am 21. ds. Mts. an Uns zu richten die Güte hatten. Wir legen Wert darauf, Eurer Durchlaucht zu bekunden, wie sehr Wir die edeln Gefühle gewürdigt haben, in denen die aufrichtige Huldigung zum Ausdruck kam, die Sie Unserer Person und dem Apostolischen Stuhl darbringen, auf den Uns der Herr unter so beklagenswerten Umständen berufen wollte, eine Kundgebung Ihres großen und feinsinnigen Geistes, der Wir allzeit ein gutes Andenken bewahren werden. Die hohe Achtung, die Wir immer für Sie hegten, und die Anerkennung der 230 EINE HUNDERTJÄHRIGE hervorragenden Talente, die Sie zieren, und der nicht geringen Verdienste, die Sie in Ihrem langen politischen Leben sich um Ihr Vaterland zu erwerben wußten, hätten Uns die Huldigung in hohem Grade genehm gemacht, die Eure Durchlaucht zugleich mit Ihrer verehrten Frau Gemahlin Uns vor Ihrer Abreise aus dieser Stadt persönlich zu erweisen gedachten, sofern die Umstände es gestattet hätten. Auf jeden Fall nehmen Wir dankbar den tiefgefühlten Wunsch entgegen, den Eure Durchlaucht am Schlüsse Ihres Briefes an die göttliche Vorsehung richtete, sie möge gnädig dem Heiligen Stuhl beistehen. Wir Unsererseits erwidern diese Wünsche in väterlicher Liebe für Ihre Nation, für Eure Durchlaucht und für Ihre erlauchte Gemahlin und gewähren gleichfalls aus vollem Herzen den von ihr erbetenen Apostolischen Segen.") Der friedliche und edle Geist, in dem dieser Brief des Oberhauptes der Brief der katholischen Kirche gehalten ist, sprach auch aus einem Schreiben, das die Fürstin Fürstin Leonille Wittgenstein bald nach meinem Eintreffen in Rom Wittgenstein an j^^g Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, gerichtet hatte. Die Fürstin Leonille war damals schon 99 Jahre alt. Sie sollte beinahe ebenso alt werden wie Graf Greppi. Sie starb erst 1918, 101 Jahre alt, in Ouchy bei Lausanne. Dort hatte sie dem heiligen Josef eine Kapelle errichtet und sich daneben eine Villa erbaut. Sie war die Schwiegermutter meines Amtsvorgängers Chlodwig Hohenlohe. Ich war ihr in seinem Hause während meiner Pariser Dienstzeit in der ersten Hälfte der achtziger Jahre oft begegnet. Wir hatten viel und über vieles zusammen gesprochen. Sie war mir eben so gütig gesinnt wie ihr Schwiegersohn. Russin von Geburt, eine Prinzeß Bariatinsky, war sie als Gattin des am Rhein ansässigen Fürsten Louis von Sayn-Wittgenstein unter dem Einfluß rheinischer Kirchenglocken und rheinischer Frömmigkeit zur katholischen Kirche übergetreten und eine sehr treue Katholikin geworden. Sie schrieb an Donna Laura: „Chere et tres charmante Donna Laura, Bonne annee, annee reparatrice! Apres celle-ci effroyable qui finit noyee dans le sang et les torrents de larmes! Je grille de vous dire un mot tout petit, mais tout brülant du sentiment qui l'inspire. Je vous le confie afin que vous le transmettiez ä votre illustre et tres aime gendre le Prince de Bülow. Au milieu du chaos qui bouleverse le monde et creuse des abimes entre les peuples, la reapparition du Prince est un coup de gräce de la Providence et le signe evident de sa predestination ä l'accomplissement, du salut de l'humanite, de sa dignite, de son honneur, et de son equilibre. Je prie Dieu, seul juste, bon et tout puissant de presider aux inspirations du Prince de l'assister et de benir ses efforts. Je vous quitte sur cette pensee et vous embrasse aussi tendrement que je vous aime." In traurigem Gegensatz zu dieser großzügigen Beurteilung der Weltlage stand die Kleinlichkeit der Berliner politischen Leitung. Ein trübseliges „UNANNEHMBAR" 231 Symptom hierfür bot der Brief, den Herr von Bethmann Hollweg am Bethmann 16. März 1915 an mich unter Bezugnahme auf einen Bericht des Militär- an Bühnv attaches von Schweinitz richtete, dessen freimütige und klare Art ihm auf die Nerven gegangen zu sein schien. Er schrieb mir: „Im Begriff, Ihnen zu schreiben, erhalte ich Ihr interessantes Telegramm über Ihre Unterredung mit Herrn Sonnino. Leider scheint die Haltung der italienischen Regierung den Befürchtungen bis zu einem gewissen Grade recht zu geben, die von österreichischer Seite immer wieder geäußert worden sind, nämlich daß ein Eingehen auf die italienischen Wünsche immer steigende Forderungen Italiens zur Folge haben werde. Das Verlangen der sofortigen Mise en effet des Abtretungsvertrages ist natürlich für Österreich-Ungarn und auch für uns — ich betone dies ausdrücklich — unannehmbar. Es gibt auch für die Konzessionen, die wir der in der Geschichte wold ohne Beispiel dastehenden Erpressungspolitik Italiens machen können, eine Grenze, die nicht ohne schwerste Beeinträchtigung der nationalen Würde und des internationalen Ansehens der beiden im siegreichen Kampfe stehenden verbündeten Kaisermächte überschritten werden kann. Ich bin mir bewußt, daß Eure Durchlaucht diesen Standpunkt vollkommen teilen, und ich weiß, daß Sie Ihre ganze Tatkraft und Ihre durch mehr als ein Menschenalter bewährte diplomatische Geschicklichkeit daran setzen, um die italienische Regierung zu einem Verzicht auf ihre Forderungen zu bringen, ohne den, wie ich nicht verkenne, der Anschluß Italiens an unsere Gegner unvermeidlich werden würde. Von hier ist alles Menschenmögliche geschehen, um das Wiener Kabinett dazu zu bringen, den ursprünglich in der Trentino- Frage angenommenen und mit großer Zähigkeit festgehaltenen intransi- genten Standpunkt aufzugeben. Der schließlich erzielte Erfolg beweist die Richtigkeit und die Zweckmäßigkeit des dabei beobachteten Vorgehens. Wenn der Erfolg nicht so schnell eintrat, als das im Hinblick auf die politische Gesamtlage wohl wünschenswert gewesen wäre, so sind Ihnen die Gründe dafür bekannt. Sie lagen in dem bekannten österreichisch-itaheni- schen Gegensatz, der ein Opfer an Italien dem österreichischen Stolz und Hochmut besonders schwer und schmerzlich macht. Es lag an der gänzlich verkehrten und irreführenden Berichterstattung des österreichischungarischen Botschafters in Rom, es lag schließlich an den zu hoch gespannten Erwartungen, die an die militärischen Erfolge der verbündeten Armeen im Osten geknüpft wurden. Bei dieser Lage der Dinge muß es mich um so mehr befremden, daß der Militärattache der Botschaft, Major von Schweinitz, in seiner Berichterstattung über diese Frage eine Kritik an der Wien gegenüber befolgten Politik zum Ausdruck bringt, über deren Kompetenz und guten Geschmack ich mich eines Urteils enthalte, die aber durch Wendungen wie ,mit etwas mehr Energie' oder ,Berlin est faible' 232 BETHMANN BEFREMDET gekennzeichnet wird. Die Sprache des Majors von Schweinitz findet ja vielleicht eine Erklärung in seiner geringen Vertrautheit mit politischen Dingen und dem sich daraus ergebenden fehlenden Augenmaß für das mit Mitteln diplomatischen Drucks Erreichbare. Wir sind in Wien mit unserer Sprache bis an die Grenze dessen gegangen, was bei einem Bundesgenossen zulässig war, den Drohungen schließlich nur dazu gebracht haben würden, die Flinte ins Korn zu werfen und uns den Kampf mit unseren Gegnern allein zu überlassen. Ich habe persönlich in Teschen auf jede Weise auf Baron Burian einzuwirken gesucht, aber meinen Bemühungen konnte damals ein Erfolg um so weniger beschieden sein, als der Standpunkt des Ministers von dem anwesenden Chef des österreichisch-ungarischen Generalstabes nachdrücklich unterstützt wurde, trotzdem er mit seinem deutschen Kollegen der Ansicht Ausdruck gab, daß ein Eingreifen Italiens und Rumäniens auf der Seite unserer Gegner mit dem Verlust des ganzen Krieges für uns gleichbedeutend sein würde. Das scheint auch Herr von Schweinitz zu übersehen, dem Eure Durchlaucht anscheinend von dem Verlauf der Teschener Besprechung Kenntnis gegeben haben, wenn er unter Hinweis auf die Stellungnahme der beiden Generalstabschefs Baron Burian in einem seiner Berichte als unseren größten Feind bezeichnet. Gerade an dem Vorgehen Italiens hat Herr von Schweinitz ein mit Händen zu greifendes Beispiel vor Augen, welche Grenzen der diplomatischen Kunst gezogen sind, wenn sie sich nicht auf den realen Hintergrund verfügbarer militärischer Macht zu stützen vermag. Ich hoffe, daß er in Zukunft seine Aufgabe vornehmlich darin erblicken wird, neben Wahrnehmung seiner rein militärischen Obliegenheiten die politische Aktion Eurer Durchlaucht an Ort und Stelle durch Einwirkung auf die militärischen und gesellschaftb'chen Kreise, mit denen er in Berührung kommt, nachdrücklich zu unterstützen. In alter Verehrung bin ich mit den herzlichsten Grüßen Ihr treu ergebener Bethmann Hollweg." Herr von Bethmann Hollweg fühlte offenbar nicht, welche Verurteilung seiner mit dem Ultimatum an Serbien eingeleiteten Politik darin lag, daß er der Besorgnis Ausdruck geben mußte, Österreich könne im Falle eines zu weit gehenden deutschen Druckes sich bewogen fühlen, „die Flinte ins Korn zu werfen" und „uns den Kampf mit unseren Gegnern allein zu überlassen", diesen fürchterlichen Kampf, in den er uns doch nur wegen Österreich geführt hatte. Und wenn der deutsche und der österreichungarische Generalstabschef übereinstimmend erklärten, ein Eingriff Italiens und Rumäniens auf der Seite unserer Gegner würde für uns mit dem Verlust des ganzen Krieges gleichbedeutend sein, so war es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des deutschen Kanzlers, einer solchen Eventualität mit allen Mitteln und um jeden Preis vorzubeugen. Papst Bonedikt XV. DER RUBIKON ÜBERSCHRITTEN 233 Ende März erschien unvermutet Flotow aus Neapel in Rom. Er stieg im Palazzo Caffarelli ab, wo er sich meine Berichte vorlegen Ließ und sich v. Flotow auf Grund dieser Berichte Notizen machte, selbstverständlich zu dem in Rom Zweck, meine Ausführungen, Ratschläge und Forderungen in seiner Privatkorrespondenz mit dem Staatssekretär von Jagow kritisieren und zerpflücken zu können. Er stattete auch dem österreichischen Botschafter, Herrn von Macchio, zwei längere Besuche ab und setzte diesem, wie ich bald nachher von Herren der Botschaft, die mit ihren österreichischen Kollegen auf gutem Fuß standen, erfuhr, mit Nachdruck auseinander, daß die italienische Regierung gar nicht den Mut finden würde, dem mächtigen Österreich-Ungarn den Krieg zu erklären. Was Sonnino und Salandra sagten, sei „Spiegelfechterei", die Sprache der italienischen Blätter „Theaterdonner". Herr von Flotow deutete dem k. und k. Botschafter auch an, daß dessen Regierung und insbesondere Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät es ihm nie verzeihen würden, wenn er bei der Abtretung des Trentino an Italien sich beteilige oder auch nur dazu rate. Mich suchte Herr von Flotow während seines zehntägigen Aufenthaltes in Rom überhaupt nicht auf, sondern begnügte sich damit, überaß anzudeuten, daß ich in dem, was ich sagte und täte, gar nicht meine Regierung hinter mir hätte. Ex post finde ich, daß ich einen Fehler beging, als ich gegenüber solchen unqualifizierbaren Treibereien nicht telegraphisch meinen Abschied in Berlin einreichte. Jedenfalls wundere ich mich heute über meine damalige Langmut. Durch meinen verewigten Vater und in der Bismarckschen Schule zu unbedingter Pflichterfüllung gegenüber dem Lande unter Zurückstellung aller persönlichen Empfindungen erzogen, wollte ich, nachdem ich so lange an der Spitze des diplomatischen Dienstes gestanden hatte, auch bei dieser meiner letzten Mission ein Vorbild unbeirrbarer Pflichttreue geben. Ich sah aber die Folgen der Flotow-Jagowschen Haltung voraus und richtete vertraulich ein Zirkular an die kaiserlichen Konsulate, durch das ich die in Italien lebenden Reichsangehörigen auffordern Heß, sich auf die Eventualität eines Krieges zwischen Italien und den Zentralmächten einzurichten. Vierzehn Tage später wiederholte ich diese eindringliche Warnung. Ende April fühlte ich in meinen Gesprächen mit dem Minister Sonnino, daß er den Rubikon überschritten hatte. Ich konnte dafür keinen Beweis erbringen, aber ich hörte es seinen Worten an, ich las es in seinen Augen. Ich gedachte aber des alten Bülowschen Wahlspruches: „Nil desperandum", ich erinnerte mich an das schöne Wort des französischen Seehelden Jean Bart, das auf dessen Denkmal in Dünkirchen steht: So lange noch eine Kugel im Laufe wäre, müsse diese abgefeuert werden. Ich 234 EIN LETZTER APPELL nötigte am 9. Mai den k. und k. Botschafter, Baron Macchio, in einer Unterredung, zu der ich ihn in die Villa Malta einlud, in meiner Gegenwart und unter meinem Diktat eine Erklärung zu redigieren, die der italienischen Begierung noch am gleichen Tage auf vertraulichem Wege zugeleitet wurde und die besagte, Österreich-Ungarn sei bereit, den von Italienern bewohnten Teil Tirols abzutreten, ebenso Gradisca und das westliche Ufer des Isonzo, so weit die Bevölkerung rein italienisch sei; Triest solle zur Kaiserlichen Freien Stadt gemacht werden mit italienischer Universität und italienischer Munizipalität. Österreich anerkenne die italienische Souveränität über Valona und erkläre seine eigene politische Uninter- essiertheit hinsichtlich Albaniens. Es hatte für mich einer starken Pression bedurft, um den ängstlichen Italien Macchio endlich zu einem Schritt zu bewegen, der noch im Januar, als das kündigt den „Parecchio" Giolittis die Situation beherrschte, die gewünschte Wirkung Dreibund- g enaD t hätte. Aber das bekannte Wort des großen Napoleon, daß Österreich Vertrag gtetg £ m Rü^gtande wäre und daß dort alles „trop tard" erfolge, traf wieder einmal zu. Die italienische Begierung hatte sich der Entente gegenüber bereits am 24. April 1915 im geheimen gebunden. Sie hatte acht Tage später durch Note vom 3. Mai den Dreibund-Vertrag öffentlich gekündigt. Der Eindruck der österreichischen Anerbietungen auf die breite Masse des italienischen Volkes war nicht unbeträchtlich, aber doch nicht mehr stark genug, um eine wirkliche Volksbewegung hervorzurufen, zumal die Kriegspartei mit jedem Tage ihre Anstrengungen verdoppelte und nun auch die Straße mobil machte. Es kam hinzu, daß Macchio, nachdem er sich, von mir eingeschüchtert und nur unter meinem persönlichen Druck, zur Veröffentlichung der genannten österreichischen Konzessionen herbeigelassen hatte, seine Nachgiebigkeit bereute, seinen Schritt als ein Mißverständnis hinstellte und insbesondere betonte, das Einverständnis seiner Begierung habe nicht vorgelegen und sei auch inzwischen nicht erfolgt. Die ganze Trentino-Frage würde definitiv erst in dem künftigen Friedensvertrag geregelt werden. Die Sekretäre der beiden österreichischen Botschaften sprachen sich im gleichen Sinne aus, wo immer sich ihnen Gelegenheit bot, ihre Weisheit leuchten zu lassen. Aus Berlin erhielt ich die Weisung, eine nochmalige Audienz bei König Viktor Emanuel nachzusuchen, um ihm ein Schreiben Kaiser Wilhelms II. zu überreichen, in welchem ein letzter Appell an seine Bundestreue und seine persönliche Freundschaft gerichtet wurde. Ich erbat und erhielt sogleich diese Audienz. Der König empfing mich in freundlicher Weise. Er war in ruhiger, aber offenbar ganz entschlossener Stimmung. Es unterlag keinem Zweifel, daß er die Schiffe hinter sich verbrannt hatte. Er meinte, es gebe Situationen, wo ein konstitutioneller Monarch nicht gegen die wohl- UNRUHVOLLE TAGE 235 erwogene Meinung seiner Minister handeln könne, wenn diese nicht nur die Mehrheit im Parlament, sondern auch, wie sie überzeugt wären, die öffentliche Meinung, die Tradition und die höchsten Interessen des Landes auf ihrer Seite hätten. Der König dankte mir für die loyale Art und Weise, wie ich meine Mission erfüllt hätte. „An Ihnen Hegt es jedenfalls nicht, wenn es doch zum Kriege kommt." Inzwischen wollte der österreichische Botschafter, Baron Macchio, noch immer nicht an die Möglichkeit eines Krieges glauben. Als ich ihm in der ersten Maiwoche sagte, die Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn werde zweifellos innerhalb der nächsten vierzehn Tage erfolgen, meinte er: „Ach, die Italiener sind halt immer so aufgeregt! Sie werden sich schon wieder beruhigen." Das Berliner Auswärtige Amt war nicht weniger blind. Wenige Tage vor der Kriegserklärung Itafiens an Österreich-Ungarn wurden mir vom Amt zu meiner Orientierung und Direktive die Reiseeindrücke eines angeblich besonders scharfsinnigen und intelligenten deutschen Reisenden übersandt, der auf seiner ganzen Fahrt von der italienisch-österreichischen Grenze bis nach Neapel nirgends ernsthafte Symptome für kriegerische Absichten der Italiener wahrgenommen haben wollte. Es waren dies die unruhvollen Tage, in denen von früh bis spät große Pferde- und Mannschaftstransporte die Straßen der italienischen Städte durchzogen und in der Hauptstadt ein so reges militärisches Leben herrschte, wie es dem Ausmarsch bei großen Manövern oder einer Mobilmachung vorauszugehen pflegt. Drei Tage vor der italienischen Kriegserklärung an Österreich frug ein höherer Beamter im Wiener Ministerium des Äußern, Graf Nemes, der Vor der soeben aus Wien in Rom angekommen war, telephonisch bei mir an, wann Kriegsei mir seine Aufwartung machen könnte. Ich lud ihn zum Frühstück ein. er ^ ärun Graf Nemes begrüßte mich mit der Bemerkung, er sei sehr perplex. Der österreichische Minister des Äußern, Graf Burian, habe ihn beauftragt, mir seine angelegentlichen Empfehlungen zu übermitteln und mir gleichzeitig seinen Wunsch auszusprechen, ich möge das Opfer bringen, den Sommer über in Rom zu bleiben, um meine „verdienstvolle Friedensarbeit" weiter fortzusetzen. Der Minister zweifle nicht daran, daß es meiner „bewunderungswürdigen Dialektik" gelingen würde, die Italiener nach und nach ganz zu beruhigen. Dies sei die Wiener Auffassung, betonte Graf Nemes. In Rom sei die Stimmung aber offenbar eine andere. Graf Nemes war bei seiner italienischen Schwiegermutter, der Gräfin Gabriele Spaletti, in deren römischem Villino abgestiegen. Sie hatte ihn unter Tränen umarmt und ihn gefragt, was er eigentlich in Rom wolle, der Krieg stünde ja unmittelbar vor der Tür, unter dem sie, als Italienerin und gleichzeitig Mutter einer mit 236 ABSCHIED VON ROM einem österreichischen Diplomaten vermählten Tochter, doppelt leide. Sie riet ihrem Schwiegersohn, seine Koffer gar nicht erst auszupacken. Ich konnte Graf Nemes nur empfehlen, dem Rat seiner Frau Schwiegermutter zu folgen. Der Abgeordnete Erzberger hatte mich nicht nur in Rom durch seine Verbindungen mit dem Vatikan in meinen auf die Erhaltung des Friedens gerichteten Bemühungen wacker unterstützt, sondern auch in seinen Berichten nach Berlin meine Wünsche vertreten und meine Bemühungen des höchsten Lobes gewürdigt. Seine Absichten waren die besten, aber seine politische Urteilslosigkeit trat auch hier zutage. Auch er wollte nicht an die Möglichkeit des Krieges glauben. Trotz meiner Abmahnung schrieb er nach Berlin, ich hätte den Frieden gerettet, alles sei in bester Ordnung. Als er wenige Tage vor der italienischen Kriegserklärung München passierte, suchte er die dort wohnende Mutter meines ausgezeichneten Mitarbeiters, des Legationsrats von Stockhammern, auf. Wie ein Wirbelwind fuhr er in das Empfangszimmer der Generalin. „Ich bringe Ihnen Grüße von Ihrem Sohn. In zwei Tagen wird er selbst hier sein. Er hat mitgeholfen, den Frieden zu erhalten, der jetzt völlig gesichert ist." Als die kluge alte Dame vierundzwanzig Stunden später in den „Münchener Neuesten Nachrichten" die italienische Kriegserklärung an Österreich las, schrieb sie ihrem Sohn: „Daß ein so konfuser Mensch wie dieser aufgeregte Schwabe jetzt eine große Rolle in Berlin spielen kann, macht mich ganz tiefsinnig." Am 25. Mai verließ ich Rom mit dem Personal der kaiserlichen Bot- Abreise Schaft. Alle Geheimakten hatte ich schon vierzehn Tage früher durch Feld- Bülouis jäger nach Berün geschickt. Meine Abreise erfolgte ohne jeden Zwischenfall. Die Leute, die um die Villa Malta herumstanden und in den Straßen, durch die ich nach dem Bahnhof fuhr, grüßten mich in der höflichsten Weise. Eine Stunde vor meiner Abreise hatte ich Abschied von meiner Schwiegermutter genommen, die ich nicht wiedersehen sollte, deren großes Herz auf der Höhe ihres glänzenden Geistes stand und die mir eine zweite Mutter ' geworden war. Auch von meinem Schwager, dem Fürsten Paolo Camporeale, nahm ich für dieses Leben Abschied. Er starb, wie meine Schwiegermutter, im Laufe des Krieges. Er war das einzige Mitglied des italienischen Parlaments, das gegen den Krieg stimmte. Ich verließ Italien mit tiefem Schmerz darüber, daß es mir nicht gelungen war, den Krieg zwischen Italien und den Zentralmächten zu verhindern. Ich sah rückschauend mit voller Klarheit, daß die Situation, die im Dezember bei größerer Energie und, ich muß leider hinzulugen, bei größerer Loyalität von Seiten Berlins noch zu retten war, durch das Hinundherschwanken Bethmanns, Berchtolds und Burians und die Taktik Jagows und Flotows in die Brüche hatte gehen müssen. Wie bei ZU SPÄT 237 Einleitung der wahnwitzigen Aktion gegen Serbien hatte man auch nach Ausbruch des Krieges, lediglich senilen Empfindlichkeiten zuliebe, die italienischen Bundesgenossen en quantite negligeable behandelt, und erst als Italien durch den Patto di Londra bereits gebunden war, hatte man mir die Hände freigegeben. Es war zu spät. XVIII. KAPITEL Zurück nach Berlin • Diner bei Bethmann Hollweg • Kein Empfang des Fürsten durch den Kaiser • Brief Bethmanns an Bülow • Antwort des Fürsten und Duplik Bethmanns Empfang in Hamburg • Die kriegerischen Ereignisse • Bethmann Hollweg nimmt Stellung zum polnischen Problem mit der Absicht, ein selbständiges polnisches Reich zu errichten Urteile über Bülows Mission I m Berliner Auswärtigen Amt herrschte eine andere Stimmung. Während meiner Amtszeit war unter dem Titel „Kaiser Wilhelm II. und die Schwarzseher" ein Buch erschienen, das manche nicht unzutreffenden Bemerkungen enthielt. Nach dem Kriege wurde eine Neuauflage des Buches veranstaltet. Der Verfasser soll ein angesehener Publizist gewesen sein, ein Herr Nebel, der einerseits im Berliner Auswärtigen Amt verkehrte, andererseits während des Winters 1914/15 mehrere Wochen in Rom geweilt hatte. Ich entsinne mich nicht, ihm begegnet zu sein oder seine persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben. In der 1919 publizierten Neuauflage seines Buchs hieß es über meine römische Mission: „Der Geist des Auswärtigen Amtes konnte nicht schärfer gekennzeichnet werden, als daß allgemein behauptet wurde, in der Wilhelmstraße sei man während des ganzen Krieges nie so vergnügt gewesen wie an dem Tage, an dem Italien sich gegen uns gekehrt und dadurch dem Klüngel die Waffen geliefert habe, sich des Fürsten Bülow endgültig zu entledigen, der seine ganze Persönlichkeit und seine ganzen großen Beziehungen in Rom eingesetzt hatte, um Deutschland wenigstens diesen neuen Feind vom Leibe zu halten, und der dabei von der Wilhelmstraße aus den allerpersönlichsten Gründen aufs schmählichste im Stiche gelassen worden war." Nicht mit Unrecht fügt der „Schwarzseher" hinzu, daß das deutsche Auswärtige Amt im Weltkrieg zur Beute eines kleinen Klüngels subalterner Beamter geworden wäre, die einzig und allein darauf bedacht gewesen seien, sich durch Führung der auswärtigen Geschäfte des Reichs persönlichen Einfluß, persönliche Macht, Ehre, Würden und Titel zu verschaffen. Ein französischer Diplomat und Historiker, Raymond Recouly, veröffentlichte nach dem Ende des Weltkrieges unter dem Titel „Das Duell zwischen Bülow und Barrere" eine Betrachtung, in der es hieß: „Das Duell war von sehr großer Heftigkeit. Politisch, das müssen wir heute zugeben, hätte Bülow die Partie vielleicht NUR EIN LOHNDIENER 239 gewonnen, aber psychologisch war sie von vornherein verloren. Gegenüber der von der Wiener und Berliner Diplomatie geschaffenen Lage mußte auch das diplomatische Genie eines Fürsten Bülow ergebnislos verpuffen." Bei meiner Bückkehr nach Deutschland wurde ich bei meiner Durchreise durch die Schweiz an der Grenze von den Schweizer Behörden mit Rückkehr großer Courtoisie begrüßt. In Karlsruhe erwartete mich ein Vertreter der nacn Berlin Frau Großherzogin Luise, um mir ihre Grüße und ihren Dank für meine patriotische Wirksamkeit zu überbringen. In Berlin hatte der Staatssekretär Jagow die Nachricht in Umlauf gesetzt, daß meine Ankunft noch nicht so bald erfolgen würde, um auf diese Weise jede Begrüßung am Anhalter Bahnhof zu verhindern, die ich gar nicht wünschte. Am nächsten Tage ließ das Auswärtige Amt in einigen ihm zugänglichen Blättern höhnisch melden, daß sich zu meinem Empfang außer dem Besitzer des Hotels Adlon nur ein Lohndiener eingefunden hätte. Eugen Zimmermann hatte mir schon früher geschrieben: „Herr Staatssekretär von Jagow sagte bei Erörterungen, die über Ihre mögliche Wiederkehr auf den Kanzlerposten gepflogen wurden, das ginge nicht, weil Ihnen niemand glaube. Das hat er u. a. auch dem Grafen Schwerin-Löwitz gesagt. Diese Torheiten sind um so überflüssiger, als Sie ja gar nicht den Wunsch haben, wiederzukommen. Von dem, was Herr von Jagow über Sie erzählt hat, und zwar nicht um Ihnen zu nützen, möchte ich nur das Amüsanteste herausgreifen: Sie könnten am Tage höchstens eine halbe Stunde arbeiten, die übrige Zeit müßten Sie schlafend auf der Chaiselongue verbringen." Es sei selbstverständlich, fügte Eugen Zimmermann hinzu, daß er solchem Klatsch, wo er ihm begegne, den Stempel der Lächerlichkeit aufdrücke. Es erscheine ihm aber besser, ich wüßte solche Gemeinheiten, als daß ich ihnen wehrlos gegenüberstünde. Die Klatschereien über meine Lebensweise und Gesundheit stammten von Flotow und wurden von Jagow in Berlin verbreitet. In Wirklichkeit habe ich in meinem arbeitsreichen Leben nie mehr gearbeitet, auch nie mehr Menschen empfangen, gesehen und gesprochen als in Rom im Winter 1914/15. Zu den Gegenständen, die ich niemals besessen habe, gehört außer dem Schlafrock die Chaiselongue. Wäre das Gegenteil der Fall, so würde ich mich in keiner Weise schämen, dies einzugestehen. Kein Geringerer als Fürst Bismarck pflegte als älterer Mann nach dem Essen auf der Chaiselongue zu hegen und in dieser Lage behagheh seine Pfeife zu rauchen. In jüngeren Jahren trug er am Vormittag im Hause gern einen Schlafrock, sogar einen geblümten Schlafrock. Ich sehe ihn in diesem Schlafrock noch vor mir. Er sah altvaterisch und dabei doch ebenso gewaltig aus wie im Koller der Halberstädter Kürassiere. Der Botschafter Schweinitz erzählte mir einmal, daß ihn Bismarck unmittelbar nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten und Minister des Äußern im Schlaf- 240 EIN ABENDESSEN rock empfangen hätte. Mit den Quasten des Schlafrockes spielend, habe er ihm gegenüber sein damaliges Regierungsprogramm in die Worte zusammengefaßt: „In der inneren Politik bin ich Royalist bis in die Knochen. Wenn es sein muß, gehe ich für den König in die Veudee und fechte für ihn mit den altmärkischen Bauern. In der auswärtigen Politik werde ich auch vor revolutionären Mitteln nicht zurückschrecken. Flecters si nequeo superos, Acheronta movebo." Ich hätte diese meine Niederschrift über die gewaltigen und für Deutschland unglücksschwangeren Ereignisse, die während meiner römischen Mission an mir vorüberzogen, nicht mit der Schilderung unterirdischer Intrigen und der Wiedergabe unwürdiger Klatschereien beschwert, wenn es sich nur um meine Person handeln würde. Aber diese Umtriebe waren nur Symptome eines Übels, das tiefer saß, Symptome einer Verrottung der Gesinnung, die in den Amtsstuben der Berliner Wilhelmstraße um sich fraß und die erbärmlichen Interessen kleinlichen Strebertums vor die Sache des Landes stellte, und das zu einer Zeit, wo an den Fronten Offiziere und Soldaten zu Tausenden und Tausenden ihr Leben heldenmütig in die Schanze schlugen. Am Abend meiner Ankunft in Berlin folgte ich einer Einladung des BeiBethmann Kanzlers Bethmann zum Abendessen. Herr von Bethmann dankte mir mit großem Pathos, fast überschwenglich, für meine „hingebenden Bemühungen". Jagow, der neben meiner Frau saß, sagte ihr, er begriffe nicht, wie ich Österreich zur Abtretung des Trentino habe raten können. Als meine Frau erwiderte, ich sei wohl überzeugt gewesen, daß durch rechtzeitige österreichische Konzessionen der Ausbruch des Krieges zwischen Italien und Deutschland zu verhindern gewesen wäre, meinte Herr von Jagow: „Sie vergessen, daß die Abtretung des Trentino dem ehrwürdigen Kaiser Franz Josef, Seiner Apostolischen Majestät, dem ältesten Souverän in Europa, das Herz gebrochen haben würde. Sie vergessen, daß Österreich der letzte Hort konservativer Prinzipien und wahrhaft vornehmer Traditionen ist, Italien aber ein demokratisches und revolutionäres Gebilde." Nach Tisch näherte sich mir Herr von Jagow, den ich bis dahin nicht beachtet hatte, in krummer Haltung und mit einem verlegenen Gesicht, aus dem ein sehr schlechtes Gewissen sprach. Ich drehte ihm vor allen Anwesenden den Rücken. Ich gestehe, daß ich selten innerlich eine größere Befriedigung empfunden habe. Einem unerfreulichen Menschen die Empfindungen, die er in uns erweckt, auch äußerlich zu erkennen zu geben, ist ein erlesener Genuß. Am nächsten Tage suchte Herr von Jagow meinen Freund, den Fürsten Karl Wedel, unter dem er einige Jahre als Sekretär gedient hatte, mit der Bitte auf, für ihn bei mir ein gutes Wort einzulegen. Er wisse wohl, was er mir zu verdanken habe, nämlich seine ganze Karriere. Eigenhändiger Brief Papst Benedikts XV. an Bülow (Zu Seite 229) Eccellenza, Accogliemmo con particolare gradimento la pregiata lettera che FEccellenza Vostra si compiaceva indirizzarci in data del 21 corrente. Teniamo ora a significare personalmente alVEccellenza Vostra quanto noi abbiamo apprezzato le nobili espressioni, nelle quali si traduceva Vossequio cordiale che Ella professa alla Nostra persona ed a questa Sede Aposlolica su cui, in circostanze cosi calamitose, volle il Signore collocarci; manife- stazioni deWanimo di Lei grande e delicato, delle quali serberemo caro e perenne il ricordo. Ualta stima, inoltre, che noi sempre Le portammo ed il riconoscimento delle doti esimie che L^adornano e delle non poche benemerenze che Ella, nella lunga sua vita politica, seppe acquistarsi verso la Sua patria, avrebbero reso a Noi sommamente accetto Vomaggio che VEccellenza Vostra, insieme con la degnissima sua Consorte, si riprometteva di presentarci personalmente alla Sua partenza da questa cittä, qualora le circostanze Vavessero consentito. Ad ogni modo, accettiamo con animo grato Vaugurio cortese che Ella, signor Principe, sul finire della lettera, affidava alla Provvidenza Divina, perche propizia assista questa Sede, e alla Nostra volta Noi amiamo di volgerlo, con pleno ricambio del Nostro affetto paterno, alla di Lei Nazione, a Vostra Eccellenza stessa ed alla nobilissima Sua sposa, Cui altresl concediamo ben di cuore la implorata benedizione apostolica. Benedictus PP. XV. Roma, 30 Maggio 1915 (Deutsche Übersetzung umseitig) Durchlaucht, Wir empfangen mit besonderer Genugtuung das geschätzte Schreiben, das Eure Durchlaucht am 21. ds. Mts. an Uns zu richten die Güte hatten. Wir legen Wert darauf, Euer Durchlaucht zu bekunden, wie sehr Wir die edeln Gefühle gewürdigt haben, in denen die aufrichtige Huldigung zum Ausdruck kam, die Sie Unserer Person und dem Apostolischen Stuhl darbringen, auf den Uns der Herr unter so beklagenswerten Umständen berufen ivollte, eine Kundgebung Ihres großen und feinsinnigen Geistes, der Wir allzeit ein gutes Aiidenken bewahren werden. Die hohe Achtujig, die Wir immer für sie hegten, und die Anerkennung der hervorragenden Talente, die Sie zieren, und der n icht geringen Verdienste, die Sie in Ihrem langen politischen Leben sich um Ihr Vaterland zu erwerben wußten, hätten Uns die Huldigung in hohem Grade genehm gemacht, die Eure Durchlaucht zugleich mit Ihrer verehrten Frau Gemahlin Uns vor Ihrer Abreise aus dieser Stadt persönlich zu erweisen gedachten, sofern die Umstände es gestattet hätten. Auf jeden Fall nehmen Wir dankbar den tiefgefühlten Wunsch entgegen, den Eure Durchlaucht am Schlüsse Ihres Briefes an die göttliche Vorsehung richtete, sie möge gnädig dem Heiligen Stuhl beistehen. Wir Unsererseits erwidern diese Wünsche in väterlicher Liebe für Ihre Nation , für Eure Durchlaucht und für Ihre erlauchte Gemahlin und gewähren gleichfalls aus vollem Herzen den von ihr erbetenen Apostolischen Segen. Rom, den 30. Mai 1915 Benedictus P. P. XV. t— *L^££&^*^/£*--> -^cz_. 7^n_i2—a-*ia^" 7~yz- ^-^<>-*^«_i>t. -^--r &£c*/£*x. % f < ~2z>-*2-~^\ r^jZ o ^ Sät - J'^-C d""Z-«3c_> —^c.'cp'^k^-*. -j^*" r / £c s^*-^ <^ß^^ <>Txu-sx3t_^^>>t!o *»^f 1 "^«- IP^ «S^^S^e <^2^ &Zs££cc •^*^*CX^ ^V^-V^* • /^£-0-Zs£l^_ X UNTER ABSOLUTER DISKRETION 241 Ich wäre sein „Wohltäter" gewesen, aber Flotow wäre sein „Herzensfreund". Mit diesem Bittgang hatte Jagow bei mir kein Glück. Ich habe ihn auch weiter überall geschnitten, namentlich im Herrenhause, in das ihn der Kaiser auf den Vorschlag von Bethmann berufen hatte, obwohl er in dies Haus und zu dessen patriotischen und großen Traditionen paßte wie Pilatus ins Credo. Bald nach meiner Ankunft in Berlin wurde mir von einem Flügeladjutanten mit der Bitte um absolute Diskretion erzäldt, daß der Kaiser mich nach meiner Bückkehr aus Born habe empfangen wollen, um mir für meine Bemühungen zu danken. Bethmann und Jagow hätten Seiner Majestät aber gesagt, daß mein Empfang und nun gar eine Auszeichnung für mich einen schlechten Eindruck in Wien hervorrufen würde. Es läßt sich unschwer denken, mit welcher Genugtuung der von dem Hofmarschall Beischach ständig auf dem laufenden gehaltene österreichische Botschafter Gottfried Hohenlohe über diese meine Brüskierung nach Wien berichtete und wie sehr die Schwächlichkeit Bethmanns die Dreistigkeit des Wiener Kabinetts ermutigen mußte. In den nächsten Tagen beehrte die Kaiserin meine Frau und mich mit einer Einladung zum Frühstück, bei dem außer uns nur ihre Tochter, die Herzogin von Braunschweig, und deren Gemahl zugegen waren. Die Kaiserin dankte mir in rührender Weise für meine Tätigkeit in Born. Sie verschwieg mir nicht, daß der Kanzler und der Staatssekretär des Äußern ihren hohen Gemahl verhindert hätten, mich zu empfangen. Nicht lange nachher erhielt ich von Bethmann den nachstehenden Brief: „Verehrter Fürst, in der Unterhaltung, die ich unlängst in meinem Hause Bethmann mit Ihnen führen durfte, habe ich einige Details für den Grad des Druckes befürchtet angeführt, den wir im Verlauf der italienischen Krisis auf das Wiener Kritik Kabinett ausgeübt haben. Nach dem Mißerfolg, mit dem die Krisis geendet hat, sucht die politische Diskussion begreiflicherweise nach dem Schuldigen und ist, wie ich höre, geneigt, ihn weder in Wien noch in Born, sondern in Berlin zu finden. Ich fürchte, daß solche Betrachtungen dem Vaterlande nicht zum Nutzen gereichen. Die fest begründete Stellung, die Eure Durchlaucht in der Wertung der öffentlichen Meinung einnehmen, schützt, wie die Haltung der gesamten Presse und der laute vom Beichstag meinen Worten gespendete Beifall zeigt, vor jeglicher Anzweiflung Ihrer rastlosen in Born entfalteten Tätigkeit. Sie bedarf keines Schutzes. Dem Wiener Kabinett sein voll gerütteltes Maß an Verantworthchkeit in der Öffentlichkeit zuzuschieben, verbietet mir und allen offiziellen Persönlichkeiten während der Dauer des Krieges die einfachste politische Bäson. Jetzt kann ich nicht auf die schweren Fehler der österreichischen Politik gegenüber Italien hinweisen lassen, die bis in die letzten Jahrzehnte zurückreichen, 16 BUIow III 242 DAS SCHULDKONTO nicht auf die Grenze, die unseren Druckmitteln auf Wien gezogen war, nachdem Österreich bedeutende Truppenmassen unter Preisgabe Ostgaliziens zum Schutze Schlesiens abgezweigt hatte, nicht auf den Starrsinn der Österreich-ungarischen Minister, die bis in die letzten Tage der Krisis allen unseren Vorstellungen die mit Eurer Durchlaucht Meldungen unvereinbaren Berichte ihrer römischen Vertreter entgegenhalten konnten, nicht auf die schroff ablehnende Haltung Kaiser Franz Josefs, der sich den Briefen und Missionen unseres Allergnädigsten Herrn und selbst dem persönlichsten Einfluß des Papstes unzugänglich erwies. So ist Berlin jetzt verurteilt, auf alle Vorwürfe, die ihm gemacht werden, zu schweigen, bis eine spätere Zeit das Sprechen gestatten wird. Die Schädigungen aber, die der moralischen Widerstandskraft Deutschlands zugefügt werden, wenn sich Kreise bilden, die den italienischen Krieg auf mein und meiner Mitarbeiter Schuldkonto setzen, wachsen sich zu einer Erschütterung aus, wenn die Kritik, den einmal eingeschlagenen Weg verfolgend, mit der gleichen Tendenz bis zur Vorgeschichte des Krieges hinaufsteigt. Behauptungen wie die, daß der Krieg hätte vermieden oder doch in günstigerer Konstellation hätte ausgefochten werden können oder daß er doch nahe an einen Präventivkrieg streife, lassen, wo sie hinfallen, einen Stachel sitzen und schmeicheln sich um so fester bei den weniger Nachdenklichen ein, je mehr sie von den großen geschichtliehen Zusammenhängen absehen. Was der weiter zurückliegenden Vergangenheit angehört, was mit und ohne unsere Schuld zu der großen Koalition gegen uns führte, was bei fortschreitendem Niedergang Österreichs und stetiger Erstarkung der Entente die Kräfte Deutschlands immer bedrohlicher isolierte, was uns seit dem Jahre 1905 in der Marokko-Frage, später in der bosnisch-herzegowinischen Krisis, dann wiederum in der Marokko-Frage zu einer Politik äußersten Bisikos, und zwar eines sich mit jeder Wiederholung steigernden Bisikos, zwang — alle diese Vorgänge gehen in den gewaltigen Eindrücken der Gegenwart unter, bis die Zeit nach dem Frieden allmählich die Ursachen eines Weltverhängnisses klarer erkennen lassen wird, das viel zu gewaltig ist, als daß es singuläre Ereignisse zum Ursprung haben könnte. Daß ich Dinge ausspreche, die Eure Durchlaucht mit Ihren weiten poütisch-historischen Kenntnissen noch klarer und richtiger durchschauen, als ich es vermag, geschieht aus der vaterländischen Sorge, die mir durch mancherlei auch ernste politische Kreise beherrschende Gespräche erweckt wird. Aus der Macht, die Eure Durchlaucht mit Ihrer Person und Ihrem Wort auf die Menschen ausüben, wissen Sie zu genau, wie das Empfinden und Denken des Volkes und der Öffentlichkeit geleitet und gelenkt werden kann. Um so mehr werden Eure Durchlaucht, wie ich hoffe, meine Bitte würdigen, mit dahin zu wirken, daß nicht durch die Vorwegnahme einer Kritik, die jetzt noch nicht offen und frei, EIN PROTEST BÜLOWS 243 sondern nur bruchstückweise und deshalb falsch geübt werden könnte, die Kräfte der Einheit und Geschlossenheit gelähmt werden, deren wir zum siegreichen Durchhalten nicht entraten können. In alter Verehrung bin ich Euer Durchlaucht ergebener von Bethmann Hollweg." Ich erwiderte auf dieses Schreiben, aus dem Empfindlichkeit, noch größere Ängstlichkeit und ein unruhiges Gewissen sprachen: „Verehrter Bülows Freund, Ihrem gestern erhaltenen Schreiben entnehme ich mit Bedauern, Erwiderung daß die Quertreibereien, die mir bereits während meiner vorübergehenden amtlichen Tätigkeit in Rom wiederholt entgegengetreten waren, auch nachdem ich in das Privatleben zurückgekehrt bin, ihren Fortgang nehmen. Ich habe mich seit meinem vor bald sechs Jahren erfolgten Rücktritt einer politischen Zurückhaltung befleißigt, wie sie gewissenhafter und peinlicher nicht möglich ist. Ich habe, wie gerade Sie wissen, an dieser Zurückhaltung festgehalten, als ich der Gegenstand sinnloser und unwürdiger Verleumdungen war. Ich habe auch jetzt bei Gesprächen über die Entwicklung der italienischen Verhältnisse, und ganz besonders soweit Österreich und die österreichische Politik in Frage kommen, in Rom wie hier nichts gesagt, was die Kreise unserer Politik stören könnte. Dafür bürgt nicht nur mein persönbches Taktgefühl, das mich in keiner Lebenslage verlassen hat, sondern auch meine richtige politische Einschätzung unseres Bündnisses mit Österreich, dem, wie Sie mir gern zugeben werden, während meiner Amtsführung nicht nur äußere und bedeutsame Erfolge, sondern auch innerliche Neubelebung und Kräftigung beschieden waren, obschon ich dafür Sorge trug, innerhalb des deutsch-österreichischen Bündnisses der führende Teil zu bleiben. Auch in Rom bin ich nicht nur mit großem Nachdruck für politisch vernünftige österreichische Gesichtspunkte eingetreten, sondern ich habe es als einen wesentlichen Teil meiner Aufgabe betrachtet, Schaden von Österreich abzuhalten und die österreichischen Lebensinteressen sicherzustellen, wenn auch selbstverständlich die preußische und deutsche Staatsräson mein Leitstern war. Das Recht darf ich für mich in Anspruch nehmen, über Vorgänge, die pubüci juris sind und die von allen Kennern der itaÜenischen Verhältnisse, mag es sich um Mitglieder unserer Missionen in Rom, um die Vertreter neutraler Länder, um dauernd oder vorübergehend in Rom weilende deutsche Landsleute oder um deutschfreundliche Italiener handeln, gleichmäßig beurteilt werden, meine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Daß dies immer mit der nötigen diplomatischen Diskretion und dem nötigen diplomatischen Feingefühl geschehen ist und noch geschieht, werden Sie, wie ich hoffe, nicht bei einem Mann bezweifeln, der, Sohn eines Staatssekretärs des Äußern und selbst mit vierundzwanzig Jahren in den diplomatischen Dienst eingetreten, diesem Dienst sechsunddreißig Jahre angehört und zwölf Jahre an der 16* 244 DER ERZIELTE AUFSCHUB Spitze dieses Dienstes gestanden hat. Unter Wahrung dieser Diskretion bin ich der von mir wohlbekannter Seite verbreiteten tendenziösen und unwahren Behauptung entgegengetreten, als ob ich nach meinem Eintreffen in Rom die Verhältnisse zu schwarz gemalt hätte, wenn ich pflichtgemäß auf die Gefahr eines italienischen Vorgehens gegen Österreich hinwies. Die Tatsache, daß es mir trotz der größten Schwierigkeiten und allem, was vor meinem Eintreffen in Rom versäumt und verdorben worden war, gelungen ist, dieses italienische Vorgehen um Monate hinauszuschieben, darf ich wohl als Beweis dafür gelten lassen, daß meine persönliche Position in Rom, die ich rückhaltlos in den Dienst des Landes gestellt habe, eine bessere war, als mündlich und schriftlich von einer anderen, Ihnen ebenfalls bekannten Stelle, vor meiner Entsendung nach Rom verbreitet wurde. Wenn Sie, lieber Herr von Bethmann, auf angebliche Äußerungen von mir über die Vorgeschichte des Krieges hindeuten, so bitte ich, mir diejenige Person zu nennen, die gewagt hat, zu behaupten, daß ich in meinen Worten gerade über diesen Gegenstand Unzutreffendes gesagt und die Grenzen überschritten hätte, die mir mein Patriotismus, meine Vergangenheit und meine persönliche Würde ziehen. Ich weise jede derartige Insinuation mit der größten Entschiedenheit zurück. Es bedarf für mich nicht der Erinnerung, daß in dem furchtbaren Kampf, in den die Nation hineingeführt worden ist, Einheit und Geschlossenheit nottun. Daß solche Geschlossenheit und Einheit die Vorbedingung wie des Sieges so eines würdigen Friedens sind, ist mir wohl bewußt, und wo ich Gelegenheit fand, habe ich gerade dies betont. Wenn Ihnen hinterbracht sein sollte, ich hätte geäußert, dieser Krieg streife nahe an einen Präventivkrieg, u. ä., so ist der Denunziant entweder nicht imstande, die Tragweite einer politischen Äußerung richtig einzuschätzen, oder er sagt bewußt die Unwahrheit. Was aber meine eigene Amtsführung anlangt, so möchte ich hier nicht auf diesen Gegenstand ausführlicher eingehen und beschränke mich auf den Hinweis, daß Sie mit den Vorgängen von 1905 und 1908/1909 naturgemäß m'cht näher vertraut sein können. Ich will hier nur daran erinnern, daß es mir gelungen ist, unter Aufrechterhaltung des Friedens mit Frankreich, Japan und vor allem mit England, guter Beziehungen zu Rußland, unter Erhaltung der österreichischen Machtstellung wie der Integrität der Türkei die Vorbedingungen für den Bau unserer Flotte in zwölf sehr kritischen Jahren zu schaffen, während deren sich Wohlstand und Machtstellung des Reichs zu schöner Blüte entfalteten. Das werden Sie gewiß anerkennen, der Sie während der fünf Jahre zwischen dem Juni 1909 und dem Juli 1914 oft hervorgehoben haben, daß wir trotz gelegentlicher Differenzen in dieser oder jener Einzelfrage in friedlichen und freundlichen Beziehungen zu Rußland wie zu England und sogar zu Frankreich stünden, die in der Begegnung DIE UNGEBROCHENE FRONTSTELLUNG 245 von Potsdam, Ihrer Reise nach Rußland, dem Kongo-Vertrag mit Frankreich und den projektierten Abmachungen mit England ihren Ausdruck fänden und günstige Aspekte für die Zukunft eröffneten. Die Ursache des furchtbaren Krieges, der inzwischen ausgebrochen ist, hegt zum Teil natürlich weit zurück. Der englisch-deutsche Gegensatz mußte sich verschärfen, seitdem unsere Industrie und unser Handel sich in früher nicht geahnter Weise entfaltet hatten, seitdem wir zur See gegangen waren und namentlich seitdem wir uns eine Flotte bauten. Das deutsch-russische Verhältnis war seit der ersten großen Orientkrisis, die zum Berliner Kongreß und zur Zuspitzung der Gegensätze zwischen Österreich-Ungarn und Rußland führte, mancher schwierigen Belastungsprobe unterzogen worden, und vollends der deutsch-französische Gegensatz ließ sich seit dem Frankfurter Frieden und der Annexion von Elsaß-Lothringen nicht mehr aus der Welt bringen. Mit diesem Schwergewicht belastet, hat die deutsche Politik trotzdem während langer Jahre den Frieden zu wahren vermocht. Die Frage, ob es notwendig war, mit dieser Politik zu brechen, wird sich schwerlich für immer ausschalten lassen. Ich stimme mit Ihnen aber ganz darin überein, daß gegenwärtig unser Sinnen und Denken ganz auf den Sieg gerichtet sein muß und auf einen Frieden, würdig so heroischer Anstrengungen und würdig der ungeheuren Opfer, die unser Volk mit bewunderungswürdiger Hingebung bringt. Seien Sie versichert, daß hiervon niemand mehr durchdrungen ist als ich und daß, so weit für mich die Gelegenheit geboten wird, von meiner Seite alles geschieht, um dieses Ziel zu erreichen." Auf dieses Schreiben erhielt ich umgehend von Bethmann die nachstehende Dupb'k: „Eurer Durchlaucht Schreiben vom 12. d. Mts., das ich Bcthmanns gestern erhielt und für dessen eingehende Ausführungen ich meinen auf- Duplik richtigen Dank ausspreche, bestärkt mich in der Gewißheit, daß in dem, was sich mir gegenwärtig als der Kernpunkt darstellt, unsere Ansichten kaum auseinandergehen. Auch Sie wünschen, wie ich es tue, daß die einmütige Hingabe der Nation durch die uns Deutschen so tief im Blut steckende Neigung zur Kritik nicht in einem Zeitpunkt geschwächt werde, der eine ungebrochene Frontstellung unser aller erfordert, und ich kann nur meinen wärmsten Dank dafür aussprechen, daß Eure Durchlaucht in vollem Einklang mit der Stellung, die Sie seit dem Jahre 1909 im nationalen Interesse unter persönlichen Opfern eingenommen haben, auch Ihrerseits allen auf dieses Ziel gerichteten Bestrebungen Ihre tätige Unterstützung leihen wollen. Ihr in aufrichtiger Verehrung treu ergebener von Bethmann Hollweg." Als ich diesen Briefwechsel mit meinem Nachfolger meinem Freunde Albert Ballin vertraulich mitteilte, erwiderte mir der kluge Mann: „Ich bitte um die Erlaubnis, Eurer Durchlaucht in der Anlage die Briefe zurückreichen 246 IN DER ELBPARK VILLA zu dürfen, welche Sie die große Güte hatten mir zur Kenntnisnahme anzuvertrauen. Ich fand den Inhalt ebenso interessant wie bezeichnend für die Gemütsverfassung unserer Berliner Geschäftsführer." Ich hatte schon früher Zustimmung bei Ballin gefunden, als ich meine Eindrücke über unsere Lage in die Worte zusammenfaßte: „Haltung und Geist der Bevölkerung Ia — politische Führung Vb." In Hamburg eingetroffen, wurde ich von dem Regierenden Bürgermeister Herrn von Melle freundlicherweise zu einem Essen eingeladen, zu dem er eine größere Anzahl Senatoren und Mitglieder der Bürgerschaft gebeten hatte und bei dem er mir in zu Herzen gehender Rede im Namen der Stadt Hamburg für meine Tätigkeit in Rom dankte. Nicht lange nachher bezog nfcnthalt ich die Elbparkvilla, wo mir ein schöner Empfang bereitet wurde. Aus Flottbek der ganzen Elbgegend hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Meiner Frau wurden Blumensträuße überreicht. Die Frauen der Flottbeker Kriegerhilfe und eine zahlreiche Kinderschar erfreuten uns mit Gesängen. Der Landrat des Kreises Pinneberg hielt eine Ansprache. In meiner Antwort gab ich der Freude Ausdruck, wieder dorthin zurückzukehren, wo ich das Licht der Welt erblickt hätte, wo ich einen großen Teil meiner Jugend verlebt hätte, wo ich jeden Baum und jeden Stein kenne. Wie oft wäre ich auf der Straße, die an der Elbparkvilla vorbeiführe und die mein verstorbener Freund, der Dichter Detlev von Liliencron, mit Recht die schönste Straße der Welt genannt hätte, am Sonntagmorgen mit meinen seligen Eltern zur Kirche gegangen, elbaufwärts nach Ottensen, oder elbabwärts nach Nienstedten. Als guter Preuße, der ich sei und bis an mein Lebensende bleiben werde, freute ich mich, in Flottbek auf preußischem Boden zu stehen. Ich freute mich aber auch der Nähe Hamburgs. In einer Stunde trüge das Schiff mich nach dem Hamburger Hafen, und ich sähe das Bismarckdenkmal vor mir, das gewaltige Standbild, das dem gewaltigsten Sohn des deutschen Volkes errichtet worden wäre, ich erblickte die hochragenden, spitzen Türme der Stadt, an die mich soviel Erinnerungen knüpften, verwandtschaftliche Beziehungen und warme Sympathien, wo mir treue Freunde lebten, wo ich immer gern weilte, wo sich auch meine Frau wohlfühle, die das Land der Eichen und Buchen geradeso liebte wie ich. Ich dankte den um mich Versammelten, ganz besonders den Kindern, deren Väter im Felde stünden. Mit tiefer Bewegung hätte ich an der Flottbeker Bahnstation die Namen derjenigen Flottbeker gelesen, die in diesem Kriege gefallen wären und mit ihrem Blut die holsteinische Treue für König und Vaterland, für Kaiser und Reich bezeugt hätten. Ich schloß mit einem Hoch auf Seine Majestät den Kaiser und König. Die Leistungen der Armee während des Sommers 1915 erfüllten mich mit immer neuer Bewunderung. Auf dem westlichen Kriegsschauplatz HINDENBURG ERKLÄRT 247 wehrten in der Loretto-Schlacht unsere Truppen trotz ihrer weit geringeren Zahl den mit den größten Mitteln unternommenen Durchbruchsversuch des Marschalls Joffre mit Heldenmut ab. In der Champagne und im Artois blieben alle Vorstöße der Franzosen und Engländer erfolglos. Schwere Sorgen aber erweckte in mir die Haltung des Kanzlers Bethmann in der polnischen Frage. Schon im August 1915 gab er ganz überflüssigerweise in einer Reichstagsrede der Hoffnung Ausdruck, daß unsere Besetzung der polnischen Grenzen gegen Osten den Beginn einer Entwicklung darstellen würde, welche die alten Gegensätze zwischen Deutschen und Polen aus der Welt schaffen und das vom russischen Joch befreite polnische Reich einer glücklichen Zeit entgegenführen würde, in der es die Eigenart seines Nationallebens pflegen und entwickeln könne. Eine solche Entwicklung erschien Herrn von Bethmann als das vornehmste deutsche Kriegsziel. Diese von ihm eingeleitete „glückliche Entwicklung" hat dahin geführt, daß wir uns an unserer Ostgrenze künstlich einen Todfeind schufen und großzogen, der uns weite und reiche, seit über hundert Jahren in deutschem Besitz befindliche Gebietsteile raubte, der die Deutschen ausplündert, mißhandelt und, als Soldknecht Frankreichs, die Hand an unsere Gurgel hält. Ich hörte schon 1915, daß Bethmann seine unvernünftige und unheilvolle polenfreundliche Rede, trotz dem Abraten aller preußischen Minister und den Gegenvorstellungen der Konservativen, der Nationalliberalen und auch einsichtiger Freisinniger und Zentrumsleute, gehalten hatte. Ihrer üblen Gewohnheit entsprechend, haben sich Bethmann und Jagow, als sich nur zu bald die schlimmen Folgen der Errichtung eines selb- Das selbstä ständigen polnischen Reiches herausstellten, bemüht, die Verantwortung dige Polen für ihre kopflose Aktion auf andere, in diesem Falle auf den Feldmarschall Hindenburg und seinen Generalstabschef Ludendorff, abzuschieben. Als sich mein langjähriger Freund und Kollege, der Kultusminister Studt, bei dem Feldmarschall brieflich erkundigte, ob an dieser Entschuldigung etwas Wahres wäre, richtete Hindenburg am 24. September 1917 den nachstehenden Brief an ihn, den ich im Original in der Hand gehabt habe und von dem ich mir mit Ermächtigung des Staatsministers Studt eine Abschrift nahm: „Wie ich höre, hat man in Berlin das Gerücht verbreitet, die Schaffung des Königreichs Polen sei auf meinen und Ludendorffs Wunsch hin erfolgt. Ich bitte, diese Unrichtigkeit gütigst bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu widerlegen. Das Königreich Polen ist am 12. und 13. August 1916 zwischen Bethmann und Burian beschlossen worden. Erst am 29. August wurde ich Chef des Generalstabes und erfuhr daher noch einige Zeit später die Schaffung dieser Mißgeburt, als Beseler zu einer Besprechung nach Pleß herüberkam. Er versprach uns damals bis zum Frühjahr 1917 an 248 250000 POLNISCHE FREIWILLIGE ausgebildeten polnischen Truppen als Folge der Schaffung des Königreichs fünf Divisionen bei freiwilligem Eintritt, eine Million bei allgemeiner Wehrpflicht. Dieser Zuwachs konnte uns für 1917 nur erwünscht sein, und haben wir daher lediglich auf diese Neuformationen wiederholt hingewiesen und gedrückt. Wie sehr Beseler geirrt hatte, beweist die Tatsache, daß in diesem Sommer erst dreitausend Polen in der polnischen Legion standen, die übrigen neuntausend waren von Österreich eingeschmuggelte Galizier, die nur hinter der Front verwandt werden konnten. Für diese Gesellschaft habe ich natürlich gedankt. Das ist meine und Ludendorffs wahre und einzige Beziehung zum Königreich Polen. Die Oberste Heeresleitung wurde immer vorgeschoben, wenn man fühlte, eine Dummheit begangen zu haben. Und forderten wir dann Richtigstellung durch die Presse, dann hieß es: Die 0. H. L. dürfe nicht der öffentlichen Kritik preisgegeben werden." Im Januar 1918 erklärte in einer öffentlichen Versammlung in Hannover der Oberbürgermeister dieser Stadt, der Stadtdirektor Tramm, mit ausdrücklicher Ermächtigung des Generalfeldmarschalls, die Behauptung, daß die Gründung des neuen polnischen Staats auf Wunsch der Obersten Heeresleitung und mit deren vollem Einverständnis erfolgt sei, für „absolut unwahr". Herr Tramm führte weiter aus: „Der politische Vertrag über Polen ist zwischen den Reichsleitungen Deutschlands und Österreich- Ungarns beschlossen worden, mehrere Wochen bevor Hindenburg und Ludendorff an die Spitze der deutschen Heeresleitung berufen wurden. Sie haben nichts davon gewußt. Das einzige, was sie getan haben, ist folgendes: In dem Vertrag war vorgesehen, daß die polnische Nation unserer Armee zweihundertfünfzigtausend Freiwillige zuführen würde, und als sie ans Ruder kamen, sagten sie: ,Wenn das richtig ist, dann können wir sie jetzt gut gebrauchen.' Man stand vor der rumänischen Kriegserklärung, und die Brussilowsche Offensive war im Gange. Da sagten die Heerführer: ,Habt ihr soviel Truppen zur Verfügung, dann schafft sie uns auch heran.' Ich weiß nicht, ob Sie alle das traurige Resultat wissen. Ich kenne die Zahl auch nicht genau, aber ich glaube, es sind noch keine zehntausend Freiwillige eingestellt. Also an dieser Gründung des polnischen Staats war die Oberste Heeresleitung durchaus unbeteiligt." Mit Recht fügte der Stadtdirektor Tramm hinzu: Es könne gar nicht genug nach außen verbreitet werden, daß die Oberste Heeresleitung an der Gründung des polnischen Staats durchaus unbeteiligt sei. Mit der Ausstreuung der gegenteiligen Behauptung werde versucht, an Stelle der Männer, die den Fehler begangen hätten, einen ganz schweren Fehler, die populärsten Männer und Helden unseres Volkes in minderem Lichte erscheinen zu lassen. Nicht scharf genug könne man sich gegen solche Vorstellungen wenden, damit das Bild unserer beiden Heerführer uns klar und rein erhalten bleibe. \ IN POLNISCHEM FAHRWASSER 249 Richtig ist, wie ich meinerseits hinzufügen will, daß der von uns eingesetzte Generalgouverneur in Warschau, der General von Beseler, sich Beseler von den Polen hat umgarnen und einfangen lassen. Er war polnischer Doppelzüngigkeit und List nicht gewachsen. Aber auch Beseler lenkte völlig erst in das polnische Fahrwasser ein, als er vom Reichskanzler Bethmann in jeder Weise in dieser Richtung bestärkt und ermutigt wurde. Beseler mußte seinen Irrtum erkennen und, wie ich hoffen will, bereuen, als, sobald sich das Schlachtenglück gegen uns wandte, die Polen, die ihn bis dahin umschmeichelt hatten, von heute auf morgen in das Lager der Entente übergingen, mit der sie schon seit langem hinter unserem Rücken Fühlung genommen hatten. Und wieder einmal behielt Fürst Bismarck recht, der vom ersten bis zum letzten Tage seiner politischen Laufbahn den Polen als den unverbesserlichen, geborenen und gefährlichsten Gegner des preußischen Staats und des Deutschtums bezeichnet hatte. Ich will übrigens einräumen, daß der arme Bethmann in seiner unsinnigen Polenpolitik von zweien seiner Vertrauten, dem Geheimrat Riezler (alias Ruedorffer) und dem Dr. Hans Delbrück bestärkt und immer weiter vorwärts getrieben wurde. Der Erstgenannte vertrat die Thesis, daß der schlechte Eindruck, den unser völkerrechtswidriger Einmarsch in Belgien in der Welt hervorgerufen hatte, durch die Wiederaufrichtung Polens „moralisch" gutgemacht werden könnte. Dr. Hans Delbrück habe ich schon mehrfach erwähnen müssen. Am besten hat ihn meines Erachtens die arme Kaiserin Friedrich charakterisiert. Sie kannte ihn wohl, denn er hatte mehrere Jahre als Erzieher ihres jung verstorbenen Sohnes, des Prinzen Waldemar, in ihrem Hause geweilt. Es war bei einem Mittagessen im Kronprinzenpalais, zu dem auch ich eingeladen war. Hans Delbrück, der sehr schlechte Manieren hatte, diskutierte mit krähender Stimme über den Tisch hinweg mit seinem Gegenüber. Dabei stemmte er beide Ellbogen auf den Tisch, in der einen Hand hielt er sein Messer, in der anderen seine Gabel. Der damalige englische Botschafter in Berlin, Lord Ampthill, ein kluger, fein gebildeter Mann mit den besten Formen, sah mißbilligend auf den schlecht erzogenen Hauslehrer. Begütigend sagte die Frau Kronprinzessin zu ihm mit leiser Stimme: „He is not a bad man, but he is awfully tactless." (Er ist kein böser Mensch, aber er ist schrecklich taktlos.) Gefährlicher als die gesellschaftb'che Taktlosigkeit des Dr. Hans Delbrück war leider seine politische Direktionslosigkeit, sein Mangel an politischem Feingefühl, politischer Voraussicht und an gesundem Menschenverstand. XIX. KAPITEL Winter 1915/1916 inLuzern • Graf Ledochowski, General S. J. • Initiative des Kaisers für Friedensangebot der Zentralmächte, Verfehltheit dieses ungeschickten Schrittes • Letzte Begegnung des Fürsten Bülow mit Wilhelm II. • Umsichgreifen des Defaitismus in Deutschland • Energie der französischen Begierung gegenüber ähnlichen Erscheinungen in Frankreich • Pamphlet des Fürsten Lichnowsky • Unterredung mit Bethmann Hollweg • Allgemeine Wehrpflicht in England Im Dezember 1915 begab icb mieb mit meiner Frau, der von ärztlicher Seite ein längerer Aufenthalt in reiner Bergluft angeraten worden war, nach der Schweiz ^ CT Schweiz. Den einst von mir so sehr gehebten Genfer See wollte ich wegen der fanatischen, um nicht zu sagen ridikülen Franzosen-Schwärmerei der Waadtländer nicht aufsuchen. Die Mehrheit im Canton de Vaud rühmte sich, noch antideutscher zu sein und die „Boches" noch mehr zu hassen, als dies selbst in Frankreich der Fall wäre: „Paris peut pardonner, Lausanne jamais!" Das Engadin war uns in dieser ernsten Zeit zu unruhig und zu weltlich. Wir entschieden uns für Luzern, an das mich Kindheitserinnerungen knüpften. Zweimal war ich mit meinen heben Eltern als kleiner Junge dort gewesen. Ich erinnerte mich gut der alten Brücke mit ihren Totentänzen, ihren Bildern aus der Stadtgeschichte und ihren treuherzigen Inschriften. Ich erinnerte mich an den Löwen von Thorwaldsen, den ich als Gesamteindruck nur mit dem Hamburger Bismarckdenkmal vergleichen kann. In der gut gewählten Umgebung, an dunkler Felsenwand über dem kleinen Weiher ist der sterbende Löwe, der mit seiner Tatze die Lilie deckt, eine schöne Verherrlichung soldatischer Treue bis in den Tod. Noch immer befuhr den See der alte „Vierwaldstätter", der Raddampfer, den ich schon sechzig Jahre früher erblickt hatte. Ich enthielt mich während unseres Aufenthaltes in Luzern jeder po- Friedens- litischen Betätigung. Die Sorgen, denen sich Bethmann aus angeborener absichten des Ängstlichkeit und auch weil er mir gegenüber kein reines Gewissen hatte, russischen n j n g aDi wa ren unbegründet. Aber ich verfolgte den Gang der Ereignisse mit .. ., Aufmerksamkeit in der großen europäischen Presse. Ich las, um mich über Präsidenten o r Stürmer die Stimmung in England und in Frankreich zu orientieren, die „Times" und den „Temps". Gern sahen meine Frau und ich die Herren der deutschen Gesandtschaft in Bern sowie meinen alten Freund, den früheren Unter- EINE FRIEDENSMÖGLICHKEIT VON 1916 251 Staatssekretär im Auswärtigen. Amt und späteren Gesandten beim Päpstlichen Stuhl, Herrn von Mühlberg, der aus Lugano, wo er sich niedergelassen hatte, öfter zum Besuch zu uns nach Luzern kam. Auch sonst erfuhr man in diesem neutralen Lande, in dem Stimmungsberichtc und Informationen aus allen Ländern zusammenliefen, manches von Interesse.. So erhielt ich auf vertraulichem Wege Nachricht über die Auffassung und das Urteil des Grafen Ledochowski, des Generals der Gesellschaft Jesu, der sich nach Ausbruch des Krieges mit der Zentralleitung seines Ordens in Zizers bei Chur etabliert hatte. Als im Februar 1916 der Zar einen ausgesprochenen Konservativen, das Reichsratsmitglied Stürmer, zum Ministerpräsidenten ernannte, sagte Graf Ledochowski zu einem meiner Schweizer Bekannten: „Jetzt scheint mir eine Friedensmöglichkeit gegeben. Ich höre, daß Kaiser Nikolaus dringend den Frieden wünscht, natürlich nicht aus Liebe für die Zentralmächte, sondern weil er bei weiterer Fortsetzung des Krieges für seinen Thron, sogar für sein Leben fürchtet. Stürmer, der trotz seines deutsch klingenden Namens ein Vollblutrusse ist, teilt die Ansicht seines Souveräns. Auch Stürmer ist überzeugt, daß, wenn der Krieg fortdauert, der Sturz des Hauses Romanow sicher ist." Graf Ledochowski schloß: „Jetzt kommt alles darauf an, daß von Berlin und natürlich auch von Wien diese große Chance schnell und geschickt benutzt wird." Uber die Auffassung des Grafen Ledochowski, dessen Informationen in Berlin verständigerweise sehr hoch hätten bewertet werden müssen, war Herr von Bethmann Hollweg eingehend unterrichtet worden. Das war im Februar 1916. Zwei Monate später, als der neue russische Ministerpräsident sich kaum im Sattel zurechtgesetzt hatte, hielt Bethmann mit dem Eigensinn des unbelehrbaren Doktrinärs am 5. April eine Rede, in der er ausführte: „Das Polen, das der russische Tschinownik, noch rasch Bestechungsgelder erpressend, das der russische Kosak brennend und raubend verlassen hat, das alte von den Russen unterjochte Polen ist ein überwundener Standpunkt. Den Status quo ante kennt nach so ungeheuren Geschehnissen die Geschichte nicht. Selbst die Russen werden anerkennen müssen, daß die Welt sich die Rückkehr des Tschinownik an den Platz, wo inzwischen ein Deutscher, ein Österreicher, ein Pole redlich für das unglückliche Polen gearbeitet haben, nicht vorstellen kann. Niemals wird Deutschland die von ihm befreiten Völker zwischen der baltischen See und den wolhynischen Sümpfen wieder dem reaktionären russischen Regiment ausliefern, möge es sich nun um Polen, Balten, Litauer oder Letten handeln." Auf diesen Fußtritt für Stürmer und dessen unglücklichen Monarchen folgte ein halbes Jahr später am 5. November 1916 die gemeinsame Erklärung Deutschlands und Österreich-Ungarns über die Errichtung eines selbständigen Reiches Polen. Vierzehn Tage später mußte gegenüber der 252 EIN FUSSTRITT durch dieses Vorgehen nicht nur in der Duma, sondern in ganz Rußland hervorgerufenen Erbitterung Kaiser Nikolaus den Ministerpräsidenten Stürmer entlassen. Gegenüber einem ihm nahestehenden, zum Frieden geneigten Russen äußerte, wie ich von zuverlässiger Seite hörte, damals Nikolaus II.: „Apres ce coup de pied de Guillaume la paix devient impossible." Nachfolger des friedlich gesinnten Stürmer wurde ein Anhänger der Kriegspartei, der General Trepow. Als der kluge Graf Ledo- chowski von dieserWendung erfuhr, meinte er: „In Berlin hat man entweder die Nerven oder den Kopf oder vielleicht auch beide gleichzeitig verloren." Ein nicht zu hartes Urteil. Talleyrand charakterisierte bekanntlich die durch Napoleon verfügte Erschießung des Herzogs von Enghien mit den Worten: „C'est pire qu'un crime, c'est une faute." Die Wiedererrichtung Polens, noch dazu in dem Augenblick, wo die Möglichkeit vorhanden war, mit Rußland zu einem verständigen Frieden zu kommen, war einerseits eine namenlose Dummheit, andererseits ein Verbrechen am Vaterland. Von verschiedenen Seiten ist mir später bestätigt worden, daß der Zar und sein Ministerpräsident Stürmer während der Amtszeit des letzteren aufrichtig und ehrlich den Frieden angestrebt hätten. Acht Jahre später hatte ich in Rom den Vorzug, die persönliche Be- Graf kanntschaft des Grafen Ledochowski zu machen. Er bewohnte in der Lcdochowski yj a San Nicola di Tolentino den dritten Stock eines einfachen, nüchternen Hauses, sehr verschieden von den prächtigen Kirchen und Palästen, von den malerischen Klöstern des übrigen kirchlichen Roms. Ein langer Korridor führte zum Appartement des Leiters der S. J. An den Wänden des Korridors Bilder seiner Amtsvorgänger, darunter manch interessanter Kopf. Auch die Vikare, die die Restbestände des Ordens von der Aufhebung 1773 bis zur Wiedererrichtung 1814 durch die Fährlichkeiten der Zeiten hindurchgesteuert hatten, befanden sich dabei. Ein dienender Bruder, der sich als Oberpfälzer zu erkennen gab und seinen Dialekt noch nicht verlernt zu haben schien, führte mich in den schmucklosen Raum, in dem Graf Ledochowski mich empfing. Nur eine Madonna und einige Papstbilder unterbrachen die Einförmigkeit seines Zimmers. Der General ist ein Mann von mittlerer Größe, mit ungewöhnlich klugen Augen, mit den Zügen und der durchgearbeiteten Stirn eines Gelehrten, aber mit den sicheren Allüren eines geborenen Aristokraten. Er sprach sich über die Weltlage in ruhigen und abgewogenen Worten aus, mit Offenheit, ohne Versteckspiel und Finasserien. Er schien über die Verhältnisse aller Länder wie über die treibenden Kräfte innerhalb der Völker ausgezeichnet orientiert. Seine Worte verrieten Scharfblick und persönliches Urteil. Unter seinen Ausführungen frappierte mich die Bemerkung, daß im letzten Ende die Ideen immer stärker seien als alle materiellen Kräfte. Die Gewalt finde bald ihre EIN KAISERLICHES HANDSCHREIBEN 253 Grenze. Ideen setzten sich schließlich durch. Das gelte auch von verderblichen und irrigen Ideen wie der marxistischen. Ich stand unter dem Eindruck, einen Mann von großen Horizonten vor mir zu haben. Und ich begriff, warum noch jeder Jesuitengeneral auf den Purpur verzichtet hat. Diese Stellung ist interessanter, umfassender und einflußreicher als die der meisten römischen Kardinäle. Die Errichtung eines selbständigen Polenreichs, die überdies gerade in diesem Moment die Zerstörung der Aussicht auf einen Sonderfrieden mit Das Friedens- Rußland bedeutete, hat sich bald genug als ein fürchterlicher Fehler heraus- a "g e ^ ot der gestellt. Ich kann ohne Übertreibung sagen: wohl als der größte politische ^* tte te Fehler, den je ein deutscher Minister, den irgendein leitender Staatsmann begangen hat. Unser Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 war inopportun und ungeschickt. Das Handschreiben Kaiser Wilhelms II. an Bethmann vom 31. Oktober 1916, mit dem er den Frieden herbeizuführen hoffte, war nicht schlecht gemeint, aber zu sentimental, zu naiv, beinahe kindisch. Das Kindische ist aber in der Politik selten wie im „Don Carlos" des Dichters „göttlich schön". Das Handschreiben des Deutschen Kaisers klang auch, wie so manche Kundgebung Wilhelms II., zu eitel. ,,Zu einer solchen Tat gehört ein Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt und ein Herz für seine und die feindlichen Menschen, der unbekümmert um Mißdeutungen den Willen hat, die Welt von ihren Leiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu! Ich will es auf Gott wagen! Legen Sie mir schnell die Noten vor und machen Sie alles bereit." Das war nicht staatsmännisch. Die Freude, die dieses kaiserliche Handschreiben und das am 12. Dezember 1916 erfolgte Friedensangebot der Mittelmächte in Deutschland hervorriefen, die Harmlosigkeit, mit der selbst in Berlin weitere Kreise das Ende des Krieges gekommen wähnten, zeigte einerseits unseren Gegnern, daß in dem bisher für entschlossen, für hart und unbeugsam geltenden Deutschland die Kriegsmüdigkeit und damit die innere Auflösung schon weiter fortgeschritten war, als sie bis dahin angenommen hatten; andererseits war eine öffentliche, wehleidige und melodramatische Kundgebung nicht der Weg, zu einer Verständigung mit kalten, kühlen und entschlossenen Feinden zu gelangen. Ich habe schon erwähnt, daß ich seit meiner Entsendung nach Rom im Dezember 1914 nur einmal die Ehre gehabt hatte, von Kaiser Wilhelm Bülow im empfangen zu werden. Es war im Spätherbst 1916, daß ich die Aufforderung Neuen Palais erhielt, den Abend imNeuenPalaisin Potsdam zu verbringen. Ich hatte mich jedesmal, wenn ich nach Berlin kam, in der üblichen Weise bei Seiner Majestät gemeldet, wurde aber regelmäßig dahin beschieden, daß wichtige Geschäfte den Kaiser zu seinem Bedauern verhinderten, mich zu sehen. Gleichzeitig mußte ich besorgten Äußerungen von Freunden aus der 254 DER KHEDIVE VON BELGIEN Umgebung des hohen Herrn entnehmen, daß er auch in der Kriegszeit sein gewohntes Leben fortsetze, wenig arbeite, sich nach Möglichkeit zerstreue und nur zu viel Allotria triebe. Bei jener einzigen Einladung, die während der letzten vier Kriegsjahre an mich erging, fand ich den Kaiser allein, ohne die Kaiserin und ohne irgendeinen Herrn der Allerhöchsten Umgebung. Außer mir war noch der Generalgouverneur von Belgien, der General der Kavallerie Freiherr von Bissing, eingeladen. Der Kaiser war in guter Stimmung. Ich hatte den Eindruck, daß er mir gegenüber vor allem den starken Mann spielen wollte. Nachdem er, wie ich vorgreifend schon erzählt habe, der Überzeugung Ausdruck gegeben hatte, daß das Volk vom Parlamentarismus nichts wissen wolle, den Reichstag „bis an den Hals" hätte und am liebsten von stellvertretenden Kommandierenden Generälen regiert würde, kam der hohe Herr, angeregt durch die Anwesenheit von Bissing, auf seine Stellung zur belgischen Frage zu sprechen. Er entwickelte dem General von Bissing, der für einen Anhänger der Annexion von Belgien galt und dies wohl auch war, daß er den König von Belgien nicht zu entthronen beabsichtige. Er sei vor allem Legitimist. Er bedaure, daß sein Großvater unter dem Einfluß des bösen alten Bismarck 1866 die legitimen Herrscher von Hannover, Kurhessen und Nassau entthront habe. Ein Monarch von Gottes Gnaden dürfe eigentlich nie abgesetzt werden. Als Bissing und ich den Kaiser erstaunt ansahen, der sich in Hannover seit Jahrzehnten ganz als Herrscher fühlte und Wiesbaden und Wilhelmshöhe mit Vorhebe besuchte, meinte Seine Majestät: „Was geschehen ist, ist geschehen. In Hannover, Hessen und Nassau bleibt alles beim alten. Aber Albert soll in Belgien bleiben, denn auch er ist ein Herrscher von Gottes Gnaden. Natürlich wird er nach meiner Pfeife tanzen müssen. Ich denke mir sein künftiges Verhältnis zu mir etwa sowie das Verhältnis des Khedi ve von Ägypten zum König von England." Das war die letzte politische Äußerung, die ich in meinem Leben von Kaiser Wilhelm II. gehört habe. Dann lenkte der Kaiser die Unterredung auf die angenehmen Eindrücke, die er im Schloß Pleß, der prächtigen Residenz des Fürsten Hans Heinrich Pleß, empfangen hätte. Der Fürst habe alle Waschtische seines Schlosses mit deliziösen Fransen umsäumt, die er, der Kaiser, auf seinen vielen Schlössern auch einführen wolle. Bissing und ich wurden verhältnismäßig früh entlassen. Wir hatten etwa eine Stunde, von neun bis zehn Uhr, im Neuen Palais, der herrlichen Schöpfung des großen Königs, wohl dem schönsten aller preußischen Schlösser, geweilt. Hier war es, wo ich Kaiser Wilhelm II. zum letztenmal sah, mit dem ich im Guten wie im weniger Guten so manches durchgemacht habe. Zum erstenmal hatte ich den Kaiser in demselben Neuen Palais, in demselben Saal, einundvierzig Jahre früher gesehen. Er war FEHLER 255 damals der sechzehnjährige Prinz Wilhelm,ich der sechsundzwanzigj ährige Attache von Bülow. Ich war mit meinen Eltern zum Abendessen ins Neue Palais befohlen. Wie deutlich sehe ich die herrliche Gestalt, die ritterliche und freundliche Haltung, das gütige Auge des späteren Kaisers Friedrich vor mir! Als ob es gestern gewesen wäre, klingt die lebhafte, geistvolle Konversation der Kronprinzessin Viktoria an mein Ohr. Ich höre den Prinzen Wilhelm, der mit lauter, vielleicht zu lauter Stimme und in etwas vorlauter Weise den Anwesenden einen Vortrag über die beiden deutschen Großschiffahrtslinien, den Bremer Lloyd und die Hamburger Paketfahrt- Aktien-Gesellschaft, hielt. Das Interesse für Seefahrt, Seeschiffe und Seemacht war echt in ihm, war ihm angeboren, war vielleicht der stärkste Trieb in ihm. Welch lange Spanne Zeit, wieviel Ereignisse lagen zwischen meinem ersten und meinem letzten Zusammentreffen mit Wilhelm II.! Unter den Deutschen, denen ich in Luzern begegnete, war mir der bayrische General Graf Max Montgelas eine interessante Er- Graf Max scheinung. Aus dem Generalstab hervorgegangen, in dem er bis kurz vor Montgelas dem Ausbruch des Weltkrieges in der Operationsabteilung tätig gewesen war, hatte er im Kriege eine Division geführt, und tapfer geführt. Sein persönlicher Mut war ebenso zweifellos wie sein Patriotismus, daher setzte es mich in Erstaunen, als er mich frug, ob ich ihm einen Vorwurf daraus mache, daß er an den letzten Vorbereitungen für den völkerrechtswidrigen Einmarsch in Belgien teilgenommen habe. Ich erwiderte ihm natürlich, daß, wie man auch über die politische Seite dieser Aktion denken möge, der Soldat lediglich der Fahne zu folgen habe. Noch mehr als für jeden anderen gelte für den Offizier das Wort: „Right or wrong, my country!" Montgelas hatte auch Bedenken gegen die Anwendung giftiger Gase und gegen Zeppelinangriffe. Ich verhehlte Graf Montgelas nicht, daß ich die Erschießung von Miß Edith Cavell ebenso wie die des Kapitäns Fryatt für Akte hielte, deren Nutzen in keinem Verhältnis zu dem dadurch angerichteten Schaden stünde, also für Fehler. Ich gab überhaupt der Meinung Ausdruck, daß die Frightfulneß als Prinzip der Kriegführung große Bedenken habe. Es sei aber Sache und Pflicht der obersten politischen Leitung, Fehlern der militärischen Instanzen entgegenzutreten. Der Reichskanzler habe zu leiten, nicht nur zu leiden, er müsse führen, nicht sich beiseiteschieben lassen. Die Militärs hätten zu kämpfen. Wenn ich richtig beobachtet habe, so hat der General Graf Montgelas im Laufe des Krieges mehr und mehr die anfängliche Blässe des Gedankens überwunden und in seiner Polemik gegen Kautsky den nationalen und patriotischen Standpunkt würdig und mutig vertreten. Es ist betrübend, feststellen zu müssen, daß sich in Deutschland, und nur in Deutschland, eine Anzahl von Leuten fand, die dem eigenen Volke 256 EINE AUSSCHLIESSUNG während seines Kampfes auf Leben und Tod feige und verräterisch in den Rücken fielen. Unter diesen stand in erster Linie Greiling mit seinem von der Entente in Hunderttausenden von Exemplaren im feindlichen und neutralen Ausland und tunlichst auch in Deutschland verbreiteten Buch „J'accuse". Es wäre sehr ungerecht, die Broschüre des Fürsten Lichnowsky Fürst „Meine Londoner Mission" in einen Topf mit derartigen Pamphleten Lichnowsky zu we rfen. Er hat nicht gewollt, daß sie in die Öffenthchkeit gelangen solle. Er hätte aber eine solche Schrift niemals verfassen dürfen, die, von ihrer Gesinnung ganz abgesehen, inhaltlich ohne Wert war. Als das Herrenhaus über die Ausschließung des Fürsten Lichnowsky debattierte, wurden ernste und gewichtige Vorwürfe gegen ihn erhoben. Es wurde aber zu seiner Entschuldigung auch manches gesagt, was sich hören ließ. Am durchschlagendsten wirkte in letzterer Richtung, daß der inzwischen verstorbene Fürst Alexander Münster, der Sohn unseres vieljährigen Botschafters in London und Paris, statt jeder Apologie die Eingangssätze der Lichnowskyschen Broschüre vorlas. Sie fing ungefähr so an: Zu den Fehlern des Fürsten Bismarck in seiner auswärtigen Politik gehöre auch der Berliner Kongreß, ohne den es keinen Weltkrieg gegeben hätte. Den Baron Marschall nach London als Botschafter zu schicken, sei kein glücklicher Einfall des Berliner Auswärtigen Amts gewesen, eine gute Idee dagegen der Gedanke des Kaisers, ihn, den Fürsten Lichnowsky, auf diesen wichtigsten Posten zu setzen. Als Fürst Alexander Münster mit dem Vorlesen des Lichnowskyschen Buches so weit gekommen war, wurde er durch allgemeines Gelächter unterbrochen, und als er mit den Worten schloß, das Haus werde hoffentlich nicht so grausam sein, eine infamierende Strafe über ein Herrenhausmitglied zu verhängen, dessen politische Harmlosigkeit so klar auf der Hand hege, beschloß eine größere Anzahl würdiger Männer, unter denen auch ich mich befand, eine weiße Kugel in die Abstimmungsurne zu werfen. Die Mehrheit hat sich allerdings schließlich doch für die Ausstoßung des armen Lichnowsky entschieden, dem infolgedessen auch das Recht zum Tragen seiner preußischen Militäruniform entzogen wurde. Es war vorauszusehen, daß in Deutschland, einem Lande, das seit jeher DieAnsprüche die Neigung hatte, den Teil über das Ganze, den Fraktionsstandpunkt über der Parteien J as allgemeine Wohl zu stellen, der Krieg, und noch dazu ein so schwerer und lange dauernder Krieg, die Ansprüche der Parteien steigern würde. Dem war nur dadurch zu begegnen, daß alle mit der Salus publica vereinbarten Zugeständnisse sofort erfolgten, daß Angehörige aller Parteien, auch Freisinnige und Klerikale, auch Sozialisten in leitende Stellungen berufen wurden, daß aber von da ab mit fester Hand regiert wurde. Ich hätte es ganz DIE NEUORIENTIERUNG IM INNERN 257 in der Ordnung gefunden, wenn am 4. August 1914 alle Ausnahmegesetze, also insbesondere das Jesuitengesetz und das Enteignungsgesetz, aufgehoben worden wären. Eine derartige Neuorientierung unserer inneren Politik wäre die natürliche Folge und die beste Illustrierung des schönen Kaiserwortes gewesen, daß das Oberhaupt des Reichs, der Führer der Nation, keine Parteien mehr kenne. Gleichzeitig aber mußte, wie dies in Frankreich und in England geschah, allen Bestrebungen, den kriegerischen Geist und den Verteidigungswillen der Nation zu zersetzen, den Umsturz im Innern vorzubereiten, mit großer Wachsamkeit und nötigenfalls mit unbeugsamer Energie entgegengetreten werden. Es mußte ein scharfer Strich gezogen werden zwischen patriotischen Sozialisten, deren es eine große Anzahl gab, und denjenigen Sozialdemokraten, die nur von dem Wunsch erfüllt waren, aus dem Weltkrieg Nutzen für ihre selbstsüchtigen Partei-Bestrebungen zu ziehen. Während Wolfgang Heine, Südekum, David, Noske und manche andere treffliche und tüchtige Sozialisten sich rückhaltlos in den Dienst des Vaterlandes stellten und die große Mehrheit der deutschen Arbeiter mit deutscher Treue undTapferkeit der deutschen Fahne folgte, zeigte sich bald genug, daß es unter den deutschen Sozialdemokraten, und nur unter diesen, nicht unter französischen, englischen, italienischen oder belgischen Sozialisten, Vaterlandsverräter gab. Karl Liebknecht stimmte als einziger Reichstagsabgeordneter am 2. Dezember 1914 gegen die Kriegskredite. Das war damals der isolierte Fall eines Fanatikers. Aber nicht lange danach äußerte der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, der Abgeordnete Haase: „Wir werden die Armee untergraben, um die Weltrevolution in Gang zu bringen." Es ist Haase und seinen Mitschuldigen leider gelungen, bei einzelnen Truppenteilen und auch bei einem Teil der Marine die Disziplin zu untergraben. Die Weltrevolution haben diese Nichtswürdigen nicht herbeizuführen vermocht, sondern schließlich nur ihr eigenes Land vor die Füße französischer Generäle und englischer Admiräle geworfen. Im Februar 1915 erklärte der sozialdemokratische Abgeordnete Stroebel, Redakteur des „Vorwärts", im Preußischen Abgeordnetenhause: „Ich bekenne ganz offen, daß ein voller Sieg des Deutschen Reiches dem Interesse der Sozialdemokraten nicht entsprechen würde." Nie hat im Laufe des ganzen Weltkrieges ein französischer, ein englischer, ein italienischer, ein belgischer Sozialist ein solches Bekenntnis abgelegt, dessen Niedertracht nur von seiner Stupidität übertroffen wurde. Die Erklärungen von Haase und Stroebel erfolgten in derselben Zeit, wo in Frankreich, Belgien, Italien und England die Demokratie mit Einschluß ihres äußersten linken Flügels alle Parteiwünsche und Ansprüche zurückstellte, da es für sie nur noch ein einziges Ziel gab: der volle Sieg des eigenen Landes. 17 Biilow III 258 LIEBKNECHT dcmonstra- lionen Am 20. März 1915 hatten im Reichstag schon zwei Abgeordnete, außer Hunger- und Liebknecht der dem Kommunismus nahestehende Sachse Otto Rühle, ein Friedens- kaum dreißigjähriger Schriftsteller, gegen die zweiten Kriegskredite gestimmt. Im Januar 1916 beschloß die damals noch gut gesinnte Mehrheit der sozialistischen Partei, den Abgeordneten Liebknecht aus der sozialdemokratischen Fraktion auszuschließen. Er rächte sich durch die heimliche Herausgabe der „Spartakusbriefe", in denen er gemeinsam mit der russischen Nihilistin Rosa Luxemburg für die kommunistischen Bestrebungen Propaganda machte. Im Frühjahr veranstaltete Liebknecht auf dem Potsdamer Platz in Berlin eine revolutionäre Kundgebung mit der Parole: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" Er wurde zu zweieinhalbjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Aber seine Anhänger veranstalteten weiter in Berlin und in anderen deutschen Städten Hunger- und Friedensdemonstrationen. Es wurde offen ausgesprochen, daß die Revolution ausbrechen solle, sobald die Lage an der Front bedrohlich würde. Darauf, daß sie baldmöglichst bedrohlich werde, wurde durch Agitation bei den Ersatztruppen, in den Lazaretten und Genesungsheimen, auf der Straße und von Mund zu Mund kräftig hingearbeitet. Von Seiten der Regierung geschah dagegen nichts. Herr von Bethmann Hollweg war nur damit beschäftigt, sich gegen die Broschüren zu verteidigen, die der Generallandschaftsdirektor Kapp und einige andere bedeutungslose Alldeutsche gegen ihn geschrieben und die den empfindlichen Mann völlig aus dem Häuschen gebracht hatten. Er hielt im Parlament gegen die „Piraten der öffentlichen Meinung", wie er sie nannte (der Ausdruck war ihm von Riezler-Ruedorffer souffliert worden, der sich nicht wenig darauf einbildete), die kräftigste Rede, die er je gehalten hat, die einzige, die von einem gewissen Schwung, fast von Leidenschaft erfüllt war. „Bethmann gehört offenbar zu den Ministern", sagte mir damals ein liberaler Abgeordneter, „die nur dann vom Leder ziehen, wenn die eigene werte Haut geritzt wird." Niemals hatte sich Bethmann zu einer so energischen Sprache gegen unsere ausländischen Feinde, geschweige denn gegen die Umsturzbestrebungen im Innern aufgerafft. Zu den Zugeständnissen, die unbedingt sofort nach Ausbruch des Krieges Das gemacht werden mußten, gehörte vor allem die seit langem notwendig allgemeine gewordene, aber von Bethmann seit meinem Rücktritt immer vertagte Reform des preußischen Wahlrechts. Im letzten Jahr meiner Amtsführung wäre eine verständige Umbildung des Preußischen Landtags mit Unterstützung nicht nur der Nationalliberalen, sondern auch der Freisinnigen durchaus möglich gewesen. Nach Kriegsausbruch hätte sofort die allgemeine, geheime Wahl der preußischen Abgeordneten zugestanden werden müssen, vielleicht mit einigen Korrekturen hinsichtlich des Alters für die aktive und Wahlrecht in Preußen DIE RATGEBERIN ANGST 259 passive Wahlberechtigung und der Bestimmungen über die erforderliche Länge des Aufenthaltes am selben Wohnsitz für den Wähler. Bethmann rührte aber in der Frage des preußischen Wahlrechts auch während der ersten drei Kriegsjahre keinen Finger. Erst als ihm im Frühjahr 1917 das Wasser bis zur Kehle stieg, erlebte die Welt das Schauspiel, daß derselbe Staatsmann, der seine Tätigkeit als preußischer Ministerpräsident mit einer pathetischen Philippika gegen die „Verschleppung Preußens in das Lager des Parlamentarismus" und gegen eine bescheidene Ausdehnung des Wahlrechts begonnen hatte, von heut auf morgen das geheime und unmittelbare Wahlrecht für das preußische Abgeordnetenhaus durch eine feierliche ,,Osterbotschaft" des Königs dem erstaunten Lande ankündigte. Wie so mancher andere Entschluß Bethmanns war auch dieser hervorgegangen aus Angst, die nun einmal politisch die allerschlechteste Ratgeberin ist. Bethmann sah in plötzlicher Nachgiebigkeit und völligem Zurückweichen das einzige Mittel, die Sozialdemokraten noch einige Zeit bei der Stange zu halten. Er erreichte aber damit nur, daß die sozialdemokratische „Arbeitsgemeinschaft" sich als „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands" konstituierte, die berüchtigte U. S. P. D., die sofort offen den Kampf gegen die Fortführung des Krieges und für den Umsturz aufnahm und unter den Totengräbern deutscher Macht, Wohlfahrt und Größe in erster Linie steht. Nicht zufrieden mit der „Osterbotschaft", ließ Bethmann ihr noch eine „Julibotschaft" des Königs von Preußein folgen, in der verkündet wurde, daß der Gesetzentwurf für die Abänderung des Wahlrechts zum Abgeordnetenhause auf die Grundlage des gleichen Wahlrechts zu stellen sei. Die Vorlage sei jedenfalls so frühzeitg einzubringen, daß schon die nächsten Wahlen nach dem neuen Wahlrecht stattfinden könnten. Während bei uns die Hals über Kopf gemachten Konzessionen schon deshalb keinen nachhaltigen Eindruck hervorriefen, weil zu deutlich zutage trat, daß sie Bethmann nur machte, um sich noch einige Zeit im Amte zu halten, zogen namentlich in Frankreich die leitenden Staatsmänner die Zügel straff und immer straffer an. Der Geist und die harte Faust des Konvents und des großen Napoleon wurden an der Seine wieder lebendig. Im Mai 1917 waren infolge der verheerenden Wirkung der verunglückten Frühjahrsoffensive des Generals Nivelle, des „Buveur de sang" (des Bluttrinkers), wie ihn seine Soldaten nannten, im französischen Heere ernste Meutereien ausgebrochen. Die Soldaten verweigerten den Gehorsam, bildeten Soldatenräte nach russischem Muster, verschanzten sich in ihren Unterkunftsorten und entfalteten rote Fahnen mit dem Ruf: „Nieder mit dem Krieg!" Die französische Regierung griff sofort ein und mit der größten Energie. Es wurden Massenerschießungen vorgenommen und die Bewegung in kurzer Zeit niedergedrückt. Gleichzeitig brachte die Regierung einen 17« 260 DEFAITISTEN IN FRANKREICH Gesetzentwurf ein, der „die defaitistische Friedenspropaganda" mit den schärfsten Strafen bedrohte. Der Leiter des friedensfreundlichen, sozialistischen „Bonnet rouge", Almereyda, wurde verhaftet und einige Tage später tot im Gefängnis vorgefunden. Wahrscheinlich ist er erdrosselt worden. Der französische Minister des Innern, Malvy, der von Clemenceau beschuldigt wurde, der Friedenspropaganda nicht scharf genug entgegenzutreten, wurde verbannt. Der ehemalige Außenminister und Ministerpräsident Caillaux wurde als Flaumacher eingesperrt und fürchtete längere Zeit nicht ohne Grund für sein Leben. Bolo Pascha, ein in Ägypten zu Vermögen gelangter Bankier, der Bruder eines höheren Prälaten, ein Mann in angesehener Stellung, wurde verhaftet, weil (übrigens mit Unrecht) ihm nachgesagt wurde, er hätte, von Deutschland bestochen, für den Frieden gewirkt. Unter begeistertem Jubel der Zuhörer wurde er vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und vierundzwanzig Stunden später in Vincennes erschossen. Als Herr von Bethmann den Kaiser zum Erlaß der Osterbotschaft Gespräche bewog, sagte mir Albert Ballin: „Der Kanzler Bethmann kommt mir vor mit Bethmann wie ein Kaufmann, der weiß, daß er bankrott ist, der aber seinen Zusammenbruch nicht eingestehen will und deshalb, um nach außen hin noch einige Wochen in der alten Weise auftreten zu können, ein Depot angreift." Ich habe, wenn ich von Flottbek oder auch von einem Besuch bei meiner Frau in Luzern nach Berlin zurückkehrte, regelmäßig Bethmann aufgesucht. Er wußte, daß ich ebenso wie dem Kaiser auch ihm, dem Kanzler, zu jeder Zeit und für jede Frage zur Verfügung stand, hat aber meinen Rat niemals in Anspruch genommen. Seinen Ausführungen, ich sollte eigentlich sagen, seinen Vorträgen, über die Lage war zu entnehmen, daß er immer noch auf ein Einlenken Englands hoffte. „Die Engländer werden doch die ersten sein, die uns kommen!" So hat er mehr als einmal zu mir gesprochen. Ich verhehlte ihm nicht meine abweichenden Ansichten. „Ich glaube", sagte ich ihm, „daß bei richtig geleiteter Politik der Friede mit England aufrechtzuerhalten war. Aber nachdem England in den Krieg mit uns eingetreten ist, wird es nicht von heut auf morgen locker lassen. Der Engländer ist wie sein Bulldog." Der arme Bethmann konnte es nicht lassen, von Zeit zu Zeit Andeutungen über die „schwere politische Erbschaft" zu machen, die er bei seiner Geschäftsübernahme angetreten habe. Ich ließ solche Ge- schichtskMtterung natürlich nicht durch. Ich sagte ihm, es sei vielleicht bequem, aber dilettantisch und ungerecht, die Folgen selbstbegangener Fehler dem Vorgänger zuzuschieben. „Habe ich als Staatssekretär und Reichskanzler gegenüber den Schwierigkeiten, denen auch ich zu begegnen hatte, mich auf Fehler meiner Vorgänger, zum Beispiel das durch die \ DER ERBE BETHMANN 261 Nichterneuerung des RückVersicherungsvertrages herbeigeführte russischfranzösische Bündnis, oder auf die Krüger-Depesche oder den ostasiatischen Dreibund ausgeredet ? Ich trachtete, to make the best of it, mich mit der gegebenen Lage so gut als möglich abzufinden. Übrigens ist, wenn ich nicht irre, vor einiger Zeit von Ihnen, mein lieber Bethmann, in einem an die Presse gerichteten Zirkular darauf hingewiesen worden, daß die auswärtige Politik von Seiner Majestät geführt werde und daß somit eine Kritik derselben sich gegen die Allerhöchste Person richten würde. Ob diese Auffassung an und für sich nicht ihre Bedenken hat, steht dahin. Jedenfalls darf sie nicht zum Schutze eines einzigen Reichskanzlers angerufen werden. Vor allem aber kann ich die sachliche Berechtigung Ihrer Rekriminationen hinsichtlich der von Ihnen angetretenen Erbschaft in keiner Weise zugeben. Mit dieser Erbschaft und dank dieser Erbschaft haben Sie doch noch volle fünf Jahre — und fünf Jahre, mein lieber Bethmann, sind auch im Leben der Nationen ein gewisser Zeitraum — gute Beziehungen zu Rußland unterhalten können, die in der Potsdamer Begegnung und in Ihrer Reise nach Petersburg und Moskau zutage traten und von Ihnen laut gerühmt wurden. Sie haben mir nach dem Abschluß des Marokko-Kongo-Vertrages eine bis zur Möglichkeit einer Entente gehende Besserung der deutschfranzösischen Beziehungen angekündigt, und mit England verhandelten wir unmittlbar vor dem Ausbruch des Krieges über zwei wichtige Fragen: die Bagdadbahn und die portugiesischen Kolonien. Die in Aussicht genommenen Verträge, für welche ich die Grundlage geschaffen hatte, standen Ende Juli 1914 vor ihrer Ratifizierung. Die Besserung unserer Beziehungen zu den Westmächten ist gerade in den letzten Jahren vor dem Kriege von Ihnen mit Emphase proklamiert worden." Bethmann schwieg und machte ein zwar pikiertes, aber mindestens ebenso verlegenes Gesicht, als ich ihn, nach wie vor im freundlichen Tone eines wohlmeinenden Gönners, ersuchte, bei der Rechnungsablegung über den Krieg das eigene Konto nicht dadurch zu entlasten, daß er die Konten anderer Leute zu Unrecht belaste. Sein Gesicht hellte sieh'wieder auf, als ich ihm sagte, ich hielte es leider nicht für ausgeschlossen, daß England sich zur Annahme der allgemeinen Wehrpflicht entschließen würde. Er betrachtete mich mit einem fast teilnahmsvollen Blick, in dem ich den Gedanken las: „Der gute Fürst fängt an recht alt zu werden, er vertrottelt." Dann zu mir gewandt: „Aber mein hochverehrter Fürst, haben Sie nie die englische Geschichte Ihres Hamburger Landsmanns Johann Martin Lappenberg gelesen? Macaulay? Die grundlegenden Schriften von Gneist? Niemals wird sich das englische Volk unter das Joch der allgemeinen Wehrpflicht beugen." Ernsthafte Schweizer Finanzkreise, auch Vertreter der Kurie, die während des Krieges in der Schweiz residierten, hatten damals schon 262 BÜCHERWEISHEIT Informationen erhalten, die dahin lauteten, England werde demnächst zur allgemeinen Wehrpflicht übergehen, und sie hatten, wie ich in Luzern erfuhr, an der Richtigkeit dieser Nachricht nicht gezweifelt. Dem verantwortlichen Leiter der deutschen Politik blieb es vorbehalten, gestützt auf die Weisheit verstaubter Bücherregale, England auch in diesem Wendepunkt des Krieges falsch einzuschätzen. Wenige Wochen nach unserer Unterredung ist die allgemeine Wehrpflicht Gesetz in England geworden. XX. KAPITEL Der U-Boot-Krieg • Unterredung des Kronprinzen mit führenden Männern des Reichstags Rücktritt Bethmanns • Frage der Rückberufung des Fürsten Bülow • Berlin-Wiener Intrigen gegen Bülow • Diplomatische Friedensmöglichkeiten • Unterstaatssekretär Michaelis Reichskanzler • Denkschrift des Grafen Czernin • Friedensresolution des Reichstags • Erzberger • Erste Zersetzungssymptome bei der Flotte in Kiel • Staatssekretär Zimmermann • Ersetzung von Michaelis durch Ilcrtling • Staatssekretär KühJmann • Der Friede von Brest-Litowsk ■ Stimmung in Berlin • Adolf von Hurnack U-Boot-Krieg Herr von Bethmann hoffte, sich durch immer weiter gehende Konzessionen nach b'nks über Wasser zu halten. Dem Kaiser hatte er durch Der un- den eng mit ihm befreundeten Kabinettsrat Valentini einreden lassen, er, der beschränkte Kanzler Bethmann, sei der beste, ja der einzige Deich, der Seine Majestät vor der revolutionären Flut schütze. Am verhängnisvollsten waren die Bethmannscben Schwankungen in der Frage des U-Boot-Krieges. Grade hier galt für seine Haltung das oft von mir zitierte Sendschreiben, das in der Apokalypse an den Engel der Gemeinde zu Laodicea ergeht: „Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde." Die schweren Bedenken, die gegen den U-Boot-Krieg sprachen, lagen auf der Hand. Wenn man sich trotzdem dazu entschloß, mußte wenigstens die Führung des Krieges in die Hand des Schöpfers der Flotte, des Großadmirals Tirpitz, gelegt werden, unserer ersten Autorität auf marinetechnischem Gebiet. Statt dessen führte Bethmann mit Hilfe der verschwägerten Admiräle Müller und Holtzendorff beim Kaiser einen unterirdischen Feldzug gegen Tirpitz, der zu dessen mitten im Kriege in ungnädiger Form telegraphisch durch den Kaiser erfolgter Verabschiedung führte. Als der richtige Augenblick für den Beginn des U-Boot-Krieges verpaßt worden war, erfolgte der gefährliche Schritt nicht nur zu spät, sondern auch in möglichst ungeschickter Art. Als im Schloß Pleß in Abwesenheit des Kanzlers der unbeschränkte U-Boot-Krieg beschlossen wurde, wollte Bethmann, der von diesem Schritt erst post festum erfuhr, seinen Abschied einreichen, ließ sich aber vom Kaiser leicht und gern bewegen, sein Entlassungsgesuch wieder zurückzunehmen. Als die Frage, ob wir uns zum verschärften U-Boot-Krieg entschließen 264 EIN UNGLÜCKSMANN sollten oder nicht, auf des Messers Schneide stand, frühstückte ich mit Albert Ballin im Berliner Hotel Continental. Ballin wurde während unseres Frühstücks herausgerufen und kam erst nach einer Viertelstunde wieder, mit sorgenvollem Gesicht. „Nun ist der verschärfte U-Boot-Krieg doch beschlossen worden. Er ist zu spät beschlossen worden. Wenn man den U-Boot-Krieg wollte, so hätte er früher eingesetzt werden müssen. Dann hätte man auch Tirpitz behalten sollen. Jetzt hat England zwei Jahre Zeit gehabt, durch Bewaffnung fast aller seiner Dampfer, durch U-Boot-Jäger und U-Boot-Fallen, Motorboote, Flieger, Luft- und Horchschiffe, mit Wasser-Bomben und -Minen seine Abwehr zu organisieren." Ich frug Ballin, ob Bethmann unter solchen Umständen, nachdem er seit Jahr und Tag den U-Boot-Krieg bekämpft hatte, im Amte bleiben würde. Die Antwort lautete: „Denken Sie, der Unglücksmann bleibt! Er hat mir soeben sagen lassen, im Interesse des Vaterlandes müsse er weiter ausharren." Herr von Bethmann hat selten oder nie soviel Willenskraft an den Tag gelegt, wie er im Sommer 1917 im Haften am Amt bewies. Ich muß zugeben, daß sich der Kaiser nur sehr ungern von ihm trennte, nicht allein weil ihm eingeredet worden war, daß Bethmann, einzig Bethmann ihn vor Umsturz, Bevolution und Abdankung retten könne, sondern auch in dem Gefühl, einen ihm so unterwürfigen Kanzler nicht leicht wieder zu finden. In der Kronratssitzung, in der die preußische Wahlrechtsreform Der Kampf beraten wurde, begründeten Anhänger und Gegner derselben ihren Stand- i Bethmann p Un l 4 t in längeren Vorträgen. Der Kaiser war so entzückt von den Reden seiner Minister, daß er laut ausrief: „Ich wußte gar nicht, daß ich so kluge Minister habe!" Am verständigsten sprach der Minister des Innern, Staatsminister von Loebell, der die Wahlrechtsreform als einen ernsten und schweren Schritt bezeichnete, der aber, alles wohl erwogen, notwendig geworden sei. Nur möge diese Maßregel nicht von den müden und verbrauchten Händen des gegenwärtigen Ministerpräsidenten Bethmann durchgeführt werden. Der junge, feurige Wein dürfe nicht in alte Schläuche gefüllt werden. Ich bemerke ausdrücklich, daß Herr von Loebell seine Stellungnahme in der Kronratssitzung in keiner Weise mit mir verabredet oder auch nur vorher mit mir besprochen hatte und daß er ganz aus eigener Initiative handelte und sprach. Er hat mir den Verlauf der Kronratssitzung erst später erzählt. Nach der Aufhebung des Kronrats herrschte die Meinung vor, daß Herr von Bethmann die Partie gewonnen habe. Er selbst nahm im Laufe des Tages die Glückwünsche seiner Freunde entgegen und drückte den ihm weniger wohlgesinnten Kollegen, insbesondere Herrn von Loebell, sein Bedauern aus, sich von ihnen trennen zu müssen. Wer hat schließlich den Anstoß zur endlichen Beseitigung Bethmanns BETHMANNS STURZ 265 gegeben ? Der Kronprinz hatte erkannt, daß wir mit Bethmann weder den Krieg gewinnen, noch mit ihm zum Frieden gelangen würden. Die Oberste Heeresleitung, Ilindenburg und Ludendorff, waren der gleichen Ansicht. Im Grunde dachten auch die Parteien nicht anders. Das hatte der Kronprinz aus einer Reihe von Unterredungen erkannt, die er Anfang Juli mit leitenden Parlamentariern geführt und bei denen er durch seinen Takt und seine klugen Fragen allgemein gefallen hatte. Erzberger hatte bei diesen Konferenzen seine Meinung nicht übel so formuliert: „Bethmann kann sich mit seiner ganz bekleckerten Weste unmöglich an einen Konferenz- oder Friedenstisch setzen." Es ist Matthias Erzberger gewesen, der dem Reichskanzler Theobald Bethmann den letzten, den entscheidenden, den Todesstoß versetzte. Als Bei hmann erfuhr, daß der Kaiser ihn fallen ließe, rief er nicht, wie angeblich Bismarck: „Le Roi me reverra!", sondern seufzte: „Nun ist die Revolution unabwendbar." Als es feststand, daß Bethmann abtreten sollte, sagte der Kaiser zu dem Grafen August Eulenburg: „Gehen Sie zu meiner Frau und sagen Sie ihr, Die Nachfolge daß sie ihren Bülow wiederkriegt." Der Kaiser wußte, daß sowohl seine Bethmanns hohe Gemahlin wie auch sein Hausminister Graf Eulenburg meine Rückkehr zu den Geschäften wünschten. Wäre eine solche ein Glück für mich gewesen ? Oder vielmehr, da es natürlich in keiner Weise auf mein individuelles Glück, sondern lediglich auf die Salus pubüca ankam, hätte meine Wieder- erneunung zum Reichskanzler im Interesse des Landes gelegen? Natürlich würde ich, wieder Reichskanzler geworden, es als meine Aufgabe betrachtet haben, einen annehmbaren Frieden zustande zu bringen. Vor der unsinnigen Wiederherstellung von Polen war ein Separatfriede mit Rußland möglich und damit entweder eine aussichtsvolle Fortführung des Krieges gegen die Westmächte oder noch besser ein guter Gesamtiriede. Ich würde mich vor der polnischen Dummheit keinen Augenblick besonnen haben, mit der russischen Regierung auf der Basis zu verhandeln, daß wir dem Zarenreich alle unsere im Weltkrieg in Polen gemachten Eroberungen wieder herausgaben. Hätte die Wiener Regierung Schwierigkeiten erhoben, so würde ich den Russen auch noch Galizien in Aussicht gestellt und das Weitere abgewartet haben. Mit einem zufriedengestellten Rußland im Rücken waren wir der Rumänen und Italiener sicher. 1917 war die Gesamllage schon viel schwieriger, aber nicht hoffnungslos. Ohne mich in Konjekturalpolitik zu verlieren, will ich hinzufügen: Der Friede war noch 1917 möglich, wenn wir nach außen keine Schwäche durchblicken ließen, also kein allzu sichtbares Friedensbedürfnis, keine kindischen Friedensmauifestationen oder einfältigen Friedensresolutionen. Nach außen mußten wir im vollsten Sinne des Wortes unser Gesicht wahren, ein ernstes und festes, ja trotziges Gesicht, dem unsere innere Entschlossenheit entsprechen mußte. Gleichzeitig 266 EINE BASIS, DIE DENKBAR WAR aber mußten wir durch einen geeigneten Vermittler der Entente unsere Bereitwilligkeit zu erkennen geben, zu einem Ausgleichs- und Verständigungsfrieden zu gelangen. Der beste Friedensvermittler wäre an und für sich der Papst BenediktXV. Der Papst als gewesen, dessen freundliehe Gesinnung für das Deutsche Reich und dessen Vermittler österreichisch-ungarischen Bundesgenossen ebenso unzweifelhaft war wie seine aufrichtige Friedensliebe und seine erleuchtete Weisheit. Nachdem jedoch die italienische Regierung im Patto di Londra, durch den sie ihren Anschluß an die Entente vollzog, die Zusicherung erhalten hatte, daß der Papst keinesfalls zu den Friedensverhandlungen zugezogen werden würde, mußte hiervon abgesehen werden. Es blieb uns aber noch die Wahl zwischen der Königin von Holland, dem Präsidenten der Schweizer Eidgenossenschaft und den Königen von Spanien, von Schweden und von Dänemark. Jedenfalls mußte ein ernsthafter Friedensschritt auf ordnungsgemäßem diplomatischem Wege erfolgen, denn, das will ich hier einfügen, an Versuchen mit Friedensfühlern hat es Bethmann nicht fehlen lassen. Leider waren es durchweg Versuche mit untauglichen Mitteln, d. h. mit politisch und diplomatisch unerfahrenen Mittelsmännern, die durch plumpes Auftreten die Sache, die sie führen sollten, von vornherein kompromittierten. Meine Bedingungen wären etwa folgende gewesen: Völlige Wiederherstellung der belgischen Unabhängigkeit, Integrität und Selbständigkeit, erneute feierliche Bekräftigung der belgischen Neutralität mit großzügiger Entscheidung für Belgien, Abtretung des Trentino an Italien und Autonomie für Triest, Wiederherstellung und erneute Anerkennung der Unabhängigkeit und Neutralität des Großherzogtums Luxemburg. Im Notfall Abtretung von Französisch-Lothringen nach erfolgter Schleifung der Festung Metz. Im äußersten Notfall Konstituierung von Elsaß-Lothringen als selbständiger, völkerrechtlich anerkannter, entmilitarisierter Pufferstaat. Nach zahlreichen Unterredungen, die ich inzwischen mit Neutralen, aber auch mit Politikern der feindlichen Länder gehabt habe, glaube ich, daß auf dieser Basis ein Friede möglich war. Noch sicherer ist mir freilich, daß, wenn ich einen solchen Frieden erreicht hätte, man in Deutschland mit faulen Äpfeln nach mir geworfen hätte. In Hunderten von Leitartikeln wäre ausgeführt worden, daß ich mit der schlappen Feder verdorben hätte, was durch das forsche Schwert ruhmvoll errungen war. Die Leitartikel hätte ich leicht verschmerzt und die faulen Apfel freudig ertragen, wenn nur das Vaterland vor völliger und endgültiger Niederlage, vor Zusammenbruch und Umsturz bewahrt worden wäre. Bevor ich in diesen meinen Erinnerungen von Herrn von Bethmann Abschied nehme, möchte ich die letzte poütische Äußerung wiedergeben, die ich von ihm hörte. Nicht lange vor seinem Rücktritt kehrte ich von einem MICHEL ODER MICHAELIS 267 Spaziergang im Tiergarten in das Hotel Adlon zurück, in dem wir abgestiegen waren. Ich fand Bethmann bei meiner Frau, der er liebenswürdigerweise einen Besuch abstattete. Als ich eintrat, erzählte er ihr und mir das nachstehende Erlebnis während einer Reise an die Front. Er habe in Charleville die brave Bürgersfrau aufgesucht, bei der er im ersten Kriegsjahr im Quartier gelegen habe. „Revenez souvcnt nous voir quand la paix sera retablie", habe sie ihm gesagt, „Monsieur le Chancelier, vous trouverez chez nous des mains pretes ä serrer votre main, des cceurs qui vous estiment et vous aiment." Theobald von Bethmann fügte hinzu: „Das sagte mir mehr über die wirkliche, die innerste Stimmung der Franzosen als alles Zeitungsgerede. Und in England und in Belgien sieht es nicht anders aus." In einem alten französischen Lustspiel heißt es: „Faut de la naivete, pas trop n'en faut." Wie ist Kaiser Wilhelm auf den Entschluß verfallen, in einem hochkritischen Augenblick den Unterstaatssekretär Michaelis zum Kanzler des Michaelis Deutschen Reiches zu ernennen, den, wie ich seinerzeit erzählt habe, der wir( ^ Kanzler Kabinettsrat Lucanus, ein langjähriger und gründlicher Kenner des preußischen Verwaltungsdienstes, wenige Jahre früher der Stellung eines Oberregierungsrates in Breslau nicht für gewachsen hielt ? Von einem Herrn aus der Umgebung Seiner Majestät wurde mir nachstehendes erzählt: „Wir Flügeladjutantcn unterhielten uns im Marmorsaal über die Frage, wer wohl Nachfolger des unmöglich gewordenen Bethmann werden könnte. Es wurde hin und her geraten, da riß der Generaladjutant von Plessen die Tür auf und rief in den Saal: ,Ich habe einen Reichskanzler! Wie er heißt, habe ich vergessen. Michel oder ähnlich. Er macht in Brotlieferungen und hat neulich eine famose Rede gehalten, in der er sagte, er renne jedem den Degen durch den Leib, der ihm in den Weg träte.' Da erhob sich im Hintergrund der Kabinettsrat Valentini, der bis dahin geschwiegen hatte: ,Der Mann heißt zwar nicht Michel, sondern Miebachs, er treibt auch kein Brotgeschäft, sondern ist Staatssekretär für das Ernährungswesen in Preußen. Er hat auch nicht gesagt, daß er jedem den Degen in den Bauch stoßen wolle, sondern er betonte, er halte die Waffe des Gesetzes in der Hand und werde sie rücksichtslos anwenden. Den zum Reichskanzler zu machen, wäre gar kein so übler Einfall. Ich fahre sofort zu Seiner Majestät nach dem Schloß Bellevue. Der Kaiser wird froh sein, wenn ich ihn um die Zurückberufung des Fürsten Bülow herumbringe.' Eine Viertelstunde später stand Valentini in dem historischen Schloß Bellevue vor Wilhelm II. und proponierte Seiner Majestät den bisherigen Unterstaatssekretär Michaelis als Reichskanzler. Der Kaiser erwiderte gut gelaunt: ,Es wird mich sehr interessieren, ihn kennenzulernen. Vorläufig habe ich keine Ahnung, wie und wer er ist.' Sofort herbeigerufen, erschien der zum fünften Nachfolger des 268 GESELLSCHAFT FÜR ENTSCHIEDENES CHRISTENTUM Fürsten Bismarck erkorene Dr. Michaelis. Der Kaiser schüttelte ihm die Hand und Trug, ob er Lust habe, das höchste Amt im Reich zu übernehmen. Michaehs hielt während einiger Augenblicke die Hand vor die Augen, dann mit feierlicher Stimme: ,Ich fühle, dalJ die Unterstützung von oben mir nicht fehlen wird. Ich nehme an.'" Michaehs war ein kreuzbraver Mann. Als Unterstaatssekretär im Finanzministerium war er mir durch seine biedere Art aufgefallen. Ein Unterstaatssekretär nahm an Staatsministe- rialsitzungen nur teil, wenn sein Chef, der Staatsmiuister, am Erscheinen verhindert war. Wenn Dr. Michaelis seinen Minister, den Freilierrn von Kheinbaben, zu vertreten hatte uud ich ihm das Wort erteilte, so erhob er sich und legte beide Hände an die Hosennaht. Dann begann er mit etwas schnarrender Stimme: „Mit gnädiger Erlaubnis Seiner Durchlaucht des Fürsten Reichskanzlers und in Vertretung meines hohen Chefs, Seiner Exzellenz des Staats- und Finanzministers Freiherr von Rhcinbaben, habe ich das Nachstehende ganz gehorsamst zu erklären." Wie Dr. Michaelis in Bundesratskreisen eingeschätzt wurde, zeigt nachstehende kleine Episode. Graf Hertling, der zu jener kritischen Zeit zu Bundesratsverhandlungen in Berlin weilte, speiste mit dem bayrischen Gesandten, dem Grafen Hugo Lercheufeld, und einigen anderen Herren im Restaurant Borchardt, als ein jüngerer Beamter der bayrischen Gesandtschaft sich dem Grafen Lerchenfeld näherte und ihm meldete, Seine Majestät der Kaiser habe den Unterstaatssekretär Michaelis zum Reichskanzler ernannt. Graf Hertling frug seinen Freund Lerchenfeld, was für ein Mann das eigentlich sei, er habe nie etwas von ihm gehört. In seiner bayrischen Art erklärte Graf Lerchenfeld zur allgemeinen Heiterkeit: „Dieser Doktor Michaehs ist, wie wir Münchner sagen, ein Viech mit Haxn. Mehr weiß ich nicht." Der Unterstaatssekretär Michaehs war nicht nur ein korrekter Beamter, sondern auch ein frommer Mann. Er gehörte der Gesellschaft für entschiedenes Christentum an, einer pietistisch gerichteten Vereinigung treuer Christen, die auf ihren Knöpfen und auf ihrem Briefpapier die Buchstaben E. C. trugen. Von auswärtiger Politik, von internationalen Beziehungen und Verhältnissen, von der Welt hatte er keine Ahnung. Der Kaiser verlieh dem Kabinettsrat Valentini zum Dank dafür, daß er nicht auf mich zurückzugreifen brauchte, den hohen Orden vom Schwarzen Adler. Vom Auswärtigen Amt war gegen meine Rückkehr mit besonderem Das Aus- Eifer gearbeitet worden. Zu diesem Zweck wurde Wien in Bewegung gewärtige Amt setzt. Das Auswärtige Amt hatte, sobald Bethmann ins Wackeln geriet, an befragt Wien ^ Wiener Botschaft telephoniert: Erstens: Wünscht die k. und k. Regierung das Bleiben des Kanzlers Bethmann ? Zweitens: Wünscht sie die Zurückberufung des Fürsten Bülow? WECHSEL AM WIENER BALLPLATZ 269 Die Antwort der Wiener, durch den Botschafter Botho Wedel gern übermittelt, lautete: Ad eins: J a! Ad zwei: Nein! Gerade weil in Wien mehr und mehr die Tendenz hervortrat, sich auf unsere Kosten mit der Entente zu verständigen, wünschte man dort nicht meine Rückkehr. Von mir wußte Wien, daß ich dieses Spiel durchschauen und nach Kräften verhindern würde. Sowohl die Allerhöchsten Damen, die seit dem Regierungsantritt des Kaisers Karl die Situation beherrschten, als die k. und k. Minister des Äußern waren mir gegenüber von innerhchem Mißtrauen erfüllt. Die einen, weil sie fühlten, die anderen, weil sie wußten, daß ich Österreich-Ungarn binnen vicrundzwanzig Stunden an die Kandare nehmen würde. Die Mutter des einfältigen Kaisers Karl, die Erzherzogin Maria Josefa, eine sächsische Prinzeß, seine Schwiegermutter, die Herzogin von Parma, und seine Gemahlin Zita waren gleichmäßig von tiefer Abneigung gegen das Deutsche Reich, gegen Preußen und die Hohenzollern erfüllt. Der bajTische Gesandte in Wien, Freiherr von Tucher, der tüchtige und kluge Sohn einer alten Nürnberger Familie, in deren Stammhaus Hans Sachs und Albrecht Dürer verkehrt hatten, ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nahm, charakterisierte mir die nach dem am 21. November 1916 erfolgten Tode des alten Kaisers Franz Josef am Wiener Hofe maßgebend gewordenen drei Damen wie folgt: „Die Maria Josefa ist dumm wie Bohnenstroh. Zita ist eine fesche kleine Intrigantin, und ihre Mutter ist einfach ein Mistviech." Am Wiener Ballplatz, dem alten Sitz der österreichischen Minister des Äußern, war im Laufe des Weltkrieges auf den Grafen Berchtold, der einer Graf Ottokar der Hauptschuldigen bei der Ultimatumsaktion gewesen war, der Ungar Czernin Baron, später Graf Burian gefolgt. Berchtold war ein leichtsinniger und unfähiger Kavalier, Burian ein tüchtiger, gewissenhafter Beamter, aber politisch ein mittelmäßiger Kopf. Im Dezember 1916 wurde Burian durch den Grafen Ottokar Czernin ersetzt, der seine beiden Vorgänger geistig zweifellos überragte. Den Unsinn der Ultimatumsaktion würde er nicht mitgemacht haben. Aus dem intimen Kreise des Erzherzogs Franz Ferdinand hervorgegangen, begriff er die Gefahren, die ein zu starkes Überwiegen des magyarischen Einflusses auf die auswärtige Politik der Doppelmonarchie mit sich brachte. Als mehrjährigem Gesandten in Bukarest war ihm klar geworden, daß Österreich bestrebt sein müsse, die Reibungsfläche zwischen der Doppelmonarchie und Rumänien möglichst zu verringern. Er kannte das „Konglomerat", wie die Österreicher scherzhaft ihr Vaterland zu nennen pflegten, und wußte, wie wenig Verlaß im Grunde auf die Polen, die Tschechen, die Südslawen war. Er wollte baldmöglichst zum Frieden 270 CZERNINS IMMEDIATBERICHT gelangen, aber gemeinsam mit Deutschland. Er hätte es gern gesehen, wenn wir durch die Abtretung von Elsaß-Lothringen an Frankreich die Möglichkeit des Friedens herbeigeführt hätten. Aber den nackten Verrat des Bundesgenossen, der sich für Österreich in den fürchterlichen Krieg gestürzt hatte, wollte Czernin nicht. Er traute weder dem Kaiser Karl noch den fürstlichen Damen, unter deren Einfluß der dümmerliche Nachfolger des alten Kaisers Franz Josef stand. Aber Graf Czernin beging den Fehler, sich, um seinen Friedenswünschen Eingang in Berlin zu verschaffen, der Hilfe des Reichstagsabgeordneten Erzbcrger zu bedienen. Er vermittelte die Einladung des Buttcnhäusers an den steifsten aller europäischen Höfe. Matthias Erzberger war berauscht, als er in der Wiener Hofburg stand. AI* ihm die hübsche Kaiserin Zita, der Graf Czernin gesagt hatte, sie müsse sich für eine kleine Stunde die Gesellschaft des „ordinären Schwaben" gefallen lassen, es Liege das im Interesse des Hauses Habsburg, die Hand zum Kuß reichte, war er überwältigt. Als ihm gestattet wurde, gemeinsam mit den Habsburger Majestäten in der Kapelle der Hofburg einer Messe beizuwohnen, war er vollkommen eingeseift. Czernin hatte kurz vor dem Besuch Erzbergers in Wien in einem Die Friedens- Immediatbericht an seinen Kaiser der Meinung Ausdruck gegeben, daß resolution des Österreich außerstande sei, den Krieg noch lange fortzusetzen. Es habe Reichstags nur ^ ^ahl zwischen baldigem Frieden und völligem Untergang. Der Bericht war nur für Kaiser Karl und durch ihn für Kaiser Wilhelm II. und die deutsche Oberste Heeresleitung bestimmt, um auch sie für einen Verständigungsfrieden zu gewinnen. Es ist so gut wie sicher, daß die Herzogin von Parma den Czerninschen Bericht, der ihr von ihrem Schwiegersohn mitgeteilt worden war, dem Abgeordneten Erzberger zugesteckt hat. Erzberger verlas diesen Bericht in einer Versammlung von Zentrumsleuten, die bald nachher in Frankfurt a. M. stattfand. Obwohl Erzberger hierbei den streng vertraulichen Charakter seiner Mitteilung betont hatte und trotz seines Verbotes, Notizen zu machen, gelang es einigen Zuhörern, Teile des Berichts mitzustenographieren. Diese Abschriften gelangten in die Schweiz und von dort zur Kenntnis der Entente, deren Siegeszuversicht dadurch in hohem Grade gesteigert wurde. Als später der Reichstag mit zweihundert- vierzchn Stimmen des Zentrums, des Freisinns und der Sozialdemokratie gegen einhundertsechzehn Stimmen und siebzehn Enthaltungen eine Friedensresolution annahm, worin erklärt wurde, der Reichstag erstrebe einen Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker, mit dem erzwungene Gebictserwerbungen, politische, wirtschaftliche und finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar wären, wurden Frankreich und England endgültig in ihrem Entschluß bestärkt, den Kampf gegen Deutschland bis zu seiner völligen Entscheidung fortzusetzen. Die JAGOW GEHT 271 Friedensresolution von 1917 hat das Terrain für den Frieden von Versailles vorbereitet, der im direkten Gegensatz zu den kindlichen Erwar- tuugen der drei „regierenden" Parteien, der Sozialdemokratie, des Freisinns und des Zentrums, nicht „die dauernde Versöhnung der Völker'* herbeiführte, sondern Deutschland unerhörte, schmerzliche Gebietsabtretungen auferlegte und eine schmähliche politische, wirtschaftliche und finanzielle Vergewaltigung unseres armen Volkes bedeutete. Schon im Juli 1917 war es zu einer Matrosenmeuterei in der deutschen Flotte gekommen. Es unterhegt keinem Zweifel, daß sie planmäßig seit langem von der U.S.P.D. vorbereitet worden war. Erfahrene und einsichtige Marineoffiziere sind der Ansicht, daß es zu einem solchen Aufstand nicht gekommen wäre, wenn die Flotte sofort nach Beginn des Krieges in den Kampf geführt worden wäre. Die lange Untätigkeit, der langweilige, zum Teil wohl auch mit unnötiger Pedanterie betriebene Friedensdienst während des größten aller Kriege habe den Geist entwickelt, aus dem die Meuterei der Matrosen hervorging und jedenfalls die Wühlarbeit der U.S.P.D., der Haase, Vogtherr und Dittmann, erhebüch erleichtert. In der Leitung der auswärtigen Politik war vor dem Sturz des Kanzlers Bethmann ein Wechsel eingetreten. Gottlieb Jagow war im November 1916 Zimmermann endlich seiner Stellung als Staatssekretär des Äußern enthoben worden, in Staatssekretär der er soviel Schaden angerichtet hatte. Sein Nachfolger wurde der bisherige Unterstaatssekretär Zimmermann. Von den besten Absichten erfüllt und, wie immer wieder betont werden muß, ein Ehrenmann und Patriot, behandelte Zimmermann doch gerade unser immer wichtiger werdendes Verhältnis zu Amerika mit wenig Geschick. Er gehörte zu den Deutschen, die bei reinem Willen und zweifelloser Tüchtigkeit doch nicht begreifen, daß der Diplomat in erster Linie geschickt sein und wissen muß, „wie es gemacht wird". Das sagte vor mir im Januar 1874, drei Monate nachdem ich in das Auswärtige Amt eingetreten war, der Reichskanzler Fürst Bismarck zu meinem Vater, und dasselbe meinte bei einem Diner, zu dem mich in Paris 1879 der gütige Graf Roger du Nord eingeladen hatte, der damalige Abgeordnete Leon Gambetta. Der biedere Zimmermann versicherte dem amerikanischen Botschafter Gerard, daß Deutschland den unbeschränkten U-Boot-Krieg nicht ohne vorherige Verständigung mit Amerika proklamieren würde. Er veranlaßte den Botschafter, auf einem Festessen der amerikanischen Handelskammer in Berlin in einer feierlichen Rede zu erklären, die Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika wären nie bessere gewesen als jetzt. „Solange Männer wie Doktor Solf und Helfi'erich, wie Hindenburg und Ludendorff, wie die Admiräle von Müller, von Capelle und von Holtzendorff und der Staatssekretär Zimmermann an der Spitze der zivilen, militärischen und maritimen Verwaltung Deutschlands 272 DAS BÜNDNIS MIT MEXIKO stehen, wird es sicher möglich sein, diese guten Beziehungen aufrechtzuerhalten." Drei Wochen später wurde von uns der unbeschränkte U-Boot-Krieg ohne rechtzeitige Benachrichtigung der amerikanischen Regierung proklamiert. Gleichzeitig richtete der Staatssekretär Zimmermann an den deutschen Gesandten in Mexiko einen Erlaß, in dem er dieser von inneren Kämpfen zerrissenen, ganz oder halb verfaulten Republik, die längst völlig von den Vereinigten Staaten abhing, ein Bündnis auf folgender Basis vorschlug: Mexiko solle die früher an Amerika verlorenen Gebiete von Texas, Neu-Mexiko und Arizona (zusammen fünfhunderttausend englische Quadratmeilen mit fast fünf Millionen Einwohnern) zurückerhalten, dagegen versuchen, Japan für das deutsch-mexikanische Bündnis zu gewinnen; gemeinsame Kriegführung, gemeinsamer Friedensschluß, weitgehende finanzielle Unterstützung Mexikos durch Deutschland. Als dieses groteske Angebot, das zudem technisch mangelhaft redigiert worden war, in die Hände der Amerikaner fiel und von diesen entziffert und veröffentlicht wurde, sagte mir ein Schweizer Freund, mit dem ich, damals wieder vorübergehend in Luzern weilend, am Ufer des Vierwaldstätter Sees spazierenging: „Der Gedanke, den amerikanischen Koloß mit Hilfe des mexikanischen Zwergs zu überrennen, kommt mir gerade so vor, als wenn ich Ihnen vorschlagen wollte, die englische Flotte mit den drei kleinen Dampfern zu vernichten, die vor unseren Augen zwischen Luzern und Flüelen hin und her fahren." Auf Zimmermann folgte als Staatssekretär des Äußern am 5. August Kühlmann 1917 Herr von Kühlmann, der, wie ich anläßlich der Tangerfahrt des Zimmermanns Kaisers erwähnte, durch sein gewandtes Hinauf- und Hinabklettem an Nachfolger e j ner Strickleiter der „Hohenzollern" das Herz Seiner Majestät gewonnen hatte. Die übrigens nur vorübergehende Sympathie des Kaisers für den jungen Diplomaten wurde dessen Unglück, weil sie ihn verführte, seine Tätigkeit als Staatssekretär ganz auf die nicht immer glücklichen Einfälle Seiner Majestät einzustellen. Als sich Michaelis nicht nur unmöglich, sondern geradezu lächerlich gemacht hatte, stand Wilhelm II. wiederum vor der Notwendigkeit des Suchens nach einem neuen Kanzler, dem sechsten seit Bismarck. Der Kaiser, der glücklich gewesen war, Bismarck loszuwerden, der Caprivi keine Träne nachweinte, Hohenlohe gleichgültig und mich mit Vergnügen gehen Heß, trennte sich nur höchst ungern von Michaelis. Im Grunde ist ihm nächst Bethmann Hollweg kein anderer Reichskanzler so sympathisch gewesen. Michaelis gefiel ihm so gut, daß er, wie mir ein Ohrenzeuge erzählt, wenige Wochen nach dessen Erhebung auf den Stuhl von Bismarck zu dem König von Sachsen in freudiger Stimmung sagte: „Zu Michaelis darfst du mir gratulieren! Der ist der beste Kanzler, den ich während meiner ganzen SUCHE NACH DEM SECHSTEN KANZLER 273 Regierung gehabt habe!" Wilhelm II. machte sogar den Versuch, Michaelis wenigstens als preußischen Ministerpräsidenten zu behalten, stieß damit aber auf so allseitigen Widerspruch, daß er den Gedanken aufgab. Aber wer sollte nun an die Stelle des Dr. Georg Michaelis treten, den die „Times" nach seiner Ernennung mit einem Artikel begrüßt hatte, in dem es etwa hieß: „Als Herr von Bethmann mit demselben plumpen (clumsy) Ungeschick, mit dem er in den Krieg hineingestolpert war, aus dem Reichskanzleramt herausstolperte, ließ Wilhelm einen im In- und Ausland völlig unbekannten, mittelmäßigen Beamten kommen, der weder im Parlament noch im Lande irgendwelche Stellung hatte, und sagte zu ihm: Ich ernenne Sie zum Major, mehr bedarf es nicht, damit Sie mit Gottes Hilfe ein ausgezeichneter Reichskanzler werden." Leider hatte die nach seiner Erhebung zum Kanzler in der Tat erfolgte Ernennung zum Major der Landwehr nicht genügt, um Michaelis vor einem frühen politischen Tod zu bewahren. Wieder sollte Wilhelm II. einen neuen Steuermann für das in schwerem Kriegssturm von den Wellen hin und her geworfene Reichsschiff finden. Reichskanzler Wiederum von dem eigensinnigen Wunsch geleitet, um mich herumzu- Freiherr kommen, verfiel der Kaiser auf den bayrischen Ministerpräsidenten Hert- ^ ertiln S ling, an den bereits im Juli 1917 herangetreten worden war, der aber damals mit Rücksicht auf seinen schlechten Gesundheitszustand gebeten hatte, von ihm abzusehen. Es war das derselbe Hertling, den der Kaiser zwei Jahrzehnte früher nur mit Widerstreben auf einem Hofball einer kurzen Ansprache gewürdigt hatte, leider auch derselbe Hertling, von dem am Schauplatz seiner bisherigen Tätigkeit in München seine Kollegen, seine Untergebenen und alle, die mit ihm in Berührung kamen, überzeugt waren, er würde seinem dortigen, nicht allzu aufreibenden Amt, das jedenfalls viel, sehr viel bequemer war als das des Reichskanzlers, nicht mehr lange gewachsen sein. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Hertling war nicht nur bis zum letzten Atemzug ein gewissenhafter, ernster und vornehm gesinnter, sondern auch ein kluger und erfahrener Staatsmann. Aber er war über seine Jahre hinaus gealtert. Er war infolge einer rasch fortschreitenden Arteriosklerose körperlich verfallen. Schon in München war er nicht mehr imstande gewesen, länger als eine Stunde Vorträge entgegenzunehmen. Die Ernennung Hertlings erregte daher dort, wo man seinen körperlichen Zustand kannte, großes Erstaunen. Ich stattete ihm bald nach seiner Amtsübernahme einen längeren Besuch ab, schon weil er der einzige Zentrumsabgeordnete gewesen war, der mir gegenüber, auch nachdem ich politisch mit dem Zentrum zusammengestoßen war, die gesellschaftlichen Formen wahrte. Ich fand ihn geistig klar, physisch völlig verbraucht. Als ich ihm riet, seine schöne Münchener 18 BUlow ni 274 DER BITTERE KELCH Bibliothek nach Berlin kommen zu lassen, damit er, ein großer Bibliophile, seine gehebten Fohanten und Regesten um sich habe, erwiderte er mir: „Bis meine Bücher eintreffen, bin ich ja vielleicht schon in einer anderen und besseren Welt. Ich bin ein schwerkranker Mann." Er erzählte mir dann mit vollkommener Ruhe, daß er schon vor Monaten vou München nach Berlin geschrieben habe, er sei nicht mehr in der Lage, einer etwaigen Berufung zum Reichskanzler Folge zu leisten. Trotzdem sei die kaiserhche Aufforderung an ihn ergangen. Nach seiner Ankunft in Berlin habe ihm Graf Lerchenfeld gesagt, er dürfe dem Kaiser unter keinen Umständen ein Kabinett mit Parlamentariern vorschlagen, davon wolle Seine Majestät absolut nichts wissen. Er habe geantwortet: „Dann werde ich es gerade tun!" Als er in der ihm von Seiner Majestät allergnädigst bewilligten Audienz damit angefangen habe, die Notwendigkeit einer Parlamentarisierung der Regierung zu betonen, hätte der Kaiser erwidert: „Tun Sie, was Sie nicht lassen können." Als er Seiner Majestät weiter gesagt habe, persönlich sei er, gerade weil er ein alter Parlamentarier wäre, im Grunde ein Gegner parlamentarischer Ministerien wie jeder Parteiherrschaft, da beides für Deutschland nicht passe, es bleibe aber nach Lage der Dinge nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen, habe der Kaiser nur genickt und alles Weitere ihm überlassen. Der Kaiser hätte sogar den Vorschlag akzeptiert, daß Hertling sich zunächst der Unterstützung aller Parteien vergewissern solle, eine Idee, die Seine Majestät bis dahin als eine für die Krone unerträgliche Demütigung bezeichnet hatte. Die Rücksprachen zwischen ihm, Hertling und den Parteiführern hätten denn auch stattgefunden. Alle Parteiführer bis auf einen, den Hertling nicht nannte, hätten ihm, dem alten Kollegen, ihre Unterstützung zugesagt. Nur einer habe ihm nicht verhehlt, daß seine Partei bei aller persönlichen Sympathie für den langjährigen Reichstagskollegen ihm politisch werde opponieren müssen. Diesem Kollegen habe er warm die Hand gedrückt mit den Worten: „Sie waren mir persönlich immer heb, sind es mir aber jetzt noch mehr geworden, denn Sie erwecken in mir die Hoffnung, daß der bittere Kelch an mir vorübergehen wird." Er habe dann auch Seiner Majestät sagen lassen, er müsse endgültig auf die Übernahme des Reichskanzlerpostens verzichten, und gleichzeitig die Reichskanzlei gebeten, ihm den Salonwagen, in dem er aus München eingetroffen war, freundlichst für die Rückfahrt wieder zur Verfügung zu stellen. Daraufhin sei der Staatssekretär des Äußern, Herr von Kühlmann, bei ihm erschienen und habe ihm, gemeinsam mit dem Grafen Lerchenfeld, mit solchem Nachdruck auseinandergesetzt, er dürfe den Kaiser nicht im Stiche lassen, es sei Fahnenflucht, wenn er Berlin verlasse, daß er schließhch den Kanzlerposten angenommen habe. Es war Kühlmann, der vor allem die Ernennung von Hertling betrieb. DYNASTISCHE AMBITIONEN 275 Er selbst ist nach ihm nicht in den großen Kasten Wilhelmstraße 77 gelangt. Aber auch in der kurzen Zeit seiner Amtsführung als Staats- Der Friede Sekretär bat er mehr als einmal eine sehr unglückliche Pland bewiesen. Der von Brest- Friede von Brest-Litowsk war ein schwerer Fehler. Es war kein Helden- Litowsk stück, die Bolschewisten zu ganz exorbitanten Zugeständnissen zu bewegen, teils weil sie den Frieden um jeden Preis wollten, um sich ungestört der gründlichen Ausrottung ihrer inneren Gegner widmen zu können, teils weil Trotzki und Genossen sich am Vorabend der von ihnen mit gläubiger Zuversicht erwarteten Weltrevolution glaubten und deshalb jeden Friedensschluß nur als ein Provisorium betrachteten. Der Friede von Brest- Litowsk schadete uns in zwei Richtungen. Er erweckte in der ganzen Welt den Eindruck deutscher Brutalität und Unersättlichkeit. Er gab der französischen und englischen Propaganda die Möglichkeit, mit neuen Scheingründen das Märchen von den deutschen Weltherrschaftsplänen zu verbreiten. Dieser Friedensschluß mit seinen unsicheren Konturen und seinen unbegrenzten Zukunftsmöglichkeiten erweckte gleichzeitig in Deutschland an nur zu vielen Stellen die Hoffnung auf Landerwerb. Der württembergische Herzog von Urach wollte mit Hilfe des ihm befreundeten Matthias Erz- berger König von Litauen werden, ein Gedanke, der dem Abgeordneten für Biberach beinahe ebenso sehr am Herzen lag wie die Feststellung einer neutralen Zone für den Papst zwischen der Cittä Leonina und Civitä- Vecchia zwecks ganz freien Verkehrs des Heiligen Stuhls mit der Außenwelt. Der Prinz Friedrich Karl von Hessen, ein Schwager des Kaisers, bewarb sich um die Krone von Finnland. Kaiser WUhelm, dem man von den prächtigen Auerochsen in den Wäldern von Kurland gesprochen hatte, wünschte für sich selbst als Hausgut und Jagdgrund das Herzogtum Kurland. Der Kaiser zeichnete recht hübsch und hatte schon das Wappen entworfen, das er als Herzog von Kurland führen wollte. Auch im Westen machten sich dynastische Ansprüche geltend: Bayern wünschte die Teilung des Reichslandes Elsaß-Lothringen in der Weise, daß Lothringen an Preußen, Elsaß aber an Bayern fallen solle. Württemberg erklärte, daß es in diesem Falle als Entschädigung den Regierungsbezirk Sigmaringen beanspruche. Sachsen wollte nicht leer ausgehen und ließ durchblicken, daß der Oberelsaß ganz wohl von Dresden aus regiert werden könne. Es war, als ob in den deutschen Fürstenhäusern kurz vor ihrem Zusammenbruch ihre jahrhundertealte Vergrößerungssucht und Leidenschaft des Landerwerbs als später Johannistrieb noch einmal zutage trat. Es betrübte mich, im hinter 1917/18 in Berlin zu beobachten, wie sehr trotz des ungeheuren Ernstes unserer Lage für viele, allzu viele, selbstsüchtige Bestrebungen, kleinhche Ambitionen im Vordergrund standen. Oben und unten: An den deutschen Fürstenhöfen wurden Fürstenhüte ausgeteilt wie an der Tafel 18« 276 BÜLOW WIRD ÜBERWACHT der Wallensteinschen Generäle in Schillers dramatischem Gedicht „Die Piccolomini". In den niederen Sphären des damaligen Auswärtigen Amtes herrschte Aus Bülows kein besserer Geist. Ich entnehme dem Tagebuch, das ich, wenn auch mit Tagebuch Lücken, seit dem Beginn des Weltkrieges führte, die nachstehenden zwei Aufzeichnungen, die ich während meines Berliner Aufenthaltes eintrug: „Frühstückte im Großen Saal des Hotels Adlon. Vor mir ein Tisch mit jüngeren Beamten des Auswärtigen Amtes. Ich höre, ohne es zu wollen, die nachstehende Konversation. A.: Was gibt es denn Neues an der Front ? B.: Hören Sie auf mit Ihrem Quatsch von der Front! Ich möchte lieber wissen, ob Jagow wieder eine Botschaft bekommt! Ein an dem Tisch dieser hoffnungsvollen Jugend vorübergehender älterer Herr, seinem Aussehen nach ein pensionierter General, legt dem Frager die Hand auf die Schulter und meint mit grimmigem Humor: So ist es recht. Sie sind im Bilde!" Eine weitere Eintragung in mein Tagebuch: „X. erzählt mir, ein jüngerer Beamter des Auswärtigen Amtes hätte einen neben ihm frühstückenden Offizier gefragt, ob er wisse, wer am Tage vorher am Tische des Fürsten Bülow gesessen habe. Der Offizier antwortete: Fragen Sie doch den Oberkellner!" Von allen Seiten wird mir erzählt, daß mein Verkehr sorgsam überwacht wurde. Als Tirpitz mir im Hotel Adlon im Winter 1915/16 einen Besuch abstattete, sagte ihm Bethmann am nächsten Tage mit vorwurfsvollem Gesicht: „Sie waren schon wieder beim Fürsten Bülow!" In einer Staatsministerialsitzung zeigte Bethmann dem Minister des Innern, Herrn von Loebell, eine französische illustrierte Zeitung, die ein Bild von mir brachte, wie ich auf dem Luzerner Kai spazierenging. Ein betriebsamer Reporter hatte mich, ohne daß ich es merkte, abgeknipst. Sorgenvoll frug der Reichskanzler seinen Kollegen Loebell: „Wie kommt es, daß die auswärtige Presse sich noch immer mit dem Fürsten Bülow beschäftigt ? Das ist doch im allgemeinen nicht der Fall bei zurückgetretenen Staatsministern." Als Loebell dem Kanzler versicherte, daß ich nicht nach seinem Posten strebe, schüttelte Bethmann melancholisch den Kopf: „Alle wollen sie an meine Stelle, dabei bin ich doch der einzige, zu dem Europa und insbesondere England trotz allem und allem noch immer Vertrauen haben." Ich entnehme meinem Diarium weiter den nachstehenden, in Berlin eingetragenen längeren Passus: „Heute aß das Ehepaar Harnack bei uns. Ich hatte ihn zu Tisch gebeten, weil er eine schmerzliche Enttäuschung erlebt hat. Er strebt seit langem nach dem Kultusministerium. Bethmann hatte ihm in dieser Richtung bestimmte Zusicherungen gemacht. Der Kaiser, dem Harnack andauernder und, die Gerechtigkeit erfordert, es anzuerkennen, feiner und geistreicher schmeichelt als irgendein anderer, war DER WILLE ZUR MACHT 277 einverstanden. Da gelangt durch einen tückischen Zufall ein Brief in die Öffentlichkeit, den Harnack an eine in München lebende, hübsche, aber, wie es scheint, indiskrete Nichte gerichtet hatte. Es hieß in diesem Brief, der Kanzler Bethmann habe ihm, Harnack, anvertraut, daß er gern noch weiter nach links gehen möchte, er fürchte aber, dadurch nicht nur die Konservativen, sondern vor allem den Kaiser zu beunruhigen. Schlimmer war in diesem Brief die Wendung: ,Ich, Adolf Harnack, halte den Willen zur Macht für Sünde.' Dabei hat gerade Harnack alle anderen deutschen Gelehrten während des Krieges an allzu lautem, gar zu übertriebenem Chauvinismus übertroffen." Gewiß, auch andere deutsche Gelehrte haben gesündigt. Ich nenne nur den Professor Lasson, den letzten Vertreter der Hegeischen Philosophie an der Berliner Hochschule. Hegel soll gesagt haben, er habe nur einen einzigen Schüler gehabt, der ihn verstanden habe, und dieser hätte ihn mißverstanden. Ich weiß nicht, ob dieser den Meister mißverstehende Jünger der Professor Lasson war. Des tiefen und umfassenden Hegeischen Geistes hat Lasson jedenfalls keinen Hauch verspürt. Er schrieb bald nach Beginn des Krieges an einen holländischen Gelehrten, der ihm wohlgemeinte Gedanken für eine allmählich anzubahnende Versöhnung der sich bekämpfenden Völker durch einen Verständigungsfrieden unterbreitet hatte, ungefähr so: Wenn er, Lasson, Holländer wäre, würde er sich schämen, einem neutralen, im Wohlstand erstickenden Lande anzugehören. Wegen Deutschlands brauche der Holländer sich nicht zu beunruhigen. Von Kaiser Wilhelm II. gelte, was einst von Kaiser Titus gesagt wurde: Deliciae generis humani. Bethmann sei ein Staatsmann, um den uns künftige Jahrhunderte beneiden würden. Auch der Nationalökonom Werner Sombart hätte meo voto besser getan, seinem Kriegsbuche nicht den Titel zu geben: ,HeIden und Händler'. Mit den Helden sind natürlich wir Deutsche gemeint, mit den Händlern die Engländer. Nun haben zweifellos auch die Engländer in ihrer Geschichte, und noch im Weltkrieg, Heldenmut an den Tag gelegt. Andererseits hat unser Volk Handelsgeist im besten Sinne in den Tagen der Hansa und von neuem seit der Wiedererrichtung des Reiches glänzend betätigt. Die Warnung des weisen Dulders Boethius in seinen ,Consolationes' gilt auch für Sombart: ,,0 si taeuisses, philosophus mansisses." Aber allen seinen Kollegen tut es Adolf Harnack an Großspurigkeit zuvor. Im Höhepunkt des Krieges hielt er in München eine Rede, in der er erklärte, daß nur der Deutsche bereit sei, für den Staat zu sterben, wofür sich die uns feindlichen Völker bedankten. Im Anschluß hieran führte er aus, daß allein der Deutsche eine wirkliche Kultur besitze. Es entbehrt nicht eines gewissen pikanten Reizes, daß ein Mann, der in dieser Weise 278 PROFESSOREN UND RHETOREN nach Art der homerischen Helden den Gegner verhöhnte und herabwürdigte, nicht lange nachher den Willen zur Macht für Sünde erklärte. Die letztere Wendung war übrigens auch an und für sich eine Torheit. „Get thee to a nunnery! Geh ins Kloster, Ophelia!" hätten seine Studenten dem Hoftheologen zurufen sollen. Noch besser hätten sie ihn an ein prächtiges Wort erinnern können, das ein großer englischer Staatsmann, Disraeli, als Führer der konservativen Opposilioa im Unterhause sprach: „Professoren und Rhetoren erfinden Systeme und Prinzipien. Die -wahrhaften Staatsmänner sind nur von dem Instinkt zur Macht und der Liebe zum Vaterland beseelt. Das sind die Gefühle und Methoden, die große Reiche schaffen." So im Parlament Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield. XXI. KAPITEL Ungünstige Nachrichten aus Österreich • Der dortige deutsche Botschafter Graf Botho Wedel • Rumänien tritt in den Krieg ein • Hindenburg-Ludendorff • Der Gang der militärischen Operationen • Die große Offensive in Frankreich im Frühjahr 1918 • Symptome zunehmender Erschöpfung in Deutschland • Jämmerliche Schwäche der deutschen Regierung • Besuche Ballins in Klein-Flottbek, sein letzter Versuch, Wilhelm II. aufzuklären • Brief Heckschers an den Fürsten über den Zusammenbruch, Bülows Antwort Der Sowjet-Botschafter Joffe Inzwischen stiegen immer schwärzere Wolken am politischen Horizont auf. Die Nachrichten aus und üher Österreich lauteten besonders trübe. Die Sixius- Nur unser neuer deutscher Botschafter in Wien, Graf Botho Wedel, sah ■^ff are nach wie vor alles in rosa. Seine Berichte waren eine fortlaufende Bestätigung der optimistischen Informationen, die er dem ahnungslosen Michaelis und dem überalterten Hertling anläßlich ihrer Besuche am Wiener Hof gegeben hatte und die zum Unglück Deutschlands die verantwortlichen Leiter unserer Politik hinsichtlich der Bundestreue Österreich- Ungarns in Sicherheit wiegten. Wedel war völlig dadurch eingeschläfert worden, daß seine Schwiegermutter, die Gräfin Luise Gröben, als sie ihre Kinder an der schönen blauen Donau besuchte, aus den eigenen Händen der Kaiserin Zita den österreichischen Elisabeth-Orden mit Brillanten erhielt, was, vom höfischen Standpunkt aus, eine seltene Auszeichnung war. Dieser Allerhöchste Gnadenbeweis hatte aber nicht verhindert, daß Kaiser Karl um dieselbe Zeit Deutschland verriet, indem er dem Präsidenten der Französischen Republik Poincare durch seinen Schwager, den Prinzen Sixtus von Parma, versprechen ließ, daß er mit allen Mitteln und unter Einsetzung seines ganzen persönlichen Einflusses die „gerechten" Rückforderungsansprüche, die Frankreich hinsichtlich Elsaß-Lothringens stelle, unterstützen werde. Gleichzeitig hatte Kaiser Karl um einen Sonderfrieden gebeten. Er hat diesen Brief und den Versuch, Deutschland zu verraten, ableugnen wollen, ist jedoch von Clemenceau in voller Öffentlichkeit durch Publikation des Faksimile seines Briefes der dreisten Lüge überführt worden. Dahin hatten die blinde Gefolgschaft von Bethmann und Jagow gegenüber Österreich, die falsch verstandene Ritterlichkeit des Kaisers Wilhelm für den greisen Kaiser Franz Josef geführt. Daß es nicht schon 280 DIE RUMÄNISCHE SCHWENKUNG 1917 zu einem Abfall der Habsburger gekommen war, verdankte Berlin nur der Hartnäckigkeit, mit der Sonnino an der italienischen Forderung des Trentino und der Stadt Triest festgehalten hatte. Kaiser Karl wollte zwar, daß wir Elsaß-Lothringen abtreten sollten, er selbst aber war nicht geneigt, Trient und Triest den „gottlosen" Italienern zu überlassen. Auch der Eintritt Rumäniens in den Krieg hatte die Lage der Zentraler Krieg mächte erheblich belastet. Die ungarische Regierung konnte sich auch nach mit 1914 nicht entschließen, den im Bereich der Stefanskrone lebenden fast Rumänien Millionen Rumänen eine bessere Behandlung und eine einigermaßen ihrer Zahl entsprechende Vertretung im ungarischen Parlament in Aussicht zu stellen. Die Berliner Politik hatte, wie vor einem Jahr gegenüber Italien, 80 auch gegenüber Rumänien versagt. Sie hatte es nicht vermocht, in Wien die unerläßlich gewordenen Zugeständnisse an Italien durchzusetzen; sie war ebensowenig imstande gewesen, Ungarn zu einer freundlicheren Haltung gegenüber Rumänien zu bewegen. Umsonst hatten bis zuletzt der tapfere Carp in Bukarest und der rumänische Gesandte in Berlin, der tüchtige Beldiman, mit direkten Berichten an den König von Rumänien für die deutsche Sache gekämpft. Die Anhänger der Entente, geführt von Take Jonescu und Nikolaus Philipescu, siegten, da sie sich darauf berufen konnten, daß, während die Zentralmächte Rumänien keinerlei Entgegenkommen zeigten, die Entente dem Königreich ganz Siebenbürgen, die Bukowina und das Banat in Aussicht stellte. Auf den italienischen Frontwechsel war die rumänische Schwenkung erfolgt. Am 27. August 1916 hatte der König Ferdinand von Rumänien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt. Er, ein Hohenzoller, der im Ersten Garde-Regiment zu Fuß gestanden hatte, verriet Preußen, die Armee, sein Vaterland. Hindenburg und Ludendorff, die achtundvierzig Stunden nach der rumänischen Kriegserklärung endlich von Kaiser Wilhelm II. mit der obersten Heeresleitung betraut wurden, sorgten dafür, daß nicht nur der rumänische Angriff paralysiert wurde, sondern sie gaben der gesamten deutschen Kriegführung neue Impulse. Während, von unseren Staatsmännern unbeachtet, das Geschwür des Verrats in der Wiener Hofburg um sich fraß, während im Innern Deutschlands eine in der Stille, aber mit Zähigkeit betriebene Propaganda an der Kampfkraft der Nation nagte, erfochten die deutschen Armeen unter dem Oberbefehl Hindenburgs auf allen Kriegsschauplätzen unsterbliche Siege. Es war ein tragischer Kontrast, der die Entwicklung des Jahres 1918 für Deutschland kennzeichnete: unvergleichliche militärische Leistungen an der Front, eine unheimlich um sich greifende Entmutigung, eine schleichende Erschöpfung in der Heimat. Die Kriegsgeschichte kennt kaum eine großartigere Leistung als die deutsche Offensive im März 1918, der Hindenburg das Ziel wies, durch eng zusammenhängende Teilschläge das feindliche DIE FRONT 281 Gebäude derartig zu erschüttern, daß es letzten Endes doch einmal zusammenbreche. In stürmischem Siegeslauf brach die deutsche Infanterie unter dem Schutz der vorwärtsrollenden „Feuerwalze" in die englischen Stellungen ein. Sie entriß den Engländern unter Einbringung großer Beute Bapaume, wo ich als junger Husar fast ein halbes Jahrhundert früher gefochten, sie erreichte Montdidier und Albert, wohin ich damals manche Patrouille geritten hatte. Aber bis Amiens kamen wir diesmal nicht. Obwohl zwei engüsche Armeen geschlagen waren, unsere Tapferen fast hunderttausend Gefangene gemacht, über tausend Geschütze erobert hatten, wurde ein strategischer Gewinn nicht erzielt. Zu groß war die Übermacht der Feinde, denen das Menschen- und Kriegs-Material fast der ganzen Welt zur Verfügung stand. Die letzte Entscheidung gaben die nach Europa transportierten amerikanischen Truppen. Gegenüber so heroischen Leistungen des deutschen Heeres verstummt jede Kritik. Ich will jedoch nicht verhehlen, daß ich in jenen Tagen mich oft gefragt habe, ob es richtig war, daß wir an der Somme standen und an der Weichsel, in den Vogesen und in den Karpathen, in Kurland und in der Ukraine, am Isonzo und am Euphrat, daß wir in Rumänien und in Palästina fochten. Ich habe damals wiederholt gesagt und auch nach Berlin geschrieben, daß Napoleon trotz seines Genies und trotz des fast unerschöpflichen Menschenmaterials, das ihm die von ihm unterjochten Völker, die Deutschen und die Italiener, die Holländer und die Belgier, üefern mußten, schließlich doch unterlag, als er Moskau und Madrid, Rom und Amsterdam besetzt hielt. Qui trop embrasse, mal etreint. Es wäre besser gewesen, wenn wir uns aus dem Osten zurückgezogen und ganz auf den Westen konzentriert hätten. Mit äußerster Spannung, mit Herzklopfen verfolgte ich den zweiten deutschen Angriff in Frankreich, die Schlacht an der Lys, den dritten Angriff, die Eroberung von Soissons durch unseren tapferen Kronprinzen. Der vierte deutsche Angriff mit dem Ziele Reims, das durch die Eroberung von Epernay im Westen und Chälons-sur-Marne im Osten umklammert, uns von selbst zufallen sollte, brachte im Juli 1918 die militärische und damit, wie die Dinge lagen, die welthistorische Wende. Der Marne-Ubergang gelang glänzend. Aber die deutschen Pläne waren verraten worden. Der Feind hatte in Kenntnis unserer Absichten die Verteidigung in die zweite Stellung verlegt. Ich hörte sogleich, daß in jenen Tagen sich zum ersten Male Zeichen moralischer Zersetzung im Heere bemerkbar machten. Manche Truppenteile versagten den Gehorsam. Regimenter, die tapfer vorgingen, wurden von sozialistisch verseuchten Truppenteilen, denen sie begegneten, mit dem schmählichen Ruf „Streikbrecher" begrüßt. Es ist allgemein bekannt, daß ein angesehener englischer 282 DIE DEUTSCHE MENTALITÄT General bald nach dem Kriege erklärt hat, das deutsche Heer sei durch den „Dolchstoß von hinten" besiegt worden, nicht durch den vor ihm stehenden Feind. Die deutsche Sozialdemokratie hat gegen diesen Vorwurf lebhaft protestiert, am lebhaftesten gerade diejenigen sozialdemokratischen Führer und Publizisten, die diesen Vorwurf am meisten verdienten. In voller Unparteilichkeit muß gesagt werden: So gewiß es ist, daß die sozialdemokratisch gerichteten Soldaten sich in ihrer großen Mehrheit gerade so tapfer geschlagen haben wie die nichtsozialdemokratischen, so ist doch nicht zu bestreiten, daß wenigstens die Führer des linken Flügels der Sozialdemokratie, die selbst den wärmenden Ofen nie verlassen hatten, sich wesentlich anders benahmen als ihre Genossen an der Front. Diese Radikalen arbeiteten um so bunder auf den Zusammenbruch hin, je näher im Weltkrieg die Entscheidung rückte, um so dreister, je mehr die aufeinanderfolgenden schwachen Reichskanzler die Zügel am Boden schleifen ließen. Während in Frankreich, wie ich schon ausführte, mit Verbannung und Gefängnis, mit Pulver und Blei gegen Defaitisten und Pazifisten vorgegangen wurde, und das von radikalen und sozialistischen Ministern, während in England eine liberale Regierung die irländische Sinnfein- Bewegung blutig unterdrückte, zahlreiche Exekutionen vornahm und den Irenführer Sir Roger Casement im Londoner Tower, dem Schauplatz mancher blutigen Szene der enghschen Geschichte, hinrichten Heß, während in den westlichen Ländern die strafgesetzlichen Bestimmungen nicht nur über Landesverrat, sondern auch gegenüber defaitistischen und pazifistischen Umtrieben fortgesetzt verschärft wurden, trat in Deutschland die Tendenz hervor, die staatlichen Abwehr- und Schutzmittel entweder abzustumpfen oder sie wenigstens mögbehst selten in Anwendung zu bringen. In dieser Richtung überboten sich die ausschlaggebenden Parteien, die Sozialdemokratie, das Zentrum und die bürgerliche Demokratie, mit einem nur bei uns möglichen spießbürgerlichen und weltfremden Doktrinarismus. Es triumphierte in höchster Not, wo es um alles ging, jener „Standpunkt des Philisters", wie Bismarck diese während dreißig Jahren so oft von ihm bekämpfte Mentalität nannte. Der deutschen Menschheit ganzer Jammer erfaßte mich, wenn ich im Pariser „Temps" die Einzelheiten über Verurteilungen las, die erkennen ließen, wie wenig in Frankreich dazu gehörte, um vor das Kriegsgericht zu kommen, während sich bei uns Defaitismus und Pazifismus wie ein ekelhafter Hausschwamm einfraßen. In denselben Tagen, wo dieser Hausschwamm in Frankreich erbarmungslos mit der Wurzel ausgerottet und wie übles Gewürm zertreten wurde, erwiderte mir ein nicht untüchtiger Beamter des Auswärtigen Amtes, dem ich geschrieben hatte, er finde in dieser Zeit höchster Not und Gefahr wohl kaum einen Moment der Muße und des Ausruhens, mit großem Ernst: „Wir haben DIE WAHRHEIT AN DEN KAISER 283 jetzt in der Tat viel zu tun. Wir sind namentlich damit beschäftigt, brauchbare deutsche Vorschläge für den Völkerbund auszuarbeiten, der hoffentlich die beste Frucht dieses Krieges sein wird." In Flottbek, wo ich seit 1915 jeden Sommer mehrere Monate verbrachte, erhielt ich besonders im Herbst 1918 häufige Besuche von Ballin. Er war Ballin Ende August im Großen Hauptquartier gewesen, auf den ausdrücklichen Bülow Wunsch der 0. H. L., die ihn gebeten hatte, Seiner Majestät endlich reinen Wein über den Ernst der Lage einzuschenken, was Hindenburg und Ludendorff bisher nicht gelungen war. Es war aber Ballin nicht möglich gewesen, den Kaiser ohne Zeugen zu sprechen. Die Kaiserin und der Kabinettsrat von Berg hatten jeden derartigen Versuch vereitelt. Herr von Berg war bald nach dem Rücktritt des Reichskanzlers Bethmann als Chef des Zivilkabinetts an die Stelle des Herrn von Valentini getreten. Der letztere hatte durch seine Beschränktheit, mehr noch durch seinen Mangel an Charakter, seinem kaiserlichen Herrn und dem Lande schweren Schaden zugefügt. Der Kaiser trennte sich trotzdem nur ungern von Valentini, der ein frommer Knecht war und in der Furcht des Herrn, dem er grundsätzlich nie widersprach. Auch Herr von Bethmann Hollweg hatte das ihm mögliche getan, um Valentini zu halten, der sein Jugendfreund war, mit dem ihn Seelenverwandtschaft und gegenseitiges Verständnis verbanden. Es war ein Verdienst des Kronprinzen, daß nach dem Rücktritt von Bethmann Hollweg auch Valentini endlich sein Bündel schnüren mußte. Herr von Berg, sein Nachfolger, war ein Altersgenosse und Korpsbruder Seiner Majestät, ein ostpreußischer Junker von der guten Sorte: ein anständiger und aufrechter Mann, der auch dem Kaiser gegenüber kein Blatt vor den Mund nahm, ein tüchtiger Beamter, vor allem ein Mann von sicherem Patriotismus. Er genoß das Vertrauen von Hindenburg und Ludendorff. Aber einer so schwierigen Situation wie derjenigen, in die er sich im Herbst 1918 versetzt sah, war Herr von Berg nicht gewachsen. Ballin, immer verständnisvoll für andere, meinte, als er mir von seinem Mißerfolg im Großen Hauptquartier erzählte: „Ich will weder die Kaiserin noch Berg tadeln. Die Kaiserin ist die beste Frau von der Welt, das Ideal einer deutschen Hausfrau. Berg ist ein anständiger und patriotisch gesinnter Mann. Aber beide sind der Uberzeugung, daß der Kaiser, wenn er die Situation so sähe, wie sie in Wirklichkeit ist, vollständig zusammenbrechen würde, und sie fragen beide: ,Was wäre uns mit einem solchen Kollaps geholfen?' Die Folge ist, daß der Kaiser mehr denn je in a fool's paradise lebt und ein großer, ja der größte Teil des deutschen Volkes mit ihm." Es war bei unserer letzten Unterredung, daß Albert Ballin so zu mir sprach, mit dem ich während zwei Jahrzehnten oft Gedanken ausgetauscht, viel erlebt hatte. Wenige Menschen sind mir so sympathisch gewesen, für 284 BALLINS TOD wenige habe ich. eine so aufrichtige Achtung gefühlt. Ballin war sehr klug, er hatte aber nicht nur einen scharfen Verstand, sondern auch, was in Deutschland seltener ist als in Italien, einen Verstand voll Ressourcen. Er suchte und fand meist einen Ausweg. II etait plein d'expedients, wie der Franzose sagt. Er war durch und durch praktisch, was der Deutsche seltener ist als der Engländer, als der Amerikaner und selbst als der Franzose, und dabei hatte er, ganz Autodidakt, tiefes Verständnis für geistige Kultur. Er hatte vor allem ein goldenes Herz, und groß ist die Zahl derjenigen, denen er mit Rat und Tat geholfen hat, ohne jemals eine Gegenleistung zu verlangen oder auch nur Aufhebens davon zu machen. Ballin ist, wie ich vorgreifend hinzufüge, beim Ausbruch der Revolution Hat Ballin plötzlich gestorben. Man sagt, er wollte sterben. Und doch war nach meiner Selbstmord Überzeugung von einem eigentlichen Selbstmord nicht die Rede. Der Zu- begangen? 8ammen b ruc h d e s Vaterlandes erschütterte ihn bis ins Innerste. Er glaubte, wie mir 6eine hebe und gute Frau nach seinem Tode sagte, sein Lebenswerk sei zerstört. Auch das Schicksal des Kaisers ging ihm nahe, mit dem er nicht immer einverstanden war, dem er aber trotz allem treu ergeben blieb, für den er, ich möchte sagen, väterliche Gefühle empfand. Daß aber Albert Ballin seinem Leben nicht mit Bewußtsein selbst ein Ende setzen wollte, dürfte schon daraus hervorgehen, daß er mir vierundzwanzig Stunden vor seinem Tod einen längeren Brief schrieb, in dem er die Grundlinien für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands, auch auf dem Gebiete der Schiffahrt, in großen Zügen skizziert hatte. Am Vormittag seines Todestages saß Ballin allein in seinem Arbeitszimmer in dem stattlichen, an der Binnenalster gelegenen Hapag-Gebäude, das die stolze Inschrift trug: „Mein Feld ist die Welt." Rohe Matrosen mit roten Schleifen und Kokarden drangen in sein Zimmer und bedrohten den feinfühligen, kränklichen Mann mit körperlicher Mißhandlung. Sie schrien ihm zu, die Republik sei proklamiert, jetzt breche eine neue Zeit an, eine herrliche Zeit, mit ihm, mit dem Kapitalismus und der Hapag sei es vorbei. Ballin, der an intensiver Schlaflosigkeit litt, hatte ein starkes Schlafmittel auf seinem Tisch steben. Als die rohen Einbrecher sich entfernt hatten, leerte er in der furchtbaren Erregimg des Augenblicks den ganzen Inhalt des Fläschchens. Unmittelbar nachher von Reue ergriffen, telephonierte er selbst an seinen Arzt. Dieser erschien, fand den Fall nicht hoffnungslos, erklärte aber, der Magen müsse ausgepumpt werden. Es empfehle sich, daß Ballin selbst mit ihm zu Fuß in seine Klinik ginge, die kurze Bewegung würde ihm guttun. In dem Augenblick, wo Ballin in dem Krankenhaus anlangte, sank er, von einem Herzschlag getroffen, leblos zu Boden. Albert Ballin war am Hamburger Hafen geboren, am Steinhöft. Schon der Blick des Knaben fiel auf „der Schiffe Mastenwald", wie es in dem GRABGELÄUT 285 hamburgischen Liede heißt, das auch ich in meiner Kindheit singen hörte. Ballin entstammte einer seit Jahrhunderten an der Elbe ansässigen jüdischen Familie, die tüchtige Geschäftsleute, auch geachtete Gelehrte hervorgebracht hatte. Er ist dem Glauben seiner Väter immer treu gebheben. Ich habe nicht viele gekannt, die eine solche Kunst der Menschenbehandlung, soviel Sicherheit und Gewandtheit im Verkehr besaßen, die soviel Liebenswürdigkeit mit Würde verbanden wie Albert Ballin. Er war, was seltener ist, ein guter Mann. Wenige Menschen haben in ihrem Leben soviel Gutes getan wie Ballin. Sein Fehler war vielleicht eine gewisse Neigung, es allen recht zu machen. Das wurde ihm von seinen Gegnern als Charakterlosigkeit ausgelegt und gab ihm in der Tat bisweilen etwas Unsicheres. Alles in allem, als Ganzes genommen, war Ballin ein ganzer Mann. Er verkörperte wie kaum ein anderer den kühnen, wagemutigen, immer von neuem sich aufrichtenden, immer vorwärtsstrebenden Genius der mächtigsten deutschen Hafen- und Handelsstadt, des alten und immer jungen Hamburg. Fünf Wochen bevor Albert Ballin aus dem Leben schied, hatte ich in Flottbek den nachstehenden Brief des freisinnigen Beichstagsabgeordneten Dr. Siegfried Dr. Siegfried Heckscher erhalten: „Hochverehrter Fürst! Am 30. Sep- Heckscher tember 1918 ist, auch nach außen hin erkennbar, das deutsche Kaisertum an ßulow Bismarckscher Schöpfung und Bülowscher Entfaltung zu Grabe geläutet worden. Leider hat sich auch die Oberste Heeresleitung einem verhängnisvollen Optimismus in der Beurteilung der gegnerischen Kräfte hingegeben. Aber das Entscheidende war doch die verbrecherisch-schmähliche politische Führung von den Julitagen 1914 an bis zu den letzten Lebenszeichen des Hertlingschen Begimes. Dennoch hätte sich die gefahrdrohende, sausende Fahrt des Beichswagens verlangsamen lassen, wenn wenigstens in den Septembertagen dieses Jahres die Krone von charaktervollen, staatsklugen, besonnenen Männern beraten worden wäre. Aber Herr von Berg hat völüg versagt. Erst war er für Bülow, dann gegen ihn, weil Bülow mit Scheidemann zusammen arbeiten wolle, und Berg empfahl die Diktatur, dann wieder gab er die verfassungsmäßigen Bechte der Krone kampflos preis, und schließlich unternahm er einen dilettantischen Versuch, das unwiederbringlich Verlorene wiederzugewinnen. Das Schicksal des Stuartkönigs, in das ich mich einstmals zu dichterischer Gestaltung hebevoll versenkt habe, trat vor meine Seele. Nur daß sich zu dem Kampfe zwischen dem englischen Parlament und Karl dem Ersten heute die furchtbare Tatsache gesellt, daß wir den Weltkrieg verloren haben. Der Umschwung in Deutschland ist so katastrophenhaft, daß die Leute mit wenigen Ausnahmen den Kopf verloren haben. Zu den Ausnahmen rechne ich den alten Grafen August Eulenburg, der in Haltung und Urteil die Buhe bewahrt hat. Hätte er statt 286 DER INNERE ZUSAMMENBRUCH Berg den Monarchen beraten, so wäre wahrscheinlich das Allerschlimmste vermieden worden. Ich möchte aber auch an dieser Stelle keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß ich ein beherzter Anhänger des parlamentarischen Systems bin und bleibe. Was ich jedoch beklage und worin ich die eigentüche Gefahr erblicke, ist der revolutionäre Charakter, unter dem sich die Einführung vollzogen hat. Morgen wird nun der neue Reichskanzler von der vollzogenen Tatsache, daß wir an Wilson ein Friedensangebot gerichtet haben, dem deutschen Volke und der Welt voraussichtlieh Kenntnis geben, und morgen abend wird sich auf das deutsche Volk die schwere dunkle Wolke nationaler Trauer senken. Hier und dort, wo man das Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzog, mag eine vorübergehende Entspannung eintreten. Aber sehr bald wird der Schrei nach den Schuldigen ertönen. Und die wahre Gefahr droht erst, wenn die Tapferen aus den Schützengräben in die Heimat zurückfluten und nach Wohnung, Arbeit und Brot suchen. Auf diesen Zeitpunkt müssen schon jetzt alle Besonnenen ihr Augenmerk richten, um den inneren Zusammenbruch zu verhüten. Vor dem Mut des Prinzen Max von Baden verbeuge ich mich, nur muß er sich von nervösen Beratern freimachen, die, wie Konrad Haußmann, rot wie eine reife Tomate, durch die Wilhelmstraße und durch die Wandelhalle des Reichstags rasen und toben. Ohnehin glaube ich nicht an eine lange Regierung des Prinzen Max. Aber ich erwarte in voller Erkenntnis der gegenwärtigen und kommenden Gefahren, daß sich das neue Deutschland in Jahrzehnte langer Arbeit zu neuer Kraft und Größe entfalten wird. Viel hängt von den deutschen Friedensunterhändlern ab. Ich denke dabei an das Frankreich von 1814 und 1815 und an die Ergebnisse des Wiener Kongresses. Aber komme schließlich, was mag: Mehr als vier Jahre haben wir unsere Festung gegen alle Anstürme und gegen erdrückende Übermacht tapfer und ehrenvoll verteidigt — Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae. In namenlosem patriotischem Schmerz bin ich in treuer Gesinnung Euer Durchlaucht ergebener Heckscher." Ich habe seit dem Tode meiner einzigen Schwester, die, ein kleiner Engel, im Januar 1870, kaum zwölf Jahre alt, von dem himmlischen Gärtner in sein Paradies verpflanzt wurde, und vor dem Heimgang meiner über alles geliebten Frau keine Träne vergossen. Als ich den Brief des Abgeordneten Heckscher zu Ende gelesen hatte, wurde ich von einem Weinkrampf befallen. Es war nicht nur die Gewißheit unserer Niederlage, die mich erschütterte, die bevorstehende Kapitulation nach vierjährigem heldenmütigem Kampf, nach solchen Leistungen der tapfersten, der schönsten Armee der Welt, das Erliegen der Armee von Fehrbellin und Leuthen, von Leipzig und Waterloo, von Sadowa und Sedan. Es war noch mehr die blitzschnell in mir aufsteigende Erkenntnis, daß der Tag gekommen sei, wo die DEUTSCHLAND WIRD KAPITULIEREN 287 Befürchtungen sich erfüllen würden, die mich seit neun Jahren beherrschten, die Ahnung, daß der Tag gekommen sei, da die heilige Ilios hinsinkt. Ich kannte unsere Gegner, die Bachsucht, die Machtgier, die sadistische Grausamkeit der Franzosen, französischer Generäle und französischer Advokaten, die kalte Härte der Engländer. Die im Laufe der letzten Wochen aus Washington ergangenen Kundgebungen ließen mich klar erkennen, daß Präsident Wilson den europäischen Verhältnissen und Verwicklungen mit der Naivität und Leichtgläubigkeit des ahnungslosen Huronen in Voltaires unsterblichem „Ingenu" gegenüberstehen würde. Ich kannte den deutschen Parteigeist, die Kleinlichkeit und Selbstsucht, die Erbärmlichkeit unserer Fraktionen, die geringe politische Einsicht des Durchschnittsdeutschen, die Schwäche des deutschen Nationalgefühls zu wohl, um an den Widerstand zu glauben, den ein Teil der demokratischen deutschen Presse für den Tag in Aussicht stellte, wo die deutsche Demokratie die Zügel ergreifen würde. Unter dem Eindruck des Augenblicks schrieb ich am 7. Oktober Herrn Heckscher einen langen Brief, bei dessen nachfolgender Wiedergabe ich Antwort manches fortlasse, was sich auf die Kritik der deutschen Politik während Bülows der letzten Jahre bezog, so berechtigt diese Kritik an und für sich auch war. „Seit vorgestern hegt auf meinem Schreibtisch Ihr Brief, der mir die erschütternde Nachricht brachte, daß Deutschland kapitulieren werde. Sie kennen mich zu gut, als daß ich Ihnen die Gefühle zu schildern brauche, die diese Nachricht in mir hervorgerufen hat. Wollte Gott, daß ich diesen Tag nicht erlebt hätte und abberufen worden wäre, als Deutschland noch seine große Stellung in der Welt behauptete. Als mir im Juli dieses Jahres von informierter Seite gesagt wurde, die Oberste Heeresleitung wünsche die Herbeiführung des Friedens, entgegnete ich, daß in diesem Falle alles darauf ankäme, mit diplomatischer Geschicklichkeit eine Verständigung zu erreichen, solange unsere militärische Lage nach außen noch aussichtsvoll erscheine. Was ist inzwischen in dieser Bichtung geschehen? Oberste Begierungsstellen haben eine Beihe sich untereinander widersprechender Beden gehalten, und wenn diplomatische Schritte und Sondierungen erfolgten, so blieben sie im Sande stecken. Warum hat man unser Volk nicht rechtzeitig auf den in Bulgarien bevorstehenden Erdrutsch vorbereitet und so der durch dieses Ereignis beförderten Panik vorgebeugt? Vor Wochen und Wochen habe ich gehört, König Ferdinand ergehe sich in Bedewendungen, die mindestens darauf hindeuten, daß er sich schwerlich auf dem Thron werde halten können, wenn er am Bündnis mit uns festhalte. Wer einigermaßen im Orient Bescheid wußte, konnte nicht im Zweifel darüber sein, daß schon der Bücktritt von Badoslawow und seine Ersetzung durch Malinow ein ernstes Warnungszeichen war. Was 288 DER SCHWERE WEG mich am schmerzlichsten berührt, ist die Mutlosigkeit, die an vielen Stellen hervortritt, und die allgemeine Kopflosigkeit. Sind wir denn wirklich so weit, daß wir die Flinte ins Korn werfen müssen? Haben die Franzosen nicht mutig weitergefochten, als sie Niederlage über Niederlage erlitten und wir Paris bedrohten? Haben unsere Feinde denn schon das Unke Rheinufer, Elsaß-Lothringen und Baden besetzt, hegen Aachen und Koblenz, Freiburg und Mannheim in Trümmern, wird der Kölner Dom beschossen? Das entspräche doch ungefähr der Lage, in der sich die Franzosen während vier Jahren befanden. Hat nicht selbst das kleine, bei Jena besiegte Preußen weitergefochten? Hat nicht Courbiere, als er von den Franzosen zur Übergabe von Graudenz aufgefordert wurde mit der Begründung, daß es keinen König von Preußen mehr gäbe, geantwortet, dann sei er König von Graudenz ? Wo bleiben die Manen von Arndt und Theodor Körner, von Stein und Schleiermacher ? Hatte der amerikanische Botschafter Gerard recht, wenn er in seinem bösen Buch ,Face to Face with Kaiserism' vor einem Jahr schrieb: ,The nerve of Germany will break. There is a suicide point in the German character'? Wenn die militärische Lage jetzt plötzlich eine so verzweifelte geworden ist, so mußte doch der Wechsel in unserer Haltung nach außen weniger jäh erfolgen. Die Bildung der neuen Regierung scheint mir zweckentsprechend. Besser noch wäre es gewesen, wenn am 4. August 1914, nachdem der Kaiser das Wort gesprochen hatte, er kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche, eine Koalitionsregierung wie in Frankreich, England, Belgien und später in Italien gebildet worden wäre, die uns durch den ganzen Krieg geführt hätte. Sie wissen, daß ich vom ersten Tage an der Meinung war, daß ein Krieg wie dieser nur mit voller Unterstützung durch die breiten Massen, also vor allem der organisierten Arbeiter, unter Berufung der sozialdemokratischen Führer in die Regierung geführt werden könne. Gibt uns die Demokratie die Führer, wie sie Frankreich vor achtundvierzig Jahren in Gambetta und jetzt in Clemenceau gefunden hat, so bin ich der erste, der sie segnet, wenn sie der Nation die Fahne vorantragen. Uber die Aufnahme, die unsere Friedensdemarche finden wird, will ich nicht prophezeien. Am intransigentesten werden die Franzosen sein, denen die Straßburger Kathedrale und der Metzer Dom in greifbare Nähe gerückt erscheinen und denen unsere vierjährige Okkupation auf den Nägeln brennt. Je mehr ich über die Lage nachdenke, je größer wird meine Bewunderung für unser Volk, seine Leistungsfähigkeit und Aufopferungswilligkeit, dieses Volks, daß wir um so mehr heben müssen, je schwerer jetzt sein Weg ist. Und um so brennender sei unser Wunsch, daß ihm einst lichtere Tage und ein besserer Ausblick in die Zukunft beschieden sein mögen." DER KAISER WILL NACH SPANIEN 289 Weiiige Tage später bezog ich wieder in Berlin unser gewohntes Quartier im Hotel Adlon, mit dem Blick auf den Pariser Platz. Als ich am Abend Büloie unserer Ankunft einen Spaziergang Unter den Linden unternahm, war ich ^ er '' n erstaunt, den ersten Stock der russischen Botschaft hell erleuchtet zu sehen, in dessen Gesellschaftsräumen ich Paul von Oubril und Peter Saburow, den einäugigen Fürsten Orlow, den Freund des Fürsten Bismarck, der ein Auge im Krimkrieg, beim Sturm auf Silistria, verloren hatte, meinen Freund den General Paul Schuwalow und, während meiner Amtszeit, den würdigen Grafen Osten-Sacken als Vertreter des Zaren gekannt hatte. Als ich eine Zeitungsverkäuferin frug, was in der russischen Botschaft los wäre, meinte sie: „Da is jroßer Trara bei die Russen for die Brieda von die U. S. P." In der Tat feierten russische und deutsche Kommunisten ein Verbrüderungsfest. Die Beziehungen zwischen beiden waren schon seit einiger Zeit sehr intim geworden. Der rollende russische Rubel, der unter dem Zarentum sich in Frankreich den Weg in so viele Zeitungsredaktionen wie auch in manche Tasche einflußreicher Politiker gebahnt, der auf dem Balkan, auch in Galizien und in Böhmen weite Kreise infiziert hatte, fand unter dem Sowjetstern seinen Weg in die Taschen der deutschen Radikalen, die sich in ihren verbrecherischen Anschlägen seit Monaten durch russische Subsidien unterstützt sahen. Der Gastgeber bei dem erwähnten Fest, der Botschafter Joffe, hat ein Jahr später, in ziemlich rüder Weise, nachdem der Umsturz in Deutschland erfolgt war, den sozialdemokratischen deutschen Reichstagsabgeordneten Oskar Cohn in einem offenen Brief daran erinnert, daß es ohne die von den Bolschewisten gewährte reichliche Subvention kaum möglich gewesen wäre, den Matrosenaufstand in Kiel und die Revolution in München und Berlin zu inszenieren. Eigenartiges hörte ich schon in den ersten Tagen meines Aufenthaltes in Berlin über Haltung und Stimmung des Kaisers. Der Reichstagsabgeordnete Heckscher erzählte mir, er sei in der Königgrätzer Straße dem Kaiser begegnet, der aus dem Garten des Hausministeriums kam, wo er damals fast täglich mit dem Hausminister Eulenburg konferierte. Der Kaiser habe ihn, Heckscher, mit durchbohrendem Blick angesehen und ihm mit pathetischer Stimme zugerufen: „Schützen Sie meine kaiserlichen Rechte!" Seltsamer klang, was mir ein Angehöriger der spanischen Botschaft sub rosa anvertraute. Ein Abgesandter des Kaisers habe in der spanischen Botschaft angefragt, ob Seine Majestät für den Fall, daß er Deutschland verlassen müsse, in Spanien auf eine freundliche Aufnahme rechnen könne. Von seiten der Botschaft war erwidert worden, daß König und Volk in Spanien, die während des Krieges ihre Sympathien für Deutschland nicht verhehlt hätten, dem Deutschen Kaiser die Gast- 19 BUIow III 290 DIE GEFAHREN DER PHANTASIE freundschaft gewähren würden, die dem ritterlichen Geist der spanischen Nation entspräche. Aber wie denke sich der hohe Herr die Reise von Berlin nach Spanien? Den üblichen Landweg über Paris und Hendaye-Irun könne er nicht wohl einschlagen, ebensowenig den Seeweg über Italien und Barcelona. Die Antwort lautete, der Kaiser trage sich mit der Absicht, imU-Bootnach San Sebastian zu gelangen, wie dies nicht lange vorher einem kühnen deutschen U-Boots-Kommandanten gelungen war. Dieser Plan scheint nur eine Seifenblase gewesen zu sein, die ebenso rasch zerplatzte, wie sie sich gebildet hatte. Sicher war, daß der Berliner Boden Seiner Majestät unter den Füßen brannte. Daß es dem Kaiser gegenüber einer präsenten Gefahr nicht an Mut fehlte, hatte er, wie ich seinerzeit erzählte, während der bangen Tage bewiesen, wo er an Wucherungen im Halse erkrankte, was in der Erinnerung an das Krebsleiden beider Eltern so wie anderer Vorfahren auch einen starken Mann umwerfen konnte. Wilhelm II. betätigte seine Unerschrocken- heit beim Reiten, das für ihn bei der Unbrauchbarkeit seines linken Armes immer mit Gefahr verbunden war. Ich bin endlich oft mit ihm in Wilhelmshöhe, in Wiesbaden und Homburg, in Kiel und auf vielen Reisen unbewacht spazierengegangen, ohne daß er die geringste Besorgnis an den Tag legte. Aber bei Wilhelm II. überwog Phantasie, Schillers kühne Seglerin, bisweilen die ruhige Überlegung, die Metis der alten Griechen. Bei einem Dichter wäre das ein Vorzug gewesen, rühmt doch auch der Olympier Goethe als seine Göttin die ewig bewegliche, immer neue, seltsame Tochter Jovis, sein Schoßkind, die Phantasie. Bei einem Regenten hatte eine so rege Phantasie ihre Gefahren. Schon deshalb bedurfte Wilhelm II. so sehr, so dringend ruhiger und besonnener Ratgeber. Möglichkeiten, die ihm seine Phantasie vorspiegelte, rissen ihn entweder zu übertriebenen Erwartungen hin oder versetzten ihn in ebenso übertriebenen Schrecken. Seit dem tragischen Ende des unglücklichen Zaren Nikolaus II. stand der Deutsche Kaiser unter dem Eindruck dieses entsetzlichen Ereignisses. Der Zar sei, so glaubte der Kaiser, daran zugrunde gegangen, daß er zu lange mit seiner Abreise aus der Hauptstadt nach dem Hauptquartier gezögert hätte. Deshalb wäre es den Aufrührern möglich gewesen, ihn unterwegs abzufangen, zur Abdankung zu zwingen und dann abzuschlachten. Der Kaiser übersah den weiten Abstand zwischen russischen und deutschen Verhältnissen, deutscher und ausländischer Mentalität und Tradition. Nie hat ein deutscher Fürst das Schafott bestiegen, wie in Frankreich und England Ludwig XVI. und Karl I., nie war in Deutschland ein Herrscher ermordet worden, wie in Italien, in Schweden, wie mehr als einmal in Rußland. ' Jedenfalls war es ein großer politischer Fehler von Seiten des Kaisers, daß er im Herbst 1918 seine Hauptstadt verließ. Er hätte in Berlin bleiben, THRON UND REVOLUTION 291 die Fühlung mit den Ministern unterhalten, ernste Leute empfangen, die Zügel der Regierung in der Hand behalten und vor allem für die militärische Sicherheit seiner Hauptstadt sorgen sollen. Und im schlimmsten Falle hätte Wilhelm II., dem Rate des Fürsten Bismarck folgend, an den Stufen des Thrones fechtend fallen müssen. Die Revolution war in keiner Weise unabwendbar. XXII. KAPITEL Prinz Max von Baden Reichskanzler • Seine Persönlichkeit, seine Ungeeignetheit zum Kanzleramte • Neuerliche Kandidatur des Fürsten • Die Frage der Abdankung Wilhelms II., seine Flucht nach Holland und sein Brief an den Kronprinzen • Vollzug der Abdankung • Die Spießbürgerlichkeit der deutschen Revolution • Meuterei in Kiel • Die Ereignisse in München • Flucht Ludwigs III. von Bayern • Wie Friedrich August von Sachsen Abschied nahm zum Reichskanzler ernannt Am 3. Oktober 1918 hatte Prinz Max von Baden den Grafen Hertling abgelöst, dessen Verkalkung so rasche Fortschritte machte, daß sein Bleiben von Baden au f aem Kanzlerposten völlig unmöglich geworden war. Als nicht lange vor dem Rücktritt des Grafen Hertling ein Vertreter der O. H. L. in Spa bei ihm erschien, um ihm eine ■wichtige Mitteilung zu machen, die sofortige und energische politische Entscheidungen erheischte, wehte ihm eine Weihrauchwolke entgegen. Der Kanzler hatte eine schwere Ohnmacht erlitten und war auf seinen Wunsch mit den Sterbesakramenten versehen worden. Er ist denn auch vier Monate nach seinem Rücktritt, am 4. Januar 1919, in seinem kleinen Landhause in Ruhpolding in Oberbayern gestorben. Sein Nachfolger, Prinz Max von Baden, verdiente weder die Vorschußlorbeeren, die ihm nach seiner Ernennung zum Reichskanzler überreicht wurden, noch die Invektiven, die nach seinem Rücktritt auf ihn niederprasselten. Um mit dem französischen Dichter zu reden: II ne meritait ni cet exces d'honneur, ni ces indignites. Ich glaube den Prinzen objektiv beurteilen zu können, der mir nie irgendwie imponiert hat, mir aber nicht unsympathisch war und mit dem mich vieljährige Beziehungen verbanden. Prinz Max war vor allem Dilettant, ein fürstlicher Dilettant. Er war ohne besondere Kenntnisse Ehrendoktor der Staatswissenschaften geworden. Er wurde, obwohl er nur ein paar Jahre bei den Gardekürassieren gestanden und dann vorübergehend ein badisches Dragonerregiment kommandiert hatte, General der Kavallerie. Als Prinz seines Hauses zum Präsidenten der Ersten Badischen Kammer erwählt, hielt er in jedem zweiten Jahre, wenn er das Präsidium übernahm, denn der Badische Landtag versammelte sich verständigerweise nur alle zwei Jahre, eine kleine Rede. Der Prinz ließ sich einige Monate vor dem Zusammentritt des Landtags seine Rede von einem Heidelberger oder Freiburger Professor ausarbeiten und hatte DER ROMAN EINER DESZENDENZ 293 immer Zeit genug, sie auswendig zu lernen. Die tadellos aufgesagte Rede, die sich in allgemeinen liberalen Wendungen bewegte, erregte stets den freundlichen Beifall, den diese harmlose Art von Beredsamkeit seit jeher in Deutschland findet. Man denke an Herrn Willy Helpach, der sich nach dem Ableben des biederen Fritz Ebert 1925 schon als Reichspräsident träumte. Während des Weltkrieges hatte sich Prinz Max von Baden der deutschen Internierten in der Schweiz angenommen und dabei im Verkehr mit den Schweizer Behörden wie mit den Internierten aller kriegführenden Mächte hebenswürdiges Wesen und sicheren Takt an den Tag gelegt. Ich glaube noch heute, daß Prinz Max als Führer der Waffenstillstandskommission im Herbst 1918, wenn ihm ein tüchtiger Generalstäbler und ein gewandter Beamter des auswärtigen Dienstes beigegeben worden wäre, seine Sache ganz gut gemacht hätte. Zum Unterhändler mit fremden Diplomaten, Ministern und Generälen eignete er sich weit besser als die „unabhängigen Deutschen", die freiwillig nach Versailles fuhren, wo sie eine klägliche Rolle spielten, oder gar als Matthias Erzberger, den wir in den Wald von Compiegne schickten. Prinz Max hatte ein vornehmes Auftreten, die besten Formen. Er beherrschte gleich gut Englisch und Französisch. Sohn des uralten Zähringer Hauses und Gatte einer Tochter des noch älteren weifischen Hauses, war er gleichzeitig mit dem englischen, dem russischen und dem dänischen Hofe nahe verwandt. Durch seine Mutter, eine Leuchtenberg- Romanowsky, war er ein Urenkel des Kaisers Nikolaus I. Er stammte aber nicht nur von dem großen Autokraten ab, sondern auch vom Vicomte Alexandre Beauharnais, der nach dem Ausbruch der Französischen Revolution sich ihr anschloß, zum Befehlshaber der Rheinarmee ernannt und, weil er Mainz nicht halten konnte, im Monat Thermidor 1794, wenige Tage vor Robespierre, guillotiniert wurde. Wie erstaunt wäre der junge General Beauharnais gewesen, wenn ihm, während er in dem verhängnisvollen Karren zur Guillotine gefahren wurde, eine Seherin erschienen wäre, die priesterliche Jungfrau der Brukterer im heutigen Westfalen, die Velleda, oder ein Seher, wie der Teiresias der griechischen Sage, und ihm verkündet hätte: „Deine hübsche Witwe Josephine wird Kaiserin der Franzosen werden, dein kleiner Sohn Eugen Vizekönig von Italien und Schwiegersohn des ersten Königs von Bayern; dessen Sohn, dein Enkel, wird die älteste Tochter eines russischen Zaren heiraten. Deine kleine Tochter Hortense wird Königin der Niederlande werden und Mutter des dritten französischen Kaisers, der von einem deutschen Kaiser bei Sedan gefangengenommen werden wird. Deine Nachkommen werden auf den Thronen von Schweden, Norwegen, Dänemark, von Brasilien und sogar von Anhalt-Dessau, Kothen und Bernburg sitzen. Deine kleine Nichte Stefanie wird Großherzogin von 294 WIEDER EIN „VERRÄTER" Baden werden und ein Urenkel von ihr der letzte Reichskanzler des kaiserlichen, des großen Deutschlands." George Sand sagt mit Recht, que la vie ressemble plus au roman que le roman ä la vie. Ich wiederhole noch einmal, die mancherlei Beziehungen des „Bademax", wie er bei den Gardekürassieren genannt wurde, sein Wesen und seine Persönb'chkeit eigneten ihn vortrefflich zum diplomatischen Vertreter und Unterbändler auch im großen Stil. Nichts qualifizierte ihn zum Reichskanzler, und noch dazu in der denkbar schwierigsten Situation. Gegenüber Wilson versagte er vollständig, fiel im Bunde mit den ihn beratenden Demokraten auf alles und jedes herein, was aus Washington an Phrasen kam. Als, dem Usus entsprechend, bei dem Großherzog Friedrich II. von Baden, einem sehr verständigen Herrn, von seiten des Kaisers angefragt wurde, ob er seine Ermächtigung dazu gebe, daß sein Vetter, Prinz Max, das Reichskanzleramt übernehme, erfolgte die Rückfrage, ob es sich um ein Chiffre-Verseben handle oder um einen nicht ernst zu nehmenden Einfall Seiner Majestät. Die Antwort lautete, daß ein wohlerwogener Entschluß vorhege. Schon deshalb hatte Wilhelm II. unrecht, wenige Wochen später den von ihm ausgesuchten und ernannten Kanzler mit allen der Zoologie entnommenen Schmeichelnamen zu belegen, die dem Kaiser, wenn er erzürnt war, zur Verfügung standen. Ein langjähriger Freund von mir, der beim Kaiser wohlgelitten war, besuchte kaum zwei Monate nach des Kaisers Flucht die Majestäten im Bentinckschen Schlosse Amerongen. Er erzählte mir, bei einem Abendessen wäre die Stimmung des Kaisers besonders trübe gewesen. Er habe kein Wort gesprochen. Sorgenvoll habe die arme Kaiserin auf ihren hohen Gemahl geblickt. Plötzlich habe Wilhelm II. mit der Faust auf den Tisch geschlagen und laut gerufen: „Der Bademax ist ein Verräter! Ein Schurke!" Da habe die Kaiserin mit einem Seufzer der Erleichterung geflüstert: „Gottlob! Jetzt redet er wieder." Der Vorwurf Seiner Majestät war übertrieben. Der Bademax hätte Seiner Majestät mit Mohere erwidern können: „Tu l'as voulu, George Dandin, tu l'as voulu!" Bei den Besprechungen, die Herr von Berg im Auftrage des Kaisers mit Nochmals den Parteiführern über die Nachfolge des Grafen Hertling abgehalten hatte s Kanzler- — von der Taktik der Überrumpelung des Parlaments war man unter dem f ra S e Druck der Verhältnisse abgekommen —, war, wie ich von verschiedenen Beteiligten, darunter auch vom Abgeordneten Erzberger hörte, auch mein Name genannt worden, da man im Reichstage anzunehmen schien, daß die Erfahrungen, die ich auf dem Gebiete der auswärtigen Pohtik besaß, beim Friedensschluß nutzbar gemacht werden könnten. Herr von Berg wurde durch diese Erörterung in eine peinliche Lage versetzt. Er entgegnete mit sichtlicher Nervosität, er empfände für den Fürsten Bülow aufrichtige EIN DEUTSCHER GAMBETTA? 295 Verehrung, stünde auch persönlich zu ihm in guten Beziehungen. Er halte sogar dessen Ernennung zum Reichskanzler für die richtige Lösung. „Aber", sagte er, „den Fürsten Bülow bringe ich beim Kaiser nicht durch. Das ist völlig ausgeschlossen." Dieser Standpunkt des Kabinettsrats Seiner Majestät war an und für sich begreif lieh. Ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit Wilhelm II. war in dieser gefahrbeschwerten Lage nur möglich bei vollem und rückhaltlosem gegenseitigen Vertrauen. Der Kaiser war von Leuten, die glaubten, ihm damit einen Gefallen zu erweisen und sich seine Gunst zu sichern, in Abneigung und Mißtrauen gegen mich erhalten worden. Die Selbstbeherrschung und das Pflichtgefühl, deren er bedurft hätte, um die fast ein Jahrzehnt lang bei ihm mit allen Mitteln genährte und lebendigerhaltene Ranküne zu überwinden, besaß er nicht. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen wäre, Wilhelm II. oder wenigstens die Dynastie zu retten. Daß ich auf Wilsons Propositionen ohne weiteres hereingefallen wäre, wie Prinz Max und Neulinge vom Typ Haußmann und Erzberger, glaube ich nicht. Ich möchte mich gegen den Vorwurf billiger Kombinationspolitik verwahren. Aber für mich wie für jeden anderen braven Preußen und politisch klarblickenden Deutschen war in den Oktobertagen des Jahres 1918 nur noch ein Ausweg möglich. Wir mußten fechten, weiterfechten. Es blieb uns keine andere Wahl. Die Zügel im Innern mußten schärfer angezogen, die Etappe gründlich gesäubert, jeder verfügbare Mann an die Westfront gebracht werden. Es war, wie mir von einsichtsvollen Militärs versichert worden ist, ein Ausharren noch an verschiedenen Stellen möglich, jedenfalls am Rhein. Das habe sich mit voller Klarheit aus den Äußerungen der Regimentsführer ergeben, die in größerer Anzahl aus allen Abschnitten der Front in das Hauptquartier befohlen worden waren, um der Heeresleitung über die Stimmung in der vordersten Kampf linie Meldung zu erstatten. Im Gegensatz zu ihren Oberkommandos hätten sich die Regiments- und Brigadeführer für die Fortsetzung des Kampfes ausgesprochen und sich für den ungeschwächten Kampfgeist ihrer Truppen verbürgt. Daß wir, als unsere Regierung kapituherte, sehr wohl in der Lage waren, weiterzufechten, und sogar unter militärisch nicht allzu ungünstigen Verhältnissen, hat nach dem Ende des Weltkriegs Marechal Foch wiederholt geäußert. In einem Interview, das er im Juli 1928 einem Mitarbeiter der „Wiener Neuen Freien Presse" gewährte, erklärte unser bedeutendster Gegner seinem Besucher, daß Deutschland im September 1918 hinter dem Rhein hätte standhalten können. „Wenn das deutsche Volk einen Gambetta besessen hätte, wäre der Krieg verlängert worden, und wer weiß . . ." Auf den Einwurf, das Beispiel Gambettas hätte bewiesen, daß ein heldenhafter Widerstand eines militärisch besiegten Volks nur dazu diene, den Krieg nutzlos zu verlängern, erwiderte Marschall Foch: 296 DIE ABDANKUNG „Dennoch glaube ich, daß ein Volk, das nicht besiegt werden will, nicht besiegt werden muß. Im November 1918 hatte Deutschland selbstverständlich keinerlei Siegesaussichten mehr. Hätten jedoch seine Armeen hinter dem Rhein standgehalten, hätten viele Dinge eine andere Wendung genommen." Wenn mir General Ludendorff gesagt hätte, er hielte einen weiteren militärischen Widerstand für ausgeschlossen, so würde ich ihm erwidert haben: „Ich begreife, daß nach so großartigen Leistungen, unerhörten Anstrengungen Ihre Nerven einen Augenblick nachlassen. Selbst Napoleon, selbst unser großer König haben solche Augenblicke gekannt. Schlafen Sie sich vierundzwanzig Stunden aus, dann wollen wir weiterreden." Ich bin überzeugt, daß der General nach vierundzwanzig Stunden wieder der alte gewesen wäre, und wir hätten weitergefochten, weitergekämpft, wie Ludendorff und Hindenburg die ganze Zeit, wo die Oberste Heeresleitung in ihren Händen lag, bis dahin gekämpft hatten. Jedenfalls hätte ich den Kaiser gezwungen, nach Berlin zurückzukehren. Ich hätte ihn nicht über die Grenze fliehen lassen. Und ich würde in Berlin für die Aufrechterhaltung der Ordnung gesorgt haben. Wir konnten besiegt werden, aber wir durften nicht zusammenbrechen. Prinz Max war gewiß nicht der Verräter, als der er nicht nur Kaiser Wilhelms IL Wilhelm, sondern vielen Gutgesinnten gilt. Aber auch er war, wie vor ihm Verzicht Bethmann Hollweg, zu schwach, um wirklich aufrichtig zu sein. Er hat invermeidhch zwe jf e ll 08 (Jie Geschäfte mit der Absicht übernommen, den Kaiser über Bord zu werfen, um das Schicksal der preußischen und damit auch der anderen deutschen Dynastien zu retten. Er hatte schon einige Monate vor seinem Amtsantritt dem Kronprinzen Ruprecht von Bayern, mit dem er in dauernder Korrespondenz stand, geschrieben, die Abdankung des Kaisers sei unvermeidlich. König Ludwig von Bayern, der wohl dachte, daß, was mit dem Kaiser angefangen, bei ihm fortgesetzt werden könnte, hatte daraufhin seinem Herrn Sohn einen scharfen Verweis erteilt, daß er eine solche Eventualität überhaupt erörtert habe. Unter dem Druck der immer deutlicher werdenden Anspielungen Wilsons hatte Prinz Max als Kanzler gegenüber dem bayrischen Ministerpräsidenten von Dan dl mit eindeutiger Bestimmtheit ausgesprochen, daß er es als den dringlichsten Teil seiner Aufgabe betrachte, den Kaiser von der Notwendigkeit seiner Abdankung zu überzeugen. Herr von Dandl erstattete über diesen ihn entrüstenden Standpunkt des Prinzen seinem Allerhöchsten Herrn pflichtschuldigst Bericht, was die Stimmung für den Prinzen Max in München nicht verbesserte. Später versuchte Prinz Max, den Großherzog Ernst von Hessen zu veranlassen, den Kaiser zur Abdankung zu bewegen. Der Großherzog lehnte ab unter dem Hinweis darauf, daß er der leibliche Vetter des Kaisers sei, der einen Teil seiner Jugend von Kassel und Bonn aus während seiner DER 9. NOVEMBER 297 Ferien in Darmstadt verlebt habe. Er, der Großherzog, könne sich unmöglich dazu hergeben, Kaiser Wilhelm II. die seidene Schnur zu überbringen. Endlich gelang es dem Prinzen Max, den damaligen preußischen Minister des Innern, Herrn Drews, zu überreden, seinerseits den Versuch zu unter- Der Kaiser nehmen, dem Kaiser klarzumachen, daß er nicht länger bleiben könne. Der * n Sf Minister hatte kaum seinen hierfür sorgsam vorbereiteten Vortrag begonnen, als ihm der Kaiser, bei dem sich gegenüber diesem ziemlich subalternen Bürokraten endlich der fürstliche Stolz aufbäumte, die Tür wies. Daß im Parlament, ja selbst im Schöße seiner eigenen Regierung, auf seine Abdankung hingearbeitet, daß sie als Erleichterung des Friedensschlusses betrachtet wurde, war dem Kaiser auch ohne den letzten Vortrag, den er von seinem Minister des Innern entgegennahm, nicht verborgen geblieben. Als er Berlin verließ, um sich in das Hauptquartier nach Spa zu begeben, wußte er, daß sein persönliches Schicksal ungewiß, das der Dynastie gefährdet war. Er tat aber nach außen, als ob er nicht weichen werde. Noch am 6. oder 7. November erzählte mir der Generaladjutant Löwenfeld, der Kaiser habe ihm aus Spa telegraphiert, er möge „allen Treuen im Lande" sagen, daß der König von Preußen und Deutsche Kaiser „bis zum letzten Blutstropfen" standhalten würde. Als die Meldung von der Revolte in Kiel, von der Revolution in München und in Berlin eintraf und gleichzeitig Gerüchte die Stadt durchschwirrten, daß die Feldarmee im Westen den Gehorsam versage, besuchte mich Graf August Eulenburg und sagte mir: „Nun müssen wir Gott bitten, daß unser Herr den Mut findet, an der Front zu fallen." Das war in der Tat die letzte Möglichkeit, die Lage zu Gunsten der Dynastie zu wenden. Prinz Max, dessen Leistungsfähigkeit von Brom und Chloral abhing, hatte den Rest seiner Nervenkraft eingebüßt und den Kopf völlig verloren. Er hatte unter dem Hinweis auf die Möglichkeit blutiger Zusammenstöße in Berlin telegraphisch und zum Schluß sogar telephonisch in Spa insistiert, daß der Kaiser so rasch als möglich abdanken müsse. Wilhelm II. war nicht mehr in der Lage gewesen, die Angaben seines letzten Kanzlers auf ihre Richtigkeit nachprüfen und feststellen zu lassen, wie weit sie der Wirklichkeit entsprächen und wie weit sie durch Neurasthenie diktiert waren. Die überstürzt vollzogene Abdankung war in Berlin auf Anordnung des Prinzen Max schleunigst bekanntgegeben worden. Die Nachricht von der Abdankung, welche die noch treugesinnten Heeresteile des obersten Kriegsherrn beraubte, hatte auf den Geist der Front katastrophal gewirkt. Nicht lange nachher traf in Berlin die Meldung ein, daß Wilhelm II. über die holländische Grenze geflohen sei und bei dem Grafen Godard Bentinck in Schloß Amerongen Aufnahme gefunden habe. Von allen Berichten über die Ankunft des Kaisers in Holland scheint mir der wahrheitsgetreuste die 298 AMERONGEN Der Kaiser Schilderung der dem Hausherrn nahe verwandten Lady Norah Bentinck, in Holland Q j e Be i \f ^tJ-H-Mlv^ H " fajy Ltv U ^d^^r^ ^^W^j^A^ a\ %,i ^If^r ; ^^>^>^>^r Aty'+!/r typ^ ^^-w^v. ffart/^-^^^^ % if/^^q^^ ^WJ^^ 7 *- hiUl t^foti?h> ^4is/faf *k^h*i M>) r '^'furiß^ ^ydLi iffL v/t^lhd Pi^i-hh^ f äi^f^^ f& / Jt*w6tod~ / t A ^p^f pJrVvi €W?s>*db* f% ^ V^^*^/ fäf ) ' *S v / / /] /S/0 /Ii-- ^t£/ fr»/ y^cu^.j/f L EIN GEBOT DER GERECHTIGKEIT 325 aller Einsicht keine Macht in Händen hat." Dieser größte Schmerz war i i • t ^ $2?. f&A* tfipd v$fr s/w /M*M^ /uiM^M Uy. ^<>4^wfA m H^tH«' ^ 1 /fc"h,1U J ^V^Ü"" *-s^^i/^^V "vp* — 'M. % 11 Y r Ji* V* rA*At*n d Jy Wfß^ ti^T 2» ;W£r - ^NK 1 en - *^^y^Ä. ^ löst ick- Die Mitschuld gen ^ es alten die S ^ stems gen zu Ge- sen, um irzt ben in bst cht uld en- lrt, hr- .ere ent wie bst *J SU: &7 . /fi* i/fisifa hin^n^l\^ /^t ^/^^^^^^ yfcwft' ern ich an, ch- en, ich 3ht igte, mg erschwindend kleine Zahl von .Parlamentariern, die im früheren Deutschland Minister geworden sind, bestätigen als Ausnahmen nur die Regel. /eÄwA^/^ Itf-, T^ EIN GEBOT DER GERECHTIGKEIT 325 aller Einsicht keine Macht in Händen hat." Dieser größte Schmerz war mir beschieden. Ist der Volksstaat, der durch die Revolution den Obrigkeitsstaat abgelöst hat, befähigt gewesen, die ungeheure Aufgabe zu lösen, vor die der Unglück- Die Mitschuld liehe Ausgang des Weltkrieges ihn gestellt hat ? Ist er befähigt gewesen, ^ es a ^ ten nach dem Zusammenbruch die Geschicke des Reichs mit Energie in die Sy $tems Hand zu nehmen und, aller Welt Achtung gebietend auch in den Tagen nationalen Niederbruchs, der großen deutschen Vergangenheit wert zu sein? Die Antwortet lautet: Nein. Es ist jedoch Gebot abwägender Gerechtigkeit, anzuerkennen, daß die Welt staatlicher und politischer Ideen, in denen das deutsche Volk im friedlichen Bewußtsein seiner Kraft bis zum Ausbruch des Krieges gelebt hatte, zu jäh, zu gewaltsam zusammengestürzt ist, als daß es den Weg zur Neuordnung der Dinge mit der politischen Uberlegtheit hätte finden können, die für die Nationalversammlung in Weimar, die für die ersten Jahre der Republik notwendig war. Sich selbst überlassen, wie sie es in Weimar waren, wußten die Männer, die die Macht an sich gerissen hatten, mit ihr vorerst nur wenig anzufangen. Mitschuld an diesem Zustand war zweifellos das alte System, das dem Parlamentarismus allzu ablehnend gegenübergestanden hatte. Das hatte dazu geführt, daß, wer einem Parlament angehörte, sich dadurch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit von hohen Staatsämtern ausschloß. Wer damals Karriere machen, wer Minister werden wollte, tat gut daran, sich vom Parlament fernzuhalten. Die Folge war, daß Regierungskrise und Parlament sich wie abgeschlossene Kasten feindselig und mißtrauisch gegenüberstanden. Selbst verabschiedete Minister, die an sich nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten hatten, hielten sich von parlamentarischer Betätigung fern. Maßnahmen der Regierung als Mitglieder der Volksvertretung zu kritisieren, die Regierung anzugreifen, wäre ihnen als Fronde gegen Kaiser und Reich erschienen. Das waren nicht subjektive Erwägungen des einzelnen, sondern Erwägungen, die im System begründet lagen. In England und Frankreich greift der abgetretene Ministerpräsident seinen Nachfolger rücksichtslos an, wenn die Interessen des Landes ihm dies zu verlangen scheinen. In Deutschland war der entamtete Minister zum Schweigen verurteilt. Die Erfahrungen, die er sich erworben, die Vertrautheit mit Staatsgeschäften, die er sich angeeignet haben mochte, konnten dem Parlament nicht nutzbar gemacht werden. Das war zweifellos kein gesunder Zustand. Ich habe die Schwierigkeiten bereits erwähnt, mit denen ich als Reichskanzler zu kämpfen hatte, als ich mehr als einmal Wilhelm II. für einen Versuch der Heranziehung von Parlamentariern für leitende Staatsstellen gewinnen wollte. Die verschwindend kleine Zahl von Parlamentariern, die im früheren Deutschland Minister geworden sind, bestätigen als Ausnahmen nur die Regel. 326 DER ERSTE REICHSTAG Als daher das deutsche Volk zur Wahl der Nationalversammlung und Die neuen später zur Wahl des ersten neuen Reichstags schritt, fehlte es an politisch Männer geschulten Köpfen, die aus eigener Erfahrung die Technik der Staatsverwaltung, die Handhabung des staatlichen Machtapparates, die Führung der Staatsgeschäfte kannten. Die Politiker, die dem ersten Werden des neuen Deutschlands das Gepräge gegeben haben, waren durchweg Neulinge, die mit täppischen Händen in die große Maschine des Staats eingriffen. Sie waren bis dahin gewöhnt gewesen, die Fragen des staatlichen Lebens nur vom Standpunkt unfruchtbarer Kritik oder skrupelloser Opposition zu behandeln. Der Staatsgedanke, die Salus publica, kam für diese Homines novi erst nach dem Parteiinteresse, erst nach den Gesichtspunkten, in deren Beachtung sie in der Schule des Parteilebens gedrillt worden waren. Der Übergang zur Macht war für sie zu unvermittelt gekommen. Da das Bewußtsein der Würde des Staates in ihnen nicht lebendig war, fehlte es ihrem Auftreten nach außen, fehlte es zum Teil ihrer inneren Gesinnung an Würde. Sprechender Beweis ist hierfür die schwarz-rot-goldene Fahne, die in Weimar dem deutschen Volke in einer Stunde moralischer Erschöpfung aufgedrängt worden ist. Das alte Reichsbanner, dessen Farben ein halbes Jahrhundert in Ehren in der ganzen Welt sich hatten zeigen können, die Fahne Schwarz- Weiß-Rot, die respektgebietend auf allen Meeren geflattert hatte, wurde dem „Geist von Weimar" geopfert, ohne Verständnis für die Kläglichkeit des Schauspiels, das Deutschland bot, als es das Wahrzeichen seines Glanzes und seines Ruhms in würdeloser Selbstzerknirschung zerriß. Der Eindruck, den die Kabinette der ersten Jahre der deutschen Republik auch auf uns freundlich gesinnte Kreise des Auslandes, insbesondere jene neutraler Länder machten, war kläglich. Bei aller Korrektheit, mit der sich mir aus früherer Zeit befreundete fremde Diplomaten ausdrückten, mußte ich zu meinem Schmerz aus ihren Äußerungen heraushören, daß man im uns gut gesinnten Ausland nicht begriff, wie Deutschland derart arm an Politikern sein könne, die mit Würde die Interessen ihres Landes zu vertreten verstünden, und wie wohlzufrieden man mit diesem Zustand in Paris und in London war. Wenn ich auf Gründung und Ausgang des ruhmvollen Deutschen Reiches Bismarck Bismarckscher Prägung zurückblicke, so drängt sich mir die Frage auf, ob und das d er größte deutsche Staatsmann nicht zu viel Macht im preußischen Parlament Xönigstum und damit im deutschen Kaisertum konzentriert, ob er nicht andererseits dem Parlament zu wenig Einfluß eingeräumt hat. Wie meist, so hat auch in dieser entscheidenden Frage Bismarck sich ein Urteil aus eigener Erfahrung, nach eigener Anschauung gebildet. Durch seine Geburt, durch seinen Lebensgang, durch die Tradition seines Geschlechts wie durch die Umgebung, in der er aufwuchs, war er, vielleicht, noch mehr mit dem WILHELM I. UND SEIN ENKEL 327 Gefühl als mit dem Verstand, durch und durch Royalist, preußischer Royalist. Er hatte als junger Mensch noch vor König Friedrich Wilhelm III. gestanden, hatte viel über ihn gehört, den nüchternen, einsilbigen, pflichttreuen, vorsichtigen Regenten, der im Infinitiv sprach, aber keine Dummheiten sagte, der nach Jena und Tilsit nicht verzweifelte und nach Leipzig und Waterloo nicht übermütig wurde. Bismarck war Friedrich Wilhelm IV. nähergetreten, der phantastisch und unstet war, auch nicht ganz zuverlässig, aber ein Mann von edlem Herzen und tiefer Bildung. Bismarck hat sich oft, allzu oft, mit dem Kronprinzen, dem nachmaligen Kaiser Friedrich, gestritten. Aber er wußte, noch mehr als er dies zeigte, dessen ritterüches Wesen, dessen Lauterkeit und Herzensgüte, dessen vollkommene Furchtlosigkeit zu schätzen. Fürst Bismarck hatte vor allem in fast dreißigjährigem Zusammenarbeiten mit Wilhelm I. einen Fürsten, einen König auf Herz und Nieren geprüft, der wie kaum ein anderer echte Vornehmheit mit innerer Bescheidenheit, strenges Pflichtgefühl mit zarter Güte verband, der nie indiskret, nie taktlos war, der nie vergaß, daß er der Köüig war, und der seine Stellung doch nie mißbrauchte, der nie undankbar war und nie rachsüchtig, dessen heldenmütige Tapferkeit, dessen hochgespanntes nationales Ehrgefühl und dessen treue arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und dessen Liebe zum Vaterland Fürst Bismarck wenige Stunden nach dem Hinscheiden des alten Kaisers mit Recht vor dem Reichstag in einem unsterbbchen Nachruf rühmte. Den Enkel dieses wahrhaft großen Kaisers, den Kaiser Wilhelm II., kannte Fürst Bismarck im Grunde nur ziemlich oberflächlich. Er fand sich nicht zurecht mit diesem eigenartigen Regenten, er konnte sich nicht hineindenken in diesen preußischen König, der von seinem Vater nicht viel, der von seinem Großvater gar nichts, von seinem Urgroßvater auch nichts, der von seiner Mutter manches, der dafür zu viel, allzu viel von seinem Großonkel, dem Herzog Ernst II. von Koburg, geerbt hatte. Die Charakteristik, die der große Kanzler im dritten Band seiner „Gedanken und Erinnerungen" von Wilhelm II. entwirft, zeigt, daß er, den ein Altersunterschied von vierundvierzig Jahren von diesem trennte, in dessen komplizierte Psyche nicht eingedrungen ist. Eine Unreife, wie sie ihm bei Wilhelm II. begegnete, hatte er nicht für möglich gehalten. Auf diesen König und Kaiser war Bismarck nicht gefaßt, als er die Fundamente des neuen Deutschen Reiches legte. Aber selbst wenn Bismarck, in Vorahnung des dritten deutschen Kaisers, die kaiserliche Stellung weniger überragend gestaltet hätte, so würde es ihm doch recht sauer geworden sein, dem Parlament, einem deutschen Parlament, größere Rechte einzuräumen, der Demokratie, der deutschen Demokratie, weiter entgegenzukommen. Seine Geringschätzung für den deutschen Parlamentarier war in mancher Hinsicht nicht unverdient, aber sie ging 328 STATT DER EVOLUTION DIE REVOLUTION zu weit. In seiner Redlichkeit, aber auch in seiner Unbeholfenheit und seiner Weltfremdheit erinnerte ihn der deutsche Parlamentarier an die beiden Typen des politisierenden Deutschlands, an den Professor und an den Kreisrichter, die Bismarck vom ersten bis zum letzten Tage seines politischen Lebenä so wenig schätzte. Fürst Bismarck war der größte aller Junker, aber er war ein Junker, ein märkischer Junker. Er war Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, er war Offizier bis in die Fingerspitzen, preußischer Offizier. Es war ein Unglück, daß Wilhelm II. sich nach der Entlassung des Die Fehler Fürsten Bismarck nicht entschlossen hat, von nun an sich selbst zurück- Wilhelms II. zuhalten, dagegen unsere politischen Zustände im liberalen und parlamentarischen Geiste auszubauen. Statt dessen wiegte sich der junge Kaiser in dem Wahn, daß er imstande sein 'würde, sein eigener Kanzler zu sein und in Deutschland und vor der Welt die Rolle zu übernehmen, die Bismarck achtundzwanzig Jahre mit echtem Genie und wahrer Größe gespielt hatte. Es war auch ein Unglück, daß Wilhelm II. meine Absicht, nach den siegreichen Reichstagswahlen von 1907 allmählich und vorsichtig, aber stetig durch eine Reform des preußischen Wahlrechts, durch die Ernennung von Parlamentariern zu Staatssekretären und Ministern ein parlamentarischeres Regierungssystem zu ermöglichen und anzubahnen, das Haupt unserer Mutter Germania mit einem reichlicheren Tropfen demokratischen Öls zu salben, nicht verstand und, als ihm eine Ahnung aufdämmerte, wohin ich ihn und das Land führen wollte, sich gegen mich wandte und mit meiner Entlassimg die von mir ins Auge gefaßte, zielbewußte Evolution verhinderte. Statt der Evolution haben wir die Revolution bekommen. Der Weltkrieg, zu dem es die Unfähigkeit Bethmanns und seiner .Mitarbeiter kommen ließ, endete, politisch jämmerlich geführt, mit der Revolution, die uns nach außen mehr isolierte, als wir es je früher gewesen waren, die uns im Innern desorganisierte und aus dem einst best verwalteten Lande in Europa ein schlecht verwaltetes machte. Und doch sollen und müssen wir auch in schwerster Zeit und in schwarzen Tagen mit dem größten der Apostel, mit Paulus, sagen: „Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht; uns ist bange, aber wir verzagen nicht!" Blicken wir auf andere Völker: Es ist gerade hundert Jahre her, daß der österreichische Staatskanzler Fürst Clemens Metternich, der damals nickt nur Österreich, sondern in gewissem Sinne Europa regierte, der Cocher de PEurope, wie man ihn nannte, feierlich erklärte, Italien sei kein Staat, es sei auch keine Nation, es sei nur ein geographischer Begriff. Heute hegt die habsburgische Monarchie zerschmettert am Boden. Italien ist eine Großmacht und hat alle seine l •i-.alen Aspirationen verwirklicht. Frankreich wurde vor einem halben Jahrhundert von uns besiegt, sein Kaiser gefangen. Fürst Bülow nach der Bestattung der Fürstin mit Felix von Eckarth SINKEN UNI) EMPORSTEIGEN 329 Es hat, indem es den Rat von Gambetta befolgte, möglichst wenig von der Revanche zu sprechen, aber immer an sie zu denken, nicht nur, ich schreibe es mit tiefem Schmerz nieder, seine Fahne auf dem ehrwürdigen Münster aufgepflanzt, den Meister Erwin erbaute, es bedrängt uns am Rhein und an der Mosel. Polen wurde vor hundertfünfzig Jahren zwischen drei Kaiserreichen, drei Großmächten geteilt, und es ist aus dem Grabe wiedererstanden, es beraubt und quält uns im Osten. Die Balkanvölker, die Serben und Bulgaren, die Griechen und Rumänen, die Armenier wurden während Jahrhunderten unterjocht, mißhandelt, massakriert. Sie haben ihren früheren Zwingherrn überlebt. Im Leben der Völker ist alles in ständigem Fluß. Die Völker sinken, aber sie steigen auch wieder empor. Ich habe nach dem Abschluß der Niederschrift meiner Erinnerungen die Zeitepoche, in die Gott mein Leben gestellt hat, wiederholt an der Hand Rückschau dieser Aufzeichnungen an mir vorüberziehen lassen. Ich habe mich hierbei bemüht, zu prüfen, ob ich in meiner Beurteilung des deutschen Volkes und der Männer, die seine Geschicke vor und nach meiner Amtszeit führten, gerecht gewesen bin, ob ich nicht die Zeit, in der ich die Politik des Reiches geleitet habe, mit weniger kritischen Augen betrachtet habe als die Epoche, die nach mir kam, die zum Weltkrieg führte und mit dem Niederbruch endigte. Ich bin bestrebt gewesen, mich bei dieser Selbstprüfung innerlich von dem Erlebten und Geschauten loszulösen, es objektiv abzuwägen, es von höherer Warte zu betrachten. Der Lebensweg, auf den ich zurückschaue, macht es begreiflich, daß die Freude an der großen Vergangenheit überwiegt, daß die Schatten der Gegenwart schwer auf mir lasten. Meine Erinnerungen, nach rückwärts durch das geistige Erbteil erweitert, das mein Vater mir übertrug, umfassen die Zeiten, da das deutsche Volk uneinig nach innen und ohnmächtig nach außen war, sie umfassen die Schöpfung des Reiches und die Einigung der Nation als Frucht beispielloser militärischer und politischer Erfolge, sie umfassen die Jahrzehnte, in denen das deutsche Volk in friedlicher Ruhe seine wirtschaftlichen Kräfte entwickelte, seine Stellung in der Welt mehrte, sein nationales Empfinden verstärkte, sie umfassen endlich die Jahre, in denen Deutschland nach ruhmvoller Abwehr der gegen uns vereinigten Welt zusammenbrach. Mein Vater, der mir in meiner Knabenzeit ein sorgsamer Erzieher und Geistesbildner gewesen, in reiferen Jahren beratender und belehrender Freund geworden war, hatte im Anstieg des Lebens noch das schwache Deutschland gekannt, er hatte als Mann in der Fülle der Kraft das Jahr 1848 und damit einen Tiefpunkt der neuen deutschen Geschichte erlebt. Er hatte auf der Höhe des Daseins Bismarck nähertreten, hatte dem Großen bald nach Gründung des Reiches als Staatssekretär und vertrauter Mitarbeiter zur Seite stehen dürfen. Aus dem reichen Schatz der Erinnerungen dieses 330 DER ANKERGRDND Mannes fielen in meine Knabenjahre die Schatten schmerzlicher Ohnmacht, in der Deutschland damals daniederlag, fiel in meine Jünglingszeit der Glanz, den Bismarcks gewaltige Gestalt über das neue Deutschland ausgoß. Meine geistige und politische Entwicklung, von meinem Vater mit Ernst und Umsicht gefördert, hat sich in bewunderndem Erleben des herrlichen Aufstiegs vollzogen, den Bismarck im Jahre 1864 für Deutschland einleitete. Das amtliche Wirken meines Vaters hatte im kleinen Kreise begonnen und ihn zum Ende auf einen Posten geführt, dem unter dem alles erspähenden Auge des großen Kanzlers die Geltendmachung der auswärtigen Interessen des jungen Reiches anvertraut war. Die Erweiterung, die die politischen Horizonte meines Vaters, die seine amtliche Tätigkeit erfuhren, war Hand in Hand mit der Vorbereitung der Einigung der Nation, mit der Entstehung des Reichs, mit der Befestigung und dem Ausbau seiner internationalen Stellung gegangen. Ich hatte gewissermaßen im Mikrokosmus des elterlichen Hauses das Werden des Makrokosmus, das Entstehen des neuen großen Deutschlands aus nächster Nähe miterlebt, hatte seine Bedeutung im Maß der fortschreitenden Tage stärker und stärker empfunden. Der Ruhm der Armee, die Größe der Nation, der Glanz der Dynastie, die Zukunft des Reichs waren die Ideale, in deren Pflege ich aufwuchs. Sie haben den Ankergrund meiner Jugendentwicklung gebildet. Sie haben dem Streben des reifenden Mannes Antrieb und Richtung gegeben, sie haben das Handeln meiner zwölf Minister- und Kanzlerjahre bestimmt. Wessen Werden in der ruhmvollen Vergangenheit Deutschlands wurzelt, wessen Leben und Wirken eng mit der Epoche der Macht und des Glanzes verkettet ist, die Deutschland bis zum Zusammenbruch erlebt hat, der kann beanspruchen, nicht lediglich als einseitiger Laudator temporis acti zu gelten, wenn ihm die Größe des Erlebten durch den Jammer der Gegenwart verdunkelt erscheint, wenn ihm das Deutschland der Väter preiswürdiger dünkt als das der Söhne, wenn ihm der Schild des Ruhmes, den das Deutsche Reich von ehedem vor sich hertrug, leuchtender erscheint als die nachlässig gegürtete Toga, in die unsere Demokratie das neue Deutschland gehüllt hat. Ich bin gegen die Fehler des alten Regimes nicht blind gewesen. Sie lagen teilweise, wie ich wiederholt und ausführlieh dargelegt habe, im System, teilweise, wie ich nicht unterlassen habe an geeigneter Stelle hervorzuheben, in den Personen. Die monarchische Staatsform war an sich für das deutsche Volk durchaus geeignet und passend. Ihre Schwäche trat erst unter Wilhelm II. hervor. Nach langen Jahren rastloser Bemühungen um die Hochhaltung des Standes der Armee, um Ausbau und Entwicklung der Marine, um Hebung von Kunst und Wissenschaft, um Förderung der deutschen wirtschaftlichen Interessen, um Belebung und Stärkung des nationalen Geistes im deutschen Volk ist Kaiser Wilhelm II. durch den DER MORGEN DER REPUBLIK 331 Ausbruch des Weltkrieges mit zwei Männern an seiner Seite überrascht worden, deren einer, Moltke, sich selbst als der Stellung des Generalstabschefs im Kriegsfalle nicht gewachsen erklärt hatte und deren anderer, Bethmann, seine Unfähigkeit zur Lösung einer internationalen Krise zum Verderb des Reichs nur zu deutlich geoffenbart hat. Beide waren Männer seiner eigenen, durch Erwägungen der Staatsräson in keiner Weise eingeengten Wahl. Beide haben, jeder an seinem Teil, das deutsche Volk ins Unglück gestürzt. Michaelis und Hertling, einer wie der andere von Wilhelm II. in eigener Verantwortung ausgesucht, haben die Katastrophe beschleunigt, Prinz Max hat sie besiegelt. Was Hindenburg und Ludendorff erfochten, was die Armeen erstritten, das ließen ungenützt, ja vergeudeten die unfähigen Staatsmänner, die der Kaiser einem großen und mündigen Volke hatte aufzwingen können. Es ist andererseits selbstverständlich, daß ich die Unfähigkeit und mehr noch die nationale Würdelosigkeit, die in den Tagen des Niederbruchs in den führenden Kreisen des neuen Deutschlands zutage getreten ist, mit nicht minder ernstem und strengem Maß gemessen habe wie die unheilvollen Folgen, welche die Uberspannung des Herrscherbegriffs durch Wilhelm II. für das Deutsche Reich gezeitigt hat. Die Art, in der die Demokratie, in der Weimarer Koalition zusammengeschlossen, sich in den ersten Zeiten ihres Machtrausches gebärdet hat, mußte mit Schärfe verurteilt werden. Die Güter, die als Heiligtum zu hüten auch einem unterlegenen Volke wohlansteht, hat sie über Bord geworfen. Der Sinn für die stolze Größe unserer Vergangenheit ist von ihr systematisch unterdrückt, die Pflege der Tugenden, die allein uns eine bessere Zukunft verbürgen können, die Hochhaltung der Tapferkeit, der opferwilligen Vaterlandsliebe sind von ihr vernachlässigt worden. Die Gier nach Ämtern und Pensionen, die bei dem ersten halben Dutzend von Regierungsbildungen sich bemerkbar machte, die Brutalität, mit der die Selbstsucht der Fraktionen sich in den Vordergrund des öffentlichen Lebens schob, die üblen Korruptionsaffären, die den Morgen der Republik begleiteten und befleckten, mußten abstoßend wirken. Es entspricht dem Gebot ausgleichender Gerechtigkeit, wenn die beschämenden Seiten des politischen Lebens im neuen republikanischen Deutschland mit Nachdruck gemißbilligt worden sind. Mit Genugtuung habe ich, der ich ein aufmerksamer Beobachter der Zeitereignisse geblieben bin, mit vielen Ausländern im Verkehr stehe und heute noch Tag für Tag die Presse aller Richtungen und aller Länder verfolge, die leisen Zeichen beginnender Besserung wahrgenommen, die in Deutschland auf dem Gebiet des Staatslebens und in der Volkswirtschaft zu beobachten sind. Im Innern treten die Gewässer des Novemberumsturzes allmählich zurück. Der Horizont der auswärtigen Politik scheint sich 332 STRESEMANN UND HINDENBURG aufzuklären. Vernunft fängt wieder an zu sprechen und Hoffnung wieder an zu blühn. Die ernste, im Grunde ruhige und verständige Art des Deutschen gewinnt allmählich die Oberhand über den Strom, der anfangs die Dämme der Ordnung zu zerstören drohte. Die durch Sachkenntnis und Bildung unbeschwerten Typen, die in den ersten Jahren sich um die Macht stritten und sie mit wechselndem Glück in ihren Besitz brachten, sind verschwunden. Sie haben einer Kategorie von Männern Platz gemacht, die Kenntnisse mit Lebensernst verbinden und von denen mancher auch im alten Deutschland für einen Ministerposten wohl geeignet gewesen wäre. Ich nenne unter ihnen an erster Stelle Gustav Stresemann, der es verstanden hat, sich durch seine Führung der auswärtigen Politik unter den schwierigsten Verhältnissen Vertrauen im Ausland und die Achtung bisheriger Feinde zu erwerben und damit für uns die Möglichkeit eines allmählichen Wiederaufstiegs. Seit der große Feldmarschall, der in Hunderten von Schlachten bewährte und ruhmvolle Führer der deutschen Heere, seit Hindenburg die Geschicke des Reiches in die Hand genommen hat, seit er den Glanz seines Namens, die Macht seiner Persönlichkeit für den Wiederaufbau des deutschen Volkes eingesetzt hat, begann sich das Ansehen Deutschlands im Auslande zu heben, hat der deutsche Name wieder langsam Beachtung finden können. Wenn ich im Frühjahr von Rom zur Niederelbe zurückkehre, an deren Ufer ich geboren bin, um den Sommer in Deutschland zu verleben, freue ich mich, feststellen zu können, daß es allmählich wieder besser geht. Ein dauernder und wirklicher Aufstieg ist für uns nur möglich, wenn wir endlich die deutschen Erbfehler ablegen, die Parteiverbissenheit, die doktrinäre Verstiegenheit, die Neigung zu Eigenbrötelei und zu Partikularismus, wenn wir zu der Gesinnung zurückkehren, die unsere Vorfahren groß gemacht hat. Es ist meine tiefe, meine innerste Uberzeugung, daß auch für uns bessere Tage kommen werden, wenn unser Volk sich wieder mit nationalem Geist erfüllt. Es ist unmöglich, daß eine Nation von so ruhmreicher Vergangenheit, ein Volk, das Fridericus Rex gesehen hat und die Erhebung von 1813, Blücher und Scharnhorst und den Reichsfreiherrn vom Stein und ein halbes Jahrhundert später Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich, Bismarck, Roon und Moltke, Düppel, Sadowa und Sedan, ein Volk, das einen so heldenhaften Widerstand geleistet hat wie wir im Weltkrieg, ein Volk, aus dem Luther und Kant hervorgegangen sind, Schiller und Goethe und die Brüder Humboldt, Bach und Beethoven und Richard Wagner, Fichte und Hegel, Schopenhauer und Nietzsche, das der Welt soviel Unvergängliches geschenkt hat, das so große, schöne Eigenschaften besitzt, dauernd unterdrückt, dauernd im Hintergrund bleiben, dauernd Objekt der internationalen Politik sein soll. DEUTSCHLANDS ZUKUNFT 333 Ob ich den Tag noch erleben werde, wo Deutschland wieder den ihm gebührenden Platz in der Welt einnimmt, wo es wieder, wie einst, hoch in Ehren stehen wird, weiß ich nicht. Aber ich werde meine Augen schließen in der Hoffnung und mit der Gewißheit, daß dieser Tag kommen wird. Meine letzten Gedanken, Gebete und Wünsche werden Deutschlands Zukunft gelten. Bernhard Fürst von Bülow 23. Oktober 1923 Das vom Fürsten Bülow genhändig geschriebene Schlußwort seiner Denkwürdigkeiten (Faksimile-Wied ergäbe) 0£ ^ Ao. ^y^^^^J" jj^cJt^ ^ yß^f ^ ^4^/ luteum tfti^, (it^/2^e- / 'c^T-W ^> ^y^4^^^^ tifc^, -*V^ £ vaVT ^-^^ ^^l^ i^C^J^ ^^«^^^i^ <^v^U*<- <^ ^i^^U^- • dLr~*^ft*^y JL & #m# ^ JL3. M^l^ DIE KUNDGEBUNGEN ZU BÜLOWS RÜCKTRITT (Zu Seite 10 des vorliegenden Bandes) Bei meinem Rücktritt bereitete mir besondere Genugtuung die Adresse des Bundesrats, der von meinem Scheiden aus der Stellung des Kanzlers Adresse des und damit aus dem Vorsitz des Bundesrats „mit tiefem Bedauern" Kenntnis Bundesrats nahm. „Zwölf Jahre hat der Bundesrat sich Ihrer Leitung erfreuen dürfen. Diesen ganzen Zeitabschnitt durchzieht die von Erfolgen gekrönte Wirksamkeit, welche Eure Durchlaucht als Berater Seiner Majestät des Kaisers auf dem Gebiet der auswärtigen Politik, in der Ordnung der deutschen Wirtschaftsverhältnisse und Handelsbeziehungen und in der inneren Gesetzgebung entfaltet haben, nicht minder die sorgliche Pflege, die Sie den Interessen aller Bundesstaaten angedeihen ließen. Wenn sich jetzt das Band gemeinsamer Arbeit löst, so geleitet Euer Durchlaucht das Bewußtsein, daß die glänzende Periode Ihres Schaffens und Kämpfens bei dem Bundesrat, der Ihnen seinen ehrerbietigsten Abschiedsgruß darbringt, in dankbarem Gedächtnis bewahrt bleibt." Alle deutschen Bundesfürsten ohne Ausnahme sprachen mir ihr tiefes Bedauern über mein Scheiden und uneingeschränkten Dank für mein amt- Bundes- liches Wirken aus. Der damals schon achtundachtzigjährige Prinzregent forsten und Luitpold von Bayern schrieb mir, daß die Nachricht meiner Entlassung Bundes ' aus dem Amt des Reichskanzlers ihn mit aufrichtigem Schmerz erfülle: resierun £ „Ich weiß wohl", hieß es weiter in seinem Brief, „die ausgezeichneten Dienste zu schätzen, die Sie Kaiser und Reich während vieler Jahre in aller Hingebung geleistet haben. Mit der Achtung vor den Rechten der Bundesstaaten haben Sie stets volles Verständnis für die Interessen und Anliegen der Einzelstaaten, insbesondere auch Bayerns, verbunden." König Wilhelm von Württemberg schrieb mir aus seinem Schloß Friedrichshafen am Bodensee: „Anläßlich Ihres von mir lebhaft bedauerten Ausscheidens aus dem Dienste des Reichs ist es mir ein besonderes Bedürfnis, Eurer Durchlaucht als deutscher Bundesfürst meinen aufrichtigsten und wärmsten Dank auszusprechen für das, was Sie in einer an Erfolgen reichen, glänzenden Laufbahn als erster Beamter des Reichs zur Wohlfahrt des deutschen Vaterlandes und seiner Glieder gewirkt haben, und nicht minder für die meiner Regierung betätigte bundesfreundliche Gesinnung. Indem 22 EUIow III 338 FRIEDRICH AUGUST — GROSSHERZOG FRIEDRICH ich Ihnen von Herzen eine lange Reihe schöner Lebensjahre wünsche, verbleibe ich in aufrichtiger Hochachtung Ihr dankbar ergebener Wilhelm." Aus Dresden telegraphierte mir König Friedrich August: „Eurer Durchlaucht spreche ich mein aufrichtiges Bedauern aus, daß widrige politische Verhältnisse Ihren Rücktritt notwendig machten. Ich danke Eurer Durchlaucht für alles, was Sie in besonderer Weise für mein Land getan haben. Ich weiß mich eins mit meiner Regierung in der Hochachtung und Liebe für den scheidenden Reichskanzler und in der Ansicht, daß Eurer Durchlaucht Entwurf zur Finanzreform doch der beste und für das Reich wie für die Einzelstaaten ersprießlichste Vorschlag war." Der sächsische Finanzminister Rüger, ein Staatsmann und gleichzeitig ein hervorragender Fachmann, hatte mir schon während der Krisis, die meinem Rücktritt voranging, geschrieben: „Ich bitte, im Namen der sächsischen Regierung das dringende Ersuchen an Eure Durchlaucht richten zu dürfen, trotz der unendlichen Widerwärtigkeiten der letzten Monate auf dem schweren Posten des Reichskanzlers auszuharren. Andernfalls würden die Konservativen und das Zentrum nicht mit Unrecht sich den Erfolg zuschreiben, den Kanzlerwechsel herbeigerufen zu haben, und würden in dem Gedanken bestärkt werden, daß konsequentes Festhalten an ihren Absichten und Plänen ihnen trotz alles Widerstands des Bundesrats zum Siege verhelfen müßte." Großherzog Friedrich von Baden telegraphierte mir aus Stockholm, wo er zum Besuch seiner Schwester, der Königin Viktoria von Schweden, weilte: „Erfahre mit aufrichtigem Bedauern die Genehmigung Ihres Abschiedsgesuchs. Ich gedenke bei Ihrem Scheiden mit warmer Dankbarkeit der hervorragenden Dienste, die Sie unserem Vaterlande geleistet haben, und begleite Ihr ferneres Wohlergehen mit aufrichtigsten Wünschen." Amtlich berichtete der langjährige Gesandte in Karlsruhe, von Eisendecher: „Von allen Seiten höre ich Stimmen schmerzlichen Bedauerns, daß Eure Durchlaucht gezwungen und entschlossen sind, das hohe Amt des ersten Beamten im Reich einem Nachfolger zu überlassen. Die Empörung über den Undank und die verblendete Selbstsucht gerade derjenigen Parteien, die Eurer Durchlaucht nur Dank schulden und solchen Entschluß in erster Linie veranlaßt haben, ist allgemein. Ihre Schuld wird sich in der Folge noch bitter rächen. Immer mehr gewinnt man hier die Überzeugung, daß Eure Durchlaucht dem Reiche ganz hervorragende Dienste geleistet haben, daß Eurer Durchlaucht aufrichtigster Dank gebührt und es schwer halten wird, geeigneten Ersatz zu finden. Alle verständigen Leute sehen mit Besorgnis in die Zukunft, in gewiß nicht unberechtigtem Zweifel, ob der neue Kanzler mögliche Schwierigkeiten und Konflikte in derselben vornehmruhigen, erfolgreichen Weise zu lösen imstande sein werde, wie das Eurer PRINZ MAX VON BADEN 339 Durchlaucht nicht selten gelungen ist. Dabei ahnen sicher die wenigsten, welche Widerstände außerhalb des Bereichs der Öffentlichkeit oft zu überwinden waren und was an politischer Schädigung durch Eurer Durchlaucht Einsicht im stillen verhindert werden konnte. Die Finanzweisheit der Reichstagsmehrheit wird hier im ganzen sehr gering bewertet. Man hält die neuen Steuerprojekte für zu kompliziert, zu kostspielig in der Verwaltung und nachteilig für die wirtschaftliche Entwicklung. Allgemein beginnt die urteilsfähige Bevölkerung einzusehen, daß die ursprünglichen Vorlagen der Regierung als gerechter, bilbger und weniger schädlich bei weitem den Vorzug verdient hätten. Ihre Königbche Hoheit die Großherzogin Luise und Staatsminister von Dusch beklagten mir gegenüber besonders lebhaft Eurer Durchlaucht bevorstehendes Scheiden aus dem Amte. Auch Seine Königliche Hoheit der Großherzog, mit welchem ich noch nicht sprach, hat sich, wie ich höre, in gleichem Sinne geäußert, und die gesamte großherzogliche Regierung hegt ohne Zweifel dasselbe Gefühl aufrichtigsten Bedauerns." In einem an mich gerichteten Privatbrief schrieb mir Herr von Eisendecher eine Woche später: „Eure Durchlaucht wollen glauben, daß ich Ihr Scheiden aus dem hohen verantwortlichen Amt im Interesse des Kaisers und des Reichs auf das tiefste beklage. Möchten Eurer Durchlaucht hervorragende Verdienste um Kaiser und Reich immer mehr allseitig erkannt werden. Das Wörtchen allseitig, in dem die Silbe „ab" zweimal unterstrichen war, zielte natürlich auf Seine Majestät den Kaiser Wilhelm II. Prinz Max von Baden schrieb mir aus seinem Schloß Salem am Bodensee: „Mein lieber Fürst, die langjährigen, mich hoch beglückenden Beziehungen, welche mich mit Eurer Durchlaucht und der Frau Fürstin verbinden, berechtigen mich gewiß dazu, meinem Schmerz Ausdruck zu verleihen über das Scheiden Eurer Durchlaucht. Es will mir so wenig in den Sinn, daß Sie Ihren hohen Posten verlassen, daß ich mir die betrübende Tatsache wieder vergegenwärtigen muß. Doch je mehr ich es tue, um so weniger GefaUen finde ich daran. Meine treuesten Wünsche begleiten Sie auf Ihrem ferneren Lebensweg, in Ihrem unvergleichKchen Heim, der Villa Malta, hinter sich den Kampf und die Macht, vor sich die Schönheit und die Ruhe, der Ihr Geist Bedeutung und Reichtum geben wird. In alter Anhänglichkeit bleibe ich stets Eurer Durchlaucht ergebener Prinz Max von Baden." Die Mutter des Prinzen Max, eine geborene Prinzeß Leuch- tenberg-Romanowsky, eine Enkelin des Zaren Nikolaus L, telegraphierte mir:, Prie accepter l'expression de tous mes regrets sinceres de vous voir quitter votre position et l'assurance que ma vive Sympathie vous entourait tous ces derniers temps. J'espere que les chemins de nos vies se croiseront encore. Mes compbments sinceres ä la Princesse." 22* 340 HAMBURG Der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen telegraphierte: „Es drängt mich, Ihnen meinen Dank für die ausgezeichneten Dienste auszusprechen, die Sie unserem Vaterlande geleistet haben. Möge Ihnen beschieden sein, noch lange Jahre die Früchte Ihrer erfolgreichen Lebensarbeit zu genießen." Der Großherzog von Weimar sprach sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß ich von der Leitung des hohen Amts zurückgetreten wäre, das ich während einer langen Reihe von Jahren „zum Teil unter recht schwierigen Verhältnissen" zum Heil und Segen des Deutschen Reichs verwaltet hätte, und unterzeichnet als „Eurer Durchlaucht stets sehr wohlgeneigter". Auch der dreiundachtzigjährige Herzog Georg von Sachsen-Meiningen, der verdienstvolle Gründer des unter ihm von Ludwig Chronegk geleiteten Hoftheaters, der nicht durch seine Schuld mit Kaiser Wilhelm II. auseinandergekommen war, dankte mir in warmen Worten für die langjährige, verdienstvolle Wirksamkeit, die ich für das Wohl und zur Ehre des Deutschen Reichs entfaltet hätte. Der Herzog von Sachsen-Altenburg dankte mir besonders für das hohe Verständnis, das ich bei der Leitung der Reichsgeschäfte „auch unter schwierigen Verhältnissen" in ausgleichendem Gerechtigkeitssinn stets betätigt hätte, und hoffte, daß das freudige Bewußtsein „treuer und ritterlich erfüllter höchster Pflichten" noch lange meinen Lebensabend verschönen möge. Der Fürst von Lippe-Detmold dankte nicht nur für die „unschätzbaren Dienste", die ich unserem deutschen Vaterlande geleistet hätte, sondern auch für die wertvolle Unterstützung, die ich ihm und seinem Ländchen in schwerer Zeit entgegengebracht hätte, und unterzeichnet als „Ihr dankbar verbundener". Auch der Fürst von Waldeck hob hervor, daß ich oft „unter den schwierigsten Verhältnissen", aber „mit weiser Umsicht" die Geschäfte geführt hätte, und betonte die mir in Deutschland „allseitig" entgegengebrachte Verehrung und Dankbarkeit. Selbst der Fürst von Schaumburg-Lippe, der in dem Streit zwischen Schaumburg-Lippe und Lippe-Biesterfeld unterlegen war, betonte in seinem Schreiben an mich, daß ich in meiner Amtszeit für das Deutsche Reich und die Bundesstaaten Großes und Verdienstvolles geleistet hätte, daß die deutschen Fürsten und Völker mir zu großem Dank verpflichtet wären, daß sie meiner stets mit ehrender Dankbarkeit gedenken würden, und wünschte mir „langjährigen und ungetrübten Genuß der ehrenvoll verdienten Ruhe". Aus Hamburg schrieb mir der Bürgermeister Burchard, der Senat seiner Vaterstadt habe die Kunde von meinem Rücktritt „mit lebhaftestem Bedauern" und in der Überzeugung entgegengenommen, daß mir für mein langjähriges und auf den verschiedensten Arbeitsgebieten erfolggekröntes Wirken „der tiefempfundene Dank des Vaterlandes" gebühre. Insonderheit werde die Geschichte einst rühmend hervorheben, daß bei meinem Scheiden BISMARCKS REICHSBASIS 341 das Deutsche Reich eine an die Zeit des ersten großen Kanzlers erinnernde Machtstellung eingenommen habe. Es gereiche dem Senat zur besonderen Freude, daß ich künftig meine Sommer in Flottbek, in Hamburgs Nähe, zu verleben gedenke. Aus Bremen schloß sich der Präsident des Senats der Hamburger Kundgebung an. Der Bremer Senat empfände „auf das schmerzlichste", daß ich mich genötigt gesehen hätte, von dem Amt des Reichskanzlers zurückzutreten, einem Amt, das ich während langer Jahre „unter zum Teil überaus schwerigen Verhältnissen" verwaltet hätte. Nach außen hätte ich unter Aufrechterhaltung des Friedens das Ansehen des Reichs im Rate der Völker befestigt, im Innern wäre ich als Richtschnur dem staatsmännischen Gedanken gefolgt, die Gegensätze auszugleichen und einer Versöhnung der auseinandergehenden politischen Weltanschauungen die Wege zu ebnen und auf diese Weise darauf hinzuwirken, daß die Parteikämpfe in Deutschland allmählich weniger gehässig würden. Ich verhehle nicht, daß das Vertrauen, dessen ich mich bei allen deutschen Bundesregierungen und bei allen deutschen Fürsten erfreute, daß beider Zufriedenheit mit meiner langen Geschäftsführung mir schon im Hinblick auf das launenhafte, rücksichtslose und am Ende meiner Amtszeit fast ungezogene Benehmen des Kaisers Wilhelm II. eine Genugtuung war, die ich dankbar empfand. Bismarck hat bei der Schaffung des Reichs unsere Einheit und damit unsere Sicherheit und Zukunft mit Absicht und voller Überlegung auf die deutschen Fürsten basiert. War das ein Irrtum? Ging er in seiner Mißachtung für die deutschen Fraktionen und Parlamente zu weit? Sein Vorgehen erklärt sich nicht nur aus den Traditionen, in denen der Jüngling aufgewachsen war, aus dem Gefühl, mit dem der dreiund- achtzigj ährige Greis sich auf seinem Grabstein als treuen Diener seines Herrn bezeichnete. Die Erfahrungen seines Lebens flößten Bismarck großes Mißtrauen gegen alle deutschen Parteien ein, die ihn alle, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, durch Engherzigkeit, doktrinäre Befangenheit und, last not least, durch ihre spießbürgerliche Kleinlichkeit verstimmt hatten. Er vermißte bei allen deutschen Fraktionen den gesunden Menschenverstand, die Achtung vor der Vergangenheit, den Respekt vor Traditionen, hergebrachter Ordnung und bewährter Übung, die seit Jahrhunderten die englischen Parteien auszeichnen. Er vermißte wohl noch mehr den leidenschaftlichen Patriotismus, den jede französische, jede italienische Partei, wenn sie an die Front kommt, an den Tag legt. Er hatte sie alle, die Konservativen und die Liberalen, die Demokraten und die Aristokraten, mehr als einmal und oft vergeblich ermahnen müssen, den nationalen Gedanken über Deutschland leuchten zu lassen. Unsere Kammerhelden, wie er sie ironisch nannte, imponierten ihm nicht. Nach dem Fiasko, das der deutsche Parlamentarismus 1848/49 gemacht, nach den Blößen, 342 PARLAMENTARIER die er sich Bismarck gegenüber während der Konfliktszeit und mehr als einmal auch später gegeben hatte, war das nicht ganz unverständlich. Als Bismarck mit dem Kulturkampf einen großen innerpolitischen Fehler beging, hatten die deutschen Demokraten, Virchow an der Spitze, ihm zugejubelt, um ihn bald nachher im Stich zu lassen. Den richtigsten und genialsten Wendungen seiner Politik, von seiner Stellungnahme zum polnischen Aufstand von 1863 bis zu seiner kühlen Haltung gegenüber der deutschen Begeisterung für Alexander Battenberg, dem Battenberg- Bummel, wie er diesen Enthusiasmus verächtlich nannte, von seiner Behandlung der schleswig-holsteinischen Frage bis zu seinem Übergang zum Schutzzoll hatte dagegen der deutsche Demokrat aus innerster Uberzeugung „voll und ganz" opponiert. Aber Bismarck war der einzige, der mit solcher Mißachtung für Parteien und Parlamente regieren konnte. Als Jahrzehnte später, in einer anderen Zeit, Wilhelm II. ohne die nachhaltige Willenskraft, die Bismarck ausgezeichnet hatte, in unbesonnenen Bedewendungen und mit übermütigen Gesten alle Parteien gleichmäßig vor den Kopf stieß und die Volksvertretung, wo er konnte, brüskierte, war das nicht nur geschmacklos, sondern auch politisch falsch. Ich selbst habe immer Wert darauf gelegt, die Parteien nicht unnütz Die Partei- zu beleidigen, zu kujonieren, sondern die Volksvertretung mit Achtung und fuhrer: Courtoisie zu behandeln. Gerade auf diesem Gebiet schien mir das Suaviter in modo nicht das Fortiter in re auszuschließen. Darum freute ich mich der Anerkennung, die meine Tätigkeit als Beichskanzler bei den National- Eassermann liberalen fand, deren Führer Bassermann mir am 15. Juli 1909 telegraphierte : „Die nationalliberale Beichstagsfraktion, der es vergönnt war, in Jahren langer gemeinsamer Arbeit die Politik Eurer Durchlaucht zu unterstützen, beklagt aus aufrichtigem patriotischem Herzen das Scheiden Eurer Durchlaucht aus dem Amt des Beichskanzlers. Immer das Wohl des Ganzen im Auge, des Vaterlandes Größe und Glück erstrebend und fördernd, war Ihre Tätigkeit von reichem Erfolg gekrönt. Für dies getreue Wirken für unser Volk danken wir Ihnen. Ihr Name und Ihre Tätigkeit wird der nationalliberalen Beichstagsfraktion unvergeßlich sein." Für die Beichspartei sprach mir der Abgeordnete Gamp tiefempfundenes Bedauern darüber aus, daß meine nach innen und außen erfolgreiche Kanzlerschaft ein Ende finden sollte. „Wir werden die hohen Verdienste Eurer Durchlaucht um die Entwicklung des Beichs immer in dankbarer Erinnerung behalten. Es gereicht uns zur besonderen Genugtuung, Ihre Politik stets und bis zuletzt unterstützt zu haben." Einer der klügsten Führer der Frei- Schmidt- sinnigen, ein Bheinländer, der Abgeordnete Beinhart Schmidt-Elber- Elberfeld feld, während mehrerer Jahre zweiter Vizepräsident des Reichstags, schrieb mir: „Das deutsche Volk kann nur gedeihen bei Beteiligung aller TIRPITZ ÜBER DIE ÄRA BÜLOW 343 Befähigten an Gesetzgebung und Verwaltung. Dies zu fördern, lag auf dem Wege Eurer Durchlaucht innerer Politik. Der bürgerliche Liberalismus hat im Block fern von jugendlichem Radikalismus seine Pflicht gegen das Land zu erfüllen gesucht und seine Berechtigung wie Befähigung zur Teilnahme an Gesetzgebung und Regierung erweisen können. Die konservativ-liberale Paarung war zugleich eine geeignete Linie des Bürgertums gegen den Umsturz unserer Gesellschaftsordnung. Daß die Sozialdemokraten 1907 auf die Hälfte ihrer Mandate im Reichstag reduziert worden waren, beweist, wie notwendig es ist, die Volkskraft bürgerlichen Gemeinsinns zu entwickeln. Nur damit ist die Sozialdemokratie zu überwinden. Eure Durchlaucht können in stolzer, ruhiger Sicherheit auf Ihre Arbeit wie auf Ihre verblendeten Gegner zurückblicken." * Wenn ich noch andere Zuschriften wiedergebe, die ich nach meinem Rücktritt von beachtenswerter Seite erhielt, so geschieht dies, um ein Tirpitz möglichst treues Bild der Gefühle und Tendenzen, der Stimmungen zu geben, die in jenem für die weitere deutsche Entwicklung so entscheidenden Jahr 1909 in unserem Volke, namentlich in den politisch und geistig führenden Kreisen, vorherrschten. Der Großadmiral von Tirpitz schrieb mir aus St. Blasien: „Ich habe lebhaft bedauert, Eurer Durchlaucht nicht noch einmal eingehenden Vortrag halten zu können über die Art, wie meines Erachtens der englischen Verstimmung gegen uns am besten entgegenzuarbeiten wäre. Ich glaube, Eure Durchlaucht würden daraus entnommen haben, daß die zwischen uns zutage getretene Verschiedenheit der Auffassung mehr in der Form des einzuschlagenden Verfahrens als in der Sache selbst ihre Ursache hatte. Wenn in nicht ferner Zeit, wie ich zuversichtlich hoffe, der Zweck unserer Flottenentwicklung erreicht und die politische Macht Deutschlands durch dieselbe erheblich gestärkt sein wird, so wird der Dank des deutschen Volks für Eure Durchlaucht, der Sie in erster Reihe bei der Gründung seiner Flotte stehen, nicht ausbleiben und zu dem, was Eure Durchlaucht für Deutschland getan haben, einen weiteren Eck- und Markstein hinzufügen. Die Ära Bülow schließt die Entwicklung der deutschen Seeinteressen und die Erstarkung der deutschen Seemacht in sich ein. Die Zeit, welche das Reichsmarineamt unter Eurer Durchlaucht Leitung für Kaiser und Reich arbeiten konnte, wird mir wie den Offizieren und Beamten meines Ressorts in unvergeßlicher Erinnerung bleiben." Meine Achtung für den feurigen Patriotismus des Großadmirals, meine Bewunderung für seine ungewöhnlichen organisatorischen Fähigkeiten hatten mich nicht verhindert, ihn immer wieder an die Warnung zu erinnern, die ich seit unserem gemeinsamen Amtsantritt im Jahre 1897 so oft 344 BÜLOWS AMTSVORGÄNGER an ihn gerichtet hatte: nicht durch übertriebenen und einseitigen Bau von Großkampfschiffen unser Verhältnis zu England einer allzu schweren Belastungsprobe auszusetzen. Non propter vitam vivendi perdere causas! Daß Tirpitz meinem Wunsch, mit England zu einem Agreement zu gelangen, ausweichend und zögernd gegenüberstand, war auch darauf zurückzuführen, daß er sich bei diesem Widerstand der vollen Unterstützung des Kaisers sicher wußte. Abgesehen davon, daß Wilhelm II. die politischen Nachteile eines forcierten Baus von Großkampfschiffen nicht übersah, benutzte er, seitdem er sich innerlich von mir abgewandt hatte, gern jede Gelegenheit, sich mir unangenehm zu machen. Mein Amtsvorgänger als Staatssekretär des Äußern, der Freiherr von Marschall Marschall, schrieb mir zu meinem Bücktritt: ,, Es drängt mich, Ihnen mit einem schlichten Wort zu sagen, wie sehr ich einerseits die Gründe würdige, welche Ihnen ein weiteres Verbleiben in Ihren Ämtern unmöglich erscheinen lassen, und wie tief ich auf der anderen Seite im Interesse unseres großen Vaterlandes Eurer Durchlaucht Bücktritt bedauere. Obwohl ich nach meinen politischen Gesinnungen der Konservativen Partei, der ich einst im Beichstag angehört habe, nahestehe, so bin ich mir doch darüber vollkommen klar, daß die innerdeutsche Pohtik weder von dem Gesichtswinkel der Konservativen Partei noch von demjenigen eines Bundes derselben mit dem Zentrum auf die Dauer ersprießlich geleitet werden könne und daß besonders Gesetze einschneidender wirtschaftlicher und sozialpolitischer Bedeutung wie die Beichsfinanzreform eine aktive Teilnahme des liberalen Bürgertums gebieterisch erheischen. Möge der Bücktritt Eurer Durchlaucht die Erkenntnis, daß es so ist, auch in diejenigen politischen Kreise hineintragen, welche für denselben die Verantwortung tragen. Nur wenn dies geschieht, wird unser inneres Volksleben vor schweren Erschütterungen bewahrt bleiben. Bei diesem Anlaß ist es mir Herzenssache, Eurer Durchlaucht für die freundlichen und wohlwollenden Gesinnungen, die Sie mir stets entgegengebracht haben, meinen tiefgefühltesten Dank mit der Versicherung auszusprechen, daß die Erinnerung an die Jahre, in denen es mir vergönnt war, unter Ihrer Leitung an den großen Aufgaben, welche das Vaterland stellt, mitzuarbeiten, mir stets teuer sein wird. Euer Durchlaucht blicken auf lange Jahre treuer, mühevoller und auf allen Gebieten erfolgreicher Arbeit zurück. Von Herzen wünsche ich, daß das Otium cum dignitate, welches Ihnen die politischen Verhältnisse vorläufig auflegen, Ihnen die wohlverdiente Buhe bringen wird." Graf Eberhard Solms, mein Vorgänger als Botschafter in Born, der in Graf Solms der Bismarckschen Zeit als jüngerer Diplomat in Wien, später als Botschaftsrat in Paris in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre einen tieferen Einblick in die Weltverhältnisse gewonnen und dem Lande gute Dienste GESANDTE 345 geleistet hatte, schrieb mir: „Sie wollen es verzeihlich finden und mir gestatten, daß ich als alter langgedienter Diplomat mich für kompetent halte, mir über die äußere Politik ein Urteil zu bilden. Da finde ich dann nicht Worte genug, um das tiefe und schmerzliche Bedauern auszusprechen, welches ich bei der Nachricht von dem Rücktritt Eurer Durchlaucht von Ihrem verantwortungsvollen Amt empfunden habe, der gerade in einer Zeit erfolgt, in welcher es Eurer Durchlaucht gelungen war, das Prestige des Deutschen Reichs in einer Weise zu heben, die ihren Ausdruck in dem an Furcht grenzenden Respekt findet, welchen Deutschland seit Bismarcks Zeiten zum erstenmal wieder den Weltmächten einflößt." Vom rechten Tiberufer schrieb mein langjähriger ausgezeichneter Mitarbeiter, in der Bismarckschen Zeit Dezernent im Auswärtigen Amt, später Unterstaatssekretär, jetzt preußischer Gesandter beim Vatikan, Herr von Mühlberg, Herr meiner Frau: „Ich weiß nicht, soll ich mich freuen oder soll ich traurig »• Mühlberg sein. ,Die Wollust der Kreatur ist gemischt mit Bitterkeit', singt Walter von der Vogelweide, dessen freundliches Denkmal uns Deutsche auf dem pittoresken Marktplatz in Bozen so heiter begrüßt. Freuen tue ich mich, Sie in nicht allzu langer Zeit hier in Rom zu sehen. Allein diese etwas egoistische Freude ist doch recht ernstlich getrübt durch das tiefe Bedauern und eine gewisse patriotische Beklemmung, die der Rücktritt des Fürsten in mir nicht ruhen läßt. Diese Beunruhigung machte sich noch stärker fühlbar, als ich heut morgen in den Zeitungen die Veränderungen und die Ernennungen las, die das Scheiden des Fürsten zur Folge hatte. Was soll denn aus der ganzen Sache werden, und wo steuern wir hin ? Durch sämtliche italienische Zeitungen geht nur ein Schrei des Bedauerns. Auch der Papst sprach mir heute morgen seine Enttäuschung und etwas Verwunderung aus. Korrespondenzen aus Deutschland, die mir zugegangen waren, hatten mir seit Monaten keinen Zweifel mehr gelassen über die Minierarbeit gegen den Fürsten. Muß ich das Ausscheiden des Fürsten für einen schweren Verlust für unser gesamtes Vaterland und dessen Ansehen im Auslande halten, so trifft es mich persönlich auch schwer. Denn ich weiß, daß ich oben einen Freund verloren habe, dem ich vieles, wenn nicht alles in den letzten Jahren meiner amtlichen Laufbahn zu verdanken habe, und ich bitte Sie, verehrte Fürstin, dies Seiner Durchlaucht zu sagen." Der frühere sächsische Gesandte in Berlin, spätere sächsische Ministerpräsident, Graf Wilhelm Hohenthal, telegraphierte mir: „Ich beklage es Graf tief, daß Euer Durchlaucht gezwungen worden sind, Ihre kostbare Kraft Hohenthal dem Dienste des Vaterlandes vorzeitig zu entziehen." Die Gräfin Hohenthal schrieb meiner Frau, indem sie auf das Schicksal meines größten Vorgängers hinwies: „Sie persönlich sind vielleicht froh, den Fürsten von der aufreibenden Tätigkeit befreit zu wissen; wir andern hätten gewünscht, daß 346 EIN BRIEF BRAUERS sein Abgang unter anderen Verhältnissen stattgefunden hätte. So ist sein Rückblick auf seine glänzende Laufbahn durch manche schwere Wolke verdüstert und verbittert, und das ist schade für ihn, der dem Vaterlande soviel Zeit und Kraft geopfert hat. Das aber ist das Los von vielen Staatsmännern gewesen. Wir brauchen ja nicht weit zurückzublicken, und damit wird sich der Fürst Bülow trösten." Der leitende Minister in Braunschweig, Exzellenz Otto, schrieb meinem mit ihm seit lange befreundeten Bruder Alfred: „Schmerzlich hat mich das Scheiden Ihres Herrn Bruders aus dem Amt des Reichskanzlers berührt. Ich beklage es um Deutschlands willen tief, daß die Verhältnisse dem Reich diesen schweren Verlust bringen mußten." Graf Max Berchem, unter Bismarck Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amts, schrieb mir: „Als einstiger Soldat der großen Armee blicke ich mit Stolz auf die Führung, welche uns in Fortsetzung des alten Kommandos die schönen Strecken Delcasse und Iswolski neben anderen Erfolgen lieferte. Mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns über Hochderen Rücktritt verbinde ich jedoch die Hoffnung, daß Sie, verehrtester Fürst, mit den Geschicken des Vaterlandes in Fühlung bleiben werden." Arthur von Brauer war einer der besten Köpfe, über die das Muster- Arthur ländle Baden zu verfügen hatte. Erst im Konsulardienst, dann Vor- ■ Brauer tragender Rat im Auswärtigen Amt, wurde er 1890 als Nachfolger des Freiherrn von Marschall badischer Gesandter in Berlin, 1893 badischer Minister des Großherzoglichen Hauses und des Äußern, 1901 badischer Ministerpräsident. Wir waren uns schon in jungen Jahren, im Winter 1875/76 in St. Petersburg, nähergetreten, wo er als deutscher Konsul, ich als Dritter Botschaftssekretär fungierte. Zu meinem Rücktritt schrieb er mir: „Nachdem Ihre Enthebung vom aktiven Dienst nunmehr amtlich bekanntgemacht ist, will ich nicht länger zögern, Ihnen mein tiefstes Bedauern auszusprechen, daß wir fortan Ihrer erfolgreichen Führung entbehren sollen. Ihrer großen Geschicklichkeit war es in diesem Winter und Frühjahr so oft gelungen, Konservative und Liberale wieder zusammenzuführen, daß ich der festen Zuversicht war, Sie würden das schwere Werk einer verständigen Finanzreform zustande bringen. Ich traute den Konservativen, ich will nicht sagen mehr politische Einsicht zu, denn auf,Einsicht' darf man ja in Deutschland bei keiner politischen Partei rechnen, aber ich traute ihnen soviel patriotischen Sinn zu, daß sie uns nicht wegen einer unbequemen Steuer in diese Lage bringen würden. Indessen die einmütige Anerkennung, die Ihrem Wirken von allen Seiten zuteil wird, muß Ihnen zeigen, daß Deutschland weiß, was es an Ihnen verliert. Sie können mit dem Bewußtsein scheiden, Deutschland in der inneren und äußeren Politik auf eine Höhe geführt zu haben, die wir seit Bismarcks Entlassung nicht mehr kannten. Das sage ich Ihnen als alter Freund und Bewunderer." CRAILSHEIM — KARL WEDEL 347 Graf Crailsheim, während vieler Jahre, von 1880 bis 1903, erst bayrischer Minister des Äußern, dann Ministerpräsident, ein Staatsmann, der Graf sich schon des Vertrauens und der Wertschätzung des Fürsten Bismarck Crailsheim erfreut hatte und dessen reichstreue Gesinnung über jedem Zweifel stand, schrieb mir: „Die Nachricht von dem bevorstehenden Rücktritt Eurer Durchlaucht hat mich mit schmerzlichem Bedauern erfüllt. Wenn mir auch seit sechs Jahren die Freude persönlichen Zusammenwirkens mit Eurer Durchlaucht versagt ist, so habe ich doch die innere und äußere Politik des Deutschen Reiches stets mit Aufmerksamkeit verfolgt und die Erfolge, die Euer Durchlaucht auf beiden Gebieten erzielten, mit hoher Genugtuung begrüßt. Nach dem Rücktritt des auf eine so glänzende Wirksamkeit zu- rückbückenden Staatsmannes sehe ich als deutscher Patriot mit Bangen in die Zukunft. Zu spät werden viele derer, die die jetzige Lage mitverursacht haben, erkennen, was sie, was das Deutsche Reich an Eurer Durchlaucht verloren hat. So traurig mich der Entschluß Eurer Durchlaucht stimmt, so kann ich doch Hochdenselben nur beglückwünschen zu dem glänzenden, wie ich hoffe nur vorläufigen Abgang. Alle wahren Vaterlandsfreunde sehen Euer Durchlaucht mit tiefem Schmerz aus dem Amte scheiden." Aus Stora Sundby in Södermanland, dem schwedischen Schloß seiner Frau, schrieb mir Graf Karl Wedel, der nacheinander und mit Auszeich- Graf nung Militärbevollmächtigter in Wien, Gesandter in Stockholm, dann Karl Wedel Generaladjutant des Kaisers, General der Kavallerie und Gouverneur von Berlin, von 1899 bis 1902 Botschafter in Rom, von 1902 bis 1907 Botschafter in Wien und seit 1907 Statthalter von Elsaß-Lothringen war: „Lieber Bülow, erst jetzt eben erhalte ich in der hiesigen Weltabgeschiedenheit die definitive Nachricht von dem vorgestern vollzogenen Wechsel, der mir keine Überraschung bereitete. Daß ich es für Kaiser und Reich schmerzbeh bedauere, auch persönlich tief empfinde, wissen Sie. Wahrhaft aufrichtig freut es mich, daß, soweit ich bis jetzt übersehe, die Presse aller Parteirichtungen Ihrem Wirken rückhaltlose Anerkennung zollt und Ihre Verdienste in warmen Worten würdigt. In diesem Dank der öffentlichen Meinung des Vaterlandes werden Sie die Genugtuung finden, die Ihnen in so vollem Maße gebührt. Mir aber ist es Bedürfnis, Ihnen heute, wo Sie in das Privatleben treten, meinen herzlichsten Dank für die Freundschaft und das Vertrauen auszusprechen, die Sie mir als Vorgesetzter und Mensch erwiesen, und für die Stellungen, die ich Ihren Empfehlungen und Ihrem Wohlwollen verdanke. Erhalten Sie mir auch, bitte, ferner Ihre kostbare freundschaftliche Gesinnung und seien Sie meiner dauernden aufrichtigen Anhänglichkeit versichert. Der Fürstin küsse ich die Hand." Der Oberstkämmerer Fürst von Solms-Baruth schrieb mir: „Hoch- Fürst Solms verehrtester, teuerster Fürst, nachdem die schwerwiegende Entscheidung B aTUt h 348 SCHORLEMER — HERMANN STOLBERG gefallen ist, die erste Hochflut ungezählter Sympathieempfindungen vorüber, kann ich es mir nicht länger versagen, Ihnen mit wenigen Worten auszusprechen, wie schmerzlich ich diese Wendung der Dinge empfinde und beklage! Konnte ich es doch vielleicht mit am vorurteilslosesten beurteilen, welche Verdienste Sie sich um die Krone, um unsere äußeren und unsere Gesamtverhältnisse erworben haben! Ein Trost bleibt aber Ihnen, sowohl Ihnen wie mir und Millionen treuer Patrioten, das ist die Art Ihres Scheidens, die das Bewußtsein in sich schließt, daß der König und wir alle in ernsten Zeiten mit dem in voller Frische unter uns weilenden best bewährten deutschen Manne noch rechnen dürfen. Über die Kurzsichtigkeit gewisser Leute sich hier zu verbreiten, erübrigt sich. Und da die Dummen nie alle werden, müssen sie und leider noch viele, die weniger dumm sind, am eigenen Leibe erst das erfahren, was sie nicht begreifen können oder wollen. Ihr für alle Zeit treu ergebener Fürst Solms-Baruth." Aus seinem Schloß Lieser an der Mosel schrieb mir Freiherr Clemens Freiherr von Schorlemer, damals Oberpräsident der Rheinprovinz, ein Jahr Schorlemer später preußischer Minister der Landwirtschaft: „Euer Durchlaucht haben nach bewegten Tagen wohlbehalten Norderney erreicht! Ich bitte, die so wohltätige und erquickende Ruhe nach dem Sturme für einen Augenblick stören zu dürfen, um auch meinerseits das aufrichtige und tiefempfundene Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen, daß die Stellungnahme des Reichstags zur Reichsfinanzreform Euer Durchlaucht das längere Verbleiben im Amte des Reichskanzlers unmöglich gemacht hat. Diesen Ausgang der Krisis beklagen auch in der Rheinprovinz nicht nur die zahlreichen Anhänger und Verehrer Eurer Durchlaucht, sondern ebenso mit verschwindenden Ausnahmen die politischen Gegner, dankbar gedenkend an das, was Euer Durchlaucht an leitender Stelle für die Erhaltung des Friedens und der Machtstellung Deutschlands, für die Förderung von Industrie und Landwirtschaft in langjähriger erfolgreicher Tätigkeit geschaffen haben. Daß ich persönlich mit besonders schmerzlichem Empfinden Euer Durchlaucht aus dem Amte scheiden sehe, bedarf wohl nicht der ausdrücklichen Versicherung! Das wohlwollende Entgegenkommen und die verständnisvolle Zustimmung, welche ich in meiner dienstlichen Tätigkeit und für meine Anschauungen in politischen und kirchenpolitischen Fragen bei Eurer Durchlaucht stets gefunden habe, werden immerdar für mich der Gegenstand unvergeßlicher, dankbarster Erinnerung bleiben." " j Aus der Provinz Posen, wo er tapfer und besonnen für das Deutschtum nz Stolberg wirkte, schrieb mir Prinz Hermann Stolberg, ein Sohn des dreizehn Jahre früher heimgegangenen Fürsten Otto zu Stolberg-Wernigerode, der mir einst in Wien ein so wohlwollender Chef gewesen war: „Das Vaterland wird Ihnen nie vergessen, was Sie für dasselbe getan haben. Ich schreibe Ihnen SCHMOLLER 349 das aus der Provinz, der Ihr ganzes Interesse gehört hat." Der Oberhofmeister der Kaiserin, der Freiherr von Mirbach, dessen frommer, aber Freiherr bisweilen die Grenzen politisch gebotener Umsicht überschreitender Eifer Mirbach für religiöse Zwecke ihn öfters in Gegensatz zu mir gebracht hatte, schrieb mir aus Potsdam: „Euer Durchlaucht haben nach langer, schwerer und erfolgreicher Arbeit die Last des mühevollen Staatsdienstes niedergelegt, in welchem Sie Ihre ganze Kraft und Gesundheit für Ihren Kaiser und das Reich in einem Maße und mit einer aufopfernden Hingebung eingesetzt haben, von der sich die große Menge keine Vorstellung machen kann. Ich gehörte zu denen, die immer noch hofften, daß Sie uns länger erhalten blieben. Unsere Zeit ist nach innen und außen furchtbar ernst und gefahrdrohend, und es hilft nichts, wie es viele tun, sich in vergnügtem Leben oder mit Redensarten darüber hinwegzutäuschen. Der Kampf der Parteien untereinander, der dämonische Einfluß des größten Teiles unserer Presse, die Entchristlichung der großen Massen auch in den gebildeten Kreisen erfüllt jeden, der sein Königshaus und sein Vaterland hebt, mit tiefer Sorge. Aber in allem Kämpfen und Toben tritt eines immer klarer und deutlicher hervor, daß es nur einen sichern Fels und festen Grund gibt, der unbeweglich steht, unser Herr und Heiland. Dabei gedenke ich auch besonders Eurer Durchlaucht von mir und meiner Frau so hochverehrten Frau Mutter, deren fester Glaube mir stets vorbildlich war. Nur so, wie sie, kann man in die sturmbewegten Wogen unserer Zeit ruhig und hoffend hinausblicken." Mein langjähriger Freund, der Nationalökonom Professor Gustav von Schmoller, schrieb: „Ich bin überzeugt, daß es ein großes Unglück Gustav für unser Vaterland ist, daß Sie gehen. Das Deutsche Reich braucht gerade Schmoller einen solchen Steuermann, wie Sie es seit einem halben Menschenalter zum Segen Preußens und Deutschlands waren. Sicheres, erfolgreiches Auftreten nach außen, bei größter Kunst, einen Krieg zu vermeiden, und nach innen eine gemäßigt konservative Regierung mit so viel liberalen und sozialen Reformen, wie sie heute unentbehrhch sind, wenn nicht ein jäher Umsturz folgen soll, das war die Signatur Ihrer Politik. Daß das Zentrum Sie bekämpfte, war natürlich, daß die Liberalen nicht immer geschickt operierten, ist begreiflich, daß aber die Konservativen Sie so im Stiche ließen, ist nicht entschuldbar durch den Unverstand ihrer Wähler. Ich weiß kein Beispiel so großer politischer Undankbarkeit einer großen Partei. Mag viele der einzelnen Konservativen ihre politische Unzurechnungsfähigkeit entschuldigen, von den Führern ist es gröbste Felonie und bornierte Kurzsichtigkeit. Millionen der besten Deutschen sind auf Ihrer Seite, aber wie wenige sprechen es aus. Da ich zu denjenigen gehöre, die Ihnen schreiben dürfen, so ertrug ich nicht, ganz zu schweigen." Der Nationalökonom 350 SOZIALPOLITIKER Adolf Wagner Adolf Wagner, ein Franke, in Erlangen geboren, seit 1870 Professor in Berlin, langjähriger Vorstand des Vereins für Sozialpolitik, war, wie man sich damals ausdrückte, ein Kathedersozialist. Ich hatte vierunddreißig Jahre früher mein diplomatisches Examen vor ihm bestanden, und er hatte damals meine Arbeit über die itahenischen Finanzen sehr freundlich zensiert. Jetzt schrieb er mir: „Euer Durchlaucht bitte ich, auch von mir den Ausdruck des tiefsten Bedauerns entgegenzunehmen, daß Sie aus den hohen Ämtern, welche Sie so vortrefflich im Nationalinteresse verwaltet haben, nunmehr geschieden sind. Die Parteikonstellation im Reichstag, welche Sie zu dem Schritt der Bitte um Entlassung bei Seiner Majestät geführt hat, ist für jeden deutschen Patrioten schmerzlich. In den Kreisen der Vertreter der Wissenschaft ist das der allgemeine Eindruck der jüngsten Vorgänge. Wir werden alle Eurer Durchlaucht in aufrichtigster Ergebenheit verbunden bleiben." Gerhart von Schulze-Gaevernitz war der Sproß einer alten Ge- Schulze- lehrtenfamilie, deren Söhne seit länger als einem Jahrhundert Theorie und Gaevernitz Praxis in einer für deutsches Professorentum so ehrenvollen wie charakteristischen Weise zu verbinden verstanden haben. Friedrich Gottlob — in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Professor in Jena — gab der Landwirtschaftslehre ein nationalökonomisches Fundament. Der Kronsyndikus Hermann war in der Bismarckzeit ein namhafter Staatsrechtslehrer. Mit dessen Sohn Gerhart, Professor der Nationalökonomie in Freiburg i. Br. und gleichzeitig praktischer Landwirt in Schlesien, hatte ich manches für mich anregende und belehrende Gespräch über wirtschaftliche und politische Fragen geführt. Jetzt schrieb er mir: „Ich fürchte, daß heute nicht allzu viele Zeitgenossen sich des großen Gehaltes an Zukunft bewußt geworden sind, welche einem schärfer blickenden Auge die Geschichte Ihrer Amtsführung enthüllt. Was vor zehn Jahren Utopie erschien, ist heute — nicht zum wenigsten dank der Tätigkeit Eurer Durchlaucht — vielleicht noch schwere, aber nicht mehr hoffnungslose Aufgabe. Ich denke dabei an Tatsachen. Erstens: Vor zehn Jahren war es wilde Utopie, von einer Zeit des maritimen Gleichgewichtes zu träumen, in der Deutschland der hoffnungslosen Abhängigkeit von England in allen überseeischen Wirtschafts- und Machtfragen entwachsen sein würde. Heute ist es unsere bewußt verfolgte Aufgabe, auch zur See durch eigene Stärke unser Dasein zu bejahen. Wir dürfen hoffen, unseren britischen Vetter aus dem so verführerischen Angriffsgedanken zu entstricken und — in Frieden— jener Anerkennung und Förderung unserer überseeischen Interessen zuzuführen, wie er sie heute etwa den Vereinigten Staaten entgegenbringt. Euer Durchlaucht waren der gewichtige Vertreter und der beredte Förderer dieses ,zum Frieden starken Deutschlands', wie es sich im Volksbewußtsein EIN BANKIER 351 allmählich durchsetzt. Zweitens: Vor zehn Jahren war es wilde Utopie, von einer positiven Mitarbeit der Sozialdemokratie an unserem monarchischen Staatswesen zu träumen. Dem ,Praktiker' lag alles Heil in gewaltsamer Unterdrückung. Wenn heute die friedliche Hineinarbeitung der Arbeiterbewegung in unser Staatswesen uns als fernes, aber nicht mehr unerreichbares Ziel vorschwebt, so verdanken wir das nicht zum wenigsten der geschickten Behandlung dieses Problems durch Euer Durchlaucht. Sie haben durch eine gerechte Behandlung — zuletzt Reichsvereinsgesetz — die Sozialrevolutionäre Verbitterung gemildert. Sie haben nicht minder durch wohlangebrachten Spott der Sozialdemokratie die Maske des ,wilden Mannes' entrissen, durch welche sie dem deutschen Philister bleichen Schrecken einjagte, sich selbst aber in ein Gefühl der Stärke hineintäuschte, das sie der Gegenwartsarbeit — der Kunst der Kompromisse — entfremdete. Drittens: Vor einem Jahrzehnt schien es wilde Utopie, die agrare Basis der deutschen Nation, welcher überseeische Siedlungsgebiete versagt sind, innerhalb der Reichsgrenzen vorschieben zu wollen. Vielmehr schien der ganze Osten unseres Reichsgebietes und damit die Weltstellung Deutschlands überhaupt durch eine unaufhaltsam vordringende polnische Welle auf das schwerste bedroht. Euer Durchlaucht haben das Verdienst, die ostelbische Ansiedlungsfrage als die wichtigste Daseinsfrage unserer innerdeutschen Politik erfaßt, bekannt und gefördert zu haben. Heute ist es nicht mehr Utopie, sondern eine praktisch zu bearbeitende Aufgabe, den national gefährdeten Osten unserer Monarchie mit deutschen Ansied- lungen zu durchsetzen." Aus den Kreisen der Bankwelt schrieb mir Ernst von Mendelssohn- Bartholdy: „Nunmehr, wo die Würfel gefallen sind, drängt es mich, Ernst Eurer Durchlaucht zu sagen, wie außerordentlich ich die Wendung beklage, *■ Mendels- welche die Dinge genommen haben, und wie ich es geradezu für ein Unglück ^ halte, daß Deutschland die weise und erfolgreiche Leitung des Mannes entbehren soll, der wie kein anderer dafür gemacht ist, das oberste Steuer zu führen. Unendlich viel schuldet die Nation Eurer Durchlaucht an Dank. Wenn es mir am Herzen hegt, als Unus ex multis meine tiefe Trauer zum Ausdruck zu bringen, so darf ich dies vielleicht noch mit besserem Rechte als mancher andere tun, im Hinblick auf die öfteren wichtigen Angelegenheiten, die mir die Ehre verschafften, Eurer Durchlaucht näherzutreten, und die mir in geschäftlicher sowohl wie persönlicher Beziehung unvergeßlich sein werden." Arthur von Gwinner, der Direktor der Deutschen Bank, nebenbei gesagt der Sohn des Freundes und Biographen meines Lieblingsphilosophen Schopenhauer, schrieb: „Euer Durchlaucht wollen mir gestatten, daß ich das freundliche und schmerzliche Wort nachsende, das ich am Lehrter Bahnhof persönlich aussprechen wollte. Die Polizei hatte bei 352 EIN RECHTSKONSERVATIVER Ihrer Abreise so vortrefflich für Ordnung gesorgt, daß es mir wie sehr vielen andern nicht gelungen ist, Euer Durchlaucht auch nur zu sehen. Euer Durchlaucht verlassen den ersten Platz im Reiche, betrauert von allen Urteilsfähigen der Nation, aber unvergessen." Die auf dem Lehrter Bahnhof getroffenen Absperrungsmaßnahmen waren, wie ich vertraulich hörte, auf direkte Weisung des Kaisers erfolgt, der zu einem seiner Adjutanten äußerte: „Ministerwechsel haben sich im stülen zu vollziehen, da sie wenig Bedeutung haben und das Publikum gar nichts angehen." Meine früheren und langjährigen Anhänger konservativer Richtung Graf waren bemüht, die Schuld an dem zwischen uns eingetretenen Bruch von Waldemar s i cn aß un( j m i r zuzuwälzen. Zu den störrischsten Führern der Konserva- Roon tiven gehörte Graf Waldemar Roon, der älteste Sohn des Kriegsministers Albrecht von Roon. Dieser war einer der ausgezeichnetsten Männer gewesen, die der preußische Staat hervorgebracht hat, ein Mann, der seinen Namen mit unvergänglichen Lettern in die deutsche Geschichte eingetragen hat. Albrecht von Roon war der ruhmvolle Waffenschmied für die Siege von 1864, 1866, 1870. Der Sohn glich dem Vater in Lauterkeit der Gesinnung wie in fester, tiefer Vaterlandshebe, aber er war unnachgiebiger und er war nicht so begabt. Er warf mir vor, daß ich mich mit der ,,so gänzlich unzuverlässigen" und in ihrer politischen Brauchbarkeit von mir überschätzten Nationalliberalen Partei zu tief eingelassen hätte. Ich hätte es wie der pommersche Bauer gemacht, der dem guten Hund einen Knochen gab, dem bösen aber zwei. Das heißt, ich hätte die Liberalen auf Kosten der Konservativen bevorzugt. Ich war oft anderer Meinung als Waldemar Roon, ernstlich böse sein konnte ich ihm nicht. Als der Weltkrieg ausbrach, stellte er sechs Söhne ins Feld. Drei von ihnen besiegelten ihre Treue für König und Vaterland mit dem Tod. Die Mutter, eine Blankenburg aus dem bekannten pommerschen Hause, mit dem Bismarck von Jugend auf befreundet war und in dem er für sein Leben, insbesondere für seine religiösen Anschauungen entscheidende Eindrücke empfing, starb an gebrochenem Herzen. Roon selbst mußte noch das schreckliche Ende des Krieges erleben. Nicht lange vor seinem im März 1919 erfolgten Tode erhielt ich einen Brief von ihm, der mit den Worten schloß: „Dies ist wohl das letzte Lebenszeichen, das Sie erhalten werden von Ihrem bis in den Tod betrübten alten und treuen Freunde Waldemar Roon." Für Männer wie Graf Waldemar Roon habe ich trotz aller Meinungs- Oertel Verschiedenheiten über politische Taktik stets tiefe Achtung und warme Sympathie empfunden. Sehr verschieden von Waldemar Roon war der Leiter der agrarischen „Deutschen Tageszeitung", der Reichstagsabgeordnete Georg Oertel, der populärste von den Führern des Bundes der OERTEL — FRIEDRICH DERNBURG 353 Landwirte. Er war berühmt durch seine schlagfertige Beredsamkeit wie durch seinen Humor, den er in seinen Reichstagsreden, in seinen Zeitungsartikeln und auch im persönlichen Verkehr zeigte. Er war noch berühmter durch die immer von ihm getragene weiße Weste, die geradezu den Zeichenstift der Karikaturisten herausforderte, zumal sie sich über einem außerordentlich dicken Bauch spannte. Oertel war ein Kur- und Ursachse und verbarg wie mancher seiner engeren Landsleute unter einer harmlos-gutmütigen Außenseite nicht wenig Schlauheit. Er war mir ebenso wie Graf Roon persönlich treu ergeben. Es war ehrlich, wenn er mir schrieb, daß mein Ausscheiden aus dem Amt die schwerste und schmerzlichste Erfahrung seines politischen Lebens seit dem Rücktritt Bismarcks wäre. Aber er fand, daß ich in der Erbschaftssteuer an die Agrarier eine Zumutung gestellt hätte, die zu erfüllen sie aus sachlichen Gründen außerstande gewesen wären. Wenn ich diesen Standpunkt nicht gelten lassen konnte, so verkannte ich nicht die freundliche Gesinnung, in der Oertel mir schrieb, daß es eine der schönsten Erinnerungen seines Lebens sein würde, im persönlichen Verkehr mit mir gestanden zu haben, und daß er für das ihm von mir zuteil gewordene Wohlwollen immer treue Dankbarkeit bewahren würde. Das war keine leere Phrase. Ich bin Oertel öfter wieder begegnet, und unsere persönlichen Beziehungen blieben die besten. Es würde zu weit führen, die Briefe wiederzugeben, in denen ich die Ausführungen meiner konservativen Freunde eingehend widerlegte. Was ich selbst schrieb, war übrigens kaum so schlagend wie der Aufsatz, den ein freisinniger Publizist, ein Schriftsteller, der durch Geist und Weite des Gesichtskreises sich über die Schablone erhob, Friedrich Dernburg, Friedrich der Vater des Kolonialsekretärs Bernhard Dernburg, zwei Jahre nach Dernburg meinem Rücktritt, als ich schon von der Villa Malta auf die Siebenhügelstadt blickte, im „Berliner Tageblatt" über den Ausgang meiner Reichskanzlertätigkeit veröffentlichte. Es hieß in diesem Artikel: „Wer die politische Laufbahn des Fürsten Bülow unbefangen in das Auge faßt, der wird zugeben müssen: Der Staatsmann, der auf seinen Leichenstein geschrieben haben wollte: Hier hegt ein agrarischer Reichskanzler, war sich immer treu gebheben. Fürst Bülow wollte die Konservativen auf neue und haltbare Grundlagen stellen. Er wollte sie vor sich selbst retten. Er hat hierbei einen weit voraussehenden Blick, Kühnheit und Entschlossenheit zum Handeln gezeigt. Nie ist einem Staatsmann mit größerer Undankbarkeit gelohnt worden als dem Fürsten Bülow von seinen Standes- und Parteigenossen. An ihrer Kurzsichtigkeit und Eigensucht ist der Plan gescheitert, er ist nicht einmal verstanden worden, und man begreift die zornige Verachtung, mit der Fürst Bülow ihnen das Wort zuschleuderte, das seiner Einlösung entgegengeht: Bei Philippi sehen wir uns wieder. Dies Philippi ist im 23 Bülow III 354 MEHNERT Anzug. Die Konservative Partei hat in ihrem Verhalten beim Sturz des Fürsten Bülow aber auch den Beweis geliefert, wie das parlamentarische Treiben imstande ist, die Blicke in die Enge zu bannen, über die großen Züge einer politischen Lage wegzutäuschen, nach kleinen Vorteilen schnappen zu lassen und die Existenz zu riskieren." Der streng konservative Führer der sächsischen Konservativen und Dr. Mehnert Präsident der Zweiten Sächsischen Kammer, Dr. Mehnert, schrieb: „Eure Durchlaucht wollen auch mir gestatten, daß ich am heutigen Tage meinem tiefsten und aufrichtigsten Bedauern Ausdruck gebe, daß Eure Durchlaucht von der Leitung der Geschäfte des Reichs zurücktreten. Es ist für mich ein unsagbar schmerzliches Gefühl, den hochverehrten Mann von der Stellung scheiden zu sehen, in der er so unendlich viel und so wahrhaft Großes für des Reiches Ansehen, für des Reiches Wohl und Förderung getan hat. Es erscheint mir noch nicht möglich, mir vorstellen zu können, wie künftig die Geschicke unseres großen Vaterlandes sich entwickeln sollen. Die Person des Fürsten Bülow ist für mich zu sehr mit der Leitung der Geschäfte im Innern wie im Äußern verbunden und verkettet, als daß ich mir ohne dieselbe deren gedeihliche Fortsetzung denken könnte. Seit Bismarcks Zeiten hat niemand zur Hebung vaterländischer Gesinnung so viel getan und beigetragen wie Eure Durchlaucht — seit Bismarcks Zeiten hat den deutschen Namen niemand so hochgehoben in der Welt, niemand so achtunggebietend gefestigt wie Eure Durchlaucht — insonderheit zuletzt noch durch die glänzende Aktion unserer auswärtigen Politik in diesem Frühjahr! Möchte ein gütiges Geschick es fügen, daß Eure Durchlaucht nicht für immer scheiden." Aus den Kreisen der Sozialreformer schrieb mir Professor Dr. E. Professor Francke: „Im Namen vieler Freunde und Gesinnungsgenossen wollen E. Francke E ure Durchlaucht einem Mann, der still und bescheiden versucht hat, seine Pflicht als nationaler und überaler Publizist sowie als Sozialpolitiker zu tun, gestatten, seinem tiefsten Schmerz Ausdruck zu geben, daß jetzt ein Reichskanzler sein Amt verläßt, der zwölf Jahre hindurch der Wohlfahrt des Reichs mit ruhmvollem Erfolge gedient hat. Seit Jahrzehnten hat Deutschland vor der Welt nicht mit solchen Ehren und solcher Macht gestanden wie heute. Niemals hat unser Volk in Stadt und Land Zeiten stärkerer wirtschaftlicher Blüte gesehen. Der Liberalismus, die freie Gesinnung begannen neu zu hoffen, als Eure Durchlaucht den Druck der Zentrumspartei und der Sozialdemokratie brachen. Und wir Sozialreformer wußten es und freuten uns dessen, daß der vierte Kanzler des Reichs ein Herz für die Armen und Bedrückten und eine bereite Hand für die Strebenden und Kämpfenden hatte. Mit Eurer Durchlaucht Scheiden vom Amt werden viele und teure Hoffnungen vernichtet." ABGEORDNETE 355 Der Obermeister Karl Rahardt, Mitglied des Abgeordnetenhauses, schrieb: „Wenn Millionen guter Deutscher mit wehmütigen und schmerz- M.d.A. liehen Gefühlen ihren langjährigen und hochverdienten Reichskanzler in R"hardt Eurer Durchlaucht scheiden sehen, so erfüllt den Unterzeichneten Bitternis und tiefer Grimm über die Ereignisse der letzten Wochen. Waren es doch in der Hauptsache meine eigenen Parteigenossen, welche den unseligen Ausgang herbeiführten. Wenn der Mittelstand sich von der Konservativen Partei abwendet, so geschieht dies nicht allein deswegen, weil man an Stelle der Erbschaftssteuer eine Menge mittelstands- und verkehrsfeindlicher Ersatzsteuern angenommen hat. Die Erbitterung gegen die Leitung der Konservativen Partei ist auch nicht allein deswegen so groß in den Reihen des Mittelstandes, weil man sich gegen die unnatürliche Bundesgenossenschaft des Zentrums und der Polen wehrt, sondern weil zielbewußt und mit Vorbedacht auf den Sturz des Mannes hingearbeitet wurde, der es verstanden hat wie unser unvergeßlicher Bismarck, sich einen Platz in den Herzen aller guten Deutschen zu sichern. Beim Scheiden Eurer Durchlaucht aus dem verantwortungsvollen Amt des Reichskanzlers will ich es aussprechen, daß gerade der Mittelstand mit unbegrenztem Vertrauen, Liebe und Verehrung auf Euer Durchlaucht gebhekt hat und dankbaren Herzens anerkennt, daß, soweit es das allgemeine Staatsinteresse zuließ, vieles für die erwerbenden Stände im letzten Jahrzehnt geschehen ist. Das hier auszusprechen, ist mir ein Herzensbedürfnis, und Euer Durchlaucht dürfen versichert sein, daß der Mittelstand im allgemeinen und der Handwerkerstand im besonderen seinem hochverdienten vierten Reichskanzler tiefste Dankbarkeit und ein treues Andenken bewahrt." Aus dem Schreiben des Abgeordneten Julius Kopsch, Rektors in Berlin und Vorsitzenden der Parteiorganisation der Fortschrittbchen Volkspartei, M. d. A. sprach die Stimmung, die drei Jahre später zu dem Ergebnis der Wahlen Kopsch von 1912 führen sollte: „Euer Durchlaucht gestattet sich ein schlichter Abgeordneter der Freisinnigen Volkspartei bei Eurer Durchlaucht tief bedauerlichem Scheiden aus dem Amt nachträglich ein Lebewohl zuzurufen in der sicheren Hoffnung, daß in absehbarer Zeit ein Wiedersehen auf dem Reichskanzlerstuhl des Reichstages erfolgt. Herr von Heydebrand und seine Gefolgschaft werden des Sieges nicht froh werden. Die Führung in einer Mehrheit haben stets diejenigen, die über die erforderlichen Arbeitskräfte verfügen. Den Konservativen fehlen die Arbeitskräfte, ihnen fehlt die erforderliche Sachkenntnis. All das Fehlende ist beim Zentrum überreich vorhanden, daher liegt trotz der Worte des Herrn von Heydebrand die Führung bald in den Händen der Herren Spahn und Erzberger. Wer aber das Ränkespiel des Herrn Spahn, die brutale Herrschsucht des Herrn Erzberger in der Budgetkommission kennengelernt hat, der kann, ohne 23* 356 MILITÄRS Prophet zu sein, vorhersagen, daß die ehrlichen Konservativen sich bald zurücksehnen werden nach der Zeit, wo sie mit ehrlichen Liberalen verhandeln konnten. Aus zahlreichen Versammlungen kenne ich die Stimmung des deutschen Volks. Herr von Heydebrand hat in seinem Machtbewußtsein, dem man nicht nur gegenüber der Regierung, sondern auch gegenüber dem Thron seit langer Zeit sehr offen Ausdruck gegeben hat, dem konservativen Gedanken für die Zukunft einen sehr schlechten Dienst erwiesen. Euer Durchlaucht aber werden bei dem hoffentlich nur vorübergehenden Rücktritt vom Amt begleitet von dankbarer Verehrung und Liebe des größten und sicherlich nicht schlechtesten Teils des deutschen Volkes." Der Gesamtverband der Evangelischen Arbeitervereine trug mir ebenso wie der Bund vaterländischer Arbeitervereine die Ehrenmitgliedschaft an, die ich mit Dank und Genugtuung annahm. Mehr noch als Anerkennung und Zustimmung von politischer Seite erfreuten mein Herz die Zuschriften, die ich bei meinem Scheiden aus den Reihen der Armee erhielt, an der ich mit ganzer Seele hing, seitdem ich im glorreichen Jahr 1870 des Königs Rock angezogen hatte. Der langjährige General Chef des Militärkabinetts, der Generalfeldmarschall von Hahnke, dieses Hahnke Bild eines echten preußischen Gardeinfanteristen, schrieb mir unter dem 14. Juli 1909: „Unter den Unzähligen, die heute am bedeutungsvollen Tage des Niederlegens des Kommandostabes als Reichskanzler Ihnen ihre Verehrung und allergrößte Hochachtung zum Ausdruck bringen, möchte ich nicht fehlen. Wer eine Ahnung davon hat, welche Charakterstärke, welcher Mut, welche Einsicht, welche Erfahrung, weiches Wissen und Können, welche Selbstlosigkeit dazu gehört, als Reichskanzler zu kämpfen für des Vaterlandes Macht, Ehre und Gedeihen und gleichzeitig zu dienen dem Monarchen in Ergebenheit und Treue unter den allerschwersten Bedingungen, der wird heute offen eingestehen müssen, daß Euer Durchlaucht ein Kämpfer, ein Reichskanzler gewesen sind, wie Seine Majestät ihn schwerlich wieder finden wird. Großartig, wie Eure Durchlaucht gekämpft, haben Eure Durchlaucht auch mit Stolz und Würde und voller Ehren das Kommando abgegeben und treten nun in den tausendfältig wohlverdienten Ruhestand." Der alte Feldmarschall wußte besser als irgendein anderer, wie schwer es mir während zwölf Jahren geworden war, die dauernden Interessen des Landes, der Dynastie und des Monarchen selbst gegenüber diesem Monarchen zu wahren. Der damalige General der Infanterie, spätere Generalfeldmarschall Karl General von Bülow schrieb mir am 15. Juli 1909: „Als Vetter und stellvertretender i. Bülow Vorsitzender unseres Familienverbandes darf ich Ihnen warm die Hand drücken in den entscheidungsreichen Tagen, die Sie jetzt durchlebt haben. Für mich, und meiner Überzeugung nach auch für die ganze Bülowsche FRAUEN 357 Sippe, gebe ich der Trauer Ausdruck, daß die Verhältnisse Eure Durchlaucht gezwungen haben, das höchste deutsche Staatsamt niederzulegen, Ihre erfolgreiche und dem Wohle unseres deutschen Vaterlandes dienliche Tätigkeit jetzt hoffentlich nicht zu beendigen, sondern nur zu unterbrechen. Ich weiß, daß Eure Durchlaucht, wenn Kaiser und Reich Ihrer bedürfen — und sie werden Sie später nötig haben —, mit Freuden bereit sein werden, die Bürde des höchsten Amtes erneut auf Ihre starken Schultern zu nehmen. Unvergessen muß es aber heut schon der Familie sein und bleiben, wie Ihr Wirken als Reichskanzler dem Bülowschen Ruhmeskranze ein neues Lorbeerblatt eingefügt hat. Die Bülows sind stolz auf diesen Sohn ihres Geschlechts." Der General der Kavallerie, Graf Hermann Wartensleben, einst Oberquartiermeister der deutschen Südarmee, als sie unter dem Oberbefehl des Feldmarschalls von Manteuffel in ruhmvollen Kämpfen in Schnee und Eis das Bourbakische Korps zum Ubertritt in die Schweiz zwang, schrieb mir: „In meiner ländlichen Abgeschiedenheit natürlich nur unvollkommen unterrichtet, vermag ich nicht alle bestimmenden Beweggründe zu dem folgenschweren Schritt zu beurteilen und kann nur sagen: Ein großer Verlust für das Vaterland, und wer soll Eure Durchlaucht einigermaßen ersetzen?" Die Witwe meines unvergeßlichen Kriegsobersten, des Feldmarschalls von Loe, die Baronin Franziska Loe, geborene Gräfin von Hatzfeldt-Trachenberg, telegraphierte mir: „Ich gratuliere Ihnen und der Fürstin und beklage uns." Aus einer Stätte, in der Idealen gehuldigt wurde, die andere waren als die militärischen, schrieb für sich selbst und ihre Mutter, die schon mehr als Cosima siebzigjährige Cosima Wagner, deren älteste Tochter, Daniela Thode, Wagner meiner Frau: „Verehrte teuere Fürstin Marie, es weüten und weden unsere Gedanken so viel bei Dir und dem Fürsten, Deinem Gemahl, daß es mir ein wahres Bedürfnis ist, dem Ausdruck zu geben und Dir und ihm unsere verehrungsvollsten Grüße zu senden. Mama, welche leider im Augenblick wieder angegriffener ist und größter Ruhe und Schonung bedarf, hat an allen so bedeutungsvollen und ach! so unerquicklichen Vorgängen im öffentlichen Leben den regsten Anteü nehmen können und bittet mich, Dir ihre zärtlichsten Grüße zu übermitteln. Ganz Wahnfried grüßt Dich und den Fürsten in treuster Verehrung." Drei andere Kundgebungen von Frauenhand rührten mich. Die Witwe des zwei Jahre vorher verstorbenen Staatsministers von Bötticher Frau schrieb: „Eure Durchlaucht gestatten wohl, daß ich Ihnen und der Frau v. Bötticher Fürstin, die Sie beide so unbeschreiblich gütig zu mir gewesen sind, beim Scheiden aus Ihrem schweren, dornenvollen Amt Gottes Segen noch in ganz besonderer Weise wünsche. Welch schwerer Schritt es für den Mann ist, von seinem Lebenswerk zu scheiden, weiß ich wohl. Habe ich doch mit 358 ISWOLSKI meinem geliebten Mann im Juli 1897 Ähnliches durchlebt. Wenn Eurer Durchlaucht unendlich viel Liebe, Teilnahme und Freundschaft aus dem ganzen deutschen Volke folgt, so bitte ich, mich auch unter diejenigen rechnen zu wollen, die in Dankbarkeit Ihrer gedenken." Die Tante meines Frau v. Beth- Nachfolgers, Frau Freda von Bethmann Hollweg, schrieb mir: „Sie mann Hollweg haben, teurer Fürst, treu und mit Hingabe Ihrer selbst gekämpft. Das trägt seinen letzten Lohn in sich und wird Ihnen in der Geschichte unseres Vaterlandes unvergessen bleiben! Es sind sicher die schwersten Kämpfe, in denen man die Wunden nicht zeigen kann. Daß der Eintritt meines Neffen in diese schwere Stelle mein Herz sehr bewegt hat und noch beschäftigt, werden Sie sich denken. Gott möge ihm beistehen!" Endlich schrieb mir die vierund- Frau achtzigjährige Mutter meines treuen Mitarbeiters Loebell: „Unvergeßlich v. Loebell i s t m i r di e Stunde, da vor neun Jahren mein heimgegangener Mann und ich Eurer Durchlaucht Ernennung zum Kanzler des Deutschen Reichs, die wir erhofften, begrüßten mit den freudigsten Erwartungen für Kaiser und Reich. Mit dem Bewußtsein der vollen Erfüllung dieser Hoffhungen entschlief mein Mann. Ich aber erlebe nun noch mit tiefschmerzlichem Bedauern den Rücktritt Eurer Durchlaucht, und mein altes patriotisches Herz ist tief verletzt und beklagt bitter die Motive, welche denselben veranlaßten." * Ich hatte, als mein Rücktritt feststand, unsere Vertreter auf unseren wichtigsten Auslandsposten gebeten, den Souveränen, bei denen sie akkreditiert waren, meinen Dank für das mir während meiner Leitung der auswärtigen Geschäfte erwiesene Vertrauen in angemessener Form zu übermitteln. Der russische Minister des Äußern, Alexander Petrowitsch Istvolski Iswolski, erwiderte mir in einem längeren, eigenhändigen Brief: „Le charge d'affaires d'Allemagne, le Comte de Mirbach, m'a fait part de Votre desir qu'au moment oü Vous quittez le poste eleve que Vous avez occupe avec tant d'eclat, je fasse parvenir ä mon Auguste Maitre les sentiments d'attachement et de reconnaissance que Vous portez ä Sa Majeste. Je n'ai pas manque de m'aequitter aupres de Sa Majeste de ce message, et je suis heureux de Vous transmettre les sinceres remereiments de l'Empereur qui m'a ordonne en meme temps de Vous exprimer, combien II a toujours apprecie Votre brillante et feconde activite et Vos efforts en faveur des bonnes relations entre la Russie et l'AUemagne. Le Comte de Mirbach m'a egalement transmis ce dont Vous avez bien voulu le charger personnellement ä mon adresse. J'en ai ete extremement touche, et je tiens ä Vous dire, ä mon tour, que je garderai toujours un Souvenir ineffacable de mes relations personnelles avec Vous, relations qui datent de si loin et qui j'espere vont se continuer pendant de longues annees encore. J'ai la certitude que ces relations ont apporte leur part de grande utilite ä la bonne entente entre nos AEHRENTHAL 359 deux pays. C'est de tout cceur que je partage Votre contentement de ce qui a ete fait en dernier lieu pour raffermir cette bonne entente et pour donner aux rapports entre la Russie et l'Allemagne un caractere d'entiere confiance si conforme aux meilleurs traditions de leur histoire. Vous savez combien je suis desireux de travailler dans ce sens et combien je suis persuade qu'il n'existe, ni ne peut exister, aucune cause directe de malentendus entre nos Gouvernements. Dieu veuille que les causes indirectes qui ont produit tant d'alarmes l'biver dernier ne se reproduisent plus. Laissez moi, mon eher Prince, Vous assurer que mes sentiments de profonde admiration et de vraie amitie Vous aecompagneront dans la nouvelle pbase de Votre belle existence, dans laquelle je Vous souhaite de tout cceur de trouver repos et sante. Veuülez, je Vous prie, me mettre aux pieds de la Princesse de Bülow et agreez pour Vous meme l'bommage de mon devouement le plus sincere." Der beachtenswerte Passus in diesem Schreiben war der Satz: „Dieu veuille que les causes indirectes qui ont produit tant d'alarmes l'hiver dernier ne se reproduicent plus." Dieser Satz bestärkte mich in der Überzeugung, daß die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland und damit des Weltfriedens durchaus im Bereich der Möglichkeit lag. Wir durften aber weder die russischen Kreise gerade an den Dardanellen stören, noch Österreich erlauben, auf der Balkanhalbinsel Rußland in einer Form in den Weg zu treten, die der Zar und das Zarenreich im Hinblick auf hundertjährige russische Traditionen nicht hinnehmen konnten, ohne die Existenz des Zarentums zu gefährden. Bei meiner letzten Begegnung mit Bethmann Hollweg vor meiner Abreise von Berlin habe ich meinem Nachfolger diese Worte aus dem Abschiedsbrief von Alexander Iswolski auf meine Visitenkarte sauber und deutlich niedergeschrieben und als letzte Mahnung zu Vorsicht und Umsicht in die Hand gedrückt. Ich habe wie Kaiser Wilhelm II. so auch Bethmann Hollweg mehrfach vor einer ungeschickten Wiederholung meiner bei der Beilegung der bosnischen Krisis erfolgreichen Politik gewarnt. Ich habe beiden sowohl den alten römischen Rechtssatz „Ne bis in idem" wie das kluge Wort des Lustspieldichters Terenz: „Duo cum faciunt idem, non est idem", wie mir schien, nicht gerade zu ihrem Vergnügen, nachdrücklich eingeschärft. Der, nachdem er dank unserer Unterstützung aus der bosnischen Schwierigkeit gut herausgekommen war, zum Grafen beförderte Aloys Lexa von Aehrenthal Aehrenthal schrieb mir: „Verehrtester Fürst, Szögyenyi berichtet mir, daß Ihr Entschluß, sich zurückzuziehen, unwiderruflich feststeht und daß die kaiserliche Entscheidung demnächst erfolgen dürfte. Mit Bangen habe ich diesem Augenblicke entgegengesehen, und nun, wo sein Eintritt immer näher rückt, erfüllt mich aufrichtiges und wehmütiges Bedauern. Ich muß » 360 TITTONI es mir versagen, in die Erwägung der Gründe einzugehen, die Ihren Schritt veranlaßten. Dieselben müssen zwingender Natur gewesen sein, wenn Kaiser Wilhelm einwilligte, sich von Ihnen nach einer so langen und auf allen Gebieten erfolgreichen Amtsführung zu trennen. Sie können, verehrter Fürst, mit Stolz auf die Ihrem Kaiser und Deutschland gewidmeten Jahre zurückblicken und mit dem Gefühl von dem hohen Posten scheiden, die Entwicklung Deutschlands nach allen Richtungen gefördert und seinen staatlichen Bau gestärkt zu haben. Wir in Österreich-Ungarn sehen Sie mit dem aufrichtigsten Bedauern zurücktreten, weil wir in Ihnen einen überzeugten und bewährten Vertreter des Allianzgedankens zwischen den beiden Kaiserreichen erblickten. In diesem Zusammenhang habe ich mich eines Auftrages meines allergnädigsten Herrn zu entledigen. Seine Majestät Kaiser Franz Josef hat von dem Inhalt des Schreibens Szögyenyis über seine letzte Unterredung mit Eurer Durchlaucht Kenntnis genommen und mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Seine Majestät Ihrer Person und Ihrem treuen Festhalten an dem Bündnis ein herzhches und dankbares Andenken bewahren werde." Der italienische Minister des Äußern, Herr Tommaso Tittoni, richtete Tittoni ein längeres Schreiben an mich, das ich in deutscher Übersetzung folgen lasse: „Teurer Fürst und Freund, ich habe den Brief, den E. D. mir sandten, erhalten. Ihnen für den außerordentlich liebenswürdigen Gedanken dankend, erlaube ich mir in italienischer Sprache zu antworten, der Sprache, die E. D. verstehen und Heben. E. D. hatten die Güte, der wohlwollenden Herzlichkeit, die Sie unseren persönlichen Beziehungen aufgeprägt haben, und der Sympathie, die Sie immer für mein Land zeigten, seit Sie es kannten, noch einmal Ausdruck zu geben. Als Botschafter in Rom, als Minister des Äußern und als Reichskanzler haben Sie stets die Interessen Italiens im Einklang mit denen Deutschlands betrachtet. Deshalb konnte das Bündnis zwischen den beiden Staaten während Ihrer ganzen Amtszeit fortdauern und die Schwierigkeiten mancher delikaten Situation überwinden, weil E. D. in der Festhaltung der Verträge den festen Willen und die Loyalität gesetzt hatten, die Sie auch das Recht hatten von uns zu erwarten und die von uns immer mit nicht weniger spontanem Gefühl und nicht weniger vertrauensvoll erwidert wurden. Nachdem Sie freiwillig Ihren verantwortungsvollen Posten verlassen, begleitet von der Achtung Ihres Souveräns und umgeben von dem Respekt und der allgemeinen Bewunderung, bleiben E. D. die stärkste Persönlichkeit der deutschen Politik, und mein politischer Egoismus bestimmt mich, Sie noch als wertvollen Mitarbeiter zu betrachten, an den ich oder wer auch sonst meinen Posten in Zukunft bekleiden wird, sich vertrauensvoll wenden kann mit der Sicherheit, volle Erwiderung unserer Gefühle zu finden. Der Brief E. D. läßt mich METTERNICH 361 hoffen, daß Sie sich für die beabsichtigte Ruhe nicht nur zu kurzem Aufenthalt in Rom niederlassen werden. Sie werden hier nicht nur Ihre Gewohnheiten wiederaufnehmen und teuere Beziehungen mit Ihrer genialen Intelligenz wieder anknüpfen können, sondern auch unsere Mentalität verstehen und deren Eindrücke zu schätzen wissen. E. D. haben sich nicht nur als Bewunderer unserer Vergangenheit gezeigt, sondern Sie sind auch von der Bedeutung unserer Gegenwart und unserer Zukunft für Deutschland überzeugt. Jetzt unter uns lebend, können Sie Zeuge unserer Bemühungen sein, mit Würde den Frieden zu sichern und die Mäßigung unserer internationalen Tätigkeit wie die Gerechtigkeit unserer Bestrebungen feststellen, die sich nicht nur aus den Akten der Regierung ergibt, sondern auch aus der Haltung des gesamten Volkes. Ich bin sicher, daß die Zuneigung und Achtung, mit der E. D. uns immer beehrt haben, hierbei nur zunehmen können. Ich werde mich beeilen, Ihren Majestäten dem König und der Königin und Ihrer Majestät der Königin Mutter die Gefühle zur Kenntnis zu bringen, von denen Sie wünschen, daß ich sie übermittle. Dem On. Giolitti und unseren zahlreichen gemeinsamen Freunden werde ich Ihre liebenswürdigen Worte überbringen. Als Minister, als Italiener und als Freund sende ich Ihnen einen Gruß dankbarer Erinnerung. Wollen E. D. den Ausdruck meiner hohen Wertschätzung wie meiner unveränderlichen anhänglichen Freundschaft entgegennehmen." Zwei Tage später telegraphierte mir Tittoni: „Leurs Majestes le Roi et la Reine me telegraphient: Nous sommes tres sensibles aux expressions contenues dans la lettre du Prince de Bulow. Nous vous prions de lui exprimer nos vifs remerciments. Sa Majeste la Reine mere me telegraphie: Je vous prie d'envoyer mes salutations des plus amicales et affecteuses au Prince de Bulow pour lequel j'ai toujours eu une estime profonde." Als sich die Parteiverhältnisse im Reichstage in einer Weise verschoben hatten, die meinen Rücktritt in den Bereich der Möglichkeit und selbst der Wahrscheinlichkeit rückten, während ich mich gleichzeitig des Kaisers immer weniger sicher fühlte, hatte ich ein längeres Schreiben an unseren Botschafter in London, den Grafen Metternich, gerichtet, um ihn über Metternich die Lage der Dinge in Berlin zu orientieren. Am Schluß meines Briefes sagte ich: ich bedauerte, daß ich zurücktreten müsse, bevor ich die Möglichkeit gehabt hätte, mit England eine Verständigung über die Flottenfrage herbeizuführen. Ich sei einer solchen Verständigung nicht nur nicht abgeneigt, sondern ich hielte sie unter den Metternich bekannten Voraussetzungen im Interesse beider Länder für nützlich und notwendig. Ich glaubte auch, daß ich bei längerem Bleiben eine solche Verständigung gerade so durchgesetzt hätte, wie ich nach manchen „ups and downs" zu einem befriedigenden Abkommen über Marokko gekommen wäre, das unsere 362 HILL Beziehungen zu Frankreich auf eine gute Basis stelle. Ich sei aber sicher, daß Schön, der von den besten Absichten beseelt sei, die auswärtige Politik in meinem Sinne fortführen werde, und ich übergebe sie ihm in guter Verfassung. Die Annahme, als ob außer den Parteiverhältnissen im Reichstag andere Motive oder Faktoren mich bei meinem Rücktritt beeinflußten, sei nicht zutreffend. Insbesondere hätte ich bis zuletzt das Vertrauen S. M. des Kaisers besessen, der sich ungern von mir trenne. Ich hätte S. M. und Schön in ernster Weise gesagt, daß ich im Interesse unserer Beziehungen zu England beiden nur dringend empfehlen könne, Graf Metternich auf seinem Posten zu belassen. Daß ich in diesem Brief meinen Rücktritt auf die Parteiverhältnisse im Reichstag und nicht auf die Haltung des Kaisers zurückführte, geschah, um gerade gegenüber dem deutschen Botschafter am englischen Hofe die Allerhöchste Person nicht bloßzustellen. Die gute Zensur, die ich dem Staatssekretär von Schön ausstellte, hat dieser durch seine weitere politische Tätigkeit leider nicht gerechtfertigt. Nachdem mein Rücktritt sich vollzogen hatte, bat ich Metternich, dem König und der Königin von England meinen Dank für die freundliche Gesinnung auszusprechen, die mir beide im Laufe vieler Jahre bewiesen hätten. Für Metternich fügte ich hinzu, ich sei persönlich nicht unglücklich, nach zwölfjähriger Amtszeit — nur unser unvergeßlicher großer Bismarck habe länger amtiert, Hardenberg ebensolange, Manteuffel kürzer — an der Elbe und am historischen Tiber als freier Mann meine letzten Jahre zu verleben. Metternich antwortete mir am 19. Juli 1909: „In Ausführung Ihres Briefes vom 9. ds. Mts. habe ich vor einigen Tagen Gelegenheit gehabt, dem englischen Königspaar Ihre dankbare Gesinnung für das Ihnen im Laufe der Jahre bewiesene Wohlwollen persönlich zu übermitteln. Beide Majestäten sprachen mit viel Wärme von den langjährigen persönlichen Beziehungen, die sie mit Ihnen gehabt hatten. Der König bemerkte, Ihre Majestät habe Sie ja schon als Kind gekannt. Beide erkundigten sich mit Interesse nach Ihren zukünftigen Plänen, und ich erklärte und beschrieb ihnen, wo Sie und die Fürstin, voraussichtlich an der Elbe, in Norderney und in Rom in der von Ihnen vor einigen Jahren erworbenen Villa Malta, Ihren Wohnsitz nehmen würden. Bei Beendigung des Gesprächs trug der König mir auf, Ihnen seine besten Wünsche für Ihr ferneres Wohlergehen auszusprechen, und Sie möchten, so wünschte er Ihnen, nun Ihre Freiheit nur recht genießen." Der nach seiner Ernennung zum amerikanischen Botschafter in Berlin Hill von Kaiser Wilhelm II. aus futilen Gründen ungnädig aufgenommene Mr. Hill, den ich meinerseits im deutschen Interesse freundlich behandelt hatte, schon weil er in seiner Heimat Freunde und eine starke Stellung hatte, SZÖGYENYI-MARICH 363 schrieb: „My dear Prince von Bülow, your very kind personal note of fare- well written at the moment of your departure frorn Berlin was fonvarded to me and received at Geneva. I beg your Serene Highness to accept from me my tbanks for our official relations, which bave been to me a source of tbe greatest satisfaction and are not interrupted without a sense of loss and sincere regret. I sball never cease to remember with gratitude tbe cordial reception I received from you upon my arrival in Berbn and I bope to have some occasion to demonstrate tbe sincere affection I feel for tbe great Empire whicb you bave so long and so faitbfully served. Please remember me most kindly to Her Serene Highness Princess von Bülow and beUeve me faithfully yours David S. Hill." Von österreichischer Seite wurde der Botschafter Graf Szögyenyi beauftragt, mir den wärmsten Dank der k. und k. Regierung für meine Szögyenyi bundestreue Gesinnung wie für meine gesamte „erleuchtete" politische Tätigkeit auszusprechen. Der gute Graf entledigte sich dieser Mission mit großer Emphase. Das offiziöse „Wiener Fremdenblatt" widmete mir einen schwungvollen Artikel, in dem es hieß: „Fürst Bülow hat es verstanden, der Mann seiner Zeit zu sein. In seiner äußeren wie inneren Pobtik läßt sich eine Folgerichtigkeit nachweisen, die sich durch alle scheinbaren Wandlungen hindurchzieht. Man weiß in Deutschland, was man an Bülow verliert, aber auch wir nehmen ungern von ihm Abschied." Das feudal-klerikale schwarzgelbe Wiener „Vaterland" schrieb: „Mit dem Fürsten Bülow scheidet ein Staatsmann aus dem öffentlichen Leben, der eine ausgeprägte Persönlichkeit war und auch seiner Politik eine starke persönbcbe Note zu geben wußte. Wir können nur die Hoffnung ausdrücken, daß es seinem Nachfolger vergönnt sein wird, mit Österreich-Ungarn in ebenso gutem Einvernehmen zu amtieren, als dies dem Fürsten Bülow gelang, denn in Deutschlands vernünftiger Außenpolitik hegen die Bürgschaften des europäischen Friedens." Es konnte mir nicht entgehen, daß trotz solcher nach außen zur Schau getragener Verehrung mein Rücktritt in Wien im Grunde mehr Befriedigung als Schmerz hervorrief. Und nicht nur bei militärischen Exaltados wie dem General Conrad von Hötzendorf, die es mir übelnahmen, daß ich ihre Neigung zu einem frischen, fröhlichen Krieg, heute gegen Rußland oder Itaben, morgen gegen Serbien oder Rumänien, stets energisch durchkreuzt hatte, sondern auch bei manchen österreichischen Ministem, Politikern und Diplomaten, und das trotz der von mir der habs- burgischen Monarchie geleisteten guten Dienste. Der Grund lag auf der Hand. Ich war der Doppelmonarchie gegenüber stets des oft von mir zitierten Ausspruchs des Fürsten Talleyrand eingedenk gebbeben, daß jede AUianz dem Verhältnis zwischen Reiter und Pferd gbche. Ich hatte Wert darauf gelegt und es verstanden, bei dem Bündnis- 364 EIN SIEGESBANKETT Verhältnis zu Österreich den Reiter zu spielen. Ich erlaubte Österreich keine rollenwidrigen Seitensprünge und war auch, und gerade während der bosnischen Krise, allen kriegerischen Velleitäten in Wien und Pest scharf entgegengetreten. Ich hatte während dieser Krise die deutsche Politik so geführt, daß ich Österreich schützte und stützte, es aber doch nicht wegen Österreichs und durch Österreich zu einer dauernden Entfremdung oder gar zu einem Zusammenstoß zwischen Deutschland und Rußland kommen ließ. Der österreichische Historiker Fried jung, der trotz seiner Sympathien für Deutschland und seiner deutschen Kultur innerlich ganz Österreicher, schwarzgelber Österreicher war, faßt in seinem Werk über das Zeitalter des Imperiabsmus das Ergebnis des bosnischen Annexionsstreits in die sauersüßen Worte zusammen: „Während nun Österreich-Ungarn aus der bosnischen Krise nicht ohne Einbußen hervorging, war der von Deutschland 1909 errungene Erfolg völlig ungetrübt. Bülow verstand es sogar, mit Iswolski auf fast freundschaftlichem Fuße zu bleiben." Und endbch hatte ich österreichische Versuche, unsere Ostmarkenpobtik zu sabotieren, nicht geduldet. Derartige Versuche erfolgten teils durch den Fürsten Max Fürstenberg direkt bei Kaiser Wilhelm, teils durch den Botschafter Szögyenyi auf gesellschaftbchem Wege. Die geringe Bebebtheit, deren ich mich namentbch bei der jüngeren k. und k. Diplomatie erfreute, trat in beinahe grotesker Weise zutage, als, bald nachdem ich meinen Abschied eingereicht hatte, die Sekretäre und Attaches der österreichisch-ungarischen Botschaft in Berlin sich an einem Diner beteibgten, das aristokratische Mitgbeder der Zentrumspartei zur Feier meines Rücktritts in einem großen Berliner Hotel veranstalteten. Den Vorsitz bei diesem Sieges- und Freudenfest führte der damalige Zentrumsabgeordnete Graf Hans Oppersdorf f, der spätere Überläufer zu den Polen und Landesverräter, der sich für dieses Präsidium in der Tat wie kein anderer quabfizierte. Der österreichisch-ungarische Botschafter Graf Szögyenyi erschien, sobald er von dieser Taktlosigkeit erfuhr, bei mir, um mir sein Bedauern auszusprechen und mir gleichzeitig zu sagen, daß er den Schuldigen einen strengen Verweis erteilt habe. Aus den nach dem Umsturz von 1918 erfolgten Wiener Pubbkationen ist übrigens zu ersehen, daß nach dem Sturz des Fürsten Bismarck der damalige österreichisch- ungarische Botschafter in Berlin, Graf Emmerich Szechenyi, alles in allem Genugtuung empfand. Ich bin also, was die intimen Gefühle mancher Österreicher mir gegenüber betrifft, in guter Gesellschaft. Aus Wien schrieb mir der Schriftsteller Alfred von Berger, früher Alfred Leiter des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, dann Direktor des . Berger Hof burgtheaters in Wien: „Welch unermeßlichen Schatz von Vertrauen und Bewunderung Sie aus jenen Schichten des deutschen Volkes, die von Partei- LITERATUR 365 leidenschaft und Parlamentstaktik unberührt sind, ins Privatleben mitnehmen, das weiß ich aus ungezählten Äußerungen. Viele werden sich freuen, daß es Ihnen möglich ist, sich in voller Frische zurückzuziehen, weil sie daraus die Hoffnung schöpfen, daß es dem Vaterland in zukünftigen schweren Zeiten, deren banges Vorgefühl sehr viele im Innersten tragen und verbergen, an einem erfahrenen und weisen Berater und Helfer nicht fehlen wird." Aus Blankenese schrieb mir mein Nachbar und engerer Landsmann Gustav Frenssen, der Dichter und Verfasser von „Jörn Uhl" und der Frenssen, „Drei Getreuen": „Euer Durchlaucht will auch ich, dessen Freude es ist, Wilbmndi das Leben tapferer, ernster Menschen zu bedenken und zu erzählen, Dank sagen für das, was Sie für das Land getan haben. In langjähriger Anhänglichkeit und Verehrung bin ich Ihr ergebenster Gustav Frenssen." Ein anderer Dichter-Freund von mir, Adolf Wilbrandt, schrieb: „Lieber, teuerer, verehrtester Freund, ich kämpfe schon so viele Tage mit dem Trieb und Umtrieb, Ihnen zu schreiben. So schwer ward mir nicht oft etwas. Daß es Wahrheit werden sollte, daß wir Sie nicht mehr als Reichskanzler haben — welches Schicksal für uns! Für mich! Denn keiner hat wohl tiefer gefühlt, was Sie uns waren, was Sie uns bedeuten. Was für Konservative haben wir! Oder vielmehr, wie werden sie geführt! Ich bin tief gebeugt. Im tiefsten Innern sagt mir etwas: Sie kommen wieder. Vielleicht in vier, fünf Jahren sind Sie wieder in der Wilhelmstraße! Ich hoffe es!" Auch Gerhart Hauptmann sprach mir in herzlichen Worten seinen Schmerz über meinen Rücktritt wie Sympathie und Freundschaft aus. Hauptmann, Der Bibliothekar der Wartburg, der Dichter Richard Voß, telegraphierte Vo ß meiner Frau: „Mit der Nation spreche ich Ihnen meine tiefbewegte Empfindung aus, daß Deutschland das Unglück hat, seinen Kanzler zu verHeren und Sie scheiden zu sehen." Aus der Schweiz, wo er einen Erholungsurlaub zugebracht hatte, schrieb mir trotz seiner langjährigen nahen Beziehungen zu Wilhelm II. der Generalsuperintendent der Kurmark, der Oberhofprediger Ernst von Dryander: „Euer Durchlaucht wollen es nicht für Unbescheidenheit Dryander halten, wenn ich mir gestatte, aus den Bergen, in die die Ereignisse der Zeit erst einige Tage später gelangen, meine wärmste und zugleich schmerzlichste Anteilnahme an den politischen Ereignissen zum Ausdruck zu bringen. Es drängt mich bei dem mir unverständlichen und meines Dafürhaltens nicht in der Sache selbst begründeten Verhalten der Konservativen Partei, deren Hospitant ich im Herrenhause bin, Euer Durchlaucht meine volle Sympathie und den ehrerbietigsten Dank für die starke und glanzvolle Leitung der Geschäfte des Vaterlandes auszusprechen sowie mein inniges Bedauern, daß die großzügige, von Euer Durchlaucht übernommene Finanzreform mit dem Resultat endet, daß, abgesehen von allen andern, 366 MONOD das Reich der starken und zielbewußten Hand Euer Durchlaucht beraubt wird." Adolf von Harnack, der, seitdem die kaiserliche Gnadensonne, an deren Strahlen er sich so gern wärmte, mir nicht mehr leuchtete, sich langsam und vorsichtig von mir zurückzog, sandte mir, wohl weil ihn meine Frau eingeladen hatte, in der Villa Malta bei uns Wohnung zu nehmen, wenn er im nächsten Winter in Berufspflichten nach Rom kommen würde, einen liebenswürdigen Abschiedsgruß: „Hochverehrter Fürst und Herr! Für alles Wohlwollen, für alles Vertrauen und für die mich beglückende Freundschaft Ihnen aus bewegter Seele zu danken, ist mir ein tiefes Bedürfnis. Und lassen mich Eure Durchlaucht auch dafür danken, daß Sie in unseren Staat mit seinen harten und bürokratischen Formen den Geist der Humanität und der Freiheit hineingetragen haben, jener duldsamen und freudigen Freiheit, die soviel Gutes zu stiften und soviel Widriges zu dulden vermag wie die Liebe. Eben diese Freiheit werden Sie und Ihre teuere und verehrte Frau Gemahlin auch über jedes Geschick triumphieren lassen. Debellantes inimicos ab amicis prodimur (Während wir unsere Feinde niederkämpfen, werden wir von unseren Freunden verraten) ist die alte Regel, nach welcher Helden leiden. Aber Avas Sie geschaffen haben, kann nicht zermalmt werden, sondern wird bleiben, teils schon jetzt, teils als Weissagung für die Zukunft. In treuester Anhänglichkeit und tiefster Verehrung Eurer Durchlaucht ergebenster von Harnack." Meine und meiner Frau Lebensfreundin, die sechs Jahre früher am 26. April 1903 verstorbene Malvida von Meysenbug, hatte, wie alle Leser ihrer so weit verbreiteten „Memoiren einer Idealistin" wissen, eine Adoptivtochter, Olga Herzen, die Tochter des radikalen russischen Publizisten und Agitators Alexander Iwanowitsch Herzen. Der war der Sohn eines russischen Fürsten Jakowleff und eines schwäbischen Mägdeleins, Luischen Haag aus Stuttgart. Herzen war von Kaiser Nikolaus, weil er Hegel gelesen hatte, nach Sibirien verschickt worden. Alexander II. begnadigte ihn, aber nur, um ihn in Nowgorod zu internieren. Von dort gelang es ihm, nach London zu fliehen, wo er die Monatsrevue „Kolokol" (die Glocke) herausgab, die zum erstenmal im Namen der Grundsätze der Französischen Revolution Sturm gegen den Zarismus läutete, der bis dahin nur durch Palastrevolutionen und Adelsverschwörungen bekämpft worden war. Malvida hatte ihre Adoptivtochter Olga Herzen mit einem ausgezeichneten französischen Gelehrten, dem Historiker, Direktor der Revue historique und der ficole Gabriel normale in Paris, Gabriel Monod, vermählt. Ein patriotischer Franzose, Monod war er gleichzeitig aus Gründen der Humanität wie der Vernunft ein aufrichtiger Friedensfreund. Er schrieb an meine Frau: „Nous avons suivi les evenements de la derniere semaine avec une vive Sympathie, Sympathie qui n'etait pas seulement dictee par notre amitie pour Monsieur de Bulow et DR. BREUER — CURTI 367 pour Vous, mais aussi par la conviction que la politique de M. de Bulow etait aussi utile aux interets generaux de la Civilisation qu'aux interets speciaux de l'Allemagne. Beaucoup de mes compatriotes en jugent autre- ment que moi et croient que la politique du Chancelier etait etroitement nationale et inspiree par des sentiments hostiles ä la France et ä l'Angleterre. J'ai toujours soutenu vis-ä-vis des amis qui pensaient ainsi que si M. de Bulow, comme c'etait son devoir, mettait les interets permanents de l'Allemagne au premier rang de ses preocoupations, il regardait le maintien de la paix cornme le premier de ses interets et considerait les bons rapports de la France avec l'Allemagne comme necessaires au maintien de la paix. Bien loin qu'il ait jamais cherche ä troubler ces rapports, je suis persuade que son action personelle a toujours tendu ä eviter les imprudences qui pouvaient la compromettre. Mais toute politique ä part, car chaque pays et chaque ministre a le droit d'entendre ses devoirs ä sa maniere, nous avons constamment pense ä vous pendant cette crise, souffrant pour Vous de ce qu'elle a pu avoir de penible, et nous nous sommes aussi rejoui que M. de Bulow puisse apres ces annees de dur et utile labeur jouir d'un repos bien merite." Im Auftrage der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, dem, wie vordem mein sehger Vater in dem kleinen Großherzogtum Mecklenburg-Strehtz, so auch ich in größerem Wirkungskreis freundlich gegenübergestanden hatte, richtete der Babbiner Dr. Breuer Dr. Breuer das nachstehende Telegramm an mich: „In dem Augenblick, da Euer Durchlaucht nach jahrzehntelangem rastlosem Wirken für das Vaterlandswohl Ihre öffentliche Tätigkeit abschließen, ist es uns Herzensbedürfnis, im Namen der von uns vertretenen religiös-konservativen Judenheit Deutschlands für das von Euer Durchlaucht unseren rebgiösen Interessen betätigte Wohlwollen aufrichtigen Dank auszusprechen. Insbesondere gedenken wir mit inniger Dankbarkeit jener unserem zweiten Vorsitzenden im vorigen Jahre in Norderney in liebenswürdiger Weise bezeigten Würdigung unseres bedeutungsschweren rebgiösen Anliegens in Sachen der Sonntagsruhe. Wir haben diesen gegenwärtig in Norderney weilenden zweiten Vorsitzenden beauftragt, diese dankbaren Gesinnungen und die warmen Segenswünsche der gesetzestreuen Judenheit für Euer Durchlaucht ferneres Ergehen persönlich zum Ausdruck zu bringen." Der Chefredakteur der „Frankfurter Zeitung", Theodor Curti, schrieb mir: „Der Unterzeichnete kann sich nicht versagen, es auszusprechen, wie Theodor sehr er Ihren Bücktritt von dem hohen Amte bedauert. Eine Zeitlang Curti wollte es scheinen, als manifestiere sich in weiten Schichten des deutschen Volkes über die Klüfte der Parteiung hinweg ein starkes Verlangen nach Vermittelung und Verständigung, das zu einem freieren Begime führen 368 EIN UNBEKANNTER werde. Diese große, nun sehr geschwächte Hoffnung war an die Autorität Ihres Namens geknüpft. Persönlich hatte ich auch die Uberzeugung und freute mich darob, daß Ihre so vornehme Bildung, in den Dienst des Staatswesens gestellt, den Wert eines nationalen Gutes besitze. Mit den vielen und gewichtigen Stimmen, die Ihr Scheiden beklagen, glaube ich auch meine Stimme vereinigen zu dürfen, und ich bin mit der größten Hochachtung und Ehrerbietung Ihr ergebenster Curti." Die „Frankfurter Zeitung" hatte mich und namentlich meine wirtschaftliche Politik während meiner Amtszeit oft und bisweilen scharf bekämpft. Ihr damaliger Chefredakteur war von Geburt Schweizer. Vielleicht ist es darauf zurückzuführen, daß er mich und meine Wirksamkeit vorurteilsloser würdigte, als dies bei uns unter politischen Gegnern des Landes der Brauch ist. Ich habe schon früher einen vieljährigen Schweizer Freund erwähnt, der in Paris lebte, aber auch dort an seinen pazifistischen Idealen festgehalten hatte. Er hatte mancherlei politische Verbindungen und nicht nur in Frankreich. Er schrieb mir schon am 1. Juli 1909: „Uber alles das, was in Berlin vorgeht, bin ich um so mehr traurig, weil ich die geheimen Fäden kenne, welche hinter den Kulissen gesponnen sind, weil ich den länger schon gefaßten Entschluß eines mächtigen Faktors kenne, der dermalen noch fast allmächtig in Deutschland ist. Den Fürsten von Bülow kann niemand mit Nutzen für den Staat ersetzen, besonders in einer Epoche, in der große Entscheidungen für die Zukunft der Welt sich vorbereiten. Dii minorum gentium sind in Deutschland viel auf dem Plan, aber kein Politiker, der dem Fürsten Bülow gewachsen ist. Das sollte man an gewisser Stelle erkennen, erschauen." Mit dem in Deutschland fast noch allmächtigen Faktor ist natürlich Wilhelm II. gemeint. Von mir unbekannter Seite erhielt ich am Tage meiner Abreise aus Berlin die nachstehenden Verse: Fürst Bülow. Er scheidet aus dem Amt, des er gewaltet Mit kluger Kraft und einer feinen Kunst. Was er geschaut, gewollt hat und gestaltet, Hoch ragt es über Launenspiel und Gunst. Ein ganzer Mensch! Sein Name wird nicht schwinden Vom Meilenstein der ruhelosen Zeit. Er, dem selbstmörderisch die blöden Blinden Den Lorbeer flochten der Undankbarkeit. Ein Mann des Glücks für seiner Heimat Ehre, Des Glücks für seines eignen Wesens Art, So geht er fort in Waffenschmuck und Wehre, Die Sonne leuchtet seiner Lebensfahrt. DIE KREUZZEITUNG 369 Durch den Blätterwald der deutschen Presse ging nach meinem Rücktritt ein starkes Rauschen. Es ist dem Deutschen nicht gegeben wie dem Die deutsche Franzosen, Italiener und Engländer, jeden Staatsmann, der sich Verdienste P resse um das Land erworben und im öffentlichen Leben eine Rolle gespielt hat, mehr nach seinen Vorzügen als nach seinen Mängeln, mehr nach seinen Erfolgen als nach seinen Mißerfolgen zu beurteilen und ihn so in das Nationalmuseum einzurangieren. Bei uns überwiegt meist die Kritik, oft eine allzu kleinliche, noch öfter eine spießbürgerliche Kritik. Immerhin gestand auch die „Kreuzzeitung", obwohl sie erklärte, meine Meinungsverschiedenheit mit der Konservativen Partei auf das tiefste zu bedauern: „In der auswärtigen Politik fand der vierte Kanzler die gewaltige Aufgabe vor, unsere kontinentale Position gegen die Schwierigkeiten zu behaupten, mit denen schon Bismarck gekämpft hatte, und dazu noch die wegen der Entwicklung unserer überseeischen Interessen, unserer Exportindustrie und unseres Außenhandels schwierig gewordene Aufgabe, gute Beziehungen zu England, Japan und Amerika zu pflegen: das ist ihm meisterhaft gelungen. Kein beachtenswerter Gegner des Fürsten Bülow hat dieses sein Verdienst je zu bestreiten versucht. Von alldeutscher Seite ist es ihm oft schwer genug gemacht worden, gute Beziehungen zu England zu pflegen; in der Marokko-Angelegenheit haben die Freisinnigen mit ebensoviel Eifer wie Ungeschick seine Kreise zu stören gesucht. Die ruhige und umsichtige Art des Kanzlers hat fast immer diese Hindernisse beiseitezuschieben gewußt, so daß seine Führung unserer auswärtigen Politik auch in stürmischer Zeit im Lande selbst den Eindruck absoluter Zielsicherheit machte und ihre Erfolge mehr im Auslande als bei den Deutschen selbst Uber- raschung und Staunen hervorriefen. Man spricht so viel von den ästhetischen Neigungen des Fürsten Bülow, auch von der Kunst seiner Rede und seiner Geste. Ein größerer Künstler war er, wo er schweigend handelte. Da mußte allemal vor dem Resultat auch die grundsätzlich alles besser wissende Kritik verstummen." Wenn ich für Anerkennung von Seiten meiner Landsleute in der deutschen Presse dankbar war, so gereichten mir doch vom Standpunkt des Die englische Argumentum e contrario einige prägnante Äußerungen ausländischer Presse und namentlich großer englischer Blätter noch mehr zur Genugtuung. Das Organ des Foreign Office, die „Morning Post", schrieb bei meinem Rücktritt: „Es ist für die Gegner des Fürsten Bülow nicht angenehm, zu konstatieren, aber es trifft zu, daß Deutschland seit lange nicht so stark und mächtig dagestanden hat wie jetzt." Der Londoner „Daily Telegraph" meinte: Fürst Bülow trete vom Amt zurück, nachdem er mehr als irgendein anderer dazu beigetragen habe, die Geschicke des deutschen Staates durch eine Periode außerordentlicher Schwierigkeiten hindurchzusteuern. Es 24 Bülow in 370 DAS AUSLAND hieß weiter in dem Leitartikel des großen englischen Blattes: „Im gegenwärtigen Moment ist die deutsche Macht wieder verhältnismäßig so vorherrschend in Europa wie in den stärksten Phasen der Bismarckschen Regierung. Es ist vor allem eine Tatsache, daß zur Stunde die Stellung des Deutschen Reiches in jeder Hinsicht glänzender, gedeihlicher und machtvoller ist als zu der Zeit, da Fürst Bülow sein Amt antrat." In englischen Augen, führte das Londoner Blatt weiter aus, wäre es das Merkwürdigste an dem Fürsten Bülow gewesen, daß er, ein Staatsmann ohne parlamentarische Erfahrung, sich sofort als der heste parlamentarische Sprecher des Festlandes mit der alleinigen Ausnahme Clemenceaus betätigt habe. Neben seinem dialektischen Geschick habe er einen Schatz von gesundem Menschenverstand in den Geschäften bewiesen. Der Artikel schloß mit dem Ausdruck der Besorgnis, daß nach dem Rücktritt des Fürsten Bülow die persönliche Initiative des Deutschen Kaisers mehr als früher der überwiegende Einfluß im Staate sein würde. Die persönlichen Beziehungen dieses Kanzlers zu seinem Souverän wären immer schwieriger geworden, was im Interesse des Friedens bedauerlich gewesen sei, denn die vorbeugende Wirksamkeit der Staatsklugheit des Fürsten Bülow würde voraussichtlich einmal als höchst wertvoll zutage treten. Sehr amüsierte mich das nachstehende Porträt, das der Pariser „Figaro" Französische von mir gab: „Ein vollendeter Turnkünstler, Flötenspieler und Seiltänzer, Presse em ausgezeichneter Improvisator, ein offener, aber von keinem Skrupel zurückgehaltener Geist. Eher träge von Natur, aber mit einem durch den Erhaltungstrieb in Spannung gehaltenen Willen, von wunderbarer Geschicklichkeit zur Umkehr. Wenn die Schwierigkeiten kommen, ist er sicherlich nicht derjenige, den die Widersprüche und Schwenkungen in Verlegenheit setzen." Der grundsätzlich sehr deutschfeindliche „Temps", das einflußreichste französische Blatt, schloß nach einer Anerkennung der großen persönlichen Eigenschaften, die den Fürsten Bülow ausgezeichnet hätten, seinen Artikel über dessen auswärtige Politik mit den Worten: „Auch diejenigen, und Frankreich gehört dazu, die sich nicht immer über ihn zu freuen hatten, verschließen die Augen nicht seinen Verdiensten, und sie erinnern sich, daß er wenigstens Schmiegsamkeit genug besaß, um die äußersten Krisen zu vermeiden, die aus geringfügigen Gründen Frankreich und Deutschland aneinandergebracht hätten." Ich hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich die Ostmarkenfrage für die wichtigste Frage der inneren preußischen Politik hielte, daß ich sie als eine Lebensfrage des deutschen Volkes betrachtete und als solche behandelte. Aus keinem Teil des Vaterlandes gingen mir beim Ausscheiden so viele und so herzliche Kundgebungen des Bedauerns zu wie aus dem Osten der Monarchie; freilich auch Zuschriften, bei denen der Unterton der EHRUNGEN 371 Sorge für die Zukunft der Ostmark unverkennbar war. Der Deutsche Ost- Der Ost- markenverein telegraphierte mir: „In der Geschichte des seit Jahrhunderten markenverein währenden Kampfes um die Ostmark wird der Name Fürst von Bülow als treuer Vorkämpfer für das Deutschtum einen erstenPlatz erhalten." Besonders herzlich war die Kundgebung, die ich bei meinem Rücktritt von der Stadt Bromberg erhielt, deren Ehrenbürger ich seit Jahren war. Wie manchmal habe ich im Jammer und Elend der Gegenwart an den Gruß der Bromberger zurückgedacht. Nessun maggior dolore che ricordarsi del tempo felice nella miseria. Die damals blühende, ganz überwiegend deutsche Stadt Bromberg heißt heute Bydgocz. Die deutschen Schulen sind unterdrückt, die deutschen Läden und Geschäfte geschlossen. Hunderte von deutschen Beamten,Lehrern, Kaufleuten und Handwerkern wurden vertrieben, der Kern der deutschen Bürgerschaft mußte ihre einst so blühende Vaterstadt verlassen, die 1772 der große König aus polnischem Elend und polnischer Sklaverei erlöst hatte. Im Gegensatz zu dem Bund der Landwirte, der, zu einseitig auf Agitation eingestellt, der Erbschaftssteuer eine törichte Opposition gemacht hatte, fand ich bis zuletzt die Unterstützung des Deutschen Landwirtschaftsrats, dessen ausgezeichneter Präsident, der Reichstags- und Landtagsabgeordnete Graf Hans von Schwerin-Löwitz, mich bei meinem Rücktritt der Schwerin- ,unvergänglichen und ungeteilten" Dankbarkeit aller deutschen Land- Läwitz wirte versicherte. Daß bei meiner landwirtschaftsfreundlichen Wirtschaftspolitik Industrie, Handel und Schiffahrt nicht zu kurz gekommen waren, bewies das nachstehende Telegramm, das der Generaldirektor der Hamburg- Amerika-Linie, Albert Ballin, an mich richtete: „Eurer Durchlaucht Ballin Kanzlerzeit hat die stärkste Entwicklung und reichste Blüte von Industrie, Handel und Verkehr gesehen, die Deutschland jemals erlebt hat. Für diese Ihre Fürsorge für Deutschlands wirtschaftliche Interessen daheim und in der Welt bleiben Eurer Durchlaucht die Vertreter von Handel, Gewerbe und Industrie zu unwandelbarer Dankbarkeit verpflichtet. Zum Gedächtnis dessen werde ich der Hamburg-Amerika-Linie vorschlagen, den nächsten größeren Dampfer durch den Namen ,Fürst von Bülow' zu ehren." Die Alma mater Berolinensis sandte dem „treuen Freunde und freisinnigen Jünger der Wissenschaft" ihren herzlichen Abschiedsgruß und „tausend Wünsche ad maltos annos für einen durch die dankbare Anerkennung des deutschen Volkes verschönten Lebensabend". Die Akademie zu Posen bat mich, die Ehrenmitgliedschaft der Akademie anzunehmen, die in mir ihren tatkräftigen Mitbegründer und Förderer verehre. Der Magistrat von Berlin beschloß, dem Babelsberger Platz den Namen „Fürst-Bülow-Platz" zu geben. 24* NAMEN- UND SACHREGISTER FÜR BAND I-III Die römischen Ziffern bezeichnen die Bände, die arabischen Ziffern die Seiten, Kursivziffern verweisen auf die Beilagen NAMENREGISTER Abdul Hamid II., Sultan, 1876—1909 (f 1912). Besuch des Kaisers und der Kaiserin bei ihm, Charakteristik. I 249 ff. Sturz durch die Revolution von 1908. II 330f. Acton, Lord, engl. Historiker. I 340. Adalbert, Prinz von Preußen, Sohn Wilhelms II. I 384, 387. III 303. Adelgunde, Herzogin von Modena, Schwester des Prinzregenten Luitpold. I 478. Adolf, Prinz von Schaumburg-Lippe, Schwager des Kaisers (f 1916). Legt die Regentschaft über Lippe- Detmold nieder, Telegramm des Kaisers an ihn. I 51. Wilhelms II. Prätendent. I 222, 267. Von Philipp Eulenburg als Konkurrent f ürStraßburg gefürchtet. I 506. Bonner Königshusar. I 577. Aehrenthal, Aloys, Freiherr Lexa, dann Graf, Gesandter in Bukarest, dann Botschafter in Petersburg, seit Oktober 1906 österreichisch - ungarischer Minister des Äußern (f 1912). Charakteristik. II 334ff. Droht Rußland mit Veröffentlichung der Geheimdokumente. II 400 f. Das Tuch zwischen ihm und Rußland zerschnitten. II 402f. Unterstützt Bülows Warnungen vor Kriegsdrängen Conrads. II 405 f. Der sterbende Aehrenthal. II 406. Harden über ihn. II 467. Taf. II 332. — Brief an Bülow nach dessen Rücktritt. III 359 f. Agliardi, Kardinal. I 621. Albany, Herzogin Helene, geb. Waldeck. I 306. Albedyll,Emilv., General, 1871—1888 Chef des Militärkabinetts. III 161. Albert, König von Sachsen, 1873—1902. Vorsitzender im Schiedsgericht für Lippe-Detmold. I 51. Über die Sozialdemokratie. I 351, 491. Charakteristik. I 489 ff. Über Bismarck. I 490f. Tod. I 551. Tolerant. I 590. Albert (Prince-Consort), Prinz von Sachsen-Ko- burg-Gotha, Gatte der Königin Victoria (f 1861). I 339, 535. Albert, Prinz von Holstein. Gast bei Nordlandreise. I 349, 350. Albert, Fürst von Monaco. I 305, 452, 455, 574. In Kiel (1909). II 512, 514f. Albrecht, Prinz von Preußen (Vater) (f 1872). I 19. Albrecht, Prinz von Preußen (Sohn), seit 1885 Regent von Braunschweig (f 1906). 1 17. In London insultiert. I 17 f. Gegen Mißheiraten. I 20. Mit Waldersee beim Kaiser. I 363, 366. Tod. II 248. Albrecht, Herzog von Württemberg, 1916 Generalfeldmarschall. I 400, 401. Alexander I., Zar. I 89, 90, 367, 631. II 15, 136. III 139, 176. Alexander IL, Zar. I 85, 87, 88, 90, 408, 434, 452, 487, 488, 631. II 143, 160, 161, 333. Alexander III., Zar. I 80, 87, 92, 96, 145, 169, 407, 472. II 43, 133, 143, 175, 240. Alexander, Prinz von Battenberg, 1879—1886 Fürst von Bulgarien (f 1893). I 80, 222, 472. Alexander I. (Obreno- witsch), König von Serbien 1889—1903, im Belgrader Konak ermordet. I 160. Alexander Michailo- witsch, russ. Großfürst. II 7, 161. 374 NAMENREGISTER Alexandra, Königin von England, geb. Prinzessin von Danemark, Gattin Eduards VII. 1 339. II 89. Antideutsch. I 341, 342. Wilhelm II. gewinnt sie. I 507. Bemüht sich, Krieg mit Rußland zu verhindern. II 66. Fragt ihren Vater, ob er England verraten wolle. II 145. Besuch in Berlin. II 419ff. Antwort auf Beileidtelegramm Bülows. III 87. Alexandra Fedorowna (Alice), geb. Prinzessin von Hessen, Gattin Nikolaus II. I 92. Empfangt Bülow. Charakteristik. I 98ff. Ihre Ehe. I 101 f. Antipathie gegen Wilhelm II. I 102. Besuch in Potsdam. I 301 ff. Der Kaiser über sie. I 306. Verleugnet ihre deutsche Herkunft. I 306. Hängt an ihrer hessischen Heimat. I 407, 629. Ihre Schwestern. I 455. Diner in Wolfsgarten. I 633 f. Witte über sie. II 43. Ist verärgert durch naive Präpotenz Wilhelms II. II 130. Schlecht mit Witte. II 131. Tobt gegen den Großfürsten Kyrill. II 176. Ihre Rolle in Re- val. II 325. Alexej Alexandrowitsch, russ. Großfürst. II 7. Alexej Nikolajewitsch, Zarewitsch. II 48. Alexejew, Jewgenij Iwa- nowitsch, russ. Admiral, Statthalter im Fernen Osten, im Russisch-Japanischen Krieg Oberbefehlshaber der Land- und Seetruppen in Ostasien. I 631. Alfons XIII., König von Spanien seit 1902. II 105, 153. Alfred, Herzog von Ko- burg (Edinburgh), zweiter Sohn der Königin Victoria (f 1900). I 366, 488. Seine Gattin. I 395, 488. Alice, Großherzogin von Hessen, Tochter der Königin Victoria. Mutter der Zarin Alexandra Fedorowna (f 1878). I 100, 487, 488. Alize, französ. Gesandter in München. III 179. Almereyda, Leiter des „Bonnet rouge". III 260. Almo d ovar, Herzog, span. Vertreter in Algeciras. II 200. Althoff, Friedrich, Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium (f 1908). I 187. II 286, 287 f. Alvensleben, Friedrich Johann Graf von, 1900 bis 1905 deutscher Botschafter in Petersburg. I 33, 406, 409, 497. Verlobt die Großfürstin Helene mit Max von Baden. I 549. Nicht im Geheimnis von Björkö. II 143. Anastasia, Großherzogin von Mecklenburg - Schwerin, Mutter der Kronprinzessin Cecilie. II 50. Andrässy, Julius (Gyula), Graf (Vater), 1871—1879 österreichisch - ungarischer Minister des Äußern (t 1890). I 90, 143, 160, 161, 162, 166, 252, 544. Andrässy, Julius (Gyula), Graf (Sohn), ungarischer Minister des Innern, 24. 10. bis 1. 11. 1918 österreichisch-ungarischer Minister desÄußern. 1161 f., 163. Angeli, Heinrich von, Maler. I 321. Taf. I 352. Anna, Landgräfin von Hessen, geb. Prinzessin von Preußen. Vom Kaiser „ausgestoßen". II 98. Antrick, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter. I 594. Aosta, Herzogin von, Gattin des italienischen Prinzen Emanuele. Apponyi, Albert, Graf, ungar. Oppositionsführer, 1917 Unterrichtsminister. I 161 f., 163. Arco, Graf Louis, Legationsrat. I 477f. Arenberg, Prinz Franz, Zentrums - Abgeordneter (f 1907). I 5f., 443, 566, 596. II 13, 14, 52, 207. Rückzug aus der Politik und Tod. 258f. Armour, Milliardär in Chi- kago. I 575. Arnhold, Eduard, Berliner Großkaufmann. I 297. Arnim, Graf Harry, deutscher Diplomat, 1874 verurteilt (f 1881). I 397. Bismarck läßt ihn verhaften. I 497 f. II 451. Arnim-Criewen, Bernd v., 1906—1910 preußischer Landwirtschaftsminister. II 489. Arnim - Kröchlendorff, Malwine v., Schwester Bismarcks. I 231 f. Ihre Tochter, Frau v. Kotze, an Bülow. II 9 f. Arnim-Züsedom, v.,konservativer Abgeordneter. II 95, 271. Asch, v., General, 1893 bis 1905 bayrischer Kriegsminister (t 1906). I 124. II 97. Asquith, Herbert Henry, liberaler engl. Staatsmann, 1908 und 1915 Premierminister. II 202. NAMENREGISTER 375 Schatzkanzler. II 205. Zur Interpellation über den Brief des Kaisers an Lord Tweedmouth. II 325. Metternich empfiehlt Flottenverständig, durch ihn. II 419. Auer, Ignaz, bayrischer sozialdemokratischer Abgeordneter. I 463f. August Wilhelm, Prinz von Preußen, Sohn des Kaisers. I 458f. II 343f. Augusta, Gattin Wilhelms I. I 261. Ihre Feindschaft mit Bismarck. I 284. III 163. Mahnt ihren Enkel. I 300. Auguste Viktoria, Deutsche Kaiserin (f 1921). Mißbilligt König Leopold. I 17. Ihr Urgroßvater. I 63. An der Paradetafel in Homburg. I 129. Ihre Vorfahren. I 177. Dankbrief an Bülow (16. 6. 1898). I 227. Gegnerin Bismarcks. I 230, 263 f. Strafpredigt des Kaisers. I 230. Er habe sich über Abrüstungsvorschlag des Zaren geärgert. I 237. Orientreise. I 244 ff. Verteidigt Mirbach. I 245 f. Besuch im Harem. I 251. Charakteristik. I 261 ff. Brief an Bülow gegen Rhodes und gegen Segeljagd des Kaisers in Cowes. I 290 f. Über seinen Zorn gegen die Konservativen. I 295. Sie verstimmt den Zaren und die Zarin. I 303. Sucht Abreise nach England zu verhindern. I 303. Verhalten in England. I 338. Feindschaft mit Königin Alexandra. I 342. Bittet Bülow, Reichskanzleramt zu übernehmen. I 375. Empfängt ihn in Homburg. I 384. Proburisch. I 398. Philipp Eulenburg über ihren Gemütszustand. I 450 f. Spricht über Politik mit Vorsicht. I 453. Rückkehr des Kaisers zu ihr kritisch. I 456. Szenen. I 458ff. Gegen Reise des Kaisers an das Sterbebett der Queen. I 504 ff. Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter. I 539 f. Über schlechten Schlaf des Kaisers. I 584. Philipp Eulenburg über sie. I 617. Taf. I 248. Brief an Bülow von den schlesischen Jagden. II 63. Brief an ihn über Besuch des Königs von England. II 246 f. Der Kaiser müsse geschont werden. II 270. Antidänisch. II 304. Als Mutter. II 343 f. Über den „gebrochenen" Kaiser. II 377. „Muß denn der Kaiser abdanken ?" II 386 f. „Überglücklich" nach Aussprache zwischen Kaiser und Bülow. II 450. Drückt diesem die Hand. II 476. Gespräch mit der Fürstin. II 529. Abschiedsaudienz. II 530 f. Bei der Einladung von Fürst und Fürstin Bülow nach Potsdam. III 62 f. Jagow zu ihr über Bülows römische Mission. III 197. Zorn gegen England. III 199. Teetisch in Bellevue. III 205. Lädt Fürsten und Fürstin Bülow zu sich ein. III 241. Die Wahrheit darf nicht zum Kaiser. III 283. Erleichtert. III 294. Avarna, Herzog von, ital. Botsch. in Berlin. III 191. d'Azeglio, Massimo, ital. Staatsmann. I 198, 610, II 200. Bachem, Julius, Chefredakteur der „Köln. Volkszeitung". II 14. Balfour, Arthur James, 1902 bis 1905 konservativer Ministerpräsident, 1916 bis 1920 Minister des Äußern(fl930). Amtlicher Vertreter Salisburys. I 278. Drängt nicht auf engeren Anschluß an Deutschland. I 317. Charakteristik. I 317 f. Gespräch Bülows mit ihm. I 318 f. Unterredung mit Wilhelm II. I 336. Seine Tätigkeit. I 419, 421. Für Deutschland erwünschter britischer Außenminister. I 425. Über deutsche Organisation. II 8. Agreement mit Frankreich. II 28 f. Nimmt den Zivillord der Admiralität Lee in Schutz. II 71. Erklärung über Europa. II 205. Wahlniederlage. II 206. Ballestrem, Graf, Führer des Zentrums, 1898—1906 Präsident des Reichstags (f 1910). I 295, 473, 586, 596. Charakteristik. I 592. Brief an Bülow. II 220. Humor. II 266. Stimmt Dezember 1906 für Regierung. II 272, 278. Ballin, Albert, Generaldirektor d. Hapag (f 1918). I 49, 105 f. Beziehung zum Kaiser. I 297. An Bülow. II 10. Kohlengeschäft mit der russischen Flotte. II 132. Beit Ballins Freund. II 190. Angebliche Äußerungen von Sir Ernest Cassel zu Ballin. II 318. Warnt den Kaiser vor Demonstrationen (Oktbr. 1908). II 357. Von Wilhelm II. als Reichsschatzsekretär abgelehnt. II385. Über Brief von Sir Ernest Cassel. II 437. Über den Kaiser. II 495. Taf. II 360. 376 NAMENREGISTER Erwartet Bülow in Hamburg. III 5 f. Betreibt Konferenz Tirpitz- Lord Fisher. III 6f. Über Rathenau. III 41. Der Kaiser hört nicht auf ihn. III 115. Ballin bei Bülow nach Kriegsausbruch. III 142. Erzählt den Abgang der Kriegserklärung an Rußland. III 167f. Nicht um Rat gefragt. III 178. Über Ultimatum. III 180. Verhindert Absendung von Bülows Brief an Beth- mann. III 196. Pessimismus. III 212 f. Über Bülows Korrespondenz mit Bethmann. III 245 f. Über verschärften U- Boot-Krieg. III 264. Über Eindrücke im Großen Hauptquartier. III 283. Sein Ende. III 284f. Bamberger, Ludwig, freisinniger Politiker und Publizist (f 1899). I 193. Begegnung mit Bülow, Charakteristik. I 218f. Kampf mit Bismarck. I 219. Empfiehlt Helffe- rich. I 219. Bänffy, Desider, Graf, 1895 bis 1899 ungarischer Ministerpräsident. I 163, 168. Barckhausen, Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats. I 254. Barrere, Camille, seit 1897 französischer Botschafter in Rom (f 1923), Viktor Emanuel über ihn. I 610. Machinationen für Del- casse. II 115 ff. Zwischenfall mit Monts. II 255. Ausritte mit Bülow in Rom. III 571. Gegenspieler Flotows. III 188. Wendet sich von Bülow ab. III 219. „Duell" Bülow-Barrere. III 238 f. Barth, Dr. Theodor, freisinniger Politiker und Schriftsteller (f 1909). I 59, 593f. II 94. III 104. Barthou, franz. Politiker, März bis Dezember 1913 Ministerpräsident. Sturz seines chauvinistischen Kabinetts. III 156 f. Barzilai, Salvatore, Irredentist. II 400. Bassermann, Ernst, Führer der nationalliberalen Reichstagsfrakt. (f 1917). I 112, 201. Mittlere Linie. I 532. Abgabe einer Denkschrift über d. Monarchie. I 600 f. Interpellation über auswärtige Politik. II 259, 265. Nennt Paasche das „schwarze Schaf". II 281. Etatsredner. II 282. Rede zur Kaiser-Krise. II 365, 369, 370. Unterstützung Bülows bei der Reichsfinanzreform. II 473. Warum nicht Staatssekretär des Reichsjustizamts ? II 509. Briefe an Bülow. III 89. Über Bethmann. III 90. Bülow an ihn. III 111 ff. Bassermann an Bülow. III 202. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 342. Battenberg, Prinz Louis, englischer Admiral. II 25. Battisti, Cesare, Bürgermeister und Abgeordneter von Trient. 1916, im Weltkrieg, von den Österreichern gefangen und gehängt. I 155. Bauer, Gustav,sozialdemo- kratischer Abgeordneter, 1919 Reichsministerpräsident, dann bis März 1920 Reichskanzler. I 86, 431, 481. III 301, 311. Beaulieu, Fräulein v., Kammerfrau der Kaiserin. I 255. Bebel, August, Führer der deutschen Sozialdemokratie (f 1913). I 5, 141, 198. Polemik Bülows gegen ihn. I 416f., 466. Gegensatz zu Bernstein. I 469. Streng im Punkt der Moral. I 594. Gegensatz zu Vollmar. I 600. Bülows Rededuell mit ihm. II 9f. Im Bergarbeiterstreik. II 92. Al- geciras-Debatte. II 212f. Wie immer allzu heftig (Dernburg-Dcbatte). II 268. Nach den Dernburg- Wahlen. II 279. Etatsrede. II 283. Über Kamarilla. II 303. Über Bülows Entlassung. III 65. Beck, Baron Max Wladimir, 1906 bis 1908 österreichischer Ministerpräsident. II 49. Becker, Wilhelm, 1886 bis 1907 Oberbürgermeister von Köln (f 1924). II 286. Begas, Reinhold, Professor, Bildhauer (f 1911). I 174, 230, 540. Beit, englischer Finanzier. I 473. Wilhelm II. über seine Unterredung mit ihm. II 190ff. Beldiman, rumänischer Gesandter in Berlin. III 280. Bell, Zentrumsabgeordneter. III 316. Bclow, Georg v., Prof., Historiker der Universität Freiburg. III 133. Below, Fritz v., Armeeführer. III 323. Benckendorff, Graf Alexander Konstantinowitsch, seit 1903 russischer Botschafter in London (gest. 1917). II 35f., 39f. Besorgt vor innerrussischen Wirren. II 159. Witte gegen ihn. II 173f. Über Politik Iswolskis. II 259 f. : NAMENREGISTER 377 Benckendorff, Hofmarschall des Zaren. II 23. Benedikt XV. (Marchese della Chiesa), Papst 1914 bis 1922. Über Erzberger. II 170. Friedensbemühungen. III 215, 228 ff. Als Friedensvermittler. III 266. Taf. III 232, 240. Bennigsen, Rudolf v., Führer der Nationalliberalen (fl902). Als Redner. I 199, 201. Über Barth. I 593. III 42. B e n z 1 e r, Bischof von Metz. I 612. Berchem, Graf Max, Unterstaatssekret, im Ausw. Amt. I 409, 481, 482. III 346. Berchtold, Graf Leopold, Februar 1912 bis Januar 1915 österreichisch-ungarischer Minister des Äußern. I 327. II 335, 336. Das Ultimatum. III 141. Stellt es Tschirschky zu. III 179. Charakteristik. III 180. Schwächlicher Versuch Bethmanns bei ihm. III 189 f. Wütende Erklärung an Avarna. III 191. Taf. III 160. Beresford, Lord, engl. Admiral (f 1919). II 376. Berg, Friedrich v., Vortragender Rat im Zivilkabinett, seit Januar 1918 Chef statt Valentinis. II 441. III 283, 285. Gegen Bülow. III 294f. Bergen, Diego v., Geheim. Legationsrat, später Gesandter beim Vatikan. III 159f., 168, 180. Berger, Alfred, Freiherrv., Direktor des WienerBurg- theaters (f 1912). II 262, 292, III 50. Brief nach Bülows Rücktritt. III 364f. Berg er, v., Herbert, Journalist. III 200, 214. Berlepsch, Hans Herrn, v., 1890 bis 1896 preuß. Handelsminister. II 286. Bernhard, Erbprinz von Sachs.-Meiningcn, Schwager Wilhelms IL, Herzog von 1914 bis 1918. II 280. Bernhardi, Friedrich v., General, Verfasser von „Deutschland und der nächste Krieg". III 133. Bernhardt, Sarah, Tragödin (f 1923). I 285. Bernstein, Eduard, sozialistischer Schriftsteller u. Abgeordneter, Rückkehr nach Deutschland. I 469. Bernstorff, Johann, Graf, Botschaftsrat in London, 1908 bis 1917 Botsch. in Washington. Auf Reichskanzler - Kandidatenliste. I 182. II 512. Englische Presse. II 156. Bernstorff und die diplomatische Situation von 1914. III 162. Bertaux, französ. Kriegsminister. II 119. Beseler, Maximilian, Dr., Präsident des Oberlandesgerichts in Breslau, 1905 bis 1917 preuß. Justiz- minister (f 1921). II 186, 449. Beseler, Hans Hartwig v., Bruder des vorigen, Generaloberst, Deutscher Gouverneur v. Warschau (t 1921). III 247 ff. Bethmann Holl weg,Theobald v., Oberpräsident v. Brandenburg, 1905 Minister des Innern, 1907 Staatssekretär des Innern, 1909—1917 Reichskanzler (f 1921). Versteht nichts von auswärtiger Politik. 113. Haßt Tirpitz. I 109. Hält Krieg mit Rußland für unvermeidlich. I HO. Seine Verblendung gegenüber dem Flottenkrieg. I Ulf. Schweigt bei Gespräch über Wilhelm II. I 212f. Arbeit Hammanns für ihn. I 217. In der polnischen Frage. I 220. Sein Ungeschick. I 247, 318, 327, 430. In Reden und Worten. I 273. Fatalitätstheorie. I 379. Steckt die Ohrfeige Lloyd Georges ein. I 555. Empfängt Kor- fanty. I 567. Kein Kantianer. II 82. Zum Minister des Innern ernannt. II 103, 181. Scrape of paper. II 109. Wilhelm II. zu ihm über Königreich Polen (1906). II 243, 245. Bethmann von Bülow zur Rede gestellt. II 245 f. Über Bülows Gesundheit. II 262. Vorsichtig zurückhaltend, dann für Reichstagsauflösung. II 270 f. Nachfolger Posadowskys. II 300. Will im Weltkrieg England nicht „reizen". II 320. Rät Bülow, in der „Daily-Telegraph"-Affäre Beamte zu opfern. II 356. Bethmann zur Fürstin Bülow. II 363. Rede im Staatsministerium. II364. Hält Bülow von zweiter Rede zur Kaiser-Krise ab. II 372. Bei der Konferenz im Reichskanzlerpalais. II 431 ff. An Bülow 1909. II 496. Begleitet ihn vor der Abfahrt nach Kiel zum Bahnhof. II 508 f. Der Kaiser entschlossen, ihn zum Reichskanzler zu nehmen. II 511f., 514. Seine Freundschaft mit Valentini. II 515. Besuch bei Bülow. II 517 f. Zum Reichskanzler ernannt. II 522. Taf. II 528. Gegen Konferenz Tirpitz - Lord Fisher. III 7. Mißtrauisch u. gekränkt. III 12. Gespräche Bülows 378 NAMENREGISTER mit ihm. III 13 ff. Abschiedsrede im Staatsministerium für Bülow u. Abschiedsbrief. III 18 ff. Frau von Bethmann über ihren Gatten. III 20 f. Rathenau über Bethmann. III 42. Brief Bü- lows an Bethmann. III 51 ff. Sendung Wahnschaffes nach Norderney. III 55. Antworten Bülows. III 55 f., 56 f. Besuch bei ihm in Berlin. III 62. Kündigt (1910) in Brief an Bülow schärferes Vorgehen gegen Belgien an. III 78 ff. Besuch in Rom. III 82. Verliert in der Agadir-Affäre (1911) die Nerven. III 87. Briefe an Bülow. III 120f. Klagen über sein Amt. III 121 f. Entsetzt über Lichnowsky. III 123. Bülow besucht ihn (Juni 1914). III 139. Unterredung mit Bülow (Aug. 1914). III 148f. Ein Beth- mann-Biograph. III 150. Pausa über Bethmann u. dessen Mitarbeiter. III 151. Henckel-Donners- marck über Bethmann. III 153 f. Die Stirnlocke der Fortuna. III 164. Unterredung Wilhelms II. mit ihm. III 165. Lädt das Odium des Angriffs auf Deutschland. III 166f. Abgang der Kriegserklärung an Rußland. III 167f. Die „lange Unzulänglichkeit". III 168. Rede vom 4.8.14. III 175. Nochmals der scrape of paper. III 176, 224. Stümperei. III 178. Einmalige Verwahrung gegen Wien. III 180. Sucht Bülows römische Mission zu hindern. III 193. Brief an Bülow über die Mission nach Rom. III 194 f. An Bülow wegen des Militärattaches v. Schweinitz. III 231 f. Furcht vor Bülows Kritik, Korrespondenz mit ihm. III 241 ff. Verantwortlich für Polen. III 247. Allgem. Wahlrecht in Preußen. III 258 f. „Bankrott" (nach Ballin). II 260. Gegen Tirpitz. III 263. Abschied. III 265. Taf. III 152, 224, 256. Beust, Friedrich Ferdinand, Graf, sächsischer, dann Österreich. Staatsmann. I 162, 166. Beyens, Eugene, Baron, belgischer Gesandter in Berlin, dann belgischer Minister des Äußern. 1412. „Livre gris." III 80. Cambon zu ihm über die Explosionsgefahr. III156. Bericht über die Möglichkeit des Kriegs. III 156 f. Bigelow, Poultney. I 305. Bihourd, franz. Botschafter in Berlin. II 107. Unterredung Bülows mit ihm. II 119. Billot, franz. Botschafter in Rom. I 306. Birilew, Alexei, russischer Admiral, 1905—1907 Marineminister. II 138. Taf. II 140. Bismarck, Fürst Otto (t 30. 7. 1898). Sarkastische Bemerkungen über Marschall. I 7f., 9. Marschall über die Bismarcks. I 8. Über Bismarcks Entlassung. I 8. Bismarck empfängt in Friedrichsruh Hohenlohe und Bülow. I 21 ff. Monts ihm untreu. I 33. Von Wilhelm II. Handlanger genannt. I 41. Schwarzseher. I 44. Rük- kendeckung für Deutschland durch Rußland. I 45. Gegen Herabsetzung der Getreidezölle. I 58. Liebt die scharfen Konservativen seit den 70er Jahren nicht mehr. I 61 f. Auch die altliberalcn Geheimräte nicht. I 63. Grollt Lucanus. I 63. Über den nächsten Krieg. I 65. Uber August Eulenburg. I 75. „Im Stylus Austria- cus." I 76. Anekdote über Nikolaus I. I 85. Gegner der Demokratie. I 86. Ist 1863 antipolnisch. I 87. Über Griechenland (1878) I 92. Klagt über „Schwadronspatriotismus". 1109. Verfassung des Deutschen Reiches. I 122 f. Über Explosion im russischen Faß. 1130. Für russ. Gesandtenposten in München. I 146. Über Magyaren. I 162. Schweigt zu Manöver-Einladung Wilhelms II. nach Rußland. I 169. Der Redner. I 198f. II 238. Das Bild im „Punch". I 208. Letzter Besuch Wilhelms II. in Friedrichsruh. I 209. Über Bülow und eine Katastrophe nach ihm. I 216. Brief an Professor Kahl. I 228. Telegramm an Bülow. I 229. Tod. 1229. Bestattung in Friedrichsruh. I 229 ff. Trauerfeier in Berlin. I 233 ff. Brief Wilhelms II. an Kaiserin Friedrich über den Toten. I 234 ff. Bülow über den „mißverstandenen" Bismarck. I 272. Lehnt 1885 Besetzung der Karolinen ab. I 282. Über christlich-jüdische Mischehen. I 296. Der Reichstag verweigert ihm Ehrung (1895). I 334. Der Kaiser über „Gedanken und Erinnerungen". 1352. Bismarck über Bülow. I 393. Über den Fehler NAMENREGISTER 379 politischer Weitsichtigkeit. I 397. Über den englischen Bullen. I 429. Kolonien als „künstliche Reibungsflächen" zwisch. Deutschland u. England. I 429. Grund der Schwenkung von 1879. I 434. Über Parlamente. I 446. Vorwände Wilhelms II. für seine Entlassung. I 449 f. Enthüllung des Berliner Bismarck-Denkmals. I 526 ff. Über Handwerk der Politik. I 532. Ostmarken. 562 f. ÜberBündnisse. I 579. Für Bischof Komm. I 589. Taf. I 64, 96. Über Herbert. II 54. Richtlinien für einen künftigen Krieg. II 77 f. Über die deutsche Monarchie. II 85. Die angeblichen Weinkrämpfe. II 147. Für autokratisches Rußland. II 159. Über Angriffskrieg gegen Rußland. II 179. Der Kaiser über den „Beelzebub" Bismarck. II 216. Die Alldeutschen und er. II 231 ff. Bülow über den „mißverstandenen" Bismarck. II 264. Bismarck „wie einPest- kranker" gemieden. III 33. Bülow wird als junger Attache ihm vorgestellt. III 97. Erlaß über den „prophylaktischen" Krieg. III 160 ff. Vermeidet Odium der Kriegserklärungen. III 166 f. Bismarck und die Monarchie. III 326 f. Bismarck, Johanna v., geb. Puttkamer, Gattin Ottos v. Bismarck(f 1894). I 232, III 9. Bismarck, Herbert, Graf, seit 1898 Fürst (f 1904). Das Schreckgespenst für Holstein. I 6f. H. B. und die Kanzleidiener im A.A. 17. Macht Marschall eine grobe Szene. I 9. Leidenschaftlich u. exzessiv (nach Hohenlohe). I 9. „Jung Siegfried." I 33. Frage einer Botschaft für ihn. I 34. Brief an Bülow. I 181 f. Als Staatssekretär. 1190. Brief an Bülow. I 194 f. Briefe an Bülow im April 1898. I 216f. Ignoriert Philipp Eulenburg. I 226. Lehnt Bestattung seines Vaters im Berliner Dom ab. I 230f. Brief an Bülow (Silvester 1898). I 280. Drängt 1885 auf Besetzung der Karolinen. I 282. Über Vaterlandslosigkeit deutscher Prinzessinnen. I 306. Sein Debüt als Staatssekretär. I 334. Gratuliert Bülow zur Reichskanzlerschaft. I 392. Besuch Bülows bei ihm. I 461. Unzufrieden mit Bülows Berliner Bismarck-Rede. I 529 f. Taf. I 392. Tod. II 52 ff. Fürst Bismarck zu ihm über die Hohenzollern. II 85. Seine Liebe zu Elisabeth Carolath. II 102. Bismarck, Graf Wilhelm, Oberpräsident in Königsberg (f 1901). I 37. II 52, 488. Bismarck, Otto, Fürst v., Sohn Herberts. II 348. Bis sing, Moritz Ferdinand, Freiherr v., General der Kavallerie, Generalgouverneur von Belgien (f 1917). III 254. Blanc, Alberto, Baron, italienischer Diplomat. III 218. Bleichröder, Gerson,Ban- kier (f 1893). I 226. Bloch, v., russisch. Staatsrat. I 237. Blumenthal, David, el- sässischer Reichstagsabgeordneter. I 245. Bobrikow, seit 1898 russischer Gencralgouverneur in Finnland, 1904 ermordet. II 29. Bock und Polach, Max von, Kommandierender General des Gardekorps (f 1915). I 373. II 184. III 12. Bodelschwingh, Karl v., preußischer Finanzminister. I 442. Böselager, Karl Freiherr v., Kriegskamerad Bülows 1870. II 14. Bötticher, Karl Heinrich v., 1880—1897 preußischer Staatsminister, bis 1906 Oberpräsident der Provinz Sachsen (f 1907). Hohenlohe opfert ihn ungern. I 10. „Sehr zurückgegangen." I 37, 38. Verabschiedung. I 51. In der Flottenfrage. I 59. Bismarck springt grausam mit ihm um. I 226. Bollati, italienischer Botschafter in Berlin. III 168, 224. Bolo Pascha, Bankier. II 260. Bonaparte, Prinz Louis Napoleon. I 549. Bonghi, Ruggero, italienischer Politiker. 1198. Bonnal, französischer General. I 305, 574. Toast des Kaisers auf ihn in Metz. I 525f. Boris, Kronprinz von Bulgarien, seit Oktober 1918 König als Boris III. I 159. Bosse, Robert, 1892—1899 preußischer Kultusminister (f 1901). I 171 f. Mitverfasser der Jerusalemer Predigt des Kaisers. I 255. Über ihn. I 269, 443. III 308. 380 NAMENREGISTER Boulanger, Georges, französischer General, 1886 Kriegsminister (f 1891 in Brüssel). III 87. Brandenstein, v., Kabinettsrat, dann Regierungspräsident in Hannover, konservatives Mitglied des Abgeordnetenhauses. I 61 f. Szene bei einem Liebesmahl in Hannover. I 62. Brandt, Adolf, Schriftsteller. II 314f. III 26. Brauer, Arthur v., badischer Ministerpräsident. I 392, 409. II 94. Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 346. Braun, Lily, sozialistische Schriftstellerin (f 1916). 1 594. Brefeld, Ludwig, 1896 bis 1901 preußischer Handelsminister. I 522. Breitscheid, Rudolf, Dr., sozialdemokratischer Abgeordneter. III 311. Brettreich, Maximilian Friedrich v., bayrischer Minister. III 303. Breuer, Dr., Rabbiner. III 367. Briand, Aristide, französischer Sozialist, 1909 bis 1911, 1913, 1915—1917, 1920—1921 Ministerpräsident, vielfach Minister des Äußern. I 199. II 8. Brin, Admiral,italienischer Marineminister. I 69. Brockdorff - Rantzau, Ulrich, Graf, 1912 Gesandter im Haag, Dezember 1918 Staatssekretär des Äußern, 1919 in Versailles, 1922 Botschafter in Moskau. II 512. Brockdorff-Rantzau und die diplomatische Situation von 1914. III 162. Friedensunterhändler. III 315 f. Brockdorff, Gräfin Therese, Oberhofmeisterin der Kaiserin. I 246 ff. II 512. III 197. Broglie, Duc de, früherer französischer Ministerpräsident. I 240. Bronsart von Schellendorf, Walter, 1893 bis 1896 Kriegsminister. I 43. II 454. Bryce, James, liberaler Minister für Irland, später Botschafter in Washington (f 1921). II 202, 205. Buch, Leo v., Führer der Deutsch - Konservativen. I 37, 39, 61. II 491. Buchenberger, badischer Finanzminister. I 485, 531. Bucher, Lothar, Mitarbeiter Bismarcks. 1122 f. Buchka, Gerhard v., konservativer Abgeordneter, 1898—1900 Direktor der Kolonialabteilung. I 218. Budde, Hermann v., Generalmajor a. D., Eisenbahnminister (f 1906). II 95 f. III 42. Bueck, Reichstagsabgeordneter (Zentralverband deutscher Industrieller). I 467, 468, 470. B ülow, Bernhard von (f 28. 10. 1929). Zum Kaiser berufen (21. 6. 97). I 3. Empfang durch ihn in Kiel (26. 6. 1897). I 13 ff. Fahrt zum Fürsten Bismarck. I 21 ff. Interimistisch mit Leitung des Auswärtigen Amts betraut. I 22. Neue Fahrt nach Kiel. 156. Abreise nach Peterhof. I 61. Droht dem Kaiser mit Rückzug ins Privatleben. I 82. Programm für Petersburg. I 82. Begrüßung mit Murawiew. 185. Konferenz mit ihm und Hohenlohe. I 86. Audienz bei Nikolaus II. 198 f. Bei der Zarin. I 99. Rückfahrt nach Kiel. I 103 f. Mit Tirpitz in Wilhelmshöhe. I 107 ff. In Homburg. I 130. In Berlin. I 142. Reise nach Budapest. I 149 ff. In Wiesbaden zum Staatssekretär des Äußern ernannt (20. 10. 97). I 170f. Besuch in Schloß Schillingsfürst. I 178 f. Abschied von Rom. I 184f. In Berlin. I 185. Unterredung mit Osten- Sacken. I 185f. Mit Lascelles. I 186. Debüt im Reichstag. I 192ff. Christian IX. von Dänemark über ihn. I 212. Reichstagsreden über Flotte und Kiautschou. I 214. Uber Orientpolitik. I 215. Uber Deutschland und Amerika. I 221 f. Taktik nach Abrüstungsvorschlag des Zaren. I 238. Dreyfus- Affäre. I 240. Orientreise mit dem Kaiser (1898). I 242 £f. Meldet den Abschluß des Afrika-Vertrags mit England. I 274. Reichstagsdebatte über Samoa. I 283. Glückwunschdepesche des Kaisers. I 283. Erwerbung der Karolinen. I 287. Erhebung in den Grafenstand. I 287 f. Mit dem Kaiser in England. I 305 ff. Unterredung mit Chamberlain. I 314ff.Mit Balfour. I 318 f. Audienz bei der Queen. I 321 ff. Briefe an Hohenlohe und Holstein. I 334f. Abfahrt von England. I 344. Brief der Kaiserin Friedrich an ihn. I 345. Rede zur zweiten Flottenvorlage. I 356. Direktive an das Ausw. NAMENREGISTER 381 Amt zur China-Expedition. I 358 f. Besprechungen mit den Botschaftern üher Waldersees Oberkommando. I 367. Bei Wilhelm II. in Hubertus- Stock. I 371 ff. Ernennung zum Reichskanzler I 375 ff. Fahrt mit Lucanus nach Homburg. I 380 ff. Unterredung mit dem Kaiser. I 382f. Bei Hohenlohe. I 383 f. Telegramme an Miquel und Posadowsky. I 386. Rückreise nach Berlin. I 388. Sitzung des Staatsministeriums. I 389 f. Gratulationen. I 390 ff. China- Abkommen mit England. I 398 f. Taufe d. „Deutschland". I 432. Erklärungen vor dem Bundesrat. 1443. Reden im Reichstag. II 464 ff. Rede zur Zwölftausend-Mark-Affäre. I 469 f. Rede über die Buren. I 474 f. Rundreise an die deutsch. Höfe. 1476 ff. Besprechungen über die Zolltarifvorlage. I 485. Schwarzer Adlerorden. I 492. Richtlinien für die deutsch-englischen Verhandlungen. I 509 f. Unterredung mitEduard VII. in Homburg. I 516 f. Unterredung mit Miß Knollys. I 517. Schließung des preußischen Landtags. I 522. Rede zur Enthüllung des Berliner Bismarck-Denkmals. I 526 ff. Regierungsberatungen über den Zolltarif. I 531. Bei der Entrevue in Heia. I 541 ff. Unterredung mit dem Zaren. I 543. Erklärung zu Cham- berlains Rede in Edinburgh. I 553f. Gespräch mit dem Prinzen von Wales in Berlin. I 553 ff. Rede über Ostmarken- Politik. I 565 f. Schlägt nach Zolltarif Fürstenstand aus. I 592f. Erklärungen über die Swinemünder Depeschen. 1596. Brief an den Kaiser. 1601. Unterredung in Rom mit Viktor Emanuel. I 608 ff. In Wien-Neustadt mit Franz Josef. I 625. Gespräch mit Goluchowski. I 626 f. Unterredung mit dem Zaren. I 632. Taf. I 8, 96, 608. Rededuell mit Bebel. II 9. Erklärungen zum Jesuitengesetz. II 12 f. Gespräch mit Eduard VII. in Kiel. II 26 ff. Korrigiert Rede d. Kaisers im Jachtklub. II 31. Gespräch mit Lord Seiborne. II 32. Handelsvertragsverhandlungen mit Witte in Norderney. II 42 ff. Brief an den Vizepräsidenten des Lippeschen Landtags. II 56. Unterredung über Lippe mit dem Kaiser. II 57. Besuch Giolittis bei Bülow. II 58 ff. Unterredung mit Wilhelm II. über Rußland und Japan. II 63 ff. Nach der Absage des Zaren. II 69. Gespräch mit Leopold II. von Belgien. II 73 f. Gespräch mit Schlieffenüber künftigen Krieg. II 76 ff. Brief an den Kaiser über Dänemark. II 79f. Brief an ihn über Japan. II 87. Vermittlung im Bergarbeiterstreik. II 90 ff. Rede zu den neuen Handelsverträgen. II 93. Büste des Kaisers in Marmor. II 95. Erklärung zur englisch-französischen Marokkokonvention. II 107. Rät dem Kaiser zur Landung in Tanger. II 110 f. Beruft sich auf Madrider Vertrag von 1880. II 113. Unterredung mit dem Botschafter Bihourd. II 119. Erhebung in den Fürstenstand. II 121. Setzt Entwurf einer deutsch-russisch. Allianz auf. II 132f. An Holstein überBjörkö. II 138f. Im- mediatbericht mit Abschiedsgesuch. II 139 ff. Zirkular an die Vertreter im Ausland. II 164f. Begegnung mit Witte. II 170 f. Generalmajor. II 180. Brief an Richthofen über Eduard VII. und Wilhelm II. II 190. Reichstagsrede über Al- geciras. II 212. Ohnmacht und Genesung in Norderney. II 213 ff. Schreiben an den Kriegsminister. II 226 ff. Brief an Bülows Bruder Alfred. II 229 ff. Privatissimum für den Kaiser. II 239 ff. Wilhelm II. angeblich zu Bülow über Königreich Polen (1906). II 241, 245. Bülow an Tschirschky üb. kaiserliche Stimmungen. II 257 f. Rede über auswärtige Lage. II 263 ff. Bericht an den Kaiser üher Konflikt mit dem Zentrum. II 269 f. Verkündet Reichstagsauflösung. II 272. Ovation vor dem Reichskanzlerpalais in der Wahlnacht. II 278. Etatsrede. II 282 f. Rede auf dem Bankett des Landwirtschaftsrats. II 284 f. Unterredung mit Iswolski in Swinemünde. II 295 f. Mit Eduard VII. in Wilhelmshöhe. II 296f. Rede über Haager Friedenskonferenz. II 299. Reichstagsrede über den Prozeß Moltke - Harden. II 307. Ernster Vortrag beim Kaiser über die Ein- 382 NAMENREGISTER kreisung. II 318 f. Uber Verlangsam, des Flottenbaues. II 319f. Besprechungen mit Tirpitz. II 320. Zirkular-Erlaß an die Kgl. preußischen Missionen über Reval. II 326(1. Eingang des Artikels für den „Daily Telegraph". II 338 ff. Unterredung mit dem Kaiser über die Balkan-Krise. II 341 f. Rede zur Eröffnung der Interparlamentarischen Konferenz. II 345 ff. Rede bei der Bismarck- Feier in der Regensburger Walhalla. II 347 ff. Der Artikel im „Daily Telegraph" erschienen. II 351 f. Immediatbericht und Rücktrittsangebot. II 353 f. Sitzung des Staatsministeriums. II 363 f. Reichstagsrede. II 367ff. Bülow hindert Veröffentlichung des Kaiser-Interviews mit dem Amerikaner Haie. II 374. Audienz bei Wilhelm II. in Potsdam. II 377. Rede zur Reichsfinanzreform. II 381 ff. Nach Potsdam auf Bitte der Kaiserin. II 386 f. Unterredung mit dem Kronprinzen. II387f. Mit Iswolski über Bosnien und die Dardanellenfrage. II 394 ff. Erlaß an Tschirschky über Möglichkeit eines Kriegs. II 398f. Gespräch mit Szö- gyenyi üb. Kriegsdrängen Conrads. II 405 f. Audienzen in Rom bei König und Papst, Besuche bei Gio- litti und Tittoni. II 407. Empfang in Wien durch Kaiser und Thronfolger. II 407 f. Antwort auf Brief des Deutschen Kronprinzen über Casablanca. II 411 ff. Abfuhr auf seinen Brief über Kiderlen. II 416. Gespräche in Berlin mit Eduard VII. II 420 f. Rede über Annäherung anEngland. II 426 f. Konferenz im Reichskanzlerpalais. II 431 ff. Imme- diatvortrag über sie. II 438 ff. Stellt dem Kaiser die Vertrauensfrage. II 446 ff. Besprechung mit den Führern der Konservativen. II 457 ff. Mit Heydebrand. II 459 ff. Abendtafel in Potsdam. II 464 f. Brief Bülows an Tirpitz. II 465. In Venedig. II 468 ff. Immediat- vortrag beim Kaiser in Wiesbaden. II 475 f. Letzte Rede im Reichstag. II 484 ff. Eriteig- nungsvorlage. II 487 ff., 490 ff. Telegramm des Zaren an Bülow. II 502. Briefwechsel zwischen Bülow und Metternich über Flottenagreement. II 503 f. Anmeldung des Abschiedsgesuchs. II 507. Abschiedsaudienz in Kiel, Dialog mit dem Kaiser. II 511 ff. Demission auf dessen Wunsch vertagt. II 517. Erneuerung des Abschiedsgesuchs. II 520. Entlassung veröffentlicht. II 522 f. Abschiedsdiner für die Minister. II 5 26 f. Kaiser und Kaiserin Bülows Gäste. II 527ff. Abschiedsaudienz bei der Kaiserin. II 530 f. Abfahrt von Berlin. II 531. Taf. II 8, 48, 320, 488, 528. Reise nach Hamburg. III 3 ff. Norderney. III 8. Aufforderung an Schön zu amtlichen Dementis. III 51. Brief an Beth- mann. III 51 ff. Wahu- schaffe in Norderney. III 55. Antworten Beth- manns. III 55 f., 56 f. Briefwechsel mit Knesebeck. III 58 ff. In Berlin. III 61. Besuch Beth- manns. III 62. Wiederbegegnung mit Kaiser und Kaiserin. III 62 f. Reise nach Bern. III 64. In Rom. III 66 ff. Briefwechsel mit Bethmann über Gesandtenwechsel in Brüssel. III 78 ff. Bethmann und FlotowinRom. III 82. Bülowscher Familientag in Doberan. III 96 f. Jahrhundertfeier in Dennewitz. III 99 ff. In Berlin Juni 1914. III 137ff. Besuch bei Bethmann. III 139. Norderney. III 140 ff. Nach Berlin. III 145. Brief an den Kaiser. III 145. Empfang im Berliner Schloßhof. III 146 f. SoU nach Rom ohne Abberufung Flotows. III 146 f. Unterredung mit Bethmann. III 148 f. Brief Beth- manns an Bülow über die Mission nach Rom. III 194 f. Nicht abgesandter Antwortbrief Bülows. III 195 f. Telegramm. III 196. Briefwechsel mit Ballin. III 196f. Besuche bei Bethmann und Jagow. III 199f. Audienz beim Kaiser in Schloß Belle- vue. III 204 f. Ankunft in Rom. III 208. Besuch bei Sonnino. III 218ff. Empfang durch Viktor Ema- nuel. III 224. Durch die Königin-Mutter Margherita. III 224 f. Brief Bethmanns an Bülow wegen des Militärattaches v. Schweinitz. III 231 f. Nochmalige Audienzheim König. III 234f. Abreise von Rom. III 236. Einladung in Berlin zu Bethmann. III 240. Nicht- empfang durch d. Kaiser. NAMENREGISTER 383 III 241. Korrespondenz mit Bethmann, der Kritik fürchtet. III 241 ff. In Klein-Flottbek. III 246 ff. Luzern. III 250 ff. Beim Kaiser im Neuen Palais (Spätherbst 1916). III 253ff. Basis für einen Frieden. III 266. 9. November 1918 in Berlin. III 305f. Kundgebungennach Bülows Rücktritt. III 337 ff. Ehrungen. III 371. Taf. III 8,24,72,328,332. Bülow, Frau v. (Gräfin, Fürstin), Maria, geb.Prin- zessin Camporeale, Stieftochter Minghettis, geschiedene Gräfin Dönhoff (f 26. 1. 1929). I 25. Briefe der Kaiserin Friedrich an sie. I 269f. Königin Victoria über sie. I 321. Loe über sie. I 391. Anwesend bei Enthüllung des Berliner Bismarck - Denkmals. I 529. Porträts. I 538. Taf. I 32, III 16. Leopold II. begrüßt sie. II 74. Im Neuen Palais. II 88. Messe. II 207. Bethmann zur Fürstin Bülow. II 363. Bülow zu ihr nach der November-Audienz. II 381. Vom Papst empfangen. II 407. Gespräch Eduards VII. mit ihr. II 424. Gratulation des Kaisers. II 440. Wilhelm II. ihr Gast. II 450. Abendtafel in Potsdam. II 465. In Venedig. II 468. Der Kaiser als Gast, sein Gespräch mit der Fürstin. II 527 ff. Audienz bei der Kaiserin. II 530 f. Briefe Jagows an sie. III 35. Rathenau über sie. III 43 f. Brief an sie. III 45. Gespräch des Kaisers mit ihr im Neuen Palais. III 63. Silberne Hochzeit. III 108 ff. Brief an den Kaiser. III 145 f. Bei der Königin-Mutter Margherita. III 224 f. Bei der Kaiserin. III 241. Gesellschaftskreis in Luzern. III 250 f. Bülow, Bernhard Ernst v., Vater des Reichskanzlers, 1873-1879 Staatssekretär. Wirken unter Bismarck. Dieser spricht über ihn. I 13, 22, 170. Loe über ihn. I 391, 559. Dänischer Bundestagsgesandter für Holstein und Lauenburg. I 438. Wilhelm L über ihn. II 53. Gespräche zwischen Bismarck und ihm. II 85. III 271. Fürst Bülow über ihn. III 96f. Bülow, Adolf v., Bruder des Fürsten, Flügeladjutant, dann Brigade-Kommandeur in Frankfurt a.M. 14, 75, 177 f. II 76. Tod durch Sturz vom Pferd (1897). 1 180f. Brief Herbert Bismarcks über ihn. I 181 f. Mentor Wilhelms II. I 182. Warnt ihn vor Entlassung Bismarcks. I 183 f. III 299. Von Disraeli erwähnt. I 322. Bülow, Alfred v., Bruder des Fürsten, deutscher Gesandter in Bern. Über Intrigen im Auswärtigen Amt. I 12f. Monts über ihn. I 41, 43. Schweinitz nennt ihn. I 408. Millerand zu ihm. II 8. Brief des Fürsten an ihn. II 229 ff. Brief an den Fürsten über Eulenburg. II 313f. Kaiserbesuch in der Schweiz. II 495. Philipp Eulenburg über Alfred v. B. III 26. Tätigkeit in Bern. III 64f. Fürst Bülow besucht ihn. III 64ff. Bülow, Hans Adolf v., Gesandter in Hamburg. III 121 f. Bülow, Karl Ulrich v., Militärattache in Wien, dann Flügeladjut., Kommandeur der 2. Gardeulanen. I 37 f., II 76, 261 f., 311, 405. Tod III 142f., 146. Bülow, Otto v., Gesandter beim Vatikan (f 1898). I 38, 66. Bülow, Karl v., Kommandeur des 3. Armeekorps, später Feldmarschall (t 1921). II 184, III 184, 323. — Kundgebung beim Rücktritt des Fürsten. III 356 f. Bülow-Bossce, v., konservativer Abgeordneter. II 95. Bülow - Bothkamp, v., konservativer Abgeordneter. II 95. Bulygin, Alexander Gri- gorjewitsch, russisch. Minister des Innern, ermordet 1919. II 161. Bunsen, Josias v., Gelehrter und Staatsmann. I 199. Bunsen, Sir Maurice de, britischer Botschafter in Wien. I 321. Buol-Berenberg, Rudolf v., Zentrumsabgeordneter, 1895—1898 Präsident des Reichstags. I 596. Burchard, Bürgermeister von Hamburg. I 174. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 340 f. Burian, Stefan, Baron (dann Graf), österreich.- ungarischer gemeinsamer Finanzminister, 1912 und 1916, April bis Oktober 1918 Minister des Äußern (t 1922). III 232, 235. Die Wiedererrichtung Polens. III 247. Rücktritt. 269. 384 NAMENREGISTER Bums, John, Mitglied der englischen Arbeiterpartei, 1914 Handelsminister, 1905 Minister. II 205. Busch, Moritz, Verfasser von „Graf Bismarck und seine Leute" (f 1899). Veröffentlicht Bismarcks Entlassungsgesuch. I 233. Wilhelm II. gegen ihn. II 235. Caillaux, Joseph, französischer Finanzminister, 1911—1912 Ministerpräsident. II 260. Calmette, Gaston, Chefredakteur des „Figaro". II 479 f. III 209. C a m b o n, Jules, französischer Botschafter in Berlin (Bruder von Paul). Der Kongo-Vertrag. II 199. Erscheint nicht zur Kieler Woche. II 289 f., 319. Frage an Jagow. III 80 f. Zu Beyens über die Explosionsgefahr. III 156. Wünscht den Weltbrand. III 179. Cambon, Paul, französischer Botschafter in Konstantinopel, dann in London. 1272. Cambridge, Herzog von, britischer Feldmarschall, 1895 Oberbefehlshaber (t 1904). I 309. Campbell - Bannerman, Führer der liberalen Opposition in England, 1905 bis 1908 Ministerpräsident (f 1908). II 71, 202. Bildung eines Kabinetts unter ihm. II 205. Liberale Denkschrift über Rüstungs-Beschränkung. II 307. Capelle, Eduard v., Ad- miral, März 1916 bis September 1918 Staatssekretär des Reichsmarineamts. III 271. Caprivi, Leo v., General, 1890—1894 Reichskanzler (f 1899). I 7, 10. Sein Sturz. I 31 f., 42, 45, 58. „Ce pauvre Caprivi" (Mu- rawiew). I 89. Hält Krieg mit Rußland für unvermeidlich. I 110. Monts über den „minderwertigen Präfekten". I 196. Publizistischer Kampf durch Hammann gegen Bismarck. I 217. Salis- bury über ihn. I 277. Von Holstein aufgehetzt. I 296. Dieser schwenkt zu ihm um. I 363. Kritik an den Kaisermanövern. I 364. Als Kanzler „harthörig und bockbeinig" (Wilhelm IL). I 373. Für Alvensleben als Botschafter in Petersburg. I 407. Ostmarken-Politik. I 563. Liberaler Nachruhm. III 58. Carnegie, Andrew, amerikanischer Großindustrieller. I 575. Carol (Karl), König von Rumänien (f 1914). 1160. II 323. Huldbeweise der Königin Victoria. I 323. Telegramm an Bülow. I 357. Gratuliert ihm zur Reichskanzlerschaft. I 390. Korrekte Haltung in der bosnischen Krise. II 399. Carols-Orden für Bülow. II 502. Über den Dreibund. III 126. Haltung 1914. III 169f. Carola, Königin von Sachsen, Gattin des Königs Albert. I 492. Carolath, Prinz Heinrich, nationalliberaler Reichstagsabgeordneter (f 1920). I 355, 480. II 509. III 159. Carp, Peter, rumänischer Staatsmann (f 1919). III 125f., 170, 280. Carstens,freisinn. Reichstagsabgeordneter. II 277. Casement, SirRoger,Iren- führer (f 1916). III 282. Cassel, Sir Ernest, englischer Finanzier. I 473. II 318, 427. Castro, Cipriano, Präsident von Venezuela, 1908 abgesetzt. I 558. Cavell, Edith, 1915 in Brüssel standrechtlich erschossen. II 22. III 255. Cavour, Graf Camillo, italienischer Staatsmann (f 1861). I 397, 610, 628. II 200, 223. III 113, 223. Cecilie, Kronprinzessin, geb. Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin. Verlobung. II 50f. Trauung. II 121 ff. Entbindung. II 239. Besuch bei Bülow in Rom. III 95. Taf. III 16. Chamberlain, Sir John Austen (Sohn Joseph Chamberlains). Maidenspeech im Unterhaus. I 334. Chamberlain, Houston Stewart. Wilhelm II. liest aus den „Grundlagen" vor. I 172. Chamberlain, Josef, seit 1895 englischer Kolonialminister, Rückzug aus der Politik 1905 (f 1914). Hatzfeldt an Holstein über Chamberlains Vorschlag einer deutsch-eng- lischenAllianz( Juni 1898). I' 275 ff. Verhandlungen nur mit ihm. I 303. Eigentlicher Urheber des Burenkriegs. I 309. Unterredung mit Bülow. I 314ff. Mit Wilhelm II. I 317 f. Befürwortet Zusammengehen von England, Amerika u. Deutschland. I 315 ff. Seine Politik. I 329 f. Rede in Lei- cester. I 330, 337. Er und NAMENREGISTER 385 Gladstone. I 334. Unberechenbar. I 421. Metternich über ihn. I 424 f. Rede in Edinburgh über den Krieg von 1870. I 552 ff. Charlotte, Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen, älteste Schwester des Kaisers. I 323. II 280. Charmes, Francis, französischer Publizist. III 177. Chelius, v., Generaladjutant des Kaisers. III 214f. C h i r o 11, englischer Journalist. I 335. Chlumecky, Freiherr v., Minister a. D., Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses. II 409. Christian IX., König von Dänemark (| 1906). I 212. II 68, 79, 138, 144. Christine ,Königin-Regen- tin von Spanien. I 147 f., 220. II 3, 40, 105. Churchill, Winston, britischer Handelsminister, 1911—1915 Erster Lord der Admiralität, dann Munitionsminister und Kriegsminister. II 376. Clemenceau, George,1906 und 1917—1920 franz. Ministerpräsident. I 320, 428, 430. II 8, 104, 290, 467. III 86, 260, 279, 288, 302. Cohn, Oskar, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter. III 289. Colin, Abbe. I 245. Combes, Emile, 1902 bis 1905 französischer Ministerpräsident. I 621. Sein Antiklerikalismus. II 61. Connaught, Arthur, Herzog von, dritter Sohn der Queen. I 305. Seine antideutsche Gattin, geb. Prinzessin von Preußen. I 305f. Taktvoll. I 412. Gespräch mit dem Kaiser. I 502 f. Über Besuch Eduards VII. in Kiel. II 35. Zwischenfall während der Kieler Woche. II 247. Taf. II 304. Conrad, Alfred v., 1901 bis 1904 Vortragender Rat der Reichskanzlei, dann Unterstaatssekretär, 1910—1914 Oberpräsident von Brandenburg. I 562, 567. Conrad von Hoetzen- dorf, Chef des österr.-un- garischen Generalstabs. Argumente für Krieg gegen Serbien, Italien und Rußland. II 404 f. Wahre Ziele. III 181. Militärischer Exaltado. III 363. Constans, Jean Antoine Ernest, französ. Minister des Innern, 1898—1907 Botschafter in Konstantinopel. II 410. Courcel, de, Baron, franz. Botschafter in London. I 418. Crailsheim,Freiherr, dann Graf, bayrischer Minister des Äußern, dann bis 1903 Ministerpräsident. I 34 f., 36, 119, 123, 125, 126. Sprecher im Bundesrat. I 443. Soiree in München. I 479. Er und Hertling. I 480. Nach Bülows Besuch. I 481. Über Bülows Polenrede. I 567. Der Fall der Swinemünder Depesche. I 582 ff. Brief an Bülow. I 596. Abschied. I 599 f. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 347. Crewe, Earl of, Lord-Präsident des GeheimenRats. II 205, 426. Crispi, Francesco, italien. Staatsmann. I 48, 56. II 8, 58, 59, 200. III 216, 223. Cr Omer, Lord, Vizekönig von Ägypten. II 376. Cumberland, Ernst August, Herzog und Prinz (Vater und Sohn). II 49 f. Ausgleich zwischen Herzog und Kaiser und Ehepakt Hohenzollern - Cumberland. II 249f. Cuno, Wilhelm, Generaldirektor der Hapag nach Ballins Tod, 1922—1923 Reichskanzler. III 105. Curti, Theodor, Chefredakteur der „Frankfurter Zeitung". II 221. An Bülow nach dessen Rücktritt. III 367 f. Curzon, Lord, Vizekönig von Indien, 1919 und 1922—1923 Staatssekretär des Äußern. II 306. Czernin, Graf Ottokar, seitl913k.u.k. Gesandter in Bukarest, Dezember 1916 bis April 1918 österr.- ungarischer Minister des Äußern. III 269 f. Imme- diatbericht. III 270. Dallwitz, v., preußischer Konservativer, später Statthalter von Elsaß- Lothringen. Als „Kanalrebell" gemaßregelt. 1297. Dandl, v., bayrischer Ministerpräsident. III 296, 303 f. Dasbach, Kaplan, Zen- trumsabgeordn. I 596. David, Eduard, Dr., so- sialdemokratischer Abgeordneter, 3. 10. bis 9. 11. 1918 Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. II 505. III 257. Deäk, Franz, ungarischer Staatsmann. I 143, 160, 161, 397. Deines, Gustav Adolf v., General, Freund Bülows (t 1911). I 33, 444. II 177ff., 274. III 161. 25 Bülow III 386 NAMENREGISTER Dclnrey, Jakobus Herklaas, Burcngencral. 1398. Delbrück, Clemens, 1905 preußischer Handelsmini- ster, 1909 Staatssekretär des Innern, 1916 zurückgetreten (t 1921). II 286, 522. Drängt Juli 1914 umsonst auf Getreide- ankäufe. III 154f., 206. Delbrück, Hans, Profcs- sorDr.,Historiker(tl929). I 112. II 285. In der polnischen Frage. I 220, 563. II 464. III 249. Über deutsch - englische Beziehungen 1913. I 327, 413. III 124. Delcasse, Theophile, seit 1898 franz. Minister des Äußern, 1905 gestürzt, 1913 bis 1914 Botschafter in Petersburg, 1914 bis 1915 Außenminister (t 1923). In der Faschoda- Frage. I 272, 301. Besuch in Petersburg. I 302. Sucht Deutschland (1900) von England abzuziehen. I 440. Anweisung für die französischen Kardinäle. I 620. Gegen Combes' Antiklerikalismus. II 61. Vereitelt Bemühungen d. Kaisers um den Zaren. II 69. Ein anglo-russisch- französischer Dreibund. II 80. Sein antideutsches System. II 84f. Teilt die englisch-französische Marokko-Konvention mit. II 107. Riskiert den Krieg mit Deutschland. II 108 f. Wankt. II 114. Sturz. II 119 f. Enthüllung im „Ma- tin". II 167 f. Seine Entsendung nach Petersburg übles Symptom. II 399. III 118. Betbmann über Dclcasses Beseitigung. III 13. Krieg gegen Deutschland. III 87, 156, 179. Depretis, Agostino, ital. Staatsmann. I 610. Dernburg, Bernhard, Direktor der Darmstädtcr Bank, 1906 Direktor des Kolonialamts, 1907 bis 1910 Staatssekretär, April bis Juni 1919 Reichsfinanzminister. II 267. Taf. II 264. Befreundet, dann uneins mit Walter Rathenau. III 39. Dem bürg, Friedrich, Journalist, Vater des vorigen, (t 1911). Artikel zu Bü- lows Rücktritt. III 353 f. Dernburg, Heinrich, Professor, Bruder des vorigen, Rechtslehrer an der Berliner Universität (f 1907). I 595. Derouledc, Paul, Führer^ der französischen Patrio-^ tenliga. I 46. II 16. Deschanel, Paul, 1898 bis 1902 und 1912 bis 1920 Präsident der Kammer, 1920 Präsident der Republik (f 1922). II 114. Devonshire, Herzog von, Führer der Whigs im Unterhaus. Besuch Wilhelms II. bei ihm. I 304. Seine Gattin, geb. Gräfin Alten. I 305. Charakteristik. I 319f. Dewey, George, Amerikanischer Admiral, besiegt 1898 das spanische Geschwader vor Cavite bei Manila. I 221. Düke, Sir Charles, engl. Imperialist. II 266. Dil Ion, Petersburger Korrespondent des „Daily Telegraph". II 144. Disraeli, Earl of Beacons- field, konservativer engl. Premier. I 194, 198, 313, 314, 370. II 223. Über Chamberlain. I 315. Brief über Bülow (1878). I 321 f. Vorliebe der Queen für ihn. I 322. Realpolitik. I 397, 430. Über politische Intrigen. I 532. Bismarck und er. I 544. Über Professoren und Rhetoren. III 278. Dittmann, Wilhelm, Abgeordneter der USPD. III 271. Dittrich, preußischer Zentrumsabgeordneter. I 588 f. Dönhoff- Friedrich- stein, Graf August. I 37, 444, 568 f. III 98. Dönhoff, Graf Gerhard, Hofmarschall des Prinzen Karl von Preußen. II 38. Dörnberg, Baron, 1890 Legationssekretär in Bukarest, Freund Philipp Eulenburgs. I 225. Dohm, Ernst, Redakteur des „Kladderadatsch". I 65. III 72. Dohna-Schlobitten, Richard, Graf, 1900 Fürst. I 288, 546. II 173. Gegen Philipp Eulenburg. I 603. III 30. Dohna, Graf Eberhard. I 288. Dohna-Mallmitz. I 288. Dohm, freisinniger Reichstagsabgeordneter. II 510. Dove, freisinniger Reichstagsabgeordneter. II 510. Drews, Bill, 1917—1918 preußischer Minister des Innern, 1921 Präsident des preußischen Oberverwaltungsgerichts. III 297. Dryander, Ernst v., D., Oberhofprediger (f 1922). Auf der Orientreise. I 244, 249. Von Byzantinismus entfernt. I 387. — Brief an Bülow nach dess. Rücktritt. III 365 f. Dufaure, Jules, französischer Ministerpräsident. II 238. NAMENREGISTER 387 Ebert, Friedrich, ab 9. November 1918 Reichskanzler, 1919—1925 Reichspräsident (f 1925). I 125, 258, 286. III 26, 101, 104f., 293, 306f., 311, 315, 321. Eckardstein, Hermann Freiherr v., 1899—1901 Attache der deutschen Botschaft in London. Beziehung zu Holstein. I 187. Rolle bei den deutsch - englischen Verhandlungen. I 330. Durch Herbert Bismarck protegiert. I 343. Heirat. I 343. Graf Metternich warnt vor ihm. I 343. Berichte aus London. I 420, 421. Zu Wilhelm II. über dessen Reise nach England. I 505. Mitteilungen Chamberlains an ihn. I 509 f. Nicht genügendzuverlässig. 1515. Minister der Preßbeziehungen. I 558. Rät dem Kaiser zu einem Kaltwasserstrahl nach Frankreich. II 16. Freund und Günstling Alfred Rothschilds. II 37 f., 40. Proposition an den Kaiser. II 118. Eduard VII. über ihn. II 297. 478. Vom Kaiser empfangen. II 493. III 46, 73. Eckardt, Felix v., Chefredakteur des „Hamburgischen Corresponden- ten", später des „Hamburger Fremdenblutts". Interview mit Bülow. II 52011. III 6,10, 142. Taf. III 328. Eckardt v., Diplomat, Bruder des vorigen. I 371 f. Eduard VII. (Albert Eduard Prinz von Wales), König seit 22. 1. 1901, f 6. 5. 1910. Beziehungen zu Wilhelm II. 69f., 273. Brief an Kaiserin Friedrich gegen deutsche Flottenvorlage. I 189. Macht boshafte Bemerkungen. I 206. Über die deutsche Frau. I 261. Von der Kaiserin verabscheut. I 261 f. Urheber des Wind- sor-Vertrags mit Portugal. I 274. Gegen Besuch Wilhelms II. bei Lons- dale. I 304. Toast in Windsor. I 308. Spricht Deutsch mit englischem Akzent. I 323. Kein sicherer Träger eines Bündnisses mit Deutschland. I 330. Sagt die Verhandlungen ab (Dezember 1901). I 332. Besuch in Cronberg (Februar 1901). I 335. Besuch Wilhelms II. bei ihm in Sandringham. I 338 f. Charakteristik. I 339 ff. Listenreich. I 414, 453. Wilhelm II. sieht in ihm den Schuldigen am Jame- son-Raid. I 473. Absage für Homburg, Fahrt zur Kaiserin Friedrich nach Friedrichshof. I 509, 516 IT. Danktelegramm auf Kondolenz Bülows. I 540. Taf. I 304. Besuch in Kiel. II 23 ff. Gespräch mit Bülow. II 26fT. Besuch in Hamburg. II 31 f. Eduard VII. und Delcasse. II 84. Schützt ihn bei Loubetund empfängt ihn. II 114. Verstimmung nach Delcasses Sturz. II 127. Onkel Bertie (Eulenburg über ihn). II 172. Bülow empfiehlt ihn als Prinzenpaten. II 239. Begegnung mit dem Kaiser in Wilhelmshöhe. II 296 f. Toast auf Kaiser und Kaiserin in Windsor. II 306. Begegnung mit dem Zaren inReval (1908). II 316 f., 325. Mit Franz Josef in Ischl. II 330. Will Berlin besuchen. II 379. Intrigen in der bosnischen Krise. II 399. Besuch in Berlin (Februar 1909). II 419ff. Trinkspruch. II 420. Dank an Renvers. II 421. Für Gespräche mit Bülow. II 420 f., 424 f. Niederlage in der Balkanfrage. II 467. Taf. II 304. Tod. III 86 f. Eichhorn, Hermann v., General, 1918 in Kiew von russischen Revolutionären ermordet. II 184. III 323. Eickhoff, freis. Reichstagsabgeordneter. II 345. Einem, Karl v., 1903 bis 1909 preußischer Kriegsminister, Oberbefchlshab. der 3. Armee im Weltkrieg. II 217. Schreiben Bülows an ihn. II 226ff. Protestrede im Staatsministerium nach „Daily- Telegraph". II 363. Taf. II 352. Wilhelm II. vertraulich zu ihm. II 382. Einstein, Albert, Mathematiker. I 374. Eisendecher, v., preuß. Gesandter in Karlsruhe. III 37 f. Botschafter in London? III 122. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 338 f. Eisner, Kurt, sozialistisch. Schriftsteller, ermordet 1919 in München. I 125, 599. II 298. III 303. Eitel Friedrich, Prinz von Preußen, zweiter Sohn des Kaisers. I 168. Plan einer braunschwei- gischen Sekundogenitur für ihn. II 249. Elena, Königin von Italien, Gattin Viktor Emanuels III., geb. Prinzessin von Montenegro. Antipathie des Kaisers gegen sie. I 144, 542, 603. II 87. 25« 388 NAMENREGISTER Elisabeth, Kaiserin von Österreich, ermordet in Genf 10. 9. 1898. I 157. Ermordung. I 239. Achil- leion. II 16. Elisabeth, Königin von Rumänien (Carmen Syl- va) (f 1916). III 170. Elisabeth, Königin von Belgien, Gattin des Königs Albert, geb. Prinzessin von Wittelsbach. 1306. Elisabeth Feodorowna, Gattin des Großfürsten Sergei, geb. Prinzessin von Hessen. I 100, 306, 455. II 132. Nach der Ermordung des Gatten. II 161f. Emma, Königin der Niederlande, WitweWilhelms, Besuch in Potsdam. I 300 f. Empfängt den Kaiser in Vlissingen. I 345. Emmich, Otto v., General. III 173. Engel, Pastor, Chefredakteur des „Reichsboten". III 73f. Engelbrecht, Militärattache unter Bülow. I 39. Ernst, Graf zu Lippe- Biesterfeld, 1897 Regent des Fürstentums Lippe (t 1904). Für erbberechtigt erklärt. I 51. Wilhelm II. gegen ihn. I222f., 267. Tod. II 55. Ernst IL, Herzog von Ko- burg-Gotha (f 1893). I 65 ff. III 327. Ernst Günther, Herzog zu Schleswig - Holstein, Bruder der Kaiserin. I 230. Muß vor Wagen seines Schwagers reiten. 1 264. Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen. I 101, 168, 406f., 487f. Scheidung. II 177. Soll den Kaiser zur Abdankung bringen. III 296 f. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 340. Erzberger, Matthias, Reichstags abgeordneter, dann Reichsminister ( f 1921). Kandidiert den Herzog von Urach für Litauen. I 81. Sein politisches Verhalten. I 187. Von Paasche gefeiert. I 203. Verpulverung von Millionen im Nachrichtendienst. I 241. Über sich und Lloyd George. I 251. Reißt Vorsitz in Waffenstillstandskommission an sich. I 357 f. Remüantester Politiker der ersten Revolutionsjahre. I 431, 484. Sein Prozeß. I 468. II 254. Tiefenbacher. I 539. Kein Friedensunterhändler. II 170. Angriffe auf die Kolonialverwaltung. II 187, 257. Auf Dernburg. II 267 f. Gegen Bülow in der Kanzlerkrise. II 494. Artikel in der „Märkischen Volkszeitung". III 47. Will Ein- und Ausgänge des Auswärtigen Amts lesen. III 160. Aufenthaltin Rom. III 209 ff., 236. Ballin und Benedikt XV. über Erzberger. III 209. Gegen Bethmann. III 265. Czernins Immediat- bericht. III 270. Helfer des Herzogs von Urach. III 275. Minister. III 294, 295, 301. In Compiegne. III 314 f. In Weimar. III 324. Esbeck-PIaten, v., Zeremonienmeister. I 64f. Esterhazy (Walsin-E.), französischer Major. I 240. Estournelles de Con- stant, Baron d', franz. Senator, Friedensfreund. II 501 f. Eugenie, Gattin Napoleons HL, Kaiserin der Franzosen. I 628. Eulenburg, Graf August, Ober-Hof- und Hausmarschall, dann Hausmini- ster (f 1921). I 31, 33, 61, 73 ff., 79,141. Für Bülow. I 205. Auf der Orientreise. I 242. Er und sein Bruder Botho. I 373. Gratuliert Bülow. I 394. Der Kaiser lohnt ihn für den diplomatischen Dienst ab. I 495. Beim Fackeltanz. II 122. In Rominten. II 172. Brief an Bülow. II 219f. Wird beim Kaiser vorstellig wegen Donaueschingen. II 364. Der Kaiser lädt sich durch ihn ein. II 450. Um Ausgleich zwisch. Wilhelm II. und Bülow bemüht. III 115. Für den Kaiser bestimmter Brief Bülows an ihn. III 118 f. Zeuge bei Unterredung Wilhelms II. mit Bethmann. III 165. Ruhe. III 285 f. Konferenzen des Kaisers mit ihm. III 289. Besucht Bülow. III 297. Eulenburg, Graf Botho, preuß. Ministerpräsident (t 1912). 131, 33, 37, 122. Bülow empfiehlt ihn dem Kaiser als Reichskanzler (1900). I 373, 380. Ansicht über Philipp Eulenburg. II 292. Eulenburg, Philipp, Graf, 1900 Fürst, 1894—1902 deutscher Botschafter in Wien (f 1921). Unterredung in Frankfurt a.M. mit Bülow. I 3 ff. In Wien inamovibel. I 8. „Troubadour." I 30. Abge- NAMENREGISTER 389 spannt. I 39. Gefühlsmensch. I 42. Beschönigt Ton des Hofes. I 69. Die Bäreninseln. I 81 f. Intimus des Kaisers. I 149. Küßt ihm die Hände. I 167 f. Seufzt um seinen „Seestern". I 176. Chiffrierter Verkehr mit Holstein. I 187. Gnädiges Telegramm des Kaisers an ihn. I 224. Beziehungen zu Bülow. I 224f. Befriedigt über Bismarcks Sturz. I 225. Intrigen gegen Bismarck, dessen Zorn gegen ihn. I 225 ff. Von Herbert Bismarck ignoriert. I 226, 353. Über Wilhelms IL Wahrheitssinn. I 234. Über seinen Rollenneid. I 237. Unterzeichnet Telegramm an Bülow. I 288. Informiert diesen über die Nordlandreisen. I 348 ff. Von Wilhelm II. als Reichskanzler genannt. I 372. Intrigen gegen Bülows Ernennung. I 381 f., 462ff. Seine Briefe. 1402. Unterhält Ranküne des Kaisers gegen Bismarck. I 449. Stachelt ihn gegen die Sozialdemokratie auf. I 450, 458. Intrigen gegen die Kaiserin. I 450f. Spiritist. I 451f., 460. Gegen Herbert Bismarck. I 461. Brief an Holstein. I 498 f. Briefe an Bülow. I 499 f. Über Aufenthalt des Kaisers in England. I 506. Persifliert Viktor Emanuel. I 542. Larmoy- anter Brief an Bülow. I 579. Rücktritt. I 602. Der Skandal Hochberg- Pierson. 1603 ff. Über Rominten und die Nordlandreise von 1903. I 616ff. Taf. I 192. Vermittler einer Heirat Hohenzollern - Cumber- land. II 49 f. War Bülows Freund. II 52. Über Herbert Bismarck. II 55. Brief an Bülow. II 68. Sang an Ägir. II 156. Briefe aus Rominten. II 171 ff. Brief an Bülow über Cumberland. II 249f. Über den Fall Podbielski. II 254. Gibt dem Kaiser gefälschte Berichte über Bülows Gesundheit. II 261 f. Zerwürfnis zwischen Holstein und Philipp Eulenburg. II 290 ff. Angriffe der „Zukunft". II 291 ff. Der Eulenburg- Skandal. II 309 ff. Brief an Bülow (1909). III 26 f. In der Zeit der kaiserlichen Gunst. III 95. Eulenburg, Graf Friedrich, Bruder Philipps. I 224, 451, 605. II 292. Eulenburg, Graf Viktor, Sohn August Eulenburgs, dtsch. Legationssekretär in London. II 37, 40. Falk, Adalbert, 1872 bis 1879 preuß. Kultusminister. I 63. III 308. Falkenhausen, v., General. II 184. Falkenhayn, Erich v., 1913—1915 Kriegsminister, bis August 1916 Chef des Generalstabs (f 1922). Rathenau gegen ihn. III 42. Über Bereitschaft des Heeres. III 157. Nachfolger Moltkes. III 185. Problematische Natur. III 186. Bassermann über ihn. III 202. Fechenbach. II 298. Fehrenbach, Konstantin, badischer Zentrumsabgeordneter, 1920 bis 1921 Reichskanzler (f 1926). I 431,497. II 92. Feilitzsch, Max, Graf, 1881—1907 bayrischer Minister des Innern (t 1913). I 119, 531. Brief an Bülow. II 451f. Fejerväry, ung. Honved- minister und Ministerpräsident. I 163. Ferdinand (Koburg-Co- hary), Fürst von Bulgarien, 1908 bis 1918 König. I 36. Franz Josef über ihn. I 158 f. Er erklärt Bulgarien zum Königreich. II 337. Wilhelm II. über diese Anmaßung erbittert. II 341. Im Weltkrieg. III 287. Ferdinand, König von Rumänien (seit 11. 10. 1914). I 488. Erklärt den Krieg. III 280. Finckenstein - Simnau. I 288. Fischbeck, Otto, freisinniger Reichstagsabgeordneter. II 509. Fischer, Erzbischof von Köln, Kardinal. I 621. Unterstützt die Christlichen Gewerkschaften. II 90. Fisher, Sir John, Ad- miral. Wünscht die deutsche Flotte zu „kopen- hagenen". II 83 f., 194 ff., 320, 433, 434. Ballin will ihn mit Tirpitz zusammenbringen, Bethmann dagegen. III 7. Fitger, Emil, Dramatiker und Lyriker, Chefredakteur der „Weser-Zeitung" in Bremen. III 104f. Fitzgerald, brit. Vizeadmiral a. D. II 158. Flotow, Johannes v., Botschaftsrat in Paris, Personaldezernent Bülows, Gesandter in Brüssel, dann Botschafter in Rom. I 608. II 169, 470. III 35. Charakteristik. 36 ff. Bei Bethmann. III 54f. 390 NAMENREGISTER Wird (1910) Gesandter in Brüssel. III 80. Mit Belh- mann in Rom. III 82. Brief an Bülow. III 82 f. Heirat und Scheidung. III 83 f. Kaisersgeburt s- tagsrede 1914 in Rom. III 124f. Gibt Inhalt von Sasonows Warnung nach Berlin nicht weiter. III 128. Stellung in Rom. III 188. Wird nur beurlaubt. III 194 ff. Über Bülows römische Mission. III 197 f. Jagow will ihm kein Herzeleid bereiten. III 200. Flotow meldet sich bei Bülow in Rom. III 209. Intrigen. III 233. Flottwell, Eduard Heinrich v., Oberpriisidcnt in Posen, dann in Magdeburg. I 562. Foch, Marschall. III 166, 295, 314f., 322. Förster, F. W., Publizist. II 298. Fontane, Theodor. I 375, 624. Fortis, italienischer Politiker. II 8, 400. Francke, E„ Prof. Dr., Sozialreformer. III 354. Frank, Ludwig, Dr., sozialdemokratisch. Reichs- tagsabgeordn., gefallen 1914. III 168. Franz Ferdinand, Erzherzog-Thronfolger, ermordet in Sarajewo 28. 6. 1914. Glaubensinbrunst. I 159. Charakteristik. I 167. Wirkung seines Todes. I 240. Verhältnis zu Wilhelm II. I 400 f. Politischer Ehrgeiz. I 401. Seine Heirat. I 624 f. Baron Beck sein juristischer Beistand bei der Vorbereitung der Ehe. II 49. Antiungarisch, slawo- phil. II 236. Begegnung mit Wilhelm II. (1908). II 350 f. Gespräch mit Bülow. II 407. Der Kaiser an ihn. II 524. Ermordung. III 137 ff. Für Konrad Hohenlohe. III 221. Taf. III 136. Franz Josef I. (f 21. 11. 1916). I 29. Mißbilligt Agitation im russischen Polen. I 91. Audienz Bülows bei ihm in Budapest, Charakteristik. I 150 ff. Verhältnis zu Wilhelm II. I 151 ff. Über Bismarck. I 154. Unterredung mit Bülow (19. 9. 1897). I 158ff. Toast in Budapest. I 164. Gefühle gegen das neue Deutschland. I 166 f. Beim Tod der Kaiserin Elisabeth. I 239. Schriftliche Rechtfertigung Wilhelms II. vor ihm (über Bismarcks Entlassung). I 352. Ernennt Wilhelm II. zum österreichischen Fcldmar- schall. I 364. Dieser über Königgrätz. I 365. Zunehmende Stumpfheit. I 400. Besuch in Berlin. I 445. Beunruhigt durch Bülows Rede über den Dreibund. I 579. Empfängt ihn in Wien. I 627. Balkan-Aktionen liegen Franz Josef nicht. II 236. Begegnung mit Eduard VII. in Ischl. II 330. Annexion Bosniens proklamiert. II 337. Empfängt Bülow (1908). II 407. Setzt Franz Ferdinand und dessen Gemahlin noch im Tode herab. III 138. Stößt den Kardinal Piffl hinaus. II 228 f. Beth- mann über seine schroff ablehnende Haltung. III 242. Fredericksz, Baron, Generaladjutant und Hausminister des Zaren. I 548. Frenssen, Gustav, Pastor, Romandichter. Brief nach Bülows Rücktritt. III 365. Friedberg, Robert, Professor Dr.,nationalliberal. Führer im preußischen Abgeordnetenhaus, unter Hertling Vizepräsident des Staatsministeriums, (t 1920). II 12. Über Nationalliberale u. Wahlreform. II 463. Friedjung, Dr., Heinrich, Österreich. Historiker. I 365, 388. Über die bosnische Krise. III 364. Friedrich III., Deutscher Kaiser, König von Preußen. I 23, 74, 80, 100. Verhältnis seines Sohnes zu ihm. I 173. In seiner Ehe. I 189, 535 f. Szenen in San Rcmo. I 341. Friedrich VIII. König von Dänemark 1906-1912 (f in Hamburg). II 303. Friedrich I., Großherzog von Baden (f 28. 9. 1907). I 137 f. Brouille mit dem Zaren. I 169 f. Telegramm an Bülow. I 196. Brief an Bülnw. I 215f. Stellt dem Kaiser Theodor Herzl vor. I 254. Sympathie für den Bückeburger. I 268. Friktionen mit Bismarck. I 299. Gegen Miquel. I 362. Intrige Philipp Eulen- burgs bei dem Großherzog. I 382. Bülow besonders freundlich gesinnt. I 476. Empfängt ihn. I 486 f. Briefe an ihn. I 520f. Telegramme. I 530. II 93. Brief an den Kaiser gegen Krieg mit Frankreich. II 209. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 338. Friedrich II., Großherzog von Baden, Sohn des vorigen (1907—1918). III 294, 304. NAMENREGISTER 391 Friedrich III., Herzogvon Augustenburg, Vater der Kaiserin Auguste Viktoria. I 262. Friedrich, Erzherzog, österreichisch - ungarisch. Armee-Oberkommandant. Zerwürfnis mit Franz Ferdinand. I 624. III 221. Friedrich August, Kronprinz, dann König von Sachsen. I 589f. II 470. III 49. Entthronung. III 304. — Kundgebung bei Bülows Rücktr. III 338. Friedrich Heinrich Prinz von Preußen. I 549. II 248 f. Friedrich KarlPrinzund Prinzessin Margarete v. Hessen, Schwager (und Schwester) des Kaisers. II 126, 262. Bewirbt sich um die Krone von Finnland. III 275. Friedrich Leopold Prinz von Preußen, Vetter des Kaisers. Auf den russischjapanischen Kriegsschauplatz entsandt. II 98. Am russischen Hof. II 161. Friedrich Wilhelm III. I 45, 63, 89, 562. II 71. III 98, 327. Friedrich Wilhelm rV. I 18, 45. 63, 65, 118, 562. II 71, 164. Leopold v. Gerlach über seine „Fürstengunst". I 288. Trennung von Radowitz (dem Vater). II 201. Nicht zuverlässig. III 327. Friedrich Wilhelm Kronprinz. Seine Erziehung. I 33. Geburt seines ältesten Sohnes. I 281. Mündigkeitserklärung d. Kronprinzen. I 445 f. In England. I 505, 506, 507. Ein energischer Adjutant für ihn. I 617 f. Soll mit einer Cumberland verheiratet werden. II 49. Verlobung mit Cecilie von Mecklenburg - Schwerin. II 50f. Trauung. II 121 ff. Er und sein Vater. II 128. Einladung durch Eduard VII. II 132 f. Abgelehnt. II 155. Betätigung in der Affäre Moltke-Eulenburg. II 307, 311. Für eine „längere Pause" in der Regierung seines Vaters. II 387 f. Für „absolute" französische Genugtuung im Casablanca-Zwischen- fall. II 410 f. Beschwerdebrief an Bülow über Kiderlens Haushälterin. II 415 f. Taf. II 520. Der Kaiser verbietet dem Kronprinzen, Bülow in Rom aufzusuchen. III 95. Gegen Bethmann. III 265. Friesen, Freiherr von, sächsischer Ministerpräsident. I 490. Fürstenberg, Carl, Bankier. II 385. III 178. Fürstenberg, Fürst Max Egon. Freund des Kaisers. I 71, 153f., 305. In Heia. I 542 f. Taf. I 464. Beim Fackeltanz. II 122. Erregt durch Ausdrücke des Kaisers über Eduard VII. II 153 f. Gegen Philipp Eulenburg. II 312. Gastgeber in Donaueschingen (1908). II 351, 364. Gegner Bülows. II 468, 477f. Philipp Eulenburg über einen „gewissen" Max Fürslenberg. III 27, 30. Taf. III 112. Galen, Graf, Zentrumsabgeordneter. I 596. Gambetta, Leon, französischer Staatsmann. I 17, 109, 320, 404. II 115, 124, 223, 238. III 102, 271, 288, 295, 305, 323. Gamp, freikonservativer Reichstagsabgeordneter. II 509. —Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 342. Gapon, Pope. II 160. Georg V., König von England (als Prinz Herzog von York, dann Prinz von Wales). Spricht kaum noch Deutsch. I 323. Sohn des Thronerben. I 336. Erkrankung. I 507. Als Prinz von Wales zu Besuch in Berlin, Gespräch mit Bülow. I 555 ff. Taf. I 304. Uber Besuch Eduards VII. in Kiel. II 35. Gegen antideutsche Agitation. II 158 f. Ruhig, phlegmatisch. III 17. Abweisende Antwort an Wilhelm II.(Augustl914). III 172. Der Kaiser über Verschwörung des Königs mit dem Zaren. III 204f. Georg, König von Griechenland (f 1913). I 182. II 89, 471. Georg, König von Sachsen (t 1904). I 590f. Gegen Aufhebung des Jesuitengesetzes. II 11. Georg, Kronprinz von Sachsen, S. J. II 11 f. Georg IL, Herzog von Sachsen - Meiningen (f 1914). — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 340. Gerard, amerikanischer Botschafter in Berlin. III 271, 288. Gersdorff, Ciaire v., Hofdame. I 246 f. Geßler, Dr., Oberbürgermeister von Nürnberg, später Reichswehrminister. III 303 f. Gibbons, Kardinal. I 610. Giers, Nikolai Karlowitsch v., russischer Minister des Auswärtigen. I 90, 409, 410, 544. II 294. 392 NAMENREGISTER Giers, Michail Nikolaje- witsch, Sohn des vorigen, russischer Gesandter in Peking, München, Bukarest, 1912—1915 in Konstantinopel, 1915—1917 in Rom. I 440. Giesl, österreichisch-ungarischer Gesandter in Belgrad. III 141. Gioberti, Vincenzo, italienischer Staatsmann. I 198, II 200. Giolitti, Giovanni,italien. Schatzminister, 1892 Ministerpräsident, 1901 Minister des Innern, 1905 u. zuletzt 1921 Ministerpräsident. Viktor Erna- nuel über ihn. I 609. Besuch bei Bülow in Homburg. II 58 ff. Charakteristik. II 58f. Über die Irredenta. II 59 f. Italienischer Patriot. II 200. Unterredungen Bü- lows mit ihm (1908). II 319, 407. Ruhe in der bosnischen Krise. II 400. Für Neutralität Italiens 1914. III 169. „Parec- chio." III 228, 234. Taf. III 168. Giron, Andre, Hauslehrer bei den Kindern des Kronprinzen von Sachsen. I 590 f. Giskra, Karl, deutschliberaler Politiker in Österreich. I 156. Gladstone, William E- wart, liberaler englischer Premier (f 1898). I 198. II 223. Abneigung der Queen gegen ihn. I 322. Chamberlain trennt sich von ihm wegen Homerule. I 339. Er und Chamber- lains Sohn. I 334. Gleichen, Graf, britischer Militärattache in Berlin. II 25, 253. Glembocki, v., preuß.- poln. Abgeordn. I 571. Görtz-Schlitz, Graf, Begleiter des Kaisers. I 449. Goldschmidt-Rothschild v., Attache der deutschen Botschaft in London. 1405. Goltz, Graf Karl von der, Generaladjutant. I 50. Goltz, Kolmar von der, Generalfeldmarschall,tür- kischer Pascha (f 1916). I 366, 626. Irrtum über die Türkei. II 184. III 112. Goluchowski, Agenor, Graf, österreich.-ungar. Minister des Äußern 1895—1906 (fl921). 191, 139, 150. Verhältnis zu Franz Josef. I 154. Verurteilt die Umtaufe des Kronprinzen von Bulgarien. I 159. Rät dringend von Forderung Wilhelms II. nach Repressalien gegen Anarchisten ab. I 239, 240. Gratuliert Bülow zur Reichskanzlerschaft. I 390. Franz Ferdinand sein Gegner. I 401. „Fassungslos" über Dreibund- Rede Bülows. I 579. Gespräch mit ihm über Balkanfragen. I 626 f. Gegen Irredentismus. I 627. Wilhelms II. Sekundanten - Telegramm. II 224. Rücktritt. II 335. Goossens, Erzbischof von Mecheln, Kardinal. I 620. Gorki, Maxim. II 160. Gortschakow, Fürst, russischer Staatsmann. I 45, 90, 186, 544. II 333, 334, 395. Goschen, Sir Edward, jüngerer Bruder des folgenden, engl. Botschafter in Berlin. Seine Unterredung mit Bethmann. I 320 f. II 109. III 176. Beth- manns Bündnisangebot. III 154. Taf. III 176. Goschen, G. J., Erster Lord der brit. Admiralität. I 320f., 418f. War Bankier. I 442. Goßler, Gustav v., 1881 bis 1891 preuß. Kultusminister. II 454. III 308. Gothein, Georg, liberaler Reichstagsabg. u. Wirtschaftspolitiker, 1911 Reichsschatzminister. I 202, 591 f. Gotti, Kardinal. I 611, 620, 621, 622. Goudrian, Tets van, niederländischer Gesandter in Berlin, dann niederländischer Minister des Äußern. II 297. Gradnauer, Dr., sozialdemokratischer Abgeordneter. I 576 f. Gramont, Duc de, franz. Minister des Äußern, III 163, 212. Granville, Earl of, englischer Diplomat. I 340. II 86. Gregorovius, Ferdinand, Historiker Roms. III 67f., 72. Greiling, Richard, Verfasser von „J'accuse". II 298. III 256. Greppi, Graf Giuseppe, ehem. italien. Botschafter in Petersburg. III 215. Grevy,Präsident der Französischen Republik. 1285. Grey, Sir Edward, 1905 bis 1916 britischer Minister d. Äußern. Angelt in Schottland während der bosnischen Krise (1908). I 333. Für Deutschland erwünschter brit. Außenminister. I 425. Rede über Marokko-Frage. II 202 ff. 1905 Minister. II 205. Rede über die europäische Politik. II 306 f. Zur Interpellation über den Brief des Kaisers an NAMENREGISTER 393 Lord Tweedmouth. II 325. Über Reval. II 326. Lehnt ab, sich über „Daily- Telegraph"-Interview zu äußern. II 354. Er gehe nicht auf die Isolierung Deutschlands aus. II 376. Will in der bosnischen Krise Bruch vermeiden. II 399. Kontakt in der Flotten - Verständigung. II 503. Weist Beth- manns Bündnisangebot als „Schacher" zurück. III 154. Soll helfen, den österreichisch-serb. Konflikt zu lokalisieren. III 158. Lichnowsky geht nicht zu ihm. III 172. Griesinger, v., deutscher Gesandter in Belgrad. III 139. Gröber, württ. Zentrumsführer. I 415, 484, 596. Rücksprache mit Bülow nach der Dernburg-De- batte. II 268 f. Minister 1918. III 301. Groener, General, Reichswehrminister. III 300. Grolman, v., General. I 562. Grünau, v., Legationsrat. III 300, 306. Gündel, Oberst, Chef des Stabes im China-Expeditionskorps, dann General d. Infanterie. Im November 1918 zum Vorsitzenden der Waffenstillstandskommission bestimmt. I 357. Güßfeldt, Paul, Forschungsreisender. Nährt Abneigung Wilhelms II. gegen klassische Sprachen. I 105. Guicciardini, Marquis, italienischer Minister des Äußern. II 199, 255, 400. Guillaume, belgischer Gesandter in Paris. III 156. Guizot, Francois, franz. Staatsmann. I 198. Gwinner, Arthur v., Direktor der Deutsch. Bank. I 572. III 178. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 351 f. Haase, Hugo, Sozialist. Abgeordneter, Leiter der TL S. P. D. (f 1919). III 257, 271. Hackenberg, nationallib. Landtagsabgeordneter I. 588. Haeckel, Ernst, Professor in Jena, Naturforscher. I 284. Hänisch, Konrad, sozial- demokr. Kultusminister 1918—1921 (f 1925). III 308, 314. Haeseler, Graf Gottheb, Generalfeldmarschall (t 1919). 1366. III 12, 42. Hahn, Dietrich, Dr., agrarischer Politiker. I 532. III 73. Hahnke, Wilhelm v., Generaladjutant, 1905 Generalfeldmarschall, 1888 bis 1901 Chef des kaiserl. Militärkabinetts (f 1912). I 61, 64ff., 72, 79, 599. Hat sich bemüht, Bülow heranzubringen. I 205. Über persönliche Eigenliebe des Kaisers. I 211f. Widerstand in der Militär- Strafprozeß-Reform. I 268. Generalfeldmarschall. I 366. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 356. Haidane, liberaler engl. Politiker, dann Kriegsminister. II 202 ff. 1905 Minister. II 205. Erklärung zum „Daily-Te- legraph"-Interview. II 355. Verständigungsversuche. II 359. Haller, Johannes, Professor in Tübingen. I 430. II 285, 494. III 30. Hammacher, Friedrich, nationalliberaler Reichstagsabgeordneter (f 1904). I 593. Hammann, Otto, Geheimrat, Pressedezernent im Auswärtigen Amt. I 217. II 264, 265. Foyerschnüffelei. II 207. Bei Bülows Ohnmachtsanfall. II 213. „Daily-Tele- graph"-Affäre. II 353, 356, 359. Der Hammann- Skandal. II 442 ff. Gratulation. II 496. Gegen Verleumdungskampagne. III 57. Mit Bülow bei Loebell. III 96. Hammerstein, Ernst v., 1894—1901 preußischer Landwirtschaftsminister. I 522. Hamm er st ein, Hans Freiherr von, Bezirkspräsident in Metz, 1901 preuß. Minister des Innern. I 523. Tod. II 180. Haniel, E. v., Staatssekretär des Auswärtigen Amts. II 79. Über Rathenau. III 41. Hanotaux, Gabriel, französischer Historiker und Politiker. I 198, 302. Harcourt, Sir William, Mitglied des britischen Ministeriums für öffentliche Arbeiten (f 1904). II 377. Harden, Maximilian, Herausgeber der „Zukunft" (f 1928). Die „Zukunft". I 50. Die Angriffe auf Eulenburg. I 226. II 291 ff. Reichstagsrede Bülows über den Moltke- Harden-Prozeß. II 307 ff., 310, 315. Gegen den Kaiser. II 387. Für Bülow. II 467. Philipp Eulenburg über den Prozeß. III 27, 30. Beziehungen Bülows zu Harden. III 48, 50. 394 NAMENREGISTER Hardinge, Sir Charles, Unterstaatssekretär im englischen Auswärtigen Amt, dann Botschafter in Petersburg und Paris. Unterredung mit dem Kaiser beim Aufenthalt Eduards VII. in Homburg. II 321 ff. Friedlich. 1908. II 399, 431, 434. Kontakt in der Flottenverständigung. II 503. Harmsworth (später Lord Northcliffe), Besitzer der „Daily Mail". II 195, 375. Harnack, Adolf, Professor, Theolog (t 1930). I 144, 249, 430, 526 f. II 57, 285, 288. Nach der Novemberdebatte. II454. Brief an Bülow. III 90. Besuch in Rom. III 93. Sendet Schmollers Memorandum zurück. III 115 f. An Bülow. III 202 f. „Wille zur Macht." III 276 f., 313 f. Hartwig, braunschweigi- scher Staatsminister. II 248. Hassan - Pascha, türkischer Marinerninister. I 250. Hasse, Ernst, Professor, nationalliberaler Reichstagsabgeordneter, Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes (f 1908). I475f. II230f. III 318f. Hatzf el dt-T rächen berg, Hermann,Fürst,l 900 Herzog, Oberpräsident von Schlesien. I 577. II 456. Erzwungener Abschied. II 101 f. Rede zur Kaiser- Krise. II 366 f. Erklärung in der Erbschaftssteuer- Debatte. II 505. III 5. Hatzfeldt, Graf Paul, Staatssekretär des Äußern, seit 1885 Botschafter in London (f 1901). I 177, 187, 190. Unterhändler beim Windsor- Vertrag. I 273. Brief an Holstein. I 276 ff. An denselben über Südafrika. I 293. Briefe an Bülow über die Verhandlungen mit Chamberlain. I 303 ff., 309 ff. Unterredung mit Bülow. I 323 f. Persona gratissima bei der Queen. I 324. Führt die Verhandlungen fort. I 331 f. Brief an Hohenlohe. I 335 ff. An Holstein über Schärfe Salisburys. I 418. Brief an Holstein. I 420 f. Weitere Briefe an Holstein. I 432ff. Tod. I 558. Wilhelm I. über ihn. II 53. Seine Mutter die Freundin Lassalles. II 102. Sein trauriger Gesundheitszustand. II 164. Brief an Bülow. II 221. Hauptmann, Gerhart. I 177. II 378. III 8, 365. Haußmann, Friedrich, süddeutsch - demokratischer Reichstagsabgeordneter. II 371. Haußmann, Konrad, Bruder des vorigen, süddeutsch - demokratischer Reichstagsabgeordneter. II 371. III 286, 294, 301. Heckscher, Siegfried, Dr., freisinniger Reichstagsabgeordneter. II 257, 510. Brief an Bülow. III 285f. Heine, Wolfgang, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, dann Justizminister. II 371, 456. III 257. Heinrich Prinz von Preußen, Bruder Wilhelms II. Evangeliums-Rede. I 196, 203 ff. Briefe an Wilhelm II. auf der Chinafahrt 1898. I 206 f. Brief an Bülow. I 280, 281 f. Briefe an Bülow über Ostasien. I 436 ff. Seine verwandtschaftliche Verbindung mit dem Zaren. I 454 f. In England. I 505. Besuch beim Zaren in Spala. I 547 f. Reise nach den Vereinigten Staaten. I 575 ff. — Auftrag des Kaisers an ihn für Eduard VII. II 23. Kieler Woche. II 33. Privatnachrichten aus Petersburg. II 131 f. FürTirpitz. II 244. Der Kaiser zu ihm über Bülow. II 450. Verläßt Kiel in der Revolution. III 303. Taf. III 138. Helfferich, Karl, seit 1915 Staatssekretärdes Reichsschatzamts, Staatssekretär des Innern, 1918 Ge- sandtcrinMoskau(f 1924). Durch Bamberger und Georg v. Siemens empfohlen. I 219. Prozeß Erzberger. I 219. II 254. III 210. Gerard nennt Helfferich. III 271. Tod. I 219. Taf. III 256. Hellpach, Willy, Dr., badischer Staatspräsident. III 293. Helmholtz, Hermann, Naturforscher. I 25. III 41. Henckel-Donners- marck, Guido, Graf, 1901 Fürst (t 1916). 1393. Über den Kaiser. I 461. Die Kaiserlichen. II 479. Über Bethmann. III 153f. Henderson, Sir Richard, englischer Schiffsreeder. II 318. Henke, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter für Bremen. III 105. Henriette Prinzessin von Schleswig - Holstein - Sonderburg - Augustenburg. I67f. NAMENREGISTER 395 Hentsch, Richard, Oberstleutnant (f 1918). III 184. Herold, Zentrumsabgcord- neter (f 1931). I 596. II 91. Hertling, Freib. v., Zen- trumsabgeordn., später bayriscber Ministerpräsident, dann Reichskanzler (t 1919). I 201, 214, 430, 596. Von Wilhelm II. im Weißen Saal gemieden. I 479. Charakteristik. I 479 f. Über Crailsheims Rücktritt. I 599. Von Leo XIII. gelobt. I 612. Verbraucht. I 632. Arm in Arm mit Dr. Friedberg. II 12. Brief an Bülow. II lOOf. Zweimal Missionen für ihn nach Rom. II 101. Algeciras-Debatte. II 212. Brief an Bülow. II 220. Mißbilligt Wahlbündnis mit Sozialdemokratie. II 278. Rede zur Kaiser-Krise. II 369f. Kandidat für die Vertretung beim Vatikan. II 379. Rede in der Erbschafts - Steuer - Debatte. II 505. Über Inhalt des Ultimatums. III 179. Fragt Lerchenfeld nach Dr. Michaelis. III 268. Ernennung zum Reichskanzler. III 273 ff. Rücktritt. III 292. Tod. III 292. Katastrophe beschleunigt. III 331. Herzl, Dr., Theodor, Zio- nist (f 1904). I 254. Heydebrand, Ernst v. (Klein - Tschunkawe), Führer der Konservativen (f 1924). I 38. Als Redner. I 201 f. Als Parteiführer. I 296, 533. Für Jesuitengesetz. II 12,460. Gegen Bethmann. II 181. Brief an Bülow. II 220 f. Rede zur Kaiser-Krise. II 366. Er stellt die Segel um, Charakteristik. II 456. Besprechung Bü- lows mit ihm. II 459 ff. Totengräber des alten Preußen. II 461. Versuch einer Rechtfertigung. II 519. III 5. Wahl Illusionen von 1912. III 85. Heydebrand, v. (Nassadel). II 96. Heyking, Baron, deutsch. Diplomat. I 37. Heyl, Cornelius, Fabrikant, nationalliberaler Abgeordneter (f 1915). II 91 f., 506. Hill, amerikanischer Botschafter in Berlin. Verwahrung des Kaisers gegen ihn. III 53. — Brief an Bülow nach dessen Rücktritt. III 362 f. Hindcnburg, Paul v., Generalfeldmarschall, dann Reichspräsident. Bci t dcr Flucht Wilhelms II. nach Holland. I 77. Familie. II 39. Dem Kaiser nicht genehm (1905) als Chef des Generalstabs. II 184. Natürlichkeit. III 42. Tannenberg. III 185 f. Brief an Studt über Polen. III 247 f. Bankettrede Ge- rards. III 271. Oberste Heeresleitung. III 280. Waffenstillstand - Begehren. III 296. Die Flucht des Kaisers. III 300. Heerführer. III 323. — Reichspräsident. III 332. Taf. III 280, 320. Hindenburg, Herbert v., Botschaftsrat in Rom. III 197f., 211, 226. Hintze, Paul v., deutscher Marine-Attache in Petersburg, Gesandter in Mexiko, Peking, Christia- nia, 1918 Staatssekretär des Auswärtigen. II 244 f. III 299. Hinzpeter, Georg, Erzieher Wilhelms II. Lehrt Wilhelm II. Latein. I 16. Erziehungssystem u. Charakter. I 104 ff. Trügt zu Bismarcks Sturz bei. I 106. Über den Kaiser und den Prinzen Heinrich. I 204f. Für Arbeitnehmer. I 238f. Gratulationsbrief an Bülow. I 393f. Brief an Bülow in dessen Krankheit. II 219. Über Selbstbeherrschung des Kaisers (1908). II 338f. Hirsch, Baron, Bankier (Türkenhirsch). I 218. II 111. II ob recht, Arthur, Oberbürgermeister von Breslau und Berlin, 1878 bis 1879 preußisch. Finanz- minister. I 566. Hochberg, Graf Bolko, 1886 bis 1903 Generalintendant der Berliner Hoftheatcr (f 1926). Die Intrigen Philipp Eulen- burgs. I 603 ff. III 30. Hölz, Max. I 198. II 519. Hoffmann, Adolf, sozialistischer Abgeordneter (t 1931). I 198. III 308, 314. Hoffmann, Kommcrzien- rat, Vizepräsident des Lippeschen Landtags. II 55 f. Hohenau, Fritz, Graf. II 307, 314. Hohenlohe, Prinz Alexander zu H.-Schillingsfürst, Sohn des folgenden, Bezirkspräsident in Kolmar (f 1924). Besuch Bülows bei ihm. I 12. Monts über ihn. I 37, 38. Brief an Gräfin (Fürstin) Bülow. I 492 f. In Ungnade. I 493. Soll wegen der „Denkwürdigkeiten" diszipliniert werden. II 251 f. 396 NAMENREGISTER Hohenlohe, Chlodwig, Fürst zu H.-Schillings- fürst, 1866—1870 bayrischer Ministerpräsident, 1874—1885 Botschafter in Paris, 1885 bis 1894 Statthalter in Elsaß- Lothringen, 1900 Reichskanzler (f 1901). I 7. Besuch Bülows bei ihm. I 9 ff. Verhältnis zum Kaiser und zur Kaiserin. I lOf. Sieht (1897) in Bülow seinen Nachfolger. I 12. Fährt mit ihm (28. 6. 1897) nach Friedrichsruh. I 21 ff. Sein Regime. I 31 f. Monts über ihn. I 37, 38. Fahrt nach Peterhof. I 55. Telegramm des Kaisers an ihn über Handelsverträge. I 56. In Peterhof. I 85. Konferenz mit Murawiew. I 86. In diplomatischer Debatte. I 86 f. Fragt Bülow, ob er den Kaiser für normal halte. I 139 f., 179. Besteht (1895) auf Ausschiffung Kollers. I 156. In Schillingsfürst. I 178f. Holstein intrigiert bei ihm gegen Bülow. I 186. Sein Anteil an Ki- autschou. I 210f. Arbeit Hammanns f. ihn. I 217. Nach Abrüstungsvorschi, des Zaren. I 238. Militär- Strafprozeß - Reform. I 268. Beim Empfang des Kaisers auf der Wildparkstation (nach der Palästinareise). I 268. Ist wieder an Ludwig II. von Bayern erinnert. I 269. Salisbury über ihn. I 277. Aus seiner Pariser Botschafterzeit. I 285. Seines hohen Alters wegen durch Miquel vertreten. I 294. Gegen die preuß. Konservativen. I 297. Billigt Bülows Taktik bei den deutsch-englischen Verhandlungen. I 325. Kondolenzbrief der Queen. I 326. Kavalierperspektive. I 326. Brief Bülows an ihn. I 334 f. Gegen Veröffentlichung der Wilhelmshavener China-Rede des Kaisers. I 358. Kann Hunnenrede nicht vertreten. I 359. Bittet um Abschied. I 372. Über Hohenlohe - Langenburg. I 374. Rücktritt. I 375. Gespräch mit Bülow. I 383 f. Nachsichtig lächelnd (80 er Jahre, Paris). I 412. Vertrauen Bülows zu ihm. I 443. Über Hertling. I 480. Als bayrischer Ministerpräsident. I 484. Briefe an Bülow. I 492, 494. Gegen Oberhofmeister Mirbach. I 500. Leichenpredigt des Dr. Schädler auf Hohenlohe. I 597. Taf. I 128. Die „Denkwürdigkeiten". II 251 f. Hohenlohe, Fürstin Marie, geb. Witgenstein, Gattin des vorigen. I 22. 37, 178f. Hohenlohe, Prinz Gustav, Kardinal (f 1896). Furcht vor den Jesuiten. I 11. Das Leda-Basrelief in Schillingsfürst. I 178f. Über Zurechnungsfähigkeit des Kaisers. I 353. Hohenlohe - Langenburg, Fürst Hermann, 1894 bis 1907 Statthalter von Elsaß - Lothringen (f 1913). Vom Kaiser als Reichskanzler abgelehnt (1900). I 374. Intrigen Philipp Eulenburgs um die Statthalterschaft. I 381 f. Gegen den Prinzen Alexander wegen der Memoiren Chlodwig Hohenlohes. II 252f. Abberufen (1907). II 301. Hohenlohe - Langenburg, Erbprinz Ernst, 1900—1905 Regent von Koburg-Gotha, dann Leiter der Kolonialabteilung, Vizepräsident des Reichstags. I 493 f., 596. II 185 f. Schwacher Vertreter der Regierung. II 218. Abschied. II 266. Hohenlohe-Oehringen, Fürst Christian Kraflt. Zum Oberstkämmerer ernannt. I 298. Nimmt seinen Abschied. I 298. Der Kaiser sein Jagdgast. II 260. Gegen konservativen Parteikurs. II 477, 506. Uber Herrn Bethmann. III 91. Hohenlohe, Prinz Gottfried, österreichischer Militärattache i. Petersburg, 1914 österreichisch-ungarischer Botschafter in Berlin. I 143 f. II 260 f. Gegen Bülow. III 115, 217, 241. Schwiegersohn der Erzherzogin Isabella. III 221. Hohenlohe, Prinz Konrad, Bruder des vorigen, österreichischer Statthalter in Triest, dann Oberhofmeister. III 221 f. Hohenthal, Graf Wilhelm, sächsischer Gesandter in Berlin. I 590. II 389. —Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 345. Holleben, Theodor v., 1891—1893 u.1897—1903 deutscher Botschafter in Washington (f 1913). I 222, 576. Hollmann, Fritz v., Ad- miral, 1890—1897 Staatssekretär des Reichsmarineamts (f 1913). I 68, 113. Wilhelm II. über ihn, KiautschouunddieFlotte. I 210f. Spiritist. I 460. Langweilig. II 173. Spaßmacher. III 114. NAMENREGISTER 397 Holstein, Friedrich v., Geheimrat, 1880—1906 Vortragender Rat imAus- wärtigen Amt (f 1909). Besuch Bülows bei ihm. I 6. Intrigen. I 13. Haß gegen das Haus Bismarck. I 23. „Austernfreund." I 30. Hält Hohenlohe. I 32. „Diplomatie u. feinste Wäsche im Innern." I 32. Einfluß im Amt. I 38. Geringe Gunst des Kaisers. I 38. Beteiligt an der Kündigung des Rückver- Sicherungsvertrags mit Rußland. I 45. Monts über „gewisse Herren". I 127. Quertreibereien in der ostasiatischen Frage. I 186. Seine chiffrierten Telegramme. I 187. Bedauern des Kaisers über Kiautschou-Marginal ihm mitgeteilt. I 211. Wird in Friedrichsruh die „Blindschleiche" genannt. I 217. Verhalten bei Bismarcks Tod. I 229. Mitwirkung bei den Berichten des Konsuls Raffauf (1890). I 233. Brief Hatzfeldts an ihn. I 276 ff. Empfiehlt (1899) Bülow, seinen Abschied einzureichen. I 282. Bülow droht ihm mit Herbert Bismarck. I 283. Hetzt Caprivi gegen Lim- burg-Stirum. I 296. Sein Aide-Memoire für den Kaiser über Verhandlungen mit England. I 311 ff. „Unser guter Holstein" (Hatzfeldt). I 325. Russenfeindlich. I 326. Probritisch. I 327. Argwohn gegen Chamberlain. I 331. Brief Bülows an ihn. I 334 f. Brief Hatzfeldts an ihn. I 335ff. Verfeindet mit Waldersee. I 363. Herbert Bismarck will ihm einen Schabernack spielen. I 392 f. Hatzfeldt an ihn. I 418, 420 f. Über Flottenbau ohne Zusammenstoß mit England als Quadratur des Zirkels. I 431. Für diplomatischen Schritt wegen Marokkos (August 1900). 1435. Erst Intimus, dann Todfeind Philipp Eulenburgs. 1463. Schwärmerische Freundschaft für Radolin. I 496. Anstoß zum Untergang Harry Arnims. I 498. Reigen der Opfer. I 498. Unterhaltungen Richthofens mit ihm. I 512. Gegen Karl Wedel. I 606. Taf. I 224. Für Überfall auf Frankreich. II 80. Magenblutung nach Tanger. II 112. Holstein und Bülows Vater. II 112 f. Über Wilhelms II. Zusage an die Franzosen. II 123. Bülow an ihn über Björkö. II 138f. Unverträglichkeit gegenüber Richthofen. II 168. Abschiedsgesuch und Sturz. II 214ff. Der Kaiser über den „Höllensohn". II 216. Zerwürfnis zwischen Holstein und Philipp Eulenburg. II 290 ff. Dieser über ihn und die Harden-Affäre. II 312f. Holstein gegen Hammann. II 359, 442. Besuch Bülows an Holsteins Krankenbett. II 466. Tod. II 468. Taf. II 416. Eulenburg: Holstein habe ihm das Grab geschaufelt. III 27. Holtzendorff, Henning v., Admiral, 1915 Chef des Admiralstabs (f 1919). I 109. II 320. III 271. Hompesch, Graf, Zentrumsabgeordneter. Abgabe einer Denkschrift über die Monarchie. I 600 f. Huc, Otto, sozialdemokratischer Abgeordneter (t 1922). II 92, 510. Hülsen, Botho v., Hof- theatcr-Intendant in Berlin, Vater der beiden folgenden (f 1886). I 177f. Hülsen, Dietrich v. (dann Graf v. Hülsen-Haeseler), 1901—1908 Chef des Militärkabinetts (f 1908). I 72, 174 f., 404. Sein Konflikt mit Philipp Eulenburg. I 603. Mit dem Kaiser nach Rom. I 607. Gegen Professor Schiemann. I 15. Über Hellmuth Moltkes Ernennung zum Chef des Generalstabs. II 183. Zwang auf Kuno Moltke, Prozeß anzustrengen. II 293. Der Kaiser möchte ihn als Statthalter nach Straßburg schicken. II 301. Tod. II 441. Eulenburg über die Generals-Kamarilla. III 30. Hülsen, Georg v. (dann Graf v. Hülsen-Haeseler), Bruder des vorigen, Intendant des Wiesbadener Hoftheaters, dann General-Intendant in Berlin (f 1922). I 174 f., 456. Von Philipp Eulenburg promoviert. I 603. Huene, Karl Freiherr v. Hoitlingen, Zentrumsabgeordneter (f 1900). I 596. Huhn, v., Vertreter der „Kölnischen Zeitung" in Berlin. 1469. III 73 f., 91. Humbert, seit 1878 König von Italien, ermordet 1900. Gast bei Kaisermanövern. I 128. Antwortrede in Homburg. I 134. Lanza sein Adjutant. I 144. Begrüßt den Kaiser in Venedig. I 242. Seine Ermordung in Monza. I 129. Leo XIII. über das Attentat. I 614. 398 NAMENREGISTER Humperdinck,Engelbert, Komponist. III 203. Hunzinger, Prof., Haupt- pastor an St. Michaelis in Hamburg. III 133. Hutten-Czapski, Graf, Pole, Mitglied des preuß. Herrenhauses. I 566 f. Ilberg, Dr., Generalarzt. I 288. Ingenohl, Admiral. III 182 f. Inouye, Marquis, japanischer Gesandter in Berlin. Demarche bei Bülow. I 629 f. Irene, Gattin des Prinzen Heinrich von Preußen, geb. Prinzessin von Hessen. I 102, 455. II 132. Isabella, Erzherzogin von Österreich, Gattin des Erzherzogs Friedrich, geb. Prinzessin Croy. I 624. III 221. Iswolski, Alexander Pc- trowitsch, 1906 bis 1910 russischer Minister des Auswärtigen, 1910 bis 1917 Botschafter iu Paris (t 1919). II 259 f. Seine Karriere. II 294f. Aussprache Bülows mit ihm. II 295 f. Vertrag mit England (1907). II 316. Von Eduard VII.gewonnen. II 325. Uber Reval. II 326. Geht nach Buchlau. II 335. Fehler auf Fehler. II 393. Seine Reisen. II 393 ff. Unterredung mit Bülow über die Dardanellenfrage. II 394ff. Frühstücksgast des Kaisers. II 397 f. Iswolskis Rückzug. II 399. Aehrenthal droht ihm mit Veröffentlichung der Geheimdokumente.il 400 f. Iswolskis Grimm auf Aehrenthal. II 402. Sein weiteres Schicksal. II 404. Harden über ihn. II 467. In den finnischen Schären.II 480 ff.Beschul- digt Aehrenthal der Chantage. II 482. Taf. II 400. Die nicht wegzuleugnende invite. III 181. — Brief an Bülow nachdess.Rück- tritt. III 358f. Jacobi, Baurat, Direktor des Saalburg-Museums. I 171. II 19. Jacobi, Hugo, Chefredakteur der „Berliner Neuesten Nachrichten". I 393. II 221. Jacobi, preußischer General, Militärbevollmächtigter in Petersburg. I 607. II 260. Jagemann, v., badischer Vertreter im Bundesrat. 1138. Jagow, v., preuß. Konservativer, später Oberpräsident von Westpreußen. Als „Kanalrebell" gemaßregelt. I 297. II 488. Jagow, Gottlieb v., Gesandter in Luxemburg, 1909 Botschafter in Rom, 1913—1916 Staatssekretär des Äußern. I 13, 190. Karriere. III 33 ff. Bülow schlägt ihn dem Kaiser als Nachfolger für Monts vor. III 34 f. Das deutsch- franz.-engl. Abkommen „auf Kosten Belgiens". III 81. Verhängnisvolle Richtung der Kriegspolitik. III 86. Mit Bülow bei Loebell. III 96. Voreingenommenheit für das „feudale" Österreich. III 114. Nennt wirtschaftliche Vorsorgemaßregeln überflüssig. III 155. Seine Direktiven. III 158f.„Das Herz in den Stiefelspitzen." III 159. Die Stirnlocke der Fortuna. III 164. Hinhaltende Erklärungen an Italien. III 168. Stümperei. III 178. Abhängigkeit vom Ballplatz. III 180, 190. Sucht Bü- lows römische Mission zu hindern. III 193. Gegenwirkung. III 197. Ist Italiens völlig sicher. III 208. Erzählungen über Bülow. III 239. Von diesem ignoriert. III 240 f. Abschied November 1916. III 271. Taf. III 176,256. Jameson, Sir Leander Starr, Verwalter von Rho- desia, Urheber des Ja- meson-Raid. I 473. Jatho, protestant.-liberal. Pastor in Köln. III 94. Jaures, Jean, Führer des franz. Sozialismus, ermordet in Paris 31. 7. 14. II 106, 114. Gegen Del- casse. I 167 f. Die „rote Schwalbe". II 263. Jelissaweta Mawrikie- wna, Großfürstin, geb. Prinzessin von Sachsen- Altenburg. I 306. Jencke, stellvertr. Vorsitzender des Zentralverbands deutscher Industrieller. I 467. Jenisch, v., Gesandter, Vertreter des Auswärtigen Amts beim Kaiser. II 242 f., 304, 323, 338, 350, 354, 377, 471, 472. Jenssen, deutscher Konsul in Christiania, Gast bei Nordlandreise. I 349, 350. Joachim Prinz von Preußen, jüngster Sohn des Kaisers. I 451, 459. Joachim, Josef, Musiker. II 111. Joffe, Botschafter d. Sowjet-Republik in Berlin. III 289, 301, 303. Johann König von Sachsen. I 490, 590. NAMENREGISTER 399 Johann (Orth) Erzherzog von Österreich. I 167. Johann Georg Prinz von Sachsen. I 590. Jonescu, Take, rumän. Politiker. III 280. Kämpf, freisinnig. Rcichs- tagsabgeordn., Stadtrat und Stadtältester von Berlin. II 257, 281. Kahl, Wilhelm, Professor, Staatsrechtslehrer. Für d. Recht von Lippe-Biesterfeld. I 228. Brief Bismarcks an ihn. I 228. Kaizl, österreichischer Finanzminister. I 162. Kailay, Benjaminv..öster- reichisch-ungar. Reichsfinanzminister. I 160. Kälnoky, Freiherr (Graf), 1881—1895 österreich.- nngar. Minister d. Äuß. I 90. II 295. Kanitz-Podangen, Graf Hans, Führer der preuß. Konservativen. I 294, 532. II 461, 477, 510. Bedauert den Kampf gegen Bülow. II 507. Tod. III 103. Kaphengst, v., Konservativer. II 477, 506. Kapp, Wolfgang, Vortragender Rat im preuß. Landwirtschafts-Ministerium, Kommissar bei den Verhandlungen mit Rußland in Norderney (1904), Generallandschaftsdirck - tor, Putschist (1920). I 106, 531. II 42f. Konflikt mit Bethmann während des Weltkriegs. II 43. III 258. Kardorff, Wilhelm v., Führer der Freikonservativen (t 1907). I 202, 592. Antrag Kardorff. I 593 f. Bismarck zuKardorff. II 54. Bismarcksche Schule. II 461. III 5. Karl (Karl Franz Josef), 1916—1918 Kaiser von Österreich, König von Ungarn (f 1922). I 157, 159. Schickt Tisza fort. I 161, 590. Düpiert den deutschen Botschafter. III 141. Seine Regierung. III 269, 270. Der Sixtus- Brief. III 279 f. Clcmcn- ccau über Karls Lüge. III 279. Karl Prinz von Dänemark, als Ilaakon VII. König von Norwegen. II 157 f. Karl Alexander Großherzog von Sachsen-Weimar (f 1901). Telegramm an Bülow. I 284. Charakteristik. I 284 ff. Über kleine Verhältnisse. I 483. Karoline Mathilde Herzogin von Glücksburg, Schwester der Kaiserin. I 534. Kärolyi, Michael, Graf, Oktober 1918 ungarischer Ministerpräsident, Jan. bis März 1919 Präsident der Republik Ungarn. I 163. Kautsky, Karl, Sozialist. Theoretiker. III 255. Kayser, Paid, Direktorder Kolonialabteilung(tl898) I 474. Keller, Gräfin Mathilde. I 246, 248. II 280. Keller, Graf Theodor, russischer General. I 246. Keppel, Mrs., Freundin Eduards VII. II 189. Kessel, Gustav v., General ä la suite, dannKomman- deur des Gardekorps, Gouverneur von Berlin (f 1918). I 177. Unterzeichnet Telegramm an Bülow. I 288. Verhalten in San Remo, beim Prinzen von Wales, deshalb unpolitisch. I 342 f. Über Befehle des Kaisers, zu schießen. I 617. Eulenburg über die Generals-Kamarilla. III 30. „Isaak". III 225 f. Ketteier, Klemens Freiherr v., seit 1899 deutscher Gesandter in Peking, 1900 ermordet. I 357f., 438, 440. Khucn-Hederväry. Graf, ungarischer Ministerpräsident. I 163. Khnn, Bela, ungarischer Bolschewist. I 150. Kiderlen-Wächter, Alfred v., Gesandter in Kopenhagen, ab 1900 in Bukarest, 1910 Staatssekretär des AuswärtigenAmts (f 1912). Holstein gegen ihn. I 6. Marschalls intimer Feind. I 7, 8. Intrigen. I 13. Ersetzt durch Jagow. I 13. „Spätzle." I 30. Fährt nicht mit dem Kaiser nach Rußland. I 55. Sucht Lucanus zu ridikülisieren. I 64. Monts über „gewisse Herren". I 127. „Hat ausgespielt" (Wilhelm IL). I 139. Als Gesandter in Kopenhagen. I 212. Die Versetzung nach Bukarest. I 395. Gesinnung gegen Bülow. I 396. „Plumper Schwabe" (Schweinitz). I 409. Gegen die „Hammeldiebe von der unteren Donau". I 626. III 112. Über Rouviers Verständigungswunsch. III 125. Kongo- Vertrag. II 199. VomKai- ser als Nachfolger Richthofens abgelehnt. II 214. Auch als Nachfolger Tschirschkys. II 302. Provisorischer Leiter desAus- wärtigen Amts (November 1908). II 360. Die gelbe Weste. II 371 f. Intrigen wegen seines 400 NAMENREGISTER Privatlebens. II 415 f. Wilhelm II. gegen ihn. II 512. Brief an Bülow nach dessen Rücktritt. III 32 f. Verantwortlich für den Panthersprung. III 87. Besuch in Rom. III 88. Tod. III 88. Kiderlen über das „Baby" Lich- nowsky. III 123. Kipling, Rudyard, englischer Dichter. I 558. Kirdorf, rheinischer Industrieller. III 90. Kirschner, Oberbürgermeister von Berlin. II 421. Kitchener, Herbert, Earl of Khartum, Sirdar (t 1916). I 271, 332.1121. Klehmet, Legationsrat. I 36, 38. Bericht über Pläne von Tirpitz. I 188 f. Auf der Orientreise. I 243. „Daily - Telegraph" - Affäre. II 353, 358ff., 360. Kleinmichl, Gräfin Marie, Dame des Zarenhofs. I 96, 246. III 84. Kluck, Alexander v., Generaloberst, seit Oktober 1916 in Ruhestand. III 184, 323. Knackfuß, Hermann, Professor. I 176, 254. II 131, 378. Knesebeck, Bodo v. dem, Kabinettsrat d. Kaiserin. I 73. Auf der Orientreise. I 244, 260. Freundschaft mit Bülow. I 246, 443, 500 f. II 52. Über Redseligkeit des Kaisers. I 453 f. Redigiert Depesche Wilhelms II. an Loubet. II 19. Worte des Kaisers über Bülow. II 449 f. Knesebeck über den Kaiser. II 477. Briefwechsel mit Bülow. III 58 ff. Knollys, Lord, vertrauter Freund Eduards VII. II 504. Knyphausen, Edzard, Graf, 1900 Fürst. II 121, 287. Koller, Ernst Matthias v., 1894—1895 preußischer Minister des Innern, dann Oberpräsident von Schleswig-Holstein, 1901—1908 Staatssekretär für Elsaß- Lothringen. I 32, 37, 43, 156. Koller, Georg v., Bruder des vorigen, Präsident des preußischen Abgeordnetenhauses (f 1916). II 457. Körner, Direktor der Handelspolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt. I 531, 596. Bei den Verhandlungen mit Rußland in Norderney. II 42, 46, 49. Körte, Dr., Oberbürgermeister von Königsberg. III 132. Kokowzow, Wladimir Ni- kolajewitsch, russischer Finanzminister und Ministerpräsident. II 295. Besuch bei Bülow in Rom. III 128 f. K o m u r a, Baron, Vertreter Japans bei dem Frieden von Portsmouth. II 169. Taf. II 168. Konstantin, Kronprinz, 1913—1917, 1920—1922 König von Griechenland, Schwager Wilhelms II. I 148. Versöhnung des Kaisers mit ihm. I 252. In England. II 126. Lärmender Empfang in Berlin (1913). III 105f. Kopp, Dr., Fürstbischof von Breslau, Kardinal. I 566, 589, 612, 619. Brief an Bülow über das Konklave von 1903. I 619ff. Über das Jesuitengesetz. II 14. Gegen Hertlings Mission nach Rom. II 101. Dank des Episkopats. II 259. Brief an Bülow zur Reichstagsauflösung. II 272f., 379. Enteignungsvorlage. II 491. An Bülow. II 502. Kopsch, Julius, Rektorin Berlin, freisinniger Landtagsabgeordneter. III 355f. Korfanty, preußisch-polnischer Abgeordneter. I 566 f. Korum, Felix, seit 1881 Bischof v. Trier (f 1921). I 588f. Koscielski, Josef Theodor Stanislaus v., Führer der preuß. Polen (f 1911). I 305. Kossuth, Franz, ungar. Handelsminister (f 1914). I 156. Kossuth, Ludwig, Vater des vorigen, ungarischer Nationalführer (f 1894). I 156. Kriege, Geheimer Rat. Vertrauensmann Holsteins. II 168f. Abfassung der Kriegserklärung an Rußland. III 167 f. Kriwoschein, russischer Landwirtschaftsminister. III 128. Über Friktionen zwischen Berlin und Petersburg. III 131. Kröcher, Jordan v., Präsident des preuß. Abgeordnetenhauses (f 1918). I 519. II 232, 271. Kropatschek, Dr., Chefredakteur der „Kreuzzeitung", konservativer Abgeordneter. II 95. Krüger, Paul, 1883—1899 Präsident der Südafrikanisch. Republik (f 1904). Seine Abfahrt nach Europa. I 398. Nicht-Empfang durch den Kaiser. I 464, 471,473. NAMENREGISTER 401 Krupenski, Anatol, russischer Botschafter in Rom. III 126 f., 188, 219. Krupp, Friedrich Alfred, Großindustrieller(fl902). Sein Tod. I 584 ff. Kühlmann, Richard v., Geschäftsträger in Tanger, 1917 Staatssekretär des Äußern. I 190. In Bukarest. I 203. Bei der Landung in Tanger. II 111. Staatssekretär. III 272. Betreibt Hertlings Ernennung zum Reichskanzler. III 274. Brest- Litowsk. III 275. Kühn, Reichsschatzsekretär. III 155. Kuropatkin, General, russischer Oberbefehlshaber in der Mandschurei. II 22, 130, 170. Kyrill Wladimiro- witsch Großfürst von Rußland. I 488. Trauung mit Viktoria Melitta. II 122ff. Lacroix, franz. General. I 305, 526, 574. II 123. Lahusen, Prediger an der Dreifaltigkeits-Kirche in Berlin. II 275. Lambsdorff, Wladimir Nikolajewitsch, Graf, 1900—1906 russischer Minister des Auswärtigen. Gratuliert Bülow zur Reichskanzlerschaft. I 390. Ernennung. I 409f. Brüskierung durch Wilhelm II. I. 541 ff. Erhält den Schwarzen Adlerorden in Reval. I 580. Goluchowski lobt ihn. I 626. Sieht sich von den ostasiatischen Fragen ausgeschaltet. I 630 f. Die Großfürstin Wladimir über ihn. II 6. Widerspricht einer russisch-deutschen Defensiv- Allianz. II 133 f. Fehlt in Björkö. II 136 f. Überrascht. II 139. Ist ungewöhnlich guter Laune. II 143. Erreicht Desavouierung. II 144. Vertrauen zu Bülow. II 150. Rücktritt und Tod. I 632. II 293. Langenieux, Kardinal. I 610. Lansdowne, Henry Charles Keith, Marquis of, engl. Kriegsminister,dannVizekönig von Indien, 1900 bis 1905 Außenminister. Drängt nicht auf Anschluß an Deutschland. I 317. Franzosenfreundlich. 1319. Verhandlungen mit Hatzfeldt. I 331 f. Verurteilt antideutsches Gedicht Kiplings. I 558. Er und Graf Metternich. II 37. Preßfehde gegen ihn schädlich. II 189. Erklärung über englische Politik. II 205. Lanza, Graf Carlo, 1892 bis 1906 ital. Botschafter in Berlin. I 144. Erneuerung des Dreibunds. I 580. Gegen Monts. I 606f. Lascelles, Sir Frank Ca- vendish, von 1895 bis 1908 engl. Botschafter in Berlin. I 144. Unterredung Bülows mit ihm über China. I 186. Besucht Bülow in Windsor. I 314. Brief Eduards VII. an ihn. I 332. Muß Vorstellungen in Berlin erheben. I 433. Wilhelm II. überfällt ihn mit dem Feldzugsplan gegen die Buren. I 517. Intervention nach Chamberlains Rede in Edinburgh. I 552 f. Über Vertrauenseinbuße des Kaisers. II 86. Über Delcasses Enthüllung. II 168. Bericht an Eduard VII. über Unterredung mit dem Kaiser. II 187. Vermittler. II 190. Erhofft Besserung. II 208. Zwischenfall. II 305 f. Bei der Entrevue in Homburg. II 322. Lasker, Eduard, Abgeordneter der preuß. Fortschrittspartei, Mitbegründer der Nationalliberalen Partei. I 466. L a s s a 11 e, Ferdinand, sozialistischer Politiker. I 198, 397, 585. II 236. Lasson, Adolf, Professor der Philosophie an der Universität Berlin. I 430. II 285. III 277. Lauff, Joseph v., Major, Autor des Schauspiels „Der Burggraf". I 175 f. II 378. Lazio, Porträtist. Bildnis Wilhelms II. Taf. II 496. Lebbin, Frau v., mit Holstein befreundet. II 466ff. III 137. L e c o m t e, franz. Diplomat. II 312. Ledebour, Georg, sozialdemokratischer Abgeordneter, dann USPD. II 271. Lederer, Hugo, Bildhauer, Schöpfer des Hamburger Bismarck - Denkmals. I 174. Ledochowski, Graf Wlo- dzimierz Halka von Ledo- chow, seit 1915 General der S. J. Die Friedens- Initiative Stürmers. III 251 f. Charakteristik Le- dochowskis. III 252f. Lee, Zivillord der engl. Admiralität. Rede gegen deutsche Flotte. II 71, 158. Legien, Carl, Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften. II 510. 26 Bülow III 402 NAMENREGISTER Lehndorff, Graf Heinrich, General der Kavallerie, Generaladjutant Wilhelms I., dann Landhofmeister in Preußen. I 31, 74. III 98. Lenbach, Franz v., Maler. I 480f., 482. III 42. Lenin, Wladimir Iljitsch (Uljanow), Gründer der Sowjet-Republik. I 96. Leo XIII. (Pecci) Papst 1878—1903. I 589. Besuch des Kaisers bei ihm. I 610 ff. Tod. I 619. Für ital. Republik. II 60. Charakteristik. III 108 f. Leopold II. König der Belgier (f 1909 inLaeken). Sein Besuch in Kiel. I 17. Bietet Wilhelm II. Millionengeschäfte an. I 80 f. Besuch in Berlin (1904) mit stürmischem Abschluß. II 72 ff. Jagow über den Kongo. III 81. Leopold Prinz von Bayern, zweiter Sohn des Prinzregenten Luitpold, 1916 Generalfeldmarsch, u. Oberbefehlshaber Ost. I 483. III 323. Leopold IV., Graf zu Lippe-Biesterfeld, 1904 Regent von Lippe-Detmold, 1905 Fürst, 1918 abgedankt. Telegramm Wilhelms II. an ihn. II 55. Der Kaiser findet sich ab. II 57. Brief des Fürsten Leopold an Bü- low. II 57 f. Lerchenfeld, Hugo, Graf, 1880 bis 1918 bayrischer Gesandter in Berlin und Bevollmächtigter zum Bundesrat. Szene in seinem Haus zwischen Herbert Bismarck und Marschall. I 9. Berichte über die Lage in Berlin. I 35, 36. Nüchterner Menschenverstand. I 124. Über Wilhelm II. I 238. Im Weißen Saal. I 479. Über Dr. Schädler. I 597. Dementiert Nachricht von Verstimmungen zwischen ihm und Bülow. II 518. Über Lichnowsky. III 124. Über Dr. Michaelis. III 268. Zu Hertling. III 274. Lessei, Emil v., Generalleutnant, Kommandeur des China-Expeditionskorps. I 357. Leszczynski, v., Kommandierender General in Altona. III 95. L eut hold, Rudolf v., Leibarzt Wilhelms I. und Wilhelms IL, Generalstabsarzt der Armee. I 457, 616. II 422. Levetzow, Albert v., Landesdirektor der Provinz Brandenburg, Mitglied d. Herrenhauses und des Staatsrats, 1881 u. 1884 u. 1888—1895 Präsident des Reichstags. I 530. Lichnowsky, Fürst Karl Max, bis 1904 Personalreferent des Reichskanzlers, 1912—1914 Botschafter in London (f 1928). Wilhelm II. denkt an ihn als Reichskanzler. I 183. Personalrefcrent. I 195. Erhält 1914 Ratifikation des Bagdad- Bahn-Vertrags. I 253. Der „alte, ehrliche L." (Monts). I 482. Über die Verhandlungen mit England (1901). I 507. Monts an ihn. II 99 ff. Vertraulich aus Slawentzitz. II 260. Über Enteignungsvorlage. II 492. Über Bethmann. III 91. Entsendung nach London. III 122 ff. Holstein über ihn. III 123. Brief an Bülow (August 1914). III 149f. Irrtümliches Telegramm über Neutralitätsangebot Englands. III 171 f. Ausschließung aus dem Herrenhaus. III 256. Taf. III 124, 128. Liebenau v., Hofmarschall, dann Oberhofmar- schall. I 75. Lieb er, Dr. Ernst, seit 1871 im Reichstag (f 1902), Führer des Zentrums nach WindthorstsTod. I 199f., 596. Liebermann, Max, Maler, Führer der naturalistischen Generation. Von Wilhelm II. boykottiert. I 177. II 378. Schwiegervater Dr. Riezlers. III 25. Vetter Rathenaus. III 40. Natürlichkeit. III 42. Liebermann von Sonne n b e r g, deutschsozialer Reichstagsabgeordneter. I 288, 599. Angriff auf Chamberlain. I 554. II 230. Gegen den Kaiser. II 370. In der Erbschaftssteuer-Abstimmung. II 506. Liebert, Eduard v., General, freikonservativer Reichstagsabgeordneter, Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes und des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie. II 277. Liebknecht, Karl, sozialistischer Abgeordneter seit 1908 (1912), erschossen am 15. 1. 1919. I 258. III 257, 258, 301, 311 f. Liegnitz, v., Kommandeur des 3. Armeekorps. I 373. Liliencron, Detlev v., Dichter. III 7, 246. NAMENREGISTER 403 Liman von Sanders, Otto, General, 1913 Chef der deutschen Militärmission in der Türkei, 1914 Kommandeur des an den Dardanellen stationierten türkischen Armeekorps. III 129ff. Limburg-Stirum, Graf Friedrich Wilhelm, Gesandter a. D., preußischer Konservativer, Reichstagsabgeordnet, (f 1912). Oppositionell in der Kanalvorlage. I 295. Injurien des Kaisers gegen ihn. I 295. Maßregelung. I 295. Der „Judenabkömmling". 1296. Frühere Disziplinierung unter Ca- privi. I 296. Kritik an der Haltung im Burenkrieg. I 475. Für den Zolltarif. I 533. Abgabe einer Denkschrift über die Monarchie. I 600 f. Über die Bismarcks. II 54. Bis- marcksche Schule. II 461. Lindau, Anna (Saint-Cere, Case). I 403 f. Lindequist, Friedrich v., 1905 Gouverneur von Deutsch - Süd westafrika, 1910—1911 Staatssekretär des Reichskolonialamts. III 133. Lindequist, v., Kommandierender General des 18. Armeekorps. I 373. Linjewitsch, russ. General, Oberbefehlshaber an Stelle Kuropatkins. II 170. Lipton, Sir Edward, Teemagnat, Freund Eduards VII. II 30. Litzmann, Karl, General der Inf., im Weltkrieg Führer der 3. Gardeinfanterie-Division. III 323. Lloyd George, 1905 englischer Handelsminister, 1916 Führer des Koalitions-Ministeriums, Vorsitzender des Kriegsrats, 1908—1909 Kanzler des Staatsrats, im Weltkrieg Munitionsminister, dann Staatssekretär des Kriegs, Vertreter Großbritanniens in Versailles. I 251, 317, 430, 555. II 8, 92. Wird 1905 Handelsminister. II 205. Versuchte Vereinbarung über Rüstungsbeschränkung. II 359. Energie der Kriegführung. III 86. Drohung in der Agadir-Episode. III 87, 118. Lobanow, russischer Minister des Äußern. I 36. Loe, Walter Freiherr v., Kommandeur des 8. Armeekorps, Generaloberst, dann Generalfcldmar- schall (f 1908). 1 118, 366, 443. Brief an Bülow. I 390 ff., 530. Rede an Bülows Geburtstag. I 559 ff. Jubiläum der Königshusaren. I 577. Tod. II 441 f. Taf. II 440. III 42. Loebell, Friedrich Wilhelm v., Chef der Reichskanzlei unterBülow,Ober- präsident von Brandenburg, dann Staatsminister des Innern. II 276f., 350, 353, 356. Der Kaiser zu ihm über Bülow. II 449. Enteignungsvorlage. II 489. Ändert seine Ansicht über Bethmann und Valentini. III 12f. Erinnert Bethmann an Ehrenpflicht gegenüber Bülow. III 74. Besuch Bülows bei ihm in Brandenburg a. H. III 95. Stößt bei Wilhelm II. auf eigensinnigen Widerstand. III 114. Mitarbeiterschaft am Jubiläumswerk 1913. III 132. Heimfahrt mit Tirpitz im Juli 1914. III 167. Brief an Bülow. III 201. Über Wahlrechtsreform und Bethmann. III 264. Bethmann zu ihm über Bülow. III 276. Enthoben. III 313. L o e n, Leopold, Freiherr v., General. I 247 f. Loewenfeld, v., Oberst (dann General), Flügel- adjutant. I 13ff. „Mit Revolver und Degen" auf das „B. T." geschickt. II 98. Soll zur Beobachtung der englischen Flotte nach Swinemünde. II 153. Telegramm des Kaisers aus Spa. III 297. Löwenstein, Graf Aloys, Zentrumsführcr. I 245. Logue, Kardinal. I 620. Lonsdale, Earl of, Freund des Kaisers, bei Eduard VII. mißliebig. I 70 f. Manövergast. I 153. Brief an Wilhelm II. nach Bismarcks Tod. I 234. Ungünstige Wirkung des kaiserlichen Besuchs bei ihm. I 303 f. Wilhelm II. erlebt nicht viel Freude an ihm. 1305,574. Taf. 1416. Eduard VII. verstimmt durch seine Einladung nach Kiel. II 30. Schürt den Antagonismus beider Herrscher. II 155 f. Taf. III 112. Loubet, Emile, 1899 bis 1906 Präsident der Französischen Republik. 1621. Besuch in Rom. II 16, 60. Keine Begegnung mit Wilhelm II. II 16 f. Gegen Combes' Antiklerikalis- mus. II 61. Eduard VII. bei ihm als Schützer Del- casses. II 114. 26* 404 NAMENREGISTER Lucanus, Friedrich v., seit 1888 Chef des kaiserl. Zivilkabinetts (t 1908). I 37, 61, 509. Von Bismarck Wilhelm II. empfohlen. I 61. Sein Charakter. I 63 f. Umstrittene Persönlichkeit. I 72, 79. In Peterhof. I 94 f. Will keine Verstimmung des Kaisers. I 94. Von Bismarck nach dem Sturz gehaßt. I 173. Im Wiesbadener Hoftheater. I 176. Korrigiert Rekruten- Vereidigungs-Rede. 1191. Flüstert bei kaiserlichem Trinkspruch. I 204. Verhindert Unterdrückung der „gepanzerten Faust". I 205. Über Bismarcks Altersbrand. Bismarck sieht in Friedrichsruh über ihn hinweg. I 209. Mitverfasser der Jerusalemer Predigt des Kaisers. I 255. Goutiert den Orient nicht. I 260. Nach Hohenlohe „gehorsamer Diener" Miquels. I 362. Fahrt mit Bülow nach Homburg. I 380 ff. Über Bismarck, Caprivi und Hohenlohe. I 381. Über Intrigen Philipp Eulen- burgs gegen die Kaiserin. I 451. Bestellung des Kaisers durch Lucanus: Teilnahme an Enthüllung des Berliner Bismarck- Denkmals sei unter seiner Würde. I 528. In Heia. I 542. Auf der Marienburg. I 569f. Soll Philipp Eulenburg retten. I 604. Uber den „Allerhöchsten Herrn". II 99. Arbeitet Kabinettsorders aus. II 239. Zwang auf Kuno Moltke, Prozeß anzustrengen. II 293. Lucanus wählt sich Va- lentini zum Nachfolger. II 441. Luccheni, Mörder der Kaiserin Elisabeth. I 239. Lucius von Ballhausen, Robert, 1879 bis 1890 preußischer Landwirtschaftsminister. I 442. II 491. Ludend orff,Erich,Oberst, 1914 Chef des Generalstabs, im Osten 1916 Erster Generalquartiermeister. Angriffe von Hans Delbrück. I 112. Lüttich. III 173. Tannenberg. III 185f. Verabschiedung in Schloß Bellevue (1918). III 204. Das Königreich Polen. III 24f. Bankettrede Gerards. III 271. Oberste Heeresleitung. III280.Waffenstillstands- Begehren. III 296. Heerführer. III 323. Ludwig II. König von Bayern. I 140, 145, 179. Ludwig Prinz von Bayern, 1913—1918 König Ludwig III. (f 1921). I 34, 36, 42. Wilhelm II. öffnet ihm den Wagenschlag. I 133. Gereiztheit. I 141. Dynastische Aspirationen. I 142. Über die Kriegserklärung Englands (1914). I 419. Bü- lows Münchner Besuch. I 481. Ansprache beim 50. Geburtstag des Kaisers. II 476. Gibt seinem Sohn einen Verweis. III 296. Flucht. III 304. Ludwig IV. Großherzog von Hessen (f 1892). I 487. Seine Heirat mit Madame Kolemine. 1488f. Luise Großherzogin von Baden, Tochter Wilh. I. I 169f., 299, 432, 486. III 38, 63 f., 201 f., 239. Luise von Toskana, bis 1903 Kronprinzessin von Sachsen (Gräfin Montig- noso). I 589 f. Luitpold, 1886 bis 1912 Prinzregent von Bayern. I 36. Charakteristik. I 119f., 478f. Wehrtin der Lippeschen Frage ab. I 267. Empfängt Bülow. I 476 f. Swinemünder Depesche Wilhelms II. an ihn. I 582 ff. Handschreiben an Bülow. II 94. Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 337. Luther, Hans, Dr., Oberbürgermeister von Essen, dann Reichsminister und von 1925—1926 Reichskanzler. III 319. Luxemburg, Rosa, sozialistische Politikerin, ermordet 15. 1. 1919. III 258, 301, 311f. Luzzatti, Luigi, italienischer Schatzminister. I 30, 198. Arbeitet für Del- casse. II 115 ff. Lynar, Johannes, Graf. II 307, 314. Lyncker, Moritz v., General, 1908—1918 Chef des Militärkabinetts. I 73. II 441. Macchio.v., Sektionschef im Wiener Ministerium des Äußern, dann Botschafter in Rom. III 217, 222, 233, 234, 235. Mac Kenna, Lord der brit. Admiralität. II 376. Mackensen, August v., 1899 Oberst und Flügeladjutant, im Weltkrieg Generaloberst u. seit 1915 Generalfcldmarschall. I 288. III 323. Makart,Hans,Wiener Maler. I 538, 550. Taf. 132. Malinow, Alexander, 1908 bis 1911 und Juni bis Oktober 1918 bulgarischer Ministerpräsident.111287. Maitzahn- Gültz, v., Reichsschatzsekretär. I 442. NAMENREGISTER 405 Malvy, Louis Jean, 1914 bis 1917 franz. Minister des Innern, 1918 zu fünfjähriger Verbannung ver- urttilt. III 260. Mandel (Rothschild), Kabinettschef Clemenceaus. I 320. Mangin, franz. General, nach der Offensive am Chemin-des-Dames kaltgestellt, zuletzt Kommandant der Rhein-Armee. III 322. Manteuffel, Otto Theodor v., preuß. Ministerpräsident unter Friedrich Wilhelm IV. I 395. II 454. Manteuffel, Otto v., Sohn des vorigen, 1908—1911 Präsident des preußischen Herrenhauses. II 457,460. Manteuffel, Edwin Freiherr v., Feldmarschall, 1879 Statthalter von Elsaß-Lothringen (f 1885). I 434, 589. II 184. Marchand, Jean-Baptiste, franz. Major, Afrikareisender, zuletzt Divisionsgeneral. I 271 f. Mareks, Erich, Professor, Historiker. I 327. III 124. Margherita Königin von Italien, 1868 mit ihrem Vetter Humbert vermählt (f 1926). I 128f. Toast Wilhelms II. auf sie in Homburg. I 132 ff. Über Deutsche und Italiener. I 286. Verehrt den Kardinal Sarto. I 622. Strengkatholisch. II 61. Diner für den Deutschen Kronprinzen. III 95. Fürst und Fürstin Bülow in Audienz bei ihr. II 224f. Maria Königin von Rumänien, Gattin Ferdinands, geb. Prinzessin von Coburg. I 306, 488. Eduard VII. über sie. II 29. Maria Feodorowna (Dagmar), Gattin Alexanders III. (f 1928). I 92, 548. 116,66,89, 130, 131, 173. Maria Josefa, Gattin des Erzherzogs Otto, geb. Prinzessin von Sachsen. I 590. III 141, 269. Maria Pawlowna, Großfürstin, geb. Prinzessin von Mecklenburg, Gattin des Großfürsten Wladimir. I 92 f., 96, 307, 549. Gegen die montenegrinische Clique. II 6. Brief über Revolutions-Gefahr (1905). II 129. Über die russische Dynastie. II 175 ff. Marianne Prinzessin von Preußen. I 19. Marschall von Bieberstein, Adolf Freiherr v., 1890—1897 Staatssekretär des Äußern, dann Botschafter in Konstantinopel, 1912 in London (f 24.9.1912). Sein Rücktritt vom Staatssekretariat. I 5. Marschall und Holstein. I 6. Besuch Bülows bei ihm. I 7 ff. Hohenlohe nennt ihn einen Opportunisten. I 9. Er sei mehr Jurist als Diplomat. I 9. Wilhelm II. über seinen „Verrat". I 15f. „Grobe Hausarbeit." I 32. Marschall u. Holstein. I 37. Groll Marschalls gegen diesen. I 43. Marschall und die Kündigung des Rückversicherungs- vertrags mit Rußland. I 45. Briefwechsel mit Bülow bei Marschalls Abschied als Staatssekretär. I 52 ff. Schwarzer Adlerorden. I 52. In der Flottenfrage. I 59. „Absprechend und schwerfällig" (nach Wilhelm IL). I 81. „Etranger aux affaires"(nachBismarck). I 89. Monts über „gewisse Herren". I 127. Der „süddeutsche Hochverräter" (Wilhelm IL). I 139. Zum Botschafter in Konstantinopcl ernannt. I 170. Auf Reichskanzler- Kandidatenliste. I 182. Als Staatssekretär. I 190. Monts über den „minderwertigen Präfekten". I 196. Herbert Bismarck über den „Kleber aus dem Breisgau". I 216f. Sehr türkenfreundlich. I 251. Auseinandersetzung mit Bülow über Kaiserrede in Damaskus. I 258f. Brief an Bülow. I 279f. Taf. I 160. Die Verbindungstür für Holstein. II 215. Vertreter Deutschlands auf der 2. Haager Friedenskonferenz. II 299. Position in Konstantinopel auch unter den Jungtürken. II 330. Constans zu ihm. II 410. Entsendung nach London. Tod. III 122. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 344. Martin, Rudolf, früherer Regierungsrat. II 478 f., 494, 529. III 57, 73, 209. Martino,de, Generalsekretär im italienischen Ministerium des Äußern. III 189. Marx, Karl. I 200. II 237. III 104. Marx, Wilhelm, Oberlandesgerichtsrat in Köln, Vorsitzender der Zentrumspartei, von 1923 bis 1925 Reichskanzler. III 319. Mary Königin von England, Gattin Georgs V., geb. Teck. I 306, 507. 406 NAMENREGISTER Maschin, Draga, Königin von Serbien, Gattin Alexanders, ermordet im Belgrader Konak. I 160. Mathilde Prinzessin von Sachsen. I 590. Matthieu, Kardinal der Kurie. I 620. Max Prinz von Baden, Reichskanzler vom 3. 10. bis zum 9.11.1918.1357. Charmanter Dilettant. I 493. Entlobung von der Großfürstin Helene. 1549. Wird Reichskanzler. III 286. Charakteristik. II 292 ff. Kriegsende. III 301. Übergabe der Geschäfte an Ebert. III 306 f. Katastrophe besiegelt. III 331. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 339. Maximilian, Erzherzog, Kaiser von Mexiko. 1167. Maybach, Albert v., 1879 bis 1891 preußischer Minister der öffentlichen Arbeiten. III 42. Mazzini, italien. revolutionärer Agitator. II 200. III 218. Mechler, Geheimrat im Auswärtigen Amt. I 363. III 116f. Mehnert, Dr., Führer der sächsischen Konservativen. II 474 f. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 354. Mehring, Franz, Sozialist. Schriftsteller (f 1919). III 104. Meier-Graefe, Julius, Kunstkritiker u. Essayist. II 223. Melle, v., Dr., regierender Bürgermeister von Hamburg. III 145. Mendelssohn, Ernst v., Bankier. II 41. Brief von Frau Witte an ihn. II 174 f. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 351. Mendelssohn, Robert v., Bankier. I 297. Menier, franz. Schokoladefabrikant. II 244, 246. Mensdorff-Pouilly, Albert, Graf, österr.-ungari- scher Botschafter in London. II 35f., 154f. Der Kaiser sehr schlecht auf ihn zu sprechen. II 153 f. Ersatzmann EduardsVII. für Aehrenthal. II 399. Merey, v., österr.-ungarischer Botschafter in Rom. III 187f., 189, 190, 191. Abberufen. III 217. Merkle, Dr., Professor der katholischen Theologie in Würzburg. III 133. Metternich, Graf Paul, preußischer Gesandter in Hamburg, später deutsch. Botschafter in London. Gegensatz zu Tirpitz. I 110. Brief an Bülow. I 343 f. An Bülow über China. I 367 ff. Bericht über Salisbury, Chamber- lain und englische Gesamtpolitik. I 422 ff. Sein Wert als Berichterstatter. I 419. Gegen verlängerten Aufenthalt des Kaisers in England. I 506. Wird Botschafter in London. I 558. Berichte über die Marokko-Frage. II 3 ff. Brief über Quertreibereien zwischen Berlin und London. II 34 ff. An Bülow nach dem Doggerbank - Zwischenfall. II 66. Brief an Bülow über antideutsche Stimmung des englischen Hofs. II 126f. Über den Prinzen von Wales (Georg V.). II 158 f. Frei von persönlicher Ambition. II 164. Briefe an Bülow über Eduard VII. und Wilhelm II. II 187 ff. Über verständigeren Ton in England. II 201 ff. Verhindert in Highcliffe ein Telegramm des Kaisers an Bülow. II 308. Brief über Tempo des deutschen Flottenbaues. II 321, 324. Über die Affäre Tweedmouth. II 325. Berichte. II 330 f. An Bülow über Verlangsamung des Flottenbautempos. II 417 ff. Beim Besuch Eduards VII. i. Berlin anwes. II 419. Der Kaiser will ihn zum Sündenbock machen. II 429. Bei der Konferenz im Reichskanzlerpalais. II 431 ff. Briefwechsel mit Bülow. II 503f. Von Bethmann geopfert. III 122. Metternich und die diplomatische Situation von 1914. III 162. — Briefwechsel mit Bülow nach dessen Rücktritt. III 361 f. Metz, de, franz. General. III 322. Metzsch, Karl Georg v., sächsisch. Staatsminister. I 443, 531. III 49. Meysenbug, Malwida v., Verfasserin der „Memoiren einer Idealistin" (f 1903). Zur Dreyfus- Affäre. I 240. Tod. I 550 f. Ihre Adoptivtochter Olga Herzen. III 366. Michael Alexandro- witsch, Großf. - Thronfolger. I406f. Michaelis, Dr. Georg, Obcrpräsidialrat in Breslau, Unterstaatssekretär, 1917 Reichskanzler. 1430. II 102. Geschichte seiner Ernennung. III 267 f. Abschied. III 272 f. Katastrophe beschleunigt. III 331. NAMENREGISTER 407 Michel, General, Militärgouverneur von Paris. III 156. Milan (Obrenowitsch), König von Serbien. 1160. Millerand, Alexandre, Führer der französischen Sozialisten, dann Kriegsminister, Ministerpräsident und Präsident der Republik. Radolin und Wilhelm II. über ihn. I 598, 600. Zu Alfred von Bülow. II 8. Besuch in Berlin. II 165 f. Militärischer Sozialist. III 116. Krieg mit Deutschland. III 156. Minghetti,Laura, Schwiegermutter des Fürsten. I 79. II 86, 346. Über Holstein. I 186. Über Wilhelm II. I 234 f., 269. Ihr Leben. I 385 f., 482. Über die Siegesallee. I 550. Telegramm Wilhelms IL an sie. I 595. Taf. I 592. Eulenburg über sie. III 28 f. Minghetti, Marco, italien. Staatsmann. I 135, 198, 386, 610. II 30, 58, 223, 238, 303. III 223. Miquel, Dr. Johannes (v.), 1890—1901 preußischer Finanzminister, 1898 Vizepräsident des Staatsministeriums (f 1901). „Vielgewandter Ulysses." I 32. Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums. I 51. Telegramm des Kaisers an ihn über Hochwasser und Flotte. I 53. Der „aalglatte" Miquel (Wilhelm IL). I 138. Auf Reichskanzler- Kandidatenliste. I 182. Während Bülows Jungfernrede. I 194. Als Redner. I 199 f. Seine marxistische Vergangenheit. I 200, 585. Seine Vertretung der Kanalvorlage. I 293 f. Klagt über den Kaiser. I 295 f. Gegen Auflösung des Abgeordnetenhauses. I 297. Hohenlohe über seine Absicht, „Krach" mit dem Reichstag zu inszenieren. I 362. Brief Miquels an Bülow. I 362 f. Von Bülow (1900) als Reichskanzler empfohlen, Protest des Kaisers. I 374, 380. Telegramm Bülows an ihn. I 386. Rede im Staatsministerium. I 390. Hohenlohe über sein „Blindekuhspiel". I 494. Bei der Schließung des Landtags „wie vom Schlage getroffen". I 522. Abschied. I 523. Abschiedsdiner. I 524. Taf. I 528. Seine Fühlung mit Schmoller. II 286. III 42. Mirbach, Freiherr v., Oberhofmeister der Kaiserin. Auf der Orientreise. 1244 ff. Seine Kirchenkollekten. I 244 ff. Über den Prinzen von Wales. I 339. Schreiben an die Berliner Stadtverordneten. I 500 f. — Kundgebung b. Bülows Rücktritt. III 349. Mirbach-Harff, GrafWil- helm, Legationsrat, Gesandter in Athen, Bukarest, seit April 1918 in Moskau. In Moskau ermordet. I 244. Mirbach - Sorquitten, Graf Julius, Herrenhausmitglied, Führer der Konservativen (f 1921). I 37, 244. Taf. I 608. II 461, 491. Briefe an Bülow. III 90, 103 f. Mirski, Fürst, russischer Minister des Innern. II 160. Mittelstadt, Otto, Reichsgerichtsrat. I 51. Mittnacht, Hermann v., württemb. Ministerpräsident (f 1909). I 394. Moberly-Bell, englischer Journalist. II 195. Möller, Kommerzienrat, nationalliberaler Parlamentarier, 1901 preußischer Handelsminister. I 524, 531. Von seiner Partei angegriffen. II 91. Fühlung mit Schmoller. II 286. Moltke, Friedrich v.,Oberpräsident von Ostpreußen, 1907 Minister des Innern. II 300, 457. Moltke, Graf Hellmuth (derNeffe), Generaloberst, Chef des Generalstabs von 1906 bis 14. 9. 1914. Auf Reichskanzler-Kandidatenliste. I 182. Über Wilhelms II. Selbstsucht. I 212f. Militärische Operationen 1914 nach Erklärung des Kaisers Molt- kes Sache. I 365. Bedauernswert. I 370. Über die Kriegserklärung Englands. I 419. Mit dem Kaiser nach Rom. I 607. Moltke und der Durchmarsch durch Belgien. II 76. Antwort an Bülow hierüber. II 78. Zur Nachfolge Schlieffens gezwungen. II 182 ff. Erhält Abschrift von Bülows Brief an den Kriegsministcr. II 228. Philipp Eulenburg wünscht ihn als Reichskanzler. II 262, 262 f. Der Generalstabschef versichert (1908) dem Kaiser, Deutschland sei gut gerüstet. II 324. Bei der Konferenz im Reichskanzlerpalais. II 431 ff. August 1914 im Berliner Schloßhof. III 147. Versagt. III 165 f. Vor Abreise des Großen Haupt- 408 NAMENREGISTER quartiers. III 170f. Gebrochen. III 174. Keine zentrale Leitung. III 183 f. Enthoben. III 185. Bü- low bei dem Kranken. III 205 f. Brief an Bülow. III 206fiF. Moltke, Graf Kuno, Flügeladjutant, Kommandant von Berlin. Über Männlichkeit. I 69 f. Philipp Eulenburg sucht Moltkes Frau für geisteskrank erklären zu lassen. I 451. Persifliert Viktor Emanuel. I 543. Wasser in den Wein der kaiserlichen Freude. II 123. Überbringer der Antwort auf Bülows Abschiedsgesuch. II 149. Angriffe Hardcns. II 291. Wird zum Prozeß gegen diesen gezwungen. II 293. Reichstagsrede Bülows über den Prozeß. II 307 ff. Mommsen, Theodor, Professor, „größter der damals lebenden deutschen Gelehrten". Telegramm an Bülow. I 185. Über Bismarck. I 199. Dem Kaiser als Bismarckfeind sympathisch. II 257. Lektüre. III 72. Monod, Gabriel, französischer Historiker. Brief an Bülow nach dessen Rücktritt. III 366 f. Montagu, V. A., englischer Admiral. II 299 f. Montecuccoli, Graf, österrei-chischer Admiral. Taf. III 138. Montgelas, Graf Max, bayrischer General. III 255. Monts, Graf Anton, 1895 preußischer Gesandter in München, 1902 Botschafter in Rom (f 1930). Holstein gegen ihn. I 6. Auch Marschall. I 8. Briefe an Bülow über äußere und innere Verhältnisse. I 27 ff. Unerfreuliche Haltung gegen Bayern. I 125. Briefe an Bülow und dessen Gattin. I 125 ff. „Ich habe nie etwas von Bülow gehalten" (1909 zum Kaiser). I 128. Sucht Bülow in Wien zu schaden. I 151. Reichskanzler in spe. I 183. Beziehung zu Holstein. I 187. Brief an Lichnowsky und Gräfin (Fürstin) Bülow. I 195 f. Bericht an Bülow über dessen Münchner Besuch. I 481. Brief an Gräfin (Fürstin) Bülow. I 482 f. Holstein über sein dreifaches Fiasko. I 483. Der Kaiser werde Bülow nicht lange vertragen. I 499. Brief an die Gräfin Bülow. I 524f. Nach Rom. I 606 f. Über die geplante Begegnung mit Loubet. II 16 f. An Lichnowsky über Bülows Haltung zur katholischen Kirche. II 99ff. Sucht für Delcasse zu intervenieren. II 114ff.Miß- geschick in Mailand. II 254ff. In Venedig. II 468 ff. Jagow entsendet ihn nach Wien. III 197. Morgan, Pierpont, Chef des amerikanischen Bankhauses. I 575. Morier, Sir Robert, englischer Gesandter in Darmstadt. Hat Hinzpeter empfohlen. I 105. Morin, Admiral, italienischer Minister des Äußern. I 608. Morley, John, Gladsto- nianer, von 1905 bis 1910 Staatssekretär für Indien. II 202. Morra, Graf, italienischer General, Erzieher Viktor Emanuels III., Botschafter in Petersburg. III 227 f. Moy, Graf Ernst, bayrischer Reichsrat, I 583. Moy, Graf, Karl, bayrischer Gesandter in Stuttgart. III 88. Mühlberg, v., Direktor der handelspolitischen Abteilung, dann Unter- staatssekretär im Auswärtigen Amt, später Gesandter beim Päpstlichen Stuhl. I 326f., 393, 531; II 104. Bericht an Bülow über Verständigungswunsch Rouviers. II 124f. Vom Kaiser als Nachfolger Richthofens abgelehnt. II 214. Auch als Nachfolger Tschirschkys, II 302, und Schöns, II 512. Mühlberg und die diplomatische Situation von 1914. III 162. In Lu- zern. III 251. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 345. Müller, Georg Alexander v., Admiral, 1906—1918 Chef des Marinekabinetts. I 73. Gegner von Tirpitz. I 109. Ist unter den Verhinderern der Einsetzung der Flotte im Weltkrieg. I Ulf. II 320. Über Ungeduld des Kaisers. II 244. Bei der Konferenz im Reichskanzlerpalais (1909). II 431 ff. Charakteristik. II 440. Gespräch mit Bülow in Kiel. II 511. Bankettrede Gerards. III 271. Müller, Felix v., Gesandter. II 339, 360, 361. Müller, Hermann (Müller- Franken), sozialdemokratischer Parteiführer, auch Reichskanzler. I 390, 431. III 316. NAMENREGISTER 409 Müller, Richard, Vorsitzender des Vollzugsrats. 1198. III 307 f. Müller, Waldemar, Direktor d. Dresdner Bank. II 385. Müller-Fulda, Richard, Zentrumsabgeordneter. I 596. Müller-Raschdau, Kaiserlicher Gesandter. I 37. Münster - Derneburg, Georg Herbert, Graf, 1899 Fürst, deutscher Botschafter in London, dann in Paris (f 1902). Vertreter auf der Haager Friedenskonferenz. I 348. Hochfahrender hannöverscher Aristokrat. I 395. Nachrichten über französische Absichten gegen England. I 421. Verwechselt Namen. I 440. Verabschiedet. I 495 f. Münster, Fürst Alexander, Sohn des vorigen. III 256. Mumm von Schwarzenstein, Legationssekretär in Bukarest, 1900 deutscher Gesandter in Peking, 1906—1911 in Tokio. I 36f., 38. Fahrt nach Peking. I 438ff. Beim Kaiser. III 62 f. Mumm und die diplomatische Situation von 1914. III 162. Munir-Pascha, Sekretär des Sultans. I 249. Murawiew, Graf Michael Nikolajewitsch, russischer Minister des Auswärtigen. Begrüßt Bülow. I 85. Konferenz mit Hohenlohe und ihm. I 86 ff. Charakteristik. I 88 f. Telegramm Osten-Sackens an ihn. I 186. Gibt Abrüstungsvorschlag des Zaren bekannt. I 237. Mit dem Zaren in Potsdam. I 301. Über Delcasse. I 302. Besorgnis vor russischer Revolution. I 302. Über russisch - deutsch - französisches Zusammengehen. I 403. Tod. I 409. Napoleon III. I 135, 372, 453,628. II 332. Bismarck über ihn. I 259. Mexikanische Expedition. I 631. Romantisch - sentimentale Politik. II 232. Natalie (Ketschko) Königin von Serbien. I 160. Naumann, Friedrich, Pastor a. D., freisinn., dann deutsch - demokratischer Parlamentarier. I 202. In der polnischen Frage. I 220. Wahlrechtspolemik gegen Bülow. II 462f. Ballin über ihn. II. 464. Nebel, Heinrich, Journalist. III 237. Nelido w, Alexander, russischer Botschafter in Paris. Witte gegen ihn. II 173f. Vorsitzender auf der Haager Friedenskonferenz v. 1907. II 297. Nemes, Graf, Beamter im Wiener Ministerium des Äußern. III 235 f. Netto, Kardinal. I 620. Nicolson, englischer Botschafter in Petersburg, 1910 Unterstaatssekretär i. Ministerium d. Äußern. Diplomatische Intrigen. II 399, 401, 416. Nigra, Constantino, Graf, italienischer Botschafter in Wien. Gespräch mit Bülow, Charakteristik. I 628 f. Nikita, Fürst, dann König von Montenegro. II 43. Nikolaus I., Zar. I 18, 45, 85, 86, 139, 146, 253, 487, 631. II 39, 44, 137, 175, 333. III 126, 293. Nikolaus IL, Zar. I 46. Will nicht in den Hintergrund treten. I 83. Begrüßung mit Wilhelm II. I 85. Unterredung mit ihm. I 86. Will den Frieden. I 89. Ernennt Wilhelm II. zum russischen Admiral. I 93. Empfängt Bülow. I 98 f. Häuslichkeit. I 103. „Nicky" (Wilhelm IL). 1139. In Darmstadt, vom Kaiser zu Besuch in Wiesbaden gezwungen. I 168 f. In Deutschland „embete". I 170. Sein Schwager Prinz Heimich. I 207. Frostige Antwort auf Kiautschou- Telegramm des Kaisers. I 210. Abrüstungsvorschlag (Sommer 1898). I 237. Brief an Wilhelm II. I 270 f. (Übersetzung im Anhang.) Besuch in Potsdam. 1301ff. Über Kriegsmöglichkeit durch Fa- schoda. I 301. Über russische Tradition auf dem Balkan und die Dardanellen. I 302. Toast des Kaisers auf ihn (zur Haa- gcr Friedenskonferenz). I 348. Stimmt dem Oberbefehl Waldersees „freudig" zu. I 366 f. Gegen den Kaiser gereizt. I 406. Dieser beschimpft ihn. I 454f. Der hessische Hof. I 487. Begegnung mit Wilhelm II. in Heia. I 541 ff. Besuch des Prinzen Heinrich in Spala. I 547 f. Besetzung Koreas durch Japan für Rußland Casus belli. I 548. Begegnung mit dem Kaiser in Reval. I 580. Unterredung Bü- lows mit dem Zaren. I 580 f. Dessen Besuch in Wolfsgarten. I 629. Begegnung mit dem Kaiser in Wiesbaden. I 630. Status quo auf dem Balkan. I 631. Gespräche mit Bülow und mit Wilhelm II. I 632 f. 410 NAMENREGISTER Taumelt in den Krieg mit Japan hinein. II 22 f. Spiritisten-Humbug der montenegrinischen Prinzessinnen. II 43 f. Geburt des Zarewitsch. II 48. Urteile Wilhelms II. über den Zaren. II 63 ff. Absage des Zaren an den Kaiser. II 69. Die Björkö- Affäre. II 132 ff. (bis 151). Der Zar revoziert Björkö. II 150 f. Reden an Arbeiter und Bauern. II 161. Nach der Ermordung des Großfürsten Sergei. II 161. Beauftragt Witte mit Friedensverhandlungen. II 169. Begegnung mit Wilhelm II. in Swinemünde. II 293 ff. Mit Eduard VII. in Reval. II 316 f., 325. Mit dem Kaiser in den finnischen Schären. II 480 ff. Entrüstet über den Fall Liman von Sanders. III 128 ff. Wilhelm II. über Verschwörung mit dem König von England. III 204 f. Der Friedensversuch von 1916. III 251 f. Tragisches Ende. III 290. Nikolaus Nikolajewitsch, Großfürst, russ. Oberbefehlshaber im Weltkrieg. II 169. III 87, 179. Nivelle, französischer General. III 259. Noack, Friedrich, römischer Korrespondent der „Kölnischen Zeitung". III 75. Noailles, Marquis de, französischer Botschafter in Berlin. I 496. Nogi, japanischer General, Eroberer von Port Arthur. II 72. Normann, v., konservativer Reichstagsabgeordneter. II 370f., 457, 460, 464. Noske, Gustav, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, dann Reichswehrminister. III 257, 307. Noussanne, Henri de, franz. Schriftsteller. 1570. II 224. Odescalchi, Baldassare, römischer Fürst. I 611. Oertel, Dr. Georg, Chefredakteur der „Deutschen Tageszeitung". III 73, 203. — Zu Bülows Rücktritt. III 352 f. Oldenburg-Januschau, Elard v., Konservativer. II 492. Olga Königin von Griechenland. I 145. Ollivier, Emile, französischer Ministerpräsident. I 320. III 163, 176. Oncken, Hermann, Professor, Historiker. I 617. III 23, 91. Oppersdorff, Graf Hans. Renegat. 195. Auf Reichskanzler - Kandidatenliste. I 182. Bund der Kaiserlichen. II 419f. Vom Kaiser empfangen. II 493 f. III 46. Freudenfest nach Bülows Rücktritt in einem Berliner Hotel. III 364. Oppert-Blowitz, Pariser Korrespondent d. ,Times\ II 99. Oreglia, Kardinal. I 621. Oriola, Graf Waldemar, nationalliberaler Reichstagsabgeordneter. II 506. 0 r t e r, Sepp, revolutionärer Ministerpräs, in Braunschweig. II 248. Oskar II. König von Schweden. II 158. Oskar Prinz von Preußen, Sohn des Kaisers. I 295, 458f., 625. Osten-Sacken, von der, Graf Nikolaj Dimitrije- witsch, russischer Botschafter i. Berlin. I 145 f. Unterredung mit Bülow über Kiautschou und Port Arthur. I 185 f., 203. Unterredung mit dem Kaiser. I 270. Alte russische Diplomatenschule. I 347, 348. Besprechungen mit ihm. I 514. In Metz. I 525. Über Marien- burger Rede des Kaisers. I 570. Mitteilung über Lambsdorffs Ausschaltung. I 630 f. Über Vorgeschichte des Kriegs mit Japan. II 22. Fürchtet Revolution in Rußland (1905). II 129. Bülow zu ihm über deutsche Kohlenlieferungen. II 134. Vertrauen zu Bülow. II 150. Bei diesem wegen der Geheimdokumente über Bosnien. II 400 f. Otto, v., Dr., braunschwei- gischer Staatsminister. II 248. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 346. Paasche, Hans, Kapitänleutnant (Sohn des folgenden). II 282. Paasche, Hermann, Dr., nationalliberaler Reichstagsabgeordneter, Vizepräsident des Reichstags. I 202f. II 281 f., 505. Paleologue, Maurice Georges, 1913—1917 franz. Botschafter in Petersburg. III 179. P a n s a, Alberto, italienischer Diplomat. III 151. Pape, v., Generaloberst. I 64. Pappenheim, konservativer Abgeordneter. II 95. Parma, Herzogin von, Mutter der Kaiserin Zita. III 141, 269, 270. NAMENREGISTER 411 Parma, Prinz Sixtus. III 279. Pasitsch, serbischer Ministerpräsident. III 113. Passy, Frederic, französischer Politiker. II 346. Paulis, russischer Marineattache in Berlin. I 71, 580. Payer, Friedrich, demokratischer Politiker, 1917 bis 1918 im Kabinett Hertling Stellvertreter d. Reichskanzlers. I 310. II 371. III 301. Persius, Kapitän a. D. I 112. Peters, Karl, Afrikaforscher. II 123. Pfordten, Freiherr v., bayrischer Ministerpräsident 1866. Bei Bismarck in Nikolsburg. I 121f. Philipescu, Nikolaus, rumänischer Politiker. III 280. Philippe, Monsieur, Char- latan am Zarenhof. II 43. Piavi, Patriarch von Jerusalem. I 256. Pichler, Franz Seraph v., Dompropst i. Passau, Zentrumsabgeordneter. 1214. II 97. Picquart, 1895 Oberst, 1906—1909 französischer Kriegsminister. I 428. Pierson, Hofrat. Verleumdungsklage gegen Philipp Eulenburg. I 604 ff. III 30. Pietro, di, Kardinal. I 620, 621. Piffl, Kardinal, Erzbischof von Wien. III 228 f. Pinnow, Kammerdiener Bismarcks, dann Portier in Schloß BeUevue. 1232. Pius X., Papst (s. Sarto). I 120. Giolitti über ihn. II 60. Monts über ihn. II 100. Bülow von ihm empfangen (1908). II 407, 502. Besondere Audienz (1911). III 108f. Planck, Gottlieb, Jurist. I 200. Plehwe, Wilhelm (Wjat- scheslaw) v., 1902 russischer Minister des Innern, ermordet 1904 in Petersburg. Ermordung. II 47 f. Pleß, Herzog von, schlesi- scher Magnat, Oberstjägermeister. Reicht wegen der Disziplinierung der „Kanalrebellen" seinen Abschied ein. I 298. Pleß, Fürst Hans Heinrich XV. (Sohn des vorigen). II 35, 425. Hauptquartier. III 254. Pleß, Fürstin Daisy. II 425. Plessen, Hans Georg Hermann v., Generaloberst. 1892—1918 Kommandant des Großen Hauptquartiers. I 61, 76f., 79. Auf der Orientreise. I 242. Über Aufenthalt des Kaisers in England. 1507. Mit dem Kaiser nach Rom. I 607. Über Wilhelm I. II 53. Will Holland mit Kolonien in die Hand bekommen. II 68. „Mit Revolver und Degen" auf das „B. T." geschickt. II 98. Über Reise des Kronprinzen nach England. II 153. Soll zur Beobachtung der englischen Flotte nach Swine- münde. II 153. Zwang auf Kuno Moltke, Prozeß anzustrengen. II 293. Der Kaiser möchte ihn als Statthalter nach Straßburg schicken. II 301. Gratulationshrief an Bülow 1909. II 496. In Kiel. II 515. Philipp Eulenburg gegen die Generals- Kamarilla. II 30. „Jubelnde Freude" im Berliner Schloß (1913). III 119. Telegramm im Auftrag des Kaisers an Hellmuth Moltke. III 164. Gespräch mit dem Fürsten Wedel. III 201. Kandidatur Michaelis. III 267. Plüskow, v., Oberst. 1607. Podbielski, Viktor v., Generalstabsoffizier, 1897 bis 1901 Staatssekretär des Reichspostamts, bis 1906 preußischer Landwirtschaftsminister. Juli 1897 zum Staatssekretär des Reichspostamts ernannt. I 51. Vorstoß gegen das bayrische Briefmarkenmonopol. I 123. Der Kaiser denkt an ihn als Reichskanzler. I 372. Verdienste als Reichs- postminister. I 442. Zum preuß. Landwirtschaftsminister ernannt. I 524. Zolltarif-Beratungen. I 531. Bei den Verhandlungen mit Rußland in Norderney.II42.Rück- tritt wegen der Affäre Tippeiskirch. II 253 f. Taf. II 252. Podewils, Klemens, Graf, 1903—1912 bayrischer Minister des Äußern und Ministerpräsident. I 120. Er und Hertling. I 480. Brief an Bülow. II 94. Über Lecomte. II 312. Bei der Bismarck-Feier in der Walhalla. II 348 f. Poincare, Raymond, 1912 französischer Ministerpräsident, 1913 Präsident der Französischen Republik. II 104, 120. III 87. Sein Aufstieg. III 118. Erklärungen zu Iswolski über den Fall Liman von Sanders. III 130. Sturz 412 NAMENREGISTER Barthous ein Mißerfolg für Poincare. III 156f. Wünscht den Weltbrand. III 179. Der Sixtus-Brief. III 279. Vcrnichtungs- wille. III 322. Ponti, Graf, Bürgermeister von Mailand. II 255. Porsch, Felix, Zentrumsabgeordneter. I 596. Posadowsky, Graf Ar- tur von P.-Wehner, 1893 Staatssekretär d. Reichsschatzamts, 1897 des Innern. Urteil Hohenlohes und Bülows über ihn. I 10. Nachfolg. Böttichers. I 51. Auf Reichskanzler- Kandidatenliste. I 182. Bülow schlägt ihn vor (1900). I 374, 380. Entlassungsgesuch nach Bülows Ernennung, nicht bewilligt. I 386 f. Die 12000 Mark-Affäre. 1387, 467 ff. Überragende fachliche Leistungsfähigkeit. I 431. Charakteristik. I 470 f. Haßt Miquel. I 522. Zolltarif-Beratungen. I 531. Über Ostmarkenfrage. I 563 f. Arbeit am Zolltarif. I 596. Taf. I 560. Bei den Handelsvertrags-Verhandlungen mit Rußland in Norderney. II 42. Schwierigkeiten als Unterhändler in Wien. II 48 f. Schwarzer Adlerorden. II 95. Nach einer Paradetafel im Berliner Schloß. II 122. Erwartete Bülows Sukzession. II 218. Gegen Reichstagsauflösung (1906). II 270. Verabschiedung. II 300. Konflikt mit R. Martin. II 478. Pourtalcs, Graf Friedrich, ab 1907 Botschafter in Petersburg. I 36, 38. II 302, 330. Praschma, Hans, Graf, Zentrumsabgeordneter. I 596. II 278. Pressense, Francis de, französischer Politiker. II 114, Preuß, Hugo, Dr., im November 1918 Staatssekretär des Innern, 1919 Reichsinnenminister (f 1925). I 123, 500, 535, 545. III 41. Preysing, Konrad, Graf, bayrischer Zentrumsabgeordneter. I 596. Prinetti, italienischer Minister des Äußern. I 579. Prokesch, Anton Graf, österreichischer Botschafter, 1853 und 1854 Bun- despräsidialgesandter in Frankfurt a. M. I 199. Pückler, Graf Karl, deutscher Botschaftsrat in London. I 307 f. Puscyna, Kardinal. I 620, 621, 622. Putlitz, v., konservativer Abgeordneter. II 95. Puttkamer, Robert v., 1881—1888 Minister des Innern. I 156. Quidde, Ludwig, Prof., Autor des „Caligula". II 494 f. Raben, Graf, dänischer Minister des Äußern. II 145. Radolin, Fürst Hugo (Graf Radolinski), preußischer Gesandter in Weimar, 1888 Ober-Hof- und Hausmarschall, deutscher Botschafter in Petersburg, dann in Paris. Bülow bei ihm. I 95f. Hochzeit mit Gräfin Oppers- dorff. I 182. Regt russisch - deutsch - französisches Zusammengehen an. 1403. Nach Paris versetzt. I 495 ff. Über Millerand. I 598. Delcasse teilt ihm Marokko-Konvention mit. II 107. Beauftragter zu Rouvier. II 125. Kleinlich gegen Rosen. II 168 f. Mit Holstein intim befreundet. II 215 f. Radoslawow, bulgar. Ministerpräsident. III 287. Radowitz, Josef v., Botschafter in Konstantinopel, dann in Madrid. I 170. Todfeind Holsteins. I 392. Gratuliert Bülow. I 394. Mit Bülow bei Bismarck (1874). I 497 f. Wilhelm I. über ihn. II 53. Vertreter in Algeciras. II 200f. Bei Holsteins Begräbnis. II 468. An Bülow. III 33. Radziwill, Fürst Anton, Generaladjutant Wilhelms I. I 74. II 506. III 147. Radziwill, Fürstin Marie, Witwe des vorigen. III 147 f., 149. Raff auf, deutscher Konsul in Kiew. Seine Berichte über russische Rüstungen. I 233. Rahardt, Mitglied des Abgeordnetenhauses. III 355. Rampolla, Kardinal- Staatssekretär. I 589. Seine Papstkandidatur. I 620, 621. Das österreichische Veto gegen ihn. I 619, 621, 622, 623. Für italienische Republik. II 60. Über Bülow. II 502. Ranke, Leopold v., Historiker. II 332f. Rantzau, Graf Cuno, Schwiegersohn des Fürsten Bismarck, preußischer Gesandter in München, dann deutscher NAMENREGISTER 413 Gesandter im Haag. I 22. Brief an Herbert Bismarck über Bülow. I 216. Bismarcks Groll über Rantzaus Verdrängung aus München. I 225. Rantzau, Gräfin Marie, Tochter des Fürsten Bismarck. I 209. Von Eulenburg verspottet. I 226 f. Rasputin, Grigorij Jefi- mowitsch, Wundertäter. I 100. Ratazzi, italienischer Politiker. I 610. Rath, vom, Legationsrat. II 525. III 23f., 113. Rathenau, Emil, Generaldirektor der AEG. I 297. III 40, 176. Rathenau, Walter, Sohn des vorigen, Mai bis Oktober 1921 Reichsminister für Wiederaufbau, seit Februar 1922 Reichs- außenministcr, ermordet 24. 6. 1922. Bülow denkt an ihn (1906) als Direktor des Kolomalamts. II 266. Verhandlungen um Philipp Eulenburg. II 292. Als Schatzsekretär vom Kaiser abgelehnt. II 385. Bericht über England (1909). II 427 f. „Pace! Pace!" III 15. Charakteristik. III 39 ff. Freund und Feind Hardcns. III 41, 42. Briefe an Bülow. III 43 f., 91 f. Besuch bei Bülow in Rom. III 93. Über „Deutsche Politik". III 135. Telegramm an Bülow. III 203. Genua. III 319. Taf. III 40. Ratibor, Prinz Karl, Regierungspräsident von Aurich. später Oberpräsident vonWestfalen. III 39. Rauscher, Ulrich, Ministerialdirektor, dann Gesandter in Warschau (f 1930). I 86. Rechberg, Graf Johann Bernhard, österreichisch. Ministerpräsid. u. Außenminister. I 156. Recke, von der, preußischer Minister des Innern. I 43. Hat den Landräten mit Kassation zu drohen. I 295. Recouly, Raymond, französischer Historiker. III 238 f. Redern, Graf Heinrich, Obcrgewandkämmercr. II 38. Redern, Graf Wilhelm, Oberstkämmerer. II 38. III 67. Reischach, Freiherr v., Hofmarschall. I 76, 143. II 127, 478. III 241. Renvers, v., Geheimrat, Freund und Arzt Bü- lows. I 409. Arzt der Kaiserin Friedrich. I 534. Bei Bülows Ohnmachtsanfall. II 214. Intrige Philipp Eulenburgs. II 262. Renvers am Brandenburger Tor. II 263. Renvers und Schön. II 360. EduardVII. dankt Renvers für Behandlung der Kaiserin Friedrich. II 421 f. Der Kaiser leugnet, daß seine Mutter Renvers gekannt habe. II 422. Urteil von Renvers. II 422 f. Tod. II 444 f. Taf. II 444. Eulenburgs Krankheit. III 26. Über § 175. III 28. Reuß, Prinz Heinrich VII., deutscher Botschafter in Petersburg. I 195, 497. Seine Gattin (geb. Prinzessin von Weimar). I 284. Chef Bülows. I 443. Brief an Bülow über den russischen Hof. II 6. Septi. II 50. Brief von Maria Paulowna an ihn. II 175 ff. Tod. II 219. Reuß, Prinz Heinrich XXVIIL, Kandidat für Oberpräsidium von Schlesien. II 102. Revclstoke, Lord (Ba- ring), Londoner Bankier. II 318. Rhcinbabcn, Georg Freiherr von, 1899 preußischer Innenminister, 1901 bis 1910 Finanzminister. Auf Reichskanzler-Kandidatenliste. I 182. Vertrauen Bülows. I 443. Zum Finanzminister ernannt. I 523. Zolltarif- beratungen. I 531. Enteignungsvorlage. II 489. Bethmann warnt vor ihm als Reichskanzler. II 508. Mitarbeiterschaft am Jubiläumswerk 1913. III 132. Chef von Michaelis. III. 268. Rhode s, Cecil, Gründer von Rhodcsia. Empfang durch den Kaiser in Berlin. I 289 ff. Brief der Kaiserin über seinen Besuch. I 290 f. Angriffe der deutschen Öffentlichkeit. I 291 f. Wilhelm II. über ihn. I 351. Ricasoli, Bettino, Baron, italienischer Staatsmann. 1610. Richter, Eugen, Führer der deutschen Fortschrittspartei. I 5, 59, 64. Artikel über Genealogie der Kaiserin, Drohung d. Kaisers. I 177. Als Redner. I 201. Interpellation in der Dreyfus-Affäre. I 240. Gegen Herbert Bismarck. I 334. über Waldersee. I 370. Kritik am Mib'tärsystem. I 405. Polemik Bülows gegen ihn. I 416. Richter über Flottenfrage, für die er zu alt sei. I 417. Für spätere Einberufung des Reichstags. I 465f. Bismarck 414 NAMENREGISTER und Richter. I 466. Debatte zwischen ihm und Kröcher. I 519. Über zwei Seelen der National- liberalen. I 532. Gegen sozialdemokratische Obstruktion. I 593. Gegen Möller. II 91. Gegen Heyl. II 92. Frage des Reichstagswahlrechts für Preußen. II 464. Richthofen- Damsdorf, Karl Freiherr v., konservativer Reichstagsabgeordneter. II 504. Richthofen, Oswald,Freiherr v., Direktor der Kolonialabteilung, dann Unterstaatssekretär, später Staatssekretär im Auswärtigen Amt. I 23. Seine Laufbahn. I 217 f. Läßt bei Bismarcks Tod die Trauerflagge hissen, Beschwerde Holsteins. 1229. Probritisch. I 326. Beschwört Bülow, nicht ohne feste englische Bürgschaften auf Chamber- lain einzugehen. I 326 f. Zum Staatssekretär ernannt. I 393. Denkschrift über die deutsch-englischen Verhandlungen. I 510 ff. Zolltarif beratun- gen. I 531. Arbeit am Zolltarif. I 596. Ernennung zum preußischen Staatsminister. II 95. Über Besuch Millerands. II. 165f. Tod. II 214. Rickert, Heinrich, freisinniger Politiker. I 59, 466. Riedel, v., bayrischer Finanzminister. 1119,123f., 485, 531. Riezler, Dr. (Pseudonym Rüdorffcr). I 563. II 464. III 24ff., 249, 258. Ripon, Marques of, Lord- Geheimsiegelbewahrer. II 205. Roberts, Lord, Earl of Kandahar, brit. Feldmarschall, Besieger der Buren. I 332. Einzug in Pretoria. I 357. Annexionserklärung. I 398. Schwarzer Adlerorden. I 508. Lehnt ab, sich über „Daily - Telegraph" - Interview zu äußern. II 354. Der Feldzugsplan im Unterhaus. II 355, 374, 449. Robilant, Carlo Feiice, Graf, ital. Staatsmann, Botschafter in Wien. III 218. Rodd, Sir Rennel, britisch. Botschafter in Rom. III 131f., 188, 219. Röder, Eugen v., Zeremonienmeister. II 128, 297, 468, 478,494, 495. III46f. R o e r e n, Zentrumsabgeordneter. I 214. Angriff auf Dernburg. II 267f., 271. Roesicke, Dr. Gustav, agrarischer Politiker. I 532. Rohan-Chabot, Prince de. II 289. Roon, Waldemar v., Sohn des Kriegsministers unter Wilhelm I. III 102f. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 352. Roosevelt, Theodore, Präsident der U. S. A. Empfang durch Wilhelm II. in Berlin. I 133, 574f. Der Kaiser erlebt nicht viel Freude an ihm. I 305. Brief Wilhelms II. an ihn zurückgehalten. I 573f. III 52. Bülow empfiehlt ihn als Prinzenpaten. II 239. Taf. II 168. Roschdjestwensky, Ad- miral, Kommandeur des russ. Ostseegeschwaders. II 66, 132. Rosebery, Earl of, 1886 und 1892 brit. Minister des Äußern, 1894—1895 Premierminister. Persönlicher Freund Herbert Bismarcks. I 208. Zerzaust Salisbury. I 423. Kein bequemer auswärtiger Minister. I 425. Gegen Delcasses Provokation. II 110. Liberal-imperialist. II 202. Rosen, Friedrich, Dr., Legationsrat, dann Gesandter in Tanger, Bukarest, Lissabon und dem Haag, 1921 Minister des Äußern. Von Holstein en grippe genommen. II 168. Taf. II 168. Nachdichter des Omar Kajjam. III 8f. Beim Kaiser. III 62 f. Rosen und die diplomatische Situation von 1914. III 162. Rosner, Karl, Schriftsteller. I 76f., 365. Rotenhan, Freiherr v., Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. Preuß. Gesandter beim Vatikan. I 22f., 38, 211. Ersetzt durch Richthofen. I 217. In der Gesandtschaft in Rom. I 610. Rothe, sächs. Minister. I 531. Rother, preuß. Finanzminister. I 442. Rothschild, Baron Alfred. II 37 f. Rouher, Ministerpräsident Napoleons III. I 372 f. II 22, 301. Rouvier, 1881 franz. Handelsminister, 1887 u. 1905 Ministerpräsident. II 114. Entscheidet gegen Del- casse. II 119. Sein Aufstieg. II 124. Sucht als Finanzmann Verständigung. II 124ff., 165. Fürchtet Überraschungen. II 192. Rosen unterhandelt mit ihm. III 8. NAMENREGISTER 415 Rudini, Marchese, italien. Staatsmann. I 3, 30. II 58, 218. Rudolf, Erzherzog, Kronprinz von Österreich-Ungarn. I 167. Rüger, sächs. Finanzmin. I 531. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 338. Rühle, Otto, sozialdemokr. Reichstagsabgeordn. III 258. Rupprecht, Prinz, dann Kronprinz von Bayern. I 358, 483. Brief des Prinzen Max von Baden über Abdankung des Kaisers. III 296. Armeeführer. III 323. Saint - Rene - Taillan- dier, französischer Gesandter in Fez. II 108. Salandra, Antonio, März 1914 bis Juni 1916 italienischer Ministerpräsident. I 267. Neutralit. Italiens. III 169. Politische Stellung. III 219f. Taf. III 216. Saide rn-Plettenburg, konservativer Abgeordneter. II 95. Salisbury (Marquis), englischer Premierminister in drei konservativen Kabinetten (f 1903). Antipathie gegen den Kaiser. I 207 f., 434. Bewunderer Bismarcks. I 207. Brief an die Queen. I 208. Die Türkei eine „dying na- tion". I 252. Die Frage der portugiesischen Kolonien. I 276. Über Ca- privi und Hohenlohe. I 277. Ausweichend. I 277. Wünscht keine Fortsetzung der deutsch-englischen Verhandlungen. I 278. Verhandlungen ohne seine Kenntnis. I 303. England duldet keine Intervention im Burenkrieg. I 304. Entschlossen, ihn durchzuführen. I 309. Will keine Allianzen. I 310. Sieht russisch-japanischen Konflikt voraus. I 310. Sagt Unterredung mit Bülow ab. I 314. Seine Verhinderung. I 336. Noch nicht politischfertig. 1338. Scharfe Auslassungen bei Diskussion über Marokko. I 418 f. Metternich über ihn. 1422 f. Macht Schwierigkeiten in der Oberbefehlsfrage für China. I 433. Haß des Kaisers gegen ihn. I 461. Tod. II 32. Salm-Salm, Erbprinz Emanuel, Adjutant Bülows. II 40. San Giuliano, Antonio, Marchese de, seit 1910 italienischer Minister des Äußern (f 16. 10. 1914). III 80. Über Bethmann. III 82. Über Agadir. III 87. Kiderlen stellt sich vor. III 88. San Giuliano zieht die Uhr zum Zeichen, daß Italien nach Tripolis geht. III 111. Neutralität Italiens 1914. III 169. Erklärungen gegenüber Flotow. III 187, 190. In Fiuggi. III 188. Tod. III 188. To/, n/208. Sarto, Kardinal, dann Papst Pius X. (s. diesen). I 621—622. Sasonow, Sergei Dmitri- jewitsch, 1910—1916 russischer Minister des Äußern (f 1927). Ausbau der Potsdamer Gespräche verzögert. III 121. Über Coup gegen Serbien, den Österreich vorbereite. III 127. Delcasse sagt im Fall Liman von Sanders äußerste Unterstützung gegen Deutschland zu. III 130. Sasonow will kein. Bruch m. Deutschland. III 130 f. Sassulitsch, Vera, russ. Nihilistin. II 160. Satow, englischer Gesandter in Peking. I 440. Sattler, Dr., nationalliber. Reichstagsabgeordneter. I 475, 594. II 12. Saunders, Korrespondent der „Times" in Berlin. I 319, 335. II 27, 195. Saurma, v., Botsch after in Konstantinopcl, 1897 in Rom. I 170. Savigny, Karl Friedrich v., preuß. Diplomat, seit 1867 Zentrumsabgcord- neter. II 272. Say, Leon, franz. Finanz- minister. II 238. Schädler, Franz Xaver, Domkapitular in Bamberg, Zentrumsabgeordn. I 214. Gegen Goethe- Denkmal in Straßburg. I 355. Interpellation wegen der Swinemünder Depesche. I 596 f. Schäfer, Dietrich, Professor, Historiker. III 114. Schauenburg, Freih. v., Legationsrat. I 589. Sehe er, Reinhard, Admi- ral, Chef der Nordsee- flotte. III 182 f. Scheidemann, Philipp, Sozialdemokrat. Reichstagsabgeordneter, 1919 Reichsministerpräsident. I 198, 202, 431, 539. III 301, 307, 315. Schenck (zu Schweinsberg), Geschäftsträger in Peking. I 37. Scheurer-Kestner, französischer Senator. I 428. 416 NAMENREGISTER Schiemann, Theodor, Professor, Historiker. I 144, 526. II 15, 57, 285. Geisel-Theorie u. „Schie- mannisme". II 80 f. Wilhelm II. zu ihm über „prächtigen Brief" an den Zaren. II 134. Unterredung des Kaisers mit ihm über Rußland und Polen. II 243 ff. Er und Harnack. II 455. III 93 f. Gratulationsbrief an Bü- low. II 496. Gegner. II 523. III 46. Über die „feigen" Engländer. II 529. Artikel der „Kreuzzeitung" über die Novemberreise. III 47, 57. Schlieffen, Graf Alfred, 1891 (nach Waldersee) bis 1905 Chef des Generalstabs, 1911 Generalfeldmarschall (f 1913). Behandlung des Kaisers. I 205 f. Nur ein Jahr jünger als Waldersee. I 364. Generalfeldmarschall. I 366. In Kassel. I 368. Über den „Manöverunsinn" Wilhelms II. I 624. Schlieffens Plan des Durchmarschs durch Belgien. II 76. Gespräch mit Bülow über künftigen Krieg. II 76 ff. Artikel in der „Deutschen Revue". II 78. Ruhestand. II 182. Forderung, Lehren aus 1870 zu ziehen. II 228. Taf. II 184. Natürlichkeit. III 42. Enge Fühlung Bülows mit ihm. III 171. Offensiv-Plan für die Marne-Schlacht. III 174. Schlözer, Karl v., Gesandter in München. III 37. Schmidt, Erich, Professor der Germanistik in Berlin. II 198. Schmidt, Prof., Frankfurt a. M., Halsspezialist. 1634. Schmidt-Elberfeld, Reinhard, Freisinniger, erster, dann zweiter Vizepräsident des Reichstags. II 463 f. —■ Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 342 f. Schmitz, Pater, Lazarist. I 256. Schmoller, Gustav v., Prof. an der Universität Berlin, Nationalökonom (f 1917). Brief an Bülow. II 285 ff. Zu seiner Rede über Krone und Verfassung. II 454, 497. Briefwechsel zwischen Schmoller und Bülow. III 26f. III 42, 110. Memorandum für den Kaiser. III 115. —Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 349. Schön, Wilhelm v., Legationsrat, Hofmarschall in Koburg, Gesandter in Kopenhagen, 1905 Botschafter in Petersburg, 1907 bis 1909 Staatssekretär des Äußern, 1910 bis 1914 Botschafter in Paris. I 299f. Als Vertreter des Auswärtigen Amts bei Nordlandreisen. I 348. Reaktiv] erung im diplomatischen Dienst. I 395. Gesinnung gegen Bülow. I 396. Geheimbericht über Tendenzen des Kaisers gegen Dänemark und Holland. II 66ff., 72. Bericht über Auflösung Rußlands. II 243. Ernennung zum Staatssekretär. II 301 f. Aufzeichnung über Unterredung mit russischem Abteilungschef. II 330. „Daily - Telegraph" - Affäre. II 353, 359, 360. Bei der Konferenz im Reichskanzlerpalais. II 431 ff. Versagen. II 442. Ist furchtsam. II 443. Bülows Zehn Gebote zu seinem Gebrauch beim Kaiser. II 480 f. Wilhelm II. für ihn. II 512. ,,Alpinist"(Eulenburg). III 30. Byzantinisch. III 31 f. Ambitionen nach Paris. III 57. Meldet sich bei Bethmann (August 1914). III 149. Die Verpfändung von Beifort, Toul und Verdun. III 168. Schön, v., Neffe des Botschafters, bayrischer Geschäftsträger in München. III 158f., 179. Schönlank, Bruno, sozialdemokratisch. Reichstagsabgeordneter. I 192. Schönstedt, Karl Heinrich, Dr., 1894—1905 preuß. Justizminister. II 186. Scholl, v., Rittmeister in Darmstadt und Potsdam, dann Flügeladjutant des Kaisers, General ä la suite. I 169, 242f., 255, 352. III 116. Scholz, General, Armeeführer. III 323. Schorlemer-Lieser, Klemens Freiherr v., preuß. Landwirtsch. - Minister, dann Oberpräsident der Rheinprovinz (f 1922). Auf Reichskanzlerkandidatenliste. I 182. Vertrauen Bülows. I 443, 589. II 502. Bethmann gegen ihn. II 508. Brief an Bülow. III 202. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 348. Schräder, Abgeordneter, Mitglied der Freisinnigen Vereinigung im Reichstag. II 257. Schratt, Katharina, Hofburgschauspielerin in Wien. I 151, 157. NAMENREGISTER 417 Schröder, Rudolf Alexander, Lyriker. III 191 f. Schulze-Gävernitz, v., Nationalökonom an der Universität Freiburg. II 383. III 91. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 350f. Schuwalow, Graf Peter, russischer Botschafter in London, zweiter Bevollmächtigter auf dem Berliner Kongreß. I 544. Schwabach, Paul v., Bankier. I 297. III 137, 178. Schwartzkoppen, Erich v., Adjutant Bülows. II 40. Bei Bethmann. III 54 f. Schwarzenberg, Fürst Felix, österreichischer Ministerpräsident. I 155. II 84, 414. III 180. Schweinburg, Viktor, Journalist. I 295, 390. Schweinitz, Hans Lothar v., General, Gesandter u. Botschafter in Wien, bis 1893 in Petersburg. I 61, 74, 100, 535 f. Begegnung mit Bülow (Homburg 1897). I 130f. Brief an Bülow. I 407 fif. Über Bismarck. III 239. Schweinitz, Wilhelm v., Major, Militärattache in Rom, Sohn des vorigen. III 226. Beschwerdebrief Bethmanns über ihn. III 231 f. Schweqinger,Prof. Ernst, Leibarzt Bismarcks. I 35. Schwerin, Graf Ulrich, deutscher Geschäftsträger in Haiti. I 178. Schwerin-Löwitz, Hans, Graf, konservativer und agrarischer Führer, Präsident d. preußisch. Abgeordnetenhauses (f 1918). I 532. II 477. Bedauert d. Kampf geg. Bülow. II 507. Warum nicht Landwirtschafts - Minister ? II 509. Mitarbeiterschaft an dem Jubiläumswerk. III 132 f. Für Bülows Sendung nach Rom. III 193f., 202. — Kundgebung des Deutschen Landwirtschaftsrats. III 371. Scott, englischer Admiral. III 182. Seckendorff, Graf Götz, Kammerherr u. Oberhof- meisterderKaiserin Friedrich. Über Mutter und Sohn. I 152. Wort des Malers Angeli zu ihm über die Queen. I 321. Beziehungen zur Kaiserin Friedrich. I 536 f. Über Stimmung am englischen Hof. II 127. Eduard VII. verbittet sich seine Impertinenz. II 189. Seiborne, Earl of, Erster Lord der britischen Admiralität. II 25. Gespräch Bülows mit ihm. II 32. Denkschrift über Kriegsbereitschaft der englisch. Flotte. II 71. Senden - Bibran, Gustav Freiherr v., Admiral, 1889 bis 1906 Chef des kaiserlichen Marinekabinetts (t 1909). I 61. Stützt Tir- pitz I 68. Zwischenfall mit d. Prinzen von Wales (Eduard VII.). I 69f., 343. Antienglisch, verbunden mit dem russ. Marineattache Paulis. I 71, 79, 81, 580. In Malta. I 266. Widersetzt sich Intrigen gegen Bülow. II 440. Sergei, Großfürst, vierter Sohn Alexanders II. Ermordung (17. 2. 1905). II 161. Seydewitz, Otto Theodor v., Vorsitzender der konservativen Reichstagsfraktion, 1879 bis 1894 Oberpräsident in Breslau. I 62. Siemens, Georg v., freisinniger Abgeordneter, Direktor der Deutschen Bank (f 1901). Empfiehlt Helfferich. I 219. Projekt der Bagdad-Bahn. I 253, 572. Singer, Paul, sozialdemokratisch. Führer (fl911). I 244. II 277. Rede zur Kaiser-Krise. II 365 f., 456. Gegen Sydow. II 518. Skarbina, Franz, Maler, Taf. II 280. Skobelew, russ. General, Sieger im Türkenkrieg (t 1882). II 22. III 87. Sofie, Gräfin Chotek, als Herzogin von Hohenberg Gattin des Erzherzogs Franz Ferdinand. Entgegenkomm. Wilhelms II. 1400 f., 625. Ihre Heirat. I 624 f. Ihr Äußeres. II 408. Ermordung III 137 ff. Solf, Wilhelm, 1911 Staatssekretär des Kolonialamts, Oktober bis Dezember 1918 Staatssekretär des Äußern, 1921 bis 1928 Botschafter in Tokio. II 80. III 271. Solms, Graf Eberhard, Vorgänger Bülows als Botschafter in Rom. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 344f. Solms-Baruth, Fürst Friedrich, Oberstkämmerer am preußischen Hof. I 298. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 347 f. Sombart, Werner, Prof., Nationalökonom. I 428, 430. II 285. III 277. 27 Bülow III 418 NAMENREGISTER Sonnino, Sidney, November 1914 bis Juni 1919 ital. Minister des Äußern (t 1922). I 267. II 8, 58, 400. III 189. Besuch Bülows bei ihm, Charakteristik. III 218 ff. Hartnäckigkeit. III 280. Sophie, Kronprinzessin v. Griechenland, geb. Prinzessin v. Preußen, Schwester des Kaisers. I 252. II 16. Von ihrem Bruder wegen ihres Glaubenswechsels „verbannt". II 97 f. In England. II 126. Sorcl, Alhcrt, französisch. Historiker. III 152. Soveral, Marquis, portugiesischer Gesandter in London. I 274, 275. II 35f., 38f. Spahn, Peter, Dr., Führer des Zentrums, Reichsgerichtsrat, dann Ober- landesgerichlsprösident i. Kiel. I 214, 531 f., 589, 596. Jesuiten-Frage. II 11, 186. Brief an Bülow. II 220. Rücksprache nach der Dernburg-Debatte. II 268 f. Zentrum kandidiert ihn (1907) als Reichstagspräsidenten. II 280. Etatsredner. II 282. Über den Prozeß Moltke-Har- den. II 307, 314. Zu Bülows Rede über Finanzreform. II 445. Speck von Sternburg, deutscher Botschafter in Washington. Roosevelt zu ihm. II 230. Popularität in Amerika. III 64. Speck, Karl Friedrich, bayrischer Zentrumsabgeordneter. II 408. Spce, Maximilian, Graf, Admiral, Chef des Deutschen Kreuzergeschwaders, gefallen in der Seeschlacht bei den Falk- landsinseln. I 112. Spencer, John Poyntz, Lord, Führer der englisch. Liberalen im Oberhaus. II 201. Spitzemberg, Hildegard v., Gattin des Württemberg. Gesandten. I 44. Staal, v., russischer Botschafter in London. Eröffnet die Haager Friedenskonferenz. I 347. Stablewski, Florian v., Erzbischof von Gnesen- Posen. I 30. Stampfer, Friedrich, Redakteur des „Vorwärts". III 311. Stark, Freiherr von, hess. Ministerpräsident. I 488f. Staudy, Polizeipräsident von Posen. I 562. Stead, William, englischer Journalist, tätig in Friedensbewegung und Okkultismus, untergegangen mit der „Titanic". II 299. Stein ,August,Berliner Korrespondent der „Frankfurter Zeitung". I 193, 202, 553. II 265, 496. Stemrich, Unterstaatssekretär. II 322, 353, 359, 360. Stendhal. I 134. II 501. III 74. Stengel, Hermann, Freiherr v., 1903 bis 1908 Reichsschatzsekretär. II 385. Stengel, Karl, Freiherr v., Professor an der Universität München. III 133. Stockhammern, F. X. v., Legationsrat (f 1930). II 349 f. III 226 f., 236. Stöcker. Adolf, Hofprediger, christlich-sozialer Politiker (f 1909). Bismarck über ihn. I 244. Stössel, russischer General, Verteidiger von Port Arthur. II 72. Stolbcrg, Fürst Otto, Präsident des Herrenhauses, 1876—1878 Botschafter in Wien, dann Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums und Hausminister. I 31. Chef Bülows. I 443. III 139. — Kundgebung seines Sohnes bei Bülows Rücktritt. III 348 f. Stolberg, Graf Udo, 1891 bis 1895 Oberpräsident von Ostpreußen, Führer der Konservativen, seit 1907 Präsident des Reichstags. II 207, 221 f. Reichstagspräsident. II 281. Bismarcksche Schule. II 461. Brief über den Kampf um Bülow. II 477, 510. Stolberg, Prinz, Botschaftsrat in Wien. III 211 f. Stolypin, Peter Arkadje- witsch, seit 1906 russ. Ministerpräsident, ermordet 1911 in Kiew. II 239, 260, 483. Stresemann, Dr. Gustav, Reichsminister (f 3. 10. 1929). Als Redner. I 199. Genf und Locarno. III 319. Wiederaufstieg. III 332. Ströbel, Heinrich, sozialdemokratischer preußischer Landtagsabgeordneter. III 257. Struwe. Dr. Peter, Reichstagsabgeordneter. I 112. Studt, Konrad, Unterstaatssekretär in Elsaß- Lothringen, Oberpräsident von Westfalen. 1899 bis 1907 preuß. Kultusminister (f 1921). I 443, 562. Schwarzer Adlerorden. II 218. Rücktritt 1907. II 300. Brief Hin- denburgs an Studt über Polen. III 247 f. NAMENREGISTER 419 St übel, Dr., Generalkonsul in Shanghai, dann Direktor der Kolonial- aLteilung, später Gesandter in Christiania. I 280f. Rücktritt. II 185. Stürmer, Boris Wladi- mirowitsch, Februar bis November 1916 russisch. Ministerpräsident. Seine Friedensinitiative (1916). III 251 f. Stumm, Freiherr Ferdinand v., Gesandter in Darmstadt, 1888 bis 1892 Botschafter in Madrid, (t 1925). I 22, 23, 407. Zerwürfnis mit Holstein. I 408 f. Intervention in Darmstadt. I 489. Botschafter in London? III 122. Stumm - Halberg, Karl Ferdinand, Freiherr v., Bruder des vorigen, Großindustrieller und Reichs- tagsabgeordneter(fl901). II 361. Stumm, Wilhelm v., Wirklicher Legationsrat, 1916 bisl918Unt erstaa tssekre- tär. III 159, 168, 180. Sturdza, Peter, rumän. Staatsmann. II 48. Südekum, Dr. Albert, Sozialdemokrat. Reicbs- tagsabgeordneter. III 257. Sydow, Reinhold, seit Februar 1908 Staatssekretär des Reichsschatzamts, bis dahin Unterstaatssekretär, 1909 preußischer Handelsminister. II 384f., 505. Nicht wendig. II 455. Mißgeschick im Reichstag. II 518. Wird Handels- ministcr. II 455, 522. Szell, Koloman v., Ungar. Staatsmann. I 163. Szipjagin, russischer Minister des Innern. I 581. Szögy enyi-Marich, Läsz- 16, Graf, 1892 bis 1914 österr.-ungar. Botschafter in Berlin (f 1916). I 28. Charakteristik. I 143 f. Franz Josef zu ihm über Bülow. I 150. Szögycnyi über den Fürsten Fürstenberg. I 154. Über Appo- nyi. I 162. Über Frau von Tschirschky. I 406. Sehr unglücklich über Polenrede Bülows. I 563. Erneuerung des Dreibunds. I 580. Zirkular- Erlaß Bülows durch Szö- gyenyi Franz Josef mitgeteilt. II 330. Taf. II336. Über Sarajewo. III 137 f. — Brief an Bülow nach dessen Rücktritt. III 363f. Taaffee, Eduard Graf, österr. Staatsmann. 1156. Taine, Hippolyte, franz. Historiker. I 94. II 287. III 72. Takahira, Vertreter Japans bei dem Frieden von Portsmouth. II 169. Taf. II 168. Tattenbach, Christian Graf, 1890 bis 1896 Gesandter in Fez, seit 1900 in Lissabon. Nach Fez entsandt. II 113f. Schlägt Teilung Marokkos in Interessensphären vor. II 125 Vertreter in Algeci- ras. II 200. Brief an Bülow. II 220. Taube, Baron, Abteilungschef im russ. Ministerium des Äußern. II 326, 330. Testa, Dragoman der Deutschen Botschaft in Konstantinopel. I 250, 251, 256. Theotoki, gricch. Ministerpräsident. II 471. Thielen, preuß. Minister der öffentlichen Arbeiten. I 294. Thielmann v., 1897 bis 1903 Staatssekretär des Reichsschatzamts. I 192, 531. Thiers, französ. Staatsmann und Historiker. I 60, 198, 199, 397, 628. II 223. 332, 451. III 151, 316, 322. Thimme, Friedrich, Dr., Herausgeber der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amts. III 318f. Thoma, Hans, Maler. I 486. Thomas, Albert, französ. Sozialist, im Weltkrieg Minister für Kriegsindustrie. II 8. Tiedemann, Christoph v., Chef der Reichskanzlei, Regierungspräsident in Bromberg, Vorsitzender des Ostmarken-Vereins, Abgeordneter d. Reichspartei. I 562, 567. Tiele-Winkler, Graf, schlesischer Magnat, Kandidat des Kaisers für Oberpräsidium von Schlesien. II 102. Timiriasew, russ. Finanzattache in Berlin, später Handelsminister. II 42. Tirpitz, Alfred v., Großadmiral, 1897 bis 1916 Staatssekretär d. Rcichs- marineamts. Von Senden- Bibran gestützt. I 68. Gegen die „Hydra" der Kabinettschefs. I 73. Wilhelm II. über ihn. I 104. Mit Bülow in Wilhelmshöhe. I 107 ff. Charakteristik. I 108 ff. Verhältnis zu Wilhelm II. I 113 f. Marinevorträge bei den deutschen Fürsten. I 138. Phantastische Überseepläne. 1188 ff. Wilhelm II. über seine Stellung zu Kiautschou. I 210f. Will Manila besetzen. I 221. 27- 420 NAMENREGISTER Über das „Hineinschliddern" in den Weltkrieg. I 241. Beziehungen zu Bülow. I 362. Brief an diesen. I 363. Eifer finden Bau von Schlachtschiffen. I 404. Besprechung Bülows mit ihm über die Gefahrzone. I 413f. Kein Redner. I 414. Überragende fachliche Leistungsfähigkeit. I 431. Philipp Eulenburg über seine „Angst" vor England. I 461. Haßt Miquel. 1 522 f. Taf. 1512. In Petersburg. II 7. Die Entrevue in Kiel mißfällt ihm. II 23 f. Für regeren Anschluß Dänemarks. II 79, 303. Einseitige Energie. II 229. „Mauvais coucheur". II 245. Gegen Reichstagsauflösung (1906). II 270. Entsetzt über Brief des Kaisers an Lord Tweed- mouth. II 324 f. Protestrede im Staatsministe- rium nach „Daily Telegraph". II 363. Metternich zu Tirpitz über Notwendigkeit des Flottenagreement. II 419. Tirpitz soll Flotten-Formel ausarbeiten. II 431. Bei der Konferenz im Reichskanzlerpalais. II 431 ff. Brief Bülows an ihn. II 465. Tirpitz drängt nicht auf „Losschlagen". III 167. Zu wenig Kreuzer, U-Boote, Flugzeuge. III 182. Wünscht Entscheidung zur See. III 183. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 343f. Taf. III 138, 324. Tittoni, Tommaso, italienischer Botschafter in London und Paris und Senatspräsident, 1903 bis 1909undl919Ministerdes Innern. Über Besetzung von Tripolis (1905). II 199. Unterredungen Bülows mit ihm (1908). II 319, 407. Behandlung der bosnischen Krise. II 400. In Venedig. II 468. In Brindisi. II 472. — Brief an Bülow nach dessen Rücktritt. III 360 f. Tisza, Stefan, Graf, ungarischer Staatsmann, 1903—1905, 1913—1917 Ministerpräsident, ermordet 31. 10. 1918. I 161, 163. Tocqueville, Alexis de, französischer Historiker. II 126. III 134. Tower, Charlemagne, amerikanischer Botschafter in Berlin. II 211. Tramm, Stadtdirektor, Oberbürgermeister von Hannover. III 248. Treitschke, Heinrich v., Historiker. I 60, 74, 565. II 237, 286. III 101, 144. Trepow, Generalgouverneur von Petersburg. II 160f., 252. Treuberg, Gräfin Hetta. III 311. Treutier, v., Gesandter. II 321. Trieps, braunschweigisch. Staatsminister. II 248. Trimborn, Karl, Zentrumsabgeordneter, 8. 10. bis 9. 11. 1918 Staatssekretär des Innern. III 301. Trojan, Johannes, Chefredakteur des „Kladderadatsch". I 191. Trotha, Lothar v., General, Kommandeur in Deutsch - Südwestafrika, 1903 verabsch. (f 1920). II 21. Trotzki, Leo, Führer des Bolschewismus. III 275. Trubetzkoi, Präsident d. Moskauer Semstwos. II 160. Tscharykow, Gehilfe Is- wolskis. II 397, 402. Tschertkow, russ. Generalgouverneur von Warschau. I 568. Tschirschky u. Bögendorf f, Heinrich Leonhard V., Botschaftsrat in Petersburg, ab 1900 Gesandter in Luxemburg, dann in Hamburg, 1906 Staatssekretär des Äußern, 1907 Botschafter in Wien (f 1916). I 151. Als Vertreter des Auswärtigen Amts bei Nordlandreisen. 1348. NachLuxemburg. I 395. Gesinnung gegen Bülow. I 396. Seine Ehe. I 405 f. Zum Präsidenten Krüger nach Köln geschickt. I 472. In Heia. I 541 f. Der Fall der Swinemünder Depesche. I 583. Die Affäre des Kaisers mit dem Präsidenten Loubet. II 17. In Björkö. II 137, 138, 139. Bericht an Bülow über zunehmende Gereiztheit des Kaisers gegen England. II 152ff. Entschuldigungsbrief für Björkö. II 162f. Konflikt Tschirschkys mit Holstein führt zu dessen Sturz. II 214 ff. Schwacher Vertreter der Regierung. II 218. Abschied als Staatssekretär, Versetzung nach Wien. II 300 ff. Als Botschafter. II 472. Taf. II 140. Zu Wilhelm II. III 31. Das Ultimatum am 21. 6.1914 in seinen Händen. III 179. Taf. III 180. Tschudi, Hugo v., Direktor der Nationalgalerie in Berlin (f 1911). I 176. NAMENREGISTER 421 T u c h e r, Freiherr von, bayrischer Gesandterin Wien. III 269. Turkhan-Pascha. I 270. Tweedmouth,ErsterLord der Admiralität im Kabinett Campbell-Banner- man. II 205. Brief des Kaisers an ihn (März 1908). II 324, 378. III 63. Tyrrell, Privatsekretär Greys. III 190. Uexküll, Graf Alfred, österreichisch - ungarisch. Militärattache in Konstantinopel. I 252. Uhland, Ludwig. Sein Bild im Schlafzimmer Bismarcks. I 231. II 453. Urach, Herzog von. Die Bäreninseln. I 81, 82. Im Weltkrieg Kandidat für den litauischen Thron. I 81. III 275. Valentini,v., Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts 1908—1918. I 64, 73. Tirpitz gegen ihn. I 73. An ihn die Briefe des Kaisers von Bülow. II 197. Charakteristik. II 441. Gegen Monts als Nachfolger Bülows. II 469f., 511. Mit Bülow nach Kiel. II 509 ff. Freund Bethmanns. II 515f. Über Verabschiedungsbrief an Bülow. II 523. Rathenau über Valentinis Informationen. III 43 f. Für Michaelis. III 115, 267. Ordens-Auszeichnung. III 268. Abschied. III 283. Van dal, Albert, französischer Historiker. I 47. Vanderbilt, Cornelius, amerikanischer Kapitalist. I 575. Va n n u t e 11 i, Serafino, Kardinal. I 620, 621. Varnbüler, Axel, Baron, württembergischer Gesandter in Berlin. II 291, 309, 312, 313. Vaszari, Kardinal. I 621. V e 1 s e n, v., Oberberghauptmann. II 90. Victoria, Königin von England 1837 bis 1901. 60 jähriges Regierungsjubiläum. I 17. Die „schnapsende Großmutter". I 34. Beschwerdebrief Wilhelms II. I 70. Zentralsonne. I 100. Arrangiert hessische Heirat. I 101. Erwähnt die Rede von der „gepanzerten Faust" nicht. I 206. Respektsperson auch für die Deutsche Kaiserin. I 261. Hat deren Ehe beschlossen. I 263. Pariser Karikaturen. I 292. Entsetzt über Besuch des Kaisers bei Lonsdale. I 304. Beim Bankett in Windsor. I 308 f. Bülow in Audienz bei ihr. I 321 ff. Sie nennt Salisbury einen hervorragenden Staatsmann, erwähnt Chamberlain nicht. I 322. Ihre Ehe. I 322. Vorliebe für Disraeli, Abneigung gegen Gladstone. I 322. Zweifellos friedlich. I 329. Schriftliche Rechtfertigung Wilhelms II. vor ihr (über Bismarcks Entlassung). I 352. Schweigsam zu Fremden. I 453. Annulliert die Ehe Ludwigs IV. von Hessen. I 488 f. Erkrankung. I 502. Tod. I 504. Kammerdiener Brown. I 536. Taf. I 304. Über ihren Enkel. II 526. Victoria, Prinzessin von Battenberg, geb. Prinzessin von Hessen. I 455, 488. II 162. Vigo, Mendez de, spanischer Botschafter in Berlin. I 286. Viktor Emanuel III. König v. Italien seit Juli 1900. I 144. Wilhelm II. über das „Männeken". I 267. Empfang in Berlin. I 400. Vom Kaiser persifliert. I 542 f. Besuch in Berlin und Potsdam. I 602. Franz Josef über ihn und seine Gattin. I 627. Besuch in Paris. II 60. Der Kaiser hat es mit ihm verdorben. II 87. Begegnung in Venedig (1908). II 319. Bülow bei ihm in Rom. II 407. Begegnungen mit dcmKaiser inVenedig (1909) und Brindisi. II 468, 472. Kiderlen stellt sich dem König vor. III 88. Briefe und Telegramme Wilhelms II. an ihn (Juli 1914). III 169. Empfängt Bülow. III 224, 234f. Viktoria (Kaiserin Friedrich), f 5. 8.1901 in Friedrichshof (Taunus). I 15. Gegen August Eulenburg. I 74f. Über ihren Sohn. I 79. Der Fall Battenberg. I 80. Besuch in Paris. I 80. Seekrank. I 83. Rivalität mit ihrer Schwester Alice. I 99 f. An der Paradetafel in Homburg. I 129. Griechisch gesinnt (1897). I 148. Für englische Interessen. I 189f. Besuche bei Fürstin Bülow. 1190. Über den Prinzen Heinrich. I 206. Über persönliche Eigenliebe Wilhelms II. I 212. Brief Wilhelms II. an sie über den toten Bismarck. I 234 ff. Immer Engländerin. I 261. Beschließt die Ehe ihres Sohnes. I 263. Hetzt ihn (1898) gegen den Biesterfelder. 422 NAMENREGISTER I 266. Briefe an Frau von (Fürstin) Bülow. I 269 f. Verweist ihrem Sohn das laute Sprechen. I 309. Besuch Eduards VII. Lei ihr. I 335. Granville üher sie. I 340. Brief an Bülow. I 345. Empört über Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen". I 352. Unbesonnenheiten gegenüber Diplomaten. I 354. Ihre körperlichen Qualen. I 392, 504. Über deutsche Konkurrenz gegen England. I 412. Gegen Philipp Eulenburgs Einfluß. I 452. Fürstin (Gräfin) Bülow bei ihr. I 482. Auguste Viktoria bei ihr. I 505. Tod. I 534. Ihr Schicksal. I 535 ff. Bismarck über sie. I 540. Beisetzung. I 540. Taf. 1352. 1870 gegen Bismarck. III 163. Über Hans Delbrück. III 249. Viktoria Prinzessin von Schaumburg-Lippe, geb. Prinzessin von Preußen, zuletzt Frau Subkow. I 51. Fürst Alexander Battenberg. I 80, 222. Ihr Interesse an Lippe-Detmold. I 266. In Norderney. III 142. Viktoria Luise Prinzessin von Preußen, Herzogin von Braunschweig. I 459. Ehepakt Hohenzol- lern-Cumbcrland. II 249f. II 529. III 204, 241. Viktoria Melitta Großherzogin von Hessen, geb. Prinzessin von Kohurg. I 101,306, 487 f. Trauung mit Kyrill. II 175 ff. Virchow, Rudolf, berühmter deutscher Mediziner. II 257. Visconti-Venosta, Emilio, Marchcse, italienischer Staatsmann (t 1914). I 3. Taunusfahrt mit Bülow (September 1897). I 134f. Bülow in Rom mit ihm zusammen. I 609. Pansa aus seiner Schule. III 151. Über Diplomatie. III 190. In der Consulta. III 218. Vitzthum, Graf Friedrich, sächsischer Oberhofmarschall, Präsident der Ersten Sächsischen Kammer. I 444. II 52, 475. Brief an Bülow über Unterredung mit dem Kaiser. III 47 ff. Vives y Tuto, Kardinal. I 620. Viviani, Rene, französischer Sozialist, Arbeitsminister, dann nacheinander Chef mehrerer Ressorts, auch Außenminister. I 199. Vogtherr, Abgeordneter der U. S. P. D. III 271. Vollmar, Georg v., sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter (fl922). I 598 f., 600. Voß, Richard, Schriftsteller. I 284. III 365. Wagner, Adolf, Professor, seit 1870 Nationalökonom in Berlin (fl917). II 383. III 132f. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 350. Wagner, Cosima (f 1930). Über Wilhelm II. I 550. Über Radowitz. II 200 f. — Kundgebung zu Bülows Rücktritt. III 357. Wahl, General, russischer Gouverneur von Wilna. I 581. Wahn seh äffe, Vortragender Rat, Chef der Reichskanzlei unter Bethmann Hollweg. I 567. II 489 f. III 25. Von Bethmann zu Bülow nach Norderney gesandt. III 55. Telephonate über Abdankung des Kaisers. III 306. Waldeck-Rousseau,1899 bis 1902 franz. Ministerpräsident (f 1904). I 292. II 244. Waldersee, Graf Alfred, 1888—1891 Chef des Generalstabs, dann Kommandierender General in Altona, 1900 Generalfeldmarschall (f 1904). I 31, 32. Kompromittiert bei einem Liebesmahl des Regierungspräsidenten v. Brandenstein. I 62. Mitwirkung bei den Berichten des Konsuls Raffauf. I 233. Entsendung nach China. I 363. Kaiserliche Marginalien über ihn. I 363. Gründe der Ungnade. I 363 ff. Für Ausnahmegesetz. I 364. International. Oberbefehlshaber in China. I 366 ff. Feldmarschallstab vom Kaiser überreicht. I 367f. Eintreffen in China. I 369 f. Charakteristik. I 370 f. Einzug in Peking. I 398. Empfang durch den Kaiser in Homburg. I 540 f. Wilhelm II. braucht keinen Chef des Generalstabs. III 12. Argwohn Bismarcks gegen Waldersee. III 161. Falkenhayn macht Karriere durch ihn. III 186. Über Wahrheitssinn des Kaisers. III 300. Waldow, v., Oberpräsident von Posen. II 488. Waldthausen, v., deutscher Gesandter in Bukarest. III 126. NAMENREGISTER 423 Wallwitz, Nikolaus, Graf, deutscher Gesandter in Brüssel. II 73 f. III 34. Bericht über Artikel Schlicffens. II 78. Durch Bethmann seines Postens enthoben. III 66 ff., 83. Wangen heim, Freiherr v., deutscher Gesandter in Athen, dann Botschafter in Konstantinopel. Auf Reichskanzler - Kandidatenliste. I 183, 259. In der Balkanfrage. I 626. Gegen Kiderlen. II 416. Über Aufenthalt des Kaisers in Korfu. II 470 f. Botschafter in London? III 122. Wangenheim-Klein- Spiegel, Freiherr Konrad v., Vorsitzender des Bundes der Landwirte. I 532. III 133. War bürg, Max, Bankier. III 178. Warncke, Paul, Redakteur des „Kladderadatsch". III 201. Wartensleben-Rogasen, konservativer Abgeordneter. II 95. Wartensleben - Schwir- sen, v., konservativer Abgeordneter. II 95. Wartensleben, Graf Hermann. General der Kavallerie. II 492. — Zu Bü- lows Rücktritt. III 357. Weddigen, Otto, U-Boot- Kommandant. I 112. Wedel, Graf Botho, 1910 Vortragender Rat im Auswärtigen Amt, November 1916 bis Juli 1919 Botschafter in Wien. Intrigen gegen Bülow. III 115. Ahnungslos in Norderney. III 141. Übermittelt Wiener Ablehnung Bülows. III 269. Rosige Berichte. III 279. Wedel, Graf Ernst, Oberstallmeister. I 243 f. Wedel, Graf Karl, 1913 Fürst, General ä la suitc, Gesandter in Stockholm, Botschafter in Rom, 1902 in Wien. 1907 Statthalter in Straßburg (f 1919). I 183. Von Bülow (1900) als Reichskanzler empfohlen, vom Kaiser abgelehnt. I 374, 380. Berufung nach Wien. I 606. Tritt für die Herzogin von Hohenberg ein. I 625. Posadowsky wirft ihm vor, ihn nicht ausreichend unterstützt zu haben. II 49. Über Intrigen Philipp Eulenburgs. II 261 f.Nach Straßburg. II 301. Brief an Bülow (1909). II 497 ff. Zur Beisetzung König Carols entsandt. III 170. Unterredungen mit Hellmuth Moltke. III 170f. Gespräch mit Plessen üb. Unzulänglichkeit Flotows III 201. Jagow bemüht sich bei Wedel. III 240.— Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 347. Wedel-Piesdorf, v., Minister des kgl. Hauses. I 373. Weizsäcker, Karl v., Württemberg. Ministerpräsident. II 388. Wekerle, Alexander v., ungarischer Staatsmann. I 163. Werder, Bernhard Franz Wilhelm v., General, 1892 bis 1895 Botschafter in Petersburg. I 33. Brief an Bülow. I 406f. Berichte aus Petersburg. I 548 f. Wermuth, Adolf, Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern, 1909 bis 1912 Reichsschatzsekretär, später Oberbürgerm. von Berlin (f 1927). I 531. Bei den Verhandlungen mit Rußland in Norderney. II 42, 45f., 522. Westarp, Graf Cuno, Führer der Konservativen, Schildknappe Hcy- debrands. II 493, 508. III 5, 85. Wet, de, Burengeneral. I 398. Nichtempfang in Berlin. I 599. Wetterle, Abbe, elsäss. Politiker. II 479 f. White, amerik. Botschafter in Berlin. I 221. Whitman, Sidncy, engl. Journalist. I 334. II 377. Wied, Fürst zu, Präsident des Deutschen Kolonialrats. I 283 f. Wiedemann, v., Generaladjutant des Prinzregenten Luitpold. I 481. Wiegand, Direktor des Norddeutschen Lloyd. I 49, 359, 436. Wiesner, k. k. Hofrat, mit Untersuchung des Attentats in Sarajewo beauftragt. III 139. Wilamowitz-Möllendorf, Ulrich v., Professor der Altertumswissenschaft. II 497. III 42. Wilbrandt, Adolf, Schriftsteller. I 596. II 10, 94, 274. III 70, 90f., 109f. — Brief an Bülow nach dessen Rücktritt. III 365. Wildenbruch, Ernst v., preuß. Dramatiker. II 10. III 11. Wilhelm I. Friedrich Wilhelm IV. über ihn. I 18. Die Zentennarrede seines Enkels. I 40. Sein Erbe an Kredit und Volkstümlichkeit. I 50. Ton an seinem Hofe taktvoll. I 69. Widerspruch gegen 424 NAMENREGISTER das Heiratsprojekt Battenberg. I 80. Taktvollster aller Fürsten. I 106. Stammburg in Nürnberg. 1121 f. Königgrätz. 1444. Strengste Diskretion an seinem Hof. I 453. Bismarck über d. „alten Infanterieobersten". I 490. Autorität. I 520. Erinnerung Bülows. III 63. Wilhelm I. und Bismarck. III 327. Wilhelm II. Charakteristik durch Philipp Eulenburg. I 5. Empfängt Bülow 26. 6. 1897 in Kiel. I 15 ff. Selbstherrlich. I 29. Traurig über die Entfremdung der Engländer. I 34. Verstimmt über die Konservativen. I 34. Hat keine wahren Freunde. I 38. Zentennarrcde (26.2. 1897), auch Handlangerrede. I 40 f. Monts über deren Folgen. I 41 ff. „Völker Europas". I 48. Nervöser Kollaps. I 50. Telegramm an Miquel über Flotte. I 55. An Hohenlohe über Kündigung d. Handelsverträge. I 56. Physischer Mut. 157. Kölner Dreizackrede. I 59, 60. Schnelle Auffassungsgabe. I 61. Abfahrt nach Peterhof. I 61. Erinnert an Ernst II. von Kohurg. I 66 f. Konstruiert Kriegsschiffe. I 68 f. Die Flucht nach Holland. I 77 f. Seine Mutter über ihn. I 79. Beabsichtigt Spekulationen mit Leopold II. I 81. Denkt an Annexion der Bäreninseln. I 81. Seekrank. I 83. Ankunft in Peterhof. I 83. Mimikry. I 84. Will Kiautschou Rußland überlassen. I 86. Russischer Admiral. I 93. Begeistert über seinen Titel eines Real Amirai of the Fleet. I 93 f. Ändert Toast beim Galadiner in Peterhof. I 94. Auf Rückfahrt nach Kiel Privatissimum für Bülow über Flottenpolitik. I 104. Tätigkeitsdrang. I 104f. Hinzpeter über seine Fähigkeiten. I 106. Scharfe Äußerungen Hinzpeters über ihn. 1106. Scheu Wilhelms II., seine Flotte aufs Spiel zu setzen. I Ulf. Verhältnis zu Tirpitz. I 113 f. Säule für die Opfer seiner Ungnade. I 114. Über den „bösen Alten in Friedrichsruh". 1116. Gottesgnaden-Rede in Koblenz. I 118. In Würzburg und Nürnberg. I 119 ff. Kaiser-Manöver in Hessen. I 128 ff. Der Maulesel Gibraltar. I 131. Toast in Homburg auf Königin Margherita. I132ff. Geht allen Fürsten auf die Nerven. I 133. Hat Bismarck wie einen unehrlichen Bedienten fortgejagt. I 133. Ärgernis von oben. I 136. Brief an Philipp Eulenburg (über die Welt disponiert, Kontinentalsperre). I 136 ff. „Bernhard, Prachtkerl". I 138f. Gegen Umsturz. I 139. Hybris. I 140. Inkonsequenz. I 148. Gegen seine Mutter. I 148 f., 152. In Budapest. I 149 ff. Verhältnis zu Franz Josef. I 151 ff. Toast bei der Paradetafel in Ofen. I 164 ff. In Wiesbaden. I 168. Cäsaren-Theater auf der Saalburg. I 171. Cäsaren - Enthusiasmus schmilzt. I 172. Enthüllung des Wiesbadener Kaiser - Friedrich - Denkmals. I 173. Ignoriert dasBismarck-Denkmal in Hamburg. I 173f. Unduldsam in künstlerischen Fragen. I 176 f. Will Eugen Richter zwei Flügeladjutanten schicken, „den Revolver in der Faust". 1177. Velleitäten. I 183. Telegramm gegen das chinesische Heidenvolk (Kiautschou). I 184. Rede bei Rekruten-Vereidigung. I 190 f. Thronrede (30.11.1897). I 191 f. Antwort auf Abschiedsgesuch Miquels. I 200. Rede von der „gepanzerten Faust". I 203 ff. Beschwerdebrief an die Queen über Salisbury. I 208. Letzter Besuch in Friedrichsruh. I 209. Telegramm an Bülow über Kiautschou. I 210. Unzutreffendes Marginal. I 210ff. Hatte er Herz? I 212f. Über den „alten bösen Bismarck". I 211. Seine Mutter über seine persönliche Eigenliebe. I 212. Spanische Sympathien. I 219 ff. Fordert Besetzung von Manila. I 221. Marginal zu Rede Bülows. I 222. Im Lippeschen Erbfolgestreit. I 222f. Lord zu Edenhall. I 223. Rede z. zehnjähri- genRegierungsjubiläum.I 223. Gnädiges Telegramm an Philipp Eulenburg. I 224. Lacht über dessen Pharao-Märchen. I 226. Bei Nachricht von Bismarcks Tod. I 229 f. Bei der Trauerfeier in Friedrichsruh. I 230 f. Die Berichte d. Konsuls Raffauf (1890). I 233. Brief Wilhelms II. an seine Mutter über den toten Bismarck. I 234. (Übersetzung im Anhang.) Der Brief gegen diesen an Franz Josef. I 234, 235. NAMENREGISTER 425 Telegramm an den Zaren gegen Abrüstung. I 237. Trinkspruch in Oeynhausen über Arbeitswillige. I 238. Fordert nach Ermordung der Kaiserin Elisabeth inter- nationalesVorgehen gegen die Anarchisten. I 239f. Orientreise (1898). I 2420". Predigt in der Erlöserkirche in Jerusalem. I 235. Rede in Damaskus über Saladin. I 258. In Malta. I 265 f. Vergebliche Schritte bei den süddeutschen Höfen in der Lippeschen Frage. I 267 f. Ansprache auf der Wildparkstation (26. 11. 1898). I 268. Einzug in Berlin. I 269. Brief des Zaren. I 270 f. Telegramm des Kaisers an Bülow. I 279, 288. Eingreifen in den Kampf um die Kanalvorlage. I 293. Wäscht Miquel den Kopf. I 295. Zorn gegen die Konservativen. I 295. Wütende Telegramme. I 296. Keine generelle Abneigung gegen Judentum. I 297. Bestrafung der „Kanalrebellen". I 297. Bestürzt über den Abfall der „Großen" seines Hofs. I 298. Besuch in Karlsruhe und auf Burg Hohenzollern. I 299 f. Hitzige Rederei üb. den Burenkrieg bei Souper im Neuen Palais. I 301. Besuch von Zar und Zarin in Potsdam. I 301 ff. Reise nach England (No- vemb.-Dezemb. 1899). I 303 H. In Windsor. I307ff. Nennt sich zum Prinzen von Wales alleiniger Herr in der deutschen Politik. I 316. Besuch in Sandringham. I 338. Abfahrt von England. I 344. Toast auf den Zaren (z. Haager Friedens - Konferenz). I 348. Nordlandreise 1899. I 348 ff. Staatsstreichpläne. I 348 ff. Über Rhodos I 351. Über Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" und über ein kaiserliches „Testament an das deutsche Volk". I 352. Will Herbert Bismarck niemals mehr anstellen. I 353. „Jahrhundert-Kniebeuge". I 357. Reden in Wilhelmshaven und Bremerhaven an die China-Krieger. I 358 ff. Nach der Hunnenrede. I 360. Marginalien über Waldersee, Gründe der Ungnade. I 363 ff. Marschallstab. I 365. Oberster Kriegsherr. I 365 f. Waldersees internationaler Oberbefehl für China. I 366. Überreichung des Feldmarschallstabes an ihn. I 367. Empfängt Bülow in Hubertusstock. I 371 f. Bietet ihm Reichskanzlerschaft an. I 372. Lädt ihn telephonisch nach Homburg ein. I 375. Unberechenbarkeit. I 380. Erbittert gegen die Agrarier. I 382. Für Handelsverträge. I 383. Sehr zugunsten der in Südafrika siegreichen Engländer. I 398. Illusionen über Frankreich. I 403. Kein Antisemitismus. I 405. Unterschätzt Englands Ressourcen. I 428. Eigenschaften des modernen Deutschen. II 430. Sucht Salisbury bei der Queen zu diskreditieren. I 434. Marginal über die Allianz - Verhandlungen mit England. I 436. Noch immer die „gelbe Gefahr". I 438. Kein Vertrauen zu ihm möglich. I 443. Hat nie an einen Angriffskrieg gedacht. I444f. Eduard VII. über ihn. I 444. Bramarbasiert. 1445. Toast zur Mündigkeit des Kronprinzen. I 445 f. Gegen den Parlamentarismus. I 447 ff. Über Bismarcks „kolossale Per- fidie". I 419. Der Lotse von Bari. I 454. Beschimpft den Zaren. I 454 f. Korrespondenz mit ihm. I 455 f. „Krach" auf d. Nordlandreise, Schutz- und Tnilzbiindnis mit Japan befohlen. I 456. Beunruhigende Ausbrüche. I 457, 458. Empfängt den Präsidenten Krüger nicht. I 471 f. Reise zu der sterbenden Queen. I 504 ff. Englischer Feldmarschall. I 505. Schwarzer Adlerorden für Roberts. I 508. In Homburg. I 508 ff. Bedeutungsloses Attentat in Bremen. I 518 f. Rede in der Alexander-Kaserne. I 519 f. Schärfe gegen den Zaren. I 521. Diner am Zaren - Geburtstag in Metz. I 525. Enthüllung des Berliner Bismarck- Denkmals. I 528 ff. Am Sterbebett der Mutter. I 534. Empfang des zurückgekehrten Waldersee. I 540 f. Begegnung mit dem Zaren in Heia. I 541 ff. Ritt nach Wysch- tyten. I 546 f. Rede zur Vollendung der Siegesallee. I 550. Rede auf der Marienburg. I 568 ff. Begegnung mit dem Zaren in Reval. I 580ff. Schiffs- goi tesdienst. I 582. Swinemünder Depeschen an den Prinzregenten Luitpold. I 582 ff. Rede beim Begräbnis Krupps. I 586. Denkschrift der Regierungsparteien über die 28 Bülow III 426 NAMENREGISTER Monarchie. I 600 ff. Reise nach Rom. I 607 ff. Besuch bei Papst Leo XIII. I 610 ff. Unterredung mit ihm. I 611 ff. Rominten und Nordlandreise von 1903. I 616 ff. Herbstmanöver 1903, Albert von Sachsen über militärische Befähigung des Kaisers. I 623. Jagd auf den Gütern des Erzherzogs Friedrich. I 624. Begegnung mit Franz Josef. I 626. Mit dem Zaren in Wiesbaden und Wolfsgarten. I 630 ff. Stimmlippen - Operation. I 634. Taf. I 256, 416, 464, 592. Erste Mittelmeerreise. II 14 ff. Keine Begegnung mit Loubet. II 16 f. Rede in Karlsruhe. II 16. „Vive l'Empereur" in Homburg. II 19. Telegramm an Loubet. II 19. Besuch Eduards VII. in Kiel. II 23 ff. Toast im Jachtklub. II 30 f. Gratuliert Bülow zu den Verhandlungen mit Witte in Norderney. II 47. Gegen den Herzog von Cumberland. II 50. Gegen den Grafen Leopold zu Lippe. II 55. Gespräch Bülows mit Wilhelm II. über Lippe. II 57. Ihre Unterredung üb. Rußland und Japan. II 63 ff. Der Kaiser will gegen Dänemark vorgehen. II 67 f. Erhält Absage des Zaren, den er von Frankreich zu trennen sucht. II 69. Bülows Gespräch mit dem Kaiser darüber. II 69. Blaß bei der Defiliercour 1905. II 71. Pour le Merite für Stössel und für Nogi. II 72. Besuch Leopolds II. von Belgien in Berlin. II 72 ff. Nochmals das Vorgehen gegen Dänemark. II 79f. Schaden der Beredsamkeit. II 86. Geht dem Zaren auf die Nerven. II 86. Gottes- gnadentum. II 89. Gegen die „Hundebande vom Zentrum". II 97. Zwei Adjutanten „mit Revolver und Degen" auf das „B. T.". II 98. Parade- Rede in Straßburg. II 98 f. Begegnung mit Alfons XIII. von Spanien. II 105. Mittclmcerreise von 1905. II 106ff. Landung in Tanger. II 111. Überschwang nach Delcasses Sturz. II 123. Zusage an den General Lacroix wegen Marokkos. II 123. Ärgert den Zaren durch naive Präpotenz. II 130 f. Gespräch über ihn mit dem Prinzen Heinrich. II 131 .Besteht auf deutschen Kohlenlieferungen für das russische Ostseegeschwader. II 132. „Prächtiger" Brief an Nikolaus II. II 134. Die Björkö-Affäre. II 136 ff. Erfolgloser Druck auf Dänemark. II 144 f. Antwort auf Bülows Abschiedsgesuch. II 145ff. Wütend über Einladung des Kronprinzen durch Eduard VII. II 152 ff. An den Zaren über die englische Flotte in Swinemünde. II 154. Empfängt Witte in Rominten. II 171 ff. Äußerungen über Eduard VII. in Kiel. II 189. Brief des Kaisers über seine Unterredung mit Beit. I 190ff. Brief zu Silvester 1905 an Bülow. II 197 f. Neujahrsrede im Zeughaus. II 208. Wachsende Nervosität im Verlauf von Alge- ciras. II 209. Besucht Bülow nach dessen Ohnmacht im Reichstagsgebäude. II 214. Sekundanten-Telegramm an Golu- chowski. II 224, 238. Besucht Bülow in Norderney. II 225. Rede in Cuxhaven. II 225. Privatissi- mum Bülows für den Kaiser. II 239 ff. Dieser will die baltischen Provinzen annektieren. II 243. Für Wiederherstellung des Königreichs Polen (1906). II 243. Zwischenfall mit dem Herzog von Connaught. II 247. Der Konflikt mit dem Herzog von Cumberland. II 249 f. Zögert, Amnestie zu bewilligen. II 250 f. Erregung über Hohenlohes „Denkwürdigkeiten". II 251 f. Äußerungen über Bülows angegriffene Gesundheit. II 261. Marginalien zu Worten Bülows gegen persönliches Regiment. II 265 f. Ansprache vom Berliner Schloß aus (nach den Reichstags - Stichwahlen). II 279. Begegnung mit dem Zaren in Swinemünde. II 293 ff. Mit Eduard VII. in Wilhelmshöhe. II 296 f. Die Abreise nach England (1907) und ein Vorspiel. II 305 ff. Besuch in High- cliffe. II 307. Brief an Bülow über den Eulenburg- Skandal. II 311f. Rede in Döberitz über Einkreisung. II 317. Begegnung mit Eduard VII. in Homburg. II 321. Gespräch mit Hardinge über Flottenbau. II 321 ff. Der heimliche Brief an Lord Tweedmouth. II 324f. Der Artikel für den „Daily Telegraph". II 338 ff. Stürmische Wendung des Kaisers gegen Osterreich und Bulgarien. II 341 f. Thronrede über NAMENREGISTER 427 Abänderungen des preußischen Wahlrechts. II 342 f. Rede bei Hochzeit des Prinzen August Wilhelm. II 343 f. Begegnung mit Franz Ferdinand. II 350 f. Unterredung mit Bülow über den „Daily- Telegraph"-Skandal. II 357. Kabarett in Donaueschingen. II 364. Demonstrative Ehrung des „größten Deutschen" Zeppelin. II 365, 373. Das unterdrückte Interview mit d. Amerikaner Haie. II. 374. Audienz Bülows beim Kaiser. II 377ff. Kuß auf beide Wangen. II 381. Wilhelm II. wünscht abzudanken. II 382. Im Berliner Rathaus. II 388. Erholt. II 390. Bülow über die Frage einer Abdankung oder Enthebung. II 413f. Begrüßung Eduards VII. in Berlin. II 419 ff. Brief an Bülow über Flottenverständigung. II 429 ff. Im- mediatvortrag Bülows bei ihm über Zweifrontenkrieg. II 439 f. Bülow stellt ihm die Vertrauensfrage. II 446 ff. Über Bülows Weinkrämpfe. II 450. Abendtafel in Potsdam. II 464 f. Reise nach Venedig. II 468 ff. Nach Korfu. II 470 f. Begegnung mit Viktor Emanuel in Brindisi. II 472. Besuch bei Franz Josef in Wien, Rede in der Hofburg. II 472. Immediat- vortrag Bülows in Wiesbaden. II 475 f. Sängerfest in Frankfurt a. M. II 476 ff. 50. Geburtstag. II 476 f. Begegnung mit dem Zaren in den finnischen Schären. II 480 ff. Zweideutige Haltung gegen Bülow. II 493 f. Rede in Cuxhaven. II 500. Abschiedsaudienz Bülows in Kiel, Dialog mit dem Kaiser. II 511 ff. Wilhelm II. ist entschlossen, Bethmann zu nehmen. II 511 f., 514. Gegen Flotten- Agreement als Demütigung. II 512f. Abschiedsaudienz für Bülow. II 523IF. Taf. II 112, 140, 280, 304, 336, 352, 480, 496. Nach der Trennung. III 46 ff. Gegen Bülow, Har- den u. Holstein. III 487 f. Einladung des Fürsten und der Fürstin Bülow nach Potsdam. III 62 f. Beziehungen von 1909 bis 1914. III 114ff. Vermählung der Prinzessin Viktoria Luise. III 119. Nachricht vom Mord in Sarajewo. III 138. Empfängt Bülow im Berliner Schloßhof. III 146 f. Der Kaiser hat niemals den Krieg gewollt. III 152. Über die serbische Antwort. III 164. Unwille über Bethmann. III 165. Telegramm an Moltke: Die ganze Armee Front gegen Rußland. III 172. Telegramm an Georg V. III 172. „Betet für uns!" III 174. Telegramme nach Wien und Rom. III 190. Empfang Bülows in Schloß Bellevue. III204f. Die allerhöchste Stimmung. III 214 f. Über Äußerungen der Königin- Mutter Margherita. III 225f. Handschreiben für Friedensangebot der Mittelmächte. III 253. Empfängt Bülow im Neuen Palais. III 25311. Zu August Eulenburg über Bülows Wiederkehr. III 265. Ernennt Michaelis zum Nachfolger Beth- manns. III 267f. Gegen Parlamentarisierung. III 274. Will als Hausgut das Herzogtum Kurland. III 275. Begegnung auf der Straße. III 289. Flucht im U-Boot nach Spanien? III 289 f. Verläßt Berlin. III 290 f. „Der Bademax ist ein Verräter!" III 294. Abdankung unvermeidlich. III 296 f. In Spa. III 297, 306. Flucht nach Ame- rongen. III 297 f. Brief an den Kronprinzen. III 298f. Wilhelm II. vor der Geschichte. III 328. Taf. III 112, 128, 138, 176. Wilhelm II., 1891—1918 König von Württemberg (t 1921). I 267, 484f. II 388, 477. III 304. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 337 f. Wilhelm III., 1849—1890 König der Niederlande. I 300f. Wilhelm Ernst Großherzog von Sachsen-Weimar. I 549. — Kundgebung bei Bülows Rücktritt. III 340. Wilhelmine, seit 1890Königin der Niederlande. Besuch in Potsdam. I 300 f. Empfängt den Kaiser in Vlissingen. I 345. Willisch, Vorsteher des Chiffrierbüros im Auswärtigen Amt. I 394 f. Wilmowski, v. (Vater), Kabinettschef Wilhelms I. 121,72. Wilmowski, v. (Sohn), Chef der Reichskanzlei. I 21, 529. Taf. I 96. Wilson, Woodrow, Präsident der U. S. A. II 298. Friedensangebot an ihn. III 286, 287, 295, 296, 313. 428 NAMENREGISTER Windthorst, Führer des Zentrums, Cegner Bismarcks. I 466, 532. III 42. Winterfeldt, v.. Generaladjutant. I 243. Win tzigerode, Graf, Vorsitzender des Evangelischen Bundes. I 248. Wirth, Josef, badischer Zentrum sabgeordneter, nach 1921 Reichsfinanzminister, Reichskanzler, Reichsinnenminister. I 390, 481, 539. II 251, 463. III 942. Witte, Sergej Juliewitsch, später Graf, russ. Finanzminister, dann Ministerpräsident (f 1915). Bekanntschaft Bülows mit ihm, Charakteristik. I 96 ff. „Einer der merkwürdigsten Staatsmänner" (nach Schweinitz). I 408. Vorwegnahmeeines Worts von Renvers über seinen Tod. I 409. Witte über Rußland u. Deutschland. I 441. Ungnade wegen der montenegrinischen Prinzessinnen. 116. Handelsvertragsverhand- lungeu mit ihm in Norderney. II 41 ff. Über seine Entlassung als Finanzminister. II 431". Begrüßt Plehwcs Ermordung. II 47. Empfiehlt Frieden mit Japan. 11 130. Der Hof fürchtet seine Rachsucht. II 131. Macht nicht zu unterschätzen. II 159. Friedensverhandlungen in Portsmouth. II 169f. In Berlin. II 170 f. Beim Kaiser in Rominten. II 171 ff. Witte überBjürkö. II 174. Brief von Frau Witte an Ernst Mendelssohn. II 174f. Taf.il 168. Kokowzow über ihn. III 129. Wittgenstein, Fürstin Leonille, Schwiegermutter von Chlodwig Hohenlohe. III 230. Wittich, v., Generaladjutant, Kommandeur des 11. Korps. I 373. Witting, Geheimrat,Oberbürgermeister von Posen, dann Präsident der Berliner Nationalbank. III 133. Wladimir, russ. Großfürst. I 93, 97, 549. Über Wilhelm II. II 86f. Warnt vor Revolution (1905). II 129. Vor zu viel Ratschlägen an den Zaren. II 134. Attentat. II 161. Reicht Entlassung ein. II 176. Woedtke, v., Direktor im Reichsamt des Innern. Inder 12000-Mark-Affäre preisgegeben. I 468. Tod. I 470. Woermann, Adolf, Großkaufmann in Hamburg. I 203. Wolff, Theodor, Chefredakteur des „Berliner Tageblatts". III 88f. Wortley, Stewart, englischer Oberst, Besitzer von Highcliffe. II 307, 353, 354, 446. Woyrsch, v.. General. II 184. Muß über Spazierstock springen. II 260f. III 323. Würzburg, Baron, Mitglied der Ersten Bayrischen Kammer. I 120. Wyrubowa, Anna, Gönnerin Rasputins. I 100. Zanardelli, Giuseppe, italienischer Minister und Kammerpräsid. (f 1903). I 608. II 59. Zedlitz, Oktavio v., freikonservativer Abgeordneter (f 1919). I 295, 390. Zedlitz-Trützschler, Graf Robert, preußischer Kultusminister bis 1892, 1898 Oberpräsident von Hessen-Nassau, bis 1909 von Schlesien (f 1914). 1262.11103,454,456. III 308. Zeppelin, Graf. II 324, 365, 373. Rathenau über ihn. III 44. Zetkin, Klara, deutsche Sozialistin und Kommunistin. III 104. Ziegler, Theobald, Professor der Philosophie an der Universität Straßburg (f 1918). III 133. Zimmermann, Eugen, Journalist. II 479. III 200, 213 f., 239. Zimmermann, Arthur, 1911—1916 Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, November 1916 bis August 1917 Staatssekretär. III 159. 212, 213. Als Staatssekretär. III 271 f. Das Bündnis mit Mexiko. III 272. Zita, geb. Prinzessin von Parma, Erzherzogin von Österreich, dann Kaiserin. I 159. III 141, 269, 270, 279. Zorn, Philipp. Professor, Staatsrechtslehrer, Bonn. III 132f. SACHREGISTER Abrüstungskonferenz s. Friedenskonferenz. Ägypten. Ansprüche Frankreichs gegen England. I 418. Ein Kreuz darüber gemacht. II 5, 28. Afghanistan. II 260. Aga dir. Entsendung des Kanonenboots„Panther". I 555. II 212. III 87f., 89, 181. Albanien. Anspruch Italiens. I 608. Noli me tangere auch für Österreich (Giolitti). II 59. Antrag Kanitz. I 37, 39. Bagdadbahn. Projekt von Georg v. Siemens (1898) und Abkommen mit England (1914). I 253, 328. III 261. Erteilung der Konzession (1902). I 572. Balkan (s. Bosn. Frage). Der Status quo. I 627, 631. Mürzsteger Abkommen. I 631. Die habs- burgische Monarchie von abenteuerlichen Aktionen abzuhalten. II 236. Englisches Programm in der Mazedonischen Frage. II 325. Zirkular-Erlaß Bü- lows nach Rcval. II 326ff. Türkische Revolution. II 330 f. Bosnische Krise (s. diese). Ferdinand erklärt Bulgarien zum Königreich. II 337. Balkankriege und Tripolis. III 111 ff. Balkanbund. III 113 f. Der Fall Liman von Sanders. III 129 ff. Belgien. Drohungen Wilhelms II. an Leopold II. II 74 ff. Der Schlicffen- sche Durchmarschplan. II 76 ff. Bismarck erklärt, belgische Neutralität werde von Deutschland nie verletzt werden. II 77 f. Bethmann leitet (1910) schärferes Vorgehen gegen Belgien ein. III 78 ff. Aus Belgien ein „neues Polen" machen. III 80 ff. Bismarck 1870 für belg. Neutralität. III 81 f. Englische Note wegen der Neutralität Belgiens. Taf. III 176. Berliner Kongreß von 1878. I 45, 90, 91, 92. III 245. Björkö. Vertrag von. Tragikomödie. I 80. Die Björkö-Affäre. II 136 (bis 151). Taf. II 140. Blockpolitik. II 453. Bosnische Frage. Reichstatter Vertrag. I 90f. Entwirrung. I 150. Mürzsteger Abkommen. II 336. Krise von 1908-1909. I 215. Ursprünge. II 333 f. Iswolski und Aehrcnthal in Buchlau. II 334ff. Proklamation des Kaisers Franz Josef über Annexion Bosniens und der Herzegowina. II 337. Is- wolskis Mißerfolg. II 393f. Kriegsgerüchte. II 398 f. Iswolskis Rückzug. II 399. Aehrenthals Drohung, die Geheimdokumente zu veröffentlichen. II 400 f. Russischer Druck auf Belgrad. II 401. Vorbehaltlose Zustimmung Rußlands zur Annexion. II 401 f. Taf. II 336. Braun schweigi scheFrage. II 248 f. Burenkrieg (s. Transvaal). I 275. Die Haltung der Mächte. I 292 f. Widerstand der Buren gebrochen. I 332. Annexion der Südafrikanischen Republik. I 398. Dänemark (s. a. Deutsch- Dänischer Optanten vertrag). Wilhelm Il.wünscht dessen Neutralisierung. I 633. Will gegen Dänemark vorgehen. II 67 f. Nochmals 1905. II 79 f. Sucht Dänemark in den Vertrag von Björkö ein- zubeziehen. II 138. Abwehr Christians IX. durch Schritt in London. II 145. Dardanellenfrage. I 47, 82, 91. Der Zar über sie. I 302. Die russischen Wünsche. I 441. II 84. Herzstück des Bismarck- schen Rückversicherungs- vertrags. II 236. Iswolskis Reisen und Versuche. II 393 f., 395 f. Nicht anschneiden. II 481. Ein „heißes Eisen". III 15. Nicht in den Weg stellen. III 84 f. Der Fall Liman von Sanders. III 128fr., 130. Delagoa-Bai. I 420, 424f. Deutsch-Dänischer Optantenvertrag (1907). II 303 f. 430 SACHREGISTER Deutsch-Süd westafrika. Aufstand der Hereros. (1904). II 20 f. Bahn Lüdcritz-Bucht — Keet- manshoop abgelehnt. II 218. Reichstagsauflösung nach Ablehnung desNach- trags-Etats (13.12. 1906). II 272. Dreibund (s. a. Italien). Deutschland und Österreich-Ungarn. I 46. Mehr Versicherungsgesellschaft a. Erwerbsgenossenschaft. I 48. Dreihund und Frage eines deutsch-englischen Bündnisses. I 331. Unveränderte Erneuerung (1902). I 578f. Verletzung des Vertrags durch Sonderaktion Österreichs im Juli 1914. III 169. Italien kündigt den Vertrag. III 234. Dreyfus-Affäre. I 240f. Das Schibboleth. I 428. England (s.a.Flottenbau). Deutschlands Verhältnis zu ihm. I 47. Kündigt den Handelsvertrag mit Deutschland. I 56. Der Afrika-Vertr. m. Deutschland. I 273 ff. Der Wind- sor-Vertrag mit Portugal. I 274, 276. Chamberlain schlägt deutsch-englische Allianz vor (Juni 1898). I 275 ff. Verhandlungen in England. I 314ff. Resume Bülows. I 325 ff. Beschlagnahme der deutschen Postdampfer. I 331, 415, 417. II 232. Fortführung der Verhandlungen bis Sommer 1901. 1331 f. Absage durch Eduard VII. (Dezember 1901). I 332. Phasen der deutsch-englischen Beziehungen. I 411 ff. Die Gefahrzone. I 413f. Bülow über die Voraussetzungen der nicht geschlossenen Allianz. I 435 f., 509 f. Denkschrift des Staatssekretärs Richthofen. I 510ff. Englisch - französischer Kolonialvertrag (1904). II 28 f. Deutscher Flottenbesuch in Plymouth. II 34. Englische Flottendemonstration in der Ostsee. II 152. Entente Cor- diale mit Frankreich. II 205. Englisch-russischer Vertrag über Einflußsphären in Asien (1907). II 316. Bedeutung von Reval (1908). II 326. Der Artikel im Daily- Telegraph. Taf. II 352. Bericht Lichnowskys. Taf. III 128. Note wegen der Neutralität Belgiens. Taf. III 176. Erbschaftssteuer. I 248. Opposition des Zentrums und der Konservativen. II 445 f. Bülow über die Steuer zu den konservativen Führern. II 457 ff. Ablehnung mit 195 gegen 187 Stimmen. II 506. Faschoda - Streit. Der Konflikt zwischen England und Frankreich. I 271f., 421, 424. Flottenbau. Die Aufgabe Deutschlands. I 48. Die Parteien. I 59. Flottenvorlage von 1897/1898. I 115f., 214. Besprechungen zwischen Bülow und Tirpitz. I 412 ff. Flottennovelle von 1900. I 414ff. Bülow für Vcrlangsamung des Flottenbaues (1908). II 319f. Hardinge über das Tempo der deutschen Flottenrüstungen. II 321. Metternich über Verlangsamung. II 417 ff. Versuche eines Agreement. II 427 ff. Konferenz im Reichskanzler-Palais. II 431 ff. Brief Bülows an Tirpitz. II 465. Frankreich. Deutsch-französische Beziehungen um 1900.1 402 ff. Elsaß-Lothringen. I 514. III 245. Ansichten des Kaisers. II 104. Die Frage des endgültigen französischen Verzichts. II 116. Frage eines deutschen Verzichts. II 171. Revanche-Idee nicht erloschen. II 227. Schiedsgerichts-Protokoll vom 29. 5. 1909. II 501. Kongo - Verhandlungen. III 87, 89, 90, III, 118, 245. Elsaß-Lothringen im Sixtus-Brief. III 279. Friedenskonferenz im Haag. Erste von 1899: I 237, 347 f. Zweite von 1907: II 297 ff. Griechisch- Türkischer Krieg (1897). I 147, 148. Haiti, Zwischenfall Lüders (1897). I 178. Handelsverträge (s.Zolltarif). Stellung des Kaisers und Bülows dazu. I 382 f. Holland. Mit Abhängigkeit von Deutschland bedroht. II 68. Indien. I 325, 331, 424, 436, 511, 513, 572. II 140, 141. Irredenta. Giolitti über sie (1904). II 59f. Italien(s.Dreibund). Seine Realpolitik. I 48. Für Salisbury Quantite negli- geable. I 424. Hinhaltung Italiens im Juli 1914. III 168 f. Italien beschließt Neutralität. III 169, 191. Taktik der Mittelmächte. III 187f. SACHREGISTER 431 Frage der Kompensationen. III 189 ff. Italiens selbständige Interessenpolitik. III 190. Keine Kompensationen Österreichs. III 211. Erklärungen Sonninos gegenüber Bülow. III 220 ff. Italien zum Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn bereit. III 233 f. Zugeständnisse Macchios. III 234. Italien kündigt den Dreibund - Vertrag. III 234. Kriegserklärung. III 236. Telegramm Bethmann Hollwegs an Bülow. Taf. III 224. Japan. Verschlechterung der deutschen Beziehungen zu ihm. I 48f. Brief des Prinzen Heinrich an Bülow über Entgegenkommen in Japan. I 436 ff. Jesuitengesetz. Hohenlohe gegen seine Aufhebung. I 11. Protestantische Agitation. I 248. Die Aufhebung. II 10 ff. Giolitti darüber. II 61. Kanalvorlage in Preußen (Mittelland-Kanal). Eingreifen des Kaisers. I 293 f. Schließung des Landtags (1901). I 522. Annahme der Vorlage (1905). II 95. Karolinen. Erwerbung der Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln durch Deutschland. I 286f. Kiautschou s. Ostasien. Kreta. Frage des Gouverneurs. I 80 f. Nicht zu sehr engagieren. I 252. Der Kaiser für die türkischen Ansprüche. I 270. Griechenfreundlich. II 471. Nicht anschneiden. II 481. Krüger-Depesche. Marschalls Verantwortung dafür. I 8, 52. Demonstration in London. I 17 f. Monts über sie. I 34, 35, 36. England vor den Kopf gestoßen. I 44. Zerreißen des Schleiers. I 47. Fußtritt für England (Mtira- wiew). I 89. Intempestiv. I 412. Gedichte. I 473f. Lippescher Erbfolgestreit. I 177, 222f. Toast des Kaisers auf die Söhne Bückeburgs. I 238. Neuer Versuch, in Sukzessionsfrage einzugreifen. I 267. Wiederholung des Konflikts nach dem Ableben des Grafen Ernst. II 55 ff. „Lusitania". Versenkung. II 22. Madagaskar. 1424. II 28. Marokko. Bülow an die Deutsche Botschaft in London (Sommer 1899). I 418. Scharfe Auslassungen Salisburys. I 418f. Holstein für vorbeugenden, aber ernsten diplomatischen Schritt (August 1900). I 435. Frankreich proponiert Spanien Teilung Marokkos. II 3. Berichte Metternichs. II 3 ff. England gibt Frankreich Ermächtigungen. II 28. Differenzen zwischen dem Kaiser und Bülow. II 104. Spanisch-französischer Vertrag. II 107. TunisiCca- tion. II 108. Landung Wilhelms II. in Tanger. II 111. Bülow beruft sich auf den Madrider Vertrag von 1880. II 113. Das Wort „Kongo" fällt (1905). II 125. Konferenz von Algeciras. II 199 ff. Vertrag von Algeciras. II 211 ff. Zwischenfall von Casablanca(1908). II 338. Marokko-Abkommen vom 9. 2. 1909. II 410. Ausgleichs-Protokoll vom 29. 5. 1909. II 501. Taf. II 112. Militär-Strafprozeß- Reform. Verständigung mit Bayern. I 268. Militärvorlagen. I 404. Österreich-Ungarn. Verhältnis zu Rußland. I 90. Äußere und innere Situation. I 399 ff. Die Kriegsfrage 1908. II 403 ff. Kriegstendenzen nachher. II 401 ff. Keine Sonderaktion auf dem Balkan. III 85. Ostasien. Deutscher und russischer Hafen an der Küste Chinas. I 82. Kiautschou. I 83, 86, 92. Sühneexpedition dorthin. I 184. Rußland nimmt Port Arthur, England Wai-Hai-Wai. I 186, 203. Dcutsch-chin. Pachtvertrag über Kiautschou. I 210. Der Zar über Port Arthur. I 271. Abgang d. deutsch. China-Expedition. I 357 ff. Brief Paul Metternichs über China. I 367 ff. Deutsch-cngl. Abkommen. I 398 f., 416. England gegen Festsetzen der Deutschen i. Jangtse- Tal. I 421 f., 513. Regt japanische Intervention in China an. I 433. Aspirationen Rußlands auf die Mandschurei. I 507. Ticntsin-Angelegenheit. I 507. Der Zar nennt Besetzung Koreas durch Japan für Rußland Casus belli. I 548. Russisch- Japanischer Krieg (s. d.). Englisch-japan. Bündnis. II 188. 432 SACHREGISTER Ostmarken-Politik (s. Polen). Entwicklung der Ostmarken-Frage. I 562ff. Enteign.-Vorl. (1909). II 487 ff. Parlamentarisierung. Bülow über sie. II 509. Persien. I 424, 513. II 140, 481. Polen. I 47, 91. Bethmanns ungeheurer Fehler. I 563, 565, 569. Demonstrationen in Wrescben und Lemberg. I 565. Wilhelm II. über das polnische Programm (1906). II 243, 245. Bethmanns und Jagows Maßnahmen (1915). II 247. Brief Hin- denburgs an Studt. III 247 f. Portugal. Verpfändet s. afrikanischen Kolonien. I 273 IT. Windsor-Vertrag mit England. I 274, 276, 330, 426. Salisbury über den deutsch - englischen Vertrag. I 419. Verfall des portugiesischen Besitzes. I 425. III 261. PreußischesWahlrecht. Heydebrand gegen jede Veränderung. II 459. Bülow gegen Übertragung des Reichstagswahlrechts. II 462 ff. Allgemeines Wahlrecht in Preußen (1917). III 258f. Reichsfinanzreform (s. Erbschaftssteuer). II 217, 337 f. Beratung im Reichstag. II 381 ff. Zweite Lesung. II 484 ff. Rumänien. I 91. Im Fahrwasser d. Zentralmächte. I 150. Deutsch-rumänischer Handelsvertrag. II 48. Verhältnis zum Dreibund vor dem Weltkrieg. III 125 f. Neutralität 1914. III 169f. Eintritt in den Weltkrieg. III 280. Russisch - deutsche Beziehungen (s. a.Björkö). Die Nichterneuerung des Rückvcrsicherungs - Vertrags durch Marschall. I 8, 52. Die größte Sottise (Hohenlohe). I 9. Geschichte der Nichterneuerung. I 44 ff. Begleitumstände. I 79. Der zerrissene Draht (Murawiew). I 89. Die „schroffe und plumpe" Kündigung (Maria Pawlowna). I 93. Vertrag auch im Interesse Österreich - Ungarns. I 143. Der inkommensurable Fehler. I 449. Kündigung hat russisch-französische Allianz hervorgerufen. II 62. Argumente des Kaisers. II 62. Bülow setzt (1905) Entwurf einer deutsch-russischen Allianz auf, die an Lambsdorffs Widerstand scheitert. II 132ff. Björkö (s. dieses). Russische Revolution (1905). II 160ff. Russisch - französische Allianz. Wird in Toasten erwähnt. I 89. Durch Kündigung des deutschrussischen RückVersicherungsvertrags hervorgerufen. II 62. Russisch - Japanischer Krieg. Der japanische Gesandte fragt bei Bülow an. I 629. Das Ostasiatische Komitee. I 630 f. Ausbruch des Kriegs. II 22 f. Eduard VII. darüber. II 26 f. Der Doggerbank-Zwischenfall. II 65 f. Kapitulation von Port- Arthur. II 71 f. Friede von Portsmouth. II 169f. Taf. II 168. Samoa. 1216. II 232. Streitigkeiten, englisch-amerikanisches Bombardement von Apia, Erwerbung durch Deutschland. I 282 f. Rede Bülows. I 416. Schweden - Norwegen. Kündigung der Union. II 156ff. Sozialdemokratie (siehe Umsturzvorlage, Zuchthausvorlage). Anwachsen bei den Wahlen von 1898. I 228. Staatsstreichpläne des Kaisers gegen sie. I 348 ff. Zuwachs bei den Wahlen von 1903. II 7f. Einbuße 1907. II 278 f. Taf. II 280. Wiederanwachsen 1912. III 85 f. Tirpitz über die Gründe der Erstarkung 1924. Taf. III 324. Spanisch - Amerikanischer Krieg. I 147. Pläne von Tirpitz. I 188 f. Ausbruch und Verlauf. I 219 ff. Swinemünder Depeschen. I 5821T. II 447. III 53. Transvaal. I 216. Türkei. „Dying nation" (Salisbury). I 252. Der „kranke Mann" (Nikolaus L). I 253. Ultimatum an Serbien. I 13, 275, 291. Bülows Taktik dagegen. III 66. Nachricht von dem Ultimatum. III 140 f. Beth- mann sagt, er kenne den Inhalt nicht. III 153. Ja- gow an Lichnowsky. III 158. Die „Lokalisierung". III 161 f. Unterlassene Übergabe an das Haager Schiedsgericht. III 164. Die falsche Prozedur. III 179 ff. Berchtolds Methode. III 211 f. Umsturz - Vorlage von 1894.131. SACHREGISTER 433 Vaterlandsverein (Vaterlandspartei). Gründung durch Tirpitz. I 111. Venezuela - Zwischenfall (1902). I 557 ff. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Deutsch- amerikanische Spannung 1898. I 221. Verhältnis der Union zu England. I 425. Walfischhai. I 216. Weltkrieg (s. auch Ultimatum an Serbien). Fehler der deutschen politischen Leitung im Sommer 1914. I 273. Kriegserklärung an Rußland. III 142, 167f. An Frankreich. III 142,168. Kriegserklärung Englands. III 142. Versteckspiel gegenüber Italien. III 168f. Lüttich. III 173. Die Marneschlacht. III 174f., 183 f. Der Krieg zur See. III 182 ff. Tannenberg. III 185. Verdun. III 186f. Loretto-Schlacht. III 247. Friedensinitiative Stürmers. III 251 f. Friedensangebot der Mittelmächte. III 253. Uneingeschränkter U-Boot-Krieg. III 263 ff., 271 f. Friedensresolution des Reichstags. III 270. Brest-Litowsk. III 275. Der Sixtus-Brief. III 279f. Eintritt Rumäniens in den Krieg. III 280. März-Offensive 1918. III 280 f. Militärische Wende. III 281 f. Friedensangebot an Wilson. III 286. Revolution in Kiel. III 302. Waffenstillstand von Compiegne. III 314ff. Friede von Versailles. III 316. Scapa- flow. III 317. Weltpolitik. Interpretation durch Bülow im Reichstag (1900). I 415 f. Deutscher und englischer Imperialismus. II 237. Witu. I 216. Zanzibar. I 216, 420. Zolltarif. Besprechungen Bülows mit den Parteiführern. I 397 f. Die Vorlage von 1901. I 531 ff. Zweite und dritte Beratung. I 591 ff. Zuchthausvorlage (Streikverbot). Oeynhausener Ankündigung durch den Kaiser. I 238. „Verscharrung." I 307 f. Die Zwölf taus. - Mark - Affäre. 1467 ff. Gedruckt im Ullsteinkaus Berlin FÜRST BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN IV BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN VIERTER BAND JUGEND- UND DIPLOMATENJAHRE HERAUSGEGEBEN VON FRANZ VON STOCKHAMMERN TM VERLAG ULLSTEIN • BERLIN 1. bis 20.Tausend EINBANDENTWURF VON BEUCKE . ALLE RECHTE VORBEHALTEN COPYRIGHT 1931 BY ULLSTEIN A-G BERLIN . PRINTED IN GERM AN Y BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN IN VIER BÄNDEN l. Vom Staatssekretariat bis zur Marokko-Krise 2. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied 3. Weltkrieg und Zusammenbruch 4. Jugend- und Diplomatenjahre Die Bände erschienen in der Reihenfolge ihrer Niederschrift INHALT DES VIERTEN BANDES ERSTES KAPITEL...................... 3 Frankfurt a. M. • Elternbaus • Frankfurter Diplomaten • Der Gesandte von Bismarck-Schonhausen • Erster Unterricht durch Gouvernanten und Hauslehrer Erziehuugsgrundsätze des Vaters ZWEITES KAPITEL.....................19 Rumpenheim • Königin Alexandra von England und Kaiserin Maria Fcodorowna von Rußland als Kinder • Bildungsideal des Vaters: Bibel und Kernlieder, Homer und Goethe < Im Frankfurter Gymnasium • Die Israeliten in Frankfurt Die Familie Rothschild DRITTESKAPITEL.....................30 Hamburg und Klein-Flottbek • Geburtsbaus an der Flottbeker Chaussee • Verwandte und Jugendfreunde • Die erste Seefahrt • Alkohol VIERTES KAPITEL.....................43 Die Großmutter in Plön • Der Großonkel "Wolf Baudissin • Die Schleswig-Hol- steinische Frage • Der Vater scheidet aus dem dänischen Staatsdienst (1862) Seine Berufung nach Mecklenburg-Strelitz als leitender Minister (1863) FÜNFTES KAPITEL.....................66 Mecklenburg: Verfassungszustände, Land und Leute • Neu-Strelitz • In der Schloßkoppel • Großherzog Friedrich Wilhelm • Das Gymnasium Carolinum Virgil oder Vergil? • Erste Bekanntschaft mit Berlin (1863) • Reise nach Süddeutschland • Sommer in Doberan • Düppel und Aisen • Neu-Strelitz und Alt- Strclitz • Der Altersgenosse Ewald Wohlfahrt • Neubrandenburg ■ Fritz Reuter Fußwanderung auf Rügen mit Erbgroßherzog Adolf Friedrich (1864) SECHSTESKAPITEL....................72 Pädagogium in Halle (1865—1867) • Das Leben im „Pädchen" • Professor Dr. Daniel und sein Einfluß • Redeübungen • Mitschüler • Die Halloren • Politik in Halle • Demokratie und Liberalismus, „Professoren" und „Kreisrichter", fast alle Intellektuelle gegen Bismarck • Konfirmation in Halle (18. III. 1866) SIEBENTESKAPITEL....................86 Der Krieg von 1866 » Würdigung der Politik Bismarcks • Bismarck und Edwin Manteuffel • Die damaligen Vertreter Preußens im Ausland VIII INHALT DES VIERTEN BANDES ACHTES KAPITEL...................... Die Schlacht von Königgrätz • General von Steinmetz • Der Vater wird mecklenburg-schwerinscher Gesandter in Berlin • Die Cholera in Halle • Fußwanderung durch den Harz (Herbst 1866) • Besuch bei Onkel Baudissin in Dresden • Abiturienten-Examen (Herbst 1867) • Puppel • Dulce est desipere inloco NEUNTES KAPITEL..................... Universität Lausanne (1867) • Vevey • Donna e mobile • Universität Leipzig Professor Wilhelm Roscher . Lektüre: Bedeutung des Romans für Weitläufigkeit und Menschenkenntnis ■ Fußreise durch die Schweiz (1868) • Übersiedlung an die Universität Berlin • Professor Rudolf Gneist • Tod des Schwesterchens Bertha Kur in Bad Oeynhausen (Juni 1870) • Die politische Lage, die Emser Depesche ZEHNTESKAPITEL..................... Französische Kriegserklärung • Entschluß, als Kriegsfreiwilliger in die Armee einzutreten • Meldung beim Königshusaren-Regiment in Bonn • „Lehmop!" Rheinfahrt nach Köln • Der Eindruck der ersten siegreichen Schlachten in der Heimat ELFTES KAPITEL...................... Bismarcks Politik 1870 • Österreich-Ungarn, Italien, England, Rußland • Haltung Bayerns im Juli 1870: Widerstände in der Bayrischen Abgeordnetenkammer, die patriotische Haltung der Ersten Kammer • Geschlossene Einheit der Nation • Rundschreiben Bismarcks an die preußischen Missionen • Neutralität Österreich-Ungarns • Holsteins Mission nach Florenz ZWÖLFTES KAPITEL.................... Die Schlacht bei Sedan • Napoleon III. sendet Prinz Jeröme nach Italien • Der Widerstand Frankreichs unter Gambetta • Vergleich mit dem deutschen Zusammenbruch 1918 • Belgien: Bismarcks Veröffentlichung in der „Times" über französische Anerbietungen an ihn auf Kosten Belgiens; Wirkung dieser Publikation auf die öffentliche Meinung in Europa, besonders in England • Bethmann Hollweg 44 Jahre später • Berlin im Oktober 1870 • Erste Begegnung mit Holstein Die Familie Bismarck • Zurück nach Bonn DREIZEHNTES KAPITEL.................. Ins Feld • Biwak bei Metz • Erste Briefe nach Hause • Melderitte und Patrouillen • Major Lentze • Beförderung zum Gefreiten (15. XI. 1870) • Vormarsch nach Compiegnc • 1870 und 1918 VIERZEHNTES KAPITEL.................. Armeebefehl des Generals von Goeben vom 27. XL 1870 • Briefe aus dem Felde Dezembertage 1870 • Rouen • Alarm-Quartier in Camon • Die Schlacht an der Hallue (23. XII. 1870) . Weihnachten in Altonville FÜNFZEHNTES KAPITEL.................. Patrouillenritte • Gefecht bei Sapignies am 2. I. 1871 • Leutnant Graf Max Pourtales • Die Schlacht bei Bapaume (3. I. 1871) • General von Goeben Patrouillendienst vor Saint - Quentin INHALT DES VIERTEN BANDES IX SECHZEHNTES KAPITEL..................220 Schwadrons-Kameraden: Guido Nimptsch, Dietrich Loe • Scharffenherg, Pcm- berton-Ground, Borcke, Beißcl von Gymnich, Dietrich Metternich • Verschärfter Aufklärungsdienst • Schlacht bei Saint- Quentin (19.1.1871) • Das Ostpreußischc Füsilier-Regiment Nr. 33 • Leutnant von Deines, Leutnant Moßner, Rittmeister Rudolphi SIEBZEHNTESKAPITEL..................235 Waffenstillstand vom 31. I. 1871 • Ausbruch der Pocken • Friedensmäßiger Drill Prähminarfriede • Leutnant im Königshusaren-Regiment (8. III. 1871) • Marsch des Regiments nach Amiens • Parade vor dem Kronprinzen (13. III. 1871) Platzmajor in Amiens • Feldbricfe von dort ACHTZEHNTESKAPITEL..................247 Amore sacro und Amore profano • Ritt nach Camon • Das VIII. Armeekorps erhält Befehl zum Rückmarsch • Oberst Freiherr von Loe • Die Königshusaren marschieren durch die Eifel nach Trier • Einzug in Bonn (6. VII. 1871) • Wieder im Elternhaus zu Klein-Flottbek (20. VII. 1871) NEUNZEHNTESKAPITEL..................201 Leutnant in Bonn • Vorbereitung zum Referendar-Examen in Greifswald Prinz Franz Arenberg, Kaplan Hartmann • Überarbeitung, Ohnmachtsanfal! Professor Wilhelm Studemund • Professor Ernst Immanuel Bekker • Beginn des Kulturkampfes • Referendar-Examen in Greifswald (März 1872) • Pasewalk ■ Bestimmung zum diplomatischen Dienst • Abschied vom Regiment • Im Elternhaus zu Klein-Flottbek • Übersiedlung nach Metz ZWANZIGSTES KAPITEL..................277 Beim Kaiserlichen Landgericht in Metz • Rudolf Freiherr von Seckendorf! Staatsanwalt Ittenbach • Assessor Magdeburg • Plädoyer vor dem Metzer Schwurgericht • Das deutsche Theater in Metz • Besuch bei den Eltern Arenbergs in Marche-Ies-Dames • Dienst beim Bezirkspräsidium • Kuraufenthalt in Heiden und Reichenhall • Vater zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts ernannt Bernhard von Bülow Attache im Auswärtigen Amt • Ratschläge des Vaters für den diplomatischen Dienst EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.............291 Beschäftigung im Auswärtigen Amt (1873/1874) • Graf Paul Hatzfeldt, seine Fingerzeige für Verhalten mit S. D. • Lothar Bucher • Wilhelmstraße 76 Abendempfänge im Bismarckschen Hause • Bismarckfeindliche Strömungen in der Berliner Gesellschaft • Mangelnde Begabung des Deutschen für Politik ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............304 Berliner Geselligkeit im Winter 1873/1874 • Die Salons: Gräfin Perponcher, Frau von Prillwitz, Mimi Schleinitz, Gräfin Luise Benkendorf, Cornelia Richter- Meyerbeer, Oberstkämmerer Graf Wilhelm Redern • Diplomatisches Corps Die Bonbonniere • Weimar und Potsdam • Sommer am Pfingstberg und in Potsdam X INHALT DES VIERTEN BANDES D R E I U N D Z W A N Z I G S T E S KAPITEL ............320 Attache in Rom • Reise durch Siidfrankreich und Italien • Eintreffen in Rom (15 X. 1875) . Gesandter von Keudell • Reise nach Sizilien • Gregorovius, Mummten . Römische Gesellschaft • Pius IX. und das Königreich Italien Kirche und Staat in Italien V IE R U N D Z W A N Z I G S T E S KAPITEL ............332 Kaisers Geburtstag im Palazzo Caffarelli • Albano » Spaziergänge in Rom und Ritte in der Campagna ■ Der Kronprinz und die Kronprinzessin • Erste Begegnung mit Gräfin Marie Dönhoff • Reise des Kronprinzen nach Neapel F Ü N F U N D Z W A N ZI G S T E S KAPITEL ...........343 D ; e Kollegen an der Gesandtschaft • Professor Karl Hillebrand • Berlin im Mai 1875 • Soiree im Hausministerium • Staatssekretär von Bülow über die politische Lage • In Varzin • Besuch auf dem Lande • Über Wien nach Ischl Idyll am St.-Wolfgang-See • Salzburg • Lothar Bucher und der Ernst des Lebens SECHSUNDZWANZIGSTESKAPITEL............359 Diplomatisches Examen • Versetzung nach St. Petersburg (1875) • Reise dorthin • Graf A'vensleben • General von Werder • Der Raswod . Zar Alexander II. Der Zarewitsch • Reformprogramm Andrässys für den Balkan • Die Petersburger Gesellschaft • Slawische Frauen, russische Mädchen • Russische Literatur SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL...........372 Botschafter Prinz Heinrich VII. Reuß • Botschafter von Schweinitz • Mission Radowitz • Alexander II. • Kaiserin Maria Alexandrowna • Katharina Dolgorukij • Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitz • Kaiser Paul, das autokratische Regime und die Knutenstrafe • Abschiedsbesuch bei Gortschakow (1876) ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL............385 Rückkehr nach Berlin • Staatssekretär von Bülow über die auswärtige Lage Versetzung nach Wien • Botschafter Graf Otto Stolberg-Wernigerode • Das offizielle Wien: Freiherr von Schmerling, Fürst Richard Metternich, Graf Hübner Die politische Stimmung gegenüber dem Deutschen Reich • Bismarck und die deutsch-österreichischen Liberalen • Graf Gyula Andrässy • Unruhen in Saloniki Begegnung des Kaisers Alexander II. mit Kaiser Franz Josef in Reichstadt (5. VII. 1876) • Türkische Greueltaten in Bulgarien NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL............399 Gesellschaftliches Leben in Wien • Volksgarten und Prater • Kuraufenthalt in Montreux und San Remo • Versetzung als Geschäftsträger nach Athen • Weihnachten auf Korfu • Paxos • Übernahme der Dienstgeschäfte in Athen DREISSIGSTES KAPITEL..................412 Die Orientkrisis 1876/1877 • König Georg von Griechenland • Das Diplomatische Korps in Athen • Besuch der Prinzessin von Wales in Athen • Das englische Geschwader • Tod des österreichischen Gesandten Freiherrn von Münch • Einmarsch der Russen in Rumänien • Reise nach Olympia • Ausgrabungen • Professor Ernst Curtius • Beim griechischen Königspaar in Tatoi INHALT DES VIERTEN BANDES XI EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL.............427 Friede von S. Stefano (März 1878) • Berufung in das Sekretariat des Berliner Kongresses • Rückblick auf Athen • Berlin im Juni 1878 • Attentate auf Kaiser Wilhelm I. • Hödel und Nohiling • Reichstagsauflösung und Neuwahlen • Das Sozialistengesetz • Staatssekretär von Bülow über den Berliner Kongreß Lebensgefährliche Halsentzündung • Die ersten Sitzungen des Kongresses ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............444 Bismarck und Gortschakow • Unterzeichnung des Berliner Vertrages (13.VII.1878) Schuwalow und Gortschakow • Geheimrat von Holstein • Verlobung im Hause Bismarck • Biarritz, Dr. Adhema • Lektüre D R EI U N D D R E I S S I G S T E S KAPITEL............461 Versetzung nach Paris • Dienstantritt • Botschafter Fürst Chlodwig Hohenlohe Die Pariser Gesellschaft • Garnbetta, seine Stellung zur Revanche-Idee und zur Sozialen Frage • General Gallifct • Waldeck-Rousseau, Scheurer-Kestner VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL . ...........476 Marschall Mac Mahon • Sein Rücktritt (29. I. 1879) • Jules Grevy • Stellung Bismarcks zu Frankreich ■ Die drei Jules • Herr von Frey einet • Das Personal der Deutschen Botschaft: Thiclmann, Philipp Eulenburg, Friedrich Vitzthum, Nicolaus Wallwitz • Seine-Babel? • Ein Traum FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL.......... . . 492 Die deutsche Kolonie in Paris • Graf Guido Henckel-Donnersmarck • Die Pai'va Das Palais Henckel und seine Gäste • „Graf" Keßler • Badekur in Ems (Juli 1879) • Kaiser Wilhelm I. • Kaiserin Augusta • Rückkehr nach Paris • Die kirchenpolitische Gesetzgebung in Frankreich • Jules Ferry und Paul Bert Beunruhigende Nachrichten über das Befinden des Vaters, Reise nach Berlin S E C H S UN D D R E I S S I G S T E S KAPITEL...........505 Vorbereitung des Bündnisses mit Österreich-Ungarn ■ Bismarck in Wien • Widerstand des Kaisers Wilhelm I. • Staatssekretär von Bülow über das Bündnis mit Österreich • Unterzeichnung durch Wilhelm 1. (15. X. 1879)-Abschiedsgesuch des Vaters • Unterredung mit Fürst Bismarck • Besuch Bismarcks beim Vater Bülow . Tod des Vaters in Frankfurt a. M. (20. X. 1879) • Beileid Kaiser Wilhelms • Leichenfeier in Berlin • Der Winter in Paris • Im Hause Hohenlohe S IE B E N U N D D R E I S S I G S T E S KAPITEL...........520 Die früher in Frankreich regierenden Familien • Das Haus Bonaparte • Die Orleans ■ Der Herzog von Aumale • Spionage • Das Diplomatische Korps • Mon- signore Czaki • Der Prinz von Wales in Paris ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL . . ,.........531 Beförderung zum Ersten Botschaftssekretär ■ Geschäftsträger • Alfons XII. in Paris • Fürstin Monia Ouroussow • Dr. Landsberg • Besuch in Rom • Pietro Blaserna und Marco Minghetti • Neapel, Capo Miseno • Reise nach Tunis Dr. Gustav Nachtigal • Algier • Dr. Julius Fröbel XII INHALT DES VIERTEN BANDES NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL............547 Besuch Herbert Bismarcks in Paris • Von Herbert Bismarck nach London eingeladen • Botschafter Graf Münster • Mr. Gladstone • Vermählung Adolfs von Biilow in Nienstedten (1. VII. 1884) • Versetzung nach St. Petersburg • Bei Fürst Bismarck in Varzin VIERZIGSTES KAPITEL..................563 St. Petersburg (Juli 1884) • Geschäftsübernahme • Tod von Gortschakow und Skobelew • Reichssekretär Polowzow • Herr von Gicrs • Kaiserbegegnung von Skierniewice, Vorbereitung der Entrevue • Bei Bismarck in Berlin • Reise nach Skierniewice • Kaiser Wilhelm I., Kaiser Alexander III. und Kaiser Franz Josef Warschau • Generalkonsul von Rechenberg • Graf Fersen • Graf Dmitri Tolstoi Pobjedonoszew • Gräfin Kleinmichl • Madame Durnow • General Tscherewin E IN U N D VI E R Z I G S T E S KAPITEL..............579 Afghanistan, der englisch-russische Konflikt • Der siebzigste Geburtstag des Fürsten Bismarck • Im Hause Bismarck (1. IV. 1885) • Unterredung mit Herbert Bismarck • Bulgarien und Prinz Alexander Battenberg • Der Sommer 1885 in St. Petersburg • Annullation der Ehe der Gräfiu Marie Dönhoff durch den Heiligen Stuhl • Vermählung in Wien am 9. I. 1886 ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............593 Salzburg • Besuch bei Marco Minghetti in Rom • In Berlin • Der Abend im Hause Bismarck • Diner im Kronprinzlichen Palais • Besuch des Kronprinzen bei Frau von Bülow • Ihr Empfang bei Kaiserin Augusta • Gespräch mit Kaiser Wilhelm I. • Aufnahme in St. Petersburg • Hof, Gesellschaft und Diplomatie • Das russische Ministerium des Äußern: Vlangaly, Lambsdorff • Revolution in Sofia Bismarcks Stellung zur Bulgarischen Frage und zur „Battenbergerei" • Berlin im Frühjahr 1887 • Frühstückstafel beim Kronprinzenpaar • Die Verlobung der Prinzessin Viktoria mit Alexander von Battenberg, Bismarcks Widerstand DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............608 Besuch bei der Mutter in Seelisberg • Mit General von Loe und General Graf Waldersee in Axenstein • Reichstagsauflösung und Septennat • Drohende Kriegsgefahr 1887 • Die innerpolitische Lage und Rußland • Großfürst Wladimir Der RückVersicherungsvertrag • Bismarcks letzte große Rede VIERUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............615 Operation des Kronprinzen • Tod Kaiser Wilhelms I. (9. III. 1888) • Trauerfeier in St. Petersburg • Frau von Bülow in Berlin bei Kaiserin Friedrich und Königin Victoria von England • Die Königin über Bismarck • Der Abend bei Bismarck Gesandter in Bukarest • König Carol • Rumänische Politiker: Peter Carp und Bratianu • Tod des Kaisers Friedrich (15. VI. 1888) • Die Aufgabe des kaiserlichen Gesandten in Bukarest FÜNFUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............626 Nieuport im Hochsommer 1889 • Franz Arenberg • Erste Anzeichen des kommenden Sturzes von Bismarck • In Berlin • Unterredung mit dem Chef der INHALT DES VIERTEN BANDES XIII Reichskanzlei, Rottenburg • Diner bei Graf Wilhelm Pourtalfcs, Herbert Bismarck und Hugo Lerchenfeld • Rückkehr nach Bukarest • König Carol über Bismarck Mein Brief an Phili Eulenburg vom 2. III. 1890 • Entlassung Bismarcks (20. III. 1890) • Nichterneuerung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland • Russisch-französischer Allianz-Vertrag • Die deutsche öffentliche Meinung nach Bismarcks Rücktritt SECHSUNDVIERZIGSTES KAPITEL............642 König Carol über die Entlassung des Fürsten Bismarck • Verlobungsfeier im rumänischen Königshause • Ernennung Bülows zum Botschafter in Rom • Abschied von König Carol • Letztes Zusammensein mit der Mutter in Berlin SIEBENUNDVIERZIGSTES KAPITEL...........652 Übernahme der Römischen Botschaft • Lage in Italien • Crispi, Blanc • Die deutsche Kolonie • Kaisers Geburtstag 1894 • Kaiser Wilhelm II. besucht König Humbert in Venedig ACHTÜNDVIERZIGSTES KAPITEL.............6Ü4 Reise nach Sizilien • Fürst Paolo Camporeale • Altavilla • Donna Laura Minghetti • Mahvida von Meysenbug • Das Abessinische Abenteuer • Crispis Sturz, Marchese Rudini NEÜNÜNDVIERZIGSTES KAPITEL.............67G Besuch des Kaisers in Süditalicn • Besteigung des Vesuv • Begegnung mit Kardinal Sau Feiice, Erzbischof von Neapel • Die päpstliche Diplomatie, Kardinäle und Prälaten • Der deutsch-russische RückVersicherungsvertrag und Fürst Bismarck • Die Kretische Frage • Die Nachfolge des Staatssekretärs Marschall Besprechungen mit Phili Eulenburg in Meran und Venödig • Korrespondenzen mit Berlin • Ungewißheit und Unsicherheit bis zur endlichen Entscheidung NAMEN-UND SACHREGISTER 693 VERZEICHNIS DER BEILAGEN Bülows Vater.......................................... 24 Urgroßeltern Bülows: Reichsgraf und Reichsgräfin v. Baudissin 48 Senator Martin Johann Jenisch und Susanne von Bülow .... 64 Die „Emser Depesche".................................. 128 Bülows Mutter......................................... 144 Die „Times" vom 25. Juli 1870 .......................... 172 Benedettis Vertragsentwurf.............................. 176 Bülow als Secondelieutnant.............................. 240 Das Geburtshaus Bülows in Klein-Flottbek................ 256 Salon der Gräfin Schleinitz.............................. 304 Bülow auf einem Kostümball in Rom..................... 328 Fürst Gortschakow ..................................... 360 Prinz Heinrich VII. Reuß und Graf Metternich ............ 392 Benjamin Disraeli (Earl of Beaconsfield) .................. 440 Oppert-Blowitz, „Times"-Korrespondent in Paris........... 448 Kaiser Wilhelm I. mit seiner Schwester in Ems............ 500 Beileidsbrief Kaiser Wilhelms I. an Bülows Mutter.......... 508 Beileidstelegramm Bismarcks an Bülow.................... 512 Leon Gambetta ........................................ 516 Donna Laura Minghetti ................................. 528 Marco Minghetti........................................ 536 Giers, Bismarck und Kälnoky in Skierniewice.............. 568 Gräfin Marie Dönhoff................................... 592 Bismarck am Schreibtisch ............................... 640 Francesco Crispi........................................ 672 Die „Krüger-Depesche"................................. 680 ★ Dieser vierte und letzte Band der Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow hat ein eigenes Namen- und Sachregister. Das Register für die Bände I bis III befindet sich am Schluß des dritten Bandes JUGEND-ERINNERUNGEN / 1 Bülow IV Ü:>::: I. KAPITEL Frankfurt a. M. • Elternhaus • Frankfurter Diplomaten • Der Gesandte von Bismarck- Schönhausen • Erster Unterricht durch Gouvernanten und Hauslehrer • Erziehungsgrundsätze des Vaters Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsohald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, So sagten schon Sibyllen, so Propheten: Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. Goethe setzte diese Verse an die Spitze seiner Orphischen Urworte. Er bemerkte dazu, daß die wenigen Strophen viel Bedeutendes enthielten, und das in einer Folge, die, w enn man sie erst kenne, dem Geiste die wichtigsten Betrachtungen erleichtere. Schiller läßt seinen Wallenstein sagen: Des Menschen Thaten und Gedanken, wißt, Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen. Sie sind notwendig wie des Baumes Frucht, Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln. Hab ich des Menschen Kern erst untersucht, So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln. Dagegen schreibt im zweiten Kapitel seines „Bellum Jugurthinum" Sallust, dessen Gärten die Höhe des Pincio einnahmen, wo jetzt die Villa Malta steht, in der ich diese Zeilen diktiere: „Animus incorruptus, aeternus rector humani generis, agit, atque habet cuneta, neque ipse habetur." Wer war echt? Die beiden größten deutschen Dichter oder Gaius Sallustius Crispus, einer der scharfsinnigsten Historiker aller Zeiten? Kann der Mensch sein Schicksal selbst gestalten ? Oder treibt ihn seine ihm von einer stärkeren Gewalt aufgeprägte Individualität willenlos in die eine oder die andere Richtung, wie ein Blatt, das der Wind vor sich her weht? Liegt hier eine Antinomie vor, einer jener Widersprüche, in welche die Vernunft bei !• 4 ZWISCHEN NORDEN UND SÜDEN Anwendung ihrer unbedingten Forderungen auf eine bedingte Welt mit sich selbst gerät? Jeder ehrlich erzählte Lebenslauf mag der Prüfung dieser Frage zugute kommen. Wenn ich, nachdem ich das Alter des Psalmisten überschritten habe, meine Lebenserinnerungen niederschreibe, so möchte ich dies vorausschicken: Wer auf ein nicht nur langes, sondern auch bewegtes Leben zurückblickt, der weiß, daß Memoiren nur dann einen Wert haben, wenn sie aufrichtig und innerlich wahr sind. Wenn der Autor sagt, was war, wenn er berichtet, wie es zuging, wirklich zuging. Goethe hat einmal gesagt, daß, wer ein Blatt Papier vor sich und eine Feder in der Hand habe, getrost ans Werk gehen möge. Wenn er über seine Erlebnisse und Empfindungen die Wahrheit sage, könne er ein gutes, ja ein nützliches Buch schreiben. Ich trete nicht vor den Leser mit den Worten, mit denen Jean-Jacques Bous- seau, seine „Confessions" in der Hand, vor den heben Gott treten wollte, wenn einst die Trompete des Jüngsten Gerichts erschallen sollte: „Voilä ce que j'ai fait, ce que j'ai pens6, ce que je fus. Bassemble autour de moi l'innombrable foule de mes semblables; qu'ils ecoutent mes confessions, qu'ils rougissent de mes indignites, qu'ils gemissent de mes miseres. Que chaqun d'eux decouvre ä son tour son cceur au pied de ton trone avec la meme sincerite, et puis qu'un seul te dise, s'il l'ose: Je fus meilleur que cet homme lä." Ich begnüge mich mit dem Wort des Terenz, das den Beifall des heiligen Augustinus fand: „Homo sum; humani nil a me alienum puto." Ich betrachte es als ein Glück, daß ich die ersten Eindrücke meines Kindheit in Lebens in Frankfurt a. M. empfing. Als der spätere Fmanzminister Johannes Frankfurt Miquel 1880 sein Amt als Oberbürgermeister von Frankfurt antrat, sagte a.M. i^jjj Kaisej-in Augusta in der ihr eigenen nachdenklichen und dabei geistig feinen Art: „Frankfurt ist weder Norddeutschland noch Süddeutschland. Frankfurt ist eben Frankfurt." Daß ich in der Stadt aufwuchs, wo norddeutsche und süddeutsche Art sich begegnen, die den Süden mit dem Norden verbindet, hat mich von Kindesbeinen an gegen allen Partikularismus gefeit und es mir erleichtert, mich frühzeitig mit der Gesinnung zu erfüllen, in welcher der wackere, als ich ein Knabe war, noch lebende Ernst Moritz Arndt 1813 gesungen hat: „Das ganze Deutschland soll es sein!" In diesem Sinne faßte ich Jahrzehnte später, am 13. Januar 1902, im Preußischen Abgeordnetenhaus mein politisches Glaubensbekenntnis in die Worte zusammen: „Nach einseitigen Gesichtspunkten werde ich Ihnen die Politik dieses Landes niemals zurechtschneiden. Ich werde Ihnen ebenso wenig eine protestantisch-konfessionelle oder eine katholisch-konfessionelle Politik machen, wie ich Ihnen eine liberale oder eine konservative Parteipolitik machen kann und will. Für mich als Ministerpräsidenten und Beichskanzler gibt es weder ein katholisches noch ein protestantisches, IM FRANKFURTER RÖMER 5 weder ein konservatives noch ein liberales Preußen und Deutschland, sondern vor meinen Augen steht nur die eine und unteilbare Nation, unteilbar in materieller und unteilbar in ideeller Beziehung."* Keine Stadt in Deutschland war wohl mehr geeignet als Frankfurt, dem Knaben die Einheit, die Größe, aber auch die Tragik der deutschen Geschichte vor Augen zu führen. In dem ehrwürdigen Dom, der sich über der Straßen quetschende Enge und niedrige Häuser, über Giebel und Dächer, über das ganze Frankfurter Häusermeer gotisch und dunkel erhebt, waren die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt und gekrönt worden. Hier hatte Bernhard von Clairvaux vor Konrad III. den Kreuzzug gepredigt, und der erste der Hohenstaufen-Kaiser trug den Zisterzienser-Abt auf seinen Armen aus dem Getümmel des Volkes. Nicht weit vom Dom erblickte ich den dreigiebligen Römer. Ich stieg die breite Steintreppe empor und stand im Kaisersaal. An der Hand meines Hauslehrers Lohr, eines wackeren Kurhessen, der später als Generalsuperintendent der Provinz Hessen-Nassau viele Jahre segensreich gewirkt hat, betrachtete ich die überlebensgroßen Bilder der deutschen Kaiser. Mit Ehrfurcht stand ich vor dem großen Karl, der Frankfurt den Namen gab. Das Rolandslied, so belehrte mich mein Lehrer, rühme von diesem ersten deutschen Kaiser, er sei den Feinden des Reiches schrecklich, dem deutschen Volke aber traulich gewesen, zwölf Paladine hätten ihn umstanden wie Christum die zwölf Apostel. Die Geschichte melde, daß Orient und Okzident sich vor ihm neigten, die Kirche ihn unter ihre Heiligen versetzte, daß er der Bildner und Schöpfer seines Zeitalters war, der Begründer der mittelalterlichen Bildungsformen. Und der gute Lohr, der ein feuriger Patriot war, prägte mir die wehmütigen Verse ein, die zwanzig Jahre früher, angesichts der beiden im Schwabenlande sich erhebenden schlanken historischen Berggipfel, des Hohenstaufen und des Hohenzollern, der schwäbische Dichter Pfizer an den ersten deutschen Kaiser gerichtet hatte: Kaiser Karl, von dem sie sagen, Daß noch oft Dein Banner rauscht, Wenn Du fliegst im Wolkenwagen Und Dein Volk dem Siegsruf lauscht, Wo bist Du ? Den Ruf zum Siege Freilich hört kein Deutscher mehr; Und der Glaube ward zur Lüge, Harrt umsonst der Wiederkehr. * Fürst Bülows"Reden, Große Ausgabe, herausgegeben von Johannes Penzier und Otto Hoertsch, Band I, Seite 260. — Fürst Bülows Reden, Kleine Ausgabe herausgegeben von Wilhelm von Massow, Band II, Seite 99. 6 BISMARCK-SCHÜNHAUSEN Lohr erzählte mir von den Sachsenkaisern, von Kaiser Heinrich, den sie vom Finkenherd im Harz auf den deutschen Kaiserthron riefen, von seinem Sohn, dem großen Kaiser Otto, der die Slawenstämme zwischen Elbe lmd Oder unterwarf und die Polen wie die Böhmen zur Anerkennung der deutschen Lehnshoheit zwang, dem Sieger in der gewaltigen Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfelde bei Augsburg. Er sprach mir auch von seinem phantastischen Enkel, Otto III., der, lebensmüde, obwohl kaum 22 Jahre alt, auf der Burg Paterno bei Rom starb, von dem Salier Heinrich III., unter dem das Heilige Römische Reich Deutscher Nation den Gipfel seiner Macht erstieg, der Lothringen gewann und mit der Ostmark den Grund zu Österreich legte, der drei italienische Päpste absetzte und nacheinander vier deutsche Päpste einsetzte, aber ach! schon mit neununddreißig Jahren starb. Noch lieber standen wir vor den Bildern der Hohenstaufen, am liebsten vor Kaiser Rotbart. Und wenn mir Herr Dr. Lohr von Barbarossa erzählte, der die deutsche Reichsherrlichkeit mit sich hinabgenommen hätte, aber wiederkommen würde mit ihr zu seiner Zeit, so überkam mich eine große Sehnsucht, daß die Raben endlich aufhören möchten, um den Kyff- häuser zu fliegen, daß der Kaiser herausträte aus seinem unterirdischen Schloß und mit ihm des Reiches Herrlichkeit. Die Habsburger-Kaiser gefielen mir weit weniger. Nur zwei von ihnen zogen meine Augen auf sich: Kaiser Rudolf, weil ihm Schillers schönes Gedicht vom festlichen Krönungsmahle im altertümlichen Saale zu Aachen galt, und der finstere Carolus Quintus. Dessen ablehnende Haltung gegen unseren teuren Dr. Martin Luther nahm ich ihm zwar übel, aber daß die Sonne in seinem Reich nicht unterging, gefiel mir doch. Die Leopolde und Ferdinande, die Franz und Josef mit ihrer hängenden Unterlippe fand ich ledern. Meine Eltern wohnten in der Neuen Mainzer Straße. Nicht weit von uns, Der in der Gallusgasse, hatte sich der preußische Gesandte, Herr von Bismarck- preußische Schönhausen, eingemietet. Der war in den Frankfurter Diplomatenkreisen Bundettags- n j cüt g Cra( ] e beliebt. Preußen war nicht in der Mode, weder im deutschen ßBSQfldtG Vaterlande noch in der weiten Welt. Die schwächliche Haltung der preußischen Regierung im kurhessischen Konflikt hatte das preußische Ansehen stark erschüttert. Alle Welt spottete über den Schimmel von Bronzen, das einzige Opfer eines Vorpostengefechts zwischen preußischen und österreichisch-bayrischen Truppen. Der preußische Ministerpräsident Man- teuf fei erschien gegenüber seinem Antagonisten, dem vornehmen, hochfahrenden Fürsten Felix Schwarzenberg, dem letzten großen österreichischen Staatsmann der alten Schule, als ein subalterner Bürokrat, Friedrich Wilhelm IV. als ein irrlichterierender und dabei schwächlicher Träumer, • verglichen mit dem um dreiunddreißig Jahre jüngeren Kaiser Franz Josef, den der Siegesglanz von Novara umleuchtete, dessen Heere Vater Radetzky „DER JUNGE SIEHT EHRGEIZIG AUS" 7 führte, dessen Haus sechshundert Jahre die deutsche Kaiserkrone getragen hatte. Diejenigen, welche dem Gesandten von Bismarck nähertraten, fanden, daß er Geist und Temperament besitze. Regeren Verkehr aber unterhielt Bülows Eltern der preußische Gesandte nur mit dem oldenburgischen Gesandten, Herrn von Eisendecher, und mit meinem Vater. Dieser vertrat als dänischer Gesandter beim Bundestag die Herzogtümer Holstein und Lauenburg. Er war fast gleichzeitig mit Herrn von Bismarck 1851 beim Bundestag akkreditiert worden. Seine Beziehungen zu Bismarck wurden bald herzlich und freundschaftlich und blieben es bis zu dem fast drei Jahrzehnte später erfolgten Tode meines Vaters. Ich mag sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als ich Bismarck zum erstenmal mit Bewußtsein vor mir sah. Mein Vater und ich begegneten ihm auf der Bockenheimer Landstraße. Mein Vater hielt mich an der Hand. Bismarck frug: „Ist das Ihr Ältester?" Mein Vater bejahte und frug seinerseits den preußischen Kollegen, wie er mich fände. Lächelnd meinte dieser: „Der Junge sieht ehrgeizig aus." Mein Vater antwortete: „Das tut mir leid. Ich halte es mit den Herrnhutern, die singen: Vor unseligem Großwerden behüte uns, Heber Herre Gott." Bismarck sann einen Augenbbck nach, dann meinte er: „Die guten Herrnhuter haben recht. Was hülfe es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme dabei Schaden an seiner Seele." Zwischen meiner Mutter und Frau von Bismarck bestand über vierzig Jahre, bis zu ihrem im gleichen Jahr 1894 erfolgten Tode, herzliche, nie und durch nichts getrübte Freundschaft. Sie glichen sich in gleich treuer Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, in ihrer unbegrenzten Liebe zu Mann und Kindern. Sie waren beide von heiterer Gemütsart, natürlich und unbefangen. Vor allem verband sie tiefe und aufrichtige evangelische Frömmigkeit. Frau von Bismarck entstammte dem Kreise der „Erweckten" ihrer pommerschen Heimat. Meine Mutter kam aus dem pietistisch gerichteten Hause ihrer Eltern Rücker und ihrer Großeltern Jenisch in Hamburg und war im Geiste strenger Gläubigkeit, aber auch unermüdlicher.Fürsorge für Arme und Kranke, im Geiste von Johann Hinrich Wichern, dem Gründer des Rauhen Hauses, und der unvergeßlichen Amalie Sieveking erzogen worden. Ich besitze noch ein Christusbild, das mir Frau von Bismarck 1857 schenkte, als ich acht Jahre alt war. Es stellt den Erlöser am Kreuze dar, mit der Dornenkrone auf dem Haupt, darunter die Verse: 0 Lamm Gottes, unschuldig Am Stamm des Kreuzes geschlachtet, Allzeit erfunden geduldig, Wiewohl du wärest verachtet. 8 BISMARCK HAT ZU VIEL GEIST All Sünd hast du getragen, Sonst müßten wir verzagen: Erbarm dich unser, o Jesu! Gib uns Frieden, o Jesu! Das Bild hängt noch heute über meinem Bett. Im Hause meines Vaters machte Herr von Bismarck die Bekanntschaft Fürst eines Russen, dem er später noch öfter begegnen sollte, des Fürsten Gortschakow Alexander Michailowitsch Gortschakow, damals russischen Gesandten in Stuttgart und zugleich Vertreters des Zaren beim Frankfurter Bundestag. Mein Vater frug den ihm befreundeten Gortschakow, ob er den neuen preußischen Gesandten Bismarck schon kenne. Als Gortschakow die Frage verneinte, schlug ihm mein Vater vor, abends bei uns zu speisen, er erwarte Bismarck zu Tisch. Gortschakow werde einen interessanten Mann kennenlernen. Gortschakow kam. Bismarck sprühte von Geist. Gortschakow verhielt sich eher zuhörend. Als Bismarck nach Tisch fortging, um noch an einer Soiree in einem anderen Hause teilzunehmen, frug mein Vater den Russen: „N'est-ce pas, qu'il a de l'esprit?" Gortschakow erwiderte: „II en a meme trop." Mit Dankbarkeit und Rührung denke ich daran, mit welcher Güte und Weisheit mein Vater mich erzog. Insbesondere hieß er es sich angelegen sein, die bedenklichen oder gar schlechten Anlagen, die in jeder Kinderseele schlummern, rechtzeitig zu bekämpfen. Ich hatte mir ein kleines Tagebuch angelegt und als Motto auf die erste Seite eingetragen: ,Non impero sed imperam'. Mein Vater nahm mich beim Ohrläppchen und frug: „Was soll der Unsinn bedeuten?" Beschämt und verlegen gab ich zu verstehen, ich hoffte, in späteren Jahren einmal führen, befehlen zu können. Mein Vater erwiderte: „Erstens sollst du gehorchen lernen, bevor du befehlen kannst. Und auch wenn du gelernt haben wirst zu gehorchen, ist es noch sehr die Frage, ob du die Fähigkeit zum Führen haben wirst. Und dann lerne erst die Grammatik. Es muß nicht heißen ,imperam', sondern ,imperabo'!" Als ich einmal mit meinem Vater an einem heißen Tage nach Wiesbaden fuhr, verfiel ich in der Bahn in einen Halbschlummer. Im Coupe mit uns befand sich eine etwas affektierte, sehr sentimentale Dame. Ich hörte, wie sie, auf mich deutend, flüsterte: „Welch schöner Knabe! Das Bild des schönen Schlafes!" Als wir, in Wiesbaden angekommen, dort zum Neroberg gingen, um die griechische Gruftkapelle zu besichtigen, in der die erste Gemahlin des Herzogs Adolf von Nassau, eine russische Großfürstin, ruht, sagte ich zu meinem Vater, ich hätte wohl verstanden, was die freundliche Dame über mich gesagt hätte. „Du hast", erwiderte mein Vater, der sich auch hier als geborener Pädagoge erwies, „ganz falsch verstanden. Sie hat DIE PAULSKIRCHE 9 gesagt, du schautest aus wie ein Affe, und ich habe erwidert, es käme nicht auf das Äußere an, sondern auf Fleiß und Betragen." Auch auf den Spaziergängen, die mein Vater fast täglich mit mir unternahm, benutzte er jede Gelegenheit, um, ohne meine kindliche Unbefangenheit und Fröhlichkeit zu beeinträchtigen, mich ambulando zu belehren. Ich sehe noch die Mainzer Landstraße vor mir, auf der wir gingen. Wir blieben vor einer kleinen Wiese stehen, auf der ein Offizier ein Pferd an der Longe gehen ließ. Um das Tier an den Knall der Pistole zu gewöhnen, gab er alle fünf Minuten einen Pistolenschuß ab. Mein Vater bemerkte, daß, wenn der Augenblick des Schusses sich näherte, ich eine gewisse Nervosität an den Tag legte, beim Schuß aber zusammenfuhr. Mit Ernst sagte er mir: „Sei nicht nervös, wer nervös ist, bringt es zu nichts. Keep up your nerves, Sir!" Ich habe seine Mahnung nie vergessen. In mehr als einer kritischen Lage, bei stürmischen Debatten in den Parlamenten, bei mehr als einer ernsten Unterredung mit Wilhelm IL, bei großen Entscheidungen, bei schwierigen Situationen meines Privatlebens dachte ich an die Worte meines Vaters: „Keep up your nerves, Sir!" Ich durfte meinen Vater auch begleiten, wenn er mit anderen Herren ging. Gar mancher Spaziergang steigt in meiner Erinnerung auf, den mein Bismarck und Vater gemeinsam mit Herrn von Bismarck vor den Toren der alten Reichs- 1848 Stadt Frankfurt unternahm. Wenn ich auch sehr jung war, so verstand ich doch wohl wenn nicht jede Einzelheit so doch Gang und Tendenz der Unterredung, die sich häufig um das Jahr 1848 drehte. Die beiden Gesandten waren darüber einig, daß die politische Unfähigkeit der Deutschen selten oder nie so drastisch zutage getreten sei wie in der Frankfurter Paulskirche. Seiner Art entsprechend, gab mein Vater dieser Auffassung in maßvollen Worten Ausdruck, ja mit einem Unterton von Mitleid, selbst von Anerkennung für den Idealismus der führenden Männer der Paulskirche. Dagegen konnte sich Bismarck gar nicht genugtun in sarkastischer, grausamer Verhöhnung und Verurteilung der theoretisierenden Bücherweisheit, des unpraktischen Doktrinarismus, des banausischen Spießbürgertums, der Philisterhaftigkeit der Achtundvierziger. Ich entsinne mich genau, daß Herr von Bismarck einmal den damals von vielen sehr hoch gestellten Heinrich von Gagern einen hohlen Schwätzer, ja (horribile dictu) ein politisches Kamel nannte. Der einzige Achtundvierziger, den er allenfalls gelten Heß, war Robert Blum, der wenigstens den Mut gehabt habe, sich in der Wiener Brigittenau erschießen zu lassen. Rückschauend will ich nicht bestreiten, daß das Urteil des Gesandten von Bismarck über die Männer von 1848 nicht ganz gerecht, daß es zu scharf war. Die Absichten der Achtundvierziger waren edel, ihre Ziele vielfach die richtigen. Allerdings stand ihr Können in keiner Weise auf der 10 BISMARCK ÜBER ANNEXIONEN Höhe ihres guten Willens. Nun bedeutet aber nach Schopenhauer der gute Wille, der in der Moral alles ist, in der Kunst gar nichts, weil es da allein auf das Können ankommt. Die Politik steht nur in losem Zusammenhang mit der Moral. Sie ist auch keine Wissenschaft, sie ist eine Kunst. Die führenden Geister der Paulskirche scheiterten an ihrer Unterschätzung der Macht. Sie erkannten nicht, daß, wer regieren, wer führen will, ein Machtinstrument in der Hand haben muß, um als Ultima ratio die Gewalt anwenden zu können. Das wußte der preußische Bundestagsgesandte, der in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit meinem Vater zwischen dem Taunus- und dem Allerheiligentor auf und ab wandelte, als er 1862 in Berlin an das Steuerruder des preußischen Staates gestellt wurde. Noch eine Äußerung des Bundestagsgesandten von Bismarck ist mir erinnerlich. Als er meinem Vater auseinandersetzte, daß Preußen irgendwie den Zusammenhang zwischen seinen östlichen und seinen westlichen Provinzen herstellen müsse, erklärte sich mein Vater aus Gründen der Legitimität wie der Moral und des Rechts gegen unrechtmäßige Annexionen. Bismarck erwiderte achselzuckend: „Friedrich der Große hat Schlesien gestohlen und ist doch einer der größten Männer aller Zeiten." Darin lag allerdings ein gewisser Widerspruch zu seiner vorher erwähnten Zustimmung zur Anschauung der Herrnhuter. Wo ist aber der Mensch, in dessen Innerm keine Gegensätze sich bekämpfen, keine Widersprüche sich regen ? Ich möchte sogar behaupten, daß gerade bedeutende Menschen, und die Größten am allermeisten, innere Widersprüche und Gegensätze zu überbrücken und auszugleichen haben. Herr von Bismarck war nicht der einzige Kollege, mit dem mein Vater Graf Rechberg lustwandelte. Oft begegneten wir auch dem österreichischen Gesandten, dem Präsidialgesandten, wie man damals sagte. Graf Bernhard von Rechberg und Rothenlöwen war äußerlich sehr verschieden von Herrn von Bismarck. Er war von kleiner Figur, fast zierlich, glatt rasiert, während für den preußischen Gesandten sein buschiger Schnurrbart charakteristisch war. Rechberg trug auch eine Brille, mit der man sich Bismarck gar nicht hätte vorstellen können. Rechberg ähnelte überhaupt in keiner Weise dem „Junker keck, der Kaufleut' und der Wandrer Schreck" in Unlands Gedicht. Er sah aus wie ein Gelehrter, entstammte aber einem reichsunmittelbaren Geschlecht, das im schwäbisclien Grafenkollegium gesessen hatte. Obgleich Rechberg für hitzig und hochmütig galt und Bismarck nicht gerade ein sanftes Lämmchen war, kamen beide im großen und ganzen persönlich gut miteinander aus. Jedenfalls stand Bismarck zu Rechberg in einem weit besseren Verhältnis als zu dessen Vorgänger, dem hochkultivierten, mehr liberal orientierten Prokesch-Osten. Rechberg ist erst 1899 gestorben, dreiundneunzig Jahre alt. Er hat noch den Sturz, den Tod seines DER VATER DER TRIAS-IDEE 11 großen Frankfurter Kollegen erlebt und wird sich manches dabei gedacht haben. Der bayrische Bundestagsgesandte Herr von der Pfordten war ein biederer Mann, aber mehr Professor als Diplomat. Er war der Vater der Herr von der sogenannten Trias-Idee, d. h. einer Dreiherrschaft über Deutschland, öster- Pfordten reich, Preußen und an der Spitze der mittleren und kleinen Staaten Bayern sollten sich in die Leitung teilen, Bayern auf diese Weise das Zünglein an der Wage werden. Es war das eine der vielen verfehlten Ideen, die vor 1866, in der Bundestagszeit, in Deutschland auftauchten und aufs neue die traurige Tatsache aufdeckten, daß den deutschen Intellektuellen nur zu oft der Sinn für Realität und damit für Politik abgeht. Die Mittelstaaten hätten sich freiwillig allenfalls Österreich, ungern und nur unter starkem Druck Preußen, unter keinen Umständen Bayern untergeordnet, dem sie sich wenn nicht überlegen so doch durchaus ebenbürtig fühlten. Frau von der Pfordten war eine gute, behagliche Frau, auffallend dick, deshalb schwer beweglich, und wurde viele Jahre später bei dem Überschreiten eines Eisenbahngleises bei Weesen in der Schweiz totgefahren. Von den Söhnen Pfordten, die gleichzeitig mit mir das Frankfurter Gymnasium besuchten, machte der älteste, Max, Schulden und wurde bei dem großen Pariser Bankier Moritz Hirsch, dem sogenannten Türkenhirsch, untergebracht, der in den Champs-Elysees ein prächtiges Palais bewohnte. Als einmal dessen Vater, der sich durch Intelligenz und Sparsamkeit in seiner bayrischen Heimat in Fürth ein bescheidenes Vermögen erworben hatte, seinen Pariser Sohn besuchte und dieser ihm nicht ohne Stolz den jungen Max von der Pfordten und andere in seinen Dienst getretene Kavaliere vorstellte, meinte der Alte mit gutmütigem Spott: „Aber Moritz, du bist ja ein Lumpensammler geworden." Der zweite Sohn von der Pfordten, Kurt, wurde bayrischer Gesandter in Bern und vergiftete sich dort später unter dem Druck mißlicher Verhältnisse. Der dritte, Hermann, tat gut. Er hat als Universitätsprofessor in München musikalische Essays geschrieben und auch, wie ich mich zu erinnern glaube, ein patriotisches Trauerspiel verfaßt. Obwohl Bismarck nach dem siegreichen Ausgang des Krieges von 1866 Bayern politisch und Pfordten persönlich mit weiser Schonung behandelte, blieb der Vater Pfordten sein Gegner. Nach dem Tode meines Vaters, 1879, sehrieb er mir, daß der Heimgang seines alten Frankfurter Kollegen ihn geschmerzt hätte und er persönlich den Hinterbliebenen sein herzliches Beileid ausspreche. Daß mein Vater sich auf den Boden des neuen Reichs gestellt habe, beklage er nach wie vor. Pfordten gehörte in die Kategorie der Beust, Dalwigk, Platen, jener mittelstaatlichen Minister, über die das Rad der Geschichte wegging. Er war weniger gewandt und unbegabter als die drei Vorgenannten, aber redlicher. 12 BISMARCK KALTGESTELLT Ich habe schon gesagt, daß sowohl das Bismarcksche Ehepaar wie meine Herr von Eltern in freundschaftlicher Beziehung zu dem oldenburgischen Gesandten Eisendecher Herrn von Eisendecher und dessen gescheiter Frau, einer Bremerin, standen. Herr von Eisendecher hatte zwei hebenswürdige Töchter, die beide Pommern heirateten, die ältere, Gustava, einen Herrn von Koller, die jüngere, Christa, einen Grafen Eickstedt. Christa, die mir immer eine gute Freundin gebheben ist, trat dem Bismarckschen Hause besonders nahe. Sie hat auch am Sterbebette des großen Fürsten gestanden, für dessen Eigenart es charakteristisch ist, daß er trotz der Intimität, die Christa mit dem Bismarckschen Hause verband, deren Bruder, den Gesandten in Karlsruhe, Karl von Eisendecher, nicht mehr über die Schwelle seines Hauses ließ, seitdem dieser, wie der Fürst glaubte, unter dem Einfluß des Großherzogs Friedrich von Baden im März 1890 den Standpunkt seines Chefs, des Ministerpräsidenten und Beichskanzlers, gegenüber Kaiser Wilhelm II. nicht mit der wünschenswerten Festigkeit vertreten hatte. Als Wdhelm II. 1897 dem Fürsten Bismarck seinen letzten Besuch machte, brachte er in seinem Gefolge auch Herrn von Eisendecher mit. Sobald Fürst Bismarck dies hörte, Heß er den Kaiser wissen, daß er Herrn von Eisendecher nicht in seinem Hause dulde, und dieser mußte während des ganzen Besuches im Sonderzuge warten. Als Herr von Bismarck 1859 Frankfurt verließ, war mein Vater der einzige seiner Kollegen, der an die Bahn ging, um ihm Lebewohl zu sagen. Bismarck verabschiedete sich von meinem Vater nach einem kräftigen Händedruck mit den Worten: „Die neue Ära will mich an der Newa in jeder Beziehung kaltstellen. Wer weiß, wie lange ich überhaupt noch im Dienste bleibe." Von nichtdeutschen Diplomaten in Frankfurt war der französische Ge- Le Marquis sandte Tallenay eine originelle Erscheinung. In der Zeit, wo meine Erde Tallenay innerungen beginnen, hatte er bereits den Dienst quittiert, seinen Wohnsitz in der schönen Mainstadt jedoch beibehalten. Damals gab er sein Alter auf siebzig bis achtzig Jahre an. Es wurde aber behauptet, daß er neunzig hinter sich habe. Mit glänzend gefärbtem Haar und Knebelbart, sah er noch ganz unternehmend aus. Er war schon unter dem Directoire in den diplomatischen Dienst eingetreten und hatte als Attache und Secretaire de Legation die Schlacht an den Pyramiden und Marengo miterlebt. Er hatte nacheinander der ersten Republik, Napoleon L, der Restauration, der Juli- Monarchie, der zweiten Republik und Napoleon III. gedient, fand das aber durchaus in der Ordnung. „Je ne sers pas les diflerents gouvernements qui se succedent, je sers la France qui reste." Er hieß eigentlich M. Marquis, vertauschte aber seinen Namen mit dem wohlklingenderen seines Geburtsorts Tallenay, nannte sich erst M. Marquis de Tallenay und schließlich EIN GESTOHLENER ZARENBRIEF 13 le Marquis de Tallenay. Er verkehrte viel in unserem Hause und entzückte uns Kinder durch die Schnurren, die er uns erzählte. Der Erste Sekretär der Französischen Gesandtschaft in Frankfurt a. M., M. Gustave Rothan, war der Sohn eines protestantischen Geistlichen im Elsaß und trug einen outrierten Chauvinismus zur Schau. Er hat später eine Reihe in solchem Geist gehaltene, aber gut geschriebene Bücher über die preußisch-französischen Beziehungen von 1862 bis 1870 veröffentlicht. In Frankfurt wurde er namentlich von den Russen, aber auch von anderen, geschnitten, weil er 1855 als Mitglied der Französischen Gesandtschaft in Berlin den Diebstahl organisiert hatte, durch den ein vertraulicher Brief des Kaisers Nikolaus I. an König Friedrich Wilhelm IV. in die Hände der Franzosen gelangte. In diesem Brief hatte der Zar seinem Schwager mitgeteilt, daß die Bastion Malakow nur noch kurze Zeit zu halten wäre. Der Brief, zur Kenntnis des Generals Pelissier gebracht, entschied über den Fall von Sebastopol und damit über den Ausgang des Krimkrieges. Ein großer Beau und Herzenbrecher war der spanische Gesandte Ran- eis y Villanuova, von dem das Gerücht ging, er sei der erste Liebhaber der Königin Isabella von Spanien gewesen, also jedenfalls der erste in-einer langen Reihe. Vielleicht um diese Sünde abzubüßen, zog sich Rancis am Ende seines Lebens wie Karl V. in ein spanisches Kloster zurück. Er hat mich im Frühjahr 1873 in Metz besucht, wo ich damals am Bezirkspräsidium arbeitete. Ich zeigte ihm die Schlachtfelder von Gravelotte und Mars- la-Tour, die ihm staunende Ausrufe der Bewunderung für das Heldentum der preußischen Garde entlockten. Der niederländische Gesandte, Herr von Scherff, befand sich in ähnlicher Lage wie mein Vater. Er vertrat beim Bundestag das Großherzogtum Luxemburg und einen Teil des Herzogtums Limburg, die, obwohl ein integrierender Bestandteil des Königreiches der Niederlande, zum Deutschen Bund gehörten. Der Tochter Pauline, in Frankfurt „Paulinche" genannt, hat in seiner treuen und redlichen Weise unser lieber Kaiser Wilhelm L viele Jahre in Freundschaft gehuldigt. Paulinche ist als alte Jungfer gestorben, aber die sich nie verleugnende Sympathie des alten Herrn für sie und die kleinen Aufmerksamkeiten, die er ihr mit seinem feinen Herzenstakt erwies, verschönten den Herbst ihres Lebens mit Sonnenschein. Der einzige Sohn der Familie Scherff trat in preußischen Dienst und wurde ein ausgezeichneter Generalstabsoffizier und bahnbrechender Militärschrift- steller, der über Strategie und Taktik wertvolle Abhandlungen veröffentlicht hat. Mecklenburgischer Gesandter am Frankfurter Bundestag war ein Vetter Der mechlen- meines Vaters, Bernhard Vollrath von Bülow. Er war der einzige Sohn burgische des mecklenburgischen Oberstallmeisters Vollrath von Bülow, der sich Bulow 14 TANTE PAULA durch seinen Biedersinn, seine treue Anhänglichkeit an das großherzogliche Haus und als hervorragender Reiter im Lande der Obotriten während der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts allgemeine Verehrung erworben hatte. Der Sohn hatte nicht die robuste Konstitution des Vaters geerbt. Er starb, kaum vierundvierzig Jahre alt, schwindsüchtig in Mentone. Seine Witwe Paula hat nach seinem Tode lange Zeit in Schwerin als Oberhofmeisterin fungiert und war am Berliner und am Wiener wie am russischen Hofe gleich bekannt und behebt. Sie war eine Tochter des langjährigen württembergischen Gesandten in Wien und Berlin, des Grafen Franz de Paula von Linden und einer Freiin von Hügel. Im Schwabenlande scherzte man in der Bundestagszeit: „Auf einem Hügel steht eine Linde und vor der Linde ein Wächter." Die drei Familien Hügel, Linden und Wächter saßen in mancher fetten Pfründe und übten auf diese Weise starken politischen Einfluß aus. Meine Tante Paula war sehr schön. Sie hatte als junge Komteß in Wien dem Erzherzog Max den Kopf verdreht. Er wollte sie partout heiraten, was von seiner Mutter, der Erzherzogin Sophie, nicht ohne Mühe verhindert wurde. Vielleicht würde der arme Erzherzog, wenn er der Gatte der gescheiten und verständigen Paula Linden geworden wäre, sich nicht auf das mexikanische Abenteuer eingelassen haben, an dem er jämmerlich zugrunde ging. Paula Bülow-Linden hat unter dem Titel „Aus verklungenen Zeiten" einen schmalen Band veröffentlicht, in dem sie ohne Prätension, aber mit Anmut, aus ihrem fast achtund- achtzigj ährigen Leben (1833 bis 1920) manches Hübsche und auch einiges Interessante erzählt. Ganz vorurteilsfrei, obwohl sie zeitlebens an Höfen gelebt hatte, stand sie noch als achtzigjährige Frau in regem Briefwechsel mit Ernst Häckel, dem Philosophen Carneri, mit Paul Lindau, Josef Kainz, Cäsar Flaischlen, dem Grafen Paul Hoensbroech, Wolzogen und vielen anderen. Am Abend ihres Lebens neigte sie zu sozialistischen Ideen und arbeitete mit regem Eifer einen Plan gemeinsamer staatlicher Kindererziehung aus, zu dem sie die Anregung 1874 bei einem Besuch des Moskauer Findelhauses empfangen hatte. Von Österreichern verkehrten in meinem elterlichen Hause während Die unserer Frankfurter Zeit freundschaftlich zwei Herren, die später in ihrem österreichische Vaterland an wichtigen Posten stehen sollten. Der damalige Legations- Mission se kretär Braun wurde als Freiherr von Braun Chef der Kabinettskanzlei des Kaisers Franz Josef, den er während Jahren und Jahrzehnten in allen inneren Fragen der Monarchie beriet, eine Stellung, die an die Arbeitskraft, die Gewandtheit und vor allem an die Geduld des Ratgebers wie des zu Beratenden sehr große Anforderungen stellte. Der damalige österreichische Militärattache Hauptmann Friedrich Beck, ein Badcnser aus Freiburg im Breisgau, diente seit 1846 im kaiserlichen Heer. Er wurde 1867 Vorstand EIN DIPLOM ATE N-KNIGGE L5 der Militärkanzlei des Kaisers, 1874 Generaladjutant und 1888 Chef des Generalstabs, was er bis 1906 bbeb. Er ist erst 1920, als Neunzigjähriger, gestorben. Er, der noch unter Vater Radetzky bei Novara gefochten hatte, mußte den Zusammenbruch, das Ende des habsburgischen Hauses und Reiches erleben. Erster Sekretär der österreichischen Mission war ein älterer Legationsrat, der, ähnlich wie der Marquis de Tallenay, seinen väterlichen Namen Baron veredelt hatte. Er hieß von Hause aus Dumreicher, wurde aber unter dem Dumreicher Namen Oesterreicher in den k. k. Freiherrnstand erhoben. In der österreichischen Diplomatie der alten Zeit, also vor dem Schicksalsjahr 1866, wurden die Chefs der wichtigeren Missionen meist dem Hochadel entnommen. Da nun bei den Sprossen der Geburtsaristokratie bedauerlicherweise die dienstliche Brauchbarkeit nicht immer der Zahl der Ahnen entsprach, wurden solchen Chefs bürgerliche Räte beigegeben, denen die eigentliche Berufsarbeit oblag. Ein solcher, übrigens tüchtiger Beamter war der Freiherr Dumreicher von Oesterreicher. Er hat unter dem Titel „Album d'un Diplomate" in französischer Sprache ein elegant eingebundenes, jetzt vergessenes und aus dem Buchhandel verschwundenes Buch verfaßt, das der diplomatischen Zunft manche noch immer nützliche Winke und Ratschläge gibt. Das erste Kapitel behandelt das Thema ,Du Calme' und beginnt mit den Worten: „Un diplomate doit avoir un temperament calme." In einem weiteren Kapitel heißt es: „On aime ä attribuer une certaine fougue au genie et ä se l'imaginer comme dispense d'etre patient. Mais le vrai genie ne manque jamais de patience; il attend toujours que les choses soient arrivees ä maturite et il ne preeipite rien par une impatiente impetuo- site. C'est pour cela qu'un proverbe dit: La patience, c'est le genie." Über den Bon sens heißt es: „La diplomatie est le bon sens applique aux affaires du grand monde", über den Takt: „Le tact est la faculte de faire spon- tanement ce qui est convenable". Und an der Spitze des Artikels über die Intelligenz steht der zweifellos richtige und nicht genug zu beherzigende Satz: „Un diplomate ne saurait avoir trop d'intelligence." Wenn unsere diplomatischen Geschäftsführer im Unglückssommer 1914 diesen goldenen Worten und Winken des seligen Dumreicher entsprochen hätten, so hätten sie das deutsche Volk vor der fürchterlichsten Katastrophe bewahrt, die seit der Heimsuchung des Dreißigjährigen Krieges unser Vaterland betroffen hat. Mit den beiden Legationssekretären, die sich unter meinem Vater an der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag betätigten, hat mich das Leben Die Dänische später wieder zusammengeführt. Der eine, H. von Bille, wurde dänischer Gesandtschaft Gesandter in London. Ich bin ihm dort und anderswo wiederholt begegnet. am Bundestag Der andere, Herr von Wind, war dänischer Gesandter in St. Petersburg, 16 DER PHILOSOPH IN FRANKFURT als ich 1875 zum erstenmal dorthin kam; er war dänischer Gesandter in Berlin, als ich 1900 Reichskanzler wurde. Bille und Wind wohnten in Frankfurt in unserem Hause, wo sie bei meinem Vater die herzlichste Aufnahme gefunden hatten. Meine Beziehungen zu den beiden vortrefflichen Diplomaten sind immer freundlich gebheben. Unser Kanzleisekretär in Frankfurt hieß Kräuter, und kein Kräutchen im Küchengarten konnte bescheidener sein als er. Er war ein Freund des preußischen Kanzleisekretärs Kelchner, der ihm oft von seinem Chef, dem Gesandten von Bismarck-Schönhausen, sprach, den er einen „verwogenen Mann" nannte. In meinem Beisein charakterisierte Kelchner seinen Gesandten gelegentlich folgendermaßen: „Der ist ein Mann, der zu allem fähig ist. Wenn er keine Lust hat, einer Bundestagssitzung beizuwohnen, und ihm gerade kein besserer Vorwand einfällt, so macht er es wie folgt: Er läßt anspannen, fährt die Mainzer Landstraße hinunter, von da auf die erste beste Wiese, läßt den Wagen halten und hebt mit seinem Kutscher ein Rad vom Wagen aus. Dann schickt er den Kutscher nach der Eschenheimer Gasse mit dem Auftrag, im Bureau des Bundestags zu melden, daß er infolge eines Wagenunfalles nicht zur Sitzung kommen könne. Und es geht ihm durch! Ja, das ist ein verwogener Mann." Kelchner hat seinen großen Vorgesetzten von Frankfurt nach St. Petersburg und von da nach Berlin begleitet, wo ich ihn, als ich Staatssekretär wurde, also nach fast vierzig Jahren, nicht allzu gealtert, wieder vorfand. Ein häufiger Gast auf der Frankfurter Promenade war der Prinz Emil von Hessen-Darmstadt, eine Ruine aus der Rheinbundzeit. Ihm hatte in der Schlacht von Leipzig, als er seine hessische Division zum Angriff vorführte, Napoleon ermunternd zugerufen: „En avant, Roi de Prusse!" Der korsische Imperator hatte den hessischen Prinzen, der sein eifriger Anhänger war, für den Fall des Sieges über die Verbündeten zum König von Preußen in Aussicht genommen. Die wenigsten Bewohner von Frankfurt ahnten, daß in den fünfziger Dr. Arthur Jahren zwei Männer in ihrer Stadt lebten, deren Name noch nach Äonen Schopenhauer m | t Bewunderung und Ehrfurcht genannt werden wird: der preußische Bundestagsgesandte Otto von Bismarck-Schönhausen und der Philosoph Arthur Schopenhauer. Von diesem sprach uns bisweilen unser freundlicher Hausarzt, der von uns Kindern sehr gehebte Doktor Stiebel. Dieser Schopenhauer, erzählte er uns, sei ein ganz verdrehtes Haus. Kein Mensch wisse, an wen der glaube. Auf seinem Tisch stehe ein kleiner Buddha, an den richte er, wie es scheine, seine Gebete. Der große Philosoph wohnte an der Schönen Aussicht, wo wir oft spazierengingen. Als ich dort einmal einem in vorgebeugter Haltung, mit auf dem Rücken verschränkten Händen promenierenden und sehr verdrießlich ausschauenden Herrn begegnete, HESSEN-KASSEL 17 sagte mir unser Hauslehrer: „Das ist Herr Schopenhauer, der übergeschnappte Philosoph, von dem der Herr Doktor Stiebel uns erzählt hat." In meinem Hauslehrer Lohr hatte ich einen warmherzigen Patrioten zum Mentor. Sein Nachfolger Hopf war auch ein Hesse, aber von anderer Rieh- Hauslehrer tung. Von ihm sollte ich lernen, wie weit deutsche politische Verstiegenheit gehen kann. Er war aus den Kreisen des Literarhistorikers Vilmar in Marburg hervorgegangen, der in Kurhessen eine der Hauptstützen des ultra-reaktionären und starr-orthodoxen Systems Hassenpflug war. Unter den kleinen deutschen Dynastien hat kaum eine mehr gesündigt als das Haus Kurhessen, das sich durch den Verkauf von hessischen Landeskindern an England mit Schmach bedeckte. Der Landgraf Friedrich II. ließ zwölftausend arme Hessen in englischem Solde gegen Nordamerika kämpfen, wofür er 21 276 778 Taler erhielt, die ihm dazu dienten, das prächtige Schloß Wilhelmshöhe zu erbauen. Seine Nachfolger schienen zeigen zu wollen, wie weit man eine ehrliche und treue Bevölkerung in Deutschland kujonieren könne, ohne sie zu offenem Aufruhr zu treiben. Es gibt ein köstliches Gedicht von Chamisso, dem eine wahre Begebenheit zugrunde Hegen soll. Der Kurfürst streicht eines Abends durch die Straßen seiner Residenz Kassel. Er hört durch ein offenes Fenster, wie ein altes Frauchen laut zu Gott betet um ein recht langes Leben für ihren gnädigen Herrn. Sehr verwundert fragt der Kurfürst die Alte, wie in aller Welt sie zu solchem Gebet komme. Sie erwidert ihm, der Großvater des regierenden Kurfürsten habe ihr von acht Kühen die beste genommen, weswegen sie ihm geflucht habe. Ihm sei sein Sohn gefolgt, der ihr zwei Kühe abgenommen habe. Sie habe auch diesem geflucht, und arg geflucht. Dann kamen höchst Sie selbst an das Reich Und nahmen vier der Kühe mir gleich. Kommt dero Sohn noch erst dazu, Nimmt der gewiß mir die letzte Kuh. Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr, Recht lange leben, ich bitte dich sehr! Die Not lehrt beten. Das Gedicht ist überschrieben „Das Gebet der Witwe". Das skandalöse Privatleben dieser Kurfürsten stand auf der Höhe ihrer sinnlosen Regierungs-Praxis. Trotzdem fanden sie Anhänger, die ihnen durch dick und dünn folgten und ihnen auch nach ihrem Sturz treublieben, als Kurhessen 1866 aus solcher Mißwirtschaft erlöst und mit Preußen vereinigt wurde. Zu diesen Eigenbrötlern gehörte auch mein Lehrer Hopf. Er redigierte während vieler Jahre ein Blatt, das nach der Einverleibung von Hessen in die preußische Monarchie den kurhessischen Partikularismus vertrat. Er 2 Blllow IV 18 LEHRER UND SCHÜLER verlor darüber seine Pfarre, wurde aber nur immer verstockter. Seitdem ich preußischer Minister geworden war, griff Hopf nicht selten auch mich in seinem Blatt an, weil ich den Grundsätzen von Vilmar und Julius Stahl, die einst im Hause meiner Eltern in Frankfurt geherrscht hätten, untreu geworden sei. Als ich 1909 mein Amt niederlegte, schrieb er einen Artikel, den er mir übersandte, in dem er die Hoffnung aussprach, ich würde jetzt endlich zu den Grundsätzen und Anschauungen der fünfziger Jahre zurückkehren, dann könne mir mein Fall noch zu dauerndem Segen gereichen. Ich bin dem starrköpfigen Hopf trotzdem nicht böse, schon weil er, darin ein echter Schüler von Vilmar, mein Verständnis für die deutsche Sage, für unsere gewaltigen nationalen Heldengedichte, vor allem für das Nibelungenlied, erweckte. II. KAPITEL Rumpenheim • Königin Alexandra von England und Kaiserin Maria Feodorowna von Rußland als Kinder • Bildungsideal des Vaters: Bibel und Kernlieder, Homer und Goethe ■ Im Frankfurter Gymnasium • Die Israeliten in Frankfurt • Die Fam i lie Rothschild Nicht gar zu weit von Frankfurt entfernt liegt das hessische Schloß Rumpenheim. Dort regierte vor bald siebzig Jahren Landgraf Wilhelm Im landgräf- von Hessen, der in dänischen Diensten gestanden und es bis zum dänischen liehen Schloß General der Infanterie gebracht hatte. Er war der Neffe des 1836 verstorbenen Landgrafen Karl, der eine gewisse Rolle in der dänischen Geschichte gespielt hat. In meiner Bibliothek stehen dessen Denkwürdigkeiten, die, als Manuskript unter dem Titel „Memoires de mon temps" gedruckt, heute längst vergessen, auch im Buchhandel vergriffen sind. Ein schmales Bändchen, das, dem Brauch der alten Zeit entsprechend in französischer Sprache geschrieben, nicht uninteressante Aufschlüsse über die Tragödie des Abenteurers Struensee enthält. Landgraf Wilhelm war vermählt mit der Prinzessin Louise Charlotte von Dänemark, einer Schwester des dänischen Königs Christian VIII. Seine Tochter Luise war die Gemahlin des Prinzen Christian von Holstein-Glücksburg, der durch das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852 zum Nachfolger des kinderlosen Königs Friedrich VII. im Gesamtstaat Dänemark bestimmt wurde. Meine Eltern besuchten häufig Rumpenheim, und manchmal durfte ich sie begleiten. Dann spielte ich dort mit den anmutigen Töchtern des Prinzen j)i e p r in- Christian. Die ältere, Alexandra, die spätere Gemahlin des Königs zessinnen von Eduard VII. von England, war ein schönes, schlankes Mädchen. Sie hat Glücksburg ihre wunderbare Taille und ihren leichten, schwebenden Gang bis in ein hohes Alter bewahrt. Wenn ich später die Ehre hatte, ihr zu begegnen, neckte sie mich damit, daß ich sie bei unseren kindlichen Spielen, Kreisel, Reifen und Kämmerchenvermieten, bisweilen gepufft und sogar gekratzt hätte. Ich mußte wahrheitsgemäß erwidern, daß ich die Ehre gehabt hätte, von der reizenden Prinzessin gelegentlich unsanft behandelt zu werden. Die Prinzessin Dagmar, die spätere Kaiserin Maria Feodorowna von Rußland, war lebhafter und wohl auch intelligenter als ihre um drei Jahre ältere 2« 20 EINE PROPHEZEIUNG Schwester Alexandra, aber eigenwilliger. Prinz Christian von Glücksburg, der spätere König Georgios von Griechenland, der im Alter zwischen den beiden Schwestern stand, war für den dänischen Seedienst bestimmt. Ein Jahr bevor er den griechischen Thron bestieg, kam er mit seinem Vater nach Frankfurt, von wo beide einen Besuch in Rumpenheim abstatten wollten. Prinz Christian schlug meinem Vater eine Spazierfahrt um die Frankfurter Anlagen vor. Ich wurde mitgenommen. Als mein Vater den Vordersitz gegenüber den künftigen Königen von Dänemark und Griechenland einnehmen wollte, protestierte Prinz Christian: „Mein Sohn ist noch ein Kind. Er setzt sich mit Ihrem Jungen uns gegenüber." Ich kann mich auch noch wohl eines Besuches erinnern, den die Königin Karoline-Amalie von Dänemark, die Witwe des Königs Christian VIII. und Tochter des Herzogs Friedrich Christian von Augustenburg, meiner Mutter abstattete. Mein Vater war nicht zu Hause, und als die Königin fortging, forderte mich meine Mutter auf, Ihrer Majestät den Arm zu reichen und sie zu ihrem Wagen zu geleiten. Ich machte eine kleine Verbeugung und führte die Königin bis zu ihrem Wagen. Sie küßte mich auf die Stirn und sagte zu mir: „Das hast du sehr gut gemacht! Du wirst gewiß noch einmal dänischer Grand Chambellan werden." Ich erzählte diese kleine Reminiszenz aus meiner Kindheit viele Jahre später der Kaiserin Auguste Viktoria, die eine Nichte der Königin Karoline-Amalie war, als ich mit ihr und Wilhelm II. auf der Jacht „Iduna" vor Eckernförde kreuzte. Ich fügte hinzu: „Die Träume der Kindheit erfüllen sich selten. Schließlich habe ich es doch nicht bis zum dänischen Oberstkämmerer gebracht. Aber alles in allem und trotz mancher Sorgen, die mir Seine Majestät gelegentlich bereiten, gehe ich doch lieber in Berlin Unter den Linden spazieren als auf der Langelinie in Kjöbnhaven." Der Kaiser lachte sehr. Die Besuche in Rumpenheim waren für mein kindliches Gemüt auch Der Taunus deshalb erfreulich, weil der Weg durch eine reizende Gegend führte. Der Main, Frankens schöner Hauptfluß, ist nicht von der Sage umsponnen wie der Rhein, es ist auch nicht soviel Blut um ihn geflossen, er hat keine so große geschichtliche Rolle gespielt, aber seine stille und ruhige Art macht ihn dem teuer, der wie ich an seinen lieblichen Ufern gelebt hat. Ich kenne kaum eine Gegend, die so gemacht ist, den Sinn für landschaftliche Schönheit und die Liebe zur Natur zu entwickeln, wie die Umgebung von Frankfurt. Der Taunus mit seinen sanften Hängen und abgerundeten Bergkuppen lockt um so mehr, als er zu entfernt ist, um zur täglichen Gewohnheit zu werden, und daher immer neue Reize erschließt. Ich habe seitdem Tirol und die Karpathen, die italienischen und die griechischen Berge, ich habe vor allem die Schweizer Alpen kennengelernt, aber kein Gipfel hat meine Phantasie beschäftigt und angezogen wie der Feldberg mit dem Brun- BISMARCK ÜBER SPRACHKENNTNISSE 21 hildenstein, der steile Altkönig, dessen Spitze ein Steinwall umgibt, den die alten Germanen angelegt haben sollen. Wie frisch waren die Laubwälder des Taunus, wie herrlich der Blick von oben auf die weite Fläche, die sich am Fuß des Taunus ausbreitet, auf die vielen blühenden Ortschaften, auf die blauen Fernhöhen! Oft suchten wir das nahe der Stadt gelegene Frankfurter Wäldchen auf, in dem auch der preußische Gesandte von Bismarck- Schönhausen gern mit seiner Frau und seinen drei Kindern spazierenging. Wir gingen hinaus aufs Jägerhaus, wir wanderten nach der Mühle. An einem schönen Ostersonntag ging mein Vater mit uns Knaben hinauf zu jenem Stein, wo Goethe den „Osterspaziergang" gedichtet haben soll, wo Faust mit seinem Famulus Wagner von einer Wanderung rastet, wo er im ewigen Abendstrahl die stille Welt zu seinen Füßen sieht, wo das Gefühl hinauf- und vorwärts dringt — Wenn über uns, im blauen Raum verloren, Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, Wenn über schroffen Fichtenhöhn Der Adler ausgebreitet schwebt Und über Flächen, über Seen Der Kranich nach der Heimat strebt. Mein Vater lebte und webte in Goethe. Das war damals nicht so allgemein wie heute. Der Einfluß von Goethe auf die Nation war in jener Zeit weniger groß als der von Schiller. Der hundertjährige Geburtstag von Goethe im August 1849 war kaum gefeiert worden. Die Liebe meines Vaters zu Goethe war so lebhaft, daß er mir gelegentlich sagte, er bedauere, mich nach seinem Großvater Bernhard genannt zu haben, er hätte mich auf den Namen Wolfgang taufen lassen sollen. Meine Ausbildung lag bis zu meinem zwölften Jahr in den Händen meiner kurhessischen Hauslehrer. Vorher stand ich unter der Obhut eng- Gouvernanten lischer und französischer Gouvernanten, denen ich die Beherrschung des Französischen wie des Englischen verdanke, was mir meine spätere diplomatische Tätigkeit nicht unerheblich erleichtert hat. Zu den vielen mißverstandenen Äußerungen des Fürsten Bismarck gehört auch seine angebliche Bemerkung, Sprachkenntnisse wären nur für Kellner nützlich. Wenn dieses Wort wirklich gefallen ist, so war es natürhch eine Boutade. Es wird wohl so gewesen sein, daß Fürst Bismarck keine Lust hatte, diesen oder jenen jungen Anwärter für die Diplomatie zu nehmen. Als nun für den betreffenden Jüngling seine Sprachkenntnisse geltend gemacht wurden, mag Bismarck geantwortet haben: „Ein schönes Talent für einen Oberkellner!" Es war das nur eine Form der Ablehnung. In Wirklichkeit verlangte Fürst Bismarck von seinen Diplomaten mündliche und schriftliche Geläufigkeit 22 FRÄULEIN VON X. im Französischen und noch besser im Französischen und im Englischen. Ich glaube nicht, daß Bismarck einem Matthias Erzberger, der kein Wort Französisch verstand, geschweige denn sprechen konnte, entscheidende, schicksalsschwere Verhandlungen mit französischen Generälen und Diplomaten übertragen hätte. Ich bin jedenfalls den Engländerinnen und Französinnen, die mich in meiner Kindheit, wo sich fremde Sprachen am leichtesten und besten erlernen lassen, mit beiden Sprachen vertraut machten, noch heute dankbar. Meine engUsche Gouvernante, Miß P., war groß, schön gewachsen, sie hatte prächtige Zähne und Augen, die strenge bückten, auch wenn sie zärtlich gestimmt war. Meine französische Erzieherin, Made- moiselle T., war klein, zierüch, beweglich, ein wenig kokett. Miß P. schloß ihre Ermahnungen gern mit den Worten: „Mr. Bernhard, behave as a gentleman, otherwise I cannot love you." Mlle. T. flötete: „Mon petit Bernard cheri, soyez bien gentil avec votre bobonne qui vous aime taut." Miß P. und Mademoiselle T. gefielen mir beide sehr gut. Mein Vater sprach ausgezeichnet Französisch. Meiner Mutter war das Englische vertrauter, das damals in Hamburger Patrizierhäusern viel gesprochen wurde. Ein Zweig der Familie Rücker hatte sich im achtzehnten Jahrhundert nach England gewandt, war dort völlig anglisiert worden, unterhielt aber noch Verbindungen mit der alten Heimat und den Hamburger Verwandten. In Frankfurt erhielt ich meinen ersten Tanzunterricht. Unter den jungen Tanz- Mädchen, mit denen ich mich im Reigen drehte, war auch Fräulein N., unterrkht deren Mutter für die größte Schönheit der Frankfurter Gesellschaft galt. Man flüsterte sich zu, daß der österreichische Gesandte, Graf Friedrich von Thun-Hohenstein, ihr den Hof gemacht habe. Nach ihm sei ein eleganter preußischer Husarenoffizier, der Baron Max Schreckenstein, von ihr ausgezeichnet worden. Boshafte Zungen fanden, daß ihre ältere Tochter dem Grafen Thun, die jüngere dem Freiherrn von Schreckenstein gliche. Verständige Leute meinten mit Kaiser Justinian und dem guten Herrn N.: „Pater est quem nuptiae demonstrant." Meine Lieblingstänzerin war Fräulein von X., deren Vater der Bundes-Militär-Commission angehörte. Als mit dem Ende des Winters auch die Tanzstunden ihr Ende erreicht hatten und ich betrübt von meinen Tänzerinnen Abschied nahm, Uef sie mir nach und umarmte und küßte mich unter Tränen. Es war dies das erstemal in meinem Leben, daß eine Dame die Güte hatte, mir spontan anzudeuten, ich wäre ihr nicht unsympathisch. Ich habe Fräulein von X. nie wiedergesehen. Sie ist aber nicht an Liebesgram gestorben, sondern hat einen wackeren General geheiratet, dem sie sieben Kinder schenkte. Meine geistige Ausbildung verdanke ich in allererster Linie meinem \ ater. Geistige Er legte die Fundamente meiner Bildung. Als solche möchte ich einerseits Ausbildung j£ s war -wichtig, sich rechtzeitig einen Eckplatz zu sichern. Der Platz in der Mitte war nicht angenehm, außer wenn man zwischen zwei hübschen Damen saß. Die Fahrt ging sehr langsam und dauerte vom Morgen bis zum Abend. Die erste Station war Fürstenberg. Nicht weit von da lag das Gut eines Herrn von Valdoy, von dem die Sage ging, daß er für die melancholische Prinzessin Karoline von Strelitz, die traurige Erinnerungen an ihre Ehe mit Friedrich VII. von Dänemark nicht überwinden konnte, von den Empfindungen beseelt wäre, mit denen Schillers Ritter von Toggenburg mit bleichem Antlitz auf das Fenster blickte, hinter dem, ruhig und engelsmild, die Angebetete saß. In Oranienburg, wo ein von der Gemahlin des Großen Kurfürsten erbautes Schloß zu bewundern war, wurde ein längerer Aufenthalt genommen. Erst gegen Abend trafen wir in Berlin ein. Am nächsten Tage spazierte ich mit meinem Vater Unter den Linden Bei Bismarck und durch die Wilhelmstraße, in der wir beide, mein guter Vater und ich, * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 256; Kleine Ausgabe V, 251. ü o 9 CQ a o > V > T3 0) ■M *-< i V => ö * t! 18 2 * J § £ > 5^ u "tr fi .s C m « 2 9 1 « 3 -O PQ ^ g "TT > S ö M «Ö > :CS ^ o 0,3 ? «J &>! -S ^ c/j oj 'S W5 V 13 § cd ja o •-s M O +J CS c ü CD ■ KÖNIGIN AUGÜSTA 65 lange und arbeitsreiche Jahre verleben sollten. Damals suchte mein Vater dort seinen Frankfurter Freund Herrn von Bismarck auf, der seit acht Monaten preußischer Ministerpräsident und Minister des Äußern war. Während mein Vater mit dem Ministerpräsidenten in dessen Arbeitszimmer sprach, unterhielt ich mich mit seinen Kindern, die auf dem Korridor herumtobten und auf der Treppe, deren Zugang die beiden Sphinxen bewachen. Als wir nach dem Hotel de Rome, wo wir abzusteigen pflegten, zurückkehrten, erzählte mein Vater, er habe Bismarck trotz aller gegen ihn gerichteten Angriffe und der zum Teil ganz wüsten Schmähungen der Demokraten in guter und mutiger Stimmung getroffen. „Ich komme durch", hatte Bismarck zu meinem Vater gesagt, „und ich werde mit den Demokraten fertig, vorausgesetzt, daß der König mir treu bleibt. Und das wird er, denn er hat die Gefühle und die Gesinnung eines Edelmannes." Die Wendung: „Er denkt und fühlt wie ein Edelmann", die ich später öfter von ihm hörte, war in den Augen des Fürsten Bismarck das höchste Lob, das er spenden konnte. Um wieder Berge zu sehen, machte mein Vater von Berlin mit mir, der ich ihn freudig begleitete, einen Abstecher nach Regensburg, Augsburg, Baden-Baden München und zurück über Baden-Baden. Von Regensburg aus besuchten wir die Walhalla, den von König Ludwig I. von Bayern errichteten „Tempel teutscher Ehren". Ich ahnte nicht, daß ich hier einmal als deutscher Reichskanzler eine Rede halten würde anläßlich der Aufstellung der Marmorbüste meines großen Vorgängers, des zu jener Zeit von den Liberalen bissig befehdeten, von den Demokraten beschimpften Herrn Otto von Bismarck-Schönhausen. In Baden-Baden erblickte ich zum erstenmal die Königin Augusta von Preußen. Sie stattete abends der mit ihr und uns im selben Hotel wohnenden Herzogin Dorothea von Talleyrand und Dino, einer geborenen Prinzessin von Kurland, einen Besuch ab. Als sie der Herzogin Lebewohl gesagt hatte und die Treppe ihrer im Parterre gelegenen Wohnung hinabstieg, gingen zwei Lakaien mit brennenden Flambeaux vor ihr her. Die Königin Augusta war damals noch eine schöne Frau. Die Herzogin Dorothea hatte in ihrer Jugend das Alter des Fürsten Talleyrand und in ihrem Alter die Jugend des am 18. September 1848 auf der Bornheimer Heide bei Frankfurt vom Pöbel ermordeten Fürsten Lichnowsky versüßt. Den Hochsommer 1863 verlebten wir in dem Seebad Heiligendamm bei Doberan. Auch hier ging es nicht mehr so patriarchalisch zu wie früher, Doberan und wo dort noch eine öffentliche Spielbank bestand und der biedere Großherzog Hciligendamm Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin, der Gatte der Prinzessin Alexandrine von Preußen, einer Tochter des Königs Friedrich Wilhelm III. und Schwester unseres alten Kaisers Wilhelm, mit Vorliebe selbst die Bank 5 Büluw IV 66 DER RITTER BÜLOW hielt, an heißen Tagen in Hemdsärmeln. Aber noch immer nahm der Hof an der Table d'hote teil, bei der es gemütlich zuging, ohne Zwang noch besondere Förmlichkeiten. Doberan hatte eine interessante Vergangenheit, über die mich mein Vater belehrte, der über ausgebreitete historische Kenntnisse verfügte und in seiner Herzensgüte uns Kindern gegenüber sehr mitteilsam war. Er erzählte uns, daß Doberan schon im zwölften Jahrhundert von dem Wendenfürsten Pribislaw II. als Zisterzienserkloster gegründet wurde. Doberan war sehr reich gewesen, denn es besaß Reliquien, die ihm ein großes Ansehen verliehen und es zum Ziel von Wallfahrten aus Dänemark, Schweden und noch ferneren Ländern machten. In der Reformationszeit säkularisiert, wurde Doberan im Jahre 1793, dem Jahr der Terreur in Frankreich, der Epouvantable annee de Iauriers et de sang grande ombre couronnee, das erste deutsche Seebad. Mein Vater führte mich in die Doberaner Kirche, ein gotisches Gebäude in Kreuzform, auf dessen Mitte sich eine mäßige Turmspitze erhebt. In der Kirche zeigte er mir die Bülowen-Kapelle, die 1372 von dem Schweriner Bischof Friedrich IL, der dem Hause Bülow entstammte, „zu seiner Lieben Gedächtnis" gestiftet und von dem Mönch Eckhart Bülow mit einer Dotation ausgestattet worden war. Uber der Tür bewunderte ich die bildliche Darstellung eines Wendenhäuptlings, der ein Ungetüm mit seiner Streitaxt und den Worten bedroht: Stall up — hör van de Dör! Augenscheinlich das Konterfei eines energischen Missionars, der keinen Spaß verstand, wenn es sich um die Bekehrung renitenter wendischer Heiden handelte. Innerhalb der Kapelle stand unter dem Bild eines Ritters Bülow die Inschrift: Wieck, Düvcl, wieck, wieck wiet van my, Ik scheer my nig een Hoahr om dy. Ik bün ein Meckelbörgsch Edelmann, Wat geit dy, Düvel, mien Suupen an ? Ik suup mit mienen Herrn Jesu Christ, Wenn Du, Düvel, ewig dösten müßt, Und drink mit öm Söst Kolleschahl, Wenn Du sitzt in der Höllenqual, Drum rahd ik: wieck, loop, rönn und gab! Siinst, by dem Düvel, ick tau schlah. Das Selbstgefühl, das dieser meckelbörgsche Edelmann in seiner Grab- echrift sogar dem Teufel gegenüber an den Tag legt, die Entschiedenheit, mit der er sich das Recht zu saufen wahrt, sind junkerlich im guten Sinne FLÜGELSCHLAG (»7 des Wortes. Ich bemerke hierzu, daß ich im zweiten Vers aus ästhetischen Gründen für einen sehr viel derberen Ausdruck das Wort „Hoahr" (Haar) gesetzt habe. Im Januar 1864 zeigte es sich, daß mein Vater die Wahrheit gesagt hatte, als er dem König Friedrich VII. die unausbleiblichen Folgen der eider- Düppel dänischen Politik prophezeite. Im Februar wurde das Danewerk von den Dänen geräumt. Am 18. April 1864 erstürmten die Preußen die Düppler Schanzen. Das war der erste kräftige Flügelschlag des preußischen Adlers seit einem halben Jahrhundert. In Mecklenburg, das tapferen Anteil an den Freiheitskriegen genommen hatte, war die Begeisterung allgemein. Der Erbgroßherzog teilte meinen Enthusiasmus. Er vertraute mir an, daß sein Vater dem Kriege der deutschen Großmächte gegen Dänemark kühl gegenüberstünde, seine Mutter, wie die Upper ten thousand in ihrer englischen Heimat, mit den Dänen sympathisiere. In der Untersekunda des Gymnasiums aber gingen die Wogen der Begeisterung sehr hoch, aus voller Kehle wurde gesungen: Ob Meer auch und alpige Halden Vielmarkig zerteilen die Flur, Ihr Banner viel Fürsten entfalten: Ein Deutschland an Herzen ist's nur! Wohin sich der Sinn uns auch wende, Millionen, sie schlingen die Hände Zum großen Bund, dem ein'gen Vaterland. In dem Hochgefühl, das mich erfüllte, als die Preußen in stürmischem Anlauf und mit stürmischem Mut die schwarz-weiße Fahne auf alle zehn Düppler Schanzen aufgepflanzt, als sie zwei Monate später mit kühnem Handstreich den Übergang nach der Insel Alsen bewerkstelligt, die Dänen überall geschlagen und sie nach Fünen vertrieben hatten, sagte ich zu meinem Vater: „Jetzt sind wir ein großes Volk! Wir sind größer, als es die Engländer und Franzosen sind." Mein Vater erwiderte mir ernst: „So weit sind wir noch lange nicht. Uns fehlt das Nationalgefühl, der Nationalstolz der Franzosen und Engländer. Wir streiten uns auch viel zu oft untereinander." In diesem Zusammenhang hörte ich zum erstenmal das grausame Wort von Goethe, daß die Deutschen im einzelnen tüchtig, als Ganzes aber miserabel wären. Wie in Frankfurt, so unternahm auch in Strelitz mein Vater oft Spaziergänge mit mir, namentlich von Neu-Strelitz nach Alt-Strelitz ging er Alt-StrelUz gern. Der Weg führte über eine kleine Anhöhe, wo bisweilen ein schärferer Wind wehte. Als ich mich einmal über diesen Wind beklagte, erwiderte mein Vater: „Gewöhne dich beizeiten daran, daß auf Höhen ein kalter und 5* 68 EIN SCHULFREUND scharfer Wind zu wehen pflegt. Das gilt von den Höhen des Lehens wie von dieser ldeinen Anhöhe." Mein Vater sagte mir auch einmal: „Wer Alt- Strelitz in Ordnung halten kann, wird auch mit Neu-Strelitz fertig werden. Und wer das Zeug für das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz hat, der mag auch ein größeres Land regieren. Es sind dieselben Eigenschaften, die hier und dort verlangt werden. Es ist im Grunde einerlei, ob du mit hölzernen, mit silbernen oder mit goldenen Figuren Schach spielst." Alt- Strelitz war noch kleiner als Neu-Strelitz, es hatte kaum zweitausend Einwohner. Amts- und Stadtrichter in Alt-Strelitz war der Vater meines Schulfreundes Wohlfahrt, der am selben Tage geboren war wie ich. Wir sind durch unser ganzes Leben Freunde geblieben. Ewald Wohlfahrt war, nachdem er ein gutes Referendar- und ein noch besseres Assessor-Examen abgelegt hatte, Bürgermeister von Alt-Strelitz geworden. Als er sich in dieser Stellung bewährt hatte, rückte er zum Bürgermeister von Neu- Strelitz auf. Als er auch diese Stufe der Leiter erklommen hatte, schrieb er mir, nun bliebe ihm kaum noch etwas zu wünschen übrig. Die Vorsehung meinte es aber so gut mit ihm, daß er nach mehrjähriger Tätigkeit als Bürgermeister von Neu-Strelitz großherzoglicher Hofrat wurde Da ließ er sich in einer schönen Uniform photographieren und schickte mir sein Bild. Ich hielt ihn damals für einen der wenigen wirklich zufriedenen Menschen, die mir begegnet sind. Aber ich hatte ohne den Weltkrieg und ohne den Zusammenbruch des alten, glücklichen Deutschland gerechnet, die auch in diesen stillen Wirkungskreis eingriffen. Mein Freund Wohlfahrt litt nicht nur als treuer Patriot, der er war, unter dem Unglück des Vaterlandes, sondern er mußte mit ansehen, wie vieles, was er in seinem kleinen Kreise mit Verständnis und Liebe gehegt und gepflegt hatte, durch den Umsturz zerstört wurde. Er schrieb mir darüber im Frühjahr 1923: „Wenn Du vor Jahren einmal wieder nach Strelitz gekommen wärst, würdest Du Dich in der alten Residenzstadt, in welcher Zucht, Ordnung und Sauberkeit herrschten, wohlgefühlt haben. Jetzt aber würdest Du Dich wundern über die traurigen Zustände, welche hier seit 1919 bestehen. Ich bedauere, mein Leben hier beschließen und täglich sehen zu müssen, wie das, was ich mit Mühe und Sorgfalt aufgebaut habe, nunmehr in kurzer Zeit niedergerissen und zerstört wird. Diejenigen, welche ehemals begierig nach einem Bücke, einer Anrede Serenissimi haschten, sind jetzt die eifrigsten Anhänger der Republik und haben schnell vergessen, was wir unserem Fürstenhause schulden an Dank für das, was sie einst getan, und an Mitgefühl für das, was sie jetzt leiden müssen. Es ist wahrlich kein Vergnügen für mich, den ehemaligen Consul loci, das alles sehen und fühlen zu müssen, und nicht nur einmal, sondern täglich." FRITZ REUTER 69 Eine große Freude war für uns in Strelitz das Reiten. Wir wurden, mein Bruder Adolf und ich, auf die Hengste des Landgestüts gesetzt und tummelten sie in der großherzoglichen Reitbahn. Die Hengste waren nicht leicht zu reiten: sie schlugen aus, sie scheuten, sie bockten, sie schrammten, vor allem aber hebten sie zu steigen. Wir hielten uns dann an der Mähne der großen Tiere fest und boten das Bild kleiner Äffchen, die sich an einen Zweig klammern. Wir wurden aber auf diese Weise früh zu firmen Reitern. Wir brachten es so weit, daß wir die Hengste auch ohne Bügel ritten, erst auf Decke, dann auf englischem Sattel. Ohne Bügel zu reiten, befördert wie kein anderes Mittel die Fertigkeit, Sitz und gute Haltung auf dem Rücken des Pferdes zu behaupten und es richtig zu lenken. Ein anderes Vergnügen war das Schlittschuhlaufen, das wir bei der Strenge des mecklenburgischen Winters monatelang treiben konnten. Als ich einmal mit meinem Bruder Alfred über das Eis des Zierker Sees hinflog, brach ich plötzlich ein. An einer Stelle, wo auf dem Grunde des Sees eine warme Quelle sprudelte, hatte die Eisdecke nicht die Stärke gehabt, mich zu tragen. Das Wasser reichte mir bis fast an den Mund, ich stampfte mit den Füßen, um nicht unterzugehen, und rief meinem Bruder zu, sich auf den Bauch zu legen und mir den langen Schal zuzuwerfen, den er um den Hals gewickelt trug. Auf diese Weise zog er mich zu sich hin, bis ich eine Stelle erreicht hatte, wo die Eisdecke wieder fest war und uns beide tragen konnte. Dann setzten wir unseren Eislauf in noch schärferem Tempo fort, erquickten uns am gegenüberhegenden Ufer durch einen heißen und sehr steifen Grog, den man, wenigstens damals, als das Nationalgetränk der Mecklenburger bezeichnen konnte, und kamen ohne Schnupfen davon. Unsere Eltern ließen uns nach Herzenslust Ausflüge in die Umgebung und auch längere Fußwanderungen unternehmen. Bei einer dieser Wände- Ncu- rungen kamen wir nach der „gauden Stadt Nigen-Bramborg". In einer Brandenburg kleinen Wirtschaft der Stadt Neu-Brandenburg wurde uns Fritz Reuter gezeigt. Er saß, den Kopf in beide Hände gestützt, schwer betrunken vor einem hölzernen Tisch, auf dem viele leere Flaschen standen. Man weiß, daß Reuter während der langen Festungshaft, die er auf Grund der unsinnigen Karlsbader Beschlüsse durchzumachen hatte, dem Trünke verfallen war. Der Anfang, das Ende, o Herr, sie sind dein! Die Mitte dazwischen, das Leben, war mein. Und irrt' ich im Leben und fand mich nicht aus, Bei dir, Herr, ist Klarheit, und licht ist dein Haus hat Fritz Reuter kurz vor seinem Tode in ein Stammbuch geschrieben. Seine „leiwen Landslüt, die Landslüt von Meckelnborg und Pommern", TO SCHILLS GRAB werden den großen Dichter des plattdeutschen Volks nicht vergessen, der im Herzen des ganzen deutschen Volks fortleben wird. Im Sommer 1864 unternahmen wir mit dem guten Erbgroßherzog Adolf Friedrich und dessen hannoverschem Erzieher, dem Hauptmann von Petersdorf, eine prächtige Fußreise nach Rügen und konnten uns davon überzeugen, daß der Norden unseres Vaterlandes nicht weniger landschaftliche Schönheiten bietet als der uns bisher mehr vertraute Süden. Wir marschierten tapfer fünf bis sechs Stunden täglich. In Stralsund suchten wir die Querstraße auf, wo Ferdinand von Schill, der fromme, der tapfere Held, gefallen war. Über seinem Grabe las ich die treffenden Worte aus Virgil: Magna voluisse magnum. Occubuit fato: jacet ingens litore truncus, Avulsumque caput: tarnen haud sine nomine corpus. Und ins Grab hatte ihm Ernst Moritz Arndt nachgesungen: Dann sattelt ein Reiter sein schnelles Pferd, Und schwingt ein Reiter sein blankes Schwert, So rufet er zornig: Herr Schill, Herr Schill, Ich an den Franzosen Euch rächen will. Mein Vater hatte uns, bevor wir die Rügenreise antraten, die Verse eines jetzt längst vergessenen Dichters, des empfindsamen Kosegarten, mit auf den Weg gegeben: Empfange mich, alter Rügard! Mich lüstet zu schaun Mit staunendem Blick Die Riesengräber und Herthas Hain, Die Küsten, die Inseln und das donnernde Meer. Die reizenden Gartenanlagen des Fürsten Putbus, der von dem Wendenfürsten Jaromir abstammen wollte, gefielen uns viel besser als die Stadt Putbus, die das Rügensche Karlsruhe genannt wurde und in der Tat durch ihre langweilige Regelmäßigkeit an die badische Residenz erinnert. Wir freuten uns an dem prächtigen Granitzer Forst. Wir freuten uns auch an den schwarzen, rot gefütterten Röcken der Leute von Mönkgut. Wir hörten von der, nebenbei gesagt, gar nicht so üblen Sitte, daß die Mönkguter Mädchen, wenn sie heiraten wollten, selbst auf die Freierei gingen, die sie „die Jagd" nannten. „Se stellt na em ut." Auf der Stubbenkammer, auf der König Karl XII. von Schweden gestanden hat und auf der ich viele Jahre später mit Wilhelm II. stand, genossen wir einen herrlichen Sonnen- • AM DEUTSCHEN NORDKAP 71 Untergang. Mit Schauern der Ehrfurcht blickten wir auf den Herthasee. Am meisten aber begeisterte uns das nördliche Vorgebirge von Rügen, Arkona, das wir nach einem anstrengenden Marsch durch tiefen Sand erreichten. Auf Arkonas Berge Ist ein Adlerhorst, Wo vom Schlag der Woge Seine Spitze borst. Spitze deutschen Landes, Willst sein Bild du sein ? Riss' und Spalten splittern Deinen festen Stein. Adler, setz dich oben Auf den Felsenthron, Deutschen Landes Hüter, Freier Wolkensohn! Ließ der deutsche Kaiser Fliegen dich zugleich, Als er brach in Stücke, Ach, das deutsche Reich ? Mit diesen melancholischen Versen hat der Dichter der Griechenlieder, Wilhelm Müller, das deutsche Nordkap besungen. • VI. KAPITEL Pädagogiumin Halle (1865—1867) • Das Leben im „Pädchen" • Professor Dr. Daniel und sein Einfluß • Redeübungen • Mitschüler • Die Halloren • Politik in Halle • Demokratie und Liberalismus • „Professoren" und „Kreisriehter", fast alle Intellektuelle gegen Bismarck • Konfirmation in Halle (18. III. 1866) Als wir von unserer Wanderung durch Rügen zurückkehrten, eröffnete uns mein Vater, daß wir zu Ostern nächsten Jahres auf eine andere Schule Preußisches kommen würden, auf das Pädagogium zu Halle an der Saale. „Ich schicke 1 adagogium au f eme p reu ßi sc he Schule", fügte er hinzu, „da ihr doch wohl einmal euren Weg in Preußen machen werdet, damit ihr euch rechtzeitig an die preußische Art gewöhnt." In Strelitz hatten wir es schon bis Prima gebracht. Mein Vater ließ uns aber in Halle noch einmal in die Obersekunda eintreten, damit wir nicht zu früh die Universität bezögen. „Die guten Pferde sind die", meinte er, „die in den Zügeln gehen und die man zurückhalten muß, nicht die, wo es der Peitsche bedarf, um sie vorwärts zu treiben." Das Elternhaus zu verlassen, wnarde uns, meinem Bruder Adolf und mir, recht schwer. Im Königlichen Pädagogium, in dessen Internat wir aufgenommen wurden, empfanden wir zunächst ein sehr starkes Heimweh. Unsere Eltern, die dies vorausgesehen haben mochten, beßen unter irgendeinem Vorwand unseren bisherigen Hauslehrer Hopf, der statt unser meine jüngeren Brüder in Obhut genommen hatte, einen Besuch in Halle abstatten. Als er uns frug, wie uns zumute wäre, erwiderten wir mit zusammengebissenen Zähnen: „Oh, ganz ausgezeichnet!" Wir mögen dabei ein ganz kreuzjämmerliches Gesicht geschnitten haben. Aber es zeigte sich bald, daß Bismarck recht hatte, wenn er sagte, die preußische Jacke jucke zunächst, dann aber halte sie wärmer als irgendeine andere, und man könne sie nicht mehr entbehren. Bald fühlten wir uns wohl im „Pädchen". So wurde von den Schülern das Pädagogium genannt, das einen Teil der großartigen Franckeschen Stiftung bildete. Über dem Haupttor der Stiftung prangte ein zur Sonne steigender Adler. Darunter in großen goldenen Buchstaben ein Bibelspruch aus Jesaias 40, 31: „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kräfte, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt IN FRANCKES HAUS 73 werden, daß sie wandeln und nicht müde werden." Im Geiste dieses Bibelspruchs hatte der 1663 in Lübeck geborene, 1727 in Halle verstorbene August Hermann Francke 1698 seine Stiftung ins Leben gerufen, ein Werk, dem im ganzen Bereich der evangelischen Kirche kein zweites gleichkommt. Als er einmal in der an seiner Wohnung angebrachten Armenbüchse sieben Gulden fand, meinte er hocherfreut: „Das ist ein ehrlich Kapital, davon muß man was Rechtes stiften!" Er fing damit an, eine Armenschule zu begründen. Weil aber zum Unterricht auch die Erziehung treten müsse, faßte er den Gedanken eines Waisenhauses, zu dem 1698 der Grundstein gelegt wurde und das den Kern bildete, um den sich alles übrige kristallisierte: zwei Gymnasien, das Königliche Pädagogium und die Lateinische Hauptschule, eine Realschule, eine Töchterschule, eine Bürger- und eine Freischule, die große Cansteinsche Bibelanstalt, aus der die Bibel stammt, die ich zu meiner Konfirmation erhielt und die ich noch heute benutze, eine Mission, eine Buchhandlung, Apotheke usw. Das Haus, in dem das Pädchen untergebracht war, stammte aus der Franckeschen Zeit und war ein tüchtiger, unverwüstlicher Fachwerkbau. Vor dem Pädagogium stand das von Rauch modellierte Erzbild des Glaubenshelden Francke. Aus dem Pädagogium waren der fromme Stifter der Brüdergemeinde, Graf Nikolaus Zinzendorf, und der weniger fromme Dichter Gottfried August Bürger, der Oberpräsident .von Westfalen Vincke, einer der besten preußischen Beamten aller Zeiten, hochverdient um die Erhebung Preußens nach Jena, der Universitätskanzler Niemeyer, Schüler und später Direktor der Franckeschen Stiftungen, die Dichter Albert Knapp, Houwald und Göcking hervorgegangen. An der Spitze des Pädagogiums stand der Direktor Kramer. Er war der Schwiegersohn des Schöpfers der vergleichenden Erdkunde, Karl Direktor Ritters. Er war ein gewissenhafter und gerechter Lehrer und Leiter, aber Krämer es war ihm nicht gegeben, in ein näheres Verhältnis zu seinen Schülern zu treten, ihre Herzen zu erschließen und zu gewinnen. Mein Verhältnis zu ihm bbeb kühl vom Tage meiner Aufnahme in das Pädchen bis zu meinem Austritt. Schon das Hüsteln und Räuspern, mit dem Kramer jeden von ihm gesprochenen Satz begleitete, schien Intimität abzuwehren. In der Hand trug er meist ein goldgefaßtes Augenglas, das ihm etwas Distinguiertes, aber auch etwas gab, was Vertraulichkeit entfernte. Wie sein Schatten folgte ihm ein behäbiger Mann im blauen Frack mit blanken Knöpfen, der Schuldiener Küniger, der das schönste Sächsisch sprach, das ich außer aus dem Munde des Königs Friedrich August III. je gehört habe. Unser Ordinarius Dryander war ein waschechter Philologe. Er entstammte einer alten Hallenser Gelehrten-Familie, die ihren ursprünglichen Namen „Eichmann" gräzisiert hatte. Aus ihr ging auch der in allen Lebenslagen 74 DER KATER ERNST als treu und tapfer bewährte Oberhofprediger Ernst von Dryander hervor. Der Ordinarius Dryander plagte uns redlich mit griechischer Grammatik, mit dem verflixten Aorist, mit dem Optativ und ähnlichen zur Qual eines Gymnasiasten erfundenen Marterwerkzeugen. Seine Akribie verleidete mir oft die Freude an den bei ihm gelesenen alten Schriftstellern. Aber ich bin ihm dankbar, daß er mich nötigte, eine größere Anzahl horazischer Oden auswendig zu lernen. Mein Vater pflegte zu sagen: „Wohl dem Mann, der in seiner Jugend viel auswendig lernte und viel abschrieb." Ich bin der gleichen Ansicht. Was man in der Jugend dem Gedächtnis hat einprägen müssen, das bleibt haften. Es ward ein Krfjfia ig ast, um eine herrliche Wendung des Thucydides zu gebrauchen. Was das Abschreiben angeht, so war mein Vater der Meinung, daß das beste und sicherste Mittel, sich einen klaren und damit einen schönen diplomatischen Stil im Deutschen wie im Französischen und Englischen anzueignen, das Kopieren gut geschriebener Berichte sei. Keiner meiner Lehrer hat annähernd einen so großen Einfluß auf meine Professor Entwicklung gehabt wie der Inspector adjunctus am Königlichen Päd- Daniel agogium zu Halle, Professor Dr. Hermann Adalbert Daniel, der Geograph und Theologe. Er ist wohl der Mann gewesen, der mich neben meinem Vater in meiner Jugend am stärksten beeinflußt hat. Er war körperlich eine merkwürdige Erscheinung. Ein gewaltiger Schmerbauch, verhältnismäßig schwache Beine und kleine Arme gaben ihm etwas Unbeholfenes. Er hatte den schwankenden und schlürfenden Gang einer Ente und wurde von den Schülern, bei denen er sehr beliebt war, mit gutmütigem Scherz der „Watschel" genannt. Der Kopf, von lang herabhängendem weißem Haar umrahmt, war bedeutend. Aus den Augen sprach Güte, Liebe und Verständnis, sprach vor allem ein hochfliegender und echter Idealismus. Daniel hat sich viel mit mir beschäftigt, und sein Bild steht nach fast sechzig Jahren lebendig vor mir. Ich hätte beinahe gesagt: er liegt vor mir. Der alte Professor lag meist auf einem verschlissenen Sofa, und auf seinem Bauch ruhte sein schwarzer Kater, der in Halle jedem bekannte „schwarze Ernst". Ihm zu Ehren hatte Daniel zur Rechtfertigung des oft verleumdeten Katzengeschlechts ein lehrreiches, in Leipzig erschienenes Buch geschrieben. Daniel hat mich mit einer Reihe der herrlichsten Schöpfungen der Alten, die außerhalb des Schulprogramms lagen, vertraut gemacht, immer kursorisch, ohne mich unnötig mit Grammatik zu plagen. Wir lasen die meisten Dramen von Sophokles, den „Prometheus" und die „Perser" von Äschylos, die Apologie und einige Dialoge von Plato. Daniel bestärkte mich in meiner Liebe für Homer und Herodot, ließ sie aber beiseite, da mich mein Vater bereits zu deren Verständnis geführt hatte. Vor allem pflegte er, wie vor ihm schon mein Vater, mein lebhaftes Interesse für Geschichte, EIN GROSSDEUTSCHER TS die große Lehrmeisterin, die rückwärts gerichtete Prophetin. Er gab mir nicht nur die Gedichte, sondern auch die Romane von Goethe zu lesen. Er lobte meinen Entschluß, den ersten Teil des „Faust" auswendig zu lernen. Ich hatte diese Absicht ausgeführt, als ich das Pädagogium verließ. Ich könnte noch heute den „Faust" aufsagen und habe vor einigen Jahren die Wette gewonnen, alle diejenigen Verse des „Faust" aus dem Stegreif zu zitieren, in denen ein bestimmtes Wort (ich glaube es war das Wort „springen") gebraucht wird. Vor allem hat Daniel in mir den Patriotismus gefördert, die Flamme, die in ihm selbst brannte, die unbegrenzte Liebe zu deutscher Art, deutscher Sprache, deutscher Dichtkunst und Philosophie, deutschem Land und Volk. Der dritte Teil seines Handbuchs der deutschen Geographie, der sich mit Deutschland beschäftigt, ist für mich das geworden, was der Franzose „un livre de chevet" nennt, d. h. ein Buch, in das man immer wieder von Zeit zu Zeit blickt. Seine Schilderung von deutschem Land, von deutschen Tälern und Höhen, Wäldern und Flüssen, von deutschen Städten in Nord und Süd ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. In dieser Beziehung sehe ich Deutschland mit den Augen meines alten Lehrers an. Politisch dachte er anders, als ich durch den Gang der Ereignisse und unter dem Einfluß von Bismarck denken sollte. Er war großdeutsch. Österreich war ihm, der aus einem thüringischen Kleinstaat stammte, lieber als Preußen. Das Jahr 1866 schmerzte ihn in tiefster Seele. Selbst nach Sedan und Versailles konnte er das Ausscheiden von Österreich nicht verwinden. Also ein echter Deutscher, der in den Sternen sucht, was vor seinen Füßen hegt. Daniel wurde von seinen Gegnern — und wer hätte nicht Gegner ? — als Kryptokatholik verdächtigt. Er soll nicht lange vor seinem am 13. September 1871 in Leipzig erfolgten Tode zur katholischen Kirche übergetreten sein. Ich halte dies Gerücht nicht für begründet. Aber allerdings war Hermann Adalbert Daniel eine irenische Natur. Er hatte Verständnis für die großen und schönen Seiten der katholischen Kirche und hielt es mit dem Spruch: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus Caritas. Auch beim Unterricht in der Klasse beschäftigte sich Daniel gern mit mir. Er ließ eines Tages eine Redeübung abhalten. Die Schüler mußten nacheinander das Katheder besteigen und dort über ein Thema sprechen, das ihnen im Augenblick gegeben wurde. Ich sprach dreist und gottesfürchtig, wie ich mein ganzes Leben immer gesprochen habe, in meinen verschiedenen Examen, wenn ich Vortrag bei meinen Vorgesetzten hatte, später im Ministerkon seil, beim Immediatvortrag, im Reichstag und im Landtag. Als ich vom Katheder herunter kletterte, sagte Daniel lächelnd zu mir: „Sie sind ein gescheites Kerlchen. Sie werden noch von sich reden machen." Dies Lob, statt mich zu erfreuen und mit Stolz zu erfüllen, setzte mich in 76 EIN HEXAMETER eine kindische Verlegenheit. Mit unverständlichem Brummen und einem albernen „Was ich mir dafür koofe", nahm ich meinen Platz in der Klasse wieder ein. Professor Daniel ließ uns auch gelegentlich dichterische Versuche unternehmen. Jeder Schüler sollte ein Verschen auf seinen Nachbar improvisieren. Mein Nebenmann, Friedrich von Oertzen, war ein guter Junge, aber er hatte nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Adonis, dem schönen Liebling der Aphrodite, dem sie die Wunde nicht stillen konnte, die ihm ein grausamer Eber in den zierlichen Leib geritzt hatte. Auch hatte Oertzen die Gewohnheit, unausgesetzt zu „feixen", wie wir Schüler das Lachen nannten. Ich improvisierte auf ihn den nachstehenden Hexameter: In der Wiege dich schauend, laut lachten die Grazien alle, Sahst sie an und lachst unaufhörlich seitdem. Zu meiner Entschuldigung beeile ich mich, hinzuzufügen, daß dies die einzigen Verse sind, die ich in meinem Leben verbrochen habe. In meiner Jugend war das Versemachen schon aus der Mode gekommen. Mein Vater hat noch manchen nicht üblen Vers gemacht. Mein Großonkel Baudissin pflegte bei Geburtstagen und sonstigen Festivitäten geistreiche Trink Sprüche in Versen auszubringen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nahmen Politik und Wirtschaft den Deutschen so sehr in Anspruch, daß er an solchen harmlosen Spielereien kein Gefallen mehr fand. Im Pädchen hausten drei Schüler zusammen in je einer aus einem Arbeits- Hallenser und einem Schlafzimmer bestehenden Wohnung: ein Senior und zwei Mitschüler Junioren. Die Senioren gehörten der Sekunda und Prima an, die Junioren den unteren Klassen. Letztere erhielten bisweilen, wenn sie nicht Order parierten, eine tüchtige Maulschelle, im übrigen jedoch war das Verhältnis auf der „Bude", so nannten wir das gemeinsame Appartement, durchaus angenehm. In die Schreibtische und Schränke hatten frühere Bewohner ihre Namen eingeschnitten, darunter war mancher Name historischer preußischer Familien. Von meinen Hallenser Mitschülern wurde Zieten Leibgardehusar, Wurmb Gardedukorps, Wentzel Oberpräsident der Provinz Hannover, Benda und Borch, Seebach und Gundlach wurden, was wir „Stoppelhopser" nannten, d. h. Landwirte. Georg von Klitzing gelangte auf Präsentation des Verbandes des alten und befestigten Grundbesitzes in der Neumark in das Herrenhaus. Er war ein streitbarer Agrarier und meinte während der Kämpfe um den Zolltarif einmal auf einer Tagung des Bundes der Landwirte von mir, ich verstünde von Landwirtschaft nicht mehr, als daß eine Gans zwei Beine habe und daß man einen Bullen nicht melken könne. Das war kein übler Witz, und ich habe sehr darüber gelacht. Die Brüder Eigenartige Menschen waren die Zwillingsbrüder Ludwig und Adalbert Dohna Dohna. Bei Graf Ludwig zu Dohna gesellte sichin seinem späteren Leben BURGGRAFEN :: zu allen sonstigen Schrullen eine so hochgradige Neurasthenie, daß er in einer Maison de sante endigte. Das letztemal sah ich ihn 1891 in Ostende, wo er mir auseinandersetzte, er könne nur existieren, wenn er morgens ein eiskaltes und abends ein kochendheißes Bad nähme. Adalbert Dohna war ein prächtiges Original, über ihn zirkulierte eine große Anzahl Anekdoten. Bei den 1. Gardedragonern hatte er als Einjähriger einmal bei einer Übung vor dem alten Kaiser die Richtung verloren. Der Kaiser, dem bei militärischen Besichtigungen kein Detail entging, schüttelte den Kopf und frug nach seinem Namen. Wutschnaubend rief der Kommandeur, nachdem der Kaiser sich entfernt hatte, dem Regiment zu: „Es ging im großen und ganzen gut. Nur Sie, Einjähriger Graf Dohna, das kann ich Ihnen sagen, Sie sind dem Kaiser aufgefallen!" Mit der größten Pomadigkeit erwiderte Dohna: „Angenehm oder unangenehm, Herr Oberst?" Adalbert Dohna hatte einen unbändigen Stolz auf seinen Namen, und in der Tat gehört die Familie der Burggrafen zu Dohna zu den ältesten und erlauchtesten deutschen Adelsgeschlechtern. Als einmal in Bonn der Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin neben Adalbert Dohna Platz nahm, meinte der zu ihm: „Königliche Hoheit, Sie sind aus einer anständigen, aus einer sehr anständigen Familie, aber neben einen Dohna müssen Sie sich doch nicht setzen." Er ärgerte später als Regierungsrat in Stettin und in Breslau durch seinen rücksichtslosen Freimut nur allzu oft seine direkten Vorgesetzten, wurde aber von den Oberpräsidenten gehalten, die sich an seiner Ursprünglichkeit ergötzten. Er hatte einmal bei einem Bierjungen vierundachtzig Gläser nacheinander ausgetrunken, achtundvierzig Stunden wie tot dagelegen, sich dann aber wieder erholt. Er war sehr musikalisch und spielte wundervoll Klavier. Von allen, die gleichzeitig mit mir das Pädchen besuchten, lebt nur noch einer: Franz von Veltheim, durch seine Heirat mit der Gräfin Marie von Wylich und Lottum Fürst von Puttbus. Omnes eodem cogimur omnium Versatur urna, serius ocius Sors exitura, et nos in aeternum Exilium impositura cimbae. Neben dem großen Garten des Pädchens war ein kleiner Turnplatz mit einem Reck, an dem die Riesenwelle und der Klimmzug geübt, mit einem Barren, an dem, auf die steifen Arme gestützt, die Beine gen Himmel gehoben wurden, mit einem „Pferd", über das gesprungen wurde. Im Garten war eine Kegelbahn, auf der wir fleißig „schoben", ohne zu ahnen, daß dieses Wort einmal eine ganz andere Bedeutung gewinnen würde. Ich habe später in Bonn und in Metz wie in St. Petersburg dem edlen Kegelspiel gern gehuldigt. 78 EIN URTEIL ÜBER MOLTKE Auch in Halle ritten wir. In der Universitätsreitbalm unterrichtete uns der Universitätsreitlehrer Andre, ein alter Offizier, der uns in der Hohen Schule unterwies: im spanischen Tritt, in der Passade und im Piaffieren. Das Pferd, auf dem ich diese Kunststücke ausführte, hieß „Marquis". Eine Äußerung des wackeren alten Andre ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ich jene von mir früher erwähnte Bemerkung unseres Frankfurter Arztes Stiebel über Schopenhauer nie vergaß. Als wir Andre im März 1866 frugen, was er von dem Chef des Generalstabs, Hellmuth von Moltke, halte, war seine Antwort ein einziges, im echten Brummton eines alten pensionierten Offiziers herausgestoßenes Wort: „Prinzessinnentänzer!" Es war wirklich nicht möglich, den großen Schlachtenlenker, den weisen, stillen Denker Moltke unrichtiger zu charakterisieren, wie es auch nicht möglich war, sich von Arthur Schopenhauer ein falscheres Bild zu machen, als dies sein Frankfurter Zeitgenosse tat. Der Sohn Andres hat später als Redakteur der Fachzeitschrift „Der Sport" viel für die Entwicklung der Reiterei getan. In Halle ritten wir zusammen im Freien. Ich habe manche Hecke und manchen Graben mit ihm genommen. Außer Turnen, Reiten und Kegeln wurde auch Schwimmen in Halle mit Die Halloren Lust betrieben. Wir hatten schon im Main und im Zierker See geschwommen, erhielten aber jetzt methodischen Unterriebt durch die wackeren Halloren, von denen die Sage ging, daß sie von den fabelhaften Kelten abstammten. Sie besaßen das Monopol wie der Ausbeutung der Salzquellen, von denen der Gutjahrbrunnen noch benutzt wurde, so auch des Schwimmunterrichts. Sie trugen eine malerische Tracht: kurze Hosen, bunte Strümpfe, eine lange Weste mit kugelartigen silbernen Knöpfen, dazu einen Dreispitz. Eine Abordnung der Halloren fuhr in jedem Jahr am Neujahrstag nach Berlin, um Ihren Majestäten, dem König und der Königin, je eine Wurst und sechs in der Salzquelle gesottene Eier zu überreichen. Solange ich Ministerpräsident war, haben sie auch mich, in Erinnerung an den mir einst erteilten Unterricht, mit solchen Gaben erfreut. Unter ihrer sachverständigen Leitung übte ich mich fleißig im Rückenschwimmen und im Paddeln, im Wassertreten und im Kopfsprung, der aber nicht zum Froschsprung werden durfte, vor allem im Tauchen und Schwimmen unter Wasser. Gern ließen wir uns zum Schluß am Wehr von den kühlen Wellen bespülen. Ich hätte damals nicht gedacht, daß die freundliche Saale einmal in der Revolution der Schauplatz eines der abscheulichsten Verbrechen werden sollte. Nach dem Novemberumsturz überfiel der Pöbel in Halle den Major von Klüber und warf ihn in die Saale. Der Unglückliche versuchte, sich durch Schwimmen zu retten. Die Menge schleuderte Steine und Eisenstücke nach ihm. Obwohl aus mehreren Kopfwunden blutend, gelang es dem tapferen Mann, das andere Ufer zu erreichen. Da hackten ihm die PARTEIEN 7<> Bestien in Menschengestalt die Hände ab, mit denen er versuchte, sich am Lande emporzuarbeiten, und er versank abermals in den Fluten. Der Major von Klüber hatte sich im Weltkrieg hervorragend bewährt. Er trug auf seiner Brust die höchsten Kriegsauszeichnungen., das Eiserne Kreuz erster Klasse und den Orden pour le merite. Er entstammte einer Gelehrtenfamilie und war ein hochgebildeter Offizier, geliebt von allen, die seiner Sitten Freundlichkeit erfahren hatten. In Frankreich umgab die Armee auch nach der Niederlage von 1870/71 die Fürsorge, die Achtung, die leidenschaftliche Liebe, ein förmlicher Kultus aller Parteien. In einer seiner berühmtesten Reden hat Leon Gambetta in den ersten Jahren nach dem Frankfurter Frieden die besiegte französische Armee das höchste Gut, den kostbarsten Besitz, die letzte Hoffnung des französischen Volkes genannt. Marschall Mac Mahon galt der öffentlichen Meinung Frankreichs als der „glorieux vaincu". In Deutschland beschimpften weite Kreise den General Ludendorff als den „Kriegsverlängerer". In Deutschland hat die Sozialdemokratie während eines halben Jahrhunderts unausgesetzt und bewußt gegen den „Militarismus" agitiert und damit gegen die Sicherheit und Wohlfahrt des Vaterlandes, die in erster Linie auf unserer Wehrmacht beruhten. Die Konsequenz solcher selbstmörderischen Taktik zeigte sich wie im letzten Kriegsjahr an der Front so auch im Falle Klüber. Auf politischem wie auf religiösem Gebiet standen sich in Halle während meiner Schulzeit die Parteien schroffer gegenüber als an den meisten anderen Leo und Ru^e deutschen Universitäten. Der Führer der Konservativen, der Historiker Heinrich Leo, ein scharfer Preuße und strenger Orthodoxer, ein Kreuzzeitungsmann, wie man damals sagte, war in weiten Kreisen bekannt durch seine geflügelten Worte über den Hecht im Karpfenteich, womit er Napoleon III. meinte, über das „skrofulöse Gesindel", was auf die Demokraten und Revolutionäre ging, und vom „frisch-fröhlichen Krieg", der das skrofulöse Gesindel zertreten sollte. Leo hat eine schöne Geschichte der italienischen Staaten geschrieben. Seine Selbstbiographie ,,Aus meiner Jugendzeit" zeugt von starkem Naturgefühl und ursprünglich eigenem Sinn. In der entgegengesetzten Richtung wie Heinrich Leo hatte sich in Halle Arnold Rüge betätigt, der in seiner Jugend als Lehrer am Pädchen wirkte, später mit Theodor Echtermeyer, gleichfalls Lehrer am Pädagogium, die „Halleschen Jahrbücher" in radikaler Richtung leitete. 1849 nach London geflohen, trat er dort Mazzini, Ledru-Rollin und Karl Marx nahe und betätigte sich in der revolutionären Propaganda, erklärte sich aber im Frühjahr 1866. zum Entsetzen der Demokraten und vor allem der Hallenser Demokratie, für die Politik Bismarcks. Sein Freund Lothar Bucher war schon früher den gleichen Weg gegangen. Eine vermittelnde Richtung vertrat der Professor der Theologie AugustTholuck, ein eifriger Vorkämpfer 80 DAS CRÖLLWITZER FREMDENBUCH der positiven Union. Mehr Pietist als orthodox, war er mit Daniel befreundet. Direktor Kramer, der sich zu Heinrich Leo hielt, leitete das Pädagogium im streng konservativen und streng kirchlichen Geiste. Als Zeitungslektüre war uns nur die „Kreuzzeitung" erlaubt. Aber ich glaube, auch wenn uns Schülern die Auswahl freigegeben worden wäre, würden wir uns für das Blatt erklärt haben, das an seiner Spitze das Eiserne Kreuz trug mit der Umschrift: „Vorwärts mit Gott für König und Vaterland." Wir waren alle ganz rechts gesinnt. Ausdrücklich möchte ich betonen, daß auf dem Pädchen zwischen Adligen und Bürgerlichen keinerlei Gegensatz bestand. Wir fühlten uns alle gleich. Bei einem Ausflug der Prima nach Giebichenstein, dem festen Schloß der fränkischen Kaiser, wo Herzog Ernst von Schwaben und Ludwig der Springer gefangensaßen, schrieben wir im Frühjahr 1866 in das Fremdenbuch der dem Giebichenstein gegenüberliegenden Bergschenke Cröllwitz die Verse ein: Nur Roß, nur Reisige Sichern die steile Höh', Wo Fürsten stehn. Nicht Demokraten, Juden und Freischärler, Denn wer auf die getraut, Der hat auf Dreck gebaut. Liberale Blätter entdeckten die Freveltat und verlangten mit Pathos Bismarck und starker Entrüstung die strenge Bestrafung der „Junkerbrut", die sich und der solcher Tat verwogen habe und mit derartiger Frechheit „das Volk" ver- Liberalismus B gi me# Auch dem Direktor Kramer ging diese Entgleisung zu weit. Er erteilte der Klasse einen scharfen Verweis unter Hinweis darauf, daß, von allem anderen abgesehen, die Travestierung der Nationalhymne geschmacklos und unstatthaft gewesen sei. Keine Zurechtweisung konnte gerechtfertigter sein. Nicht um nach so langer Zeit meine und meiner Schulkameraden Ungezogenheit zu verteidigen, sondern zur Charakterisierung der damals in konservativen Kreisen herrschenden Mentalität will ich daran erinnern, daß im Schicksalsjahr 1866 in Deutschland die Verkennung und Unterschätzung von Bismarck ebenso allgemein war und ebenso groß wie die Überschätzung der demokratischen „Kammerhelden", um einen Bis- marckschen Ausdruck zu gebrauchen. Wer sich heute die Mühe gibt, in voller Unparteilichkeit, ja mit Mitgefühl für den Besiegten und Blamierten die Kammer-Reden von Schulze-Delitzsch und Waldeck, von Hoverbeck und Virchow, von Franz Duncker und Sybel zu lesen, wird erstaunt sein, daß solche Verbindung von Weltfremdheit und Selbstüberschätzung, von Banalität und Pedanterie Eindruck machen konnte. Wie war es möglich, daß ein DIE KONFLIKTZEIT 8] derartiges Phrasendreschen, solche Simpeleien wirken konnten, und das gegenüber den Bismarckschen Reden, in denen alles Kraft und Geist, wo alles tief und genial war ? Ich glaube, daß zur Zeit unter hunderttausend Deutschen nicht einer mehr weiß, wer Grabow, wer Bockum-Dolffs war, in der Konfliktzeit hochgefeierte „Volksmänner". Freilich ist es ein gewöhnlicher Fehler deutscher Intellektueller, sich neuen Richtungen und Strömungen zunächst mit vorgefaßter Meinung, ungerecht, bisweilen blind zu widersetzen. Hat sich die neue Richtung aber durchgesetzt, so ziehen dieselben Intellektuellen mit Korybantenlärm, in wilder Begeisterung, mit Musik und Tanz vor der Göttin Kybele her. Den Rekord gegenüber Bismarck schlug in dieser Beziehung der Historiker Heinrich Sybel. Er hatte während der Konfliktzeit in der vordersten Reihe der Gegner des Ministerpräsidenten gestanden, den er im Abgeordnetenhaus zügellos angriff. Nachdem Bismarck sich durchgesetzt hatte, schrieb Sybel in sieben Bänden ein Buch über die Gründung des Deutschen Reiches, in dem er dem Ministerpräsidenten ebenso ungestüm huldigte, wie er ihn früher geschmäht hatte. Das Sybelsche Werk ist mittelmäßig. Als es Fürst Bismarck, dem es der Verfasser mit einer pomphaften Ansprache überreicht hatte, durchblätterte, hörte ich ihn sagen: „Wenn ich die Wahl habe, dies öde Buch von A bis Z durchzulesen oder mich von seinem Verfasser noch einmal beschimpfen zu lassen, so ziehe ich das letztere vor." Fürst Bismarck lobte bei diesem Anlaß Macaulay, Carlyle und Motley. Bei retrospektiver und abgeklärter Betrachtung halte ich es für ein Unglück, daß der deutsche Liberalismus, also in gewisser Hinsicht die deutsche Intelligenz, Bismarck in der Konfliktzeit gar so einfältige Opposition gemacht hat. Das hatte zur Folge, daß der größte deutsche Staatsmann den deutschen Liberalismus und seine Vertreter bis zuletzt innerlich allzu niedrig eingeschätzt hat. Die Blößen, die sich, wie schon 1848/49, so in verstärktem Maße in der ersten Hälfte der sechziger Jahre der Liberalismus gab, führten dahin, daß die Liberalen von einer großen Anzahl Deutscher als hoffnungslos unfähig und unbrauchbar angesehen wurden. Auf der einen Seite verhöhnt von dem geistreichen Ferdinand Lassalle, auf der anderen verachtet von dem gewaltigen Bismarck, verlor der deutsche Liberalismus und mit ihm ein gutes Stück deutscher Bildung, der Professor, der Jurist, zu sehr an Prestige. Der Gerechtigkeit halber muß ich hinzufügen, daß die Liberalen und Demokraten in der Konfliktzeit freilich jämmerlich abschnitten. Ein kleines Beispiel, das mir, als ich schon Minister war, gelegentlich ein alter Parlamentarier erzählte: Infolge von Überarbeitung körperlich angegriffen, machte Bismarck während einer Debatte im Abgeordnetenhause einen abgespannten und müden Eindruck. Einer der Führer der Opposition benutzte dies, um in hämischen Worten der Meinung 6 Blilow IV 82 BISMARCK ÜBER DEN JÜNGSTEN THRONERBEN Ausdruck zu geben, daß der Ministerpräsident offenbar schon jede Hoffnung auf Sieg aufgegeben habe. Bismarck erwiderte, daß sich der Herr Vorredner irre, er gebe sein Spiel noch lange nicht auf. Bei dem Worte „Spiel" ging eine Welle der Entrüstung durch die Beihen der biederen Kreisrichter und Professoren, die dem Ministerpräsidenten auf den ersten Bänken der Opposition gegenübersaßen. Spiel, Spiel! Welche Frivolität, welcher Zynismus! Die Hände dir zu reichen, schaudert's, o Bismarck, den Beinen. Kann man sich wundern, daß Bismarck solche Spießbürger nicht hoch einschätzte? Ich habe gelegentlich diesen kleinen Vorfall englischen, französischen, italienischen Freunden erzählt, damit sie die Mentalität gewisser und nicht ganz weniger meiner Landsleute besser begriffen. Die Fremden verstanden die Pointe gar nicht. Sie konnten sich nicht denken, daß irgendein Mensch sich über die Wendung aufregen könne: Ich gebe mein Spiel noch nicht verloren. Ist es gar so absonderüch, daß Bismarck so kleinliche, pedantische, formalistische Politiker als Tiefenbacher, Gevatter Schneider und Handschuhmacher ansah? Liegen in Garnison zu Brieg, Wissen viel, was Brauch ist im Krieg. Der Kampf für die Bechte der Krone wurde von Bismarck mit reckenhaftem Mut geführt. Am 27. Januar 1863 schloß er während der Adreß- debatte im Hause der Abgeordneten seine Bede mit den Worten: „Es ist ein eigentümliches Zusammentreffen, daß die Beratung dieser Adresse, welche unserem königlichen Herrn überrreicht werden soll, gerade zusammenfällt mit dem heutigen Geburtstag des jüngsten mutmaßlichen Thronerben. In diesem Zusammentreffen, meine Herren, sehe ich eine verdoppelte Aufforderung, fest für die Bechte des Königtums, fest für die Bechte der Nachfolger Seiner Majestät einzustehen. Das preußische Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes zu bilden, noch nicht reif, als ein toter Maschinenteil dem Mechanismus des parlamentarischen Begi- ments eingefügt zu werden." Die Vorsehung ist weise, wenn sie uns die Zukunft verhüllt. Hätte Bismarck in jenen Tagen des schärfsten Konflikts gewußt, daß der Enkel des Monarchen, für den er so hingebungsvoll und tapfer stritt, daß der am 27. Januar 1863 vier Jahre alt gewordene Prinz Wilhelm, für dessen Zukunft er gleichzeitig seine Person und sein Genie einsetzte, ihn einmal übermütig fortschicken und undankbar schmähen würde wie einen lästig gewordenen Bedienten, so hätte das die Energie auch eines solchen Helden lähmen können. Als Schüler des Pädagogiums wurde ich am 18. März 1866 konfirmiert. Einsegnung Pastor Seiler, der den Konfirmationsunterricht leitete, stand auf positiv VATER UND SOHN 83 christlichem Boden. Er war ein strenggläubiger, gleichzeitig ein warmherziger Geistlicher, der bald zu seinen Konfirmanden in ein vertrauensvolles Verhältnis trat, sich ihre Achtung und Liebe erwarb. Der Gedanke, an den Tisch des Herrn zu treten und den Leib und das Blut Christi zu empfangen, entweder zum Heil oder zur Verdammnis, beherrschte mich ganz in der Zeit vor meiner Einsegnung. Mit voller Uberzeugung und Inbrunst wiederholte ich das altväterbche Gebet, das so viele meiner Vorfahren, von väterlicher wie von mütterlicher Seite, vor mir gebetet hatten: „Dein heiliger Leib, o Herr Jesu Christe, mein Herr und Gott, gedeihe mir zum ewigen Leben und dein teures Blut zur Vergebung aller meiner Sünden. Laß mir dein heiliges Sakrament nicht zum Gerichte, sondern zur Seligkeit und wahren Freude gereichen und mache mich armen Sünder würdig, daß ich in deiner letzten Zukunft, am Tage des letzten Gerichts, zur Rechten der ewigen Herrlichkeit fröhlich stehen möge. Amen." Ich habe, eingedenk der Mahnung des großen Apostels (I. Kor. 11, 27—29), so oft ich zum heiligen Abendmahl ging, dies Gebet wiederholt und werde es, so Gott will, in meiner Sterbestunde beten dürfen. Am Tage vor unserer Konfirmation mußten wir bei Pastor Seiler beichten. Er entüeß mich mit ernsten Mahnungen, da, wie er sagte, in mir neben frommen und guten auch gefährliche und böse Anlagen und Triebe schlummerten. Mehr noch als andere müsse ich mich vor Versuchungen hüten, am Gebet festhalten, vor allem Selbstzucht üben. Als Konfirmationsspruch gab er mir den ersten Vers des ersten Psalms: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzet, wo die Spötter sitzen." Mit meinem Vater hatte ich am Tage nach meiner Konfirmation, während der Rückfahrt über Berlin nach Neustrelitz, eine peinliche Auseinandersetzung. Er fand mich in meinem religiösen Empfinden zu exaltiert. Meine Mutter hatte mehr Verständnis für meine Stimmung, wagte aber nicht, dem Vater entgegenzutreten. Ich selbst widersprach um so gereizter. Ich sagte schließlich meinem Vater, ich hätte die Empfindung, daß man mir nach einem Sonnenbade einen Eimer eiskalten Wassers über den Leib gösse. Mein weiser Vater ließ die Diskussion fallen. Erst in Neustrelitz kam er auf das Thema zurück. Er lobte meine Empfänglichkeit für Gottes Wort und Sakrament, aber er fügte hinzu, daß es nicht auf momentane psychische Erregung ankomme, sondern auf einen stetigen frommen Lebenswandel. Er gedachte des Hegeischen Wortes von der Pendelschwingung: ein allzu stürmischer Pendelschlag in der einen, wenn auch noch so guten Richtung berge in sich die Gefahr einer ebenso heftigen Pendelschwingung in der entgegengesetzten Richtung. Also auch hier weder Lauheit, Seichtheit, 6« 84 VORSICHTIGLICH WANDELN Nüchternheit noch Überschwang und Erregung, sondern ruhige Stetigkeit, die goldene Mittelstraße, die er mit der Erfahrung des schon Fünfzigjährigen dem noch nicht Siebzehnjährigen empfahl. Mein Lehrer Daniel schenkte mir zur Konfirmation die „Lyra Messianica", eine Sammlung altkirchlicher Hymnen. Als Leitspruch für mein Leben schrieb er hinein: „So seht nun zu, wie ihr vorsichtiglich wandelt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen." (Epheser 5,15.) VII. KAPITEL Der Krieg von 1866 • Würdigung der Politik Bismarcks • Bismarck und Edwin Man- teuffel • Die damaligen Vertreter Preußens im Ausland Die Spannung, mit der ganz Deutschland im Jahre 1866 die Entwicklung der Ereignisse verfolgte, war ungeheuer und schlug ihre Wogen bis in das stille Halle. Die großen Zusammenhänge, die weitschauenden Pläne Bismarcks ahnte damals freilich noch niemand. Man fühlte, daß eine eiserne Hand führte, aber man hatte keine klare Vorstellung von den eigentlichen Zielen des leitenden Staatsmannes. Wenn ich jetzt, nach fast sechs Dezennien, die Eindrücke und Erinnerungen meiner Jugend niederschreibe, tritt die Lage, wie sie im Jahre 1866 gegeben war, klar vor mein geistiges Auge. Es ist mir ein Bedürfnis, in schmerzlichem Erinnern an die Katastrophe, die im Jahre 1914 die Unfähigkeit der leitenden Männer über das deutsche Volk heraufbeschwor, die Genialität zu beleuchten, mit der Bismarck im Jahre 1866 alle Karten in seine Hand zu bekommen, das Schicksal der Nation zu führen, alle Hindernisse zu meistern wußte. Am 14. März — wenige Tage vor meiner Konfirmation — richtete der preußische Ministerpräsident an die Vertreter Preußens bei den deutschen Bismarcks Regierungen jenen monumentalen Erlaß, der eine der gewaltigsten Kund- Erlaß vom gebungen ist, die aus seiner Feder geflossen sind. Es hieß in diesem Schrift- Marz 1 stück: „Schon durch die geographische Lage wird das Interesse Preußens und Deutschlands identisch — dies gilt zu unsern wie zu Deutschlands Gunsten. Wenn wir Deutschlands nicht sicher sind, ist unsere Stellung gerade wegen unserer geographischen Lage gefährdeter als die der meisten anderen europäischen Staaten; das Schicksal Preußens aber wird das Schicksal Deutschlands nach sich ziehen, und wir zweifeln nicht, daß, wenn Preußens Kraft einmal gebrochen wäre, Deutschland an der Politik der europäischen Nationen nur noch passiv beteiligt bleiben würde. Dies zu verhüten, sollten alle deutschen Regierungen als eine heilige Pflicht ansehen und dazu mit Preußen zusammenwirken. Wenn der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt und mit seinen jetzigen politischen und militärischen Einrichtungen den großen europäischen Krisen, die aus mehr als einer Ursache jeden Augenblick auftauchen können, entgegengehen soll, so ist nur 80 EIN ZERKNIRSCHTER POLIZEIPRÄSIDENT zu sehr zu befürchten, daß er seiner Aufgabe erliegen und Deutschland vor dem Schicksal Polens nicht schützen werde." Es folgten die spannungsvollsten Tage und Wochen in der ruhmvollen Laufbahn des größten deutschen Staatsmannes: Am 9. April stellte Preußen beim Frankfurter Bundestag den Antrag auf Reform der Bundesverfassung unter Mitwirkung eines aus allgemeinem Wahlrecht hervorgehenden Parlaments. Am 7. Mai gab auf den von einem Vortrag beim König zurückkehrenden Attentat auf Ministerpräsidenten in der Mitte der Berliner Linden, schräg gegenüber der Bismarck Russischen Botschaft, ein kleiner, schwarzhaariger, kaum zwanzigjähriger Mensch rasch hintereinander zwei Revolverschüsse ab. Der Attentäter hieß Ferdinand Gohn. Er war der Stiefsohn des in London im Exil lebenden Schriftstellers Karl Blind, der wegen Teilnahme an den Freischarenzügen von Struve und Hecker ins Ausland geflohen war, also ein waschechter Demokrat. Als er zum drittenmal zielte, sprang Bismarck auf ihn los. Der Attentäter schoß trotzdem wieder. Von Graf Bismarck gleichzeitig an der Brust und am rechten Faustgelenk gepackt, gelang es ihm, den Revolver in die Unke Hand zu nehmen und noch zwei Schüsse auf den Ministerpräsidenten abzufeuern. Bismarck übergab den Verbrecher einigen Soldaten des gerade am Schauplatz des Attentats vorbeimarschierenden L Bataillons des 2. Garde-Regiments zu Fuß. Der Paletot des Ministerpräsidenten war vom Pulver der Schüsse versengt, von fünf Kugeln durchlöchert. Bismarck begab sich zu Fuß nach seiner Wohnung. Er hat das Mißlingen dieses Mordversuchs immer nicht nur als eine besondere Gnade Gottes angesehen, der sein Leben wunderbar beschützt habe, sondern darin auch ein Zeichen erblickt im Sinne des Bibelwortes: „Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir, weiche nicht, denn Ich bin dein Gott." Das hinderte ihn nicht, den Polizeipräsidenten von Bernuth, der sich eine Stunde nach dem Mordversuch verlegen bei ihm meldete, vorwurfsvoll zu fragen, wie es möglich sei, daß Unter den Linden, am hellen Tage, gerade um die Zeit, wo er immer aus dem Palais des Königs zurückzukehren pflege, fünfmal hintereinander auf ihn geschossen werden konnte, ohne daß sich ein Polizist blicken lasse. Sehr zerknirscht erwiderte Herr von Bernuth: „Ich habe meinen Posten nur ungern angenommen, ich habe mich lange gegen dessen Übernahme gesträubt." Der Ministerpräsident donnerte ihn an: „Lange nicht lange genug!" Was Bismarck dem Polizeipräsidenten am meisten übelnahm, war, daß Cohn die Möglichkeit gelassen wurde, im Gefängnis Selbstmord zu begehen. Bismarck hätte es richtiger gefunden, wenn der Meuchelmörder öffentlich, auf dem Schafott, an Leib und Leben gestraft worden wäre, ihm selbst zur gerechten Strafe, anderen zum abscheulichen Exempel. Bismarck hat viele Jahre nach dem Attentat vom 7. Mai 1866 im Reichstag darauf hingewiesen, daß die Grabstätte des Attentäters Cohn von demokratisch CLASSEN-KAPPELMANN 87 gerichteten Frauen mit Rosen und Vergißmeinnicht bekränzt worden sei. Vielleicht befand sich unter diesen Damen die eine oder die andere, die nach dem Attentat auf Walter Rathenau weniger milde über Mordversuche urteilte. Während die Hauptstadt der Schauplatz so dramatischer Szenen war, verfolgten wir Schüler des Pädchens mit unbeschreiblicher Spannung den Adressen Gang der Ereignisse. Wir waren empört, daß Magistrat und Stadtverordnete der Städte einer ganzen Anzahl preußischer Städte Adressen an den König richteten, in denen sie einen gründlichen Wechsel des Systems wie der Personen der Regierung und die Entlassung des Ministerpräsidenten verlangten und vor allem sich gegen den Krieg wandten. Die Stettiner jammerten, daß Preußen, von den Sympathien aller Deutschen verlassen, vom Ausland mit Schadenfreude betrachtet, mißmutig und zwieträchtig dastehe und nimmermehr zu einem Erfolge gelangen werde. Stürmisch verlangten die Einwohner der Krönungsstadt Königsberg, daß die drohende Gefahr eines Bürgerkrieges durch die Berufung neuer Männer gebannt würde. Die Handelskammern bliesen in dasselbe Horn. Namentlich in Köln war die Erregung sehr groß. Der dortige leitende Volksmann hieß Claßen-Kappelmann. Er war vorübergehend sehr populär. Wir lachten aber im Pädchen, als ein vom Rhein zurückkehrender Gast erzählte, die Kölner Jungen hätten ihren Humor noch nicht verloren und sängen auf den Volkshelden Claßen-Kappelmann das Liedchen: Der Mann, der uns noch retten kann, Das ist der Claßen-Kappelmann. Ich han ihn gestern noch in der Flora gesehn, Da war er so besoffen, daß er nicht konnte stehn. Auf den Rat des Ministerpräsidenten würdigte der König die Friedensadressen keiner Antwort. Anders, als die Breslauer Gemeindevertretung eine Adresse an ihn richtete, in der sie zwar die Beendigung des Verfassungskampfes forderte und auf die in weiten Kreisen herrschende Verstimmung hinwies, aber gleichzeitig erklärte, Breslau, die Hauptstadt derjenigen Provinz, die zuerst und zunächst dem Kriege mit seinen Wechselfällen ausgesetzt sei, werde an Opferwilligkeit wie im Jahre 1813 so auch jetzt keiner anderen preußischen Stadt nachstehen. Könnte der Friede erhalten werden, so würden ihn Schlesien und Breslau freudigen Herzens begrüßen. „Sollten aber die Gegner Preußens und Deutschlands, wie es im Jahre 1850 geschehen, wieder eine Minderung der Machtstellung Preußens, wieder eine Demütigung Preußens erstreben, so wird Schlesien Heber alle Lasten und Leiden des Krieges auf sich nehmen, als die Lösung der historischen Aufgabe Preußens: die Einigung Deutschlands, wieder um 88 DER ERLOSCHENE DEUTSCHE BUND Jahrzehnte hinausrücken zu lassen." Die von Bismarck entworfene Antwort des Königs begann: „Die Worte, welche Magistrat und Stadtverordnete der Stadt Breslau an Mich gerichtet haben, habe Ich gern vernommen. Ich erkenne in ihnen den Ausfluß desselben Geistes, welcher im Jahre 1813 die Väter der heutigen Bewohner Breslaus beseelte." Am Schluß des königlichen Erlasses wurde angedeutet, daß die vom König gewünschte Verständigung zwischen seiner Regierung und dem Landtag durch die bevorstehenden Neuwahlen erleichtert werden möge. Im Geiste dieser Antwort an Breslau Aufruf war auch der von Bismarck dem König vorgelegte „Aufruf an mein Volk" Königs gehalten, der das Pädchen in helle Begeisterung versetzte: „Wohin wir in Deutschland schauen, sind wir von Feinden umgeben, deren Kampfgeschrei ist: Erniedrigung Preußens! Aber in Meinem Volk lebt der Geist von 1813. Wer wird uns einen Fuß breit Preußischen Bodens rauben, wenn wir ernstlich entschlossen sind, die Errungenschaften unserer Väter zu wahren, wenn König und Volk, durch die Gefahren des Vaterlandes fester als je geeint, an die Ehre desselben Gut und Blut zu setzen für ihre höchste Aufgabe halten! Verleiht uns Gott den Sieg, dann werden wir auch stark genug sein, das lose Band, welches die deutschen Lande mehr dem Namen als der That nach zusammenhielt und welches jetzt durch diejenigen zerrissen ist, die das Recht und die Macht des nationalen Geistes fürchten, in anderer Gestalt fester und heilvoller zu erneuern." Dieser Aufruf war datiert vom 18. Juni, dem Tage von Waterloo. Vier Tage vorher hatte der Bundestag mit neun Stimmen (Österreich, Bayern, Sachsen, Württemberg, Hannover, beide Hessen, Nassau, die 16. Kurie, nämlich Lichtenstein, Reuß usw.) gegen sechs Stimmen (Thüringen, Mecklenburg, die Hansestädte, Oldenburg, Schwarzburg) den österreichischen Antrag auf Mobilisierung des Bundesheeres gegen Preußen angenommen. Daraufhin erklärte der preußische Gesandte, Karl Friedrich von Savigny, ein Jugendfreund Bismarcks, später sein Gegner und erster Vorsitzender der Zentrumsfraktion, in scharfen Worten, Preußen sehe den bisherigen Bundesvertrag für gebrochen und deshalb nicht mehr verbindlich an und werde ihn als erloschen betrachten und behandeln: „Indes will Seine Majestät der König, mein Allergnädigster Herr, mit dem Erlöschen des bisherigen Bundes nicht zugleich die nationalen Grundlagen, auf denen der Bund auferbaut gewesen, als zerstört betrachten. Preußen hält vielmehr an diesen Grundlagen und an der über die vorübergehenden Formen erhabenen Einheit der deutschen Nation fest und sieht es als eine unabweis- liche Pflicht der deutschen Staaten an, für die letzteren den angemessenen Ausdruck zu finden." Die Stimmung, in der sich der große preußische Minister in diesen Junitagen befand, während der Wende der deutschen Geschichte und der ETWAS YORCK SPIELEN 89 deutschen Geschicke, spricht deutlich aus einem Brief, den er am 9. Juni Bismarck an den damaligen General, späteren Feldmarschall von Manteuffel an Edwin richtete und den ich folgen lasse, weil er meines Wissens noch nicht ^ antc "ff c ^ veröffentlicht worden ist: „Verehrteste Exzellenz! Bekannt mit Ihrer, noch bei Gelegenheit der letzten vertraulichen Österreichisch-Gahlenzischen Friedensunterhandlung ausgesprochenen Überzeugung, daß wir aus allen politischen, soldatischen, finanziellen Gründen den Krieg schnell aufnehmen müssen, wo er sich bietet, war ich darauf gefaßt, daß schon mein die Instruktion ankündigendes Telegramm No. 51 Sie zum Handeln im obigen Sinne veranlassen würde, und sah wichtigen Nachrichten im Laufe des gestrigen Tages entgegen. Die Meldung von dem freundschaftlichen Tone der beiden Musiker bei den miUtärischen Chasses-croises geben keine Harmonie mit der Stimmung, die hier die Nachricht vom ersten Kanonenschuß erwartete. Sie sagen, die Besitznahme würde als Gewalttat die Gemüter verwirren, ich antworte Ihnen mit Deveroux: ,Freund, jetzt ist's Zeit, zu lärmen!' Und wenn wir es nicht tun, so verrücken Sie nicht nur mir, aus militärischer Courtoisie für Gablenz, das europäische Konzept, sondern Sie werden in der Armee außer dem Württemberger niemand mehr finden, der Verständnis für Ihr Verfahren behält. Jede drei Tage kosten uns zwei Millionen, die wir auf lange nicht haben, denn wir leben nicht wie Österreich auf Kosten unserer Gläubiger; jede drei Tage bringen Österreich fünftausend Mann Bundestruppen mehr zugute, der Wind steht uns in allen europäischen Richtungen günstig, man erwartet, daß wir handeln, findet es heut natürlich, in acht Tagen vielleicht nicht mehr. Ich hatte gehofft. Sie würden in Betracht aller dieser Momente dort sogar etwas ,Yorck' spielen, aber Sie haben jetzt den präzisen königlichen Befehl, zu handeln, und wenn Sie ihn nicht ausführen so schleunig, wie unsere Gesamtpolitik es verlangt, so tun Sie Preußen meines Erachtens schweren Schaden. Fallen wir wieder auf den Sumpf der Halbhuberei und des Kondominats zurück, so wird es uns schwer werden, einen so günstigen Kriegsfall wie den jetzigen rechtzeitig wiederzufinden. Wäre damit die Möglichkeit ehrlichen Friedens gegeben, so wollte ich mich herzlich freuen. Dazu aber ist jede Hoffnung geschwunden; die Wiener ziehn uns an der Nase herum, bis sie und ihre Bundesgenossen fertig sind, um dann loszuschlagen oder um uns wieder als Händelsucher erscheinen zu lassen, wenn der jetzige in London, Paris und Petersburg vorhandene Eindruck ihres Vertragsbruchs geschwunden sein wird. Einige Äußerungen von Gablenz' Bruder lassen mich fast besorgen, daß man die herausfordernde Ständeberufung vor Montag zurücknehmen werde, und dann fehlt uns ein ins Auge springender Beweis unserer Berechtigung zur Aktion. Entweder der Gasteiner Vertrag ist gebrochen oder nicht; ist er es nicht, so dürften wir auch nicht einrücken, 90 EIN WALLEN STEIN-ZITAT ist er es, so dürfen wir auch weiter gehen. Letzteres glaubt jetzt jedermann im In- und Auslande, auch in Wien; warten wir, so gewinnt die österreichische Lüge wieder Oberwasser. Ich erhalte eben glaubwürdige Nachricht aus Süddeutschland, daß Österreich mit Rüsten im eigenen Land nicht fertig ist und deshalb der Befehl von Wien ergangen, daß Gablenz uns noch mit Freundlichkeiten hinhalten soll. Ich werde bei Seiner Majestät darauf antragen, daß wir, unabhängig von der bei Ankunft dieser Instruktion gewiß schon von Ihnen vollzogenen Besitznahme Holsteins, von Gablenz die Räumung fordern, sobald der Landtag am Montag zusammentritt; beschließt der Landtag Proklamation Augustenburgs, so ist es Ihre Aufgabe, dieses zu hindern, auch mit Gewalt, sonst wahren Sie des Königs Rechte nicht; ich hoffe aber, Ihnen, wenn Sie es wünschen, bis Montag abend noch den positiven Befehl zu schaffen, für diesen Fall sofort die Räumung Holsteins von den Österreichern zu erzwingen. Ich muß schließen. Verzeihn Sie den sonstigen Stil des Briefes, aber Ihr Telegramm hat mir heut früh die Nerven gelähmt, und jetzt reagieren sie. In großer Eile, aber in alter Freundschaft der Ihrige, gez. v. Bismarck." Die Nachschrift des Briefes, von Bismarck selbst geschrieben, lautet: „Ich that's mit Widerstrehen, Da es in meine Wahl noch war gegeben; Notwendigkeit ist da, der Zweifel flieht, Jetzt focht ich für mein Haupt und für mein Leben. (Er geht ab, die andern folgen.)" Charakteristisch für Bismarck ist die psychologische Geschickbcbkeit, mit der er in diesem Moment größter Spannung und Erregung, in solcher Sturmflut der Ereignisse den General Manteuffel zu nehmen weiß. Die Lieblingslektüre des Generals Edwin von Manteuffel war Schillers „Wallenstein". Er glaubte, in sich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Friedländer zu fühlen. Darum wird ihm gegenüber zweimal Wallenstein zitiert. Der in dem Brief genannte „Württemberger" ist der damalige Kommandierende General des Gardekorps, Prinz August von Württemberg, der zwar ein durchaus loyaler preußischer Offizier war, aber als süddeutscher Prinz den Krieg zwischen Preußen und seiner engeren Heimat nicht gerade mit Vergnügen sah. Spricht aus diesem Schreiben die volle Entschlossenheit und die ganze Energie des leitenden Staatsmannes, so muß andererseits immer wieder betont werden, mit welcher Umsicht, Vorsicht und Geschicklichkeit er gleichzeitig bemüht war, seinem Lande die günstigsten Chancen zu verschaffen, Rückschlägen vorzubeugen, die von ihm nie unterschätzten Imponderabilien in sein Spiel zu bringen. Niemand wußte besser als Bismarck, daß mit Energie allein noch nicht alles gemacht ist. Er war BISA1ARCK GIBT SICH KEINE BLÖSSEN 91 durchdrungen von der Richtigkeit der horazischen Warnung: Vis consilii ejcpers mole ruit sua, die nicht von der Vernunft geleitete Kraft bricht in sich selbst zusammen. Bismarck ging mit einer Energie vor, wie sie die preußische Politik seit dem großen König nicht mehr betätigt hatte. Aber er war auch bestrebt, sich alle Vorteile zu sichern, vermeidbaren Gefahren auszuweichen, ungünstige Zwischenfälle nach Möglichkeit zu verhindern, die öffentliche Meinung der Welt für sich zu gewinnen. Als Frankreich, England und Rußland eine Konferenz vorschlugen, um den Ausbruch des Krieges in Deutschland zu verhindern, wurden die Pläne und Absichten des preußischen Ministerpräsidenten durch diese Intervention natürlich auf das empfindlichste durchkreuzt. Nichtsdestoweniger nahm er die Einladung zur Teilnahme an Friedensberatungen in Paris mit Empressement an. In einem Rundschreiben an die königlichen Vertreter in Paris, London und St. Petersburg erklärte er, Seine Majestät der König von Preußen schließe sich den Gefühlen der drei Höfe von Paris, London und St. Petersburg an. „Sehr gern" nehme er den Vorschlag der drei Mächte an. Die preußischen Bevollmächtigten in Paris würden sich mit den Vertretern der drei Mächte in Verbindung setzen, um mit ihnen die verschiedenen Fragen zu besprechen, die in diesem Augenblick den Frieden Europas bedrohten. Mit Schaudern und mit Schmerz denkt der Patriot daran, wie verschieden im Unglückssommer 1914 das Verhalten der damaligen Reichsleitung war. Bismarck wollte 1866 den Krieg, wie ein gewissenhafter Arzt unter Umständen einen chirurgischen Eingriff für nötig hält. Aber seine Taktik war so umsichtig, so vorsichtig, vor allem so geschickt, daß er sich keine Blößen gab. Im Sommer 1914 wollte die deutsche Regierung gewiß nicht den Krieg, ebensowenig das deutsche Volk. Aber Bethmann und seine Mitarbeiter operierten so ungeschickt, daß sie uns mit der Schuld am Kriege zu belasten schienen. Anders Bismarck 1866. Trotz des Drängens der militärischen Instanzen, obwohl der große Moltke erklärte, der Sieg hänge vom schleunigsten Losschlagen ab, bestand Bismarck darauf, die Einladung zu den Friedenskonferenzen in Paris nicht abzulehnen. Von der Bedeutung der Armee für Preußen und Deutschland war niemand mehr durchdrungen als Bismarck. Er hat sich vom ersten bis zum letzten Tage seiner Amtsführung als preußischer Offizier gefühlt. Er hat das treffende und schöne Wort gesprochen, daß ohne die Armee das Deutsche Reich weder zu errichten gewesen wäre, noch aufrechtzuerhalten sei. Trotzdem hielt er immer an dem Primat der Politik fest, d. h. daran, daß letzten Endes politische und nicht militärische Erwägungen zu entscheiden hätten. Wer politisch richtig operiert, dem kommen fast immer, das trat auch hier hervor, Fehler seiner Gegenspieler zugute. 92 NAPOLEON III. Österreich lehnte das Konferenzprojekt ah. Als der preußische Ministerpräsident diese Nachricht erhielt, war gerade der französische Botschafter Benedetti bei ihm. Als Bismarck die Wiener Depesche gelesen hatte, brach er in den Ruf aus: „Vive le roi!" Ohne Übertreibung läßt sich sagen, daß Bismarck in den entscheidenden Tagen von 1866 keinen einzigen falschen Schachzug machte. Die Fehler der damaligen französischen Politik sind vor allem darauf zurückzuführen, daß Napoleon III. Österreich überschätzte, Preußen unterschätzte. Er wollte den deutschen Dualismus, die deutsche Zerrissenheit und Uneinigkeit aufrechterhalten, Deutschland möglichst schwächen und zu diesem Zweck einen restlosen Sieg sowohl der Österreicher wie der Preußen verhindern. Ein österreichischer Sieg erschien ihm aber an und für sich als der wahrscheinlichere Fall. Das zu glauben, fällt uns heute schwer. Aber damals dachte die Welt anders. Sie ist eben meist oberflächlich, oft gedankenlos, nicht selten einfältig. Österreich zehrte 1866 noch von der Erinnerung an seine Zähigkeit in den Napoleonischen Kriegen, an seinen glänzenden Sieg bei Novara. Die Preußen hatten bei Düppel und Alsen Tapferkeit bewiesen, aber schließlich nur dem kleinen, weit schwächeren Dänemark gegenüber und dieses im Bunde mit einer anderen Großmacht niedergeworfen. Sowohl bei Bronzell wie in dem Neuenburger Streit hatte sich Preußen unsicher und fast ängstlich benommen. Die österreichische Monarchie zählte damals fünfunddreißig Millionen. Sie nahm an Bevölkerungszahl die dritte Stelle unter den Reichen Europas ein. Preußen hatte kaum neunzehn Millionen Bewohner. Auf österreichischer Seite standen vier deutsche Königreiche: Bayern und Württemberg, Sachsen und Hannover, ferner Baden, beide Hessen, Nassau, zusammen fast vierzehn Millionen. Preußen folgten nur, und noch dazu mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe, die Hansestädte, die Thüringer Fürstentümer und Mecklenburg, zusammen etwa anderthalb Millionen. Österreich und seine deutschen Bundesgenossen repräsentierten fast fünfzig, Preußen mit seinen Parteigängern kaum zwanzig Millionen. Damit die Waage sich nicht zu sehr auf österreichische Seite neige, encouragierte Napoleon III. Italien, auf die Seite Preußens zu treten. Adolphe Thiers, derjenige französische Staatsmann des neunzehnten gegen Jahrhunderts, in dem sich vielleicht mehr als in jedem anderen die großen III. und die gefährlichen Eigenschaften des französischen Volkes verkörperten, sah schärfer als der gleichzeitig phantastische und sentimentale Napoleon III. Die Rede, die er am 3. Mai 1866 im französischen Corps legislatif hielt, ist eine der bedeutendsten politischen Reden, die je gehalten wurden. Nicht mit Unrecht haben französische Historiker gesagt, daß aus dieser Rede die DAS WIENER KABINETT VERSPRICHT 93 Seele Frankreichs sprach. Jedenfalls sprach aus ihr die Politik von Heinrich II., Heinrich IV., Richelieu, Louis XIV, die Politik des Konvents und von Napoleon I., die Politik von Poincare, Clemenceau und des Marechal Foch, die Auffassung der Mehrheit aller Franzosen, die Politik, welche die Macht, die Wohlfahrt und die Größe Frankreichs auf die Schwäche und Zersplitterung Deutschlands aufbaut. Natürlich fehlte es in der Rede von Thiers nicht an der Behauptung, daß Preußen die Unabhängigkeit der Deutschen bedrohe, die schon von den Bourbonenkönigen in Schutz genommene „deutsche Libertät", daß es ein neues germanisches Reich begründen wolle, das für Europa bedrohlich, für Frankreich unerträglich sein würde. Frankreich müsse deshalb Italien verhindern, gegen Österreich vorzugehen. Das müsse Italien, für das Frankreich fünfzigtausend Soldaten und sechshundert Millionen geopfert habe, einfach und deutlich verboten werden. Preußen müsse gezwungen werden, den Degen wieder einzustecken. Der Rede Thiers' folgte ein Beifallssturm der ganzen Kammer, der Opposition wie der Majorität. Die Fortsetzung der Debatte wurde nur dadurch verhindert, daß der Ministerpräsident Eugene Rouher ein anscheinend gefälschtes Telegramm vorlas, wonach Italien sich offiziell verpflichtet habe, Österreich nicht anzugreifen. Napoleon III. beeilte sich, wenige Tage nach der Rede von Thiers in einer öffentlichen Ansprache zu erklären, daß er mit der Mehrheit des französischen Volkes die Verträge von 1815 verabscheue, die Thiers zur einzigen Grundlage der französischen Politik machen wolle. Aus dieser Äußerung sprach nicht nur der Ärger über Thiers, den der Kaiser als seinen persönlichen Feind betrachtete. Auch nicht allein Weltfremdheit und Phantasterei. Napoleon III. hoffte, daß bei einem Kriege zwischen den beiden deutschen Großmächten Preußen nach seiner voraussichtlichen Niederlage die französische Hilfe mit der Abtretung des Unken Rheinufers erkaufen würde, auf das damals wie heute die französischen Absichten gerichtet waren. Die österreichische Politik war so ungeschickt, wie sie 1859 gewesen war und 1914 wieder sein sollte. Um den Kaiser Napoleon III. bei guter Österreirhs Laune zu erhalten, hatte das Wiener Kabinett ihm versprochen, daß es Zusage Italien, wie auch der Krieg ablaufen möge, Venetien abtreten würde, das nach dem Französisch-Österreichischen Kriege von 1859 bei Österreich geblieben war. Wie war es möglich, daß unter solchen Umständen die habsburgische Monarchie, wenn sie schon mit Preußen den Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland aufnehmen wollte, nicht alle ihre Kräfte gegen den deutschen Nebenbuhler konzentrierte, statt ein gutes und starkes österreichisches Heer mit dem Erzherzog Albrecht, in Oberitalien auf den 94 COSAS DE AUSTRIA alten Carapi Raudii, wo so manches Mal Germanen und Romanen miteinander gerungen hatten, wo ein Jahrhundert vor Christi Ceburt die Cimbern besiegt wurden, für eine verlorene Sache fechten zu lassen? Diese Frage habe ich fast dreißig Jahre später an einen österreichischen. Minister des Äußern, den Grafen Kälnoky, gerichtet. Ich war damals junger Gesandter in Bukarest. Wenn ich auf der Reise von Bukarest nach Berlin durch Wien kam, wurde ich von dem k. und k. Minister des Äußern fast immer mit einer Einladung zum Diner beehrt. Graf Gustav Kälnoky, der mir wohlwollte, pflegte bei solchen Anlässen mit mir unter vier Augen politische Vorgänge der Gegenwart und der Vergangenheit freimütig zu besprechen. Als ich ihn frug, warum Österreich 1866 von vornherein auf Venetien verzichtete, aber nichtsdestoweniger einen großen und tüchtigen Teil seiner Kräfte statt in Böhmen in Oberitalien eingesetzt habe, erwiderte mir der Minister: „Man spricht in Spanien von cosas de Espana, d. h. von Dingen, die nur der Spanier versteht. So gibt es auch cosas de Austria, d. h. Vorgänge, die sich nur ein geborener Österreicher erklären kann. Unser Minister des Äußern von 1866, der verständige Graf Alexander Mensdorff, wollte, wie dies die einfache Vernunft gebot, die Front nur gegen Preußen nehmen. Er hatte Graf Moritz auch Kaiser Franz Josef für diese Auffassung gewonnen. Als Graf Moritz Esterhäzy Esterhäzy, Minister ohne Portefeuille, aber durch seine Beziehungen bei Hofe und mit der Geistlichkeit der Einflußreichste im Konseil, hiervon hörte, begab er sich in die Hofburg und erklärte dem Kaiser, Ehre und Religion geböten, gegen die Italiener zu fechten: nicht etwa, um Venetien zu behaupten oder gar die Lombardei wiederzugewinnen, denn der italienische Traum sei für Österreich endgültig ausgeträumt, sondern um nach einem Siege Österreichs über die Italiener dem Papste die ihm 1860 widerrech tlich entrissenen Gebiete des Kirchenstaats zurückzugeben und ihm jedenfalls das Patrimonium Petri zu sichern. So ging das Verhängnis seinen Gang." Der von Kälnoky erwähnte Moritz Esterhäzy, den man, weil er hinter den Kulissen zu agieren und zu intrigieren hebte, in Wien den „heimlichen Moritz" nannte, wurde viele Jahre später nach widerlichen Verfehlungen für geistesgestört erklärt und nach Pirna in eine Maison de sante gebracht, wo er starb. Seine fromme Frau ging, um für die Sünden ihres Gatten Sühne zu leisten, in das Kloster der unbeschuhten Karmeliterinnen zu Maierling. Der Enkel des Ministers von 1866 war jener Graf Esterhäzy, dem der letzte österreichische Kaiser, der Kaiser Karl, nach seiner Thronbesteigung im Jahre 1916 an Stelle des in langen Kämpfen bewährten Grafen Tisza die Leitung desRegnum Apostolicum anvertraute. Er hat in dieser Stellung durch Leichtsinn und Unerfahrenheit erheblich zum endgültigen Untergang der habsburgischen Monarchie beigetragen. DIE BARONIN UND DER ZOLLAUFSEHER 95 Bismarck zeigte sich 1866 auch darin als Meister der Staatskunst, daß er sich bis zuletzt alle Wege olfenhielt. Bis kurz vor Beginn der Feind- Bismarck Seligkeiten verhandelte er mit dem Bruder des besten österreichischen verhandelt Generals, dem Freiherrn LudwigvonGablenz, einem geborenen Sachsen, über die Möglichkeit einer für Preußen annehmbaren Verständigung mit Österreich. Bayern schlug er eine Bekonstruktion von Deutschland auf der Basis vor, daß nördlich des Mains Preußen, südlich Bayern die Führung übernehmen sollte. Er hat auch bis zuletzt gegenüber Hannover nicht alle Brücken abgebrochen. Dem Erben der hessischen Krone, dem Landgrafen Friedrich Wilhelm, sagte er persönlich bei einem Besuch, den ihm dieser im Frühjahr 1866 abstattete, er möge dafür sorgen, daß sein Familienchef, der Kurfürst Friedrich Wilhelm, sich auf die preußische Seite stelle. Als der Landgraf erwiderte, dazu sei es zu spät, die endgültige Entscheidung in Kassel, die für Österreich ausfallen werde, solle schon am nächsten Vormittage getroffen werden, meinte Bismarck: „Nehmen Sie sich einen Extrazug nach Kassel, dann können Sie noch Ihre Krone retten." Als der für seinen Geiz berühmte Landgraf auf die Spesen eines Sonderzuges hinwies, antwortete Bismarck: „Greifen Sie in die Tasche und wenden Sie tausend Taler an einen Sonderzug. Es wird sich lohnen, sonst geht es Hessen an den Kragen." Hochmütig erwiderte der Landgraf: „Sie vergessen, daß sechshunderttausend Österreicher zwischen mir und Ihnen stehn." Die Meisterschaft, mit der Fürst Bismarck im Schicksalsjahr 1866 die preußische Politik leitete, tritt noch deutlicher hervor, wenn wir uns daran Freiherr erinnern, wie wenig sich der leitende Minister auf die damaligen preußischen von Werth Vertreter im Ausland verlassen konnte. Gesandter in Wien war der Freiherr Karl von Werther. Er war durch und durch österreichisch gesinnt. Seine Frau, eine geborene Gräfin Oriola, war es womöglich noch mehr als er. Als nach dem Ausbruch des Krieges die österreichische Begierung Herrn von Werther seine Pässe zugestellt hatte und er seinen bisherigen Wirkungskreis verlassen mußte, umarmte die Baronin Werther an der österreichisch- preußischen Grenze den dicken Zollaufseher, der, seine Mütze mit der schwarzgelben Kokarde auf dem Kopf, das Gepäck abfertigte, unter Tränen mit den Worten: „In Ihnen will ich noch einmal mein liebes Österreich umarmen, von dem ich mich mit blutendem Herzen trenne." Sie war eine Schwester der Palastdame Luise Oriola, die ganz anders dachte. Eine treue Preußin, hielt sie zeit ihres Lebens am Hofe Bismarck die Stange, was ihr die stille Ungnade der Königin Augusta zuzog, was aber nicht nur Bismarck selbst, sondern auch unser alter König Wilhelm L ihr hoch anrechneten. Bismarck hatte übrigens nach seinem Lieblingsspruch, „qu'en politique il faut faire fleche de tout bois", die outriert austrophile Gesinnung des Barons Werther in sein Spiel eingestellt. Als ihm bei Ausbruch des Krieges 96 „UNGLAUBLICH!" die Frage vorgelegt würde, was geschehen solle, wenn die preußische Armee geschlagen werden sollte, antwortete er: „Dann muß der König Werther zu meinem Nachfolger machen." Gesandter in Petersburg war Graf Heinrich Redern, ein Diplomat der Graf alten Schule in des Wortes verwegenster Bedeutung. Er würde als Reprä- Heinrich sentant dieser Schule auf jeder Bühne einen Bombenerfolg gehabt haben. Redern ^y g Attache war er zwe j ma l j m diplomatischen Examen durchgefallen. Das war noch in den ersten Jahren der Regierung Friedrich Wilhelms IV. Als Sohn eines königlichen Hofmarschalls wurde er oft zum Tee der Königin befohlen. Das war auch am Tage seines Mißerfolges der Fall. Die Königin, die wußte, daß er im Examen gestanden hatte, frug, wie die Sache abgelaufen wäre. Sehr verlegen schwieg der arme Graf Heinrich Redern. Der witzige Friedrich Wilhelm IV. antwortete schlagfertig: „Unser lieber Graf hat auf alle Fragen so klug geantwortet, daß die Examinatoren einstimmig gerufen haben: Da capo, da capo!" Von Hause aus österreichisch gesinnt, wurde Heinrich Redern in dieser Richtung noch von seiner Gattin bestärkt, die eine geborene Österreicherin, eine Prinzessin Odescalchi, war. Als sich im Frühjahr 1866 die Situation immer mehr zuspitzte, erwiderte in Petersburg der Gesandte Graf Heinrich Redern auf alle Fragen nach der Auffassung in Berlin: „Niemals läßt mein König auf die Weißröcke schießen." Einige Tage nachdem in Preußen die Mobilmachung angeordnet worden war, ließ sich bei dem Gesandten Redern der damalige Leutnant im 8. Husaren-Regiment, spätere Botschafter in Madrid, Ferdinand Stumm melden. Als Graf Redern ihn frug, was er in Petersburg wolle, erwiderte Stumm, er habe in der Krim, wohin er eine Vergnügungsreise unternommen habe, erfahren, daß in Deutschland der Krieg bevorstehe, und eile, sich bei seinem Regiment in Paderborn zu melden. Sehr ungnädig entließ ihn der Gesandte, begab sich in die Kanzlei und erklärte den dort versammelten Sekretären: „Ein Mann, der Stumm heißt, behauptet, wir bekämen Krieg! Unglaublich!" Das Unglaubliche wurde Ereignis. Redern schüttelte über die Sprengung des Bundestags, über das Einrücken der preußischen Armee in Dresden, in Kassel und Hannover bedenklich den Kopf. Als aber in St. Petersburg die Nachricht eintraf, daß die Österreicher die Italiener, die Bundesgenossen der Preußen, bei Custozza geschlagen hätten, betrat der preußische Gesandte am Abend dieses Tages den Salon der Fürstin Kotschubey, der russischen Oberhofmeisterin, in gehobener Stimmung mit den Worten: „Enfin une bonne nouvelle! Les Autrichiens ont remporte une belle victoire!" Auch hier machte Bismarck „fleche de tout bois". Seine Politik in Petersburg machte er mit dem damaligen preußischen Militärattache, dem späteren Botschafter Lothar von Schweinitz; der würdige Heinrich EIN GEGNER BISMARCKS 97 Redern diente als Paravent. Er hat später als Obergewandkämmerer am königlichen Hofe noch ersprießliche Dienste geleistet. In London war Preußen im Jahre 1866 durch den Botschafter Graf Albrecht Bernstorff vertreten. Sowohl Paris wie London waren damals Graf Albrecht bereits Botschaften. Graf Bernstorff war sechs Jahre älter als Bismarck. Bernstorff Er war schon 1845 Gesandter in München, 1848 unter schmerigen Verhältnissen in Wien, von 1850 bis 1861 in London gewesen. Von 1861 bis 1862 war er, unmittelbar vor Bismarck, Minister des Auswärtigen, um dann wieder die Londoner Mission zu übernehmen. Er mag nicht immer mit seinem Nachfolger einverstanden gewesen sein, er mag hier und da als der Ältere und, wie er glaubte, Erfahrenere über ihn den Kopf geschüttelt haben. Aber er tat seine Pflicht als preußischer Vertreter und hatte in London eine sehr gute Stellung. Den 1866 wichtigsten Posten, den Pariser Posten, bekleidete Botschafter Graf Robert Goltz. Bismarck hatte mit Graf ihm in den fünfziger Jahren freundliche Beziehungen unterhalten, sich aber Robert Goltz dann mit ihm, wie mit manchen anderen, überworfen. Er sah seitdem in Goltz einen persönlichen Gegner, und das traf wohl auch zu. Bismarck erzählte gern, daß Goltz im Jahre 1866 sein Urteil über seinen Chef in die Worte zusammengefaßt habe: „Nun macht dieser Kerl, dieser Bismarck, meine Politik, aber er macht sie falsch!" Das alles hinderte Goltz nicht, ein sehr geschickter Diplomat, im Gegensatz zu Werther und Redern, ein klarer und scharfer Preuße zu sein. Bismarck selbst hat einmal die Diplomatie definiert als „Arbeit in Menschenfleisch". Die Aufgabe des Diplomaten bestünde oft darin, den anderen dahin zu bringen, das zu tun, was für diesen vielleicht von zweifelhaftem Nutzen, für den Diplomaten aber von Vorteil sei. Alle diejenigen, die im Schicksalsjahr 1866 unter Goltz an der Preußischen Botschaft in Paris arbeiteten, Eberhard Solms und Joseph Radowitz, Alexander Lynar und der damalige Major, spätere Generalfeldmarschall Walter Loe, haben mir gesagt, daß es in erster Linie das Verdienst des Grafen Goltz war, wenn Frankreich im Jahre 1866 so lange neutral blieb, wie wir seine Neutralität brauchten. Goltz habe seinen großen Einfluß sowohl auf Kaiser Napoleon III. wie auf die Kaiserin Eugenie und den Prinzen Jerome Napoleon, seine zahlreichen Beziehungen in allen Kreisen der Gesellschaft wie in der Presse tatkräftig und gewandt benützt, um Frankreich von einer Intervention vor Sadowa abzuhalten. Er hat sich um Preußen wohl verdient gemacht. Von einer unheilbaren Krankheit befallen, mußte Goltz, nicht lange nach dem Nikolsburger Frieden, seinen Abschied nehmen und ist nach qualvollen Leiden vor 1870 gestorben. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß Fürst Bismarck seine Politik von 1862 bis 1871 nach einem von vornherein in allen Einzelheiten entworfenen und dann konsequent verfolgten Programm geführt hätte. Er hat sich nach 7 BUlow IV 98 KEIN PROGRAMM den Umständen gerichtet, sie benutzt mit dem größten Scharfsinn, sie mit dem Bück des Genius ausgenutzt. Er hatte 1862, als er zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, noch kaum die Absicht, das Deutsche Reich in der Form, in der es später zustande kam, oder auch nur einen Norddeutschen Bund in der Form von 1866 zu errichten. Er sagte noch im Jahre 1865 zu Robert Keudell, der ihn um einen Posten im Ausland bat, da er der Arbeitslast im Auswärtigen Amt gesundheitlich nicht mehr gewachsen sei: „Halten Sie noch ein bis zwei Jahre in Berlin aus, dann sollen Sie einen propren Gesandten beim Frankfurter Bundestag abgeben." VIII. KAPITEL Die Schlacht von Königgrätz • General von Steinmetz • Der Vater wird mecklenhurg- schwerinscher Gesandter in Berlin • Die Cholera in Halle • Fußwanderung durch den Harz (Herbst 1866) • Besuch bei Onkel Baudissin in Dresden • Abiturienten-Examen (Herbst 1867) • Puppel • Dulce est desipere in loco Unmittelbar nach der Sprengung des alten Deutschen Bundes richtete der preußische Ministerpräsident an Sachsen, Hannover und Kurhessen Preußen und fast gleichlautende Sommationen, in denen unter Hinweis auf die geogra- Hannover phische Lage der drei Bundesstaaten die Zurückführung der Truppen des betreffenden Bundesstaates auf den Friedensstand vom 1. März und die Zustimmung zur Berufung des Deutschen Parlaments gefordert wurde. Noch am 23. Mai hatte Graf Bismarck an den preußischen Gesandten in Hannover, den Prinzen Ysenburg, eine Depesche gerichtet, in der er betonte, die preußische Regierung dränge in Hannover nicht auf den Abschluß eines Vertrages mit Preußen. Die hannoversche Regierung möge selbst entscheiden, was sie für das Zuträglichste für ihre Interessen halte. Die preußische Regierung wünsche nur zu wissen, welcher Art ihre Beziehungen zu Hannover seien und in Zukunft sein würden. Als die preußischen Sommationen in Dresden, Hannover und Kassel abgelehnt worden waren, rückte der preußische General Herwarth von Bittenfeld in Sachsen ein, die Generäle von Manteuffel und Vogel von Falkenstein überschritten die hannoversche Grenze, General von Beyer besetzte Kassel. Nach dem Eintreffen der Nachricht, daß Sachsen, Hannover und Hessen sich endgültig gegen Preußen wendeten, trat der Ministerpräsident Graf Bismarck in den Salon seiner Frau und sagte zu dem dort mit anderen Gästen weilenden Geheimrat von Keudell, der ihn oft durch sein Klavierspiel zerstreute und erfreute, mit gehobener Stimme: „Keudell, setzen Sie sich an das Klavier und spielen Sie uns den Hohenfriedberger Marsch." Am 29. Juni kapitulierte nach tapferer Gegenwehr die hannoversche Armee bei Langensalza. Der preußische „Staatsanzeiger" bemerkte zu Schlachten diesem Ereignis: „Das Schicksal der hannoverschen Truppen, deren ruhmreiche Vergangenheit eng verwoben ist mit den schönsten Kriegstaten unseres eigenen Heeres, muß jedes Soldatenherz mit aufrichtiger Teilnahme 7« 100 DER LÖWE VON SKALITZ erfüllen. Die hohe Selbstverleugnung, mit der die hannoversche Armee, treu dem geleisteten Eide, ihr hartes Los getragen, muß ihr die Achtung der preußischen Armee sichern." In rascher Folge trafen Siegesnachrichten über die Gefechte von Podol, Hühnerwasser, die Schlachten von München- grätz und Gitschin ein. Der preußische General Bonin wurde von dem Österreicher Gablenz bei Trautenau geschlagen. Aber die preußische Garde siegte bei Soor und Königinhof, und der General von Steinmetz schlug in drei aufeinanderfolgenden Tagen, am 27., 28. und 29. Juni, bei Nachod, Skalitz und Schweinschädel drei österreichische Korps aufs Haupt. Steinmetz war ein alter Haudegen, siebzig Jahre alt. Er hatte schon die Feldzüge von 1813 bis 1815 mitgemacht. Jetzt nannte man ihn den „Löwen von Skalitz". Er hat später, im Deutsch-Französischen Kriege von 1870, versagt, nicht strategisch, aber durch Eigensinn und Trotz. Er war ein schwieriger Charakter und mußte, nachdem er als Oberbefehlshaber der 1. Armee bei Spichern, Colombey-Nouilly und Gravelotte die Weisungen von Moltke nicht immer präzis ausgeführt hatte, Mitte September 1870 abberufen werden. Aber seine Leistungen im Böhmischen Feldzug sichern ihm einen dauernden Platz in der Geschichte der preußischen Armee. Steinmetz war in jeder Beziehung ein prächtiges Original. Nach der Beendigung der Sechsundsechziger Kampagne heiratete er mit einundsiebzig Jahren ein siebzehnjähriges Fräulein von Krosigk. Die Ehe dauerte elf Jahre und ging ganz gut. Den Honigmond hatte der Löwe von Skalitz auf besondere Einladung seines Kriegsherrn in der Burg Hohenzollern verlebt. Man konnte es der Witwe aber schließlich nicht verargen, daß sie zwei Jahre nach dem Tode des Feldmarschalls Steinmetz den Grafen Karl Brühl heiratete, der fünf Jahre jünger war als sie selbst. Als sie nach fünfundzwanzigjähriger glücklicher Ehe mit ihm starb, suchte der Witwer sich seinerseits eine Komteß Schweinitz aus, die einundzwanzig Jahre jünger war als er. So war das Gleichgewicht wiederhergestellt. Groß war in Halle der Jubel über die preußischen Siege. Volkssänger zogen vor das Pädchen und sangen zur Drehorgel: Der Benedek, der Benedek, der hat es bös im Sinn, Er wollt' mit seinen Kroaten nach Berlin. Der Prinz Friedrich Karl, der hat es ihm gezeigt, Daß ihm in Berlin kein Frühstück wird gereicht. Die Studenten sangen in den Straßen: Schön schwarz ist der Adler und weiß ist der Schwan, Drum ist auch schwarz-weiß die preußische Fahn'. Und schwarz ist der Teufel und gelb ist der Neid, Drum ist auch schwarz-gelb des Östreichers Kleid. DIE MAUSEFALLE 101 Mit Rücksicht auf die patriotische Gesinnung, die aus diesen Versen sprach, stießen wir uns nicht an ihrem unleugbaren Mangel an Objektivität und Logik. Auch wirklich schöne Kriegslieder gebar die kreißende Zeit. In meinem Gedächtnis blieben nur Anfang und Schluß eines Liedes haften, das unser Herr Direktor Kramer im Frühjahr 1866 der Prima vorlas. Vorwärts! Vorwärts alle Mann! Wie die Väter einst getan! Zogen wider alle Welt Unterm Alten Fritz ins Feld, Schlugen alle Welt zuschanden, Sind vom Grabe auferstanden, Wolln nun sehn der Enkel Preis. Vorwärts! Vorwärts Schwarz und Weiß! lauteten die Anfangsverse. Und der Schluß war: Vorwärts! ruft Borussia, Die schon hundert Schlachten sali, Die in Frieden und in Krieg Sich bekränzt mit manchem Sieg. Von der Memel bis zum Rhein Stehn viel Kreuz' und Leichenstein', Aber all' voll Ruhm und Preis: Vorwärts! Vorwärts Schwarz und Weiß! Aber noch immer schien der Krieg nicht entschieden, wurde noch mancher Zweifel an seinem endlichen Ausgang laut, erklärten süddeutsche und österreichische Blätter, die Preußen seien in eine Mausefalle gegangen, aus der sie nicht wieder herausfinden würden. Die Wiener Presse spottete noch über die „affenähnliche" Geschwindigkeit der Preußen, die schließlich doch an der bewährten Tüchtigkeit des kaiserlichen Heeres scheitern würde. Da schmettert die Fanfare, Sadowas Tag bricht an. Wer ist, im weißen Haare, Der Held dem Heer voran ? Hell blitzt sein Schwert, Stark ist sein Arm. Des Königs Arm, der beste, Fährt in der Feinde Reihn. Er heiße Wilhelm der Feste, Weil fest sein Königsarm. 102 SADOWA • Der Sieg bei Königgrätz wirkte wie ein Donnerschlag in der Welt, in Europa und vor allem in Deutschland. „Crolla il mondo!" rief der päpstliche Staatssekretär Giacomo Antonelli, als er die Nachricht erhielt. Die Überraschung, die selbst für diesen gewiegten und schlauen Staatsmann die Wendung von Sadowa bedeutete, entschuldigt bis zu einem gewissen Grade den Mangel an Voraussicht, den Napoleon gezeigt hatte. Der Eindruck von Königgrätz war vielleicht noch stärker als vier Jahre später die Wirkung von Sedan. Gewiß, Sedan war dramatischer, großartiger, aber der Sieg von Sadowa war noch unerwarteter. Am Sonntag, der auf den Tag von Sadowa folgte, betrat Pastor Seiler, der mich vier Monate früher konfirmiert hatte, die Kanzel mit den Worten: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, Der uns auf Fittichen des preußischen Adlers sicher geführet." Ich vernahm das Rauschen dieses Fittichs zum erstenmal in voller Stärke, aber für mein ganzes Leben! Anders als in Preußen war die Stimmung in Mecklenburg, wo ich die Strelitz Sommerferien verbrachte. Seiner ganzen Weltauffassung entsprechend, antipreußisch hatte mein Vater, bei aller Freundschaft für Bismarck, die Sprengung des alten Bundes durch den preußischen Ministerpräsidenten schmerzlich beklagt. Aber, er war ein zu klarer politischer Kopf, er besaß einen zu sicheren Blick für Realitäten, um sich in den Illusionen zu wiegen, die der mecklenburgische Adel und vor allem der blinde Großherzog hegten. Die Situation lag in Strelitz anders als in Schwerin. Der Großherzog Friedrich Franz II. von Schwerin, ein Neffe des Königs Wilhelm von Preußen, stand nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen auf preußischer Seite. Dagegen teilte sein Minister Oertzen alle Vorurteile der Mecklenburger Feudalen gegen den mächtigen norddeutschen Staat, der ihnen, trotz Bismarck, zu liberal, zu modern und zu militärisch war. Der Strelitzer Großherzog Friedrich Wilhelm sprach nur von den „greulichen" Preußen. Mein Vater hinderte ihn aber, diesen seinen Empfindungen so weit die Zügel schießen zu lassen, daß er dabei Krone und Land verlor. Mein Vater dachte nie in engen Formeln, er hatte Sinn für die lebendigen Zusammenhänge der Welt und besaß die Fähigkeit, die Kräfte gegeneinander abzuwägen. Mit anderen Worten: er war ein Staatsmann. Die antipreußische Stimmung in Strelitz war so stark, daß sogar eine Hofdame von preußischer Herkunft, die Baronin Marie von Bülow-Wendhausen, eine geborene Gräfin Wartensleben, von ihr ergriffen wurde. Täglich erklärte sie bei Tisch den bei ihr versammelten Freunden, das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz müsse dem revolutionär gewordenen Preußen den Krieg erklären. Bis schließlich ihr uralter Kammerdiener, der hinter ihrem Stuhle stand, mit breitester GNADE VOR RECHT 103 mecklenburgischer Aussprache sagte: „Aber Frau Baronin, bedenken wir doch die geoogrooafische Lage." Von dieser verständigen Auffassung ging mein Vater aus, als er dem Großherzog klarmachte, daß er sich auf die preußische Seite stellen müsse. Er hat dadurch Strelitz gerettet, aber sich, wie Fürsten manchmal sind, nicht die Dankbarkeit des blinden Großherzogs erworben. Das Verhältnis zwischen beiden wurde allmählich unerquicklich. Mein Vater nahm den ihm von dem Großherzog von Schwerin angetragenen Posten des mecklenburgischen Gesandten in Berlin mit um so besserem Gewissen an, als ihn Bismarck wissen Heß, er würde ihm dort als Vertreter von Mecklenburg besonders erwünscht sein. Als solcher hat, wie ich vorgreifend schon hier erwähnen will, mein Vater vier Jahre später Strelitz noch einmal gerettet, beim Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Der blinde Großherzog hatte meinen Vater nach dessen Versetzung von Strelitz durch einen Hannoveraner ersetzt, einen Baron von Hammerstein, einen ausgesprochenen Weifen, der andere Weifen nach sich zog. Im Juli 1870 wurde das Treiben dieser Herren so verdächtig, daß einen Augenblick der Einmarsch preußischer Truppen in Streütz und damit wohl die Einverleibung von Strelitz in Preußen drohte. Mein Vater suchte den Bundeskanzler auf, der ihn trotz der ungeheuren Geschäftslast, die in diesen Tagen auf ihm ruhte, mit alter Freundschaft empfing und ihm sagte: „In der großen Seestadt Strelitz scheinen seit Ihrem Fortgang üble Dinge passiert zu sein. Wir könnten eigentlich aus dem Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz einen preußischen Kreis machen. Wir wollen aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen: einmal wegen der Königin Luise und dann Ihretwegen, alter Freund! Aber sorgen Sie dafür, daß der Saustall reingefegt wird." Mein Vater schlug vor, den Erbgroßherzog, der die Vorurteile seiner Eltern gegen Preußen in keiner Weise teile, Seiner Majestät dem König von Preußen zu jeder beliebigen militärischen Verwendung zur Verfügung zu stellen, worauf der Bundeskanzler gern einging. Der Erbgroßherzog hat denn auch den Deutsch-Französischen Krieg im Hauptquartier des alten Kaisers mitgemacht und ist nach seiner 1904 erfolgten Thronbesteigung ein durchaus reichstreuer Bundesfürst gewesen. Nach Halle war, wie nach manchen anderen deutschen Städten, aus Böhmen die Cholera eingeschleppt worden. Sie forderte auch hier zahl- Cholera reiche Opfer. Wenn wir mit dem jungen Andre spazierenritten, begegneten ' n Halle wir nicht selten Bekannten, von denen wir am nächsten Tage hörten, sie seien der Cholera erlegen. Durch alle Straßen zogen Leichenzüge. Die Franckeschen Stiftungen wurden von der Seuche verschont. Das wurde einerseits darauf zurückgeführt, daß sie auf einer Anhöhe lagen und so den Ausdünstungen und üblen Gerüchen der Stadt entzogen waren. Vor allem 104 KÖNIGGRÄTZ aber schuldeten wir der Vorsehung Dank, die über das Werk des frommen August Hermann Francke die schützende Hand gehalten hatte. Das Wahrzeichen der Stiftung, der zur Sonne steigende Adler mit dem tröstenden und aufrichtenden Spruch des größten Propheten des Alten Bundes (Je- saias 40, 31), hatte sich wieder einmal bewährt. Einen dauernden Eindruck machten mir die österreichischen Gefangenen, die in der Moritzburg untergebracht waren. Die Moritzburg, im Norden der Stadt gelegen, war eine alte Feste, die einst die Residenz der Erzbischöfe von Magdeburg gewesen war, später, im Dreißigjährigen Krieg, durch Brand zerstört und seitdem zu militärischen Zwecken benutzt wurde. Die in der Moritzburg eingesperrten Ungarn, Kroaten, Italiener, Tschechen und Slowaken begrüßten alle Vorübergehenden mit: „Eljen!" „Zivio!" „Ewiva I" usw., um ein paar Groschen zu erbetteln, wofür sie sich wiederum durch Hochrufe auf Preußen und Schimpfen auf Österreich in allen Sprachen erkenntlich erwiesen. Die Brüchigkeit der habsburgischen Monarchie wurde mir zum erstenmal klar. Königgrätz (Dem König gerät's! — wie man in Preußen im Sommer 1866 Bismarck sagte) war wohl der größte und glücklichste Tag im Leben des Fürsten Bis- beendet marck. Dieser Sieg war der Lohn unermeßlicher Mühen, schwerer Gefahren, % Konflikt emes n eroischen Mutes. Königgrätz enthüllte auch für das blödeste Auge das Genie des Staatsmanns, der den Verfassungskonflikt zugunsten der Krone beendigt hatte. Der „Kladderadatsch" vom 12. August 1866 brachte ein Bild, das einen Käfig darstellt, an dem eine Tafel hängt. Sie trägt die Inschrift: „Conflictus internus, vier Jahre alt." Das Raubtier im Käfig steckt mit seiner Tatze einen Zettel heraus, auf dem steht: „Indemnität." Vor dem Käfig Graf Bismarck. Er hält dem Tier einen riesigen Lorbeerkranz entgegen, auf dessen Blättern steht: „Königgrätz, Gitschin, Skalitz, Nachod, Aschaffenburg." Das Bild des „Kladderadatsch" trug die einfache Überschrift: „Bilder ohne viele Worte." Gleichzeitig mit dem inneren Verfassungskonflikt hatte Bismarck den hundertjährigen preußisch-österreichischen Streit um die Vorherrschaft in Deutschland zugunsten des Hauses Hohenzollern siegreich durchgefochten, und in der Ferne winkte die Einigung des deutschen Volkes durch die Hohenzollern und die Kaiserkrone auf dem Haupte eines Hohenzollern. Aber auch hier war es gut, daß die Gottheit die Zukunft selbst dem schärfsten Auge nicht ganz enthüllt. Wer dem Ministerpräsidenten Graf Bismarck am Abend des 3. Juli 1866 vorausgesagt hätte, daß der Enkel und Nachfolger des alten Königs Wilhelm I. von Preußen, der dank der genialen Poütik seines Ministers Otto von Bismarck im Kampfe um die Hegemonie in Deutschland Sieger geblieben war, daß Wilhelm II. an den bei Königgrätz besiegten Kaiser Franz Josef von Österreich sechsundzwanzig Jahre DER BROCKEN 105 später ein für Bismarck kränkendes, ihn schmähendes und demütigendes Handschreiben richten würde, das dem großen alten Mann die Gemächer der Hofburg verschloß, der hätte dem wahren Sieger von Sadowa die Siegesfreude wohl stark vergällt. Im Herbst 1866 frug mich Professor Daniel, ob ich schon einmal im Harz gewesen sei. Als ich dies verneinte, meinte er, das müsse ich schnell Reise nachholen, namentlich möge ich den Brocken besteigen. „Schon weil Goethe W" r - einen Faust geschrieben hat, muß jeder Deutsche auf den Brocken." Ich fuhr also nach dem Harz, begleitet von meinem Bruder Adolf. Wir sind auf den schönen Straßen, die den Harz durchschneiden, wacker marschiert. Ich habe nicht die Absicht, nach Goethe und nach Heine eine Harzreise zu beschreiben. Ich will auch nicht die ganze Ode des Grafen Friedrich Leopold Stolberg zitieren, die wir auswendig lernen mußten und in der er das „werte Cheruskerland" begrüßt, dem Mutter Natur aus der vergeudeten Urne männlichen Schmuck verbell. Ich will nur feststellen, daß uns jungen Leuten, die wir den lieblichen Taunus, den Odenwald und den Schwarzwald für die schönsten Gebirge der Welt hielten, auch der Harz einen mächtigen Eindruck machte. Selbst an historischem Interesse stand er nicht hinter Süddeutschland zurück. Die Sachsen- und Franken-Kaiser stiegen vor uns auf, als wir die Warten an den Abhängen des Harzes sahen, als wir in Quedlinburg das Grab des ersten Heinrich, als wir in Goslar, der alten Kaiserstadt, und in Harzburg der mittelalterbchen Geschichte unseres Volkes gedachten. Und der Brocken konnte es wohl mit dem Feldberg und selbst mit dem Altkönig aufnehmen. Während wir uns dem Gipfel näherten, wurde natürlich Faust zitiert: Seh die Bäume hinter Bäumen, Wie sie schnell vorüberrücken, Und die Klippen, die sich bücken, Und die langen Felsenmassen, Wie sie schnarchen, wie sie blasen! Angesichts der Gegend von Schierke und Elend, in die Goethe seine Walpurgisnacht verlegt, dachten wir lachend daran, daß ein französischer Ubersetzer des „Faust" das kürzlich übersetzt hatte mit: „Le paysage respire la friponnerie et la misere." Wir hatten Glück und genossen oben eine herrliche Aussicht. Das Erzgebirge konnten wir freilich nicht erbbcken, das uns ein Leipziger unterwegs in Aussicht gestellt hatte, noch weniger die Nord- und die Ostsee, die ein Berliner gesehen haben wollte. Aber vor uns lag Magdeburg, der Thüringer Wald und die Elbe. Außer der Besteigung des Brockens hatte uns unser Lehrer die Besichtigung der Roßtrappe ans Herz gelegt. Er hielt den Blick, den man, aus dem Walde heraustretend, 106 IM DEUTSCHEN FLORENZ vom Tanzplatz auf die Granitfelsen, auf die schäumende und tosende Bode, den blauen Brocken und die lachende Ebene hat, für einen der schönsten Ausbücke in unserem Vaterland. Das Rauschen der Bode klang ihm wie das Rauschen der Flügelräder der Cherubim, das der Prophet Hesekiel vernahm, wie ein Getümmel des Herrn und ein Getöne des Allmächtigen. Im Frühjahr 1867 folgten wir einer Einladung des heben Onkels Wolf Dresden Baudissin nach Dresden. Franz Liszt pflegte zu sagen, es komme für jeden Menschen darauf an, seinen Rahmen zu finden: „II faut que chacun trouve son cadre." Im Sommer fand Wolf Baudissin seinen „cadre" unter den Eichen und Buchen von Rantzau, im Winter in Dresden. Das damalige Dresden war noch das Dresden, das Herder als das deutsche Florenz gerühmt, das der Wiener Publizist Franz Schuselka wegen der Bildung und der Liebenswürdigkeit seiner Bewohner „die feine Salonstadt" genannt hatte. Mein Onkel paßte durchaus in dieses Milieu. Ich traf bei ihm seine Nichte Klothilde, die mit dem Freiherrn Bodo von Stockhausen vermählt war, der nacheinander hannoverscher Gesandter in Paris und in Wien, dann Oberhofmeister der Königin Marie von Hannover gewesen war. Sie war eine schöne und geistvolle Frau, die mein Vater für die originellste und bedeutendste unter seinen Kusinen zu erklären pflegte. Sie hat ein Tagebuch publiziert, teils in deutscher, teils in französischer Sprache, das manche feine Bemerkung und Beobachtung enthält. Ich zitiere daraus nur: „Ein Franzose sagte mir einstens: Lorsqu'on voyage en Orient, il n'y a qu'un moyen de se defaire de la vermine, il faut etre sale au point de la degoüter. Diese längst vergessenen Worte fielen mir plötzlich ein, als ich mich vergebens abquälte, einen Besuch zu unterhalten und ihn ins Sprechen zu bringen. Es mag eben auch nur ein Mittel geben, um langweilige Menschen zu entfernen, das ist, noch viel langweiliger zu sein als sie." Marie von Ebner-Eschenbach hat tiefere Aphorismen geschrieben. Aber mit Mechtilde Lichnowsky, der Verfasserin einiger „ungereimter" Dramen, nimmt meine Tante es auf. Am zweiten Tag meines Besuches bei meinem Onkel Baudissin trat ein Elisabeth ungewöhnlich schönes Mädchen in den Salon meines Oheims. Ich starrte sie Stockhausen an wie die armen Hirten des Tals das Mädchen aus der Fremde. Ich brauche mich dessen auch nach so vielen Jahren und Jahrzehnten nicht zu schämen, denn es war die Großnichte meines Onkels, meine Kusine Elisabeth Stockhausen, die nachmalige Baronin Herzogenberg, von der in der Gedenkrede, die er ihr 1892 nach ihrem Tode hielt, der strenge Rechtslehrer Adolph Wach sagte: „Ich sehe sie in ihrem lichten Goldhaar, mit dem heiteren, unendlich lieblichen und göttlich begeisterten Ausdruck, der hohen Anmut der Bewegung, ein Abbild ihres vollendet schönen Inneren: wohl ähnlich, wie die großen Meister eine Heilige der Kunst oder die jungfräulichen Engel bildeten, die auf uns herniederlächeln. Ihr Wesen war eine PUPPEL 107 reine Harmonie, der Wohllaut reichster Töne, der Zusammenklang edelster Seelenkräfte. Das Schöne, diese sinnliche Offenbarung des Göttlichen, war ihr eigen. Was sie war, lebte, sprach und sann, trug diesen Stempel höchsten Seelenadels. So war sie aus Gottes Hand hervorgegangen: eine geborene, nicht eine gelernte Jüngerin der Kunst. Zur Priesterin ist sie herangereift." Als ich, damals siebzehnjährig, Elisabeth Stockhausen zum erstenmal sah, stand ich so sehr unter ihrem Eindruck, daß ich wochenlang von ihr träumte, wovon sie natürlich nie etwas merkte noch ahnte. Sie hat ein Jahr später den tüchtigen Musiker Heinrich Freiherrn von Herzogenberg geheiratet, unter den Treuen des Meisters Johannes Brahms den Getreuesten. Max Kalbeck hat den für den größeren Meister von Bayreuth ungerechten, aber im übrigen von edler Gesinnung getragenen Briefwechsel von Heinrich und Elisabeth Herzogenberg mit Johannes Brahms veröffentlicht. Elisabeth Herzogenberg starb am 7. Juni 1892 nach monatelanger Leidenszeit in San Remo. Dort ist sie am Gestade des blauen Mittelmeers unter Lorbeer, Palmen und Zypressen auf einsamem Friedhof begraben worden. Adolf Hildebrandt schmückte ihre Grabstätte mit einem Reliefbild aus Marmor, das eine vor der Orgel sitzende Frauengestalt sehen läßt. Das der Santa Cecilia Donatellos nachgebildete Antlitz, das die Züge von Elisabeth Herzogenberg trägt, lauscht dem Klang des Instruments. Im Herbst 1867 legte ich mein Abiturienten-Examen ab. Ich halte die Maturitätsprüfung für die schwierigste aller Prüfungen. Das Assessor- Abiturium Examen ist mir Gott sei Dank erspart worden. Die Aufnahmeprüfungen in Frankfurt, Neustrelitz und Halle, später das Referendar-Examen und die große diplomatische Prüfung erscheinen mir neben dem Abiturienten- Examen wie Spielereien. Wir wurden in Halle im Beisein eines aus Magdeburg eingetroffenen Schubrats durch den Direktor Kramer und den In- spector adjunctus Daniel, die Professoren Dryander und Voigt auf Herz und Nieren geprüft. Die uns zur Ubersetzung ins Lateinische und Griechische diktierten Extemporalien und besonders der deutsche Aufsatz mußten unter Klausur fertiggestellt werden. Nach der Morgenandacht sollte um neun Uhr mit dem deutschen Aufsatz begonnen werden. Groß war die Spannung. Ich sah manche ängstliche und bleiche Gesichter um mich. Ich selbst war in bester Stimmung. Da näherte sich mir der längste und älteste der Examinanden. Er hieß Puppel. Er war schon zweimal im Examen durchgefallen. Wenn er wieder durchfiel, durfte er sich nicht zum viertenmal melden. Damit war ihm die Verwaltungslaufbahn verschlossen, für die ihn sein Vater bestimmt hatte. Er sagte leise zu mir: „Der deutsche Aufsatz ist meine schwache Seite. Wenn er mir wieder mißlingt, falle ich zum drittenmal durch, und mein Vater schlägt mich tot. Hilf mir, ich bitte dich! Dir fließt es leicht aus der Feder. Du kannst in der uns gegebenen Frist 108 BEINAHE RELEGIERT ganz gut zwei Aufsätze machen, einen für dich und einen für mich. Rette mich!" Ich war gerührt. Ich sagte ihm, er möge sich neben mich setzen. Das uns für den Aufsatz gegebene Thema war nicht ganz leicht zu beantworten. Puppel erbleichte und sah mich hilflos an, als es uns verkündet wurde. Wir sollten gründlich und erschöpfend, dabei doch knapp und präzis, die Ähnlichkeit und die Unterschiede zwischen der Ibas und dem Nibelungenhede klarlegen. So rasch wie mögbch, mit der affenartigen Geschwindigkeit, die 1866 die Wiener Presse den Preußen vorgeworfen hatte, entwarf ich einen Aufsatz für meinen Kameraden Puppel. Dann wandte ich mich mit ruhigem Gewissen der eigenen Arbeit zu. Dem auf dem Katheder sitzenden Lehrer, der uns während der Klausurarbeit zu überwachen hatte, war der Gedankenaustausch zwischen mir und Puppel leider nicht entgangen. Er stieß auf Puppel herab wie der Falke auf die Taube. Er riß ihm mein Konzept aus der Hand, hielt es triumphierend in die Höhe und schrie: „Das wird sofort höherenorts gemeldet!" Dann verschwand er. Der Schrecken der Klasse war groß, noch größer ihre Spannung, wie es enden würde. Nach einer guten Stunde traten die Lehrer in das Zimmer: an der Spitze der Schulrat, dann Direktor Kramer, der Inspector adjunctus Daniel, vier andere Professoren, alle secundum ordinem. Der Schulrat begann mit strenger Stimme: Ein unerhörter Vorfall habe sich ereignet. Zwei Schüler hätten versucht, ihre Lehrer zu täuschen. Gott sei Dank sei der Frevel rechtzeitig aufgedeckt worden. Der Schüler Puppel werde von der Prüfung ausgeschlossen und gleichzeitig relegiert. Den Schüler Bülow hätte eigent- hch die gleiche Strafe treffen müssen. Nur im Hinblick darauf, daß er nach der Versicherung des Direktors und des Inspektors ein gutartiger Jüngling sei, der aus Mitleid seinem Nachbarn habe helfen wollen, und auch mit Rücksicht auf seine nach der Versicherung seiner Lehrer nicht gewöhnliche Begabung solle es bei ihm sein Bewenden mit einer zwölfstündigen Karzerstrafe und einem Vermerk im Maturitätszeugnis haben. Nachdem auch der Direktor Kramer seinem tiefen Bedauern über den Vorfall bewegten Ausdruck gegeben hatte, entfernten sich die Herren Lehrer wieder in derselben Reihenfolge, in der sie gekommen waren. Mein b'eber Daniel sagte mir im Vorbeigehen, indem er mir die Hand auf die Schulter legte: „Halten Sie den Kopf oben! Sie sind eine elastische Natur und werden im Leben noch über ganz andere Schwierigkeiten wegkommen. Schreiben Sie jetzt einen recht guten deutschen Aufsatz. Aber künftig beherzigen Sie besser den Spruch, den ich Ihnen zu Ihrer Konfirmation in die ,Lyra Messianica' geschrieben habe: ,So sehet nun zu, wie ihr vorsichtiglich wandelt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen.'" (Epheser 5,15.) Als auch Daniel, den anderen folgend, das Prüfungszimmer verlassen hatte, kam Puppel auf mich zu. „Das ist eine Gemeinheit", sprach er zu mir, „daß ich relegiert AUFSATZ MIT ZITATEN 100 werde und du nicht, denn du bist ebenso schuldig wie ich." 0 Puppe], ich weiß nichts von deinen späteren Lebensschicksalen. Ich vermute, daß du trotz dem anfänglichen Widerstreben deines Herrn Vaters die militärische Laufbahn eingeschlagen haben wirst. Vielleicht bist du den Heldentod gestorben. Hast du den Krieg überstanden, wirst du, wie ich fürchte, an der Majorsecke gescheitert sein. Ich glaube nicht, daß du es bis zum General gebracht haben wirst. Was aus dir geworden sein mag,ich habe in meinem auch späteren Leben oft an dich zurückgedacht. Wenn Fraktionen, die mich ihrer Treue versichert hatten, solange sie etwas von mir wollten, mich, wenn sie saturiert waren, im Stiche ließen, wenn Politiker, die nicht höher als auf mich schworen, von mir abschwenkten, sobald Eigennutz oder Feigheit dazu rieten, wenn Untergebene, die vor mir gekrochen waren, mich bei der ersten ihnen günstig erscheinenden Gelegenheit verrieten,oPuppel, dann habe ich an dich gedacht. Du warst nicht eine Einzelerscheinung, lieber Puppel, du warst ein Typus. Als wir mit Ausnahme des unglücklichen Puppel unsere Plätze im Prüfungszimmer wieder eingenommen hatten, wurde uns ein neues Thema für „Unsere den deutschen Aufsatz gegeben. Es lautete: „Unsere mittelalterlichen miitelalter- Volksepen, ein großes und herrliches Lied von Treue." Ich gedachte der k'<* e ™ Mahnung, die mir ein Jahrzehnt früher mein Vater auf der Landstraße er- epen teilt hatte, die von Frankfurt nach Mainz führt: „Keep up your nerves, Sir!" Ich hatte meine Arbeit früher als die anderen fertiggestellt, die, ein seltener Fall, die Zensur I erhielt. Der Inspector adjunetus des Pädagogiums zu Halle, Studienrat Faltin, hat die Liebenswürdigkeit gehabt, mir als dem ältesten ehemaligen Zögling des Pädagogiums zu meinem 75. Geburtstag eine Abschrift meines damaligen Aufsatzes zu übersenden. Man wird es mir hoffentlich nicht als Eitelkeit auslegen, daß ich, als ich mein damaliges Opus wieder vor Augen hatte, es gar nicht so übel fand. Freilich ersah ich daraus, wie recht Goethe hat, zu sagen: daß keine Zeit die einmal geprägten, sich lebend entwickelnden Formen zerstückele. Man hat meiner Konversation, man hat den vielen Reden, die ich in meinem späteren Leben gehalten habe, insbesondere den Reden, die ich aus dem Stegreif hielt, nicht selten einen zu reichlichen Zusatz von Zitaten vorgeworfen. Schon mein Examenaufsatz vom 24. Juli 1867 beginnt mit einem Zitat von Barthold Niebuhr (die Deutschen seien die Griechen der Neuzeit) und schließt mit einem Worte von Schiller, das freilich nahelag: Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn. Am nächsten Tage mußte ich meine Karzerstrafe abbüßen. Da Bücher verboten waren, verbrachte ich meine Zeit damit, den „Faust" aufzusagen, den ich, dem Rat meines verehrten Lehrers Daniel folgend, als Primaner nach und nach meinem Gedächtnis eingeprägt hatte. 110 VERWARNUNG Ich gebe als Epilog den Brief wieder, den ich von meinem Vater erhielt, Brief nachdem meine Entgleisung im Abiturientenexamen zu seiner Kenntnis ge- Vaters langt war. Aus seinem Schreiben spricht nicht nur seine Herzensgüte, sondern auch seine Weisheit, die, gegründet auf Erfahrung, Menschenkenntnis und Charakter, ihn einem Bismarck nach dessen eigenem Ausspruch zum wertvollsten seiner Mitarbeiter machte: „Dienstag, 30. Juli 67. Lieber Bernhard, wir hatten schon recht lange nach einem Briefe von Euch ausgesehen, wußten freilich, daß Ihr des Examens wegen nicht zum Einhalten des regelmäßigen Tages kämet, waren aber doch recht gespannt auf Nachrichten. Wir warteten von einem Tage zum andern mit Schreiben. Gestern empfingen wir denn zugleich Professor Daniels und Deinen Brief, ersterer war über Neu-Strelitz gegangen, und sahen daraus, wie es Dir in dieser schweren Woche ergangen ist. Professor Daniel, dem ich heute dankend erwidere, schreibt mir sehr hübsch über Deine große Unbesonnenheit. Es ist mir denn freilich eine große Beruhigung, lieber Sohn, daß deren strengste Folgen von Dir haben abgewendet werden können, und ich will Dir um so weniger nachträgliche Vorwürfe machen, als Du Dir schon selbst gesagt haben wirst, was zu sagen ist, und ausschließlich die Rücksicht der Lehrer auf Dein bisheriges gutes, und ich sage es gern, Dein musterhaftes Betragen Dich vor einer Strafe bewahrt hat, welche Dir schon durch Verlust des halben Jahres auf lange hin fühlbar sein würde, Du also selbst gut gemacht hast, was nicht gut war. Die Karzerstrafe, während ich so gern auch in diesem Quartal Nummer 1 für Betragen gehabt hätte, ist freilich unwillkommen, aber darüber wollen wir denn nicht murren. Nur eines, mein lieber guter Bernhard möchte ich Dir bei dieser Gelegenheit in recht ernste Erwägung rufen. Was Du getan, ist, abgesehen davon, daß es ziemlich überflüssig ist, einem Schwachmatikus dieser Art überhaupt zu helfen, in den Augen von Schülern nicht weiter unrecht und moralisch zumeist ein Zeichen Deiner Gutmütigkeit. Es ist aber doch ein Unrecht und unmoralisch, denn die Prüfung ist ein Stempel, den der Staat erteüt als Bürgschaft und Beweis guter Schulbildung und mit dem Auszeichnungen und Vorteile verbunden sind. Wer nun einem Unwürdigen durchhilft, täuscht oder hilft täuschen und nimmt also an einer Unwahrheit teil, die keine guten Folgen haben kann. Urteile und handle also in allen Dingen des Lebens nicht nach dem Schein und gutmütig-unbesonnenem Gehenlassen, sondern nach der Tat und nach der wahren Wahrhaftigkeit. Du wirst Dich besser dabei stehen und Dein gutes Gewissen bewahren. Und weißt Du denn, ob Puppel, wenn Du ihm das unglückliche Blatt nicht zugesteckt hättest, nicht vielleicht proprio Marte das Examen bestanden hätte, während er nun abgewiesen ist? Doch genug hiervon, lieber Bernhard. Ich wollte nicht mehreres sagen, als was Dich in Zukunft vor ähnlichen Unbesonnenheiten DIE LOGARITHMENTAFEL III bewahren kann. Es tut mir im übrigen herzlich leid, daß Du diese anstrengenden Tage, in denen Du die wohlverdienten Früchte redlichen Fleißes einernten solltest, durch diese Episode Dir verdorben und so große Sorge durchzumachen gehabt hast. Ich hoffe aus Deinem verständigen Briefe schließen zu können, daß Du Dich nun wieder beruhigt hast und dem mündlichen Examen mit gutem Mut entgegengehst, um so mehr, als Du ja einen großen Beweis des Wohlwollens Deiner Lehrer gehabt hast. Ich hoffe noch, daß Du durch ein recht gutes Examen die Note im Abgangszeugnis etwas wirst mildern können. Mama sagt Dir die herzlichsten Grüße. Die Sache ist ihr natürlich auch recht leid gewesen, und Du weißt, welche Abneigung ihre wahrhafte und pflichttreue Seele von jeher gegen die Durchsteckereien u.s.w. der Scholaren gehabt hat. Es tut ihr aber auch so leid, daß Du, der ihr auf der Schule soviel Freude gemacht hat, diese unangenehmen Tage durchzumachen hattest, und sie hofft sehr, daß Du Dich nun ausruhst und stärkst. Noch eins, mein lieber Sohn. Ni fallor hast Du stets eine gewisse Neigung zu dümmerlichen und leichtsinnigen Mitschülern gehabt, die Dich mit Renommisterei oder dergleichen anzogen. Ich weiß nicht, ob der Examinand mit dem dummen Namen zu dieser Kategorie gehörte. Aber ich möchte Dich jetzt, wo Du selbständig ins Leben trittst, doch recht dringend bitten, Dich an die tüchtigen, ordentlichen und in ihrem Umgang Dir förderlichen Juvenes zu halten statt an die schwachen Brüder. In alter Liebe B. B. Die gute Frau Von Engel in Strelitz ist, vierundneunzig Jahre alt, gestorben. Sie hatte die große Französische Revolution, die Epopöe von Napoleon, Maria Theresia, Katharina II. und Königin Luise erlebt." Ich trennte mich von Halle nicht ohne Wehmut. Gewiß, manches erleichterte mir den Abschied. Es war einer der schönsten Augenblicke meines Abschied Lebens, als ich meine Logarithmentafel verbrannte, mit deren Hilfe ich so von # a "< oft schwere Multiplikationen und Divisionen auf dem Wege einfacher Additionen und Subtraktionen gelöst hatte. So sehr mir der praktische Vorteil dieses Systems einleuchtete, so blieb es mir innerlich geistig fremd, da ich keinen Zahlensinn besitze. Ich bin während meiner Ministertätigkeit an der Vorbereitung und Vorlage einer langen Reihe von Milliardenbudgets beteiligt gewesen und habe mich immer sorgsam auf ihre Vertretung im Parlament vorbereitet. Zu eigenem Denken hat mich aber immer nur die politische Seite der Finanzvorlagen angeregt, während ich das rein Zahlenmäßige, Technische, die vorteilhafte Gruppierung der Aktiven und Passiven und die sonstigen Bilanzkünste meinen ausgezeichneten Fachmitarbeitern Überheß. Zu Jean-Jacques Rousseau sagte, wie er selbst erzählt, eine hebenswürdige Venezianerin: „0 Giacomo, lasciate le donne e studiate la matematica!" Ich empfand eine gewisse Neigung, es umgekehrt zu machen. 112 AN DER SAALE HELLEM STRANDE Ich hatte hei der Trennung vom Pädchen die Empfindung, die mich erfüllte, wenn ich, aus der Elbe kommend, hinter Cuxhaven bei der roten Tonne das offene Meer vor mir erblickte. Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. Aber ich war doch bewegt, als die Abiturienten sangen: „So leb denn wohl, du stilles Haus, wir ziehn betrübt von dir hinaus." Halle war keine schöne Stadt. Die Magdeburger und Leipziger, vor allem die feinen Dresdner, witzelten, daß man Halle eher röche als sähe. Das zielte auf die mit Salinendampf und Braunkohlendunst erfüllte Atmosphäre der Stadt, deren abschüssige Straßen mit ihrem schlechten Pflaster und sprichwörtlich gewordenen Schmutz damals sehr verrufen waren. Aber nicht umsonst hatte mir Daniel mit Thucydides gepredigt, daß der Mensch das Land habe und nicht das Land den Menschen. An die Menschen in Halle, vor allem an meinen heben Professor Daniel, hatte ich mich mit ganzem Herzen angeschlossen. Auch die Umgebung der Stadt bot manchen Reiz. Und in weiter Ferne winkten die Burgen, die stolz und kühn an der Saale hellem Strande stehn und wohin ich oft gewandert war: die zwei Türme von Saaleck und hoch auf steiler Wand die Rudelsburg, das freundliche Kösen, Merseburg mit seinen stolzen Erinnerungen an Kaiser Otto den Großen, Naumburg, vor das die Hussiten zogen, die ganze Gegend war mir ans Herz gewachsen. Ich bin viel auf der Saale gefahren. Unsere Eltern hatten uns Emp- Cröllwitz und fehlungen an eine Reihe angesehener Familien in Halle verschafft, bei denen Giebichcnstein y^j. freundliche Aufnahme fanden. Eine distinguierte Dame aus diesen Kreisen schloß mich in ihr Herz. Im Gegensatz zu meinem Bruder Adolf, der eine spröde Natur war, ließ ich mir ihre Freundlichkeit Wohlgefallen. An mehr als einem schönen Sommertag durfte ich sie nach Cröllwitz oder Giebichenstein, zur Raben- oder zur Nachtigallen-Insel führen. Sie war eine üppige Blondine, zwischen dreißig und vierzig Jahren. Sie zu rudern, war nicht ganz leicht. Auch hier galt das Wort des Hesiod, daß steil der Weg sei, der zum Gipfel hinaufführe. Sie hatte ein gutes, ja ein zärtliches Herz und kargte nicht mit dem Lohn der Minne, wenn wir nach der Wasserfahrt im freundlichen Schatten der die Saale umsäumenden Gebüsche oder im kühlen Zimmer eines ländlichen Wirtshauses der Ruhe pflegten. Als ich mich nach glücklich bestandenem Abiturienten-Examen bei ihr und ihrem Gatten verabschiedete, überreichte er mir ein Buch: Quinti Horath Flacci Opera ad exemplar Londinense a Johanne Pine, Berolini, 1745, Sumtibus Ambrosii Haude, Bibhop. Reg. et Acad. Scient. privil. Dabei sagte er zu mir: „Mein junger Freund, meine liebe Frau hat mir Gutes über Sie gesagt. Sie scheinen ein wißbegieriger, ein fleißiger, ein tüchtiger Jüngling zu sein. Aber vergessen Sie über so lobenswerte Eigenschaften nicht, daß in des Lebens Lenz auch die Lebensfreude zu ihrem Recht kommen muß." Er HORAZ IN SCHWEINSLEDER 113 zitierte nicht ohne Feierlichkeit den Vers, den Horaz an seinen Freund Virgilius richtet: „Misce stultitiam consiliis brevem: Dulce est desipere in loco." Seine Gattin konnte manches, aber Latein war ihr fremd. Sie bat, ihr die horazischen Verse in unser geliebtes Deutsch zu übertragen. Mit immer gleichem Pathos deklamierte ihr Gatte: „Meng in weiseren Ernst wenige Torheit ein. Süß ist's, schwärmen am rechten Ort." Sie lächelte. Es war jenes „Sourire feminin", das in einer seiner reizendsten Komödien Alfred de Musset behandelt. In dem Lustspiel „II ne faut jurer de rien" macht der junge Valentin van Buck seinem alten Onkel klar, was dieses weibliche Lächeln, „le sourire feminin", in sich bergen kann. Ich habe in späteren Jahren das Stück öfter in Paris gesehen, in der Comedie- Francaise. Thiron gab den Onkel van Buck, Delaunay den Neffen Valentin, Mlle. Brohan die Baronin de Mantes und die hübsche Mlle. Reichenberg deren Tochter Cecile. Wenn ich die Betrachtungen des Neffen van Buck über das Sourire feminin vernahm, dachte ich an die freundliche Saale, an meine Freundin, die sich gern von mir rudern Heß, und an ihren gelehrten Gatten, der mir mit überlegener Miene die Lehre des Epikur in der Fassung predigte, die ihr Quintus Horatius Flaccus gegeben hat. Sein Horaz steht in meiner Bibliothek, sauber in Schweinsleder gebunden. 8 BUlow IV IX. KAPITEL Universität Lausanne (1867) • Vevey • Donna e mobile • Universität Leipzig • Professor Wilhelm Roscher • Lektüre: Bedeutung des Romans für Weitläufigkeit und Menschenkenntnis • Fußreise durch die Schweiz (1868) • Übersiedlung an die Universität Berlin Professor Rudolf Gneist ■ Tod des Schwesterchens Bertha • Kur in Bad Oeynhausen (Juni 1870) • Die politische Lage, die Emser Depesche Bei meinen Eltern in Flottbek eingetroffen, wo diese damals im Sommer das kleine, sogenannte Herrenhaus am Jenischpark bewohnten, trug ich meinem Vater die Bitte vor, meine Universitäts-Studien in Bonn beginnen zu dürfen. Ich hatte große Lust, entweder in Bonn bei den Borussen oder in Göttingen bei den Sachsen oder in Heidelberg bei den Saxoborussen einzuspringen. Am liebsten wäre ich nach Bonn gezogen, zu des Rheins gestreckten Hügeln, hochgesegneten Gebieten. Mein Vater ging auf meine Bitte nicht ein. Er war selbst nicht Korpsstudent gewesen und hatte für das Korpsleben wenig Verständnis. „Du wirst dir mit Biertrinken den Magen aufschwemmen und für lange verderben, dir das Gesicht durch einige Schmisse entstellen und im übrigen nichts lernen." Gewiß eine einseitige Auffassung. Aus dem Korps ist nicht nur der größte deutsche Staatsmann, der Fürst Bismarck, es sind aus ihm noch viele andere tüchtige deutsche Männer, Rudolf Bennigsen und Botho Eulenburg, Karl Peters und Ernst Bassermann hervorgegangen. Allerdings ist mancher im Korps für sein Leben versimpelt. Im großen und ganzen war im alten Deutschland die Armee eine bessere Vorschule für den hohen Verwaltungsbeamten und für die Diplomaten als das Korps. Es wurde beschlossen, daß ich den ersten Winter meiner Universitätszeit Winter- in Lausanne verbringen sollte. Begleitet von meinem Bruder Adolf trat iemester in jeh die Reise an. In Frankfurt nahmen wir einen kurzen Aufenthalt, um in Lausanne Homburg unser Glück zu versuchen, wo damals noch die Spielbank des Herrn Blanc in Betrieb war, der mit dem Geld, das er in Homburg und später in Monaco machte, fürstliche Schwiegersöhne finden sollte und Alliancen, die an Königsthrone heranreichten. Wir gewannen ein paar BEI PROFESSOR GAY 115 hundert Gulden, was unsere Stimmung hob. Die Strecke von Luzern über den Brünig bis Brienz legten wir zu Fuß zurück. In Bern fütterten wir die Bären und marschierten dann wieder zu Fuß von dem alten Wachtturm in Bomont bis Vevey. Vom Signal de Chexbres genoß ich zum erstenmal die Aussicht auf den Genfer See, zu dem ich oft zurückkehren, nach dem ich mich noch öfter sehnen sollte. Wir wurden in Lausanne im Hause des Professors Gay untergebracht, der an der Universität französische Literatur las. Er war, wie die meisten Pension Waadtländer, ein frischer und fröhlicher Mann, der das Leben von der heiteren Seite nahm. Man sagt, daß der gute Waadtländer Wein die Menschen lustig stimme. Madame Gay, die aus Aigle im Bhonegebiet stammte, sorgte treulich für uns. Vom Gayschen Haus erblickte man den See. Einen noch umfassenderen Bundblick hatten wir von der Terrasse des alten Münsters, der im Jahre 1000 erbauten, wohl schönsten gotischen Kathedrale der Schweiz. Unser Lieblingsspaziergang war nach dem Montbenon, einer Promenade, die den Stolz aller Bewohner der Stadt bildete und hoffentlich noch bildet. Von den Vorlesungen besuchte ich nur diejenigen meines Hausvaters, alle übrigen schwänzte ich. In der Bue du Bourg entdeckte ich einen mir sehr sympathischen Laden, in dem die in Lausanne zahlreich vertretenen Engländer sich mit gutem englischem Tabak und kurzen Holzpfeifen versahen. In Halle und schon in Strelitz hatte ich Zigarren geraucht. Jetzt kam ich dahinter, daß guter englischer Tabak aus einer kurzen Holzpfeife noch besser schmeckt. Ich habe vierzig Jahre lang die Freuden des Bauchens aus einer Holzpfeife genossen, dann aber dieses Laster von heut auf morgen aufgegeben, als mich mein Freund und Arzt Benvers davon überzeugte, daß Hals und Magen sich ohne Bauchen besser befänden. Auf die Frage, die so viele Philosophen beschäftigt hat, ob der Mensch glücklicher sei, wenn er viele oder wenn er keine Bedürfnisse habe, will ich hier nicht eingehen. An der Universität Lausanne florierten zwei Verbindungen: die Bellet- triens, die sich vorzugsweise aus der französischen Schweiz, und die Zo- Der Genfer See finger, die sich aus der ganzen Eidgenossenschaft rekrutierten. Wir hielten uns von beiden Verbindungen fern, knüpften aber mit einer Beihe junger Schweizer, insbesondere mit Waadtländern und Genfern, freundschaftliche Beziehungen an, von denen mich einige durch mein ganzes Leben begleitet haben. Ich unternahm von Lausanne aus auch im Winter, zum Teil im Schnee, kleinere Bergbesteigungen in allen Bichtungen. Die Ufer des Sees kannten wir bald genau. Ich bin zu Fuß in Morges, in dem von Weinbergen umgebenen Bolle, in Nyon mit seinem altertümlichen Schloß und in Coppet gewesen. In Coppet gedachte ich meines Großonkels Wolf 8* 116 DIE SCHÖNE SPANIERIN Baudissin, der sich in seiner Jugend mit der Tochter von Madame de Stael verlobt hatte, die später den Herzog von Broglie heiratete. Die Verlobung mit meinem Onkel wurde aufgelöst, weil beide Teile die Empfindung hatten, nicht für einander zu passen. Noch lieber marschierten wir von Lausanne in der Richtung nach Pully, Lutry, Cully, nach St. Saphorin, dessen Glocken so schön und hell klingen. Fast jede Woche besuchte ich Vevey, wo meine Tante, die Witwe Vevey meines Großonkels, des Senators Martin Jenisch, im Hotel des Trois-Cou- ronnes den Winter zu verleben pflegte. Sie hat denn auch viele Jahre später der Stadt Vevey ein großes Legat hinterlassen, mit dessen Hilfe das Musee Jenisch gegründet wurde. Es enthält wertvolle Gemälde, eine gute BibUo- thek und interessante naturhistorische Sammlungen. Ich finde aber, meine gute Tante hätte besser getan, entweder ihren Geburtsort, Lübeck, oder die Heimatstadt ihres Mannes, Hamburg, zu bedenken. Im Hotel des Trois- Couronnes war eine elegante, internationale Gesellschaft versammelt, darunter viele schöne Frauen. Für die schönste galt, und mit Recht, eine Spanierin, Frau von X., bei deren Anblick man unwillkürHch an das Gedicht dachte, das Alfred de Musset seiner andalusischen Freundin widmete: Vrai Dieu! Lorsque son ceil petille Sous la frange de ses reseaux, Rien que pour toucher sa mantille, De par tous les saints de Castille, On se ferait rompre les os. Ihr Gatte weilte in Paris. Als von ihr begünstigt galt ein junger Grieche mit großen, schwarzen, melancholischen Augen. Im Hotel des Trois-Couronnes wurde fast jeden Abend getanzt. Als ich mich wieder einmal dort eingefunden hatte, bemerkte ich, daß der brünette Grieche sich viel mit einer blonden Engländerin beschäftigte. Ich sah auch, daß die schöne Spanierin diesen Flirt mit zornigen Blicken verfolgte. Da ich Frau von X. wenig kannte, ihr auch nicht den Hof machte, Heß mich der Vorgang gleichgültig. Ich war daher erstaunt, als sie auf mich zukam und mich aufforderte, einen Walzer mit ihr zu tanzen. Nachdem wir uns ein paarmal um den großen Saal gedreht hatten, setzte sie sich mit mir auf eine der Bänke und frug nach dem Gang meiner Studien, nach meiner Lektüre. Sie examinierte mich lebhaft und nicht ohne Geist. Als ich J. J. Rousseau für einen meiner Lieblingsschriftsteller und die „Nouvelle Helolse" mit Feuer für ein herrliches Buch erklärte, meinte sie lächelnd: „Le bosquet de Julie n'est pas loin d'ici." Sie frug, ob ich bei ihr eine Tasse Tee trinken wolle, ihr Wagen halte vor der Tür, und ihre Villa sei nicht weit entfernt. Es ist klar, daß in diesem Augenblick der Versucher an mich herantrat in der TRAGISCHER ZWISCHENFALL 117 Gestalt einer schönen Frau. Ich hätte standhaft bleiben sollen wie einst in ähnlicher Lage der heilige Antonius und wie, sehr viel früher, der keusche Joseph. Aber nicht jeder ist zum Heiligen auserseben. Es ist schwer, ein Heiliger zu werden, sonst würde es ja viel mehr Heilige geben. Frau von X. war sehr schön, die Versuchung war sehr groß. Ich akzeptierte die Hebenswürdige Einladung, ich akzeptierte sie sogar sehr gern. Frau von X. nahm meinen Arm und ging auf die Tür zu. Der Hellene, der uns seit einiger Zeit mit offenbarer Erregung beobachtete, näherte sich uns. Ich hörte ihn flüstern: „De gräce! Accordez-moi un instant, ecoutez moi! Je ne vous ai pas trahie. II s'agit d'une distraction, d'une plaisanterie." Sie antwortete nicht. Als wir vor der Hoteltür standen, forderte sie mich auf, zuerst in den Wagen einzusteigen. Der Grieche stand neben ihr. Er flüsterte: „Je vous supplie, ayez pitie de moi! Je vous jure: Si vous ne me pardonnez pas, je me tuerai." Sie hatte inzwischen neben mir Platz genommen. Sie Heß die Fensterscheibe des Wagens herab, und jedes Wort akzentuierend erwiderte sie: „Vous etes bien trop lache pour vous tuer. Cocher! Chez moi, et ventre ä terre!" Als ich am nächsten Vormittag zu Fuß von der Villa nach Vevey zurückkehrte, sah ich schon von weitem eine Anzahl Menschen auf dem Kai vor dem Hotel des Trois-Couronnes, die lebhaft gestikulierend mit Fernrohren und Operngläsern auf den See blickten. Als ich näher kam, hörte ich, daß ein Boot ohne Insassen und ohne Ruder auf den Wellen treibe. Am Abend vorher habe der junge Grieche in später Stunde ein Boot gemietet und sei allein auf den See hinausgefahren. Er sei nicht zurückgekehrt. Eine Stunde später verbreitete sich die Nachricht, daß die Leiche des Armen bei St. Saphorin ans Ufer getrieben worden sei. Er hatte den Tod des Leander gefunden, aber unglücklicher als dieser, denn seine Hero weinte nicht um ihn. Während das traurige Ereignis nach allen Seiten erörtert wurde, näherte sich meine schöne Freundin. Ich ging ihr entgegen, um sie schonend auf den Trauerfall vorzubereiten. Sie verlor nicht eine Minute ihre Haltung, die Ruhe einer Marmorstatue, eine Ruhe, welche die Schönheit ihrer junonischen Gestalt noch mehr hervortreten Heß. „Je lui ai toujours dit qu'il n'avait pas le pied marin", meinte sie gleichmütig. Das tragische Ereignis schien auf alle einen stärkeren Eindruck zu machen als auf die schöne Frau, die mich während der Nacht beherbergt hatte. Von verschiedenen Seiten wurde angeregt, am Abend die übbche Sauterie ausfallen zu lassen. Sie widersetzte sich diesem Vorschlag. Sie meinte: „Cela me semble bien exa- gere. Apres tout, nous ne sommes ni apparentes avec ce jeune etourdi, ni autrement lies avec lui. Dansons comme toujours!" Sie nahm abends am Tanze teil mit dem Gleichmut, mit dem sie in der spanischen Arena 118 KLEIN-PARIS zugesehen haben mag, wie der kurz vorher von ihr applaudierte Torero von einem Stier aufgespießt wurde. Auch dieses betrübliche Erlebnis wurde mir zur Lehre. Ich verstand besser als vorher die Goethesche Mahnung: Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen, Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen. Harte Bissen gibt es zu kauen: Wir müssen erwürgen — oder sie verdauen. Einige Wochen später trennte ich mich von Lausanne. Es wurde mir nicht leicht, den schönen See zu verlassen, auf dessen freundliche Dörfer, dunkle Wälder, grüne Weiden und malerische Sennhütten ich einen wehmütigen Abschiedsblick warf. Gewaltig türmten sich vor meinem Blick die Walliser und Savoyischen Berge, deren Majestät sich in den stillen, klaren Gewässern des Bleu Leman abspiegelte. Welch ein Kontrast zwischen der Reinheit des Sees, der Schönheit seiner Ufer, der Harmonie der ganzen Landschaft und dem ruhelosen, friedlosen, bösen Treiben der Menschen, die so wenig erkennen, was zu ihrem wahren und ewigen Heile dient. Von Lausanne zog ich, da mein Vater meinen Wunsch, meine Studien Universität in Bonn fortzusetzen, wiederum abgelehnt hatte, auf die Universität Leipzig Leipzig. Bis Basel fuhr ich zusammen mit Frau von X. Wir stiegen in Basel in dem Hotel „Zu den drei Königen" ab, aus dessen Fenstern man einen schönen Blick auf den raschströmenden Rhein hat. Von dort fuhr Frau von X. nach Paris, wo ihr Gatte sie erwartete. Wir haben uns nie wiedergesehen. Sie hat, wie ich hörte, bewundert und gefeiert als schöne Frau und glänzende Weltdame, ein hohes Alter erreicht. Ihre Töchter haben gute Partien gemacht. Ich fuhr von Basel nach Leipzig, das der Studiosus Frosch in Auerbachs Professor Keller ein Klein-Paris nennt. Auch hier, wie in Lausanne, habe ich nur eine Roscher einzige Vorlesung besucht, die des Professors Wilhelm Roscher, des angesehenen Vertreters der historischen Methode in der Nationalökonomie. Er war ein feiner Geist, und dem entsprach sein Äußeres. Wenn er, sorgfältig gekleidet, den Zylinder in der Hand, in den Hörsaal eintrat, den Hut auf einen Stuhl niederlegte, den eleganten Spazierstock in die Ecke stellte, die Manschetten vorzog und seinen Vortrag begann, verbreitete sich im ganzen Auditorium eine Atmosphäre der Wohlanständigkeit. Ich freue mich noch heute, daß ich Roscher gehört habe und aufmerksam und mit Nachdenken seinen Vorträgen gefolgt bin. Ich bin später unter dem Einfluß von Adolf Wagner und Gustav Schmoller über ihn hinausgegangen. Aber der von ihm gelegten Grundlage verdanke ich es, daß ich hierbei Maß hielt, mich vor Übertreibungen, vor Einseitigkeit, vor Phantastereien und Verstiegenheiten hütete. Sein „System der Volkswirtschaft" habe ich, den „SYSTEM DER VOLKSWIRTSCHAFT" 119 Bleistift in der Hand, mehr als einmal gelesen. Insbesondere der erste Band ist mir in succum et sanguinem übergegangen, ich habe ihn mit eigenen An. merkungen versehen und ganze Stücke exzerpiert. Auch die , Nationalökonomie des Handels- und Gewerbefleißes" habe ich mit Interesse und Vorteil gelesen. Sie ist mehr als nur ein „Hand- und Lesebuch für Geschäftsmänner und Studierende", wie mit heute selten gewordener Bescheidenheit der Autor auf dem Titelblatt ankündigt. Jeder, der im öffentlichen Leben steht, kann viel aus ihr lernen. Ich fand bei Roscher schon als junger Mensch das Rüstzeug, mit dem ich viel später, ohne ungerecht zu sein gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen, das in ihnen bekämpfte, was mit dem Wohl des Ganzen, mit den richtig verstandenen Staatsinteressen, mit dem Bestehen eines starken und glücklichen Reichs unvereinbar war. Ich lernte von Roscher, daß es ebensowenig ein für alle Zeiten und alle Völker gültiges Wirtschaftsideal wie ein für alle und jeden passendes Kleidermaß gibt. Er lehrte mich, daß wie im Weltgebäude die scheinbar entgegengesetzten Bestrebungen der Zentrifugalkraft und der Zentripetalkraft die Harmonie der Sphären bewirken, so im wirtschaftlichen Leben des Menschen Eigennutz und Gewissen den Gemeinsinn bilden. Er schärfte früh meinen Blick dafür, daß der Sozialismus und der Kommunismus keine unerhörten, nur der neuesten Zeit eigentümlichen Erscheinungen sind, wie die blinden Gegner und die blinden Anhänger glauben, sondern eine Krankheit, die sich fast regelmäßig bei hochkultivierten Völkern in einer gewissen Lebensperiode einstellt. Er wies aus der Geschichte nach, daß sich in sozialistischen Gedankengängen seit jeher die edelsten Geister und die niedrigsten Seelen begegnet seien. Ich fand es also nicht allzu verwunderlich, daß in dem wirtschaftlich rasch, vielleicht allzu rasch emporgekommenen, in dem über alles Erwarten wohlhabend, reich, hier und da allzu üppig gewordenen Deutschland viele tüchtige und ehrenwerte Arbeiter der roten Fahne folgten und daß ihnen diese Fahne von (wenigstens zum Teil) überzeugten, von einer edlen Idee erfüllten Führern vorangetragen wurde. Schon in jungen Jahren stand ich auf dem Standpunkt, den ich als Reichskanzler und Ministerpräsident in der ersten Rede, die ich am Im 9. Januar 1901 im Preußischen Abgeordnetenhause gehalten habe, in die Iw' Worte zusammenfaßte: „Nach meiner politischen Gesamtauffassung be- zen trachte ich es als die vornehmste Aufgabe der Regierung, in dem Kampfe der wirtschaftlichen Interessen die vorhandenen Gegensätze nach Möglichkeit zu vereinen, zwischen den verschiedenen Interessen einen möglichst gerechten Ausgleich herbeizuführen und diejenigen zu stützen, die sich aus eigner Kraft nicht helfen können*." Auch für die öffentlichen Angelegen- * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, 176; Kleine Ausgabe I, 234. 120 EIN KEILVERSUCH heiten gilt das Wort des Heraklit, daß alles fließe. Wie Ebbe und Flut, so folgen sieb im staatlichen Leben die Epochen. Das wurde mir klar, als ich, dreizehn Jahre nachdem ich in Leipzig den Vorträgen von Wilhelm Roscher gefolgt war, als Sekretär unserer Botschaft in Paris an einem schönen Sommertag im Walde von Saint-Germain den Aufsatz las, den Gustav Schmoller im Oktober 1880 in Straßburg geschrieben und in dem von mir während Jahren mit Interesse und mit Nutzen gelesenen „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" veröffentlicht hatte. Die D O' O ewigen Pole, um die sich das staathehe, soziale und wirtschaftliche Leben dreht, der Gegensatz, um den es sich bei innerpolitischen Kämpfen handelt, sind weniger liberal und konservativ als individualistisch und zentra- listisch. Der Aufstieg des preußischen Staates von 1640, dem Jahr der Thronbesteigung des Großen Kurfürsten, bis 1806, dem schwarzen Jahr von Jena, vollzog sich im Zeichen der Staatsauffassung, die mit einer bei aller Einseitigkeit doch in ihrer Art großartigen Rücksichtslosigkeit gegenüber individuellen Rechten und individueller Freiheit das Ganze über den Teil setzte. Die Regeneration Preußens von 1808 bis 1871 erfolgte im individualistischen Sinne unter Umsichgreifen und Vordringen liberaler Gedanken und Anschauungen. Jede dieser beiden großen Epochen hinterließ wohltätige Niederschläge: die zentralistische Epoche die Einheit der preußischen Monarchie, eine straffe Verwaltung, eine musterhafte Organisation des Heeres und des Beamtentums; die individualistische den Schutz individueller Rechte, persönliche Freiheit und freie Bewegung, Verfassung und Selbstverwaltung. Bismarck hat mit genialer Unbefangenheit bald in dem einen, bald in dem anderen Sinne regiert und so das große, starke Reich geschaffen und ausgebaut, das vor dem Weltkrieg bestand, das altpreußisch- konservative Tatkraft und Zucht mit deutschem weitherzigem und liberalem Geiste verband und das seinesgleichen in der Welt nicht hatte. Auch in Leipzig hielten wir uns, mein Bruder Adolf und ich, dem Wunsch Die unseres Vaters entsprechend, dem Verbindungswesen fern. Für das elegan- l erbindungen teste Korps galten die „Meißner". Bald nach unserem Eintreffen erschienen zwei Abgesandte bei uns, um mich und meinen Bruder zu „keilen", wie der studentische Ausdruck lautet, d. h. für den Eintritt in dies Korps zu gewinnen. Wir blieben aber dem unserem Vater gegebenen Versprechen treu und lehnten die Aufforderung ab. Ein junger Schweizer, den wir in Lausanne kennengelernt hatten und der wie wir seine Studien an der Pleiße fortsetzte, forderte uns auf, einem Kneipabend der Verbindung beizuwohnen, der er sich angeschlossen hatte. Der übermäßige Biergenuß an jenem Abend widerte uns an, die Kneipwitze sagten uns nichts, der banausische Ton mißfiel uns, wir sind nicht wiedergekommen. Ich zog es vor, meine freie Zeit zum Turnen, Fechten und zu langen Spaziergängen DIE FREUNDIN LASSALLES 121 zu verwenden und am Abend das bei Roscher Niedergeschriebene zu überdenken. Meinem alten Triebe folgend, las ich viel, nicht nur historische und nationalökonomische Werke, sondern auch Romane, namentlich französische Romane. Wer ins Leben eintritt, lernt, wie ich glaube, für Menschenbehandlung, für das praktische Leben mehr aus Romanen, wird durch sie weltkundiger und weltläufiger als durch das Studium der gelehrtesten Kompendien. Vor allem Balzac und Stendhal, Flaubert und Guy de Maupassant, Turgenjew und Leo Tolstoi, auch die Romane von Disraeli, Thackeray und Bulwer sind in dieser Richtung zu empfehlen. Die Romane von Gustav Freytag und Berthold Auerbach, Gutzkow und Spielhagen, von der Marlitt und der Wilhelmine Hillern gewähren hebenswürdige Einblicke in die Psyche des deutschen Philisters. Aber sie sind nicht gemacht, als Kompaß bei der bisweilen stürmischen Fahrt auf dem Strom der großen Welt zu dienen. Theodor Fontane und Marie von Ebner-Eschenbach eignen sich hierzu mehr. Der Mangel an Psychologie, der vielen Deutschen eigen ist und in der deutschen Politik oft zutage trat, ist auch darauf zurückzuführen, daß der deutsche Durchschnittsintellektuelle in der eigenen Sprache zu wenig psychologische Romane zur Verfügung hat und deshalb zu viel gelehrte Schmöker liest. In dem Leipziger Restaurant, wo ich zu Mittag aß, wurde mir die Gräfin Sofie Hatzfeldt gezeigt. Man sah ihr nicht an, daß sie in ihrer Jugend Gräfin viele Anbeter gehabt hatte. Man sah ihr noch weniger an, daß von ihren Sofie Hatzfeld! Söhnen der ältere, Alfred, Fürst und erbliches Mitglied des Preußischen Herrenhauses, der jüngere, Paul, Botschafter und Ritter des Ordens vom Schwarzen Adler werden würde. Es fiel auch schwer, zu glauben, daß die streng katholische, hochmoralische Gräfin Melanie Nesselrode-Ehreshofen, die Gemahlin des Grafen Maximilian von Nesselrode-Ehreshofen, des Oberhofmeisters Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Augusta, die Tochter der Gräfin Sofie Hatzfeldt war, die in exzentrischer Toilette, eine große Zigarre im Munde, mit rotgefärbten Haaren durch die Leipziger Straßen und Wirtshäuser zog am Arme eines weit jüngeren Sozialisten, der, wenn ich mich nicht irre, Mendel hieß und den genialeren Ferdinand Lassalle bei ihr als Liebhaber ersetzt hatte. Und doch war sie eine bedeutende Frau. Ihr Neffe, der Generalfeldmarschall Walter Loe, erzählte mir gelegenthch: „Als Bismarck sich mit Lassalle in Verbindung gesetzt hatte, erhielt meine Tante, die Gräfin Sofie Hatzfeldt, die damals mit Lassalle noch intim stand, aus der Umgebung von Karl Marx einen Brief, in dem der Befürchtung Ausdruck gegeben wurde, daß Ferdinand sich von Bismarck ,verführen' lassen würde. Nachdem sie mit Lassalle gesprochen hatte, erwiderte die Gräfin Hatzfeldt den Londoner Exilierten, sie möchten sich beruhigen. 122 ZU FUSS DURCH DIE ALPEN Bismarck sei ein sehr bedeutender Mann, den übrigen Konservativen und Reaktionären unendlicb überlegen, aber die Demokratie, den Fabrikarbeiter kenne er nicht. Über die Konsequenzen des allgemeinen Wahlrechts mache er sich Illusionen. Bismarck glaube, es werde ihm gelingen, das allgemeine Wahlrecht in Deutschland nach seinem Willen zu lenken, wie dies bisher Napoleon III. in Frankreich geglückt wäre. Das sei ein Irrtum. Das allgemeine Stimmrecht werde in Deutschland früher oder später zur Herrschaft der Demokratie, zur Republik und zum Sozialismus führen. Die Antwort der Gräfin Sofie Hatzfeldt auf die Besorgnisse der Leute um Marx schloß: Lassalle hielte Fühlung mit Bismarck, um ihn in der Absicht zu bestärken, für die Wahlen zum künftigen deutschen Parlament das gleiche Wahlrecht zu gewähren. Aber im letzten Ende werde dabei nicht Bismarck, sondern Lassalle der Gewinner sein." Im Hochsommer 1868 empfand ich wie der Schüler im „Faust": Aufrichtig, möchte schon weder fort: Man sieht nichts Crünes, keinen Baum. Ich sehnte mich zurück nach den Schweizer Bergen und trat schon vor Reise in die Beginn der Universitätsferien eine Schweizer Reise an. Auch hier liegt Schweiz m j r d{ e Absicht fern, Goethes Spuren zu folgen. Ich möchte nur mit wenigen Strichen skizzieren, wie im Jahre 1868, zwischen Sadowa und Sedan, die Schweizer Reise eines deutschen Jünglings vor sich ging. Ich marschierte mit dem Rucksack, in dem das Allernotwendigste untergebracht war. Auf den Rucksack war ein zusammengerollter Lodenmantel geschnallt. Da ich nicht die Absicht hatte, das Matterhorn oder den Montblanc zu besteigen, machte ich mich nicht durch einen Bergstock lächerlich, auf den der Selis- berg und der Utliberg eingebrannt werden, sondern mir genügte ein fester Spazierstock. Einen kleinen Koffer schickte ich voraus, um alle acht bis zehn Tage den Rucksack neu zu füllen. Ich marschierte meist allein, eine Gewohnheit, an der ich auch später bei Fußreisen festgehalten habe. Das verhinderte nicht, daß ich mich mit Landleuten, Hirten, Fischern, Jägern und anderen im Personenverzeichnis des „Wilhelm Teil" aufgeführten biederen Schwyzern unterhielt. Ich hatte mir vorgenommen, mich auf Schweizer Gebiet nur der „ca- rozza di San Francesco" zu bedienen, d. h. nur meiner Füße, also nie mit der Eisenbahn oder der Postkutsche zu fahren. Von Luzern, dem Ausgangspunkt meiner Fußreise, bestieg ich zunächst den Pilatus, am nächsten Tag den Rigi und erlebte, vom Wetter begünstigt, herrliche Sonnenaufgänge. Von Flüelen nach Andermatt schlug ich den Weg ein, den der wackere Wilhelm Teil dem Herzog von Schwaben, dem unglücklichen Johann Parricida, empfiehlt. Ich sah die Brücke, welche stäubet, das ITALIEN 123 schwarze Felsentor und das heitere Tal von Andermatt. Von Göschenen wandte ich mich zum Rhonegletscher und zur Furka, dann zum Berner Oberland, wo ich die große und die kleine Scheidegg, die Wengernalp, den Niesen, das Faulhorn bestieg. Ich gelangte über Grindelwald und Lauterbrunnen, Kandersteg und Leuk nach dem Rhonetal. Hier wurde mir das Marschieren sauer. Es war sehr heiß, die Straße war staubig, die Stechmücken quälten. Ich blieb aber meinem Vorsatz treu, in der Schweiz nicht zu fahren. Ich wurde entschädigt, als ich, nachdem ich in Visp die Simplon- straße verlassen hatte, auf einem schattigen Weg, dicht an der brausenden, grauweißen Visp, das Brunneghorn, das Weißhorn, das Rothorn, endlich das gewaltige Matterhorn vor mir, in Zermatt anlangte. Die Riffelalp und der Gornergrat erschienen mir als die schönsten Punkte der Schweiz. Von hier aus unternahm ich noch einige Bergpartien, die sich ohne größere Schwierigkeiten bewältigen üeßen. Dann ging es zurück nach Visp. Ich trat voller Erwartung den Marsch über den Simplon an, die Straße nach dem Über den Süden, nach Italien. Die ganze Landschaft steht mir so deutlich vor Augen, Simplonpaß als hätte ich gestern den Simplonpaß überschritten. Der Lauibach und die Schlucht von Gondo wurden passiert, Paglino und Iselle zogen vorüber, Domodossola wurde erreicht. Zum erstenmal in meinem Leben war ich in Italien. In seinem Requiem auf den Fürsten Karl Josef Ligne läßt Goethe an die Bahre dieses geistvollen Grandseigneurs, den er den frühesten Mann des Jahrhunderts nennt, auch Italia treten und zu ihm sprechen: Auch mich hast du besucht; Du mußt's bedenken! Was ich vergeude, Niemand kann es schenken. Das Wehn der Himmelslüfte, Dem Paradiese gleich, Des Blumenfelds Gedüfte, Das ist mein weites Reich. Das Leben aus dem Grabe Jahrhunderte beschließt; Das ist der Schatz, die Habe, Die man mit mir genießt. Ich ahnte nicht, wie viele Winter ich in dem Bei paese zubringen würde. Ich ahnte noch weniger, daß ich dort in meiner geliebten Frau das Glück meines Lebens finden würde. 124 MIT DER DIL1GENCE Am Langen See angelangt, dem Lacus Verbanus der Römer, den wir Lago Deutschen hartnäckig mit dem italienischen Namen Lago Maggiore be- Maggiore und zeichnen, suchte ich die Borromäischen Inseln auf, die Jean Paul in seinem Comersee j ama j s nocn gelesenen Roman „Titan" den geschmückten Thron des Frühlings genannt hat. Obgleich Italien nicht in meinem Programm stand, trieb es mich, auch den Lacus Larius kennenzulernen, den Comersee, an dessen Ufern ich im weiteren Verlauf meines Lebens noch oft weilen sollte, in Bellagio und in Cadenabbia, in Tremezzo und in Torno. Gegenüber dieser zauberhaften Landschaft, wo ich zum erstenmal Wein und Feigen, Oliven und Kastanien in üppigster Fülle erblickte, verstand ich es, daß unsere Altvordern, wenn sie diesen Garten vor sich sahen, nicht wieder zurück wollten in das damals noch rauhere Heimatland. Politisch mußte ich nach wie vor diesen Zug nach dem Süden bedauern, der dem deutschen Genius zwar starke geistige und ideelle Impulse brachte, an dem aber die Kaiser- herrlichkeit des Mittelalters verblutete. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir auch das nicht allzu Mailand weit entfernte Mailand anzusehen und den von einem deutschen Baumeister, Heinrich Arier aus Gmünd in Schwaben, begonnenen Dom. Als ich abends den Mariae nascenti geweihten Wunderbau aus weißem Marmor mit seinen zahllosen Spitzen, Statuen und Fialen erblickte, vom Mondlicht Übergossen, und die vergoldete Madonna auf dem Hauptturm, begriff ich, was italienische Kunst unter italienischem Himmel bedeuten kann. Den Rückweg von den oberitalienischen Seen nahm ich über den Splügen. Von Chiavenna bis zur Paßhöhe, die zwischen Italien und der Schweiz die Grenze bildet, fuhr ich mit der Diligence. Ich saß auf dem Bock, neben dem Postillon, der mir mit italienischer Lebhaftigkeit seine politischen Ansichten entwickelte. Das italienische Volk hat seit Jahrhunderten sowohl unter den Franzosen als auch unter den Deutschen gelitten und je nachdem bald die einen, bald die anderen vorgezogen, sie auch gelegentlich gegeneinander ausgespielt. Die Uberhebung, mit der die Franzosen nach dem Französisch-Österreichischen Krieg von 1859 den Italienern die ihnen geleisteten Dienste immer wieder vorhielten, mußte diese verstimmen. Es zeigten sich damals die ersten Anzeichen der großen Stimmungsänderung, die später Italien veranlaßte, sich im Interesse seiner Unabhängigkeit und seiner Sicherheit seine Politik nicht länger nach Paris, sondern nach Berlin zu orientieren. Mein Freund, der Postillon, klagte über die „prepotenza" und „cattiveria" der Franzosen. Die Strecke von der Paßhöhe des Splügen bis Chur legte ich wieder auf Schusters Rappen zurück. In Chur endigte meine Reise. Im Sankt-Lucius- Dom erblickte ich den Grabstein des 1639 ermordeten Jürg Jenatsch. Den herrlichen Roman von Konrad Ferdinand Meyer, dessen Held der Grau- EINE ZWÖLFJÄHRIGE 125 bündener Feldoberst und Freibeitsbeld ist, sollte ich erst viel später kennenlernen, im Januar 1896 in Meran. Den Dom von Chur habe ich noch später wieder besucht, 1917, unter Führung des deutschfreundlichen prächtigen Bischofs Georg Schmidt von Grüneck, in dessen altertümlichem Palais ich mit meiner Frau einen schönen Tag verlebte. In Leipzig wollte es mir nach meiner Rückkehr erst recht nicht gefallen. Das von seinen Bewohnern sehr gerühmte Rosental vermochte mir Nach Berlin nicht die Go>ge du Chauderon und die Rochers de Naye zu ersetzen. Um so mehr bewunderte ich den Genius unseres großen und lieben Schiller, der in Gohlis, dem netten, aber bescheidenen Dörfchen am Ende des Rosentals, das Lied an die Freude gedichtet hat, diesen herrlichen Ausdruck eines Idealismus, einer Liebe zur Menschheit, wie sie nur der Deutsche kennt. Anfang 1869 siedelte ich nach Berlin über, wozu auch ein hartnäckiges Halsleiden beitrug, das meine Eltern wünschen Heß, mich in ihrer Nähe zu haben. Es handelte sich um Mandelanschwellungen, die mit Höllenstein behandelt wurden. Meine Eltern bewohnten den ersten Stock im Arnimschen Palais am Pariser Platz, wo sich jetzt die Akademie der bildenden Künste befindet. Dort war es, daß zum zweitenmal der Tod mir nahetrat und Schmerz und Jammer in mein Elternhaus einzogen. Der Tod meiner einzigen, zwölf- Tod jährigen Schwester Bertha riß eine tiefere Lücke und schlug eine schmerz- der Schwester lichere Wunde als fünfzehn Jahre früher der Heimgang meines kaum zwei- B crllla jährigen Brüderchens Waldemar. Sie war ein auffallend schönes und auffallend begabtes Kind, mit großen blauen Augen und herrlichem blondem Haar, ein echt deutsches Kind. Sie erlag in wenigen Tagen der Diphtheritis, gegen die damals noch kein Serum entdeckt war. Sie war tapfer bis zum letzten Augenblick. Mein Vater betete mit ihr das Vaterunser und den 23. Psalm (Der Herr ist mein Hirte). Ihre letzten Worte waren ein Vers aus dem alten Herrnhuter Lied: Muß ich auch gleich vor andern Im finstern Tale wandern, Dein Stab, Herr, und dein Stecken Benimmt mir allen Schrecken. Dann schloß sie die Augen am 25. Januar 1870. Sie wurde auf dem Zwölfapostel-Kirchhof in Berlin beigesetzt, wo auch meine Eltern und zwei meiner Brüder, die Generäle Adolf und Karl Ulrich, ruhen. Schöne Blume, holde, reine, Christus wollte selbst dein warten, Drum hat er dich eingepflanzet In des Paradieses Garten. 126 DIALEKTIK Mein Vater litt noch schwerer unter dieser Prüfung als meine Mutter. Bei dieser Überweg der felsenfeste Glaube, daß ihr Kind es im Himmel besser habe als auf dieser armen Erde. Jedes Hadern mit der Vorsehung erschien ihr als Sünde. „Herr, dein Wille geschehe!" Sie hielt sich aber seitdem jeder größeren Geselligkeit fern. Mein Vater hat diesen Schmerz niemals überwunden. Ich bin überzeugt, daß er während der neun Jahre, die zwischen dem Tode meiner Schwester und seinem eigenen Tode lagen, jeden Tag an sie gedacht, sich jeden Tag nach ihr gesehnt hat, auch während seiner sechsjährigen Tätigkeit an der Spitze des Auswärtigen Amtes, neben Bismarck. Ich bin überzeugt, daß er, als er starb, sein liebes Töchterchen vor sich sah, wie sie ihm entgegenkommt, den kleinen Waldemar an der Hand. Wie ich in Lausanne nur Professor Gay, in Leipzig nur Wilhelm Roscher Gneist gehört hatte, so befolgte ich auch in Berlin den Rat des Mephistopheles: „Am besten ist's, wenn ihr nur einen hört." Aber der eine, den ich hörte, Professor Gneist, war nicht der Mann, der verlangt hätte, daß seine Schüler auf jedes Wort des Meisters schwören sollten. Dazu war Rudolf Gneist zu vielseitig, zu beweglich, vielleicht auch zu skeptisch. Er hatte während der Konfliktzeit dem Ministerium Bismarck die schärfste Opposition gemacht; später wurde Gneist dem großen Mann eine eifrige und brauchbare parlamentarische Stütze und entwickelte sich immer mehr zu einem begeisterten Verteidiger der staatlichen Hoheitsrechte, zu einem strengen Monarchisten und Unitarier. Es war vor allem seine scharfsinnige Dialektik, die mich anzog. Der Berliner „Kladderadatsch" meinte einmal während meiner Ministerzeit: Für die Verteidigung des Satzes, daß zwei mal zwei fünf mache, wisse jeder bessere Jesuit einen Beweis, Miquel zwei und Bülow drei Beweise zu hefern. Ich möchte meinen, daß wie die oratorische Begabung, der Schwung des Redners, so auch die dialektische Gewandtheit, die Eristik, dem Menschen angeboren ist. Als ich nach meinem Rücktritt in dem handschriftlichen Nachlaß von Arthur Schopenhauer die mir bis dahin unbekannte köstliche Abhandlung über Eristik las, hatte ich die Empfindung, welcher der „Bourgeois Gentilhomme" bei Moliere Ausdruck gibt. Dem setzt sein Lehrer der Philosophie den Unterschied zwischen Prosa und Versen auseinander. Der Bourgeois Gentilhomme frägt: „Et comme l'on parle, qu'est- ce que c'est donc que cela?" Der Philosoph antwortet: „De la prose." Der Bourgeois Gentilhomme, M. Jourdain, frägt weiter: „Quoi! Quand je dis: Nicole, apportez-moi mes pantoufles, et donnez mon bonnet de nuit, c'est de la prose ?" Der Lehrer wiederholt: „Oui, Monsieur." Darauf der biedere M. Jourdain: „Par ma foi, il y a plus de quarante ans que je dis de la prose sans que j'en süsse rien." Was Schopenhauer über die Kunstgriffe der FRÜHJAHR 1870 127 Erweiterung und Verallgemeinerung der gegnerischen Behauptung, die versteckte Petitio principii, das Ausfragen des Gegners, das Urgieren der schwachen Punkte in seinen Ausführungen, üher das Argumentum ex concessis, die Mutatio controversiae, die Retorsio argumenti, das Argumentum ab utili, das Argumentum ad auditores, das Argumentum ad verecundiam, das Argumentum ad personam empfiehlt, das alles hatte ich schon längst aus eigenem Antrieb gelegentlich in der Debatte angewandt. Ich war also, um mit Jourdain zu sprechen, ein Eristiker, ohne es zu wissen. Ich habe aber auch den von dem Frankfurter Philosophen zustimmend zitierten Ausspruch von Voltaire nicht vergessen: „La paix vaut encore mieux que la verite." Der deutsche Politiker, der zu Doktrinarismus, zu parteipolitischer Verbissenheit, zu Selbstsucht und Selbstüberschätzung neigt, kann nicht oft genug daran erinnert werden, daß der innere Friede des Landes, die Verträglichkeit unter den Bewohnern desselben Hauses, die Versöhnlichkeit unter den Kindern derselben Mutter in erster Linie angestrebt werden muß. Für diejenigen meiner lieben Landsleute, die trotz Bismarck und Goethe die Politik noch immer als einen Zweig der Moral- philosophie betrachten, bemerke ich endlich, daß ohne eine gewisse Dosis Dialektik kein Redner in der parlamentarischen Debatte überzeugend wirkt. Im Frühjahr 1870 schien sich mein Halsleiden zu verschlimmern, obgleich ich im Sommer 1869 dagegen eine Kur in dem oberbayrischen Bade Oeynhausen Kreuth gebraucht hatte. Die Berliner Ärzte rieten zu einer neuen Kur in dem westfälischen Bad Oeynhausen, wo ich bei Dr. Cohn Wohnung nahm, einem tüchtigen und liebenswürdigen Arzt, an den mich der große Diagnostiker und Pathologe Ludwig Traube empfohlen hatte. Als ich mich vor meiner Abreise von Berlin, Ende Juni 1870, von meinem Vater verabschiedete, fand ich ihn in sehr melanchobscher Stimmung. Zu dem Verlust seiner einzigen, so zärtbch geliebten Tochter kam, daß sich bei seinem vierten Sohn, Christian, ohne erkennbaren Anlaß ein Augenleiden eingestellt hatte, das meinen Vater mit ernster Sorge erfüllte. Der damals kaum fünfzehnjährige Knabe mußte sich nicht nur schmerzlichen Einspritzungen unterziehen, sondern viele Monate in einem dunklen Zimmer verbringen, wodurch seine Studien empfindlich gestört wurden. Die neueste Ophthalmologie hat übrigens diese Methode vollständig aufgegeben. Der vortreffliche Hauslehrer meines Bruders Christian, der sich später als Konsul in Nisch bewährte, der dort allzufrüh verstorbene Dr. Emil Oberg, brachte es dank der geistigen Energie seines Zöglings und dessen gutem Gedächtnis fertig, ihn durch mündliche Vorträge bis zur Stufe der Sekunda zu bringen. Christian hat später die Ritterakademie in Brandenburg a. H. besucht, dort ein gutes Abiturienten-Examen abgelegt und ist ein tüchtiger Offizier bei den 2. Garde-Dragonern geworden, dem tapferen Regiment, bei dem schon 128 DEM FRIEDEN DROHT KEINE GEFAHR sein Bruder Adolf gestanden hatte. Aber im Sommer 1870 erschien sein Fall fast hoffnungslos. Um das Maß der auf meinem Vater lastenden Sorgen vollzumachen, hatte sich mein jüngster Bruder, Fritz, eine schlimme Verletzung des Rückgrats zugezogen. Der zarte Kleine ging einer langen Liegekur entgegen. Die politische Lage, insbesondere die auswärtige Lage betrachtete mein Vater mit Ruhe. Er erzählte mir, der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Herr von Thile, habe dem österreichisch-ungarischen Geschäftsträger, Baron Münch, unserm alten Frankfurter Bekannten, den ich sieben Jahre später in Athen wiedertreffen sollte, gesagt, daß in der politischen Welt „tiefe Ruhe" herrsche und daß sich infolgedessen die auswärtigen Vertreter fast alle aus Berlin entfernt hätten. Auch er, der Unterstaatssekretär, gedenke bald seine gewohnte Kur in Marienbad anzutreten. In der französischen Presse stand zu lesen, daß der französische Ministerpräsident Erklärungen Ollivier im Corps legislatif geäußert habe, zu keiner Zeit sei die Olliviers Aufrechterhaltung des Friedens gesicherter gewesen. Wohin man auch blicke, nirgends könne man eine Frage entdecken, die Gefahr in sich berge. Überall hätten die Kabinette begriffen, daß die Achtung vor den Verträgen sich jedermann aufdränge, vor allem die Achtung vor den beiden Verträgen, auf denen der europäische Friede ruhe: vor dem Pariser Vertrag von 1856, der für den Orient, und vor dem Prager Vertrag, der für Deutschland den Frieden sichere. Die Herren, mit denen ich in Oeynhausen an der Table d'hote zusammen speiste, die damals noch nicht durch Einzeltische ersetzt worden war und die mich in ihrer altväterischen Feierlichkeit, wenigstens in der Rück- erinnerung, ebenso sympathisch anmutet wie die Francaise und der Walzer im Ballsaal und die goldenen Tabatieren der älteren Herren, waren darüber einig, daß dem Frieden keine Gefahr drohe. König Wilhelm sei gewissenhaft und hochbejahrt. Kaiser Napoleon laboriere an Nierensteinen. „Lui", so wurde Napoleon III. unter Anspielung auf seinen Namen „Louis" scherzhaft genannt, wolle von nun an streng konstitutionell regieren, zu welchem Zweck er sich einen aufgeklärten und tugendhaften Ministerpräsidenten, den liberalen Parlamentarier Emile Ollivier, ausgesucht habe. Weder der eine noch der andere der beiden Souveräne würde es auf einen Krieg ankommen lassen. Darin stimmten der frühere preußische Gesandte in Dresden, Herr von der Schulenburg, der baumlange Major von den 4. Kürassieren, Herr von Rosenberg, der Ulanenrittmeister von Willich und ein liebenswürdiger Kölner Patrizier, Herr von Grote, übercin. „Unsere Generation sieht keinen Krieg mehr", diese Ansicht, der ich schon in Berlin begegnet war, herrschte auch in unserem kleinen Kreise in Bad Oeynhausen. So sprachen sich auch die wenigen Fremden aus, die sich dort aufhielten: Die „Emser Depesche" Wortlaut des aus Ems an Bismarck telegraphierten Textes. Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Heinrich Aheken (zu Seite 128) Ems, d. 13. Juli 1870 An d. Bundeskzl. Grf. Bismarck Exc. Berlin No. 27 No. 61 erd. 3h 10' Nachm. Station Ems. (Eilig!) Telegramm in Ziffern. Sofort S. M. der König schreibt mir: „Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisiren, sofort zu telegraphiren, daß ich für alle Zukunft mich verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Candidatur zurückkämen! Ich wieß ihn, zuletzt etivas ernst, zurück, da man ä tout jamais dergleichen Engagements nicht nehmen dürfe, noch könne. Natürlich sagte ich ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte, und da er über Paris und Madrid früher benachrichtigt sei, als ich, er ivohl einsähe, daß mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei." S. Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten bekommen. Da S. Majestät dem Grafen Benedetti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Allerhöchst derselbe, mit Rücksicht auf die obige Zumuthung, auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag, beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch einen Adjutanten sagen zu lassen: daß S. Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhallen, die Benedetti aus Paris schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. S. Majestät stellt Ew. Exc. anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren Gesandten als in der Presse mitgetheilt werden sollte? gez. A[beken] 13. 7. 70 Wortlaut der von Bismarck in Gegenwart von Roon und Moltke zur Weitergabe und Veröffentlichung redigierten Depesche. Konzept von der Hand des Geheimen Hofrats Roland Berlin, 13. Juli 1870 Telegramm en clair. Erste Expedition. Cito Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von der königl. spanischen amtlich mit- getheilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an S. Maj. den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris tele- graphire, daß S. Maj. der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. S. Maj. der König hat es darauf abgelehnt, den franz. Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß S. Maj. dem Botschafter nichts weiter mitzutheilen habe. NfamenJ S[einer] EfxzellenzJ zfur] Slfationj 13. 7. 11 Uhr 18 Abd. Paraphe [Otto v.J Bfülow] I J: ZJo/ %, //$ ÄA /t/s J gXfyr / /ij**~LM*4_ (Yt~i>*?{ 6j ^ rm r ' xt ' M /" cj^L_ ^<%< ; , $ /SAMi ' p f Q&^/Jpptyuj' ^ / * < Sy *j $ C^A $ spr. J ^3 f^-" j /ie^sM S ' . 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A^v ^/ ^1/ tS^^yyfyy^ /L*'. ^/Ä^j/ O^r ^ ^2^0^^ ^*c-^^/ A-» ^^i^y~<-^i~i-*^ i<_ ^ »-o_^y^»>-~^c) / ' / ^tm-*~^ ^^ryn^^^^, / JyS S *ly'- ^ '/^ '^tzcL/v ^y^&^/O ^Jl^~Jtf _~A- rr^^ " r , */> >i ^ v/ y ^ ~/vf''*7 ^~ J^y^^^ /<*JZjf ^2 /^t^^y^jJ^A. jLt*sr~> ^^jL/f/t^t*. ^^^jy&Z&6^y^ ^tJ^J ^LsS ^ ^C^O^J-^yJ^ y^^. £r^U/ s o^t^**^ 4sJ*tä t?** *v^^^ jjt^y? 0L*^J° s ,-^ct^s/^*» 4l» >n ,<*-i »«-i^y^^^^Lj^««. -^-j/^t^ 4/*^ ^ M. *y^y£Uj Jj« <~ Q^^A^ Cc+^tZf *___ f ^^v^^tA-"-^ ~vi/a6 SU f » f |f, ^v^' - /tf - ^Ä^; /Zr^x eral at head-quarters, Lord William Paulet, and also liens d'amitie* qui les unisaent et de consolider lea ripports de bon voisinage heureusement existant entre les deux pays, convaineus d'autre part que pour atteindre ce r&ultat, propre d'ailleurs a as- surer le maintien de la paix g^ndrale, il leur im- porte de 8'entendre sur des queations qui inte'rei- sent leurs relations futures, ont r^solu de con- clure un traite* ä cet eilet, et nomine' en conse'- quence pour leurs plenipotentiaires, savoir: — " 8. M., ic "8. M.,icc. " Lesqueis, apres avoir e'change' leurs pleins pou- voirs trouves en bonne et due forme, sont convenus des articles suivants :— " ' Art. I.—Sa Majeste l'Empereur des Franceis admet et reconnait les acquisitionsque la Prusse a faites Ii la suite de la derniere guerre qu'elle a soutenue contre 1'Au triebe etcontreses allie's. " 'Art. II.—Sa Majeste" le Roi de Prusse promet de faciliter ä la France l'acquisition du Luxem- bourg ; a cet effet la dite Majestä entrera en ne- gociations avec Sa Majeste" le Roi des Pays Bas pour le determiner ä faire, ä l'Empereur des Fran- cais,la cession de ses droits souverains sur ceDuche", moyennant teile compensation qui sera juge'e suffi sante ou autrement. De son cäti l'Empereur des Franoais s'engage ä assumer les charges pecu niaires que cette transaction pent oomporter. " 'ArtllL—Sa Majeste" l'Empereur des Francais ne s'opposere. pas Ii une union fedeYale de la Confe- ddration du Nord avec les Etats du Midi de l'AUe- magne, ä l'exception de l'Autriche, laquelle Union pourra Stre base*e sur un Parlement commun, tont en respectant, dans une juste mesure, la souve- rainete des dits Etats. " ' Art. IV.—De son oote", Sa Majeste" le Roi de Prusse, au cas ou Sa Majeate" l'Empereur des Fran^ oais serait umend par les cirepnstances ä faire entrer ses troupes en Belgique ou a la conquerir, aecor dera le secours de ses armes a la Franoe, et il la soutiendra avec toutc-s ses forces de terre et de mer, envers et contre toute Puissance qui, dans cette e'ventualite', lui de"darerait la guerre. " ' Art V.—Pour sisurer l'entiere exe"oution des dispaaitions qui prtfce'dent, Sa Majeste le Roi de Prusse, et Sa Majeste" l'Empereur des Francais contraotent, par le prtfaent taute", une alliance offensive et de*fenaive qu'ils s'en- gagent solennellement a maintenir. Leurs Majestät a'obligent, en outre et notamment, il l'ob- server dans tous les cas on leurs Etats reapectifs, dont elles se garantissent mutuellement l'inte'grite', seraient menace5s d'uue agression, se tenant pour lie"es, en pareille conjonoture, de prendre aans retard, et de ne deoliner sous aueun pre"texte, lea ar- rangements militaires qui seraient commande"s par leur interet commun conforme"ment aux clauses et pr6visions ci-dessus enonce"es.'" FRAj (TBOM A FREKOHl AID TO THE SICK AND WOUNDED. TO THE EDITOR OF THE THHES. Sir,—I am glad to be able to inform you that his Royal Highneas the Prince of Wales has con- sented to be President of the National Committee, the objects of which I endeavoured to explain in the letter you were good enough to publish in The Times of the 22d inst. I take it for granted that sorne, possibly many, persona will wish to show their sympathy towards the siok and wounded, of The Emperor's Proolame which appeared this mr. OJjiciel, does not and cou light. It is just tho kindo be expested from hitn undi and yet it is diltieult t. emotion, and it will go far among us who, up to t realized the importauce which France is enteri Prusaia had vented itself become auoh a conatant tu all claases to apeak ot aome with our upatart riral as a provocation of our Govorni after all, and the impulse 1 ble among the majority, t been oäiciaüy declarcd the fact scaroely came home were the destiniea of lightly. Wheu M. de ( representetivea of the ] inemorable aitting of the going to war, one might hi tone and attitude that he for a grant of a few thousi aome artistic work, or mal With one hand in his pock of emotion disturbing his docile servant of the I rupture of the peace of Etir apprehenaion of its impe less deed applaudcd by the Press. It afforded i national feeling, and lit of at nrst. Most French ing Prusaia in imaginatii years, and giving her the 1 deserved ; the imagination, Btrong, and the reality for tangible, that the tranaition I waa acarcely feit. Moreover, pear to Engliah readera, thot for military aupremaey was : deaired, war with united Ge tiona—waa never contemplal of Frencbmen. There waa an all but unive even the Government appeai we should find allies in So those provinces which Prussi Atrace of this belief will be f of the Emperor's proclamat: deaire of Franca to reapect peudence of the German pec knotv now that theae are em reapect, as in another of » sently, his proolamation ia ment of national feelings anc It is almost incredible, ai ject like the State of public I whioh it waa ao esaential to I auoh universal ignor&nce a here. Now and then, indeec afBnitiea, scientific or religio for example— has warne d th German quarreis for furniahi the hour of need. But the niahed has been quite pow pleaaing delusion that an in hailed as liberatora. In vair DIE ENTHÜLLUNG DER „TIMES" 173 Hertling lachte und schüttelte den Kopf. „Das gäbe ja Mord und Totschlag", meinte er. Alle Liberalen würden die katholische Universität Ingolstadt als den Anfang einer bayrischen Sonnenfinsternis, als den Triumph des Obskurantismus hinstellen. „Und eine freie Universität in München? Ich möchte die Interpellationen hören, welche die Herren Orterer, Schädler, Speck und Heim, und wie meine bayrischen Zentrumsfreunde sonst noch heißen, in der Prannerstraße in München an eine Regierung richten würden, die sich so etwas herausnähme! Ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen!" Prinz Franz Arenberg zuckte die Achseln: „Ihr wißt eben alle nicht, was wirkliche Freiheit, was Toleranz ist. Vieles ist in Belgien lange nicht so gut wie bei uns in Deutschland. Aber man läßt in Belgien jeden nach seiner Fasson selig werden, besser als in dem Lande, dessen König dieses Wort geprägt hat. Und darum ist das kleine Belgien auch heute noch, was schon Talleyrand von ihm gerühmt hat: l'enfant cheri de l'Europe!" Das war und blieb Belgien. Die Großmächte hatten ihm ewige Neutralität zugesichert. Am 20. Januar 1831 hatte die Londoner Konferenz Napoleon 111. der Großmächte bestimmt, daß Belgien ein für sich bestehender, unabhängiger un< * die Staat sein solle. Am 21. Mai 1833 war zwischen England, Frankreich und ^^"^y. Holland ein Vertrag zustande gekommen, dem sich die anderen Staaten anschlössen und durch den Belgien auf alle Zeiten für neutral erklärt wurde. Seitdem hatte Belgien in allen Streitigkeiten anderer Länder, in allen politischen Stürmen, von denen Europa heimgesucht worden war, gewissenhafte, strengste Neutralität beobachtet. Die Unabhängigkeit und Neutralität von Belgien war eine der wenigen fundamentalen Prinzipien, über welche die ganze Welt einig war. Alle Völkerrechtslehrer hatten sie proklamiert und kommentiert. Alle Diplomaten wußten seit ihrem Examen darüber Bescheid. Die Unverletzbarkeit der belgischen Neutralität war zur Communis opinio aller politisch Gebildeten geworden. Es erregte deshalb ungeheures Aufsehen und wirkte gleich einem plötzlichen Blitzstrahl, als die „Times" am 25. Juli 1870, wenige Tage nach der französischen Kriegserklärung an Preußen, den Inhalt eines Offensiv- und Defensiv-Bündnisses veröffentlichte, das Frankreich während der Luxemburger Angelegenheit Preußen angetragen hatte und seitdem abermals heimlich antragen ließ. Frankreich erklärte sich in diesem Traktat mit dem Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund einverstanden, wogegen Preußen ihm die Erwerbung Luxemburgs gestatten und eventuell ihm zur Eroberung Belgiens gegen jedwede Macht beistehen müsse. Wie die „Times" hinzufügte, hatte Preußen beide Male ein solches Anerbieten einfach abgelehnt. Gleichzeitig publizierte die „Times" einen Vertragsentwurf, den der französische Botschafter in Berlin, Graf Benedetti, im Auftrag des 174 DER DILATORISCH BEHANDELTE VERSUCHER Kaisers Napoleon und der französischen Regierung befürwortend dem Grafen Bismarck unterbreitet hatte. Dessen Artikel 3 und 4 lauteten: „Artikel 3. Seine Majestät der Kaiser der Franzosen wird sich einer föderativen Vereinigung des Nordbundes mit den Staaten Süddeutschlands, Österreich ausgenommen, nicht widersetzen, welche Vereinigung auf ein gemeinsames Parlament basiert werden kann, wobei aber in völligem Maße die Souveränität besagter Staaten geachtet bleibt. Artikel 4. Seinerseits wird Seine Majestät der König von Preußen in dem Falle, daß Seine Majestät der Kaiser der Franzosen durch die Umstände bewogen werden sollte, seine Truppen in Belgien einrücken zu lassen oder es zu erobern, Frankreich die Beihilfe seiner Waffen gewähren und ihm mit allen seinen Land- und See-Streitkräften gegen und wider jede Macht beistehen, die ihm in diesem Falle den Krieg erklären sollte." In einem telegraphierten Erlaß an den Botschafter in London und in Bismarcks einem Rundschreiben an die diplomatischen Vertreter des Norddeutschen Rund- Bundes vom 28. bzw. 29. Juli 1870 stellte Bismarck weiter fest, daß schreiben p , ran j £re j c i 1 se jt v j er Jahren durch Anerbietungen auf Kosten Belgiens Preußen in Versuchung geführt habe. Im Interesse des Friedens habe er das Geheimnis über diese Zumutungen bewahrt und sie dilatorisch behandelt. „Seit Sadowa", hieß es weiter in dem Rundschreiben vom 29. Juli in einer für die politische Gesamtauffassung des Grafen Bismarck wie für seine diplomatische Methode sehr charakteristischen, für jeden Diplomaten und jeden Staatsmann belehrenden Ausführung, „hat Frankreich nicht aufgehört, uns auf Kosten Deutschlands und Belgiens in Versuchung zu führen. Die Unmöglichkeit, auf solche Anerbietungen einzugehen, war für mich niemals zweifelhaft; wohl aber hielt ich es im Interesse des Friedens für nützlich, den französischen Staatsmännern die ihnen eigentümlichen Illusionen so lange zu belassen, als das, ohne ihnen auch nur mündliche Zusagen zu machen, möglich sein würde. Ich vermutete, daß die Vernichtung jeder französischen Hoffnung den Frieden, den zu erhalten Deutschlands und Europas Interesse war, gefährden würde. Ich war nicht der Meinung derjenigen Politiker, welche dazu rieten, dem Kriege mit Frankreich deshalb nicht nach Kräften vorzubeugen, weil er doch unvermeidlich sei. So sicher durchschaut niemand die Absichten göttlicher Vorsehung bezüglich der Zukunft. Und ich betrachtete auch einen siegreichen Krieg an sich immer als ein Übel, welches die Staatskunst den Völkern zu ersparen, bemüht sein muß. Ich durfte nicht ohne die Möglichkeit rechnen, daß in Frankreichs Politik und Verfassung Veränderungen eintreten könnten, welche beide große Nachbarvölker über die Notwendigkeit eines Krieges hinweggeführt hätten, eine Hoffnung, welcher jeder Aufschub des Bruches zugute kam. Aus diesem Grunde schwieg ich über die gemachten GEHEIMVERHANDLUNGEN 175 Zumutungen und behandelte dieselben dilatorisch, ohne meinerseits jemals auch nur ein Versprechen zu machen." Mit gutem Grunde hatte Bismarck seine Enthüllungen über die französischen Pläne gegen Belgien in eine große englische Zeitung gebracht. Die Aufrechterhaltung der belgischen Selbständigkeit war für die englischen Staatsmänner ein altes Axiom. Selbst ausgesprochene Pazifisten wie John Bright, Cobden und Gladstone hatten wiederholt erklärt, daß der Fortbestand eines neutralen, unabhängigen und selbständigen Belgien eine Lebensfrage für England sei, daß hierfür England nötigenfalls fechten müsse und tatsächlich gegen Napoleon I. zwölf Jahre lang gefochten habe. „C'est pour Anvers que je suis ici", hatte Napoleon auf Sankt Helena melancholisch geäußert und gemeint, es sei an und für sich verständlich, daß England eine Besitzergreifung Belgiens durch eine andere Macht nicht zulassen wolle. „Anvers dans les mains d'une autre puissance serait un pistolet braque sur l'Angleterre." Diese melancholische Reflexion des gestürzten Weltenstürmers hätten in Deutschland während des Weltkrieges diejenigen beherzigen sollen, die für die Annexion der flandrischen Küste agitierten, die ohne einen unübersehbar langwierigen und schwierigen Kampf gegen England gar nicht denkbar war. Das Bismarcksche Rundschreiben vom 29. Juli 1870 enthält auch eine prägnante und durchschlagende Abfertigung der Toren, die nach dem Weltkrieg behaupteten, daß wir in dem halben Jahrhundert zwischen dem Frankfurter Frieden und der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand diesen oder jenen Anlaß hätten benützen sollen, um den doch unvermeidlichen Konflikt mit Rußland, Frankreich und England baldmöglichst aus- zufechten. Der Eindruck der von Bismarck in die „Times" gebrachten Enthüllungen auf die Engländer war sehr stark und für uns um so nützlicher, als, von den Sympathien namentlich der Upper ten thousand für Paris und la belle France ganz abgesehen, zwischen den beiden Kabinetten, wie ich ausführte, seit einem halben Jahrhundert bisweilen intime, im großen und ganzen trotz gelegentlicher Reibungen freundschaftliche Beziehungen bestanden hatten. Wie war es Bismarck gelungen, den Benedettischen Vertragsentwurf in die Hand zu bekommen und namentlich ihn in der Hand zu behalten? Benedetti Graf Vincent Benedetti, seit 1864 französischer Botschafter in Berlin, hatte ist sich vor seiner Entsendung nach der preußischen Hauptstadt als Sekretär unvorsichtig des Pariser Kongresses und als Gesandter in Turin das besondere Wohlwollen des Kaisers Napoleon erworben. Er war seit seiner Turiner Zeit auch bei dem Prinzen Napoleon gut angeschrieben und gehörte zu den Intimen der Prinzessin Mathilde Bonaparte. Er war ein ehrgeiziger und geriebener Korse, der aber bisweilen die oft zitierte goldene Regel vergaß, die der Fürst 176 EIN SCHRIFTSTÜCK WIRD PHOTOGRAPHIERT der Diplomaten, Talleyrand, seinen Sekretären einzuschärfen liebte: „Surtout pas trop de zele." Benedetti wußte, wieviel seit Sadowa seinem Souverän an „Kompensationen" für Frankreich lag. Er glaubte, daß solche Entschädigungen von Preußen leichter in Belgien als auf dem deutschen linken Rheinufer zu erreichen sein würden, und sah deshalb in Belgien das geeignetste Objekt für eine Transaktion mit Preußen. Er hatte in Turin gesehen, daß Piemont die Unterstützung Frankreichs bei der Einigung Italiens mit Savoyen und Nizza bezahlt hatte. Warum sollte nicht auch Preußen für die französische Zustimmung zur Einigung Deutschlands einen Tribut entrichten, noch dazu mit nicht-deutschem Land ? Als Benedetti in jeder Unterredung mit Bismarck auf Belgien als ein besonders geeignetes Kompensationsobjekt zurückkam, ließ der preußische Minister im natürlichen Ton angeregter Konversation die Bemerkung fallen, es würde ihm das eigene Durchdenken der ganzen Kompensationsfrage und die Erörterung derselben mit seinem alten Herrn wesentlich erleichtern, wenn Benedetti die richtige Formulierung für die ihm vorschwebende Transaktion selbst vorschlüge, zumal niemand eine solche besser finden könnte als der ausgezeichnete Diplomat, der schon als Sekretär des Pariser Kongresses seine Gewandtheit im Redigieren betätigt hätte. Benedetti, beinahe so geschmeichelt wie der Rabe, dem bei Lafontaine der Fuchs Komplimente macht, übersandte unverzüglich dem preußischen Minister den gewünschten Vertragsentwurf. Einige Stunden später schrieb er an Bismarck, die Herren seiner Botschaft hätten ihn darauf aufmerksam gemacht, daß er ein so vertrauliches Dokument nicht in fremden Händen lassen dürfe, und deshalb erbitte er seine Aufzeichnungen zurück. Bismarck Heß Benedetti seinen Entwurf sofort wieder zugehen; aber er hatte das Schriftstück inzwischen photographieren lassen. Und als er am 25. Juli 1870 das französische Anerbieten in die „Times" brachte, konnte er gleichzeitig das Faksimile des von Benedetti geschriebenen Vertragsentwurfes über Belgien erscheinen lassen. Bismarck brachte in seinem Rundschreiben vom 29. Juli auch frühere Bündnisvorschläge des Kaisers Napoleon zur allgemeinen Kenntnis, in denen dieser im Mai 1866 Preußen ein Offensiv- und Defensiv-Bündnis auf der Basis vorgeschlagen hatte, daß Preußen „une reforme federale dans le sens prussien" und Annexionen in Deutschland, „sept ä huit millions d'ämes au choix" erhalten sollte, Frankreich aber „le territoire entre la Moselle et le Rhin, sans Coblence ni Mayence comprenant cinq cent müle ämes de Prusse, la Baviere rive gauche du Rhin, Birkenfeld, Homburg, Darmstadt, deux cent treize mille ämes". Nach der französischen, übrigens mit der Wirklichkeit nicht ganz übereinstimmenden Berechnung fast zwei Millionen Seelen. Französischer Entwurf eines Schutz- und Trutz- Bündnisses zwischen Frankreich und Preußen Konzept von der Hand des französischen Botschafters in Berlin Graf Benedetti Die nachstehende Übersetzung ist dem Königl. Preuß. Staats-Anzeiger vom 27. Juli 1870 entnommen (zu Seite 176) ohne Datum (ca. 23. August 1866) S. M. der König von Preußen und S. M. der Kaiser der Franzosen halten es für nützlich, die Freundschaftsbande, welche sie verbinden, enger zu knüpfen und die glücklicherweise zwischen den beiden Ländern bestehenden Beziehungen guter Nachbarschaft zu befestigen, andererseits überzeugt, daß um dieses, überdies die Aufrechterhaltung des Weltfriedens zu sichern geeignete Resultat zu erreichen, es ihnen obliegt, sich über Fragen zu verständigen, welche ihre zukünftigen Beziehungen angehen, haben sich entschlossen zu diesem Zweck einen Vertrag abzuschließen und infolgedessen zu ihren Bevollmächtigten ernannt und zwar S. M. usw. S. M. usw. welche, nachdem sie ihre in guter und gebührender Form befundenen Vollmachten ausgetauscht, über folgende Artikel übereingekommen sind: Art. I. S. M. der Kaiser der Franzosen läßt zu und erkennt an die Erwerbungen, welche Preußen infolge des letzten Krieges, den es gegen Österreich und seine Verbündeten geführt, gemacht hat, ebenso wie die für Aufrichtung eines Bundes in Norddeutschland getroffenen oder noch zu treffenden Einrichtungen, indem er sich zur gleichen Zeit verpflichtet, der Erhaltung dieses Werkes seine Unterstützung zu leihen. Art. II. S. M. der König von Preußen verspricht Frankreich die Erwerbung von Luxemburg zu erleichtern: zu diesem Zweck wird die genannte Majestät in Verhandlungen mit Sr. M. dem König der Niederlande eintreten, um denselben zu bestimmen, dem Kaiser der Franzosen sein Souveränitätsrecht über dieses Herzogtum abzutreten gegen eine Entschädigung, die für hinreichend erachtet werden wird oder auf andere Weise. Um diese Transaktion zu erleichten, verpflichtet sich der Kaiser der Franzosen seinerseits beiläufig, die pekuniären Lasten auf sich zu nehmen, die sie mit sich bringen könnte. Art. III. S. M. der Kaiser der Franzosen wird sich einer föderalen Vereinigung des Nordbundes mit den Staaten Süddeutschland, Österreich ausgenommen, nicht widersetzen, welche Vereinigung auf ein gemeinsames Parlament basiert sein kann, wobei aber in billigem Maße die Souveränität besagter Staaten geachtet bleibt. Art. IV. Seinerseits wird S.M. der König von Preußen in dem Falle, daß S. M. der Kaiser der Franzosen durch die Umstände bewogen werden sollte, seine Truppen in Belgien einrücken zu lassen oder es zu erobern, Frankreich die Beihilfe seiner Waffen gewähren und ihm mit allen seinen Land- und Seestreitkräften gegen und wider jede Macht beistehen, welche in diesem Falle ihm den Krieg erklären sollte. Art. V. Um die vollständige Ausführung der bevorstehenden Bestimmungen zu sichern, schließen S. M. der König von Preußen und S. M. der Kaiser der Franzosen durch gegenwärtigen Vertrag eine Offensiv- und Defensiv- Allianz, welche sie sich feierlich aufrechtzuerhalten verpflichten. Ihre Majestäten machen sich überdies und ausdrücklich anheischig, dieselbe in allen Fällen zu beobachten, wo ihre respektiven Staaten, deren Integrität sie sich gegenseitig verbürgen, von einem Angriff bedroht werden sollten, indem sie sich für gebunden halten, in einem derartigen Falle ohne Zögern und ohne sich unter irgendwelchen Vorwänden zu weigern, die militärischen Vorkehrungen zu treffen, welche durch ihr gemeinschaftliches Interesse im Einklang mit den oben angegebenen Klauseln und Voraussetzungen geboten sind. Anmerkung des Verlags: Dieser Entwurf existiert in 2 Exemplaren, beide von der Hand Benedettis, auf dem Papier der Französischen Botschaft geschrieben. Ein Exemplar (das hier faksimilierte) erhielt Bismarck von Benedetti am 29. August 1866. Bismarck versprach es dem König vorzulegen. Das Original des Entwurfs befindet sich im politischen Archiv des Ausicärtigen Amts in Berlin. Die zweite Niederschrift sandte Benedetti am 23. August an Rouher zur Begutachtung durch Kaiser Napoleon, der auch einige Randbemerkungen hinzufügte. Während des Krieges 1870/71 wurde dieses Dokument zusammen mit anderen Papieren in Rouhers Schloß Cercay erbeutet und nach Berlin gebracht, inzwischen aber nach Artikel 245 des Versailler Friedens Vertrages Frankreich zurückgegeben. Vermutlich war es das Schicksal dieses zweiten Vertragsentwurfes, das Bülow veranlaßt (S. 176) zu berichten, daß Bismarck den Vertragsentwurf an Benedetti auf dessen Vorstellung hin zurückgegeben habe. y : ^^^^^^^ / Cj^^^&'&Jlsl^ Z^^^4 r h?-^tr^ /terz^'z^a-g^ — ^l£^Sl^z^<-^ a^-^^e-^^- <£*^££ ^ ' ^^^Z^^-a^ 4£ ^_ *&-~e-~? d^Si ^J^-<^ ^yt- ^^^^^g^^^y t^J^^ * JCH? *£c&--JU^ j> . -f^S^, ^ /^^^ ^ J*»^&^ Zä^y^ ^ k £^ ^Jh~2^^^ ^z^^^ //^^ c^. ^^fe *£^<<& x i^L^ ^ f^y^e^^^ ^ ^ ^^^^^ ^Z^y? ^/ ^kt^-^Z ^^^^ ^ß^:^ ^^^<^£^ /faz^s— J^Z^s ^ ^^^^2^^^>^^^tr ^^tu^y^^^ J£ /^^2^c /t^^z^ ^^^^'^e ^^^^Z^ J^A^^£^ 4£S&4ä,^S~JkL d^c^'^^ ^^>/ ^ y^^^ 0Z"'<6*Um*^ ^^y^^P^^^^^^ ^^^^^.^^^^< ZZ^L^^S / ^^Jfe*^*^? g&^f-Z* tL^Z^ ^ ^^Zt^y? ^fc^ k-^V Z^^^ ^k?:^p ^^-^^^y^ t^i^s I ^ / y ^ ^y^ .^- ^^^^"^^^c^^i^^e^i: / /^^^ ^^e^^ ^\ ^2^/ ^Ä*-^ t*L £^z^7 /^tZ^^^g^tesiz**^ ^ y^^s^- ~^h^^ g^,, •£Z^U^ ^^^^^^^^.^ / ^^.^^^^< ^^^^ ^ä&4^*>? DER BÄRTIGE 177 Wenn die Veröffentlichung des Benedettischen Vertragsentwurfes auf Belgien selbst, auf England und die Welt berechnet war, so konnten aus den französischen Vorscldägen vom Mai 1866 süddeutsche Minister ä la Dalwigk und süddeutsche Volksvertreter ä la Jörg ersehen, daß sie nicht allein vaterlandsverräterisch, sondern auch sehr töricht gesprochen und gehandelt hatten. Nichts wäre übrigens abwegiger, als Bismarck einen Vorwurf daraus zu machen, daß er Benedetti und dessen Meister Napoleon III. überlistete, statt sich von ihnen überlisten zu lassen. Der Landmann hat das Becht, dem Fuchs, der ihm seine Hühner und seine Gänse erwürgen will, eine Falle zu stellen. Als er in Bismarcks Falle zappelte, verlegte sich der Fuchs Benedetti auf das Lügen. Aber er log ungeschickt. In einem an Gramont gerichteten weinerlichen Bechtferligungsschreiben erklärte Benedetti: Bei seinen Unterredungen mit dem preußischen Minister des Äußern sei er, um sich ein genaues Bild von den Bismarckschen Kombinationen zu geben, aus Höflichkeit darauf eingegangen, sie sozusagen unter Bismarckschem Diktat aufzuzeichnen. Damals lachte Europa über Benedetti und Gramont, heute aber lacht der Deutsche nicht, wenn er sich den Unterschied zwischen 1870 und 1914 klarmacht. Im Hochsommer 1870 waren souveräne diplomatische Meisterschaft, Vorsicht, Umsicht, Voraussicht, Entschlossenheit und Geduld, Energie und Gewandtheit auf unserer Seite, während die französischen Diplomaten versagten. Vierundvierzig Jahre später manövrierten unsere Staatslenker und Diplomaten, Bethmann Hollweg und Jagow, Schön und Flotow, Lichnowsky und Wilhelm Stumm, so eminent ungeschickt, daß unsere Gegner Iswolski und Sasonow, Sir Edward Grey und Sir Edward Goschen, Poincare, Paleologue, Viviani, von denen keiner auch nur entfernt an die Bismarcksche Überlegenheit heranreichte, doch, indem sie aus unseren Fehlern Nutzen zogen, uns in aller Augen ins Unrecht setzten und damit, schon bevor der erste Kanonenschuß gefallen war, vor der öffentlichen Meinung den Krieg gewannen. Mitte Oktober folgte ich einer Einladung meiner Eltern, den Geburtstag meiner Heben Mutter, den 18. Oktober, im Berliner Familienkreise zu Eine verleben. Mein Vater war mit meinem Aussehen zufrieden, und Begegnung Professor Traube meinte, mein Hals, der Locus minoris resistentiae bei mir, in • Btr '' n habe die Rekrutenzeit besser überstanden, als er angenommen habe. Unter den Linden begegnete ich Herbert Bismarck, der infolge eines Beinschusses, den er bei Mars-la-Tour erhalten hatte, noch lahmte. Er ging am Arm eines bärtigen Mannes, dessen scharfe, fast stechende Augen mir auffielen und der zwölf bis vierzehn Jahre älter sein mochte als Herbert und ich. Herbert machte uns bekannt: „Hier Bernhard Bülow, ein Sohn des mecklenburgischen Gesandten, eines Mannes, von dem mein Vater viel hält! Hier 12 Bülow IV 178 „OTTOCHEN" Baron Fritz von Holstein, unser treuster Freund!" Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich Holstein begegnete. Ich habe ihn noch oft wiedergesehen. Ich habe ihn als intimen Freund und Berater von Herbert Bismarck gekannt und als Todfeind des Hauses Bismarck. Ich habe fast vierzig Jahre später an seinem Sterbebette gestanden. Am Tage meiner ersten Begegnung mit Holstein war ich bei der Fürstin Im Hause oder vielmehr damals noch der Gräfin Johanna Bismarck zum Essen Bismarck eingeladen. Sie und ihre Tochter Marie begrüßten mich in gütiger, herzlicher Weise. Die Frau Bundeskanzler war geradeso natürlich, unbefangen und behaglich wie in der Frankfurter Zeit, ohne eine Spur von Pose. Sie redete mir und ihrem Sohne Herbert beständig zu, dem sehr reichlichen Mahle und dem guten Bordeaux fleißiger zuzusprechen. Essen und Trinken halte Leib und Seele zusammen, heiße es in ihrer pommerschen Heimat, und daß der Bordeaux das natürliche Getränk der Norddeutschen sei, habe „Ottochen" erklärt, der immer recht habe. Er habe auch jetzt recht, wenn er auf härtere Kriegführung dringe. Sie sprach, wie die Frauen der Goten und Franken gesprochen haben mögen, wenn das Kriegshorn geblasen war. Kein Stein dürfe in Frankreich auf dem andern bleiben. „Ottochen" habe nur einen Fehler, er sei viel zu gut. Es sei auch ein Skandal, daß „Auguste", d. h. Ihre Majestät die Königin, für welche die Gräfin Johanna ebensowenig eingenommen war wie ihr großer Gatte, dem Kaiser Napoleon neun Köche nach Wilhelmshöhe geschickt habe, um ihm seine Gefangenschaft zu versüßen. Bei Wasser und Brot hätte man „den alten Ekel" einsperren sollen, der die Schuld daran trage, daß Herbert noch lahm gehe, daß Billchen sein bestes Pferd unter dem Leib erschossen worden sei und daß so viele deutsche Mütter und Witwen in Schwarz gingen. Dazu sang Herbert, von dem vorzüglichen Medoc animiert, mit lauter Stimme sein Lieblingslied, das Scheflelsche Lied von dem Schwabenherzog Krock, der auszog aus Böblingen, um im Gallierland alles zu verrujinieren. Marie von Bismarck war ein Wesen von großer Herzensreinheit und Herzensgüte. Als Kinder spielten wir zusammen in dem Frankfurter Garten meiner Eltern, wo die Mirabellenbäume standen und von wo aus man auf die städtischen Anlagen blickte. Ohne schön zu sein, hatte Marie Bismarck klare und kluge Augen, reiches dunkles Haar. Sie war damals schlank und hübsch gewachsen. In ihrem Wesen war sie ebenso natürlich wie die Mutter, aber im Gegensatz zu dieser suchte sie den gewaltigen Vater eher zu besänftigen, als seine ohnehin nicht geringe Neigung zu Haß und Zorn noch zu verstärken. Marie Bismarck hat wissentlich niemandem geschadet und manchem im Rahmen ihres bescheidenen Einflusses gütig geholfen. Mir war sie stets eine treue Freundin. Hierzu ein kleiner Zug. Ich entsinne mich eines Abends, an dem ich nach einem Rendezvous mit einer HARRY ARNIMS PARFÜM 179 schönen, eleganten, nur leider an dem Tage etwas zu stark mit White Rose parfümierten Freundin im Bismarckschen Salon erschien. Der Kanzler war noch nicht gekommen. Mutter Johanna klimperte am Klavier. Ich setzte mich zur Tochter. Nach einigen Minuten sagte sie zu mir: „Sie sind ja parfümiert! Um Gottes willen, drücken Sie sich so rasch wie möglich, sonst hahen Sie bei Vater verspielt. Harry Arnim wurde ihm unsympathisch, als er mehrfach zu stark parfümiert bei uns eintrat. Als Vater später hinter Harrys Umtriebe kam, sagte er: ,Das wundert mich gar nicht! Der Kerl stank ja immer nach Parfüm!'" Ich beherzigte den guten Wink und verschwand a la Francaise, d. h. ohne Abschied zu nehmen. Auch große Männer haben ihre kleinen Marotten: Wallenstein konnte den Hahn nicht krähen hören, Goethe vertrug den Tabak nicht, Schiller wollte faule Äpfel riechen, um sich anzuregen, Napoleon liebte es, sich mehrmals täglich mit Eau de Cologne abzuwaschen, Bismarck konnte Parfüm nicht vertragen. Ich selbst habe mich übrigens nie parfümiert, ohne es aber bei Frauen unangenehm zu empfinden. Als ich am 30. Oktober, nach Bonn zurückgekehrt, mich in der Sterntorkaserne bei dem Wachtmeister Wunderlich zum Dienst zurückmeldete, sagte er mir: „Gut, daß Sie da sind! Morgen abend gehen zwei Offiziere, zwei Unteroffiziere, dreißig Husaren, darunter sechzehn Freiwillige, nach Metz, wo das Regiment biwakiert. Sie müssen mit, Einjähriger von Bülow! Darüber sind wir alle einig." Meine Freude ob dieser guten Nachricht war unbeschreiblich. Ich hätte den guten alten Wachtmeister um die Taille fassen und mit ihm eine Polka-Mazurka oder einen Rheinländer tanzen mögen, so vergnügt war ich. In meinem ganzen langen Leben habe ich nur noch einmal ein ähnliches Glücksgefühl empfunden: als ich fünfzehn Jahre später auf dem Eise der Newa die Nachricht erhielt, der Heilige Stuhl habe die Ehe der Gemahlin des preußischen Gesandten in Dresden, der Gräfin Marie Dönhoff, annulliert und damit meine Heirat mit der Frau ermöglicht, die ich über alle und über alles geliebt habe und die das Glück meines Lebens geworden ist. XIII. KAPITEL Ins Feld • Biwak bei Metz • Erste Briefe nach Hause • Melderitte und Patrouillen Major Lentze • Beförderung zum Gefreiten (15. XI. 1870) • Vormarsch nach Compiegne 1870 und 1918 Es ging an das Einpacken der wenigen Gegenstände, die ich als Gemeiner mit ins Feld nehmen konnte: zwei wollene Hemden, zwei Paar von Bonn wollene Strümpfe, zwei wollene Unterhosen, ein Paar Hausschuhe, eine kleine Feldflasche mit Kognak, etwas Tee und Liebig, einen Feldstecher und ein Schreibzeug. Auch ein neues Testament nahm ich mit, das mir meine liebe Mutter bei meinem letzten Besuch mit der Ermahnung geschenkt hatte, recht fleißig in Gottes Wort zu lesen. Auf das erste weiße Blatt schrieb ich das Wort des heiligen Augustinus: „Incpiietum cor nostrum donec requiescat in te." Bevor ich von der Ersatz-Schwadron Abschied nehme, will ich der Dankbarkeit Ausdruck geben, die ich ihr schulde, dem Stalldienst in der Sterntorkaserne wie dem Exerzieren auf dem „Sand". Wenn ich im Felde meinen Mann gestanden habe und nach der Bückkehr in die Garnison ein brauchbarer Husaren-Offizier wurde, so verdanke ich das in erster Linie meiner Ausbildung bei der Ersatz-Schwadron. Major von Schreckenstein hat sich von seinem schweren Beinbruch erst nach Jahr und Tag erholt. Er hat die Ersatz-Schwadron nicht mehr geführt. Wieder dienstfähig, wurde er zum Kommandeur der 7. Ulanen ernannt und ist 1875 als solcher in Saarbrücken plötzlich gestorben. Ein früher Abschluß nach einem Leben, dessen verpfuschtes Ende in seltsamem Gegensatz zu seinem brillanten Anfang stand. Der rote Schreckenstein gehört zu den vielen, die, um schöne Stunden vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden. Als er in seiner eleganten Bonner Junggesellenwohnung, auf einer Chaiselongue unter der ,,Danae" des Correggio ruhend, mich wenig freundlich empfing, dürfte er kaum gedacht haben, daß der junge Student, der, angegriffen durch die Oeynhauser Badekur, blaß und bescheiden vor ihm stand, es im Laufe der Jahre nicht nur zum preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Beichskanzler, sondern sogar zum General bringen würde. Ich erwähne das nur, damit dieser oder jener Jüngling, der mich einmal DIE OFFIZIERE 181 liest, sich nicht durch Enttäuschungen, Schwierigkeiten und Hindernisse, durch den ihm in tausend Formen entgegentretenden Widerstand der stumpfen Welt entmutigen läßt. „Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel", heißt es in dem schönen und wahren Liede des frommen Georg Neumarck („Wer nur den heben Gott läßt walten"). Die Vertretung des Majors von Schreckenstein übernahm im August 1870 der Premierleutnant von Stoltzenberg, der mir ein wohlwollender Eskadrons- Vorgesetzter war. Wie ich später erfuhr, hat er an den im Felde befindlichen Komman- Regimentskommandeur anerkennend über mich berichtet und hierbei der Tanten Überzeugung Ausdruck gegeben, daß der Einjährige von Bülow das Zeug zu einem guten Husaren-Offizier habe. Er schrieb auch in diesem Sinne an meinen Vater. Ein schweres inneres Leiden zwang den Freiherrn von Stoltzenberg, der seit elf Jahren im Regiment stand und sich allgemeiner Wertschätzung erfreute, im November 1870 das Kommando der Eskadron an den Sekondleutnant von Schlichting abzugeben. Schlichting war ein flotter Husar, schneidig und findig, streng im Dienst, gemütlich nachher. Er hatte 1866 mitgemacht, und es war eine Freude, ihm zuzuhören, wenn er von dem Einmarsch in Sachsen und Österreich, von dem Biwak im Großen Garten zu Dresden bei strömendem Regen, wenn er von Hühnerwasser, Münchengrätz und Prasek, wenn er von Königgrätz erzählte, und daß keine preußische Truppe näher an Wien herangeritten sei als die Königshusaren, die am 30. Juli 1866 vom Hohen Leuthen aus die Kaiserstadt vor sich gesehen hätten mit dem hochragenden Stefansturm. Auf den Husarensäbel Schlichtings habe ich, da die Regimentsstandarte mit dem Regiment ins Feld gezogen war, dem König von Preußen Treue geschworen. Und kein Besserer konnte mir den Eid abnehmen. Wir haben uns während meiner Ministerzeit öfter wiedergesehen. Als Großgrundbesitzer in der Provinz Posen gehörte Schlichting dem Herrenhause als erbliches Mitglied an. Ich habe viel mit ihm über ostmärkische Angelegenheiten konferiert. Er war mir nicht nur ein treuer persönlicher, sondern auch ein kluger politischer Freund. Am 31. Oktober 1870, um Mitternacht, wurden wir auf dem Bonner Bahnhof verladen, meine hellbraune Stute, die Grete, und ich. Die Grete Einwaggo- leidlich bequem in einem Pferdewagen, ich mit vielen anderen Husaren "^rt nach eingekeilt in ein Coupe, in drangvoll fürchterlicher Enge, wie die Pappenheimer, als Max Piccolomini sie zum Sturm auf das Neustadter Lager führte. Unsere Eisenbahnfahrt von Bonn nach Saarbrücken war einfach fürchterlich. Wer das nicht glauben will, der soll einmal in einem langsam fahrenden, alle halbe Stunde haltmachenden Zug, in einem überfüllten Coupe, in engen, viel zu engen Husarenstiefeln achtzehn Stunden regungslos ausharren. Ich weiß nicht, welcher große Denker gesagt hat, daß keine Mets 182 KAPITULATION VON METZ Philosophie üher das Zahnweh hinweghülfe. Nun, ich sage: Zu enge Husarenstiefel sind noch ärger als der ärgste Zahnschmerz. Der brave Schlichting, der unsern Transport leitete, half mir aus der Not. Als er mich in Saarbrücken humpelnd auf dem Bahnsteig erbbckte, riet er mir zunächst, beide zu engen Stiefel mit einem Taschenmesser aufzuschneiden. Ritsch! Ratsch! „So nun wird Ihnen schon besser werden", meinte er gut gelaunt. Dann fuhr er mit mir in einer Droschke zur Kaserne der 7. Ulanen, ließ sich auf der Kammer hohe Ulanenstiefel zeigen und forderte mich auf, mir das bequemste Paar auszusuchen. Von meinen alten Husarenstiefeln wurde die Borte abgenommen und flugs auf die neuen Ulanenstiefel aufgenäht, die Situation war gerettet. Unmittelbar vor meiner Abreise aus Bonn hatte ich an meinen guten Vater, der, durch seine vielen häuslichen Sorgen zermürbt und überdies beunruhigt durch einen Ruhranfall, den ich während meines letzten Besuches in Berlin durchzumachen hatte, mein Ausrücken ins Feld nicht gern sah, kurz und bündig telegraphiert: „Rücke mit Schwadron heute nacht zwölf Uhr zum Regiment, das von Metz gegen Lille geht. Völlig ausgerüstet, bin wohl und sehr vergnügt! Bitte dringend umgehend telegraphisch um zweihundert Taler." Nach vierundzwanzigstündiger Eisenbahnfahrt trafen wir endlich in Courcelles bei Metz ein. Wir ritten von da nach Liehon, wo ich bei meinem Pferd im Stall schlief. Am 3. November stießen wir im Schloß Grosheu bei Metz zu unserm Regiment. Der Ersatz wurde auf die vier Kriegs-Schwadronen verteilt. Ich kam zur Armeebefehl 1. Schwadron. Am 27. Oktober hatte Metz kapituliert. In einem Armee- Friednch tefehl, der vor dem Regiment verlesen wurde, hatte der Oberbefehlshaber Karls ^ ej , Zernierungs-Armee, Prinz Friedrich Karl von Preußen, dieses große Ereignis gewürdigt: „Es ist so weit, heute endlich hat diese Armee von voll einhundertdreiundsiebzigtausend Mann, die beste Frankreichs, über fünf Armeekorps, darunter die kaiserliche Garde, mit drei Marschällen von Frankreich, mit über fünfzig Generälen und sechstausend Offizieren, kapituliert, und mit ihr Metz, das niemals zuvor genommen. Mit diesem Bollwerk, das wir Deutschland zurückgeben, sind unermeßliche Vorräte an Kanonen, Waffen und Kriegsgerät dem Sieger zugefallen." Mit Recht hob Prinz Friedrich Karl hervor, daß er und seine tapferen Soldaten Deutschland die stolze Feste wiedergaben, die uns dreihundertachtzehn Jahre früher Frankreich mit List und Verrat entriß. Der „rote Prinz", wie er in der Armee genannt wurde, weil er mit Vorliebe den roten Attila der Zieten-Husaren trug, hatte echt preußisch hinzugefügt: „Ich erkenne gern und dankbar eure Tapferkeit an, aber nicht sie allein; beinahe höher stelle ich euern Gehorsam und den Gleichmut, die Freudigkeit, die Hingebung im Ertragen von Beschwerden vielerlei Art. Das kennzeichnet den guten DIE KÖNIGSHUSAREN 183 Soldaten." Am 29. Oktober wehte auf allen Forts von Metz der preußische Königsaar, den der Kommandeur der 30. Infanterie-Brigade, der Generalmajor von Strubberg, auf dem Hauptwall mit den Worten aufgepflanzt hatte: „Im Namen Seiner Majestät des Königs Wilhelm nehme ich dieses Fort, Queleu genannt, hiermit in Besitz. Gott erhalte noch lange Jahre Seine Majestät! Gott segne ihn, Gott schütze ihn! Amen!" Am 4. November zog die 15. Division durch Metz. An der Tete der Division ritt unser Regiment. Die Trompeter bliesen die Fanfare, die Standarte war entfaltet. Stolz und leuchtenden Auges defilierte das Königshusaren-Regiment vor dem Kommandierenden General des VIII. Armeekorps, dem General August von Goeben, der auf der Place d'Armes hielt. 0 schöne Tage! 0 herrliche Tage! Tage des Ruhms, der Ehre, des Glücks! Wenn ich aus dem Elend und der Schmach der Gegenwart an sie zurückdenke, blutet mir das Herz. Das Königshusaren-Regiment bezog nach dem Durchmarsch durch Metz Kantonnements am Mont Saint-Quentin, dessen Silhouette so In Plappeville charakteristisch ist für das Landschaftsbild der Moselfeste und den ich zwei Jahre später während meiner Dienstzeit in Metz manches Mal zu Fuß und zu Pferde aufgesucht habe. Unsere Schwadron, die 1. Schwadron, mußte während der recht kalten Nacht biwakieren. Ich fror wie ein Schneider, war aber quietschvergnügt. Aus Plappeville schrieb ich am 6. November an meine Ellern: „Liebe Eltern, verzeiht, bitte, wenn ich Euch jetzt erst schreibe. Ich hatte wirklich keinen Augenblick Zeit. Donnerstag trafen wir das Regiment. Ich kam zur 1. Eskadron (15. Division, Königshusaren-Regiment, Rheinisches Nr. 7!!). Freitag marschierten wodurch Metz, wo wir mit Säbelauf und entfalteter Standarte einmarschierten, nach Chazelles, von da nach Plappeville. Es geht mir sehr gut. Die Quartiere sind leidlich Essen habe ich mir bisher verschafft. Guten Mut habe ich sehr. Viktualiensendungen wären mir sehr lieb, sonst schickt mir gar nichts. Ich müßte es wegwerfen, da ich nicht, wie mein Bruder Adolf, drei Pferde, sondern nur zwei Packtaschen habe, in die kaum Hemden und Strümpfe gehen." Am 7. November schrieb ich weiter: „Rittmeister meiner, der 1. Eskadron ist Herr von Niesewand, der viel zu schimpfen scheint. Metz hegt Der Einritt wunderhübsch, rings von starken Forts umgeben. An allen Chausseen um m ^ etx Metz haben die Franzosen Schießgräben gegraben, hier und da auch Schanzen aufgeworfen. Die Dörfer waren z. T. stark beschossen. Manche sahen aber recht gut aus. Das ganze Land muß sehr reich sein, jeder Fleck ist bebaut. Wir rückten in Metz durch die Porte Serpentinoise ein, das schöne Tor mit verschiedenen Inschriften zu Ehren des Duc de Guise. Die Stadt durchschritten wir fast ganz. Die Straßen sind sehr eng, mit hohen 184 DER HEILIGE FRANZ Häusern. Die Kathedrale recht schön, im gotischen Stil. Alle Läden waren offen, z. T. sehr elegant. Die Straßen wimmelten von französischen Soldaten. Damen sah man nur in Schwarz. Sehr hübsch sind die Quais an der Mosel. Wir ritten bis Chazelles, einem kleinen Dorfe auf einer Anhöhe unter dem Fort Saint-Quentin. Gestern kamen wir hierher. Betten haben wir natürlich nicht, sondern, wenn es gut geht, Strohsäcke. Auch behält man die Kleider immer an, was aber gar nicht unangenehm ist. Ich fühle mich sehr wohl. Schickt mir, wenn es geht, Viktualien, Schokoladetafeln und Liebig (ist das Beste, weil Konzentrierteste), vielleicht auch ein Büchschen Sardinen. Wahrscheinlich rücken wir morgen mit Infanteriebedeckung auf Beims zu. Ängstigt Euch bitte nur nicht um mein Befinden, das sehr gut ist. Tausend Grüße an alle. Ich bin mit allem wohl versorgt, doch wären mir Viktualien ganz heb. Von meinem Quartier habe ich hier prächtige Aussicht auf Metz mit Kathedrale und Wällen." Mein Eskadronchef, der Bittmeister Franz Maria von Niesewand, Rittmeister schimpfte in der Tat recht viel. Das hing mit seinem schlechten Avancement Nieseicand zusammen, das ihn wurmte. Er war schon 1849 bei den Gardedragonern in Berlin eingetreten, hatte aber 1852 seine früher begonnenen Studien wieder aufgenommen, das Beferendar-Examen bestanden und am Landgericht in Koblenz gearbeitet. 1856 war er nach nochmaligem, diesmal endgültigem Berufswechsel als Leutnant beim 7. Husaren-Begiment eingestellt worden. Er hatte 1867 eine Schwadron erhalten, die er während des ganzen Krieges treu und gewissenhaft führte. Er war kaum zwei Jahre jünger als der Oberst von Loe, der schon vor der Brigade stand. Niesewand polterte viel, aber er war ein kreuzbraver Mann. Er war ein frommer Katholik und hieß deshalb beim rheinischen Adel der heilige Franz. Ich bin dem guten Niesewand, der es mit Hängen und Würgen bis zum Kommandeur der 13. Husaren gebracht hat, viele Jahre später — er war schon lange pensioniert — bei dem schönen Fest wiederbegegnet, das am 18. Juni 1902 die Stadt Bonn ihren blauen Husaren gab. Der wackere Mann, der inzwischen 72 Jahre alt geworden war, frug mich, ob ich es ihm als Beichskanzler verargte, daß er mich, als ich bei seiner Schwadron stand, ab und zu angeschnauzt habe. Ich entgegnete ohne einen Augenblick des Besinnens: „Ich bin Ihnen im Gegenteil von Herzen dankbar. Wenn Sie mich damals nicht fest angepackt und auf diese Weise einen ordentlichen Husaren aus mir gemacht hätten, wäre ich nie Kanzler des Deutschen Beiches geworden." Das freute den „heuigen Franz". Als das Ersatz-Kommando vor Metz eintraf, herrschte bei dem Begiment eitel Freude, endlich aus dem Moseltal fortzukommen. Bei Spichern und in den großen Schlachten um Metz hatte das Begiment zu seinem Schmerz keine Gelegenheit zum Eingreifen gehabt. Während der Belagerung von VORMARSCH 185 Metz hatte es mit Eifer und Wachsamkeit den Rekognoszierungsdienst betrieben. Einer der besten Offiziere des Regiments, der Premierleutnant Deginhard von Loe, ein Neffe des Kommandeurs, war bei einer Rekognoszierung am Eingang von Longeau gefallen. Eine feindliche Kugel, die durch die Schläfen ging, hatte ihn auf dem Fleck getötet. Aber das Regiment war noch nicht mit dem Feind handgemein geworden. Es hatte noch nicht attackiert. Und nach der Attacke stand aller Sinn. Das hatte unser von edlem militärischem Ehrgeiz erfüllter Kommandeur, der Oberst Walter von Loe, gemeint, als er nicht lange vor der Kapitulation von Metz bei einer Pferderevision mit Bitterkeit äußerte: „Da das Regiment noch nicht genügend Gelegenheit hatte, zu zeigen, was es zu leisten vermag, so ist es doppelte Pflicht, wenigstens das Material Seiner Majestät dem König zu erhalten." Jetzt, nach der Bezwingung von Metz, fiel der Ersten Armee, zu der mit dem VIII. Armeekorps das Königshusaren-Regiment gehörte, die Aufgabe Gegen zu, die Zernierung von Paris gegen Norden zu sichern, wo der aus Metz Bourbaki entkommene General Bourbaki die französische Nordarmee formierte. Das ganze VIII. Korps, und nicht zum wenigsten das Königshusaren-Regiment, lebte der Hoffnung, daß es nach langem und langweiligem Zernierungsdienst in Nordfrankreich endlich zum frischen und fröhlichen Schädelspalten kommen werde, wie der wackere Valentin im „Faust" diese Berufstätigkeit des Soldaten nennt. Der Vormarsch begann am 7. November. Die Vorhut der 15. Division hatte das Königshusaren-Regiment. Wir marschierten durch den Argonnerwald. Die Wege waren schlecht, entweder holperig oder tief lehmig. Das Wetter war unfreundlich, kalt und naß. Schnee wechselte mit Regen. Ich hatte ein gutes Pferd, die flotte Grete, und so wurde mir häufig der Auftrag, der Division Meldungen zu bringen oder dort Befehle entgegenzunehmen. Da die Bevölkerung in dieser Gegend störrisch war, sich auch viele Franktireurs in den Wäldern umhertrieben und nicht wenige Meldereiter und Patrouillen das Opfer verräterischer Überfälle geworden waren, ritten wir mit aufgesetztem Karabiner. Doch bin ich nur zweimal beschossen worden. Einmal pfiff mir eine Kugel dicht am Ohr vorüber. Natürlich bestand, namentlich nachts, keinerlei Möglichkeit, den Attentäter zu fassen. Es blieb nichts anderes übrig, als es zu machen wie der wackere Schwabe in Uhlands Gedicht: sich „nit zu forchten" und „spöttisch um sich zu Micken". Nur, daß ich nicht „Schritt for Schritt meines Weges ging" wie der Schwabe, sondern möglichst flott trabte. Beim Stabe der Division fand ich, ebenso wie bei den beiden Brigaden der 29. Infanterie-Brigade (Oberst von Bock) und der 30. Infanterie- Brigade (Generalmajor von Strubberg), stets freundliche Aufnahme. In 186 DER RAUHE LENTZE Mit Meldung einer besonders kalten Novembernacht trat ich nach einem langen Ritt im vom Schneegestöber bei dem Generalstabsoffizier der 15. Division, dem Major Regiment J_, en tze, um Mitternacht mit einer Meldung vom Regiment in die Stube. Der Major las die Meldung, dann sagte er zu mir: „Sie haben einen langen und beschwerlichen Ritt hinter sich. Es wird zwei bis drei Stunden dauern, bis ich Sie abfertigen kann. Ziehen Sie sich die Stiebein aus, legen Sie sich auf mein Bett und schlafen Sie einen Abzug." Ich entgegnete in strammer Haltung mit jugendlichem Eifer, daß ich mich nicht müde fühlte. „Unsinn!" fuhr mich der Major an. „So schlafen Sie wenigstens auf Vorrat. Schlaf kann ein junger Mensch immer brauchen." Er gab mir ein Glas Wein zu trinken, drückte mir ein Butterbrot mit Käse in die Hand, und dann schlief ich, bis er mich weckte. Beim Erwachen bekam ich noch ein Glas Wein und noch ein Butterbrot, diesmal mit Wurst. Er frug nach meinem Namen und unterhielt sich gütig und belehrend mit mir über die militärische Lage, dann entließ er mich gestärkt und sehr dankbar. Wir haben uns erst viele Jahre später wiedergesehen, im Königlichen Schloß in Berlin, er als Kommandierender General, ich als Reichskanzler. Als wir uns begegneten, waren wir sehr erfreut und gaben unseren Gefühlen lebhaften Ausdruck. Erstaunt beobachtete der Kaiser dieses Schauspiel. „Ich wußte zwar", sagte er zu mir, „daß Sie ein großer Charmeur sind; aber daß Sie den rauhen Lentze so kaptivieren würden, das hätte ich nicht gedacht." Hierzu muß ich bemerken, daß der General Lentze das war, was der Franzose „im bourru bienfaisant" nennt. Er galt für grob. Aber unter der derben Hülle schlug ihm, wie er dies dem ihm unbekannten jungen Husaren bewiesen hatte, ein goldenes Herz. Er war einer der fähigsten Generäle unserer prächtigen Armee. Auch der Führer der 30. Infanterie-Brigade, der Generalmajor von Strubberg, hat mich im Winterfeldzug 1870/71 bei dienstlicher Berührung immer besonders gut behandelt, wofür ich dem würdigen General, der aus dem Augusta-Regiment hervorgegangen war und Kaiser Wilhelm I. nahegestanden hatte, stets dankbar geblieben bin. Auch ihn habe ich, als ich Reichskanzler geworden war, öfters wiedergesehen. Der 9. November 1870 war ein bedeutungsvoller Tag in meinem Leben. BUlow soll Der Regimentskommandeur, Oberst von Loe, ließ mich kommen. Er sagte Avantageur m j r zunächst, ich sei ihm von Bonn aus von meinen dortigen Vorgesetzten werden warm empfohlen worden. Dieser Empfehlung hätte ich seitdem Ehre gemacht, die starken Märsche durch die Defileen des Argonnerwaldes hätte ich gut ertragen, die mir gewordenen Aufträge intelligent und couragiert ausgeführt. Ob ich Lust hätte, beim Königshusaren-Regiment als Avantageur einzutreten? Dazu müsse ich die Einwilligung meines Vaters beibringen. Ich entgegnete, es sei mein höchster Wunsch, im Königshusaren-Regiment Offizier zu werden. Ich hofFte, mein Vater würde seine EINE INSTÄNDIGE BITTE 187 Einwilligung hierzu nicht versagen. Eine Zusicherung in dieser Richtung könne ich aber nicht geben, weil ich diese Erlaubnis noch nicht besäße und es mir zu peinlich sein würde, nachträglich von meinem Vater desavouiert zu werden. Ich würde aber alles tun, damit mein Vater, der nach seinem ganzen Lebensgang militärischen Dingen ferner stehe, der aber einen offenen Kopf und viel Gemüt habe, meine Wünsche und Absichten nicht durchkreuze. Der Oberst, den mein Eifer zu freuen und zu rühren schien, meinte, er würde auch seinerseits an meinen Vater schreiben. Er sagte mir dann: daß ich schon fünf Semester studiert hätte, wäre für meine künftige militärische Laufbahn kein Impedimentum, sondern ein Vorteil. Er zitierte eine Reihe von Generälen, die studiert hätten. Er selbst habe mehrere Semester studiert, bevor er in die Armee eingetreten sei. Er schloß mit den freundlich-scherzhaften Worten: „Also, mein lieber Bülow, ich hoffe aus Ihnen einen propern Husaren-Offizier zu machen, einen guten Offizier im Königshusaren-Regiment." Also sprach der Oberst Walter von Loe zu mir im Marschquartier Charpentry bei Varennes. Das war meine erste bedeutsame Begegnung mit dem Mann, der mir bis zu seinem achtunddreißig Jahre später erfolgten Tode Vorbild und Lehrer gewesen ist und den ich verehrt habe wie wenige andere Männer. Am 10. November schrieb ich aus dem Marschquartier Charpentry: „Lieber Papa, der Oberst ließ mich gestern kommen und sprach sehr Brief freundlich mit mir. Er sagte mir, ich sei ihm aus Bonn gut empfohlen den worden. Die günstige Meinung, die man bei der Ersatz-Schwadron von mir gehabt habe, fände er zu seiner Freude bestätigt. Er frug mich, ob Du Deine Einwilligung dazu geben würdest, daß ich als Avantageur eintrete, er würde mich gern nehmen, denn er glaube, daß ein Husar in mir stäke. Ich sagte ihm, daß ich nicht bezweifele, Du würdest, wenn ich Dir die Gründe für und wider auseinandersetzte, Deine Einwilligung geben. Jedoch sei es mir zu peinlich, hinterher von Dir desavouiert zu werden. Vor allem wollte ich Dir den Entschluß nicht über den Kopf hinwegnehmen. Ich selbst wäre ganz und gleich bereit. Er sagte mir hierauf, er würde Dir selbst schreiben. Und kann ich Dich, lieber Vater, nur inständigst bitten, meiner Bitte zu willfahren. Ich bitte Dich dringend, mir die schriftliche Einwilligung zu schicken, daß ich beim Regiment als Avantageur eintreten darf. Seit Metz haben wir sehr starke Märsche gemacht, zuerst bei kaltem, heute bei Regenwetter. Das Schlachtfeld von Gravelotte war bei der fahlen Novemberbeleuchtung ziemlich trübe. Es geht mir unberufen sehr gut und fühle ich mich durchaus nicht sehr müde. Vom Waffenstillstand ist viel die Rede. Wie mir der Oberst sagte, glaubt von den Generälen niemand an baldigen Frieden. Die Gegend ist seit Metz recht triste, ab und zu ein ärmliches Dorf, sonst Heide oder schlechte Wiesen. Seit gestern 188 IN DER CHAMPAGNE marschieren wir über hügeliges und waldiges Terrain, übrigens immer mit Avantgarde usw., wegen der vielen Franktireurs. Da ich keine Karte habe, ahne ich nicht, wo wir eigentlich sind, ich denke in den Argonnen. Unsere Direktion soll Reims sein. Die Bauern, bei denen requiriert wird, jammern sehr. Sie tun einem wirklich leid, aber es ist ja nichts zu machen. Ich habe in Bonn keine Zeit gehabt, mich photographieren zu lassen. Könnt Ihr nicht nach meinem Kabinettbild ein halbes Dutzend Photographien machen lassen und eine davon der Komtesse Bismarck mit meinen besten Empfehlungen und Grüßen überweisen? Da sie mich mehrere Male darum angegangen hat, wäre es unhöflich, keine Demonstration zu machen. Bitte, entschuldigt die Eiligkeit meines Briefes. Ich bin im Bett, in das ich mich gelegt, um meine Kleider zu trocknen. Tausend Grüße an alle. Bitte, schickt mir recht bald die schriftliche Einwilligung auf sogenanntem Zettel!! Ich kann Dich nur aufs dringendste darum bitten. Bitte, laß Mama sich nur nicht um mich ängstigen. Ich bin vernünftig, fühle mich wohl, habe sehr guten Mut. Für das übrige muß der liebe Gott sorgen. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Am 11. November schrieb ich aus dem Marschquartier Bercieux (Marne): „Liebe Eltern, bitte, schickt mir umgehend die schrifthche Einwilligung etwa in der Fassung: ,Ich erteile meinem Sohn B. auf seinen Wunsch die Erlaubnis, als Avantageur beim Königshusaren-Regiment einzutreten.' Ich muß durch Stoltzenberg und Schlichting dem Oberst gut empfohlen worden sein, da er mir vorschlug, was andere nur mit vieler Mühe oder gar nicht erreichen können. Wir marschieren jetzt sehr scharf, heute bei unaufhörlichem Schneegestöber, das aber am Ende noch besser ist als der gestrige Regen. Unser Zug war Seiten-Detachement, und wir passierten zwei Stunden lang dicht bewaldete Gebirgszüge auf sehr schlechten Wegen. Wir sind jetzt in der Champagne. Bercieux ist ein reiches Dorf, das sehr gegen die erbärmlichen Varennes lothringischen Nester absticht. Wir passierten Varennes, wo Louis XVI auf seiner Flucht angehalten wurde. Wir spitzen uns alle sehr auf den Champagner, der in Epernay und Reims nur drei Francs die Flasche kosten soll. Er wird sich aber wohl seit der ersten Zeit verteuert haben. Ich fühle mich unberufen sehr wohl. Mein Pferd ist ziemlich strapaziert. Tausend Grüße an alle. Ich bin sehr begierig auf Nachrichten von Euch. Bitte, schickt mir recht bald den Erlaubnisschein! Vielleicht auch eine kleine Eß-Sendung. Nochmals tausend Grüße. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Deutlich steht mir Varennes an jenem Novembertag des Jahres 1870 vor Augen. Der Regen strömte. Ein großer viereckiger Marktplatz, von niedrigen Häusern umgeben. Wenige Menschen auf den Straßen, die neugierig und scheu auf die Prussiens blickten. Hier hatte sich achtzig Jahre DIE PRIMEURS 189 früher das Schicksal des gutmütigsten und unglücklichsten aller Könige, des Enkels und Nachfolgers von Hugo Capet, von Ludwig dem Heiligen und Heinrich IV., von Ludwig XIV., dem Grand Roi, erfüllt, das Schicksal seiner schönen und stolzen Gemahlin, der Kaisertochter Marie Antoinette, das Schicksal des armen kleinen Dauphin, der später in dem Zarewitsch Alexej Nikolajewitsch, in dem kaiserlichen Prinzen Louis Napoleon und dem Erzherzog Rudolf Leidensgenossen finden sollte, die mit ihm bezeugen können, daß im Purpur geboren zu sein noch nicht die Anwartschaft auf ein glückliches Lebenslos bedeutet. Am 15. November meldete ich sehr beglückt meinen Eltern: „Gestern hat mich der Herr Oberst zum Gefreiten gemacht. Damit ist so weit Beförderung entschieden, daß ich übertrete, da ich es als Freiwilliger erst im neunten zum Gefreiten Monat geworden wäre. Auch so ist es sehr früh, da eigentlich nur die Dienstzeit als Avantageur gerechnet wird. Ritte, schickt mir recht bald den Erlaubnisschein!" Die Reförderung zum Gefreiten war mein erstes Avancement. Dieser bescheidene Sprung machte mir viel Spaß. Meine Freundin, Missy Durnow, die geistreiche Tochter der Oberhofmeisterin der Kaiserin Maria Feodorowna, der Fürstin Helene Kotschubey, pflegte zu sagen: „Les petits pois qui ne vous disent rien dans la saison des legumes, vous enchantent comme primeurs." Das gilt überall. Ich war sehr vergnügt, als ich mir den Gefreiten-Knopf annähte. Am 17. November schrieb ich aus Betheny bei Reims: „Gestern marschierten wir hierher. Wir liegen ganz nah bei Reims. Die Stadt nimmt sich In der von hier sehr malerisch aus, vor allem die Kathedrale." Die schöne Ge- Kathedrale schichte des zweiten französischen Kaiserreichs von Pierre de la Gorce von lieims endigt mit der Resetzung von Reims, der alten französischen Krönungsstadt, durch die Deutschen. Gorce schließt mit den Worten: „Le soir les soldats allemands se repandirent dans la nef, et on les vit, les uns en curieux, les autres en devots, passer et repasser devant l'autel, oü Jeanne d'Arc avait deploye son etendard, oü les rois de France avaient ete sacres." Unter diesen Resuchern der Kathedrale von Reims befand sich auch der Gefreite von Bülow, der das herrliche Bauwerk nicht nur en curieux, sondern en devot besuchte, voll Ehrfurcht für die zum Himmel strebende Kraft und Reinheit des Glaubens, der im Mittelalter dieses herrliche Gotteshaus schuf. Nach viertägigem, mühsamem Marsch durch einen Landstrich, wo erhöhte Sicherheitsmaßregeln eintreten mußten, denn die Bevölkerung zeigte sich in der Erwartung auf ein baldiges Vorrücken der französischen Nordarmee unruhiger und störrischer als bisher, so daß wir in allen größeren Ortschaften die vorhandenen Waffen abnahmen und vernichteten, erreichten wir Compiegne. Wenn Reims wie keine andere französische Stadt die CompUgne längst versunkene Größe des alten königlichen Frankreich verkörpert, so 190 IM SCHLOSS DES DRITTEN NAPOLEON erinnerte uns Compiegne an den damals kaum entschwundenen Glanz des zweiten Kaiserreichs. Im Schloß von Compiegne lagen die Generäle von Manteuffel und von Goeben. Sie hatten den Wunsch ausgesprochen, daß allen Soldaten des VIII. Armeekorps die Gelegenheit geboten werden möge, das Schloß zu besuchen. Auch den Wald von Compiegne habe ich mit dem für mich stets kameradscbaftlich und freundlich gesinnten Max Schlichting durchstreift. Wir ahnten nicht, daß in diesem sich meilenweit erstreckenden Walde achtundvierzig Jahre später vor den siegreichen französischen Marschall Foch als Vertreter des deutschen Volkes Matthias Erzberger treten würde. XIV. KAPITEL Armeebefehl des Generals von Goeben vom 27. XI. 1870 • Briefe ans dem Felde Dezembertage 1870 ■ Ronen • Alarm-Quartier in Camon • Die Schlacht an der Hallue (23. XII. 1870) • Weihnachten in Altonville « Von Compiegne ging der Marsch weiter bis Rouen. Vor Amiens kam es am 27. November zu einer Schlacht, die zu unserem Schmerz ähnlich Die Schlacht wie während des Sommers die Schlachten vor Metz unserem Regiment bei Amiens keine Gelegenheit zum Attackieren bot. Auch der Schlachtentag von Amiens zeigte uns, daß es im Deutsch-Französischen Krieg oft das Schicksal der Divisionskavallerie war, nur dem großen Ganzen zu nützen, ohne daß es dem Regiment oder auch nur einer der Scbwadronen vergönnt gewesen wäre, einen größeren selbständigen Erfolg zu erzielen. Die vier Schwadronen umspannten einen Raum von anderthalb Meilen, und von jeder waren den ganzen Tag so viele Ordonnanzen und Patrouillen in Tätigkeit, daß der Kommandeur nur einen kleinen Teil seiner Leute in der Hand behielt. Speziell unsere erste Schwadron war ganz in Patrouillen aufgelöst, kaum ein Zug blieb geschlossen. Der Oberst von Loe sah sich daher zu seinem Leidwesen gezwungen, von vornherein auf ein selbständiges Vorgehen zu verzichten. Er hatte aber den Trost, und wir mit ihm, daß die zuverlässigen und klaren Meldungen der Husaren wesentheh zum Erfolge des Ganzen beitrugen. Das hat insbesondere der General von Goeben wiederholt anerkannt. Im August 1871 sagte der große Feldherr zu dem Major Prinz Heinrich XIII. Reuß, der sich als neuernannter Kommandeur des Königshusaren-Regiments bei ihm meldete, nachdem er sich sehr lobend über die Leistungen des Regiments ausgesprochen hatte: Namentlich die zuverlässigen, fast immer richtigen Meldungen des Regiments über Stellung und Stärke des Feindes hätten ihm sehr gute Dienste geleistet. Er habe zu ihnen schbeßlich ein solches Vertrauen gehabt, daß es ihm genügte, zu wissen, die Meldung sei vom Königshusaren-Regiment, um sie seinen Operationen zugrunde zu legen. Mit berechtigtem Stolz verzeichnet das Regiment dieses Lob aus solchem Munde in den Blättern seiner Geschichte. Der Sieger in der Schlacht von Amiens, General von Goeben, erließ in der Nacht vom 27. zum 28. November, kurz vor Mitternacht, den nach- 192 IN FRONT GEGEN WESTEN stehenden Armeebefehl: „In der heutigen siegreichen Schlacht vor Amiens ist die im Vorrücken begriffene feindliche Armee auf Amiens zurückgeworfen worden. Ich spreche der Armee meinen Dank aus und werde Seiner Majestät dem Könige von der wiederum an den Tag gelegten Tapferkeit Meldung erstatten." Von einer Verfolgung des geschlagenen Feindes, die alle erwarteten, nahm der Oberbefehlshaber Abstand. Rouen war das Marschziel, das der Ersten Armee bei ihrem Aufbruch von der Oise durch unsern großen Schlachtendenker Moltke vorgezeichnet worden war. So ging es weiter auf die Hauptstadt der Normandie. Am 1. Dezember setzte sich unsere Armee in breiter Front gegen Westen Bei Soissons in Marsch. Der erste Frost war eingetreten. Die Straßen waren hartgefroren. In den nächsten Tagen steigerte sich die Kälte. Am 16. November hatte ich an meine guten Eltern geschrieben: „Angstigt Euch, bitte, nicht um mich. Es geht mir ausgezeichnet. Ich fühle mich sehr wohl, und finden meine Bekannten, daß ich wohler als in Bonn aussehe. Ich habe besten Mut. Und wenn es nicht Euretwegen wäre, könnte der Krieg meinetwegen noch recht lange dauern." Zwei Tage später hatte ich aus Paslys bei Soissons geschrieben: „Unberufen geht es mir sehr gut. Ich fühle mich ganz wohl, und vor allem bin ich überzeugt, daß ich, wie wir alle, in Gottes Hand stehe. Was Er will, wird sich erfüllen, mögen wir nun dies oder das wünschen. Was Ruhr usw. betrifft, braucht Ihr Euch wirklich nicht zu ängstigen. In Metz war allerdings Gefahr. Von denen, die überhaupt keinen Dienst tun konnten, ganz abgesehen, waren gewiß drei Viertel des Regiments mehr oder weniger krank. Ich hatte auch einen kleinen Anfall, ähnlich wie im Oktober in Berlin, den ich aber mit drei scharfen Schnäpsen, hintereinander getrunken, glänzend coupierte. Ob wir in nächster Zeit vor den Feind kommen, wie wir das sehr wünschen, ist nicht gewiß. Unmöglich ist es nicht, da es, trotzdem die Leute glauben, wir würden von Compiegne nach Paris gehen, gewiß ist, daß wir auf Amiens gegen die französische Nordarmee unter Bourbaki marschieren. Daraus folgt aber nicht, daß wir gerade zum Attackieren kommen, obwohl ich freilich für mich allein es brennend wünsche. Auf jeden Fall bin ich in des lieben Gottes Hand." Am 25. November schrieb ich aus Faverolles bei Montdidier (Departement Marsch bis de la Somme): „Vorgestern war ich mit Herrn von Schhchting und Graf Auteuil Beißel, einem Rheinländer, den ich schon in Berlin kannte, in Compiegne. Wir hatten nämlich Ruhetag und freuten uns, aus Janville herauszukommen, das ein ganz armes Nest ist, wo Kühe und Hafer unter Geheul und Gejammer der ganzen Bevölkerung requiriert wurden. Compiegne ist eine hübsche Stadt, eine Art französisches Potsdam, welchen Vergleich wohl andere vor mir angestellt haben, da er auf der Hand hegt. Die Läden sind recht elegant, und ich vervollständigte meine Equipierung durch eine IN DER NORMANDIE 193 sehr schöne Decke, die wird hinten auf den Sattel geschnallt statt des Mantels, den "wir jetzt anhaben, ferner durch ein ganz kleines KöfFerchen, das mir der Quartiermeister unter der Hand mitnimmt, endlich durch verschiedene Viktualien, Strümpfe usw. Wir aßen sehr gut im Hotel de la Cloche und besahen darauf das Schloß mit Graf Sierstorpff von unserem Regiment, der bei General Manteuffel Ordonnanzoffizier ist und im Schloß sehr gut Bescheid wußte. Es ist ein schönes Gebäude, im Renaissance-Stil. Die Fassade nach der Stadt zu ist nicht so schön wie die nach dem Park, in dem die berühmten Jagden abgehalten wurden. Da hat man einen sehr schönen Blick auf den Wald, mit prächtigen Bäumen, freien Plätzen, die mit Statuen geschmückt sind, Fontänen und hübschen Teichen. Das Innere des Schlosses ist übrigens schöner als die Außenseite. Die großen Säle sind ganz prachtvoll. Überall schöne Gemälde und noch schönere Gobelins. Merkwürdig sind zwei Bilder im Entree-Salon. Sie stellen den Angriff der französischen Kürassiere bei Waterloo dar. Unübertrefflich erschien mir die Eleganz der Möbel, Tische, Stühle, Kamine usw. Man kann sich nichts Hübscheres denken. Alle Säle, Salons und Boudoirs waren mit preußischen Offizieren und Soldaten angefüllt, letztere z. T. mit großen Holzpfeifen und ohne Ausnahme in mit Nägeln beschlagenen Schuhen, von denen sich Kaiser und Kaiserin vor einem Jahr wohl so wenig etwas träumen ließen wie von Sedan und Wilhelmshöhe. Sic transit gloria mundi. Anbei einige Photographien des Schlosses, die ich mir für Euch beim Portier des Schlosses erstand. Gestern rückten wir aus Janville aus und marschierten nach Auteuil. Von da ward ich mit einer Meldung zum Rittmeister geschickt, der mich wieder an den Oberst sandte. Letzterer lag in Ressons, der Stab in Mery. Der Oberst, dem ich Papas Einwilligungsschein, für den ich noch sehr herzlich danke, gab, war sehr freundlich und gütig zu mir. Die Franzosen scheinen sich zurückzuziehen. Doch soll Bourbaki sich bei Amiens verschanzt haben. Man behauptet, Rußland habe England, Frankreich und der Türkei den Krieg erklärt. Wird wohl eine Ente sein. Gestern sahen wir einen Luftballon, auf den, leider umsonst, geschossen wurde." Am 4. Dezember schrieb ich aus Lemon bei Buchy (Seine inferieure): „Nur zwei Worte, da es schon spät ist und ich sehr müde. Gestern marschierten wir nach Fromerie, wo wir schön lagen und gut aßen im Hotel du Cygne, auch viele Empletten machten. Heute kam der Befehl, unser Zug solle wieder zur Schwadron stoßen. Ich erhielt ihn in einer kleinen Stadt, den Namen habe ich vergessen, wo ich beim Quartiermachen durchkam. Ich ritt gleich zurück im scharfen Trab und holte den Zug, der weit zurück bei der Kolonne war. Wir suchten dann die Eskadron, was viel Mühe kostete. Erst zur Division, dann zum Stabe, dann zur Eskadron, die uns hierher legte, alle in eine schlechte Scheune, doch haben Schlichting und 13 BUlow IV 194 MOBILGARDE ich einen Hahn gekapert, der schon brät. Heute waren wir acht, gestern vierzehn Stunden im Sattel, dabei stets in Bewegung. Ich fühle mich dabei sehr wohl. Wir sind fünf Meilen von Rouen, schon in der Normandie. Unser Regiment hat die Avantgarde. Die Franzosen kneifen aber immer. Tausend Grüße und beste Wünsche, liebste Eltern, an alle. Gott gebe uns ein recht fröhliches Wiedersehen. Euer treuer Sohn Bernhard." Am 4. Dezember überritt unsere Schwadron überraschend zwischen Buchy und Rouen auf steinhartgefrorenem, scholligem Ackerboden im Galopp einen größeren Haufen abziehender französischer Infanterie und zwang sie zur Waffenstreckung. Am 5. Dezember, einem herrlichen, kalten und klaren Wintertage, ging unser etatsmäßiger Stabsoffizier, Major Dincklage, im Regiment nicht beliebt, weil seine etwas steife hannöverische Art nicht zu dem rheinischen Naturell der Königshusaren paßte, aber ein tüchtiger Soldat, mit der L und 2. Eskadron zur Rekognoszierung gegen Rouen vor. Schon vor Rouen deuteten Barrikaden und frisch aufgeworfene, z. T. noch nicht vollendete Schanzen darauf hin, daß die Stadt erst seit ganz kurzer Zeit verlassen sein konnte und daß eine ernstliche Verteidigung beabsichtigt worden war. In einer der Schanzen fanden wir sechs Positionsgeschütze, die wir für das Regiment in Besitz nahmen. Wir griffen eine Anzahl Mobilgardisten auf. Einer von ihnen hatte die französische Liebenswürdigkeit, mir, während ich ihn am Kragen hielt, um ihm das Auskneifen unmöglich zu machen, Komplimente über mein gutes Französisch zu machen: „Monsieur parle le francais sans accent, je lui en fais mon compliment." Einer der gefangenen Mobilgardisten entlief uns an einer Straßenecke. Der ihn eskortierende Husar parierte ruhig sein Pferd, legte den Karabiner an und schoß ihn auf etwa dreißig Schritt nieder. In der Vorstadt Darnetal angelangt, Heß der Major Dincklage den Maire des Ortes kommen. Dieser erklärte, daß er für die Ruhe des anständigen Teiles der Bevölkerung einstehe. „Mon Colonel, les bons citoyens sont sages et tranquilles, ici comme partout. Mais je ne puis repondre de la canaille. II y a ici plusieurs fabriques et par consequent beaucoup d'ouvriers. Ceux-ci ont commis des exces apres le depart des troupes francaises. Iis sont bien capables d'en commettre encore si vous continuez votre marche." Major Dincklage setzte trotzdem mit seinen sechs Zügen seinen Marsch fort. Um ein Uhr rückten wir in Rouen ein. Um zwei Uhr hielten wir auf der Einzug in Place Napoleon, umringt von einer heulenden, gestikulierenden und Rouen schimpfenden Volksmenge, die aber nicht zu Tätlichkeiten überzugehen wagte. Der große Korse, dessen Reiterstatue auf diesem Platz steht, sah verächtlich und stolz auf die Massen herab. Als nach einer kleinen Stunde das 70. Regiment vor dem Rathaus aufmarschierte, verlief sich der Pöbel. Zwei Schwadronen Königshusaren hatten die Hauptstadt der Normandie DER ADLER 195 mit über hunderttausend Einwohnern, darunter zwanzigtausend brotlose Arbeiter, in Besitz genommen, die größte französische Stadt, die bis dahin von deutschen Truppen okkupiert worden war. Unsere Schwadron bezog die schöne neue Kavallerie-Kaserne, La bonne Nouvelle, in der Vorstadt Saint-Severe. Am Abend promenierte ich mit Kameraden auf den Quais längs der Seine. Heller Mondschein spiegelte sich im Fluß, und er spielte auf den Namenszügen der Königshusaren, als sie auf der großen Steinbrücke den Fluß überschritten. Diese Brücke war siebzig Jahre früher von dem Premier Consul Bonaparte eingeweiht worden. Er wurde damals an der Brücke von dem Prefet de la Seine Inferieure empfangen, dessen allzu sicheres Auftreten ihn reizte. Nachdem sie zusammen die Brücke überschritten hatten, suchte der künftige Kaiser den noch sehr jungen Präfekten durch eine Reihe eingehender und nicht leicht zu beantwortender Fragen über die Verhältnisse seines Amtsbezirkes in Verlegenheit zu setzen. Der Präfekt fand auf jede Frage eine rasche und gute Antwort. Endlich frug Bonaparte: „Et combien d'oiseaux ont passe aujourd'hui ce pont?" Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwiderte der Präfekt: „Un seul, Premier Consul, un aigle!" Dieser Präfekt hat unter dem ersten Kaiserreich eine gute Karriere gemacht. Rouen mit seinen Kirchen, der Kathedrale und der Kirche Saint-Ouen, herrliche Baudenkmäler reinster Gotik, mit seinen altertümlichen, engen General Straßen, mit der hier schon breit und mächtig strömenden Seine, mit den Manteuffd malerischen Höhenzügen am rechten Seineufer steht mir in freundlicher Erinnerung. Auch das Eckrestaurant am Quai, wo es wundervolle Seefische und frische Huitres de Marennes gab, wurde nach den Entbehrungen des langen und mühsamen Marsches von der Mosel bis zur Seine gern aufgesucht. Am Tage nach unserem Einmarsch in die Hauptstadt der Nor- mandie sah ich den Erzbischof von Rouen, Monseigneur de Bonnechose, der sich zu Fuß nach der Präfektur begab, wo der General von Man- teuffei abgestiegen war. Als der General frug, warum der Erzbischof nicht gefahren sei, antwortete dieser, daß bei ihm, wie bei vielen Bewohnern der Stadt, die Pferde requiriert worden seien, deshalb sei er per pedes apostolorum gekommen. Der chevalereske General Heß noch am selben Tage dem Erzbischof seine Pferde wieder zustellen. Eine Ritterlichkeit, an der, als sie mit Hilfe der halben Welt das deutsche Volk überwältigt hatten, die französischen Generäle Foch und Nollet, Degoutte und de Metz es nur allzusehr haben fehlen lassen. Ich habe mich bei dem General Manteuffel während des Winterfeldzuges 1870/71 ein- oder zweimal gemeldet, ihn auch wiederholt vorbei gehen und reiten sehen. Mein Eindruck war, daß er mit Bewußtsein den Feldherrn markierte, den Feldherrn, der es edel und nobel treibt. Ich habe schon 13' 196 DER PREUSSISCHE FRIEDLÄNDER erwähnt, daß die Wallenstein-Trilogie, Schillers unsterbliches dramatisches Gedicht, seine Lieblingslektüre war. Jedenfalls kopierte er den Friedländer gut, und alle, die unter ihm dienten und fochten, blickten auf ihn mit Vertrauen und Ehrerbietung als auf einen großen General und ungewöhnlichen Menschen. Er hat sich durch die 1857 bis 1865 von ihm als Chef des Militärkabinetts durchgeführte Verjüngung des Offizierkorps, später, von 1865 bis 1866, als Zivil- und Militär-Gouverneur von Schleswig, noch später, im Deutsch-Französischen Kriege, als Sieger von Colombey und Noisseville, als Oberbefehlshaber der Ersten Armee, vor allem als Führer der Südarmee und Besieger von Bourbaki unvergängliche Verdienste um die Armee, um Preußen und um Deutschland erworben. Als Oberbefehlshaber der Okkupationsarmee in Frankreich von 1871 bis 1873 behandelte Manteuffel die besiegten Franzosen mit einem Zartgefühl, das von der französischen Regierung und insbesondere von dem damaligen Präsidenten der Französischen Republik, Mr. Thiers, in gerührten Dankschreiben anerkannt wurde, an der französischen Grundstimmung uns gegenüber aber nicht viel änderte. Als Statthalter von Elsaß-Lothringen, von 1879 bis zu seinem 1885 erfolgten Tode, bewies der Feldmarschall, daß ein hervorragender General noch nicht ein guter Verwaltungsbeamter ist. Er hat dort durch Kokettieren mit den französisch gesinnten Elementen in den Reichslanden manches verdorben und jedenfalls weniger gut abgeschnitten als sein Vorgänger, Herr von Möller, und sein Nachfolger, Fürst Chlodwig Hohenlohe. Am 6. Dezember schrieb ich aus Moulinot bei Rouen: „Liebste Eltern, Zwei Tage Dienstag rückten wir in Rouen ein, anfangs rechnete man auf ein größeres in Rouen Gefecht, die Franzosen zogen sich aber zurück. Die Mobilgarde, die noch in den Dörfern war, ergab sich meist ohne ernstlichen Widerstand und, wie es mir schien, bisweilen mit Vergnügen. Ich ritt mit Graf Beißel eine Patrouille, um die Verbindung mit der 16. Division aufzusuchen, was uns auch gelang. Ich ritt dann allein zurück, um es dem Major zu melden, auf der Chaussee lagen viele französische Waffen, Käppis und Uniformen, die sie wegwarfen, um sich dann als Bauern in die Dörfer zu stehlen, ohne daß ihnen jemand beweisen kann, daß sie die Waffen getragen haben. Sogar eine Fahne lag im Chausseegraben, von der ich mir zum Andenken das Fahnentuch abriß. Als ich zur Schwadron kam, war sie gerade in Darnetal eingerückt, einer Vorstadt von Rouen. Wir waren die ersten Preußen, die in die Hauptstadt der Normandie einrückten, zum großen Ärger der 16. Division, die uns in Amiens zuvorgekommen war. Bald erschien General Goeben und Heß das 10., durch Kutschke berühmte Infanterie-Regiment sowie die Husaren an sich vorbeiziehen, mit klingendem Spiel und entfalteten Fahnen, was sich sehr hübsch machte und den Franzosen sehr imponierte. Die Haltung der Bevölkerung war neugierig und kriechend. Am BEIM CURE VON MOULINOT 197 Morgen war eine Revolte gewesen, bei der alle Fenster im Rathaus eingeschmissen worden waren. An den Straßenecken waren noch die Proklamationen zu lesen, nach denen sich Rouen eher unter seinen Trümmern begraben als sich ergeben wollte. Gegen Abend kamen wir in die Quartiere. Wir blieben Mittwoch und Donnerstag in der Stadt, die hochinteressant ist. An beiden Seiten der Seine läuft der Quai Napoleon mit schönen Läden, Cafes und Gasthöfen. Die übrigen Straßen der Stadt sind eng und schmutzig bis auf zwei prächtige Boulevards: De la Republique (früher de l'Empereur) und Du grand Pont, die vom Rathausplatz zum Fluß führen. Das Rathaus selbst ist groß, aber nicht bedeutend, sehr schön dagegen die Kirche Saint- Ouen, die dicht daneben hegt, im gotischen Stil mit drei Türmen, davor ein Monument Napoleons I., mehr groß als geschmackvoll. Auch die Kathedrale erschien mir eigentlich mehr merkwürdig als schön mit ihrem schornsteinartigen Turm. Herrlich dagegen ist das Palais de Justice, wie man mir sagt, das schönste in Frankreich. Im gotischen Stil, mit unzähligen Erkern, Türmchen und Fenstern. Merkwürdig ist auch der Platz, wo die Jungfrau von Orleans verbrannt wurde, mit ihrem Denkmal. Könnt Ihr Euch erinnern, mit welcher Begeisterung ich einst die , Jungfrau von Orleans' von Schiller las. Ich weinte vor Enthusiasmus bei der Szene, wo die Jungfrau, im Turm eingesperrt, den Gang der Schlacht verfolgt. Ich muß damals acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Leider hat mich der Rittmeister auf Brief- Relais geschickt. Diese Unannehmlichkeit verdanke ich besonders meinem Französisch, das bei solchen Gelegenheiten herhalten muß. Einen Versuch, ihn umzustimmen, nahm er sehr ungnädig auf, mit Poltern und Schimpfen. Ich sitze hier nun mit einem Unteroffizier und vier Mann in einem kleinen Nest, sechzig Kilometer von Rouen. Unsere Aufgabe ist, Briefe an die gegen Havre usw. rückenden Truppen zu befördern. Tragen sie ein Kreuz, so machen wir es im Schritt ab, wenn zwei Kreuze, im Trab, wenn drei Kreuze im Galopp (-|-, -|—|-, + + +)• Es reiten immer zwei zusammen: So komme ich leider um die Aussicht, Havre und Honfleur zu sehen! Ich habe mich hier mit dem Cure angefreundet, bei dem ich heute mittag Kaffee getrunken habe. Er zeigte mir die schöne, von der Reine Blanche erbaute Kirche, mit herrlicher Aussicht auf die Seine, die durch wundervolles Land fließt, viele Dörfer mit hübschen Kirchen, Schlösser, Villen, zum Teil am Wasser, zum Teil an den an beiden Seiten begrenzenden Hügeln. Der Cure und ich führten auch lange Religionsgespräche. Er ist ein milder, gutherziger Geistlicher." Am 19. Dezember schrieb ich aus Montdidier: „Liebe Eltern, wir sind von Rouen hierher zurückmarschiert und hatten meist sehr schlechte Quar- Rückmarsch tiere, doch geht es mir unberufen sehr gut. Wir passierten mehrere kleine nach Städte, wie Crevecceur, Breteuil und einige andere. Ruhetag hatten wir Monididier 198 DER MANGELHAFT UNTERRICHTETE AVANTAGEUR auch unterdessen, aber in einem niederträchtigen Nest, wo wir zwei Tage in einem Ziegenstall zu dreien auf Stroh lagen. Montdidier ist eine etwas größere Stadt. Die Bevölkerung ist seit einiger Zeit sehr aufsässig, da sie glaubt, wir wären auf dem Rückzug und unsere Armee vor Paris sei vernichtet. Es treiben sich in der Umgegend viele Franktireurs herum. Montdidier ist übrigens eine ganz nette kleine Stadt, mit zwei hübschen Kirchen. Amiens soll wieder von den Franzosen besetzt sein. Laßt Euch wenigstens Weihnachten nicht noch durch den Gedanken an mich betrüben, denn es geht mir Gott sei Dank sehr gut." Zur Erheiterung meiner melancholischen Eltern hatte ich meinem Briefe zwei in Moulinot gekaufte französische Pamphlete beigelegt: „Nous allons taper sur le Prussien" und „Je ne vou- drais pas etre dans la peau d'un Prussien". Am 20. Dezember schrieb ich aus Montdidier: „Liebe Eltern, Eure Zigarren-Briefe sind herrlich. Bitte, schickt mir bei Gelegenheit eine militärische Halsbinde. Das Wetter ist milde und schön. Wir hatten heute Ruhetag. Für die nächste Zeit ist nichts zu erwarten, da die Nordarmee unter Faidherbe Schwindel ist. Tausend Grüße an alle. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Mit diesem drei Tage vor der Schlacht an der Hallue geschriebenen Briefe lieferte der Avantageur von Bülow den Beweis, daß er über die militärische Gesamtlage nur mangelhaft orientiert war. Vielleicht wollte ich aber meine gar zu ängstlichen Eltern beruhigen. Am 21. Dezember schrieb ich aus Cayeux: „Gestern sollten wir eigentlich Die Franzosen Ruhetag haben. Ich war schon bestimmt, eine Patrouille nach Roi zu führen. an der Somme Morgens kam aber der Befehl zum Ausrücken, und der Zug des Leutnants Erffa, in dem ich jetzt reite, kam mit zwei Kompagnien Fünfundsechzigern hierher. Die Quartiere sind hier brillant, wir aßen und tranken nach Herzenslust. Im Dorf Hegt ein Schloß, das einem Marquis Doria gehört. Heute ritt ich zur Eskadron und von da zur Division und zur Brigade. Oberst von Bock, unser jetziger Brigadier, lud mich zum Frühstück ein und war sehr freundlich zu mir. Heute abend ist der Leutnant Erffa mit zwei Dritteln des Zuges nach dem zwei Kilometer entfernten Ayencourt gegangen, um den dortigen Zug des Leutnants Knesebeck zu verstärken. Wir sind hier im Alarmzustand, die arme Infanterie muß auf Feldwache biwakieren. Morgen wird es hoffentlich etwas geben. Die Franzosen haben die Somme-Über- gänge besetzt. Es heißt, sie sollen von allen Seiten umzingelt und dann abgefangen werden. Amiens ist übrigens von den Franzosen geräumt und wieder von uns besetzt. Tausend Grüße an alle, tausend Wünsche für Weihnachten und Neujahr. Zigarren-Briefe erfreuten mich außerordentlich. Bitte, schickt mir bei Gelegenheit eine militärische Halsbinde. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Der damalige Leutnant von Erffa war mir persönlich ein guter Kamerad, hat aber während meiner Kanzlerzeit als JULIE 199 konservativer Präsident des Abgeordnetenhauses meiner mehr auf Ausgleich als auf Verschärfung der deutschen Partei-Gegensätze gerichteten Politik manche Schwierigkeiten bereitet. Am 22. Dezember rückte die 1. Schwadron in Camon ein, einem sauberen Dorf an dem rechten Ufer der Somme, zwischen Amiens und Corbie. Ich wurde mit meinem Burschen in einem größeren Bauernhause untergebracht, dessen Besitzer offenbar beweisen wollte, daß Bismarck so unrecht nicht hatte, wenn er zu sagen pflegte, Reichtum habe ein Hasenherz. Jammernd erwartete er die preußische Einquartierung: „Gräce, Monsieur le Prussien, gräce pour moi, gräce pour ma pauvre femme." Schluchzend und heulend stimmte die Gattin ein. Ich suchtebeide zuberuhigen,indemich sie versicherte, ich hätte nicht die Gewohnheit, ein älteres Ehepaar zum Frühstück zu verspeisen. Ich wünschte gar nicht im Hause zu wohnen, wenn meine Gegenwart dort solches Entsetzen verbreite. Ich verlangte lediglich für meine beiden Pferde, mein eigenes und das meines Burschen, eine Unterkunft, die sich leicht in dem dicht beim Hause gelegenen Stall finden würde. Die einzige Verständige im ganzen Hause war ein junges Mädchen, anscheinend eine Verwandte des Hauses. Ohne den Kopf zu verHeren, setzte sie ihrer Familie auseinander, daß ich gar nicht so aussähe, als ob ich sie alle umbringen wollte. Ich dankte ihr für ihre wohlwollende Beurteilung meiner bescheidenen Person. Ich fügte hinzu, sie scheine mir der einzige Mann in der Familie zu sein. Der allmählich beruhigte Alte stimmte mir zu: ,,C'est bien vrai, Julie a le diable au corps." Julie führte mich in den Stall. Ich streckte mich auf meinem Strohlager aus und schlief, bis der Trompeter die Re- veüle blies. Der Morgen des 23. Dezember 1870 war angebrochen. Der Tag war klar und windstill mit acht Grad Kälte. Als ich aus dem Stall in die Sattel- Der 23. De- kammer trat, stand Julie dort. Ich bemerkte erst jetzt, daß sie schön war, zember 1870 groß und wohlgewachsen, mit Augen, aus denen Mut und Energie sprachen, mit vollem, rabenschwarzem, in einen Knoten geschlungenem Haar, mit roten Lippen und einem kräftigen Mund. Sie frug mich, ob es wahr wäre, daß eine Schlacht bevorstünde, wie das im Dorf erzählt würde. Ich erwiderte, das sei nicht ausgeschlossen. Sie meinte: „Pour sür, vous allez vous faire tuer, car je suppose que vous serez aussi brave que vous etes bon et genereux." Ich glaube, daß das Ungewöhnliche der Lage, die bevorstehende Schlacht mit ihren Wechselfällen und Gefahren, die Stille des frühen Morgens uns zwei junge Menschenkinder, den Sohn und die Tochter zweier einander feindlicher Völker, wie in einen Taumel versetzt hatte. Psychologisch war das, wie ich rückschauend feststelle, wohl begreiflich. Unsere Nerven waren aufgepeitscht. Wir waren unserer Sinne nicht mehr mächtig. Ich zog das schöne Weib an mich. Unsere Lippen suchten und fanden sich. Wir ver- 200 ATTACKE gaßen Zeit und Raum, die ja auch nach Immanuel Kant nur Anschauungsformen sind, und wir umarmten uns in leidenschaftlicher Wallung. Der Trompeter blies zum Appell. Er hatte schon zum zweitenmal geblasen, als ich mich endlich losriß. Ich schwang mich auf mein Pferd, das mein Bursche vor dem Hause am Zügel hielt. Ich traf noch gerade zur rechten Zeit bei der Schwadron ein, aus deren Die Schlacht drei Zügen ein Flankenzug gebildet wurde, zu dem ich als Flügelunterare der Hallue offizier kam. Der Leutnant von Knesebeck, der vor dem Zuge ritt, winkte beginnt m j c k nera n und flüsterte mir zu: „Ich glaube, wir kommen zur Attacke. Hinter der Mulde, durch die wir reiten, soll französische Infanterie hegen." Wenige Minuten später erblickten wir fünfzig bis sechzig französische Tiraüleure vor uns. Knesebeck hob den Säbel und kommandierte: „Zur Attacke! Marsch! Marsch!" Wir zwanzig Königshusaren schwenkten unsere Säbel und schrien: „Hurra!" Ein breiter, tiefer Graben, der zwischen uns und den Franzosen lag, wurde von meiner hellbraunen Stute, der Grete, fliegend genommen. Sie war würdig, den Namen des heben Mädchens zu tragen, dem zu Ehren ich sie Grete genannt hatte. Ich drückte ihr noch einmal beide Sporen in die Weichen, und als erster landete ich unter den Feinden. Einen Franzosen, der auf mich anlegte, ritt ich über und über. Während ich ihm nachsah, der klagend und sich das Kreuz reibend, in der Richtung des Waldes davonhumpelte, fühlte, erblickte ich auf der anderen Seite in unmittelbarer Nähe die Spitze eines Bajonettes. Ich sah in ein zorniges, in ein in hohem Grade erbostes und tückisches Antlitz. Ich bin heute weit davon entfernt, dem Träger des mich bedrohenden Bajonettes sein Mienenspiel übelzunehmen. Sein Gesichtsausdruck entsprach der Situation. Mir wird es andererseits kein Vernünftiger verargen, wenn ich mit voller Wucht, mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, meinem Gegner über den Schädel hieb. Er schwankte und wankte, taumelte, brach zusammen, röchelnd, tot. Nachdem ich noch einen langen Blick auf den Leichnam des von mir erschlagenen Feindes geworfen hatte, sah ich mich nach meinen Kameraden um. Auch sie waren inzwischen wacker an der Arbeit gewesen. Der Sergeant Zerbe, ein Westpreuße, hatte sich einen feindlichen Sergeanten aufs Korn genommen und ihn fast erreicht, als dieser feuerte, vorbeischoß, aber sehr gewandt in Bajonettauslage überging, um den Gegner auflaufen zu lassen. Der preußische Sergeant parierte ruhig sein Pferd, unmittelbar vorm Feind, zog sein Pistol und erschoß den Franzosen. Der Husar Röber, ein kölnischer Junge, war in eine fatale Lage geraten. Er hatte einen Franzosen umreiten wollen, der aber hatte ihm sein Haubajonett so fest durch den Säbelkorb gestoßen, daß er es nicht mehr zurückziehen konnte. Der fixe Körner warf seinen Säbel und damit das Gewehr des Gegners zur Erde, ZUM SAMMELN GEBLASEN 201 im Granatfeuer nahm den geladenen Karabiner auf und schoß den Franzosen nieder. Am schönsten von uns allen benahm sich der Trompeter Rusbild, der uns nicht lange vorher die Reveille und den Appell geblasen hatte. Er erblickte einen Kameraden, der hilflos unter seinem gestürzten Pferde lag, hielt trotz heftigem Feuer bei ihm aus und half ihm auf. Der Rittmeister Niesewand, der inzwischen mit den zwei anderen Zügen der Schwadron eingetroffen war, ließ zum Sammeln blasen. Als die Schwadron wieder rangiert war, kam auf seinem prächtigen Rappen der Oberst von Loe angesprengt. Wir nahmen Augen rechts. Er ließ das Gewehr aufnehmen. Mir nickte er freundlich zu, was mich sehr beglückte. Der Oberst von Loe lobte den Zug. Wir waren auch, nur zwanzig preußische Husaren, mit fünfzig französischen Schützen fertig geworden. Von uns war ein Mann schwer verwundet worden. Die fünf Leichtverwundeten blieben im Sattel. Dem Leutnant von Knesebeck war beim Beginn der Attacke sein Pferd erschossen worden. Inzwischen hatten die Franzosen die Höhen besetzt, von denen aus sie uns, zum Teil mit Artillerie, scharf beschossen. Wie das bei solchen Ge- Die legenheiten üblich ist, führten wir verschiedene Exerzitien aus, um dem Schwadron Feind keine Zielscheibe zu bieten. Doch schlugen einige Granaten in unserer Nähe ein. Unser wackerer Wachtmeister John, ein Ostpreuße, und acht andere Husaren unserer Schwadron wurden blessiert. Es war interessant, zu beobachten, wie eine Attacke an die Nerven weniger Anforderungen 6tellt als ruhiges Abwarten im feindlichen Feuer. Anfangs duckte bald dieser, bald jener Husar den Kopf, wenn eine Kugel vorbeiflog oder eine Granate in der Nähe platzte. Aber der Oberst war nicht gewillt, das zu dulden. „Ich verbitte mir", rief er der Eskadron zu, „diese Verbeugungen vor dem Feinde. Wenn wieder einer den Franzosen seine Reverenz bezeigt, sollt ihr anderen ihn tüchtig auslachen." Seitdem bückte sich keiner mehr. Die Schwadron wurde bald nachher vom Kommandeur in eine geschützte Lage geführt, um sie nicht unnützen Verlusten auszusetzen. Ich selbst wurde als Vedette auf eine Anhöhe postiert, von wo ich den Artilleriekampf gut beobachten konnte. Die Franzosen, Marine-Artillerie, schössen recht gut. Unsere Batterie, die unter ihrem Feuer lag, hatte sehr zu leiden. Einem Kanonier riß ein Granatsplitter den Leib auf. Die Krankenträger schleppten ihn fort. Er starb unterwegs. Sie warfen einen Woilach, eine schmutzige Pferdedecke, über ihn, von einem krepierten französischen Pferd, das in der Nähe lag. Das war freilich kein schöner Anblick. Der Erste Jäger in Wallensteins Lager hat recht, wenn er dem Bürgersmann sagt, der Krieg erfordere ein eisern Herz. Inzwischen war das Dorf Daours mehr und mehr zum Mittelpunkt der Schlacht geworden. Der massiv gebaute Ort, den ich später während des 202 DAS SCHLACHTFELD Waffenstillstandes von Amiens aus wiederholt besucht habe, hegt ein- Der Kampf gezwängt zwischen dem Sommekanal, der ihn im Osten und Süden, und der um Daours Hallue, die ihn im Westen durchfließt. Gegen Norden schließen bedeutende Höhen mit steil abfallenden Rändern die kaum für ein Dorf Platz bietende Talniederung ein. Oberst von Loe, der von General Goeben mit der Leitung der Schlacht in diesem Abschnitt betraut worden war, erkannte, daß die Wegnahme von Daours unter allen Umständen geboten wäre, was aber nur mit Hilfe der Infanterie möglich war. Da erschien unsere „Couleur", das 8. Rheinische Jäger-Bataillon. Bei einem der ersten Rendezvous nach dem Ausmarsch aus Bonn, vor Böckingen, waren Husaren und Jäger sich begegnet. In kurzer Ansprache hatte Oberst von Loe' an die Waffenbrüderschaft der beiden Truppenteile von 1866 erinnert und mit den Worten geschlossen: „Wenn wir Königshusaren die Achten Jäger hinter uns wissen, ist uns nichts unmöglich." Major von Oppeln-Bronikowski hatte geantwortet: „Gehen Sie voraus, wir folgen, wohin es auch sei." Das sollte jetzt in Erfüllung gehen. Major von Bronikowski erklärte sich mit Freuden zum Sturm auf Daours bereit. Gefolgt von vier Kompagnien „Dreiunddreißig" und zwei Kompagnien „Fünfundsechzig" gingen die Jäger zum Angriff gegen Daours vor, das von dreitausend französischen Husaren, Marine und Linientruppen erbittert und zäh verteidigt wurde. Während die 1. Eskadron, zu der ich wieder gestoßen war, nach wie vor in ziemlich heftigem Feuer einen günstigen Moment zum Vorgehen erwartete, war die Dämmerung eingebrochen. Die Lage auf der Schlachtlinie war folgendermaßen: Die 15. Division hatte die Franzosen aus allen Hallue- Dörfern zurückgeworfen. Zum Angriff auf die mit starker Artillerie besetzten Höhen mußte die Einwirkung der 16. Division abgewartet werden, deren Kräfte aber zu einer Umgehung nicht ausreichten. Es kam also für heute nur darauf an, die eroberten Abschnitte fest in der Hand zu behalten. Das gelang. Wiederholte und mit starken Kräften unternommene französische Vorstöße wurden von Oberst Loe mit den Jägern, den Dreiunddreißigern und den Fünfundsechzigern abgeschlagen. Daours blieb in unserer Hand. Die Nacht war schon hereingebrochen, als die 1. Eskadron den Befehl Nachtquartier erhielt, Nachtquartier in Querrieux zu beziehen. Wir marschierten langsam in Querrieux ^ (j er Richtung des brennenden Querrieux. Die Pferde waren müde, wir waren müde. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich im Sattel schlief. Querrieux brannte an fünf Stellen. Fast alle Einwohner waren geflohen. In den Häusern waren die Fenster und Türen demoliert. Da es bitterkalt war und da die Kälte, je später es wurde, um so mehr zunahm, SCHLAF IM ZIEGENSTALL 203 wärmten sich die Husaren an der Brandstätte. Zu meiner Freude fand ich Hafer für meine brave Grete, auch eine halbe Flasche Wein für mich. Ich leerte sie auf einen Zug, dann warf ich mich in einem verlassenen Ziegenstall auf die Erde. Wie in meinen Kindertagen betete ich: „Abends, wenn ik slapen gah, Viertein Engel bi mi stahn: Twei tau min Haupten, Twei tau min Feutten, Twei tau mine Rechten, Twei tau mine Linken, Twei, di mi taudecken, Twei, di mi upwecken, Twei, di mi wiest Int himmlisch Paradies, Un min Vadding un Mudding ok." Und dann verfiel ich nach diesem ereignisreichen Tag, während durch die Stille der Nacht in der Ferne die französischen Signale ertönten, immer leiser tönten und schließlich verstummten, in den tiefsten Schlaf, den ich je geschlafen habe. Bei einer Kälte von elf Grad stieg am 24. Dezember die Sonne an einem klaren und wolkenlosen Himmel empor. Ein eisiger Nordostwind blies uns Der 24. De- um die Nase. Die 1. Eskadron hielt schon am frühen Morgen in einer 'ember Terrainmulde westlich des Windmühlenberges bei Querrieux. Wir konnten konstatieren, daß die Franzosen ihre Stellungen vom gestrigen Nachmittag überall hielten. Zu offensiven Vorstößen rafften sie sich nicht mehr auf. Einige schwächliche Versuche in dieser Richtung wurden nach den ersten Schüssen unserer Vortruppen wieder aufgegeben. Das heftige Feuer der Franzosen aus Chassepots und Geschützen richtete bei uns keinen großen Schaden an. Die fortwährende Bewegung, die in den französischen Massen herrschte, schien uns ein Beweis, daß der Franzmann auf seinen Höhen, wo er in Ermangelung von Dörfern biwakiert haben mußte, noch mehr unter der Kälte litt als wir im Tal. Ich weiß nicht, wer geäußert hat, daß die Schadenfreude die einzige reine Freude sei. Die Überzeugung, daß die Franzosen noch mehr froren als wir, hob unsere Stimmung. Was uns vor allem befriedigte, war, daß, wenn wir dem in starker Stellung weit überlegenen Feind auch eine entscheidende Niederlage nicht beigebracht hatten, doch unser Hauptzweck, die Vertreibung des Feindes aus der unmittelbaren Nähe von Amiens, in der Schlacht an der Hallue erreicht worden war. Mit siebenunddreißig Offizieren und neunhundert Mann, die vor dem Feind geblieben waren, hatte das rheinische Armeekorps dieses Resultat erkauft. 204 WEIHNACHTSABEND Ich verbrachte den Weihnachtsabend in einem ärmlichen Dorf, das Altonville hieß, einem Nest, wo immerhin im Gegensatz zu den zerschossenen Dörfern an der Hallue die Häuser noch standen, wo wir in einem Keller einen größeren Weinvorrat entdeckten und Hühner requirierten, je einen Vogel für zwei Husaren. Im übrigen war unsere schönste Weihnachtsfreude der am Abend erlassene Befehl des Generals von Goeben, in dem unser Führer feststellte, daß die Schlacht vom 23. Dezember für die schwarz-weiße Fahne siegreich gewesen war. Ich dachte aber doch in Wehmut meiner guten Eltern, die in Berlin vor dem Weihnachtsbaum standen ohne ihre einzige Tochter, die ihnen am Anfang dieses Jahres entrissen worden war, ohne ihre beiden ältesten Söhne. Der Morgen des 25. Dezember brach an mit noch stärkerer Kälte und 25. Dezember mit demselben eisigen Nordostwind. Mein im übrigen sehr ordentUcher Bursche, ein Ostpreuße namens Kühn, hatte meinen dicken Mantel im Marschquartier Bussy liegenlassen, so daß ich länger als eine Woche im dünnen Regenmantel reiten mußte. Meine Kameraden von der 1. Schwadron pflegten mir noch nach vielen Jahren scherzend zu sagen: wenn sie an meinen Regenmantel vom Dezember 1870 dächten, so fröre sie jetzt noch. Schon am vorhergegangenen Nachmittag hatte eine von Leutnant von Steinberg geführte Patrouille, in der ich ritt, festgestellt, daß die Höhe von Pont-Noyelles unbesetzt war. Erst bei dem Dorfe La Houssoye erhielten wir Feuer. In der Nacht eingegangene Meldungen Ueßen keinen Zweifel über den beginnenden Rückzug des Feindes. Die um zehn Uhr in Vormarsch Daours eingetroffene 30. Brigade erhielt den Befehl, nach Albert zu rücken, nach Albert un( J trat auf dem Unken Hallue-Ufer den Vormarsch über Pont-Noyelles an. Voran trabten die l.und die 2. Eskadron Königshusaren unter der Führung des Obersten. Unser Ritt führte uns über das Gefechtsfeld der Franzosen. Wir konnten uns von der sehr starken Position überzeugen, die der Feind innegehabt hatte. Von der Wirkung unserer braven Artillerie zeugte eine große Anzahl Toter. Zum erstenmal sah ich unmittelbar nach dem Kampf ein mit Leichen bedecktes Schlachtfeld. Von einigen arg verstümmelten abgesehen, machten mir die Toten in keiner Weise einen häßlichen oder gar abschreckenden Eindruck. Auf den Gesichtern der Deutschen wie der Franzosen lag jener innere Friede, von dem Wallenstein spricht, als er die Kunde von dem Tode seines Lieblings, des Max Piccolomini, erhält: „Er ist der Glückliche! Er hat vollendet! Weg ist er über Wunsch und Furcht. Oh, ihm ist wohl!" Und aus manchem deutschen Antlitz sprach jene Seligkeit, die Faust denjenigen beneiden läßt, dem der Tod im Siegesglanz den blutigen Lorbeer um die Schläfe windet. Ich will aber nicht verschweigen, daß, während wir am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages über Leichen ritten, ich trotz meiner kriegerischen Begeisterung der Engel HUSARENSTREICH 205 gedachte, die nach des Heilands Geburt vor 1870 Jahren Gott lobten und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Um vier Uhr rückten wir in Albert ein. Wir machten dort eine Anzahl Gefangene, darunter zwei berittene Dragoner. In der Umgegend von Albert machten wir Eisenbahn und Telegraph unbrauchbar. In diesen Tagen vollführte der Leutnant von Schräder einen echten Husarenstreich, Karl von den er selbst wie folgt schilderte: „Am 25. Dezember früh erhielt ich vom Schräder Oberst Loe den Auftrag, mit meinem Zug (3. Eskadron) zur Aufklärung des feindlichen Abmarsches gegen Bray vorzugehen. Nachdem ich mehrfach vereinzelte Nachzügler angetroffen hatte, um die ich mich nicht weiter kümmern konnte, ich nahm ihnen nur ihre Waffen ab, bemerkte ich plötzlich auf eine Entfernung von etwa sechshundert Schritt in meiner linken Flanke eine stärkere Abteilung Franzosen, die in derselben Richtung wie ich marschierten. Da ich diese meinem nur neun Rotten starken Zuge offenbar überlegene Abteilung nicht in meinem Rücken lassen konnte, ließ ich sofort aufmarschieren und attackieren. Zu spät bemerkte ich, daß die Franzosen am jenseitigen Ufer des fast zwanzig Schritt breiten, für uns natürlich unpassierbaren Somme-Kanals standen, welcher hier ziemlich bedeckt fließt und bei dem herrschenden Nebel erst auf etwa hundert Schritt sichtbar geworden war. An Halten oder Umkehren war nicht mehr zu denken, da hierdurch die Franzosen, aus ihrer augenscheinlichen Bestürzung — es fielen höchstens fünf bis sechs Schüsse auf uns — aufgeweckt, zu energischem Feuer ermutigt worden wären. Es blieb mir also nichts weiter übrig, als meiner alten ,Vigoureuse' die Sporen in die Flanken zu drücken. Und dicht an den Somme-Kanal heransprengend, rief ich der Abteilung mit Entschiedenheit zu: ,A bas les armes!' Als nun die Franzosen wirklich die Waffen senkten, konnte mir das natürlich nicht genügen, da ich besorgen mußte, daß, bevor meine durch den beeilten Ritt über Sturzacker etwas in Unordnung geratenen Husaren aufmarschieren und statt des Säbels den Karabiner aufnehmen würden, die Feinde zur Besinnung kommen und uns sämtlich über den Haufen schießen möchten. Ich forderte daher die Franzosen auf, ihre Waffen ins Wasser zu werfen, welchem Befehl sie alle ohne Ausnahme nachkamen. Sie ließen sich sodann herbei, uns eine Brücke über den Kanal zu zeigen und selbst herüberzukommen, so daß ich die aus fünfundzwanzig Maun bestehende Abteilung ohne weiteres durch eine Eskorte zum Regiment zurückschicken und mit dem Rest meines Zuges die mir befohlene Rekognoszierung fortsetzen konnte." Karl von Schräder, nur wenige Monate älter als ich, war mir schon während des Krieges durch seinen Schneid, seine Frische und seine unverwüstliche gute Laune ein sympathischer Kamerad. Heute, nach so vielen Jahren, steht sein Bild noch 206 DER FALL KOTZE deutlich vor mir, wie er, die Pelzmütze im Nacken, den Säbel in der Faust, auf seiner alten, aber noch immer flotten „Vigoureuse" vorbeigaloppiert. Als wir nach dem Kriege bei der 3. Schwadron zusammenstanden, traten wir uns noch näher. Wie oft sind wir im Frühjahr 1872 nebeneinander vor unseren Zügen geritten, ich vor dem 1., er vor dem 2. Zuge. Schräder ist einer der ersten gewesen, die mir eine größere Zukunft voraussagten. Schon in Bonn gab er nach jedem Liebesmahl mit seiner lauten Stimme der Überzeugung Ausdruck, daß ich Reichskanzler werden würde. Als ich viel später, damals Botschafter in Rom, im Jahre 1895 meinem alten Freund Schräder, der inzwischen Zeremonienmeister geworden war, in Berlin im Hause des sächsischen Gesandten, des Grafen Wilhelm Hohenthal, wieder begegnete, setzte er mich dadurch in Verlegenheit, daß er in Gegenwart des Staatssekretärs von Marschall der schönen Gräfin Lotka Hohenau, mit dem Finger auf mich weisend, in der ihm eigenen ungenierten Art mit erhobener Stimme zurief: „Sehen Sie sich Bernhard Bülow genau an, der ist in einigen Jahren Reichskanzler." Marschall, ein Mann von großen Fähig- keiten und noch größeren Ambitionen, der selbst Kanzler werden wollte, warf mir einen so pikierten und dabei mißtrauischen Blick zu, daß ich mich des Lächelns nicht erwehren konnte. Der forsche und lustige Schräder wurde 1896 von dem Kammerherrn von Kotze in einem Duell erschossen, das den Abschluß skandalöser Vorgänge in der Hofgesellschaft bildete, wie sie unter Wilhelm I. unmöglich gewesen wären, wie sie aber unter dem allzu raschen und dabei inkonsequenten Wilhelm II. schon in den Anfängen seiner Regierung Böses für die Zukunft ahnen ließen. Ich will ausdrücklich feststellen, daß das Verhalten des Freiherrn Karl von Schräder in dieser ganzen Angelegenheit tadellos gewesen ist. Sein Gegner Kotze hat sich gleichfalls korrekt benommen. Auch mit ihm, der gleichzeitig mit meinem Bruder Adolf bei den 2. Gardedragonern stand, war ich seit meiner ersten Jugend befreundet. Er war ein guter Kerl, der sich durch seine naive Vergötterung Wilhelms II. dessen besondere Gunst eine Zeitlang erworben hatte, was Seine Majestät aber nicht abhielt, den Unglücklichen, als ein gänzlich unbegründetes Gerücht ihn als den Verfasser anonymer Schmähbriefe bezeichnete, die das höfische Berlin in Aufregung versetzten, verhaften und einsperren zu lassen. XV. KAPITEL Patrouillenritte • Gefecht bei Sapignies am 2. I. 1871 • Leutnant Graf Max Pourtales Die Schlacht bei Bapaume (3. I. 1871) • General von Goeben • Patrouillcndienst vor Saint- Quentin Als Karl Schräder im Dezember 1870 sein Reiterstückchen bei Bray ausführte, war der Straßenknoten Bapaume in den Vordergrund der mili- Um tärischen Erwägungen getreten. Dieser wichtige vorgeschobene Posten sollte Bapaume so lange wie möglich behauptet werden, obwohl die der deutschen Heeresleitung für eine solche Aufgabe zur Verfügung stehenden Kräfte selbst für die Defensive recht gering waren. Die französische Offensive gegen Bapaume kam dem General von Goeben nicht unerwartet. Er konnte nicht umhin, ihr mit ernster Besorgnis entgegenzusehen. Er meldete am Silvestertage 1870 dem Oberkommando: „Ich verhehle mir nicht, daß ich, da zwei Infanterie-Brigaden bei Peronne nötig sind, nicht stark genug bleibe, mit Aussicht auf Erfolg einem feindlichen Vorgehen in größerem Maßstabe entgegentreten zu können. Nur 16 Bataillone sind in der Front disponibel." Da der Stand an Kombattanten bei den Bataillonen des VIII. Armeekorps durchschnittlich nicht über sechshundertfünfzig Mann hinausging, so ergab sich bei einer Schlacht im offenen Felde gegen Faidherbe eine Stärke an Infanterie von kaum zehntausend Mann. Und diese Zehntausend sollten einen weiten Raum schützen. Zwischen dem 27. Dezember und dem 2. Januar wurde der Dienst unseres Regiments sehr anstrengend. Im Dorfe Dury bei Douay zerschmetterte dem braven Unteroffizier Ruß die Kugel eines Franktireurs den Unterschenkel. Bei Mercatel auf der nach Arras führenden Landstraße wurde dem Gefreiten Euler sein Pferd erschossen, er selbst nach tapferer Gegenwehr gefangengenommen. Der Oberst von Loe sah sich veranlaßt — gewiß ein gutes Zeichen für den Geist seines Regimentes —, in einem Befehl an die Offiziere vor allzu kühnem Vorgehen der Patrouillen zu warnen. „Es ist", hieß es in diesem Befehl, „in den letzten Tagen bei den Patrouillen häufig vorgekommen, daß die Spitze der Husaren, in die Dörfer hineingeritten, dort aus nächster Nähe von versteckten feindlichen Infanterieabteilungen Feuer erhalten hat, wodurch tägliche Verluste an Leuten und 208 VOM PUTENBRATEN WEG Pferden entstanden sind. So sehr ich die Entschlossenheit unserer Leute anerkenne, welche trotz aller Erfahrungen rücksichtslos in die Dörfer hineinreiten, so gebietet doch die praktische Klugheit, daß wir, um unnötige Verluste zu vermeiden, dem feindlichen System die Spitze abzubrechen versuchen." Es hieß dann weiter, daß das Absuchen besetzter Dörfer bei gemischten Detachements Sache der Infanterie sei. Die Husaren hätten am besten durch Umreiten verdächtiger örtlichkeiten nur zu konstatieren, ob der Feind in dem Dorf stecke. Der Oberst von Loe hatte sich über die Findigkeit seiner rheinischen Husaren nicht getäuscht. Die Einzelverluste nahmen in den nächsten, besonders schwierigen Tagen ab. Und die Meldungen blieben zuverlässig und schnell. Am 2. Januar kam die Meldung von dem Anmarsch starker französischer Alarm Kolonnen. Ich saß gerade bei einem prächtigen Putenbraten, zu dem mich mein Leutnant eingeladen hatte. Dieser Leutnant, Graf Ernst Steinberg, war der letzte männliche Sproß einer alten niedersächsischen Familie. Er verband die guten Formen des Hannoveraners mit der fröhlichen Art des Rheinländers, die ihm während der vier Jahre, die er schon in Bonn verlebt hatte, sympathisch geworden war. Steinberg und ich wurden ein Jahrzehnt später Kollegen in Paris, er als Attache, ich als Sekretär der Botschaft. Ich habe selten einen liebenswürdigeren Mann gekannt. Während dieser beste aller Menschen sich mit mir die französische Pute, kräftig begossen mit gutem Landwein, schmecken ließ, wurden wir alarmiert. Oberst von Loe formierte aus einem Zug der 1. Eskadron, leider nicht aus dem Zuge, in dem ich ritt, und aus dem Vorpostenzuge der 2. Eskadron eine halbe Eskadron und befahl dem Leutnant Graf Pourtales, sie nach der Höhe östlich Sapignies zu führen und sich dort zur Verfügung der Artillerie zu halten. Als bald nachher unsere Artillerie durch vordringende französische Infanterie in arge Bedrängnis geriet, wandte sich der Abteilungskommandeur um Hilfe an die beiden Husarenzüge, die hinter einer Terrainfalte standen. Graf Pourtales zögerte keinen Augenblick. „Zur Attacke, marsch, marsch!" erscholl sein Kommando, und in Karriere warf sich die Schwadron auf den Feind, die Offiziere weit voraus, hinter ihnen mit Hurra die fünfzig Husaren. Was sie nicht niederritten, flüchtete in wilder Hast. Der Angriff überraschte derart den Feind, daß aus seinen Kolonnen an- Die Fran- fangs kein Schuß fiel. Graf Pourtales sammelte seine Husaren und führte zosen flüchten s j e i m Schritt zurück, begrüßt von dem freudigen „Lehmop!" der Artillerie, die sofort Front gemacht hatte und Lage um Lage in den Feind schickte. Die Kompagnie Achtundzwanziger ging wieder vor. Einen Moment noch standen die Franzosen, dann flüchteten sie zurück in voller Auflösung. Mit rascher Entschlossenheit nützte General von Kummer diesen Augenblick: „Das Ganze avancieren!" klang das Signal. Die Infanterie warf unter VERLORENE BRIEFE 209 Hurra mit dem Bajonett den Feind unter großen Verlusten auch aus Behagnies heraus. Zahlreiche Gefangene blieben zurück. Zwei Bataillone, zwölf Geschütze und fünfzig Königshusaren hatten den Angriff einer Division abgeschlagen. Graf Max Pourtales war aus dem Holz, aus dem Graf Max Napoleon I. seine Marschälle zu schnitzen hebte. Schlank und elastisch, mit Pourtalds keckem, aufgesetztem schwarzem Schnurrbart und kühnen Augen, immer ein Lächeln um den Mund, zog er auf der Poppelsdorfer Allee zu Bonn am Rhein wie in den Straßen von Amiens und Rouen die Blicke der Frauen und Mädchen auf sich. Sohn eines Neufchateller Vaters und einer Genfer Mutter, sprach er Deutsch mit französischem Akzent, aber sein Herz war durch und durch preußisch. Als unser Regiment im Februar 1871 nach Treport kam, führte Max Pourtales seine Schwadron, die 2. Schwadron, bis an das Meer, ritt mit den Husaren ins Wasser hinein und hielt dann eine kleine Ansprache an sie, die mit den Worten begann: „Usaren (er konnte das „H" nicht recht aussprechen), bis an die Meer abe ik euch geführt." Dieser herrliche Offizier, der von innerem Feuer glühte, dem Feuer der Ruhmbegierde und des Ehrgeizes, dem eine glänzende militärische Zukunft zu winken schien, wurde wenige Jahre nach dem Kriege von einem tückischen inneren Leiden befallen, das ihn zwang, den Dienst zu verlassen. Wer ihn gekannt hat, wird ihn nicht vergessen. Die Geschichte des Königshusaren-Regiments gedenkt mit Stolz des Tages von Sapignies und des Grafen Max Pourtales, der seitdem im Regiment der „Duc de Sapignies" hieß. Mein guter Vater hat meine Feldzugsbriefe sorgsam gesammelt. Als ich nach seinem Tode seinen Nachlaß ordnete, stellte es sich heraus, daß zwei für mich besonders interessante Briefe fehlten: ein Brief, der meine Ordonnanzritte im November eingehender schilderte, und mein Bericht über die Schlacht an der Hallue. Ich möchte annehmen, daß mein Vater diese Briefe entweder an meinen im Felde stehenden Bruder Adolf oder, was mir wahrscheinlicher ist, an den Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitz nach Herzog Georg St. Petersburg geschickt hat. Der Herzog Georg hatte sich 1851 mit der »<"» Großfürstin Katharina Michailowna von Rußland verheiratet und war Meyenburg gleichzeitig in russische Dienste getreten. Obwohl Legitimist vom reinsten Wasser und als solcher ein Gegner der Bismarckschen Politik von 1866, stand er, der Neffe der Königin Luise, im Deutsch-Französischen Kriege auf deutscher Seite. Was ihm mein seit langem mit ihm befreundeter Vater über seine Eindrücke schrieb, brachte er gern zur Kenntnis des Kaisers Alexander IL, der, Sohn einer preußischen Prinzessin und Enkel der Königin Luise, während des Deutsch-Französischen Krieges zu Deutschland, richtiger zu Preußen, neigte und den Schreiben von der preußischen Front interessierten und erfreuten. Dagegen hegen mir meine Briefe über 14 Bülow IV 210 DESTO BESSER FÜR UNS das Gefecht von Bapaume und die Schlacht von Saint-Quentin vor. Wenn ich sie wiedergebe, so brauche ich dabei kaum hervorzuheben, daß es sich nicht um Berichte eines Generalstäblers handelt, sondern um rasch hingeworfene Briefe eines jungen Husaren. Aus dem Marschquartier Cappy bei Peronne schrieb ich am 4. Januar 1871: „Liebste Eltern, bitte, verzeiht mir, wenn ich Euch seit dem Weih- Bapaume und nachtsfeiertage nur zweimal flüchtig geschrieben. Gestern und vorgestern Saint-Quentin hatte ich gar keine Gelegenheit, Briefe an Euch abzugeben. Hoffentlich geht es Euch so gut, wie ich von ganzem Herzen wünsche. Ich befinde mich sehr wohl und bin durch Gottes Gnade unversehrt aus dem gestrigen ziemlich heftigen Gefecht hervorgegangen. Am 25. früh rückten wir bei niederträchtiger Kälte aus und gingen ans jenseitige Ufer der Somme. Gegen Mittag wurde durch Patrouille in Erfahrung gebracht, daß die Franzosen ihre Stellung bei Pont-Noyelles verlassen hätten und sich zurückzögen. Warum ? Das scheint einigermaßen unklar, aber desto besser für uns. Wir wurden gegen Mittag alarmiert und rückten über das Gefechtsfeld nach Pont- Noyelles. Da lagen wieder die Höhen vor uns, die am 23. das 33. Ostpreußische Regiment mit aufgepflanztem Bajonett und fabelhafter Bravour erstürmt hatte, aber gegen Abend wieder hatte aufgeben müssen. Es lagen noch viele Leichen auf dem Abhang und in einem Hohlweg, der hinaufführte, z. T. schon ganz erfroren, meist ganz friedlich. Etwa eine Stunde hinter Pont-Noyelles kamen wir in leidliche Quartiere. Den nächsten Tag rückten wir über Albert und Bapaume, zwei kleine Städte, bis Fremicourt. Hier hatten wir drei Ruhetage, die den Pferden sehr nottaten. Am dritten ritt ich eine Requisitions-Patrouille bei sehr scharfer Kälte. Ich kam bis Montagne-Notre-Dame, nur drei Kilometer von Cam- brai, wo ich feststellte, daß diese Stadt noch stark von Franzosen besetzt war. Am Silvestertag rückte ich mit Herrn von Steinbergs Zug nach Beugny, eine halbe Stunde von Fremicourt, wo wir in ganz famose Quartiere kamen. Es lagen da noch zwei sehr nette Infanteristen vom 33. Regiment, ein Leutnant und ein Fähnrich. Der Leutnant, ein baumlanger Mensch, hieß Freudenfeld oder ähnlich, den Namen des Fähnrichs habe ich vergessen. Der Leutnant sorgte in rührender Weise für seinen kleinen Kameraden. Wir aßen Ente, Dindons und andere schöne Sachen, wozu wir requirierten Champagner tranken. Am Zweiten mittags wurden wir plötzlich alarmiert, rückten über Fremicourt, das schon von der Schwadron verlassen war, nach Bapaume und von da weiter auf der Chaussee nach Arras. Etwa eine Stunde hinter der Stadt standen unsere Batterien, die sich mit den feindlichen beschossen. Nach einigem Hinundherrücken in übrigens ziemlich unbedeutendem Infanteriefeuer traf unser Zug die 3. Schwadron, die in der Nähe hielt und der wir uns anschlössen. Man glaubte gegen Abend, DER FEIND NAHT 211 der Feind wolle uns umgehen, und ich wurde mit einer Patrouille vorgeschickt. Es war aber nichts vom Feinde zu sehen. Gegen neun Uhr kamen wir in Bapaume in leidliche Quartiere und trafen dort die Schwadron. Am Dritten rückten wir um sechs Uhr früh aus, es war noch ganz dunkel, und machten Rendezvous. Es wurden zwei Züge zum Rekognoszieren vorgeschickt, und nach einer Viertelstunde kamen die betreffenden Offiziere mit der Meldung zurück, daß der Feind in zwei sehr starken Kolonnen nahe. Darauf gingen wir links von der Chaussee mit einer Batterie und zwei Bataillonen Dreiunddreißigern ihm entgegen, kamen bald in sehr scharfes Granatenfeuer und zogen uns in eine Mulde parallel der Chaussee. Wir konnten von da aus das Gefecht so genau beobachten wie weder am 27. November noch am 23. Dezember. Das Dorf links der Chaussee nach Arras war in der Nacht von den Franzosen besetzt worden. Sie hatten dort eine Batterie gerichtet, die ausgezeichnet bedient wurde. Und bald gingen uns die Granaten über die Köpfe weg, aber so hoch, daß sie nicht den geringsten Schaden taten. Unterdes ging das links von Bapaume postierte Bataillon Dreiunddreißiger unter lautem Hurra gegen Sapignies vor, und das Gefecht ging los. Ihren Sapignies Leuten weit voraus liefen der lange Leutnant und der kleine Fähnrich, mit denen ich in Beugny im Quartier gelegen hatte. Fast in derselben Minute fielen sie beide, wie Ähren unter der Sense des Schnitters. Alle beide gleich tot. Auch wir gerieten ziemlich stark in Feuer, da die französischen Kugeln merkwürdig weit tragen, doch wurden nur einige Pferde angeschossen. Ich ritt als Flügel-Unteroffizier des 1. Zuges. Dem Quartiermeister, der hinter mir hielt, ging eine Kugel durchs Kochgeschirr. Unterdessen hatten die Dreiunddreißiger das Dorf zwar erobert, mußten aber nach einer Viertelstunde der vier- bis fünffachen Übermacht weichen. Das Gewehrfeuer wurde immer stärker. Wir ritten auf die Höhe, um zu sehen, was los wäre. Wir sahen leider, wie die Dreiunddreißiger erst einzeln, dann immer mehr und mehr zurückgehen mußten. Voran kamen die Gesunden, die sich noch oft umdrehten, um zu schießen, dann die leicht und einige schwer Verwundeten, die mühsam hinterherkrochen. Die Offiziere versuchten, die Leute zum Stehen zu bringen, aber umsonst, die feindliche Übermacht war gar zu groß, namentlich seitdem die Franzosen ihre Batterie gerückt und ein sehr heftiges Granatfeuer begonnen hatten. Auch die zwei links von der Mulde postierten Batterien mußten zurückgehen. Wir waren dann kaum auf der Höhe, als wir in ein sehr heftiges Gewehrfeuer kamen, auch die Batterien es ganz besonders auf uns Husaren absahen. Es war keine Möglichkeit, gegen die Batterien und die vier Bataillone Infanterie zu attackieren. Unsere Eskadron war allein. So ließ denn der Rittmeister in Zügen rechts schwenken, 14« 212 KOPF HOCH!" und wir passierten im Trabe den Sturzacker, um auf der Chaussee Aufstellung zu nehmen. Es waren schon mehrere Granaten kurz vor und kurz hinter uns eingeschlagen, als zwei mitten in dem Zug krepierten. Die eine schlug gerade vor uns ein, so dicht, daß mein Pferd in die Höhe ging und ich ganz mit Erde und Schnee beworfen wurde. Dem vor mir reitenden Vizewachtmeister Oskar Becker, einem Leipziger, ein netter Kerl, riß ein Splitter den Kopf weg, daß er mit der Pelzmütze wegflog, als wäre er abgeblasen. Ich wurde im Gesicht und auf dem Mantel mit Blut und Gehirn bespritzt. Im übrigen taten uns die Granaten nicht so viel Schaden, wie anzunehmen war. Es wurden mehr Pferde als Leute verwundet. Ich hob den Säbel und rief meinen Leuten zu: „Ruhe und Kopf hoch!" Das Sausen und Krepieren klang ziemlich unheimlich, und die Angst oder vielmehr ein gewisses Grauen saß den Leuten wohl in den Gliedern. Doch muß man ihnen lassen, daß kein Mann aus dem Glied drängte und daß sie im Zuge Abstand und Fühlung hielten wie beim Exerzieren. Wir passierten die Chaussee und stellten uns zwanzig Schritt hinter derselben neben einer Fabrik auf. Das Gefecht hatte auf unserem (linken) Flügel eine ungemütliche Wendung genommen. Unsere Batterie fuhr ins heftigste Feuer und beschoß von da die Franzosen. Das Bataillon Dreiunddreißiger, das zwei Drittel seiner Leute verloren hatte, sammelte sich und ging nochmals vor. Die Franzosen hatten nicht die Courage, Bapaume mit dem Bajonett zu nehmen, obwohl sie vier gegen einen waren, sondern begnügten sich damit, die Stadt sehr heftig zu beschießen. Unsere Granaten platzten auf der Chaussee, eine ganz in unserer Nähe, gerade auf einem Munitionswagen und riß Pferde und Menschen in Stücke. Eine andere fuhr in die Fabrik, neben der wir standen. Auch in den Kirchturm der Stadt ging eine, was sich schnurrig ausnahm. Unterdessen kam eine Meldung, die Leutnant von Knesebeck mit Auf dem unserem Zuge an den General von Goeben bringen sollte. Wir passierten Markt von Bapaume. Wir kamen an den Markt, auf dem die Granaten einschlugen Bapaume vaj ^ L j n f 0 ig e( j essen g anz menschenleer war. Es war ein viereckiger Platz, von Platanen umgeben. Nur eine alte Frau war zu erblicken, die dort Unkraut ausjätete und Unrat wegfegte. Ich sagte ihr beim Vorbeireiten, sie möge einen Unterschlupf aufsuchen, sonst könnte sie von einer Granate getroffen werden. Sie antwortete mir ganz apathisch: ,Mon bon Monsieur, je suis vieille et pauvre, la mort ne m'effraie pas. J'aime aussi bien continuer mon petit travail, auquel je suis habituee.' Ein sehr ruppiger Hund, der bei ihr war, blieb, auch trotz des Granatfeuers. Das waren doch zwei Philosophen. Knesebeck und ich ritten bis zu einem Dorf, etwa vier Kilometer von Bapaume, wo der General war. Knesebeck nahm mich mit NIESEWAND LOBT 213 zu ihm in sein Zimmer. Er lag im Bett. Er hatte einen heftigen Dysenterieanfall gehabt und sah noch blaß aus. Als Knesebeck mich ihm vorstellte, reichte er mir die Hand und sagte mir, daß er in Hannover — er ist von Geburt Hannoveraner — verschiedene Namensvettern von mir gekannt hätte. Er fügte hinzu: ,Es waren tüchtige Leute.' Er war ganz ruhig, schien die Sache aber ernst anzusehen. In seinem Vorzimmer, wo Ordonnanzen warteten, hieß es, daß uns die Franzosen den Rückzug auf Amiens abgeschnitten hätten. Einige hielten die Schlacht für verloren, falls uns die 16. Division nicht zu Hilfe käme. Als wir zur Schwadron zurückkamen, die inzwischen rechts der Chaussee nach Peronne zu, vor der Stadt neben unserer Batterie postiert worden war, stand das Gefecht schon günstiger. Auf dem rechten Flügel hatten Achte Jäger und ein Bataillon Dreiunddreißiger die Franzosen zurückgedrängt und zwei Dörfer genommen. Bapaume wurde noch immer gehalten, von zwei Batterien und dem zurückgeschlagenen Bataillon Dreiunddreißiger, das übrigens das Dorf nur hatte aufgeben müssen, weil es alle Patronen verschossen hatte. Um zwei Uhr erschien, von den kämpfenden Truppen mit lautem Hurra begrüßt, General von Goeben auf dem Schlachtfeld. Alle dachten, nun General kann es nicht mehr schiefgehen. Er setzte sogleich die Achten Jäger und v - Goeben die famosen Dreiunddreißiger zum Sturm auf Tilloy an. Um der Infanterie zu helfen, feuerte unsere Artillerie, bei der wir als Bedeckung standen, wie verrückt. Um fünf Uhr wurde Tilloy genommen. ,Hurra! Hurra!' scholl es über das Schlachtfeld. Etwas Schöneres als das preußische Hurra auf dem Schlachtfeld gibt es auf der ganzen Welt nicht. Unterdessen war es Nacht geworden, unsere Batterien schössen noch in ein paar vom Feind besetzte Dörfer, die bald zu brennen anfingen, was sich sehr malerisch ausnahm. Das Resultat der Schlacht war schließlich ein ziemlich günstiges: Das Feld war gegen vierfache Übermacht behauptet und vor allem Bapaume nicht aufgegeben. Wir kamen nicht ins Biwak, sondern in ein kleines, ganz verlassenes Dorf. Zu essen hatten wir alle nichts als das bißchen Schokolade, das der eine oder der andere bei sich führte. Am Vierten früh rückten wir aus und gingen ans andere Ufer der Somme, nach Cappy, einem großen und reichen Dorf. Unterdessen waren Bapaume und Albert von der 3. Kavallerie-Division besetzt worden, während auch die 16. Division herangekommen war, bis auf den Teil, der Peronne weiterbelagerte. Als wir abends absattelten, kam der Herr Rittmeister, der oft schimpft und selten zufrieden ist, auf mich zu und sagte mir: ,Sie haben sich gut gehalten. Ihre unerschrockene Haltung als Flügelunteroffizier war vorbildlich für den ganzen Zug.' Dabei gab er mir die Hand. 214 FÄHNRICH VON BÜLOW Freitag, den 6. Januar 71. Liebe Eltern, gestern war keine Gelegenheit, Bray-sur- diesen Brief zu befördern, darum beute nocb zwei Worte. Wir sind beute Somme von Cappy nacb Bray-sur-Somme marschiert, eine kleine, ganz nette Stadt, wo wir gute Quartiere haben. Gestern erhielt ich auch Vaters lieben Brief, der mich durch seine guten Nachrichten sehr erfreute. Desgleichen erhielt ich ein Taschentuch, Schokolade und Zigarren sowie Zeitungen, für die ich Euch tausendmal danke. Vielleicht schickt Ihr mir noch ein Taschentuch, Schokolade und Zigarren erfreuen mich auch sehr. Der Oberst hat sehr viel Güte für mich. Nachdem er mich zweimal zu Tisch eingeladen, was ich nicht annehmen konnte, da die Schwadron zu weit vom Stabe lag, ließ er mich heute, als der Stab mit uns zusammenlag, wieder bitten und war bei Tisch sehr freundlich. Er sagte, er habe mich wegen meiner guten Haltung vor dem Feind zum Unteroffizier ernannt und mich wegen Bravour in der Schlacht an der Hallue zum Portepeefähnrich eingegeben. Nun aber adieu, liebste Eltern. Bitte, sorgt Euch nicht um mich in diesem Monat, der für uns wegen der beben Bertha schon so traurig ist. Der liebe Gott, der mich bisher gnädig behütet hat, wird mich gewiß auch weiter beschützen. Tausend Grüße an alle von Eurem treuen Sohn Bernhard von Bülow. Unter den Verwundeten vom Dritten ist auch ein Herr von Sanden- Tussainen, Einjährig-Freiwilliger bei unserer Schwadron, Vetter des jungen Wrangel. Er hat einen Schuß in den Oberschenkel. Der Arzt gibt aber so weit gute Hoffnung. Vielleicht sagt Ihr es dem jungen Wrangel, den ich sehr grüßen lasse. Herr von Sanden liegt im Lazarett in Bapaume, ist mit Geld versehen. Der Major bat an seinen Schwager, Professor Aegidi, geschrieben. Euer treuer Sohn Bernhard." Die Hoffnung, daß der Einjährige von Sanden dem Leben erhalten werden würde, erfüllte sich nicht. Der Arme, der neben mir geritten hatte, erlag bald nachher seiner Verwundung. Sein Schwager, der Professor Ludwig Karl Aegidi, der bekannte Staatsrechtslehrer und Herausgeber des „Staatsarchivs", war ein großer Gelehrter, aber klein von Wuchs und hieß Professor deshalb allgemein der kleine Aegidi. Von 1871 bis 1878 leitete er unter Aegidi Bismarck das Preßbüro des Auswärtigen Amtes. Das Preßbüro bestand damals aus einem Leiter und einem Hilfsbeamten. Unter Caprivi trat nocb ein zweiter Hilfsbeamter dazu. Während meiner Beichskanzlerzeit leitete der Geheimrat Hammann, den ich von Caprivi und Hohenlohe übernommen hatte, als Chef mit zwei tüchtigen Hilfskräften, den Legationsräten Esternaux und Heilbron, das Preßdepartement. Außerdem gehörte diesem noch ein im Deutsch-Französischen Kriege schwerverwundeter Hauptmann an, dessen Aufgabe darin bestand, beachtenswertere Zeitungsartikel auszuschneiden und aufzukleben. Ich pflegte zu sagen, mein Preßbüro bestünde aus drei und einem halben Mann. Als nach dem Novemberumsturz die drei DER ALTE WRANGEL 215 herrschenden Parteien, Sozialdemokratie, Zentrum und Demokratie, ihre Leute unterbringen und das begründen wollten, was der Franzose so hübsch „la Republique des camarades" nennt, schwoll das Preßbüro auf ein Personal von mehr als zweihundert Köpfen an. Die bescheidenen Räume des Auswärtigen Amtes genügten natürlich nicht für einen solchen Schwärm, und es wurde das Preßbüro in dem großen Palais des Prinzen Karl am Wilhelmsplatz untergebracht, wo die Herren ihre Tage mit Zigarettenrauchen und Kannegießern nützlich verbrachten. So weit meine Erinnerungen zurückreichen, ist unsere Presse nie schlechter geleitet und unsere Auslandspropaganda nie ungeschickter betrieben worden als in den ersten Jahren des republikanischen Volksstaats. „Der junge Wrangel", wie ich ihn in meinem Rrief an meine Eltern nannte, war der Enkel des Feldmarschalls. Es gab nichts Verschiedeneres Gustav als den alten und den jungen Wrangel. Der alte war der Reorganisator der Wrangel preußischen Kavallerie, um die er sich unvergängliche Verdienste erworben hat, ein Haudegen, der schon 1807, als Leutnant im L'Estocqschen Korps, bei Heilsberg den Orden pour le merite erhalten, sich im Refreiungskriege als Oberst bei Großgörschen und Leipzig hervorgetan hatte und der noch sechzig Jahre später in der Schlacht von Trautenau auf die Österreicher mit einhauen wollte. Unter derber Hülle verbarg er viel gesunden Menschenverstand. Seine bisweilen in komischer Form abgegebenen Urteile trafen nicht selten den Nagel auf den Kopf. Er hat in den Novembertagen von 1848 als Gouverneur von Rerlin und Oberbefehlshaber in den Marken gegenüber der Revolution mehr Umsicht und vor allem mehr Energie an den Tag gelegt als siebzig Jahre später Prinz Max von Raden und, unter dessen Einfluß, leider auch der Generaloberst von Linsingen. Der junge Wrangel war zart, unendlich höflich, etwas banal. Er tat Dienst als Kammerjunker beim Königlichen Oberzeremonienamt, und man nannte ihn den Zeremoniensäugling. Er war ein guter und feiner Mensch. Er ist in jungen Jahren gestorben, nachdem er in der letzten Zeit seines Lebens in schließlich unheilbare Melancholie verfallen war. Meine Eltern bewohnten, wie ich schon erwähnt zu haben glaube, in den Jahren vor und nach dem Deutsch-Französischen Kriege das damalige Arnimsche Palais. In unmittelbarer Nähe hatte, auch am Pariser Platz, der Feldmarschall Wrangel seine Dienstwohnung. Als Freund des jungen Gustav Wrangel habe ich vor dem Kriege als Student, später als Husarenleutnant, manchen Abend dort verlebt. Ich habe nicht die Absicht, die Zahl der Wrangel-Anekdoten um neue zu vermehren. Nur zwei gestatte ich mir anzuführen, weil sie weniger bekannt sind. Ein mehr durch schönes Äußeres und forsches Auftreten als durch wirkliche Tüchtigkeit ausgezeichneter Rerliner Regimentskommandeur 216 HINTER DIE SOMME ZURÜCK hatte den Abschied erhalten. Als er bald nachher im Wrangeischen Salon erschien, sah er sehr pikiert aus und hoffte offenbar, aus dem Munde des Feldmarschalls einige tröstende Worte zu hören, vielleicht auch einen Tadel über die Verabschiedung. Statt dessen begrüßte ihn in meinem Beisein der Alte, nachdem er ihn nach seiner Gewohnheit auf beide Backen geküßt hatte, mit den im breitesten ostpreußischen Dialekt vorgebrachten Worten: „Mein Sohn, der Känig hat dir einen tichtigen Nachfolger jejäbn." Wegen der zweiten Anekdote bitte ich meine Leserinnen um Vergebung. Der Feldmarschall erschien im Palais des damaligen Kronprinzen, um zur Geburt des dritten Sohnes, des später in jungen Jahren verstorbenen Prinzen Waldemar, zu gratulieren. Die Eltern ließen das Kind hereinbringen, und die Mutter legte den Säugling dem Feldmarschall in den Arm. Der Kronprinz, der harmlose Scherze liebte, meinte, zum Feldmarschall gewandt: „Was soll nun mein dritter Sohn werden? Der älteste muß Soldat werden, der zweite soll zur Marine. Ich denke, den dritten lasse ich Kaufmann werden." Darauf der alte Wrangel: „Besch . . . hat er mir schon." Am Abend des 3. Januar 1871 konnte General von Goeben in seinem Goebens Korpsbefehl sagen: „Die Division Kummer, unterstützt durch das De- Korpsbefehl tachement des Prinzen Albrecht, Königliche Hoheit, hat dem vielfach überlegenen Feind gegenüber die Stellung bei Bapaume in glänzender Weise behauptet." Aber die zum großen Teil in langen Kämpfen stehenden Truppen der Division waren auf das Äußerste erschöpft. Den Batterien begann es an Munition zu mangeln. Der Verlust der Division an diesem schweren Tage belief sich auf zehn Offiziere und dreißig Mann tot, neunzehn Offiziere und vierhundert Mann, zum Teil schwer, verwundet, hundertfünfzig Mann vermißt. Der General von Goeben beschloß, den Kampf am nächsten Tage nicht weiter fortzusetzen, sondern die Truppen bis auf weiteres hinter die Somme zurückzunehmen. Der General von Goeben gehört zu den wenigen Menschen, die mir in meinem Leben wirklich imponiert, die mir den Eindruck wahrer Größe gemacht haben. Als Hannoveraner 1816 geboren, trat er mit kaum zwanzig Jahren in karlistische Dienste und focht vier Jahre, von 1836 bis 1840, im spanischen Bürgerkrieg. In der Armee wurde erzählt, daß er einmal, als er in die Hände der Christinos gefallen war, um sein Leben hatte würfeln müssen. Ein anderes Mal war er noch auf dem Richtplatz, als das Peloton, das ihn erschießen sollte, schon angetreten war, durch eine Laune des feindlichen Führers begnadigt worden. 1842 trat er in preußische Dienste, wo seine Begabung bald auffiel. Er machte 1849 den badischen Feldzug mit, war 1860 schon Oberst im Generalstab und führte 1864 mit großer Auszeichnung bei Düppel und Alsen eine Brigade. 1866 kommandierte er die 13. Infanterie-Division der Main-Armee. 1870 erhielt er, noch nicht vierundfünfzig Jahre alt, das VIII. Armeekorps. DER BEBRILLTE GENERAL 217 Das Vertrauen, mit dem seine Untergebenen, von dem unter seinem Oberbefehl stehenden General und Oberst bis zum letzten Musketier, auf ihn bhckten, war unbegrenzt. Dabei konnte man keinen einfacheren Mann sehen als den General von Goeben. Mittelgroß, meist in gebückter Haltung, 60 kurzsichtig, daß er eine Brille tragen mußte, sah er mehr nach einem Professor als nach einem General aus. Hinter dem unscheinbaren Äußern des Generals von Goeben stand ein stählerner Wille, eine unbeugsame Energie, ein durchdringender Verstand. Er hatte eine einzige Leidenschaft, das Spiel, das Hasardspiel. Im Kriege, wenn er führte, spielte er nie, aber wenn die Herren seines Stabes ein Jeu machten oder wenn er an einem Ruhetage Offiziere beim Spiel überraschte, konnte er stundenlang zusehen. Dieser große Feldherr und große Deutsche ist als Kommandierender General des VIII. Armeekorps, noch nicht vierundsechzig Jahre alt, 1881 in Koblenz gestorben, wo ihm das wohlverdiente Denkmal errichtet wurde. Das 28. Infanterie-Regiment, mit dem das Königshusaren-Regiment im Kriege 1870/71 oft zusammentraf, trug in unserer alten ruhmreichen Armee für alle Zeiten den Namen: Infanterie-Regiment von Goeben. Am 4. Januar wurde der Abmarsch nach der Somme angetreten. Unser Regiment hatte die Weisung, am Feind zu bleiben. Eine Patrouille meiner Schwadron, in der ich unter Leutnant von Steinberg ritt, stieß nordöstlich von Bapaume auf der Straße nach Douai und Ecoust auf einige französische Infanteristen, die sich uns ergaben. Sie sagten uns, daß die Hauptmacht der französischen Nordarmee die Richtung auf Douai verlassen und sich nach Arras gewandt habe. Unsere 1. Eskadron wurde der 30. Infanterie-Brigade zugeteilt. Zu dieser Brigade, die Generalmajor von Strubberg führte, gehörte das 2. Rheinische Infanterie-Regiment Nr. 28 und das 4. Magdeburgische Infanterie-Regiment Nr. 77. Die Achtundzwanziger kommandierte Oberst von Rosenzweig, die Siebenundsiebziger Oberst von Zglinicki. Die 30. Brigade belegte, nachdem wir bei Feuillers die Somme überschritten hatten, die abwärts gelegenen Ortschaften bis Beiloy. Am 16. Januar schrieb ich aus Cappy bei Bray: „Tausend Grüße und besten Dank für Eure beben Briefe und die mir von Papa übersandten zwanzig Napoleons. Hoflentbch geht es Euch so gut, wie ich von Herzen wünsche, in dieser für Euch wegen der lieben Bertha so schmerzlichen Zeit. Was sind alle Sorgen und Unbequemlichkeiten der Gegenwart gegen das Unglück, das jetzt vor einem Jahr über uns kam. Ihre Seele gefiel Gott wohl, darum nahm er sie bald aus diesem bösen Leben. Wenn die Zeit kommt, wo wir von Angesicht zu Angesicht schauen werden, werden wir wissen, warum. In diesem Leben werden wir es schwer fassen können. Mir geht es unberufen gut. Wir haben viele Patrouillen zu reiten über die Somme nach Albert und Bapaume zu, fast jeden Tag resp. jede Nacht. Ich bin 218 PATROUILLENRITTE immer gut durchgekommen. In der Kreuzzeitung habt Ihr wohl gesehen, daß ich Fähnrich geworden hin. Kleidungsstücke brauche ich vorläufig keine. Bitte nur, wenn möglich, um zwei Taschentücher, Zahnbürsten, Federhalter mit Bleistift und Independances, vielleicht auch eine Karte von Nordfrankreich und ein kleines (tragbares, möglichst scharfes) Fernrohr (gut bei Patrouillen!). Tausend Grüße von Eurem treuen Sohn." Zwischen dem Gefecht von Bapaume und der Schlacht von Saint- Ja- Quentin, d. h. zwischen dem 3. und dem 19. Januar 1871, hegt die Zeit, 1871 wo ich die meisten und interessantesten Patrouillen geritten habe. Als ob es gestern gewesen wäre, erinnere ich mich an die dunklen Wälder rechts und links von der weißen Chaussee, an die Meilensteine, an die schweigenden Chäteaux, die in der Ferne auftauchten, an die ganze Landschaft, wo alles von alter Kultur sprach. Das Wetter war sehr ungünstig, bald strenge Kälte bis auf 10 Grad unter Null, dann wieder Tauwetter mit warmem Regen. Die Straßen waren meist mit Glatteis überzogen, die Felder völlig unpassierbar. Bei solchem Glatteis durch die Dörfer zu kommen, ohne zu stürzen, war nicht leicht. Und wer mit seinem Pferde zu Fall kam, hatte eine gute Chance, von den in den Dörfern versteckten Franktireurs, unter Umständen auch von den Bauern selbst, totgeschlagen zu werden. Das Umreiten der Dörfer war, da die Felder einem Morast glichen, so gut wie unmöglich. Aber die Not macht erfinderisch. Wenn wir uns einem Dorfe näherten, holten wir aus dem ersten größeren Haus den Besitzer heraus und forderten ihn sehr höf lieh, aber mit vorgehaltenem Revolver, auf, uns sofort und in aller Stille zu Monsieur le Maire zu führen. Dem Maire erklärten wir, daß er uns bei dem Passieren des Dorfes begleiten müsse. Damit er nicht auf der glatten Dorfstraße zu Fall käme, würden wir ihn an einen tüchtigen Strick anbinden. Wenn aus dem Dorf auf uns geschossen würde, so wären wir zu unserem Leidwesen gezwungen, auf ihn zu schießen, andernfalls würde ihm kein Haar gekrümmt werden. So kamen wir meist gut durch die Dörfer durch. Es fehlte bei diesen Patrouillenritten auch nicht an komischen Episoden. Als ich einmal bei schwachem Mondschein durch einen Wald ritt, glaubte ich auf kurze Distanz zwei französische Infanteristen vor mir zu sehen. Ich hob den Säbel und kommandierte: „Zur Attacke!" Dann galoppierte ich mit meinen beiden Husaren auf die Feinde zu. Vor den Feinden angelangt, entpuppten sich diese als zwei verkrüppelte Eichen. Zu Hause angekommen, hütete ich mich wohl, meinen Kameraden mein Mißgeschick zu verraten. Nach einigen Tagen erzählte der redliche Scharffenberg, daß er statt eines Franzosen einen Baum attackiert habe, und dann stellte sich heraus, daß wir alle, einer nach dem andern, an der gleichen Stelle jene Bäume für Franzmänner gehalten hatten. MAKAO 219 In wie vergnügter Stimmung waren wir Fähnriche und Avantageure, die wir diese Patrouillen zu reiten hatten! Die Nachtpatrouillen waren noch interessanter als die Patrouillen am Tage. Bis dieser oder jener von uns losreiten mußte, saßen wir gewöhnlich um den Holztisch einer Bauernstube und machten ein kleines Jeu. Wir spielten entweder Landsknecht oder Tempel, am liebsten Bakkarat, das wir Makao nannten. Mancher der Napoleons, die mir mein guter Vater schickte, ist auf diese Weise in die Taschen meiner Kameraden gewandert. Wenn einer von uns zu einer Patrouille aufgerufen wurde, übergab er seine Uhr und sein Portemonnaie den anderen, damit, wenn ihm etwas zustieße, seine Familie ein Andenken an ihn hätte. XVI. KAPITEL Schwadronskameraden: Guido Nimptsch, Dietrich Loe, Scharfenberg, Pemberton- Ground, Borcke, Beißel von Gymnich, Dietrich Metternich • Verschärfter Auf klärungs- dienst ■ Schlacht bei Saint-Quentin (19.1. 1871) • Das Ostpreußische Füsilier-Regiment Nr. 33 • Leutnant von Deines, Leutnant Moßner, Rittmeister Rudolphi Wir jungen Dachse von der 1. Schwadron waren verschieden voneinander und sind später verschiedene Wege gegangen. Aber wir waren • Nimptsch a ]\ e zu jedem Streiche aufgelegt und hielten gute Freundschaft. Am sympathischsten war mir Guido von Nimptsch, der Stiefsohn unseres Kommandeurs. Schon sein Vater, Paul von Nimptsch, galt in der ganz alten Zeit, vor 1848, in seiner Heimat Schlesien für den schneidigsten und leichtsinnigsten aller schlesischen Junker, und das wollte etwas sagen. Einmal hatte er mit seinem gleichgearteten Vetter, dem Grafen Feodor Sierstorpff, dem Vater meines wegen seiner Größe „Murphi" genannten lieben Regimentskameraden Karl Sierstorpff, eine Partie Ecarte gespielt und war durch fortgesetztes Quitte ou Double tief in die Kreide gekommen. Als Paul Nimptsch wiederum Quitte ou Double ankündigte, machte ihn Feodor Sierstorpff darauf aufmerksam, daß er gar nicht so viele Barmittel besäße, um einen eventuellen Verlust auszahlen zu können. Nimptsch erwiderte ruhig: „So erkläre ich denn auf Ehrenwort, daß, wenn die Karte gegen mich schlägt, ich mir meine beiden Ohren mit einem Rasiermesser abschneiden werde!" Das Rasiermesser wurde gebracht und auf den Kartentisch gelegt. Die Karten wurden neu gemischt. Nimptsch spielte aus und gewann. Im besten Sinn junkerlich war das Verhalten des Vaters Nimptsch im tollen Jahr 1848 gewesen. Da fiel er in einer Breslauer Straße einem revolutionären Trupp in die Hände, der ihn, der als Reaktionär verschrien und sehr verhaßt war, zu einem Laternenpfahl schleppte, um ihn dort aufzuhängen. Als der Strick schon um seinen Hals geknüpft war, machte er ein Zeichen, daß er noch einen letzten Wunsch habe. Aufgefordert, diesen Wunsch zum Ausdruck zu bringen, rief er seinen Henkern zu: „Hängt mich so niedrig, daß ihr mich alle . . ." Man löste den Strick, mißhandelte aber den „Junker" in so brutaler Weise, daß er an den Folgen seiner Verletzungen nicht lange nachher starb. LOLA BONTON 221 Mein Regimentskamerad und Freund Guido Nimptsch hatte von seinem Vater den Schneid, den leichten Sinn und leider auch die Spielpassion geerbt, von seiner Mutter, der Gräfin Franziska Hatzfeld-Trachenberg, die Schönheit. Noch viele Jahre später pflegte die Kaiserin Friedrich von ihm zu sagen: „Guido von Nimptsch is the best looking man in Berlin." Da er nicht nur very good looking, sondern auch very intelligent war, so lag eine schöne militärische Zukunft vor ihm, und er war kurz vorher zur Dienstleistung beim Großen Generalstab kommandiert worden, als er im Berliner Unionsklub im Kartenspiel in einer Nacht eine seine Verhältnisse weit übersteigende Summe verlor. Da seine Eltern kein Vermögen besaßen und seine reichen Verwandten nicht für ihn einspringen wollten, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Militärdienst zu quittieren und auszuwandern. Sein plötzliches Scheiden von Berlin versetzte zwei Frauen in tiefe Trauer: eine für ihre Schönheit und ihren Geist berühmte Dame der Hofgesellschaft und eine reizende Kokotte, die sich gleichzeitig in Guido verliebt hatten. In ziemlich abenteuerlicher Fahrt gelangte er aus Hartlepool, wo er in einem Kohlengeschäft Anstellung als Kommis gefunden hatte, über den Kongo und den Panama-Kanal, wo er sich als Aufseher betätigte, über Mexiko, wo er, ein vorzüglicher Reiter, wilde Pferde zuritt, nach New York, wo er sich zunächst als Kutscher eines Rollwagens sein Brot verdient haben soll. Allmählich kam er wieder in die Höhe. Mehr als das. Er eroberte das Herz einer reizenden Amerikanerin, Miß Lola Bonton, der gefeiertsten Soubrette von New York. Er heiratete sie und kehrte mit ihr nach Europa zurück. Gleichzeitig erhielt er den Posten des Vertreters einer großen amerikanischen Versicherungsgesellschaft in Berlin. Es gelang ihm dort bald, sich durch seine Liebenswürdigkeit und seine perfekten Formen eine gute gesellschaftliche Stellung zu machen. Er lebte auch in glücklichster Ehe, als er eines Abends, nach Hause zurückgekehrt, erfuhr, daß seine Frau eine Stunde vorher das Haus verlassen hätte. Der ihm vom Diener über- gebene Brief der teuren Gattin lautete etwa folgendermaßen: „Mein süßer Guido, ich habe nie einen Mann so geliebt wie Dich und werde nie einen Mann so lieben wie Dich. Da Du aber leider nicht die Mittel hast, meine berechtigten Ansprüche auf Komfort und Luxus zu befriedigen, so habe ich mich von dem steinreichen Nostitz entführen lassen." Graf Nostitz war Militärattache der russischen Botschaft in Berlin. Er heiratete die von ihm entführte Lola und wurde nach seiner Heirat als Graf Nostitz Militärattache nach Paris versetzt. Dort erklärte seine neue Chefeuse, die Gattin des russischen Botschafters Nelidow, daß sie die Gräfin Lola im Hinblick auf ihre bewegte Vergangenheit nicht empfangen würde. Sobald Guido Nimptsch das erfuhr, reiste er nach Paris und ließ den Botschafter Nelidow fordern, weil dessen Gattin es gewagt habe, die frühere Frau von 222 KAMERADEN Nimptsch zu beleidigen. Nelidow, der gar keine Lust verspürte, sich vor die Pistole von Nimptsch zu stellen, versprach, daß die Gräfin Nostitz in seinem Hause freundliche Aufnahme finden würde. „Immer Kavalier", war der Wahlspruch von Guido Nimptsch! Sehr verschieden von ihm war der Neffe unseres Kommandeurs, Dietrich Log, Dietrich von Loe. Er führte den Namen „Schlacks". Das galt sowohl Dietrich seiner etwas ungelenken Haltung wie seinem wüsten Draufgehen. Er hätte Metternich, UIlter Frundsberg einen prächtigen Landsknecht abgegeben. Dagegen glich Scharfenberg ^ anderer Neffe des Kommandeurs, der Graf Dietrich von Wolff- Metternich, einem französischen Marquis des achtzehnten Jahrhunderts. Er hätte, ohne aufzufallen, ein Menuett im großen Saal des Schlosses von Versailles unter Louis XV mittanzen können. Er war ein flotter Husar, ein trefflicher Reiter und kühner Feldsoldat, immer gut aufgelegt, immer verbindlich. Bei Reisen des Kaisers Wilhelm II. und seiner Gemahlin nach der Rheinprovinz pflegte er bei der Kaiserin Auguste Viktoria Dienst als Kammerherr zu tun. Jünger als ich, ist er zu meinem Schmerz bald nach dem Ende des Weltkrieges gestorben. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich ihn wiedersah. Anders geartet als Dietrich Metternich, Dietrich Loe und Guido Nimptsch war Karl Xaver Scharffenberg. Der Sohn eines Bremer Vaters, der es in Kuba zu Wohlstand gebracht hatte, und einer amerikanischen Mutter, war er bürgerlich im besten und schönsten Sinne des Wortes. Er war tüchtig und pflichttreu, leichter Sinn und Frivolität waren ihm verhaßt. Wie Frau Marthe im „Faust" Hebte er weder fremde Weiber noch das verfluchte Würfelspiel. Er schätzte meine geistige Regsamkeit, aber er fand mich zu nachsichtig für Karl Schräder und Guido Nimptsch, die er für lockere Zeisige erklärte, den ersteren überdies für einen Zyniker, den letzteren für einen Taugenichts. Scharfl'enberg war ein Idealist. Als ich ihn einmal mit anderen Kameraden auf seiner Bude in Bonn aufsuchte, entdeckten wir an seinem Schreibtisch einen aufgeklebten Pergamentstreifen, auf dem mit großen Buchstaben stand: „Wirf die Perlen nicht vor die Säue." Ich sagte ihm auf den Kopf zu, daß er mit den Perlen seine eigenen erhabenen Gedanken und Grundsätze meine, mit den Säuen aber seine Kameraden. Gut und aufrichtig wie er war, erwiderte er: „Ja, das ist wahr. Ich fürchte meine Ideale zu entweihen, wenn ich sie vor euch aufdecke." Scharffenberg hat sich zehn Jahre nach dem Deutsch-Französischen Kriege auf einem idyllischen Gute in Hessen, Kalkhoff bei Wanfried, zur Ruhe gesetzt und mich auch während meiner Amtszeit durch freundschaftliche und vertrauensvolle Briefe erfreut. Er stand seit seiner Jugend der Fürstin-Mutter von Wied, geborenen Prinzessin von Nassau, nahe und durch sie dem Freiherrn Franz von Roggenbach, dem Gegner von Bismarck, aber Freund des Großherzogs Friedrich und der Großherzogin Luise EIN ORIGINAL 223 von Baden wie des Kaisers und der Kaiserin Friedrich. Es ist bekannt, daß Roggenbach für den intimen Freund, manchen sogar für den morganatischen Gemahl der Fürstin-Mutter von Wied galt. Nach meinem Rücktritt schrieb mir Scharffenberg am 6. September 1909: „Im Jahre 1897 fragte mich Roggenbach: Was halten Sie von Bülow ? Ich antwortete: Nach den Eindrücken, die ich allzeit von ihm bekommen habe, ist Bülow ein Mann, der trotz des Klimbims von Stellung, Familie und Geld immer eine Persönlichkeit bleiben wird. Das werden Sie auch nach Ihrem Rücktritt bleiben." Mein guter alter Scharffenberg hatte den Schmerz, während des Weltkrieges einen hoffnungsvollen Sohn vor dem Feind zu verlieren. Er hielt ihm einen rührenden, von reinster Vaterlandshebe und hohem Idealismus getragenen Nachruf. Nach dem entsetzlichen Abschluß des Krieges legte sich Karl Xaver Scharffenberg hin und starb. Der Pommer Richard von Borcke war ein ausgezeichneter Vertreter seiner kernigen Heimatprovinz und stolz, ein Pommer zu sein. Er erzählte Borcke gern eine kleine Anekdote, die diesen Stolz zum Ausdruck brachte. Nach der Schlacht von Leipzig, wo sich die Pommern besonders ausgezeichnet hatten, ritt der Kronprinz von Preußen und nachherige König Friedrich Wilhelm IV. an ein pommersches Regiment heran, lobte die Leute und fügte hinzu: „Ich bin stolz auf euch, ich bin ja auch ein Pommer." Bekanntlich führte der Kronprinz von Preußen den Ehrentitel „Statthalter von Pommern". Ein biederer pommerscher Musketier erwiderte Seiner Königlichen Hoheit: „Ja, jetzt wollen sie alle Pommern sein!" Ich habe mit meinem lieben Richard Borcke bis zu seinem während des Weltkrieges erfolgten Tod korrespondiert. Der Originellste von uns allen war zweifellos der Avantagcur Pembertön- Ground. Amerikaner von Geburt und Erziehung, war er bei Beginn Pemberton- des Krieges bei unserem Regiment eingetreten. Er hatte einige Zeit ge- Ground schwankt, ob er auf deutscher oder auf französischer Seite den Krieg mitmachen solle, an dem er unter allen Umständen teilzunehmen wünschte, sich aber schließlich für die deutsche Sache entschieden, weil sein Großvater einst aus Baden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert war. Nach Bonn war er gegangen, weil der kornblumenblaue Attila mit gelben Schnüren ihm gar so gut gefiel. Er hat sich während der Winter-Kampagne wacker gehalten. Als der Krieg zu Ende war, kehrte er nach Chikago zurück und ließ nie wieder etwas von sich hören. Obwohl durchaus schneidig, wurde es ihm doch, wie manchem anderen, nicht leicht, stundenlang ruhig und unbeweglich zu Pferde zu halten, während die Kugeln über unsere Köpfe flogen und die Granaten in unserer Nähe platzten. Ein frommer Katholik, gelobte er in solchen Augenblicken dem heiligen Antonius, daß er, wenn er durch dessen gnädigen Schutz am Leben bliebe, nie wieder gewisse Häuser 224 IM BACKOFEN besuchen würde, die nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Mädchen- pensionaten haben. War aber die Not vorüber, vergaß er nur zu rasch sein Gelübde und Lieferte einen neuen Beweis für die Richtigkeit des neapolitanischen Sprichworts, daß, wenn die Gefahr überwunden ist, auf den Heiligen gepfiffen wird. Passato il pericolo, gabbato il Santo. Graf Beißel von Gymnich entstammte einer Familie des nieder- Beißel von rheinischen Uradels, und rheinländisch war sein heiterer Sinn und seine Gymnich immer frohe Laune. Er war sehr gutmütig. Ich entsinne mich, daß wir einmal in einem kleinen Bauernhause in einem Stübchen einquartiert wurden, das zu eng war, um mehr als zwei Personen Raum zu bieten. Der Quartiermeister hatte das kleine Zimmer für Beißel und mich belegt und die alte Frau, die dort hauste, aufgefordert, in einem ungeschützten Schuppen zu übernachten. Die Alte jammerte und weinte. Beißel schlug mir vor, die Frau in ihrer Kammer zu lassen und selbst die Nacht im Freien zuzubringen, ein Vorschlag, auf den ich natürlich gern einging. Die alte Französin war sehr gerührt und wünschte uns, als wir am nächsten Morgen weitermarschierten, Gottes Segen für unsere fernere Fahrt. Diese Nacht im Freien war übrigens nicht die ungemütlichste, die ich in Frankreich verlebt habe. Schlimmer noch war der Aufenthalt in einem früheren, nicht mehr benutzten Backofen, in dem ich bei bitterer Kälte mit Dietrich Loe und Dietrich Metternich zwei Tage und zwei Nächte zubrachte. Beißel, der in glücklichen Familien-Verhältnissen lebte, fuhr mehrere Jahre nach dem Kriege mit der Eisenbahn von Bingen nach Bonn. In einem der vielen Tunnels auf dieser Route ertönte ein schwacher Knall. Als der Zug aus dem Tunnel herausfuhr, lag Beißel tot da, mit einem kleinen Loch in der Stirn. Er hatte sich während der Fahrt durch den Tunnel erschossen. Warum, ist nie ermittelt worden. Die verschiedenen Mutmaßungen, die über die Ursachen seines Selbstmordes angestellt wurden, erwiesen sich alle als grundlos. There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy. Während wir lustigen Fähnriche trotz Kälte und Strapazen in froher Goebcns Laune am Tage und bei Nacht unsere Patrouillen ritten, reiften die genialen Pläne Pläne unseres großen Feldherrn, des Generals von Goeben. Er wußte, daß er von seinen Truppen trotz aller Strapazen, die sie seit dem Abmarsch von Compiegne, also seit vollen sieben Wochen, bei Eis und Schnee, bei Regen und bei Kälte, in ununterbrochener, immer anstrengender, immer vorwärts gehender Kampagne durchgemacht hatten, auch das Schwerste fordern könne. Der Patrouillendienst wurde Mitte Januar noch verschärft. Die 1. Eskadron patrouillierte unausgesetzt gegen Albert. Mit den Vorposten der Kavallerie-Division hielten wir Verbindung. Alle drei Stunden gingen Patrouillen über Marricourt auf Flers. Längs der Somme patrouillierten MARSCH GEGEN OSTEN 225 wir bis Daours. Le Sars und Combles fanden wir unbesetzt, den Feind in seiner alten Vorpostenstellung, Bapaume stark besetzt. Wir ermittelten, daß General Faidherbe, der Oberkommandierende der französischen Nordarmee, dort sein Hauptquartier hätte. Am 16. Januar wurde Albert besetzt gefunden und bald nachher festgestellt, daß starke französische Kolonnen von Bray auf Albert marschierten. Es war von großer Wichtigkeit, die Absichten des Feindes so früh wie möglich zu kennen und ihm so lange auf den Fersen zu bleiben, bis der Augenblick für die Schlacht gekommen war. General von Goeben konnte seine Operationen mit Sicherheit auf die Meldungen seiner Kavallerie basieren. Einen Teil dieses Ruhmes durfte das Königshusaren-Regiment für sich in Anspruch nehmen. Am 17. Januar erhielt mein Rittmeister von Niesewand den Befehl, zur nochmaligen Rekognoszierung mit unserer Schwadron gegen Albert vorzugehen. Nach einem Marsch von über sechs Meilen konnte der Rittmeister in voller Bestätigung der am Tage vorher eingegangenen Nachrichten melden, Albert sei geräumt und der Feind auf Bapaume abgezogen. Als General von Goeben übereinstimmende Meldungen seiner Kavallerie über die Räumung Alberts erhielt, befahl er sofort den Rechtsmarsch Rechtsmarsch der Ersten Armee. Der Marsch gegen Osten war überaus beschwerlich, der Ersten Nachdem wir vier Wochen lang ununterbrochene strenge Kälte bis zu ^ rmee 11 Grad unter Null gehabt hatten, war Tauwetter eingetreten, und seit dem Abend des 16. Januar fiel warmer Regen auf die mit Schnee überdeckte Landschaft. Die Straßen überzogen sich am Morgen des 17. anfangs mit Glatteis, im Laufe des Tages weichten sie tief auf. Die Felder wurden völlig unpassierbar. Aber trotz aller Mühsal und trotz der gerade in dieser Zeit engen und schlechten Quartiere und sehr knapper Verpflegung war die Truppe in gehobener Stimmung. Jeder fühlte, daß die Absicht der Franzosen, den General von Goeben zu täuschen und zu überraschen, völlig mißglückt war. Bei der ganzen Armee stand es felsenfest, daß Goeben den Feind schlagen würde. Ich gebe den Brief wieder, den ich am 21. Januar über die Vorgänge der letzten zehn Tage an meine Eltern richtete: „Liebste Eltern, wir sind seit einer Reihe von Tagen fortwährend im Gange, so daß es mir unmöglich war, einen Brief zu befördern. Ich habe seitdem auch keinen von Euch erhalten. Bitte, ängstigt Euch aber nicht, falls Ihr keine Nachricht von mir habt. Führe auch fast immer einen geschriebenen Brief bei mir, den ich abgebe, wenn ich Gelegenheit dazu finde. Sollte mir etwas passieren, so würdet Ihr es durch den Obersten umgehend erfahren. Wir waren am 18. und 19. im Gefecht. Seit der Schlacht bei Bapaume treiben wir uns zwischen Bray und Cappy herum. Am 12. wurde mittags in 15 BüIüw IV 226 DIE SCHLACHT BEI SAINT-QUENTIN Bray alarmiert. Die Franzosen rückten an diesem Tage in Bapaume ein, das unsere Truppen geräumt hatten. Wir blieben nun in Bray, einem ganz freundlichen Städtchen. Das Armeekorps aber ging über die Somme und konzentrierte sich auf dem linken Ufer derselben, so daß wir mit drei Kompagnien Infanterie den Vorpostendienst übernahmen, der bis zum 15. recht scharf war. Wir hatten alle drei Stunden eine Patrouille nach Albert und eine nach Flers, so daß dieses sehr lange und sehr glatte Dorf (die Bauern begossen absichtbch die Straßen, um uns den Durchgang zu erschweren) recht bedenklich zu passieren war. Ich habe die Patrouille gerade dorthin dreimal am Tage und zweimal bei Nacht geführt, kam aber immer gut durch. Tags ritt ich dicht an die französischen Vorposten (Mobilgarde) heran, die aber nicht auf mich schössen, ob aus Schlauheit, um mich heranzulocken, oder aus Humanitätsrücksichten, weiß ich nicht, nehme aber das erstere an. Uns in Flcrs abzuknöpfen, was wirklich sehr leicht gewesen wäre, versuchten sie sonderbarerweise nur einmal, mit einem anderen, aber ohne Erfolg, da er ihnen noch rechtzeitig durchbrannte. Am 15. gingen die Franzosen nach Albert hinein, das die 3. Kavallerie-Division ohne Kampf räumte. Wir wurden wieder alarmiert, nachdem uns die französischen Dragoner noch zwei Leute bei der Patrouille auf Albert gefangen hatten. Der Leutnant, der sie führte, Herr von Erffa, entkam mit knapper Not. Die Franzosen sollen die Husaren angeblich aufgehängt haben, was ich aber nicht glaube. Wir zogen uns mittags auf Cappy zurück. Die Franzosen gingen nach Bray hinein, wagten aber nicht, uns anzugreifen, und abends zog das Bataillon wieder in Bray ein. Wir kamen nach Cappy, von wo wir nur noch Patrouillen nach Carnoy zu geben hatten (auf der Straße von Albert nach Peronne). Am 16. zogen sich die Franzosen von Albert nach Bapaume, wie es sich nachher herausstellte, um uns über ihre eigentlichen Absichten durch das ewige Hin und Her zwischen Bapaume und Albert zu täuschen. Faidherbe ging nämlich mit dem Gros der Armee nach Saint- Quentin. Am 17. morgens rückten wir dann aus bis nach Villers Cottercts. Von da ging es am 18. weiter, wo das Gefecht begann. Unsere Eskadron stand in der Reserve und machte nur gegen Abend eine Rekognoszierung gegen Saint-Quentin, ohne auf den Feind zu stoßen. Am 19. rückten wir auf Tertry an und kamen gegen zehn Uhr an den Vor dem Feind. Wir standen als Artillerie- und Infanterie-Bedeckung. Wir konnten Feind den Verlauf der Schlacht sehr genau verfolgen, die sehr gut für uns ging. Saint-Quentin wurde von drei Seiten von uns angegriffen und die Franzosen von den im Halbkreis aufgestellten Batterien furchtbar mitgenommen. Gegen 2 Uhr war der Sieg schon entschieden, doch dauerte die Schlacht bis in die Nacht. Unsere Infanterie ging famos vor. Als ein „MALHEUR1" 227 Bataillon Dreiunddreißiger Befehl erhielt, einen kleinen Wald zu nehmen, in dem sich die Franzosen festgesetzt hatten, pflanzten sie mit lautem Hurra das Bajonett auf, während die Fahne entrollt wurde, von der nur noch ein paar Fetzen herunterhingen. Der Major hob den Degen mit den Worten: ,Jedermann gedenke, daß er Preuße und Dreiunddreißiger ist!' Worauf sie unter dem Ruf,Malheur! Malheur!' vorgingen und die Franzosen bald herausgeworfen hatten. Auch unsere Artillerie schoß famos. Merkwürdig ist, wie weit die französischen Kugeln tragen, zumal die Leute beim Zielen das Chassepot auf die Lende setzen, dieses auch eine sehr rasante Flugbahn hat. Obwohl wir ziemlich gedeckt aufgestellt worden waren, schlugen eine Menge Kugeln bei uns ein, doch wurden nur zwei Husaren meiner Schwadron verwundet. Gegen Abend erhielten wir Befehl, in Saint- Quentin einzurücken. Als wir dort einzogen, zogen die letzten Franzosen am anderen Ende aus. Nachdem wir einquartiert worden waren, fanden wir in einem Cafe noch Einzug in dreißig Mobilgardisten mit Gewehr und allem, die sich uns ergaben. Die Saint-Quentin französischen Marinetruppen schlugen sich aber sehr gut. Am 20. machten wir einen Marsch von fünf Meilen nach Empire (Departement de l'Aisne). Heute ist ein Zug zur Bedeckung des Brigadegenerals kommandiert, bei dem ich bin. Ich habe auf diese Weise Aussicht auf gute Quartiere, da die Brigade sich möglichst gute Dörfer auszusuchen pflegt. Die Chaussee hinter Saint-Quentin lag voller Toter, fast alle in den Kopf geschossen. Auch einige Schwerverwundete sah ich, die da die ganze Nacht gelegen hatten. Die toten Franzosen waren fast alles blutjunge Burschen, sehr gut equi- piert, aber meist klein und schwächlich. Zum Teil sahen sie ganz friedlich aus, zum Teil sehr verzerrt. Einer saß gegen den Chausseedamm gelehnt, in der Stellung eines Mannes, der das Gewehr abdrücken will, beide Arme erhoben. Der Tod muß doch sehr schnell eintreten. Viele Munitionswagen standen herum, denen die Pferde von Granaten getötet waren, auch eine arme Kuh, von einer Granate ganz in Fetzen zerrissen. Ein paar andere weideten ganz friedlich daneben. In der letzten Zeit haben wir recht starke Märsche gemacht. Am 17. zehn Stunden, am 18. fünfzehn Stunden, vorgestern dreizehn Stunden und gestern zwölf Stunden. Daß die Infanterie das bei den grundlosen Wegen aushält, bewundere ich. Zu essen haben wir nichts als Erbswurstsuppe, wenn wir ins Quartier kommen, die schmeckt aber sehr gut. Schickt mir bei Gelegenheit, bitte, zwei Taschentücher, Independances und eine solide Zigarrentasche, vielleicht auch ein kleines Fernrohr, möglichst bequem und leicht zu tragen. Die meisten haben es in Opernguckerform. Schickt mir auch, bitte, die Büchseische Sammlung von Gesängen für den Krieg. Neues Testament habe ich. Tausend Grüße und beste Wünsche von Eurem treuen Sohn Bernhard von Bülow." 15« 228 EIN TRAUERTAG JÄHRT SICH Das Ostpreußische Füsilier-Regiment Nr. 33, neben dem wir Königs- Die Drei- husaren am häufigsten gefochten haben, war ein glänzendes Regiment. Die unddreißiger Dreiunddreißiger verdienten, daß ihr Chef der damalige Kriegsminister von Roon war, einer der größten Männer der preußischen und der deutschen Geschichte. Wie schon bei Gravelotte, so haben auch bei Bapaume und Saint-Quentin eine große Anzahl Offiziere und brave Füsiliere dieses Regiments ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Blute besiegelt. Bei Gravelotte hatten die Dreiunddreißiger neun Offiziere verloren, bei Bapaume gingen weitere fünf in den Tod. Der Oberstleutnant von Henning kommandierte die Dreiunddreißiger. Als ich ihn bei Bapaume und Saint- Quentin durch die Schützenlinie reiten sah, gingen mir die Schillerschen Verse über den Friedländer durch den Sinn: „. . . Ritt er Euch unter des Feuers Blitzen, auf und nieder mit kühlem Blut, durchlöchert von Kugeln war sein Hut." Am 24. Januar schrieb ich aus Sapignies bei Bapaume: „Liebste Eltern, tausend Dank für Eure freundlichen Briefe, die ich gestern erhielt und die mich durch ihre guten Nachrichten sehr erfreut haben. Besten Dank auch für die mir übersandten Zeitungen, Zigarren (drei Briefe und ein Paket), Schokolade, Handschuhe. Ich bitte Gott um Kraft für Euch in diesen jammervollen Tagen, wo unsere liebste Bertha erkrankte und starb. Morgen ist ja nun der Tag, der für uns alle immer der schrecklichste des Jahres sein wird. Wenn man sich in die Zeit vom 23. zum 28. zurückversetzt, so begreift man nicht, wie man den Jammer überstehen konnte. ,Ich leb' mit tausend Freuden in meines Heilands Hand, mich rührt und trifft kein Leiden, so dieser Welt bekannt.' Das ist der einzige Trost. Was kann es Reineres und Engelhafteres geben als die Seele eines zwölfjährigen Mädchens, zumal eines so reich begabten, lieben, schönen und guten Kindes. Wenn ich sonst nicht an das ewige Leben glaubte, so würde ich um ihretwillen daran glauben. Je öfter und näher man den Tod sieht, um so größer wird die Uberzeugung, daß er nur der Übergang zu einem anderen Leben sein kann, das besser ist als dies. Mir geht es gut. Wir sind von Gonnelieu vorgestern hierher marschiert. Aus Gonnelieu schrieb ich auch, wenn auch sehr eilig und darum sehr flüchtig, über den 18. und 19. Sapignies ist ein jämmerUches Dorf, gänzlich ausgefressen. Wir stellen jetzt Feldwache gegen Arras auf, vier Kilometer von hier. Ich werde sie wohl morgen haben. Reiten auch täglich Patrouille nach Arras, dieses soll von dreißigtausend Mann besetzt sein. Die Faidherbesche Armee ist ja bei Saint-Quentin gänzlich geschlagen, entschieden auch in völliger Flucht auf Cambrai zurückgegangen. Doch hat man schon gesehen, daß die Franzosen sich schnell reorganisieren und neben dem Gesindel von Mobilgarden usw. einen Kern von guten Truppen haben, DER ÄLTESTE RITTMEISTER 229 zumal aber ein famoses Gewehr, das sie freilich schlecht genug benutzen. Gambetta soll in Lille sein. Ist es wahr, wird der Tanz wohl bald wieder losgehen. Uns soll es recht sein, denn wir haben ja jetzt zwei Armeekorps, sehr starke Artillerie, gute Positionen und einen famosen General. Die Franzosen sollen Kavallerie haben. Wir alle brennen sehr darauf, ihr ins Auge zu sehen. Die 4. Eskadron hat am 19. das Glück gehabt, auf Dragoner zu attackieren. Zum Ersten kriegen wir Ersatz an Leuten und Pferden, namentlich letzteres tut sehr not. Seit Metz haben wir zweiundfünfzig Marsch- und einundzwanzig Ruhetage gehabt, von den letzteren über zwölf mit Patrouillereiten usw., also nicht zu rechnen, von den ersteren auch etwa zwölf bis fünfzehn derart, daß wir morgens bei Dunkelheit aus- und abends bei Dunkelheit einrückten. Gefechte haben wir acht gehabt: Mareuille, Amiens, Forges-les-Eaux (bei Rouen), Pont-Noyelles (2. Januar), Bapaume, Tertry, Pouilly (18. Januar), Saint-Quentin. Wir haben nach and nach alles gehabt: Regen, Schnee und fabelhaften Frost. Am schlimmsten war es wohl um Weihnachten, wo man es vor Kälte kaum aushalten konnte. Jetzt ist es eigentlich milde. Ich habe hier verhältnismäßig ganz gutes Quartier, Hühner genug, auch Wein, und befinde mich, wie gesagt, sehr wohl. Neue Montierungsstücke brauche ich nicht. Seit Metz hat das Regiment verloren: Schwerverwundet drei Offiziere, ein Vizewachtmeister, drei Wachtmeister, vier Einjährig-Freiwillige; tot ein Vizewachtmeister, ein Einjährig-Freiwilliger, vier Unteroffiziere; gefangen fünf bis sechs Mann. Von den Husaren tot acht, zwanzig bis fünfundzwanzig schwerer verwundet. Mit Sanden soll es besser gehen. Viele Empfehlungen an die Gräfin Wrangel (in gewählter Form) und Grüße an ihren Sohn. Viele Grüße an Großmama in Plön. Tausend Grüße und beste Wünsche von Eurem treuen Sohn." Wie Sapignies dem Grafen Max Pourtales Gelegenheit gegeben hatte, sich hervorzutun, so wurde das Gefecht bei Tertry-Pouilly am 18. Januar Ferdinand zum Ehrentag für Ferdinand Rudolphi, den ältesten Rittmeister des Rudolphi Regiments. Er war der einzige Offizier, der schon in Posen beim Regiment gestanden hatte und mit diesem 1852 in Bonn eingezogen war. Kaum ein Jahr später wäre es ihm fast an den Kragen gegangen. König Friedrich Wilhelm IV. besichtigte das Regiment. Sein Generaladjutant, der General von C, richtete während der Besichtigung huldvoll einigermaßen banale Fragen an die Offiziere. Den Leutnant Rudolphi frug er, ob er verheiratet wäre. „Nein", erwiderte der Gefragte, „aber ich schätze sehr die ehelichen Freuden." Der General von C. huldigte, wie manche andere Herren der Umgebung Friedrich Wilhelms IV., einer ausgesprochen pietistischen Richtung. Die Antwort des Leutnants Rudolphi, die einem flotten Husaren nur ein Mucker oder ein Pedant übernehmen konnte, entsetzte den General 230 HUSARENTEUFEL von C. Rudolphi würde den Abschied erhalten haben, wenn nicht der Regimentskommandeur, Graf Oriola, fest für ihn eingetreten wäre und damit dem Regiment einen Offizier erhalten hätte, der am 18. Januar 1871 bei Tertry-Pouilly und am 19. Januar 1871 bei Saint-Quentin neuen und reichen Lorbeer um die Regimentsstandarte wand. Er vereinigte am ersteren Tage unter seinem Befehl die 2. und die 4. Eskadron. Als am 18. Januar der Kommandeur der 29. Infanterie-Brigade, Oberst von Bock, dem Rittmeister Rudolphi den Befehl erteilte, die gegen unsere Batterien vorgehende feindliche Infanterie aufzuhalten, entschloß sich dieser sofort zur Attacke. Die feindlichen Infanterie-Kolonnen, Abteilungen von hundertfünfzig bis zweihundert Mann, marschierten auf der Straße von Caulaincourt nach Beauvois. Eine in derselben Richtung hinziehende Terrainsenkung benutzend, trabte der Rittmeister Rudolphi parallel mit dem Marsch des Feindes in Zugkolonne vor. In gleicher Höhe mit zwei Kompagnien angekommen, ritt er auf vierhundert Schritt zur Attacke an. Die Chausseegräben wurden von den Husaren genommen. Mit Hurra ging es in die feindlichen Reihen und durch sie hindurch. Die feindlichen Kolonnen werden vollständig überritten, ein Teil niedergehauen, der Rest ergibt sich. Weit über hundert Gefangene waren bereits gesammelt, als plötzlich neu hinzugekommene Kompagnien auf nächste Distanz heftiges Schnellfeuer auf die Schwadron abgeben. Unter diesen Umständen mußte Rudolphi sich schweren Herzens entschließen, die stattliche Schar Gefangener, von denen übrigens viele von den Chassepotkugeln ihrer Landsleute niedergestreckt wurden, im Stiche zu lassen und sich dem Nahfeuer der immer zahlreicher herbeieilenden Feinde zu entziehen. Die Verluste der fünf Züge beliefen sich auf zwei Tote und vierzehn Verwundete. Das Pferd des Rittmeisters erhielt einen Schuß in den Rücken. Der brave Gaul trug aber seinen Reiter noch aus dem Feuer. Durch das „Marsch-Marsch" in tief aufgeweichtem Boden, in den schweren, nassen Feldern waren die Husaren von oben bis unten mit Lehm und Schmutz überschüttet, so daß sie, wie Rudolphi sich nicht ohne Befriedigung ausdrückte, wie die richtigen Teufel aussahen. Nur die Offiziere, die vorausritten, waren sauber geblieben. Am folgenden Tage, dem Tage von Saint-Quentin, bot sich dem Rittmeister Rudolphi die langersehnte Gelegenheit, sich mit den Franzosen im Reiterkampf zu messen. Als er am Morgen dieses Tages mit der Schwadron im schlanken Trabe aus Etreillers vorging, sah er drüben auf der Straße eine französische Eskadron von Roupy gegen Dallon erst langsam, dann immer schneller zurückgehen. Der Rittmeister Rudolphi war nicht gewillt, den Feind entkommen zu lassen. Im langen Galopp ging er mit der 4. Eskadron durch Savy und bog im Dorfe rechts ab auf einen Feldweg, der zur Straße Roupy-Saint-Quentin hinführt. Die feindliche Kavallerie verschwand DIE VERFOLGUNG AUF SAINT-QUENTIN 231 hinter der nächsten Höhe. Nach wenigen Minuten hatten aber auch die Husaren die große Straße erreicht, die Tete schwenkte links, und weiter ging es, einer Mulde zu, in die die eingeschnittene Chaussee hinabführte. In dem etwa sechshundert Schritt breiten Grund stand quer über der Straße die feindliche Kavallerie aufmarschiert. Rudolphi ließ die Tete seiner Eskadron in Schritt fallen. Drei Kilometer waren in langem Galopp und in der Formation zu dreien zurückgelegt. Das Straßendefile verbot den Aufmarsch zur Front. Rudolphi formierte rasch entschlossen zwei Züge und ging im Galopp vor zur Attacke. Die Franzosen erwarteten den Angriff stehenden Fußes und gaben auf hundertfünfzig Schritt eine Salve. Ich folge nun der Schilderung meines lieben Kriegskameraden und langj ährigen treuen Freundes, des Generals AdolfvonDeines, auf dessen Ein Bericht schöne Geschichte des Husaren-Regiments König Wilhelm I. (1. Rheinisches von Deines Nr. 7) ich mich in manchen meiner militärischen Erinnerungen gestützt habe: „Im selben Moment, wo die Franzosen die Salve abgaben, ertönte das dröhnende ,Marsch-Marsch!' des alten Rittmeisters, und unter lautem ,Hurra' erfolgte der Choc. Die ersten Glieder der Franzosen wurden über den Haufen geritten, die hinteren jagten in voller Flucht auf Saint- Quentin hin, ihnen nach die Könighusaren. Einen feindlichen Offizier ritt Rittmeister Rudolphi, der auf seinem Vollblutwallach ,Lifeboy' seiner Schwadron um mehrere Längen voraus war, um und um, während der Leutnant und Regimentsadjutant Moßner, der sich der Attacke angeschlossen hatte, einen zweiten mit solcher Vehemenz faßte, daß beide über Kopf gingen. Der Franzose war rasch hochgekommen und führte von hinten vorbeijagend einen Hieb nach Rudolphi. Dieser war im Nu an seiner Linken und traf ihn mit wuchtigem Streiche über den Hinterkopf. Ein Dragoner schoß auf wenige Schritte seinen Karabiner auf den Rittmeister ab, streifte aber nur den braven Lifeboy. Im nächsten Moment hieb der Wachtmeister Steenebrügge dem feindlichen Dragoner quer durchs Gesicht. Erst als Verfolger und Verfolgte bei dem Dorfe Epine de Dallon angelangt waren, das stark besetzt war, ließ Rudolphi Appell blasen und ging im Schritt zurück. Auf der Chaussee lagen feindliche tote und verwundete Dragoner in großer Zahl, alle durch handfeste Hiebe übel zugerichtet. Die französische Schwadron bestand aus großen, stattlichen, ausgesucht schönen Leuten, mit schweren und großen Pferden. Sie hatten nach Aussage der Landleute an diesem Morgen die Bedeckung des Generals Faidherbe gebildet. Von Feinden blieben ungefähr zwanzig Mann in der Attacke, tot oder verwundet, ohne Andenken mögen wohl wenige Saint-Quentin erreicht haben. Kaum ein Säbel der sechzig an der Attacke beteiUgten Husaren war noch gerade oder blutfrei." 232 TOTAL ERSCHÖPFT So hatten die Königshusaren den Tag von Saint-Quentin würdig eröffnet. Die 4. Eskadron war noch südlich Savy mit Rangieren beschäftigt, als Oberst von Loe mit unserer 1. Eskadron, die aus dem Gros der Divisionen vorgetrabt war, dort eintraf. Die weitere Aufklärung über Savy hinaus übernahm nun der Rittmeister Niesewand. Schon aus dem kleinen Gehölz östlich des Dorfes erhielten wir Feuer und meldeten die starke Besetzung dieses Abschnittes durch Infanterie. Der Brigade-Kommandeur, Oberst von Bock, zog die Artillerie vor und ließ die Avantgarde sich entwickeln. Unsere 1. Eskadron folgte unter dem Befehl des Oberst von Loe der Angriffsbewegung auf dem rechten Flügel. Da der 29. Brigade sehr starke feindliche Massen gegenüberstanden, kam das Gefecht hier zum Stehen. In einem Geschützkampf überwand unsere Artillerie allmählich die gleichfalls wacker schießenden französischen Batterien. Meine 1. Eskadron mußte stundenlang in einer Mulde halten, bis der General von Goeben, der bis dahin auf der Straße nach Saint-Quentin gehalten und von dort aus die Schlacht gelenkt hatte, unsere „Couleur", die Achten Jäger, nebst zwei Bataillonen Achtundzwanziger unter dem Kommandeur der Jäger, Major von Bronikowski, das Dorf Epine de Dallon stürmen ließ. Gleichzeitig gingen die 29. Brigade und die 1. Division vor. Der Feind wurde vor unseren Augen auf der ganzen Linie geworfen. Als die Dunkelheit hereinbrach, waren die Franzosen überall in vollem Diefranzö- Rückzug, unsere 15. Division stand unmittelbar vor der Stadt, deren ver- sische Nord- barrikadierte Eingänge die Franzosen noch hartnäckig verteidigten. Kurz nrmee besiegt nacn fü n f Uhr drangen die Schützen der Achtundzwanziger in die ersten Häuser der Vorstadt ein. Das Bataillon und unsere Schwadron folgten. Wir gelangten bis auf den Marktplatz von Saint-Quentin. In kurzer Zeit griffen wir in den Straßen und Häusern Hunderte von Gefangenen auf. Unsere Schwadron kantonierte die Nacht in der Vorstadt Saint-Quentin. Es war mir ein pikantes Gefühl, in einer französischen Stadt von fast fünfzigtausend Einwohnern, in der es noch von französischen Soldaten wimmelte, zu übernachten. Wir waren alle von dem frohen Gefühl erfüllt, daß wir die französische Nordarmee völlig geschlagen hatten. Und sie befand sich in der Tat in eiligem Rückzug nach Norden. Sie noch am Abend zu verfolgen, verbot die totale Erschöpfung der deutschen Truppen. Sie waren seit sechs Uhr früh in der Bewegung, meist querfeldein, vielfach in knietiefem Ackerboden, immer im Gefecht, fast gänzlich ohne Verpflegung. So mußte der General von Goeben die direkte Verfolgung auf den nächsten Tag verschieben. Wenn der Tag von Saint-Quentin mir wieder vor Augen steht, so denke ich gern daran, daß ich als Reichskanzler Gelegenheit hatte, dem Rittmeister Rudolphi einen Dienst zu leisten. Bald nach meiner Ernennung EINE AUSZEICHNUNG FÜR DEN ADELSSTAND 233 zum Kanzler erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich frag, ob ich einem alten Kriegskameraden helfen wollte. Ihm persönlich liege nichts am Adel. Er habe seinen Weg vom Einjährig-Freiwilligen bei der Haubitz- Batterie der 3. Artillerie-Brigade bis zum Oberst und Kommandeur des Litauischen Ulanen-Regiments Nr. 12 auch ohne Adel mit Ehren zurückgelegt. Für seine Söhne aber würde die Erhebung in den Adelsstand ihn freuen. Ich benutzte einen Augenblick, wo Kaiser Wilhelm II. in guter Stimmung war, um die Nobilitierung des alten, von mir hochverehrten Oberst Rudolphi anzuregen. Der Kaiser gab sofort und gern die nötigen Anweisungen, und Ferdinand Rudolphi wurde am 29. Januar 1902 in den Adelsstand erhoben, was, nebenbei gesagt, eine Auszeichnung für den Adelsstand war. Seine beiden Söhne standen, als ich mein Amt als Reichskanzler niederlegte, der eine beim Ulanen-Regiment Kaiser Alexander III. von Rußland (Westpreußisches) Nr. 1, der andere bei dem Torgauer Feld- Artillerie-Regiment Nr. 74. Ich habe schon erwähnt, daß der Regiments-Adjutant, Leutnant Moßner, sich der von Rudolphi am 19. Januar gerittenen Attacke frei- Leutnant willig angeschlossen hatte. Moßner war einer der besten Offiziere des Regi- Moßner ments und, ich kann wohl ohne Übertreibung sagen, als er zu höheren Chargen aufrückte, einer unserer ausgezeichnetsten Kavalleristen. Er war der Sohn eines Berliner Bankiers, der Gelegenheit gehabt hatte, 1848 dem damaligen Prinzen von Preußen treue Dienste zu leisten, als der Prinz in den traurigen Märztagen, als „Reaktionär" und „Absolutist" verschrien, gezwungen wurde, Berlin zu verlassen. Kaiser Wilhelm I. vergaß nie einen ihm geleisteten Dienst. Als er zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung dem Bankier Moßner begegnete, frag er, ob er ihm nicht einen Wunsch erfüllen könne. Der Gefragte erwiderte, daß er einen jungen Sohn habe, der für einen guten Reiter gelte und brennend wünsche, bei der Kavallerie einzutreten. Der König versprach gern, daß er den jungen, damals gerade achtzehnjährigen Mann bei seinem eigenen Regiment, den Königshusaren, einstellen lassen würde. 1865 bei den blauen Husaren in Bonn eingetreten, fand Walter Moßner dort nicht gerade eine freundliche Aufnahme. Er entstammte einer israelitischen Familie, und das Offizierkorps des Königshusaren-Regiments weigerte sich, ihn zum Offizier zu wählen. So kam es zu einem der wenigen Fälle, in denen Wilhelm I. ein Offizierkorps zwang, einen ihm nicht genehmen Avantageur in seinen Kreis aufzunehmen. Der König ließ den Offizieren seines Husaren-Regiments durch den Regiments-Kommandeur sagen, er würde die Nichtwahl des Avantageurs Moßner als eine persönliche Kränkung empfinden. Daraufhin zum Offizier gewählt, machte sich Moßner sofort dadurch eine gute Stellung, daß er einem anderen Fähnrich, der sich seiner Wahl besonders lebhaft widersetzt hatte, in einem Duell 234 DER LETZTE SCHWARZE ADLER einen tüchtigen Schwadronshieb über den Kopf gab. Dieser Fähnrich war der Fürst Karl Carolath, der nachmalige Gatte der schönen Gräfin Elisabeth Hatzfeldt. Im Februar 1866 zum Leutnant ernannt, verdiente sich Moßner in der Schlacht von Königgrätz den Roten Adlerorden mit Schwertern. Von 1867 bis 1872 Regimentsadjutant, gewann er als solcher das volle Vertrauen, die volle Zufriedenheit, die Freundschaft und Liebe des Oberst von Loe. 1872 wurde er zum Großen Generalstab kommandiert, 1887 etatsmäßiger Stabsoffizier bei den Leib-Garde-Husaren, von 1891 bis 1895 deren Kommandeur, 1895 erhielt er die 3. Garde-Kavallerie-Rrigade, 1898 wurde er Chef des Militärreitinstituts, 1899 Generalleutnant und Kommandeur der Garde-Kavallerie-Division, 1903 Gouverneur von Straßburg. Nicht lange vor dem traurigen Ende des Weltkrieges, in dem er sich als stellvertretender Kommandierender General zur Verfügung gestellt hatte, verlieh ihm Wilhelm II. den hohen Orden vom Schwarzen Adler. Moßner war, wie ich glaube, der letzte preußische General, der den Schwarzen Adlerorden erhielt. Eine wohlverdiente Auszeichnung für einen Mann, der sich in zwei Feldzügen bewährt, der ein trefflicher Regiments-Adjutant, Eskadrons-Chef, Regiments-, Brigade-, Divisions-Kommandeur gewesen war und außerdem einer der besten Reiter der Armee, der zweimal das große Armee-Jagdrennen gewonnen hatte. In Ergänzung der eiligen und einigermaßen flüchtigen Zeilen, die ich an Offiziers- meine Eltern gerichtet hatte, möchte ich noch folgendes nachtragen. portepee Während die Schlacht von Saint-Quentin in vollem Gange war, meldete ich mich bei unserem Kommandeur, dem Oberst von Loe, zum Fähnrich ernannt. Er sah mich mit seinen großen, ernsten Augen lange an. Dann sagte er zu mir: „Von heute an tragen Sie das Offiziersportepee. Daß Sie es anlegen dürfen, ist die wohlverdiente Anerkennung Ihrer im Feuer bewiesenen Bravour. Vergessen Sie nie, wann Sie sich bei mir als Portepeefähnrich gemeldet haben. Gestern, an demselben 18. Januar, an dem einst König Friedrich I. sich in Königsberg die preußische Königskrone aufsetzte, hat unser erhabener Herr, König Wilhelm L, in Versailles die ihm von allen deutschen Fürsten angebotene deutsche Kaiserkrone angenommen. Dem Kaiser und König zu Ehren donnern heute die deutschen Kanonen vor Paris, an der Lisaine, im Jura und hier vor Saint-Quentin. So herrliche Tage, wie wir sie jetzt erleben, können sich nicht oft wiederholen. Worauf es ankommt, ist, den Geist dieser Tage in sich aufzunehmen, ihm als Leitstern zu folgen, ihm innerlich treu zu bleiben. Das erwarte ich auch von Ihnen und wünsche Ihnen Glück für Ihre Zukunft." XVII. KAPITEL Waffenstillstand vom 31.1.1871 •Ausbruch der Pocken • Friedensmäßiger Drill • Präli- minarfriede • Leutnant im Königshusaren-Regiment (8. III. 1871) • Marsch des Regiments nach Amiens • Parade vor dem Kronprinzen (13. III. 1871) • Platzmajorin Amiens Feldbriefe von dort A m Abend des 19. Januar wurde der Leutnant Graf Karl Sierstorpff l\'m dem Augenblick, wo er im Gespräch mit mir wieder zu Pferde steigen Marsch an wollte, um dem General von Kummer eine Meldung zu überbringen, durch der Tete einen Schuß schwer verwundet, der ihm durch Schulter und Rücken ging. Zur Freude des ganzen Regiments gelang es der Kunst der Chirurgen, ihn am Leben zu erhalten. Am 20. Januar setzten wir uns vor acht Uhr in Bewegung. Die 30. Brigade (Generalmajor von Strubberg) bildete die Avantgarde. Unser Regiment marschierte an der Tete. Der Marsch war bei strömendem Regen sehr mühsam und anstrengend, zumal er auf Feldwegen zurückgelegt werden mußte. Oberst von Loe trabte mit dem Regiment. Zu unserem Bedauern war der Feind nirgends zu sehen. Als die Nacht hereingebrochen war, machte General von Strubberg halt. Wir wurden in ldeinen Dörfern untergebracht, etwa anderthalb Meilen von Bei Cambrai Cambrai. In der Nacht wurden Patrouillen ausgeschickt. Ich führte eine solche in der Richtung von Ribecourt. Ich fand alle Dörfer frei von Feinden. Die Bauern erzählten mir, die französische Nordarmee sei in voller Auflösung durch Cambrai durchgekommen und auf Arras und Douai weitermarschiert. Auch die übrigen Kolonnen der Armee vermochten nicht, das Gros der feindlichen Kräfte zu erreichen. Am 21. rückten wir in Kantonnements, wo uns die Einwohner den fluchtartigen Abzug starker französischer Massen auf Douai und Arras bestätigten. Im Laufe des Tages konstatierten wir, daß die Hauptkräfte des Feindes zum Teil mit Hilfe der Eisenbahn die schützenden Festungen erreicht hatten. Unter diesen Umständen ließ General von Goeben die Armee sich von den schwer zu beschreibenden Strapazen der letzten fünf Tage erholen. Am 22. abends kamen wir nach dem uns wohlbekannten Bapaume und lagen in den uns ebenso bekannten Dörfern Sapignies, Behagnies und Favre uil. 236 VOR PARIS.WAS NEUES Paris kapituliert, Waffenstillstand In den nächsten Tagen wurden wieder viele Patrouillen geritten. Ich entsinne mich gut einer Patrouille, die ich gegen Arras führte. Die Luft war in diesen Tagen ganz klar. Deutlich sah ich vor mir den Glockenturm von Arras, der Heimat von Maximilien Robespierre. Ich erblickte auch einen Zug von elf bis zwölf Männern, die einen Gefangenen in ihrer Mitte führten. Landleute, die auf den Feldern arbeiteten und die ich um Auskunft ersuchte, sagten mir, es handle sich um einen „Traitre", der seiner wohlverdienten Strafe entgegengeführt werden solle. Die Spionenfurcht und Spionenriecherei, die sich in Frankreich im Weltkrieg zur Psychose entwickelt hat, grassierte dort schon 1870/71. Die Bauern behaupteten, Arras sei voll von Truppen. Der General Faidherbe habe dort sein Hauptquartier. Außer Patrouillen mußten wir Requisitionskommandos stellen. Wir bildeten auch auf Befehl des Oberkommandos gemischte Detachements, die in den nach dem Feind zu gelegenen Arrondissements Kontributionen eintrieben. Es wurden fünfundzwanzig Francs pro Kopf eingetrieben, um auf diese Weise bei den zum Teil vom Kriege noch gar nicht beschädigten Bewohnern die Friedensliebe zu fördern. Wir nannten diese Kolonnen die „Beruhigungskolonnen". Mit einer solchen Kolonne, die aus einer Batterie, zwei Bataillonen und unserer 1. Eskadron bestand, trieb Oberst von Loe im Kanton Croissiles hunderttausend Francs ein. Der Ort war nicht imstande, die geforderte Summe gleich zu zahlen, versprach aber, sie binnen drei Tagen abzuliefern, und stellte als Bürgschaft fünf der angesehensten Bürger als Geiseln. Die hunderttausend Francs wurden innerhalb dieser Frist ausgezahlt, und die Geiseln kehrten natürlich in ihre Heimat zurück. Patrouillen und Requisitionen wurden nach wie vor in hohem Grade durch die WitterungsVerhältnisse erschwert. Trockene Kälte wechselte mit starken Schneefällen. Die Straßen waren meist spiegelglatt. Am 29. Januar hieß es, die 15. Division würde bei Doullens konzentriert werden, da der General von Goeben einen Vorstoß gegen Arras, Abbeville und Boulogne plane, aber gleichzeitig wurde erzählt, daß das Artilleriefeuer vor Paris nach einer in Amiens eingetroffenen telegraphischen Nachricht seit der Nacht vom 26. auf den 27. Januar schweige und daß Unterhandlungen über den Abschluß eines Waffenstillstandes geführt würden. Am Morgen des 30. Januar lief von Mund zu Mund die Nachricht, daß Paris kapituliert habe. Endlich „vor Paris was Neues!" Gleichzeitig verbreitete sich die Kunde von dem in Versailles abgeschlossenen Waffenstillstand. Unmittelbar nachher erschienen französische Parlamentäre, um über die Demarkationslinie zu verhandeln. Um, wie er sich ausdrückte, einen angenehmen Status quo zu schaffen, befahl General von Goeben das Wiedervorschieben einzelner Armeeteile. Am 31. Januar mittags zwölf Uhr trat der von General Faidherbe anerkannte dreiwöchige Waffenstillstand EINQUARTIERUNG 237 in Kraft. Die Franzosen räumten Abbeville, wir dagegen die Departements du Nord und Pas de Calais. Eine neutrale Zone von zwanzig Kilometer Breite trennte die beiden Heere. Bei starkem, aber warmem Regen marschierten wir in der Richtung auf Amiens und bezogen Quartiere in kleinen nordöstlich und östlich von Amiens gelegenen Dörfern. Am anderen Tage marschierten wir weiter auf Aumale, ein hübsches Städtchen, dem der als General wie als Historiker bekannte vierte Sohn Aumale des Königs Ludwig Philipp seinen Titel dankte. Aumale hat in der französischen Geschichte eine gewisse Rolle gespielt. Karl der Kühne verbrannte die an der Bresle gelegene kleine Stadt, die dann hundert Jahre später dem verwundeten Heinrich IV. ein Asyl vor den ihn verfolgenden Liguisten bot. Ce roi galant, qui fit le diable ä quatre, hatte bekanntlich eine ausgesprochene Vorliebe für das weibliche Geschlecht. Die Frauen erwiesen sich dankbar. Jeanne Leclerc, die schönste Bürgerstochter von Aumale, ließ für den Einlaß begehrenden König selbst die Zugbrücke herunter. Am 9. Februar trafen wir inLeTreport ein, der reizend am Einfluß der Bresle in den Kanal gelegenen Hafenstadt. Wir bewunderten die schöne Le Triport Kirche Saint-Jacques und genossen in vollen Zügen Meeres- und Frühlings- luft. Trotzdem grassierte dort der Typhus, an dem wir einen tüchtigen Reserveoffizier, den Leutnant Allert, verloren. Seit dem Beginn des Waffenstillstandes erfolgte die Einquartierung durch die Mairien und mit voller Verpflegung. Der deutsche Soldat hatte zu fordern: morgens Kaffee und Brot, zum zweiten Frühstück Brot und ein Stück Fleisch, des Mittags Fleisch, Gemüse und eine halbe Flasche Wein, des Abends eine gute Suppe und Brot, außerdem am Tage ab und zu einen kleinen Kognak. Das klingt sehr schön. Die Wirklichkeit aber blieb hinter diesem Verpflegungsideal erheblich zurück. Bei der großen Gutmütigkeit und Genügsamkeit unserer Leute kam es trotzdem nie oder nur in Ausnahmefällen zu Ausschreitungen gegenüber der französischen Bevölkerung. Ich habe namentlich auf dem Lande häufig gesehen, daß unsere Leute den französischen Bauern bei ihrer Arbeit halfen, sich mit ihnen, so gut sie konnten, unterhielten, die Kinder auf dem Schöße hielten und mit den Kindern spielten. Die Bauern waren durchweg friedlich gesinnt und wünschten brennend das Aufhören des Krieges. In den Städten, auch in den kleineren Städten, überwog ein zum Teil leidenschaftlicher Patriotismus, hier galt Gambetta für den Retter der französischen Ehre, während die Landbewohner ihn zum Kuckuck wünschten. Mitte Februar bezog unsere 1. Eskadron mit dem Stabe die Stadt Abbeville, einst Sitz eines mächtigen Abtes. Daher auch der Name Abbeville (Abatis Villa). Hier begann wieder der Friedensdienst, der uns im Gegensatz zu dem sehr viel interessanteren und unterhaltenderen Kriegsdienst 238 STALLDIENST nicht besonders gefiel. Aber eine Allerhöchste Kabinettsorder hatte befohlen, daß das Retablissement der Truppen mit allen nur möglichen Mitteln und auf das strengste zu betreiben wäre. Ich schrieb aus Abbeville nach Hause: „Abbeville ist ein ganz nettes Städtchen, aber ziemlich triste, weniger wegen des Krieges als wegen der sehr stark grassierenden Pocken. Ängstigt Euch aber ja nicht deshalb, da ich vor neun Monaten von dem berühmten Dr. Blumenthal in Berlin geimpft worden bin. Übrigens sind die Pocken in ganz Frankreich verbreitet. Man spricht nur nicht davon. Hoffentlich werden sie nicht nach Deutschland geschleppt.“ Nicht lange nach der Schlacht von Saint-Quentin wurde ich in einem Bauernhause einquartiert. Als ich das mir angewiesene Zimmer betrat, sah ich in einem zweiten Bett an der gegenüberliegenden Wand einen älteren Mann liegen. Auf meine Frage, wer mein Stubengenosse sei, wurde mir die Antwort, daß es ein Onkel des Hauses sei, der an Migräne litte. Am nächsten Morgen stellte es sich heraus, daß der Arme in der Nacht lautlos verschieden war. Er war an den Pocken gestorben. Völlig unbekümmert um die in Abbeville und Umgegend herrschende Drill wie Epidemie besichtigte Oberst von Loe während unseres dortigen Aufent- in Bonn haltes die 2. und 3., Major Dincklage die 1. und 4. Eskadron in allen Details wie bei einer ökonomischen Musterung. Obwohl der Oberst in jeder Beziehung sehr hohe Anforderungen stellte, konnte er seinen Bericht doch mit den Worten schließen: „Die Bekleidung des Regiments und die Ausrüstung der Mannschaften und Pferde ist im allgemeinen gut und kriegsbrauchbar. Der Beschlag ist ein durchweg vorzüglicher zu nennen, und jede Eskadron hat einen neuen Beschlag auf den Pferden, einen zweiten in den Eisen- und Packtaschen und etwa die Hälfte einer dritten Garnitur Eisen auf den Wagen.“ So konnte nach den Tagen der Ruhe das Regiment dem Wiederausbruch der Feindseligkeiten getrost und zuversichtlich entgegensehen. Solche Kleinarbeit war nicht ganz nach dem Sinne der Fähnriche. Dem Großfürsten Konstantin Pawlowitsch wird die Äußerung zugeschrieben: „Je deteste la guerre, eile gäte les armees.“ Das war natürlich der höchste Ausdruck blöden Gamaschendienstes. Aber gewiß ist, daß unsere Heeresleitung, als sie noch in Feindesland den Friedensdienst wieder aufnahm, weiter sah als der junge Fähnrich, der Anfang März brummig an seine Eltern schrieb: „Wir werden gedrillt wie kaum in Bonn und kommen gar nicht aus der Kaserne. Morgens nach dem Stalldienst (von fünf bis halb sieben) wird exerziert (von halb neun bis zwölf), dann mittags Dienst von eins bis sieben Uhr, fortwährend Appell, Besichtigung usw. Man würde es der Schwadron aber auch schwerlich ansehen, daß sie einen siebenmona- tigen Feldzug hinter sich hat. Sonntags gehen wir immer zur Kirche, wo der Divisions-Prediger ganz gut spricht.“ Der Schluß meines Briefes war AUSFLÜGE NACH SEINE-BABEL 239 für meine Mutter berechnet, die in jedem ihrer Briefe frug, wann ich zuletzt zur Kirche gegangen wäre. Einige Tage später schrieb ich: „Der Dienst ist ganz wie in der Garnison. Man rechnet bestimmt auf Frieden, doch wird alles vorbereitet für den Fall, daß es wieder losgehen sollte.“ Am 24. Februar schrieb ich: „Nachdem man gestern annahm, cs würde wieder losgehen, schien heute der Friede gesichert. Angeblich wollen wir Metz aufgeben. Bei der Armee findet ein solches Projekt natürlich wenig Anklang, lieber noch ein paar Wochen Krieg, zumal die Jahreszeit jetzt gut. Seit Ende Januar haben wir schönes Wetter. Seit vierzehn Tagen habe ich den Mantel nicht angehabt.“ Zu einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten sollte es nicht mehr kommen. Eine solche schien mehrfach nahe bevorstehend. Am Abend des 26. lief eine Stunde vor Mitternacht ein Telegramm des Generals von Moltke ein, daß der Waffenstillstand bis zum 12. März verlängert worden sei und daß die Friedenspräliminarien unterzeichnet worden wären. Seitdem exerzierten wir wieder zu Pferde und unternahmen auch Marschübungen. Bald begann ein vorläufig leichter Friedensdienst: Schwadronsexerzieren, Nachdressur der Augmentationspferde. In den hellen und warmen Frühlingstagen war dieses Exerzieren an der Meeresküste eine Erholung. Da für die Dauer des Waffenstillstandes den Offizieren und Beamten aus den Kontributionsgeldern tägliche Zulagen von fünfzehn Francs bezahlt wurden, ging es in Abbeville hoch her. Viele von uns fuhren nach Paris, um der Stadt einen Besuch abzustatten, die während des Krieges von Victor Hugo La ville lumiere, in Deutschland das Seine-Babel genannt wurde. Am 6. März traf die freudige Botschaft ein, daß die Erste Armee von Seiner Majestät dem Kaiser und König besichtigt werden würde, der am 2. März ein anläßlich der Ratifikation der Friedenspräliminarien an seine Gemahlin gerichtetes Telegramm mit den in ihrer Bescheidenheit rührenden Worten geschlossen hatte: „Gott hat diesen ehrenvollen Frieden gelingen lassen. Ihm sei die Ehre, der Armee und dem Vaterland aus tieferregtem Herzen meinen Dank.“ Am 8. März erhielt ich meine Ernennung zum Leutnant. Vierzehn Tage vorher hatte ich an meine Eltern geschrieben: „Gestern bin ich zum Offizier gewählt und eingegeben worden. Der Oberst hat mich für die Verhältnisse und bei unserem Regiment ungewöhnlich rasch avancieren lassen. Vom Gefreiten bis zum Offizier kaum vier Monate! Ich möchte, Vater schriebe ihm, um ihm für die Güte zu danken, die er für mich gehabt hat und hat. Er ist so sehr freundlich zu mir. Er ist einer der gescheitesten Leute, die mir vorgekommen sind. Spricht über alles, sehr Grandseigneur, dabei sehr schneidig.“ In dem Brief, in dem Oberst von Loe meine Beförderung zum Leutnant meinem Vater mit teilte, hieß es: „Ich bin so glücklich, Euer Exzellenz benachrichtigen zu können, daß Seine Majestät der Kaiser die Gnade gehabt Die Friedenspräliminarien unterzeichnet Ernennung zum Leutnant 240 DER WEISSE KÜRASSIER haben, Ihren Sohn ,wegen Auszeichnung vor dem Feind 4 zum Offizier zu befördern. Diese Auszeichnung ist wohlverdient, denn er hat in einem harten Winterfeldzug seinen Kameraden und Untergebenen stets ein Beispiel rücksichtsloser Pflichterfüllung gegeben und außerdem, worauf ich fast noch mehr Wert lege bei der Zusammensetzung meines Offizierkorps, durch seine ritterliche Gesinnung und sein liebenswürdiges, bescheidenes Benehmen unser aller Herzen gewonnen. Ich zweifele nicht, daß, wenn wir nunmehr in die Friedensverhältnisse zurückkehren und mit Ernst an die eigentliche Berufsarbeit gehen, er auf Basis seiner vortrefflichen Anlagen und seiner bereits erreichten wissenschaftlichen Resultate sich eine schöne militärische Laufbahn aufbauen wird.“ Am 9. März setzte sich das Königshusaren-Regiment aus den Quartieren, Konzentration die wir fast einen Monat an der Küste des Kanals innegehabt hatten, in um Amiens Marsch nach Amiens, wo sich das VIII. Armeekorps konzentrierte. Die 1. Schwadron bezog Kantonnements in dem Dorfe Dury an der Chaussee, die von Amiens nach Breteuil führt, nicht weit vom Flüßchen La Celle. Jetzt ging es an das Putzen und an das Sorgen um propren Anzug und blanke Waffen, denn das Königshusaren-Regiment sollte so schmuck und frisch aussehen wie bei einer Friedensparade auf der Hofgartenwiese in Bonn. Leider sollten wir unseren Kriegsherrn und Regiments-Chef, dessen ehrwürdige Gestalt in aller Herzen lebte, an diesem Tage nicht zu sehen bekommen. Der Kaiser batte zu seinem schmerzlichen Bedauern und zur Enttäuschung des Rheinischen Armeekorps und ganz besonders seines Husaren-Regiments die Fahrt nach Amiens eines Unwohlseins wegen aufgeben müssen. Aber im Auftrag seines kaiserlichen Vaters kam der Kronprinz. Am Vormittag des 13. März versammelte sich nordöstlich Amiens, Der zwischen Altonville und Les Alienbons, das ganze VIII. Armeekorps und Kronprinz eine kombinierte Infanterie-Brigade, die Regimenter 19 und 81, die 3. Kaval- besichtigt lerie-Division und die Garde-Kavallerie-Brigade Prinz Albrecht. Im ersten Treffen, Front gegen die Straße Amiens—Querrieux, stand die gesamte Infanterie, einunddreißig Bataillone. Im zweiten Treffen standen die Kavallerie und Artillerie, die Garde-Husaren auf dem rechten Flügel, dann die 2. Garde-Ulanen, daneben unser Regiment, links von uns die 9. Husaren. Die Formation der Kavallerie war geschlossene Regimentskolonne. Um zwölf Uhr erschien der Kronprinz. Bis zu dem Augenblick, in dem er sich uns näherte, hatte es stark geregnet. Jetzt, wo er auf das Rheinische Armeekorps zusprengte, zerteilten sich die Wolken, und strahlend brach die Sonne hervor. Er ritt einen Trakehner Rappen. Er trug das weiße Koller der Pasewalker Kürassiere. Als er sich unserem rechten Flügel näherte, salutierte auf das Kommando des Generalleutnants von Barnekow das ganze 1®P mm?® Bernhard von Bülow als Secondclieutenant im Königshusarenregiment Nr. 7 DIE HEERSCHAU IN DER PICARDIE 241 Armeekorps, die Infanterie präsentierte, die Trommeln und die Musikkorps fielen ein. Und ein gewaltiges dreifaches Hurra aus vierzigtausend deutschen Kehlen brauste dem Kronprinzen entgegen. Wie sollte ich je dieses Tages vergessen, dieser Heerschau vor dem Kronprinzen von Preußen und des Deutschen Reiches, dort in der Picardie, dicht an den steilen Höhenrändem der Hallue, wo wir in den Weihnachtstagen gekämpft hatten, im Angesicht der alten Hauptstadt Amiens. Wie sollte Deutschland je den Kaiser Friedrich vergessen, der durch sein ganzes Leben in Freud und Leid, in jeder Lage zwei große Mannestugenden betätigt hat: Er war durch und durch wahr, und er war ganz furchtlos. Mit leuchtendem Blick folgte jeder Mann im Gliede dem geliebten Königssohn, dem Sieger von Weißenburg und Wörth, als er die glänzende Front hinunterritt. Die ganze deutsche Vergangenheit stieg vor meinem Geiste auf: Theoderich und Alarich, Roland, der bei Roncesvalles fiel, und Siegfried, der den Drachen schlug, Heinrich III. der Salier und Heinrich VI. der Staufer. Auch diese beiden Kaiser starben zu früh, wie Kaiser Friedrich. Beim Vorbeimarsch unseres Regiments, der in halben Eskadronen stattfand, erhob sich plötzlich bei der gesamten Infanterie des Korps, die seitwärts herausgezogen war, ein brausendes „Lehm op!“, angestimmt von den rheinischen Jägern und gern aufgenommen von allen anderen Truppen. Auf die Frage des Kronprinzen nach der Bedeutung des Jubels, meldete ihm der Generalleutnant von Barnekow, der Ruf „Lehm op!“ gelte den Königshusaren, und in dem stürmischen Ruf werde dem Regiment die Anerkennung für die den anderen Waffen geleisteten guten Dienste ausgedrückt. In den Reihen des Regiments ritten an jenem denkwürdigen Tage vier Offiziere, die in späterer Zukunft den hohen Orden vom Schwarzen Adler tragen sollten: der Oberst von Loe, der Premierleutnant Moßner, die Secondleutnants von Deines und von Bülow. In den nächsten Tagen rückten wir über Longeau nach Salonelle und Saleux. Dort wurden auf Befehl des Obersten in den Eskadrons Reitabteilungen formiert. Fortan wurde morgens in Klasse geritten oder zu Pferde in der Schwadron exerziert. Am Nachmittag wurde zu Fuß exerziert oder geturnt. Das Verhältnis der Husaren zu den Bauern der Picardie war ganz gemütlich. Bei den Feldarbeiten half der Husar dem Landmann. Der Bauer verstand, was der deutsche Soldat meinte, wenn er die Worte sprach: „Pain“, „vin“, „avoine“, „foin“. Der Soldat gebrauchte auch gern die Lieblingsredensart des französischen Bauern: „Malheur, malheur pour nous, malheur pour vous, malheur pour tout le monde.“ Über meine Equipierung schrieb ich nach Flause: „Dieselbe ist sehr schön, kostet aber heidenmäßig viel Geld. Sobald ich die Rechnungen zusammen habe, werde ich sie Euch schicken. Zu Nutz und Frommen meiner jüngeren Brüder will ich die Unter französischen Bauern 16 Bülow IV 242 ZWEIHUNDERTFÜNFZIG TALER Hauptgegenstände beschreiben, nämlich: Goldattila, wie mein Einjährigen- Attila, nur mit Schnüren von Gold, mit Silber gewirkte Achselklappen, Tressen an den Ärmeln und Kragen, goldene Rosetten und geriffelte Knöpfe. Der Attila ist wunderschön, kostet aber leider siebzig Taler. Pantalon wie sonst, nur mit Tresse statt Litze. Stiefel auch mit Tresse und Rosetten vorn. Ich habe mir zwei Paar Stiefel kommen lassen, die ich schon in Bonn hatte. Interims-Attila habe ich mir alt, aber noch ganz gut, für fünfzehn Taler gekauft. Er ist hellblau mit weiß-und-schwarzen Schnüren. Beide Attilas passen mir sehr gut. Am teuersten ist das Komplett-Zeug und besonders die Schabracke. Ich kann sie aber nicht entbehren. Pelzmütze kostet zwanzig Taler, ist aber sehr schön. Schärpe ist von Silber mit zwei großen Quasten, Säbeltaschen mit in Gold gewirktem Namenszug. Beides ist sehr teuer, weniger Bandelier. Am billigsten verhältnismäßig Zaumzeug und Sattel. Die Equipierung wird ohne Pferde wohl auf zweihundertfünfzig Taler zu stehen kommen. Das liebste wäre mir, ich dürfte das kleine Legat dazu verwenden, das mir Onkel Martin ausgesetzt hat.“ Ich war sehr bemüht, meinen guten Eltern unnötige Ausgaben zu ersparen, und damals in keiner Weise verwöhnt. Am 1. April wurde ich zum Platzmajor von Amiens ernannt. Ich schrieb itzmajor darüber an meine Eltern: „Ich bin zur Kommandantur von Amiens be- Amiens fohlen, wo ich Platzmajor geworden bin, damit ist wenigstens gutes Essen und sehr gute Wohnung verbunden. Die Geschäfte sind nicht schlimm. General Ruville ist Kommandant, auch seine Frau ist hier, macht aber weniger Aufsehen, als sie wünscht. Adjutant ist Graf Talleyrand von den 2. Garde-Ulanen, ein sehr netter Mensch. Um halb zwölf und halb sechs habe ich Vortrag beim General, gebe dann um ein Uhr und um acht Uhr den Kommandanturbefehl aus, Donnerstags und Sonntags gebe ich ihn auf der Wachtparade aus. Am meisten habe ich noch zu tun mit den französischen entlassenen Militärs, zumal seit sie uns grüßen sollen.“ Der General von Ruville, als strammer alter Offizier, der aus dem General 1. Garde-Regiment hervorgegangen war, hielt mit Strenge auf diesen Gruß. • Ruville Wenn ein vorübergehender französischer Offizier ihn nicht grüßte, mußte ich den Unbotmäßigen verhaften. Dabei kam es bisweilen zu lärmenden Auftritten. Als ich wieder einmal einen unglücklichen französischen Offizier verhaften sollte, stürzte, sehr erregt, eine Dame auf mich zu und rief mir entgegen: „Homme cruel, vous n’avez donc pas de mere?“ Das Publikum schrie und tobte. Ich antwortete: „Mais, Madame, si je n’avais pas de mere, comment voulez-vous que j’aie l’honneur et le plaisir de causer avec vous ?“ Die Umstehenden lachten, und die aufgeregte Dame mit ihnen. Ernster lag der Fall bei einem französischen Offizier, der eine im Dienst befindliche Schildwache, die ihn im Bahnhofsgebäude einen verbotenen Korridor nicht EMIGRANTEN 243 passieren lassen wollte, vor die Brust gestoßen hatte. Er sollte erschossen werden. Der General von Ruville reichte ein Begnadigungsgesuch für ihn ein, auf das lange keine Antwort erfolgte. Unterdessen wurde der Franzose, der in der Zitadelle untergebracht worden war, von allen sehr freundlich behandelt. Er aß mit den deutschen Offizieren, die in der Zitadelle Dienst taten. Ich habe mehrfach mit ihm zusammen gegessen. Er konnte mir nicht genug sagen, wie dankbar er für die gute Behandlung sei, die ihm zuteil würde. Er ist schließlich begnadigt worden. Der General von Ruville entstammte einer Emigrantenfamilie. Nicht weit von Amiens lag das Schloß seiner Ahnen, das sich in ebenso traurigem Zustand befand wie das Ahnenschloß von Chamisso, das Schloß Boncourt. Aber der General von Ruville segnete nicht mild und gerührt diejenigen, die jetzt den Pflug über den Boden führten, der einst der seinige gewesen war. Die Erinnerung an die seinen Vorfahren zuteil gewordene üble Behandlung erhöhte noch seine Erbitterung gegen die Franzosen. Sein Adjutant, Graf Archambault Talleyrand-Perigord, befand sich in einer Graf heiklen Lage. Von väterlicher und mütterlicher Seite Franzose, der Sproß Talleyrand- einer großen französischen Familie, war er in jungen Jahren unter dem ^ r ^S ori ^ Einfluß seiner Großmutter, der Herzogin von Sagan, nach Preußen gekommen und dort in die Armee eingetreten. Er war ein pflichttreuer preußischer Offizier, aber sein Herz gehörte nach wie vor Frankreich. Als in Amiens die Nachricht eintraf, daß die Kommunisten Paris in Brand gesteckt hätten, brach er vor dem General von Ruville und mir in Tränen aus. Sobald die Deutschen Amiens verlassen hatten, beschloß der Conseil Muni- cipal von Amiens, die Place Perigord in Place Faidherbe umzutaufen, um dadurch seinen Abscheu gegen den Grafen Archambault von Talleyrand- Perigord, der deutscher Offizier geworden war, zum Ausdruck zu bringen. Archambault Talleyrand, der übrigens ein liebenswürdiger Mensch war, erzählte mir gelegentlich einen für die Kaiserin Augusta sehr charakteristischen kleinen Zug. Als am Abend des 2. September die Kaiserin in ihrem Palais die Glückwünsche zu dem Siege von Sedan entgegennahm, bemerkte sie unter den Anwesenden auch den ihr wohlbekannten und von ihr immer mit besonderer Freundlichkeit behandelten Archambault Talleyrand. Sie schritt auf ihn zu und sagte ihm auf französisch, wie sehr sie den Zwiespalt seiner Empfindungen verstehe und würdige. Das war echt Weimar. Ich glaube aber nicht, daß eine englische oder französische, italienische oder russische Prinzessin in gleicher Lage ähnlich empfunden oder gesprochen haben würde. Graf Archambault Talleyrand hat später die älteste Tochter des französischen Botschafters in Berlin, des Vicomte de Gontaut-Biron, geheiratet, der bei Bismarck sehr schlecht, bei der Kaiserin Augusta sehr gut angeschrieben war. 244 DER KRIEG ZU ENDE Ich habe bei Wiedergabe einiger über militärische Vorgänge an meine Eltern gerichteten Briefe betont, daß es sich nicht um Berichte eines Generalstäblers, sondern um Eindrücke und Momentaufnahmen eines jungen Husaren handle. Ich habe ihnen wie meinen ganzen Kriegserlebnissen einen größeren Raum gewährt, weil ich wünsche, das meinige zur Erhaltung und Belebung militärischen Geistes in unserer heranwachsenden Jugend beizutragen. Wehrlos — ehrlos. Wenn ich jetzt einige Briefe folgen lasse, die ich während des Waffenstillstandes aus Amiens über die politische Lage nach Hause richtete, brauche ich kaum hervorzuheben, daß ich nach einem halben Jahrhundert mit dem Lächeln des Alters und der Erfahrung auf manche meiner damaligen Urteile zurückblicke. Am 6. März schrieb ich: „Jetzt ist ja ganz Friede. Die französischen Ein Leutnant Zeitungen, die wir hier sehr regelmäßig lesen, predigen alle Rache: Silence, über die patience, vengeance! Die Bauern danken aber Gott, daß der Krieg zu Ende Okkupation j gt sich Frankreich so bald von Gebietsabtrennungen, Menschenverlust, Kontributionen, Requisitionen, fünf Milliarden, endlich schlechter Ernte und großer Sterblichkeit bei allen möglichen Epidemien erholen will, ist noch nicht abzusehen. Die Gegenden um Metz, Varennes, Reims, Amiens, das ganze Somme-Ufer, ebenso die Seine von Rouen bis Pont Audemer sind gewiß auf fünfzig Jahre ruiniert. Die okkupierten Städte sind fast alle infolge der Kontributionen überschuldet. Von dem Elend in einzelnen Distrikten sich einen Begriff zu machen, ist völlig unmöglich. Die Zähigkeit und Vitalität der Franzosen ist aber doch sehr groß. Wir essen hier auf der Kommandantur zusammen, der General, die Generalin, Talleyrand, ein Dr. Oppler, der Garnisonsarzt hier ist, und ein Leutnant Schellong, der Auditeur der Kommandantur ist. Das Essen ist sehr gut. Wir haben einen Koch und Unterkoch, dafür aber ziemlich teuer. Frühstück und Essen pro Tag etwa anderthalb bis zwei Taler. Es ist das sehr viel, doch lange nicht so viel, als die meisten anderen bezahlen müssen. Seit dem Waffenstillstand sind die Offiziere, was Essen betrifft, wirklich in einer schlimmen Lage. Seit das Requirieren aufgehört hat, stellen die Franzosen die unglaublichsten Preise. Bei den hier in der Nähe liegenden Schwadronen meines Regimentes zahlen die Offiziere zwei Taler täglich und essen dafür ganz schauderhaft. Adolf zahlt in Chantilly bis jetzt vier Taler täglich und sagt, es wäre auch nicht sehr gut. So gute Farbe wie während des Feldzuges habe ich nicht mehr. Es geht aber den meisten so, daß, während wir schlecht aßen, schliefen usw., sie wohler waren als jetzt. Reiten tue ich sehr viel. Ich schrieb auch schon, daß hier hübsche Reitwege sind. In die Kirche gehe ich fast jeden Sonntag mit dem General. Geschrieben hätte ich schon eher, wenn ich nicht Montag und Dienstag in Chantilly und Saint-Denis gewesen wäre. Adolf, der mit seinem Regiment in Saint-Denis liegt, schien mir sehr wohl DIE ROTE FAHNE 245 und munter. Montag aß ich mit ihm und seinem Rittmeister, dem Fürsten Fritz Wittgenstein, in Chantilly. Die Nacht blieb ich in einem schönen Chateau eine Stunde von da, wo Paul Bülow liegt. Am Dienstagmorgen ritten wir spazieren und fuhren um zwölf nach Saint-Denis. Wir fuhren von da per Wagen nach dem Moulin d’Orgemont, von wo man Paris sehr schön sah. Es war herrliches Wetter, nur nicht sehr klar. Doch konnte man Pantheon, Are de Triomphe, Invalidendom, Belleville, Montmartre mit bloßem Auge ganz deutlich sehen, mit dem Fernrohr die Yendöme-Säule, die rote Fahne der Commune auf dem Institut und vieles andere. Der Mont Die Valerien schoß ziemlich stark, und die südlichen Forts, die man aber nicht Commune sehen konnte, antworteten ihm. In Asnieres, das gerade unter uns lag, war nichts los. Auch nach Argenteuil, Saint-Germain en Laye, Montmorency, Enghien usw. war der Blick sehr hübsch.“ Als wir, mein Bruder und ich, vom Moulin d’Orgemont auf die Kämpfe zwischen den Pariser Kommunisten und den Versailler Regierungstruppen herabblickten, wie man im Zirkus auf die Arena sieht, dachten wir nicht, daß kaum ein halbes Jahrhundert später die Franzosen sich an den von unseren Spartakisten und Kommunisten provozierten Straßenkämpfen von München und Dresden, in Thüringen und im westfälischen Industrie-Revier ergötzen würden. Am Pfingstsonntag schrieb ich: „In Amiens geht es jetzt zu wie in Friedenszeiten, also ganz nett. Gestern war Rennen, abends wurde hei Graf Graf Karl Lehndorff, der hier Zivilkommissar ist, getanzt, wozu auch zwei distin- Cehndorjj guierte französische Familien gekommen waren. Ich fahre heute nach Belloy, dem Schloß eines Herrn von Morgan, der uns sehr freundlich aufnimmt.“ Der Zivilkommissar, Graf Karl von Lehndorff, war der älteste von drei ausgezeichneten Brüdern. Er selbst war Majoratsbesitzer auf Steinort in Ostpreußen. Sein zweiter Bruder, Heinrich, war der bekannte und hochverdiente langjährige Generaladjutant des Kaisers Wilhelm I. Der dritte Bruder, Graf Georg, hat sich als Oberlandstallmeister und Leiter des Hauptgestüts Graditz Verdienste um die deutsche Pferdezucht erworben. Ich hatte ihn als Knabe bei einem Flachrennen in Mecklenburg im Sattel erblickt. Ich habe ihn als Reichskanzler oft wiedergesehen, und er ist kurz vor Beginn des Weltkrieges gestorben, hat also wenigstens nicht den Schmerz gehabt, den Zusammenbruch des alten glücklichen Deutschland zu erleben. Graf Karl Lehndorff sagte zu meinem Vater, als dieser ihm nach der Herstellung des Friedens im Frühjahr 1871 seine innige Freude darüber ausdrückte, daß der Krieg nunmehr zu Ende sei: „Im Interesse Ihrer Söhne sollten Sie den Eintritt des Friedens eher bedauern. Hätte der Krieg noch zehn Jahre gedauert, so wären sie beide als Generäle zurückgekommen.“ Die Pariser Commune war von kleineren Aufständen in vielen französischen Städten begleitet, insbesondere in Marseille, Saint-Etienne, Toulouse. 246 DAS VERLANGEN NACH DER DIKTATUR Auch in Amiens gärte es unter den Arbeitern. Der Maire von Amiens, Monsieur Dauphin, mit dem ich die besten Beziehungen unterhielt, war besorgt vor kommunistischen Unruhen. Er schrieb mir in diesem Sinne und bat mich, solchen Unruhen durch strenge Überwachung und eventuelle energische Repression kommunistischer Aufstandsversuche zu begegnen. Als die Pariser Commune von Thiers mit der rücksichtslosen Energie unterdrückt worden war, die in Frankreich bei inneren Konflikten meist zur Anwendung zu kommen pflegt, erschien Monsieur Dauphin bei mir und bat mich, ihm seinen Brief zurückzugeben. Wenn sein Schreiben je bekannt würde, so wäre es um seine politische Zukunft geschehen. Ich habe dem würdigen Manne sein Schreiben zurückgegeben, und er ist später mehrmals Minister gewesen, ohne daß das Damoklesschwert einer unliebsamen Enthüllung über ihm geschwebt hätte. Über den Eindruck, den die Pariser Commune zunächst in der Provinz Die Zerstörung machte, schrieb ich Ende Mai: „Die Bauern freuen sich sehr über die Zer- von Paris Störung von Paris. Alle Welt verlangt nach einer rücksichtslosen und eisernen Diktatur. Jeder sagt, Frankreich sei nie besser regiert worden als von 1852 bis 1855, wo Napoleon III. ganz absolutistisch regierte wie sein Onkel. Auch dem strengen Katholizismus wendet sich wieder die große Menge zu, selbst in den Städten. Die Lebenskraft des Landes ist ungeheuer. In zehn Jahren wäre olme die fünf Milliarden der Krieg vergessen. Dazu kommt, daß ihre Verluste doch nicht so groß sind wie die unseren, namentlich weniger Offiziere. Einjährige, Freiwillige usw. hatten sie ja überhaupt nicht. Hier sind einige sehr nette Familien, wo ich viel verkehre. Im allgemeinen sind die Franzosen fanatische Preußenhasser oder gänzlich indifferent gegen alles. Wie reich das Land ist, selbst hier in der Picardie, die zu den ärmeren Teilen von Frankreich gehört, ist schwer zu glauben. Dorf an Dorf, jeder Fleck Landes ist bestellt, die Gartenkultur z. B. so ausgebildet wie wohl nirgends bei uns. Bis auf drei bis vier Meilen in der Umgegend eine Villa an der anderen, alle mit dem größten Luxus eingerichtet: Treibhäuser, Mistbeete, die schönsten Gazons, auf den kleinsten Besitzungen Jagd und Fischerei. Montag aß ich in Belloy, dem Schloß eines Barons Morgan, die schönsten Melonen, Erdbeeren und Bananen.“ XVIII. KAPITEL Amore sacro und amore profano • Ritt nach Camon • Das VIII. Armeekorps erhält Befehl zum Rückmarsch • Oberst Freiherr von Loe • Die Königshusaren marschieren durch die Eifel nach Trier • Einzug in Bonn (6. VII. 1871) • Wieder im Elternhaus zu Klein- Flottbek (20. VII. 1871) M eine Mutter hegte den lebhaften Wunsch, daß ich auf einige Tage nach Baden-Baden kommen möge, wo sie eine Kur gebrauchte. Ich schrieb Kein Urlaub darüber an meinen Vater: „Mama schlug mir vor, sie in Baden-Baden zu besuchen. Leider ist für mich keine Möglichkeit. Talleyrand ist zum Ersten abgelöst und noch kein Ersatzmann für ihn da. Selbst wenn dieser kommt, kann ich nicht gut um Urlaub, selbst um einen ganz kurzen, bitten, da wir jeden Tag abmarschieren können und ich in diesem Falle die Papiere noch in Ordnung bringen müßte. Über unseren Abmarsch gehen die verschiedensten Gerüchte. Ganz ungewiß erscheint noch, ob das Somme-Departement geräumt wird und wann. Einige behaupten, es werde bloß Abbeville evakuiert werden, andere sagen, das ganze Departement. Doch ist es nicht wahrscheinlich, daß man einen Zentralpunkt wie Amiens anders als möglichst spät räumt. Was endlich das von uns allen besprochene Verbleiben unseres VIII. Korps betrifft, so ist alles Gerücht. Doch ist es wahrscheinlich, daß wir eher mit den letzten als mit den ersten aus Frankreich gehen. Oberst von Loe scheint anzunehmen, daß wir bald die Reserven entlassen und dann vor Paris oder in die Champagne als Quasi-Garnison kommen, ob für zwei Monate oder für zwei Jahre, weiß aber niemand. Die Einjährig- Freiwilligen, die in Bonn studierten, sind nach Bonn zurückgeschickt, auch die ältesten Jahrgänge unter den Leuten. Das Resultat von alledem ist für mich, daß ich hier in der nächsten Zeit an meinem Platz bleiben muß, zumal ich nicht gut, wenn auch nur für drei oder vier Tage, gehen kann, wenn es anfängt, schwieriger zu werden.“ Am 2. Juni schrieb ich meiner Mutter: „Ich habe hier in Amiens viele französische Familien kennengelernt. Einen Herrn von Neuville, reichen Familien- Bankier mit netter Frau und Tochter. Recht nett ist auch ein Baron verkehr de Latapie, der in Cagny ein hübsches Schloß hat und dessen gescheite Frau * n ■ / ^ miens in der Pariser Gesellschaft eine große Rolle gespielt haben soll. Mit dem 248 DER GUTE ABBE Maire und interimistischen Prefet de la Somme, Monsieur Dauphin, bin ich sehr bekannt. Er ist ein bedeutender Mann und wird in seinem Lande sicher einmal eine Rolle spielen. Auch seine Frau ist recht distinguiert. Ein großer Freund von mir ist Monsieur de Neux, Präsident der Philharmonischen Gesellschaft, ein liebenswürdiger Mann mit netter Frau und Tochter. Oft bin ich auch bei einer Frau von Y. mit einem unbedeutenden Mann, aber zwei liebenswürdigen Töchtern. Auf diese Weise hat es mir wirklich gut gefallen, und ich kann die Zeit hier wohl zu der angenehmsten rechnen. Ich war fast jeden zweiten Mittag oder Abend irgendwo gebeten. Vergessen habe ich noch einen Engländer, der hier angesessen ist und eine große Fabrik hat, einen Mr. Z., der gescheit und unterrichtet ist und eine sehr liebenswürdige und schöne Frau hat. Ich war fast täglich in ihrem Hause. Ich hatte es so besser, als wenn ich ganz auf die Cafes angewiesen gewesen wäre. Der General und die Generalin sind für mich stets von der größten Liebenswürdigkeit gewesen. Der General ist bei ziemlicher Heftigkeit und unter Umständen Grobheit ein herzensguter Mann. Des Abends pflegten ziemlich viel Leute zu kommen, so der Oberst von Rosenzweig und Major von Koppelow (Mecklenburger), vom 28. Regiment, der kluge Oberst von Witzendorf, Generalstabschef von Goeben, General Strubberg, unser Oberst von Loe, den leider das Regiment verliert, am häufigsten Graf LehndorfF, früher Präfekt, jetzt Zivil-Kommissar, sehr liebenswürdig für mich. Leider ist sein Neffe jetzt fort, ein junger Graf Fritz Dönhoff, vom 2. Garde-Ulanen-Regiment, ein sehr guter Freund von mir. Alle diese Leute gehen jetzt aber nach und nach fort. Sobald ich Näheres über meinen Abgang weiß, schreibe ich Euch. Euer treuer Sohn.“ Ich erwähnte in meinem Schreiben Frau von Y. mit ihren Töchtern und Marie de Y. ein engliches Ehepaar Z. Bei Frau von Y. hatte mich ein vortrefflicher Abbe eingeführt. Ich habe Zeit meines Lebens gern Religionsgespräche geführt, vorausgesetzt, daß von beiden Teilen festgehalten wurde an dem mir teuren und oft von mir betonten Grundsatz: In necessariis unitas, in dubiis liber- tas, in omnibus caritas. Der gute Abbe suchte mich für seine Kirche zu gewinnen. Ich besitze noch ein damals in Frankreich in katholischen Kreisen viel gelesenes Buch, das er mir mit einer schönen Widmung schenkte. Es hieß: La Raison du catholicisme par Nicolas, ancien magistrat. Noch mehr als von der Wirkung dieses allzu weitschweifigen, hier und da etwas naiven Werkes erhoffte er von meinem Verkehr mit der Familie Y. und namentlich mit Fräulein Marie de Y. Wäre eines der schönsten Lieder von Heinrich Heine durch allzu häufiges Zitieren nicht zu abgegriffen, so würde ich von Marie de Y. sagen: „Sie war wie eine Blume, so hold und schön und rein.“ Ich unternahm viele Spaziergänge mit ihr und ihren HIMMLISCHE UND IRDISCHE LIEBE 249 Eltern. Ich durfte sie auch Sonntags zur Messe begleiten in den herrlichen Dom von Amiens, der an Pracht und Reinheit des gotischen Stils von wenigen anderen Kirchen übertroffen wird. Wir standen vor den drei Portalen der Kirche und bewunderten Hand in Hand ihre Bilder und Gestalten: Die Darstellung der Schöpfungsgeschichte, der Propheten und der Heiligen, der Jahreszeiten und der Sternbilder und der Gewerbe. Die Kathedrale von Amiens erschien mir als eine Schwester der Kathedrale von Reims. Es ist in der Tat schwer zu sagen, welche von beiden die schönere ist. Mademoiselle Marie führte mich zum „beau Dieu“, zu dem „schönen Gott“, einer gotischen Figur, die Gott-Vater, der meist als zürnender Greis abgebildet wird, als einen milden und liebenswürdigen Jüngling zeigt. Diesem „beau Dieu“ ist nicht zuzutrauen, daß er seine Geschöpfe zu ewigen Höllenstrafen verdammen sollte. Der „beau Dieu“ ist der Stolz von Amiens. Ich setzte meiner jungen Freundin auseinander, daß der deutsche Wald, in dem die Aste und Zweige benachbarter Bäume sich begegneten und ineinander verschlängen, das Urbild aller gotischen Kathedralen und auch der lieben Kathedrale von Amiens wäre. Auf dem Rückwege aus der Kirche sprachen wir lange und eifrig über Religion und religiöse Fragen. Gegenüber dem Zauber der katholischen Liturgie und der in ihrem Mittelpunkt stehenden Messe, für den ich nicht unempfänglich war, verteidigte ich mit Lebhaftigkeit meinen evangelischen Standpunkt. Ich kam aber nicht weiter als Faust mit dem guten Gretchen, die ihm auf sein herrliches Glaubensbekenntnis antwortet: „Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, Steht aber doch immer schief darum; Denn du hast kein Christentum.“ Trotz unserer religiösen Differenzen fühlte ich, daß Marie de Y . mir gut war. Ich meine aber doch, daß ich wohl daran tat, mit ihr keinen ewigen Bund zu flechten. Von allen übrigen Gründen abgesehen, war ich für die Ehe viel zu jung, auch zu unreif. Aber es war nicht allein solche verständige Erwägung, die mich von dem lieben Mädchen trennte. Vielleicht das schönste, jedenfalls das am meisten besprochene Bild von Tizian hängt in der Galerie Borghese in Rom: Auf dem Rande eines Marmorsarkophags, der als Brunnen dient, sitzen zwei Frauen, die eine bekleidet* ernst und sinnend; die andere, nackt, enthüllt herrliche Formen, lächelt rätselhaft und verführerisch. Ein reizender Knabe steckt seinen Arm in den Brunnen. Das Bild ist weltbekannt unter dem Namen „Amore sacro e profano“. Wenn die zärtlichen Empfindungen, die mich mit Marie de Y. verbanden, durchaus den Charakter des Amore sacro trugen, so kann ich leider nicht dasselbe von meinen Beziehungen zu Mrs. Z. sagen, die dadurch erleichtert Im Dom von Amiens Mrs. Z . 250 WIEDERSEHEN IM DORF wurden, daß ihr Gatte den guten Einfall hatte, sich für mehrere Wochen von Amiens nach seiner schottischen Heimat zu begeben. Da ich als Platzmajor nicht allzuviel zu tun hatte, unternahm ich häufig Spazierritte in die Umgegend von Amiens. Ich kam nach Bussy, Querrieux, Pont-Noyelles, Daours, wo wir im Winter gcfochten hatten. Ich kam auch nach Camon, zu dem Bauernhaus, wo ich in der Nacht vor der Schlacht an der Ilallue einquartiert war. Im Torweg stand Julie, wie am Morgen des 23. Dezember. Sie erkannte mich sogleich und reichte mir die Hand, mit großer Ruhe und Unbefangenheit. Ich sah auf den ersten Blick, daß sie guter Hofihung war. Ich frug, oh ich ihr helfen, mich ihr nützlich machen könne. Ich wäre gern hierzu bereit. Sie schüttelte den Kopf. Sie erzählte mir dann, sie sei seit Monaten verheiratet, mit einem Fermier, einem braven Mann. „II est un peu rüde, mais excellent. II est bon pour moi, il sera bon pour le mioche, que je vais mettre au monde. C’est un bon gars.“ Ich frug sie, ob sie mir böse wäre. Sie schüttelte wieder den Kopf: „Nous avons faute tous les deux.“ Ich küßte sie auf die Stirn und ritt weiter, bewegt und in ernsten Gedanken. Das Volk, und namentlich das Landvolk, steht der Natur näher als die Gebildeten. Seine Gefühle sind geradlinig, einfach und gesund. Hier ist der Jungbrunnen, aus dem die überbildete, verbildete, von des Gedankens Blässe angekränkelte Oberschicht von Zeit zu Zeit neue Lebenskraft holen muß, wenn sie nicht verkümmern will. Am 31. Mai erging an das VIII. Armeekorps der Befehl zum Rück- Bcfehl zum marsch in die Heimat. Zu gleicher Zeit erhielt das Königshusaren-Regi- Rückmarsch m ent eine freilich schon seit langer Zeit gefürchtete und vorhergesehene Nachricht. Wir verloren unsern verehrten und geliebten Kommandeur, der mit der Führung der 21. Kavallerie-Brigade betraut wurde. Der Regimentsbefehl, in dem der Oberst von Loe zum letztenmal zum Regiment sprach, schloß: „Ich habe Euch immer und überall in den Stunden der Gefahr und des Kampfes, trotz Hunger und Anstrengungen, in Kälte und Eis freudig bereit gefunden, mehr zu leisten, als ich von Euch forderte, dafür danke ich Euch beim Abschied aus tiefster Seele. Offiziere, Unteroffiziere und Husaren! Wenn Ihr, hoffentlich nun bald, in unsere teure Heimat zurückkehrt, wenn Ihr Euch im Kreise Eurer Familien an die glorreichen Tage von Gravelotte und Boves, von Querrieux und Sapignies, von Bapaume und Saint-Quentin erinnert, dann vergebt Euren Oberst nicht, dessen größter Stolz es ist, jene Tage mit Euch durchlebt zu haben, der Euch immer ein treues Andenken bewahren wird.“ Es hätte dieser Bitte des Obersten nicht bedurft. Sein Bild stand Walter unauslöschlich in der Brust eines jeden, der unter ihm im Regiment von Loe unc ] V or dem Feinde stand. Der Freiherr Walter von Loe entstammte einem alten rheinländischen Adelsgeschlecht, und adlig im besten Sinne EIN RHEINISCHER EDELMANN 251 des Wortes war alles an ilim. Er war ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, aber ein Edelmann ohne Standeshochmut, ohne Vorurteile. Er hing treu an seiner rheinischen Heimat. „Ich bin“, konnte er wohl sagen, „nicht nur mit Rheinwasser getauft, ich bin mit rheinischer Milch gesäugt, ich bin ganz und gar Rheinländer.“ Aber er konnte und wollte sich das Rheinland nur als preußische Provinz denken, in unlöslicher Verbindung mit der preußischen Monarchie. Er war Preuße bis in die Fingerspitzen. Als der ihm sehr gnädig gesinnte Kaiser Friedrich ihm als Kronprinz einmal von der Kaiserherrlichkeit des Mittelalters sprach und äußerte, der Zusammenhang zwischen dem alten und dem neuen Deutschen Reich müsse auch äußerlich mehr zum Ausdruck gebracht werden, meinte Loe: „Ach, Kaiserliche Hoheit, die Kaiserwürde ist schließlich doch nur ein Mantel, den sich der König von Preußen umgehängt hat.“ Im Laufe einer glänzenden militärischen Karriere, die ihm als Krönung den Marschallsstab brachte, vor immer größere und bedeutendere Aufgaben gestellt, hatte er immer mehr Gelegenheit, die Eigenart seiner lauteren Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Walter Loe transigierte nicht in grundsätzlichen Fragen, aber er war nie verbohrt, nie verrannt, wie das der Deutsche nur zu oft ist. Er war gar nicht eigensinnig. Wenn eine Frage nicht ohne unvernünftige Gewalt oder ein unverhältnismäßiges Risiko zu lösen war, so suchte er nach einem Ausweg, wie er, bei einer Felddienstübung oder einer Schnitzeljagd vor einen unpassierbaren Graben oder eine allzu hohe Hecke gelangt, nach einer Stelle spähte, wo Graben oder Hecke zu nehmen waren, ohne daß Reiter und Gaul den Hals brachen. Er kannte keine Furcht, weder im Felde noch im Leben. Er opferte nie seine Grundsätze, und dabei war er vielleicht der einzige hochstehende Preuße, der gleichmäßig das Vertrauen des alten Kaisers und der Kronprinzessin Viktoria, der Kaiserin Augusta und des Prinzen Friedrich Karl, des Kronprinzen und des Prinzen Wilhelm besaß. Mit der Großherzogin Luise von Baden verband ihn langjährige und innige Freundschaft. Mit Bismarck stand er nicht gut. Die Schuld lag nicht an ihm, sondern an dem bisweilen krankhaften Mißtrauen des großen Staatsmannes gegenüber Menschen, die aus irgendeinem Grunde seinen nie schlafenden Argwohn erregt hatten. Nach dem Sturze des Fürsten Bismarck mißbilligte Loe die Ungezogenheiten des Kaisers Wilhelm II. gegenüber dem größten Diener seines Großvaters. „Der Fürst Bismarck“, sagte Loe damals zu mir, „gehört in die preußische Ruhmeshalle zu Friedrich dem Großen und Stein, Blücher und Moltke. Nur mit dem Hut in der Hand darf man sich solchen Männern nahen, nicht wie der Junge, der mit Schneebällen nach einem Monument wirft.“ Herbert Bismarck hatte es durch sein Verhalten gegenüber der Fürstin Elisabeth Carolath, der Schwägerin des Feld- Loe und die Bismarcks 252 FORDERUNGEN marschalls Loe, mit ihm für immer verdorben. „Wäre Herbert Bismarck nicht der Sohn des allmächtigen Kanzlers, so würde er wegen seines Verhaltens gegenüber der Fürstin Elisabeth vor ein Ehrengericht gestellt worden sein und hätte den schlichten Abschied erhalten. Er durfte die Fürstin nie und unter keinen Umständen sitzenlassen, nachdem er sie zur Scheidung von ihrem Gatten getrieben hatte.“ So sprach Loe mehr als einmal zu mir, als ich für Herbert Bismarck für mildernde Umstände plädierte. Das innerste Empfinden des armen Herbert deckte sich im Grunde mit diesem strengen Urteil des Feldmarschalls Loe. Er schrieb, als er die Fürstin Elisabeth Carolath endgültig im Stiche gelassen hatte, an Philipp Eulenburg: „Ich leide unter dem alles niederdrückenden Bewußtsein, ein Vertrauen getäuscht zu haben, das nun einmal in mich gesetzt worden war und das ich doch also auch ins Leben gerufen haben muß! Ich muß mir immer wieder sagen, es hätte dahin nicht kommen dürfen. Es muß mein Verschulden sein, daß es geschehen ist! Die Fürstin hat von mir anderes erwartet, als ich zu leisten imstande war. Wie schrecklich das auf mir lastet!“ Loe nahm Ehrenfragen sehr ernst und sehr streng. Niemand kannte den Ehrenfragen Ehrenkodex wie er. Dafür nur zwei Beispiele: Während des französischen Feldzuges bei einem französischen Grafen in dessen Schloß in der Picardie einquartiert, führte der damalige Oberst von Loe bei Tisch die Konversation mit der ihm eigenen Weitläufigkeit. Da ließ sich der Franzose zu einer imgehörigen Äußerung über den alten König von Preußen hinreißen. Loe erhob sich, verließ das Zimmer und ließ noch im Laufe des Abends durch seinen Adjutanten den französischen Grafen fordern. Als dieser erwiderte, er könne sich, ohne sich von seiten der deutschen Militärbehörden den schlimmsten Repressalien auszusetzen, unmöglich mit einem deutschen Offizier duellieren, übersandte ihm der Oberst Loe am nächsten Morgen einen von ihm an den König Wilhelm aufgesetzten Brief, in dem es hieß: Als treuer Untertan, Offizier und Flügeladjutant Seiner Majestät bäte er seinen Königlichen Herrn, allergnädigst dafür zu sorgen, daß dem Franzosen kein Haar gekrümmt würde, wenn dieser bei einem ritterlichen Ehrenhandel ihn, Loe, verwunden oder töten sollte. Als er diesen Sauf-conduit erhalten hatte, suchte der französische Graf, selbst ein Kavalier, den preußischen Oberst auf und bat ihn wegen seiner deplacierten Äußerung über Seine Majestät den König Wilhelm gern und freudig um Entschuldigung. Bekannter ist das Verhalten des Generals Loe bei seiner Differenz mit dem spanischen General Salamanca. Diesem war bei dem Besuch, den 1883 der deutsche Kronprinz, begleitet vom General von Loe, in Madrid abstattete, das Großkreuz des Roten Adlerordens verliehen worden. Als zwei Jahre später der Karolinen-Streit entbrannte, sandte Salamanca den „RICHTIG UND SCHNEIDIG' 253 ihm verliehenen Orden dem General von Log, der inzwischen Kommandierender General des VIII. Armeekorps geworden war, mit einem an den Kronprinzen gerichteten ungehörigen Briefe zurück. Nachdem er in Berlin die erforderlichen Schritte getan hatte, sandte General von Loö den Chef seines Stabes, den Oberst von der Planitz, nach Madrid, mit dem Auftrag, dem General Salamanca seinen Brief zurückzustellen und ihn in ganz ruhiger Weise, „suaviter in modo, fortiter in re“ über die im deutschen Offizierkorps herrschenden Ehrenauffassungen sowie über die dem General von Loe persönlich zugefügte Beleidigung aufzuklären und zugleich unter Ablehnung jeder Exkursion auf das politische Gebiet und einer etwaigen Fortsetzung der Korrespondenz die persönliche Genugtuung dem eigenen loyalen und ritterlichen Gefühl des Spaniers anheimzugeben. Im Weigerungsfälle sollte Planitz eine Forderung auf die in Spanien landesübliche Waffe, den Degen, überbringen und ein neutrales Land, z. B. Italien, für den Ort des Zweikampfes vorschlagen. General Salamanca ging bei der Zusammenkunft mit Loes Abgesandtem, dem Oberst von der Planitz, auf alles ein, nahm seinen Brief ohne jeden Vorbehalt zurück und erklärte, wie in Gegenwart zweier Zeugen zu Protokoll aufgenommen wurde, daß er tief bedaure, durch Übersendung des Briefes an Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen den General von Loö beleidigt zu haben. Als Erzherzog Albrecht, der Sieger von Custozza, davon hörte, freute sich sein altes Soldatenherz, und er äußerte: „Die ritterliche Art, mit der Loe diese Affäre so korrekt und energisch durchgeführt hat, steigert meine Wertschätzung für ihn zu wahrer Hochachtung.“ Und Fürst Bismarck bezeichnete das Vorgehen des Generals von Loö als „richtig und schneidig“. Loe war ein treuer Sohn der katholischen Kirche und machte aus dieser seiner Gesinnung gerade während des Kulturkampfes kein Hehl. Als die Jesuiten aus Deutschland ausgewiesen wurden, vertraute er seinen einzigen Sohn der von Jesuiten geleiteten Unterrichtsanstalt in Feldkirch, der Stella matutina an. „Ich hatte früher nicht viel mit den Jesuiten im Sinn“, meinte er damals, „aber jetzt, wo sie verfolgt und verbannt werden, möchte ich keinen Zweifel lassen über meine Treue für meine Kirche.“ Aber auch den kirchlichen Behörden gegenüber blieb er immer und in jeder Lage preußischer General und Edelmann. Als der Feldmarschall Loö schon in hohen Jahren stand, wurde ein rheinländischer Edelmann, der Kammerherr von S., genötigt, einem anderen Herrn des rheinländischen Adels eine Aufforderung zum Zweikampf zu übersenden. Der Erzbischof von Köln erklärte, er werde, falls es zu einem Duell käme, sowohl gegen die Duellanten wie gegen die Sekundanten mit kirchlichen Strafen Vorgehen. Daraufhin ließ der Feldmarschall von Loe dem Erzbischof sagen, er selbst würde Loe und die katholische Kirche 254 DIE BEIDEN JÖTTER Herrn von S. sekundieren und warte in Ruhe ab, ob der Erzbischof ihn exkommunizieren würde. Konfessionelle Zänkereien waren ihm zuwider, in der Armee duldete er sie nicht. Er zitierte mit Vorliebe ein Wort des für seine Originalität bekannten Generals von Petery, der unter Friedrich Wilhelm IV. Kommandant von Spandau war. Petery war Katholik, seine Frau war evangelisch. Als die Frau Generalin ihren Gatten frug, in welche Kirche sie an Königs Geburtstag gehen solle, in die evangelische oder die katholische, erwiderte der würdige Gatte: „Zu welchem von die beiden Jötter du beten willst, Minna, det is janz jleich, wenn du nur tüchtig für Seine Majestät betest.“ Der Feldmarschall von Loe hat in jeder Richtung einen großen Einfluß auf mich ausgeübt. Bei einer der letzten Unterredungen, die er als Regimentskommandeur im Frühjahr 1871 vor seiner Abreise nach Frankfurt mit mir hatte, sprach er mir die Hoffnung aus, daß ich bei der Armee bleiben würde. Er empfahl mir, Clausewitz zu studieren. „Sein Buch über Krieg und Kriegführung ist für den Soldaten das, was das Corpus juris für den Juristen, die Bibel für den Theologen ist.“ Und als ich Reichskanzler geworden war, meinte er halb im Scherz, halb im Ernst: „Als Kriegsminister oder als Chef des Militärkabinetts hätte ich Sie noch lieber gesehen und am liebsten vorher als Kommandeur unseres alten Regiments.“ Am 1. Juni trat unser Regiment unter dem interimistischen Kommando Dem des Majors von Dincklage den Rückmarsch nach dem Rhein an. Am Rheine zu 4 , Juni schrieb ich meinen Eltern: „Es beginnt jetzt der Rückmarsch auf der ganzen Linie, namentlich durch Amiens werden zwei Korps defilieren: das VIII., das zum größten Teile zwischen Abbeville und hier stand, und das I., das in Rouen und Dieppe disloziert war. Das Oberkommando wird aufgelöst und statt des Generalkommandos des VIII. Aj-meekorps (General Barnekow) kommt das Generalkommando des I. Armeekorps (General Bentheim) hierher. Es ist auf diese Weise für mich hier leidlich viel zu tun und mehr Schreiberei als sonst. Es ist mir der Befehl zugegangen, bis zum 7. hujus hierzubleiben und dann dem Regiment nachzugehen. Doch will der General Ruville mit Goeben sprechen, um mich noch ein paar Tage länger hierzubehalten, zumal das ganze Somme-Departement schwerlich noch lange besetzt bleiben wird. Es ist mir dies auch ganz recht, wenn ich nur zur rechten Zeit zum Einzug nach Bonn zum Regiment komme. Gefahr ist aber nicht, da der Rückzug sicher drei Wochen dauern wird.“ General von Barnekow hat mir gelegentlich eine Lektion erteilt, die Eine Lektion nicht nur durchaus berechtigt war, sondern mir auch für mein ganzes Leben nützlich gewesen ist. Ich hatte den General von Ruville und seine Gattin zur Kirche begleitet. Als der Gesang begann, bat mich Frau von Ruville, die ihr Gesangbuch vergessen hatte, ihr ein solches zu besorgen. Ich ging IN DEN ARDENNEN 255 auf einen biederen Musketier zu, bat ihn um sein Gesangbuch und überreichte es meiner Generalin. Der General von Barnekow sagte mir mit strengem Ausdruck: „Bringen Sie dem Mann das Buch zurück. Er hat dasselbe Recht auf ein Gesangbuch wie Ihre schöne Generalin.“ Frau von Ru- ville war in der Tat eine stattliche, schöne Frau. Sie war eine geborene Freiin von Bülow-Stolle und in jungen Jahren Hofdame in Strelitz. Der General war sehr viel älter als sie. Er war bärbeißig, sie war heiter und lebenslustig. Es war nicht überraschend, daß sie sich, einige Jahre nachdem sie Amiens verlassen hatten, von ihrem Gemahl trennte und einen jüngeren Diplomaten heiratete. Bevor wir den Rückmarsch nach der Heimat antraten, mußte ich mich von meiner guten Grete trennen. Ich wollte die hellbraune Stute, die mich so treu durch den Krieg getragen hatte und die durch die Winterkampagne einigermaßen mitgenommen war, nicht den Strapazen des Rückmarsches aussetzen. Ich überließ sie Monsieur de Y., der mir versprach, daß sie es in seinem Hause gut haben würde. Niemand solle sie reiten oder fahren als seine Tochter. Marie de Y. sah sehr niedlich aus, wenn sie die hellbraune Stute, die ein französischer Stallmeister eingefahren hatte, vor einem Til- bury fuhr. Mein guter Vater setzte mich in die Lage, zwei andere Pferde zu kaufen, ein ursprünglich französisches, von einem Garde-Ulanen erbeutetes, sehr leistungsfähiges Pferd, und eine wunderschöne Rappstute, ganz Vollblut und sehr elegant. Da ich überdies als Offizier Anspruch auf ein Chargenpferd hatte, war ich wohlberitten. Am 12. Juni schrieb ich an meine Eltern aus Antheny in den Ardennen: „Ich verließ Amiens am Freitagmorgen. Donnerstag gab mir der General Über ein kleines Abschiedsdiner, bei dem er einen sehr freundlichen und für mich Meziires- sehr schmeichelhaften Toast auf mich ausbrachte. Überhaupt ist er immer federn sehr freundlich für mich gewesen, ebenso wie Frau von Ruville. Mein Nachfolger ist ein Herr von der Goltz, Premierleutnant von den 10. Dragonern. Es tat mir eigentlich sehr leid, aus Amiens wegzugehen, wo ich sehr viele angenehme Bekanntschaften hatte, doch muß ich jetzt sagen, daß auch das Marschieren sehr nett ist. Jedenfalls ist es gesünder, in freier Luft zu sein, als bloße Schreibereien. Ich bin zur 3. Schwadron gekommen, mit Herrn von Böselager als Schwadrons-Chef und zwei anderen Offizieren, Jagow und Schräder, die ich alle drei sehr gut kenne, so daß wir uns gut unterhalten. Ich fuhr mit der Eisenbahn nach Saint-Quentin, von da marschierten wir über Guise und Vervins, zwei kleine und ganz nette Städte. Die Ardennen, in denen wir jetzt sind, sind ein sehr schönes Land, ungefähr wie der Harz: viel Berge, Täler, kleine Flüsse und ab und zu Ruinen von in der Revolution zerstörten Schlössern und Abteien. Das Wetter ist ganz sommerlich. Nur morgens angenehm zum Marschieren und von elf Uhr ab 256 DAS ERWACHEN IM COUPfi sehr heiß. Unsere Direktion ist Mezieres, Sedan, Thionville, Trier. Höchstwahrscheinlich sollen wir bis Bonn marschieren. Recht schade ist, daß wir auf diese Weise von dem Einzug in Berlin nichts zu sehen kriegen. Aber was hilft das Klagen!“ Ich hatte mich wohl gehütet, meinen Eltern von dem Abschied zu Verfahren schreiben, den ich von Mrs. Z. nahm und der, wenigstens von ihrer Seite, tränenreich war. Ich schrieb auch nicht, daß es mir bei meiner Eisenhahnfahrt von Amiens nach Saint-Quentin beinahe übel ergangen wäre. Vielleicht durch den in der Nacht vorher erfolgten Abschied von der hebenswürdigen Mrs. Z. angegriffen, verfiel ich in der Eisenbahn in einen so tiefen Schlaf, daß ich in Saint-Quentin versäumte auszusteigen. Inzwischen waren in Saint-Quentin drei oder vier französische Reisende in mein Coupe eingestiegen, die mich nicht gerade freundlich ansahen, als ich endlich erwachte. Sie machten mich darauf aufmerksam, daß ich mich auf dem von unseren Truppen geräumten französischen Boden befände, den preußische Offiziere, noch dazu in Uniform, nicht betreten dürften. Ich erwiderte höflich, aber ernst, daß die noch in Amiens stehenden preußischen Truppen von meiner Abreise wüßten. Wenn mir während meiner Fahrt irgend etwas zustieße, würde zweifellos nicht nur von der französischen Regierung und der Eisenbahnverwaltung Genugtuung verlangt werden, sondern auch die Reisenden dieses Zuges würden ernsten Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein. Nach dieser kategorischen Erklärung entspann sich ein freundliches Gespräch, das mit dem allseitigen Wunsche schloß, es möchte so bald nicht wieder zum Kriege kommen. Auf der nächsten größeren Station, wo das Publikum auf dem Bahnhof mich mit Hallo und Pfeifen empfing, sprach ich ebenso freundlich-ernst mit dem Bahnhofschef, der sofort die Situation begriff und mich in seinem Zimmer gegen jede Belästigung schützte, bis er mich in einem nach Saint-Quentin zurückfahrenden Zuge in einem leeren Coupe I. Klasse unter der besonderen Obhut der Kondukteure des Zuges nach Saint-Quentin zurückexpedierte. Am 19. Juni schrieb ich aus Bazeilles bei Montmedy an meine Eltern: Bazeilles „Sehr wünsche ich, Mama und meine kleinen Brüder haben die Einzugsfeierlichkeiten in Berlin recht genießen können. Wir hatten am 16. prachtvolles Wetter, hoffentlich war es in Berlin ebenso. Nachrichten haben wir davon noch nicht, doch wird es gewiß herrlich gewesen sein. Daß wir bei all unserem Patriotismus nichts davon zu sehen kriegen, ist eigentlich niederträchtig. Es scheint, daß wir bis Bonn marschieren sollen, bis Trier ist die Marschroute schon ausgegeben. Die Meuse, von waldigen Höhen eingeschlossen, erinnert an norddeutsche Gebirgslandschaften. Vor einem Jahr war in der ,Independance Beige 4 als Feuilleton ein Roman von G. Sand, der in dieser Gegend spielte und in dem' diese Maaslandschaften, in denen c* IM fr IM ‘~X- V mm 5 ^> JWWI IT**' .--Kl' Mw*- v »., ■'■ n4, ■ ; 'tet *' AN DER PORTA NIGRA 257 wir seit Mezieres und dem mit diesem verbundenen Charleville marschierten, recht gut beschrieben sind.“ Am 4. Juni schrieb ich aus Leinbach in der Eifel: „Wir sind, seitdem ich Euch zum letztenmal schrieb, immer am Marschieren gewesen. Von der Grenze aus gingen wir über den Hunsrück nach Trier Trier. Wir überschritten die Saar bei Conz, wo sie sich mit der Mosel vereinigt. Bei strömendem Regen zogen wir in Trier ein. Die Stadt war sehr schön geschmückt. Aus allen Häusern wehten preußische Fahnen, überall Girlanden, Büsten des Königs und der Prinzen. Am Tor war eine große Germania und weiter in der Stadt eine Bildsäule der Stadt Trier angebracht. Beide mit Fahnen, Emblemen und Wappenschildern reichlich versehen. Wir wurden von den Trierer Damen mit vielen Kränzen und Blumen beschenkt, hätten aber gern auf einige verzichtet, wenn wir in etwas bessere Quartiere gekommen wären. Ich wurde mit meinem Zuge nach Metzdorf detachiert, einem kleinen Dorfe hart an der Sauer, dem luxemburgisch-preußischen Grenzfluß. Die Luxemburger sind sehr französisch und schimpften über den zirka fünfundzwanzig Fuß breiten Fluß hinüber. Den nächsten Tag, einen Ruhetag, benutzte ich, um mir mit meinem Freunde Schräder Trier anzusehen. Es liegt herrlich im Moseltal, von Höhenzügen eingeschlossen. Die Mosel, die Trier durchfließt, ist hier schon recht breit. Wir bewunderten die Porta nigra, ein festes Tor aus der römischen Zeit. Im vorigen Jahrhundert sind aus der Porta zwei Kapellen im Rokokostil gemacht worden. Die eine ist abgetragen worden, die andere aber existiert, wenigstens zum Teil, noch. Die Arabesken und Schnörkel a la Louis XIV nehmen sich sonderbar aus auf der römischen Fassade. Wir fuhren nach den römischen Bädern, die großartig, aber schon stark verfallen sind. Jedenfalls waren die römischen Badeeinrichtungen besser als unsere, nach der kolossalen Rotunde zu urteilen, jetzt mit Gras und Efeu bewachsen. Auch die Basilika soll von den Römern erbaut sein, und zwar von Konstantin dem Großen. Ihr Baustil ist gewiß römisch, die Kirche selbst sieht so neu aus, daß es uns unwahrscheinlich vorkam, daß die Römer sie erbaut haben sollen. In der Nähe liegt das früher kurfürstliche Palais im Renaissancestil und der Dom, uralt, aus der Zeit Valentinians I., aber ziemlich unbedeutend. Merkwürdig war endlich noch das Hotel Maison Rouge, in dem wir aßen, das früher als Rathaus gedient hat und die stolze Inschrift trägt, daß Trier tausend Jahre vor Rom gestanden habe. So ist Trier gewiß eine der merkwürdigsten Städte in Deutschland, und es war sehr hübsch, daß wir Gelegenheit hatten, sie zu sehen. Seit Trier marschieren wir durch die Eifel. Die Gegend ist hübsch, aber herzlich arm, doch bemühten sich alle Dörfer, uns mit Fahnen und Böller- Die Eifel 17 BUlow IV 258 AM DEUTSCHEN STROM . Schüssen zu empfangen. Wir passierten einige sehr hübsche Partien, namentlich Manderscheid mit zwei malerischen Ruinen, ehemals fürstlich Salm- schen Schlössern und in der Revolution 1793 zerstört. Heute kamen wir an zwei Seen vorbei, die früher Krater eines Vulkans gewesen sein sollen, wie denn die Eifel überhaupt vulkanisch ist. Morgen passieren wir das Ahrtal, übermorgen sollen wir in Ronn einziehen, also am 6. Juli. Am 2. November ging ich von Bonn fort, von Courcelles bei Metz aus sind wir marschiert über Metz, Varennes, Reims, Soissons, Compiegne, Montdidier, Moreuil, Amiens nach Rouen und Pont Audemer, von Rouen zurück nach Montdidier, von da über Amiens, Albert, Bapaume bis nach Cambrai und dann über Peronne zurück bis nach Bray, von Bray nach Saint-Quentin und von da wieder nach Bapaume, von da über Amiens und Mollien-Vidame nach Gaille-Fontaine und Treport, von Treport und Eu nach Abbeville und von da nach Amiens, von hier wieder nach Chaulnes und Peronne und zurück nach Amiens, von da endlich über Saint-Quentin, Guise, Vervins, Mezicres, Sedan, Montmedy, Longwy, Thionville, Sierk, Trier nach Bonn. In der letzten Zeit hatten wir fast fortwährend Regenwetter, doch war es heute besser. Von Bonn werde ich Euch gleich schreiben, auch werde ich natürlich sehen, ob ich nicht einen kleinen Urlaub bekommen kann. Hier liege ich mit meinem Zuge in zwei kleinen Dörfern, in der Nähe der kleinen Stadt Adcnar. Ich habe recht gutes Quartier bei einem fünfundachtzigjährigen, noch sehr rüstigen Mann, der, als Untertan des Grafen Salm in der damaligen Grafschaft Salm geboren, die französische Zeit erlebt hat und von 1810 bis 1814 in Spanien beim 37 i6me de Ligne gestanden hat. Entschuldigt die schlechte Schrift und das schmutzige Papier. Euer treuer Sohn.“ Wie in Trier, so ■wurden wir auf unserem ganzen Rückmarsch von der deutschen Grenze bis zum Rheinstrom in Städten und Dörfern, von groß und klein, arm und reich mit gleicher Freude, mit gleicher Herzlichkeit begrüßt. Ich dachte an den „Frühlingsgruß“, den sechsundfünfzig Jahre früher einer der edelsten deutschen Dichter, der Sänger der Befreiungskriege, der zu früh verstorbene Max von Schenkendorf „An das Vaterland“ richtete: Alles ist in Grün gekleidet, Alles strahlt im jungen Licht, Anger, wo die Herde weidet, Hügel, wo man Trauben bricht; Vaterland, in tausend Jahren Kam dir solch ein Frühling kaum. Was die hohen Väter waren, Heißet nimmermehr ein Traum. Am 6. Juli telegraphierte ich an meine Mutter nach Flottbek: „Heute eingezogen, sehr wohl. Tausend Grüße.“ Am 11. Juli schrieb ich aus IN DER HEIMAT 259 Godesberg an meine Mutter: „Liebste Mama, tausend Dank für Eure Godesberg lieben und freundlichen Briefe. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie ich un< * ß° n, ‘ alles tun werde, um so bald wie möglich Urlaub zu bekommen. Es wird dies wohl schwerhalten, doch hoffe ich es zu erreichen, obwohl jetzt natürlich alles Urlaub haben will und die Anciennität bei solchen Gelegenheiten auch eine Rolle spielt. Ich reite heute mittag nach Bonn, um mit dem Major zu sprechen. Ich werde um sechs Wochen bitten, doch wird er mir wohl nur vier Wochen bewilligen wollen. Daß ich alles tun werde, um so bald und so lange wie irgend möglich Urlaub zu bekommen, brauche ich, wie gesagt, Euch nicht zu versprechen. Wir sind seit dem 6. Juli in Bonn angelangt, der Empfang war ein sehr schöner. Deputationen und Wagen waren uns bis eine Meile vor Bonn entgegengekommen. Die Stadt selbst war mit Blumen, Fahnen, Girlanden und Transparenten reichlich geschmückt. Alle Straßen waren voll Menschen, wir bekamen viele Buketts und Kränze. Von den offiziellen Reden habe ich nicht Adel gehört, da ich bei der 3. Schwadron bin und wir zu dreien abgebrochen waren. Nachdem der Umzug durch die Straßen unter vielem Böllerschießen und noch mehr Geschrei zu Ende war, ging unsere Schwadron nach Godesberg, wo wir vierzehn Tage bleiben sollen, bis die Kaserne in Bonn in Ordnung gebracht wird. Ich bin hier im ersten Hotel einquartiert und lebe sehr angenehm. Godesberg ist ein wunderhübscher Ort, eine Meile von Bonn und vis-ä-vis dem Siebengebirge, lauter schöne Villen reicher Kölner und Elberfelder, dabei viele Fremde, besonders Holländer. Die Schwadron führt jetzt der neue Rittmeister Graf Galen, der sehr nett ist. Er ist ein Neffe des Bischofs Ketteier von Mainz und stand vor dem Kriege bei den päpstlichen Zuaven in Rom. Am 6. hatten wir ein großes Diner auf dem Kasino in Bonn, und abends hatten die Husaren ein großes Fest. Nachher wurde die Stadt wirklich wunderhübsch illuminiert und auf dem Rathausplatz großes Feuerwerk losgelassen. Am Freitag hatten wir, als am katholischen Festtag, Ruhetag. Sonnabend gab die Stadt dem Offizierkorps ein großes Diner in der Beethoven-Halle, wobei verschiedene Reden gehalten wurden und es sehr vergnügt herging. Es ist mir sehr recht, daß ich vorläufig noch in Godesberg bleibe, da ich in Bonn noch keine Wohnung habe. Es ist dort sehr schwer, eine gute und nicht zu teure Wohnung zu finden. Seid, bitte, überzeugt, daß ich alles tun werde, was möglich ist, um bald Urlaub zu bekommen und Euch in Flottbek wiederzusehen. Treuste Wünsche von Eurem treuen Sohn.“ Am 20. Juli 1871 traf ich bei meinen Eltern in Klein-Flottbek ein. Mein Vater trug am Tage meiner Rückkehr folgende Worte in seine Bibel Ankunft ein: „Gott gab uns ein gutes Wiedersehen. Er schütze und segne das Leben in Klein- unseres ältesten Sohnes, das Er in Seiner Gnade in diesem Feldzug bewahrt hat. Wie könnten wir Ihm genug danken, daß Er Bernhards bei dessen 260 TOBIAS V, 22 Kränklichkeit doppelt ehrenwerten und so mutig und tüchtig durchgeführten Entschluß so reichlich gesegnet, seine Gesundheit gekräftigt, ihn in Schlachten, Beschwerden, in Winterkälte und Gefahr gnädig behütet, ihm Freude und Anerkennung und mm heute Heimkehr in den Ort be- schieden hat, wo er geboren ist, in die Heimat, aus der unser guter ältester Sohn auszog in den blutigen Krieg. Gott wollen wir ihn befehlen und nicht vergessen, was Er uns Gutes getan hat.“ Auf das Kuvert, in dem er meine Feldzugsbriefe sammelte, schrieb mein frommer Vater: „Und der Engel sprach: ,Ich will deinen Sohn gesund hin und her wieder führen (Tobias V, 22).“ XIX. KAPITEL Leutnant in Bonn • Vorbereitung zum Referendar-Examen in Greifswald • Prinz Franz Arenberg, Kaplan Hartmann • Überarbeitung, Ohnmachtsanfall • Professor Wilhelm Studemund • Professor Ernst Immanuel Bekker • Beginn des Kulturkampfes • Referendar-Examen in Greifswald (März 1872) • Pasewalk • Bestimmung zum diplomatischen Dienst • Abschied vom Regiment • Im Elternhaus zu Klein-Flottbek • Übersiedlung nach Metz I n Klein-Flottbek, in derselben Elbparkvilla, in der ich diese Zeilen diktiere, hatte ich zweiTage nach in einer Rückkehr aus dem Krieg eine lange Unterredung mit meinem Vater. Er frug mich, wann ich mein Referendar- Examen abzulegen beabsichtige. Als ich mit der Antwort zögerte, nicht aus Furcht vor dem Examen, sondern weil ich hinter der Frage den Wunsch witterte, daß ich, umgekehrt wie der Erste Jäger in Wallensteins Lager, die Kugelbüchse mit der Feder vertauschen möge, sagte mir mein Vater, er habe mir nach meinem Ausrücken ins Feld auf meinen dringenden Wunsch die Ermächtigung zum Weiterdienen auf Avancement erteilt. Diese Konzession habe er mir in der Voraussetzung gemacht, daß ich nachträglich mein Referendar-Examen bestehen würde. Als ich darauf hinwies, daß ich nur fünf Semester studiert hätte, darunter ein Semester in Lausanne, also im Auslande, entgegnete mein Vater mit freundlichem Lächeln, er habe diesen Einwand vorausgesehen und durch Rücksprache im Preußischen Justizministerium mir den nötigen Dispens erwirkt. Er schloß in bestimmtem Ton: „leb erwarte, mein lieber Bernhard, daß du im nächsten Winter das Referendar-Examen, und zwar ein gutes Referendar- Examen, ablegen wirst. Während des Sommers magst du dich in Bonn amüsieren.“ Der Sommer in Bonn war denn auch tatsächlich herrlich. Jeder Deutsche, der auf dem Alten Zoll gestanden hat, den Rhein zu seinen Füßen, vor sich das malerische Siebengebirge, neben sich das Erzstandbild des alten treuen Ernst Moritz Arndt, wird mich verstehen. Die Sommersonne strahlte am Himmel, freudig schlugen nach dem siegreichen Kriege die Herzen der Männer, heller und schöner noch als sonst leuchteten die Augen der Frauen. Das empfanden die blauen Husaren, wenn sie in der mit prächtigen Kastanien eingefaßten Poppelsdorfer Allee auf und nieder ritten, wo Fortsetzung des Studiums in Bonn 262 WANDERUNGEN nachmittags unsere Regimentskapelle zu spielen pflegte. Und die schönen Sommerabende am Rhein im Kleyschen Garten am Koblenzer Tor oder in den anmutigen Anlagen des Hotels Royal, wo wir mit dem Blick auf den deutschen Strom „Schorle-Morle“ tranken, eine köstliche Mischung von Moselwein und Selterwasser. Die reizende Umgebung lockte zu ausgedehnten Fußwanderungen wie zu flotten Ritten. Wir bestiegen den hohen Turm der Burg Godesberg, die, auf der Stelle eines römischen Kastells im dreizehnten Jahrhundert von den Erzbischöfen von Köln erbaut, später in den Wirren des sechzehnten Jahrhunderts von bayrischen Truppen erstürmt und zerstört worden war. Weit und schön war die Aussicht von oben auf das Gebirge und die Ebene. Innerhalb des Burgrings von Godesberg lag der friedliche Gottesacker des Dorfes. Ich war so eingenommen vom Rhein, daß ich den Wunsch hatte, auf dem Godesberger Kirchhof begraben zu werden. Wir wanderten nach Plittersdorf und aßen dort im Schaumburger Hof vorzüglichen Milchkäse, der „Makey“ hieß. Wir kehrten in Walporzheim ein und stärkten uns im St. Peter und im St. Joseph an dem berühmt-kräftigen Rotwein. Gern aßen wir in Altenahr bei Winkler in seinem Garten an der Ahr „Rümpchen“, kleine, ungekochte, in Essig zubereitete Fische. Und mit ernsteren Gedanken stiegen wir zur Apollinaris-Kirche empor, die, weithin sichtbar, sich auf steil abfallendem Schieferfels erhebt. Das Haupt des heiligen Apollinaris, des hochverehrten Bischofs von Ravenna, hatte Kaiser Rotbart einst nach Köln überführen wollen. Als aber, von einer geheimnisvollen Macht gelenkt, das Schiff mit der kostbaren Reliquie vor Remagen mitten im Rheinstrom stehen blieb, wurde in der Nähe eine Kirche erbaut und in dieser die Reliquie ausgestellt. Nahe dem Schauplatz dieser anmutigen Legende spreizte sich leider das Banale, die Apollinaris-Quelle, deren Wasser der Prinz von Wales, der nachmalige König Eduard VII., in Mode brachte, wie er ja auch den runden Hut, den Homburg-Hat, lanciert hat. The Apollinaris Company Limited versandte jährlich viele Millionen Flaschen. Wir bestiegen den Kreuzberg, von wo man nach Norden das gesamte Rheintal überblickt, freundliche Dörfer und Weiler, Bensberg mit seiner im alten Schloß untergebrachten Kadettenanstalt, aus der ausgezeichnete Männer, wie der 1906 verstorbene Arbeitsminister Hermann Budde, hervorgingen, das Bergische Land und im Hintergrund das große, das heilige Köln mit dem Ewigen Dom. Noch herrlicher war die Aussicht vom Drachenfels auf Rheinebene und Eifel, der schönste Blick am ganzen Rhein, eine Aussicht, die Childe Harold fast ebenso sehr entzückte wie Schloß Chillon am Genfer See und St. Peter in Rom: AN DEN RHEIN 263 The castled crag of Drachenfels Frowns o’er the wide and winding Rhine, Whose breast of waters broadly swells Between the banks which bear the wine, And hills all rieh with blossom’d trees, .'And fields which promise com and wine, And scatter’d cities crowning these, Whose far white walls along them shine, Have strew’d a scene, which I should see With double joy wert thou with me. Wenn wir auf das rechte Ufer des Rheines gelangen wollten, so benutzten wir die Ponte, die langsam über den Strom hin und her zog, denn noch spannte sich bei Bonn keine feste Brücke über den Rhein. Wir suchten Heisterbach auf, eine ehemalige Abtei der ehrwürdigen Zisterzienser, die in Mecklenburg die mit meiner Familie jahrhundertelang verbundenen Klöster Doberan und Rhena gründeten. Über dem Tor von Heisterbach prangte das Wappen der Abtei, eine Heister, d. h. eine junge Buche. Als Wächter daneben der heilige Benedikt von Nursia und der heilige Bernhard von Clairvaux. „An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein“, so hatte ein Bonner Kind, Karl Josef Simrock, gesungen, und wir fanden, meine Kameraden und ich, daß er recht hatte. Ich möchte übrigens nicht den Eindruck erwecken, als ob ich mich im Sommer 1871 in Bonn nur „amüsiert“ hätte. Am Morgen wurde auch unter unserem neuen Kommandeur, dem Prinzen Heinrich XIII. Reuß, stramm exerziert, und mein Rittmeister, Graf Wilderich Galen, verstand im Dienst keinen Spaß. Die Freude an regelmäßiger Beschäftigung, die ich damals im Rahmen ernster militärischer Arbeit und im Kreise gleichgesinnter Kameraden empfand, hat mich durch das Leben begleitet. „Nulla dies sine linea“ ist eine der Grundlagen meines Daseins. Als nach meinem Rücktritt die Tage, die jahrzehntelang in der Hast drängender Geschäfte dahingeflogen waren, nun mir lang zu werden schienen, machte ich mir einen methodischen Arbeitsplan, der weite Gebiete von Geschichte, Nationalökonomie und Literatur umfaßte und dessen regelmäßige Einhaltung nicht nur meinen Betätigungswillen befriedigte, sondern mir neue Horizonte eröffnete und mit ihnen die Neigung zu abgeklärter Betrachtung der Menschen und der Dinge verstärkte und vertiefte. Wenn der Leutnant Bernhard von Bülow nachmittags auf dem Reitweg der Poppelsdorfer Allee galoppierte, mag er dem dort spazierengehenden, sechs Jahre älteren Privatdozenten Georg von Hertling begegnet sein. Beide ahnten nicht, daß sie sich zwölf Jahre lang im Reichstag gegenübersitzen würden, daß der Jüngere von ihnen um die Jahrhundertwende, der 264 REFERENDAR-EXAMEN Ältere siebzehn Jahre später deutscher Kanzler werden würde. Damals kannte ich Herrn von Hertling nicht einmal von Ansehen. Wohl aber erinnere ich mich an die gemessene Gangart und das feierliche Auftreten des Historikers Heinrich von Sy bei. Er galt für ehrgeizig, und die Studenten lachten über den von einem seiner Kollegen geprägten und oft wiederholten Yefs: „Minister wär’ nicht übel! So denkt der Herr von Sybel.“ Im September 1871 wurde ich nach einer Schwimmübung, die ich zu Franz Pferde und in Uniform im Rhein unternommen hatte, von einem nicht ganz Arenberg unbedenklichen Ruhranfall heimgesucht. Ich konnte bald wieder Dienst tun, aber mein Yater drängte mich noch mehr als vorher zur baldigen Ablegung meines Referendar-Examens. Nun entstand die Frage, wo ich das Examen machen sollte. Unter meinen Regimentskameraden war mir von Anfang an kaum einer sympathischer als der Leutnant Prinz Franz Arenberg. Er sollte mir einer der treuesten Freunde werden, die ich im Leben gehabt habe. Das Haus Arenberg, das von Kaiser Karl V. die reichsgräfliche, von Kaiser Maximilian II. die reichsfürstliche und später auch die herzogliche Würde erhalten hatte, rangierte an allen deutschen Höfen vor allen anderen standesherrlichen Häusern. Der Stammvater des Hauses, Hartmann von Arenberg, erblicher Burggraf und Protektor von Köln, war schon im elften Jahrhundert im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen. Die Devise der Familie war: „Christus protector meus.“ Und in unerschütterlicher Treue hatte sie immer zur katholischen Kirche gestanden. Die Mutter von Franz Arenberg entstammte der Familie Merode, die, stolz auf ihre Abstammung von den Grafen von Barcelona und den Königen von Aragon, es verschmähte, die ihr im neunzehnten Jahrhundert verliehenen Fürstentitel von Rubempre und von Grimberghe zu führen, und die Devise trug: „Plus d’honneur que d’honneurs.“ Die Eltern von Franz Arenberg bewohnten im Winter Brüssel, im Sommer ein schönes Landhaus an der Maas, nicht weit von Namur. Francois Arenberg sprach Französisch ebenso geläufig, fast geläufiger als Deutsch. Aber er hatte, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Jean, freiwillig den Deutschen Krieg gegen Frankreich mitgemacht und war ein guter Preuße und Deutscher. Ein treuer Sohn der katholischen Kirche, ohne jede Unduldsamkeit. Einer der bebenswertesten und bebenswürdigsten Menschen, die mir vorgekommen sind: immer heiter, immer ein Scherzwort auf den Lippen, dabei fleißig, kenntnisreich, gründlich und vor allem ein selbständiger, aufrechter, nobler Charakter. Ich bedaure noch heute, daß es mir niemals gelungen ist, bei Wilhelm II., der eine vöbig ungerechte Abneigung gegen Franz Arenberg hatte, dessen Ernennung zum preußischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhl oder auch zum deutschen Botschafter in Paris oder Wien durchzusetzen, Posten, die er, nach meiner Überzeugung, vorzügbch aus- EINE KLEINE UNIVERSITÄT 265 gefüllt haben würde. So mußte er sich darauf beschränken, als einflußreiches Mitglied der Zentrumspartei dem Lande, der Regierung und mir, seinem alten Freunde, treffliche Dienste zu leisten, speziell als Referent für den Etat des Auswärtigen Amtes. Rei einem Spazierritt, den ich mit Arenberg im Herbst 1871 unternahm, erzählte er mir, daß er die Absicht habe, einen mehrmonatlichen Urlaub zu nehmen, um sein Referendar-Examen zu machen. Nachdem er sechs Semester studiert, und fleißig studiert habe, wolle er diesen Abschluß erreichen. Er gedenke einen Ort aufzusuchen, wo möglichst wenige weltliche Zerstreuungen und gesellschaftliche Verpflichtungen ihn vom Arbeiten abhielten. Zu diesem Zwecke wolle er nach Greifswald gehen. Als ich einwarf, daß Greifswald das langweiligste Nest sei, das man sich denken könne, erwiderte er: „Das ist gerade, was ich suche. Komm doch mit mir nach Greifswald! Du sollst ja auch den Referendar machen.“ Ich bemerke übrigens ausdrücklich, daß mein absprechendes Urteil über Greifswald vorschnell und ungerecht war. Ich habe mich bald nachher davon überzeugt, daß Greifswald, in freundlicher Gegend gelegen, eine jener typischen kleinen Universitätsstädte war, in denen stille und fruchtbare Geistesarbeit blüht, eine Stadt, in der ich tüchtige und geistvolle Männer kennenlernen sollte. Ich machte noch einen letzten Versuch, ganz um das juristische Examen herumzukommen, zumal ich große Freude an der im Oktober begonnenen Offiziersreitstunde hatte. Wir ritten auf englischem Sattel ohne Bügel. Ich fand die Erfahrung bestätigt, die ich schon als Gymnasiast in Neustrelitz gemacht hatte, daß nichts einen festen Sitz und eine leichte Hand, die beiden Voraussetzungen guten Reitens, mehr fördert als Reiten auf der Decke oder, noch besser, auf englischem Sattel ohne Bügel. Mein Vater blieb unerbittlich, und im November begab ich mich nach Greifswald. Mein Freund Arenberg war dort schon eingetroflen, in Begleitung des Arenbergschen Hauskaplans und späteren Domherrn Hartmann, der ihn erzogen und nach Bonn begleitet hatte. Auch der Kaplan Hartmann war, wie sein Zögling, ein liebenswerter Mann: kenntnisreich und bescheiden, streng gegen sich, freundlich und nachsichtig mit anderen. Er hatte mit seinem Zögling Arenberg zusammen juristische Vorlesungen in Bonn gehört und sich auf diese Weise zu einem tüchtigen Juristen ausgebildet. Als ich in Greifswald eintraf, unterzog er mich einer kleinen Prüfung, deren Ergebnis ihn entsetzte. „Aber um Gottes willen“, meinte er, „Sie haben ja keine Ahnung von allem, wonach man Sie fragen wird! Sie werden mindestens noch ein Jahr der Vorbereitung brauchen, bevor Sie sich ins Examen wagen können.“ Ich erwiderte, daß das ausgeschlossen sei, da ich meinem Vater versprochen hätte, mein Examen noch im Laufe des Winters abzulegen, und zwar ein gutes Examen. Nach Greifswald 266 ÜBERARBEIT Nun ging ich an die Arbeit. Die Weisheit der Inder sagt: Wer alles weiß, der ist selig zu preisen, wer nichts weiß, dem kann geholfen werden, wer aber nur halb weiß, an dem wird Brahma selbst zum Knecht. Daß das Halbwissen wie überall so auch in der Politik gefährlich ist, haben nach dem Umsturz unter der Republik nicht wenige improvisierte Minister bewiesen, denen redlicher Wille und emsiger Fleiß nicht abgesprochen werden konnte, die aber dennoch in ihren Ämtern versagten. Ich befand mich in Greifswald im zweiten Fall: Ich wußte für mein Examen noch gar nichts. Da hieß es alle Kräfte anspannen. Ich stand regelmäßig um fünf Uhr früh auf und arbeitete dann in einem Zuge von sechs bis zwölf. Ich aß mit Arenberg und Hartmann an der Table d’höte im Deutschen Haus. Wie 1870 in Bad Oeynhausen, so florierte auch in Greifswald die altväterische, gemütliche Table d’höte. Von zwei bis drei besprach ich mit Arenberg und Hartmann, was ich am Vormittag studiert hatte. Ich kann nicht genug die Geduld rühmen, mit der besonders der Kaplan Hartmann Verständnis für die Rechtsgelehrsamkeit und ihre für das Examen in Betracht kommenden Fächer bei mir weckte und entwickelte. Von drei bis fünf Uhr ritt ich spazieren, bei jedem Wetter, auch bei Schneegestöber und Glatteis. Ich hatte meine schöne Rappstute nach Greifswald mitgenommen. Ich ritt meist nach Eldena, einem an der Mündung des Flüßchens Ryk gelegenen Ort, der mich weniger durch seine Landwirtschaftsschule anzog als durch die Ruinen eines im Dreißigjährigen Kriege von den Schweden zerstörten Zisterzienserklosters, von dem einst die Gründung von Greifswald ausgegangen war. Von Eldena war die Ostsee zu erblicken. Nicht weit von der Landwirtschaftsschule lag ein Hain mit riesigen Buchen, von denen die Greifswalder behaupteten, daß sie im Sommer einen prächtigen Anblick böten. Vom winterlichen Spazierritt in mein bescheidenes Quartier zurückgekehrt, machte ich mich wieder an die Arbeit, die ich, nur durch ein frugales Abendbrot unterbrochen, meist bis Mitternacht ausdehnte. Um mich wachzuhalten, trank ich starken Tee. Bei zwölf Stunden Arbeit schlief ich kaum fünf Stunden. Dieser Unfug hatte acht Wochen gedauert, als ich an einem Sonntag, nachdem ich den Gottesdienst in der Marienkirche besucht hatte, deren schöne, aus Holz geschnittene Kanzel im ganzen Regierungsbezirk Stralsund berühmt war, in meinem Zimmer von einer schweren Ohnmacht befallen wurde. Sie trat genau so ein wie fast fünfunddreißig Jahre später meine Ohnmacht im Reichstag. Auch die Ursache war die gleiche: zuviel Arbeit bei zuwenig Schlaf. Da ich in Greifswald von der Ohnmacht in meinem Stübchen überrascht wurde, nicht vor der Vertretung des deutschen Volkes und dichtgefüllten Tribünen, so wurde kein Aufheben von dem kleinen IM JURISTISCHEN LABYRINTH 267 Zwischenfall gemacht. Ich nahm, nachdem ich mich einige Tage ausgeruht hatte, meine Arbeit wieder auf, gönnte mir aber seitdem wöchentlich zwei freie Abende, an denen ich bei befreundeten Professoren vorsprach, bisweilen auch mit den charmanten Offizieren des Jäger-Bataillons Billard spielte. Bei dem Pommerschen Jäger-Bataillon Nr. 2 in Greifswald hatte einst Fürst Bismarck seine Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger absolviert, während er gleichzeitig an der landwirtschaftlichen Akademie zu Eldena studierte. Zum Examen bereitete ich mich nach eigener Methode vor. Als Ariadnefaden in dem juristischen Labyrinth diente mir ein Extrakt der Rechtswissenschaft, dessen Verfasser, wenn ich mich recht erinnere, Bender hieß. Durch eigenes Nachdenken suchte ich an der Hand dieses schmalen Bändchens meinen Weg durch das Gestrüpp der Gesetze und Rechte, die sich, wie der lose Mephisto behauptet, von Geschlecht zu Geschlechte wie eine ew’ge Krankheit fortschleppen. Wenn ich allein nicht weiterkonnte, suchte und fand ich Belehrung bei dem gütigen Kaplan Hartmann. Von den Professoren der Universität stehen mir noch heute zwei hervorragende Professoren Dozenten in bester Erinnerung. Der Philologe Wilhelm Studemund war ein Mann von ungewöhnlicher Frische und sprudelndem Geist. Wenn er das Wort ergriff, schwieg alles, an der Table d’höte wie bei einem Abendkränzchen, um ihm zu lauschen. Er ist später von Greifswald nach Straßburg und von dort nach Breslau berufen worden, wo er 1889 starb, kaum sechsundvierzig Jahre alt, zu früh für die Wissenschaft, um die er sich durch die Entzifferung von Palimpsesten des Gajus und des Plautus verdient gemacht hat. Einen noch stärkeren Eindruck machte mir Professor Ernst Immanuel Bekker. Als ich ihn in Greifswald kennenlernte, war er schon über vierzig Jahre alt. Er ist erst ein halbes Jahrhundert später, im Sommer 1916, hochbejahrt aus dem Leben geschieden. In einem Distichenpoem rief ihm Theodor Mommsen zu seinem siebzigsten Ge burtstag zu: „Der Epaulett und Talar verstanden mit Ehren zu tragen; welcher kundig des Rechts dennoch Lateinisch versteht; tapfer und klug und beredt, aber den Freunden ein Freund.“ Ernst Immanuel Bekker blickte schon 1872 auf ein bewegtes und interessantes Leben zurück. Sohn des Philologen August Immanuel Bekker, der unter Friedrich dem Großen geboren, erst wenige Tage vor dem Einzug nach dem Siebziger Kriege starb, war er, nachdem er bei Karl Adolph Vangerow Pandekten gehört hatte, Linienoffizier geworden und erlebte als Adjutant eines Ersatz- Bataillons die Mobilmachung im Jahre 1850. Er pflegte, wenn er davon sprach, hinzuzufügen, daß die Zerfahrenheit und Schwäche der preußischen Politik jener Tage seine Dankbarkeit und Verehrung für Bismarck, „wenn möglich“, noch erhöhe. Gern hob er dabei hervor, daß die Ehr- und Standes- 268 E. I. BEKKER UND DAS ALLGEMEINE WAHLRECHT begriffe des preußischen Offiziers für seine Lebensanschauung bestimmend geblieben seien. Während seiner Militärzeit war er in freundschaftliche Beziehungen zu dem Grafen Karl Bismarck-Bohlen getreten und hatte, von diesem eingeführt, in der Konfliktzeit fast ein Jahr im Auswärtigen Amt unter Otto von Bismarck-Schönhausen gearbeitet, dem er seitdem in unerschütterlicher Treue und Bewunderung anhing. Das verhinderte ihn nicht, auch die Irrtümer und Fehler des großen Staatsmannes zu erkennen. Für den verhängnisvollsten dieser Fehler hielt Bekker die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Er schrieb darüber schon in den siebziger Jahren: „Warten Sie keine hundert Jahre, und alle Welt wundert sich, wie Bismarck, unser großer, allverehrter Bismarck, so was uns einbrocken konnte. Nun, Bismarck war doch eben auch nur ein Mensch. Und es ist mir noch sehr gut erinnerlich, wie mein Freund Karl Bismarck auf meine Bedenken mir sagte, sein großer Vetter habe das auch nur getan der kleinen Fürsten wegen, die sollten jetzt tanzen lernen. Dazu brauche er die Massen, mit denen er dann schon fertig werden würde. Derselbe Rechenfehler wie beim Kulturkampf.“ Bekker war ein strammer Konservativer im altpreußischen Sinne, aber den ursprünglich eigenen Sinn hat er sich auch von seiner Partei nie rauben lassen. Er fand es begreiflich, daß die Konservativen Bismarck Opposition machten, als dieser im ersten Quinquennium nach der Wiedererrichtung des Reiches wirtschaftlich und politisch liberale Wege einschlug. Aber er beklagte es tief, daß einzelne konservative Politiker sich gegen den großen Minister zu unwürdigen persönlichen Verdächtigungen hinreißen ließen. Viele Jahre später, 1909, hat Ernst Immanuel Bekker den Widerstand der Konservativen gegen die von mir vorgeschlagene maßvolle Erbschaftssteuer wie gegen die gleichzeitig von mir in Angriff genommene, notwendige Reform des preußischen Wahlrechts „undankbar, überdies unpolitisch“ genannt und die üblen Folgen vorausgesehen und vorausgesagt, die diese konservative Taktik für die konservative Partei selbst und leider auch für Preußen und Deutschland haben würde. In Greifswald erlebte ich die Anfänge des Kulturkampfes. Am Der 18. Januar 1872 wurde dort der Jahrestag der ein Jahr vorher erfolgten Kulturkampf Proklamation des deutschen Kaiserreiches mit einem von allen Kreisen der Stadt und namentlich den Lehrern der Hochschule besuchten Kommers gefeiert. Im Laufe des Tages war die Nachricht eingetroffen, daß der Kultusminister von Mühler seine Entlassung erhalten habe. Der Jubel war groß. Nun, hieß es, breche ein neuer, schöner Morgen an. Die Sonne der Aufklärung und geistigen Freiheit sei für Deutschland aufgegangen. Nur der Kaplan Hartmann schüttelte den Kopf. „Es ist nicht die Kirche“, sagte er zu mir, als wir nach dem Kommers über den Markt mit seinen Giebel- „WIE SCHADE!” 269 häusern am Rathaus vorbei nach Hause gingen, „um die ich mich sorge, sondern es ist unser deutsches Vaterland, für das ich fürchte. Die katholische Kirche hat schon ganz andere Stürme überstanden. Sie wird auch den von den Liberalen sehr aufgebauschten Streit wegen der Unfehlbarkeit überdauern. Die Altkatholiken sind eine Handvoll Blätter, die von der Eiche herunterfallen. Das bedeutet nicht viel. Aber für Deutschland gibt es, wie unsere ganze Geschichte lehrt, kaum etwas Gefährlicheres als konfessionellen Streit. Davon wird und kann im letzten Ende nur der Radikalismus profitieren.“ Der würdige Mann hat recht behalten. Die Freisinnigen jubelten Bismarck zu, als er den Kampf gegen die katholische Kirche aufnahm, ließen ihn aber bald im Stich. Doch, ach! Schon auf des Weges Mitte Verloren die Begleiter sich, Sie wandten treulos ihre Schritte, Und einer nach dem andern wich. Ein berühmter Demokrat, Professor Virchow, prägte 1873 in dem von ihm verfaßten Wahlprogramm der Fortschrittspartei das Wort vom „Kulturkampf“. Aber nicht lange nachher schloß der Führer der Fortschrittspartei, Eugen Richter, wo er nur konnte, Wahlbündnisse mit dem Zentrum. Die Sozialdemokratie, in allen katholischen Ländern die erbitterte Feindin der katholischen Kirche, ist in Deutschland, vor dem Umsturz und erst recht seitdem, stets bemüht gewesen, dem Zentrum den Steigbügel zu halten, wofür sich das Zentrum gern revanchiert. Wie konnte unser großer Bismarck so irren? Weil er weder den Katholizismus noch die Kurie kannte. Als der kirchenpolitische Kampf sich ankündigte, sagte der kluge, erfahrene, ganz vorurteilslose Staatssekretär Pius’ IX., Kardinal Antonelli, zu einem ihn besuchenden deutschen, protestantischen Prinzen: „Ich verstehe den Fürsten Bismarck nicht. Wie kann dieser große Staatsmann sich so täuschen ? Uns wird er nichts anhaben. Daß der Papst den Kirchenstaat verloren hat, ist ja sehr traurig, aber wir sind durch dieses uns widerfahrene Unrecht ganz unangreifbar geworden. Wenn sich Bismarck zu einer Maßregelung unserer Geistlichen, zu einer Verfolgung unserer Kirche in Deutschland hinreißen läßt, so wird er uns eher nützen. Wir haben schließlich doch eine gewisse Erfahrung. Wir haben in manchen Ländern schon manche Verfolgung erlebt. Wir kennen speziell die deutschen Katholiken sehr genau. Durch Maßnahmen, wie Bismarck sie plant, wird in Deutschland der Eifer der Gläubigen, ihre Liebe zu ihrem Oberhirten neu belebt, das religiöse Leben nur gekräftigt und vertieft werden. Wie kann ein so großer Mann wie Bismarck so irren? Che peccato! (Wie schade!)“ Giacomo Antonelli'stammte aus dem Räubemest Sonnino in den Sabiner Antonelli über Bismarck 270 DER REFERENDAR BÜLOW Bergen. Er war der Sohn eines Rinderhirten. Er besaß den klaren, nüchternen, elastischen, realpolitischen Verstand, der die Kurie seit fünfzehnhundert Jahren durch viele Stürme geführt und der auch das moderne Italien aufgebaut hat, das unser stolzes Bismarcksches Reich überdauerte. Kurd von Schlözer erzählte mir im Januar 1886, er habe, als er 1882 von Bismarck nach Rom gesandt wurde, um den Frieden mit der Kurie anzubahnen, einmal an einem schönen Nachmittag an dem hölzernen Tisch einer Osteria mit einigen ihm befreundeten Prälaten Vino di Orvieto getrunken. Die Prälaten sprühten von Geist und Witz. Da habe er zu ihnen gesagt: „Ach, wenn unser Bismarck nur ein einziges Mal in seinem Leben mit euch in der römischen Campagna Vino di Orvieto getrunken und offenherzig geplaudert hätte, so würde er nicht den Unsinn des Kulturkampfes gemacht haben.“ Die Prälaten lächelten, und der älteste Monsignore klopfte Schlözer auf die Schulter mit den Worten: „Questo bravo ministro di Prussia non e mica un minchione.“ (Dieser treffliche preußische Gesandte ist gar nicht so dumm.) Bismarck war noch weniger ein „minchione“ als Schlözer, aber er hat meist nur ganz verstanden, was er mit seinen eigenen Augen gesehen hatte. Abstrakte Vorstellungen, Erzählungen anderer, Lektüre sagten ihm nicht viel. Und dann: Wem gelingt es? Trübe Frage, der das Schicksal sich vermummt! Auch die Allergrößten haben geirrt, haben schwer geirrt, aber sie unterscheiden sich dadurch von den Narren, daß sie nicht im Irrtum verharren, sondern vom Irrtum wieder zur Wahrheit reisen, daß sie, um einen Lieblingsausdruck von Bismarck zu gebrauchen, „wenden“ können, bevor der Wagen in den Abgrund saust. Die Erregung, die der Kulturkampf in das öffentliche Leben Deutsch- Das Examen lands brachte, konnte meinen Freund Arenberg und mich nicht in unserer bestanden emsigen Vorbereitungsarbeit beirren. Wir taten unser Bestes und gingen Mitte März 1872 zusammen ins Examen. Wie fünf Jahre früher beim Abiturium in Halle und später bei meinem diplomatischen Examen entnahm ich auch dem Verlauf der Greifswalder Prüfung, daß die staatlichen Examina einen sicheren Maßstab für das Wissen und die Kenntnisse des Examinanden kaum liefern können. Mein lieber Arenberg war ein besserer Jurist als ich. Aber da ich ihm an Schlagfertigkeit, dialektisch und eristisch (im Schopenhauerschen Sinne) überlegen war, schnitt ich besser ab als er. Meine Prüfung durch Professor E. I. Bekker glich mehr einer Disputation als einem Examen. Der große Rechtslehrer, der schon meine schriftliche Arbeit über eine Frage des Pfandrechts sehr günstig zensiert hatte, stellte beim mündlichen Examen die an mich gerichteten Fragen in so geistreicher und dabei so wohlwollender Form, daß es für mich nur darauf ankam, die mir zugeworfenen Bälle mit einiger Geistesgegenwart aufzufangen. In meinem Zeugnis über das bestandene Examen wurde mir DER CROY-TEPPICH UND DER SCHWEDISCHE MAJOR 271 bescheinigt, daß der Rechtskandidat Leutnant Bernhard von Bülow aus Flottbek die Prüfung zum Referendariat mit dem Prädikat „Gut“ bestanden habe, ein damals nicht oft erteiltes Prädikat. Arenberg mußte sich mit „Befriedigend“ begnügen. Der Vorsitzende der Prüfungskommission, der Appellationsgerichtspräsident Albrecht, und mein gütiger Gönner Professor Ernst Immanuel Bekker sprachen mir die Hoffnung aus, daß ich die richterliche Laufbahn einschlagen möge, die in Deutschland zum Schaden beider Teile die jungen Herren vom Adel allzu selten wählten, während in Frankreich die richterliche Robe dem Degen des Offiziers gleichgesetzt würde. Am Tage nach unserer Prüfung verließen Arenberg und ich das gute Greifswald, das ich nie wiedersah. So habe ich auch von den beiden größten Greifswalds Sehenswürdigkeiten der Stadt nur die eine zu sehen bekommen. Diese Stkensu/iirdig- beiden Kuriositäten waren der Croy-Teppich und der Schwedische Major. Seiten Der in der Universität aufbewahrte Croy-Teppich war ein Gobelin aus dem sechzehnten Jahrhundert, der Luther darstellt, wie er vor der pommerschen Kurfürstenfamilie predigt. Dieser Teppich wurde leider nur alle zehn Jahre gezeigt. Er war zuletzt im Frühjahr 1871 ausgestellt worden. Wir hätten also noch mehr als acht Jahre warten müssen, um ihn zu sehen, worauf wir verzichteten. Dagegen haben wir die zweite Greifswalder Merkwürdigkeit erblickt, nämlich den Schwedischen Major. Bekanntlich stand Greifswald mit Neuvorpommern von 1648 bis 1815 unter schwedischer Hoheit. „Der schwedische Major“, wie er allgemein hieß, war 1872 schon über achtzig Jahre alt. Er war in seiner Jugend in schwedische Dienste gegangen und hatte es dort bis zum Major gebracht. Als solcher hatte er seinen Abschied genommen und verbrachte nun seinen Lebensabend in seiner Vaterstadt Greifswald. Er war ein guter Preuße geworden. Wenn aber nach deutscher Art, oder vielmehr Unart, auf die schlechten Zeiten geschimpft wurde, summte er wohl vor sich hin: „Ja, ja, unter den drei Kronen, da war noch gut wohnen.“ Im schwedischen Wappen figurieren drei goldene Kronen in blau. Der schwedische Major wurde an der Table d’höte im „Deutschen Haus“ mit besonderer Hochachtung behandelt. Auf der Rückfahrt nach Berlin machten wir halt in Pasewalk, das mich anzog als Garnison der 2. Kürassiere, die als Ansbach-Bayreuth- Dragoner sich bei Hohenfriedberg mit Ruhm bedeckt hatten. Mein Lieblingsmarsch, die schönste Musik, die ich kenne, ist immer der Hohenfriedberger Marsch geblieben. Auch das habe ich von meinem lieben Oberst von Loe angenommen, der zu sagen pflegte, er wolle einmal bei den Klängen des Hohenfriedberger Marsches begraben werden, ein Wunsch, dem bei seiner Beisetzung im Juli 1908 entsprochen wurde. Der General Christoph Carl von Bülow hatte in der Schlacht von Torgau, am 3. November 1760, als Oberst der Ansbach-Bayreuth-Dragoner durch einen glänzenden Reiter- 272 NACHWUCHS FÜK DAS AUSWÄRTIGE AMT angriff den Sieg der preußischen Fahnen herbeigeführt. Er stieg später zu den höchsten Chargen auf, wurde General der Kavallerie, Generalinspekteur, Ritter des Schwarzen Adlerordens und, was ihn am meisten gefreut haben wird, schließlich Chef der Ansbach-Bayreuth-Dragoner. Wir suchten sein Grabdenkmal in der Pasewalker Kirche auf, bewunderten auch einen schönen Mauerturm, der wegen seiner weiten Aussicht den echt pommerschen, gemütlichen Namen „Kiek in die Mark“ trug. Wir promenierten Arm in Arm auf dem Marktplatz und schmiedeten Zukunftspläne. Ich trug mich noch mit der Hoffnung, daß mein Vater mir als Belohnung für mein gutes Examen erlauben werde, vorläufig bei den Königshusaren in Bonn zu bleiben. Als ich am nächsten Tage in Berlin eintraf, schnitt mein Vater weitere Die Illusionen in dieser Richtung mit der Eröffnung ab, daß er über meine Berufsfrage Zukunft endgültig verfügt habe. Er habe mit dem Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes, Exzellenz von Thile, gesprochen und ihn gefragt, ob eine Chance wäre, daß ich in den diplomatischen Dienst übernommen werden könnte. Herr von Thile habe erwidert, daß die Aussichten in dieser Beziehung sogar ganz günstig seien. Nach dem siegreichen Krieg ströme alles zur Armee, während es unserer Diplomatie an Nachwuchs fehle. Fürst Bismarck habe kürzlich an das Militärkabinett geschrieben und es gebeten, drei tüchtige Offiziere zum Auswärtigen Amt zu kommandieren. Von diesen drei Offizieren ist, wie ich einschalten will, nur einer im Auswärtigen Dienst geblieben: Graf Kuno Rantzau, damals Leutnant im 3. Garde-Ulanen - Regiment. Er sollte 1878 der Schwiegersohn des Fürsten Bismarck werden. Er hat in der nicht leichten Stellung eines Eidams des mächtigen Kanzlers Takt und Würde bewiesen. Er war dabei ein pflichttreuer Beamter, über den Durchschnitt begabt, ein vornehmer Charakter mit den guten Eigenschaften des Holsteiners: Zuverlässigkeit, Ruhe und gewissenhafter Fleiß. Er hat wie im Auswärtigen Amt so auch später als Gesandter in München und im Haag nichts verdorben, wohl aber zusammen mit seiner lieben und guten Frau Achtung und Sympathie eingefiößt. Daß Holstein und Phili Eulenburg, die beim Sturze des Fürsten Bismarck und noch viele Jahre nach diesem Sturze Hand in Hand als intime Freunde gingen, Kuno Rantzau anfeindeten, hatte seine guten Gründe. Holstein grollte Rantzau, weil dieser seine bisweilen arg verschlungenen Wege und oft bedenklichen Ränke nicht mitmachen wollte. Phili aspirierte auf den von Rantzau bekleideten Posten in München. Die beiden anderen 1872 zum Auswärtigen Amt kommandierten Offiziere sind nicht im diplomatischen Dienst geblieben. Der eine, Herr von Werthern, ein Zwölfer Husar, dem einst eine größere Zukunft prophezeit worden war, sei es in der Armee, sei es als Diplomat, hat es nur bis zum Kommandanten der kleinen Festung Wesel gebracht, der andere, Herr von Br an dis, ein Hannoveraner, bis zum DER „GUIDE DIPLOMATIQUE“ 273 Hofmarschall in Sigmaringen. Sic eunt fata hominum, ach gingen sie doch nicht so krumm, heißt es nicht mit Unrecht in einem alten Bülowschen Stammbuch unter einer Zeichnung, die eine Zickzacklinie darstellt. Nach der ihm von Herrn von Thile gewordenen Orientierung hatte mein Vater an meinen Kommandeur, den Prinzen Heinrich XIII. Reuß, ge- Ein Jahr schrieben, daß er um meine Überführung zu den Offizieren der Reserve nac h M et bitte, und im gleichen Sinne mit dem Chef des Militärkabinetts, dem General von Albedyll, gesprochen. Mein Vater drückte mir den Wunsch aus, daß ich, dem Rate des Unterstaatssekretärs von Thile folgend, zunächst ein Jahr in Metz beim Landgericht und beim Bezirkspräsidium arbeiten möge. Er habe mich zum diplomatischen Dienst bestimmt und sehe mit Herrn von Thile in der für mich in Aussicht genommenen Tätigkeit in Metz die beste Vorbereitung für meinen künftigen und endgültigen Beruf. „Ich glaube zwar gern mit deinem von mir sehr geschätzten Gönner, dem General Loe, daß du mit der Zeit einen schneidigen Husarenoherst ahgeben würdest, meine aber doch, alles in allem, daß die diplomatische Laufbahn dir am meisten liegt. Du weißt, wie lieb ich dich habe. Du weißt auch, daß ich mit siebenundfünfzig Jahren und als ein Mann, der wie Odysseus vieler Menschen Städte sah und Sitten kennenlernte, einige Lebenserfahrung besitze. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt. Es bleibt bei Metz. Wenn Fürst Bismarck dich nach einem Jahr nimmt, dann Glück auf für das Auswärtige Amt und die diplomatische Karriere.“ Gleichzeitig schenkte mir mein Vater den „Guide diplomatique“ von Martens. Mein Vater war ein Bibliophile und hatte den „Guide diplomatique“ in Leder schön einbinden lassen. „Gerade in der Diplomatie“, fuhr er fort, „lernt man durch das Leben mehr als durch Bücher. Aber wer ein Künstler werden will, und die Diplomatie ist, merke dir das, keine Wissenschaft, auch leider kein Zweig der Ethik, sondern eine Kirnst, der muß auch die Technik seines Berufes beherrschen. Dazu soll dieses Buch dir dienen.“ Mit meinem Martens bewaffnet, trat ich die Reise nach Bonn an, wo ich nur noch sechs Wochen Husarenleben vor mir hatte, die ich wie den Abschied letzten Schluck eines guten Weines doppelt genoß. Unter Galen, der ein von Bonn ausgezeichneter Reiter war, wurde flott exerziert und jeden Tag durch den Sprunggarten gegangen. Die Felddienstübungen erschienen mir hochinteressant. Die Schnitzeljagden liebte ich fast noch mehr. Das Leben im Kameradenkreise behagte mir ungemein. Ich habe später die Klubs von Berlin und Wien, von Athen und Bukarest, von St. Petersburg, London und Rom kennengelemt. In keinem Klub der Welt habe ich mich so wohl gefühlt wie in unserem bescheidenen Kasino in der Sterntorkaserne. In keiner Gesellschaft konnte eine schönere Harmonie herrschen als in unserem Offizierkorps. Daran änderte auch der leidige Kulturkampf nichts, 18 Bülow IV 274 TSCHOPPE der immer schärfere Formen annahm. Nie fiel im Kreise der Kameraden eine Äußerung, die einen Andersgläubigen hätte verletzen können. Der evangelische Offizier führte, wenn es der Dienst so mit sich brachte, am Sonntag die katholische Mannschaft in den ehrwürdigen Münster, der katholische die evangelischenHusaren in die schöne, neuerbaute evangelische Kirche. Ich will nicht verschweigen, daß wir Evangelischen unser Haupt verhüllten, wenn wir im Gefängnishof die Kapläne Spazierengehen sahen, die dafür, daß sie die ihnen pflichtgemäß obliegende Messe gelesen hatten, hier ihre Strafe abbüßten. Erreicht wurde durch diesen wenig würdigen Kleinkrieg nur, daß der religiöse Eifer des katholischen Bevölkerungsteiles noch mehr angefeuert wurde. Der kluge Giacomo Antonelli behielt recht. Am 11. Juni 1872 wurde ich zu den Reserveoffizieren des Regiments versetzt. Einige Tage später gab mir das Regiment ein Abschiedsessen im Kasino, bei dem der Kommandeur, Prinz Heinrich XIII. Reuß, einen sehr gütigen Trinkspruch auf mich ausbrachte. Als wir nach Aufhebung des Essens in dem kleinen Gärtchen vor der Veranda zusammenstanden, hörte ich meinen Freund Schräder mit seiner Trompetenstimme erklären: „Ich bleibe dabei, daß Tschoppe noch einmal Reichskanzler wird.“ Tschoppe war der Spitzname, den ich im Regiment trug. Warum ich so genannt wurde, weiß ich nicht mehr und habe es vielleicht nie gewußt. Spitznamen entstehen meist durch Zufall, in der Weinlaune oder durch plötzliche Inspiration. Die Vorsehung hat es weise so eingerichtet, daß der Mensch in seiner Jugend empfänglicher ist für Freud und Leid als im Alter. Bonn und meinem Regiment Lebewohl zu sagen, wurde mir, wie es mir wenigstens heut erscheint, saurer als spätere Abschiede aus größeren Städten und Wirkungskreisen. Ich habe das Kasino meines Regiments und die Sterntorkaserne erst dreißig Jahre später wiedergesehen, als Reichskanzler. Am Tage nach meinem Abschiedsessen verließ ich Bonn. Es war mir eine große Freude, daß mein lieber Franz Arenberg mir seine Absicht an vertraute, mit mir nach Metz zu gehen. Wir verabredeten, daß wir uns dort Ende August treffen und, wenn möglich, eine gemeinsame Wohnung beziehen würden. Die Zwischenzeit verlebte ich in Klein-Flottbek in der Elbparkvilla, die ich als entamteter Kanzler im Sommer bewohne. Ich hauste in einem Zimmer des zweiten Stockes, das jetzt meine liebenswürdige Sekretärin beherbergt, der ich diese Erinnerungen diktiere. Das Zimmer ist nicht allzu groß, gewährt aber einen schönen Blick auf die schöne Elbe. In Flottbek, das mir immer als meine eigentliche Heimat erschienen ist, freute ich mich des Zusammenseins mit meinen guten Eltern und studierte unter den ernsten Augen meines Vaters den Leitfaden von Martens. Mein Vater kommentierte und erläuterte mir den „Guide diplomatique“. Ich konnte mir keinen besseren Mentor wünschen. Bismarck wußte, warum er DER STAATSSEKRETÄR VON BÜLOW 275 meinem Vater ein Jahr später, 1873, den Posten des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt an trug. Mein Vater war ein Diplomat der besten Schule, von großer Würde, dabei von immer gleicher Courtoisie. Wenn er wollte, die Klarheit selbst, und wenn er sein Spiel nicht aufzudecken wünschte, undurchdringlich. Mehrere Jahre nach dem 1879 erfolgten Tod meines Vaters erzählte mir Herbert Bismarck gelegentlich die nachstehende Äußerung seines großen Vaters: „Um eine Politik zu führen und zu einem guten Ende zu führen, wie ich sie von 1862 bis 1871 gemacht habe, dazu gehören, wie ich wohl ohne Überhebung sagen darf, exzeptionelle Gaben und Kräfte, die Gott nur wenigen verleiht, dazu gehört auch sehr viel Gnade von oben. Um das von mir in neun Jahren Erworbene zu erhalten, wie das seit 1871 unsere Hauptaufgabe ist, dazu bedarf es vor allem guter Nerven, einer wolilequilibrierten Seele und einer geschickten Hand. Diese Eigenschaften besaß der Staatssekretär von Bülow in hervorragendem Maße.“ Ende August 1872 traf ich in Metz ein, wo mich Franz Arenberg am Bahnhof erwartete und nach der Wohnung führte, die er in der Rue des Clercs, später in „Priesterstraße“ umgetauft, für uns drei gemietet hatte. Der Dritte im Bunde war sein ältester Bruder Philipp, der schon vor seinem jüngeren Bruder das Referendar-Examen bestanden hatte und am Landgericht arbeitete. Er würde gewiß einen vortrefflichen richterlichen oder Verwaltungsbeamten abgegeben haben. Aber es war sein innerster Wunsch, Geistlicher zu werden. Seine Eltern waren eifrige Katholiken, aber sie wollten ihrem Sohn nur dann erlauben, die geistlichen Weihen zu nehmen, wenn er nach längerer Prüfung sich seiner Vokation völlig sicher fühle. Philipp Arenberg war ein Kind Gottes. Einfältig in den Augen frivoler Weltleute, aber sehr weise im Sinne der Bergpredigt (Ev. Math. V, 8 u. 9). Das Ewige stand ihm höher als das Zeitliche. Und die Frage, wie man in den Himmel kommt, erschien ihm viel wichtiger als die Frage, wie weit er es in dieser Welt bringen würde. Er führte in unserem kleinen Kreise den Spitznamen „Fiel“. Ich hatte „Piel“ sehr lieb. Er empfing wenige Jahre nach unserem Zusammensein in Metz die Priesterweihe und hat dann viele Jahre in Eichstätt in Bayern als Domherr und vertrauter Berater des von Leo XIII. besonders geschätzten Bischofs Freiherr von Leonrod still, bescheiden und segensreich gewirkt, Gott hat seinem treuen Diener auch ein seliges Ende beschieden. Er wurde, noch nicht sechzig Jahre alt, auf der Durchreise durch Wien, unmittelbar nachdem er im Stephansdom die heilige Messe gelesen hatte, vom Schlage gerührt und ist ohne Schmerzen noch Todeskampf sanft hinübergegangen. Bevor ich in diesen meinen Erinnerungen von meinem guten Piel Abschied nehme, möchte ich eines Zwischenfalls Erwähnung tim, der, an Ankunft in Metz 18 » 276 EINE FORDERUNG und für sich ohne größere Bedeutung, doch dazu beigetragen hat, die Lebensfreundschaft zwischen Francois Arenberg und mir zu einer unauflöslichen zu machen. Nachdem wir einen Ausflug zu den Schlachtfeldern bei Metz unternommen hatten, suchten Philipp Arenberg und ich abends in Metz ein kleineres Restaurant auf, das von deutschen Offizieren frequentiert wurde. Uns gegenüber saß ein Hauptmann, der offenbar bezecht war. Nachdem er Philipp Arenberg in provozierender Weise fixiert hatte, erging er sich in Redewendungen über Duckmäuser, die in den Betstuhl gehörten, aber nicht unter Offiziere. Mein lieber Piel blickte traurig und ratlos um sich. Ich intervenierte, indem ich in scharfem Ton den Hauptmann darauf aufmerksam machte, daß ich sein Benehmen unanständig fände. Er entgegnete, daß er sich gar nicht an mir reiben wolle. Ich antwortete, ich verlangte, daß man sich in einem von mir besuchten Lokal und noch dazu gegenüber einem Freund von mir anständig benehme. Im übrigen würde ich ihm am nächsten Morgen meine Sekundanten schicken. Der so Abgefertigte entfernte sich. Als Piel und ich wieder in unserer gemeinsamen Wohnung eintrafen, fiel der Gute mir weinend um den Hals, um mir zu gestehen, warum er dem ihn beleidigenden Hauptmann nicht in gleicher Tonart geantwortet habe. Er habe ebensoviel Mut wie irgendein Offizier und sei jeden Augenblick bereit, sein Leben einzusetzen, um einen Menschen zu retten oder bei schwerer Ansteckungsgefahr Kranke zu pflegen. Aber ein Duell könne er nicht mit seinen religiösen Anschauungen vereinigen, schon weil die Möglichkeit ihn entsetze, vielleicht ohne letzte Sakramente und ohne Absolution von dieser Erde zu scheiden. Wie dies bei Duellen zu sein pflegt, verging der nächste Morgen in endlosen Verhandlungen zwischen dem Sekundanten des Gegners von Philipp Arenberg und meinem Sekundanten, einem schneidigen Rittmeister von dem damals in Metz stehenden Dragoner-Regiment Nr. 10. Die Sache endigte damit, daß der Beleidiger Philipp Arenberg um Vergebung bat und erklärte, er habe niemals beabsichtigt, diesem ausgezeichneten Kavalier zunahezutreten, worauf ich meine Forderung zurücknahm. Am nächsten Tage sagte mir Franz Arenberg, er würde mir mein Eintreten für seinen Bruder niemals vergessen. „Desormais entre nous c’est ä la vie et ä la mort.“ Er hat sein Wort gehalten. i XX. KAPITEL Beim Kaiserlichen Landgericht in Metz • Rudolf Freiherr von Seckendorff • Staatsanwalt Ittenbach ■ Assessor Magdeburg • Plädoyer vor dem Metzer Schwurgericht Das deutsche Theater in Metz • Besuch bei den Eltern Arenbergs in Marche-les-Dames Dienst beim Bezirkspräsidium • Kuraufenthalt in Heiden und Reichenhall • Vater zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts ernannt • Bernhard von Bülow Attache im Auswärtigen Amt • Ratschläge des Vaters für den diplomatischen Dienst W ährend meiner Dienstzeit in Metz machte ich die Bekanntschaft von zwei ausgezeichneten Männern, mit denen mich mein ganzes Leben Gönner hindurch freundschaftliche Beziehungen verbanden. Freiherr Rudolf von in Metz Seckendorff, damals kaiserlicher Prokurator am Landgericht in Metz, war der Sproß eines alten fränkischen Geschlechts, das Preußen und Österreich, Bayern und Württemberg im Militär- wie im Zivildienst treffliche Leute gestellt hat. In Köln als Sohn eines hohen preußischen Beamten und einer rheinländischen Mutter geboren, verband er strenges Pflichtgefühl und unerschütterlichen Rechtssinn mit vollem Verständnis für das Jus aequum und mit weltmännischen Formen. Als ich 1900 Reichskanzler wurde, fand ich Rudolf Seckendorff als Unterstaatssrekretär im Preußischen Staatsministerium vor. Er ist später Präsident des Reichsgerichts geworden und hat als solcher, im ganzen Reich geachtet und verehrt, viele Jahre seines hohen Amtes gewaltet. Mein zweiter Gönner in Metz, Max Ittenbach, war damals Erster Staatsanwalt am Landgericht. Ein echter Rheinländer, der bei aller Energie, wo solche nottat, durch sein joviales Wesen und seinen nie versagenden Humor bei Männern und Frauen gleich beliebt war. Gleich Seckendorff ein hervorragend tüchtiger Jurist, ist Ittenbach im Laufe der Jahre Generalauditeur der Armee und Marine, Kronsyndikus und Mitglied des Staatsrats und des Herrenhauses geworden. Seckendorff und Ittenbach waren beide Katholiken. Von den jüngeren Herren des Bezirkspräsidiums gefiel mir besonders der damalige Assessor Magdeburg, der später zum Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau und schließlich zum Präsidenten der Oberrechnungskammer in Potsdam aufstieg. Es wäre von meiner Seite ein Zeichen bedauerlicher Oberflächlichkeit oder großer Borniertheit gewesen, wenn mich mein Lebensgang nicht hohe Achtung vor dem Beamtentum 278 BÜLOW ALS OFFIZIALVERTEIDIGER des alten Obrigkeitsstaates gelehrt hätte, das in allen Zweigen der Staatsverwaltung Mustergültiges geleistet und in den Jahren des Umsturzes durch Selbstverleugnung und pflichttreue Hingabe an den Staatsgedanken Reich und Länder vor dem völligen Zusammenbruch gerettet hat. Unter den Rechtsanwälten am Landgericht Metz war eine viel diskutierte, aber nicht uninteressante Persönlichkeit der Advokat Pistor. Als junger Mensch hatte er sich 1849 am Pfälzer Aufstand beteiligt, war nach dessen Niederwerfung über die französische Grenze nach Metz gegangen und hatte sich dort als Franzose naturalisieren lassen. Sein Sohn war französischer Offizier und leidenschaftlicher Franzose geworden, der sich im Deutsch- Französischen Krieg hervorgetan hatte und seitdem eine höhere Stellung im französischen Nachrichtendienst bekleidete, wo er schon durch seine Beherrschung der deutschen Sprache Vorzügliches geleistet haben soll. Die französische Polizei ist nach meinem Dafürhalten von Fouche bis zu Pietri und von diesem bis heute die beste, findigste und energischste Polizei der Welt. So war auch von jeher das Spionagewesen in Frankreich hervorragend organisiert. Wir sind im Nachrichtendienst wie im Spionieren und auch was die Propaganda in anderen Ländern betrifft, mit den Franzosen verglichen Stümper, wie sich das im Weltkrieg traurig gezeigt hat. Während der Sohn Pistor am Rhein spionierte, wo er einmal in Gesellschaft des Generals Miribel von unseren Militärbehörden abgefaßt wurde, plädierte der Vater seelenruhig am Landgericht in Metz. Als ich ihm im Winter 1872/73 auf der Esplanade begegnete, frug er mich, Plädoyer ob ich Lust hätte, vor den Geschworenen zu plädieren. Er sei gern bereit, vor den m jj eine Sache anzuvertrauen, in der er als Offizialverteidiger bestellt sei. Geschworenen j) er p a jj ü e g e freilich so gut wie hoffnungslos. Ein bayrischer Landstreicher habe einen lothringischen Landwirt erschlagen, der ihn aus seinem Garten ausgewiesen habe, wo er Apfel stahl. Lothringische Geschworene würden diesenVorgang kaum nachsichtig beurteilen. Es müsse auch in französischer Sprache plädiert werden. Ich erklärte mich gern bereit, die Verteidigung zu übernehmen. Im Laufe des Abends wurde mir der Dossier zugestellt. Ich las das dicke Aktenstück aufmerksam durch und strich alles, was sich zur Verwertung für die Verteidigung eignete, rot, was gegen meinen Klienten sprach, blau an. Dann legte ich mich früher als gewöhnlich schlafen, um am nächsten Morgen frisch zu sein. Der Zweite Staatsanwalt plädierte auf Totschlag unter erschwerenden Umständen, also auf Zuchthaus. Er sprach fast nachlässig, da die Verurteilung des deutschen Angeklagten durch die französischen Geschworenen ihm ohnehin völlig sicher erschien. Als ich das Wort erhielt, ging ich sofort zum Angriff über: „Le procureur de l’Empereur vous a raconte les faits ä sa maniere, comme les comprend l’accusation. Je retablirai la verite comme PER IDYLLISCHE TOTSCHLAG 270 c’est le noble office de la defense.“ Ich entwarf das Bild eines schönen Sommermorgens, denn der Totschlag war im August begangen worden. Eine friedliche, freundliche, heitere Landschaft, die gesegnete Metzer Gegend. Wiesen, Gärten, Obstbäume. Ein Idyll. Ein müder, von harter Arbeit erschöpfter Wanderer, der wohl die ganze Nacht durchmarschiert war, sieht am Morgen ein Gärtchen vor sich und im Gärtchen einen Apfelbaum, un beau pommier. Lob des Apfelbaums. Ich zitiere Uhlands Gedicht von dem Wirte wundermild: Ein goldener Apfel war sein Schild An einem langen Aste. Der Wanderer verzehrt einen, vielleicht auch zwei Äpfel, dann streckt er sich zum Schlafe. Ich zitiere Macbeths Fluch gegen den, der den Schlaf mordet: .... sleep, the innocent sleep, Sleep that knits up the ravell’d sleave of care, The death of each day’s life, sore labour’s bath, Balm of hurt minds, great nature’s second course, Chief nourisher in life’s feast. . . Der rohe Eigentümer weckt mit brutalen Scheit-, vielleicht auch Drohworten den armen Schlafenden. Ich appellierte an J. J. Rousseau und an den Dichter des „Teil“, um diesen Frevel zu brandmarken. Der Beleidigte, wohl auch Bedrohte greift nach einem Stein und wirft ihn nach seinem Beleidiger, sagen wir offen, seinem Angreifer. „Le cas de defense legitime etait donne, pleinement donne.“ Der Stein trifft durch einen nicht vorauszusehenden, wirklich nicht zu ahnenden Zufall die Schläfe. Der Wurf führt den Tod herbei. Der deutsche Gerichtsarzt hatte bei der Autopsie den Toten und sein Gehirn für normal erklärt. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich auf einen Tierarzt zu berufen, der auch zum Leichenbefund zugezogen worden war und die Ansicht vertrat, der Tote habe eine auffällig dünne Gehirnschale gehabt. Ich rühmte den Bon sens des Tierarztes, des Mannes aus dem Volk, und deutete an, daß der Gerichtsarzt zu jenen Gelehrten gehöre, die vor Bäumen den Wald nicht sähen. Die deutsche Nationalität des Missetäters erwähnte ich nur, um der Überzeugung Ausdruck zu geben, daß für die Ehrenmänner auf der Geschworenenbank die ewigen Grundsätze der Gerechtigkeit und Billigkeit hoch über den Leidenschaften und Vorurteilen stünden, die leider die Völker und die Menschen entzweiten. Ich schloß, indem ich meinen Platz verließ, auf die Geschworenen zuging und ihnen mit erhobener Stimme zurief, daß ich nicht tür mildernde Umstände plädierte, sondern eine glatte Freisprechung 280 ADA fordere. „Je vous demande Pacquittement pur et simple, et vous me l’accorderez.“ Als ich geschlossen hatte, nahm der Leiter der Schwurgerichtsverhandlung, ein Appellationsgerichtsrat aus Kolmar, ein Elsässer, der schon in französischer Zeit im Justizdienst gestanden hatte, das Wort, um die Jury zu warnen: „Le jeune stagiaire qui vient de parier, possede le don dangereux de l’eloquence. Je prie Messieurs les Jures de ne pas se laisser entrainer trop loin par le brillant plaidoyer que nous venons d’entendre.“ Ich las in den Augen der Geschworenen, daß diese Warnung gar keinen Eindruck auf sie machte. Nach kurzer Beratung kehrten sie zurück, und der Obmann verkündete die Freisprechung des Angeklagten. Um zu sehen, welchen Eindruck diese Wendung auf meinen hinter mir sitzenden Klienten mache, wandte ich mich um und sah in ein sehr erstauntes Gesicht. „Dös hätt i net denkt, daß Sie mi frei kriegaten. Jetzt müssen’s mia aba scho a paar Markl schenka, damit i mia für mein Freispruch an zünftig’n Abend mach’n ka.“ Ittenbach, Hamm, Seckendorff, Magdeburg, alle meine Freunde vom Landgericht und vom Bezirkspräsidium, gratulierten mir auf das herzlichste. Wenn ich ein Vierteljahrhundert später im Reichstag eine Entgleisung Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II. einzurenken hatte, so flüsterte mir Ittenbach, der als Generalauditeur häufig auf der Estrade des Bundesrats erschien, bisweilen boshaft zu: „Das ist ja beinahe so knifFlig wie seinerzeit der Fall mit dem Bayern in Metz.“ Wenn Themis mir im Gerichtssaal hold gewesen war, so sollte bald nach- Das Metzer her Amor um so grausamer meiner spotten. Um deutsche Sprache und Stadttheater Kultur zu verbreiten, erschien eine deutsche Schauspielertruppe in Metz. Alle deutschen Beamten und Offiziere hielten es mit Recht für ihre Pflicht, im Metzer Stadttheater die Aufführungen der übrigens recht guten Truppe zu besuchen. Der Star der Truppe war die Naive. Sie hieß Ada. Sie war reizend. Sie hatte herrliches blondes Haar, sie hatte sentimentale rmd dabei doch schelmische Augen. Sie war vom ersten Augenblick an der Liebling des Publikums. Wenn sie als Käthchen von Heilbronn auftrat, entzückte sie, als Klärchen begeisterte sie, als Gretchen rührte sie uns unaussprechlich. Ich fehlte bei keiner Vorstellung. Ich applaudierte, als wäre ich der Chef der Claque. Trotz meines bescheidenen Budgets ließ ich ihr bei passenden Anlässen prächtige Blumensträuße und, wenn sie als Gretchen ihr „Heinrich! Heinrich!“ gewimmert hatte, einen Lorbeerkranz überreichen. Der würdige Regierungsrat Jonas, der das deutsche Theater betreute, stellte mich ihr vor. Aber es wollte mir nicht gelingen, ihr Herz zu rühren. Und warum? Ich hatte einen Rivalen. Und wer war dieser Rivale? Der Komiker der Truppe. Ich empfand alle Qualen der Eifersucht, einer offenbar METAPHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE 281 begründeten Eifersucht. Ich nahm einen letzten Anlauf. Als Ada, zwei Tage bevor die deutsche Theatertruppe Metz verließ, den Wunsch ausdrückte, Nancy kennenzulernen, schlug ich ihr einen gemeinsamen Ausflug dorthin vor. Sie akzeptierte. Aber bei der Abfahrt vom Metzer Bahnhof erschien sie nicht allein, sondern in Begleitung einer Kollegin, der häßlichsten Dame der Truppe, einer Böhmin, deren ordinärer tschechischer Akzent mir überdies auf die Nerven ging. Man konnte sich keine greulichere Duenna vorstellen. Trotzdem freute ich mich der gemeinsamen Fahrt. Es freute mich auch, Ada das anmutige Nancy zu zeigen und mit meinem Französisch glänzen zu können. Ich freute mich des gemeinsamen Diners in einem eleganten Restaurant. Das konnte ihr der gräßliche Mime kaum bieten. Aber als wir abends nach Metz zurückkehrten, war ich, um mich französisch auszudrücken, gros Jean comme devant. Und doch — so hartnäckig kann ein Verliebter sein — erschien ich am nächsten Mittag zur Abreise der Truppe auf dem Bahnhof. Ada hatte mir den Wunsch ausgesprochen, ein Schoßhündchen zu besitzen. Ich trieb noch am Vormittag einen kleinen, reizenden Zwergpintscher auf, den ich ihr in einem Körbchen überreichte, ein rosa Bändchen um den Hals. Sie schien wirklich erfreut und gerührt. Als der Zug sich in Bewegung setzte, warf sie mir ein Kußhändchen zu, aber hinter ihrem blonden Köpfchen erschien die höhnische Fratze des Komikers, der, sicher gemacht durch die Entfernung, mir eine Nase drehte. In seinen nachgelassenen Aphorismen zur Metaphysik der Geschlechtsliebe meint Schopenhauer, die Gunst eines schönen Weibes allein durch seine Persönlichkeit zu gewinnen, sei vielleicht ein noch größerer Genuß für die Eitelkeit als für die Sinnlichkeit, denn man erhalte dadurch die Gewißheit, daß die eigene Persönlichkeit ein Äquivalent für jene über alle anderen geschätzte, bewunderte, vergötterte Person sei. Dieses Glück ist mir in meiner Jugend bisweilen zuteil geworden. Es ist richtig, daß der Gedanke, ohne Macht, Stellung, Reichtum, lediglich um seiner selbst willen von einer schönen Frau geliebt zu werden, das Vertrauen zu den eigenen Kräften und der eigenen Person mächtig heben und stärken kann. Aber Fräulein Ada lehrte mich, daß Schopenhauer auch recht hat, wenn er in seinen Aphorismen hinzufügt: Gerade weil die Eitelkeit in der Liebe eine bedeutsame Rolle spielen könne, sei verschmähte Liebe so schmerzlich, besonders, wenn mit begründeter Eifersucht vereint. Ich habe nie wieder von Ada gehört. Was mag aus ihr geworden sein? „Oü sont les neiges d’antan?“ „Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr geblieben?“ So frug melancholisch vor dreihundert Jahren der französische Dichter Pierre de Ronsard. Um mich, der ich anfangs doch etwas verstimmt gewesen war, zu trösten, schlug mir mein lieber Franz Arenberg vor, mit ihm acht Tage bei seinen 282 DIE ARENBERGS Marche-les- Dames Eltern in Marche-les-Dames bei Namur zu verleben. Man konnte sich kaum ein freundlicheres Heim denken als Marche-les-Dames und sicherlich keinen harmonischeren Familienkreis als den Arenbergschen. Der Vater, Prinz Anton Arenberg, erinnerte in Gesichtsschnitt, Ausdruck und Haltung an die Porträts, die van Dyck im siebzehnten Jahrhundert von Fürsten und Adligen gemalt hat. Jeder Zoll ein Herr! Dem adligen Äußern entsprach die innere Noblesse. Er war von größter Einfachheit, echter Liebenswürdigkeit, einer sich nie verleugnenden Höflichkeit gegen jedermann. Als ich mit ihm und seinen Söhnen an einem schönen Frühlingsmorgen am Ufer der Maas spazierenging, war der Leinpfad, auf dem wir wandelten, mit Arbeitern besetzt, die angelten. Bei jedem Arbeiter zog der Prinz Anton Arenberg den Hut und bat mit immer gleicher Courtoisie um Entschuldigung, wenn er störe. Er besaß die „politesse du cceur“, ohne die Name und Rang wenig bedeuten. Die Prinzessin Maria Ghiselaine von Arenberg, geborene Gräfin Merode, war eine Frau von Geist und Willenskraft. Sie hatte in jungen Jahren mehrere Winter in Wien verlebt. Ihre Schwiegermutter war eine Prinzessin Lobkowitz, zwei Brüder ihres Gatten hatten im österreichischen Heer gedient und Österreicherinnen geheiratet, der eine, Prinz Josef, eine Prinzessin Liechtenstein, die Schwester der genialen Fürstin Elisa Salm, der langjährigen Freundin meiner Frau, der andere, Prinz Karl, eine Gräfin Hunyady, die Witwe des Fürsten Michael III. von Serbien. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen hinderten die Prinzeß Anton Arenberg nicht, sich über die Ungebildetheit und Oberflächlichkeit der österreichischen Aristokratie frei zu äußern. Fiakerwitze, so erzählte sie mir, bildeten das bevorzugte Thema der Konversation in den hohen und höchsten Kreisen. Ein besonders populärer Fiakerkutscher hatte Schwan geheißen, und Wortspiele, die sich um die Verwechslung von „Schwanerl“ und „Schweinerl“ drehten, hätten Lachsalven hervorgerufen. „On ne respecte pas l’esprit en Autriche“, meinte sie, „et un pays oü on ne respecte pas l’esprit est un pays qui baisse.“ Sie erzählte mir, daß sie in Wien mit Vorliebe die herrlichen Aufführungen im Burgtheater besucht habe, besonders gern, wenn der „Faust“ gegeben wurde. Wenn sie auch nicht geläufig Deutsch spreche, so verstehe sie es doch hinreichend, um, das Textbuch in der Hand, einer Theateraufführung folgen zu können. Da habe sie konstatiert, daß in Wien regelmäßig die Szene ausgelassen wurde, wo Mephistopheles von dem guten Magen der Kirche spricht, die ganze Länder aufgefressen und sich doch nie übergessen habe und die allein ungerechtes Gut verdauen könne.. Auf ihre Frage sei ihr gesagt worden, daß dieser Passus, als unpassend, nicht rezitiert werden dürfe. „Voyez-vous“, meinte sie dazu, „voilä un delit de lese-esprit. Certes, je suis tres bonne catholique, mais on ne sert ni EINE AUSLÄNDERIN ÜBER DIE DEUTSCHEN 283 l’Eglise, ni PEtat avec une pareille petitesse d’esprit. Louis XIY le comprit, lorsque lui, le roi tres chretien permit la representation du ,Tartuffe‘ de Moliere.“ Die Prinzessin Maria Arenberg freute sich der deutschen Siege, aber sie sah trotzdem nicht ohne Sorge in die deutsche Zukunft, was bei den interessanten Plauderstunden, die ich im Kreise der Familie verlebte, wiederholt zum Ausdruck kam. Sie meinte: „Deutschland hat Frankreich besiegt, glänzend besiegt. Es ist heute die erste Macht in Europa, in der Welt. Aber Ihre ungeheuren Erfolge, deren ich mich schon als Mutter meiner Söhne aufrichtig freue, sind doch mehr das Werk weniger, sehr hervorragender Männer als die Leistung eines politisch begabten und geschulten Volkes. Ich beklage und bedaure den Zwist zwischen Bismarck und der katholischen Kirche. Aber Bismarck bleibt doch einer der größten Staatsmänner aller Zeiten. Moltke, Roon, Manteuffel, Werder, Blumenthal, Goeben kann ich ohne jede Einschränkung bewundern. Der alte Kaiser ist einer der pflichttreusten, weisesten, besten Fürsten, die je auf einem Throne saßen. Sein Sohn ist ein Held und dabei ein durch und durch edler Mensch. Tout cela est admirable. Aber wie steht es mit der Masse der Deutschen? Würden die Deutschen imstande sein, wie die Engländer, in freiwilliger Unterordnung unter das allen gemeinsame staatliche Interesse alle Parteirücksichten zurückzustellen, wären die Deutschen fähig, in der Stunde der Not geschlossen dem Fahnenträger zu folgen wie jetzt die Franzosen ihrem Gambetta, unter dem die Zouaves pontificaux und die Rothemden des Kirchenfeindes Garibaldi Schulter an Schulter fochten? Ich fürchte: nein! Das Einheitsgefühl und die Zurückdrängung aller Parteigesichtspunkte und jedes Partikularismus, sobald es um Ehre und Ruhm des Landes geht, scheinen mir in Deutschland weniger entwickelt und weniger stark zu sein als in Frankreich, das deutsche Nationalgefühl und der deutsche Patriotismus weniger leidenschaftlich, nicht so alles mit sich fortreißend wie in Frankreich. Und die Mehrheit Ihrer Parlamentarier! Comparez Virchow et Mommsen comme hommes politiques, comme hommes d’etat avec Monsieur Thiers! Richter et Lasker et Monsieur Schulze-Delitzsch, Waldeck et Jacoby sont certainement des hommes tr£s vertueux et tres honnetes. Mais vous m’accorderez que, compares ä Leon Gambetta, ce sont des cuistres (Schulmeister). C’est surtout la democratie allemande, qui, comme elan patriotique, comme esprit politique me semble bien inferieure ä la democratie framjaise.“ Als die Prinzessin Arenberg so sprach, dachte ich an das, was mir mein Vater nach der Erstürmung von Düppel und dem Übergang nach Alsen gesagt hatte. Ich dachte an Goethes Wort von dem Deutschen, der als Ganzes oft viel zu wünschen übrig lasse. 284 GRAF BOTHO EULENBURG Die Prinzessin Anton Arenberg war eine Nichte des Grafen Charles Montalembert, des großen Führers der französischen Katholiken unter Napoleon III. Sie war die Kusine des Monsignore Friedrich Xaver Merode, der in der belgischen Armee gedient, dann in der französischen Armee unter dem Marschall Bugeaud in Algier zwei Feldzüge mitgemacht und sich die Ehrenlegion erworben hatte. Dann ging er nach Rom, studierte dort Theologie, wurde zum Priester geweiht, päpstlicher Kämmerer und Mundschenk und 1860 Kriegsminister des Papstes Pio IX und einer der streitbarsten Verfechter der weltlichen Herrschaft des Römischen Stuhles. 1865, nach der französisch-italienischen Konvention vom 15. September 1864 als Kriegsminister entlassen, starb er 1874 als Erzbischof von Mytilene in partibus und päpstlicher Großalmosenier. Die Prinzessin Anton Arenberg war die Tante des Grafen de Mun und des Grafen Werner de Merode, die in den Kämpfen der französischen Katholiken gegen die kirchenfeindliche Politik von Jules Ferry, Gambetta, Clemenceau, Briand und Combes in vorderster Reihe standen. Man konnte von meinem heben Franz Arenberg sagen, daß er seinen feurigen, aber stets von edelster Gesinnung getragenen und in vornehmer Weise vertretenen Katholizismus mit der Muttermilch eingesogen hatte. Am 1. März 1873 wurde ich von meiner Tätigkeit am Landgericht ent- Beim Metzer bunden und dem Kaiserlichen Bezirkspräsidium in Metz zur ferneren Be- Bezirks - schäftigung überwiesen. Hier trat ich unter die Leitung eines Mannes, der Präsidium gj^ später zu einem unserer tüchtigsten Staatsmänner entwickeln sollte. Dem Grafen Botho Eulenburg, dem damaligen Bezirkspräsidenten von Lothringen, war, wie manchem Ostpreußen, eine zurückhaltende, äußerlich kühle Art eigen. Aber er war in seinem Innersten ein Mann von echter Herzensgüte und feinstem Empfinden. Seine Gegner nannten ihn mit der dem deutschen Parteikampf anhaftenden Ruppigkeit den „Aal“, und wenn sie besonders boshaft sein wollten, den „geölten Aal“. In Wirklichkeit war er ein Mann von Grundsätzen und festem, sicherem Charakter, aber er war zu klug, um nicht zu wissen, daß ein Volk wie unser Volk, das seit jeher zu Eigensinn und Rechthaberei neigt, mit elastischer Hand geführt werden muß. Er war ein Staatsmann. Ich will schon hier vorgreifend sagen, daß Graf Adolf von Arnim-Boitzenburg, der ihm noch zur Zeit meiner Tätigkeit in Metz im Amte folgte, wenn er auch nicht die glänzende Begabung des Grafen Botho Eulenburg besaß, doch durch seine frische und natürliche Art und seinen gesunden Menschenverstand sich bald Achtung und Vertrauen erwarb. Auch er war ein sehr gewissenhafter und tüchtiger Beamter. Seine jung verstorbene, reizende Frau, eine Gräfin Schweinitz, trug dazu bei, ihm bei Deutschen und Einheimischen Sympathien zu gewinnen. DAS REICHSLAND 285 Ich habe beide, Arnim wie Eulenburg, mehrfach bei Dienstreisen begleitet. Die Bezirkspräsidenten wurden überall in Lothringen nicht nur korrekt, sondern mit fast demonstrativer Freundlichkeit empfangen. In allen Dörfern standen die Schulkinder am Eingang des Ortes aufmarschiert und schrien, immer in dem gleichen Rhythmus: „Vive Monsieur le President de la Lorraine!“ Als ich einmal einem Schullehrer mein befriedigtes Erstaunen über diese loyale Haltung ausdrückte, meinte er ganz harmlos: „Monsieur, autrefois nous avons crie: ,Vive Monsieur le Prefet de la Moselle! 4 Aujourd’hui nous crions: ,Vive Monsieur le President de la Lorraine! 6 Au fond cela revient au meme. Nous respectons l’autorite.“ Der französische Präfekt hat unter dem Empire wie unter der Republik immer regiert, d. h. geführt, mit fester und, wo es sein mußte, mit harter Hand. Gegenüber politischer Opposition verstand er keinen Spaß und griff nötigenfalls kräftig zu. Aber seine Formen waren immer weltmännisch, „une main de fer sous un gant de velours“, wie es der große Napoleon empfahl. Verwaltet wurde das Reichsland in deutscher Zeit zweifellos besser als vorher und nachher in französischer. Die Fehler, die im Reichsland von Elsaß- deutscher Seite begangen wurden, erfolgten in der Zentrale, und zwar Lothringen sowohl in Straßburg wie in Berlin. In Straßburg haben der Wirkliche Geheime Rat von Möller, der Fürst Chlodwig Hohenlohe und der Fürst Karl Wedel ihre Sache am besten gemacht. Der im übrigen hochbegabte, in anderen Stellungen hervorragend bewährte Feldmarschall Manteuffel, der unbedeutende Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg und der nicht viel bedeutendere Herr von Dallwitz schnitten schlecht ab. Hat Fürst Bismarck gut daran getan, nachdem wir die uns in der Zeit unseres tiefsten Verfalls von den Franzosen geraubten westlichen Provinzen zurückgenommen hatten, Elsaß-Lothringen als Reichsland zu konstituieren? Ich möchte nicht in den Fehler der „vaticinatio ex eventu“ verfallen. Wer wie ich nach dem Weltkrieg oft im Ausland geweilt und viel mit Ausländern verkehrt hat, weiß, welchen Spott uns solches Besserwissen ex post bei klügeren Fremden eingetragen hat, wie lächerlich es uns macht. Über weltfremde und aufgeblasene „Historiker“ vom Schlage Hans Delbrücks, die mit einem nur bei uns erlaubten Doktrinarismus breit und schwerfällig auseinandersetzen: wenn bei uns so operiert worden wäre, wie dies nachträglich in seinem Studierzimmer, die Brille auf der Nase und die lange Pfeife im Mund, der Herr Professor X. oder der Herr Doktor Y. sich ausdenken, wäre alles besser gekommen, lacht das Ausland. Und am meisten lacht, wer den Herrn Professor X. und den Herrn Doktor Y. kennt, die in der Praxis sofort versagen würden, die weder die Nerven, noch den Kopf, noch die Hand hätten, um auch nur den bescheidensten politischen Plan durchzuführen, den einfachsten diplomatischen Auftrag zu erledigen. 286 ALEMANNIEN Und doch hat Schiller gesagt, daß die Gedanken leicht beieinander wohnen, die Sachen aber sich hart im Raume stoßen. Und doch hat uns Heinrich Heine die reizende Anekdote von den drei Malern erzählt, die ein Kamel malen wollten. Der Engländer reist nach Afrika, um das Schiff der Wüste an Ort und Stelle abzukonterfeien. Der Franzose fährt nach dem Zoologischen Garten, um dort ein Modell zu finden. Der Deutsche konstruiert das Kamel aus der Tiefe seines sittlichen Bewußtseins. Ich will weder diesem deutschen Maler gleichen, noch auch meinerseits in die Plattheit der Divinatio ex post verfallen, darf aber wohl folgendes sagen: Als Fürst Bismarck das Reichsland ins Leben rief, überschätzte er, wie auch bei einigen anderen Gelegenheiten, die politischen Fähigkeiten der Deutschen und die Stärke ihres Nationalgefühls. Er rechnete nicht damit, daß die deutschen Parteien, statt Hand in Hand ihr gemeinsames Bestreben darauf zu richten, uns Elsaß und Lothringen geistig und seelisch wieder zu assimilieren, nur darauf bedacht sein würden, in gegenseitigem Kampf und mit allseitiger Gleichgültigkeit für nationale Gesichtspunkte, jede für sich, in den neuen Gebieten möglichst gute Geschäfte zu machen. Es gelang auch den beiden stärksten deutschen Parteien, dem Zentrum und den Sozialisten, in den Reichslanden eine gewisse Anzahl Sitze für sich zu erobern. Als die Franzosen an den Rhein zurückkehrten, wurden in den drei zum Leben erweckten Departements des Haut-Rhin, des Bas-Rhin und der Moselle der Gesichtspunkt der französischen Einheit, der „France une et indivisible“, in den Vordergrund gestellt. Alles in allem wären wir vielleicht doch weitergekommen, wenn unser großer Steuermann, wie die gute und hebe Fürstin Johanna Bismarck ihren Gatten nannte, aus Lothringen eine preußische Provinz gemacht hätte mit Metz als Hauptstadt, unter Angliederung des Regierungsbezirkes Trier, das Elsaß aber mit Baden zu einem Königreich Alemannien vereint hätte, unter Verlegung der Hauptstadt und Residenz von Karlsruhe nach Straßburg, unter gleichzeitiger Erleichterung und Pflege der Verbindungen und des Verkehrs zwischen Karlsruhe und dem Hagenauerland, Straßburg und Baden-Baden, Wildbad und Stuttgart, zwischen Kolmar und Freiburg, Mülhausen und dem südlichen Baden. Als mir im Sommer 1873 mein Hals wieder zu schaffen machte, suchte Kur in ich den Molkenkurort Heiden im Schweizer Kanton Appenzell-Außer- Reichenhall rhoden auf. Die Lage von Heiden ist reizend, der Blick auf das Schwäbische Meer, den Bodensee, herrlich. Aber ich langweilte mich dort so sehr, daß ich beschloß, nach dem bayrischen Bade Reichenhall überzusiedeln, wo ich, gleichfalls in prächtiger Umgebung, im Achselmannsteinbade Molken trank und Sole badete. Ich fand dort außer meinem Regimentskameraden Nimptsch und seiner Mutter und seinen liebenswürdigen Schwestern einen ALTE HERREN 287 ausgesuchten Kreis bejahrter preußischer Diplomaten. Bei den Festen der Spartaner sang der Chor der Alten: „Was ihr seid, das waren wir.“ Die Jungen antworteten: „Was ihr geworden seid, das wollen wir werden.“ Nun, wenn ich den Grafen Heinrich Redern, den Freiherrn Karl von Werther, den Grafen Guido von Usedom vor mir sah, so fühlte ich im Gegensatz zu den jungen Spartanern kein besonderes Verlangen, diesen Alten nachzueifern. Der Beste unter ihnen war der Baron Werther. Er war der höflichste, korrekteste, friedfertigste aller Menschen, und doch wollte sein Unstern, daß Krieg ausbrach, wo immer er als preußischer Gesandter gewirkt hatte. Er war Gesandter in Kopenhagen, als die Schleswig-Holsteinische Frage zum Kriege zwischen Preußen und Dänemark führte. Nach Wien gesandt, erlebte er dort den Ausbruch des Krieges von 1866. Als er von Wien nach Paris versetzt wurde, kam der Deutsch-Französische Krieg. Der „Kladderadatsch“ nannte Herrn von Werther deshalb den „Sturmvogel“. Jedenfalls war er ein Sturmvogel, der gar nichts Stürmisches an sich hatte. Er war in keiner Weise verbittert, räsonierte im Gegensatz zu Usedom auch nicht auf Bismarck, der Herrn von Werther einige Jahre später wieder anstellte und als Botschafter nach Konstantinopel sandte. Kaum war er dort angelangt, als der Russisch-Türkische Krieg ausbrach. Er war wirklich ein Sturmvogel. Dem Grafen Heinrich Redern, dessen ich bereits ausführlicher gedachte, durfte ich zuhören, wenn er in der Art des Nestor, der den hell umschienten Achaiern von den Heldentaten seiner Jugend erzählt, hier und da Erinnerungen aus seiner diplomatischen Laufbahn zum besten gab. Mit Vorhebe zitierte er einen Brief, den er um die Zeit des Krimkrieges aus Turin an den damaligen preußischen Minister des Äußern, Herrn von Manteuffel, gerichtet hatte. Der gute Heinrich Redern wünschte von seinem jungen Zuhörer bestätigt zu hören, mit welchem Adlerblick er vor anderen die politische Zukunft des Grafen Cavour vorausgesehen habe. Sein Brief an den Minister Manteuffel hatte etwa folgendermaßen gelautet: „Monsieur le Baron, j’ai l’honneur d’attirer l’attention ßclairee de votre Excellence sur le premier Ministre de Sa Majeste le roi de Sardaigne, le comte Camillo Benso di Cavour. Malgre ses idees an peu trop liberales, Monsieur de Cavour est un homme fort distinguö et qui merite la faveur dont il jouit auprös de son auguste maitre. Agreez avec l’assurance de ma plus haute consideration l’expression de mes sentiments respectueusement devouös.“ Die politischen Berichte der preußischen Diplomaten wurden bis zum Amtsantritt des Herrn Otto von Bismarck-Schönhausen in französischer Sprache abgefaßt. Usedom war mit einer Engländerin verheiratet, Miß Olympia Malcolm, der Tochter des Gouverneurs von Bombay, deren gewaltiger Leibesumfang 288 BISMARCK ERKUNDIGT SICH Attache im Auswärtigen Amt ihrem Vornamen Ehre machte und deren Originalität bisweilen in Taktlosigkeit ausartete. Als Usedom preußischer Gesandter in Florenz war, suchte sie in ein Gemach des Palazzo Pitti einzudringen, dessen Betreten untersagt war. Den ihr den Eingang verwehrenden italienischen Kammerherrn schob sie majestätisch mit den Worten beiseite: „Io sono la Prussia!“ Die Tochter aus dieser Ehe war ungewöhnlich groß. Man nannte sie allgemein die Usekathedrale. Sie soll, als ihre Eltern sich zeitweilig in München niedergelassen hatten, den Wunsch gehegt haben, König Ludwig II. zu heiraten. Es ist ihr aber nicht gelungen, die Misogynie des Königs zu besiegen. Während ich in Reichenhall weilte, erhielt ich einen Brief meines Vaters, in dem er mir mitteilte, daß Fürst Bismarck ihm den Posten des Staatssekretärs im Auswärtigen Amte angetragen habe. Er habe einige Zeit geschwankt, ob er annehmen solle oder nicht. Einerseits fühle er sich mit achtundfünfzig Jahren nicht mehr jung genug für einen neuen und so starke Anforderungen stellenden Posten. Andererseits gewähre es ihm doch große innere Befriedigung, am Abend seines Lebens, das er in dänischen Diensten begonnen habe, an der Seite des größten deutschen Staatsmannes dem durch diesen wiedererrichteten herrlichen Deutschen Reich zu dienen. Den letzten Ausschlag gebe der Appell, den Bismarck an die alte, in den verschiedensten Zeiten, Lagen und Stellungen bewährte Freundschaft gerichtet habe, die beide seit nun einem Vierteljahrhundert verbinde. Er habe sich infolgedessen entschlossen, die Berufung anzunehmen. Bald nachdem die Ernennung meines Vaters zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes erfolgt war, richtete der Kanzler an ihn die Frage, wie es seinen Söhnen ginge, an die er sich aus Frankfurt a. M. erinnere. Als mein Vater erwiderte, daß sein zweiter Sohn als Leutnant und Adjutant bei den 2. Garde-Dragonern stehe, der älteste, nachdem er den Krieg bei den Königshusaren mitgemacht habe, in Metz am Bezirkspräsidium arbeite, meinte Bismarck: „Wollten Sie nicht einen Diplomaten aus Ihrem ältesten Sohn machen?“ Mein Vater wies daraufhin, daß schon drei Bülows dem auswärtigen Dienst angehörten und vier Bülows ein bißchen zu viel seien. Bismarck entgegnete launig und gütig, daß er von der Sorte gar nicht genug bekommen könnte. So wurde ich als Attache in das Auswärtige Amt einberufen, an dessen Spitze ich vierundzwanzig Jahre später als Staatssekretär treten sollte. Am Tage meines Eintreffens in Berlin begegnete ich Unter den Linden dem damaligen Ersten Sekretär der Botschaft in London, dem Freiherrn von Brincken, dessen Bekanntschaft ich ein Jahr früher auf der Borussenkneipe in Bonn gemacht hatte. Der treffliche Mann, das Bild eines korrekten Diplomaten in mittleren Jahren, gab mir im Laufe unserer Unterhaltung RATSCHLÄGE DES VATERS 289 drei gute Ratschläge: 1. Mich baldmöglichst in das Kasino aufnehmen zu lassen. 2. Im Kasino und überhaupt in Berlin wenig zu reden und nie Fragen zu stellen. Fragen setze Mißdeutungen aus. 3. Fleißig in Gesellschaft zu gehen und viel zu tanzen, das mache beliebt. Ernster waren die Regeln, die mir mein guter und weiser Vater auf den Weg mitgab. Ich lasse sie folgen, denn wenn die Verhältnisse sich auch ändern, so bleibt doch der Mensch im Kern derselbe. Auch die diplomatischen Anfänger im besiegten, unglücklichen und wieder aufstrebenden Deutschland können aus diesen Winken mancherlei lernen: Strengste, peinlichste Wahrhaftigkeit in allem, was berichtet wird. Nur melden, was sicher ist. Nichts berichten, was sich später als unbegründet heraussteilen könnte. Nie flunkern. Kein Klatsch, kein Aufbauschen noch Übertreiben, keine zu lebhaften Farben. Ne pas forcer la note. Besondere Gewissenhaftigkeit, was Zahlen angeht. Point de fantaisie. Die Ereignisse nicht greller malen, als sie sich der nüchternen Beobachtung darstellen. Vorsicht im Urteil. Selten prophezeien, jedenfalls nicht in Berichten, allenfalls in Privatbriefen. Amtliche Propheten, Sterndeuter und Wahrsager, Haruspices und Auguren gibt es nicht mehr. Davon abgesehen: Tout arrive, on ne peut jurer de rien, tout change. Kompromittiere in deinen Berichten nicht andere. Es ist nicht anständig und nicht klug. Schreibe nicht ab irato. Fürst Bismarck pflegt zu sagen, Entrüstung und Ranküne seien keine diplomatischen Begriffe. Der Diplomat sei weder ein Bußprediger, noch ein Strafrichter, noch ein Philosoph. Es müsse ihm nur und ausscliließlich auf das wirkliche, nackte Interesse seines Landes ankommen. Vorsicht mit Telegrammen. Große Vorsicht mit dem Chiffre, der nicht gedankenlos in die Hand genommen werden darf. Kritisiere in Berichten nicht zu scharf. La critique est aisee et l’art est difficile. Außerdem kann jeder Bericht durchsickern. Ruhig und nüchtern sein. Ne prends rien au tragique, tout au serieux, wie Thiers zu sagen pflegt. Und vor allem: Take every thing cooly! Aber sei touj ours en vedette, nach allen Seiten aufpassen! Ruhe, Gleichgewicht, Selbstbeherrschung. Keep up your nerves, Sir! Sich weder von Sympathien noch Antipathien bestimmen lassen. Nicht heikle Wünsche fremder Regierungen nach Berlin melden. Überlasse es der fremden Regierung, solche Anliegen durch ihre eigenen Vertreter in Berlin Vorbringen zu lassen, wo sie eventuell leichter abzulehnen sind. Ohne Ermächtigung des Auswärtigen Amtes nichts unsere Regierung Kompromittierendes von sich geben. Remember: Benedettis Reinfall 19 Büluw IV 290 DIE GOLDENE REGEL mit seinen Kompensations- und Annexions-Vorschlägen gegenüber Bismarck. Klarer, knapper Stil, nicht zu breit, sachlich, aber nicht ledern. „Tous les genres sont bons hors le genre ennuyeux“, sagte Voltaire. Allzu oft vergißt es der Deutsche. Erste Pflicht des Diplomaten ist, sich nicht überraschen zu lassen. In der Politik herrscht steter Wechsel, alles fließt. Laß deiner Phantasie nicht die Zügel schießen. Mache nicht aus jeder Mücke einen Elefanten. Aber halte ungefähr alles für möglich, wenig für sicher. Vor allem emballiere dich nicht. Unseres Lebens schwer Geheimnis liegt zwischen Übereilung und Versäumnis. Die Hauptaufgabe des Diplomaten im Ausland bleibt stets, was Fürst Bismarck die Arbeit in Menschenfleisch nennt, d. h. die richtige Behandlung der Fremden, um greifbare, tatsächliche Erfolge zu erzielen. Also Fühlung mit den Kollegen halten, nicht als Loup-garou in seinen vier Wänden hocken. Aber sich auch nicht von den Kollegen anlügen oder aus- beuten lassen. Pas trop de zele ist, richtig verstanden, eine goldene Regel. XXI. KAPITEL Beschäftigung im Auswärtigen Amt (1873/74) • Graf Paul Hatzfeldt, seine Fingerzeige für Verhalten mit S. D. • Lothar Bücher • Wilhelmstraße 76 • Ahendempfünge im Bismarckschen Hause • Bismarckfeindliche Strömungen in der Berliner Gesellschaft Mangelnde Begabung des Deutschen für Politik N ach meiner Einberufung in das Auswärtige Amt ließ mich mein Vater zunächst je drei Wochen im Zentralbüro, im Chiffrierbüro, in der Geheimen Registratur und in der Legationskasse beschäftigen. „Wer“, sagte er zu mir, „ein Haus bewohnen will, tut gut, sich auch im Erdgeschoß umzusehen und Bekanntschaft mit den Fundamenten zu machen. Und dann sollst du in diesen Büros Respekt vor unseren ausgezeichneten Subalternbeamten bekommen.“ Später überwies mich mein Vater für je sechs Wochen dem Geheimen Legationsrat Reichardt in der Handelspolitischen und dem Geheimen Legationsrat Hellwig in der Rechts-Abteilung zur Ausbildung, zu recht gründlicher Ausbildung, wie mein Vater den Herren Geheimräten einschärfte. Meinen Wunsch, schon jetzt der Politischen Abteilung überwiesen zu werden, lehnte mein Vater a limine ab. Mit der großen Politik würde ich früh genug Bekanntschaft machen. Wer von dieser schweren Speise vorzeitig nasche, der verderbe sich leicht den Magen oder er werde zum Dilettanten. Und in der auswärtigen Politik bedeute ein Dilettant so viel wie einen Pfuscher, d. h. ein Mensch, der, weil er den Ernst der Kunst und ihre Schwierigkeiten unterschätze, die Dinge falsch auffasse, falsch anfasse und sie damit verderbe. Aber wenn auch noch nicht mit Problemen der großen Politik befaßt, trat ich doch schon im Winter 1873/74, also in sehr jungen Jahren, den beiden nach meinem Vater bedeutendsten Räten des Auswärtigen Amtes näher, dem damaligen Legationsrat Graf Paul Hatzfeldt und dem Geheimen Legationsrat Lothar Bücher. Graf Paul Hatzfeldt war ein Sohn des Grafen Edmund von Hatzfeldt- Weißweiler und der Gräfin Sophie von Hatzfeldt-Trachenberg, die mir, wie ich schon erzählt habe, in Leipzig mehr als einmal am Arm bald dieses, bald jenes sozialdemokratischen Freundes in Restaurants und auf der Promenade zwischen dem Grimmaischen und dem Haifischen Tor begegnet war. Einberufung Graf Paul Hatzfeldt 19 * 292 DER VERKEHR MIT S. D. Graf Paul Hatzfeldt kam mir mit Liebenswürdigkeit entgegen. Auch ihm verdanke ich manch nützlichen Wink, alle zugeschnitten auf „S. D.“ (Seine Durchlaucht), wie Bismarck im Auswärtigen Amt genannt wurde. Ich notierte mir diese Winke auf einem inzwischen vergilbten Blatt, das ich jetzt unter meinen Papieren fand und das ich wiedergebe, weil die darin erteilten Ratschläge für beide, für Otto Bismarck wie für Paul Hatzfeldt, bezeichnend sind. 1. Nie in einer Richtung zu weit gehen, sich jedenfalls nie emballieren, womöglich um Dreivierteltakt Zurückbleiben. S. D. ist ondoyant et divers. Er liebt nicht die Hunde, die so weit über das Ziel schießen, daß sie keine andere Fährte mehr aufnehmen können. 2. In Berichten nicht zuviel „ich“ setzen. S. D. merkt es von selbst, wenn man eine Sache gut gefingert hat. 3. Möglichst wenig bei S. D. anfragen. Besser schreiben oder telegraphieren, man werde so oder so handeln, wenn nicht Contreordre erfolge. 4. Am Schluß des Berichtes andeuten, daß man im übrigen seine eigene Appreziation der höheren Weisheit S. D. unterordne. 5. Alles geht ruhiger, als der junge Anfänger glaubt. Kleine Widerwärtigkeiten, unvermeidlicben Ärger mit der „Wurschtigkeit“ nehmen, die S. D. selbst empfiehlt. S. D. liebt nicht aufgeregte Leute, noch weniger Durchgänger. Ruhe, eine gewisse Pomadigkeit, ja Lässigkeit gefallen ihm. 6. Als jüngerer Mann im Verkehr mit S. D. nie vergessen, daß er ein strenger, bisweilen grimmiger Pater familias ist. Am besten kommt der Weltmann mit ihm aus, schlecht der „Kreisrichter“ und am allerschlechtesten der „Professor“. Graf Paul Hatzfeldt hatte seine ersten starken politischen Eindrücke im Verkehr mit dem langjährigen Liebhaber seiner Mutter, dem geistvollen Ferdinand Lassalle, erhalten. Es ist eigentümlich, daß ein anderer, auch sehr bedeutender Mitarbeiter von Bismarck, der Geheime Legationsrat Lothar Bücher Lothar Bücher, ein intimer Freund desselben Ferdinand Lassalle gewesen war. Bücher hatte sich 1848 als Mitglied der preußischen Nationalversammlung der radikalen Linken angeschlossen und mußte, da er die Opposition bis zur Steuerverweigerung trieb, 1849 nach dem Siege der Reaktion nach London fliehen, wo er mit Karl Marx und Mazzini, mit Friedrich Engels und Auguste Ledru-Rollin, dem Führer der französischen Sozialisten bei dem Pariser Juni-Aufstand von 1848, und manchen anderen Koryphäen der Revolution in regen Verkehr trat. Auch Lothar Bücher zeigte mir freundliches Entgegenkommen. Er sprach mir gern von der Zeit seines Londoner Exils. Er erklärte Karl Marx, den Verfasser des „Kommunistischen Manifestes“, nicht allein für einen scharfen und tiefen Denker, sondern EIN BEQUEMER CHEF 293 auch für einen kreuzbraven Mann, für den besten Gatten und Vater, der ihm vorgekommen sei. Auch Giuseppe Mazzini bezeichnete er mir als einen ungewöhnlich edlen Menschen. „Er konnte keiner Fliege etwas zuleide tun“, meinte er. Als ich auf die verschiedenen Attentate hindeutete, die Mazzini organisiert hatte, erwiderte Bücher: „Da berühren Sie ein Problem, das gründlich zu erörtern allzuviel Zeit erfordern würde, nämlich, wie sich Politik und Moral zueinander verhalten. Es ist unbestreitbar, daß Robespierre nicht nur in Worten, sondern tatsächlich un homme ver- tueux war, daß viele der sogenannten Terroristen gute, ja weiche und sentimentale Menschen gewesen sind.“ Lothar Bücher hatte etwas Bescheidenes, Stilles, fast Schüchternes. Seine Beziehungen zu Frauen sollen immer platonisch gewesen sein. Noch als älterer Mann huldigte er auf zarte Weise einigen Geheimratswitwen, denen er ab und zu Veilchensträuße überbrachte. Im Gegensatz zu Lothar Bücher machte Paul Hatzfeldt in keiner Weise einen gedrückten Eindruck. Sein Aplomb war jeder Situation und jeder Schwierigkeit gewachsen. Er konnte mit Talleyrand von sich sagen: „Avec le sourire sur les levres et un front d’airain on passe partout.“ Mit Talleyrand hatte er auch das gemeinsam, daß er amoralisch war, nicht etwa antimoralisch. Talleyrand wird von allen, die ihn näher kannten, als liebenswürdig, gutmütig und nachsichtig geschildert, für sich wie für andere. Paul Hatzfeldt war seinen Untergebenen ein sehr wohlwollender, bequemer Chef und im Verkehr nie launisch, nie ungeduldig, geschweige denn aggressiv. Aber die bürgerlichen Moralbegriffe erschienen diesen beiden eminenten Diplomaten mehr als konventionelle Formen denn als Gebote eines kategorischen Imperativs im Kantischen Sinne. In religiöser Beziehung begnügten sie sich mit der gelegentlichen Erfüllung der äußeren Formen der katholischen Kirche, der sie angehörten. Als Talleyrand einmal gefragt wurde, wie er einen als lasterhaft bekannten Menschen in seiner Umgebung dulden könne, erwiderte er mit einem charmanten Lächeln: „C’est precise- ment parce qu’il est si vicieux qu’il m’est sympathique.“ Das hätte Paul Hatzfeldt, wenn auch nicht sagen, so doch denken können. Ich stelle ausdrücklich fest, daß Perversitäten, wie sie ein Menschenalter später die Berliner Atmosphäre vergifteten, ihm ganz fern lagen. Lothar Bücher ging nie zu Hofe, da Kaiser Wilhelm erklärt hatte, einen früheren Revolutionär, Steuerverweigerer und Flüchtling nicht empfangen zu können. Der sonst so gütige alte Herr hat nie einen Vortrag von Lothar Bücher entgegengenommen. Vor der Kaiserin Augusta durfte der Name Bücher überhaupt nicht genannt werden. Paul Hatzfeldt dagegen stand bei Ihrer Majestät in hoher Gnade, und auch Seine Majestät behandelte ihn, wenn nicht gerade mit innerer Sympathie, so doch mit großer Courtoisie. 294 BÜCHER UND DER FÜRST Ala Fürst Bismarck stürzte, wandte sich Paul Hatzfeldt von dem Gefallenen ab, nicht mit geschmackloser Eile, noch mit Übertreibung, aber allmählich und kühl, obwohl Bismarck ihn einige Jahre vor seinem Sturz als das beste Pferd in seinem Stall bezeichnet hatte und ihn dienstlich immer bevorzugte. Lothar Bücher hatte nicht lange vor der Entlassung des Fürsten Bismarck seinen Abschied als Vortragender Rat im Auswärtigen Amt genommen, da sein Feind Holstein den von ihm damals ganz beherrschten Staatssekretär Graf Herbert Bismarck gegen Bücher aufgehetzt hatte und dieser sich von einem so viel jüngeren Vorgesetzten wie Herbert Bismarck nicht schlecht behandeln lassen mochte. Als Bismarck sich als entamteter und verfemter Kanzler nach Friedrichsruh zurückgezogen hatte, stellte sich ihm Lothar Bücher freiwillig zur Verfügung und hat bekanntlich seinem großen Chef bei der Abfassung der „Gedanken und Erinnerungen“ zur Seite gestanden. Für künftige Diplomaten füge ich endlich eine Lehre bei, die mir Bücher für die diplomatische Berichterstattung gab: „Der richtige Maßstab für Beurteilung und Berichterstattung bleibt immer derselbe. Facts, Sir, facts. Die konkrete Äußerung irgendeines leading man, Diplomaten, Deputierten oder Finanziers über einen bestimmten Punkt wiegt mehr als ein noch so hervorragender Situationsbericht. Unterdrücken Sie nicht aus Bescheidenheit Ihr eigenes Urteil. Lassen Sie es am Schlüsse durchblicken.“ Das Haus, in dem ich in Berlin arbeitete, Wilhelmstraße 76, war durch Wilhelm- mancherlei Erinnerungen mit meinen Vorfahren verknüpft. Dänischer Ge- straße 76 sandter in Berlin war 1818 Graf Christian Günther Bernstorff, der mit einer Tante meines Vaters, der Gräfin Elise Dernath, vermählt war und von 1818 bis 1832 preußischer Minister des Äußern gewesen ist. Er vertrat als solcher Preußen bei den Kongressen von Aachen, Verona, Karlsbad, Troppau und Laibach während der Glanzzeit der Heiligen Allianz und des Fürsten Clemens Metternich. Sein Übertritt aus dem dänischen in den preußischen Dienst war charakteristisch für die ganz alte Zeit. Sein ruhiges Wesen, sein sicheres Auftreten, sein großer Takt waren dem König Friedrich Wilhelm III. von Preußen angenehm aufgefallen. Eines Tages ließ er den dänischen Gesandten zu sich bitten und frug ihn, ob er die Leitung des preußischen Departements für die Auswärtigen Angelegenheiten unter dem allmählich älter und unterstützungsbedürftig werdenden Staatskanzler Fürst Hardenberg übernehmen wolle. Graf Bernstorff dankte für diesen Beweis gnädigen Vertrauens, wies aber darauf hin, daß er in dänischen Diensten stehe. Lächelnd zog Friedrich Wilhelm III. einen Brief des Königs Friedrich VI. von Dänemark aus der Tasche, in dem ihm dieser schrieb: Seinem teuren Bruder und Freund, dem König von Preußen, seinen vortrefflichen BISMARCKS RÄUME 295 Gesandten in Berlin, den Grafen Cliristian Günther von BemstorfF, abtreten zu können, gereiche ihm zu wahrer Genugtuung und lebhafter Freude, es sei dies gleich schmeichelhaft für Bernstorff wie für die dänische Krone und Dänemark. Graf Bernstorff trat darauf in preußische Dienste. Wenige Tage später teilte er seiner Gattin die in seinem und ihrem Leben eingetretene Veränderung mit und fügte hinzu, daß er sich schon völlig in seinen neuen Wirkungskreis eingelebt habe. „Du glaubst nicht“, schrieb er ihr, „wie wunderlich ich mir selbst vorkomme, wenn ich schon preußischen Sekretären über preußische Angelegenheiten diktiere, als sei es immer so gewesen.“ Seine Frau aber war über diese Wendung der Dinge weniger erfreut. Es schmerzte sie besonders, sich von dem Bernstorffschen Palais in Kopenhagen trennen zu müssen, das bekanntlich später die Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie wurde. König Christian IX. hat dort oft den Besuch seines Schwiegersohns, des Kaisers Alexander III. von Rußland, empfangen, Besuche, die Bismarck mit Argwohn sah, weil er wußte, daß die Königin Luise von Dänemark, obwohl eine deutsche Prinzessin, eine Prinzessin von Hessen, antipreußisch gesinnt war und in diesem Sinne auf ihren Schwiegersohn von Rußland einzuwirken trachtete. Um den Wohnungssorgen der Gräfin Bernstorff abzuhelfen, gab Friedrich Wilhelm III., sonst sehr sparsam, Weisung, das damals der Witwe des russischen Gesandten Alopäus gehörige langgestreckte Gebäude Wilhelmstraße 76 als Dienstwohnung für den Grafen Christian Bernstorff zu erwerben. Der König nannte hierbei dieses Haus das schönste Haus Berlins. Der Kaufpreis betrug achtzigtausend Taler in Gold, eine für damalige Zeiten nicht unbeträchtliche Summe. Kein Deutscher sollte an diesem Haus vorübergehen, ohne im Geist in Ehrfurcht den Hut zu ziehen, denn hier hat Fürst Bismarck in seiner größten Zeit seines Amtes gewaltet. Sein Arbeitszimmer lag im Oberstock. Es sind die beiden Fenster, die als drittes und viertes von rechts gezählt neben dem Mittelrisalit liegen. Im Speisesaal neben dem Arbeitszimmer war es, wo Bismarck am 13. Juli 1870 jene Emser Depesche empfing, die er zur Fanfare umstilisierte. Im gelben Zimmer tagte unter Bismarck der Ministerrat. Im Arbeitszimmer stand der kleine Mahagonitisch, auf dem er am 26. Februar 1871 den Präliminarfrieden von Versailles unterschrieben hatte. Die Tapete des Arbeitszimmers zeigte goldene Kreuzchen auf grauem Grund, der Teppich helle rote, blaue und grüne Blümchen auf dunkelrotem Grund. Die Wände, mit braunen Streifen in schmalen Goldleisten, waren hübsch eingeteilt. Ganz einfach war dahinter das einfenstrige Schlafzimmer, an das ein Kleiderzimmer stieß. Weiter folgten nach hinten zu ein zweites Schlafzimmer, ein paar Kabinette und zwei Salons, die zusammen mit dem ovalen Saal Bismarck in seiner größten Zeit für seine Repräsentationszwecke genügten. Der ovale 296 DIE SPHINXE Saal hatte eine kastenförmig abgeteilte Decke im italienischen Geschmack und dunkelgelbe Wände. Auf den Wänden waren Tänzerinnen dargestellt. Die Sage ging, daß sie eine Anspielung auf die berühmte und vielgefeierte Tänzerin Barberina seien, die, nachdem sie mit ihrer Schönheit und ihrer Kunst das Berlin des achtzehnten Jahrhunderts bezaubert hatte, den Sohn eines großen Juristen, des Präsidenten von Cocceji, heiratete, der 1750 für sie das Haus kaufte, dem einmal Bismarck seinen welthistorischen Stempel aufdrücken sollte. Auch der Name Bismarck war schon einmal mit diesem Haus in Verbindung gekommen. Die Barberina, mit ihrem Mädchennamen Barbara Campanini, verkaufte nach dem Ableben ihres Gemahls das ihr von ihm geschenkte Haus an den Kriegsminister von Eickstedt. Nach dessen Tode übernahm es seine Tochter, die Frau Staatsminister von Decken, verwitwete Schloßhauptmann von Bismarck. Die beiden Sphinxe, die den Eingang der Treppe des historischen Hauses bewachen, stammen aus der Zeit des russischen Gesandten Alopäus, also aus dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, und sind ein Werk des Bildhauers Pfeffer. Mein Vater erzählte mir gelegentlich, daß er in demselben Zimmer arbeite, das ein halbes Jahrhundert früher seinem Onkel Bernstorff als Büro gedient habe. Er wies dabei auf den Porzellanofen der Stube hin, mit vier preußischen Adlern an den Ecken. Denselben Ofen habe er schon bei seinem Besuch vor sich gesehen, den er als Student seinem Oheim gemacht hatte. Mein Vater lobte die altpreußische Sparsamkeit und Einfachheit. Er zitierte gern die Antwort, die das Orakel von Delphi einer um die Zukunft ihrer Stadt besorgten lazedämonischen Deputation gegeben hatte: „Reichtum, wahrlich, allein, sonst nichts kann Sparta verderben.“ Graf Christian Günther Bernstorff war nach seinem 1835 erfolgten Tode auf dem kleinen Friedhof beigesetzt worden, der vor dem Potsdamer Bahnhof lag, der vor einigen Jahren aufgelassen wurde und dessen sich ältere Berliner wohl noch erinnern. Wenn ich in meiner Amtszeit von Berlin nach Potsdam fuhr, erblickte ich den Friedhof, bevor ich den Zug bestieg. Wenn ich einem schwierigen oder unerquicklichen Vortrag bei Wilhelm II. entgegenging, so dachte ich an meinen Großoheim, der auch seine „Diffi- kultäten“ und Nöte gehabt hatte und doch jetzt friedlich und ruhig unter dem grünen Rasen schlummerte, unbekümmert um den Lärm des Potsdamer Platzes. „Nach neun Uhr ist alles aus“, so hatte Bismarck in seiner Fankfurter Zeit an seine Frau geschrieben. Die verwitwete Gräfin Elise Bernstorff, meine Großtante, hat Memoiren hinterlassen, die über die Zeit von 1789 bis 1835 manches Interessante enthalten*. * Gräfin Elise von Bernstorff, geborene Gräfin von Demath. Zweite Auflage. Berlin 1896. E. S. Mittler und Sohn. EIN GROSSER 297 An den beiden Sphinxen von Pfeifer ging ich vorüber, wenn ich als Attache des Auswärtigen Amts abends den Salon der Fürstin Bismarck In Bismarcks besuchte. Der Fürst und die Fürstin hatten mir durch meinen Vater sagen Salon lassen, sie würden sich freuen, wenn ich abends zu ihnen käme. Die Gäste pflegten um zehn Uhr zu kommen, wo sie die Fürstin an einem großen runden Tisch erwartete, auf dem alle möglichen kalten Speisen und „Delikatessen“ standen: jede Art von Wurst, Sardinen, Anchovis, Matjesheringe und Bücklinge, im Winter auch Kaviar, meist Liebesgabe aus Petersburg, Lachs, Italienischer Salat, harte Eier, jede Art von Käse, vom Holländer bis zum Harzer Käse, und ungezählte Flaschen Bier, echte, schwere bayrische Biere. Doktor Ernst Schweninger hatte dem Fürsten noch nicht seine Diät aufgezwungen und ihn noch nicht genötigt, abends 6tatt Bier Milch zu trinken, die Bismarck in späteren Jahren zu sich nahm, freilich auch in enormen Quantitäten. „Alles an dem Mann ist riesig“, sagte mir einmal ein witziger liberaler Abgeordneter, „sogar sein Appetit.“ Der Fürst erschien selten vor elf Uhr. Als der Philosoph Hegel am Tage nach der Schlacht von Jena Napoleon über den Marktplatz der kleinen Universitätsstadt reiten sah, äußerte er: „Ich habe die Weltseele auf einem Schimmel erblickt.“ Ich habe Bismarck nie in das Zimmer treten sehen, ohne die Empfindung, daß ich einen Großen, einen ganz Großen vor mir sähe, den größten Menschen, den ich erblickt hätte und je erblicken würde. Er wirkte um so imponierender, als er in keiner Weise posierte, einfach und natürlich war. Das fiel mir gerade in Berlin auf, wo Geheimräte und Volksvertreter, so viele, die es zu einer gewissen Stellung gebracht haben, gern feierliche Würde zur Schau tragen. Charakteristisch für den Fürsten war seine ungemeine Höflichkeit gegenüber allen seinen Gästen. Auch den jüngsten begrüßte er mit einem freundlichen Händedruck, gewöhnlich begleitet von einem liebenswürdigen, oft scherzhaften Wort. Damen küßte er fast immer die Hand. In späteren Jahren, wo er wegen seiner Ischias viel auf der Chaiselongue liegen sollte, entschuldigte er sich bei jeder Dame, daß er sie in dieser Stellung begrüßen müsse. Es lag in der Natur der Dinge, daß der Fürst, wenn er gekommen war, die Unterhaltung beherrschte. Er sprach über alles, nie dozierend, oft humoristisch, stets geistvoll und originell. Er machte immer einen überlegenen, nie einen eitlen Eindruck. Er sprach langsam, beinahe stockend, mit leiser und feiner Stimme. Wenn er eine Pause im Sprechen machte, pflegten auch die Gäste zu schweigen, um sein Nachdenken nicht zu stören. Ich erinnere mich eines Abends, wo ein unter den Gästen anwesender Prinz Heinrich IX. Reuß nach einer schon einige Minuten dauernden Stille ex abrupto und laut an den Fürsten die Frage richtete: „Wie denken Euer 298 DER BESTGEHASSTE MANN Durchlaucht eigentlich über unser gegenwärtiges Verhältnis zu Rußland?“ Der Gute frug das in einem Augenblick, wo von einer Trübung unserer Beziehungen zu Rußland gesprochen wurde. Bismarck sah den Frager mit seinen großen Augen an. Dann: „In meiner langen Dienstzeit ist selten eine soun—un—“ Wir alle erwarteten:ungehörige,unerwünschte,unverschämte Frage an mich gerichtet worden. Der Fürst aber schloß den Satz, sich höflich gegen den Prinzen Reuß verbeugend, mit den Worten: „... eine so unerwartete Frage an mich gerichtet worden.“ Wenn mein Vater zugegen war, unterhielt Bismarck sich gern mit ihm Bismarck über Erinnerungen aus der Frankfurter Bundestagszeit, bisweilen auch über und Rußland schwebende Fragen der großen auswärtigen Politik. Ich entsinne mich genau, daß der Fürst schon damals als das schwierigste, aber auch wichtigste Problem unserer auswärtigen Politik die richtige Behandlung des russischösterreichischen Gegensatzes bezeichnete. Unser Verhältnis zu Rußland beschäftigte Bismarck unablässig. Am 4. September 1872 hatte in Berlin die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm, Kaiser Alexander II. und Kaiser Franz Josef stattgefunden. Der Augenblick, in dem unser ehrwürdiger Kaiser den beiden anderen Monarchen seine siegreichen Truppen vorführte, war einer der Höhepunkte der preußischen und deutschen Geschichte. Bismarck hätte weder 1866 noch 1870/71* ohne wohlwollende russiche Neutralität seine Politik durchführen können. Aber andererseits lag es auf der Hand, daß völlige Preisgabe der habsburgischen Monarchie an Rußland uns in eine sehr prekäre Lage bringen würde. Weder Österreich-Ungarn zu opfern, noch uns durch Österreich-Ungarn in einen Krieg mit Rußland verwickeln zu lassen erschien Bismarck als eine gewiß nicht leichte, aber für eine ruhige und geschickte deutsche Hand lösbare Aufgabe, namentlich wenn wir nicht so dumm wären, den Russen gerade an den Dardanellen entgegenzutreten, statt das anderen zu überlassen. Es wäre übrigens ein Irrtum, zu glauben, daß die Verdienste des in der Seine Vollkraft der Jahre und im Zenit des Ruhms stehenden Bismarck um Widersacher Preußen und Deutschland, seine überragende menschliche Größe damals allgemein gewürdigt worden seien. Im Parlament und in der Presse wurde er von vielen Seiten auf das bitterste, zum Teil auf das unwürdigste angegriffen. Unter seinen Gegnern standen wissenschaftliche Zelebritäten, wie Theodor Mommsen und Rudolph Virchow, in vorderster Reihe. Jeder wußte, daß den beiden ersten Frauen im Lande, der Kaiserin Augusta und der Kronprinzessin Viktoria, der Reichskanzler nicht viel sympathischer war als den Vorkämpfern der drei im Reichstag gegen ihn verbündeten Parteien, den Herren Richter (Freisinn), Windthorst (Zentrum) und Grillenberger (Sozialdemokratie). Wirklich und herzlich wohlgesinnt am preußischen Hofe war Bismarck außer seinem alten Herrn eigentlich nur DAS STAUNEN 299 die gute Prinzessin Karl von Preußen, die ältere Schwester der Kaiserin Augusta. Als sie im Januar 1877 ihr Ende herannahen fühlte, legte sie die Abzeichen ihres Regiments, des Westfälischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 7, an. Dann ließ sie Bismarck zu sich bitten und dankte ihm in einfachen, rührenden Worten für alles, was er für das Königliche Haus, für Preußen und für Deutschland getan habe. Dann starb sie am 18. Januar, am preußischen Krönungstag. In der sogenannten Gesellschaft wurde im Winter 1873/74 maßlos über Bismarck räsoniert. Wenige Tage nach meinem damaligen Eintreffen in Berlin aß ich bei dem französischen Botschafter, dem Vicomte de Gontaut* Biron. Neben mir saß der Rittmeister im Garde-Kürassier-Regiment Graf Konrad Lüttichau, ein prächtiger Typus des echten Gardeoffiziers der alten Zeit: stramm im Dienst, vornehm in Haltung und Gesinnung, dabei ein guter Kerl. Als wir beim Braten angelangt waren, sagte er zu mir: „Ich denke, wir werden gute Freunde werden. Gardekürassiere und Königshusaren gehören zusammen. Nur über eins müssen Sie sich klar sein: Wir alle in der guten Gesellschaft können Bismarck nicht leiden.“ Den Grund zu dieser Stimmung hatte der Kulturkampf gelegt, der bald zu dem Bruch zwischen dem leitenden Staatsmann und den altpreußischen Konservativen führte. Verschärft wurde später die Unzufriedenheit mit Bismarck durch dessen schonungsloses Vorgehen gegen den Botschafter in Paris, den Grafen Harry Arnim, mit dem er die höfische, diplomatische und gesellschaftliche Fronde treffen und einschüchtern wollte. Wenn Bismarck in seinen Salon eingetreten war, so erfaßte mich jener heilige Schauer, der den für Großes empfänglichen, Größe begreifenden Bismarck und Menschen erfaßt, wo die Kritik aufhört und das Staunen (ro d-avfia) der Reichstag beginnt. Wenn Bismarck sich zurückgezogen hatte und ich wieder, vorbei an den beiden Sphinxen, das Haus Wilhelmstraße 76 verließ, so stieg schon in meinen jungen Jahren die Sorge in mir auf, was ohne Bismarck aus dem deutschen Volke werden würde. Ich brauchte nur die Reichstagsverhandlungen zu verfolgen, die Zeitungen aller Parteien zu lesen, die politische Unterhaltung in den von mir besuchten Häusern anzuhören, um mir klarzuwerden, daß die Vorsehung, die den Deutschen mit so vielen reichen Gaben und edlen Tugenden zierte, ihn leider als Zcöov äjioXiTLxov schuf. Mir schwante, daß uns Deutschen vielleicht gerade wegen unserer Sachlichkeit, Gründlichkeit und Stetigkeit für das unruhige, unstete und sprunghafte Gewerbe der Politik viele Voraussetzungen fehlten. Der Deutsche ist sachlich. „Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun“, hat Richard Wagner gesagt und damit den innersten Kern des deutschen Wesens getroffen. Der erfolgreiche Politiker aber ist selten sachlich, meist opportunistisch und kennt nur das Interesse seines Landes. 300 DEUTSCHER DOKTRINARISMUS Der Engländer sagt: „Right or wrong my country.“ Er ist von der naiven, aber urwüchsigen und felsenfesten Überzeugung durchdrungen, daß das, was für England nützlich ist, für die ganze Welt gut sei und daß englische Herrschaft überall menschliche Gesittung fördere. Für den Franzosen ist Frankreich der Punkt, um den sich alle seine Gedanken und Anschauungen drehen. Für den klerikalen Franzosen ist Frankreich la fille ainee de FEglise, der die anderen Völker zu huldigen haben. Für den radikal orientierten Franzosen ist Frankreich la mere de la Revolution und deshalb im Interesse der Verbreitung demokratischer und republikanischer Ideen berufen, die Welt und jedenfalls Europa zu leiten und zu beherrschen. Seine Anschauungen, Gefühle und Traditionen führen den Franzosen immer wieder zu der Überzeugung, daß die Preponderance legitime de la France für die Welt die Voraussetzung wahrer Zivilisation und wirklichen, dauernden Wohlbefindens sei. Der Italiener hat auch in den Zeiten der Zerrissenheit, Schwäche und Ohnmacht der Halbinsel an dem Primato des italienischen Genius festgehalten. Die Fremden galten ihm als „Barbaren“, aus innerster Seele rief er sein „Fuori stranieri!“ und schulle seine Geisteskräfte an seinem feurigsten Patrioten und gleichzeitig schärfsten Denker, an Nicola Macchiavclli. Der Deutsche neigt im Innern nicht zur Sammlung und Konzentration, sondern zu Spaltung, Föderalismus, Partikularismus und selbst Separatismus. Nach außen gefallen wir uns in Träumen von dem endlichen Sieg des Guten über das Böse, von Völkerverbrüderung und ewigem Frieden, die, wie die Geschichte leider lehrt, an der Realität der Dinge und dem unveränderlichen Egoismus der Menschen immer wieder zuschanden werden. Da uns der massive Nationalstolz abgeht, laufen wir immer wieder Gefahr, Deutschland zum Aschenbrödel der Völkerfamilie werden zu lassen, wenn nur jeder Deutsche seine verschwommenen Doktrinen in die Praxis umsetzen, vor allem aber seine speziellen Partei-Interessen fördern kann. Ein böses spanisches Sprichwort lautet: „Ein Spanier gleich einem Caballero, ein Engländer gleich zwei Handelsleuten, ein Portugiese gleich vier Gaunern, ein Deutscher gleich acht Bedienten.“ Vielen Deutschen ist die Bedientenrolle, die unser von Hause aus so tüchtiges, in großen Momenten heroisches Volk in manchen Zeiten seiner überwiegend tragischen Geschichte gespielt hat, nicht einmal klargeworden. Als ich am 11. Dezember 1899 im Reichstag davon sprach*, daß es Zeiten gegeben habe, wo trotz unserer Bildung und trotz unserer Kultur die Fremden auf uns herabsahen wie der hochnäsige Kavalier auf den bescheidenen Hauslehrer, wurde ich von der Mehrheit unserer biederen Volksvertreter gar nicht verstanden. * Fürst Bülow’s Reden, Große Ausgabe I, S. 96; Kleine Ausgabe I, S. 107. DIE KÖNIGLICHE RESIDENZSTADT 301 Als ich 1863 zum erstenmal nach Berlin gekommen war, zählte die Stadt kaum vierhunderttausend Einwohner. Noch stand der alte Dom, Berlin 1863 noch standen die Häuser an der Schloßfreiheit. Auf dem Dönhoffplatz stand noch der Meilenstein, dagegen weder Stein noch Hardenberg. Auf dem Enckeplatz stand die Sternwarte. Der biedere Encke hatte einen Kometen entdeckt, den Enckeschen Kometen. Auf dem Lützow- platz standen noch Buden. Außer den Linden gab es noch manche andere Straße mit grünen Bäumen. Es gab aber auch Straßen mit offenen Rinnsteinen. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren selbst elegante Straßen, wie die Behrenstraße und die Französische Straße, von offenen Rinnsteinen durchzogen. Die Kanalufer waren noch mit Rasen bewachsen. Am Mühlendamm feilschten und schrien noch echte polnische Juden. Am Kreuzberg dehnte sich eine Sandwüste aus. Auf dem Tempelhofer Feld weideten Schafe unter der Obhut eines nachdenklichen Schäfers, der Strümpfe strickte. Viele Drachen stiegen dort in die Lüfte. Der Berliner war noch stolz auf sein Aquarium, auf sein Panoptikum, auf das Cafe Bauer, auf die Konditorei Kranzier, wo elegante Gardeoffiziere ihre langen Beine vor sich ausstreckten und mit dem Monokel die vorübergehenden Damen beifällig musterten. Ich hatte damals das Berliner Pflaster recht schlecht gefunden, die Droschken noch schlechter. Die langen Straßen erschienen mir, verglichen mit dem Hamburger Neuen Wall und der Frankfurter Zeil, menschenleer, fast öde. Am meisten gefielen mir kaum vierzehnjährigem Knaben die kleinen Buden am Prinzessinnenpalais, wo alle möglichen Waren feilgeboten wurden. Als mein Vater dort eine Kleinigkeit erwarb, erzählte uns die Verkäuferin, daß der alte König W ilhelm in der W eihnachtszeit bei ihr bescheidene Geschenke für seine Familie und seine Umgebung zu kaufen pflegte. Als sie ihm einmal einen etwas kostspieligeren Artikel vorgelegt hatte, habe er diesen Vorschlag abgelehnt und ihr scherzend mit dem Finger gedroht: „Sie sind die Schlange der Verführung.“ Die loyal gesinnte Ladenmamsell meinte dazu: „Unser König ist der beste, gütigste Mensch von der Welt, und doch wird so auf ihn geschimpft.“ Als ich im März 1866 nach meiner Konfirmation einige Tage mit meinen Eltern in Berlin weilte, wurde vor uns in der Konditorei Josty am Potsdamer Platz von demokratisch gerichteten Besuchern höhnisch erzählt, man habe am Tage vorher an das Denkmal Friedrichs des Großen einen Zettel geklebt mit den Worten: Ach, alter Fritze, steig hernieder, Und sei du unser König wieder, Und laß in diesen schweren Zeiten Nur lieber unsem Wilhelm reiten. 302 DER ALTE KAISER Im Winter 1873/74, als ich im Auswärtigen Amt arbeitete, trug Berlin Berlin 1873 bereits ein großstädtisches Gepräge, sein Straßenbild war lebendiger, sein Verkehr stärker geworden. Schon drängte sich mittags, wenn die Wacht- parade aufzog, die Menge um das Palais des alten Kaisers, um ihm zuzujubeln, wenn er, immer freundlich grüßend, an dem nunmehr historisch gewordenen Eckfenster zur bestimmten Stunde erschien. Auch in der Oper konnte man ihn erblicken, wenn er in einer kleinen Seitenloge still und andächtig Wachtel und der Lucca lauschte. In meinem Leben haben mir, wie schon gesagt, nicht viele Menschen imponiert, wenige haben mir den Eindruck wahrer Größe gemacht. Ehrfurcht habe ich, der ich, obwohl begeisterungsfähig, doch von Jugend auf zu einer gewissen Skepsis neigte, ganz selten empfunden. Für keinen Sterblichen eine so tiefe und aufrichtige Ehrfurcht wie für unseren alten Kaiser und König Wilhelm I. Und diese Ehrfurcht galt nicht nur dem Monarchen, sie galt nicht allein dem König von Preußen, dem auf dem Schlachtfeld von Königgrätz sein gleich dem Vater siegreicher Sohn die Hand geküßt, sie galt nicht nur dem greisen Kaiser, der Jena und Sedan erlebt hatte. Sie galt dem Mann, der wie kein zweiter die höchsten Regententugenden besaß: Pflichtgefühl und Gewissenhaftigkeit, Charakterfestigkeit und unbeugsamen Mut, ohne Prahlerei noch Renommieren, echte Frömmigkeit ohne Schaustellung noch Mystizismus. Sie galt dem Soldaten, der Soldat war vom Scheitel bis zur Sohle, bis in die Fingerspitzen innerlich straff. Sie galt dem Menschen, der vornehm und schlicht war, fleißig, treu bis in die innerste Faser, nie formlos, aber auch nie geziert. Er war lange nicht so geistreich wie sein älterer Bruder, König Friedrich Wilhelm IV., aber er besaß jenen gesunden, hausbackenen Menschenverstand, von dem ein Franzose gesagt hat: „Le genie et le bon sens sont freres, l’esprit n’est cpi’un collateral.“ Er war kein Genie, aber er hatte alle jene Eigenschaften, die den erfolgreichen Regenten ausmachen. Er war eine harmonische und ausgeglichene Persönlichkeit und deshalb ein gerechter, gütiger und milder Herrscher. Er hatte einen sehr klaren Blick für das Richtige. Er wußte vor allem die rechten Leute zu finden und auf jeden Posten den rechten Mann zu stellen. Für einen Regenten gibt es kaum eine wichtigere Eigenschaft. Der Grundzug seines Wesens, seine Qualitö mai- tresse, um mit Taine zu reden, war Treue, Treue gegen andere, Treue gegen sich selbst, Treue in seinem Amte. Da er seinen Dienern immer die Treue hielt, so standen sie auch in unerschütterlicher Treue zu ihm. Es hat selten einen Mann gegeben, der so viel, so unablässig an sich selbst arbeitete. Er lernte vor allem durch das Leben, aus jeder Erfahrung, mochte sie gut oder bitter sein, und das bis in sein hohes Alter. Mit Solon konnte er von sich sagen: yrjQdöxoJ asl xoXlä öiöaöxoftsrog („Stets und vieles zulernend, altere ich“). Es hat auch selten einen Mann von solcher Selbstbeherrschung und EIN IDEALER MONARCH 303 solcher Selbstzucht gegeben. Aus dieser Selbstzucht erwuchs seine zarte Rücksichtnahme gegen andere, auch gegen die Kleinen, seine Güte, seine Geduld. Er war innerlich rührend bescheiden. Als ihm einmal mein Vater, dem nach seiner ganzen Art Komplimente fernlagen, seine aufrichtige Bewunderung für diese Bescheidenheit aussprach, meinte der damals schon achtzigjährige Kaiser: „Wie sollte ich nicht bescheiden sein, wo doch im Jenseits mein Leibjäger vielleicht einen besseren Platz bekommt als ich, wenn er mehr taugt und seine Pflicht besser erfüllt.“ Wilhelm I. war ein gütiger, gerechter, feinfühliger und treuer Mensch, und darum war er ein idealer Monarch. Das höchste Lob, das ihm gespendet werden konnte, war, daß sein genialer Kanzler auf seine Gruft in Friedrichsruh nur die Worte setzen ließ: „Ein treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms I.“ Wenn ich ihn an seinem Eckfenster stehen sah, dachte ich daran, daß an dasselbe Palais, wo ihm jetzt das Volk zujubelte, im Unglücksjahr 1848 freche Hände das Wort „Nationaleigentum“ angeschmiert hatten und daß weder jene Unverschämtheiten noch diese Huldigungen sein inneres Gleichgewicht zu erschüttern vermochten. Nie wird es gelingen, sein edles Bild aus den Herzen des deutschen Volkes zu reißen, das nur dann die von ihm seit dem Zusammenbruch 1918 und dem daraus hervorgegangenen Umsturz erlittene Not und Schmach verdienen würde, wenn es seines alten Kaisers vergäße. Als ich Wilhelm I. bei der Defiliercour zum erstenmal vorgestellt ■wurde, als Attache des Auswärtigen Amts, sagte er mir mit einem freundlichen Blick auf meine Königshusaren-Uniform: „Ihr früherer Kommandeur, der General von Loe, hat mir Gutes von Ihnen erzählt. Hoffentlich machen Sie Ihre Sache als Diplomat auch gut. Dazu brauchen Sie ja nur dem Vorbild Ihres trefflichen Herrn Vaters zu folgen.“ XXII. KAPITEL Berliner Salons Berliner Geselligkeit im Winter 1873/74 • Die Salons: Gräfin Perponcher, Frau vonPrill- witz, Mimi Schleinitz, Gräfin Luise Benkendorf, Cornelia Richter-Meyerbeer • Oberstkämmerer Graf Wilhelm Redern • Diplomatisches Korps • Die Bonbonniere • Weimar und Potsdam • Sommer am Pfingstberg und in Potsdam W enn ich auch nicht, wie mir Herr von Brincken geraten hatte, den Schwerpunkt meiner Berliner Tätigkeit im Besuch des Kasinos und möglichst vieler Bälle suchte, so ging ich in diesem meinem ersten Berliner Winter doch viel aus und tanzte viel. Von den Scheußlichkeiten des Two- step, des Foxtrott und des Jimmy war noch nicht die Rede. Den Höhepunkt der Berliner Wintersaison 1873/74 bildete ein Ball in der neueröffneten Passage zwischen den Linden und der Friedrichstraße, zu dem der Kaiser sein Erscheinen zugesagt hatte. Ich gehörte mit dem Prinzen Friedrich von Hohenzollern, dem Grafen Konrad Kanitz, dem Adjutanten des Prinzen Georg von Preußen, mit dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß und dem österreichischen Botschaftsrat Baron Münch dem Komitee an, das den Ball organisierte und arrangierte. Lady-Patronesses waren die österreichische Botschafterin, die schöne Gräfin Franziska Kärolyi, eine der drei Schwestern Erdödy, die in Wien die Götterkinder genannt wurden, die Gräfin Wanda Perponcher, die Frau des Hofmarschalls Seiner Majestät, und Marie von Schleinitz, die Gattin des Hausministers. Der Kaiser blieb bis gegen Mitternacht. Wir tanzten bis drei Uhr. Wenige werden heute noch das Licht der Sonne schauen von denen, die bei diesem glänzenden Fest lachten und flirteten, die würdige Quadrille, den noch würdigeren Lancier, den raschen Galopp, die graziöse Polka, den geistigsten und darum ästhetischsten aller Tänze, den Walzer, tanzten. Oü sont les neiges d’antan? Es gab in Berlin damals noch Salons. Über den Salon der Gräfin Wanda Perponcher und ihrer Schwester, der Frau von Prillwitz, ist viel Falsches verbreitet und geglaubt worden, seitdem die „Nouvelle Revue“ der chauvinistischen Juliette Lamber, alias Madame Adam, ihre Aufsätze über die „Societe de Berlin“ veröffentlicht hatte. Wer war der Verfasser dieses Pamphlets? Von Anfang an richtete sich der Verdacht auf den französischen Vorleser der Kaiserin Augusta, Monsieur Gerard. Für deutsche ‘C -a g bf. « 5 O > u r rt~\ CD m cs ggBRiaS' C CD gl a> CD n' u © CD m, £ n £ ^ S O CD * © x £ 53 Sa © U a ^aMSwigjjgjB * *. '♦ r*4t ÄKw, - L\fe «tf fwKV ■ V' c.;* ■ - rv DIE BREI SCHWESTERN 305 Naivität und französische Gewandtheit war es charakteristisch, daß die Kaiserin Augusta sich einen Franzosen als Vorleser aussuchte und damit in ihre Intimität zog und daß von französischer Seite für diesen Posten ein von dem feurigsten französischen Patrioten, dem Führer der „guerre ä outrance“ von 1870/71, von Leon Gambetta, empfohlener junger französischer Literat vorgeschlagen und von deutscher Seite akzeptiert wurde. Die deutsche Republik war übrigens in dieser Richtung noch naiver als das weitläufigere Kaiserreich. Erzberger und nach ihm Wirth suchten sich als Vertrauten und Ratgeber einen Monsieur Hemmer aus, einen ganz französisch gerichteten Metzer Oberlehrer, der bald nach Beginn des Weltkriegs von der deutschen Militärbehörde in Schutzhaft genommen und dessen Vater später in dem inzwischen französisch gewordenen Metz von den Franzosen als Beamter belassen worden war, während der Sohn als Chef der Reichskanzlei die Arcana imperii bearbeitete. Mr. Gerard wurde, nachdem er endlich von der Kaiserin Augusta entlassen worden war, in die französische Diplomatie aufgenommen, wo er es bis zum Gesandten gebracht hat. Als ich ihm später einmal in Paris begegnete, brachte er von sich aus die Rede auf die „Societe de Berlin“ und gab mir proprio motu sein Ehrenwort (foi d’honnete homme), daß er mit diesem Pamphlet nichts zu tun habe. Ich habe diesen Schwur nicht au serieux genommen. Im Gegensatz zu der in dem französischen Pasquill gegebenen Schilderung waren die „trois sceurs“, die Gräfin Perponcher, Frau von Prillwitz und die Gräfin Dankeimann, herzensgute, hebenswürdige Frauen. Sie waren Töchter des Grafen Karl Moltke, der, als ich in Neustrelitz zur Schule ging, dort als Oberstallmeister fungierte. Es ging in ihrem Salon so ehrbar wie möglich zu, womit ich nicht behaupten will, daß dort, um mich berlinerisch auszudrücken, stark „in Geist gemacht“ worden sei. Die Unterhaltung drehte sich während der Wintersaison um die kleinen Vorgänge des Berliner Lebens, wobei gelegentlich auch getratscht und geklatscht worden sein mag. Anders im Salon Schleinitz. Hier wurde wirklich „in Geist gemacht“. Der Hausherr, Alexander von Schleinitz, bückte auf eine glänzende Laufbahn zurück. Er war 1848 ganz kurze Zeit, dann von 1849 bis 1850 und wieder von 1859 bis 1861 preußischer Minister des Auswärtigen gewesen. Seitdem war er Minister des Königüchen Hauses und damit in einer neuen, einflußreichen Stellung. Er war die „bete noire“ des Fürsten Bismarck. Der große Staatsmann hat, wie in manchen anderen Fällen, auch hier mit Kanonenkugeln nach einem Spatzen geschossen. Daß er Schleinitz nicht mochte, war begreifüch. Man konnte sich keine größeren Gegensätze denken. Mit seinen bis in sein Alter — er ist erst 1885, achtundsiebzig Jahre alt, gestorben — schwarzgefärbten Haaren, mit seiner schlanken Taille, die augenscheinlich einem Korsett zu danken war, mit seinem süßlichen Das Ilaus Schleinitz 20 Bülow IV 306 QUERTREIBEREIEN Lächeln und seiner etwas affektierten Sprechweise war Schleinitz in der Tat so verschieden wie möglich von dem Gutsherrn von Schönhausen. Schleinitz war der Vorgänger von Bismarck gewesen. Damals war das Verhältnis zwischen dem Minister des Äußern Alexander von Schleinitz und dem Gesandten in St. Petersburg Otto von Bismarck noch leidlich. Es wurde ganz schlecht, als Schleinitz in der für Bismarck kritischsten Zeit, in jenen Frühlingstagen von 1866, wo es für den größten deutschen Staatsmann um alles ging, diesem am preußischen Hof giftige Opposition machte und sich in jeder Weise bemühte, dessen Politik zu durchkreuzen. Schleinitz war der besondere Liebling der Kaiserin Augusta. Sie bezog von ihm die Argumente, mit denen sie während jener entscheidenden Krise der preußischen Geschichte den König Wilhelm an seinem gewaltigen Minister irrezumachen suchte. Mein Kriegskamerad und Freund Guido Nimptsch, der als naher Verwandter der Baronin Schleinitz viel in ihrem Hause verkehrte, hat mir erzählt, daß sich im Mai 1866 dort täglich Mitglieder der österreichischen Botschaft einfanden, um Herrn von Schleinitz über die politische Lage im österreichischen Sinne zu informieren und ihrerseits zu hören, was er über die Stimmung am preußischen Hofe mitzuteilen hatte. Diese Quertreibereien, die er „Landesverrat“ und „Hochverrat“ nannte, hat Bismarck niemals verziehen. Andererseits wollte der alte König, der keinen Diener preisgab, den er für treu hielt, seinen Hausminister nicht opfern. Er hat ihn sogar später, ein Jahr nach dem Berliner Kongreß, in den Grafenstand erhoben, was Bismarck in gewaltigen und übertriebenen Zorn versetzte. Marie von Schleinitz ging aus dem Trachenberger Hause hervor, wo die verwandtschaftlichen Beziehungen sich so verworren durchkreuzten, daß sie, um verständlich zu sein, einer kurzen Klarstellung bedürfen. Der katholische Fürst Hermann von Hatzfeldt-Trachenberg entführte im Jahre 1830 die Gattin des Grafen Kurt von Götzen, eine geborene Gräfin Mathilde von Reichenbach-Goschütz, die neun Jahre älter war als er. Es gelang ihm, in Rom die Annullierung der Ehe Götzen-Reichenbach zu erreichen, die mit drei Kindern gesegnet war. Der zweiten Ehe des Vaters Götzen entsprossen noch fünf Kinder. Aus der ersten Ehe des Fürsten Hermann Hatzfeldt mit der Gräfin Mathilde Reichenbach stammten der in der Schlacht von Amiens am 27. November 1870 nicht weit von mir gefallene Erbprinz Stanislaus, die Gräfin Franziska Hatzfeldt, die in erster Ehe mit Paul von Nimptsch, später mit dem Generalfeldmarschall von Loe verheiratet war, und die schöne Gräfin Elisabeth Hatzfeldt, die spätere Fürstin Carolath. Einige Jahre nachdem Fürst Hermann Hatzfeldt die Gräfin Mathilde Reichenbach geheiratet hatte, verliebte er sich in die Gattin des preußischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhl, Frau Marie von Buch, geborene von Nimptsch. MIMI SCHLEINITZ 307 Ein Versuch, seine Ehe mit der Gräfin Mathilde Götzen annullieren zu lassen, um eine zweite Ehe zu schließen, wurde von der Kurie abgelehnt. Ne bis in idem. So trat er rasch entschlossen aus der katholischen Kirche aus und zu der damals neugegründeten Sekte der Deutschkatholiken, der Lichtfreunde, über, die keinen Anstand nahm, seinen zweiten Lebensbund einzusegnen. Er wurde exkommuniziert, hat aber nach dem Tode seiner ersten Gattin den Rückweg zur Kirche gefunden. II y a des accomodements avec le ciel. Aus der Ehe Hatzfeldt-Nimptsch stammten der spätere Herzog von Trachenberg und die Gräfin Hermine Hatzfeldt, die nacheinander den ungarischen Grafen Eduard Telecki und, nachdem sie sich von ihm hatte scheiden lassen, den siebenbürgischen Baron Emil Henning-O’Caroll von Elye-O’Caroll und Oriell heiratete und nach der Trennung auch von ihrem zweiten Gatten schließlich in der Nähe von Venedig, in dem kleinen Orte Mestre, in freier Liebe mit einem Gondoliere hauste. Die Fürstin Marie Hatzfeldt, geborene Nimptsch, brachte aus ihrer Ehe mit Herrn von Buch eine Tochter mit, die ihrerseits in erster Ehe den Hausminister von Schleinitz, nach dessen Tode den österreichischen Botschafter in St. Petersburg und Paris, den Grafen Anton Wolkenstein, heiratete. Damit hoffe ich diesen Rattenkönig entwirrt zu haben. Um zu zeigen, wie verwickelt die Verhältnisse im Hause Hatzfeldt lagen, erwähne ich noch, daß Frau Franziska von Loe als Frau von Nimptsch gleichzeitig die Schwägerin und die Stieftochter der Fürstin Marie Hatzfeldt war. Mein Freund Guido Nimptsch konnte sich rühmen, der Enkel und der Neffe des alten Fürsten Hermann Hatzfeldt zu sein. Marie von Buch hatte, ehe sie 1865 Schleinitz heiratete, mit ihrer Großmutter, Frau von Nimptsch, geborener Gilgenheimb, zwei Winter in Paris verlebt. Man nannte die beiden Damen dort „La jeune Buche et la vieille Nymphe“. Bei ihrer Vermählung zählte la jeune Buche fünfundzwanzig, Schleinitz achtundfünfzig Jahre. Es lag auf der Hand, daß die bösen Zungen Berlins sich mit diesem Mißverhältnis beschäftigten. Man erzählte sich, daß Mimi, so wurde die junge Gattin schon damals allgemein genannt, am Morgen nach dem Hochzeitstage etwas enttäuscht zu ihrer Mutter gesagt habe: „Das ist also das berühmte Heiraten!“ Sie war eine nicht unbedeutende Frau. Um mit ihren guten Eigenschaften anzufangen, war sie, wie das ihre Abstammung mit sich brachte, eine echte Preußin und ist, als sie 1885 einen österreichischen Diplomaten, den Grafen Anton Wolkenstein, damals Botschafter in St. Petersburg, später in Paris, heiratete, eine solche geblieben. Preußin und Protestantin, hat sie sich zu ihrem Preußentum und zu ihrem Protestantismus in Paris wie in Wien stets offen bekannt. Sie war ein Charakter. Das bewies sie gegenüber Richard Wagner, dessen Sache sie in unerschütterlicher Treue anhing, für dessen Bayreuther 20 * 308 BAYREUTH UND BEIRUT Pläne sie mit unermüdlichem Eifer Propaganda machte. Und es war ihr zu verdanken, daß Kaiser Wilhelm I. die erste Aufführung des Nibelungen- Ringes in Bayreuth besuchte. Sie hat dem alten Kaiser keine Ruhe gelassen, bis er hinfuhr, obwohl ihm, wie er selbst offen zugab, für die Zukunftsmusik das Verständnis fehlte. Es gelang ihr, in ihrem Berliner Salon Bayreuther Patronatsscheine auch bei ganz unmusikalischen, aber zahlungsfähigen Persönlichkeiten zu placieren. Sie verstand es, den türkischen Gesandten zu überreden, zehn Patronatsscheine für den Sultan zu nehmen. Als mein Vater den Gesandten nachträglich frug, wie es ihm gelungen sei, den Padi- schah zu solcher Munifizenz für das deutsche Unternehmen in Bayreuth zu bewegen, erwiderte dieser unbefangen: „Ich habe dem Sultan geschrieben, daß es sich um ein Opernunternehmen in Beirut handle, und dafür hat er großmütig gegeben.“ Neben großen Eigenschaften besaß Mimi Schleinitz auch große Fehler. Sie war manieriert in Haltung, Mienenspiel, Sprache, in der ganzen Art, sich zu geben, oft auch in ihren Gedankengängen. Die „Precieuses ridi- cules“ von Moliere würden sie als Schwester begrüßt haben. Sie war sehr eitel, in einer Weise, die bisweilen den Spott herausforderte. Wie die meisten eitlen Menschen war sie eifersüchtig, um nicht zu sagen neidisch. Als einmal ihre Freundin Cornelie Richter ihr sagte, sie litte an heftiger Migräne, antwortete Mimi: „Ich habe auch Migräne.“ Der Gedanke war ihr schmerzlich, daß ein anderer etwas hätte, womit sie nicht aufwarten könne. Mimi Schleinitz hat oft versucht, in ein freundliches Verhältnis zu Bismarck zu kommen und dadurch eine Versöhnung zwischen ihm und ihrem Gatten anzubahnen. Bismarck hat auch Ende der siebziger Jahre einmal im Hause Schleinitz gegessen. Nach Tisch brachte ihm Mimi seine lange Pfeife, stopfte sie selbst und zündete sie mit einem Fidibus an. Aber Bismarck war, wo er einmal haßte, nicht leicht wirklich zu versöhnen. Wenige Tage später brachte ein Bismarck nahestehendes Blatt einen Artikel gegen Alexander von Schleinitz, der nicht weniger scharf war als frühere. Der alte, kluge Gerson Bleichröder pflegte zu sagen: „Der Fürst ist wie unser Gott Jehova, der da heimsuchet die Missetat ohne Barmherzigkeit bis ins dritte und vierte Glied.“ Ein anderer Berliner Salon, der aber viel banaler war als der Salon Gräfin Schleinitz, war der Salon der Gräfin Luise Benkendorf, geborenen Croy. Benkendorf gj e war ( jj e Tochter eines preußischen und die Witwe eines russischen Flügeladjutanten. In ihrem Salon verkehrten namentlich Diplomaten. Sie hatte am Tage nach dem Siege von Sadowa ein enthusiastisches Glückwunschtelegramm an den Sieger der Schlacht, den alten König Wilhelm, gerichtet. Der König, dem es in keiner Weise an Witz, noch weniger an Humor fehlte, erwiderte ihr: „Je vois avec plaisir que mes victoires ont DOROTHEENSTRASSE 309 fixö votre nationalite.“ Preußin von Geburt, Russin durch ihre Heirat, hatte sie sich zeitweise mit Berufung darauf, daß ein Teil der Familie Croy dem belgischen Untertanenverband angehörte, als Belgierin ausgegeben, war auch einmal Oberhofmeisterin in Stuttgart gewesen, dann aber, da ihr ältester Bruder im österreichischen Dienst stand, nach Wien gegangen und war auch als eifrige Katholikin oft nach Rom ad limina apostolorum gepilgert. Sie schillerte politisch in allen Farben. Bismarck war überzeugt, daß die Gräfin Luise Benkendorf eine Agentin des St. Petersburger Kabinetts sei und vom russischen Ministerium des Äußern die Mittel erhielte, ein Haus zu machen, um im russischen Sinne auf ihre Gäste zu wirken und vor allem nach St. Petersburg zu berichten, was sie in ihrem Salon von ihren Gästen höre. Wenn Bismarck wollte, daß eine Nachricht unauffällig nach St. Petersburg gelangte, pflegte er einem seiner Sekretäre zu sagen: „Das können Sie morgen abend im Salon Benkendorf erzählen, dann erfährt es spätestens in acht Tagen Gortschakow.“ Lieber als den Salon Benkendorf und selbst als den Salon Mimi Schleinitz, lieber als alle anderen von mir frequentierten Salons besuchte ich das Haus des Professors Rudolf Gneist, nicht nur weil die Verstandesschärfe und der glänzende Geist des Hausherrn mich anzogen, sondern auch weil ich dort interessante Professoren und Abgeordnete traf, die mich durch ihre Konversation fesselten und von denen ich etwas lernen konnte. Auch in den Häusern Borsig und Hansemann habe ich gern verkehrt. Während der Wintersaison pflegte ich am Sonnabend meine Eltern zu meiner Großtante Gabriele Bülow zu begleiten. Sie verbrachte ihre Gabriele Sommer in dem historischen Tegel, im Winter bezog sie in der stillen und »• Bülow würdigen Dorotheenstraße ein behagliches, aber bescheidenes Appartement. Es gab bei ihr kein reichbesetztes Buffet wie es in Berlin allmählich Sitte oder vielmehr Unsitte wurde, sondern nur Tee mit Gebäck zum Einstippen. Aber große und schöne Erinnerungen umschwebten die alte Dame, die hier empfing. Sie war die Witwe von Heinrich Bülow. Sie war die Tochter von Wilhelm, die Nichte von Alexander von Humboldt. Sie war damals schon über siebzig Jahre alt und ist erst mit fünfundachtzig Jahren heimgegangen. Sie war als Kind mit ihren Eltern nach Rom gekommen und hatte dort Pius VII. und seinen Staatssekretär Consalvi erblickt, Canova und Thorwaldsen als Hausfreunde begrüßt. Zwei ihrer Geschwister waren in Rom gestorben, sie ruhen auf dem akatholischen, stimmungsvollen Friedhof an der Pyramide des Cestius. Sie hatte in Rom auf derselben Höhe des Pincio gewohnt, wo ich, ihr Großneffe, hundert Jahre später, nach meinem Rücktritt, ein schönes Winterheim finden sollte. Sie sprach bis in ihr Alter gern und geläufig Italienisch und hat, als ich ihr nach meiner Verheiratung meine Frau vorstellte, diese als Italienerin mit besonderer Herzlichkeit DIESES GRAZIÖSE KIND' 310 begrüßt und sich im besten Italienisch (lingua toscana in bocca romana) angeregt mit ihr unterhalten. Sie weilte 1812, in Deutschlands trübster Zeit, mit ihren Eltern längere Zeit in Wien. Theodor Körner, der damals viel im Hause ihrer Eltern verkehrte, hatte seine Freude an Gabriele, die mit Anmut die kleinen Komödien aufführte, die er zu Familienfesten für sie dichtete. Im Juli 1812 schrieb er an die Seinen: „Dieses graziöse Kind macht auch das Unbedeutendste bedeutend. Sie spielt meine Gelegenheitsstückchen mit unendlichem Talent.“ Körners erster dramatischer Versuch wurde für Gabriele geschrieben. Während sie in Körnerschen Komödien agierte, wurde sie von ihrem Vater im Griechischen unterrichtet. Vier Jahre später verlobte sich Gabriele, noch nicht fünfzehn Jahre alt, mit Heinrich Bülow, der als Legationssekretär ihrem Vater zugeteilt war. Kaum sechs Monate vorher war sie konfirmiert worden. Sie hat allerdings erst vier Jahre später geheiratet. Die Zwischenzeit verlebte sie mit ihrer Mutter in Rom und in Neapel, blieb aber eine gute Deutsche. 1817, nicht lange vor ihrem sechzehnten Geburtstage, schrieb sie an ihren Bräutigam, der wohl gefürchtet haben mag, daß sie ganz Italienerin werden könnte: „Ich fühle mich mit zu starken Banden an das liebe deutsche Vaterland gebunden, und mein ganzes Wesen und Leben ist gottlob so stark daran gekettet, daß es mir ewig teurer sein -wird als jedes andere. In Deutschland bin ich geboren, dort habe ich Dich kennen und lieben gelernt, bin dort die Deine geworden, und Du bist auch ein Deutscher.“ In leidenschaftlichen Wendungen versichert die fünfzehnjährige Braut nach einer Besteigung des Vesuvs aus Neapel ihren Heinrich ihrer zärtlichsten Liebe. „Ich möchte mich auflösen in Sehnsucht nach Dir, aber den Frieden, den Deine Liebe mir gibt, kann nichts aus meiner Seele verdrängen, und so gebe ich mich gern der süßen, wehmütigen Stimmung hin, in der ich mich glücklich fühle, weil dann kein anderes Gefühl in mir lebt als einzig Du, Deine beseeligende Liebe und das Vertrauen auf den gütigen Gott, das hier beim Anschauen seiner Schöpfung doppelt erhöht wird.“ Ihre Ehe mit Heinrich Bülow wurde im Januar 1821 in der Berliner Dreifaltigkeitskirche von Schleiermacher eingesegnet, dem Freunde und Geistesverwandten ihres Vaters. Neun Jahre später konfirmierte derselbe Schleiermacher in derselben Dreifaltigkeitskirche den fünfzehnjährigen Gymnasiasten Otto von Bismarck. Nachdem Heinrich Bülow, dessen ich in meinen Erinnerungen schon früher gedacht habe, mehrere Jahre als Vortragender Rat im Ministerium des Äußern gewirkt hatte, wurde er 1827 zum Gesandten in London ernannt, wo er und seine Frau während seiner vierzehnjährigen Wirksamkeit der königlichen Familie und insbesondere der damals noch ganz jungen Königin Victoria sehr nahe traten. Die Königin hat mir, als ich 1899 als Staatssekretär in Windsor weilte, sehr gütig von „my very dear friend, BÜLOWS GROSSONKEL 311 Gabriele von Bülow“ gesprochen und mir gesagt, -wie sehr sie Gabriele geliebt und wie hoch sie deren Gatten geschätzt hätte. Gabriele verlor ihren großen Vater 1835. In ihrer vielgelesenen Biographie* wird von den letzten Stunden Wilhelms von Humboldt eine mit Recht berühmte Schilderung gegeben. Wenigen Menschen wurde eine solche Euthanasie beschieden. Sein Sterben entsprach in der Ruhe und Klarheit, mit denen er dem Tode entgegensah, völlig seinem ganzen Leben, und man könnte kein besseres Motto dafür finden als die Worte Schillers in den „Künstlern“, für die auch Humboldt immer eine ganz besondere Vorliebe gehabt hatte: Mit dem Geschick in hoher Einigkeit, Gelassen, hingestützt auf Grazien und Musen, Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut, Mit freundlich dargebotenem Busen Vom sanften Bogen der Notwendigkeit. Während seiner letzten Stunden sagte er zu seiner Tochter Gabriele: „Ich glaube nicht, daß alles mit diesem Leben vorbei ist. Mein Bruder Alexander glaubt nun, daß wir selbst nach dem Tode nichts mehr von der ewigen Weltordnung erfahren werden, ich aber glaube, daß der Geist doch das Höchste ist und nicht untergehen kann.“ Während seiner Agonie zitierte er griechische Hexameter. Zu seiner Tochter sagte er: „Ich sterbe jetzt noch nicht, denn ich kann noch bis in die Haare der Venus sehen.“ Man hatte ihn in sein Arbeitszimmer gebracht, wo die Venus von Melos stand. Seine letzten Worte waren: „In mir ist es ganz still, hell und besonnen, so daß ich nicht klagen kann.“ Fünf Jahre nach dem Tode seines großen Schwiegervaters, 1841, wurde Heinrich Bülow zum preußischen Bundestagsgesandten in Frankfurt am Main ernannt, wo er mit Gabriele in derselben freundlichen Mainzer Straße wohnte, in der ich zehn Jahre nachher meine Kindheit verleben sollte. 1842 wurde er zum Minister des Äußern ernannt. Als solcher hat sich Heinrich Bülow in vierjähriger Tätigkeit, wie nach ihm mein lieber Vater in sechsjähriger Amtszeit, zu Tode gearbeitet. Beide starben sie, um eine Bismarcksche Wendung zu gebrauchen, auf ihrem Amtssessel wie ein Soldat im Feuer. Nicht lange vor seinem Heimgang hatte die damalige Prinzessin von Preußen, die nachmalige Königin und Kaiserin Augusta, an Gabriele Bülow geschrieben: „Sie wissen, daß ich in Bülow den einzigen Staatsmann Preußens in dieser ernsten Zeit verehre und gleichzeitig den persönlichen Freund, und das sagt mehr, als ich sonst aussprechen könnte.“ Heinrich Bülow starb am 6. Februar 1846. Als König Friedrich Wilhelm IV. die * Gabriele von Bülow, Tochter Wilhelms von Humboldt. Ein Lebensbild. Berlin, bei Emst Siegfried Mittler und Sohn. Heinrich p. Biiloiv 312 „GANZ ÜBERFLÜSSIG SEIN“ Todesnachricht erhielt, sagte er, tieferschüttert, zu Alexander von Humboldt: „Es ist für meine Regierungszeit ein wahres Unglück. Solche Klarheit der Ideen, solche Festigkeit, solcher Mut, wenn ein Entschluß gefaßt war und, Humboldt, Sie müssen es wissen, der einzige Minister, bei dem ich fühlte, daß er mich verstand, auch wenn er nicht meiner Meinung sein mochte.“ Als am 18. Oktober 1861, am achtundvierzigsten Jahrestage der Völkerschlacht von Leipzig, die Krönung des Königs Wilhelm I. in Königsberg stattfand, stand Gabriele von Bülow als Oberhofmeisterin neben der Königin Augusta. Vier Tage später zog sie mit der Königin in Berlin ein. Sie war sich der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewußt. Am Abend des Einzugstages sagte sie zu ihren Kindern, daß eine neue Zeit beginne, wie sie hoffe und erwarte, wieder einmal eine wirklich große Zeit. Sie irrte sich nicht. Auf den wüsten Spuk von 1848, auf die schwächlich tastenden und mißglückten Versuche der „neuen Ära“, moralische Eroberungen zu machen, sollte die heroische, die größte Zeit der preußischen und deutschen Geschichte folgen. Gabriele von Bülow erlebte noch, daß ihre schöne Enkelin Therese Loe nach ihrer Verheiratung mit dem Grafen Bertram Brockdorff zur Oberhofmeisterin der Prinzessin Wilhelm ernannt wurde. Sie starb am 16. April 1887 und wurde in Tegel beigesetzt, wo sie ihren Platz zwischen ihrem Mann und Alexander von Humboldt bekam. Ich aß häufig bei dem Oberstkämmerer, dem Grafen Wilhelm Redern, Graf der mit einer Tante meiner Mutter, Bertha Jenisch, verheiratet war. Er Wilhdm war damals schon über siebzig Jahre alt. Sohn eines preußischen Hof- Rcdern ma rschalls, wa r er in jungen Jahren in den preußischen Hofdienst eingetreten. Er hatte Friedrich Wilhelm III. bereits 1822 auf einer Reise nach Italien begleitet. Er erzählte gern, daß er neben dem König gestanden habe, als dieser am Posilip vor dem Grabe des Virgil die Nachricht von dem am 26. November 1822 in Genua erfolgten Tode des Staatskanzlers Fürst Hardenberg erhalten hätte. Atemlos überbrachte ein preußischer Feldjäger dem König diese Meldung. Hardenberg war bis zu seinem Tode, also während eines Vierteljahrhunderts, in nahen und vertrauten amtlichen und persönlichen Beziehungen zu seinem Souverän geblieben. Als dieser die Nachricht von dem Tode des bewährten und hochverdienten Staatsmannes erhielt, meinte er gleichmütig: „Ganz überflüssig sein, mir deshalb einen Feldjäger zu schicken.“ Der König sprach gern im Infinitiv. Graf Wilhelm Redern schloß seine Erzählung mit den an mich gerichteten Worten: „Mein junger Freund, vergiß nie, daß es weiße Menschen gibt, schwarze Menschen und Fürsten. Die Fürsten sind anders als die anderen Menschen. Das Gefühl der Dankbarkeit ist bei ihnen meist nur schwach entwickelt.“ Heute, ein halbes Jahrhundert später, muß ich dieser Beobachtung beipflichten, PALAIS REDERN 313 füge aber hinzu, daß die Volksvertreter und die Parteien nicht viel dankbarer sind. Je älter der Oberstkämmerer Redern wurde, um so mehr lebte er in der Vergangenheit. Schließlich wiederholte er auch unter ganz anderen Zeitverhältnissen die Redewendungen, die er sich in seiner besten Zeit, unter Friedrich Wilhelm IV., angewöhnt hatte. Ich erinnere mich, daß, als in den siebziger Jahren vor dem inzwischen fast achtzig Jahre alt gewordenen Grafen Wilhelm Redern von dem schwierigen Charakter der Prinzessin Charlotte von Preußen, der ältesten Tochter des kronprinzlichen Paares, gesprochen wurde, er unwirsch erwiderte: „Man soll den Kaiser Nikolaus fragen, was zu machen ist, der weiß immer am besten, was uns frommt.“ Er hat manchmal zu mir gesagt: „Früher war es leichter als heute. Wir erkundigten uns einfach in der ganz alten Zeit beim Fürsten Metternich, später beim Kaiser Nikolaus, was wir tun sollten, und wir bekamen immer guten Rat. Mit Bismarck ist alles so aufgeregt und stürmisch geworden, die besten Zeiten sind vorbei.“ Das, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, von Schinkel erbaute schöne Redernsche Palais stand unter den Linden, wo sich heute das Hotel Adlon befindet, das größte Berliner Hotel. Wenn ich dort absteige, denke ich an meinen alten Onkel Wilhelm Redern, seine altvaterische, mehrmals um den Hemdkragen geschlungene schwarze Krawatte, seinen langen Gehrock, seine steife Haltung. Er trug beim Gehen die Nase sehr hoch, und die Berliner hatten ihm deshalb den Spitznamen „Der Wolkenschieber“ gegeben. Sein Bruder, der Diplomat Graf Heinrich Redern, wurde wegen seines großen Mundes, den ein gewaltiges Rätelier zierte, der Semmelaffe genannt. Man war nicht gerade wohlwollend im alten Berlin. Es ist verwunderlich, daß in unserer größten Zeit markanten Persönlichkeiten oft Spitznamen angehängt und sie zum Objekt der Satire gemacht wurden. In der Gegenwart, deren Matadore die Satire mindestens ebensosehr herausfordern, ist es anders geworden. Ein Haus, in dem ich mich wohl fühlte, war das des Malers Gustav Richter und seiner Frau Comelie, einer Tochter des Komponisten Meyerbeer. Frau Comelie ist mir bis zu ihrem erst einige Jahre nach dem Weltkrieg erfolgten Tode eine treue, liebe Freundin geblieben. Schon ihr sanftes Organ war mir sympathisch. Ihre Milde und Güte schufen um sie eine Atmosphäre der Harmonie und des Friedens, die mich wie eine Oase anmutete. Das eleganteste der Berliner diplomatischen Häuser war die Französische Botschaft. Thiers, der die Welt kannte und die Bedeutung einer guten gesellschaftlichen Stellung für einen Diplomaten zu schätzen wußte, hatte nach der Niederlage Frankreichs, und gerade um die Folgen dieser Niederlage Das Diplomatisrhe Korps 314 DIE BOTSCHAFTER abzuschwächen und obwohl er die republikanische Staatsform in Frankreich erhalten und befestigen wollte, die wichtigsten Auslandsposten mit Aristokraten und Vertretern des alten Systems besetzt. Nach London entsandte er als Botschafter zuerst den Herzog von Larochefoucauld-Bisaccia, dann den Herzog Decazes, nach Wien den Marquis d’Harcourt, nach Rom zum Quirinal den Marquis de Noailles, zum Vatikan den Baron de Corcelle, nach dem militärischen St. Petersburg den General Leflo, nach Kopenhagen den Vicomte de Feriol, nach Madrid den Vicomte de Bouille, nach Berlin den einer alten und illustren Familie entsprossenen Vicomte de Gontaut- Biron. Ich habe schon gesagt, daß es dem letztgenannten französischen Diplomaten bald gelang, sich die Gunst der Kaiserin Augusta zu erwerben. Das Mißtrauen, das ihm Bismarck vom ersten Tage an entgegenbrachte, hat er nie zu überwinden vermocht. An Intelligenz stand er weit hinter dem englischen Botschafter, Odo Russell, dem späteren Lord Ampthill, zurück, der eine feine Bildung und liebenswürdige Formen mit politischem Takt und Blick verband. Odo Russell hat es verstanden, nicht nur die Sympathie, sondern auch das Vertrauen des Fürsten Bismarck zu gewinnen. Er und seine schöne Frau waren in der Berliner Gesellschaft gern gesehen. Am kronprinzlichen Hof und im Reichskanzlerpalais waren sie gleich beliebt. Graf AloysKärolyi hatte die habsburgische Monarchie schon vor 1866 in Berlin vertreten. Zu ihm hatte 1863 der soeben zum preußischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten ernannte Herr Otto von Bismarck- Schönhausen gesagt, er rate Österreich, seinen Schwerpunkt nach Ofen zu verlegen. Nicht lange nach dem für uns siegreichen Ausgang des Deutsch- Französischen Krieges erschien Kärolyi zum zweiten Male und diesmal als österreich-ungarischer Botschafter in Berlin, wo in der Zwischenzeit sein Nachfolger, Graf Felix Wimpffen, keine Seide gesponnen hatte. Bismarck, der auch in den kritischen Jahren vor dem Preußisch-Österreichischen Kriege persönlich und gesellschaftlich in freundlichen Beziehungen zu Kärolyi geblieben war, hatte sich mit dessen Rückkehr nach Berlin ganz einverstanden erklärt, drückte ihm aber doch sein Erstaunen darüber aus, daß er, ein steinreicher Magnat, von dem man sage, daß er auf seinen Herrschaften so viele Schäfer unterhalte wie andere Leute auf ihren Gütern Schafe, wieder das Joch des Dienstes auf sich nehmen wolle. „Ja, schauen S’,“ entgegnete ihm Graf Aloys Kärolyi, „vormittags reite ich, nachmittags mache ich Besuche und spiele im Klub meine Partie Whist, abends gehe ich in Gesellschaft oder empfange selbst. Nur zwischen zwölf und ein Uhr vormittags wußte ich seit meinem Rücktritt nicht, was ich unternehmen sollte. Diese Stunde werde ich jetzt in der Kanzlei mit Unterschreiben totschlagen.“ RUSSISCHES 315 Der italienische Gesandte, Graf Launay, war ein hervorragender politischer Kopf. Savoyarde von Geburt, war er der italienischen Sprache kaum mächtig und hatte die Erlaubnis, seine Berichte in französischer Sprache zu schreiben. Der Gesinnung nach war Launay nicht nur Italia- nissimo, sondern leidenschaftlich antifranzösisch. Er war der einzige der fremden Vertreter in Berlin, zu dem Holstein in intimen, nie getrübten persönlichen und politischen Beziehungen stand. Von allen fremden Diplomaten war der belgische Gesandte, Baron Nothomb, wohl derjenige, der die beste persönliche und politische Stellung hatte. Zu keinem anderen Lande waren unsere Beziehungen so freundlich und sicher wde zu Belgien. Die einzige Tochter des Baron Nothomb war mit dem Oberst von Zedlitz vermählt, der bei der ruhmreichen Attacke von Mars-la-Tour die 2. Garde-Dragoner geführt hatte. Der russische Botschafter, Herr von Oubril, erzählte selbst, daß er einer distinguierten Emigrantenfamilie entsprossen sei. Der ihm nicht wohlgesinnte Fürst Bismarck behauptete dagegen, Oubril sei in Wirklichkeit der Enkel eines französischen Kochs, dessen „petits pätes“ die große Kaiserin Katharina appreziiert habe. Der russische Botschaftsrat Arapoff und der Militärattache KutusofF waren trinkfeste Männer. Arapoff hatte einmal bei einem Hoffest in heiterer Weinlaune sich selbst ein Glas Champagner über den Kopf gegossen und dazu gelallt: „Will ich mir noch einmal taufen, aber diesmal mit Sekt.“ Auch KutusofF kam selten von einem Diner oder Souper nüchtern nach Hause. Als er in einer größeren Gesellschaft erzählte, seine Familie stamme aus Pommern und habe ursprünglich Kutus geheißen, meinte der schlagfertige, witzige Minister des Innern, Graf Friedrich Eulenburg: „Den Soff haben Sie sich in Rußland zugelegt.“ Sehr übel trieb es der langjährige Zweite Sekretär der Russischen Botschaft, Baron Mita Benkendorf. Er und seine Gattin lebten in Berlin auf großem Fuß, bis sie bei Nacht und Nebel unter Hinterlassung beträchtlicher Schulden verschwanden. Die Frau kam so herunter, daß sie schließlich in einem Pariser Freudenhaus endigte. Sie war nicht besonders hübsch, und als sie während mehrerer Tage keinem Besucher gefallen hatte, erschoß sie sich und hinterließ einen Brief, in dem sie erklärte, daß verschmähte Liebe sie in den Tod trieb. Ein französischer Literat ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, sie zur Heldin eines damals vielgelesenen Romans zu machen, dem er den Titel gab „Le pistolet de la petite Baronne“. Es war bezeichnend für die Frivolität russischer Großfürsten, daß Großfürst Wladimir den Gatten der armen Frau, der durch seinen Leichtsinn und Schlimmeres die Hauptschuld an ihrem Untergang trug, in seine Umgebung zog, mit Vorliebe zum Begleiter bei seiner jährlichen Herbstreise nach Paris wählte und ihn in Chantilly dem Herzog von Aumale mit den Worten vorstellte: „Voici mon ami, le Baron VAE VICTIS!“ 316 Mita Benkendorf, celebre par ses malheurs conjugaux, du reste un hommc charmant!“ Von den bundesstaatlichen Gesandten war der Bayer Perglas einer der Bundes- letzten Vertreter des reichsfeindlichen bayrischen Partikularismus. Bei staatliche Berliner Hoffesten hielt er sich demonstrativ zum Diplomatischen Korps, Vertreter zum Bundesrat. Als Bismarck ihn einmal unter den ausländischen Vertretern stehen sah, redete er ihn auf französisch an. Als Perglas verlegen erwiderte, er sei der bayrische Gesandte und verstehe ganz gut Deutsch, meinte Bismarck: „Da Sie sich immer zu den Ausländern stellen, statt zu Ihren Kollegen vom Bundesrat, hielt ich Sie für einen Fremden.“ Im Gegensatz zu Perglas gehörte der württembergische Gesandte, der Freiherr Hugo von Spitzemberg, zu den Intimen des Bismarckschen Hauses. Er und seine Gattin, eine Tochter des langjährigen württembergischen Ministerpräsidenten Karl von Varnbüler, waren der Familie Bismarck schon in St. Petersburg nähergetreten, als dort gleichzeitig Bismarck Preußen und Spitzemberg Württemberg vertrat. Es gelang Frau von Spitzemberg, den Fürsten Bismarck allmählich mit ihrem Vater zu versöhnen, der im Juni 1866 in der Württembergischen Kammer auf die Frage, was mit einem besiegten Preußen geschehen solle, triumphierend geantwortet hatte: „Vae victis!“ Der Freiherr Karl von Varnbüler wurde ein eifriger Mitarbeiter des großen Kanzlers bei dessen schutzzöllnerischer Politik. Karl von Varnbüler hat, wie sein Schwiegersohn Spitzemberg, den Sturz des Fürsten Bismarck nicht mehr erlebt. Sein Sohn Axel von Varnbüler und seine Tochter, die verwitwete Frau Hildegard von Spitzemberg, gehörten zu den ersten, die von dem gestürzten Bismarck abschwenkten. Axel, der später Württemberg als Gesandter und Bevollmächtigter zum Bundesrat vertrat, folgte dem Beispiel Phili Eulenburgs, mit dem ihn, seitdem sie in Straßburg zusammen studiert hatten, intime Freundschaft verband. Seine Schwester, Hildegard von Spitzemberg, schloß sich mit solchem Enthusiasmus dem Nachfolger von Bismarck an, daß in dem grollenden Friedrichsruh spöttisch behauptet wurde, sie wolle den Hagestolz Caprivi heiraten, um Frau Reichskanzler zu werden. Von den bundesstaatlichen Vertretern in Berlin gefielen mir der Badener Türckheim und der Hanseate Dr. Krüger am besten. Der Freiherr von Türckheim zu Altdorf, der Baden seit dem Mai 1864 in Berlin vertrat, war ein wackerer Alemanne vom Schlage der Karl Mathy und Ernst Bassermann. Sein lebendiger Patriotismus und seine herzliche Freude an unserem herrlichen, aus der Feuerprobe dreier siegreicher Kriege hervorgegangenen Deutschen Reich berührte in dem bisweilen allzu kritischen und deshalb flach und kleinlich urteilenden Berlin doppelt wohltuend. Dr. Krüger war ein tüchtiger Niederdeutscher, stand mit festen Knochen auf der dauernden DIE LISTE IN DER MALACHITVASE 317 Erde und ließ sich durch den Wind der Berliner Medisance erst recht nicht umwerfen. Die Kaiserin Augusta empfing während des Winters einmal in der Woche. Das Appartement des historischen Palais, in dem sie empfing, hieß die Bonbonniere. Ich habe selten in so vornehmer und zugleich so liebenswürdiger Weise empfangen sehen. Man behauptet, daß die Kaiserin in ihrer ersten Jugend von ihrer Obergouvernante häufig in ein Wäldchen bei Weimar geführt worden sei, wo sie zur Übung für künftiges Cerclemachen an jeden Baum eine nicht allzu banale Frage richten mußte. Goethe, der die 1811 geborene Prinzeß Augusta von Sachsen-Weimar in der Wiege schlummern sah, würde seine Freude an dem Auftreten der Kaiserin und Königin gehabt haben. Der alte Kaiser erschien stets zu den Empfängen seiner Gemahlin. Er sprach jeden der Eingeladenen an, immer freundlich, oft mit gutmütigem Scherz. Wenn die Gesellschaft von der Kaiserin entlassen wurde, führte der Kaiser die älteren Damen am Arm bis an die Tür. Als ich einmal während einer Soiree in der Bonbonniere mit meinem heben und langjährigen Freund, dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß, allein in einem kleineren Saale des Appartements stand, zog dieser aus einer Malachitvase eine Liste der Einzuladenden hervor, die ein unachtsamer Lakai dort hatte hegenlassen. Die Kaiserin hatte die Liste mit einem Blaustift revidiert. Wir bedauerten, konstatieren zu müssen, daß Ihre Majestät die Namen einer Anzahl politischer Anhänger des Reichskanzlers und persönhcher Freunde des Bismarckschen Hauses gestrichen hatte. Ebenso eine Reihe ostpreußischer, pommerscher und märkischer Adliger, auch alles, was Stumm hieß. Dafür hatte sie in die ihr vom Oberhofmarschall unterbreitete Liste andere Namen eingetragen, meist Rheinländer, Westfalen und Schlesier, überwiegend katholische Namen. Neben den Namen meines Vaters hatte sie selbst geschrieben: „Mit seinen beiden Söhnen einzuladen.“ Die alte Kaiserin schätzte meinen Vater und sagte zu ihrem ihr sehr nahe stehenden Kabinettsrat Bodo von dem Knesebeck, meinem alten Kriegskameraden: „Der Staatsminister von Bülow ist ein politischer und wohl noch mehr seit einem Vierteljahrhundert ein persönlicher Freund des Fürsten Bismarck. Ich achte diese seine Treue. Aber in seiner feinen Art sich zu geben, mit seiner Kultur, im Grunde auch mit seiner Weltanschauung gehört Herr von Bülow in die Goethesche, in meine Zeit.“ Die Kaiserin Augusta hat sich immer als Prinzessin von Weimar gefühlt, auch nachdem sie im Juni 1829, geleitet von den Segenswünschen des greisen Goethe, dem Prinzen Wilhelm von Preußen nach Berlin gefolgt war. Seitdem im Februar 1919, in der unglücklichsten Zeit, die seit dem grauenvollen Dreißigjährigen Krieg und der napoleonischen Zwingherrschaft das deutsche Volk sah, von gedankenlosen Schwätzern die Schlagworte Kaiserin Augusta Weimar und Potsdam 318 ERGÄNZUNGEN „Weimar“ und „Potsdam“ in Umlauf gebracht wurden, ist es Mode geworden, diese beiden Begriffe zueinander in Gegensatz zu bringen. Durch solche Plattheit werden die Köpfe verwirrt und wird das Vaterland geschädigt. In Wahrheit sind Potsdam und Weimar gar keine Gegensätze, sondern sie ergänzen einander. Mein Freund, der Dichter Adolf Wilbrandt, hat in einer tiefs inn igen und dabei anmutigen Komödie, die, wenn ich mich recht erinnere, „Der Unterstaatssekretär“ heißt, Potsdam und Weimar einander gegenubergestellt. Ein junger, tüchtiger, kluger Beamter und ein reizendes, liebenswürdiges Mädchen, die Tochter eines Gelehrten, fühlen sich zueinander hingezogen, streiten sich über Politik. Er sagt: „Ich stehe zu Bismarck, Moltke, Blücher, zu Fridericus Rex, zu Zieten und Seidlitz, zu dem Schöpfer der vorbildlichen und mustergültigen preußischen Verwaltung und unserer herrlichen Armee, zu König Friedrich Wilhelm I., zu dem Großen Kurfürsten, mit dem das Wiedererwachen des deutschen Volkes aus langem politischem Todesschlaf beginnt.“ Sie lispelt: „Undich folge Goethe, Schiller, Herder, Lessing.“ Schließlich fallen sie sich beide in die Arme, um sich für immer zu finden und zu verbinden. In der Rede, die ich am 16. Juni 1901 vor dem Nationaldenkmal des Fürsten Bismarck in Berlin hielt, sagte ich*: „Fürst Bismarck ist auf politischem Gebiet und im Reiche der Tat für uns geworden, was Goethe im Reiche der Geister, auf dem Gebiete der Kunst und Kultur für uns gewesen ist. Auch er hat, wie Schiller von Goethe sagte, die Schlange erdrückt, die unseren Genius umschnürte. Goethe hat uns auf dem Gebiete der Bildung geeinigt, Bismarck hat uns politisch denken und handeln gelehrt. Und wie Goethe für immer als Stern an unserm geistigen Himmel steht, so ist Bismarck uns die Gewähr dafür, daß die Nation ihre Gleichberechtigung mit andern Völkern, ihr Recht auf Einheit, Selbständigkeit und Macht niemals aufgeben kann. Er hat uns das Beispiel gegeben, nie zu verzagen, auch in schwierigen und verworrenen Zeiten nicht.“ Und am 30. September 1907 sagte ich im Reichstag**, daß nur die Verbindung von altpreußischer, konservativer Tatkraft und Zucht mit deutschem, weitherzigem, liberalem Geist die Zukunft der Nation zu einer glücklichen gestalten könne. Das habe ich mehr als einmal wiederholt, und das gilt auch heute. Macchiavelli hat recht, wenn er sagt, daß die Völker immer wieder zum Ausgangspunkt ihrer Größe zurückkehren müßten. Ritornare al segno. Die Kaiserin Augusta war zu klug, zu weise, um nicht auch Potsdam würdigen zu können. Aber sie hielt es für die Aufgabe der Monarchie, ausgleichend, versöhnend zu wirken. Sie wünschte nicht aufzuregen, sondern zu beruhigen. Sie wollte die Wunden heilen, welche die harte Hand des • Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 222; Kleine Ausgabe I, S. 246. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, S. 93/94, Kleine Ausgabe Y, S. 43. SOMMER AN DER HAVEL 319 eisernen Kanzlers geschlagen hatte. Ihr Leitstern war das Goethewort: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Im Sommer 1874 wohnte ich bei meinen Eltern in Potsdam, die dort am Pfingstberg eine Villa gemietet hatten, um der Hitze der Großstadt zu entgehen. Das Haus bot wundervolle Ausblicke. Weit lag vor unseren Augen die Havellandschaft ausgebreitet. Wie große silberne Flächen erschienen uns die Seen. Wenn sich der Tag neigte, wurden die Segel der die Seen durchkreuzenden Kähne vom Abendrot purpurrot gefärbt, Hunderte von Fenstern schimmerten im scheidenden Licht. Wie herrlich war in Potsdam das „Neue Palais“, die Schöpfung des großen Königs, das Haus, wo unser Heber Kaiser Friedrich geboren war und wo er sein Haupt im Tode neigen sollte. Die Garnisonkirche, in der des großen Königs Sarg steht! Wie viele überwältigende historische Erinnerungen! Und gleichzeitig welche land- schaftfichen Schönheiten! XXIII. KAPITEL Attache in Rom • Reise durch Südfrankreich und Italien • Eintreffen in Rom (15. X. 1875) • Gesandter von Keudell • Reise nach Sizilien • Gregorovius • Mommsen • Römische Gesellschaft • Pius IX. und das Königreich Italien • Kirche und Staat in Italien I m Herbst 1874 sagte mir mein Vater, er halte es, nachdem ich nunmehr __ meine erste Ausbildung im Auswärtigen Amt erhalten hätte, für angezeigt, Ausland mich ins Ausland zu schicken. „Wo möchtest du denn hin ?“ Ich antwortete ohne Besinnen: „Nach Italien!“ Mein Vater schlug mir gütig vor, mir bei diesem Anlaß auch Südfrankreich anzusehen. So machte ich mich auf den Weg. Nachdem ich einige Tage an dem mir immer lieb gebliebenen Genfer See verweilt hatte, besuchte ich Lyon, Avignon, Nimes, Tarascon, Arles, Marseille, Toulon, Nizza. Bevor ich meine Italienfahrt antrat, hatte ich einige gute Bücher gelesen: Taine, „Voyage en Italie“, Stendhal, „Rome, Naples et Florence“, und von demselben Stendhal die „Promenades dans Rome“. Ich las die drei Bände, die Adolf Stahr, der Gatte von Fanny Lewald, 1847 unter dem Titel „Ein Jahr in Italien“ veröffentlicht hat, ein Buch, das mir auch heute nicht antiquiert erscheint und das ich jedem Deutschen empfehlen möchte, der über die Alpen geht. Ich las die „Philosophie de l’art en Italie“ von Hippolyte Taine, ich las andächtig die „Chartreuse de Parme“ von Stendhal, das psychologisch feinste Werk, das über Land und Leute in Italien geschrieben worden ist. Als ich vor meiner Abreise von meinem Vater Abschied nahm, legte er mir als letzten Rat das Wort Goethes ans Herz: „Lust, Freude an den Dingen ist das einzig Reale und was wieder Realität hervorbringt, alles andere ist eitel und vereitelt nur.“ In Südfrankreich frappierte mich zweierlei: Die außerordentliche Gleicli- Süd- förmigkeit Frankreichs. Die Menschen in der Provence waren in ihren frankreich Gewohnheiten und Sitten, in ihrem Auftreten dieselben wie in der mir schon bekannten Normandie und Picardie. Überall tranken die pensionierten Offiziere nachmittags ihren Absinth, spielten die Bürger an den Tischen vor den Cafes Domino, besuchten die Frauen morgens die Messe, wartete alles auf die Zeitungen aus Paris. Ich begriff 1 , daß ein französischer Minister FRANZÖSISCHE ZENTRALISATION 321 des Innern anstandslos einen Präfekten von Lille nach Montpellier, von Bordeaux nach Nancy versetzen kann und daß das französische Volk in entscheidender Stunde, wenn von energischer Hand geführt, nur einen Willen hat. Daß sich Frankreich nach Niederlagen, nach jedem Mißgeschick immer wieder rasch erholt hat, ist nicht zum kleinsten Teil auf die von Richelieu, dem Konvent und Napoleon I. durchgeführte und von allen französischen Regierungen aufrechterhaltene straffe Zentralisation und die aus ihr hervorgehende innere Einheit der französischen Nation zurückzuführen. In der meisterhaften Rede, in der Thiers am 19. Februar 1871 in der französischen Nationalversammlung in Bordeaux die Notwendigkeit des Friedens mit Deutschland auseinandersetzte, hob er als einen der Gründe, aus denen er auch in dieser für Frankreich grausamen und furchtbaren Stunde nicht an der Zukunft seines Landes verzweifele, dessen „alte und mächtige Einheit“ hervor. Die französische Einheit ist auch der Hauptgrund, weshalb das französische Volk Gebietsabtretungen schmerzlicher empfindet als andere Völker und speziell als das deutsche Volk. Die meisten Franzosen hatten nach dem Frankfurter Frieden wirklich die Empfindung, als ob sie mit Straßburg und Metz ein Glied ihres Körpers verloren hätten. So charakterisierte mir gegenüber einmal ein französischer Minister des Auswärtigen, Challemel-Lacour, persönlich weder ein Chauvinist noch besonders deutschfeindlich — er hatte sogar Schopenhauer gekannt und übersetzt —, die französische Mentalität seit dem Frankfurter Frieden. Denkt die Mehrheit der Deutschen ebenso über den Verlust von Westpreußen und Posen, die wir seit über hundert Jahren besaßen, von Thorn und Graudenz und Bromberg, von Danzig und Memel, von Oberschlesien, das nie polnisch war, über den Verlust der wunderschönen Stadt Straßburg und der Feste Metz, über die ungeheuren Verluste des Deutschtums in fast allen Teilen der früheren österreichischen Monarchie? Das Zweite, was mich diese Reise durch Südfrankreich lehrte, war, daß dieses Land zwar heftigere innere Kämpfe gekannt hat als irgendein anderes Land, daß aber die Franzosen leichter, viel leichter als wir Deutschen, ich sage das zum Ruhm der Franzosen, sich wieder in gleicher Liebe zu ihrem Vaterland zusammenfinden. Die Geschichte hat, wenn wir von dem in voller Entwicklung befindlichen bolschewistischen Rußland absehen, kaum größere Greuel, blutigere innere Kämpfe gesehen als in Frankreich. Wieviel Blut floß unter der Herrschaft des Konvents! „Quatre-vingt-treize, epou- vantable annee, de lauriers et de sang grande ombre couronnee!“ sang der französische Dichter, und er denkt zuerst an den Siegeslorbeer, mit dem sich damals Frankreich bekränzte, dann erst an das stromweise vergossene Blut. Wieviel Blut floß in Paris 1849, während des Juni-Aufstandes und 1871 während der Kommune! 21 Bülow IV 322 ITALIENISCHE STÄDTE In Lyon stand ich auf der Place des Brotteaux. Hier hatte von einem Balkon aus, zwischen zwei wenig bekleideten Kurtisanen sitzend und eine wohlgedeckte Tafel vor sich, Joseph Fouche sich an dem Anblick der Tausende geweidet, deren Kopf unter dem Fallbeil der Guillotine fiel, die auf dem Platz aufgestellt war. Zu gleicher Zeit wurden Esel durch die Straßen getrieben, an deren Schwänzen heilige Kirchengefäße angebunden waren, auf deren Profanierung es Fouche, ein ehemaliger Mönch, besonders abgesehen hatte. Diese Vergangenheit verhinderte ihn nicht, unter Napoleon erst Polizeipräfekt von Paris und dann Minister des Innern zu werden. Allerdings erfreute Fouche sich eines unerschütterlichen Aplomb. Bei dem großen Galadiner, das Napoleon zu Ehren seiner Vermählung mit der Erzherzogin Marie Luise in den Tuilerien gab, frug er den ihm gegenüber sitzenden Fouche, den er zum Herzog von Otranto erhoben hatte, mit der ihm gelegentlich eigenen Brutalität: ,,Est-ce vrai, Duc d’Otrante, que vous avez vote la mort du roi Louis XVI, oncle de l’Imperatrice qui est assise ä ma droite?“ Mit lauter, dröhnender Stimme erwiderte Fouche: „Par- faitement, Sire, et c’est meme le premier Service qu’il m’a ete donne de rendre ä Votre Majeste Imperiale et Royale.“ Avignon, Nimes, Toulon und Marseille haben um die gleiche Zeit, 1793, ähnliche Schandtaten gesehen. Nach dem Sturz von Napoleon wütete in Südfrankreich die Terreur blanche, die es nicht viel besser trieb als seinerzeit die Terreur rouge und der u. a. der Marschall Brune in Avignon zum Opfer fiel, den der Pöbel in Stücke riß. Alles das vergißt ganz Frankreich, wenn die Marseillaise ertönt: „Aux armes, citoyens, formez vos bataillons.“ Bei uns ist es niemals zu annähernd so blutigen Parteikämpfen gekommen wie in Frankreich, aber die Parteien werfen sich Reden vor, die dieser oder jener Angehörige der Gegenpartei vor einem Jahrzehnt gehalten hat. In Genova la superba gedachte ich des „republikanischen Trauerspiels“ Florenz und unseres Schiller, des „Fiesco“, während ich die herrlichen Adelspaläste Pisa Durazzo, Pallavicini, Balbi, Doria besuchte. Auf Florenz verwandte ich acht Tage. Der schöne Roman „Le Lys rouge“ von Anatole France war noch nicht geschrieben, sonst hätte ich ihn vor meiner Ankunft in Firenze, la bella, gelesen, um mich in die richtige Stimmung zu versetzen. Eine besondere Anziehungskraft hat immer Pisa auf mich ausgeübt. Wenn ich mich gelegentlich abgehetzt fühlte oder mich geärgert hatte, dachte ich, wie schön es sein müßte, im stillen Pisa zu leben, vormittags den herrlichen Campo Santo zu besuchen, dessen Wandgemälde uns so ergreifend die Macht und den Ernst des Todes vor Augen führen, nachmittags am Lungarno zu schlendern und auf den Fluß zu blicken, der ruhig und still vorbeifließt. DER ATTACHE MACHT BESUCH 323 Am 15. Oktober 1874 in Rom eingetroffen, stieg ich an der Piazza di Spagna im Hotel de Londres ab, dem heutigen Hotel des Princes. Dann Rom suchte ich den auf der Höhe des Kapitols gelegenen Palazzo CaffareUi auf, in dem ich gerade zwanzig Jahre später als Botschafter mit meiner geliebten Frau glückliche Jahre verleben sollte. 1874 empfing mich der Gesandte von Keudell (Rom wurde erst später zur Botschaft erhoben) mit biederem Händedruck, aber ohne ein Wort zu sagen. Dann wurde das Luncheon gemeldet, zu dem außer mir der schon vor längerer Zeit in Rom eingetroffene Rittmeister Otto von Senden von den 2. Garde-Dragonern eingeladen war, den ich als Regimentskameraden meines Bruders Adolf gut kannte. Während des Frühstücks sprach Keudell kaum ein Wort. Nachdem wir stumm eine Zigarre geraucht hatten, schlug er mir vor, am nächsten Tage nach Neapel abzureisen, das ich so bald wie möglich kennenlernen müßte. Von dort möge ich nach Sizilien fahren, auf das ich mindestens drei Wochen verwenden solle. Ich war durch diesen Empfang von seiten meines neuen Chefs etwas enttäuscht. Ich hatte nicht erwartet, daß er gleich Probleme der italienischen Politik zur Sprache bringen würde, aber ich hatte immerhin auf einen Hinweis auf meine künftige Tätigkeit unter seiner Leitung, auf eine Art dienstlicher Ermunterung gerechnet. Als ich mit Otto Senden an den rossebändigenden Dioskuren vorbei die Flachtreppe des Kapitols hinunterstieg, sagte ich zu ihm: „Keudell scheint es gräßlich zu sein, daß man mich ihm als Attache geschickt hat. Er hat kein Wort mit mir geredet. Ich werde meinem Vater schreiben und ihn bitten, mich an eine andere Mission zu versetzen. Der Wechsel tut mir leid, denn ich hatte mich so auf Rom gefreut und hoffte hier einen schönen Winter zu verleben.“ Senden erwiderte mir lachend: „Ich fand im Gegenteil Keudell heute eher gesprächig. Gewöhnlich gibt er noch weniger von sich.“ Robert von Keudell war in der Tat einer der einsilbigsten Menschen, die mir vorgekommen sind. Solange er bei Bismarck gut angeschrieben war, Keudell und galt seine Schweigsamkeit für einen Beweis von Gedankentiefe und geistiger Bismarck Überlegenheit. Als er später bei dem großen Kanzler in Ungnade fiel, hieß es, seine völlige Unbedeutendheit zeige sich auch darin, daß er nie den Mund auftue. Keudell dankte seine Karriere nicht zuletzt dem Umstand, daß er als junger Mann mit Fräulein Johanna von Puttkamer vierhändig Klavier gespielt hatte. Die gute, treue Johanna hat ihrem Jugendfreunde Robert Keudell stets ihre Freundschaft bewahrt, auch nachdem sie den großen Otto Bismarck geheiratet hatte. Während dieser Gesandter in Frankfurt war, hatte Keudell mehrfach als Logierbesuch im Bismarckschen Hause geweilt. Auch in St. Petersburg hat er die Bismarcks besucht. Als Bismarck zum Ministerpräsidenten und Minister des Äußern ernannt wurde, empfand er das Bedürfnis, sich mit einigen ganz sicheren Mitarbeitern zu umgeben. 324 EIN GIFTPFEIL HOLSTEINS Deshalb zog er neben seinem Vetter, dem Grafen Karl von Bismarck- Bohlen, auch Robert von Keudell als Mitarbeiter in das Ministerium des Äußern, wo dieser die neun bedeutungsvollen Jahre von 1863 bis 1872 als Personaldezernent verlebte. Weshalb verlor Keudell später das Vertrauen seines großen Chefs? Vielleicht hat es diesen verstimmt, daß Keudell, nachdem er sich mit der reichen Tochter des früheren liberalen Handels- und Finanzministers von Patow vermählt hatte, ins Ausland drängte. Es scheint, daß Keudell, der gute Beziehungen zu Publizisten und Literaten hatte, nach der Ansicht seines hohen Chefs zu viel Reklame für sich machte. Zweifellos haben aber auch Intrigen von Holstein, der, seitdem er 1860 als Attache in St. Petersburg unter Bismarck gedient hatte, dessen intimster Vertrauensmann geworden war, dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Bismarck und Keudell zu trüben. Keudell hat mir selbst, als ich Attache bei ihm war, erzählt, Holstein habe Bismarck eingeredet, Keudell habe in Berlin die Nachricht verbreitet, daß von ärztlicher Seite behauptet würde, der große Minister gehe einer Gehirnerweichung entgegen, die mit der Zeit zu völliger Geistesstörung führen würde. Jedenfalls ein echt Holsteinscher Giftpfeil. Als ich in Rom 1874/75 unter Keudell arbeitete, war das Verhältnis zwischen ihm und seinem Chef äußerlich noch leidlich. Die Fürstin Johanna schrieb regelmäßig an ihren Jugendfreund. Sie hatte auch dessen Gattin, die sehr liebe und gütige Frau Hedwig, in ihr Herz geschlossen. Aber Keudell fühlte sich nicht mehr sicher und sprach nicht selten davon, daß er sich nach Ruhe sehne. Er reichte an diplomatischer Brauchbarkeit an andere deutsche Vertreter der Bismarckschen Zeit, wie Paul Hatzfel dt, Schweinitz, Savigny, Goltz, Prinz Heinrich VII. Reuß, nicht heran. Er besaß nicht die Gedankentiefe Lothar Buchers oder meines Vaters. Aber er war fleißig und gewissenhaft, er hatte den ostpreußischen klaren und nüchternen Verstand. In Rom war er allgemein beliebt. Er galt mit Recht für einen Bewunderer und Freund des modernen Italien. Die damals sehr zahlreiche deutsche Kolonie schwärmte für Keudell. Mein Chef hatte mir einen guten Rat gegeben, als er mir empfahl, Neapel Neapel und Sizilien zu besuchen. Ich denke nicht daran, die dort im und Sizilien Herbst 1874 verlebten Wochen zu beschreiben, da ich nicht den Ehrgeiz habe, mit Goethe zu wetteifern. Den Vesuv bestieg ich zu Fuß, was bei der herrschenden Hitze einigermaßen anstrengend war. Ein dicker württem- bergischer Herr, der mit mir hinaufkletterte, wurde vom Schlag gerührt. Wegen seiner Beisetzung gab es allerhand Schwierigkeiten, weil die katholische Geistlichkeit der umliegenden Orte dem armen schwäbischen Ketzer keinen Platz in geweihter Erde gönnte. In Sorrent wurde ich gewarnt, die Berghöhe des Deserto aufzusuchen, da sich dort Briganten KIRCHE UND STAAT 325 herumtrieben. In Sizilien wurde die Postkutsche, mit der ich von Palermo nach Girgenti fuhr, von berittenen Karabinieri begleitet. Der Brigantaggio war auf der schönen Insel noch nicht ausgerottet. In Girgenti wurde ich in den „Circolo Empedocle“ eingeführt, der nach dem berühmtesten Sohn der Stadt, dem Philosophen Empedokles benannt war. Die dort anwesenden Herren führten ein politisches Gespräch. Ich frug, was man in Girgenti von dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten, Marco Minghetti, denke. Man antwortete mir: „Una iena alterata di sangue. (Eine blutberauschte, blutdürstige Hyäne.)“ Diese Äußerung ist mir im Gedächtnis gebbeben, denn sie ist charakteristisch für den Wert oder vielmehr Unwert parteipobtisch gefärbter Urteile. Marco Minghetti war, wie heute ziembch allgemein anerkannt wird, einer der gemäßigtesten und weisesten Staatsmänner und gleichzeitig einer der gebildetsten und humansten Männer seiner Zeit. Als ich von meiner mich sehr befriedigenden Reise durch Süditaben nach Rom zurückkehrte, bot mir Keudell an, im Palazzo Caffarelb abzusteigen, wo ich ein im dritten Stock gelegenes Zimmerchen bezog, das eine herrbche Aussicht gewährte. Als ich nach und nach die Mitgbeder anderer Missionen kennenlernte, hörte ich namentbch von Österreichern und Franzosen sagen, daß ein Zusammenleben des Papstes und des Königs von Itaben in Rom auf die Dauer nicht möglich sei. ,,Ceci tuera cela“, meinte ein geschwätziger französischer Kollege, der Vicomte de Mareuil. „Entweder der Papst exkommuniziert den König, oder der König läßt den Vatikan besetzen, in beiden FäUen großer Krach.“ Je mehr ich Gelegenheit batte, mich über den Stand dieses Problems zu unterrichten, desto mehr wurde mir klar, daß die Ausländer die römischen Verhältnisse oft falsch beurteilen und namentbch jene itabenische Gabe unterschätzen, die Anatole France das „genie itaben de la juxtaposition“ genannt hat. Eine kathobsche deutsche Dame erzählte mir, daß Pius IX., der bekanntlich geistvoll und sogar witzig war, sie gefragt habe, was sie in Rom am merkwürdigsten gefunden hätte. Sie antwortete natürbch: „Die Peterskirche.“ Der Heibge Vater schüttelte den Kopf. Da meinte sie: „Das Forum und den Palatin.“ Wiederum schüttelte der Heibge Vater den Kopf und sagte sodann lächelnd: „Das Merkwürdigste bleibt doch, daß in Rom ich, der Papst, der König Viktor Emanuel und Garibaldi zusammen leben und daß wir uns untereinander nicht auffressen.“ Garibaldi war damals zum Abgeordneten gewählt worden. Ich bin ihm öfters begegnet. Er hatte schöne, gütige Augen, ein sehr einfaches Auftreten, etwas Naives, Schwärmerisches und dabei doch Heroisches. Von meinem Freunde, dem Prinzen Franz Arenberg, hatte ich schon, als wir zusammen am Landgericht in Metz arbeiteten, gehört, daß sein 326 PIO NONO Onkel, der päpstliche Kriegsminister Graf Friedrich Merode, von 1860 bis 1864 Waffenminister des Papstes, ihm gelegentlich und vertraulich den nachstehenden, für die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Italien bezeichnenden kleinen Vorfall erzählt hatte. Pius IX., hinter dessen Stuhl der Graf Merode stand, empfing einen deutschen, katholischen Grafen. Dieser klagte über alles Leid, das die italienische Einheitsbewegung über die Kirche gebracht habe. Der Papst hörte andächtig zu und gab hier und da Zeichen bewegter Zustimmung. Als der deutsche Herr entlassen worden war, sagte Pius IX., der vergessen hatte, daß Merode noch hinter seinem Stuhle stand, zu dem diensttuenden italienischen Kämmerer neben sich: „Questo bestione tedesco non capisce la grandezza e la bellezza dell’idea nazionale italiana. (Dieses deutsche Tier versteht nicht die Größe und Schönheit der italienischen Nationalidee.)“ Aus dieser und ähnlichen Erzählungen Arenbergs hatte ich schon lange, ehe ich nach Rom kam, erkannt, daß die Beziehungen zwischen der Kurie und dem modernen Italien wesentlich komplizierter sind, als der Nichtitaliener annimmt. Die Geselligkeit dieses Winters war sehr angeregt. Ich tanzte viel. Römische Während eines Balles im Quirinal hatte ich bei dem sehr rasch getanzten Geselligkeit Kehraus-Galopp das Pech, Seiner Majestät dem König Viktor Emanuel II. auf den Fuß zu treten. Ich sah in ein sehr erzürntes, hochrotes, überaus martialisches Gesicht mit einem riesigen Knebelbart. Ich hütete mich wohl, mich zu entschuldigen, sondern tanzte so rasch wie möglich weiter. Der große König hat Gott sei Dank nie erfahren, wer ihm auf den Fuß trat. Das schönste Fest der Saison war ein Kostümball bei dem Herzog Onorato Sermonetain dem herrlichen Palazzo Caetani, ein echt römischer Palazzo in der Mitte der Stadt, in der engen und dunkeln Via delle Botteghe oscure gelegen, aber im Innern von einer Pracht, wie sie in Privathäusern anderswo als in Italien nicht häufig zu finden ist. Der Herzog war der Chef einer der wenigen uradligen römischen Familien und leitete seine Abstammung von Docibilis I. Magnificus, Herrn von Gaeta ab, der in der Zeit der Karolinger lebte. Herzoge von Gaeta seit dem zehnten Jahrhundert, gaben die Caetani der Kirche zwei Päpste, Gelasius II. im zwölften und Bonifazius VIII. im dreizehnten Jahrhundert. Das Grabmal der Caecilia Metella auf der Via Appia, das jeder Romfahrer kennt, gehörte im Mittelalter den Caetani, die das Gebäude mit einem Zinnenaufsatz versahen und zum Turm einer Raubburg machten, von der aus sie, wenn es ihnen paßte, Streifzüge in die Campagna unternahmen und gelegentlich auch einem ihnen imbequemen Papst Trotz boten. In mittelalterlicher Tracht sah der Herzog Onorato auf seinem Ball aus, als ob er am nächsten Tage allen seinen Feinden den Fehdehandschuh hinwerfen würde. Auch andere Kostüme, sowohl italienische wie französische, englische und deutsche, waren prächtig. DER GELEHRTE AUF DEM BALL 327 Ich war als Wallensteinscher Reitersmann gekleidet, da ich als guter Patriot keine ausländische Verkleidung anlegen wollte. Wenn ich mich heute in Rom umsehe, erblicke ich nur noch wenige von denen, die dieses schöne Fest mitgemacht haben. Donna Teresa Caracciolo, die damals, ein reizendes, schlankes Mädchen, am Arme ihres Bräutigams, des Fürsten Marco Antonio Colonna, durch die Säle des Palazzo Caetani schritt, ist inzwischen eine siebzigjährige Matrone geworden, und wenn wir uns jetzt begegnen, freue ich mich an ihrer unverwelklichen geistigen Frische. Alberto Pansa, der, während ich der deutschen Gesandtschaft attachiert war, im italienischen Ministerium des Äußern als Attache arbeitete und auf dem Ball Caetani ein herrliches Kostüm trug, wurde im weiteren Verlauf seiner Karriere mit drei Botschaften: Konstantinopel, London und Berlin, betraut. Er geht im Winter jeden Sonntag mit mir auf dem Pincio spazieren, und wir tauschen alte Erinnerungen aus. Aber so viele andere Tänzer und Tänzerinnen vom Kostümball Caetani im Februar 1875? Wo sind sie hin? Es pfeift der Wind, Es schäumen und wandern die Wellen. Auf einem anderen Balle, den Keudell im Cafarelli gab, leitete ich die Tänze. Plötzlich winkte mich der Gesandte heran und sagte mir, daß Ihre Königliche Hoheit die Kronprinzessin Margherita unsern Landsmann Gregorovius auffordere, mit ihr die nächste Quadrille zu tanzen. Ich ging Ferdinand auf Gregorovius zu und übermittelte ihm diese Aufforderung der hohen Gregorovius Frau. Er sah mich lange an, dann kreuzte er die Arme und sagte mir mit feierlicher Stimme: „Sagen Sie der Frau Prinzessin, daß Ferdinand Gregorovius nicht tanzt.“ Er betonte das Wort „nicht“ mit starkem Nachdruck. Die kleine Episode war mir charakteristisch für den schweren Ernst deutscher Gelehrter, tat aber meiner Bewunderung für Gregorovius keinen Eintrag. Es gibt wenige deutsche Schriftsteller, die ich mit solchem Genuß gelesen habe wie Gregorovius. Mein Freund, der englische Botschafter in Rom, Sir Rennel Rodd, sagte mir einmal, daß ihn der amerikanische Präsident Roosevelt gefragt habe, welche Lektüre er ihm für eine lange Reise empfehle, die er unternehmen wolle und auf der er viel Zeit zum Lesen haben würde. Rodd hatte ohne Zögern erwidert: „Die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter von Ferdinand Gregorovius.“ Ich teile die Bewunderung von Sir Rennel Rodd für dieses herrliche Buch. Es ruft mir eine Äußerung Theodor Mommsens ins Gedächtnis, die auf dessen Sarkasmus ein bezeichnendes Licht wirft. Mommsen machte in Rom im Salon der Gräfin Ersilia Lovatelli, der Schwester des Herzogs von Sermoneta, die eine geistvolle und sogar gelehrte Dame war, die sich viel mit Archäologie beschäftigte, die Bekanntschaft von Gregorovius. Das 328 GRIMM, EUROPA Gespräch wandte sich den Schicksalen der Ewigen Stadt zu, in der sich die beiden großen Männer begegneten. Gregorovius erzählte mit Geist und Feuer manches Neue über das römische Mittelalter. Darauf Mommsen, als Gregorovius eine kleine Pause machte: „Ich will Ihnen etwas sagen, schreiben Sie eine Geschichte Roms im Mittelalter.“ Vielleicht noch bezeichnender für die Malice, über die Mommsen gebot, ist die Art und Weise, wie er einmal Herman Grimm abfertigte. Dieser, der Neffe von Jakob, Sohn von Wilhelm Grimm, hatte Biographien von Raffael und Michelangelo verfaßt, auch einiges über Goethe geschrieben. Seine Werke standen nicht ganz auf der Höhe der sehr guten Meinung, die er von sich hatte. Er erzählte vor Mommsen, daß unter der Leitung von Stephan die deutsche Post staunenswerte Fortschritte tnache. Vor einigen Tagen sei ein Brief aus Amerika richtig und pünktlich in seine Hände gelangt, der als Adresse nur die beiden Worte getragen habe: „Grimm, Europa.“ Darauf Mommsen mit einem unbeschreiblich boshaften Blick: „In Amerika scheint man nicht zu wissen, daß Jakob Grimm lange tot ist.“ Herman Grimm war mit Gisela von Arnim, der Tochter Bettinas von Arnim, des Goetheschen „Kindes“, verheiratet. Sie versuchte die Originalität ihrer Mutter zu kopieren, aber ohne deren Geist und Temperament zu besitzen. Die Stimmung in Italien war während meines ersten Aufenthalts in dem Bel paese für Deutschland sehr freundlich. Es hing das auch damit zusammen, daß der Ton der französischen Presse gegenüber Italien sehr gehässig war. Der dem italienischen Nationalstaat feindliche Klerikalismus übte in Frankreich noch große Macht aus. Ausgesprochene Klerikale, wie der Herzog von Broglie, der Herzog Decazes, General Cissey und Fourton, saßen in der Regierung. Der Präsident der Republik, der Marschall Mac Mahon, war ein gläubiger Katholik und innerlich Legitimist. In ganz Frankreich fanden unausgesetzt Wallfahrten statt, bei denen für die Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes gebetet und demonstriert wurde. In Civitavecchia lag die französische Fregatte „Orenoque“, um den Papst, wenn er des französischen Schutzes bedürfen sollte, in Sicherheit zu bringen. Da sich gleichzeitig infolge des deutschen Kulturkampfes das Verhältnis zwischen dem jungen Deutschen Reich und dem Päpstlichen Stuhl verschlechtert hatte und Papst Pius IX. seiner Unzufriedenheit über das Vorgehen der deutschen Regierung lauten und sehr ungenierten Ausdruck gab, fühlten sich die italienischen Patrioten doppelt zu Deutschland hingezogen. Die italienische Regierung aber hütete sich wohl, die deutsche Kulturkampfpolitik nachzuahmen. Sie enthielt sich aller Eingriffe in das innere Leben der katholischen Kirche. ■»I*- r* mit.** ■*- Attache Bernhard von Bülow auf einem Kostümball iin Palazzo Caetani in Rom (1875) EIN DROHBRIEF BISMARCKS 329 Im Februar 1875 hatte Pius IX. an den preußischen Episkopat eine leidenschaftliche Enzyklika gerichtet, in der er „allen, welche es angeht“, d. h. zunächst den preußischen Katholiken, „ganz offen“ erklärte, daß die Maigesetze, die unter voller Wahrung der durch die preußische Verfassung vorgeschriebenen Form zustande gekommen waren, ungültig seien, was, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch implicite die Entbindung der katholischen preußischen Untertanen von der Pflicht des Gehorsams gegen die Maigesetze bedeutete. Nicht lange nachher eröflfnete mir Herr von Keu- dell mit sorgenvollem Gesicht, er habe aus Berlin einen überaus heiklen Auftrag erhalten. Fürst Bismarck habe ihm geschrieben, er lasse sich den öffentlichen Tadel und die Drohungen des Papstes nicht länger gefallen. Vor der Besitzergreifung Roms durch Italien würde er einfach manu militari gegen den Pontifex Maximus vorgegangen sein, wie dies in vergangenen Jahrhunderten Frankreich, Spanien und die römischen Kaiser deutscher Nation mehr als einmal getan hatten. Jetzt müsse er die italienische Regierung für das Verhalten des Papstes verantwortlich machen und sie ernstlich ersuchen, ihn zur Ruhe zu bringen. Keudell fühlte, daß die Ausführung dieses Auftrags schwierig war, andererseits zitterte er vor seinem großen Chef, dessen Temperament er nur zu gut kannte. Er beschloß, seinen Auftrag noch am selben Abend während eines Hofballes im Quirinal auszuführen. Er wies mich an, wenn er mit dem Minister des Äußern, Visconti - Venosta, ein Gespräch beginnen sollte, mich in seiner Nähe zu halten, um, wenn er über die Unterredung nach Berhn berichte, seinem Gedächtnis zu Hilfe kommen zu können. Emiho Visconti-Venosta, damals fünfundvierzig Jahre alt, war einer der berechnendsten und vorsichtigsten Politiker, die mir vorgekommen sind. Ich glaube nicht, daß er je in seinem Leben auf irgendeinem Gebiet eine Dummheit begangen hat. Er stammte aus dem Veltlin und besaß die Gerissenheit (furberia) der Bewohner dieser Landschaft, die während so vieler blutiger Kämpfe des Mittelalters sich bald der Schweizer, bald der Mailänder erwehren mußten. In jungen Jahren nach Mailand gekommen, hatte er sich dort der radikalen Partei angeschlossen und Zeitungsartikel geschrieben, in denen er das Volk auflforderte, die Straßen der Stadt mit den abgeschnittenen Köpfen der Aristokraten zu pflastern. Später heß er sich nicht ungern zum Marchese erheben. Er war, wie ich schon erwähnte, Privatsekretär von Mazzini gewesen. Er wurde viermal Minister des Auswärtigen, zuletzt 1896, während ich Botschafter in Rom war. Keudell benutzte einen Augenbhck, wo Visconti allein in einer Ecke des großen Tanzsaales stand, um auf ihn zuzugehen, gefolgt von mir, dem bescheiden, aber aufmerksam zuhörenden Attache. Wie sich die beiden gegenüberstanden, der biedere, im Grunde warmherzige Deutsche und der Enzyklika gegen die Maigesetze 330 DER SOUVERÄNE PAPST kühle, vorsichtige Italiener, bildeten sie einen pikanten Kontrast. Während Keudell eifrig, wenn auch mit sichtlicher Verlegenheit, häufig stockend, mit rotem Kopf, auf den Minister einsprach, zupfte dieser, ohne eine Miene zu verziehen, an seinen langen, rotblonden Bartkoteletten. Als der Gesandte geendigt hatte, schwieg Visconti mindestens fünf Minuten, was Keudells innere Unruhe und Verlegenheit steigerte. Dann erwiderte Visconti, jede Silbe betonend: „Ich muß diese unerwartete, mich sehr überraschende Eröffnung zunächst dem Ministerpräsidenten Minghetti und Seiner Majestät dem König zur Kenntnis bringen. Ich glaube aber schon jetzt folgendes sagen zu können: Es ist der italienischen Regierung unmöglich, in der gewünschten Richtung einen Druck auf den Papst auszuüben. Das stünde in Widerspruch mit den Gefühlen des katholischen italienischen Volkes, es stünde aber auch in Widerspruch mit dem von Kammer und Senat angenommenen und vom König bestätigten Garantiegesetz vom 16. Mai 1871, durch das dem Papst nach der Einverleibung Roms in Italien seine Stellung als unabhängiger Souverän gesichert wurde. Es heißt in Artikel I des Garantiegesetzes: ,Die Person des Papstes (sommo pontifice) ist heilig und unverletzbar. 4 Da aber Italien auf die von ihm hochgeschätzten guten Beziehungen mit dem Deutschen Reich nicht verzichten will und kann, werde ich, wenn der von uns allen bewunderte Fürst Bismarck auf seinem Willen besteht, dem Ministerpräsidenten und Seiner Majestät dem König Viktor Emanuel Vorschlägen, Rom zu räumen und die italienische Hauptstadt nach Neapel zu verlegen.“ Als Keudell, der sehr wohl die Ironie in der Antwort des italienischen Ministers fühlte, andererseits aber voraussah, daß das bisherige Ergebnis seiner Demarche den Fürsten Bismarck kaum befriedigen würde, insistierte, hüllte Visconti sich in Schweigen. Es blieb Keudell nichts übrig, als, von mir gefolgt, den Rückzug anzutreten. Am nächsten Tage berichtete der Gesandte brieflich dem Kanzler über Vatikan und den Verlauf seiner Unterredung mit Visconti. Fürst Bismarck ist auf die Quirinal ganze Sache, während ich in Rom war, nicht wieder zurückgekommen. Dagegen wurde das Verhältnis zwischen Papsttum und Italien, wie ich vorgreifend hier schon erwähnen möchte, bei der Begegnung, die im Oktober 1875 in Mailand zwischen Kaiser Wilhelm und König Viktor Emanuel stattfand, von meinem Vater mit Minghetti erörtert. Der Kaiser war von meinem Vater begleitet. Fürst Bismarck hatte diesen angewiesen, den italienischen Ministerpräsidenten ernstlich vor weiterer Schwäche gegenüber dem Papsttum zu warnen. Wenn die italienische Regierung sich nicht zu größerer Energie aufraffe, werde der italienische Nationalstaat an den Umtrieben und Intrigen der Kurie zugrunde gehen. Als mein Vater in Mailand in diesem Sinne mit Minghetti sprach, antwortete ihm der CAVOURS VERMÄCHTNIS 331 italienische Ministerpräsident: „Wir Italiener haben seit tausend Jahren mit dem Papsttum zu tun, und wir kennen es, wenn Sie mir gestatten, Ihnen das offen zu sagen, doch besser als die Fremden, selbst als die sehr von uns geschätzten und bewunderten Deutschen, die alles von der wissenschaftlichen Erforschung erwarten und glauben, das historische Seminar sei der richtige Ort, um große politische Fragen zu lösen. Ich bin überzeugt, daß wir mit dem Papsttum in denselben, ganz erträglichen Beziehungen stehen werden wie heute, ohne Nachgiebigkeit in politischen Lebensfragen, aber unter Schonung aller religiösen Empfindungen und ohne unnötig reizende Gewalttätigkeiten, wenn der große Fürst Bismarck längst seine Maigesetze revidiert und damit den Rückzug angetreten haben wird.“ Als im März 1875 in Berlin in die Presse durchgesickert, vielleicht auch lanciert worden war, daß die deutsche Regierung die italienische aufgefordert habe, den Papst zu ruhigerer Haltung gegenüber Deutschland zu bewegen, erklärte die italienische Presse sofort und mit Bestimmtheit, daß keine italienische Regierung einem solchen deutschen Verlangen entsprechen könne und werde. Das italienische Garantiegesetz sichere die kirchliche Unabhängigkeit des Papstes. Wenige Tage nach der Mailänder Begegnung erklärte Minghetti vor seinen Wählern in Bologna, es sei behauptet worden, der Mailänder Besuch des Deutschen Kaisers könne eine Änderung der italienischen Kirchenpolitik veranlassen. Das sei ein Irrtum. Die Kirchenpolitik Italiens beruhe auf dem Prinzip der Trennung zwischen Kirche und Staat. Die mit diesem Prinzip erreichten Resultate zeigten keinen Grund zur Änderung der bisherigen Politik. Meinem Vater gegenüber hatte sich Minghetti schon in Mailand auf die berühmten Worte berufen, die der sterbende Cavour dem ihm die Sakramente reichenden Mönch zugerufen hatte: „Frate, frate, libera chiesa in libero stato!“ Ich seihst habe noch erlebt, daß bei der fünfzigsten Wiederkehr des Tages der Proklamation des Königreiches Italien, am 10. März 1911, der Ministerpräsident Luigi Luzzatti, ein Israelit, auf dem Kapitol in meinem Beisein eine Rede hielt, in der auf das nachdrücklichste und feierlichste der Grundsatz von der freien Kirche im freien Staat noch einmal verkündigt wurde. Auf diesem Wege ist Italien weiter gekommen als wir mit dem von den guten Professoren in Greifswald und wohl auch an anderen deutschen Hochschulen mit hellem Jubel begrüßten unseligen Kulturkampf. XXIV. KAPITEL Eine Soiree Kaisers Geburtstag im Palazzo Caffarelli • Albano • Spaziergänge in Rom und Ritte in der Campagna • Der Kronprinz und die Kronprinzessin • Erste Regegnung mit Gräfin Marie Dönhoff • Reise des Kronprinzen nach Neapel A m 22. März 1875, dem Geburtstag unseres alten Heldenkaisers, fand im Palazzo Caffarelli eine Soiree statt, zu der Einladungen an zahlreiche in Rom vorübergehend oder dauernd weilende deutsche Landsleute ergangen waren. Herr von Keudell brachte das Kaiserhoch aus. Ihn reden zu hören, war eine Qual. Es ist mir immer peinlich gewesen, wenn in meiner Gegenwart ein anderer beim Reden steckenblieb. Die Unbehilflichkeit des guten Keudell aber übertraf das, was man bei solchen Gelegenheiten erwarten kann. Er nahm einen Anlauf, dann schwieg er. Eine Stille von mehreren Minuten folgte. Dann holte er aus der Seitentasche einige weiße Blätter hervor, auf denen er den Text seiner Rede sauber niedergeschrieben hatte, fand aber nicht sogleich das richtige Blatt, stockte wieder und verlor ganz den Faden, und eine neue, noch längere Pause entstand. Während dieser Pause stieß eine ältere deutsche Dame aus Mitgefühl oder aus Nervosität einen lauten Schrei aus. Als endlich die Rede überstanden und das dreimalige Hoch verklungen war, wandte sich Keudell den Damen zu, die er nach ihrem Rang durch die Säle führte. In dem Zimmer, wo die Bilder preußischer Könige und Königinnen hingen, begegnete er mir. An seinem Arm führte er eine sehr schöne Frau. Sie hatte braunes Haar, von jener Farbe, die der Engländer „auburn“ nennt. Auch Gretchen, mein kleiner Kölner Schatz, hatte solches Haar, aber im übrigen glich sie der Dame am Arm des Gesandten von Keudell wie das Heckenröschen der Gardenia. Womit ich nichts gegen das Heckenröschen sagen will, das eine reizende Blume ist. Die Dame am Arm meines Chefs hatte seltsame Augen, Augen, die nicht blau und nicht schwarz und nicht grün waren, die aber bald blau, bald schwarz, bald grün schillerten, Augen, aus denen Stolz und Härte sprachen und dann wieder eine tiefe Melancholie, Augen, die streng, die aber auch kokett und die sogar zärtlich blicken konnten, Nixenaugen. Wer sie ansah, verstand, daß diese Frau viele Köpfe verdreht, daß sie große Leidenschaften entzündet DIE FÜRSTIN Y. 333 hatte. In ihrem Wesen lag etwas Lässiges, Gleichgültiges, gewissermaßen Verhaltenes, das die Sinne reizte. Wenn nicht ein langer Galopp oder ein rascher Tanz sie erhitzt hatte, bedeckte eine bei deutschen Frauen seltene Blässe das wohlgeformte Oval ihrer Wangen. Während ich die schöne Frau nicht ohne Bewunderung betrachtete, sprach mein Chef zu mir: „Ich stelle Sie der Fürstin Y. vor, der Sie die Honneurs unseres Caffarelli machen sollen. Erzählen Sie ihr die Geschichte unseres Palazzo. Ich muß mich noch anderen Damen widmen.“ Die Fürstin nahm meinen Arm, und wir machten einen Rundgang durch die Säle. Ich erzählte ihr die Geschichte des Palazzo, der ein halbes Jahrhundert später dem Reich verlorengehen sollte. „Die Calfarelli“, setzte ich ihr auseinander, „waren eine alte Herzogsfamilie, die schon im dreizehnten Jahrhundert zu der kaisertreuen Ghibellinischen Partei stand. Ein Caffarelli fiel auf dem Schlachtfeld von Tagliacozzo als treuer Gefolgsmann unseres armen und lieben Konradin von Schwaben.“ Meine schöne Begleiterin hörte aufmerksam zu. „Sie stehen“, belehrte ich sie weiter, „auf dem Kapitolinischen Hügel, auf den Fundamenten eines alten Jupitertempels, aber gleichzeitig umgeben Sie hehre deutsche Erinnerungen. Auch im sechzehnten Jahrhundert waren die Caffarelli Anhänger der Deutschen Kaiser. Dafür wurden sie belohnt, als Kaiser Karl V., der große Carolus Quintus, im Laufe seiner Regierung einmal Rom besuchte. Er ernannte den jungen Ascanio Caffarelli, der ungefähr in meinem Alter stand, das heißt vierundzwanzig Jahre alt war, zu seinem Pagen und schenkte ihm, nachdem er längere Zeit persönlich Dienste bei ihm getan hatte, den südlichen Teil des Kapitolinischen Hügels. Mir hat noch niemand ein so schönes Geschenk gemacht. Als der so ausgezeichnete Ascanio als Greis wieder in seine Heimat zurückkehrte, ließ er sich auf seinem neuen Grundstück durch den trefflichen Canonica, einen Schüler des großen Baumeisters Giacomo Vignola, einen Palast erbauen, unseren Caffarelli, den Sie mit Ihrer Gegenwart beglücken. Hier hausen seit einem halben Jahrhundert deutsche Diplomaten. Der erste Deutsche von Namen, der hier geweilt hat, war der Sohn von Goethe, der freilich ein weniger großer Poet war als sein Vater. Er soll in seinem Leben nur einen einzigen Vers gemacht haben. Der lautet: ,Hier steh’ ich auf dem Kapitol und weiß nicht, was ich sagen soll. 4 Hier hat als Gesandter beim Papst der Historiker Barthold Niebuhr gewirkt, der eine dreibändige, ganz ausgezeichnete Römische Geschichte geschrieben hat, mit der ich Sie verschonen will. Nach ihm kam Josias von Bunsen, den Bismarck nicht mochte, der aber bei Friedrich Wilhelm IV. in großer Gunst stand.“ Ich führte die Fürstin in ein kleines Zimmer neben dem großen Saal. „In diesem kleinen Zimmer“, fuhr ich fort, „hat sich in den fünfziger Jahren eine Tragödie abgespielt. Preußischer Gesandter war damals ein Herr von Kanitz, ein Palazzo Caffarelli 334 HERR VON KANITZ tüchtiger und allgemein beliebter Mann. Zum Besuch weilte in Rom der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, unser jetziger Kronprinz. Er war im Caffarelli abgestiegen. Am Abend sollte ein großes Diner stattfinden. Alle eingeladenen Gäste waren gekommen. Auch Prinz Friedrich Wilhelm war schon erschienen. Nur der Gastgeber fehlte. Endlich trat er ein. Aber wie! Er erschien in dem Anzug, in dem die römischen Fuchsjagden geritten werden, also in rotem Rock, weißen Breeches und Stulpenstiefeln, eine Hetzpeitsche in der Hand. Natürlich war alle Welt starr. Nur einer der Anwesenden bewahrte seine Geistesgegenwart, der damalige französische Gesandte, der Herzog Agenor von Gramont. Der hat erst viel später den Kopf verloren, nämlich am 6. Juli 1870, als er seine dumme, provozierende Rede im Pariser Gesetzgebenden Körper hielt. Damals in Rom behielt er allein den Kopf oben. Er faßte den ihm persönlich befreundeten Herrn von Kanitz unter den Arm, flüsterte ihm zu, er habe ihm etwas sehr Wichtiges und Vertrauliches mitzuteilen, und brachte ihn in dieses kleine Zimmer. Dort blieb Kanitz die ganze Nacht, bewacht von dem trefflichen Kanzleirat Schulze, der noch lebt und den Sie täglich unter einer Palme vor der Casa Tarpeia sitzen sehen können, mit einer langen deutschen Pfeife im Munde. Der arme Kanitz ist übrigens wieder ganz bei Trost. Als ich im vorigen Winter bei einem Diner neben ihm saß, erzählte er mir seine ganze Leidensgeschichte und schloß mit den Worten: ,Daß ich Ihnen das alles sage, beweist Ihnen, daß ich gar nicht mehr verrückt bin.“ 4 Ich sprach der Fürstin auch von dem armen Friedrich Wilhelm IV., der als gemütskranker Mann, nachdem er seinen Bruder Wilhelm mit seiner Stellvertretung betraut hatte, einige Wochen in Caffarelli weilte und in der erhabenen Größe der römischen Trümmerwelt Trost und Erholung fand. Während ich noch im besten Erzählen war, näherte sich der schönen Fürstin ihr Gemahl. Wie das leider bisweilen der Fall ist, stand er in keiner Weise auf der Höhe seiner Frau, weder als äußere Erscheinung noch an innerem Wert. Es schien ihr nicht erwünscht, daß er das Zeichen zum Aufbruch gab. Sie drückte mir die Hand und gab der Hoffnung Ausdruck, daß ich sie auch in den nächsten Tagen als Cicerone führen würde, aber nicht durch die Säle des Caffarelli, sondern durch das Ewige Rom. Ich erwiderte, daß mir das leider unmöglich sei, ich würde mich am nächsten Morgen ganz früh nach Albano begeben. „Und warum?“ fragte sie. Ich erwiderte, daß ich dort in völliger Abgeschiedenheit und Stille eine Arbeit über die italienischen Finanzen für das mir bevorstehende diplomatische Examen verfassen wolle. Nicht ohne Gereiztheit erwiderte sie: „Sie ziehen also dem Verkehr mit mir Ihre lederne Prüfungsarbeit vor.“ Ohne mir die Hand zu reichen, verließ sie mit ihrem Gatten das Fest. Die Empfindung, mit der ich mich von ihr trennte, war unklar. Ich hatte vor allem den Eindruck, BYRON ALS FREMDENFÜHRER 335 daß von der Frau, deren Arm während einer Stunde in meinem geruht hatte, ein dämonischer Zauber ausging und daß das Schicksal uns wieder zusammenführen würde. Zum Guten? Zum Bösen? Das ruhte noch im Zeitenschoße. Am nächsten Morgen fuhr ich auf der Via Appia Nuova an Zypressen und Pinien, Steineichen und Oliven vorbei nach Albano. Ich fuhr in einer Albano alten gelben Postkutsche zwischen zwei dicken Bäuerinnen, die stark nach Knoblauch dufteten. In Albano angelangt, suchte ich eine kleine, bescheidene Osteria auf. Man wies mir ein Stübchen an, in dem außer dem Bett nur ein Tisch und ein Rohrstuhl standen, aus dessen Fenstern ich aber eine herrliche Aussicht auf die Campagna hatte. Und am Rande dieser klassischen Landschaft erblickte ich einen schmalen blauen Streifen, das Meer, das Tyrrhenische Meer. Für ein paar Soldi erwarb ich Tinte, Feder und das ordinärste Konzeptpapier, auf dem ich je geschrieben habe. Dann machte ich mich an die Arbeit, für die ich statistisches Material mitgebracht hatte, in derselben Art wie drei Jahre früher an der Ostsee, in Greifswald. Nur daß ich in Alhano nicht ritt, sondern nachmittags ein bis zwei Stunden an dem herrlichen Albaner See umherschlenderte. Die Arbeit war in acht Tagen fertiggestellt. Dann kehrte ich nach Rom zurück, diesmal nicht mit der Postkutsche, sondern per pedes apostolorum auf der Via Appia Antica, an einem herrlichen Frühlingsmorgen. Als ich nachmittags auf dem Corso schlenderte, begegnete ich der Fürstin Y. Die Begrüßung von ihrer Seite war nicht so ungnädig, wie ich angenommen hatte. ,,Da sind Sie ja, Sie Ausreißer! Jetzt entwischen Sie mir aber nicht wieder. Von heute ab lege ich Beschlag auf Sie.“ Am nächsten Tage begannen wir denn auch unsere Wanderungen. Als Führer nahm ich nicht den Baedeker, auch nicht den Gsell-Fels, sondern Byron, Canto IV des „Childe Harold“. Ich führte sie nach der Peterskirche. But lo! the dome — the vast and wondrous dome, To wliich Diana’s marvel was a cell — Christ’s mighty shrine above his martyr’s tomb! Thou, of temples old, or altars new, Standest alone — with nothing like to thee — Worthiest of God, the holy and the true. Since Zion’s desolation, when that He Forsook his former city, what could be, Of earthly structures, in his honour piled, Of a sublimer aspect? Majesty, Power, Glory, Strength, and Beauty, all are aisled In this eternal ark of worship undefiled. 336 DER SATYR AUF DEM PALATIN Ich wies ihr von der Höhe des Kapitols das Forum — and in von Geld below, ■4 9 A thousand years o£ sflenced factions deep — The Forum, where the inuoortal accents glow, And still the eloquent air breathes-hums wüth Cicero! Wir stiegen zum Palatin hinauf. Nicht weit von dem —Casino" der ehemals Famesüschem Gärten stellte ich ihr einen Freund vor. zu dem ich schon damals oft: pilgerte. denn in Rom hat mich der Palatin immer besonders angeaogem. Dieser mein Freund war ein marmorner Satyr. Fr steht inmitten von Rfflsengeseblmgje am Eingang zu den «bersten Terrassen. Mit Heit erkeit betrachtet er die Menschen der neuen Zeit in ihrer geschmacklosen Kleidung, wie er einst mit größerer Sympathie auf die römischem Konsuln, Senatoren und Prätoren in ihrer male rischen Toga geldickt haben wird. Ich habe Born nie verlassen, ohne diesem Satyr einen Abschiedsbesuch zu machen, und wenn ich wieder nach Rom zurfickkehrte, sprach ich bei ihm vor. Seine göttliche Heiterkeit war die gleiche, als ich ihm 1897 vor meiner Abreise nach Berlin Lebewohl sagte, wie zwölf Jahre später, als ich ihn mach meiner Buckkehr in die Ewige Stadt wieder aafsuchte. Im April 1875 schlug ich der Fürstin Y. vor, sich nicht auf die Stadt zu Gamgufgna beschränken, sondern auch die Campagna kermenzn lemen. Ich trieb zwei gute idtändische Hunters auf. Sie war eine vortreDhhe Bcitterän und schreckte vor keiner Stagüomata, keiner Hürde der Campagna zurück. Wir ritten mach dem Grabdenkmal der GaeeilKia MeteUIa und von da mach dem Hain des- Egeriia, wo die behemswürdige und behemswerfe Wyzuphc die Besuche Seiner Majestät des Körnigs Jfuma empfing. Aimrh denn Hain der Egesriia hat Byron mnsterhbehe Yexse gewidmet : Bete diist nhom dweDD, im flMs emehaMlbBd «mwan, EpcnäiiÜ thy al heavenDy bt®®!» beatüng. Fair the fäsr footisteps mTiterni der türkischem Truppen nicht pesramfim&she WftnBimpfiE zur mmvetrwedhten EmsteDumg aller rmiititsimmrfhim* Ojr jjg.y^afe^T^SjfeS >/£*** iVS EIN ENGLISCHER VORSCHLAG 441 Am 28. Juni verlas beim Beginn der Sitzung Graf Andrässy ein langes Memorandum, in dem darauf hingewiesen wurde, daß Österreich während Österreich soll mehr als einem Jahr unter der Insurrektion und der Agitation in den Bosnien Nachbarländern an seinen Grenzen zu leiden hatte. Österreich-Ungarn kupieren habe über hundertfünfzigtausend bosnische Flüchtlinge aufnehmen müssen, die sich hartnäckig weigerten, nach Bosnien zurückzukehren, so lange ihre Heimat unter türkischer Herrschaft verbleibe, die ihnen weder Existenz noch Schutz gewähre. Die Türkei sei augenscheinlich nicht in der Lage, die Ordnung in diesen Provinzen aufrechtzuerhalten, die sich in einem unbeschreiblichen Zustand von Elend und revolutionärer Agitation befänden. Es bestehe die Gefahr, daß dieses Elend und diese Agitation auf die slawische Bevölkerung der angrenzenden ungarischen Monarchie übergreifen werde. Wenn der Kongreß die Fortdauer solcher Zustände gestatte, nähme er eine sehr ernste Verantwortung für die künftige Ruhe Europas auf sich. Graf Andrässy schloß: „Ich verlange nicht, daß Bosnien von Österreich-Ungarn annektiert wird. Ich wünsche nur, der Kongreß möge überhaupt zu einem Entschluß kommen. Sobald dieser praktisch erscheint, wird Österreich-Ungarn ihm beitreten.“ Darauf erhob sich derMarqueß of Salisbury. Er verlas ein Memoire, in dem er erklärte, England sei durchdrungen von der Gerechtigkeit der Bemerkungen des ersten österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten. Da sein edler Freund, der Graf Andrässy, die offene Aneignung von Bosnien zurückweise und sich mit der Annexion zur linken Hand begnüge, schlage er dem Kongreß vor, zu beschließen, daß Österreich-Ungarn beauftragt werde, Bosniern und die Herzegowina zu okkupieren und zu verwalten. Es liege im Interesse Europas, diese Provinzen unter den direkten Schutz eines mächtigen Staates zu stellen. Dieser Staat könne einzig und allein Österreich- Ungarn sein, der unmittelbare Nachbar Bosniens und der Herzegowina. Österreich-Ungarn falle die Aufgabe zu, die Insurrektion dort zu Ende zu bringen. Für Frankreich schloß sich Waddington dem englischen Vorschläge mit Enthusiasmus an. Er hob hierbei hervor, daß diese Regelung auch dem wohlverstandenen Interesse der Türkei entspräche. Der italienische Bevollmächtigte, Graf Cor ti, erklärte seine Zustimmung, aber ohne besondere Freudigkeit. Er ahnte, daß das italienische Volk, gewohnt, bei jeder größeren europäischen Komplikation zu profitieren, mit ihm unzufrieden sein werde, wenn er mit leeren Händen von Berlin nach Rom zurückkehre. Fürst Gortschakow, der zwei Jahre früher das Reichstadter Abkommen mit Graf Andrässy abgeschlossen hatte, sprach seine volle Zustimmung aus: „La motion anglaise relative ä la Bosnie et ä la Herzegovine rentre dans les vues generales de la Russie, et je lui donne mon entiere adhesion.“ Ich 442 DAS DANAERGESCHENK hörte schon damals, zwischen Österreich-Ungarn und Rußland sei brieflich während des Kongresses abgemacht worden, daß Österreich- Ungarn, wenn ihm dies im Interesse der Ruhe auf dem Balkan und für den Frieden Europas zweckdienlich erscheine, die Okkupation mit Zustimmung der Großmächte in eine Annexion verwandeln könne. Der englische V orschlag wurde vom Kongreß einstimmig angenommen. Nur der türkische Bevollmächtigte legte eine schüchterne Verwahrung ein. Er wurde von Lord Beaconsfield sarkastisch, von Fürst Bismarck fast grob zurechtgewiesen. Niemand im Kongreßsaal ahnte, daß die Angliederung Bosniens und der Herzegowina für Österreich-Ungarn ein Danaergeschenk sein und daß von hier sechsunddreißig Jahre später der Anstoß zum Zusammenbruch der alten habsburgischen Monarchie kommen würde. Am 29. Juni erledigte der Kongreß die Griechische Frage. Frankreich Die und Italien beantragten eine Grenzrektifikation zugunsten Griechenlands, Griechische wenn möglich im Einvernehmen der Griechen mit der Pforte, eventuell F ra S e unter Vermittlung der Mächte. England zeigte anfänglich Bedenken, die es aber bald aufgab. Rußland unterstützte rückhaltlos den französischitalienischen Vorschlag. Die armen Türken, deren Widerstand allmählich erlahmte, schützten Mangel an Instruktionen vor. Am Abend des 29. Juni sagte Fürst Bismarck im Salon seiner Frau vor mir lächelnd und freundlich zu meinem Vater: „Die Konzessionen an Griechenland waren ein Akt der Courtoisie für Ihren ältesten Herrn Sohn, der übrigens seine Sache in Athen ganz gut gemacht hat.“ Sehr interessant waren die ersten Julitage, in denen die Serbische, die Drei neue Montenegrinische und die Rumänische Frage erledigt wurden. Alle Fürstentümer drei Fürstentümer wurden für unabhängig von der Pforte erklärt, worein diese schon durch den Vertrag von San Stefano gewilligt hatte. Den drei neugeschaffenen Staaten wurde auf französischen Antrag die Gleichstellung aller Konfessionen auferlegt. Diese letztere Bestimmung galt besonders den Rumänen, die zwar von den in großer Zahl innerhalb ihrer Grenzen lebenden Israeliten die Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten verlangten, ihnen aber alle politischen Rechte systematisch verweigerten. Fürst Bismarck trat dem darauf bezüglichen französischen Vorschlag mit Wärme bei. Er verwies auf die deutsche Reichsverfassung und erklärte, die deutsche öffentliche Meinung verlange, daß der in Deutschland geltende Grundsatz der Gleichberechtigung aller Konfessionen auch in der deutschen auswärtigen Politik zur Anwendung gelange. Serbien erhielt Nisch, Montenegro Podgoritza, aber beide keinen Hafen an der Adria. Von allen Mächten im Stich gelassen, mußten die Rumänen Bessarabien wieder an Rußland abtreten. Dagegen erhielten sie die Dobrudscha, einen Landstrich von Silistria bis Mangalia am Schwarzen Meer, und die Schlangeninsel. EIN SENTIMENTALES KOMPLIMENT 443 Vergeblich appellierte der zu dieser Beratung zugelassene rumänische Ministerpräsident Bratianu in einer schönen Rede an den „Grand Conseil Europeen et particulierement aux illustres representants de Sa Majeste l’Empereur de toutes les Russies, dont nous avons eu si souvent l’occasion d’apprecier l’esprit eleve et le cceur magnanime.“ Dieses sentimentale Kompliment rührte weder Graf Schuwalow noch gar Fürst Gortschakow. Fürst Bismarck trat mit Entschiedenheit für die russische Rückforderung von Bessarabien ein. Er drang sogar auf Beschleunigung der Verhandlungen gerade über diesen Punkt. Er hoffe, daß die Donaufürstentümer sich mit der Anerkennung ihrer Unabhängigkeit zufriedengeben würden. „L’ceuvre du Congres“, führte er aus, „ne saurait, ä mon avis etre durable si un Sentiment de dignite blessee subsistait dans la politique, ä venir d’un grand Empire. Quelle que soit ma Sympathie pour l’Etat de Roumanie, dont le Souverain appartient ä la famille Imperiale d’Allemagne, je ne dois m’inspirer que de l’interet general qui conseille de donner une nouvelle garantie a la paix de l’Europe.“ Die von Rußland hartnäckig betriebene und endlich durchgesetzte Wiederer oberung von Bessarabien hat die Rumänen tief gekränkt. Nachdem die rumänische Armee unter ihrem tapferen und kriegskundigen Fürsten Carol den Russen während des Balkankrieges wertvolle Dienste geleistet hatte, erschien das Vorgehen der Russen gegen ihren früheren Bundesgenossen den Rumänen als ein Akt brutaler Undankbarkeit. Seitdem schloß sich Rumänien mehr und mehr den Dreibundmächten und insbesondere Deutschland an. Während ich zehn Jahre später Gesandter in Bukarest war, gelang es, zuerst einen für uns vorteilhaften Handelsvertrag mit Rumänien abzuschließen, dann ein politisches Bündnis, das uns für den Fall, daß wir von Rußland angegriffen werden sollten, die Kooperation von Rumänien sicherte. Erst die ungeheuren Fehler, die unsere Politik im Sommer 1914 beging, zerrissen den Draht, der länger als zwei Dezennien Rumänien mit dem Deutschen Reich verbunden hatte. XXXII. KAPITEL Bismarck und Gortschakow • Unterzeichnung des Berliner Vertrages (13. VII. 1878) Schuwalow und Gortschakow • Geheimrat von Holstein • Verlobung im Hause Bismarck • Biarritz, Dr. Adhema • Lektüre E s waren große Tage, die Berlin damals, 1878, sah und die alle mit einer Selbstverständlichkeit erlebten, als könne das Deutsche Reich nie Dirigent anders als mächtig, gefürchtet und achtunggebietend vor der Welt dastehen. Fürst Bismarck präsidierte dem Kongreß mit technischer Meisterschaft. Was Antonio in Goethes „Tasso“ vom Papst rühmt, daß er das Kleine klein, das Große groß sehe, galt für Bismarck bei seiner Leitung der Verhandlungen des Berliner Kongresses. Er übersah nichts Wesentliches und hatte für jede begründete Frage oder Vorstellung ein aufmerksames Ohr. Alles Unnötige, Störende, Zeitraubende, Verschleppende wußte er abzuwehren, nötigenfalls mit Nachdruck. „Fürst Bismarck führt den Kongreß“, sagte mir einer der englischen Sekretäre, „wie ein sehr guter Kutscher seinen Viererzug fährt. He is a most skilful whip.“ Auch wenn sich Bismarck der französischen Sprache bediente, war er der große Debatter, dem in deutschen Parlamenten an Schlagfertigkeit und Prägnanz des Ausdrucks keiner gleichkam. Alle Teilnehmer am Kongreß waren sich darüber einig, daß der verhältnismäßig rasche Gang der Beratungen und ihr Abschluß der überragenden Autorität und Persönlichkeit des Fürsten Bismarck zu verdanken waren. Es ist schmerzlich, zu denken, daß trotz solcher Meisterschaft der Leitung der Berliner Kongreß alles in allem unsere Gesamtlage verschlechtert und unsere Zukunft nicht vorteilhaft beeinflußt hat. Das war vor allem auf die senile Empfindlichkeit und Eitelkeit von Gortschakow, aber auch auf dessen schlechte Behandlung durch Bismarck zurückzuführen. Besonders imgünstig wirkte in dieser Beziehung ein Interview, das Bismarck auf Betreiben des seit jeher russophoben Holstein dem für die Dauer des Kongresses nach Berlin entsandten „Times“-Korrespondenten in Paris, Herrn Biowitz, bewilligte. Oppert- Biowitz war ein Journalist im großen Stil und jedenfalls einer der Jilowitz findigsten und gewandtesten Publizisten, die mir vorgekommen sind. BLOWITZ WILL BÜLOW LANCIEREN 445 Er stammte wie Kautsky, dem nach dem Novemberumsturz die Revolutionsregierung die deutschen Archive mit allen Geheimberichten auslieferte, aus Böhmen und hieß eigentlich Oppert, hatte aber diesen Namen, der ihm nicht gefiel, mit dem besser klingenden seines Geburtsortes vertauscht. Nach Frankreich verschlagen, wurde er Hauslehrer in der Familie eines Marseiller Kaufmanns. Es gelang ihm, das Herz der Mutter seines Zöglings zu erobern, was mich bei seinem wenig vorteilhaftenÄußern immer gewundert hat. Die Frauen sind nun einmal unberechenbar. Bei einer im Hafen von Marseille unternommenen Bootfahrt sollen Biowitz und seine Angebetete den schlafenden Gatten über Bord geworfen und ruhig haben ertrinken lassen. Ungefähr wie bei Zola in seinem spannenden Roman Therese Raquin und ihr Amant sich des armen Mr. Raquin entledigen. Seine Stellung in Paris verdankte Oppert-Blowitz Herrn Thiers, dem er während der ersten bewegten Jahre seiner Präsidentschaft wertvolle Informationen geliefert und für den er gleichzeitig durch das Sprachrohr der „Times“ die englische öffentliche Meinung gewonnen hatte. Wie jeder, der im öffentlichen Leben steht, hatte Biowitz gegen Intrigen anzukämpfen und Schwierigkeiten zu überwinden. Einmal war er bei Mr. Walter, dem Besitzer der „Times“, wie er behauptete, durch Holstein, den er für den größten Intriganten unter der Sonne hielt und erklärte, so sehr angeschwärzt worden, daß Mr. Walter beschloß, nach Paris zu fahren und dort selbst nach dem Rechten zu sehen. Plötzlich erschien er bei Biowitz. Ohne einen Augenblick die Contenance zu verlieren, bat ihn dieser zum nächsten Tage zu Tisch, ä la fortune du pot, wie er ausdrücklich betonte. Als Walter in der eleganten Wohnung von Biowitz erschien, fand er dort alle in Paris akkreditierten Botschafter und den päpstlichen Nunzius versammelt. In degagiertem Ton sagte Biowitz zu letzterem: „Mon eher ami, faites la maitresse de la maison et prenez place en face de moi.“ Dann ging man zu Tisch. Mr. Walter saß zwischen dem englischen und dem deutschen Botschafter, Lord Lyons und Fürst Chlodwig Hohenlohe. Als er sich empfahl, bat er Biowitz, ihm zu erlauben, sein Gehalt erheblich zu erhöhen. Ein Mann in solcher gesellschaftlicher Stellung sei wert, in Gold gefaßt zu werden. Bei einem Fest, das ich ein Jahr vor meinem Rücktritt dem in Berlin tagenden Internationalen Pressekongreß im Garten des Reichskanzlerpalais gab, erzählte ich den Teilnehmern des Kongresses über ein persönliches Erlebnis mit Biowitz. „Als ich“, sagte ich den Herren, „es war Anfang der achtziger Jahre, an unserer Pariser Botschaft tätig war, da frug ich einmal, ich war in melancholischer Stimmung, ich fand, mein Avancement ginge nicht rasch genug, in der Armee nennt man das die Leutnantsmelancholie, den Vertreter der ,Times 4 , Herrn Biowitz, der ein kluger Mann war, ob ich Aussichten im Journalismus 446 DER REICHSHUND TYRAS haben würde. , Sofort bringe ich Sie an‘, erwiderte mir Herr Biowitz, ,mit dreißigtausend Franken jährlich . 4 Das hat damals mein Selbstvertrauen gestärkt, und noch heute macht die Erinnerung mir Vergnügen *. 44 Es lag in der Natur der Dinge, daß Biowitz als naturalisierter Franzose in erster Linie französische Interessen verfolgte, in zweiter als Korrespondent der „Times“ englische Gefühle schonte. Als er während des Berliner Kongresses bald die persönliche Spannung zwischen Bismarck und Gortschakow erkannt hatte, rieb er publizistischen Pfeffer in die ihm erfreuliche Wundstelle und legte hei der Wiedergabe seiner einmaligen Unterredung mit Bismarck, die er nach und nach zu einem wahren Bandwurm von Korrespondenzen in der „Times“ verarbeitete, dem deutschen Reichskanzler unfreundliche, ja boshafte Äußerungen über Gortschakow in den Mund. Persönliche Empfindungen politisch einflußreicher Personen, mögen sie nun Staatsoberhäupter oder Minister, Deputierte oder Publizisten sein, ihre Sympathien oder Antipathien, vor allem ihre Rankünen waren immer von erheblichem Einfluß auf die Beziehungen der Völker zueinander und damit auf die Gestaltung ihrer Zukunft. Sie werden es auch bleiben, denn der Mensch ist im Grunde immer der gleiche, mag er sich auf dem Parkett der Höfe bewegen oder es vorziehen, abends auf seiner Stammkneipe bei einer kühlen Blonden mit einer Strippe einen Skat zu dreschen. Es war das Pech von Gortschakow, daß ihm, als er einmal abends im Gortschakow Salon der Fürstin Bismarck erschien, der Reichshund Tyras zwischen die wird Beine lief und er der Länge nach hinfiel. Aber daß dieser kleine Vorfall ridikülisiert so f or t i n die Presse gebracht und dort mit Behagen breitgetreten wurde, um den achtzigjährigen Greis zu ridikülisieren, war weder geschmackvoll noch geschickt. Bismarck sagte die Wahrheit, wenn er in manchen Reden, in vielen Erlassen nach St. Petersburg und in zahllosen Unterredungen betonte, er habe auf dem Berliner Kongreß die russischen Interessen so eifrig vertreten und gefördert, daß er sich den Andreasorden verdient haben würde, wenn er ihn nicht, und zwar mit Brillanten, bereits besessen hätte. Aber gerade für das politische Leben gilt das Wort des griechischen Sophisten, daß der Schein oft wichtiger sei als die Wirklichkeit. Unter eifriger Nachhilfe des verärgerten und leider auch in seinem hohen Alter und trotz seines körperlichen Verfalls für Intrigen und Bosheiten noch immer geschickten Gortschakow gelang es, dem russischen Publikum einzureden, daß Bismarck auf dem Berliner Kongreß Rußland verraten und geschädigt habe. Der bedeutendste der Teilnehmer am Kongreß war nach Bismarck — Disraeli longo sed proximus intervallo — zweifellos Disraeli. Es spricht für die * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, S. 332; Kleine Ausgabe V, S. 260. DIZZY 447 Großzügigkeit des englischen Volkes, daß der Enkel eines aus Venedig nach England eingewanderten israelitischen Kaufmanns nicht nur zum englischen Premierminister, sondern auch zum Führer der stolzesten Aristokratie der Welt aufstieg. Der Marqueß von Salisbury und Lord Odo Rüssel, beide Sprossen alter historischer Geschlechter, die schon unter Queen Elizabeth geglänzt hatten, ordneten sich willig Disraeli unter. Es spricht aber auch für die Anziehungskraft und Assimilationsfähigkeit der Engländer, daß es keinen englischeren Engländer gab als den zum Earl of Beaconsfield erhobenen Benjamin Disraeli. In seiner, dem großen französischen Historiker Augustin Thierry gewidmeten schönen Studie über Tacitus sagt Charles Louandre: „Aux yeux de Tacite tout le mouvement de l’histoire n’a qu’un but, la grandeur de Rome, au delä de cet horizon il n’y a que le vide et le neant.“ Wie Tacitus Römer w r ar, so war Disraeli Engländer. Ganz Engländer und nur Engländer. Jedes seiner Worte war für das englische Publikum berechnet. Nur englische Interessen, englische Wünsche und Vorurteile bestimmten sein Tim. Bei großer Höflichkeit und Liebenswürdigkeit, bei den besten Formen nahm er in Wirklichkeit gar keine Rücksicht auf nichtenglische Empfindungen und Gesichtspunkte. Seine äußere Erscheinung war originell. Er trug Schmachtlocken wie ein galizischer Jude. Weit davon entfernt, seine jüdische Abkunft zu verstecken, war er stolz auf sie. Als einmal im House of Commons auf sie angespielt worden war, hatte schon der junge Benjamin Disraeli geantwortet, er sei glücklich, dem Volke anzugehören, dessen äußere Hülle unser Herr und Heiland getragen habe, während er auf Erden wandelte. Er war übrigens mit zwölf Jahren getauft worden. Disraeli verwandte sehr viel Sorgfalt auf seine Toilette. Er war stets elegant gekleidet, nach der neuesten englischen Mode, a true british gentleman. Der Earl of Beaconsfield war der einzige, der sich bei den Sitzungen des Kongresses nicht der französischen Sprache bediente, die er ebensowenig sprach wie irgendein anderes fremdes Idiom und kaum verstand. In dieser Beziehung glich er Matthias Erzberger. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen dem englischen Lord und dem Abgeordneten von Buttenhausen. Die Reden des Earl of Beaconsfield wurden im Sekretariat des Kongresses für das Protokoll ins Französische übersetzt. Er änderte nie etwas an den Übersetzungen, sondern meinte nur lächelnd: „I am glad to have said such nice things.“ Bismarck war von Hause aus gegen Disraeli eingenommen. Aber auch die Königin Victoria hatte einst starke Vorurteile gegen Disraeli gehabt, und es war ihm doch gelungen, die Gunst of Her most gracious Majesty zu gewinnen. Selbst Bismarck war bald unter seinem Zauber. „Dizzy“, wie das englische Volk Disraeli n ann te, war ein großer Seelenfänger. 448 DER NUMISMATIKER Neben ihm fiel Andrässy ab. Aber bei manchen Lücken und einigen Andrässy Schwächen fehlte es dem Ungarn nicht an praktischem Blick. Er wußte in und Berlin den Augenblick zu ergreifen und erkannte, daß er nichts Klügeres Ilaymerle tim könne, als sich und sein Land der Bismarckschen Leitung überlassen. Sein Kollege und späterer Nachfolger, der Freiherr von Haymerle, war ein ängstlicher K.-u.-k.-Bürokrat, der Bismarck ebenso mißfiel, wie ihm der flotte, elegante Andrässy gefiel. Mit Bezug auf Haymerle, mehr noch auf die schikanöse und dahei doch nicht resolute Politik der Österreicher gegenüber ihren Nationalitäten und schwächeren Nachbarn erzählte Bismarck gern eine kleine Anekdote aus seiner Jugend. Er habe einmal in einem englischen Waffenladen einen Revolver kaufen wollen und nach einem zierlichen, eleganten, aber kleinen Exemplar gegriffen. Der Verkäufer habe ihm zu einem größeren Revolver mit den Worten geraten: „A small bullet excites a man, a strong bullet stops him.“ Der italienische Vertreter Corti machte in Berlin aus Überschlauheit eine große Dummheit. Im Verlauf einer längeren Unterredung mit ihm ließ Bismarck die Bemerkung fallen, daß jetzt für Italien der günstige Augenblick gekommen sei, die Hand auf Tunis zu legen. Corti kam sich sehr listig vor, als er erwiderte: „Vous voulez donc nous brouiller avec la France.“ Hätte Corti damals zugegriffen, so besäße Italien heute das beste und zukunftsreichste Stück der afrikanischen Nordküste. Die bescheidenste Rolle auf dem Kongreß spielte die französische Die Delegation. Nicht als ob sie von deutscher Seite vernachlässigt oder gar Franzosen schlecht behandelt worden wäre. Im Gegenteil wurden gerade die französischen Vertreter bei Hofe und in der Berliner Gesellschaft mit großer Liebenswürdigkeit und besonderer Aufmerksamkeit behandelt. Auch Fürst Bismarck war gegen die Franzosen von konstanter und ausgesuchter Höflichkeit. Aber die französische Vertretung war keine brillante. Der erste französische Delegierte, Waddington, war von Geburt Engländer. Naturalisierter Franzose, war er durch und durch französischer Patriot. Es fehlten ihm jedoch die traditionellen Eigenschaften des Franzosen. Er sah wie ein Gelehrter aus und hatte Sprechweise und Manieren eines solchen. Als er einmal in Paris bei einem großen Diner neben der Schauspielerin Sarah Bernhardt saß, die seinen Namen nicht verstanden hatte, nicht wußte, wer er war, und seine Konversation langweilig fand, frug sie den ihr gegenüber sitzenden Gambetta, wer ihr lederner Nachbar eigentlich sei. Lächelnd erwiderte der große Tribun: „Ne faites pas attention ä lui, c’est un numismate.“ Waddington war ein guter Münzenkenner und eifriger Sammler. Der zweite französische Bevollmächtigte, Mr. Desprez, der Direktor der politischen Abteilung im französischen Ministerium des Äußern, war ein älterer, gediegener, aber bescheidener und sehr reservierter P ; -'S*ä >*V ; f lv; if'' • LJk- |‘»<'*S' feil —«mliiii FERRY GEGEN DIE KIRCHE 501 Grade, das ihnen das kirchenfreundliche Gesetz von 1875 eingeräumt hatte, und regelte das höhere Unterrichtswesen. Die freien Lehranstalten durften nicht mehr den Titel „Universität“ oder „Fakultät“ führen, kein Mitglied einer nicht anerkannten Religionsgesellschaft sollte in Frankreich Unterricht erteilen dürfen. Nach der Vorlage des Herrn Jules Ferry sollte der Unterrichtsrat fortan aus fünfzig Mitgliedern bestehen, die sämtlich dem staatlichen Unterrichtspersonal angehören mußten. Die kirchlichen Elemente, die ihm bisher angehört hatten, vier Erzbischöfe oder Bischöfe, wurden ausgeschlossen. Die Anwendung des Artikels 7 des Gesetzes über die Freiheit des höheren Unterrichts hatte zur Folge, daß siebenundzwanzig Männer- Kongregationen, die achtundachtzig Häuser mit einem Personalbestände von fast zweitausend Mitgliedern besaßen, in Frankreich keinen Unterricht mehr erteilen durften. Unter ihnen die Jesuiten, die allein siebenundzwanzig Unterrichtsanstalten mit über achthundert Ordensmitgliedern besaßen. Die Zahl der Zöglinge, die in jenen achtundachtzig Häusern Unterricht erhielten, wurde auf über siebzigtausend berechnet. Die Frauen-Kon- gregationen, denen die Lehrbefugnis entzogen wurde, hatten bis dahin jährlich an zweihunderttausend Schülerinnen unterrichtet. Begreiflicherweise wurde die klerikale Partei in Frankreich durch diese Unterrichtsgesetze in sehr große Aufregung versetzt. Der Kardinal von Bordeaux eröffnete den Feldzug durch einen langen Hirtenbrief, der Erzbischof von Paris folgte mit einem bewegten Schreiben an die beiden Kammern, ein Petitionssturm gegen die Ferryschen Gesetzentwürfe wurde ins Werk gesetzt. In Paris bildete sich ein „Generalpetitionskomitee für Unterrichtsfreiheit“. Auf einem Diner bei dem Schweizer Gesandten Kern lernte ich den Berichterstatter für das Unterrichtsgesetz, den Abgeordneten Paul Bert, kennen. Ich hatte bei Tisch meinen Platz neben ihm erhalten. Er setzte mir mit großer Lebhaftigkeit und vollkommener Unbefangenheit seinen Standpunkt auseinander. Fürst Bismarck, meinte er, dessen große Talente er im übrigen nicht bestreiten wolle, habe im sogenannten Kulturkampf ganz falsch manövriert. Er habe gegen die römische Kurie, gegen die Bischöfe und sogar gegen den niederen Klerus Krieg geführt. Die Kurie sei, seitdem die Italiener sie von der Last der weltlichen Herrschaft befreit hätten, gar nicht mehr zu fassen. „Le Pape peut se cacher derriere le dos des ministres italiens qui sont aussi fourbes que lui. Aussi Pape et Italie s’entendent comme larrons en foire.“ Die Bischöfe aus ihrer Ruhe aufzuscheuchen, habe keinen Zweck, und die überwiegend demokratischen Cures müsse man möglichst wenig molestieren. „Nous ferons la guerre au bon Dieu et nous reussirons.“ Die Hauptsache sei, daß der Staat die Schule, mit ihr die Jugend und die Zukunft, in seine Hand bringe. In den öffentlichen Schulen müsse der Religionsunterricht gänzlich abgeschafft werden. Paul Bert über die Laizisierung 502 EINE ERNSTE NACHRICHT Höchstens dürfe geduldet werden, daß der Religionsunterricht außerhalb der Unterrichtsstunden und des Schulgebäudes von den betreffenden Kultusdienern erteilt würde, die sich aber hierbei den Anordnungen der zuständigen Schulbehörde zu fügen hätten. Nur die Kinder der Eltern, die ausdrücklich ein entsprechendes Gesuch gestellt hätten, dürften an diesem Religionsunterricht teilnehmen. Die Mitglieder religiöser Kongregationen, Orden und Vereine seien ebenso wie die Kultusdiener von den öffentlichen Schulen auszuschließen. Die Ordensleute dürften nur dann freie Schulen errichten und leiten, wenn sie die Staatsprüfung abgelegt hätten und wenn ihr Orden vom Staat anerkannt sei. Paul Bert schloß mit der Bemerkung, sein Ziel sei die Beseitigung des Religionsunterrichts und die Vertreibung der Ordensleute. Die letzteren seien für die Souveränität des Staats gefährlicher als der reguläre Klerus. „II faut lalciser la France.“ Davon hänge der Bestand der Republik und die Weltstellung Frankreichs ab. Dieses Ziel würde sich nicht von heute auf morgen erreichen lassen, aber schließlich werde es, wenn auch nach schweren Kämpfen, von der Republik erreicht werden. Die Opposition gegen die Schulgesetze habe nicht viel zu bedeuten. Sie finde in den breiten Massen keinen Rückhalt. „Chez nous le grand rire de Voltaire a balaye depuis longtemps la Superstition. Notre religion ä nous sera le patriotisme. Un patriotisme ardent, intransigeant, capable de tous lcs elans, pret ä tous les sacrifices. Cela vaut mieux que les momeries des capucins et les impostures des jesuites. La Science nous eclaire et nous guide, l’amour de la patrie nous anime, nous vaincrons.“ Ende August erhielt ich einen Brief meiner Mutter, der mich sehr ernst Urlaub nach stimmte. Sie schrieb mir, daß die Gesundheit meines Vaters ihr schwere Berlin Besorgnisse einflöße. Auf Rat des Hausarztes habe er eine mehrwöchige Kur in Gastein unternommen, die ihm gar nicht gut bekommen sei. Er leide an Schlaflosigkeit, starken Kopfschmerzen und, was sie am meisten beunruhige, an Schwindelanfällen. Meine Mutter bat mich, so bald wie möglich nach Berlin zu kommen. Nachdem ich Urlaub erbeten und erhalten hatte, traf ich in Berlin ein, wo mich mein Bruder Adolf, damals Premierleutnant bei den 1. Garde-Ulanen, am Bahnhof empfing. Was er mir eröffnete, bestätigte nur zu sehr die Sorgen meiner guten Mutter. Der auf Rat des Hausarztes zugezogene Professor Wilms, der leitende Arzt des großen Krankenhauses Bethanien, hatte meinem Bruder unter vier Augen nicht verhehlt, daß mein Vater infolge sechsjähriger Überarbeitung unbedingt einer längeren Erholung bedürfe. Professor Wilms hatte schließlich meinem Bruder gesagt: „Wenn Sie Ihren Herrn Vater, der kaum vierundsechzig Jahre alt ist, noch zehn oder zwölf Jahre behalten wollen, so bitten Sie ihn, seinen Abschied einzureichen und, fern den Geschäften und aller Politik, auf dem Lande nur seiner Gesundheit zu leben. Wenn er DER WENDEPUNKT 503 durchaus im Amte bleiben will, so muß er jetzt mindestens sechs bis acht Monate ausspannen.“ Mein Bruder fügte hinzu, daß mein Vater vorläufig weder von Urlaub noch gar von Rücktritt etwas hören wolle. Als ich meinen Vater aufsuchte, fand ich ihn körperlich sehr angegriffen. Er sah auch recht blaß aus. Geistig war er vollkommen gefaßt und klar. Von Ausspannen, setzte er mir mit ruhiger Bestimmtheit auseinander, könne jetzt nicht die Rede sein, denn unsere auswärtige Politik sei an einem Wendepunkte angelangt, der für die Geschicke des Vaterlandes wie der Welt für lange Zeit entscheidend sein würde. „Du weißt“, führte er weiter aus, „daß die persönlichen Beziehungen zwischen Bismarck und Gortschakow seit vier bis fünf Jahren leider keine guten sind. Die Hauptschuld trifft natürlich den alten Gortschakow mit seiner senilen Eitelkeit, seiner hämischen Bosheit. Aber auch unser großer Steuermann ist nicht ganz ohne Schuld. Er hat, wie du ja miterlebt hast, Gortschakow auf dem Berliner Kongreß zu schlecht behandelt. Seine demonstrative Bevorzugung von Peter Schuwalow war ein taktischer Fehler. Heftig, wie er nun einmal ist, ärgert Bismarck seitdem in allen Balkanfragen die Russen, um so Gortschakow zu strafen, und das, nachdem er während fünfzehn, ja eigentlich seit fünfundzwanzig Jahren stets erklärt hat, Preußen dürfe im Orient keine aktive und vor allem keine antirussische Politik treiben. Der gute alte Kaiser bedauert und mißbilligt in seiner ruhigen, verständigen Art diese Temperamentsausbrüche seines großen Kanzlers. Aber je älter er wird, um so schwerer wird es ihm, sich seinem genialen und stürmischen Berater zu widersetzen. Der Kaiser steht nun im Begriff, sich zu den großen Manövern nach Königsberg zu begeben. Da sich Alexander II. gerade in Warschau befindet, so hat der Kaiser den Feldmarschall Manteuffel dorthin entsandt, um den Zaren zu begrüßen. Ich halte das für ganz vernünftig, zumal Manteuffel das Vertrauen beider Kaiser besitzt.“ Am nächsten Tage traf die Nachricht ein, daß die beiden Kaiser sich in Alexandrowo, einem der preußischen Stadt Thorn gegenüber gelegenen russischen Grenzstädtchen, getroffen hatten. Die Begegnung war gut verlaufen. In einem Brief an Bismarck, der zu dieser Zeit zur Badekur in Bad Gastein weilte, hatte Kaiser Wilhelm in seiner redlichen Art unter anderm auch geschrieben: der Zar habe geäußert, die beiden Monarchen würden sich schon verständigen, wenn Bismarck „avec son temperament fougeux“ nicht immer wieder Streit mit dem alten Gortschakow suche. Er, der Kaiser Wilhelm, sei dieser irrigen Auffassung entgegengetreten und hoffe, seinen Neffen überzeugt und beruhigt zu haben. Mit seiner genialen Phantasie, seinem niemals schlafenden Argwohn erblickte Bismarck in diesem kaiserlichen Brief den Beweis dafür, daß von russischer Seite auf seinen Sturz hingearbeitet würde, daß sein präsumtiver Nachfolger Bülouis Vater leidend und besorgt Die Begegnung von Alexandrowo 504 BISMARCKS MISSTRAUEN Manteuffel im Bunde mit den „Reichsfeinden“, den Klerikalen und Demokraten, solche Intrigen unterstütze und daß der alte Kaiser schon ins Schwanken geraten sei. Sein Mißtrauen und sein Zorn wurden noch durch ein Interview verstärkt, das Gortschakow im Hotel de l’Europe in Baden- Baden, seinem Lieblingsaufenthalt im Herbst, einem Franzosen, und noch dazu einem Redakteur des orleanistischen „Soleil“, also dem Vertreter der Bismarck verhaßtesten französischen Richtung, gewährt hatte. Gortschakow hatte sich über die Angriffe beschwert, die von der deutschen offiziösen Presse gegen ihn gerichtet würden, einen mehr als einundachtzig- jährigen Mann, der schon seit vierundzwanzig Jahren die auswärtige russische Politik leite. Ein von Berlin aus inspiriertes Blatt werfe ihm vor, daß seine Politik auf Stelzen ginge. Solche Injurien verdanke er, Gortschakow, ohne Zweifel seiner Freundschaft für Frankreich, aus der er niemals ein Hehl gemacht habe. Er habe schon zu Herrn Thiers und zum Herzog Decazes gesagt, was er auch jetzt den französischen Staatsmännern sage: „Seid stark! Das ist für eure eigene Sicherheit und für das europäische Gleichgewicht unerläßlich.“ Gortschakow hatte dem Franzosen noch gesagt, daß er dem Fürsten Bismarck seine für Rußland unbequeme wirtschaftliche Politik in keiner Weise übelnehme, denn die Deutschen hätten das Recht, in wirtschaftlichen Fragen nur auf deutsche Interessen Rücksicht zu nehmen. Uber die Zusammenkunft von Alexandrowo hatte der russische Kanzler bemerkt: „Die beiden Souveräne lieben und schätzen einander sehr, und dies wird gewiß genügen, um manche Schwierigkeiten zu beseitigen und die leichten Differenzen, die sich hier und da ergeben könnten, auszugleichen.“ XXXVI. KAPITEL Vorbereitung des Bündnisses mit Österreich-Ungarn • Bismarck in Wien • Widerstand des Kaisers Wilhelm I. • Staatssekretär von Bülow über das Bündnis mit Österreich Unterzeichnung durch Wilhelm I. (15. X. 1879) • Abschiedsgesuch des Vaters • Unterredung mit Fürst Bismarck • Besuch Bismarcks beim Vater Bülow • Tod des Vaters in Frankfurt a. M. (20. X. 1879) • Beileid Kaiser Wilhelms • Leichenfeier in Berlin Der Winter in Paris • Im Hause Hohenlohe S o lag in ihren großen Linien die Situation, als Fürst Bismarck zu dem Bündnis mit Österreich-Ungarn schritt. Er operierte mit der gewaltigen und blitzschnellen Entschlossenheit, durch die er, den einzigen Napoleon I. ausgenommen, alle Monarchen und Staatsmänner des neunzehnten Jahrhunderts übertraf. Nach wiederholten Konferenzen mit dem österreichungarischen Minister des Äußern, dem Grafen Gyula Andrässy, der ihn in Gastein aufgesucht hatte, begab sich der deutsche Kanzler direkt nach Wien. Kaiser Franz Josef unterbrach seine Jagden und empfing in der Wiener Hofburg den gewaltigen Mann, der Österreich aus Deutschland vertrieben hatte, um das Haupt der Hohenzollern mit der deutschen Kaiserkrone zu schmücken, die Habsburg fast sechs Jahrhunderte trug. Nachdem sich Bismarck schon in Gastein mit Andrässy über Inhalt und Form des zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn abzuschließenden Bündnisvertrages verständigt hatte, Unterzeichnete Kaiser Franz Josef nach einer langen Unterredung mit Bismarck den zwischen den beiden Ministern vereinbarten Bündnisvertrag. Es fehlte nur noch die Unterschrift des Deutschen Kaisers. Sie zu erlangen, hat große, sehr große Mühe gekostet. Vor der Abreise aus Berlin zu seinem gewohnten Herbstaufenthalt bei seiner Tochter, der Großherzogin Luise, in Baden-Baden, hatte Wilhelm I. mehrere ernste Konferenzen mit meinem Vater. Dieser nahm, obschon körperlich sehr leidend, in wahrhaft heroischer Weise seine letzten Kräfte zusammen, um den Kaiser von der Notwendigkeit der Unterzeichnung zu überzeugen. Mir sagte mein Vater, bevor er an diese schwere Aufgabe ging: „Nachdem Bismarck nun einmal den Vertrag mit Andrässy in Gastein vereinbart und in Wien die Unterschrift des Kaisers Franz Josef erbeten und erhalten hat, muß die Sache zum Abschluß gebracht werden. Ich sehe ganz von meinen Bismarck beim Kaiser Franz Josef Vor Wilhelms Unterschrift 506 BISMARCKS JÄHER VORSTOSS persönlichen Beziehungen zu Bismarck ah, die es ausschließen, daß ich den von mir bewunderten und geliebten großen Freund in diesem entscheidenden Moment im Stiche lasse. Aber auch rein sachlich betrachtet würden wir in eine unmögliche Situation geraten, wenn Kaiser Wilhelm nicht unterschreibt. Bismarck tritt dann zweifellos zurück, in Deutschland würde begreifliche allgemeine und tiefgehende Erregung, die schlimmste Konfusion entstehen. Was würde aus unserm Verhältnis zu Österreich werden? Wir würden die Braut sitzenlassen nach erfolgter und allgemein bekanntgewordener Verlobung, unmittelbar vor der Hochzeit! Rußland würde sich, gereizt und mißtrauisch, aber nicht wirklich eingeschüchtert, von uns ab- und gegen uns wenden. Und die Franzosen? Es wäre das Chaos! Wir müssen über die Stromschnelle hinweg in der Hoffnung, daß unser großer Schiffer uns auch diesmal mit seiner genialen Geschicklichkeit bald wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern wird.“ Fest entschlossen, auch in dieser Schwierigkeit zu seinem alten Freund Bismarck zu stehen und ihn mit voller Hingebung zu unterstützen, hatte mein Vater doch mehr als bei früheren Gelegenheiten innere Zweifel an der Richtigkeit des von Bismarck eingeschlagenen Weges und vor allem hinsichtlich des stürmischen Tempos, mit dem dieser Weg beschritten wurde. Während ich an seinem Schreibtisch saß, führte mein Vater halb in Die Monologen, halb in Auseinandersetzungen, die mich orientieren sollten, Schwenkung nachstehendes aus. Ich möchte für jedes Wort seiner Ausführungen ein- u Österreich- s t e hen, die mir mit besonderer Lebhaftigkeit im Gedächtnis geblieben sind: Ungarn ^jjismarcks y ors toß gegen Rußland erfolgt ab irato, und darum finde ich seine Schwenkung zu Österreich zu abrupt. Ich sage das sine ira et Studio, quorum causas procul habeo. Ich habe viele Jahre meines Lebens im großdeutschen Lager gestanden. Preußen war mir, bevor ich 1867 nach Berlin kam, nicht unbedingt sympathisch. Du wirst dich erinnern, daß ich vor gerade zwei Jahrzehnten, 1859, während des Österreichisch-Französischen Krieges, mit meinem Herzen ganz auf österreichischer Seite stand. Als du damals, ein kleiner Junge, in Frankfurt a. M. mir ein Extrablatt mit der falschen und hinterher dementierten Nachricht von einem großen österreichischen Siege bei Magenta überbrachtest, schenkte ich dir aus Freude einen Gulden. In derselben Zeit hat sich Bismarck als preußischer Gesandter in St. Petersburg dort über die österreichischen Niederlagen in der Lombardei ohne Zweifel aufrichtig gefreut. Deine gute Mutter trug damals mit Vorliebe schwarz-gelbe Toiletten. Außerhalb Preußens schwärmte in Deutschland eigentlich alles für das alte Österreich, an Ehren und an Siegen reich. Vier Jahre später war die über ein gemeinsames Handeln gegenüber der polnischen Insurrektion mit Rußland abgeschlossene Militärkonvention für Bismarck der Ausgangspunkt seiner großen Politik, die uns über Königgrätz IGNORIERTE GEFÜHLSMOMENTE 507 nach Versailles führte. Ohne wohlwollende russische Neutralität war weder 1864, noch 1866, noch insbesondere 1870/71 möglich. Wenn unsere offiziöse Presse jetzt zu beweisen sucht, daß Rußland, als es Sechsundsechzig und Siebzig eine für uns freundliche Neutralität beobachtete, nur sein eigenes Interesse wahren wollte und nicht aus altruistischen, sondern aus rein egoistischen Motiven handelte, so trifft das doch nicht ganz zu. Jedenfalls nicht für Kaiser Alexander II. Dessen preußenfreundliche Haltung ging zu sehr großem Teil aus Liebe und Verehrung für seinen Oheim, den König Wilhelm, hervor, aus Pietät für seine verstorbene Mutter, die Prinzessin Charlotte von Preußen, aus der Erinnerung an die preußisch-russische Waffenbrüderschaft von 1813 bis 1815, an die jahrzehntelangen innigen Beziehungen nicht nur zwischen beiden Dynastien, sondern auch zwischen den beiden Staaten. Bismarck ignoriert jetzt geflissentlich und zu sehr die Gefühlsmomente, die auch der Realpolitiker in Rechnung stellen muß. Denke zurück an die persönliche Haltung des Kaisers Alexander II. während des ganzen Deutsch-Französischen Krieges, an die herzlichen Glückwünsche, die er nach jedem deutschen Siege an seinen alten Oheim gelangen ließ, an die Georgskreuze, die er nach dem Kriege nicht nur an seine preußischen Regimenter, sondern in der ganzen deutschen Armee verteilen ließ. Bis heute bringt der Zar an jedem 18. August im Lager von Krasnoje-Selo, unbekümmert um die Anwesenheit des französischen Militärbevollmächtigten, einen Toast auf die preußische Garde aus, die sich bei Saint-Privat mit Ruhm bedeckt habe, und auf das Kaiser-Alexander- Garde-Grenadier-Regiment, dessen Chef zu sein der Stolz seines Lebens sei. Ich wiederhole dir, daß ich eine Annäherung an Österreich richtig finde, aber ich hätte sie ruhiger gewünscht. Nun, gerade der geniale Mensch hat Fehler, die die Kehrseiten seiner großen Eigenschaften sind. L’homme a les defauts de ses qualites. Bismarck läßt sich so sehr von seinem Zorn hinreißen, daß er glaubt, Alexander II. habe ihn, von Manteuffel dazu ermuntert, bei Wilhelm I. verdächtigen wollen und damit einen gewissen Erfolg erzielt. Als ob unser guter alter Kaiser gerade gegenüber seinem großen Kanzler nicht die Loyalität selbst wäre.“ Um den Widerstand des Kaisers gegen das Bündnis mit Österreich zu überwinden, wurde der Vizepräsident des Staatsministeriums, der damalige Graf, spätere Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode, nach Baden- Baden geschickt. Stolberg, der mir, wie ich schon erwähnte, in Wien ein gütiger Chef, später und bis zu seinem zu frühen Tode ein wohlwollender Freund und Gönner war, hat mir oft erzählt, wie schwer es ihm geworden sei, den letzten Widerstand des alten Kaisers zu überwinden. In seiner inneren Erregung habe der sonst so ruhige und gemessene Greis einmal so heftig auf den Tisch geschlagen, daß die Tinte im Tintenfasse hoch Graf Otto Stolberg wird zum Kaiser geschickt 508 DIE UNTERZEICHNUNG aufspritzte. In ergreifender Weise habe der gute alte Herr an die vielen und teuren Erinnerungen appelliert, die ihn mit Rußland verbänden, an die Freundschaft seiner beiden Eltern mit Alexander I., an seine eigene lebenslängliche Freundschaft mit Nikolaus I., an die treue Anhänglichkeit, die ihm sein Neffe, Alexander II., stets bewiesen habe. Er habe aber dabei nachdrücklich betont, daß sein Widerstand gegen eine so unvermittelte und rasche Schwenkung unserer Politik durchaus nicht allein auf sentimentale Reminiszenzen noch überhaupt auf Gefühlsmomente zurückzuführen sei. „Bei guten Beziehungen mit Rußland sind wir alles in allem et tout bien pese überwiegend gut gefahren“, habe der Kaiser mehrmals wiederholt. Stolberg fügte hinzu: „Bei aller meiner Freundschaft für Österreich, wo ich mich als Botschafter sehr wohl gefühlt habe, konnte ich mich doch nicht des Eindrucks erwehren, daß aus den Ausführungen unseres alten Herrn eine in sechzigjähriger Erfahrung gereifte Weisheit sprach.“ Endlich, am 15. Oktober, Unterzeichnete Kaiser Wilhelm I. das Bündnis mit Österreich. Kurz nach der Unterzeichnung äußerte er in bitterer Stimmung zu seinem treuen Flügeladjutanten, dem Grafen Heinrich Lehndorff: „Wenn ich an meinen Schwager Nikolaus, an meine Schwester Charlotte, an Tauroggen, an Kalisch und Breslau, an Möckern, an Groß-Görschen, Bautzen, Kulm, an die Völkerschlacht bei Leipzig, wenn ich an all das zurückdenke, so komme ich mir wie ein Pleutre vor.“ Nach seinem Grundsatz, daß, wenn Not am Mann ist, alle Hunde Fabrizierte Laut geben müßten, hatte Fürst Bismarck, um den Widerstand des alten Zuschriften an Kaisers zu überwinden, einen gewaltigen Pressesturm organisiert. Ich wurde die Presse ^ ,} em zu (ji esem Zweck eingerichteten außerordentlichen Preß-Dezernat beschäftigt, das Radowitz leitete. Der Zweck des ganzen Presselärms war nicht, die Russen einzuschüchtern oder die Österreicher zu erfreuen. Der alte Kaiser sollte den Eindruck gewinnen, daß das ganze Land, von der Maas bis an die Memel, das Bündnis mit Österreich gutheiße und wünsche. Zu diesem Zweck verfaßten wir, Radowitz, der kleine Professor Aegidi, der geistvolle und feine Legationsrat Rudolf Lindau und ich, Zuschriften aus allen Teilen von Deutschland, die dem Kaiser als Ausdruck der öffentlichen Meinung und Stimmung vorgelegt wurden. Bei großer Weisheit, bei gesundem Menschenverstand, bei Klugheit und Scharfsinn in vielen Fragen stand Wilhelm I. dem modernen Pressetreiben und publizistischen Unfug beinahe naiv gegenüber. Er glaubte wirklich die Stimme des Landes zu hören, wenn die von uns fabrizierten Korrespondenzen ihm vorgelegt wurden. Wenn wir sie vom Rhein datierten, so ergingen wir uns in besorgten Wendungen darüber, daß, wenn das Bündnis nicht zustande käme, der grüne Rheinstrom vor französischen Überfällen nicht mehr sicher sein würde, was von Mannhein bis Düsseldorf Beunruhigung hervorriefe. In Beileidsbrief König Wilhelms (Kaiser Wilhelm I.) an die Mutter Bülows (zu Seite 508) Baden, 21. Oktober 1879 Nächst Ihnen, gnädige Frau, u. Ihrer Familie, hat wohl Niemand in Preußen ein näheres Anrecht auf Trauer als ich, auf eine gerechte Trauer, bei dem Hintritt Ihres Gemahls! Wenn ich es nicht aussprechen kann, was ich an ihm verlohren habe! tvas müssen Sie u. die Ihrigen empfinden!! Nicht nur den Staatsmann habe ich in dem Endschlafenen verlohren, sondern einen Freund, der mein ganzes Vertrauen besaß u. mit einer seltenen Hingabe sich dem schweren Wirkungskreise hingab, mit einer Umsicht, vermittelndem Sinn und Herzen, immer gleichem freiem Blick u. Entschluß, nach reiflicher Überlegung immer das Rechte treffend, so viele vereinte Eigenschaften ersetzen sich nicht so leicht, u. namentlich bei meinem hohen Alter sind solche Verluste kaum zu ertragen!! Möge Gott Ihnen diesen herben Schlag durch Ergebung in Seinen Willen tragen helfen, den Theilnahme ivolil lindern kann, aber der Allmächtige allein vernarben läßt! Ihr tieferschütterter König Wilhelm -Äiii k-iüiiU *< _ K IN BISMARCKS ARBEITSZIMMER 509 ad hoc verfertigten Korrespondenzen aus München, Stuttgart und Dresden shsen für :ußischen s Meister- eigte die kommen sdsgesuch isch eine inem da- snd neun her Platz inurrbart es durch- mzehnten jewaltige, ;sekretär. :dsgesuch mir mit kann gar n Urlaub. Sorge des lebhafter, und darf 3r Mutter Fürst mit juckte es. il: „Mein n Winter, n, bis ich .uge, sein Weiches, aß Sie so u Gnaden ine Lage, ■maten in harf, sehr erheblich schwach, „__adowitz‘\ Abschiedsgesuch von Bülows Vater jm** IN BISMARCKS ARBEITSZIMMER 509 ad hoc verfertigten Korrespondenzen aus München, Stuttgart und Dresden ~ ~ ’ chsen für eußischen 3 Meister- _ , , :eigte die kommen edsgesuch lisch eine ;inem da- end neun iber Platz hnurrbart les durch- inzehnten gewaltige, issekretär. edsgesuch i mir mit kann gar ;n Urlaub. Sorge des lebhafter, l und darf 1er Mutter Fürst mit zuckte es. ial: „Mein en Winter, en, bis ich \uge, sein t Weiches, daß Sie so zu Gnaden teine Lage, '.omaten in icharf, sehr e erheblich g schwach, Jladowitz“, Abschiedsgesuch von Biilotvs Vater IN BISMARCKS ARBEITSZIMMER 509 ad hoc verfertigten Korrespondenzen aus München, Stuttgart und Dresden wurde an die alten Sympathien der Bayern, Schwaben und Sachsen für die Donau-Deutschcn erinnert, in Zuschriften aus den östlichen preußischen Provinzen die Kosakengefahr recht grell an die Wand gemalt. Die Meisterschaft, mit der dieser Pressesturm organisiert worden war, zeigte die Bismarcksche Löwentatze. Sobald der Kaiser unterzeichnet hatte, ließ mich mein Vater kommen und beauftragte mich, sein von ihm selbst aufgesetztes Abschiedsgesuch Abschieds- dem Fürsten Bismarck zu überreichen, bei dem er telegraphisch eine gesuchvon Audienz für mich erbeten hatte. Der Fürst empfing mich in seinem da- Bulou,s maligen Arbeitszimmer, das später mir und meiner Frau während neun Jahren als Eßzimmer diente. Er forderte mich auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Groß, breitschultrig, schwer, mit dem buschigen Schnurrbart und den buschigen Augenbrauen, mit den großen, strengen, alles durchdringenden Augen, saß der größte deutsche Staatsmann des neunzehnten Jahrhunderts, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, der gewaltige, geniale Mann, mir gegenüber, dem kaum dreißigjährigen Legationssekretär. Nachdem er das mit Gesundheitsrücksichten begründete Abschiedsgesuch meines Vaters aufmerksam durchgelesen hatte, reichte er es mir mit den Worten zurück: „Von einem Rücktritt Ihres Herrn Vaters kann gar nicht die Rede sein, nicht einmal von einem mehr als dreimonatigen Urlaub. Ihr Herr Vater ist mir unentbehrlich.“ Unter dem Druck der Sorge des Sohnes um seinen lieben, guten Vater antwortete ich rascher und lebhafter, als es sich wohl geziemt hätte: „Durchlaucht, mein Vater kann und darf nicht im Dienst bleiben. Es geht um sein Leben. Ich habe meiner Mutter versprochen, fest zu bleiben.“ Einen Augenblick sah mich der Fürst mit verwunderten, mit erzürnten Augen an. Um seine Mundwinkel zuckte es. Ich hielt seinen zornigen Blick aus und wiederholte noch einmal: „Mein Vater muß aus der Tretmühle heraus, mindestens für diesen ganzen Winter. Ich habe meiner Mutter versprochen, nicht eher zurückzukommen, bis ich das erreicht habe.“ Der Gesichtsausdruck des Kanzlers veränderte sich, sein Auge, sein ganzes Mienenspiel bekam etwas Freundliches, fast Gerührtes, fast Weiches. „Es macht Ihnen Ehre, Herr von Bülow“, sprach er zu mir, „daß Sie so tapfer für die Wünsche Ihrer Frau Mutter eintreten, der ich mich zu Gnaden zu empfehlen bitte. Aber nun denken Sie sich auch einmal in meine Lage. Als Nachfolger für Ihren Herrn Vater kommen nur zwei Diplomaten in Frage: Radowitz und Paul Hatzfeldt.“ Er kritisierte beide scharf, sehr scharf, fast allzu scharf. Ich töne seine Worte bei ihrer Wiedergabe erheblich ab. Bismarck hat selbst gesagt, daß der Sinn für Anerkennung schwach, dagegen die Neigung zu tadeln stark bei ihm entwickelt sei. „Radowitz“, 510 DER KANZLER ÜBER SEINE MITARBEITER Bismarcks Krankenbesuch meinte er, „ist unzuverlässig. Niemand hat je gewußt, woher sein Vater eigentlich kam, ob er Wallache, Slowake oder ungarischer Jude war. Jedenfalls ist der Vater Radowitz Zögling einer französischen Militärschule gewesen und hat bei Leipzig auf französischer Seite gefochten. Später wußte er sich an Friedrich Wilhelm IV. heranzuschlängeln, der wie sein Großvater, Friedrich Wilhelm II., für Aventuriers ein Faible hatte. Unser jetziger Radowitz hat durch seine preußische Mutter, eine Voß, einen Schuß anständiges Blut im Leibe. Er ist in geordneteren Verhältnissen aufgewachsen als der Vater, aber Verlaß ist nicht auf ihn. (Ich töne ab.) Er hat kein Vermögen und eine russische, weltliche und unruhige Frau. Er ist ein guter Arbeiter, ein politischer Kopf ist er nicht. Das ist Paul Hatzfeldt. Dafür ist der faul und unwissend. Es fehlt ihm die sittliche Basis. Wenn Sie sehen wollen, wie innere Grundsatzlosigkeit (ich töne ab) in den Gesichtszügen eines Menschen zum Ausdruck kommen kann, so sehen Sie sich Paul Hatzfeldt an.“ Wieder schwieg der Fürst, dann fuhr er fort: „Wenn Sie erst älter sein werden, Herr vonBülow, werden Sie sehen, wie wenige Menschen gleichzeitig klug und anständig sind. Die anständigen Leute sind leider meist einfältig, und die klugen taugen oft nichts. Ihr Herr Vater ist klug, ist geschickt, und dabei ist er durch und durch ein Edelmann und ein Ehrenmann, darum trenne ich mich so sehr schwer von ihm.“ Der Fürst entließ mich mit dem Bemerken, daß er meinen Vater am nächsten Tage in Potsdam besuchen wolle. Die Stunde seiner Ankunft werde er noch telegraphieren lassen. Er wolle an der Bahn nicht abgeholt werden und meinen Vater nur in Gegenwart meiner Mutter sehen, ihn auch gewiß nicht ermüden noch aufregen. Am nächsten Tage fuhr der Fürst bei der von meinen Eltern in dieser Jahreszeit bewohnten Villa am Potsdamer Pfingstberg vor. Er war ohne Begleitung. Er trat sogleich in das Zimmer, wo mein Vater im Bett lag. Nachdem er ihn umarmt und geküßt hatte, begann er mit ihm und mit meiner am anderen Ende des Bettes sitzenden Mutter ein Gespräch über alte Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Frankfurter Zeit, an die er, wie er sich ausdrückte, zurückdenke wie unsere Großeltern Adam und Eva an ihr verscherztes Paradies. „Damals waren wir jung und zufrieden, jetzt sind wir alt und verdrießlich, wenigstens ich.“ Er sagte meinem Vater, daß er sein Abschiedsgesuch beim Kaiser unmöglich in Vorlage bringen oder gar befürworten könne. Der Kaiser würde das Gesuch auch gar nicht genehmigen. „Er hält von Ihnen ebensoviel wie ich, das heißt sehr viel. Reisen Sie also mit unbestimmtem Urlaub ab und bleiben Sie fort, so lange es für Ihre Gesundheit nützlich und notwendig ist, Sie wissen ja, wie sehr wir uns alle freuen werden, wenn Sie gesund zurückkommen.“ Dann umarmte er meinen Vater und küßte ihn nochmals auf beide Wangen, EINS IST NOT 511 küßte meiner Mutter die Hand und verließ die Villa. Nack Berlin zurück- gekekrt, ließ er mich zum Abendessen zu sich einladen. Mit der ihn nie verlassenden Natürlichkeit stellte er zunächst fest, daß er sich nicht erinnere, seitdem er Minister geworden wäre, außerhalb seiner Familie einen Krankenbesuch abgestattet zu haben. „Jedenfalls keinem meiner Kollegen!“ Er habe meinen Vater weniger schlimm gefunden, als er gefürchtet habe. Er sei guter Hoffnung für ihn. Er sei überzeugt, daß mein Vater aus Cannes, das er ihm als sein Reiseziel bezeichnet habe, zu unser aller und insbesondere zu seiner Freude ganz wiederhergestellt nach Berlin zurückkehren werde. Am nächsten Tage empfing mein lieber Vater aus den Händen des seit unserer Übersiedlung nach Berlin mit uns befreundeten Generalsuperintendenten Büchsei das heilige Abendmahl. Am 17. Oktober fuhr mein Vater mit meiner Mutter, meinem jüngsten, damals vierzehnjährigen Bruder Fritz und mit mir nach Frankfurt a. M., wo wir vor der Weiterreise nach Cannes übernachten wollten. Von so vielen Berliner Freunden und Bekannten war bei unserer Abfahrt nur einer an der Bahn, der Abgeordnete Eduard Lasker. Mein Vater drückte ihm die Hand mit den Worten: „Es rührt mich und es freut mich, daß gerade Sie gekommen sind, denn wir sind im Leben ziemlich verschiedene Wege gegangen.“ Lasker erwiderte mit einfacher und aufrichtiger Herzlichkeit: „Ich habe Eure Exzellenz stets verehrt und wollte Ihnen das durch mein Kommen zeigen und eine gute Reise und frohe Rückkehr wünschen. Was uns verbindet, ist stärker als das, was uns trennte.“ Während der Fahrt nach Frankfurt schlummerte mein Vater viel, dazwischen aber unterhielt er sich mit meiner Mutter und mit mir klar und gefaßt wie in seinen besten Tagen. Er sagte zu mir: „Vieles, was mich im Leben beschäftigt oder gar erregt hat, erscheint mir heute ziemlich unerheblich, verglichen mit dem einen, was nottut und was unser Herr Jesus Christus der guten Martha ans Herz legte.“ Meine Mutter lächelte wehmütig, weil mein Vater sie oft mit Martha verglich, die viel Sorge und Mühe hatte. „Eins ist not“, wiederholte mein Vater mehrfach, „daß der Wille werde stille und die Liebe heiß und rein.“ Bevor wir in Frankfurt ankamen, beauftragte mich mein Vater, einen recht schönen Blumenstrauß bei einem ihm aus seiner Frankfurter Zeit bekannten Blumenhändler für meine Mutter zu bestellen, die am nächsten Tage, dem 18. Oktober, ihren Geburtstag feierte. In der Nacht zum 18. Oktober wurde er von einem Schlaganfall gerührt. Als wir an sein Bett traten, hatte er Bewußtsein und Sprache schon verloren. Der herbeigerufene Arzt erklärte seinen Zustand für hoffnungslos. Mein Vater schien nicht zu leiden. Erst am 20. Oktober, in der Frühe, verschied er. Der Ausdruck seiner Züge war friedlich, die große, schön Biilows Vater stirbt 512 BEILEID WILHELMS I. UND BISMARCKS gewölbte Stirn trat mächtig hervor. Meine Mutter schloß ihm die Augen. Am nächsten Tage traf der nachstehende, eigenhändig geschriebene Brief des Kaisers aus Baden-Baden ein: „Nächst Ihnen, gnädige Frau, und Ihrer Familie hat wohl niemand in Preußen ein näheres Anrecht auf Trauer als ich, auf eine gerechte Trauer, hei dem Hintritt Ihres Gemahls! Wenn ich es nicht aussprechen kann, was ich an ihm verloren habe! Was müssen Sie und die Ihrigen empfinden!! Nicht nur den Staatsmann habe ich in dem Entschlafenen verloren, sondern einen Freund, der mein ganzes Vertrauen besaß und mit einer seltenen Hingabe, mit einer Umsicht vermittelndem Sinn und Herzen, immer gleichem freiem Blick und Entschluß, nach reiflicher Überlegung immer das Rechte treffend. — So viele vereinte Eigenschaften ersetzen sich nicht so leicht, und namentlich bei meinem hohen Alter sind solche Verluste kaum zu ertragen!! Möge Gott Ihnen diesen herben Schlag durch Ergebung in Seinen Willen tragen helfen, den Teilnahme wohl lindern kann, aber der Allmächtige allein vernarben läßt! Ihr tief erschütterter König Wilhelm.“ Bald nachher erhielt ich das nachstehende Telegramm des Fürsten Bismarck: „Legationssekretär von Bülow. Mit tiefem Schmerz habe ich Ihr Telegramm gelesen. Ich bitte, Ihrer Frau Mutter meine herzliche Teilnahme auszusprechen. Nächst Ihnen und den Ihrigen trifft mich der Verlust am härtesten, persönlich und amtlich. von Bismarck.“ Das Original dieses von Fürst Bismarck selbst niedergeschriebenen Telegramms hat mir Herbert Bismarck später zur Erinnerung an seinen großen Vater geschenkt. Im Laufe des Nachmittags erhielt ich ein Telegramm des Flügel- Jm Waggon adjutanten Grafen Lehndorff aus Baden-Baden, in dem es hieß, daß der auf Station Kaiser auf seiner Rückreise nach Berlin Frankfurt zwischen zwölf und Frankfurt e j n U} lr na chts passieren und während des zehn Minuten dauernden Aufenthaltes mich in seinem Waggon empfangen würde. Der Kommandant von Frankfurt, der General von Loucadou, holte mich um Mitternacht ab, um mich an die Verbindungsstation zu bringen. Als der kaiserliche Zug eingelaufen war, kam Graf Lehndorff auf mich zu und sagte mir: „Der Kaiser erwartet Sie in seinem Abteil. Er ist bis jetzt aufgeblieben, weil er Ihnen persönlich für Sie, Ihre Frau Mutter und Ihre Brüder seine inni ge Teilnahme aussprechen will. Treten Sie in den Wagen.“ Bismarcks Urschrift seines Beileidtelegramms an Bülow nach dem Tode von Bülows Vater (zu Seite 512) Leg. Sehr. v. Bülow Mit tiefem Schmerze habe ich Ihr Telegramm gelesen. Ich bitte Ihrer Frau Mutter meine herzliche Theilnahme auszusprechen. Nächst Ihnen und den Ihrigen trifft mich der Verlust am härtesten, persönlich und amtlich. v. B. 4/Z m£M. iff pw m//k 1 / jt If/Jr. Al L ///U W?i/m 'fri f~ i/- / £ y / ' f i IN DER MATTHÄIKIRCHE 513 Der Kaiser reichte mir die Hand. Ich habe in den Tagen nach dem Tode meines guten Vaters viele wohltuende Beweise von Mitgefühl erhalten. Aber niemand hat so herzlich, so teilnehmend, so gütig, so menschlich und dabei so königlich mit mir gesprochen wie unser alter Herr. Er hob noch einmal die ausgezeichneten dienstlichen und menschlichen Eigenschaften meines Vaters hervor, sein strenges Pflichtgefühl und seine Herzensgüte, die Festigkeit seiner Grundsätze wie seine vermittelnde und ausgleichende Art. Als ihm die bevorstehende Weiterfahrt des Zuges gemeldet wurde, entließ er mich mit den Worten: „Haben Sie immer das Vorbild Ihres Vaters vor Augen und w'andeln Sie in seinen Wegen, dann wird es Ihnen wohlgehen.“ Drei Tage später fand in Berlin die Trauerfeier für meinen Vater in der Matthäikirche statt, die meine Eltern seit ihrer Übersiedlung nach Berlin zu besuchen pflegten. Der Kaiser erschien mit allen Prinzen des königlichen Hauses. Mein Bruder Adolf und ich erwarteten Seine Majestät vor dem Eingang. Wir wurden auf gefordert, uns neben die königlichen Prinzen zu stellen. Prinz Karl, der einer Generation angehörte, die es mit dem militärischen Anzug sehr genau nahm, sagte zu mir, indem er auf seinen Sohn, den genialen Prinzen Friedrich Karl wies: „Er hat schon wieder nicht ganz vorschriftsmäßige Stiefel an.“ Auch der Kommandeur meines Bruders Adolf, der damalige Oberst des 1. Garde-Ulanen-Regiments, der spätere Chef des Großen Generalstabs, der hochbedeutende Graf Alfred Schlieffen, war gekommen. Ich sehe ihn noch vor mir mit dem ernsten, strengen, nachdenklichen Gesicht und dem Monokel im Auge. Als der Kaiser erschienen war, ging er auf meine Mutter zu, küßte ihr die Hand und nahm neben ihr Platz. Die Trauerrede des Generalsuperintendenten Büchsei ging mir zu Herzen und berührte mich wohltuend, denn aus ihr sprach jener feste Glaube, jene gewisse Zuversicht, die über das irdische Leid erhebt und dorthin weist, wo alle Tränen getrocknet werden sollen. „Weinen Sie nicht, liebe Frau von Bülow“, sprach, zu meiner Mutter gewandt, dieser ganz gläubige, grundehrliche, durch und durch echte Geistliche, der, bevor er Generalsuperintendent wurde, lange als Pastor segensreich in märkischen Dörfern seines Amtes gewaltet hatte, „warum weinen Sie? Während Sie hier weinen, blickt Ihr lieber Mann von oben freundlich auf Sie herab, dem es dort viel besser geht als uns hier unten.“ Nachdem ich meiner Mutter bei ihrer Übersiedlung nach Potsdam zur Seite gestanden hatte, wo sie ihren dauernden Wohnsitz nehmen wollte, kehrte ich auf meinen Posten nach Paris zurück. Noch vor meiner Abreise hatte sie ein Schreiben ihres Onkels, des Oberstkämmerers Grafen Wilhelm Redern erhalten, der ihr im Aufträge Seiner Majestät mitteilte, daß der Trauerfeier Wieder in Paris 33 UUlow IV 514 IN DER PARISER BOTSCHAFT Kaiser und König in treuer Erinnerung an ihren seligen Mann ihren zweiten Sohn, den Premierleutnant im 1. Garde-Ulanen-Regiment Adolf von Bülow, zum persönlichen Adjutanten des Prinzen Wilhelm von Preußen, des der- einstigen Trägers der Krone, bestimmt habe. Als ich in Paris eintraf, forderte mich in seiner gütigen Weise mein Chef, L6onille der Fürst Hohenlohe, auf, bei ihm in der Botschaft zu wohnen, da es mir Wittgenstein in meiner Trauer erwünscht sein würde, ruhig und unabhängig zu leben, was mir unter seinem Dach am leichtesten möglich sein würde. In seinem Hause weilten seine Schwiegermutter, Fürstin Leonille Wittgenstein, und sein jüngster Sohn, der damals siebzehnjährige Prinz Alexander. Ich denke gern an die stillen Abende zurück, die ich im Winter 1879/80 dort verlebte. Die Fürstin Leonille, die zweite Gemahlin des Fürsten Ludwig zu Sayn-Wittgenstein, war eine bedeutende Frau. Von Geburt Russin, eine Prinzessin Bariatinsky, war sie aus innerer Überzeugung zur katholischen Kirche übergetreten, an der sie mit Leidenschaft, aber ohne Unduldsamkeit und Engherzigkeit hing. Sie ist mir bis zu ihrem erst 1918, in ihrem hundert- unddritten Lebensjahr erfolgten Tode eine gütige Freundin und Gönnerin geblieben. Ein anderer Gast des Fürsten Chlodwig Hohenlohe war in diesem Winter Baron einer seiner früheren Vortragenden Räte, der Freiherr von Völderndorff, Völderndorff e j n ungewöhnlich kluger und gebildeter Beamter, der auch literarische Neigungen besaß und eine Reihe interessanter Essays kulturhistorischen Inhalts verfaßt hatte. Ich ging oft mit ihm in den Champs-Elysees spazieren. Als wir einmal über die Place de la Concorde schritten, unterhielten wir uns über die deutsche innerpolitische Lage und die Schwierigkeiten, die selbst einem so großen Staatsmann wie dem Fürsten Bismarck der Unverstand und die Kleinlichkeit der deutschen Fraktionen bereiteten. „Was soll erst aus uns werden, wenn früher oder später der Fürst Bismarck nicht mehr da sein wird ?“ meinte ich. Baron Völderndorff erwiderte mir, daß das Schicksal eines Volkes von über vierzig Millionen, dessen Bevölkerung überdies beständig zunehme, nicht auf einen einzigen Menschen gestellt werden dürfe, selbst wenn dieser Mensch so groß, so genial wäre wie unser Bismarck. „Aber wer soll ihn ersetzen?“ frug ich weiter. „Ich sehe niemand.“ Völderndorff meinte, daß niemand den Fürsten Bismarck ersetzen könne noch werde. Wir müßten aber lernen, uns auch ohne einen solchen Titanen zu behelfen. Wenn uns in nächster Zeit das große, das sehr große Unheil treffen sollte, Bismarck zu verlieren, so würde wohl Fürst Chlodwig Hohenlohe der gegebene Nachfolger sein. In dem Augenblick, wo wir den Pont de la Concorde betraten, fuhr nach einigem Besinnen Baron Völderndorff fort: „Und auch für später weiß ich einen Nachfolger, nicht für heute, aber in zwanzig Jahren. Sie selbst.“ Ich erwiderte: „Ich habe Sie bisher für NEUE FAHNEN 515 einen freundlichen und gütigen Mann gehalten. Aber jetzt erinnern Sie mich an die Hexen in Macbeth. ,Heil dir, Than von Glamis! Heil dir, Than von Cawdor!‘ “ Er lächelte und blieb bei seiner Ansicht. Alexander Hohenlohe hat mir später erzählt, daß sein Vater ihm bald nach meinem Dienstantritt in Paris gesagt hatte: „Sieh dir den jungen Bülow an, der kann einmal Reichskanzler werden.“ Am 14. Juli 1880, dem Tage, an dem einundneunzig Jahre früher die Bastille erstürmt und der nach dem endgültigen Siege der republikanischen Parade im Staatsform in Frankreich zum Nationalfesttag erklärt worden war, fand Bois de eine große Parade im Bois de Boulogne 6tatt. Auf dem Felde von Long- Boulogne champs übergab der Präsident der Republik Abordnungen aller Regimenter die neuen Fahnen. Auf ihnen waren die Siege der französischen Armee verzeichnet: Rocroy und Fontenay, Valmy und Jemappes, Arcole und Rivoli, Marengo und Austerlitz, Jena, Wagram, Isly, Inkerman, Magenta, Solferino, Puebla. So wurde dem französischen Volk das Bewußtsein seiner großen kriegerischen Traditionen lebendig erhalten, wie das die Pflicht jeder patriotischen, klugen und zielbewußten Regierung ist. Ich wohnte dem prächtigen Schauspiel in der Präsidentenloge bei. Die Truppen kamen gut vorbei. Der Enthusiasmus der nach vielen Tausenden zählenden Zuschauer war unbeschreiblich. Gewiß wollte Frankreich nach wie vor den Frieden, aber die stolze Seele des bis in die Knochen chauvinistischen und nationalistischen Volkes hatte sich nach der furchtbaren Erschütterung der „annee terrible“ wiedergefunden und blickte mit unbegrenzter Liebe und Vertrauen auf die Armee des Landes. Dieser Empfindung gab Gambetta Ausdruck, als er bei der glänzenden Flottenrevue, die im August in Cherbourg stattfand, erklärte, der leiden- Gambettas schaftliche Kultus des französischen Volkes für seine Armee, die alle Kräfte Bede in der Nation in sich vereinige, die sich aus dem reinsten Blut des Landes Cherbourg rekrutiere, entspringe der Notwendigkeit, Frankreich wiederaufzurichten, damit es seinen früheren großen Platz in der Welt wieder einnehme. Diese Rede wurde in Deutschland nicht mißverstanden. Kaiser Wilhelm I., dem jede Großsprecherei fernlag, der sich aber Ungebührlichkeiten nicht gefallen ließ, richtete am 2. September 1880, dem zehnten Gedenktage von Sedan, eine in ihrer ruhigen Würde wirkungsvolle Kundgebung an die Armee. Er spendete dem französischen Heer das Lob eines für seine ausgezeichneten Eigenschaften bekannten Heeres, gab seinem wärmsten Dankgefühl Ausdruck für die hochverehrten Männer, die in der Ruhmeszeit 1870/71 das deutsche Heer geführt hätten, erinnerte an die schweren, schmerzlich betrauerten Opfer, mit denen der Sieg erkämpft worden sei. Sein letzter Gedanke noch würde ein Segenswunsch für die Armee sein. Möge die Armee stets dessen eingedenk bleiben, daß sie nur dann große 33 » 516 DER KULISSENDIKTATOR VOR DER RAMPE Das Ministerium Gambetta Erfolge erringen kann, wenn sie ein Musterbild für die Erfüllung aller Anforderungen der Ehre und der Pflicht bleibe, wenn sie unter allen Umständen sich die strengste Disziplin erhalte, wenn der Fleiß in der Vorbildung für den Krieg nie ermüde, wenn auch das Geringste nicht mißachtet werde, um der Ausbildung ein festes und sicheres Fundament zu geben. Am 10. November 1881 reichte nach einer für ihn ungünstig verlaufenen Debatte über die Tunesische Expedition der Ministerpräsident Jules Ferry seine Entlassung ein. Der Präsident der Republik, Jules Grevy, beauftragte Gambetta mit der Neubildung des Kabinetts. Wie bei Schiller die Fürstin- Mutter von Messina, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, folgte Gambetta dieser Aufforderung. Er würde es bei weitem vorgezogen haben, sich noch einige Zeit zurückzuhalten. Aber er fühlte, daß angesichts der um sich greifenden Mißstimmung über seine Kulissendiktatur (gouvernement occulte) ihm keine andere Wahl blieb, als vor die Rampe zu treten. Alle Welt erwartete ein großes Kabinett (le grand ministere). Die Bildung eines solchen gelang Gambetta jedoch nicht, da keiner der hervorragenden Politiker, an die er sich wandte, Jules Ferry und Leon Say, Henri Brisson und Rene Goblet, Humbert und Tirard, Lust zeigte, in seinen Kahn zu steigen. Seihst Freycinet, sein vertrauter Mitarbeiter in der Regierung der Nationalverteidigung, gab ihm einen Korb. So bildete er rasch entschlossen ein Kabinett aus persönlichen Freunden: Waldeck-Rousseau erhielt das Innere, der später viel genannte Rouvier Handel und Kolonien, Gambetta selbst übernahm mit dem Präsidium das Ministerium des Äußern. Zum Unterstaatssekretär bestimmte er einen seiner Intimen, Eugen Spuller. Der war der Sohn eines eingewanderten Badeners, aber im Departement Cote d’Or geboren, wo der beste Burgunderwein wächst, und ein waschechter, sehr chauvinistischer Franzose. Das verhinderte die Opposition nicht, den armen Spuller als „Badois“ zu verhöhnen und zu verdächtigen. Als Kabinettschef wählte sich Gambetta Herrn Joseph Reinach, der, als Sohn israelitischer Eltern in Frankfurt a. M. geboren, sich nach seiner Einwanderung in Frankreich durch leidenschaftlichen französischen Nationalismus hervortat und bis heute hervortut. Kurz nach der Bildung des neuen Kabinetts fand Gambetta zu Ehren in der Deutschen Botschaft ein großes Diner statt. Der neue Ministerpräsident begrüßte mich mit alter Freundlichkeit. Er sah müde und abgespannt aus. Henri Rochefort, der einst gegen das Second Empire Schulter an Schulter mit Gambetta gekämpft hatte, war jetzt sein giftiger Gegner geworden. Er hatte den von Gambetta nach Tunis entsandten Ministerresidenten Rousten derartig verdächtigt, daß der angegriffene Beamte gegen ihn Klage erheben mußte. Im Prozeß kam allerhand Unerfreuliches zur Sprache, das zu neuen Angriffen gegen Gambetta führte. Als er mich nach Leon Gambetta, französischer Ministerpräsident W| VITELLIUS 517 Tisch beiseite nahm, sagte er mir: „Sie sehen, wie infam ich angegriffen werde und von welchen Kanaillen!“ Mit melancholischem Lächeln fügte er hinzu: „Ich habe Ihnen, mein junger Freund, gelegeutlich prophezeit, daß Sie einmal an der Spitze der Regierung Ihres Landes stehen könnten. Wenn das eintreten sollte, so vergessen Sie nicht, daß die Politik ein schmutziges Gewerbe ist und daß man von den meisten Politikern gar nicht niedrig genug denken kann, namentlich wenn sie Parlamentarier sind.“ Als mich Fürst Hohenlohe am nächsten Tage frug, welchen Eindruck ich von Gambetta gehabt hätte, erwiderte ich ihm: „II a du plomb dans l’aile.“ Frankreich ist ein Land, wo seit Voltaire, Beaumarchais und Paul Louis Courier der Witz eine große, bisweilen eine vernichtende Rolle gespielt hat. Seitdem er Minister geworden war, wurde Gambetta die Zielscheibe vieler schlechter, aber auch einiger guter und jedenfalls giftiger Witze. Einer steht mir in lebhafter Erinnerung. In einer bewegten Sitzung der Kammer wollte der Kriegsminister Campenon das Wort in einem Moment ergreifen, der Gambetta nicht opportun erschien. Um seinen Kollegen vom Reden abzuhalten, legte ihm Gambetta die Hand auf die Schulter. Ein Sozialist schrie dem Kriegsminister zu: „Obeissez ä Cesar!“ Als er dafür zur Ordnung gerufen wurde, replizierte er: „Je retire Cesar et je mets Vitellius.“ Seitdem wurde Gambetta von der oppositionellen Presse Vitellius genannt, in Anspielung auf den als Prasser berüchtigten, unwürdigsten aller römischen Cäsaren. Der deutsche Demokrat liebt es, durch spießbürgerliche Manieren, hier und da auch durch knotiges Auftreten den „Volksmann“ zu markieren. Dagegen haben die romanischen wie die englischen Demokraten seit jeher die Tendenz gehabt, sich die Formen der guten Gesellschaft, ihre Gewohnheiten, hier und da sogar ihre mehr oder weniger empfehlenswerten Passionen anzueignen. Gambetta, der das Wort von der „Republique Athenienne“ geprägt hatte, wollte auch in seiner Lebensführung lieber an Perikies als an Kleon erinnern. In einem Lande, das sich rühmt, die Heimat des Brillat-Savarin und der raffiniertesten Gastronomie zu sein, hielt er darauf, einen guten Koch zu haben. Dieser Koch hieß Trompette. In zahlreichen Artikeln und Karikaturen wurde Trompette, der Leibkoch des ehemaligen Volkstribunen, grausam verhöhnt. Am 26. Januar 1882 lehnte die Kammer die von Gambetta vorgeschlagene Verfassungsrevision ab. Gambetta reichte sofort seine Ent- Gambettas lassung ein, und Grevy beauftragte Freycinet mit der Neubildung der Sturz Regierung. Dieser konstruierte ein Kabinett, in dem Leon Say, Jules Ferry und Humbert Portefeuilles übernahmen, nachdem sie sich Gambetta nicht hatten unterordnen wollen. Die Koalition, die Gambetta stürzte, wurde von Clemenceau geführt, der zu diesem Zweck ein Bündnis zwischen der 518 LfiONIE LfiON T radikalen äußersten Linken und der Rechten zustande gebracht hatte. Freycinet, der nicht ohne Absicht einen gewissen Gegensatz zu Gambettas mehr selbstherrlichem Auftreten markierte, stellte sich der Kammer mit einer demütigen Rede vor, in der er erklärte, daß die neue Regierung voll „deference“ für die Volksvertretung sei, ohne die sie „nichts vermöchte“. Einige Wochen nach seinem Sturz ließ mich Gambetta zu sich bitten. Gambettas Tod Ich fand ihn in weit heitererer Stimmung, auch besser aussehend als bei jenem Diner auf der Deutschen Botschaft während seiner Ministerzeit. Lächelnd sagte er zu mir: „Es ist nett von Ihnen, daß Sie einen Toten besuchen. Ich bin allerdings nur scheintot. Ich gedenke es zu machen wie Lazarus, der nach einiger Zeit aus seinem Grabe auferstand, zu nicht geringem Erstaunen seiner Schwestern Maria und Martha. Ich bin erst vierundvierzig Jahre alt. Ich habe die Zukunft vor mir.“ So Gambetta im März 1882. Victor Hugo hat gesagt: „L’avenir est ä Dieu.“ Leon Gambetta hatte das „Media in vita“ nicht in sein Kalkül eingestellt. Er starb, kaum ein Jahr nachdem er als Ministerpräsident gestürzt worden war. Mitte Dezember 1882 verwundete er sich in seinem kleinen, bescheidenen Landhaus in Ville d’Avray bei Paris. Uber diesen Unfall kursieren noch heute allerhand Märchen. Der Sachverhalt, wie er mir unmittelbar nach dem Tode Gambettas von mehreren seiner Freunde übereinstimmend erzählt wurde, war viel weniger romantisch. Gambetta liebte seit über zehn Jahren eine anmutige und kluge Frau, Madame Leonie Leon, die seit langem von ihrem Gatten geschieden war. Sie hatte sich in Gambetta verliebt, als sie Anfang 1870 seiner hinreißenden Rede gegen das Plebiszit von der Galerie des Corps legislatif gelauscht hatte. Gambetta hätte sie gern geheiratet. Sie wollte aber als Katholikin keine zweite Ehe schließen, bevor ihre erste Ehe durch den Päpstlichen Stuhl aufgelöst worden wäre, wozu keine Möglichkeit vorlag. Während Gambetta im Garten seines Landhauses mit Madame Leon spazierenging, entlud sich ohne jedes Zutun von seiner oder ihrer Seite ein kleiner Revolver, den er in der Hand hielt. Die Kugel drang ihm in die innere Handfläche und den Vorderarm. Während er wegen dieser Verletzung das Bett hütete, ging eine chronische Blinddarmentzündung, an der er seit Jahren laborierte, plötzlich in ein akutes Stadium über. Ein Eiterdurchbruch führte zu einer allgemeinen Bauchfellentzündung, diese zum Tode. Durch einen rechtzeitigen chirurgischen Eingriff hätte er, wie mir von Ärzten sofort gesagt wurde, gerettet werden können. Er starb in der Neujahrsnacht 1883. Die Trauerfeier fand am 7. Januar statt. Ich habe selten eine imponie- Die Leichen- rendere Kundgebung mitangesehen. Wie bei der Leichenfeier für den armen feier Werther in Goethes unsterblichem Roman, so folgte auch hier kein Geistlicher, wohl aber Hunderttausende von Leidtragenden aus allen Parteien HOCH STRASSBÜRG! 519 und aus allen Ständen. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt Paul Derou- lede, der Präsident der Patriotenliga und Verfasser der „Chants d’un Soldat“. Er fuchtelte heftig mit den Armen und schrie: „Quand meme! Quand meme! Vive Strasbourg! Vive la revanche!“ Die Beisetzung koimte nicht in Paris erfolgen, da der einst aus Genua nach Frankreich eingewanderte Vater Gamhettas darauf bestand, daß die sterblichen Überreste seines großen Sohnes in Nizza ihre letzte Ruhestätte finden sollten. Vor dem Louvre, der von Karl V., dem Weisen, erbauten, von Franz I., Heinrich IV., Ludwig XIV., Napoleon I. und Napoleon III. vollendeten alten Hofburg französischer Herrscher, die so eng mit der französischen Geschichte verbunden ist, wurde Gambetta, dem Patrioten, dem Führer der „resistance ä outrance“, dem Kriegsverlängerer von 1870, ein Nationaldenkmal errichtet. Es stellt ihn in ganzer Gestalt dar, mit langen, im Sturm zurückflatternden Haaren, mit heftig in den Nacken zurückgeworfenem Kopf. Die starr ausgestreckte Hand zeigt ein fernes Ziel. Sie weist auf Straßburg, auf den Rhein. XXXVII. KAPITEL Die früher in Frankreich regierenden Familien • Das Haus Bonaparte • Die Orleans Der Herzog von Aumale • Spionage ■ Das Diplomatische Korps • Monsignore Czaki Der Prinz von Wales in Paris W ährend meiner Pariser Dienstzeit war den Mitgliedern der früher in Frankreich regierenden Familien der Aufenthalt in ihrer Heimat noch nicht verboten worden. Von dem Hause Bonaparte merkte man nicht viel. Der Prince Imperial, von den Gegnern seines Vaters einst „Lulu“ genannt, war, kaum dreiundzwanzig Jahre alt, in Südafrika bei einem Renkontre mit Eingeborenen elend verblutet. Seine Mutter, die Kaiserin Eugenie, gewann es in jedem Frühjahr über sich, Paris zu besuchen und sich in einem Hotel einzuquartieren, aus dem sie auf die Stätte blicken konnte, wo einst die Tuilerien gestanden hatten, auf den Garten, wo ihr Sohn als Kind fröhlich gespielt hatte. Sie hat den Weltkrieg noch erlebt und ein Jahr vor dessen Ausbruch meine Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, in deren Villa Mezzaratta bei Bologna besucht. Sie hatte diese seit dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges im Juli 1870 nicht wiedergesehen. Als sich die beiden alten Freundinnen nach so ungeheuren Ereignissen wiedersahen, brach die Kaiserin in Tränen aus und schluchzte laut. Sie hatte die stärkste, die einzige Hoffnung ihres Hauses begraben, denn was sonst an Bonapartes noch lebte, konnte nichts für die Zukunft versprechen. Nach dem Tode des armen „Lulu“ war „Pion-Pion“, der Prinz Jeröme Jfrdme Napoleon, Chef des Hauses Bonaparte geworden. Durch seine freigeistige Napoleon Richtung und mehr noch durch den Zynismus, mit dem er seine Gottlosigkeit affichierte, war er die „bete noire“ aller Frommen in Frankreich geworden, die vor vierzig Jahren einen größeren Einfluß ausübten als heute. Sein skandalöses Privatleben verstärkte noch die allgemeine Verachtung, die er sich durch seine Feigheit in allen französischen Kriegen, im Krim- Krieg, im Französisch-Österreichischen Krieg, im Deutsch-Französischen Krieg bei allen Parteien und in allen Klassen zugezogen hatte. Dabei war Plon-Plon durchaus nicht unbegabt. Ich bin ihm wiederholt begegnet. Er hatte äußerlich eine unverkennbare Ähnlichkeit mit seinem großen Oheim und war auch nicht ohne einen genialen Zug. Das erkannte Herbert PRÄTENDENTEN 521 Bismarck an, als er Plon-Plon im Winter 1892/93 in Rom im Hause meiner Schwiegermutter begegnete. Der Sohn des Prinzen Jcrome Napoleon, der 1862 geborene Prinz Victor, galt für einen Trottel. Noch 1848 hatte das unermeßliche Prestige des Namens Napoleon die Wiedererrichtung des Kaiserreiches unter dem phantastischen und innerlich schwachen Napoleon III. ermöglicht. Dreißig Jahre später hatte das Haus des großen Korsen nach menschlichem Ermessen für immer ausgespielt. Dagegen schien die Familie Orleans in der ersten Hälfte der achtziger Jahre bessere Aussichten zu haben. Sie lebte ungeniert in Paris, und ich bin ihren Mitgliedern oft in der Gesellschaft begegnet. Der damals kaum vierzigjährige Chef des Hauses, der Graf von Paris, war mehr seiner deutschen Mutter, einer mecklenburgischen Prinzessin, als seinem französischen Vater, dem brillanten Herzog Ferdinand von Orleans, nachgeschlagen, der 1842 durch einen Wagenunfall das Leben verloren hatte. Der Graf von Paris machte einen gediegenen, gebildeten, aber in keiner Weise glänzenden Eindruck. Es fehlte ihm der Panache, den der Franzose liebt. Sein Bruder, der Herzog Robert von Chartres, erinnerte mehr an den Urahn Henri IV, qui fit le diable ä quatre. Der Herzog galt für einen Kurmacher, hatte sich im Kriege von 1870/71 unter einem angenommenen Namen als einfacher Soldat gut geschlagen und kommandierte während meiner Pariser Zeit als Oberst ein Regiment Reitender Chasseurs. Der Herzog Louis von Nemours war stocktaub und ging ganz in brasilianischen Interessen auf, nachdem sein Sohn, der Graf von Eu, sich mit der Tochter und Erbin des Kaisers Pedro II. von Brasilien vermählt hatte. Dasselbe galt von dem Prinzen Franz von Joinville, der gleichfalls eine brasilianische Prinzessin zur Frau hatte. Der Herzog Anton von Montpensier, Gemahl einer Schwester der Königin Isabella II. von Spanien, war seit seiner Heirat zum Spanier geworden. Sehr sympathisch war die Herzogin Sofie von Alen^on, geborene Herzogin in Bayern, eine Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich und der Königin Maria Sofia von Neapel. Sie begrüßte mich, wenn sie mir begegnete, immer in deutscher Sprache und mit Freundlichkeit. Sie ist 1897 bei einem großen Brandunglück ums Leben gekommen, wo sie die anwesenden Männer durch ihre Kaltblütigkeit und ihren Mut beschämte. Der weitaus bedeutendste Sproß des Hauses Bourbon-Orleans war der 1822 geborene Herzog Henri von Aumale. Er hat mich zweimal mit einer Einladung nach seinem prächtigen Schloß Chantilly beehrt. Er machte die Honneurs in dem historischen Schloß der Familie Conde als Grandseigneur. Er behandelte mich jungen Mann mit derselben vollendeten Courtoisie wie die von ihm eingeladenen Generäle, seine alten Kameraden, und wie die Mitglieder der Academie-Fran^aise, der er selbst angehörte und der er später sein Schloß Chantilly hinterließ. Bei einem Rundgang durch das Schloß Die Familie Orleans Aumale 522 DIE EINGELADENEN VON CHANTILLY machte er mich auf ein lebensgroßes Porträt seines Großvaters aufmerksam, des Herzogs Ludwig-Joseph-Philipp von Orleans, der sich bekanntlich während der großen Revolution den Jakobinern anschloß, für den Tod seines Vetters und Königs, des armen Louis XVI. stimmte und bald nachher selbst guillotiniert wurde. Als er mir dieses Bild zeigte, meinte der Herzog von Aumale lächelnd: „Et voilä mon grand-pere, le citoyen Egalite.“ So hatte sich der ehemalige Herzog von Orleans als Jakobiner genannt. Zu seinen Gästen gewandt, fuhr der Herzog von Aumale fort: „Und wissen Sie, wie Philipp Egalite starb? Bevor er den'Todeskarren bestieg, bestellte er sein letztes Frühstück: Drei Dutzend Austern, beste Marennes, zwei Kotelette, eine Flasche Chablis. Wissen Sie, wie der Herzog angezogen war? Er fuhr zur Guillotine im grünen Frack mit weißer Piqueweste, gelben Hosen und spiegelblanken Stiefeln. Der große englische Historiker Carlyle hat es uns beschrieben. Mon grand-pere etait un bougre, mais il n’avait pas froid aux yeux.“ Unter den Eingeladenen in Chantilly befanden sich zwei Dichter: Edouard Pailleron, der Verfasser des Lustspiels „Le Monde oü l’on s’ennuie“, in dem der Salonphilosoph Caro auf das witzigste verhöhnt wurde, und Victorien Sardou. Der Spott Paillerons war berechtigt. Ich war selbst einmal zugegen, als bei der Fürstin Monia Ouroussow der Pseudophilosoph Caro den großen Philosophen Schopenhauer in Grund und Boden verdammte und sich hinterher herausstellte, daß er dessen grundlegende Schriften kaum kannte. Victorien Sardou, der ebenfalls zu den literarischen Freunden von Chantilly gehörte, hat dauerndere Spuren hinterlassen als Pailleron. Seine Lustspiele „La famille Benoiton“ und „Nos bons villageois“ sind meisterhafte Komödien und heute noch nicht veraltet. Sein „Rabagas“ ist vielleicht das Beste und Feinste, was seit Aristophanes gegen glatte Demokratie und unehrliche Demagogen gesagt wurde. Soll ich erzählen, wie ich, wenn auch nicht in geschäftliche, so doch in Major persönliche Beziehungen zu einem regelrechten Spion trat? Ich will es tun. von Villaume Homo sum; humani nihil a me alienum puto. Der Militärattache der Botschaft, Major von Villaume, frug mich eines Tages, ob ich ihm in einer für ihn wichtigen Angelegenheit einen Dienst erweisen wolle. „Die Sache ist etwas brenzlig“, meinte er dabei. Villaume war der Enkel eines Franzosen, der in eigentümlicher Weise zum Preußen geworden war. Er war nämlich Privatsekretär von Voltaire gewesen, als dieser sich mit seinem großen Gönner, dem König Friedrich II. von Preußen, überwarf. In seinem Ärger über Voltaire ließ der König den Sekretär verhaften und vor sich führen. Der Sekretär erschien in einem sehr eleganten Anzug. „Wie kommen Sic zu einem so glänzenden Anzug, so feinen Manschetten, einem so distinguierten Jabot?“ fuhr der König den Unglücklichen an. Dieser erwiderte mit Aplomb: „Voilä comment Mr. de Voltaire aime ä habiller ses gens.“ Der DER NÜTZLICHE RUMÄNE 523 große König, dem diese Sicherheit des Auftretens gefiel, sagte zu Villaume, er wolle ihm zeigen, daß der König von Preußen seine Sekretäre noch besser behandle als der boshafte Mr. de Voltaire die seinigen, und nahm ihn in seine Dienste. Der Enkel, der Major von Villaume, war ein tüchtiger, sehr rühriger Artillerieoffizier. Seine Bitte an mich war einigermaßen heikel. Es hatte sich bei ihm ein Rumäne gemeldet, der ihm Beweise dafür liefern wollte, daß der französische Generalstab in den Rheinlanden einen ausgedehnten Spionagedienst organisiert habe, um auf diese Weise Verbindungen mit deutschen Unteroffizieren und Bürobeamten anzuknüpfen. Major von Villaume fügte hinzu, seine Wohnung werde so sorgsam überwacht, daß er den Rumänen unmöglich selbst empfangen könne. Ob ich ihm meine Wohnung zur Verfügung stellen wollte? Das tat ich und empfing in dem eleganten Appartement, das ich von 1880 bis 1884 in der Rue Montaigne 71 bewohnt habe, den Wallachen. Dieser lieferte Villaume in der Tat die Beweise, daß es französischen Emissären gelungen war, eine Anzahl pflichtvergessener Deutscher zur Preisgabe wichtiger dienstlicher Geheimnisse zu verführen. Die Betreffenden haben, nachdem ihre Schuld unwiderleglich bewiesen war, die wohlverdiente längere Zuchthausstrafe abbüßen müssen. Mit dem Rumänen habe ich mich nach meinem Grundsatz, mich möglichst in jeder Richtung zu orientieren und so meinen Gesichtskreis zu erweitern und meine Menschenkenntnis zu vervollständigen, wiederholt eingehend unterhalten. Er erzählte mir vielerlei aus seinem bewegten Leben, wie spioniert würde und wie man es anfange, um nicht abgefaßt zu werden. Das Hauptfeld seiner Tätigkeit seien die Eisenbahnen, wo sich am leichtesten Bekanntschaften anknüpfen ließen. Als er sich von mir verabschiedete, gab mir der Rumäne seine Karte mit den Worten: „Man kann niemals wissen, wen man einmal brauchen kann und wofür. Hat doch einmal eine arme Maus einem großmächtigen Löwen aus der Not geholfen. Wenn ich Ihnen jemals nützlich sein kann, so verfügen Sie ganz über mich. Ihnen stehe ich zu jedem Dienst zur Verfügung.“ Von diesem Anerbieten habe ich keinen Gebrauch gemacht. Dagegen besitze ich noch einen schönen Stock, den er mir als Zeichen seiner persönlichen Wertschätzung schenkte und als Andenken an ihn zu behalten bat. Das Diplomatische Korps in Paris war sehr zahlreich. Bismarck pflegte scherzend zu sagen, Paris scheine der einzige wirklich gesunde diplomatische Das Posten zu sein. In allen anderen Städten klagten die Diplomaten über das Diplomatische Klima und wünschten eine Luftveränderung. Nur in Paris wollten sie alle Korps bleiben. Paris war und ist in der Tat eine wundervolle Stadt und mit Rom der Ort der Welt, wo es sich für Fremde am besten leben läßt. Wer große historische Erinnerungen sucht, die erlesensten Meisterwerke der Kunst, die Stadt, wo unter blauem Himmel hoch der Lorbeer steht, der gehe nach 524 EIN RENEGAT Rom, Byrons „city of the soul“. Wer das Schauspiel eines politischen Lebens genießen will, das immer neue Bilder bietet, wo um der Menschheit höchste Güter mit Leidenschaft, mit Geist und Witz gestritten wird, wo das öffentliche Leben an dramatischen Momenten reicher ist als in irgendeinem andern Lande der Welt, der suche Paris auf. Ich brauche kaum zu sagen, daß mir als Preußen und Deutschem das Brandenburger Tor ehrwürdiger ist als der Are de Triomphe oder der Triumphbogen des Konstantin und daß das Denkmal unseres großen Königs Fridericus Rex mehr zu meinem Herzen spricht als die Napoleon-Säule. Dies nur pro domo mea. Die vornehmste und dabei sympathischste Figur unter den nicht- Fürst Orlow deutschen Diplomaten in Paris war während meines dortigen Aufenthaltes der russische Botschafter Fürst Nikolai Orlow. Er hatte als junger Offizier 1854 im Krim-Kriege beim Sturm auf Silistria ein Auge verloren. Die schwarze Binde über dem fehlenden linken Auge gab dem hochgewachsenen Mann einen martialischen Anstrich und machte ihn zu einer der interessantesten Erscheinungen der Pariser Gesellschaft. Fürst Orlow war seit Jahren mit dem Fürsten Bismarck durch gegenseitige Achtung und herzliche Freundschaft verbunden. Die Fürstin Orlow, eine vornehme und charmante Dame, war außer der Großfürstin Helene Pawlowna wohl die einzige Frau, mit der sich Fürst Bismarck gern über Politik unterhalten hat. Unter den Sekretären der Russischen Botschaft waren zwei, mit denen mich das Leben noch öfter zusammengeführt hat. Graf Kapnist wurde später russischer Vertreter beim Päpstlichen Stuhl, dann Botschafter in Wien, Graf Michael Nikolajewitsch Murawjew Botschaftsrat in Berlin, Gesandter in Kopenhagen und schließlich russischer Minister des Äußern. Wie Fürst Orlow der sympathischste, so war der österreichisch-ungarische Graf Beust Botschafter Graf Beust die kläglichste Figur im Pariser Corps diplomatique. Er sah aus, als ob er sich nie gewaschen hätte. Trotzdem hielt er sich für einen schönen Mann und war namentlich stolz auf seine kleinen Füße. Er setzte sich gern so, daß alle Welt seine Füßchen bewundern konnte. In Gesellschaft sang er am Klavier ein von ihm selbst verfaßtes und komponiertes Gedicht auf seine Entlassung als österreichisch-ungarischer Reichskanzler, dessen Refrain lautete: Mein Herz bleibt den Freunden, den Lieben getreu, Verzeihung den Feinden, der Kampf ist vorbei. In Wirklichkeit hat der Verfasser dieses sentimentalen Liedes seinen Feinden und namentlich dem Fürsten Bismarck niemals verziehen. Er hetzte in Paris, wo er konnte, gegen das Deutsche Reich und trieb sein Renegatentum so weit, daß er Stammgast im Salon der größten Deutschenfeindin, der berüchtigten Madame Edmond Adam (Juliette Lamber), der BEUSTS HYPOTHESE 525 Herausgeberin der chauvinistischen Zeitschrift „Nouvellc Revue“, wurde. Als Geschäftsträger mußte ich Beust von Zeit zu Zeit aufsuchen. Er sprach ungern über aktuelle diplomatische Fragen, die ihn gar nicht interessierten, kam aber immer wieder auf die Zeit von 1848 bis 1866 zurück. Dabei erging er sich gelegentlich in geradezu skurrilen Betrachtungen. Unter Hinweis darauf, daß die Familie Beust aus der Havelberger Gegend stammte, also aus der Mark Brandenburg, Bismarck aber in den fünfziger Jahren sich angeblich mit dem Gedanken getragen habe, Minister des blinden Königs Georg V. von Hannover zu werden, sagte er mir: „Wenn ich, Beust, leitender preußischer Staatsmann geworden wäre, Bismarck aber hannoverscher Minister, so würde ich mit ihm noch ganz anders umgesprungen sein wie er mit dem armen Grafen Adolf Platen.“ Er schien gar nicht zu fühlen, wie lächerlich diese Hypothese war. Beust wurde erst 1882 in den wohlverdienten Ruhestand versetzt. Den Anstoß zu seiner Entlassung gab ein Inkognitobesuch der Kaiserin Elisabeth von Österreich in Paris. Bei ihrer Rückkehr sagte sie ihrem hohen Gemahl, dem Kaiser Franz Josef, daß er sich nicht länger von einem ridikülen und dabei bösartigen Menschen wie dem Grafen Friedrich Ferdinand Beust in einer europäischen Großstadt vertreten lassen dürfe. Erster Sekretär der Österreichisch-Ungarischen Botschaft war unter Beust Graf Agenor Goluchowski. Wir sollten später gleichzeitig Gesandte in Bukarest und darauf, ebenfalls gleichzeitig, Minister des Äußern werden. Der englische Botschafter, Lord Lyons, war neben Hohenlohe und dem Fürsten Orlow der distinguierteste Botschafter in Paris. Wie die meisten Lord Lyons Engländer, beurteilte er alles, die wichtigen und die kleinen Fragen, ausschließlich vom englischen Standpunkt aus. Bei einem großen Diner in seinem Hause setzte er den Attache der Deutschen Botschaft, den Erbprinzen Erui von Hohenlohe-Langenburg, über alle französischen Minister und sogar über die andern Botschafter. Er motivierte das damit, daß der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg ein Großneffe Ihrer Majestät der Königin Victoria sei und deshalb allen vorzugehen habe. Italienische Botschafter waren während meiner Dienstzeit in Paris zwei Männer, die eine große Rolle in der Geschichte ihres Landes gespielt hatten. Der General Enrico Cialdini, Herzog von Gaeta, hatte 1848 und 1859 gegen Österreich gekämpft, 1860 die von dem französischen General Lamoriciere geführten päpstlichen Truppen bei Castelfidardo geschlagen und 1861 die Festung Gaeta, den letzten Zufluchtsort der neapolitanischen Bourbonen, zur Kapitulation gezwungen, Graf Menabrea war in den sechziger Jahren erst Marine- und dann Bauten-Minister gewesen, von 1867 bis 1869 mit Auszeichnung Ministerpräsident. Er stammte, wie Blanc, Pelloux, Barral und andere führende Männer des modernen Italien und wie die italienische l 526 DIPLOMATIE UND BALLETT Dynastie selbst, aus Savoyen. Von seinen Sekretären sollte Avarna Botschafter in Wien, Bollati Botschafter in Berlin werden. Beide vorbildlich pflichttreue, kluge und geschickte Diplomaten. Eine originelle Figur war der Herzog spanische Botschafter, der Herzog Fernan Nunes. Von Gehurt Italiener, von Nunes aus dem lombardischen Adelsgeschlecht Falco d’Adda, hatte er durch seine Heirat mit einer reichen spanischen Erbin die spanische Staatsangehörigkeit und mit ihr die spanische Grandezza erworben. Er interessierte sich lebhaft für junge Damen vom Ballett. „J’aime“, pflegte er zu sagen, „ä proteger les beaux arts.“ Da seine Gattin zwar sehr vornehm, aber sehr häßlich war, wurden ihm seine kleinen Seitensprünge nicht übelgenommen. Für Politik interessierte er sich gar nicht. Als ich, drei Tage nachdem Gam- betta die Regierung übernommen hatte, mit Fernan Nunes bei dem Prinzen von Wales frühstückte, stellte sich heraus, daß der spanische Botschafter von der Bildung des Ministeriums Gambetta noch nichts wußte, was den Prinzen von Wales köstlich amüsierte. Ich habe als Diplomat immer dem Grundsatz gehuldigt, auch die Vertreter kleinerer Länder zu frequentieren, da man von ihnen, die geringerem Mißtrauen begegnen, oft die besten und sichersten Nachrichten erhält. Vier dieser Herren waren zu mir besonders gütig: der dänische Gesandte, Graf Moltke-Hvitfeld, war nicht gerade deutschfreundlich, aber in Erinnerung an alte Beziehungen zu meinem Vater kam er mir liebenswürdig entgegen. Dem griechischen Gesandten, Brailas-Armeni, hatte mich der König Georgios empfohlen. Der niederländische Gesandte, Baron Zuy len, war Deutschland wohlgesinnt, ebenso wie seine streng kalvinistische Frau. Im Hause des brasilianischen Gesandten, des alten Vicomte Itajuba, wurde ich als Verwandter aufgenommen, denn seine schöne Tochter Olga hatte den jüngsten Bruder meiner Mutter, den Senator Alfred Rücker* geheiratet. Die interessanteste Erscheinung im Diplomatischen Korps war für mich Monsignore der päpstliche Nunzius, Monsignore Czacki. Er entstammte einer alten, Czacki jjj Wolhynien ansässigen polnischen Adelsfamilie, war aber, wie dies bei den im Dienst der Kurie stehenden nichtitalienischen Prälaten regelmäßig der Fall zu sein pflegt, völlig romanisiert. In einem seiner reizendsten Romane, dem „Anneau d’Amethyste“, hat Anatole France ein meisterhaftes Porträt eines päpstlichen Nunzius entworfen, des Monsignore Cima: „A quarante ans il avait I’air d’un adolescent malade. Quand il baissait les yeux, sa face etait celle d’un mort. Le coude droit dans la main gauche et la joue reposant inclinee dans le creux de la main droite, il avait une gräce presque funebre qui rappelait certaines figures de bas-reliefs antiques. Son visage au repos etait voile de melaucholie. L’on disait a Rome qu’il avait le mauvais oeil.“ Dieses Porträt paßte in manchen Zügen auf Monsignore Czacki. Namentlich DER KARDINAL 527 für die Geschicklichkeit, mit der Anatole France seinen Monsignore Cima unbequemen Fragen ausweichen und jede bestimmte Meinungsäußerung vermeiden läßt, hätte der Nunzius Czacki dem französischen Romanschreiber als Vorbild dienen können. Aber das von den Italienern so sehr gefürchtete Malocchio besaß Czacki nicht. Der Verkehr mit ihm hat mir nicht geschadet, sondern mir Anregung und Belehrung geboten. Dieser romani- sierte Pole war ein vorzüglicher Vertreter der päpstlichen Diplomatie geworden, die in gewisser Beziehung die beste der Welt ist. Er war natürlich und unbefangen und dabei von der größten Vorsicht. Er gab in prinzipiellen Fragen nie nach, war aber im übrigen so akkommodant, so opportunistisch wie möglich. Obschon die Beziehungen der französischen Regierung zur katholischen Kirche schon recht gespannt waren, behandelte er die kirchenfeindlichen französischen Minister und Parlamentarier mit der größten Liebenswürdigkeit. Ich habe ihn oft auf dem Sofa neben Jules Ferry, Freycinet, Spuller, Paul Bert sitzen und mit ihnen Zigaretten rauchen sehen, in angeregter Unterhaltung. Die Mitglieder des französischen Klerus behandelte er, wie ich mich, wenn ich ihn besuchte, selbst überzeugen konnte, von oben herunter: „Ces gens-lä par leur fanatisme etroit et lourd, qu’ils appellent foi, gätent les meilleurs, les plus fines combinaisons. J’en ai pardessus la tete.“ Monsignore Czacki war ein großer Bewunderer des Fürsten Bismarck. Er bezeichnete es mir schon bei unserer ersten Begegnung als seinen höchsten Wunsch, den größten Staatsmann des Jahrhunderts, wie er sich ausdrückte, kennenzulernen und mit ihm einen Modus vivendi zwischen der Kirche und Deutschland zu finden. „Avec un si grand homme on trouve toujours une combinaison. L’Eglise s’est arrangee avec Clovis et avec Napoleon I. Elle s’arrangera avec le Prince de Bismarck. Du reste, Leon XIII ne demande pas mieux que d’arriver ä un arrangement avec votre grand Chancelier.“ Monsignore Czacki ist Kardinal geworden. Er ist in Rom gestorben, wo er in der alten Kirche Santa Pudenziana, nach der Überlieferung die älteste eigentliche Kirche Roms, beigesetzt worden ist. Nach der Tradition soll der Apostel Petrus im Hause des Senators Pudens gewohnt und dort ein Gebethaus errichtet haben. Das Bronzegrabmal des 1888 verstorbenen Kardinals Czacki stellt ihn liegend in Lebensgröße dar. Ich besuche ab und zu diese ehrwürdige Kirche, die zu den sogenannten Kardinalizischen Kirchen gehört und Czacki verliehen wurde, als er den Roten Hut erhielt. Die Bronzestatue des Kardinals ist so ähnlich, daß ich den von mir sehr verehrten Kirchenfürsten zu sehen glaube, wenn ich vor sie trete. Wohl der intelligenteste der in Paris wirkenden Missionschefs war der belgische Gesandte, der seit fast einem Menschenalter dort tätige Baron Baron Beyens Beyens. Es wurde ihm jüdische Abstammung nachgesagt, und jedenfalls 528 DIE GANZE UND DIE HALBE WELT war er betriebsam und klug. Seine Frau, eine Spanierin, konnte sich wie die Fatinitza in der hübschen Operette von Franz Suppe rühmen, daß sie viel gesehen und erlebt hatte. Sie sagte einmal zu mir: „Als ich jung war, verdrehte ich Botschaftern die Köpfe. Jetzt, wo ich alt bin, habe ich mich in einen italienischen Attache verliebt, der mein Sohn sein könnte und der vor mir flieht, wie Hippolyt vor Phädra.“ Sie war eine „Apassionata“, wie die Italiener in ihrer pittoresken Sprache eine Frau mit Temperament nennen. Der Sohn aus dieser Ehe war, als der Weltkrieg ausbrach, belgischer Gesandter in Berlin. Als solcher hatte er leider Gelegenheit, die Kopflosigkeit, die klägliche Ungeschicklichkeit unserer damaligen diplomatischen Leitung aus nächster Nähe zu beobachten und darüber eingehend und leider zutreffend an seine Regierung zu berichten. Er äußerte in den ersten Augusttagen des tragischen Jahres 1914 zu einem italienischen Diplomaten, der es mir bald nachher wiedererzählte: „Die deutsche Armee ist die erste Armee der Welt. Das deutsche Volk ist wunderbar diszipliniert und organisiert. Aber von solchen Staatsmännern geführt, kann kein Volk siegen. Das gibt mir Mut und Hoffnung für den Ausgang dieses Krieges.“ Fast in jedem Jahr erschien der damalige Prinz von Wales in Paris, Der spätere das ihm besser gefiel als irgendeine andere Stadt des Kontinents. Er ver- Eduard VII. kehrte in allen Kreisen, mit den Prinzen des Hauses Orleans, die er als Verwandte, und mit den Söhnen des Hauses Rothschild, die er als Freunde behandelte, mit Politikern und mit Lebemännern, mit den Douairieren vom Faubourg Saint-Germain und mit den Damen der Welt, die Alexandre Dumas fils die „halbe“ genannt hat. Er lud mich, wenn er nach Paris kam, regelmäßig zum Luncheon zu sich, als einen Freund seines Schwagers, des Königs Georg von Griechenland, und, wie er die Liebenswürdigkeit hatte mir zu sagen, auch als Jugendgespielen seiner Gemahlin. Er unterhielt sich jedesmal eingehend und klug mit mir. Die persönlich freundliche Gesinnung, die er schon dem jungen Diplomaten zeigte, hat der spätere König Eduard VII. mir bis zu seinem Tode bewahrt. Sie hat eine sogenannte Einkreisungspolitik nicht verhindert, aber manche Spitze umgebogen, manche Ecke abgerundet, vieles erleichtert und das Schlimmste verhütet. Mit Vorliebe besuchte ich in Paris die Museen und Galerien, die in ihrer Donna Art einzig sind. Diese Liebhaberei sollte mich meinem Lebensglück zu- Minghetti und führen. Es war im Frühjahr 1883. Ich befand mich, wie schon oft, im Gräfin L ouvre> I n j er Salle carree, vor der „Hochzeit von Kana“ des Paolo Dönhoff y eronese ^ begegnete ich zwei Damen, die ich lange nicht gesehen hatte, aber sofort wiedererkannte. Die eine war Donna Laura Minghetti, die andere ihre Tochter, die Gräfin Marie Dönhoff. Die Mutter sah trotz ihrer fünfzig Jahre noch ganz jugendlich aus und strahlend schön. Die Tochter erschien mir noch anmutiger und reizvoller als in Florenz und Wien. Ich y* i *Y Donna Laura Minghetti Nach einem Gemälde von Lenbach i'lNiRfii. :ü!«5H man. ERLEBNIS 529 lauschte bewundernd der Mutter, als sie ohne Pedanterie, mit großer Natürlichkeit, aber mit unbeirrbarem Schönheitssinn mir dieses oder jenes Bild zeigte, erläuterte und meinem Verständnis näherbrachte. Ich konnte mich nicht sattsehen an den wunderbaren Augen, der zierlichen Gestalt, der Grazie und Lieblichkeit der Tochter. Die Mutter verstand nicht Deutsch. Die Tochter sprach das reizendste Deutsch, das ich je gehört hatte. Ich überzeugte mich auf unserer stundenlangen Promenade erst durch die Säle der wohl reichsten Bildergalerie der Welt, dann im Tuileriengarten, daß sie Goethe und Schiller, Hölderlin und Kleist, daß sie Schopenhauer und selbst Immanuel Kant fast besser kannte als ich. Ihren Enthusiasmus für Richard Wagner, für Beethoven und Bach zu teilen, war ich nicht würdig, da ich leider unmusikalisch bin. Aber ich respektierte ihre Begeisterung für die deutschen Meister. Sie gefiel mir als Deutschem sogar sehr gut. Wir verabredeten uns für den Abend zu einem gemeinsamen Diner im Cafe Brebant und dort zu einem Ausflug für den nächsten Tag nach Fontainebleau. Während wir durch die Säle des von König Franz I. erbauten Schlosses gingen, über die Cour des Adieux und durch den herrlichen Wald, erzählte InFon- mir Donna Laura Minghetti, daß ihre Tochter im Begriff stehe, sich von tainebleau ihrem Gatten, dem Grafen Karl Dönhoff, scheiden zu lassen. Madame Minghetti betonte, daß die beiden Gatten sich keinerlei Vorwürfe zu machen hätten. Graf Dönhoff sei ein vollkommener Galantuomo, ein vornehmer und guter Mensch. Aber es habe sich mit der Zeit immer mehr herausgestellt, daß die beiden Charaktere zu ungleich seien, um bei der ohnehin vorhandenen Verschiedenheit des Alters wie der Nationalität eine harmonische Ehe zu ermöglichen. Die Scheidung würde in beiderseitigem Einverständnis in aller Stille erfolgen. Als ich Madame Minghetti am Tage vor ihrer Abreise frug, wann sie und ihre Tochter wieder nach Paris kommen würden, meinte sie, daß dies kaum Briefe nach so bald der Fall sein dürfte. Sie gedenke aber Anfang September einige Tage Genua mit ihrer Tochter in Genua zu verleben. Ich bat die Gräfin Marie um die Erlaubnis, ihr schreiben zu dürfen, und wir korrespondierten während des Sommers eifrig miteinander. Sie schrieb, wie sie sprach: nie banal und nie konventionell, weder gesucht noch absichtlich, immer natürlich. Ganz aufrichtig, ganz wahr. Man fühlte, daß sie nur sagte und schrieb, was sie wirklich empfand, daß sie nie Komödie spielte, daß Lügen und Schwindeln ihr nicht nur widerwärtig, sondern einfach unmöglich war. Alles an ihr war echt. So viel Herz, verbunden mit einem so reichen Geist, war ich noch nicht begegnet. Zum erstenmal in meinem Leben empfand ich wirkliche Sehnsucht, wirkliches Hoffen und wirkliche Pein, wirkliche Freude und wirkliches Leid, empfand ich wirkliche Liebe. 34 Bülow IV 530 EINE ZUSAGE In Genua frug ich sie, was ich schon in Paris hatte fragen wollen, wozn ich aber dort nicht den Mut fand, ob sie sich würde entschließen können, wieder zu heiraten. Sie schwieg lange, dann reichte sie mir die Hand mit den Worten: „Jedenfalls keinen andern.“ Von diesem Augenblick an wußte ich, daß auch ich keine andere würde lieben können. Seit diesem Tage habe ich die Verbindung mit dieser Frau angestrebt, der einzigen Frau, die ich über alles, die ich wirklich, die ich mit aller Zärtlichkeit und mit aller Leidenschaft geliebt habe, deren ein Mensch fähig sein kann. XXXVIII. KAPITEL Beförderung zum Ersten Botschaftssekretär • Geschäftsträger • Alfons XII. in Paris Fürstin Monia Ouroussow • Dr. Landsberg • Besuch in Rom • Pietro Blasema und Marco Minghetti • Neapel, Capo Miseno • Reise nach Tunis • Dr. Gustav Nachtigal Algier • Dr. Julius Fröbel A ls mein Chef, Fürst Chlodwig Hohenlohe, Anfang September 1883 seinen gewohnten Urlaub nach Aussee antrat, war ich nicht lange vorher vom Avancement Zweiten zum Ersten Botschaftssekretär befördert worden. Über dieses Avancement hatte ich mich ehrlich gefreut, nicht ganz so sehr wie dreizehn Jahre früher über den Gefreitenknopf, über meine Beförderung zum Gefreiten im Königshusaren-Regiment, aber immerhin mehr als über manchen späteren größeren Sprung. Der Hauptgrund für meine Zufriedenheit lag darin, daß ich als Erster Botschaftssekretär sichere Aussicht hatte, von nun ab jedes Jahr längere Zeit die Botschaft als Geschäftsträger selbständig zu führen. Und danach stand mein Sinn. Ich wollte mich „betätigen“, wie der ehrgeizige diplomatische Debütant das nennt, wenn er sich zum erstenmal auf der Bühne produzieren soll. Stille aber herrschte in der Welt, und nichts deutete auf Sturm, als mein Botschafter Paris verließ. Der Tod des Grafen von Chambord, des letzten Vertreters der älteren Linie des Hauses Bourbon und damit der Legitimität in Frankreich, hatte nur für Frankreich Bedeutung, und bei der fortschreitenden Konsolidierung der Republik auch da nur geringe. Alphonse Daudet schrieb seinen Roman „Les rois en exil“, der mit der melancholischen Wendung schließt: „La royaute, une grande vieille chose — morte.“ Als eine solche alte und große, aber tote Sache betrachtete Daudet das Königs- tum. Das schien damals nur für Frankreich zu gelten. Die Einnahme von Hue, der Hauptstadt von Anam, war ein weiterer Erfolg für die Französische Republik. Damit sie nicht übermütig werde, richtete Mitte August die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, das Sprachrohr des Fürsten Bismarck, einen besonders kräftigen kalten W asserstrahl gegen die „unsinnige“ Deutschenhetze der französischen Presse, die am Ende doch zum Kriege führen könne. 34 * 532 DIE KREUZER-SONATE Trotzdem glaubte niemand, daß der Besuch des Königs Alfons XII. Alfons XII. von Spanien, der, nachdem er den deutschen Manövern in Hessen bei- insulticrt gewohnt hatte und bei diesem Anlaß zum Chef des in Straßburg garniso- nierenden preußischen Ulanenregiments Nr. 15 ernannt worden war, über Paris in seine Heimat zurückkehren wollte, zu Zwischenfällen führen werde. Es kam aber anders. Als der König vom Bahnhof zur Spanischen Botschaft fuhr, wurde er in der „capitale de la civilisation“ mit Pfeifen, Schreien und höhnischen Zurufen begrüßt, nicht nur von dem Pöbel auf der Straße, sondern auch und besonders von dem eleganten Pöbel an den Fenstern der Klubs, der großen Hotels und der eleganten Restaurants. Unmittelbar nach seinem Eintreffen empfing der König das Diplomatische Korps. Seine Haltung war königlich. Zu mir, dem deutschen Geschäftsträger, sagte er, indem er auf meine Königshusaren-Uniform deutete, mit lauter Stimme und in französischer Sprache: „Ich freue mich, eine preußische Uniform zu sehen. Ich bin stolz darauf, daß auch mir Seine Majestät der Kaiser und König, Ihr allergnädigster Herr, eine preußische Uniform verliehen hat. Hier scheint man sich darüber zu ärgern. Das ist mir vollkommen gleichgültig.“ Fürst Bismarck nahm diesen Zwischenfall mit großer Ruhe. Er telegraphierte mir, daß es Sache der Spanier sei, Beschwerde zu führen und Genugtuung zu verlangen. Diese Beschwerde erfolgte in sehr schüchterner Weise. Die Genugtuung bestand darin, daß Präsident Grevy erst dem König Alfons, dann noch einmal dem spanischen Botschafter mündlich und kühl sein Bedauern aussprach. Karl V. und Philipp II. würden sich damit wohl nicht zufriedengegeben haben. Die Franzosen aber hatten wieder einmal gezeigt, daß sie noch immer, um mit Tocqueville zu reden, „la plus brillante et la plus dangereuse des nations de l’Europe“ waren, das verzogene Kind, das sich alles erlauben zu dürfen glaubt und dem alles durchgelassen wird. Wenn ich an meinen fast sechsjährigen Aufenthalt in Paris zurückdenke, so erinnere ich mich gern an meine freundschaftlichen Beziehungen zu einer russischen Fürstin und zu einem deutschen Journalisten, die beide weder Stellung noch Geld noch äußere Vorzüge besaßen, aber wertvolle Menschen waren. Die Fürstin Monia Ouroussow hatte sich für die Erziehung ihrer Fürstin Kinder in Paris etabliert. Ihre Mutter, die Tochter eines steinreichen Ouroussow russischen Großgrundbesitzers, des Kammerherrn Malzow, war während vieler Jahre die intime Freundin der Kaiserin Maria Alexandrowna gewesen. Ihr Gatte, der Fürst Ouroussow, war Gouverneur eines der neunundachtzig russischen Gouvernements. Mit ihren Eltern war sie brouilliert. Ihr Manu, ein enthusiastischer Anhänger des großen Leo NikolajewitschTolstoi, hielt es, nachdem er die Kreuzer-Sonate gelesen hatte, für seine Pflicht, den trn*' *j^*l*« t ^flL t »J- DIE EITLEN 533 ehelichen Verkehr mit seiner Frau einzustellen. Monia Ouroussow war sehr originell, bisweilen exzentrisch, wie das hei russischen Frauen nicht selten ist. Aber sie war eine Idealistin im wahren Sinne des Wortes. Sie ordnete den einigermaßen utopistischen Ideen, zu denen sie sich bekannte, alle Konventionen und materiellen Interessen unter. Sie besaß eine tiefe Bildung. Sie kannte Shakespeare so gut wie Meliere und Puschkin. Es war ein Genuß, mit ihr über Literatur zu sprechen. Sie war nicht schön, noch weniger elegant, gar nicht gepflegt, so daß von Kurmacherei nicht wohl die Rede sein konnte. Sie hat einen günstigen Einfluß auf mich gehabt, indem sie mich nach Möglichkeit von allem Äußerlichen und Frivolen abhielt und mich immer wieder auf die wahren Quellen dauernden Glücks, auf das Gefühl und den Geist, hinwics. Sie schenkte mir einen Shakespeare, der noch heute neben meinem Schreibtisch steht und in den sie hineinschrieb: „To thine own seif he true.“ Bei ihr bin ich oft Iwan Sergejewitsch Turgenjew begegnet. Er war ein großer Schriftsteller und ein sehr sympathischer Mensch, in seinem Turgenjew Wesen wie in seiner Konversation. Er war frei von jener Eitelkeit, die bisweilen die brillantesten französischen Causeure unausstehlich macht. Er hatte auch nicht das Dozierende mancher gelehrter Deutscher, die sich allzusehr in langen Vorträgen gefallen und deren Rechthaberei nur zu leicht aus der Konversation eine Disputation macht. Turgenjew sprach, wie er schrieb, klar, tief und anmutig. Er war politisch nicht besonders deutschfreundlich. Aber seine Bewunderung für die deutsche Philosophie und Literatur und namentlich für Goethe war unbegrenzt. Er sagte einmal zu mir, in einem einzigen lyrischen Gedicht von Goethe stecke mehr wahre Poesie als in allen Oden und Balladen, als in den „Orientales“, den „Rayons et Ombres“ und den „Contemplations“ von Victor Hugo. Er mokierte sich gern über die grenzenlose Eitelkeit des nach seiner Ansicht in Frankreich sehr überschätzten Hugo. Dieser hatte einmal zu Turgenjew geäußert, er finde den in Deutschland so sehr bewunderten „Torquato Tasso“ von Schiller gar nicht besonders schön. Als Turgenjew bescheiden darauf aufmerksam machte, daß der „Torquato Tasso“ von Goethe verfaßt worden sei und nicht von Schiller, antwortete Victor Hugo, indem er mit einer olympischen Bewegung das Haupt schüttelte: „Quand on s’appelle Victor Hugo, on n’est pas tenu ä connaitre toutes les mediocrites d’Outre-Rhin.“ An Selbstüberschätzung stand Alexandre Dumas fils nicht hinter Victor Hugo zurück. Nur daß der letztere seinen Hochmut in feierlicher, priester- licher Art zur Schau trug, der andere zynisch und frech. Als Dumas einmal bei einer Abendgesellschaft neben der Fürstin Ouroussow Platz nahm, frug er sie, ob der Gedanke, daß ein so berühmter und genialer Schriftsteller sich neben sie setze, ihr nicht den Kopf verdrehe und ob sie ihm um den Hals 534 DIE VIARDOT-GARCIA fallen würde. Monia erwiderte: „Du tout! Car ce qu’il y a d’un peu propre en vous, je puis l’acheter chez Hachette pour trois francs cinquante.“ Turgenjew und die Fürstin Ouroussow stimmten darin überein, daß Rußland zwar nicht von heute auf morgen das parlamentarische Regierungssystem einführen dürfe, aber doch möglichst bald zu konstitutionellen Einrichtungen gelangen müsse. Andernfalls wäre früher oder später eine Revolution unvermeidlich. Eine solche würde roher, brutaler, zerstörender sein als die große Französische Revolution. Turgenjew huldigte seit vielen Jahren der von mir schon erwähnten ebenso häßlicben wie geistreichen Sängerin Pauline Garcia, die mit dem Kunstschriftsteller Louis Viardot verheiratet war. Gatte und Anbeter waren die besten Freunde. Es wurde erzählt, daß, als die temperamentvolle Pauline sich einmal von einem jungen Pianisten allzusehr den Hof machen ließ, Turgenjew besorgt zu Viardot sagte: „II faut ouvrir les yeux! Pauline est en train de nous tromper.“ Der Journalist Moritz Landsberg war ein altes und kränkliches Moritz Männchen. Er wohnte im dritten Stock eines in der Nähe des Bahnhofs Landsberg Saint-Lazare gelegenen bescheidenen Mietshauses. Er litt an einem schmerzhaften Blasenleiden. Ich habe oft an seinem Krankenbett gesessen und ihm zugehört, wenn er von seinen Pariser Erinnerungen erzählte, die vielseitig und anregend waren. Seit vielen Jahren in Paris ansässig, war er wohl einer der ältesten der dortigen deutschen Journalisten. Er hatte Heine und Börne gut gekannt und bewunderte, wie ich, den „Fichtenbaum, der einsam im Norden auf kahler Höli’ steht“ und die „Wallfahrt nach Kevelaar“. Von dem Menschen Heine wollte er nichts wissen: Heine habe von Louis Philippe für seine franzosenfreundliche Propaganda eine regelmäßige Subvention aus den französischen geheimen Fonds bezogen. Er babe auch Napoleon III. um Geld angebettelt, sei aber bei diesem abgefallen. „Fleckig und dreckig“, so charakterisierte Landsberg den Menschen Heine. Von Börne dagegen sprach er mit Achtung. Er bestritt nicht, daß bei diesem wie bei manchem deutschen Publizisten und Historiker die kritische Begabung die schöpferische Kraft erheblich überwogen habe. Er fand seine Angriffe gegen Goethe nicht allein ungerecht, sondern lächerlich. („Ein bissiger Mops, der den Mond anbellt.“) Aber Ludwig Börne sei doch alles in allem ein anständiger Kerl gewesen, uneigennützig, redlich und wahrhaftig. Er sei auch trotz seines Polterns ein Patriot gewesen, Heine ein Renegat. Dr. Landsberg war Israelit. Sehnsucht führte mich in den ersten Märztagen 1884 nach Rom. Ich Besuch in hatte von Donna Laura Minghetti die Erlaubnis zu dieser Reise erbeten Rom UIlf j hierbei einfließen lassen, daß mir besonders daran gelegen wäre, mit Herrn Minghetti zu sprechen. Donna Laura hatte erwidert, daß ihr Gatte sich freuen würde, unsere Bekanntschaft zu erneuern. Er und sie wünschten EIN RÖMISCHES GELEHRTENHEIM 535 jedoch, daß mein Besuch in Rom keinerlei Aufsehen errege. Gerade als geschiedene Frau müsse ihre Tochter doppelt vorsichtig sein und allem Gerede sorgsam Vorbeugen. Donna Laura schlug mir vor, nicht in einem der großen römischen Hotels, sondern hei einem ihrer Freunde, dem Senator und Professor der Physik Pietro Blaserna abzusteigen, im Istituto Fisico auf dem Viminal, Yia Panisperna. So lernte ich den ausgezeichneten Gelehrten kennen, der auch mir bis zu seinem während des Weltkrieges erfolgten Tod ein treuer und kluger Freund gewesen ist. Blaserna stammte aus Görz am Isonzo. Als Italiener, aber unter österreichischer Herrschaft geboren, hatte er in Wien und Berlin studiert und sprach geläufig Deutsch. Er war eng befreundet mit unserm großen Naturforscher Hermann Helmholtz, dessen klassische Schriften er in das Italienische übersetzt hatte, dessen begeisterter Apostel er war und mit dem er sich im Sommer im Engadin zu treffen pflegte. Man konnte nichts Gemütlicheres und Stimmungsvolleres sehen als das Heim des guten Blaserna. An den vier Wänden seines Arbeitszimmers erhoben sich gewaltige, bis an die Decke reichende Regale, die von oben bis unten mit Büchern angefüllt waren. Broschüren und Zeitschriften bedeckten den Boden. In der Mitte des Zimmers aber stand ein großer Vogelkäfig, in dem Kanarienvögel fröhlich von einer Stange auf die andere hüpften, aus den an den Ecken angebrachten Näpfchen tranken und an den Blättern zupften, die ihnen durch das Gitter des Riesenkäfigs ihr gütiger Herr reichte, der sie wie ein Vater betreute. „Ich bin unvermählt geblieben“, meinte er lachend, „diese hier sind meine Kinder.“ In den drei Tagen, die ich in Rom blieb, hatte ich mit Blaserna manche interessante und für mich lehrreiche Unterredung. Er sprach, gegen die italienische Gewohnheit, langsam, fast zögernd, aber was er sagte, hatte Hand und Fuß. mochte er nun als Präsident der Academia dei Lyncei, der vornehmsten italienischen Akademie, das Wort ergreifen oder als Vizepräsident des Senats seines Amtes walten oder vor einer zahlreichen Zuhörerschaft wißbegieriger Studenten eine Vorlesung halten oder eine freundschaftliche Unterhaltung führen. Am Tage nach meiner Ankunft in Rom wurde ich von Marco Min ghetti empfangen. Er stand im sechsundsechzigsten Lebensjahr. Er stammte aus Marco Bologna und hatte, wie manche Norditaliener, blondes Haar und rote Mmghetu Wangen. Er war groß und wohlgebaut, ein Staatsmann und ein Gelehrter, mit weltmännischen Formen. Er sah schon auf eine große politische Vergangenheit zurück. Er war 1848 Minister des Papstes Pio IX gewesen bei dem ersten und letzten Versuch, den die Kurie machte, sich mit der italienischen Einheitsbewegung auszusöhnen, indem sie sich an ihre Spitze stellte. Als dieser Versuch an der Ungeduld der radikalen Elemente der italienischen Nationalpartei und an der Unentschlossenheit des Papstes 536 PIO NONO UND DIE JESUITEN scheiterte, hatte sich Minghetti in das Privatleben zurückgezogen und mehrere Jahre nur der Bewirtschaftung seiner Güter und seinen nationalökonomischen und literarischen Studien gelebt. Er erzählte gern, daß, als Pius IX. Mitte der fünfziger Jahre, zwischen der Revolution von 1848/49 und dem Französisch-Piemontesisch-Österreichischen Krieg 1859 Bologna besuchte, er Minghetti zu sich bitten ließ und ihn mit alter Güte und Herzlichkeit empfing. Bevor er ihn ersuchte, Platz zu nehmen, guckte der Papst hinter alle Gardinen und meinte dabei lachend mit italienischer Natürlichkeit und Bonhommie: „Ich sehe nach, ob sich hinter den Gardinen nicht etwa ein Jesuit versteckt hat, um unser Gespräch zu belauschen. Die Jesuiten haben manche gute Eigenschaft, aber neugierig sind sie sehr. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich im Cesso einmal einen Jesuiten entdecken würde.“ Der Cesso ist jener verschwiegene Ort, wohin selbst der Hochstehendste sich allein zu begeben pflegt. Minghetti hatte sich vergebens bemüht, Pius IX. zu einer Versöhnung mit der italienischen Nationalidee zu bewegen. Eine solche gütliche Verständigung war wie das Ideal so die Sehnsucht vieler ausgezeichneter Italiener: Gioberti, Azeglio, Tosti, Manzoni, Cesare Cantu, Rosmini. Marco Minghetti blieb bis zu seinem Lebensende glühender italienischer Von Cavour Patriot und gläubiger Katholik. Er war 1859 Generalsekretär Cavours lis Saracco geworden, 1860 mit ihm Minister des Innern. Er hatte am 6. Juni 1861 am Sterbebette von Cavour gestanden und gehört, wie der größte italienische Staatsmann, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, dem Mönch, der ihm die Sterbesakramente reichte, die von mir früher schon erwähnten Worte zurief: „Frate, frate, libera chiesa in libero stato!“ 1863 bis 1864 und dann wieder von 1873 bis 1876 war Minghetti selbst Ministerpräsident gewesen. Er war 1864 von den Piemontesen gestürzt worden, weil er durch die Septemberkonvention mit Napoleon III. die italienische Hauptstadt von Turin nach Florenz verlegt hatte. 1876 stürzten ihn die Florentiner. Sie waren erbost darüber, daß Florenz durch den Aufwand, den es als Hauptstadt getrieben hatte, in Schulden geraten war. So schwer ist es, die V ölker zufriedenzustellen. Mein genialer Kollege Johannes Miquel pflegte, wenn im preußischen Staatsministerium über eine zu ergreifende Maßnahme beraten wurde, mit sarkastischem Lächeln zu sagen: „Wir mögen es anfangen, wie wir wollen, gescholten werden wir doch.“ Minghetti hatte auch nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident seine große politische Stellung bewahrt. Er wurde von allen Parteien geachtet, auch von den Ministern der Linken, von Crispi, Depretis, Nicotera, Saracco, die der König Victor Emanuel II. nach Mingliettis Sturz ans Ruder gerufen hatte. Minghetti galt für den größten italienischen Redner seiner Zeit. Er sprach meist aus dem Stegreif, aber immer in vollendeter Form. So mag Cicero gesprochen haben, « Marco Minghetti, italienischer Ministerpräsident i ' .11 B... ii'ii - j[;i0^naMi».»!n i - -. • --i -• . • --- DAS EHE-HINDERNIS 537 nyr daß die Heftigkeit, zu der sich der größte Redner des alten Rom gegenüber Catilina, Verres und Antonius hinreißen ließ, dem immer maßvollen Marco Minghetti fernlag. Minghetti besaß ein eisernes Gedächtnis. Als er einmal in Bologna Vorlesungen über Dante hielt, sprach er nicht nur ganz frei, ohne Manuskript, sondern er hatte nicht einmal die „Divina Commedia“ vor sich, die er vom ersten bis zum letzten Vers auswendig konnte. Auch den Tasso, den Ariost und den Virgil hatte er im Kopf. Als er starb, lag unter seinem Kopfkissen die „Imitation Christi“ von Thomas a Kempis, die er immer wieder seinem Gedächtnis einzuprägen pflegte. „Meine liebe Stieftochter Maria“, sprach Marco Minghetti im Frühjahr 1884 zu mir, „die ich liebe, als ob sie meine leibliche Tochter wäre, hat mir von ihren Wünschen und Absichten gesprochen. Ich will ganz offen mit Ihnen sein, offen und klar, mit der clarte latine, von der ich viel halte. Ich zweifle nicht daran, daß Sie ein sehr charmanter junger Mann sind, wie mir dies meine Tochter und meine Frau übereinstimmend versichern. Ich zweifle ebensowenig an der Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle für Maria. Aber mit dem Gefühl allein läßt sich keine Ehe auf bauen. Sie sind ebenso alt wie meine Maria, also noch jung, kaum 35 Jahre alt. Sie sind jetzt Erster Botschaftssekretär geworden, wozu ich Ihnen gratuliere. Das ist sehr nett, aber eine Position bedeutet das noch nicht. Wie Sie meiner Frau mit einer von ihr und mir sehr anerkannten Aufrichtigkeit erklärt haben, besitzen Sie wenig Vermögen. Das alles sind, wie ich gern zugeben will, Hindernisse, die ein tüchtiger Mann überwinden kann. Es gibt aber ein Hindernis, das vorläufig ganz unüberwindlich ist. Meine Tochter ist von Graf Dönhoff gerichtlich geschieden, aber nicht kirchlich. Eine Wiederverheiratung ist nur möglich, wenn die erste Ehe meiner Tochter vom Heiligen Stuhl für nichtig erklärt wird. Ohne diese Annullierung ist eine Wiedervermählung für sie selbst, für meine Frau und für mich wie für jeden Katholiken völlig ausgeschlossen.“ Als Minghetti sah, daß diese Antwort mich sehr betrübte, ja konsternierte, reichte er mir die Hand mit den Worten: „Ich weiß nicht warum, aber obwohl ich Sie sehr wenig kenne, empfinde ich Sympathie und selbst Vertrauen zu Ihnen. Ich verspreche Ihnen, daß, was an mir liegt, geschehen soll, um die Annullierung zu erreichen.“ Am Abend sagte mir Donna Laura, ich möchte nicht verzagen. Sie war eine mutige, eine große Natur. „Marco wird die Annullierung erreichen, wenn sich ein Anhaltspunkt findet“, sagte sie zu mir. „Er erfreut sich im Vatikan großer Achtung und vieler Sympathien. Es kommt aber darauf an, daß die Annullierung direkt zwischen ihm und den Herren vom Vatikan verhandelt wird und daß kein Deutscher sich einmengt, weder der deutsche Botschafter beim Quirinal noch der preußische Gesandte beim Vatikan, weder Keudell noch Schlözer. Wir Italiener verstehen uns untereinander leichter und Die Frage der Annullierung 538 AM POSILIPO rascher, als wenn Fremde sich einmischen.“ Donna Laura sagte mir dann, daß sie und ihre Tochter für einige Tage nach Neapel gehen wollten und daß sie sich freuen würden, mir dort zu begegnen. Ich erwiderte, daß ich diesen Vorschlag mit Enthusiasmus annähme. Ich hätte einen sechswöchigen Urlaub für eine Reise nach Tunis und Algier erhalten, die aus eigener Anschauung kennenzulernen für mich als Ersten Sekretär der Pariser Botschaft von Interesse sei. Neapel liege auf dem Wege nach dem Ziel meiner Reise. Nach herzlichem Abschied von dem guten Professor Blasema und seinen Reise nach Kanarienvögeln machte ich mich auf den Weg nach Neapel. Donna Laura Neapel und ihre Tochter waren dort im Hotel Tramontano abgestiegen. Wir besuchten zuerst Santa Lucia, wo Donna Maria in dem damaligen Palazzo Acton geboren war, dann die Adelskirche von Neapel, S. Domenico Maggiore, wo ihr Vater, der Fürst Domenico Camporeale, beigesetzt war und wo ich die Reliefdarstellung des Wunders vom Kruzifix von Toma de Stefani bewunderte. In dem anstoßenden Kloster lebte und wirkte im dreizehnten Jahrhundert Thomas von Aquino, der größte der Scholastiker, der Doctor Angelicus und der Doctor Universalis, den Leo XIII. zum ersten Lehrer der katholischen Kirche und zum Schutzpatron aller katholischen Schulen erhob. Im selben Kloster wurde dreihundert Jahre später ein anderer Dominikaner, Giordano Bruno, erzogen, dem es aber weniger gut gehen sollte als seinem Ordensbruder von Aquino. Er wurde nach mancherlei Irrungen und Irrfahrten als Ketzer in Rom auf dem Campo dei Fiori verbrannt, wo jetzt jede Woche ein Trödelmarkt ahgehalten wird, auf dem englische Globetrotter und deutsche Vergnügungsreisende eifrig nach Antiquitäten suchen. Wir genossen in Neapel von der Villa Nazionale einen der schönsten Ausblicke der Welt. Wir verspeisten abends beim Figlio di Pietro am Fuße des Posilipo, unten am Meer, Spaghetti und Frutti di mare. Am nächsten Tage fuhren wir zum Grabe des Virgil. Aber vergeblich suchte ich nach der Inschrift, von der mir einst in Neustrelitz der Ordinarius der Sekunda, der gute Professor Ladewig, der mich Virgil (nach ihm Vergil) lieben lehrte, oft erzählt hatte: Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc Parthenope: cesini pascua, rura, duces. Wir fuhren weiter am Meer entlang nach Bajae, einst dem glänzendsten Badeort, dem Biarritz oder Brighton des kaiserlichen Rom. „Nullus in orbe sinus Baiis praelucet amoenis!“ (Nichts in der Welt gleicht dem lieblichen Busen von Baiae) ruft hei Horaz ein reicher Römer aus, der sich dort niederlassen möchte. Wir erreichten das Kap Miseno. Dort hatte einst der LIEBESGELÖBNIS 539 fromme Äneas seinen Stabstrompeter Misenus begraben. Virgil hat mit vier Versen diesem Grabmal den Stempel der Unvergänglichkeit aufgedrückt: At pius Aeneas ingenti mole sepulcrum inposuit, suaque arma viro remumque tubamque monte sub aereo, qui nuno Misenus ab illo dicitur aeternumque tenet per saecula nomen. Hier bietet sich dem Auge die herrlichste Aussicht dieser paradiesischen Gegend. Wir erblickten die Golfe von Neapel und von Gaeta und die Kette der sie umschließenden Berge. Um uns Seen und Buchten, Landstreifen und Meerengen, Vorgebirge und das blau leuchtende Mittelmeer und über uns der blau strahlende Himmel. Dem Meere zu ein mittelalterlicher Wachtturm. Überwältigt von dem Glück, nebeneinander zu stehen, gelobten wir uns, was auch kommen möge, trotz aller Schwierigkeiten und aller Hindernisse und gegen alle Widerstände jene Liebe ohne Ende, die das Höchste auf dieser Erde ist. „Sich hinzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen, die ewig sein muß! Ewig! Ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein, kein Ende! Kein Ende!“ Am nächsten Tage fuhr ich über Palermo nach Tunis. Der dortige Ministerresident Paul Cambon, den ich schon kannte und für den ich überdies ein Empfehlungsschreiben des französischen Ministers des Äußern bei mir führte, war auf Urlaub. Statt seiner empfing mich in liebenswürdiger Weise der Erste Sekretär der Residentur, Monsieur d’Estournelles. Auch zu ihm habe ich bis zu dem so vieles zerstörenden Weltkrieg in freundschaftlichen Beziehungen gestanden. Er hat mich noch kurz vor meinem Rücktritt als Reichskanzler in Berlin besucht und dort einen taktvollen und klugen öffentlichen Vortrag über Motive und Ziele eines vernünftigen Pazifismus gehalten. Hätten nur alle auf ihn gehört! Statt dessen ließ die Bosheit der einen, die Ungeschicklichkeit der andern die Welt in den Krieg stolpern. In Tunis frug mich d’Estournelles, wo und wie ich mich auf Nordafrika vorbereitet hätte. Ich erwiderte ihm: „Nur mit Flaubert, mit Salambö.“ Darauf er: „Bravo, vous ne pouviez trouver un meilleur guide pour ici.“ Dank Flaubert und seiner prächtigen Schilderung stieg das alte Karthago vor uns auf. Wir verstanden das Genie de Carthage, dem zu Ehren am Schluß des Romans Narr’ Havas, während er den linken Arm stolz um die Taille seiner Gattin Salambö legt, mit der Rechten die mit Wein gefüllte Schale erhebt. D’Estournelles führte mich nordöstlich von Goletta, dem Hafen von Tunis, dort, wo die Nehrung des Strandsees durchbrochen ist, zu der Stätte des alten Karthago. Es stand etwa eine Meile nordöstlich von Nach Tunis 510 EIN DEUTSCHER AFRIKAFORSCHER Goletta auf der Landzunge zwischen dem Meer und dem See von Tunis. Hier sank die Vaterstadt des Hannibal, des Besiegers der Römer, nach wütender Gegenwehr in Flammen vor den Augen des jüngeren Scipio, den das Bewußtsein von der Vergänglichkeit alles Irdischen bis zu Tränen erschütterte. Auf den Trümmern, die diese Stätte bedeckten, saß ein halbes Jahrhundert später Marius, und der zitternde Sklave wagte nicht, Hand an den Besieger der Zimbern und Teutonen zu legen. D’Estournelles verschwieg mir nicht die große, die zu große Zahl der in der Residentschaft Tunis ansässigen Italiener und Juden. „Sie überwiegen hier durchaus“, meinte er. „Franzosen gab es vor unserem Einmarsch nur wenige, und ihre Zahl hat sich seitdem nicht erheblich vermehrt.“ Das Uber- wiegen des italienischen Elementes schien d’Estournelles nicht zu beunruhigen. „Wir Franzosen“, äußerte er, „sind keine Kolonisatoren. Das schadet auch nichts, so lange wir militärisch dominieren und damit die Verwaltung in der Hand behalten. Das ist jetzt der Fall und wird auch weiter der Fall sein, wenn wir unsere Stellung in Europa behaupten.“ D’Estournelles stand in den besten Beziehungen zu dem deutschen Gustav Konsul Dr. Gustav Nachtigal. Das wenige, das ich über das Innere Nachtigal Afrikas weiß, verdanke ich diesem ausgezeichneten Mann. Er hatte Afrika nach allen Richtungen durchquert und erzählte in der fesselndsten Weise von Tibcsti und Bornu, Kanem und Borku, von Bagirmi und Wadai, Darfur und Kordofan. Bald nach unserer Begegnung in Tunis wurde Nachtigal als Kaiserlicher Kommissar nach der Küste von Oberguinea geschickt. Er stellte Togo und Kamerun unter deutschen Schutz. Auf der Rückreise von dort starb er im Frühjahr 1885, zu früh für unsere Kolonialpolitik und für das Reich. Ich frühstückte im Hause Bismarck, als der Fürst die Nachricht von seinem Tode erhielt. Bismarck legte das Telegramm mit den nachdenklichen Worten beiseite: „Schade um den Mann! Er hatte Schneid und war doch kein Durchgänger. Ein Verlust.“ Nachtigal stammte aus der Stendaler Gegend, aus der Heimat des Bismarckschen Geschlechts. D’Estournelles wollte, daß ich dem Bey von Tunis meine Aufwartung Der Bey machte. Dr. Nachtigal unterstützte diesen Wunsch. Beide meinten, der von Tunis J} e y nehme es übel, wenn distinguiertere Fremde Tunis, „die Stätte des Friedens und der Glückseligkeit“, wie die Hauptstadt offiziell hieß, besuchten, ohne sich bei ihm vorzustellen. Das war, wie Dr. Nachtigal nicht unrichtig bemerkte, auch in Deutschland in früherer Zeit der Standpunkt kleiner Souveräne. Von Nachtigal und D’Estournelles begleitet, fuhr ich nach dem Bardo, der Residenz des Mohammed Es Sadok. Schlanke Palmbäume, deren Blätter in der Sonne glitzerten, erhoben sich rechts und links vom Wege in der weiten Ebene. Wir begegneten Herden von Kamelen, die ich außerhalb zoologischer Gärten hier zum erstenmal erblickte. Die DER BEDUINENFÜRST 541 Beduinen, die sie führten, sahen in ihren langen Burnussen, mit ihren Kapuzen und ihren wallenden Bärten sehr respektabel aus. Sie erinnerten mich an die Erzväter des alten Testaments. So und nicht anders mögen Abraham und Isaak, Jakob und Laban, Moses und die Propheten ausgeschaut haben. Mohammed Es Sadok, klein, fett, kurzatmig, mit großer Glatze und mit blöden Augen, sah weniger ehrwürdig aus als seine Untertanen. Nachdem meine beiden Begleiter eine Anrede an ihn gehalten hatten, in der sie meine trefflichen Eigenschaften rühmten, überreichte mir der Beherrscher des Tunesischen Reichs das Großoffizierskreuz seines Hausordens vom Iftikhar. Er murmelte dabei etwas von Brillanten, die seinen Orden schmückten und die seine Gabe noch wertvoller machen sollten. Als ich später einmal diese Brillanten der von mir nie getragenen ridikülen Dekoration meiner Frau schenken wollte, stellte sich heraus, daß sie falsch waren. Auf Schritt und Tritt begegnete ich in Tunis Juden. Nachtigal berechnete die Zahl der in der sogenannten Berberei, im nordwestlichen Afrika, zwischen dem Mittelländischen Meer und der Sahara, in Algier, Tunis, Marokko und Tripolitanien ansässigen Israeliten auf annähernd eine Million. Es hätten also damals dort weit mehr Juden gelebt als in Deutschland oder gar in England, Frankreich, Italien. Nachtigal, der sich, obwohl nicht Israelit, lebhaft für die Geschichte des auserwählten Volks interessierte, behauptete, daß die Juden ein Prozent der Bevölkerung der Erde ausmachten. Die Gesamtzahl aller Juden betrage vierzehn Millionen. Davon kämen fünf Millionen auf Rußland, drei Millionen auf die Vereinigten Staaten, drei Millionen auf Polen, zwei Millionen auf die Ukraine, eine Million auf Rumänien, fünfhunderttausend auf Deutschland, fast ebensoviel auf Ungarn, dreihunderttausend auf Böhmen, fast dreihunderttausend auf Deutsch-Österreich, zweihundertfünfzigtausend auf England, hundertfünfzigtausend auf Frankreich, kaum vierzigtausend auf Italien. Ob diese Zahlen, die ich mir damals notierte, heute noch stimmen, weiß ich nicht. Richtig dürfte unter allen Umständen sein, daß die Masse der Ostjuden die Zahl der im westlichen Europa lebenden Juden gewaltig überwiegt. Die amerikanischen Juden dürften auch meist aus Osteuropa stammen. Die Juden der Berberei waren aus Spanien und Portugal nach Afrika gekommen, als die Inquisition sie, damals etwa zweihunderttausend, von der Iberischen Halbinsel vertrieb. Sie wurden von den Muselmännern nicht viel besser behandelt als vorher vom Heiligen Offizium. Sie durften zum Beispiel vor der französischen Okkupation in Tunis, wie vorher in Algier, an keiner Moschee Vorbeigehen, ohne die Schuhe auszuziehen. Sic konnten sich kaum auf der Straße sehen lassen, ohne beschimpft und angespuckt zu werden. Ein gewisser Trost für sie lag darin, daß die Mohammedaner, Tunesische Juden 542 99 9 SCHLÄGE ähnlich wie einst die alten Römer, die Christen noch mehr verachteten als die Juden, weil die ersteren eigentlich nur eine Sekte der letzteren wären. Übrigens hatte sich, wie mir Nachtigal versicherte, das kluge Volk Israel, wie einst in Ägypten und später in vielen anderen Ländern, trotz Unterdrückung und Mißhandlung auch in Nordafrika schon unter den Beys eine dominierende Stellung zu verschaffen gewußt. Alle Geldgeschäfte waren in den Händen der Juden. Sie waren die Schatzmeister, Geheimschreiber und Dolmetscher des Bey, hielten dessen Juwelen und Brillanten unter ihrem Verschluß und kontrollierten die Münze. Sie stellten dem unwissenden Volk, das für exakte Studien wenig begabt war, Ärzte und Apotheker. Schauerlich war, was über die Grausamkeit erzählt wurde, die vor der Strafjustiz französischen Besitzergreifung an der nordafrikanischen Küste geherrscht in Nordafrika hatte. D’Estournelles mag aus naheliegenden Gründen in dieser Richtung übertrieben haben, aber auch Nachtigal wußte Übles zu berichten. Die kleinsten Vergehen wurden mit Prügel bestraft, die mit einem Ochsenziemer verabreicht wurden. Die Streiche wurden an einem Rosenkranz abgezählt. Mehr als 999 Schläge durften nach dem Koran nicht erteilt werden. So weit soll es aber kein Delinquent gebracht haben, namentlich, wenn ihm, wie dies erlaubt war, die Hiebe von vorn verabreicht wurden. Ein beliebter Brauch war es, einen für ernstlichere Vergehen Verurteilten bis an den Hals in den Sand zu graben und dann seinen Kopf den Mißhandlungen der Vorübergehenden preiszugeben. Oder auch, ihm Nasenlöcher, Mund und Ohren mit Schießpulver anzufüllen und dieses anzuzünden. Gelegentlich wurde auch ein Missetäter lebendig in die Haut eines toten Ochsen eingenäht. Oder man band ihn an den Schwanz eines Maultieres, das zum Galopp angetrieben wurde. Hoch in Ehren stand die Lex talionis. Ein jüdischer Garkoch, der überführt worden war, in öl gebackenes Menschenfleisch verkauft zu haben, wurde nach und nach in kleine Stücke zerschnitten, die man eins nach dem andern in einen Kessel voll siedendem Wasser warf und dann vor den Augen des Sterbenden den Hunden zu fressen gab. Genug der Greuel. Von Tunis fuhr ich nach Bone, das noch heute ein beliebter Seeplatz ist Constantine und einst als Hippo Regius der Bischofssitz des heiligen Augustinus war, den ich sehr verehre und zu dessen „Confessiones“ ich immer wieder greife. In Constantine, der auf einem Felsenplateau gelegenen, von einer tiefen Schlucht umgebenen Haupstadt des östlichen Algeriens, machte ich die Bekanntschaft eines höheren katholischen Geistlichen, eines würdigen und klugen Mannes, der mir bereitwillig über seine Eindrücke und Erfahrungen Auskunft gab. Er glaubte nicht an die Gefahr und nicht einmal an die Möglichkeit eines Aufstandes der Eingeborenen in Algier und Tunis. Sie DIE WÜSTE 543 kennten zu gut die numerische wie die technische Überlegenheit ihrer französischen Gebieter. Daraus folge freilich noch nicht, daß die Araber mit der französischen Herrschaft zufrieden seien oder sie gar liebten. Im Grunde sehnten sie sich nach der Zeit der Beys zurück, obwohl deren Herrschaft barbarisch gewesen sei. Übertritte der Eingeborenen zum Christentum kämen trotz der damit für sie verbundenen Vorteile sehr selten vor. Seltsamer- und traurigerweise fehle es dagegen nicht an der umgekehrten Erscheinung. Als die französischen Truppen bei der Okkupation von Tunis in Kairuan eingerückt seien, der alten Hauptstadt des arabischen Afrika und einer der heiligen Stätten des Islams, mit prächtigen Moscheen und Gesetzesschulen, hätten sie in der Umgebung islamitische Anachoreten gefunden und unter ihnen frühere französische Offiziere und Beamte. Wie ein Christ, ein Europäer dazu kommen könnte, noch dazu als Einsiedler in der Wüste, sich in die Gedankengänge einer tief unter dem Christentum stehenden Religion zu verirren, wußte mein geistlicher Freund weder sich noch mir zu erklären. Von Constantine fuhr ich mit der Diligence über Batna und El Kantara nach Biskra. Hier lernte ich auf mehreren Ritten, die ich in Gesellschaft Biskra zweier junger französischer Offiziere unternahm, die Wüste kennen. Die Unermeßlichkeit des Horizonts, die Einförmigkeit, das tiefe Schweigen, der Ernst dieser Natur machten mir einen überwältigenden Eindruck. Ich begriff, daß das Judentum und mit ihm das Christentum, daß der Islam, daß drei große Religionen aus der Wüste hervorgingen. Sie führt zur Konzentration und zum Meditieren. Sie verfeinert die Empfindung, sie gibt der Einbildungskraft Flügel. Nur das Meer und die Hochalpen sind ihr vergleichbar. Als ich meiner Ergriffenheit, ja meinem Entzücken Ausdruck gab, unterbrachen mich meine Begleiter. „Wenn Sie“, meinten sie, „als Offizier einige Sommermonate hier verweilen müßten, würden Sie anders sprechen. Für einen Offizier, einen zivilisierten Menschen, ist die Wüste die Hölle. Ni plus, ni moins! In jedem Sommer kommt es vor, daß. Offiziere unter dem Druck der Melancholie, die durch die entsetzliche Hitze und die Monotonie der Wüste erzeugt wird, zum Revolver greifen und ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen. Was die Mehrzahl von uns aufrechterhält, ist das Pflichtgefühl und die Überzeugung, daß, wer hier Geist und Körper gestählt hat, wozu allerdings gehört, daß er sich des Alkohols enthält, jeder künftigen Anstrengung und allen denkbaren Gefahren gewachsen ist.“ Von meinen Begleitern hörte ich zum erstenmal die Ansicht aussprechen, daß für Frankreich sein nordafrikanischer Besitz nicht, wie dies in Deutschland angenommen zu werden scheine, eine militärische Schwächung, sondern vielmehr eine erhebliche Stärkung bedeute. Nordafrika sei ein 544 DIE FREMDENLEGION Frankreichs unerschöpfliches Reservoir für kräftige, zähe, kampflustige Soldaten. Es Truppen- k omrae nur darauf an, diesen Soldaten kühne und harte Führer zu geben. reservoir ^ enn §j e fü r die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse des Afrikaners sorgen und ihm Offiziere geben, die ihn mit dem Revolver in der Hand dirigieren und führen, so können Sie die Hölle mit ihm stürmen.“ An diese Unterredung während unseres Wüstenrittes, an die „force noire de la France“ habe ich oft zurückgedacht, wenn ich die selbst von deutschen Militärs und insbesondere von Kaiser Wilhelm II. gehegte falsche Ansicht bekämpfte, daß die Ausdehnung des nordafrikanischen französischen Besitzes für Frankreich militärisch eher schädlich als nützlich sei. Wie mein geistlicher Freund in Constantine hielten auch meine militärischen Wüstenbegleiter einen ernstlichen, gefährlichen Aufstand in Algier wie in Tunis für so gut wie ausgeschlossen. Der militärische Wert der Fremdenlegion wurde von allen Franzosen, denen ich begegnete, den Offizieren sowohl wie den Beamten, sehr hoch eingeschätzt. Natürlich müßten diese „enfants perdus de la civilisation moderne“ einer eisernen Disziplin unterworfen werden. Aber bei energischer Führung seien sie ebenso leistungsfähig wie die Landsknechte des Mittelalters. Die französische Fremdenlegion sollte damals an zwanzigtausend Mann zählen. Es wurde angenommen, daß mindestens fünfzig Prozent der Legionäre Deutsche waren. Nach alter französischer Tradition wurde die Legion mit Vorliebe als Kanonenfutter verwendet. Das Wüstenklima mit seiner furchtbaren Sommerhitze und empfindlichen Winterkälte dezimiert die Reihen der Legionäre. Der jährliche •Gesamtverlust der Fremdenlegion soll siebzig Prozent betragen. Algier, wo ich meine afrikanische Reise beendigte, war nach Karthago Algier und nach der Wüste fast eine Enttäuschung für mich. Jedenfalls erfüllte die „Weiße Stadt“ nicht die Erwartungen, welche die Lektüre des „Semilasso“ des Fürsten Pückler-Muskau in mir erweckt hatte. Aber auch in Algier lernte ich einen nicht uninteressanten Mann kennen. Der deutsche Konsul, Julius Fröbel Dr. Julius Fröbel, machte einen bescheidenen, schüchternen, fast ängstlichen Eindruck. Niemand hätte ihm die bewegte, ja stürmische Vergangenheit angesehen, auf die der achtzigjährige Mann zurückblickte und aus der zu lernen war, daß es in der viel verhöhnten Biedermeierzeit mehr echte Romantik gab als in der wohl vernünftigeren, aber auch banaleren Gegenwart. Julius Fröbel war von seinem Onkel Friedrich Fröbel, dem bekannten Pädagogen und Gründer der Kindergärten, in Keilhau bei Rudolstadt erzogen worden. Von Keilhau ging er nach Zürich, wo er die Professur der Mineralogie an der Hochschule erhielt. Als er das Züricher Bürgerrecht erworben hatte, gab er seine Professur auf und stellte sich an die Spitze der radikalen Partei der Limmatstadt. Er gründete das „Literarische Comtoir“, in dem die revolutionären Schriften erschienen, die in Deutschland von der EIN DEUTSCHER REVOLUTIONÄR 545 Zensur verboten waren und die Fröbel mit leidenschaftlichem Eifer verbreitete. Auf einer Propaganda-Reise in Köln verhaftet und aus Preußen ausgewiesen, fand er einen Unterschlupf in Dresden, wandte sich immer mehr nach links und wurde 1848 als roter Demokrat in das Frankfurter Parlament gewählt. Im Oktober 1848 ging er mit seinem Parteifreund Robert Blum nach Wien, um den dortigen Aufständischen eine Adresse der Frankfurter Linken zu überreichen. Er nahm Ende Oktober als Hauptmann teil an den Kämpfen der Wiener Revolutionäre gegen die Wien belagernden kaiserlichen Truppen. Nach der Übergabe von Wien wurde er gleichzeitig mit Blum verhaftet und vom Kriegsgericht zum Tode durch den Strang verurteilt. Das war zweifellos der dramatische Höhepunkt seines Lebens. Robert Blum wurde bekanntlich erschossen. Julius Fröbel wurde im letzten Augenblick vom Fürsten Alfred Windischgraetz begnadigt, den einer seiner Adjutanten darauf aufmerksam gemacht hatte, daß Fröbel sich einmal in einer Rede oder in einer Broschüre für die österreichische Hegemonie in Deutschland ausgesprochen habe. Windischgraetz ließ Fröbel sogar nach Frankfurt zurückkehren, wo er im Juni 1849 den Exodus des Rumpfparlaments nach Stuttgart mitmachte. Er lebte hierauf erst in Cuxhaven, dann auf Helgoland und wanderte 1849 nach Amerika aus. Dort etablierte er in New York eine Seifenfabrik, machte Bankrott, zog nach Nikaragua, beteiligte sich an einer Kommission, die die Möglichkeit eines Kanalbaues zu untersuchen hatte, ging nach San Franzisko, wo er ein Journal herausgab, und als er auch damit keinen Erfolg hatte, zog er wieder nach New York. Hier heiratete er die Reichsgräfin Caroline von Armanns- berg, deren Vater, Graf Ludwig Armannsberg, nacheinander königlich bayrischer Minister des Innern und der Finanzen, später Präsident der Regentschaft des neugegründeten griechischen Staats und sogar hellenischer Reichsverweser geworden war, um schließlich als Reichsrat der Krone Bayerns in München zu sterben. Fröbel kehrte mit seiner Gattin nach Deutschland zurück, schloß sich der Großdeutschen Partei an und gründete in Wien ein offiziöses Blatt, den „Botschafter“. Von Julius Fröbel ging die Idee des Frankfurter Fürstentages aus, für die er durch den Erbprinzen von Thurn und Taxis dessen Schwager, den Kaiser Franz Josef, gewann. Gleichzeitig hatte er für eine Reform der österreichischen Handelspolitik im freihändlerischen Sinne und für seine eigenen sozialen Theorien gewirkt, mit denen er, wie er mir anvertraute, etwa die Mitte zwischen Rodbertus und Lassalle hielt. 1866 übernahm er die Redaktion des württembergischen „Staatsanzeigers“, gab sie aber nach einem Jahr wieder auf und gründete die „Süddeutsche Presse“ in München, in der er die Bismarcksche Politik verfocht und damit seinen Übergang von der Großdeutschen zur Kleindeutsch-Preußischen Partei 35 BUlow IV 546 PROMEMORIA vollzog. Nachdem er die „Süddeutsche Presse“, die sich, nebenbei gesagt, ebensowenig rentierte wie andere frühere Unternehmungen, leidlich verkauft hatte, trat er 1873 als Konsul in Smyrna in den Dienst des Deutschen Reichs. Von Smyrna war er nach Algier versetzt worden. Julius Fröbel empfing mich mit sichtlichem Mißtrauen, das ihm in seinem abenteuerlichen Leben offenbar zur zweiten Natur geworden war. Als ich ihn darüber beruhigt hatte, daß ich nicht nach Algier gekommen sei, um ihn von seinem Posten zu verdrängen, schenkte er mir zunächst sein Hauptwerk: „Die Wirtschaft des Menschengeschlechts auf dem Standpunkt der Einheit idealer und realer Interessen.“ Dann kramte er, anfänglich zaghaft, dann immer zuversichtlicher, seine Impressionen als Konsul in Algier aus. An der Hand seiner sachlich gründlichen und klaren Mitteilungen über die Verhältnisse in Nordwestafrika schrieb ich in einer Nacht ein Promemoria, das der Botschafter Fürst Hohenlohe später dem Auswärtigen Amt einreichte. Den politischen Gesamteindruck meiner Reise nach Tunis und Algier resümierte ich in einem langen Brief an Holstein. XXXIX. KAPITEL Besuch Herbert Bismarcks in Paris • Von Herbert Bismarck nach London eingeladen Botschafter Graf Münster • Mr. Gladstone • Vermählung Adolfs von Bülow in Nienstedten (1. VII. 1884) • Versetzung nach St. Petersburg < Bei Fürst Bismarck in Varzin S eitdem ich zum Ersten Sekretär der Pariser Botschaft befördert worden war, hatte sich mir in steigendem Maße das Interesse von Holstein Interesse zugewandt. Herbert Bismarck sagte mir einmal über Holstein in jener Zeit, Holsteins wo beide intim befreundet waren: „Holstein besitzt ungemein viel Flair. Ob ein junger Diplomat ,a rising man 4 ist oder nicht, fühlt Holstein, bevor der Betreffende sich selbst darüber klar ist. Auch das macht ihn meinem Vater wertvoll.“ Holstein interessierte sich nicht nur für meine Berichterstattung, für meine dienstliche Tätigkeit, sondern auch menschlich suchte er mir näherzukommen. Als ich nach meinem Avancement auf Urlaub nach Berlin kam, lud er mich zu Borchardt ein. Während wir vorzüglichen Rotwein tranken (Holstein war ein Feinschmecker), setzte er mir auseinander, daß er für mich beinahe väterliche Gefühle hege. Mein Vater habe mich ihm nicht lange vor seinem Tode anvertraut. „Wenn ich nicht mehr bin“, habe er zu ihm gesagt, „so halten Sie Ihre Hand über meinen ältesten Sohn.“ Holstein sagte mir das mit einem Tremolo in der Stimme. Ich glaube, er hatte sogar eine Träne im Auge. Ob etwas Wahres an der ganzen Geschichte war? Ich möchte es bezweifeln. Mein seliger Vater würdigte die große Begabung von Holstein, seine Sprachkenntnisse, seine Schlagfertigkeit, seine eminente Arbeitskraft, vor allem seinen politischen Scharfsinn. Vertrauen hatte er nicht zu dem Geheimrat Fritz von Holstein. Im Mai 1884 aus Algier nach Paris zurückgekehrt, erhielt ich einen Brief von Herbert Bismarck, der damals der Kaiserlichen Botschaft in Herbert London als Erster Sekretär zugeteilt war. Er zeigte mir seine bevor- Bismarck stehende Ankunft in Paris an, wo er acht fidele Tage verleben und mich P“ r * s einmal Wiedersehen wolle. Ich fand ihn bei seinem Eintreffen in weit besserer Stimmung als zwei oder drei Jahre früher, wo er noch ganz unter dem Eindruck seiner unglücklich verlaufenen Leidenschaft für die Fürstin Elisabeth Carolath gestanden hatte, mit aller Welt und am meisten mit sich selbst unzufrieden war und alles in grau sah. Jetzt erstaunte er mich 35 » 548 DIE ERLEDIGTEN FRANZOSEN durch die Unverwüstlichkeit, mit der er bis spät in die Nacht im Cafe Anglais oder bei Voisin schwerem Romanee-Conti und Champagner (Extra- Dry) zusprach, um am nächsten Morgen bei bester Verfassung zum Frühstück eine Flasche Portwein zu leeren. Ich lud ihm wiederholt zu kleinen Soupers diese oder jene meiner französischen Freunde ein, denen er gefiel. Er sprach Französisch nicht besonders geläufig, aber originell, und fand für jeden seiner Gedanken auch in der fremden Sprache einen treffenden, prägnanten Ausdruck. Ich entsinne mich eines ausgezeichneten Frühstücks im Cafe Voisin, an dem außer dem klugen und liebenswürdigen Grafen Adrien Montebello auch Camille Barrere, der künftige Botschafter in Rom, und die Brüder Cambon teilnahmen, die gleichfalls beide Botschafter werden sollten. Die Franzosen bewunderten die Trinkfreudigkeit und Trinkfestigkeit des jungen deutschen Recken, aber auch seinen Humor und seine Schlagfertigkeit. Ich machte Herbert mit Francis Charmes bekannt, dem späteren Chroniqueur der „Revue des Deux Mondes“, der ihm durch seinen scharfen und klugen Verstand besonders gefiel. Ich führte Herbert nach Versailles. Als ich ihm den majestätischen Vorhof zeigte, auf dem sich die Statue des Roi-Soleil erhebt, umgeben von den Standbildern von sechzehn französischen Feldherren, von Bayard bis Massena, als wir durch die Gemäldegalerie gingen, die dem Ruhm Frankreichs geweiht ist („ä toutes les gloires de la France“), die alle Siege der französischen Heere während Jahrhunderten verherrlicht, alle lichten Seiten der „gloire“, ohne irgendwelchen Schatten, wies ich auf die unbegrenzte Eitelkeit der Franzosen hin, über die der zu einer moralischen Betrachtung der Dinge geneigte Deutsche den Kopf schüttele, die aber doch die Quelle des unausrottbaren französischen Ehrgeizes, der unverwüstlichen französischen Vitalität, vor allem der leidenschaftlichen französischen Vaterlandsliebe sei. Herbert meinte: „Das hier ist alles Quatsch, das sind Tempi passati. Wir dürfen uns von den Franzosen nicht verblüffen, uns nicht von ihnen imponieren lassen. Die Leute sind ein für allemal erledigt.“ Im Gegensatz zu seinem großen Vater neigte Herbert seit seiner Jugend, der Staatssekretär später noch mehr als vorher der Botschaftssekretär, politisch zur Hybris. Nicht lange nachdem Herbert Bismarck aus Paris nach London zurück- Reise gekehrt war, erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich dringend und Bülouis herzlich einlud, für einige Tage herüberzukommen. Nicht nur würde mein nach London ßgguch ihm persönlich eine Freude sein, sondern auch im dienstlichen Interesse fände er es nützlich, daß ich mir London einmal ansähe und dort Beziehungen anknüpfe. Er proponierte mir, bei seinem und meinem Freunde, dem Zweiten Sekretär der Kaiserlichen Botschaft, dem Grafen Friedrich Vitzthum, abzusteigen, der mich gern in seiner hübschen und GLADSTONES WAHLREFORMBILL 549 bequem gelegenen Wohnung beherbergen würde. Rasch entschlossen fuhr ich zwei Tage später über Boulogne nach London. Mein Zug passierte Amiens, und ich gedachte der Zeiten, wo ich im Dezember 1870 in Camon im Quartier lag, bei Querrieux, Pont Noyelles und Daours focht und später im schönen Mai 1871 im Gehölz von Longeau spazierenritt. In der englischen Hauptstadt traf ich in einem politisch interessanten Augenblick ein. In der englischen innern Politik drehte sich im Frühjahr 1884 alles um die Wahlreformbill, die Gladstone Ende Februar im Unterhause eingebracht hatte und durch die mit einem Schlage die Gesamtzahl der Wähler nahezu verdoppelt werden sollte. Das dieser Reform abgeneigte Englische Oberhaus operierte taktisch sehr geschickt. Es verfiel nicht in den Fehler, den im letzten Jahre meiner Reichskanzlerzeit die preußischen Konservativen begingen, als sie sich a limine jeder Reform des preußischen Wahlrechts widersetzten. Klüger, staatsmännischer und patriotischer, erklärten die englischen Konservativen und mit ihnen das House of Lords, in dem sie die Mehrheit besaßen, daß die Ausdehnung des Wahlrechts an sich auch ihren Wünschen entspräche. Dagegen stellten sie das nicht unbillige Verlangen, daß die neue Verteilung der Parlamentssitze, die Gladstone erst später vornehmen wollte, schon in die erste Bill einbezogen werden sollte, so daß beide Parteien klar erkennen könnten, was sie durch die ganze Maßregel zu gewinnen oder zu verlieren hätten. Das Oberhaus konnte die von ihm gewünschte Verschmelzung der beiden Maßregeln in einen Gesetzentwurf nicht durchsetzen. Aber da es sich entschieden weigerte, die erste Bill anzunehmen, bevor die zweite nicht wenigstens dem Parlament vorgelegt worden wäre, bot Gladstone die Hand zu einem Kompromiß. Er verständigte sich persönlich mit Lord Salisbury, dem Führer der Tories und der Oberhausmehrheit, und machte diejenigen Konzessionen, die unerläßlich waren, um dem Oberhaus zu genügen, und die noch nicht zu weit gingen, um die liberale Majorität im Unterhaus zu gefährden. Lord Salisbury ging darauf ein, und die große Reform war gesichert. Wiederum hatte sich die politische Erbweisheit der Engländer, wie König Friedrich Wilhelm IV. den traditionellen politischen Common sense der Briten genannt hat, glänzend bewährt. In der auswärtigen Politik stand bei meinem Eintreffen in London die Mission im Vordergründe, mit der General Gor don im Sudan betraut worden war. Ganz England bangte für das Schicksal seines populären, geliebten und verehrten Generals. Meinen ersten Besuch in London stattete ich selbstverständlich dem Botschafter ab, dem damaligen Grafen, späteren Fürsten Münster. Er war ein Original, auch äußerlich. Sehr lang, sehr mager, hatte er einen unverhältnismäßig großen Kopf, der an einen großen Kürbis auf einer langen Stange erinnerte. Mit diesem Kopf pflegte Münster zu wackeln. Das gab ihm, Graf Münster 550 LORDS UND GEHEIMRÄTE verbunden mit der hängenden Unterlippe, den glanzlosen Augen, etwas für alle und alles Gleichgültiges, Hochmütiges. Insofern war er ein echter Typus des alten hannoverschen Adels, der an aristokratischer Hoffart jeden andern deutschen Adel übertraf. Dieses hochmütige Selbstbewußtsein war aber mit unleugbaren Qualitäten verbunden. Münster besaß große Sicherheit des Auftretens, ein unerschütterliches Selbstvertrauen, viel gesunden Menschenverstand. In der Konversation war er ebenso originell wie in der äußeren Erscheinung. Er verhehlte in keiner Weise seine Mißachtung für das damals von Bismarck geleitete Auswärtige Amt, das er das „Zentralrindvieh“ zu nennen pflegte. Tadelnde Bemerkungen in Erlassen des Auswärtigen Amts und selbst Rügen von Bismarck machten ihm keinen Eindruck. Als er einmal einen schriftlichen Verweis des „großen Otto“, wie wir ihn in der Karriere nannten, erhielt, meinte er gleichmütig, noch dazu im Beisein von Herbert Bismarck: „Wie muß sich der geärgert haben, der diesen Erlaß diktiert hat.“ Am ersten Abend, den ich bei Münster verlebte, geriet er mit Friedrich Disput des Vitzthum in einen freundschaftlichen Disput über eine gerade schwebende Botschafters deutsch-englische Differenz. Münster konnte Vitzthum wohl leiden, obwohl mit Vitzthum 0( j er g era( J e W eil dieser ihm gegenüber kein Blatt vor den Mund nahm. „Ich weiß sehr gut“, meinte Vitzthum an diesem Abend zu seinem Chef, der wieder abfällige Bemerkungen über deutsche Beamte und Hochschullehrer gemacht hatte, „daß Sie, Exzellenz, der Ansicht sind, ein englischer Lord von einundzwanzig Jahren, der in Cambridge oder in Oxford gerudert und Cricket gespielt hat, sei klüger als alle deutschen Bürokraten und Gelehrten.“ Mit der größten Ruhe erklärte Münster lachend: „Das ist er auch, mein lieber Vitzthum! Das ist er! Politisch ist so ein junger Lord viel klüger als alle unsere Professoren und Geheimräte.“ Als die Rede darauf kam, daß er und Bismarck von 1859 bis 1862 in St. Petersburg Kollegen gewesen waren, meinte Münster, nicht ohne unfreiwilligen Humor: „Für Bismarck, der das starke preußische Heer hinter sich hatte, war es keine Kirnst, sich in St. Petersburg eine gute Stellung zu machen. Aber daß ich als Vertreter des kleinen Hannover in St. Petersburg eine so ausgezeichnete Position hatte, das wollte etwas bedeuten.“ Als wir von der Botschaft nach der Vitzthumschen Wohnung zurückkehrten, resümierte Herbert sein Urteil über Münster dahin, daß er nach Erziehung, durch seine Heirat mit einer Engländerin und alle seine Liebhabereien ganz Engländer geworden sei und alles durch die englische Brille ansehe. Er würde also nur so lange brauchbar sein, wie wir mit England keine ernstlichen Differenzen hätten. Solange dies nicht der Fall sei und von Berlin überwacht und gezügelt, sei Münster in London ganz gut am Platz, da er den Engländern sympathisch sei und ihnen volles Vertrauen einflöße. Nur der Prinz von Wales möge Münster : t DER GROSSE ENGLÄNDER 551 nicht leiden, da er einerseits innerlich überhaupt deutschfeindlich sei und andererseits Münster nicht verzeihen könne, was er dessen „Verrat“ am hannoverschen Königshause nenne. Als Althannoveraner und Sohn eines vom Weifenhause gegraften hannoverschen Großwürdenträgers hätte Münster nach der Ansicht des englischen Thronerben auch nach 1866 zu den Welfen stehen müssen. Für mich war Münster während meines Londoner Besuches freundlich und zuvorkommend. Er hat es mir viele Jahre später übelgenommen, daß er mit achtzig Jahren, tatsächlich schon recht senil, unter Verleihung der Brillanten zum Schwarzen Adlerorden zur Disposition gestellt wurde. Bei meinem damaligen Besuch in London frug er mich, ob ich nicht Lust hätte, mich nach der bald bevorstehenden Ablösung von Herbert Bismarck als Erster Sekretär von Paris nach London versetzen zu lassen. Ich würde ihm als Erster Sekretär sehr erwünscht sein. Ich passe gut nach London und würde mir dort eine gute Stellung machen. Münster stellte mich dem Premierminister vor. Der Rt. Hon. W. E. Gladstone, M. P., First Lord of the Treasury, war damals schon Gladstone fünfundsiebzig Jahre alt. Seit seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr, also seit einundfünfzig Jahren, gehörte er dem Unterhause an. Er war schon vor gerade einem halben Jahrhundert, 1834, unter Sir Robert Peel, dem Befürworter der Katholikenemanzipation und Vorkämpfer des Freihandelssystems, Unterstaatssekretär im Kolonialamt und 1868 zum erstenmal Premierminister gewesen. Gladstone hatte nicht das Faszinierende von Disraeli, dem Vater des englischen Imperialismus. Weder auf die Königin Victoria, die ihn nicht mochte und ihm seinen Rivalen Beaconsfield bei weitem vorzog, noch auf das englische Volk übte er den Zauber aus, der seinem Rivalen, Benja min Disraeli, nicht nur die dauernde Gnade seiner hohen Gebieterin, sondern auch die größte Popularität eintrug, die seit Palmerston ein englischer Minister besessen hatte. Disraeli zu Ehren schmückt noch heute die Primrose, die Primel, die Knopflöcher englischer Nationalisten. Aber auch William Gladstone war ein ungewöhnlicher Mann. Mir fiel sein großes, tiefes, ernstes Auge auf, aus dem Begeisterungsfähigkeit, Gutgläubigkeit und Bekennermut sprachen. Er hatte ein ungewöhnlich sympathisches Organ. Ich bin weit entfernt, ihn nach den wenigen Worten zu beurteilen, die er mit einem um vierzig Jahre jüngeren Mann wechselte. Aber ich verstand, daß er seinen Landsleuten durch Eigenschaften imponierte, die im besten Sinne englisch waren: den großen Ernst, die Tüchtigkeit, die Begeisterungsfähigkeit, die Gewissenhaftigkeit, die Überzeugungstreue. Gladstone wechselte gelegentlich seine Überzeugungen, aber was er im Augenblick sagte, daran glaubte er felsenfest wie an das Evangelium. 552 DER UNFEHLBARE An Disraeli hatte einmal eine Dame brieflich die Frage gestellt, die das gute Gretchen an Faust richtet: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Disraeli hatte geantwortet, ein weiser Mann sage nie, was er über Religion denke. Gladstone hatte ein viel näheres Verhältnis zur Religion. Er las, meditierte und kommentierte die Bibel. Es gibt ein köstliches Bild von Lenbach, das William Gladstone darstellt, wie er mit Ignaz Döllinger theologische Fragen bespricht. Es handelt sich offenbar um ein kniffliches Problem. Gladstone sieht nachdenklich ins Weite, Döllinger grübelt mit verschränkten Armen. Gladstone hatte viel von einem Theologen. Er lebte und webte in biblischen Vorstellungen. Disraeli hatte etwas Skeptisches. Gladstone entrüstete sich gern. Er hatte vor der Bildung des italienischen Nationalstaates die Regierungsweise im Königreich Neapel und im Kirchenstaat eine „Verleugnung Gottes“ gescholten. Nach den türkischen Exzessen in Bulgarien tobte er gegen den „unspeakable Turk“. Aber wie die Mehrzahl seiner Landsleute entrüstete sich Gladstone nur da, wo sein Zorn die englischen Interessen nicht ernstlich gefährdete. Er war bisweilen von dem Vorwurf der Heuchelei nicht ganz freizusprechen, in die Staatsmänner leicht verfallen, die auf einer ethischen Basis stehen und doch die Interessen ihres Landes wahren wollen. Es hat nicht viele Staatsmänner gegeben, die von ihrer Unfehlbarkeit so überzeugt waren wie William Gladstone. Mein Freund Harding, wegen seiner tüchtigen und ausgehreiteten Kenntnisse im englischen diplomatischen Dienst „The Professor“ genannt und nicht zu verwechseln mit dem späteren Unterstaatssekretär im Foreign Office und Vizekönig von Indien, Hardinge, erzählte mir gelegentlich den nachstehenden kleinen Zug. Er war zu Tisch bei Gladstone eingcladen worden. Der große Mann hielt einen seiner gewohnten Monologe und setzte auseinander, daß es auf der Balkanhalbinsel nur zwei Völker gebe, die edlen Griechen und die abscheulichen Türken. Harding, der die Balkanhalbinsel aus eigener Anschauung kannte, machte in bescheidener Weise, fast schüchtern, darauf aufmerksam, daß auch Millionen von Slawen auf der südöstlichen europäischen Halbinsel lebten, Kroaten, Serben, Bulgaren, sodann auch Rumänen und Albanesen. Während Harding die Zahlen angab und diese verschiedenen Nationalitäten, ihre Vergangenheit, ihre Kultur, ihre Aspirationen charakterisierte, steckte ihm der aufwartende Diener im Auftrag von Mrs. Gladstone einen kleinen Zettel zu, auf den sie geschrieben hatte: „We never contradict Mr. Gladstone.“ Münster fuhr mich in seinem tadellos von ihm geleiteten Viererzug fast täglich zu irgendeinem sportlichen Vergnügen. Herbert gab mir vor meiner Abreise in Richmond ein Souper, zu dem er außer dem drolligen und brillanten Lord Charles Beresford und dessen reizender Frau die Staats? HERBERT BISMARCKS REVOLVER 553 Sekretäre des Innern und des Krieges, Sir W. Vemon-Harcourt und den Marquis of Hartington, den späteren Herzog von Devonshire, einlud. Auch Sir Charles Dilke, der Präsident des Local Government Board, nahm Sir Charles an diesem kleinen Feste teil. Er hatte sich damals noch nicht lange von Dilke einem allerdings mehr akademischen Republikanismus zur Monarchie zurückgefunden. Der ungewöhnlich begabte Mann, der mit seinem Buch „Problems of Greater Britain“ einer der Vorkämpfer und Bahnbrecher des gegenwärtigen, auf föderativer Basis ruhenden englischen Weltreichs wurde, ist später an einer wüsten Weibergeschichte gesellschaftlich und politisch zugrunde gegangen. Ein andermal lud mir Herbert alte diplomatische Kollegen und Freunde ein, von denen ich mich an die Franzosen d’Aunay, den späteren Freund und Vertrauten von Clemenceau, mit seiner ehrgeizigen und koketten amerikanischen Frau und den klugen, historisch sehr gebildeten Mr. Bapst, an den Dänen Falbe, den Ungarn Hengelmüller von Hengervor, den Russen Niki Adlerberg erinnere. Als ich mich von Herbert verabschiedete, schenkte er mir einen hübschen und handlichen Revolver mit der humoristischen Aufforderung, damit jeden „vor den Bauch zu schießen“, der mir im Leben feindlich in den Weg treten würde. Der Revolver liegt noch neben meinem Schreibtisch in der Villa Malta. Ich verließ London mit der Hoffnung, daß ich dort im Laufe des Sommers als Erster Sekretär an die Stelle von Herbert Bismarck treten und Gelegenheit finden würde, England, wo es mir ausgezeichnet gefallen hatte, näher kennenzulemen. Am 1. Juli 1884 wohnte ich mit viertägigem Urlaub der Hochzeit meines Bruders Adolf mit unserer Kusine, der Komteß Carola Vitzthum, bei. Heirat Adolfs Die Feier steht heute noch lebhaft vor meinem Gedächtnis. Die Trauung v. Bulow fand an der Niederelhe statt, wo ich geboren hin, in der alten Kirche von Nienstedten, deren Geistlicher mich getauft hat und auf deren stillem Friedhof ich einst begraben werden möchte. Man konnte sich kaum ein schöneres Brautpaar denken. Er vierunddreißig, sie kaum zwanzig. Er groß, schlank, sehnig, mit ernsten, fast strengen Gesichtszügen und großen, nachdenklichen Augen, sie mit wunderschönen, aber etwas melancholischen Augen, hübsch gewachsen, aber dabei noch ganz mädchenhaft, zart, voll Anmut. Sie war Ehrendame der Kaiserin Augusta gewesen, die auf alle Damen ihres Hofes einen günstigen Einfluß ausübte, im Goethischen Sinn der Ausbildung und Förderung des mensclilich Guten und Schönen. Es war eine Liebesheirat im vollen Sinne des Wortes. Sie blickte mit zärtlicher Bewunderung und Neigung zu ihm auf, der sich leidenschaftlich in sie verliebt hatte. Kaum zwei Jahre später starb Carola in ihrem zweiten Wochenbett. Dreizehn Jahre später fand Adolf einen jähen Reitertod. 554 IN VARZIN Nach Petersburg versetzt Besuch beim Fürsten Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch, der Vergängliche, baut ? Während des Frühstücks, das nach der Trauung in der Bost, dem an der hier breit fließenden Elbe unter Eichen, Linden und Buchen schön gelegenen Landhaus der Eltern der Braut in Dockenhuden, stattfand, erhielt ich ein Telegramm des Auswärtigen Amtes, das mir meine Versetzung von Paris nach St. Petersburg mit dem Zusatz mitteilte, daß ich mich sofort und direkt auf meinen neuen Posten zu begeben hätte, da der kaiserliche Botschafter in St. Petersburg, der General von Schweinitz, aus Familienrücksichten einen nicht länger zu verschiebenden Urlaub antreten wolle. So schied ich von Paris. Ich hatte angenommen, daß ich nach wenigen Tagen von der Elbe an die Seine zurückkehren würde. Statt dessen habe ich Paris, wo ich sechs Jahre verlebt batte, nie wiedergesehen. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? Gleichzeitig mit der Weisung des Auswärtigen Amtes erhielt ich ein Telegramm aus Varzin, in dem Fürst Bismarck mir den Wunsch einer persönlichen Rücksprache ausdrückte und mich zu einem zweitägigen Besuch einlud. Am nächsten Tage fuhr ich von Hamburg direkt nachVarzin, wo ich zuletzt neun Jahre früher geweilt hatte. Ich wurde vom Fürsten, der Fürstin und Bill Bismarck, der bei seinem Vater Dienst tat, in der freundlichsten Weise empfangen. Im Bismarckschen Hause herrschte ein im besten Sinne patriarchalischer Ton, nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern auch zwischen dem Hausherrn und seinen Gästen. Wie jedes ganz große Genie, war auch Bismarck nicht unter einen einzigen Begriff zu bringen, also etwa mit dem Schlagwort „der größte Junker“ zu klassifizieren. So wenig wie Moltke nur Schlachtendenker war, Goethe nur Dichter des „Faust“. Aber im innersten Kern war Bismarck preußischer Edelmann und preußischer Offizier, deutscher Landwirt und Familienvater. Die Fürstin frag sofort nach dem Befinden meiner Mutter, die sie sehr liebte. Der Fürst reichte mir die Hand mit den Worten: „Es sind wohl schon fünf Jahre vergangen, seitdem Ihr Herr Vater starb, aber ich vermisse ihn noch ebenso wie am ersten Tage.“ Die Fürstin setzte mir angelegentlich zu, der wie in Berlin so auch in Varzin reichlich mit allen möglichen Leckerbissen und „Delikatessen“ besetzten Abendtafel zuzusprechen. Als sie mich nötigen wollte, ein zweites und drittes Glas schweres Kulmbacher Bier (Liebesgabe) zu leeren, wehrte der Fürst launig ab mit dem Bemerken: „Ich vermute, daß Herr von Bülow wie sein Vater, dem er übrigens sehr ähnlich sieht, nur daß er schlanker ist, dem Alkohol nur mäßig huldigt, was ich übrigens lobe, wenn ich auch selbst auf einem andern Standpunkt stehe.“ Die Rede kam auf Berliner ^'*5*PW W‘* w r«m«“ ** DER LÖWENKÄFIG 555 tische Kriege gesellschaftliche Verhältnisse. Die Fürstin schwärmte vonFrauvonSpitzem- berg, der Frau des württembergischen Gesandten in Berlin, mit der sie seit über zwanzig Jahren, seit der gemeinsamen Gesandtenzeit in St. Petersburg, befreundet sei und die sie immer als treu befunden habe. Auch die mit Spitzemberg verwand ten Familien Varnbüler, Hofacker, Erffa und Below wurden gepriesen, dagegen die „greuliche, unausstehliche, affektierte Mimi“, die Gattin des Hausministers Schleinitz, heftig geschmäht. Der große Fürst lächelte beifällig und konstatierte, daß ihm der Gatte, der Hausminister Graf Alexander Schleinitz, „fast ebenso widerwärtig“ sei wie Mimi. Als Bill mich gegen Mitternacht in mein Zimmer brachte, meinte er mit Humor und behaglich lächelnd: „So viel wie bei uns wird doch in keinem andern Hause geschimpft.“ Ich erwiderte ihm, daß es im Löwenkäfig anders aussehe als im Schafstall oder im Hühnerhof. Als ich am nächsten Morgen in meinem Zimmer bei meinem sehr reichlichen ersten Frühstück saß, trat der Fürst ein. Ei setzte sich mir gegenüber Bismarck mit den Worten: „Lassen Sie sich in Ihrem Vergnügen nicht stören, sondern über essen Sie ruhig Ihre Eier. Hoffentlich sind sie richtig gekocht.“ Dann fuhr P™pbylak- er fort: „Sind Sie sehr außer sich, daß Sie statt nach London nach Petersburg kommen? London ist als Wohnort freilich angenehmer. Und Paris zu verlassen, wird Ihnen wohl auch nicht leicht? Wie dem auch sein möge, Sie machen gute Miene zum bösen Spiel und spielen sich nicht auf den Pikierten, was immer das klügste ist.“ Ich erwiderte, ich fände es ganz interessant, daß ich, nachdem ich vor nicht allzu langer Zeit in der Wüste bei Biskra spazierengeritten sei, mich jetzt am Anblick des Finnischen Meerbusens und binnen kurzem an der zugefrorenen Newa ergötzen würde. Der Fürst nickte und kam sogleich auf unsere auswärtige Lage. „Unsere Politik ist und bleibt eine Friedenspolitik. Wir haben gar keinen Grund, einen Krieg zu wünschen, denn ich sehe nicht ein, was wir bei einem Kriege zu gewinnen hätten. Die Annexion von Deutschösterreich oder gar der baltischen Provinzen oder vollends der Holländer oder Schweizer würde für uns nur eine Schwächung bedeuten. Und sogenannte prophylaktische Kriege zu führen, das heißt über einen andern herzufallen, damit er, noch stärker geworden, nicht über mich herfalle, halte ich, wie Ihnen Ihr Herr Vater gesagt haben wird, der darin mit mir übereinstimmte, nicht allein für unchristlich, sondern auch für politisch unvernünftig. Wohin ist Napoleon I. mit seinen prophylaktischen Kriegen gekommen ? Man weiß, wie man in einen Krieg hineinkommt! Aber man weiß nie, wie man aus ihm herauskommen wird. Dreimal hat Gott uns den Sieg verheben. Das war viel Gnade. Es ohne zwingenden Grund zu einem vierten Kriege kommen zu lassen, hieße Gott versuchen. Die Aufrechterhaltung des Friedens deckt sich mit unserem Interesse. Natürlich müssen wir unser Schwert scharf erhalten. Unsere 556 DER PIVOT politische Stellung, Macht, Ehre und Reichtum verdanken wir in erster Linie der Armee. Die Armee sichert auch die monarchische Ordnung der Dinge, die einzige solide Basis des Reichs, der Ordnung und unseres zunehmenden Wohlstandes. Der Pivot unserer Stellung und damit unserer Politik, der Punkt, auf den es am meisten ankommt, ist unser Verhältnis zu Rußland. Die Franzosen werden uns nur angreifen, wenn wir mit Rußland in Krieg geraten sind, dann aber ganz sicher. Was die Engländer angeht, so haben sie überhaupt keinen Grund, uns anzugreifen, wenn sie auch anfangen, neidisch auf unser industrielles Wachstum und unsere kommerziellen Fortschritte zu werden. Der Engländer ist wie der Hund in der bekannten Fabel, der es nicht vertragen konnte, daß ein anderer Hund auch ein paar Knochen vor sich hat, obwohl er selbst, der fette Köter, vor einer ganz vollen Schüssel sitzt. An einen englischen Angriff ist nur zu denken, wenn wir uns sowohl mit Rußland wie mit Frankreich im Kriege befänden oder irgendeinen kompletten Unsinn machen würden, wie Holland oder Belgien zu überfallen, oder die Ostsee zu schließen durch Okkupation des Sundes, oder einen sonstigen Blödsinn, mit dem nicht zu rechnen ist. Also Petersburg ist jetzt für uns der wichtigste diplomatische Posten. Darum habe ich Sie dorthin gesetzt. London und Paris sind doch mehr Beobachtungsposten. In Ländern, wo im letzten Ende das Parlament entscheidet, kann der Diplomat nicht allzuviel machen. In einem Lande, wo es in erster Linie auf den Souverän ankommt, steht die Sache anders. Auch der größte Autokrat handelt nie nur nach eigener Eingebung, wenn er sich dies auch bisweilen einbildet. Er wird immer eine Frau haben, eine Mätresse, Brüder, Vettern, Tanten, Günstlinge, Flügeladjutanten und Kammerherren, die ihn mehr oder weniger beeinflussen. Da kann der Diplomat Positives leisten und erreichen. Gortschakow sind wir ja Gott sei Dank losgeworden. Sein Nachfolger, Herr von Giers, ist kein Held, aber jedenfalls wohlgesinnt. Ich halte ihn für ehrlich, dem Gortschakow bei weitem vorzuziehen. Ich halte auch AlexanderlH. für loyal. Daß er uns nicht so wohlgesinnt ist wie sein Herr Vater, ist kein Unglück. Denn gerade weil Alexander II. bis über die Ohren in der Tradition der Freiheitskriege stak, war er so empfindlich für alles, was er mit Unrecht als eine Abweichung von den Prinzipien der Heiligen Allianz betrachtete. Er war wie eine Frau, die, weil sie in ihren Mann früher sehr verliebt war, ihn noch bis in sein hohes Alter mit Empfindlichkeit und Eifersucht verfolgt und immer fragt: ,Hast du mich noch lieb ?‘ Mit AlexanderlH. ist, wie ich glaube, ein ruhiges, klares Nachbarverhältnis ganz gut möglich. Weisen Sie in Petersburg nur immer darauf hin, daß kein Mensch wissen kann, wie ein kriegerischer Zusammenstoß zwischen den drei Kaisermächten militärisch verlaufen würde. Aber eins ist sicher: Die drei Dynastien, die drei Monarchen würden voraussichtlich die Zeche ZWISCHEN ZWEI KLIPPEN 557 bezahlen, und die einzige, wirkliche Gewinnerin würde die Revolution sein. Napoleon hat auf St. Helena gesagt, Europa würde nach seinem Sturz entweder kosakisch oder republikanisch werden. Ich glaube, daß, wenn der Kurmärker und der Kosak aneinanderkommen, Europa republikanisch werden könnte. Der delikate Punkt in unserem Verhältnis zu Rußland ist natürlich Österreich. Wir können Österreich nicht überrennen und zerschlagen lassen. Wir dürfen uns aber ebensowenig durch Österreich in einen Krieg mit Rußland treiben lassen. Zwischen diesen beiden Klippen durchzukommen, ist eine Sache der Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit, ungefähr so, wie zu verhindern, daß zwei Züge aufeinander- fahren. Der Weichensteiler muß die Augen offen und eine ruhige Hand haben. Am schwierigsten zu behandeln sind die Magyaren, weil sie so hitzig sind. Sie sind für uns die beste Stütze in unserem Verhältnis zur habsburgischen Monarchie, aber sie sind auch diejenigen, die gegenüber Rußland am meisten zu übertriebenem Mißtrauen und zu Unvorsichtigkeit neigen. Übrigens hat es Gott in seiner Weisheit so eingerichtet, daß die Völker des Orients, der bekanntlich auf der Wiener Landstraße anfängt, sich untereinander nicht ausstehen können. Die Magyaren und die Rumänen, die Kroaten und die Serben, die Türken und die Bulgaren, die Tschechen und die Slowaken, die Hellenen und die Albanesen hassen sich untereinander noch mehr, als sie den Deutschen hassen.“ Ich hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, mit unbegrenzter Bewunderung. Ich ließ mich aber dabei nicht in meinem Frühstück stören, sondern verzehrte ruhig und mit Behagen meine Eier, das geröstete Brot und einen geräucherten Hering, den mir die gute Fürs tin auf mein Zimmer hatte bringen lassen. Als ich im Laufe des Nachmittags mit Bill einen Spaziergang unternahm, sagte er mir: „Es wird Sie freuen, daß mein Vater sich freundlich über Sie ausgesprochen hat. Namentlich hat ihm gefallen, daß Sie ruhig Ihre Eier weiteraßen. ,Er hat gute Nerven 4 , meinte er, ,er gefällt mir überhaupt . 4 44 Am nächsten Tage kam Fürst Bismarck nicht mehr auf Fragen der auswärtigen Politik zurück. Dagegen erging er sich im Familienkreise vor mir in heftigen Äußerungen über seine innern Gegner. Er denke nicht daran, ein automatisches Regiment zu führen, wie ihm das täglich vorgeworfen würde. Ein solches würde ganz anders aussehen als der jetzt in Deutschland bestehende Zustand. Er wisse sehr gut, daß in Deutschland in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein absolutistisches und automatisches Regime einfach unmöglich wäre, auch abgesehen davon, daß ihm ein solches nie als Ideal erschienen sei. Ein parlamentarisches Regime erschiene ihm aber ebenso unmöglich. Unsere Fraktionen besäßen weder den Patriotismus der Franzosen noch den gesunden Menschenverstand der Bismarcks innerer Gegner 558 DER FÜRST ÜBER BÜLOWS VATER Engländer. Unter solchen Umständen verstünde er nicht, was sich die Deutschfreisinnigen von der Einrichtung verantwortlicher Reichsministerien versprächen, die sie neuerdings in ihr Programm aufgenommen hätten. Darauf würde er sich, so lange er im Amte bleibe, auf keinen Fall einlasscn. Das parlamentarische System würde bei der politischen Unfähigkeit des gebildeten Deutschen zu Zuständen führen wie 1848, nämlich zu Schwäche und Unzulänglichkeit oben und zu Selbstüberschätzung und zu immer frecheren Forderungen unten. Im Nachtrag zu meinem Besuch in Varzin wie zur Kennzeichnung der Ein Aufsatz Freundschaft zwischen meinem Vater und dem Fürsten Bismarck möchte von ich noch folgendes erwähnen. Drei Jahre nach dem Rücktritt des Fürsten Hans Blum ßigmaj-c]^ j m Frühjahr 1893, veröffentlichte der Publizist Hans Blum, der älteste Sohn des 1848 von den Österreichern in der Brigittenau bei Wien standrechtlich erschossenen Agitators Robert Blum, einen Aufsatz über Unterredungen mit dem Fürsten Bismarck, in dem er angebliche ungünstige Äußerungen des Fürsten über meinen Vater wiedergab, dem er unter an- derm ein allzu scharfes Verhalten gegenüber seinen dienstlichen Untergebenen vorgeworfen habe. Mein Bruder Christian, Rittmeister bei den 2. Gardedragonern, der bald nachher Herbert Bismarck in Sorrento begegnete, stellte ihn zur Rede und bat um Aufklärung. Am 31. März 1893 schrieb mir, nach Schönhausen zurückgekehrt, Herbert Bismarck: „Ihr Brüder Christian wird Ihnen über unsere Unterredung in Sorrento geschrieben haben. Nachdem wir die mit erheblicher Hetzerei verbundene italienische Reise hinter uns hatten, habe ich während der Muße in Fiume an meinen Vater darüber geschrieben und fand bei meinem Eintreffen hier vor drei Tagen seine Antwort vor, aus der Sie folgende Stellen interessieren werden. Auf der ersten Seite sagte er: ,Ich habe mit Blum unbefangen konversiert, weil seine parlamentarische Tätigkeit im Hinblick auf den Tod seines Vaters ihn mir nähergebracht hatte. Er war für mich kein Unbekannter, und er hat meine Unbefangenheit ungeschickt und ungenau ausgebeutet. Soviel ich mich erinnere, ist übrigens in seinen Indiskretionen der Name Bülow gar nicht vorgekommen. Bülow im Blumschen Sinne zu beurteilen, hat mir femgelegen. Er war ein so anständiger, liebenswürdiger Freund für mich, daß er als Beamter weit mehr Schärfen hätte haben können, als ich an ihm je kennengelemt habe. Ich würde doch von ihm mit keinen anderen Gefühlen als denen des Wohlwollens geschieden sein, welches ich auch, nachdem er krank war und in Potsdam wohnte, persönlich betätigt habe. Ich glaube, er war der einzige, der Ähnliches von mir erlebt hat.* Ich freue mich, Ihnen diesen Auszug aus dem Briefe meines Vaters mittcilen zu können, da ich weiß, daß Sie darüber Befriedigung empfinden werden. Ich füge weiter nichts hinzu, da ich Ihrem Bruder gegenüber sehr REISE NACH PETERSBURG 559 warm und eingehend gesprochen habe und annehme, daß Ihnen das bereits bekannt ist. In Rom hatten wir die Freude, Donna Laura wiederholt in alter Frische und Liebenswürdigkeit zu sehen. Sie hat das Herz meiner Frau ganz gewonnen. In alter Freundschaft stets Ihr H. B.“ Fast vierzig Jahre nachdem ich den Fürsten Bismarck in Yarzin besucht hatte, schrieb mir am 10. Juni 1922 Frau von Schmoller, die Witwe des bekannten Nationalökonomen, sie sei seit langem befreundet mit einer Frau von Zitzewitz, einer geborenen von Puttkamer, deren Eltern Verwandte und Freunde der Familie Bismarck gewesen seien. Es hieß weiter in dem Schreiben: „In Yarzin, weit zurückliegend in der Zeit, sprach eine Kusine der Fürstin Bismarck, eine Frau von Puttkamer-Varzin, mit dem Fürsten, der im Moment wenig gut gestimmt war, am liebsten alles hinter sich getan hätte, darüber, daß er doch keinen Nachfolger habe, was er auch zugab; als sie dann fragte, ob er sich denn für später einmal jemand denken könne, verharrte er länger schweigend und meinte dann: ,Ja, einen wüßte ich doch, Bernhard Bülow. Er ist jetzt Legationssekretär. Er würde es einmal machen können/ Die damals junge Tochter von Frau von Puttkamer, jetzt Frau von Zitzewitz, gedachte bei der Ernennung des Fürsten Bülc^w des damals auch von ihr gehörten Wortes des Fürsten Bismarck.“ Von Varzin begab ich mich über Stolp, Danzig und Königsberg an meinen neuen Bestimmungsort. In Königsberg notierte ich möglichst wortgetreu meine Varziner Eindrücke. Diese Niederschrift legte ich der vorstehenden Schilderung zugrunde. Dann schrieb ich in derselben Nacht einen langen Brief an die Gräfin Marie Dönhoff, in dem ich ihr sagte, wie schmerzlich es mir sei, daß wir nun so weit voneinander entfernt sein würden, denn St. Petersburg liege weit von Rom, wo sie bei ihrer Mutter an der Piazza Paganica weilte. Aber keine räumliche Entfernung, nicht Raum noch Zeit würden mich je von ihr trennen können. Sie antwortete mir, indem sie mir die deutsche Übersetzung eines Gedichtes von Leopardi schickte. Das Gedicht heißt „Liehe und Tod“. Es lautet auf deutsch: Das Licht erblickten einst zur selben Stunde Als Brüder Tod und Liebe. So Holdes blüht im irdischen Getriebe Nicht mehr, wie diese, noch auf anderen Sternen. Denn von der einen stammen die Lieblichsten der Freuden, Erquickend auf des Lebens Meer die Herzen, Der andere tilgt die Schmerzen, Die Übel allzusammen. Als Kind, von Reiz umstrahlet Und anzusehn erfreulich, Station in Königsberg 560 DIE HERRIN LIEBE Nicht so, wie sich das feige Volk ihn malet, Begleitet er zuweilen Den kleinen, zarten Liebesgott getreulich. Da sieht man sie gesellt die Welt durcheilen, Zum Trost für weiser Herzen einsam Schmachten. Und weiser wird niemals ein Herz erscheinen Als das des Liebenden, noch mutbeseelter, Das Leben zu verachten, Und nie so gern ertragen wir Gefahren Für andere Herren als für die Herrin Liebe. Die deine Hilf erbaten, 0 Liebe, sehn, erwacht zu höherm Triebe, Den Mut, und klug in Taten, Nicht in Gedanken bloß, wie sonst sie pflegen, Sind dann die Menschenkinder allerwegen. Erwachen, die da schliefen, Die Regungen der Liehe, Aufs neue wieder in des Herzens Tiefen, Da meldet seltsam sich zugleich mit ihnen Ein lebensmüdes Sehnen nach dem Tode. Nicht weiß ich wie. Doch allen so erschienen Ist dies als echten Liebens erste Wirkung. Vielleicht erschreckt das Auge Sodann die Öde dieser Weltumzirkung. Vielleicht ist schal die Farbe dann den Blicken Des Menschen, ohne jenes Unendliche und Neue, Das einzig ihn vermöchte zu beglücken! Und großen Lebenssturm um seinetwillen Sieht er voraus und trachtet Nach Ruh, strebt, in den Hafen sich, den stillen, Zu flüchten vor dem wütenden Verlangen, Das ihn gewittergleich erfüllt mit Bangen. Und dann, wenn überwunden Ihn ganz die Macht, die hehre, Und in der Brust ihm tobt zu allen Stunden Das Leid — oh, wieviel Male Ruft dann sein Herz, das schwere, Herbei den Tod, zum Trost für seinen Kummer! Wie oft des Abends und wie oft im Strahle Des Morgens, stets noch unerquickt vom Schlummer, Meint er beglückt sich, wenn’s vergönnt ihm wäre, Nie wieder zu erheben Vom Lager sich, nie mehr das Licht zu schaun! „DEN MUTBESEELTEN GEISTERN“ 561 Und oftmals bei dem Klang der Totenglocke, Beim Liede, das geleitet Den Menschen hin zu des Vergessens Auen, Da hört man ihn mit Seufzern Den Glücklichsten beneiden, Den er so sieht von dieser Erde scheiden. Sogar das Volk, das roh und unbelehret, Der Landmann, unerfahren Der Tugenden, die Bildung nur bescheret, Das Mägdlein auch, dem sonst der Mut zu schwinden Beginnt beim bloßen Nennen Des Todes mit emporgesträubten Haaren: Es wagt, aufs Grab und auf des Todes Binden Den Blick zu richten, fest und standhaft Eisen Und Gift erwägt es, ruhig, Gefaßt nun lange Stunden, Und klar wird ihm die Schöne Des edlen Tods im Geiste, dem unweisen, So sehr erzieht zum Tod die Menschensöhne Der Liebe Zucht. Und oft, wenn schier unsäglich Herangewachsen ist die Qual im Herzen, Daß ird’scher Kraft sie nimmer deucht erträglich, Dann weicht dem Stoß der Schmerzen Der schwache Leib und obsiegt solcherweise Die brüderliche Macht des Todes — oder So stark ist im Gemüt der Sporn der leise Des tiefen Liebesdranges, daß gewaltsam Mit ihren eigenen Händen Der rohe Landmann und das schwache Mägdlein Ihr ird’sches Los vollenden unaufhaltsam. Die Welt bespöttelt solches Los — sei Frieden Und hohes Alter ihr doch stets beschieden! Den heißen, den beglückten, Den mutbeseelten Geistern Gewähr das Schicksal einen von euch beiden, Willkommen Herrn und Meistern Und Freunden dieser Menschheit, Die nichts im All an Macht so kann erreichen Als das Verhängnis. Du, den vom Beginn Des Lebens an ich rufe stets und ehre, Mit wandellosem Sinne, Du, holder Tod, der einzig Mitleidig auf dies Dasein blickt, das schwere, Wenn je du dich gepriesen i ■ i I 36 Bülow IV 562 TOD UND LEBEN Von mir empfindest, wenn, Göttlicher, dich jemals Ich zu cntschäd’gen strebte Für Undank, den dir schnödes Volk erwiesen, 0 säume nicht mehr, komm mit raschen Schritten Und schließe diesem Lichte, Nun endlich weichend längst entwöhnten Bitten, Mein düstres Aug, o Herrscher dieses Lebens! Wann immer ich nicht flehe mehr vergebens Und du zu mir herniedersenkst die Schwingen — Gewappnet, hoch die Stirn, Wirst du mich finden, mutvoll stets begegnend Dem Schicksal, nie die Hand, die ich in meinem Unschuldigen Blute färbt und mich getroffen Mit Geißelschlägen, rühmend oder segnend, Wie Sklavensinn der Menschen tut seit lange, Abscliüttelnd jedes Hoffen, womit die Welt, die bange, Sich kindisch tröstet, jede Beschwichtigung, vom Schicksal nichts erwartend Als dich und heiter stets entgegensehend Dem Tag, wo nach erfülltem Lehenslose Mein Haupt zur Ruh sich legt in deinem Schoße. Unter diese herrlichen Verse hatte die Gräfin Marie mit fester Hand geschrieben: „Ohne Dich lieber den Tod, mit Dir lieber das Leben.“ XL. K A P I T E L St. Petersburg (Juli 1884) • Geschäftsübemahme • Tod von Gortscbalcow und Skobelew Reichssekretär Polowzow ■ Herr von Giers • Kaiserbegegnung von Skierniewice, Vorbereitung der Entrevue • Bei Bismarck in Berlin • Reise nach Skierniewice • Kaiser Wilhelm ]., Kaiser Alexander III. und Kaiser Franz Josef • Warschau • Generalkonsul von Rechenberg • Graf Fersen • Graf Dmitri Tolstoi • Pobjedonoszew • Gräfin Kleinmichl • Madame Durnow • General Tscherewin I ch hatte im März 1876 das winterliche, trübe und dunkle, in Eis, Schnee und Nebel gehüllte St. Petersburg verlassen. Ich kehrte jetzt, im Juli Gortschakows 1884, in das St. Petersburg der hellen und weißen Nächte und der gerade Ende an der Newa drückenden und schwülen Sommerhitze zurück. Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakow war nicht mehr. Im hohen Alter von vierundachtzig Jahren war er zwei Jahre vorher zurückgetreten. Den Zynismus, den sein ganzes Leben zur Schau getragen hatte, verleugnete er auch nicht, als er aus dem Amte schied. Er empfing eine Deputation des Ministeriums des Äußern, die ihm feierlich eine seinem Geschmack entsprechende, in prunkvolle Phrasen gekleidete Abschieds- und Huldigungsadresse aller Beamten der ihm während sechsundzwanzig Jahren unterstellten großen Behörde überreichte, mit den zynisch-unflätigen Worten: „Une bonne nouvelle pour commencer. J’ai eu ce matin une excellente seile. Voltaire a dit que pour un vicillard c’etait lä le seul vrai bonheur.“ Ein Jahr später starb Gortschakow in Baden-Baden. Er war bis zuletzt ein lasterhafter Greis, eine unter allen Verhältnissen unerfreuliche Erscheinung. Er hatte schon während des Russisch-Türkischen Krieges in Bukarest dadurch Anstoß erregt, daß er jeden Abend in einem Cafe chantant den Obszönitäten französischer Chansonetten applaudierte. Gortschakow wurde in Baden- Baden vom Tode im Bett einer Dienerin der Venus vulgivaga ereilt. Das erschrockene Mädchen stürzte zur Polizei, die begreiflicherweise Aufsehen und Skandal vermeiden wollte. Es wurde verfügt, daß die Leiche des russischen Altkanzlers unauffällig in den von ihm bewohnten Gasthof übergeführt werden sollte. Man legte also den Leichnam in einen großen Korb und deckte ihn mit schmutziger Wäsche zu. So traf die sterbliche Hülle im Hotel ein, und der Pope der orthodoxen Kapelle konnte nun seines Amtes walten. 36 * 564 DER HELD VON PLEWNA Das Ende von Gortschakow erinnerte an den ein Jahr vorher erfolgten Skobelevos Tod des Generals Michail Dimitrije witsch Skobelew. Der Besieger der Teke- T°d Turkmenen, der Eroberer von Chiwa und Kokan, der Held von Geoktepe, Lowatz und Plewna starb in einem Moskauer Bordell. Sinnlos betrunken, hatte er sich in einer masochistischen Anwandlung an einen Türpfosten anbinden lassen und den Bewohnerinnen des Hauses befohlen, ihn, unbekümmert um sein etwaiges Protestieren und Schreien, bis aufs Blut zu peitschen. Als die Dirnen, des Flagellierens müde, die Geißelung einstellten, hatte ein Herzschlag dem Leben des noch nicht vierzigjährigen Generals ein Ende gemacht. Der Leiter der „Moskauer Zeitung“, Michail Nikoforo- witsch Katkow, der Hauptvertreter eines reaktionären, absolutistischen und streng nationalen Systems, wurde gerufen und sorgte für die unauffällige Überführung der Leiche des seit Suwarow populärsten russischen Generals in die auf der Höhe des Kremls gelegene Erlöserkirche, deren goldene Gitter und deren Gold- und Silbergefäße in ganz Rußland berühmt waren. Auch wer von Prüderie und Pharisäertum frei war, mußte sich gegenüber dem Ausgang des alten Gortschakow und des jungen Skobelew, des Staatsmannes und des Feldherm, sagen, daß die elegante, ja raffinierte und glänzende Außenseite des vornehmen Russentums viel Roheit und sehr viel Fäulnis zudeckte. Die sofort in französischen Zeitungen auftauchende Behauptung, daß Skobelew das Opfer einer finsteren deutschen Intrige geworden sei, war natürlich eine sinnlose Erfindung, die dem elendesten Hintertreppenroman zur Unehre gereicht hätte. Der Tod von Skobelew wurde bei uns keineswegs freudig begrüßt. Es gab in der russischen Armee ebenso gute, ja bessere Generäle als ihn. Wohl aber dürfte der russische Hof nach dem Hinscheiden Skobelews erleichtert aufgeatmet haben. Es wurde behauptet, daß Skobelew nicht übel Lust gehabt habe, die Rolle des russischen Bonaparte zu spielen. Zu einer hübschen französischen Gouvernante, der er den Hof machte, hatte er gesagt: „Vous serez ma Josephine.“ Ich war gerade noch rechtzeitig in St. Petersburg eingetroffen, um vom Bülows Botschafter von Schweinitz, der am nächsten Tage nach Deutschland Antritt abreiste, die Geschäfte zu übernehmen. Als ich ihn aufsuchte, traf ich bei als Geschäfts- ^m den Reichssekretär Pol owzow. Dieser hohe Beamte war ein echt träger j.yggjgß^gj. Typus. Ein neuer Beweis für die Richtigkeit der bekannten Äußerung des Marquis Adolphe Custine, des Freundes von Rahel und Yarn- hagen, der in seinem Buch über Rußland schon vor achtzig Jahren der Meinung Ausdruck gab, que la facilite de faire sa carriere preservait la Russie des Tsars d’une revolution generale. Polowzow stammte aus bescheidenen Verhältnissen und hatte das wenige Geld, das er besaß, als kleiner Tschinownik verspielt. Der Russe liebt leidenschaftlich das Kartenspiel. So gut wie ruiniert, nahm Polowzow seine letzten Rubel in die Hand, kleidete HERR VON GIERS 565 sich wie ein Gentleman und machte der reichsten für ihn zugänglichen Erbin den Hof. Auch deren Schicksal war merkwürdig gewesen. Sie war die Adoptivtochter des Bankiers Stieglitz, die vor dessen Haus, in bescheidene Windeln eingewickelt, als eben geborenes Kind von den Hausknechten, den Dvorniks, an einem kalten Wintermorgen gefunden worden war. Stieglitz stammte aus Hannover. Es wurde erzählt, daß in alter Zeit, long ago, zwei kleine, aber intelligente Judenknaben die Stadt an der Leine verlassen hätten, um in der Welt ihr Glück zu suchen. Der eine ging nach Hamburg und wurde der Altervater der dort und von dort aus in Paris florierenden Bankierfamilie Heine. Der andere ging nach St. Petersburg und gründete das Bankhaus Stieglitz. Als sich Polowzow nach angeregter Konversation mit Schweinitz und mir entfernt hatte, sagte mir der Botschafter: „Sie bringen für St. Petersburg eine wertvolle Gabe mit. Sie sprechen sehr gut Französisch. Das ist der Schlüssel zum Herzen der Petersburger Upper ten thousand. Nun brauchen Sie nur noch den leading ladies der St. Petersburger Gesellschaft den Hof zu machen, und Sie haben gewonnenes Spiel.“ Als ich erwiderte, daß ich hierzu aus verschiedenen Gründen wenig Lust verspürte, lächelte der weltkundige General: „Desto besser. Sie kennen doch Goethe ? Gerade der, dem wenig daran zu liegen scheint, ob er reizt, ,ob er rührt, der beleidigt, der verführt 4 .“ Einige Tage später fuhr ich nach Gatschina, dem nicht allzu weit von St. Petersburg entfernten, düsteren, aber vor nihilistischen Attentaten am leichtesten zu schützenden Lieblingsschloß des Kaisers Alexander III., um mich als deutscher Geschäftsträger dem Minister des Äußern, Herrn von Giers, vorzustellen, der, wenn der Kaiserin Gatschina residierte, auch dort zu weilen pflegte. Nikolai Karlowitsch von Giers, damals vierundsechzig Jahre alt, machte äußerlich einen kümmerlichen Eindruck. Vor der Zeit ergraut, nachlässig angezogen, immer in gebeugter Haltung, besaß er nicht im entferntesten den Aplomb eines Schuwalow oder Orlow, eines Lobanow oder Ignatjew. Er hatte seine Laufbahn im Konsular dienst begonnen und war dann Gesandter in Bern und Stockholm gewesen. Seine Feinde behaupteten, er sei jüdischer Extraktion und heiße eigentlich Hirsch. In Wirklichkeit war sein Großvater, ein kleiner schwedischer Edelmann, aus Schweden über Finnland nach Rußland gekommen. Giers war in Rußland nicht populär. Er wußte das. „Meine Familie“, pflegte er zu sagen, „führt im Wappen einen kleinen Fisch, der gegen den Strom schwimmt. Das ist auch mein Los.“ Bei aller Unscheinbarkeit war Giers der beste, weiseste Minister des Äußern, den das Zarenreich seit Nesselrode gehabt hat. Drei Jahre später sagte mir einmal der Großfürst Wladimir in einem vertraulichen Gespräch: „Wie alle Welt, habe auch ich früher auf Nikolai Karlowitsch Fahrt nach Gatschina 566 DREI-KAISER-BEGEGNUNG geschimpft. Seit einer eingehenden und ganz offenen Aussprache, die ich mit ihm gehabt habe, hin ich der Überzeugung, daß Rußland und daß insbesondere das kaiserliche Haus keinen bessern Minister und Ratgeber haben kann als Giers.“ Bei unserer ersten Begegnung forderte Herr von Giers mich auf, einen Giers Spaziergang mit ihm zu unternehmen. Während wir durch den Park über schritten, meinte er mit seiner gedämpften, klanglosen Stimme: „Ich habe Alexanderlll. durch Orlow und Murawjew von Ihnen gehört, auch haben Sie in unserer Petersburger Gesellschaft bei Ihrem ersten Aufenthalt in Rußland ein gutes Andenken hinterlassen. Mein Sohn und meine liebe, inzwischen leider verstorbene holländische Schwiegertochter sind von Ihren Eltern vor Jahren in Berlin freundlich aufgenommen worden. Ich komme Ihnen mit Vertrauen entgegen. Wir brauchen den Frieden, und Sie haben auch gar kein Interesse an einem Kriege. Voilä une base solide pour etre d’accord. Es kommt darauf an, daß von beiden Seiten unterbleibt, was unnötig verstimmen könnte.“ Nach einer kleinen Pause fügte der Minister hinzu: „Mein Kaiser will vor allem, daß man ihn in Ruhe läßt. Es ist nicht richtig, daß er ein Deutschenfeind sei. Er ist so wenig ein Feind der Deutschen, wie er ein Freund der Franzosen oder der Engländer oder der Spanier ist. Er ist ganz anders als sein Vater, sein Großvater und Großonkel, als Alexander II., Nikolaus und Alexander I. Unser jetziger Kaiser, Alexander III., ist Russe, nur Russe. Er mag alle Fremden nicht. Wenn man das in Berlin im Auge behält, können wir sehr gut zusammen auskommen.“ Obwohl ich eigentlich für Herrn von Giers einen Auftrag in der Tasche hatte, hielt ich cs für angezeigt, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich begnügte mich mit dem angenehmen Eindruck, daß er mir Vertrauen entgegenbrachte, und verabschiedete mich. Sehr bald nach meinem Eintreffen in St. Petersburg hatte mir Bill Bismarck privatim geschrieben, daß sein Vater nach allerhand Mißverständnissen der letzten Jahre eine Begegnung der drei Kaiser für erwünscht hielte. Als Zeit wurde Mitte September, als Ort der Begegnung irgendein russisches Schloß zwischen der preußischen Grenze und Warschau vorgeschlagen. Ich möge vorsichtig das Terrain sondieren. Wenn meine Sondierung ein günstiges Ergebnis haben sollte, würde der Botschafter von Schweinitz nach seinem Wiedereintreffen auf seinem Posten die offizielle Einladung überbringen. Da mich Giers aufgefordert hatte, ihn bald wieder zu besuchen, „non pas en Charge d’affaires, mais en ami“, denn er wollte mich seiner Familie vorstellen, fuhr ich einige Tage später zum Abendessen nach Gatschina. Frau von Giers war von Geburt Rumänin, eine Kantakuzenos aus der bekannten Phanarioten- und Hospodaren-Familie, eine würdige und liebe Frau. Eine Tochter, offenbar der Liebling des Vaters, war an der Tuberkulose BISMARCK UND PRINZ WILHELM 567 erkrankt. Die Ärzte gaben wenig Hoffnung. Jetzt saß sie noch, blaß und mit fiebernden Augen, an der Abendtafel. Als sie sich zurückgezogen hatte, erzählte ich ihren Eltern, wie sehr meine Eltern unter dem Verlust ihrer einzigen Tochter gelitten hätten. Herr von Giers brachte mich selbst zur Bahn zurück. Ich hielt es für das klügste, nach dem Rat, den Mephisto im „Faust“ dem Schüler erteilt, den Augenblick zu ergreifen. Ich erzählte dem Minister ohne Umschweife oder Finasserie, was mir Bill Bismarck geschrieben hatte. Giers überlegte einen Augenblick, dann sagte er mir: „Ich bin Ihnen für Ihre Offenheit dankbar. Auch ich würde eine Zusammenkunft der drei Kaiser für gut halten, für die Kaiser selbst, für ihr gegenseitiges Verhältnis und auch für die Galerie. Ich will sehen, was sich machen läßt.“ Bald nachher bat mich Herr von Giers auf das Ministerium des Äußern und eröffnete mir, daß sein Souverän zugestimmt habe. „Sans enthousiasme! II ne s’emballe guere. 11 ne perd jamais son equilibre, son plilegme, si vous voulez. II accepte, mais ä la condition qu’on ne lui deman- dera pas de prononcer un discours. II a horreur des discours.“ Als ich diese Antwort nach Berlin gemeldet hatte, erhielt ich ein Telegramm des Kanzlers, das mich aufforderte, auf einige Tage nach Berlin zu Bericht kommen. Kaiser Franz Josef hatte sich inzwischen mit der Begegnung und Bülows in dem für sie gewählten Ort, dem kaiserlichen Jagdschloß Skierniewice im Gouvernement Warschau, einverstanden erklärt, und der Botschafter von Schweinitz war auf seinen Posten zurückgekehrt. In Berlin eingetroffen, wurde ich vom Fürsten Bismarck zu Tisch gebeten. Ich traf bei ihm den Prinzen Wilhelm, der mich mit beinahe stürmischer Freundlichkeit begrüßte, die aber weniger mir galt als meinem Bruder Adolf, der, seit vier Jahren sein Adjutant, ihm ein persönlicher, von ihm ungemein geschätzter und geliebter Freund geworden war. Fürst Bismarck, dessen Argwohn nie schlief, was bei vielen trüben Erfahrungen, die er in seinem heroischen Leben gemacht hatte, begreiflich war, sah während einiger Sekunden verwundert und nicht ohne Mißtrauen auf den Prinzen und auf mich. Dann nahm er mich beiseite und frug mich nach meinen ersten Eindrücken in Petersburg. Ich entgegnete: „Als ich das letztemal in Petersburg weilte, im Winter 1875/76, lebten wir mit Rußland in einer Liebesebe. Jetzt ist daraus eine Vernunftehe geworden.“ Der Fürst, der das Verhältnis zu unserem nördlichen Nachbarn offenbar ähnlich beurteilte, lachte und meinte: „Das könnte stimmen.“ Daun sagte er mir, er wünsche, daß ich der Drei-Kaiser- Begegnung in Skierniewice beiwohne. Ich möge mich dem Gefolge unseres Kaisers anschließen. Er selbst würde seine beiden Söhne mitnehmen, damit die auch einmal etwas zu sehen bekämen. Als Prinz Wilhelm ging, äußerte er, er könne nicht länger bleiben, weil er „leider“ bei seinen Eltern erwartet werde. Der Fürst antwortete in dem sehr förmlichen Ton, der ihm, wenn er 568 ERINNERUNGEN EINES ALTEN MANNES wollte, za Gebote stand: „Ich bitte Eure Königliche Hoheit, mich Ihren allerdurchlauchtigsten Eltern alleruntertänigst zu Füßen legen zu wollen.“ Der Prinz, der offenbar ein Eingehen auf seinen jokosen Ton erwartet hatte, sah verdutzt aus. Am nächsten Morgen wurde die Fahrt nach Skiemiewice angetreten. Kaiser Der Kaiser, damals siebenundachtzig Jahre alt, erzählte im Eisenbahn- Wilhelm wa g en von seinen früheren Besuchen in Rußland. Besonders lebhaft stehe reis« nach ^j im e [ n Besuch vor Augen, den er vor sechzig Jahren seiner Schwester Char- lotte und deren Gemahl, dem damaligen Großfürsten Nikolaus Pawlowitsch, abgestattet hatte. Als er damals dem regierenden Kaiser Alexander I. seine Aufwartung machte, habe ihm dieser als Geheimnis anvertraut, daß nach seinem (Alexanders) Tode nicht sein zweiter Bruder Konstantin, der wegen seiner morganatischen Heirat, auch wegen Kränklichkeit und weil er „un original“ sei, die Nachfolge abgelehnt habe, sondern der dritte Bruder, Nikolaus, den Zarenthron besteigen werde. Kaiser Wilhelm fuhr fort: „Den Abend des Tages, wo ich diese Confidence erhielt, verbrachte ich bei meiner Schwester und bei meinem Schwager Nikolaus. Als ich sie in ihrer gemütlichen Häuslichkeit beisammen sah, dachte ich mir: ach ihr Armen! Ihr wißt nicht, was euch Böses bevorsteht!“ Kaiser Wilhelm kam dann auf seine Kindheit zu sprechen. Er erzählte ohne Pose, ohne jede Eitelkeit, ganz einfach. Etwa wie Wilhelm von Kügelgen in den „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ erzählt oder Walter Scott in den „Tales of a Grandfather“ oder Guizot in seiner „Histoire de France, racontee ä mes petits enfants“. Der Kaiser erzählte uns unter anderm: „Nach alter Tradition werden die preußischen Prinzen an ihrem zehnten Geburtstag in die Armee eingestellt. Gleichzeitig erhalten sie den Schwarzen Adlerorden. Weihnachten 1806 führte mich mein seliger Vater in Memel unter unseren sehr bescheidenen Weihnachtsbaum und sagte mir: ,Eigentlich solltest du erst an deinem Geburtstag, am 22. März 1807, Offizier w r erden. Da ich aber nicht weiß, wo und wie wir uns dann befinden werden, so ernenne ich dich schon heute zum Leutnant und verleihe dir unseren Orden. Trage Uniform und Orden immer in Ehren. 4 Ich legte die meiner kindlichen Figur entsprechende kleine Uniform an, zum ersten Male eine preußische Uniform. Meine schöne Mutter weinte bitterlich.“ Wir passierten die Weichselbrücke bei Thorn. Wir passierten Thom. Aus der Hermann Balk, wohl der größte unter den Hochmeistern des Deutschen Geschichte. Ordens, hat Thorn gegründet und die Gegend mit Westfalen kolonisiert. von Thom Thorn wurde eine der bedeutendsten Handelsstädte des Nordens. Kaum zweihundert Jahre später schloß der verfallene Deutsche Orden hier den schimpflichen Frieden von Thom, durch den der Orden die Hälfte seines Gebietes an Polen abtrat, die andere von Polen zu Lehen nahm. Und im -j m^r >■ '«7'v\v) -'-i •■' "■ »*v ■ ■■'•«. ' Ä ■ '« Die leitenden Staatsmänner bei der Drei-Kaiser-Begegnungin Skierniewice N. von Giers, russischer Minister des Äußern, Reichskanzler Fürst Bismarck und Graf Kälnoky, österreichisch-ungarischer Minister des Äußern _ .Ä. DREI MONARCHEN 569 achtzehnten Jahrhundert wurde Thorn der Schauplatz einer der tiefsten Demütigungen des deutschen Volkes und gleichzeitig einer der abscheulichsten Freveltaten der Geschichte. Hier wurden auf dem Marktplatz der wrackere Bürgermeister Rösner und neun ebenso unschuldige, ehrenwerte deutsche Ratsherren enthauptet, weil Schüler des evangelischen Thomer Gymnasiums, von Schülern des polnischen Jesuitenkollegiums immer wieder provoziert, sich endlich zur Wehr gesetzt hatten, was zu einem Tumulte führte, in dessen Verlauf die zur Verzweiflung getriebenen deutschen Bürger das Jesuitenkollegium, den Sitz ihrer Bedrücker und Peiniger, gestürmt hatten. Gleichzeitig mit dem Justizmord an Rösner und seinen Ratsherren wurde die Thorner evangelische Hauptkirche den Evangelischen entrissen und den Katholiken übergeben, das evangelische Gymnasium eine Meile vor die Stadt verlegt. Und jetzt, während ich diese Zeilen diktiere, schmachtet die alte deutsche Stadt Thom wieder unter dem barbarischen Joche der Polen. Am Abend des 15. September fand im Schloß von Skierniewice eine Galatafel statt. Unser alter Herr saß zwischen dem Zaren und dem Kaiser Galatafel in Franz Josef. Man konnte sich keine reiner slawische, keine russischere Skierniewice Physiognomie und Erscheinung denken als Alexander III. „Wenn Sie dem Kaiser Alexander III.“, meinte der Botschafter von Schweinitz, „einen Bauemrock anziehen, das über der Hose getragene Bauernhemd und Schuhe aus Lindenbast, sieht er aus wie jeder andere russische Bauer.“ Und dabei hatte Alexander III. keinen Tropfen russisches, sondern nur deutsches Blut in den Adern. Ich füge hinzu, daß die englische Königsfamilie, die gleichfalls rein deutscher Abstammung ist, ganz englisch aussieht. L’influence du milieu ist also oft entscheidender als die ererbte Rasse. Während bei der Galatafel in Skierniewice Alexander III. aussah, als ob er kaum den Augenblick erwarten könnte, wo man aufstehen würde, machte Kaiser Franz Josef einen müden, stumpfen Eindruck. Seine glanzlosen Augen blickten über den Tisch hinweg ins Weite. Woran dachte der Habsburger? Dachte er daran, daß er einst, kaum neunzehn Jahre alt, mit russischer Hilfe die rebellischen Magyaren unterworfen, mit russischer Rückendeckung die Piemontesen besiegt und Preußen gedemütigt hatte ? Dachte er daran, daß er während des Krimkrieges die russische Unterstützung mit Undank belohnt und damit die vom Krimkrieg bis zur Drei-Kaiser- Begegnung von 1872 für Habsburg und die habsburgische Politik unfreundliche Haltung Rußlands hervorgerufen hatte? Dreiunddreißig Jahre älter als Franz Josef, achtundvierzig Jahre älter als Alexander III., erschien Kaiser Wilhelm in seiner Ruhe und Weisheit wie der Patriarch der großen europäischen Familie, der allen, den Herrschern und den Völkern, ein Vorbild und ein Führer sein konnte. 570 DREI STAATSMÄNNER Nach der Tafel produzierte sich das berühmte Warschauer Ballett, Bismarck, dessen elegante und schöne Tänzerinnen eine heitere Note in die gravi- Giers, tätische Versammlung brachten. Gleichzeitig erschienen, vom Zaren be- Kälnoky dreißig bis vierzig polnische Fürsten- und Crafenfamilien, um den Majestäten zu huldigen. Der preußische Generaladjutant Fürst Anton Radziwill, selbst ein Pole, flüsterte mir zu: „Unter diesen Warschauer Adligen sind wenige, die nicht Väter, Großväter, Brüder oder Vettern in Sibirien gehabt haben.“ Am nächsten Vormittag fand im Gartenpavillon eine Besprechung zwischen den leitenden Staatsmännern der Kaiserreiche statt. Herbert Bismarck nahm mich lachend unter den Arm. „Wir wollen uns während der Konferenz im Nebenzimmer aufhalten. Das heißt nicht horchen, sondern Interesse zeigen und sich belehren. Der Mann, der da in der Ecke steht, geniert uns nicht. Es ist ein Detektiv. In diesem verdammten Lande ist man nie und nirgends vor Nihilisten und Bomben sicher.“ An einem viereckigen hölzernen Tisch saßen Fürst Bismarck, Herr von Giers und Graf Kälnoky. In einer im Konversationston gehaltenen Darlegung erinnerte Bismarck an die Drei-Kaiser-Begegnung vom 4. September 1872 in Berlin. Nach allerlei „Friktionen“ empfehle es sich, im Interesse des europäischen Friedens und der Aufrechterhaltung der monarchischen Regierungsform in Europa wieder daran zu dünken, daß die drei großen nordischen Reiche durch Streit untereinander nur die Geschäfte der Revolution besorgen und weit mehr verlieren würden, als jedes von ihnen im Falle des Sieges gewinnen könne. Fürst Bismarck schlug vor, daß die drei Kaisermächte sich untereinander zu wohlwollender Neutralität verpflichten sollten, falls eine von ihnen von einer dritten Macht angegriffen würde. In der längeren Aussprache, die folgte, herrschte Einverständnis darüber, daß es vor allem darauf aukomme, Zwischenfälle auf der Balkanhalbinsel, an denen es nie fehlen würde, von österreichischer wie von russischer Seite mit Takt und gutem Willen zu behandeln. Kleine Feuerherde müßten ausgetreten, nicht angeblasen werden. Es sei wichtig, daß Österreich-Ungarn und Rußland den allzu hitzigen Eifer ihrer Balkanagenten zügelten, die über lokale Zänkereien und Rivalitäten nur zu oft die großen Gesichtspunkte vergäßen, von denen die Politik der drei Kabinette sich leiten lassen müsse. „Jamais trop de zele!“ Diese goldene Regel des seligen Tallevrand, führte Fürst Bismarck aus, möchten seine verehrten Kollegen ihren Untergebenen recht nachdrücklich einschärfen. In Skierniewice lernte ich zwei österreichische Diplomaten kennen, mit Kälnoky und denen mich das Leben noch wiederholt zusammengeführt hat. Der Lega- Aehrenthal tionsrat Baron Aloys Lexa von Aehrenthal fungierte als Kabinettschef bei Kälnoky, dessen ganzes Vertrauen er besaß. Er gab sich damals, im Gegensatz zu Goluchowski, Khevenhüiler, Hengemüller, Pallavicini und EINE HOTELRECHNUNG ALS BISMARCK-BRIEF 571 manchem anderen österreichischen Diplomaten, als prononcierter Russenfreund. Der österreichisch-ungarische Minister des Äußern, Graf Gustav von Kälnoky, war nicht so brillant wie weiland Graf Gyula Andrässy. Immerhin trug auch er Husarenuniform und gefiel dem Fürsten Bismarck besser als sein Vorgänger, der färb- und glanzlose, lederne Wiener Bürokrat Haymerle. Kälnoky war klein und hatte eine Stumpfnase. Meine Freundin, die Fürstin Elise Salm-Liechlenstein, meinte in ihrer drolligen Wiener Art von ihm: „Der Gusti Kälnoky mit seinem Stumpfnäschen schaut aus wie ein richtiges Stubenmadel.“ Kälnoky war ein geschulter Diplomat, erfahren und vorsichtig. Er hielt sich an den alten Wahlspruch seiner Familie: „Nec timide, nec tumide.“ Innerlich ein schwarz-gelber Österreicher, begriff er doch die Notwendigkeit, mit den verschiedenen Nationalitäten des habsburgischen Reiches im Rahmen der Lebensnotwendigkeiten der Monarchie auszukommen. Seine Familie stammte aus Siebenbürgen, wo sie dem Szekler Uradel angehörte, war aber in einigen Zweigen unter Maria Theresia nach Mähren gewandert. Das erleichterte es dem Minister, sich vor den Delegationen bald als Zisleithanier, bald als Transleithanier zu geben. Kälnoky war, bevor er Minister des Äußern wurde, österreichisch-ungarischer Botschafter in Rußland gewesen und sah mit Recht in der Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen zwischen Österreich und Rußland eine Lebensfrage für das Donaureich und für den Weltfrieden. Nach herzlichem Abschied von Herbert Bismarck begab ich mich über Warschau auf meinen Posten zurück. In Warschau, wo ich mich zwei Tage aufhielt, fand ich zwei liebenswürdige Führer: den deutschen Generalkonsul von Rechenberg und den russischen Rittmeister Graf Fersen. Rechenberg führte mich nach dem einstigen polnischen Königsschloß (Zamek Krolewski) mit den historischen Reichstagssälen und nach dem Brühlschen Palais. Am besten gefiel mir das auf einer Insel in einem künstlichen See gelegene, von einem reizenden Park umgebene Lustschloß Lazienski. In Rechenberg lernte ich wieder einmal ein Original kennen. Julius Freiherr von Rechenberg gab sein Alter auf siebzig Jahre an. In Wirklichkeit soll er damals schon über achtzig Jahre gezählt haben. Jedenfalls hatte er 1824 als Philhellene bei Missolunghi gefochten. Die Polen fürchteten Rechenberg, teils weil sie wußten, daß er sie und ihre Hintergedanken kannte, teils weil er, um einen größeren Nimbus um sich zu verbreiten, ihnen erzählte, daß er in direkter und reger Korrespondenz mit dem Fürsten Bismarck stünde. Als er einmal im Warschauer Klub aus einem angeblichen Brief des großen Kanzlers einige hochinteressante Stellen vorlas, sah ein neugieriger Pole ihm über die Schulter und konstatierte, daß Rechenberg in Wirklichkeit nicht einen Brief des Fürsten Bismarck vor sich hatte, sondern eine Hotelrechnung. Was er der staunenden Korona 572 DER POLONISMUS als Weisheit des Fürsten Bismarck vortrug, war von ihm, nicht ohne Geist, improvisiert worden. Das Ergebnis der langjährigen Erfahrungen Rechenbergs, über die er sich mir gegenüber ausführlich verbreitete, war in folgende Leitsätze zusammenzufassen: 1. Die Polen haben innerlich keine einzige ihrer Prätentionen aufgegeben, Thom und Kulm ebensowenig wie Posen und Gnesen, Oberschlesien so wenig wie das Ermelland. 2. Jede Konzession an die Polen erhöht nur ihre Begehrlichkeit. 3. Keine Politik der Nadelstiche, namentlich nicht in Schulfragen, aber eine energische Bodenpolitik. 4. Vor allem Konsequenz, kein Zickzack-Kurs. Ich habe, als ich mich als preußischer Ministerpräsident mit den Problemen der Ostmarkenpolitik befaßte, mich dieser Richtlinien manchmal erinnert. Graf Fersen stand damals bei den in Warschau garnisonierenden Garde- Graf Fersen ulanen. Sein Vater war Balte, seine Mutter Preußin, eine Tochter des langjährigen preußischen Militärbevollmächtigten am russischen Hof, des Generals von Rauch. Ein durchaus loyaler russischer Offizier und gleichzeitig behebt in der polnischen Gesellschaft, beurteilte Graf Nikolaus Fersen die Polen ebenso wie Rechenberg. „Polen ist ein starkes Bindeglied zwischen Preußen und Russen“, meinte er. „Natürlich nur, solange in Berlin und St. Petersburg eine vernünftige Politik gemacht wird. Preußen und Rußland sind dem Polonismus gegenüber ebenso solidarisch wie gegenüber der Revolution. Wenn wir Russen, Deutsche und Österreicher uns in die Haare geraten, wird der Pole der Tertius gaudens sein.“ Auf der Weiterreise von Warschau nach St. Petersburg begegnete ich Graf Dmitri auf dem Bahnhof dem russischen Minister des Innern, dem Grafen Dmitri Tolstoi Alexandrowitsch Tolstoi. Damals sechzig Jahre alt, war er schon zwanzig Jahre vorher Oberprokurator des Heiligen Synods gewesen. Durch strenge Überwachung der Universitäten hatte er sich sehr verhaßt gemacht, vielleicht noch mehr durch seine leidenschaftliche Bevorzugung des Studiums der klassischen Sprachen. Ein Jahr vor der Ermordung des Kaisers Alexander II. war Graf Tolstoi während der liberalen Ara Loris Melikow in den Ruhestand versetzt worden. Alexander III. stellte ihn ein Jahr später, 1882, an die Spitze des Ministeriums des Innern, das er drei Jahre lang mit fester Hand leitete. Graf Dmitri Tolstoi, dem mich Herr von Giers in Skierniewice vorgestellt hatte, forderte mich höflich auf, in dem für ihn reservierten Coupe Platz zu nehmen. Er lenkte selbst die Unterredung auf die bitteren Angriffe, denen er wegen seiner Vorliebe für Homer und Virgil, MINISTER UND NIHILISTIN 573 Horaz und Thukydides ausgesetzt gewesen sei. Er hoffe, daß in dem gelehrten Deutschland für seine Ideale auf dem Gebiete des Unterrichtswesens mehr Verständnis vorhanden sein werde als in Rußland. Als ich mich als überzeugter Anhänger des humanistischen Gymnasiums bekannte, was ich übrigens wirklich war und heute noch bin, war das Eis gebrochen. Graf Tolstoi kam bald spontan auf die innere russische Lage. Er erzählte mir nicht ohne Humor, daß er einige Wochen früher eine geistig hochstehende Nihilistin, Fräulein Vera Figner, die Tochter eines Generals, im Kerker besucht habe. Als rührige und tapfere Agentin des nihilistischen Exekutivkomitees sei diese Dame direkt oder indirekt an vielen Attentaten beteiligt gewesen. Er habe während zwei Stunden mit ihr diskutiert. „Vous savez, nous autres Russes nous adorons bavarder.“ Als er Fräulein Figner verließ, habe er ihr gesagt: „Ich bedaure, Vera Petrowna, Sie jetzt verlassen zu müssen. Wenn ich noch zwei Stunden bleiben könnte, würde ich Sie zu staatstreuen Ideen bekehren.“ Sie habe ihm schlagfertig erwidert: „Und ich bedaure erst recht Ihr Fortgehen, Dmitri Alexandro- witsch. Denn wenn Sie mir noch zwei Stunden gewidmet hätten, würde ich Sie für meine Ideale gewonnen haben.“ Der Minister schloß an diese pikante Erzählung eine in ihrer Weise kluge und jedenfalls durchdachte Auseinandersetzung über russische Zustände. Er bestritt nicht, daß in Rußland die reine Autokratie auf die Länge kaum haltbar wäre. Aber der westeuropäische Parlamentarismus eigne sich noch weniger für Rußland. Das russische Volk würde mit einem solchen ebensowenig umzugehen wissen wie ein großer und täppischer Bauer mit einem zierlichen Kinderspielzeug. Graf Tolstoi sagte mir, und ich habe viele Jahre später, nach dem Ausbruch der russischen Revolution, bisweilen daran gedacht: „Jeder Versuch, westeuropäische, parlamentarische Regierungsformen in Rußland einzuführen, wird scheitern. Wenn das zaristische System, das trotz seiner Mängel und Schwächen, die ich zugebe, seit Jahrhunderten Rußland zusammenhält, gestürzt werden sollte, wird der Kommunismus an seine Stelle treten, der nackte, blanke Kommunismus, le communisme pur et simple, le communisme de Mr. Karl Marx ä Londres, qui vient de mourir et dont j’ai etudie attentivement et avec interet les theories.“ Der Minister fuhr fort: „Sie fragen immer wieder, ob ich wirklich glaube, daß die jetzige russische Regierungsweise, deren Mängel klar zutage liegen, sich dauernd aufrechterhalten lassen würde. Nein! Gewiß nicht! Aber außer einem utopischen und für Rußland ganz ungeeigneten Parlamentarismus und einem alles zerstörenden und verwüstenden Kommunismus gibt es noch ein Drittes: der Ausbau der Semstwos. Sie fungieren seit zwanzig Jahren als Kreis- und Landesvertretungen in den altrussischen Gouvernements. Die Mitglieder dieser Land- und Kreistage Zarismus und Parlamentarismus 574 DER OBERPROKURATOR werden von den Stadt- und Landgemeinden auf drei Jahre gewählt. Sie haben sich mit der Entwicklung der Landwirtschaft, der Industrie, des örtlichen Handels, mit dem Wege- und Brückenbau, mit der Armenpflege und der Pflege der Volksgesundheit zu beschäftigen. Sie haben die Volksschule zu unterhalten. Die Kreis- und Landtage sollen die Mißbräuche der bis 1864 allmächtigen Bürokratie kontrollieren und abstellen. Die Semstwos sollen in der Bevölkerung das Interesse für Verwaltung und öffentliche Angelegenheiten, das noch recht gering ist, wecken und fördern. Sie legen uns große finanzielle Opfer auf, aber sie haben in vielen Teilen von Rußland segensreich und erzieherisch gewirkt. Auf dieser Grundlage gilt cs fortzubauen !“ Der Minister, ein zweifellos geistig hochstehender und dabei eloquenter Herr, hatte sich mehr und mehr animiert, fast begeistert. Ich erlaubte mir die bescheidene Bemerkung, ob es sich nicht empfehlen würde, während des Ausbaus der gewiß großartigen Semstwo-Pläne in Rußland jene Garantien für persönliche Freiheit, Rechtssicherheit und religiöse Toleranz zu schaffen, die in allen anderen europäischen Ländern seit langem bestünden. „Gewiß!“ erwiderte Graf Tolstoi. „Oh, gewiß! Aber zunächst müssen wir dem Nihilismus den Garaus machen. Nous sommes dans la bonne voie.“ Ich war zu wohlerzogen, um dem weit älteren, viel erfahreneren Staatsmann zu sagen, daß er sich in einem Circulus vitiosus bewege. Durch sein absolutistisches, allzu drakonisches Polizeisystem stärke er die revolutionäre Bewegung, die zu unterdrücken doch sein ganzes Bestreben sei. Ich bin Graf Tolstoi noch mehrfach begegnet. Er war für mich von immer Pobjedonos- gleicher Freundlichkeit. Er stellte mich in seinem Hause dem, wie es , *ew allgemein hieß, nach dem Zaren mächtigsten Mann in Rußland vor, dem Oberprokurator des Heiligen Synods. Konstantin Petrowitsch Pobjedonoszew war damals achtundfünfzig Jahre alt. Er hatte äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Konsistorialpräsidenten Immanuel Hegel, dem Sohn des großen Philosophen. Äußerlich! Und soweit ein Urrusse einem Deutschen gleichen kann. Ich habe den Sohn Hegel oft vor mir gesehen, wenn ich Sonntags den Gottesdienst in der Berliner Matthäikirche besuchte, dem auch er beizuwohnen pflegte. Pobjedonoszew war einer der gebildetsten Menschen, denen ich begegnet bin. Er verfügte nicht nur über eine ausgebreitete, sondern auch über eine gründliche Bildung. Er war ein Kenner unserer Literal ur, die er hoch über die französische stellte. Er zitierte nicht nur den „Faust“, sondern auch Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts“ und „Wilhelm Meisters Wanderjahre“. Seinen Standpunkt gegenüber den religiösen Problemen pflegte er mir etwa so zu entwickeln: „Einer unserer größten Denker, Solowjew, hat die katholische Kirche petrinisch, die evangelische paulinisch, die orthodoxe EIN STERN DER PETERSBURGER GESELLSCHAFT 575 johanneiscli genannt. Der Orthodoxe ist weich und nachgiebig, er möchte Millionen umschlingen und die ganze Welt küssen.“ Als ich ein ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte, fuhr Pobjedonoszew mit erhobenen Armen und mit dem schwärmerischen Blick des von seiner Mission durchdrungenen Apostels fort: „Es ist so! Es ist wirklich.so! Sehen Sie doch, wie sich Millionen Rechtgläubiger durch die listigen Jesuiten zur Union mit der römischen Kirche und damit zur Untreue gegen ihre eigene Kirche haben verführen lassen! Welche Mühe müssen wir uns geben, um sie wieder für unsere Kirche zu gewinnen! Sehen Sie, wie Hunderttausende russischer Bauern,weil ihnen einige Exemplare eines protestantischen Andachtsbuches, der von Heinrich Zschokke verfaßten ,Stunden der Andacht 1 , in die Hände gefallen waren, von der Orthodoxie abfielen und eine Sekte gründeten, die Stundisten, die uns noch heute zu schaffen machen, die wir vor Gott, dem Zaren und Rußland die Verantwortung für die Glaubenseinheit und Glaubensreinheit des russischen Volkes tragen. Der Russe ist so weich angelegt und so nachgiebig, daß nur mit konsequenter Strenge, wenn es sein muß mit Härte, die von Gott gewollte religiöse Einheit Rußlands verteidigt, aufrechterhalten und gesichert werden kann.“ Mein Chef, General von Schweinitz, hatte recht gehabt, mich auf die große gesellschaftliche und damit nach Lage der Dinge auch politische Gräfin Stellung hinzuweisen, die im alten Petersburg die Frauen einnahmen. Die Kleinmichl erste Leading Lady, die ich kennenlernte, war die Gräfin Marie Kleinmichl, geborene Gräfin Keller. Tochter eines deutsch-russischen Vaters und einer serbisch-polnischen Mutter, war sie ganz und gar und nur Petersburgerin. Nur die Petersburger Luft bekam ihr. Nur in Petersburg war ihr wirklich wohl. Nur Petersburger Vorgänge interessierten sie. Es war später eine grausame Fügung des Schicksals, daß diese kluge und liebenswürdige Frau durch die Bolschewisten gezwungen worden ist, ihr Leben im Ausland zu beschließen, nachdem man ihr ihre Güter, ihr Petersburger Palais und ihr Landhaus auf den Inseln, ihre Datsche, geraubt und sie buchstäblich bis aufs Hemd ausgezogen hatte. Damals, 1884, glänzte sie noch als Stern am gesellschaftlichen Himmel. Ich habe aus ihrer Konversation manches gelernt. Sie machte mir klar, daß Rußland im Kern demokratisch wäre. Ein kleines Beispiel: Sie hatte sich mit ihrem Schwager, einem Grafen Kleinmichl, überworfen, dagegen stand sie gut mit einem Vetter, einem Fürsten Dolgorukij. Beide bewarben sich um das Amt des Adelsmarschalls in ihrem Kreise. Die Gräfin Kleinmichl lud die einflußreichsten Adligen des Kreises zu sich ein. Sie sagte ihnen: „Ihr steht vor der Wahl zwischen einem Kleinmichl und einem Dolgorukij. Es ist mir peinlich, es euch sagen zu müssen, aber die Wahrheit ist, daß die Familie Kleinmichl von einem finnischen Lakaien abstammt, während die Dolgorukijs 576 GEFALLENE GRÖSSEN ihren Stammbaum auf Rurik zurückführen. Als Edelleute könnt ihr nicht schwanken!“ Die eingeladenen Adligen erwiderten: „Warum uns täuschen, Maria Eduardowna? Wir wollen einen Adelsmarschall haben, der beim Zaren gut angeschrieben ist. Das muß Kleinmichl sein, da sein Großvater vom Lakaien zum Grafen avancierte. Dessen kann sich Dolgorukij nicht rühmen.“ Die Gräfin Kleinmichl war liberal gerichtet, im westeuropäischen Sinne, und war am Hofe des Großfürsten Konstantin in dieser Richtung bestärkt worden. Großfürst Konstantin Nikolajewitsch, der zweite Sohn des Kaisers Nikolaus, wurde in den Petersburger Salons der russische Louis-Philippe genannt. Man ging so weit, zu behaupten, daß er bei der Ermordung des Kaisers Alexander II. die Hand im Spiele gehabt habe. Sicher ist, daß er als Statthalter in Warschau 1862 eine zweideutige Rolle gespielt hat. Ich lernte bei der Gräfin Kleinmichl eine Reihe gefallener Größen kennen: Loris Loris Melikow, Walujew, Abaza. Der Graf Loris Melikow, ein Armenier, Melikow war einige Monate lang als Chef der höchsten Exekutivkommission Diktator von Rußland gewesen. Er hatte Alexander II., den die von mir früher erwähnten häuslichen Wirren und immer wiederholte Attentate demoralisiert hatten, vorgeredet, daß er dem Zaren, wenn er eine liberale Verfassung gäbe, die Heirat mit seiner Geliebten, der Prinzessin Katharina Dolkorukij, und sogar deren Krönung als Zarin ermöglichen werde. Die am 13. März 1881 erfolgte Ermordung des Kaisers Alexander II. machte einen blutigen Strich durch solche Projekte und Pläne, und die Herrlichkeit von Loris Melikow war zu Ende. Er war ein Armenier. Ein russisches Sprichwort sagt: „Ein Grieche gleich zwei Juden, ein Armenier gleich zwei Griechen.“ Wenn Loris Melikow als schlau und imzuverlässig galt und es wohl auch war, so machte Walujew einen sympathischen, gediegenen Eindruck. Graf Peter Alexandrowitsch Walujew hatte sich als Minister des Innern von 1861 bis 1868 hohe Verdienste um die Aufhebung der Leibeigenschaft erworben. Er war ein ehrenwerter, deutschfreundlicher und dabei humaner Staatsmann. Er hat auch einen lesbaren Roman geschrieben, der „Lorin“ heißt, den er mir in deutscher Übersetzung schenkte und der meine römische Bibliothek ziert. Wenn bei der Gräfin Kleinmichl die Vertreter der früheren Zeit, der Missy Ära Alexanders II., mir ihr sorgenvolles, hie und da verstimmtes Herz Durnoto erschlossen, so begegnete ich bei Madame Durnow, „Missy“, wie sie von ihren Verwandten und Freunden genannt wurde, den Leuten des regierenden Kaisers. Missy Durnow war eine der interessantesten Frauen, denen ich im Leben begegnet bin. Ein messerscharfer Verstand bei viel Charme, ganz natürlich, aber immer und in allem große Dame. Wenn ich das Rußland Alexanders III. verstanden habe, verdanke ich das in erster Linie ihr. In DER NIEMALS NÜCHTERNE GENERALADJUTANT 577 ihrem schönen Palais an der Newa schloß ich Freundschaft mit dem maßgebendsten Manne in der Umgebung des Kaisers Alexander III., dem Generaladjutanten Tscherewin. Er hatte für die persönliche Sicherheit Tscherctvin des Zaren zu sorgen, und er hat mit Erfolg für sie gesorgt. Das war um so anerkennenswerter, ja staunenswerter, als Tscherewin selten ganz nüchtern war. Ich habe in unserem lieben Vaterlande und in anderen Ländern manchen erprobten Trinker gekannt, einen vollendeteren Saufbruder als Tseherewin nie und nirgends. Nach dem Diner, das in Petersburg meist um neun Uhr begann, pflegte er im Klub oder wo er eingeladen war, aus Bordeauxgläsern Anisette zu trinken. Das dauerte bis zwölf, auch bis ein Uhr nachts. Schwankenden Schrittes empfahl er sich, fuhr nach Hause und trank dort, bis die Sonne aufging, aus Wassergläsern schlechten kaukasischen Land wein. Nach einigen Stunden Schlaf hielt er seinen mit einem hängenden Schnurrbart gezierten Kopf unter das eiskalte Wasser einer Pumpe und fuhr dann nach Gatschina zum „Daklot“, zum Vortrag beim Zaren. Der Zar mochte ihn. Er schätzte seine Treue, die Treue eines Neufundländers, seinen gesunden Menschenverstand, seine unbändige Courage. Er hatte mehr als einmal bewiesen, daß er jeder Situation gewachsen war. Unter den vielen Supplikanten, die Tscherewin täglich empfangen mußte, hatte einmal ein schwarzhaariger Armenier in dem Augenblick, wo er dem General mit der linken Hand eine Bittschrift überreichte, mit der Rechten einen Revolver auf ihn gerichtet. Blitzschnell erfaßte Tscherewin die Hand des Attentäters und drehte sie mit eiserner Faust um, so daß das Handgelenk zerbrach. Dann übergab er den herbeigerufenen Kosaken vom Leibkonvoi den blutenden und heulenden Meuchelmörder, der im Laufe desselben Tages gehängt wurde. Die Freundschaft mit Tscherewin aufrechtzuerhalten, war nicht ganz leicht. Es setzte voraus, daß ich von Zeit zu Zeit ihn, der dann schon stark bezecht war, um Mitternacht in seine Wohnung brachte und ihm dort bis fünf, bisweilen sechs Uhr morgens Gesellschaft leistete, wobei ich dem gräßlichen Kaukasierwein zusprechen mußte, den er in unglaublichen Quantitäten vertilgte. Aber in der Betrunkenheit schwätzte Tscherewin, der in seiner Stellung alles erfuhr, was vorging, vieles aus und manches Interessante. Er sagte auch Kluges. „Voila le secret de la Situation“, sagte er mit lallender Stimme. „L’Empereur — est — peu — intelligent. Mais il est immuable comme un roc. II veut la paix, fermement, fortement, absolument. 11 veut la paix pour plusieurs raisons. Une de ces raisons est que L’Empereur deteste monter ä cheval pour des raisons physiques, ä cause d’une hernie.“ Ähnlich wie Giers sagte mir auch Tscherewin: „L’Empereur n’aime pas les Allemands, mais il n’aime pas mieux les Fran^ais et les Anglais. Prenez en votre parti. Par contre, l’Empereur aime 37 Biilow IV 578 SHIROKAJA NATURA les monarchies, il deteste les republiques. Bonne cliose pour vons. Faites-en votre profit.“ In manchen Nächten überkam Tscherewin jener Zustand, den der deutsche Student das heulende Elend nennt. Dann sprach er mir schluchzend und rülpsend von seinen Kindern. Er hatte ein Verhältnis mit einer Petersburger Kurtisane gehabt, deren drei Kinder er zärtlich liebte, obwohl sie wahrscheinlich nicht alle seine Sprößlinge waren. Er ließ sie in Straßburg in einer deutschen Unlerrichtsanstalt erziehen und redete auch von der Mutter mit Gefühl. Er besaß in hohem Grade die Shirokaja natura, die breite Natur, die der Russe liebt. Ich verdanke dem General Tscherewin nicht nur interessante und nützliche Aufschlüsse über die Psychologie des Zaren, auf den, wie uns Fürst Bismarck immer wieder einschärfte, wir uns einzustellen hatten, da praktisch alles auf ihn ankam, sondern er sprach auch freundlich über mich mit dem Kaiser und der Kaiserin, was zur Folge hatte, daß beide mich mit Auszeichnung behandelten. XLI. KAPITEL Afghanistan, der englisch-russische Konflikt • Der siebzigste Geburtstag des Fürsten Bismarck • Im Hause Bismarck (1. IV. 1885) • Unterredung mit Herbert Bismarck Bulgarien und Prinz Alexander Battenberg • Der Sommer 1885 in St. Petersburg Annullation der Ehe der Gräfin Marie Dönhoff durch den Heiligen Stuhl • Vermählung in Wien am 9.1. 1886 E s unterlag keinem Zweifel, daß in Rußland trotz der scheinbar unerschütterlichen Festigkeit des bestehenden Systems, wie es durch Verschwörun- Alexander III. repräsentiert, durch Dmitri Tolstoi, Pobjedonoszew und B en u, ‘d Tscherewin charakterisiert wurde, das revolutionäre Feuer unter der Prozesse Oberfläche weiterglimmte. An alarmierenden Symptomen fehlte es nicht. Trotz aller Wachsamkeit der Polizei gingen, wie mir die Gräfin Kleinmicld und Madame Dumow erzählten, auch in den Salons revolutionäre Schriften von Hand zu Hand. An den Universitäten wurden Verschwörungen entdeckt, an denen auch Professoren beteiligt waren. Wenige Wochen nach der Zusammenkunft von Skierniewice wurde in Petersburg ein Prozeß verhandelt, bei dem zahlreiche Urteile auf Hinrichtung durch den Strang und noch mehr Urteile auf lebenslängliche Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken ergingen. Tscherewin schien mir 'am meisten dadurch beunruhigt, daß Offiziere des Ismailowschen Leibgarderegiments wegen Beteiligung an revolutionären Umtrieben verhaftet und „verschickt“ werden mußten. Dagegen erfreute und beruhigte es ihn, daß es allmählich gelungen war, die Hauptbeteiligten an der Ermordung Alexanders II. zu verhaften und insbesondere den alten Verschwörer Lopatin, der in nihilistischen Kreisen der Vater der Revolution genannt wurde und für den Energischsten der Umsturzleute galt. Im Frühjahr 1885 trat der latente Gegensatz der russischen und englischen Interessen in Zentralasien, über den ich acht Jahre vorher als jüngster Der afghani- Sekretär der Botschaft in St. Petersburg eine schöne Denkschrift aus- S( he Konflikt gearbeitet hatte, in ein akutes Stadium. Wenn auch diese Krisis, um mich einer Wendung von Herbert Bismarck zu bedienen, ausging wie das Hornberger Schießen, so war sie doch von symptomatischer Bedeutung. Im Frühjahr 1875 hatte sich gezeigt, daß weder England noch Rußland 37 ' 580 WALFISCH UND BÄR Salisbury Unbesonnenheiten Herbert Bismarcks Börsen- deroute gewillt waren, eine nochmalige Schwächung Frankreichs durch Deutschland zuzulassen. Zehn Jahre später trat deutlich zutage, daß sowohl England wie Rußland kein Verlangen trugen, sich gegenseitig zu schwächen, damit Deutschland als Tertius gaudens den Vorteil davon habe. Der Führer der englischenKonservativen, Lord Salisbury, hatte während des afghanischen Konfliktes Rußland gegenüber eine weit schärfere Sprache geführt als Mr. Gladstone und die Liberalen. Salisbury war so weit gegangen, im Mai 1885 bei der Eröffnung eines konservativen Klubs der russischen Regierung fortgesetzte Wortbrüche vorzuwerfen. Er hatte hinzugefügt: „Wie nennt man im Privatleben einen zahlungsunfähigen Menschen? Einen Gauner oder Bankerotteur!“ Nach dem Anfang Juni 1885 erfolgten Sturz des Ministeriums Gladstone zum Premierminister berufen, zeigte sich Salisbury Rußland gegenüber ebenso akkommodant wie sein Vorgänger und erklärte im November, nichts stehe einer herzlichen Kooperation zwischen England und Rußland im Wege. In Asien sei für Rußland und England Platz. Zu der raschen Verständigung zwischen England und Rußland, zwischen Walfisch und Bär, hatten die beiden dänischen Schwestern, die Kaiserin Maria Feodorowna von Rußland und die Prinzessin Alexandra von Wales, nicht unerheblich beigetragen. Beide Schwestern hatten die dänischkurhessische Abneigung ihrer Mutter, der Königin Luise von Dänemark, geborenen Prinzessin von Hessen, gegen das neue, starke und blühende Deutsche Reich geerbt. Wünschte Fürst Bismarck im Frühjahr 1885 einen kriegerischen Zusammenstoß zwischen Rußland und England? Jedenfalls hat ihn sein majestätischer, auf dem Gebiet der auswärtigen Politik selten irrender Bon sens verhindert, einen derartigen Wunsch irgendwie hervortreten zu lassen. Herbert Bismarck, weniger vorsichtig als der Vater, ließ sich, als die afghanische Krisis auf ihrem Höhepunkt stand, zu unüberlegten Äußerungen hinreißen. In einer Gesellschaft, bei der auch fremde Diplomaten zugegen waren, rief er in animierter Stimmung: „Wenn England und Rußland aneinandergeraten, so kann ich nur sagen: schade um jeden Hieb, der vorbeigeht.“ Diese Äußerung wurde nach London hinterbracht und kam zur Kenntnis der Prinzessin und des Prinzen von Wales, die für ihre auf einen Ausgleich zwischen England und Rußland hinzielenden Bemühungen daraus Vorteil zogen. Als im akutesten Stadium der afghanischen Krisis Herr von Giers sorgenvoll zu seinem Souverän sagte, Rußland müsse es entweder auf einen großen Krieg ankommen lassen oder nachgeben, antwortete, wie Giers mir später erzählte, der Zar: „Ich werde nicht nachgeben, und es wird keinen Krieg gehen.“ Alexander Alexandrowitsch behielt recht. Die afghanische Krisis hatte an allen europäischen Börsen Beunruhigung hervorgerufen. Namentlich in Berlin, wo man stark in russischen Werten FEIER IN DER WILHELMSTRASSE 581 engagiert war, war viel Geld verloren worden. In einem Teil der Presse wurden bittere Vorwürfe gegen Bismarck erhoben, weil er die Börse und das Publikum nicht rechtzeitig auf die Möglichkeit eines englisch-russischen Konflikts vorbereitet habe. Bismarck erwiderte, daß es Sache der Börse und des an der Börse spekulierenden Publikums sei, sich ä la hausse oder a la baisse zu engagieren. Wenn er als leitender Staatsmann einen Alarmruf erlassen hätte, so würde das den Anschein erweckt haben, als ob er entweder die Streitenden, England und Rußland, von der Verfolgung der ihnen zweckmäßig erscheinenden Ziele abhalten oder gar sie gegeneinander hetzen wolle „wie zwei Fleischerhunde“. Ruhe und Zurückhaltung seien bei diesem Konflikt die für Deutschland ganz richtige Politik gewesen. Ich schalte ein, daß neunzehn Jahre später auch mir als Reichskanzler der ebenso törichte Vorwurf gemacht wurde, daß ich nicht rechtzeitig auf die Möglichkeit eines russisch-japanischen Krieges hingewiesen hätte. Mitte März 1885 erhielt ich einen Brief von Herbert Bismarck, in dem er mir schrieb, er nehme an, daß ich nach einem dienstlich und gesellschaftlich Der siebzig- anstrengenden Winter mir im Frühjahr einen Urlaub gönnen würde. In jährige Fürst diesem Falle möchte ich es so einrichten, daß ich am 1. April, dem sieb- Bi smarc k zigsten Geburtstage seines Vaters, in Berlin sein könnte. An dieser Feier teilgenommen zu haben, würde mir eine stolze Erinnerung für mein ganzes Leben bleiben. Dankbar und gern folgte ich der gütigen Aufforderung. Und bei Gott, diesen Tag vergaß ich nie und werde seiner nie vergessen. Nie ist ein deutscher Staatsmann von dem besten Teil seinesVolkes so gefeiert und geehrt worden, und nie war ein Deutscher einer solchen Ehrung würdiger. Freilich, die Führer der oppositionellen Parteien, Eugen Richter, Ludwig Windthorst und August Bebel, standen in stummem Groll und verbissenem Ärger beiseite. Ihre Wähler aber beteiligten sich zu Tausenden und Tausenden an den Ehrungen, die Bismarck dargebracht wurden, ohne sich durch die Reflexion stören zu lassen, daß die meisten Erfolge des Fürsten Bismarck gegen den Widerstand ihrer Parteiführer und unter ihrem ununterbrochenen Hadern und Schimpfen erreicht worden waren. Der Genfer Publizist Victor Cherbuliez, der unter dem Pseudonym Valbert in der „Revue des Deux Mondes“ und anderen französischen Zeitschriften wenig deutschfreundliche, aber geistreiche Betrachtungen über deutsche Zustände veröffentlichte, hat einmal einen deutschen Demokraten der achtziger Jahre geschildert, der sich in seiner Heimat, einem kleinen Provinznest, durch unentwegtes Räsonieren über Bismarck eine so gute politische Stellung gemacht hatte, daß seine Mitbürger ihn in den Reichstag wählten. Dort angelangt, ergreift er die erste Gelegenheit, um den verhaßten Kanzler mit allem Aufwand seiner Lunge und seines reichen Vorrats an banalen demokratischen Schlagworten anzugreifen. Als nun Bismarck am Schlüsse 582 HÖDUR der Debatte mit seinen Gegnern abrechnet, gebt er auf die Ausführungen des Provinz-Mirabeau überhaupt nicht ein, da sie zu unbeträchtlich seien. Als dies im Heimatsnest bekannt wird, entsteht allgemeine und große Erregung: „Was! Unser Abgeordneter wird vom großen Bismarck nicht einmal einer Antwort gewürdigt? Was muß der für ein Schaf sein! Denn Bismarck weiß schließlich doch alles am besten!“ Die Dummheit des Hödur, des Wählers, der sich immer wieder von dem listigen Loki mit der Hornbrille auf der Nase und dem Zettelkasten auf dem Schreibtisch verführen läßt, ist selten amüsanter persifliert worden. Und einer der feinsten Geister dieser Zeit, der Verfasser der „Sperlingsgasse“ und des „Hungerpastor“, Wilhelm Raabe, schrieb: „Deutsches Volk? Ach was! Deutsch redender oder schwätzender Bevölkerungsbrei, für einen kurzen Augenblick von ein paar großen Männern in eine staatliche Form gepreßt! Morgen vielleicht sind sie tot, diese Männer, und der Brei fließt wieder auseinander, . und die Fremden mögen dreist wieder von allen Seiten mit ihren Löffeln vorrücken, zur Wiederaufrichtung und Herstellung der hergebrachten Freiheiten teutscher Nation.“ Eine ungerechte Kritik, soweit es sich um die breite Masse des deutschen Volkes handelt, um Bauern und Arbeiter, um das fleißig schaffende Bürgertum. Aber eine leider nur zu berechtigte Klage über viele deutsche Intellektuelle, denen wie die leidenschaftliche Vaterlandsliebe der Romanen so auch der unerschütterliche Nationalstolz und der praktische Sinn der Amerikaner und Engländer versagt ist und die immer wieder in Eigenbrötelei, blinden Doktrinarismus und Starrköpfigkeit verfallen. Am Abend des 31. März 1885 fand ein Fackelzug statt, der durch die Fackelzug Wilhelmstraße am Reichskanzlerpalais vorbeimarschierte. Bismarck stand am Fenster einer im ersten Stock des linken Flügels des Reichskanzlerpalais gelegenen Eckstube. Damit die Vorüberziehenden ihn gut sehen könnten, hielt der starke Herbert während des ganzen Vorbeimarsches eine Lampe über dem gewaltigen Haupt seines Vaters. Aus den Augen der vorübermarschierenden Fackelträger leuchtete Freude, leuchtete Begeisterung. Der Ausdruck der Züge, der Augen, des Antlitzes des Fürsten Bismarck läßt sich nicht schildern. Den Eindruck, den dieses Antlitz am Abend des 31. März 1885 auf mich machte, habe ich nur wiederempfunden, wenn ich vor dem Hamburger Denkmal Bismarcks stand, das Hugo Lederer geformt hat. Am Vormittag des 1. April 1885 empfing der Fürst im großen Saal des Gratulation Reichskanzlerpalais die Gratulanten. In demselben Saal, in dem sieben im Reichs- Jahre früher der Berliner Kongreß getagt hatte und in dem dreißig Jahre kanzlerpalais 8 p ätcr Bethmann einer polnischen Deputation in unseliger Verblendung die Wiederherstellung eines polnischen Reichs in Aussicht stellen sollte. HERR UND DIENER 583 Wenn mich Fürst Bismarck am Abend des 31. März 1885 an die Helden der deutschen Sage, an Dietrich von Bern und an Hagen von Tronje erinnert hatte, so glich er bei dem Empfang in seinem Hause in seiner Schlichtheit und Natürlichkeit einem tüchtigen und aufrechten ostelbischen Junker, dem an seinem Ehrentage, zu seinem fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum als Landrat oder zu seiner silbernen Hochzeit Nachbarn und Freunde seines Heimatkreises gratulieren. Unter den Gratulanten vom 1. April 1885 gefiel mir am besten der Generaloberst von Pape, der Held von Saint-Privat. Er mußte im Namen aller Anwesenden das Hoch auf den Jubilar ausbringen. Alles Nichtmilitärische lag ihm so fern, daß er in seiner Rede den Fürsten Bismarck statt Reichskanzler immer nur „unsern Herrn Staatskanzler“ nannte, wohl in Reminiszenz an Hardenberg, dessen Name noch seiner Kindheit geklungen hatte. Er sprach ohne rednerischen Schmuck, olme Pointen, ohne Phrasen. Aber er sprach mit derselben ruhigen Stimme, mit der er beim Sturm auf Saint-Privat die preußische Gardeinfanterie kommandiert hatte. In einem Handschreiben, das Kaiser Wilhelm I. unter Übersendung einer Kopie des Wernerschen Bildes „Die Kaiserproklamation in Versailles“ an Fürst Bismarck richtete, hieß es: „Es ist Mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, Ihnen heute auszusprechen, wie hoch cs Mich erfreut, daß ein solcher Zug des Dankes und der Verehrung für Sie durch die Nation geht. Es erwärmt Mir das Herz, daß solche Gesinnungen sich in so großer Verbreitung kundtun, denn es ziert die Nation in der Gegenwart, und es stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wenn sie sich erkenntlich für das Wahre und Große zeigt und wenn sie ihre hochverdienten Männer feiert und ehrt. Sie, mein lieber Fürst, wissen, wie in Mir jederzeit das vollste Vertrauen, die aufrichtigste Zuneigung und das wärmste Dankgefühl für Sie leben wird! Ihnen sage Ich daher mit diesem Brief nichts, was Ich Ihnen nicht oft genug ausgesprochen habe, und Ich denke, daß dieses Bild noch Ihren späteren Nachkommen vor Augen stellen wird, daß Ihr Kaiser und König und seinHaus sich dessen wohl bewußt waren, was Wir Ihnen zu danken haben. Mit diesen Gesinnungen und Gefühlen endige Ich diese Zeilen, als über das Grab hinausdauernd, Ihr dankbar treu ergebener Kaiser und König Wilhelm.“ Wenn Bismarck einmal gemeint hat, er habe seinen Namen dauernd in die Rinde der deutschen Eiche eingeschnitten, so kann von diesem Brief seines edlen Herrn aD ihn gesagt werden: er ist für alle Zeiten eingeschrieben in das Herz jedes Deutschen, der diesen Namen verdient. Mit Stolz kann sich das deutsche Volk rühmen, daß die innige Freundschaft, die zwischen seinen beiden größten Dichtern, zwischen Goethe und Schiller, bestanden hat, einzig ist. Aber ebenso einzig ist das im tiefsten Grunde und im Kaiserliches Handschreiben 584 EIN GESTÄNDNIS innersten Kern ideale Verhältnis zwischen unserm alten Kaiser und dem großen Minister, der sich auf seinem Grabstein stolz-bescheiden nur den treuen deutschen Diener seines Herrn nennt. Einige Tage nach der Geburtstagsfeier seines Vaters forderte mich Bei Borchardt Herbert auf, einen „gemütlichen“ Abend mit ihm bei Borchardt zu mit Herbert verbringen, in dem von ihm mit Recht bevorzugten Berliner Restaurant in Bismarck j er p' ranZ Q S j sc j ien Straße. Er wünschte meine Ansicht über die Lage der Dinge in Rußland zu hören, und zwar „en detail“. Ich gebe meine Darlegungen hier nur im Extrakt wieder. Ich führte etwa aus: „Solange die schwere Hand von Alexander III. auf Rußland liegt, wird dort alles beim alten bleiben. Jetzt schläft das Riesenreich. In seinem schönen Roman «Neuland 4 läßt Turgenjew seinen Helden, den Nihilisten Neshdanow, in einem ärmlichen Zimmer über einen dreibeinigen Tisch gebeugt und bei dem spärlichen Schein eines Talglichtes seinen politischen Gefühlen in einem Gedicht Ausdruck geben, dessen letzte Verse lauten: -und in der Hand Das Branntweinglas, das Haupt dort an den Pol geschlossen, Die Füße an den Kaukasus, o Vaterland, So schläfst du, heil’ges Rußland, fest und unverdrossen! Rußland schläft. Aber wird es immer schlafen? Und wenn es erwacht, was dann? Der sechzehnjährige Thronfolger, den ich bei verschiedenen Gelegenheiten sah und beobachtete, macht einen wohlerzogenen, distinguierten, aber weichen, fast zarten, keineswegs energischen Eindruck. Daraus folgt, daß wir, wie es uns der Fürst immer wieder einschärft, jetzt unsere Politik auf Alexander III. einstellen müssen, mit dem wir nach meiner Überzeugung sehr wohl in Frieden und Freundschaft leben können. Nach ihm dürfte eine Revolution in Rußland ebenso möglich, wie ich meine sogar wahrscheinlicher sein als ein russischer Angriff auf die Zentralmächte. Alles das natürlich unter der Voraussetzung, daß wir in der Wilhelmstraße auch fernerhin eine geschickte und vorsichtige Politik machen.“ Als ich fühlte, daß zwischen Herbert und mir sich im Laufe des Abends Gespräch jene undefinierbare Atmosphäre von Sympathie, Freundschaft und Ver- über Marie trauen gebildet hatte, die junge Männer zueinander zieht, sprach ich ihm Donhoff von me j nem Entschluß, die Gräfin Marie Dönhoff zu heiraten. Er hatte schon davon gehört. Vielleicht von Holstein, dem ich ein Jahr vorher darüber geschrieben hatte, vielleicht durch Klatschereien, denen ja niemand, und namentlich keine schöne und geistreiche Frau, entgeht. Herbert hatte aber anscheinend die Sache nicht au serieux genommen. Als er den Ernst meines Entschlusses erkannte, sah er mich erstaunt an, verlegen, zunächst stumm. In ihm kämpften zweierlei Empfindungen. Auf der einen Seite DER UNWAHRSCHEINLICHE KONSENS 585 seine Freundschaft für mich und der Wunsch, mir diese Freundschaft zu beweisen; auf der andern Seite der psychologisch begreifliche Gedanke, daß mir ein Glück zuteil werden sollte, das ihm versagt geblieben war, das Glück, die geliebte Frau als Lebensgefährtin heimzuführen und ihr ein neues Leben aufzubauen. Er hatte die Fürstin Elisabeth Carolath leidenschaftlich geliebt. Er liebte sie noch und hat, wie ich glaube, nie aufgehört, sie zu lieben. Er ist auch nie das Gefühl losgeworden, daß er gegenüber dieser großen Liebe seines Lebens versagt habe, daß sein Verhalten in dieser Lebenskrise weder klug noch ganz korrekt gewesen war. Durch die Erinnerungen des Fürsten Philipp Eulenburg ist später über diesen Roman eine Reihe von Einzelheiten bekanntgeworden, um die damals nur ein enger Kreis wußte. Nach langem Schweigen sagte Herbert endlich zu mir: „Ich kenne die Gräfin Marie Dönhoff. Sie ist eine begabte, eine herzensgute, eine ungewöhnlich reizende Dame. Aber sie ist Ausländerin, und wir wollen und sollen an dem Grundsatz festhalten, daß unsere Diplomaten keine Ausländerinnen heiraten dürfen. Sie ist überdies Katholikin. Sie ist von ihrem ersten Mann geschieden, und dieser Mann gehört unserm diplomatischen Dienste an. Sie ist die Freundin der Kronprinzessin, der Mimi Schleinitz, der Cosima Wagner, der Frau von Helmholtz und anderer, meinem Vater feindlich gesinnter Weiber. Ich glaube nicht, daß mein Vater zu dieser Ehe seinen Konsens geben wird. Ich kann ihm auch nicht dazu raten, ich werde ihm sogar mit aller Entschiedenheit davon abraten.“ Wenn ich an jene Unterredung mit meinem lieben Altersgenossen und Freund Herbert Rismarck zurückdenke, so erkenne ich vor allem, wie wenig der Mensch imstande ist, vorauszusehen, wie sich die Zukunft gestalten und wie er selbst in kommenden Zeiten handeln wird. Herbert hat später die Komteß Marguerite Hoyos geheiratet, deren Vater halb Österreicher, halb Ungar und deren Mutter eine Stockengländerin war. Sein ältester Sohn hat eine Ausländerin, die Schwedin Ann-Marie Tengbom geheiratet. Das konnte ich freilich an jenem Abend bei Borchardt nicht wissen. Wohl aber sagte ich Herbert, daß die freundschaftlichen Beziehungen der Gräfin Marie zur Kronprinzessin, zu Cosima Wagner, zu Frau von Helmholtz, zur Gräfin Schleinitz auf rein künstlerischer Grundlage beruhten und mit Politik gar nichts zu tun hätten. An ihrer ausländischen Herkunft Anstoß zu nehmen, scheine mir gerade bei ihr kleinlich, die in Bildung und Gesinnung ganz deutsch geworden sei. Was ihre katholische Konfession angehe, so sei ich selbst evangelischer Christ, aber ohne Vorurteile und ohne Unduldsamkeit. Wenn der Umstand, daß Graf Karl Dönhoff dem diplomatischen Dienst angehöre, in den Augen meiner Vorgesetzten ein Grund sei, mir den Heiratskonsens zu verweigern, so verließe ich den Dienst. Ich schloß die Diskussion, indem ich mit Ruhe, aber bestimmt, zu Herbert Bismarcks Bedenken 586 MEGALOPSYCHIA Herbert sagte: „C’est ä prendre ou ä laisser. Wenn mir der Konsens für die Heirat verweigert wird, von der nicht nur mein Lebensglück abbängt, sondern auch das Glück der Frau, die ich liebe, so gehe ich. leb kann auch als Privatmann leben und sehr zufrieden leben. An der Seite der Frau, die ich liebe, und mit einigen guten Büchern halte ich es überall aus.“ Ich möchte schon hier erwähnen, daß Graf Karl Dönhoff nach meiner Verheiratung noch lange unserer Karriere angehört und auf seinem Dresdener Posten weiter gute Dienste geleistet hat. Als er, nicht lange vor seinem Tode, aus Gesundheitsrücksichten mit dreiundsiebzig Jahren um seinen Abschied bat und diesen in einer für ihn sehr schmeichelhaften Form erhielt, schrieb er mir, es sei für ihn bei seinem Rücktritt „Ehrenpflicht“, mir für das Wohlwollen zu danken, das ich ihm mit ebensoviel Güte wie Takt als sein Vorgesetzter während zehn Jahren bewiesen hätte. Im Leben wie in der Politik lassen sich auch schwierige Situationen meistern: mit Klugheit und mit jener Eigenschaft, welche die alten Griechen MeyaXorpvxla nannten — Großzügigkeit. Der Sommer 1885 verlief politisch ruhig. In der innem russischen Politik triumphierte auf allen Gebieten die Reaktion. Der katholische Bischof von Wilna wurde in die Verbannung nach Jaroslaw an der Wolga geschickt, weil er unter Umgehung des vorgeschriebenen Weges eine direkte Korrespondenz mit Rom geführt hatte. Der von ihm nach seiner „Verschickung“ zum Verwalter seiner Diözese eingesetzte Domherr wurde aus einem ähnlichen Grunde nach Koly am Eismeer deportiert. Ich war befreundet mit dem Fürsten Kantakuzen, dem Vorsitzenden des Departements für die fremden Kulte. Er war ein gebildeter und liebenswürdiger Mann und mit einer charmanten Französin verheiratet. Wenn ich ihn in seiner Amtswohnung aufsuchte, wartete in seinem Vorzimmer immer eine Anzahl katholischer Geistlicher, die ad audiendum verbum befohlen waren und zitternd seines Urteilsspruches harrten. Den evangelischen Pastoren in den baltischen Provinzen ging es nicht viel besser. Im Gegensatz zu so üblen und traurigen inneren Verhältnissen stand die Zwei Kaiser auswärtige russische Politik unter dem günstigen Einfluß der Begegnung m Kremsier von Skierniewice und der dort zwischen den drei Kaisermächten getroffenen Abmachungen. Ende August 1885 fand in Kremsier, der mährischen Bezirksstadt, wo vom November 1848 bis zum März 1849 der erste österreichische Reichstag getagt hatte, eine Begegnung der Kaiser von Österreich und Rußland statt, die von ihren Ministern Kälnoky und Giers begleitet waren. Die Entrevue verlief gut. Die Kritik der ungarischen Presse, die in dieser Zusammenkunft eine Stärkung der Slawen innerhalb der habsburgischen Monarchie und damit eine Gefahr für den Dualismus und die magyarische Rasse sehen wollte, blieb mit Recht unbeachtet. Anfang DER BATTENBERGER 587 September stattete Herr von Giers dem Fürsten Bismarck in Friedrichsruh einen Besuch ab, der nach den der Botschaft zugegangenen vertraulichen Mitteilungen sehr gut verlief. Da trat am 18. September 1885 ein Ereignis ein, das mein Chef, der Botschafter von Schweinitz, sofort für die wichtigste Wendung erklärte, die wir seit 1879 erlebt hätten. In Ostrumelien, das durch den Berliner Kongreß als autonome türkische Provinz unter einem türkischen Generalgouverneur konstituiert worden war, brach eine Revolution aus. Die aufständischen Bulgaren nahmen den türkischen Generalgouverneur gefangen und bildeten eine provisorische Regierung, die sich um Schutz an den Fürsten Alexander von Bulgarien wandte. Dieser begab sich nach Philippopel, befahl die Mobilmachung der Armee, berief die Kammern ein und erließ eine Proklamation, in der er erklärte, er sei durch den Willen des allmächtigen Gottes wie des edlen bulgarischen Volkes Fürst von Nord- und Südbulgarien geworden. Er erkenne die Souveränität des Sultans an, aber Ostrumelien habe aufgehört zu bestehen, die Union der beiden Bulgarenländer sei eine vollzogene Tatsache und damit das Ideal aller Bulgarenherzen erfüllt. Ich habe seinerzeit erzählt, daß während des Berliner Kongresses die russischen Vertreter mit unermüdlichem Eifer für die bulgarischen Aspirationen eintraten. Die Ursache dieses Eifers war einerseits darin zu suchen, daß, wie schon früher Ignatjew, so während der Kongreßverhandlungen auch Gortschakow und Peter Schuwalow in den Bulgaren die besonderen Schützlinge und die treuesten Freunde von Rußland erblickten. Dazu waren damals noch persönliche Wünsche und Gefühle des Kaisers Alexander II. getreten. Der Johannistrieb des hohen Herrn für die hübsche Katharina Dolgorukij hatte seiner erhabenen Gemahlin Kummer bereitet. Als nobler Herr, der er war, wollte er seine Frau für ihr häusliches Leid entschädigen. Er wußte, wie sehr sie ihren Bruder, den Prinzen Alexander von Hessen, und dessen Kinder aus seiner morganatischen Ehe mit Fräulein Julie Hauke, die Prinzen Battenberg, liebte. So begünstigte und förderte er die Designierung des Prinzen Alexander Battenberg zum Fürsten von Bulgarien und blieb ihm bis zu seinem Tode ein gnädiger Gönner. Anders Alexander III. Er hatte die „Vettern“ Battenberg nie gemocht. Namentlich Alexander Battenberg war ihm antipathisch. Sobald er von dem Einzug des Fürsten Alexander in Philippopcl gehört hatte, befahl er dem bulgarischen Kriegsminister, dem russischen General Kantakuzen und allen im bulgarischen Dienste stehenden russischen Offizieren, ihre Entlassung aus bulgarischen Diensten zu fordern. Einer bulgarischen Deputation, die den Zaren während seines gewohnten Herbstaufenthaltes in Kopenhagen im Schloß Bernstorff umzustimmen suchte, Das bulgarische Ostrumelien Alexander 111. bestraft den Fürsten Alexander 588 ÖSTERREICH RETTET SERBIEN erklärte Alexander III., er sympathisiere mit den Bulgaren, aber er mißbillige die Revolution in Ostrumelien. Anfang November 1885 wurde der Fürst Alexander von Bulgarien aus der russischen Armee ausgestoßen. Einst hatte Zar Nikolaus I. den Vater des Fürsten Alexander, den Prinzen Alexander von Hessen, wegen seiner unstandesgemäßen Heirat zum Unteroffizier degradiert, jetzt erteilte der Zar Alexander III. dem Sohn des hessischen Prinzen den schlichten Abschied. Mitte November 1885 erklärte Serbien den Bulgaren den Krieg. Bei Serbisch- Slivnitza schlug der Battenberger die Serben aufs Haupt und zwang sie, Bulgarischer hinter die serbische Grenze zurückzuziehen. Vor völliger Vernichtung Krie g wur( l en die Serben durch Österreich gerettet, das dreißig Jahre später an ihnen zugrunde gehen sollte. Wie sich die russische Politik in den siebziger Jahren hinsichtlich der zukünftigen Haltung der Bulgaren getäuscht hatte, so täuschte sich in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die österreichische in den Serben. Fürst Bismarck hat mehr als einmal geäußert, daß sich die Zukunft höchstens auf vier bis fünf Jahre voraussehen lasse. Im Jahr 1885 begab sich auf Befehl des Kaisers Franz Josef der österreichische Gesandte in Belgrad, Graf Rudolf Khevenhüller, durch die beiderseitigen Vorpostenlinien in das Lager des siegreichen B ul garenfürsten und drohte ihm für den Fall weiteren Vorrückens mit österreichischer militärischer Intervention. Daraufhin stellte Fürst Alexander seinen Vormarsch ein. Durch Vermittlung einer internationalen Militärkommission, die aus den in Wien beglaubigten Militärbevollmächtigten bestand, kam es zu einem Waffenstillstand nach rein militärischen Gesichtspunkten. Das ostrumelische Pronunciamento und der Serbisch-Bulgarische Krieg bestätigen für den nachdenklichen Beobachter die alte Erfahrung, daß die Politik auch die Kunst ist, sich veränderten und veränderlichen Situationen anzupassen. Gerade auf der Balkanhalbinsel wechselten die Beziehungen zwischen den sie bewohnenden Völkern, den Serben, Bulgaren, Griechen, Rumänen und Türken und den im Orient rivalisierenden Großmächten häufiger und rascher als die Figuren im Kaleidoskop. Das sommerliche Rußland besitzt einen Zauber, der den Reizen seines Russischer Winters kaum nachsteht. Was im Winter die Schlittenfahrten, das sind Sommer i m Sommer die Schiffahrten auf der Newa. Die Petersburger Sommernächte sind milde und wunderbar hell. Missy Durnow besaß eine schöne Dampfjacht, auf die sie ihre Freunde und Freundinnen einlud. Unter ihren Gästen befand sich fast immer ihr Halbbruder, der Fürst Beloselsky, General a la suite des Zaren und verheiratet mit Nadine Dmitrijewna Skobelew, der ältesten Schwester des berühmten Generals. Die jüngere Schwester, Zeneide, hatte sieh morganatisch mit dem Herzog Eugen von Leuchtenberg vermählt, dem Enkel des Stiefsohns des Kaisers Napoleon. Sie war AUF DER NEWA 589 erst zur Gräfin Beauliarnais, dann zur Herzogin mit dem Prädikat „Durchlaucht“ erhoben worden. Zeneide, allgemein Sina genannt, war strahlend schön. Der Großfürst Alexei Alexandrowitsch, der dritte Sohn des Kaisers Alexander II., huldigte ihr ohne jede falsche Scheu. Er dachte mit dem französischen Sprichwort: Oü il y a de la gene il n’y a pas de plaisir. Wenn er mit Sina am Arm durch die Säle des Winterpalais schritt, pflegte Schweinitz lächelnd zu sagen: „Diese Unbefangenheit erfreut mein reaktionäres Herz, denn sie erinnert an die schöne Zeit von Ludwig XIV. und August dem Starken.“ Alexei und Eugen waren eifrige Besucher des Jachtklubs, wo auch ich häufig eine Partie Ecarte spielte. Es kam vor, daß bei der zwischen ihnen herrschenden Gütergemeinschaft Eugen im Klub mit der Admiralsmütze von Alexei erschien und Alexei mit der Infanteriemütze von Eugen. Sina aber seufzte, als eine Freundin sie auf ihr angegriffenes Aussehen anredete: „Que voulez-vous, ma chere? Je suis aimee par deux hercules.“ Großfürst Alexei und sein Vetter Eugen Leuchtenberg waren beide ungewöhnlich stattliche Erscheinungen. Wir pflegten uns für unsere nächtlichen Sommerfahrten auf der Newa um Mitternacht einzuschiflen. Die Fahrt auf dem majestätischen, klar und sanft fließenden Strom führte uns durch Inseln und Inselchen. Gegen drei Uhr landeten wir auf irgendeinem Eiland. Der mitgenommene Proviant, alle Leckerbissen der russischen „Sakuska“ (Vorspeise bei einem Diner) wurden aufgetischt. Kam die Morgenkälte, so wurde ein Feuer aus rasch zusammengetragenen Zweigen angezündet, an dem wir uns wärmten. Bisweilen wurden auch Sänger mitgenommen, die über die Wasser melodische, melancholische Volkslieder ertönen ließen. Vor sechs Uhr w r ar ich selten wieder zu Hause, aber um elf Uhr erschien ich pünktlich auf der Botschaftskanzlei, um meinen Dienst zu tun, während meine russischen Freunde und Freundinnen bis nachmittags in den Federn blieben. „Einer der größten Reize des Lebens besteht darin, daß man aus der Nacht den Tag und aus dem Tag die Nacht macht“, pflegte Missy Dumow zu sagen. „Tout plutöt, que la monotonie, l’affreuse regle.“ Und so ging der Sommer vorüber, und es kam der Herbst. Meine Gedanken weilten in Rom, bei der Gräfin Marie. Ihre Mutter hatte mir Die Annullie- geschrieben, daß Minghetti für den Ausgang des Annullationsverfahrens rurt g der Ehe guten Mutes sei. Man habe einen Formfehler entdeckt, der bei dem Dönhoff Abschluß der ersten Ehe der Gräfin Marie vorgekommen sei und der eine Handhabe für die Annullierung biete. Donna Laura hatte, von ihrer Tochter begleitet, allen Kardinälen, in deren Händen die Entscheidung lag, einen Besuch abgestattet und war von den „Porporati“ mit Güte und Liebenswürdigkeit empfangen worden. Einer der Herren, klein von Statur, hatte mit gütigem Lächeln zu den Damen gesagt: „Ma, Signore mie, perchd 590 EIN TELEGRAMM Weihnachtsurlaub nach Wien und Berlin avere paura di me? Mi chiamano Nano (der Zwerg). Questo non e il nome di un Nerone.“ Uber die vom Heiligen Stuhl in besonderen Fällen vorgenommenen Annullationen herrschen vielfach unklare Begriffe. Insbesondere ist die Meinung verbreitet, daß es letzten Endes auf das Geld ankomme. Diese Auffassung ist irrig. Die hier in Rede stehende Annullation hat nur einige tausend Lire Kanzleigebühren gekostet, nicht mehr als die Sporteln für einen Bagatellprozeß vor einem Berliner Amtsgericht. Mit Weisheit und Güte hat die katholische Kirche es so eingerichtet, daß durch die Annullierung einer Ehe der Status der Kinder in keiner Weise berührt wird. Sie werden durch eine sogenannte „Sanatoria“ in alle Rechte legitimer Kinder eingesetzt. Anfang Dezember 1885 wurde mir gegen Abend ein Telegramm gebracht. Gibt es Ahnungen? Ich fühlte, daß es ein wichtiges, ein entscheidendes Telegramm war. Aber war es die Entscheidung im Annullationsverfahren ? Also eine Lebensentscheidung? Ich konnte mich nicht entschließen, das Telegramm sofort zu öffnen. Mein Vater hatte mich schon als Knabe gelehrt, wichtige Entscheidungen in gesammelter Stimmung entgegenzunehmen. Ich steckte also das Telegramm in die Brusttasche und ging zur Newa. Seit Wochen zugefroren, glich ihre Oberfläche bei dem unregelmäßigen Anfrieren der Eisschollen einer Wüstenei. Nirgends war ein lebendes Wesen zu sehen, weder Mensch noch Tier. Völlige Einsamkeit umgab mich. Dazu völlige Finsternis. Nur in der Ferne dämmerten die Lichter der Petersburger Häuser. Als ich in die Nähe einer Laterne gelangte, die von hoher Stange spärliches Licht spendete, öffnete ich das Telegramm. Ich las vier Worte: „Annullation ausgesprochen, selig Marie.“ Ich dankte dem lieben Gott aus innerstem, tiefstem Herzen. Am nächsten Tage erbat ich einen vierzehntägigen Weihnachtsurlaub, den ich erhielt und antrat, nachdem ich vorher an den Reichskanzler mein dienstliches Gesuch um Bewilligung der Eheschließung mit Gräfin Marie Dönhoff gerichtet hatte. Ich fuhr über Warschau nach Wien. In Wien traf ich die Gräfin Marie, die dort zum Besuch bei unserer Freundin, der Fürstin Salm-Liechtenstein, weilte. Ich sagte ihr, daß ich mich in Berlin auf keinerlei Hin- und Herreden, Ausflüchte und Temporisieren einlassen, vielmehr dem Amt nur die Wahl zwischen Konsens und Abschied lassen würde. Ich frug die Gräfin, ob sie bereit wäre, im Fall meines Ausscheidens aus dem diplomatischen Dienst an meiner Seite ein äußerlich wenig glänzendes, bescheidenes Leben zu führen. Sie antwortete: „Mit dir, wo du willst und wie du willst.“ In Berlin bat ich Herbert brieflich um eine Unterredung. Er empfing mich am nächsten Tage in seinem Amtszimmer, in dem ich elf Jahre später, inzwischen Staatssekretär geworden, während drei Jahren manchen ,IN ORDNUNG MIT WOTAN“ 591 Bericht lesen, manchen Erlaß diktieren sollte. Herbert blieb bei meinem Eintritt auf seinem Amtssessel sitzen. Ich sah ihm sofort die innere Erregung an. Wenn Holstein erregt war, so pflegte er mit den hageren Fingern seiner rechten Hand krampfhaft spreizende Bewegungen auszuführen. Bei Herbert trat die innere Aufregung darin zutage, daß er mit finsteren Blicken die Stirnhaut auf und nieder schob. Neben ihm stand der damalige Personaldezernent, der Geheimrat Humbert, der mich als jungen Attache zwölf Jahre früher in die Geheimnisse des Kanzleidienstes eingeführt hatte. Er sah auf mich mit dem aus Furcht und Mitleid gemischten Ausdruck, mit dem wohl ein milder Geistlicher den Vorbereitungen für die Exekution eines Delinquenten beiwohnen mag. Die Entscheidung des Reichskanzlers war ihm, wie mir, offenbar noch unbekannt. Herbert erhob sich und schüttelte mir die Hand mit den Worten: „Mein Vater will den Konsens für Sie bei Seiner Majestät dem Kaiser selbst erbitten. Sobald dieser Konsens erteilt ist, will nach Ihrer Verheiratung die Kaiserin Ihre Frau in besonderer Audienz empfangen.“ Mit inniger Freude und mit einer Wärme, die fast undienstlich war, stürzte der Geheimrat Humbert auf mich zu, um mir zu meiner bevorstehenden Vermählung recht von Herzen Glück zu wünschen. Er ist mir, nachdem ich Minister geworden war, ein von mir sehr geschätzter Mitarbeiter gewesen. Nach Hause gekommen, telegraphierte ich an die Gräfin Marie: „In Ordnung mit Wotan.“ Am Abend wurde ich im Bismarckschen Hause zu Tisch geladen. Der Fürst reichte mir mit gütigem Lächeln die Hand. „Sie haben Ihren Willen durchgesetzt. Gut Glück!“ Zu seinem Sohn Bill sagte er nicht lange nachher, wie dieser mir später erzählte: „Die Klugheit und Festigkeit, mit der Bülow in dieser ganzen Sache manövriert hat, macht ihm Ehre. Hoffentlich lähmt die Leidenschaft für seine in der Tat reizende Frau diesem jungen Adler nicht die Flügel und den Flug.“ Ich habe Fürst Bismarck gelegentlich äußern hören, er sei der Meinung, daß das Zölibat für Diplomaten ähnlich wünschenswert sei, wie die katholische Kirche es für ihre Geistlichen eingeführt hat. In der Praxis ist er für meine Frau bis zu seinem Tode voll Güte gewesen. Am 9. Januar fand unsere Hochzeit in Wien statt, erst nach katholischem und dann nach evangelischem Ritus. Der Ehrendomherr Prälat Ignaz Estl sagte nach vollzogener Trauung zu meiner Frau mit gütigem Lächeln, indem er ihr die Hand auf den Kopf legte: „Diesmal ist aber jede Annullation ausgeschlossen. Alle Formalitäten sind erfüllt. Diese Ehe ist unauflöslich.“* Das war diese Ehe, nicht nur der Form nach, sondern vor allem für unser Gefühl, vor Gott und Menschen. Bei der evangelischen Trauung hielt Pfarrer Zimmermann eine von Herzen kommende Ansprache. Bei dem kleinen Frühstück, das nach der Trauung im Hotel Meißl und An Bismarcks Tisch Trauung Bülows und der Gräfin Dönhojf 592 AM ZIEL DER WÜNSCHE Schadn am Neuen Markt stattfand, brachte mein Trauzeuge, der deutsche Botschafter in Wien, Prinz Heinrich VII. Reuß, einen Trinkspruch auf die Neuvermählten aus, den er, zu mir gewandt, mit den Worten schloß: „Per aspera ad astra!“ Noch am selben Tage meldete ich meinem Chef, dem Botschafter von Schweinitz, meine Verheiratung. Mein lieber Freund Fritz Vitzthum, damals Zweiter Sekretär unserer Petersburger Botschaft, schrieb mir bald nachher, General von Schweinitz sei nach Empfang meiner Meldung sehr erstaunt in die Botschaftskanzlei getreten. „Das hätte ich nicht gedacht“, habe er zu den dort versammelten Beamten gesagt, „daß dieser gescheite und geschickte Bülow eine Liebesheirat machen würde. Ich dachte, der würde sich eine Majoratserbin oder eine Dollarprinzessin aussuchen.“ Vitzthum, der, wie früher in London mit Münster, so auch in Petersburg mit Schweinitz, kein Blatt vor den Mund nahm, hatte entgegnet: „Exzellenz haben sich eben gründlich geirrt, wenn Sie Bülow für einen gemütlosen Streber hielten.“ Uber meine Frau hatte Schweinitz gemeint: „Sie ist genial begabt und dabei so harmlos wie meine zwölfjährige Tochter. Sie ist natürlich, aufrichtig und wahrhaftig. Keine Spur von Affektation, Pose oder gar Snobismus. Sie ist eine Dame und jeder Stellung gewachsen.“ Gräfin Marie Dönhoff, die spätere Fürstin Bülow Nach einem Gemälde von Lenbach XLII. KAPITEL Salzburg • Besuch bei Marco Minghetti in Rom • In Berlin • Der Abend im Hause Bismarck • Diner im Kronprinzlichen Palais • Besuch des Kronprinzen bei Frau von Bülow • Ihr Empfang bei Kaiserin Augusta • Gespräch mit Kaiser Wilhelm I. . Aufnahme in St. Petersburg • Hof, Gesellschaft und Diplomatie • Das russische Ministerium des Äußern: Vlangaly, Lambsdorff • Revolution in Sofia • Bismarcks Stellung zur Bulgarischen Frage und zur „Battenbergerei“ • Berlin im Frühjahr 1887 • Frühstückstafel beim Kronprinzenpaar • Die Verlobung der Prinzessin Viktoria mit Alexander Die anmutige Stadt war in Schnee gehüllt, aber hell schien die Sonne vom Himmel, und Sonne war in unseren Herzen. Ich entsinne mich nicht, je so froh und glücklich gewesen zu sein. Und vierzig Jahre später sage ich mir als alter Mann mit Dank gegen Gott, daß meine Ehe mir nur Glück und Segen gebracht hat. Von Salzburg fuhren wir nach Rom, von wo die Nachrichten über das Befinden des Stiefvaters meiner Frau immer ungünstiger lauteten. Wir Von Salzburg fanden Minghetti in der Tat körperlich sehr elend, aber seelisch gefaßt, klar nach Rom. und hell. Zwischen seiner Frau und seiner Stieftochter im Lehnstuhl sitzend, verbreitete er sich in längeren Gesprächen über die höchsten Gegenstände, mit denen sich der menschliche Geist beschäftigen kann. Goethe sagt irgendwo, daß bei erlesenen Menschen am Ende ihres Lebens ungewöhnliche Gedanken aufsteigen, die gleich seligen Dämonen sich auf hohen Berggipfeln niederlassen (so oder ähnlich — ich zitiere aus dem Gedächtnis). Trotz der grausamen Schmerzen, die ihm sein tückisches Leiden, ein Blasenkrebs, bereitete, hat Minghetti im Laufe des Sommers 1886 noch Turin aufgesucht. Turin hatte ihm bitter gegrollt, als er durch die italienisch-französische Konvention vom 15. September 1864 die italienische Hauptstadt nach Florenz verlegt hatte. Es war ihm eine letzte Freude, sich vor seinem Ende mit der Stadt zu versöhnen, von der die italienische Einheitsbewegung ausgegangen war, mit den Piemontesen, in denen er, wie er gern sagte, die Preußen Italiens sah und hochachtete. Der sterbende Mann, den nur seine Frau, Donna Laura, begleitete, ■wurde in Turin von der ganzen Bevölkerung mit herzlichster Ehrerbietung empfangen. Nachdem er mit von Battenberg, Bismarcks Widerstand ir haben die ersten Wochen unserer jungen Ehe in Salzburg verlebt. 38 Bülow IV 594 EIN BRIEF DER IDEALISTIN Aufbietung seiner letzten Kräfte im Rathaussaal seine wie immer formvollendete und gedankenreiche Rede beendigt hatte, sagte er zu seiner Frau: „Nun kann ich ruhig sterben. Turin und ich, wir haben uns wiedergefunden.“ Der Besuch seiner geliebten Stieftochter war ihm eine große Freude. Er Letzte Unter - sagte mir, daß er ruhig sterbe, da er glaube, daß ich sie glücklich machen redung mit -würde. Daß er dieses Zutrauen zu mir hatte, bedeutet für mich auch in der Minghetti jr r | nncrun g m ehr, als wenn er mir eine politische Zukunft prophezeit hätte. Davon war keine Rede. Minghetti hatte seine Zustimmung zu unserer Heirat gegeben, nicht weil er glaubte, seine Stieftochter komme in die große Karriere. In der letzten Unterredung, die ich mit ihm hatte, sagte er zu mir: „Das Glück des Lebens hängt nicht von der äußeren Stellung ab. Ich denke mir, daß Sie vom Botschaftsrat in Petersburg etwa Generalkonsul in Warschau werden könnten, dann vielleicht diplomatischer Agent in Ägypten und mit der Zeit Gesandter in Athen. Das wäre ein hübscher Abschluß.“ Auch meine Frau hat nicht erwartet, daß ich das machen würde, was man gemeinhin eine Karriere nennt. Bald nach unserer Heirat erhielt sie einen Brief von ihrer und später auch meiner verehrten und teuren Freundin Malvida von Meysenbug, in dem es hieß: „Sie schreiben mir, daß Sie Ihren Mann leidenschaftlich liebten, obschon Sie wohl wüßten, daß er nicht besonders begabt wäre. Ich glaube, daß Sie ihn geistig unterschätzen. Franzosen, denen ich im vergangenen Herbst in Paris bei meiner Pflegetochter Olga und deren Mann, dem Historiker Gabriel Monod, dem Professor am College de France und Direktor der Ecole des Hautes fitudes, begegnete, sprachen mir mit großer Anerkennung von Bülow und erzählten mir, daß Gambetta ihm eine bedeutende Zukunft prophezeit hätte.“ Meine Frau zeigte mir mit der Harmlosigkeit, die eine ihrer vielen guten Eigenschaften ist, diesen Brief und meinte dazu: sie bliebe dabei, daß es vor allem darauf ankomme, daß wir uns von Herzen liebhätten. Im Grunde hatte sie darin gewiß recht. Am 10. Dezember 1886 starb Mingbetti. Er empfing vor seinem Tode Minghettis den Besuch des Königs Humbert und der Königin Margherita. Als sie ein- T°d traten, nahm der Sterbende das schwarze Käppchen ab, das er auf dem Kopfe trug, und rief mit leiser Stimme: „Viva la casa di Savoia!“ Dann empfing er als gläubiger Katholik mit großer Andacht die heiligen Sterbesakramente, und seine reine und edle Seele ging hinüber, dorthin, wohin ihm der heilige Franziskus, Dante und Thomas a Kempis den Weg gewiesen hatten. In Italien sind ihm zwei schöne Denkmäler errichtet worden: in Rom vor dem Palazzo Braschi und in Bologna vor der Universität. In Rom gab mir mein früherer Chef, Herr von Keudell, ein Diner, bei dem sich ein komischer Zwischenfall ereignete. Nachdem Keudell, der, wie ich schon früher einmal angedeutet habe, kein Cicero war, mich und meine KEUDELLS BESORGNIS 595 Frau in einem kleinen Toast stotternd begrüßt hatte, erhob sich der gleichfalls anwesende und für seine Einfalt berühmte österreichische Botschafter Graf Ludolf und sprach mit schwungvollen Worten die Hoffnung aus, daß ein so reizendes Paar wie Herr und Frau von Bülow recht bald als deutscher Botschafter und deutsche Botschafterin in den Palazzo Caffarelli einziehen würden. Allgemeine Stille, große Verlegenheit. Keudell erbleichte, und die Konversation kam nur langsam wieder in Gang. Nach Aufhebung der Tafel nahm er mich beiseite. „Ich war Ihr Chef, Ihr, wie ich mir schmeichle, wohlwollender Chef. Sagen Sie mir ehrlich! Hat der große Otto Ihnen meinen römischen Posten versprochen?“ Ich konnte Keudell mit gutem Gewissen mein Wort darauf geben, daß mir Fürst Bismarck weder die römische Botschaft noch überhaupt eine Botschaft in Aussicht gestellt habe. Ich dächte auch gar nicht daran, jetzt schon eine Botschaft anzustreben. Ich sei erst sechsunddreißig Jahre alt, vor fünfzig Jahren pflege man nicht Botschafter zu werden. Nach und nach beruhigte sich der gute Keudell. Schließlich bin ich acht Jahre später als Botschafterin den Palazzo Caffarelli eingezogen. Fata viam inveniunt. Von Rom fuhren wir nach bewegtem Abschied von Minghetti und meiner beben Schwiegermutter nach Berlin. Wir saßen schon am ersten Tage im Reichskanzlerpalais. Meine Frau mußte rechts vom Fürsten sitzen. Der „große Wauwau“, wie ihn junge unehrerbietige Attaches nannten, war die Liebenswürdigkeit selbst für seine Nachbarin. Ich bin wenigen älteren Männern begegnet, die mit Damen so aufmerksam und so liebenswürdig sein konnten wie Fürst Bismarck. Darin glich er seinem ritterlichen Herrn, Kaiser Wilhelm I. Mir empfahl der Fürst, mich in St. Petersburg „auch fernerhin so nützlich zu machen wie bisher“. Am nächsten Tage wurde meine Frau von der Kaiserin Augusta empfangen, neben der ihre Tochter, die Großherzogin Luise von Baden, saß. Beide waren für meine Frau nicht nur voll Güte, sondern sie gaben ihr aus der Fülle ihrer Lebenserfahrung und Lebensweisheit vortreffliche Ratschläge für die sie in St. Petersburg erwartenden Aufgaben. Die Kaiserin Augusta und ihre Tochter waren wahre und echte Vertreterinnen des „Geistes von Weimar“. Während der Audienz meiner Frau bei der Kaiserin trat der Kaiser ein. „Ich muß mir doch die reizende Frau ansehen“, sagte er lächelnd zur Kaiserin, „die einem meiner besten Diplomaten den Kopf verdreht hat.“ Er nahm dann Platz und erkundigte sich bei meiner Frau nach einer Anzahl schöner Italienerinnen, denen er in seiner Jugend begegnet war und für die er noch schwärmte. Ach, sie waren, soweit sie noch lebten, inzwischen siebzig und achtzig Jahre alt geworden. Wir aßen en famille beim Kronprinzen und der Kronprinzessin, die meine Frau wie eine Tochter empfingen. Die Kronprinzessin sprach, ihrer Die Neuvermählten bei Bismarck und dem Kaiser Beim Kronprinzenpaar 38 » 596 HÄUSLICHKEIT englischen Erziehung und Einstellung entsprechend, mit Abscheu von der russischen Regierungsweise, von Autokratie und Orthodoxie, aber mit lebhafter Sympathie von der Großfürstin Elisabeth Feodorowna, ihrer hessischen Nichte, der zweiten Tochter der Großherzogin Alice von Hessen. Wer hätte damals geahnt, daß diese märchenhaft schöne junge Frau erst die Ermordung ihres Gatten, des Großfürsten Sergius Alexandrowitsch, erleben und dann selbst, in einen tiefen Schacht gestürzt, zerschmettert und halbtot auf dem Grunde angelangt, unter ihr nachgeschüttetem ungelöschtem Kalk erstickt werden würde! Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe! Der gütige Kronprinz stattete meiner Frau im Hotel Continental, wo wir abgestiegen waren, persönlich einen Besuch ab und unterhielt sich mit ihr lange und sehr verständig über russische Zustände und unser Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn. Prinz und Prinzessin Wilhelm, die uns nach unserer Trauung in Wien telegraphisch sehr herzlich beglückwünscht hatten, luden uns in Berlin zu Tische. Beide schwärmten für meine Frau, der sie oft im Neuen Palais begegnet waren, wenn diese dort zum Besuch bei den Kronprinzlichen Herrschaften weilte. Wir sahen viele unserer alten Berliner Freunde, den Fürsten und die Fürstin Otto Stolberg, den bayrischen Gesandten Hugo Lerchenfeld, meine lieben Kriegskameraden Franz Arenberg und Bodo Knesebeck. Am meisten aber beglückte es mich, daß meine Mutter meine Frau nicht nur mit herzlicher Liebe in ihre Arme schloß, sondern sie mit jedem Tage liebergewann und mit voller Überzeugung zu mir sagte: „Sie ist die Frau, die zu dir paßt. Mit Gottes Hilfe und unter Gottes Segen wirst du sehr glücklich mit ihr werden.“ Nach zehntägigem Aufenthalt in Berlin traten wir die Weiterreise nach Ankunft in St. Petersburg an. Seit ich verheiratet, und glücklich verheiratet, war, Petersburg gah i c ü Petersburg mit anderen Augen an als zehn Jahre früher, wo ich, leichten, törichten Sinnes voll, zum erstenmal dort gelandet war. Ich überzeugte mich bald davon, daß die Erfüllung meiner dienstlichen Pflichten mir durch meine Frau nur erleichtert wurde. Und nicht nur weil sie mir die Häuslichkeit schuf, in der sich entfalten konnte, was an Leistungsfähigkeit etwa in mir steckte. Ich knüpfte durch sie auch Beziehungen zu Familien und Kreisen an, denen ich vorher nicht nähergetreten war. Die Oberhof- Fürstin meisterin der Kaiserin, die Fürstin Helene Kotschubey, die Mutter Kotschubey von Marie Durnow, hatte ich bisher nur oberflächlich gekannt. Als langjährige Freundin meiner Schwiegermutter suchte sie meine Frau auf, sobald sie von ihrer Ankunft gehört hatte. Die alte Fürstin fuhr zurVorstellungbeider Kaiserin Maria Feodorowna selbst mit meiner Frau nach Gatschina, wozu sie sich sonst nur entschloß, wenn es sich um Botschafterinnen handelte. Die Fürstin Helene Kotschubey war eine der letzten ganz großen Damen, die es in Europa gegeben hat. Eine Bibikow, aus einem der ältesten BISMARCK ÜBER DIE FRAUEN 597 Moskauer Bojarengeschlechter, hatte sie in ihrer ersten Ehe einen Fürsten Beloselsky geheiratet, in der zweiten Ehe den Fürsten Kotschubey. Sie war die verkörperte Etikette, sie war voll Vorurteile, aber sie war ein Original und ein Charakter. Ihr Schwiegersohn, der General Durnow, der Mann von Missy, war Präsident des Slawophilen Wohltätigkeitskomitees und als solcher natürlich ein enragierter Panslawist. Als einmal bei einem Diner ein lebhafter Streit über bulgarische Vorgänge entstand, meinte die Fürstin Helene schließlich: „Je ne comprends pas, comment on peut tant s’occuper des Bulgares, qui sont des gens si peu comme il faut.“ Meine Frau gefiel ihr gut. Am besten gefiel ihr deren politische Harmlosigkeit. Als mich im Winter 1886/87 meine Frau einmal frug, wer eigentlich die zwei Generäle seien, von denen so viel gesprochen würde, Boulanger und Kaulbars, machte ich mir den unpassenden Scherz, ihr zu sagen, Boulanger sei ein nach Bulgarien entsandter russischer General und Kaulbars französischer Kriegsminister. Jeder politisch Unterrichtete wußte, daß umgekehrt Boulanger französischer Kriegsminister und Kaulbars russischer General und diplomatischer Vertreter in Sofia war. In ihrer Unschuld frug meine Frau während einer Soiree bei der Fürstin Helene, wie es eigentlich komme, daß der russische Vertreter in Bulgarien einen französischen Namen führe und der französische Kriegsminister einen deutschen. Alle Welt lachte. Nur die Fürstin Kotschubey meinte: „Je vous ai dit que cette petite femme etait de-li-cieuse. Elle a mille fois raison de ne pas s’occuper de politique.“ Der gleichen Ansicht war übrigens auch Fürst Bismarck. Als ich ihm ein Jahr später diese Äußerung der Fürstin Kotschubey wiedererzählte, meinte er: „Ich gratuliere Ihnen, daß Ihre Frau politisch so ahnungslos ist. Desto besser für sie selbst und für Sie. Die Frauen haben Musik und Theater und alle Dichter, sie haben sogar die Küche. Von der Politik sollen sie die Finger lassen.“ Die Fürstin Helene war in ihrer Jugend hübsch gewesen. Sie soll namentlich in ihren zweiten Gatten sehr verliebt gewesen sein. Originell und echt russisch war folgender Zug an ihr. Da sie eine abergläubische Angst vor Einbrechern und vor bösen Geistern hatte, so ließ sie nachts immer einen Hausknecht sich auf der Schwelle ihres Schlafzimmers ausstrecken, völlig gleichgültig dagegen, daß dieser so der unfreiwillige Zeuge ihrer ehelichen Freuden wurde. Der Dwornik störte sie so wenig, wie sie ein treuer Sankt - Bernhard-Hund geniert haben würde. Ich möchte jedem jüngeren Deutschen, der als Diplomat ins Ausland Die anderen geschickt wird, nochmals empfehlen, freundliche Beziehungen mit seinen Missionen Kollegen von anderen Missionen zu unterhalten. Er wird auf diese Weise die Nachrichten, die er von Inländern erhält, kontrollieren und auf ihre Richtigkeit prüfen können. Er wird auch Gelegenheit haben, Neues zu hören. Vor allem aber wird er Beziehungen anknüpfen können, die ihm für seine weitere 598 EINE ERZÄHLUNG BAZAINES diplomatische Laufbahn von Nutzen sein werden. Die Diplomaten aller Länder bilden in gewisser Hinsicht eine große Koterie, wo einer den andern kennt und jedenfalls vom andern gehört hat. Am liebsten habe ich, wie ich bei Besprechung meiner Tätigkeit in Athen gelegentlich erwähnte, immer mit meinen englischen Kollegen verkehrt. Ich erinnere mich gern an Dering, Herbert, Harding, Grosvenor, Welby, Townley, Rodd, Wyndham, Lascelles, Browne, Vansittart und manche andere. Als ich 1875 zum erstenmal nach St. Petersburg kam, war Sir Edward Thornton dort englischer Botschafter. Sehr verschieden von diesem biederen Schotten war der englische Bot- Robert schafter, den ich 1884 an der Newa antraf, Sir Robert Morier. Bismarck Morier so j] e i nma l gesagt haben, dem Russen sei nur zu trauen, wenn er das Hemd über der Hose trage, und dem Engländer, wenn er kein Französisch spreche. Morier sprach nicht nur Französisch, sondern er war der Sohn eines aus Neufchätel nach England eingewanderten Hauslehrers. Intelligent, kenntnisreich und insinuant, hatte Sir Robert schon in jungen Jahren die Aufmerksamkeit des Prinzen Albert von Koburg auf sich gezogen. Wie alle Freunde des Prince Consort, wurde auch er nach dessen Tode von der Königin Victoria protegiert. Als Gesandter an kleineren deutschen Höfen, in Koburg, Darmstadt und schließlich in München, war er in alle Schwächen und Narrheiten des deutschen Partikularismus eingedrungen. Er war einer der wenigen Engländer, die schon vor Sedan, schon lange vor der Zeit, wo die deutschen Fortschritte in Industrie und Handel die englische Eifersucht zu erwecken begannen, lange vor dem Bau unserer Flotte die Ansicht vertraten, daß ein schwaches und als solches bescheidenes Deutschland dem englischen Interesse am besten entspräche. Immerhin wäre wohl auch mit Morier auszukommen gewesen, wenn er nicht durch das Ungestüm von Herbert Bismarck tödlich gekränkt worden wäre. Mein alter Kriegskamerad Deines hatte als Militärattache in Madrid die Bekanntschaft von Bazaine gemacht, der dort nach der Flucht aus seiner Haft auf der Insel Sainte- Marguerite im tiefsten Elend lebte. Der Ex-Marschall erzählte Deines, er sei während des Deutsch-Französischen Krieges als Oberbefehlshaber der Metzer Armee von Morier, dem damaligen englischen Gesandten in Darmstadt, über deutsche Verhältnisse und insbesondere über deutsche militärische Vorgänge auf dem laufenden gehalten worden. Im August 1870 habe er von Morier die erste Nachricht von dem Vormarsch der deutschen Heere über die Mosel erhalten. War dem wirklich so? Hatte Morier wirklich eine so häßliche Rolle gespielt? Oder batte Bazaine gelogen? Jedenfalls hätte Herbert besser getan, die fragliche Insinuation nicht in die Presse zu bringen. Beweise für die Anklage hatten wir nicht. Bazaine galt der Welt nicht als einwandfreier Zeuge. Die englische Presse trat nach englischer Art und mit englischem Patriotismus einstimmig und leidenschaftlich für die HINZPETER WIRD EMPFOHLEN 599 Unschuld ihres Landsmannes Morier ein, der seitdem unser ausgesprochener Gegner wurde und alles tat, um uns hei den Russen zu schaden und sie gegen uns mißtrauisch zu machen. Er war einer der ersten ernst zu nehmenden und gefährlichen Vorläufer jener englischen Richtung, die weder in Rußland noch in Frankreich, sondern nur in dem wirtschaftlich und politisch immer mehr erstarkenden Deutschland den gefährlichen Nebenbuhler und somit Gegner des britischen Weltreichs erblickte und bekämpfte. Beim Prinzen von Wales war Morier sehr gut angeschrieben. Leider genoß er auch das Vertrauen der Kronprinzessin Viktoria. Als es sich darum handelte, einen Erzieher für den Prinzen Wilhelm, den künftigen König und Kaiser, zu finden, holte die Kronprinzessin den Rat von Morier ein, und dieser empfahl Hinzpeter, der damals Erzieher im Hause des Grafen Görtz auf Schloß Schlitz in Oberhessen war. Ganz anders als Sir Robert Morier war der italienische Botschafter Greppi, ein liebenswürdiger Weltmann, ein vollkommener Galantuomo, Greppi freilich kein Cavour, auch kein Talleyrand. Er sollte aber alle seine Altersgenossen überleben und, nachdem er nach vielen anderen Kriegen auch den Weltkrieg gesehen hatte, mit 103 Jahren aus dieser Welt scheiden. Wichtiger als die diplomatischen Kollegen und als die Petersburger Salons waren für mich Giers und seine Mitarbeiter. Adjoint im Ministerium des Äußern (eine Stellung, die der des Unterstaatssekretärs im Berliner Auswärtigen Amt entsprach) war Vlangaly. Er war von Geburt Grieche, wie Zographos, Katakazy, Basily, Persiany und manche andere russische Diplomaten. Sehr verschieden von dem feinen, liebenswürdigen, bis zur Ängstlichkeit vorsichtigen Vlangaly war der Chef des Asiatischen Departements, der Geheime Rat Sinowjew. Ein Urrusse,in seinen Formen und seiner Sprache nicht immer gewählt, aber ein Mann mit gesundem Menschenverstand. Er hat mir mehr als einmal gesagt: „Unser Unglück sind die Balkanvölker. Wir vergießen für sie unser Blut, ohne reale Vorteile einzuheimsen. Wir vergeuden für sie unser Geld, für das wir viel nützlichere Verwendung im Innern Rußlands hätten, wo es noch so viel zu verbessern und neu zu schaffen gibt. Gott gebe, daß die Brüderchen, die Bratuschkas, wie sie unser naives Volk nennt, uns nicht noch einmal in einen ganz bösen Krieg hineinziehen.“ Der nächste Vertraute von Giers war Graf Wladimir Nikolaje witsch Lambsdorff. Er war derjenige Beamte, den Giers zuerst in den Rück- Graf Versicherungsvertrag eingeweiht hatte. Lambsdorff hat sich erst viel später Lambsdorff in unsern Gegner verwandelt, als ihn, wie ich seinerzeit erzählt habe, Kaiser Wilhelm II. unter dem schlechten Einfluß des Fürsten Max Fürstenberg durch taktlose und unfreundliche Behandlung tief gekränkt hatte. Als ehrgeiziger, etwas vordringlicher Legationssekretär arbeitete auf dem 600 „BOSHE ZARJA KRANI!“ Iswolski russischen Ministerium des Äußern damals Alexander Petrowitsch Iswolski. Ich spielte oft mit ihm im Klub. Da er meine guten Beziehungen zu Sinowjew kannte, der sein direkter Vorgesetzter war, so bat er mich, mit diesem freundlich über ihn zu sprechen. Als ich Sinowjew die brillanten Eigenschaften von Iswolski rühmte, antwortete er in der ihm eigenen groben Art: „Iswolski zieht sich an wie ein Affe. Wer grell karierte Hosen und dazu einen blauen Schlips trägt, ist kein brauchbarer Beamter.“ Am 20. August 1886 begegnete ich auf einem Diner bei dem englischen Umsturz in Botschafter, Sir Robert Morier, Herrn Vlangaly. Als wir zusammen die Bulgarien Treppe hinabstiegen, schlug Vlangaly mir eine gemeinsame Fahrt nach den Inseln vor. Das würde uns beiden nach der großen Hitze des Tages eine wohltuende Erfrischung sein. Während uns die Troika, von drei flotten Pferden gezogen, an schönen Landhäusern und anmutigen Parkanlagen vorbeiführte, erging Vlangaly sich in trüben Betrachtungen über die Verantwortung, die in gewissen Momenten zentnerschwer auf den Schultern des Leiters der auswärtigen Politik eines großen Reiches und seiner Mitarbeiter ruhe. Am nächsten Tage verstand ich die Besorgnisse, die während unserer nächtlichen Fahrt Vlangaly sichtlich erfüllt hatten. Der Telegraph meldete, daß in Sofia eine Revolution ausgebrochen war. Ein meuterndes bulgarisches Kavallerieregiment hatte den Konak des Fürsten Alexander umzingelt. Offiziere der Junkerschule waren in sein Schlafzimmer eingedrungen, hatten ihm seine Absetzung notifiziert und ihn mit vorgehaltenem Revolver nach Rahova an der Donau gebracht, dort in seiner eigenen Jacht eingeschifit und nach Reni, einem Städtchen im russischen Gouvernement Bessarabien geführt. Hier in Freiheit gesetzt, hatte sich der Fürst nach Galizien begeben. Die Nachricht von diesem Handstreich wurde den im Lager von Krasnoje Selo zu den Sommermanövern versammelten Regimentern auf Befehl des Kaisers Alexander III. mitgeteilt. Die Truppe nahm die frohe Kunde mit weithin schallendem „Hurra!“ auf und stimmte die russische Nationalhymne an: „Boshe zarjakrani!“ (Gott schütze den Zaren!) Die Freude an der Newa dauerte nicht lange. Kaum hatte sich in Sofia Die Regierung eine provisorische Regierung gebildet, die aus dem Bischof Klemens, dem Stambulows ehrwürdigen Metropoliten von Tirnowa, dem Major Gruew, einem der militärischen Verschwörer, und dem Führer der russenfreundlichen Kammerfraktion, Zankow, bestand, so trat in Bulgarien ein Rückschlag ein. In allen größeren Städten erklärten sich die Garnisonen für den Fürsten. In Sofia wurde die russophile provisorische Regierung nach kaum dreitägiger Amtsdauer gestürzt und eine neue Regierung gebildet, an deren Spitze der bedeutendste Politiker des Landes, Stefan Stambulow, trat. Inzwischen war Fürst Alexander in Lemberg von seiten der Polen der Gegenstand enthusiastischer Ovationen gewesen. Die Begeisterung für ihn POLITIK UND LIEBE 601 ergriff bald ganz Deutsch-Österreich. In Deutschland trat namentlich die demokratische und die klerikale Presse leidenschaftlich für den Battenberger ein. Mit derselben Gleichgültigkeit für die öffentliche Meinung und ebenso unbekümmert um sentimentale Regungen und selbst um völkerrechtliche und ethische Gesichtspunkte, wie er ein Vierteljahrhundert früher jedes Eintreten für die Polen gegen Rußland abgelehnt hatte, stellte sich Fürst Bismarck jetzt in der Bulgarischen Frage mit voller Entschieden- Bismarck heit auf die russische Seite. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ f lLr Bußland erklärte offiziös, daß deutsche Interessen durch die bulgarischen Vorgänge gar nicht berührt würden. Als die oppositionelle deutsche Presse fortfuhr, den Fürsten Alexander zu verherrlichen und ein wenigstens diplomatisches Eintreten für ihn als eine sittliche Pflicht zu fordern, erklärte in einem von Bismarck selbst inspirierten Artikel das offiziöse Blatt unter heftigen persönlichen Angriffen gegen Eugen Richter und Windthorst, daß die genannten Parlamentarier und ihre Anhänger nicht die erforderliche Schärfe des Blicks besäßen, um auch nur die nächste Zukunft prognostizieren zu können. Kein einigermaßen durch theoretisches Studium der Geschichte oder durch praktische Beschäftigung mit Politik gebildeter deutscher Staatsbürger könne im Zweifel darüber sein, welche eminenten Gefahren auf dem Wege lägen, den Demokraten und Klerikale unserer Politik vorzeichnen wollten. Es hieß in dieser Bismarckschen Auslassung wörtlich: „Zentrum und Demokratie predigen den Krieg, und zwar einen Krieg, schrecklicher und blutiger, als alle bisherigen Kriege gewesen sind.“ Die schroffe Haltung des Fürsten Bismarck gegenüber der „Battenbergerei“, wie er diese mebr aus Gefühlsmomenten als aus politischer Einsicht hervorgegangene Bewegung verächtlich nannte, wurde verstärkt durch den Argwohn, daß es sich im letzten Ende um eine englische Intrige handele, zu dem Zweck, uns mit Rußland zu entzweien. Wie Fürst Bismarck per omnia discrimina rerum in einem guten Verhältnis zu Rußland immer die sicherste Rückendeckung für Deutschland erblickt hat, so war er auch stets davon überzeugt, daß die englische Politik Deutschland und Rußland untereinander verhetzen und jedenfalls auseinanderhalten wolle. Bismarck fand das vom englischen Standpunkt aus ganz begreiflich. Er wünschte aber nicht, daß wir in diese Falle gingen. Die Bulgarische Frage wurde durch eine Liebelei kompliziert, hinter der Bismarck nicht mit Unrecht eine englische Intrige witterte. Die dritte Tochter des deutschen Kronprinzen, die damals zwanzigjährige Prinzessin Viktoria, hatte sich in den Helden von Slivnica verliebt. Die erste Begegnung zwischen den beiden war von dem Onkel der Prinzessin, dem Prinzen von Wales, herbeigeführt worden. Unter seinen väterlichen Augen hatten Alexander und Viktoria Verlobungsringe ausgetauscht. Es war dem Prinzen von Wales 602 DER VERHÄNGNISVOLLE HANDKUSS nicht schwer gefallen, seine Schwester, die deutsche Kronprinzessin, auf die er großen Einfluß ausübte, für dieses Heiratsprojekt zu entflammen. Aber das Mißtrauen des Fürsten Bismarck gegen die „Battenbergerei“ wurde durch die Gefahr einer Heirat der Tochter des künftigen deutschen Kaisers mit Alexander Battenberg noch erhöht. Inzwischen hatte Fürst Alexander unter fortgesetzten Ovationen der Fürst galizischen Polen die Rückreise nach Bulgarien angetreten. In Bukarest Alexander W urde er von dem rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu, in der rumä- dankt ab n ] sc ^ en Grenzstadt Giurgewo von Stambulow erwartet und auf bulgarischem Boden in Rustschuk mit Jubel begrüßt. Die fremden Konsuln, mit Ausnahme des russischen, waren zu seinem Empfang erschienen. Der deutsche Konsul, Herr von Saldern, hatte sich von der allgemeinen Begeisterung für den Fürsten Alexander so sehr anstecken lassen, daß er ihm unter Tränen die Hand küßte. Saldern, mit dem ich vierzehn Jahre früher an der Metzer Regierung als Referendar zusammen gearbeitet hatte, war, was man einen guten Kerl nennt, das heißt, er litt an einer gewissen, in Deutschland ziemlich verbreiteten sentimentalen Gutmütigkeit, die bisweilen zur Verkennung politischer Realitäten führt. Sein Handkuß kam imglücklicherweise in die Zeitungen und trug ihm einen scharfen Verweis seines großen Chefs ob solcher „blöden Sentimentalität“ ein. Fürst Alexander richtete von Rustschuk aus ein de- und wehmütiges Telegramm an den Zaren, der hochmütig ablehnend antwortete. Bei dem Einzug des Battenbergers in Sofia fehlte nicht nur der russische, sondern infolge direkter Weisung aus Berlin auch der deutsche Vertreter. Fürst Alexander verlor die Nerven. Er berief einen Ministerrat, dem er erklärte, er sei unwiderruflich entschlossen, auf seinen Fürstenhut zu verzichten. Er befahl die Freilassung des nach dem Attentat vom 21. August verhafteten Führers der russophilen Partei, Dragan Zankow, richtete eine Regentschaft unter Stambulow ein, erließ eine schöne Proklamation an das bulgarische Volk und reiste nach Wien ab. Die Battenberg-Episode in Bulgarien war vorüber. Woher stammten die Battenberger, deren Ambitionen während einiger Die Zeit dem Fürsten Bismarck nicht geringe Sorgen bereiteten und sogar den Battenberger europäischen Frieden bedrohten? Einer der frechsten und gleichzeitig dem Gemeinwohl schädlichsten Günstlinge, die das an Favoriten reiche achtzehnte Jahrhundert sah, war der sächsische Minister Graf Heinrich Brühl. Er war schon der Lieblingspage Augusts des Starken gewesen. Unter August III. avancierte er zum allmächtigen Premierminister. Namentlich seitdem er seinem Souverän zuliebe wie dieser konvertiert hatte, wurde er der wahre Herr von Sachsen, dessen Heer er verfallen ließ und dessen Existenz er während des Siebenjährigen Krieges durch seine leichtsinnige Politik gefährdete, dessen Souverän er aber für die Befriedigung seiner Luxus- EIN AUFSTIEG 603 Liebhabereien immer Geld zu verschaffen wußte. Er hielt sich gern in unmittelbarer Nähe seines Kurfürsten, ohne je ein Wort zu sagen. Nur wenn der Kurfürst, der beständig Tabak rauchte, aus der Rauchw r olke an ihn die Frage richtete: „Brühl, habe ich Geld?“, antwortete der Günstling regelmäßig: „Ja, Sire!“ Der Aufwand, den Brühl trieb, stand auf der Höhe der Prachtliebe seines Souveräns. Als der Große Friedrich in Dresden einrückte, fand er im Brühlschen Palais achthundert Schlafröcke, fünfzehnhundert Perücken und zweitausend Paar Schuhe. Graf Heinrich Brühl hatte dreißig Köche und zweihundert Bediente. Unter letzteren schätzte er besonders einen Sachsen namens Haucke. In Warschau, wohin Brühl seinem Souverän folgte, als sich dieser 1783 die polnische Königskrone aufsetzte, vermählte sich der treue Haucke mit der Tochter eines ehrsamen deutschen Zuckerbäckers. Den Sohn aus dieser Ehe brachte der gnädige Graf Brühl im polnischen Kadettenkorps unter, aus dem er in das bis 1830 selbständige polnische Heer übertrat, wo er es bis zum General brachte. Als 1830 der große polnische Aufstand ausbrach, ging die Mehrzahl der polnischen höheren Offiziere zu den Insurgenten über. Nur wenige blieben dem Zaren treu, unter ihnen Haucke, der dafür von den Insurgenten niedergemacht wurde. Das war für ihn selbst bedauerlich, eröffnete aber seinen Nachkommen die Bahn für großen Aufstieg. Nach der Niederwerfung des polnischen Aufstandes erschien Kaiser Nikolaus in Warschau. Unter den Rebellen hielt er fürchterlich Musterung, aber die Treuen wurden belohnt. Der Ehe des ermordeten Generals Haucke waren zwei Kinder entsprossen. Der Sohn wurde russischer Offizier, die Tochter Hofdame der Cesarewna, der späteren Kaiserin Maria Alexandrowna. Bei ihr begegnete Fräulein Haucke oft dem Bruder Ihrer Kaiserlichen Hoheit, dem Prinzen Alexander von Hessen- Darmstadt, der ein Petersburger Eliteregiment, die Gardes-a-Cheval, kommandierte. Zwischen beiden entspann sich ein zarter Roman. Als einmal die Hofdame Julie Haucke hinter ihrer hohen Gebieterin in den Ballsaal trat, meinte der Oberststallmeister Meyendorff mit der Derbheit eines alten Kavalleristen: „Wenn diese Hofdame eine Stute wäre, würde ich sagen: sie ist trächtig.“ Einige Tage später warf sich Fräulein Haucke der Cesarewna zu Füßen und gestand ihr, daß sie guter Hoffnung sei. Prinz Alexander trat ritterlich für seine Geliebte ein. Der strenge Kaiser Nikolaus verwies beide aus seinem Lande. Prinz Alexander heiratete 1851 Fräulein Haucke und wandte sich nach Österreich, wo er als General wieder angestellt wurde. Seine Gattin wurde in Hessen zuerst zur Gräfin, dann zur Fürstin Battenberg erhoben. Des ältesten Sohnes, der in die englische Marine eintrat und völlig zum Engländer wurde, habe ich schon gedacht. Der zweite, Alexander, war der 604 DER MINGRELIER Bulgarenfürst. Die einzige Tochter Battenberg heiratete einen Grafen Erbach aus einem erlauchten fränkischen Geschlecht, das seinen Stammbaum bis auf Eginhard und Imma, die Tochter Karls des Großen, zurückführt. Der dritte Sohn, Heinrich, trat in sächsische Dienste. Ihm begegnete ich 1879 in Ems, wo ich auch seine Eltern kennenlernte. Der Prinz Alexander von Hessen war ein durch und durch vornehmer und dabei liebenswürdiger Herr, die Fürstin Julie eine sehr kluge, sehr ehrgeizige Frau. Den Sohn überredete ich, unterstützt von meinem Freunde, dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß, den sächsischen Dienst mit dem preußischen zu vertauschen. Ich setzte ihm selbst das Schreiben an den König von Sachsen auf, in dem er um Entlassung aus dem sächsischen Dienst bat. Er trat zuerst bei dem Königshusaren-Regiment in Bonn ein, dessen Reize ich ihm in allen Farben geschildert hatte. Von dort wurde er in die Gardes-du-Corps versetzt und als Rittmeister bei diesem schönen Regiment von der alten Königin Victoria als Gatte für ihre jüngste Tochter Beatrice ausersehen. Er avancierte als solcher zur Königlichen Hoheit, erhielt den Hosenbandorden und wurde Governor und Captain der Insel Wight, Governor von Carlsbrooke Castle. Er starb schon 1896 auf einer Expedition in Westafrika. Seine Tochter wurde zwölf Jahre später Gemahlin des Königs Alfons XIII. und Königin von Spanien. Wenn das der gute Kammerdiener Haucke erlebt hätte! In Sofia traf nach der Abreise des Battenbergers als Vertreter des Kaulbars Zaren der General Kaulbars ein. Kaulbars gehörte zu jenen Deutsch- verlangt russen, die alle dem zaristischen System eigenen Fehler: Brutalität, Hof- Gehorsam f arti Willkür, mit deutscher Gründlichkeit ins Unerträgliche steigerten. Er trat in Bulgarien im Stil der Paskewitsch, Berg, Murawjew und anderer nach Polen entsandter Prokonsuln auf. Die erste Ansprache, die er an die bulgarische Regierung richtete, endigte mit den Worten: „Die Bedingungen, welche ich beauftragt bin den Bulgaren anzuzeigen, sind sehr kategorisch. Der Zar verlangt das vollständige Vertrauen und absoluten Gehorsam.“ Die Rundreise, die Kaulbars durch Bulgarien antrat, war ein jämmerlicher Mißerfolg. Die Bevölkerung beobachtete gegenüber dem Vertreter des Zaren überall eine kühle und ablehnende Haltung. Nun schlug man von Petersburg aus der bulgarischen Regierung als Thronkandidaten den Fürsten Nikolaus Dadian von Mingrelien vor. Giers, Vlangaly und Sinowjew verhehlten mir nicht, daß sie den Mingrelier für einen „pauvre Sire“ hielten, der außer dem Umstand, daß er ein Schwiegersohn des russischen Generaladjutanten Adlerberg sei, wenige Atouts in seinem Spiel habe. Die bulgarische Regentschaft erklärte sofort, das bulgarische Volk würde sich nie einen Kaukasier aufdrängen lassen, der sein eigenes Vaterland für Geld an Rußland verkauft habe. DAS ENDE EINES ROMANS 605 Noch ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1887, als ich mit meiner Frau in Berlin weilte, war dort die Battenberg-Affäre das allgemeine Gesprächs- Alexander thema. Man interessierte sich wenig dafür, ob der Fürst Alexander nach “ n< * Viktoria Bulgarien zurüclikeliren würde oder nicht. Wohl aber war alle Welt mit der Frage beschäftigt, ob Alexander und Viktoria sich „kriegen“ würden. Meine Frau und ich wurden zum Luncheon nach dem Neuen Palais geladen. Nach Aufhebung der Frühstückstafel ging man in den schönen Garten, wo Prinzessin Viktoria mit einigen Herren des Kronprinzlichen Hofes Lawn- Tennis spielte. Während sich die Prinzessin diesem schönen Spiel mit derselben Anmut und jedenfalls mit dem gleichen Eifer hingab wie einst die Phäakenprinzessin Nausikaa dem Ballspiel, klagte mir die Kronprinzessin ihr Leid. Ihr armes Töchterlein sei so verzweifelt, daß sie weder essen noch schlafen könne. Sie gräme sich Tag und Nacht, daß sie durch die grausame Politik des Fürsten Bismarck verhindert würde, den von ihr so sehr geliebten Fürsten Alexander zu heiraten. Sie würde entweder Selbstmord begehen oder vor Kummer sterben. Da gerade in dem Augenblick, wo ich diese Klagen hörte, Prinzeß Viktoria mit einem meisterhaften Schlage ihres Rackets unter lautem Jubel die Partie gewann, konnte ich der Frau Kronprinzessin mit gutem Gewissen erwidern, daß ihre Tochter mir noch nicht ganz so unglücklich zu sein schiene wie Ophelia oder Julia. Das Liebesspiel zwischen Alexander und Viktoria ging denn auch bald zu Ende. Beide haben sich rasch getröstet. Prinzeß Viktoria vermählte sich 1890 mit dem wackeren Prinzen Adolf von Schaumburg-Lippe, Fürst Alexander, der gehofft hatte, Eidam des Deutschen Kaisers zu werden, hatte schon vorher eine hübsche Sängerin des Darmstädter Hoftheaters, Fräulein Johanna Loisinger, geheiratet. Seine ehrgeizigen Träume haben sich nicht erfüllt. Aber was ihm niemand rauben konnte, war der Ruhm eines tapferen Mannes, den er sich bei Slivnica mit dem Degen in der Faust erworben hatte. Was außer der Liebespein ihrer Tochter die Kronprinzessin am meisten beschäftigte, war das bevorstehende fünfzigjährige Regierungsjubiläum Halsleiden ihrer Mutter, der Königin Victoria. Die Kronprinzessin wollte, daß der des Krön- Kronprinz diesem Jubiläum beiwohnen sollte, das ihr bei ihrem englischen P rmzen Empfinden als die bedeutendste Feier aller Zeiten und Länder erschien. Der Kronprinz aber laborierte seit einiger Zeit an einem hartnäckigen Halsleiden, das auch durch eine ernste Kur in Ems nicht gebessert worden war. Der hohe Herr sah nicht gut aus. Er war blaß, sehr heiser, und das Sprechen verursachte ihm sichtlich Unbequemlichkeit. Gütig wie immer, wollte er nicht, daß seine Familienangehörigen und seine Gäste seinen körperlichen Zustand als störend empfänden. Aber ich konnte die Besorgnis nicht loswerden, daß an diesem heldenhaften Mann ein giftiger Wurm nage. 606 KREISRICHTER UND PROFESSOREN Als wir un9 verabschiedeten, sagte uns der Kronprinz, daß er uns zur Bahn geleiten wolle. Wir fuhren bei dem sehr milden Wetter in einem offenen Break. An der Bahnstation angelangt, verabschiedete sich der Kronprinz mit einem freundlichen Händedruck von meiner Frau und mir. Es war das letztemal, daß ich seine Siegfriedgestalt erblickte, in sein liebes, gütiges Antlitz sah. Am nächsten Tage aßen wir in größerem Kreise im Hause Bismarck. Der Bismarck über Fürst sprach fast nur von der Battenberg-Affäre. Der Enthusiasmus weiter dieBattenberg- deutscher Kreise für den Battenberger überraschte ihn nicht. Die Deutschen Affäre jetten die Eigentümlichkeit, sich auch dann für ausländische Vorgänge zu erhitzen, wenn ihre eigenen Interessen dadurch geschädigt würden. Wer in Bulgarien regiere, ob Hinz oder Kunz, könne uns vollkommen gleichgültig sein, nicht aber, wie sich unser Verhältnis zu Rußland gestalte. Das Projekt der Vermählung der Prinzessin Viktoria mit dem Battenberger sei eine englische Intrige. Weder der Kaiser noch der Kronprinz wollten von dieser Verbindung etwas wissen, schon weil beide sie mit Recht als eine Mesalliance ansähen. Er, Bismarck, sei erst recht gegen diese Heirat, weil sie unsere Beziehungen zu Rußland gefährde. Bismarck zog eine interessante Parallele zwischen der Situation von 1887 und der Lage der Dinge bei seinem Amtsantritt. Demokraten und Ultramontane würfen ihm jetzt vor, daß er nicht für den „edlen“ Battenberger gegen das „böse“ Rußland eintrete. 1863 sei er von der Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhause beschimpft worden, weil er nicht die Partei der „edlen“ Polen gegen dasselbe „böse“ Rußland ergrißen hatte. Wenn er 1863 den Ratschlägen von Schulze-Delitzsch, Duncker, Grabow, Hoverbeck, Waldeck und ähnlichen „Kannegießern“ und „Schwätzern“ gefolgt wäre, würden wir weder 1864, noch 1866, noch insbesondere 1870/71 erlebt haben. Der Fürst schloß mit einer sehr bitteren, sehr heftigen Betrachtung über die „Dummheit“ der deutschen „Kreisrichter“ und „Professoren“. Der Professor wolle politische Vorgänge „wissenschaftlich“ prüfen und politische Lösungen auf Grund „wissenschaftlicher Untersuchungen“ finden. Die Politik sei aber keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Der Kreisrichter betrachte die Politik wie einen Rechtsfall: „Wer hat recht, wer hat unrecht?“ Das sei ebenso einfältig. Kein objektiv Urteilender wird heute bestreiten, daß Fürst Bismarck mit seinen Klagen und Vorwürfen nur zu recht hatte. Eine andere Frage ist, ob er die von ihm beklagten Ubelstände nicht dadurch hätte mildern und allmählich beseitigen können, daß er die „Kreisrichter“ und „Professoren“ politisch erzog, indem er ihnen einigen Anteil an der Leitung des Staates gewährte und, wie dies Cavour in Italien und wie es in England eine Reihe großer Staatsmänner getan hat, allmählich zu einem verständigen DIE NARRENFREIHEIT 607 parlamentarischen System überging, das mit einer kräftigen Monarchie ebenso vereinbar war wie mit der im Interesse des Landes erforderlichen vollen Aufrechterbaltung unserer Wehrmacht. In der Umgebung des Fürsten Bismarck waren hinsichtlich der Battenberg-Affäre wie gegenüber Rußland die Ansichten geteilt. Herbert vertrat wie immer die Auffassung seines Vaters, aber noch um einige Nuancen schärfer und um mehrere Grade einseitiger. Holstein kritisierte und bekämpfte den russenfreundlichen Kurs. Holstein war, solange ich ihn kannte, also während dreißig Jahren, russenfeindlieh und anglophil. Wie alle Sympathien und Antipathien des seltsamen Mannes war auch diese Einstellung auf persönliche Vorgänge und Empfindungen zurückzuführen. Sein erster Posten war St. Petersburg gewesen. Er war dort gesellschaftlich schlecht behandelt worden. Die große Petersburger Welt hatte den jugendlichen, ungelenken, eitlen und empfindlichen Holstein, der weder durch die Schule eines Korps noch eines Regiments gegangen, der ein Original war, unsympathisch gefunden. Spätere Reibungen mit russischen Kollegen in Paris und der Russischen Botschaft in Berlin waren dazugekommen. Dagegen hatte Holstein an mehrere Besuche in England und an einen längeren Aufenthalt in Amerika gute Erinnerungen bewahrt. Einige englische Publizisten gehörten zu seinen nächsten Freunden. Bill Bismarck und Rantzau fanden wie Holstein, daß Fürst Bismarck zuviel Rücksicht auf Rußland nehme. Es war ein Beweis für die Ausnahmestellung, die Holstein bis zum Sturz des Fürsten Bismarck bei diesem einnahm, daß der mißtrauische Kanzler, der im allgemeinen weder Widerspruch noch Kritik duldete, Holstein das Frondieren in der Battenberg- und in der Russenfrage nicht übelnahm. Er sagte auch nichts, als der Intimus von Holstein, der Berliner Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“, der Justizrat Fischer, in seinem Blatt von einem Wettkriechen vor Rußland sprach. Als ich Herbert frug, was er zu Holsteins russenfeindlicher Haltung sage, meinte er lachend: „Holstein hat ein für allemal Narrenfreiheit.“ Er vergaß, daß es auch gefährliche Narren gibt. Holstein gegen Rußland XLIII. KAPITEL Begegnung mit Waldersee Besuch bei der Mutter in Seelisberg ■ Mit General von Loe und General Graf Waldersee in Axenstein • Reichstagsauflösung und Septennat • Drohende Kriegsgefahr 1887 Die innerpolitische Lage und Rußland • Großfürst Wladimir • Der Rückversicherungsvertrag • Bismarcks letzte große Rede I m Januar 1887 weilte ich einige Wochen bei meiner Mutter in Seelisberg am Vierwaldstätter See. Bald nach meiner Ankunft erhielt ich einen Brief meines Kriegsobersten Loe, der inzwischen General der Kavallerie und Kommandierender General des Armeekorps seiner rheinischen Heimat, des VIII. Armeekorps, geworden war. Er frug, ob er meine Mutter besuchen und einige Tage bei uns verleben dürfe, ein Vorschlag, den wir gern und dankbar akzeptierten. Nachdem wir zusammen die alte Wallfahrtskapelle Maria Sonnenberg besucht und uns an der herrlichen Aussicht auf das Reußtal, die Mythen und den Urner See erfreut hatten, teilte mir Loe den eigentlichen Grund seines Kommens mit. Er wünsche, daß ich die Bekanntschaft des Grafen Alfred Waldersee mache, der mit seiner Frau uns gegenüber in Axenstein weile. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, machten wir uns schon früh auf den Weg. Es war ein herrlicher Tag. Während wir erst zum See hinab und dann vom See bergauf stiegen, explizierte mir der General, warum er mich mit Waldersee in Verbindung setzen wolle. Seine Majestät der Kaiser habe kürzlich seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert, umgeben von der Liebe und Dankbarkeit aller anständigen Deutschen und dem Vertrauen der einsichtigen Ausländer. Wir müßten Gott für jeden Tag danken, den unser alter Herr noch lebe. Aber eine sehr lange Regierungszeit könne ihm nicht mehr beschieden sein. Sehr bewegt fügte der General hinzu, daß die Erkrankung des Kronprinzen, an dem er gleichfalls mit inniger Liebe hing, sehr bedenklich sei. Loe sprach das Wort „Krebs“ nicht aus, aber er ließ keinen Zweifel darüber, daß es sich um ein überaus ernstes Kehlkopf leiden handele. Prinz Wilhelm sei noch nicht dreißig Jahre, recht begabt, aber noch ganz unreif. „Ich bin überzeugt“, meinte der General, „daß Prinz Wilhelm, obwohl er jetzt, schon um seine Mutter zu ärgern, für Bismarck eine unbegrenzte Bewunderung afiichiert, nicht lange mit ihm auskommen wird. Daß er DER JUNGE PRINZ WILHELM 609 unerfahren ist, liegt in seiner Jugend. Er ist aber auch unbesonnen und eitel. Er will alles besser wissen und alles entscheiden, ohne die hierfür erforderlichen Eigenschaften zu besitzen. Er lechzt nach äußerlichen Triumphen. Der Schein ist dem jungen Prinzen Wilhelm leider wichtiger als der Kern. Andrerseits ist der große Kanzler mit dem Alter noch reizbarer, noch starrer geworden. Er ist durch riesenhafte Erfolge wie durch die Güte und den Takt unseres alten Herrn sehr verwöhnt. Der einzige, der Einfluß auf den achtundzwanzigjährigen Prinzen Wilhelm hat, ist Waldersee. Prinz Wilhelm wird ihn wohl einmal zum Reichskanzler machen.“ Loe gab mir dann in seiner abgeklärten Art eine Charakteristik von Waldersee: „Als Militär ist er eine große Nummer. Ein starker Wille, ein helles Auge, Schneid, Entschlußfähigkeit, Findigkeit. Er ist aus dem Holz, aus dem Friedrich der Große seine Generäle und Napoleon seine Marschälle schnitzte. Aber ich sehe zwei Klippen. Er ist politisch und militärisch von einem unbändigen Ehrgeiz beseelt, und er neigt zur Intrige. Ich glaube, daß er als Kanzler im Innern gegen die beiden ihm besonders verhaßten Parteien, die Sozialdemokratie und das Zentrum, gewaltsam Vorgehen möchte. In Deutschland ist bei dem starken Rechtssinn unseres Volkes und dem föderativen Aufbau des Reiches ein Staatsstreich eine sehr ernste Sache, und ein prophylaktischer Krieg hat auch seine Bedenken. Waldersee glaubt, daß die Friedensliebe des Fürsten Bismarck darauf zurückzuführen sei, daß der alte Kanzler persönlich saturiert sei und anderen keine frischen Lorbeeren gönne. Aber es sprechen doch auch sehr gewichtige, sachliche Gründe gegen den prophylaktischen Krieg, den Bismarck nicht übel Selbstmord aus Furcht vor dem Tode genannt hat.“ Loe schloß seine Ausführungen: „Mein Wunsch wäre, daß Sie eintretendenfalls dem Reichskanzler Waldersee als Staatssekretär des Äußern zur Seite träten.“ Ich entgegnete ohne Besinnen, daß ich bei den alten, nahen Beziehungen, in denen ich von Kindesbeinen an zum Fürsten Bismarck und seiner Familie gestanden hätte, die direkte Nachfolge Herberts nicht übernehmen würde, wenn Fürst Bismarck unfreiwillig ginge. Der durch und durch ritterliche General verstand meine Auffassung, blieb aber dabei, daß Waldersee ohne einen geschickten und erfahrenen Diplomaten neben sich ihm Besorgnisse einflößen würde. Inzwischen waren wir in Axenstein angekommen. Vor uns standen Graf und Gräfin Waldersee. Sie kamen gerade aus dem englischen Gottesdienst. In seinem langen schwarzen Gehrock und mit weißer Halsbinde erinnerte mich der Graf bei dieser ersten Begegnung trotz seines militärischen Schnurrbarts an einen methodistischen Geistlichen. Dieser erste Eindruck war natürlich nicht der entscheidende. In Uniform — ich bin Waldersee später noch oft begegnet — machte er eine glänzende militärische Figur. Loe über Waldersee 39 Iitilow rv 610 DER KOMMENDE HERR Die Gräfin, eine Amerikanerin, glich innerlich und äußerlich jenen vortrefflichen Engländerinnen und Amerikanerinnen, denen ich öfters bei meiner Mutter begegnete, die sich an ihrer Frömmigkeit erbaute. Nach dem Essen, bei dem die beiden Generäle einem guten Moselwein kräftig zugesprochen hatten, streckten wir uns ins Gras. Waldersee examinierte mich über russische Verhältnisse. Die Fragen, die er an mich stellte, waren klug gewählt. Es fiel mir auf, daß er im Gegensatz zu manchen anderen hochstehenden Leuten gut zuhörte und daß der Generalquartiermeister dem um siebzehn Jahre jüngeren Botschaftsrat dessen Widerspruch nicht übelnahm. Er bezweifelte die persönliche Friedensliebe des Zaren wie die Ehrlichkeit von Giers, an die ich so weit glaubte, wie man fremden Souveränen und Ministern überhaupt trauen kann. Er war der Ansicht, daß der Krieg mit Rußland sich höchstens noch zwei oder drei Jahre werde vermeiden lassen, und meinte, daß die politischen und militärischen Chancen heute für uns günstiger lägen, als dies in einigen Jahren der Fall sein würde. Er sprach von Bismarck mit kaum verhehltem Haß als von einem Mann, der, nachdem er seine Lebensaufgabe erfüllt habe, nach außen und nach innen als grundsatzloser Opportunist von der Hand in den Mund lebe und dadurch unsere Zukunft schwer belaste. Den Kronprinzen betrachtete er als einen todkranken Mann, was ihn nicht übermäßig zu betrüben schien, er stimmte aber ein begeistertes Loblied auf dessen ältesten Sohn, den Prinzen Wilhelm, an. Mit diesem offenherzigen, guten, ehrlichen jungen Mann sei nicht schwer auszukommen. Der sei ein echter Hohenzoller, seinem Großvater ähnlich. „Wenn Bismarck nicht mit dem auskommen sollte, so wird er die Schuld tragen, nicht Prinz Wilhelm. Mit dem Prinzen Wilhelm kann und muß sich jeder brave Preuße, jeder Soldat und jeder gute Christ verstehen.“ Während wir so ernste und weitreichende Fragen erörterten, breitete sich der Vierwaldstätter See mit seinen glitzernden Wellen vor uns aus. Jenseits des Sees erhoben sich Berge mit friedlichen, sonnenbeschienenen Matten und über ihnen Schneegipfel im blauen Duft. Im Grase zirpten Grillen. Die Szenerie unserer Unterredung war ein Idyll, würdig, von Theokrit, dem Bukoliker, besungen zu werden. Als wir uns in Axenstein von Waldersee verabschiedeten, forderte er Die mich auf, ihn in Berlin zu besuchen, er würde sich immer freuen, mich zu Einkreisung gehen. Auf dem Rückweg nach Seelisberg kam Loe unter vier Augen nochmals auf die Frage zu sprechen, ob wir bei der sich immer ernster gestaltenden internationalen Lage unseren Gegnern zuvorkommen und, sei es gegen Rußland, sei es gegen Frankreich, Vorgehen, den einen von ihnen entscheidend schlagen und dann auch den andern unschädlich machen sollten. „Wir sind“, meinte der General, „tatsächlich eingekreist, denn Frankreich steht uns seit dem Frankfurter Frieden CHAUVINISMUS UND PANSLAWISMUS 611 unversöhnlich gegenüber, und in Rußland scheint der deutschfeindliche Panslawismus mehr und mehr die Oberhand zu gewinnen. Italien wird zunächst abwarten und dann zum Sieger abschwenken, wie es das 1870 getan hat. England ist egoistisch und fängt an, auf unsere wirtschaftlichen Erfolge und Fortschritte recht neidisch zu werden. Sollen wir es machen wie 1756 Friedrich der Große, der kühn das Netz zerriß, das seine Gegner ihm über den Kopf werfen wollten ?“ Als ich noch einmal die Gründe geltend machte, aus denen ich die Bismarcksche Politik des Abwartens für richtig hielt, erzählte mir Loe, daß der Chef des Generalstabs, unser großer Moltke, ihm bei der Besprechung der Kriegsfrage kürzlich verbo tenus gesagt babe: „Vom rein militärischen Standpunkt spricht vieles dafür, daß wir gegen Rußland oder auch gegen Frankreich Vorgehen, bevor beide noch stärker werden. So hat es der große König 1756 gemacht. Aber man kann sich auch zu Tode siegen, wie das Napoleon gezeigt hat, der einen prophylaktischen Krieg nach dem andern führte. Und dann: Mit einem neunzigjährigen Kaiser, einem todkranken Kronprinzen und einem künftigen Kaiser und König, der militärisch und politisch die Reife eines Leutnants besitzt, darf man nicht einen Angriffskrieg führen.“ Die Jahre 1887 und 1888 waren die ereignisreichsten, aber auch die kritischsten, die Europa seit dem Deutsch-Französischen Kriege sah. Erst General siebzehn Jahre später, im Frühjahr 1905, trat wieder eine ähnliche Krisis Boulanger ein. Die Gefahr für den Weltfrieden drohte in beiden Fällen von Frankreich. Sie verkörperte sich 1887 in Boulanger, 1905 in Delcasse. Beide waren beseelt von dem zügellosen Ehrgeiz, der in Frankreich glänzende Taten, aber auch herostratische Untaten erzeugt hat. Beide erfüllte festes Vertrauen zu dem Patriotismus, dem Stolz, der Leistungsfähigkeit und Elastizität des französischen Volkes. Beide griffen nach dem Lorbeer, der dem Franzosen winkte, der Elsaß-Lothringen wiederholen und Frankreich mit der Revanche seine Vormachtstellung auf dem Kontinent zurückgeben würde. Das Anschwellen der chauvinistischen Strömungen in Frankreich blieb nicht ohne Rückwirkung auf Rußland. Im März 1887 übersandten Petersburger Chauvinisten dem General Boulanger einen prächtigen Kosakensäbel, der die russische Inschrift trug: „Wage, dem Kühnen hilft Gott!“ In Moskau wurde bei dem Jubiläum des populären Volksdichters Slawjanski ein Glückwunschtelegramm desselben Boulanger unter Beifallsstürmen verlesen. Schon vorher hatten prominente Moskauer Persönlichkeiten dem französischen General Saussier als Dank für eine Rußland verherrlichende Rede das „alte Symbol russischer Brüderlichkeit“, einen kunstvollen silbernen Speisetopf, übersandt. Die Tschechen witterten Morgenluft. Ihr Führer, Ladislaus Rieger, erklärte in einem an ein großes russisches Blatt 612 ATTENTATSANGST IN PETERSBURG gerichteten Schreiben, die Tschechen seien die mächtige Festung, die im Herzen Europas das nach Osten drängende deutsche Meer in seine natürlichen Grenzen zwinge und den Rücken des slawischen Ostens decke. Im Herbst erschien der Dichter der Revanche Paul Deroulede in Rußland, ließ sich in Petersburg und Moskau feiern und war auch in anderen russischen Städten der Gegenstand franzosenfreundlicher Demonstrationen. Die im vorigen Kapitel behandelten bidgarischen Vorgänge trugen das ihre dazu bei, die russische öffentliche Meinung im panslawistischen Sinne zu erregen. Sie wurden von der ganzen russischen Presse unter heftigen Ausfällen gegen österreichische Intrigen und zum Teil auch mit ganz ungerechten Angriffen gegen die deutsche Politik besprochen. Insbesondere wurde die Ferdinand im Sommer 1887 erfolgte Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburg von Koburg zum Fürsten von Bulgarien in Rußland nicht allein auf österreichische, sondern, ohne jede Begründung, auch auf deutsche Intrigen zurückgeführt. Die russische Regierung verhielt sich gegenüber diesem Uberschäumen der chauvinistischen Flut nicht ganz untätig. Der General Bogdanowitsch, der nach Paris gefahren war, um Fühlung mit der Ligue des Patriotes zu nehmen, wurde nach einem am Ural gelegenen Ort „verschickt“, eine Reihe von Zeitungen „verwarnt“. Aber als im August 1887 Katkow starb, der Prophet der nationalistischen, autokratischen und orthodoxen Partei, richtete Alexander III. an die Witwe ein von ihm selbst niedergeschriebenes Telegramm, in dem es hieß: „Im Verein mit allen echten Russen bedaure ich herzlich Ihren und unsern Verlust. Die Kaiserin und ich vereinigen uns mit Ihnen im Gebet für die Ruhe der Seele des Patrioten Michail Nikiforowitsch.“ Während die russischen Nationalisten manchen Unfug trieben, waren Gespräch wohl die Symptome der nihilistischen Krankheit gewaltsam zurück- mit dem gedrängt worden, das Übel selbst war nicht geheilt. Die kaiserliche Familie Großfürsten j e jj te Beständiger Angst vor Attentaten. Ich erinnere mich eines Vorfalles, der durch die Persönlichkeit, um die es sich handelte, später einmal noch besondere Bedeutung gewinnen sollte. Ich frühstückte, wie oft, im Palais des Großfürsten Wladimir. Er war nicht zugegen, da er zu seinem Bruder, dem Zaren, gerufen worden war. Als er nach dem Luncheon erschien, teilte er der Großfürstin und mir in großer Erregung mit, daß ein abscheuliches Attentat auf den Kaiser entdeckt worden sei. Man habe auf dem Newsky-Prospekt Studenten verhaftet, die, mit Sprengbomben versehen, den Schlitten des Zaren erwarteten. Der Führer dieser Bande, den der Großfürst mit allen erdenklichen Flüchen und Beschimpfungen belegte, ein gewisser Uljanow, werde im Laufe der nächsten Nacht den verdienten Tod am Galgen erleiden. Der Bruder des damals hingerichteten Uljanow, Lenin, hat Jahrzehnte später, nach dem Sturz des Zarenthrons die SSSR., DIE RUSSISCHE MECKLENBURGERIN 613 die Sojuz Sozialisticeskich Sovetskich Respublik, den Bund der sozialistischen Rätestaaten, errichtet. Wie einst Hannibal, hatte er Rache geschworen und ist seinem Schwur treu geblieben. Nach meinem Dienstantritt als Erster Sekretär der Botschaft in St. Petersburg war ich dem Großfürsten und der Großfürstin Wladimir nähergetreten. Der Großfürst war der begabteste unter den Söhnen des Kaisers Alexander II. In einer etwas rauhen Hülle ein feiner Geist. Sein Verständnis für Kunst war größer als das der Durchschnittsdilettanten. Er hatte nicht gewöhnliche historische Kenntnisse und vertiefte sie durch eifrige Lektüre geschichtlicher Werke. Er liebte Paris und Pariser Freuden, aber er war zu klug, um nicht einzusehen, daß ein Krieg zwischen den drei Kaisermächten sehr wahrscheinlich den Sturz der drei Kaiserthrone und zunächst den Fall des Zarenthrones herbeiführen würde. Die Großfürstin Maria Pawlowna war eine schöne Frau. Sie war sich ihrer Schönheit bewußt und hatte es nicht ungern, wenn man ihr huldigte. Sie war eine Tochter des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin und seiner frommen Gemahlin, der Prinzessin Auguste von Reuß-Schleiz- Köstritz. Streng religiös erzogen, war sie die erste deutsche Prinzessin, die sich, als sie einen russischen Großfürsten heiratete, weigerte, ihrem evangelischen Glauben untreu zu werden. Sie ist erst kurz vor dem Ausbruch des Weltkrieges zur orthodoxen Kirche übergetreten. Eine Urenkelin der Königin Luise von Preußen, hat sie lange treu an Preußen und Deutschland gehangen, bis auch sie, wie manche andere deutsche Fürstentochter, der Weltkrieg in andere Bahnen warf. Sie war nicht nur schön, sondern auch ehrgeizig im großen Stil. Ich sagte ihr einmal, daß sie in jeder Richtung das Zeug zu einer Katharina II. in sich trüge, ein Kompliment, das sie nicht ablehnte. Ich hatte von ihr die Erlaubnis erhalten, bei ihr zum Afternoon- Tea zu erscheinen. Ich lernte in ihrem Salon alle russischen Großfürsten kennen. Namentlich unter den jüngeren gab es manche, die deutschfeindlich gesinnt waren. Als mich einer dieser Herren öfter bei der Großfürstin getroffen hatte, frug er mich: „Depuis quand etes-vous si intime avec Maria Pawlowna ?“ Er schwieg, als ich ihm erwiderte: „II y a plus de sept siecles que ma famille a Fhonneur de servir la sienne.“ Als ich wieder einmal Tee bei der schönen Großfürstin trank, erschien der Großfürst und nahm mich beiseite. Indem er den streng konfidentiellen Charakter seiner Eröffnungen betonte, sagte er mir: Er habe am Abend vorher eine lange Unterredung mit seinem Bruder, dem Kaiser, gehabt, der ihm erklärt habe, daß er nach den letzten Vorgängen in Bulgarien, wo Österreich eine ausgesprochen russenfeindliche Politik mache, früher mit dem Battenberger und jetzt mit dem Koburger, die Abmachungen von Skiemiewice mit Österreich nicht erneuern könne. Dagegen wäre er bereit, Großfürstin Maria Pawlowna 614 DER RÜCKVERSICHERUNGSVERTRAG Russischdeutsche Verhandlungen zu Deutschland in ein neues Vertragsverhältnis zu treten. Als ich dies dem Fürsten Bismarck gemeldet hatte, erhielt ich sofort eine direkte Antwort von ihm, die er, was selten vorkam, seihst unterzeichnet hatte. Er begrüßte mit Freuden die mir gewordene Eröffnung des Großfürsten Wladimir und wies mich an, diesen nützlichen Faden weiterzuspinnen. Der Botschafter von Schweinitz (der sich seit einigen Wochen auf Urlaub befand) werde bald auf seinen Posten zurückkehren, vorher aber von ihm in Friedrichsruh für die weitere Behandlung des erfreulichen Vertragsgedankens mit eingehenden Instruktionen versehen werden. Diese Vertragsverhandlungen sind, wie ich vorgreifend erwähne, zunächst in Petersburg zwischen Schweinitz und Giers, dann in Berlin zwischen Bismarck Vater und Sohn einerseits und dem russischen Botschafter in Berlin Paul Schuwalow andrerseits geführt worden. Graf Paul Schuwalow war der Bruder des von mir in der Zeit des Berliner Kongresses öfters erwähnten Grafen Peter Schuwalow und wie dieser und die meisten vornehmen Altrussen konservativ und deutschfreundlich gesinnt. Die in Rede stehenden Verhandlungen haben zum Abschluß des viel erörterten sogenannten Rückversicherungsvertrages geführt, dessen Kündigung durch Wilhelm II., Caprivi, Marschall und Holstein, die mit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck zusammenfiel, ein fürchterlicher Fehler war. XLIV. KAPITEL Operation des Kronprinzen • Tod Kaiser Wilhelms I. (9. III. 1888) • Trauerfeier in St. Petersburg • Frau von Bülow in Berlin bei Kaiserin Friedrich und Königin Victoria von England • Die Königin über Bismarck • Der Abend bei Bismarck • Gesandter in Bukarest • König Carol • Rumänische Politiker: Peter Carp und Bratianu • Tod des Kaisers Friedrich (15. VI. 1888) • Die Aufgabe des kaiserlichen Gesandten in Bukarest A m 9. Februar 1888, drei Tage nachdem Fürst Bismarck seine große Rede über Europas Lage und die deutsch-russischen Beziehungen ge- San Rem» halten hatte, traf aus San Remo die Trauernachricht ein, daß sich die den Kronprinzen behandelnden Ärzte zur sofortigen Ausführung des Luftröhrenschnittes genötigt gesehen hätten, da die Atemnot in gefahrdrohendem Maße zugenommen habe. Der älteste Sohn des Kronprinzen, Prinz Wilhelm, begab sich nach San Remo. Hier kam es zu erregten und traurigen Auftritten zwischen Prinz Wilhelm und seiner Mutter. Prinz Wilhelm verlangte, daß sein Vater über den Charakter der Krankheit sofort und rücksichtslos aufgeklärt werde. Die Kronprinzessin hat immer gesagt, und auch mir wiederholt gesagt, Prinz Wilhelm habe behauptet, im Aufträge des Fürsten Bismarck zu kommen, um seinem Vater zu erklären, er möge, nachdem er durch seine Krankheit regierungsunfähig geworden sei, auf die Thronfolge verzichten. Fürst Bismarck hat mit Recht bestritten, daß er dem Prinzen Wilhelm einen solchen Auftrag gegeben habe. Auch seine beiden Söhne haben mir später auf das nachdrücklichste versichert, daß ihr Vater den Prinzen Wilhelm nicht in solcher Mission an das Krankenlager seines sterbenden Vaters geschickt habe. Meine Frau erhielt in jener Zeit sehr traurige, ja verzweifelte Briefe der Kronprinzessin, in denen sie über die „heartlessness“, die „rudeness“, ja „cruelty“ ihres ältesten Sohnes klagte. Der Standpunkt des Prinzen Wilhelm wurde im Kreise der Petersburger Botschaft mit Eifer von dem sehr begabten und tüchtigen, aber zu Einseitigkeit und Schroffheit neigenden Major Grafen Maximilian Yorck vertreten. Als Yorck wieder einmal in diesem Sinne peroriert hatte, entgegnete ihm der alte Botschafter von Schweinitz: „Mein lieber Yorck, des Vaters Segen baut den Kindern Häuser; aber der Mutter Fluch reißt sie nieder. 616 SCHWEINITZ Haben Sie das vierte Gebot vergessen?“ Als Yorck auf seiner Ansicht bebarrte, frug Schweinitz: „Und würden Sie sich so gegen Ihre Frau Mutter benehmen, wie sich Prinz Wilhelm gegen seine Mutter benimmt ?“ Yorck schwieg. Am 7. März 1888 zeigte mir der Botschafter Schweinitz ein aus Berlin Der alte eingegangenes Telegramm mit den Worten: „Herr bleibe bei uns, denn es Kaiser stirbt w jjj Abend werden.“ Die Nachricht besagte, daß das Befinden des Kaisers, der seit mehreren Tagen an Erkältung und Unterleibsbeschwerden litt, zu Besorgnissen Anlaß gebe. Weitere Telegramme sowie Briefe aus der nächsten Umgebung des greisen Kaisers unterrichteten uns, die wir in schmerzlicher Spannung der Nachrichten aus der Heimat harrten, über den Verlauf der Krankheit. Am 8. März kam die Nachricht, daß der Kaiser eine sehr unruhige Nacht gehabt hatte. Am 9. März um halb neun Uhr morgens ging Kaiser Wilhelm sanft und ohne Kampf ein zum ewigen Frieden. Einige Stunden später hielt ihm Fürst Bismarck im Reichstag den schönsten Nachruf, der je einem Sterblichen gehalten wurde. Drei Tage nach dem Heimgang unseres alten Herrn fand in der luthe- Trauerfeier rischen Annenkirche in St. Petersburg eine Trauerfeier für den verewigten in Petersburg Kaiser statt, der mit allen Großfürsten und Großfürstinnen der Kaiser und die Kaiserin von Rußland beiwohnten. Alexander III., dem ich gegenüberstand, sah bewegt und ernst aus, was dem stämmigen, breitschultrigen Mann gut stand. Der Botschafter von Schweinitz hatte gelegentlich die Gefühle des Zaren gegenüber Deutschland in einem an den Fürsten Bismarck gerichteten Schreiben nicht übel wie folgt charakterisiert: „Der Zar empfindet für unseren allergnädigsten Herrn Ehrerbietung, für Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen herzliche Freundschaft, für Eure Durchlaucht Bewunderung und Furcht.“ Als am Schluß des Gottesdienstes das mächtigste deutsche Lied, der gewaltige Gesang von der „festen Burg“ erscholl, begegnete mein Blick dem meines Chefs. Er weinte, und auch mir füllten Tränen die Augen. Unsere Sorgen und Hoffnungen, Gefühle und Gebete waren die gleichen. Ich war nicht immer gut mit Schweinitz ausgekommen. Er war kein bequemer Vorgesetzter und hatte mit fast allen seinen Sekretären schlecht gestanden. Aber so wie er war, schroff, eigenwillig, eckig und kantig, war er alles in allem ein prächtiger altpreußischer Typus. Er war aus dem 1. Garde-Regiment hervorgegangen. Als ich einmal die Vorzüge meines lieben Freundes, des Grafen Adolf Keller, rühmte, der im Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 groß geworden war, brummte Schweinitz: „Alles gut und schön, aber Keller fehlt die Rippe des Ersten Garde-Regiments.“ Die preußische Armee und den Jesuitenorden hielt Schweinitz für die beiden vollkommensten Organisationen, die es auf der Welt gebe. Er war ein geborener Schlesier und ABSCHIED VON PETERSBURG 617 äußerte gern, er gäbe viel darum, wenn er in der Altmark zur Welt gekommen wäre. Er war ein schroffer Altkonservativer, und Bismarck stand ihm viel zu weit links. Er empfand, wie Kleist-Retzow, wie der Generaladjutant Leopold Gerlach, wie Thadden-Triglaff und Moritz Blanckenburg empfanden, wie im Grunde auch der große Kriegsminister Roon empfand. Aber wie diese war er ein Charakter. Er hatte eine nicht allein feine, sondern, was schon damals immer seltener wurde, eine tiefe Bildung. Er hat als Militär-Attache in St. Petersburg 1866, als Botschafter in Wien 1870 und später als Botschafter in St. Petersburg dem Vaterlande ausgezeichnete Dienste geleistet. Schon vor dem Heimgang unseres alten Kaisers hatte mir Herbert Bismarck, der 1886 Staatssekretär geworden war, geschrieben, daß ich bald einen Gesandtenposten erhalten würde. Sein Vater hatte sich dagegen gesperrt, da er mich in St. Petersburg für schwer ersetzbar hielt. Als sein Sohn ihn darauf hingewiesen hatte, daß ich doch nicht wegen meiner guten Leistungen in meinem Avancement Schaden nehmen dürfe, hatte Seine Durchlaucht geantwortet, ich könne ja in ein oder zwei Jahren vom Botschaftsrat direkt Botschafter in St. Petersburg werden. Nicht mit Unrecht hatte Herbert darauf hingewiesen, daß ein solcher Sprung an Ort und Stelle weder in meinem persönlichen Interesse läge, noch den Grundsätzen des diplomatischen Dienstes entspräche. So war ich für Washington ausersehen worden, und Herbert hatte schriftlich bei mir angefragt, was ich zu dem Gesandtenposten Washington sagen würde. Ich hatte trotz der Tränen meiner lieben Frau, der vor der langen Seereise und der weiten Entfernung von ihrer Mutter und ihren Kindern bange war, sofort geantwortet, daß ich überall hinginge, wo ich mich dienstlich nützlich machen könne, und nach Washington besonders gern, da es mir interessant sein würde, mir die Welt einmal von der anderen Seite der Erdkugel anzuschen. Schließlich hatte die kritische Lage der Dinge in Rumänien den Kanzler bewogen, mich für Bukarest zu bestimmen. Ich wurde gleichzeitig angewiesen, meine baldmöglichste Übersiedelung auf meinen neuen Posten vorzubereiten, wo periculum in mora sei. leb trennte micb nicht leicht von Petersburg, wo ich vier interessante und seit meiner Verheiratung zwei überaus glückliche Jahre verbracht hatte. Vor der Abreise wurde ich mit meiner Frau zum Abendessen bei den russischen Majestäten eingeladen. Alexander III., neben den meine Frau placiert wurde, sprach ihr mit der herzlichsten Freundschaft von Kaiser Friedrich: „Je donnerais beaucoup, mais beaucoup pour que Dieu nous le conserve. J’ai foi dans sa loyaute et confiance dans son bon sens. 11 est un des meilleurs hommes qui existent.“ Der Großfürst und die Großfürstin Wladimir batten meine Frau und mich am Tage der Beisetzung unseres Bülow wird Gesandter in Bukarest 618 IN EINEM STERBEZIMMER Am Bett des Kaisers Friedrich alten Kaisers zum Abendessen gebeten, damit wir diesen wehmütigen Tag mit ihnen verlebten, von denen wir wüßten, mit wie treuer und ehrerbietiger Liebe sie an ihrem Großonkel gehangen hätten. Eine nicht geringe Anzahl russische Damen gaben mir vor meiner Abreise Briefe mit, die ich jenseits der Grenze in den Briefkasten stecken sollte. Sie waren alle nach Genf und Bern adressiert. Ich möchte annehmen, daß manche dieser Briefe für die Vorläufer jener Exulanten bestimmt waren, die dreißig Jahre später die Macht in Rußland an sich rissen. In Berlin galt der erste Gang meiner Frau der Kaiserin Friedrich. Sie fand die arme Kaiserin in Tränen, in Verzweiflung. Sie hatte endlich verstanden, daß ihr Mann verloren war. Ihre Unpopularität, die ihr von allen Seiten und zum Teil in brutaler, häßlicher Form fühlbar gemacht wurde, erhöhte den Schmerz um das tragische Geschick ihres Gemahls. Ich glaube, daß wenige Frauen gelitten haben, was die Kaiserin Friedrich in jenen neunundneunzig Tagen gelitten hat. Sie führte meine Frau an das Bett des Kaisers. Meine Frau kniete vor dem Bett nieder und küßte die Hand des Kaisers. Dieser wies mit seiner anderen Hand und mit einem unbeschreiblich rührenden Blick nach oben, dahin, wo es kein Leid mehr gibt und alle Tränen getrocknet werden. Mit kaum verständlicher Stimme flüsterte er einige Worte, die die Kaiserin meiner Frau dahin erläuterte, ihr Gemahl habe sich gefreut, meine Ernennung nach Bukarest zu vollziehen. Als meine Frau ging, legte der Kaiser segnend seine Hand auf ihren Kopf, indem er nochmals nach oben wies. Als die Kaiserin mit meiner Frau das Krankenzimmer verließ, brach sie im Nebenzimmer in konvulsivisches Schluchzen aus. Eine starke Natur, wie sie war, wollte sie ihre innere Verzweiflung nicht ihrem Gemahl zeigen, um ihn nicht noch mehr zu betrüben. Die Kaiserin stellte selbst meine Frau ihrer Mutter, der Königin Victoria, vor, die kurz vorher in Charlottenburg eingetroffen war. Die Königin sprach über das Leid ihrer ältesten Tochter und ihres von ihr sehr geliebten Schwiegersohnes mit echtem Gefühl, einfach und ganz menschlich. Meine Frau hat diese Stunde im Sterbezimmer des Kaisers Friedrich als die ergreifendste ihres Lebens in unauslöschlicher Erinnerung behalten. Wenn die Königin Victoria sich bei dem rein familiären Charakter ihres Berliner Aufenthalts auch von allen offiziellen Begegnungen zurückhielt, so ließ sie sich doch die Gelegenheit nicht entgehen, den Fürsten Bismarck zu sehen. Sie hatte sich für ihn von jeher interessiert und ihre Vertreter in Berlin oft gefragt: „What does Prince Bismarck think about me?“ Der große Seelenfänger Bismarck behandelte die Königin eines Weltreichs ganz so, wie der gleich feine Psychologe Disraeli sie behandelt hatte, nämlich als Frau, deren hohen Eigenschaften und Tugenden, deren Geist und Charme jeder huldigen müsse, der ihr nahen dürfe. Nach der Audienz des Reichs- BISMARCK ÜBER FRIEDRICH III. 619 kanzlers sagte die Königin zu ihrem Botschafter, Sir Edward Malet: „I don’t understand why my daughter could not get on with Prince Bismarck. I think him a very amiable man, and we had a most charming conversation.“ Am Abend des Tages, wo meine Frau zum letztenmal den Kaiser Friedrich sah, war sie mit mir beim Fürsten Bismarck zu Tisch geladen. Der Kanzler frug sie, die neben ihm saß, ob sie den Kaiser gesehen und wie sie ihn gefunden habe. Als meine Frau ihm ihren Besuch am Krankenlager erzählte, wurde sie von einem Weinkrampf befallen. Mit einem wehmütigen und dabei gütigen Ausdruck, den ich nie vergessen werde, legte Fürst Bismarck seine große Hand auf ihre kleine Hand und sagte: „Schämen Sie sich nicht Ihrer Tränen. Der arme Kaiser verdient Tränen nicht nur menschlich, auch politisch ist sein Tod ein Unglück. Es ist immer schlimm, wenn in der dynastischen Kette ein Glied fehlt.“ Herbert Bismarck dachte in dieser Beziehung anders als sein Vater. Herbert schwärmte für den Prinzen Wilhelm und sagte mir nach Tisch: „Ich verstehe, daß Sie und Ihre Frau durch das furchtbare Schicksal des Kaisers erschüttert sind, das ja auch meinem Vater nahegeht. Aber im Gegensatz zu meinem Vater halte ich sein Ausscheiden politisch für ein Glück. Bei dem Einfluß, den seine Frau auf den Kaiser hat, und bei ihrer total englischen Gesinnung würde uns eine längere Regierung des Kaisers Friedrich in Abhängigkeit von England bringen, und das wäre das größte Unglück, das uns außer- und überdies auch innerpolitisch treffen könnte.“ Als ich mich bei meinem bisherigen Chef dem Botschafter von Schweinitz verabschiedete, hatte er mir gesagt: „Es ist ein heißer Boden, auf dem Sie Die Lago in als Gesandter in Rumänien debütieren sollen.“ In der Tat verdankte ich Rumänien meine Entsendung nach Rumänien dem Umstande, daß dort nicht nur die Dynastie Hohenzollern, sondern auch das bisherige freundschaftliche Verhältnis zu Deutschland und dem Dreibund gefährdet erschien. Der langjährige Leiter der rumänischen Politik, Joan Bratianu, hatte sich durch die erbitterten und zügellosen Angriffe, die von allen Seiten gegen ihn gerichtet wurden, und die zunehmende revolutionäre Bewegung im Lande genötigt gesehen, im März zurückzutreten. In der Hauptstadt Bukarest und in anderen großen Städten war es zu schweren Tumulten gekommen. Wenige Tage vor meinem Eintreffen in Bukarest hatte ein Stadtsergeant zwei Gewehrschüsse auf ein Fenster des königlichen Palais König Carol abgegeben, an dem der Schreibtisch des Königs stand. Die Glasscheiben waren zertrümmert worden, der König blieb unverletzt. Mit der ihm eigenen Ruhe hatte König Carol sofort erklärt, daß es sich nur um die Tat eines Irrsinnigen handeln könne, die keine politische Bedeutung habe, und daß der Vorfall dementspreebend behandelt werden solle. König Carol war einer der besten Menschen und weisesten Regenten, denen ich begegnet 620 EIN WEISER KÖNIG Antrittsaudienz bin, und ich hatte in meinem Leben mit vielen Fürsten zu tun. Als ich dem König im Frühjahr 1888 mein Beglaubigungsschreiben überreichte, sagte er mir, er komme mir mit Vertrauen entgegen. Ich bin stolz darauf, daß er mir dieses Vertrauen bis zu seinem Tode bewahrt hat. Seine Stärke lag in seiner Geduld, in seiner Zähigkeit, seiner Pflichttreue auch im Kleinen, der hohen Auffassung, die er bei schlichtem Auftreten von seinem fürstlichen Berufe hatte. Er hat sich nie um die Angriffe, Verdächtigungen und Schmähungen gekümmert, mit denen er namentlich in der ersten Hälfte seiner Regierungszeit in seinem Lande überschüttet wurde. Er behandelte alle rumänischen Politiker gleichmäßig, ohne Sympathie noch Antipathie, nur nach ihrer politischen Nützlichkeit. Er akzeptierte als Minister selbst solche Politiker, die ihn persönlich bekämpft und beleidigt hatten. Aber er ließ ohne Bedenken auch Bratianu fallen, dem er seine Krone verdankte, als dies ihm politisch ratsam erschien. Er regierte streng parlamentarisch, und doch übte er den größten Einfluß nicht nur auf den Gang der auswärtigen Geschäfte, sondern auch auf die innere Politik seines Landes aus. Schon bei meiner Antrittsaudienz gab er mir mit der ihm eigenen Objektivität ein Bild der auswärtigen Lage. Mit Deutschland in guten, ja intimen Beziehungen zu stehen, sei für Rumänien nicht schwierig. Wohl bestünden in Rumänien, das stolz darauf sei, im Gegensatz zu seinen slawischen Nachbarn eine lateinische Nation zu sein, lebhafte Sympathien für Frankreich. Die meisten Rumänen der höheren Stände hätten eine französische Erziehung erhalten. Daß aber die Franzosen ihre Begeisterung für Rußland so leidenschaftlich und lärmend zur Schau trügen, wirke abkühlend auf die Rumänen. Man habe in Rumänien noch nicht vergessen, daß ihm Rußland zum Dank für die ihm im Russisch-Türkischen Kriege in schwerer Stunde geleistete Unterstützung das fruchtbare, von Rumänen bewohnte Bessarabien geraubt habe. „Das Verhältnis zu Rußland“, führte der König aus, „ist ein schwieriges Problem unserer auswärtigen Politik. Wir wollen Rußland nicht reizen. Wir wollen sogar alles tun, was möglich ist, um einem Kriege mit Rußland auszuweichen. Aber wir brauchen gegenüber der uns von dem mächtigen Rußland drohenden Gefahr die Anlehnung an die Zentralmächte.“ Im Sinne dieser unserer ersten Unterredung habe ich während meines fast sechsjährigen Aufenthaltes in Rumänien manches ähnliche Gespräch mit dem weisen König gehabt. Er wiederholte immer, daß das Zusammengehen Rumäniens mit dem Dreibund nur so lange möglich sei, wie die Leitung des Dreibundes zweifellos und offensichtlich in deutschen Händen liege. Deutschland und Rumänien hätten keinerlei widerstrebende Interessen. Es gebe kaum zwei Länder, zwischen denen eine aufrichtige Freundschaft natürlicher und gegebener wäre. Ganz anders stünde es mit Österreich- MOLDAU UND WALLACHEI 621 Ungarn. Die Art und Weise, wie Millionen von Rumänen im Reiche der Stefanskrone unterdrückt und hier und da mißhandelt würden, müsse in Rumänien böses Blut machen. Wenn es weder ein Russisches noch ein Deutsches Reich gäbe, würde ein Zusammenstoß zwischen Rumänen und Magyaren ziemlich unvermeidlich sein. Da aber die Rumänien von Rußland drohenden Gefahren ernsthafter seien als die Unbequemlichkeiten mit der habsburgischen Monarchie, als der Ärger und der Schmerz über die schlechte Behandlung der ungarländischen Rumänen, suche Rumänien Schutz und Sicherheit bei der Tripel-Allianz. Voraussetzung aber sei und bleibe, daß Deutschland die habsburgische Monarchie führe, nicht umgekehrt. Es sollte viele Jahre später der große Schmerz des Königs Carol werden, daß am Ende seiner Regierung und am Abend seines Lebens die Ungeschicklichkeit, mit der sich die Berliner Politik von der Wiener in den Weltkrieg verstricken ließ, es ihm immöglich machte, wie er das fast ein halbes Jahrhundert gehofFt hatte, sein Land im Kriege an die Seite der Mittelmächte zu führen. Nach dem Rücktritt von Bratianu hatte König Carol im März 1888 die Jung-Konservativen, die sogenannten Junimisten, an die Regierung be- Die rufen. Sie waren zweifellos die politisch und moralisch am höchsten Junimisten stehenden Politiker Rumäniens. Aber ihre guten Eigenschaften, ihre Bildung, ihr vornehmes Auftreten, ihre moralische Unantastbarkeit erschwerten ihnen den politischen Kampf in einem Lande, das sich vor nicht allzu langer Zeit von türkischer Herrschaft befreit hatte und noch auf keiner sehr hohen Kulturstufe stand. Mein französischer Kollege, Monsieur Coutouly, der, wie viele seiner Landsleute, gern witzige Anekdoten zum besten gab, erzählte mit Vorliebe die nachfolgende, oft variierte Anekdote, die er in die Zeit des Fürsten Alexander Cusa verlegte, der 1859 die Moldau mit der Wallachei vereinigt hatte und 1861 der erste Fürst von Rumänien wurde: Ein neuer französischer Gesandter trifft in Bukarest ein. Er wird vom Minister des Äußern noch am selben Tage zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Während der Soiree, die brillant und animiert war, bemerkt er, daß ihm seine Uhr mit der Uhrkette abhaudengekommen ist. Der Verlust ist ihm schmerzlich, denn Uhr und Kette waren sehr schön. Da entdeckt er seine prächtige Kette über der Weste eines Herrn, der ihm kurz vorher als der tapfere General X. genannt worden ist, der Kriegsminister des Fürstentums. Nach einigem Zögern entschließt er sich, dem Hausherrn, dem Minister des Äußern, seine Wahrnehmung mitzuteilen. Sehr ruhig meint dieser: „Laissez moi faire, j’arrangerai cette petite affaire.“ Nach nicht allzu langer Zeit kehrt der Minister des Äußern mit der Uhr zurück. Der Bestohlene dankt ihm sehr herzlich, fragt aber doch, ob der Rückgabe der Uhr nicht eine peinliche Auseinandersetzung vorangegangen wäre. ,,Oh 622 „TEGER“ non“, entgegnet der treffliche Mann, „mon collegue ne s’en est pas aper$u.“ So arg wie unter Cusa ging es unter dem edlen König Carol nicht mehr zu. Aber manche rumänische Politiker huldigten noch der Moral der alten Zeit. Der Führer der Junimisten, Peter Carp, ein Ehrenmann durch und Peter Carp durch, hatte eine ganz deutsche Bildung. Er hatte in Deutschland studiert und war Bonner Borusse gewesen. Er war eine vornehme Natur, grundzuverlässig, mutig und aufrichtig. Er war aber dem König Carol nicht unbedingt sympathisch, weil er dem namentlich in der inneren Politik gern vorsichtig lavierenden Monarchen bisweilen allzu stürmisch war. Carp hatte einen Todfeind. Das war sein Schwager Demeter Sturdza. Sturdza war gerade so deutschfreundlich wie Carp, aber der intimste Freund von Bratianu, den Carp immer heftig bekämpft hatte. Hinc illae irae. Eine glückliche Fügung des Schicksals hat es schließlich dahin geführt, daß der treffliche Sohn von Sturdza, der seine militärische Ausbildung in Berlin bei einem Garde-Regiment erhalten hatte, die liebenswürdige Tochter von Carp heiratete. Die Väter aber grollten sich wenigstens politisch nach wie vor. Eine tiefe und weite Kluft trennte Peter Carp und Demeter Sturdza, Take die feindlichen Schwäger, die gleich gute Patrioten und ehrenwerte Männer Jonescu waren, von Take Jonescu. Im Gegensatz zu Sturdza und Carp, die beide alten Bojarengeschlechtern entstammten, war Jonescu aus den kleinsten Verhältnissen hervorgegangen, hatte sich aber mit der großen natürlichen Begabung des Rumänen eine, wenn auch oberflächliche, so doch brillante Bildung im französischen Sinne angeeignet. Er sprach Französisch wie seine Muttersprache, er hatte eine englische Gouvernante geheiratet und sprach auch Englisch. Er war kein geistvoller, noch weniger ein tiefer Redner, aber wie die von Alphonse Daudet meisterhaft geschilderten französischen Demagogen war er nie um eine Phrase, eine sophistische Ausflucht, eine Lüge verlegen. Er war käuflich. Als Bismarck einmal Gerson Bleichröder fragte, ob ein vielgenannter Journalist integer sei, antwortete der alte Bankier, der ein kluger Mann war, dem aber die in Deutschland sehr verbreitete, bisweilen überschätzte Schulbildung abging: „Integer? 0 nein! Teger, teger! Im höchsten Grade.“ Take Jonescu war „teger“ im Bleichröderschen Sinne. Er hat viel dazu beigetragen, daß sich Rumänien im Weltkrieg der Entente anschloß. Einer meiner ersten Besuche in Bukarest galt Bratianu. Ich habe immer Bei den Grundsatz gehabt, gestürzte Minister zu frequentieren, denn von ihnen Bratianu erfährt man am meisten. Von Bratianu sind mir zwei Äußerungen im Gedächtnis geblieben. Er frug mich nach unserer ersten Unterredung, ob ich von russischer oder französischer Herkunft sei. Als ich das kategorisch verneinte und ihm sagte, daß ich rein deutscher Abstammung sei, meinte OCTAVIO PICCOLOMINI 623 er: „Merkwürdig! Sie haben eine Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit, denen man bei Deutschen selten begegnet.“ Als Endergebnis seiner Erfahrung in innerpolitischen Kämpfen sagte er mir: „Jede neue Regierung ist wie ein Mann, der, ohne schwimmen zu können, ins Wasser geht. Solange das Wasser ihm nur bis an die Knie reicht, muß man ihn in Ruhe lassen. Steigt ihm das Wasser bis an den Bauch, so behalten Sie ihn scharf im Auge. Geht ihm das Wasser bis an die Kehle, so springen Sie ihm auf die Schulter und ersäufen ihn.“ Nach solchen Gesichtspunkten wurde in Rumänien der innerpolitische Kampf geführt. Ein anderer rumänischer Parteiführer gab mir eine Lehre, die ich nie vergaß. Er hieß Vernescu. Er hatte mir, während er in der Opposition war, viele und anscheinend aufrichtige Versprechungen für den Augenblick gemacht, wo er ans Ruder kommen würde. Als er nun Minister wurde und keine seiner Versprechungen einlöste, erinnerte ich ihn in diskreter Weise an seine Zusagen. Er antwortete mir: „Vous ne sauriez croire, mon eher Monsieur, ä quel point le gouverne- ment change les idees d’un hommc.“ Mein Vorgänger in Rumänien war der Gesandte Dr. Klemens Busch. Ein tüchtiger Philologe, war er Dragoman unserer Botschaft in Kon- Dr. Klemens stantinopel geworden, wo er sich nicht nur mit Studien über Homer Busch befaßte, sondern auch diplomatisch gute Dienste leistete. Mein Vater, der gebildete Leute liebte, berief ihn in das Auswärtige Amt, wo er zum Unterstaatssekretär aufstieg und sich als solcher bewährte. Auf seinen Wunsch erhielt er dann nach einigen Jahren einen Gesandtenposten. Als ich Busch nach meinem Eintreffen in Bukarest aufsuchte, erzählte er mir eine merkwürdige Äußerung des Fürsten Bismarck. Als Busch sich vor seiner Abreise nach Bukarest bei Seiner Durchlaucht abmeldete, hatte ihn der Fürst gefragt, warum er aus dem Auswärtigen Amt fortgedrängt habe. „Sie haben sich wohl mit dem neuen Staatssekretär, meinem Sohn Herbert, nicht vertragen können? Ja, ja, mein Sohn ist mit noch nicht vierzig Jahren selbstbewußter und eigensinniger, als ich es nach einigen, selbst von meinen Gegnern nicht ganz zu bestreitenden Erfolgen geworden bin.“ Busch hatte erwidert, daß seine Beziehungen zum Grafen Herbert immer gut gewesen seien. Er habe aber mit dem Geheimrat von Holstein nicht auskommen können. Sehr ernst erwiderte der große Fürst: „Ja, dann kann ich Ihnen nicht helfen. Ich muß einen haben, auf den ich mich ganz verlassen kann, das ist Holstein.“ Dazu bemerkte Busch, als er mir diese Äußerung erzählte: „Möge sich der große Bismarck nicht in Holstein irren, wie sich der große Wallenstein in Octavio Piccolomini irrte.“ Und der sehr gebildete Dr. Busch zitierte aus Schillers Trauerspiel „Wallensteins Tod“ den berühmten Monolog, in dem der Friedländer zuerst von den Augenblicken spricht, w r o man dem Weltgeist näher sei als sonst, und zum Schluß Octavio Piccolomini 624 WILHELM II. REGIERT als seinen guten Engel preist. Busch kam von Bukarest nach Stockholm, ein Wechsel, den er gewünscht hatte, da seine Familie das rumänische Klima nicht vertrug. Während der zweiten Audienz, die ich bei König Carol am 15. Juni Tod des hatte, erhielt dieser ein Telegramm, das er in meiner Gegenwart öffnete. Kaisers Es war die Nachricht vom Tode des Kaisers Friedrich. Tief bewegt Friedrich unc j m j t Tränen in den Augen reichte mir der König das Telegramm. „Ich verliere einen geliebten Vetter“, sagte er zu mir, „und Deutschland einen der besten, edelsten Fürsten, die es je gegeben hat.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Unser nunmehriger Kaiser hat viele glänzende Eigenschaften. Er ist sehr begabt. Er ist, was man einen Blender nennt, oder, wenn Sie das lieber hören, ein Charmeur. Aber er hat auch bedenkliche Eigenschaften. Jedenfalls bedarf er kluger und geschickter Ratgeber, diese wollen wir ihm wünschen. Vor allem soll er den Fürsten Bismarck behalten. Man spricht davon, daß er ihn durch Waldersee ersetzen möchte. Alfred Waldersee ist ein alter Regimentskamerad und Jugendfreund von mir. Fürst Bismarck ist oft hart, bisweilen rücksichtslos mit mir umgesprungen. Aber als guter Preuße und guter Deutscher, der ich gehlieben bin, hoffe ich zu Gott, daß der neue König und Kaiser sich nicht von dem großen Berater seines Großvaters trennen wird.“ Die mir in Bukarest gestellte Aufgabe war, die fünf Jahre früher Geheim- zwischen den Zentralmächten und Rumänien getroffenen, sehr un- vertrag mit bestimmten, kaum als Allianz zu bezeichnenden Abmachungen in ein Rumänien förmliches Bündnis zu verwandeln. Ich war von vornherein der Ansicht, daß ein Bündnis zwischen Rumänien und den Dreibundmächten ein öffentliches sein müsse, stieß aber in dieser Beziehung bei König Carol auf hartnäckigen Widerstand. Er meinte, daß eine offene Allianz nicht nur die russischen und französischen Umtriebe in Rumänien bis zur Unerträglichkeit steigern, sondern auch im Lande selbst bei den für Frankreich schwärmenden oder von Rußland bestochenen Politikern allzu heftigen Widerstand hervorrufen würde. Aus Berlin wurde ich brieflich angewiesen, nicht auf der Öffentlichkeit des Vertrages zu bestehen, da es vor allem darauf ankomme, überhaupt etwas zustande zu bringen. So wurde denn ein Vertrag zwischen Österreich-Ungarn und Rumänien geschlossen, dem Deutschland und Italien beitraten und in dem die habsburgische Monarchie und das Königreich Rumänien sich versprachen, daß jeder von beiden Paziszenten dem andern beistehen würde, wenn dieser von Rußland angegriffen werden sollte. In sehr geschickter W r eise hat der König nach und nach alle maßgebenden Politiker des Landes, Car}) und Bratianu, Rosetti, Marghiloman, Florescu, Katargi, Majorescu, Stirbey, die Liberalen, die Konservativen und die Junimisten in den Vertrag eingeweiht und sie KOLLEGEN IN BUKAREST 625 auf ihn verpflichtet. Nachdem das erreicht war, hatte ich die Aufgabe, zwischen uns und Rumänien einen Handelsvertrag zustande zu bringen. Dabei hatte ich auch gegen die Intrigen der Österreicher zu kämpfen, die es nicht gern sahen, daß wir in den von ihnen bisher beherrschten rumänischen Markt eindrangen. Ein vortrefflicher Mitarbeiter war mir bei den Verhandlungen, die zum Abschluß des Handelsvertrages führten, der damalige Legationssekretär Mumm, der spätere Gesandte in Peking und Botschafter in Tokio. Mein schon erwähnter französischer Kollege Monsieur Coutouly pflegte zu sagen: „Bucarest est le tremplin des ambassadeurs.“ (Das Sprungbrett Sir Frank für Botschafter.) In der Tat sind mein englischer Kollege Lascelles, der Lascelles italienische Gesandte Curtopassi und meine Wenigkeit von Bukarest aus Botschafter geworden, der österreichische Gesandte Graf Goluchowski sogar Minister des Äußern. Lascelles ist mir für mein ganzes Leben ein treuer Freund geblieben. Als ich Staatssekretär des Äußern wurde, traf ich ihn als englischen Botschafter in Berlin wieder. In Bukarest bin ich oft mit seiner Tochter Florence, die damals ein Kind war, auf der „Chaussee“, der Avenue du Bois de Boulogne der rumänischen Hauptstadt, spazierengegangen. Als das gute Kind später den klugen englischen Diplomaten Springrice heiratete, brachte ich bei dem Hochzeitsessen den Trinkspruch auf die Neuvermählten aus. Meine Beziehungen zu Goluchowski waren ebenso freundschaftlich. Graf Agenor Goluchowski war damals ein über- Graf Agenor zeugter und sehr eifriger Anhänger des Dreibunds und namentlich der Goluchowski Anlehnung an Deutschland, denn er sah noch in Rußland den Hauptfeind der Polen. Später ist bei ihm der Pole unverhüllt herausgekommen. Als Bethmann Hollweg in einer Stunde der Verblendung Polen wiederhergestellt hatte, erinnerte sich, wie alle Polen, auch Graf Goluchowski daran, daß es schöne und fruchtbare deutsche Provinzen gebe, die einst zu Polen gehört hatten, fuhr nach Warschau und beriet dort seine Landsleute in deutschfeindlichem Sinne. „Rußland ist erledigt“, so predigte er ihnen, „wir haben nur noch einen einzigen Gegner, und das ist Deutschland.“ Der russische Gesandte in Bukarest, Hitrowo, gehörte zu jenen russischen Balkandiplomaten, die im Orient mit denselben terroristischen Hitrowo Mitteln operierten wie die Nihilisten in Rußland. Er organisierte von Bukarest aus Komplotte und Attentate in Bulgarien und suchte auch in Rumänien selbst Unruhe zu stiften. Seine Frau, eine liebenswürdige und fein gebildete Dame, war die Nichte des Dichters Alexej Konstantinowitsch Tolstoi, der außer dem nicht üblen Roman „Fürst Serebrjanyj“ eine in Rußland sehr bewunderte und in der Tat von starkem innerem Leben erfüllte dramatische Trilogie: „Iwan der Schreckliche“, „Zar Fedor“ und „Zar Boris“, verfaßt hat. 40 Biilow IV XLV. KAPITEL Ferien in Nieuport Eindrücke in Berlin Nieuport im Hochsommer 1889 ■ Franz Arenberg • Erste Anzeichen des kommenden Sturzes von Bismarck • In Berlin • Unterredung mit dem Chef der Reichskanzlei, Rottenburg • Diner bei Graf Wilhelm Pourtales, Herbert Bismarck und Hugo Lerchenfeld • Rückkehr nach Bukarest • König Carol über Bismarck • Mein Brief an Phili Eulenburg vom 2. III. 1890 • Entlassung Bismarcks (20. III. 1890) • Nickierneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland • Russisch-französischer Allianz-Vertrag Die deutsche öffentliche Meinung nach Bismarcks Rücktritt I m Hochsommer 1889 verbrachte ich mit meiner Frau einige Wochen in dem belgischen Nordseebad Nieuport. Als ich dort badete und angelte, dachte ich nicht, daß diese friedliche Landschaft einmal der Schauplatz der erbittertsten Kämpfe sein und daß auf diesen fruchtbaren Feldern, am Ufer der Yser, das Ver sacrum unseres deutschen Volkes, unsere studentische Jugend, mit dem Gesang des Deutschlandliedes auf den Lippen in den Tod gehen sollte. Während unseres Aufenthaltes in Nieuport besuchte uns mein lieber alter Freund Franz Arenberg, der den Sommer bei seinen Eltern in Marchc-les-Dames bei Namur verlebte. Er sprach mir die Überzeugung aus, daß Wilhelm II. sich über kurz oder lang von Bismarck trennen würde. Waldersee, der maßgebenden Einfluß auf unsern jungen Kaiser ausübe, wolle selbst Reichskanzler werden, um, wrie der General sich ausdrücke, nach außen und im Innern endlich wieder eine „forsche“ Politik zu machen. Bismarck unterschätze die ihm drohende Gefahr. Da ich wußte, daß Herbert Bismarck in Ostende w'eilte, nicht weit von Nieuport, schrieb ich ihm und bat ihn um eine Begegnung, da ich ihm Interessantes, vielleicht Wichtiges mitzuteilen hätte. Er antwortete mir, wie immer, im freundschaftlichsten Tone, daß er mich an und für sich gern sehen würde, aber im Augenblick keine Zeit habe. Im Herbst kam ich für vier bis fünf Tage nach Berlin. Ich hatte dort politisch ungünstige Eindrücke. Auf einem Diner mit jüngeren Diplomaten wurde ganz offen vom baldigen Rücktritt des Fürsten Bismarck gesprochen. Der damalige Legationsrat Graf Monts, den ich seit Jahren als Opportunisten kannte, plädierte für Waldersee, da er mehr „Schneid“ habe als Bismarck und auch „schlauer“ sei. Einen Tag später ging ich mit DIE GEGNER BISMARCKS 627 Holstein im Tiergarten spazieren. Ich fand ihn präokkupiert. Er kritisierte mit Schärfe die russophile Politik des „Chefs“. Er erzählte mir daß er sich mit Rantzau total brouilliert habe und infolgedessen auch die Gräfin Marie Rantzau und deren Mutter, die Fürstin Johanna Bismarck, nicht mehr besuche. Das schien mir nichts Gutes zu bedeuten, denn ich erinnerte mich daran, wie die Feindschaft zwischen Holstein und seinem damaligen Chef, dem Grafen Harry Arnim, in Paris damit begonnen hatte, daß Holstein nicht mehr zu den Empfängen der Gräfin Arnim erschien. Ich begleitete Holstein zu Fuß bis zum Auswärtigen Amt. Während sich dessen Tor vor uns öffnete, frug Holstein blitzschnell, wie es seine Art war, verfängliche Fragen zu stellen: „Ihr Bruder Adolf, der Adjutant und Freund unseres jungen Kaisers, ist doch für Bismarck?“ Ich erwiderte sofort und ganz unbefangen: „Gewiß! Er ist dem Fürsten sehr ergeben und würde dessen Ausscheiden als ein schweres Unglück ansehen.“ Das Gesicht von Holstein nahm einen enttäuschten, einen fast diabolischen Ausdruck an. Ohne mir zu antworten, wandte er sich der Treppe zu, die zwischen den beiden Sphinxen zum ersten Stock des Auswärtigen Amtes führt. Ich fühlte, daß Holstein sich innerlich vom Fürsten Bismarck abwandte. Am folgenden Tage aß ich bei Herbert, der auch Kiderlen eingeladen hatte. Sobald Herbert mit mir sprach, näherte sich Kiderlen uns mit argwöhnischem Gesicht. Ich ahnte, daß auch Kiderlen, seit jeher ein Knappe von Holstein, zu denen gehörte, die den Sturz des Fürsten wünschten und auf ihn hinarbeiteten. Auch Kiderlen erfreute sich des Vertrauens des Fürsten und stand Herbert persönlich nahe, dem er, als sie zusammen an der Petersburger Botschaft arbeiteten, durch seinen Verstand und noch mehr durch seine Trinkfestigkeit gefallen hatte. Also zwei Verräter im eigenen Hause, in das von außen Waldersee und sein Anhang, ehrgeizige Streber, ehrliche, aber bornierte Ultrakonservative und Pietisten einzudringen suchten. Einige Tage später war ich mit Herbert Gast des Grafen Wilhelm Pourtal&s, des Vaters des späteren Botschafters in St. Petersburg. Er war ein Lebemann, aber ein Mann von Takt, ein guter Beobachter und feiner Verstand. Auch er schien mir nicht mehr mit einer längeren Amtsdauer des großen Fürsten zu rechnen. Unter den Ein geladenen befand sich außer Herbert Bismarck und mir der bayrische Gesandte, Graf Hugo Lerchenfeld. Bei Tisch kam das Gespräch auf Holstein, dessen Eigenart und Eigenheiten. Lerchenfeld erlaubte sich einige ironische Bemerkungen über Holstein. Herbert wies Lerchenfeld mit einer Heftigkeit zurecht, die mich erstaunte, denn beide waren Korpsbrüder und intime Freunde. „Holstein ist treu wie Gold!“ brüllte der von dem guten Burgunder des Grafen Pourtales erhitzte Herbert. „Wer etwas gegen Holstein sagt, bekommt es mit mir zu tun.“ 40 * Kiderlen- Wächter 628 DER PILOT DES REICHSSCHIFFS Bevor ich Berlin verließ, hatte ich noch eine lange Unterredung mit Bei Geheimrat dem Geheimen Oberregierungsrat Rottenburg, dem Chef der Reichs- v. Rottenburg kanzlei. Ich teilte ihm meine Berliner Eindrücke mit, offen, eingehend und sehr ernst. Er erwiderte mir: „Auch ich halte die Situation für brenzlig. Von allen Seiten wird gegen den Fürsten intrigiert und gehetzt. Ich glaube auch nicht an die Zuverlässigkeit des Kaisers. Ich halte den Kaiser für sehr unreif und habe auch kein Vertrauen zu seinem Charakter. Aber der Fürst fühlt sich ganz sicher. Als ich vor etwa zehn Tagen von einem kurzen Besuch in Berlin nach Friedrichsruh zurückkehrte, wollte ich ihm nicht gleich am ersten Abend mit meinen schlechten Berliner Eindrücken kommen. Am nächsten Morgen aber legte ich los und sagte Seiner Durchlaucht alles, was ich auf dem Herzen hatte. Der Fürst lachte und sagte zu mir: ,Franz, Sie haben wohl gestern zu viel von der schweren Wildsuppe gegessen, daher diese bösen Träume! 4 Der Fürst nennt mich, wenn er guter Laune ist, bei meinem Vornamen, und die Wildsuppe war in der Tat sehr schwer.“ Während Bismarck seinem nächsten Mitarbeiter diese Antwort erteilte, hatte er aus seinem Schreibtisch ein kurz vorher von Seiner Majestät erhaltenes Telegramm hervorgeholt, in dem es hieß: „Bei meinem Morgen- und bei meinem Abendgebet gedenke ich Eurer Durchlaucht mit der heißen Bitte, daß der Allmächtige Sie, mein lieber Fürst, mir noch lange erhalten möge als meinen Lehrer und Führer und als den Piloten des Reichsschiffes.“ Ich fühlte, daß Rottenburg sich durch diesen etwas überschwenglichen kaiserlichen Sympathiebeweis nicht blenden ließ, und kehrte nicht ohne schwere Sorgen nach Bukarest zurück. Meine Befürchtungen sollten nur zu bald bestätigt werden. König Carol hatte mir im zweiten Jahr meiner Tätigkeit in Bukarest König Carol gesagt, daß es ihn freuen würde, mich häufiger zu sprechen. Er wolle mich über Kaiser a be r nicht zu oft in förmlicher Audienz empfangen, da dies unnötiges und und Kanzler überdies schädliches Aufsehen erregen würde. Wir könnten uns im Sommer, wo der Hof in Sinaja residiere, auf den schattigen Wegen der dortigen schönen Wälder und im Winter in Bukarest im Garten Cismegiu treffen und unauffällig unterhalten. Es war Mitte Februar 1890, daß mir der König in Cismegiu mit besorgter Miene sagte, die Nachrichten aus Berlin seien ernst. Nicht sein dortiger Gesandter, aber einer seiner Verwandten schreibe ihm, daß das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler sich zusehends verschlechtere. Die Differenzen zwischen beiden drehten sich namentlich um Arbeiterfragen. Unter dem Einfluß seines Erziehers Hinzpeter und „einiger anderer Dilettanten“ wolle der Kaiser auf diesem Gebiet weiter gehen, als es der Kanzler für ratsam halte. Darauf sei es zurückzuführen, daß Bismarck das seit einiger Zeit von ihm selbst geleitete Ministerium für Handel und Gewerbe an den bisherigen Oberpräsidenten STURMZEICHEN 629 der Rheinprovinz, Herrn von Berlepsch, abgegeben habe, der sich des Vertrauens Seiner Majestät erfreue und in der Arbeiterschutzfrage vorgeschrittenen Ansichten huldige. Das Bedenkliche sei, meinte König Carol, daß es sich bei dem Gegensatz zwischen Kaiser und Kanzler weniger um technische Einzelheiten und nicht nur um die einzuschlagende Richtung der Sozialpolitik handle, sondern um die staatsrechtliche Stellung des Kanzlers, um das Verhältnis zwischen Kanzler und Krone und die Beziehungen zwischen dem Ministerpräsidenten und seinen Kollegen. Beiläufig erwähnte König Carol, daß außer Berlepsch, und fast noch mehr als dieser, der Staatssekretär des Innern, von Bötticher, sich in der Gunst des Kaisers festgesetzt habe. Als nicht lange nachher Herr von Bötticher den hohen Orden vom Schwarzen Adler erhielt, meinte der König: „Ein Sturmzeichen! Seit Bötticher lieb Kind bei Seiner Majestät geworden ist, traut ihm Bismarck nicht mehr. Eine so ungewöhnliche Auszeichnung für Bötticher ohne vorherige Anfrage bei Bismarck wird der letztere als eine Taktlosigkeit, und mehr als das, als eine bewußte Unfreundlichkeit, empfinden.“ Die vom „Reichsanzeiger“ im Februar veröffentlichten kaiserlichen Sozialerlasse bestärkten den König von Rumänien in seinen Sorgen. „Die Erlasse werden wohl von Berlepsch oder von Hinzpeter oder von Bötticher oder von allen dreien zusammen redigiert worden sein. Sie sind von Bismarck nicht kontrasigniert worden. Die darin zum Ausdruck gebrachten Gedanken und Absichten sind sehr schön, aber bei ihrer Ausführung dürften sich erhebliche praktische Schwierigkeiten ergeben.“ Der König zitierte das Wort, das zum jungen Max Piccolomini der alte Wallenstein spricht: „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ Bald darauf, es war am 2. März 1890, erhielt ich einen Brief von Phili Eulenburg, in dem er mir schrieb, daß das Verhältnis Seiner Majestät Brief Philipp des Kaisers zu Bismarck ein „unhaltbares“ geworden sei. Der Kanzler habe Eulenburgs kein Verständnis für unseren neuen Herrn. Im Interesse beider Teile erscheine eine Trennung wünschenswert, jedenfalls als das kleinere Übel. Voraussichtlich würde Herbert mit seinem Vater ausscheiden. Ich sei der beste Nachfolger für Herbert, und der Kaiser rechne auf mich. Philis Brief war kurz, sehr eilig und ziemlich fahrig. Da der Feldjäger, der ihn mir brachte, wenige Stunden nach seinem Eintreffen seine Fahrt fortsetzen mußte, war ich genötigt, meine Antwort, nachdem ich mir einige Stich- worte notiert hatte, sogleich ins reine zu schreiben, ohne vorheriges Konzept, au courant de la plume. Ich besitze aber noch eine Niederschrift meines Briefes, die ich nicht lange nach seiner Absendung an der Hand meiner Notizen diktiert habe und die den S inn meiner Darlegungen in allem Wesentlichen und jedenfalls ihrem Geiste nach getreu wiedergibt. In 630 DER LORD VON EDENHALL den von Professor Haller herausgegebenen Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülows Eulenburg ist dieser Brief nicht abgedruckt worden. Ich begann ihn mit Antwort dem Ausdruck der Genugtuung darüber, daß nach den in Bukarest eingegangenen Zeitungsmeldungen die Phase, aus der heraus Eulenburg mir geschrieben habe, ihren vorläufigen Abschluß durch eine lange und befriedigende Unterredung zwischen Seiner Majestät und dem Reichskanzler gefunden habe, die unter gegenseitigen Konzessionen zu einem Vergleich geführt habe. Die tiefergehenden Gründe, aus denen die allmählich in die Öffentlichkeit getretenen Divergenzen zwischen dem jungen Kaiser und dem großen Kanzler hervorgingen, würden freilich wohl leider als chronisches Übel andauern und könnten von Zeit zu Zeit immer wieder einen akuten Charakter annehmen. Ich fuhr fort: „Soweit ich mir aus der Ferne ein Urteil über unsere sehr ernste innerpolitische Lage bilden kann, stelle ich den Satz an die Spitze, daß trotz aller Schwierigkeiten alles geschehen sollte, um den Kanzler und Herbert zu halten. Es würde auf die hoffentlich noch sehr lange Regierung unseres Allergnädigsten Herrn einen tiefen Schatten werfen, wenn an ihrem Beginn der große Kanzler, der langjährige Diener Kaiser Wilhelms I., zurückträte. Gerade weil nach dem Laufe der Natur dem fünfundsiebzigjährigen Kanzler kaum noch ein langes Leben beschieden sein kann, ist es doppelt wünschenswert, daß dieses große Leben ohne Krach mit der Krone abschließt. Es liegt in der Individualität Seiner Durchlaucht, daß er seinen Abgang eventuell schwerlich im guten bewerkstelligen wird. Einen Abschiedsbrief ä la Moltke wird er nicht schreiben. Wenn ich auch nicht glaube, daß er durch seinen Fortgang absichtlich Unruhe und Schwierigkeiten würde hervor- rufen wollen, so wird er sich den Zeitpunkt und die Umstände des Rücktritts doch genau überlegen. Er 'würde dafür sorgen, daß er das hätte, was die Franzosen ,une belle sortie 4 nennen. Ein solcher Abgang von der Szene würde viele gute und brave Leute in Deutschland mit Schmerz und Sorge erfüllen. Der verabschiedete Reichskanzler würde ihnen als eine Art von Beiisar erscheinen, der, ein Opfer der Fürstenlaune, wenn auch nicht am Wege betteln, so doch in Varzin sich in einsamer Untätigkeit verzehren müßte. Die Schlechtgesinnten würden unsern Kaiser im Lichte des jungen Lord von Edenhall hinstellen, der das Schicksal versuchen will, trotz der Warnung, die der greise Schenk erhebt, des Hauses ältester Vasall. Auch würde der Reichskanzler, wenn er nicht sehr alt und matt geworden sein sollte, wovon ich nichts merke, cum animo revertendi fortgehen. Das würde jedes Regieren ohne Bismarck zu einem Regieren gegen Bismarck machen! Das würde im höchsten Grade paralysierend und verwirrend auf alle Regierungsorgane einwirken. Es würde auch die eigene Stimmung und Haltung Seiner Durchlaucht sehr ungünstig beeinflussen. Seine Rückkehr nach BISMARCK UND DIE MACHT 631 einem irgendwie ,pikierten 1 Abgänge infolge innerer oder äußerer Schwierigkeiten hätte dann den Charakter einer Kapitulation des Königtums vor einem Untertan, und davor sollte die preußische Krone bewahrt bleiben. Ein Reichskanzler darf nicht, wie der Friedländer nach der Schlacht von Breitenfeld, in einem Augenblick der Not mit vollständiger Carte blanche wieder kehren. Schon um solchenMöglichkeiten vorzubeugen, die ein Novum in unserer Geschichte sein würden, sollte nichts unterlassen werden, um einen unfreiwilligen Rücktritt Seiner Durchlaucht zu verhindern. Eine andere Frage ist, ob es nicht nützlich wäre, wenn sich der einmal doch unvermeidliche Übergang von der seit achtundzwanzig Jahren bestehenden Omnipotenz des Bismarckschen Genius zu dem früheren System des von dem Monarchen geleiteten, einigermaßen kollegialischen Ministeriums langsam und allmählich vollzöge. Dramatischer würde es ja sein, wenn der Reichskanzler bis zu seinem letzten Tage im Vollbesitz der Macht und einziger Träger der Regierungsgewalt bliebe und so mit ungeheurer Wirkung die Erde verließe. Für unser Haus aber ist es besser, daß der Haupttragepfeiler nicht plötzlich bricht und das Haus im Fall mit sich reißt, sondern daß vorher rechtzeitig andere Säulen angebracht werden, die einen Teil der Last auf sich nehmen und den Effekt des Verschwindens des großen Pfeilers verringern. Den Reichskanzler nach und nach zu entlasten, die Nation nach und nach daran zu gewöhnen, daß wir über kurz oder lang, wir mögen wollen oder nicht, ohne diese phänomenale Erscheinung aus- kommen müssen, ist für uns eine Lebensfrage. Auch wenn der Reichskanzler sich durchaus nicht im Amte halten ließe, müßte alles aufgeboten werden, damit wenigstens Herbert bliebe. Es würde das in den Augen des Volkes dem eventuellen Rücktritt des Kanzlers zum Teil das Erschreckende und jedenfalls das Verletzende nehmen. Es würde für den Reichskanzler selbst ein Balsam wie eine Fessel sein und die einzig sichere Brücke bilden zwischen ihm und dem Kaiser. Nur kein gleichzeitiger Rücktritt des Reichskanzlers, Herberts und womöglich noch anderer, spezifisch Bismarckscher Minister! Herbert zu halten, wäre, wie ich meine, nicht allzu schwer. Eine tätige, eifrige, an Herrschen gewöhnte und das Herrschen liebende Natur, würde er sich außerhalb des Auswärtigen Amtes wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlen. Beide, Vater und Sohn, sind fond of power. Beim Vater mag das Alter eine philosophisch-resigniertere Auffassung hervorgerufen haben, der Sohn wird sich, wie ich ihn kenne, nur sehr ä contre cceur zurückziehen, besonders wenn ihm nicht die Wahl zwischen dem Staatssekretariat und etwa der Londoner Botschaft gelassen wird, sondern nur die Wahl zwischen dem Ministerium und Untätigkeit. Diese allgemeinen Wahrheiten im Einzelfalle anzuwenden, ist freilich schwierig, auch wo so viel Geschicklichkeit, Geduld und Selbstverleugnung Entlastung des Kanzlers? 632 HAGEN VON TRONJE Herbert Bismarck vorhanden ist, wie sie unser Allerhöchster Herr bisher zeigt. Möge ihn der Gedanke stärken, daß die Bewährung dieser Tugenden gerade gegenüber dem Fürsten Bismarck sich später sicherlich als ein Glück und ein Segen für den ganzen Lauf seiner Regierung heraussteilen wird! Der Reichskanzler ist nicht nur für persönliche und selbst rein formale Liebenswürdigkeiten empfänglich, sondern auch für den Appell an sein dynastisches Gefühl. Er empfindet im innersten Kern als märkischer Vasall, und der König ist ihm nicht ein abstrakter Vernunftsbegriff, sondern der Lehnsherr, den der echte Germane mit besonderem Maßstabe mißt. Hagen von Tronje war nicht sentimental, seine Herren vom Burgunderland aber waren ihm doch ganz eigen ans Herz gewachsen. Herbert ist sehr verschieden, je nach seiner von seinen Nerven sehr abhängigen momentanen Disposition. Für Aufmerksamkeiten ist er empfänglicher, als man annehmen sollte bei einem vom Glücke so verwöhnten Mann. Ruhige Behandlung wirkt kalmierend auf ihn. Er ist zu klug, um mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, wenn er sich davon überzeugt, daß die Wand fest und dauerhaft ist. Wer, wie wir beide, Herbert liebt, muß manche seiner Fehler beklagen. Als den größten betrachte ich seine outrierte Menschenverachtung. Schon deshalb ist er kein großer Menschenkenner. Wenn die Menschen leider selten Engel sind, so sind sie auch nicht alle Schufte. Ich bin vielen begegnet, die selbstlos gut zu mir waren, ich selbst war es auch manchmal. Der kälteste Realismus in der Politik, wo die Salus publica die Suprema lex sein soll, schließt nicht aus, daß man seine eigenen Leute freundlich behandeln und ihre edleren Instinkte entwickeln soll. Indem Herbert alle Menschen und insbesondere alle seine Untergebenen a priori für Kanaillen hält und jedem schlechte Motive unterschiebt, entmutigt und demoralisiert er gerade die Besseren. Er gelangt so zu Mißtrauen, wo er vertrauen könnte, und traut manchem Schwindler. Gern möchten wir Herbert weniger zynisch, ausgeglichener und rücksichtsvoller sehen. Wieviel Gutes könnte er damit stiften, wieviele Freunde sich machen. Aber auch mit seinen Schattenseiten ist Herbert, so lange sein Vater lebt, der beste Staatssekretär. Das sage ich nicht nur aus Gefühlsgründen. Meine persönlichen Empfindungen für Herbert schließen zwar für mich einen Gegensatz zu ihm oder eine Rivalität mit ihm völlig aus. Aber ich bin ein zu fanatischer Patriot, als daß nicht das Wohl und der Ruhm von Kaiser und Reich für mich über jedem anderen Gefühl und jeder anderen Rücksicht 6tänden. Auch vom Vernunftsstandpunkt aus, reiflich und kühl erwogen, bin ich der Meinung, daß Herbert große Vorzüge vor allen anderen Kandidaten für das Staatssekretariat hat. Er ist ein tüchtiger Arbeiter. Er hat seinem Vater viel abgesehen. Sein Name wiegt schwer. Einen Outsider zu nehmen, ist unendlich gewagt. Das diplomatische Gewerbe ist wie das Erlernen des Whist: Jeder glaubt es zu DIE ARBEITERFRAGE 633 können, wenn er beim Spiel zusiebt oder einen Robber mit etwas Glück gespielt hat. Allmählich erkennt man aber, daß viel Übung und Spezialkenntnis, ganz abgesehen von der Veranlagung, erforderlich ist. Über den Ausfall der Reichstagswahlen würde ich nur dann erschrecken, wenn man bei uns den Kopf verlöre, wovon ja Gott sei Dank keine Rede Die sozialst. Der Sieg der oppositionellen Parteien hat viele Ursachen. Daß bei uns listiscke neuerdings die Friedensschalmei gar so eifrig und intensiv geblasen wurde, ■® eM,e g un £ trug wohl auch dazu bei. Dem Deutschen fehlt noch der reizbare Nationalstolz wie der geschulte politische Nützlichkeitssinn anderer Völker. Darum überläßt er sich gar zu gern rechthaberischem Trotz und naivem Doktrinarismus, wenn ihm der Himmel ganz wolkenlos erscheint. Unsere innere und äußere Politik sollte trotz bester Friedensaussichten darauf zugeschnitten sein, daß uns das Ende des Jahrhunderts den entscheidenden Kampf für den monarchischen Nationalstaat bringen kann. Die sozialistische Bewegung kann zum Absolutismus führen, zum Parlamentarismus hat sie selten geführt. Die Geschichte lehrt, daß sich oft in Zeiten hochentwickelter Zivilisation bei den Massen sozialistisch-kommunistische Tendenzen zeigten. Gesellschaft und Staat waren aber bisher noch immer stark genug, solche Bewegungen niederzuschlagen: Rom ist mit seinen Proletariern und Sklaven, das Mittelalter mit den Bauern und Wiedertäufern, das moderne Frankreich mit den Jakobinern wie mit der Kommune fertig geworden. Die Pferde mögen schlagen und beißen, wie sie wollen, am Ende kommen sie doch wieder vor den Wagen und bekommen wieder einen Kutscher, der sie mit Zügel und Peitsche lenkt. Es muß aber dafür gesorgt werden, daß dem Wagen und seinen Insassen inzwischen nichts Ernstliches passiert. Es kommt darauf an, daß bei einer eventuellen Repression das Staatswesen im Innern wie nach außen nicht zu großen Schaden nimmt, und am besten ist es, ohne solche Repressionen die Bewegung zu überwinden. Einen anderen Weg als den bei uns eingeschlagenen gibt es nicht, nämlich einerseits großzügige reformatorische gesetzliche Maßnahmen, andererseits Unterdrückung gewaltsamer Auflehnung. Das eine schließt das andere nicht aus. Auch wenn ,geknallt* werden müßte, sollte die Sozialreform keinesfalls aufgegeben werden. Die Allerhöchsten Erlasse und Vorschläge in der Arbeiterfrage sind wohl die bedeutendste Maßnahme, die wir seit den Stein- Hardenberg-Reformen gesehen haben. Warum soll der Monarchie die Einrenkung des vierten Standes in den Staatsorganismus nicht gelingen, wo sie am Anfang des Jahrhunderts unter noch schwierigeren Verhältnissen diejenige des dritten durchführte ? Hoffentlich wird auf dem eingeschlagenen Wege verständnisvoller und sorgsamer Behandlung der Arbeiter und Fortführung der sozialen Fürsorge besonnen, vorsichtig, praktisch und vor allem stetig fortgeschritten werden. Stetigkeit ist überhaupt in der inneren 634 DIE WUNDE DER GERMANIA Der Ausgang des Kulturkampfes Die Nationalliberalen Politik in Deutschland eine große Hauptsache! Das Ruck- und Stoßweise bringt den schwerfällig angelegten Deutschen aus dem Häuschen, während Kreuzsprünge und Widersprüche ihm bei seinem ausgesprochenen Hange zu Ernst und Gründlichkeit als Frivolität erscheinen. Mit den richtigen ,Ultramontanen 4 ist freilich kein ewiger Bund zu flechten, aber gegen eine zweite Auflage des Kulturkampfes bin ich durchaus. Die erste war wohl der einzige große politische Fehler des Reichskanzlers, denn über die Einführung des allgemeinen Stimmrechts läßt sich streiten. Der Kulturkampf hat unsere evangelische Kirche während des Streits geschwächt, beim Friedensschluß gedemütigt. Er hat die katholische Kirche gekräftigt und gehoben, das Zentrum recht eigentlich großgezogen und damit unsere parlamentarischen Verhältnisse auf lange hinaus verwirrt und erschwert. Das schlimmste aber war, daß die gefährlichste Wunde am Leibe unserer hehren Mutter Germania, die Glaubensspaltung, der wir schon den Dreißigjährigen Krieg mit allem sich daran anschließenden namenlosen Elend verdanken, durch den Kulturkampf vergrößert und verschärft wurde. Es hilft natürlich nichts, zu klagen, daß wir nicht, wie Rußland und Frankreich, den großen politischen Vorzug konfessioneller Homogenität und Geschlossenheit besitzen. Wir müssen mit den vorhandenen Faktoren rechnen und gewissenhaft vermeiden, was das Übel verschlimmern könnte. Der Ausgang des jüngsten Kulturkampfes wie ähnlicher früherer Wirren, die Ergebnisse der Glaubenskämpfe im 16. und 17. Jahrhundert, die Folgen der Kirchenpolitik der Hohenstaufen und Salier reden eine deutliche Sprache. Wenn ich gegenüber der Kurie kaltblütige Ruhe und in allen deutschen interkonfessionellen Fragen große Schonung der Katholiken für die einzig richtige Taktik halte, so bin ich doch weit entfernt von Vertrauensseligkeit gegenüber dem ,Ultramontanismus 4 . Ihm gegenüber kann nach seiner ganzen Natur nur von einem Modus vivendi, nicht von ewigem Frieden die Rede sein. Speziell darf unsere auswärtige Politik gewiß nicht in den Dienst der Kurie gestellt oder auch nur von ihr beeinflußt werden. Gerade die im Dreibund verkörperte Politik kann richtig und ohne Nachteil für uns nur von Leuten geleitet und ausgeführt werden, die bis ins Mark preußisch sind und genährt mit der Milch friderizianischer Denkungsart. Wirkliche ,Ultramontane 4 würden unter der Firma des Dreibunds anderer Leute Geschäfte machen als die unsrigen. Die Nationalliberalen zu verfolgen, ist gar kein Anlaß. Wollte der Himmel, daß diese im Innern zahme, nach außen vaterländisch gesinnte Spielart bei uns zahlreicher vertreten wäre. In Süddeutschland sind überdies die Nationalliberalen vorläufig die einzigen hieb- und stichfesten Vertreter des Reichsgedankens. Es wird noch viel Wasser Main, Rhein und DAS IRREPARABLE 635 Donau hinabfließen, bis die katholischen Magnaten und die katholischen Massen am Ufer dieser Ströme innerlich gewonnen werden und jede Rückkehr zu der alten Gesinnung ausgeschlossen erscheint, die in jenen Gruppen abwechselnd partikularistisch, großdeutsch, ultramontan, auch wohl rhein- bündneriseh, aber nie hohenzollerisch war. An der Gewinnung soll mit Geschicklichkeit und auch mit Schonung und mit Langmut gearbeitet werden. Aber wir dürfen ihr nicht große Interessen und wirklich treue Anhänger opfern. So sehr es mich interessiert, über Berliner Vorgänge zu hören, so empfinde ich doch gar kein Verlangen, jetzt selbst dort zu sein. Nicht aus Faulheit oder Kleinmut denke ich so, sondern weil ich bei den bekannten Verhältnissen im Auswärtigen Amt auch bei dem besten Willen dort nicht das Allermindeste nützen könnte. Speziell die Stellung des Unterstaatssekretärs ist ungefähr die einzige, gegen die sich mein im übrigen militärfrommer Sinn lebhaft und hartnäckig sträuben würde. Mein Zukunftstraum wäre, hier zu bleiben, bis ich eine Botschaft bekommen kann. Im übrigen hat bei mir die ehrgeizige Unruhe meiner ersten Jugend längst einer Weltanschauung Platz gemacht, wo ich mich gelassen der höheren Führung anvertraue und mein Dichten und Trachten auf den Wunsch beschränke, wo man mich auch hinstellt, im Geiste meines Vaters das Bestmögliche zu tun.“ Phili antwortete nicht auf diesen Brief, ist aber in späteren Jahren mir gegenüber mündlich mehrfach auf ihn zurückgekommen. Er hat mich, wie ich mich gut erinnere, sowohl nach dem Heimgang des großen Fürsten wie nach dem Tod Herbert Bismarcks daran erinnert, daß ich ihn Anfang März 1890 dringend vor den Folgen einer unfreundlichen Entfernung des Fürsten Bismarck gewarnt hätte. Seufzend und mit dem melancholischen Gesichtsausdruck, der ihm eigen war, wenn er Reue oder Furcht empfand, äußerte er dabei: „Wer hätte denken können, daß die Beseitigung der Familie Bismarck so lange andauernde und so tiefgehende Folgen haben würde! Das haben weder Waldersee noch Bötticher noch Seine Majestät noch ich geahnt.“ Am 20. März traf in Bukarest die Nachricht ein, daß Kaiser Wilhelm II. den Fürsten Bismarck entlassen habe. Sie wurde in Rumänien anfäng- Bismarcks lieh gar nicht geglaubt, dann mit maßlosem Staunen aufgenommen. Die Sturz französisch gesinnten Kreise konnten ihre Freude kaum verbergen. Unsere Freunde ließen die Köpfe hängen. König Carol sagte mir einige Tage später: „Mein Gesandter in Berlin telegraphierte mir, daß dort die öffentliche Meinung den Rücktritt des Fürsten Bismarck mit Ruhe, beinahe mit Gleichgültigkeit, teilweise mit Befriedigung hingenommen habe. Was die Entlassung des Fürsten Bismarck durch den jungen Kaiser für Deutschland, ja für die Welt bedeutet, wird sich aber später heraussteilen.“ 636 HYBRIS Über die Verabschiedung des Fürsten Bismarck durch Wilhelm II. sind Die Vor- seitdem mehr Bücher geschrieben worden, als, um mit dem persischen geschickte Dichter Firdusi zu sprechen, ein Kamel durch die Wüste tragen könnte. Leider gilt für die meisten dieser Werke, was auch für nicht wenige politische Betrachtungen der Nachkriegszeit gilt, daß sie, ohne wirkliche Kenntnis der Vorgänge und der handelnden Personen geschrieben, um den Kern herumreden und den wirklichen Sachverhalt mehr verdunkeln als erhellen. Sie erfüllen nicht die Forderung des genialen Ferdinand Lassalle, zu sagen, was ist, was wirklich war. Ich war in jenen ereignisschweren Tagen nicht in Berlin, habe mir aber aus dem, was ich von dort hörte und was mir später einerseits Herbert und die Intimen, andererseits die Gegner des Bismarck- schen Hauses erzählten, ein genaues Bild der Vorgänge machen können. Die Trennung zwischen Kaiser und Kanzler ging vom Kaiser aus. Der Fürst wäre gern geblieben, nicht nur weil er, seit achtundzwanzig Jahren an die Macht gewöhnt, sie liebte, sondern auch aus Patriotismus, da er im Gegensatz zum Kaiser voraussah, was seine Entfernung aus dem Amt für das in erster Linie von ihm geschaffene Reich bedeutete. Es war der Kaiser, der den Bruch herbeiführte, weil er dessen Tragweite nicht ermaß, ja in den ersten Jahren nach dem Bruch überhaupt nicht begriff. Als der junge Lord von Edenhall wieder und wieder mit dem hohen kristallenen Trinkglas anstieß, sah er die Folgen seines Übermutes auch nicht voraus. Ich glaube, daß Wilhelm II. zehn, ja fünf Jahre später den Fürsten Bismarck nicht in so unbesonnener Weise fortgeschickt haben würde. Es fehlte dem kaum dreißigjährigen Monarchen noch an jeder Erfahrung, an aller Reife, auch an Ernst. Er brach mit Bismarck aus Unerfahrenheit und sich daraus ergebender Kurzsichtigkeit, aber auch mit einer mystischen Überschätzung seines Herrscheramtes, von der er damals erfüllt war und von der er sich nie ganz befreit hat. Ein altes deutsches Sprichwort sagt, wem Gott ein Amt gibt, dem gebe er auch Verstand. Damit hat sich mancher Kanzlist, mancher Assessor und Regierungsrat, sogar mancher Minister getröstet. Damit trösten sich, seit wir in der Republik leben, ungezählte neue Würdenträger. Der Kaiser aber hatte sich durch eine Art von Autosuggestion innerlich mit der Vorstellung erfüllt, daß ihn, wie Bismarck sich einmal ausdrüekte, ein besonderer Draht mit dem Himmel verbinde und daß er im Vertrauen auf solchen Schutz von Oben sich von den Geboten der Vernunft hier und da emanzipieren dürfe. Also Hybris, vereint mit ungesundem Mystizismus, und das in einem Lebensalter, wo noch nicht bittere Erfahrungen Wilhelm II. wenn auch nicht weise, so doch vorsichtiger gemacht hatten. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Kaiser sich wegen der Arbeiter- schutzgesetzgebung und in Verbindung damit wegen der Sozialen Frage und SEIN EIGENER KANZLER SEIN 637 der Behandlung der Sozialdemokratie mit Bismarck überworfen habe. Er benutzte nur diese Meinungsverschiedenheit, um sich des unbequemen „Hauslehrers“, wie er in jener Zeit Bismarck im Gespräch mit Phili Eulenburg genannt hatte, zu entledigen. Bismarck war noch nicht lange fortgeschickt, als der Kaiser von Caprivi ein schärferes Vorgehen gegen Wilhelm II. die Sozialdemokratie verlangte. Er hat ein solches wieder und wieder g e S en d‘ e vom alten Fürsten Hohenlohe gefordert. Und während meiner Amtszeit 0Zla " . dcmokratie verging kein Jahr, wo nicht der Kaiser bald erregt, unwirsch und stürmisch, bald in liebenswürdiger Form von mir ein gewaltsames Vorgehen gegen die „Boten“ verlangt hätte. Ich habe ihm erwidert, daß, wenn er glaube, die Sozialdemokratie müsse mit Gewalt unterdrückt werden, er sich nicht vom Fürsten Bismarck hätte trennen dürfen. Ich wisse nicht, ob es dem Fürsten Bismarck gelungen sein würde, die sozialdemokratische Bewegung auszurotten, jedenfalls wäre er aber der einzige gewesen, der diesen Versuch hätte unternehmen können. Eine verschiedenartige Beurteilung der Rußland gegenüber einzuschlagenden Politik hat bis zu einem gewissen Grade zum Sturz des Die Be- Fürsten Bismarck beigetragen. Der Kaiser wollte die deutsch-russischen Ziehungen Beziehungen durch sein persönliches Eingreifen, häufige Besuche in Ruß- zu Ru ß^ an(! land, gelegentliche Übersendung von Geschenken, schwungvolle Reden, freundschaftliche Demonstrationen aller Art günstig beeinflussen. Der Kanzler verließ sich mehr auf eine klug geleitete Politik und den von ihm abgeschlossenen Rückversicherungsvertrag, der vor seiner Erneuerung stand, die vom Kaiser Alexander und dem Minister Giers gewünscht wurde. Dem Kaiser wurde von den Gegnern seines großen Ministers eingeredet, daß dieser gegenüber Rußland zu vertrauensselig sei. Unter dem Einfluß von Waldersee ging der Kaiser so weit, dem Fürsten Bismarck heftig und in ungezogener Form „Blindheit“ gegenüber der von Rußland „furchtbar“ drohenden Gefahr vorzuwerfen. Holstein, damals in enger Fühlung mit Waldersee, hatte dafür gesorgt, daß ein alarmierender Bericht des Konsuls Raffauf in Kiew dem Kaiser in die Hand gespielt werden konnte. Der eigentliche, tiefste und wirkliche Grund, aus dem der Kaiser sich von Bismarck trennte, war, daß er selbst Bismarck spielen, d. h. im Inland und im Ausland die Stellung einnehmen wollte, die Bismarck jahrzehntelang behauptet hatte. Das meinte wohl auch Bismarck, als er sagte, der Kaiser wolle sein eigener Kanzler sein. Das meinte jedenfalls Wilhelm II., als er wenige Tage nach der Beseitigung Bismarcks an seinen Erzieher Hinz- peter telegraphierte: „Mir ist so weh, als hätte ich noch einmal meinen Großvater verloren, aber von Gott Bestimmtes ist zu tragen, auch wenn man darüber zugrunde gehen sollte. Das Amt des wachthabenden Offiziers auf 638 ZWEI KUGELN STATT DREI Die Nicht- erneuerung des Rückversicherungsvertrags dem Staatsschiff ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte. Volldampf voraus!“ Der Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Herr von Lucanus, fürchtete, es würde keinen guten Eindruck machen, wenn der Monarch eine so programmatische Kundgebung an seinen früheren Erzieher richtete. Deshalb wurde fingiert, daß der alte Großherzog Karl Alexander von Weimar, der Schwager des Kaisers Wilhelm I., der Adressat gewesen sei. So, wie der Bruch zwischen Kaiser und Kanzler erfolgte, bedeutete er ein schweres Unglück für das Deutsche Reich. Die Trennung hätte unter allen Umständen in würdiger Form erfolgen müssen, unter Wahrung der Ehrfurcht, auf die ein Mann wie Bismarck berechtigten Anspruch hatte, unter Vermeidung aller schädlichen und unnötigen Kränkung. Und vor allem: Bismarck durfte nur fortgeschickt werden, wenn der Kaiser entschlossen war, nach seinem Ausscheiden eine liberalere Richtung einzuschlagen, also wenn auch nicht sofort das parlamentarische System im westeuropäischen Sinne einzuführen, so doch sich einem solchen zu nähern. Auf die Diktatur Bismarck durfte nicht eine Diktatur Wilhelm II. folgen, denn Bismarck war ein Genie, Wilhelm II. war kein Genie. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck stand die Ablehnung der von Rußland gewünschten Erneuerung des Rückversicherungsvertrages, die Zerschneidung des Drahtes mit Rußland, wie Fürst Bismarck das genannt hat. Sie mußte um so ungünstiger wirken, als der Kaiser, kurz bevor die Entlassung des Fürsten Bismarck eine vollendete Tatsache geworden war, dem russischen Botschafter, dem Grafen Paul Schuwalow, persönlich und kategorisch erklärt hatte, er stünde ihm dafür ein, daß der deutsch-russische Vertrag mit oder ohne Bismarck erneuert werden würde. Umsonst insistierte Herr von Giers. Umsonst erklärte er, daß, wenn wir die Erneuerung des Vertrages ablehnten, Kaiser Alexander III. sich gegen seine innere Neigung zum Bündnis mit der Französischen Republik genötigt sehen würde. Umsonst wies Schuwalow darauf hin, daß die Nichterneuerung des Vertrages, nachdem Kaiser Wilhelm II. sie versprochen habe, in Petersburg Bestürzung und äußerstes Mißtrauen hervorrufen müßte, jedenfalls auf Kaiser Alexander einen deplorablen Eindruck machen und Rußland geradezu in die Arme der Französischen Republik treiben würde. Caprivi übersah nicht die Situation. Mit einer Bescheidenheit, die vom moralischen Standpunkt aus vielleicht rührend war, aber dem Leiter eines großen Reiches nicht wohl anstand, meinte er, nachdem ihm von Marschall und Holstein Vortrag gehalten worden war: „Bismarck war imstande, mit drei Kugeln zu jonglieren, ich kann aber nur mit zwei Kugeln spielen.“ Es zeigte sich hier der Unterschied zwischen Soldat und Staatsmann. Der Soldat geht gerade und direkt auf sein Ziel los. Der Staatsmann kann sein Ziel oft nur auf Umwegen erreichen, mit Tempo- ALLES ANDERS MACHEN 639 risieren, durch Geduld. Er muß abwarten können, wie der auf dem Anstand stehende Jäger. Er muß auch nuancieren können. Die Mentalität des guten Caprivi war zu einfach, etwas naiv. Marschall war damals ganz der Ministre etranger aux affaires, wie ihn mit grausamem Spott nach seiner Ernennung zum Staatssekretär des Äußern Bismarck genannt hat. Er stand völlig unter dem Einfluß von Holstein, der mit der ihm eigenen, bisweilen an Monomanie streifenden leidenschaftlichen Verbissenheit nach dem Sturz des großen Chefs ganz seiner alten Abneigung gegen unsern östlichen Nachbar die Zügel schießen ließ und alles „anders“ machen wollte als Bismarck, den er haßte, seitdem er ihn verraten hatte. Dem Kaiser wurde gesagt, daß der Rückversicherungsvertrag eine „Untreue“ gegen den ehrwürdigen Kaiser Franz Josef gewesen sei, die eines so ritterlichen Monarchen wie Wilhelm II. nicht würdig sei. Es wurde ihm auch eingeredet, daß, wenn über den Vertrag mit Rußland etwas durchsickere, wir nicht nur für immer das Vertrauen und die Achtung der Österreicher verlieren, sondern auch in England verachtet werden würden. Der Kaiser war nicht lange nach seiner Thronbesteigung zum englischen Admiral, zum Real Admiral of the Fleet, ernannt worden, eine Auszeichnung, die ihn um so mehr berauscht hatte, als er daraus entnehmen zu können glaubte, daß sein Verhalten gegen seinen Vater und sein gespanntes Verhältnis zu seiner Mutter ihm in England nicht geschadet hätten. Die Fortdauer des deutsch-russischen Rück Versicherungsvertrages war durchaus vereinbar mit dem deutsch-österreichischen Bündnis wie mit guten Beziehungen zu England. Der langjährige österreich-ungarische Botschafter in Berlin, Graf Szögyenyi, hat mir später mehr als einmal gesagt, die Kündigung des Rückversicherungsvertrages sei auch für Österreich- Ungarn ein Unglück gewesen. „Dieser Vertrag“, sagte mir Szögyenyi, „war nicht nur eine bedeutsame Garantie für den Weltfrieden, sondern er war auch ein Glück für die habsburgische Monarchie, denn er verhinderte uns an Dummheiten.“ Was England anging, so lag die Sache so, daß es um so mehr Rücksicht auf uns nahm, je besser unser Verhältnis zu Rußland war. Wie Bismarck dies vorausgesehen hatte, war die unmittelbare, die automatische Folge unserer Kündigung des Rückversicherungsvertrages der Abschluß der russisch-französischen Allianz. Schon im Mai 1890 wurde der früher gemaßregelte Führer der Panslawisten, Tschernajew, reaktiviert und unter Stellung ä la suite des Generalstabs zum Mitglied des Kriegsrats ernannt. Im Mai 1890 besuchte der Zar mit seiner Familie in demonstrativer Weise eine von den Franzosen in Moskau veranstalt ete Ausstellung. Am 23. Juli erschien ein französisches Geschwader unter dem Kommando des Admirals Gervais in Kronstadt, wo es von der Bevölkerung und den Mannschaften der russischen Schiffe begeistert aufgenommen Auch für Österreich- Ungarn ein Unglück Die russischfranzösische Allianz 640 DER ZAR UND DIE MARSEILLAISE wurde. Großfürst Alexej Alexandrowitsch, General-Admiral und oberster Chef der Flotte, gab dem Admiral Gervais, seinem Stabe und den Kommandanten der französischen Schiffe ein glänzendes Diner. Der Kaiser und die Kaiserin besuchten das Admiralschiff „Marengo“. Auf einem Diner, das zu Ehren des französischen Geschwaders in Peterhof stattfand, brachte der Kaiser einen Toast auf den Präsidenten der Französischen Republik aus. Darauf spielte die russische Musik die Marseillaise, die der Kaiser stehend und mit entblößtem Haupt anhörte. Kaiser Wilhelm, der leider nur zu oft das Kleine zum Großen aufzubauschen suchte und das wirklich Wichtige nicht zu würdigen wußte, hat mehr als einmal unbedeutende Ereignisse als „historische Merksteine“ gefeiert. Der Augenblick, wo der russische Zar vor dem Sturmlied der Französischen Revolution den Helm abnahm, war ein wirklich historischer Moment. Er be- zeichnete das Ende einer nicht nur auf politische Interessen, sondern auch auf starke Gefühle basierten Freundschaft zwischen Preußen-Deutschland und Rußland, die achtzig Jahre gedauert hatte. Mit Vorsicht und Geschicklichkeit waren Bruch und Krieg mit Rußland noch immer zu vermeiden, aber alle Welt fühlte, daß es nicht mehr das alte Verhältnis zwischen den beiden nordischen Reichen war. In einem Telegramm an den Präsidenten Camot sprach der Zar von den „tiefen Sympathien“, die Frankreich und Rußland vereinigten. Auch in Moskau wurde Admiral Gervais mit seinen Offizieren feierlich und enthusiastisch empfangen. Er schloß seinen Toast auf dem ihm zu Ehren gegebenen Bankett echt französisch mit den Worten: „Auf Sie und auf uns ist jetzt die Aufmerksamkeit der ganzen Welt gerichtet. Ich trinke auf das heilige Moskau, das große russische Volk und seinen erhabenen Zaren.“ Der früher gemaßregelte, jetzt reaktivierte General Tschernajew antwortete unter Anspielung auf den Refrain der Marseillaise: „Ruft man bei Ihnen: ,Aux armes, citoyens! 1 , so geschieht es auch bei uns. Formez vos bataillons! Wir Russen werden unsere Bataillone von der Weichsel bis Kamtschatka formieren. Ich trinke auf das ritterliche französische Volk und auf Paris, die Hauptstadt der zivilisierten Welt!“ Gervais erwiderte, daß, „stark durch die Freundschaft eines großen und mächtigen Monarchen“, Frankreich zuversichtlich in die Zukunft blicke. Kein Mensch in Europa zweifelte daran, daß in diesen Tagen ein russisch-französischer Allianz-Vertrag und entsprechende Militär- Konventionen abgeschlossen worden waren. Der bisherige Botschafter Frankreichs, Laboulaye, ein harmloser und phlegmatischer Herr, wurde abberufen. An seine Stelle trat einer der brillantesten französischen Diplomaten, Graf Montebello, mit einer liebenswürdigen und eleganten Frau. Die Welt hatte in wenigen Monaten ein anderes Gesicht angenommen. Auch Wilhelm II. konnte sich den Konsequenzen seiner Kündigung des Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck-Schönhausen in seinem Arbeitszimmer im Auswärtigen Amt EINE FROHE BOTSCHAFT 641 Rückversicherungsvertrages nicht lange verschließen. Er hat sich seitdem in jeder Weise bemüht, seinen Fehler wieder gutzumachen. Bei Alexander III. gelang es ihm nicht. Er war und blieb diesem Zaren unsympathisch. Um so eifriger hat er später den Kaiser Nikolaus II. umworben, um mit ihm wieder zu einem Vertragsverhältnis zu kommen, was schließlich zu der grotesken Konvention von Björkö führte. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß der Rücktritt des Fürsten Bismarck bei der Mehrheit des deutschen Volkes und nun gar unter den deutschen Politikern Zorn, Entrüstung oder auch nur Trauer hervorgerufen hätte. Davon war zunächst nicht die Rede. Der Chefredakteur der „Kreuz- Zeitung“, Dr. Kropatschelc, ein Patriot und ein vortrefflicher Mann, erschien kurz nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck im Konservativen Verein in Rathenow mit den Worten: „Eine frohe Botschaft, meine Herren! Von nun an werden wir nicht länger von der Familie Bismarck, sondern von dem Hause Hohenzollern regiert.“ Der Führer der bürgerlichen Demokratie, Eugen Richter, in mancher Hinsicht ein tüchtiger Mann, veröffentlichte in seinem Blatt einen Nachruf auf den größten Staatsmann unseres Volkes, der an Plattheit, Kleinlichkeit und Niedrigkeit der Gesinnung nicht zu überbieten war. Die Präsidenten des Reichstages, der ohne Bismarck nicht existieren würde, des Abgeordnetenhauses, wo er in der Konfliktszeit seine genialsten Reden gehalten hatte, und des Herrenhauses, dessen verdientestes und jedenfalls berühmtestes Mitglied er gewesen war, nahmen von Bismarcks Rücktritt keine Notiz. Wenn ich nicht irre, waren alle drei Präsidenten Konservative, das heißt Mitglieder derjenigen Partei, die, als Bismarck die Regierung übernahm, nach einem bekannten Witzwort „in einer Droschke Platz hatte“, jetzt aber im Reichstag wie im Abgeordnetenhause zu achtunggebietender Stärke emporgewachsen war. »i Die Wirkung von Bismarcks Rücktritt 41 Bülow IV XLVI. KAPITEL König Carol über die Entlassung des Fürsten Bismarck • Verlobungsfeier im rumänischen Königshause • Ernennung Bülows zum Botschafter in Rom • Abschied von König Carol • Letztes Zusammensein mit der Mutter in Berlin A ls ich, nicht lange nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck, auf einige Tage nach Berlin kam, herrschte dort jene Gemütsverfassung, die der Franzose mit dem Worte „Ouf!“ ausdrückt. Demokraten und Klerikale jubelten. Die Konservativen atmeten auf. Der sehr intelligente, durchaus aufrechte Legationsrat der Kaiserlichen Gesandtschaft in Bukarest, Freiherr von Dörnberg, dem ich seinerzeit meinen Warnungsbrief an Philipp Eulenburg vor seiner Absendung gezeigt hatte und der damals diesen Brief eine „Tat, und zwar eine gute Tat“ nannte, meinte, als wir uns bei meinem Bruder Alfred in Stuttgart wieder begegneten, daß auch in Süddeutschland über den Rücktritt des Fürsten Bismarck vorwiegend Befriedigung herrsche. Man höre überall: „Es wird nun besser gehen und das Leben gemütlicher werden.“ Anders sprach freilich Herbert Bismarck, der mich kurz nachher in Herbert Bis- Wildbad besuchte, wo ich mit meiner Frau einige Wochen verlebte. Er marck über sa gte mir, er komme, um mir zu danken, daß ich seinem Vater immer treu die Demission t g e jjij e }j Cn se L I c h würde ihm gewiß auch fernerhin treu bleiben. Herbert 1 hatte von einem Beamten des Zentralbüros im Auswärtigen Amt gehört, daß ich von den Vertretern des Reiches der einzige gewesen sei, der die Entlassung des Fürsten Bismarck zum Gegenstand eines amtlichen Schreibens gemacht habe, das auf den Ernst und die Tragweite dieses Ereignisses hingewiesen habe. Unsere anderen Vertreter hätten sich entweder ausgeschwiegen oder der Überzeugung Ausdruck verliehen, daß in der genialen Persönlichkeit unseres jugendfrischen Kaisers die beste Gewähr für die Zukunft liege. Herbert erzählte mir erschütternde Einzelheiten über die Rücksichtslosigkeit, mit der sein Vater persönlich von Kaiser Wilhelm II. behandelt worden sei. Der Kaiser habe das Abschiedsgesuch des treuen Dieners seines Großvaters gar nicht erwarten können und durch den Chef seines Zivilkabinetts, Herrn von Lucanus, den Generaladjutanten Hahnke und durch andere Mittelspersonen immer wieder die DER ZERSCHMETTERER 643 beschleunigte Einreichung der Demission gefordert. „Wie ein unredlicher oder lästiger Bedienter ist mein armer alter Vater fortgejagt worden.“ Uber die letzte Unterredung zwischen Seiner Majestät und dem Kanzler Bismarck erzählte mir Herbert: sein Vater sei mit fünfundsiebzig Jahren und noch mehr durch ein arbeitsreiches und bewegtes Leben begreiflicherweise schonungsbedürftig geworden. Die Arzte hätten darauf bestanden, daß er sich am Morgen schone. Sie hätten gewünscht, daß er seinen Morgentee im Bett nähme, dann warm bade und sich massieren lasse und erst gegen Mittag, namentlich bei dem rauhen Märzwetter, ausgehe. An jenem Abschiedsmorgen sei der Kaiser schon ganz früh in seiner, des Staatssekretärs Herbert Villa erschienen und habe in ungeduldigem und ungnädigem Tone verlangt, daß sich der Fürst sofort bei ihm melde. „So mußte mein Vater, notdürftig bekleidet, fröstelnd, bei Kälte und Regen durch den Garten des Reichskanzlerpalais zur Staatssekretärsvilla gehen. Dort angekommen, frug ihn der Kaiser in barschem Ton: ,Wann bekomme ich endlich Ihr Das Abschieds- Abschiedsgesuch ? 1 Der Fürst habe mit völliger Selbstbeherrschung und gesuch mit vollkommenster Höflichkeit geantwortet: „Eure Majestät bitte ich untertänigst, noch einige Stunden Geduld zu haben mit einem alten Mann. Nach fast dreißigjähriger Tätigkeit als Ministerpräsident und Reichskanzler habe ich nicht nur das Recht, sondern, wie ich meine, auch die Pflicht, vor Eurer Majestät, vor dem Lande und vor der Geschichte in aller Ehrfurcht die Gründe meines Rücktritts schriftlich darzulegen.“ Der Kaiser habe kurz und trocken entgegnet: „Von einer Veröffentlichung Ihres Abschiedsgesuches kann keine Rede sein.“ Sowohl Herbert wie Bill Bismarck haben mir in späteren Jahren übereinstimmend versichert, daß ihr Vater, als er von Wilhelm II. öffentlich geschmäht wurde, nie seinen Gleichmut und nicht einmal seinen Humor verloren habe. Als ihm die Reden vorgelegt wurden, wo Wilhelm II. in deutlicher Anspielung auf ihn ausgerufen hatte, er werde seine Gegner zerschmettern, nur einer sei Herr im Lande, und das sei er, als er verkündigt hatte, daß sein Großvater, Kaiser Wilhelm I., manchen braven Minister gehabt hätte, aber mit dem Kaiser verglichen seien sie doch nur Pygmäen gewesen und Handlanger des Allerhöchsten Willens, habe Fürst Bismarck sich darauf beschränkt, unter die betreffenden Zeitungsausschnitte zu schreiben: „Sunt pueri pueri! Pueri puerilia tractant.“ (Knaben sind eben Knaben und benehmen sich knabenhaft.) Herbert Bismarck verhehlte mir schon in Wildbad nicht, daß sein Vater mit schweren Sorgen in die Zukunft des Reiches blicke. „Kaiser Wilhelm II. fährt mit Hurra den Abhang hinunter“, hatte, wie mir Herbert erzählte, bald nach seiner Entlassung der Vater Bismarck zu seinem ältesten Sohne gesagt. „Hoffentlich zeigt, wenn die Katastrophe kommt, 41 644 DIE NEUEN LEUTE der Kaiser Courage und setzt sein Leben ein, wie Friedrich der Große bei Zorndorf, bei Hochkirch und Kunersdorf. Und wenn es zum Äußersten käme, zu Rebellion und Revolution, möge er dann fechten und, wenn es sein müßte, fechtend fallen an den Stufen des Thrones, fechtend für die Krone und die Rechte und die Ehre der Krone.“ Nachdem die Nachricht von der Verabschiedung des Fürsten Bismarck Briefe in Bukarest eingetroffen war, hatte ich zweimal an Herbert Bismarck Herbert geschrieben, um ihm meinen tiefen Schmerz über die in Berlin eingetretene Bismarcks Wendung auszusprechen. Ich bat ihn gleichzeitig, seinem großen Vater die Versicherung meiner unerschütterlichen Verehrung, Bewunderung und Treue zu übermitteln. Er antwortete mir am 7. April 1890 aus Berlin: „Haben Sie herzlichsten Dank für Ihre freundlichen beiden Briefe. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen zu sagen, wie wohltuend mich Ihre Worte berührt haben. Darüber hinaus kann ich allerdings so gut wie nichts schreiben, denn wer weiß, welche Schicksale dieser Brief erlebt, bevor er in Ihre Hände gelangt. Ich bin diesen Winter mit der Gesundheit übler dran gewesen denn je. Von einer schweren Influenza-Erkrankung im Dezember, während der ich fortarbeiten mußte, bin ich noch jetzt nicht erholt, und wenn mein Vater im Dienst geblieben wäre, hätte ich einen längeren Urlaub von über vier Monaten nach ärztlicher Aussage ohnehin unbedingt gebraucht. Nachdem nun aber mein Vater gegen seinen Wunsch und Willen in ziemlich brüsker Weise entlassen war, wurde es für mich unmöglich, die dadurch bei meinem Namen für mich so gewaltig vermehrte Verantwortung und Arbeit gegenwärtig zu übernehmen. Selbst bei voller Gesundheit hätte das gerade für mich die schwersten Bedenken gehabt, denn meine Stellung unter einem in der Diplomatie ganz unerfahrenen neuen Kanzler wäre eine sehr schiefe gewesen. Von den beiden neuen Caprivi und Leuten — Caprivi und Marschall — verlangt niemand etwas in der Marschall auswärtigen Politik, denn jeder weiß, daß sie sich bisher nie damit abgegeben haben, also auch nichts davon verstehen können. Daß Alvensleben meine Nachfolge hartnäckig ablehnte, beklage ich für den Dienst, denn letzterer wird jetzt auseinanderlaufen, da zur einheitlichen Leitung des schwierigsten aller Ressorts, des Auswärtigen, etwas anderes gehört, als was man als badischer Staatsanwalt und Parlamentarier lernen kann. Marschall hat sich schon lange auf den Posten eingerichtet, wie ich höre, und mir gegenüber jedenfalls kein gutes Gewissen, denn er hat mich seit der Designierung vollständig ignoriert. Ich würde Berlin schon ganz geräumt haben, wenn der Kaiser sich nicht auf morgen zum Diner bei mir angesagt hätte. Nun fahre ich übermorgen nach Friedrichsruh und komme nach Berlin schwerlich wieder. Leben Sie wohl, lieber Bülow, und machen Sie gute Geschäfte unter der neuen Leitung. In steter Treue Ihr Herbert Bismarck.“ DIE SCHICKSALSSCHWERSTE WENDUNG 645 Am 18. April 1890, dem Tage, wo sechsundzwanzig Jahre früher die Erstürmung der Düppeler Schanzen die erste glänzende Probe auf die Biilow an Richtigkeit der Bismarckschen Politik gewesen war, schrieb ich wieder an Herbert Herbert: „Lieber Herbert, Ihre gütigen Zeilen vom 7. ds. Mts. sind mir Bismarck richtig zugegangen. Haben Sie herzlichen Dank, daß Sie Zeit fanden, mir zu schreiben in einem Momente, wo so viele Anforderungen an Sie herangetreten sein werden. Ihr Brief gab mir, wenn auch nur andeutungsweise, die erste wirkliche Aufklärung über Ursache wie Verlauf der schicksalsschwersten Wendung, die unser Staatsleben seit 1848 durchgemacht hat. Inzwischen erhielt ich aus Berlin und Wien anderweitige Mitteilungen, nach denen ich mir endlich ein einigermaßen richtiges Bild von den jüngsten Vorgängen zu machen imstande bin. Meine Betrübnis über das Geschehene wird durch den genaueren Einblick in dasselbe nicht verringert. Andererseits brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, daß die unbegrenzte Bewunderung und rückhaltlose Verehrung, welche ich, solange ich politisch denke, für Ihren großen Vater empfinde, durch keinen äußeren Wechsel berührt werden kann. Ich verstehe jetzt auch die Gründe, aus welchen Sie nicht im Amte bleiben wollten. Mein Bedauern über Ihren Fortgang wird hierdurch freilich nicht verringert. In diesem Augenblick wird jeder Gedanke an Wiedereintritt Ihnen unsympathisch sein. Aber dans mon for interieur halte ich an der Hoffnung fest, daß Sie über kurz oder lang doch wieder an die Spitze des Auswärtigen Ressorts treten werden. Wie früher, so bin ich auch heute der Ansicht, daß wir für diesen wichtigsten und verantwortungsvollsten Posten keinen Besseren als Sie haben, und diese meine Überzeugung geht nicht allein aus einer unveränderten Freundschaft und Anhänglichkeit an Sie hervor, sondern sie fußt auch auf wohlerwogenen Verstandesgründen. Ich hoffe, Ihre durch Überarbeitung angegriffene Gesundheit — was Sie an Arbeit geleistet haben, ist wirklich unglaublich — wird sich jetzt rasch wieder bessern. Eine große Freude würde es mir sein, wenn ich im Hochsommer, wo ich more solito auf Urlaub zu gehen gedenke, Ihnen irgendwo, wenn auch nur für ein paar Stunden, begegnen könnte, um Ihnen mündlich zu sagen, wovon mein Herz voll ist. Daß ich unter der neuen Leitung ,gute Geschäfte 1 machen werde, erscheint mir a priori kaum wahrscheinlich. Ich stehe Caprivi wie Marschall vollständig fern, und daß ich manche Feinde gerade unter denjenigen habe, die jetzt im Auswärtigen Amt den Ton angeben, dürfte Ihnen nicht unbekannt sein. Seien Sie übrigens versichert, daß mir, was auch die Invidia von mir behaupten mag, die Sache viel höher steht als persönliche Ambitionen. Meine Wünsche gehen nur dahin, daß das, was Ihr Vater geschaffen, uns erhalten bleibe: durch Eintracht zwischen allen Gutgesinnten, Weisheit und selbstlose Hingabe an unseren jungen Herrn und die Nation. Ich habe amtlich 646 DER BÖNHASE berichtet, daß der Fortgang Ihres Vaters hier bei allen Anhängern der bestehenden Ordnung und des Zusammengehens mit Deutschland tiefstes Bedauern erregte. Auf diesem Wege möchte ich Ihnen noch mitteilen, daß König Carol, Carp und Sturdza in besonders würdiger und warmer Weise mir gegenüber dieser Gesinnung Ausdruck gaben. Mit der Bitte, Ihren Eltern meine ehrerbietigsten Empfehlungen übermitteln zu wollen, und indem ich zu Gott hoffe, daß es Ihnen allen so wohl ergehen möge, wie ich das mit ganzer Seele erhoffe, bin ich in alter Treue stets Ihr B.“ Herbert antwortete mir am 3. Mai 1890 aus Friedrichsruh: „Haben Sie Antwort aus herzlichsten Dank für Ihren freundlichen Brief vom 18. v. Mts., den ich Fnednchsruh vor einigen Tagen hier erhielt. Es hat mich sehr gefreut, von Ihnen zu hören, und die warmen Worte, mit denen Sie unserer gedenken, sind mir zu Herzen gegangen. Wir beide kennen uns von Kindesbeinen an und haben immer zusammengehalten, da bedarf es zwischen uns keiner weiteren Versicherungen. Es würde mir aber sehr lieb sein, mit Ihnen einmal wieder einen mündlichen Meinungsaustausch zu pflegen, und ich hoffe sehr darauf, mit Ihnen im Sommer zusammenzutreffen. Übermorgen gehe ich auf drei Wochen nach England, den größeren Teil des Juni werde ich hier in Friedrichsruh und den Juli in Königstein zubringen. Im August und September gehe ich vielleicht etwas an die See, eventuell auch mit meinem Vater nach Kissingen, wenn es dazu kommen sollte; natürlich hat er wenig Lust zu diesem Bade und möchte lieber an die See. Schweninger muß seinerzeit entscheiden. Meine Adresse bleibt einstweilen Friedrichsruh. Daß ich wieder in den Dienst gehe, glaube ich nicht, obgleich man nie sagen soll, source je ne boirai pas de ton eau; aber es wird auch wohl gar nicht von mir verlangt werden. Ich habe kein Vertrauen auf die Talente des badischen Staatsanwalts, der jetzt unsere auswärtige Politik als Bönhase zu leiten unternommen hat, und sehr von seiner Wahl abgeraten. Er hat sich außerdem gegen meinen Vater so intrigant und gegen mich so manierlos benommen, daß ich unter ihm nicht dienen würde, und wäre ich gesund wie ein Fisch im Wasser. Letzteres bin ich gegenwärtig leider gar nicht. Ich habe in den langen und harten Jahren zu viel zugesetzt und werde viel Zeit brauchen, ehe ich mich notdürftig zusammenflicke. Daß Sie viel Freundschaft unter den jetzigen Spitzen des Auswärtigen Amtes und deren Amanuensis haben, kann ich auch nicht annehmen, und noch mehr trifft dies auf unsern guten Freund Vitzthum zu, und ich habe es mir angelegen sein lassen, ihm durch einen meiner letzten Dienstakte noch einen etatsmäßigen Posten zu verschaffen. Da er zum Botschaftsrat noch nicht heran war, nahm ich an, es würde ihm am liebsten sein, zu Ihnen zu kommen, sonst hätten die Leute ihn vermutlich nach Rio oder Lissabon relegiert. Grüßen Sie ihn, bitte, vielmals von mir . Meinen Eltern geht es gottlob VERWIRRUNG UND ERRITTERUNG 647 ziemlich gut. König Carol hat kürzlich meinem Vater ein sehr inniges Telegramm auf einen längeren, eigenhändigen Brief geschickt, den er an die rumänische Majestät gerichtet hatte. Leben Sie wohl, und auf Wiedersehen im Sommer. In steter Treue Ihr Herbert Bismarck.“ Mit dem badischen Staatsanwalt ist natürlich Marschall gemeint, mit dem „Amanuensis“ des Staatsekretärs aber Holstein, in dem sich der arme Herbert so gründlich getäuscht hatte. Von Holstein sprach mir Herbert seit seinem Sturz nie anders als mit unbegrenztem Haß. Es war jener Haß, den die Franzosen „l’amour tourne a l’aigre“ nennen, die Reaktion gegenüber seiner langjährigen Schwärmerei für den Geheimrat von Holstein, dem blinden Vertrauen, das er von Kindesbeinen an in ihn gesetzt hatte. Er fühlte sich von Holstein hintergangen und betrogen. Er kam sich „hereingelegt“ vor, um eine echt Berliner Wendung zu gebrauchen. Kiderlen war ihm nur der Landsknecht, der für jeden ficht, der ihn gut bezahlt, jederzeit bereit, das Hemd zu wechseln und die Haut, wenn nötig. Von Phili Eulenburg sprach er mit Geringschätzung. Der bayrische Gesandte Graf Hugo Lerchenfeld habe ihm gesagt, daß Eulenburg sich rühme, das politische Vertrauen des Fürsten Bismarck besessen zu haben und von ihm politisch benutzt worden zu sein. „Mein Vater“, sagte Herbert in fast verächtlichem Tone, „hat Eulenburg politisch nie au serieux genommen. Er hat nur die höfischen Talente von Phili benutzen wollen, um durch ihn auf eine verständige Haltung des Prinzen Wilhelm hinzuwirken, bei dem sich Phili frühzeitig insinuiert hatte, wie überall da, wo es etwas zu holen gab.“ Ich ging in Wildbad viel mit Herbert in den schönen Wäldern spazieren, die das reizende Schwarzwaldbad umgeben..Es rührte ihn sehr, daß alle Welt ihn freundlich grüßte und hier und da niedliche schwäbische Mägdelein ihm mit einem Knix Blumen überreichten. Bei meiner Rückkehr auf meinen Bukarester Posten fand ich König Carol ganz unter dem Eindruck der Verabschiedung des Fürsten Bismarck. „Ich habe das Unglück kommen sehen“, sagte er zu mir. „Sie werden sich ja an alles erinnern, was ich Ihnen auf Grund der mir von Deutschland zugegangenen vertraulichen Nachrichten erzählte. Die Verabschiedung selbst ist ein großes historisches Ereignis, zu dem man sich so oder so stellen kann, wie zu den meisten geschichtlichen Vorgängen. Aber die rücksichtslose, jeglichen Taktes entbehrende Form der Entlassung wird in Deutschland weite Kreise um so mehr verwirren und erbittern, je mehr sich darüber volles Licht verbreitet. Die Art, in der einer der größten Staatsmänner aller Länder und aller Zeiten, der größte Preuße seit Friedrich dem Großen, fortgeschickt wurde, war, unter uns gesagt, unreif, fast knabenhaft.“ Im Zusammenhang damit erzählte der König, was ihm von deutschen Herbert Bismarcks Haß König Carol über das historische Ereignis 648 IN POTSDAM 1888 Die Affäre Vacarescu Verwandten über den Regierungsantritt des jungen Kaisers geschrieben worden sei. Kronprinz Wilhelm habe, als sein armer Vater in den letzten Zügen lag, das Neue Palais von dem früher von ihm kommandierten und darum bevorzugten Garde-Husaren-Regiment umstellen lassen. Wenn die Kaiserin Friedrich vom Sterbelager ihres Gemahls für einen Augenblick an ein Fenster trat, um Luft zu schöpfen, sah sie die roten Uniformen der Husaren, die verhindern sollten, daß irgend jemand unkontrolliert das Neue Palais verließe. Insbesondere sei es darauf abgesehen gewesen, jede Korrespondenz der unglücklichen Kaiserin mit dem Auslande zu unterbinden. Die Kaiserin sollte bei ihrem Verlassen des Palais nur solche Briefe und Schriftstücke mit sich nehmen, in die ihr Sohn vorher Einblick genommen hatte. Auch sollte eine Flucht des Dr. Mackenzie verhindert werden. König Carol behauptete, daß Kaiser Wilhelm II. den englischen Arzt ursprünglich habe arretieren und einsperren lassen wollen. Das sei durch Bismarck verhindert worden, der als Folge eines derartigen Vorgehens nicht nur einen allzu schlechten Eindruck auf die englische öffentliche Meinung, sondern auch diplomatische Schwierigkeiten mit der englischen Regierung befürchtet hatte. Fürst Bismarck habe den jungen Kaiser auch mehrfach ermahnt, die Rücksichtslosigkeit gegen seine Mutter nicht zu weit zu treiben. König Carol rühmte immer wieder die wahrhaft christliche Geduld und den Heroismus, die Kaiser Friedrich bis zum letzten Augenblick gezeigt habe. „Ein Held und ein Heiliger“, so faßte der König sein Urteil über den edlen Kaiser zusammen. Das Verhalten des Sohnes, der unmittelbar nach dem Tode seines Vaters mit umgeschnalltem Säbel, die Pelzmütze der Garde-Husaren in der Hand, seiner Mutter eine heftige Szene gemacht habe, würde ihm kaum Glück bringen. Wie vorher der Botschafter von Schweinitz, so erinnerte auch König Carol an das vierte Gebot, das unser irdisches Wohl von Ehrerbietung gegenüber unseren Eltern abhängig macht. Der König ließ die psychologisch feine Bemerkung fallen, daß das Gebahren des Kaisers gegen seine Eltern und seine Undankbarkeit und Rücksichtslosigkeit gegenüber Bismarck nicht aus Bosheit, nicht einmal aus Herzenshärte hervorgingen, sondern aus Mangel an Selbstbeherrschung und Überlegung, wie er nervösen Naturen eigen sei. Im Juni 1892 wurde die Verlobung des Thronfolgers von Rumänien, des Prinzen Ferdinand von Hohenzollern, mit der ältesten Tochter des Herzogs von Edinburgh gefeiert. Bevor es zu dieser standesgemäßen Verlobung kam, war der künftige König von Rumänien der tragikomische Held einer albernen Liebelei gewesen, die ihn als Mensch in der ganzen Haltlosigkeit zeigte, die er später als König im Weltkrieg betätigt hat. Unter den Hofdamen der Königin Elisabeth befand sich einFräulein Vacarescu, die wie CARMEN SYLVA 649 eine dicke Köchin aussah und die Manieren einer solchen hatte, aber schlau genug war, den einfältigen Prinzen Ferdinand einzufangen. Er verlobte sich heimlich mit ihr. Die Königin Elisabeth von Rumänien war eine groß angelegte Frau, reich begabt und voll Herz, und wenn ihre unter dem Pseudonym Carmen Sylva veröffentlichten Gedichte nicht ganz an die der Sappho heranreichten, so hatte sie doch die Phantasie und das Temperament einer Dichterin. Sie adorierte Helene Vacarescu, die übrigens auch Verse machte, noch weniger gute als die Königin. Es gelang Helene, die Königin für den Gedanken ihrer Vermählung mit dem rumänischen Thronerben nicht nur zu gewinnen, sondern zu begeistern. Unterstützt von dem Kabinettssekretär Ihrer Majestät, einem französisch gesinnten Elsässer, wußte sie die Königin für spiritistische Experimente zu interessieren. Die hohe Frau erhoffte vom Spiritismus nicht nur poetische Inspirationen, sondern auch prophetische Winke. Der Geist des Vaters der Königin, des verewigten Fürsten Hermann von Wied, wurde zitiert. Gefragt, was er der Königin rate, erwiderte er mit hohler Stimme, sie möge den Lorbeer der Dichterin höher stellen als irdische Kronen. Gefragt, was Fräulein Helene Vacarescu bevorstünde, erscholl laut die Antwort: „Helene — Reine!“ Der Geist sprach geläufig Französisch. Die Königin erblickte in dieser Antwort ein Zeichen des Himmels, der ihre geliebte Helene zur Königin bestimmt habe. Sie ließ sich von der Familie Vacarescu und ihrem Kabinettssekretär einreden, daß diese Verbindung des künftigen Königs von Rumänien im Lande mit Jubel aufgenommen werden würde. Die Königin bestürmte den König Karl, die Heirat zu erlauben. Der König operierte, wie immer, mit Klugheit und dabei mit Herzensgüte. Er erklärte seiner Gemahlin, daß er sich in einer so delikaten Angelegenheit nach den Ratschlägen seiner Minister und der Parteiführer richten müsse. Alle erklärten ohne Ausnahme, daß eine Verbindung des künftigen Königs von Rumänien mit einer Rumänin im Lande einen Sturm der Entrüstung hervor- rufen würde. Die Rumänen hätten sich einen fremden König geholt, weil keiner von ihnen einem Landsmann die Krone gegönnt habe. Keine Rumänin würde es ertragen, daß eine Landsmännin, noch dazu eine nicht einmal hübsche Landsmännin, Königin werde, und nicht sie selbst. Nun wurde Prinz Ferdinand vor die Majestäten zitiert und aufgefordert, zwischen seiner Liebe und seiner Anwartschaft auf den Thron zu wählen. Mit dichterischem Schwung rief Carmen Sylva ihm zu, daß Romeo auch für eine Krone nicht auf Julie verzichtet haben würde. Der König beschränkte sich auf den ruhigen, festen Hinweis darauf, daß es sich um ein Aut—aut handle: Entweder die Krone oder Fräulein Vacarescu! Mit weinerlicher Stimme erklärte Prinz Ferdinand, daß er die Krone vorzöge. Er wurde auf 650 AUF DEN RÖMISCHEN POSTEN Ernennung zum Botschafter in Rom Philipp Eulenburg gratuliert einige Zeit nach Sigmaringen geschickt, wo ihm von seinen Eltern der Kopf gewaschen wurde. Als die ganze Aflare in Vergessenheit geraten war, durfte er nach Rumänien zurückkehren und hatte auf diese Weise leider Gelegenheit, am Ende des Weltkrieges, er, ein Hohenzoller, ein preußischer Offizier, sein deutsches Vaterland zu verraten. Im Spätherbst 1893 weilte ich mit meiner Frau zu Besuch auf der Deutschen Botschaft in Wien, wo ein Jahr vorher Fürst Bismarck bei der Hochzeit Herberts mit der Komtesse Hoyos vom Kaiser Franz Josef nicht empfangen worden war (der gehässige Brief Wilhelms II. an diesen ist nach dem Umsturz von der Wiener Revolutionsregierung veröffentlicht worden). Bei dem Piinzen Heinrich VII. Reuß, den Caprivi angewiesen hatte, einer etwaigen Einladung zu der Hochzeit auszuweichen, erfuhr ich, daß ich zum Botschafter in Rom bestimmt sei. Außer meiner Beförderung zum Gefreiten im Königshusaren-Regiment hat mich kein Avancement mehr gefreut als dieses. Ich hoffte, daß ich in Rom Ersprießliches würde leisten können. Ich liebte Italien mit der alten Liebe, die so viele Deutsche von Goethe und Winckelmann bis zu Gregorovius und Anton Dohrn für das Land empfunden haben, nach dem sich Mignon sehnte. Meine Frau war glücklich in dem Gedanken, daß sie wieder mit ihrer Mutter vereinigt sein würde, an der sie mit zärtlicher Liebe hing. Obwohl nicht unbescheiden, fühlte ich mich dem Amte eines Botschafters gewachsen. Ich hatte siebzehn Jahre früher als Geschäftsträger in Athen während des Balkankrieges nicht übel abgeschnitten. Ich hatte in Paris während sechs, in St. Petersburg während vier Jahren diese schwierigen und wichtigen Botschaften mehr als einmal als Geschäftsträger geleitet, mir an der Seine wie an der Newa eine ganz gute Stellung gemacht und einiges erreicht. So ging ich dreist und gottesfürchtig, wie es der Jugend ansteht, der Aufgabe entgegen, die meiner harrte. In Wien suchte uns, sobald meine Ernennung zum Botschafter feststand, Phili Eulenburg auf. Seine Freude über meine Beförderung war groß und, wie ich glaube, ganz aufrichtig. Meine Frau war hingerissen von dem warmen Ausdruck dieser Freude. Sie verglich ihn mit einem guten Engel, der sich mit den Glücklichen freut, die Unglücklichen tröstet und allen helfen möchte. Meine Ernennung nach Rom war in erster Linie das Werk von Holstein. Er hatte sie, wie alles, was er anpackte, mit Feuereifer betrieben. Nicht aus besonderer Liebe für mich, sondern weil er die Lage in Rom für noch gefährdeter hielt als sechs Jahre früher die Situation in Rumänien und ich ihm für den römischen Posten ebenso geeignet schien wie seinerzeit für den Bukarester. Caprivi interessierte sich nicht für diplomatische Personalien. Marschall war gegen meine Beförderung zum Botschafter, weil er in mir, als ich selbst ernsthaft noch gar nicht daran dachte, „KOMM, HERR JESUl“ 651 einen Rivalen für den Reichskanzlerposten witterte, den er selbst mit heißem Bemühen erstrebte. Als ich mich von König Karl verabschiedete, sagte er zu mir, Rom dürfte nur ein Ubergangsposten für mich sein. Ich würde, wie er glaube und hoffe, in fünf Jahren Reichskanzler sein. Ich trennte mich ungern von dem weisen und gütigen König, an den ich mich wie einst an den Fürsten Chlodwig Hohenlohe herzlich attachiert hatte. Ungern verließ ich Rumänien, wo ich mit meiner Frau sechs stille und glückliche Jahre verlebt hatte. Und schmerzlich wurde mir der Abschied von den herrlichen W äldern, die Sinaia umgeben. Oft war ich zur Stina emporgestiegen, von wo aus man einen prachtvollen Rundblick auf das Tal der Prahova hat. Mehr als einmal hatte ich den Wurfucudor erstiegen, von dem man gleichzeitig auf Rumänien und Siebenbürgen hinabblickt. Infolge einer Wette habe ich den Wurfucudor an einem, übrigens nicht zu heißen Septembertage zweimal bestiegen. Um sechs Uhr früh verließ ich Sinaia, langte um neun Uhr oben an, wo ich eine Stunde verbrachte. Um zehn Uhr machte ich mich auf den Heimweg. Um zwölf traf ich wieder in Sinaia ein, aß und machte mich gegen zwei Uhr zum zweitenmal auf die Strümpfe, genoß um sechs Uhr nochmals die herrliche Aussicht und war um neun Uhr wieder im „Hotel Joseph“ in Sinaia, einem kleinen Gasthof, der von einem biederen Österreicher gehalten wurde und, wie dreizehn Jahre früher der Gasthof von Sankt Wolfgang, an das „Weiße Rößl“ in dem bekannten Lustspiel erinnerte. In Berlin, wo ich mich vor Antritt meines neuen Postens bei Kanzler und Staatssekretär meldete, sah ich meine liebe gute Mutter zum letztenmal in diesem Leben. Sie hatte rasch hintereinander zwei Schlaganfälle erlitten, die sie, die zweiundsiebzigjährige Frau, sehr mitgenommen hatten. Als ich von ihr Abschied nahm, ergriff sie meine Hand und sagte zu mir, mit einem flehenden und ergreifenden Blick: „Bernhard, laß den Herrn Jesum nicht!“ Sie starb am 29. Januar 1894, sanft und ohne Todeskampf, mit den Worten: „Komm, Herr Jesu!“ Wir haben sie auf dem Zwölf- Apostel-Kirchhof in Berlin beigesetzt, zwischen meinem Vater und ihrer beider einzigen Tochter. Abschied von Bukarest Tod von Bülows Mutter XLVII. KAPITEL Übernahme der Römischen Botschaft • Lage in Italien • Crispi, Blanc • Die deutsche Kolonie • Kaisers Geburtstag 1894 • Kaiser Wilhelm II. besucht König Humbert in Venedig I n Berlin war mir von vielen Seiten, im Auswärtigen Amt und von führenden Persönlichkeiten unseres Wirtschaftslebens, gesagt worden, daß in Italien in Italien alles drunter und drüber ginge. In der Tat sah es dort für den Augenblick nicht gerade schön aus. Der Ministerpräsident Giolitti wurde in der Kammer und im Senat, in Cafes und Salons kritisiert und geschmäht. Zur Beruhigung derjenigen, die geneigt sind, sich durch ungerechte Kritik verblüffen zu lassen, füge ich hinzu, daß, als derselbe Giolitti nach dem Weltkrieg unter schwierigen Verhältnissen wieder die Zügel ergriff und sich dem Senat vorstellte, sich alle Mitglieder dieser hohen Körperschaft von ihren Sitzen erhoben und sich schweigend vor dem greisen Staatsmann verneigten. Ernster als die Kritik der Salons und Cafes war, daß im Herbst 1893 in Sizilien, in Kalabrien und in der Romagna nicht unbedenkliche revolutionäre Unruhen ausgebrochen waren. Auch in Mailand und Neapel war es zu schweren Tumulten gekommen. Peinliche Bankskandale, in die Deputierte und Journalisten verwickelt waren, hatten Regierung und Kammer gezwungen, eine Untersuchungskommission einzusetzen. Auf Antrag der Regierung genehmigte die Kammer die gerichtliche Verfolgung des Abgeordneten Zerbi wegen Bestechung durch die Banca Romana. Vierzehn Tage später starb Zerbi unter mysteriösen Umständen. Sein Schicksal erinnert an den Skandal, durch den in der Deutschen Republik der Postminister Höfle sich selbst und das deutsche Beamtentum bloßstellte, das unter der Monarchie von keinem anderen der Welt an Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit übertroffen wurde. Die italienische Rente war tiefer gesunken, als sie 1866 nach den Niederlagen von Custozza und Lissa gestanden hatte. Drei einflußreiche Parteiführer, Rudini, Zanardelli und Sonnino, alle drei spätere Konseil-Präsidenten, wandten sich gegen Giolitti, den sie bis dahin unterstützt hatten und dem jetzt auch Crispi und Nicotera Fehde ansagten. Baron Giovanni Nicotera, ein Kalabrese, war unter den Bourbonen FRANCESCO CRISPI 653 wegen Teilnahme an einem Aufstand zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt worden. Von Garibaldi befreit, war er zum Abgeordneten gewählt worden und nicht lange nachher Minister des Innern geworden. Sein mit Würde getragenes Martyrium hatte ihn populär gemacht. Von allen Seiten aufgegeben, hatte das Kabinett Giolitti Ende November 1893 seine Demission eingereicht. Erst nach vierzehntägigen mühsamen Verhandlungen und nachdem eine Kombination Zanardelli gescheitert war, wurde Crispi mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut. Ich hatte in Berlin denjenigen, die an der politischen und fast noch mehr an der wirtschaftlichen Zukunft Italiens verzweifelten, gesagt, daß ich ihren Pessimismus nicht zu teilen vermöchte. Ich hatte Vertrauen zu dem leidenschaftlichen Patriotismus und zu der politischen Elastizität des italienischen Volkes, das im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, des Jahrhunderts seines Risorgimento, noch ganz andere Schwierigkeiten überwunden habe. Die weitere Entwicklung hat mir recht gegeben. Crispi war ein Staatsmann von großem Format: klar, zielbewußt, energisch, völlig furchtlos. Sizilianer von Geburt, hatte er sich schon als Jüngling an den Revolten der Patrioten gegen die Bourbonen beteiligt. Zum Tode verurteilt, hatte er als Exilierter in kümmerlichen Verhältnissen auf Malta und in Paris gelebt und weiterkonspiriert. An die Spitze der Regierung seines Landes gestellt, wandte er sich gegen die aufständische Bewegung, die es zu bewältigen galt, mit derselben Entschlossenheit, mit der er einst als Verschwörer die Mißwirtschaft der Bourbonen bekämpft hatte. Er verlas in der Deputiertenkammer und im Senat eine mutige Erklärung, in der er an das Andenken von Garibaldi und Mazzini, an das Andenken „unserer beiden Großen“ appellierte und die Lage des Vaterlandes für so ernst erklärte „wie noch nie“. Die Macht des Gesetzes müsse gestärkt, die Finanzen müßten reorganisiert und zu diesem Zwecke große Opfer vom Lande verlangt werden. Die materielle Einheit des Vaterlandes müsse gesichert, seine moralische Einheit befestigt werden. Das Werk, das die neue Regierung in Angriff nehme, sei das wichtigste seit dem Erlasse der nationalen Verfassung von 1859. Am nächsten Tage proklamierte Crispi den Belagerungszustand, verstärkte die Garnisonen in den Aufstandsgebieten und ließ zahlreiche Agitatoren verhaften. Zum Oberbefehlshaber auf Sizilien wurde der tüchtige GeneralMorra ernannt, der Erzieher desKönigsViktorEmanuellll. und spätere Botschafter in St. Petersburg. In den aufständischen Gebieten mußten alle Waffen auf den Polizeiämtern abgegeben werden. Die Einfuhr von Feuerwaffen wurde allgemein verboten. Bei Zusammenstößen zwischen Militär und Aufrührern machte das Militär rücksichtslos von der Waffe Gebrauch. Nicht nur in Sizilien, sondern überall, wo es zu Unruhen gekommen war, in Massa und Carrara, in Bari, Ancona und Mantua, wurden Crispis Ministerium 654 ROMANISCHE STAATSRÄSON Ruhe und Ordnung mit Strenge wiederhergestellt. Der Abgeordnete De Felice, der intellektuelle Urheber des sizilianischen Aufstandes, wurde verhaftet und deportiert. Als sich seine Frau dem Ministerpräsidenten Crispi zu Füßen warf und um die Freilassung ihres Gatten flehte, wandte er ihr den Rücken mit den Worten, daß er keine andere Richtschnur kenne als die Staatsräson, und die verlange vom Ministerpräsidenten Festigkeit. Der Rechtsanwalt Molinari, der den Aufstand der Arbeiter in den Marmorsteinbrüchen von Massa-Carrara organisiert hatte, wurde zu dreiund- zwanzigjährigem Kerker verurteilt. Die Staatsmänner romanischer Länder unterscheiden sich von den mehr doktrinär angelegten, von des Gedankens Blässe angekränkelten deutschen Politikern dadurch, daß sie im Notfälle weder vor Inkonsequenzen noch vor Härte zurückschrecken. Der alte Revolutionär Crispi warf im Winter 1893/94 die aufständische Bewegung in Italien auf der ganzen Linie ebenso entschlossen zu Boden, wie dreiundzwanzig Jahre früher in Frankreich ein Liberaler par excellence, Thiers, einer der Urheber der Juli-Revolution von 1830, die Pariser Kommune in Strömen von Blut ertränkt hatte und wie während des Weltkrieges Clemenceau, Viviani, Briand, Painleve und andere Radikale und Sozialisten in Frankreich den Defaitismus bekämpften, der in Deutschland von Bethmann, Michaelis, Hertling und dem Prinzen Max von Baden mit Glacehandschuhen angefaßt wurde. Ich bin mit Crispi gut ausgekommen. Er hatte ein starkes Selbstbewußtsein. Im persönlichen Verkehr war er natürlich, liebenswürdig und behaglich, was bei dem energischen Mann mit den scharf geschnittenen Zügen, den blitzenden Augen und dem buschigen, schneeweißen Schnurrbart sympathisch wirkte. Crispi war durch und durch Autorität. Er war Realpolitiker. Die Verstiegenheiten, Schrullen und Illusionen, in die man bei uns nur zu leicht verfällt, lagen ihm fern. Seine Bewunderung für den Fürsten Bismarck war unbegrenzt. Crispis Andenken wird in Italien noch heute mit Pietät gepflegt. Im derzeitigen Ministerium des Äußern in Rom, in dem alten Palazzo Chigi, wurde ihm zu Ehren nach dem Weltkrieg eine Marmortafel angebracht, die seinen Patriotismus und seine Entschlossenheit rühmt. Eine der römischen Hauptstraßen, auf die man aus den Fenstern der Villa Malta blickt, trägt seinen Namen. Der Minister des Äußern, Baron Blanc, war wie Menabrea, Pelloux, Baron Blanc Barral, Launay und manche anderen Männer des modernen Italien Savoyarde von Geburt. Als er zum Baron erhoben wurde, wählte er sich den hübschen Wappenspruch: „Savoye indique la voie.“ In Berlin fand man Blanc zu geschäftig und zu unruhig, und Holstein, der selbst noch viel unruhiger war, klagte über die Aufgeregtheit von Blanc. Gewiß war Alberto Blanc eine leidenschaftliche Natur, aber seine Leidenschaft galt nicht DIE EINIGUNG ITALIENS 655 persönlichen Rankünen und Eitelkeiten, sondern nur dem Ruhm und der Größe seines Vaterlandes. Er war in jungen Jahren Sekretär des Schöpfers des modernen Italien, des Grafen Cavour, gewesen. Cavour hatte zwei Sekretäre, Artom für die italienische, Blanc für die französische Sprache und Korrespondenz. Cavour seihst beherrschte gleichmäßig beide Sprachen. Blanc erzählte mir mancherlei über die Arbeitsmethode seines Chefs, der sehr spät aufstand, aber dafür von Mitternacht bis zum Morgen zu arbeiten pflegte. Cavour verlangte von seinen Untergebenen gespannte Aufmerksamkeit, unermüdliche Arbeitskraft und unbedingte Diskretion, war aber immer gleichmäßig höflich, nie launisch oder heftig. Blanc glaubte nicht, daß Cavour sein Amt mit der bestimmten Absicht angetreten habe, ein einiges Italien vom Monte Rosa bis zum Kap Passaro möglichst bald ins Leben zu rufen. Sein nächstes Ziel sei nur die Befreiung Oberitaliens von der österreichischen Fremdherrschaft gewesen. Als der von Napoleon III., der nach Solferino die Nerven verloren hatte, übereilt abgeschlossene Waffenstillstand von Villafranca diesen Plan durchkreuzte, habe Cavour in Toskana, Parma, Modena und in den päpstlichen Legationen Aufstände angezettelt und sie benutzt, um diese Gebiete mit dem Königreich Sardinien zu vereinigen, nachdem der piemontesisehe General Cialdini im September 1860 die von dem französischen General Lamoriciere geführten päpstlichen Truppen geschlagen hatte. Blanc gab mir gegenüber wiederholt der Überzeugung Ausdruck, daß Cavour die Annexion des Königreichs beider Sizilien wie des Patrimoniums Petri nicht so bald in Aussicht genommen habe, wie sie später erfolgt sei. Cavour hatte noch im Spätherbst 1860 zu Blanc geäußert, der eigentliche Kirchenstaat und der italienische Süden seien infolge jahrhundertelanger Mißwirtschaft der päpstlichen Regierung wie der Bourbonen wirtschaftlich und moralisch so sehr zurückgeblieben, daß es noch zu früh sei, sie mit dem besser verwalteten und erheblich höher stehenden Nord- und Mittel- Italien zu vereinigen. Zu früh mit dem übrigen Italien verschmolzen, würden sie ansteckend und demoralisierend auf den italienischen Gesamtkörper wirken. Die feurige Ungeduld und die Kühnheit von Garibaldi nötigten Cavour, weiter zu gehen. So sah auch der größte italienische Staatsmann, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, kaum drei Monate vor seinem Tode die ganze Halbinsel bis auf Venetien und das Gebiet um Rom unter dem Szepter seines Königs vereinigt. Am 17. März 1861 wurde Viktor Emanuel II. zum König von Italien proklamiert. Am 6. Juni 1861 starb Cavour. Glücklicher als Moses, erblickte er das gelobte Land, nach dem seine Seele sich sehnte, noch mit leiblichen Augen. Zu den sein Sterbebett umgebenden Freunden meinte er: „La cosa va, e l’ltalia.“ Ich kann mich noch wohl des Eindruckes er inn ern, den der Tod von Cavour Camillo Cavour 656 ITALIENISCHE REGIERUNGSMÄNNER in den Kreisen der Frankfurter Diplomaten hervorrief. Wir standen am 7. Juni vor dem Eingang zum Zoologischen Garten. Ein Extrablatt, das von schreienden Zeitungsjungen ausgeboten wurde, meldete den Tod des Premierministers des neuen Königreichs Italien. Der sehr klerikale österreichische Präsidialgesandte des Bundestages meinte mit einer Mischung von Schadenfreude und moralischem Abscheu: „Ich möchte jetzt nicht an der Stelle dieses bösen Mannes vor dem Tor zur Hölle stehen.“ Einige andere Vertreter deutscher Königreiche und Großherzogtümer stimmten, obwohl Protestanten, nicht ohne Scheinheiligkeit zu. Der italienische Gesandte, Graf Barral, ein Savoyarde und loyaler Diener des Hauses Savoyen, aber streng katholisch gerichtet, schwieg verlegen. Der französische Gesandte zuckte die Achseln. Wie fast alle französischen Diplomaten war er ein Gegner der italophilen Politik des Kaisers Napoleon III. Nur mein objektiv urteilender Vater, der mich kaum zwölfjährigen Knaben an der Hand führte, meinte: „Comme legitimiste je ne puis louer la poli- tique du Comte Cavour, mais son nom restera dans Fhistoire.“ Der bedeutendste unter den Mitarbeitern des Baron Blanc war Herr Malvano Malvano, ein Beamter von unermüdlicher Arbeitskraft und reicher Er- und Sonnino fahrung, von Vorsicht und feinem Verstand. Auch er hatte schon unter Cavour gedient. Malvano war Israelit wie Artom. Israelit war auch der Finanzminister Sidney Sonnino, dem ich hier zum erstenmal begegnete. Er war damals ausgesprochen deutschfreundlich. Er kannte Deutschland, dessen Sprache und Literatur. Eine seiner Schwestern war mit einem bayrischen Diplomaten, dem Freiherrn von Tautphoeus verheiratet. Er galt für das, was die Franzosen einen „mauvais coucheur“ nennen, für unverträglich und rechthaberisch. Er war ein Sonderling, dem man in der Gesellschaft selten begegnete. Aber er hatte mit dem Abgeordneten Franchetti, auch einem Juden, ein gutes Buch über die wirtschaftlichen Zustände in Sizilien geschrieben. Er hatte viel gelesen und viel nachgedacht, er hatte einen zähen Willen. Durch seine Klugheit frappierte mich der Minister des Königlichen Ratazzi Hauses, Herr Ratazzi, ein Neffe des radikalen Parlamentariers, der Cavour scharfe Opposition gemacht hatte. Politische Differenzen führen in Italien selten zu persönlicher, fast nie zu unüberwindlicher persönlicher Feindschaft. Italien wurde von Männern aufgebaut, die nach Herkunft und Richtung voneinander sehr verschieden waren: von Piemontesen und von Sizilianern, von hochgeborenen Aristokraten und von Männern, deren Wiege in ärmlichem Hause gestanden hatte, von gläubigen, feurigen Katholiken und von Freimaurern und Freigeistern. Aber in der Hauptsache, nämlich darin, daß es gelte, Italien möglichst stark zu machen und deshalb immer das Ganze über die Teile, die nationale Idee über alle regionalen. „STEINBERGER KABINETT“ 657 partikularistischen Tendenzen, alle lokalen Instinkte und Traditionen zu stellen, darin waren sich alle Intellektuellen einig. In dieser Beziehung hat der gebildete Teil des italienischen Volkes während des ganzen Verlaufes des Risorgimento und auch später, bis heute, nie versagt. Kaisers Geburtstag, der 27. Januar 1894, bot mir erwünschte Gelegenheit, Fühlung mit der deutschen Kolonie in Rom zu nehmen. Sie blickte auf eine lange und stolze Geschichte zurück. Als Karl der Große am 29. November 799 in Rom einritt, zogen ihm alle Scholae Peregrinorum: die der Franken, Friesen, Sachsen und Langobarden, mit Gesang und Fahnen bis zum Ponte Molle entgegen. Jeder deutsche Romfahrer kennt den Campo Santo der Deutschen neben der Peterskirche mit der schlichten und schönen Inschrift: „Teutones in Pace.“ Jeder kennt auch die Kirche Santa Maria dell’Anima mit dem Grabmal des Papstes Hadrian VI., des letzten Deutschen, der auf dem Stuhl Petri saß. Seine wehmütige Inschrift: „Proh dolor! Quantum refert, in quae tempora vel optimi cujusque virtus incidat!“ könnte sich mancher Feldherr, mancher Staatsmann, mancher Mann des öffentlichen Lebens als Motto wählen. Der langjährige römische Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“, Friedrich Noack, hat unter dem Titel „Das deutsche Rom“ eine schöne Geschichte des Deutschtums in Rom geschrieben und mir freundlich zugeeignet. Vom Campo Santo der katholischen Deutschen, im Schatten der Peterskirche, dem Schwalbennest am Riesendom, wo die Maler Joseph Anton Koch und Johann Martin Wagner, wo der Geschichtsforscher Pater Teiner, der Kunsthistoriker Ernst Plattner, wo der Leibarzt des Papstes Gregor XVI., Dr. Alerto, wo, beschattet von mächtigen Zypressen und Eukalyptus, umrankt von Rosen, viele biedere deutsche Handwerker und Schweizer Gardisten ruhen, wo in meinem Beisein der Kardinal Prinz Gustav Hohenlohe, dreißig Jahre nach seiner Erhebung zum Kardinal, beigesetzt wurde, bis zum Akatholischen Friedhof an der Pyramide des Cestius, wo Jacob Asmus Carstens und zwei Kinder Wilhelms v. Humboldt, wo die Maler August Riedel und Hans von Marees, wo der Architekt Gottfried Semper, der Archäologe Wilhelm Henzen und Goethe filius patri antevertens ruhen, wo die Asche meiner lieben Freundin Malwida von Meysenbug in einer Urne beigesetzt ist, auf der nur die Worte „Amore e pace“ stehen, welch eine lange Straße, wieviel große und teure Erinnerungen! Die deutsche Kolonie war am 27. Januar 1894 vollzählig erschienen, denn in den vorhergegangenen Tagen waren aus Berlin Nachrichten eingetroffen, die allen Deutschen ans Herz griffen. Am 22. Januar hatte der Flügeladjutant des Kaisers, Graf Kuno Moltke, dem Fürsten Bismarck ein kaiserliches Schreiben übergeben, in dem Wilhelm II. unter Übersendung einer Flasche alten Rheinweines den Fürsten zur Genesung von Die deutsche Kolonie in Rom Wilhelm II. lädt Bismarch ein 42 Bülow IV 658 DER ALTE IN BERLIN einem Influenza-Anfall beglückwünschte. Gleichzeitig überbrachte Kuno Moltke eine Einladung zur Teilnahme an der Feier des kaiserlichen Geburtstags. Fürst Bismarck hatte in seinem Antwortschreiben gebeten, mit Rücksicht auf seine geschwächte Gesundheit Seiner Majestät seinen Dank vor dem Allerhöchsten Geburtstage persönlich aussprechen zu dürfen, eine Bitte, die telegraphisch genehmigt wurde. Der „Reichsanzeiger“ hatte erklärt, daß die Entsendung des Flügeladjutanten Moltke der eigensten persönlichen Initiative Seiner Majestät entsprungen sei und daß auch in Regierungskreisen niemand von diesem Entschluß Kenntnis gehabt habe. Das war richtig. Wie mir aus Berlin geschrieben wurde, war in der Tat der Reichskanzler Caprivi von dem Entschluß Seiner Majestät völlig überrascht worden. Der Staatssekretär Marschall konnte seinen Ärger kaum verbergen. Holstein tobte laut, und Phili Eulenburg seufzte still. Beide, damals noch enge persönliche Freunde und politische Bundesgenossen, telegraphierten mir sogleich, jeder für sich, daß diese „Geste“ des Kaisers keine politische Bedeutung habe und daß Bismarck Vater und Sohn nach wie vor politisch ausgeschaltet blieben. Das sollte eine Warnung für mich sein. Die konservative und die nationalliberale Presse begrüßten den kaiserlichen Schritt zur Versöhnung mit lebhafter Freude, die Freisinnigen erklärten, daß von politischen Folgen dieser Wendung keine Rede sein könne. Die Sozialisten und Klerikalen benutzten den Anlaß zu neuen, zum Teil überaus niedrigen Angriffen gegen den entamteten großen Baumeister des Deutschen Reiches. Am 26. Januar traf Fürst Bismarck am Mittag auf dem Lehrter Bahn- Bismarck im hof in Berlin ein, von dem aus er nach seiner Entlassung nach Friedrichs- Königlichen ru ü abgefahren war. Er wurde am Bahnhof vom Prinzen Heinrich, dem Schloß ] 3 ru( ] er des Kaisers, der ihn umarmte und küßte, und dem ehrwürdigen und ruhmreichen Generaloberst von Pape, dem Helden von Saint-Privat, empfangen. Von einer Eskadron Garde-Kürassiere eskortiert, von einer unabsehbaren Menge mit stürmischem Jubel begrüßt, fuhr er nach dem Königlichen Schloß. Hier empfing ihn der Kaiser, hier wurde er auch von der Kaiserin und den ältesten Söhnen des Kaiserpaares begrüßt. Immer korrekt in Formfragen, stattete Bismarck der Kaiserin Friedrich einen halbstündigen Besuch ab. Wieviel hatten die beiden während fast drei Jahrzehnten miteinander erlebt, gegeneinander gearbeitet! Bismarck empfing den Ministerpräsidenten Grafen Botho Eulenburg, nach ihm seinen treuen Freund aus großer Zeit, den Generaladjutanten Grafen Heinrich Lehndorff und seinen ihm immer treugebliebcnen Kollegen, den Minister der öffentlichen Arbeiten, Albert von Maybach, der unter ihm das große Werk der Verstaatlichung der Privatbahnen in vorbildlicher Weise durchgeführt hatte. Caprivi und Marschall mußten sich darauf beschränken, ihre GONDELFAHRT MIT WILHELM II. 659 Karten abzugeben. Holstein war während des ganzen Tages nicht aus seinem Zimmer, unmittelbar neben dem Büro des Staatssekretärs, heraus- gekommen, wo er, finster brütend, auf und ab lief, nach seiner Gewohnheit, wenn er erregt war, die Finger weit spreizend und dann wieder zu geballter Faust zusammenziehend. Als ich in Rom meine Rede auf den Kaiser mit den Worten begann, wir könnten in diesem Jahre den Geburtstag Seiner Majestät mit besonderer Freude feiern, nachdem unser Kaiser dem großen Diener seines Großvaters, dem größten Deutschen, die Hand zur Versöhnung gereicht habe, unterbrach mich ein solcher Jubel, daß ich eine Pause machen mußte. Diese Stunde legte den Grund zu den herzlichen und innigen Beziehungen, die, wie schon in Bukarest so auch in Rom, mich mit meinen deutschen Landsleuten verbanden. Ende März 1894 ließ Seine Majestät der Kaiser mir telegraphieren, daß es ihn ungemein freuen würde, den König Humbert wiederzusehen. Als Der Kaiser Ort der Begegnung schlug der Kaiser das von ihm besonders geliebte ' ra Venedig Venedig vor, wohin er sich von Abbazia aus begeben wollte, wo er vorher einige Zeit Aufenthalt nehmen würde. Es war die für Wilhelm II. so glückliche Zeit, wo er noch ganz seiner Passion für Reisen leben konnte. Den „Reise-Kaiser“ hatte ihn, im Gegensatz zu seinem kranken Vater, dem „leisen Kaiser“, und seinem Großvater, dem „weisen Kaiser“, der Berliner Humor getauft. Ich konnte umgehend das Einverständnis des Königs von Italien melden. Die Souveräne verbrachten drei Tage, den 7., 8. und 9. April, in Venedig. Der Kaiser traf in der Lagunenstadt auf einer englischen Segel-Jacht ein. Daß er so gern auf englischen Schiffen fuhr, ärgerte die deutschen Seeleute. Er rechtfertigte es damit, daß er als englischer Real Admiral of the Fleet das Recht und sogar die Pflicht habe, auf englischen Schiffen die Meere zu durchqueren. In der Begleitung Seiner Majestät befanden sich nur die drei diensttuenden Adjutanten und Philipp Eulenburg, der kurz vorher das Ziel seiner damaligen Wünsche, den Wiener Botschafter-Posten, erreicht hatte, wo Prinz Reuß ihm weichen mußte. Die Begegnung von Venedig verlief gut. Wilhelm II. gab sich natürlich und einfach, und wenn er das tat, war er bezaubernd. Am Abend seiner Ankunft wurden ihm auf dem Markusplatz von einer großen Volksmenge enthusiastische Huldigungen dargebracht. Am nächsten Tage schlug mir der Kaiser, nachdem er eine Stunde im Gespräch mit König Humbert verbracht hatte, eine Gondelfahrt zu zweien nach dem stimmungsvollen Friedhof San Michele vor. Es entspann sich zwischen uns der nachstehende Dialog, über den ich mir, da es meine erste dienstliche Unterredung mit Unterredung Wilhelm II. war, alsbald eine Notiz machte. mit Dülow Der Kaiser: „Ich bin berauscht von dem mir bereiteten großartigen Empfang. Ich habe nie einen ähnlichen Empfang gefunden, einen solchen 42 * 660 .AVIS AU LECTEUR“ Enthusiasmus gesehen! Nun heißt es oft, den Italienern sei politisch nicht zu trauen. Was halten Sie davon?“ Ich: „In der Politik gibt es kein unbeschränktes, kein absolutes Vertrauen. Den Italienern ist ebensogut, ebensoviel und ebensowenig zu trauen wie den Russen, Engländern, Franzosen, wie allen anderen Völkern. Unter den Großmächten geht es nicht so zu wie im Regimentskasino unter Kameraden. Es wird von unserer Politik abhängen, wie sich Italien zu uns stellt.“ Der Kaiser: „Die Italiener haben 1870 die Franzosen im Stich gelassen, mit denen sie vorher einen Vertrag abgeschlossen hatten. Würden sie das mit uns ebenso machen?“ Ich: „Als die Franzosen 1870 mit Gramont und Ollivier ungeschickt und blind in den Krieg stolperten, haben die Italiener das benutzt, um sich von ihrer Allianz mit den Franzosen loszulösen. Wenn wir eine Dummheit machen sollten, wird es uns ebenso ergehen. Francesco Guicciardini, der italienische Historiker, der sich schon in jungen Jahren in seiner Vaterstadt Florenz einen großen Ruf als Rechtslehrer erworben hatte und später den Päpsten Leo X., Clemens VII. und Paul III. als Diplomat gute Dienste leistete, schreibt in seiner Istoria d’Italia: ,Pregate Dio di trovarvi sempre dove si vince.‘ (Bittet Gott, daß ihr euch immer auf der Seite befindet, wo man siegt.) Der Vater des modernen Italien, Graf Camillo Cavour, nannte die Istoria d’Italia seine politische Bibel. Ich darf auch an das erinnern, was Fürst Bismarck in seiner letzten großen Rede am 6. Februar 1888 über Natur und Wert von Allianzen gesagt hat.“ Der Kaiser (der nicht liebte, an Bismarck erinnert zu werden, mit Stim- runzeln): „Das soll wohl ein Avis au lecteur für mich sein ? Nun, ich nehme es Ihnen nicht übel, aber seien Sie sicher, daß ich keine Dummheiten machen werde. Was halten Sie von König Humbert? Mir ist er ungemein sympathisch. Was halten Sie von der Königin Margherita? Ich schwärme für sie.“ Ich: „König Humbert ist eine durch und durch vornehme Natur. Jeder Zoll ein Ritter: Furchtlos, großzügig, freigebig. Die Königin hat kein anderes Interesse als den Ruhm und die Ehre ihres Landes und ihres Hauses. Sie verkörpert sozusagen die italienische Staatsräson, und das mit Geist und Grazie.“ Der Kaiser: „Halten Sie die Königin für unsere Freundin?“ Ich: „So lange sie diese Freundschaft mit den italienischen Staatsinteressen für vereinbar hält — ja.“ Der Kaiser besuchte mit mir die Gräfin Annina Morosini, die er ein Gräfin Jahr vorher, als er sie in Rom kennenlernte, die schönste Frau Italiens Morosini genannt hatte. Sie bewohnte in Venedig ein historisches Palais, die Cä ITALIEN UND FRANKREICH 661 Doro, den zierlichsten venezianischen Palazzo gotischen Stils. Die Bewunderung des Kaisers für die Gräfin war allgemein bekannt. Aber nichts wäre irriger, als zu glauben, daß ihr Wilhelm II. den Hof gemacht habe in dem Sinne, wie dies die böse Welt versteht. Die Gräfin hat mir selbst erzählt, daß, wenn sie allein mit dem Kaiser war, die Unterhaltung sich hauptsächlich um die herrliche Erscheinung seiner Gemahlin, der Kaiserin, drehte und um die Vorzüge seiner sieben Kinder. Und sie sagte mir sicherlich die Wahrheit. Der Kaiser hatte der schönen Venezianerin ein Neues Testament in italienischer Übersetzung geschenkt und sie mit rührendem Eifer ermahnt, jeden Abend vor dem Einschlafen darin zu lesen. Alles Frivole lag Wilhelm II. ganz fern. Zu mir war er in jenen Tagen von großer Liebenswürdigkeit. Es machte ihm Freude, mir persönlich den Stern zum Roten Adlerorden zu übergeben mit den humoristischen Worten: „Das ist nur ein kleiner Anfang. Es wird noch viel mehr dahinter kommen.“ Vierzehn Tage nach der Begegnung von Venedig hörte ich aus guter Quelle, daß Crispi und Blanc während der Zusammenkunft der Souveräne den Finanzminister Boselli, wegen seiner kleinen Figur „Bosellino“ genannt, zum französischen Botschafter gesandt hätten, um ihm zu sagen, daß die Entrevue mit dem Deutschen Kaiser keinerlei Spitze gegen Frankreich trage. Die Liebe der Italiener für Frankreich, die lateinische Schwester, die Alliierte von Magenta und Solferino, sei und bleibe die alte. Fast vierhundert Jahre früher hatte Papst Clemens VII., ein Sohn des klugen Hauses Medici, an seinen Nunzius in Wien schreiben lassen, ein Staatsmann müsse, wie ein Schiffer, mehr als einen Anker bereit halten. Wenn Österreich siege, wolle der Papst in Wien ankern, „aber nie zu fest“. Wenn Frankreich die Oberhand gewinnen sollte, werde der Pontifex mit den Franzosen gehen. Boselli lebt noch. Er hat seitdem verschiedene Ressorts verwaltet, gewissenhaft und geschickt. Er hat manche Wandlung der italienischen Politik erlebt und mit Würde mitgemacht. Bei feierlichen Gelegenheiten w r urden ihm gern Ansprachen an den König und die Redaktion öffentlicher Kundgebungen übertragen. Er unterzieht sich solchen Aufgaben mit bemerkenswertem Takt. Der italienische Hof war gut gehalten. Der König verfügte in Rom und in Turin, in Florenz und in Neapel, in Venedig, Mailand und Palermo über Paläste, die zu den schönsten der Welt gehören. Die Hofhaltung war vornehm und glänzend. Die Hofleute waren liebenswürdig, in keiner Weise steif oder gar überheblich. Sie waren ohne jeden politischen Einfluß. Seit Cavour wurde streng darüber gewacht, daß die Hofleute sich auf ihre höfischen Funktionen beschränkten. Der Souverän durfte auch keine Freunde haben, keine unverantwortlichen Ratgeber. Ein Phili Eulenburg, ein Max Fürstenberg, die als persönliche Freunde des Monarchen einen I S Der Hofstaat Humberts 662 KEINE ANTICHAMBRE erheblichen Einfluß ausübten, ohne imstande zu sein, vor der Volksvertretung Rede und Antwort zu stehen, ohne die Kenntnisse, die Arbeitskraft und die Gewissenhaftigkeit zu besitzen, die erforderlich sind, um ein ministerielles Ressort leiten zu können, wären in Italien nicht denkbar gewesen. Cavour hat, als eine Hofdame vor ihm über die vielen Nachteile des parlamentarischen Systems geklagt hatte, ihr geantwortet: ,,La plus mauvaise chambre vaut mieux que l’antichambre.“ Der erste Generaladjutant des Königs Humbert, der General Ponzio Vaglia, war ein schlichter, tüchtiger Soldat, seinem Herrn absolut ergeben, ohne jede politische Ambition. Er erzählte mir gelegentlich, daß er den König Humbert einmal auf einer Reise durch die Romagna begleitet habe, wo seit jeher radikale Tendenzen stark vertreten waren, sozialistische wie republikanische. Als sie in Forli eintrafen, forderte der König den General Ponzio Vaglia auf, sich in einen andern Wagen zu setzen, da er den Sindaco von Der König Forli, Herrn Fortis, zu sich in den Wagen nehmen wolle. Fortis war da- und der ma l 8 einer der Führer der Radikalen in der Romagna, er gab sich als Radikale Republikaner Nach seiner Aussprache mit seinem Souverän wurde er Unterslaatssekretär. Alessaudro Fortis hat es später zum Minister und 1906 sogar zum Ministerpräsidenten gebracht. Wenn ich mich nicht irre, hat er mich als solcher in Berlin besucht. Als Botschafter in Rom habe ich mich oft mit ihm unterhalten. Er war ein gewandter und aufgeweckter Politiker, in keiner Weise verbohrter Prinzipienreiter. Es ließ sich gut mit ihm reden. Er ist bald nach meinem Rücktritt vom Reichskanzleramt im Dezember 1909 in Rom gestorben. Alle italienischen Politiker rühmten mir die Feinheit und Vorurteilslosigkeit, mit der es das Haus Savoyen seit jeher verstanden habe, sich den Umständen anzupassen, mit dem richtigen, dem ihm günstigen Wind zu segeln, aus jeder Lage das Mögliche herauszuholen und das Beste zu machen und auf diese Weise für Dynastie und Monarchie Anhänger zu werben und Kräfte zu gewinnen. So habe Viktor Emanuel II. Garibaldi, so habe er Depretis, Nicotera, Crispi, Zanardelli der Monarchie zugeführt und selbst mit Mazzini eine gewisse Fühlung gehalten. König Humbert hielt an dieser Tradition und Taktik fest. Die Stellung des Palast-Präfekten entsprach der Stellung, die am Berliner Hofchargen Hof der Oberhofmarschall einnahm. Der Oberstallmeister Corsini gehörte einer großen Familie an, aus der Papst Clemens III. hervorgegangen war, dem der Versuch mißlang, die griechische Kirche wieder mit der römischen zu vereinigen, der dafür aber den Palazzo Corsini erbaute und dessen herrlichen Garten anlegte. Als ich im Winter 1874/75 zum erstenmal in Rom weilte, war dieser Garten noch nicht dem Publikum geöffnet. Als ich 1894 als Botschafter nach Rom zurückkehrte, suchte ich bei meiner ersten Spazierfahrt mit meiner Schwiegermutter die Passegiata Margherita auf, DER GARTEN CORSINI 663 die, seit einem Jahrzehnt in dem ehemaligen Garten Corsini angelegt, sich in schönen Anlagen auf der Höhe des Gianicolo fortsetzt und vorbei an dem 1895 enthüllten prächtigen Reiterdenkmal des Generals Garibaldi, an der Villa Lante, an der Eiche des Tasso und an S. Onofrio zum Petersplatz und zur Peterskirche führt. In der Villa Lante wohnte der gescheite und gelehrte Archäologe Helbig, der mit einer Russin verheiratet war, einer Prinzessin Schachowskoy, die sich durch Geist und Gemüt wie durch ihren Leibesumfang auszeichnete. Sie war unförmlich dick. Der witzige russische Botschaftssekretär Schewitsch sagte einmal zu ihrem Gatten: „Vous avez ecrit tant et tant sur l’archeologie. Ecrivez nous un petit livre que vous intitulerez: ,Voyage autour de ma femme‘.“ Bekanntlich hat Xavier de Maistre außer dem ergreifenden „Lepreux de la eite d’Aoste“ eine reizende Erzählung geschrieben, die „Voyage autour de ma chambre“ heißt. XLVIII. KAPITEL Reise nach Sizilien • Fürst Paolo Camporeale • Altavilla • Donna Laura Minghetti Malwida von Meysenbug • Das Abessinische Abenteuer ■ Crispis Sturz, Marchese Rudini I m Herbst 1891 verbrachte ich einige Wochen bei meinem Schwager Paolo Camporeale in Palermo, einer Stadt, die ich liebe, schon weil in ihrem Dom zwei große deutsche Kaiser beigesetzt sind, die Hohenstaufen Heinrich VI. und Friedrich II. Sie ruhen in Sarkophagen aus rotbraunem Porphyr: neben seinem gewalttätigen, aber gewaltigen Vater, dem Kaiser Heinrich VI., der genialste der Hohenstaufen, Kaiser Friedrich II. Er liegt im Dom seiner Lieblingsstadt, in sarazenische Gewänder gehüllt, neben ihm das steile deutsche Kaiserschwert und der Reichsapfel, der die Welt bedeutete. Die Inschrift auf seinem Grabmal lautet: ,,Hic situs est ille magni nominis Imperator et Rex Siciliae Fridericus II. Obiit Fiorentini in Apulia idibus decembris anno MCCL.“ Friedrich II. starb in Fiorentino in Apulien am 13. Dezember 1250, noch nicht 56 Jahre alt. Der Fürst Paolo Camporeale a. d. H. Beccadelli di Bologna war ein Original, ein Charakter und ein Herr. Er unterschied sich von den meisten Politikern, nicht nur in Italien, dadurch, daß er anfangs als Deputierter, später als Senator den im Amt befindlichen Ministern zu opponieren liebte, die gefallenen aber in Schutz nahm. So war er das Gegenteil von einem Opportunisten. Seine Charakterstärke sollte er auch 1915 beweisen, wo er als einziges Mitglied des italienischen Parlaments gegen den Krieg stimmte. Er hat in seinem Leben Enttäuschungen gehabt. Wie manchem tüchtigen Mann, war ihm Fortuna nicht hold. Aber er hat vor seinem während des Weltkrieges erfolgten Tode die große Freude gehabt, daß seine einzige, herzensgute und reizende Tochter Anna sich mit dem trefflichen Fürsten Filiberto Castelcicala, dem ältesten Sohn des Herzogs von Calvello, verlobte, mit dem sie jetzt in glücklichster Ehe, von Sympathien und Achtung umgeben, in ihrer vom Vater ererbten schönen Villa in Palermo lebt. Mein Schwager führte mich zu dem der heiligen Rosalia, der Schutzpatronin von Palermo, geweihten Dom, an dessen Gewölbe das Wappen der Camporeale hängt. Er führte mich zur Zisa. Ursprünglich ein sarazenisches Lustschloß, diente sie später dem König Wilhelm I. von DIE BECCADELLI 665 Sizilien als Residenz. Nach ihm war die Zisa zeitweilig im Besitz des Hauses Camporeale. Von ihrem Dach genießt man, wie ich finde, den malerischsten Blick auf Palermo. Ich bewunderte den Garten der Villa Serra di Falco. Wir suchten Monreale auf. Von allen italienischen Kirchen erscheinen mir die Markuskirche in Venedig und die Kathedrale von Monreale als diejenigen Gotteshäuser, in denen der Ernst und die Erhabenheit des katholischen Kultus am schönsten zum Ausdruck kommen und am stärksten ergreifen. Einen besseren Cicerone für Palermo als meinen Schwager konnte ich nicht finden. Er fühlte sich ganz als Sizilianer, als Bewohner von Palermo, wo er in jungen Jahren Sindaco gewesen war. Die Familie Beccadelli stammt aus Bologna, dessen Consiglio Generale sie schon seit Beginn des dreizehnten Jahrhunderts angehörte. Noch früher besaß sie das Castello Beccadelli, nicht weit von Bologna. Colaccio Beccadelli war Herr von Imola und soll dort ein wüstes Regiment geführt haben. Ich habe einmal von Bologna aus sein Grab in Imola aufgesucht. Er ist auf der Steinplatte, unter der er ruht, in ganzer Figur dargestellt, hoch zu Roß. Sein Brustpanzer und die Decke seines Pferdes sind bedeckt mit Adlerklauen, die das Geschlecht der Beccadelli noch heute im Wappen führt. Die Inschrift auf seinem Grabmal lautet: Clauditur sub ista presenti Colacius Archa Qui mira tanta fecit quod sibi multa subjecit Dum tenuit Bononiam dans Beccadelli nomina. Qui obüt anno Domini MCCCXLI Indicione VIII Die XIII Marcii Bitinus de Bononia me fecit. Mit Vanino Beccadelli siedelte ein Zweig der Familie 1304 von Bologna nach Sizilien über, wo sie 1470 Marchese von Sambuca, 1620 Marchese von Altavilla, 1664 Fürsten von Camporeale, 1707 Herzoge von Aldragna und Granden von Spanien I. Kl. wurden und beträchtlichen Grundbesitz erwarben. Während mehr als fünfhundert Jahren haben sie den Königen von Spanien und Neapel aus dem Hause Aragon, später den Königen von Neapel aus dem Hause Bourbon eine stattliche Anzahl Generäle, Admiräle und Minister gestellt. Nach der Schlacht von Lepanto, in der sich mehrere Söhne des alten Hauses auszeichneten, war ihnen das Privileg verliehen worden, daß jeder Camporeale von Geburt Ritter des Malteser-Ordens ist. Ein Beccadelli, der sich dem geistlichen Stande zuwandte, wirkte auf dem Tridentinischen Konzil als Vertreter der Kurie, deren Ansprüche er mit Klugheit und Schärfe vertrat. Tizian hat das Bild dieses geistvollen Prälaten gemalt. Es hängt im Palazzo degli Uffizi in Florenz. Von Palermo aus besuchte ich das etwa zwanzig Kilometer von dort entfernte Altavilla, das meiner Frau von ihrem Vater, dem Fürsten Domenico Altavilla 666 EINE OHRFEIGE Camporeale, hinterlassene, auf einem Bergvorsprung am Meer gelegene Gut. Die Kirche von Altavilla, die sogenannte Chiesazza, wurde 1077 von Robert Guiscard erbaut, dem Sohne Tancreds von Hauteville. Seinem Vater zu Ehren gab er dem von ihm angelegten Ort den Namen Altavilla. Robert Guiscard wurde im Verlaufe seiner weiteren Karriere Graf von Apulien, eroberte Sizilien und Kalabrien, unternahm einen siegreichen Kriegszug gegen das griechische Kaisertum und befreite den in der Engelsburg durch den deutschen Kaiser Heinrich IV. belagerten Gregor VII. Er starb auf seinem zweiten Zuge nach Konstantinopel 1085 auf Kephallonia, der größten der Ionischen Inseln, gegenüber dem Eingang des Golfes von Patras. Von dem würdigen Geistlichen von Altavilla wurde mir ein freundlicher Empfang bereitet. Als ich ihm für seine Armen eine kleine Geldsumme übergab, sagte er mir mit liebenswürdiger Courtoisie: „Io sono certo, che Dio vuole molto bene alla nostra Signora. Ma io domandero a la santissima Madonna di Altavilla, chi ha fatto tanti miracoli, di pregare Dio di fare ancora piü e sempre piü per • la nostra cara Signora, vostra moglie.“ Die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland war Die Krüger - von Holstein und Marschall auch damit motiviert worden, daß wir, von Depesche jeder Rücksicht auf Rußland entbunden, unser Verhältnis zu England nur um so besser würden pflegen können. Das Telegramm, das Wilhelm II. am 3. Januar 1896 an den Präsidenten Krüger richtete, stand mit dieser Politik nicht im Einklang. Die Italiener, die aus naheliegenden Gründen ein gutes Verhältnis zwischen ihrem Verbündeten, dem Deutschen Reich, und ihren traditionellen Freunden, den Engländern, wünschten, standen damals zu uns in so guten Beziehungen, daß sie über die Krüger-Depesche zwar betrübt waren, dies jedoch nur wenig zum Ausdruck brachten. Aber mein englischer Kollege, Sir Cläre Ford, sagte zu mir: „Diese Ohrfeige von seiten Ihres Kaisers wird England nicht vergessen.“ Als ich auf das Unstatthafte des Einfalles in Transvaal hinwies und auf weit ernstere Kränkungen, die England von Frankreich und Rußland hingenommen habe, meinte Sir Cläre: „Aber die gingen von Ministern, Parlamentariern und Publizisten aus, nicht von einem Kaiser.“ Als ich von der Liebe und Achtung des Kaisers für England sprach, mit dem ihn nicht nur verwandtschaftliche Bande, sondern auch Gewohnheiten und Passionen verbänden, replizierte mein englischer Kollege: „Gerade wegen dieser vielen und intimen Beziehungen wird das englische Volk Ihrem Kaiser diesen Affront nicht verzeihen. Der Engländer hat die Empfindung, die ein Gentleman haben würde, dem im Klub ein anderer Gentleman, sein Vetter, mit dem er viele Jahre friedlich Whist gespielt und Brandy und Soda getrunken hat, plötzlich eine Maulschelle appliziert.“ Wenige Wochen später hielt im DER NEFFE WILLY 667 House of Commons der Erste Lord der Admiralität, Lord Goschen, eine gegen den Deutschen Kaiser gerichtete, ungewöhnlich scharfe Rede und legte gleichzeitig dem Unterhaus ein Flottenprogramm vor, durch das England in die Lage versetzt werden sollte, so viele Schilfe in Dienst zu stellen wie alle übrigen europäischen Mächte zusammen. Die Vorlage wurde fast einstimmig angenommen. Viele Jahre später, ein Jahr vor meinem Rücktritt, sagte der englische Botschafter in Berlin, Sir Edward Goschen, zu seinem italienischen Kollegen, der ihn zu der in den letzten Jahren eingetretenen Besserung der englisch-deutschen Beziehungen beglückwünschte, die hoffentlich bald zu einer engen und wirklichen Freundschaft werden würde: „Von einer solchen kann seit der Krüger-Depesche kaum die Rede sein. Man hat sie in Deutschland vergessen, oder möchte sie vergessen haben, aber in England denkt man an sie.“ Ich habe mich noch an anderer Stelle meiner Aufzeichnungen mit der Krüger-Depesche beschäftigen müssen, die Fürst Bismarck sofort als ,.in- tempestiv“ bezeichnete und verurteilte. Der Prinz von Wales kam mir gegenüber später bei jedem Anlaß auf die Krüger-Depesche zurück, die in einem spontanen Ausbruch die wahren Gefühle seines Neffen zum Ausdruck gebracht habe. Dabei habe er von verschiedenen Seiten gehört, von englischen Diplomaten, von Neutralen und selbst von seiner Schwester, der Kaiserin Friedrich, daß dieses vehemente, abrupte Telegramm von Hohenlohe, Marschall und Holstein dem Kaiser nur durchgelassen worden sei, weil er sich ursprünglich mit noch weit exzentrischeren Plänen getragen habe. Er habe einen seiner Flügeladjutanten nach Afrika schicken wollen, um ihn dort den Buren als Generalstabschef zur Verfügung zu stellen. Die Prinzessin von Wales sagte zu ihrer vertrauten Hofdame, Miß Charlotte Knollys, die es mir in Sandringham wiedererzählte: „In seinem Telegramm an den Präsidenten Krüger hat mein Neffe Willy uns gezeigt, daß er uns innerlich unfreundlich gesinnt ist, wenn er sich auch bei jeder Begegnung mit uns in Kajolerien, Komplimenten und Versicherungen seiner Liebe und Anhänglichkeit überbietet. Sein Verhaltengegen seinen sterbenden Vater und seine Ungezogenheiten gegen seine Mutter zeigen, daß er so wenig Herz hat, wie er politischen Common sense besitzt.“ Da ich nur zwei Monate im Jahr Urlaub nehmen konnte und wollte, habe ich dreimal den Julimonat in Rom verbracht. Meine Frau, die, obwohl Italienerin von Geburt, die Hitze weniger vertrug als ich, suchte schon Ende Juni den Semmering auf, wo wir auf dem Gebirgssattel zwischen Niederösterreich und der grünen Steiermark im Hotel Panhans ein gemütliches Sommerheim gefunden hatten. Meine Strohwitwerzeit verschönten j aura mir in Rom zwei Frauen, die, voneinander sehr verschieden, beide durch Minghetti- Geist und Herz hervorragten: meine Schwiegermutter, Donna Laura Acton 668 EINE ENGLISCH-FRANZÖSISCHE ITALI ANIS SIMA Minghetti, und Malwida von Meysenbug. Donna Laura entstammte dem Hause Acton, außer den Howards die einzige Familie des englischen Hochadels, die dem katholischen Glauben immer treugeblieben war. Ihr Großonkel, der Baronet John Francis Acton, war jung nach Neapel gekommen, wo er sich die Gunst der Königin Maria Karolina erwarb, der Schwester der armen Königin Marie Antoinette, und Premierminister und Fürst wurde. Er hat als Todfeind der Französischen Revolution und ihrer Ideen das Königreich beider Sizilien in sehr reaktionärem Geist regiert, willkürlich und grausam. Der gute politische Ruf des Hauses Acton wurde in unseren Tagen von Lord John Acton wiederhergestellt, dem ausgezeichneten Gelehrten und liberalen Staatsmann. Er war mit einer Deutschen verheiratet, einer Gräfin Arco, und der Sohn einer Deutschen, einer Tochter der historischen Familie Dalberg. Schon vor Lord John Acton hatte sich der Kardinal Acton bemüht, durch einen gottseligen Lebenswandel die Missetaten seines Oheims, des Fürsten, in Vergessenheit zu bringen. Donna Laura hatte eine französische Mutter gehabt, die Gräfin Zoe d’Albon, aus einer großen Familie, der, freilich als illegitimer Sproß, die berühmte Julie de l’Espinasse entstammte, die Freundin von Madame du Deffand, von d’Alembert und vielen anderen Enzyklopädisten. Ihre 1809 erschienenen „Lettres“ gehören zu den schönsten und geistreichsten Briefen der in dieser Richtung seit jeher reichen und ausgezeichneten französischen Literatur. Sie sind mehrfach ins Deutsche übersetzt worden. Beide Großmütter meiner Schwiegermutter waren Deutsche, Rheinländerinnen, die eine eine Gräfin Hompesch, die andere eine Gräfin Berghe von Trips, also nur englisches, französisches und deutsches Blut. Ihre einzige Schwester hatte sich mit einem Deutschen, dem Grafen Kurt zur Lippe-Biesterfeld, verheiratet. Dabei war Donna Laura in ihrer äußeren Erscheinung wie in ihrem Wesen durch und durch Italienerin, Italianissima. Wer das Bild betrachtet, das Lenbach von ihr gemalt hat, das ihre klassische Schönheit wundervoll wiedergibt, wohl das beste Frauenporträt des großen Münchener Malers, wird zweifellos der Ansicht sein, den vollkommenen Typus der Italienerin vor sich zu sehen. Ein neuer Beweis für die Anfechtbarkeit der Rassentheorie und jedenfalls ein Argument gegen ihre Übertreibung. Donna Laura hatte sehr jung in erster Ehe den Fürsten Domenico Camporeale geheiratet, nach dessen Tod den ausgezeichneten italienischen Staatsmann Marco Minghetti. Sie starb sechsundachtzigjährig in ihrer Villa Mezzaratta bei Bologna am 12. September 1915, ohne ihre zärtlich geliebte Tochter noch einmal haben sehen zu können, während des Weltkrieges, der sie in einen schmerzlichen Konflikt zwischen ihrem glühenden italienischen Patriotismus und ihrer tiefen Sympathie für Deutschland gebracht hatte. Sie wurde in der Certosa von GEIST UND HERZ 669 Bologna beigesetzt, einem der ältesten und stimmungsvollsten Friedhöfe der Welt, „al fianco del mio Marco“, wie sie in ihrem Testament bestimmt hatte, neben Marco Minghetti. Selten war in einer Frau so viel Geist mit so viel Herz verbunden wie in Donna Laura. Von ihrer Mutter batte sie die französische Schlagfertigkeit geerbt, die Gabe der Repartie. Als einmal ein bekannter Blaustrumpf von sich sagte, sie habe nur geistige Interessen und verachte die Frauen, die sich um Haus, Küche und Keller kümmerten, erwiderte Donna Laura blitzschnell: „C’est tres bien, mais de grace ne m’invitez jamais a diner.“ Als ich einmal mit ihr bei Herbert Bismarck aß, der gute Weine liebte, drängte er sie, noch ein drittes und viertes Glas Chateau Lafitte zu trinken. „Buvez encore de ce vin, Donna Laura“, ermutigte er sie. „Ce vin serait capable de ressusciter un mort.“ Und Donna Laura: „Et enterrer un vivant!“ An Donna Laura war alles echt und wahr, vornehm und natürlich. Sie war mit allen Staatsmännern des Risorgimento, der italienischen Einheitsbewegung befreundet gewesen. Bismarck und Andrässy, Gladstone und ihr Vetter, der Earl of Granville, der Bischof Stroßmayer und Monseigneur Duchesne, der Kirchen-Historiker und Akademiker, schätzten ihren Geist und ihre Anmut. Sie zeigte gern eine Photographie, die Richard Wagner ihr mit einer dankbaren Widmung geschenkt hatte, als sie bei der ersten mißglückten „Tannhäuser“-Aufführung in Paris mutig für ihn eingetreten war. Sie war die Freundin der Kaiserin Eugenie und der Prinzessin Mathilde Bonaparte. Sie war mit ihrem ersten Mann in Paris in den Tuilerien zu dem Diner eingeladen worden, bei dem Napoleon III. seine Verlobung mit der schönen Gräfin Eugenie Montijo ankündigte, und am Vorabend des Weltkrieges empfing sie in Bologna den Besuch der entthronten, gebeugten Kaiserin Eugenie. Dem sechzehnjährigen Mädchen hatte König Ludwig I. von Bayern den Sankt-Annen-Orden verliehen, den Fürstbischof Johann Philipp von Würzburg 1714 für tugendreiche katholische Jungfrauen im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren aus ritterlichem Geschlecht mit acht Ahnen von jeder Seite stiftete. Die fast achtzigjährige Greisin führte Kaiser Wilhelm II. selbst durch seine Potsdamer und Berliner Schlösser. Donna Laura war durch und durch liberal und haßte schon in der Erinnerung an das, was sie in ihrer Jugend in Neapel schaudernd erlebt hatte, Fanatismus und Unwissenheit. Damals sollte ihr erster Mann, der Fürst Camporeale eingesperrt werden, weil man bei ihm einen Dante gefunden hatte, den die Bourbonen als italienischen Patrioten verabscheuten. Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, weilte Donna Laura zum Besuch bei der Prinzessin Mathilde in Paris. Napoleon III. erschien 670 DIE VEREHRERIN ORSINIS Napoleon III. und seine Kusine Malwida von Meysenbug vor seiner Abreise in das französische Hauptquartier bei seiner Kusine, um von ihr Abschied zu nehmen. Sie empfing den Kaiser in Gegenwart ihrer Freundin Donna Laura. Der Kaiser machte den Eindruck eines kranken, ja schwerkranken, ganz gebrochenen Mannes. Seine Kusine Mathilde sagte zu ihm unter Anspielung auf zwei bekannte französische Lieder, die von der Königin Hortense verfaßte offizielle Hymne des zweiten Kaiserreichs und einen alten Gassenhauer aus der Zeit des spanischen Erbfolgekrieges: „Mon cousin, vous ne me rappellez guere Dunois jeune et beau qui avant de partir pour la Syrie allait prier Marie de benir ses exploits. Vous me rappellez plutöt ce pauvre Marlborough qui s’en allait en guerre.“ Der Kaiser reagierte nicht auf diese fast brutalen Worte seiner Kusine. Er sah trübe vor sich hin. Donna Laura fühlte, daß Napoleon III. den alten Glauben an seinen Stern verloren hatte. Als sie mir diese kleine Szene erzählte, fügte sie hinzu: „L’Empereur sentait qu’il allait au devant d’une catastrophe.“ Ganz andere Wege als Donna Laura war Malwida von Meysenbug gegangen. Die Tochter eines kurhessischen Ministers, der, was etwas sagen will, vor 1848 für übertrieben reaktionär galt, hatte sie sich im Sturmjahr 1848 der revolutionären Bewegung angeschlossen und mußte nach deren Niederwerfung nach London flüchten, wo sie viele Jahre in freundschaftlichem Verkehr mit Mazzini, Gottfried und Johanna Kinkel, Louis Blanc, Ledru-Rollin und anderen revolutionären Koryphäen im Exil verbrachte. Lothar Bücher hat sie damals in die Nationalökonomie eingeführt. Als der russische Revolutionär Alexander Herzen seine Frau bei einem Schiffsunglück verlor, widmete sie sich der Erziehung seiner Töchter, von denen die eine, Olga, den ausgezeichneten französischen Gelehrten Gabriel Monod heiratete. Malwida bekannte sich politisch und religiös zu den allerfreisten Anschauungen. Sie erklärte den Attentäter Felice Orsini, den sie im Exil gut gekannt hatte, für einen edlen Jüngling, Harmodios und Aristogeiton, den Tyrannen-Mördern, vergleichbar, die in Athen gefeiert und besungen wurden. Sie hat mir das inzwischen selten gewordene Büchelchen geschenkt, in dem Orsini seine mit ungewöhnlicher Kühnheit ausgeführte Flucht aus österreichischer Kerkerhaft in Mantua schildert. Das 1858 in Mastricht erschienene Buch führt den Titel: „Les Prisons Autrichiennes en Italie. Quinze mois de captivite, evasion du Fort Saint- George ä Mantoue.“ Felice Orsini beginnt die Schilderung seiner Flucht aus dem Kerker von Mantua mit den Worten: „Douze ans se sont ecoules depuis que, pour la premiere fois, j’ai encouru la vengeance des oppresseurs de ma patrie, en leur montrant par mes discours et par mes actes que le desir de soustraire l’Italie ä leur joug etait le grand mobile de mon existence. Le peu de succes de mes efforts dans l’accomplissement de cette täche ne „SIMPLIZISSIMUS“ 671 fait que m’exciter davantage a la poursuivre avec tout ce qui me reste d’energie et de ressources.“ Das war keine Redensart. Nickt lange nachher, am 14. Januar 1858, führte Felice Orsini in Paris sein Bomben attentat gegen Napoleon III. aus, dem zahlreiche Passanten zum Opfer fielen, aus dem aber der Kaiser selbst, wie durch ein Wunder, heil hervorging. Zum Tode verurteilt, schrieb Orsini vor seiner Hinrichtung im Gefängnis einen Brief an Napoleon III., in dem er ihn beschwor, Italien von Österreichs Joche zu befreien. Wenn Napoleon in Erinnerung an seinen einst als Car- bonari geleisteten Eid Italien befreie, wolle er, Orsini, gern sterben und mit Segenswünschen für den französischen Kaiser aus diesem Leben scheiden. Dieser merkwürdige Brief wurde im Museum in Turin aufbewahrt, wo ich ihn gesehen habe. Orsini scheint den Brief bei seiner Hinrichtung in der Tasche gehabt zu haben, denn das Schreiben zeigte Spuren von Blut. Vielleicht werden diese Blutflecke von Zeit zu Zeit erneuert, wie der Tintenfleck auf der Wartburg. Wenn sie Orsini ein gerührtes Andenken bewahrte, so sprach Malwida von Meysenbug mit Verachtung von Georg Herwegh, der sich zu Alexander Herwegh Herzen und seiner Frau „schäbig“ benommen habe. Ich bin geneigt, dieses Werturteil für zutreffend zu halten. Nicht lange nach dem Deutsch- Französischen Kriege zeigte mir eine französische Dame, eine leidenschaftlich patriotische Französin, eine Eintragung, die Herwegh 1873 in Baden-Baden in ihr Stammbuch gemacht hatte. Sie war in Versen gehalten, deren Wortlaut ich vergessen habe, aber deren Sinn etwa war: „Sommer- und Hundstage-Hitze! Und noch immer ist Bismarck nicht am Sonnenstich krepiert. Ruhr und Diarrhöe überall, und noch lebt der alte Wilhelm.“ Treitschke hat mit Recht gesagt, daß es Niederträchtigkeiten gebe, deren nur gewisse Deutsche fähig seien. Herwegh war mit einer Berliner Israelitin verheiratet, der Tochter des Bankiers Siegmund. Der Sohn aus dieser Ehe ließ sich als Franzose naturalisieren und hat während des Weltkrieges in Zeitungsartikeln und Broschüren seine deutsche Heimat mit der Verbissenheit und dem Eifer eines Renegaten beschimpft und verleumdet. Heinrich Heine hat politisch arg gesündigt. Aber die Verse, in denen er in seinen „letzten Gedichten“ unter der Überschrift „Simpli- zissimus“ Georg Herwegh, dessen Gattin und dessen Feigheit im Gefecht von Dossenbach, während des republikanischen Aufstandes in Baden, geißelte, müssen ihm zugute gerechnet werden. Die Schüsse knallen — der Held erblaßt, Er stottert manche unsinnige Phrase, Er phantasierte gelb — die Gattin , Hält sich das Tuch vor der langen Nase. 672 GENERAL BARATIERI Während meine Schwiegermutter regelmäßig bei mir auf der Terrasse des Palazzo Caffarelli aß, hat die damals schon fast achtzigjährige Malwida von Meysenbug im Sommer 1896 ganz bei mir gewohnt. Wir waren fast den ganzen Tag beieinander. Wir waren über viele, über sehr viele Dinge verschiedener Meinung. Das hat aber weder meiner tiefen Achtung vor ihr noch unserer gegenseitigen Liebe Abbruch getan. In unseres himmlischen Vaters Hause sind viele Wohnungen. Ich werde den mit meiner lieben Malwida verbrachten Sommer nie vergessen. Crispi hatte sich als Ministerpräsident besonders für die Entwicklung Italiens Krieg der am Roten Meer zwischen Abessinien, der französischen Somali-Küste mitAbessimen un( J dem ägyptischen Sudan gelegenen Kolonie Erythräa interessiert. Zum Führer der dortigen Streitkräfte war auf seinen Vorschlag General Baratieri ernannt worden, ein Trentiner Irredentist, der sich mehr durch lärmenden Chauvinismus als durch militärische Fähigkeiten auszeichnete. Anfänglich schien das Glück Baratieri hold zu sein. Er hatte im Sommer 1894 Kassala, den Hauptstützpunkt der feindlichen Derwische, erobert und im Mai 1895 die Souveränität Italiens über Tigre proklamiert. Aber im Herbst 1895 griff König Menelik von Abessinien zu den Waffen, um das ihm lästig gewordene Schutzverhältnis zu Italien abzuschütteln. Nach anfänglichen Mißerfolgen gelang es ihm, ein vorgeschobenes italienisches Bataillon mit großer Übermacht zu überfallen und zu vernichten. Crispi war entschlossen, diese Scharte sofort auszuwetzen. Die öffentliche Meinung stand noch auf seiner Seite, und das Parlament bewilligte mit großer Mehrheit die verlangten Kriegskredite. Im Februar 1896 verschlimmerte sich jedoch die Lage der Italiener. Sie standen inmitten einer feindlichen Bevölkerung. Vor sich hatten sie das weit stärkere Heer der Abessinier, in der rechten Flanke wurden sie von den Derwischen bedroht. Die italienische Kriegsleitung plante einen Vorstoß über Zeila gegen Harrar, um die Abessinier im Zentrum ihrer Macht zu treffen. Aber England, mit dem kühlen Egoismus, der immer und überall seine Politik auszeichnete, zögerte, den ihm in Afrika damals nicht ganz bequemen Italienern die Erlaubnis zum notwendigen Vormarsch durch englisches Gebiet zu geben. In Rom wurde man unruhig. Crispi erkannte endlich die Unfähigkeit des bisher von ihm protegierten Baratieri und legte dem König ein Dekret vor, durch das der tüchtige General Baidissera zum Oberbefehlshaber der italienischen Streitkräfte ernannt wurde. Gleichzeitig wurden weitere Verstärkungen nach Afrika entsandt. Im Gegensatz zu dem Irredentisten und Chauvinisten Baratieri hatte Baidissera, der als österreichischer Untertan in Venedig geboren war, vor 1866 in der österreichischen Armee gedient und sich in der Schlacht von Custozza auf österreichischer Seite durch Tapferkeit ausgezeichnet, ein Beweis dafür, daß es bei einem General mehr Francesco Crispi, italienischer Ministerpräsident :iSiS253ff?aftn?w^VHwy« $$fe 'ihnmtjfiW;. ■■ <-*Si ' iä**t &**+*x 'y * Itil Kl't*»-’ «ai; DIE KATASTROPHE IN AFRIKA 673 auf seine militärischen Fähigkeiten als auf seine politische Einstellung ankommt. Unglücklicherweise erfuhr Baratieri durch eine Indiskretion von der ihm bevorstehenden Abberufung. Er wollte vorher noch einen Sieg erfechten und griff am 1. März 1896 bei Adua mit kaum fünfzehntausend Die Schlacht Mann das weit überlegene Heer des Negus Menelik an. Persönlich zeigte er bei Adua sich brav, hielt in erster Linie im Feuer und zog sich unter den letzten zurück. Aber sein Heer wurde vollständig geschlagen. Zwei Generäle, Dabormida und Arimondi, fanden tapfer kämpfend den Heldentod. An Toten und Verwundeten verlor das italienische Heer viertausend Mann. Unter den Toten befand sich auch der junge Fürst Agostino Chigi, der einer streng päpstlich gerichteten Familie angehörte, aus der Papst Alexander VII. hervorgegangen war und die seit zweihundert Jahren die Würde eines Marschalls der Heiligen Kirche und Hüters des Konklave bekleidet. Er hatte sich freiwillig für die Expedition gegen Menelik gemeldet, um zu zeigen, daß sich die sogenannten Schwarzen, die päpstlich Gesinnten, an italienischem Patriotismus nicht von den Weißen, den königlich Gesinnten, übertreffen ließen. Am 2. März 1896 erhielt der Minister des Äußern, der Baron Blanc, in früher Stunde ein Telegramm, das mit den Worten begann: „Immane disastro!“ (Ungeheure Katastrophe!) Crispis Afrika-Politik war, seit Hiobsbotschaften aus Afrika eintrafen, mit zunehmender Schärfe kritisiert worden. Nun brach der Sturm los, und es erging dem Ministerpräsidenten, wie es meist Staatsmännern geht, die Mißerfolge haben. Parlament und Presse wälzten alle Schuld auf ihn oder rückten wenigstens von ihm ab. Crispi reichte seine Entlassung ein. Ich wohnte in der Diplomatenloge der Sitzung bei, in der Crispi der Kammer mitteilte, daß er seine Demission eingereicht und daß der König sie angenommen habe. Hoch aufgerichtet stand der siebenundsiebzigjährige Premierminister vor dem Parlament. Keine Miene zuckte in seinem scharfgeschnittenen, männlichen Gesicht. Als bei der Verkündung der Demission in der Hof löge von einer dem Ministerpräsidenten nicht wohlgesinnten Palastdame „Bravo“ gerufen wurde, warf er seiner Gegnerin einen Blick zu, der bewies, daß dieser alte Fechter sich über Lob und Tadel des Tages ebenso erhaben fühlte wie über alle Launen der Mobilium turba Quiritium. Wenige Tage später wurde ein neues Kabinett unter dem Marquis Rudini gebildet. Auch Rudini war Sizilianer, aber während Crispi ein Das Kabinett Sohn des Volkes war, gehörte der Marchese Rudini einer der ältesten Rudini Familien des Landes an. Auch Rudini war ein energischer Mann. Aber wenn Crispi seine überströmende Energie durch Reden und Gesten nach außen in jeder Weise zum Ausdruck brachte, bewies Rudini seine Festigkeit und Entschlossenheit mehr durch Zähigkeit und Geduld. Er hat das Abessinische 43 Bülow IV 674 DIE KOMMUNION IN BARI Der Kronprinz Viktor Emanuel heiratet Abenteuer in einer für das Land ehrenvollen Weise durch den Frieden liquidiert, den Italien mit Abessinien am 26. Oktober 1896 schloß, zwei Tage nach der Vermählung des jetzigen Königs von Italien. Als bekannt wurde, daß der Kronprinz von Italien sich mit der Prinzessin Helene von Montenegro verlobt habe, die er im Mai während der Krönungsfeierlichkeiten in Moskau kennen und lieben gelernt hatte, schüttelten die fremden Vertreter in Rom den Kopf. Wo und wie werde die Trauung vor sich gehen? Der König müsse im Hinblick auf die italienische öffentliche Meinung darauf bestehen, daß die Trauung in der Landeshauptstadt, also in Rom, stattfinde. Das aber werde der Papst nie zugeben. Es zeigte sich auch bei diesem Anlaß die Gabe der Italiener, zwischen prinzipiellen Gegensätzen einen praktischen Ausweg zu finden. Der Ministerpräsident Rudini und der Kardinal-Staatssekretär Rampolla, beide Sizilianer, fanden diesen Ausweg während eines stillen Spazierganges, den sie in früher Morgenstunde zusammen in einer abgelegenen Allee der Villa Doria unternahmen. Die Peterskirche, meinte lächelnd der Staatssekretär der Kurie, könne er nicht wohl zur Verfügung stellen, wohl aber die Kirche Santa Maria degli Angeli, deren weite Räume sich prächtig für große Zeremonien eigneten. Man einigte sich auch leicht über den Geistlichen, der die Trauung vollziehen würde. In ferner Normannenzeit hatte der Erzbischof von Bari besondere Privilegien genossen. Von diesen Privilegien profitierte jetzt der König Umberto als Rechtsnachfolger der Normannenfürsten. So konnte die junge und schöne Prinzessin Helene getrost die Fahrt nach Rom antreten. Auch sie hatte, wie so viele Liebende, Hindernisse zu überwinden. Das montenegrinische Volk bekennt sich treu, ja nicht ohne einen gewissen Fanatismus, zur griechisch-orthodoxen Kirche. Die Prinzessin mußte, um Kronprinzessin von Italien zu werden, zur römisch-katholischen Kirche übertreten. Sie verließ als Rechtgläubige die väterliche Hauptstadt Cetinje. Dank der Feinheit und Überredungskunst eines der Prinzessin entgegengesandten italienischen Geistlichen vollzog sich die Konversion auf der Meeresfahrt nach Bari, wo die künftige Königin von Italien die heilige Kommunion aus den Händen des Erzbischofs in der altberühmten Kirche des heiligen Wundertäters Nicola nach römisch-katholischem Ritus empfing. Der Erzbischof hielt auch die Traurede in der Kirche Santa Maria degli Angeli. Sie erinnerte an die besten Reden Ciceros, des Vaters und Vorbilds aller lateinischen Rhetorik. In rollenden und dabei doch harmonischen Perioden wurden das heiß geliebte italienische Vaterland und der so treu verehrte Heilige Stuhl, der kluge Papst Leo XIII. und der ritterliche König Umberto gefeiert. Als wir die Kirche verließen, frug mich Rudini, wie ich die Predigt gefunden hätte. „Pas mal, n’est ce pas ?“ meinte er mit zufriedenem Lächeln. BESUCHER 675 Icli mußte wahrheitsgemäß antworten: „Un chef d’ceuvre de tact et de finesse.“ Wie zu Crispi, so stand ich auch zu seinem Nachfolger Rudini in den besten persönlichen Beziehungen. Seine kluge und liebenswürdige Frau hatte mich gebeten, ihn recht oft am Vormittag zu einem Spaziergang abzuholen, damit er sich die notwendige Bewegung mache. Wenn ich zu ihm kam, fand ich stets sein Vorzimmer voller Menschen. Als wir einmal durch eine zweite Tür das Freie erreicht hatten, sagte Rudini zu mir: „Es sind nicht die Geschäfte, die mich am meisten ermüden, sondern die vielen Besucher, die mir so viel Zeit kosten und mich durch ihr Geschwätz umbringen.“ Ich konnte das erst richtig verstehen, als ich selbst Minister wurde. 43 ‘ XLIX. KAPITEL Mit Wilhelm II. in Neapel Besuch des Kaisers in Süditalien • Besteigung des Vesuv • Begegnung mit Kardinal Sanfelice, Erzbischof von Neapel • Die päpstliche Diplomatie, Kardinäle und Prälaten • Der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag und Fürst Bismarck • Die Kretische Frage • Die Nachfolge des Staatssekretärs Marschall • Besprechungen mit Phili Eulenburg in Meran und Venedig • Korrespondenzen mit Berlin • Ungewißheit und Unsicherheit bis zur endlichen Entscheidung W ährend des Besuches, den Wilhelm II. bald nach dem Rücktritt von Crispi Süditalien abstattete, bin ich Seiner Majestät zum erstenmal nähergetreten. Der Kaiser lernte mich kennen und ich ihn. Meine Eindrücke waren widerspruchsvoll, was ich ex post verstehe, denn Wilhelm II. war wohl der unausgeglichenste Mensch, dem ich begegnet bin. Man kam ihm gegenüber schwer zu einem sicheren und endgültigen Urteil. Als wir in Neapel die Zoologische Station des ausgezeichneten Gelehrten und liebenswürdigen Menschen Anton Dohrn besuchten, erstaunte uns der Kaiser durch seine rasche, leichte Auffassung und durch die geistreiche Art, wie er sein Interesse für Biologie zum Ausdruck brachte. Darin wie in manchem andern war er der Sohn seiner Mutter, die auch für alles Interesse hatte und über alles Vorträge hielt, de omnibus rebus et quibusdam aliis. Nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Wissen, zum Beispiel über Zoologie oder Botanik, über alle Zweige der Wissenschaft, die sich mit den organischen Naturkörpern beschäftigt, in bescheidenem Ton an den Tag legte, mit leiser Stimme und mit gesenkten Augen, der Kaiser laut und triumphierend. Zur Kaiserin Friedrich hatte ihr sehr gebildeter Vater, der Prince Consort, als sie noch ein Kind war, gesagt: „Die Zeiten sind vorüber, wo die Prinzen und Fürsten behaupten konnten, daß sie durch höhere Eingebung alles verstünden und sogar besser verstünden als die übrige Menschheit, wo Kaiser Siegismund, auf einen grammatikalischen Fehler aufmerksam gemacht, den er sich hatte zuschulden kommen lassen, auf dem Konzil von Konstanz hochmütig erwiderte: Caesar supra grammaticam! In unserer Zeit muß ein Fürst durch gute Lehrer und eigenen Fleiß es dahin bringen, daß er auf allen Gebieten und in allen Richtungen es anderen zuvortut.“ DIE DEKORIERTE SCHILDWACHE 677 Kaiser Wilhelm II. war überzeugt, daß die eigene, zweifellos große Begabung, verbunden mit der Eingebung und Hilfe von oben, ihn instand setzte, alles zu kennen und alles zu können. Bald nachdem Kaiser Wilhelm II. uns durch einen längeren Vortrag über die Lehre vom Leben, insbesondere über Zoologie, mit Bewunderung erfüllt batte, entsetzte er den guten Dobrn und mißfiel mir in hohem Grade, indem er uns erklärte, daß er grundsätzlich jede Schildwache dekoriere, die den Passanten, der auf Anruf nicht gleich stillstehe, sofort niederschieße. Solche Auslassungen, deren ich später noch manche ähnliche gehört habe, waren nicht der Ausfluß einer grausamen Natur. Wilhelm II. hatte gar nichts von einem Nero oder von Dionys, dem Tyrannen von Syrakus, zu dem Dämon schlich, den Dolch im Gewände. Er war vielmehr im Verkehr das, was man so einen guten Kerl nennt. Solche Exzesse in Worten waren auch nicht ein Zeichen jener Brutalität, die Peter dem Großen, die Kaiser Nikolaus I., die dem großen Napoleon vorgeworfen werden konnte, wo sie der Ausdruck gewaltiger, abnormer Energie waren. Bei Wilhelm II. waren sie das Symptom einer neurasthenischen Natur. Es fehlte Wilhelm II. wie an ruhigem Mut so auch an wirklicher Kraft. Er suchte deshalb durch Worte und Gesten den Eindruck eines Heros zu erwecken. Dabei vergriff er sich nicht selten in den Mitteln. Nachdem er die Zoologische Station in Neapel besichtigt hatte, bestieg der Kaiser, begleitet von mir und einigen Herren, den Vesuv. In seinen hübschen Memoiren erzählt Graf Beugnot, daß er im Frühjahr 1813, damals leitender Minister des von Napoleon kreierten Großherzogtums Berg, mit dem Kaiser und dem Präfekten von Mainz, einem früheren Conventionnel, der Jean-Bon Saint-Andre hieß, eine Kahnfahrt bei Biebrich unternommen habe. Während der Fahrt habe Napoleon, in Gedanken versunken, ins Wasser geblickt. Außer dem Kaiser, dem Präfekten und Beugnot war niemand in dem Kahn. Da sagte der Konvents-Deputierte, über den der Geist von 1793 kam, der Geist der Terreur, leise zu Beugnot: „Quelle etrange position! Le sort du monde depend d’un coup de pied de plus ou de moins.“ Als die Kahnfahrt zu Ende war, machte Beugnot dem Präfekten Vorwürfe über seine Boutade: „Savez vous que vous m’avez furieusement effraye?! Vous etes un insense!“ Der alte Terrorist antwortete: „Et vous un imbecile. Tenez-vous pour dit que nous pleurerons des larmes de sang que cette promenade de l’Empereur n’ait pas ete la demiere.“ Als wir mit Wilhelm II. vor dem Krater des Vesuv standen, aus dem heiße Dämpfe und Gase aufstiegen, hörte ich einen der Herren seinem Nachbarn zuflüstern: „Wenn dieser liebenswürdige, charmante Mensch, aber inkohärente und höchst gefährliche Regent jetzt einen Schwindelanfall bekäme und in den Krater fiele, wie wären wohl die Folgen?“ Am Krater des Vesuv 678 DIE DISPUTATION MIT DEM KARDINAL Wilhelm II. war novarum rerum cupidus wie nur irgendein Gallier zu Beim Cäsars Zeit. Namentlich in seiner Jugend verlangte er nach immer neuen Erzbischof Impressionen. Als ihm erzählt worden war, daß sich der Erzbischof von von Neapel ]\f ea p e l^ ,j er Kardinal Sanfelice, großer Beliebtheit erfreue, wollte er ihn kennenlernen. Einen Besuch beim Erzbischof, den ich ihm vorschlug, erklärte er für einen zu weit gehenden Schritt. Er sprach den Wunsch aus, daß die Begegnung im Kloster Camaldoli stattfinden möge, von dem er im Baedeker gelesen hatte, daß man von dort eine prächtige Aussicht genieße. Das war richtig. Wenige Aussichten sind mit dem Rundblick zu vergleichen, der vom Garten des Klosters die Buchten von Neapel und Poz- zuoli, den Golf von Gaeta, das volkreiche Neapel, den rauchenden Gipfel des Vesuv, den Posilipo und Capo Miseno, Procida und Ischia, Bajä und Cumä, Capri, Sorrento und Castellamare umfaßt. Die Kaiserin wäre gern auf der „Hohenzollern“ geblieben, teils, weil sie müde war, teils, weil sie zwar, immer korrekt, römische Prälaten mit Courtoisie behandelte, diese Herren ihr aber doch etwas unheimlich waren. Wilhelm II. duldete jedoch bei seiner Frau keinen Widerspruch. Ihre Majestät mußte mit. Am Eingang des Klosters erwartete uns der Kardinal. Nachdem wir wieder und immer wieder die Aussicht bewundert und gemeinsam die Allmacht Gottes gepriesen hatten, der diesen Erdstrich so reich segnete, verlangte es den Kaiser, ein eingehendes und ernstes Gespräch mit dem Kardinal zu führen. Da der Kaiser nicht Italienisch sprach, während der Kardinal nur seine Muttersprache beherrschte, mußte ich als Dolmetscher fungieren. Der Kaiser stellte eine Reihe von Fragen, die der Kardinal taktvoll und klug beantwortete. Plötzlich rief der Kaiser, zu mir gewandt: „Fragen Sie ihn, ob er glaubt, daß die Protestanten in den Himmel kommen.“ Ich erwiderte, daß es besser sei, diese Frage nicht an den Erzbischof von Neapel zu richten. Der Kaiser insistierte. Ich blieb bei meinem Widerspruch. Der Kardinal, der unser Zwiegespräch nicht verstand, aber merkte, daß ich eine von Seiner Majestät gestellte Frage nicht weitergeben wollte, erklärte sich lächelnd bereit, die kaiserliche Wißbegierde in jeder Richtung zu befriedigen. So blieb mir nichts übrig, als Seine Eminenz zu fragen, ob nach seiner Ansicht auch Protestanten die Wonnen des Paradieses zuteil werden würden. Der Kardinal sann einen Augenblick nach. Dann meinte er: „La misericordia divina e infinita.“ (Die göttliche Barmherzigkeit hat keine Grenzen.) Der Kaiser war zufrieden und der Kardinal auch. Der Kardinal schenkte mir zur Erinnerung an die Zusammenkunft von Camaldoli sein Bild, das ich vor mir stehen habe. Es erinnert mich an einen gütigen und weisen, feinen und weltkundigen Kirchenfürsten, der mit derselben Klugheit, mit der er die verfängliche Frage des Kaisers Wilhelm II. beantwortete, es verstand, das volle Vertrauen der Kurie zu bewahren, dabei DIPLOMATEN DER KURIE 679 die besten Beziehungen zur italienischen Regierung zu unterhalten und sich in Neapel allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen. Wenn England wohl das Land ist, das in den letzten Jahrhunderten am verständigsten und erfolgreichsten regiert worden ist, so wird die Diplomatie der römischen Kurie, wie ich glaube, an Takt, an Ruhe und Geduld, an Scharfsinn, an Menschenkenntnis und an Kunst der Menschenbehandlung von keiner anderen übertroffen. Das gilt von den Monsignori, von den Domherren und Prälaten, von den Nunzien, von den Kardinälen. Meine Beziehungen zu dem liebenswürdigen und geistvollen Nunzius Czacki in Paris habe ich schon erwähnt. Ich möchte aber auch des Kardinals Ram- polla gedenken, zu dem ich schon während meiner Amtszeit in einem freundlichen Verhältnis stand und den ich während der ersten Jahre meines Aufenthaltes in der Villa Malta viel sah. Er verband eine feurige Seele mit einem kühlen Kopf und einer ruhigen Hand. Unerschütterlich in allen Prinzipienfragen des päpstlichen Stuhls und der römischen Kirche, war er kulant in Formen, Umgang und Verkehr. Seine Bewunderung für Bismarck war ebenso groß wie die seines sizilianischen Landsmannes Crispi. In seinem Arbeitszimmer hingen nur zwei Bilder: die schöne Reproduktion der Madonna von Murillo, deren Original im Palazzo Corsini hängt, und ein Bild, das den Fürsten Bismarck darstellt, wie er seinem kaiserlichen Herrn, Wilhelm I., Vortrag hält. Der prächtige Typus eines würdigen Kardinals ist der langjährige Dekan des Sacro Collegio, Vincenzo Vanutelli. Fast neunzig Jahre alt, ist er so rüstig wie ein gut erhaltener Sechziger, immer ein gütiges Lächeln auf den Lippen, geistig klar und voll Interesse. Ein patriotischer Italiener. Er rühmt sich, Pius XI. nach seiner Wahl durch energischert Zuspruch dazu bewogen zu haben, im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern das auf dem Petersplatz versammelte Volk wieder von der Loggia der Peterskirche aus zu segnen. „L’ho spinto io!“ (Ich habe ihn vorgestoßen!) meinte er, als er mir diese historische Szene nicht ohne Stolz erzählte. Vincenzo Vanutelli hat fünf Päpste auf dem Thron gesehen, zweimal im Anno Santo, 1900 und 1925, als Erzpriester von Santa Maria Maggiore das Heilige Tor geschlossen. Ein gütiger Freund ist mir und meiner Frau der Kardinal Ragonesi, ein Kirchenfürst, der in seltenem Maße hervorragende politische Begabung und Erfahrung mit jener Eigenschaft verbindet, die der Franzose mit dem schönen Ausdruck „La politesse du coeur“ bezeichnet. Von deutschen Kardinälen wüßte ich nur den Kardinal Kopp, der an geistiger Feinheit und Grazie des Auftretens mit italienischen Prälaten zu vergleichen wäre. Wenn auch mein dienstliches Interesse und meine stete Beobachtung der innern und auswärtigen Politik Italiens gewidmet waren, so konnten die Vorgänge, die sich in der Heimat abspielten und in deren Mittelpunkt Rampolla Vanutelli 680 BISMARCK ENTHÜLLT Der Reichstag lehnt Ehrung Bismarcks ab Die „ Hamburger Nachrichtenüber den Rückversicherungsvertrag die gewaltige Gestalt Bismarcks stand, meinem Blick nicht entgehen. Am 1. April 1895 sollte Fürst Bismarck sein achtzigstes Lebensjahr vollenden. Am 23. März schlug der Präsident des Reichstags, Herr von Levetzow, dem Hause vor, dem Fürsten die Glückwünsche des Reichstages auszusprechen. Graf Hompesch im Namen des Zentrums, Eugen Richter für die beiden Volksparteien, der Sozialdemokrat Singer, der Pole Fürst Radziwill und der Welfe von Hodenberg protestierten gegen eine Ehrung des Fürsten Bismarck. Der Reichstag lehnte mit 163 Stimmen der Klerikalen, Demokraten und Sozialisten gegen 146 Konservative und Nationalliberale die Beglückwünschung des Fürsten ab. Jeder wußte, daß der Staatssekretär des Äußern, Herr von Marschall, seinen Einfluß namentlich auf das Zentrum im Sinne der Ablehnung einer Ehrung für den Fürsten Bismarck geltend gemacht hatte. Als er das Resultat der Abstimmung erfuhr, richtete Wilhelm II., unbekümmert um alles, was er selbst dem Fürsten Bismarck angetan hatte, ein Telegramm an ihn, in dem er seiner „tiefsten Entrüstung“ über den Beschluß des Reichstags Ausdruck gab. Bismarck antwortete ehrerbietig in der Form, aber inhaltlich kühl. Als der französische Botschafter in Berlin, Monsieur Herbette, den Reichstagsbeschluß vom 23. März 1895 erfuhr, meinte er vor mehreren anderen fremden Diplomaten: „Les Allemands diront et feront ce qu’ils voudront, ils ne seront jamais un grand peuple.“ Im Oktober 1896 brachten die „Hamburger Nachrichten“ Einzelheiten über den sogenannten Rückversicherungsvertrag, den seinerzeit vom Fürsten Bismarck abgeschlossenen deutsch-russischen Neutralitätsvertrag. Ein freisinniges Blatt hatte in einem Artikel ausgeführt, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland in den letzten Jahren der Reichskanzlerzeit des Fürsten Bismarck imgünstig gewesen seien, auch nach dem Tode des Fürsten Gortschakow. Dessen Persönlichkeit sei also nicht das einzige Hindernis eines guten Einvernehmens zwischen Deutschland und Rußland gewesen. Der große Entamtete ließ durch sein Hamburger Organ diese demokratische Auslassung mit Schärfe zurückweisen. Die Behauptung, daß Alexander III. und Herr von Giers nach dem Tode von Gortschakow dessen Politik fortgesetzt hätten, sei „absolut unwahr“. Schon in Skierniewice, also sehr bald nach dem Ausscheiden von Gortschakow, sei das gute Einvernehmen der deutschen und der russischen Politik wiederhergestellt wurden und bis zur Entlassung des Fürsten Bismarckin dieser Verfassung geblieben. Bis 1890 seien beide Reiche in vollem Einverständnis darüber gewesen, daß, wenn eines von ihnen angegriffen würde, das andere wohlwollend neutral bleiben solle. Wenn also beispielsweise Deutschland von Frankreich angefallen würde, so war die wohlwollende Neutralität Rußlands zu gewärtigen und die Deutschlands, wenn Die „Krüger-Depesche“ '”7 Das Telegramm Wilhelms II. an den Präsidenten der Südafrikanischen Republik Krüger. Konzept von der Hand des Direktors der Kolonialabteilung Kayser (zu Seite 680) Berlin, den 3. Januar 1896 Präsident Krüger, Prätoria Ich spreche Ihnen Meinen aufrichtigen Glückwunsch aus, daß es Ihnen ohne an die Hülfe befreundeter Mächte zu appelliren, mit Ihrem Volke gelungen ist, in eigener Thatkraft gegenüber den bewaffneten Scharen, tvelclie als Friedensstörer in Ihr Land eingebrochen sind, den Frieden wiederherzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von Außen zu mehren.* NfamenJ S[einer] MfajestätJ Wilhelm I. R. * Die Änderung im letzten Satz hat Staatssekretär Marschall vermutlich auf Wunsch Wilhelms II. vorgenommen. In der Ecke rechts unten die Paraphen von Marschall und Kayser. ?' y-, ’ ® f '■ .'/ui ■v:i ■r,.Vt ei>^- vriik’H--. * IcfftftCVA -WWll s®* *Sv ägggs*egasis£^ m&ä ^i:;: ! ^<'~r, * - X** ■f v r '.t&'v;;! BVV I#® 4$<#! Vr^ V i t ,rv_>.«vr' •^»;,''.:r 6 NAMEN- UND SACHREGISTER gjsgjg; .y-asfi NAMENREGISTER Abaza, Alexander Aggeje- witsch, russischer Minister, seit 1892, längere Zeit Vorsitzender des Ministerkomitees (f 1895). 576. Abd-ul-Asis, Sultan der Türkei seit 1861, ermordet 4. Juni 1876. 396. Abd-ul-Hamid II., Sultan der Türkei 1876 bis 1908. 396. A b e k e n, Vortragender Rat bei Wilhelm I., beteiligt an der Niederschrift der Emser Depesche. Taf.128. Adhema, Arzt in Biarritz. 458 f. Adolf Friedrich IV., Großherzog von Mecklenburg- Strelitz. 56. Adolf Friedrich, Erbgroßherzog von Mecklenburg- Strelitz. 70. Aegidi, Professor, Leiter des Pressebüros des Auswärtigen Amts. 214, 508. Aehrenthal, Baron Aloys Lexa von, Kabinettschef Kälnokys, später Gesandter in Bukarest, Botschafter in Petersburg, österreichisch - ungarisch. Minister des Äußern (f 1912). 570. Albedyll, v., General, seit 1871 unter Wilhelm I. Chef des Militärkabinetts (t 1897). 273. Albert, Prinz von Koburg- Gotha (Prince-Consort, f 1861). 457, 598, 676. Albert, Kronprinz, 1873 bis 1902 König von Sachsen, 164. Albrecht, Erzherzog von Österreich, Sohn des Erzherzogs Karl, Feldmarschall (f 1895). 93, 151 f., 153, 253. Albrecht, Prinz von Preußen, 1870 Kommandeur der 2. Kavalleriebrigade, 1885 Regent von Braunschweig (f 1906). 216. Albrecht, Appellationsgerichtspräsident. 271. Alencjon, Herzogin Sofie von, geborene Herzogin in Bayern, Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich (f 1897 in Paris, beim Brand des Bazar de la Charite). 521. Alexander I., Zar (von 1801 bis 1825). 379, 380 f., 479, 508, 568. Alexander II., Zar (regierte seit 1855, am 1. 3. 1881 in Petersburg durch Bombenattentat getötet). 157 f., 209, 298. „Der Friede ist gesichert“ (1875). 348f., 351, 364f. Sein Tod durch Bombenattentat. 371. Charakter. 375. Ehe. 375f. Verhältnis mit der Prinzessin Dolgorukij. 376f., 381, 382. Besuch in Berlin. 386, 395. Entrevue in Reichstadt 396. Erklärungen über Konstantinopel. 414. Rede i. Kreml. 416. Hauptquartier in Plojesti (Rumänien). 422. Rückkehr nach Petersburg. 427. Nimmt Bes- sarabien wieder. 428. Kriegsmüde. 429. Ungnädiger Empfang Peter Schuwalows. 451 f. Zusammenkunft mit Wilhelm I. in Alexandrowo 503 f. Haltung gegenüber Preuß.-Deutschland. 507. Bismarck über ihn. 556. Rolle d. Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch bei seiner Ermordung. 576. Alexander III., Zar (von 1881 bis 1894). 295, 365f„ 430, 479, 556, 565. Nur Russe. 566. In Skiernie- wice. 569. D. A. Tolstoi sein Minister des Innern. 572. Kein Krieg mit England. 580. Schwere Hand. 584. Zwei-Kaiser-Begeg- nung in Krcmsier. 586. Gegen Alexander Battenberg. 587 f., 600. Telegramm an Katkows Witwe. 612. Entdeckung eines Attentats. 612. Bei der Trauerfeier für Wilhelm I. 616. Über Friedrich III. 617. Bündnis mit Frankreich. 638. Demonstrativer Besuch der französisch. Ausstellung. 639. Kronstadt. 640. Wilhelm II. ihm unsympathisch. 641. Bismarck über seine Haltung gegen Deutschland. 680. Alexander, König von Griechenland, Sohn Konstantins, folgt ihm 1917 nach (t 1920). 419. Alexander (Battenberg), Fürst von Bulgarien (geh. 1857, gest. 1893 in Graz). 365 f. Proklamation. 587. Bestrafung durch den Zaren. 587 f. Krieg mit Serbien. 588. Handstreich gegen ihn. 600. Abdankung. 602. Heiratsaffäre. 601 f., 605. 694 NAMENREGISTER Alexandra, Gemahlin Eduards VII., Prinzen von Wales, dann Königs von Großbritannien und Irland, geh. Prinzessin von Dänemark (Holstein- Glücksburg). 19f., 155, 420, 457, 528, 580, 667. Alexandrine, Gattin des Großberzogs Paul Friedrich von Mecklenburg- Schwerin, geb. Prinzessin von Preußen, Schwester Wilhelms I. 65. Taf. 500. Alexej Alexandrowitsch, russischer Großfürst, dritter Sohn Alexanders II., General-Admiral (f 1908). 589, 640. Alexej Nikolajewitsch, Zarewitsch, Sohn Nikolaus’ II. (mit der Familie ermordet 1919). 189. Alexis, Landgraf von Hessen-Philippsthal - Barchfeld. 54. Alfons XII., Königv. Spanien seit 1874 (j - 1885). 532. Alfons XIII., König von Spanien, nachgeborener Sohn des vorigen und der Erzherzogin Marie Christine von Österreich, großjährig 1902. 604. Alfred, Herzog von Edinburgh, zweiter Sohn der Königin Victoria, seit 1893 Herzog von Koburg- Gotha (f 1900). 421, 648. Alice, Maud Mary, Großherzogin von Hessen, Tochter der Königin Victoria, seit 1862 Gemahlin Ludwigs IV. (f 1878). 596. Alopäus, russischer Gesandter in Berlin. 295, 296. Alvensleben, Graf Johann, 1872 Geschäftsträger in Petersburg, dann Gesandter in Darmstadt, Haag, Washington, Brüssel, 1900 bis 1905 Botschafter in Petersburg (f 1913). 361, 363, 365, 367 f., 374, 644, 685, 687. Amadeus, Prinz von Italien, Herzog von Aosta, zweiter Sohn Viktor Erna- nuels II., 1870 bis 1873 König von Spanien (f 1890). 458. Andrässy, Graf Gyula, ungarischer Ministerpräsident, 1871 bis 1879 Österreich. - ungarischer Minister des Äußern (t 1890). 151, 164, 347. Reformprogramm für den Balkan. 367, 386. Bismarck lädt ihn nach Berlin ein. 386. Opposition Herberts gegen ihn. 392. Charakteristik. 393 f. Berliner Zusammenkunft. 395. Rede in der Reichsratsdelegation. 395 f. En- trevue in Reichstadt. 396. Telegramm an Beust. 396. 1849 zum Tod verurteilt. 394, 399. Bismarck über ihn. 417. Beantragt Bismarcks Vorsitz im Berliner Kongreß. 435. Verliest Memorandum. 441. Rolle auf dem Kongreß. 448. Auf Werners Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Konferenzen Bismarcks mit ihm in Gastein. 505. 571. A. und Laura Minghetti. 669. Andrässy, Gräfin Katin- ka, geb. Kendeffy, Gattin des vorigen. 400. Andre, Universitäts-Reitlehrer in Halle. 78. Angeli, II. v., Porträtmaler. Im Salon der Gräfin Schleinitz. Taf. 304. Annunzio, Gabriele d’ (Rapagnetta), italien. Dichter. 408. Antonelli, Giacomo, Kardinal, seit 1850 päpstl. Staatssekretär (f 1876). 102, 269f., 274. Arenberg, Prinz Anton, Vater des folgenden. 282. Arenberg, Prinz Franz zu, Leutnant im Regiment Königshusaren, später als Mitglied des Zentrums Abgeordneter im preußischen Landtag und im Reichstag. 264ff., 270f., 274, 275, 281, 325, 326, 487, 490, 596, 626. Arenberg, Prinzessin Franziska, geb. Liechtenstein. 400. Arenberg, Prinzessin Maria Ghiselaine, geb. Merode, Mutter des Prinzen Franz. 282fL, 346. Arenberg, Prinz Philipp zu, Bruder von Franz, Domherr in Eichstätt in Bayern. 275 f. Ariost. 537. Armansperg, Graf Ludwig, bayrischer Minister, 1832 hellenischer Reichsverweser, 1835 bis 1837 Staatskanzler von Griechenland. 545. Arndt, Ernst Moritz. 4,45, 70, 261. Arnim, Graf Harry, 1864 preußischer Gesandter in Rom, 1872 deutscher Botschafter in Paris, 1874 abberufen, f 1881 in Nizza. Gräfin (Fürstin) Bismarck gegen ihn. 179. Bismarck trifft in ihm die Fronde. 299. Holsteins Machinationen. 387. Für monarchisches Frankreich. 481. Beziehungen zu Henckel - Donnersmarck. 493. Feindschaft Holsteins 627. NAMENREGISTER 695 Arnim- Boit zenburg, Graf Adolf, Bezirkspräsident von Lothringen, später Oberpräsident von Schlesien, 1880 bis 1881 Präsident des Reichstags (t 1887). 284 f. Astorg, Comte d\ französischer Gesandter in Darmstadt. 162. Au her, Professor in Berlin, Examinator im Französischen. 360. Auerbach, Berth., Schriftsteller. 121. August, Prinz von Württemberg, seit 1858 Kommandierender General d. preuß. Gardekorps, 1882 i. Ruhest, (f 1885). 90. Augusta, Deutsche Kaiserin (geb. 1811 in Weimar, gest. 1890 in Berlin). 4, 65, 95. Gräfin (Fürstin) Bismarck über sie. 178. Echt Weimar. 243. Vertrauen zu Loe. 251. Abneigung gegen Bücher, Paul Hatzfeldt in ihrer Gunst. 293. Gegen Bismarck. 298. Ihr Vorleser Gerard. 304f. Schleinitz ihr Liebling. 306. Über Heinrich v. Bülow. 311. Ihre Empfänge. 317. Protegiert. 343 f. In Ems. 499 f. Über Allgemeines Stimmrecht und Kulturkampf. 500. Einfluß auf die Damen ihres Hofs. 553. Empfängt Bülow und Frau. 595. Augusta, Großherzogin v. Mecklenburg-Strelitz. 62. Auguste Viktoria, Deutsche Kaiserin, Gemahlin Wilhelms II. (f 1921). 20, 136, 222, 596, 661, 678. Aumale, Herzog Henri (Orleans), vierter Sohn von Louis-Philippe, General- Gouverneur von Algerien, unter der Republik Mitglied der Nationalversammlung, Akademiker, Besitzer d. Schlosses Chantilly (f 1897 in Zucco bei Palermo). 237, 315, 521 f. Avarna di Galtieri, Herzog von, Sekretär der Italienischen Botschaft in Paris, später Botschafter in Wien (f 1916). 526. Azeglio, Massimo, Marchese d’, italienischer Staatsmann (f 1866). 536. Babeuf (Baboeuf), französischer revolutionärer Sozialist (f 1797). 470. Bach, Alexander Freiherr von, 1848 und 1849 Österreich. Justizminister u. Min. d. Inn., Zentralist, 1859 bis 1867 Botsch. i. Rom (f 1893). 165. Baidissera, Antonio, italienischer General, Oberbefehlshaber in Abessinien (f 1917). 672. Ballin, Albert, Direktor der Hapag (f 1918). 493. Balzac, Honore de. 121, 340, 403, 490, 497, 684. Baratieri, Oreste, italienischer General, von Menelik besiegt in der Schlacht bei Adua (f 1901). 672f. Barberina (Barbara Cam- panini), verheiratet als Frau von Cocceji. 296. Barnekow, v., Generalleutnant. 240f., 254f. Barral, Graf, italienischer Politiker, Gesandter am Bundestag. 525, 654, 655. Barrere, Camille, seit 1897 französischer Botschafter in Rom (f 1923). 466, 548. Barth, liberaler bayrischer Allgeordneter. 161. Barthelemy-Saint-Hi- laire, Jules, 1880 bis 1881 französischer Minister des Äußern, Professor am College de France (t 1895). 485. Bassermann, Ernst, nationalliberaler Parteiführer (| 1917). 114,169, 316. Battenberg, Prinz Heinrich, Gatte der Prinzessin Beatrice von England, jüngerer Bruder Alexanders von Bulgarien (f 1896). 604. Battenberg, Prinz Louis (Mountbatten), Sohn des Prinzen Alexander von LIcssen-Darmstadt, älterer Bruder Alexanders von Bulgarien (j" 1921). 421, 603. Baudissin, Graf Hermann, dänisch. Hofjägermeistcr, Großonkel Bülows. 46. Baudissin, ReichsgrafKarl von, dänischer Gesandter in Berlin, dann Gouverneur von Kopenhagen, Urgroßvater Bülows. 43, 44, 52. Taf. 48. Baudissin, Graf Karl, General, Großonkel Bülows. 46. Baudissin, Reichsgräfin Sophie Charlotte, geb. Reichsgräfin v. Demath, Urgroßmutter Bülows. Taf 48. Baudissin, Reichsgräfin Susanne, siehe Susanne v. Bülow. Taf. 64. Baudissin, Graf Wolf, Großonkel Bülows, mit Tieck Nachdichter Shakespeares (f 1878). 46 ff., 48, 76, 106, 116. Baudissin, Graf Wolf, Sohn von Hermann Baudissin, Professor der Theologie, 1912/13 Rektor der Berliner Universität. 46 f. 696 Bazaine, Francois Achille, französischer Marschall, Oberbefehlshaber in Mexiko, 1870 zur Übergabe von Metz gezwungen, 1873 zum Tod verurteilt, 1874 der Haft entflohen (f 1888 in Madrid). 598. Beaumarchais, Caron de, französischer Schriftsteller, Autor des „Mariage de Figaro“. 517. Bebel, August, Führer der deutschen Sozialdemokratie (f 1913). 470, 581. Beck, Friedrich v., österreichischer Militärattache beim Bundestag, 1867 Vorstand der Militärkanzlei des Kaisers Franz Josef, 1888 bis 1906 Chef des österreichisch-ungar. Generalstabs (f 1920). 14f., 391. Beckmann, Albert, welfi- scher Agent. 133. Beethoven, Ludwig van. 529. Beissel von Gymnich, Graf, Fähnrich im Regiment Königshusaren. 192. 196, 224. Bekker, Ernst Immanuel, Sohn des berühmten Philologen, Universitätsprofessor in Heidelberg, Halle, Greifswald, dann Jurist (f 1916 in Heidelberg). 267 f., 270 f. Bell, Zentrumsabgeordneter. 450. Bellegarde, Graf, Generaladjutant des Kaisers Franz Josef. 391. Beloselsky, Fürst, General ä la suite des Zaren. 588. ' Below, Otto v., General, Armeeführer im Weltkrieg. 171. NAMENREGISTER Benedek, Ludwig Ritter von, österreichischer Feldmarschall, Generalstabschef Radetzkys, dann Oberbefehlshaber in Italien, besiegt bei König- grätz (f 1881). 100. Bcnedetti, Graf Vincent, französischer Botschafter in Turin, 1864 bis 1870 in Berlin (f 1900), 1866 bei Bismarck. 92. In Ems. 130, 164. Geheimer Vertragsentwurf von 1867, Bismarcks Enthüllungen. 173 ff., 289. Taf. 176. Benkendorf, Gräfin Luise, geb. Croy. 308 f. Benkendorf, BaronMitja, Sekretär der Russischen Botschaft in Berlin. 315 f. Bennigsen, Rudolf von, Führer der Nationalliberalen, bis 1897 Oberpräsident von Hannover (t 1902). 114. Bentheim, v., preußischer General. 254. Bfiranger, Pierre Jean, französischer Dichter. 41, 134. Berard, Victor, französischer Publizist. 131. Berchem, Graf Max, Legationsrat, deutscher Geschäftsträger in Stockholm, dann Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. 485. Berchtold, Graf Leopold, 1912 bis 1915 österreich.- ungarischer Minister des Äußern. 389. Beresford, Sir Charles, engl. Admiral (f 1919). 552. Berezowsky, polnischer Attentäter auf den Zaren Alexander II. 158. Berger, Alfred Freiherr v., Direktor des Deutschen Schauspielhauses i. Hamburg, dann des Wiener Burgtheaters (f 1912). 487. Berlepsch, v., Oberpräsident der Rheinprovinz, 1890 bis 1896 Handelsminister. 629. Bernhardt, Sarah, Tragödin (f 1923). 448. Bernstorff, Graf Albrecht, 1861 bis 1862 preußischer Minister d. Äußern, dann Botschafter in London (t 1873). 97, 296. Bernstorff, Graf Christian Günther, 1800 bis 1810 dänischer, 1818 bis 1832 preußischer Minister des Auswärtigen (flSSS). 50. 294f., 296. Bernuth, v., Polizeipräsident von Berlin. 86. Bert, Paul, Professor der Naturwissenschaften in Bordeaux, Deputierter, 1881 bis 1882 Unterrichtsminister, dann Generalgouverneur von Indochina (f 1886). 501f., 528. Bethmann, Hugo, Mitschüler Bülows in Frankfurt a. M. 26. Bethmann Hollweg, Theobald v., Oberpräsident von Brandenburg, 1905 Minister des Innern, 1909 bis 1917 Reichskanzler (| 1921). 91, 131, 150, 156, 158, 170, 177, 476, 582, 625, 654. Beust, Graf Friedrich Ferdinand, bis 1866 sächsischer Ministerpräsident, bis 1871 österreichischer Minister d. Äußern, dann Botschafter in London und in Paris (f 1886). 11, 151, 153, 163, 164. Zirkular-Depesche v. 20. 7. 1870. 165. Depesche NAMENREGISTER 697 an Richard Metternich. 166. B. durch Andrässy ersetzt. 393. Telegramm Andrässys über Reichstadt. 396. Als Botschafter in Paris. 524f. Beyens, Baron, belgischer Gesandter in Paris. 527 f. Beyer, Gustav Friedrich v., General, ab 1871 Gouverneur von Koblenz und Ehrenbreitstein (fl899). 99. Biegeleben,Ludwig Maximilian v., hessischer Geschäftsträger in Wien, seit 1850 im österreichischen Ministerium des Äußern (f 1872). 164, 394. Bille, H. von, Sekretär der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag, dann dänischer Gesandter in London. 15f. Bismarck, Graf Herbert, älterer Sohn des Fürsten, 1882 Botschaftsrat inLon- don, 1884 in Petersburg, Gesandter im Haag, 1885 Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, 1886 bis 1890 Staatssekretär (f 1904). Am Arm Holsteins 177 f. Sein Lieblingslied 178. Verhalten gegen Elisabeth Carolath. 25 lf. Von Holstein gegen Bücher aufgehetzt. 294. Fehler bei der Romreise als Staatssekretär 1888. 338. Charakter. 350, 360. Gratuliert Bülow 360. Fürst Bismarck zu ihm über Andrässy. 417. Stützt den rekonvaleszenten Bülow. 439. Beim Schlußdiner des Berliner Kongresses. 451. Holstein imponiert ihm. 453. Nicht immer günstiger Einfluß auf s. Vater. 456. Bülows Freund. 487. Philipp Eulenburg schließt sich ihm an. 488. Begegnung mit Jeröme Napoleon. 521. Über Holstein. 547. Besuch in Paris. 547 f. Lädt Bülow nach London ein. 548. Über den Grafen Münster. 550. Brief an Bülow. 558 f. In Skiernie- wice. 570. Unvorsichtige Äußerungen über England und Rußland. 580. Beim Fackelzug für den Vater. 582. Aussprache zwischen Bülow u. Herbert. 584 ff. Heirat mit Gräfin Hoyos. 585. Unterredung zwischen ihm und Bülow. 590 f. Schärfer als sein Vater. 607. Über Holstein 607. Rückversicherungsvertrag mit Rußland. 614. Fragt bei Bülow wegen dessen Sendung nach Washington an. 617. Schwärmt für den Prinzen Wilhelm. 619. Sein Vater über ihn. 623. Tischgesellschaften. 627. Ausbruch für Holstein. 627. Bülow über ihn an Eulenburg. 632 f. Nach d. Demission. 642 ff. Briefe an Bülow. 644 ff. Haß auf Holstein. 647. Hochzeit. 650. Liebt gute Weine. 669. Mit Eulenburg überworfen. 683. Bismarck, Johanna von, geborene von Puttkamer (f 1894 in Varzin). Ihre Frömmigkeit. 7. Bülow in ihrem Salon. 99. Trost mit einem Herrnhuterlied. 156. „Ottochen“. 178f. „Unser großer Steuermann“. 286. Ihre Häuslichkeit. 297. ICeu- dell ihr Jugendfreund. 323, 324. „Ottochens“ Lackpotten. 382. Gegen Radowitz, für Holstein. 453. Weint bei der Verlobung ihrer Tochter. 455. Abendtafel in Varzin. 554. Über Personen der Berliner Gesellschaft. 555. Holstein besucht sie nicht mehr. 627. Bismarck, Gräfin Marie von,dann Gräfin Rantzau. 178f., 188. Verlobung mit Graf Wendt Eulenburg, dessen Tod. 360 f. Heirat mit Rantzau. 361. Verlobungsdiner. 455 f. Befreundet mit Adda Eulenburg. 488. Brouille Holsteins mit Rantzaus. 627. Bismarck, Otto von (f 30. 7. 1898 in Friedrichsruh). 1851 bis 1859 preußischer Gesandter am Bundestag, 1859 Gesandter in Petersburg, 1862 in Paris, seitdem Ministerpräsident und Minister des Äußern, seit 1871 Reichskanzler. Bundestagsgesandter in Frankfurt a. M. 6 ff. Über den siebenjährigen Bülow. 7. Gortscha- kow über Bismarck- Schönhausen. 8. Spaziergänge mit Bülows Vater. 9. Über Annexionen. 10. Weggang von Frankfurt nach Petersburg. 12. Sein Kanzleisekretär in Frankfurt über ihn. 16. Im F rankfurterWäldchen .21. Über Sprachkenntnisse. 21. Nennt Herbert nach dem Zaren Nikolaus. 25. Einigung Deutschlands. 45. Gegen Lasker. 48. In der Schleswig-Holsteinischen Frage. 52. Über die Oertzens. 58. Über Mecklenburg. 61. Junker. 63. Besuch von Bülows Vater bei ihm (1863). 64f. Unterschätzt. 80. Seine Reden. 81. Er gibt sein Spiel nicht auf. 81 f. Worte über den jüngsten Erben desThrons (Wilhelm II.). 82. Erlaß 698 an die Vertreter Preußens (14. 3. 66). 85. Attentat Cohn-Blinds auf B. 86f. Entwurf der Antwort Wilhelms I. an Breslau und des „Aufrufs an mein Volk“. 88. Brief an General v. Manteulfel. 89 f. Hat 1866 den Krieg gewollt. 91. „Vive le roi!“ 92. Verhandlungen vor Kriegsausbruch. 95. B. und Gräfin Oriola. 95. B. und Graf Robert Goltz. 97. Aufforderung an Sachsen, Hannover u. Kurhessen. 99. Depesche an Ysenhurg. 99. Hohenfriedberger Marsch. 99. Droht Mecklenburg-Stre- litz zu annektieren. 103. Nach Königgrätz. 104. Aus dem Korps hervorgegangen. 114. B. und Lassalle. 121 f. Politik. 127. Emser Depesche. 129 f. Telegramm an Bü- lows Vater. 148. Macht der Armee die Arme frei. 150. Desavouiert Note Usedoms an Lamormora. 154. B. u. Rußland. 155 ff. Polenfeindschaft. 156 f. Hat 1866 Wilhelm I. zum Verzicht auf Annexion in Süddeutschland gezwungen. 158. Geniales Verfassungswerk. 161. Entsendet Holstein nach Florenz. 166. Trinkspruch Wilhelms I. auf ihn. 167. Zwischenfall in der Nacht nach Sedan. 168. Imponderabilien. 171. B. enthüllt die Geheimverhandlungen mit Napoleon III. 173ff. Reichtum habe ein Hasenherz. 199. Mißtrauen gegen Loe. 251. Lob für diesen in Ehren- alTäre. 253. Dienstzeit in Greifswald. 267. Prof. Bekker über ihn. 268. Antonelli über ihn im NAMENREGISTER Kulturkampf. 269. Prinzessin Arenberg über ihn. 283. Schaffung des Reichslands Elsaß-Lothringen. 285 f. Nimmt Bülow als Attache ins Auswärtige Amt. 288. Diplomatie „Arbeit in Menschenfleisch“. 290. Das Rezept Hatzfeldts für den Umgang mit ihm. 292. Die Räume in der Wilhelmstraße. 295 ff. Charakteristik. 297 ff. B. und Rußland nach 1870. 298. Widersacher 298 f. Schleinitz seine „bete noire“. 305 f„ 308. Bleichröder über ihn. 308. Seine Konfirmation durch Schleiermacher. 310. B. und der bayrische Gesandte. 316. Drohung geg. Italien weg. d. päpstlichen Enzyklika. 329 ff. Der Kronprinz über ihn. 341. Zorn über Protektion durch Kaiserin Augusta. 344. Der „kalte Wasserstrahl“ nach Paris (1875). 347 ff. Besuch Bü- lows in Varzin. 350 f. Der Fürst beim Begräbnis Wendt Eulenburgs. 360. Mag Werder nicht. 366. Enthaltung in Balkankonflikten. 367. Aus seiner Petersburger Gesandtenzeit. 382. Sein Ideal das Dreikaiserbündnis. 385. Kein Freund von Allianzen. 385 f. Über Holstein. 386f. Über die österreichischen „Herbstzeitlosen“. 392. Coriolan. 393. Fordert Kavaliers-Perspektive. 394. Erklärung zum Berliner Memorandum. 395. Äußerungen über die Orientkrise. 417. Über Andrässy. 417. Die „Knochen des pommer- schen Musketiers“. 429. Ignoriert Gortschakow. 429. Löst den Reichstag auf. 434. Überschätzt die Macht der Gewalt. 435. Auf dem Berliner Kongreß. 435 ff. Prestige-Politik. 436 f. Über den „jungen Bülow“. 439. Lächelt sarkastisch zu Gortscha- kows Rede. 440. Grobe Zurückweisung des türkischen Delegierten. 442. Für russisches Bessara- bien. 443. Als Kongreß- Dirigent. 444. Auf Werners Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Gegen Radowitz, für Holstein. 453. B. und Herbert. 456. Sein Arzt in Biarritz. 459. Appetit. 469. Gambetta über ihn. 474. B. über Frankreich. 475. Begrüßt Präsidentschaft Grevys. 478. Über germanischsemitische Ehen. 485. Grollt Henckel-Donners- marck. 493. Temperamentsausbrüche, vom Kaiser bedauert. 503. Argwohn und Zorn wegen der Zusammenkunft v. Alex- androwo. 503 f. Besuch bei Franz Josef. 505. Organisiert Pressesturm für das Bündnis. 508 f. Bernhard Bülow überreicht Abschiedsgesuch seines Vaters. 509 f. Krankenbesuch bei diesem. 510f. Beileidstelegramm an Bernhard Bülow. 512. Freundschaft mit Nikolai Orlow. 524. Nimmt Pariser Insultierung von Alfons XII. ruhig auf. 532. Über Dr. Nachtigal. 540. Tadelt den Grafen Münster. 550. Dieser über ihn. 550. In Varzin. 554 ff. Über „prophylaktische“ Kriege. 555 ff. Über innere Gegner. 557f. Arrangiert Drei - Kaiser - Zusammenkunft. 566. Bericht Bü- lows bei ihm. 567 f. In NAMENREGISTER 699 Skiemiewice. 570. Über Börse und afghanischen Konflikt. 581. Siebzigster Geburtstag. 581 ff. Giers in Friedrichsruh. 587. Der Fürst bewilligt Bülows Heirat. 591. Empfängt die Neuvermählten. 595. Über Bülows Frau. 597. In der bulgarischen Affäre für Rußland. 601. Gegen die Verlobung der Prinzessin Viktoria mit dem Battenberger. 602. Gegen dessen Parteigänger. 606. B. und Prinz Wilhelm. 606 f. B. und Waldersee. 609. Walder- see über B. und den Prinzen W. 610. Rück- versicherungsvertrag mit Rußland. 614. Rede vom 6. Februar 1888. 615. Nachruf auf den alten Kaiser. 616. Schickt Bü- low nach Bukarest. 617. Audienz bei der Königin Victoria. 618f. Bülow und Frau bei ihm zu Tisch. 619. Über Friedrich III. 619. Über Herbert und Holstein. 623. Krise. 626ff. Entlassung. 635ff. Wirkung seines Rücktritts. 641 f. Herbert Bismarck über die Demission. 642 ff. Bismarck überWilhelmll. 643 f. Nichtempfang in Wien. 650. Von Crispi bewundert. 654. Von Wilhelm II. ins Berliner Schloß eingeladen. 657 f. Verurteilt die Krüger- Depesche. 667. Bewundert von Rampolla. 679. Sein 80. Geburtstag. 680. Enthüllungen in den „Hamburger Nachrichten“. 680 ff. Drohungen Wilhelms II. gegen ihn. 681. Kampf gegen Marschall. 689. Taf. 128, 512 568, 640. Bismarck, Graf Wilhelm (Bill), jüngerer Sohn des Fürsten,1889 Regierungspräsident in Hannover, seit 1895 Oberpräsident von Ostpreußen (f 1901). 178, 350 f., 393. Gegen Holstein. 453f. In Varzin. 554f.,557. BricfanBülow. 566, 591. Sein Vater ist ihm zu russenfreundlich. 607. Über seinen Vater und Wilhelm II. 643. Bismarck-Bohlen, Graf Friedrich Alexander, General, 1870 bis 1871 Generalgouverneur im Elsaß (t 1894). 488. Bismarck-Bohlen, Graf Karl. 268, 324. Blanc, Baron Alberto, 1893 bis 1896 italienischer Minister desÄußcrn (f 1904). 525, 654f., 661, 673. Blanc, Francois, Inhaber des Homburger Kursaals, Pächter der Spielbank von Monte Carlo. 114. Blanc, Louis, französischer Historiker, radikaler Sozialist (f 1882). 670. Blaserna, Pietro, Senator und Professor der Physik in Rom. 535, 538. Bleichröder, Gerson, Chef des Berliner Bankhauses (t 1893). Über Bismarck. 308. Französische Kriegsentschädigung. 494. Anekdote. 622. Bio me, Graf Gustav, 1849 bis 1866 in österreichischen diplomatischen Diensten (f 1906). 394. Blücher, Fürst. 59, 61, 63, 251. Blum, Hans, Dr., Sohn des folgenden, Publizist (f 1910). 558. Blum, Robert, deutscher Demokrat, erschossen am 9. 11. 1848 in Wien. 545, 558. Blumenthal, Leonhard von, Generalstabschef des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, später Generalfeldmarschall (f 1900). 146 f., 283. Bock, v., Oberst, Kommandeur der 29. Infanterie-Brigade. 185,198, 230, 232. Bockum-Dolffs, Florens Heinrich v., Oberregierungsrat, preußischer Liberaler der Konfliktszeit (t 1899). 81. Börne, Ludwig, Publizist. 534. Böselager, v., Schwadronschef. 255. Bötticher, Karl Heinrich von, seit 1880 Staatssekretär des Innern, 1888 Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums (f 1907). 629. Bogdano witsch, russischer General. 612. Bollati, Sekretär der Italienischen Botschaft in Paris, später Botschafter in Berlin. 526. Bonin, Adolf v., preußischer General. 100. Bonnechose, de, Erzbischof von Rouen. 195. Bonnemain, Madame de, Geliebte Boulangers. 498. Borcke, Richard v., Fähnrich im Regiment Königshusaren. 223. Borsig, Albert, Fabrikant in Berlin (f 1878). 309. Boselli, Paolo, italieni- scherFinanzminister, 1916 bis 1917 Ministerpräsident. 661. Bouille, Vicomte de, französischer Gesandter in Madrid. 314. 700 Boulanger, Georges, französischer General, 1886 bis 1888 Kriegsminister, gestorben durch Selbstmord am 30. 9. 1891 in Brüssel. 498, 597, 611 f. Bourbaki, Charles Denis, französischer General, Führer der 1. Loire-Armee (f 1897). 185, 192, 193, 196. Bourgoing, Baron Otto, Sekretär der französischen Botschaft in Wien. 163. Brahms, Johannes, Komponist. 107. Brailas-Armeni, griechischer Gesandter in Paris. 526. Brandenburg, GrafFried- rich Wilhelm (f 1850), unehelicher Sohn Friedrich Wilhelms II., 1848—1850 preußischer Ministerpräsident. 148. Brandenburg, Graf Wilhelm, Generalmajor, Sohn des vorigen (j" 1892). 148. Brandis, v., Offizier, zuletzt Hofmarschall in Sig- maringen. 272 f. Bratianu, Joan, rumänischer Ministerpräsident (t 1891). 443, 602, 619, 620, 621, 622f., 624. Braun, Karl (Wiesbaden), nationalliberaler Reichstagsabgeordneter. 415. Braun, österreichischer Legationssekretär in Frankfurt a. M., als Freiherr von B. Chef der Kabinettskanzlei des Kaisers Franz Josef. 14. Bray, Graf Camillus Hugo, 1870 bayerischer Ministerpräsident (f 1899). 160. Breysig, Kurt, Professor in Berlin, Historiker. 406. Briand, Aristide, französischer Staatsmann, seit NAMENREGISTER 1902 als unifizierter Sozialist Abgeordneter. 284, 479, 654. Bright, John, englischer Staatsminister, Führer d. Manchester-Schule (gest. 1889). 175. Brillat-Savarin, französischer Schriftsteller. 517. Brincken, Freiherr von, Erster Sekretär der Botschaft in London. 288, 304. Brisson, Henri, 1885 französischer Ministerpräsident, 1894 bis 1899 Kammerpräsident (f 1912). 516. Brockdorff, Gräfin Therese, geh. Loe, Oberhofmeisterin der Prinzessin Wilhelm. 312. Broglie, Albert Victor, Herzog von, 1874 u. 1877 Ministerpräsident (fl 901) 328, 473. B r o h a n, Madeleine, Mitglied der Comedie-Fran- ijaise. 113. Brühl, Gräfin Hedwig, Hofdame der Kronprinzessin Viktoria. 338. Taf. 304. Bücher, Lothar, 1850 bis 1859 Emigrantin London, 1864 bis 1886 Mitarbeiter Bismarcks (f 1892). 79, 291 ff. Folgt Bismarck nach Friedrichsruh. 294, 324, 355, 359. Gegen Holstein. 454. B. und Mal- wida v. Meysenbug. 670. Buckle, Henry Thomas, englischer Historiker. 405. Budde, Hermann, Chef der Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabs, 1902 preußischer Arbeitsminister (f 1906). 262. Büchsei, Generalsuperintendent, Prediger an der Matthäikirche in Berlin. 438, 511, 513. Bülow, Adolfv., Großvater Bülows. 44, 50 f. Bülow, Adolf v., Bruder Bernhards, Flügeladjutant, Brigade-Kommandeur (f 1897). 24, 36, 53, 60, 63, 69, 72, 105, 112, 114, 125, 128, 132, 147 f., 183, 209, 244f., 323, 502, 513, 514, 553, 567, 627. Bülow, Alfred v., Bruder Bernhards, Gesandter in Bern. 24, 69, 437, 642. Bülow, Adolf v., Vetter Bernhards, Militärattache in Paris, später Kommandierender General des rheinischen, dann des badischen Armeekorps, 1896 Generaladjut. 463, 484. Bülow, Bernhard v. (geh. 3. 5. 1849, gest. 28. 10. 1929). Taf. 240, 256, 328, 512. S. auch Sachregister. Bülow, Bernhard v., Oberhofmarschall in Schwerin, Großonkel Bülows. 49. Bülow, Bernhard Ernst, Vater des Fürsten, 1851 dänischer Gesandter am Bundestag, 1862 bis 1867 Staatsministeri. Mecklenburg-Strelitz, 1868 meck- lenb. Gesandter in Berlin, 1873 bis 1879 Staatssekretär im Auswärtigen Amt (f 1879). Dänischer Gesandter beim Bundestag für Holstein und Lauenburg. 7. Erinnerungen an die Frankfurter Zeit. 7 ff. Erschüttert durch den Tod des Zaren Nikolaus. 25. Fahrt nach Helgoland. 40. Kindheit in Plön. 47. Ausscheiden aus dem dänischen Dienst. 49, S3ff. Übertritt nach Mecklenburg. 55. Reise nach Berlin und Baden-Baden. 64 f. Rcligions-Gespräch mit dem Sohn. 83 f. Beklagt die Sprengung des NAMENREGISTER 701 Deutschen Bundes. 101. Mecklenburgischer Gesandter in Berlin. 103. Brief an den Sohn. llOf. Nicht für Korpsleben. 114. Leidet unter demTod der Tochter Bertha. 126. Gegen Bernhards Meldung als Kriegsfreiwilliger. 132. Häusliche Sorgen. 182. Bibel - Eintragung bei Rückkehr des Sohnes. 260. Weist ihn dem diplomatischen Dienst zu. 273. Wird Staatssekretär des Auswärtigen Amts. 275, 288. Fürst Bismarck über ihn. 275. Ratschläge für den Sohn. 289 f. Kaiserin Au- gusta über ihn. 317. Schickt den Sohn ins Ausland. 320. Unterredung in Mailand mit Minghetti. 330 f. Über die Kriegsgefahr. 347 ff. Über die Situation von 1876. 386 f. Zirkular an die preußischen Vertreter üb. d. Balkankonflikt. 412f. Erklärung im Reichstag. 415. Einfluß auf geistige Bildung des Sohnes. 432. Uber Prestige-Politik Bismarcks. 436f. Auf Werners Kongreß-Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Über Holstein. 454 f.Toast im Hause Bismarck. 451. Leiden. 502f. Konferenzen mit Wilhelm I. zur Erlangung einer Unterschrift unter das Bündnis mit Österreich-Ungarn. 505. Abschiedsgesuch. 509 f. Besuch Bismarcks bei ihm. 510f. Tod. 511. Kondolenzen Wilhelms I. u. Bismarcks. 512. Trauerfeier. 513. Taf. 24, 508, 512. Bülow, Bernhard Joachim v. , mecklenburg.-schwe- rinischcr Geheimrat und Oberhofmarschall, Urgroßvater Bülows. 49, 60. Bülow, Bernhard Vollrath v., mecklenburgischer Gesandter beim Bundestag. 13 f. Bülow, Bertha von, Schwester Bernhards (f 1270). 125 f., 217, 228. Bülow, Charlotte v., Tante Bülows (unverheiratet). 49. Bülow, Christian v., Bruder Bernhards, Offizier bei den 2. Garde-Dragonern. 127f., 132, 558. Bülow, Christoph Karl v., General unter Friedrichll. 271 f. Bülow, Friedrich von, Hofoberstforstmeister in Württemberg. 49. Bülow, Friedrich v., jüngster Bruder Bernhards. 128,511. Bülow, Friedrich Wilhelm von, General, 1813 Sieger von Dennewitz, Graf seit 1814 (f 1816). 144. Bülow, Gabrielev., Gattin Heinrichs v. B., Tochter Wilhelms v. Humboldt. 50, 309 ff. Bülow, Hans v., Pianist und Dirigent (f 1894 in Kairo). 63. Bülow, Heinrich v., 1827 bis 1841 preußischer Gesandter in London, dann am Bundestag, 1842 bis 1845 Minister des Äußern (f 1846). 50, 309 ff. Bülow, Karl v., mecklenburgisch - schwerinischer Kanzleidirektor. 49. Bülow, Karl Ulrich v., Bruder Bernhards, Militärattache in Wien, dann Flügel - Adjutant, Kommandeur der 2. Gardeulanen. 125. Bülow, Luise v.,geb. Rük- ker, Mutter des Kanzlers. Pietismus. 7. Das Englische ihr vertraut. 22. Reise nach Italien. 37. Gegen die Gräfin Danner. 54. Tod der Tochter Bertha. 126. Neues Testament. 180. Frage nach dem Kirchenbesuch. 239. Gebetsgläubig. 438. Gespräch Bismarcks mit ihr. 510 f. Beim Tod ihres Gatten. 511f. Bei derTrauer- feier. 513. Zu Bülows Frau 596. Bülow bei ihr in Seelishurg. 608. Tod. 651. Taf. 144, 508. Bülow, Marie von (Gräfin, Fürstin), geh. Campore- ale, geschiedene Gräfin Dönhoff (t 1929). 179, 309 f., 323, 338f., 39911'., 431, 528ff., 534ff., 539ff., 584ff., 589ff., 594, 595 ff., 605, 617, 618, 619, 626, 650, 665, 667, 668. Bülow, Paula v., Gattin d. Oberstallmeisters Vollrath v. B., geh. von Linden. 14. Bülow, Susanne v., geh. Baudissin, Großmutter Bülows, in zweiter Ehe Frau v. Warnstedt. 43, 47 ff. Taf. 64. Bülow, Vollrath v., mecklenburgischer Oberstallmeister, Vater von Bernhard Vollrath v. B. 13f. Bülow, Waldemar v., Bruder Bernhards (f 1855). Tod mit zwei Jahren. 24, 125. Bülow-Wendhausen, Marie v., Hofdame in Mecklenb.-Strelitz. 102. Bürger, Gottfried August, Dichter. 73, 370. B u 1 w e r, Edward (Lytton), englischer Romanschriftsteller. 121. 702 NAMENREGISTER Bunsen, Josias v., Gelehrter u. preußischer Staatsmann und Diplomat, 1854 aus London abberufen, seit 1857 Mitglied des Herrenhauses (f 1860). 333. Buol -Schauenstein, Graf Karl Ferdinand, 1852 bis 1859 österreichischer Minister des Äußern (t 1865). 397. Busch, Klemens, Dr., Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, deutscher Gesandter in Bukarest, dann in Stockholm. 454. 623 f. Bylandt-Rheidt, Graf, österreichischer Generalmajor, 1876-1888 Reichs- kriegsmin. (f 1891). 391. Byron, Lord, 262, 335f., 422, 524. Cambon, Jules, französischer Botschafter in Madrid und Berlin. 466, 480, 548. Cambon, Paul, Bruder des vorigen, französischer Ministerresident in Tunis, dann Botschafter in Konstantinopel und London (t 1924). 466, 539, 548. Cambridge, Herzog von, britischer General, seit 1862 Feldmarschall (f 1904). 62. Campenon, Edouard, Oberst im französischen Generalstab, 1881—1882 und 1883—-1886 Kriegsminister (f 1891). 517. Camporeale, Fürst Domenico, Vater der Fürstin Bülow. 538, 665 f., 668, 669. Camporeale, Fürst Paolo, Schwager Bülows. 664 f. Canova, Antonio, Bildhauer. 309. C a n tü, Cesare, italienischer Gelehrter und Schriftsteller. 536. Caprivi, Leo v. (1891 Graf), Chef der Admiralität, Kommandierender General, 1890 bis 1894 Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident (t 1899). 214, 316, 479, 614, 637, 638 f., 644, 645, 647, 650, 658, 681. Abschied. 683. Carayon - Latour, de, französischer Legitimist. 477. Carlyle, Thomas, englischer Historiker. 81, 522. Carneri, Philosoph. 14. Carnot, Sadi, seit 1887 Präsident der Französischen Republik, in Lyon am 25. 6. 1894 von dem Italiener Caserio ermordet. 640. Caro, Eime Marie, französischer Philosoph. 522. Carol (Karl) von Hohen- zollern, Fürst, dann König von Rumänien (gest. 1914). 129, 168. Vor Plewna. 423, 443. Charakteristik. 619ff. Über Wilhelm II. und Bismarck. 628f., 635, 646, 647 f. Abschied Bülows von ihm. 651. Carolath, Fürst Karl, verheiratet mit Gräfin Elisabeth Hatzfeldt. 234. Carp, Peter, rumänischer Politiker, Führer der Junimisten (f 1919). 622, 624, 646. Carrel, Armand, französischer Journalist und Politiker. 496. Castelar, Emilio, spanischer Republikaner. 468. Castelnau, Vicomte de, französischer General im Weltkrieg. 472. Cavaignac, Louis Eugene, französ. General, 1848 Militärdiktator (f 1857). 471. Cavour, Graf Camillo, italienischer Staatsmann (f 1861). 287, 331, 408, 467, 474, 536, 606, 655 f., 660, 661, 662. Challemel-Lacour, Paul Armand, französ. Politiker und Geschichtschreiber der Philosophie, 1879 Botschafter in Bern, 1883 Minister des Äußern (f 1896). 321. Chambord, Graf von (Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonne von Bourbon), Thronprätendent (f 1883 in Frohsdorf bei Wien). 531. Chamisso, Adelbert von, Dichter. 17, 243. Charlotte, Zarin, Gattin Nikolaus’ I., Schwester Wilhelms I. von Preußen. 377, 507, 568. Charlotte, Prinzessin von Preußen, später Erbprinzessin von Meiningen. 313. Charmes, Francis, Chroni- queur der „Revue des Deux Mondes“. 548. Charmes, Xavier, Publizist. 170, 466. Chartres .Herzog Robert v. (Orleans), Reiseschriftst. (t 1910). 521. Chateaubriand, Francois Rene de, französischer Dichter und Staatsmann. 425. Cherbuliez, Victor (Valbert in der „Revue des Deux Mondes“), Romanschriftsteller. 581. Chigi, Fürst Agostino, gefallen in der Schlacht bei Adua. 673. NAMENREGISTER 703 Christian VIII., seit 1839 König von Dänemark (t 1848). 54. Christian IX., 1863—1906 König von Dänemark (vorher Prinz von Holstein- Sonderburg- Glücksburg). 19, 20, 295, 418. Cialdini, Enrico, Herzog von Gaeta, italienischer General, Botschafter in Paris. 525, 655. Cissey, de, französischer General, 1871—1873 und 1874—1876 Kriegsminister (f 1882). 328. Clam-Gallas, Graf Eduard, österreichischer General (f 1891). 163. Classen - Kappelmann, Kölner Demokrat. 87. Clausewitz, Karl v., preußischer General und Militärschriftsteller (f 1831). 254. Clemenceau, Georges, Arzt, Politiker, 1876 bis 1893 Abgeordneter, dann Senator und Minister. 93, 134, 284, 469, 472, 480f., 484. Stürzt Gambetta. 517, 553, 654. Cohden, Richard, Führer der englischen Freihandels-Liga. 175. Cohn, Dr., Kurarzt in Oeynhausen. 127, 133, 134, 458. Cohn-Blind, Ferdinand. 86 f. Com bes, Emile, 1895 bis 1896 französischer Unterrichtsminister, 1902 bis 1905 Ministerpräsident (f 1921). 284. Consalvi, Marchese Er- cole, Kardinal, päpstlicher Staatssekretär (f 1824). 309. Coppee, Frangois, französischer Dichter. 46. Corcelle, Baron de, französischer Botschafter am Vatikan. 314, 345. Corsini, Oberstallmeister des Königs Humbert von Italien. 662. Corti, Graf, italienischer Bevollmächtigter auf dem Berliner Kongreß. 441, 448, 451. Courier, Paul-Louis, französischer Journalist. 517. Cousin, Victor, Vertreter des Eklektizismus in der franz. Philosophie. 405. Coutouly, französischer Gesandter in Bukarest. 621, 625. Creizenach, Theodor, Literatur-Historiker, Ge- schichtslchrer am Frankfurter Gymnasium (t 1877). 27 f. Crispi, Francesco, 1887 bis 1891 u. 1893 bis 1896 italienischer Ministerpräsident (t 1901). 468, 536, 652 ff., 662. Krieg mit Abessinien. 672f. Sturz. 673. 675, 676. Taf. 672. Curtius, Ernst, Archäolog, Erzieher d. Kaisers Friedrich (fl 896). 36, 423 f. Curtopassi, italien. Gesandter i. Bukarest. 625. Cusa, Fürst Alexander, Fürst von Rumänien. 621 f. Custine, Marquis Adolphe, Verfasser eines Buches über Rußland. 564. Czacki, Monsignore, päpstlicher Nunzius in Paris. 526f., 679. Dadian, Nikolaus, Fürst von Mingrclien, russischer Thronkandidat für Bulgarien. 604. Dagmar (Maria Fedo- rowna), Gemahlin des Zaren Alexander III., geh. Prinzessin v. Dänemark (Holstein-Gliicks- lmrg). 19 f., 189, 366, 580, 596. Dalwigk, Reinhard Freiherr von D. zu Lichten- fels, großherzoglich hessischer Ministerpräsident (t 1880). 11, 162 f., 177. Danckclmann, Gräfin, geh. Moltke (eine der „drei Schwestern“). 305. Daniel, Hermann Adalbert, Professor am Pädagogium in Halle. 74 ff., 80, 84, 105, 107, 108, 109, 110, 112, 432. Danner, Gräfin, morganatische Gattin Friedrichs VII. von Dänemark (Rasmussen). 54. Dante. 537, 594. Danton, französischer Re- volotionsmann. 468, 480, 684. Darboy, Georges, Erzbischof von Paris, am 24. 5. 1871 von den Kommunisten erschossen. 466. Daudet, Alphonse, französisch. Schriftsteller. 468, 531, 622. Deäk, Franz, ungarischer Staatsmann (f 1876). 393. Decazes, Herzog von, französischer Botschafter in London, 1873 bis 1877 Minister des Auswärtigen (t 1886). 314, 328, 347, 477, 504. De Felice, italienischer Abgeordneter. 654. Degoutte, französischer General, Kommandeur während der Ruhr-Invasion. 134, 195. Deines, Adolf v., Kriegskamerad Bülows, später General (f 1911). 231, 241, 598. 704 Delaunay, Mitglied der Comedie- Franchise. 113. Delbrück, Hans, Professor, Historiker. 158, 285, 406. Delcassö, Theophile, 1898 bis 1905 französischer Minister des Äußern, 1913 Botschafter in Petersburg, 1914—1915 Außenminister (t 1923). 611. Deligeorges, griechischer Ministerpräsident. 426. Depretis, Agostino, italienischer Staatsmann (f 1887). 536, 662. Derby, Lord, englischer Minister des Äußern, 1867 bis 1868 u. 1874 bis 1879, Konservativer, dann Liberaler, 1882—1885 Ko- ionialministcr, zuletzt liberaler Unionist (f 1893). 396 f., 429. Derenthall, v., Gesandter in Lissabon. 685, 687. Deroulede, Paul, Gründer der französischen Patrio- ten-Liga (f 1914). 519, 612. Des prez, zweiter franz. Bevollmächtigter auf dem Berliner Kongreß, Direktor im Ministerium des Äußern. 448 f., 451. Dilke, Sir Charles, Präsident des Local Government Board, Vorkämpfer des „Greater Britain“ (f 1911). 553. Dillmann, Professor an der Universität Berlin, Orientalist (f 1894). 47. Dincklage, von, Major, Stabsoffizier. 194, 238, 254. Disraeli, Benjamin, seit 1874 Earl of Beaconsficld, Führer der Tories, 1868 und 1874—1880 Premier- NAMENREGISTER minister (f 1881). 121. Rede über Krieg und Frieden. 415 f. Macht Salisbury zum Minister des Äußern. 429. Auf dem Berliner Kongreß. 436. Antwort auf Rede Gor- tschakows. 440. Sarkastische Zurückweisung des türk. Delegierten. 442. Charakteristik. 446 f. Auf Werners Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Gentleman-Begriff. 468. Judentum. 469. Über Religion. 552. Feiner Psychologe. 618. Taf. 440. Döllinger, Ignaz v., Professor der katholischen Theologie in München (f 1890). 463, 552. Dönhoff-Friedrichstein Graf August, Regimentskamerad Bülows, mit ihm an der Botschaft in Petersburg. 371. Dönhoff, Graf Fritz, im 2. Garde-Ulanen-Regiment. 248. Dönhoff, Graf Karl, Erster Sekretär der Deutschen Botschaft in Wien, verheiratet mit Bülows späterer Gattin, 1883 geschieden. 399, 529, 537, 585 f. Dönhoff, Gräfin Marie v., spätere Fürstin v. Bülow. Taf. 592. S. auch Bülow. Dörnberg, Freiherr Karl von, Legationsrat an der Deutschen Gesandtschaft in Bukarest. 487, 642. Dohm, Ernst, Herausgeber des „Kladderadatsch“ (f 1883). 147. Dohna, Graf Adalhert, Mitschüler Bülows in Halle. 76 f. Dohna, Graf Ludwig, Zwillingsbruder des vorigen, 76 f. Dohna-Schlodien, Graf Nikolaus, Kommandant dcsHilfskreuzers„Möwe“. 171. D o h r n, Anton, Zoolog, Leiter der Station in Neapel (f 1909). 650. 676 f. Dolgorukij, Prinzessin Jekaterina Michailowna, Geliebte des Zaren Alexander II. (Jurjewskaja). 376f„ 427, 576, 587. Dostojewski, Fedor Mi- chailowitsch, russischer Dichter. 370. Dove, Alfred, Professor, Historiker (f 1916). 130, Dreyfus, Alfred, franz. Major, 1894 als Spion deportiert, 1899 begnadigt, 1906 freigesprochen. Die Affäre. 472 f. Dryander, Ordinarius am Pädagogium in Halle. 73 f. 107. Dryander, Ernst v., Oberhofprediger (f 1922). 74. Duchesne, Louis, Monseigneur, Kirchenhistoriker und Akademiker (f 1922). 669. Dumas, Alexandre, fils, Dramatiker. 528, 533. Dumreicher, Armand (Freiherr v. Österreicher), Sekretär der Österreichischen Gesandtschaft am Bundestag, bis 1868 im Staatsdienst, dann Abgeordneter (f 1908). 15. Duncker, Franz, fortschrittlich. Politiker, Besitzer der „Volkszeitung“ (t 1888). 80, 606. Dupanloup, Philippe, Professor an der Sorbonne, Bischof von Orleans, Mitglied d. Nationalversammlung und des Senats (t 1878). 152. Durnow, Missy. 189, 417, 576f„ 579, 588, 589, 596, 597. NAMENREGISTER 705 Ebner-Eschenbach, Marie von, Dichterin. 106, 121 . Echtermeyer, Theodor, mit Rüge Herausgeber der „Halleschcn Jahrbücher“. 79. Edel, liberaler bayrischer Abgeordneter. 161. Eduard VII. (Albert Prinz Eduard von Wales). 36, 155, 262, 418. In Paris. 457, 479, 526, 528. Deutschfeindlich. 551, 580. Schätzt Morier. 599. Führt Verlobung derPrin- zessin Viktoria mit Alexander Battenberg herbei. 601. Über die Krüger- Depesche. 667. Eichhorn, Hermann v., preußischer Heerführer, Generalfeldmarschall, in Kiew 1918 ermordet. 171. Eichstedt, v., preußischer Kriegsminister. 296. Eickstedt, Gräfin Christa, geb. v. Eisendecher. 12. Eisendecher, v., Oldenburg. Gesandter beim Bundestag. 7, 12. Eisendecher, Karl v., Sohn des preußischen Gesandten in Karlsruhe. Von Bismarck in Friedrichsruh nicht zugelassen. 12 . Eisner, Kurt, sozialistischer Schriftsteller, 1919 in München ermordet. 434. Elisabeth Kaiserin von Österreich, 1898 in Genf ermordet. 400, 409, 521, 525. Elisabeth Königin von Rumänien (Carmen Sylva) (f 1916). 648 ff. Elisabeth Feodorowna, geb. Prinzessein von Hessen, Gattin des Großfürsten Sergius. 596. Elliot, Sir Henry George, englischer Botschafter in Konstantinopel und 1877 bis 1884 in Wien (f 1907). 423. Emil Prinz von Hessen- Darmstadt. 16. Encke, Johann Franz, Astronom, Direktor der Berliner Sternwarte (f 1865). 301. Engels, Friedrich, deutscher Sozialist (f 1895 in London). 292. Eötvös, Baron, ungarischer Kultusminister u. Präsident der ungarischen Akademie. 392. Erckert, v., preußischer General, dann in russischen Diensten. 382. Erffa, v., Leutnant im Regiment Königshusaren, später Präsident des Preußischen Abgeordnetenhauses. 198f., 226. Erlanger, Baron Emil, Finanzmann in Frankfurt a. M., dann in Paris. 28, 478. Erzberger, Matthias, Zentrumsabgeordneter (f 1921). 22, 190, 305, 434, 447. Esterhazy, Graf Moritz, österreichischer Minister unter Belcredi u. Schmerling (f 1890). 94. Esterhazy, Graf Moritz, 1917 ungarisch. Ministerpräsident. 94. Esterneaux, Legationsrat im Auswärtigen Amt. 214. Estournelles de Constant, Baron d’, Sekretär der französischen Residentur in Tunis, Abgeordneter und Senator (f 1924). 539, 542. Eu, Graf von (Gaston d’Orleans), Schwiegersohn Pedros II. von Brasilien, Prätendent auf den brasilianischen Thron (f 1922). 521. Eugenie (Gräfin Montijo), Kaiserin der Franzosen (f 1920). 25,97, 135, 152, 168, 389, 496, 520, 669. Eulenburg, Graf August, Oberbofmarschall u. kgl. Hausminister (f 1921). 360. Eulenburg, Graf Botho zu, Bczirkspräsident von Lothringen, dann Minister des Innern und Ministerpräsident (f 1912). 114, 264 f., 360, 658, 683. Eulenburg, Graf Friedrich, 1862 bis 1868 preuß. Minister des Innern (f 1881). 315. Taf. 128. Eulenburg, Graf Karl, General d. Kav. 360. Eulenburg, Graf (Fürst) Philipp zu, Dritter Sekretär der Deutschen Botschaft in Paris, 1894 bis 1902 Botschafter in Wien (f 1921). Herbert Bismarck an ihn. 252. Feindet den Grafen Kuno Rantzau an. 272. Abfall von Bismarck. 316. Heinrich VII. Reuß macht ihm in Wien Platz. 374. Charakteristik aus der Pariser Zeit. 486 ff. Erinnerungen. 585. Brief an Bülow über Bismarck, Antwort Bülows. 629 ff., 642. Bismarck Vater und Sohn über ihn. 647. Besucht Bülow in Wien 650. Seufzt über Fürst Bismarcks Einladung durch den Kaiser. 658. Begleitet Wilhelm II. nach Venedig. 659. Freund des Monarchen. 661. Zusammenkunft mit Bülow in 45 Bülow IV 706 NAMENREGISTER Mernn. 682 ff. Fürchtet Wiederkehr Ilerhcrt Bismarcks. 685. Begegnung mit Bülow in Venedig. 686 . Eulenburg, Graf Wendt zu (f 1875). Verlobung mit Marie v. Bismarck und Tod. 360 f. Faidherbe, Cesar, französischer General, Führer der Nordarmee (f 1889). 198, 207, 225, 226, 228, 231, 236. Failly, Achille de, französischer General, Sieger von Mcntana, bei Sedan gefangen (f 1892). 153. Falt in, Studicurat in Halle. 109. Fels, deutscher Konsul in Korfu. 409. Ferdinand Kaiser von Österreich, abgedankt im Jahre 1848 (f 1875). 390. Ferdinand Kronprinz, seit 1914 König von Rumänien. 168, 648 ff. Ferdinand Prinz von Ko- burg, 1887 Fürst von Bulgarien, 1908 bis 1918 König. 612. Feriol, Vicomte de, französischer Gesandter in Kopenhagen. 314. Ferry, Jules, zwischen 1880 und 1885 dreimal französischer Ministerpräsident (t 1893). 284, 467, 481, 482 ff., 500 f., 516, 517, 527. Fersen, Graf Nikolaus, russischer Rittmeister. 572. Festetics, Gräfin Marie, Hofdame der Kaiserin von Österreich. 400. Fichte, Johann Gottlieb, Philosoph. 43. Figner, Vera, russische Revolutionärin, Gefangene in Schlüsselburg. 573. Fischer, liberaler bayrischer Abgeordneter. 161. Flaischlen,Cäsar, Schrift- stellcr. 14. Flaubcrt, Gustave, französischer Romandichter. 121, 539. Fleury, Graf Felix de, französ. General, Adjutant Napoleons III., Botschafter i. Petersburg. 496. Floquet, Charles Thomas, französischer Advokat, Kammerpräsident, 1888 bis 1889 Ministerpräsident (f 1896). 158. Florescu, Joan Emanuel, rumänischer General und Kriegsminister, 1891 Ministerpräsident (f 1893). 624. Flotow, Johannes v., Botschaftsrat in Paris, Gesandter in Brüssel, dann Botschafter in Rom. 177. Foch, Marschall. 93, 190, 195. Folliot de Crenneville, Oberstkämmerer am Wiener Hof. 391. Fontane, Theodor, Schrift- steller. 121. Ford, Sir Cläre, englischer Botschafter in Rom. 666. Forkel, Joh. Nikolaus, Musikdirektor. 45. Fortis, Alessandro, radikaler italienischer Politiker, später Minister und Ministerpräsident. 662. Fouche, Joseph (Herzog von Otranto), Polizei- ministerNapoleons 1.278, 322. Fourtou, Bardy de, klerikaler Bonapartist, 1872 bis 1874 und 1877 Minister, sonst Senator und Deputierter. 328. France, Anatole. 153, 322, 325, 526f. Francois, Bruno v., preußischer General, gefallen am 6. August 1870 bei Spichern. 147. Franz I. Kaiser von Österreich (f 1835). 400 f. Franz Ferdinand, öster- reichisch - ungar. Thronfolger, ermordet 28.6.1914 in Sarajewo. 175. Franz Josef I. Kaiser von Österreich (f 21. 11.1916). 6, 25. Im Krieg von 1866. 94, 104. Vor 1870. 150f., 153. Dreikaiserbegegnung in Berlin (1872). 298. Seine Thronbesteigung. 390. Für die Erwerbung Bosniens und der Herzegowina. 392. Entrevue in Reichstadt. 396. In der Orientkrise. 417. Besuch Bismarcks in der Wiener Hofburg (1879). 505. Unterzeichnung des Bündnisvertrags. 505. Entfernt Beust aus Paris auf Verlangen der Kaiserin Elisabeth. 525. Frankfurter Fürsten tag. 545. Drei - Kaiser - Zusammenkunft in Skiemiewicc. 567 ff. Die Zwei-Kaiscr- Begegnung in Kremsier. 586. Drohung gegen Alexander von Bulgarien. 588. Rückversicherungsvertrag „Untreue“ gegen ihn. 639. Brief Wilhelms II. an ihn über Bismarck. 650. Freiligrath, Ferdinand, Dichter. 149. Freycinet, de Saulces, 1879 bis 1880, 1882 und 1886, 1890 bis 1893 französischer Ministerpräsident, daneben auch Minister des Äußern und Kriegsminister. 467, 484, 517f„ 527. NAMENREGISTER Freytag, Gustav, Schriftsteller. 44, 46, 121, 130. Friedjung, Heinrich, Dr., österreichischer Historiker. 400. Friedrich II. (der Große) König von Preußen. 370. Friedrich III. (Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen) (f 15. 6. 1888). 36, 137. Weißenburg und Wörth. 145 fl'., 216, 223, 240 f., 251, 252 f., 283, 319, 334. Reise nach Italien 1875. 33811. Uber Bismarck 341. Beunruhigt durch Kriegsgerückte von 1875. 346, 365. San Remo. 407, 418. Seine Erziehung durch Curtius. 423. Eröffnung des Berliner Kongresses. 435 f. Toast beim Schlußdiner des Berliner Kongresses. 451. Herbert Bismarck ungerecht gegen ihn. 456. Bülow und Frau bei ihm. 595 f. Erkrankung. 605 f. Todkranker Mann (Wal- dersee über ibn). 610. Operation in San Remo. 615. Auf dem Krankenbett in Charlottenburg. 618 f. Tod. 624. Verhalten WilhelmsII. 648.ru/. 304. Friedrich VI. König von Dänemark (t 1839). 294. Friedrich VII. König von Dänemark (f 1863). 53ff., 62, 67, 432. Friedrich I. König von Württemberg (f 1816).50. Friedrich I. Großherzog von Baden (f 1907). 12, 162, 172, 222. Friedrich II. Großherzog von Baden (bis 1918).172. Friedrich Herzog von Augustenburg (f 1880). Bismarck gegen sein Erbrecht 49. Friedrich Prinz von IIo- henzollern, Kommandierender General des 3. Armeekorps (f 1904). 304. Friedrich Franz II. Großherzog v. Mecklenburg-Schwerin (f 1883). 102, 613. Friedrich Franz III. Großherzog von Mecklenburg-Schwerin (f 1897). 41. Friedrich Karl Prinz von Preußen, 1866 Führerder 1. Armee, 1870 Generalfeldmurschall (f 1885). 100, 146, 182f., 251, 344, 513. Friedrich Wilhelm III. König von Preußen (f 1840). 43, 65, 294f., 312, 568. Friedrich Wilhelm IV. König von Preußen, Sohn des vorigen (t 1861). 6, 13, 25, 54, 223, 229, 254, 302, 310f., 313, 334, 382, 510, 549. Friedrich Wilhelm Großherzog von Mecklenburg-Strelitz. 55, 61 f., 102 . Friedrich Wilhelm, letzter Kurfürst von Hessen- Kassel, 1866 entthront (f 1875). 95. Friedrich Wilhelm Landgraf von Hessen- Kassel. 95. Friesen, Freiherr Richard von, sächsischer Minister des Äußern und Ministerpräsident (f 1884). 164. Fröbel, Julius, Dr., Revolutionär, später deutscher Konsul in Smyrna u. in Algier (f 1893). 544 ff. Fürstenberg, Fürst Max Egon. 599, 661. G a b 1 e n z, Freiherr Ludwig von, Bruder des folgenden. 89, 95. 707 Gablenz, Freiherr Wilhelm v., österreichischer General, 1865 bis 1866 Statthalter in Holstein, 1866 Korpskommandeur in Böhmen (f 1874 durch Selbstmord). 89f., 95, 100 . Gagern, Heinrich v., führender Abgeordneter in der Deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt a. M., Präsident des Reichsministeriums, später hessischer Gesandter in Wien (j" 1880). Bismarck über ihn. 9. Großdeutsch. 163. Gagern, Max von, 1854 bis 1874 Leiter der handelspolitischen Abteilung im österr. Ministerium des Äußern (f 1889). 163,394. Galen, Graf Wilderich, Rittmeister bei den Königshusaren. 259, 263, 273. Gallifet, Gaston Alex- andre Auguste Marquis de, General, 1899 Kriegsminister. 471, 476. Gallmeyer, Josefine, Wiener Schauspielerin. 400. Gambetta, Leon, 1870 Diktator, 1881—1882 Ministerpräsident (f 1882). 79, 170, 237, 283, 284, 305, 461 f. Charakteristik. 467 ff. Gegen Mac Mahon. 478, 480. Die Angriffe Wilsons. 482. Die Ferrys. 484. Gegen die Deutschen inParis(1870). 492. Gegen die Kirche. 500. Rede in Cherbourg. 515. Ministerium. 516f. Sturz. 517. Tod 518. Leichenfeier. 518f. Taf. 516. Garibaldi, Giuseppe, General, italienischer Patriot und Freikorpsführer (f 1882). 152, 283, 325, 653, 655, 662, 664. • 45 ' 708 NAMENREGISTER Gay, Professor in Lausanne. 115, 126. Geibel, Emanuel, Dichter. 46. Georg V. König von Hannover, 1866 entthront (f 1878 in Paris). 31, 61, 525. Georg Großherzog von Mecklenburg-Strelitz. 59, 62. Georg Herzog von Mecklenburg-Strelitz, seit 1851 in russischen Diensten. 62, 209, 378f., 382. Georgios König von Griechenland (Prinz Christian von Glücksburg) (f 1913). 20. Bülow in Audienz. 418. Ermordung. 419. Neutralität im Russisch- Türkisch. Krieg. 426. Einmarsch seiner Truppen in Thessalien. 428. Bülow in Abschiedsaudienz. 432, 526. G e r a r d, französischer V or- lescr d. Kaiserin Augusta. 304f. Gerlach, Leopold v., Generaladjutant Friedrich Wilhelms IV. (f 1861). 34. Gervais, Alfred Albert, französ. Admiral. 639 f. Giers, Nikolai Karlowitsch v., seit 1882 russischer Minister des Äußern (f 1895). 420, 565ff. In Skiemiewice. 570. Über Alexander III. 577. Afghanischer Konflikt. 580. In Kremsier. 586. In Friedrichsruh. 587. Bülow und er. 599. In der Bulgarischen Frage. 604. Waldersce über ihn. 610. Rückversicher. - Vertrag. 614. Dessen Nichtcmeue- rung. 638. 680. Taf. 568. Gioberti, Vincenzo, italienischer Politiker, 1848 bis 1849 Ministerpräsid. von Sardinien (f 1852). 536. Giolitti, Giovanni, italienischer Staatsmann, 1892 Ministerpräsident. 652 f. Giordano Bruno, Philosoph. 538. Girardin, Emile de, französischer Journalist. 495f. Gladstone ,WilliamEwart, liberaler engl. Premierminister (f 1898). 175. Gegen die türkischen „atrocities“. 398. Macht dem Prinzen von Wales Vorstellungen. 458. Wahlreformbill. 549. Charakteristik. 551 f. Afghanistan. 580. Sturz. 580. G. und Laura Minghetti. 669. Gneist, Rudolf v., Jurist und Politiker (f 1895). 126, 309, 359, 360, 500. Gobineau, Graf Arthur, französischer Diplomat u. Schriftsteller (f 1882). 350. Goblet, Rene, 1886 bis 1887 französischer Ministerpräsident, 1888 bis 1889 Minister des Äußern (t 1905). 516. Goeben, August v., 1870 Kommandierender General des 8. Armeekorps, 1871 Oberbefehlshaber d. 1. Armee (f 1880). 63, 183, 190, 191 f., 196, 202, 204, 207, 212f., 216. Charakteristik. 216f., 224f., 232, 235, 236, 254, 283. Goethe. 3, 4, 21, 23, 41, 45, 60, 67, 75, 105, 109, 112, 118, 122, 123, 127, 283, 317, 318, 320, 328, 333, 346, 354, 368, 370, 394, 399, 408, 430, 431, 444, 473, 486, 487, 518, 529, 533, 534, 554, 583, 593, 650, 657. Gogol, Nikolai Wassilje- witsch, russischer Dichter. 370. Goltz, Graf Robert, preußischer Botschafter in Paris (f 1869). 97, 324. Goltz, v. d., Premierleutnant bei den 10. Dragonern. 255. Goluchowski, Graf Age- nor, Sekretär der österreichisch - ungarischen Botschaft in Paris, dann Gesandter in Bukarest, 1895 bis 1906 Minister des Äußern (f 1921). 525, 570, 625. Gontaut-Biron, Vicomte de, französisch. Botschafter in Berlin. 243, 299, 314, 350. Gontscharow, IwanAlex- androwitsch, russischer Dichter. 370. Go ree, Pierre de la, französischer Historiker. 189. Gortschakow, Fürst Alexander Michailowitsch, 1866 bis 1882 russischer Reichskanzler (f 1883). Russischer Gesandter in Stuttgart und Vertreter des Zaren beim Frankfurter Bundestag. 8. Über Bismarck. 8. Freundschaftliche Beziehungen zu Bülows Vater. 25. Bismarcks Spott. 308. Spannung zwischen ihm und Bismarck (1875). 348 ff., 374, 385, 388, 395. Empfängt Bülow. 383 f. Über Bismarck. 384. Besuch in Berlin mit Alexander II. 386, 395. Entre- vue in Reichstadt. 396. Mit dem Zaren in Moskau. 416. Auf dem Berliner Kongreß von Bismarck gekränkt. 437. 444. Rede 439f. Stimmt der Okkupation Bosniens und der Herzegowina durch Öster- NAMENREGISTER 709 reich-Ungarn zu. 441. Oppert-Blowitz über ihn und Bismarck. 446. Fällt über den Reichshund Ty- ras. 446. Auf Werners Bild. 450. Bosheit gegen Peter Schuwalow. 452. Interview im „Soleil“. 504. Tod. 563 f. Für die Bulgaren. 587. ScineRolle. 680. Taf. 360. Goschen, Sir Edward, Bruder des folgenden, englischer Botschafter in Berlin. 177, 667. Goschen, G. J. Lord, Erster Lord der britischen Admiralität. 666 f. Govone, Giuseppe, ital. General, Kriegsminister (f 1872). 154. Grabow, Wilhelm, liberaler preußischer Politiker, in der Konfliktszeit Präsident des Abgeordnetenhauses. 81, 606. Gramont, Herzog von, 1870 französ. Minister des Äußern (f 1880). 129, 159, 162, 164, 168, 171, 177, 334, 467, 660. Granville, Earl of, englischer Minister, Vetter von Donna Laura Min- ghetti (f 1891). 457, 669. Gregorovius, Ferdinand, Historiker v. Rom. 327 f., 650. Greppi, Graf Giuseppe, italienischer Botschafter in Petersburg. 599. Grevy, Jules, 1879 bis 1885 Präsident der französischen Republik (f 1891). 467, 478. Affäre Wilson. 481 f., 516, 517, 532. Grey, Sir Edward, 1915 bis 1916 britischer Minister des Äußern. 177. Grigorowitsch, Dmitri W assiljewitsch, russischer Dichter. 370. Grillenberger, Karl, Sozialdemokrat. Reichstagsabgeordneter. 298. Grillparzer, Franz. 366. Grimm, Gisela, geb. von Arnim, Tochter Bettinas u. Achims, Gattin Herrn. Grimms (f 1889). 328. Grimm, Herman, Kunsthistoriker (f 1901). 328. Grote, Graf Otto, hannoverscher Gesandter in Petersburg. 36. Grünne, Graf Karl Ludwig, Oberstallmeister am Wiener Hof, vorher Generaladjutant Franz Josefs und Chef der Militärkanzlei (f 1884). 391. Gruew, bulgarischer Major, Verschwörer gegen den Battenberger. 600. Gurko, russischer General im Krieg mit der Türkei, dann Generalgouvemeur von Petersburg und von Odessa (f 1901). 422. Gutzkow, Karl, Schriftsteller. 121. Haase, Hugo, sozialistischer Abgeordneter, 1919 ermordet. 434. Hä ekel, Ernst, Naturforscher. 14. Hänel, Albert, Jurist, Professor in Königsberg und Kiel, freisinniger Abgeordneter. 49. Hagedorn, Friedrich v., Dichter. 33. Hahnemann,SamueIChri- stian Friedrich, Homöopath (f 1843). 140. Hahnke, Wilhelm v., Generaladjutant, 1888 bis 1901 Chef des Militärkabinetts (f 1912). 642. Haller, Johannes, Professor in Tübingen. 406, 630. Hammann, Otto, Leiter des Preßdeparteinents des Auswärtigen Amts. 214. Hammerstein, Baron, mecklenburgisch- streb tz- scher Gesandter in Berlin. 103. Hammerstein - Loxten, Emst Freiherr v., 1894 bis 1901 preuß. Land- wirtschaftsminister. 61. Hansemann, Adolf v., Berliner Bankier, Leiter der Disconto-Gesellscliaft (t 1903). 309. Ilarcourt, Marquis d\ französischer Botschafter in Wien. 314. Hardenberg, Fürst, preuß. Staatskanzler (j - 1822). 43, 63, 294, 312. Harding, englischer Diplomat. 552, 598. Hardinge, Sir Charles, Unterstaatssekretär im Foreign Office und Vizekönig von Indien. 552. Hartington, Marquis of, später Herzog von Dct- vonshire, engl. Staatssekretär des Kriegs. 553. Hartmann, Arenbergschcr Hauskaplan, später Domherr. 26511., 268. Hasperg, von, Gesandtschaftssekretär in Rom. 344. Hasse, Emst, Professor, nationalliberalcr Reichs- tagsabgeordneter u.. Vorsitzender d. Alldeutschen Verbandes. 44. Hassenpflug, Hans Da-* niel, kurhessischer Minister (f 1862). 17. Hatzfeldt, Albert, Fürst, Mitglied des Preußischen Herrenhauses. 121. Hatzfeldt, Gräfin Elisabeth, verheiratet mit dem Fürsten Carolath. 234, 251 f., 306, 488, 547, 585. 710 Hatzfel dt-Trachenberg Fürst Hermann, 1900 Herzog, Oberpräsident von Schlesien. 306 f. Hatzfeldt, Graf Paul, Legationsrat, Gesandter, 1881—1885 Staatssekretär d. Auswärtigen Amts, seit 1885 Botschafter in London (f 1901). 121, 291 lf., 324. Bismarck gegen ihn. 509 f. Hatzfeldt, Gräfin Sofie, Mutter von Albert und Paul H.(f 1881). 121,291. Haucke, Julie (Gräfin), morganatische Gattin des Prinzen Alexander von Hessen-Darmstadt, Gräfin Battenberg. 421, 587, 603. Hauß mann, Friedrich u. Konrad, Führer der Süddeutschen Volkspartei. 161. Haussmann, George Eugene Baron, Scine-Prä- fekt unter Napoleon III. 483. Haymerle, Baron Heinrich Karl, 1879 österr.- ungarischer Minister des Äußern (t 1881). 571. Hebbel, Friedrich. 391. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Philosoph. 83, 297, 574. Hegel, Immanuel, Sohn des vorigen, Konsistorial- rat' (t 1891). 574. Hehn, Viktor, Kulturhistoriker. 460. H e i I b r o n, Legationsrat im Auswärtigen Amt. 214. Heine, Heinrich. 105, 158, 248, 286, 409, 534, 671. Heinrich Prinz von Preußen, Bruder Wilhelms II. 658. Heinrich VIT. Reuß, deutscher Botschafter in NAMENREGISTER Petersburg, später i. Konstantinopel, dann in Wien. 324, 349, 361, 368, 373 f., 592, 650, 659. Taf. 392. Heinrich IX. Reuß. 297f. Heinrich XIII. Reuß, Major, 1871 Kommandeur des Regiments Königshusaren. 191, 263, 273, 274. Heinrich XIV. Reuß, Fürst-Regent i. d. jünger. Linie. 498. Heinrich XVITI. Reuß. 304, 317, 498, 604. Helene, Prinzessin von Montenegro, vermählt mit dem Kronprinzen Viktor Emanuel (III.) von Italien. 674 f. Helene Pa wlowna,Großfürstin, Gattin des Großfürsten Michael, geh. Prinzessin von Württemberg (Charlotte Marie) (fl873). 381 f., 524. Hel ff t, Bankier in Berlin. 62. Hellwig, Geheimer Le- gationsrat. 291. Helmhol tz, Hermann v., Physiker. 535. Taf. 304 Helmhol tz, Frau von. 585. Taf. 304 H e m m e r, Chef der Reichskanzlei. 305. Henckel-Donnersmarck Gräfin Blanche, s. Paiva. Henckel-Donnersmarck Guido, Graf, 1901 Fürst, Sohn des folgenden (t 1916). 143. Charakteristik. 492 lf. Henckel, Graf Karl Lazarus, Standesherr auf Beuthen. 143, 493. Hendrikow, Gräfin, Gattin des Oberschenken Alexanders II. 377 f. Hengemüller, Baron, österreichisch - ungarisch. Diplomat. 570. Henning, v., Oberstleutnant, Kommandeur des F iisilier-RegimentsNr. 33. 228 . __ Herbette, Jules, 1886 bis 1896 französischer Botschafter in Berlin. 680. Herbst, Dr. Eduard, österreichisch. Justizminister, Führer der vereinigten Linken im Reichsrat (t 1892). 392 f. Herder, Johann Gottfried. 106. Hertling, Freiherr Georg v., Privatdozent in Bonn, dann Professor,Zentrumsabgeordneter, im Krieg Reichskanzler (f 1919). 263 f., 654. Hertz, Henriette. 43. Herve, Gustave, radikaler französ. Politiker. 479. Herwarth von Bittenfeld, preußischer General, 1871 Feldmarschall. 99. Herwegh, Georg, Dichter. 671. Herzen, Alexander (Ja- kowlew), russ. Revolutionär, Emigrant (■( 1870 in Paris). 370, 382, 670f. Herzoge.nberg, Heinrich Freiherr von, Musiker. 107. Heyse, Paul, Dichter. 46. Hildebrand, Adolf, Bild- hauer. 107. Hillebrand, Karl, Publizist und Historiker (f 1884). 41, 345 f. Hillern, Wilhelmine v., Roman - Schriftstellerin. 121 . Hindenburg, Paul v., Generalfeldmarschall, dann Reichspräsident. 63, 171. Hinzpeter, Georg, Erzieher Wilhelms II. 599, 628, 637. NAMENREGISTER 711 Hirsch, Moritz, Bankier in Paris („Türkenhirsch“). 11. Hirschfeld, v., preußischer General. 136. Hirschfeld, v., Sekretär der Deutschen Gesandtschaft in Athen. 407. Hitrowo, russischer Gesandter in Bukarest. 625. Hodenberg, v., Rcichs- tagsabgeordneter, Welfe. 680. Hödel, Max, Klempner, Attentäter auf Wilhelm I. 433. Hölderlin, Friedrich. 430, 529. Hölz, Max. 489. Hoensbroech, Graf Paul, Jesuit, dann Gegner des Ordens. 14. Hoff mann, E. T. A. 483. Hofmann, Leopold Friedrich Freiherr v., Sektionschef im österreichischen Ministerium desÄu- ßern, 1876 bis 1880Reichs- finanzminister, dann Intendant der Hoftheater (f 1885). 395. IIohenlohe-Langenburg, Fürst Hermann, 1894 bis 1907 Statthalter von Elsaß-Lothringen (f 1913). 285, 684. Taf. 304. Hohenlohe-Langenburg, Erbprinz Ernst, Attache der Deutschen Botschaft in Paris, später Regent von Koburg-Gotha, Direktor der Kolonial-Abteilung. 525. Hohenlohe- Schillingsfürst, Prinz Alexander, jüngster Sohn von Chlodwig Hohenlohe (f 1924). 314f. Hohenlohe - Schillingsfürst, Fürst Chlodwig zu, zweiter der vier Brüder, bayrischer Ministerpräsident, deutscher Botschafter in Paris, 1894 bis 1900 Reichskanzler (f 1901). 159, 161, 196, 214, 285, 389, 445, 450, 451. Bü- lows Chef in Paris. 462. Cbarakteristik.462ff.,476. Zwischenfall mit Mac Ma- hon. 477. Über Heirat seines Sohnes mit Tochter Freycincts. 484. Biilow sein Gast. 514. Urlaubsreise nach Aussee. 531. Promemoria Biilows über Nordafrika. 546. Soll als Kanzler gegen Sozialdemokratie vorgehen.637. Bülow ihm herzlich attackiert. 651. Krüger-Depesche. 667. Beschwichtigt den Zorn des Kaisers gegen Bismarck. 682. Gegen Marschall. 683. Für Marine-Vorlage. 688f. Hohenlohe- Schillingsfürst, Prinz Gustav, Kardinal (f 1896). 390, 657. Hohenlohe- Schillingsfürst, Fürst Konstantin, jüngster der vier Brüder, Erster Obcrhofineister am Wiener Ilof, vorher Statthalter in Triest. 389, 463. Hohenlohe - Schillingsfürst, Fürstin Marie, geh. Sayn-Wittgenstein, Gattin Chlodwigs. 464. Hohen thal, Graf Wilhelm, sächsischer Gesandter in Berlin. 206. Hol leben, Theodor von, 1891 bis 1893 und 1897 bis 1903 deutscher Botschafter in Washington (t 1913). 687. Hollmann, Friedrich, Admiral, 1890 bis 1897 Staatssekretär des Reichs- marine-Amts (f 1913). 688 f. Holstein, Friedrich v., Legationsrat, 1880 bis 1906 Vortragender Rat im Auswärtigen Amt (f 1909). Von Bismarck 1870 nach Florenz entsandt. 166. Mit Herbert Bismarck Unter den Linden. 177 f. FeindclBismarcksScliwie- gersohn an. 272. Feind Buchers. 294. Beziehungen zu Launay. 315. Intrigen gegen Keudcll. 324. H. und Bismarck. 386f. Brouille mit Radowitz. 452f. Besuch bei Bülow. 454. Kündigung des Rück- versicherungs - Vertrages mit Rußland. 479. Haßt Ilenckel - Donnersmarck. 493. Steigendes Interesse für Bülow. 547. 584. In Erregung. 591. Russenfeindlieb und anglophil. 607. Gegen Rückversicherung mit Rußland. 614. Bismarck über ihn. 623. Wendet sich von Bismarck ab. 627. Blamiert Wilhelm II. gegen Rußland. 637. Nichterneuerung. 638 f. Gehaßt von Herbert Bismarck. 647. Veranlaßt Bülows Ernennung nach Rom. 650, 684. Tobt über Einladung Bismarcks ins Berliner Schloß. 658 f. Krüger- Depesche. 667. Kumpan Philipp Eulenburgs. 685. Korrespondenz mit Bülow. 685. Philipp Eulenburg über H. 687. Hompesch, Graf, Zentrumsabgeordneter. 680. Hopf, Hauslehrer Bülows. 17f„ 72. Houssaye, Henri, franz. Akademiker. 495. Hoverbeck, Leopold Freiherr v., fortschrittlicher preuß. Politiker (f 1875). 80, 606. 712 Hübner, Freiherr Alexander von (Hafenbrädl), 1849 bis 1859 österr. Gesandter in Paris, 1865 bis 1868 Botschafter in Rom (f 1892). 390f., 393. Hugo, Victor. 239, 470, 518, 533. Ilumbert, Kronprinz von Italien, 1878 bis 1900 Königen Monza ermordet). 152, 342, 594, 659 ff., 674. II u m b e r t, Geheimrat, Per- sonaldezcment im Auswärtigen Amt. 591. Ilumbert, Gustave Ame- dee, franz. Politiker, 1882 Justizminister, Vizepräsident des Senats (f 1894). 516, 517. Humboldt, Alexander v. 309, 310. Humboldt, Wilhelm v. 50, 309, 310, 311, 404, 432, 657. Ignatjew, Nikolai Pawlo- witsch, russischer General, 1864 Botschafter in Konstantinopel, 1881 bis 1882 Minister des Innern. Ultimatum an die Pforte. 413. Charakteristik. 423. In San Stefano. 427. Aplomb. 565. Für die Bulgaren. 587. I sab eil a II. Königin von Spanien bis zu ihrer Abdankung 1870 (f 1904 in Paris). 521. Iswolski, Alexander Petro witsch,Lcgationssekre- tär im russischen Ministerium des Äußern, 1906 bis 1910 Minister, 1910 bis 1917 Botsch. i. Paris (f 1919). 177, 427, 600. Itajuba, Vicomte, brasilianischer Gesandter in Paris. 526. Ittenbach, Max, Erster NAMENREGISTER Staatsanwalt am Landgericht Metz, später Generalauditeur, Kronsyn- dikus, Mitglied des Staatsrats und des Herrenhauses. 277, 280. Jacoby, Johann, demokratischer Politiker (gest. 1877). 283, 479. Jadowski, russ. Gesandtschaftsrat in Athen. 426. Jagow, Gottlieb, Gesandter in Luxemburg, 1909 Botschafter in Rom, 1913 bis 1916 Staatssekretär des Äußern. 158, 170, 177. Janssen, Johannes, Priester und Professor in Frankfurt a. M., kathol. Historiker (f 1891). 27. Jaures, Jean, Führer des französischen Sozialismus ermordet 31. 7. 1914 in Paris. 468. Jean Paul (Richter). 124. Jenisch, Gottlieb, Großonkel Bülows. 35 f. Jenisch, Martin, Sohn des folgenden, Großonkel und Pate Bülows. 34, 116. Jenisch, Martin Johann, Senator in Hamburg, Urgroßvater Bülows. 33 f. Taf. 64. Jeröme Napoleon, kaiserlicher Prinz (f 1891 in Rom). 97, 151, 169, 175, 520f. Jörg, Josef Edmund, Führer der bayrischen „Patrioten“, Herausgeber der „Historisch - Politischen Blätter“ (f 1901). 1591L, 177, 415. Johann König von Sachsen (Pliilalethes) (f 1873). 164. Johann Erzherzog von Österreich, 1848 Reiehs- verweser (f 1859). 388. John, Franz Freiherr von, österreichischer General, 1866 bis 1868 Kriegsminister (f 1876). 163. Joinville, Prinz Francois (Orleans) (f 1900). 521. Jomini, Baron, Gehilfe Gortschakows. 395, 416. Jonas, Regierungsrat in Metz. 280. Jonescu, Take, rumänischer Politiker. 622. Kainz, Josef, Schauspieler. 14. Kaisenberg, Major von. 145 f., 147. IC alb eck, Max, Wiener Musi kkr itiker. 107. Kälnoky, Graf Gustav, 1881—1895 österr.-unga- rischer Minister des Äußern (f 1898). 94. In Skiemiewice. 570, 571. In Kremsier. 586. Taf. 568. Kanitz, Graf, preußischer Gesandter in Rom. 333 f. Kanitz, Graf Konrad, Adjutant des Prinzen Georg von Preußen. 304. Kant, Immanuel. 200,293, 432, 529. Kantakuzen, Fürst, Vorsitzender des Departements für fremde Kulte in Rußland. 586. IC a p ni s t, Graf Peter Alexe- jewitsch, Sekretär der Russischen Botschaft in Paris, später Botschafter in Wien (f 1904). 524. Karatheodory, Alexander, zweiter türkischer Vertreter auf dem Berliner Kongreß, später Gouverneur von Kreta (f 1906). 449f., 451. Karl Kaiser von Österreich, König von Ungarn 1916—1918 (f 1922). 94. NAMENREGISTER 713 Karl Prinz von Preußen, Bruder Wilhelms I. (f 1883). 513. Karl Alexander Großherzog von Sachsen-Weimar (t 1901). 477, 638. Karl Anton Fürst von Hohenzollem - Sigmaringen (f 1885). 129. Karoline Amalie Königin von Dänemark, Gattin Christians IX. 20. K ä r o 1 y i, Graf Aloys, österreichisch. Gesandter, 1871 bis 1878 österreichisch- ungarischer Botschafter in Berlin, bis 1888 in London (f 1889). 314, 451. Kärolyi, Gräfin Franziska, Gattin des vorigen. 304. Katargi, rumänischer Politiker. 624. Katharina Michailow- na, Großfürstin, verheiratet mit dem Herzog Georg von Mecklenburg- Strelitz. 62, 209, 378. Katkow, Michail Niko- forowitsch, Leiter der „Moskauer Zeitung“, Panslawist (f 1887). 564, 612. Kaulbars, Baron Nikolai, russischer General und Vertreter in Sofia (gest. 1905). 597, 604. Kautsky, Karl, Theoretiker des Sozialismus. 444. Kayser, Paul, 1890 Direktor der Kolonial-Ab- teilung des Auswärtigen Amts, 1896 Senatspräsident beim Reichsgericht (f 1898), beteiligt an der Krüger-Dep. Taf. 680. Kelchner, Kanzleisekretär der preußischen Gesandtschaft am Bundestag. 16. Kcmpis, Thomas a. 537, 594. Kern, Johann Konrad, 1857—1883 Gesandter d. Schweiz in Paris (f 1888). 501. Keßler (Graf), Adolf. 497f. Keßler, Graf Harry. 498. Ketteier, Wilhelm Ema- nuel Freiherr von, 1850 Bischof von Mainz (gest. 1877). 259. Keudell, Robert v., 1863 bis 1872 Personaldezernent im AuswärtigenAmt, dann deutscher Gesandter in IConstantinopelund 1873 bis 1887 in Rom (f 1903). 98,99,3231T., 329f., 332, 338, 342, 343, 346, 537, 594f., 684. Khevenhüller, Graf Rudolf, österreichisch-ungarischer Gesandter in Belgrad. 570, 588. Kiderlen-Wächter, Alfred von, Gesandter in Kopenhagen und Bukarest, 1910 Staatssekretär des Auswärtigen Amts (f 1912). 627, 647, 685. Kinkel, Gottfried, Dichter und Revolutionär (mit seiner Frau Johanna), Emigranten in London. 670. Kinsky, Fürstin Marie, geb. Liechtenstein. 400. Klaczko, Julian, polnischer Publizist, unter Beust im österreichischen Ministerium des Äußern tätig (f 1906). 394f. Kleinmichl, Graf, Minister unter Nikolaus I. 363. Kleinmichl, GräfinMarie, geb. Gräfin Keller. 378, 575f., 579. Kleist, Heinrich v. 63,390, 456, 529. Klcist-Retzow, Hans Hugo v., extrem konservativer preußischer Politiker (f 1892). 617. Klemens, bulgarischer Bischof, Metropolit von Timowa. 600. Klitzing, Georg v., Mitglied des Preußischen Herrenhauses. 76. Klopp, Onno, welfischer Historiker (f 1903). 394. Klüber, v., Major. 78f. Knesebeck, Bodo von dem, Vize-Oberzeremonienmeister, Kabinettsrat der Kaiserin Auguste Viktoria. 136, 142, 200f., 212f., 317, 500, 596. Knollys, Miß Charlotte, Hofdame der Königin Alexandra von England. 421, 667. Köhler, Ulrich, Professor, Vorstand des Archäologischen Instituts in Athen, 1885 Professor in Berlin (t 1903). 431. Körner, Theodor. 310,489. Kommunduros, griechischer Ministerpräsident. 426, 428. Konstantin Nikolaje- witsch, russischer Großfürst, zweiter Sohn Nikolaus’ I. (|1892). 418, 576. Konstantin Pawlo- witsch, russischer Großfürst, 1825 zum Zaren ausgerufen (f 1831). 238, 568. Konstantin, Kronprinz von Griechenland, 1920 bis 1922 König, Schwager Wilhelms II. 418 f. Kopp, Georg, Dr., Fürstbischof von Breslau, Kardinal. 679. Koppelow, v., Major im 28. Infanterie-Regiment. 248. Koscielski, JosefTheodor Stanislaus von, Führer der preußischen Polen (f 1911). 681. 714 Kossuth, Ludwig, Führer der ungarischen Nation (t 1894). 394. Kotschubey, Fürstin Helene, russische Oberhofmeisterin. 96, 189, 596 f. Kotze, Lcberecbt v., preußischer Kammerherr. 206. KrButer, Kanzleisekretär der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag. 16. Kraffl von Dellmensin- gen, Gen., Armecf. 171. Kramer, Direktor des Pädagogiums in Halle. 73, 80, 101, 107, 108. Kropatschek, Dr., Chefredakteur der „Kreuz- Zeitung“. 641. Krüger, Paul, 1883—1899 Präsident der Südafrikanischen Republik (f 1904). 666 f. Taf. 680. Krüger, Dr., hanseatischer Gesandter in Berlin. 316f. Kügelgen, Wilhelm v., Maler, Verfasser der „Jugend-Erinnerungen eines alten Mannes“. 568. Kühlmann, Richard v., Geschäftsträger in Tanger, 1917 Staatssekretär des Äußern. 170. Kuhn, Franz Freiherr von, österreichischer General, 1868—1874 Reichskriegsminister (f 1896). 163. Kullmann, Eduard, Böttcher, 1874 Attentäter auf Bismarck, gestorben 1892 im Zuchthaus. 451. Kummer, Ferdinand v., preuß. General, Divis.- Kommandeur (f 1900). 208, 216, 235. Lahoulaye, Antoine de, 1886—1891 französischer Botschafter in Petersburg (t 1905). 640. NAMENREGISTER Labruyfcre, Jean de, französischer Moralist des 17. Jahrhunderts. 460. Ladewig, Gymnasialprofessor in Neu-Strelitz. 63 f-, 538. Lafontaine, Jean de, franz. Fabeldichter. 460. Lamarmora, Alfonso, italienischer General, 1864 bis 1866 Ministerpräsident (t 1878). 154. Lamartine, Alphonse Marie Louis de, französischer Dichter, Verfasser der „Histoire des Girondins“. 480, 684. Lamher, Juliette (Madame Adam), chauvinistische französische Schriftstellerin. 304, 524 f. Lambsdorff, Graf Wladimir Nikolajewitsch, Gehilfe von Giers im russischen Ministerium des Äußern, 1900—1906 Minister. 599. Lamennais, Felicite Robert de, französischer Schriftsteller. 405. Lamoricicre, Jucbault de, französischer General, 1848 Kriegsminister. 1860 päpstlicher Oberbefehlshaber (f 1865). 525, 655. Landsberg, Moritz, deutscher Journalist in Paris. 534. La n genbeck,Bernhard v., Professor in Berlin, Chirurg, Generalarzt (fl889). 433, 437f. Larochefoucauld, Fran- Qois Herzog von, französischer Moralist. 406f. Larochefoucauld - B i - saccia, Sosthene Herzog von, 1873 französischer Botschafter in London. 314. Lascelles, Sir Frank Cavendish, engl. Gesandter in Bukarest, 1895 bis 1908 Botschafter in Berlin. 598, 625. Lasker, Eduard, Mitbegründer der Nationalliberalen Partei. 48, 283, 511. Lassalle, Ferdinand, sozialdemokratischer Agitator (| 1864 in Genf). 81, 121 f„ 292, 469, 545, 636. Lasson, Adolf, Professor der Philosophie an der Universität Berlin. 406. La ta pie, Baron de, Schloßbesitzer bei Amiens. 247. Launay, Graf, italienischer Gesandter in Berlin. 315, 451, 654. Leboeuf, französischer Marschall, 1869 Kriegsminister (f 1888). 151. Lederer, Hugo, Bildhauer, Schöpfer des Hamburger Bismarck-Denkmals. 582. Ledru-Rollin, Alexandre Auguste, französischer Republikaner (f 1874). 79, 292, 670. Leflö, Adolphe Charles Emmanuel, französischer General, 1871 bis 1879 Botschafterin Petersburg (t 1887). 314. Lehmann, Orla, Führer der Eiderdänen (f 1870). 53. Lehndorff, Graf Georg, preuß. Oberlandstallmstr. (dritter Bruder). 245. Lehndorff, Graf Heinrich, General - Adjutant Wilhelms I. (zweiter Bruder) (f 1905). 245, 497, 508, 512. Lehndorff, Graf Karl, deutscher Zivilkommissar in Amiens, Majoratsbesitzer (ältester Bruder). 245, 248. NAMENREGISTER 715 Leibniz, Gottfried Wilhelm, Philosoph. 142. Lenbach, Franz v., Maler. 399, 552, 668. Taf. 528, 592. Lenin (Uljanow), Wladimir Iljitsch, Gründer d. Sowjet-Republik. 363, 612. Lentze, August (v.), Major, Generulstabsoffizier der 15. Division, später General. 186. Leo XIII., Papst (1878 bis 1903). 275, 337, 527, 538, 674. Leo, Heinrich, Historiker in Halle (f 1878). 79, 80. Leon, Leonie, Freundin Gambettas. 518. Leonrod, Freiherr v., Bischof von Eichstätt in Bayern. 275. Leopardi, Graf Giacomo, italienisch. Lyriker. 559 ff. Leopold, Prinz von Bayern, 1916 Generalfeld- marschall. 171. Leopold, Erbprinz von Hobenzollem (f 1905). 129, 130, 168. Lerchenfeld, Graf Hugo, 1880 bis 1918 bayrischer Gesandter in Berlin. 462, 596, 627. Lermontow, Michael .Tur- jewitsch, russischer Dichter. 370. Leuchtenberg, Herzog Eugen, Enkel von Eugene Beauharnais, russischer Divisionsgeneral (f 1901). 588 f. Lenohtenbcrg, Herzog Georg, Bruder des vorigen. 379. Levetzow, Albert v., Präsident des Reichstags, Landesdirektor der Provinz Brandenburg. 680. Lewa Id, Fanny, Schriftstellerin. 320. Leyden, Ernst von, Geheimrat, Berliner Internist. 437 f., 455. Lichnowsky, Fürst Felix, Mitglied der Frankfurter National - Versammlung, am 19. 9. 1848 ermordet. 65. Lichnowsky, Fürst Karl Max, 1912 bis 1914 Botschafter in London (1928). 177. Lichnowsky, Fürstin Mechtild, Gattin des vorigen, Dichterin. 106. Lichtenberg, Georg Christoph, Schriftsteller. 41. Liebermann von Sonnenberg, deutschsozialer Reichstagsabgeordneter. 44. Liebknecht, Karl, sozialistischer Reichstagsabgeordneter, am 15.1.1929 ermordet. 433. Liebknec h t, Wilhelm, Vater des vorigen, Führer der deutschen Sozialdemokratie (f 1900). 470, 682. Ligne, Fürst Karl Josef, österreichischer und russischer Feldmarschall (f 1814 in Wien). 123. Liliencron, Detlev von, Dichter. 63. Lindau, Paul, Schriftsteller. 14. Lindau, Rudolf, Bruder des vorigen, Legationsrat, Schriftsteller. 508. Linsingen, v., Generaloberst. 215. L i s z t, Franz, Musiker. 106. Litzmann, Karl, General der Infanterie. 171. Lobanow, Fürst Alexei Borissowitsch, 1895 russischer Staatssekretär des Äußern (f 1896). 565. Loe, Deginhard v., Neffe des Obersten, Premierleutnant. 185. Loe, Dietrich v., Neffe des Obersten, Fähnrich im Regiment Königshusaren. 222, 224. Loe, Walter von, 1870 Oberst des Regiments Königshusaren, dann General der Kavallerie, Kommandierender General, Feldmarschall (f 1908). 97, 121, 136, 184f., 186 f., 191, 193, 201, 202, 204, 207 f., 214, 232, 234, 235, 236, 238, 239, 241, 247, 248, 250. Charakteristik. 250 ff., 271, 303, 306, 374, 438, 608. L o e p e r, Gustav von, Goethe-Forscher. 455. Löwenstein, Rudolf, Redakteur des „Kladderadatsch“. 144. Loft us, Lord, Augustus William Frederik Spencer, englischer Botschafter in Berlin, dann in Petersburg (f 1904). 414. Lohr, Hauslehrer Bülows. 5, 6, 17, 27. Loisinger, Johanna, Sängerin des Darmstädler Hoftheaters, Gattin des Fürsten Alexander Battenberg. 605. Lopatin, russischer Verschwörer. 579. Loris-Melikow, Graf, russischer General, 1881 bis 1882 Minister des Innern (| 1888). 572, 576. Louis XVI König von Frankreich. 188 f., 322. Louis XVIII König von Frankreich. 465. Louis Ferdinand Prinz von Preußen (t 1806 im Gefecht bei Saalfeld). 43. 716 NAMENREGISTER Lonis - Josephe - Philippe Herzog von Orleans (Philippe Egalite). 522. Louis (Loulou) Napoleon (IV.) (f 1879 in Südafrika). 25, 189, 496, 520. Louis - Philippe König der Franzosen. 155, 237, 480, 495, 534. Lucanus, Friedrich v., seit 1888 Chef des Geheimen Zivilkabinetts (j - 1908). 638, 642. Ludendorff, Erich, Gc- neralquarticrmeister. 79, 171. Ludolf, Graf, österreichischer Botschafter in Rom. 595. Ludwig I. König von Bayern. 65, 669. Ludwig II. König von Bayern (f 1886). 159, 288. Ludwig III. Großherzog von Hessen - Darmstadt (t 1877). 162. Lübke, Wilhelm, Kunsthistoriker. 137. Lüttichau, Graf Konrad, Rittmeister im Gardc- Kürassier-Regiment. 299. Luise Königin von Preußen. 43, 59, 62, 111, 209, 568, 613. Luise Königin von Dänemark, geh. Prinzessin von Hessen, Gattin Christians IX. 295, 418, 580. Luise Großherzogin von Baden, Tochter Wilhelms I. 222 f., 251, 343f., 432, 451, 505, 595. Luxemburg, Rosa, sozialistische Politikerin, 15.1. 1919 ermordet. 433. Luzzatti, Luigi, italien. Schatzminister. 331, 469. Lynar, Fürst Alexander, Legationssckretäi in Paris, dann in Rom. 97, 343. Lyons, Lord Richard Bickerton Pemell, englischer Botschafter in Paris (f 1887). 415, 525. Macaulay, Thomas Babington, englischer Historiker. 81. Mackensen, August v., 1899 Oberst und Flügeladjutant, im Weltkrieg Generalfeldm. 171. Mackenzie, Sir Morell, Arzt Friedrichs III. (f 1892). 648. Mac Mahon, Herzog von Magenta, französischer Marschall, 1873 bis 1879 Präsident der Republik (f 1893). 79, 328, 457. Charakteristik. 476 ff. Rücktritt. 478. Maffei, Graf, italienischer Gesandter in Athen. 421. Magdeburg, Assessor in Metz, später Oberpräsident von Hessen-Nassau, dann Präsident der Oberrechn. - Kammer i. Potsdam. 277, 280. Majorescu, Titus, rumänischer Politiker. 624. Makart, Hans, Wiener Maler. 399 f. Malaret, Baron de, französischer Botschafter in Florenz. 169. Malet, Sir Edward Bal- win, 1884—1895 englischer Botschafter in Berlin. 619. Malvano, Beamter im italienischen Ministerium d. Äußern. 656. Mangin, französischer General. 134. Manin, Daniele, venezianischer Politiker (f 1857). 469. Manteuffel, Edwin v., General, 1870 Oberbefehlshaber der I. Armee und Führer der Südarmee, später Feldmarschall, 1879 Statthalter von Elsaß - Lothringen (f 1885). Brief Bismarcks an ihn. 89 f. Einrücken in Hannover. 99. In Com- piegne. 190. In Rouen. 195. Charakteristik. 195f., 283, 285. Von Wilhelm I. nach Warschau entsandt. 503. Bismarcks Argwohn, M. solle sein Nachfolger werden. 504, 507. Manteuffel, Otto v., preußischer Ministerpräsident unter Friedrich Wilhelm IV. (f 1882). 6, 287. Manzoni, Alessandro, italienischer Dichter. 536. Marat, Jean Paul, französischer Revolutionsmann 466. M a r e e s, Hans von, Maler. 142, 657. Marees, v., Rittmeister im Regiment Königshusaren. 139, 142. Mareuil, Vicomte de, französischer Legationssekretär in Rom. 325. Margherita Kronprinzessin, dann Königin von Italien (f 1926). 327, 594, 660. Marghiloman, rumänischer Politiker. 624. Maria Alexandrowna, geb. Prinzessin von Hessen, Zarin, Gattin Alexanders II. 375 f., 532, 603. Maria Fedorowna, Zarin, geb. Prinzessin von Württemberg, Witwe des Zaren Paul. 376, 379ff. Maria Fedorowna, Zarin, s. Dagmar. Maria Pawlowna, geb. Prinzessin von Mecklenburg - Schwerin, Gattin d. Großfürsten Wladimir. 376, 379, 389, 612f., 617. NAMENREGISTER Marie Königin von Hannover, Gattin Georgs V. 106, 426. Marie Prinzess, v. Preuß., geb. v. Weimar, Gattin des Prinzen Karl. 299. Marie Antoinette Königin von Frankreich. 189. Mar litt (Eugenie John), Roman - Schriftstellerin. 121 . Marschall von Bieberstein, Freiherr Adolf von, 1890—1897 Staatssekretär des Äußern, dann Botschafter in Konstantinopel und London (gest. 1912). 206, 479, 614, 638f., 644, 645, 647, 650, 658, 667, 680, 681. Hat den Kaiser „verraten“. 683. Philipp Eulenburg trägt Bülow die Nachfolge an. 683 ff. Für Marine-Vorlage. 688. Prozeß Tausch. 689. Unterzeichner der Krüger-Depesche. Taf. 680. Marwitz, v., General, Armeeführer im Weltkrieg. 171. Marx, Karl. 79, 121f., 292 f., 355, 469, 470, 573. Mary Königin von England, Gattin Georgs V., geb. Prinzessin von Teck. 62. Mathilde Prinzessin Bonaparte, Tocht. Jcrömes, vermählt mit d. Fürsten Demidow (f 1904). 175, 669 f. Mathilde Erzherzogin v. Österreich, Tochter des Erzherzogs Albrccht. 152. Mathy, Karl, badischer Ministerpräsident (gest. 1868). 316. Maupassant, Guy de, französ. Romandichter. 121 . Max Prinz von Baden, 1918 Reichskanzler. 215, 654. Maximilian Erzherzog v. Österreich, Kaiser von Mexiko, am 16. 6. 1867 in Queretaro erschossen. 14. Maybach, Albert v., 1879 bis 1891 preußischer Minister der öffentlichen Arbeiten. 658. Mayer, Karl, Führer der Süddeutschen Volkspartei. 161. Mayweg, Dr., Regimentsarzt. 138. Mazarin, Kardinal. 468, 474. Mazzini, Giuseppe, italienischer Revolutionär. 79, 166, 292f., 408, 653, 662, 670. Me ding, Oskar, hannoverscher Regierungsrat (Gregor Samarow) (f 1903). 133 f. Mehemed-Ali (Karl Detroit aus Magdeburg), türkischer Vertreter auf dem Berliner Kongreß, im September 1878 in Albanien von Aufständischen erschlagen. 449, 451. Meinecke, Friedrich, Historiker. 406. Menabrea, GrafLuigi Fe- derigo, italienischer Mi- nisterpräsid., später Botschafter in Paris (gest. 1896). 153, 525 f., 654. Menelik König (Negus) von Abessinien. 672f. Mensdorff-Pouilly, Graf Alexander, 1864 bis 1866 Österreich. Minister des Äußern (f 1871 als Fürst Dietrichstein zu Nikolsburg). 94. 717 Menzel, Adolf v., Maler. Taf. 304. Merck, Syndikus in Hamburg. 40. Mßrode, Graf Friedrich Xavier, päpstlicher Kämmerer, Kriegsminister des Kirchenstaats, Erzbischof von Mytilene (f 1874). 284, 326. Merode, Graf Werner. 284. Messmer-Saldern, de, Onkel Bülows. 51. Metternich, Fürst Klemens, Österreich. Staatskanzler (t 1859). 129,154, 294, 313, 394. Metternich, Fürst Richard, 1859—1871 österreichischer Botschafter in Paris, Sohn des vorigen (t 1895). 151, 166, 388 f., 496. Taf. 392. Metz, de, französischer General. 134, 195. Meyendorff, Baron Emst, russ. Legationssekretär in Brüssel, dann Botschaftsrat in Rom. 384. Meyer, Conrad Ferdinand, Dichter. 124, 684. Meyerbeer, Giacomo, Komponist. 313. Meysenbug, Malwida v. (f 1903). 163, 594, 657, 668, 670 ff. Meysenbug, Wilhelm v., Diplomat, badischer Minister, Bmder der vorigen. 163, 394. Michael Pawlowitsch, Großfürst von Rußland, jüngster Bmder Nikolaus’ I. 378. Michaelis, Dr. Georg,1917 Reichskanzler. 170, 654. Milan (Obrenowitsch), Fürst (dann König) von Serbien, 1889 abgedankt (t 1901). 426. 718 NAMENREGISTER Millerand, Alexandre, französischer Sozialist, dann Kriegsminister, Ministerpräsident, Präsident der Republik. 479. Minghctti, Donna Laura, Mutter der Fürstin Biilow. 28, 338 f., 520, 528 f., 534iT., 559, 589, 593, 662, 667 ff. Taf. 528. Minghetti, Marco, italienischer Ministerpräsident, Stiefvater der Fürstin Biilow. 325, 330f., 337, 534 ff., 589. Tod. 593ff., 668 f. Taf. 536. Miquel, Johannes, Dr., 1890/1901 preuß. Finanzminister. 4, 126, 536. Mirabcau, Graf Honore Gabriel Victor Riquetti, französischer Staatsmann in der Großen Revolution. 465, 468. Miribel, Marie Frangois Joseph de, französischer General (f 1893). 472. Mischke, General, Adjutant des Kronprinzen Friedrich Wilhelm. 338 f. Möller, v., Wirklicher Geheimer Rat, Statthalter von Elsaß - Lothringen. 196, 285. Moliere. 126, 533. Molinari, italienischer Advokat und Politiker. 654. Moltke, Graf Hellmuth v., Chef des Generalstabs seit 1858, Generalfeldmarschall (f 1891). 61, 63, 78. Für schleuniges Losschlagen (1866). 91. Steinmetz abberufen.100. Strategische Oberleitung (1870). 150, 164, 167, 192. „Erst wägen, dann wagen!“ 153. Trinkspruch Wilhelms I. auf ihn. 167. Telegramm über Unterzeichnung der Friedenspräliminarien. 239. Prinzessin Arenberg über ihn. 283. Nicht nur Schlachtendenker. 554. Über die Kriegsfrage. 611. Über den Prinzen Wilhelm. 611. Abschiedsbrief. 630. Moltke, Hellmuth, Neffe d. vorig., Generaloberst, Chef des Generalstabs 1906 bis 1914. 150. Moltke, Graf Kuno, Flügeladjutant Wilhelms II., Kommandant von Berlin. 657 f. Moltke-Hvitfeld, Graf, dänischer Gesandter in Paris. 526. Mommsen, Theodor, Historiker. 27, 267, 283, 298, 327 f. Mommsen, Tycho, Bruder deB vorigen, Direktor des Frankfurter Gymnas. 27. Monod, Gabriel, Historiker, Prof, am College de France. 594, 670. Monod, Dr., Ärztin Paris. 498. Montebello, Graf Adrien, französischer Botschafter in Petersburg. 548, 640. Montesquieu, französischer Schriftsteller. 406f. Montpensier, Herzog Antoine (Orleans), Sohn Louis-Phllippes (f 1890). 521. Monts, Graf Anton, Legationsrat, dann Gesandter in München, 1902 Botschafter in Rom (gest. 1930). 626, 685. Morgan, Pierpont, Chef des amerikanischen Bankhauses. 35, 493. Morier, Sir Robert, englischer Gesandter in Ko- burg, Darmstadt, München, dann Botschafter in Petersburg. 598, 600. Morny, Charles Auguste Louis Josephe Herzog von, Minister des Innern unter Napoleon 11L, 1856 Gesandter in Petersburg (t 1865). 495, 496. Morosini, Gräfin Annina. 660 f. Morra, italienischer General, Botschafter in Petersburg. 653. Moßner, Walter, Leutnant und Regimentsadjulant bei den Königshusaren, später Generalleutnant, Kommandeur der Gurde- Kavallcrie-Division, Gouverneur von Straßburg. 231, 233 f., 241. Motley, John Lothrop, amerikanischer Historiker. 81. Mouy, Graf, Erster Sekretär der Französischen Botschaft in Berlin. 452. Mozart. 399. Mudra, v., preußischer General im Weltkrieg. 171. Mühlcr, Heinrich v., 1862 bis 1872 preußischer Kultusminister (f 1874). 268. Müller, Hermann, sozialdemokratischer Parteiführer, auch Reichskanzler. 450. Müller, Otfried, deutscher Philologe. 430. Müller, Wilhelm, Dichter der „Griechenlieder“. 71. Münch - Bellinghausen, Freiherr Joachim v., Legationsrat, öslerreichisch- ungar. Geschäftsträger in Berlin, dann Gesandter in Athen (gest. 1877). 128, 304, 351, 421 f., 431. Münster - Derneburg, Georg Herbert, Graf (Fürst), deutscher Botschafter in London, dann in Paris (f 1902). 549ff., 592. NAMENREGISTER 719 Mumm von Schwarzenstein, Legationssekretär in Bukarest, später Gesandter in Peking und Botschafter in Tokio. 625. Mun, Graf Albert, französischer Kürassieroberst, dann Führer der klerikalen Legitimisten. 284, 472. Murawjew, Graf Michael Nikolajcwitsch, Sekretär der Russischen Botschaft in Paris, später Minister des Äußern. 524, 566. Müsset, Alfred de. 113, 116. Nachtigal, Dr. Gustav, Afrikareisender, deutsch. Konsul in Tunis (f 1885). 168, 540 ff. Napoleon I. 12, 16, 54, 93, 111, 175, 195, 197, 209, 285, 297, 321, 322, 389, 435, 460, 468, 474, 500, 505, 555, 557, 677. Napoleon III. (t 1873). 12, 25, 54, 79, 82, 92f„ 97, 101, 122. Rolle im Krieg von 1870 und in dessen Vorgeschichte. 128, 129, 135, 150fT., 165, 166, 168, 169, 174CF., 467. Wilhelmshöhe. 178. Seine Regierung. 246. Neujahrsansprache von 1859. 390. Unterredungen mit Bismarck in Biarritz. 459. Der Staatsstreich. 496. Phantastisch und innerlich schwach. 521. N. III. und Heine. 534. Konvention mit Piemont. 536. Seine Verlobung mit der Montijo. 669. Bei Mathilde Bonaparte. 669f. Attentat Orsinis. 671. Naumann, Friedrich, Pastor a. D., deutsch-demo- krat. Politiker. 57, 158. Nelidow, Alexander Iwa- nowitsch. russischer Botschafter in Konstantinopel, dann Rom, dann Paris. 221 f., 427. Nelson, englischer Admiral, Sieger von Trafalgar. 47. Nemours, Herzog Louis von (Orleans), zweiter Sohn Louis-Philippes (■)" 1896). 521. Nesselrode, Graf, Karl Robert, 1816 bis 1856 russischer Minister des Äußern (t 1862). 414, 565. Nessel ro de-Ehreshofen, Graf Maximilian, Oberhofmeister der Kaiserin Augusta. 121. Neuville, de, Bankier in Amiens. 247. Nicolai, Christoph Friedrich, Berliner Buchhändler und Schriftsteller. 408. Nicotera,Baron Giovanni, italienischer Politiker,Minister des Innern. 536, 653, 662. Niebuhr, Barthold, Geschichtsforscher. 109,333. Niesewand, FranzMariav., Rittmeister im Regiment Köuigshusarcn. 183f., 201, 213, 225, 232. Nikolaj Nikolajewitsch russ. Großfürst, Bruder Alexanders II. (j" 1891 im Irrsinn). 427. Nikolaus I., Zar (f 1855). 13. Tod. 25, 313, 363,367, 377, 378, 382, 383, 390, 414 f., 464, 479, 500, 508, 568, 588, 603, 677. Nikolaus II., Zar. 362, 584, 641. Nikolaus, Fürst (dann König) von Montenegro. 426. Nimptsch, Guido von, Sohn des folgend., Fähnrich im Regiment Kö- nigsliusaren. 220ff., 286, 306, 307. Nimptsch, Paul von, schlesisch. Konservativer. 220, 306. Noack, Friedrich, römischer Korrespondent der „KölnischenZeitung“. 37, 657. No a i 11 es, Marquis de, französischer Botschafter am Quirinal, 1882 bis 1886 in Konstantinopcl, 1896 bis 1902 in Berlin. 314. Nobili ng,Karl, Dr., Attentäter auf Wilhelm I. 433. Nollet, französischer General. 195. Nord, Graf Roger du. 466f., 469, 471, 472, 473. Nostitz, Graf, Militärattache der Russischen Botschaft in Berlin. 221. Nothomb, Baron, belgischer Gesandter in Berlin. 315. Nunes, Feman, spanischer Botschafter in Paris. 526. Oberg, Dr. Emil, Lehrer im Hause Bülow, später Konsul in Nisch. 127. Obolensky, Fürstin. 350. Oertzen, Friedrich v., Mitschüler Bülows in Halle. 76. Oertzen, Jaspar v., mecklenburgischer Staatsminister. 58, 102. Olga Königin von Württemberg, Schwester d. Zaren Alexander II. 349. Olga Königin von Griechenland, geh. Großfürstin v. Rußl. 418f., 426. Ollivier, Emile, 1870 französischer Ministerpräsident. 128. Au cneur leger. 131, 168, 467, 476, 660. Oppeln-Bronikowski, v., Major im 8. Rheinischen Jäger-Bataillon. 202, 232. 720 NAMENREGISTER Oppert-Blo witz, Korrespondent der „Times“ in Paris u. a. d. Berliner Kongreß. 444 ff. Taf. 448. Oriola, Graf, Kommandeur des Regiments Königshusaren. 230. Oriola, Griifin Luise, Palastdame der Königin Augusta. 95. Orlow, Fürst Nikolai Alexcjewitsch, russ. Botschafter in Paris, 1884 in Berlin (t 1885). 524, 565, 566. O r s i n i, Felice, italienischer Revolutionär, 1858 mit Pieri Attentäter auf Napoleon III., hingerichtet. 670f. Osman Nuri Pascha, Gha- si, türkischer Verteidiger von Plewna (f 1900). 422 f. Oubril, russischer Gesandter in Darmstadt, dann Botschafter in Berlin. 315f., 375, 439f., 451. Ouida (Louisa de la Ra- m6e), Schriftstellerin.354. Ouroussow, Fürstin Mo- nia. 522, 532ff. Ouschakow, General ä la suite des Zaren Paul, Mitverschworener bei seiner Ermordung. 389. Paget, Lady Walburga, geb. Gräfin Hohenthal, Gattin des engliscben Gesandten in Rom. 344f. Pahlen, Graf Peter Ludwig, Gcneraladjutant des Zaren Paul, Urheber der Verschwörung gegen ihn und seiner Ermordung. 389 f. Pailleron, Edouard, fran- zös. Lustspielautor. 522. Painlevö, Paul, Professor an der Sorbonne, seit 1910 Abgeordneter, ab 1915 Kriegsminister, ab 1917 Ministerpräsident. 654. Palva, Marquise Blanche de (Gräfin Hcnckel-Don- ncrsmarck), geb. Lachmann. 493 ff., 497. Paleologue,Maurice, 1885 Gesandtschaftssekretür i. Rom, 1886 bis 1909 i.fran- zösischen Außenministerium, 1909 bis 1913 Gesandter in Sofia, bis 1917 Botschafter in Petersburg. 177. Pallain, Georges, Direktor der Banque de France. 465 f. Pallavicini, Markgraf Johann, österreichischer Diplomat, 1899 bis 1906 Gesandter in Bukarest, bis 1918 Botschafter in Kon- stantinopel. 570. Palmerston, Lord (Viscount), englischer Außenminister von 1830 bis 1841, 1852 bis 1855, seit 1859 Premierminister (t 1865). 52. Pansa, Alberto, Attache i. italienischen Ministerium des Äußern, dann Botschafter in Konstantinopel, London und Berlin. 327. Pape, v., preußischer Generaloberst. 583, 658. Paris, Graf von (Louis- Philippe von Orleans) (f 1894). 521. Pascal, Blaise, französischer Philosoph. 169. Pastor, Ludwig v., Historiker des Papsttums. 27. Pauli., Zar, 1801 ermordet. 378 ff. Seine Ermordung. 379 ff., 418. Paul Alexandrowitsch, russ. Großfürst, fünfter Sohn Alexanders II., 1918 von den Bolschewisten erschossen. 376. Paul Friedrich Großherzog von Mecklenburg- Schwerin, vermählt mit Alexandrine Prinzessin v. Preußen (f 1842). 65. Payer, Friedrich, Führer der Süddeutschen Volkspartei. 161. Pedro II. Kaiser von Brasilien, 1889 entthront (f 1891). 521. Peel, Sir Robert, englisch. Premierminister. 551. Pelissier, französischer General, Kommandant d. B el agerungs - Armee vor Sebastopol, Herzog von Malakow und Marschall. 13. Pelloux, Luigi, italienischer General und Kriegsminister. 525, 654. Pemberton-Ground, Avantageur im Regiment Königshusaren. 223 f. Perglas, v., bayrischer Gesandter in Berlin. 316. Perowskaja, Gräfin Sofie, Nihilistin, beteiligt an dem Bombenattentat auf Alexander II. 371. Perponcher, Gräfin Wan- da, Gattin des Hofmarschalls Wilhelms I. 304f. Peters, Karl, deutscher Afrikaforscher, Rcichs- kommissar in Ost-Afrika. 114. Petery, preußischer General, Kommandant von Spandau. 254. Pfizer, Gustav, Dichter d. Schwab. Schule. 5. Pfordten, Ludwig Karl Heinrich Freiherr von der, sächsischer Außenminister, dann bayrische. Minister - Präsident, von 1859 bis 1864 Bundestagsgesandter. Vater der Trias-Idee. 11. Seine Familie. 11. Behandlung durch Bismarck 1866. 11. NAMENREGISTER Philipsborn, v., Direktor im Auswärtigen Amt. 352. Photiades, türkischer Gesandter in Athen. 420. Pietri, Chef der Geheimpolizeiunter Napoleon III. 278. Pi stör, Advokat in Metz. 278. Pitt, William (Lord Cha- tam), englischer Staatsmann. 439. Pius VII., Papst (f 1823). 309. Pius IX., Papst von 1846 bis 1878. 325, 326, 328. Enzyklika gegen die Maigesetze. 329. P. IX. und die Gattin des französischen Botschafters. 345. Pius IX. und Minghetti. 535f. Planitz, von der, Oberst, Stabschef Loes. 253. Platen, Graf Adolf, han- noveranischer Minister d. Äußern. 11, 51, 525. Pia tcn-H allermund, August v., Dichter. 31,51. Pia ten-H allermund, Graf Georg v., Onkel Bü- lows. 51. Plener, Emst v., Sohn des folgenden, österreichisch. Finanz - Minister, Präsident des österreichischungarisch. Obersten Rechnungshofs, Führer der Liberalen im Reichsrat (t 1923). 391 f. Plener, Ignaz v., österreichischer Finanzminister und Handelsminister (f 1908). 391. Pobjedonoszew, Konstantin Petro witsch, Oberprokurator des Heiligen Synods (f 1907). 574 f„ 579. Poincare, Raymond, 1912 französisch. Ministerpräsident, 1913 Präsidcntder Französischen Republik. 93, 134, 177. Polignac, Auguste Jules, Graf von, 1829 bis 1830 französischer Ministerpräsident. 496. Polowzow, russischer Reichssekretär. 564f. Posadowsky, Graf Arthur, 1893 Staatssekretär des Rcichsschatzamts, 1897 Staatssekretär des Reichsamts des Innern. 688 . Pourtalös, Graf Max, Leutnant im Regiment Königshusaren. 208 f., 229. Pourtalüs, Graf Wilhelm, Vater des Botschafters i. Petersb. 627. Taf. 304. Pranckh, Freiherr von, bayrischer Kriegsminist. 160. Prevost, Marcel, französischer Schriftsteller, 406. Prillwitz, Frau von (eine der „drei Schwestern“). 304 f. Prokesch - Osten, Graf Anton, österreichischer Diplomat, 1853 und 1854 Bundestagsgesandter in Frankfurt a. M., später Botschaft, in Konstantinopel u. Feldzeugmstr.10. Protassow, Gräfin, Witwe des Kommandeurs der russischen Gardehusaren und Prokurators des Heiligen Synods. 367. Pückler-Muskau, Fürst Hermann Ludwig Heinrich, Schriftsteller. 544. Puschkin, Alexander Ser- gejewitsch, russ. Dichter. 370, 533. Putbus, Fürst (Wilhelm Malte Reichsgraf von Wylich u. Lottum, Fürst seit 1861, f 1907). 70. 721 Raabe, Wilhelm, Romandichter. 582. Radetzky, Graf, österreichischer Feldmarschall (t 1858). 6, 15. Radowitz, Josef Maria v.. Geh. Legationsrat im Auswärtigen Amt. 1875 außerordentlicher Gesandter nach Petersburg, Gesandter in Athen, Botschafter in Konstantinopel u. Madrid (f 1912). 97, 350, 374, 407. Brouille mit Holstein. 452 ff. Außerordentliches Prcß-Dc- zemat. 508. Bismarck gegen ihn. 509 f. Radziwill, Fürst Anton, General - Adjutant Wilhelms I. (f 1904). 570. Radziwill, Fürst Ferdinand, Mitglied der Polcn- fraktion im Reichstag. 680. Radziwill, Fürstin Marie, geh. Castellane, Witwe des Fürsten Anton. 147. Raffauf, deutscher Konsul in Kiew. 637. Ragonesi, Kardinal. 679. Rahel (Vamhagen). 43, 564. Rainer, Erzherzog von Österreich (f 1853). 390. Rampolla, Kardinal- Staatssekretär (f 1913). 674, 679. Rancis y Villanuova, spanischer Gesandter am Bundestag. 13. Rantzau, Graf Kuno, Gesandter in München u. im Haag, Schwiegersohn Bismarcks (f 1917). 272, 361, 455 f., 607, 627. Ratazzi, Minister des Kgl. Hauses Savoyen. 656. Rathenau, Walter, Reichsminister, am 24. 6. 1922 ermordet. 87, 434. 46 BUIow IV 722 Ratibor, Herzog Viktor (Hohenlohe-Schillings- fürst, ältester der vier Brüder), Präsident des Preußisch. Herrenhauses (f 1893). 389. R a u c h, v., preußischer General, Militärbevollmächtigter am russischen Hof. 572. Rechberg-Rothenlöwen Graf Bernhard, österr. Vertreter a. Bundestag, dann Ministerpräsident und Außenminister. Beziehungen zu Bismarck. lOf. Rechenberg, Julius v., deutscher Generalkonsul in Warschau. 571 f. Redern, Graf Heinrich, preußischer Gesandter in Brüssel und Petersburg. 50, 96f., 287, 313. Redern, Graf Wilhelm, Bruder d. vor., Oberstkämmerer. 312f., 513. Reichardt, Geheimer Legationsrat. 291. Reichenberg, Suzanne, Mitglied der Comedie- Fran^aise. 113. Rcinach, Joseph, Kabinettschef Gambettas, Abgeordneter. 516. Renan, Emest, französischer Religionshistoriker. 405 f. Renvers, v., Geheimrat, Arzt in Berlin. 115, 458, 682. Retz, de, Kardinal. 468. Reuter, Fritz, Dichter. 56, 69 f. Rho des, Cecil, Gründer von Rhodesia. 493. Richelieu, Kardinal. 466, 468, 474. Richter, Eugen, Führer d. deutsch. Fortschrittspartei. 269, 283, 298, 351, 429, 581, 601, 641, 680, 681. NAMENREGISTER Richter, Gustav, Professor, Maler. Er und seine Frau Comclie, geb. Meyer- bccr. 308, 313. Richthofcn, Oswald Freiherr v., 1881 Vortragender Rat im Auswärtigen Amt, 1897 Unterstaatssekretär, 1900 Staatssekretär (gest. 1906). 685, 687. Rieger, Ladislaus, Führer der Jungtschechen. 611 f. Ring, Baron de, Sekretär der Französischen Botschaft in Wien. 162. Robespierre, Maximilien, französisch. Revolutionsmann. 236. Rochefort, Graf Henri, französ. Journalist. 516. Rodbertus, Johann Karl, Nationalükonom. 545. Rodd, Sir Renneil, englischer Botschafter in Rom. 327, 598. Roggenbach, Freiherr Franz von, badischer Außenminister (f 1907). 222 f. Ronsard, Pierre de, französischer Dichter des 16. Jahrhunderts. 281. Roon, Albrecht v., preußischer Kriegsminister seit 1859 (f 1879). 157, 167, 228, 283. Roosevelt, Theodore, Präsident der U. S.A. 327. Roscher, Wilhelm, Nationalökonom. 1181L, 126. Rosenberg, v., Major im 4. Kürassier-Regim. 128, 129. Rosenzweig, v., Oberst, Kommandeur des Infanterie-Regiments Nr. 28. 217, 248. Rosetti, Konstantin, rumänischer Politiker. 624. Rosmini -Serbatti, Graf, italienischer Philosoph. 536. Rotenhan, Freiherr von, Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, preußischer Gesandter beim Vatikan. 685, 687. Rothan, Gustave, Sekretär der französischen Gesandtschaft beim Bundestag. 13. Rothschild, Baron Anselm Mayer (in Frankfurt a.M.) (t 1855). 28. Rothschild, Baron Mayer Carl, Mitglied des Preußischen Herrenhauses. 28, 478. Rothschild, Baron Willy. 28. Rothschild, Baronin Mathilde. 28 f. Rottenburg, Franz von, seit 1876 Chef der Reichskanzlei (f 1907). 628. Rouher, Eugene, 1849 bis 1852 französischer Ministerpräsident. 93, 152f., 163, 166. Rousseau, Jean-Jacques. 4, 111, 116, 279, 460, 490. Rouvier, Maurice, 1881 französischer Handelsminister, 1887 und 1905 Ministerpräsident (f 1911) 516. Rudini, Antonio Starraba, Marchese di, italienischer Ministerpräsident 1891 bis 1893 und 1896 bis 1898. 652, 673 lf. Rudolf, Kronprinz von Österreich-Ungarn (gest. durch Selbstmord 30. 1. 1889 in Mayerling). 25, 189. Rudolphi, Ferdinand, Rittmeister im Regiment Königshusaren. 229 ff". Rücker, Alfred, Bruder von Bülows Mutter. 34, 35, 36. NAMENREGISTER 723 Rücker, Emilie, Großmutter Bülovvs mütterlicherseits. 30, 36f., 37f. Rücker, Oskar, Onkel Bülows. 37. Rücker, Wilhelm, Onkel Bülows. 37. Rücker-Jenisch, Martin, Freiherr von, Sohn von Alfred Rücker. 36. Rückert, Friedrich, Dichter. 39. Rüge, Arnold, Herausgeber der „Halleschen Jahrbücher“. 79. Ruhland, Dr., Abgeordneter der bayerischen „Patrioten“-Partei. 160. Ruprecht, Prinz, dann Kronprinz von Bayern. 171. Russell, Odo, Lord Am- phtill, englischer Botschafter in Berlin. 314, 447, 451. Ruville, v., preußischer General. 242f., 254f. Saburow, russischer Gesandter in Athen, später Botsch. in Berlin. 419f. Sacy, Silvestre de, französischer Orientalist. 405. Sadullah Bey, Botschafter der Pforte in Berlin, dritter türkischer Delegierter auf dem Berliner Kongreß. 450, 451. Saint-Just, französischer Revolutionsmann. 684. Saint-Vallier, Graf, 1877 französischer Gesandter in Berlin, dritter Delegierter auf dem Berliner Kongreß. 449, 451. Salamanca, Graf, spanischer General. 25 2 f. Saldern, von, deutscher Konsul in Sofia. 602. Salisbury, Lord (Mar- queß), englischer Minister des Äußern, Führer der Tories (f 1903). 417, 429. Auf dem Berliner Kongreß. 441, 447, 451. Verständigung mit Gladstone 549. Scharfe Sprache gegen Rußland. 580. Premierminister. 580. Salm, Fürstin Elise, geb. Liechtenstein. 400, 571, 590. Salm-Horstmar, Prinz Karl, Schwager des Fürsten Hohenlohe. 463. Sand, George, Schriftstellerin. 256, 354. Sandeau, Jules,ihr Gatte. 354. Sand en-Tussainen, von, Einjähriger im Regiment Königshusaren. 214, 229. Sanfelice, Kardinal, Erzbischof von Neapel. 678. Saracco, italienischer Politiker. 536. Sardou, Victorien, französischer Dramenautor. 522. Sasonow, Sergei Dmitri- jewitsch, 1910—1916 russischer Minister des Äußern (f 1927). 177. Saussier, französisch. General. 611. Savigny, Karl Friedrich von, preußischer Gesandter in Karlsruhe und am Bundestag, dann Vorsitzender der Zentrumsfraktion (f 1875). 88, 324, 500. Say, Leon, französischer Finanzminister. 516, 517. Sayn-Wittgenstein, Prinz Emil. 368 f. Sayn-Wittgenstein, Prinz Ferdinand. 368. Schack, v., preußischer General, dann in russischen Diensten. 382. Schadow, Gottfried, Bildhauer. 59. Scharffenberg, Karl Xaver, Fähnrich im Regiment Königshusaren. 218, 222 f. Scheel - Plessen, Graf Karl, erster Oberprüsid. der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. 48. Scheel - Pless en, Graf Otto, dänisch. Gesandter in Petersburg. 48. Scheel-Plessen, Graf Magnus, Vetter v. Bülows Großmutter. 48. Scheel-Plessen, Graf Wulf, dänischer Gesandter in Stockholm. 48. Scheer, Reinhard, Admiral, Chef der Hochseeflotte. 171. Schcnkendorf, Max v., patriotischer Dich ter. 258. Scherff, v., niederländischer Gesandter beim Bundestag für Luxemburg. 13. Scheurer-Kestner, französischer Senator (f 1899). 473. Schill, Ferdinand v., Major, Anführer eines Freikorps. 70. Schiller. 4, 23, 24, 36, 41, 90, 125, 197, 286, 310, 322, 377, 394, 405, 462, 516, 529, 533, 574, 583, 623. Schlegel, August Wilhelm, Romantiker. 44. Schlegel, Friedrich, Romantiker, Bruder des vorigen. 40. Schleiermacher, Friedrich Emst Daniel, Theolog und Philosoph. 310. Schleinitz, Alexander v., 1849—1850 und 1859 bis 1861 preußischer Minister desÄußem, dann Minister des Kgl. Hauses, 1879 Graf (f 1885). 304, 305 ff. Feindschaft Bismarcks. 305 f., 555. Taf. 304. 46 * 724 Schleinitz, Gräfin Marie, geh. v. Buch, Gattin des vorigen, in zweiter Ehe Gräfin Wolkenstcin. 301, 307. Ihr Eintreten für Wagner. 307. Ihr Salon. 308, 346. Fürstin Bismarck gegen sie. 555, 585. Taf. 304. Schlichting, Max v., Sekondleutnant im Regiment Königshusaren, später Mitglied des Preußischen Herrcnhauses.l81f., 188, 190, 192, 193. Schlieffen, Graf Alfred, Oberst des 1. Garde-Ula- ncn-Rcg., 1891 bis 1905 Chef des Großen Gcneral- stabs (f 1913). 150, 513. Schliemann, Heinrich, Archäolog. 424. Schlözer, Kurd von, Historiker und Diplomat, 1882—1892 preußischer Gesandter am Vatikan (f 1894). 270, 337, 537. Schmerling, Anton Ritter von, Reichsminister 1848, später Führer der österreichischen Verfassungspartei (f 1893). 388, 393. Schmettow, Graf, Kommandeur der 7. Kürassiere bei Mars-la-Tour. 149. Schmidt, Julius, Professor, Direktor der Sternwarte in Athen. 431 f. Schmidt, Professor, Rektor des Gymnasiums in Neu-Strclitz. 64. Schmoller, Gustav, Professor an der Universität Berlin, Nationalökonom (t 1917). 118 f., 559. Schön, Wilhelm v., Hofmarschall in Koburg, Gesandter in Kopenhagen, Botschafter in Petersburg, 1907—1909 Staatssekretär des Äußern, 1910 bis 1914 Botschafter in Paris. 177. NAMENREGISTER Scholz, General, Armeeführer im Weltkrieg. 171. Schopenhauer, Dr. Arthur, Philosoph. 10, 16 f-, 26, 41, 48, 78, 126, 281, 321, 371, 399, 491, 522, 529. Schopenhauer, Johanna, Mutter des vorigen, Schriftstellerin. 48. Schräder, Karl v., Leutnant im Regiment Königshusaren, später Zeremonienmeister, von dem Kammerherrn v. Kotze im Duell erschossen. 205 ff., 222, 253, 257, 274. Sehr eck enstein, Freiherr Max von, Major bei den Königshus., dann Kommandeur der 7. Ulanen. 22, 136 f., 180 f. Sehr eck enstein, Freiherr von, Hofmarschall des Fürsten von Ilohenzol- lern-Sigmaringen. 136. Schubert, Franz, Komponist. 401. Schulenburg, v. d., preußischer Gesandter in Dresden. 128, 129, 133. Schulze - Delitzsch, Franz Hermann, demokratischer Politiker. 80, 283, 479, 500, 606. Schuselka, Franz, österreichischer Reichstagsabgeordneter. 106. Schuwalow, Graf Paul, russischer Botschafter in Berlin, Bruder des folgenden (f 1908). 614, 638. Schuwalow, Graf Peter, Generaladjutant Alexanders II., dann russischer Botschafter in London (f 1889). 377, 429, 439 f., 443, 450, 451. Mißgeschick. 451 f. Aplomb. 565. Für die Bulgaren. 587. Schwarzenberg, Fürst Felix, österreichischer Ministerpräsident. 6, 165, 394. Schweinitz, Lothar v., General, preußischer Militärattache in Petersburg, dann Botschafter i. Wien, dann i. Petersb. (f 1901). 96, 163, 164, 324, 361, 373, 554, 564f., 566, 569, 575, 587, 592, 614, 615ff., 619, 648. Schweitzer, Baron Alle- sina von, badischer Ministerresident in Florenz, später der Deutschen Botschaft in Rom zugeteilt. 169, 343 f. Schweitzer, Jean Bap- tiste v., Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (f 1875). 368. Schweninger, Ernst, Professor Dr., Hausarzt Bismarcks (f 1924). 297, 646. Scott, Walter, englischer Romantiker. 568. Seckendorff, Freiherr Götz v., Kammerherr der Kronprinzessin Viktoria (Kaiserin Friedrich). 339. Taf. 304. Seckendorff, Freiherr Rudolf v., Prokurator am Landgericht in Metz, später Unterstaatssekretär im Preußischen Staatsministerium, dann Präsident des Reichsgerichts. 277, 280. Seiler, Pastor in Halle. 82 f., 102. Semper, Gottfried, Architekt. 399. Senden, Otto v., Rittmeister bei den 2. Garde- Dragonern. 323. Sepp, Johann Nepomuk, Historiker und bayrischer Zentrumspoiitiker (t 1909). 161. NAMENREGISTER 725 Sermoneta, Herzog Ono- rato. 326, 327. Shakespeare, William, 533. Sierstorpff, Karl v., Ordonnanzoffizier des Generals v. Manteuffel. 41, 193, 220, 235. Simon, Jules,französischer Philosoph und Politiker, 1876—1877, Ministerpräsident (f 1896). 481. Simrock, Karl Josef, Germanist. 263. Simson, Eduard v., 1848 Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, 1871 Präsident des Reichstags, 1879—1891 Präsident des Reichsgerichts (f 1899). 156. Singer, Paul, sozialdemokratischer Führer (gest. 1911). 680. Sinowjew, Chef des Asiatischen Departements im russischen Ministerium d. Äußern. 599 f., 604. Skobelew, Michail Dimi- trijewitsch, russischer General (f 1882). 564, 588. Slawjanski, russ. Volksdichter. 611. Solms, Graf Eberhard, preußischer Gesandter in Dresden. 97, 361. Solms-Laubach, Graf Hermann, außerordentlicher Professor der Botanik an der Universität Straßburg (f 1915). 423. Solowjew, Wladimir Sergej ewi tsch, russischer Philosoph. 574. Sombart, Werner, Prof., | - Nationalökonom. 406. Sonnino, Sidney, italienischer Finanzminister, dann Ministerpräsident, im Weltkrieg Minister des Äußern. 652, 656. Sophie, Gattin des Erzherzogs Franz Karl von Österreich, Mutter des Kaisers Franz Josef. 14. Sophie, Kronprinzessin (dann Königin) von Griechenland, geh. Prinzessin von Preußen, Schwester Wilhelms II. 418. Spce, Graf Maximilian, Admiral, Chef des deutschen Kreuzergeschwaders. 171. Spielhagen, Friedrich, Romanautor. 121. Spitzemberg, Hildegard von, geh. Varnbüler, Gattin des folgenden. Abfall von Bismarck. 316. Fürstin Bismarck über ihre Treue. 555. Spitzemberg, Freiherr Hugo von, württembergi- scher Gesandter in Berlin. 316. Spuller, Eugfene, Unterstaatssekretär im Ministerium Gambctta. 516, 527. Stahlewski, Florian v., Erzbischof von Gnescn- Poscn. 681. StacI, Madame de, Schriftstellerin. 116. Stahl, Friedrich Julius, preußischer Konservativer. 18. S t a h r, Adolf, Schriftsteller, Gatte von Fanny Lewald. 320. Stambulow, Stefan, 1887 bis 1894 bulgarischer Ministerpräsident, 1895 in Sofia ermordet. 600, 602. Stauffenherg, Reichsfreiherr von, liberaler bayrisch. Parlamentarier. 159f. Stein, Charlotte v., Freundin Goethes. 500. Stein,’JP [Freiherr vom, Staatsmann in preußischen Diensten. 251, 375. Steinberg, Ernst v., Leutnant im Regiment Königshusaren, später Botschaftsattache in Paris. 204, 208, 210, 217. Steinmetz, Karl Friedrich v., General, Armeeführer (f 1877). 100. Stendhal (Henri Bcyle), französischer Schriftsteller. 60, 121, 320. Stiebei, Dr., Hausarzt der Familie Bülow in Frankfurt a. M. 16f., 78. Stieber, Wilhelm, preußischer Polizeidirektor. 133. Stichle, Gustav von, Ge- neralstabschcf des Prinzen Friedrich Karl. 146. Stinnes, Hugo, Industrieller. 493. Stirbey (Bibescu), rumänischer Politiker. 624. Stock, Geh. Hofrat, Kanzleivorstand der Deutschen Botschaft in Rom. 346. Stockhausen, Bodo v., hannoverscher Gesandter in Paris und Wien, dann Oberhofmeister in Hannover. 106, 136. Stockhausen, Elisabeth v., verheiratet mit Heinrich Freiherrn von Iler- zogenberg. 106f., 136. Stolberg, Graf Friedrich Leopold, Dichter. 105, 388. Stolberg, Graf (dann Fürst) Otto, 1876 Botschafter in Wien, dann Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums und Hausminister (■(■ 1896). Reise nach Wien mit Bülow. 387 f. Empfang in Wien. 388. Besuch Andrässys. 397. 726 NAMENREGISTER Bricht den Widerstand des Kaisers gegen Bündnis mit Österreich-Ungarn. 507 f. Beim Prinzen Wilhelm. 596. Stoltzcnberg, von, Pre- mierleutn. im Regiment Königshusaren. 181, 188. Stroßmayer, Josef Georg, kroatischer Bischof und Politiker. 669. Strubberg, v., Generalmajor, Kommandeur der 30. Infanterie-Brigade. 183, 185 f., 217, 235, 248. Stuart, englischer Gesandter in Athen. 419. Studemund, Wilhelm, Universitütsprofessor in Breslau, Würzburg und Greifswald, Philolog. 267. Stumm, Ferdinand v., Leutnant im 8. Husaren- Regimcnt, später Gesandter in Darmstadt u. Botschafter in Madrid (f 1925). 96. Stumm, Freiherr Wilhelm von, Wirklicher Legationsrat, 1916 bis 1918 Unterstaatssekretär. 177. Sturdza, Demeter, rumänischer Politiker. 622, 646. Suhow, Graf, Mörder des Zaren Paul. 389. Sybel, Heinrich v., Historiker. 80, 81, 156, 157, 264. Szögyenyi-Marich, Graf, 1892—1914 österr.- ungar. Botschafter in Berlin (f 1916). 639. Taaffe, Graf Eduard, österreichischer Ministerpräsident (f 1895). 392. Taine, Hippolyte, französischer Historiker. 320, 405, 460, 469. Tallenay,„le Marquis de“, französischer Gesandter am Bundestag. 12f., 15. Talleyrand, Fürst, französischer Staatsmann. 65, 135, 176, 293, 465, 466. Talleyrand und Dino, Herzogin Dorothea von, geborene Prinzessin von Kurland, Nichte des Fürsten. 65. Talleyrand - Perigord, Graf Archambault, Adjutant im preußischen 2. Garde - Ulanen - Regiment. 242 f., 244, 247. Tasso, Torquato, Dichter. 537. Thackeray, William Ma- kepeace, englischer Romandichter. 121. Thielmann, Max v., Legationsrat, Erster Sekretär der Deutschen Botschaft in Paris, später Staatssekretär d. Reichsschatzamts (f 1929). 474, 48411., 487. Thierry, Augustin, französischer Historiker. 405, 447. Thiers, Adolphe, französischer Historiker und Politiker (f 1877). Rede gegen Napoleon III. 92 f. Debatte über die Römische Frage. 152 f. Als Präsident der Republik. 196. Unterdrückung der Commune. 246, 654. Prinzessin Arenberg über ihn. 283. Ernennt Diplomaten des alten Systems. 313. Rede in Bordeaux. 321. Th. und Richard Metternich. 389. „Le sauveur de la France“. 466 f. Weint bei Truppenschau. 480. Mißtrauen gegen Spezialisten. 486. Gortschakow zu ihm. 504. T h i 1 e, v., Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. 128, 272, 273. Thiron, Schauspieler der Comedie-Framjaise. 113. Tholuck,* August, Prof, der Theologie in Halle. 79 f. Thomas, Albert, französischer Sozialist. 479. Thomas von Aquino, Scholastiker. 538. Thornton, Sir Edward, englischer Botschafter in Petersburg. 598. Thorwaldsen, Bertel, Bildhauer. 309. Thun-Hohenstein, Graf F riedrich, österreichischer Gesandter am Bundestag, dann Gesandter in Berlin und Petersburg (f 1881). 22 . Thum und Taxis, Erbprinz von. 545. T i e c k, Ludwig, romantischer Dichter. 44. Tirard, Präsident der Rheinland - Kommission. 516. Tirpitz, Alfred, Großadmiral, 1897—1916 Staatssekret. d. Reichsmarineamts. 688f. Tissot, französischer Gesandter in Athen. 420. Tisza, Graf Stefan, ungarischer Staatsmann, 1918 ermordet. 94. Tocqueville, Alexis de, französischer Historiker. 532. Tolstoi, Graf Alexej Kon- stantinowitsch, Dramatiker und Romanschriftsteller (f 1875). 625. Tolstoi, Graf Dmitri Alexandrowitsch, russischer Minister des Innern (f 1889). 572 ff., 579. NAMENREGISTER Tolstoi, Graf Lew Nikola- jewitsch, russ. Dichter (t 1910). 121, 370, 532. Tosti, Luigi, italienischer Historiker und Theolog. 536. Traube, Ludwig, Professor, Diagnostiker und Patholog (f 1876). 127, 132, 177. Trauttmansdorff, Fürstin Anna, geh. Liechtenstein. 400. Treitschke, Heinrich v., Historiker. 145, 460, 671. Trikupis, Charilaos, griechischer Minister-Präsident. 426. Trocltsch, Ernst, protestantischer Thcolog. 406. Trompette, Koch Gam- bettas. 514. Tschcrewin, Gcncraladju- tant des Zaren Alexander III. 577 f., 579. Tschernajew, russisrher General, Panslawisten- führcr. 639 f. Türckheim, Freiherr v., badischer Vertreter im Bundesrat. 316. Turgenjew, Iwan Sergeje- witsch, russischer Dichter. 121, 370, 533 f., 584. Twesten, Karl,fortschrittlicher preußischer Politiker. 500. Uexküll, Baronin, Gattin des russischen Gesandten in Rom. 344f. Uhland, Ludwig, Dichter. 10, 185, 279, 453. Ungern-Sternberg, Baron, Flügeladjutant des Zaren Alexander II. 451 f. Usedom, Graf Guido, preußischer Cesandter in Florenz, Rom und Turin (t 1884). 154, 287 f. Vacarescu, Helene, Hofdame der Königin Elisabeth von Rumänien. 6 481T. Vaglia, Porzio, Generaladjutant des Königs Hum- bert von Italien. 662. Vaillant, Edouard, Mitglied der Pariser Commune. 472. Vanutelli, Vincenzo, Kardinal. 679. Varnbiiler, Axel v., Sohn des folgenden, württem- hergischer Bevollmäch t ig- ter zum Bundesrat. 316. Varnhüler, Karl v., würt- tcmbcrgischer Staatsminister. 316. Varnhagen von Ense, Schriftsteller. 564. Vauvenargues, französischer Moralist des 18. Jahrhunderts. 406 f. Vernescu, rumänisch. Politiker. 623. Vernon - Harcourt, Sir W., englischer Staatssekretär des Innern. 553. Veuillot, Louis, Redakteur des „Univers“. 152. Viardot- Ga rcia. Pauline, Sängerin. 486, 534. Victor Prinz Bonaparte. 521. Victoria Königin von England (1837 bis 1901). 36, 155, 310, 447. Rügt den Prinzen von Wales. 458. Für Disraeli, gegen Gladstone. 551. Wählt Heinrich Battenberg zum Schwiegersohn. 604. Regierungsjubiläum. 605. In Charlottenburg. 618f. Viktor Emanuel II. König von Italien (j" 1878). 153, 169, 325, 326, 330, 337, 338, 340, 458, 479, 655, 662. Viktor Emanuel III. 727 König von Italien seit 1900. 653. Viktoria (Kaiserin Friedrich), t 5. 8. 1901 in Friedrichshof (Taunus). 28, 216, 221, 223, 251. Gegen Bismarck. 298. Reise nach Italien 1875. 338 ff. Gegen Bülow Vater u. Sohn. 339 f. Vergißt England nicht. 436, 457. Beim Schlußdiner des Berliner Kongresses. 451. Klagen Herbert Bismarcks über sie. 456. Bülow und Frau zu Gast. 595 f. Vertrauen zu Morier. 599. Entflammt für projektierte Heirat ihrer Tochter mit dem Battenberger. 602. Klage über Bismarck. 605. Auftritte mit ihrem Sohn Wilhelm in San Remo. 615. Am Krankenbett Friedrichs III. in Charlottenburg. 618 f. Verhalten ihres Sohnes gegen sie. 648. Besuch Bismarcks hei ihr. 658. Über die Krüger-Depesche. 667. Ihre wissenschaftliche Bildung. 676. Taf. 304. Viktoria Prinzessin von Preußen, Gattin des Prinzen Adolf von Schaumburg-Lippe. Die Battenberg-Affäre. 601 f., 605. Vi 1 a 11 e, Cesar, Gymnasialprofessor in Neu-Strelitz. 64. Villaume, Major von, Militärattache der Deutschen Botschaft in Paris. 522 f. Villers, v., Sekretär der Sächsisch. Gesandtschaft in Wien. 344, 400. Vilmar, Literaturhistoriker in Marburg. 17f. Vincke, Ludwig Freiherr v., Oberpräsident von Westfalen. 73. 728 NAMENREGISTER Virchow, Rudolf, Mediziner, 80, 269, 283, 298, 479. Visconti-Venosta, Marchese Emilio, italienischer Minister des Äußern (f 1914). 153, 166, 169, 329f., 337. Vitzthum vonEckstädt, Reichsgraf Friedrich, Botschaftssekretär in Paris, London und Petersburg, Legationssekretär in Bukarest, später Präsident der Ersten Sächsischen Kammer und sächsischer Oberst-Marschall. 487, 488 f., 548, 550, 592, 646. Vitzthum, Graf Karl, sächsischer, dann österreichischer Diplomat (t 1895). 151. Vitzthum, Graf, Zeremonienmeister am preußischen Hof. 36. Viviani, Ren6, französischer Sozialist, dann Minister. 177, 479, 654. Vlangaly, Gehilfe v. Giers im russ. Ministerium d. Äußern. 599, 600, 604. Völderndorff, Freiherr von, früher Vortragender Rat des Fürsten Hohenlohe. 514f. Volk, liberaler bayrischer . Abgeordneter. 161. Vogel von Falckenstein, preuß. General (f 1885). 99. Voigt, Professor am Pädagogium in Halle. 107. Voltaire. 134, 359, 370, 460, 467, 502, 517, 522f. Voß, Johann Heinrich, Dichter. 52, 61. Wach, Adolf, Professor der Rechte in Leipzig. 106. Waddington, William Henry, französischer Minister u. Senator, 1883 bis 1893 Botschafter in London (f 1894). Auf dem Berliner Kongreß. 441. 448, 450, 451. Wagner, Adolf, seit 1870 Nationalökonom in Berlin (f 1917). 118, 352, 360. Wagner, Cosima (f 1930). 585. Wagner, Richard. 159, 299, 307 f., 350, 394, 399, 529, 669. Waldeck, Benedikt Franz Leo, demokr. Politiker (f 1870). 80,283,479,606. W aldeck-Rousseau, 1899 bis 1902 französ. Ministerpräsident (gest. 1904). 467, 472f., 516. Waldemar Prinz von Preußen, dritter Sohn des Kronprinzen Friedrich Wilhelm. 216. Waldersee, Graf Alfred, 1888 bis 1901 Chef des Generalstabs, 1900 Generalfeldmarschall (f 1904). 493. 608 fF. Über Bismarck und den Prinzen Wilhelm. 610. König Ca- rol über ihn. 624. Monts für ihn. 626. In enger Füh- lung mit Holstein. 637. Wallwitz, Graf Nikolaus, Legationssekretär in Bukarest, Gesandter in Teheran, Luxemburg, Hamburg, Stockholm, Brüssel, Gatte von Bülows Stieftochter Eugenie Dönhoff. 489 f. Walter, Besitzer der „Times“. 445. W a 1 u j e w, Graf Peter Alexandrowitsch, 1861 bis 1868 russischer Minister des Innern. 576. Wartensleben, Graf Bernhard, Botschaftssekretärin Petersburg. 361. W e b e r, Max, Soziolog, Professor in Heidelberg und München (f 1920). 406. Weber, Reinhold, Bruder des vorigen, Nationalökonom, Professor in Heidelberg. 406. Weddigen, Otto, U-Boot- Kommandant. 171. Wedel, Graf (Fürst) Karl, General, Gesandter in Stockholm, Botschafter in Rom und Wien, 1907 Statthalter in Straßburg (f 1919). 285. Weiß, Präsident der bayrischen Zweiten Kammer. 161. Werder, August v., preußischer General (f 1887). 63, 283. Werder, Bernhard v., General, Militärbevollmächtigter in Petersburg, 1892 bis 1895 Botschafter ehd. (t 1907). 364ff. Werner, Anton v., Professor, Maler. 450, 583. Taf. 304. Werther, Freiherr Karl von, preußischer Gesandter in Kopenhagen, dann in Wien, dann Botschafter in Konstantinopel. 95 f., 97, 287. Werthern, v., Offizier, zuletzt Kommandant von Wesel. 272. Westermayer, Dr., Prälat, Abgeordneter der bayrischen „Patrioten“- Partei. 160. Wied, Fürst Hermann von, Vater der Königin Elisabeth von Rumänien. 649. Wil amo witz - Möllendorf, Ulrich v., Altphilolog. 63. Wilbrandt, Adolf, Schriftsteller. 59, 61, 318, 399. Wilhelm I. (f 9. 3. 1888). Sympathie für Pauline ScherlF. 13. Seine Schwester Alexandrinc. 65. Militärische Besichtigung. 77. Antwort auf Adresse der Stadt Breslau (1866). 87 f. „Aufruf an mein Volk.“ 88. W. und die Gräfin Oriola. 95. Dank Bismarck Sieger im Kampf um Hegemonie. 104. In Ems 1870. 130. Chef des 7. Husaren - Regiments. 144. Nach der Schlacht von Mars-la-Tour. 148. Entre- vue mit Franz Josef (1867). 151. Unterredung mit dem italienischen General Govone. 154. Durch Bismarck 1866 zum Verzicht auf Annexionen in Süddeutschland gezwungen. 158. Trinkspruch nach der Schlacht von Sedan. 167f. Zwingt die Königshusaren zur Aufnahme des Avantageurs Moßner. 233. Telegramm über Friedenspräliminarien. 239. Vertrauen zu Loe. 251. Loes Duellaffäre. 252. Prinzessin Arenbcrg über ihn. 283. Empfängt Bücher nicht. 293. Dreikaiserbegegnung von 1872. 298. Sparsamkeit. 301. Der alte Kaiser. 302 f. Ball in der Passage. 304. Für Schleinitz. 306. In Bayreuth. 308. Antwort an Gräfin Benken- dorf. 308. Bei den Empfängen der Kaiserin. 317. Begegnung in Mailand mit Viktor Emanuel II. 330. Vertrauensstellung Werders. 365. Erfährt nichts von der Justiz an Gräfin Hendrilcow. 377f. Attentate Hödels und Nobilings. 432 ff. Sendet dem kranken Bernhard v. Bülow Erdbeeren. 438. NAMENREGISTER In Ems. 498 ff. Zusammenkunft mit Alexander II. in Alcxandrowo. 503 f. Widerstand gegen die Unterzeichnung des Bündnis - Vertrages mit Österreich-Ungarn. 505 ff. Gibt nach. 508. Empfängt Bernhard Bülow im Waggon. 512 f. Bei der Trauerfeier für dessenVatcr.513. Kundgebung an die Armee. 515f. Drei-Kaiser- Zusammenkunft in Skier- niewice. 568 ff. Handschreiben an Bismarck. 583. Bei der Kaiserin. 595. Tod. 616. Bismarck über seine Traditionen. 681. Taf. 128, 500, 508. Wilhelm II. (1888—1918). 9, 12, 20, 29. Neigung zur Hybris. 61. Bismarcks Worte über den jüngsten Thronerben (1863). 82. Verhalten gegen Bismarck. 104. Seine Kanzler im Weltkrieg. 150. Nennt Bülow einen Charmeur. 186. Fall Kotze. 206. W. II. und Loe. 251. Abneigung gegen Arenberg. 264. Romreise 1888. 337 f. Gegen die Schwarzseher. 395 f. Auf Korfu. 409. W. II. und Georg von Griechenland. 432. Kündigung des Vertrags mit Rußland. 479. Adolf von Bülow sein persönlicher Adjutant. 514. Falsche Ansicht über Französisch- Nordafrika. 544. Als Prinz bei Bismarck. 567f. Bülow und Frau hei dem Prinzen. 596. Sein Erzieher Hinzpcter. 599. Kränkung von Lambsdorff. 599. Loe über Bismarck, den Prinzen Wilhelm. 608 f. Waldersee über sie. 610. Die Kündigung des Rückversicherungs - Vertrags mit Rußland. 614. 729 Auftritte in San Rcmo. 615. König Carol über ihn. 624. Admiral of the Fleet. 639. Merksteine. 640. Ist Alexander III. unsympathisch. 641. Verhalten heiBismarcks Entlassung. 642 ff. Bismarck über ihn. 643. Verhalten gegen seine Eltern. 648. Bismarck mahnt ihn. 648. Einladung Bismarcks ins Berliner Schloß. 657 f. Reise n. Venedig. 659 ff. Unterredung mit Bülow. 659 f. Will nicht an Bismarck erinnert werden. 660. Krüger-Depesche. 666 f. Wilhelm II. und Laura Minghctti. 669. Besuch in Neapel. 676 ff. Ent- rüstungstclegramm an Bismarck. 680. Drohungen gegen ihn. 681. Marschall hat ihn „verraten“. 683. Bismarck, der „böse alte Mann“. 684. Philipp Eulenburg über den Kaiser. 687. Taf. 680. Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen. 171, 365. Wilhelm, Landgraf von Hessen. 19. Willich, v., Ulanenritt- meistcr. 128, 129. Wilms, Professor in Berlin, leitender Arzt des Krankenhauses Bethanien. 502. Wilson, Daniel, Schwiegersohn des französischen Präsidenten Grevy. 482. Wimpffen, Graf Felix, österreichischer Gesandter in Berlin. 314. Winckelmann, Johann Joachim, Historiker der Kunst des Altertums. 650. Wind, v., Sekretär der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag, dann dänisch. Gesandter in Petersburg und Berlin. 15f., 366. 730 Windischgraetz, Fürst Alfred, Österreich. Feldmarschall. 545. Windthorst, Ludwig, Führer d. Zentrums. 298, 351, 500, 581, 601. Wirth, Josef, Zentrums- abgeordnetcr, Reichsminister. 305. Wittgen st ein, Fürst Fritz, preuß. Rittmeister. 245. Wittgenstein, Fürstin Lconille, Schwiegermutter von Chlodwig Hohenlohe. 514. Witzendorf, v., Oberst, Generalstabschef Goebens 248. Wladimir, russischer Großfürst. 315, 376, 379, 565, 612f„ 617. Wohlfahrt, Bürgermeister von Neu-Strelitz, Schulfreund Bülows. 68. Wolff-Metternich, Graf Dietrich von, Fähnrich im Regim. Königshusaren, später diensttuender NAMENREGISTER Kammerherr der Kaiserin Auguste Viktoria. 222, 224. Wolzogen, Ernst von, Schriftsteller. 14. Woyrsch, v., General. 117. Wrangel, Graf Friedrich Heinrich Ernst, preußischer General-Feldmarschall. 215f. Wrangel, Gustavv.,Leut- nantimRegimentKönigs- husaren, Kammerjunker, Enkel des vorigen. 214f. Wunderlich, Wachtmeister bei den Bonner Königshusaren. 137, 139, 179, 364. Wyndham, Sekretär der englischen Gesandtschaft in Athen. 419, 422, 598. Yorck, Graf Maximilian, Major, Militärattache in Petersburg. 615 £. Ysenburg, Prinz, preußischer Gesandter in Hannover. 99. Zaimis, Alexandros, griechischer Ministerpräsid. 426. Zanardelli, Giuseppe, italienischer Ministerpräsident (f 1903). 652 f., 662. Zankow, Dragan, Führer der Russophilen in Bulgarien. 600, 602. Zelter, Karl Friedrich, Komponist. 45. Zer bi, italienischer Abgeordneter. 652. Zglinicki, von, Oberst, Kommandeur des Infan- terie-Rcgim. Nr. 77. 217. Zinzendorf, Graf Nikolaus Ludwig, Gründer der Hermhuter-Gemeinde.43, 44, 73. Zola, Emile, Schriftsteller. 445. Zschokke, Heinrich, Schriftsteller. 575. Zuylen, Baron, niederländischer Gesandter in Paris. 526. SACHREGISTER Afghanistan. Englisch- russischer Konflikt (1885). 579 ff. Athen (1877). 411,418ff. Balkan. Aufstand in der Herzegowina (1875). 367. Andrässys Reform-Programm. 367. Berliner Memorandum. 395. Begegnung in Reichstadt. 396 f. Türkisches Blutbad in Bulgarien. 397 f. Zirkular des Staatssekretärs Bülow (6.10.1876). 412 f. Ultimatum Rußlands an die Pforte. 413. Reichstagsdebatte über die Orientkrise. 415. Russisch-Türkischer Krieg. 422 ff. Neutralität Griechenlands. 426. Friede von San Stefano. 427 f. Einmarsch der Griechen in Thessalien und Rückmarsch. 428. Bulgarische Frage auf dem Berliner Kongreß. 440. Okkupation Bosniens durch Österreich-Ungarn. 441 f. Griechische Frage. 442. Serbische, Montenegrinische, Rumänische Frage. 442 f. Berliner Vertrag. 450. Ostrumelien. 587. Serbisch-Bulgarischer Krieg. 588. Umsturz in Bulgarien. 600 ff., 604. Kreta- Krise. 682. Bayern. Stimmungen 1870. 158 ff. Belgien. Napoleon III. und die belgische Neutralität, Bismarcks Enthüllungen. 173 ff. Taf. 172,176. Berlin (1863) 64, 301. (1869) 125. (1870) 177 ff. (1873) 288 ff., 30211. bis 320. (1875) 346 ff., 359 f. (1876) 385. (1878) 432ff. (1879) 502 ff. (1885) 581 ff., 590f. (1886) 595 f. (1888) 618 f. (1889) 626 ff. (1890) 644 ff. Berliner Kongreß. 435ff. Bonn (1870) 136ff., 259, 261 ff., 273 f. Taf. 240. Bukarest (1888/1893) 617 bis 625, 628 bis 629, 647 bis 651. Bulgarien. Fürstentum durch den Frieden von San Stefano. 427 f. Entscheidung des Berliner Kongresses. 440. Aufstand in Ostrumelien. 587. Serbisch - Bulgarischer Krieg. 588. Handstreich gegen den Fürsten Alexander. 600. Dessen Abdankung. 602. Wahl Ferdinands von Koburg. 612. Dänisch-Deutscher Krieg von 1864. 67. Deutsch-Französischer Krieg von 1870. 128ff. Feldzugsberichte Bülows. 180 ff. Dreikaiserbündnis Bismarcks Ideal. 385. Drei- Kaiser - Zusammenkunft in Skiemiewice. 567 ff. Elsaß-Lothringen. 285f. Emser Depesche. 12911., 158, 295. Taf. 128. England. Beziehungen 1870 zu Preußen und zu Frankreich. 154 f. Englisch-russische Verhandlungen in London (1878). 428 f. Krüger-Depesche. 666 f. Text der Depesche. Taf. 680. Frankfurt a. M. (Kindheit). 3 bis 29. Frankreich. Bismarcks Geheimverhandlung, mit Napoleon III. durch Be- nedetti 171 ff. „Ist Krieg in Sicht?“ (Mürz 1875). 347 ff. Gambetta zu Bülow über Deutschland und Frankreich. 470. Bismarck für Befestigung d. republikanisch. Systems. 478 f. Tongking-Expedition. 483. Unterrichtsgesetze. 500 ff. Boulanger. 61 lf. Allianz mit Rußland. 639 ff. Vertragsentwurf Benedettis. Taf. 176. Französisch-österrei- chisch-italienische Verhandlungen 1867 bis 1870. 150 ff. Greifswald (Universität). 265 ff. Halle (Pädagogium). 72bis 113. Hamburg (und Klein- Flottbek). 30 ff., 259f., 274f. Taf. 256. Italien. Beziehungen zu Preußen 1866. 154. Drohungen Bismarcks wegen der päpstlichen Enzyklika (1875). 329ff. Tunis. 448. Ministerium Crispi. 653 ff. Krieg mit Abessinien. 672 f. Sturz Crispis. 673. Taf. 672. Kulturkampf. 268fF. Enzyklika Pius’ IX. 329. Urteil der Kaiserin Au- gusta. 500. Paul Bert über Bismarck und die Laizi- sierung in Frankreich. 501 f. Bülow über den Kulturkampf. 634. 732 SACHREGISTER Lausanne (Universität). 114 ff. Leipzig (Universität). 118 ff. London (1884) 5481T. Mecklenburg (Neu-Stre- litz, Malchin, Stemberg, Schwerin, Rostock, Wismar, Neu-Brandenburg usw.). 56 ff. Metz (1872/1873) 275ff. Österreich-Ungarn. Überspannung des Nationali- täten-Prinzips. 53. Dualismus. 154. Neutralität 1870. 163f. Bismarcks Politik gegenüber Ö.-U. nach 1870. 298. Äußerungen Bismarcks während d. Orientkrise. 417.Bündnis von 1879. 505 ff. Bismarck über Ö.-U. (1884). 557. Zwei-ICaiscr-Begeg- nung in Kremsier. 586. Der deutsch - russische Rückversicherungs - Vertrag. 639. Paris (1878/1884) 456ff„ 461—502, 514—534. Petersburg (1875/1876) 362—384. (1884/1888)563 bis 581, 588—590, 596 bis 600, 612—617. Polen. Gemeinsames Handeln Preußens und Rußlands gegenüber d. poln. Insurrektion. 155f., 506. Polen-Debattenim Preuß. Abgeordnetenhaus^ 863). 157 f. Preußisch- österreichischer Kriegv. 1866.85ff. Rom (1874/1875) 323. (1884) 534ff. (1886)59311. (1893/1897) 652 bis 689. Taf. 328. Rumänien. Im Frieden von San Stefano. 428. Abtretung Bessarabiens an Rußland. 442 f. Anschluß an die Dreibundmächte. 443. Rumänien beim Beginn von Bülows Gesandtschaft. 619ff. Geheimvertrag mit den Dreibundmächten. 624f. Rußland. Preußisch-russische Beziehungen unter Bismarck. 155 ff. Seine Politik gegenüber R. nach 1870. 298. Drei-Kaiser- Begegnung 1872 i. Berlin. 298. „Der Friede ist gesichert“ (Erklärung Alexanders II. 1875 in Berlin). 348. Bismarck für Garantie-Bündnis. 385 f. Alexander II. über Konstan- tinopcl. 414 f. Russiscb- Türkischer Krieg. 42211. Russisch-englische Verhandlungen in London (1878). 428f. Begegnung Wilhelms I. und Alexanders II. in Alcxandrowo. 503 f. Bismarck über Berlin und Petersburg. 556f. Drei - Kaiser - Zusammenkunft in Skierniewice. 567 ff. Zwei - Kaiser - Begegnungin Kremsier. 586. Politik gegenüber Bulgarien. 601 f. Abschwenkung zu Frankreich. 611. Rückversicherungs - Vertrag m. Deutschland. 614. Wilhelm II. und Rußland. 637. Die Nichterneuerung des Rückversicherungs- Vertrags. 638 f. Auch für Österreich - Ungarn ein Unglück. 639. Allianz mit Frankreich. 639 ff. Enthüllungen Bismarcks. 680f. Taf. 172,176, 568. Schlesw.-Holsteinische Frage. 52 ff. Sozialistengesetz. 435, 633, 637. Wien (1876 388ff. (1893) 650 f. ’** ULi; ■ggggggg V-w*?’ •$5>ä£h ■Ji' ''*£*&*£ ■y-^ 3 üül+-.- •jÄiSk- &*£?% ■■iAäg&z&t '&. ZT;.- Gedruckt im Ullsteinhaus Berlin 1 §?* Ü?S S!& il%g^ >JjflJrT>i 'Äg&J LvS <&;> '*o/ri:r. v. A£* yt* ? i^iÄ: ti u -2- •:./.X\--r v» •*«^: ^*? v 0 m I «tty i*{tf r.'i,'« k*. ju-r.»3i. i&Z& s- .r/w,v. W£$M n\a « /> ijSJrLj/ : •'£’•«VV'f-, «• r >. S3pg wMm scfc 11111 fflSSHSile SSHgggg aaffiBSg ggSB SilKli* • *• '■ •-' .-!>r-, - !-_• v’'i.' ■.r.v*, , .vvr,' _ r . Hül Wimm