FÜRST BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN II BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN ZWEITER BAND VON DER MAROKKO-KRISE BIS ZUM ABSCHIED HERAUSGEGEBEN VON FRANZ VON STOCKHAMMERN TM VERLAG ULLSTEIN • BERLIN 1. bis 25. Tausend EINBANDENTWURF VON BEUCKE • ALLE RECHTE VORBEHALTEN COPYRIGHT 1930 BY ULLSTEIN A-G BERLIN • PRINTED IN GERMANY BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN IN VIER BÄNDEN 1. Vom Staatssekretariat bis zur Marokko-Krise 2. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied 3. Weltkrieg und Zusammenbruch 4. Jugend- und Diplomatenjahre Die Bände erscheinen in der Reihenfolge ihrer Niederschrift INHALT DES ZWEITEN BANDES ERSTES KAPITEL...................... 3 Die Marokko-Angelegenheit • Königin Marie Christine von Spanien • Frühere Berichte Metternichs über Marokko • Prinz Reuß VII. über Petersburger Zustände • Admiral Tirpitz in Petersburg • Die Reichstagswahlen von 1903: weiteres Anschwellen der Sozialdemokratie • Redekämpfe mit Bebel • Der Abbau des Jesuitengesetzes • Wilhelm II. und die Jesuiten • Widerstände bei Hofe, Briefe des Kardinals Kopp und des Zentrumsabgeordneten Franz Arenberg Mittelmeerreise Wilhelms II. im März 1904 • Professor Theodor Schiemann Sehnsucht des Kaisers nach einer Begegnung mit dem Präsidenten Loubet Rückreise über Karlsruhe • Eckardstein in Karlsruhe • Autorennen in Homburg ZWEITES KAPITEL.....................20 Herero-Aufstand (1904) • Kriege sollen nicht nur militärisch, sondern politisch geführt werden • Der Russisch-Japanische Krieg • Kuropatkin • Besuch König Eduards in Kiel • Bülow mit Tirpitz zum Vortrag beim Kaiser, Eintreffen Eduards VII. in Kiel (25. VI. 1904) • Bülows Unterredung mit dem englischen König • Die Presse beider Länder • Toaste in Kiel • Besuch des englischen Herrschers in Hamburg • Bülows Unterredung mit dem Earl of Seiborne • Der Segelsport in Kiel DRITTES KAPITEL.....................34 Deutscher Flottenbesuch in Plymouth im Juli 1904 • Bericht des Grafen Metternich, Erläuterungen zu diesem Briefe • Vorbereitung der deutsch-russischen Handelsvertragsverhandlungen • Graf Witte, seine Verhandlungsmethode • Die Ermordung des russischen Ministers des Innern Plehwe • Handelsvertrag mit Rumänien, Handelsvertragsverhandlungen mit Österreich-Ungarn • Verheiratung des Kronprinzen • Die in Aussicht genommenen Prinzessinnen • Verlobung mit Prinzessin Cecilie von Mecklenburg VIERTES KAPITEL.....................62 Tod des Fürsten Herbert Bismarck (18. IX. 1904) • Seine Charakteristik • Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges • Brief des Grafen Metternich über den Doggerbankzwischenfall • Der Lippische Thronfolgestreit, seine Beilegung im Bundesrat • Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti in Homburg Wilhelm II. drängt zu einer Allianz mit Rußland • Der Kaiser auf den Jagden in Schlesien, ungünstige dortige Einflüsse, Bericht des Gesandten von Schön • Antienglische Stimmung Wilhelms II. • Die Frage der dänischen Neutralität . Besorgte Briefe Philipp Eulenburgs aus Schlesien • Unterredung mit Wilhelm II. am Silvestertag 1904: Bülow bemüht sich, die deprimierte Stimmung Seiner Majestät zu heben und den Kaiser aufzurichten X INHALT DES ZWEITEN BANDES FÜNFTES KAPITEL.............. Neujahr 1905 • Denkschrift der englischen Admiralität über Flottenfragen • Fall von Port Arthur • Neuerliche und bedenkliche Erregungszustände bei Wilhelm II. Die belgische Neutralität • Der ein Jahr vorher erfolgte Besuch des Königs Leopold von Belgien in Berlin • Dessen damalige Unterredung mit Bülow, sein Tete-ä-Tete mit Wilhelm II. • Richtlinien Bismarcks hinsichtlich unserer Stellungnahme zur belgischen Neutralität • Graf Alfred Schlieffen über das belgische Problem • Artikel der Deutschen Revue • Feststellung des Auswärtigen Amtes vom 6. VII. 1920, bezüglich angeblicher Meinungsverschiedenheiten mit dem Gcncralstabe über die Frage eines Durchmarsches durch Belgien • Generaloberst Moltke über die belgische Frage • Wunsch Wilhelms II. nach einem Bündnis mit Dänemark • Betrachtungen zur außen- und innenpolitischen Lage im Jahre 1905 Der englische Botschafter Lascelles über Wilhelm II. • Idiosynkrasie des Kaisers gegen Japan SECHSTES KAPITEL................... Bülows Verhältnis zu Wilhelm IL: Bülow hat das Gefühl, Seiner Majestät allmählich unbequem zu werden • Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet • Die Berg- arbciternovelle-Debatte im Preußischen Abgeordnetenhaus • Die neuen Handelsverträge im Reichstag (1. II. 1905) • Zustimmende Briefe und Erklärungen • Die Annahme der Kanalvorlage (25. II. 1905) • Minister von Budde • Verhältnis Wilhelms II. zu den Parteien ■ Briefe des Grafen Monts über Zentrum und Katholizismus • Mission des Freiherrn von Bertling nach Rom • Rücktritt des Oberpräsidenten von Schlesien, Fürsten Hatzfcldt-Trachenberg • Dr. Michaelis, der spätere Reichskanzler, wird für die Stellung eines Oberpräsidialrats in Breslau zu unbedeutend befunden • Die Marokko-Frage, Stellungnahme Wilhelms II. SIEBENTES KAPITEI..................... Die MittelmeerreiseWilhelms II. im März 1904 • Entwicklung der Marokko-Frage Ihr Stand beim Antritt der Mittelmeerreise des Kaisers • Programm der deutschen Regierung • Der bestehende Rechtszustand • Unsere Taktik • Anlaufen des Kaisers in Tanger • Landung des Kaisers in Tanger • Legationssekretär Kühlmann • Mission des Grafen Tattenbach nach Fez • Graf Monts bemüht sich, unter dem Einfluß seines Kollegen Barrere, eine Rettungsaktion für Delcasse zu inszenieren ■ Englische Bemühungen für DelcaBse • Sturz Delcasses ACHTESKAPITEL...................... Vermählung des Kronprinzen (6. VI. 1905) • Bülows Erhebung in den Fürstenstand • Wilhelm II. und der französische General Lacroix • Folgen des Sturzes von Delcasse • Rouvier • Der französische Patriotismus • Brief Metternichs zur Lage Eduard VII. lädt den Deutschen Kronprinzen zu Jagden ein • Wilhelm II. gegen diese Reise • Die Lage in Rußland • Brief der Großfürstin Maria Pawlowna an ihren Onkel Prinz Heinrich VII. Reuß • Das Verhältnis zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. • Prinz Heinrich von Preußen • Entwurf eines deutsch-russischen RückVersicherungsvertrages • Korrespondenz zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. INHALT DES ZWEITEN BANDES XI NEUNTESKAPITEL.....................136 Begegnung des deutschen und des russischen Kaisers in Björkö • Enthusiastisches Telegramm Wilhelms II. über seinen Triumph in Björkö • Bülows Immcdiat- bericht an den Kaiser (3. VIII. 1905), er reicht seine Demission ein • Ablehnung durch den Kaiser • Das kaiserliche Schreiben, Bülows Antwort • Wilhelm II. „wie neugeboren" • Abschluß der Björkö-Affäre ZEHNTES KAPITEL.....................152 Englische Flottendemonstration in der Ostsee • Einladung des Kronprinzen zu den Jagden nach England • Bericht des Gesandten von Tschirschky über die zunehmende Gereiztheit Wilhelms II. gegen England • Graf Albert Mensdorff Kündigung der Union zwischen Schweden und Norwegen • Graf Metternich über den Prinzen von Wales (Georg V.) • Gärung in Rußland • General Trepoff, Militärdiktator • Attentate, Großfürst Sergius ermordet • Persönliches Regiment Wilhelms II., sein schädlicher Einfluß auf die Berichterstattung der deutschen Diplomaten • Bülows Zirkular an die Deutschen Missionen im Ausland über Berichterstattung • Besuch des französischen Politikers Millerand bei Staatssekretär von Richthofen ELFTESKAPITEL......................167 Indiskretionen Delcasses • Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz • Russischjapanische Friedensverhandlungen • Wittes Erfolg in Portsmouth • Witte auf der Rückreise in Berlin und Rominten • Brief Philipp Eulenburgs über Romintcn (September 1905) • Brief der Gräfin Witte an Herrn von Mendelssohn • Großfürstin Wladimir an ihren Onkel, Prinz Heinrich VII. Reuß, über russische Zustände • Die Heirat des Großfürsten Kyrill • Kaisermanöver in der Rheinprovinz, Bülow wird zumGeneralmajor ä la suite der Armee mit der Uniform des Königshusaren-Regiments ernannt • Herr von Bethmann Hollweg preußischer Minister des Innern ZWÖLFTES KAPITEL....................182 Die Frage der Nachfolge des Generalstabschefs Grafen Schlieffen • Bülows Unterredung mit General Hellmuth von Moltke, während sie auf dem Berliner Hippodrom um den Wasserturm reiten • Graf Hülsen, Chef des Militärkabinetts, zu dieser Frage • Der Kaiser besteht auf der Wahl Moltkes • Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg Kolonialdirektor • Erstes Auftreten Erzbergers • Die Verstimmung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. macht sich immer fühlbarer • Brief Wilhelms II. über seine Unterredung mit dem englischen Finanzier Beit (30. XII. 1905) DREIZEHNTESKAPITEL..................197 Aufgeregter Brief Wilhelms II. vom Silvesterabend 1905 • Seine Furcht vor Krieg Die Konferenz von Algeciras • Herr von Radowitz und Graf Tattenbach • Graf Metternich über die Lage von Algeciras • Die Neuwahlen in England Januar 1906 Niederlage der Unionisten, ihre Bedeutung für die Entspannung in den deutschenglischen Beziehungen • Weitere Nachrichten aus St. Petersburg • Graf Udo Stolberg zur Marokko-Politik • Rede Wilhelms II. bei der Paroleausgabe (1. I. 1906) • Großherzog Friedrich von Baden an Wilhelm II. • Bülows Unterredung mit dem Kaiser XII INHALT DES ZWEITEN BANDES VIERZEHNTES KAPITEL.................. Der Vertrag von Algeciras • Der amerikanische Botschafter Charlemagne Tower über die Algeciras-Akte • Bülows Reichstagsrede vom 5. IV. 1906 • Bülows Ohnmachtsanfall • Rücktritt des Herrn von Holstein • Bülows Rekonvaleszenz in Norderney • Freundliche Kundgebungen • Wilhelm II. an Goluchowski („brillanter Sekundant") • Besuch des Kaisers bei Bülow in Norderney • Rede Wilhelms II. in Cuxhaven über Bülows Genesung FÜNFZEHNTESKAPITEL .................. Bülows grundsätzliche Stellung als Reichskanzler gegenüber der Heeresleitung Sein Schreiben an den Kriegsminister von Einem (1. VII. 1906) • Die Unterschätzung der Technik durch unsere Militärs • Bülows Brief an seinen Bruder, den Gesandten Alfred von Bülow in Bern, über die innere und außenpolitische Lage • Bülows Glückwunschschreiben an den Kaiser anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin • Ein „Privatissimum" für Wilhelm II. SECHZEHNTESKAPITEL .................. Auswärtige Fragen • Bericht des Herrn von Jenisch aus Dronthcim über außenpolitische Gespräche des Kaisers • Phantastische Ideen und Pläne des Professors Dr. Schicmann • Bethmann und die polnische Frage • Brief der Kaiserin an Bülow Begegnung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. in Friedrichshof • Der Herzog von Connaught in Kiel • Tod des Prinzen Albrecht, Prinzregenten von Braun- sehweig • Der Braunschweigische Regentschaftsrat • Amnestie anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin • Die Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe Stellungnahme Wilhelms II. zu Memoiren von Ministern • Ableger der Familie Hohenlohe im Ausland • Die Affäre Tippeiskirch, Minister von Podbielski • Neue und üble Entgleisung des Botschafters Monts SIEBZEHNTESKAPITEL......:........... Wilhelm II. und das Zentrum • Zusammentritt des Reichstags • Prinz Arenberg über die Politik des Zentrums • Brief des Fürsten Lichnowsky an Bülow • Philipp Eulenburg über die Stimmung Wilhelms II. • Eulenburgs Sorge für Bülows Gesundheit • Besuch des Generalstabschefs von Moltke • Reichstagssitzung vom 14. XI. 1906 • Dernburg Kolonialdirektor • Sein erstes Auftreten im Reichstag Fürst Bülow tritt für Dernburg ein • Angriffe Erzbergers auf die Kolonialverwaltung • Bülow erwägt die Auflösung des Reichstags • Die entscheidende Reichstagssitzung vom 13. XII. 1906 • Auflösung des Reichstags • Brief des Kardinals Kopp ACHTZEHNTESKAPITEL .................. Brief des Generals von Deines zur Reichstags-Au flösung • Weitere Schreiben an Bülow • Bülows Silvesterbrief • Die Wahlparole des Reichskanzlers • Der Wahltag (25. I. 1907) • Vernichtende Niederlage der Sozialdemokratie • Glückwunschbriefe • Eröffnung des neuen Reichstags • Die Präsidentenwahl • Bülows Rede bei der ersten Beratung des Etats (Februar 1907) • Bülows Rede beim Deutschen Landwirtschaftstag • Zuschriften aus führenden Kreisen des geistigen Lebens in Deutschland • Gustav Schmoller INHALT DES ZWEITEN BANDES XIII NEUNZEHNTES KAPITEL..................289 Kieler Woche 1907 • Der Konflikt Eulenburg-Holstein • Die Angriffe der „Zukunft" • Begegnung des Kaisers mit Nikolaus II. in Swinemünde • Iswolski, russischer Minister des Äußern, die Beziehungen zwischen beiden Reichen Zusammenkunft Wilhelms II. mit dem König von England in Wilhelmshöhe Freiherr von Eckardstein • Die zweite Friedenskonferenz im Haag • England billigt Deutschlands Haltung • Brief des Admirals Montagu an Wilhelm II. • Bethmann Hollweg Staatssekretär des Innern - Graf Wedel Statthalter in Elsaß-Lothringen ZWANZIGSTES KAPITEL..................303 Gegenbesuch Wilhelms II. am dänischen Hofe • Die Nordmark • Stellung der Kaiserin zu Dänemark • Vorgänge vor der Kaiserreise nach England • Festmahl in Windsor (12. XI. 1907) . Stimmung Wilhelms II. in Highcliffe • Der Prozeß Moltke-Hardcn im Reichstag • Beginn der Tragödie des Fürsten Eulenburg Die romantische Heirat der Komtesse Augusta Eulenburg • Brief Eulenburgs an den Kaiser • Eulenburg nimmt trolz Abmahnung seiner Freunde am Ordensfest teil • Kaiserliche Order vom 31. V. 1907 über Erledigung des Falles Eulenburg Bülows Prozeß gegen den „Schriftsteller" Brand • Das Meineids verfahren gegen Eulenburg EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.............316 Entrevue von Rcval zwischen Eduard VII. und Nikolaus II. (Juli 1908) • Russisch-englische Interessensphären in Asien • Döberitzer Rede Wilhelms IL, seine Besorgnisse vor einer Deutschland drohenden Einkreisung • Begegnung Wilhelms II. und Eduards VII. in Homburg (11. VIII. 1908) • Botschafter Graf Metternich über die deutschen Flottenrüstungen • Unterredung Wilhelms II. mit dem englischen Unterstaatssekretär Sir Charles Hardinge • Brief des Kaisers an Lord Tweedmouth • Bülows Zirkularnote an die preußischen Gesandten über die Begegnung von Reval • Die türkische Revolution ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............ 332 Kritik der deutschen Propaganda im Weltkrieg • Die bosnische Krise setzt ein Zusammenkunft Iswolskis und Aehrenthals in Buchlau • Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn am 5. X. 1908 • Vorbereitungen für die Reichsfinanzreform • Das Manuskript für den Artikel des „Daily Telegraph" . Trotz strenger Weisung Bülows, es sorgsam zu prüfen, kommt das verhängnisvolle Elaborat vom Auswärtigen Amt als „unbedenklich" zurück Wilhelm II. wünscht eine plötzliche und radikale Kursänderung der auswärtigen Politik • Die preußische Thronrede • Vermählungsfeier des Prinzen August Wilhelm DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............345 Tagung der Interparlamentarischen Konferenz in Berlin • Die Enthüllung der Bismarck-Büste in der Walhalla bei Regensburg • Das Reich und Bayern • Das Wölfische Telegraphenbüro verbreitet ohne vorherige Anfrage den Artikel des „Daily-Telegraph" über die politischen Gespräche Wilhelms II. in England (29. X. 1908) • Bülows Immediatbericht an Wilhelm II. . Verlautbarung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" • Bülows Unterredung mit Wilhelm II. Die an der Veröffentlichung schuldigen Beamten XIV INHALT DES ZWEITEN BANDES VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL............. Diskussion der Lage im Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten, vertrauliche Aussprache unter den leitenden Ministern • Die Stimmung im Preußischen Staatsministerium • Besonders scharfe Kritik der konservativen Presse • Reichstagsdehatte über die kaiserlichen Gespräche • Die Veröffentlichung eines neuen unbesonnenen Interviews Wilhelms II. kann noch rechtzeitig inhibiert werden FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL............ Bedenkliche Wirkung der kaiserlichen Äußerungen im Ausland • Kurz vorher gehaltene deutschfreundliche Reden englischer Staatsmänner • Bülows Interview mit Sidney Whiteman • Audienz bei Wilhelm II. • Stellungnahme der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" • Die Reichsfinanzreform im Reichstag • Wilhelm II. will abdanken • Der Kronprinz zur Lage • Feier im Berliner Rathaus Wilhelm II. verliest zum erstenmal seine Rede • Briefe und Kundgebungen zu den Novemberereignissen • Wilhelm II. erholt sich SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL............ Veränderte Stimmung des Kaisers Bülow gegenüber • Höfische Einflüsse und Intrigen gegen Bülow • Reflexionen über die Pflichten des Staatsmannes • Weitergang der bosnischen Krise • Rundreise Iswolskis • Sein Besuch in Berlin • Frühstück beim Kaiser • Bülows Erlaß an den deutschen Botschafter in Wien • Die Haltung der Großmächte • Der russische Botschafter Graf Osten-Sacken bei Bülow • Rußland stimmt vorbehaltlos zu (24. III. 1909) • Die kriegerische Stimmung in Wien • Aehrcnthal SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL........... Bülows Besuchein Rom und Wien • Audienz bei Pius X. • Der Erzherzog-Thronfolger • Kaiser Franz Josef - Die bosnische Frage im Reichstag (23. III. 1909) Deutschlands „Nibelungentreue" • Deutsch-französisches Abkommen über Marokko, Casablanca • Der Deutsche Kronprinz kritisiert dieses Abkommen Charakteristik des Kronprinzen • Frage der Abdankung Wilhelms II. • Brief des Kronprinzen über Herrn von Kiderlen-Wächter, Bülows Antwort an ihn • Die Haltung Englands während der bosnischen Krise • Neuerliche Briefe des Grafen Metternich zur Flottenfrage • Besuch des englischen Königspaares in Berlin Tod des Geheimrats von Renvers ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL............ Frühstück auf der Englischen Botschaft • Unterredung mit Eduard VII. • Lord Crewe • Der englische Besuch im Reichstag • Das Problem einer Verständigung über das Tempo des Flottenbaus mit England • Bericht Walter Rathenaus über seine englischen Eindrücke • Brief Wilhelms II. • Konferenz über die Flottenfrage unter den beteiligten Ressorts NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL............ Der Kaiser zu dieser Konferenz • Wandlung im Verhältnis Wilhelms II. zu Bülow Erschwerung seiner Geschäftsführung • Neue Kabinettschefs • Schwierigkeiten im Auswärtigen Amt • Geheimrat Hammann • Unterredung zwischen Kaiser und Kanzler • Die Majestäten zum Diner im Kanzler-Palais • Wilhelm II. wieder in bester Laune INHALT DES ZWEITEN BANDES XV DßEISSICSTES KAPITEL..................451 Die Stimmung im Lande • Schmoller und Harnack • Der Stand der Reichs- finanzreform • Die Konservativen machen Schwierigkeiten • Ihre Führer beim Reichskanzler (29. IV. 1909) • Herr von Heydebrand mit Bülow unter vier Augen Die Frage der Übertragung des Reichstags-Wahlrechts auf Preußen EINÜNDDREISSIGSTES KAPITEL.............466 Bülows Abschiedsbesuch bei Holstein • Begegnung mit Tittoni in Venedig • Wilhelm II. trifft in Venedig ein • Spricht Monts als künftigen Kanzler an • Weitere Schicksale des Grafen Monts • Der Kaiser fährt nach Korfu • Bericht des Freiherrn von Wangenheim über die Begegnung Wilhelms II. mit dem italienischen Königspaar in Brindisi • Der Kaiser in Wien ■ Stand der Reichsfinanzreform Wilhelm II. nimmt, in Wiesbaden Bülows Vortrag über die Finanzreform entgegen • Sängerfest in Frankfurt, jubelnder Empfang Wilhelms II. • Die deutschen Bimdesfürsten zum Geburtstag des Kaisers in Berlin • Die Intrigen gegen den Kanzler mehren sich • Der Bund der „Kaisertreuen" • Rudolf Martin und Fürst Fürstenberg • Begegnung zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. • Die „Zehn Gebote" für den Kaiser ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............484 Die Steuerfragen im Reichstag (16. VI. 1909) • Bülows letzte Rede im Reichstag Das Ostmarken-Problem • Die Enteignungsvorlage • Wilhelm II. zu diesem Gesetz • Bülows frühere Reden (1907, 1908) zur Ostmarkenpolitik • Kundgebungen zur Annahme der Enteignungs-Vorlage • Widerspruchsvolle Haltung Wilhelms II. Bülow gegenüber • Unterirdische Intrigen gegen Bülow • Erzberger, Röder, Martin • Wer wird Kanzler? • Brief des Fürsten Wedel an Bülow DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............500 Wilhelm II. hält nach außen noch zu Bülow • Deutsch-französische Beziehungen Briefe des Grafen Metternich • Die Würfel fallen im Reichstag. Abstimmung vom 24. VI. 1909 • Bülows Demissionsgesuch • Audienz bei Wilhelm II. in Kiel Herr von Bethmann Hollweg als Kanzler in Aussicht genommen • Kabinettsrat von Valentini • Frühstück an Bord der Jacht des Fürsten von Monaco • Abschied vom Kaiser — Bülows letzte Ermahnungen • Herr von Valentini wünscht Kanzlerwechsel erst im Herbst VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL............517 Amtliche Verlautbarungen zum Kanzlerwechsel • Die Presse • Dritte Lesung der Finanzreform • Haltung der Konservativen • Erneutes Abschiedsgesuch • Bülows Interview mit Herrn von Eckardt • Bei Philippi sehen wir uns wieder • Veröffentlichung der Entlassung Bülows im Reichsanzcigcr (14. VII. 1909) • Kaiserliches Handschreiben • Abschiedsaudienz bei Wilhelm II. • Die Majestäten zum letztenmal beim Reichskanzler zum Diner • Unterredung des Kaisers mit der Fürstin Bülow • Abschied von der Kaiserin • Abreise von Berlin (17. VII. 1909) VERZEICHNIS DER BEILAGEN Reichskanzler Fürst von Bülow................................. 8 Familientag derer von Bülow................................... 48 Telegramm Wilhelms II. an Bülow.............................. 112 Vertrag von Björkö............................................. 140 Friede von Portsmouth......................................... 168 Graf Alfred Schließen........................................... 184 General Viktor von Podbielski.................................. 252 Bernhard Dernburg............................................. 264 Reichstagswahlen 1907.......................................... 280 Der Kaiser in England.......................................... 304 Simplicissimus - Karikatur ...................................... 320 Freiherr Aloys Aehrenthal...................................... 332 Marginal Wilhelms II. über die Annektion Bosniens............. 336 Der Daily Telegraph-Artikel.................................... 352 Albert Ballin................................................... 360 Alexander Petrowitsch Iswolski................................. 400 Brief von Holstein an Bülow................................... 416 Freiherr von Loe auf dem Sterbebett........................... 440 Geheimrat Professor Dr. von Renvers........................... 444 Wilhelm II. auf einem Kostümball.............................. 480 Letzte Rede Bülows im Reichstag.............................. 488 Wilhelm II. nach einem Gemälde von P. A. Lazio............... 496 Abschiedsbrief des Kronprinzen an Bülow....................... 520 Bülow und Bethmann Hollweg.................................. 528 * Ein Namen- und Sachregister für die ersten drei Bände wird der dritte Band enthalten. Dem vierten Band (Ergänzungsband: Jugend- und Diplomatenjahre) wird ein eigenes Register beigegeben REICHSKANZLERSCHAFT 1903 bis 1909 ?ow5öc ^*o&&tsatse$-. I. KAPITEL Die Marokko-Angelegenheit • Königin Marie Christine von Spanien • Frühere Berichte Metternichs über Marokko • Prinz Reuß VII. über Petersburger Zustände • Admiral Tirpitz in Petersburg • Die Reichstagswahlen von 1903: weiteres Anschwellen der Sozialdemokratie • Redekämpfe mit Bebel • Der Abbau des Jesuitengesetzes • Wilhelm II. und die Jesuiten • Widerstände bei Hofe, Briefe des Kardinals Kopp und des Zentrumsabgeordneten Franz Arenberg • Mittelmeerreise Wilhelms II. im März 1904 Professor Theodor Schiemann . Sehnsucht des Kaisers nach einer Begegnung mit dem Präsidenten Loubet • Rückreise über Karlsruhe • Eckardstein in Karlsruhe • Autorennen in Homburg Seit Jahr und Tag hatte ich Marokko nicht aus den Augen verloren noch die Möglichkeit, daß sich Frankreich und England durch ein Tauschgeschäft Marokko und zwischen diesem Lande und Ägypten immer näher aneinanderschließen M acnte könnten. In Wien, während des Kaiserbesuchs, hatte ich Gelegenheit gehabt, in dieser Richtung Neues zu hören. Ich war von der Königin-Mutter Maria Christine von Spanien empfangen worden, einer charaktervollen und einsichtigen Frau, deren Klugheit und würdiger Lebensführung es zu danken war, wenn die spanische Dynastie den unglücklichen Ausgang des Spanisch-Amerikanischen Krieges überstanden hatte. Sie erzählte mir vertraulich, daß Frankreich seit längerem Spanien ein Schutz- und Trutzbündnis anbiete. Spanien sei trotz starkem Drängen der Franzosen bisher nicht darauf eingegangen. Gleichzeitig mit einer Allianz proponiere Frankreich eine Teilung von Marokko auf der Basis, daß Frankreich den Norden, Spanien den Süden erhalte. Die Königin gab der Vermutung Ausdruck, daß sich die Franzosen unter Vermittlung des Königs Eduard der Zustimmung Englands zu diesem Plan versichert hätten. Für Spanien komme es im wesentlichen nur darauf an, daß es nicht ganz leer ausgehe, da dies bei den traditionellen spanischen Ansprüchen auf Marokko und mit Rücksicht auf die geographische Lage von Marokko den Sturz der spanischen Dynastie herbeiführen könne. Nach meinem Wiedereintreffen in Berlin forderte ich den Botschafter in London zu einer brieflichen Äußerung auf. Graf Metternich ging in seiner Berichte des Antwort von dem Artikel eines großen englischen Blattes aus, in dem aus- Grafen geführt wurde, daß während des Burenkrieges die Haltung der deutschen Metternicn Regierung, insbesondere des Reichskanzlers und des Staatssekretärs des 4 KEINE ISOLIERUNG DEUTSCHLANDS Äußern und auch die des Deutschen Kaisers zweifellos eine für England freundliche gewesen wäre. Dagegen hätte das deutsche Volk während dieser ganzen Zeit England gegenüber mehr Haß und Neid, Schadenfreude und Feindschaft an den Tag gelegt als irgendeine andere Nation. Da andererseits Deutschland durch seine gewaltige wirtschaftliche Entwicklung, den überraschenden Aufschwung seiner Industrie und seines Handels, die allmählich die Welt eroberten, durch die Entwicklung seiner überseeischen Interessen und durch den Bau einer starken Flotte immer mehr für England der weitaus gefährlichste Rivale und Konkurrent würde, müsse England seine Politik darauf einstellen. Frankreich hätte längst aufgehört, für England ein ernster Mitbewerber zu sein. Rußland wäre nur in Asien gefährlich. Ernste Gefahr drohe England nur von Deutschland. Im Anschluß hieran entwickelte mir Metternich, wie er trotzdem nicht glaube, daß Frankreich auf die Dauer der Freund von Rußland und England bleiben könne. Wohl aber wäre ein vorübergehender Vergleich zwischen England und Rußland und ein Zusammengehen ad hoc zwischen England, Rußland und Frankreich gegen Deutschland wohl denkbar. Sollte es aber selbst zeitweise gelingen, ein solches Zusammengehen jener drei Mächte herbeizuführen, so wäre es doch noch immer verfrüht, von einer Isolierung Deutschlands zu reden: denn einmal bliebe Österreich auf das Bündnis mit Deutschland angewiesen, während andererseits bei geschickter und ruhiger deutscher Politik Rußland weder geneigt sei, Frankreich das Elsaß zurückzuerobern, noch für die schönen Augen der Engländer den deutschen Handel zu zeiotören. In Rußland bekämpften sich nach allem, was Metternich inoffiziell, aber von gut unterrichteter Seite höre, zwei Strömungen: das Mißtrauen der leitenden russischen Kreise gegen das republ.kanische und atheistische Frankreich auf der einen, der alte Haß des Slawentums gegen die Deutschen auf der anderen Seite. Das Weitere würde von der Geschicklichkeit unserer Politik abhängen. „Ich wiederhole", bemerkte Metternich am Schluß seines Briefes, „und betone, daß nach meiner Uberzeugung die englische Regierung nicht mit uns zu brechen wünscht und nichts leichtsinnig gegen uns unternehmen wird. Die Antipathie gegen die Deutschen ist aber in England so tief, daß keine englische Regierung, auch wenn sie es wollte, in internationalen Fragen von größerer Bedeutung auf unserer Seite zu finden sein wird. Alles, was wir für den Augenblick wünschen können, ist die Aufrechterhaltung dessen, was man in der diplomatischen Sprache korrekte und freundschaftliche Beziehungen von Regierung zu Regierung nennt. Seitdem Sie die Leitung der Politik haben, hat sich unser Verhältnis zu Rußland langsam, aber stetig gebessert. Es scheint mir, daß es ein großer Fehler sein würde, wollten wir diesen Gang gewaltsam beschleunigen." DIE AUFTEILUNG MAROKKOS r> Am 4. Oktober 1903 schrieb mir der Botschafter in London mit Bezug auf Marokko: „Falls Frankreich, England und Spanien sich über einen Plan zur Aufteilung Marokkos einigten, könnten wir den drei Mächten zunächst mitteilen, daß wir einen Teilungsplan, an dem wir nicht beteiligt wären, nicht anerkennten. Wir erhöben also Protest, weil unsere bedeutenden Handelsinteressen an der atlantischen Küste nicht berücksichtigt worden wären. Dem steht freüich entgegen, daß ein leerer Protest ohne Druck- und Drohmittel in seinen Folgen meist verhängnisvoller ist als ruhiges Geschehenlassen. Solche Mittel ließen sich wohl finden, ihre Anwendung wäre aber ein nicht ungewagtes Spiel. Wenn England den Franzosen große Zugeständnisse in Marokko macht, so wird es trachten, bei diesem Anlaß Ägypten aller internationalen Fesseln zu entledigen. Die Franzosen haben längst ein Kreuz über Ägypten gemacht und würden für Marokko gern an England das wenige zugestehen, was sie in Ägypten noch an politischem Einfluß besitzen. Wir dürfen in eine aktive antienglische Politik in Ägypten natürlich nur eintreten, wenn sich England in Marokko gegen uns stellt. Der blo(Je Verdacht genügt nicht, wenn wir nicht die englische Regierung geradezu in eine grundsätzüch feindliche Stellung gegen uns drängen wollen." Der Brief Metternichs schloß: „Wenn England sich trolz allem mit Frankreich über eine gründliche Aufteilung Marokkos verständigt, was ich immerhin noch bezweifle, denn die Aufgabe der wenigen den Franzosen in Ägypten übriggebliebenen Rechte wiegt für die Engländer nicht den Verzicht von Marokko auf, so dürfte England hierzu nur durch den Wunsch bewegt werden, die neue Freundschaft mit Frankreich ä tout prix fester zu knüpfen. Gegen Frankreich haben wir ein weit stärkeres Druckmittel als gegen England, sofern über unsere Köpfe hinweg die Teilung inszeniert werden sollte. Wir können der französischen Regierung le cas echeant sagen, daß sie viel zu weise wäre, um die mehr als dreißig Jahre mit Vorsicht gepflegten friedlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Wir brauchen deshalb kein Armeekorps zu mobihsieren, und die Franzosen werden dies auch nicht ohne weiteres tun. Aber Marokko ist ein ernstliches Game of bluff." Metternich warnte vor einem vorzeitigen deutschen Hervortreten in der Marokko-Frage und namentlich vor einer inopportunen Preßkampagne. „Wenn überhaupt, können wir nur im opportunen Moment durch schweres diplomatisches Geschütz etwas ausrichten. Je früher wir die Batterie auffahren, um so mehr Zeit wird den Gegnern gegeben, sich zu verschanzen und Gegenmaßnahmen zu treffen. Wann der richtige Augenblick für uns eintritt, kann nur die Entwicklung der Dinge lehren oder erst durch die genauere Kenntnis der englisch-französischen Abmachungen bestimmt werden." 6 GEFAHR FÜR DIE RUSSISCHE DYNASTIE Petersburg Nicht lange nach der Begegnung unseres Kaisers mit dem russischen Prinz Kaiserpaar in Wolfsgarten hatte ich von meinem früheren Chefin St.Peters- Hemrich VII. burg und späteren langjährigen Gönner und Freund, dem Prinzen Reuß über ji e j Iir j cn VII. Reuß, einen nicht uninteressanten Brief über russische Hofvorgänge und Hofzustände erhalten. Er hatte auf seinem Gute Trebschen in der IN eumark den Besuch seiner Nich te, der Großfürstin Wladimir, erhalten. Über die vertraulichen Mitteilungen der schönen Frau schrieb er mir: „Von allem, was ich habe hören können, habe ich einen recht unerfreulichen Eindruck gewonnen. Der gute Wille, die bessere Einsicht des Kaisers Nikolaus kommen nicht zur Geltung, weil Tatkraft gänzlich fehlt und auch Interesse an den Geschäften. Auch weil sich Einflüsse geltend machen, die perniziös sind, und zwar von weiblicher Seite, mit einer bedenklichen Beimischung von Mystizismus, deren Trägerinnen die montenegrinischen Prinzessinnen sind, welche ihrerseits entschiedenen Einfluß auf die regierende Kaiserin ausüben, ein Einfluß, dem selbst die Kaiserin-Mutter nicht mehr gewachsen ist. Beispiel: die Ungnade Wittes, der sich weigerte, Geld für den Beherrscher der Schwarzen Berge herzugeben in dem Umfange, wie es von den Töchtern verlangt wurde. In dem Hang zu dem mystischen Treiben dieser Clique liegt nach der Überzeugung der Großfürstin Wladimir eine große Gefahr für die Dynastie. Das russische Volk wittere Unrat, und dadurch litte das Ansehen Väterchens. Das würde von der revolutionären Partei geschickt benutzt, um das kaiserliche Ansehen noch mehr zu untergraben. Die Nihilisten hätten ihre Taktik geändert. Nicht mehr Mord des Dynasten, sondern Schüren gegen seine dynastische Unfehlbarkeit in den breiten Schichten des Volks sei heute die Losung. Und oben sei man vollkommen blind gegen diese Gefahr, bilde sich ein, alles ginge zum besten, und wenn man überhaupt jemand Gehör schenke, so sei es denen, die alles schön zu färben verstünden. Niemand werde gehört, und mit eifersüchtigen Augen würden diejenigen beobachtet resp. abgedrängt, die den Mut hätten, die Wahrheit zu sagen." Diesen Mitteilungen seiner Nichte, der Großfürstin, fügte Prinz Reuß hinzu: „Erfreulich ist, daß der Zar Sympathie für unseren Allergnädig- sten Herrn hat, und wenn das Wasser auch keine Balken hat und ein unsicheres Element ist, so sind doch die Rendezvous auf demselben eine treffliche Erfindung, besonders auch deshalb, weil das Ewigweibliche davon ausgeschlossen bleibt. Zur größten Vorsicht ist aber zu raten, nicht zu viel Avancen zu machen. Das macht dort den entgegengesetzten Effekt des Gewünschten. Die Leidenschaft für den Alliierten an der Seine scheint nur künstlich genährt zu werden. Über Lambsdorff meinte die Großfürstin, es fehle ihm viel zum hervorragenden Staatsmann, aber er wäre zuverlässig." ROTE, SCHWARZE ODER GELBE AFFEN 7 Einige Wochen vor dem Besuch der Großfürstin Wladimir in Trebschen hatte Tirpitz in St. Petersburg geweilt. Er war von Kaiser Wilhelm beauftragt worden, dem Zaren Zeichnungen von unseren im Bau begriffenen Panzerschiffen zu übergeben und ihm darzulegen, daß unsere Seemacht auf die Nordsee konzentriert bleibe. Die von der französischen Presse verbreitete Nachricht, wir wollten Danzig in einen Kriegshafen verwandeln, sei unbegründet. Tirpitz hatte natürüch keine Gelegenheit gehabt, in die Intimitäten des Zarenhofes einzudringen, aber er war mit größter Auszeichnung empfangen worden. Er hatte in Zarskoje Selo im engsten Kreis bei den Majestäten gefrühstückt. Die bisher für wenig deutschfreundlich geltenden Großfürsten Alexei Alexandrowitsch und Alexander Micha- ilowitsch waren ihm sehr freundlich entgegengekommen. Der Vizeadmiral Avellan, der dreizehn Jahre früher das russische Geschwader nach Toulon geführt hatte, zeigte sich besonders empressiert. In Deutschland hatten die Wahlen von 1903 der Sozialdemokratie einen bedeutenden Zuwachs an Stimmen gebracht. Wilhelm II. war zu intelli- Reichstags- gent, um nicht zu fühlen, daß zu diesem Anschwellen der Sozialdemo- wählen kratischen Stimmen er selbst durch seine Beden und Gesten nicht unwesent- von * 903 lieh beigetragen hatte. Wie dies aber leider nur zu oft seine Art war, verschloß er seine Augen vor der eigenen Verantwortung und richtete proprio motu ein Telegramm en clair an mich, in dem es hieß, es sei ihm vollständig gleichgültig, ob in dem Beichstagskäfig rote, schwarze oder gelbe Affen herumsprängen. Daß dies mehr als burschikose Telegramm nicht in die Öffentlichkeit kam, war ein schöner Beweis für die Treue und Verschwiegenheit des Telegraphenpersonals. Für mich war es weniger der von der Sozialdemokratie erzielte Gewinn, der mir bedenklich erschien, als die in Deutschland immer weiter um sich greifende und schließlich bei vielen fast zum Glaubenssatz gewordene Meinung, daß die sozialdemokratische Bewegung unter keinen Umständen zum Stillstehen zu bringen wäre, sondern wie ein Naturereignis, dem Meere oder einer Lawine vergleichbar, unaufhaltsam weiterrolle. Ich suchte deshalb nach einer Gelegenheit zur öffentlichen Abrechnung mit der sozialdemokratischen Partei. Ich war von der Notwendigkeit durchdrungen, im passenden Augenblick eine Beichstagsauflösung herbeizuführen, um einen besser zusammengesetzten Beichstag zu erhalten. Unerschütterlich gewillt, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten, war ich nach wie vor gegen unprovozierte Gewaltmaßregeln, geschweige denn einen Staatsstreich und Bruch der beschworenen Verfassung. Ich war und bin der Ansicht, daß große soziale Bewegungen und Strömungen auf die Dauer nur geistig zu überwinden sind, das heißt mit Vernunft und Ge>st, was eine feste Hand im Notfall nicht ausschließt. In Deutschland wird die Bedeutung des gesprochenen Wortes vielfach unterschätzt. Ohne faustisch 8 DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE angelegt oder gar begabt zu sein, betet mancher deutsche Philister das Wort des Faust nach: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen." In Wirklichkeit ist die Bedeutung des Worts ungeheuer groß. Ich glaube, daß wir im Jahre 1906 nicht einen so glänzenden Sieg über die Sozialdemokratie erfochten haben würden, wenn meine vorher gehaltenen und in Millionen von Exemplaren verbreiteten Reichstagsredeu nicht das Terrain vorbereitet hätten. Wenn ich die Sozialdemokratie bekämpfte, so geschah dies nicht aus Mangel an Verständnis für den berechtigten Kern ihrer Bestrebungen. Noch weniger aus dem Gesichtswinkel eines beschränkten Aristokratendünkels oder gar aus irgendwelchen selbstsüchtigen Motiven. Ich war überzeugt, daß die Herrschaft der Sozialdemokratie gerade in Deutschland das Ende der Größe, Macht und Wohlfahrt des Deutschen Reichs bedeuten würde. Nicht nur die Schwächen, auch die Vorzüge des deutschen Charakters machen die Sozialdemokratie für Deutschland besonders gefährlich. Der Deutsche ist doktrinärer als irgendein anderes Volk. Er versteht es viel weniger als der Engländer, Franzose und Italiener, sich in praktischen Fragen von den Netzen der Theorie zu befreien. Er geht in seinem Doktrinarismus mit dem Kopf durch die Wand. Als während meiner Amtszeit in Bern ein internationaler Kongreß zum Zweck der Regulierung der Frauen- und Kinderarbeit stattfand, sagte der französische Delegierte, der spätere Präsident der Französischen Republik, Alexandre Millerand, damals einer der Führer der französischen Sozialdemokraten, meinem Bruder Alfred, der deutscher Gesandter in Bern war: „Zügeln Sie doch Ihre Geheimen Räte, die man aus Berlin zu diesem Kongreß hierhergesandt hat. Die sind ja doktrinärer und unpraktischer als unsere törichtsten sozialistischen Schwärmer. Que diable, avant tout il faut que l'industrie marche." Der Typus Millerand, Briand, Albert Thomas, Lloyd George, Crispi, Fortis, d. h. der Typus des Demagogen, der sich allmählich zu einem verständigen Staatsmann durchmausert, findet sich immer von neuem und zum Wohl dieser Länder in Frankreich, England, Italien. In Deutschland ist er selten. Wir haben in Deutschland noch keinen Clemenceau gehabt, der, Minister geworden, auf streikende Arbeiter schießen ließ und, gegenüber diesem grausamen Vorgehen an frühere arbeiterfreundliche Reden erinnert, kühl erwiderte: „A present je suis de l'autre cote de la barricade." Vor allem ist das Nationalgefühl bei unseren Nachbarn viel, unendlich viel stärker als bei uns. Der französische Sozialist will, daß auch ein sozialistisch organisiertes. Frankreich in Europa dominieren soll, schon weil Frankreich, das Frankreich von 1789, „la mere de la revolution" ist. Gerade so wie der französische Klerikale fordert, daß Frankreich als „fils aine de l'Eglise" die katholische Welt beherrsche. Der französische Sozialist sucht sich emporzuheben aus dem Dunst der Niederung, der deutsche will die anderen Reichskanzler Fürst, von Bülow DEBATTE MIT BEBEL 9 in seine Niederungen hinabziehen. Selbst die größte Gabe des Deutschen, sein Organisationstalent, hat unendlich viel zum Aufschwung der deutschen Sozialdemokratie beigetragen, aber auch gleichzeitig zu ihrer Erstarrung. Sidney Sonnino sagte mir einmal im Winter 1914 auf 1915: „Gewiß bewundere ich die Fähigkeit des Deutschen im Organisieren. Aber so unbeschränkt, wie sie bei Ihnen waltet, führt sie zur Arteriosklerose, zur geistigen Verkalkung." Ähnlich meinte während des Weltkrieges Balfour: die Deutschen hätten ein für die Welt gefährliches Talent zum Organisieren, aber vielleicht gerade deshalb wären sie keine Psychologen. Während meines Rededuells mit Bebel am 10., 14. und 15. Dezember 1903* setzte ich mich mit Programm und Weltanschauung der deutschen Sozialdemokratie auseinander. Ich hatte vielleicht gerade deshalb Erfolg, weil ich, bis auf einige positive Mitteilungen über Skandalosa in der Garnison Forbach und über die Erhebung von Abgaben auf den Wasserstraßen, unvorbereitet sprach. Als ich die von Bebel auf dem Dresdener Sozialdemokratischen Parteitag gezeigte Unduldsamkeit geißelte, fand ich bis weit in die Linke hinein Verständnis. Die revisionistischen Sozialisten schmunzelten stillvergnügt. Als ich der Sozialdemokratie für Disziplin und Opferfreudigkeit die Zensur Ia, für positive Leistungen und Klarheit des Programms die Zensur V b erteilte, sagte ich leider nur zu sehr die Zukunft voraus. Man hat mich oft gefragt, woher das von mir Bebel zugerufene Zitat stamme: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein." Ich wußte es damals nicht und weiß es auch heute noch nicht. Da das Verschen mir im Laufe meiner Rede einfiel, so möchte ich annehmen, daß ich es schon in meiner ersten Jugend in Frankfurt a. M., Sachsenhausen oder Bonames habe singen hören, wo damals noch mancherlei Reminiszenzen an das Jahr 1848 lebendig waren. Die sehr gescheite Nichte des Fürsten Bismarck, die Tochter seiner geliebten Malle, Frau von Kotze, geborene von Arnim-KröchlendorfT, schrieb mir: „In meinem Bismarckschen Blute steckt die glühende Liebe zum Vaterland, und diese hat aufgejubelt bei Ihrer Rede. Eine solche ist seit Bismarcks Zeiten im Reichstag nicht gehalten worden. Da lacht einem das Herz im Leibe, wenn der Führer der Nation so tapfere, klare, scharfe Kampfesworte findet. Worte, die nicht nur Worte sind, sondern eine Tat. Sie richten das Vertrauen zu Ihnen auf und beleben die Überzeugung, daß vielleicht manches anders wäre, wenn sich Ihrem Wollen nicht oft unüberwindliche Hindernisse entgegentürmten. Jeder Patriot muß den brennenden Wunsch hegen, Sie noch lange Jahre an der Spitze unserer Regierung zu sehen. Daß diesen Wunsch jemand ausspricht, der so wie ich über beide * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 1 ff.; Kleine Ausgabe III, S. 10 ff. 10 DIE JESUITEIN Ohren in den alten Traditionen drinsteckt, möge Ihnen die Stärke meiner tiefen, freudigen Erregung beweisen." Der Dichter Ernst von Wildenbruch schrieb mir: „Wie schon manchmal ist es auch diesmal Ihnen gegeben gewesen, einem allgemeinen Empfinden überzeugenden Ausdruck zu verleihen. Und wenn ich zu jedem Ihrer kraft- und geistvollen Worte Ja und Amen sage, so geht für mich aus dem Gesamteindruck Ihrer Reden doch noch eine höhere Befriedigung hervor, die Freude, daß wir Deutsche an solcher Stelle einen Mann von so umfassendem Blick und zugleich von so unbeirrbarer innerer Geschlossenheit besitzen." Ein anderer Dichter, Adolf Wilbrandt, schrieb: „Lieber, verehrtester Freund. Herrlich! Ehe ich an mein dramatisches Tagewerk gehe, muß ich Ihnen sagen, daß ich von Ihren jüngsten Reichstagsreden geradezu entzückt bin. Hätt' ich sie doch selbst gehört! Den Grauschimmel Bebel haben Sie meisterhaft geritten!" Und aus Hamburg telegraphierte mir der nüchterne, gescheite Albert Ballin: „Ich bitte um die Erlaubnis, Euer Exzellenz es aussprechen zu dürfen, wie sehr mich Ihre letzten Reden gegen Bebel begeistert haben. Das war das rechte Wort zur rechten Zeit. Das Wort, auf welches die Nation gewartet hatte und welches Euer Exzellenz Freunde und Verehrer erwerben wird weit über des Vaterlandes Grenzen hinaus." Wenn ich nach Jahren an diese Debatten zurückdenke, so werde ich in der Überzeugung bestärkt, daß die kaum zu bestreitende Dürre und Langeweile derzeitiger deutscher parlamentarischer Verhandlungen nicht zum kleinsten^Teil auf die leidige Neigung unserer heutigen Parlamentarier zu langen, seit lange vorbereiteten, mehr oder weniger vom Manuskript abgelesenen Einzel Vorträgen zurückzuführen ist. Solche Monologe ohne direktes Eingehen auf Argumente des Gegners, ohne sofortige Replik auf Zwischenrufe können nie die Lebhaftigkeit und Frische, die Unmittelbarkeit und Wirksamkeit französischer Debatten erreichen, die eine wirkliche Auseinandersetzung mit unmittelbarer und deshalb auch viel stärkerer Wirkung sind. In jeder Reichstagssession wurde von Seiten des Zentrums ein Antrag Aufliebung auf Aufhebung des sogenannten Jesuitengesetzes, d. h. des Reichsgesetzes des Jesuiten- V om 4. Juli 1872, betreffend den Orden der Gesellschaft Jesu, oder wenig- Gesetzes sten8 au f Modifikation dieses Gesetzes gestellt. Es handelte sich hierbei zunächst nicht um den in § 1 niedergelegten Grundgedanken des Gesetzes, durch den die Tätigkeit des Jesuitenordens im Deutschen Reich verboten wurde. Wohl aber sollte der § 2 des Gesetzes aufgehoben werden, wonach die Angehörigen des Ordens oder der ihm verwandten Orden oder ordensähnlicher Kongregationen aus dem Bundesgebiet ausgewiesen werden durften, wenn sie Ausländer waren. Waren sie Inländer, so konnte ihnen der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orten versagt oder angewiesen werden. Ich war mit Ausnahme unserer Ostmark, wo wir uns gegenüber „HÖLLENSÖHNE" 11 der großpolnischen Agitation im Zustande der Notwehr befanden und wo es um Sein oder Nichtsein des Preußischen Staates und deutschen Volkstums ging, kein Freund von Ausnahmegesetzen. Es erschien mir unbillig, daß die Angehörigen des Jesuitenordens die einzigen Deutschen sein sollten, denen das Recht genommen oder wenigstens beschränkt werden konnte, in der Heimat zu weilen. Seit mehreren Jahren hatten sowohl die Konservativen wie die große Mehrheit der Liberalen regelmäßig für den Antrag auf Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes gestimmt. Nachdem ich schon am 3. Februar 1903 auf eine Anfrage des Abgeordneten Spahn erwidert hatte, daß nach meiner Ansicht die konfessionellen Verhältnisse innerhalb des Deutschen Reichs es nicht länger notwendig erscheinen ließen, einzelne deutsche Staatsangehörige deshalb, weil sie der Gesellschaft Jesu angehörten, unter die Bestimmung eines Ausnahmegesetzes zu stellen, setzte ich am 8. März 1904 in einer Sitzung des Bundesrats die Aufhebung des § 2 durch und erlangte am selben Tage die Unterschrift des Kaisers für den nunmehr vorliegenden übereinstimmenden Beschluß von Bundesrat und Reichstag. Die Unterschrift Seiner Majestät zu erreichen, war in diesem Falle nicht ganz leicht. Der Kaiser war wie viele Protestanten, übrigens auch nicht wenige Katholiken, gegen die Jesuiten sehr eingenommen. Wenn in einem Bericht von Söhnen des hl. Ignaz von Loyola die Rede war, pflegte er „Höllensöhne" oder „Teufelsbraten" an den Rand zu schreiben. Im Bundesrat widerstrebten namentlich Sachsen und die thüringischen Staaten. Der weise und weitblickende König Albert hatte immer der Tatsache Rechnung getragen, daß Sachsen die Wiege der Reformation war und daß das sächsische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit an seiner evangelischen Konfession festhielt. Sein Bruder und Nachfolger, der König Georg, dessen Söhne und Enkel huldigten einer ultraklerikalen Weltanschauung, die sie auch nach außen gelegentlich zur Schau trugen und die jedermann kannte. Es machte deshalb keinen erhebenden Eindruck, als im ausdrücklichen Auftrag des Königs Georg der sächsische Kultusminister in der Sächsischen Zweiten Kammer erklärte, daß nach einem vom Sächsischen Staatsministerium einstimmig gefaßten Beschluß die sächsischen Stimmen im Bundesrat gegen die Aufhebung des § 2 abgegeben worden seien. Unter lebhaften Bravorufen der damals sehr loyalen Sächsischen Kammer fügte der Minister hinzu, daß dies Vorgehen der Minister die vollste Zustimmung des Königs Georg gefunden habe, was den tief empfundenen und aufrichtigen Dank des sächsischen Volkes verdiene. Das bedeutete natürlich einen aus rein partikularistisch-dynastischen Motiven hervorgehenden, nebenbei gesagt von wenig Mut und ebensowenig Aufrichtigkeit zeugenden Stoß in meinen Rücken. Es liegt eine gewisse Ironie darin, daß der Enkel des Königs Georg, der Kronprinz Georg von 12 HEYDEBRAND Sachsen, nach dem Umsturz erst Priester wurde und dann als Pater Georg von Sachsen Mitglied der Gesellschaft Jesu. Die Debatten, zu denen im Preußischen Abgeordnetenhaus die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes führte, gewährten mir reichlich Gelegenheit, mich von der Unzuverlässigkeit und Unehrlichkeit unserer Parlamentarier aller Parteien zu überzeugen. Der Abgeordnete von Heyde- brand, der nach dem Rücktritt des einsichtigeren Grafen Stirum die Führung der preußischen Konservativen an sich gerissen hatte, erklärte in der pathetischsten Haltung und Stellung, zu der er sich bei seiner kleinen Figur emporrecken konnte: „Bis hierher, Herr Reichskanzler, aber nicht weiter!" Die berufenen Stellen, führte er weiter aus, wahrten nicht genügend die evangelischen Interessen, die regierenden Faktoren zeigten gegenüber dem Ultramontanismus keine Festigkeit. Während der Diskussion konnte ich beobachten, wie Herr von Heydebrand auf einen ausgesprochenen Kulturkämpfer in der nationalliberalen Partei, den Abgeordneten Sattler, übrigens einen tüchtigen Mann, der bald nachher an einer schmerzhaften Krankheit sterben sollte, lebhaft einredete, daß er noch schärfer gegen die Regierung vorgehen möge. Es sollte die Zeit kommen, wo Herr von Heydebrand in schroffer Form und mit beklagenswerter politischer Kurzsichtigkeit mit den Nationalliberalen brach, um sich ganz dem Zentrum in die Arme zu werfen. Die höchsten Töne schlug der nationalliberale Führer Professor Dr. Friedberg an. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mir mit erhobener Stimme und ausgestrecktem Arm zurief: Wenn ein künftiger Treitschke die innere preußische Politik vom Jahre 1904 schildern sollte, so würde der Kanzler Bülow schlecht wegkommen, der die Tür des deutschen Hauses wieder den Jesuiten geöffnet hätte. Es war mir noch vergönnt, denselben Abgeordneten Friedberg im Jahre 1917 vor mir zu sehen, wie er als Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums den Sitzungssaal des Herrenhauses Arm in Arm mit dem Ministerpräsidenten Hertling betrat, ein Herz und eine Seele mit ihm, der Zeit seines Lebens den Jesuiten immer besonders nahegestanden hatte. „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau'n und Männer bloße Spieler", sagt bei Shakespeare der melancholische Edelmann Jacques zu seinem verbannten Herzog. Ich brachte wenigstens die Lacher auf meine Seite, als ich einen Abgeordneten, der ein Jahr vorher für den Antrag auf Aufhebung des § 2 gestimmt hatte, mich nun aber, als ich diesem Antrag entgegenkam, deshalb angriff, frug, ob er etwa jenen Antrag eingebracht hätte in der stillen Hoffnung, mit der Reservatio mentalis, die Regierung würde nicht darauf eingehen. Das wäre ja beinahe jesuitisch. Ich gab meinen innersten Empfindungen Ausdruck, als ich gegenüber den bei dieser Gelegenheit gegen mich gerichteten, zum Teil recht platten Angriffen bemerkte, ich verstünde jetzt die Gefühle, mit denen Hus GATTE EINER KATHOLIKIN L3 sehen Kreisen dem alten „und stupiden" Weibe zusah, das Reisig zu seinem Scheiterhaufen herbeitrug. „Sancta simplicitas!" Am Hofe wurde mir namentlich von den Damen der Kaiserin die Aufhebung des § 2 nicht wenig verargt. Wenn ich im Laufe des südafrikanischen Widerstand Krieges zahlreiche anonyme und nicht anonyme Zuschriften erhalten hatte, in Protestantin denen ich als „Knecht Englands" und „Verräter an der deutschen Sache' geschmäht und bedroht wurde, so kam die Reihe jetzt an meine bebe, ganz unpoÜtische Frau, der während Wochen hitzige Protestanten in meist anonymen Briefen und Postkarten, bisweilen unter wüsten Drohungen, vorwarfen, daß sie, als Katholikin, das Vaterland und ihren Gatten an die S. J. verriete. Auch diese Zuschriften wanderten in den Papierkorb. Aus der Umgebung der Majestäten schrieb mir ein freundlich gesinnter Flügeladjutant: „Während der gestrigen Abendtafel meinte eine der Damen Ihrer Majestät seufzend: ,Der Herr Reichskanzler hat eine katholische Frau, einen katholischen Adjutanten, den Erbprinzen von Salm, auch sein Privatsekretär, der Hofrat Schefer, soll katholisch sein. Jedenfalls ist sein Hausfreund, der Prinz Franz Arenberg, ein eifriger Katholik, der die Frau Reichskanzlerin jeden Sonntag zur Messe in die Hedwigskirche geleitet. Wo soll das hinführen ?' S. M. antwortete nichts, I. M. schwieg auch, sah aber betrübt aus." Ich ließ mich durch solche Mischung von Bosheit und Einfältigkeit nicht irremachen. Ich begreife die Abneigung und das Mißtrauen, das in weiten evangelischen Kreisen gegen die Societas Jesu besteht. Sehen doch auch viele Katholiken mit gleichen Empfindungen auf diesen Orden. Niemand hat an den Jesuiten eine vernichtendere Kritik geübt als in seinen unsterblichen Briefen „Les Provinciales" Blaise Pascal, einer der größten katholischen Geister aller Zeiten. Es ist ein Katholik, der gesagt hat: „O vos, qui cum Jesu itis, non ite cum Jesuitis." Es ist ein kathobscher Tiroler, Hermann Gilm, der wie kaum ein anderer in seinen Jesuitenliedern die Geißel über diesem Orden geschwungen hat. Ich möchte meine Ansicht dahin zusammenfassen, daß in ganz überwiegend protestantischen Ländern wie England und Amerika die Jesuiten wenig Schaden anrichten können. Daß sie in überwiegend oder rein katholischen Ländern durch Leidenschaftlichkeit, Kurzsichtigkeit und Herrschsucht viel zu verderben vermögen, zeigt die polnische, die österreichische und die französische Geschichte. Bei einem Volk wie dem deutschen, wo sich zwei Konfessionen annähernd gleich stark gegenüberstehen, hat der Orden nicht immer zur Verträgbchkeit zwischen den Konfessionen beigetragen. Um so mehr wird es an dem evangelischen Teil der Bevölkerung sein, in großzügiger Toleranz, aber auch mit treuem Festhalten an seinem Bekenntnis, die Rechte und die Stellung der evangebschen Kirche zu verteidigen. Ich möchte ausdrücklich betonen, wie ich weit davon entfernt bin, zu bestreiten, 14 WILHELM II. AUF DEM H AP AG-D AMPFER daß es unter den Jesuiten nicht nur kluge und tüchtige, sondern auch gute, edle, von reinstem Idealismus erfüllte Männer gibt. Während des Deutsch-Französischen Krieges stand ich bei derselben Schwadron mit einem westfälischen Freiherrn von Böselager. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Er war ein ungewöhnlich unterrichteter und begabter junger Mann, dabei ein tüchtiger Soldat, der sich von keinem Königshusaren an Eifer im Dienst, an Unermüdlichkeit im Patrouillereiten, an Tapferkeit bei der Attacke übertreffen ließ. Wir führten oft lange religiöse Gespräche, im Geiste des großen Wortes: „In necessariis unitas." Sobald der Feldzug zu Ende war, bestimmte Böselager sein ganzes nicht unbeträchtliches Vermögen für fromme Zwecke, dann trat er in den Jesuitenorden ein. Als ich mich viele Jahre später bei einem seiner Verwandten nach seinem Ergehen erkundigte, hörte ich, daß Karl Böselager in den sumpfigen Niederungen des Ganges einer Pestepidemie erlegen wäre, bis zum letzten Atemzuge die Kranken pflegend und versehend, die Gesunden aufrichtend und tröstend. Ave, pia anima! Als ich die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes erreicht hatte, schrieb mir Kardinal Kopp: „Eure Exzellenz wollen geneigen, wenigstens ein stilles Dankeswort für die Erledigung der Jesuiten-Frage entgegenzunehmen. Die Wogen der wohl meist nur künstlichen Aufregung werden sich voraussichtlich bald verlaufen, die Katholiken aber hoffentlich der Opfer eingedenk bleiben, die Eure Exzellenz für diese Friedensaktion gebracht haben. In unwandelbarer Treue und Verehrung. G. Kard. Kopp." Mein lieber alter Freund der Prinz Franz Arenberg schrieb mir: „Jukus Bachem, der Redakteur der Kölnischen Volkszeitung, sagt mir soeben, die zweite Auflage des Katholischen Staatslexikons sei fertiggestellt, und die Redaktion habe beschlossen, Dir ein Exemplar in Prachtband zu verehren. Die Leute wissen sehr gut, welches Maß von Dank sie Dir für alle Anfechtungen schulden, denen Du Dich ihretwegen ausgesetzt hast, und wollen Dir mit dieser Aufmerksamkeit ihre Verehrung und Erkenntlichkeit zeigen. Diesen Beweis anständiger Gesinnung bin ich sehr glücklich Dir übermitteln zu können." Mündlich sagte mir Arenberg in jenen Tagen: „Als Zentrumsmann danke ich dir. Als dein Freund sage ich dir: Nun aber Schluß! Wenn in Deutschland eine Partei ungefähr alles erreicht hat, was sie vernünftigerweise verlangen kann, dann ist für die Regierung nicht mehr mit ihr auszukommen, dann wird sie unverschämt." Diese Prophezeiung sollte sich schon zwei Jahre später erfüllen. Im März 1904 unternahm Kaiser Wilhelm seine erste Mittelmeerreise. Mittelmeer- Die Hamburg-Amerika-Linie hatte ihm zu diesem Zweck einen ihrer größten fahrt des Dampfer zur Verfügung gestellt, was Seine Majestät die Möglichkeit bot, °' sers eine stattliche Zahl von Bekannten auf diese Fahrt mitzunehmen. Als der PROFESSOR SCHIEMANN LS Kaiser von der Reise zurückkehrte, sagte mir der Chef des Militärkabinetts Graf Dietrich Hülsen, der viel gesunden Menschenverstand besaß: „Warum haben Sie uns diesen gräßlichen Schiemann auf die Reise mitgegeben ? Er ist ein Schmarotzer, ein Schleicher und ein Schmeichler, das zusammen ist zu viel." Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so muß ich gestehen, daß, wenn Irren überhaupt menschliches Los ist, ich das Malheur hatte, in personalibus häufig zu irren. Als ich Staatssekretär des Äußern wurde, lenkten Waldersee und Holstein meine Aufmerksamkeit auf einen baltischen Professor der Geschichte, Herrn Theodor Schiemann, der sich in einer materiell bedrängten Lage befände. Ich lud ihn zu Tisch ein und fand einen in der russischen Geschichte wohlbeschlagenen Mann. Da ich mich für Geschichte immer lebhaft interessiert, auch während meines langen Aufenthaltes in Rußland selbst russische Geschichte studiert hatte, fand ich Gefallen an ihm, obwohl mich die allzu weit getriebene Unterwürfigkeit seiner Manieren nicht angenehm berührte. Da es ihm wirklich recht schlecht zu gehen schien, so unterstützte ich ihn gelegentlich aus dem kleinen Fonds, der mir für solche Zwecke zur Verfügung stand. Ich erfüllte auch seinen brennenden Wunsch, dem Kaiser vorgestellt zu werden, und ließ ihn nach einem Diner, an dem Seine Majestät teilgenommen hatte, seine Paradestücke aufsagen: die Hinrichtung des unglücklichen Zarewitsch Alexei durch seinen Vater, Peter den Großen, die Ermordung des Kaisers Peter III. durch seine Gemahlin, die Kaiserin Katharina, die Erdrosselung des Kaisers Paul unter stillem Mitwissen, wenn nicht mit Konnivenz semer Gemahlin und seines ältesten Sohnes, des Kaisers Alexander I. Ich setzte ihn auch auf die Liste der Personen, die ich dem Kaiser vorschlug auf die Mittelmeerfahrt mitzunehmen. Da Schiemann nicht nur sehr verhungert aussah, wodurch er von vornherein das weiche Herz meiner Frau gerührt hatte, sondern auch recht schäbig angezogen war, so ließ ich ihn für die Reise neu ausstaffieren. Er erhielt einen stattlichen dunkelblauen und einen schmucken hellgrauen Anzug, mit denen bekleidet er sich ohne Scheu dem Allerhöchsten Gefolge anschließen konnte. Aber Theodor Schiemann vertrug wie manche andere Gelehrte die Hof luft nicht. Er bildete sich immer mehr zum Speichellecker und Ohrenbläser aus und sollte mir und, was schlimmer war, unserer Politik im Laufe der Jahre viele Ungelegenheiten bereiten. Schiemann schrieb damals in der „Kreuzzeitung" die wöchentHche Rundschau über auswärtige Politik und benutzte fast jeden seiner Artikel zu einem Trompetenstoß für mich. Diese Aufsätze sind später in Buchform erschienen. Sie stehen wohlgeordnet in meiner Bibliothek. Sie waren schön eingebunden in prächtigem rotem Leder, sie brauchten also nicht zu erröten, als sich Professor Schiemann mir gegenüber nach meinem Rücktritt aus einem eifrigen Lobredner in einen gehässigen Gegner verwandelte. L6 PLÖTZLICHER KURS AUF GENUA Während der Kaiser das Mittelmeer befuhr, erfolgte der Besuch des Keine Präsidenten der Französischen Republik Loubet in Rom. Wilhelm II. hätte Begegnung g ar zu g ern e j ne Begegnung mit Loubet herbeigeführt. Er überlegte sich mit Loubet e jf r £g ,j as Zeremoniell des Zusammentreffens. Er bezeichnete es mir als unmöglich, bei einem Besuch von Loubet an Bord eines deutschen Schiffes die „Marseillaise" spielen zu lassen. „Das wäre gegen meine legitimistischen Grundsätze", meinte der Kaiser. Dagegen wollte er dem Präsidenten den französischen Armeemarsch „Sambre et Meuse" konzedieren, obwohl auch dieser Marsch die Bluttaufe der Revolution erhalten hatte. Ich sagte dem Kaiser, daß er sich umsonst den Kopf zerbreche, denn Loubet würde schwerlich den Mut haben, mit ihm zusammenzutreffen und dadurch alle französischen Chauvinisten, Deroulede und die Ligue des Patriotes vor den Kopf zu stoßen. Das würde er gerade in dem Augenblick nicht wollen, wo er bemüht wäre, unter Brüskierung des Papstes die Italiener einzufangen. Der Kaiser hielt aber an seinem Plan mit der Hartnäckigkeit fest, die ihm eigen war, wo es sich um persönliche Inspirationen handelte. Er hatte ursprünglich die Absicht gehabt, vor Beendigung seiner Mittelmeer-Reise Korfu anzulaufen, um dort mit seiner Schwester, der Kronprinzessin Sophie von Griechenland, zusammenzutreffen und sich gleichzeitig das Achilleion anzusehen, das schöne Schloß der Kaiserin Elisabeth von Österreich^ von dem er viel gehört hatte, das er zu besitzen wünschte und später auch erworben hat. Plötzlich wurde, ohne daß es mir nach Berlin mitgeteilt worden wäre, der Kurs des Dampfers, der Seine Majestät trug, geändert und statt auf Korfu und Venedig auf Genua genommen, in der Hoffnung, unterwegs dem in denselben Tagen von Neapel nach Frankreich zurückkehrenden Präsidenten Loubet zu begegnen, richtiger gesagt, um ihn zwischen Neapel und Genua zu überfallen. Der Kaiserliche Botschafter in Rom Graf Monts schrieb mir unter dem 31. März 1904, daß Seine Majestät an der Ausschiffung in Genua festhalte. Es hieß in diesem Brief: „Da der für Genua in Aussicht genommene Termin des 29. mit dem Termin der Abreise des Präsidenten Loubet aus Neapel zusammenfällt, war von italienischer Seite vertraulich angeregt worden, ob nicht eine Änderung des Reiseprogramms Seiner Majestät zu ermöglichen wäre. Der Kaiser hatte indes ein Parallelprogramm, in welchem Major von Chelius eine Ausschiffung in Triest in Vorschlag brachte, abgelehnt. Da gegen Schluß der Reise ein Besuch des Adriatischen Meers, speziell der Insel Korfu in Aussicht steht, wird vermutlich italienischerseits in der Rückkehr in das Mittelländische Meer zwecks Ausschiffung in Genua eine Absichtlichkeit gefunden werden. Dieselbe würde in erster Linie auf den König Viktor Emanuel verstimmend einwirken und den tatsächlich guten Verlauf der Neapler Entrevue beeinträchtigen. Der italienische Hof würde nicht u mh inkönnen, UM LOUBET ABZUFANGEN 17 in Genua eine offizielle Begrüßung zu inszenieren. Ein deutscher Kaiser auf einem Kriegsschiff mit Kriegsschiffsbegleitung kann nicht als Privatmann den Fuß ans Land setzen. Zur Begrüßung unseres Herrn würde höchstens ein italienischer Prinz, wohl der Herzog von Genua, mobil gemacht werden, während der König die Einschiffung des Präsidenten Loubet in Neapel zur gleichen Stunde persönlich überwacht. Es ergäben sich da Vergleiche, die weder für die Offentlichkeit nützlich noch für Seine Majestät persönlich erfreulich sein würden. Abgesehen hiervon, müßten die jetzt schon hin und wieder auftauchenden Gerüchte über den Wunsch nach einer Entrevue mit Loubet neue Nahrung erhalten, wenn der Deutsche Kaiser sozusagen die Kiellinie des französischen Geschwaders kreuzt. Die Angelegenheit ist von mir mehrfach mit dem Vertreter des Auswärtigen Amts an Bord des kaiserlichen Schiffes, Herrn von Tschirschky, erwogen worden. Derselbe meinte, daß es nur Eurer Exzellenz persönlich möglich sein würde, den Kaiser unter Darlegung obiger Gründe von der Bückkehr ins Mittelmeer abzubringen. Es wird überhaupt sowieso nicht leicht sein, Seine Majestät zur Änderung des Programms zu veranlassen, da Allerhöchstderselbe zu einigen Adjutanten, nicht zu Herrn von Tschirschky oder mir, den Wunsch ausgesprochen hat, dem französischen, nach Neapel gehenden Geschwader wie zufällig auf der Fahrt zu begegnen. Übrigens würde, wenn es schon einem Nelson nicht gelang, die nach Ägypten gehende Flotte zu treffen, auch dem Comodore Usedom es sicherlich schwerfallen, die Panzer der Bepublik auf olfener See sozusagen abzufangen. Zum Schlüsse bemerke ich noch ehrerbietigst, daß während meines Aufenthalts in Neapel öfter Äußerungen aus dem Munde des Kaisers fielen, die auf den Wunsch einer nächstjährigen Wiederholung der Osterfahrt hindeuten. Hiermit quadriert auch die trotz aller gegenteiligen Äußerungen Seiner Majestät doch sehr auffallend gewesene Freundlichkeit gegen den König sowie die allen Vorschlägen entgegenkommende, oft dieselben geradezu überholende Bereitwilligkeit, Gnaden und Orden auszuteilen." Am 2. April fügte der Botschafter das nachstehende Postskriptum hinzu: „Unmittelbar vor Postschluß erhalte ich ein Telegramm des Gesandten von Tschirschky. Derselbe bittet dringend. Eure Exzellenz möchten ja nicht zu S. M. irgend etwas darüber verlauten lassen, daß Allerhöchstderselbe den Wunsch geäußert hat, die französische Flotte im Mittelmeer zu treffen. Die betreffende Marine- und Adjutantenquelle würde dadurch aufs peinlichste kompromittiert und für den auswärtigen Dienst für immer verstopft werden." Dem Kaiser blieb schließhch nichts anderes übrig, als sich mit den landschaftlichen Beizen Siziliens zu entschädigen, die sein für das Schöne empfängliches Gemüt in helle Begeisterung versetzten. Die erhabenen Grabdenkmäler zweier großer deutscher Kaiser, des genialen und unglücklichen 2 BUlow II 18 ECKAKDSTEINS„FAMOSER" RAT Frankreich Kaisers Friedrich II. und seines gewaltigen Vaters, Heinrichs VI., im Dom von Palermo riefen ihm die Hohenstaufen ins Gedächtnis, die in Sizilien selbst ziemlich vergessen und deren Bilder jedenfalls für die Einheimischen bereits stark verblaßt sind. Es erregte deshalb einiges Erstaunen, als der Kaiser bei seiner Rückkehr nach Deutschland in Karlsruhe am 28. April 1904 auf eine Ansprache des Bürgermeisters erwiderte, er komme aus einem Lande, wo das Andenken an die deutschen Kaiser treuer gepflegt und lebendiger aufrechterhalten würde als irgendwo sonst. Ich tönte diese Rede nach Möglichkeit ab, bevor sie veröffentlicht wurde, sie erregte aber doch Kopfschütteln. Es war nun einmal der Charme, aber auch die Klippe Wilhelms IL, sich den wechselndsten Eindrücken unterschiedslos mit dem gleichen Impetus hinzugeben. Als ich einige Stunden vor dem Kaiser in Karlsruhe eintraf, um ihn dort Der Kaiser zu begrüßen, fand ich ein chiffriertes Telegramm des Auswärtigen Amts vor, und m d em m i r gemeldet wurde, daß sich der Legationsrat von Eckardstein nach Karlsruhe begeben habe. Der Staatssekretär von Richthofen, der dies Telegramm an mich gesandt hatte, fügte hinzu, er höre von einem großen und durchaus zuverlässigen Berliner Bankier, daß Eckardstein stark ä la baisse engagiert sei. Ich möge ein Auge auf seinen Verkehr mit dem Kaiser haben. Eckardstein hatte nicht lange vorher den Dienst verlassen, in dem Augenblick, wo ich, trotzdem mir allmählich manches an ihm mißfiel, für ihn an einen kleineren Gesandtenposten dachte. Er motivierte seinen Rücktritt damit, daß seine Frau nur in England leben könne und daß ihn selbst beträchtliche Vermögensinteressen an die Heimat seiner Gattin knüpften. In späteren Jahren sollte es sich herausstellen, daß Eckardstein schon damals zu tief in große und gewagte Börsenspekulationen verwickelt war, um fern von der Londoner City ein Amt übernehmen zu können. In Karlsruhe merkte ich bald, was ihn dorthin geführt hatte. Der Kaiser erzählte mir in seiner offenherzigen Weise, daß Eckardstein ihm einen „famosen" Rat gegeben habe. Er möge die erste sich darbietende Gelegenheit, z. B. die unmittelbar bevorstehende Einweihung eines Kriegerdenkmals in Metz oder Saarbrücken, benutzen, um einen festen Kaltwasserstrahl nach Paris zu richten. Das würde des Kaisers Prestige erhöhen, die Franzosen aber dämpfen. Der Ratschlag war insofern gefährlich, als der Kaiser sich gerade damals in gereizter Stimmung gegen die Franzosen befand, weil Loubet es nicht zu der von Seiner Majestät brennend gewünschten Entrevue hatte kommen lassen. Es gelang mir, den Kaiser von Entgleisungen in der von Eckardstein empfohlenen Richtung abzuhalten, und bald nachher führte ein anderer Zwischenfall bei Seiner Majestät einen neuen und vollen Umschwung zugunsten der „belle France" herbei. Bei einem in Homburg vor der Höhe abgehaltenen Automobilrennen, dem der Kaiser beiwohnte, „VIVE L'EMPEREUR!" 19 siegte ein französischer Fahrer. Als der Kaiser ihm den von Ihrer Majestät ausgesetzten Ehrenpreis überreichte, riefen einige der anwesenden Franzosen: „Vive 1'Empereur!" Der Kaiser war von dieser Huldigung so begeistert, daß er stante pede an Präsident Loubet drahtete: „Ich beeile mich, Ihnen zu dem Siege Glück zu wünschen, den die französische Industrie soeben davongetragen hat und dessen Zeuge ich zu meiner Freude gewesen bin. Der dem Sieger vom Publikum bereitete Empfang beweist, wie sehr ein durch Intelligenz und mutiges Streben errungener Sieg dazu dient, Gefühle frei von Rivalität zu erzeugen." Der Kaiser hatte seinem Enthusiasmus ursprünglich weit mehr die Zügel 6chießen lassen wollen. Es gelang meinem Freunde, dem Kabinettsrat von dem Knesebeck, der in meiner Abwesenheit mit der Redaktion der Depesche betraut wurde, eine verständige Fassung durchzusetzen. Präsident Loubet antwortete mit Würde und Vorsicht. Mir telegraphierte der Kaiser: „Gordon-Bennet-Rennen großartig verlaufen! Ungeheure Beteiligung namentlich aus Frankreich. Franzose gewann. Französischer Präsident des Pariser Autoklubs und Vorstandsmitglieder wurden mir vorgestellt und brachten mir proprio motu ein Hurra namens Frankreichs, in welches die vielen Hunderte von Franzosen und Französinnen begeistert einstimmten. Man hörte vielfach: ,Vive l'Imperatrice!' und ,Vive 1'Empereur!' Haltung der Franzosen tadellos, Tribünen im Stil eines römischen Zirkus, von Jacobi, einfach großartig! Allgemeine Zufriedenheit und Begeisterung, ganz hervorragende Arrangements. Behörden haben brillant gearbeitet. Ich glaube, beide Länder sind sich einen Schritt nähergekommen." Der kleine Vorfall zeigte wieder, wie sehr Wilhelm IL dazu neigte, politisch ziemlich gleichgültigen Episoden eine übertriebene Bedeutung beizulegen. Diesmal war es das „Vive 1'Empereur!", das den Kaiser elektrisierte. Schon Bismarck hatte anläßlich des von Wilhelm II. bald nach seinem Regierungsantritt geförderten Besuchs seiner Mutter in Paris, der bekanntlich zu einem Fiasko wurde, bitter geäußert: „Unserem Allergnädigsten Herrn genügt das preußische Hurra nicht mehr, er sehnt sich nach dem französischen Vive 1'Empereur." Der naive Subjektivismus Wilhelms IL, seine, um ein modernes Schlagwort zu gebrauchen, egozentrische Veranlagung zeigte sich auch gegenüber dem Automobil. Als die ersten Automobile Unter den Linden auftauchten, der Kaiser selbst sie aber noch nicht benutzte, ärgerte er sich über die Straßenfahrzeuge, die seine Pferde scheu machten. Er verlangte ihre polizeiliche Überwachung und Einschränkung und meinte vor mir: „Ich möchte ara liebsten jedem Chauffeur mit Schrot in den---schießen!" Als er dann selbst fuhr und seine eigenen Chauffeure lustig ihr Tatütata erschallen ließen, wurde er ein feuriger Lobredner und Anhänger des Automobilsports und betrachtete jede Kritik seiner Auswüchse fast als persönliche Beleidigung. 2« II. KAPITEL Herero-Auf stand (1904) • Kriege sollen nicht nur militärisch, sondern politisch geführt werden • Der Russisch-Japanische Krieg • Kuropatkin • Besuch König Eduards in Kiel Bülow mit Tirpitz zum Vortrag beim Kaiser, Eintreffen Eduards VII. in Kiel (25. VI. 1904) • Bülows Unterredung mit dem englischen König • Die Presse beider Länder Toaste in Kiel • Besuch des englischen Herrschers in Hamburg • Bülows Unterredung mit dem Earl of Seiborne • Der Segelsport in Kiel Während des Jahres 1904 wurde meine Aufmerksamkeit besonders durch zwei Fragen in Anspruch genommen. Einmal durch den Aufstand in Deutsch- m un serer südwestafrikanischen Kolonie, dann und in noch höherem Grade Südtvestafrika j urcn ^ en J^rieg zwischen Rußland und Japan. In Deutschland wurde vielfach behauptet, die Insurrektion der Hereros wäre von den Engländern angestiftet worden. Ich habe das damals nicht geglaubt und glaube es auch heute nicht. Solche Erhebungen in afrikanischen Kolonien und namentlich in neu erworbenen Kolonien hat es immer und überall in allen Teilen des dunklen Erdteils gegeben. Der Aufstand war ernst, wurde aber dank der Zähigkeit und Bravour unserer Truppen, wenn auch unter schmerzlichen Opfern und mit erheblichen Kosten, in langen und mühsamen Kämpfen überwunden. Die ausgezeichnete Haltung der Truppe war ein schöner Beweis dafür, daß unser Volk in langer Friedenszeit seine kriegerischen Tugenden nicht eingebüßt hatte. Mit Recht durfte ich in meiner „Deutschen Politik" sagen, daß die Namen der Tapferen, die im afrikanischen Wüstensand kämpften und starben, es verdienten, im Gedächtnis unseres Volks fortzuleben.* Damals, 1916, fügte ich hinzu: „Möge dies Blut nicht umsonst geflossen sein und Südwestafrika, die älteste deutsche Kolonie, das große Gebiet, wo, von Bismarck geführt, Deutschland zum erstenmal afrikanischen Boden betrat, nach diesem Krieg mit seinen Diamantfeldern für immer in unseren Besitz zurückkehren." Diesen Wunsch hat die Vorsehung nicht erfüllt. Südwestafrika ging im Weltkrieg Deutschland nach heldenmütigem Widerstand verloren. 1904 bezeichnete der südwestafrikanische Aufstand eine Krisis in unserer Kolonialpolitik, aber auch eine Wendung zum Besseren. Alle unsere Kolonien waren in bester Entwicklung, Verständnis * Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, S. 107. DIE HEREROS IN DIE SANDWÜSTE 21 für den Wert und die Bedeutung unserer Kolonien war allmählich in die weitesten Kreise des deutschen Volks gedrungen, als der unglückliche Ausgang des Weltkriegs mit dem Sturz des glorreichen Deutschen Reichs auch diese schönen Hoffnungen zerstörte. Wenn ich an den südafrikanischen Aufstand zurückdenke, so drängt sich mir unwillkürlich die Erinnerung an einen Zwischenfall auf, der mir während des Weltkrieges mehr als einmal wieder lebendig wurde. Der General von Trotha, ein schneidiger Gardeinfanterist, war im Frühjahr 1904 mit der Leitung der Operationen in Südwestafrika betraut worden. Um rascher mit den Hereros fertig zu werden, schlug er vor, sie mit Frauen und Kindern in eine wasserlose Wüste zu treiben, wo sie einem sicheren und qualvollen Tod entgegengegangen wären. Ich erklärte Seiner Majestät, daß ich meine Zustimmung zu diesem Vorgehen nicht geben würde. Der Kaiser machte erst große Augen, dann geriet er in Erregung. Meinem Hinweis auf unser Christentum begegnete er mit der Einwendung, daß dessen Gebote gegenüber Heiden und Wilden keine Geltung hätten. Ich sagte ihm: „Ich verzichte auf alle theologischen Argumente und berufe mich nicht auf die Bergpredigt, sondern auf einen sehr unheiligen Mann, auf Talleyrand, der nach der Erschießung des Duc d'Enghien meinte: ,Cest' pire qu'un crime, c'est une faute.' Eurer Majestät Kein-Pardon-Rede hat schon viel Unheil angerichtet, obwohl das nur eine Ankündigung war. Wenn Sie jetzt von der Theorie zur Praxis übergehen, so richten Sie einen Schaden an, der den Einsatz nicht lohnt. Kriege können nicht rein militärisch geführt werden, die Politik muß mitsprechen." Der Kaiser brauste auf, und wir trennten uns in nicht freundlicher Stimmung. Nach einigen Stunden erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mir mitteilte, er füge sich meinen Vorstellungen, und den er mit jener Mischung von Güte und Geist, die ihm oft eigen sein konnte, unterzeichnete: Wilhelm I. R. qui laudabiliter se subjecit. Ich bin fest überzeugt, daß, wenn Wilhelm II. im Weltkrieg als politischen Berater an seiner Seite statt vier Unzulänglichkeiten einen Kanzler gehabt hätte, der diesen Namen verdiente, wir nicht militärische Maßnahmen ergriffen haben würden, deren reeller praktischer Vorteil nicht die Einbuße aufwog, die sie uns moralisch und politisch zufügten. Kriege werden im letzten Ende nicht allein militärisch, sondern vor allem politisch gewonnen oder verloren. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß auch unsere schärfsten militärischen Maßnahmen während des Weltkriegs nicht entfernt an die Grausamkeit eines Davoust in Hamburg, eines Melac in der Pfalz, eines Kitchener in Südafrika heranreichten und daß die von England im Weltkrieg 22 DER ZAR IN DEN KRIEG GETAUMELT gegen uns in Szene gesetzte Blockade, die den Mord an vielen tausenden unschuldigen deutschen Frauen und Kindern bedeutete, verabscheuungs- würdiger war als die Versenkung der „Lusitania" und die Erschießung von Miß Cavell. Aber wie beim Beginn des Krieges durch unsere täppische diplomatische Taktik, so beluden wir uns in dessen weiterem Verlauf durch die blöde Ungeschicklichkeit unsrer „Frightfulness" mit dem bösen Schein. Auch hier waren wir das Schaf im Wolfspelz. Graf Osten-Sacken, der ein alter und erfahrener Diplomat war, hatte mir Russisch- gegenüber schon im Herbst 1903 die Beibungen zwischen Bußland und Japanischer Japan, die dem Ausbruch des Krieges vorausgingen, nicht ohne Grund mit Krie S dem Ursprung des mexikanischen Abenteuers verglichen. Der Bussisch- Japanische und der Französisch-Mexikanische Krieg glichen sich darin, daß sie beide aus unsauberen Börsenspekulationen hervorgingen. Sie glichen sich auch darin, daß diese von Jobbern inszenierten kriegerischen Unternehmungen mit patriotischen Phrasen als weitsichtige politische Aktionen drapiert wurden. In Frankreich hatte Bouher die mexikanische Expedition „la plus grande pensee du regne" genannt. In Bußland versicherten die Kamarilla, die den Zaren umgab, die Großfürsten, die am Jalu Geld gewinnen wollten, und alle Höflinge dem Zaren, daß die russische Expansion in Ostasien an die große Politik des großen Peter und der großen Katharina erinnere. Um so begreiflicher war das Unbehagen der Panslawisten, die gewünscht hätten, daß Bußland alle seine Kräfte für Europa und insbesondere für den Balkan zusammenfasse und aufspare. Zum Oberbefehlshaber der russischen Landarmee in der Mandschurei wurde Kuropatkin ernannt, bis dahin der Abgott russischer Patrioten. Er galt nicht nur für einen glänzenden Haudegen ä la Skobelew, sondern auch als ein ganz großer Stratege von fast napoleonischen Dimensionen. Ich bin ihm in Petersburg mehr als einmal in Gesellschaft begegnet, auch bei kleineren Diners. Er wirkte dadurch, daß er wenig sprach, was als Zeichen eines tiefen Geistes ausgelegt wurde. Statt zu reden, trank er ein Gläschen Wodka nach dem anderen, was als Beweis einer echt russischen Natur allgemein gefiel. Der arme Mann sollte das Schicksal von Gyulai und Benedek, von Lebceuf, Bazaine und Trochu und manchen anderen zuerst überschätzten, dann geschmähten Feldherren erfahren. Kaiser Nikolaus war in diesen Krieg hineingetaumelt. Der Zusammenstoß mit Japan war ihm immer als möglich, zeitweise sogar als wahrscheinlich erschienen; er hatte aber nicht gedacht, daß der Krieg so bald und so plötzlich ausbrechen würde. Am Tage bevor japanische Torpedoboote das russische Geschwader auf der Außenreede von Port Arthur angriffen, beehrte auf einem Hof ball in St. Petersburg der Zar den japanischen Gesandten mit einer längeren und gnädigen Ansprache. Im weiteren Verlauf des Balles äußerte der Japaner mit dem unbewegüchen DIE ANGEREGTE ENTREVUE 23 Gesicht des Ostasiaten zu der deutschen Botschafterin, der Gräfin AJvens- leben: „Der arme Zar weiß nicht, daß, während er hier mit mir spricht, sein Geschwader in Port Arthur von uns versenkt wird." Auch nachdem das Seegefecht von Tschemulpo tatsächlich Korea in japanischen Besitz gebracht hatte, erwiderte Kaiser Nikolaus dem Hofmarschall Benckendorff auf dessen Frage, ob im Hinblick auf den Krieg mit Japan die bevorstehenden Hofbälle nicht abgesagt werden sollten: „Es wird ja gar nicht zu einem ernstlichen Krieg kommen. Les Japonais n'oseront pas." Eine russische Freundin sagte mir später darüber: „Les imperiaux dans tous les pays ne veulent jamais croire et admettre ce qui ne leur convient pas." Sie hätte auch den lateinischen Spruch zitieren können: „Quos deus perdere vult, dementat prius." Wenn der Mai gekommen war und die Bäume ausschlugen, pflegte sich in der beweglichen Brust des Kaisers Tatendrang zu regen. Nicht immer zu Eduard VII. seinem Heil. Im Frühjahr 1904 überraschte er mich mit der Mitteilung, kommt nach daß sein Oheim König Eduard sich zu einem Besuch in Kiel angesagt hätte. Klel Ich hatte sogleich Zweifel daran, ob dieser Besuch wirklich aus der Initiative des Königs hervorgegangen wäre. Ich hörte denn auch später, daß der Kaiser durch seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, dem König den Wunsch eines Zusammentreffens in Kiel hatte nahelegen lassen. Der Gedanke, den englischen Monarchen gerade in die Werkstatt unserer Flotte, in unseren schönsten Hafen zu führen und ihm die raschen Fortschritte unserer Marine ad oculos zu demonstrieren, behagte mir nicht. Ich hätte lieber einen Besuch in Berlin oder ein Zusammensein in Wilhelmshöhe mit seiner prächtigen Umgebung oder in Homburg v. d. Höhe mit Automobilausflügen im Taunus und hübschen Fahrten auf dem Rhein gesehen. Während ich mir diese Erwägungen durch den Kopf gehen Heß, trat Tirpitz bei mir ein, dem der Kaiser den ihm angeblich angesagten englischen Besuch in Kiel gleichfalls telephonisch mitgeteilt hatte. Die Entrevue in Kiel mißfiel ihm fast noch mehr als mir. Er meinte, der Kaiser würde bei seiner kindlichen Eitelkeit es nicht lassen können, sich vor den Engländern mit der raschen Entwicklung seiner Flotte und den von ihm auf diesem Gebiet bereits erzielten Erfolgen zu brüsten. Das Renommieren wäre ihm nun einmal nicht abzugewöhnen. Es handle sich also nur noch darum, ihm keine zu bedenkliche Gelegenheit zum Prahlen zu geben. Jedenfalls müßten wir verhindern, daß der Kaiser die ganze Flotte in Kiel zusammenzöge. Je weniger Schiffe er dort den Engländern vorführe, um so besser. Wir beschlossen, dem Kaiser gemeinsam Vorstellungen zu machen, und fuhren zu diesem Zweck sogleich von Berlin nach dem Neuen Palais. Als ich dem Kaiser sagte, daß ich eine Begegnung in Homburg, Wilhelmshöhe und auch in Berlin lieber gesehen hätte als in unserem größten 24 IMPONIEREN Kriegshafen, erwiderte er nicht ohne Gereiztheit, sein Onkel habe ihm den Besuch in Berlin bisher verweigert, um einen solchen „betteln" wolle er aber nicht. Da ich diesen Einwurf vorausgesehen hatte, zog ich ein den Akten entnommenes Telegramm aus der Tasche, aus dem hervorging, daß König Eduard schon vor längerer Zeit dem Kaiser einen Besuch in Berlin hatte abstatten wollen. Von Seiten des Kaisers, dem der Besuch damals nicht paßte, da er andere Dinge vorhatte, war abgewinkt worden. Seiner Majestät blieb nichts anderes übrig, als sich darauf zu berufen, daß er dem König von England bereits telegraphiert hätte, er wäre hocherfreut über dessen baldige Ankunft in Kiel. Dabei müsse es bleiben. In ruhiger und sachlicher Weise entwickelte nun der Staatssekretär des Beichsmarineamts, daß wir besser täten, nicht unsere ganze Flotte in Kiel zusammenzuziehen. Der Kaiser, der Tirpitz seit längerer Zeit nicht mehr mochte, während er für mich damals noch von gütigen und freundschaftlichen Gefühlen beseelt war, erklärte in unwirschem Tone, es sei kindisch, zu glauben, daß die Engländer nicht über den Bestand unserer ganzen Flotte, von den Groß- kampfschiffen bis zur kleinsten Pinasse, genau orientiert wären. Tirpitz entgegnete, daß auch er daran nicht zweifle. Es sei aber ein Unterschied, ob König Eduard und die ihn begleitenden Admirale und Seeoffiziere über unsere Marine nur durch die Berichte des englischen Marineattaches in Berlin und gelegentliche Meldungen von Agenten und Spionen informiert würden oder ob sie unsere Flotte in ihrer ganzen Stärke und Manövrierfähigkeit vor sich erblickten. Gerade auf den Engländer wirke sehr stark, was er vor sich sehe, der direkte Eindruck. Ich unterstützte lebhaft und nachdrücklich die durchaus zutreffenden Vorstellungen von Tirpitz. Schließlich meinte der Kaiser, Tirpitz möge so viele oder so wenige Schiffe nach Kiel zusammenziehen, wie er wolle. Am nächsten Tage stellte sich heraus, daß der Kaiser trotzdem im Laufe der Nacht durch das Marinekabinett direkt Weisung gegeben hatte, auch den kleinsten Kahn nach Kiel zu schicken. Er wollte auch bei diesem Anlaß vor allem „imponieren". Am 25. Juni sollte der König von England in Kiel eintreffen. Der Kaiser hatte die Absicht, seinen Onkel, der den Weg durch den Kaiser-Wilhelm- Kanal einschlagen wollte, in Brunsbüttel zu empfangen, wovon ich ihn mit Mühe abhielt, unter Hinweis darauf, daß es dem nicht mehr ganz jungen King schwerlich angenehm sein würde, morgens zwischen vier und fünf Uhr im Schlafe gestört zu werden. Der Kaiser bestand aber darauf, daß er dann wenigstens dem König an Bord seines Schiffes den ersten Besuch abstatten wolle. Als er seinen Oheim dies wissen ließ, entgegnete dieser mit dem von ihm nie verleugneten Takt, es wäre an dem Besucher, dem Besuchten die erste Visite zu machen. Der Kaiser hatte alles in Bewegung gesetzt, um den Empfang so glänzend wie nur irgend möglich zu gestalten. TOASTE AN BORD DER „HOHENZOLLERN" 25 Wie man auf französisch sagt, er hatte zu diesem Zweck die kleinen Töpfe in die großen Töpfe gestellt, il avait mis les petits pots dans les grands. Alle Staatsminister waren zum Empfang Seiner Großbritannischen Majestät nach Kiel befohlen worden. Wenn ich mich nicht täusche, auch die Staatssekretäre. Ein wahrer Schwärm von goldbetreßten, mit Ordenssternen bedeckten Exzellenzen bewegte sich mit feierlicher Würde am Ufer des Hafens. Alle königlichen Prinzen mußten bei der Ehrenkompagnie eintreten, die an der Landungsstelle aufmarschiert war. Der Kaiser war so nervös, daß er in dem Augenblick, wo sein Onkel die Landungsbrücke betrat, die zum Ehrendienst bei ihm kommandierten Generäle und Admiräle mit kleinen freundschaftlichen Rippenstößen zu größerem Empressement ermunterte. Um so ruhiger war der Onkel. Er hatte den Ersten Lord der Admiralität, den Earl of Seiborne, den Admiral Prinz Louis Battenberg und den englischen Militärattache in Berlin, Graf Gleichen, mitgebracht. Die beiden letzteren waren von Geburt Deutsche: Battenberg der Sohn des Prinzen Alexander von Hessen und der polnischen Gräfin Hauke, Gleichen ein Sohn des Prinzen Viktor von Hohenlohe-Langenburg und einer englischen Miss Seymour. Wie es mit deutschen Renegaten zu gehen pflegt, suchten beide ihre deutsche Abstammung durch outriertes englisches Jingotum in Vergessenheit zu bringen. Battenberg war der Schwager des Prinzen Heinrich von Preußen, Gleichen ein leiblicher Vetter der Kaiserin Auguste Viktoria. Auf diese Weise hörten beide mehr, als gut war. Am Tage der Ankunft des englischen Besuchs fand an Bord der „Hohen- zollern" eine Festtafel statt. Der Kaiser hatte die bei diesem Anlaß von ihm zu haltende Rede mit mir entworfen. Daß er auf einer Wendung bestanden hatte, wonach der König „gütigst" an den Veranstaltungen des deutschen Segelsports Anteil nehmen wolle, schadete nichts. Dafür ließ er meine Sätze stehen, daß die deutsche Flotte, erbaut zum Schutz unseres Handels und des deutschen Bodens, für die Aufrechterhaltung des Friedens bestimmt wäre, den das Deutsche Reich seit über dreißig Jahren gehalten und gemeinsam mit den anderen Großmächten Europa miterhalten habe. „Einem jeden ist bekannt, durch Euer Majestät Wort und Wirken, daß Eurer Majestät Streben auf eben dieses Ziel gerichtet ist: die Erhaltung des Friedens. Da dieses Ziel zu erreichen auch Ich stets meine gesamten Kräfte eingesetzt habe, so möge Gott unseren gemeinsamen Bestrebungen Gelingen verleihen." Am Schluß folgte eine von Wilhelm II. gewünschte Wendung, die an die vom König und vom Kaiser, vom Sohn und vom Enkel gemeinsam verlebten unvergeßlichen Stunden am Sterbebette der großen Beherrscherin des jetzt von König Eduard gelenkten Weltreichs erinnerte. Der König antwortete in deutscher Sprache, in freier Rede und mit Wärme, er sei gerührt, daß sein Bestreben nach Erhaltung des Friedens so freundlich 26 UNTER VIER AUGEN anerkannt worden wäre, und beglückt in der Gewißheit, daß der Deutsche Kaiser das gleiche Ziel im Auge habe. „Möchten unsere beiden Flaggen bis in die fernsten Zeiten, ebenso wie heute, nebeneinander wehen zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Wohlfahrt, nicht allein unserer Länder, sondern auch aller anderen Nationen." Mit einem Hinweis auf die unvergeßliche Königin Victoria, deren Andenken dem Sohn und dem Enkel gleich heilig sei, erhob der König sein Glas auf das Wohl der deutschen Majestäten. Nach einem Frühstück, das am nächsten Tage an Bord der Segeljacht Unterredung „Meteor" stattfand, zog mich der König in ein fast einstündiges Gespräch Eduards VII. unter vier Augen. Es ist falsch, wenn später hier und da verbreitet worden mit Bülow j gt ^ j cn n g tte b e j di esem Anlaß dem König eine Allianz zwischen Deutschland und England vorgeschlagen. Niemand kann mir ernstlich die Taktlosigkeit zutrauen, die dazu gehört hätte, dem König von England nach einem Luncheon, ex abrupto eine solche Proposition zu machen, nachdem die Allianzverhandlungen zwischen uns und England einige Jahre früher an dem Widerstand des damaligen englischen Premierministers und an dem Unverstand der deutschen öffentlichen Meinung gescheitert waren. Der König kam bei jenem Gespräch auf dem „Meteor" zunächst auf Ostasien zu reden. „Die Russen", sagte er mir, „haben sich ihr Mißgeschick selbst zuzuschreiben. Ihre Diplomatie war ebenso ungeschickt, wie es jetzt ihre Kriegführung zu Wasser und zu Lande ist. Die Japaner machen sich in jeder Richtung ausgezeichnet. Sie sind auch moralisch im Recht, Rußland hatte weder Befugnis noch Anlaß, nach Port Arthur zu gehen. Es hat in Korea gar nichts zu suchen und hat die Mandschurei den Chinesen in brutaler Weise entrissen." Der König erzählte mir hierbei, daß Rußland, wenn es auf ihn gehört hätte, um den Krieg herumgekommen wäre. „Ich habe", führte er aus, „Ende November dem damals in Spala weilenden Kaiser Nikolaus die maßvollen Bedingungen übermittelt, unter denen Japan zu einer Verständigung mit Rußland bereit gewesen wäre. Kaiser Nikolaus hat die Antwort auf diese Vorschläge zu lange hinausgeschoben, woran allerdings auch der Tod der kleinen Prinzeß Elisabeth von Hessen mit schuld war, der ihn sehr impressionierte. Die Japaner haben immer wiederholt, daß, wenn Rußland nicht bald eine Antwort gebe, sie ihre kriegslustige öffentliche Meinung nicht länger zügeln könnten. Als sich der Zar endlich entschloß, die japanischen Vorschläge anzunehmen, war es zu spät. Die leitenden japanischen Männer harten sich inzwischen für den Krieg entschlossen." König Eduard machte kein Hehl daraus, daß er ein baldiges Ende des ostasiatischen Krieges wünsche und zu diesem Zweck bald seine Vermittlung eintreten lassen möchte. Die Japaner würden kidant sein. Als ich einwarf, daß Rußland nach solchen Niederlagen ohne schwere Erschütterung seines Prestiges kaum Frieden schließen könne, bemerkte „EINE GROSSE NARRHEIT" 27 der König, er sähe nicht ein, wie sich die Lage für Rußland verbessern solle. „Auf russische Erfolge ist weder zu Wasser noch zu Lande zu rechnen, und das Klügste, was die Russen tun können, wäre, baldmöglichst und zu möglichst akzeptablen Bedingungen Frieden zu schließen." Der König kam auch auf die von Kaiser Wilhelm proklamierte „gelbe Gefahr" zu sprechen und meinte: er könne im Gegensatz zu seinem Neffen und, wie er annehmen möchte, in Übereinstimmung mit mir eine solche nicht anerkennen. „Die Japaner sind ein intelligentes, tapferes und ritterliches Volk, ebenso zivilisiert wie die Europäer, von denen sie nur die Hautfarbe unterscheidet. Es wäre bedauerlich, wenn die Besorgnis vor dem nach meiner Ansicht gar nicht vorhandenen Yellow peril die deutsche Politik in einem Japan feind- bchen Sinn influenzieren würde." Ich entgegnete dem König mit Bestimmtheit, daß wir in dem Ostasiatischen Krieg auch weiter eine neutrale und loyale Haltung beobachten würden. Wir dächten nicht daran, uns in diesen Konflikt einzumischen. Als ich dann dem König meinen Dank für seinen Toast vom vorhergehenden Tage aussprach, bemerkte der hohe Herr, daß ihm ein friedliches und freundliches Verhältnis zu Deutschland aufrichtig am Herzen liege. „Deshalb bin ich Ihnen auch persönlich dankbar für den Mut und für die Festigkeit Ihrer Haltung während des Burenkriegs. Sie hatten es damals nicht leicht. Es ist ein Unglück, daß das deutsche und das englische Volk sich nicht besser verstehen. Es ist das eigentlich schwer zu begreifen, denn der einzelne Deutsche, der nach England kommt, fühlt sich dort sehr wohl und schätzt die großen Eigenschaften des englischen Volks. Umgekehrt sind alle Engländer, die in Deutschland leben, voll Anerkennung für die Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes auf allen Gebieten, in der Wissenschaft, in der Kunst, neuerdings auch in Handel und Industrie." Ich erlaubte mir lächelnd einzuwerfen: „With the exception of Mr. Saunders." Es war dies der damalige Korrespondent der „Times", der, wie ich dies schon 1899, bei meinem damaligen Besuch in England, Mr. Balfour auseinandergesetzt hatte, in der gehässigsten und perfidesten Weise gegen uns hetzte. Der König stimmte mir mit Lebhaftigkeit bei. „An der Verstimmung zwischen Deutschland und England", äußerte er mit Nachdruck, „trägt die Presse eine Hauptschuld. Ich will nicht untersuchen, ob die deutsche Presse mehr sündigt oder die englische. Ich will nur feststellen, daß zwischen Deutschland und England zwar leider viel Illfeeling vorhanden ist, aber ganz gewiß kein unversöhnlicher Interessengegensatz. Ein Zusammenstoß zwischen beiden Ländern wäre das größte Unglück, das der Welt widerfahren könnte, und speziell für Europa. Es wird aber nicht dazu kommen, da es nicht nur ein großes Unglück, sondern auch eine große Narrheit (folly) sein würde. Man muß nur in Deutschland wie in 28 ENGLISCH-FRANZÖSISCHES AGREEMENT England nicht zu mißtrauisch und nicht zu empfindlich sein. Weite englische Kreise sind überzeugt, daß die Deutschen ihre Flotte mit der Absicht bauen, wenn sie zur See stark genug sein werden, über England herzufallen und ihm durch Vernichtung seines Handels oder gar durch eine Invasion für immer das Rückgrat zu brechen. Ich teile diese Auffassung nicht, ich bekämpfe sie sogar. Sie müssen aber auch verstehen, daß, da England steht und fällt mit seiner Sicherheit zur See, die englische Admiralität für jedes neue deutsche Schiff zwei neue englische Schiffe baut. In Deutschland ist man geneigt, freundschaftliche Beziehungen zwischen England einerseits, Frankreich, Rußland, Italien, Spanien andererseits als eine direkte Bedrohung aufzufassen. Solche Beziehungen sind aber von demselben defensiven Geist eingegeben wie der Dreibund und wie die deutschen Flottenbauten. Wenn man in Berlin wie in London kaltes Blut bewahrt und keine ,ganz großen Dummheiten' macht, so wird die Spannung zwischen Deutschland und England mit der Zeit gerade so vorübergehen, wie während der letzten neunzig Jahre ähnliche, sogar noch bedenklichere Spannungen zwischen Frankreich und England und zwischen England und Rußland sich allmählich verflüchtigt haben." Im Anschluß hieran kam der König aus eigener Initiative auf das Der König „Agreement" zu sprechen, das vom Kabinett Balfour am 8. April mit Frank- über den re ich über die Schlichtung kolonialer Streitfragen abgeschlossen worden en & war. Es war an demselben Tage unterzeichnet worden, an dem Wilhelm II. v , . , auf einer Mittelmeerreise Malta besucht hatte. Das Abkommen bestand aus Kolonial- vertrag drei Erklärungen: L England versprach, an dem bestehenden Zustande in Ägypten nichts zu ändern; Frankreich, keinen Räumungstermin zu fordern. 2. Frankreich versprach, den politischen Zustand in Marokko nicht zu ändern; England erkannte an, daß Frankreich als Nachbarstaat Marokkos das Recht habe, die Ruhe dort zu erhalten und dem Sultan im Notfall bei seinen Verwaltungsreformen militärische und finanzielle Hilfe zu leisten. 3. Langjährige Grenz- und Zolldifferenzen zwischen beiden Ländern in Senegambien, am Niger, in Siam, in Madagaskar sowie die alten Streitigkeiten wegen der Neufundländer Fischerei und der Rechtslage der Eingeborenen auf den Hebriden sollten durch gegenseitige Nachgiebigkeit gütlich geschlichtet werden. König Eduard bemerkte über dieses sehr bedeutsame Agreement, an dessen Zustandekommen er persönlich einen großen Anteil gehabt hatte: „Zwischen England und Deutschland bedarf es keiner besonderen Abmachungen, da ja zwischen uns keine konkreten politischen Interessengegensätze obwalten. Mit Frankreich lag die Sache anders. Eine Verständigung über alte und schwierige Differenzpunkte war hier eine absolute Notwendigkeit. Die Verständigung zwischen Englaud und Frankreich richtet aber ihre Spitze nicht gegen Deutschland. Ich denke „MIT GEDULD UND TAKT 29 nicht daran, Deutschland isolieren zu wollen. Ich wünsche im Gegenteil, die Reibungsflächen zwischen allen Großmächten zu verringern und Europa für möglichst lange Zeit den allgemeinen Frieden zu sichern, der ebensosehr im deutschen wie im englischen Interesse hegt. Ich werde trachten, auch zwischen England und Rußland die Reibungsflächen zu verringern. Der Friede ist eine Notwendigkeit für alle Völker, die alle unter der Last ihrer Rüstungen und Steuern seufzen." Beiläufig äußerte der König, er würde es beklagen, wenn es im näheren Orient zu Unruhen käme. „Ich bin überall für Ruhe. Mit dem Sultan und den Türken ist freilich nicht mehr viel anzufangen. Der erstere ist unbelehrbar, und die letzteren haben sich überlebt. Die Zukunft auf der Balkanhalbinsel gehört den Rumänen, Griechen und Bulgaren." Mit großer Liebe sprach König Eduard von seiner Nichte, der Kronprinzessin Maria von Rumänien. Er verstünde nicht recht, weshalb Kaiser Wilhelm sich über diese seine leibliche Kusine überall so wenig freundlich äußere. Ein wenig Koketterie, hier und da ein kleiner Flirt wären einer jungen und hübschen Frau wohl zu gönnen. Übrigens pflege in solchen Fällen die Fama meist zu übertreiben. Unfreundliche Äußerungen des Kaisers über die Kronprinzessin von Rumänien wären ihr hinterbracht worden und hätten sie gegen Seine Majestät verstimmt. „Ihren Mann natürlich auch", fügte der König lächelnd hinzu. „Man tut gut, nicht überall den Schulmeister zu spielen." Die inneren russischen Verhältnisse beurteilte König Eduard sehr pessimistisch, General Bobrikow verglich er mit dem Landvogt Geßler. Über Kaiser Nikolaus sprach er mit verwandtschaftlicher Zuneigung. Der König beendete die Unterredung, die durch ihre Länge den Kaiser zu präokkupieren schien, der aber nicht eingriff, sondern außer Hörweite auf dem Achtersteven des „Meteor" den anwesenden Marineleuten Vorträge über Schiffsbau hielt, mit den ruhig und bestimmt gesprochenen Worten: „Mit Geduld und Takt werden beide Völker allmählich wieder zu einem besseren gegenseitigen Verständnis gelangen. Ich habe persönlich nach wie vor Vertrauen zu Ihnen, zu Ihrer aufrichtigen Friedensliebe und zu Ihrer Geschicklichkeit." Wenn ich mir diese Unterredung, die ich ihrer historischen Bedeutung wegen auf Grund einer sofortigen Aufzeichnung fast wörtlich wiedergegeben habe, rückschauend vergegenwärtige, so steht für mich heute wie damals fest, daß es das eifrigste Bestreben des Königs Eduard war und blieb, Deutschland und Rußland auseinanderzuhalten. Er war gewiß bemüht, im Hinblick auf alle Möglichkeiten der Zukunft die englischen Beziehungen zu Frankreich wie zu Rußland, aber auch zu Amerika und zu Japan, zu Italien und zu Spanien sorgsam zu pflegen. Ich habe schon einmal, bei der Besprechung der Pariser Weltausstellung von 1878, ausgeführt, daß König Eduard, obschon er rein deutscher Abstammung war, von väterlicher Seite 30 DER TEE-NABOB LIPTON Koburger, von mütterlicher Weife, die Franzosen sympathischer fand als uns Deutsche und daß er seine innere Abneigung gegen das Bismarcksche, das starke und mächtige Deutschland während des Deutsch-Dänischen, des Preußisch-Österreichischen und namentlich des Deutsch-Französischen Krieges offen zur Schau trug. Ich wiederhole, daß König Eduard seinem Neffen gern bei passender Gelegenheit ein wenig auf die Finger klopfte. Krieg mit uns wollte er nicht. Zwischen Onkel und Neffen hätten sich auch allmählich manche Ecken abgeschliffen, wenn der Kaiser nicht immer wieder seinen Oheim durch seinen vielleicht größten Fehler, seine Taktlosigkeit, verärgert hätte. Ich habe schon gesagt, daß eine Bete noire des Königs der verschuldete, tief verschuldete und liederliche Lord Lonsdale war. Warum sich gerade Kaiser Wilhelm dieses mauvais sujet als Spezialfreund ausgesucht hatte, verstand niemand in England und noch weniger in Deutschland. Die von deutscher Seite erfolgte Einladung des Earl of Lonsdale nach Kiel verstimmte von vornherein den König von England. Es war mir aber nicht möglich gewesen, die Einladung des edlen Lords nach Kiel zu verhindern. Das Amt des Reichskanzlers, wenn es gewissenhaft aufgefaßt und ausgeübt wurde, nahm die Arbeitskraft eines guten Arbeiters voll in Anspruch. Aber die richtige Behandlung des Kaisers, die im Interesse des Landes notwendige ständige Fühlung mit ihm, die Pflicht, seine Entgleisungen zu redressieren oder, noch besser, solchen vorzubeugen, erforderte mindestens ebensoviel Zeit und Kraft. König Eduard war durch die Anwesenheit des ihm unausstehlichen Lonsdale in Kiel arg verschnupft. Er wollte nun wenigstens, daß sein Spezialfreund, der große Teemagnat Sir Edward Lipton, den er nach Kiel mitgebracht hatte, vom Kaiser gnädig behandelt würde. Das war nicht zu erreichen. Der Kaiser behauptete, daß sein Onkel den steinreichen Lipton, der ganz England mit seinem Ceylon- Tee versorgte, um Millionen angepumpt hätte; ein so unwürdiges Verhältnis könne er nicht fördern. Verständigerweise hätte es natürlich dem Kaiser ganz gleichgültig sein können, worauf die Freundschaft zwischen dem König und dem gar nicht dummen noch uninteressanten Lipton sich gründete. Der Kaiser hätte, wenn er weltklug gewesen wäre, durch einige kleine Aufmerksamkeiten für den Tee-Nabob seinem Onkel eine große Freude bereiten und den von ihm im übrigen so stürmisch gefeierten Beherrscher des Weltreichs besser für sich stimmen können. ,,Pour etre aime il faut etre aimable", pflegte Marco Minghetti zu sagen. Wenn die am 25. Juni ausgewechselten Reden verständig waren, so hielt Kaiserlicher Wilhelm II. zwei Tage später im Kaiserlichen Jachtklub eine mehr naive Toast im a \ a staatskluge, aber für sein innerstes Wesen überaus bezeichnende Ansprache. Er feierte zunächst den König als den Admiral der Royal-Yacht- Scpiadron, dem England die Entwicklung und den Aufschwung seines Jachtklub „MEIN LIEBER WILLY" 31 prächtigen Sports verdanke. Er erinnerte dann daran, daß er in England seine Lehrzeit als Seemann absolviert habe, und sagte wörtlich: „An der Hand gütiger Tanten und freundlicher Admirale durfte Ich als kleiner Junge Portsmouth und Plymouth besuchen und in diesen beiden herrlichen Häfen die stolzen englischen Schiffe bewundern. Da entstand in Mir der Wunsch, auch solche Schiffe zu bauen, und der Plan, auch einmal eine so schöne Flotte wie die englische zu besitzen." Während der Kaiser so sprach, glänzten ehrliche Tränen in seinem Auge. Er war gerührt über sich selbst. Als der Aufforderung des Kaisers, „nach echter Seglerart" drei Hurras auf den englischen König auszubringen, mit „Hipphipphurra!" Genüge geleistet worden war, antwortete der König. Seine Gabe, sich in jede Situation zu finden, und seine weltmännische Sicherheit mußte ich wieder bewundern. Seine Antwort war eine Mischung von gutmütiger Ironie und freundlichem Dank für den ihm im Jachtklub bereiteten Empfang. „Du bist, mein lieber Willy", führte er in deutscher Sprache aus, „für mich immer so sehr nett und so überaus freundlich gewesen, daß es mir wirklich schwerfällt, dir für alle deine Liebenswürdigkeiten so zu danken, wie dies mein Herz wünscht. Ich bin stolz, heute Mitglied dieses Klubs geworden zu sein. Ich danke tausendmal für alle deine guten Wünsche, ich trinke auf deine Gesundheit als Admiral des Kaiserlichen Jacht-Klubs." Ich hatte, während der Kaiser seinen Toast ausbrachte, dem Vertreter von Wolffs Telegraphenbüro verboten, diesen Trinkspruch nach Berlin zu drahten, bevor ich ihn korrigiert hätte. Sobald ich das Stenogramm erhalten hatte, entwarf ich, wie schon öfters bei ähnlichen Anlässen, eine neue, freundliche, aber nüchterne Kaiserrede, die ich durch Wolff verbreiten ließ. Als der Kaiser sie später in der „Kieler Zeitung" las, meinte er ohne Zorn, aber in elegischem Ton: „Sie haben mir ja wieder eine ganz andere Rede gemacht! Gerade das Schönste haben Sie fortgelassen." Ich erwiderte ruhig und ernst: „Eure Majestät können mir glauben, daß es so besser für Sie und für uns ist. Wenn Sie unsere große, nicht ungefährliche, jedenfalls arbeits- und kostenreiche Flottenaktion in so sentimentaler Weise als Ausfluß persönlicher Neigungen und Jugenderinnerungen hinstellen, wird es nicht leicht sein, vom Reichstag immer weitere Millionen für die Marine zu erhalten." Der Kaiser brummte: „Ach, der verfluchte Reichstag!" Aber dabei hatte es sein Bewenden. Am nächsten Tag fuhr der König nach Hamburg. Der Besuch unserer größten Handelsstadt verlief ausgezeichnet. Es war sicherlich der Glanz- Eduard VII. punkt der ganzen Begegnung. Die Hamburger Art gefiel dem König. Bei Hamburg dem Essen, das die Stadt ihm gab, war er in der allerbesten Stimmung, freier und unbefangener als unter den Uniformen in Kiel. In der kurzen Ansprache, die er hielt, erklärte er, daß, wenn er in sein Land zurückkehre, 32 DIE HAMBURGER POKALE er jede Gelegenheit ergreifen würde, um allen zu sagen, wie gut und herzlich er in Hamburg empfangen worden wäre. Er wisse sehr wohl, daß dieser Empfang nicht nur seiner Person, sondern auch dem großen Reich gelte, zu dessen Herrscher Gott ihn eingesetzt hätte. Ein kleiner Zwischenfall trug dazu bei, den König in noch bessere Stimmung zu versetzen. Auf dem Tisch standen einige prächtige Pokale, beste Goldschmiedekunst. Als der König sie lobte, bat ihn der Bürgermeister, diese Becher zum Andenken an Hamburg als Geschenk anzunehmen. Der König, der wie manche große Souveräne kleine Geschenke liebte, akzeptierte mit Vergnügen und meinte in der besten Laune, er würde bei dem Anblick dieses schönen Pokals stets an das herrliche Hamburg denken und die guten Beziehungen, die zwischen dieser großen Stadt und England seit Jahrhunderten bestünden. Nach seiner Rückkehr von Hamburg sagte mir der König, er habe an Lord Lansdowne, den damaligen Staatssekretär des Foreign Office, telegraphiert, daß er in einer englischen Stadt nicht besser hätte empfangen werden können als in Hamburg. Am 29. Juni hatte ich ein eingehendes Gespräch mit dem Earl of Sel- Gespräch borne. Er erzählte mir viel von Lord Salisbury, der wenige Monate vorher Bülows mit au f se i nem Schlosse Hatfield die Augen geschlossen hatte. Er hatte dem elborne g ro ß en englischen Staatsmann nahegestanden, ich glaube, er war sein Schwiegersohn. Er sagte mir unter anderem, daß Salisbury immer für friedliche und freundliche Beziehungen zwischen Deutschland und England gewesen wäre. Eine Allianz habe er freilich nicht gewollt, da er grundsätzlich ein Gegner von Bündnissen zwischen England und kontinentalen Staaten gewesen wäre. Er sei, wie er dies einmal an unseren Botschafter gesagt habe, der Meinung gewesen, daß das Meer und die englischen Kreidefelsen für England die besten Alliierten wären. Auch habe er zwar die Begabung von Chamberlain geschätzt, ihn aber auf dem Gebiet der auswärtigen Politik für unruhig, stürmisch und unbesonnen gehalten und ihn persönlich überhaupt nicht besonders gemocht. Lord Salisbury habe sich noch während seiner letzten Krankheit vor seinen Söhnen und nächsten Freunden dahin ausgesprochen, daß England trachten müsse, mit Deutschland trotz gelegentlicher Friktionen auf einem friedlichen Fuße zu bleiben. Ein Krieg zwischen beiden Völkern würde eine Katastrophe für unseren Erdteil und weder für Deutschland noch für England ein Glück sein. Wie glänzend war das Bild, das, von freundlicher Junisonne bestrahlt, Die Kieler in jenen Tagen die Kieler Föhrde bot! Die „Kieler Woche", das Kieler Woche Leben und Treiben war die Schöpfung Kaiser Wilhelms IL Nirgends war er zufriedener als dort. Es war für ihn, was das Schlachtfeld mit Kanonengebrüll und wiehernder Rosse Getrabe für Napoleon, der Exerzierplatz von Krasnoje Selo für Nikolaus L, die Gemsjagd für Kaiser Maximilian L, WILHELM II. STEUERT 33 Galerien und Museen für die Mediceer waren. Er konnte es nach meiner Ernennung zum Staatssekretär kaum erwarten, mich während der „Kieler Woche" dort zu sehen. Jahr für Jahr mußte ich in seiner Begleitung in Kiel weilen, obschon es mir manchmal recht unbequem war, Berlin zu verlassen. So dankbar ich auch heute noch dem Kaiser für die Güte und Liebenswürdigkeit bin, die er gerade in Kiel mir erwiesen hat, so gestehe ich doch, daß ich in mancher Hinsicht mit einem gewissen Grauen an jene Tage zurückdenke. Wir schifften uns gewöhnlich schon sehr früh, vor sechs Uhr auf dem „Meteor" ein. Es war nicht das frühe Aufstehen, was mir schwerfiel, wohl aber die nun folgende endlose Langeweile. Da ich für den Segelsport wenig Interesse hatte, auch von nichts anderem auf dem „Meteor" gesprochen wurde, so suchte ich mich nach einigen Tagen einer der zwei kleinen Kabinen zu bemächtigen, die für die Gäste des „Meteor" bestimmt waren. Als Lektüre befanden sich an Bord nur engbsche Romane, deren ich eine ganze Anzahl von der ersten bis zur letzten Zeile bei diesem Anlaß durchgelesen habe. Mit Vergnügen erinnere ich mich an „Peter Simple", einen Seeroman, der in reizender Weise die Erlebnisse eines englischen Midshipman schilderte, an „Japhet in search of his father", an „David Copperfield" und manche andere. Von Zeit zu Zeit zeigte ich mich auf Deck, um festzustellen, wie lange das Vergnügen wohl noch dauern würde. Das Beste war das Frühstück um ein Uhr, das der englische Koch schmackhaft zurichtete und bei dem es gute Eisgetränke zu geben pflegte. Im übrigen verlief die Fahrt fast immer in folgender Weise: Wenn wir den „Meteor" bestiegen, standen am Steuer die beiden englischen Skipper, wie man die Kapitäne der Jacht zu nennen pflegte. Der Kaiser war stets von dem brennenden Wunsch erfüllt, die Jacht selbst zu steuern, wußte aber, daß die Skipper dies nicht gern sahen, da sie im Interesse ihrer Reputation zu siegen wünschten und überzeugt waren, daß dies ausgeschlossen wäre, wenn der Kaiser steuerte. Nun versuchte der Kaiser, die Skipper durch Liebenswürdigkeit für seine Absicht zu gewinnen. Er knüpfte freundliche Gespräche mit ihnen an, er klopfte ihnen auf die Schulter, er offerierte ihnen Zigaretten. Schließlich hatte er sie gewöhnlich so weit, daß sie ihm das Steuer überließen. Dann trat früher oder später der Moment ein, wo alles darauf ankam, die Jacht so um das Endziel herumzubringen, daß sie weder an die dort hegende Boje anstieß, noch auch einen zu weiten Bogen machte, der Zeitverlust bedeutete. Steuerte der Kaiser selbst, so stießen wir regelmäßig an die Boje. Dann war der Kaiser sehr betrübt, die Skipper brummten und fluchten auf englisch, Prinz Heinrich, der die Sache verstand, machte ein verdrießliches Gesicht, und dieser oder jener vorwitzige Flügeladjutant meinte mit melancholischem Lächern: „So geht es immer, wenn er selbst steuern will.'* 3 BHlOTC H III. KAPITEL Deutscher Flottenbesuch in Plymouth im Juli 1904 ■ Bericht des Grafen Metternich, Erläuterungen zu diesem Briefe • Vorbereitung der deutsch-russischen Handelsvertragsverhandlungen • Graf Witte, seine Virhandlungsmethode • Die Ermordung des russischen Ministers des Innern Plehwe • Handelsvertrag mit Rumänien, Handclsver- tragsverhandlungen mit Österreich-Ungarn • \ erheiratung des Kronprinzen • Die in Aussicht genommenen Prinzessinnen, Verlobung mit Prinzessin Cecilie von Mecklenburg a: m letzten Tage der Kieler Begegnung hatte König Eduard dem Kaiser proponiert, die deutsche Flotte nach Plymouth zu schicken, um diesem großen englischen Kriegshafen einen Besuch abzustatten. So behauptete wenigstens der Kaiser. Mir war es, wie ich offen gestehe, schon damals wahrscheinlicher, daß dieser Vorschlag in Wirklichkeit von Wilhelm II. ausging, der hoffte, mit seinen stolzen und schmucken Schiffen in England Eindruck, vielleicht moralische Eroberungen zu machen, jedenfalls den Briten gewaltig zu imponieren. Diese seine Erwartung ging nicht in Erfüllung. Der Besuch unserer Flotte in Plymouth war a failure, ein Fehlschlag. Der Empfang unserer Schiffe von Seiten der Bevölkerung war nicht freund- Uch, von Seiten der englischen Marine frostig. Englische Zeitungen brachten häßliche Artikel, in denen wir beschuldigt wurden, englische Häfen durch den Besuch deutscher Schiffe ausspionieren zu wollen. Ein großes englisches Blatt stellte die alberne Behauptung auf, die deutschen Marineautoritäten hätten die geeignete Landungsstelle für eine Invasion Englands aussuchen und prüfen wollen. Unser Botschafter in London, Graf Metternich, schrieb mir darüber: Metternich unser Flottenbesuch in Plymouth habe in der englischen Presse „einen sehr Uber Intrigen mäßigen Erfolg" erzielt. Die englischen Zeitungen zeigten oder heuchelten zwischen Mißtrauen über die „Auskundschaftung" (!) englischer Kriegshäfen. Mit r , Bezug auf die immer wiederholten, aber nicht immer taktvollen Bemühun- London ° gen unseres Kaisers, sich in England anzubiedern, fügte der Botschafter hinzu: „Es ist nicht dignified, von Leuten mehr Liebe zu verlangen, als sie geneigt sind zu geben. Alles zu seiner Zeit." Einige Tage später erhielt ich von Metternich einen Brief, in dem er sich mit Quertreibereien beschäftigen mußte, die nicht ohne ernsten und bedenklichen Hintergrund waren. Er schrieb mir unter dem 9. Juli 1904: DER BLAUE AFFE 35 „Ich habe heute an anderer Stelle über den Eindruck berichtet, den der Kieler Besuch des Königs Eduard in England gemacht hat. Prince of Wales, Herzog von Connaught, die Prinzessinnen, alle sprachen sich mir gegenüber sehr erfreut über diesen erfolgreichen Besuch aus. Aber nicht nur am Hof, sondern überall höre ich von Kiel als ,a great success' reden. Sie wissen, ich gebe im allgemeinen auf Klatsch und Tratsch nicht sehr viel und bin Kombinationen, die keine solide Basis haben, nicht sehr geneigt. Es unterhegt mir aber keinem Zweifel, daß wir es schon länger mit einer geheimen Verschwörung zu tun haben, die gegen die deutsch-englische Verständigung gerichtet ist. In der Publizistik, besonders in den Revuen, finde ich mitunter Angaben, die nur auf fremde diplomatische Einflüsterungen zurückzuführen sind. Der Engländer, auch der gebildete, ist geneigt, von seinen Monatsschriften anzunehmen, daß sie keinen politischen Einfluß ausüben, weil sie nur von wenigen gelesen werden. Ich bin nicht der Ansicht. Von wenigen geht der Impuls aus, der sich auf die Menge überträgt, und selbst die abstrakten Gedanken der Wissenschaft, wenn sie tief und packend sind und eine Wahrheit enthalten, formieren das Geschlecht der Zeitgenossen, die jene ursprünglich kaum kannten noch verstanden. Den Anonymus des Revueschreibers habe ich häufig auf seinen richtigen Namen zurückgeführt, über seinen dahinterstehenden Informanten bleibt aber der Schleier gedeckt. Vor Kiel wurde ein allgemeiner Anlauf unternommen, uns zu verdächtigen und vor uns zu warnen, nicht nur in den politischen Zeitschriften, sondern auch bei Hofe. Ich weiß bestimmt, daß starke Einflüsse auf König Eduard eingewirkt haben, um ihn von Kiel abzuhalten. Unter den Diplomaten gibt es nur drei, die das Ohr des Königs haben: der Portugiese Soveral, der Österreicher Mensdorff und der Russe Benckendorff. Soveral ist nicht intrigant, auch nicht deutschfeindlich, und könnte uns sogar sehr nützlich sein, wenn er nicht glaubte, an höchster Stelle bei uns zu mißfallen und gesnobbed worden zu sein. Ich weiß, daß Seine Majestät ein starkes Vorurteil gegen ihn hat. Ich bedauere dies und möchte glauben, daß Seine Majestät nicht immer richtig über Soveral informiert worden ist. Wie alle Südländer und auch wie mancher Nordländer ist er eitel, und wenn ich wüßte, daß er in Berlin auf der Durchreise gut behandelt würde (das heißt von Seiner Majestät), so würde ich ihn gelegentlich durch Hans Heinrich Pleß nach Fürstenstein einladen lassen. Ohne daß er von Seiner Majestät empfangen wird, würde er, soweit ich ihn beurteilen kann, nicht nach Berlin reisen. Die Zeiten, wo er der ,blaue Affe' war, sind vorüber, und er ist jetzt eine nicht unwichtige und allgemein behebte Persönlichkeit, die für uns hier vielleicht von großem Nutzen sein könnte, insofern, als er Verdächtigungen und Beschuldigungen entgegentreten würde, die er jetzt laufen läßt, wenn er, bei der Eitelkeit gefaßt, von Seiner Majestät gut und 3' 36 DER RUSSE BENCKENDORFF mit einer gewissen Auszeichnung behandelt würde. Soveral sagte mir auch dieser Tage in einem längeren Gespräch, das ich mit ihm hatte, daß König Eduard außerordentüch befriedigt von Kiel zurückgekommen sei. Soveral, der ein kluger Mann ist und den König vielleicht ebenso gut kennt wie irgendein anderer, bemerkte, dem König habe stets außerordentlich viel an guten politischen Beziehungen zu Deutschland gelegen. Der König sei der Tradition und dem Gefühle nach für Deutschland, und Mißhelligkeiten mit Deutschland wirkten geradezu ungünstig auf sein Wohlbehagen ein. Soveral verhehlte mir nicht, daß wir irgendwo einen starken Feind sitzen hätten, dessen Hand man vielfach verfolgen könne, der aber zuletzt immer verschwinde. Er konnte oder wollte nicht sagen, wer er sei. Ich halte Soveral wirklich nicht für so diabolisch, daß er mir dies gesagt hätte, wenn er selbst der verborgene Feind wäre. Es ist das Interesse Österreichs, daß die deutsche und die englische Politik sich in ähnlichen Bahnen bewegen. Schon deshalb glaube ich nicht, daß Mensdorff gegen uns intrigiert. Außerdem habe ich gar keine Anzeichen dafür und nie gehört, daß er gegen uns wirkt. Er wird wohl mitunter mitschwätzen und mitsympathisieren, wenn eine Royalty glaubt, ein ,grief gegen uns zu haben, aber ich bin überzeugt, daß er sich nicht politisch gegen uns stellt. Ich weiß sogar bestimmt, daß es ihm höchst fatal war, als die deutsch-englischen Beziehungen sich verschlechterten. Bleibt Benckendorff. Bei ihm erfordert das politische Interesse schlechte Beziehungen zwischen England und Deutschland. Ich habe mehrfach lange Gespräche mit ihm gehabt, worin er sich als sehr deutschfreundlich gibt. Er mag aber dem Grundsatz huldigen, daß gute Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland ebenso nützlich sind wie schlechte zwischen Deutschland und England. Er ist sehr geschickt und glatt, und bis ich lerne, daß ich mich getäuscht habe, wende ich auf ihn den Grundsatz an: ä larron, larron et demi. Alles, was ich ihm sage, mag er unbeschadet hier und in Petersburg wiederholen. Obschon ich ungern ohne feste Grundlage anklage, so kann ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, daß mir von verschiedenen Seiten zu Ohren gekommen ist, daß Benckendorff bei König Eduard den Besuch in Kiel zu hintertreiben versucht hat. Von allen Gerüchten ist Hofgerüchten vielleicht am wenigsten zu trauen. Der Consensus of opinion ist aber doch auffallend. Wenn man einen verborgenen Gegner hat, den man nicht fassen kann, so wäre natürlich nichts ungeschickter, als wollte man ihn in der Öffentlichkeit oder in der Presse brandmarken. Es würde ihn dies nur um so bissiger, giftiger und vorsichtiger machen. Sich nichts merken lassen, beobachten, auf der Hut sein und abwarten, bis man ihn mit etwas Tatsächlichem am Wickel hat, ist hier das richtige Rezept. Bei dem Intrigenspiele gegen das Deutsche Reich muß auch die Botschaft herhalten. Es amüsiert mich, zu erfahren, wie ich das eine IN DER LOGE EDUARDS VII. 37 Mal als gefährlicher Mensch hingestellt werde, der den armen Lansdowne und das Foreign Office stets übers Ohr haut, das andere Mal als ein unversöhnlicher Anglophobe geschildert werde, der nur auf den Ruin Englands sinnt. Aber leider wird auch aus dem eigenen Lager die Botschaft nicht unbehelligt gelassen. Was mich selbst betrifft, so ist es mir gänzlich gleichgültig, was man über mich sagt. Ich kann mich schon wehren, wenn es der Mühe wert ist — wenn aber ein früheres Mitglied der Botschaft, lediglich aus Unmut über geknickte, weitgehende Hoffnungen, die außer ihm selbst von niemandem geteilt wurden, die Stellung der jüngeren Botschaftsmitglieder unter Ausnutzung seiner persönlichen gesellschaftlichen Beziehungen zu diskreditieren sucht, so ist das ein unpatriotisches Vorgehen, das selbst gekränkte Eitelkeit und seine übertriebene Meinung von der eigenen Wichtigkeit nicht rechtfertigen kann. Über Viktor Eulenburg, der sich hier in überraschend kurzer Zeit eine vorzügliche Stellung erworben hat, wird ausgestreut, daß er bei den Engländern sehr unpopulär und zu dem Zweck hierhergeschickt worden sei, um als eine Art gesellschaftlicher Spion Seiner Majestät über den tagtäglichen Klatsch aus London zu berichten. Da diese Geschichte hier die Runde macht, so bin ich ihr nachgegangen und habe wenigstens die eine Hälfte auf ihren Urheber festgenagelt. Von einem absolut zuverlässigen Ohrenzeugen ist mir folgende kleine Szene geschildert worden: König Eduard im Hintergrunde seiner Box in der Oper, eine Zigarette rauchend, in Begleitung eines ihm befreundeten Herrn, der mir die Sache erzählt hat. Unter vielen Verbeugungen und Händereiben tritt unaufgefordert herein Alfred Rothschild, der sich nach dem Befinden des hohen Herrn und dem Verlauf der Kieler Reise unter mannigfacher Fragestellung erkundigt, unter anderm auch danach, wie S. M. der Kaiser den Ostasiatischen Krieg beurteile, worauf der König kurze und ausweichende Antworten erteilt. A. Rothschild erwähnt dann, daß ein neuer Sekretär, Graf Eulenburg, bei der deutschen Botschaft sei, der sich allgemein unpopulär hier mache, wie er höre. Der König sagt, davon wisse er nichts. In Kiel habe sich der junge Eulenburg im Gegenteil recht nützlich erwiesen (er hatte dort mit den Herren des Gefolges kleine Ordensangelegenheiten in meinem Auftrage zu besprechen). Befragt, erklärt A. Rothschild, Eckardstein habe ihm gesagt, daß Eulenburg hier sehr unpopulär sei. Der andere Herr greift nun in die Unterhaltung ein und bemerkt, das sei gar nicht der Fall, Eulenburg gefalle hier im Gegenteil recht gut, sei ein sehr angenehmer Mensch, und Eckardstein erzähle so etwas nur aus Pik gegen die deutsche Botschaft, weil er nicht mehr dazu gehöre und selber hätte Botschafter werden wollen. Darauf der König: ,Good heavens no, that would never do!' Alfred Rothschild, still und perplex, bemerkt zu spät, daß er seinem Freunde und Günstling Eckardstein einen 38 TRÜFFEL GRAB, WOLKENSCHIEBER, SEMMELAFFE schlechten Dienst erwiesen hatte. Ob Eckardstein auch die Historie von der geheimen Berichterstattung an Seine Majestät kolportiert hat, kann ich nicht sagen. Da aber beide Geschichten immer zugleich erzählt werden, so ist es naheliegend, daß sie auch denselben Urheber haben können. Ich darf wohl darauf rechnen, daß Sie dafür sorgen, daß die private Äußerung in der Opera box nicht an Eckardstein oder A. Rothschild zurückgelangt, besonders da letzterer sich uns häufig als nützlich und als Freund erwiesen hat, mit dem ich auch persönlich die besten Beziehungen pflege." Ich muß meinerseits diesem Brief unseres Botschafters in London einen kurzen Kommentar beifügen. Der Marquis Soveral hatte als erster Sekretär der portugiesischen Gesandtschaft in Berlin, unter dem alten Regime, in der Berliner Gesellschaft der achtziger Jahre eine gewisse Rolle gespielt. Er war allgemein beliebt, ein häufiger Gast bei den Liebesmahlen der Gardekürassiere und Gardeulanen, ein großer Ladies-man. Der alte Kaiser, der wie seine ganze Generation Leute mit weltmännischen Allüren und insbesondere elegante Kurmacher gern mochte, hatte Soveral wiederholt ausgezeichnet. Der Berliner Witz hat sich seit jeher darin gefallen, bekannten Leuten Spitznamen zu geben. Der Hofmarschall des Prinzen Karl, Graf Gerhard Dönhoff, ein berühmter Gourmand, wurde das Trüffelgrab genannt. Ich habe gelegentlich erzählt, daß mein Großonkel, der Oberstkämmerer Graf Wilhelm Redern, wegen seiner steifen Gangart und weil er die Nase hoch trug, der Wolkenschieber, sein Bruder, der Obergewandkämmerer Graf Heinrich Redern, der nicht gerade mit viel Geist, aber mit einem auffällig großen Mund begabt war, der Semmelaffe hieß. Soveral nannte man wegen seiner südländisch blauschwarzen Haare den „blauen Affen". Das neue Regime, das 1888 begann, war leider weniger taktvoll als das alte. Wilhelm II. gefiel sich darin, den Marquis Soveral nicht nur im Gespräch mit anderen den „blauen Affen" zu nennen, sondern ihn mitunter, wenn auch nur in der Form eines jovialen Scherzes, als solchen anzureden. Das war nicht nur geschmacklos, es war auch ungeschickt. Als Gesandter nach London versetzt, wurde Soveral sehr bald ein Günstling und Freund des Königs Eduard und der Königin Alexandra und ein Liebling der Londoner Gesellschaft mit großem sozialem, nicht geringem politischem Einfluß. Von dem berühmten englischen Seemann Sir Walter Raleigh wird erzählt, daß er einmal, als die Königin Elisabeth von England an einem Regentag vor ihrem Palast aus ihrem Wagen aussteigen wollte, seinen kostbaren Mantel vor ihr ausgebreitet habe, damit sie ihre weißen Atlasschuhe nicht beschmutze. Soveral soll denselben Akt heroischer Galanterie gegenüber einer schönen Botschafterin vollzogen haben. Schon daß solche Anekdoten über ihn erzählt wurden, machte ihn den Londoner Upper ten thousand interessant. Meine Bemühungen, den Kaiser FOItTÜNE 39 Wilhelm II. dahin zu bringen, den Marquis Soveral, mit dem ich persönlich seit jeher,gut stand, durch Liebenswürdigkeit wiederzugewinnen, blieben ebenso erfolglos wie mein jahrelanges Bestreben, Seine Majestät freund- licher für die Japaner zu stimmen. Graf Benckendorff war deutschen Ursprungs. Die Karriere seiner Familie war bezeichnend für altrussische Verhältnisse. Sie bewies, daß Die Kaiser Paul I. nicht unrecht hatte, als er dem englischen Botschafter, der Bench vor ihm einen Fürsten Dolgoruky einen Grandseigneur nannte, zornig dor -ff $ anfuhr: „Sachez, Monsieur, que dans mon pays on n'est grandseigneur que quand je parle ä quelqu'un et pendant que je parle ä quelqu'un." Die Gemahlin ebendieses Kaisers Paul, die Kaiserin Maria Feodorowna, eine württembergische Prinzeß, suchte nach einer zuverlässigen Gouvernante für ihre Kinder. Scbon im Hinblick auf ihren launenhaften und unberechenbaren Gatten war diese Frage für sie von Wichtigkeit. Ein ehemaliger russischer Gouverneur der baltischen Provinzen lenkte die Aufmerksamkeit der Kaiserin auf die wohlerzogene Tochter eines Artilleriemajors aus Riga namens Benkendorf. Vater und Tochter gehörten nicht dem alten baltischen Adel an, waren auch nicht mit der märkischen Familie BeneckendorfF- Hindenburg verwandt, welcher der ruhmvolle Generalfeldmarschall entsproß. Fräulein Benkendorf aus Riga machte sich gut als Erzieherin der kaiserlichen Kinder, die ihr stets ein dankbares Andenken bewahrten. Sie selbst wurde mit einem Herrn von Lieven aus gutem baltischem Adel vermählt, der dank seiner Frau Botschafter in London und Fürst wurde. Sie konnte auch für die Karriere ihrer Brüder sorgen. Sagt doch Mephisto von dem Floh, den der König liebt, daß auch seine Geschwister bei Hofe bald große Herren wurden. Ein Benckendorff (das feudal klingende „c" setzte die Familie später vor das „k" in ihrem Namen und verdoppelte das „f" am Schluß) wurde unter Kaiser Nikolaus Chef der Dritten Abteilung, d. h. der geheimen politischen Polizei, damals der wichtigste Posten im russischen Reich. Ein anderer heiratete die Tochter des russischen Gesandten in Berlin, Alopeus, der auch ein Glücksritter war, eigenthch Fuchs hieß und es vom Kandidaten der Theologie zum Baron und russischen Gesandten in Berlin brachte. Mancher Deutsche hat im siebzehnten, auch noch im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert in Rußland Fortüne gemacht. Ich erinnere an Cancrin, der als Sohn des Professors Krebs in Hanau zur Welt gekommen war und in Rußland unter Kaiser Nikolaus I. vom kleinen Angestellten im Salzwerk von Staraja Russa allmählich bis zum vieljährigen Finanzminister und Grafen Cancrin avancierte, an Brunnow, der vom Hauslehrer zum Botschafter in London emporstieg, an die nach Rußland ausgewanderten Söhne und Enkel des von dem schwärmerischen Studenten Sand ermordeten Lustspieldichters Kotzebue, die Generäle, Admiräle, Gesandte und General- 40 ADJUTANTEN gouverneure wurden, und manche andere. Der Botschafter Benckendorff, von dem mir Metternich sprach, war, wie die von den Bolschewisten inzwischen veröffentlichten Papiere beweisen, in der Tat bestrebt, seine deutsche Herkunft in St. Petersburg durch antideutsche Treibereien in Vergessenheit zu bringen. Am übelsten war, was Graf Metternich mir über die Umtriebe von Eckardstein schrieb, der offenbar immer tiefer sank, bis einige Jahre später der von ihm gegen seine Frau angestrengte skandalöse Ehescheidungsprozeß seinen gesellschaftlichen und moralischen Zusammenbruch nach sich zog. Graf Viktor Eulenburg, ein Sohn des damaligen Oberhofmarschalls Viktor und späteren Hausministers, war ein ungewöhnlich tüchtiger, begabter, Lulenburg durch un( j durch anständiger junger Mann, der mehrere Jahre Adjutant u Erbprinz j^. g ewegen war> J cn habe als Reichskanzler drei Adjutanten gehabt, die alle vor mir in jungen Jahren gestorben sind und denen ich ein dankbares Andenken bewahre. Mein erster Adjutant war der Erbprinz Emanuel von Salm-Salm, der später eine Erzherzogin von Österreich heiratete. Als Rittmeister bei den Gardeducorps starb er im Weltkrieg den Heldentod. Er Avurde vom Ausbruch des Weltkriegs in Indien überrascht, wo er Tiger schießen wollte. Von den Engländern interniert, gelang es ihm mit Hilfe der Tante seiner Frau, der Königin Christine von Spanien, die Erlaubnis zur Rückreise nach Deutschland zu erhalten. In Gibraltar wurde er ein zweites Mal festgenommen, aber infolge seiner inständigen Bitten durch Vermittlung der Königin nochmals in Freiheit gesetzt. Er reiste, ohne sich in der Heimat aufzuhalten, direkt nach dem östlichen Kriegsschauplatz, wo sein Regiment stand, das soeben siegreich gegen Russen gefochten hatte. Während seine Kameraden ihn jubelnd begrüßten, traf eine letzte Kosakenkugel Emanuel Salm, der, an der Schläfe getroffen, lautlos, schmerzlos umsank. Der weise Solon würde ihn neben dem Tellos von Athen als einen der wenigen ganz und wirklich Glücklichen bezeichnet haben. Auf Emanuel Salm passen die schönen Verse, die Ernst Moritz Arndt dem 1814 in den Ardennen gefallenen Friedrich Friesen gesungen hat: War je ein Ritter edel, Du warst es tausendmal, Vom Fuße bis zum Schädel Ein lichter Schönheitsstrahl. Sein Nachfolger Graf Viktor Eulenburg erlag in verhältnismäßig jungen Jahren einer tückischen Tuberkulose, die er sich als Teilnehmer an einer Expedition nach Abessinien zugezogen hatte. Bei seiner ungewöhnlichen Begabung lag eine große Zukunft vor ihm. Mein letzter Adjutant, Erich von Schwartzkoppen, der Sohn eines ausgezeichneten Heerführers im MENDELSSOHN VERBINDET MIT WITTE 4] Kriege von 1870/71, war ein echter Vertreter jener aus dem Kadettenkorps hervorgegangenen, durch Pflichttreue, Tüchtigkeit und jede soldatische und menschliche Tugend ausgezeichneten preußischen Offiziere, die uns, wie Bismarck einmal sagte, niemand nachmacht. Auch er starb in jungen Jahren. Bei sorgsamer Prüfung unserer handelspolitischen Beziehungen zu unseren Nachbarn hatte ich mich davon überzeugt, daß wir vor allem mit Der Rußland zu einer Verständigung kommen müßten. War eine solche erreicht, Handelsso würden Rumänien, Österreich-Ungarn, die Schweiz und die übrigen V ßß° S Länder folgen. Ich war weiter der Ansicht, daß der russische Staatsmann, mit dem wir uns am leichtesten verständigen könnten, der frühere Finanz- minister, nunmehrige Ministerpräsident Sergeji Juljewitsch Witte war. Aber wie an ihn herankommen? Ich erinnerte mich, daß mir Witte bei unserer Begegnung in Petersburg gesagt hatte, es gäbe zwei große Finanzmänner in Europa, zu denen er absolutes Vertrauen habe, Rothschild in Paris und Ernst Mendelssohn in Berlin. Ich setzte mich mit letzterem in Verbindung, der ein kluger Kopf, ein ausgezeichneter Geschäftsmann war und unbedingte Zuverlässigkeit mit warmem Patriotismus verband. Er war in der Lage, sich auf geheimem und sicherem Wege in Verbindung mit Witte zu setzen. Ich beß bei diesem anfragen, ob er geneigt sein würde, mit mir über einen neuen Handelsvertrag direkt zu verhandeln und, sofern dies der Fall wäre, wie seine Entsendung zu diesem Zweck am besten in die Wege geleitet werden könnte. Witte hatte bis dahin in den ihm nahestehenden russischen Blättern eine heftige, teilweise sogar sehr grobe Polemik gegen die deutschen Wünsche und Ansprüche auf handelspolitischem Gebiet führen lassen. Das machte mich nicht irre. „La langue", sagte Talleyrand, „a ete donnee ä l'homme pour deguiser ses pensees." Nicht lange nachher konnte Herr von Mendelssohn mir mitteilen, daß Witte gern mit mir direkt verhandeln wolle. Um hierzu die Möglichkeit zu bieten, wäre der beste Weg, daß der Deutsche Kaiser in möglichst unauffälliger, recht natürlicher Form diesen Gedanken in seiner Korrespondenz mit Kaiser Nikolaus durchschimmern beße. Kaiser WUhelm, der mit meinen Plänen einverstanden war, gestattete mir, ein oder zwei in diesem Sinn redigierte Briefe an den Zaren aufzusetzen. Wir sagten ungefähr: Um die Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland von jeder Trübung frei zu halten, würde es sich empfehlen, dafür zu sorgen, daß die langweihfen Zollplackereien aufhörten und auf wirtschaftlichem Gebiet eine Verständigung herbeigeführt würde. Wenn nur deutsche Geheimräte und russische Tschinowniks mit dieser Aufgabe betraut würden, wäre kein Ende abzusehen. Praktischer wäre es, zwei wirkbche Staatsmänner, also die größte wirtschaftliche und finanzpobtische Autorität in Rußland, Herrn Witte, und den deutschen 42 DIE KAPPS Kanzler, zusammen einzusperren, damit sie möglichst rasch zu einem für beide Teile befriedigenden Ergebnis gelangten. In einem Gefängnis brauchten sie sich j a nicht gerade zu begegnen, Witte möge nach Norderney kommen, wo der deutsche Kanzler die heißen Monate zu verleben pflege und wo die gute Seeluft auch Sergej Juljewitsch neue Spannkraft verleihen würde. Die Antwort des Zaren lautete freundlich und zustimmend. Im Laufe des Juli traf Witte in Norderney ein. Er hatte einen großen Witte in Stab von Beamten mitgebracht, darunter den früheren russischen Finanz- Norderney a ttache in Berlin und späteren Handelsminister Timiriaseff, der ein guter Musiker und schlauer Unterhändler war. Ich hatte eine größere Anzahl leitender Beamten nach der Nordseeinsel zitiert, unter ihnen Posadowsky, Podbielski, Wermuth, Körner und eine Reihe vortrefflicher HUfskräfte, darunter Kapp und Göbel. Wolfgang Kapp war in New York geboren, als Sohn eines Westfalen, der als Vierundzwanzigj ähriger im September 1848 zu den revolutionären Sturmgesellen gehört hatte, die versuchten, die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mit Waffengewalt zu sprengen. Er mußte deshalb sein Vaterland verlassen, blieb aber auch in Amerika ein guter Deutscher und kehrte 1870 nach Deutschland zurück. Er hat ein vortreffliches Buch über den schmählichen Soldatenhandel deutscher Kleinfürsten geschrieben. Der Sohn Kapp trat jung als Hilfsarbeiter ins Preußische Finanzministerium ein und wurde dann Landrat des Kreises Guben, wo er als ultrakonservativer Parteimann auftrat und in beständiger Fehde mit dem Vertreter des Kreises, dem liberal gerichteten Prinzen Heinrich Carolath, lebte, obwohl der letztere eine hebenswürdige, aber weiche Natur war, weswegen er auch den Spitznamen „Butter-Heinrich" führte. 1900 wurde Wolfgang Kapp Vortragender Rat im Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, als dessen Kommissar er bei den Handelsvertragsverhandlungen in Norderney 1904 fungierte. Er war ein hervorragend fleißiger und tüchtiger Beamter, von durchaus ehrenhaftem Charakter, ein Patriot und ein Idealist, aber es fehlte ihm die Einsicht in die Grenzen seiner bescheidenen Fähigkeiten wie der Überblick über größere Verhältnisse und die allgemeine Lage. Als selbsternannter Reichskanzler während des Putsches vom Frühjahr 1920 war er eine tragikomische Figur und erinnerte halb an den General Claude Francois de Mallet, der sich im Oktober 1812, unmittelbar nachdem Napoleon das brennende Moskau geräumt hatte, zum Gouverneur von Paris proklamierte und sich für vierundzwanzig Stunden der Gewalt bemächtigte, halb an den Hauptmann von Köpenick. Dem bescheidenen Kommissar, der in Norderney in respektvoller Entfernung seinem Chef, dem jovialen Podbielski, zu den Sitzungen folgte, war seine bewegte Zukunft nicht anzusehen, in die ihn letzten Endes wohl die kleinlichen und WITTE ÜBER SEINE ENTLASSUNG 43 gehässigen Angriffe getrieben haben, die später von der Höhe seiner Reichskanzlerstellung in offener Reichstagssitzung Bethmann Hollweg während des Weltkrieges gegen den inzwischen zum Generallandschaftsdirektor in Königsberg gewählten Kapp richtete, den er dadurch um Amt und Brot brachte. In Norderney setzte ich mich von vornherein mit Witte auf den Fuß, daß ich ihn bat, abends bei uns in unserer Villa zu essen. An das Diner schloß sich dann gewöhnlich eine gemütliche, manchmal zwei und selbst auch drei Stunden dauernde Plauderei. Witte sprach ungeniert über alles, was die erste Voraussetzung ist, bei häufigerem Zusammensein nicht langweilig zu wirken. Er war bei seinem Monarchen in Ungnade gefallen und grollte ihm. Er liebte auch die Kaiserin Alexandra Feodorowna nicht, die er beschuldigte, ihren Gemahl gegen ihn aufgestachelt zu haben. Sie hätte sich hierzu des bewährten Mittels bedient, demZaren zu sagen, die Petersburger Gesellschaft wäre davon überzeugt, daß er eine Marionette in den Händen von Witte wäre. Die Kaiserin hätte sogar eine kleine Karikatur gezeichnet, die Witte mit seiner massigen Figur und seinen eher groben Gesichtszügen darstellte, wie er einen kleinen Hampelmann in der Hand hielt, der die feinen Züge des angeblichen Selbstherrschers trug. Mit gutem Humor schilderte Witte, wie die montenegrinischen Großfürstinnen es anfingen, mit Hilfe eines französischen Spiritisten, eines Monsieur Philippe, die Zarin und den Zaren in ihr Garn zu ziehen. Der Spiritist Heß den Geist des Kaisers Alexander III. erscheinen. Gefragt, welche Ratschläge er dem Sohn zu geben habe, mahnte der Geist zu treuem Festhalten an dem Vermächtnis des Vaters und insbesondere an dem Bündnis mit Frankreich. Schließlich aber rief er mit Grabesstimme dem erschrockenen Sohn zu: „Et, surtout, n'oublie pas de donner beaucoup d'argent au Prince de Montenegro, mon meilleur ami." Ich nahm mir vor, meinerseits dafür zu sorgen, daß an unserem Hofe und in der hellen Berliner Luft solches Blend- und Zauberwerk nicht um sich greife. Seine Entlassung schilderte mir Witte folgendermaßen : „Als ich meinen üblichen Vortrag, den Daklod, wie wir auf russisch sagen, an dem festgesetzten Tage beendet hatte, sah der Kaiser Nikolaus einige Zeit verlegen vor sich auf seinen Schreibtisch. Dann sagte er mir mit sanfter Stimme, ohne mich anzusehen, er habe den Eindruck, daß meine Gesundheit in der letzten Zeit gelitten hätte, er wolle nicht, daß ich mich überarbeite. Deshalb enthebe er mich meines Postens als Finanz- minister und ernenne mich zum Vorsitzenden des Minister-Konseils." Witte fuhr fort, wobei dem heftigen Mann der Zorn noch nachträglich die Backen rötete: „Da verlor ich die Geduld. So viel Falschheit und Heuchelei empörten mich. Ich sagte dem Kaiser: ,Ich verstehe nicht, warum Sie eine solche Komödie mit mir aufführen. Die Stellung des Präsidenten des Minister- u WITTE KEIN SLAWOPHILE komitees ist ja in Rußland eine reine Sinekure. Ebensogut hätten Sie mich nach dem Kaukasus oder nach Sibirien verschicken können'." Nach einer kleinen Pause fügte Witte nicht ohne eine gewisse Rührung in der Stimme hinzu: „Nun werden Sie sehen, daß der Kaiser auch wieder gute Seiten hat. Am selben Abend schickte er mir ein dickes Kuvert, in dem 400000 Rubel waren." Witte war augenscheinlich stolz auf dieses Schmerzensgeld. Witte war ein überzeugter Anhänger guter Beziehungen zwischen seinem Vaterland und Deutschland. Nicht als ob er besondere Sympathien für die Deutschen empfunden hätte. Er zog Paris als Stadt Berlin vor, die Franzosen gefielen ihm persönlich besser als die Deutschen, die Engländer und Amerikaner imponierten ihm in höherem Grade. Aber er war überzeugt, daß von der Aufrechterhaltung des Friedens und guter Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland das Schicksal des russischen Kaiserhauses abhing, und bei aller Ranküne gegen den derzeitigen Zaren und obschon nicht ohne gelegentliche liberale Anwandlungen, war er durchaus monarchisch gesinnt. Er war schon 1904 der Meinung, daß der Sturz der Monarchie in Rußland das Signal für Anarchie, Elend, Ruin und Zerrüttung des Riesenreichs bedeuten würde. Ähnlich wie mancher andere russische Staatsmann mißbilligte und verachtete Witte die slawophile Schwärmerei für die Balkanvölker, die Rußland seine Blut- und Geldopfer, alle, ohne Ausnahme, die Serben früher, die Bulgaren später, die Griechen und Rumänen bei jeder Gelegenheit, mit schnödem Undank gelohnt hätten. Rußland brauche keine Vergrößerung, es sei eher zu umfangreich. Nicht nur in Sibirien und in Turkestan, auch im Kaukasus und selbst im europäischen Rußland warteten ungeheure Flächen darauf, bebaut und kultiviert zu werden, wären noch unermeßliche Bodenschätze zu heben. Der Besitz von Konstantinopel würde für Rußland ein zweifelhaftes Glück sein. Kaiser Nikolaus I. habe einmal an den Rand eines Berichts, in dem gesagt worden war, das orthodoxe Kreuz müsse wieder auf der Sophienkirche aufgepflanzt werden, mit fester Hand geschrieben: „In der Theorie ist das schön und gut, aber in Wirklichkeit wäre der Besitz von Konstantinopel kein Glück für Rußland, eher ein Moment der Schwäche als der Stärke. Wollen wir drei Hauptstädte haben ? Petersburg, die Schöpfung des größten russischen Kaisers, das wir doch nicht aufgeben können, das heilige Mütterchen Moskau, das wir noch weniger aufgeben können, und endbch Byzanz ?" Witte war erst recht mit Entschiedenheit gegen jede Gebietserweiterung des russischen Reichs in Europa. Ostpreußen? Rußland habe schon genug Deutsche. Posen? Rußland habe schon genug Polen. Galizien? Rußland habe schon genug Juden. Der Hauptgrund aber, aus dem Witte ein Vertreter des Friedens und der Eintracht mit dem deutschen Nachbar war, lag in seiner felsenfesten Uberzeugung, der er, wie ich höre, bis zum letzten BLUFF IS Augenblick seines Lebens treu geblieben ist, daß ein Krieg zwischen Rußland und Deutschland vielleicht zum Sturz der Hohenzollern, sicherlich zum Sturz der Romanows führen und nur der Revolution zugute kommen würde. Die Handelsvertragsverhandlungen fanden gewöhnlich am Vormittag, bisweilen auch am Vor- und Nachmittag statt. Witte begegnete sich mit Die mir in dem Wunsch, nicht über Detailfragen und Kleinigkeiten zu stolpern, Handels- sondern das ganze Problem von einem höheren Gesichtspunkt aus zu behan- rer ' ra 5 s ' . x Verhandlungen dein. Es war nicht zu leugnen, daß er meinen verehrten deutschen Mitarbeitern an Großzügigkeit überlegen war. Wenn diese sich mit dem Stabe von Witte einige Zeit herumgezankt hatten, pflegte letzterer mir einen kleinen Zettel herüberzureichen, auf dem etwa stand: „Mettons fin ä ces commerages inutiles! Je vous propose la Solution suivante . . ." Seine Vorschläge waren immer praktisch, meist annehmbar. Als ihm einer der deutschen Delegierten einmal entgegenhielt, daß, wenn er in diesem oder jenem Punkt nicht nachgebe, es uns vielleicht nicht unmöglich sein 'würde, in einiger Zeit einen Reichstagsbeschluß herbeizuführen, durch den die Regierung aufgefordert werden könnte, gerade in diesem Punkt den Russen nicht nachzugeben, entgegnete Witte lächelnd: „Und ich kann mit einem kurzen Telegramm einen kaiserlichen Ukas erwirken, durch den alle unsere Forderungen um 400 Prozent erhöht werden. Laissons ces enfantillages." Natürlich war ich weit davon entfernt, mich von ihm bluffen zu lassen, schon weil ich wußte, daß dies seit langem ein beliebter Kunstgriff gerade der Russen war. Eines Nachmittags, nach einer ziemlich heftigen Diskussion, die zu keiner Verständigung geführt hatte, schickte Witte mir einen seiner Sekretäre, um sich zu erkundigen, um welche Zeit der Schnellzug nach Berlin von Norddeich, der Endstation der Bahn gegenüber der Insel Norderney, am nächsten Tage abginge. Ich erwiderte ihm nach einer Stunde, ich hätte Weisung gegeben, daß er für die Reise von Norddeich nach Berlin einen Salonwagen bekäme, schon im Hinblick auf die lange Fahrt, die ihm noch von Berlin bis St. Petersburg bevorstünde. Er kam nicht wieder auf den Gedanken der Abreise zurück. fi Unvergeßlich ist mir eine kleine Szene aus einer der letzten Sitzungen. Witte, der den Abend vorher in meiner Villa in angeregtem Gespräch bis spät in die Nacht zugebracht hatte, holte einen Zettel hervor und hielt dabei eine kleine Ansprache, in der er etwa sagte: In Anerkennung des auch von deutscher Seite gezeigten guten Willens und um seiner persönlichen Sympathie für den deutschen Kanzler Ausdruck zu geben, wolle er uns freiwillig noch einige nicht ganz unbeträchtliche Konzessionen machen. Er hatte kaum diese Zugeständnisse verlesen, als der Unterstaatssekretär Wermuth, der neben mir saß, obwohl ich ihn durch sanften Druck meines 46 DER UNTERSTAATSSEKRETÄR WERMUTH Fußes auf seinen Stiefel warnte und zurückzuhalten suchte, in einem sehr mangelhaften Französisch erklärte: Wo die Russen in der Gebelaune zu sein schienen, müßten die Deutschen noch vier oder fünf andere Wünsche zur Sprache bringen, die den russischen Zugeständnissen erst ihren vollen Wert verleihen würden. Witte erwiderte kühl: „ J'ai voulu vous faire plaisir, mais comme vous semblez mal comprendre mes mobiles et mes intentions, je retire ce que j'ai dit." Der Unterstaatssekretär Wermuth war ein arbeitsfreudiger und kenntnisreicher, aber nicht gerade feinfühliger Beamter. Er war der Sohn eines ehemaligen Polizeipräsidenten des Königs Georg von Hannover, eines Beamten, der sich durch sein reaktionäres Verhalten in den letzten Jahren vor der Katastrophe von 1866 sehr verhaßt gemacht hatte, aber vielleicht gerade deshalb von dem blinden König geschätzt wurde. Damals sangen die Straßenjungen von Hannover: Du hast den groben Tschirnitz, Hast Liebig, den süßen Friseur, Du hast den bitteren Wermuth, Mein Georgie, was willst du noch mehr? Tschirnitz war ein ob seines rauhen Wesens gefürchteter Generaladjutant, Liebig der besondere Günstling des letzten Königs von Hannover. Der Sohn Wermuth war, als er mir bei den Handelsvertragsverhandlungen zur Seite stand, ausgesprochen agrarisch und ängstlich bemüht, nicht bei den Konservativen anzustoßen, vor denen ihm sehr bange war. Ich hätte damals nicht geglaubt, daß er sich in späteren Jahren als Oberbürgermeister von Berlin auf das beste nicht nur mit den Mehrheitssozialisten, sondern auch mit den Unabhängigen und Kommunisten im Roten Hause in der Königstraße verstehen würde. Eine wackere Stütze war mir der Direktor der handelspolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt, der Geheime Rat Körner. Sein Vater hatte in der alten Zeit im sächsischen Finanzministerium die Zollfragen bearbeitet, und man sagte von dem Sohn, daß er unter Tabellen und Zollverordnungen aufgewachsen wäre wie andere Kinder zwischen Schaukelpferden und Baukästen. Seine Tüchtigkeit und sein Wissen imponierten Witte, dem auch sein Auftreten und sein Wesen gefielen. Bei der Diskussion einer nicht unwichtigen Zollposition, die für die Chemnitzer Industrie von Bedeutung war, sagte Witte: „Je vous cede cette position pour faire plaisir ä Mr. Körner cpii est Saxon." Als einundzwanzig Jahre später die deutsche Republik Zollverhandlungen mit Sowjet-Rußland einzuleiten wünschte, konnte sie nichts Klügeres tun, als an die Autorität dieses hervorragenden Beamten des alten Systems zu appellieren und ihn zu bitten, die Verhandlungen mit dem neuen Rußland zu führen. DIE BOMBE FÜR PLEHWE 47 Kaiser Wilhelm, dem ich melden konnte, daß die Verhandlungen mit Witte zum Abschluß gekommen seien, richtete an mich das nachstehende Telegramm: „Ihre Meldung hat Mich mit hoher Befriedigung und herzlicher Freude erfüllt. Nach jahrelanger mühevoller, dorniger Arbeit ist Ihnen das große Werk gelungen, dank Ihrer nie erlahmenden Arbeitskraft und aufopfernden Hingabe. Möge unser Volk und Vaterland sich zu voller Würdigung dessen, was Sie ihm errungen haben, durch die Unterzeichnung des Handelsvertrages emporarbeiten und Ihnen ebenso warmen und rückhaltlosen Dank zollen, wie Ich es jetzt schon tue. Genießen Sie nun Ihre Ferien in verdienter Ruhe." Für einige Tage nach Berlin zurückgekehrt, wo ich Geschäfte zu erledigen hatte, begegnete ich bei einem Morgenritt im Tiergarten meinem Freund Plchwes Witte, der mir schon von weitem in freudiger Erregung zurief: „Une bonne Ermordung nouvelle! Plehwe vient d'etre assassine!" Der russische Minister des Innern, Herr von Plehwe, ein Gegner Wittes, war am 28. Juli auf einer Fahrt nach dem Warschauer Bahnhof von einem Anarchisten mittels einer Sprengbombe getötet worden. Plehwe war einer jener Deutschrussen, die, vielleicht weniger grausam als die Nationalrussen, sich doch durch ihre methodische Härte und Strenge noch verhaßter als diese machten. Er war ein Typus, wie man ihn seit Peter dem Großen in Rußland häufig gesehen hatte. Sohn eines verarmten ostpreußischen Gutsbesitzers, war er als Kind mit seinem Vater nach Russisch-Polen gekommen, wo dieser, der in seiner Heimat auf keinen grünen Zweig kommen konnte, sich ein kleines Gut gekauft hatte. Der junge Plehwe wurde dort zum Polen erzogen. Später siedelte der Vater nach dem inneren Rußland über, wo der Sohn sich ebenso rasch aus einem Polen in einen Russen verwandelte wie früher aus einem Deutschen in einen Polen. Der ehrliche Wilhelm Plehwe war bald ein polnischer Vaclav geworden. Mit der gleichen Fixigkeit und Unbefangenheit entwickelte er sich etwas später aus einem Vaclav zu einem russischen Wjatscheslaw. Plehwe hatte eine ungewöhnliche Arbeitskraft, eine eiserne Faust, einen unbeugsamen Willen und hohen persönlichen Mut. Beständig von Bomben und Kugeln bedroht, fuhr er in einem gepanzerten Wagen und bestimmte erst im letzten Augenblick beim Einsteigen das Ziel der Fahrt. Trotzdem galt er für einen gezeichneten Baum. Jedermann war überzeugt, daß er früher oder später in die Luft gesprengt werden würde. Er hatte der Frau eines französischen Militärattaches eine große Leidenschaft eingeflößt. In hysterischer, beinahe pathologischer Weise behauptete sie, daß mit dem von ihr heiß gehebten Mann gemeinsam in Todesgefahr zu schweben für sie der höchste Genuß wäre. An dem Tage, wo Plehwe die Sprengbombe traf, war sie zufälligerweise nicht mit ihm im Wagen. Vierzehn Tage nach der Ermordung von Plehwe wurde Kaiser Nikolaus II. 4a DER THRONFOLGER ALEXEJ der langersehnte Sohn geboren, der den echt russischen Namen Alexej Nikolajewitsch erhielt und schon am Tage seiner Geburt zum Chef eines finnländischen Leibgarderegiments, eines ostsibirischen Schützenregiments, zum Hetman aller Kosakenregimenter ernannt und gleichzeitig ä la suite von zwei Garde- und vier Linienregimentern gestellt wurde. Alle diese heute fast kindlich anmutenden Auszeichnungen haben nicht hindern können, daß das arme Kind ein frühes und schreckliches Ende fand, ein um so grausameres Schicksal, als es sich um einen seit seiner Geburt kränklichen Knaben handelte. Alexej Nikolajewitsch war, was man einen Bluter nennt. Seine Taufpaten waren Kaiser Wilhelm und König Eduard. Der erstere ließ sich bei der Taufe in Petersburg durch seinen Bruder Heinrich vertreten, der mir bei seiner Rückkehr nicht genug zu rühmen wußte, wie glücklich die kaiserlichen Eltern über die Geburt des Thronerben wären. Die Kaiserin Alexandra Feodorowna war zur Belohnung zum Chef eines Dragonerregiments ernannt worden. Durch den Abschluß eines Handelsvertrags mit Rußland waren wir Handels- gegen die Gefahr einer wirtschaftlichen Isolierung Deutschlands gesichert. vertrage mit j)j e Anbahnung vertrauensvoller und freundschaftlicher Beziehungen Rumänien^ zw j gc ] ien m j r (J em hervorragendsten Staatsmann, über den das rus- Österreich s ^ scne Reich damals gebot, war für uns ein nicht zu verachtender Nebengewinn. Ich wünschte auch den Handelsvertrag mit Rumänien so bald als möglich unter Dach und Fach zu bringen und lud zu diesem Zweck meinen alten persönlichen Freund, den rumänischen Staatsmann Demeter Sturdza, nach Homburg v. d. H. ein, wo ich im Herbst einige Wochen verlebte. In kurzer Zeit kam zwischen uns eine Verständigung zuwege. Da ich dem um das Zustandekommen des Zolltarifs sehr verdienten Grafen Posadowsky die Freude bereiten wollte, einen wichtigen Vertrag, den Handelsvertrag mit Österreich-Ungarn, selbständig abzuschließen, so entsandte ich ihn zu diesem Zweck nach Wien. Es zeigte sich bald, daß eine ungewöhnliche Arbeitskraft und ebenso seltene wirtschaftliche Kenntnisse noch nicht zum Unterhändler befähigen, mit anderen Worten, daß die Diplomatie, um mit Bismarck zu reden, nicht, wie die Deutschen bisweilen glauben, eine Wissenschaft, sondern eine Kunst ist. Posadowsky fuhr sich in Wien in kurzer Zeit völlig fest. Statt die dortigen Verhältnisse zu nehmen, wie sie nun einmal waren, und das Beste aus ihnen zu machen, hielt er Zis- und Transleithaniern im Tone des geheimrätlichen Berliner Besserwissers Vorträge über die Nachteile des Dualismus, bei dem niemand wisse, wer eigentlich Koch und wer Kellner sei. Die Nachteile jener Staatsordnung waren unbestreitbar, sie schrien zum Himmel. Aber die österreichischen Unterhändler waren nun einmal nicht in der Lage, sie zu beseitigen, und wünschten vor allem nicht, durch einen Fremden darüber belehrt zu werden. „Je EINE PARTIE FÜR DEN KRONPRINZEN 49 sais bien que je suis laid", meinte jener Franzose, „mais je n'aime pas qu'on me le dise." Da sich die Beziehungen zwischen Posadowsky und den Vertretern der Doppelmonarchie auch persönlich immer weniger freundlich gestalteten, so sah unser Staatssekretär des Innern selbst ein, daß er nicht weiterkam. Statt dies ruhig einzugestehen — non omnia possumus omnes —, beschuldigte er unseren Botschafter, den Grafen, späteren Fürsten Karl Wedel, ihn nicht ausreichend unterstützt zu haben. Wedel, als alter Gardeulan, nahm die Sache persönlich und frug sich und mich, ob er Posadowsky fordern solle. Ich mußte letzteren nach Berlin zurückrufen und dort die Verhandlungen mit den von Wien entsandten österreichischen Delegierten persönlich führen. Jakob Grimm hat schon vor einem halben Jahrhundert und länger geschrieben, daß die Deutschen in allen formalen Fragen, wo es sich um verhältnismäßig nebensächbche Punkte handle, streitsüchtiger und rechthaberischer wären als irgendein Volk. In großen Fragen operiere der Deutsche im allgemeinen unbeholfener und unglücklicher als jeder andere. Unter den österreichischen Delegierten, mit denen wir in Berlin bald zu einer vollen Verständigung gelangten, fiel mir durch seine Gewandtheit Baron Max Beck auf. Er war bei der Vorbereitung der Heirat des Erzherzogs Franz Ferdinand mit Sopherl Chotek der juristische Beistand Seiner Kaiserlichen Hoheit gewesen. Er trug in seiner Brusttasche ein Bild, das den Erzherzog Arm in Arm mit der Erwählten seines Herzens darstellte und das die Unterschrift trug: „Ein glückliches Paar dem treu bewährten Freund." Als Beck bald nachher als österreichischer Ministerpräsident ein auf dem allgemeinen Stimmrecht beruhendes Wahlgesetz durchbrachte, das gerade die Klerikalen und manche Aristokraten gewünscht hatten, fiel er bei dem launischen Erzherzog in tiefe Ungnade. Wie oft vergessen auch kluge Leute den weisen Rat des Psalmisten: „Verlasset euch nicht auf Fürsten" (Psalm 146, 3). Den Abschluß der übrigen Handelsverträge konnte ich vertrauensvoll meinen bewährten Mitarbeitern, insbesondere Exzellenz von Körner, überlassen. Die Verheiratung des Kronprinzen beschäftigte seit Jahr und Tag seine treue Mutter, die Kaiserin Auguste Viktoria. In ihrer schlichten Frömmig- Hohenzollern- keit und strengen Sittlichkeit wünschte sie, daß ihre Söhne möglichst früh Cumberland heiraten möchten, um rein und unberührt in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Für den ältesten Sohn des Kaiserpaares wurde zunächst an eine der Töchter des Herzogs von Cumberland gedacht. Die Kaiserin, die selbst die Tochter eines nicht zum Ziel gelangten Prätendenten war, empfand begreifliche Sympathie für das weifische Haus, das, ebenso wie das holsteinische, der großen Politik des großen Fürsten Bismarck zum Opfer gefallen war. Philipp Eulenburg, der mit seiner eminenten persönhchen 4 Billow II 50 HEINRICH XVIII. REUSS SCHLÄGT CECILIE VOR Gewandtheit gute Beziehungen zu der Familie Cumberland angeknüpft hatte, war eifrig bestrebt, der von Ihrer Majestät gewünschten Verbindung die Wege zu ebnen. Seine Bemühungen scheiterten aber an der Vis inertiae des Herzogs Ernst August von Cumberland, der durch seinen passiven Widerstand Kaiser Wilhelm in so großen Zorn versetzte, daß er einmal an den Rand eines Eulenburgschen Briefes schrieb: „Ehe Ich den uuver- schämten Weifen auf Braunschweigs Thron klettern lasse, möge er Heber verderben!" Das hat Wilhelm II. nicht abgehalten, dem Sohn des „unverschämten" Weifen später seine einzige, übrigens charmante Tochter und als Morgengabe Braunschweigs Thron zu gewähren. Die Kaiserin dachte in zweiter Linie an eine der beiden Töchter des Prinzen Albert von Sachsen-Altenburg und einer preußischen Prinzessin. Auf Wunsch Ihrer Majestät bat ich die jungen Damen zu Tisch. Sie sahen recht blaß aus, bei Tisch fühlte sich die eine unwohl. Ich hatte den Eindruck, daß sie für die aufreibende Stellung einer preußischen und deutschen Kronprinzessin zu zart wären. Sie haben übrigens beide später geheiratet, die eine einen Prinzen Reuß, die andere einen Grafen Pückler. Zu meinen ältesten und treusten persönlichen Freunden gehörte der Verlobung des Prinz Heinrich XVIII. Reuß. Es ist allgemein bekannt, daß alle Prinzen Kronprinzen R eu ß einem der größten deutschen Kaiser, dem Hohenstaufen-Kaiser Heinrich VI. zu Ehren den Vornamen Heinrich führen. Sie unterscheiden sich durch ihre Nummern, wobei die ältere Linie bis 100 zählt, die jüngere mit jedem Jahrhundert wieder mit I beginnt. Da sie sich im Familienkreise nicht mit ihren Nummern anreden lassen mochten, so führten sie kleine Beinamen: Der hochverdiente Botschafter in St. Petersburg, Konstantinopel und Wien Prinz Heinrich VII. Reuß wurde Septi genannt, einen anderen Reuß, der die Nummer IX trug, nannte man scherzweise Pio Nono, noch einen anderen Enrico, und so weiter. Das Fürstentum Reuß war der kleinste deutsche Bundesstaat. Als Friedrich der Große bei einer Reise durch seinen Staat einmal an der Grenze von einem Fürsten Reuß begrüßt wurde, redete er ihn mit den Worten an: „Voilä deux souverains qui se rencontrent." Prinz Heinrich XVIII. Reuß, der mit einer Prinzessin von Mecklenburg vermählt war, lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Kusine seiner Frau, die Prinzessin Gecilie von Mecklenburg-Schwerin. Der Kaiserin war diese Verbindung von vornherein sympathisch. Sie stieß sich auch nicht an der exzentrischen Mutter der Prinzeß Cecilie, der Großherzogin Anastasia, einer Tochter des Großfürsten Michael Alexandrowitsch von Rußland. Als die Verlobung zustande kam, sagte mir die Frau Großherzogin Luise von Baden, die wie niemand sonst befähigt war, eine junge Fürstin zu beurteilen: „Sie werden mit ihr zufrieden sein und das Land auch. Die junge Prinzessin Cecilie hat mehr Welt und weitere Horizonte als die meisten DER KAISER UND DIE BRAUT 5J deutschen Prinzessinnen. Dabei aber wird sie von keiner mir bekannten deutschen Prinzessin an Herz und Charakter übertroffen." Diese Beurteilung hat Prinzeß Cecilie als Kronprinzessin vollauf gerechtfertigt, im Glück wie im Unglück. Durch die Anmut und die Natürlichkeit ihres Wesens, ihren großen Liebreiz eroberte sie alle Herzen. Durch ihren Verstand, ihr Streben, sich geistig immer weiter auszubilden, den Ernst ihrer Lebensauffassung, ihre Pflichttreue gewann sie die Achtung aller, die ihr nähertraten. Sie hat Anspruch auf das Lob, das in einem seiner schönsten Gedichte Heinrich von Kleist der Königin Luise spendete. Auch Kronprinzessin Cecilie hat mit der Grazie Schritt auf jungen Schultern das Unglück edel getragen. Am 4. September 1904 teilte mir die Kaiserin auf dem Herbstmanöver des 9. Armeekorps in Altona mit, daß die Verlobung des Kronprinzen mit der Prinzessin Cecilie in Schloß Gelbesande bei Doberan stattgefunden habe. Im Laufe des Paradediners, das am Abend im Hotel Kaiserhof in Altona stattfand, proklamierte der Kaiser freudestrahlend in schwungvoller Rede die vollzogene Verlobung. Mit Tränen der Rührung und Freude in den Augen erhob die gute Kaiserin das kleine Gläschen, das vor ihr stand, und trank mir zu. IV. KAPITEL Tod des Fürsten Herbert Bismarek (18. IX. 04) • Seine Charakteristik • Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges • Brief des Grafen Metternich über den Doggerbankzwischenfall • Der Lippische Thronfolgestreit, seine Beilegung im Bundesrat • Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti in Homburg • Wilhelm II. drängt zu einer Allianz mit Rußland • Der Kaiser auf den Jagden in Schlesien, ungünstige dortige Einflüsse, Bericht des Gesandten von Schön • Antienglische Stimmung Wilhelms II. Die Frage der dänischen Neutralität • Besorgte Briefe Philipp Eulenburgs aus Schlesien Unterredung mit Wilhelm II. am Silvestertag 1904: Bülow bemüht sich, die deprimierte Stimmung Seiner Majestät zu heben und den Kaiser aufzurichten Schon seit längerer Zeit waren beunruhigende Gerüchte über den Gesundheitszustand des Fürsten Herbert Bismarck verbreitet. Es war schwer Bismarck zu glauben, daß der stattliche Mann, der ein Bild von Kraft und Lebensbejahung schien, den Todeskeim in sich tragen sollte. Um so erschütternder wirkte auf mich die Nachricht von seinem Tod, die mich am 18. September 1904 überraschte. Ich habe fünf Freunde gehabt, die meinem Herzen besonders nahestanden: Herbert Bismarck, Philipp Eulenburg, Franz Arenberg, Bodo Knesebeck, Friedrich Vitzthum. Herbert habe ich wohl am meisten geliebt, wozu auch die Bewunderung beigetragen haben mag, die ich von Kindesbeinen an und durch mein ganzes Leben hindurch für seinen großen Vater empfand. Meine erste Erinnerung an Herbert ist, daß ich in dem hübschen Garten unseres Frankfurter Hauses in der Mainzer Gasse mit Herbert, seinem Bruder Bill und unserer gemeinsamen Freundin, der damaligen kleinen Christa Eisendecher, späteren Gräfin Eickstedt- Peterswaldt, spielte. Herbert und Bill wollten die ldeine Christa zwingen, eine dicke Kröte zu küssen. Ein Zug germanischer Boheit war beiden Brüdern eigen. Mein Bruder Adolf und ich verteidigten Christa, was zu einer solennen Prügelei führte. Das Leben führte uns erst viele Jahre später wieder zusammen. Politisch trat ich Herbert während meiner Petersburger Dienstzeit nahe, wo eine lange fortgesetzte politische Privatkorrespondenz zwischen uns ihren Anfang nahm. Nach dem Sturz seines Vaters suchte Herbert mich im August 1890 in Wi'dbad auf, wo ich einige Wochen mit meiner Frau weilte. Was er mir hier über die Trennung zwischen dem großen Fürsten und Kaiser Wilhelm II. erzählte, konnte meine Treue für den ersteren nur noch vertiefen. HERBERT BISMARCKS SCHICKSAL 53 Meinen politischen Aufstieg hatte Herbert von meiner Beförderung zum Legationssekretär nach Absolvierung meines diplomatischen Examens bis zu meiner Ernennung zum Reichskanzler, also während eines Vierteljahrhunderts, von 1875 bis 1900, mit aufrichtiger Genugtuung begrüßt. Als ich auf dem Stuhl seines Vaters saß, konnte er diesen Anblick doch nicht recht vertragen. Ich habe ihm dies nie übelgenommen. Wer wie er sich mit der Hoffnung getragen hatte, einmal an die Stelle des unvergleichlichen Vaters zu treten, wer sich als legitimer Erbe betrachtete, von dem war nicht zu verlangen, daß er auch einen guten Freund gern in dem Palais in der Wilhelmstraße sah, in dem er groß geworden war. Als Herbert einmal im zweiten oder dritten Jahr meiner Kanzlerschaft bei uns aß, zeigte ihm meine Frau die verschiedenen Räume des ihm so wohlbekannten Reichskanzlerpalais und führte ihn schließlich auch in das sogenannte „Bismarck- Zimmer", wo wir alle Erinnerungen an den Fürsten gesammelt hatten und das nur seinem Andenken geweiht war. Herbert war sehr bewegt und küßte ihr mit sicherlich nicht gespielter Rührung die Hand. Er erzählte dies am nächsten Tage einem gemeinsamen Freunde, fügte aber hinzu: „Ich kann es aber trotzdem nicht vertragen, daß Bernhard Bülow jetzt dort ist, wo wir waren. Es geht über mein Vermögen." Daß er der Nachfulger seines Vaters sein wollte, war Herberts Kraft, aber auch sein Unglück: seine Kraft, weil dieser Wunsch seinem Eifer für die Geschäfte Flügel gab, sein Unglück, weil es ihn von vornherein politisch in eine schiefe Stellung brachte und ihn, nachdem sein Wunsch sich nicht erfüllt hatte, in steigendem Maße bitter machte. Der Generaloberst von Plessen erzählte mir, er sei, als er Flügeladjutant des alten Kaisers Wilhelm I. war, kurz vor dessen Tod, 1887 oder 1888, zu Seiner Majestät ins Zimmer getreten, der gerade einen Vortrag von Herbert entgegengenommen hatte. Er fand den Kaiser erschöpft, beinahe niedergeschlagen. Der alte Herr sagte zu Plessen: „Die Vorträge des jungen Bismarck sind für mich immer so ermüdend. Er ist so stürmisch, noch viel mehr als der Vater. Er hat gar keinen Takt. Ich vermisse schmerzlich den Staatssekretär von Bülow, mit dem ich mich so gut verstand. Ich vermisse auch den Grafen Paul Hatzfeldt, obschon mir manches an ihm mißfiel, aber er war homme du monde, mit guten Formen. Das war auch Radowitz, wenn er gleich ein bißchen viel sprach." Der Kaiser schwieg einen Augenblick, dann fügte er hinzu: „Neuerdings kommt es mir beinahe so vor, als ob der Fürst möchte, daß Herbert einmal an seine Stelle tritt. Das ist ja ganz unmöglich. Solange ich lebe, werde ich mich nie vom Fürsten trennen, der mich wahrscheinlich und hoffentlich überleben wird. Er ist achtzehn Jahre jünger als ich. Aber auch meine Nachfolger werden das Kanzleramt nicht erblich machen wollen. Das geht ja gar nicht." Graf Stirum, ein treuer Bismarckianer, meinte gelegentlich mir gegenüber, 54 EIN PRÄTENDENT es sei für Sohn und Vater Bismarck kein Glück gewesen, daß Herbert die Sukzession seines Vaters angestrebt habe. Stirum fügte hinzu: „Dem Fürsten dies auszureden, wäre freilich niemand imstande gewesen außer seiner Frau, und die war zu vernarrt in Herbert, um das übers Herz zu bringen." Es ist bezeichnend für die geniale Unbefangenheit des großen Kanzlers, daß er trotz des Wunsches, einmal das Kanzleramt an Herbert zu hinterlassen, sich über dessen Fehler und Schwächen keine Illusionen machte. Ich habe ihn selbst sagen hören: „Herbert ist mit noch nicht vierzig Jahren unbelehrbar und eingebildeter, als ich es mit über siebzig Jahren und nach einigen Erfolgen bin." Er sagte auch zu dem Unterstaatssekretär Busch, der die Arbeitskraft des neuen Staatssekretärs Herbert Bismarck rühmte: „Sie brauchen ihn mir gar nicht zu loben. Ich würde ihn auch zum Staatssekretär gemacht haben, wenn er alle jene Eigenschaften, die Sie an ihm preisen, gar nicht besäße, denn ich will neben mir einen Mann haben, auf den ich mich absolut verlassen kann und der mir ganz bequem ist. In meinem hohen Alter und nachdem ich mich im königlichen Dienst verbraucht und verzehrt habe, darf ich das wohl beanspruchen." Ähnlich äußerte er sich nach seinem Sturz gegenüber dem ihm nahestehenden freikonservativen Abgeordneten Wilhelm von Kardorff. Bei den außerordentlich diskreten Dingen, die er im Auswärtigen Amt und als Reichskanzler zu behandeln gehabt hätte, wäre es für ihn sehr verführerisch gewesen, sich im gegebenen Fall keiner anderen Beihüfe als der seines Sohnes bedienen zu dürfen. Der Gedanke, Herbert zu seinem Nachfolger zu machen, ist bei dem großen Fürsten erst in den allerletzten Jahren vor seinem Sturz hervorgetreten. Würde Herbert ein guter Reichskanzler für Wilhelm II. gewesen sein ? Bei aller Freundschaft für Herbert kann ich diese Frage nicht bejahen. Ich glaube, daß die Verbindung Wilhelm II.- Herbert Bismarck gefährlich gewesen wäre. Gewiß besaß Herbert viel mehr politische Routine und eine weit größere politische Begabung als Caprivi oder gar Bethmann und Michaelis. Aber obwohl an Ernst für die Geschäfte, an Fleiß wie an politischem Scharfblick Wilhelm II. überlegen, besaß er manche Fehler des letzteren. Er hatte mehr Energie und mehr Mut als Wilhelm II., aber er war dafür leichter geneigt, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Er verstand es nicht, vor einem Hindernis abzubiegen, er konnte sich nicht wieder fangen, wie der Terminus technicus seines Vaters lautete. Er war oft zu heftig, zuweilen eigensinnig, bisweilen brutal. Und doch werde ich niemals die Stunde vergessen, wo ich, vorbei an dem Balkon des schlichten Hauses im Sachsenwald, von dem Fürst Bismarck oft zu seinen Verehrern und über sie weg zur Nation gesprochen hatte, vorbei an dem Hirsch, der mit seinem mächtigen Geweih die ihn anfallenden Hunde verscheucht, die sterbliche Hülle von Herbert Bismarck zur letzten „ICH LASSE DAS MILITÄR NICHT VEREIDIGEN!" 55 des Biester- felders Ruhe in das Mausoleum geleitete, wo sein großer Vater ruht. Nehmt alles nur in allem, er war ein Mann, mit seinen Fehlern und mit seinen Tugenden. Er war eine achilleische Natur, und wie dem Peliden war ihm kein langes Leben beschieden. Über den Tod von Herbert Bismarck schrieb mir Philipp Eulenburg: „Der Tod Herbert Bismarcks hat auch bei mir eine Welt von Erinnerungen wachgerufen! Welch ein armer Mensch! Das innerliche Leben zu Bitterkeit und unbefriedigtem Erdenhoffen zusammengetrocknet. Wie wenig Liebe gab er, und wie wenig empfing er. Ich habe ihn einst sehr gern gehabt. Sein Leben war wie eine leuchtende Rakete, die wir so schnell aufsteigen sehen und die vor uns plötzlich in einzelnen verglimmenden Teilen im Dunkel verschwindet. Daß ich ihn überleben würde, habe ich niemals für möglich gehalten. Du hast durch den Tod dieses Unzufriedenen, der um seine Träume mit immer leidenschaftlicherer Energie kämpfte, je mehr die Jahre seines Lebens den Zenit überschritten, gewonnen. Du beklagst seinen Tod, weil Du ein guter Mensch bist." Während der Heimgang des Fürsten Herbert Bismarck vor der Nation wieder die gewaltige Gestalt seines Vaters erstehen ließ, war die an sich un- Wilhelm II. beträchtliche Erbschafts- und Regentschaftsfrage in Lippe-Detmold durch an den So,ln den Tod des Regenten von Lippe, des Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld, wieder einmal aufgerollt worden. Der Kaiser richtete aus Rominten an den Grafen Leopold von Lippe, der ihm den Heimgang seines Vaters in der respektvollsten Form gemeldet hatte, das nachstehende Telegramm: „Ich spreche Ihnen mein Beileid zum Ableben Ihres Herrn Vaters aus. Da die Rechtslage in keiner Weise geklärt ist, kann Ich die Regentschaftsübernahme Ihrerseits nicht anerkennen. Ich lasse auch das Militär nicht vereidigen." Der Kaiser hatte dieses Telegramm unmittelbar nach dem Eingang der Meldung des Grafen Leopold und ohne Rückfrage bei mir abgesandt, obwohl ich ihn immer wieder ersucht hatte, diese an und für sich kleine und kleinliche Angelegenheit nicht durch die Art und Weise, wie er sie behandelte oder, richtiger gesagt, mißhandelte, zu einer größeren und für die innere Ruhe des Reichs nicht unbedenklichen Frage aufzubauschen. Das scharfe Telegramm des Kaisers an den Sohn, in dem Augenblick, wo dieser um seinen Vater trauerte, machte nicht nur an fast allen deutschen Höfen, sondern in den weitesten Kreisen des deutschen Volks einen sehr ungünstigen Eindruck. Das kleine Land stellte sich hinter den Grafen Leopold. Der Vizepräsident des Lippeschen Landtages, der Kommerzien- rat Hoffmann, erschien bei mir in Homburg v. d. H., wo ich mich gerade aufhielt, um mir die Erregung zu schildern, die in seiner Heimat herrsche. Der Kaiser antwortete auf meine Telegramme, in denen ich zu größerer Vorsicht riet, mit dem von ihm immer wieder ins Feld geführten Argument der vollen Ebenbürtigkeit als der Grundlage deutscher Fürsten- und somit 56 „IN LIPPE ALLES AUF DER KIPPE" deutscher Reichsherrlichkeit. An den Rand der ihm von mir vorgelegten Zeitungsartikel, die seine Romintener Depesche heftig tadelten, schrieb er kleine Scherze, mit besonderer Vorliebe „In Lippe — steht alles auf der Kippe" und ähnliche jokose Marginalien. Gegenüber dieser Sachlage richtete ich an den Vizepräsidenten Hoff- mann ohne vorherige nochmalige Anfrage bei Seiner Majestät das nachstehende Schreiben: „Geehrter Herr Kommerzienrat! Sie haben mich heute mündlich um eine authentische Interpretation des Telegramms Seiner Majestät des Kaisers und Königs vom 26. v. M. gebeten. Ich bin gern bereit, Ihnen meine Antwort schriftlich zu bestätigen, und ermächtige Sie, unter Rerufung auf mich öffentlich zu erklären, daß Seine Majestät der Kaiser mit diesem Telegramm lediglich bezweckt hat, die vorläufige Nichtvereidigung der Truppen für den Regenten und den Grund derselben mitzuteilen. Mit der Auffassung des Bundesrates, daß die Rechtslage noch ungeklärt sei, konnte Seine Majestät sich nicht in Widerspruch setzen. Jeder Eingriff in die verfassungsmäßigen Rechte des Fürstentums hat Seiner Majestät dem Kaiser selbstverständlich ferngelegen, und insbesondere liegt es außerhalb Allerhöchstseiner Absicht, der derzeitigen Ausübung der Regentschaft im Fürstentum durch den Herrn Grafen Leopold zu Lippe irgendwelches Hindernis zu bereiten. Wie stets im Reiche wird auch im vorliegenden Falle der Rechtsboden nicht verlassen werden, und die Lippesche Frage wird ihre Erledigung ausschließlich nach Rechtsgrundsätzen finden. Ich hoffe, daß es unter den Auspizien des Bundesrats bald gebngen wird, auf schiedsrichterlichem Wege zum Wohle des Lippeschen Landes zu einer endgültigen Lösung der Frage zu gelangen, und werde das meinige tun, um dieses Ziel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. In vorzüglicher Hochachtung Graf von Bülow, Reichskanzler." Ich ließ dieses Schreiben sogleich durch Wolff verbreiten und übersandte es ohne weiteren Kommentar an Seine Majestät. Der Kaiser hatte mir unmittelbar nach dem Eingang der Nachricht vom Tode des Grafen Ernst kurz und bündig telegraphiert : „Biesterfelder ist tot. Ich erkenne selbstverständlich den Sohn nicht an." Nachdem er von meinem Schreiben an Hoffmann Kenntnis erhalten hatte, telegraphierte mir Seine Majestät in direktem Gegensatz zu seiner früheren Willensmeinung: „Mit allem einverstanden. Bin erstaunt über die fabelhaft malveillante und absichtliche Verdrehung, mit der Mein gänzlich harmloses, streng geschäftliches Telegramm wieder gegen besseres Wissen verdreht worden ist. Ihre Antwort an Hoffmann entspricht wörtlich Meinen Ansichten, die eigentlich sich klar daraus lesen lassen. Diese Wirtschaft nenne ich chercher midi ä quatorze heures." Nach Berlin zurückgekehrt, setzte ich eine Sitzung des Bundesrats an, in der ich der hohen Versammlung darlegen konnte, daß die leidige Lippesche Sireitfrage IM GARTEN VON BELLEVUE 57 dem Kaiser nunmehr endgültig geregelt wäre. Die Vertreter der deutschen Regierungen haben mir selten mit größerer Wärme gedankt als bei diesem Anlaß, der die deutschen Souveräne und Minister an ihrer kitzligsten Stelle berührte, nämlich ihrem mehr oder weniger formalen, aber ausgesprochenen Rechtsgefühl und in ihrem souveränen Bewußtsein. Am nächsten Tage hatte ich über die ganze lippesche Angelegenheit im Garten des Schlosses Bellevue eine abschließende Unterredung mit dem Unterredung Kaiser. Ich dankte ihm für sein Einlenken, konnte mich aber nicht ent- Buh™ mit halten, ihm zu sagen, daß es sich in der ganzen Sache eben doch um Imponderabilien gehandelt habe, die nicht ungestraft mißachtet würden. Ich sagte Seiner Majestät: „Es liegt eine große Gefahr darin, daß Eure Majestät alle Vorgänge zu persönlich nehmen, nur nach Ihren persönlichen Empfindungen, Ihren Sympathien und Antipathien, statt lediglich vom Standpunkt der Staatsräson und mit kühler Überlegung." Während wir um den Rasen gingen, auf dem der tapfere Prinz August von Preußen, der sich bei Kulm so brav hielt, der Freund von Madame de Stael, seinen im Kindesalter verstorbenen Anverwandten bescheidene Denksäulen errichtet hat, hörte mir der Kaiser in freundlichster Weise zu. Er schien wirklich überzeugt zu sein, daß ich es nicht nur gut mit ihm meinte, sondern auch in der Sache recht hätte. Leider fanden sich immer wieder Byzantiner in der Art von Theodor Schiemann und Adolf Harnack, die ihm versicherten, daß Boutaden wie die seinigen auch Friedrich dem Großen eigentümlich gewesen wären und zu der Art und Weise ganz großer Fürsten gehörten. Gutmütig wie Wilhelm II. im Grunde war, trug er dem Hause Biesterfeld, nachdem er sich nun einmal mit ihm hatte versöhnen müssen, dessen frühere Übeltaten nicht lange nach, sondern verlieh dem einst so hart angelassenen Grafen Leopold später den hohen Orden vom Schwarzen Adler und schoß im Lippeschen Wald mit besonderem Vergnügen starke Hirsche. Graf, später Fürst Leopold gehörte zu den nicht allzu zahlreichen Personen, die mir für einen geleisteten Dienst dankbar waren. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß meine Regelung der Lippeschen Frage nicht pour les beaux yeux des Hauses Biesterfeld, sondern im Interesse der inneren Festigkeit des Deutschen Reichs erfolgte. Der nunmehrige Beherrscher des Bundesstaats Lippe schrieb mir, nachdem in Ausführung des Beschlusses des Bundesrats vom 18. November und in Gemäßheit des Schiedsvertrages vom 5./8. November die Lippesche Streitsache der richterlichen Kognition überwiesen worden war: „Daß diese Streitsache in einer das allgemeine Rechtsgefühl so hoch befriedigenden Weise zum endgültigen Austrag gebracht wurde, ist dem Rechtssinn und der weisen Energie Eurer Exzellenz zuzuschreiben, und es drängt mich, nach dem Abschluß dieses allseitig anerkannten Aktes Eurer Exzellenz für die glänzende Erledigung 58 GIOVANNI GIOLITTI der Angelegenheit auch meinen wärmsten Dank auszusprechen. Eurer Exzellenz allezeit dankbar ergebener Leopold Graf-Regent zu Lippe." Als ich in einem der folgenden Sommer in Norderney weilte, stattete mir der 1905 zum Fürsten und zur „Hochfürstlichen Durchlaucht" avancierte Leopold IV. dort einen sehr freundlichen Besuch ab. Als mein langjähriger italienischer Kammerdiener Augusto den hohen Herrn in einem bescheidenen Mietswagen vor unserer Villa ankommen sah, meinte er erstaunt: „E questo si chiama in Germania un Sovrano!" Der ganze Unterschied zwischen italienischer und deutscher Einheit, italienischer und deutscher Mentalität liegt in dieser kleinen Bemerkung. Und doch war der Lippesche Streitfall, der Höfe, Regierungen und Volk in Deutschland so unverhältnismäßig erregte, ein Wetterleuchten, das dem Novembersturm von 1908 vorausging. Gerade in den Tagen, wo durch den Tod des Graf-Regenten Ernst zu Giolitti in Lippe die Erbschafts- und Regentschaftsfrage in jenem Ländchen die Homburg Deutschen beschäftigte, empfing ich in Homburg v. d. H. den Besuch des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti, zu dem ich schon während des Kaiserbesuchs in Rom gute persönliche Beziehungen angeknüpft hatte. Giovanni Giolitti ist einer der bedeutendsten Staatsmänner, die das an politischen Köpfen nicht arme moderne Italien seit dem Risorgimento hervorgebracht hat. Piemontese, besitzt er die tüchtigen Eigenschaften seines Stammes. Er hatte schon unter Marco Minghetti im Finanzministerium gearbeitet, war noch während dessen Ministerpräsidentschaft Generalinspektor des Steuerwesens geworden, später Generaldirektor des Rechnungshofes. Erst 1882, mit vierzig Jahren, ließ er sich zum Deputierten wählen. Es ist Giolitti immer zustatten gekommen, daß er als Beamter von der Pike auf gedient hatte und die Verwaltung in allen ihren Zweigen gründlich kannte. Als Abgeordneter zeigte er bald ungewöhnliche parlamentarische Vorzüge: unerschütterlichen Gleichmut gegenüber parlamentarischen Stürmen, Festigkeit, wo solche nottat, eine elastische Hand, wo sie sich empfahl. Wie er nie seine Ruhe verlor, so auch nicht seine gute Laune. Er war imstande, in den Wandelgängen der Kammer zwei Dutzend Deputierte nacheinander anzusprechen und sie dadurch zufriedenzustellen. Er war auch imstande und besaß die physische Widerstandsfähigkeit, im Ministerium des Innern, dem alten Palazzo Braschi, vor dem das Erz- denkmal von Marco Minghetti steht, die zahlreichen Bittsteller freundlich zu empfangen, die in Italien die Vorzimmer aller Minister füllen und die den heftigen Crispi, den kränklichen Rudini, den menschenscheuen Sonnino zur Verzweiflung brachten. In seinem Auftreten und in seinen Manieren ist Giolitti, wie die meisten seiner Landsleute, einfach und natürlich, ohne Pose noch Prätention. Das affektierte Wesen, das manche Deutsche an den Tag legen, sobald sie eine gewisse Stellung erklettert haben, „MORTE A GIOLITTI!" 59 und das sie dann leider antipathisch oder ridikül erscheinen läßt, liegt ihm fern. Giolitti wurde 1889 zum erstenmal Minister, Schatzminister, ein Jahr später Finanzminister, 1892 Ministerpräsident. Er stürzte im November 1893, wie ich seinerzeit erzählte, über die in Sizilien und in der Lunigiana ausgebrochenen Aufstände. Als ich im Dezember 1893 in Rom eintraf, galt Giolitti dort als ein für immer erledigter Mann. In einem römischen Salon charakterisierte ihn damals der geistreiche Duca Onorato Sermoneta unter allgemeinem Beifall mit den Worten: „Una mortadella di Bologna, mezzo asino, mezzo porco." Die übrigens recht schmackhafte Wurst, die man in Italien „Mortadella di Bologna" nennt, wird halb aus Schweine-, halb aus Eselfleisch zubereitet. Von Crispi verfolgt, brachte Giolitti den Winter 1893 auf 1894 in Deutschland, in Charlottenburg bei Berlin, zu. Aber dieser hochgewachsene Mann mit den breiten Schultern und dem schweren Gang besaß zu große staatsmännische Eigenschaften, als daß man ihn nicht hätte zurückrufen sollen. Von 1901 bis 1903 war er wieder Minister des Innern, im März 1905 und seitdem wiederholt Ministerpräsident. Selbst in Italien hat kaum ein anderer Staatsmann so oft den Weg vom Kapitol hinab zum Tarpejischen Felsen und wieder vom Tarpejischen Felsen hinauf zum Kapitol durchmessen. Im Mai 1915 durchzogen von der Französischen Botschaft und dem damaligen Ministerpräsidenten Salandra bezahlte Banden mit dem Rufe „Morte a Giolitti!" die Straßen Roms. Wenige Jahre später rief ganz Italien nach demselben Giolitti, und als er 1921 wieder als Ministerpräsident den Senat betrat, erhoben sich alle Mitglieder, darunter nicht wenige alte Gegner, und verneigten sich schweigend vor ihm. Als Giolitti im Herbst 1904 mit mir durch die schönen Wälder schritt, die Homburg umgeben — Giolitti ist wie ich ein großer Spaziergänger —, Giol brachte er zunächst das Gespräch auf den empfindlichsten Punkt des Dreibundes und das schwierigste Problem der italienischen auswärtigen Politik, nämlich das Verhältnis Italiens zu Österreich. Das Kabinett Zanardelli habe dem Irredentismus zu sehr die Zügel schießen lassen. Aber andererseits, fuhr Herr Giolitti fort, würde die österreichische Regierung wohl daran tun, gegenüber ihren italienischen Untertanen eine weniger unfreundliche und weniger unkluge Politik zu führen. Schon infolge ihrer geringen Zahl könnten die Italiener in Zisleithanien dem österreichischen Staatsgedanken gar nicht wirklich gefährlich werden. Warum sie in die Opposition gegen den österreichischen Staat und das deutsche Bevölkerungselement treiben ? Das natürliche sei doch, daß Italiener und Deutsche gegen die Slawen zusammenhielten. Italien wolle sich in Albanien nicht engagieren, dies müsse aber auch für Österreich ein Noli me tangere sein. Die Adria frei zu erhalten, sei eine Lebensfrage für Italien, das auf der Balkanhalbinsel gewiß Österreich nicht verdrängen wolle, dort aber auch 60 DER GEIST DES DREIBUNDVERTRAGS kein österreichisches Übergewicht und namentlich kein aggressives Vorgehen der Österreicher gegen Rumänien oder Serbien tolerieren könne. In dieser Beziehung müßten beide, Österreich wie Italien, nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Geist des Dreibundvertrages treu bleiben. „Patti chiari, lunga amicizia." Ohne unnötige Emphase, die nicht in seiner Art liegt, aber mit ruhiger Bestimmtheit erklärte mir Herr Giolitti, daß Italien sich nicht von Frankreich aus dem Dreibund herauslocken lassen werde. Es läge im italienischen Interesse, nicht in gespannten Beziehungen zu Frankreich zu stehen, wie das in den neunziger Jahren zeitweise der Fall gewesen wäre. Auch sei der durch den Besuch des Königs Viktor Emanuel in Paris hervorgerufene Gegenbesuch von Loubet in Rom für Italien sehr nützüch gewesen, weil dadurch die Frage der weltlichen Herrschaft des Papstes ein für allemal aus der Welt geschafft worden wäre. Es habe nur eine einzige Macht gegeben, der zuzutrauen gewesen wäre, daß sie das Potere temporale wiederherzustellen Neigung empfinden könne. Diese Macht sei Frankreich gewesen. Nachdem das französische Staatsoberhaupt Rom besucht habe, ohne irgendwelche Notiz vom Papst zu nehmen, sei diese Frage erledigt und Rom tatsächlich die Capitale intangibile des Regno d'Italia geworden. Das vor allem habe Italien von Frankreich erreichen müssen. Die italienische Regierung denke aber nicht daran, die Allianz mit Deutschland durch ein Bündnis mit Frankreich zu ersetzen. Das italienische Volk, inklusive der vorgeschrittenen Radikalen, sei zu klug, als daß es nicht in seiner Mehrheit in dieser Beziehung ebenso dächte wie die Regierung. König Viktor Emanuel sei von der Notwendigkeit des Zusammengehens mit Deutschland heute noch mehr durchdrungen als früher. Als wir aus dem Walde herauskamen, sahen wir eine Reihe von kleinen Italien und Dörfern vor uns liegen, in jedem eine hübsche Kirche. Ich machte meinen die Kurie Besucher darauf aufmerksam, daß in dieser Taunus-Gegend Protestanten und Katholiken so durcheinandergewürfelt wären, daß häufig neben einem evangelischen Dorf ein katholisches liege. Dadurch kamen wir auf das Verhältnis der itaMenischen Regierung zur Kurie. Herr Giolitti war mit Pius X. zufrieden, der ein einfacher Landgeistlicher sei. dem politische Kombinationen fernlägen. Leo XIII. und Rampolla hätten das Ziel verfolgt, die italienische Monarchie zu beseitigen, um eine italienische föderative Republik unter französischem Schutz und mit dem Papst an der Spitze herzustellen, wie sie schon Napoleon III. im Frieden zu Villafranca vorgeschwebt habe. Seit dem guten Pius X. sei davon nicht mehr die Rede. Natürlich könne der Papst pro foro externo den Prinzipien der römischen Kirche nichts vergeben; das verlange auch kein Italiener von ihm. In Wirklichkeit suche Pius X., der als patriotischer Italiener fühle, die italienische Monarchie zu erhalten und zu stützen. Über den damals tobenden HOHENZOLLERN — ROMANOW Ol französischen Kulturkampf empfand Giolitti begreifliche Genugtuung, betonte aber, daß er nicht dumm genug sein würde, einen solchen in Italien zu inszenieren. Die Italiener wären ein skeptisches Volk und begriffen nicht, wie man sich wegen religiöser Fragen echauffieren könne. Es gelang mir nur schwer, Herrn Giolitti klarzumachen, weshalb sich eigentlich ein großer Teil der Deutschen über die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes aufgeregt habe. Als Giolitti die Sache endlich begriff, meinte er, der deutsche Doktrinarismus sei „unergründlich". In Italien wäre seit 1848 eine Reihe von Gesetzen gegen die Jesuiten erlassen worden, die aber gar nicht angewandt zu werden brauchten. Die Jesuiten wüßten, daß, wenn sie sich direkt oder indirekt gegen die italienische Nationalidee vergingen, sie sofort ausgewiesen werden würden. Sie verhielten sich also ganz ruhig und sehr korrekt. Herr Giolitti besorgte damals, daß Monsieur Combes durch seine Übertreibungen in Frankreich eine klerikale Reaktion hervorrufen könnte, was für Italien natürlich unerwünscht sein würde. Der Präsident Loubet und der Minister des Äußern Delcasse hatten bei ihrem Resuch in Rom Herrn Giolitti gesagt, daß sie den Antiklerikalismus von Combes „sehr übertrieben" fänden. In demselben Sinne hatten sich beide gegenüber der streng katholischen Königin-Mutter Margherita ausgesprochen. Hinsichtlich seiner inneren Politik wiederholte mir Giolitti, was er mir schon öfters gesagt hatte, nämlich, daß die Ordnung mit fester, mit sehr fester Hand aufrechterhalten werden müsse, daß aber bei dem Druck, der in Italien namentlich auf der ländlichen Arbeiterbevölkerung laste, die italienische Monarchie sich nicht ganz mit den ländlichen Arbeitgebern, den „Signori", identifizieren dürfe. Übrigens stehe die Monarchie in Italien viel fester, als im Ausland angenommen würde. Wenn die Berichte veröffentlicht werden sollten, welche die in Italien akkreditierten fremden Gesandten in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts über die italienischen Zustände geschrieben hätten, so würde sich herausstellen, daß diese Herren, vielleicht mit alleiniger Ausnahme des ruhig beobachtenden Engländers, alle den Sturz des Hauses Savoyen prophezeiten. Wie sich die damaligen Propheten geirrt hätten, so würden auch diejenigen unrecht behalten, die heute die italienischen Zustände mit übertriebener Schwarzseherei beurteilten. Die Monarchie werde sich in Italien weiterbehaupten, Italien aber werde bei verständiger, ruhiger und taktvoller Poktik von beiden Seiten an der Seite von Deutschland bleiben. Kaum ein anderer Gedanke hat Kaiser Wilhelm II. während seiner Regierung lebhafter beschäftigt als der Wunsch einer Allianz zwischen den Der Kaiser Häusern Hohenzollern und Romanow, zwischen der preußisch-deutschen und Rußland und der russischen Monarchie. Wie fast irrmer bei Seiner Majestät war auch dieser Wunsch des Kaisers aus persönüchen Empfindungen hervorgegangen, (>2 DAS ZERREISSEN DES DRAHTES Wilhelm II. wußte sehr wohl, wenn er es auch nicht eingestand, daß er an der von deutscher Seite erfolgten Kündigung des Bismarckschen Rück- versicherungsvertrages mit Rußland, die ipso facto zur russisch-französischen Allianz geführt hatte, wenn nicht die Hauptschuld, so doch einen großen Teil der Schuld trug. Bei seiner von ihm nur zu oft proklamierten Theorie von der alleinigen Verantwortung des Monarchen vor Gott, vor seinem Volk und vor der Geschichte wäre er sogar der allein Schuldige an diesem inkommensurablen Fehler gewesen. In den ersten Jahren nach der Entlassung des Fürsten Bismarck motivierte Wilhelm II. das Zerreißen des Drahtes nach Rußland mit ethischen Motiven: der Vertrag wäre ein „Verrat an Habsburg" gewesen. Da dieses ihm von Holstein und Phili Eulenburg soufflierte Argument auf die Länge nicht zog, behauptete der Kaiser, er hätte sich von Rußland abwenden müssen, um wirklich gute Beziehungen zu England zu erreichen. Auch diese Behauptung war nach der Krüger-Depesche nicht mehr aufrechtzuerhalten. So blieb dem Kaiser nichts anderes übrig, als den Beweis zu führen, daß er auch nach Bismarck, ohne Bismarck und trotz Bismarck wieder mit Rußland zu einem Vertragsverhältnis kommen könne. Ich hatte dem Kaiser schon bei meiner Berufung von Rom nach Berlin, 1897, gesagt, daß, nachdem der deutsch-russische Vertrag sieben Jahre früher von uns, noch dazu unter wenig erquicklichen Begleiterscheinungen und in unfreundlicher Form, gekündigt worden wäre, die russische Regierung sich nicht bereitfinden lassen würde und tatsächlich bei der Volksstimmung in Rußland auch kaum in der Lage sei, unter Zerreißung der feierlich proklamierten Allianz mit Frankreich ein Bündnis mit uns zu schließen. Was wir selbst 1890 erschlagen hätten, könne nicht wieder zum Leben erweckt werden. Was aber durchaus möglich sei, wäre, durch eine geschickte und ruhige Politik nicht nur Frieden, sondern auch Freundschaft mit Rußland zu erhalten. Der Kaiser gab aber die Hoffnung nicht auf, durch persönliche Einwirkung auf den Zaren sein Ziel zu erreichen. Es lag in seiner Natur und in der irrigen Auffassung seiner Stellung als Herrscher, daß er auswärtige Politik vor allem durch Einwirkung auf andere Souveräne und mit anderen Souveränen machen wollte. Er hatte dem Ausbruch des Kriegs zwischen Rußland und Japan vor allem deshalb mit von mir schwer zu zügelnder Ungeduld entgegengesehen, weil er hoffte, daß die Not eines großen auswärtigen Konfliktes Kaiser Nikolaus nötigen werde, bei seinem deutschen „Kollegen" Unterstützung und vor allem guten Rat zu erbitten. Als der Kaiser am 21. Januar 1904, also mehr als zwei Wochen vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, ein Telegramm des Zaren erhalten hatte, das die Hoffnung aussprach, daß der Friede nicht gestört werden würde, war Seine Majestät sehr niedergeschlagen. Er besorgte, daß der Zar es keinesfalls zum Krieg mit Japan kommen lassen DER KAISER BESTÜRZT 63 wolle. Das würde, so kombinierte Wilhelm II. weiter, zu einer französisch- englischen Vermittlung führen, aus der eine französisch-englisch-russische Koalition gegen uns hervorgehen könne. Die Besorgnisse, die Japan, Amerika und namentlich England dem Zaren bereitet hätten, würden ihn zu einer Annäherung an diese Mächte bewegen, wahrscheinlich auch zu einer festeren Schürzung des Allianzknotens mit Frankreich. Vor allem aber drohe uns die Gefahr, daß durch die schwächliche Politik der Russen die Japaner übermütig werden würden. Wir wären den Japanern zur See noch nicht gewachsen. Kiautschou erschien Seiner Majestät schon so gut wie verloren. Ich entgegnete, wir müßten vor allem vermeiden, bei dem Zaren den Argwohn zu erwecken, als ob wir ihn in einen Krieg treiben wollten, zu dem er und seine Minister aus naheliegenden Gründen gar keine Lust hätten. Je weniger wir uns jetzt dekuvrierten und je stiller wir säßen, um so besser. Wenn wir weder den Zaren mißtrauisch machten, und vor allem, wenn wir ihm nicht als falsche Freunde erschienen, uns aber andererseits auch nicht von anderen gegen England vorschieben ließen noch Japan brüskierten, könnten wir der weiteren Entwicklung ruhig entgegensehen. Ich hatte gehofft, den Kaiser einigermaßen kalmiert zu haben. Dies war jedoch nicht der Fall. Jedenfalls hatte die Beruhigung nicht lange gedauert. Am 14. Februar erschien der Kaiser schon in ganz früher Morgenstunde bei mir. Der Kaiser sah niedergeschlagen, fast bestürzt aus. Zwischen ihm und mir entspann sich folgender Dialog, über den ich noch am gleichen Tage die nachstehende Niederschrift zu meinen Akten nahm: Unterredung Der Kaiser: Ich dachte, die Wärme meiner letzten Briefe würde den mit Bülow Zaren veranlassen, seine ganze Macht gegen Japan einzusetzen. Statt 14. Febr. 190' dessen bleibt seine Haltung nach wie vor eine schlappe. Er scheint nicht fechten zu wollen. Er ist imstande, schließlich die Mandschurei ohne Schwertstreich, wenigstens ohne ernstlichen Widerstand, den Japanern zu überlassen. Eine solche Wendung der Dinge muß ä tout prix verhindert werden. Ich: Das sicherste Mittel, um zu erreichen, daß die Russen mit Japan einen voreiligen und faulen Frieden schließen, würden unvorsichtige deutsche Ermutigungen an die Adresse des Zaren sein. Wenn der Zar den Wunsch Eurer Majestät merkt, daß er sich mit Japan fest verbeißen soll, so wird ihn das veranlassen, so bald als möglich abzuschnappen. Der Kaiser: Vom Standpunkt des Staatsmanns mögen Sie recht haben. Ich fühle aber als Souverän, und als solcher empfinde ich die Blößen, die sich Kaiser Nikolaus durch sein kleinmütiges Auftreten gibt, als eine Schande für alle Monarchen und insbesondere für mich. Damit kompromittiert der Zar alle großen Souveräne. Im Interesse des Ansehens der Monarchie muß etwas geschehen, damit Kaiser Nikolaus forscher auftritt. 64 „DIE NACHWELT SOLL SEHEN" Ich: Eure Majestät haben nur die Pflicht, Ihre eigene Ehre und das Interesse des preußischen und des deutschen Volkes zu wahren. Für andere Herrscher und für andere Völker ist der Deutsche Kaiser nicht verantwortlich. Kaiser Wilhelm I. und Friedrich der Große haben sich nicht für andere den Kopf zerbrochen. Wie Ludwig XV. und Peter III. regierten, war dem großen König höchst gleichgültig, wenn er nur seine eigenen Vorteile wahrnahm. Der Kaiser: Jetzt sind andere Zeiten. Damals gab es keine Sozialisten und keine Nihilisten, die aus der Blamage der Fürsten Vorteile ziehen. Durch sein jämmerliches Verhalten schädigt der Zar das monarchische Prinzip. Er muß nach Moskau fahren, das heilige Rußland zum Kampf aufzurufen, ihm das Kreuz vorantragen, seine ganze Armee mobilisieren. Ich: Ob der Zar das tun will, überlassen Eure Majestät doch ihm selbst. Noch weniger als andere Menschen beben Fürsten, belehrt zu werden. Sie selbst lassen sich ja auch nur recht ungern belehren. (Seine Majestät lächelte.) Zuviel Belehrung würde jedenfalls den Kaiser Nikolaus nicht in die gewünschte Richtung bringen, sondern verstimmen und mißtrauisch machen. Der Kaiser: Ihre Argumente mögen vom politischen Standpunkt aus zutreffend sein. Sie übersehen aber eine ungeheure Gefahr, die ich als Souverän besser würdigen kann als . alle Diplomaten, die gewohnheitsmäßig nur mit der Gegenwart rechnen, nämlich die gelbe Gefahr. Sie ist die größte Gefahr, welche die weiße Rasse, Christentum und unsere gesamte Kultur bedroht. Wenn die Russen vor den Japanern kneifen, wird die gelbe Rasse in zwanzig Jahren in Moskau und Posen stehen. Ich: Eure Majestät wissen seit langem, daß ich an eine solche gelbe Gefahr nicht glaube. Sie berührt jedenfalls alle anderen Weltmächte, Rußland und England, Amerika und Frankreich näher als uns. Sie überschätzen die gelbe Gefahr. Eure Majestät sind zu sehr geneigt, die poetischen Vorgänge durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten. Wie Sie im fernen Osten die gelbe Gefahr überschätzen, so im nahen Osten die grüne Fahne des Propheten, d. h. Macht und Bedeutung des Islam, des Sultans und der Türken. Der Kaiser: Ich bleibe bei meiner Ansicht. Bringen Sie jedenfalls alles, was ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, zu Papier und deponieren Sie diese Niederschrift i m Archiv, damit die Nachwelt sieht, wie richtig ich die Situation beurteilt habe. Es ist eine wahre Schande, daß Frankreich seine russischen Verbündeten im Stich läßt und England und die Vereinigten Staaten mit Japan sympathisieren. Wir müssen den Zaren auf die Größe der gelben Gefahr aufmerksam machen, die der Arme noch gar nicht begreift. „GRÄSSLICH VERFAHREN' 65 Ich: Das würde nur die Folge haben, daß der Zar uns auffordern würde, ihm gegen eine Gefahr, die uns so groß erscheint, bewaffnete Hilfe zu leisten. Damit wäre der Krieg zwischen uns und England gegeben, den ich zu vermeiden wünsche und seit Jahr und Tag zu vermeiden mit Erfolg bemüht bin, ein Konflikt, den Sie, Majestät, ja auch gar nicht wünschen. Leider sehen Sie aber die Weltlage nicht richtig. Darf ich ganz offen sein ? Eure Majestät haben l'esprit batailleur. Aber Sie haben nicht wie Napoleon I. und Karl XII. von Schweden, wie Friedrich der Große une äme guerriere. Sie wollen ja gar nicht den Krieg! Sie haben ihn nie gewollt und werden ihn nie wollen. Sie haben mir oft selbst gesagt, Ihr Ideal wäre, wie Friedrich Wilhelm I. vorzuarbeiten, das Rüstzeug zu schmieden, das einst Ihr Sohn, noch besser Ihr Enkel brauchen soll. Warum bei innerlich ganz friedfertiger Gesinnung die Nachbarn entweder reizen oder mißtrauisch machen ? Der Kaiser (durch die letzten, mit Nachdruck gesprochenen Worte ernüchtert): Lieber Bernhard, wie denken Sie sich denn einen Ausweg aus dieser durch die Schwäche des Zaren, die Perfidie der Engländer und die Selbstsucht der Franzosen so gräßlich verfahrenen Situation? Ich: Es gilt, zweierlei zu vermeiden. Einmal, daß unsere Beziehungen zu Rußland durch den Krieg geschädigt werden. Zu diesem Zweck müssen wir unterlassen, was uns dort als unsichere und namentlich als schadenfrohe und hinterlistige Nachbarn erscheinen lassen könnte. Andererseits wäre es ein grober Fehler, uns von den Russen gegen Japan oder gar gegen England vorschieben zu lassen. Beide Klippen werden wir um so sicherer umschiffen, je mehr wir uns einer besonnenen Haltung befleißigen. — Nicht lange nach diesem Gespräch trafen Nachrichten ein, die für die russischen Waffen sehr ungünstig lauteten. Es war mir gelungen, den Kaiser Der während des ganzen Jahres 1904 gegenüber dem Konflikt im fernen Osten Doggerbank- trotz seiner innerbchen Erregung nach außen zu einem verständigen Ver- ^ w ^ sc ^ en f a ^ halten zu bestimmen. Während sich der Kaiser im Spätherbst 1904 in Schlesien aufhielt, wo er gern in dieser Jahreszeit den großen Jagden der dortigen Magnaten beiwohnte, hatten sich allerlei Einflüsse geltend gemacht, die aufreizend auf den hohen Herrn einwirkten. Hierzu trug natürlich auch die immer deutlicher hervortretende gehässige Stimmung nicht der engliscben Regierung, aber weiter Kreise des engbschen Volkes gegen uns bei. Alle militärischen Aktionen der Russen im fernen Osten standen unter einem ungünstigen Stern. Am meisten aber war dies der Fall bei der Fahrt der russisch-baltischen Flotte nach Ostasien, auf die Kaiser Nikolaus und der russische Hof große Hoffnungen gesetzt hatten. Die Führung der Flotte zeigte von Anfang an ein verhängnisvolles Ungeschick. Beim Passieren der Doggerbank eröffneten die Russen ein heftiges Feuer auf Fahrzeuge, deren Bauart ihnen unbekannt war und die sie für japanische Torpedoboote 5 Bülow II 66 NICHT DER TERTIUS GAUDENS hielten. In Wahrheit waren es harmlose englische Fischerkutter, deren mehrere in den Grund gebohrt wurden. Die englische Presse erhob großen Lärm, sie beschimpfte in allen Tonarten den russischen Admiral Roschdest- wensky, forderte eine eklatante Genugtuung und erklärte, daß ein Krieg schwer zu vermeiden sein würde. Gleichzeitig aber war die englische Regierung im stillen bestrebt, es nicht zum Krieg mit Rußland kommen zu lassen. Noch eifriger bemühten sich in dieser Richtung die beiden dänischen Schwestern, die Zarin-Mutter Maria Feodorowna und die Königin Alexandra von England, die, wie man sich erinnert, schon 1885 während der afghanischen Krise viel zu einer Verständigung zwischen Walfisch und Bär beigetragen hatten. Unser Botschafter Graf Metternich schrieb mir bereits am 6. November 1904: „Den Nordseezwischenfall schätze ich, soweit England in Betracht kommt, gering ein. Nach kurzem werden englischerseits dieselben Anstrengungen wie vorher gemacht werden, um zu einer Verständigung mit Rußland zu gelangen. Frankreich wird dieses Ziel, solange es erreichbar ist, nie aus dem Auge verlieren und stets besänftigend und im Sinne der Annäherung nach beiden Seiten hin wirken. Irgendeine deutschenglische Kombination halte ich nicht within the reach of practical politics. Im Gegenteil, die Abneigung gegen uns ist hier im Wachsen, obwohl wir ihr seit längerer Zeit gar keine Nahrung gegeben haben." Ich hatte nach Möglichkeit darauf hingewirkt, daß unsere Presse gegenüber der Dogger- bank-Affäre nicht nach übler deutscher Gewohnheit den Tertius gaudens spielte, sondern 6ich einer taktvollen Zurückhaltung befleißigte. Die Lehre, die aus diesem Zwischenfall gezogen werden mußte, war, daß alle Streitigkeiten zwischen den Deutschland umgebenden Mächten Rußland, England und Frankreich verhältnismäßig leicht beizulegen waren, da sie sich, wenn auch aus sehr verschiedenen Gründen, untereinander kein Auge auszuhacken wünschten. Um so vorsichtiger mußten wir in unserer zentralen Lage, bei dem Neid, den unsere glänzende wirtschaftliche Entwicklung, und bei den Besorgnissen, die unsere gewaltige Machtstellung in der Welt hervorriefen, der Gefahr ausbiegen, den anderen Mächten eine opportune Gelegenheit für einen kriegerischen Gang mit uns zu bieten. Der Niederschlag aller kaiserlichen Stimmungen und Verstimmungen Geheimbericht war ein geheimer Bericht, den am 2. Dezember 1904 der als Vertreter des von Schöns Auswärtigen Amtes den Kaiser auf Reisen begleitende damalige Gesandte von Schön, der spätere Botschafter in St. Petersburg und Paris und Staatssekretär des Äußern, an mich richtete. Herr von Schön meldete mir: „Seine Majestät der Kaiser und König hatten im Laufe der Reise nach Schlesien aus Allerhöchsteigener Initiative die Gnade, mich, nach der Vorbemerkung, daß es sich um eine ganz geheime Sache handle, in längerer Ausführung über die Entschließungen zu unterrichten, zu denen Aller- DIE MEERENGEN 67 höchstderselbe sich für den Fall veranlaßt sehen könnte, daß die verbitterte Stimmung Englands gegen uns und namentlich die anscheinend immer ernstlicher erwogene Absicht, der weiteren Entwicklung der Kaiserlichen Marine entgegenzutreten, sich zu konkreten Handlungen verdichten sollten, die unsererseits als unfreundliche Akte aufgefaßt werden müßten. Seine Majestät würden es in derartigem Falle für unabweisbar erachten, den unerhörten britischen Anmaßungen mit bewaffneter Hand Halt zu gebieten und feindseligen Unternehmungen gegen unsere Nord- und Ostseeküsten durch schleunige und umfassende militärische Maßnahmen vorzubeugen. Dabei würden Seine Majestät nicht umhinkönnen, die bislang geübte und nicht überall nach Gebühr gewürdigte Rücksicht auf große und kleine Nachbarn beiseitezusetzen und diese vor die binnen kürzester Frist zu entscheidende Frage zu stellen, ob sie in dem Konflikt unsere Freunde und Bundesgenossen sein oder sich zu unseren Gegnern rechnen wollen. Derartige Sommationen würden in Paris, in Brüssel, im Haag und in Kopenhagen überreicht werden, am letzteren Platze gleichzeitig mit der Besetzung einiger strategisch wichtiger Punkte in und an den dänischen Wasserstraßen. Dänemark werde zwar auf seine Neutralität verweisen. Da es zu deren wirksamer Aufrechterhaltung und Verteidigung indessen nur kläglich unzulängliche Machtmittel besitze, sei diese wertlos. Überdies werde sie noch dadurch illusorisch — Seine Majestät betonte diesen Punkt besonders —, daß Dänemark grundsätzlich fremden Kriegsschiffen Lotsen und Durchfahrt der Meerengen gewähre. Meiner Bemerkung, daß Dänemark bei der grundsätzlichen Gestellung von Lotsen sich auf internationale Verpflichtungen (SundVerträge), auf eine feststehende Tradition und auf praktische Notwendigkeiten stütze, begegnete Seine Majestät mit der Äußerung, daß man über derartige Dinge eben hinweggehen müsse. Gegen jedes der vorerwähnten Nachbarländer, so fuhr Seine Majestät fort, das nicht umgehend und unzweideutig sich für uns entscheide, würde unverzüg- bch mit militärischer Gewalt vorgegangen werden. Der Zeitpunkt, wo ein feindseliger Akt Englands zu erwarten stehe, würde mit dem Moment als eingetreten zu erachten sein, wo es seine Flotte aus dem Mittelmeer nach den heimischen Gewässern ziehe. Auf meine vorsichtige Zwischenfrage, ob nicht mit der Möglichkeit zu rechnen sein dürfte, daß unsere Besetzung dänischen Bodens und Gewässers schließlich Rußland beunruhigen und, vielleicht unter der gleichzeitigen Wirkung fremder Einflüsterungen, von uns hinwegziehen und England in die Arme treiben könnte, äußerte Seine Majestät, diese Gefahr liege zu einer Zeit nicht nahe, wo der Krieg in Ostasien im Gange sei und voraussichtlich sich noch Jahre hinziehen werde, wo ferner die alten Gegensätze zwischen Rußland und England durch des letzteren hinterlistiges Vorgehen in Tibet sowie durch die Art der 68 DER HERR WAR MIT DAVID Behandlung des Doggerbank-Vorfalls in tiefgehender, nachhaltiger Weise verschärft seien. Bei späterer Gelegenheit kam Seine Majestät auf die dänische Frage mit der Äußerung zurück, Dänemark werde sich entschließen müssen, sich in irgendeiner Weise, zunächst in Form eines Zollbündnisses, sodann auch mit militärischen Einräumungen, unter den Schutz des Deutschen Reichs zu stellen, wogegen ihm sein Besitzstand gewährleistet werde. Zu Lebzeiten König Christians werde Er, der Kaiser und König, möglichste Rücksicht walten lassen, später aber würde diese hinwegfallen. In ähnlichem Sinne wie Seine Majestät hat sich der Generaladjutant von Plessen bezüglich Dänemarks in einem Tischgespräch zu mir geäußert. Der General bemerkte noch, daß es für uns im höchsten Grade erwünscht sei, nicht nur Dänemark, sondern auch Holland mit seinen Kolonien in die Hand zu bekommen, schon in Hinsicht auf die dringlich erforderliche Errichtung von Kohlenstationen. Auf meine Bemerkung, daß solche Pläne nicht ohne blutige Konflikte mit nahezu allen Großmächten einschließlich Amerikas durchführbar seien, gab der General zu, daß ihre Verwirklichung vielleicht noch in weite Fernen zu rücken sei." Philipp Eulenburg, der den Kaiser nach seiner Rückkehr von den Brief der schlesischen Jagden gesehen hatte, schrieb mir unter dem 19. Dezember Kaiserin über 1904, nicht ohne Besorgnis: „In diesen komplizierten Zeiten folge ich den Kaiser j) e j nen \^ e g en m jt treuer Liebe und Teilnahme. Ganz große Politik läßt sich nur in vollkommener Ruhe und bei tiefem Schweigen machen. Alle Gewehre aus seinem eigenen Gewehrschrank nehmen und damit seine Feinde bewaffnen — das geht nicht. Hier ist nicht der Platz, über so ernste Dinge zu reden. Ich will damit warten, bis wir uns wiedersehen. Ich denke mir, daß es in der Weihnachtswoche sein kann. Dein treuer alter dankbarer Philipp E." Die Kaiserin schrieb mir nach den schlesischen Jagden: „Der Kaiser scheint sehr zufrieden mit Jagd und Gesellschaftskreis der verschiedenen von ihm besuchten Häuser. Ich freue mich über diese Abwechslung, denn der Kaiser war durch die jetzige politische Lage so sehr ernst gestimmt. Ich habe versucht, ihn wieder freundlicher zu stimmen, indem ich ihm sagte, wenn wir auch schwächer wären in der Marine, erstens ist unser Menschenmaterial doch besser durchgebildet und mehr Verlaß, und dann sagte ich dem Kaiser, wie bei David und Goliath, auf Davids Seite war die Kraft, da der Herr mit ihm war. Und das hoffe ich bei uns auch. Freilich dürfen wir die Arbeit nicht ruhen lassen, und dafür sorgen Sie und der Kaiser. Ich würde Ihnen aber doch dankbar sein, wenn Sie mir ein Wort senden würden, ob Sie auch so schwarz sehen. Ich habe neubch die kleine Altenburg gesehen, bin aber sehr dankbar, daß ich eine andere Schwiegertochter habe. Diese kleine Altenburg sieht schrecklich zart und langweilig aus. Mit herzlichen Grüßen Ihre Viktoria." WILHELMS II. „ERSTER" MISSERFOLG 69 Trotz aller Beschwichtigungsversuche der vortrefflichen Kaiserin wurde die Stimmung Seiner Majestät immer düsterer und namentlich immer Absage erregter. Der Kaiser hatte während der beiden letzten Monate dem Zaren Zaren aus den schlesischen Jagdgründen mit Briefen zugesetzt, in denen er im Widerspruch zu allem, was ich ihm empfohlen hatte, gegen meinen ausdrücklichen Rat ihn von Frankreich abzuziehen suchte. Diese Briefe hatten natürlich das gerade Gegenteil des von Seiner Majestät erwarteten Erfolges erzielt. Am 28. Dezember 1904, drei Tage vor Jahresschluß, schrieb mir der Kaiser, der Zar habe ihm „eine klare Absage an jeden Gedanken einer Verabredung ohne Vorwissen Galliens" erteilt, „ein gänzlich negatives Resultat nach zweimonatiger ehrlicher Arbeit". Das sei „der erste Mißerfolg", den er seit seinem Regierungsantritt „persönlich" erlebe. Hoffentlich eröffne er nicht eine Reihe ähnlicher Vorgänge. Jetzt müßten wir Japan kultivieren und Paris „eins auswischen". Delcasse, der „verflucht geschickt und sehr stark" sei, habe die Verhandlungen Seiner Majestät vereitelt. In einer langen Unterredung, die ich am SUvestertag 1904 mit dem Kaiser hatte, gab er mündlich seiner Entmutigung noch drastischeren Ausdruck. Die Depression, die ihn befallen zu haben schien, war selbst für sein leicht von einem Gegensatz zum anderen überspringendes Naturell ungewöhnlich. „Ich verstehe", erwiderte ich, „Eurer Majestät Befürchtungen, ich verstehe sehr wohl Ihre Sorgen, die ich seit langem selbst empfinde. Darum dürfen wir aber nicht den Mut verlieren. Ich erinnere Eure Majestät an Goethes Wort: Nur heute, heute nur laß dich nicht fangen, So bist du hundertmal entgangen. Auf die Politik und auf uns übertragen heißt das: nicht bei jeder Gefahr, bei jedem Hindernis die Nerven verlieren, sondern die Hindernisse mit Mut, Geduld und Zähigkeit überwinden, Gefahren klug ausweichen. Ich erinnere Sie an die Worte, die ich in Gegenwart Eurer Majestät beim Stapellauf des Linienschiffs ,Preußen' in der Hauptstadt Pommerns gesprochen habe. Der Staat, sagte ich damals, dessen Namen dieses Linienschiff tragen soll, war von Anfang an bedroht, gefürchtet und gehaßt von seinen Gegnern, aber gebebt und hochgehalten von seinen Söhnen mit Anspannung aller Kräfte wie kaum ein anderer. Oft von Stürmen umbraust, hat er mit Gottes Hilfe alle Stürme siegreich überstanden. Sie haben uns oft bedrängt, von unserer J ugend auf, aber uns nicht übermocht. Heute am letzten Tage des bewegten Jahres 1904 sage ich dem König von Preußen und Deutschen Kaiser: Unsere Neider und Feinde werden uns auch weiter nicht übermögen, wenn wir uns selbst, wenn wir dem Geist der preußischen Geschichte treu bleiben. Mit festem Mut, mit kaltem Blut und mit elastischer Hand kommen wir in Ehren durch." V. KAPITEL Neujahr 1905 • Denkschrift der englischen Admiralität über Flottenfragen . Fall von Port Arthur • Neuerliche und bedenkliche Erregungszustände bei Wilhelm II. • Die belgische Neutralität • Der ein Jahr vorher erfolgte Besuch des Königs Leopold von Belgien in Berlin • Dessen damalige Unterredung mit Bülow, sein Tete-ä-Tete mit Wilhelm II. • Richtlinien Bismarcks hinsichtlich unserer Stellungnahme zur belgischen Neutralität • Graf Alfred Schließen über das belgische Problem • Artikel der Deutschen Revue • Feststellung des Auswärtigen Amtes vom 6. VII. 1920, bezüglich angeblicher Meinungsverschiedenheiten mit dem Generalstabe über die Frage eines Durchmarsches durch Belgien ■ Generaloberst Moltke über die belgische Frage • Wunsch Wilhelms II. nach einem Bündnis mit Dänemark • Betrachtungen zur außen- und innenpolitischen Lage im Jahre 1905 • Der englische Botschafter Lascelles über Wilhelm II. • Idiosynkrasie des Kaisers gegen Japan Das Jahr 1905, von dem ein dunkles Gefühl den Völkern und insbesondere uns Deutschen sagte, daß es ein ereignisreiches sein würde, von predigt und dem viele besorgten, daß ihm im Zeitenschoße mehr schwarze als heitere Defiliercour j^ ose run t en? begann für mich, wie üblich, in der Kapelle des Königlichen Schlosses. Rechts vom Altar saßen die Staatsminister, links die Ritter vom Schwarzen Adler. Ich hatte die Wahl, ob ich meinen Platz bei den einen oder bei den anderen nehmen wollte, schloß mich aber grundsätzbeh den Ministern an, die als feste Pfeiler den preußischen Staat stützten oder jedenfalls stützen sollten, während die Ordensritter in ihren Ordensmänteln von rotem Samt mit blauem Futter diesen Staat mehr als ornamentaler Schmuck zierten. Gegenüber dem Altar saß der Kaiser mit der Kaiserin, umgeben von den Prinzen des königlichen Hauses und den zur Neujahrscour in Berlin erschienenen fürstbchen Gästen. Es gab keinen aufmerksameren Zuhörer als Wilhelm II. Er, sonst so quecksilberig, lauschte der längsten Predigt und dem langweiligsten Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit und in der unbewegbehen Haltung, die er bei allen Hofzeremonien und auf allen Paraden zeigte. Darin wie in vielem anderen war mir der Kaiser entschieden über. Vorträgen oder Predigten zu folgen, war mir von Jugend an beschwerbch. Selbst im Reichstag hörte ich den Rednern nur zu, wenn ich wußte, daß ich auf ihre Ausführungen sofort würde antworten müssen. Während der Predigt in der Schloßkapelle pflegte ich die Königsbilder zu mustern, mit denen die romantische Phan- DIE REDE DES ZIVILLORDS LEE 71 tasie des Königs Friedrich Wilhelm IV. die Wände der Kapelle geschmückt hatte. Da sah man neben dem biederen, verständigen und nüchternen Friedrich Wilhelm III. den jähzornigen und wilden Frankenkönig Chlodwig, neben David mit der Harfe Friedrich Barbarossa mit wallendem Barte und steilem Reichsschwert, neben dem glaubensstarken Gustav Adolf den rationalistischen großen König. Auf den Gottesdienst in der Schloßkapelle folgte die Defihercour, bei der mir die Blässe des Kaisers auffiel. Nach der Cour hörte ich von Tirpitz, daß Dislokation die Denkschrift, die am Ausgang des verflossenen Jahres der Erste Lord deT der englischen Admiralität, derEarl of Seiborne, dem House of Commons m vorgelegt hatte, den Kaiser stark impressioniert habe. In dieser Denkschrift wurde als Ziel der Admiralität bezeichnet, die ganze englische Marine kriegsbereit in dem Sinn zu halten, daß sie stets gerüstet sei, einen sofortigen Schlag führen zu können. Die Heimatflotte solle künftig Kanalflotte, die jetzige Kanalflotte dagegen Atlantische Flotte genannt werden. Es lag auf der Hand, daß diese Dislokation ein Zugeständnis an die durch unsere Schiffsbauten mehr und mehr erregte englische öffentliche Meinung war. Es war auch ziemlich wahrscheinlich, daß die Bildung einer besonderen Atlantischen Flotte die englische Antwort auf die wenig glückliche Idee des Kaisers war, sich „Admiral of the Atlantic" zu nennen. Der Veröffentlichung der Denkschrift des Earl of Seiborne war ein Artikel der „Army-and-Navy- Gazette" vorausgegangen, in dem es hieß: „Früher hätte England eine Flotte, von der wir Grund hatten anzunehmen, daß sie zu unserem Schaden gebraucht werden könne, einfach vernichtet. Wir wollen offen aussprechen, daß der gegenwärtige Augenbhck ganz besonders günstig ist, zu erklären, daß diese Flotte fürderhin nicht vergrößert werden solle. Die anderen Mächte würden einer solchen Aktion wahrscheinlich mit schlecht verhehltem Vergnügen, wenn nicht mit offener Billigung zusehen." Nicht lange nachher hatte der Zivülord der englischen Admiralität Mr. Lee eine Rede gehalten, in der er erklärte, England müsse Deutschland den Ausbau seiner Flotte verbieten. Als der Führer der liberalen Opposition, Mr. Campbell Bannerman, in der Adreßdebatte im Unterhaus sein Bedauern darüber aussprach, daß Lee Deutschland grundlos provoziert habe, nahm der Premierminister Balfour den streitbaren Zivillord in Schutz, erklärte den Tadel des Führers der Opposition für „unedelmütig" und lobte mit Pathos den Fleiß und die große Geschicklichkeit von Lee, die für sein Land von hohem Werte wären. Es war nicht zu bestreiten, daß bei Beginn des Jahres 1905 viel auf die erregbaren und labilen Nerven des Kaisers einstürmte. Am 2. Januar kapitulierte Port Arthur mit 8 Generälen, 4Admirälen, 57 Stabsoffizieren, über 30000 Kombattanten, über 50 Geschützen und 4 Schlachtschiffen, was die Erregung und, voreingenommen wie er gegen die „Japs" war, den 72 DAS FALSCHE PFERD Zorn Seiner Majestät noch steigerte. Wie während des Spanisch-Amerikanischen Krieges, so hatte Wilhelm II. auch diesmal die Belligerenten unrichtig eingeschätzt und ebenso bestimmt auf den Sieg der Russen gerechnet wie sieben Jahre früher auf den Triumph der Spanier. Er hatte wieder einmal auf das falsche Pferd gesetzt. In seinem Bedürfnis, überall dabeizusein und immer im Vordergrunde der Bühne zu stehen, verfiel er auf den Ausweg, den Sieger und den Besiegten gleichmäßig auszuzeichnen, indem er sowohl dem Verteidiger von Port Arthur, dem General Stössel, wie dem Eroberer, dem General Nogi, die höchste preußische militärische Auszeichnung, den von Friedrich dem Großen gestifteten Orden Pour le merite, verlieh. Als er mich post festum von diesem Einfall in Kenntnis setzte, verhehlte ich Seiner Majestät nicht, daß das mißgünstige Ausland in diesem Akt wieder das Bestreben sehen werde, nach rechts und links Kränze auszuteilen und damit den Arbiter mundi zu spielen. „Eure Majestät", sagte ich dem Kaiser, „sind das Oberhaupt eines großen, mächtigen und blühenden, aber von Neidern und Feinden umgebenen Reichs. Sie sind nicht ein römischer Caesar-Imperator, der den kämpfenden Gladiatoren entweder zunickt oder sie pollice verso zum Tode verurteilt." Der Kaiser schwieg. Aber in einer langen Unterredung, mit der er mich bald nachher nach einem Hoffest beehrte, machte sich seine innere Erregung in selbst bei ihm ungewöhnlich stürmischer Weise Luft. Er wiederholte mir hierbei alles, was er einige Wochen vorher in Schlesien dem Gesandten von Schön über die Maßnahmen gesagt hatte, die er „unweigerlich" treffen werde, wenn England es wagen sollte, ihn am Weiterbau seiner Flotte zu hindern. Ich muß bei diesem Anlaß auf ein Ereignis zurückgreifen, das zwar an Zwischenfall sich fast ein Jahr zurücklag, das aber erst in Zusammenhalt mit der Geistes- mit dem Verfassung, in der ich den Kaiser an diesem schwer zu vergessenden Januar- Konig der ta g 1905 fand, in seiner eigentlichen Tragweite zutage tritt. Ich besitze auch Belgier j enen Vorfall, der sich am 28. Januar 1904 in demselben altersgrauen, für mein Herz so ehrwürdigen Schloß abgespielt hatte, Notizen, die ich damals sofort gemacht und zu Papier gebracht habe. Im Januar 1904 hatte mir der Kaiser zu meiner Überraschung erklärt, daß König Leopold von Belgien ihm den Wunsch ausgesprochen habe, ihm in Berlin einen Besuch abzustatten. Diese günstige Gelegenheit müsse nach seiner festen Uberzeugung benutzt werden, um Belgien enger an uns zu fesseln. „Der Belgierkönig", setzte mir der Kaiser auseinander, „ist jetzt eine Non-valeur, ein Mr. Nobody unter den großen Fürsten, um den sich niemand kümmert, und doch hat Belgien eine herrliche Vergangenheit. Wir müssen König Leopold auf den Glanz und die Pracht des alten Burgund hinweisen, an Philipp den Gütigen und Karl den Kühnen erinnern. Wenn wir ihm die Aussicht eröffnen, durch ein Bündnis mit uns zu gleicher Höhe LEOPOLD VON BELGIEN IN BERLIN 73 emporzusteigen, wird Leopold zu allem bereit sein." Natürlich riet ich ab. Die Belgier wären nicht ambitiös. Sie sängen nicht: 0 nein, nein, nein! Mein Vaterland muß größer sein! Sie wären nur auf ihre Neutralität und Unabhängigkeit bedacht, das aber sehr. Der Kaiser versprach mir, auf die Versucherrolle zu verzichten, die er sich schon zurechtgelegt hatte. Ich will nicht verschweigen, daß ich mir noch heute im Zweifel darüber bin, ob König Leopold sich wirklich aus eigenem Antrieb zum Besuch in Berlin angemeldet hatte, oder ob die Einladung vom Kaiser ausging, oder ob der Militärattache in Brüssel den Anstoß gab. König Leopold traf am 26. Januar 1904 in Berlin ein. Er beehrte mich am nächstfolgenden Tage, am Geburtstage Seiner Majestät, am 27. Januar, mit einem langen Besuch, in dessen Verlauf wir an der Hand einer auf meinem Schreibtisch ausgebreiteten großen Karte von Zentralafrika eine Reihe strittiger Kolonialfragen regelten, über die ich mir von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts eingehenden Vortrag hatte halten lassen. Der König war ein guter Geschäftsmann. Seine Klarheit, Sachlichkeit und Sicherheit machten mir einen günstigen Eindruck. Von unseren kleinen Kolonialdifferenzen kamen wir auf die allgemeine europäische Lage und im Anschluß hieran auf die Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland zu sprechen. Der König hob nicht nur als seinen persönlichen Wunsch, sondern als den Wunsch aller Belgier ohne Unterschied der Partei, als das Hauptinteresse Belgiens die Aufrechterhaltung des Friedens hervor, die ihm durchaus möglich erschien, wenn in Berlin, London und St. Petersburg eine verständige und ruhige Politik gemacht werde. Was das Verhältnis zwischen Belgien und Deutschland angehe, so sei es so gut als möglich. Französisch sei die Muttersprache der Wallonen, ganz Belgien stehe unter dem Einfluß der französischen Zivilisation, Brüssel sei in geistiger, literarischer und künstlerischer Hinsicht sozusagen un faubourg de Paris. Die Belgier wären aber viel zu nüchtern und viel zu vernünftig, um sich dadurch politisch beeinflussen zu lassen. Politisch hätten sie mehr Vertrauen zu Deutschland als zu Frankreich. Die Furcht, von Frankreich einmal überrannt oder gar heruntergeschluckt zu werden, sei in Belgien alt, sei weit verbreitet und werde neuerdings in dem gut katholischen Land durch die antiklerikale Richtung der Französischen Republik noch verschärft. Von Deutschland, führte der König aus, wisse jeder Belgier schon aus den Bismarckschen Veröffentlichungen vor dem Beginn des Deutsch- Französischen Krieges von 1870, daß es der Verteidiger und treue Wächter der belgischen Neutralität und Unabhängigkeit sei. Der König lobte den damabgen deutschen Gesandten in Brüssel, den Grafen Nikolaus Wallwitz, 74 ABREISE NACH KRACH den Gatten meiner Stieftochter, der Gräfin Eugenie Dönhoff. „On m'a dit", meinte der König, „que vous destinez Wallwitz ä une ambassade. Si tel etait le cas, je ne voudrais pas entraver la carriere de ce diplomate tres distingue. Mais personnellement je serais heureux de garder le comte Wallwitz ä Bruxelles, oü il jouit de beaucoup de consideration et de la confiance generale." Ich erwiderte, daß ich nicht die Absicht hätte, den Grafen Wall- witz Seiner Majestät dem Kaiser schon jetzt für eine Botschaft vorzuschlagen, und daß er bis auf weiteres in Brüssel bleiben werde, was den König sichtlich erfreute. Über die flämische Bewegung äußerte der König, daß sie an Boden gewönne, selbstverständlich im Rahmen des belgischen Staates und in voller Treue für das Flamen und Wallonen gemeinsame Vaterland. Die Flamen wären ebensogute Belgier wie die Wallonen. Ihr berechtigtes Streben, ihre reiche und schöne Sprache zu pflegen und ihre kulturelle Eigenart zu erhalten, würde auch bei den Wallonen um so mehr Verständnis finden, je weniger sich die deutsche Presse um die flämische Bewegung kümmere. Der hohe Herr wollte auch meine Frau begrüßen, der er gleichfalls in high terms von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn sprach, und überreichte mir schließlich eine prächtige Tabatiere mit seinem von Brillanten umgebenen Porträt. Die Tabatiere steht noch auf einer Etagere der Villa Malta, neben den Büsten des Königs Eduard und der Königin Alexandra von England, einem Bilde der Königin Alexandra mit ihrem Enkel, dem jetzigen Prinzen von Wales, auf dem Arm, zwei Porträts des Zaren, den Bildern der Großfürstin Maria Paulowna, der Königin Olga von Griechenland, des Königs und der Königin von Rumänien, der Kaiserin von China und vieler anderer Fürstlichkeiten. Als mich während des Winters 1914 auf 1915, wo ich mich, von Berlin alles eher denn loyal unterstützt, von Wien beständig konterkariert, in Rom bemühte, dem Ausbruch des Krieges zwischen Italien und den Zentralmächten vorzubeugen, ein geistreicher deutscher Freund in der Villa Malta besuchte und jene Erinnerungen einer glücklicheren Vergangenheit erblickte, meinte er: „Ich finde Sie umgeben von den Trümmern der Bethmann Hollweg- schen Politik." Als jene wehmütige Äußerung fiel, im Januar 1915, war mehr als ein Jahrzehnt verflossen seit dem Besuch, den König Leopold II. der Reichshauptstadt abgestattet hatte. Die ersten Tage jenes Besuchs waren damals in voller Harmonie vorübergegangen. Es kam der letzte Tag, der 28. Januar 1904, an dem der König abreisen wollte. Die Abendtafel war zu 8 Uhr angesagt,' die Abreise sollte unmittelbar nachher erfolgen. Alle Eingeladenen waren erschienen, auch die Kaiserin war schon lange da, nur der Kaiser und sein belgischer Gast fehlten. Endlich traten beide ein. Mir fiel sogleich der DER VERKEHRT AUFGESETZTE DRAGONERHELM 75 gereizte Ausdruck des Kaisers und die verstörte Miene des Königs auf, der gegen seine Gewohnheit bei Tisch mit der neben ihm sitzenden Kaiserin kaum sprach. Sobald die Tafel aufgehoben war, verließ der König mit dem Kaiser das Schloß, um zum Bahnhof zu fahren. Der König drückte mir im Vorübergehen die Hand mit den leise, aber ernst und bestimmt gesprochenen Worten: „L'empereur m'a dit des choses epouvantables. Je compte sur votre bonne inßuence, sur votre sagesse et sur votre savoir-faire pour eviter de grands malheurs." Als der Kaiser vom Bahnhof zurückkehrte, frug mich, sichtlich erschrocken, einer der Adjutanten, der ihn begleitet hatte: „Was hat denn der Belgierkönig ? Es scheint einen Krach gegeben zu haben. Der König sah ganz verbiestert aus. Der alte Herr war so sehr aus dem Häuschen, daß er den Helm seines preußischen Dragonerregiments falsch aufgesetzt hatte, mit dem Adler nach hinten anstatt nach vom." Der hinzutretende Kaiser entführte mich der Gesellschaft, die er rasch und zerstreut entließ. Als er mit mir in sein schönes Arbeitszimmer eingetreten war, in dem die Bilder seines Vaters und seines Großvaters, des großen Fürsten Bismarck und des großen Meisters von Bayreuth, des Zaren und der Queen Victoria friedlich nebeneinander an der Wand hingen, erfolgte ein sehr temperamentvoller Ausbruch über die „Jämmerlichkeit" seiner „Kollegen". Er habe dem Belgierkönig in denkbar gütigster Weise von seinen stolzen Vorgängern, den Burgunder her zögen, gesprochen und hinzugefügt, wenn der König wolle, könne er deren Reich wieder errichten und sein Zepter über Französisch-Flandern, Artois und die Ardennen ausstrecken. Der König habe ihn zunächst verständnislos „angeglotzt" und schließlich „grinsend" gemeint, daß von so hochfliegenden Plänen weder die belgischen Minister noch die belgischen Kammern etwas wissen wollten. „Da verlor ich die Geduld", fuhr der Kaiser fort, „ich sagte dem König, daß ich einen Monarchen nicht achten könne, der sich Deputierten und Ministern verantwortlich fühle, anstatt allein unserem Herrgott im Himmel. Ich habe ihm auch gesagt, daß ich nicht mit mir spaßen ließe. Wer im Falle eines europäischen Krieges nicht für mich sei, der sei gegen mich. Als Soldat gehörte ich der Schule Friedrichs des Großen an, der Schule Napoleons 1. Wie jener den Siebenjährigen Krieg mit der Invasion von Sachsen begonnen habe und dieser stets blitzschnell seinen Gegnern zuvorgekommen wäre, so würde ich, sofern Belgien nicht mit mir gehe, mich nur von strategischen Erwägungen leiten lassen." Es entstand eine lange Pause. „Ich hoffte", meinte endlich der Kaiser sichtlich verstimmt, „bei Ihnen Verständnis und Lob zu finden, allein leider scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Das ist mir die herbste Enttäuschung an diesem Tag." Ich legte darauf in ruhiger, möglichst präziser Form Seiner Majestät den Standpunkt pobtischer Vernunft dar. Mein Streben wäre auf die Aufrechterhaltung des Friedens 70 DER DURCHMARSCH DURCH BELGIEN gerichtet, eines Friedens in Ehren und mit Würde. Einen solchen Frieden wünsche und erstrebe ja auch er, der Kaiser. Ein Frieden mit Würde und in Ehren liege im deutschen Interesse, denu die Zeit gehe für uns. Würden wir angegriffen und sollten unsere Gegner, Franzosen oder Engländer, in Belgien einrücken oder dort Truppen landen, so wären wir selbstverständlich berechtigt, auch unsererseits sofort in Belgien einzumarschieren. Aber ohne vorhergegangene Verletzung der belgischen Neutralität durch unsere Feinde dürften wir nicht unter Mißachtung der auch von uns unterzeichneten und feierlich beschworenen Verträge in Belgien einfallen. Zu einem so ungeheuren Fehler würde ich nicht die Hand bieten, denn durch ein solches Verfahren würden wir jene Imponderabilien in die Hand unserer Gegner bringen, jene unwägbaren Faktoren, die, um mit Bismarck zu reden, schwerer wögen als materielle Werte. Ich wiederholte nochmals, daß wir im Kriegsfall nur nicht die ersten sein dürften, weiche die belgische, völkerrechtlich garantierte Neutralität verletzen. Kriege würden im letzten Ende nicht allein militärisch gewonnen oder verloren, sondern mindestens ebensosehr politisch. Napoleon hätte trotz seiner überragenden militärischen Genialität als Gefangener in St. Helena geendigt, Friedrich der Große, nicht nur Feldherr, sondern auch Staatsmann, wäre auf dem Thron gestorben. Unser Gespräch zog sich bis nach Mitternacht hin. Der Kaiser wurde im Laufe der Unterhaltung nervöser und heftiger, als das sonst mit mir seine Art war. Er ließ halblaut die Äußerung fallen: „Wenn Sie so denken, werde ich mich im Falle eines Krieges nach einem anderen Reichskanzler umsehen müssen." Ich schied von ihm mit dem Empfinden, daß ich den Kaiser zwar nicht ganz überzeugt hätte, daß er aber, solange ich im Amte bliebe, im entscheidenden Moment mir folgen würde, vielleicht weniger aus Einsicht als aus Vorsicht, in dem ihn damals noch beherrschenden Gefühl, daß er mit mir am sichersten fahre. Ich will diese lange Parenthese nicht schließen, ohne hinzuzufügen, daß sowohl Graf Alfred Schlieffen als dessen Nachfolger Hellmuth Moltke die Frage eines Durchmarsches durch Belgien gelegentlich und gesprächsweise mit mir berührt haben. Meine persönlichen Beziehungen zu beiden waren die besten. Moltke war mein alter und treuer Jugendfreund und ist es mir bis zu seinem Tode geblieben. Schlieffen hatte das 1. Gardeulanen- Regiment kommandiert, eines der schönsten Regimenter der Armee, vor dessen alter Kaserne in Potsdam jetzt das Denkmal des sterbenden Reiters steht, das kein guter Preuße ohne Wehmut und tiefe Bewegung betrachten kann. Zwei meiner Brüder, die späteren Generäle Adolf und Karl Ulrich Bülow, hatten unter Schlieffen bei diesem Regiment gestanden. Ich entsinne mich, daß Schlieffen sich einige Zeit vor meinem Rücktritt, 1904 oder 1905, mit mir über die Chancen eines etwaigen Krieges unterhielt. Er führte SCHLIEFFEN UND DIE BELGISCHE NEUTRALITÄT 77 hierbei aus, daß im Falle eines Krieges mit Frankreich und Rußland wir trachten müßten, zuerst Frankreich niederzukämpfen. Der sicherste Weg, um dies Ziel zu erreichen, führe über Belgien. Ich entgegnete, daß mir dies wohlbekannt wäre. Schon als Bonner Husarenleutnant hätte ich unter dem Einfluß meines damaligen Kommandeurs, des späteren Feldmarschalls Loe, Clausewitz studiert und dort die Wendung gefunden, daß die Herzgrube Frankreichs zwischen Brüssel und Paris liege. Wir dürften aber, fügte ich hinzu, aus schwerwiegenden politischen Gründen diesen Weg nur dann einschlagen, wenn und sofern die belgische Neutralität vorher von unseren Gegnern verletzt worden wäre. Ich erinnerte den genialen Strategen an einen mir unvergeßlichen Vorgang aus dem Winter 1887 auf 1888. In jener Zeit habe zwischen Deutschland und Frankreich eine starke Spannung bestanden, der Krieg hätte, ähnlich wie schon 1875, 1879 und 1885, in der Luft gelegen. Damals seien die englischen Sympathien auf deutscher Seite gewesen, und ein großes englisches Blatt, wenn ich nicht irrte, der „Standard", habe ungefähr geäußert: Allerdings hätte sich England seinerzeit für die belgische Neutralität verbürgt. Das wolle aber nicht bedeuten, daß es diese Neutralität unter allen Umständen mit den Waffen für Frankreich und gegen Deutschland zu verteidigen brauche. Auf diese verführerische Andeutung habe Fürst Bismarck in einem von ihm selbst angegebenen Artikel eine Antwort erteilt, deren ich mich genau erinnere. Ich sei in jenen kritischen Tagen Geschäftsträger in St. Petersburg gewesen und hätte als solcher die in Rede stehende Auslassung meines großen Chefs mit begreiflicher Aufmerksamkeit gelesen und durchdacht. (In jenem Artikel eines hochoffiziösen Blatts, der Berliner „Post", hätte Fürst Bismarck die nachstehenden Richtlinien aufgestellt, die auch für Bismarck über mich maßgebend geblieben wären: den Kriegsfall 1. Die deutsche Politik würde nie deshalb einen Krieg beginnen, weil sie glaube, daß er ihr sonst aufgedrungen werden könnte. 2. Vor allem würde Deutschland niemals einen Krieg mit der Verletzung eines europäischen Vertrags beginnen. 3. Wenn man in England annähme, daß die deutsch-französische Grenze durch die französischen Sperrforts für jede deutsche Offensive unzugänglich geworden sei und daß infolgedessen der deutsche Generalstab den Durchbruch durch Belgien ins Auge fassen müßte, so meine man in Berlin, daß die Kombinationen des deutschen Generalstabs nicht so leicht zu erschöpfen wären. Jedenfalls befänden sich alle die im Irrtum, die glaubten, die Leitung der Politik sei in Deutschland den Gesichtspunkten des Generalstabs unterworfen und nicht umgekehrt. 4. Ebensowenig wie die Schweizer werde jemals die belgische Neutralität von Deutschland verletzt werden. 78 SCHLIEFFENS ALARM 5. Die deutsche Staatsleitung lege den höchsten Wert auf Wahrung ihres Rufs als strenge Beobachterin der Verträge, die Europa zur Bewahrung seines Friedens geschlossen habe. Überdies lebre der gesunde Menschenverstand, daß es nicht gerade klug wäre, die Waffenkräfte Belgiens oder der Schweiz zur Waffengemeinschaft mit dem französischen Angriff zu zwingen. Graf Alfred Schlieffen, mit dem ich nach wie vor diesem Gespräch in einem ungetrübten freundschaftlichen Verhältnis gestanden habe, drehte nach seiner Gewohnheit mehrmals sein Monokel im Auge herum und meinte dann: „Natürlich! Das stimmt noch heute. Wir sind seitdem nicht dümmer geworden." Allerdings, fügte Schlieffen hinzu, neige er zu der Ansicht, daß Holland im Kriegsfall in uns seinen natürlichen Bundesgenossen gegen England sehen würde. Was Belgien angehe, so würde es sich einem deutschen Einmarsch wohl kaum mit Waffengewalt widersetzen, sondern sich mit einem Protest begnügen. Übrigens glaube er, Schlieffen, daß im Falle eines großen Krieges die Franzosen, eventuell auch die Engländer, sofort in Belgien einrücken würden. Damit bekämen wir die Hände frei. Ich betone ausdrücklich, daß nach meiner Kenntnis der Verhältnisse es bis zum Weltkrieg auch Generalstäbler gegeben hat, die für den Fall eines deutschfranzösischen Krieges den Weg durch Belgien nicht für den richtigen hielten, jedenfalls nicht für den einzig möglichen, um Frankreich zu schlagen. Auch nach dem Kriege sagte mir einer unserer bekanntesten Generäle, wir hätten besser getan, nicht den Weg über Belgien mit seinen fürchterlichen politischen Konsequenzen zu wählen, sondern uns für eine andere Kombination zu entscheiden. Ich will bei diesem Anlaß auch noch vorgreifend erwähnen, daß einige Monate vor meinem Rücktritt Graf Alfred Schlieffen in der „Deutschen Revue" einen ziemlich alarmierend gehaltenen Aufsatz über die Chancen eines allgemeinen Krieges veröffentlichte, der einige Wendungen enthielt, die in Belgien Unbehagen erregten. Einen darauf bezüglichen Bericht des Grafen Wallwitz, der zu jener Zeit noch das Reich in Brüssel vertrat, übersandte ich dem damaligen Chef des Generalstabes der Armee, dem Generaloberst von Moltke, der mir unter dem 19. Januar 1909 wörtlich erwiderte: „Es ist mir unerfindlich, wie aus den Ausführungen des Grafen Schlieffen herausgelesen werden kann, daß man maßgebenden Orts mit dem Durchmarsch unserer Truppen durch Belgien als etwas Höchstwahrscheinlichem, etwas Gegebenem rechnet. Es dürfte Graf Wall witz, dem zur Zeit seiner Berichterstattung der Urtext des Aufsatzes noch nicht vorlag, nicht schwerfallen, an der Hand des Textes etwa auftretende Bedenken zu zerstreuen." Ich möchte endheh noch feststellen, daß auf meine Anfrage vom 1. Juli 1920, ob nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck, unter der TIRPITZ WILL NORD SCHLESWIG ZURÜCKGEBEN 79 Kanzlerschaft des Grafen Caprivi, des Fürsten Hohenlohe oder während meiner Amtszeit zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Generalstab der Armee ein Meinungsaustausch wegen eines etwaigen Einmarsches in Luxemburg, Belgien oder Holland stattgefunden hätte, mir der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Herr von Haniel, am 6. Juli 1920 amtbch erwiderte: „Hochzuverehrender Fürst! Auf die gefällige Anfrage vom 1. d.M., ob während der Jahre 1890 bis 1909 ein Meinungsaustausch zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Generalstab der Armee wegen eines etwaigen Einmarsches in Luxemburg, Belgien oder Holland stattgefunden hat, beehre ich mich, Eurer Durchlaucht mitzuteilen, daß die Akten des Auswärtigen Amts nichts über die Führung eines derartigen Schriftwechsels enthalten. In aufrichtiger Verehrung Ihr sehr ergebener E. Haniel." Kaiser Wilhelm II. ist während der zweiten Hälfte meiner Reichskanzlerzeit, von 1904 bis 1909, mir gegenüber auf den Gedanken einer Invasion WiUielm II. Belgiens nicht wieder zurückgekommen. Um so eifriger beschäftigte er sich mit dem Plan, ein engeres Verhältnis zu Dänemark herzustellen. Dieser ^ änemar ^ Wunsch war in den Kreisen unserer Marine weit verbreitet. Um ein Bündnis mit Dänemark zu erreichen, wäre Tirpitz gern bereit gewesen, Nordschleswig an Dänemark zurückzugeben. Andere unserer Seeleute hielten es in dieser Richtung mehr mit dem Erlkönig: „Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." Ich bin mir nie im Zweifel darüber gewesen, daß jeder Versuch, ein näheres Verhältnis zu Dänemark herbeizuführen oder gar zu erzwingen, sicherlich England, wahrscheinlich auch Frankreich und vielleicht selbst Rußland uns auf den Hals ziehen würde. Als mir der Kaiser im Februar 1905 zweimal hintereinander ex abrupto telegraphierte: „Wir müssen ein engeres Verhältnis zu Dänemark herstellen", schrieb ich ihm, daß eine deutsche diplomatische Aktion zur Herbeiführung einer Allianz mit Dänemark die schon vorhandene Unsicherheit der Weltlage noch erheblich erhöhen würde. Eine Allianz zwischen dem mächtigen Deutschen Reich und dem kleinen Dänemark würde allgemein als ein Verzicht Dänemarks auf seine Unabhängigkeit und als dessen Angliederung an das Deutsche Reich aufgefaßt werden. Der greise König Christian IX. hege für den Deutschen Kaiser innerlich vielleicht jene „väterliche Zuneigung", von welcher der Kaiser mir wiederholt gesprochen habe. Der König könne aber gar kein Bündnis abschließen ohne Zuziehung der konstitutionellen Organe, welche letztere wieder von der Volksstimmung abhängig wären. Das dänische Volk sei deutschfeindlich. Diese Gesinnung habe sich im Laufe von vierzig Jahren dank dem heilenden Einfluß der Zeit und einer vernünftigen Politik von deutscher Seite allmählich beruhigt, aber der Verdacht, daß Dänemark in Abhängigkeit von Deutschland gebracht werden solle, würde sofort Instinkte wachrufen, die sich diplomatischer Einwirkung entzögen. Nicht 80 DIE GEISEL-THEORIE nur die dänische Presse und das dänische Volk, sondern auch die dänische Regierung und der dänische Hof würden sich um Hilfe nach England und Rußland wenden, denn jede dänische Regierung, die in einem solchen Augenblick nicht den nationalen Gefühlen Rechnung trüge, würde im Handumdrehen beseitigt werden, und selbst das dänische Königtum, dem man seine deutschen Wurzeln nicht ganz vergessen hätte, könnte dann gefährdet sein. England würde so Gelegenheit geboten, sich zum Verteidiger des kleinen Landes und seiner Unabhängigkeit gegen eine „erzwungene" deutsche Allianz aufzuwerfen. „Manche engüsche Kreise warten ja nur darauf, die dankbare Rolle des Beschützers der verfolgten Unschuld und eines schwachen Landes uns gegenüber zu spielen." Delcasse würde es sich mit Vergnügen angelegen sein lassen, wie den Engländern so auch den Russen klarzumachen, daß zwischen ihnen keine Gegensätze beständen, die ein anglo-russisch-französisches Zusammenwirken zum Schutz der dänischen Unabhängigkeit verhindern könnten. Die Hineinziehung Dänemarks in die äußere Peripherie des deutschen Reichsverbandes sei ein Traum, ein nicht ungefährlicher Traum. Zu seiner Verwirklichung gehöre, daß entweder die englische Flotte anderweitig beschäftigt oder daß ihr die deutsche, sei es allein, sei es mit einer verbündeten zusammen, ungefähr gleicbwertig wäre. Zur Zeit sei weder die eine noch die andere Voraussetzung gegeben. Unvorsichtige Schritte in der Richtung einer Angliederung von Dänemark an Deutschland würden unseren Feinden und namentlich den diplomatischen Förderern eines französisch-russisch-englischen Dreibundes nur erwünscht sein. Damit wäre unseren Gegnern in Paris, London und St. Petersburg derjenige Anlaß zum Zusammenschluß geboten, der ihnen durch die Verhinderung der Aufteilung Chinas zeitweilig genommen worden sei. Je schlechter infolgedessen die Laune mancher Leute in Paris und London wäre, um so eifriger würden sie die unerwartet gebotene Gelegenheit ergreifen, um zunächst wegen Dänemarks den neuen Dreibund ins Leben zu rufen, der, wenn erst einmal zustande gebracht, weitere Aufgaben suchen und finden würde. In jener langen und ernsten Unterredung über Belgien, die sich meinem Professor Gedächtnis so fest eingeprägt hat, daß ich mich jeder Redewendung, fast Theodor j e d er Geste und jedes Wortes des Kaisers erinnere, hatte ich Seine Majestät chiemann aucn ,j avor gewarnt, mit der sogenannten Geisel-Theorie Mißbrauch zu treiben. Diese Theorie war eine Erfindung des Professors Theodor Schiern ann. Oder richtiger gesagt, dieser geschwätzige und taktlose Wichtigtuer hatte eine Boutade von Holstein, der gemeint hatte, daß, wenn England uns überfallen sollte, wir uns an Frankreich halten würden, in plumper Weise wiederholt und breitgetreten. Als nun gar eine Pariser Zeitung die Wendung vom „Schiemannisme" geprägt hatte, um damit die angebbeh in EIN FRISCHER, FRÖHLICHER KRIEG 81 Berlin herrschende Doktrin zu bezeichnen, nach der die Deutschen, unfähig, sich gegen England zur See zu wehren, im Falle eines Krieges mit England sich auf Frankreich stürzen würden, fühlte sich Schiemann als eine europäische Zelebrität und erging sich in so unvorsichtigen und immer wiederholten Wendungen und Drohungen, daß ich ihn durch den Unterstaatssekretär von Mühlberg ernstlich und scharf verwarnen ließ. Er richtete daraufhin einen demütigen Brief an mich, in dem er hoch und teuer schwor, er lege einen so „außerordentlich hohen Wert" darauf, in seiner „bescheidenen publizistischen Tätigkeit" nicht in Gegensatz zu den von mir vertretenen und gewahrten Interessen Deutschlands zu geraten, daß er künftig noch vorsichtiger als bisher sprechen und schreiben würde. Der Brief schloß mit den Worten: „Wenn ich aber trotzdem noch zu viel sagen sollte, bitte ich, es unter keinen Umständen meinem üblen Willen, sondern nur meinem Ungeschick zuzuschreiben. In stets dankbarer Verehrung Eurer Exzellenz ehrfurchtsvoll ergebener Theodor Schiemann." Dieser Schwur verhinderte Herrn Schiemann nicht, sich dem impres- sionablen und phantasievollen Kaiser immer wieder mit unsinnigen Vorschlägen und Projekten zu nähern. Bald sollten wir mitten im Frieden Libau und Riga besetzen, um gegenüber Rußland ein Pfand in der Hand zu haben, bald auch an England ein Ultimatum stellen, daß dieses entweder aufhören solle, uns wegen unseres Flottenbaues zu bedrohen, oder es auf einen „ehrlichen und ritterlichen Waffengang" zur See mit uns ankommen lassen möge. Gegenüber den uns drohenden inneren und äußeren Gefahren, so versicherte Schiemann dem Kaiser, sei ein frischer, fröhlicher Krieg „das einzige Auskunftsmittel". Für den Waffengang mit England müsse allerdings wie für ein Turnier des Mittelalters der Kampfplatz und die Wahl der Waffen, in diesem Fall also die Zahl der einzusetzenden Schiffe, im voraus bestimmt werden. Es bedeutete tatsächlich eine starke Belastung meiner Geduld und meiner durch ernste Geschäfte in Anspruch genommenen Leistungsfähigkeit, daß ich auf die Widerlegung und Abwehr solcher auf die in manchen Dingen große Naivität des Kaisers berechneten Kindereien Zeit und Kraft verwenden mußte. Bei hoher, ja höchster Meinung von Würde und Heiligkeit seines königlichen Berufes verstand Wilhelm II. nicht, daß gerade dieser Beruf wie kein anderer Arbeitsamkeit, Konzentration und Ernst verlangt. Er hat nie die tiefe Wahrheit des Rats begriffen, den in den „Wahlverwandtschaften" die Weisheit unseres größten Dichters dem verständigen Hauptmann in den Mund legt. „Nur eines laßt uns festsetzen und einrichten", spricht der Hauptmann zu seinem Freunde Eduard, „trennen wir alles, was eigentlich Geschäft ist, vom Leben! Das Geschäft verlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkür; das Geschäft die reinste Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist Hebenswürdig 6 Biilow II 82 IM REICHSKANZLERPALAIS und erheiternd." Kaiser Wilhelm II. hielt es mehr mit Eduard, der nie dazu kommen konnte, seine Papiere nach Fächern abzuteilen, und auch Geschäfte und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam voneinander absonderte. Während meiner ganzen Amtszeit habe ich daran festgehalten, von Zeit Bilanz 1905 zu Zeit in der Stille meines Schreibzimmers in Ruhe und Sammlung die internationale Situation wie unsere innere Lage durchzudenken. Wenn je ein Jahr, so bot das Jahr 1905, das unter für die Mentalität Wilhelms II. so bedeutungsvollen Auspizien begonnen hatte, hierzu Anlaß. Die alten schönen Bäume im Garten des Reichskanzlerpalais, unter denen die erste Liebe unseres guten alten Kaisers, die Prinzessin Elise Radziwill, träumte und litt, auf denen das Auge des Fürsten Bismarck geruht hat, sind mir Zeugen, wie oft ich mit ernsten und schweren Sorgen um Sicherheit und Zukunft des Vaterlandes auf sie geblickt habe. Wie jeder, der im öffentlichen Leben gestanden hat, habe ich geirrt. Als der vielerfahrene und menschenkundige König Salomo den Tempel zu Jerusalem einweihte, wandte er sein Angesicht und segnete die ganze Gemeinde Israel und sprach zu ihr: „Es ist keiner, der nicht sündigt." Das gilt von den Fürsten und Staatsmännern unserer Tage noch viel mehr als von den Zeitgenossen des Monarchen, dessen Weisheit größer war denn aller Ägypter Weisheit, der 3000 Sprüche redete, 1005 Lieder dichtete und alle Bäume kannte, von der Zeder auf dem Libanon bis zum Ysop, der aus der Wand wächst. Aber wenn ich meine Fehler und Irrtümer in keiner Weise beschönigen will, so gibt es doch einen Vorwurf, der mir bisweilen, aber mit großem Unrecht, gemacht worden ist, nämlich die Behauptung, daß ich, ein Lächeln auf den Lippen, in immer gleich strahlender Heiterkeit meines Amtes gewaltet hätte. Die von mir in ihrer künstlerischen Bedeutung nicht unterschätzte Karikatur hat gegenüber der geschichtlichen Wahrheit manches auf dem Kerbholz. Impressionistisch wie keine andere Kunstart, hat sie aus mir den heiteren Lebenskünstler, hat sie später aus Bethmann Hollweg den tiefsinnigen Philosophen gemacht. Ich war ebensowenig ein Epikuräer wie Bethmann ein Kantianer, der zu diesem Epitheton nur kam, weil unsere Witzblätter ihn wieder und immer wieder mit der „Kritik der reinen Vernunft" unter dem Arm darstellten. Ich bin während meiner zwölfj ährigen Amtszeit in Berlin selten ohne ernste Sorgen aufgewacht und habe mich nur zu oft, wenn die Nacht sich niedersenkte, sorgenvoll auf das Lager gestreckt. Aber ich war allerdings der Meinung, daß der leitende Staatsmann eines großen Landes nicht wie ein bedrückter Aktuarius dreinschauen und unseren Gegnern entgegentreten soll, und ich war vor allem der Ansicht, daß es besser ist, den Hektor zu spielen als die Kassandra, daß das englische „never say die" ein gutes Wort ist, daß, um unseren größten Dichter anzurufen: AUSWÄRTIGE LAGE ERNST 83 Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen, Allen Gewalten Zum Trotz sich erhalten die Arme der Götter herbeiruft und das Schicksal zwingt. Gewiß, die auswärtige Lage war ernst. Die Indier sagen, jeder Mensch trüge sein Schicksal auf seiner Stirn geschrieben. So auch die Völker. Dem deutschen Volk bedeutet seine geographische Lage in der Mitte von Europa, eingepfercht zwischen Franzosen und Slawen, sein Schicksal. In diesem Sinne habe ich geschrieben*, eingekreist seien wir seit dem Vertrage von Verdun, seit mehr denn tausend Jahren. Die Schwierigkeiten unserer Lage wurden erhöht durch die englische Eifersucht auf die sich immer mächtiger entfaltende, immer stürmischer, vielleicht zu stürmisch auf allen Weltmärkten vordrängende deutsche Industrie. Die Demokratie unserer großen Städte, die Asphalt-Demokratie, wie ich sie einmal genannt habe, verstand nicht, daß ich für den Schutz der deutschen Landwirtschaft nicht nur aus Gründen innerpolitischer ausgleichender Gerechtigkeit eintrat. Ich sah in einer blühenden Landwirtschaft auch ein Gegengewicht und einen Hemmschuh gegen eine zu ausschließlich industrielle Entfaltung, die aus inner- wie aus außenpolitischen Erwägungen gleich bedenklich war. Aber schon Bismarck hatte gesagt, daß sich unsere industrielle Entwicklung nicht gewaltsam „kappen" ließe. Wo wir uns nun einmal in dieser Richtung entwickelten, mußten wir, aus den in meinen öffentlichen Reden und jetzt in diesen meinen Denkwürdigkeiten oft dargelegten Gründen, den großen, von uns der See anvertrauten Teil unseres Nationalvermögens schützen, d. h. Kriegsschiffe bauen, was die englische Feindschaft gegen uns erheblich verschärfte und damit die Schwierigkeiten unserer Politik vermehrte. Als ich 1904 Seine Majestät zur Vereidigung der Marinerekruten nach Wilhelmshaven begleitete, hatte während des im Anschluß an die Vereidigung im Marinekasino stattfindenden Mittagessens der Kaiser, neben dem ich saß, plötzlich seine Hand auf meinen Arm mit den leise gesprochenen Worten gelegt: „Ist es nicht entsetzlich, zu denken, daß diese guten blauen Jungen, denen ich soeben den Eid abgenommen habe, vielleicht in wenigen Wochen tot auf dem Grund der Nordsee liegen sollen?" Während er dies sagte, sprach aus seinen guten Augen eine solche Wehmut, so viel Kümmernis und Sorge, daß es mir durch das Herz schnitt. Diese menschlich gewiß begreifliche Regung konnte aber nicht meine aus ruhiger Prüfung der Lage hervorgehende Überzeugung beeinflussen, daß trotz aller drohenden Reden der englischen Seeleute, deren bedeutendster, Lord Fisher, dem König * Deutsche Politik, S. 293. 6» 84 DELCASSfi Eduard VII. beständig in den Ohren lag, er möge ihm erlauben, bevor es zu spät würde, die deutsche Flotte zu „kopenhagenen", das heißt ohne Kriegsansage zu überfallen und zu vernichten, England nur gegen uns vorgehen würde, wenn und nachdem wir mit Rußland in Krieg geraten wären. Schon darum mußten wir, der Bismarckschen Mahnungen und Warnungen eingedenk, mit Rußland Frieden halten. Das erschien möglich, wenn wir Rußland nicht an den Dardanellen entgegentraten und in unseren östlichen Provinzen der großpolnischen Propaganda keine Zugeständnisse machten. Wir durften natürlich Oesterreich nicht zertrümmern lassen. Wir durften aber die antirussischen Tendenzen und Pläne aufgeregter österreichischer Generäle und traditionell unfähiger Wiener Diplomaten wie der allzu hitzigen Magyaren nicht bis an die Grenze heranlassen, wo der Krieg zwischen Oesterreich und dem slawischen und orthodoxen Rußland unvermeidlich wurde. Bedenklich war auf dem europäischen Schachbrett eine Figur, und das war der französische Minister des Äußern, Delcasse. König Eduard war nicht der Mann, uns plötzlich zu überfallen, wie manche Jingoes mit und ohne Marineuniform dies wollten. Auf meinen Neujahrsglückwunsch hatte er mir erwidert: „The Queen and I thank you for your good wishes and trust that the new year may bring peace and prosperity to the world at large. Eduard R." Eine andere Frage war, ob der König ein französisches Vorgehen gegen uns nicht ganz gern sehen würde. Delcasse manövrierte nach dem berüchtigten Wort, das vor Olmütz dem Fürsten Felix Schwarzenberg in den Mund gelegt wurde: „II faut avilir la Prusse et puis la demolir." Delcasse wollte zunächst einmal unserem Ansehen in der Welt einen tüchtigen Stoß versetzen, das Weitere werde sich dann schon finden. Daß Rußland momentan mit dem japanischen Krieg beschäftigt war, störte Delcasse nicht. Er hatte, wie damals die ganze Welt, eine ungeheure Meinung von den unbegrenzten Machtmitteln des unermeßlichen russischen Reichs mit seinen 130 Millionen Einwohnern. Er glaubte auch, daß sich im Falle eines deutsch-französischen Krieges der Friede zwischen Rußland und Japan unter englischer Ägide rasch herstellen lassen würde. Bismarck pflegte zu sagen, daß er, im Gegensatz zu dem bekannten englischen Spruch: „Measures not men", der Ansicht wäre, es käme mehr auf die Männer an, die eine Maßregel durchzuführen hätten, als auf die Maßnahme selbst. Er hat auch das von ihm in das Goldene Buch des Germanischen Museums zu Nürnberg eingetragene tiefe Wort: „Unrla fert nec regitur" selbst dahin definiert, daß Gang und Stärke der Welle von der Vorsehung bestimmt würden, daß aber die Fähigkeit, sich von der Welle tragen zu lassen, von Kraft und Geschick des Schwimmers abhinge. Längeres Zuwarten gegenüber den bösen Absichten wie den Intrigen des franzö- DER MONARCHISCHE REITER 85 siechen Ministers des Äußern erschien bedenklich, seine Beseitigung ohne Krieg erstrebenswert. Im Mittelpunkt meiner inner- und außenpolitischen Sorgen stand nach wie vor die Persönlichkeit des Kaisers. Bismarck hatte mit vollem Bewußtsein den König zum Träger des preußischen und damit des deutschen Staatswesens gemacht. Nach seinem Rücktritt hat Bismarck mehr als einmal geäußert, er habe dem monarchischen Reiter wieder in den Sattel geholfen, aber zu sehr. „Troppo mi ha aiutato Sant' Antonio", meint der neapolitanische Schiffer, wenn der heilige Antonius, den er um Wind gebeten hat, ihm einen Sturm schickt. Schon lange vor dem Schicksals- und Unheilsjahr 1890 hatte mein Vater, ein kirchlich gläubiger, politisch konservativer und ganz monarchisch gerichteter Mann, dem Fürsten Bismarck mehr als einmal gesagt, er habe das Schwergewicht des Staatswesens, Wohl und Wehe des Reichs zu sehr mit der Person des Monarchen verknüpft. Bismarck hat sich über diesen Punkt meinem Vater gegenüber, der einer der wenigen war, von denen er Ratschläge annahm, offen ausgesprochen. Er erwiderte meinem Vater auf dessen Bemerkung, für das Staatsganze wie für des Fürsten eigene Stellung würde es nützlich sein, der Volksvertretung einen größeren Einfluß einzuräumen, statt sich ganz auf den Thron einzustellen: ,,An und für sich haben Sie wohl recht, aber niemand kann über seinen Schatten springen. Ich bin nun einmal in erster Linie Royalist, alles andere kommt hinterher. Ich schimpfe auf den König, ich kann mir auch denken, daß man als Junker gegen den König rebelliert, ich nehme den König in meiner Weise, ich beeinflusse, ich ,behandle', ich leite ihn, aber er ist mir der Mittelpunkt meines Denkens und Handelns, der Punkt des Archimedes, von dem aus ich die Welt bewege." Wie nun einmal Bismarck das Deutsche Reich erbaut und eingerichtet hatte, war für die äußere wie für die innere Politik die Individualität des Königs von Preußen und Deutschen Kaisers von der allerentscheidendsten Bedeutung. Darüber war sich Bismarck selbst nie im Zweifel. Nach dem Nobiling-Attentat 1878 sagte er in meiner Gegenwart zu seinem Sohn Herbert, der trübe Betrachtungen über die Zukunft angestellt hatte: „Um das deutsche Volk ist mir nicht bange, der Klumpen ist zu groß, als daß er ganz zerrieben werden könnte. Die einzelnen Teile werden sich wohl immer wieder in irgendeiner Weise zusammenfinden. Aber die Hohenzollern könnten allerdings kopfüber gehen, wenn sie die Eigenschaften verlieren sollten, die unser alter Herr besitzt, den nüchternen, hausbackenen Menschenverstand, die auf ein ruhiges und gutes Nervensystem fundierte Courage, die Bescheidenheit." Gerade diese Qualitäten mangelten zu seinem und unserem Unglück dem im übrigen so reich, so glänzend begabten Wilhelm II. Von ihm noch mehr als von seiner Mutter galt das Wort, das über diese einmal einer der 86 WILHELM II. RÄSONIERT ausgezeichnetsten englischen Staatsmänner der Victorianischen Ära, der 1891 verstorbene Earl of Granville, zu meiner ihm durch Verwandtschaft verbundenen Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, gesprochen hatte: „Our Princess Royal, the Crown Princess of Prussia, is very clever, but not wise." Nach außen erregte Wilhelm II. nach siebzehnjähriger Regierung bei den Völkern schon vielfach Widerspruch und Abneigung, aber noch immer Neugierde und Interesse. Das Vertrauen der Höfe und Regierungen zu ihm hatte sehr abgenommen. Die meisten Fürstlichkeiten hatte er sich ebenso ■wie viele fremde Staatsmänner durch die Unvorsichtigkeit, mit der er seiner Zunge freien Lauf ließ, zu Feinden gemacht. „Die Zunge", schreibt der Apostel Jakobus, „ist ein kleines Glied, aber sie richtet große Dinge an." Bei Wilhelm IL hat sie viel Böses angerichtet und vor allem ihm selbst viel Schaden zugefügt. Er hätte sich schwere Stunden, seinen Ratgebern schwere Mühen ersparen können, wenn er der Warnung des Apostelfürsten Petrus besser eingedenk geblieben wäre, die ich ihm gelegentlich vor einer bevorstehenden Reise ins Ausland, als Vademecum, niedergeschrieben auf ein Blättchen Papier, mitgab: „Wer leben will und gute Tage ßehen, der schweige seine Zunge." (I. Petr. 3, 10.) Der englische Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, mein langjähriger Freund, sagte mir 1905, die Abneigung König Eduards gegen seinen Neffen flöße ihm weniger Besorgnis ein als die Tatsache, daß der Kaiser bei den maßgebenden englischen Politikern allmählich alles Vertrauen einbüße. Sir Frank begründete diese Äußerung damit, daß der Kaiser jedem Engländer hoch und heilig beteuere, er sei schon als Enkel der Königin Victoria Englands bester Freund; hinter dem Rücken der Engländer aber hetze er gegen sie. Als ich das bestritt, vertraute mir Lascelles den nachstehenden Vorfall an: Während der letzten Kieler Woche habe der Kaiser wiederholt dort eingetroffene amerikanische Jachten besucht. Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte er leidlich verständig gesprochen, sonst aber in allen Tonarten über die Engländer räsoniert und den Amerikanern anempfohlen, bei ihm, dem Kaiser, Schutz gegen das perfide Albion zu suchen. „Der Kaiser", fuhr Lascelles fort, „wußte nicht, daß sich auf einer der amerikanischen Jachten unter den Amerikanern der englische Marineattache in Washington befand, der über die Auslassungen Seiner Majestät nach London berichtete. Ich habe den Bericht selbst gesehen und gelesen." Die Gefühle des Zaren für den Kaiser waren allmählich mehr und mehr erkaltet, weil „Nicky" den Ton, den „Willy" ihm gegenüber bisweilen anschlug, zu belehrend und überheblich fand. Der Großfürst Wladimir sagte mir bei einer zufälligen Begegnung, die ich mit ihm hatte: „Votre Empereur commence a donner sur les nerfs ä mon neveu, l'Empereur. Mon neveu le trouve trop outre- cuidant et les conseils que votre Empereur lui donne, trop cousus de Iii DIE GELBEN BÄUME »7 blanc, sourtout quand dans ses lettres ü lui dit du mal de l'Oncle Edouard et de la Republique francaise." In Itaken hatte es Wilhelm II. mit dem König Viktor Emanuel III. und der Königin Elena persönlich schon längst verdorben. Der einzige Hof, den er menagierte, war der Wiener Hof, und auf den kam es verhältnismäßig am wenigsten an, weil Österreich uns notwendiger brauchte als wir die Doppelmonarchie. Auch die Idiosynkrasie des Kaisers gegen die Japaner störte unsere politischen Kreise. Als der Russisch-Japanische Krieg sich seiner Entscheidung näherte, schrieb ich darüber Seiner Majestät: Ein Wieder auferstehen der Tamerlan und Dschingiskhan hätten wir vorläufig nicht zu befürchten. Einer solchen Gefahr entgegenzutreten, wären übrigens, wie ein Blick auf die Landkarte zeige, in erster Linie Rußland, England und Frankreich berufen. Es wäre Sache dieser Mächte, einer etwaigen gelben Gefahr entgegenzutreten. Von diesen drei Vertretern der weißen Rasse erschiene aber jetzt Rußland allein auf dem Plan. Frankreich hätte in aller Stille seine Nadel aus dem Spiel gezogen, England sich mit der gelben Rasse verbündet. Für Deutschland hege in der gegenwärtigen Dislozierung der Machtfaktoren meines Erachtens eine ernste Mahnung zur Vorsicht. Daß die gelben Bäume nicht in den Himmel wüchsen, dafür sei auch ohne Deutschlands Mitwirkung mehr als genügend gesorgt. Ich betonte: „Viel näher liegt die Gefahr, daß wir eines Tages Japan als den Verbündeten weißer Feinde gegen uns haben." Wir hätten also ein unmittelbares und erhebhches politisches Interesse daran, die gegenwärtige Krisis auszunutzen, um unsere Beziehungen zu Japan zu verbessern, was ohne Falschheit gegen Rußland geschehen könne, wenn wir an unserer bisherigen loyalen Neutralität auch weiter festhielten. VI. KAPITEL Bülows Verhältnis zu Wilhelm IL: Bülow hat das Gefühl, Seiner Majestät allmählich unbequem zu werden • Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet • Die Bergarbeiternovelle- Debatte im Preußischen Abgeordnetenhaus • Die neuen Handelsverträge im Reichstag (1. II. 1905) • Zustimmende Briefe und Erklärungen • Die Annahme der Kanalvorlage (25. II. 1905) • Minister von Budde • Verhältnis Wilhelms II. zu den Parteien • Briefe des Grafen Monts über Zentrum und Katholizismus • Mission des Freiherrn von Hert- ling nach Rom • Rücktritt des Oberpräsidenten von Schlesien, Fürsten Hatzfeldt- Trachenberg • Dr. Michaelis, der spätere Reichskanzler, wird für die Stellung eines Oberpräsidialrats in Breslau zu unbedeutend befunden • Die Marokko-Frage, Stellungnahme W ilhelms II. Büloivs zum Kaiser Auf dem Gebiet der inneren Politik fehlte es so wenig an kaiserlichen Entgleisungen wie hinsichtlich der diplomatischen Behandlung unserer Beziehungen N ac hbarn, nur waren sie weniger gefährlich. Das in der auswärtigen Politik zerschlagene Porzellan war kostbarer, als was im Innern zu Schaden kam. Ich habe bis zu meinem Rücktritt an der Uberzeugung festgehalten, daß es zu einer Revolution nur nach einem unglücklichen Krieg kommen würde. Zu wünschen war allerdings, daß Wilhelm II. nicht durch ungeschickte autokratische Allüren die intellektuellen Kreise zu sehr vor den Kopf stieß. Dabei war Wilhelm II. im Grunde und in Wirklichkeit in keiner Weise ein Monarch ä la Friedrich Wilhelm I. oder Nikolaus I. Er gab sich nur den Anschein eines Autokraten, ohne es zu sein. Er hat nie ernstlich daran gedacht, die Verfassung aufzuheben. Es fehlte ihm zum wirklichen Autokraten die Festigkeit, die Härte, die geistige Energie, die Stetigkeit. Seine Auffassung des Herrscherberufs ist mir nie deutlicher entgegengetreten als bei einem kurzen Gespräch, das ich einmal im Neuen Palais mit ihm hatte. Ich war mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter zur Mittagstafel eingeladen. Nach Tisch zeigte uns der Kaiser in liebenswürdiger Weise die von Friedrich dem Großen bewohnten Zimmer. Auf einem Tisch lag unter einer Glasplatte ein Faksimile des Testaments des großen Königs, das, an seinen Neffen und Nachfolger gerichtet, in französischer Sprache ungefähr mit den Worten anhebt: Der Zufall der Geburt habe den künftigen Friedrich WUhelm II. zum Erben der Krone bestimmt. Nur durch Tüchtigkeit, Gewissenhaftigkeit und ernste Arbeit könne er beweisen, daß er diese Stelle verdiene. Wilhelm II. trat auf mich zu, als ich diese herrlichen Worte „LANGE NICHT SO INDISKRET..." 89 las, und sagte zu mir: „Ich kann mir denken, daß Sie diese Auffassung bewundern. Ich selbst denke aber doch nicht ganz so." Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Ich halte es mit Kaiser Maximilian I. Der mußte auf einer Gemsjagd in einer kleinen Jagdhütte übernachten. Während er schlief, schrieben einige Herren seines Gefolges, so ein paar freche Junker, mit Kreide an die Wand: ,Maximilian! Maximikan! Du bist nur ein Mann wie ein anderer Mann.' Kaiser Maximikan schrieb mit derselben Kreide darunter: ,Wohl bin ich ein Mann wie ein anderer Mann, nur daß mir Gott hat Ehre angetan.' Da hatten die Junker ihr Fett weg." Von dem Kaiser Maximilian sagt Gregorovius in seiner klassischen Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, daß sein Geist nicht tief, aber aufgeregt und phantasievoll gewesen wäre. Mein persönliches Verhältnis zum Kaiser blieb trotz gelegentlicher Friktionen noch gut. Doch mag ich ihm schon damals hier und da unbequem geworden sein. Dies trat charakteristisch bei nachstehendem Vorfall zutage. Als ich ihm vor einer Begegnung mit dem König Georgios von Griechenland, der als dänischer Prinz und weil vom Kaiser damals nicht immer freundlich behandelt, auch infolge des alten Gegensatzes zwischen den Häusern Glücksburg und Augustenburg den Kaiser persönlich nicht mochte, andererseits aber als Bruder der Königin Alexandra von England und der Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland manche Möglichkeit besaß, uns zu schaden, Vorsicht in seinen politischen Äußerungen anempfahl, telegraphierte mir der Kaiser: „Ich finde es zum mindesten entwürdigend, daß Eure Exzellenz Mich für eine solche klatschsüchtige alte Kafleeschwester halten. Ich bin lange nicht so indiskret wie Ihre Büro- und Auswärtigen-Amts-Räte!" Als ich hierauf die Antwort nicht schuldig blieb, telegraphierte mir Seine Majestät von der Burg Hohenzollern, die er gern von Zeit zu Zeit aufsuchte: „Sende Ihnen von der Stammfeste meines Hauses, die ich eben besuche, herzbchste Grüße. Ein großartiger Rundblick wird uns bei herrlichstem Wetter gewährt und erhebt den Geist dankerfüllt zu den blauen Fernen empor, aus denen Gott dieses Schloß und sein Geschlecht so herrlich gesegnet, nicht zum mindesten mit so treuen Dienern, wie Sie einer sind." Man konnte Wilhelm II. nicht lange böse sein. Ruhige Überlegung führte mich zu dem Entschluß, in der inneren Politik zunächst die zur parlamentarischen Beratung stehenden Gesetzesvorlagen durchzuführen. In Voltaires unsterblichem „Candide" antwortet der Held des Romans seinem Lehrer Pangloss auf dessen metaphysische Betrachtungen: „Cela est bien dit, mais il faut cultiver votre j ardin." Und der Freund beider, der alte Philosoph Martin, meint: „Travailler sans raisonner, c'est le seul moyen de rendre la vie supportable." 90 BERGARBEITER STREIK Die erste innerpolitische Frage, die meiner Aufmerksamkeit bedurfte, Vermittlung -war der drohende Bergarbeiterstreik. Unter den Bergarbeitern des Ruhr- i Ruhrgebiet rev iers zeigte sich seit Anfang Januar 1905 eine starke Gärung. Sie klagten über das Sinken der Löhne in den letzten Jahren, namentlich darüber, daß die Ein- und Ausfahrt nicht in die Arbeitszeit mit eingerechnet würde, über hohe Geldstrafen, rigoroses Wagennullen, aber auch über schlechte Behandlung von Seiten ihrer Vorgesetzten. Am 14. Januar 1905 streikten schon 60000, acht Tage später 200000 Bergarbeiter von 270000. Der Kaiser neigte zu der Ansicht, daß wir in den Streik nicht eingreifen und namentlich nicht vermitteln sollten. Je toller es im Ruhrgebiet hergehe, um so besser, das würde die Bourgeoisie klüger und vorsichtiger machen. Das würde ihr zeigen, daß er, der Kaiser, als er in seiner berühmten Bielefelder Rede für jeden, der einen deutschen Arbeiter am Arbeiten hindere, Zuchthausstrafe verlangt habe, ganz recht gehabt hätte. Er vertrat mit einem Wort den Standpunkt, den er seinerzeit lebhaft bekämpft hatte, als nicht lange vor dem Rücktritt des Fürsten Bismarck zwischen dem großen Kanzler und dem Kaiser wegen der Arbeiterfrage im allgemeinen und insbesondere wegen des damaligen Streiks im Ruhrrevier die Ansichten weit auseinandergingen. Bei aller Bewunderung für den Fürsten Bismarck konnte ich mich der Auffassung, die er im Frühjahr 1890 in der Arbeiterfrage vertreten hatte, nicht anschließen. Amicus Plato, amicior veritas. Jedenfalls fand ich die Taktik, die fünfzehn Jahre früher mit dem Gründer des Reichs vielleicht triumphiert hätte, für 1905 nicht angebracht. Ich entsandte den Oberberghauptmann von Velsen in das Streikgebiet, um eine Verständigung herbeizuführen. Er begegnete bei den Zechenbesitzern schroffer Ablehnung. Sie erklärten, daß sie unter keinen Umständen mit der Gesamtheit der Arbeiter verhandeln wollten, sondern nur Unterhandlungen zwischen einzelnen Zechen und einzelnen Arbeitern admittierten. Einige der großen Arbeitgeber wiesen dem Oberberghauptmann, zu dem sie früher in freundschaftlichen Beziehungen gestanden hatten, die Tür. Infolge dieser schroffen Haltung der Arbeitgeber wandten sich die Sympathien mehr und mehr den Arbeitnehmern zu. Der Erzbischof Fischer von Köln schenkte den Christlichen Gewerkschaften Mk. 1000.—, der Evangelisch-soziale Kongreß forderte zur Unterstützung der Arbeiter auf, ohne deshalb alle ihre Forderungen billigen zu wollen. Mitte Januar kam die Frage im Reichstag zur Erörterung. Ich nahm keinen Anstand, zu erklären*, daß nach meiner Auffassung die Behörden bei Streiks eine doppelte Pflicht zu erfüllen hätten. Sie müßten dafür einstehen, daß Ordnung und Ruhe aufrechterhalten blieben und die Gesetze * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 151 ff., 203 ff., 219ff., 224 ff., 233 ff.; Kleine Ausgabe III, S. 205 ff, 285 ff, 292 ff, 298 ff., 306 ff., 317 ff. DER LANGE MÖLLER 91 gleichmäßig und gereckt zur Anwendung gebracht würden. Sie müßten sich aber auch nach Kräften bemühen, im Interesse des sozialen Friedens, des Gedeihens der Industrie und des Schutzes der Arbeiter eine Einigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herbeizuführen. Ich forderte die Arbeitnehmer auf, sich von Ausschreitungen fern und streng im Rahmen der Gesetze zu halten. Ich richtete an die Arbeitgeber die Mahnung, gegenüber den Wünschen und Beschwerden der Arbeitnehmer Verständnis und Entgegenkommen zu zeigen. Deshalb schlösse ich mich von ganzem Herzen der Hoffnung an, die, bevor ick das Wort ergriff, der Zentrumsabgeordnete Herold ausgesprochen katte: daß auf beiden Seiten die besonnene Überlegung die Oberkand bekalten möge! Inzwiscken katte ick im preußiscken Staatsministerium nickt okne Sckwierigkeit einen Gesetzentwurf durckgesetzt, der unter Abänderung des Berggesetzes hinsichtlich des Arbeiterschutzes die Interessen der Bergarbeiter gegen die Folgen des willkürlichen Stillegens der Zechen von Seiten der Besitzer sicherstellte. Ich hielt es für meine Pflicht, die Bergarbeiternovelle im Abgeordnetenhaus selbst zu vertreten. Es kam dazu, daß der Handelsminister Möller von seiner eigenen Partei, den Nationalliberalen, so sckarf befekdet wurde, daß ick für ikn einspringen mußte. Der Handelsminister Möller war vor seiner Ernennung ein allgemein ge- acktetes und besonders behebtes Mitglied des Reickstags gewesen. Ick katte Möller und ihn dem Kaiser als Handelsminister vorgescklagen, nickt nur, weil er dieser die National- Stellung sacklick gewacksen war, sondern auck, um einen Anfang mit der Berufung von Parlamentariern in das Staatsministerium zu macken. Er war kaum ernannt, als gerade von parlamentariscker Seite seine Ernennung getadelt und er selber angegriffen wurde. Eugen Rickter erregte Stürme von Heiterkeit, als er bei der Etatsdebatte seine Betracktungen über den Etat des Handelsriiinisteriums mit den Worten begann: „Es wird immer döller, da kommt der lange Möller." Minister Möller war ein kockgewacksener, stattkcker Mann. Am giftigsten befekdete ikn seine eigene Partei. Als ick ikn einmal frug, worauf dies zurückzuf ükren wäre, meinte er mit dem Gleich - mut und dem Humor, die diesen eckten Westfalen nie verließen: „Das ist sekr einfack! In meiner Fraktion sind mindestens drei, die selbst gern Minister geworden wären." Die Hauptsckwierigkeiten kamen ikm von dem nationalliberalen Abgeordneten Heyl. Herr Cornekus Heyl war ein reicker Lederkändler aus Worms. Er katte das bei Worms gelegene, altberükmte Gut Herrnskeim gekauft, das einst das Stammgut der kistoriscken Famdie Dalberg war, die als Erbkämmerer des Hocbstifts Worms dem alten Reick mehrere Erzbiscköfe und Kurfürsten gesckenkt katte. Bei jeder Krönung mußte der Reickskerold rufen: „Ist kein Dalberg da?" War einer da, so erkielt dieser den ersten Ritterschlag vom neuen römischen Kaiser deutscher liberalen 92 RITTER VOM LEDER Nation. Karl Dalberg war der letzte Kurfürst von Mainz und Erzkanzler des alten Reichs, dann Großherzog von Frankfurt. Wolfgang Dalberg wurde die Zierde seines Geschlechts, indem er als Intendant des Mannheimer Nationaltheaters Schillers erste Dramen aufführen ließ. Emmerich Dalberg schloß sich erst Napoleon, nach dessen Sturz den Bourbonen an und wurde französischer Duc. Er war der letzte Dalberg der Herrnsheimer Linie. Seine einzige Tochter heiratete den englischen Lord Acton, einen Onkel meiner Frau. Herrnsheim wurde an den reichen Cornelius Heyl verkauft. Der ließ sich vom Großherzog von Hessen baronisieren und gleichzeitig ein prächtiges Buch schreiben, in dem Schloß Herrnsheim und die Familie Dalberg verherrlicht wurden. Seitdem hielt sich Cornelius Heyl durch eine Art von Autosuggestion für einen Dalberg. In einer parlamentarischen Diskussion mit ihm ließ sich Eugen Richter einmal zu der boshaften Äußerung hinreißen: Es gäbe Ritter vom Schwert, diesen könne er seine Achtung nicht versagen. Es gäbe auch Ritter von der Feder, die er gleichfalls hochstelle. Aber für die Ritter vom Leder habe er nichts übrig. Im Gegensatz zu dem Freiherrn von Heyl machte mir der sozialdemokratische Vertreter von Bochum-Gelsenkirchen, Otto Hue, einen sehr sympathischen Eindruck. Sohn eines Hüttenarbeiters, erst Schlosser, dann Bergarbeiter, hatte er sich auf den Reisen, die er als Handwerksbursche mit offenem Blick unternommen hatte, eine ungewöhnliche Kenntnis der Arbeiter- und insbesondere der Bergarbeiter-Verhältnisse nicht nur in Deutschland, sondern auch in Belgien, Frankreich und England angeeignet. Er blieb auch in der Debatte immer sachlich und besonnen. Man brauchte bloß in sein ehrliches Gesicht zu sehen, um zu wissen, daß er ein kreuzbraver Mann war. Bei den Verhandlungen in Spa (1920), bei denen der redliche, aber spießbürgerlich wirkende Kanzler Fehrenbach durch die Rührseligkeit seiner Reden mehr als einmal den leisen Spott der Entente- Staatsmänner erregte, äußerte Lloyd George, daß Hue ihm von den deutschen Vertretern weitaus den besten Eindruck gemacht habe. Bebel behandelte 1905 den Streik und die Streiklage lediglich vom Stand- Novelle zum punkt der Agitation. Natürlich goß er alle Schalen seines Zorns über mich Berggesetz auS) d em er Verständnislosigkeit für die Nöte und Wünsche der Arbeiter und Unterwürfigkeit gegenüber den Arbeitgebern vorwarf, die ihrerseits mich feindsebger Gesinnung gegen sie selbst und des Kokettierens mit der Sozialdemokratie beschuldigten. So konnte ich wieder einmal mit dem Apostel Paulus sagen: „Judaeis scandalum, Graecis stultitia." Ich tröstete mich damit, daß mir der französische Botschafter nach Beendigung des Streiks sagte, ein wochenlanger Ausstand von 200000 Bergarbeitern ohne einen einzigen Krawall, ohne daß ein einziger Schuß gefallen wäre, sei für die sichere Fundierung der deutschen Verhältnisse und für die verständige Art, AGRAR- UND INDUSTRIELAND 93 mit der in Deutschland regiert würde, ein glänzendes Zeugnis. Die von mir eingebrachte Novelle zum Berggesetz, die es der Regierung ermöglichte, übermäßige Arbeitszeiten herabzusetzen, die das Strafsystem reformierte, eine Reihe sanitärer Vorschriften brachte und vor allem Arbeiterausschüsse einsetzte, um die Wünsche der Arbeiterschaft den Besitzern vorzutragen, stieß im Preußischen Landtag auf starken Widerstand bei den Konservativen und fast noch mehr bei dem rechten Flügel der Nationalliberalen, wurde aber schließlich durch eine Mehrheit, die aus Zentrum, Freikonservativen und einem Teil der Nationalliberalen bestand, in der von mir gewünschten Form angenommen. Ich war immer der Ansicht, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer berufen sind, an unserer wirtschaftlichen Entwicklung gemeinsam mitzuwirken. Ich hoffte, daß der große Gedanke der Arbeitsgemeinschaft unserer werktätigen Bevölkerung sich im Frieden, allmählich und ohne gewaltsamen Umsturz durchsetzen werde. Möge nach so viel Blut und Tränen die Notwendigkeit der Zusammenfassung aller schaffenden Kräfte unseres Wirtschaftslebens mehr und mehr unser Volk durchdringen und dazu beitragen, die Wunden zu heilen, die Krieg und Revolution uns geschlagen haben. Am 1. Februar brachte ich im Reichstag die neuen Handelsverträge ein mit einer mehr als zweistündigen Rede*. Die Parteien, die mir im vorigen Annahme Reichstag geholfen hatten, den Zolltarif durchzusetzen, blieben mir auch neuen jetzt treu. Als ich feststellte, daß es meinen Mitarbeitern und mir gelungen ^ an ^ e ^ Sm wäre, bei erheblich verstärktem Schutz für die Landwirtschaft doch auch vertra8e die Interessen unserer Industrie und unseres Handels wahrzunehmen, entsprechend meiner Uberzeugung, daß Deutschland Agrar- und Industrieland wäre, unterbrachen mich Protestrufe der Linken. Ich habe nie etwas davon gehört, daß, als sich unsere Industrie und unser Handel unter dem Schutz dieser von meinen Mitarbeitern und mir abgeschlossenen Handelsverträge während des nächsten Jahrzehnts glänzend entwickelten, die Zwischenrufer von damals ihren Irrtum eingestanden hätten. Wohl aber behielt ich recht mit der von mir am Schluß meiner langen Rede ausgesprochenen Überzeugung, daß von den neuen Handelsverträgen kein Erwerbsstand im Deutschen Reich ganz befriedigt sein werde, daß sie aber das Wohl unserer gesamten nationalen Arbeit fördern würden und daß, wer ihnen seine Zustimmung erteile, der inneren und äußeren Wohlfahrt des Deutschen Reichs diene. Diese Auffassung teilten die deutschen Bundesfürsten, von denen mir der Großherzog Friedrich von Baden telegraphierte, sein nationales Empfinden dränge ihn, mir seine Dankbarkeit auszusprechen „für diesen großen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 157—176; Kleine Ausgabe III, S. 212—238. 94 THEODOR BARTH Akt staatsmännischen Wirkens". Der König von Sachsen schrieb mir, daß dies ganz besonders für Sachsen hocherfreuliche Ereignis meiner Klugheit zu verdanken wäre. Der badische Staatsminister von Brauer schrieb: „Wir wissen alle, daß das Zustandekommen dieses wichtigen Vertragswerks in allererster Linie Ihrem geschickten Vorgehen zu danken ist." Aus München richtete der damals schon vierundachtzigj ährige Prinzregent Luitpold ein Handschreiben an mich, in dem es hieß: „Mit der Annahme der neuen Handelsverträge können Eure Exzellenz auf ein Werk zurückblicken, das zu den schwierigsten und mühevollsten der Staatskunst gehört. Ich hoffe zuversichtlich, daß die für die wirtschaftliche Entwicklung des Reichs so bedeutsamen Verträge für alle Erwerbsstände unseres deutschen Vaterlandes von segensreicher Wirkung sein werden. Das Verdienst, dieses große Werk durch alle Schwierigkeiten hindurchgeführt und zum glücklichen Abschluß gebracht zu haben, gebührt vor allem Eurer Exzellenz. Es gereicht mir zur wahren Freude, dies auszusprechen und Sie zu diesem neuen Erfolge Ihres mühevollen und aufopfernden Wirkens herzlichst zu beglückwünschen." In Ergänzung dieses Handschreibens schrieb mir der bayrische Staatsminister von Podewils: „Die bayrischen Minister fühlen sich gedrungen, ihrer Überzeugung Ausdruck zu geben, daß das gewaltige Vertragswerk, das den ökonomischen Interessen Deutschlands auf lange Jahre hinaus den unschätzbaren Vorteil ruhiger, gedeihlicher Entwicklung zu sichern bestimmt ist, ohne die unermüdliche Tatkraft und weise, von großen Gesichtspunkten getragene Leitung Eurer Exzellenz schwerlich hätte zur Vollendung gelangen können." Freiherr von Podewils bezeichnete es gleichzeitig als die tiefgefühlte Pflicht der bayrischen Regierung, ihrem innersten Dank dafür rückhaltlosen Ausdruck zu geben, daß ich neben den allgemeinen Interessen auch den Sonderinteressen des bayrischen Landes stets volle Beachtung und Förderung hätte angedeihen lassen. Gegenüber den von freihändlerischer Seite und ganz besonders von dem Bremer Syndikus und Abgeordneten Theodor Barth gegen meine Handelspolitik gerichteten Angriffen war es mir eine Beruhigung, daß der Präsident des Norddeutschen Lloyd, dem ebenso wie der Hamburger Hapag mein besonderes Interesse galt, die Überzeugung aussprach, die neuen Handelsverträge, die in erster Linie der Tatkraft und Energie des Reichskanzlers zu verdanken wären, würden dem deutschen wirtschaftlichen Leben reichen Segen bringen. Vielleicht die größte Freude bereitete mir das nachstehende Telegramm meines alten Freundes, des Poeten Adolf Wilbrandt, aus Rostock: „Sie haben in diesen letzten Jahren und Wochen ein großes Stück Ihres Lebenswerks vollendet, nicht etwas Makelloses, das noch niemand vom Himmel herunterholte, oder gar das allen Genügende, das beim Schöpfer in den Winkern der schreienden Unmöglichkeiten schlummert, MINISTER BUDDE 95 aber ein großes Werk voll Patriotismus, Klugheit und Tatkraft, bei dem wir ehrenvoll und kräfte6pannend weitergedeihen mögen, das segne Gott! Lieber Freund, ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen." Der Kaiser richtete ein Handschreiben an mich, in dem es hieß: „Gern und freudig erkenne Ich an, daß es vornehmlich das Verdienst Ihrer staatsmännischen Kunst und Ihrer zielbewußten Leitung der Verhandlungen gewesen ist, daß dieser schöne Erfolg trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten erreicht worden ist. Ihnen gebührt daher in erster Linie Mein Dank, den Ich Ihnen von ganzem Herzen ausspreche, und Ich bitte Sie zugleich, als äußeres Zeichen Meiner Anerkennung und Meines Wohlwollens Meine Büste in Marmor freundlichst anzunehmen." Die Unterschrift dieses Handschreibens lautete: „Ihrer treuen Dienste allezeit eingedenk, verbleibe Ich Ihr dankbarer Kaiser und König Wilhelm, I. R." Das Wort „allezeit" hatte Seine Majestät dick unterstrichen. Auf meinen Vorschlag verlieh der Kaiser meinem hochverdienten Mitarbeiter, dem Grafen Posadowsky, den Schwarzen Adlerorden und ernannte den Staatssekretär von Richthofen, der sich um das Zustandekommen der Handelsverträge ebenfalls sehr verdient gemacht hatte, zum preußischen Staatsminister. Seit Jahr und Tag spielte in unserer inneren Politik die Kanalfrage eine große Rolle. Sie hatte viel Staub aufgewirbelt, sie hatte sehr zur Vergiftung Annahme der der inneren Atmosphäre und unserer inneren Politik beigetragen. Dem Kanalvorlage Kaiser schwebte, wie nicht selten, ein gutes Ziel vor, würdig des Schweißes der Edlen. Um so verfehlter war seine Taktik, bald zu drohen und zu toben, dann wieder alle Hoffnung aufzugeben. In langwierigen Besprechungen und Beratungen erreichte ich schließlich, daß die Kanalvorlage am 27. Februar 1905 mit 256 gegen 132 Stimmen angenommen wurde. Eine Reihe führender Konservativer war einsichtig genug, für die Vorlage zu stimmen, unter ihnen Wartensleben-Rogasen und Wartensleben-Sehwirsen, Pappenheim, der Chefredakteur der „Kreuzzeitung" Dr. Kropatschek, Arnim-Züsedom, Saldern-Plettenburg, Bülow-Bothkamp, Bülow-Bossee, Putlitz. Das Hauptverdienst an dem endlichen Zustandekommen des großen Werks hatte der Minister der öffentlichen Arbeiten, Budde. Der alte Obrigkeitsstaat hat viele hervorragende Beamte und Offiziere hervorgebracht, kaum einen tüchtigeren Mann als Hermann Budde. Sein Leben verdiente auch in den Schulen des neuen Deutschland, wo leider nur zu viele „Republikaner" mit flachem Verstand und kurzem Gedärm alle Erinnerungen an bessere Zeiten in Vergessenheit bringen möchten, unserer heranwachsenden Jugend als Vorbild erzählt zu werden, damit sie lerne, was ein Mann ist. In Bensberg bei Köln geboren, aus dem Kadettenkorps hervorgegangen, war er als blutjunger Offizier im Deutsch-Französischen Krieg durch die Brust geschossen worden, leistete trotzdem nach dem Krieg % INDUSTRIE GEHALT UND MINISTEREINKOMMEN noch einige Jahre Frontdienst, wurde aber dann in den Generalstab versetzt, wo seine Vorgesetzten bald seine ungewöhnliche Begabung für das Eisenbahnwesen erkannten. Er nahm 1900 seinen Abschied als Generalmajor. Seine Befähigung war so allgemein bekannt und anerkannt, daß mehrere große industrielle Unternehmungen sich bemühten, ihn als Mitarbeiter zu gewinnen. Er entschied sich für die Waffenfabrik Löwe, die ihn mit einem für damalige Verhältnisse sehr hohen Gehalt anstellte. Als der Ruf an ihn erging, Minister der öffentbchen Arbeiten zu werden, fuhr ich mit ihm von Berlin nach dem Neuen Palais in Potsdam, um ihn dem Kaiser vorzustellen. Er erzählte mir unterwegs, daß es ihm schon mit Rücksicht auf Frau und Kinder nicht leicht falle, das große Gehalt und die noch größeren Tantiemen, die er jetzt beziehe, mit dem bescheidenen Einkommen eines preußischen Ministers zu vertauschen. Er sei aber jederzeit bereit, persönliche Neigungen und alle materiellen Rücksichten dem staatlichen Interesse unterzuordnen. Während er noch für die Kanalvorlage focht, wurde er von schwerer Krankheit befallen, einem sich rapide entwickelnden Krebsleiden, das nicht nur von Anfang an unheilbar und hoffnungslos erschien, sondern ihm auch entsetzbche körperliche Schmerzen verursachte. Er 6tand aber bis zum letzten Hauch auf der Bresche. Auf meine Bitte verlieh der Kaiser, gern und mit Freuden, dem heldenhaften Mann auf seinem Sterbebette den Schwarzen Adlerorden. Frau Budde schrieb mir nach der Verleihung: „Eure Exzellenz wissen die schweren Stunden, welche wir durchgemacht haben, und daß mein Mann mit den größten körperüchen Schmerzen seine ihm gestellte Aufgabe gelöst hat. Bange Sorgen haben mich oft dabei erfüllt und wollen auch für die Zukunft nicht weichen. Daß es aber meinem Gatten noch vergönnt worden, diesen Erfolg zu erleben, dafür bin ich unendlich dankbar. Gott gebe, daß mein Mann seine alte Gesundheit wiederfindet, dann wird auch seine letzte Kraft dem Vaterlande gehören." Der Minister Budde starb im Frühjahr 1906. Seine junge und schöne Frau folgte ihm wenige Jahre später in die Ewigkeit. Ein Bruder von ihm war der bekannte protestantische Theologe, der über althebräische Literatur und biblische Geschichte wertvolle Schriften veröffentlicht hat. Nach der Armahme der Kanal vorläge dankte mir der Kaiser telegraphisch „auf das wärmste" für die „ebenso geschickte wie tatkräftige Förderung der Kanalpläne". Herr von Heydebrand-Nassadel, oratorisch und dialektisch nicht so begabt wie sein Vetter auf Klein-Tschunkawe, aber besonnener und einsichtiger, schrieb mir: „Eure Exzellenz wollen geneigtest auch mir einen aufrichtigen Glückwunsch gestatten. Nicht allein zu dem Allerhöchsten Gnadenbeweis, sondern vor allem zu dem Monumentum aere perennius, welches Eure Exzellenz sich selbst dadurch gesetzt haben, daß die deutsche Landwirtschaft, auch wenn ihre Wünsche nicht alle erfüllt sind „DIE HUNDEBANDE VOM ZENTRUM' 97 und sehr vieles von der Ausführung und Handhabung abhängt, wieder Vertrauen fassen kann. Sehr wohl hat mir und vielen auch die gerechte Würdigung getan, welche Eure Exzellenz in der Rede bei dem Festessen des Deutschen Landwirtschaftsrates der Haltung der Parteien in der Kanalfrage, unter denen diejenige der konservativen Partei besondere Schwierigkeiten bot, haben zuteil werden lassen. Das Meisterstück in der temporären maßgebenden Erledigung der beiden Vorlagen wird Eurer Exzellenz wohl so bald niemand nachmachen." Mein Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien war im großen und ganzen befriedigend. Keine der bürgerlichen Parteien war ganz zufrieden mit mir, Der und das war ein gutes Zeichen. Denn in einem Lande, wo leider der Partei- Zern geist so sehr den Staatssinn und die Rücksicht auf staatliche Interessen überwiegt wie in Deutschland, ist es immer bedenklich, wenn eine Partei an einem Minister gar nichts mehr auszusetzen findet. „Get you home you fragments!" ruft in den „Gedanken und Erinnerungen" mit Shakespeares Coriolan Fürst Bismarck den von ihm so tief verachteten Fraktionen zu. Wenn der Kampf gegen die Selbstsucht der Parteien mir als die Pflicht eines gewissenhaften Ministers erschien, so war ich immer bestrebt, den Kaiser aus dem Parteigetriebe herauszuhalten und ihn von jedem Angriff und auch von zu vielem Räsonieren auf die einzelnen Parteien abzuhalten. Die Krone mußte nach meiner Auffassung über den Parteien stehen, sich weder für noch gegen sie engagieren. Das war vom Kaiser nicht immer leicht zu erreichen. Am meisten ärgerte sich Wilhelm II. über jede Opposition der Konservativen, die ihm ebenso verwerflich erschien, als wenn das erste Garderegiment rebellieren wollte. Seine besondere Abneigung galt dem Zentrum. Anläßlich einer belanglosen Debatte im Münchener Landtag über eine untergeordnete Heeresfrage telegraphierte der Kaiser, wahrscheinlich noch erregt durch die von mir kurz vorher durchgesetzte Aufhebung des Artikels 2 des Jesuitengesetzes, mir en clair: „Die Hundebande vom Zentrum ist bestrebt, die Fundamente der Disziplin des Heeres und damit der Hohenzollernmonarchie zu unterwühlen." Es handelte sich um einen ziemlich belanglosen Konflikt zwischen dem bayrischen Kriegsminister Asch und dem bayrischen Abgeordneten Pichler wegen eines Einjährig-Freiwilligen, der bestraft worden war, weil er unter Abweichung vom Dienstweg eine Beschwerde eingereicht hatte. Wilhelm n. dachte in allen konfessionellen Fragen groß und gerecht. Jede Abneigung gegen die katholische Kirche und die Katholiken lag ihm ebenso fern wie aller Antisemitismus. Aber wie er an seine Schwester Sophie, die damalige Kronprinzessin von Griechenland, als sie zur orthodoxen Kirche übertrat, ein Schreiben richtete, durch das er sie „für alle Zeiten" aus seinen Landen „verbannte", so geriet er auch in ganz großen Zorn, als 7 BUlow II 98 MIT REVOLVER UND DEGEN die Landgrälin Anna von Hessen, eine Tochter des Prinzen Karl von Preußen, die in ihrer Jugend viel geliebt hatte, im Alter Ruhe und Frieden im Schöße der katholischen Kirche suchte. Er schrieb der alternden Büßerin einen wutschnaubenden Brief, und ich hatte, als er mir das Konzept zeigte, nicht geringe Mühe, die ärgsten Stellen auszumerzen. Der Kaiser bestand aber darauf, daß die Wendung stehenbheb: „Das Haus Hohenzollern stößt Eure Königliche Hoheit aus und hat Ihre Existenz vergessen." Umsonst erinnerte ich Wilhelm II. an das Wort seines größten Vorgängers, daß im preußischen Staat jeder nach seiner Fasson selig werden könnte, umsonst auch an das noch schönere Wort des Heilands, daß im Hause unseres himmlischen Vaters viele Wohnungen sind. Die Neigung zu starken Worten war nun einmal bei Wilhelm II. unüberwindlich. Freilich folgte auf den Donner der Worte selten der Blitz der Tat. Mit seiner schönen Schwester Sophie hat Wilhelm II. sich bald wieder ausgesöhnt und auch der Tante Anna nicht lange gegrollt. Aber die Unbesonnenheit in Worten blieb doch bedenklich. Im Sommer 1905 telegraphierte mir der Kaiser wiederum enclair: ,,,B.T.' hat die Frechheit und Unflätigkeit, meiner Mutter die abscheulichsten Sachen nachzusagen. Ich habe Plessen und Löwenfeld mit Revolver und Degen auf das Redaktionsbüro geschickt und den Redakteur zum Widerruf gezwungen. Ew. Exzellenz überlasse Ich, in geeigneter Weise das Schweinepack von Zeitungspiraten durch die Presse gebührend zu brandmarken." Die Auslassung des „Berliner Tageblatts", die sich, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, auf das alberne Gerücht bezog, die Kaiserin Friedrich hätte nach dem Tode ihres Gemahls eine zweite Ehe geschlossen, ging mehr aus Geschmack- und Taktlosigkeit als aus Bösartigkeit hervor. Die von Seiner Majestät „mit Revolver und Degen" auf das Redaktionsbüro geschickten beiden Generäle hatten übrigens verständigerweise keinen Skandal provoziert, sondern in einer von beiden Seiten mit Höflichkeit geführten Unterredung die Sache beigelegt. Im Frühjahr 1905 hatte der Kaiser nach einer Parade, die er in Straß- Wilhelm II. bur g abhielt, die Generalität um sich versammelt und an sie eine Ansprache an die gehalten, in der er in seiner farbenfrohen und drastischen, aber zu oft un- f 7 'i "* enera i a j, e8onnenen Art über Russen und Japaner gleichmäßig die Schale zorniger Kritik ergoß. Er wisse von seinem Vetter, dem Prinzen Friedrich Leopold, der es ihm erzählt habe, daß die russischen Generäle zwar keine Generalstabskarten besäßen, dafür aber Körbe voll Sekt mitgeschleppt hätten. Das russische Heer, das bei Mukden gefochten habe, sei durch Alkohol und Unzucht entnervt gewesen. Jetzt hätte Deutschland die Aufgabe, der gelben Gefahr allein entgegenzutreten, da Rußland leider versagt habe. Offiziere und Mannschaften des deutschen Heeres sollten strenge darauf halten, daß ihre Zeit gut ausgefüllt sei, damit sie nicht wie die Russen in DEK ARRETIERTE REDAKTEUR 99 Völlerei und Hurerei verfielen. Was die Japaner angehe, so würden 6ie nie triumphiert haben, wenn der Deutsche Reichstag dem Deutschen Kaiser früher eine deutsche Flotte bewilligt haben würde, mit der er sie rechtzeitig hätte zu Paaren treiben können. Ein nicht weit vom Kaiser stehender Reporter der „Straßburger Bürgerzeitung" war bei dem lauten Organ Seiner Majestät in der Lage gewesen, die kaiserliche Rede nachzu- stenographieren, und veröffentlichte sie noch am selben Abend. Als ich wegen dieser nach beiden Seiten, für die Russen wie für die Japaner sehr beleidigenden Rede ernste Vorstellungen erhob, antwortete mir der Kaiser aus Urville, wo er inzwischen eingetroffen war, die Journalisten wären so aufdringlich, daß er sich nicht vor ihnen retten könne. Er habe in seinem Garten in Urville persönlich einen berüchtigten Redakteur einer Metzer Zeitung arretiert. „Es fehlte nicht viel, daß ich ihm selbst das Fell versohlt hätte." Der Mann am Steuer des Schiffs bedurfte angespannter Aufmerksamkeit und nicht geringer Geduld, um den richtigen Kurs zu halten, während der Kapitän solchen Unfug trieb. Ich habe während meiner Amtszeit mehr als einmal an ein Wort gedacht, das ich als Sekretär unserer Botschaft in Paris von dem damaligen klugen Korrespondenten der „Times" in der französischen Hauptstadt, Herrn Oppert-Blowitz, hörte. Als ich meiner damaligen und niemals erloschenen Bewunderung und Verehrung für den Fürsten Bismarck Ausdruck gab, meinte Biowitz: „C'est bien, mais n'oubliez pas que Bismarck est une rose dont l'Empereur est la tige." In einem Lande, dessen Monarch eine so gewaltige Stellung einnahm, wie sie seit und durch Bismarck der König von Preußen und Deutsche Kaiser besaß, war es sehr schwierig, ohne dauernden und festen Rückhalt an ihm Politik zu machen. Der alte Kabinettsrat von Lucanus 6agte mir, als ich Staatssekretär wurde: „Auf unseren Allerhöchsten Herrn hat jeder Einfluß und doch eigentlich niemand." Das sollte heißen, daß der Kaiser gelegentlich und vorübergehend auf jeden, dauernd auf keinen höre. Natürlich benutzten alle Streber und Intriganten gereizte Stimmungen Seiner Majestät gegen diese oder jene Partei, um da einzuhaken. Der Botschafter in Rom Graf Monts hatte kaum gehört, daß der Kaiser auf das Zentrum schelte, als er seine alte Abneigung gegen alles Katholische Graf Monts mit Ostentation zur Schau trug. In diesem Sinne schrieb er an meinen " &er Personaldezernenten, den ähnlich denkenden Prinzen, späteren Fürsten kathollsche Lichnowsky, daß meine innere Politik ihm wegen meiner freundlichen Haltung gegenüber der kathoüschen Kirche schwere Besorgnis einflöße. Es hieß in diesem Brief von Monts, der auch als Botschafter in Rom mir gegenüber den gewohnten Ton des Adoranten vorläufig noch beibehielt: „Bülow überragt geistig uns, seine Freunde alle ja so bedeutend, daß es an 7" 100 PAPST PIUS sich schon schwierig ist, ihn auf Irrtümer aufmerksam zu machen." Lich- nowsky sei der einzige, der mir gelegentlich den Revers meiner inneren Politik zeigen könne, er sei vorurteilslos und freidenkend. Er müsse mir sagen, daß auch der Klügste irre und daß ich die ultramontane Gefahr bedeutend unterschätze. Opfere ich die Schule den „Römlingen" und schlüge, namentlich in bezug auf die Universitäten, „bayrische Wege" ein, so wären wir verloren, so würde uns Frankreich geistig den Rang ablaufen. „Der Bund mit dem Pfaffen führt zum Orkus." Monts, der sich, als er diesen Brief schrieb, gerade auf Urlaub in Südtirol, in Campiglio befand, wies darauf hin, daß man in diesem ganz unter geistlichem Einfluß stehenden Lande sehen könne, wohin die Herrschaft der katholischen Kirche führe. „Dabei verkommt das schöne Land, da der Pfaff' jede Aufklärung und jeden Fortschritt in Ackerbau und Waldwirtschaft verhindert. Grenzenlose Armut und Stumpfheit herrschen vor." Über den neuen Papst Pius X. meinte Monts: „Über Papst Sarto bin ich noch nicht informiert. Er wird bei den römischen vielfachen Totalisatoren als Outsider kolossale Quoten gebracht haben. Meo voto ist jetzt für den ,Stuhl' die Hauptfrage die französische. Die Basis der materiellen Erkenntnis bildet für die Firma Heiliger Stuhl die gallische Kirchenprovinz. Wird nun Piuschen X. nachgeben, z.B. in der Besuchsfrage ?... Die Sorge ist nicht unbegründet, daß uns frei erzogene Franzosen geistig ein- resp. überholen, zumal, wenn wir weiter die jetzigen Wege wandeln. Es gibt Kleriker in Rom, die im Abfalle Frankreichs das Ende der universalen geistigen Großmacht des Papstes erblicken. Das wäre ja an und für sich für uns nur erwünscht, könnte aber bei Lage unserer inneren Dinge die unerfreuliche Rückwirkung haben, daß wir uns an Frankreichs Stelle zum Protector Petri aufwerfen, was nur zu neuen Konzessionen gegenüber der Geistlichkeit und zu äußeren Niederlagen führen müßte. Ich begegne leider immer erneut der völligen Verkennung der Institution des Papsttums, das nun einmal generell das fatale Deutschland mit seinem protestantischen Kaisertum und Luthertum als Urquell aller Bedrängnisse ansieht. . . Aber wir, die idealen Deutschen, konstruieren uns Traumgebilde von Schwesterkirche, Thron und Altar, Gottesfurcht und Untertanentreue, die auf dem Boden rechtgläubiger römischer Weltanschauung schlechterdings Blech sind . . . Doch wissen Sie, lieber Lichnowsky, das alles ja viel besser als ich." Monts würde wahrscheinlich noch mehr getobt haben, wenn er gewußt hätte, wie wohlwollend mir auch der neue Papst Pius X. gesinnt war. Schon im Frühjahr 1904 hatte mir der damalige Reichstagsabgeordnete Freiherr von Hertling, der spätere Reichskanzler, der in meinem Auftrage zweimal in besonderer Mission in Rom geweilt hatte, nach seiner Rückkehr nach München von dort geschrieben: „Als ich am Schluß meiner Abschiedsaudienz den Heiligen DER FALL DES FÜRSTEN HATZFELDT 101 Vater frug, ob er mir einen Auftrag an Eure Exzellenz zu geben habe, antwortete er zunächst durch Betonung seiner wohlgeneigten Gesinnung und fügte dann hinzu: ,11 papa se gli raccomanda', einen Satz, den er nochmals mit Nachdruck wiederholte." Ich habe Hertling zweimal nach Rom geschickt, 1904 und 1905. Als Zweck dieser Mission wurde von mir nach außen nur die Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät in Straßburg angegeben, die im Vatikan auf Schwierigkeiten stieß. Ich verfolgte bei der Entsendung von Hertling aber in petto auch die Absicht, ihn mit den römischen Verhältnissen vertraut zu machen. Ich wünschte die preußische Gesandtschaft beim Päpstlichen Stuhl mit der Zeit in eine deutsche Botschaft zu verwandeln, und Hertling erschien mir als geeigneter Reichsbotschafter. Mit der Entsendung von Hertling war Kardinal Kopp nicht einverstanden. Dieser große Kirchenfürst, der mir bis zu seinem Tode ein gütiger Gönner und treuer Freund blieb, schrieb mir darüber: „Wenn der gute Hertling in Rom nur sehr vorsichtig ist, um nicht nach zwei Seiten anzustoßen, in den vatikanischen Kreisen unter dem Verdachte, die Rolle des f Kraus fortsetzen zu wollen, in unseren einheimischen liberalen Kreisen durch die scheinbare Übernahme einer Nebenstellung zu unserem Gesandten, Herrn von Rotenhan. Hertling muß sehr zurückhalten und sich nicht im Reden gefallen. Doch werden Eure Exzellenz seine Aufträge mit gewohnter weiser Umsicht genau umschrieben haben." Ich habe mich während meiner ganzen Amtszeit weder durch wechselnde Stimmungen an Allerhöchster Stelle noch durch die bei uns meist mehr durch Gefühl und vorgefaßte Meinung als durch ruhige Einsicht bestimmte öffentliche Meinung in der Überzeugung erschüttern lassen, daß in unserem konfessionell gespaltenen Vaterland Gerechtigkeit gegen beide Konfessionen, volle Parität und sorgsame Schonung der Gefühle der katholischen Minorität im Interesse der nationalen Einheit eine Lebensfrage für die Nation sind. Diese meine grundsätzliche Stellung zur katholischen Kirche hat mich allerdings nicht verhindert, auch der Zentrumsfraktion entgegenzutreten und auch mit ihr den Kampf aufzunehmen, wenn mir dies im staatlichen Interesse geboten erschien. Bei diesem Rückblick auf unsere innere Politik möchte ich noch einen an und für sich bedeutungslosen Vorfall erwähnen, dessen ich mich aber Fürst zwölf Jahre später in einem traurigen Moment unserer Geschichte erinnern Hatzfeldt sollte. Der langjährige Oberpräsident von Schlesien, Fürst Hermann Hätz- scht feldt, Herzog von Trachenberg, hatte seinen Abschied eingereicht, angeblich wegen eines plötzlich hervorgetretenen Augenleidens, in Wahrheit, weil er sich in dem Irrgarten der Liebe verirrt hatte. Er gehörte einem alten und vornehmen Geschlecht an, von dem aber nicht mit Unrecht gesagt wurde, daß es mehr Liaisons, Scheidungen und Entführungen aufzuweisen hätte 102 DR. MICHAELIS als irgendein anderes hochadliges Haus. Diesem Haus war die strahlend schöne Fürstin Elisabeth Carolath entsprossen, die von Herbert Bismarck bewogen wurde, sich von ihrem ungeliebten Gatten scheiden zu lassen. Als aber nach erfolgter Scheidung Herbert die Freundin heiraten wollte, stieß er auf heftigen Widerspruch bei seinen Eltern, und es erging der armen Elisabeth wie der auf Naxos von Theseus verlassenen Ariadne. Herbert ließ sie sitzen und heiratete elf Jahre später die Gräfin Marguerite Hoyos. Ich bin noch heute überzeugt, daß der Konflikt, den er damals durchkämpfen mußte, bei Herbert Bismarck tiefe Spuren hinterlassen hat und daß diese seinem Herzen geschlagene Wunde nie ganz vernarbt ist. Eine geistig bedeutende Tochter des Geschlechts war die Gräfin Sophie Hatz- feldt, die Freundin von Ferdinand Lassalle. Sie war die Mutter des Botschafters Paul Hatzfeldt. Bei dem Oberpräsidenten von Schlesien, dem Herzog von Trachenberg, regte sich Cupido noch im späten Alter. Er wurde von einem Schaffner überrascht, als er in der Eisenbahn zwischen Breslau und Berlin einer jungen schlesischen Komteß Unterricht in den Anfangsgründen der ars amandi erteilte. Der Schaffner stellte den Herzog scharf zur Rede, dieser erwiderte allzu heftig. Als der Herzog, der für knauserig galt, den Mann des Gesetzes durch ein mehr als kärgliches Trinkgeld zu beruhigen trachtete, drohte dieser mit Strafanzeige. Um einem Skandal zu entgehen, reichte Hatzfeldt-Trachenberg seinen Abschied ein, der ihm in Gnaden und mit einem Orden bewilligt wurde. Dankbar und gerührt schrieb mir der edle Herzog: „Eurer Durchlaucht geehrte vorgestrige Zeilen verpflichten mich zu neuem Dank. Wenn ich meinen wärmsten Dank hiermit zum Ausdruck bringe, bitte ich gleichzeitig die Versicherung aufrichtiger Verehrung entgegennehmen zu wollen als Eurer Durchlaucht gehorsamster Hatzfeldt." An Stelle Hatzfeld ts wünschte der Kaiser den ihm befreundeten Grafen Tiele-Winkler auf Möschen, einen der reichsten schlesischen Magnaten, oder den Prinzen Heinrich XXVIII. Reuß zu setzen, der das war, was die Engländer „a good whip" nennen, das heißt ein Gentleman, der ein Vierergespann vom Bock zu lenken versteht. Lucanus frug bei mir an, ob ich meine Zustimmung zu der einen oder der anderen dieser beiden Kandidaturen geben würde. Dabei ließ er einfließen, daß, wenn Tiele oder Reuß Oberpräsident werden sollte, der Oberpräsidialrat Dr. Michaelis durch eine bessere Kraft ersetzt werden müsse, denn er sei schon unter normalen Verhältnissen unzureichend, geschweige denn unter einem wenig geschulten Aristokraten. Ich hätte damals wahrlich nicht gedacht, daß zwölf Jahre später derselbe Büromensch, der nicht der bescheidenen Stellung eines Oberpräsidialrats in Breslau gewachsen war, in denkbar ernstester, kritischer und bedrohter Lage des Landes zum Kanzler des Deutschen Reichs ernannt werden würde. 1905 gelang es mir, als Nachfolger des Herzogs EIN HOMO NOVUS: BETHMANN 103 Minister des Innern von Trachenberg den 1892 als Kultusminister zurückgetretenen, 1899 zum Oberpräsidenten von Hessen-Nassau ernannten Grafen Robert von Zedlitz-Trützscbler durchzusetzen, einen der bedeutendsten und dabei charaktervollsten Staatsmänner, über die Preußen zu verfügen hatte. In demselben Jahre, wo ich zum ersten Male in meinem Leben von Michaelis hörte, schlug ich Seiner Majestät den damaligen Oberpräsidenten Bethmann von Brandenburg, Herrn von Bethmann Hollweg, zum Minister des Innern Hoüweg vor. Ich hatte ihn schon 1904 für diesen Posten in Aussicht genommen, da er mir durch seine Tüchtigkeit als Verwaltungsbeamter wie durch sein bescheidenes und biederes Wesen angenehm aufgefallen war. Damals hatte er mich gebeten, von ihm abzusehen, solange die Kanalfrage nicht gelöst wäre. Als „homo novus", als Mann von jungem Adel, „halb kaufmännischer, halb professoraler Extraktion", könne er nicht gut gegen die Konservativen kämpfen, unter denen der alte, bodenständige Adel prävahere, dem wohl seine Frau, aber nicht er selbst angehöre. „Sie würden mich übel zurichten", hatte er nicht ohne Ängstlichkeit gemeint. Aber am Abend des Tages, wo er mir 1904 diese Absage erteilte, hatte er mir einen sentimentalen Brief geschrieben, aus dem eine gewisse Reue sprach und in dem er sich mir für die Zukunft „zu geneigter Berücksichtigung" empfahl. Schon damals zeigte sich bei dem unglücklichen Mann jenes „bängliche Schwanken, weibische Zagen, ängstliche Klagen", das uns in den „dümmsten und unnötigsten aller Kriege", um mit Albert Ballin zu sprechen, ungeschickt straucheln und dann diesen Krieg verlieren ließ. Bereits bei früheren Betrachtungen über unsere auswärtige PoHtik habe ich ausgeführt, wie mein Wunsch, mit England zu einer Verständigung Die über Marokko zu gelangen, trotz der geschickten Bemühungen unseres Marokko- damaligen Botschafters Paul Hatzfeldt und des guten Willens des englischen Fr " Be Botschafters in Berlin, Sir Frank Lascelles, an der Scheu des Premierministers Salisbury vor jeder Bindung der englischen Politik, vielleicht ebensosehr an seiner tiefen Abneigung gegen Wühelm IL, gescheitert war. Als Lord Salisbury 1902 die pobtische Bühne verlassen hatte, war die Stimmung in England gegen uns zu mißgünstig und feindlich geworden, als daß an ein englisch-deutsches Abkommen über Marokko zu denken gewesen wäre. Auch gegenüber einer ganz unfreundlichen englischen Mentalität ist mir die Erhaltung des Friedens mit dieser großen Macht, sofern wir Rußland gegenüber vorsichtig manövrierten, bis zuletzt als möghch erschienen, ein deutsch-englisches Abkommen über Marokko freilich nicht. Hinsichtlich Marokkos bestanden zwischen Kaiser Wilhelm IL 104 ELSASS UND MAROKKO und mir seit jeher Meinungsverschiedenheiten. Nach der Ansicht Seiner Majestät lag es im deutschen Interesse, daß sich Frankreich in Marokko engagiere und festlege. Dadurch würden die Blicke der Franzosen von den Vogesen abgelenkt. Sie würden so allmählich Elsaß-Lothringen vergessen und verschmerzen. Auch würde Frankreich durch die Eroberung und Behauptung von Marokko militärisch geschwächt werden. Zu meinem Erstaunen wurde der Kaiser in dieser Auffassung von militärischer Seite bestärkt. Überhaupt kann ich bei aller Bewunderung für Wissen, Arbeitskraft, Pflichttreue und Vaterlandsliebe der ausgezeichneten Männer, die in dem nun leider verwaisten, historischen roten Backsteinbau am Königsplatz im Geiste unseres großen Feldmarschalls Moltke wirkten, doch nicht verschweigen, daß unser Generalstab neuen Erscheinungen gegenüber nicht rechtzeitig Verständnis und richtige Einschätzung zeigte. So wie unsere Generalstäbler später die Improvisationsfähigkeit der Engländer und Amerikaner auf militärischem Gebiet, deren Artillerie und Tanks, überhaupt die Bedeutung des technischen, maschinellen Elements für die moderne Kriegführung, die Energie der vom Geiste der Konventszeit getragenen Kriegführung des Advokaten Poincare und des Arztes Clemenceau unterschätzten, so schätzten sie schon zehn Jahre früher die militärische Tragweite der nordafrikanischen Eroberungen Frankreichs nicht richtig ein. Im Gegensatz hierzu habe ich schon 1913 in meiner Studie über deutsche Politik darauf hingewiesen*, daß die volle und unbeschränkte politische, wirtschaftliche und militärische Herrschaft über Marokko für die Zukunft eine erhebliche Stärkung Frankreichs bedeuten könne, ein Eindruck, den ich schon bei meiner Reise durch Tunis und Algier im Frühjahr 1884 gewonnen hatte. Ich war mir auch nie im Zweifel darüber, daß Frankreich einen vollgültigen Ersatz für den Verlust Elsaß-Lothringens selbst in dem gewaltigsten Kolonialbesitz nicht erblicken würde, daß Tunis und Fez, Kairuan und Rabat die Bücke der Franzosen vom Straßburger Münster und der Metzer Esplanade nicht ablenken würden. Ich hatte diese Auffassung seit jeher gegenüber dem Kaiser vertreten, der aber bei seiner Ansicht blieb. Er hatte schon am 20. August 1904 zu dem Unterstaatssekretär von Mühl- berg gesagt, es sei ganz gut, wenn Frankreich Marokko pazifiziere und dort Ordnung schaffe, da ihm diese Kulturarbeit große Opfer an Blut und Geld kosten werde. Habe Frankreich seine Aufgabe erfüllt, sei Marokko erst der Zivilisation erschlossen, so werde der deutsche Handel dort schon seinen Platz finden, eine Ansicht, welcher der Unterstaatssekretär unter Hinweis auf die prohibitionistische französische Kolonialpolitik vergeblich widersprochen hatte. • Fürst von Bülow, Deutsche Politik, S. 8-1. KÖNIG ALFONS 105 Schon früher hatte der Kaiser dem König Alfons XIII. von Spanien bei ihrer Begegnung in Vigo am 16. März 1904 ein gutes Verhältnis mit Frankreich in beinahe stürmischer Weise anempfohlen. Seinen ersten Auslandsbesuch müsse der König jedenfalls in Paris abstatten. Gegenüber England möge er dagegen vorsichtig, gegenüber Portugal mißtrauisch sein. Der Kaiser hatte dabei nachdrücklich betont, daß Deutschland in Marokko keinerlei Interessen habe, natürlich auch keine territorialen Wünsche verfolge, sondern sich ausschließlich auf Förderung der Kulturarbeit beschränken würde. Auch Spanien müsse in Marokko nur eine Kulturmission verfolgen, auf sie allein seine Kräfte richten und Verständigung mit den anderen in Nordafrika engagierten Nationen suchen, in erster Linie mit Frankreich. König Alfons war über soviel Liebe für Frankreich bei Wilhelm IL, ver- D * bunden mit einer solchen Selbstlosigkeit, beinahe erstaunt gewesen, zumal sich Spanien, wie mir die Königin-Mutter Christine bei unserem Wiener Besuch im September 1903 erzählt hatte, seit Mitte der neunziger Jahre der französischen Umwerbungen und Allianzanträge kaum erwehren konnte. Der Eifer, mit dem Wilhelm II. den Spaniern ein möglichst gutes Verhältnis zu Frankreich anempfahl, entsprang zum Teil auch der Hoffnung, daß diesbezügliche Äußerungen Seiner Majestät von Madrid nach Paris gelangen und dort Stimmung für den Kaiser machen würden. Der Wunsch, sich mit Frankreich zu „versöhnen", ist von seiner Thronbesteigung bis zum Weltkrieg bei Wilhelm II. immer wieder hervorgetreten, allerdings mit gelegentlichen Schwankungen, bisweilen auch, wenn sein Liebeswerben gar keinen Erfolg gehabt hatte, mit Ausbrüchen übler Laune, die im Grunde nur „depit amoureux" waren. VII. KAPITEL Die MittelmeerreiBe Wilhelms II. im März 1904 • Entwicklung der Marokko-Frage • Ihr Stand beim Antritt der Mittelmeerreise des Kaisers • Programm der deutschen Regierung • Der bestehende Rechtszustand • Unsere Taktik • Anlaufen des Kaisers in Tanger Landung des Kaisers in Tanger • Legationssekretär Kühlmann • Mission des Grafen Tattenbach nach Fez • Graf Monts bemüht sich, unter dem Einfluß seines Kollegen Barrere, eine Rettungsaktion für Delcassü zu inszenieren • Englische Bemühungen für Delcasse • Sturz Delcasses Kaisers Schon bei der Rückkehr von seiner Palästina-Reise, 1898, hatte der Kaiser den Wunsch gehegt, den Weg über Gibraltar zu nehmen. Bei Mütelmeer- diesem Anlaß wollte er auch Tanger berühren. „Nachdem ich nun in Asien s war, möchte ich gern einmal meinen Fuß auch auf afrikanischen Boden setzen, zumal ich auf Ägypten verzichten mußte", meinte der Kaiser damals zu mir. Dieser Wunsch ging lediglich aus Reiselust hervor, ohne jede politische Nebenabsicht. Wie ich seinerzeit erzählte, gelang es 1898 der Kaiserin und mir, den Kaiser zu bewegen, von Malta auf dem kürzesten Wege durch das Adriatische Meer nach Deutschland zurückzukehren. Die Kaiserin drängte, als gute Mutter, die sie war, zu ihren Kindern; ich hielt es für nötig, nach längerer Abwesenheit in Berlin im Auswärtigen Amt die Zügel wieder selbst in die Hand zu nehmen. Bei seiner ersten Mittelmeerreise, die WUhelm II. am 12. März 1904 an Bord des Lloyddampfers „König Albert" in Bremerhaven angetreten hatte, wollte er ursprünglich auch Tanger besuchen, wiederum nur als Tourist, der nach neuen und interessanten Eindrücken begierig ist. Ich sprach mich damals gegen einen Aufenthalt in Tanger aus, da es mir im Frühjahr 1904 nicht angezeigt erschien, in irgendeiner Weise die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu lenken, und der Kaiser verzichtete sogleich und willig auf das Anlaufen dieser afrikanischen Küstenstadt. Als er sich am 28. März 1905 in Cuxhaven an Bord des Hapag-Dampfers „Hamburg" für die zweite Mittelmeerreise einschiffte, auf der er, wie bei seiner ersten Mittelmeerfahrt, nicht nur von einem stattlichen militärischen Gefolge, sondern auch von einer großen Anzahl persönlicher Freunde und Bekannter in allen Lebensstellungen begleitet war, tauchte in der ausländischen Presse das Gerücht auf, er werde Tanger anlaufen. Eine solche Absicht lag damals bei Seiner PfiNfiTRATION PACIFIQUE 107 Majestät in keiner Weise vor. Es mag aber sein, daß indiskrete Redereien von Berliner Hof leuten über frühere Wünsche des Kaisers, sich einmal Tanger anzusehen und afrikanischen Boden zu betreten, ihren Weg in die Presse gefunden hatten. Jedenfalls ergingen sich französische Blätter bereits in den Tagen, als der Kaiser 1905 seine Mittelmeerreise antrat, in überhebenden, zum Teil frechen Drohungen für den Fall, daß der Deutsche Kaiser sich unterstehen sollte, eich in Tanger zu zeigen. Die Haltung nicht nur der Pariser Presse, sondern auch des Staatsmannes, der sie inspirierte, des Ministers des Äußern Delcasse, wurde Marokko- nach und nach dreister. Drei Wochen vor dem Abschluß des englisch- Konflikt französischen Vertrages von 1904 hatte Herr Delcasse unserem Botschafter in Paris, dem Fürsten Radolin, die Hauptbestimmungen der Konvention mitgeteilt und ihm zugleich versichert, daß die Rechte dritter Staaten, auch Deutschlands, durch sie nicht in Frage gestellt würden. Ich hatte diese Mitteilung sogleich in höflicher Weise quittiert, indem ich am 12. Aprü 1904 im Reichstag gesagt hatte*: Wir hätten keine Ursache, anzunehmen, daß das englisch-französische Kolonialabkommen eine Spitze gegen eine andere Macht enthalte. Es schiene sich nur um den Versuch zu handeln, eine Reihe alter Differenzpunkte zwischen England und Frankreich durch Verständigung aus dem Weg zu räumen. Dagegen hätten wir vom Standpunkt deutscher Interessen nichts einzuwenden. Gegenüber Widerspruch von alldeutscher Seite erklärte ich zwei Tage später, daß wir weder auf das ganze noch auf Teile des Scherifischen Kaiserreichs Anspruch erhöben**. Gleichzeitig hatte ich im April 1904 in der Presse ausführen lassen, daß Deutschland in Marokko nicht politischen Einfluß suche, sondern bloß die Interessen der deutschen Volkswirtschaft zu schützen habe. Als im Oktober 1904 bekanntgeworden war, daß Paris mit Madrid einen Vertrag über Marokko abgeschlossen habe, hatte ich mich um Auskunft nach Paris gewandt, worauf Delcasse versicherte, auch dieses Übereinkommen würde den deutschen Handel in Marokko nicht benachteiligen, ihm sogar infolge der zu erwartenden Verbesserung der Rechtspflege in Marokko nützlich sein. Ich Heß daraufhin durch den Staatssekretär Richthofen dem französischen Botschafter Bihourd erklären, wir wären durch diese Mitteilung befriedigt. Im Winter 1904 auf 1905 trat jedoch ein Umschwung ein, und Delcasse zeigte die Krallen. Er ließ in seiner Presse nicht nur das Wort von der „Penetration pacifique" Marokkos in Umlaufsetzen, sondern die französischen Zeitungen forderten die „tunisification" des * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 73 ff.; Kleine Ausgabe II, S. 67 ff. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, S. 90 ff.; Kleine Ausgabe II, S. 87 ff. 108 DIE KRIEGS FRAGE Marokkanischen Kaiserreichs, das heißt dessen Herabdrückung zum Vasallenstaat in der Art von Tunis. Wir waren nicht um unsere Ansicht gefragt worden. Es war nicht einmal die Rücksicht geübt worden, den Vertrag von 1904, nachdem er den Parlamenten in Paris und London vorgelegt worden war, auch in Berlin und Wien mitteilen zu lassen. In Marokko selbst spitzten sich die Dinge immer schärfer zu. Am 21. Februar 1905 war der französische Gesandte Saint-Rene Taillandier in Fez eingetroffen und hatte vom Sultan kategorisch, „en termes pressants" verlangt, dieser solle seine Truppen von französischen Offizieren ausbilden, auch die Zölle unter Aufsicht französischer Oberbeamten eintreiben lassen. Der Sultan, zu dem der französische Vertreter du haut en bas, wie zu einem Vasallen, gesprochen hatte, wandte sich an die deutsche Regierung und frug insbesondere, ob die Behauptung Taillandiers, daß er seine Forderungen nicht nur als französischer Gesandter, sondern im Namen Europas stelle, der Wahrheit entspreche. Gegenüber dieser Kette französischer Herausforderungen erschien es mir notwendig, in Paris wieder das Deutsche Reich in Erinnerung zu bringen. Es war nicht sowohl die Größe unserer wirtschaftlichen und politischen Interessen in und an Marokko, die mich bestimmte, dem Kaiser zu Widerstand und Abwehr zu raten, sondern die Uberzeugung, daß wir uns gerade im Interesse des Friedens derartige Provokationen nicht länger gefallen lassen dürften. Damals so wenig wie vorher oder nachher wollte ich den Krieg mit Frankreich, schon weil ich wußte, daß jeder ernstliche Konflikt in Europa, wie die Verhältnisse lagen, zum Weltkrieg führen würde. Aber ich scheute mich nicht, Frankreich vor die Kriegsfrage zu stellen, weil ich mir das Geschick und die Kraft zutraute, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen, wohl aber Delcasse zu Fall zu bringen, damit den aggressiven Plänen der französischen Politik die Spitze abzubrechen, Eduard VII. und der Kriegsgruppe in England ihren festländischen Degen aus der Hand zu schlagen und so gleichzeitig mit dem Frieden die deutsche Ehre zu wahren und das deutsche Ansehen zu stärken. In meinem Entschluß wurde ich durch den Brief eines alten und zuverlässigen Pariser Freundes bestärkt, desselben, der mich sieben Jahre früher über, den Windsor-Vertrag orientiert hatte. Er war von Geburt Schweizer, wir hatten uns in Lausanne kennengelernt. Später ließ er sich in Paris nieder. Er hegte lebhafte Sympathien für Frankreich, ebenso für England, das er häufig besuchte und wo er in den besten Kreisen verkehrte. Aber alles trat bei ihm zurück hinter seinem auf tiefster Uberzeugung beruhenden, beinahe leidenschaftlichen Pazifismus. Er wurde nicht müde, die entsetzlichen Konsequenzen zu schildern, die, wie die Dinge in der Welt lägen, ein großer Krieg nach sich ziehen würde. Ein solcher würde alle bösen Leidenschaften und Triebe der Menschheit DIE MADRIDER KONFERENZ VON 1880 109 wecken, Haß und Rachsucht, Roheit und Grausamkeit, er würde Milliarden verschlingen, Hekatomben von Menschenleben fordern, Europa für Jahrzehnte, vielleicht für Jahrhunderte zugrunde richten. Der Gute, der den Weltkrieg nicht mehr erleben sollte, hat nur zu richtig gesehen. Er war mit Recht überzeugt, daß ich ehrlich bemüht wäre, den Frieden zu erhalten. Noch mehr aus diesem Grunde als aus persönlicher Anhänglichkeit an mich Heß er mir von Zeit zu Zeit nützliche Winke zukommen. Ich hatte ihm mein Ehrenwort geben müssen, daß ich ihn nie als Quelle nennen, auch seine Briefe nach Kenntnisnahme sofort vernichten würde, denn er wünschte nicht das Schicksal des Hauptmanns Dreyfus zu teilen. Dieser Mann, der nur von den reinsten Absichten geleitet war und ein ideales Ziel verfolgte, schrieb mir fast in demselben Augenblick, als der Kaiser 1905 seine zweite Mittelmeerreise antrat: Delcasse wäre entschlossen, es auf den Krieg ankommen zu lassen, überzeugt, daß König Eduard ihn nicht im Stich lassen und daß es möglich sein würde, zwischen Rußland und Japan rasch den Frieden wiederherzustellen. König Eduard und die von ihm beeinflußten englischen Minister und Staatsmänner wollten nicht sofort in den Krieg mit Deutschland eintreten, würden aber eine völlige Niederwerfung Frankreichs nicht zulassen und jedenfalls, sobald der Kampf begonnen hätte, an Deutschland die kategorische Forderung richten, seinen Flottenbau einzustellen. Ich war von Anfang an gewillt, mich in der marokkanischen Frage auf dem Boden der Verträge zu halten. Ich wußte sehr wohl, daß es töricht wäre, sich in Lebensfragen, wo es um Ehre und Sicherheit des Landes geht, nur auf Verträge zu verlassen. Die einzige wirkliche und dauernde Sicherheit Hegt für ein großes Volk in der eigenen Kraft, in seiner Macht und vor aHem in der nationalen Gesinnung und dem Patriotismus seiner Bürger. Aber selbst vom Standpunkt der RealpoHtik ist es in hohem Grade wünschenswert, weil nützlich, sich auf den Boden der Verträge zu steUen, das Vertragsrecht für sich zu haben und damit die Sympathien der rechtHch und ethisch Denkenden. Es war daher eine Unglücksstunde für das Deutsche Reich, als der Kanzler Bethmann HoH- weg in seiner (leider) nicht vergessenen Unterredung mit dem engHschen Botschafter Goschen Verträge als Papierfetzen, als „chiffon de papier", als „scrape of paper" bezeichnete. Wir konnten uns 1905 für unser Vorgehen auf das Ergebnis der 1880 zu Madrid abgehaltenen Marokko-Konferenz berufen, auf der die am Handel mit Marokko beteüigten Staaten (Deutschland, Frankreich, England, Österreich-Ungarn, ItaHen, Spanien, die Vereinigten Staaten und Holland) übereingekommen waren, daß vom Scherifischen Kaiserreich den Untertanen irgendeines fremden Staates Vorzugsrechte nicht gewährt werden dürften. WoUte also Frankreich das wirtschafthche oder poHtische Ubergewicht in Marokko an sich reißen, so 110 DEMONSTRATIVE LANDUNG mußten die übrigen Unterzeichner jener Madrider Konferenz von 1880 um ihre Zustimmung angegangen werden. Abgesehen von diesem Madrider Vertrage bestand seit 1890 ein Handelsabkommen zwischen Deutschland und Marokko, in dem uns Meistbegünstigung eingeräumt worden war. Wir befanden uns also in der günstigen Lage, uns auf das internationale Recht stützen zu können. Was die Taktik unseres Vorgehens betraf, so hatte Frankreich auch in dem Abkommen vom 8. April 1904 ausdrücklich versprochen, daß es den politischen Zustand von Marokko nicht ändern werde. Schon deshalb schien es mir indiziert, zunächst abzuwarten, ob die französische Regierung diese Zusage erfüllen, wie sie überhaupt das Abkommen in der Praxis ausführen und namentlich wie sie sich mit unseren vertragsmäßigen Rechten in Marokko und den dortigen deutschen Interessen abfinden würde. Hiervon abgesehen, hängt es immer von den Umständen ab und ist eine Frage der Opportunität, wann eine diplomatische Aktion begonnen werden soll. Es erschien mir ratsam, das englisch-französische Abkommen weder mit sofortigen Drohungen zu beantworten, noch mit Nervosität aufzunehmen. Ich wollte Frankreich auch in der marokkanischen Frage nicht a priori Mißtrauen oder Übelwollen zeigen. Es lag kein Anlaß vor, gegen denjenigen Teil des französisch-englischen Abkommens Stellung zu nehmen, der sich auf Ägypten bezog. Wir würden durch einen solchen Einspruch unsere ohnehin schwierigen Beziehungen zu England noch mehr kompliziert haben, auch abgesehen davon, daß unsere Pobtik traditionell gerade in Ägypten den Engländern nie Schwierigkeiten bereitet hatte. Um so mehr waren wir berechtigt, uns gegen eine Verletzung des bestehenden Rechtszustandes und unserer wirtschaftlichen Interessen in Marokko zur Wehr zu setzen, wenn es sich zeigte, daß Frankreich diese zu achten nicht gewillt sei. Darum legte ich zunächst weder Überraschung noch Verstimmung an Bülow rät den Tag. Als aber Delcasse in seiner Presse wie in seinen Auslassungen gegen- dem Kaiser, u lj er den in Paris akkreditierten fremden Vertretern immer dreister jene in Tanger zu tückische Feindseligkeit" an den Tag legte, die ihm Deutschland gegenüber Jaures in der Kammer vorwarf, als selbst Lord Rosebery erklärte, es sei unstatthaft, eine große Macht wie Deutschland im Welthandel mit Ostentation beiseitezuschieben, als Delcasse jedes Einlenken trotzig ablehnte, riet ich brieflich dem Kaiser, Tanger anzulaufen. Ich empfahl gleichzeitig, dort keine Prunkrede zu halten, sondern nur mit möghehster Unbefangenheit zu sagen, er habe keinen Grund gehabt, nicht auch dem Sultan von Marokko, der ein unabhängiger Herrscher sei, einen Besuch abzustatten; er hoffe, daß Marokko, das sich auf den Madrider Vertrag und auf das internationale Recht berufen und stützen könne, auch fernerhin dem friedlichen Wettbewerb aller Nationen offenstehen würde. Der Kaiser DER BOCKENDE BERBERHENGST 111 entschloß sich nicht gern zu diesem Besuch in Tanger, da er natürlich sogleich fühlte und überdies aus meinem Brief ersah, daß es sich dabei nicht um ein touristisches Sight-seeing, sondern um einen sehr schwerwiegenden politischen Akt handelte. Dazu kam, daß das Meer, als Seiner Majestät meine Anregung zuging, stürmisch bewegt, das Ausbooten und demnächstige Landen mit der Gefahr eines nassen Bades verbunden war. Es war bei dieser Gelegenheit, daß der damalige Geschäftsträger in Tanger, Herr von Kühlmann, zum erstenmal die Aufmerksamkeit Seiner Majestät auf sich lenkte. Der junge Kühlmann, ein Sohn des langjährigen Vertreters von Hirsch, dem sogenannten Türken-Hirsch in Konstantinopel, kam nach dem Eintreffen der „Hamburg" an Bord des kaiserlichen Schiffes. Die körperliche Gewandtheit, mit der Kühlmann, noch dazu in der schmucken Uniform des bayrischen Ulanenregiments Seiner Majestät, mit der Tschapka auf dem Kopf und in langen Stiefeln aus dem auf und ab schaukelnden Boot an einer Strickleiter an Bord der „Hamburg" gelangte, trug wesentlich dazu bei, daß er sich dauernd in der Gunst Seiner Majestät festsetzte, die seinen ganzen späteren Aufstieg bis zum Staatssekretär begleitete. Als Minister des Äußern zeigte er leider nicht dieselbe Geschicklichkeit und namentlich nicht die gleiche Sicherheit wie bei der Turnübung auf dem Hapag-Dampfer. Josef Joachim, der große Violinspieler und liebenswerte Mensch, erzählte mir einmal, er habe sich im Winter auf der Rousseauinsel im Berliner Tiergarten im Schlittschuhlaufen versucht. Als er ein paarmal auf die Nase gefallen war, hatte der dabeistehende Wärter der Eisbahn mit gutmütigem Lachen gemeint: „Ja, ja, Herr Professor, Schlittschuhlaufen ist nicht so leicht wie Geigespielen." Mit Kühlmann stand es umgekehrt: er mußte die Erfahrung machen, daß sich, um ein Bismarcksches Bild zu gebrauchen, auf dem straffen Seil der großen Politik im Gleichgewicht zu erhalten schwieriger ist, als am Fallreep heraufzuklettern. Kühlmann warf als Staatssekretär des Äußern vollständig um und verschwand seitdem von der politischen Bühne. An jenem 31. März 1905, dem Tage der Landung in Tanger, gelangte der Kaiser physisch wohlbehalten an Land, aber psychisch durch das Risiko des ganzen Unternehmens erregt. Dazu kam, daß die Pferde, die ihm der Sultan an den Landungsplatz entgegengeschickt hatte, Berberhengste, unruhig gingen, so daß der Kaiser, nachdem er gefürchtet hatte, ein nasses Bad im Mittelmeer zu nehmen, unmittelbar nachher besorgen mußte, vor den Augen der staunenden und gaffenden Mauren und Araber von seinem Gaul heruntergebockt zu werden. Infolgedessen trugen die beiden Ansprachen, die der Kaiser an den ihn begrüßenden Oheim des Sultans sowie an die deutsche Kolonie hielt, einen erregteren und schärferen Charakter, als dies ursprünglich seine Absicht gewesen war. 112 HOLSTEIN ÄRGERT SICH Holstein, mindestens ebenso impressionabel wie der Kaiser, aber älter Der und verbrauchter, ärgerte sich über diese Abweichung vom Programm, das problematische er gern als das seine betrachtet zu sehen wünschte, so sehr, daß er in der Holstein darauffolgenden Nacht eine starke Magenblutung erlitt. Sie war das erste Auftreten eines Leidens, dem er vier Jahre später erliegen sollte. Ich will bei diesem Anlaß feststellen, daß die ganze Aktion, für die ich vor dem Reichstag wie vor der Öffentlichkeit sofort die volle Verantwortung übernommen habe, von mir ausging. Gerade weil Holstein sich möglichst im Hintergrunde und im Dunkeln hielt, nur wenig Menschen sah, einsam in der von der Wilhelmstraße weit entfernten Großbeerenstraße in drei kleinen Zimmern hauste, erschien seine Persönlichkeit und seine politische Tätigkeit den meisten in fast romanhaftem, jedenfalls sehr übertriebenem, bisweilen auch verzerrtem Licht. Sein Einfluß war während meiner Amtszeit nicht so groß wie in den vorhergegangenen zwei Jahrzehnten. So paradox dies auch manchem erscheinen mag, Holstein übte nie einen größeren Einfluß aus als während der zweiten Hälfte der Ära Bismarck. Damals war seine Macht namentlich in Personalien sehr weitreichend, seine Stellung fast unerschütterlich durch das absolute Vertrauen, das der große Kanzler persönlich in ihn setzte, wie durch die intime Freundschaft, die Herbert Bismarck seit seiner ersten Jugend mit Holstein verband, der als Attache der preußischen Gesandtschaft in St. Petersburg ständiger Gast im Hause des damaligen Gesandten von Bismarck-Schönhausen gewesen war. Namentlich seit dem 1879 erfolgten Tode meines Vaters, der, solange er das Auswärtige Amt leitete, durch seine alten, vertrauensvollen Beziehungen zum Fürsten Bismarck wie durch seine Ruhe und Abgeklärtheit ein nützUches Gegengewicht zu Holstein gebildet hatte, trat letzterer mehr und mehr in den Vordergrund. Mein Vater bebte Holstein nicht, sie waren ganz verschiedenartige Naturen. Holstein, dem, wenn er wollte, auch ein sentimentaler Augenaufschlag zu Gebote stand, hat mir mehr als einmal gesagt, er wisse sehr gut, daß er bei meinem Vater nicht in Gnaden gestanden habe; um so rührender wären die Hingebung und Treue, mit der er mich unterstütze und mir „diene". Nachdem Fürst Bismarck, zweifellos nicht ohne Mitwirkung von Holstein, gestürzt worden war, klammerten sich seine Nachfolger Caprivi und Marschall, denen zunächst jeder ÜberbUck über das internationale Schachbrett, alle diplomatische Routine und selbst die nötigen Sprachkenntnisse fehlten, an Holstein an wie Ertrinkende an einen Rettungsgürtel. Er mußte aber die Macht, die er dadurch gewann, mit Kiderlen teilen, der sich nicht gern die Butter vom Brot nehmen ließ. Auch war er gerade damals der Gegenstand heftiger Presseangriffe namentlich im „Kladderadatsch" und in der Hardenschen „Zukunft", die ihn noch menschenscheuer und damit noch weltfremder machten als früher. Unter Telegramm des Kaisers an Bülow über die Landung in Tanger (Zu Seite 110) 21. März 1905 «• s - M I B [von Seiner Majestät Bülow] S. [einer] E. [xzellenz] Reichskanzler Ersehe aus Wolff und Wedekind daß deutsche Colonie und Marokkaner Vorbereitungen machen um meinen Besuch auszuschlachten und Briten ihn gegen Gallier ausspielen. Es ist sofort nach Tanger zu telegraphieren, daß es höchst zweifelhaft ist ob ich lande; und daß ich incog.: als Tourist nur Reise, also keine Audienzen, keine Empfänge Wilhelm I. R. J. Mll U SWa-m Alf (/ ' ' ^ V /•^OU^A^J^ • ^MsV 1 (Debitoren: JL «Pf. ^Mngcnonrmcn burdj: CelegropWe leutfdp Betyu. ***** ben 190 7 1 . U&r 9JI. mttt. in Ctg. Don SRr. mit ..................... Berlin C. 5djloß - £etegraj>|)enamt. 3B. 190 ben ../ um Ubr ÜJtin................mitt. an burd) fjjlßjrttmm _ /T> Wwyv1^ /Vyy^y^^yv,.........../Hw.........../i^VH^Vvy« AvJ.............I^'t^t.. >yl.................................i....y^w................ryv>......... /|f d( rv wwU..........^L^v4v.......... üJJa ^A/yyy^..........&!f^.^/y!^^!^ r .........ii<#s>x*^ A ^ r J^Jjt{ yML- m ' / / / > Qtätb.........LahAJi.'/$m DAS DEUTSCHE REICH PROTESTIERT 113 Hohenlohe atmete er wieder auf, denn die Presseangrifi'e, die seine empfindsame Seele tief verletzt hatten, flauten allmählich ab. Hohenlohe behandelte Holstein mit der immer gleichen, vornehmen Höflichkeit, die ihm eigen war, hatte aber nicht entfernt das Vertrauen zu ihm, mit dem Fürst Bismarck den Geheimen Rat von Holstein ausgezeichnet hatte. Als ich Staatssekretär wurde, hatte Hohenlohe mich vor Holstein gewarnt mit den Worten: „Alle bedenklichen und schlechten Ratschläge kommen meist von Holstein." Im direkten Gegensatz hierzu hatte Fürst Bismarck zu meinem Vater, der eine abfällige Äußerung über Holstein gemacht hatte, zwanzig Jahre früher nachdenklich geäußert: „Er ist aber doch sehr fein. Ich verdanke ihm manche nützliche Warnung, manchen klugen Gedanken, auch manchen guten Ratschlag." Ich kehre zu der Marokko-Differenz zurück. Am Tage, wo der Kaiser in Tanger landete, hatte Delcasse in der französischen Kammer keinen Zweifel Sendung darüber gelassen, daß er sich auf dem von ihm betretenen Wege durch Tauenbachs deutschen Widerspruch nicht irremachen lassen würde. Man kann darüber nac ^ 1 streiten und stritt schon im April 1905 darüber, ob es ratsam war, den Kaiser in Tanger in den Vordergrund treten zu lassen. Nachdem dies einmal geschehen war, mußten wir durchhalten. Am 11. und 12. April richtete ich Erlasse an unsere Vertretungen in London, Petersburg, Wien und bei einer Reihe anderer Regierungen, in denen ich ausführte, daß die kaiserliche Regierung ein Recht Frankreichs, Englands und Spaniens auf eine selbständige Ordnung der marokkanischen Angelegenheit nicht anerkennen könne und die Mitwirkung der acht Staaten fordere, die den Madrider Vertrag von 1880 unterzeichnet hatten. Ich wies die französische Behauptung, die Madrider Akte habe nur die Regelung der Privatrechte der fremden Untertanen in Marokko bezweckt, als rabulistisch zurück und rückte nochmals die völkerrechtliche Bedeutung des Vertrages in den Vordergrund. Deutsche Rechte könnten nicht von anderen Mächten an irgend jemanden, auch nicht von England an Frankreich abgetreten werden. In dem an den kaiserlichen Botschafter in London gerichteten Erlaß schrieb ich: wir träten für unsere Interessen ein, über die ohne unsere Zustimmung verfügt werden solle. Die Bedeutung der Interessen wäre dabei nebensächlich. Derjenige, dem Geld aus der Tasche genommen werden soll, werde sich immer nach Möglichkeit wehren, einerlei ob es sich um fünf oder um fünftausend Mark handle. Wenn wir unsere nicht unerheblichen wirtschaftlichen Interessen in Marokko stillschweigend preisgäben, ^yürden wir damit andere zu ähnlichen Rücksichtslosigkeiten gegen uns ermuntern, und das vielleicht bei größeren, lebenswichtigeren Fragen. Ich entsandte den Grafen Tattenbach, bis dahin Gesandten in Lissabon, in besonderer Mission nach Fez, um den Sultan in der Zurückweisung der vertragswidrigen französischen Ansprüche 8 BUlow II 114 DELCASSfi, DER „GROSSE FRANZOSE' auf die Oberaufsicht seiner Armee und seiner Finanzen zu bestärken und ihm zu raten, die bei dem Madrider Vertrag beteiligten Kabinette behufs Feststellung seiner Rechte zu einer Konferenz einzuladen. Ich betonte dabei nochmals ausdrücklich, daß Deutschland für sich in Marokko keine Vorteile anstrebe, dagegen die Aufrechterhaltung eines im Wesen verletzten Vertrages für alle Vertragsteilnehmer wünsche. Dadurch, daß der Sultan von Marokko nicht nur uns um Schutz anging, wurde unsere Stellung in dem Streit gestärkt. Tattenbach behielt auch weiterhin die Scherifische Majestät fest in der Hand. Graf Tattenbach war ein Altbayer und besaß den tapferen Mut und die unbeugsame Festigkeit, die diesen wackeren Volksstamm auszeichnen. Er war als bayrischer Offizier im Deutsch-Französischen Krieg verwundet worden, ein treuer, ja leidenschaftlicher Patriot. Inzwischen wurde die Lage von Delcasse schwierig. In der Sitzung Delcasse der französischen Kammer vom 19. April 1905 wurde er nicht nur von den wankt Sozialisten Jaures und Pressense, sondern auch von dem früheren und späteren Kammerpräsidenten, dem opportunistischen Deschanel, dem schönsten und noch für Jahre hinaus glücklichsten Mann des französischen Parlaments, heftig angegriffen, von dem Ministerpräsidenten Rouvier lau unterstützt. Um so leidenschaftlicher trat, unbekümmert um die klare Rechtslage, die englische Presse und Diplomatie für ihn ein. Die „Times" hörte nicht auf, Delcasse den „großen Franzosen" zu nennen, während sie gleichzeitig Deutschland bedrohte und schmähte. Die Idee einer Konferenz über Marokko wurde von ihr als Demütigung, als Kapitulation weit abgewiesen. In derselben Richtung tobten auch andere englische Blätter: „Daily Chronicle", „Standard", vor allem „Daily Mail", das Organ North- cUffes. König Eduard erschien am 6. April 1905 selbst in der französischen Hauptstadt und riet dem Präsidenten Loubet in langer Unterredung, Delcasse zu halten. Am 31. April 1905 traf der König auf der Rückkehr von Nizza nochmals in Paris ein und empfing dort Delcasse zu eingehender Rücksprache. Eduard VII. tat alles, was in seinen Kräften stand, um den deutsch-französischen Streit erbitterter werden zu lassen, wie er sich auch drei Jahre später eifrig bemühte, während der bosnischen Krise Rußland gegen Deutschland aufzuhetzen. Er war ein geschickter Giftmischer. Neben König Eduard, proximus sed longo intervallo, unternahm unser Rentings- Botschafter in Rom, Graf Monts, einen schüchternen, etwas seltsamen versuch des Versuch, den schon stark ins Wackeln geratenen Minister Delcasse zu afen Monts setzen. Bismarck hat nicht selten darüber geklagt, daß die deutschen Diplomaten meist für irgendein fremdes Land schwärmten: der deutsche Diplomat, der einige Zeit in England gelebt hätte, würde anglophil und behaupte, daß man nur in England sich anzuziehen, nur in England zu reiten und zu jagen, zu segeln, zu rudern, zu angeln und sich zu benehmen MONTS UND HARRERE 115 verstehe. Andere deutsche Diplomaten sähen in Österreich den Sitz wahrer Vornehmheit und würdiger Tradition. Noch anderen imponiere das russische Reich, der russische Zar, das russische Leben von den Bärenjagden bis zu den Bällen im Winterpalais. Für noch andere wäre Paris das einzige Klima, das sie vertrügen. In die letztere Kategorie gehörte Monts. Er rühmte sich, von einem Dynasten des Languedoc abzustammen. Leute, die in der Genealogie besser Bescheid wußten als ich, behaupteten dagegen, der Großvater Monts habe zu den französischen Finanzkommis gehört, die Friedrich der Große in den letzten Jahren seiner Regierung aus Frankreich bezog, um in Preußen die indirekten Steuern mit französischer Härte und Habsucht einzuführen. Wie dem auch sein möge, Monts führte gern den angeblichen Wahlspruch seines Geschlechts „Fortis ut mons" im Munde und trug auf seinen Manschettenknöpfen drei kleine Berggipfel, mit denen, wie er zu verstehen gab, auf ihrem Schilde seine Ahnen in Toulouse bei ritterlichen Turnieren in die Schranken geritten wären. Als er Botschafter zu werden wünschte, äußerte er mir gegenüber: „Ich möchte mich nicht selbst rühmen, aber ich glaube, daß ich für die große Diplomatie zwei Eigenschaften mitbringe, un nom ronflant et un devouement absolu für Sie." Monts war in Rom bald unter den Einfluß seines ihm an diplomatischer Routine, in der Menschenbehandlung, vor allem an Geschicklichkeit sehr überlegenen französischen Kollegen Barrere geraten. Barrere war ein intimer persönlicher Freund von Delcasse. Er setzte alles in Bewegung, um seinen Chef zu halten. In derselben Richtung arbeitete Luigi Luzzatti, ein namhafter Volkswirt, ein guter Schatzminister, ein Idealist, aber durch und durch französisch gesinnt. Barrere und Luzzatti veranlaßten Monts, im Höhepunkt der Delcasse-Krisis einen Bericht an mich zu richten, der als Rettungsgürtel für Delcasse dienen sollte und in dem es hieß: Luzzatti habe ihn, Monts, aufgesucht und ihm in bewegten Worten die Sorgen geschildert, die Barrere um seinen Chef und Freund Delcasse empfinde. Als Luzzatti auf die prononciert antideutsche Politik des französischen Ministers des Äußern hingewiesen hätte, habe Barrere diese Politik mit dem Hinweis darauf verteidigt, daß die Republik die Traditionen Gambettas, der im Herzen unwandelbar die Hoffnung auf eine Wiederangbederung von Elsaß-Lothringen genährt hätte, wenigstens im Prinzip nicht aufgeben könne und daß das französische Volk zu einer Versöhnung mit uns noch nicht reif wäre. Diesen Ausführungen sei von ihm, Luzzatti, entgegengesetzt worden, daß mit der Revanche es sich wie mit dem Blute des heiligen Januarius in Neapel verhielte. Nur wenn die Drahtzieher in Paris es wünschten, beßen sie die elsässische Wunde bluten. Tatsächlich aber wolle die große Masse der französischen Nation den Frieden. Das empfinde jetzt Delcasse. Man glaube in Paris zu wissen, daß Monts persönlich jedes Chauvinismus bar sei und zu 8« 116 DIE WUNDE VON 1870 einem Ausgleich mit Frankreich hinneige. Da er, Luzzatti, in gleicher Weise mit Barrere und Monts durch Freundschaft verbunden wäre, hätten sich die Augen der französischen Staatsmänner auf die genannten beiden Diplomaten gelenkt, um durch sie zur Behebung der gegenwärtigen Spannung zu gelangen. Frankreichs Lage sei jetzt prekär. Die Nation wünsche, einer unhaltbaren und nach französischer Ansicht unheilschwangeren Krisis ein Ende zu bereiten, die Regierung wisse aber nicht, wie sie aus der marokkanischen Sackgasse herauskommen solle. Man frage sich in Paris, ob Seiner Majestät dem Kaiser und König irgendeine Allerhöchstihm von Frankreich zu erweisende eklatante persönliche Genugtuung genehm sein würde. Der französische Botschafter sei von Delcasse ermächtigt, mit seinem Freunde Monts die Sachlage zu erörtern. Herr Luzzatti hatte noch geäußert, daß England die französischen Hoffnungen bitter enttäuscht habe. Man hätte in London erklärt, daß das Marokkoabkommen England verpflichte, diplomatisch Frankreichs Ansprüche zu unterstützen. Darüber hinaus könne England nicht gehen. Auch an der Newa wolle man wegen Marokkos die freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland nicht aufs Spiel setzen. Luzzatti gab zu, daß Delcasse den Plan verfolgt hätte, Deutschland völlig zu isolieren. Er habe aber mit falschen Prämissen gerechnet. Die japanischen Siege hätten, wie Delcasse selbst an Barrere schrieb, seine Pläne umgeworfen, nachdem er noch im vergangenen Frühjahr die ihm von Deutschland dargebotene Hand zurückgewiesen habe. Herr Delcasse habe damals in Rom die ihm von Italien übermittelte Anregung einer Begegnung des französischen Präsidenten mit Seiner Majestät dem Kaiser mit der ausdrücklichen Begründung abgelehnt, im französischen Volk brenne die Wunde von 1870 noch zu tief, es würde seine Staatsmänner nicht verstehen und sie, vielleicht sogar den Präsidenten, fortjagen, wenn es zu einer Begegnung zwischen dem Deutschen Kaiser und dem französischen Staatsoberhaupt komme. Jetzt herrsche in den weitesten Schichten des französischen Volks negativ „paura", positiv der Wille, die Regierung zu einem Ausgleich mit uns zu zwingen. Leichten Herzens würden sich die glühenden Patrioten Delcasse und Barrere gewiß nicht zu einem immerhin demütigenden Schritt entschlossen haben, denn sie bäten jetzt durch Luzzatti bei Monts direkt um gutes Wetter. Auf die Frage des deutschen Botschafters, ob die französische Regierung einen ehrlichen Frieden mit uns wolle, der ohne endgültigen Verzicht auf Elsaß-Lothringen nicht möglich sei — denn der Gott der Schlachten, 1870 nicht von uns angerufen, habe für Deutschland entschieden, die Reichslande wären mit dem Blute von hunderttausend braven deutschen Männern erkauft, so lange ein Deutsches Reich existiere, gäben wir sie nicht heraus, darüber dürfe kein Zweifel und kein Sous-Entendu bestehen —, hatte Luzzatti keine klare Antwort gegeben. DELCASSES SPIEL 117 Dagegen hatte er den ihm von Monts „suggerierten" Gedanken eines großen Arrangements zwischen Deutschland und Frankreich, ähnlich dem englisch-französischen, unter das dann auch neben nahem und fernem Orient Marokko zu subsumieren wäre, mit Begeisterung aufgegriffen. Luzzatti hätte ausgerufen, daß, wenn ein solches Arrangement gelänge, die Geschichte den Namen Kaiser Wilhelms II. als den des größten Pazifikators der Weltgeschichte und eines zweiten Titus für immer in ihre ehernen Tafeln eintragen würde. Hierbei stellte sich jedoch heraus, daß Herr Del- casse Teilungsvorschläge meditierte oder vorspiegelte. Darauf hatte Monts entgegnet, Deutschland könne den durch die Madrider Konvention geschaffenen Boden nicht verlassen. Es verlange für sich nur die gleichen Rechte wie für alle, und gerade deshalb sei seine Position so unangreifbar. Übrigens wäre ja die ganze marokkanische Angelegenheit nur das Symptom einer tiefgehenden Krankheit. An uns hätte es nicht gelegen, daß die deutsch-französischen Beziehungen nicht schon längst normale und solche geworden wären, wie sie zwischen Nachbarn bestehen sollten. Aber auch der übergeduldige deutsche Michel lasse sich nicht dauernd als Quantite negligeable behandeln. Diesem langen Bericht hatte Monts einen Privatbrief beigegeben, in dem er mir schrieb: „Ohne irgendwie der Entscheidung Eurer Exzellenz vorzugreifen, möchte ich als meinen persönlichen Eindruck, wie ich ihn aus den Äußerungen Luzzattis und sonstigen Symptomen hier gewinne, Hochdemselben folgendes ehrerbietigst unterbreiten: Delcasse sucht augenscheinlich in geschickter Wendung dort eine Stütze, wohin er bisher alle seine Angriffe richtete. Der ehrgeizige Mann sieht sich ohne einen Ausgleich mit uns verloren. Vielleicht hätten wir daher a priori gerade mit ihm leichtes Spiel. Dazu kommt, daß Barrere, der längst für Rom das Interesse verloren, für sich persönlich den Berliner Posten bei der Sache heraushängen sieht. Er«würde also mit Dampf arbeiten und schließlich seine gewichtige Stimme einlegen, wenn die Verhandlungen, wie vorauszusehen, schwierig werden sollten. Er wäre vielleicht später auch tatsächlich der richtige Mann, um die Verhältnisse zwischen Berlin und Paris dauernd zu guten zu gestalten. Eure Exzellenz würden ihn schon in seinen Schranken zu halten wissen! Der ehrgeizige Barrere will partout persönliche Erfolge erringen. Er würde mit Feuereifer vielleicht noch mehr für seinen Ruhm als für Frankreich arbeiten, wenn er sein Spiel auf die erstklassige deutsch-französische Karte setzen kann. Herr Barrere hatte mir vor zwei Jahren in Camaldoli schon einmal gesagt: ,Weshalb habt ihr, statt den Dreibund zu erneuern, nicht eine Allianz mit uns geschlossen?' Das X für mich ist freilich die Wandelbarkeit des französischen Volkscharakters. Oder sollte die Bourgeois- Republik sich schon zu einem solchen Phäakentum und Philistertum 118 EIN KUCKUCKSEI umgebildet haben, daß man nocb für eine weitere Reibe von Jahren auf ihr Fortbesteben und auf Ruhe in Frankreich rechnen kann? Wie Eurer Exzellenz höhere Einsicht hierüber auch urteilen mag und wie weit Hochdieselben in Ihrer französischen Politik auch eventuell gehen mögen, Sie wollen mir für heute gestatten, daß ich zu dem in der Marokkosache jetzt schon sichtbaren großen Erfolg unter dem heutigen Datum des faustus eventus Ihres Geburtstages meine wärmsten Glückwünsche ausspreche. Die Frucht des Canossagangs der Franzosen wird eine doppelte sein, wenn Seine Majestät der Kaiser in allen seinen Verlautbarungen Allerhöchstsich die größte Reserve jetzt auferlegen wollte." Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps. Ex post neige ich heute noch mehr als 1905 zu der Ansicht, der Holstein schon damals Ausdruck gab, nämüch zu der Meinung, daß dem Monts- schen Rettungsversuch für Delcasse der Wunsch zugrunde lag, auf diese Weise mit Nachhilfe von Barrere und Delcasse als Botschafter nach Paris zu kommen. Monts fühlte sich nicht mehr wohl in Rom, schon weil er sich dort in kurzer Frist allgemein unbeHebt gemacht hatte, in der italienischen Gesellschaft wie in der deutschen Kolonie. Das Ziel seiner Ambitionen war in erster Linie Paris, in zweiter Wien. Holstein war eine mißtrauische Natur, bisweilen, wie unbestreitbar ist, von krankhaftem Mißtrauen erfüllt. Aber wenn Robespierre gesagt haben soll, daß das Mißtrauen die notwendigste aller repubbkanischen Tugenden sei, so ist nicht zu leugnen, daß eine gute Dosis von dieser Eigenschaft auch dem Diplomaten zu empfehlen ist. Nüchtern sei, gedenk des Argwohns, dieses hält den Geist gelenk, sagt irgendwo Aristophanes, dessen Seele nicht nur nach Plato der Lieblingssitz der Anmut, sondern auch erleuchteter Vernunft war. Welches auch die Motive von Monts gewesen sein mögen, sie mußten erfolglos bleiben. Nur en passant gedenke ich eines Vorschlages von Eckardstein, der auf Umwegen an den Kaiser den Plan heranbrachte, in einer von Seiner Majestät zu haltenden „großen" Rede auszuführen, daß er zwar sein Recht wahrnehmen wolle, daß aber eine Friedensstörung ihm und seiner Regierung völlig fernliege. Ich zertrat dieses Kuckucksei in der Schale, zumal ich bald erfuhr, daß die Eckardsteinsche Proposition wieder einmal auf eine größere Börsenoperation zurückzuführen war, bei der er diesmal aber nicht ä la baisse, sondern a la hausse spekuherte. Als Kuriosum erwähne ich endhch nocb, daß die „eklatante Satisfaktion", die von Barrere und seinem Freunde Delcasse für Kaiser Wilhelm IL in Aussicht genommen war, wie sich später herausstellte, entweder das Großkreuz der Ehrenlegion sein DIE 150 000 ENGLÄNDER 119 sollte oder das Versprechen des Präsidenten Loubet, im nächsten Jahr auf eine Begegnung mit dem Deutschen Kaiser einzugehen. In meinen Unterredungen mit dem französischen Botschafter Bihourd, einem sehr höflichen, wohlerzogenen, eher schüchternen Diplomaten, den Delcasse wohl gerade deshalb nach Berlin geschickt hatte, um unter diesem Samthandschuh seine härtere Hand zu verbergen, vermied ich alle Drohungen, jede schroffe oder auch nur unhöfliche Wendung. In freundlichem Tone sagte ich dem Botschafter, daß, wenn er überzeugt sei, daß England den Franzosen zu Hilfe eilen werde, ich die Richtigkeit dieser Auffassung nicht a priori in Zweifel ziehen wolle. Ich gäbe auch vollkommen zu, daß England unserem Handel schwere Schläge versetzen, daß es unsere im Bau befindliche Flotte zerstören könne. Aber nach Lage der Dinge würde bei einem Krieg, den ich ebenso und geradeso wie Bihourd zu vermeiden wünsche, das arme Frankreich am meisten leiden. „C'est vous, je le con- state avec tristesse, qui payerez les pots casses, non par notre mechancete, mais par la force des choses." Je mehr sich die Situation zuspitzte, um so eifriger war England bemüht, seinen Schützling Delcasse zu halten. Die englische Regierung Heß Delcasse Sturz wissen, daß sie ihn nicht sitzenlassen würde. Frankreich möge ruhig die Delcasste Konferenz ablehnen und abwarten, ob Deutschland es wagen würde, die Offensive zu ergreifen. Delcasse versicherte bestimmt und wiederholt seinen Ministerkollegen, daß England bereit wäre, 150000 Mann nach Holstein zu werfen, die einen großen Teil der deutschen Landarmee von der deutschen Westgrenze abziehen würden. Am 6. Juni fand in Paris die entscheidende Ministersitzung statt. Delcasse vertrat die Ansicht, daß, wenn Frankreich auf seiner Ablehnung der Konferenz mit Festigkeit beharre, Deutschland zurückweichen, d. h. eine Demütigung dem Kriege vorziehen würde. Der Kriegsminister Bertaux zeigte sich weniger zuversichtlich. Der Ministerpräsident R o u vi e r gab die Entscheidung, als er die Überzeugung aussprach, daß Delcasse sich täusche, wenn er glaube, daß Deutschland nur bluffe. Der Ministerrat sprach sich für die Beschickung der Konferenz, also gegen Delcasse, aus. Da erhob sich dieser, erklärte seinen Austritt aus der Regierung und verließ tief gekränkt den Sitzungssaal. Er sollte erst acht Jahre später, vier Jahre nach meinem Rücktritt, wieder auf der großen politischen Bühne erscheinen, als ihm 1913 die Botschaft in St. Petersburg übertragen wurde, wo er alle Hebel in Bewegung setzte, um Rußland für den Krieg gegen Deutschland zu gewinnen und in diesen Krieg hineinzutreiben. Wenn er sich 1905 vergeblich bemüht hatte, entweder den Revanchekrieg oder eine tiefe Demütigung Deutschlands herbeizuführen, so war er 1913 der Sturmvogel, der dem Gewitter vorauszog, das sich ein Jahr später entlud. Die Beseitigung von Delcasse hat uns den Frieden für viele Jahre 120 DER BRANDSTIFTER erhalten. Ein Blatt, das seinerzeit meine Politik von 1905 lebhaft kritisiert hatte, das „Berliner Tageblatt", schrieb nach dem 1923 erfolgten Tod von Delcasse in einem „Das Ende eines Brandstifters" überschriebenen Artikel: die Laufbahn dieses Brandstifters habe mit dem Abschluß der Entente cordiale begonnen, wäre dann aber jäh unterbrochen worden, als der von Haß und Ehrgeiz geschwollene, mit aller Kraft zum Kriege gegen Deutschland treibende Delcasse 1905 gestürzt worden wäre. Neun Jahre später habe Delcasse, nachdem er als Abgesandter seines Freundes Poincare in Sankt Petersburg den Weltkrieg vorbereitet hätte, seinen Traum, die Entzündung des Weltbrandes, verwirklicht gesehen. VIII. KAPITEL Vermählung des Kronprinzen (6. VI. 1905) • Bülows Erhebung in den Fürstenstand Wilhelm II. und der General Lacroix • Folgen des Sturzes von Delcasse • Rouvier Der französische Patriotismus • Brief Metternichs zur Lage • Eduard VII. lädt den Deutschen Kronprinzen zu Jagden ein • Wilhelm IL gegen diese Reise • Die Lage in Rußland • Brief der Großfürstin Maria Pawlowna an ihren Onkel Prinz Heinrich VII. Reuß • Das Verhältnis zwischen Wilhelm IL und Nikolaus IL • Prinz Heinrich von Preußen • Entwurf eines deutsch-russischen RückVersicherungsvertrages • Korrespondenz zwischen Wilhelm II. und Nikolaus IL An demselben 6. Juni 1905, da Delcasse stürzte, fand in Berlin die Trauung des Deutschen Kronprinzen mit der Herzogin Cecilie von Hochzeit Mecklenburg-Schwerin statt. Am Vormittag dieses Tages erschien der Kai- » m Berliner ser bei mir im Reichskanzlerpalais, um mir mitzuteilen, daß er mich in den ScMo/? Fürstenstand erhoben hätte. Mit der liebenswürdigen Natürlichkeit, die sein großer Zauber war und blieb, meinte er: „Diesmal können Sie mir nicht entwischen. Das Patent ist unterzeichnet, die Ernennung wird schon durch Wolff verbreitet. Lucanus hat alles besorgt." In sehr herzlicher, sehr gütiger Weise fügte der Kaiser hinzu, er freue sich, gerade am Hochzeitstage seines ältesten Sohnes, des künftigen Königs und Kaisers, einem der hervorragendsten Diener seines Hauses diese Auszeichnung zuteil werden zu lassen. Bei diesem Anlaß möchte ich erwähnen, daß meine Erhebung in den Fürstenstand in keiner Weise mit dem Rücktritt des Herrn Delcasse zusammenhing, der erst am Abend des 6. Juni in Berlin bekannt wurde. Kaiser Wilhelm II. hat während seiner Regierungszeit 8ieben Erhebungen in den Fürstenstand vorgenommen. Vor mir wurden 1899 der Botschafter Graf Münster-Derneburg, 1900 der Botschafter Graf Philipp Eulenburg, Graf Richard zu Dohna-Schlobitten und Graf Edzard Kyphausen, 1901 Graf Guido Henckel-Donnersmarck, nach mir 1913 der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Graf Karl Wedel, in den Fürstenstand erhoben. Fürst Hermann Hatzfeldt hatte 1900 die Herzogswürde erhalten. Die Vermählung des Kronprinzen wurde mit großem Glanz gefeiert. Der Kronprinz sah glücklich, seine junge Frau reizend aus. Am Abend fand nach altem Brauch des königlichen Hauses der Fackeltanz statt. Ursprünglich wurden bei diesem altdeutschen Hochzeitstanz die Fackeln von den 122 DER FACKELTANZ Ministern getragen. Wilhelm II. fand mit Recht, daß es kein sehr ästhetischer Anblick wäre, bejahrte, zum Teil schon gebrechliche, zum Teil allzu beleibte Staatsmänner mühsam auf dem glatten Parkett des Weißen Saales eine Reihe von Rundgängen ausführen zu sehen, qualmende Fackeln in der Hand, die ihre reich vergoldeten Uniformen mit Wachs beträufelten. Er bestimmte, daß künftig junge und adrette Pagen die Fackeln tragen sollten, was in der Tat viel besser aussah. Jeder Prinz und jede Prinzessin mußten hinter dem Pagen, die paarweise vorausschritten, einen Rundgang durch den Saal unternehmen. Voraus schritt der Oberstmarschall Fürst Max Fürstenberg. Früher hatte der inzwischen zum Hausminister ernannte Oberhofmarschall und Oberzeremonienmeister Graf August Eulenburg mit unübertrefflicher Sicherheit, Würde und Vornehmheit den Fackeltanz geleitet. Er sah aus wie herausgeschnitten aus einem schönen Stich des Grand Siecle. Aber auch Max Fürstenberg, wenngleich weniger distinguiert, gewährte in der roten Galauniform der Gardeducorps einen stattlichen Anblick. Ich stand während der Zeremonie neben dem französischen Botschafter, der mit einer Mischung von Melancholie und Neid die Bemerkung fallen ließ: „Et nous aussi, nous avons vu et connu tout cela lorsque le Roi-Soleil tronait ä Versailles et attirait tous les regards. Enfin, chacun son tour, comme disait en mourant ce bon Benjamin Constant." Das Hochzeitsfest des Kronprinzen war glänzend und mußte jeden kultivierten Europäer erfreuen, jeden, der nicht böotisch empfand. Und doch ließen auch die prächtigsten Hoffeste bei mir meist einen melancholischen Eindruck zurück. Ich entsinne mich einer Paradetafel am 2. September, dem Sedantag, nach deren Aufhebung Posadowsky und ich aus einem der Fenster des Schlosses auf das von der untergehenden Sonne rot beleuchtete Berlin blickten. Mit dem Ausdruck schweren Ernstes, der ihm eigen war, sagte mir Posadowsky, auf den roten Abendhimmel deutend: „Wenn der Kaiser fortfährt, so übermütig und insbesondere so unbesonnen zu sein, so wird früher oder später dies Schloß von der Masse bedroht, vielleicht gestürmt werden." Als ich am 6. Juni 1905, etwas ermüdet von den langen Zeremonien der Wilhelm II. Hochzeitsfeier und noch mehr von der großen Hitze, die an diesem Tage in und General Berlin geherrscht hatte, mich gegen Mitternacht auf der Gartenterrasse Lacroix neDen me inem Arbeitszimmer in der nächtlichen Kühle erholte, ließ mir der Kaiser telephonieren, er habe soeben von Wolff die Nachricht erhalten, daß Delcasse zurückgetreten wäre. Ich hatte den Rücktritt erwartet, der mich freute, ohne mich zu überraschen oder gar zu erregen. Aber ich beging einen Fehler, als ich mir nicht sogleich sagte, daß der Kaiser bei seinem Naturell und mit seinem Temperament aus der quälenden Sorge, die ihn wegen der Spannung mit Frankreich bisher beherrscht hatte, in das andere Extrem, in übertriebenen Jubel, übertriebene Hoffnungen und namentlich in ein DER FRANZÖSISCHE HOCHZEITSGAST 123 übertriebenes Entgegenkommen gegenüber Frankreich verfallen würde. Das Verständnis für die Notwendigkeit des Horazischen Aequam memento rebus in arduis Servare mentem, non secus in bonis Ab insolenti temperatam Laetitia, moriture Delli lag ihm nicht. Dieselbe Empfindung wie ich hatte der wohlmeinende, politisch nicht unverständige Flügeladjutant Graf Kuno Moltke gehabt, ein Jugendfreund von mir aus Neustrelitz, der mir in der Nacht schrieb, der Kaiser würde am nächsten Tage bei einer von ihm angesetzten Felddienstübung den zu den Hochzeitsfeierlichkeiten entsandten französischen General Lacroix treffen. „Ich teile Ihnen dies mit, auf daß rechtzeitig in den schäumenden Wein der kaiserlichen Freude, ich will nicht sagen Bitterwasser, aber doch aqua destillata von Ihnen gemischt werde." Leider erhielt ich diesen Brief durch ein Versehen oder die Bummelei des mit seiner Überbringung beauftragten Lakaien erst am Mittag des folgenden Tages. Inzwischen hatte der Kaiser in einem erregten Herzenserguß dem General Lacroix seine enthusiastische Freude über den Rücktritt von Delcasse und gleichzeitig die feste Überzeugung ausgedrückt, daß nunmehr alles in schönster Ordnung wäre. Auf Marokko habe er nie Wert gelegt, er gönne es gern den Franzosen. Diese spontane, gut gemeinte, aber undiplomatische und unpolitische Expektoration des Kaisers hat uns bis zur Konferenz von Algeciras und darüber hinaus die Unterhandlungen mit Frankreich und die Beziehungen zu Frankreich sehr erschwert. Nicht mit Unrecht sollte mir Holstein vor der Algeciras-Konferenz im Herbst 1905 schreiben: „Während wir im Schweiße unseres Angesichts für einen unseren wirtschaftlichen und politischen Interessen entsprechenden Ausgang des Marokkostreits kämpfen, hatte Seine Majestät schon längst nachgegeben. Die Franzosen wußten das, aber unser Publikum wußte es nicht, sondern stand ohne Erklärung vor der Tatsache, daß die französische Regierung vor der Rückkehr des Generals Lacroix weich und nachgiebig gewesen, nachher aber zähe und selbstbewußt geworden war. Die Franzosen hatten eben die direkte Zusage des Kaisers." Der Sturz von Delcasse war für uns kein Augenblickserfolg. Sein Sturz lähmte den französischen Chauvinismus in gleichem Maße wie die englischen Jingoes. Das erleichterte nicht nur die Fortführung unseres Flottenbaus, sondern unsere ganze Politik. Delcasse war das Instrument, dessen sich unsere Gegner bedienen wollten, um uns zu treffen. Durch Delcasse dachten, wie der damals in London weilende Karl Peters mit Recht schrieb, diejenigen englischen Kreise, die uns unser Flottenprogramm nicht ausführen 124 ROUVIER lassen wollten, Frankreich zum Kriegsbündnis mit England zu bewegen, um uns dann mit der englischen Flotte zu überfallen. Daß wir dies verhinderten, war gerade damals, wo wir uns mit unserem Flottenbau auf der Mitte des Weges befanden, besonders wichtig. Rouvier, der an die Stelle von Delcasse trat, war, wie alle französischen Minister, die seit 1871, seit dem Frankfurter Frieden in dem schönen Palais am Quai d'Orsay gewaltet haben, durch und durch Patriot. Er hatte Gambetta nahegestanden. Sein Aufstieg ist charakteristisch für das dramatische Element, das die französische Geschichte und französische Politik so anziehend macht. Wenige Tage nachdem die französische Nationalversammlung in Bordeaux den Präliminarfrieden mit Deutschland angenommen hatte, begegneten sich in der Hauptstadt der Gironde zwei junge Südfranzosen, Cremieux und Rouvier. Seit langem befreundet, überlegten sie miteinander, was sie unter den obwaltenden Verhältnissen anfangen sollten. Cremieux schlug vor, nach Marseille zu fahren, wo die radikale Partei, der sie beide angehörten, sich der Gewalt bemächtigt habe. Als Wahlmacher von Gambetta hatte Cremieux dort Beziehungen und Einfluß. Rouvier meinte, es sei ratsamer, mit Thiers nach Versailles zu gehen. Am nächsten Morgen traf Cremieux in Marseille ein, er wurde dort von seinen Freunden empfangen und nach dem Rathaus geleitet, wo er die Kommune von Marseille proklamierte und sich selbst zum Chef der Kommune. Im Laufe des Nachmittags wurde er von dem in Marseille kommandierenden General, der nicht den Kopf verloren hatte, arretiert und im Laufe der darauffolgenden Nacht nach französischer, in allen französischen Revolutionen bewährter Tradition erschossen. Gambetta kam, auch nachdem er der mächtigste Mann in Frankreich geworden war, nie nach Marseille, ohne der Witwe von Cremieux einen Besuch abzustatten. Der vorsichtigere Rouvier überstand im Schatten von Thiers die Krisis der Kommune, ließ sich 1876 in die Deputiertenkammer wählen, wurde 1881 Handelsminister, 1887 und dann wieder 1905 Ministerpräsident. Er kam nach und nach nicht nur zu erhebUchem politischem Einfluß, sondern als geschickter Financier auch zu einem nicht unbedeutenden Vermögen. Er stand in guten Beziehungen zu der Pariser Hautefinance, namentheh zum Hause Rothschild. Er war für die nach dem Rücktritt von Delcasse entstandene Situation der gegebene Mann, da er schon im Hinbbck auf die französischen Finanzen vor allem den Frieden wollte. Schon vor dem Rücktritt von Delcasse hatte mir der Unterstaatssekretär Rouvier von Mühlberg, dessen ruhiges und abgewogenes Urteil sich mehr und [■unscht Ver- menr hewährte, geschrieben: „Alle Anregungen, die von Delcasse kommen, standigimg jjjggjj-j-g j c ;h fQ r Versuche halten, uns aus unserer jetzigen Position herauszudrängen, ohne uns Ernsthaftes zu bieten. Nicht so mit Rouvier, der vor allem Finanzmann ist. Wie alle Leute dieser Kategorie will er in dieser NOCH KEINE FRANZÖSISCHEN VORSCHLÄGE 125 seiner hervorragenden Eigenschaft den Frieden. Er möchte keine Verwicklungen mit uns. Ich möchte deshalb seine Annäherungsversuche für ehrlich gemeint halten. Sie bestehen eine Prüfung, wenn Radolin auf seine Friedenswünsche mit uns eingeht und ihm bei gegebener Gelegenheit, die er aber nicht zu suchen hat, sagt: Bist du wirklich so versöhnlich und deutschfreundlich gesinnt, nun gut — eine Konferenz ist der beste Weg, die Sache zu ordnen. Wir werden dann hören, ob Rouvier seine Freundschaftsschalmei weiterbläst. Die Konferenz ist nicht allein ein äußerer Erfolg unserer Politik, der im Ausland wie im Inland uns Prestige verleiht, sie kann auch materiell gut von uns ausgefüllt werden." Der Gesandte Graf Tattenbach hatte, nachdem er sich de visu in Fez von der Zerfahrenheit und Verrottung der Verhältnisse im Scherifischen Reich, dem Maghreb el Aksa, überzeugt hatte, den Vorschlag gemacht, Frankreich und Spanien die Teilung von Marokko nach Interessensphären vorzuschlagen. Dieser Gedanke hätte sicherlich zunächst den stürmischen Beifall aller Alldeutschen gefunden, ich glaube aber noch heute, daß Herr von Mühlberg sich nicht irrte, wenn er in seinem Votum vom 30. April ausführte: „Wenn nach Dezennien ein Historiker in unseren Archiven das Telegramm Nr. 1084 ausgräbt, so wird er wahrscheinlich sagen: Der Gesandte hat recht gehabt. Warum wirft sich die deutsche Politik zur Schützerin von Reichen auf, die wie Türkei und Marokko durch den Lauf der Geschichte zum Untergang bestimmt sind ? Allein wir armen Zeitgenossen müssen mit den gegebenen Tatsachen rechnen. Einer Politik, wie sie Graf Tattenbach inauguriert zu sehen wünscht, steht zuerst der Widerwille Seiner Majestät entgegen, der kein militärisches Festlegen in Marokko wünscht, und dies müßte ins Auge gefaßt werden, sobald wir dort uns eine Interessensphäre aneignen. Sodann stehen dieser Politik entgegen unsere bisherigen Erklärungen und Versicherungen, den Status quo zu erhalten und nur für ,open door' zu fechten." Positive Vorschläge wegen einer Verständigung über Marokko sind uns 1905 von französischer Seite überhaupt nicht gemacht worden. Das stellte sechs Jahre später in der Sitzung der Budgetkommission des Reichstags vom 11. November 1911 der damalige Staatssekretär des Auswärtigen Amts von Kiderlen-Waechter fest, indem er ausführte: Nach der Tangerreise des Deutschen Kaisers habe Delcasse den Versuch einer direkten Verhandlung mit uns gemacht, der aber mangels positiver Vorschläge von französischer Seite zu keinem Ergebnis geführt hätte. Nach dem Rücktritt von Delcasse habe Rouvier auf offiziellem und offiziösem Wege dem Wunsch nach einer Verständigung mit uns Ausdruck gegeben, wobei zum erstenmal das Wort „Kongo" gefallen wäre. Wir hätten positive Vorschläge erbeten, ohne damit zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. „Inzwischen", schloß Kiderlen seine damaligen Ausführungen, „hatten wir uns auf den Stand- 126 ENGLISCHER ÄRGER ÜBER DELCASSfiS STURZ punkt festgelegt, daß Änderungen in Marokko nur mit Zustimmung der Signatarmächte der Madrider Konferenz erfolgen dürften, um uns eventuell nicht zwischen zwei Stühle zu setzen. Daher konnte Fürst Bülow nicht weiter auf die französischen Verständigungswünsche eingehen, die niemals von positiven Vorschlägen begleitet gewesen waren." In ihrer Beurteilung des ganzen Streits um Marokko ging unsere öffentliche Meinung deshalb so oft in die Irre, weil sie die Unterströmungen in Frankreich und die Leidenschaftlichkeit und Intensität des französischen Patriotismus nicht richtig einschätzte. Sehr friedlich, sehr gutmütig, etwas naiv, bei allen seinen sonstigen großen und herrlichen Eigenschaften politisch wenig begabt, beurteilte und beurteilt der Deutsche den Franzosen zu sehr nach sich selbst und unterschätzt den brennenden französischen Ehrgeiz, die grenzenlose französische Eitelkeit, die französische Härte und Grausamkeit, aber auch die französische Spannkraft und Elastizität, den bewunderungswürdigen Patriotismus aller Franzosen. Deshalb wies ich schon vor dem Weltkrieg* auf die nie übertroffene Schilderung des französischen Charakters durch Alexis de Tocqueville hin, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem meisterhaften Werk „L'ancien regime et la revolution" schrieb: „Quand je considere cette nation, je la trouve plus extraordinaire qu'aucun des evenements de son histoire, faisant toujours plus mal ou mieux qu'on ne s'y attendait. La plus brillante et la plus dangereuse des nations de l'Europe et la mieux faite pour y devenir tour ä tour un objet d'admiration, de haine, de pitie, de terreur, mais jamais d'indifference." Je mehr von engbscher Seite Neid und Haß bemüht gewesen waren, Antideutsche Delcasse zu stützen, die englische Presse laut und dreist, König Eduard Stimmung in (jj e unter seinem Einfluß stehenden Minister des Tory-Kabinetts mehr England j m gt j|] en? um so g ro ßer war an der Themse der Ärger über den Sturz dieses Staatsmannes, der durch den Lauf der Ereignisse wie in seinem tiefen und hitzigen Haß gegen Deutschland die Revanche-Idee verkörperte. Am 25. Juli 1905 schrieb mir unser Botschafter Paul Metternich aus London: „Ihre Königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland und die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, welche mit ihren Kindern in Seaford, einem kleinen englischen Badeort, weilen und seit etwa acht Tagen im Buckingham Palace zum Besuch sind, hatten sich heute zum Lunch bei mir angesagt. Die Kronprinzessin sagte mir, sie sei ganz erschrocken und traurig über die antideutsche Stimmung, die hier bei Hofe herrsche. Sie sei ahnungslos in dieses erbitterte Milieu hineingeraten. Es wäre dies sehr traurig, da England und Deutschland eigentlich dazu berufen wären, zusammenzugehen. König Eduard wünsche, trotz seiner * Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, S. 81 f. EDUARD VII. VERSTIMMT 127 augenblicklichen Verstimmung, im Grunde seines Herzens gute Beziehungen zu uns. Viel habe wohl bei der Verstimmung die Eifersucht des Königs auf die größere Begabung seines kaiserlichen Neffen zu tun. Auch Marokko spiele dabei mit. Eine Zusammenkunft zwischen unserem Allergnädigsten Herrn und König Eduard würde gewiß viel dazu beitragen, um die persönliche Verstimmung auf beiden Seiten zu heben. König Eduard gehöre der alten Schule an, sei von Natur gut und wohlwollend und leicht zu gewinnen avec de petits egards. Die Kronprinzessin von Griechenland, die, wie Sie wissen, eine aufrichtige Bewunderung für ihren kaiserlichen Bruder, zugleich aber auch viele englische Sympathien hat, bedauert die hiesige Gereiztheit und gab mir darin recht, daß dafür gar kein Grund vorliege, da wir den Engländern nichts Unfreundliches getan hätten. Auch die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen bestätigte mir das Vorhandensein einer an das Unvernünftige grenzenden antideutschen Stimmung. Ich weiß nicht, wie Graf Seckendorff sich Ihnen gegenüber ausspricht. Da seine Äußerungen nicht frei von persönlichen Beweggründen sind, so lege ich ihnen kein allzu großes Gewicht bei. Hier suchte er beschwichtigend zu wirken, aber ohne sonderlichen Erfolg. Er erzählte hier, daß wir unsere Flotte bauten, damit wir ein wertvoller Bundesgenosse für England werden. Die Engländer mokierten sich natürlich über dergleichen Versuche im jetzigen Moment. Es hat, wie ich aus guter Quelle weiß, König Eduard ganz besonders verstimmt, daß man in Deutschland geglaubt und verbreitet hätte, England wolle die Franzosen nur in die Marokko-Affäre hineinjagen, um sie mit uns zu verhetzen und sie dann sitzenzulassen. Mich sucht man hier bei Hofe, besonders von gelegentlich durchreisenden Landsleuten, auch anzuschwärzen und einer stark antienglischen Politik zu beschuldigen. Diese Bemühungen haben bisher aber hier keinen Erfolg gehabt, besonders nicht bei König Eduard. Ich vermute, daß dieselben Gelegenheitsbesucher mich in Berlin oder Norderney einer anglophilen Haltung verdächtigen." Die Verstimmung des Königs Eduard über die deutsche Presse war in diesem Fall nicht ganz unbegründet. Plumpe Insinuationen mancher deutscher Blätter über das „perfide Albion", das die „armen" Franzosen in den Marokko-Sumpf gelockt habe, um sie dann kaltblütig ihrem Schicksal zu überlassen, ärgerten nicht nur den englischen König, sondern auch weite Kreise des englischen Volks. Die Absicht solcher Insinuationen lag zu klar zutage, als daß sie nicht Verstimmung hätte hervorrufen sollen. Der frühere Oberhofmeister der Kaiserin, Friedrich Graf Götz Seckendorff, war nicht der einzige Hofmann, der sich für die Londoner Botschaft besonders geeignet hielt. Von dem gleichen Wahn waren auch andere Höflinge, wie der Hofmarschall Reischach und der Zeremonienmeister Eugen 128 WILHELM II. UND „DER JUNGE" Röder, befangen. Der erstere stützte seine Ansprüche auf die weitläufige Verwandtschaft seiner Frau, einer geborenen Hohenlohe, mit dem englischen Königshause, der letztere berief sich auf den Umstand, daß seine Gattin sogar von Geburt Engländerin wäre. Da die durch die Natur der Dinge hervorgerufene Gegnerschaft zwischen uns und England durch das unfreundliche Verhältnis zwischen dem Onkel in London und dem Neffen in Berlin noch verschärft wurde, so war ich bemüht, wenigstens in letzterer Richtung eine Besserung herbeizuführen. Unser Kronprinz gefiel dem König Eduard persönlich weit besser als unser Kaiser. Der Kronprinz war weniger glänzend als sein Herr Vater, nicht so vielseitig begabt, aber er war bescheidener als dieser, weniger laut, er hatte mehr Takt, eine Eigenschaft, die bekanntlich angeboren ist und sich weder erwerben noch lernen läßt. Vor allem lagen zwischen dem König und seinem Großneffen nicht die bösen Erinnerungen, die seit San Remo und den neunundneunzig Tagen das Verhältnis zwischen Neffen und Onkel vergifteten. König Eduard hatte wiederholt seinen Großneffen zu einem Besuch in England eingeladen. Ich wünschte, daß der junge, damals dreiundzwanzigjährige Prinz die Einladung annehmen möge, stieß aber auf hartnäckigen Widerstand sowohl beim Kaiser wie bei der Kaiserin. Der Kaiser wollte selbst gern nach England fahren, und zwar so oft als möglich. Wenn das nicht zu erreichen war, so sollte auch „der Junge", wie er seinen ältesten Sohn zu nennen pflegte, nicht die Freuden englischer Gastfreundschaft und des großartigen englischen Lebens genießen. Es war damit nicht anders wie mit der Uniform der Gardeducorps. Auf seine wiederholte Bitte erhielt der Kronprinz zwar eine Schwadron bei diesem Eliteregiment, aber nicht dessen Uniform. Er mußte sich mit dem Koller eines Linien-Kürassierregimentes begnügen. Es gab Rechte und Genüsse, die Wilhelm II. mit niemandem, auch nicht mit seinem ältesten Sohn teilen wollte. Dahin gehörte das Recht, die stärksten Hirsche in Rominten zu schießen, das Monopol der prächtigsten Uniformen und das Herumreisen in England. Die Kaiserin war erst recht gegen eine englische Reise ihres ältesten Sohnes, schon aus Besorgnis, daß die Tugend des Kronprinzen in dem Lande der schönen Frauen und reizenden Misses gefährdet werden könnte. Je feindseliger gegen Deutschland die Stimmung in England wurde, Kritische um so mehr drängte Wilhelm II. nach der russischen Seite. Als letztes Ziel Situation schwebte ihm ein regelrechtes und förmliches deutsch-russisches Bündnis Rußlands V0I ^ oJj-yyoJj] i cn j nm schon bei meiner Geschäftsübernahme und seitdem wiederholt auseinandergesetzt hatte, daß das, was er im Frühjahr 1890 mit der von seiner Seite erfolgten Kündigung des Bismarckschen Rück- versicherungsvertrages ausgeschlagen hätte, nachdem sich inzwischen die russisch-französische Allianz bei beiden beteiligten Völkern eingelebt habe, GEFAHR IN RUSSLAND 129 in der alten Form nicht wieder zurückzubringen wäre. Hierbei betonte ich immer wieder, daß bei einer vorsichtig und einigermaßen klug geführten deutschen Politik ein gutes und freundschaftliches Verhältnis mit Rußland auch ohne Staatsvertrag möglich sei. Der Wunsch, mit Rußland zu einem vertragsmäßigen Verhältnis zu gelangen, tauchte bei Wilhelm II. wieder sehr lebhaft auf, als ihm der Zar infolge des für Rußland unerfreulichen Ganges des Russisch-Japanischen Krieges anlehnungsbedürftiger erschien. Es waren nicht allein die Erfolge der wie von Wilhelm II. so auch vom russischen Hofe lange verachteten Japaner, die dem Zaren Sorgen einflößten. Auch im Innern des russischen Riesenreichs gestaltete sich die Lage kritisch. Die Großfürstin Maria Pawlowna schrieb an ihren Onkel, den Prinzen Heinrich VII. Reuß, unseren ehemaligen Botschafter in St. Petersburg, Konstantinopel und Wien, der mir auch diesen Brief vertraulich mitteilte: Der Arbeiterunruhen sei man Herr geworden durch die Macht der Truppen. Die Geister aber hätten sich nicht beruhigt. Im Gegenteil, aller Klassen und Kreise habe sich eine Art Fieber bemächtigt, und jeder glaube sich berufen, das Vaterland zu retten und zu führen. Dieser allgemeine Zustand sei ein nur zu günstiger Boden für ernste Umsturzpläne, und die Leute wären auch nicht müßig pour exploiter et diriger le mouvement. Es hieß weiter in diesem Schreiben: „Das Traurigste bei dem allen ist der totale Mangel d'une ligne de conduite von oben. Man schwankt von einem System zum andern, oft von einem Tag zum andern, und Du kannst Dir denken, wie das alles zurückwirkt. Darum ist auchwenig Hoffnung und Rettung, und die scheinbaren Reformen haben keinen Gehalt, denn man läßt ihnen keine Zeit. Kaum ausposaunt, sind sie schon durch neue ersetzt, meistens gelähmt. Man will oder kann nicht klar sehen, und warnende Stimmen wie zum Beispiel Wladimirs bleiben ohne Erfolg. Ich fürchte, Attentate werden bald ihre Schrecken verbreiten und die allgemeine Konfusion noch vergrößern. Könnte ein halbwegs anständiger Frieden bald kommen, ließe sich die Geschichte vielleicht noch aufhalten. Eine feste, energische Hand könnte überhaupt alles noch retten. Nun, das steht in Gottes Willen. In treuer Liebe Maria." Ähnlich wie die Großfürstin Wladimir sprach sich mir gegenüber vertraulich der russische Botschafter Osten-Sacken aus. Die Hauptgefahr wurzle in einem allgemeinen Gefühl von Unsicherheit. Beinahe weinend resümierte der greise Diplomat seine Ansicht in die Worte: „Un peu d'energie pourrait nous sauver, mais on ne la voit paraitre nulle part." Für Osten-Sacken stand nach seiner eigenen Mentalität wie nach den Traditionen seiner Familie die Rettung der russischen Dynastie in erster Linie. Deshalb war er gegen einen Frieden mit Japan um jeden Preis. Einen solchen wünschten nach seiner Angabe Liberale und Umstürzler, die in Rußland manchmal schwer zu unterscheiden 9 Bülow II 130 DIE RUSSISCHEN NIEDERLAGEN wären. Auch Witte empfehle einen solchen, aber aus Ranküne gegen Kaiser Nikolaus II. Gewiß würde ein Friedensschluß in diesem Augenblick, meinte der russische Botschafter, momentan von der Presse in Rußland und von den Börsenkreisen der ganzen Welt mit Befriedigung begrüßt, aber bald nachher von dem ganzen russischen Volk als eine furchtbare Demütigung empfunden und für diese der Zar persönlich und direkt verantwortlich gemacht werden. ,,(^a pourrait etre la fin." Wenn aber der Zar durchhalte, würde sich die Lage für ihn bessern und für Japan verschlechtern. Der deutsche Generalstab beurteilte die militärische Lage in Ostasien ähnlich. Er hielt es für ausgeschlossen, daß Rußland selbst durch weitere japanische Siege zu Lande oder zu Wasser gezwungen werden könnte, Frieden zu machen. Japan könne Sachalin und auch Wladiwostok erobern, aber irgendwo in den sibirischen Steppen würde es haltmachen müssen und werde dann genötigt werden, mit Gewehr bei Fuß und unter kolossalen Geldopfern zu warten, bis die russische Armee nach längeren Monaten wieder schlagfertig sei. General Kuropatkin habe einige große Fehler gemacht, aber bei Rückschlägen eine außerordentliche Tatkraft entwickelt. Der russische Soldat habe auch im Unglück eine ganz ungewöhnliche Widerstandskraft und Zähigkeit gezeigt. Unser Generalstab sah das entscheidende Moment für Rußland in der Ausdauer, Für mich waren damals zwei Momente entscheidend, um ein weiteres Durchhalten Rußlands gegenüber Japan zu wünschen: einmal die Besorgnis, daß ein übereilter, allzu ungünstiger Friedensschluß mit Japan den Zarenthron gefährden könne. Ich hielt alles in allem mit meinem größten Vorgänger ein zaristisches Rußland für den Weltfrieden wie für die deutschen Interessen für nützlicher als ein parlamentarisch regiertes oder republikanisches, in dem die grundsätzlich und leidenschaftlich antideutschen panslawistischen Elemente zu noch größerem Einfluß gelangen würden. Hiervon abgesehen, erschien es mir in unserem Interesse ratsam, daß Rußland sich in Ostasien so sehr als möglich engagierte, schon um dadurch die russische Aufmerksamkeit vom Balkan und die russischen Heere von der österreichischen und deutschen Grenze abzulenken. Kaiser Nikolaus stand seit seinem Regierungsantritt unserem Kaiser mit gemischten Gefühlen gegenüber, bald freundschaftlich und selbst vertrauensvoll, bisweilen gereizt und übellaunig. Der Kaiser hatte den Zaren nicht allein, wie ich schon mehrfach andeutete, durch allzu häufige und unerbetene Ratschläge wie Besuche verstimmt, sondern auch mit seiner fast naiv zur Schau getragenen Präpotenz, über die sich namentlich die beiden russischen Kaiserinnen, Maria Feodorowna und Alexandra Feodo- rowna, ärgerten. Diese Präpotenz kam nicht nur in den Briefen des Kaisers zum Ausdruck, sondern auch in den nach seinen Angaben von seinem Leib- NICKY UND WILLY 131 maier Knackfuß angefertigten Bildern, die er dem Zaren zu Weihnachten und zu seinem Geburtstag als eigene Erzeugnisse verehrt hatte. Das erste dieser Bilder war nach der Besitzergreifung von Kiautschou entstanden und zeigte Wilhelm II. in sinnbildlicher Verherrlichung als Erzengel mit feurigem Schwert, der die Großmächte zum Kampf gegen den unheiligen Buddha auffordert. Ich habe bei Besprechung unserer wirtschaftlichen wie politisch wichtigen Beziehungen zu Japan erwähnt, wie sehr uns diese geschmacklose Allegorie bei Millionen Buddhisten geschadet und unser Verhältnis zu Japan erschwert hat. Dem russischen Kaiser hat sie vielleicht zugesagt. Das zweite Bild, wo der heilige Michael mit dem eisernen Kreuz auf der Brust und vielen Beichsadlern auf seinem Harnisch die gegen den Tempel der Ordnung und des Friedens anstürmenden Dämonen der Hölle abwehrt, konnte revolutionären Geistern mißfallen, aber kaum dem Russenkaiser. Ganz übel aber war das dritte Bild, auf dem Kaiser Wilhelm in prächtiger Haltung und schimmernder Rüstung, in der hocherhobenen Rechten ein riesiges Kruzifix, vor dem Zaren steht, der in demütiger, beinahe lächerlicher Positur und in einem byzantinischen Gewände, das mehr einem Schlafrock gleicht, bewundernd zu dem Deutschen Kaiser aufschaut. Im Hintergrunde kreuzen deutsche und russische Panzerschiffe. Wenn also die Gefühle des Kaisers Nikolaus für Kaiser Wilhelm geteilt waren, so empfand der Zar für seinen Schwager, den Bruder des Deutschen Nachrichten Kaisers, den Prinzen Heinrich von Preußen, nur Freundschaft und Ver- des Prinzen trauen. Das hatte mich im April 1905 veranlaßt, den Prinzen zu bitten, den Zaren persönlich aufzusuchen, um sich de visu et auditu über dessen Stimmung zu informieren und ihm Mut und Ausdauer einzuflößen. Der Prinz war immer bereit, sich seinem Bruder, dem Kaiser, und dem Lande nützlich zu machen. Er schrieb mir, daß auch seine Privatnachrichten aus Petersburg beunruhigend lauteten. Man fürchte am Hofe besonders die Rachsucht von Witte, der mit der Kaiserin-Mutter gut stehe, um so schlechter mit der regierenden Kaiserin, die ihm zutraue, daß er unter Umständen kein Mittel, auch das schlimmste nicht, scheuen würde, um seine Zwecke zu verwirklichen. Weiter hieß es in diesem Brief: „Mit unserem Kaiser hatte ich auf der Fahrt von Bremen nach Cuxhaven, wie immer im Kreise einer größeren Zuhörerschaft, ein leider wenig sachliches Gespräch über den Zaren, währenddessen ich in die Rolle gedrängt wurde, die Person des Zaren vor Anklagen und Ausdrücken schärfster Art zu schützen. Im Verlauf dieses Gesprächs betonte S. M. die Notwendigkeit, daß der Zar zu seinen Truppen nach der Front müsse. Daß das Haus Romanow um seine Krone und somit um seine Existenz kämpft, unterhege wohl keinem Zweifel... Die Rolle, die Sie mir zugedacht haben, wird sich am besten Heinrich 132 DER KAISER WILL DIE KRONE NIEDERLEGEN dadurch einleiten lassen, daß ich meine Frau nach Zarskoje Selo begleite, woselbst sie ihre Schwester Elisabeth trifft, um gemeinsam mit dieser nach Moskau zu reisen und dort einige Wochen zu verbleiben. Ich selbst dachte meinen Aufenthalt auf zwei bis drei Tage in Zarskoje zu beschränken. Aufrichtig danke ich für das mir in letzter Zeit wieder mehrfach erwiesene Vertrauen, dessen ich mich würdig zu erweisen versuchen will. Ihr Chiffreur, der mir Ihren Brief überbrachte, soll Ihnen diese Zeilen übergeben mit einem sehr herzlichen Gruß von Ihrem allzeit dankbaren und ebenso treuen wie aufrichtig ergebenen Heinrich, Prinz von Preußen." Nach mehrtägigem Aufenthalt in Zarskoje Selo drahtete mir Prinz Heinrich: „Kaiser vorläufig entschlossen, Krieg fortzusetzen, ungeachtet starker Friedensagitation. Er setzt seine ganze Hoffnung auf Roschdestwensky, welcher binnen kurzem im Sunda-Archipel ankommen soll, Kaiser in ruhiger, normaler Stimmung." Trotz ernster Bedenken von meiner Seite bestand Wilhelm II. darauf, daß die unter Admiral Roschdestwensky gegen die Japaner entsandte russische Flotte durch deutsche Kohlenlieferungen unterstützt würde, wobei auch der Wunsch mitsprach, der von Seiner Majestät so sehr geliebten Hapag, der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Aktiengesellschaft, ein von Albert Ballin lebhaft befürwortetes, für unsere größte Dampfschiffsgesellschaft in der Tat vorteilhaftes Geschäft zuzuwenden. Der Drang Seiner Majestät, der russischen Flotte einen vernichtenden Schlag gegen die verhaßten Japaner zu ermöglichen, war so ungestüm, daß er mir, als ich im Hinblick auf Japan wie auf England Vorsicht anempfahl, mit gewohnter hitziger Übertreibung seiner Rednerei sagte und mir sogar schrieb: Er persönlich könne es weder mit seiner brüderlichen Freundschaft für den Zaren noch mit seiner Christenpflicht vereinbaren, die russische Flotte in ihrem Kampf für das Kreuz im Stiche zu lassen. Da ich aber bei der schwierigen internationalen Gesamtlage für die Leitung unserer auswärtigen Politik unentbehrlicher wäre als er selbst, so würde er, wenn ich auf meinem Widerspruch gegen die deutschen Kohlenlieferungen an die russische Flotte beharre, die Krone niederlegen und seinen Sohn auffordern, mit meiner Unterstützung in der mir richtig erscheinenden Weise weiterzuregieren. Natürlich habe ich diese Boutade ebensowenig ernst genommen wie• zahlreiche gleich exzentrische Marginalien. Als der Zar nach dem Zwischenfall bei der Doggerbank, der ihn wenig- Deutsch- stens vorübergehend aus seiner gewohnten indolenten Apathie aufgerüttelt russisches hatte, in einem Augenblick besonderer Mutlosigkeit, verbunden mit Gereizt- ^l""^' ^eit 8 e 8 en perfiden Engländer, dem Kaiser eine Allianz vorgeschlagen scheitert natte > setzte ich seinen Wünschen entsprechend einen Vertragsentwurf in drei Artikeln auf, der trotz des bestehenden russisch-französischen EIN BRIEF, DEN DIE BOLSCHEWISTEN VERÖFFENTLICHEN 133 Allianzvertrages vielleicht die russische Zustimmung finden konnte. Als Zweck dieses Vertrages war im Eingang der Wunsch bezeichnet worden, den Russisch-Japanischen Krieg möglichst zu lokalisieren. Der defensive Charakter des Bündnisses wurde in den Vordergrund gestellt. In Artikel I hieß es, daß, wenn eines der beiden Kaiserreiche angegriffen werden sollte, sein Verbündeter mit allen seinen Streitkräften zu Lande und zur See ihm beistehen müsse. Vorkommendenfalls würden die beiden Verbündeten gemeinsame Sache machen, um Frankreich zur Beachtung der Verbindlichkeiten aufzufordern, die es nach dem Wortlaute des französischrussischen Bündnisvertrages übernommen habe. Durch Artikel II verpflichteten sich die beiden hohen Parteien, keinen Separatfrieden mit irgendeinem gemeinsamen Feinde zu schließen. Artikel III bestimmte die Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfeleistung auch für den Fall, daß Handlungen, die von einer der beiden vertragschließenden Parteien während des Krieges vollzogen worden wären, wie z. B. die Lieferung von Kohlen an einen der Kriegführenden, Reklamationen seitens einer dritten Macht als angebliche Verletzung des Neutralitätsrechts veranlassen sollten. Ich hatte Seiner Majestät vorgeschlagen, den Vertragsentwurf dem Zaren mit einem von mir aufgesetzten, kurzen und rein sachlichen Brief zugehen zu lassen. Der Kaiser erweiterte aber mein diesbezügliches Konzept zu einem langen Schreiben, von dem die Welt fünfzehn Jahre später Kenntnis erhielt, als die Bolschewisten die von ihnen aufgefundenen Briefe des Kaisers an den Zaren veröffentlichten. Wenn es in diesem Schreiben hieß, daß das deutsche Auswärtige Amt von der Antwort des Kaisers nichts wisse, so stand diese Versicherung mit der Wirklichkeit nicht im Einklang. Der etwas sentimentale Taufsegen, den ich, nach dem Schreiben Seiner Majestät, nach erfolgter Redaktion des Vertragsentwurfs über den Entwurf gesprochen haben sollte („Möge Gottes Segen ruhen auf dem Vorhaben der beiden Herrscher und die mächtige dreifache Gruppe Rußland, Deutschland, Frankreich für immer Europa den Frieden bewahren helfen, das walte Gott!"), war nur die malerische Ausschmückung eines an und für sich nüchternen Vorgangs, wie der Kaiser sie bebte. Wie ich das vorausgesehen und Seiner Majestät vorausgesagt hatte, scheiterten unsere Bündnispläne an dem Widerspruch von Lambsdorff, dem es gelang, seinen Herrscher davon zu überzeugen, daß der deutsche Vorschlag mit dem russisch-französischen Bündnis in Widerspruch stünde, diesem heritage sacre de feu l'Empereur Alexandre III d'imperissable memoire, und obschon ich gegenüber den Bedenken des schwankenden Zaren dessen Wünschen in einem zweiten Vertragsentwurf tunlichst Rechnung trug. Ob der Widerstand des Grafen Lambsdorff auch dann so hartnäckig gewesen wäre, wenn er nicht früher von Wilhelm II. 134 WILHELM IL DRÄNGT DEN ZAREN persönlich verletzt worden wäre ? Vielleicht hätte ein vom Deutschen Kaiser mit immer gleichmäßiger Freundlichkeit behandelter Lambsdorff schließlich gefunden, daß die russisch-französische Allianz und ein vorsichtig redigiertes russisch-deutsches Defensiv-Abkommen nebeneinander be- O stehen könnten. Es lag hier ähnlich wie bei den deutsch-englischen Allianzmöglichkeiten um die Jahrhundertwende, wo auch der halsstarrige Widerstand des englischen Premierministers Salisbury zu einem nicht geringen Teil auf dessen persönliche Ranküne gegen den Deutschen Kaiser zurückzuführen war. Erst nachdem ich in einer Unterredung mit dem Grafen Osten-Sacken mit Nachdruck erklärt hatte, ich hätte keine Lust, den „dindon de la farce" zu spielen, und würde deutsche Kohlenlieferungen an Rußland nur zulassen, wenn uns Rußland bindende Zusicherungen für den Fall gäbe, daß solche Lieferungen uns in einen Konflikt mit Japan oder England verwickeln sollten, bequemte sich das St. Petersburger Kabinett zu einer schriftlichen Zusage. Trotz der durch mich an ihn gelangten Warnung des Großfürsten Wladimir, dem schwachen, aber, wie die meisten schwachen Menschen, gleichzeitig empfindlichen Zaren nicht zuviel Ratschläge zu erteilen, versteifte sich Wilhelm IL auf seine Mentorrolle. Schon im Februar 1905 hatte der Kaiser einem seiner Vertrauten, dem Professor Theodor Schie- mann, gesagt, er arbeite an einem „prächtigen" Briefe, in welchem er dem Zaren „gute Ratschläge" geben wolle. Dieser müsse von Moskau aus eine Proklamation erlassen, ständische Vertretungen einführen und die anarchistische Bewegung mit Gewalt niederschlagen. Nach und nach ging Kaiser Wilhelm noch mehr aus sich heraus. Wie aus den von den Bolsche- wisten veröffentlichten Briefen des Kaisers an den Zaren weiter erhellt, riet er ihm, sich selbst an die Spitze seiner Schwarze-Meer-Flotte zu stellen, aus eigener Kraft deren Durchfahrt durch die Meerengen zu erzwingen und mit seinen stolzen Schiffen in den Kampf zu ziehen. Er möge, um sein Volk mit fortzureißen, Vertreter aller Provinzen nach Moskau in den Kreml berufen, um sie in einer flammenden Ansprache für den Krieg zu begeistern und ihre Unterstützung für die vaterländische Sache und das öffentliche Wohl zu gewinnen. Derselbe Monarch, der anderen gegenüber so freigebig mit kühnen und hochherzigen Ratschlägen war, ließ selbst, ein Dezennium später, in einem noch viel schwereren Kriege die Zügel der politischen Leitung am Boden schleifen. Er spielte, nachdem er so oft seine Stellung als oberster Kriegsherr als den Rocher de bronze seines Thrones bezeichnet hatte, im Weltkrieg die Rolle des tatenlosen Zuschauers und verhielt sich in allem passiver als die wegen ihrer bescheidenen Zurückhaltung von ihm oft getadelten und verspotteten Monarchen von Belgien und Italien, Rumänien und Griechenland, ja als die Präsidenten der Französischen „DER RUHMREDIGE" 135 Republik und der Vereinigten Staaten von Amerika. So wahr ist das Wort, das einst der alte Destouches geprägt hat: „La critique est aisee et l'art est difficile." Der war ein Favorit des Regenten von Frankreich, des Herzogs Philipp von Orleans. Er schrieb eine seinerzeit berühmte Komödie: „Le Glorieux", die am 18. Januar 1732, genau einunddreißig Jahre nach der Krönung des ersten Preußenkönigs, in Paris aufgeführt wurde. In ihr befindet sich jene treffliche Bemerkung über Kritik und Kunst. IX. KAPITEL Begegnung des deutschen und des russischen Kaisers in Björkö • Enthusiastisches Telegramm Wilhelms II. üher seinen Triumph in Björkö • Bülows Immediatbericht an den Kaiser (3. VIII. 1905), er reicht seine Demission ein • Ablehnung durch den Kaiser Das kaiserliche Schreiben, Bülows Antwort • Wilhelm II. „wie neugeboren" • Abschluß der Björkö-Affäre Als mir Kaiser Wilhelm II. im Juni 1905 mitteilte, daß er im Hinblick auf den zwischen Norwegen und Schweden ausgebrochenen Zwist in < * es diesem Jahre auf seiner gewohnten sommerlichen Nordlandsfahrt nicht die Zusammen- norwe „j scnen Fjorde aufsuchen, sondern lieber in der Ostsee kreuzen werde, treffens in . niiii i in Björkö konnte ich dieser Entschließung nur zustimmen. Als ich bald merkte, daß der Kaiser in der Ostsee mit dem Zaren zusammenzutreffen wünschte, wurde in Gesprächen zwischen Seiner Majestät und mir die Opportunität einer solchen Begegnung mehrfach erwogen. Ich stimmte dem Kaiser darin bei, daß es ihm vielleicht glücken könne, wie ihm dies vorschwebe, den schwergeprüften russischen Monarchen durch die Teilnahme, die er ihm jetzt zeigen wolle, dauernd an sich zu fesseln, wie das einst Alexander I. von Rußland mit Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise bei ihrem ersten Wiedersehen nach den schwarzen Tagen von Jena und Tilsit gelungen wäre. Ich machte aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß es dem Zaren ebensogut peinlich sein könne, sich besiegt und mehr oder weniger blamiert seinem „Bruder" zu zeigen. Ich gab zur größten Verwunderung Seiner Majestät der Meinung Ausdruck, es sei besser, wenn Graf Lambsdorff bei der Begegnung zugegen wäre, wo er seine Bedenken und Gegengründe mit offenem Visier vorbringen und vertreten müsse, als wenn er hinterher, nach der Rückkehr des Zaren nach St. Petersburg, die Rolle der Penelope spiele, die das am Tage gewirkte Gewebe in der Nacht wieder auftrennte. Unter allen Umständen möge der Kaiser nicht vergessen, daß ohne die Zustimmung des russischen Ministers des Äußern schwerlich etwas Dauerhaftes zu erreichen sei. Deshalb empfehle es sich, vom Zaren nur die Zusage zu erwirken, diese aber in möglichst bindender Form, daß er seinem Minister des Äußern den Abschluß eines Defensivabkommens mit Deutschland ernstlich anbefehlen und die Ausführung eines solchen ernsten und BJÖRKÜ 137 deutlichen Befehls auch durchsetzen würde. Ich legte dem Kaiser, namentlich in der letzten Unterredung, die ich vor seiner am 10. Juli 1905 in Swmemünde erfolgten Abreise mit ihm hatte, besonders ans Herz, keine unvorsichtige Verabredung über Dänemark und die Ostsee zu treffen, da uns dies nach meiner Beurteilung der Gesamtlage jetzt einem englischen Angriff oder wenigstens einer Demütigung durch England aussetzen könne. Ich ließ Seiner Majestät keinen Zweifel darüber, daß es meines Erachtens am ratsamsten wäre, wenn er vom Zaren nur die bereits erwähnte Zusage erwirken würde, daß er Lambsdorff den Abschluß eines deutsch-russischen Defensiv- und Friedensabkommens, qui serait une infraction ni aux stipulations austro-allemandes ni au traite russo-francais, mais qui garan- tirait et assurerait le repos et la paix du monde, deutlich anempfehle, alles Weitere aber den Besprechungen zwischen Lambsdorff und mir überließe. Zu diesem Zwecke könnten wir beide uns entweder in Baden-Baden treffen, oder Lambsdorff möge bei seiner üblichen Herbstreise nach Paris auf ein paar Tage nach Berlin kommen, oder ich würde nach St. Petersburg gehen, wo ich Beziehungen besäße und das Terrain kenne. Ein leichter Schatten flog über das aufgeweckte, bewegliche Gesicht Seiner Majestät und zeigte mir, daß der hohe Herr gerade diesmal im Vertrauen auf die bezwingende Macht seiner Persönlichkeit alles allein besorgen und machen wolle. Als ich frug, ob ich mitfahren solle, erwiderte mir der Kaiser mit größter Liebenswürdigkeit, meine Gesellschaft wäre ihm an und für sich immer und überall im höchsten Grade angenehm und erwünscht, aber diesmal glaube und fühle er, daß er mehr erreichen würde, wenn er allein, Aug' in Auge, dem Selbstherrscher aller Reußen gegenüberstünde. Nur der „treue" Tschirschky solle ihn begleiten. Am 22. Juli erhielt ich ein Telegramm des Kaisers, in dem er mir erfreut mitteilte, daß der Zar ihn aufgefordert habe, in B j ö r k ö, einer kleinen Der Verlrag Insel in den finnischen Schären, mit ihm zusammenzutreffen. Am folgenden '„perfekt" Tage erreichte mich in Norderney, wo ich mich aufhielt, ein noch freudigeres Telegramm Seiner Majestät, um mir zu sagen, der Zar sei tief bewegt und hoch beglückt durch das Wiedersehen. Er sei auf alle Wünsche des Deutschen Kaisers eingegangen, der deutsch-russische Vertrag sei perfekt. Ich habe manches exzentrische Telegramm vom Kaiser erhalten, aber nie eine so enthusiastische Kundgebung wie aus Björkö. Mit überschwenglicher Begeisterung schilderte mir Wilhelm II. den Augenblick der Unterzeichnung. Als er die Feder aus der Hand gelegt hätte, mit der er diesen welthistorischen Akt unterschrieben habe, sei ein Sonnenstrahl durch das Fenster der Kabine auf den Tisch gefallen, wo die Unterschrift vollzogen worden war. Er habe nach oben geblickt. Da wäre ihm gewesen, als ob im Himmel sein Großvater Wilhelm I. und Kaiser Nikolaus I. sich tief 138 DAS „SLOSCHUSS" DES ADMIRALS BIRILEW bewegt die Hände gereicht und zufrieden auf ihre Enkel herabgeblickt hätten. Als mir bald nachher der Gesandte von Tschirschky, der als Vertreter „En Europe" des Auswärtigen Amts den Kaiser auf seiner Reise begleitete, den Text des Vertrages übersandte, stieß ich zunächst im ersten Artikel auf den Zusatz „en Europe": der deutsch-russische Vertrag war auf Europa beschränkt worden. Ich erkannte natürlich sogleich, daß durch diese Einschränkung der Vertrag für uns einen großen Teil seines Wertes verlor, denn Rußland konnte uns gegen England in Europa keine Dienste leisten. Nur wenn es Indien bedrohte, wurden die Engländer an einem für sie empfindlichen Punkt getroffen. Für noch bedenklicher hielt ich die Absicht des Kaisers, Dänemark in das deutsch-russische Bündnis hineinzuziehen, um so zu erreichen, daß Dänemark eintretendenfalls durch Sperrung des Sundes einer britischen Flotte die Einfahrt in die Ostsee unmöglich mache. Daß sich der Kaiser inzwischen schon nach Kopenhagen begeben hatte, um von dem alten König Christian IX. persönlich den Anschluß des dänischen Staates an das deutsch-russische Abkommen zu erreichen, machte die Sache noch schlimmer und erhöhte die von dieser Seite drohenden Gefahren. Endlich mußte es mir in hohem Grade mißfallen, daß der vom Kaiser durchgesetzte Vertrag nicht von den auswärtigen Ministern beider Reiche, sondern von unserer Seite durch den damaligen Gesandten in Hamburg, Herrn von Tschirschky, von russischer durch den Marineminister Birilew unterzeichnet worden war. Der kaum vierzehn Tage vorher zum Marineminister ernannte Admiral Birilew, ein biederer Seemann, hatte von Politik keine Ahnung und erklärte denn auch später, er habe den von ihm gegengezeichneten Vertrag von Björkö überhaupt nicht gelesen, da der Deutsche Kaiser seine Hand über das Dokument gehalten hätte. Als der Zar ihn aufgefordert hätte, den Vertrag gegenzuzeichnen, habe er pflichtschuldigst erwidert: „Sloschuss!", das heißt „Ich gehorche!", die Formel, mit welcher der russische Soldat antwortete, wenn er einen Befehl erhielt. Nach längerem und gründlichem Durchdenken der durch das Vorgehen des Kaisers entstandenen Lage schrieb ich an Holstein, der in diesem Falle wie bisweilen in kritischen Phasen, aus Scheu, eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, zu keiner klaren Stellungnahme kam: „Es besteht ein Gegensatz zwischen der Art und Weise, wie Sie in Ihrem soeben erhaltenen Brief den Vertrag von Björkö beurteilen, und Ihren letzten Telegrammen. In Telegramm Nr. 51 sagten Sie: ,Der Vertrag in seiner jetzigen Fassung ist immer noch entschieden vorteilhaft für uns.' In Telegramm Nr. 57 meinten Sie noch: ,Der Vertrag ist zwar durch die beiden Zusätze verschlechtert, ist aber immer noch der Konservierung wert. Eine Verweigerung der Gegenzeichnung würde ich für durchaus nachteilig halten.' DER ZUSATZ „EN EUROPE" 139 Dagegen schreiben Sie mir jetzt: ,Die Öffentlichkeit wird den Vertrag, so wie er ist, als einen diplomatischen Reinfall für Deutschland ansehen.' Falls die letztere Auffassung zutrifft, denke ich gar nicht daran, den Vertrag gegenzuzeichnen, sondern werde ihn entweder durch Verweigerung meiner Gegenzeichnung hinfällig machen oder zurücktreten. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich Ihre Vermutung, daß der Zar den Vertragsentwurf Seiner Majestät vorgelegt habe, für unrichtig halte. Ich glaube nicht einmal, daß der Zar einen Vertragsentwurf mitgebracht hatte. Ich glaube beinahe, daß der Zar, als er in Björkö erschien, gar nicht mehr an den Vertrag dachte. Ich glaube, daß die ganze Initiative von Seiner Majestät ausgegangen ist — alles dies aber sauf erreur. Worin ich mich sicherlich nicht irre, ist, daß der Zusatz ,en Europe' nicht von Tschirschky inspiriert worden ist. Beide Zusätze sind zweifellos von Seiner Majestät ausgegangen. Tschirschky trifft nur der Vorwurf, daß er den Zusatz ,en Europe' nicht verhindert hat. Deshalb ist es unmöglich, Seiner Majestät zu sagen, daß Tschirschky die Schuld an der Verschlechterung trüge; Seine Majestät ist zu loyal, um das zu akzeptieren, wo es eben nicht der Fall ist. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß das Verdienst an dem Zustandekommen des Vertrages — si merite il y a — lediglich bei Seiner Majestät liegt. Das alles verhindert aber nicht, daß ich den Vertrag nicht akzeptiere und lieber abgehe, wenn derselbe nach reiflicher Prüfung sich dem Lande als schädlich herausstellt. Neugierig bin ich, ob meine Vermutung bestätigt werden wird, daß Lambsdorff durch den Abschluß des Vertrages ebenso überrascht worden ist wie Sie und ich. Sehr wichtig erscheint mir noch folgender Punkt: Wenn wir den Vertrag mit Rußland konservieren wollen, so dürfen wir nach meiner festesten Uberzeugung in der nächsten Zeit keine Schiebereien mit Frankreich haben und namentlich nicht in der Marokko- Frage. Daß wir uns mit Frankreich im wesentlichen geeinigt haben, war wohl zweifellos die Voraussetzung dafür, daß der Zar überhaupt auf den Vertrag einging." Am 3. August unterbreitete ich dem aus der Ostsee nach Wilhelmshöhe zurückgekehrten Kaiser den nachstehenden Immediatbericht, in Immediat- dem ich gegenüber einigen ungnädigen Randbemerkungen Seiner Majestät Bericht zu zwei Telegrammen, die ich unmittelbar vor seinem Eintreffen in Björkö, Ralows am 22. Juli, und sodann vor seiner Ankunft in Kopenhagen, am 28. Juli, an ihn gerichtet hatte, Stellung nahm und dann ausführte: „Ew. K. u. K. Majestät Allerhöchste Marginalien zu meinen untertänigsten Telegrammen vom 22. und 28. v. M. habe ich zu erhalten die Ehre gehabt. In einer für Ew. Majestät und das Land so ernsten und wichtigen Frage, wie es der zwischen Ew. Majestät und Sr. Majestät dem Kaiser von Rußland abgeschlossene Vertrag ist, bin ich 140 DIE VERSCHLECHTERUNG Ew. Majestät gegenüber vor allem zu voller Aufrichtigkeit verpflichtet. Als ich durch Ew. Majestät huldvolles Telegramm vom 24. v. M. die Nachricht von dem Abschluß des Vertrages erhielt, war ich hocherfreut. Als mir der Text des Vertrages telegraphiert wurde und ich auf den Zusatz ,en Europe' stieß, glaubte ich zunächst, es handle sich um ein Versehen beim Chiffrieren. Als festgestellt war, daß kein solches Versehen vorlag, nahm ich an, daß jener Zusatz auf lebhaftes Drängen Sr. Majestät des Kaisers Nikolaus oder eine hartnäckige Weigerung Höchstdesselben zurückzuführen sei, den Vertrag in seiner ursprünglichen Fassung anzunehmen. Seitdem ich weiß, daß jener Zusatz von unserer Seite ausgegangen ist, bin ich redlich bemüht gewesen, ihm eine günstige Seite abzugewinnen. Ew. Majestät wissen, daß ich nicht rechthaberisch bin. Je länger ich mir aber die Sache überlege, um so mehr befestigt sich in mir die Uberzeugung, daß der Zusatz ,en Europe' eine wesentliche und verhängnisvolle Verschlechterung des Vertrages bedeutet. Durch diesen Zusatz wird das Verhältnis zwischen dem deutschen Einsatz und dem russischen Einsatz für den Fall eines durch Angriff auf Deutschland provozierten Krieges ein für uns zu ungünstiges. Was setzt Deutschland ein ? Eine schöne Flotte, einen blühenden Handel, reiche Küstenstädte, unsere Kolonien. Was setzt, nachdem Asien ausgeschaltet ist, Rußland ein? Eine kaum noch vorhandene Marine, einen geringen Handel, unbedeutende Küstenorte, keinen Kolonialbesitz. Das Risiko ist mit der Einschränkung ,en Europe' ein ganz unverhältnismäßiges. Mit dieser Limitierung werden auch die eintretendenfalls zu fordernden Leistungen sehr ungleiche. In Europa kann uns Rußland mit seiner Flotte wenig, mit seinem Heere gegen England nichts nutzen. Gerade derjenige Punkt, wo sich England vor Rußland fürchtet, nämlich Indien und Persien, ist durch den Zusatz ,en Europe' von einer Bedrohung durch die Russen expressis verbis ausgenommen worden. Das Argument, daß ein russischer Vorstoß gegen Indien schwierig oder gar undurchführbar sei, ist meines ehrfurchtsvollsten Erachtens nicht stichhaltig. Es kommt für die Beurteilung der Wirkung des Vertrages nicht auf die Meinung unseres Generalstabes über die Aussichten eines russischen Vorgehens in Zentralasien, sondern auf die in dieser Beziehung in England herrschenden Anschauungen an. Warum würden die Engländer Millionen über Millionen in die Befestigung der indischen Grenzen und in die Verstärkung der indischen Armee stecken, warum würden sie ihren besten General gerade nach Indien senden, wenn sie sich nicht vor einer russischen Invasion fürchteten ? Die ganze anglo-indische Literatur, die englische Presse, die enghsche politische Welt und die breiten Massen des englischen Volks stehen unter dem Eindruck dieser Besorgnis. Gerade jetzt sind die Engländer bei der Erneuerung der anglo-j apanischen Allianz bestrebt, von Japan bindende Zusicherungen DIE ENGLÄNDER WERDEN GERET7.T 1A1 Der Vertrag von Björkö nach der ei (Zu Seite Björkoe 24/VII1905 111VII LeuTS Majestes les Empereurs de toutes les Russies et d'Allemagne, afin d , assurer le mainlien de la paix en Europe ont arreti les Articles suivants cTure traite d'Alliance defensif. Arlicle I. En cas oü Vun des deux Empires serait attaque par une Puissance Europeenne son allie" Vaidera en Europe de toutes ses forces de terre et de mer. Artide II. Les hautes parties contractantes s , engagent ä ne conclure de paix siparee avec aucun adversaire commun. Article III. Le present Traite entrera en vigueur aussitöt que la paix entre la Russie et le Japon sera conclue, et restera valide tant qu'il ne sera pas denonce une annee ä Vavance. Article IV. L'Empereur de toutes les Russies, apres Ventree en vigueur de ce traite, fera les demarches necessaires pour initier la France ä cet accord et Vengager ä s'j associer comme alliee. Wilhelm I. R. von Tschirschky und Bögendorff Nicolas A Birileff ndigen Niederschrift Wilhelms II. Björkö 24/VII 1905 III VII Lhre Majestätendie Kaiser aller Reußen undvon Deutschland haben, um die Fortdauer des Friedens in Europa zu sichern, die folgenden Artikel eines Vertrags über ein Defensiv-Bündnis festgelegt. Artikel I. Falls eines der beiden Kaiserreiche von einer europäischen Macht angegriffen werden sollte, wird sein Verbündeter ihm mit allen seinen Streitkräften zu Land und zu Wasser Hilfe leisten. Artikel II. Die hohen Vertragschließenden verpflichten sich, keinen Separatfrieden mit irgendeinem gemeinsamen Gegner einzugehen. Artikel III. Der vorliegende Vertrag wird in Kraft treten, sobald der Friede zwischen Rußland und Japan abgeschlossen sein wird, und in Geltung bleiben, sofern er nicht ein Jahr vorher gekündigt wird. Artikel IV. Der Kaiser aller Reußen wird, nachdem dieser Vertrag in Kraft getreten ist, die notwendigen Schritte tun, um Frankreich in diese Vereinbarung einzuweihen und es aufzufordern, ihr als Verbündeter beizutreten. Wilhelm I. R. von Tschirschky und Bögendorff Nikolaus A Birileff DIE ENGLÄNDER WERDEN GEREIZT 14.1 Hl : *pr iqpj H/ST li»hA Li i^jjMAMSt Jl trf® I* f*AÜtA J^ll* tMt***4p+ t Jp+ l { *A*hMK L+**du^~ JlL /t*tjt 4*U*f*td: Ca kfcoht W*wfc dt^1v*UZ' JüJ^+aJ kkcJU I. t ^ A^rt^w^ khcuk Jt^^A^Ö«* trfu^vUAvvu 4*v JliJ ( % %jJiih^ %*^kfatü AiA^tuAdc \ AKUJ&ß -1 DIE ENGLÄNDER WERDEN GEREIZT 141 für den Fall eines russischen Angriffs auf Indien zu erlangen. Nach der Ansicht der Engländer ist Indien außer Kanada die einzige verwundbare Stelle des britischen Weltreichs. Die Besorgnis, daß im Falle eines englischen Angriffs auf Deutschland Indien durch die Russen bedroht wäre, würde die Engländer uns gegenüber vorsichtiger machen. Nachdem durch den Zusatz ,en Europe' diese Gefahr ausgeschaltet erscheint, ist zu befürchten, daß ein solcher Vertrag die Engländer nur reizen wird. A strong bullet stops a man; a small bullet excites a man. Der Vertrag in seiner ursprünglichen Form war a strong bullet; mit dem Zusatz ,en Europe' ist der Vertrag, wie ich fürchte und glaube, a small bullet. Eure Majestät meinen in Allerhöchst Ihren Marginalien zu meinem ehrfurchtsvollen Telegramm vom 28. v. M., daß die Russen auch ohne Vertrag mit uns Indien angreifen könnten, wir könnten ihnen im Falle eines Krieges mit England zu einem Vorgehen gegen Indien raten. Hier gilt aber das Wort: ,Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.' Wenn die Russen von einem Vorgehen auf Indien nicht ausdrücklich befreit worden wären, würden sie im Falle eines Krieges mit England an der indischen Grenze mindestens militärische Demonstrationen vorgenommen haben, welche einen Teil der englischen Streitkräfte von Europa weg- und nach Asien abgezogen hätten. Freiwillig werden sie das schwerlich tun. Es liegt jetzt sogar die Möglichkeit vor, daß Rußland früher oder später mit England ein Abkommen trifft, das einen Krieg an der indischen Grenze ausschließt, die Wucht des Krieges also auf Europa beschränkt und eine Situation hervorruft, in der uns Rußland gegenüber England geradezu gar keine Heeresfolge leistet. Die Stimmung des Zaren kann sich ändern. E mobile. Die hohen Damen am russischen Hofe neigen, soweit sie Einfluß haben, mehr zu England als zu Deutschland. Ob im Falle eines Krieges mit England ein Rat Ew. Majestät den Zaren bewegen würde, freiwillig gegen Indien vorzugehen, ist meines untertänigsten Erachtens sehr zweifelhaft. Seit zehn Jahren haben wir oft erlebt, daß eine persönliche Einwirkung Ew. Majestät auf den Zaren möglich war, schriftliche Vorstellungen aber wenig Erfolg hatten. In einem derartigen Falle würde selbst ein persönlicher Druck weit schwieriger sein, weil der Zar nicht wie diesmal in Bj örkö in der schwächeren und hilfsbedürftigeren, sondern bei einem auf Europa beschränkten Konflikt zwischen England, Deutschland und Rußland in der günstigeren und stärkeren Lage wäre als wir. Die Hauptsache aber bleibt immer, daß durch die Beschränkung ,en Europe' die englische Kriegslust uns gegenüber, welche die Gefahr des AugenbHcks und nach menschlicher Berechnung der nächsten Zukunft bildet, nicht abgeschwächt, sondern erhöht wird. Das Mißtrauen der Engländer gegen uns ist durch das Gerücht, daß wir die Neutralisierung der Ostsee anstrebten, neu genährt worden. Die 142 SOCIETAS LEONINA Engländer, welche wohl wissen, daß insbesondere Dänemark sich freiwillig nie Tendenzen anschließen wird, die es mit England in Konflikt bringen könnten, würden, wenn solche auf den Ausschluß der englischen Flotte aus der Ostsee gerichtete Absichten greifbare Gestalt annähmen, gegen uns vorgehen. Die Kriegsgefahr ist näher, als sie seit Jahren war. Ich habe mich gefragt, ob Ew. Majestät bei Einfügung des Zusatzes ,en Europe' vielleicht nur den Fall im Auge gehabt haben, daß England Rußland angreift und wir beizuspringen haben. In diesem Fall sind für Angriff und Küstenverteidigung in Europa erforderlich die deutsche Flotte, das bißchen russische Flotte und geringe Teile der deutschen und der russischen Armee. Es blieben also noch disponibel fast die gesamte deutsche und russische Armee, welche an die einzige sonst noch in Betracht kommende Kriegsstelle, die indische Grenze, sich zu werfen hätten. Der Fall, daß England Rußland angreift, ist aber sehr viel unwahrscheinlicher, als daß England uns angreift. Das hat sich schon 1885, vor zwanzig Jahren, bei dem afghanischen Konflikt, das hat sich vor einem Jahr bei der Beschlagnahme englischer Handelsschiffe durch russische Kreuzer und anläßlich des Zwischenfalls bei der Doggerbank wiederum gezeigt. Das geht aus der ganzen Tendenz der gegenwärtigen englischen Politik wie aus den persönlichen Dispositionen Sr. Majestät des Königs Eduard hervor. Und wenn es zu einem solchen englischen Angriff gegen Rußland käme, würde immer noch ein Vorgehen der englischen Flotte gegen die russischen europäischen Küsten wahrscheinlicher sein als ein englischer Vormarsch in Asien. Auch liegt es auf der Hand, daß die Erfüllung der Verpflichtung, Truppen nach Asien zu senden, in aller Loyalität wohl jederzeit von uns wird abgelehnt werden können im Hinblick auf die Notwendigkeit, Frankreich gegenüber unsere militärischen Kräfte zusammenzuhalten. So weit meine Voraussicht reicht, wird der Vertrag in seiner jetzigen Fassung mit dem Zusatz ,en Europe', wenn er bekannt wird, in England mit einem großen Gefühl der Erleichterung aufgenommen werden. Dem deutschen Volk aber wird dieser Vertrag als eine Societas leonin a erscheinen, wo wir unendlich viel mehr geben und riskieren als der andere Teil. Was Frankreich angeht, so sind wir durch den Vertrag mit oder ohne ,en Europe' gesichert an unserer Ostgrenze für die Fälle, daß uns Frankreich angreift oder neutral bleibt. Der erstere Fall ist wenig wahrscheinlich. Der letztere wäre das Ungünstigste, was uns passieren könnte, denn Frankreich würde nur so. lange neutral bleiben, bis wir durch England so weit geschwächt wären, daß es uns gegenüber freiere Hand hätte. Der Fall, daß wir Frankreich angreifen, ist durch den Vertrag nicht gedeckt, wohl aber durch den russisch-französischen Zweibundsvertrag. Der deutschrussische Vertrag in seiner ursprünglichen Fassung ohne den Zusatz ,en Europe' würde bei einem Zusammenstoß mit England die Chancen so ABSPRINGEN 143 verteilt haben, daß ein Zusammengehen Frankreichs mit Deutschland und Rußland auch im Falle eines englischen Angriffs auf Deutschland nicht ausgeschlossen erschien. Durch die ausdrückliche Eximierung von Asien werden die Chancen eines Krieges zwischen den beiden Kaiserreichen und England für uns so wenig günstig, daß Frankreich sich uns nicht anschließen wird. Es wird dadurch aber auch die Möglichkeit einer russischenglisch-französischen Verständigung über Asien gefördert. Dieser Zusatz nimmt uns einen Haupttrumpf aus der Hand, während Rußland seine Stiche behält und England das As der Gegner nicht mehr zu fürchten hat. Ich bin meinem Kaiserlichen Herrn schuldig, offen zu sagen, daß ich nach ruhiger und rein sachlicher Prüfung vor Gott und meinem Gewissen den Zusatz ,en Europe' für schädlich und gefährlich halten muß. Auf der anderen Seite sehe ich wohl ein, daß Ew. Majestät bei Sr. Majestät dem Kaiser Nikolaus eine Modifikation des soeben von Ew. Majestät vorgeschlagenen und unterschriebenen Vertrags nicht wohl anregen können. Se. Majestät der Kaiser Nikolaus wird schwerlich auf einen Zusatz verzichten wollen, der für Rußland eine Erleichterung und Bequemlichkeit bedeutet. Alvensleben, der nicht im Geheimnis ist, meldet, daß Lambsdorff, der im Winter nicht an den Vortrag heranwollte, jetzt nach Björkö in ungewöhnlich guter Laune war. Werden die Russen den ihnen in den Schoß gefallenen Vorteil preisgeben ? Wird es möglich sein, ihnen die nachträgliche Ehminierung der Worte ,en Europe' mundgerecht zu machen? Der Zar wird auch schwerlich für einen Zusatz oder eine Interpretation zu dem Vertrag zu gewinnen sein, dem zufolge Rußland sich verpflichtet, auch im Falle eines Angriffs auf Deutschland den Krieg für das gesamte russische Reichsgebiet zu erklären, oder nach dem beide Mächte sich verpflichten, jeden aus dem Bündnis folgenden Krieg für ihr gesamtes Gebiet zu erklären. Würden solche Anregungen nicht wie Rauhreif auf die jetzige gute Stimmung des Zaren fallen? Ich verkenne auch nicht, daß jede solche Anregung deshalb höchst gefährlich wäre, weil sie den Russen die Möglichkeit bieten könnte, von dem ganzen Vertrage abzuspringen. Geschähe dies, wo würde eine Situation geschaffen werden, die schlechter wäre als diejenige, die vor dem Abschluß des Vertrages bestand. Deshalb bitte Ew. Majestät ich in tiefster Ehrfurcht, die Leitung der auswärtigen Politik anderen Händen anvertrauen zu wollen. Es ist möglich, daß ein anderer, in die Situation eingeweiht, sie anders beurteilt als ich. Er könnte sich vielleicht mit gutem Gewissen auf Ew. Majestät Standpunkt stellen und mit dem Vertrag in dieser Fassung weiteroperieren. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich meinen Rücktritt selbstverständlich nur mit Gesundheitsrücksichten begründen würde. Ich brauche noch weniger zu sagen, daß meine treuesten, dankbarsten und allerinnig8ten Wünsche immer meinen Kaiserlichen Herrn 144 DIE ZERSTREUTHEIT DES ZAREN begleiten würden und daß bis zu meinem letzten Atemzug mein ganzes Herz für das Glück und den Rubm Ew. Majestät scblagen wird. gez. Bülow." Ich hatte es in diesem Immediatbericht absichtlich vermieden, der Ahnimg Ausdruck zu geben, die sofort in mir aufgestiegen war, als ich das Telegramm des Kaisers über den in Björkö von ihm erzielten Triumph erhalten hatte, nämlich dem Argwohn, daß es dem Grafen Lambsdorff nach dem Wiedereintreffen seines Souveräns in Petersburg gelingen würde, den Zaren zur nachträglichen Desavouierung des von Kaiser Wilhelm im Sturm errungenen Vertrages und zur Zurückziehung seiner Unterschrift zu bewegen. Der Zar hatte sich dem Kaiser gegenüber schwach, unselbständig und einfältig gezeigt. Gegenüber seinem Minister zeigte er sich ebenso schwach, ebenfalls unselbständig, aber außerdem noch perfide. Als Kaiser Nikolaus den Grafen Lambsdorff wiedersah, der ihm durch seine große Höflichkeit, sein unterwürfiges Wesen, vor allem durch seine stille Art, die angenehm abstach von den gröberen Manieren, dem lauten Organ und dem herrischen Auftreten des Finanzministers Witte, besonders sympathisch war, fand er den Minister des Äußern sehr verstimmt. Wladimir Nikolaje- witsch zeigte sich tief verletzt, daß er zu einem so wichtigen Staatsakt wie dem „traite ou soi-disant traite de Björkö" nicht zugezogen worden war. Er deutete an, daß der selbstherrschende Zar sich vom Deutschen Kaiser habe überrennen lassen. Dieser hätte die allzu große Courtoisie, vielleicht auch eine momentane „distraction" des Zaren benutzt, um ihn hinter das Licht zu führen. So wurde mir später von Witte und Iswolskij die Szene zwischen dem aus Björkö zurückkehrenden Zaren und seinem Minister des Äußern geschildert. Jedenfalls wurde es Lambsdorff nicht schwer, seinen Monarchen davon zu überzeugen, daß der von ihm in Björkö unterzeichnete Vertrag nicht in Einklang mit dem russisch-französischen Bündnis zu bringen wäre. Dem deutschen Botschafter sagte Graf Lambsdorff, es sei zu bedauern, daß er, der zuständige Minister, in Björkö nicht zugezogen worden wäre. Er würde vor übertriebenen Hoffnungen gewarnt und verhindert haben, daß die Monarchen einen Pakt unterzeichneten, dessen Ausführung unmöglich sei. Es ist nur zu wahrscheinlich, daß sich Lambsdorff in diesem Sinne auch gegenüber dem französischen, vielleicht auch dem englischen Botschafter ausgesprochen hat. Jedenfalls wurde der St. Petersburger Korrespondent des „Daily Telegraph", Mr. Dillon, von russischer Seite in die Lage versetzt, die Version des Grafen Lambsdorff über die Björköer Zusammenkunft der englischen Regierung zu übermitteln. Der Besuch des Kaisers Wilhelm II. in Kopenhagen war völlig erfolglos geblieben. Der damals schon siebenundachtzigj ährige König Christian IX. war durch ein langes, wechselvolles Leben, das ihm schwere Prüfungen, aber dafür Erfahrung gebracht hatte, viel zu gewitzigt, um nicht der BÜLOWS ABSCHIEDSGESUCH 145 stürmischen Umwerbung des Deutschen Kaisers eine höfliche, aber bestimmte Ablehnung entgegenzusetzen. Er schickte sogar seinen Minister des Äußern, den Grafen Raben, nach London, um dort die Versicherung abzugeben, daß Dänemark sich unter allen Umständen der striktesten Neutralität befleißigen würde. Graf Raben, mit dem mich alte Beziehungen und eine entfernte Verwandtschaft verbanden, erzählte mir später, der König Christian sei zu dieser Entsendung auch durch einen Brief seiner Tochter, der Königin Alexandra von England, bewogen worden, die bei ihm „ganz entsetzt" angefragt habe, ob er England „verraten" wolle. Die englische Presse verbreitete die Nachricht, daß der Deutsche Kaiser nicht nur die norwegische Krone für einen Prinzen seines Hauses erstrebe, sondern auch Dänemark zwingen wolle, die Ostsee allen Schiffen außer denen der baltischen Nationen zu verschließen. Gleichzeitig wurde der bevorstehende Besuch eines englischen Geschwaders in der Ostsee angekündigt. Dies war in großen Umrissen die Lage, als Kaiser Wilhelm II. im Schloß Wilhelmshöhe, wohin er sich nach seiner Rückkehr von seiner Ostseefahrt Antwort des begeben hatte, mein Abschiedsgesuch erhielt. Seine Antwort war der nach- Kaisers stehende Brief: „Mein lieber Bülow, Ihren Brief per Boten eben erhalten. Ich bin nach reiflicher Erwägung völlig außerstande, zu sehen, daß die Lage für uns durch ,en Europe' eine so ernstere oder gefährlichere gegen die bisherige geworden sei, daß Sie Veranlassung haben, Mir Ihre Entlassung anzubieten. Sie haben von Mir mitgeteilt erhalten zwei Tatsachen, die allein schon einen so enormen Fortschritt bedeuten gegen früher, daß sie für uns hoch eingeschätzt werden müssen: 1. daß S. M. der Kaiser Mir feierlich erklärte, daß für Rußland die Elsaß-Lothringen-Frage un incident clos sei, 2. daß er Mir in die Hand versprochen hat, niemals mit England gegen uns eine Verabredung oder Bündnis einzugehen. Wenn es Bismarck gelungen wäre, einen dieser beiden Punkte von Alexander II. oder III. zu erreichen, so wäre er außer sich vor Freude gewesen und hätte sich von allem Volk feiern lassen, als ob er einen großen Erfolg errungen hätte. Das sind zwei so schwerwiegende Tatsachen, daß Ich glaube, diese allein bedeuten für unser Vaterland eine festere Sicherung als alle Verträge und sonstigen Rückversicherungen. Aus Meinem Privatbriefe werden Sie ersehen haben, wie hochernst, ja wie heilig Mir das Wohl Meines Landes war, wie ich überzeugt war, daß Ich Ihnen eine große Erleichterung Ihrer schweren Aufgaben zu bringen imstande war — wovon Ich auch jetzt überzeugt bin — und daß Ich vor allem stets vor Augen hatte, Ihnen vorzuarbeiten und Ihnen zu helfen. Denken Sie an Ihre Abschiedsworte an Mich in Saßnitz: ,0 wenn es doch möglich wäre, daß Sie mit dem Zaren zusammentreffen könnten, ich würde mich unendlich freuen, es wäre für 10 Bülow II 146 DES KAISERS SEELENZUSTAND beide Völker und die Welt von größtem Segen, aber wir können es nicht von BerUn aus anregen; schlägt er es vor oder bittet darum, dann gehen Sie hin, und Gott sei mit Ihnen.' Nun geschah es also, Ich glaubte für Sie gearbeitet und etwas Besonderes geleistet zu haben, da senden Sie Mir ein paar kühle Zeilen und Ihre Entlassung! ! ! Meinen Seelenzustand Ihnen zu schildern, werden Sie, lieber Bülow, wohl Mir erlassen. Vom besten, intimsten Freund, den Ich habe — seit meines armen Adolf Tode —, so behandelt zu werden, ohne Angabe eines stichhaltigen Grundes, das hat mir einen solchen fürchterlichen Stoß gegeben, daß ich vollkommen zusammengebrochen bin und befürchten muß, einer schweren Nervenkrankheit anheimzufallen! Sie sagen, die Situation durch den Vertrag mit ,en Europe' sei so ernst geworden, daß Sie keine Verantwortung übernehmen können. Vor wem? Und im selben Atemzuge glauben Sie es vor Gott verantworten zu können, in der von Ihnen als besonders verschärft und ernst angesehenen Lage Ihren Kaiser und Herrn, dem Sie Treue geschworen, der Sie mit Liebe und Auszeichnungen überhäuft hat, Ihr Vaterland und, wie Ich glaubte, Ihren treusten Freund in derselben sitzenzulassen ! ? Mein lieber Bülow, das werden Sie uns beiden nicht antun! Wir sind beide von Gott berufen und füreinander geschaffen, für unser liebes deutsches Vaterland zu arbeiten und zu wirken! Ist wirklich — was Ich nicht glaube — durch einen Fehler von Mir eine Ihrer Ansicht nach bedenklichere Situation geschaffen, so ist das im vollsten guten Glauben gewesen! So weit werden Sie Mich doch wohl kennen, um das anzunehmen! Ihre Person ist für Mich und unser Vaterland 100 000 mal mehr wert als alle Verträge der Welt. Ich habe sofort beim Kaiser Schritte getan, die diese beiden Worte abschwächen oder eliminieren sollen! Vergessen Sie nicht, daß Sie Mich persönlich gegen Meinen Willen in Tanger eingesetzt haben, um einen Erfolg in Ihrer Marokko-Politik zu haben. Lesen Sie Mein Telegramm vor dem Tangerbesuch durch. Sie haben Mir selbst gestanden, Sie hätten eine solche Angst ausgestanden, daß, als Sie die Meldung erhalten hätten, Ich sei wieder fort, Sie einen Weinkrampf bekommen haben. Ich bin Ihnen zuliebe, weil es das Vaterland erheischte, gelandet, auf ein fremdes Pferd, trotz Meiner durch den verkrüppelten linken Arm behinderten Reitfähigkeit, gestiegen, und das Pferd hätte Mich um ein Haar ums Leben gebracht, was Ihr Einsatz war! Ich ritt mitten zwischen den spanischen Anarchisten durch, weil Sie es wollten und Ihre Politik davon profitieren sollte! Und jetzt wollen Sie, wo Ich das alles — und wie Ich zuversichtlich glaube, noch weit mehr — für Sie getan, Mich einfach fahrenlassen, weil eine Situation Ihnen zu ernst erscheint! ! Aber Bülow, das habe Ich nicht um Sie verdient! Nein, Mein Freund, Sie bleiben im Amt und bei Mir und werden mit Mir gemeinschaftlich weiterarbeiten ad APPELL AN DIE FREUNDSCHAFT 147 majorem Germaniae Gloriam. Sie sind Mir durch Meine diesjährige Verwendung ja geradezu verpflichtet. Sie können und dürfen Mir nicht versagen, damit wäre Ihre ganze eigene diesjährige Politik von Ihnen selbst desavouiert und Ich auf ewig blamiert. Was Ich nicht überleben kann. Gönnen Sie mir ein paar Tage erst der Ruhe und Sammlung, ehe Sie kommen, denn die durch Ihre Briefe verursachte Nervenaufregung ist zu groß, Ich bin jetzt außerstande, in Ruhe zu debattieren. Ihr treuer Freund Wilhelm I. R. — P. S. Ich appelliere an Ihre Freundschaft für Mich, und lassen Sie nicht wieder etwas von Ihrer Abgangsabsicht hören. Telegraphieren Sie Mir nach diesem Briefe: ,Allright!', dann weiß Ich, daß Sie bleiben! Denn der Morgen nach dem Eintreffen Ihres Abschiedsgesuches würde den Kaiser nicht mehr am Leben treffen! Denken Sie an Meine arme Frau und Kinder. W. — P. S. Habe ein Chiffretelegramm an den Zaren vorbereitet, worin Abänderung vorgeschlagen wird in Ihrem Sinne. Ich stehe seit Björkö so mit ihm, er hat ein so festes Vertrauen auf Mich, daß Ich hoffe, es zu erreichen. Soll Ich Sie und konstitutionelle Vertretungsgründe noch mit hineinbringen? Oder nur von uns aus direkt? Bitte Drahtantwort. W." Als ich diesen Brief las, war ich tief bewegt. Es fehlt in dem Schreiben Seiner Majestät nicht an Übertreibungen. Einiges war frei erfunden. Die mir in den Mund gelegten feierlichen Abschiedsworte angesichts der Kreidefelsen von Saßnitz hatte ich nie gesprochen. Ich hatte dort nur dem Kaiser für den Fall einer Begegnung mit dem Zaren, der ich rebus sie stantibus nüchtern, eher skeptisch gegenüberstand, Vorsicht und ruhiges Blut angeraten. Die von mir leider nicht genügend in Anschlag gebrachten Fähr- lichkeiten der Landung und des Einzugs in Tanger habe ich hinterher lebhaft bedauert. Die Behauptung, ich hätte dem Kaiser erzählt, daß ich nach seiner Abfahrt aus Tanger von einem Weinkrampf befallen worden wäre, war unwahr. Von einem solchen bin ich weder damals noch später heimgesucht worden. Je n'ai pas la lärme aussi facile, so locker sitzen mir die Tränen nicht. Mit diesem Weinkrampf verhält es sich ebenso wie mit den Weinkrämpfen, die Wilhelm II. in seinem nach der Entlassung des Fürsten Bismarck an Kaiser Franz Josef gerichteten Brief seinem größten Kanzler andichtet. Aber trotz solcher kleinen Schönheitsfehler erschütterte mich dieser kaiserliche Brief. Namentlich der Hinweis auf seinen unvollkommenen Arm rührte mich. Unter den vielen gewinnenden menschlichen Eigenschaften des Kaisers war mir kaum eine sympathischer als die wahrhaft männliche Art, wie er die Lähmung seines Unken Armes ertrug und überwand. Ohne diesen körperlichen Mangel irgendwie zu verstecken, hatte er sich durch eiserne Konsequenzen trotzdem zu einem kühnen Reiter, einem 10' 148 ACHT JAHRE ZUSAMMENARBEIT brillanten Schützen und gewandten Lawn-Tennis-Spieler ausgebildet. In achtjährigem Zusammenarbeiten mit dem Kaiser hatte ich mich davon überzeugen müssen, daß ihm viele Eigenschaften abgingen, die ein Staatsoberhaupt besitzen muß, um mit dauerndem Erfolge zu regieren. Es hatte schon manche Meinungsverschiedenheit zwischen uns gegeben, wir hatten uns nicht selten „gekabbelt", um einen Lieblingsausdruck Seiner Majestät zu gebrauchen, ich hatte mich bisweilen, sogar recht häufig, über ihn geärgert. Aber trotzdem hebte ich ihn mit ganzem Herzen, nicht nur für alle Güte, alles Wohlwollen, die er mir fast überreichlich gezeigt und erwiesen hatte, sondern ich hebte auch den hochbegabten, edel veranlagten Menschen, der so liebenswürdig und liebenswert, so einfach und natürlich, so großherzig und großzügig sein konnte. Ich scheue mich nicht, es zu sagen, daß ich noch ganz unter seinem Zauber stand. Obwohl ich kaum zehn Jahre älter war als der Kaiser, war ich gereifter als er. Die im Purpur geboren wurden, die Porphyrogeniti, bleiben im allgemeinen lange unreif, sie sind bisweilen mit vierzig Jahren jugendlicher als andere Sterbliche mit fünfundzwanzig Jahren. Das Schwabenalter beginnt für Prinzen später als für die meisten Erdenbewohner. Die Empfindungen, die ich für den Kaiser hegte, waren die, die ein Vater für seinen Sohn hat, der ihn bisweilen verstimmt, der ihm noch öfter Sorgen einflößt, dessen glänzende Talente, dessen große Geistes- und Herzensgaben, dessen viele schöne Eigenschaften ihn aber doch immer wieder erfreuen und anziehen. Auch in späteren Jahren, als ich mir über die Oberflächlichkeit und Eitelkeit, die Unzu- verlässigkeit und namentlich über die Unwahrhaftigkeit des Kaisers Wilhelm II. keine Illusionen mehr machen konnte, selbst nachdem er, Ruinen hinter sich zurücklassend, ins Ausland geflohen war, konnte ich mich nie entschließen, ihn zu hassen. Auch in den Novembertagen 1908 war ich dem Kaiser gegenüber frei von jeder Abneigung oder Gereiztheit oder auch nur Ungeduld. Ich empfand damals, wenn ich den Vergleich gebrauchen darf, wie ein gewissenhafter Arzt, der im gegebenen Augenblick die Pflicht hat, beim Patienten, wie teuer dieser ihm auch sein möge, den schmerzlichen, aber heilenden Schnitt vorzunehmen. Vor allem habe ich vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung in Wilhelm II. immer den Sohn seines herrlichen Vaters, den Enkel des Siegers von Sadowa und Sedan, den Nachfahren des großen Königs und des Großen Kurfürsten, den König von Preußen und Deutschen Kaiser erblickt, den Vertreter der ruhmvollsten Dynastie, die Deutschland seit den Hohenstaufen sah, der Dynastie, für die und mit der Bismarck Deutschland geeinigt hatte, des Herrschergeschlechts, auf dessen Schultern die Zukunft des Deutschen Reichs ruhte. Der Brief des Kaisers wurde mir durch den Generaladjutanten von BÜLOWS ANTWORT 149 Moltke überbracht, der mir erzählte, daß der Kaiser durch mein Abschiedsgesuch völlig aus der Fassung gebracht worden sei. Er fürchte jetzt nicht nur ein Abspringen von Rußland, sondern auch einen englischen Angriff. General Moltke gab mir eine bewegliche Schilderung von der anfänglichen Erregung des Kaisers, der bald tiefe Niedergeschlagenheit gefolgt wäre, auch von seiner körperlichen Ermüdung, die „durch das ewige Hinundher- flitzen" hervorgerufen, durch die Augusthitze noch gesteigert worden wäre. Er säße vor seinem Schreibtisch mit unglücklichem Ausdruck, Schweißtropfen perlten von seiner Stirn, er sei sehr blaß. Moltke bat mich dringend, dem Kaiser so bald und vor allem so herzlich als irgend möglich zu schreiben, um ihn zu beruhigen. Andernfalls wäre ein „totaler Zusammenbruch" zu befürchten. Ich schrieb sogleich und nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Ich schrieb, daß mich seine Worte tief erschüttert hätten. Ihm Sorge und Unruhe bereitet zu haben, sei mir schmerzlich. Ich würde ja mein Leben geben, um für meinen König und Kaiser alles günstig zu gestalten, aus seinem Wege Steine fortzuräumen, ihm die Erreichung der großen Ziele zu ermöglichen, die er für das Wohl des Vaterlandes so eifrig anstrebe. Wirkliche Erfolge des Kaisers erweckten bei mir nicht Eifersucht, sondern machten mich stolz. Ich wäre auch nicht undankbar und hätte immer die große Güte vor Augen, die er mir seit vielen Jahren gezeigt habe, die vielen Auszeichnungen, mit denen er mich überhäuft hätte. Ich wäre ja der kleinlichste aller Menschen, wenn dem König und Kaiser gegenüber Regungen jämmerlicher Rechthaberei oder Eitelkeit in mir aufsteigen könnten. Aber gerade die mir so vielfach erwiesene Güte verpflichte mich gegenüber Seiner Majestät zu voller Offenheit, auch dann, wenn es mir schwer würde. Gerade weil ich den Kaiser nicht nur als meinen König und Herrn, als den Träger der nationalen Idee, sondern auch als den hochbegabten, an Geist und Charakter hochragenden Menschen liebte, müsse ich offen und wahr sein. Ich würde das Vertrauen Seiner Majestät nicht verdienen, wenn ich nicht den Mut und die Ehrlichkeit hätte, immer, in allen Lagen und coüte que coüte so zu handeln, wie ich es vor meinem Gewissen für recht hielte. Ich hätte nicht aus alberner Empfindlichkeit oder aus Arroganz auf drohende Nachteile und Gefahren hingewiesen, sondern weil mich mein Gewissen dazu getrieben hätte. Wenn ich gebeten hätte, die auswärtigen Geschäfte anderen Händen anzuvertrauen, so wäre dies in dem Gefühl geschehen, daß ein anderer die Situation anders und vielleicht richtiger als ich beurteilen und unter den gegebenen Umständen den Intentionen Seiner Majestät besser entsprechen würde. Wolle der Kaiser mich behalten, auch nachdem ich meine Bedenken und Sorgen offen dargelegt hätte, so würde mein Streben darauf gerichtet sein, das 150 A LA HUSSARDE möglichste zu tun, damit das, was der Kaiser in Björkö erreicht zu haben glaube, dem Vaterland und unserer Politik tatsächlich zum Vorteil gereiche. Gegenüber seinen Sorgen und Ängsten erinnerte ich ihn an den Spruch des ersten und größten Oraniers: „Saevis tranquillus in undis." Das wäre dessen Wahlspruch gewesen, unter einem Sturmvogel, der über Wellen und Stürmen ruhig, ganz ruhig und still schwebe. Auch der tapfere Oranier wäre von Feinden und Neidern bedrängt worden, hätte ihnen aber mit Ruhe und Ausdauer standgehalten. An seinem Vorbild möge der Kaiser sich aufrichten. Wenn er mich weiter verwenden wolle, so würde ich ihm zur Seite stehen in Dankbarkeit und Hingebung und mit dem einzigen Wunsch und Gedanken, ihm so zu nützen, wie es meiner Pflicht und meiner Liebe zu ihm und zum Lande entspräche. Ich schloß mit der Bitte, mich wissen zu lassen, wann ich ihm über einen etwaigen Brief an den Zaren und über die allgemeine Lage Vortrag halten könne. Seine Majestät erwiderte mir sofort telegraphisch: „Herzlichen Dank, ich bin wie neugeboren." Es stand mir nun noch die delikate Aufgabe bevor, die Björkö-Episode Der Zar so abzuwickeln, daß sie beim Kaiser Nikolaus keinen tieferen Stachel revoziert zurückließ. Kaiser Wilhelm hielt längere Zeit an der Illusion fest, daß der Bjorkö 2 ar dem ihm in Björkö ä la hussarde aufgenötigten Vertrage treubleiben werde. Er hat noch im September dem Zaren vorgeschlagen, er möge seine Vertreter im Ausland anweisen, in allen Fragen gemeinsamer Politik mit ihren deutschen Kollegen zusammenzugehen und zu diesem Zweck ihre deutschen Kollegen über ihre Instruktionen und Ideen zu unterrichten. Als aber Lambsdorff den russischen Botschafter in Berlin anwies, mir vertraulich mitzuteilen, der Zar fühle sich durch dringende Gründe bestimmt, von der in Björkö getroffenen Abmachung zurückzutreten, mußte Wilhelm II. erkennen, daß sich durch einen Handstreich in wenigen Stunden eine seit fünfzehn Jahren bestehende Machtgruppierung nicht ändern läßt. Graf Osten-Sacken hatte mir übrigens auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers Nikolaus und im Auftrag des Grafen Lambsdorff mitgeteilt, daß beide zu mir nicht nur volles Vertrauen hätten, sondern daß es auch der aufrichtige und lebhafte Wunsch des Zaren wie des St. Petersburger Kabinetts wäre, mit dem deutschen Nachbar nach wie vor die friedlichen, freundschaftlichen und sicheren Beziehungen fortzusetzen, die seit hundertundfünfzig Jahren zwischen Rußland und Preußen-Deutschland bestünden. Kaiser Wilhelm richtete unter meiner Mitwirkung, die er bei seinen Briefen an den Zaren während einiger Zeit unter dem einen oder dem anderen Vorwand umgangen hatte, im Dezember 1905 ein würdiges Schreiben an Kaiser Nikolaus, in dem er dem russischen Herrscher sagte, es wäre nicht seine Absicht, ihm eine Lösung aufzudrängen, die Rußland DIE STAATSRÄSON 151 unerwünscht erscheinen möge, und fügte hinzu: „Unter allen Umständen werden wir treue und loyale Freunde bleiben." Die erste ernste Belastungsprobe, der ich zum Wohle des Reiches mein persönliches Verhältnis zu Wilhelm II. hatte unterziehen müssen, war befriedigend, im Sinne der Staatsräson verlaufen. Ob unsere Beziehungen eine zweite derartige Belastung ertragen würden, erschien mir schon damals zweifelhaft. Das Jahr 1908 brachte die Bestätigung meiner Annahme. X. KAPITEL Englische Flottendemonstration in der Ostsee • Einladung des Kronprinzen zu den Jagden nach England • Bericht des Gesandten von Tschirschky über die zunehmende Gereiztheit Wilhelms II. gegen England • Graf Albert Mensdorff • Kündigung der Union zwischen Schweden und Norwegen • Graf Metternich über den Prinzen von Wales (Georg V.) • Gärung in Rußland ■ General Trepoff, Militärdiktator ■ Attentate, Großfürst Sergius ermordet • Persönliches Regiment Wilhelms IL, sein schädlicher Einfluß auf die Berichterstattung der deutschen Diplomaten • Bülows Zirkular an die Deutschen Missionen im Ausland über Berichterstattung • Besuch des französischen Politikers Millerand bei Staatssekretär von Richthofen D; iie Nachrichten, die auf höfischen wie auf diplomatischen Wegen, unter Die englisch« X.J teilweise arglistiger Entstellung der Tatsachen, über die Kaiser- Flotte vor begegnung von Björkö aus St, Petersburg nach London gedrungen waren, Swinemünde menr nocn vielleicht der improvisierte und demonstrative Besuch, den Wilhelm II. in Kopenhagen abgestattet hatte und über den sich der uns feindliche Teil der europäischen Presse in den verworrensten Mutmaßungen erging, war in den englischen Regierungskreisen nicht ohne die vorauszusehende Wirkung geblieben. Ende August erschienen englische Schiffe in der Ostsee, wo sich die Kriegsflotte Großbritanniens seit langem nicht mehr hatte sehen lassen. Über den Eindruck dieser englischen Demonstration auf Wilhelm II. wie über seine Stimmung gegenüber dem englischen Hofe berichtete mir am 22. August 1905 der Vertreter des Auswärtigen Amtes bei Seiner Majestät, Gesandter von Tschirschky: „Euer Durchlaucht möchte ich nicht unterlassen von Nachstehendem gehorsamst Kenntnis zu geben. S. M. zeigten mir heute nachmittag ein Telegramm S. K. H. des Kronprinzen. Letzterer meldete darin, er habe von Onkel Bertie einen Brief erhalten, in dem er und Cecilie für Anfang November zur Jagd nach Windsor eingeladen werden. Der Kronprinz fügte noch hinzu, dem König scheine viel daran zu liegen, daß die Einladung angenommen werde, da er ihm zur Reise die Königliche Jacht ,Victoria and Albert' zur Verfügung stelle. Der Kronprinz bittet schließlich, die Annahme der Einladung zu gestatten. S. M. waren über diesen neuen ,Winkelzug' seines Onkels sehr aufgebracht. Schon im vorigen Jahre, meinten S. M., habe König Eduard den Krön- DER PLAN MIT DEM KRONPRINZEN 153 prinzen eingeladen, ohne zuvor, wie dies sich gehöre, ihm, dem Kaiser, Nachricht zu geben. Dem Kronprinzen gegenüber habe der König sogar wider besseres Wissen behauptet, er hätte sich des Einverständnisses des Kaisers vorher versichert, und daraufhin habe damals der Kronprinz die Einladung angenommen. Er, der Kaiser, habe dann mit vieler Mühe dem Kronprinzen klarmachen müssen, daß er als Verlobter unmöglich sich dort in England von all den Damen den Hof machen lassen könne. Jetzt, nachdem der König ihn selbst, den Vater, so ostentativ gemieden, fange er wieder damit an, seinen Sohn ,hintenherum' einzuladen. Der König verfolge damit den doppelten Zweck: einmal, seinen Sohn mit seinem Vater zu entzweien, und dann wolle er nach altem englischem Rezepte sich hier eines Mitgliedes der Familie versichern, das ihm als Spion und Kundschafter dienen und das er nach Gutdünken für seine Interessen benutzen könne. Mit Geschick habe sein Onkel denjenigen seiner Söhne herausgefunden, der am leichtesten für solche Pläne einzufangen sei. Der Kronprinz sei blind in seiner Bewunderung Englands und könne den Reizen des dortigen Lebens und der schönen Engländerinnen nicht widerstehen. Die Einladung des Kronprinzen sei eine ,offene Beleidigung' für ihn, den Kaiser, nach allem, was vorhergegangen. Ihre Majestät unterstützte den Kaiser in seiner Auffassung. Es soll nun der Kronprinz telegraphisch antworten, er könne wegen des Besuchs des Königs von Spanien (der in der Woche zwischen dem 5. und 12. November nach Berlin kommen soll) die Einladung leider nicht annehmen. General von Plessen wurde später auch ins Geheimnis gezogen und äußerte, bei dem Charakter des Kronprinzen sei es zweifellos, daß er von König Eduard und den dortigen Damen völlig ,eingewickelt' werden würde. General von Plessen sagte mir noch heute abend, der Kaiser habe befohlen, daß er und General Löwenfeld sich unauffällig während des Besuchs der englischen Flotte in Swinemünde aufhalten sollten, um den Gang der Dinge an Ort und Stelle zu beobachten und dann zu berichten. Ich habe General von Plessen eindringlich vorgestellt, daß seine Anwesenheit in Swinemünde doch nicht geheim bleiben werde und daß es einen sehr schlechten Eindruck machen werde, wenn er bei seinen nahen Beziehungen zu S. M. dort quasi als Geheimagent des Kaisers auftauche. Auf meine Veranlassung ist nun zunächst an den General von Löwenfeld, und zwar chiffriert, durch das A. A. die Weisung ergangen, in Zivil dorthinzugehen. Plessen will S. M. bitten, von seiner Entsendung abzusehen. Am letzten Tage seiner Anwesenheit in Wilhelmshöhe kam Max Fürstenberg noch zu mir und erzählte mir ganz erregt, S. M. habe ihm gegenüber in solchen Ausdrücken über König Eduard gesprochen, daß er noch ganz perplex sei. Er könne mir gar nicht wiederholen, was der Kaiser gesagt habe; und auch auf den österreichischen Botschafter in London, Graf Mensdorff, scheine 154 DIE ENGLÄNDER BETRUNKEN MACHEN S. M. sehr schlecht zu sprechen zu sein. Ich sagte zu Fürst Max Fürstenberg, der Kaiser habe augenscheinlich mit ihm als seinem persönlichen Freund gesprochen, und ich hoffte, er werde als solcher die Worte S. M. in seinem Busen bewahren. S. M. habe ich abends unter vier Augen erzählt, was mir Fürstenberg gesagt hatte, und ich habe S. M. beschworen, vorsichtig zu sein. Der persönliche Zwist zwischen ihm und dem König Eduard könne die weittragendsten und unheilvollsten Konsequenzen haben; die Engländer warteten doch nur darauf, daß er sich eine Blöße gebe. Nun kommt leider wieder die Sache mit dem Kronprinzen! Beide Majestäten sind unter dem Eindruck der bedauerbchen Unreife des Kronprinzen. Ich habe neulich ein langes Gespräch mit der Kaiserin darüber gehabt und habe ihr gesagt, ich hätte ihr schon vor zwei Jahren geraten, den Kronprinzen einmal beim Landrat oder, wenn es nicht anders gehe, beim Oberpräsidenten ordentlich arbeiten zu lassen. Denn bisher, auch militärisch, spielt er ja nur. Die Kaiserin fand allerhand Gründe, weshalb es bis jetzt nicht möglich gewesen sei, will nun aber alles tun, damit im Herbst eine Entscheidung in dieser Richtung getroffen werde. Eine Unterstützung dieses Planes durch Eure Durchlaucht würde gewiß von bester Wirkung sein und die guten Absichten der Majestäten zu praktischer Ausführung bringen. Mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung und tiefster Verehrung Euer Durchlaucht ganz gehorsamer von Tschirschky." Der Gedanke, zwei Generaladjutanten nach Swinemünde zu schicken, um dort das Verhalten der engbschen Flotte zu beobachten, war in der Tat nicht glücklich. Fast noch kindlicher, um nicht zu sagen kindischer, war, was in derselben Zeit, am 25. August 1905, Kaiser Wilhelm ohne mein Wissen an seinen Freund Nicky schrieb: „Ich habe Meiner Flotte befohlen, der britischen in der Ostsee wie ein Schatten zu folgen und, wenn sie in Swinemünde Anker geworfen hat, in der Nähe der britischen Flotte anzulegen, ihnen ein Diner zu geben und sie so betrunken zu machen wie mög- bch, um herauszukriegen, was sie vorhaben, und dann wieder fortzusegeln." In Wirklichkeit wurde die englische Flotte in Swinemünde von allen Behörden in der üblichen Form, mit ruhiger Höfbchkeit begrüßt und aufgenommen. Alle Offiziere unserer Marine, mit denen ich während meines Lebens in Berührung gekommen bin, zeichneten sich durch gute Manieren und ein einnehmendes Wesen aus, erwarben sich auch überall Sympathien. Der in dem Briefe des Gesandten von Tschirschky erwähnte öster- Graf Mens- reichische Botschafter in London Graf Albert Mensdorff war Persona in- dorff-Pouilly gratissima bei Seiner Majestät. Die Mensdorffs entstammten einer kleinen lothringischen Familie, die ursprünglich Pouilly hieß. Ein Pouilly emigrierte während der Französischen Revolution nach Koblenz und wurde von dort nach Österreich verschlagen, wo es ihm gelang, das Herz der Prin- DAS VÄTERLICHE VERBOT 155 Zessin Sophie von Sachsen-Saalfeld-Koburg zu erobern. Um die Heirat zu ermöglichen, wurde er in den Grafenstand erhoben und erhielt den Namen des Dorfes Mensdorff, aus dem er stammte. Die Königin Victoria erstreckte die unbegrenzte Liebe, die sie für ihren Gemahl empfand, auf alle seine Verwandten, auf alle, die irgendwie mit dem Hause Koburg zusammenhingen, also auch auf die Familie Mensdorff. Wenn ein Mensdorff zur Königin eingeladen wurde, erhielt er einen besonderen sehr hohen Rang. König Eduard machte es in dieser Beziehung wie seine Mutter. Der Erzherzog Franz Ferdinand erzählte mir gelegentlich mit zornigem Ausdruck, man habe ihn in England bei einem feierlichen Anlaß in derselben Reihe mit einem österreichischen Untertan, dem Botschafter Mensdorff, placiert. Die Königin und ihr Sohn gingen davon aus, daß der Rang sich nach dem Grade der Verwandtschaft mit dem englischen Königshause richte. In England fand alle Welt mit englischem Aplomb und englischem Hochmut dies völlig in der Ordnung, Tories und Whigs, Aristokraten wie Demokraten. Kaiser Wilhelm, obwohl er von allen nichtenglischen Fürstlichkeiten dem englischen Königshause verwandtschaftlich am nächsten stand und schon deshalb sein Rang nicht angetastet werden konnte, ärgerte sich doch darüber, daß Albert Mensdorff, der übrigens ganz gewandt, auch etwas intrigant war und es nicht ungern sah, wenn die englische Gesellschaft den „netten" (nice) Österreicher dem „bösen" (wicked) Deutschen vorzog, so sehr fetiert wurde. Am 8. September berichtete mir Tschirschky weiter: „Euer Durchlaucht beehre ich mich Nachstehendes gehorsamst zu melden. Seine Majestät ge- Einladung ruhten mir soeben mitzuteilen, daß S. K. H. der Kronprinz einen Brief des Kron- des Königs Eduard erhalten hat, in dem der König sich darüber beklagt, pr in * en J ia ^ 1 daß Seine Majestät auch dieses Jahr den Besuch des Kronprinzen in Eng- gc j e ^ nt land verhindert habe. Hiernach sei es klar, daß der Kaiser überhaupt nicht wolle, daß der Kronprinz nach England komme. Der Ton des Briefes sei wenig freundlich gewesen. S. M. fügten hinzu, der Kronprinz scheine leider seiner Weisung, als Grund für die Ablehnung der Einladung den Besuch des Königs von Spanien anzuführen, nicht gefolgt zu haben, sondern habe in seinem Unmute über das entgangene Amüsement in England sich nur auf das kaiserliche Verbot berufen. S. M. will nun dem König direkt schreiben und ihm ganz ruhig sagen, daß der bei allen Höfen herrschende Brauch bei Einladungen von Prinzen eine vorgängige Anfrage bei dem Familienoberhaupt fordert. Lord Lonsdale tut, wie gewöhnlich, das Mögliche, um den Antagonismus zwischen den beiden Herrschern zu schüren. S. M. erzählte mir, der Lord habe ihm vorgeklagt, daß der König ihn nicht mehr empfangen wolle, und zwar nur deshalb, weil er mit dem Deutschen Kaiser befreundet 6ei! Der Lord habe ihm weiter bestätigt, daß die Presse- 156 A GREAT LIAR" kampagne in England gegen uns vom König persönlich geleitet werde. Er, Lonsdale, habe im Laufe des Sommers verschiedene deutschfreundliche Artikel in die englische Presse lanciert und sei deshalb durch dritte Personen im Auftrage des Königs zur Rede gestellt worden. Er habe sich aber dieses Vorgehen des Königs energisch verbeten und ihm antworten lassen, falls der König etwas von ihm wolle, so möchte er ihn als Peer des Reichs und Mitglied des Oberhauses zu sich rufen lassen. Seitens der Deutschen Botschaft sei bei Behandlung der Presse in England nicht geschickt verfahren worden. Graf Bernstorff habe mit untergeordneten Presseleuten gearbeitet und dadurch nur erreicht, daß die eigentlichen Leiter der Blätter sich gekränkt fühlten. Auch habe man von der Botschaft antifranzösische Artikel in die englischen Blätter lancieren wollen; das sei natürlich sofort bekanntgeworden und habe den gegenteiligen Effekt hervorgerufen. Lord Lonsdale hat S. M. weiter erzählt, er sei mit der Minorität im Oberhause gegen den Abschluß des neuen japanischen Vertrags; die Regierung habe aber jede Kundgebung in dieser Richtung verboten. Der Vertrag müsse für England verhängnisvoll werden! Der Lord hat im Anschluß hieran von der ,asiatischen' und der ,gelben Gefahr' gesprochen." Die renommistischen Aufschneidereien des Earl of Lonsdale bewiesen, daß König Eduard nicht unrecht hatte, diesen verkrachten Nobleman und Personal friend des Kaisers „a great liar" zu nennen. Die Insinuation gegen Bernstorff war unbegründet. Graf Bernstorff, damals Botschaftsrat in London, später Botschafter in Washington, hatte, im Gegensatz zu Eckardstein, die schwierigen Beziehungen der Deutschen Botschaft zur englischen Presse mit ebensoviel Würde wie Geschick vermittelt. Im Juni 1905 war die lange erwartete Kündigung der Union zwischen Trennung Schweden und Norwegen durch Norwegen erfolgt. Die Beziehungen Norwegens zwischen den beiden Völkern waren, seitdem der Wiener Kongreß sie zu- C Ii fJ i scnuieaen sammen g esc h we jßt hatte, nie wirklich freundliche gewesen. Das Verhältnis glich einer jener trostlosen Ehen, wie sie Strindberg schildert. Es ist schwer zu sagen, ob die englische Politik zu der schließlichen Scheidung beigetragen hat. Jedenfalls entsprach diese dem englischen Interesse. Schweden hatte während des achtzehnten Jahrhunderts bald zu Rußland geneigt, bald zu Frankreich. Im neunzehnten Jahrhundert war es unter dem Einfluß einer Dynastie französischen Ursprungs bis in die achtziger Jahre französisch gerichtet, seitdem aber traten bei dem ritterlichen schwedischen Volk starke Sympathien für Deutschland hervor. Um Norwegen hatte Wilhelm II. sich viel Mühe gegeben. Er besuchte jedes Jahr, wie viele andere Deutsche, das herrliche Land. Der Sang an Ägir, der in Wirklichkeit von Phili Eulenburg verfaßt und komponiert war, erschien unter dem Namen des Kaisers. Der Kaiser hatte einem Helden der norwegischen Sage, Frithj of, KAISERLICHE PRÄSENTE 157 der nach Überwindung unendlicher Gefahren und Schwierigkeiten die Tochter des Königs Belli, die schöne Ingibjorg, trotz des Widerstands ihrer bösen Brüder, Helgi und Halfdan, zur Gemahlin errang, am norwegischen Strande ein prächtiges Denkmal errichtet. Aber die politischen Sympathien der Norweger gingen wie ihr Handel und ihre Schiffahrt überwiegend in englischer Richtung. Die Errichtung eines Monuments für den wackeren Frithjof war ebensowenig von dauernder Wirkung wie das Geschenk eines Denkmals des größten Preußenkönigs an die Vereinigten Staaten, die Errichtung eines Goethe-Denkmals in Rom, eines Denkmals für König Wilhelm III. von England in London. Als das letztgenannte Monument seinen Weg nach England genommen hatte, legte ich dem Kaiser einen Ausschnitt aus der „Times" vor, derzufolge im englischen Parlament angefragt worden war, was die englische Regierung mit dieser seltsamen Gabe zu tun gedenke. Ein schlagfertiger Vertreter des Foreign Office auf der Regierungsbank hatte geantwortet, die Regierung beabsichtige, das Denkmal König Wilhelms III., der ein Oranier gewesen wäre, vor einer Orangerie aufzustellen. Hinter dieser Bemerkung verzeichnete der Parlamentsbericht: „Loud and general laughter." Auch das machte den Kaiser nicht irre in seiner Neigung, andere Völker und Staaten durch Geschenke zu erfreuen. Für Wilhelm II. traf, ein Beweis seiner gutmütigen Veranlagung, die englische Wendung zu: to enjoy one's seif. Anderen Aufmerksamkeiten zu erweisen, sich anderen gegenüber generös und nobel zu zeigen, bereitete ihm selbst den größten Spaß. Es gelang König Eduard, den Norwegern als König des selbständig gewordenen Norwegen den mit seiner dritten Tochter, der Prinzessin Maud, verheirateten Prinzen Karl von Dänemark, den zweiten Sohn des Königs Friedrich VII. von Dänemark, mundgerecht zu machen. Die junge Prinzeß, die bis dahin mit ihrem Gatten eine reizende Cottage in der Nähe von Sandringham bewohnt hatte, empfand gar keine Lust, das großartige und bequeme englische Leben mit einer weit weniger brillanten Existenz in dem melancholischen Christiania (jetzt Oslo genannt) zu vertauschen. Sie sagte zu ihrem Vater, sie wolle lieber auf dem kleinsten englischen, ja selbst irischen Pachthofe sitzen als auf dem norwegischen Thron. König Eduard, der bei aller Bonhomie in seiner Familie keinen Widerspruch duldete, erwiderte seiner Tochter auf ihre Klagen und Bitten: „Prinzessinnen haben nicht Liebhabereien, sondern Pflichten." Prinz Karl nahm den echt norwegischen Namen Haakon an mit der Chiffre VII., da es in fabelhaften Zeiten schon sechs norwegische Könige mit dem Namen Haakon gegeben hat, darunter Haakon den Alten, der sich im dreizehnten Jahrhundert Island und Grönland unterwarf. Des jungen Königs Haakon Söhnchen, das 1905, bei der Erhebung des Vaters auf den Königsthron, noch nicht zwei Jahre alt war und bis dahin Alexander 158 DIE ENGLISCHE PRESSE MALIZIÖS hieß, wurde in Olav umgetauft. König Oskar von Schweden, der während seiner langen Regierung mehr nach dem Lorbeer des Dichters als nach dem des Monarchen gestrebt hatte, empfand den Abfall der Norweger sehr bitter. Als er mir bei seiner Durchreise durch Berlin davon sprach, wurde er von einem Weinkrampf überwältigt und fiel mir schluchzend um den Hals. Ich sah keinen Anlaß, in diesem skandinavischen Zwist, nachdem die Trennung erfolgt war, Partei zu ergreifen. Als König Haakon VII. am 25. November 1905 in Christiania landete, wurde er auf meinen Vorschlag nicht nur von englischen, sondern auch von deutschen Kriegsschiffen begleitet, und Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Seiner Majestät, wohnte den Feierlichkeiten der Thronbesteigung bei. Wenn die Sprache der englischen Presse während des ganzen Jahres Der Prinz von 1905 im allgemeinen recht unfreundlich gewesen war, die Haltung des Walen gegen Königs Eduard, gelinde gesagt, undurchsichtig und maliziös, so waren antideutsche j ense jt 8 des Kanals doch auch vernünftige Stimmen laut geworden. Als ein Agitation g ewor( j ener englischer Seeoffizier, der Vizeadmiral a. D. Fitzgerald, noch dazu in der „Deutschen Revue" auseinandersetzte, ein baldiger Krieg zwischen England und Deutschland sei unvermeidlich, wenn Deutschland seine Flotte weiter verstärke, wurde dieser Ausfall von der großen Mehrheit der englischen Presse zum Teil mit Schärfe abgelehnt. Erfreulich war und gute Hoffnungen für die Zukunft erweckte die ruhige Sprache und Haltung des damaligen Prinzen von Wales, des nachmaligen Königs Georg V. Darüber schrieb mir der Botschafter Metternich: „Ich habe gestern bei König Eduard diniert und saß neben dem Prinzen von Wales. Der Prinz besprach mit mir die Arthur Leesche Rede, die er als eine Ungeschicklichkeit ohne böse Absicht hinstellte. Er verwies den Gedanken kriegerischer Absichten Englands gegen Deutschland in das Gebiet der Fabel und sprach sich sehr heftig gegen die Zeitungen im allgemeinen und besonders gegen die ,Times' aus. Die Verhetzungen dieses Blattes wären unerhört. Die hiesige Regierung sei diesem Treiben gegenüber aber machtlos. Er könne nicht verstehen, wie man in Deutschland an kriegerische Absichten Englands habe glauben können. A rotten paper, wie die ,Army and Navy Gazette', habe gar nichts zu bedeuten, ebensowenig wie das sogenannte ,Court Journal', das außer seinem selbstverliehenen hochtrabenden Namen mit dem hiesigen Hofe nicht mehr zu tun habe wie die ,Daily Mail'. Kriegerische Verwicklungen zwischen England und Deutschland seien so sehr gegen das Interesse der beiden Völker und gegen den gesunden Menschenverstand, daß er für seine Person es ausgeschlossen halte, daß es jemals dazu kommen könne. Das größte Unglück, das die Welt treffen könne, sei, seiner Ansicht nach, ein Krieg zwischen England und Frankreich oder zwischen England und Deutschland oder zwischen Deutschland und BISMARCK NIE ANTIZARISTISCH 159 Frankreich. Auch König Eduard sprach lange mit mir, ohne jedoch politisch Wichtiges hervorzuheben." Daß der damalige Prinz von Wales Deutschland und dem Deutschen Kaiser unbefangener gegenüberstand als sein Vater, bestärkte mich in meiner auf die Erhaltung des Friedens gerichteten Politik. Die Zeit ging für uns. Es kam aber darauf an, Riffe und Sandbänke zu vermeiden, bis eine Änderung der gesamten Weltlage, wie eine solche von Zeit zu Zeit immer wieder eintritt, denn xdvza gel, ewig wechselt alles, uns leichtere und ruhigere Fahrt vergönnte. Ob ein autokratisch regiertes Rußland für uns nützlicher sei oder ein revolutionäres, konnte zweifelhaft erscheinen. Fürst Bismarck war der Innere Vor- ersteren Ansicht. Herbert Bismarck äußerte mir gegenüber, als ich 1884 g° n 8 e "* als Botschaftsrat nach St. Petersburg geschickt wurde, sein Vater habe seit ^ u ß^ a ' 1 ^ jeher seine Politik gegenüber Rußland auf die Person des gerade regierenden Zaren eingestellt. Andererseits war es klar, daß, wenn es für uns leichter war, uns mit dem zaristischen Rußland zu verständigen als mit einem republikanischen, weil wir am russischen Hofe, in der russischen Gesellschaft und im russischen Beamtentum viel mehr Anknüpfungspunkte, Verständnis und Sympathien fanden als bei den die Autokratie bekämpfenden Elementen, doch das Hochkommen der letzteren die russische Macht schwächen mußte. Jedenfalls hat Fürst Bismarck recht behalten mit seiner Voraussage, daß ein Krieg zwischen den drei Kaiserreichen eine ernste Gefahr für die drei Kaiser bedeuten würde. Er würde nie einem Krieg gegen Rußland eine so antizaristische Spitze gegeben haben, wie dies Bethmann tat. Er hätte auch schwerlich die bolschewistischen Führer aus der Schweiz nach Rußland zurückgeführt. Daß die innere Lage in Rußland, je länger der Krieg gegen Japan dauerte, um so bedrohlicher wurde, war zweifellos. Der russische Botschafter in London, Graf Benckendorff, sprach sich seinem deutschen Kollegen gegenüber hinsichtlich der weiteren Entwicklung der innerrussischen Verhältnisse sehr ängstlich aus. Kaiser Nikolaus, hatte der russische Botschafter in London dem Grafen Metternich unter anderem gesagt, sei vorläufig noch entschlossen, den Krieg gegen Japan mit allen Mitteln weiterzuführen. Es könne sich dies aber auch plötzlich ändern, da die verschiedensten Einflüsse auf den Zaren einwirkten. Im Gegensatz zu früher, wo der Zar sich abgeschlossen habe, könne jetzt jeder, der irgendeinen Plan zur Rettung Rußlands hege, persönlich an ihn herankommen. Den ganzen Tag kämen und gingen Vertreter der Semstwos und andere mit Vorschlägen und Bittschriften zum Zaren. Auf eine Frage des Grafen Metternich nach der Stellung des Grafen Witte hatte der russische Botschafter erwidert, der Zar könne Witte nach wie vor nicht ausstehen, dessen Macht sei aber trotzdem auf Grund seiner bedeutenden Persönlichkeit nicht zu unterschätzen. 160 MASSAKER UND DIKTATUR IN PETERSBURG Das Jahr 1905 hatte für Rußland damit begonnen, daß der Präsident Beginn der der Moskauer Semstwos, Fürst Trubetzkoi, in einem offenen Schreiben an russischen J en Minister des Innern, den eher liberal gesinnten Fürsten Mirski, die Revolution Notwendigkeit von Reformen betonte, „um eine Revolution zu vermeiden". Es folgten zahlreiche Kundgebungen der Arbeiterschaft wie der „Intelli- genzia" für konstitutionelle und administrative Reformen. Die Polizei schritt vergeblich dagegen ein. Stärkeren Eindruck machte auf den Zaren, daß bei dem jedes Jahr am Epiphaniastage stattfindenden Feste der Wasserweihe, die vom St. Petersburger Hof seit jeher mit besonderem Glanz gefeiert wurde, in das Zelt, unter dem sich der Kaiser mit dem Hof auf dem Eise der Newa versammelt hatte, beimSalutschießen plötzlich mehrere Kartätschkugeln einschlugen. Es ist niemals festgestellt worden, wie es möglich war, daß dieser Scharfschuß abgefeuert werden konnte. Drei Tage später folgte ein blutiger Zusammenstoß zwischen Militär und einer Massendeputation streikender Arbeiter, die von dem Popen Gapon, einem ausgesprungenen Priester, geführt wurden. Die Arbeiter, an deren Spitze Gapon mit dem orthodoxen Kreuz in der einen Hand, ein Bild des Zaren in der anderen, marschierte, wollten im Winterpalais eine Bittschrift überreichen, die alle jene Wünsche und Grundrechte aufzählte, welche die Demokratie des Westens seit langem erreicht hatte, die aber in Rußland nie öffentlich verlangt worden waren und die übrigens nach erfolgtem Umsturz von der siegreichen Revolution mit Füßen getreten werden sollten: Freiheit des Worts, Gewissensfreiheit, Gewährleistung des Versammlungsrechts, Garantien der persönlichen Sicherheit, eine Volksvertretung, Gleichheit aller vor Gericht, Verantwortlichkeit der Minister, obligatorischer Schulbesuch auf Staatskosten, Einkommensteuer usw. Dazu traten neue sozialistische Forderungen, wie Achtstundentag, Streikrecht, Vorkehrungen gegen die Bedrückungen der Arbeiter durch das Kapital. Ein rasch herbeigeholtes Garderegiment verhinderte die Demonstranten, bis zum Winterpalais zu gelangen. Es gab mehrere Tausende von Toten. Unter den Verhafteten befand sich der talentvolle Dichter Maxim Gorki, dessen „Nachtasyl" auch in Deutschland, meisterhaft gegeben, viel Interesse erregt hatte. Achtundvierzig Stunden nach diesem Zusammenstoß wurde in St. Petersburg die Militärdiktatur erklärt, an deren Spitze General Dimitrij Fedorowitsch Trepow trat. Er war eine echt russische Erscheinung. Sein Vater war als ausgesetztes Kind auf der Treppe eines reichen deutschen Kaufmanns in Wassily-Ostrow gefunden worden, der ihm den Namen Trepow (Treppauf) beilegte. Er kam später in das Kadettenkorps, brachte es in der Armee bis zum Obersten und wurde als solcher unter Kaiser Alexander II. Polizeipräsident von Petersburg. Das Attentat, das Vera Sassulitsch 1875 gegen ihn gerichtet hatte, bezeichnet den Beginn der modernen, von unten auf- DIE ERMORDUNG DES GROSSFÜRSTEN SERGEI 161 steigenden revolutionären Bewegung in Rußland. Bis dahin hatte Rußland nur Palastrevolutionen und Adelsverschwörungen gekannt. Ein russischer Bauer drückte das gegenüber dem mir befreundeten Grafen Lewaschow nach der Ermordung des Kaisers Alexander II. mit den Worten aus: „Früher war es nur den großen Herren erlaubt, einen Zaren umzubringen, jetzt macht das aber auch den kleinen Leuten Spaß." Die Reden, die der arme junge Kaiser Nikolaus II. von Zeit zu Zeit an Arbeiterdeputationen oder Abordnungen von Bauern richtete, waren matt und machten keinen Eindruck. Weitere Attentate erfolgten in rascher Folge. Der Großfürst Wladimir, der neue Minister des Innern Bulygin, der für energisch galt, der Generalgouverneur Trepow selbst entgingen nur mit Mühe den für sie bestimmten Kugeln. Die meisten großen Städte waren der Schauplatz blutiger Straßenkämpfe. In Russisch-Polen kam es neben sozialistischen Unruhen auch zu national-polnischen Erneuten. Der Großfürst Sergei, Schwager und Oheim des Zaren, wurde in dem Augenblick ermordet, wo Prinz Friedrich Leopold von Preußen am russischen Hofe weilte. Der Prinz erzählte mir nach seiner Rückkehr, die Nachricht von dem in Moskau verübten Verbrechen wäre in Peterhof, wo sich der Zar aufhielt, zwei Stunden vor der Abendtafel eingetroffen. Der Prinz ließ sich erkundigen, ob die Abendtafel stattfinden würde, oder ob der von einem solchen Schicksalsschlag betroffene Kaiser lieber allein sein wolle. Der Prinz erhielt die Antwort, daß er ruhig zum Diner kommen möge. Die Kaiserin erschien allerdings nicht, dagegen waren der Kaiser und sein gleichfalls anwesender Schwager, der Großfürst Alexander Michailo- witsch, in bester Stimmung. Von der Ermordung des Großfürsten war überhaupt nicht die Rede. Nach Tisch amüsierten sich der Kaiser und sein Schwager damit, daß sie vor den Augen des erstaunten deutschen Gastes sich gegenseitig von einem schmalen und langen Sofa herunter- zudrängeln suchten. In derselben Stunde betrat die Großfürstin Sergei, eine Prinzessin von Hessen-Darmstadt, allein den Kerker, in dem der Attentäter, der ihren Gatten ermordet hatte, vor seiner auf den nächsten Tag angesetzten Hinrichtung gefangensaß. Sie frug ihn, weshalb er ihr in so grausamer Weise den Gatten geraubt hätte. Der Mörder erwiderte, er hätte persönlich nichts gegen den Großfürsten gehabt, und es betrübe ihn, der Großfürstin Schmerz bereitet zu haben, aber seine Grundsätze hätten ihm das Attentat zur Pflicht gemacht. Als die Großfürstin den Kerker verließ, verneigte er sich vor ihr und küßte den Saum ihres Kleides. Die Großfürstin Elisabeth Feodorowna ist bekanntlich im Juni 1918 in Alajagawesk, einem kleinen Städtchen im Ural, von Bolschewisten in einen tiefen Schacht gestürzt worden. Auf den noch lebenden, aber zerschmetterten und röchelnden Leib wurde ungelöschter Kalk geschüttet. 11 Bttlow u 162 DAS SATYRSPIEL VON BJÖRKÖ Die Schwester der Großfürstin, die in England lebende Prinzessin Viktoria von Battenberg, erreichte durch Mittelspersonen die Herausgabe der Leiche, die sie in Jerusalem am Fuße des ölberges in geweihter Erde beisetzen ließ. George Sand hat die richtige Bemerkung gemacht: „que la vie ressemble plus au roman que le roman ä la vie". Die Geschichte verzeichnet entsetzlichere Tragödien, als sie die Phantasie der größten Dichter, eines Äschylos oder Shakespeare, zu ersinnen vermochte. Damit dem Drama von Björkö neben seinen tragischen Momenten auch Brief ein Satyrspiel nicht fehle, erhielt ich Mitte August ein längeres Entschul- Tschirschkys digungsschreiben des den Kaiser damals auf seinen Reisen als Vertreter zum Bjarkö- j eg Auswärtigen Amtes begleitenden Gesandten von Tschirschky. Der J^ßftros , fühlte natürlich, daß er während der Entrevue von Björkö vollkommen versagt hatte, indem er, nur bestrebt, Seiner Majestät nach dem Munde zu reden, und stets in Angst, das Allerhöchste Mißfallen zu erregen, weder auf die Schädlichkeit des Zusatzes „en Europe" hingewiesen noch überhaupt davor gewarnt hatte, ohne Zuziehung des deutschen Reichskanzlers und des russischen Ministers des Äußern einen Staatsvertrag mit der unbesonnenen Schnelligkeit abschließen zu wollen, mit der sich kaum ein Leutnant verloben würde. In einem mit „Privat" und „Ganz vertraulich" bezeichneten Brief schrieb er mir, daß er „einem inneren dringenden Bedürfnisse folgend" mir einige Betrachtungen unterbreiten müsse, die mir mündlich vorzutragen er nicht den Mut gefunden habe. Er sei mir eine Antwort auf die von mir an ihn gerichtete Frage schuldig, warum er mich nicht besser über alle Vorgänge vor und in Björkö unterrichtet hätte. Er habe dies unterlassen, weil seine Versuche, mir außeramtlich näherzutreten, die „aus seinem innersten Herzen" hervorgegangen seien, bei mir nach seiner Empfindung kühler Zurückhaltung begegnet wären. Insbesondere wären weder er noch seine Gattin, obwohl sie regelmäßig Karten bei mir gelassen hätten, in der letzten Zeit mit einer Einladung in mein „sonst so gastfreies Haus" beehrt worden. Im Winter 1903 auf 1904 wäre er fast eine ganze Woche in Berlin gewesen, ohne vom Reichskanzler zu Tisch geladen zu werden. Das hätte ihn doppelt geschmerzt, weil er gehofft habe, von mir einige tröstende Worte zu hören, nachdem er zu seinem Kummer bei einer kürzeren Reise Seiner Majestät „übergangen" worden sei. Nichts wäre ihm mehr zuwider als der Gedanke, sich aufzudrängen, er würde auch nie wagen, dem Kanzler Vorschriften machen zu wollen, aber seine betrübte Stimmung und die aus dieser Stimmung hervorgehende Zurückhaltung wären doch begreiflich. Vor zwei Jahren hätte ich ihm wegen eines Versehens einen dienstlichen Verweis erteilt, der ihn, der sich mehr als „deutscher Edelmann und sächsischer Kammerherr" fühle wie als Beamter, tief verletzt habe. Er nähme sich nicht heraus, an mir Kritik zu üben, glaube TSCHIRSCIIKYS MONOLOG 163 aber, daß seine „Treue" und seine „edelmännischen Eigenschaften" von mir nicht genügend gewürdigt würden. Dann hieß es wörtlich: „Ich will nicht davon sprechen, wie ich, besonders in den letzten Wochen, meine ganze Person für die Aufrechterhaltung guter Beziehungen zwischen Seiner Majestät und Eurer Durchlaucht eingesetzt habe. Das war einfach meine Pflicht. Für mich selbst erstrebe ich gar nichts. Streber bin ich nicht; vielleicht weniger aus bewußter Tugend als nach Charakteranlage. Die beinahe sechs Jahre, die ich bei Seiner Majestät bin, habe ich, soviel mir bewußt, noch nie mit einem Worte von mir selber gesprochen oder irgend etwas ,herausschlagen' wollen. Ich will niemanden verdrängen, habe auch gar keinen Ehrgeiz, in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen zu wollen. Wenn ich die Hoffnung hege, daß mir gelegentlich einmal eine Botschaft anvertraut werden könnte, so liegt das in der Natur der Dinge. Wünschen würde ich es vielleicht in erster Linie meiner Frau wegen, die eigentlich zu etwas Besserem geboren ist, als ihre besten Jahre in Hamburg zu verbringen, wo, wie Euer Durchlaucht bekannt ist, das Leben des Charmes entbehrt, wenn man nicht selber Hamburger Kaufmann oder Reeder ist." Am Schlüsse seines Briefes bat mich Tschirschky, der sich mir gegenüber schon einmal, nach Absendung der Swinemünder Depesche des Kaisers an den Prinzregenten von Bayern, in ebenso mesquinen und larmoyanten Quengeleien ergangen hatte, seine Ausführungen als einen „Monolog" zu betrachten, der aus der Tiefe seiner Seele aufsteige. Er versicherte mich, daß er stets mit schuldigem Respekt alles akzeptieren würde, was seine Vorgesetzten über ihn beschlössen, und endigte mit den Worten: „Euer Durchlaucht wollen die Länge dieses Schreibens entschuldigen. Es wird aber hoffentlich nur kurz erscheinen im Verhältnis zu der Länge der Zeit, während der ich hoffen darf, meine geringen Dienste in Zukunft Eurer Durchlaucht in Ihrem hohen Amte ganz zur Verfügung stellen zu dürfen." Die Behauptung dieses Petenten, daß er keinen besseren Posten anstrebe als das von ihm „als Edelmann" so sehr verachtete Hamburg, traf Zirkular an natürlich nicht zu. Der Kaiser hatte mich, sicheriich nicht aus eigenem An- die Vertreter trieb, schon mehrfach gefragt, ob Tschirschky sich nicht gut für die Londoner oder die römische Botschaft eignen würde. Dies kleine Beispiel zeigt, wie sehr mir die Führung der Geschäfte durch Beamte erschwert wurde, bei denen kleinliche persönliche Empfindlichkeiten und Ambitionen in so hohem Maße sachliche Gesichtspunkte und die Rücksicht auf die großen Interessen des Vaterlandes überwogen. Auch dieser Mißstand war zweifellos eine Folge des von Wilhelm II. auf die Spitze getriebenen persönlichen Regiments. Nicht nur drehten sich alle charakterlosen Beamten—und solche wird es in jedem Lande und unter jedem Regime geben — nach dem Kaiserthron wie die Sonnenblume nach der Sonne, sondern bei nur zu vielen n* 164 DEUTSCHE DIPLOMATEN überwog jede andere Rücksicht der brennende Wunsch, die Zeit, wo sie in der Nähe Seiner Majestät weilen durften, zu benutzen, um, wie Fürst Bismarck dies nannte, die eigene Matratze zu stopfen, d. h. die eigene Karriere zu fördern. Ganz frei von einer solchen Tendenz war als Begleiter des Kaisers der spätere Botschafter in London, Graf Paul Metternich, gewesen. Er hat nie einen Finger gerührt, um den damaligen Botschafter in London, Grafen Paul Hatzfeldt, zu verdrängen, obschon er selbst sich für London hervorragend eignete und obwohl Hatzfeldt durch seinen traurigen Gesundheitszustand die Möglichkeit bot, ihn zu „demolieren", wie der diplomatische Terminus technicus lautet. Holstein und Kiderlen hatten gewiß ihre großen Fehler, aber im Gegensatz zu Tschirschky, Schön, Flotow, Jagow e tutti quanti war der rein politische Betätigungsdrang bei ihnen stärker ausgebildet als die persönliche Ambition. Ein anderer Fehler, der mir in den Berichten unserer Auslandsvertreter nur zu oft entgegentrat, war die Neigung, fremde Länder, fremde Zustände, ausländische führende Persönlichkeiten mit übertriebener Schärfe zu kritisieren und vor allem sie mit mehr Behagen als Witz zu ironisieren. Auch diese Unsitte war im letzten Ende auf Schwächen Seiner Majestät zurückzuführen. Die Berichterstatter wußten, daß dem hohen Herrn ein gewisses überhebendes Heruntermachen alles Ausländischen, ein gewisser, sit venia verbo, naßforscher Ton nicht mißfielen und daß er insbesondere gern über schlechte Witze lachte, namenthch wenn sie ihm unsympathischen Fürstlichkeiten, Ministern oder gar Parlamentariern galten. Ich sah mich deshalb am 20. Mai 1905 veranlaßt, an unsere Missionen das nachstehende Zirkular zu richten: „Ein mir vorhegender Bericht gibt mir Anlaß zu der Bemerkung, daß eine einseitige Kritik über das öffentliche Leben fremder Staaten ein Fehler ist, in den unsere Diplomaten zu meinem Bedauern zu häufig verfallen. Negierende Kritik ist ohne praktischen Wert. Bei den Kaiserlichen Vertretern im Auslande kommt es auf positive Tätigkeit an. Manche Beamte des auswärtigen Dienstes anderer Länder zeigen, was mit zielbewußter, vorurteilsloser und intensiver positiver Arbeit zu erreichen ist. Auch wir müssen bemüht sein, aus den Verhältnissen, wie sie nun einmal gegeben sind, den möglichsten Nutzen für uns zu ziehen. So hat, um nur ein Beispiel anzuführen, der deutsche Export die Aufgabe, sich den Gewohnheiten und Wünschen der fremden Einfuhrländer anzupassen, ohne Versuch, unseren Geschmack dort aufzudrängen. Häufige Reisen im Lande, persönliche Betätigung an Ort und Stelle und reger Verkehr gerade mit inländischen Kreisen werden dazu beitragen, daß die Kaiserlichen Vertreter für die besonderen Verhältnisse der Fremde Verständnis erwerben. Sie müssen dabei abweichenden Anschauungen und Gebräuchen unbefangen DIE MAROKKO-KONFERENZ 165 Gerechtigkeit widerfahren lassen und vermeiden, ihremUrteil den Maßstab der Heimat, abstrakte Grundsätze oder subjektive Liebhabereien zugrunde zu legen. Die Förderung der deutschen wirtschaftlichen und politischen Interessen muß allein Ziel sein. Lamentationen über fremde Fehler und mehr oder weniger gelungene Ironisierungen ausländischer Zustände sind wertlos. Die vorstehenden Direktiven werden nicht nur bei der Berichterstattung, sondern auch materiell als Richtschnur dienen können." Inzwischen waren die Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz wesentHch vorangeschritten. Zwischen uns und Frankreich waren über das Programm am 8. Juh und am 28. September 1905 Vereinbarungen getroffen worden, die" bewiesen, daß es leichter war, mit Herrn Rouvier zu einer Verständigung zu kommen als mit seinem Vorgänger. Auch in den parlamentarischen Kreisen Frankreichs machte sich eine Besserung der Stimmung bemerkbar. Die seit dem Frankfurter Frieden bestehende Unterströmung blieb natürlich unverändert, aber die Oberfläche hatte sich seit dem Rücktritt von Delcasse erheblich geglättet. Im Herbst 1905 besuchte der Abgeordnete Millerand, Millerand damals einer der Führer der französischen Sozialdemokraten, später ein Berlin sehr nationalistischer Kriegsminister, Ministerpräsident und Präsident der Französischen Republik, die Reichshauptstadt. Uber seine Begegnung mit Millerand meldete mir der Staatssekretär von Richthofen: „Herr Millerand besuchte mich heute. Aussehend wie aus mittlerem Bürgerstand, nicht groß, etwas rund, von guten Formen und sehr höflich. Er ist mit seiner Frau unterwegs nach Wien zu einem Arbeiterversicherungskongreß, weilt zwei Tage hier, reist heute abend ab und will morgen einige Stunden die Museen in Dresden besuchen. Zum erstenmal hier, scheint ihm Berlin sehr zu gefallen. Er äußerte sich sehr befriedigt über seine Aufnahme hier und daß ihm so vieles, insbesondere durch die Herren Bödecker und Freund, gezeigt worden sei; alles Amtliche scheine ihm vortrefflich organisiert. In politischer Beziehung sprach Millerand abfällig über Delcasse. Nachdem man ihn Deutschland geopfert habe, hätte man in der Marokko-Frage größeres Entgegenkommen erwartet und sei etwas desülusioniert gewesen. Ich erwiderte ihm, es handle sich wesentüch um Bagatellen, und ich verstünde nicht, daß man wegen dieser in Paris so schwierig sei. Es scheine aber jetzt sich alles zu ordnen. Millerand bemerkte ferner, man gehe fehl, wenn man in Deutschland etwa geglaubt habe, daß Frankreich mit England eine Allianz zu schließen beabsichtige. England habe als in seinem Interesse liegend befunden, die Sache so darzustellen: ,L'alliance avec la Russie et bon ami avec l'Angleterre et avec l'Allemagne si eile veut.' Je besser die Beziehungen zu Deutschland sich gestalteten, desto mehr werde man in Frankreich befriedigt sein, und er hoffe — welche Hoffnung ich teilte —, daß sich aus den Marokko-Beratungen schließlich ein besseres Verhältnis 166 DER MINISTRABLE MILLERAND zwischen den beiden Nachbarn entwickeln werde. Er sei eben in Hamburg gewesen und bewundere, was deutsche Tatkraft hier und dort geschaffen habe. Deutschland scheine ihm ein besonders glückliches Land, da es schon allein durch sein Schwergewicht und seine Machtfülle und sodann durch den Fleiß der Deutschen im Ausland überall seinen Einfluß ausübe. Keine Äußerung des Herrn Millerand verriet auch nur andeutungsweise sozialdemokratische Anschauungen. Sichtlich bestrebt, Ministerkandidat zu bleiben! Ich sagte Herrn Millerand, daß Eure Durchlaucht sich jedenfalls, wenn Sie hier gewesen wären, gern die Freude verschafft hätten, seine Bekanntschaft zu machen." XL KAPITEL Indiskretionen Delcasses • Vorarbeiten für die Marokko-Konferenz • Russisch-japanische Friedensverhandlungen • Wittes Erfolg in Portsmouth • Witte auf der Rückreise in Berlin und Rominten • Brief Philipp Eulenburgs über Rominten (September 1905) Brief der Gräfin Witte an Herrn von Mendelssohn • Großfürstin Wladimir an ihren Onkel, Prinz Heinrich VII. Reuß, über russische Zustände • Die Heirat des Großfürsten Kyrill • Kuisermanöver in der Rheinprovinz, Bülow wird zum Generalmajor a la suite der Armee mit der Uniform de9 Königshusaren-Regiments ernannt • Herr von Bethmann Hollweg preußischer Minister des Innern Der von Herrn Millerand so ungünstig beurteilte Delcasse konnte seinen Sturz und das Scheitern seiner kriegerischen Pläne nicht verwinden. Delcasse nach Kaum einen Monat nach seinem Rücktritt erklärte er einem Mitarbeiter d ßm Sturz des „ Gaulois", er habe in der Ministerratssitzung, in der er seine Entlassung gab, seinen Kollegen auseinandergesetzt, daß sie im Vertrauen auf England alles wagen könnten. Nachdem Frankreich sich entschlossen hätte, jede Konkurrenz zur See gegenüber England aufzugeben und ihm die Herrschaft über das Meer und seine Wellen nie wieder streitig zu machen, stünde einer engbsch-französischen intimen Allianz, nichts mehr im Wege, die automatisch zu besseren Beziehungen zwischen Rußland und England führen werde. Seine Kollegen hätten ihm auf seine mutigen Worte ängst- Uch erwidert: „Aber dann wird uns Deutschland angreifen!" Er, Delcasse, habe den furchtsamen Ministem zugerufen: „Nun, so mag uns Deutschland angreifen, wir sind in der Lage, zu antworten!" Delcasse hatte mit den Worten geschlossen: „Sich zur Konferenz zu begeben, ist für Frankreich ein Fehler, und welch ein Fehler!" Drei Monate später wurde Delcasse in seinen Indiskretionen kühner. Er ließ durch den „Matin" verbreiten, er sei während der Marokko-Krise in der Lage gewesen, im Minister-Konseil mitzuteilen, daß England der französischen Regierung das Versprechen gegeben hätte, es werde im Falle eines deutschen Angriffs seine Flotte mobilmachen, den Kaiser-Wilhelm- Kanal besetzen und 100000 Mann in Schleswig-Holstein landen. Aus diesem Grunde sei er, Delcasse, für die Ablehnung des Konferenzvorschlages gewesen. Auf diese Enthüllung erwiderte wenige Tage später der Führer der französischen Sozialisten, Jaures, Delcasse habe bei der englischen 168 EIFERSUCHT IM A. A. Regierung den Eindruck hervorgerufen, daß er zu allem bereit sei, und die englische Regierung hätte bei dem eitlen Ex-Minister die Rolle des Versuchers gespielt. Die Mehrzahl der französischen Rlätter tadelten Delcasse, weil er Staatsgeheimnisse preisgegeben habe. Die offiziöse „Agence Havas" erklärte sich ermächtigt, die vom „Gaulois" und vom „Matin" verbreiteten Erzählungen über die Zwischenfälle, die den Rücktritt Delcasses herbeigeführt hätten, wie über die Einzelheiten bezüglich der Sitzung des damaligen Ministerrats als unzutreffend zu bezeichnen. Gleichzeitig erklärte das Büro Reuter die Enthüllungen des „Matin" über das militärische Versprechen Englands für unwahr. Der englische Botschafter suchte mich auf, um mir amtlich, im Auftrag seiner Regierung zu erklären, daß die Behauptung des Ex-Ministers Delcasse, die englische Regierung habe ihm militärische Hilfe in Aussicht gestellt und 100000 Mann in Holstein landen wollen, unwahr wäre. Ich erwiderte meinem Freunde Lascelles, ich hielte an der Hoffnung fest, daß das englische und das deutsche Volk sich nicht durch französische Treibereien verleiten lassen würden, sich „pour les beaux yeux de la belle France" in die Haare zu geraten und das namenlose Unglück eines allgemeinen Krieges über die Welt heraufzubeschwören. In der offiziösen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" hieß ich den Enthüllungen des „Matin" und des „Gaulois" jede Bedeutung für die in den letzten Monaten erzielte freundlichere Gestaltung des deutsch-französischen Verhältnisses absprechen. In der halboffiziösen „Kölnischen Zeitung" wurde gleichzeitig ausgeführt, daß die Enthüllungen des „Matin" nicht als lächerliche Phantastereien abgetan werden könnten. Es empfehle sich, sie ernst zu nehmen. Es habe wenig gefehlt, daß die leidenschaftliche Gefühlspolitik des Herrn Delcasse Europa in einen Krieg gestürzt hätte, wie er furchtbarer nicht gedacht werden könne. Bei den Vorarbeiten für die Konferenz von Algeciras machten sich in der Vorbereitung politischen Abteilung des Auswärtigen Amts allerlei Eifersüchteleien und fiir Algeciras Zänkereien geltend. Sie waren zum großen Teil auf die Unverträglichkeit des Geheimen Rats von Holstein zurückzuführen, der dem Staatssekretär Richthofen, nachdem er eine Zeitlang mit ihm leidlich ausgekommen war, neuerdings Amt und Leben sehr erschwerte. Gleichzeitig hatte er einen der kenntnisreichsten und begabtesten Beamten im Auswärtigen Amt, den damaligen Legationsrat, späteren Gesandten und endlich nach dem Umsturz kurze Zeit Minister des Äußern Rosen, Gott weiß warum, en grippe genommen. Der Botschafter Radolin in Paris bildete sich ohne Grund ein, Rosen wäre zu seinem Nachfolger bestimmt, und erschwerte infolgedessen Rosen, als dieser zur Besprechung mehrerer Spezialfragen für einige Wochen nach Paris geschickt worden war, in etwas kleinlicher Weise seine Aufgabe. Der Vertrauensmann von Holstein war damals der Geheime Rat Kriege, Der Friede von Portsmouth Die Vertreter Rußlands und Japans als Gäste Roosevelts auf der Präsidentenyacht „Mayflower" am 5. August 1905. Von links nach rechts Witte, der russische Botschafter in Washington Baron Rosen, Roosevelt, Baron Komura, Takahira DER ZAR MACHT FRIEDEN 169 der als Jurist zu tüchtig war, um ein brauchbarer Diplomat zu sein. Da endlich die ängstliche Eifersucht von Radolm durch den damaligen Botschaftsrat in Paris, Hans von Flotow, dessen dienstliche Tüchtigkeit und politische Befähigung nicht auf der Höhe seiner Neigung zu Intrigen standen, noch erheblich verstärkt wurde, so herrschte gerade bei der Behandlung der so eminent wichtigen Marokko-Frage unter den Dii minorum gentium ein bedauerliches Durcheinander. Ich schrieb darüber an den Staatssekretär: „Besten Dank für die Nachrichten über den Fortgang der Marokko-Angelegenheit. Für unsere Weltstellung wie für die Stimmung in Deutschland ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir anständig aus dieser Frage herauskommen. Vorbedingung hierfür ist, daß alle Beteiligten — Rosen und Kriege, Radolin und das Amt — unter Zurückdrängung kleinlicher persönlicher Gesichtspunkte nur an das Vaterland und sein Wohl denken. Darauf müssen Sie hinwirken, und in dieser Richtung werde ich Sie, wenn es nötig werden sollte, mit rücksichtsloser Entschiedenheit unterstützen. Ich dulde jetzt keine Quertreibereien und persönliche Empfindlichkeiten." Die russische Widerstandskraft gegenüber den Japanern näherte sich inzwischen ihrem Ende. Da sich gleichzeitig die innere Lage des großen Der Friede Reichs immer bedrohlicher gestaltete, entschloß sich Kaiser Nikolaus zum von Ports- Frieden, obwohl die meisten älteren Ratgeber des Zaren, viele Generale moutfl und insbesondere der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch, davon abrieten. Es war, wenn auch mühsam, gelungen, in Moskau eine Erhebung, die keine Revolte mehr war, sondern eine sozialistische Revolution, in mehrtägigem Straßenkampf niederzuwerfen. Die Versuche der Polizei, die Erregung der Massen auf die Juden abzulenken, unter denen entsetzliche Metzeleien angerichtet wurden, schadeten dem zaristischen System bei allen Gebildeten und menschlich Empfindenden, ohne der Autokratie mehr als vorübergehende Entlastung zu verschaffen. In einem ad hoc einberufenen Kronrat gab der Zar für die Friedenspartei den Ausschlag. Er entschloß sich auch, den ihm persönlich antipathischen Witte mit den Friedensverhandlungen zu betrauen, die unter amerikanischer Ägide in Portsmouth, einem amerikanischen Städtchen nördlich von Boston, im Staate New Hampshire, stattfanden. Witte zeigte sich als ein Friedensunterhändler ersten Ranges. Obwohl er schlecht Englisch sprach, gelang es ihm doch durch sein imponierendes Äußeres, die slawisch-russische Leichtigkeit seiner Umgangsformen und die Unermüdlichkeit, mit der er Händedrücke austeilte, durch sein ganzes Auftreten sich in Amerika rasch Bewunderung und Sympathien zu erwerben. Er hat mir später selbst erzählt, daß er an jenem Nachmittage stundenlang jeden, der sich meldete, empfangen und so viele Shake-hands ausgetauscht habe, daß ihm hinterher die ganze Nacht seine rechte Hand 170 VERTRAULICHES DINER MIT WITTE geschmerzt hätte. Er habe sie mit Opodeldok eingerieben und am nächsten Tage wieder angefangen. Er bewies durch seinen Erfolg, daß Talleyrand nicht unrecht hatte, wenn er meinte, qu'avec un front d'airain et le sourire sur les levres un diplomate de race passe partout. Das Beste für Witte tat natürlich sein berühmter Name. Es ist betrübend, zu denken, daß, als Deutschland sich zu Friedensverhandlungen genötigt sah, wir den siegreichen Franzosen in den Wald von Compiegne keinen besseren Unterhändler entgegenzusenden wußten als den armen Matthias Erzberger, über den der kluge Papst Benedikt XV., nachdem er ihn im Frühjahr 1915 einige Male empfangen hatte, zu einem Herrn seiner Umgebung äußerte: „Pare che questo famoso Erzberger sia molto bravo nel parlamento. Ma come, per Bacco, si mescola nella diplomazia per la quäle mi pare non sia adatto a fatto." Die englische Politik war während der Friedensverhandlungen von Portsmouth bestrebt, die Japaner von übertriebenen Forderungen abzuhalten und sich den Russen nützlich zu machen. Witte erreichte in Portsmouth weit mehr, als man in Rußland angenommen hatte. Aus Petersburg wurde mir geschrieben, daß dank seiner Geschicklichkeit Rußland nach einer militärisch schlecht verlaufenen Kampagne eine diplomatische Niederlage vermieden habe. Der Zar richtete ein würdiges Telegramm an den General Linjewitsch, der nach der Abberufung des unglücklichen Kuro- patkin den Oberbefehl über die russischen Truppen in Ostasien übernommen hatte, in dem er dem russischen Soldaten für die wiederum von ihm bewiesene Mannhaftigkeit und Selbstaufopferung dankte. Im altrussischen Stil, im Stil des Kaisers Nikolaus I. hieß es: „Möge die Armee wissen, daß ich und Rußland ihre in diesem schweren Krieg gebrachten Opfer schätzen." Es war vorauszusehen, daß das für Rußland unglückliche Ende des Russisch-Japanischen Krieges einerseits den nahen Osten, die Balkanhalbinsel, wieder wie in den siebziger und achtziger Jahren zum Mittelpunkt der russischen Aspirationen und Wühlereien machen, andererseits intime Beziehungen zwischen Rußland und England erheblich erleichtern würde. Als Witte aus Amerika nach Europa zurückkehrte, Heß er mich um eine vertrauliche Begegnung bitten. Ich lud Witte zu einem Diner in dem altberühmten Restaurant von Borchardt ein, bei dem wir von acht Uhr bis nach Mitternacht alle uns interessierenden Fragen gründlich durchsprachen. Das Ideal von Witte war noch immer die deutsch-russisch-französische Allianz gegen England. Er suchte mich davon zu überzeugen, daß, wenn wir den Franzosen Lothringen zurückgäben, eine solche Gruppierung nicht unmöglich wäre. Er fügte hinzu, daß die Franzosen sich in diesem Fall wohl bereitfinden lassen würden, die Festungswerke von Metz niederzureißen. Ich entgegnete ihm, daß es für jeden deutschen Kanzler und auch WITTE IN ROMINTEN 171 für jeden deutschen Kaiser sehr schwer sein würde, Metz, für das so viel deutsches Blut geflossen wäre, das wir nun seit einem Vierteljahrhundert besäßen, wieder herauszugeben. Dann frug ich ihn ä brüle pourpoint, ob er wirklich sicher wäre, daß die Franzosen, wenn sie Metz wiederhätten, ehrlich und aufrichtig auf Straßburg verzichten würden. Witte, der wie alle ernsthaften Staatsmänner kleine Finasserien, Winkelzüge und Unwahrheiten verachtete, erwiderte mir nach kurzem Nachdenken: „Non! Iis deposeront des le lendemain des couronnes aux pieds de la statue de Strasbourg sur la Place de la Concorde, en criant: Et Strasbourg ? Strasbourg!" Er suchte mich davon zu überzeugen, daß ein kontinentaler Bund gegen England mit unserem Verzicht auf Elsaß-Lothringen nicht zu teuer erkauft wäre. Ich mußte ihm darlegen, daß ein deutscher Verzicht auf unsere Reichslande nicht so leicht zu bewerkstelligen wäre wie die Preisgabe von Sachalin und selbst von Korea. Man könne nachträglich darüber streiten, ob Fürst Bismarck seinerzeit alle Folgen der Abtretung von Elsaß-Lothringen an Deutschland vorausgesehen habe. Vielleicht habe er selbst 1871 die leidenschaftliche Zähigkeit des französischen Patriotismus, das Einheitsgefühl der Franzosen, die Bedeutung der geistigen Fäden wie der Erinnerungen, die Elsaß und Lothringen seit der großen Französischen Revolution mit Frankreich verbänden, unterschätzt. Aber nachdem vor einem Menschenalter dieser Schritt geschehen wäre und nun die deutsche Fahne auf dem Straßburger Münster und auf den Wällen von Metz wehe, sei eine rückwärtige Revision des Frankfurter Friedens nicht möglich. Von Berlin begab sich Witte nach Rominten, wo ihn Kaiser Wilhelm, der kaum etwas so sehr goutierte wie Begegnungen und Unterredungen mit Wilhelm II. prominenten Ausländern, mit Sehnsucht erwartete. Philipp Eulenburg, empfängt der einige Tage vorher in Rominten eingetroffen war, schrieb mir am Tage Witle vor dem Eintreffen von Witte, am 24. September 1905, über seine dortigen Eindrücke: Er könne mir nicht verhehlen, daß ihn, der dem diplomatischen Dienst Valet gesagt hätte, der trotz aller äußerlichen Unruhe und Bewegung stehengebliebene Hof, die Intrigen, die lächelnde Maske der in Ehrgeiz und Hoffnungen aufgeblähten Figuren, die sich Menschen nennten, merkwürdig anmuteten. Er müsse unaufhörlich an sich halten, um nicht Wahrheiten ganz schlicht, ohne Groll und Haß, zu sagen, die aber in diesem Milieu erstaunen und verletzen würden. Eulenburg fuhr fort: „Und doch ist es mir schwer, zu schweigen, wenn S. M. mir in alter Vertraulichkeit den ganzen Gang der Politik erzählt und sie mit hundert Details ausschmückt, in welchen ich haarscharf die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu unterscheiden vermag. Bisweilen will er imponieren, bisweilen auch amüsieren — bisweilen hat es gar keinen Zweck — eine Angewohnheit wie eine andere. Ich werde, wenn wir uns wiedersehen, eine kleine Kontrolle bei Dir 172 DAS FATALE AUTO eintreten lassen und die Bilder Monaco, Bourgeois, Rouvier, Zarenbegegnung usw. Revue passieren lassen. Von all diesen Bildern scheint mir die Gegnerschaft zwischen Onkel Bertie und Neffe Willy am wahrsten hervorzutreten, und sie scheint sehr beachtenswert, weil die stärkste Triebfeder aller Handlungen — also auch der Politik — immer persönliche Leidenschaft sein wird. In manchen Naturen wirkt der Neid, in anderen die Rache als stärkste Triebfeder. Bei Onkel Bertie wohl beides, denn die sittliche Entrüstung des Neffen über den ,spielenden Onkel' wird dieser wohl niemals vergessen haben. Auch will er jetzt, an der Spitze des gewaltigen England, mehr gehört werden als der Neffe. Früher waren es die Weiber, jetzt ist die Politik sein Sport, und da er sein Leben lang nur Sport getrieben hat, wird die Mischung von Sport und persönlicher Leidenschaft von seinen Feinden zu fürchten sein. Der bevorstehende Besuch Wittes interessiert mich sehr. Ich werde Dir den Besuch schildern, fürchte aber, daß S. M. wieder einmal zu offen sein wird — was sich schließlich meiner Kontrolle entzieht." Zwei Tage später schrieb mir Eulenburg unter dem 26. September 1905: „Witte traf heute Mittwoch %1 Uhr auf der Station ein. Ich holte ihn in einem geschlossenen Automobil ab und mußte mich bei dem Gebrause des fatalen Vehikels anstrengen, den leise sprechenden Mann zu verstehen. Wir kamen bald in medias res, es freute mich, zu konstatieren, wie genau er mit seinen Gedanken unsere Wege wandelt. Er fühlt sich in der Tat solidarisch mit unseren Interessen — aber was nützt es, wenn Kaiser Nikolaus ihn nicht an die Spitze stellt? Um 1 Uhr trafen wir am Jagdhaus ein. Der Kaiser empfing Witte, vor der Tür promenierend. Er geleitete ihn mit August Eulenburg in sein Zimmer. Um %2 Diner. Witte rechts von der Kaiserin. Die Unterhaltung über amerikanische Gewohnheiten war fließend, aber nicht übermäßig lebhaft. Nach dem Essen ging es besser. Der Kaiser, Witte und ich harmlos plaudernd und lachend. Dann empfahl sich die Kaiserin. Um wanderte der Kaiser mit Witte in sein Zimmer hinauf, und ich höre jetzt — %5 Uhr — in meinem Zimmer daneben bald lebhafter, bald schwächer die tönenden Laute der Unterhaltung. Um %5 wurde der Pirschwagen gemeldet, und nach einem Gespräch von 2 % Stunden trat der Kaiser mit Witte aus dem Zimmer. Der Kaiser sagte mir leise: ,Es war großartig', und ich begleitete Witte in sein Zimmer. Er stand ganz unter dem Zauber der Persönlichkeit des Kaisers und sagte mir — so bewegt, als er es überhaupt sein konnte: ,Björkö est le plus grand soulagement de ma vie! — le seul moyen d'arriver ä une politique stable.' (S. M. hatte ihm gesagt, daß ich orientiert sei.) Es knüpfte sich natürlich an diese Bemerkung ein Gespräch über die Wirkung und die Art der Behandlung der Angelegenheit. Ich betonte öfters, daß die absolute Verschwiegenheit DIE RUSSEN UND DIE PARISER HETÄREN 173 vorderhand das wichtigste Erfordernis sei. Frankreich würde in eine sehr schwierige Lage kommen, und König Eduard würde diese Situation ausnutzen, wenn jetzt nicht peinlichste Stille waltete. Besonders eifrig wandte sich Witte gegen Benckendorff und Nelidow. Wie weit sein Einfluß in dieser Hinsicht reichen wird, Wandlung zu schaffen, lasse ich dahingestellt. Er hat den Eindruck, daß ihm der Besuch in Rominten und die Wiedergabe des Gesprächs mit S. M. nützen werden — um so mehr, als er in der Lage ist, seinem Herrn allerhand Details über englische Machenschaften zu geben, die den Zaren höchst unangenehm berühren müssen. Hoffen wir das Beste! Den Inhalt seiner Besprechung mit Witte wird Dir S. M. mitteilen. Es führt mich hier zu weit — und ich habe schon viel mehr getan, als ich mit meiner elenden Gesundheit vermag." Am 27. September 1905 berichtete Eulenburg mir weiter: „Witte war gestern abend beim Souper ganz aufgetaut und erzählte sehr behaglich. Ob ihn nach dem Essen eine endlose Erzählung Hollmanns über einen Schiffschronometer, der nicht aufgezogen war, und eine Erzählung des Kaisers über eine Boje, die eigentlich eine andere hätte sein sollen, sehr begeistert haben wird, bezweifle ich. Als aber darauf gar Richard Dohna eine sehr ernste Geschichte von einem Erdbeben erzählte, bei dem sich gar nichts ereignete, sagte ich, daß eine Dame durch ein Erdbeben einen Nervenschock erlitten habe und so empfindlich geblieben sei, daß sie, als auf einer Station ein Kellner sehr laut,Erdbeeren!' rief, in Ohnmacht fiel. Diese dumme Geschichte erregte so große Heiterkeit, daß die Majestäten aufstanden und zur Erlösung Wittes zu Bette gingen. Es war eine Pille, die endlich zu Stuhle führte. Heute früh um %9 fand die gemeinschaftliche Mahlzeit statt, an der auch Witte, den Schlaf noch in den Augen, teilnahm. Um 9 Uhr fuhr der Kaiser mit Witte und mir zur Station. Die Unterhaltung drehte sich meist um Frankreich und die Schwierigkeit, es zu ködern. Bei der Rückfahrt sprach S. M. alles nochmals mit mir durch. Wie immer bei solchen Gelegenheiten schätzte er die Werte zu hoch ein." Über die russischen Botschafter in London und Paris, Graf Alexander Benckendorff und Alexander Iwanowitsch Nelidow, hatte sich Witte auch mir gegenüber sehr abfällig ausgesprochen. Er meinte, daß der letztere, der früher ein ausgesprochener Anhänger guter Beziehungen zu Deutschland gewesen wäre, jetzt alles mit französischen Augen ansehe unter dem bestrickenden Einfluß der Pariser Hetären, in deren Armen der schon siebzigjährige Nelidow nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen früheren politischen Scharfblick eingebüßt habe. Mit Benckendorff stünde es noch übler. Trotz seiner wohlhabenden Frau stäke er oft in Geldschwierigkeiten. Er, Witte, habe als Finanzminister in früheren Zeiten mehrfach die Schulden von Benckendorff bezahlen müssen, auf Wunsch der Kaiserin-Mutter, deren Wohlwollen 174 DAS FRANZÖSISCH DER FRAU WITTE Benckendorff als Mazurka-Tänzer erworben hätte. Jetzt wäre es die englische Regierung, welche die Aufgabe übernommen habe, Benckendorff finanziell über Wasser zu halten. „II se fait payer par l'Angleterre." Die Bemerkung Eulenburgs, daß Kaiser Wilhelm „meist die Werte zu hoch einschätze", war zutreffend. In vorliegendem Fall war freilich Eulenburg selbst in diesen Fehler verfallen. In seinen Memoiren erzählt Witte in direktem Gegensatz zu den Äußerungen Seiner Majestät und den Mitteilungen Eulenburgs, daß ihm Kaiser Wilhelm den Text des Vertrages von Björkö habe zeigen wollen, er hätte dieses Anerbieten aber abgelehnt und dem Kaiser nur gesagt, daß dessen Worte ihn mit Freude erfüllten. Als er später von Lambsdorff den genauen Wortlaut des Vertrages erfahren hätte, sei er entsetzt gewesen. Es ist wohl zweifellos, daß auch Witte trotz seines Wunsches, wenn mögbc,h ein festländisches Bündnis zwischen Deutschland, Rußland und Frankreich zu erreichen, jedenfalls aber mit Deutschland Frieden und Freundschaft aufrechtzuerhalten, die Überrumplung von Björkö mißbilligte und beklagte. Er hat sich ebenso wie Lambsdorff bemüht, den Zaren zum Abspringen von diesem Vertrage zu bewegen, Lambsdorff in giftigerer Weise, Witte offener und rücksichtsloser. Ein bezeichnendes Licht auf russische Zustände warf ein Brief, den die Gräfin Witte in jenen Wochen an Herrn Ernst Mendelssohn richtete und in dem sie unsere Vermittlung erbat, damit ihr Mann russischer Botschafter in Paris würde. Sie schrieb in einem seltsamen Französisch, mit origineller Orthographie und mit einiger Naivität an den großen Berliner Bankier, der die russischen Anleihen vermittelte: „Cher Monsieur Mendelsohn, voilä je m'adresse ä Vous de nouveau avec une grande priere, voilä en quoi eile consiste. Maintenant dans quelques semaines viendra le jour oü on proposera ä mon mari toute sorte des postes en Russie. Vue la sante de mon mari et la position interieure de la Russie pour lui ce serait tout bonnement un malheur de se fourrer dans toute cette affaire. D'un autre cote vu que maintenant le poste d'Ambassadeur en France devient non seulement pour la Russie mais au plus forte raison tres grave aussi pour l'Allemagne ce serait un vrai bonheur pour nous si l'Empereur nomme mon marie Ambassadeur ä Paris. Je sais que l'Empereur est mecontent de Nelidoff et Sa Ma- jeste trouve lui-meme vu les circonstances qu'il faut nommer une personne qui a des autres vues. Vous nous ferez, cher Monsieur Mendelsohn, un verkable Service d'ami si Vous insinuerez cette idee ä Sa Majeste Votre Empereur. Nous sommes sür que Votre Empereur trouvera cette idee magnifique et si II insiste sur cette idee chez notre Empereur, notre Empereur consentira, mais seulement il ne faut pas perdre du temps. Je vous serai tres reconnaissant si vous trouvez le moyen de me faire sa- voir le re"sultat de Vos demarches. J'espere que vous ne m'en voudrez pas DER BIEN MUSS 175 pour les ennuis que je vous cause, mais votre amitie me donne le courage de vous deranger avec ma lettre. Mes compliments les plus amicales ä Madame Mendelsohn. Je me dis Votre tres devouee Comtesse Witte." Die treue Gattin hatte darin recht, daß es für Sergej Juljewitsch besser gewesen wäre, russischer Botschafter in Paris zu werden, als sich in der inneren russischen Politik zu verbrauchen. Eine Förderung ihres Wunsches aber war nach Lage der Verhältnisse für uns nicht gut möglich. Während meines letzten Zusammenseins mit Witte bei Borchardt sagte ich ihm, er sei unter Kaiser Alexander III. ein guter Minister gewesen, er würde wahrscheinlich unter dessen Großvater, Kaiser Nikolaus I., noch besser am Platze gewesen sein. Auch unter dem schwächeren Nikolaus II. habe er, solange der Zar, wenigstens dem Namen nach, Selbstherrscher gewesen wäre, Ersprießliches geleistet. Zum parlamentarischen Ministerpräsidenten aber fehle ihm ungefähr alles. Als Witte mir, nicht ohne Pikiertheit, auseinandersetzte, er sei ein Liberaler, er freue sich auf das Zusammenarbeiten mit dem Parlament und werde die Duma zähmen und zu leiten wissen, verhehlte ich ihm nicht meine Bedenken und Zweifel. Gewiß wären seine Allüren liberal, er verfüge auch über eine bemerkenswerte europäische Bildung, aber seine ganze Denkungsweise wäre nicht nur echt russisch, sondern altrussisch. Im Grunde halte er es mit dem Spruch des Kaisers Nikolaus Pawlowitsch: „Der Bien will nicht, aber er muß." Nachdem einmal, nicht ohne sein Zutun, in Rußland die Schleusen des Parlamentarismus geöffnet worden wären, werde er bald erkennen, daß sein ganzes Naturell nicht in ein parlamentarisches Rußland passe. Jedenfalls möge er die Arbeit mit der Duma Heber anderen überlassen, er sei nun einmal kein Ministre parlamentaire und noch weniger ein Chancelier parlamentaire, es fehle ihm die Gewandtheit, die „souplesse". Witte machte ein sauersüßes Gesicht. Er war nicht ohne Eitelkeit, aber die Ereignisse sollten mir recht geben. Und dabei hatte ich, um Wittes Selbstgefühl zu schonen, ihm nicht einmal gesagt, daß seine Rauheit nach den Erfahrungen, die ich mit ihm in Norderney gemacht hatte, mehr eine äußere Haut war, die keine wirkliche, unbeugsame und stählerne Energie verhüllte. Über die immer unerfreulicher werdenden russischen inneren und insbesondere russischen Hofzustände schrieb, wenige Wochen bevor Sergej Juljewitsch zum ersten konstitutionellen russischen Ministerpräsidenten Wladimir ernannt wurde, die Großfürstin Wladimir ihrem Onkel, dem Prinzen Hein- uheT dl f rieh VII. Reuß, in einem Brief, den dieser mir vertraulich mitteilte: „Mein lieber Onkel, am Sonntag, dem 8. Oktober n. St., hat sich Kyrill mit Viktoria-Melitta von Koburg trauen lassen. Die Hochzeit fand in Tegernsee statt und ward durch den Priester meiner Schwägerin vollzogen. Die Situation war unhaltbar geworden, und da nun Frieden bei uns einzog, so hatte Großfürstin russische Dynastie 176 KYRILLS EHE Kyrill sein Versprechen gehalten, bis dahin zu warten. Wir haben in diesen vier Jahren alles getan, um diese Ehe zu verhindern; die Herzen wollten aber nicht voneinander lassen, und so war es schließlich für Kyrüls Namen und Ehre besser, die Sache endete mit einer Heirat. Daß die Sache hier nicht ganz glatt verlaufen würde, wußten wir und waren auf einige momentane Unannehmlichkeiten gefaßt. Die blinde Rachsucht und Wut der jungen Kaiserin hat aber alles übertroffen an Bosheit, was die wildeste Phantasie sich ausmalen könnte. Sie hat wie eine Wahnsinnige getobt und gewütet, ihren schwachen Mann mit fortreißend, der ihr seine Macht hergab, um an ihrer Ex-Schwägerin sich zu rächen in dem Mann ihrer Wahl. Man hat gehandelt, als ob ein furchtbares Verbrechen begangen worden sei, und so gerichtet. Dieses Wüten gegen einen Großfürsten, der ein Opfer des Krieges ist, der sich einen Namen in Port Arthur machte, der eine ebenbürtige Frau sich wählte, der, statt zu desertieren wie die anderen, gleich herkam, sich seinem Kaiser zu stellen zur Sühne! Dem Sohn des ältesten Onkels, der seit fünfundzwanzig Jahren unermüdlich und treu an der Spitze der hiesigen Truppen steht, hundertmal den Kaiser herausgerissen hat usw., und das in diesem Moment, das ist den Menschen doch zuviel, und es geht ein furchtbarer Aufschrei der Entrüstung durch alle Klassen der Bevölkerung. Wladimir hat infolge der entehrenden Behandlung seines Sohnes seine Entlassung eingereicht, denn er, der Treuste der Treuen bisher, sagt, er könne mit den Gefühlen jetzt im Herzen gegen den Kaiser ihm nicht mehr dienen. Die Truppen sind sehr aufgebracht, daß sie ihren geliebten Führer verlieren sollen, und ich weiß, daß von allen Seiten in den Kaiser gedrungen wird, ihm klarzumachen, es läge Gefahr darin, diesen Onkel gehen zu lassen. Darum verzögert sich die Antwort nun schon seit sechs Tagen. Aber ich glaube nicht, daß Wladimir bleiben kann, auch auf eine Bitte des Kaisers hin nicht, außer man rehabilitiert unseren Sohn. Was der Sache die Krone aufsetzt, ist, daß Kyrill mit Genehmigung des Kaisers herkam, seine Heirat ihm zu melden, und daß ihm gerade dies Herkommen als Hauptschuld angerechnet wird. Du, beber Onkel, mußt glauben, daß dies so nicht möglich ist; aber, leider, hier ist jetzt alles möglich, und wenn ich hinzufüge, daß diese Genehmigung ohne Wissen der Kaiserin gegeben wurde, wirst Du Dir wohl ein genaues Bild der Situation machen können. Also es wurde so gehandelt: Kaum war Kyrill angekommen, erschien der Hausminister mit dem Befehl, sofort Rußland wieder zu verlassen. Die Kaiserin wollte, noch an demselben Abend, aber das wäre nur im Luftballon möglich gewesen. Dann Ausstreichen aus Flotte und Armee. Verlust aller Uniformen und Grade; Verlust seines Chefregiments, bei seiner Geburt von seinem Großvater ihm verliehen. Verlust seiner Apanagen: Verlust seines Namens und Titels und ewige Verbannung. Die Sache mit dem Namen HASS DER SCHWÄGERINNEN 177 mußte der Kaiser einige Tage darauf zurücknehmen, da ihm alle Minister klarmachten, daß er dies einfach nicht könne. Und warum das alles? Weil die Kaiserin die gehaßte Ex-Schwägerin nicht in der Familie hahen will, denn alle anderen Gründe sind Formsachen, die sich leicht arangieren ließen, denn gegen die Ehre ist nichts in dieser Heirat, wenn wir sie auch nicht wünschten. Wir haben schwer gelitten und leiden noch. Dabei macht mir Wladimirs Gesundheit Sorge. Der Kaiser weiß, daß starke Emotionen ihm gefährlich sind! Aber das zählt alles nicht. Denke unserer! Deine Maria." Ich habe bei einem früheren Anlaß erwähnt, daß die Großherzogin Viktoria-Melitta von Hessen, eine Tochter des Herzogs Alfred von Koburg und der einzigen Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland, sich 1901 hatte scheiden lassen, um vier Jahre später ihren Vetter, den Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch von Rußland zu heiraten. Die Kaiserin Alexandra Feodorowna von Rußland, die mit großer Liebe an ihrem Bruder, dem Großherzog Ernst Ludwig, hing, haßte seitdem ihre frühere Schwägerin. Sich selbst überlassen, würde der schwache Nikolaus II. gegen seinen Vetter Kyrill und dessen Gattin schwerlich etwas unternommen haben. Die willensstärkere Kaiserin aber ruhte nicht, bis dem jungen Großfürsten in einer für ihn und seine Eltern allerdings sehr verletzenden Weise sein Regiment, seine Uniform, seine Apanage genommen und er gleichzeitig für immer aus Rußland verbannt wurde. Die Sache machte in der Petersburger Gesellschaft böses Blut und trug erheblich dazu bei, Kaiser Nikolaus im Lichte eines Schwächlings und Pantoffelhelden, seine in mancher Hinsicht edle, aber unglücklich veranlagte Gemahlin als hysterische Närrin, wie sie im vertrauten Kreise die jungen Großfürsten nannten, erscheinen zu lassen. Die Großfürstin Wladimir und ihre Söhne nährten seitdem für den großen Hof, die Kaiserin, den Kaiser und den kränklichen Thronfolger die Gefühle, die das Haus Orleans von Philipp Egalite bis zu Louis Philippe für die ältere Linie Bourbon empfunden hat. Wie weit die „Wladimirowitschs" an dem Sturz des Kaisers Nikolaus beteiligt waren, wird schwer festzustellen sein. Nach dessen Abdankung erließen die jungen Großfürsten öffentliche Erklärungen, in denen sie sich vom Kaiser lossagten und dessen unglückliche Gemahlin in gehässiger und roher Weise beschimpften. Viel Glück hatte ihnen diese Felonie nicht gebracht. Die ungeheure Welle des Bolschewismus ging bald genug auch über sie hinweg. Beim Rückblick auf das bewegte Jahr 1905 muß ich noch des Kaisermanövers in der Rheinprovinz gedenken, das in der ersten Septemberhälfte Bülows auch mein hebes Regiment nach Koblenz führte. An der Spitze des 8. Ar- Freund Adolf meekorps stand damals mein alter Regimentskamerad und Freund Adolf Deines von Deines. Er war einer der wenigen wirklich guten Menschen, die mir 12 BUlow II 178 DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH-UNGARN, RUSSLAND im Leben begegnet sind. Sein einziger Fehler war ein zu weit gebender Idealismus, der, von der eigenen Herzensgüte und Reinbeit der Seele ausgebend, bei anderen gleiche Gefühle voraussetzte. Er war der Sohn eines kurhessischen Beamten, der an seinem angestammten Kurhause trotz dessen bekannter Sünden und Narrheiten mit deutscher Treue hing. Der Alte wollte dem Sohn, den Neigung und Begabung zum Heere zogen, anfänglich nicht erlauben, in der preußischen Armee auf Avancement zu dienen. Erst als der Sohn Reserveoffizier geworden war, gestattete ihm der Vater den Übertritt zur aktiven Armee. Deines führte in Wirklichkeit den Vornamen Adolf, hieß aber bei allen seinen Freunden und in der ganzen Armee „Anton", vielleicht, um damit die Biederkeit seines Wesens zu charakterisieren. Er wurde ein ausgezeichneter Offizier, der sich im Krieg als Leutnant bei den Königshusaren ebenso bewährte wie später als Rittmeister bei den für ihr kühnes Reiten berühmten Zietenhusaren und endlich als Generalstäbler. „Anton" und ich waren seit dem Feldzug treue Freunde, obschon er mir nicht verhehlte, daß er die Diplomaten gar nicht mochte, weil er sie mit wenigen Ausnahmen entweder für falsch oder für schlapp hielte. Deines war ein Liebling von Waldersee, dem sein forsches Wesen gefiel und der auch fühlen mochte, daß jener nach seiner ganzen Art dazu neigte, das willfährige Werkzeug eines Listigeren zu werden. Das brachte Deines während seiner Tätigkeit als Müitärbevollmächtigter in Wien in einen für beide Teile charakteristischen Konflikt mit dem Fürsten Bismarck. Im Dezember 1887 hatte Major von Deines über eine Unterredung mit dem Kaiser Franz Josef und im Anschluß hieran über die Stimmung in Österreich-Ungarn und über die dort allgemein herrschende Begeisterung für einen Krieg der Mittelmächte gegen Rußland berichtet. Man glaube in Österreich-Ungarn fest an einen schheßlichen Erfolg Schulter an Schulter mit dem Deutschen Reich. Die österreichische Armee würde in einen Krieg gegen Rußland ohne Deutschland mit banger Besorgnis und mit bitteren Gefühlen gegen Deutschland eintreten. Die Masse denke sich unter der deutsch-österreichischen Allianz ein festes Schutz- und Trutzbündnis für alle Fälle. Diese Stimmung sei nicht künstbch erzeugt, sie habe sich von selbst gebildet, man müsse mit ihr rechnen. Im gesamten Offizierkorps der Doppelmonarchie bestehe ein felsenfestes Vertrauen zu uns und unseren sieggewohnten Fahnen. Schlügen wir gleich los, so würden alle Bedenken schwinden. An ihre Stelle würden Begeisterung und ein gesunder Ehrgeiz treten, es den Deutschen gleichzutun. Auf diesen seinen Bericht erhielt mein Freund Anton einen Erlaß des Fürsten Bismarck, dessen Schluß so bezeichnend für die Art des großen Kanzlers ist, daß ich ihn hier wiedergeben will: „Wenn ich Euer Hochwohlgeboren diese Erwägungen, welche mich bei der politischen Beratung Seiner Majestät des Kaisers leiten, hier in BISMARCK GEGEN GENERAL STABSPOLITIK 179 Kürze darlege, so geschieht dies nicht, um Euer Hochwohlgeboren von der Richtigkeit derselben zu überzeugen, sondern um mich der mir unerwünsch- ten Notwendigkeit zu überheben, den Abbruch der dienstlichen Beziehungen, in welchen sich das Auswärtige Amt zu Euer Hochwohlgeboren befindet, von Seiner Majestät zu erbitten. Die auswärtige Politik Seiner Majestät wird nicht vom Generalstab, sondern ausschließlich von mir beraten." Vorher befand sich in diesem Erlaß der nachstehende monumentale Satz: „Die wichtigste Frage, die überhaupt an die Politik des Deutschen Reichs gestellt werden kann, ist diese: Ob wir Österreich und demnächst Deutschland freiwillig und bewußterweise in einen Angriffskrieg gegen Rußland verwickeln sollen, der für uns den Verteidigungskrieg gegen Frankreich sofort nach sich ziehen würde, also den größten jetzt möglichen Krieg nach zwei Seiten hin, und der für uns, auch wenn wir ihn siegreich nach beiden Seiten hin durchführen, keinen annehmbaren Kampfpreis und keinen anderen im voraus berechenbaren Erfolg haben wird als die dauernde Ausdehnung der französischen Revanchestimmung auf die russische Nation." Der brave Deines fühlte das Wehen des Genius, der aus diesen Worten sprach. Er richtete einen der Lauterkeit seines Wesens entsprechenden Brief an den Fürsten, in dem er ihm seinen Dank für die hochgeneigtest erteilte Weisung und Warnung aussprach und gleichzeitig das feste Versprechen gab, fortan nur im Sinne der Instruktion Seiner Durchlaucht zu wirken. Mir aber haben sich diese vom Fürsten Bismarck 1887 an den Militärattache von Deines gerichteten Worte, die er während meines Aufenthaltes in Koblenz, während der Septembermanöver von 1905, zu meiner Kenntnis brachte, tief eingeprägt, und sie sollten mir drei Jahre später, bei der bosnischen Krise, eine Mahnung und eine Direktive sein. Deines war Kaiser Wilhelm II. durch meinen Bruder Adolf als Gouverneur für den Kronprinzen empfohlen worden. In dem Brief, den mein Bruder im November 1894 an Deines richtete, um ihm klarzumachen, daß er der richtige Mann für die Erziehung des Kronprinzen sei, hieß es: „Weshalb ich Sie für geeignet halte ? Sie sind, wie König Philipp über Posa sagt, einer der so wenigen, ,gut und fröhbch und kennt doch alle Menschen'. Sie sind nicht in der Gefahr, eine solche Aufgabe flach äußerlich aufzufassen oder nach einiger Zeit stumpf und blasiert zu werden: nicht in der Gefahr, mit Parademarsch, Uniform und Wachtstube allein die Seele des Kaisers der Zukunft zu erfüllen, nicht in der Gefahr, auf Äußerlichkeiten und Gedächtnis statt auf Inneres und Charakter zu wirken. Ich vertraue fest, daß, wenn der künftige Kaiser Sie einige Jahre als Beispiel vor sich hat, er so werden wird, wie unser Vaterland es braucht." Es war in der Tat nicht möglich, eine bessere Wahl zu treffen als Deines, der, tapfer und hochgebildet, streng gegen sich und gütig für andere, das Muster eines preußischen Offiziers 180 Ä LA SUITE Wechsel im Preußischen Ministerium des Innern und gleichzeitig, um mit Goethe zu sprechen, ein wahrhafter Deutscher war. Adolf von Deines starb nicht lange vor Beginn des Weltkriegs an den Folgen einer schweren Operation unter großen Schmerzen. Zu der ihn pflegenden Diakonissin sagte er: „Ich klage nicht über die Schmerzen, die ich empfinde. Aber, liebe Schwester, der Tod auf dem Schlachtfeld ist doch schöner." Während des Manövers ließ mich der Kaiser zu meiner Freude zweimal mein altes Regiment vorbeiführen, im Trabe und im Galopp. Als ich nach dem Vorbeimarsch mit der vorschriftsmäßigen Volte mich links von Seiner Majestät postierte, sagte mir Deines, der neben dem Kaiser hielt: „Das du die Volte so schön geritten hast, macht Seiner Majestät mehr Spaß, als wenn du ihm die längsten Denkschriften schmiedest." Ich begrüßte später die Offiziere meines Regiments, von denen ein Jahrzehnt später viele ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Blute besiegeln sollten. Auch im Weltkrieg hat das Königshusaren-Regiment, an dessen Spitze im vergangenen Jahrhundert Graf Karl Lazarus Henckel von Don- nersmarck, Graf Eduard von Oriola,' Graf Carl von der Goltz, der Freiherr Walter von Loe, der Prinz Heinrich XIII. Reuß, Karl von Colomb, Richard von Winterfeld und Friedrich von Hertzberg gestanden haben, seinem alten kriegerischen Ruhm Ehre gemacht! und neue Lorbeeren um seine stolze Standarte geflochten. Während des Manövers, unmittelbar nach dem Parademarsch, überreichte mir der Kaiser das Patent, durch das er mich zum General ä la suite der Armee mit der Uniform des Königshusaren-Regiments ernannte. Das Patent lautete: „Hochgeborener Fürst! Es ist mir besonders er- freubch, Ihnen an dem heutigen Tage einen erneuten Beweis Meiner wohlwollenden Gesinnungen dadurch zu geben, daß ich Ihnen, unter Belassung der Uniform des Husaren-Regiments König Wilhelm I. (1. Rheinisches Nr. 7), hierdurch den Charakter als Generalmajor verleihe. Ich verbleibe mit besonderer Wertschätzung des Herrn Fürsten wohlgeneigter und stets dankbarer Wilhelm R." Die Schlußworte „und stets dankbarer" waren von Seiner Majestät eigenhändig hinzugefügt und das Wort „stets" doppelt unterstrichen worden. Im März 1905 war der Minister des Innern, der biedere Freiherr Hans von Hammerstein, einem Herzschlag erlegen. Bei ihm wie ein Jahr später bei Richthofen war Überarbeitung die eigentbche Todesursache. Hammerstein starb so arm, und die Witwenpensionen waren damals so bescheiden, daß die Famibe des Staatsministers kaum die Beerdigungskosten und die Kosten für den Umzug in ihr Lüneburger Häuschen bestreiten konnte. Wenn ich angesichts solcher Einfachheit und Genügsamkeit auf die in den Anfängen der Republik bei uns eingerissene Unwirtschaftbchkeit Micke, so möchte ich den Machthabern jener Zeit zurufen, was bei Vergil der BETHMANN HOLLWEG WIRD MINISTER 181 König Euander dem frommen Aeneas sagt, als er ihn unter den Giebel des eng umschließenden Hauses führt/ Aude, hospes, contemnere opes, et te quoque dignum Finge Deo, rebusque veni non asper egenis. Als Nachfolger des Freiherrn von Hammerstein wählte ich Herrn Theobald von Bethmann Hollweg, der sich als Regierungspräsident von Bromberg wie als Oberpräsident von Brandenburg wohl bewährt hatte, auch vom Kaiser gewünscht wurde, dem sein redliches, freilich sehr untertäniges Wesen gefiel. Weniger zufrieden mit dieser Wahl war der Führer der Konservativen im Landtag, Herr von Heydebrand, der mir sagte: „Als Minister des Innern brauchen wir einen Mann mit fester Hand und Rückgrat. Einen Mann wie Fritz und Botho Eulenburg, Puttkamer, Koller. Statt eines Mannes geben Sie uns einen Philosophen." Bethmann Hollweg hatte einen ausgesprochen doktrinären Zug und nahm schon als Minister des Innern meine Zeit ungebührlich mit langatmigen Denkschriften in Anspruch, in denen er seine Pläne einer „Vergeistigung" des preußischen Staats unter gleichzeitiger „Ertüchtigung" des deutschen Volkes durch preußisches Wesen mehr akademisch als praktisch realisierbar entwickelte. XII. KAPITEL Die Frage der Nachfolge des Generalstabschefs Grafen Schlieffen • Bülows Unterredung mit General Hellmuth von Moltke, während sie auf dem Berliner Hippodrom um den Wasserturm reiten • Graf Hülsen, Chef des Militärkabinetts, zu dieser Frage • Der Kaiser besteht auf der Wahl Moltkes • Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg Kolonialdirektor • Erstes Auftreten Erzbergers • Die Verstimmung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. macht sich immer fühlbarer • Brief Wilhelms II. über seine Unterredung mit dem englischen Finanzier Beit (30. Dezember 1905) An einem schönen Herbsttage des Jahres 1905 begegnete ich bei meinem gewohnten Morgenritt auf dem Berliner Hippodrom dem mir seit Jahren Rücktritt befreundeten Generaladjutanten Hellmuth Moltke. Der sorgenvolle Ausdruck seines Gesichts fiel mir auf. Nachdem wir eine Zeitlang nebeneinander galoppiert hatten, meinte Moltke, er möchte eine ernste Angelegenheit in Ruhe mit mir besprechen, zu welchem Zwecke es wohl ratsam sei, sich in Schritt zu setzen. Wir lenkten nun unsere Pferde nach dem sogenannten Wasserturm, nicht weit vom Eingang zum Hippodrom. Während wir im Schritt immer wieder um diesen Turm ritten, sagte mir Moltke, der Kaiser habe sich entschlossen, den derzeitigen Chef des Großen Generalstabes in den Ruhestand treten zu lassen. Seine Majestät zolle der Genialität des Grafen Schlieffen volle Anerkennung, fände ihn aber mit dreiundsiebzig Jahren zu alt für diesen nicht nur große Arbeitskraft, sondern auch unverminderte körperliche Rüstigkeit verlangenden Posten. Übrigens wolle Graf Schlieffen selbst gehen. Moltke fuhr fort: „Nun will der Kaiser partout mich als Nachfolger haben. Dagegen sträubt sich alles in mir." In ruhiger, klarer Weise entwickelte Moltke, daß er sich nicht kleiner machen wolle, als er sei. Er würde das Arbeitspensum des Generalstabschefs gewissenhaft und, wie er annehme, gut erledigen. Er würde sich auch nicht einen Augenblick besinnen, Seiner Majestät zu sagen, daß die bisherige „Manöverspielerei aufhören müsse", über die viele und begründete Klagen laut würden. Er habe endlich schon als junger Offizier beim Sturm auf Saint-Privat vor der Front des Alexander-Regiments bewiesen, daß es ihm nicht an Mut fehle. Aber eine innere Stimme sage ihm, daß er für die Aufgabe, die der Chef des Generalstabs im Kriege zu erfüllen habe, nicht der richtige Mann sei. In der bei ihm gewohnten schlichten Art und mit edler NE JANZ DOLLE IDEE VON S. M.' 183 Bescheidenheit setzte, jedes Wort betonend, Moltke mir auseinander: „Für die Aufgabe des Feldherrn im Kriege bin ich zu schwerblütig, zu bedächtig und bedenklich, zu gewissenhaft, wenn Sie wollen. Es geht mir die Fähigkeit ab, unter Umständen alles auf eine Karte zu setzen, was die eigentliche Größe des wahren und geborenen Feldherrn, die Größe von Napoleon, von unserem Alten Fritz und meinem Onkel ausmachte. Der Meister der theoretischen Kriegskunst, Karl von Clausewitz, nennt ja Napoleon einen leidenschaftlichen Spieler. Clausewitz meint auch, und diese Worte sind mir in diesen Tagen oft durch den Sinn gegangen, daß der Krieg immer etwas von der Natur des Glücksspiels behalte. Deshalb werde der Feldherr, der zu wenig Neigung für dieses Spiel habe, im großen Kontobuche der kriegerischen Erfolge in eine tiefe Schuld geraten. Ich habe keine Neigung, auch nicht das Temperament zum Hasardieren." Moltke fügte hinzu, daß ihm der Gedanke entsetzlich wäre, mit dem Bewußtsein seiner Unzulänglichkeit einen derartig wichtigen Posten zu übernehmen, auf die Gefahr hin, nicht nur die Armee und das Land zu schädigen, sondern auch auf den hell leuchtenden Namen seines Oheims einen Schatten zu werfen. Er knüpfte an diese mit Überzeugung gesprochenen Worte die dringende Bitte, ich möchte den Kaiser von dem Gedanken abbringen, ihn zum Chef des preußischen Generalstabes zu ernennen. Ich erwiderte Moltke, daß es mir peinlich wäre, ihm seine Bitte abzuschlagen. Ich hätte mir aber zur Regel gemacht, mich nicht in militärische Angelegenheiten und insbesondere Personalien einzumischen. Ich erlaubte keine Ingerenz in meinen eigenen Wirkungskreis, wolle aber auch nicht in die Rechte und Obliegenheiten anderer eingreifen. Mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber in Würdigung meiner Beweggründe trennte sich Moltke mit kräftigem Händedruck von mir. Am Nachmittage desselben Tages begegnete ich in der Wilhelmstraße dem Chef des Militärkabinetts, dem Grafen Dietrich Hülsen, der ebenso wie Moltke seit langem zu meinen besten Freunden gehörte. Ich erzählte ihm meine Unterredung mit Moltke. Mit Humor und in seinem unverfälschten Berliner Deutsch erwiderte mir Hülsen: „Det is sehr vernünftig von Julius (so wurde Moltke von seinen Freunden, ich weiß selbst nicht warum, genannt), so zu sprechen. Er paßt auch jar nicht in den roten Kasten am Königsplatz. Det is ne janz dolle Idee von S. M." Sehr ernst werdend, fuhr Hülsen fort: „Es wird aber unendlich schwer sein, dem Kaiser diesen Gedanken auszureden. Wenn ich dem Kaiser für irgendein Armeekorps einen neuen Kommandierenden General vorschlage, für die wichtigsten Korps, für Metz oder Posen, und es soll nicht gerade Kaisermanöver bei dem betreffenden Korps sein, so stimmt Seine Majestät ohne weiteres zu. Aber wenn es sich um Posten handelt, mit deren Trägern er in häufige Berührung kommt, also z. B. um die Kommandeure der Leibregimenter oder um den 184 WER WIRD GENERALSTABSCHEF? Kommandierenden General des Gardekorps oder um den Kommandanten des Großen Hauptquartiers oder auch um den Chef des Großen Generalstabs, so ist es Seiner Majestät in hohem Grade unerwünscht, ja beinahe unerträglich, in solchen Stellungen nicht ihm ganz sympathische Leute, womöglich gute Freunde zu haben." Ich erwiderte, daß dann der Kaiser bei der Auswahl der militärischen Spitzen bedauerlicherweise sehr verschieden von seinem Großvater wäre. Der hätte den späteren Feldmarschall Man- teuffel bei seinem Regierungsantritt zum Chef des Militärkabinetts bestimmt, obwohl er sich gerade mit diesem Offizier, solange derselbe Adjutant des Königs Friedrich Wilhelm IV. gewesen war, wiederholt und heftig gestritten hätte. Als Manteuffel, von der ihm bevorstehenden Beförderung informiert, den alten König an diese Vergangenheit erinnert hätte, habe Wilhelm I. erwidert: „Gerade weil Sie meinem Bruder so treu gedient haben, habe ich Sie für den in Rede stehenden wichtigen Posten ausgesucht." Der alte Herr habe auch den berühmten General von Voigts-Rhetz, einen der wenigen ihm persönlich ganz antipathischen Generale nicht nur rasch avancieren lassen, sondern ihn 1866 zum Generalstabschef der ersten preußischen Armee, später zum Generalgouverneur von Hannover und 1870 zum Führer des 10. Armeekorps designiert. Ich frug dann Hülsen, wer außer Moltke für den Posten des Generalstabschefs nach seiner Ansicht noch in Frage kommen könne. Hülsen nannte mir in erster Linie den Kommandierenden General des 3. Armeekorps Karl Bülow, den späteren Feldmarschall, fügte aber gleich hinzu: „Den nimmt der Kaiser nicht, er erklärt ihn für einen Dickkopf." Er nannte dann noch die beiden Generale Bock von Polach, den Generalleutnant, der damals das 9., und den General der Infanterie, der das 14. Armeekorps kommandierte, den General von Falkenhausen, den General Colmar von der Goltz, den General von Hin- denburg, den General von Eichhorn und den General von Woyrsch, bemerkte aber bei jedem Namen, daß der Betreffende aus diesem oder jenem Grunde persönlich Seiner Majestät nicht konveniere. Den einen nenne er einen Zimmerstrategen, den andern einen Klugredner, einen dritten einen Phantasten. Es war dies, nebenbei gesagt, das erstemal in meinem Leben, daß ich den großen Namen des Siegers von Tannenberg, des späteren Generalfeldmarschalls von Hindenburg, hörte. Schließlich sagte mir Hülsen, er habe nicht das mindeste dagegen, sondern würde sich im Gegenteil sehr freuen, wenn ich versuchte, Seine Majestät von der Ernennung von Moltke abzubringen. Ich schrieb noch an demselben Tage einen Brief an den Kaiser, in dem ich ihm etwa sagte: er wisse aus langem Zusammenarbeiten mit mir, daß mir eine Einmischimg in militärische Fragen und Personalien fernläge. Der General von Moltke babe mir aber in so bestimmter Weise, mit solcher Redlichkeit und mit so zutreffenden Gründen die Überzeugung MOLTKE BITTET, ES NICHT ZU WERDEN 185 ausgesprochen, daß er sich für den ihm zugedachten, nicht nur militärisch, sondern auch politisch für Wohl und Wehe des Landes ungeheuer wichtigen Posten nicht eigne, daß ich den Kaiser dringend bitte, sich die Sache noch einmal zu überlegen und von der Wahl abzustehen. Der Kaiser antwortete mir zuerst in Kürze brieflich, später eingehend mündlich in freundlichster Weise, er nähme mir meine Vorstellung gar nicht übel, da er darin nur einen neuen Beweis meiner Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit sähe. Er wisse auch wohl, daß Moltke nicht wolle. Diese seine Weigerung mache seiner Bescheidenheit Ehre, sie könne aber ihn, den Kaiser, nicht in seinem Entschluß irremachen, der wohlüberlegt und unwiderruflich wäre und dem der göttliche Segen nicht fehlen würde. Der Kaiser erinnerte mich daran, daß auch ich mich nur nach reiflicher Überlegung und nach Uberwindung mancher Bedenken bereit erklärt hätte, den Posten des Staatssekretärs des Äußern zu übernehmen. Schließlich wäre es ganz gut mit mir gegangen. Er sei überzeugt, daß es auch mit Moltke gut gehen würde. Es ist bekannt, daß in Preußen alle militärischen Ernennungen vom König in seiner Eigenschaft als oberster Kriegsherr, ohne Gegenzeichnung des Kriegsministers und lediglich auf Vorschlag des Militärkabinetts vollzogen wurden. Unter einem weisen, sachlichen und erfahrenen Monarchen wie Wilhelm I. hatte die Durchführung dieses Grundsatzes nichts Bedenkliches, sie hat sogar dazu beigetragen, im preußischen Offizierkorps jenen Geist großzuziehen, dem wir drei siegreiche Kriege verdanken. Unter Wilhelm II., der in vielem das gerade Gegenteil seines Herrn Großvaters war, zeigten sich die Schattenseiten dieses Systems. Im November 1905 trat der bisherige Kolomaldirektor Stübel zurück. Als Nachfolger schlug mir der Kaiser den Erbprinzen Ernst zu Hohenlohe- Erbprinz Langenburg vor, mit dem Hinzufügen, daß es ihm eine besondere Freude zu Hohen- sein würde, wenn ich mich mit dieser seiner Wahl einverstanden erklärte. l ° ne ' Lan S en ' Ich bin nie dahintergekommen, wer den Kaiser auf den Einfall gebracht Xolonial- hatte, mir Erni Hohenlohe als Kolonialdirektor zu proponieren. Der Gute, direktor dessen ganze Force in seinen hohen Verwandtschaften bestand, hatte von 1900 bis 1905 nach dem Tode des Herzogs Alfred von Koburg mehrere Jahre die Herzogtümer Koburg und Gotha als Regent beherrscht. Er machte sich nicht klar, daß es damals leichter war, einen thüringischen Kleinstaat zu „regieren", als einem ziemlich schwierigen Reichsressort vorzustehen, das Arbeitskraft, Verwaltungspraxis und die Fähigkeit voraussetzte, gelegentlich im Parlament Anfragen zu beantworten und Angriffe abzuwehren. Erni Hohenlohe war nicht nur mit einer englischen Prinzessin, der Tochter des verstorbenen Prinzen Alfred von Großbritannien und Irland, Herzogs von Edinburgh, des zweiten Sohnes der Königin Victoria, vermählt, sondern er war auch der Sohn einer badischen Prinzeß und 186 ERNI gleichzeitig ein leiblicher Vetter der regierenden Kaiserin, deren Mutter bekanntlich eine Hohenlohe-Langenburg gewesen war. Dies verhinderte die immer pflichttreue und mir stets freundlich gesinnte Kaiserin nicht, mich in ihrer vorsichtigen Weise mit leiser Andeutung zu warnen. Sie hegte den Argwohn, daß Erni den Posten als Leiter der Kolonialabteilung als Sprungbrett betrachten wolle, um sich auf den Reichskanzlersessel zu schwingen. „Und dieser Aufgabe", fügte sie lächelnd hinzu, „ist der arme, kleine Erni ja gar nicht gewachsen." Für ganz unbegründet halte ich auch heute diesen Verdacht nicht. Ich halte es sogar für nicht ausgeschlossen, daß Holstein bei dieser Intrige die Hand im Spiele hatte, denn er wußte, daß der Erbprinz von Langenburg bei seiner politischen Hilflosigkeit Wachs in den Händen des routinierten alten Geheimrats sein würde, mit dem ihn seit Jahren persönlich freundliche Beziehungen verbanden. Wie dem auch sein möge, ich ließ mich in diesem Fall so wenig wie bei manchen anderen Gelegenheiten durch solche Umtriebe beeindrucken und akzeptierte den Erbprinzen als Kolonialdirektor, dem ich — er war, wie sein Vater, der Statthalter von Elsaß-Lothringen, ein sehr eifriger Protestant — nur die Bedingung stellte, daß er in seinem Amt, das ihn mit den katholischen Missionen in enge Fühlung brachte, konfessionell unparteiisch und vorurteilslos handeln und auftreten müsse. Einige Wochen später hatte ich Gelegenheit, diesen von mir unentwegt Dr. Besehr festgehaltenen Grundsatz der Toleranz und vollen Parität auch meinerseits preußischer zu betätigen. Der Justizminister Schönstedt trat aus Gesundheitsrücksichten zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Präsident des Oberlandesgerichts in Breslau, Dr. Beseler, ein tüchtiger Jurist. Er entstammte der bekannten holsteinischen Gelehrtenfamilie, deren berühmtester Sproß, Wilhelm Hartwig Beseler, 1844 Präsident der Schleswigschen Ständeversammlung, 1848 Präsident der schleswig-holsteinischen provisorischen Regierung, Mitglied der Statthalterschaft und der Deutschen Nationalversammlung war. Nach Breslau kam der bisherige Oberlandesgerichtspräsident in Kiel Dr. Vierhaus. Für dessen Nachfolgeschaft schlug ich den damaligen Reichsgerichtsrat und Reichstagsabgeordneten Peter Spahn dem königlichen Staatsministerium vor, stieß aber damit zunächst auf starken Widerstand. Die meisten meiner Kollegen trugen Bedenken, einem Katholiken und Zentrumsmann das in Rede stehende hohe Amt in einer ganz protestantischen Provinz zu übertragen. Ich hielt gegenüber diesem Widerspruch an dem Grundsatz fest, daß, wenn das Staatsministerium keinen Anstand nähme, Protestanten nach der Rheinprovinz, nach Westfalen und Oberschlesien zu schicken, ich nicht einsehe, warum nicht ein Katholik auch in einer überwiegend oder ganz protestantischen Provinz eine erfolgreiche Wirksamkeit ausüben könne. Erwähnen möchte ich endlich Justizminister DER UNMUT DES KÖNIGLICHEN ONKELS 187 noch, daß in diesem Jahr 1905 der Abgeordnete Matthias Erzberger zum erstenmal in das Licht der Öffentlichkeit trat. Die „Kölnische Volkszeitung" veröffentlichte Angriffe auf die Kolonialverwaltung, die unrichtige Mitteilungen über die Kamerun-Eisenbahn gemacht hätte und für private literarische Veröffentlichungen Reichsgelder zur Verfügung stelle. Die Kolonialverwaltung wies diese Behauptung unter Anführung von überzeugendem Aktenmaterial scharf als „leeres Gerede" zurück. Die „Kölnische Volkszeitung" erkannte an, daß die Behauptung ihres Gewährsmannes unhaltbar wäre. Es stellte sich bald heraus, daß der Urheber dieser verleumderischen Insinuationen der Abgeordnete Matthias Erzberger war. Mit dieser Stänkerei begann die pohtische Laufbahn des unsehgen Mannes, der, nachdem er viel Schaden angerichtet hatte, ein böses Ende finden sollte. Im Spätherbst 1905 erhielt ich mehrere Briefe von Metternich aus London, die sich mit den persönlich leider so wenig freundlichen Beziehun- Briefe des gen zwischen unserem Kaiser und seinem Oheim, dem König Eduard VIL, Botschafters beschäftigten. Metternich Am 2. Oktober 1905 hatte mir Metternich während seines Herbsturlaubs geschrieben: „Lascelles hat, wie Sie wissen, an Seine Majestät König Eduard über eine Unterredung Bericht erstattet, die er kürzlich mit Seiner Majestät dem Kaiser in Homburg über die persördichen Beziehungen zwischen den Monarchen gehabt hat. Der Botschafter hat vor einigen Tagen die Antwort des Königs durch Lord Knollys erhalten. Als ich jetzt in Berlin bei Lascelles war, teilte er mir aus der Antwort einzelnes vertraulich mit. Der König beginnt mit der Behauptung, er habe keinen Streit mit Seiner Majestät dem Kaiser und wünsche auch keinen zu haben. Eine Zusammenkunft auf der Reise nach Marienbad wäre nicht möglich gewesen, weil jeder Tag seines Programms für die Badekur festgesetzt gewesen sei, und jeden einzelnen Beschwerdepunkt Seiner Majestät des Kaisers hält der König für unbegründet. Er stellt dafür die Behauptung auf, daß Seine Majestät der Kaiser überall gegen ihn, den König, seinen Einfluß geltend zu machen suche. Aus dieser kurzen Übersicht ist ersichtlich, daß die Zeit für eine Aussprache oder Aussöhnung zwischen den beiden hohen Herren noch nicht reif ist. Je ruhiger sich Seine Majestät der Kaiser dem Unmute seines Könighchen Onkels gegenüber verhält, umso mehr wird dieser in das Unrecht versetzt, und um so eher wird wieder ein richtiges Verhältnis zwischen den beiden Herrschern eintreten. Ich weiß bestimmt, daß schon jetzt den leitenden englischen Staatsmännern aus pobtischen Rücksichten das persördiche Zerwürfnis zwischen Kaiser und König höchst unerwünscht ist. Sobald sie deuthcher empfinden, daß die Schuld am König hegt und daß aus den persönlichen Beziehungen der beiden Herrscher 188 DIE POTS CASSES politische Störungen drohen, werden sie selbst bei dem Könige vermittelnd einzugreifen versuchen, da seine Untertanen nicht die geringste Lust haben, sich an den Deutschen die Köpfe blutig zu rennen, weü der Onkel den Neffen nicht mag. Seine Majestät König Eduard ist klug genug, selbst einzulenken, sobald er empfindet, daß er zu weit gegangen ist. Nur muß man den Prozeß dieser Erkenntnis den Engländern selbst überlassen. Sollten wir irgend etwas tun, was so gedeutet werden kann, als wollten wir die Engländer gegen ihren eigenen König einnehmen, so würden sie einstimmig für ihn einstehen und gegen uns Front machen. Die Beziehungen zwischen Souveränen in die Zeitungen zu zerren, ist überhaupt unangebracht. In diesem Falle würde es außerdem direkt fehlerhaft sein. Ich werde hier nach wie vor vollkommen unbefangen auftreten und versöhnend und beruhigend wirken, wo sich mir eine Gelegenheit dazu bietet. Falls Seine Majestät König Eduard mit mir über die Einladung des Kronprinzen anfängt, werde ich ihm in der entsprechenden Form zu verstehen geben, daß es nicht freundlich ist, den Sohn ohne Wissen des Vaters einzuladen in dem Augenblick, wo man einer Begegnung mit dem letzteren ausweicht und zu verstehen gibt, daß man nichts mit ihm zu tun haben will. Das Argument, daß die Anwesenheit des Kronprinzen in Berlin während des Besuchs des Königs von Spanien ebenso notwendig ist wie die Anwesenheit des Prinzen von Wales in London während des gleichen Besuchs, werde ich deshalb nicht verwerten können, weil König Eduard, ehe er den Kronprinzen einlud, sich in Madrid nach dem Datum des spanischen Besuchs in Berlin erkundigt hat und den Kronprinzen nach Ablauf des spanischen Besuchs in Berlin nach England eingeladen hatte. Ich bedaure die Haltung eines wichtigen Teils unserer Presse in ihrer Stellungnahme gegen das englisch-japanische Bündnis. Dieses vertritt seinem Wortlaute nach genau unsere erklärte Politik: Integrität Chinas, Aufrechterhaltung des Status quo, Gewährleistung des Besitzstandes der einzelnen Mächte in Ostasien, Gleichberechtigung des Handels für alle. Wir können abwarten, ob der Geist des neuen Abkommens sich gegen unsere Interessen richten wird. Es ist von unserem Standpunkte aus unnütz und gefährlich, einen deutsch-russischen Gegensatz gegen das englisch-japanische Bündnis zu konstruieren; denn dieselbe Rolle wie Frankreich in einem deutsch-englischen Kriege würde Deutschland in einem russisch-englischen Krieg, in den wir verwickelt würden, spielen, d. h. wir würden die Pots casses zu zahlen haben. Eine deutschrussische Annäherung sollte sich mit Frankreich, nicht mit England beschäftigen. Sie sollte Frankreich entweder kaltstellen oder zu uns hinüberziehen, obwohl es nicht ausgeschlossen ist, daß es dann auch ganz zu den Engländern übergeht. Eine deutsch-russische Annäherung mit der Spitze gegen England bringt uns gar keinen Nutzen, sondern nur Schaden und DER MANN IM MOND 189 Gefahr, aus dein einfachen Grunde, weil, wie ich schon kürzlich mir erlaubte zu sagen, die russische Hilfe gegen England für uns ungefähr so viel wert ist wie die des Mannes im Mond. Eine Flotte besitzt Rußland nicht, unsere Häfen und unseren Handel kann es nicht schützen, und sein Landheer kann uns gegen England nichts nützen. Dagegen würden wir uns unter Umständen noch die Japaner auf den Hals ziehen und Kiautschou verlieren. Deshalb sollten wir das englisch-japanische Bündnis möglichst in Ruhe lassen und es den Russen, die Grund dazu haben, allein überlassen, sich darüber aufzuregen." \i~ ' Metternich hatte nur zu recht, wenn er die fortgesetzten Entgleisungen deutscher Blätter gegenüber England tadelte. Es war taktlos, die Streitigkeiten zwischen Onkel und Neffen in die öffentliche Diskussion zu ziehen. Es war ungeschickt, gegen das englisch-japanische Bündnis von vornherein, noch dazu mit wenig glücklichen Argumenten Sturm zu laufen. Am 19. Oktober schrieb mir Metternich mit dem Vermerk „ganz geheim" über das gleiche unerquickliche Thema: „Aus Andeutungen, die mir aus Hof kreisen seit meiner Rückkehr nach England gemacht worden sind, entnehme ich, daß die Verstimmung König Eduards gegen S. M. den Kaiser außer der Politik auch zum großen Teil auf Äußerungen zurückzuführen ist, die unser AUergnädigster Herr in diesem Jahre in Kiel im Kreise von fremden Gästen, hauptsächlich Amerikanern, gemacht zu haben scheint. Solche Äußerungen kommen stets wieder hierher zurück, gewöhnlich in vergrößertem und entstelltem Maße. S. M. soll sich im Jachting-Kreise über die liederliche engbsche Gesellschaft und über die Beziehungen König Eduards zu Mrs. Keppel ausgelassen haben. In dem letzteren Punkt ist König Eduard sehr empfindlich, und es soll ihn das mehr als alles aufgebracht haben. Ich schreibe Ihnen dies nicht als Klatsch, sondern damit Sie über die Gründe der in höchstem Grade beklagenswerten tiefen Entfremdung zwischen den beiden nahe verwandten Souveränen möglichst genau orientiert sind. Ich glaube nicht, daß sich vorläufig irgend etwas Ersprießliches zur Annäherung der beiden hohen Herren tun läßt. Graf Seckendorff hat dem Könige vor einiger Zeit geschrieben, es sei seine Pflicht, sich mit dem Kaiser auszusöhnen. Über diesen Brief hat der König bemerkt, es sei eine Impertinenz, ihm vorschreiben zu wollen, was seine Pflicht sei. So weit dies unerfreuliche Thema. Hoffentlich entsteht keine deutsche Preßfehde gegen Lord Lansdowne auf Grund des Artikels der ,Neuen Freien Presse'. Es würde das nicht nur die Stellung des Ministers hier stärken, sondern auch seiner Partei zugute kommen, zum Schaden der Liberalen, die offen auf eine Aussöhnung mit Deutschland hinarbeiten." Am 3. November 1905 erhielt ich von Metternich die nachstehenden Zeilen: „Ich weiß bestimmt, aus sicherster Quelle, daß König Eduard den 190 DIE BEIDEN SOUVERÄNE Wunsch hat, Anfang nächsten Jahres, ,wenn nichts dazwischenkommt', mit S. M. dem Kaiser zusammenzutreffen. Ich vermute, dies ist aber lediglich Vermutung, durch Einladung nach England. Es ist ja auch möglich, daß König Eduard daran denkt, daß sich die Sache im Mittelländischen Meer machen läßt. Ich möchte aber dringend abraten, irgend jemand, auch nicht Lascelles, davon zu sprechen." Über die Lage der Dinge in Rußland fügte der Botschafter Nachstehendes hinzu: „Ich weiß nicht, ob nach Ihren Nachrichten die Lage der Autokratie in Rußland ebenso gefährdet erscheint wie nach den meinigen. Nach meiner Überzeugung ist die Autokratie verloren. Wenn auch jetzt die Revolution nochmals mit Gewalt unterdrückt werden sollte, wonach es aber auch nicht aussieht, so wird sie binnen eines halben Jahres mit bewaffneter Gewalt doch wieder losbrechen. Die Gärung ist zu allgemein und die Unzufriedenheit zu weit verbreitet, um die Wiederherstellung der Ruhe im alten Geleise zu ermöglichen." Über das Thema der dynastischen Beziehungen zwischen Berlin und London schrieb ich um dieselbe Zeit an den Staatssekretär von Richt- hofen: „Als ich mich in Koblenz von Seiner Majestät trennte, schien er nicht mehr die Absicht zu haben, direkt an den König Eduard zu schreiben, namentlich mit Rücksicht darauf, daß er sich gegenüber dem Botschafter und bis zu einem gewissen Grade auch gegenüber dem englischen Militärattache offen ausgesprochen hatte. Sagen Sie an Lascelles, ich teilte seine Ansicht, daß unter den beiden Völkern die unvernünftige Gegnerschaft, gerade weil sie so durchaus unvernünftig sei, allmählich etwas abflaue. Um so mehr müsse alles geschehen, um die persönliche Gereiztheit zwischen den beiden Souveränen zu mildern. Ich täte in dieser Beziehung, was ich könnte, was meine persönliche alte und aufrichtige Anhänglichkeit für den König Eduard mir erleichtere. Ich sei überzeugt, daß Lascelles, der seinerseits die guten und edlen Seiten des Kaisers kenne, mich dabei unterstützen würde. Die Hauptsache ist, daß keine weiteren gegenseitigen Häkeleien stattfinden, sondern zunächst wenigstens beiderseitige Ruhe ohne gegenseitiges Sichanärgern und Reizen eintritt." Am 30. Dezember 1905 schrieb mir der Kaiser aus dem Neuen Palais Der Finanzier in Potsdam einen sehr langen Brief über eine Unterredung, die er mit dem Beit in Pou- Londoner Financier Beit gehabt hatte. Beit, von Geburt Hamburger, war in Südafrika zu einem Riesenvermögen gekommen. König Eduard, den eine ausgesprochene Vorhebe für sehr reiche Leute erfüllte, hatte Beit in den Kreis seiner „personal friends" gezogen. Beit war ein Landsmann und Freund von meinem Freunde Albert Ballin, der mir diesen originellen und in seiner Art bedeutenden Mann oft geschildert hat. Mit allen seinen Millionen bewohnte Beit ein nicht allzu großes Haus, dessen Zimmer aber mit Meisterwerken der größten Maler angefüllt waren. In seinem Schlafzimmer dam WILHELM II. UND DER SPEKULANT 191 hingen Gemälde von Tizian, Rembrandt und anderen Großen. Der Brief Seiner Majestät lautete: „Lieber Bülow. Gestern war der berüchtigte Börsenfreund und Spekulant of H. M. E. VII., Herr Beit, bei Mir, um Mir den illustrierten Katalog seiner Kunstschätze — vom guten Bode gemacht — zu überreichen. Nachdem Ich alles gebührend bewundert und ihm die Wohnung Friedrichs des Großen gezeigt hatte, kam bald das Gespräch auf Marokko und die Beziehungen von England zu Deutschland. Auf Meine Bemerkung, es sei sehr erfreulich, daß von hüben und drüben in Versammlungen pp. die Leute sich regten und trachteten, die Reibungen zu mindern, fiel er mit seiner hastigen Lebhaftigkeit ein, voll zustimmend, und um so mehr, als England ja gar nichts von uns wolle als mit uns in guten Beziehungen sein. Nur Marokko sei ein dunkler Punkt. Auf Meine Frage, weshalb, erwiderte er: weil in England die Ansicht vorherrsche, wir wollten den Franzosen den Krieg machen, weil sie mit England das Abkommen getroffen und die ,Entente cordiale' geschlossen hätten. Ich bemerkte dazu, ,es sei höherer Blödsinn'. Die Engländer könnten mit Frankreich so viel ,ententes cordiales' machen, wie sie wollten, das wäre uns ebenso egal wie der gallo-russische Zweibund, der uns auch nicht erschüttert hätte. Das Abkommen betreffend, so habe England seine Interessen an Frankreich abgetreten, also sich ,desinteressiert', das ginge uns auch nichts an und sei lediglich Englands Sache, allein damit nicht genug, habe es Frankreich Vorzugsrechte auf Kosten der anderen Staaten und deren Interessen zugebilligt, und das gehe nicht an, da dadurch die Konvention von Madrid geschädigt werde. Wie es anderen Staaten in unter französischem Protektorat stehenden Ländern ergehe, zeige ja Tunis, Algier — und, setzte Beit hinzu, ,Madagaskar'. Das habe uns allen in Marokko gedroht, und das wollten wir nicht. Zudem sei es doch recht unmanierbch gewesen, daß niemand es für gut befunden, uns das geringste über das Abkommen, in dem unsere Rechte ignoriert würden, mitzuteilen. Dazu die engHschen Intrigen in Paris, die durch die Delcasseschen Enthüllungen herausgekommen, wären Grund genug, daß wir uns nicht in der rosigsten Laune befänden. Sondern eben den Eindruck hätten, zwei Buschkleppern uns gegenüber zu befinden, die einen nach Verabredung beim Spazierengehen zu überfallen sich anschickten; dann griffe man eben zum Revolver! Lebhaft unterbrach Mich Herr Beit und erklärte: Was das in den Delcasse-Enthül- lungen erwähnte Angebot beträfe mit bewaffneter Hilfe, so ,sei das nur in dem Falle gemeint gewesen, falls Deutschland Frankreich unrechtmäßigerweise überfiele'! England fühle eben durch die ,entente cordiale' sich an Frankreich in der Marokko-Frage fest gebunden und werde die französischen Ansprüche unterstützen, weil das im Abkommen so bedungen sei und sie die französische Freundschaft sich absolut 192 KRIEGSAUSBRUCH NAHE? fürs erste erhalten wollten. Daher erachte sich England im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich für unbedingt verpflichtet, dem letzteren sofort beizuspringen, und das werde es auch bestimmt tun. Aber von sich aus allein einen Krieg mit Deutschland machen oder gar uns überfallen, daran dächte niemand in England, da wäre das ganze große Publikum absolut dagegen, denn es wolle unbedingt gute Beziehungen mit uns haben. Auch die Regierung, deren Mitglieder er kenne, sei von demselben Wunsche erfüllt und würde alles tun, die freundschaftlichen Gefühle zu fördern. Dafür wäre es aber enorm wichtig, daß die leidige Marokko-Frage erst von der Tagesordnung verschwinde, denn die laste wie ein Alp auf den Engländern, gerade wegen des in Aussicht stehenden Krieges Deutschlands gegen Frankreich. Als Ich nochmals erklärte, davon sei gar keine Rede, wir würden mit den Franzosen schon zu Rande kommen, wenn London sie nur in Frieden ließe, sagte Beit: in Frankreich glaube man ebenso fest an den nahen Ausbruch des Krieges wie in London! Rouvier, den er vor ein paar Tagen besucht habe, habe es ihm auch gesagt, als er über die Konferenz mit ihm gesprochen, die werde sich wohl allmählich abwickeln, aber er habe große Sorgen vor Überraschungen, ,car il est incontestable qu'il y a quelque chose dans l'air'. Nicht genug damit, habe Beit in Paris konstatiert, daß man sich in aller Stille auf einen Krieg vorbereite! Die Reserveoffiziere hätten ihre Einberufungsorders zu Ende Februar erhalten, dem mutmaßlichen Datum des Kriegsausbruchs, und überall hätten Vorbereitungen stattgefunden, soweit man solche treffen könne, ohne direkt mobilzumachen. Die Stimmung in Paris sei ernst, besorgt, aber fest und entschlossen gewesen. Der Schreck vom Frühjahr sei fort, und im Bewußtsein der sichergestellten englischen Hilfe sei man auch guten Muts. Ich erwiderte: wir hätten seit den Enthüllungen nie daran gezweifelt, daß England mit Frankreich gehen werde — überhaupt stets auf der Seite unserer jeweiligen Gegner zu finden sein werde. Die ganze Kriegsangst der Franzosen sei lächerlich, an Irrsinn grenzend; falls sie entschlossen seien, sich loyal und gentlemanbke in der Konferenz zu benehmen, würden sie bei uns dasselbe Verfahren finden, und hoffte Ich, daß aus dem Verlauf sich ein ,good understanding' herausentwickeln werde. Da sei also gar kein Grund zu irgendwelchem Krieg und Sorge vor Uberfall von uns. Aber der Grund zu allem diesem Verdrusse sei nicht in Frankreich, sondern in London zu suchen! Das sei die verfluchte englische organisierte Hetze gegen uns, die systematisch unter der Hand in der Presse aller Länder mit skrupelloser Verleumdung, Lüge und Verdächtigung alles gegen uns einzunehmen und aufzubringen trachte! ,Glauben Sie, daß die englische Regierung das macht?' fragte Beit. Ich erwiderte: ,Nein!' Aber englisches Kapital von reichen Privatiers, welche der Regierung indirekt damit DIE BRUNNENVERGIFTER 193 Dienste leisten! Ich sei von Franzosen informiert, daß England 300000 Frcs. in die Pariser Presse stecke für antideutsche Hetzartikel! Beit bestätigte das, nur die Summe sei ihm nicht bekannt gewesen, das Faktum sei aber absolut richtig! Desgleichen hätten auch die Russen ihre Summen, die sie in Paris spielen ließen, auch gegen uns; Ich wisse da auch die Summe, 360 000 Francs! Dazu setzte Beit ,monatlich'! Desgleichen wisse Ich es aus Belgien, wo die liberalen Parteichefs, die gern ein freundschaftliches Verhältnis mit uns haben wollten, sich beklagten, daß sie ihre Presse nicht dirigieren könnten, da sie glatt von England bestochen und im antideutschen Sinne redigiert werde! Ebenso in Rußland, wo auch einflußreiche Blätter erkauft und gegen uns mit Gift versehen würden! Zu diesen Operationen im Auslande träte die systematische jahrelange Brunnenvergiftung in den zahllosen englischen Revuen, wo die Leute, die sich Calchas, Diplomaticus, One who knows, Vates etc. unterschrieben, die unerhörtesten, schamlosesten Verleumdungen und Lügen über Deutschland und Mich dem englischen Publikum unwidersprochen vorgesetzt hätten, die daher auch geglaubt worden seien. Herr Beit rief da aus: ,Ja, wenn man nur wüßte, nur herauskriegen könnte, wer diese infamen Kerle sind!? Ich habe mich ja auch schmählich darüber geärgert.' Als Ich ihm erwiderte, die Herren seien uns längst bekannt, machte er ein erstauntes Gesicht, aber noch größer wurden seine Augen, als Ich ihm sagte: ,Wes- selitzky, Toklewsky, Tatischeff und Delcasses Privatsekretär.' Donnerwetter, davon, das kann ich Ihnen versichern, hat man in England keinen Schimmer!' war die Antwort. Dann fuhr Beit fort: Das, worüber Ich geklagt, sei recht, die Presse habe sich ganz unqualifizierbar benommen und habe die Hauptschuld an dem Zustande, wie er heute sei. Peccatur extra et intra! Es sei auch leider wahr, daß viel englisches Geld in die fremde Presse zu unlauteren und bösen Dingen gesteckt worden sei. Aber es sei jetzt der Anfang ehrlicher Annäherung gemacht, und er verspreche Mir, mit seinem ganzen Einfluß sich dafür einzusetzen, daß dem Preßtreiben und Hetzen ein Ende bereitet werde. Er tue das um so freudiger, als er sich aus Meinen Ausführungen überzeugt habe, daß Ich ehrbch Frieden wolle und nicht die Franzosen überfallen wolle, wie ihm das in London und Paris eingeredet worden sei. Seine Majestät K. E. VII. wolle bestimmt auch nur den Frieden, noch vor kurzem habe ihm ein Offizier, auf den Burenkrieg angeredet, erklärt, in dem nächsten Krieg werde es besser gehen, dazu hätten sie sich besser vorbereitet, worauf II. M. ausrief: ,There shan't be any more war, I won't have any more war, peace, peace, peace!' Das sei auch das Gefühl, von dem die gesamte Regierung erfüllt sei und alle Börsen-, City- sowie Handelskreise in ganz England. Sie wollten alle keinen Krieg; sie seien nur besorgt, 13 BUlow II 194 ADMIRALE NACH TISCH wegen Marokkos, eventuell, wenn die Franzosen angegriffen würden, ihnen beispringen zu müssen. Diese Sorge werde er in London zerstreuen. Ich setzte hinzu, er möge doch sofort dahin wirken, daß die Preßhetze in Paris eingestellt werde, denn, wenn wir auch die besten Absichten hätten und loyal sein und friedlich bleiben wollten, so sei doch die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß bei fortgesetztem Aufputschen der Franzosen seitens Londons diese schließlich, im Vertrauen auf die ihnen sichere englische HUfe, uns gegenüber dergestalt ungezogen, renitent und provokant auftreten würden, bis endlich die nationale Ehre ins Spiel komme und dieser zuliebe die Waffen angerufen werden müßten. Dann müßten wir losschlagen, und damit wäre der Grund für Englands Mithilfe gegeben, i. e. der ,un- rechtmäßige Überfall' von uns auf Frankreich. Und das sei eine ungeheuerliche Perfidie, auf so etwas hinzuarbeiten. Herr Beit sagte sofort, das soll und darf unter keinen Umständen geschehen. ,Ich werde in London sagen: man wünsche in Berlin nur eines, London möge Paris endlich mal in Frieden lassen, damit Paris mit Berlin sich vertragen und einen Modus vivendi finden könne. England habe von Berlin ungestört seine Entente cordiale mit Frankreich gemacht, nun dürfe es aber auch anstandshalber keine Schwierigkeiten Deutschland in den Weg legen, wenn es auch mit Frankreich zu einer ebensolchen Entente kommen wolle. Im Gegenteil, London müsse Berlin dazu beistehen und in Paris zureden.' Was seine obigen Auslassungen über die Friedensliebe der Regierung beträfe, müsse er noch eine Ergänzung machen. Ein einziger sei nämlich vorhanden, der wolle den Krieg, habe ihn bis ins Detail vorbereitet und hetze dazu. Das sei der Admiral Sir John Fisher. Der habe neulich noch gesagt: ,We are now quite ready and as powerful as possible, the Germans are not yet ready and are weak, now is the time for us, let us hit them on the head.' Ich erwiderte, das hätte Ich von Sir John Fisher als selbstverständlich vorausgesetzt und dementsprechend Meine Vorsichtsmaßregeln getroffen: alle Anordnungen der britischen Flotte seit November 1904 seien für Mich nur Mobilmachungsund Kriegsvorbereitungen gewesen und als solche eskomptiert worden. ,Nun', erwiderte Herr Beit, ,lassen Sie sich das nicht weiter zu Herzen gehen, Fisher ist ein Hitzkopf, hat aber politisch nichts zu sagen und muß sich der Regierung fügen. Auch wenn Admirale nach Tisch Reden halten, nehmen Sie das nicht zu ernst, wie z. B. mit der lächerlichen Drohung der Landung von 100000 bei Ihnen, das ist ja Unsinn und zu dumm!' Ich erklärte darauf, das sei gar kein Unsinn, sondern bei dem kolossalen numerischen Übergewicht der englischen Flotte gut ausführbar, und zwar in Dänemark, da, wo die britische Flotte in diesem Sommer rekognosziert hätte. ,So?' sagte Herr Beit. ,Das ist möglich? Ja, aber wenn sie an Land gekommen sind, dann schlagen Sie sie alle tot!' Darauf erwiderte Ich: DER CASUS FOEDERIS 195 ,Das ist wieder etwas ganz anderes, und das ist lediglich unsere Sache!' Er wollte vor Lachen platzen. ,Nun' — so schieden wir — ,machen Sie, daß Sie mit den Franzosen ins reine kommen über Marokko, so werden Sie mit England keine Schwierigkeiten mehr haben. Ich werde für die nötige Aufklärung in London sorgen.' ,Nehmen Sie nur unsere Hauptgegner aufs Korn dort', sagte Ich, ,nämlich Herrn Moberly-Bell und Mr. Harmsworth, den H. M. jetzt zum Lord macht!' ,Ja', sagte Beit, ,und noch einen, der sehr übel ist, das ist Mr. Saunders, Times-Korrespondent in Berlin; der hat jetzt eben vor kurzem nach London telegraphiert, daß er aus sicherer, einwandfreier Quelle wisse, daß binnen zwei Monaten — also Ende Februar — der Krieg erklärt werden solle von hier!!!',That is a fat lie and a good one.' Die Konversation mit Herrn Beit hat Material zutage gefördert, das sehr wichtig ist. Einmal, daß in der Marokkosache England und Frankreich wie zwei Verbündete handeln werden. Daß Fisher brennend gern die Gelegenheit benutzen möchte, unsere See- und Handelsmarine bei dieser Gelegenheit zu vernichten. Daß zu diesem Zweck die fremde Pariser Presse mit englischem Privatkapital auf das schärfste bearbeitet wird, um die Gallier möglichst mutig zu machen und dazu zu bringen, uns zu provozieren, um den Casus foederis zu haben. Daß es ganz richtig von unserem Admiralstabschef geurteilt und gesehen war, als die im vorigen November 1904 begonnenen Marineveränderungen für Kriegsvorbereitungen und nicht bloß gewöhnliche Dislokationen angesehen wurden. Daß die Berichte über die Stimmung in Paris vollkommen richtig sind, die Gallier zum Kampf entschlossen, wenn auch schweren Herzens so doch geschlossen und fest geschart hinter ihrer Regierung stehen und tatsächlich eine Menge Kriegs Vorbereitungen gemacht haben und noch machen, wodurch sie eine Überraschung ausschließen und den Einfall bedeutend erschweren werden. Daß der von Saunders nach London telegraphierte, wenn auch fingierte Termin in London und Paris als echt angenommen wird, das geht daraus hervor, daß England einen Beobachtungskreuzer nach Kiel schickt, um zu sehen, ob wir schon in der heimlichen Mobilmachungsvorbereitung sind, und die Gallier jetzt noch einen Kreuzer nach Kopenhagen schicken, um zu beobachten, ob in Dänemark Abwehrmaßregeln von dort oder von uns vorbereitet werden. Damit stimmt ferner überein die Neuformation — soeben beendet — des englischen Nordsee- Lastern Squadron) Geschwaders — 6 Linienschiffe, 5 Kreuzer — und die zu Anfang Februar befohlene Konzentration der gesamten englischen Seestreitkräfte — 33 Linienschiffe, 25 Panzerkreuzer — an der portugiesischen Küste. Idest: 1. Kanalflotte mit 11 Linienschiffen und einer Kreuzerdivision, 2. Atlantic-Flotte mit 8 Linienschiffen und einer Kreuzerdivision, 3. Nordsee-Geschwader mit 6 Linienschiffen und einer 13* 196 DIE ANGST DER FRANZÖSISCHEN SCHWIEGERMÜTTER Kreuzerdivision, 4. Mittelmeerflotte, 8 Linienschiffe und eine Kreuzerdivision. Dieser Termin (Februar) ist Mir auch von anderer Seite bestätigt worden, durch den Oberhofmeister Ihrer Majestät, Mirbach, der jetzt einen Monat mit seiner belgischen Frau in Belgien zubrachte. Zu dem sind über ein Dutzend in Tränen aufgelöste Schwiegermütter französischer Reserveoffiziere aus den Verwandten- und Bekanntenkreisen seiner Frau gekommen, um zu hören, ob er es wüßte, ob es wahr sei, daß in zwei Monaten der Krieg ausbreche. Als er sich darüber totlachte, wurden die Damen ganz ärgerlich und erzählten ihm, daß sie von ihren Schwiegersöhnen die Mitteilungen erhalten hätten, letztere seien alle angewiesen, sich bereit zu halten, zum Februar einzurücken, da Deutschland dann den Krieg erklären werde. Sie hätten auch alle ihre Testamente geschrieben! Mirbach hat die Damen dann ernstlich vermahnt, nicht solchen Blech zu glauben, und sie ermächtigt, nach Paris zu schreiben, das sei alles Unsinn und Lüge. Das haben die Drachen aufatmend umgehend getan. Daß ferner nur die Zusammenwirkung mit Frankreich in der Marokko-Frage in London zum Kriege führt, sonst aber ohnedem, weil dann Frankreich nicht direkt beteiligt, England nicht mit uns Krieg haben will, der großen Kreisen des Volkes unsympathisch ist. Daß H. M. E. VII. auch friedlicher geworden ist und keinen Krieg an sich mehr will. Daß Herr Beit eine Rekognoszierung hierher über Paris unternommen hat, um zu dementieren und orientiert zu werden. Daß er wohl nach allen Seiten hin beruhigend und kalmierend O wirken wird. Daß Mr. Saunders ein Erzschweinehund erster Klasse ist! Daß — was das Allerwichtigste ist — tatsächlich England an Frankreich ein Angebot mit Waffenunterstützung gemacht hat — Herr Beit hat das ohne Umschweife zugegeben, nur etwas eingeschränkt — und auch jetzt noch die Unterstützung aufrechterhält! Also hat Lans- downe Metternich angelogen, was wir ja gleich vorausgesetzt hatten, deswegen konnte er auch nicht Dementi erlassen. Daß die Berichte unserer Herren in Paris richtig und ihre Beobachtungen genau und korrekt sind, i. e. daß die Gallier keine Angst mehr vor uns haben wie im Frühjahr, geht außerdem noch aus ihrer gesamten Militärliteratur hervor. Aus einer weiteren Andeutung Beits nehme ich an, daß die nächste konservative Regierung unter Chamberlains Ägide die Schutzzollpolitik einführen wird, für die Herr Beit auch sehr eingenommen zu sein scheint. Mit besten Grüßen Ihr Wilhelm I. R." XIII. KAPITEL Aufgeregter Brief Wilhelms II. vom Silvesterabend 1905 • Seine Furcht vor Krieg Die Konferenz von Algeciras • Herr von Radowitz und Graf Tattenbach • Graf Metternich über die Lage von Algeciras • Die Neuwahlen in England Januar 1906 • Niederlage der Unionisten, ihre Bedeutung für die Entspannung in den deutsch-englischen Beziehungen • Weitere Nachrichten aus St. Petersburg • Graf Udo Stolberg zur Marokko- Politik • Rede Wilhelms II. bei der Paroleausgabe (1. Januar 1906) • Großherzog Friedrich von Baden an Wilhelm II. • Bülows Unterredung mit dem Kaiser Die Widersprüche, das Sprunghafte im Wesen Wilhelms II. kamen nicht nur in seinen Reden und Gesprächen, sondern auch in seiner Korrespondenz zum Ausdruck. In seinem Vorwort zu meinen Denkwürdigkeiten wird der Herr Herausgeber feststellen, daß ich nur wenige eigenhändige Briefe Wilhelms II. besitze, da ich nach meinem Rücktritt unaufgefordert alles, was der Kaiser an mich geschrieben hatte (Briefe, Telegramme, lose Zettel) dem Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Herrn von Valentini, aus freien Stücken zurückgegeben hatte. Vom Inhalt nur weniger Piecen habe ich mir seinerzeit als Gedächtnisstütze Aufzeichnungen gemacht. Andere sind zufällig unter meinen Papieren gebheben. Unter ihnen befindet sich der Brief, den Wilhelm II. vierundzwanzig Stunden nach seiner Unterredung mit Beit am Silvesterabend 1905 an mich richtete. Jeder unparteiische Leser wird zugeben, daß der Kaiser, von einigen etwas forcierten Ausdrücken abgesehen, diese Unterredung nicht nur mit glänzender Schlagfertigkeit, sondern auch geschickt und verständig, daß er sie vor allem mit Würde geführt hatte. Aber leider wechselten bei Wilhelm II. die Stimmungen rascher als das Wetter im April oder die Farbe des Chamäleons. Es hat wenige Monarchen gegeben, die so notwendig wie er einen kaltblütigen, vorsichtigen, vor allem einen mutigen Berater brauchten. In dem erwähnten Silvesterbrief schrieb mir derselbe hohe Herr, der in der Unterredung mit Beit so gut abgeschnitten und in seinem Bericht Silvesterbrief darüber sich als Mann von Common sense gezeigt hatte, er habe beim Wilhelms II. Jahresschluß sich die Weltlage durch den Kopf gehen lassen unter dem wiederangezündeten Tannenbaum. Er wolle keinen Krieg, bevor wir nicht ein festes Bündnis mit der Türkei geschlossen hätten. Eine Allianz mit dem 198 SOZIALISTEN ABSCHIESSEN — KRIEG NACH AUSSEN! Sultan müsse coüte que coüte erreicht werden, ebenso mit „allen arabischen und maurischen Herrschern". Bevor ein solches Bündnis mit dem Islam nicht perfekt wäre, dürften wir nicht losgehen. Allein könnten wir überhaupt nicht gegen England und Frankreich Krieg führen, wenigstens nicht zur See. Die letzteren vier Worte hatte Seine Majestät dick unterstrichen. Übrigens sei das Jahr 1906 zum Kriegführen besonders ungünstig, weil wir gerade in der Neubewaflhung unserer Artillerie begriffen wären, die mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen würde. Auch die Infanterie sei in der Neubewaffnung begriffen, bei Metz wären viele unvollendete Forts und Batterien. Die Hauptsache aber wäre, daß wir wegen unserer Sozialisten keinen Mann aus dem Lande nehmen könnten ohne äußerste Gefahr für Leben und Besitz der Bürger. „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig per Blutbad, und dann Krieg nach außen. Aber nicht vorher und nicht a tempo!" Der Kaiser forderte mich in diesem Brief schließlich auf, die auswärtige Politik so zu führen, daß uns „so weit als irgendmöglich und jedenfalls für jetzt" die Kriegsentscheidung erspart würde. Es dürfe aber nicht aussehen „wie ein Faschoda". Aus jeder Zeile dieses Briefes sprach die Angst des Kaisers vor Krieg. Allein dieser Brief widerlegt die von unseren Feinden im Weltkrieg und auch nach dem Weltkrieg vorbereitete Lüge, daß WUhelm II. den Krieg absichtlich herbeigeführt hätte. Er war beinahe zu friedfertig, insofern er seine Scheu vor jedem ernstlichen Konflikt für schärfer blickende Beobachter allzu deutlich durchschimmern ließ, und das bisweilen unmittelbar nachdem er fremde Völker und Potentaten, die öffentliche Meinung in allen Ländern durch Großsprechereien gereizt oder durch taktlose Entgleisungen vor den Kopf gestoßen hatte. Als mich der Kaiser bei der Neujahrscour von 1906 mit besorgter Miene frug, was ich zu seinem Silvesterbrief meine, entgegnete ich ihm: Ich hätte seinerzeit lebhaft bedauert, daß er der schönen Feier ferngeblieben wäre, die am 9. Mai, dem hundertj ährigen Todestag Schillers, in Berlin stattgefunden habe. Bei dieser Feier wäre nach einer erhebenden Rede von Erich Schmidt das Reiterlied aus Wallensteins Lager gesungen worden: Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein. Wenn wir uns erfüllten mit dem Schillerschen Geist, der recht eigentlich der deutsche Geist, der idealistische deutsche Geist wäre, und wenn wir uns dabei mit dem in der Politik gebotenen Sinn für Reahtäten vor Fallstricken und Fallgruben unserer Gegner hüteten, wäre kein Anlaß zum Verzagen oder gar zum Verzweifeln. Gewiß wollten wir nicht ä la Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken, aber wir brauchten auch nicht den Kopf zu senken, und vor allem dürften wir nicht den Kopf verHeren. ALGECIRAS 199 Am 16. Januar 1906 wurde die Marokko-Konferenz in Algeciras eröffnet, einer in der Provinz Cadiz, nicht weit von Gibraltar, gegenüber von Eröffnung Ceuta gelegenen kleinen spanischen Hafenstadt. Hier hatte 105 Jahre früher rfer MaroWco- eine französisch-spanische Flotte die Engländer besiegt, einige Tage später Konferenz hatten die letzteren eine eklatante Revanche genommen. Jetzt traten hier die beiden Westmächte eng verbunden auf, und Spanien bemühte sich um eine Verständigung zwischen ihnen und uns. Vertreten waren auf der Konferenz außer Deutschland, Frankreich, England, Rußland, Italien, Österreich-Ungarn und Spanien die Vereinigten Staaten, die Niederlande, Schweden, Belgien, Portugal und natürlich auch der Maghrcb el Aksa, das Reich des Scherifs, Marokko. Ich war mir, als wir nach Algeciras gingen, nicht im Zweifel darüber, daß wir dort diplomatisch einen harten Stand haben würden. Rußland war seit fünfzehn Jahren der Verbündete von Frankreich, England durch den Vertrag vom 8. April 1904 in der Marokko- Frage an Frankreich gebunden. Italien befand sich, wie sein Minister des Äußern, der Marquis Guicciardini, im Italienischen Senat ausführte, in einer besonders delikaten Lage, denn die Konferenz solle eine Streitfrage regeln zwischen einer Macht, mit der Italien verbündet wäre, und einer anderen Macht, mit der es vor Jahren ein Sonderabkommen über die das Mittelmeer betreffenden afrikanischen Fragen abgeschlossen habe. Schon im Mai 1905 hatte der damalige italienische Minister des Äußern, Tittoni, in der Italienischen Kammer erklärt, daß sich Italien in Tripolis von allen Mächten gewisse Vorrechte habe garantieren lassen. Italien beabsichtige, sich dieser Vorzugsrechte durch eine Besetzung von Tripolis jedoch nur dann zu bedienen, wenn die Umstände dies ganz unerläßlich machen sollten. An die tatsächliche Besetzung von Tripolis dürfe Italien nicht denken, solange es mit der Türkei in freundschaftlichen Beziehungen stehe, da es durch ein solches Vorgehen diejenigen ermutigen würde, die das Ende der Türkei beschleunigen wollten, deren Integrität eine der Grundlagen der auswärtigen Politik Italiens büde. Diese Erklärung des Herrn Tittoni hatte die Zustimmung der ganzen Kammer gefunden. In der Tat hat sich Italien zu einem Vorgehen in Tripolis erst 1911 entschlossen, als kein Zweifel mehr darüber bestehen konnte, daß Deutschland durch den zwischen Kiderlen und Jules Cambon abgeschlossenen Kongo-Vertrag Marokko völlig den Franzosen preisgegeben hatte. In Algeciras war 1906 von Italien nach Lage der Dinge eine vorsichtig lavierende und ausgleichende Haltung zu erwarten, die es mit keinem der Streitenden ganz verdarb, eine Taktik, die übrigens den bewährten Traditionen der italienischen Diplomatie entsprach, die sich immer durch die Gabe ausgezeichnet hat, sich möglichst jeder Lage anzupassen und sich immer eine Tür offenzulassen. Diese Taktik hat es später der Kurie ermöglicht, das Gewitter des Weltkriegs ohne Schädigung 200 RADOWITZ zu überstehen, dem italienischen Nationalstaat aber geholfen, in seinem hundertjährigen Werdegang auch Rückschläge und Mißerfolge zu überwinden, um schließlich alle Aspirationen der italienischen Patrioten von Azeglio Gioberti und Mazzini bis zu Cavour, Crispi und Giolitti restlos zu verwirklichen. Wenn ich mir über die uns in Algeciras erwartenden erheblichen Schwierigkeiten keine Illusionen machte, so wußte ich erst recht, daß die deutsche öffentliche Meinung in ihrer von Gefühlsmomenten inspirierten, zwischen dröhnenden Welteroberungsphrasen und weltfremden pazifistischen Sentimentalitäten hin und her schwankenden, meist kindlich-naiven Betrachtungsweise auch mit einem relativ günstigen Ergebnis der Konferenz unzufrieden sein würde. Wenn ich trotzdem nach Algeciras ging, so war es, weil es mir nützlich erschien, den Beweis zu erbringen, daß auch eine sehr schwierige, recht verwickelte, ernste und gefährliche Differenz, wie es der Streit um Marokko zweifellos war, sich in friedlicher Beratung, ohne Krieg, am Konferenztisch beilegen ließe. Hätten nicht neun Jahre später, im Unglückssommer 1914, die diplomatischen Leiter aller Großmächte den Kopf verloren, die deutschen, Gott sei es geklagt, noch mehr als die anderen, und wäre in der zweiten Julihälfte 1914 eine Konferenz der Großmächte zur Schlichtung des serbisch-österreichischen Konflikts zusammengetreten, so hätte sich die entsetzlichste Katastrophe vermeiden lassen, welche die Welt seit Jahrhunderten sah. Auf Vorschlag des deutschen Delegierten wählte die Konferenz von Die deutschen Algeciras den spanischen Vertreter, den Herzog Almodovar, zum Vor- Vertreter: sitzenden. Als unsere Vertreter hatte ich Seiner Majestät unseren Bot- Radowiiz und^ scna f ter Madrid, Herrn von Radowitz, und unseren Gesandten in Marokko, den Grafen Tattenbach, vorgeschlagen. Radowitz gehörte zu denjenigen Staatsmännern, von denen Thiers zu sagen pflegte, daß sie eine große Zukunft hinter sich hätten. Als er dreißig Jahre alt war, sah man in dem glänzend begabten, schnell und gut redigierenden, viel und geistreich sprechenden, in jeder Richtung brillanten Diplomaten den „rising man of Germany", den kommenden Mann. Von meinem Vater sehr geschätzt, wurde Radowitz vießeicht gerade deshalb von Holstein angefeindet. Während des Berliner Kongresses, dessen Sekretariat Radowitz vorstand, wurde er von Holstein beim Fürsten Bismarck angeschwärzt. Er gehört in die lange Reihe der Opfer Holsteinschen Mißtrauens und Holsteinscher Verfolgungsmanie. Schließlich war Radowitz doch noch in verhältnismäßig jungen Jahren, 1882, Botschafter in Konstantinopel geworden. Aber sein früher Nimbus war schon verblaßt, und eine der bedeutendsten Frauen, denen ich begegnet bin, Cosima Wagner, meinte damals von ihm, als er sie in Bayreuth besucht hatte: „II n'a pas assez d'esprit pour celui qu'il veut FRIEDRICH WILHELM IV. WEINT TRÄNEN 201 faire." Immerhin blieb er ein Mann von Geist und wußte interessant aus dem Leben seines Vaters zu berichten. So erzählte er gern als Beitrag zur Psychologie der Fürsten, wie sich Friedrich Wilhelm IV. von seinem liebsten Freunde trennte. Als dieser im November 1850, wenige Tage vor der 01- mützer Konvention, seinen Vortrag als Minister des Äußeren beendigt hätte, habe der König ihn in seine Arme geschlossen und ihm unter Tränen versichert, daß nichts auf der Welt sie voneinander scheiden könne und werde. Er begleitete seinen Günstling noch bis ins Vorzimmer und sah ihm nach, bis er die Schloßtreppe hinabstieg. Zu Hause angekommen, habe der Minister ein Schreiben des Königs vorgefunden, etwa folgenden Inhalts: Als Seine Majestät den Minister soeben in seine Arme geschlossen hätte, wären seine Tränen um so reichlicher geflossen, als er gewußt hätte, daß er ihn nicht so bald wiedersehen würde. Er müsse der Staatsräson das schmerzliche Opfer bringen, sich von seinem teuersten Freund zu trennen. Dem gefallenen Minister wurde eine Sinekure in Erfurt übertragen mit der Weisung, diesen Ort nur mit spezieller Erlaubnis Seiner Majestät zu verlassen. Der Gestürzte überlebte seinen Fall nur um zwei Jahre. Der Sohn war nach zehnjähriger verdienstvoller Tätigkeit am Goldenen Horn auf Betreiben Holsteins in Madrid kaltgestellt worden. Mir war es eine Freude, ihm am Ende seiner politischen Laufbahn, nach vielen ihm widerfahrenen Enttäuschungen die Genugtuung zu verschaffen, in den Vordergrund der politischen Bühne zu treten. Über die europäische Konstellation und speziell über die Lage der Dinge in England im Augenblick, wo die Konferenz von Algeciras begann, hatte Brief mir Metternich einen interessanten Brief geschrieben. Es war ihm Metternichs gelungen, im Sommer 1905 mit angesehenen Führern der englischen Bülow Liberalen die gemeingefährliche Deutschenhetze in England zu besprechen und sie auf die Gefahr dieser Agitation aufmerksam zu machen. Einer der angesehensten Führer der Liberalen, der leider bald nachher durch einen Schlaganfall der poktischen Arena entrückte Lord Spencer, hatte daraufhin öffentlich in eindringlicher Weise zur Versöhnlichkeit gemahnt. Die engbsche Presse, besonders die liberale, hatte einen ruhigeren, zum Teil sogar freundlichen Ton gegenüber Deutschland angeschlagen. Auch eine Anzahl Novembernummern verschiedener Revuen hatten verständige Artikel über die deutsch-englischen Beziehungen gebracht. Metternich fuhr fort: „Aus allem geht hervor, daß man hier Einsicht nimmt und an eine Umkehr denkt. Leider sind die Matin- Enthüllungen dazwischengefahren und haben das deutsche Volk, wie das nicht anders sein konnte, mit Erbitterung gegen England erfüllt. Ich mache nicht zum ersten Male, seitdem ich England kenne, die Beobachtung, daß, wenn Neigung in Deutschland zur Annäherung an England hervortritt, sie 202 MR. HALDANE FÜR ENGLISCH-DEUTSCHE VERSTÄNDIGUNG in England nicht erwidert wird und umgekehrt. Die Instrumente werden nicht auf beiden Seiten zu gleicher Zeit gestimmt, und die Harmonie auf der einen wird mit einer Dissonanz auf der anderen beantwortet. England und Deutschland haben nicht den gleichen Resonanzboden. Wie es aber auch sein mag, ich weiß, Sie sind mit mir der Ansicht, daß ich die versöhnliche Stimmimg unterstützen soll. Ich möchte nun Ihre besondere Aufmerksamkeit auf eine kürzlich stattgehabte Unterredung mit Mr. Haid ane lenken, da sie von weittragender Bedeutung für unser Verhältnis zu England und zum Ausgangspunkt einer Ära der Aussöhnung zwischen beiden Völkern werden kann. Die maßgebenden Leiter der liberalen Partei, die nach allgemeiner Ansicht spätestens im Februar oder März nächsten Jahres die Zügel der Regierung ergreifen wird, sind zu diesem Werke gewonnen. Mr. Haidane, Mitgüed eines früheren liberalen Ministeriums und dazu bestimmt, einen wichtigen Posten in dem kommenden Kabinett einzunehmen, genießt großes Ansehen bei beiden Parteien. Er hat deutsche Bildung genossen, spricht Deutsch und ist durch und durch deutschfreundlich gesinnt. Er wird, nach dem hiesigen Ausdruck, zum ,inner circle of the Cabinet' gehören. Er ist ein Liberaler der neuen Roseberyschen imperialistischen Richtung, aber ohne jeden Anflug von Chauvinismus. Rosebery, Sir Edward Grey, Asquith sind in demselben Fahrwasser und persönliche Freunde Haldanes. Er hat sich aber nicht wie Rosebery mit dem radikalen, mehr doktrinär angehauchten Flügel der Partei, zu dem Sir Henry Camp- bell-Bannerman, Mr. Morley und Mr. Bryce gehören, überworfen, sondern übt auch bei ihnen großen Einfluß aus. In auswärtigen Fragen hört der Engländer lieber auf Rosebery als auf Bryce. Die Doktrinär-Radikalen stehen hier im Geruch des Little-Engländertums, der liberale Imperialist dagegen nicht. Ich sagte Mr. Haidane, ich hätte mit Bedauern der Rede Sir Edward Greys, dessen Ansichten über auswärtige Fragen bei der liberalen Partei besonders ins Gewicht fielen, entnommen, daß auch er ein besseres Verhältnis zwischen England und Deutschland davon abhängig mache, daß wir anstandslos die französische Marokko-PoHtik hinunterschluckten. Wir hätten den dringenden Wunsch, mit Frankreich in Frieden und Freundschaft zu leben, wir ließen aber nicht unsere Rechte und Interessen mit Füßen treten, auch nicht dann, wenn England, welches ebensowenig wie Frankreich über Marokko verfügen könne, den Franzosen seine Hilfe anbiete. Ich sähe nur darin eine Gefahr für den Frieden, daß Frankreich in dem Glauben an englische Hilfe dahin getrieben werden könne, sich über unsere Rechte und Interessen hinwegzusetzen. Dies würden wir uns nicht gefallen lassen. Es sei möglich, daß wir manche Fehler hätten, aber Feiglinge seien wir nicht. Wir hofften und nähmen an, daß durch unser Abkommen mit Frankreich über das Konferenzprogramm die Haupt- DIE BEWAFFNETE ENTENTE CORDIALE 203 Schwierigkeiten behoben seien. Ich könne mich aber nicht der Sorge verschließen, daß die Franzosen, wenn sie von England sich angespornt fühlten, weiter gingen, als sie nach Recht und Billigkeit dürften. Leider seien die Beziehungen zwischen England und Deutschland infolge der jüngsten Enthüllungen und Preßfehden auch nicht gerade besser geworden. Man scheine sich hier nicht recht darüber klargeworden zu sein, welchen tiefen Eindruck es in Deutschland habe machen müssen, plötzlich zu erfahren, daß England sich bereit erkläre, mit den Franzosen gegen uns zu kämpfen, und zwar freiwillig, ohne vorher eingegangene Verpflichtung. Zu sehen, daß ein Land, mit dem wir nie in Krieg gewesen wären, mit dem keine wichtigen Interessengegensätze beständen, sich ganz kühl dazu bekenne, daß es gegen uns kämpfen würde, wenn es mit unserem Erbfeinde zum Kriege käme, habe nicht Furcht, aber notwendige Erbitterung im deutschen Volk erwecken müssen. Wenn man nun auch von allem Sensationellen und Unwahren der jüngsten Enthüllungen absehe, so bleibe doch die nackte Tatsache bestehen, daß sowohl die engüsche öffentliche Meinung erklärt wie auch die englische Regierung zu verstehen gegeben habe, daß bei einem deutschen Angriff die Franzosen die bewaffnete Hilfe Englands haben würden. Uber die Verklausulierungen hinsichtlich des Angriffs mache sich wohl niemand eine Illusion, der die hiesige Stimmung kenne. Wenn die Franzosen morgen über die deutsche Grenze gingen, so würde es übermorgen in ganz England heißen, daß sie durch die herausfordernde Haltung Deutschlands dazu gezwungen worden seien. Wenn man hierzu noch das ihm, Mr. Haidane, bekannte Verhältnis zwischen König und Kaiser nähme, so sei das Bild vollständig. (Mr. Haidane war gerade einige Tage in Balmoral bei König Eduard zu Gast gewesen und weiß genau, wie es zwischen den beiden hohen Herren steht.) Ich führe nur dies aus meinen Ausführungen an, um die Antwort Mr. Haldanes verständlich zu machen, übergehe aber der Kürze halber vieles andere und insbesondere alle meine Äußerungen, die den englisch-deutschen Gegensatz als unverständig und die Preßhetze als gefährlich bezeichneten. Ich malte absichtlich schwarz, um meinen Zuhörer zu impressionieren und in ihm den Wunsch nach Abänderung des vorhandenen Zustandes zu befestigen. Mr. Haidane bemerkte, er wisse ganz bestimmt, daß Sir Edward Grey die Aussöhnung mit Deutschland wünsche. Von konservativer Seite werde versucht, die Uberale Partei als im Gegensatz zur bisherigen auswärtigen Politik Englands hinzustellen. Das gute Einvernehmen mit Amerika, die Entente cordiale und das japanische Bündnis seien aber Grundsätze der auswärtigen Politik, an denen ganz England festzuhalten wünsche. Sir Edward Grey habe daher mehr von dem Gesichtspunkte der inneren Politik aus die auswärtige Lage beleuchtet, um die Kontinuität der auswärtigen Politik Englands festzustellen und um 204 HALDANE ÜBER DIE ENTENTE dem konservativen Wahlmanöver der Anschwärzung der liberalen Partei in auswärtigen Dingen entgegenzutreten. Von diesem Gesichtspunkte aus müsse die Rede betrachtet werden. Sir Edward Grey und die übrigen Leiter der liberalen Partei seien aber einig darin, daß gegen die Verhetzung zwischen England und Deutschland etwas geschehen müsse. Der Enthusiasmus für Frankreich sei hier deshalb so groß, weil die Liebe noch jung sei. Mit der Zeit werde alles in ruhigere Bahnen gleiten, und wenn, wie er hoffe, die Marokko-Konferenz ohne neue ernstliche Reibungen zwischen Deutschland und Frankreich vorübergegangen und die liberale Regierung in einigen Monaten am Ruder sei, so sei der Augenblick für eine Annäherung an Deutschland gekommen. Die liberale Partei wünsche zwar die Entente mit Frankreich festzuhalten, sie wolle deshalb aber nicht einen Gegensatz zu Deutschland schaffen. Er und seine poetischen Freunde hätten den Wunsch, eine ebensolche Annäherung zwischen England und Deutschland herbeizuführen, wie sie zwischen England und Frankreich gelungen sei. Wenn in einigen Monaten die liberale Regierung formiert sei, so werde systematisch an dem Werke der Annäherung an Deutschland gearbeitet werden. Auch müsse versucht werden, eine Annäherung zwischen den beiden Herrschern herbeizuführen. Die Mißstimmung bei König Eduard hänge noch vielfach mit Erinnerungen an die Behandlung zusammen, die er als Prinz von Wales erfahren habe. Wenn das Werk der Annäherung zwischen den beiden Nationen gelingen solle, so müsse bei dem großen persönüchen Einfluß der beiden Souveräne auf den Gang der Politik auch eine Annäherung zwischen ihnen wieder erfolgen. Ich erwiderte Herrn Haidane, daß er und seine Mitarbeiter bei dem Werke der Aussöhnung zwischen beiden Ländern auf meine bescheidene Hilfe und auch auf den guten Willen der kaiserbchen Regierung zählen könnten. Er war über diese Zusicherung sehr erfreut. Die Aussöhnung mit Deutschland steht schon jetzt auf dem Programm der liberalen Partei, wie aus vielen Reden und Schriften ihrer Mitgbeder ersichtlich ist. Die Parteileitung will sich aber vor den Wahlen nicht zu sehr avancieren, um nicht der Beschuldigung ausgesetzt zu werden, daß sie die populäre Entente cordiale dadurch störe. Sie hat aber die Absicht, sobald sie fest im Sattel sitzt, eine Annäherung an Deutschland zu betreiben. Ende nächster Woche treffe ich mit zwei oder drei anderen liberalen Parteiführern eigens zu dem Zweck zusammen, um die deutsch-englischen Beziehungen mit ihnen zu besprechen. Ich glaube, daß auch unter der übe- ralen Regierung die Entente mit Frankreich den Pivot der englischen Politik bilden wird. Es ist aber immerhin schon erfreulich, den guten Willen vorzufinden, um die Spannung mit Deutschland zu beseitigen." Am 6. November 1905 hatte der englische Minister des Äußern Lord Lansdowne erklärt, daß die englischen Einvernehmen mit Japan und BALFOUR WEICHT DEN LIBERALEN 205 Frankreich in keiner Weise eine Entfremdung gegenüber anderen Mächten bedeuteten. England halte an der Freundschaft mit Frankreich und Japan fest, sei aber gewillt, auch mit anderen Mächten die besten Beziehungen zu unterhalten. Einige Tage später hatte der Ministerpräsident Balfour auf dem Lordmayorsbankett ausgeführt: „Ich bin so sanguinisch, zu denken, daß wir in Zukunft keinen Krieg sehen werden, es sei denn, daß eine Nation oder ein Herrscher erstände, die unfähig wären, einen Plan nationaler Vergrößerung anders auszuführen als durch Niedertreten der Rechte der Nachbarn. Ich habe aber keinen Grund zu der Annahme, daß ein solches Unglück in Europa eintreten wird. Soweit die menschliche Voraussicht geht, glaube ich, einen langen Frieden prophezeien zu können." Bald nach dieser Rede von Mr. Balfour kam ich im Reichstag bei der ersten Beratung des Etats auch auf die in England hervortretende Abneigung der öffentlichen Meinung gegen uns zu sprechen. Erst in allerletzter Zeit hätten sich Anläufe gegen diese bedenkliche Spannung in ernsten englischen Kreisen bemerkbar gemacht. Unter dem Beifall des Hauses hatte ich hinzugefügt: „Ich begrüße aufrichtig solche günstigeren Zeichen. Ich möchte gern darin einen Anfang dafür sehen, daß man zu dem leider unterbrochenen wechselseitigen Verständnis zweier großer Völker von gleichartiger Kultur zurückkehren will."* Am 4. Dezember 1905 hatte das Ministerium Balfour seine Demission eingereicht. Am 10. Dezember war das neue liberale Kabinett gebildet Das worden mit Sir Henry Campbell-Bannerman als Premierminister, ^ am Asquith als Schatzkanzler, Sir Edward Grey als Minister des Äußern, Haidane als Kriegsminister, Lord Tweedmouth für die Admiralität, Lloyd George für das Handelsamt, John Burns von der Arbeiterpartei für die Lokalverwaltung, Bryce für Irland. Der Earl of Crewe, der Schwiegersohn des Earl of Rosebery, wurde Lord-Präsident des Geheimen Rates, der Marques of Ripon Lord-Geheimsiegelbewahrer. Mit dem Gefühl für die Notwendigkeit einer stetigen auswärtigen Politik, das alle englischen Parteien auszeichnet, hatte der neue Ministerpräsident Campbell-Bannerman am 21. Dezember 1905 in seiner Programmrede ausgeführt, daß das ganze englische Volk an dem von Lord Lansdowne „so weise" abgeschlossenen Abkommen mit der französischen Regierung festhalte, aber hinzugefügt: „Was Deutschland anbelangt, so sehe ich nicht die geringste Veranlassung zur Entfremdung in irgendeinem Interesse der beiden Völker, und wir heißen die inoffiziellen Freundschaftsdemonstrationen, die in der letzten Zeit zwischen den beiden Ländern ausgetauscht wurden, willkommen." Im Januar 1906 fanden die enghschen Neuwahlen statt, die zu einer gewaltigen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 250 ff.; Kleine Ausgabe IV, 30 ff. 206 NIE KRIEG UM MAROKKO Niederlage der Unionisten führten, das heißt der Partei, die recht eigentlich den englischen Chauvinismus und die aus diesem Chauvinismus hervorgehende Abneigung gegen Deutschland verkörperte. Der frühere Ministerpräsident Balfour selbst wurde im ersten Wahlgang nicht gewählt und kam nur durch eine Nachwahl wieder in das Parlament, in dem 400 Liberalen mit 29 Mitgliedern der Arbeiterpartei und 83 Iren nur 159 Unionisten gegenüberstanden. Die Ursachen der deutsch-englischen Entfremdung lagen zu tief, sie waren auch in der Natur der Dinge zu sehr begründet, als daß ein Kabinettswechsel sie hätte beseitigen können. Immerhin bedeutete der in England eingetretene Regierungswechsel eine erhebliche Erleichterung für unsere Politik und eine Gewähr für die Aufrechterhaltung des Friedens. Ernst lautete ein Brief, den ich aus St. Petersburg von einer klugen russischen Freundin über die Lage der Dinge in Rußland erhielt und in dem es hieß: „Lors de ma derniere visite ä Berlin, vous m'avez peut-etre trouvee tres pessimiste pour tout ce qui se passe chez nous, helas mes points de vue etaient d'un rose tendre en comparaison du noir que l'on broie ici. J'ai tort de dire noir, c'est rouge qu'il faut dire, car l'horizon est rouge du sang des assassinats, de la re- pression et des incendies. Quel chaos dans les idees! J'ai passe deux jours ä la Douma et, quoique j'aie vu plus d'une seance orageuse ä Paris, Londres et Berlin, tout cela est pale en comparaison de ce qui s'est passe ici il y a quelques jours. Vous avez lu les discours de ces forcenes, mais ce que vous n'avez pas pu voir ce sont des poings tendus avec des gestes insolents vers les ministres qui avaient l'air d'etre non seulement des accuses mais des condamnes, des regards lancant la haine, des tetes de forcats. Si comme moi vous aviez entendu les applaudissements frenetiques qui saluaient l'apparition de ces quart-d'intellectuels, vous vous seriez dit que la revolu- tion est lä et que peut-etre eile nous balayera tous. Quand je pense qu'il y a un an et demi ä peine ces murs du palais de la Tauride etaient couverts de splendides portraits du XVIII ieme siecle qu'une foule elegante venait admirer, il me semble que ces images du grand regne de Catherine avaient ete evoquees expres pour faire ressortir encore davan- tage le contraste avec toute cette Canaille haineuse, crachant sur les beaux meubles Louis XVI et n'ayant en fait d'opinion politique q'une seule idee, la terre d'autrui." Die Umwälzung, die zwölf Jahre später über das russische Reich hereinbrechen sollte, warf für den schärfer Blickenden ihre Schatten voraus. Ich habe nie die Absicht gehabt, es anläßlich des Marokko-Streits zu Die Nervosität einem Kriege kommen zu lassen, weder vor noch während der Konferenz dauert an von Algeciras. Unverrückbar war meine Überzeugung, daß nach der Gesamtlage der Weltverhältnisse jeder ernstliche europäische Konflikt aller EIN FOYERGESPRÄCH 207 Wahrscheinlichkeit nach zu einem Weltkriege führen würde. Ebenso fest stand für mich, daß die Aufrechterhaltung eines würdigen Friedens in der Gegenwart und für die Zukunft nicht nur im deutschen Interesse läge, sondern eine Lebensfrage für unser Volk wäre. Kaiser Wilhelm teilte sachlich durchaus diese meine Auffassung, erschwerte mir aber meine Aufgabe bald durch unvorsichtiges Reden und Agieren auf der Weltbühne, dann wieder, indem er, wie ich schon einmal sagte, bei Krisen in der auswärtigen Politik seine Kriegsfurcht gar zu offenherzig an den Tag legte. Aus Paris hörte ich durch einen dortigen Agent de change deutschen Ursprungs, von dem ich bisweilen gute Nachrichten erhielt, daß König Eduard nach wie vor allen Franzosen gegenüber in allen Tönen über seinen kaiserlichen Neuen schimpfe und insbesondere immer wiederhole: „Croyez-moi, dans l'affaire marocaine il ne bougera pas. II rentrera dans son coin." Auch in deutschen parlamentarischen Kreisen wurde die Lage zum Teil mit unbegründeter Besorgnis betrachtet. Es berührt eigentümlich, daß dieselben Parlamentarier und dieselbe deutsche öffentliche Meinung, die während der Algeciras-Konferenz, ebenso vier Jahre später während der bosnischen Krisis mit übertriebener Nervosität den Krieg für unvermeidlich hielten, im Sommer 1914 nicht sahen und nicht erkannten, daß der Kriegswolf wirklich vor der Tür stand. Zur Illustrierung des hyperkritischen Geistes, der in Deutschland in weiten und ernsten Kreisen an die Konferenz von Algeciras gewendet wurde, möge die nachstehende kleine Episode dienen. Mein Pressechef, Geheimrat Dr. Hammann, der in der Behandlung der öffentlichen Meinung und ihrer journalistischen Vertreter nicht immer geschickt, bisweilen geschmacklos war, aber überall horchte und herumschnüffelte und einen guten Detektiv abgegeben haben würde, meldete mir: „Foyergespräch. Graf Udo Stolberg: ,Mir wird unsere Marokkopolitik immer unverständlicher. Es wäre doch unerhört, wenn wir wegen der Jesuiten einen Krieg mit Frankreich führen sollten!' — ,Wieso?' — ,Na, das ist doch klar. Wir sollen für den Papst Rache an der antiklerikalen französischen Republik nehmen.' — ,Ernst oder Spaß?' — ,Voller Ernst. Sieht man doch jeden Sonntag die Fürstin Bülow mit dem Prinzen Arenberg zur Messe gehen.' — Moral: Was soll man von parteiverrannten Zeitungsschreibern erwarten, wenn ehemalige Oberpräsidenten im Auswärtigen solche Kinder sind?" — So weit Dr. Hammann. Graf Udo Stolberg, früher Oberpräsident in Königsberg, einer der Führer der Konservativen, ein persönlicher Freund von mir, war im übrigen ein ganz verständiger Mann. Am Abend des Neujahrstages 1906 hatte sich in Berlin das Gerücht verbreitet, der Kaiser habe bei Gelegenheit der Ausgabe der großen Parole 208 KAISERLICHE NEU JAHRSREDE IM ZEUGHAUS im Lichthof des Zeughauses an die versammelten Offiziere eine aufgeregte Rede gehalten, in der er sich üher die europäische Lage sehr pessimistisch geäußert hätte. Die Börse quittierte diese Nachricht mit einer Baisse. Aus der Umgehung Seiner Majestät wurde mir vertraulich gemeldet, daß der Kaiser, anknüpfend an die hundertjährige Erinnerung des Jahres 1806, unter anderem ausgeführt hätte: Er habe einen trefflichen Reichskanzler, den er schätze und liebe, der aber den Wagen bisweilen zu nah am Graben fahre. Als ich mich in unbefangenem Tone beim Kaiser erkundigte, was er im Zeughaus gesagt hätte, übersandte er mir den Text seiner Rede, die wohl nachträglich von ihm etwas zurechtgestutzt worden war, aber jedenfalls nichts Bedenkliches enthielt. Sie war im Stil der meisten kaiserlichen Kundgebungen gehalten. Das Wort „oberster Kriegsherr" kam fünfmal vor. Als Zweck der Ausbildung des Heeres wurde bezeichnet, daß die Armee das „unüberwindliche Werkzeug Seiner Majestät" sein müsse. Alle Anstrengungen des Offizierkorps wären darauf zu richten, „das Heer perfekt für seinen König zu machen", dessen Lob und Zufriedenheit der schönste Lohn für die Armee wäre. Die Aufforderung, zur alten preußischen Sparsamkeit zurückzukehren, den Luxus zu fliehen, altbewährte Einfachheit der Sitten unserer Väter wieder einzuführen, sich selbst zu überwinden, war durchaus berechtigt, nur hätte der Kaiser selbst in dieser Richtung mit gutem Beispiel vorangehen sollen, wovon leider nicht viel zu merken war. Die Mahnung, daß der Offizier nicht nur für seinen Kriegsherrn sterben müsse, sondern auch ein anderes Leben zu führen habe „als der gewöhnliche Sterbliche", daß der Offiziersstand „in seiner Abgeschlossenheit" strengeren Anschauungen huldigen müsse als der Bürger, entsprach einer schönen und bewährten preußischen Tradition, wurde aber von Wilhelm II. nach außen schärfer und lauter akzentuiert als von Friedrich dem Großen oder Wilhelm I. • Es freute mich, dem Kaiser, der dem Gang der Beratungen und Verhandlungen in Algeciras mit übertriebener Besorgnis entgegensah, bald nach der Eröffnung der Konferenz schreiben zu können, daß der aus London zurückgekehrte englische Botschafter Lascelles mir vertraulich die Überzeugung ausgedrückt habe, eine Besserung der deutsch-englischen Beziehungen wäre unter der neuen liberalen englischen Regierung nach Abwicklung der Marokko-Frage nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Sei die Marokko- Frage erst einmal erledigt und damit eine Detente in den deutsch-französischen Beziehungen eingetreten, so würde die neue englische Regierung in der Öffentlichkeit uns gegenüber freundlichere Saiten aufziehen. Ein liberales englisches Ministerium, namentlich wenn es von einer starken parlamentarischen Mehrheit getragen werde, könne uns gegenüber eine andere Politik WILHELM II. IN UNRUHE 209 machen als Lansdowne-Chamberlain-Balfour in den letzten Jahren. Ich fügte in meinem Brief an den Kaiser hinzu, und dies nicht bloß referierend, sondern recht eigentlich in usum Delphini: „Ich habe mit beiden Knien auf unsere Presse gedrückt, damit sie nun kein Triumphgeschrei anstimmt und auch die Anbiederung an England nicht zu weit treibt, denn es kommt jetzt darauf an, die englischen Liberalen nicht durch ein forciertes Sichherandrängen kopfscheu zu machen und der englischen Aktionspartei nicht die Möglichkeit zu geben, die Liberalen als germanophil zu diskreditieren." Je länger die Konferenz von Algeciras dauerte, um so höher stieg die Nervosität Seiner Majestät. Sie wurde noch durch einen wohlgemeinten, aber nach Lage der Verhältnisse nicht glücklich wirkenden Brief des trefflichen Großherzogs Friedrich von Baden verstärkt, der Seiner Majestät unter anderem schrieb: „Wie schädlich ein Krieg mit Frankreich dermalen für uns wäre und wie unpopulär in Deutschland, das ist wohl selbstredend. Ein solcher Krieg kann nur von denen gewünscht werden, die unsere hochentwickelte Industrie durch Hinderung eines genügenden Exportes ruinieren wollen, was auch erfolgen würde, wenn der Krieg endlich siegreiche Erfolge zu Lande hätte. Aber wir würden alle Verbündeten verlieren und nur schwer wiedergewinnen. Bei der gottlob vorhandenen friedlichen Gesinnung der deutschen Reichsregierung würde man in Deutschland ein Entgegenkommen derselben in der Marokko-Frage freudig begrüßen und dem Wiederaufblühen unserer industriellen Interessen dankbar entgegensehen. Ist Frankreich seiner östlichen Grenzen sicher und überzeugt, daß Deutschland aufrichtig den Frieden will, so wird uns trotz der elsaß- lothringischen Frage ein Entgegenkommen in Algeciras von größtem Nutzen sein." Ich ließ es mir angelegen sein, den patriotischen und weisen, mir freundüch gesinnten Großherzog durch eingehende vertrauliche Mitteilungen aus den Akten darüber aufzuklären, daß seine Wünsche sich mit meinen Zielen deckten, die ich mit Gottes Hilfe auch zu erreichen hoffe. Dem Kaiser gegenüber hielt ich daran fest, daß, wenn wir nicht die Nerven verlören, wir zu einer Verständigung gelangen würden, auch ohne „nach Olmütz zu gehen". Ich glaube, daß wir in Algeciras in verschiedenen Einzelfragen noch mehr durchgesetzt haben würden, wenn wir, unbeeindruckt durch das Geschrei der englischen und französischen Presse und das ziemlich unwürdige Gewinsel einiger deutscher Zeitungen, keinen Zweifel darüber gelassen hätten, daß wir ein ergebnisloses Auseinandergehen der Konferenz nicht mehr als andere zu fürchten hätten. Der Kaiser wollte es aber auf einen solchen Ausgang nicht ankommen lassen. In einem langen Gespräch im Garten des Reichskanzlerpalais, Anfang April 1906, drückte 14 Bülow II 210 „OHNE BLAMAGE" er mir die feste Überzeugung aus, daß, wenn ich in Algeciras nicht noch einige Konzessionen machte, es zum Krieg kommen würde, für den „zur Zeit" aus militärisch-technischen Gründen die Chancen so ungünstig wie möglich lägen. Er wolle und könne es auf einen solchen Krieg nicht ankommen lassen. Ich möge ihn nicht im Stich lassen, sondern ihn „ohne Blamage" vor dem Krieg bewahren, für den weder bei den deutschen Fürsten, noch im Reichstag, noch im Volk irgendwelche Stimmung sei. XIV. KAPITEL Der Vertrag von Algeciras • Der amerikanische Botschafter Charlemagne Tower über die Algeciras-Akte • Bülows Reichstagsrede vom 5. April 1906 • Bülows Ohnmachtsanfall Rücktritt des Herrn von Holstein • Bülows Rekonvaleszenz in Norderney • Freundliche Kundgebungen • Wilhelm II. an Goluchowski („brillanter Sekundant") • Besuch des Kaisers bei Bülow in Norderney • Rede Wilhelms II. in Cuxhaven über Bülows Genesung Am 7. April 1906 wurde die Algeciras-Akte unterzeichnet, die über die Organisation der Polizei in Marokko, die Unterdrückung des Waffen- Die Schmuggels, die Einrichtung einer Staatsbank, die Verbesserung der Steuer- Algeciras- erträge, die Verbesserung des Zolldienstes, die Einrichtung des öffentlichen ^ te Dienstes und der öffentlichen Arbeiten Bestimmungen enthielt, durch die wir nicht alles Erwünschte, aber doch das Wesentliche erreichten. Die Souveränität des Sultans wurde aufs neue anerkannt und blieb Bestandteil des Völkerrechts. Frankreich erlangte nicht das von ihm angestrebte Protektorat über den Sultan, vor allem nicht den Oberbefehl über dessen Heer, den es im Frühjahr 1905 in erster Linie gefordert hatte. Wir hatten die Handelsfreiheit in Marokko erfolgreich verteidigt. An der künftigen Gestaltung der marokkanischen Angelegenheiten war uns ein entscheidendes Mitbestimmungsrecht gesichert, auf das wir ohne ausreichende Kompensation nicht zu verzichten brauchten. Der Versuch, uns von einer großen internationalen Entscheidung auszuschließen, war erfolgreich durchkreuzt worden. Die Beschlüsse der Konferenz von Algeciras waren, wie ich mich elf Jahre später in meinem Buch über die „Deutsche Politik" ausdrückte*, ein Riegel vor den Tunifikationsbestrebungen Frankreichs in Marokko; sie waren auch eine Klingel, die wir jederzeit ziehen konnten, wenn Frankreich wieder solche Tendenzen an den Tag legte. Als nach dem Bekanntwerden der Algeciras-Akte in manchen deutschen Kreisen Verwünschungen und Klagen laut wurden, sagte mir der verständige, uns wohlgesinnte amerikanische Botschafter Charlemagne Tower: „Ich verstehe wirklich nicht das Geschrei, das hier jetzt einige Leute erheben. Sie haben ja in Algeciras ungefähr alles erreicht, was Sie vernünftigerweise fordern konnten." Ach, es sollte die Zeit kommen, wo die Toren und Narren, die damals von „deutscher Schmach" und „deutschem Elend" faselten, * Deutsche Politik, Volksausgabc, S. 91. 14* 212 ALGECIRAS VOR DEM REICHSTAG erkannten, was wirkliches Elend, was wirkliche Schmach sind! Als ich Seiner Majestät das Ergebnis der Algeciras-Konferenz und die unmittelbar bevorstehende Unterzeichnung der Algeciras-Akte meldete, sprach mir der Kaiser telegraphisch seine lebhafte Befriedigung aus. Dieser friedliche Ausgang der schwierigen Verhandlungen bedeute für ihn eine wahre Erleichterung. Von dem Ergebnis sei er durchaus befriedigt. Das Telegramm schloß mit einem lateinischen Zitat: Hic optime manebimus. Am 5. April hatte ich die erste sich mir bietende Gelegenheit benutzt, um im Reichstag festzustellen, was Ausgangspunkt, Ziel und Ergebnis der Konferenz von Algeciras gewesen wäre*. Wir hätten in Marokko keine direkten politischen Interessen, auch keine politischen Aspirationen, wohl aber vertragsmäßige Rechte und wirtschaftliche Interessen. Über sie nicht ohne unsere Zustimmung verfügen zu lassen, wäre eine Frage der Würde des Deutschen Reichs gewesen, das sich nicht als Quantite negligeable behandeln lasse. Es wäre ein Mangel an Augenmaß gewesen, wenn wir wegen untergeordneter Fragen die Konferenz gesprengt hätten. Für sekundäre Forderungen Kopf und Kragen daranzusetzen, wäre nicht praktische Politik. An dem großen Grundsatz der offenen Tür hätten wir unerschütterlich festgehalten, an diesem Grundsatz, der uns während der ganzen Marokko-Aktion geleitet habe und leiten mußte. Ich schloß mit den Worten: „Meine Herren, es war ein ziemlich schwieriger Berg, den wir zu ersteigen hatten. Manche Übergänge waren nicht ohne Gefahr. Eine Zeit der Mühe und Unruhe liegt hinter uns. Ich glaube, daß wir jetzt mit mehr Ruhe ins Weite blicken dürfen. Die Konferenz von Algeciras hat, wie ich glaube, ein für Deutschland und Frankreich gleich befriedigendes, für alle Kulturländer nützliches Ergebnis geliefert." In der Tat sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich seit dem Frankfurter Frieden nie so ruhig und verhältnismäßig freundlich gewesen wie während der fünf Jahre, die zwischen der Algeciras-Akte und dem Panthersprung nach Agadir lagen. Die Ausführungen, die ich am 5. April 1906 im Reichstag machte, wurden von allen bürgerlichen Parteien mit Zustimmung aufgenommen, insbesondere stimmte mir unter lebhaftem Beifall im Namen des Zentrums der Abgeordnete Freiherr von Herlling zu. Nach Hert.ling erging sich der Abgeordnete Bebel in den gewohnten sozialdemokratischen Klagen über die Regierung im allgemeinen und ihre auswärtige Politik im besonderen. Er meinte, daß Bismarck, den er übrigens noch maßloser anzugreifen pflegte als mich, nie die Konferenz von Algeciras zugelassen haben würde. Noch weit fehlerhafter als meine Marokko-Politik wäre, daß ich freundliche Beziehungen zu dem „barbarischen" Rußland unterhielte. * Fürst Bülow9 Reden, Große Ausgabe II, 303 ff.; Reclam-Ausgabe IV, 92 ff. OHNMACHTSANFALL BÜLOWS 213 Während Bebel sprach, wurde ich von einer Ohnmacht befallen. Bebel, der mir als Mensch nicht mißfiel und von dem ich glaube, daß er ein gutes Der Herz hatte, ließ mir später durch unseren gemeinsamen Freund, den Ver- Zwischenfall treter der „Frankfurter Zeitung", August Stein, sagen, er bedaure, daß V ™£' Ap " 1 die Wucht seiner Angriffe die Schuld an meiner Ohnmacht getragen hätte. Diese Selbstanklage war unbegründet. Der gute Bebel, der in den letzten Jahren sehr gealtert hatte, auch, wie ich gern anerkenne, sich in rastloser Agitation für die von ihm als richtig betrachteten Ziele verzehrte, hatte am 5. April 1906 recht matt gesprochen. Mein Unwohlsein war lediglich darauf zurückzuführen, daß ich während des ganzen Winters und speziell während der letzten Wochen, mit Arbeiten überhäuft, meinen Schlaf zu sehr verkürzt hatte. In den letzten Tagen vor jener Beichstagssitzung ging ich selten vor zwei Uhr, manchmal drei Uhr nachts zu Bett und mußte, um den Kaiser, der sehr früh bei mir vorzusprechen pflegte, zu empfangen, schon um sieben Uhr wieder aufstehen. Bichtig ist nur, daß das letzte, was ich mit vollem Bewußtsein sah, das von einem schon stark ergrauten Bart umrahmte, nicht unsympathische Gesicht von August Bebel und seine lebhaften und intelligenten Augen waren. Im übrigen kann ich nur sagen, daß das Gefühl, mit dem ich in Ohnmacht fiel, angenehm war. Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach, Ins hohe Meer werd' ich hinaus gewiesen. Die Spiegelüut erglänzt zu meinen Füßen, Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. Ein Feuerwagen schwebt auf leichten Schwingen An mich heran! Ich fühle mich bereit, Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit. Als ich wieder erwachte, befand ich mich außerhalb des Sitzungssaales, in dem für den Beichskanzler bestimmten Büro. Das Zimmer war von Menschen angefüllt, die mir teils die Hände rieben, teils die Füße, nachdem sie mir Stiefel und Strümpfe ausgezogen hatten. Andere flößten mir Kognak ein, noch andere einen greulichen heißen Zichorienkaffee. Ich hörte deutlich, wie meine verehrten Kollegen, die Minister, sich darüber unterhielten, wer mein Nachfolger, oder wenn mit einer längeren Beurlaubung zu rechnen wäre, Vizekanzler werden würde. Der einzige, der den Kopf nicht verlor, war Geheimrat Hammann. Ich habe ihm das nicht vergessen und ihn, als er nicht lange vor meinem Bücktritt in eine schwierige Situation geriet, meinerseits gehalten. Hammann trieb Minister, Abgeordnete und Journahsten aus meinem Zimmer und telephonierte nach meiner Frau und nach meinem ausgezeichneten Arzt und Freund, dem Geheimen Bat 214 STURZ HOLSTEINS Renvers. Letzterer erschien sehr bald, untersuchte mein Herz, ließ mich einige Gehversuche machen und sagte mir dann ernst und bestimmt: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Ehrenmann, daß es nur eine Ohnmacht, in keiner Weise ein Schlaganfall war. Daß Sie sich übergeben haben, kommt nur daher, daß man Ihnen unsinnigerweise alles möghche Zeug in den Hals gegossen hat. Sie werden in kurzer Zeit völlig wiederhergestellt sein, aber Sie müssen Ruhe und vor allem Schlaf haben." Der Kaiser, dem mein Unfall telephonisch mitgeteilt worden war, erschien sogleich im Reichstag, den er sonst nie zu betreten pflegte, sprach in herzlichster, rührender Weise meiner Frau seine Teilnahme aus und wollte mich durchaus sehen, was aber Renvers als gewissenhafter Arzt nicht zuließ. Renvers fuhr mit mir und meiner Frau nach dem Reichskanzlerpalais, wo er mich ins Bett steckte und mir für vier bis fünf Tage jede andere Beschäftigung als die Lektüre illustrierter Zeitungen verbot. Dann durfte ich Romane lesen, deren ich während der folgenden Wochen eine ganze Reihe verschlang, darunter ganz hübsche. Betreut und mit selbstloser Aufopferung gepflegt wurde ich in diesen Tagen von der langjährigen Kammerfrau meiner Frau, die heute noch in unseren Diensten und von dem Tage nicht mehr fern ist, an dem sie auf fünfzig Jahre in unserem Hause zurückschauen kann. In ihrer Hingabe, ihrer Umsicht und Opferfähigkeit ersetzte sie jede Berufspflegerin. Frau Luise Cholin, von meiner Frau mehr als Freundin denn als Dienerin behandelt, ist ein seltener Charakter. Unermüdlich in Pflichterfüllung, nur ihrem Dienste und ihrer Familie lebend, stellt sie den besten Typus einer guten deutschen Frau dar, die sie, die Tochter des Breisgaues, auch gebbeben ist, nachdem sie Monsieur Chobn, unsern langjährigen Koch, geheiratet hatte. Meine Ohnmacht war der ungewollte Anlaß für den poHtischen Tod des Holsteins Geheimen Rats von Holstein, der bis dahin so viele Stürme, alle Fährnisse Abschieds- überstanden hatte. Sein Sturz beweist, daß der Krug in der Tat so lange zu gesuch Nasser geht, bis er bricht. Er hatte sich, wie schon bemerkt, wie mit vielen anderen so auch mit dem Staatssekretär von Richthofen auf die Länge nicht vertragen können. Als mir am 17. Januar 1906 der Tod diesen ausgezeichneten, klugen und treuen Mitarbeiter entrissen hatte, war es nicht leicht, einen Nachfolger zu finden, der gleichzeitig seinem Amt gewachsen, Seiner Majestät genehm und Holstein nicht zu ungenehm war. Der Kaiser lehnte sowohl Mühlberg wie Kiderlen ab, die übrigens Holstein beide auch nicht wollte. Seine Majestät wünschte seinen treuen „Mimile", wie er, ich weiß nicht weshalb, Tschirschky zu nennen pflegte. Holstein befürwortete mit Enthusiasmus diesen Wunsch Seiner Majestät, zu meinem Befremden, denn er pflegte im allgemeinen sich immer in Gegensatz zum Kaiser zu stellen. Sein, wie oft, verschlungener Gedankengang war der folgende: SEIN ABSCHIEDSGESUCH 215 Tschirschky hatte sich als Botschaftsrat des Fürsten Radolin in St. Petersburg sehr mit diesem angefreundet. Namentlich hatte sich Frau von Tschirschky in der Rolle einer Suivante der Fürstin Radolin gefallen. Holstein, der intime Freund des Ehepaars Radolm, glaubte deshalb Tschirschkys völlig sicher zu sein. Diese Hoffnung scheiterte an der im Auswärtigen Amt berühmten Verbindungstür zwischen dem Zimmer des Staatssekretärs und dem des Geheimen Rats von Holstein, durch die der letztere bei jedem Anlaß, unangemeldet, hinter dem Rücken seines Chefs einzutreten pflegte. Marschall hatte sich das gefallen lassen. Da ich Zeit meines Lebens gute Nerven gehabt habe, hatte es mich auch nicht weiter gestört. Tschirschky schloß die Tür ab, da seine Nerven die fortgesetzte Bedrohung, den finsteren Holstein unvermutet hinter sich zu fühlen, nicht ertrugen. Als Holstein, durch diesen Ab- und Ausschluß schon gereizt, das Zimmer des Staatssekretärs durch die Korridortür betrat, mit einem großen Stoß Akten unter dem Arm, forderte ihn Tschirschky kühl und trocken auf, die Akten auf den Tisch zu legen und zu warten, bis er gerufen würde. Bei der Verzogenheit und Reizbarkeit von Holstein bedeutete dies den Bruch. Er reichte sofort seinen Abschied ein, war aber überzeugt, daß ich die Annahme desselben verhindern würde. Während einiger Tage erneuerte er fortgesetzt sein Abschiedsgesuch in an mich gerichteten Briefen, in denen er einen elegischen, fast weltschmerzlichen Ton anschlug. Er wolle mir keine Schwierigkeiten bereiten und sehne sich nach Ruhe und Stille. Macchiavelli erzählt in seinem „Principe", Cesare Borgia habe ihm gesagt, er und sein Vater, der kluge Papst Alexander VI., hätten alle Möglichkeiten der Zukunft erwogen, nur die eine nicht, daß sie gleichzeitig sterben oder wenigstens schwer erkranken würden. Nun trat aber gerade dieser Fall ein. Alexander VI. wünschte sich einiger ihm unbequemer Kardinäle zu entledigen. Zu diesem Zweck lud er sie zu einem Gastmahl ein, bei dem den Betreffenden vergiftete Speisen vorgesetzt werden sollten. Durch ein unliebsames Versehen verwechselten die Diener die Teller, und die gefährlichen Gerichte wurden dem Papst und seinem Sohn gereicht. Der Papst selbst starb in der folgenden Nacht, die Riesennatur des Sohnes überwand das Gift, aber er blieb mehrere Wochen an das Bett gefesselt. Inzwischen empörten sich die von ihm eroberten Städte und Schlösser der Romagna, und die Herrschaft des Hauses Borgia brach zusammen. So hatte auch Fritz von Holstein vieles wohl berechnet, aber nicht an den Fall gedacht, daß ich gerade in dem Augenblick erkranken und auf Grund ärztlicher Anordnung für Rücksprachen und Akten unerreichbar werden könnte, in dem sein Abschiedsgesuch sich in den Händen des mit ihm verfeindeten Staatssekretärs Tschirschky befinden würde. Tschirschky benutzte die günstige Gelegenheit, um Holstein kaltblütig abzuwürgen. 216 HOLSTEIN, DER HÖLLENSOHN Der Kaiser genehmigte ohne Bedenken das Abschiedsgesuch. Als ich zwei Jahre früher, der unaufhörlichen Streitigkeiten zwischen Holstein und anderen Beamten des Auswärtigen Amtes müde, dem alten Geheimrat erklärt hatte, wenn er nicht endlich Ruhe gäbe, würde ich genötigt sein, wenn auch mit Bedauern, aber im Interesse des Dienstes, mich von ihm zu trennen, ließ er diese meine Mahnung durch seinen Freund Radolin sofort zur Kenntnis des Kaisers bringen. Das nächste Mal, wo der Kaiser mir begegnete, es war bei einem Galadiner im Schloß, schoß er auf mich zu mit den lebhaft hervorgestoßenen Worten: „Bernhard, das sage ich Ihnen, meinen alten guten Holstein müssen Sie mir in Ruh lassen. Er war der einzige, der in meinem Kampf gegen den Beelzebub Bismarck treu zu mir gestanden hat." Als es sich nach der Ernennung von Tschirschky zum Staatssekretär bald herausstellte, daß dieser seiner Aufgabe nicht gewachsen war, meinte der Kaiser mit derselben Lebhaftigkeit und mit derselben Uberzeugung: „Lieber Bernhard, das muß ich mir ausbitten, an Tschirschky laß ich nicht rühren. Der war der einzige, der mir in meinem Kampf gegen den Höllensohn Holstein treu zur Seite gestanden hat." Als ich den zu lange versäumten Schlaf einigermaßen nachgeholt hatte, Bülmv in schickte mich Renvers nach Norderney. Ich habe selten in so hohem Grade Norderney (J as empfunden, was die Franzosen „la joie de vivre" nennen, als während meiner Rekonvaleszenz im Wonnemonat 1906, wo ich in kräftiger Seeluft, am Strande des weitaufrauschenden Meeres lange Ritte um die Insel unternahm. Von Kindesbeinen an ritt ich gern. Als Minister machte ich auch bei schlechtem Wetter meinen täglichen Galopp. Gern denke ich an die braven Pferde, die mich in Berlin durch die Alleen des Tiergartens und um das Hippodrom, in Norderney zum Leuchtturm trugen, später durch die römische Campagna und auf den Sandwegen längs der holsteinischen Knicks, an die unermüdliche Roßbach und den braven Peter mit seinem Schlitzohr, an die kokette Senta und den flotten Torero, an die schöne Apfelschimmelstute Lina und den klugen Hans. Ich habe nie ein Pferd verkauft, sondern ihnen, wenn sie dienstunfähig wurden, das Gnadenbrot gegeben, im Freien auf grüner Wiese. Zwei dieser guten Tiere sind dem Weltkrieg zum Opfer gefallen. Die Roßbach flog nicht weit von Peronne bei der Explosion eines Munitionsdepots in die Luft, der Torero wurde in demselben Augen- bhck von einer Kugel erreicht, wo sein tapferer Reiter, der Bataillonsadjutant des 1. Garderegiments zu Fuß Leutnant von Oppen vor der Front seines stolzen Regiments, von einer Kugel getroffen, den Heldentod starb. Auf diesen Ritten begleitete mich mein treuer Diener Joseph Vehres, heute noch in meinem Dienst und mir durch seine Anhänglichkeit und Anstelligkeit eine unentbehrliche Stütze. Rheinländer von Geburt, stand er NORDERNEY UND BERLIN 217 bei meinem Regiment, den Königshusaren, und hat in diesem Regiment auch den Weltkrieg mitgemacht. Er ist ein Musterbeispiel dafür, was in unserm Volk an Tüchtigkeit und Intelligenz, an Fleiß und Ernst steckt. Er hat sich Italienisch vollkommen angeeignet und weiß in technischen Dingen, in Elektrizität und Mechanik nicht weniger gut Bescheid als früher mit seinen von ihm mit Hingabe betreuten Gäulen. Er war ein forscher Reiter, hatte im Rennstall Suermondt in Aachen eine gute Schule gehabt und schon mit zehn Jahren jedes Hindernis auf ungesatteltem Gaul und ohne Bügel zu nehmen gelernt. Hätte das Schicksal seine Eltern mit mehr Glücksgütern gesegnet und hätte er studieren können, so wäre er ein ausgezeichneter Beamter, ein scharfer Staatsanwalt, ein energischer Landrat geworden. Aus vielen Gesprächen mit diesem trefflichen Diener habe ich die Erfahrung gewonnen, daß ein Mann aus dem Volk mit offenem Kopf die Dinge dieser Welt oft rascher und klarer erfaßt als mancher Intellektuelle und Politiker. Was ich in Norderney aus Berlin hörte, war nicht immer erfreulich. Zwar wurde die Reichs finanzre form mit ihren Steuervorlagen im Annahme der Reichstag angenommen, was dem Kaiser Gelegenheit bot, ein gnädiges Reichs- Handschreiben an mich zu richten, in dem es hieß: „Ich bin mir wohl be- fi nanzre f orm wüßt, welcher hervorragende Anteil an dem Entstehen wie an dem Gelingen dieses bedeutsamen Reformwerkes dem staatsmännischen Geschick und der aufopfernden Hingebung gebührt, mit denen Sie die mühevollen Arbeiten geleitet und gefördert haben. Von ganzem Herzen beglückwünsche Ich Sie zu diesem Erfolge, durch welchen' Sie sich von neuem den Dank Ihres Kaisers und Königs wie des Vaterlandes erworben haben. Zugleich benutze Ich die Gelegenheit, Ihnen, mein lieber Fürst, meine innige Freude darüber auszusprechen, daß Ihre durch das Übermaß der Arbeit angegriffene Gesundheit durch Gottes Gnade vollständig wiederhergestellt ist und Ich mich der zuversichtlichen Hoffnung hingeben kann, daß Ihre ausgezeichneten Dienste Mir noch recht lange erhalten bleiben zum Segen für das deutsche Volk und das Vaterland. Ich verbleibe mit unveränderlichem Wohlwollen und Vertrauen Ihr wohlgeneigter und dankbarer Kaiser und König." Auch die für die Armee bedeutungsvollen Militär-Pensions-Gesetze waren vom Reichstag endgültig angenommen worden, um deren Einbringung und für deren Annahme ich mich sehr bemüht hatte. Seiner Meldung, daß die Pensionsgesetze definitiv durchgegangen wären, fügte der Kriegsminister von Einem hinzu: „Ohne die Maßnahmen Eurer Durchlaucht und ohne Ihre Mitwirkung wäre ein solches Resultat niemals möglich gewesen. Eurer Durchlaucht fühle ich mich daher gedrängt meinen wärmsten Dank ehrfurchtsvoll zum Ausdruck zu bringen. In aufrichtiger Hochachtung und Verehrung und in der Hoffnung, daß Eure Durchlaucht 218 KEIN STAATSSEKRETÄR FÜR DAS KOLONIAL AMT in vollster Gesundheit und Kraft hierher zurückkehren werden, habe ich die Ehre, zu zeichnen Eurer Durchlaucht sehr ergebener von Einem." Zu diesem Dank des Kriegsministers hatte der Kaiser ad marginem bemerkt : „Ich schließe mich dem Herrn Kriegsminister an." Dagegen lehnte der Reichstag zu allgemeiner Überraschung in dritter Beratung des Etats den Posten des Staatssekretärs für das Kolonialamt mit 142 gegen 119 Stimmen bei 9 Enthaltungen ab. Nicht lange nachher wurde ferner die Fortführung der Bahn Lüderitzbucht—Kubub nach Keetmanshoop, an deren sachlicher Notwendigkeit gar kein Zweifel obwalten konnte, mit 186 gegen 95 Stimmen abgelehnt. Allerdings war in beiden Fällen der Standpunkt der Regierung von dem Staatssekretär Tschirschky und dem Kolonialdirektor Hohenlohe-Langenburg sehr schwach, von dem Staatssekretär Posadowsky, der darüber verstimmt war, daß er nicht meine Sukzession angetreten hatte, gar nicht verteidigt worden. Es gab doch zu denken, daß mein verhältnismäßig kurzes Fernbleiben von den Geschäften genügte, damit die gouvernementale Maschinerie knarrte und stockte. Es war immerhin nicht unbedenklich, daß meine fortgesetzte Fühlungnahme mit den Parteiführern und die stete Leitung und Überwachung der Kollegen nötig war, um die Geschäfte in Gang zu erhalten. War die ganze Maschinerie, war unser staatlicher Organismus nicht zu sehr auf die Person des Kanzlers eingestellt ? Gar nicht zu reden von den Schwierigkeiten und Gefahren der auswärtigen Politik, die bei der damaligen internationalen Lage besondere Erfahrung, Umsicht und eine geschickte Hand verlangten. Dagegen wurde der Schulvorlage im Preußischen Landtag durch ein Kompromiß zwischen Konservativen, Zentrum und Nationalliberalen zur Annahme verholfen. Ein sehr bedeutsamer Erfolg für den, der nicht vergaß, wie schwierig seit jeher in Preußen die Behandlung aller Schulfragen war, wie heftige Kämpfe und gefährliche Krisen gerade Schulgesetze in der Vergangenheit hervorgerufen hatten. Auf meine Bitte und zu meiner Freude verlieh der Kaiser bei diesem Anlaß dem trefflichen Kultusminister Studt, einem schon vor seiner Berufung zum Unterrichtsminister als Landrat in Ostpreußen, als Unterstaatssekretär in Elsaß-Lothringen und als Oberpräsident von Westfalen sehr bewährten, charaktervollen und tüchtigen Beamten, den Schwarzen Adler. Ich darf es mir versagen, alle Beweise von Sympathie wiederzugeben, Sympathie- die mir anläßlich meiner Erkrankung aus ganz Deutschland zugingen. Die ndgebungen Kaiserin hatte mir nach meiner Erkrankung telegraphiert: „Ich bete zu Gott, daß der Herr Ihre Gesundheit zum Besten des Kaisers und des Landes wiederherstelle. Viele herzliche Grüße Ihrer Frau." Vom Kronprinzen erhielt ich einen Brief, in dem er mir seine Teilnahme an meiner Erkrankung wie herzliche Wünsche für baldige völlige Besserung aussprach und HINZPETER SCHREIBT 219 sich unterzeichnete als „Ihr stets treuer Kronprinz Wilhelm". Ich erhielt viele Hunderte von Telegrammen und Briefen zum Teil von mir persönlich unbekannten Verehrern. Am meisten rührte mich der Brief, in dem Prinz Heinrich XXXIII. Reuß mir den am Tage vor meinem Geburtstag, am 2. Mai 1906, erfolgten Tod seines Vaters, des Prinzen Heinrich VII. Reuß, mitteilte. Prinz Septi Reuß, wie er zum Unterschied von seinen zahlreichen Namensvettern genannt wurde, war mir im Winter 1875/76 in St. Petersburg ein gütiger Chef gewesen, als ich, damals ein sechsundzwanzigj ähriger Botschaftssekretär, dort debütierte. Er war zehn Jahre später mein Trauzeuge, als ich in Wien heiratete und damit das innerliche Glück meines Lebens begründete. Er blieb mir stets ein von mir hochverehrter Gönner und Freund. Sein Sohn schrieb mir: „Diese Zeilen sollen Eurer Durchlaucht die letzten herzUchsten Grüße von meinem heute früh sanft heim- gegangenen Vater bringen. Papa trug mir noch gestern abend, als er nur noch mühsam sprechen konnte, auf, ja nicht zu vergessen, Euer Durchlaucht seine herzlichsten und wärmsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag zu übermitteln. ,Gute Besserung, gute Besserung', war sein herzlichster Wunsch. Wollen Euer Durchlaucht mich nicht für unbescheiden halten, wenn ich Ihnen unseren tiefsten Dank sage für die treue Freundschaft zu meinem Vater, die ihm so gut tat, ihn so erfreute. Er hat sich stets das Befinden Euer Durchlaucht aus der Zeitung vorlesen lassen und sich so an den Fortschritten erfreut." Einen starken Eindruck machte mir ein Brief des Erziehers Seiner Majestät, des Dr. Hinzpeter, der mir nach Norderney schrieb: „Auch ich wage die Bitte, meinen Glückwunsch vorzubringen, zugleich mit dem Ausdruck der Freude darüber, daß wir noch mit dem Schrecken davongekommen sind. Der Schrecken aber war groß und bei mir noch größer als bei den meisten anderen. Denn mein Hauptgedanke bei der Nachricht von dem Zusammenbruch des Kanzlers war nicht: Der arme Fürst! sondern: Der arme Kaiser! Ob dem Fürsten Bülow seine glänzenden Erfolge ein genügender Lohn für die ungeheure Arbeit und die ungeheure Mühe sind und also die Fortführung eines so harten Lebens ihm besonders wünschenswert erscheint, kann ich nicht wissen; aber ganz bestimmt weiß ich, daß des Kaisers weiteres Leben und Wirken ohne seinen jetzigen Kanzler wesentlich ärmer und unfruchtbarer geworden sein würde, weil er als Mensch und als Regent einen absolut unersetzlichen Verlust erlitten haben würde." Es gab nicht viele, die Wilhelm II. so von Grund aus kannten wie Hinzpeter. Da er überdies gar keinen Anlaß hatte, sich um meine Gunst zu bewerben, denn er erwartete nichts mehr vom Leben, so hatte sein Urteil für mich Wert. Der spätere Hausminister, damalige Oberhofmarschall August Eulenburg schrieb mir nach Norderney: „Gott sei Dank, daß Sie dem Kaiser, dem Vaterlande und Ihren Freunden und 220 TATTENBACH ÜBER ALGECIRAS Bewunderern in alter Tatkraft und Frische wiedergegeben sind. Mit angelegentliehen Empfehlungen an die Frau Fürstin, die nun wieder aufatmen und sich des Lebens freuen kann, bin ich in aufrichtiger und herzlicher Verehrung Ihr treu und dankbar ergebener August Eulenburg." Der Gesandte Graf Tattenbach, dem ich für seine erfolgreiche Tätigkeit in Algeciras eine wohlverdiente Auszeichnung erwirkt hatte, schrieb mir mit der bei diesem wackeren Mann gewohnten Bescheidenheit: „Wenn ich in Algeciras einiges Nützliche habe leisten können, darf dies nicht meinem Verdienst zugute kommen. Die gründliche Kenntnis von Land und Leuten, eine Frucht siebenjährigen Aufenthalts daselbst und einige nützliche juristische und administrative Reminiszenzen aus meiner Dienstzeit in den Reichslanden haben mir die Sache leicht gemacht. Ich habe zahlreiche Zuschriften erhalten, aus denen hervorgeht, daß man in Deutschland in den praktisch interessierten Kreisen mit dem Ergebnis zufrieden ist, u. a. auch von der Hamburger Kaufmannschaft. Der politische Wert der Abmachungen liegt aber m. E. darin, daß Frankreich fernerhin in Marokko auf unseren guten Willen angewiesen ist. Wir können, wenn wir es für nötig erachten, ein Auge zudrücken. Wir können aber auch die zahllosen Vorbehalte und Kautelen, die sich in den Abmachungen vorfinden, benutzen, um den Franzosen auf Schritt und Tritt ernste Schwierigkeiten zu bereiten." Graf Tattenbach beurteilte die Algeciras-Akte genau so, wie die leitende französische Halbmonatsschrift, die „Revue des Deux Mondes", es tat, die meinte: „On a vu nulle part une souverainete aussi garottee par des liens multiples et assujettie ä de si nombreuses et si minutieuses servitudes . . . Les puissances, ou plutot la principale entre elles, l'AUemagne, ont consent! ä ce que nous etablissions notre protectorat au Maroc ä la condition de n'y jouir d'aucun avantage economique ... La France, c'est triste ä dire, n'a obtenu aucune prime de gestion au Maroc." Der Reichstagspräsident Graf Ballestrem, der mir vor meiner Abreise nach No derney einen längeren Besuch abgestattet hatte, schrieb mir, daß es ihm erne große Freude gewesen wäre, dem Reichstag in dessen nächster Sitzung imitzuteilen, daß er mich in gutem Gesundheitszustand und unverändert durch die Krankheit gefunden habe. Seine Mitteilungen wären von allen Seiten des Hauses mit lebhaftem Beifall aufgenommen worden, der bewiesen hätte, daß ich wohl politische Gegner, aber keine persönlichen Feinde im Parlament hätte. Der Führer des Zentrums, Herr Spahn, sprach mir brieflich die Hoffnung aus, daß es ihm noch vergöunt sein möge, gemeinsam mit mir für das Vaterland zu wirken. Herr von Hertling schrieb mir in demselben Sinne, er hoffe, mich bald an derselben Stelle in alter geistiger und körperlicher Kraft wiederzusehen. Herr von Heydebrand, dem ich für seine Mitwirkung beim Zustandekommen des Schulgesetzes gedankt ELASTISCHES NATURELL 221 hatte, schrieb mir: „Auf dem arbeits- und dornenvollen Felde der Politik, das Eure Durchlaucht wie kein anderer kennen, belebt und erfrischt den von formalem Ehrgeiz Freien, mit anderen selten, mit sich nie Zufriedenen kaum etwas besser als die so freundliche Anerkennung unseres bedeutendsten Staatsmannes. Ich kann hieran nur die Bitte um ferneres Wohlwollen und den Ausdruck der Hoffnung knüpfen, die ich mit allen Patrioten teile, daß Euer Durchlaucht Gesundheit sich wieder völlig zu der alten Kraft stählen möge, der ich bin Eurer Durchlaucht ehrerbietigst ergebener von Heydebrand." Der Führer der Reichspartei, Fürst Hermann Hatzfelds Herzog von Trachenberg, schrieb: „Eure Durchlaucht wollen mir gestatten, meiner aufrichtigen Freude darüber Ausdruck zu geben, daß Sie sich von dem vorübergehenden Unwohlsein so rasch erholt und die Zügel der Regierung wieder in die kräftige, zielbewußt leitende Hand genommen haben. In hoher Verehrung verharre ich Eurer Durchlaucht gehorsamster Hermann Hatzfeldt." Der alte Vertraute des Hauses Bismarck und sein Wortführer in der Presse, Hugo Jacobi, schrieb mir: „Durch das Rauschen der Wellen in Norderney klingt Ihnen das Lied vom Vaterlande als eine unaufhörliche Ermahnung zur Gesundung, von der für uns alle, für Deutschland so viel abhängt." Sein Antipode, der Chefredakteur der „Frankfurter Zeitung", Theodor Curti, sprach mir seine besten Wünsche dafür aus, daß ich mich bald wieder im Besitz meiner ganzen Kraft und früheren Rüstigkeit befinden möge: „Neben der Kunst des Hippokrates ist Ihre eigne Kunst, mit der Sie Handlung und Betrachtung, Staatssorge und Philosophie miteinander zu verbinden wissen, ein Elixier, das Ihnen noch lange Jahre mit frohen Tagen geben wird." Curti hatte recht, wenn er annahm, daß mein schon von meinem verehrten Lehrer Hermann Adalbert Daniel in Halle beobachtetes elastisches Naturell persönliche Prüfungen und Enttäuschungen überwinden würde. Uber meinen Rücktritt und die bei diesem Anlaß zutage getretene Undankbarkeit des Kaisers wie über die Jämmerlichkeit so mancher, die jahrelang vor mir scherwenzelt hatten, um mich später im Augenblick der Schwierigkeiten und Gefahren feige im Stich zu lassen, hat mir die in einem bewegten Leben allmählich erworbene Selbstbeherrschung in der Tat später weggeholfen. Gegen das Herzeleid, das mir der Zusammenbruch, die Not und Schmach des Vaterlandes brachten, ist für mich kein Kraut gewachsen. Graf Udo Stolberg schrieb an meinen Arzt Renvers, nachdem er mir vor meiner Abreise nach Norderney einen Besuch abgestattet hatte: „Ich muß sagen, daß mir ein sehr schwerer Stein vom Herzen gefallen ist, als ich mich durch den Augenschein davon überzeugen konnte, daß dem Fürsten von seinem Unfall absolut nichts anzumerken ist, da ich mir eine Zukunft, in der er mit verminderter Kraft oder gar nicht mehr wirken könnte, eigentlich nicht denken kann. Diese 222 FERN DER ZENTRALE Zukunft wird ja einmal eintreten, aber nicht mehr für mich. Sie sollten aber, sehr geehrter Herr Renvers, zusammen mit Bülow eine hygienische Reform für die oberen Zehntausend dadurch herbeiführen, daß es polizeilich verboten würde, später als um 7 Uhr zum Diner einzuladen." Die letztere Bemerkung war zutreffend. Die Unsitte später, lange dauernder und allzu reichlicher Diners war eine Kalamität, unter der die Börse der weniger bemittelten Staatsbeamten und die Gesundheit aller litten. Unter den gesundheitsschädlichen Folgen der Berliner Diners Htt ich weniger als die meisten meiner Kollegen, da ich mir seit meiner Ernennung zum Minister eine strenge Diät auferlegt, Tabak, Kaffee, Bier und Liköre von einem Tage zum anderen ganz abgewöhnt und den Weingenuß auf eine halbe Flasche Rotwein am Abend eingeschränkt hatte. Ich verband diese Diät mit täglichem, fünfunddreißig Minuten langem, strammem Turnen nach der bewährten Methode des biederen Dr. Schreber in Leipzig (Ärztliche Zimmergymnastik, Leipzig, Friedrich Fleischer). Insbesondere die von Schreber angeratene Übung Nr. 33 (Niederlassen bei festgeschlossenen Fersen, auf den Fußspitzen und mit senkrecht erhaltenem Rumpf) nehme ich bis in mein Greisenalter jeden Morgen 25 mal vor. Diese Lebensweise, verbunden mit täglichem Reiten bei guter Jahreszeit und einem mehrstündigen Fußmarsch am Sonntag nachmittag hat mich nach menschlicher Berechnung vor dem Schicksal von Herbert Bismarck, Marschall, Richthofen, Kiderlen und manchen anderen bewahrt, die vor der Zeit aus dem Leben schieden pour avoir brüle la chandelle par les deux bouts. Nicht umsonst mahnte Juvenal, der im sinkenden Rom reichliche Gelegenheit gehabt haben dürfte, die Wichtigkeit einer verständigen Hygiene zu studieren: Mens sana in corpore sano. Das soll natürlich nicht heißen, daß nicht auch in einem gebrechlichen Leibe eine feurige Seele und ein starker Wille leben können. Aber für Staatsdiener wie für Staatslenker wird im allgemeinen die Sanitas des Körpers eine Garantie für das Gleichgewicht der Seele wie für gute Nerven sein. Ich habe mir oft den Gedanken durch den Kopf gehen lassen, ob sich die vortreffliche Einrichtung des englischen Weekend nicht bei uns einbürgern ließe. Aber meine Anregungen scheiterten teils an der unübertrefflichen Gewissenhaftigkeit und Arbeitsfreudigkeit des deutschen Beamten unter dem alten Regime, der mit dem großen jonischen Maler, mit Apelles aus Kolophon, dem Grundsatz des „Nulla dies sine linea" huldigte, teils auch an der in Deutschland traditionellen Überschätzung der „Schreibe", an unserer Schreibewut. Es liegt in der Natur der Dinge, daß der an der Zentralstelle mit Arbeit überhäufte, fortgesetzt in Anspruch genommene, oft gestörte Minister DER UMGETAUFTE BISMARCK-PLATZ 223 kleine, an sich untergeordnete Symptome im öffentlichen Leben weniger scharf beobachtet, als wenn er während einer auch nur kurzen Zeit der Ruhe und Ausspannung die Zeitereignisse verfolgt. Ich erinnere mich des schmerzlichen Eindrucks, den es mir machte, als ich bald nach meiner Ankunft in Norderney las, daß der Gemeinderat von Waldshut in Baden den dortigen Bismarck-Platz in St.-Josefs-Platz umgetauft habe. Dazu hatte ein klerikal- partikularistisches Blatt, „Der badische Landsmann", geschrieben: „Bravo! Es ist an sich ein Zeichen großer Charakterschwäche, daß bei uns im Badener Land Bismarck solche Verehrung genießt. Wir Badener sollten uns doch etwas mehr auf uns selbst besinnen und bedenken, daß Bismarck es war, der ad majorem gloriam Borussiae uns anno 1866 den blutigen Krieg aufgehalst und nachher verschiedene Silberlinge abgeknöpft hat. Mögen All- und Stalldeutsche Bismarcksäulen bauen und alljährlich am 1. April, an dem man nichts ernst nimmt, darauf ihrem Götzen Bismarck ein Rauchopfer darbringen — wenn sie einen Stier oder besser einen (aber vierbeinigen) Esel darauf brieten, wäre das Ganze noch natürlicher —, das badische Volk als solches hat keinen Teil daran." In welche abgrundtiefe Gemeinheit, Dummheit und Vaterlandslosigkeit ließen solche Auslassungen bücken! War eine solche Sprache in Italien über Cavour oder Minghetti, in Frankreich über Thiers oder Gambetta, in England über Disraeli oder Gladstone auch nur denkbar? Ja, Treitschke hat recht: Es gibt Niedrigkeiten, zu denen nur in Deutschland der Parteihaß hinabsteigt. Während ich diese Zeilen diktiere, liegt der Artikel eines deutschen Intellektuellen vor mir, des „Kunstschriftstellers" Julius Meier-Graefe, der in der „Neuen Rundschau" vom September 1922 über die von ihm bei einem Ausfluge nach Paris dort empfangenen Eindrücke schreibt: „Was vermochte ein Weltkrieg gegen dieses Paris! Es ist hundertmal schöner hier als früher, da wir um ebensoviel häßlicher geworden sind. Auch die Menschen sind nicht anders. Wie sollten sie? Wie könnten sie, selbst wenn sie möchten? Soll die Sprache der Racine, Stendhal und Flaubert plötzlich krächzen? Soll das Mädchen, das von Fouquet bis Renoir lächelnd gemalt wurde, auf einmal Grimassen schneiden ? Kann die Place de la Concorde verschwinden ? Es war auch kein reizloses Vergnügen, wieder einmal richtigen Camembert zu essen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich die ersten drei Tage morgens, mittags und abends Camembert zu mir genommen habe. Dabei die Unterhaltung beim Essen in dem Ton, den es nur in Paris gibt!. . . Die Pazifisten sind den Parisern so etwas wie in der Kunst die Kubisten, die längst abgewirtschaftet haben. Auch von den sogenannten deutschen Greueltaten wird nicht mehr gesprochen. Legen wir den Krieg ad acta. Aber Reparieren, um Gottes willen, und n'en parlons plus. Der Rentner-Instinkt der Franzosen wird von uns gründlich unterschätzt. Auch er gehört zur franzö- 224 DER „BRILLANTE SEKUNDANT" sischen Kultur. Sie wollen nicht so arbeiten wie wir und haben recht. Man kann der deutschen Regierung nicht dringend genug diesen Wunsch ans Herz legen. Es gibt gegenwärtig keine ernstere Frage auf dem Globus." So schreibt ein deutscher Ästhet, während die Franzosen am deutschen Rhein stehen, während sie uns den letzten Groschen abpressen, uns mit sadistischer Grausamkeit quälen, uns mit Füßen treten! Ja, es gibt eine Niedrigkeit der Gesinnung, die nur in Deutschland möglich ist! Wie anders der Franzose mit seiner von Eitelkeit nicht freien, aber darum nur um so leidenschaftlicheren Vaterlandsliebe, der Engländer mit seinem oft selbstsüchtigen, nicht selten heuchlerischen, aber robusten und unerschütterlichen Patriotismus, der Italiener mit seinem Slancio, seiner feurigen Liebe zur Heimat! Aber je mehr den tiefer und schärfer blickenden Vaterlandsfreund die Wilhelm II. noch immer nicht überwundene Schwäche des deutschen Nationalgefühls, are der Mangel des Deutschen an patriotischer Selbstdisziplin, an nationalem Goluchowski Ehrgefühl, oft genug selbst am einfachsten Geschmack, schon 1906 bekümmern mußte, um so wünschenswerter war es, daß der Kaiser durch Vernunft und durch Würde vorbildlich wirkte, daß er wenigstens sich keine Blößen gab. „II fallait ä l'Allemagne un chef grave, silencieux, constant et mesure", hatte im Frühjahr 1904 ein französischer Publizist, Henri de Noussanne, in einer Studie über Wilhelm II. geschrieben, an der auch andere französische Schriftsteller beteiligt waren, die aus der Beobachtung deutscher Zustände und Persönlichkeiten ihr Spezialstudium gemacht hatten, „mais le Destin a donne anx Allemands un maitre qui s'imagine que des paroles et des gestes suffisent ä conduire Ies hommes. Encore faut-il approprier les paroles et les gestes ä l'epoque et aux circonstances. En reahte, aucun chef d'Etat couronne n'a fait plus de mal ä la monarchie que GuiJlaume II." Kaum vierundzwanzig Stunden nach meiner Erkrankung im Reichstag hatte Wilhelm II. an den österreichisch-ungarischen Minister des Äußern, den Grafen Goluchowski, ein Telegramm gerichtet, das mit den Worten schloß: „Sie haben sich als brillanter Sekundant erwiesen und können gleicher Dienste in gleichem Falle auch von mir gewiß sein." Das im Ton allzu burschikose Telegramm rief durch seinen Inhalt in Wien Verlegenheit, in Budapest Verwahrungen, in dem uns ungünstig gesinnten Ausland Gelächter und ironische Kommentare hervor. Im Herbst sollte mit der sogenannten Schwarzseher-Rede eine noch ärgere Entgleisung folgen. Ich machte den Kaiser brieflich darauf aufmerksam, daß ich bei der Wiedereröffnung des Reichstags im Spätherbst Mühe haben würde, sein Sekundanten-Telegramm zu vertreten. Der Kaiser ging auf die Sache nicht weiter ein, aber am 18. Juni traf er unvermutet zur See in Norderney bei mir ein. Er hätte mich am liebsten ganz unerwartet überrumpelt, da IN DER GLASVERANDA 225 ihm nichts größere Freude machte als Überraschen und Alarmieren. Aber einer seiner Adjutanten hatte die Freundlichkeit gehabt, mich zwei Stunden vorher zu avertieren, damit ich wenigstens für die leibliche Notdurft Seiner Majestät und des Allerhöchsten Gefolges während ihres Aufenthalts auf der Insel Vorkehrung treffen könne. Der Besuch war charakteristisch für die seltsame Mischung aus Liebenswürdigkeit und Derbheit, aus großer Güte und Rücksichtslosigkeit, die Wilhelm II. eigen war. Er setzte sich zunächst mit mir in eine von der Sonne beschienene Glasveranda, in der eine derartige Hitze herrschte, daß es in der Tat ein gutes Zeichen für meine völlige Genesung war, wenn ich nicht einen neuen Ohnmachtsanfall erbtt. Nachdem er auf diese Weise während einer fast zweistündigen angeregten Konversation meinen Gesundheitszustand gründlich geprüft hatte, begab er sich mit mir zu meiner Frau, die er durch die Herzlichkeit, mit der er ihr seine Genugtuung über meine Wiederherstellung aussprach, wahrhaft bezauberte. Am Abend des nächsten Tages hielt er in Cuxhaven beim Festmahl des Norddeutschen Regatta-Vereins eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: „Gott hat uns den Frieden erhalten, den Frieden in Ehren, den er uns auch weiter schenken möge. Derjenige aber, der die größte Arbeit an diesem Friedenswerk geleistet hat, der erste Ratgeber des Reichs, den wir alle in den vergangenen Wochen mit unseren Segenswünschen verfolgt haben, befindet sich, wie ich Ihnen zu meiner Freude mitteilen kann und wovon ich mich gestern persönlich überzeugt habe, im vollsten Wohlsein und in bester Gesundheit und wird in der Lage sein, wieder in vollem Umfang als mein erster Ratgeber im Lenken des Reichs zu wirken." Der Kaiser hatte sogar bei dem Diner in Cuxhaven in Wirklichkeit mich den „Lenker des Reichs" genannt und der Erwartung Ausdruck gegeben, daß ich wieder in vollem Umfange das Reich „regieren" würde. Bevor die Verbreitung der Rede durch Wolfis Telegraphenbüro erfolgte, wurde korrekterweise bei mir angefragt, und ich änderte den Lenker natürhch in Ratgeber um. 15 BillowII XV. K A P IT E L Bülows grundsätzliche Stellung als Reichskanzler gegenüber der Heeresleitung • Sein Schreiben an den Kriegsminister von Einem (1. Juli 1906) • Die Unterschätzung der Technik durch unsere Militärs • Bülows Brief an seinen Bruder, den Gesandten Alfred von Bülow in Bern, über die innere und außenpolitische Lage • Bülows Glückwunschschreiben an den Kaiser anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin • Ein „Privatissimum" für Wilhem II. Seit den ersten Tagen meiner Amtsführung als Reichskanzler hatte ich an dem Grundsatz festgehalten, mich im Frieden in militärische Angelegenheiten nicht einzumischen, während ich andererseits fest entschlossen war, im Fall eines großen Kriegs der politischen Führung, die letzten Endes ausschlaggebend bleibt und bleiben muß, unter allen Umständen die Oberhand zu sichern. Ich hatte vor mir das große Vorbild Bismarcks, der Moltke gegenüber in den kritischen Tagen des Beginnes des Krieges von 1866 wie während des ganzen Deutsch-Französischen Krieges diesen Standpunkt mit unbeugsamer Energie behauptet hatte. Die schwere Sorge aber, mit der ich zu Beginn des Jahres 1906 die Weltlage betrachten mußte, veran- laßte mich zum Abgehen von meinem Grundsatz, in Friedenszeiten die Arbeit des MUitärs nicht durch politische Erwägungen zu stören. Am 1. Juli 1906 hatte ich aus Norderney das nachfolgende Schreiben Bülow an den an den Kriegsminister von Einem gerichtet: „Bei der Lektüre französischer Kriegsminister Zeitungen ist mir seit Monaten aufgefallen, daß in denselben viel von den v. Einem g ro ß en Vorbereitungen die Rede ist, die Frankreich seit einem Jahr auf militärischem Gebiet getroffen hat. Man spricht von vielen hundert Millionen, die Frankreich zu diesem Zwecke aufgebraucht hat. Es ist mir mit Gottes Hilfe gelungen, aus der Marokko-Frage Deutschland in einer Weise herauszuführen, die unter voller Wahrung unserer Rechte, unserer Interessen und unserer Würde uns den Frieden erhalten hat. Nach menschlicher Voraussicht werden wir einige Jahre der Ruhe und des Friedens haben. Das Friedens- und Ruhebedürfnis in der Welt ist sehr groß. Ihnen, verehrter Freund, brauche ich aber nicht zu sagen, daß in einigen Jahren und, wenn es wider Hoffen und Erwarten ginge, schon früher die Lage eine ganz andere sein könnte. Es ist viel Neid, Haß und Feindschaft gegen uns in der Welt vorhanden. Die englische Abneigung und Eifersucht BÜLOW AN DEN KRIEGSMINISTER 227 gegen uns haben sich zwar verringert, sind aber noch nicht endgültig überwunden. In Frankreich ist die Revanche-Idee, der Gedanke nicht nur an die Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen, sondern auch an eine Genugtuung für die vor fünfunddreißig Jahren erlittenen Niederlagen und die Wiedergewinnung der leitenden Stellung in Europa, die Frankreich von Heinrich IV. bis Napoleon III., also zweihundertsiebzig Jahre, eingenommen hat, nicht erloschen. Die russischen Verhältnisse sind unberechenbar. Die in Rußland anscheinend mehr und mehr emporsteigende demokratisch- revolutionäre Richtung ist antideutsch, teils wegen ihrer Hinneigung zu den panslawistischen Strömungen, teils weil sie in dem deutschen Kaiserreich und in der preußischen Monarchie im Gegensatz zu dem radikal-demokratischen Frankreich und dem konstitutionell-liberalen England einen Hort der ihr verhaßten monarchisch-konservativen Ordnung sieht. Von unseren Bundesgenossen war der eine (Italien) ein nie ganz sicher einzuschätzender Faktor, der andere (Österreich-Ungarn) wird im besten Fall noch lange mit schweren inneren Problemen zu kämpfen haben. Unter diesen Umständen ist es unsere heilige Pflicht, nichts zu verabsäumen, damit die Nation, wenn früher oder später sich ein Ungewitter über uns entladen sollte, diesem so wohlgerüstet entgegensieht, als dies zu erreichen nur immer in unserer Kraft steht. Wie eintretendenfalls die Würfel auf dem Schlachtfelde fallen, steht in Gottes Hand. Aber wir sind vor Gott und der Geschichte dafür verantwortlich, daß hinsichtlich der technischen Ausrüstung der Armee nichts verabsäumt wird, damit das deutsche Volk, wenn es den Kriegspfad beschreiten muß, dies in tadelloser und lückenloser Rüstung mit allen Chancen des Erfolges tut. Es ist ein militärischer Laie, der zu Ihnen spricht. Deshalb kann ich natürlich nicht auf Einzelheiten eingehen, und auch für die nachstehenden Fragen erbitte ich die Nachsicht eines so kompetenten Militärs, wie Sie es sind. Welche militärischen Maßnahmen technischer Natur könnten unsererseits in Betracht kommen als Gegenmaßregeln gegen die französischen Maßnahmen und Anstrengungen ? Brauchen wir nicht mehr Maschinengewehre? Ist eine schnellere Umbewaflhung der Artillerie nicht notwendig ? Wie steht es mit der Ausgestaltung der Verkehrstruppen ? Mit der Bespannung der schweren Artillerie des Feldheeres? Mit den lenkbaren Luftschiffen? Mit einer praktischeren, mehr als jetzt auf den Ernstfall berechneten, lediglich nach kriegerischen Rücksichten und Erwägungen ausgewählten Uniformierung der Armee? Was nun die taktische Behandlung einer eventuellen Vorlage angeht, so empfiehlt es sich natürlich, zu vermeiden, was im Auslande Mißtrauen oder auch nur unnötiges Aufsehen erregen könnte. Wir müssen in dieser Beziehung den Franzosen nachahmen, die ihre Rüstungen in aller Ruhe und Stille vornehmen. Also keine provozierenden Reden, keine gegen irgendeine Macht besonders ihre Spitze 15* 228 DER TRADITIONSGEIST richtenden Agitationen, keine hoch- oder auch nur rein-politischen Argumente, überhaupt keinen unnötigen Lärm. Von der eventuellen Forderung muß vorher und namentlich jetzt unmittelbar nach Annahme der Finanzvorlage im Reich möglichst wenig die Rede sein, sonst setzt die Gegenagitation ein. Die Forderung muß seinerzeit so ruhig als nur irgend möglich vertreten werden, mit technischen Argumenten. Ich bemerke noch ausdrücklich, daß Seine Majestät der Kaiser von diesem Brief nichts weiß." Abschrift des vorstehenden Schreibens ließ ich dem Generalstabschef von Moltke zugehen, dem gegenüber ich mich schon wiederholt mündlich im gleichen Sinne ausgesprochen hatte. Meine Mahnungen und Warnungen waren nicht allein durch die krampfhaften militärischen Anstrengungen namentlich der Franzosen hervorgerufen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Bedeutung der Technik in unserem Heer unterschätzt würde. Solche Denkweise hatte 1870 bei Mars-la-Tour und Saint-Privat Offizieren und Mannschaften der preußischen Garde Gelegenheit geboten, einen persönlichen Heldenmut zu betätigen, wie ihn die Welt seit Leuthen und Möckern nicht mehr gesehen hatte, aber auch zu schweren, in diesem Umfange nicht erforderlichen Verlusten geführt. Übertriebener Konservativismus, allzu strenges Festhalten an alter Tradition, Abneigung und Mißtrauen gegen alles Neue verhinderten während der auf zwei siegreiche Kriege folgenden, fast halbhundertjährigen Friedensperiode, daß aus den Erfahrungen von 1870 die richtigen Lehren gezogen wurden, obschon Graf Alfred Schlieffen mit der Feder und mit dem Wort dazu angeregt hatte. Auf seinen Manövern hatte Wilhelm II. nur zu oft Gefechtsbilder vorgeführt, die auf Verkennung der Grenzen beruhten, welche die moderne Waffenwirkung dem Vorgehen nicht allein der Kavallerie, sondern auch der Infanterie zieht. Der Mangel an technischem Verständnis und Empfinden zeigte sich auch auf artilleristischem Gebiet, nicht nur in unserer Artillerietaktik, sondern auch in der Anschauungsweise dieser Waffe, die sie einerseits zu einer Überschätzung des Furor Teutonicus verführte, andererseits zu unzutreffender Einschätzung der Bedeutung der technischen Leistungsfähigkeit wie des großen Unterschieds zwischen Manöverbildern und kriegsmäßigen Verhältnissen. In keinem anderen Heer herrschte ein so schöner kameradschaftlicher Geist wie in der deutschen Armee. Es fehlte aber auch nicht an schädlichen Vorurteilen. Die Kavallerie galt manchen für die eleganteste Waffe, für die ritterliche Waffe par excellence, die Infanterie für die entscheidende, dann erst kam für viele die Artillerie, aus der doch ein Napoleon hervorgegangen war. Die eigentlich technischen Truppen wurden in einen für sie nicht schmeichelhaften Gegensatz zu den „kämpfenden Truppen" gebracht, die hohe Wichtigkeit des Trains nicht nach Verdienst gewürdigt, und die Müitärtechnische FLOTTE UND ARMEE 229 Akademie führte den Spitznamen „Schlosserakademie". Solche Wahrnehmungen, Erwägungen und Sorgen veranlaßten mich, von dem sonst festgehaltenen Grundsatz der Nichteinmischung in militärische Angelegenheiten in diesem Fall abzusehen. Ich hatte noch einen besonderen Grund zu meinen Vorstellungen beim Kriegsminister wie beim Chef des Generalstabs. Ich hatte den Ausbau unserer Flotte im preußischen Staatsministerium wie im Bundesrat eifrig gefördert. Ich hatte im Reichstag und im Lande mit Erfolg Stimmung für die Marine gemacht. Niemand hat das wärmer und lebhafter anerkannt als Tirpitz während und nach meiner Amtszeit. Aber ich verkannte nicht die Gefahr, daß bei der starken Persönlichkeit von Tirpitz und seiner rastlosen Energie, die naturgemäß mit einer gewissen Einseitigkeit verbunden war, gegenüber der Flotte die Armee zu kurz kommen könnte. Auch deshalb habe ich mich vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung gegenüber dem Kriegsministerium bereit erklärt, jede notwendige und nützliche militärische Forderung jederzeit vor dem Reichstag und vor dem Lande zu vertreten, und zwar usque ad effusionem sanguinis, d. h. in diesem Falle bis zur Reichstagsauflösung mit allen ihren Konsequenzen. Die felsenfeste Überzeugung, daß auf den Schultern der Armee im letzten Ende der Bestand des Reichs und die Zukunft des deutschen Volks und des Deutschtums beruhten, war es, die mich veranlaßte, gegenüber Kriegsminister und Generalstab auf gewisse Vorurteile und Selbsttäuschungen hinzuweisen, die bei so vielen leuchtenden Vorzügen unserem Heer, richtiger gesagt dem preußischen militärischen Denken, eigentümÜch waren. Einige Tage nachdem ich dem Kriegsminister geschrieben hatte, richtete ich an meinen Bruder Alfred, der nach kurzem Zusammensein mit mir in Bülow an Norderney bei seiner Schwiegermutter, der Gräfin Dillen-Spiering, auf seinen Bruder ihrem Schloß Dätzingen, im Herzen Schwabens, im Oberamt Böblingen, Alfred weilte, den nachstehenden Brief, in dem ich Stellung zu der exzessiven Kritik nahm, die von alldeutscher Seite an der Algeciras-Akte geübt wurde: „Liebster Alfred, vor allem möchte ich Dir sagen, wie sehr ich mich über Deinen Besuch gefreut habe. Unsere schönen Spaziergänge am Meer und am Watt, unser Gedankenaustausch über so manche Fragen und Probleme haben mir wohlgetan. Mit wem könnte ich offener reden als mit meinem fast gleichaltrigen Bruder? Seit des armen Adolf zu frühem Tode bist Du ja der einzige, mit dem mich Erinnerungen seit unserer Kindheit verbinden. Es war mir eine Genugtuung, daß auch Du der Ansicht bist, wir hätten in Algeciras erreicht, was vernünftigerweise zu verlangen und zu erlangen war. Gewiß hätten wir, wenn S. M. nicht zum Schluß nervös geworden wäre, in einer Reihe von Einzelpunkten noch mehr erreichen können. Aber wir haben 230 DAS GESCHREI DER ALLDEUTSCHEN alles in allem unseren Standpunkt behauptet, unter schwierigen Verhältnissen behauptet. Dazu kommen zwei Errungenschaften: Wir haben gezeigt, daß auch stachlige Fragen, bei denen das Prestige großer Mächte engagiert war, in friedlicher Beratung am Konferenztisch beigelegt werden können. Ohne Krieg, bei dem wir, wie die Dinge in der Welt liegen, viel einsetzen, bei dem wir sehr viel verlieren, aber nicht viel gewinnen können! Wenn ich dazurechne, daß ich durch meine Behandlung der Marokko-Frage Delcasse gestürzt habe, den gefährlichsten unserer Gegner, der gar zu gern die Brandfackel an das europäische Pulverfaß gelegt hätte, so meine ich, wir können zufrieden sein. Es wird Dich interessieren, daß der Präsident Roose- velt unserem Botschafter Speck von Sternburg schon im März sagte: seinem Gefühle nach habe Deutschland den Zweck seiner Intervention in der Marokko-Angelegenheit mit der Konferenz erreicht, das getroffene Arrangement sei ein Triumph der deutschen diplomatischen Leitung. Vom Standpunkt eines beiden Parteien freundlich Gesinnten und — soweit nicht die Interessen des Friedens berührt würden — am Ausgang der Konferenz nicht direkt interessierten Beobachters habe der Präsident triftige Gründe anzunehmen, daß, wenn die Konferenz daran scheitern sollte, daß Deutschland noch weitere Zugeständnisse von Frankreich erpressen wolle, die öffentliche Meinung von Europa und Amerika sich gegen Deutschland wenden und Deutschland an Kredit und Einfluß erheblich verlieren, ja voraussichtlich weit über jede Berechtigung hinaus für alle schlimmen Folgen verantwortlich gemacht werden würde, die sich dann für die Störung der allgemeinen Weltlage ergeben könnten. Vorstehendes meldete mir nach einem langen Gespräch mit dem amerikanischen Präsidenten unser Botschafter Speck von Sternburg am 7. März. Das Geschrei der Alldeutschen läßt mich kalt. Woher nehmen diese Narren das Becht, mir ungenügende und schwächliche Vertretung der deutschen Bechte und Interessen vorzuwerfen? Wo es sich um die Vertretung unserer Interessen und Rechte handelt, bin ich ebenso empfindlich, so gewissenhaft und fest wie irgendwer. In dieser Beziehung stehe ich niemandem nach und lasse mich von niemandem übertreffen. Was die mir bisweilen vorgeworfene Liebenswürdigkeit dem Ausland gegenüber angeht, so soll man mir doch sagen, wo ich die deutschen Rechte und Interessen, die deutsche Würde ungenügend vertreten habe. Da man mir keinen einzigen solchen Fall nennen kann, so schließe ich daraus, daß meine Gegner die Urbanität, deren ich mich als Mensch und im persönlichen Verkehr befleißige, ohne weiteres auch meiner politischen Tätigkeit als einzige Richtschnur unterstellen. Das ist ein Irrtum! Und ich muß ferner annehmen, daß Hasse, Liebermann von Sonnenberg e tutti craanti sich nicht gegenwärtig halten, wie in der auswärtigen Politik Höflichkeit und Festigkeit sich gar nicht ausschließen. DIE BERUFUNG AUF BISMARCK 231 Es kommt nur darauf an, die eine wie die andere Eigenschaft im richtigen Moment zur Anwendung zu bringen. Ein konsequent überheblicher und rücksichtsloser, chauvinistischer Ton, knotige Manieren, ungestüme Anremplungen des Auslandes, wie wir sie leider nur allzu häufig in einem Teil unserer Presse erleben, wirken schädbch. Es würde unberechenbare Konsequenzen nach sich ziehen, wenn ich in meiner verantwortlichen Stellung einen solchen Ton anschlüge. Ich denke also auch weiterhin festzuhalten an dem Motto, das auf einem alten Bülowschen Famüienstammbuch von 1650 steht: Der ist nicht flugs ein Edelmann, Der geboren ist aus großem Stamm Oder der Geld und Reichtum hat Und tut doch keine redliche Tat. Die Tugend und die Höflichkeit Adelt den Menschen allezeit. Wenn die Alldeutschen sich auf den Fürsten Bismarck berufen, so zeigt ein eingehenderes Studium der Reden und Handlungen dieses größten deutschen Staatsmannes, daß dessen Force nicht in sporenklirrenden Kürassierstiefeln noch im rasselnden Pallasch bestand, sondern im rechten Augenmaß für Menschen und Dinge. Ein Minister, hat Bismarck einmal im Reichstag gesagt — oder war es im Preußischen Abgeordnetenhaus ? — könne den Strom der Zeit nicht hervorrufen, könne ihn nicht einmal lenken. Er könne das Staatsschiff nur steuern nach seiner Ansicht und Überzeugung. Steuere er es mit Glück, so habe er seinem Lande gut gedient, steuere er es mit Ungeschick, so verfalle er der Vergessenheit. Die Bestrebungen des Alldeutschen Verbandes haben das Gute, daß sie das Nationalgefühl wach- zuerhalten suchen, indem sie dem Hang des deutschen Philisters zu verschwommenem Kosmopolitismus und zu beschränkter Kirchturmspolitik entgegenwirken. Aber für die praktische Führung der Politik kommt es noch mehr auf den Kopf als auf Wärme und Güte des Herzens an, davon würde sich selbst der gute Professor Hasse überzeugen, wenn er an meiner Stelle stünde. Mein Nationalgefühl ist mindestens ebenso empfindlich und ebenso lebendig wie das des gesinnungstüchtigsten Alldeutschen. Aber mein Patriotismus ist verbunden mit einem größeren Maß von Selbstbeherrschung und Vorsicht, von Mäßigung und Überlegung. Ich besitze eine genauere Kenntnis der Verhältnisse als diese guten Leute und schlechten Musikanten, eine Kenntnis, die mich in den Stand setzt, Gefahren zu erkennen, die sie nicht sehen, und die mich verhindert, mich subjektiven Empfindungen widerstandslos hinzugeben. Ich kann besser als sie übersehen, welche Folgen eine impulsive Politik für das Land haben würde. 232 DIE POLITIK DER KÜRASSIER STIEFEL Und deshalb und weil ich die Verantwortung trage für den Gang der Dinge, wende ich mich im Reichstag und am Hofe gegen Bestrebungen und Tendenzen, welche dieses Moment der Verantwortlichkeit nicht genügend würdigen. Ich wende mich dagegen, daß bei Angelegenheiten, die eine sehr behutsame Hand und einen klaren Kopf verlangen, uns jene berühmte Politik der Kürassierstiefel empfohlen wird, die Fürst Bismarck nie am unrechten Ort angewandt hat. Wenn man mir immer wieder vom Rational- stolz' redet, so meine ich, der wahre Nationalstolz besteht darin, stets und unter allen Umständen das wirkliche und dauernde Interesse des Landes im Auge zu behalten. Wohin eine romantisch-sentimentale Politik führt, das haben wir beim zweiten Empire, bei Napoleon III. gesehen. Der war weder unedel noch unbegabt, und doch ging er schließlich kopfüber. Ich möchte nicht, daß auch wir mit einer großen Dummheit endigten. Du erzähltest mir, daß viele Leute, auch bei Hofe und selbst im Auswärtigen Amt, meinten, ich ließe es an der nötigen Entschiedenheit fehlen. Ich glaube seit Jahr und Tag in China und in Marokko, in Polynesien und in Südamerika, in Venezuela und in Haiti, von den deutschen Gläubigern Griechenlands zu schweigen, bewiesen zu haben, daß ich es mit der Vertretung unserer Rechte und Interessen im Auslande sehr ernst nehme. Oder habe ich es etwa bei den Zwischenfällen, die stattfanden, seitdem ich die auswärtige Politik leite, also z. B. im Frühjahr 1899, als sich die Samoa- Frage zu einer akuten Krisis zuspitzte, oder im Januar 1900, als deutsche Postdampfer in brutaler Weise von England mit Beschlag belegt wurden, an der nötigen Festigkeit fehlen lassen ? Gegenüber diesen Zwischenfällen hatten wir die Wahl zwischen drei Wegen. Entweder konnten wir den Krieg erklären. Gewiß!! Entweder haben die alldeutschen Klagen über meine angebliche Nachgiebigkeit bei diesen und ähnlichen Zwischenfällen gar keinen Sinn, oder sie involvieren einen Tadel darüber, daß wir damals nicht an die Ultima ratio regum appelliert haben. In der auswärtigen Politik muß man der Konsequenz dessen, was man sagt und rät und tadelt, klar und rechtzeitig ins Auge sehen. Da ist mit Halbheiten, mit Unklarheiten, mit allgemeinen Hochgefühlen nicht gedient. Also ich sage, der eine Weg war, daß wir den Krieg erklärten. Ich weiß nicht, ob selbst Hasse und Liebermann von Sonnenberg und Jordan Kröcher, der auch in mir den starken Mann' vermißt, wirklich bedauern, daß ich nicht den Kriegspfad beschritten habe. Ich weiß namentlich nicht, ob selbst diese Herren diesen Weg eingeschlagen haben würden, wenn sie an verantwortlicher Stelle stünden. Ich bezweifele das. Dazu habe ich trotz allem doch eine zu günstige Meinung von ihrem Patriotismus. Wenn wir angegriffen werden sollten, von wem es auch sei, und wenn wirkliche deutsche Lebensinteressen, die Sicherheit und die Ehre unseres Landes wirklich verletzt KRIEG LEICHTEN HERZENS 233 würden, von wem es auch sei, so müßten wir uns wehren, und wir werden, solange ich am Ruder stehe, in einem solchen Fall uns wehren, und wir werden kämpfen bis aufs Messer. Aber ohne zwingende Gründe einen Krieg zu provozieren, der gesittete Völker, unter ihnen Völker, die sich noch nie mit der Waffe in der Hand gegenübergestanden haben, in einen furchtbaren Kampf verwickeln würde, dessen Konsequenzen für das Wirtschaftsleben dieser Völker, für ihr ganzes Erwerbsleben, und nicht nur für den Erwerb, für den Wohlstand dieser Völker, nein auch für den Wohlstand der ganzen Welt, für die Kulturfortschritte der Menschheit ich Dir gar nicht erst auszumalen brauche, dafür kann derjenige nicht die Verantwortung übernehmen, dem es mit dem Wohl des Landes wirklich Ernst ist und dessen Vaterlandshebe nicht nur in tönenden Worten besteht. Er habe drei Kriege geführt, die notwendig gewesen wären, hat in seiner unsterblichen Rede auf dem Marktplatz zu Jena Fürst Bismarck ausgeführt. Nachdem diese Kriege geführt worden wären, hielte er es nicht für notwendig, daß wir weitere Kriege führten. Wir hätten in solchen nichts zu erstreben. Er hielte es für frivol oder ungeschickt, wenn wir uns in weitere Kriege hineinziehen ließen. Ich will die Frage unerörtert lassen, ob es bei uns Leute gibt, welche sich die Chauvinisten und Jingoes anderer Länder zum Vorbild genommen haben. Wenn manche Leute und manche Richtungen bei uns, auch Leute bei Hofe, auch Reichsboten und Journalisten, auch Leute auf dem Katheder, einen Minister des Äußern haben wollen, der unser Land, le cceur leger, wie ein französischer Minister sich ausgedrückt hat, mit leichtem Herzen, in Abenteuer stürzt, müssen sie sich nach einem andern Reichskanzler umsehen. Dafür bin ich nicht zu haben. Mit dem Mißbrauch der edlen Worte ,Ehre' und ,Ruhm' hat man große Völker in den Abgrund geführt. Ich halte, wie ich Dir oft sagte, eine verständige Kritik gegenüber jeder Regierung und gegenüber jedem Minister für sehr indiziert. Eine vernünftige Kritik ist für die politische Gesundheit und das seelische Gleichgewicht eines Ministers ebenso zuträglich wie das Salz für die leibliche Kost und das körperliche Wohlbefinden. Die Kritik hat das Gute, daß sie zur Selbstbeobachtung zwingt und der Selbstgenügsamkeit ein Ende bereitet, die ein ganz großer Fehler ist. Ich betrachte eine solche Kritik geradezu als die Würze meiner amtlichen Tätigkeit. Und darum lese ich seit neun Jahren das ,Berliner Tageblatt' und die ,Deutsche Tageszeitung' zu meinem Morgentee. Wenn mich die eine schont, tadelt mich gewöhnlich die andere, manchmal gehen sie auch gleichzeitig mit mir ins Gericht, aber meist in sachlicher Weise, so daß ich dabei profitiere. Auf diese Weise nehme ich jeden Morgen das nötige Quantum kritischen Salzes in mich auf, das fördert die Verdauung. Aber, wie das auch bisweilen geschieht, ohne wirkliche 234 DER KREDIT IN DER WELT Kenntnis der internationalen Beziehungen, ohne tiefere Einsicht in die wirkliche Weltlage, ohne Überblick über das komplizierte Schachbrett der auswärtigen Politik durch törichte Hetzartikel mit nervöser, tendenziöser, hysterischer Kritik einzugreifen in die Speichen des Rades der auswärtigen Politik, lähmt die Aktion des Landes nach außen, diskreditiert und schwächt das Land nach außen. Der Kredit, den ein Land in der Welt genießt, muß geschont werden, ihn ohne Not zu erschüttern, ist leichtfertig und kann ruchlos sein. Wenn wir also wegen jener eben genannten Zwischenfälle in Samoa und an der ostafrikanischen Küste nicht Krieg führen wollten, so blieb uns noch ein zweiter Weg, den wir auch nicht eingeschlagen haben, nämlich die Dinge ihren Lauf gehen zu lassen und still nach Haus zu gehen, uns höchstens auf Proteste zu beschränken. Mit leeren Protesten ist aber der auswärtigen Pobtik selten, mit Maulheldentum nie gedient, und auch mit der lauten ,Entrüstung' nicht. Es bleibt der dritte Weg, nämlich: durch diplomatische Verhandlungen das möglichste für uns herauszuschlagen, unter entschiedenem Festhalten an unseren Rechten und mit geschickter Vertretung unserer Interessen unseren Standpunkt zu verteidigen. Indem ich dies tat, glaube ich nicht nur das klügste getan zu haben, was man tun konnte, sondern das einzige, was den dauernden Interessen des deutschen Volkes entsprach. Auf diese Art haben wir seinerzeit die Angelegenheit der beschlagnahmten Dampfer in einer für uns zufriedenstellenden Weise erledigt. Was Samoa angeht, so haben wir schließlich Upolu mit Apia bekommen und auch in dieser Frage das reale Interesse des deutschen Volkes erfolgreich wahrgenommen. Einen anderen Leitstern als das reale dauernde Interesse der Nation wird es für mich nie geben. Deshalb machen mich auch die Vorwürfe und das Geschrei der Alldeutschen nicht irre. Denn wer diesem Leitstern folgt, der behält schließbch doch recht. Was nun unser jetzt wieder viel erörtertes Verhältnis zu England angeht, so mißbilligt die Mehrheit des deutschen Volkes, das ein gebildetes und zivilisiertes Volk ist, die plumpen und rohen Gehässigkeiten, zu welchen leider auch bei uns die Sympathiekundgebungen für die Buren geführt haben. Diese Mehrheit erkennt willig an, daß, wenn die Buren für Haus und Hof wacker gekämpft haben, das engbsche Heer, Offiziere und Soldaten, seinen alten Ruf der Tapferkeit und Ausdauer bewahrt hat und daß die engbsche Nation während des Südafrikanischen Krieges eine Zähigkeit, eine Entschlossenheit und eine Vaterlandsliebe an den Tag gelegt hat, die zu verkennen kleinlich wäre und die ich uns eintreffendenfalls wünsche. Die neuerfichen Hetzereien der englischen Presse gegen uns sind natürlich ebenso verwerflich und ebenso töricht, wie es früher diejenigen der deutschen Presse gegen England waren. Vor allem aber begreift die Mehrheit VERBRECHERISCH UND STUPIDE 235 des deutschen Volkes, daß die Regierung nicht die Aufgabe hat, die Vor- iehung auf Erden zu spielen, wie ihr das der grübelnde deutsche Doktrinarismus immer wieder zumutet. Sie hat auch keine Sittenpolizei auszuüben, wie dies die zu ethischer Betrachtungsweise geneigte öffentliche deutsche Meinung möchte. Die deutsche Regierung hat ledigüch die bleibenden Interessen des Reichs zu vertreten. Das habe ich getan, und damit habe ich mich um das Land verdient gemacht. Eine andere Politik hätte, das sage ich Dir mit der größten Bestimmtheit, die Sicherheit des Reiches gefährdet. Sie würde vielleicht die Gefahr eines Weltkrieges heraufbeschworen haben. Ohne Grund das Land solchen Eventualitäten auszusetzen, war nicht meine Sache. Solange ich Kanzler bin, werde ich, unbekümmert um ungerechte Angriffe, unbeirrt durch Verdächtigung und Verkennung, gleichgültig für den Civium ardor prava jubentium wie für den Vultus instantis tyranni nur die Wege wandeln, die die Zukunft des deutschen Volkes nicht gefährden. Mit dem mir anvertrauten Pfund der nationalen Wohlfahrt, Ehre und Zukunft spiele ich nicht va banque, dazu bin ich zu gewissenhaft und zu patriotisch, dazu bin ich auch zu klug. Die Politik eines großen Landes kann nicht nach Sympathien und Antipathien, sondern nur im Hinblick auf die allgemeine Weltlage geführt werden. So einfach und leicht ist unsere Stellung in Europa und in der Welt denn doch nicht, daß wir uns den Luxus gestatten könnten, unpolitischen Gefühlswallungen nachzugeben. Eine von innerpolitischer Tendenz beeinflußte auswärtige Politik, wie sie bei uns manche Konservative, Agrarier, auch nationalliberale Industrielle gegenüber England möchten, wie sie Demokraten und Sozialdemokraten gern gegenüber Rußland sähen, ist immer falsch. Um das Schiff des Reiches zwischen Klippen in Süd und Nord, in Ost und West hindurchzusteuern, dazu bedarf es der Abwesenheit von vorgefaßten Meinungen, von jeglicher Sentimentalität, eines klaren Kopfes und einer ruhigen Hand. Ich wünsche mit England in guten Beziehungen zu bleiben, im Zeichen der Gleichberechtigung und auf der Basis voller deutscher Selbständigkeit. Als Festlandsdegen Englands dürfen wir uns nicht mißbrauchen lassen, am wenigsten gegen Rußland. Unser Verhältnis zu einem großen Reich wie England muß mit nationalem Selbstbewußtsein, es muß aber auch mit ruhiger Vernunft, ohne unklare Leidenschaften behandelt werden. Die Stimmung des deutschen Volkes gegen England zu erbittern, immer und überall gegen England zu hetzen, kleine Verstimmungen anzublasen, damit womöglich ein Feuer daraus entsteht, ist nicht nur verbrecherisch, sondern auch stupide. Wir haben gar keinen Anlaß, uns in eine Erbfeindschaft mit England zu bringen, so zu England zu stehen, daß wir von vornherein sicher sind, es bei jeder politischen Konstellation unter unseren Gegnern zu wissen. Wenn historische Notwendig- 236 DIE REICHSVERDROSSENHEIT keiten, der Gang der Weltgeschichte, was die Griechen die ,Ananke' nannten, zwischen zwei Völkern ein solches Verhältnis herbeiführen, wie es zwischen uns und Frankreich nun einmal der Fall ist, so muß man das in Kauf nehmen, wie man elementare Ereignisse mit in Kauf nimmt. Aber sich künstlich einen mächtigen Gegner zu schaffen — ich wiederhole —: das ist ruchlos und dumm. Wir haben zahlreiche Berührungspunkte mit England. England ist für unsere Ausfuhrindustrie der größte Abnehmer und der beste Zahler. Es hat uns bisher seine Häfen und seinen Handel eröffnet wie seinen eigenen Angehörigen. Wir streiten gemeinsam mit England für Handelsfreiheit in fremden Ländern. Gewiß gibt es Punkte, wo zwischen Deutschland und England Friktionen denkbar wären, es gibt sogar Fragen, wo es gegenseitigen Entgegenkommens bedarf, um Reibungen zu vermeiden. Es gibt aber nach meiner Ansicht keinen Punkt, wo sich bei gegenseitigem gutem Willen, mit Ruhe und dem nötigen doigte nicht zwischen deutschen und englischen Interessen auf einer friedlichen und gerechten Basis ein Ausgleich finden ließe. Das ist meine wohlerwogene Überzeugung. So lange ich am Steuer stehe, werde ich festhalten an meiner bisherigen Politik. Wenn wir Rußland nicht durch Kokettieren mit den Polen mißtrauisch machen, ihm nicht an den Dardanellen, dem Herzstück des Bis- marckschen RückVersicherungsvertrages, entgegentreten und wenn wir im Orient die habsburgische Monarchie von abenteuerlichen Aktionen gegen die Balkanvölker (Rumänien, Montenegro, Serbien) abhalten, Aktionen, von denen ehrgeizige k. und k. Generalstäbler und hitzige Magyaren träumen, die dem alten Kaiser Franz Josef aber im Grund gar nicht Uegen und seinem antiungarischen, slawophilen Thronfolger auch nicht, Aktionen, die Rußland nach seiner Geschichte und seinen Traditionen nicht zulassen kann, so sehe ich keinen Grund, warum wir nicht den Frieden bewahren sollten, dessen Aufrechterhaltung in unserem Interesse liegt. Den Frieden zu erhalten, wäre unsere erste Aufgabe und wäre für uns ein Bedürfnis, sagte vor genau vierzehn Jahren Bismarck, den ich noch einmal zitieren will, zu schwäbischen Verehrern, die ihm in Friedrichsruh huldigten (vielleicht waren Dätzinger und Böblinger unter ihnen). Das gilt auch heute für unsere Politik. Noch ein Wort über die ,Reichsverdrossenheit'. Ich verstehe es, wenn die Sozialdemokraten mit der Feder und dem Munde bestrebt sind, solche Reichsverdrossenheit zu züchten. Das liegt in ihrem Programm, in ihrem Wesen. Die Unzufriedenheit ist der Nährboden, ohne den sich der Bazillus der Sozialdemokratie gar nicht entwickeln kann. ,Die verdammte Zufriedenheit!' meinte, von seinem Standpunkt mit Recht, schon Ferdinand Lassalle. Was ich weniger verstehen kann, ist die Hypochondrie und Nörgelwut, mit der NichtSozialdemokraten und Patrioten par excellence hinter DIE „WAHREN" PATRIOTEN 237 jedem, auch dem unbedeutendsten Vorfall her sind, um unsere Zustände schwarz in schwarz zu malen. Und das sage ich mit aller Bestimmtheit, daß solche Gehässigkeiten und Übertreibungen von nationaler Seite mindestens ebenso schädlich wirken wie die sozialdemokratischen Treibereien und Tiraden. Je mehr nach oben das Vertrauen untergraben wird, desto mehr Sozialdemokraten entstehen unten. Wie soll uns das Ausland achten, wenn diejenigen, die sich bei uns als die wahren Patrioten, als die Hüter des vaterländischen Feuers betrachten und aufspielen, sich gar nicht genug tun können im Herunterreißen unserer Verhältnisse, im Nachweisen von Mißerfolgen und mit wahrer Wollust jeden Fehler aufbauschen, immer alles in pejus drehen und hinstellen ? Dieses Sichselbsterniedrigen und Sichzerfleischen ist eine Krankheitserscheinung, deren Verbreitung sich leider auf Deutschland beschränkt. Nur der deutsche Vogel beschmutzt in dieser Weise sein Nest. Wo findest Du das anderswo ? Gibt es nicht auch anderswo Unvollkommenheiten, Fehler und Mißstände in Hülle und Fülle?! Sie werden aber nicht derartig in die Öffentlichkeit gezerrt, nicht in so künstlicher Vergrößerung vorgeführt wie bei uns. Ich denke bisweilen an das Wort von Treitschke, der Deutsche im Inland möge für deutsche Zustände nur einen kleinen Teil des Verständnisses zeigen, das der Deutsche im Ausland so gern ausländischen Zuständen entgegenbringt. Sieht es im Ausland wirklich so viel besser aus als bei uns? Ich möchte die Konservativen sehen, wenn sie plötzlich nach den Vereinigten Staaten versetzt würden, oder die Herren vom Zentrum im kirchenfeindlichen Frankreich oder die Herren Sozialdemokraten nicht nur in Rußland, sondern auch in England und Italien, wo es kein allgemeines, gleiches, direktes, geheimes Wahlrecht gibt, in Frankreich, wo noch immer die Einkommensteuer nicht existiert, in Amerika, wo man mit den Schülern von Marx wenig Federlesen macht. Wenn das Ausland uns nach unserem eigenen Urteil über unsere inneren Zustände beurteilt, so muß es einen schönen Begriff von uns bekommen. Was soll man dazu sagen, wenn große deutsche Blätter, von dem Spießbürger auf der Bierbank gar nicht zu reden, über den angeblichen deutschen ^Militarismus' sich das Maul zerreißen, während die Franzosen, die ich fast ebensogut kenne wie meine eigenen Landsleute, im Grunde, im innersten Kern viel militaristischer sind als wir! Was soll das Geschrei Uber den deutschen Imperialismus', der im Vergleich zu dem englischen Imperialismus und Marinismus sehr harmlos ist! Wir liefern durch unsere übertriebene, ungezügelte Selbstkritik fortgesetzt dem Ausland Waffen, und wirksame Waffen, gegen uns. Ich bin mehr in die Länge und Breite gegangen, als dies ursprünglich meine Absicht war. Das kommt vom Diktieren! Der ,Diktator' wird gar zu leicht redselig und weitschweifig. Vielleicht macht sich auch bei mir schon 238 NOCHMALS DIE SEKUNDANTENDEPESCHE das Alter bemerkbar. Ich habe zwar noch nicht wie Nestor drei Menschenalter gesehen, aber mit siebenundfünfzig Jahren beinahe zwei. Übrigens glaube ich, daß die Gewohnheit des Diktierens, die ich vor einem Vierteljahrhundert an der Pariser Botschaft annahm, auch ihr Gutes hat. Ich glaube fast, daß ich die Leichtigkeit, mit der ich aus dem Stegreif, unvorbereitet öffentlich spreche, zum großen Teil der Gewohnheit des Diktierens verdanke. Das Diktieren zwingt dazu, die Gedanken rasch zu ordnen, schnell eine Disposition zu entwerfen, verführt allerdings zu allzu reichlichem Redefluß. Nun aber: Claudite jam rivos, pneri, sat prata biberunt! Mit diesem Wort des alten Palaemon in den Eklogen des Virgil schloß während meines ersten römischen Winters 1874/75 ein glänzender Redner, Marco Minghetti, eine Rede, der ich als junger Attache bewundernd lauschte. Ich hatte merkwürdigerweise, bevor ich selbst im Reichstag reden mußte, außer Minghetti nur vier parlamentarische Redner gehört. Als Primaner hörte ich Bismarck, der am 1. April 1867 die Bennigsensche Interpellation über Luxemburg beantwortete. Ich stand im Hintergrund der diplomatischen Loge, in die unser Vater, damals mecklenburgischer Gesandter in Berlin, mich eingeschmuggelt hatte. 1875 hörte ich, wie eben erwähnt, Minghetti, den Stiefvater von Marie, den sie so sehr liebte und verehrte. 1879 hörte ich in Paris, oder vielmehr in Versailles, wo damals noch das französische Parlament tagte, Gambetta, Leon Say und Dufaure. Als ich 1897 im Reichstag zum erstenmal sprach, stand mir Leon Say vor Augen mit seiner ruhigen, sicheren, klaren Art zu reden. Vale ac me ama. Bhd." Wenn ich heute diesen im Jahre 1906 an meinen Bruder gerichteten Brief, in dem ich zusammenfaßte, was ich in vielen Unterredungen mit deutschen Politikern und Publizisten, was ich zum Teil auch im Reichstag ausgeführt habe, wieder vor mir sehe, so berührt mich die Äußerung Roosevelts, der damals noch als deutschfreundlich gelten konnte, wahrhaft tragisch. Deutschland hat acht Jahre später, als es zur Verteidigung seiner Existenz zu den Waffen griff, die öffentliche Meinung der gesamten Welt von vornherein gegen sich gehabt. Das deutsche Volk ist, um mit Roosevelt zu sprechen, weit über jede Berechtigung hinaus für den Weltkrieg und seine Folgen verantwortüch gemacht worden. Und es wird mit einer in der Weltgeschichte noch nie gesehenen Brutalität bis aufs Blut für Entschädigungen ausgebeutet, zu denen es sich mit abgepreßter Unterschrift verpflichten mußte. Die mindestens unvorsichtige Sekundantendepesche an Goluchowski Brief Bülows und manches, was ich in der gleichen Richtung aus Berlin hörte, ließen es an den Kaiser m ; r nützlich erscheinen, dem Kaiser, der seit unserer durch meine Erkrankimg herbeigeführten räumlichen Trennung seinen selbstherrlichen PRIVATISSIMUM FÜR DEN KAISER 239 Trieben neuerdings wieder allzusehr die Zügel schießen ließ, ein historisch- politisches Privatissimum zu lesen. Noch ein anderer Vorfall hatte mir zu denken gegeben. Bei dem gnädigen Besuch, mit dem mich Wilhelm II. in Norderney beehrt hatte, war mir in der langen Unterredung, die Seine Majestät mit mir führte, eine Äußerung besonders aufgefallen. Als ich den Mut und die Einsicht des neuen russischen Ministerpräsidenten Stolypin wie des eben zurückgetretenen Finanzministers Witte rühmte, die zwar die Revolution bekämpften, aber nicht die Rückkehr zum alten autokratischen System wollten, hatte der Kaiser nach kurzem Nachdenken gemeint: „Ja, gewiß, Stolypin und Witte sind klug und schneidig, aber mir scheint, daß sie doch mehr an Rußland denken als an den Zaren, ihren Herrn." Ich benutzte für meine Admonition die günstige Gelegenheit, die mir das Glückwunschschreiben bot, das ich anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin, am 17. Juli 1906, an Seine Majestät richtete. In diesem Briefe riet ich zunächst Seiner Majestät, anläßlich der Taufe des Prinzen-Enkels in einer würdigen Kabinettsorder, wie sie Lucanus auszuarbeiten verstehe, dem deutschen Volk seinen Dank für den Anteil abzustatten, den alle Kreise an diesem erfreulichen Ereignis genommen hätten. Ich schlug vor, der Gesellschaft für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, welche die Gründung eines Säuglingskrankenhauses betreibe, mit dem auch eine Forschungsstätte für Säuglingserkrankungen verbunden werden solle, eine möglichst große Spende zukommen zu lassen. Ich empfahl weiter, den König Eduard um die Annahme einer Patenstelle bei dem Erstgeborenen des Kronprinzen zu bitten. Der König, der wie alle Koburger einen ausgeprägten Familiensinn besitze, werde gern annehmen. „Les petits cadeaux entretiennent l'amitie." Ich regte auch an, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Patenstelle anzubieten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hätten bei der Taufe von preußischen Prinzen und, wie ich glaubte, speziell bei der Taufe Friedrichs des Großen, der Schultheiß von Bern und die Niederländischen Generalstaaten Paten gestanden. In dem bedeutungsvolleren Teil meiner Ausführungen ging ich von der Lage der Dinge in Rußland aus. Die dortige Situation sei sehr ernst. Wir stünden vor dem Zusammenbruch des russischen autokratischen Systems, das während fast eines Jahrhunderts der Abscheu und nicht selten der Schrecken des demokratischen, andererseits die Hoffnung und bisweilen die Stütze des konservativen und monarchischen Europas gewesen wäre. Dieses System habe dem slawisch-tatarischen, dem asiatischen Kern des russischen Wesens entsprochen, dem germanischen Empfinden wäre es immer fremd geblieben. Der Germane sei individualistisch und freiheitsliebend. Als die germanischen Völker auf der Weltbühne erschienen wären, hätten sie Begriffe von Freiheit und Gleichheit gehabt, die an die heutigen 240 „DER STAAT BIN ICH" amerikanischen Einrichtungen erinnerten. Als in Deutschland, im 18. Jahrhundert, der absolutistische Gedanke vorübergehend die Oberhand gewonnen hätte, was übrigens unserer staatlichen Ausbildung und auch dem kulturellen Fortschritt zugute gekommen wäre, habe es sich um eine Nachäffung der Bourbons gehandelt, denen die deutschen Fürsten nicht nur ihre Schlösser, sondern auch ihre Regierungsweise nachmachten. Und dabei doch welch ein Unterschied zwischen Friedrich dem Großen und Ludwig XIV.! Der letztere sagt: „L'Etat c'est moi"; der erstere: „Je ne suis que le premier serviteur de l'Etat." Die Deutschen hätten seit jeher das Verhältnis zwischen Fürst und Volk als ein gegenseitiges aufgefaßt: Treue um Treue. Der Kaiser selbst habe mich, als ich die Ehre gehabt hätte, mit ihm der Aufführung des „Zar Feodor" durch eine übrigens exzellente russische Schauspielertruppe beizuwohnen, darauf aufmerksam gemacht, daß die russische Unterwürfigkeit noch mehr der Institution als der Person des Herrschers gelte. Darum verneige sich der Türke vor dem Thron, und der Chinese werde hingerichtet, wenn er nicht vor dem Bilde des Sohnes des Himmels die Mütze ziehe. Alle solche Sitten und Vorstellungen wären dem Germanen von jeher unverständlich gewesen, der weder vom chinesischen Kotau noch von der byzantinischen Proskynese etwas wissen wolle. Welch ein Unterschied zwischen der trotzigen Haltung der Edlen von Brabant in dem urgermanischen „Lohengrin" und der Kriecherei der Bojaren im „Zar Feodor"! Ich betonte weiter, daß der Kaiser wohl daran tue, gegenüber den inneren Vorgängen in Rußland Reserve zu beobachten und sich in keiner Weise in die dortigen Vorgänge einzumischen. Das zu versuchen, würde die Wiederholung des groben Fehlers sein, den Friedrich Wilhelm II. beging, als er bei Beginn der Französischen Revolution in Frankreich einrückte. Übrigens sei der jetzt regierende Zar von Mitschuld an der in Rußland herrschenden Gärung ebensowenig freizusprechen wie sein verewigter Vater. Ich fuhr fort: „Beide haben die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen vermocht. Sie glaubten, daß eine große Bewegung, wie es die freiheitliche Bewegung in Rußland im Grund und trotz aller Auswüchse doch ist, ohne Reformen noch rechtzeitige Zugeständnisse, nur durch Peitschenhiebe der Kosaken, Lanzen der Ulanen und Flintenschüsse der Grenadiere unterdrückt werden könnte. Das war ein verhängnisvoller Irrtum, nicht nur der Plehwe und Tscherewin, sondern auch zweier Zaren. Sobald nun ein unglücklicher Krieg kam, den gerade ein persönliches Regierungssystem nicht verträgt, erfolgte das Debäcle, das auch die schwere und strenge Hand Alexanders III. vielleicht hätte aufhalten, aber schwerlich vermeiden können. Dieses russische Debäcle erleichtert uns unter gewissen Voraussetzungen unsere auswärtige Lage. Andererseits wird aber dadurch der Unterschied in der Entwicklung der östlichen Monarchien mit derjenigen DIE MONARCHIE 241 der westlichen Staaten den Völkern ad oculos demonstriert. Das konstitutionelle und liberale England steht glänzend da, vor der amerikanischen Republik öffnen sich gewaltige Zukunftsmöglichkeiten. Die von Sozialisten mitregierte Französische Republik genießt allgemeine Sympathien, und alle Könige geben sich in ihrer Hauptstadt Stelldichein. Auch in dem parlamentarisch regierten Italien sieht es lange nicht so schlimm aus, wie manchmal behauptet wird. Demokratische kleine Länder, wie Dänemark, Belgien, Holland, Norwegen, erfreuen sich im Innern großer Blüte, während in der jahrhundertjährigen Hochburg monarchischer und konservativer Grundsätze, in der altehrwürdigen habsburgischen Monarchie alles aus dem Leim geht und in Rußland, das der unzerstörbare Hort streng autokratischer, militärischer und orthodoxer Grundsätze schien, Fundamente, Giebel und Balken wackeln." Auch für einen mächtigen und starken Monarchen werde durch diese Entwicklung die Situation erschwert. Ich betrachtete diese nach wie vor nicht pessimistisch, aber nur unter der Voraussetzung, daß wir in unserer inneren Politik Festigkeit mit Umsicht und Vorsicht verbänden, mit einem Wort: unerschrocken, aber ruhig und insbesondere vernünftig operierten. „Wer die Entwicklung der letzten hundert Jahre gewissermaßen ä vol d'oiseau überschaut, wird wieder in der alten Überzeugung bestärkt, daß die irdischen Dinge sich nicht in gerader Linie, sondern in Oszillationen oder wie Ebbe und Flut fortbilden. Die große französische Revolution bedeutete einen ungeheuren Ruck nach vorwärts für die demokratischen Ideen und Ideale. Nach der Niederwerfung von Napoleon, der einerseits der größte Soldat seiner Zeit, andererseits der Erbe der Revolution war, versuchten die wiederhergestellten alten Monarchien den Status quo ante 1789 wiederaufzurichten, allerdings mehr mit reinen Prinzipien als mit Vernunft und Geschicklichkeit. Schon 1830 kam der erste Rückschlag, 1848 der zweite und stärkere. Dann kam mit und durch Bismarck der ungeheure Umschwung von 1866 und 1870. Seitdem war die Ansicht verbreitet, daß eine starke Monarchie mit tüchtigen Ministern mehr Wert hätte als liberale Institutionen, demokratische Tendenzen und parlamentarische Spielereien. Der gute alte Herr an der Donau und der liebenswürdige junge Herr an der Newa haben es durch eine Kette von Fehlern, Versäumnissen und Übereilungen fertigbekommen, daß jetzt wieder vielfach geglaubt wird, das Heil läge doch mehr links als rechts." Darin sähe ich so lange keine Gefahr, als wir im Innern mit Vernunft und Ruhe, nach außen mit Ruhe und Geschicklichkeit regierten. Da ich die Vorliebe Seiner Majestät für lateinische Zitate kannte, so schloß ich mit der Warnung, die in einer seiner besten Oden der kluge Quintus Horatius Flaccus der KaUiope zuruft: Vis consilii expers mole mit sua! 18 Bülow II 242 „JETZT DOZIERT ER Sinn und Hintergrund dieses Briefes verstand der Kaiser nicht. Er äußerte gegenüber meinem Vetter, dem Gesandten von Jenisch, der ihn als Vertreter des Auswärtigen Amtes auf seiner Nordlandreise begleitete: „Ich habe vom Reichskanzler eine lange Epistel erhalten, mit der ich nichts anzufangen weiß. Er schrieb früher brillant, geistreich, es war eine Freude. Jetzt doziert er. Nach seiner Erkrankung haben ihm alle Parteien Liebenswürdigkeiten gesagt. Er wird sich doch nicht von den--Parlamentariern einseifen lassen ?" XVI. KAPITEL Auswärtige Fragen • Bericht des Herrn von Jenisch aus Drontheim über außenpolitische. Gespräche des Kaisers • Phantastische Ideen und Pläne des Professors Dr. Schiemann Bethmann und die polnische Frage • Brief der Kaiserin an Bülow • Begegnung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. in Friedrichshof • Der Herzog von Connaught in Kiel Tod des Prinzen Albrecht, Prinzregenten von Braunschweig • Der Braunschweigische Regentschaflsrat ■ Amnestie anläßlich der Entbindung der Kronprinzessin • Die Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe • Stellungnahme Wilhelms II. zu Memoiren von Ministem • Ableger der Familie Hohenlohe im Ausland • Die Affäre Tippeiskirch, Minister von Podbielski • Neue und üble Entgleisung des Botschafters Monts Der bewegliche, bisweilen phantastische Geist Seiner Majestät bereitete mir bei der Führung der auswärtigen Geschäfte des Landes noch mehr Der Kaiser Sorgen und Schwierigkeiten als in innerpolitischen Fragen, namentlich " ier einen wenn sich Dilettanten und Intriganten fanden, um diese Schwäche auszu- Zer f al1 nutzen. Der Vertreter des Auswärtigen Amts bei Seiner Majestät, Herr von Ru ^ ands Jenisch, hatte mir Ende Juli aus Drontheim gemeldet: „Nach einer längeren Unterredung mit Professor Schiemann sagte mir Seine Majestät der Kaiser heute ungefähr folgendes: Falls in Rußland demnächst alles drunter und drüber geht und sich dort, wie Schön in seinem Bericht voraussieht, die Bildung einer Anzahl föderativer Republiken vorbereitet, dann lasse ich die baltischen Provinzen unter keinen Umständen im Stich, sondern komme ihnen zu Hilfe, und sie müssen dann dem Deutschen Reich angegliedert werden. Ich werde keinen Finger rühren, solange die russische Regierung noch besteht, aber umkommen lasse ich die Balten nicht in ihrer Not. Die Polen werden natürlich versuchen, ihren Machtbereich bis in den Norden an das Meer auszudehnen, das lasse ich niemals zu. Sie mögen sich nach Osten und Südosten ausbreiten, wo sie ihre wirtschaftlichen Interessen haben. Ich habe schon mit Bülow und Bethmann Hollweg gesprochen, daß wir im Fall einer Katastrophe in Rußland dem polnischen Programm (Wiederherstellung des Königreichs Polen) keine Hindernisse in den Weg legen. Dann wird der Moment gekommen sein, wo alle polnischen Großgrundbesitzer mir den Homogialeid leisten müssen. Wer den nicht leistet, muß das preußische Gebiet verlassen, so entledigen wir uns am besten der unbequemen polnischen Elemente. Unsere Politik und unsere Diplomatie 16« 244 DIE BALTISCHEN PROVINZEN ANGLIEDERN wird in der nahen Zukunft vor ganz andere Aufgaben gestellt werden wie heute." Freiherr von Jenisch hatte hinzugefügt, es unterläge für ihn keinem Zweifel, daß dieser Ideengang des Kaisers die Folge seiner Gespräche mit Schiemann sei. Schiemann hatte sich Jenisch gegenüber schon vorher in ähnlichem Sinne geäußert. Dieser hatte ihn dringend davor gewarnt, dem Kaiser solche Vorschläge zu machen oder Ratschläge zu geben. Schiemann hatte das auch fest zugesagt, aber sein Versprechen nicht gehalten. Herr von Jenisch fuhr in seiner Meldung fort: „Ich habe dem Kaiser gesagt, daß, wie mir Kapitän Hintze versichert, von einer Gravitierung der deutschen Elemente in den baltischen Provinzen bisher nichts zu merken sei und daß Schiemann die Verhältnisse in den Ostseeprovinzen sehr einseitig zu beurteilen scheine. Wie mir Admiral von Müller erzählt, fängt der Kaiser an ungeduldig darüber zu werden, daß aus Peterhof noch keine bestimmten Mitteilungen über die Absichten des Kaisers Nikolaus hinsichtlich einer Begegnung mit ihm eingetroffen sind. Seine Majestät wollten daher dort telegraphisch anfragen. Ich habe Admiral von Müller in seiner Ansicht bestärkt, daß ein solcher Schritt notwendigerweise in Peterhof den Eindruck hervorrufen würde, als ob uns besonders an der Begegnung gelegen sei und wir in diesen kritischen Zeiten den Zaren zum Verlassen seines Reichs bewegen wollten. Das werde dann wieder wie schon früher politisch gegen uns ausgenutzt werden. Der Kaiser hat sich nunmehr damit einverstanden erklärt, daß Kapitän Hintze, der nach den Festlichkeiten in Drontheim nach Petersburg zurückkehrt, sich unter der Hand nach den Absichten des Zaren erkundigt. Prinz Heinrich hat neidich in Kiel mich dringend ersucht, Dich zu bitten, Du möchtest Tirpitz in seinem Amt zu erhalten suchen. Der Kaiser sei von irgendeiner Seite gegen ihn beeinflußt worden und habe ihm, Prinz Heinrich, wiederholt gesagt, Tirpitz sei mit an Deiner Erkrankung schuld. Das habe Prinz Heinrich gleich zurückgewiesen, ebenso die Insinuation, daß Tirpitz Reichskanzler werden wolle. Er, der Prinz, kenne Tirpitz viel zu genau, um nicht zu wissen, daß er niemals solche Ambitionen haben würde. Leider sei Tirpitz von Charakter sehr mißtrauisch und übelnehmerisch. Der französische Jachtbesitzer Menier, derselbe, der vor vier Jahren Waldeck-Rousseau an Bord hatte, wurde mit zwei schönen jungen Frauen und seiner sonstigen Begleitung ganz besonders vom Kaiser ausgezeichnet. Er plädierte für einen Zusammenschluß der europäischen Mächte gegen Amerika und für einen Besuch des Kaisers in Paris. Seine Majestät hat übrigens den Wunsch ausgesprochen, daß seine sämtlichen Gäste, mit der Gesandtschaft 34 Personen, zu dem Galadiner in Drontheim eingeladen werden." Die polnische ^ er von m ' r bereits mehrfach erwähnte Professor Theodor Schiemann Frage gehörte zu denjenigen Balten, die alle Vorgänge und Verhältnisse, die ganze BETHMANN HOLLWEG UND DIE WIEDERHERSTELLUNG POLENS 245 Welllage aus dem schmalen Gesichtswinkel ihrer engeren Heimat beurteilten. So rührend, ja bis zu einem gewissen Grade begreif lieh dieser Lokalpatriotismus der in einem jahrhundertjährigen Kampf für ihr Deutschtum gestählten Balten nun auch ist, so hatte eine solche Unterordnung der Reichsinteressen, der nationalen Salus publica unter die Leidenschaften und Hoffnungen eines kleinen Bruchteils des Germanentums doch ihre großen Bedenken. Bei Schiemann kam dazu, daß er persönlich zu den Schmeichlern gehörte, die seit jeher gerade für die Fürsten gefährlich waren, deren Phantasie nicht genügend durch nüchterne Überlegung gezügelt wurde. Hintze war unser tüchtiger Marineattache in St. Petersburg, der sich dort eine bedeutende Stellung gemacht und nützliche Verbindungen angeknüpft hatte. Tirpitz war eine Kraft ersten Ranges, aber das, was die Franzosen „un mauvais coucheur" nennen. Es war niebt leicht mit ihm auszukommen. Die Behauptung Seiner Majestät, er habe mich für sein polnisches Programm gewonnen, war mir ein neuer Beweis dafür, wie sehr die lebhafte Art des Kaisers, seine Redseligkeit und seine Phantasie dazu neigten, anderen Äußerungen in den Mund zu legen, die genau so erfunden waren wie die Erzählungen des seligen Münchhausen. Der Kaiser hatte mir gegenüber die polnische Frage selten berührt, war aber von mir nie im unklaren darüber gelassen worden, daß ich die Wiederherstellung eines selbständigen Polen als den größten Fehler betrachten würde, den die preußische, die deutsche Politik überhaupt, begehen könnte. Ein polnisches Reich an unserer Ostgrenze würde, hatte ich ihm Miederholt gesagt, der geborene Bundesgenosse unserer unversöhnlichen Gegner im Westen sein, eine polnische Armee in Warschau so viel bedeuten wie französische Truppen auch an unserer östlichen Flanke. Daß Bethmann Ilollweg sich für die polnischen Ideale erwärmt hatte, führte ich auf atavistische Regungen zurück. Der Großvater von Theobald Bethmann, der Professor August Moritz von Bethmann Hollweg, der seit jeher und bis zu seinem Tod Otto von Bismarck mit giftigem Haß bekämpfte, hatte sich in den füiffziger und sechziger Jahren in politischen Kreisen wie am preußischen Hof mit blindem Eifer für eine polenfreundliche Politik eingesetzt. Als ich im Spätsommer 1906, bei meiner Rückkehr nach Berlin, den damaligen Minister des Innern, Theobald von Bethmann Hollweg, wiedersah, stellte ich ihn bei einem gemeinsamen Abendessen im Zoologischen Garten mit ihm und anderen Ministerkollegen wegen seiner Stellung zur Poleufrage direkt zur Rede. Bethmann erwiderte mir nicht ohne Verlegenheit, daß es sich bei seinen Auslassungen gegenüber Seiner Majestät nur um eine „rein akademische Idee", nur um eine „Gedankenspielerei" gehandelt haben könne. Als ich ihm über meinen ablehnenden Standpunkt gegenüber derartigen Narreteien keinen Zweifel Heß, versicherte er mir, daß 246 DER SCHOKOLADENFABRIKANT MENIER ihm während seiner Tätigkeit als Regierungspräsident in Bromberg die Gefährlichkeit der polnischen Propaganda für Monarchie und Reich viel zu sehr zum Bewußtsein gekommen wäre, als daß er je ernstlich an eine solche „Tollheit" wie die Wiedererweckung von Polen denken könne. Bethmann Hollweg hat auch in der Tat seitdem und bis zu meinem Rücktritt als preußischer Minister wie als Staatssekretär des Innern im Reich mir gegenüber den strammen Hakatisten gespielt. Er plädierte sogar mit Eifer für die Enteignungsnovelle, die mir große Bedenken einflößte. Bald nach meinem Rücktritt erwiderte er als Reichskanzler auf eine Anfrage des Ostmarkenvereins, ob unter ihm der alte Kurs in der Ostmarkenfrage beibehalten werden würde, mit einem pathetischen „Nunquam retrorsum!" Nicht lange nachher fing er an, in der Ostmarkenfrage zu schwanken und zu lavieren, um 1914, seit Beginn des Weltkriegs allmählich die Wiederaufrichtung von Polen anzubahnen, anfänglich mehr im stillen und versteckt, dann auch in seinen Reden und in Verhandlungen mit Wien, trotz aller Warnungen und trotz des lebhaften Widerspruchs des preußischen Staatsministeriums. Wie mit dem unsinnigen Ultimatum an Serbien, so bleibt auch mit dem zweitgrößten Fehler unserer Geschichte, der Wiedererrichtung von Polen, der Name Theobald von Bethmann Hollweg für immer verknüpft. Der Jachtbesitzer Menier, der französische Schokoladenfabrikant, sollte mir im Juni 1909 in Kiel begegnen, wo er mit seiner Jacht an der Kieler Woche teilnahm. Es war an Bord dieser Jacht, bei einem von den Franzosen gegebenen Frühstück, daß ich an dem Tage, an dem ich meinen Abschied erbat, zum letztenmal auf dem Meer mit Wilhelm II. zusammentraf. Ich bemühte mich während meines Urlaubs von 1906 auch brieflich, Brief der Petersburg im Klub und in der Gesellschaft viel gesehen. Ich hatte auch Gelegenheit gehabt, mich ihm durch meine guten Beziehungen zu dem Minister Giers, zu dessen Adjoint Vlangaly wie zu dem einflußreichen Chef des asiatischen Departements, Zinowjew, nützlich zu machen. In dem damaligen Rußland spielten, wie in allen absolutistisch regierten Ländern, persönliche Beziehungen und Einflüsse, die Klubs und Salons, Empfehlungen und Konnexionen eine große Rolle. Iswolski war vor allem ein Snob. Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, wünschte er den Damen zu gefallen. Damals lag er einer schönen Witwe, der Generalin A., zu Füßen. Sie schlug aber seine wiederholten Heiratsanträge ab. Als Iswolski es später zum Botschafter und Minister des Äußern brachte, wurde Madame A. von einer Freundin gefragt, ob sie nicht bedaure, eine so glänzende Partie refüsiert zu haben. Sie erwiderte: „Je Tai regrette tous les jours, mais je m'en suis felicitee toutes les nuits." Iswolski war sehr häßlich, er sah aus wie ein Kalmücke, aber er war intelligent und ehrgeizig. Er hatte in seiner Karriere les hauts und les bas gekannt. Erst nur an kleinen Balkanposten verwandt, wo er sich nach der alten Tradition der russischen Balkandiplomatie mit Eifer an Komplotten und Verschwörungen beteiligte, wurde er Gesandter beim Päpstlichen Stuhl, während ich Botschafter beim Quirinal war. Er verkehrte viel in meinem Haus. Er hatte inzwischen eine liebenswürdige, hübsche und elegante Frau aus distinguierter Familie geheiratet, eine Gräfin Toll, Tochter des langjährigen russischen Gesandten in Weimar, die nach Abstammung und Erziehung halb oder vielmehr dreiviertel deutsch war, übrigens auch evangelisch. Alexander Petrowitsch liebte und bewunderte sie, sans comparasion, etwa wie Napoleon als junger republikanischer General zu der Vicomtesse Josephine Beauharnais emporsah als zu einem Wesen aus einer höheren Gesellschaftssphäre. Er begleitete sie jeden Sonntag zum Gottesdienst in die evangelische Kapelle des Palazzo Caflarelli. Von Rom kam Iswolski zu seinem Schmerz nach Japan. Er fürchtete bei der heiklen Natur der russisch-japanischen Beziehungen, da die russischen Generäle und viele einflußreiche Spekulanten Japan brutalisierten, die russischen Diplomaten aber keinen Krieg mit Japan wollten, sich dort den Hals zu brechen. Ich tröstete ihn mit der Versicherung, daß seine Gewandtheit ihm schon durchhelfen würde. Mein Zuspruch tat ihm wohl, und er hat mich oft dankbar daran erinnert. Er kam auch mit heiler Haut aus Japan zurück, um Gesandter in Kopenhagen zu werden, für Rußland eine Familiengesandtschaft und ein Sprungbrett für künftige Botschafter. Als Iswolski hörte, daß in St. Petersburg ein großes diplomatisches Revirement vorbereitet würde, schickte er seinen UNTERREDUNG IN SWINEMÜNDE 295 intelligenten deutschen Kammerdiener dorthin mit dem Auftrag, sich umzuhören, welche Botschaft ihm bestimmt wäre. Wenn der Kammerdiener höre, daß Iswolski Botschafter bei dem Königreich Italien werden solle, möge er ihm telegraphieren: Makkaroni; wenn er aber für Berlin bestimmt wäre, wohin Iswolski am liebsten gegangen wäre: Sauerkraut. Als der Kammerdiener hörte, daß Iswolski voraussichtlich Minister des Äußern werden würde, telegraphierte er: Kaviar. Iswolski war von Hause aus in keiner Weise antideutsch. Er wurde es erst allmählich, besonders nachdem er von Kaiser Wilhelm bei gelegentlichen Begegnungen schlecht behandelt worden war. In dem Maße, wie unsere oft wenig geschickte Presse aus ihm einen Kinderschreck für alle guten Deutschen machte, nahm die Deutschfeindlichkeit von Iswolski natürlich zu. Ähnlich ist es später mit Sir Edward Grey gegangen. Die Rahel schrieb einmal, ihre Liebhaber wären Schatten gewesen, von ihrem Feuer koloriert. Unsere politischen Gegner, von IgnatiefF und Iswolski bis zu Grey und König Eduard VII., haben wir, besonders Wilhelm II., mit hypernervöser Phantasie ärger gemacht, als sie in Wirklichkeit waren. Mißtrauen ist gut, sogar nötig, aber es darf nicht übertrieben werden. Die Aussprache, die ich mit Iswolski in Swinemünde hatte, war nicht unbefriedigend. Ich fand den russischen Minister des Äußern sehr impres- sioniert durch die trotz aller Unterdrückungsmaßnahmen und trotz mancher Konzessionen und Reformen in Rußland immer mehr um sich greifende und fortschreitende revolutionäre Gärung. Ich erblickte darin für uns einen Grund mehr, einem kriegerischen Konflikt mit Rußland auszuweichen. Ich erinnerte mich daran, wie schon Fürst Bismarck den Grafen Kälnoky darauf hingewiesen hatte, daß wir durch Abwarten vielleicht früher den inneren Verfall und die Zersetzung Rußlands als einen russischen Angriff erleben würden. An dieser Auffassung habe ich immer festgehalten und fand sie bestätigt, als mir im Mai 1914 der kurz vorher zurückgetretene russische Ministerpräsident Kokowzew in Rom auf meine Frage, ob er an Krieg glaube, ruhig und bestimmt erwiderte: „A la guerre? Non. A moins d'y etre forces par vous, nous ne ferons pas la guerre. Mais je crois ä la pos- sibilite, et, malheureusement, je crois meme ä la vraisemblance d'une revolution en Russie." Hinsichtlich Frankreichs wiederholte mir Iswolski in Swinemünde, was mir Murawiew zehn Jahre früher gesagt hatte, nämlich daß Rußland der Verbündete Frankreichs sei und bleiben müsse, daß es aber darum doch nicht unfreundÜche Beziehungen zu uns, geschweige denn Krieg wolle. Mit England müsse sich Rußland nach seiner schweren Niederlage in Ostasien verständigen. Aber es würde uns gegenüber nicht den „lansquenet de l'Angleterre" spielen. Vor allem war Iswolski damals noch überzeugt, daß schlechte Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland 296 EDUARD VII. IN WILHELMS HÖHE nur der Revolution zugute kommen würden, die beide Reiche bedrohe, Rußland noch mehr als Deutschland. Es sei ein grober Irrtum mancher russischer Chauvinisten, äußerte er zu mir, anzunehmen, daß ein auswärtiger Krieg gegenüber der inneren, revolutionären Gefahr als „derivatif" wirken würde. Ich entgegnete ihm: „Vous parlez d'or, mon eher ami. Se preeipiter dans la guerre pour eviter la revolution serait imiter l'exemple de Guibollard, qui, chez Rabelais, se jette dans l'eau pour echapper ä la pluie." Er lachte und gab mir recht. Wenn man in St. Petersburg kaltes Rlut bewahre, von deutscher Seite Rußland nicht in der polnischen Frage und auf der Balkanhalbinsel brüskiere, würden wir beide nicht ersaufen. Am 14. August fand in Wilhelms höhe eine Zusammenkunft zwischen „Peace and Wilhelm II. und Eduard VII. statt. Der König beehrte mich mit einer lan- gootl will" g en Aussprache, in der er den Gedanken in den Vordergrund stellte, daß, je törichter sich vielfach diesseits und jenseits des Kanals die Presse, je unvernünftiger auch die Völker oder wenigstens eine Minorität innerhalb der beiden Völker sich benähmen, um so mehr die beiden Regierungen kaltes Blut bewahren müßten. Er versicherte mich seines unveränderten Vertrauens und fügte hinzu, ich könne sicher sein, daß er nach wie vor auf das lebhafteste „Peace and good will" zwischen Deutschland und England wünsche. In einem sehr warmen Trinkspruch, dessen Veröffentlichung er ausdrücklich erbat, dankte er für den herzlichen Empfang, der ihm bereitet worden sei, nicht nur von Seiten der Behörden und der Truppen, die in Parade gestanden hätten, sondern auch von dem Volk, wo es ihm in den Straßen begegnet wäre. Er fuhr in seinem Trinkspruch fort: „Indem ich von ganzem Herzen meinen besten Dank ausspreche, füge ich hinzu, es ist mein größter Wunsch, daß zwischen unseren beiden Ländern nur die besten und angenehmsten Beziehungen bestehen. Ich freue mich sehr, daß Eure Majestät mich bald in England besuchen werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß nicht nur meine Familie, sondern das ganze englische Volk Eure Majestät und Ihre Majestät die Kaiserin mit der größten Freude empfangen werden." Vor dem Abendessen unternahm der Kaiser mit dem König eine Rundfahrt durch die anmutige Umgebung von Wilhelmshöhe und die Straßen des aufblühenden Kassel, dessen Bürgermeister damals noch nicht Herr Philipp Scheidemann, sondern ein bewährter Jurist und Verwaltungsbeamter war. Der König hatte den Kaiser aufgefordert, mich zur Teilnahme an dieser Fahrt einzuladen, worauf der Kaiser mit Freude einging. Die Unterredung ä trois war ungezwungen und durchaus freundlich. Ich weiß nicht, wie der Kaiser auf die Idee kam, den König zu fragen, wie es Eckardstein ginge. Der König antwortete mit verächtlicher Betonung und einer wegwerfenden Handbewegung, daß er nicht wisse, „what became of that fellow". Als der Kaiser den König erstaunt frug, ob er etwa Eckardstein PROZESS MAPLE-ECK ARD STEIN 297 nicht mehr empfange, meinte der König: „Oh, good gracious! He is not more received anywhere." Er erzählte dann dem Kaiser, daß sich Eckardstein „in a most inconvenient, a most ungentlemanlike way" gegenüber seiner Gattin benommen habe. Deren Vater, der reiche Möbelhändler Maple, hätte ursprünglich Eckardstein zu seinem Erben eingesetzt. Als Eckardstein trotz aller Warnungen seines würdigen Schwiegervaters immer wieder große Summen durch unsinnige Spekulationen verloren hätte, habe Maple sein Vermögen seiner Tochter zu deren freier Verfügung hinterlassen. Nun habe Eckardstein angefangen, immer größere Summen von seiner Gattin zu erpressen, was die Beziehungen zwischen den beiden natürlich verschlechtert hätte. Als die Baronin Eckardstein endlich erklärt habe, sie könne nicht mehr für die Börsengeschäfte und Schulden ihres Gatten aufkommen, von dem sie de facto schon getrennt lebte, hätte Eckardstein sie mit einem Skandalprozeß bedroht, und als sie sich dadurch nicht beeindrucken ließ, gegen sie einen Prozeß wegen Ehebruchs, begangen mit ihrem Arzt in London, angestrengt. Aus dem Prozeß wäre die Baronin Eckardstein völlig gerechtfertigt hervorgegangen, Eckardstein aber derartig bloßgestellt und in einem so üblen Lichte, daß das anwesende Publikum ihn beim Verlassen des Gerichtssaals beschimpft, tätlich bedroht und fast verprügelt hätte. Er sei seitdem für alle anständigen Leute erledigt. Kaiser Wilhelm geriet in heftige Erregung und erklärte sofort, nicht ohne Pathos, denn er wollte seinem Onkel zeigen, ein wie strenger Hüter des Anstandes und guter Sitte er sei, daß Eckardstein den „schlichten Abschied" erhalten müsse, wie der militärische Terminus technicus laute, und daß dies im Reichsanzeiger öffentlich bekanntgegeben werden solle. Ich habe diesen Befehl wie manchen anderen nicht buchstäblich ausgeführt und Eckardstein wie später den unglücklichen Philipp Eulenburg ohne Aufsehen noch Lärm aus der Stellung z. D. in die Stellung a. D. überführen lassen. Ich sollte erst während der letzten Zeit meiner Reichskanzlerschaft wieder von Eckardstein hören, wo er gemeinsam mit dem Pamphletisten Rudolf Martin, der sich nach der Novemberrevolution von 1918 der U. S. P. D., dem linken Flügel der Sozialdemokratie, anschloß, und dem Zeremonienmeister Eugen Röder, dem üblen Bruder der intriganten Gräfin Paula Alvensleben, gegen mich einen „Bund der Kaisertreuen" bilden wollte. Vom 15. Juni bis zum 15. Oktober 1907 tagte im Haag die zweite Friedenskonferenz, die durch den niederländischen Minister des Äußern, den Zweite Haager früheren niederländischen Gesandten in Berlin, Herrn Tets van Goudrian, Friedens- einen wohlgesinnten und taktvollen Diplomaten, eröffnet wurde. Den Konferenz Vorsitz übernahm der russische Bevollmächtigte, Botschafter Nelidow. In der Frage der internationalen Friedens- und Abrüstungsbestrebungen gegenüber der pazifistischen Propaganda und den Forderungen nach 298 ZWISCHEN SZYLLA UND CHARYBDIS Abrüstung mußte ich, wie in so manchen anderen Fragen, den Weg zwischen Szylla und Charybdis nehmen, die Mittelstraße, die in diesem Falle die richtige war. Ich habe natürlich nie daran gedacht, die Sicherheit des Landes scheinheiligen Versicherungen unserer Feinde und Neider, hohlen Phrasen weltfremder, bisweilen auch unehrlicher Schwärmer zu opfern. Das brauche ich nicht weiter zu begründen, nachdem die Sieger des Weltkriegs, sobald sie mit Hilfe der auf die einfältigen deutschen Pazifisten berechneten „Vierzehn Punkte" Wilsons ihr Spiel gewonnen hatten, die pazifistische Maske abgeworfen haben und uns unverhülll ihr grinsendes, grausames Antlitz zeigten. Der Vertrag von Versailles, der nicht nur allen pazifistischen Ideen und Grundsätzen ins Gesicht schlägt, allen Bestrebungen für Völkerversöhnung und Völkerbund den Boden entzieht, sondern der in seinem ganzen Aufbau wie in seiner Ausführung ein Hohn auf Gerechtigkeit und Vernunft, auf Treue und Redlichkeit ist, zeigt zu deut- bch, wie innerlich verlogen die feindliche Propaganda uns gegenüber ist und von jeher war. Um so trauriger, daß aus Einfältigkeit und Verblendung, bisweilen auch aus niederträchtiger Parteiverbissenheit oder erbärmlichen persönlichen Motiven manche Deutsche solchem Treiben unserer Feinde Vorschub geleistet haben. Das Brandmal der Schande und Infamie, das die Geschichte auf die Stirn des Ephialtes und des Judas Ischariot drückte, haftet für immer an den Namen Greiling und Eisner, Friedrich Wilhelm Förster und Fechenbach. Aber gerade weil ich die Verlogenheit der Deutschland feindlichen Propaganda auf Grund eigener und langjähriger Erfahrung im Ausland nur zu wohl kannte, war ich bemüht, den Kaiser von Reden und Gesten abzuhalten, die ihn als einen Friedensstörer erscheinen ließen, der er gar nicht sein wollte und tatsächlich auch gar nicht war. Ich hatte ihn schon im Mai 1899 bei dem ersten Friedensvorschlag des Zaren ermahnt, nicht die odiose Rolle des Störenfrieds zu spielen, der die edlen Pläne der Friedensfreunde vereitle und die Schuld trüge, wenn die Welt unter der Last wachsender Militärausgaben seufze. Darum bestand ich auch jetzt, acht Jahre später, gegenüber dem anfänglichen Widerspruch Seiner Majestät auf unserer Teilnahme an der zweiten internationalen Friedenskonferenz. Wie ich schon öfters hervorheben mußte, gefiel sich Wilhelm IL, der im Kern seines Wesens ein echter und ernster Friedensfreund und jedenfalls im Handeln ein aufrichtigerer Pazifist war als mancher andere Souverän und als die meisten demokratischen Schwätzer im Inlande und namentlich im Auslande, mit der ihm eigenen Zwiespältigkeit des Wesens, mit seiner so häufigen Verwechslung von Schein und Wesen darin, pazifistischen Bestrebungen nach außen hin ablehnend gegen überzutreten und, wo sich eine passende oder auch unpassende Gelegenheit bot, die Schale seines Spotts über solche Bestrebungen auszugießen. DIE PARTEI DER EHRLICHEN LEUTE 299 Zum deutschen Vertreter im Haag hatte ich unseren Botschafter in Konstantinopel, Herrn von Marschall, ausersehen, der ein guter juristischer Kopf war und sich im diplomatischen Dienst auch nach und nach die wünschenswerte Verbindung von Würde und Kulanz angeeignet hatte. Es gelang ihm bald, im Haag eine führende Rolle zu spielen. Der englische Friedensapostel Stead, der fünf Jahre später beim Untergang des Dampfers „Titanic" einen tragischen Tod fand, gibt in seinem Buch über die Haager Konferenz zu, daß der deutsche Vertreter nicht nur der scharfsinnigste Redner der Versammlung gewesen wäre, sondern auch durch seine Sachkenntnis die positiven Arbeiten mehr als irgendein anderer gefördert hätte. Mit wahrem Ingrimm fügte der Engländer Stead hinzu: „Statt daß die englischen Vertreter in der Friedenskonferenz die Führung hätten übernehmen sollen, blieben sie im Rückstand und ließen Deutschland den ersten Platz. Eine kläglichere und schändbchere Niederlage habe ich selten gesehen." Die Einsetzung eines ständigen internationalen Schiedsgerichtshofes war das Verdienst des deutschen Delegierten, der auch später für die Minderheit das Wort führte, die das obligatorische Schiedsgericht ablehnte. Es war bezeichnend für den Unterschied zwischen Redlichkeit und Unredlichkeit, daß zu denjenigen Staaten, die mit Deutschland und Österreich- Ungarn das obligatorische Schiedsgericht ablehnten, Belgien, die Schweiz und die Türkei gehörten. An der ehrlichen Friedensliebe dieser Länder war kein Zweifel möglich, während sich als Verfechter des obligatorischen Schiedsgerichtshofs gerade die Staaten der Entente gerierten, deren Pazifismus doch nur sehr naive Politiker für bare Münze nehmen konnten. Als ich unsere Haltung auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz im Reichstag erläuterte*, fand ich die Zustimmung aller Parteien und zu meiner Genugtuung auch den Beifall fast der ganzen englischen Presse. Die liberalen englischen Blätter hoben die Würde und Ehrlichkeit der deutschen Reichstagsdebatte wie meiner Erklärungen hervor, und auch die unionistischen Journale stellten fest, daß ich mit meiner freimütigen, den deutschen Standpunkt darlegenden Rede einen überraschenden Erfolg in England erzielt und die „Partei der ehrlichen Leute" gewonnen hätte. Daß meine Haltung und Sprache gegenüber der Haager Friedens-Konferenz in England einen guten Eindruck gemacht und daß insbesondere die ruhige Freundlichkeit, mit der ich mich am 30. April* über die deutschenglischen Beziehungen geäußert hatte, die Anerkennung selbst der „Times" fand, erfüllte den Kaiser mit lebhafter und aufrichtiger Freude. Er übersandte mir sehr beglückt den nachstehenden Brief eines hervorragenden englischen Seemannes, des Admirals Montagu, der ihm über meine Rede * Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, Verlag Reimar Hobbing, Berlin. 300 DIE BLOCKPOLITIK im Reichstag geschrieben hatte: „Your Majesty, If anything in the world can conduce to peace and harmony, sound sense and great ability of Statement, the speach of Prince Bülow on foreign policy in my humble opinion is the finest piece of rhetoric and absolutely sound judgement it is possible to conceive. I write as humble individual, but I hope, I aspire to common sense. But as an Englishman all I say is, that his Statement should be accepted throughout the world as a master-piece of sound reasoning. He not only shows his patriotism as his first duty, but holds out the olive branch of peace to the world, in the most graceful manner. I hope that individuals of other countries besides my own will note the greatness of Your Majesty's Chancellor. Your most obedient servant V. A. Montagu." Das Jahr 1907 brachte zwei bedeutungsvolle Wechsel im Reich und in Für Preußen. Bei aller Wertschätzung der eminenten Kenntnisse und der Posadowsky Arbeitskraft des Grafen Posadowsky mußte ich mich, nachdem ich mich lethmann^ einmal für die, nicht von mir aber von anderen, „Blockpolitik" getaufte Tschirschky Richtung entschieden hatte, die ich lieber als eine besonnene und allmäh- Schön liehe Überleitung zu einem liberaleren inneren System und einer stärkeren und häufigeren Heranziehung parlamentarischer Kräfte in die Regierung bezeichnen möchte, von einem Mitarbeiter trennen, der dieser Wendung innerlich widerstrebte. Ich ersetzte Posadowsky durch Bethmann, der seinem Vorgänger in vieler Hinsicht nicht gewachsen war, von dem ich aber sicher sein konnte, daß er, so lange ich Reichskanzler war, um mit Bismarck zu reden, einschwenken würde wie ein Unteroffizier. Preußischer Minister des Innern wurde der Bruder des Generalstabschefs, der Oberpräsident von Ostpreußen, Friedrich von Moltke, um vier Jahre jünger als jener, an gutem Willen und Lauterkeit des Wesens ihm ähnlich. Ich sorgte dafür, daß Seine Majestät der Kaiser den hochverdienten Grafen Posadowsky durch ein für ihn in hohem Grade ehrenvolles Handschreiben und durch die Übersendung seiner Büste in Marmor wie durch die ausdrückliche Versicherung seines unveränderten Wohlwollens beglückte. Auch der vortreffliche Kultusminister Studt trat zurück, weniger unter dem Eindruck der von liberaler Seite gegen ihn gerichteten Angriffe als im Hinblick auf Kränklichkeit und hohes Alter. Er wurde ins Herrenhaus berufen und gleichzeitig mit einem besonders gnädigen Handschreiben ausgezeichnet. Vorgreifend möchte ich jetzt schon erwähnen, daß im Herbst 1907 auch im auswärtigen Dienst bedeutungsvolle Wechsel stattfanden. Der mir von Seiner Majestät mehr oder weniger aufgedrängte Staatssekretär des Äußern Tschirschky zeigte sich seiner Aufgabe, das Amt zu leiten und mich im Verkehr mit den Diplomaten zu entlasten, in keiner Weise gewachsen. Er war innerlich hochmütig, äußerlich steif und hölzern, Pessimist, immer der „docteur tant pis", um mit Lafontaine zu sprechen, sehr empfindlich, allzu DER NEUE STAATSSEKRETÄR DES ÄUSSERN 301 geneigt, die „gekränkte Leberwurst" zu spielen, wie in seinem drolligen Jargon der Berliner sich ausdrückt. Da der Kaiser gleichzeitig auf der Abberufung des allerdings schon fünfundsiebzigjährigen, selbst dem damals ziemlich bequemen Posten des Statthalters von Straßburg nicht mehr gewachsenen Fürsten Hermann zu Hohenlohe-Langenburg bestand, so ergab sich die Notwendigkeit eines umfassenden Revirements. Eine große Schwierigkeit meines Amtes war von Anfang an für mich gewesen, der nicht bös gemeinten, meist aus gütigem Herzen hervorgehenden, aber nicht immer den Interessen des Dienstes entsprechenden Einmischung des Kaisers in Personalien zu begegnen. Bei seiner Vorliebe für Tschirschky würde der Kaiser dessen Enthebung von dem Posten des Staatssekretärs nie zugestimmt haben, wenn der „allezeit Getreue", der zwar im Reichstag nicht sprechen konnte, Seiner Majestät aber nie widersprach, nicht ein ausreichendes Äquivalent erhalten hätte. Ich muß übrigens zugeben, daß Tschirschky den Posten des Staatssekretärs nur ungern übernommen hatte. Er hatte mir im Augenblick seiner Ernennung in wehmütigem Tone geschrieben: „Euer Durchlaucht ist nicht unbekannt, daß mein Sinn nie darauf gerichtet gewesen ist, in der Öffentlichkeit irgendeine Rolle zu spielen. Die ganze Anlage meiner Natur liegt nicht in dieser Richtung." Nachdem er dargelegt hatte, daß und warum das Glück im Winkel mehr sein Ideal sei als rauschende Erfolge auf der Agora, daß ihm die Nerven fehlten, um dem Parlament gegenüber wirksam aufzutreten, bat er darum, ihm die parlamentarischen Pflichten seines Amtes „durch Unterstützung von anderer Seite" zu erleichtern. Da ich bei meiner geschäftlichen Überlastung unmöglich jede an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts gerichtete Anfrage in der Kommission oder im Plenum selbst beantworten konnte, wir in Deutschland auch keine besonderen Sprechminister hatten, wie ihn das zweite Kaiserreich in Frankreich in Rouher besaß, und endlich der Unterstaatssekretär auch nicht nach parlamentarisch-oratorischen Triumphen verlangt, trennte ich mich von Tschirschky. Als dessen Nachfolger verlangte der Kaiser einen ihm „sympathischen" Diplomaten, was leider nicht immer ein Beweis für die Tüchtigkeit des Betreffenden war. Endlich wünschte Seine Majestät nach Straßburg einen General zu setzen, entweder den Chef des Militärkabinetts Dietrich Hülsen oder den Kommandanten des Großen Hauptquartiers, den General von Plessen. Ich entschloß mich schließlich zu einer auf gegenseitigen Zugeständnissen beruhenden Lösung, durch die Tschirschky nach Wien kam, der bisherige Botschafter in Petersburg, Herr von Schön, Staatssekretär des Äußern wurde und der bisherige Botschafter in Wien, Graf Karl Wedel, Statthalter von Elsaß-Lothringen. Die letztere Wahl war die einzige wirklich gute. Tschirschky war im Grunde 302 LE BARON DE SCHOEN kein Botschafter, konnte aber in Wien weniger Schaden anrichten als in London, wohin ihn der Kaiser ursprünglich dirigieren wollte. Die Minderwertigkeit des Baron de Schoen, wie sich der deutsche Staatssekretär auf seinen Visitenkarten nannte, die mir schon früher bisweilen Sorge bereitet hatte, sollte in ihrem ganzen Umfange erst nach seiner Berufung an die Zentralstelle zutage treten. Ich weiß nicht, ob der berüchtigte Semi-Gotha recht hat, wenn er behauptet, Schön sei aus der „uralten Wormser Judengemeinde" hervorgegangen, er gehöre sogar dem besonders geachteten jüdischen Stamm Isaschar (Schochem) an. Das mit der Familie Schön verwandte Haus Heyl zu Herrnsheim sei gleichfalls eine durch Leder reich gewordene Wormser Judenfamilie. Die jüdische Extraktion des Barons von Schön würde mich nicht gestört haben. Ich muß aber leider feststellen, daß ich bei ihm jene Arbeitslust und Arbeitskraft, die Klarheit und Schärfe des Verstandes, die geschäftliche Tüchtigkeit und den geschäftlichen Ernst vermißt habe, die mir bei vielen Israeliten entgegengetreten sind und die ihnen auch von ihren Gegnern nicht abgesprochen werden können. Frau von Schön, eine Belgierin, durch langen Aufenthalt im Seinebabel bedenklich verparisert, trug nicht dazu bei, die ohnedies bescheidene dienstliche Brauchbarkeit ihres Gatten zu erhöhen. Der Kaiser war aber nicht dazu zu bewegen, Mühlberg oder Kiderlen als Staatssekretär zu akzeptieren. Botschafter in Petersburg wurde Graf Friedrich Pourtales, der dort mehrere Jahre Botschaftsrat gewesen war und das dortige Terrain kannte, auch in der Bismarckschen Zeit als Amanuensis von Herbert Einblick in die große Politik gewonnen hatte. XX. KAPITEL Gegenbesuch Wilhelms II. am dänischen Hofe • Die Nordmark • Stellung der Kaiserin zu Dänemark • Vorgänge vor der Kaiserreise nach Eugland • Festmahl in Windsor (12. XI. 1907) • Stimmung Wilhelms II. in Highclille . Der Prozeß Moltke-Ilurden im Reichstag • Beginn der Tragödie des Fürsten Eulenburg . Die romantische Heirat der Komtesse Augusta Eulenburg • Brief Eulenburgs an deu Kaiser • Euleuburg nimmt trotz Abmahnung seiner Freunde am Ordensfest teil • Kaiserliche Order vom 31. V. 1907 über Erledigung des i alles Eulenburg • Bülows Prozeß gegen den „Schriftsteller" Brand • Das Meineidsverfahxen gegen Eulenburg Im Juni 1907 erwiderte der Kaiser mit der Kaiserin dem neuen König von Dänemark, Friedrich VIII., den ihm von diesem nicht lange vorher in Reise des Berlin abgestatteten Besuch. Ich hatte einige Monate früher mit Dänemark Kaisers nach einen Vertrag abgeschlossen, nach dem die bisher staatenlosen Optanten- Kopenhagen kinder auf ihren Antrag in jedem der beiden Staaten die Staatsangehörigkeit erhalten konnten. Dieser „Optantenvertrag" war in Dänemark durchweg günstig beurteilt worden. Das dänische Regierungsblatt bezeichnete ihn als das bedeutungsvollste Ereignis in der Geschichte der Beziehungen zwischen Dänemark und Deutschland seit 1864, lobte den „redlichen Willen" der deutschen Regierung und drückte die Hoffnung aus, daß dieser Vertrag eine Scheide zwischen Vergangenheit und Zukunft werden würde. Ich habe nie die Illusionen des Kaisers geteilt, der immer wieder hoffte, Dänemark für einen ganz engen Anschluß an Deutschland oder wenigstens für ein Bündnis mit Deutschland gewinnen zu können. Ich habe auch Tirpitz, der im Interesse seiner Seepolitik Dänemark möglichst an uns heranziehen wollte, nicht verhehlt, daß korrekte Beziehungen ohne Hintergedanken auf dänischer Seite das Äußerste wären, was wir erreichen könnten. Das aber wäre bei verständiger Behandlung der dänischen Nordschleswiger allerdings möglich. Ich habe die Nationali tätenverh ältnisse in Nordschleswig immer anders beurteilt als den Kampf um die Ostmark. „II faut donner ä toute chose sa jii8te valeur", war eine von mir gern zitierte Lieblingswendung des weisen Minghetti. Im Osten handelte es sich um den Schutz der Wurzeln des preußischen Staats, um die Erhaltung lebenswichtiger Bestandteile des Deutschen Reichs. Fortschritte der polnischen Propaganda bedeuteten die 304 DIE TOCHTER DER NORDMARK höchste Gefahr für unsere Sicherheit und für unsere Zukunft. Ein Paktieren mit den Polen konnten nur weltfremde deutsche Phantasten empfehlen. Dagegen waren die kaum 135000 Dänen in Nordschleswig keine ernstliche Gefahr für unseren Staat und für unser Volkstum. Mein Wunsch war, vom Landtag eine größere Summe für das allmähliche Aufkaufen der dänischen Bauerngüter in Schleswig zu erlangen und an ihrer Stelle Süd- schleswiger oder Holsteiner anzusiedeln. Die Sprachenfrage wollte ich kulant behandeln, denn wenn leider eine alte Erfahrung zeigte, daß die romanischen Sprachen, Französisch und Italienisch, der deutschen leicht Terrain abgewinnen und daß selbst die slawischen im Kampf gegen die deutsche Sprache traurige Erfolge aufzuweisen haben, so ist die deutsche Sprache in Nordschleswig seit Jahrhunderten im Fortschreiten gewesen. Gegen die Forderung eines größeren Fonds für Nordschleswig hatte leider das Staatsministerium Bedenken, und in der Sprachenfrage wollte der Kaiser unter dem Einfluß seiner Augustenburgischen, sehr antidänischen Verwandten nicht nachgeben. Die Kaiserin hatte meinem Vetter Jenisch, der sie und den Kaiser nach Kopenhagen begleitete, nicht verhehlt, daß sie mich zu „dänenfreundlich" fände. Sie schrieb ihm: „Ich bin als Kaiserin und Frau meines Mannes nach Dänemark gegangen, natürlich auch höflich und freundlich gewesen, da diese Reise es von mir verlangte. Es ist das erstemal, daß ich als Tochter der Nordmark dies tun mußte. Wo ist der Dank ? Der Nutzen ? Sie wissen, daß ich mich nicht gern politisch einmische, aber etwas Lokalpatriotismus hat man doch. Die Kämpfe Schleswig-Holsteins gegen Dänemark sind derartig mit meiner eigenen Familie verquickt gewesen, mein eigener Vater ist ein Opfer dieser Kämpfe geworden, da werden Sie verstehen, daß es auch mir ins Herz schneidet, wenn das Deutschtum in Nordschleswig durch zu larges Entgegenkommen für Dänemark froissiert wird. Die Dänen sind stets glatt gewesen, aber falsch." Wenn die gute Kaiserin in an und für sich begreiflicher Familientradition keinerlei Schonung der Dänen wünschte, so hatte bei dem Besuch in Kopenhagen der Kaiser es umgekehrt übelgenommen, daß ich ihn durch den Vertreter des Auswärtigen Amts hatte bitten lassen, in seinen dortigen Auslassungen die dänenfreundliche Note nicht zu forcieren. Herr von Jenisch schrieb mir darüber: „Ich sagte Seiner Majestät, es sei Deines Erachtens wichtig, in Kopenhagen den richtigen Ton anzuschlagen und bei der Ängstlichkeit des Königs nicht zu chaleureux zu werden. Das hättest Du mir bei Deiner Abreise noch besonders ans Herz gelegt. Seine Majestät antwortete mir, das solle man nur ruhig ihm überlassen, er werde schon den richtigen Ton treflen. Dafür regiere er schon zwanzig Jahre. Nach dieser Antwort war es natürlich für mich ganz unmöglich, ohne Gefahr zu laufen, einen gewaltigen Zorn zu erregen, Deinen Entwurf zu einer Rede vorzulegen." DIE DROHENDEN HARDEN-PROZESSE 305 Am 9. November 1907 sollte das Kaiserpaar seine Reise nach England antreten. Die Alten glaubten, daß, wenn menschlichen Unternehmungen Abreise mit Gefahr und Unheil drohten, die Götter dies vorher durch Unglück ver- Hindernissen heißende Zeichen ankündigten. Dann flogen die Adler links statt rechts, nach England oder die heiligen Hübner weigerten sich, das ihnen vorgeschüttete Futter zu fressen. Der Kaiserreise nach England ging ein im Geiste der antiken Denkweise bedeutungsvolles Vorspiel voraus. Alle Vorbereitungen waren getroffen, als der Kaiser mich plötzbch ans Telephon rief, um mir mitzuteüen, daß er einen Unfall gehabt hätte. Er habe sich schwindlig gefühlt und auf ein Sofa ausgestreckt. Plötzbch wäre er, offenbar von einer kurzen Ohnmacht befallen, vom Sofa heruntergefallen. „Mein Kopf schlug so hart auf den Boden auf, daß meine Frau, von dem Lärm erschreckt, voll Angst hereinstürzte." Der Kaiser fügte hinzu, daß er bei so angegriffenem Gesundheitszustand unmöglich die ermüdende Reise nach England unternehmen könne und dies seinem Onkel, dem König, telegraphiert habe. Bald nachher erschien der Oberhofmarschall Graf August Eulenburg bei mir, um mir im Auftrag der Kaiserin zu sagen, daß der „Unfall" nicht schlimm gewesen wäre. Die Ohnmacht und das Aufschlagen des Kopfes auf den Boden hätten nur in der Phantasie Seiner Majestät existiert. Mit der Bitte um strengste Diskretion erklärte mir Graf August Eulenburg den ganzen Vorgang damit, daß es dem Kaiser im Hinblick auf die Kampagne der Hardenschen „Zukunft" gegen den Fürsten Eulenburg, den Grafen Kuno Moltke und andere Freunde Seiner Majestät und die drohenden Skandalprozesse peinlich sei, sich jetzt in England zu zeigen. Einige Stunden später kam, sehr bestürzt, der engbsche Botschafter zu mir. Er habe von seinem Souverän ein dringendes Telegramm erhalten, durch das ihm König Eduard mitteile, er habe vom Kaiser die Nachricht bekommen, daß dieser seine Reise nach England aufgebe. Ein so plötzlicher, ganz uner- klärbcher Entschluß würde politisch von bedenkbchen Folgen sein und jedenfalls die in der letzten Zeit in erfreulicher Weise gebesserten deutsch- enghschen Beziehungen nicht günstig beeinflussen. Der König bat um sofortige Aufklärung über den rätselhaften Entschluß des Kaisers. Ich versprach dem Botschafter, daß ich Rücksprache mit Seiner Majestät nehmen würde. Er meinte, daß sich dies in der Tat empfehlen würde. „Das schlimmste ist nämlich", fuhr er fort, „daß ich vor einer Stunde im Tiergarten dem angebbch schwer erkrankten Kaiser begegnet bin, der sehr vergnügt, umgeben von einem Schwärm Adjutanten, die große Querallee herunterritt." Ich schrieb nun Seiner Majestät einen ernst gehaltenen Brief, in dem ich meinerseits um Aufklärung bat, nicht nur, um den englischen Botschafter beruhigen zu können, sondern auch für meine eigene Beruhigung im Hinblick auf die deutsch-englischen Beziehungen. Der 20 Bülow II 306 EINE STEH AUF-NATUR Kaiser ließ mich nach einigen Stunden bitten, den Abend mit ihm im Theater zu verbringen oder wenigstens, wenn meine Geschäfte dies nicht zuließen, ihm dort während der großen Pause in dem kleinen Salon vor der kaiserlichen Loge meinen Vortrag zu halten. Ich fand den Kaiser sehr munter, ganz unbefangen. Er war wirklich eine Stehauf-Natur. Er meinte, die Indisposition wäre überwunden. Er habe einen ihn erfrischenden Spazierritt gemacht und gut gegessen. Er fühle sich wieder ganz unternehmungslustig, sehr „kregel", und sei bereit, überall hinzureisen, wohin ich ihn im Interesse unserer Politik schicken wolle. Ich konnte meinen alten Freund Lascelles noch an demselben Abend davon in Kenntnis setzen, daß Seine Majestät der Kaiser sich wieder wohl und in der Lage fühle, die Reise nach England zu unternehmen. Am 10. November traf das Kaiserpaar in London ein. Am 12. November war das große Festmahl in Windsor. König Eduard konnte sich nicht versagen, in seine Rede den etwas maliziösen Passus einzufügen, er hätte seit langer Zeit gehofft, diesen Besuch zu empfangen, aber im letzten Augen- bbck gefürchtet, daß die Reise infolge einer Unpäßlichkeit des Deutschen Kaisers nicht stattfinden könnte. „Glücklicherweise sehen Eure Majestäten jetzt beide so voller Gesundheit aus, daß ich nur hoffen kann, Eurer Majestäten Aufenthalt in England werde Euren Majestäten recht wohltun." Der König hatte mit dem Kaiser, obwohl dieser inzwischen schon achtundvierzig Jahre alt geworden war, gelegentlich immer noch den schalkhaften Ton eines würdigen und erfahrenen Onkels mit einem noch jugendlichen, unreifen und etwas unberechenbaren Neffen. Dann aber fuhr der König fort, daß er niemals, so lange er lebe, die Güte und Sympathie vergessen werde, die ihm der Kaiser in der Zeit erwiesen hätte, als die große, verehrte Königin Victoria aus dem Leben schied. Der Kaiser möge versichert sein, daß seine Besuche in England stets eine aufrichtige Freude wären sowohl für das englische Königspaar als für das ganze englische Volk. „Ich hege", schloß der König, „nicht nur innige Hoffnungen für das Gedeihen und das Glück des großen Reichs, über das Eure Majestät herrschen, sondern auch für die Erhaltung des Friedens." Am nächsten Tage wurden in der Guildhall sehr freundschaftliche Trinksprüche zwischen dem Lordmayor und dem Kaiser gewechselt. Der Kaiser nahm die Würde eines Ehrendoktors des Zivilrechts der Universität Oxford aus den Händen von Lord Curzon, einem der hervorragendsten und einflußreichsten englischen Staatsmänner, entgegen. Alle englischen Zeitungen widmeten ihm freundliche Artikel und betonten, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und England sich bedeutend verbessert hätten. Es Hege kein Grund zur Spannung vor. Einige Tage später hielt der Minister des Äußern, Sir Edward Grey, in Berwick eine öffentliche Rede über die auswärtige Politik, in der DER BESUCH IN HIGHCLIFFE 307 er hervorhob, daß das englisch-japanische Bündnis gegen kein anderes Land gerichtet wäre. England sei bereit, ähnliche Abmachungen mit anderen Ländern über Angelegenheiten abzuschließen, die sie und England direkt angingen. Die Abmachungen mit Rußland bezweckten die Sicherung der indischen Grenze, die Sicherung des Friedens zwischen England und Rußland, und würden dazu beitragen, den Frieden der ganzen Welt zu sichern. Auch die orientalische Frage, insbesondere die Wirren in Mazedonien würden das Konzert der europäischen Mächte nicht stören. Was die deutschen Flottenbauten angehe, so wolle er diese in keiner Weise kritisieren. Wenn andere Nationen ihre Flotte vergrößerten, so müsse England die seinige auch vergrößern. Doch brauche sich England nicht in besondere Unkosten zu stürzen, noch sich über Flottenausgaben irgendeines anderen Landes zu beunruhigen. Einige Tage vorher hatten 136 liberale Unterhausmitglieder dem Premierminister Campell-Bannerman eine Denkschrift überreicht, worin sie die Herabsetzung der Ausgaben für Heer und Marine vorschlugen. Wenn die Kaiserreise nach England den besten Verlauf genommen und zweifellos Gelegenheit geboten hatte, die friedlichen Wünsche der großen Der IIa, Mehrheit des englischen wie des deutschen Volks zum Ausdruck zu bringen, Mohke- so war ich weniger erfreut über das, was ich über Stimmung und Reden des J roz ^ Kaisers während seines Besuchs in Highcliffe hörte, der schön gelegenen Besitzung des englischen Obersten Stewart Wortley auf der anmutigen Insel Wight, dem Garten Englands. Während der Kaiser dort weilte, wurden im Reichstag von dem Führer des Zentrums, dem Abgeordneten Spahn, die Enthüllungen zur Sprache gebracht, die der Prozeß Moltke-Harden über Unsittlichkeiten zutage gefördert hätte, die an das heidnische Rom erinnerten. Er rügte, daß zwei besonders schuldige Offiziere, GrafLynar und Graf Hohenau, mit Pension entlassen worden wären, sprach aber ausdrücklich dem Kaiser und dem Kronprinzen für ihr rasches Einschreiten seinen Dank aus. Ich erwiderte*, daß die im Prozeß Harden-Moltke zur Sprache gebrachten sittlichen Verfehlungen auch mich mit Ekel und Scham erfüllten, aber ich müsse mich gegen die Auffassung wenden, als ob das deutsche Volk und das deutsche Heer in ihrem innersten Kern nicht voll- ' kommen gesund wären. So wie es niemanden gäbe, der an dem sittlichen Ernst unseres Kaiserpaares zweifle, das in seinem Familienleben dem Lande ein schönes Vorbild gebe, so sei auch das deutsche Volk kein Sodom, und in der deutschen Armee herrschten nicht Zustände wie im sinkenden römischen Kaiserreich. Die Volksvertretung könne sich darauf verlassen, daß gerade unser Kaiser mit scharfem Besen alles ausfegen werde, was nicht zur Reinheit seines Wesens und seines Hauses passe. Was die Klagen über * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 250ff.; Kleine Ausgabe IV, 30ff. 20* 308 DIE KAMARILLA Kamarilla angehe, so wäre doch die erste Voraussetzung für das Gedeihen solcher Giftpflanzen die Abgeschlossenheit und Unselbständigkeit des Monarchen. Nun habe man ja dem Kaiser manchen Vorwurf gemacht, wie man jedem Menschen diesen oder jenen Vorwurf mache. Aber daß er sich abschließe im Verkehr und keinen eigenen Willen hätte, fügte ich unter großer Heiterkeit des Hauses hinzu, das sei ihm meines Wissens noch niemals vorgeworfen worden. Man möge also endlich aufhören mit dem Gerede und Geraune und Geflüstere über Kamarilla. Dem Abgeordneten Bebel, der gemeint hatte, nur in Monarchien gebe es Kamarilla und ähnliche betrübende Erscheinungen, entgegnete ich, daß es nicht nur eine höfische Kamarilla gebe, sondern auch eine rote Kamarilla, nicht nur vor fürstlicher Eitelkeit würde Weihrauch angezündet, sondern auch vor König Demos. ,,In der Kunst des Bauchrutschens und des Schweifwedeins sind die Höflinge des Königs Demos den Höflingen des Fürsten über, das können Sie mir glauben, der ich beide Spielarten kenne." Ich schloß mit den Worten: „Wir leben in einer Zeit, wo der Minister sich gar nicht so zu fürchten braucht vor der Tyrannei von oben. Was hat denn heute ein Minister von oben zu riskieren ? Höchstens seine Entlassung! Glauben Sie denn, daß es ein solches Vergnügen ist, Minister zu sein ? Wohl aber soll in unseren Tagen ein Minister sich nicht fürchten vor der Tyrannei von unten, die die drückendste und schlimmste aller Tyranneien ist." Diese meine Rede war im Auszug wie gewöhnlich ins Ausland, also auch nach England, telegraphiert worden. Als der Kaiser bei seinem Abendessen in Highcliffe, im Kreise seiner deutschen Umgebung das betreffende Telegramm des Reuterbüros las, geriet er in heftige Erregung. Es sei unerhört von mir, daß ich den Moltke-Prozeß berührt hätte. Ich hätte dem Reichstag verbieten sollen, diese Materie zur Sprache zu bringen. Von Kamarilla, höfischen Intrigen, überhaupt vom Hofe dürfe im Reichstag nicht gesprochen werden. Der Kaiser setzte ein in diesem Sinn gehaltenes, scharfes Telegramm an mich auf, das er seinen Tischgenossen vorlas. Sie schwiegen alle. Nur der Botschafter Metternich machte Seine Majestät darauf auf- ' merksam, daß, wenn ich das vom Kaiser entworfene unhöfliche Telegramm erhielte, ich zweifellos meinen Abschied einreichen würde. Der Botschafter fügte hinzu, daß, hiervon abgesehen, Seiner Majestät sicherlich damit besser gedient werde, wenn sein erster Minister die Verteidigung im Reichstag übernehme, als wenn er gegenüber Vorgängen, über die allenthalben gesprochen würde, sich in verlegenes Schweigen hülle. Der Kaiser protestierte heftig und entwickelte sein Lieblingsthema, daß ein Minister überhaupt nicht das Recht hätte, seinen Abschied zu verlangen; er habe zu warten, bis er den Abschied bekomme. Aber während er so sprach, zerknüllte er allmählich den von ihm schon auf ein Telegrammformular nieder- EULENBURGS ZUSAMMENBRUCH 309 geschriebenen zornigen Erguß, und als dies Schriftstück zu einer kleinen Kugel geworden war, schleuderte er sie in die Ecke mit den Worten: „Na, meinetwegen!" Der arme Herr hat lange die Fähigkeit bewiesen, sich auch nach starken Entgleisungen wieder zu fangen. Schlimmer als diese Vorgänge intra muros, d. h. im Kreise seiner deutschen Umgebung, waren die Gespräche, die Wilhelm II. in Highcliffe mit zahlreichen dort eingeladenen oder ihn besuchenden Engländern führte, Gespräche, von denen ich nichts wußte und die erst später in dem bekannten Artikel des „Daily Telegraph" das Tageslicht erblicken sollten. Bevor ich mich den großen politischen Vorgängen des Jahres 1908 zuwende, muß ich die Tragödie des Fürsten Philipp Eulenburg mit ihren Der Begleiterscheinungen zu Ende führen, nicht allein weil sie während Eulenburg Monaten den Gesprächsstoff in allen Berliner Kreisen bildete, sondern Skandal auch weil sie Wilhelm II. in hohem Grade erregte und affizierte und dadurch politische Folgen nach sich zog. Diese sehr unerquicklichen Vorgänge erinnerten, toute proportion gardee, an die mysteriösen, unheimlichen Ausschreitungen und Laster, die zweihundert Jahre früher unter Ludwig XIV. zur Errichtung der Chambre ardente führten. Auf den armen Fürsten Eulenburg stürmte allmählich viel ein. Während eines Aufenthalts, den er mit seiner Familie in Territet am Genfer See genommen hatte, war seine dritte Tochter, die Komteß Augusta, ein liebenswürdiges Mädchen, mit dem Privatsekretär des Vaters, Herrn Jaroljmek durchgegangen. Die Eltern hatten zunächst an einen Selbstmord ihrer Tochter geglaubt angesichts der Weigerung des Vaters, seinen Konsens zu der von der jungen Komteß gewünschten, in der Tat etwas exzentrischen Verbindung zu geben. Die ganze Nacht suchte man in der Nähe von Territet den See mit Stangen ab, aber ohne die Vermißte zu finden. Das war auch ganz begreiflich, denn sie hatte sich inzwischen mit dem Geliebten trauen lassen. Eulenburg schickte mir die Abschrift des geradezu verzweifelten Briefes, den er an den Kaiser geschrieben hatte und der mit den Worten begann: „Eure Majestät sehen heute einen Menschen vor sich, dem grenzenloses Leid angetan ist, dem er ohnmächtig gegenübersteht, — das Schwerste, das einem liebenden Vater, einem Familienhaupt angetan werden kann." Nun war dieser Vorfall gewiß schmerzlich und peinlich. Als ich den intimen Freund von Eulenburg, den württembergischen Gesandten Axel Varnbüler, frag, was für eine Art Mensch dieser Jaroljmek wäre, erwiderte er: „Jaroljmek war der vertraute Sekretär und besondere Liebling unseres guten Philipp. Er ist ein Südslawe, sehr schön, sehr romantisch. Er hat ganz große Augen, ganz schwarzes Haar und trug, als ich ihn zuletzt sah, einen Strohhut, der mit roten Vogelbeeren umrankt war." Wenn Eulenburg wahrscheinlich recht hatte, an den Kaiser zu schreiben, Jaroljmek sei ein junger Fant, der zu nichts zu 310 KEIN EINGRIFF IN DEN PROZESS brauchen wäre, so fand ich es doch übertrieben, wenn er hinzufügte, er habe seine Tocbter für immer verstoßen, ihr Name dürfe in seinem Hause nicht mehr genannt werden, sein schönes Familienleben wäre unwiderruflich zerstört, besser, der Tod hätte ibm diese unwürdige Tochter entrissen, niemand werde ihn und die Seinigen mehr achten können, seine Qual sei „unsäglich". Sein Brief an den Kaiser schloß: „Wenn ich ruhiger bin, kann ich Eurer Majestät mündlich gelegentlich Näheres mitteilen, heute muß ich Unglücklicher schließen." Mir schrieb Eulenburg in einem kurzen Begleitschreiben: „Ich leide so furchtbar, daß mir jedes Wort eine Qual ist. Mein Leben hatte viel Sonnenschein, jetzt kommen die tiefen Schatten. Es ist Zeit, heimzukehren ■— Gott wolle mir in Gnaden bald das Ende geben." Ich schrieb Eulenburg einen freundschaftlichen, herzlichen Brief, um ihn zu beruhigen und wieder aufzurichten. Ich schrieb, es wäre doch nicht das erstemal, daß ein junges Mädchen über alle Hürden springe, um dem Mann ihrer Liebe zu folgen. Kein zurechnungsfähiger Mensch würde deswegen auf ihn und seine Familie einen Stein werfen. Ich glaubte nach wie vor an die sittbche Reinheit von Eulenburg, aber die Ängstbchkeit, mit der er den Prozeß Moltke-Harden verfolgte, der zur Freisprechung des Schriftstellers Maximiban Harden führte, begann auch mich zu beunruhigen, obwohl ich seit langem wußte, wie neurasthenisch Eulenburg war. Er hörte nicht auf, mich brief bch zu bitten, ich möge darauf hinwirken, daß in dem in Rede stehenden Prozeß sein, Eulenburgs, Name nicht genannt und er in keiner Weise in diesen Prozeß hineingezogen werde. „Dieser Prozeß", schrieb er mir, „ist für mich, wenn ich auch tatsächlich nichts zu fürchten habe, doch ein Schrecken, weil ich so krank bin, weil meine Nerven so zerrüttet durch die namenlos schwere Zeit sind, die ich körperlich und seelisch durchzukämpfen hatte, daß mich der Gedanke, wiederum durch alle Gossen geschleift zu werden, geradezu mit Entsetzen erfüllt und ich das Gefühl habe, solchen Qualen nicht gewachsen zu sein. Abgesehen davon, halte ich eine neue Auflage der Hardenschen Skandale für eine Gefahr. Nachdem ,man' durch die Eile, mit der allerhand Entlassungen stattfanden, eine tiefe Verbeugung vor diesem Judenbengel gemacht hat, würde jeder neue Skandal, der natürbch europäische Formen annimmt, geradezu staatsgefährhch sein. Wie man aber den Prozeß und weiteren Skandal verhindern könnte, das weiß ich wahrhaftig nicht. Trotz allen Grübelns fällt mir nichts ein als höchstens die Instruktion an den Vorsitzenden, jedes Wort abzuschneiden, das nicht streng auf die "Beleidigung Kunos Bezug hat." Ich mußte ihm natürbch antworten, daß ich als höchster Reichsbeamter in den Gang der unabhängigen Justiz nicht eingreifen könne. Anfang Januar 1907 hatte ich Eulenburg, der, noch ganz erfüllt von der Flucht seiner Tochter, mich besuchte, geraten, diesen an und für sich ja WILHELM II. GEGEN PHILI 311 betrübenden Vorfall zu benutzen, um für einige Zeit ins Ausland zu geben, was alle Welt natürHcb finden würde. Er möge den Winter mit den Seinigen in der Schweiz oder in Itaben verleben, sich dem Berliner Geklatsche und Gerede entziehen, gleichzeitig die widrigen Eindrücke der letzten Zeit vergessen und seine angegriffenen Nerven wiederherstellen. Nach dem, was mir Rathenau und Berger gesagt hatten, hoffte ich, daß, wenn Eulenburg Berlin verließe und sich namentlich dem Kaiser fernhielte, sowohl seine Gegner am Hofe wie Harden ihn in Ruhe lassen würden. Aber der Arme glich der Mücke, die immer wieder in das Licht fliegt. Er konnte nicht ohne den Kaiser, die kaiserliche Nähe und die kaiserliche Gunst leben. Er hatte mir geschrieben: „Ich möchte im Verkehr mit den Meinen und den mir gebhebenen Freunden in tiefe Vergessenheit sinken. Ich bin tatsächlich zu krank für alles andere. Ich habe genug an den Qualen dieser Erde und will Gott auf Knien danken, wenn er mich in Ruhe sterben läßt." Nichtsdestoweniger und trotz meiner ausdrücklichen Warnung erschien er im Januar 1907 in Berlin, um sich mit dem Schwarzen Adlerorden investieren zu lassen. Die Verleihung des höchsten preußischen Ordens an Eulenburg hatte schon seinerzeit in weiten Kreisen Ärgernis gegeben. Seine Anwesenheit bei der Investitur, die ihm vom Kaiser mit besonderer Herzlichkeit erteilte Akkolade erregte seine Gegner am Hofe, namentüch die Kabinetts-Chefs, und erbitterte den Kronprinzen.Das Kesseltreiben gegen ihn begann wieder von allen Seiten. Im Mai 1907 wandte sich der Kaiser ebenso plötzlich und ebenso stürmisch gegen Eulenburg, wie er ihn jahrelang an sich gezogen hatte. Nachdem er schon einige Tage vorher meinem Bruder Karl Ulrich, der damals die 2. Gardeulanen kommandierte, bei einer Besichtigung gesagt hatte, er fände mich Eulenburg gegenüber zu gutmütig, nicht energisch genug, ich müsse mich endhch aufraffen, traf am 31. Mai 1907 ein kaiserhches Schreiben bei mir ein, in dem es hieß: Seine Majestät habe erfahren, daß Eulenburg bereits seit Monaten in der „Zukunft" angegriffen werde, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Dagegen habe Eulenburg sich unter der Hand mit Harden in Verbindung gesetzt und ihn gebeten, von ferneren Angriffen abzustehen. Im Widerspruch mit diesem tatsächlichen Sachverhalt habe Eulenburg Seiner Majestät in mehreren Briefen versichert, daß er von den Artikeln der „Zukunft" gar keine Kenntnis hätte, die „Zukunft" nicht lese und überhaupt nicht wisse, was in ihr stünde. Seine Majestät müsse daraus schließen, daß Harden Briefe von Eulenburg an Moltke besäße, die in jeder Richtung kompromittierend wären. Seine Majestät habe ferner gehört, daß Eulenburg während eines Kaiserbesuchs in seinem Schlosse Liebenberg anrüchige Persönlichkeiten eingeladen hätte, unter ihnen einen französischen Diplomaten, der sich des schlechtesten Rufes erfreue und deshalb von dem könig- 312 DER FREUND LECOMTE liehen Gesandten in München niemals eingeladen worden wäre. Er, der Kaiser, sei empört, daß Eulenburg Allerhöchst ihn dadurch in eine für einen Monarchen unerhörte Situation gebracht hätte. Der in Rede stehende französische Diplomat war ein gewisser Lecomte, der allerdings eine üble Persönlichkeit war und von dem mir der bayrische Ministerpräsident Pode- wils gesagt hatte, er hätte als Mitglied der französischen Mission in München allgemein im Rufe perverser Neigungen gestanden und wäre deshalb sogar polizeilich überwacht worden. Ich hatte wiederholt und ernstlich Eulenburg vor ihm warnen lassen. Er hatte trotzdem die allerdings grobe Taktlosigkeit begangen, seinen Freund Lecomte gleichzeitig mit Seiner Majestät einzuladen. Die Order Seiner Majestät an mich schloß: „Ich erwarte hiernach, daß Eulenburg sofort seine Pensionierung nachsucht. Sofern die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen wegen perverser Neigungen unwahr sind und sein Gewissen Mir gegenüber vollständig frei und klar ist, sehe Ich einer unzweideutigen Erklärung von ihm hierüber entgegen, worauf er gegen Harden vorzugehen hat. Andererseits erwarte ich, daß er unter Rückgabe des Schwarzen Adlerordens und Vermeidung jeden Aufsehens alsbald das Land verläßt und sich ins Ausland begibt." Den Anstoß zu diesem Vorgehen des Kaisers hatte, wie ich aus der Umgebung Seiner Majestät erfuhr, Fürst Max Fürstenberg gegeben, der an die Stelle von Eulenburg als Favorit Seiner Majestät getreten war und seinen Vorgänger haßte. Ich ließ Eulenburg die Allerhöchste Willensäußerung durch seinen Freund Varnbüler in möglichst schonender Weise übermitteln. Nach Empfang der betreffenden Order schrieb mir Eulenburg: „Dieser Abschluß ist eine abscheubche Roheit. Äußeren Glanz zu verlieren, gibt mir ein schönes Gefühl der Freiheit. Den langjährigen kaiserbchen Freund zu verlieren, von dessen Treue ich sprechen konnte, war nicht die grausame Enttäuschung, die Du vielleicht in mir vermutet hast, denn ich kenne den Seefahrer zu genau, der das Ölzeug stets anzieht, noch lange bevor es nötig ist. Die Enttäuschung lag nur in der häßbehen Form, mich abzuschlachten. Und doch bin ich objektiv genug, zu verstehen, daß ein Monarch bei der widerbchen Wendung, die meine Sache dank der Kompagnie Holstein- Harden nahm, so schnell als möglich einen unbequemen Freund lossein will. Für mich liegt darin nur die Gefahr, daß ich für den Kaiser jetzt auch so schuldvoll, so schlecht als irgend mögbeh sein muß. In dieser Hinsicht flehe ich um Deinen Freundschaftsschutz, an den ich fest glaube. Nicht flehe ich für mich. 0 nein! Meine Frau, meine Kinder, die Du kennst seit frühen Jahren, die Dir beb waren. Nur um ihretwegen stehe treu neben mir! Bei der Untersuchung habe ich keine Zeugen zu fürchten. Ich fühle mich vollkommen unschuldig und kann abwarten, aber falsche Zeugen DIE KRONE EX NEXU 313 fürchte ich, weil es Holstein nicht auf 10000 Mark ankäme, wenn er dafür einen einwandfreien Zeugen bekäme. Zu welcher Macht Harden resp. Holstein durch die erfolgten Verabschiedungen (Kuno Moltke, beide Hohenau) stiegen, ist ganz unerhört. Und dennoch finde ich es absolut richtig, daß Du diese fabelhaften Fehler geschehen ließest, ohne eine Krise zu machen. Du hättest nur die Stellung der Generäle bis ins Unendliche gesteigert, und wir hätten leicht, nachdem ihr Einfluß so gewachsen ist, wie die letzten Vorgänge zeigen, einen Reichskanzler Hülsen haben können. Deine Leitung durch die Stromschnellen ist die einzig mögliche und eine patriotische Tat, wenn Du sie vollbringst. Du siehst hieraus, gebebter Bernhard, wie ich die Lage auffasse und wie es mir darum ganz fern lag, Deine Mitarbeit an meinem letzten Akt als Kränkung zu empfinden. Ich danke Dir auch von Herzen für die Art, wie du den treuen Axel benütztest. Was Du in alter Freundschaft in der gefährhchsten Lage für mich getan und tust, weiß ich durch Axel Varnbüler und meinen Vetter August Eulenburg und werde es Dir niemals vergessen." Dem Kaiser schrieb ich, einige Tage nachdem ich seine Order erhalten hatte, Phüipp Eulenburg sei schwerkrank. Er habe mir telegraphiert, daß er völlig aus dem Dienst scheiden wolle, aus dem er bis dahin mit Wartegeld beurlaubt gewesen war. Ich fügte hinzu: In diesen peinlichen Angelegenheiten müßten wir darauf halten, daß einerseits die Krone ex nexu gehalten und aus der Sache ganz herausgebracht würde, daß aber auch andererseits, soweit dies unsere Gesetzgebung zuließe, nicht zur Freude des Auslands zu viel Skandal öffentlich breitgetreten würde. Über jedes Lob erhaben war die unerschütterliche Treue und unbegrenzte Liebe, mit der während dieser furchtbaren Prüfung die Fürstin Augusta Eulenburg zu ihrem Manne hielt. Sie hat nie an ihm gezweifelt, ihn immer und gegen jeden verteidigt, ihn bis zu seinem Tode mit Liebe und Zärtbchkeit umgeben. Nicht mit Unrecht hatte Eulenburg sie in den Gedichten seiner Jugend mit den stdlen Seen ihrer schwedischen Heimat vergbchen. Alles in ihr war klar und rein. Das Unechte und Unrechte lag ihr nicht nur fern, sondern war ihr unverständlich. Als Phibpp Eulenburg im Herbst 1921 starb, schrieb sie an meine Frau, die ihr kondobert hatte, sie habe nur noch den einen Wunsch, bald mit ihrem geliebten „Märtyrer" vereinigt zu sein, dort, wo Gottes „flammende Gerechtigkeit" alles erhellen werde, was jetzt dunkel sei. Mein Bruder Alfred, der Phibpp Eulenburg von Jugend auf nahestand, mit ihm in Straßburg studiert und die Referendarszeit gemeinsam mit ihm in Neu- Ruppin verlebt hatte, schrieb mir im Winter 1907/1908: „Alles kommt darauf an, daß Philipp Eulenburg, wenn er auch in noch so jammervollem körperhchem und seelischem Zustande ist, seinen Prozeß, der ja, wie ich in den Zeitungen lese, angestrengt ist, klar und unzweideutig durchficht und 311 DER „SCHRIFTSTELLER" BRAND unzweideutige Erklärungen abgibt. Ich hoffe, daß er sich seine Situation klarmacht und sich nicht verhängnisvollen Illusionen hingibt." Das traf den Nagel auf den Kopf. Statt dessen suchte Eulenburg seine Rettung in allerlei phantastischen Ausflüchten, mit besonderer Vorhebe in der Behauptung, alle Angriffe gegen ihn wären auf die Jesuiten zurückzuführen, die ihm seine in München betätigte antikatholische Weltanschauung nicht verzeihen könnten. Übrigens haben auch die Frauen der anderen Verirrten, die ähnlich wie Eulenburg damals scheiterten, die beiden Gräfinnen Hohenau und die Gräfin Johannes Lynar, ihre Männer nicht im Stich gelassen. Die letztgenannte, eine geborene Prinzessin Solms, Schwester der Großherzogin von Hessen-Darmstadt, begleitete ihren Gatten, der, weil er sich an Untergebenen vergangen hatte, zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden war, nach Leipzig, wo er seine Strafe verbüßte, um ihm näher zu sein. Solche Treue war der einzige Lichtblick in diesen an und für sich so traurigen und widerwärtigen Vorgängen. „Das Ewig- Weibliche zieht uns hinan." Die Söhne des Fürsten Eulenburg folgten dem Vorbild der Mutter. Der älteste stand treu zu seinen Eltern, ich habe über ihn nur Gutes gehört. Der zweite, Graf Sigwart Eulenburg, musikalisch sehr begabt, verheiratet mit der trefflichen Kammersängerin Helene Staege- mann, starb im Weltkrieg auf dem östlichen Kriegsschauplatz den Heldentod. Der jüngste Sohn des Grafen Fritz Hohenau fiel als Flieger im letzten Jahre des Weltkriegs im Luftkampf bei Peronne, der zweite Sohn des Grafen Johannes Lynar als Gardeulan in Galizien. Beide haben die Verfehlungen ihrer Väter ritterlich gesühnt. Als ich in meiner Reichstagsrede vom 28. November 1907 die Behaup- Prozeß tung des Abgeordneten Spahn zurückwies, daß ich den Kaiser früher über gegen Brand fö e Verfehlungen einiger seiner Freunde hätte informieren müssen, hatte ich gesagt, daß etwas Tatsächliches oder auch nur Greifbares erst im Frühjahr 1907 zu meiner Kenntnis gekommen wäre. Ein verantwortlicher Minister könne so schwerwiegende Anschuldigungen nur erheben, wenn er in der Lage sei, Beweise vorzubringen. Ich fügte hinzu: „Was wird in unserer Zeit nicht alles geklatscht und gelogen. Bin ich nicht selbst der Gegenstand unwürdiger Verdächtigungen, sinnloser Verleumdungen gewesen?" Das bezog sich auf den Prozeß, den ich gegen den „Schriftsteller" Adolf Brand angestrengt hatte. Während ich in Flottbek weilte, war mir gemeldet worden, daß der Genannte, der eine „Gesellschaft der Eigenen" ins Leben gerufen hatte, welche die „Berechtigung" der Männerhebe verteidigte, mir sittliche Verfehlungen vorgeworfen habe. Ob es mir peinlich wäre, einen Prozeß gegen ihn zu führen ? Ich erwiderte, daß die Klage sofort erhoben werden solle. Der Prozeß wurde in Moabit verhandelt. Zu der Verhandlung hatte sich Philipp Eulenburg eingefunden, offenbar in der Hoff- EULENBURGS MEINEID 315 nung, im Laufe des Prozesses eine ihm selbst nützliche Erklärung abgeben zu können. Der Angeklagte, ein verkommenes Subjekt, saß neben der Bank, wo ich als Kläger Platz zu nehmen hatte. Bei meiner Vernehmung erklärte ich, daß die in Rede stehenden Verirrungen mir seit jeher nicht nur in hohem Grade ekelhaft, sondern vollkommen unbegreiflich erschienen und gewesen wären. Ich fügte hinzu: „Diese meine eidliche Erklärung bezieht sich nicht nur auf Zuwiderhandlungen gegen den § 175 des Strafgesetzbuches, sondern auf alle und jede widernatürliche, anormale, perverse Neigungen, Anlagen und Empfindungen in jeder Form und in jedem Grade." Es ging eine starke Bewegung durch den gefüllten Saal, als ich diese Erklärung abgab. Am Schluß meiner Vernehmung wies ich darauf hin, daß dies der erste Prozeß sei, den ich in meinem Leben führe. Ich hätte ihn angestrengt im Interesse der öffentlichen Reinlichkeit. Gegenüber derartig niedrigen und sinnlosen Verleumdungen appellierte ich an den Schutz der Gerichte und an die Strenge der Gesetze. Brand wurde zum höchsten zulässigen Strafmaß, 1/4 Jahren Gefängnis, verurteilt. Bevor seine Verurteilung erfolgte, hatte er einen förmlichen Widerruf geleistet und seine Verleumdungen zurückgenommen mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß er sich getäuscht habe. Mit geradezu pathologischer Feierlichkeit fügte er hinzu, der einzige Lichtblick an diesem für ihn trüben Tage sei gewesen, daß er den „edlen" Fürsten Philipp Eulenburg erblickt habe. Als meine Vernehmung beendigt war und ich entlassen wurde, erhoben sich die Richter von ihren Sitzen und verneigten sich vor mir, mit den Richtern alle im Saale Anwesenden. Der unglückliche Fürst Eulenburg kam erst nach einiger Zeit dazu, jenen Eid zu leisten, durch den er, allerdings von Harden und von den Advokaten der Gegenpartei scharf bedrängt, eidlich bestritt, jemals widernatürliche Handlungen begangen zu haben. Als in dem bekannten Münchener Prozeß im Frühjahr 1908 ein Starnberger Fischer zugab, mit Eulenburg solche Verfehlungen begangen zu haben, wurde gegen den Fürsten in Berlin ein Meineidsprozeß eingeleitet, der bekanntlich mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand nicht zu Ende geführt werden konnte und auch nie wieder aufgenommen worden ist, weil Eulenburg stets erklärte, er sei physisch noch nicht vernehmungsfähig. War er schuldig? Als ich einige Jahre später in Berlin einem Herrn begegnete, der zu den Geschworenen gehört hatte, vor denen das gegen Eulenburg eingeleitete Meineidsverfahren behandelt wurde, sagte mir dieser: „Wir waren alle überzeugt, daß Fürst Eulenburg schuldig wäre. Wir hätten ihn aber doch freigesprochen. Die Sache lag weit zurück, und der alte Mann tat uns so leid." XXI. KAPITEL Entrevue von Reval zwischen Eduard VII. und Nikolaus II. (Juli 1908) • Russischenglische Interessensphären in Asien • Döberitzer Rede Wilhelms II., seine Besorgnisse vor einerDeutschland drohenden Einkreisung-Begegnung Wilhelms II. und Eduards VII. in Homburg (11. VIII. 1908) • Botschafter Graf Metternich über die deutschen Flottenrüstungen • Unterredung Wilhelms II. mit dem englischen Unterstaatssekretär Sir Charles Hardinge • Brief des Kaisers an Lord Tweedmouth • Bülows Zirkularnote an die preußischen Gesandten über die Begegnung von Reval • Die türkische Revolution Zusammenkunft Tm Mittelpunkt der politischen Begebenheiten des Jahres 1908 steht für Englisch- J-die rückschauende Betrachtung die Begegnung, die am 9. und 10. Juli in russische Reval zwischen König Eduard und dem russischen Kaiserpaar stattfand. Monarchen- J cn brauche kaum zu sagen, daß ich mir über die Tragweite und, bei unvorsichtiger und ungeschickter deutscher Politik, über die möglichen schlimmen Folgen des Zusammentreffens des englischen Königs mit dem Zaren nicht im Zweifel war. Die vernichtenden und für den russischen Hochmut beschämenden Niederlagen der russischen Armee und der russischen Flotte im Krieg gegen Japan hatten die russische Politik aus dem fernen in den nahen Osten zurückgeworfen. Die Enttäuschung war zu groß gewesen, als daß irgendeine russische Regierung Lust gehabt hätte, sich wieder in Ostasien die Finger zu verbrennen. Es kam dazu, daß die russische Volksseele sich für Wladiwostok und Charbin nie erwärmt hatte. Alle Traditionen und Gefühle des russischen Volkes richteten sich seit Jahrhunderten auf Zari- grad und die Hagia Sofia. Daraus mußte ein verschärfter Gegensatz zu Österreich und, bei nicht sehr vorsichtig geleiteter deutscher Politik, zu Deutschland hervorgehen. Immerhin besaß Rußland auch nach seinen Mißerfolgen noch eine Reihe von Stützpunkten am Stillen Ozean. Es besaß in Sibirien und in Zentralasien ein ungeheures Imperium, und das nötigte wieder die russische PoUtik zur Rücksichtnahme auf England. Fast ein Jahr früher, im August 1907, war zwischen Bär und Walfisch, zwischen Rußland und England, ein Vertrag über die Teilung der Einflußsphären in Asien zustande gekommen. Nordpersien wurde den Russen, das persische Küstenland den Briten zugeteilt. Der Vertrag war im Grunde für die Russen günstiger als für die Engländer, und die Befriedigung, die nach dem Abschluß des Vertrages der zu Eitelkeit neigende Iswolski zur Schau trug, DIE EINKREISUNG DURCH REVAL 317 nicht unbegründet. Daß dies Arrangement zustande kam, bewies — und ich lenkte die Aufmerksamkeit des Kaisers gerade auf diesen Gesichtspunkt —, daß wir für England der Hauptgegenstand seiner Eifersucht und seiner Sorge geworden waren und daß es auch zu beträchtlichen Opfern bereit war, um sich gegen uns zu sichern. Alle fortschrittbchen Elemente in Rußland drängten ohnehin zu den liberalen Westmächten in der Erwartung, daß nähere Beziehungen zu ihnen den Sieg liberaler und demokratischer Ideen in Rußland erleichtern würden. Die Begegnung von Reval hatte schon einige Wochen vorher ihre Schatten vorausgeworfen. In Berlin liefen Kriegsgerüchte um. Die Zeitun- Rede gen schrieben über „Einkreisung", vielfach ohne zu bedenken, daß das Zur- Wilhelms II. schautragen übertriebener Nervosität unseren Feinden als ein Beweis von ln ■"'* crl '- Schwäche und Ängstlichkeit erschien, dagegen unsere Freunde entmutigte und somit die Kriegsgefahr steigerte. Am 29. Mai 1908 hielt Kaiser Wilhelm II. auf dem Exerzierplatz von Döberitz eine Rede, in der er, auf die Einkreisung Deutschlands hinweisend, einen kriegerisch-drohenden Ton anschlug. Bei dieser Rede waren in Hörweite der russische und der japanische Müitärattache zugegen gewesen, die selbstverständlich für das Bekanntwerden der feurigen Allokution sorgten. Es scheine, hatte der Kaiser gesagt, daß die Taktik der Einkreisung Deutschlands fortgesetzt werden solle. Es werde dadurch eine Lage geschaffen, die sehr ernst sei. Das Beispiel Friedrichs des Großen müsse uns vorleuchten, der, von Feinden umringt und eingeschlossen, einen nach dem andern geschlagen hätte. Als ich den Kaiser wiedersah, wiederholte ich ihm oft Gesagtes: Gerade weil die Lage eine gespannte und in mancher Hinsicht unsichere wäre, müßten wir nach dem Spruch handeln: Non cantu sed actu. Solche Kritik hörte der Kaiser nicht gern. Als er nun einige Wochen später bei einem Besuch in Hamburg dort mit Begeisterung akklamiert wurde, schrieb er mir, übrigens in freundlichem Der Kaiser Ton, er wäre während seiner ganzen Regierung nie in so großartiger Weise "&er empfangen worden wie jetzt in der größten deutschen Handelsstadt. Enthusiasmus und Wärme hätten jeden Begriff überstiegen. Die Zahl der zu seiner Begrüßung zusammengeströmten Menschen wäre unglaublich gewesen, ihre Haltung und Disziplin musterhaft, die Huldigung auf der Alster geradezu ergreifend. Als er dem Senat und der Seefahrtsgenossenschaft sein bewegtes Erstaunen über einen derartig überwältigenden, alles übertreffenden Empfang ausgedrückt hätte, habe er die Antwort erhalten: „Das ist der Dank für die Döberitzer Rede, sie hat wahrhaft zündend gewirkt. Ein wahres Wort zu rechter Zeit." Der Arger über Eduard VII. und sein Entente-Getriebe sei allgemein. Den Hamburgern wäre die Geduld ausgegangen. Es folgte eine lange Reihe von Nachrichten aus England, die Eduard VII. 318 EDUARD VII., DER „BÖRSENMAKLER' der Kaiser von dem eben aus London zurückgekehrten Ballin erhalten haben wollte, die aber wohl mehr den Wünschen und der lebhaften Phantasie Seiner Majestät entsprangen als dem Kopf des Leiters der Hapag. Die Politik des Königs Eduard werde in England allgemein kritisiert, seine Deutschfeindlichkeit überall scharf verurteilt. Sir Richard Henderson, der größte englische Schiffsreeder, habe in einem vornehmen Londoner Klub unter allgemeinem Beifall und Händeklatschen die Politik des Königs in Grund und Boden verdammt. Sir Ernest Cassel, der bekannte Londoner Bankier und intime Freund des Königs Eduard VIL, von Geburt Kölner, hätte im Auftrag des englischen Königs Ballin gesagt, der Deutsche Kaiser möge endlich mit dem Flottenbau aufhören. Der König glaube nicht, daß der Kaiser ihn überfallen wolle, aber wenn er sterbe, dann werde es über seinen Sohn hergehen, und dem wolle Eduard VII. vorbauen. Ballin hätte geantwortet, wenn ein so unerhörtes Postulat von England oder gar von England, Rußland und Frankreich an Deutschland gestellt würde, dann gebe es für den Kaiser nur eine Antwort: die Mobilmachung! Die Revaler Zusammenkunft, hieß es weiter in dem Brief Seiner Majestät an mich, wäre Geldgeschäfte wegen arrangiert worden. Cassel und sein Strohmann Lord Revelstoke sollten eine Anleihe für Rußland machen. Damit sie reüssiere, hätten sie König Eduard veranlaßt, nach Reval zu gehen. König Eduard habe bei dem Geschäft „kolossal" verdient. Die City säße aber jetzt bis zum Hals mit der Anleihe fest, da Japan vor dem Bankerott stehe. Cassel habe seine Schilderung mit dem Ausruf beendigt: „Warum ist aber der König auch so furchtbar dumm gewesen, diese verdammte Allianz mit den ekelhaften Japs zu machen, er wird uns noch alle ruinieren." Der König sei voll Neid und Eifersucht gegen seinen kaiserlichen Neffen. Jeden Morgen beim Frühstück suche er in den Zeitungen, was der Kaiser getan hätte, und dächte darüber nach, wie er ihn übertrumpfen könne. Sein einziger Wunsch wäre, daß nur von ihm in den Zeitungen gesprochen werde. Eduard VII. sei eigentbch nur noch „ein Makler in Börsensachen", hauptsächlich für den französischen Markt. Dieses etwas phantastische Schreiben veranlaßte mich, dem Kaiser bald Ernster Vor- nachher einen der längsten und ernstesten Vorträge zu halten, deren ich trag Eiilows m i cn erinnern kann. Ich legte Seiner Majestät eingehend dar, daß das von allen Seiten ertönende Wort „Einkreisung" mich nicht aus der Fassung bringe. Eingekreist wären wir, wie ich schon wiederholt ausgeführt hätte, seit dem Frieden von Verdun, also seit 1065 Jahren. Koalitionen wären wir infolge unserer geographischen Lage immer ausgesetzt gewesen. Aber Schwierigkeiten wären da, um überwunden zu werden, durch Ruhe, mit Mut, aber auch mit Besonnenheit. Ich betonte das letztere Wort. Ich ging nun die Reihe unserer Nachbarn durch. Ich erinnerte den Kaiser an die UNFREUNDLICHE ENTREVUE IN VENEDIG 319 Auseinandersetzung, die ich im Frühsommer 1907 über unser Verhältnis zu Frankreich mit ihm gehabt hatte, und an die ungnädigen MarginaUen Seiner Majestät zu meinem Brief vom 25. August 1907. Ich gab nochmals der Uberzeugung Ausdruck, daß, wie der Franzose nun einmal wäre, das Rezept von Cambon für uns das richtige sei, über das wir uns vor einem Jahr nach der Kieler Woche gestritten hätten: nichts zu überstürzen. Uber Italien faßte ich mich kurz. Die letzte Begegnung unseres Kaisers mit dem König Viktor Emanuel III., die am 25. März 1908 in Venedig stattgefunden hatte, war nicht gut verlaufen. Der König hatte, als er mit dem Kaiser in die Gondel eingestiegen war, das Gespräch auf den Balkan gelenkt, was bei der damaligen Gärung in Mazedonien ziemlich natürlich, jedenfalls kein Verbrechen war. Der Kaiser hatte jedoch jede Diskussion über dieses Thema schroff abgelehnt. Als der König, der ein lebhaftes Interesse für Geschichte hatte, im weiteren Verlauf der Konversation Napoleon I. als großes Genie bezeichnete, unter starker Betonung seiner italienischen Abkunft, hatte dies den Kaiser geärgert. Als schließlich der König, um seinen hohen Gast in bessere Laune zu bringen, die Rede auf die prächtige deutsche Flotte brachte, hatte der Kaiser gemeint: Während seiner langen Regierung habe er die Erfahrung machen müssen, daß seine Kollegen, die anderen Souveräne, seine Reden und Worte zu wenig beachteten. Eine möglichst starke deutsche Flotte werde in Zukunft dazu beitragen, daß man den Worten des Deutschen Kaisers mehr Gehör schenke. Ich hatte einen achttägigen Besuch, den ich bald nachher, im April 1908, in Rom abstattete, nicht ohne Erfolg dazu benutzt, um in längerer Unterredung mit dem Minister des Äußern, Herrn Tittoni, und später in Venedig mit dem Ministerpräsidenten Giolitti den ungünstigen Eindruck der Entrevue zwischen den beiden Souveränen nach Möglichkeit zu verwischen. Der Hauptzweck meines Immediatvortrags vom Juli 1908 war, den Kaiser zu einer vorsichtigeren Haltung England gegenüber zu bewegen. Verlang- Alles, was ich aus London hörte, stimmte darin überein, daß weder König samung des Eduard noch die Minister den Krieg mit uns wollten. Der König, hatte mir noch im Juli 1908 ein wohlinformierter englischer Publizist erzählt, habe, wie er bestimmt wisse, kürzlich geäußert: „I shall never allow a rupture witb Germany." Ich legte dem Kaiser dar, daß, wenn wir durch eine Verlangsamung unseres Flottenbautempos erreichen könnten, daß England uns zusage, Frankreich nicht beizustehen, wenn dieses uns angreife, wir ein gutes Geschäft machen würden. Der Kaiser widersprach meinen Ausführungen auf das allerheftigste: Er werde sich in der Flottenfrage von niemandem hereinreden lassen. Ich konnte mich gegenüber Seiner Majestät wie in meinen Konferenzen mit Tirpitz darauf berufen, daß ich zur Popularisierung des Flottengedankens im Lande wie für die Bewilligung der für den Flottenbau Flottenbaues 320 DAS SYSTEM TIRPITZ erforderlichen Mittel durch den Reichstag einiges beigetragen hätte. Schon deshalb hätte ich das Recht, zu Maß und Vorsicht zu mahnen. „Est modus in rebus, sunt certi denique fines", zitierte ich aus den Satiren des Horaz. Ich wäre nach wie vor der Überzeugung, daß wir wie das Recht so die Pflicht hätten, uns eine für unsere Verteidigung ausreichende Flotte zu bauen. Ich könne aber nicht einsehen, warum wir nicht trachten sollten, auf der Basis eines langsameren Tempos im Ausbau der Flotte mit England zu einer Verständigung zu gelangen. Es gibt kaum eine andere Frage, über die ich so häufige und bisweilen so scharfe Diskussionen mit Seiner Majestät gehabt habe. Mit Tirpitz ging ich mehr auf Einzelheiten ein. Unter voller Anerkennung seines Organisationstalents, bei aller Achtung für seine geniale Persönlichkeit und seine glühende Vaterlandsliebe frug ich, warum wir unsere Flotte immer sprungbereit England gegenüber in der Nordsee hielten, statt unsere Kriegsflagge auch einmal in anderen Meeren, im Mittelmeer oder im Stillen Ozean zu zeigen. Ich frug auch, warum wir uns ganz auf den Bau der Großkampfschiffe konzentrierten, statt mehr Gewicht auf die Küstenbefestigungen und das Torpedowesen zu legen und namentlich und vor allem auf die Entwicklung und Förderung der U-Boot-Waffe. Tirpitz antwortete mir, der Kaiser besorge, daß, wenn wir seine gebebten Großkampfschiffe aus den heimatlichen Gewässern herausschickten, die Engländer sie „kopenhagenen" würden, um eine Wendung von Lord Fisher zu gebrauchen. Die Großkampfschiffe erklärte Tirpitz für den wenn nicht allein so doch ganz überwiegend entscheidenden Faktor in einem eventuellen Krieg. Der ganze Gedankengang des Erbauers der deutschen Flotte ging offenbar dahin, daß wir, wenn es zum Kriege käme, sofort mit unserer Flotte auslaufen und die Engländer zu einer großen Schlacht auf offener See zwingen müßten. In einer solchen könnten wir vielleicht siegen. Jedenfalls hätten wir gute Chancen und würden zweifellos die englische Flotte so schwächen, daß dann der Augenblick gekommen wäre, mit Unterseebooten das nicht mehr die Meere beherrschende Albion zum Frieden zu zwingen. Ich maße mir kein Urteil über die Richtigkeit dieses Gedankengangs an. Aber ich bin der Meinung, daß Wilhelm II. nach dem Ausbruch des Weltkrieges wohl daran getan hätte, dem Erbauer und Schöpfer der Flotte, Tirpitz, auch ihre Verwendung und Leitung zu überlassen. Und ich bin weiter der Überzeugung, daß in diesem Falle wir nicht das jammervolle Ende erlebt hätten, das unserer tapferen Flotte in Scapa Flow beschieden war. Diejenigen, die Tirpitz bei Beginn des Weltkrieges die Disposition über die Flotte aus der Hand nahmen und ihn selbst kaltstellten, der Chef des Marinekabinetts Admiral Müller, der Admiral Holtzendorff, vor allem Bethmann Hollweg und Jagow, die England nicht „reizen" wollten, tragen die Schuld, wenn so langjährige Arbeiten und Mühen, so viel Geist und OHEIM UND NEFFE IN HOMBURG 321 Kraft umsonst verschwendet worden waren, so viel kostbares Blut umsonst floß. Und Wilhelm II., der solche „Diener" gewähren ließ, trägt vor Land und Geschichte leider gleiche Verantwortung. 1908 trat bei Seiner Majestät alles gegen den Wunsch zurück, in möglichst raschem Tempo weiter und immer weiter Kriegsschiffe zu bauen. Als ich ein Jahr vorher zu der Begegnung mit dem Zaren nach Swinemünde gefahren war, kam mir der den Kaiser begleitende Gesandte von Treutier entgegen, um mich zu beschwören, Seine Majestät nicht wieder vor einem überhitzten Tempo beim Bau der Großkampfschiffe zu warnen, da dies den Kaiser „tief unglücklich" machen und „ganz aus dem Häuschen" bringen würde. Diese Wölke stand seit einem Jahr zwischen Seiner Majestät und mir, als der Kaiser und sein Oheim, der König, sich in Homburg trafen. Bei Gespräch dieser kurzen Begegnung, die am 11. August 1908 stattfand und der ich Wilhelms II. wegen anderweitiger dringender Amtsgeschäfte nicht beiwohnen konnte, mtt Har(iin S e kam es zwischen dem Kaiser und dem den König begleitenden Unterstaatssekretär im englischen Auswärtigen Amt, Sir Charles Hardinge, zu einem Gespräch, in dessen Verlauf Sir Charles unter lebhafter Betonung der friedlichen Gesinnung der englischen Regierung andeutete, daß das rasche Tempo der deutschen Flottenrüstungen in England Besorgnisse hervorrufe. Über dieses Thema hatte mir unser Botschafter in London, Graf Metternich, nicht lange vorher geschrieben: „Niemand wird imstande sein, den Engländern beizubringen, daß eine deutsche Flotte von 38 Linienschiffen, 20 Panzerkreuzern und 38 kleinen geschützten Kreuzern mit den entsprechenden Torpedobooten und Unterseebooten — der Sollbestand unserer schwimmenden Streitkräfte nach Durchführung des Flottengesetzes im Jahre 1920 — für sie eine belanglose Sache ist. Was wir zur Rechtfertigung dieses Tempos an technischen Argumenten vorbringen, macht die Engländer nur noch mißtrauischer." War schon dieser Brief des Deutschen Botschafters in London, den ich beim Kaiser zum Vortrag gebracht hatte, von Seiner Majestät ungnädig aufgenommen worden, so mißfielen ihm die Äußerungen von Hardinge in noch höherem Grade. Ex post erschien ihm die ganze Unterhaltung, die er mit dem genannten englischen Diplomaten gehabt hatte, und insbesondere seine eigenen Ausführungen und sein eigenes Auftreten in phantastisch übertriebenem und vergrößertem Licht. Am folgenden Tage, dem 12. August 1908, erhielt ich von Seiner Majestät ein langes, sehr langes Telegramm, in dem er mir das in Rede stehende Gespräch in dramatischem Stil schilderte. Hardinge habe ihm von „grave apprehension" gesprochen, die alle Kreise Englands über unsern Flottenbau erfüllten. Das englische Volk sei darüber voll Aufregung und schwerer Besorgnis. Er, der Kaiser, habe erwidert: „Das ist j a absoluter Blödsinn! Wer hat 21 Bülo-wH 322 HARDINGE „DIE ZÄHNE GEZEIGT" Ihnen denn den Unsinn aufgebunden?" Als Sir Charles sich auf das authentische Material der englischen Admiralität berufen habe, hätte er dem Unterstaatssekretär entgegnet: „Ihr Material ist falsch, ich bin Admiral auch der englischen Flotte, die ich genau kenne, und verstehe das besser als Sie, der Sie ein Zivilist sind und gar nichts davon verstehen." Als er daraufhin den „JNauticus" habe herunterholen lassen, ein von dem deutschen Reichsmarineamt herausgegebenes marinetechnisches Handbuch, und Sir Charles die vom „IMauticus" veröffentlichten Tabellen mit den Schiffsbaukurven vorgehalten hätte, da habe sich „sprachloses Erstaunen" auf den Gesichtszügen des englischen Diplomaten ausgeprägt. Während dieber Szene hätte der englische Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, sich vor Lachen gar nicht zu halten gewußt. Sir Frank sei vom „JNauticus" begeistert und akzeptiere rite dessen Anschauungen. Dann sei das Gespräch mit Hardinge fortgesetzt worden. Dieser habe gefragt: „Can't you put a stop to your building? Or build less ships?" Es möchte doch ein Arrangement getroffen werden, um den Bau einzuschränken. Da habe er, der Kaiser, erwidert: „Then we shail fight, for it is a question of national honour and dignity." Dabei hätte der Kaiser dem englischen Diplomaten „fest und scharf" in die Augen gesehen, der habe einen „feuerroten" Kopf bekommen, einen Diener gemacht und um Entschuldigung gebeten für seine „versehentlichen Bemerkungen", die Seine Majestät ihm vergeben und vergessen möge. Am Abend sei Sir Charles ein ganz anderer gewesen, liebenswürdig und vergnügt, er habe sogar würzige Anekdoten erzählt. Als er ihm schließlich den Roten Adlerorden I. Klasse verheben habe, wäre Hardinge „windelweich" geworden. „Die offene Aussprache mit mir, in der ich ihm scharf die Zähne gezeigt habe, hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Mit Engländern muß man immer so verkehren." Beim Scheiden habe der Kaiser den Unterstaatssekretär an seine, des Kaisers, letzte Guildhall- Rede erinnert, an welche die englische Regierung sich zu halten habe, und hinzugefügt: „Wenn der Kaiser spricht, macht er keine Phrasen. He speaks what he means." Ich merkte diesem telegraphischen Erguß sogleich an, daß die Phantasie Wilhelms II. in maiorem gloriam suam einen Vorgang von der Art der welthistorischen Szene zu konstruieren wünschte, die sich im Juü 1870 in Ems zwischen Wilhelm I. und Benedetti abgespielt hatte. Den Unterstaatssekretär Stemrich, der in diesen Tagen Vortrag hatte, empfing der Kaiser mit den Worten: „Haben Sie mein Telegramm an den Reichskanzler gelesen? Habe ich es Sir Charles nicht ordentlich gegeben?" In Wirklichkeit war das Zwiegespräch von Homburg, wie ich später von deutschen Zuhörern erfuhr, gemütlicher verlaufen. Der Kaiser und Hardinge hatten nebeneinander auf einem Billard gesessen. Hardinge DER KAISER VON BÜLOW BITTER ENTTÄUSCHT 323 Lord Tweed- mouth hatte mit englischer Unbefangenheit, aber durchaus respektvoll und ruhig gesprochen, der Kaiser mit guter Laune und sehr höf lieh. Sir Charles Har- dinge. der spätere Vizekönig von Indien, wurde von König Eduard sehr geschätzt. Er hatte den König im August 1907 zu der Begegnung von Wilhelmshöhe begleitet, wo ich mich mit ihm über die politische Lage und insbesondere über die deutsch-englischen Beziehungen in ruhiger und befriedigender Weise aussprechen konnte. Sir Charles hatte eine große Stellung in der Londoner Gesellschaft, wozu auch seine schöne, elegante und hebenswürdige Frau beitrug. Er und ich waren gute Freunde geblieben, seitdem wir uns in Bukarest, zwanzig Jahre vor der Homburger Entrevue, kennengelernt hatten, wo Hardinge damals Sekretär der englischen Gesandtschaft war, wählend ich als Gesandter das Deutsche Reich bei König Carol vertrat. Der ganze Vorgang an und auf dem Homburger Billard, namentlich wie ihn sich Wilhelm II. hinterher konstruierte, trug aber leider dazu bei, Brief des den Kaiser gegenüber allen Versuchen, mit England zu einer Verständigung Kaisers an über die Flottenfrage zu kommen, noch eigensinniger zu machen, als dies schon früher der Fall gewesen war. Als ich nach wie vor der Begegnung von Homburg den Kaiser brieflich auf die große Vorsicht erheischende europäische Lage aufmerksam machte und insbesondere darauf hinwies, daß die deutsch-englischen Beziehungen, vor allem die Flottenfrage, behutsam behandelt werden müßten, Heß er mir durch den ihn begleitenden Vertreter des Auswärtigen Amts, den Freiherrn von Jenisch, antworten: er teile in keiner Weise meine Sorgen. Jedenfalls habe er inzwischen in seinen wenn auch kurzen Gesprächen mit Hardinge, Lascelles und König Eduard alles wieder eingerenkt. Zu meiner Orientierung begleitete Jenisch diesen kaiserlichen Auftrag mit einem streng vertraulichen Kommentar, in dem er mir nicht verhehlte, daß der Kaiser sehr verstimmt gegen mich wäre. Meine „kühle Haltung" nach dem Empfange seiner Mitteilung über seinen „Erfolg" in Homburg habe ihn bitter enttäuscht. Er hätte „Dank und Lob" erwartet. Er habe gehofft, daß ich ihn für seine Sprache gegenüber Hardinge „beloben", daß ich den guten Dienst begreifen und würdigen werde, den er mir und dem Vaterlande in Homburg erwiesen habe. Er verstehe es nun einmal besser als die anderen Deutschen, die Engländer zu nehmen und ihnen in aller Freundlichkeit Wahrheiten zu sagen, die ihnen zu denken gäben und sie überzeugten. Er habe die volle Zuversicht, daß er jetzt in Homburg im Handumdrehen nicht nur Hardinge, sondern auch seinen Oheim, den König, für sich und seinen Standpunkt gewonnen hätte. Der Moment sei auch besonders günstig gewesen. Der begeisterte Empfang, der ihm, dem Kaiser, kürzlich in Hamburg bereitet worden sei, dieser Empfang, bei dem er den Pulsschlag des deutschen Volks gefühlt 21« 324 PRESSESTURM IN ENGLAND habe, die wachsende Begeisterung für Zeppelin, alles das gebe John Bull zu denken und stimme ihn vorsichtig. Überdies versichere ihm der Generalstabschef Moltke, daß wir gut gerüstet wären. Da hätten wir keinen Anlaß, leisezutreten, und namentlich gar keine Veranlassung, das Tempo des Flottenbaues zu verlangsamen oder zu irgendwelchen Flottenarrangements mit Albion die Hand zu bieten. Ich möge ihn, den Kaiser, nur ruhig gewähren und die Dinge „nach seiner Fasson" machen lassen. Mit den Engländern sei rücksichtslose, selbst brutale Offenheit das einzig Richtige. Da wäre mit Diplomatisieren und Finassieren nichts zu machen. Auf die Engländer verstehe er sich, er sei ja selbst „ein halber Engländer". Ähnlich wie früher in Björkö trat mir auch in Homburg wieder die Tendenz Seiner Majestät entgegen, die auswärtigen Geschäfte möglichst selbständig zu führen, froh „das innerliche Licht" verfolgend, wie im zweiten Teil des Faust der Bakkalaureus. Das war aber gegenüber England noch gefährlicher als mit Frankreich, schon weil Wilhelm II. sich einbildete, gerade in der Behandlung der Engländer Meister zu sein. Aus dieser leider unbegründeten Überzeugung gingen die verhängnisvollen Gespräche hervor, die Wilhelm II. in Highcliffe Castle mit englischen „Freunden" führte. Dieser Mentalität war auch der bedauerliche Brief entsprungen, den der Kaiser im März 1908 hinter meinem Rücken an den Ersten Lord der Britischen Admiralität, Lord Tweedmouth, gerichtet hatte, um ihn von der Harmlosigkeit der deutschen Flottenbauten zu überzeugen. Nicht lange vorher hatte ich Seiner Majestät einen Brief des Botschafters Metternich an mich unterbreitet, in dem dieser, oft Gesagtes wiederholend, ausführte, daß jede Versicherung, unser Flottenbau sei harmlos, „das sofortige, allgemeine und energische Dementi" der englischen öffentlichen Meinung erzeugen würde. Das Bekanntwerden der neuen kaiserlichen Ingerenz in eine der heikelsten Fragen der englischen Verwaltung und Politik rief in England einen Pressesturm hervor, der den Kaiser erschreckte. Überdies hatte sein Oheim, der König, ihn höhnisch in einem Brief gefragt, ob sein direktes Schreiben an Lord Tweedmouth etwa „a new departure", eine neue Aera in den internationalen Gebräuchen und Beziehungen bedeuten solle. Der Kaiser wollte sich bei mir damit entschuldigen, daß ich in den Tagen, wo er an seinem Brief gedrechselt hätte, einen Schnupfen gehabt habe und er sich wegen seines alten Ohrenleidens Katarrhen nicht aussetzen dürfe. Aber er war sichtlich verärgert, daß sein Versuch, sich zur Verbesserung der deutschenglischen Beziehungen einmal wieder selbst zu „betätigen", ein völliger Mißerfolg, a failure, gewesen war. Über den kaiserlichen Brief an Admiral Tweedmouth war niemand entsetzter als Admiral Tirpitz, der insbesondere beklagte, daß der Kaiser, um Lord Tweedmouth „einzuseifen", in fast kindlicher Weise eine Reihe falscher Angaben gemacht hatte, die von den ISWOLSKI DURCH EDUARD VII. GEWONNEN 325 Engländern natürlich sofort als solche erkannt worden waren. Die englischen Minister, insbesondere Asquith und Grey, hatten bei einer Interpellation im Unterhaus die ganze peinliche Angelegenheit mit Takt und dem sichtlichen Bestreben behandelt, die Gemüter zu beruhigen. Der Botschafter in London, Graf Metternich, meldete gleichzeitig: „Der englischen konstitutionellen Auffassung läuft es zuwider, daß ein fremder Souverän sich in direkten amtlichen Verkehr mit einem englischen Minister setzt. Ich wurde nicht amtlich, aber von ministerieller Seite auf den sehr unangenehmen Eindruck hingewiesen, den der Brief unseres allergnädigsten Herrn an Lord Tweedmouth hier hervorgerufen hat. Ich wurde gefragt, wie es wohl Seine Majestät der Kaiser und die kaiserliche Begierung aufnehmen würden, wenn König Eduard sich mit Umgehung seiner verantwortlichen Organe in Flottenfragen direkt an den Staatssekretär des Beichsmarine- amts in Berlin wendete. Ich bin mir wohl bewußt, daß es eine höchst undankbare Aufgabe ist, Dinge zu schreiben, die sich nicht angenehm lesen. Wenn man aber in einer verantwortlichen Stellung ist, so muß man auch dazu den Mut finden." Es ist verständlich, daß mich eine derartige, die Grenze des Zulässigen bedenklich überschreitende Eigenmächtigkeit des Kaisers nicht nur verstimmen, sondern auch mit tiefer Sorge erfüllen und mich in dem Entschluß bestärken mußte, im Interesse des Landes die nächste sich bietende Gelegenheit zu einer energischen Korrektur der das Wohl des Beichs gefährdenden und schädigenden kaiserlichen Übergriffe pflichtgemäß wahrzunehmen. Die Begegnung in Beval, die am 9. und 10. Juni vor sich gegangen war, hatte König Eduard die Möglichkeit geboten, mit seiner großen Kunst der Menschenbehandlung und unterstützt von seiner Nichte, der Kaiserin Alexandra Feodorowna von Bußland, die sehr englisch und, obwohl die Tochter eines uralten deutschen Fürstenhauses, antideutsch fühlte, den russischen Kaiser für sich einzunehmen. K Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der König den eitlen und schon deshalb beeinflußbaren Iswolski für ein Programm gewonnen hatte, das Zirkular- auf eine Lösung der mazedonischen Frage im Sinne einer weitgehenden Erlaß BÜlows Beschneidung der Macht des Sultans herauskam. Die Unruhe, um nicht zu sagen die Furcht, die dieser russisch-englische Aktionsplan in einer großen Balkanfrage in Österreich hervorrief, Heß es in erster Linie geboten erscheinen, den Österreichern Mut zu machen. Es lag die Gefahr vor, daß die Doppelmonarchie, wenn zu sehr eingeschüchtert, die Nerven verlor und Bußland ins Maul flog wie der eingeschüchterte Kolibri der drohenden Klapperschlange. Die Kunst unserer Politik mußte darin bestehen, daß wir Österreich an unserer Seite hielten und für den bei geschickter Politik durchaus nicht unvermeidlichen, aber natürlich immer in Bechnung zu 326 BEDROHUNG NOCH NICHT UNMITTELBAR stellenden Fall eines Krieges die trotz der inneren Zersetzung Österreichs noch immer tüchtige und starke k. und k. Armee auf unserer Seite hatten, uns aber andererseits von Österreich nicht gegen unseren Willen in einen Weltkrieg hineinziehen ließen. Ich richtete deshalb am 25. Juli 1908, bald nach der Begegnung von Reval, an die königlich preußischen Missionen in München, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, Darmstadt, Hamburg, Weimar und Oldenburg einen Zirkularerlaß, in dem ich ausführte, daß die durch die Revaler Begegnung hervorgerufene Situation ernst sei, daß aber kein Anlaß wäre, den Kopf zu verlieren. Wir hätten überwiegende Gründe, „bis auf weiteres" der Annahme zuzuneigen, daß in Reval keine „direkt" feindseligen Pläne gegen den Dreibund und Deutschland gefaßt worden wären. Wir stützten diese Annahme nicht nur auf die allgemeine politische Lage, die in Reval gewechselten und veröffentlichten Tischreden, sondern auch auf die von der russischen wie von der englischen Regierung uns und anderwärts abgegebenen bestimmten Erklärungen, endlich auch auf ein in Potsdam am 11. Juni, also unmittelbar nach der Begegnung, eingetroffenes direktes Telegramm des Kaisers von Rußland an den Deutschen Kaiser, daß die Begegnung an der politischen Lage „absolut nichts" geändert habe. Der russische Minister des Äußern habe dem kaiserlichen Botschafter in St. Petersburg erklärt, daß in Reval über andere Fragen als die durch das vorjährige englisch-russische Abkommen behandelten keinerlei Vereinbarungen getroffen worden wären, insbesondere nicht über die allgemeine Politik. Am allerwenigsten sei etwas vereinbart oder auch nur besprochen worden, das sich irgendwie gegen Deutschland richten könne. Einige Zeit später habe Iswolski durch seinen politischen Vertrauensmann, den Abteilungschef Baron Taube, erneut mündlich in Berlin versichern lassen, daß die Revaler Begegnung in den deutsch-russischen Beziehungen absolut nichts ändern werde. In sachlich gleicher Art wie der russische Minister habe sich Sir Edward Grey in London gegenüber unserem Botschafter Metternich dahin ausgelassen, daß in Reval nichts gegen Deutschland verabredet oder geplant worden sei. In meinem Zirkularerlaß hieß es weiter: „Sind wir nach alledem nicht veranlaßt, der Revaler Begegnung auch im Zusammenhang mit den ihr vorausgegangenen Entrevuen und Ententen zunächst nicht den Charakter einer unmittelbaren Bedrohung für uns und Österreich-Ungarn beizulegen, so würde es doch ein verhängnisvoller Fehler sein, wollten wir etwa, im Vertrauen auf die uns abgegebenen Versicherungen verkennen, daß durch diese Vorgänge unsere politische Bewegungsfreiheit unter Umständen beeinträchtigt werden könnte. Wir haben damit zu rechnen, daß, wenn wir oder Österreich-Ungarn mit einer der Ententemächte in einen ernsteren Interessenkonflikt geraten sollten, DER DRAHT MIT PETERSBURG 327 die bis dahin noch losen und vagen Ententen und Verständigungen sich zu konkreten Bündnissen verdichten würden, so daß wir, zusammen mit Österreich-Ungarn, uns einer starken Koalition gegenübersehen könnten. Die Grundursachen der uns umgebenden politischen Gefahren können wir nicht beseitigen, ohne uns selbst aufzugeben. Sie liegen, was Deutschland angeht, in der fortgesetzten Erstarkung seiner wirtschaftlichen Kraft seit Gründung des Reichs. Es ist die — natürlich nicht berechtigte — Furcht vor einem etwaigen Mißbrauch der wirtschaftlichen und damit auch politischen Macht Deutschlands und seines nächsten Bundesgenossen, die andere Staaten zu Ententen gegen uns treibt. Diese Ententen und Allianzen sind ihrem Ursprung nach eher defensiven Charakters. Man würde aber vielleicht nicht zögern, auch aggressiv gegen uns vorzugehen und uns womöglich niederzuzwingen, wenn man sich dazu die Macht zutraute. In gleicher Weise wie wir wird durch die neue Konstellation auch unser österreichisch-ungarischer Bundesgenosse bedroht, zumal bei ihm in den gegen den Bestand und die Zukunft der habsburgischen Monarchie gerichteten Leidenschaften und Umtrieben dritte Nationen gewisse Chancen für das Einsetzen einer von außen kommenden Zerstörungsarbeit zu erblicken scheinen. Ist ja doch der angeblich nahe bevorstehende Zerfall der Doppelmonarchie ein ständiges und beliebtes Thema in der französischen und sonstigen auswärtigen Presse. Auch ist Österreich-Ungarn infolge seiner großen Interessen auf der Balkanhalbinsel dort mehr als wir der Gefahr von Konflikten mit den Ententemächten ausgesetzt. Das Vorstehende ergänzend, möchte ich zur Charakteristik unserer allgemeinen Beziehungen zu den Nachbarstaaten, einerseits zu Rußland, England und Frankreich, andererseits zu den Dreibundmächten, folgendes bemerken: Rußland ist infolge des Japanischen Krieges noch für längere Zeit wenig aktionsfähig. Seine Regierung sucht im Hinblick auf ihre besonders in Asien geschwächte und gefährdete Position mit dem bisherigen Gegner, England, zu paktieren, zugleich aber an der traditionellen Freundschaft mit uns festzuhalten. Wir unsererseits haben auch ferner Interesse daran, den alten Draht mit St. Petersburg nicht zu durchschneiden. England, bedrückt von — unbegründeter — Furcht vor dem vermeintlich drohenden deutschen Übergewicht in wirtschaftlicher wie in militärischer Beziehung, sucht dagegen wenn auch noch nicht Allianzen so doch Freundschaften, immer von seiner hergebrachten Politik geleitet, andere für sich ins Feuer zu schicken. Uns bleibt demgegenüber nur übrig, unsere bisherige Politik der Geduld und Vorsicht fortzusetzen und uns zu bemühen, unbegründete Befürchtungen nach Möglichkeit zu zerstreuen. Frankreich geht militärisch wie an Volkskraft eher zurück, es schwebt in ständiger Besorgnis vor einem Konflikt 328 FÜR UNS LÄUFT DIE ZEIT mit uns und ßucht, ohne eigentlich kriegerische Absichten gegen uns zu hegen, nach deckenden Freundschaften. Frankreich will korrekte Beziehungen und selbst einen Modus vivendi mit uns. Doch sind die Revancheträume, das Verlangen nach Wiedergewinnung der Hegemonie, die es zwei Jahrhunderte hindurch in Europa ausgeübt hat, und selbst der Wunsch nach der Rheingrenze in Frankreich noch keineswegs erloschen. Für uns läuft — schon aus dem biologischen Grunde der in Frankreich bekanntlich nahezu stationären, bei uns aber im ganzen noch immer zunehmenden Bevölkerungsvermehrung — die Zeit. Je weiter wir den Zeitpunkt eines bewaffneten Konflikts mit unserem westlichen Nachbarn hinausschieben, um so weniger wird dieser imstande sein, den schon numerisch immer ungleicher werdenden Kampf mit uns, selbst bei Unterstützung von anderer Seite, aufzunehmen. Unsere Politik gegenüber Frankreich ist uns damit gegeben: sie muß dilatorisch sein und irritierende Reibungen vermeiden. Dagegen würde jedes direkte oder indirekte Anerbieten eines intimen Verhältnisses zu Frankreich heute dort nur falsch verstanden werden und das Gegenteil von einer Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen zur Folge haben. Für unsere Haltung im Orient und speziell auf der Balkanhalbinsel, wo wir nur wirtschaftlichen Interessen nachgehen, sind und bleiben in erster Linie maßgebend die Wünsche, Bedürfnisse und Interessen des uns eng befreundeten und verbündeten Österreich-Ungarn. Aus der vorstehend skizzierten Konstellation, die ich nicht anstehe als eine für die beiden mitteleuropäischen Monarchien in gleichem Maße ernste zu bezeichnen, entspringen nach Ansicht der kaiserlichen Regierung die nachstehenden Folgerungen für unsere politische Haltung. Unsere auswärtige Politik wird wie bisher, bei aller Entschlossenheit in der Wahrung unserer Rechte und berechtigten Interessen, Gelegenheiten sorgsam vermeiden, die andere Mächte zu dem Versuche der Bildung von übermächtigen Koalitionen gegen uns anreizen könnten. Deshalb wird die Reichsleitung sich z. B. ein Nachgeben gegenüber chauvinistischen Bestrebungen, mögen sie von alldeutscher oder sonstiger Seite kommen, entschieden zu versagen und ihre Aufgabe vornehmlich in der Verteidigung unserer Rechte und berechtigten Interessen zu erblicken haben, indem sie den weiteren Ausbau unserer wirtschaftlichen Stellung, wenigstens eine Zeitlang, mehr der deutschen Privatinitiative überläßt und die fördernde staatliche Hand dabei nach außen hin tunlichst im Hintergründe hält. Ich darf dabei darauf hinweisen, daß ich in der ersten Rede, die ich als Staatssekretär des Auswärtigen Amts vor dem Reichstag, am 6. Dezember 1897, über auswärtige Politik gehalten habe, sagte: Wir empfänden nicht das Bedürfnis, unsere Finger in jeden Topf zu stecken, seien aber der Ansicht, daß es sich nicht empfehle, Deutschland in zukunftsreichen Ländern von vornherein auszuschließen vom Mitbewerb mit anderen MÖGLICHST GERÄUSCHLOS 329 Völkern. An diesem Standpunkt halte ich auch heute noch fest. Ferner müssen wir in der Erkenntnis, daß es die Furcht vor unserer Stärke ist, die andere Mächte davon abhält, über uns herzufallen, unsere militärische Rüstung zu Wasser und zu Lande so achtunggebietend wie möglich gestalten. Mißstimmung, die dadurch anderwärts entsteht, müssen wir gelassen in Kauf nehmen, ohne darüber Erregung zu zeigen. Vereinbarungen, die auf eine Einschränkung unserer Wehrmacht hinauslaufen, sind für uns unter keinen Umständen diskutierbar. Eine Macht, die uns zu einer solchen Vereinbarung auffordert, möge sich darüber klar sein, daß eine solche Aufforderung den Krieg mit uns bedeutet. Neben der militärischen dürfen wir aber auch nicht die finanzielle und wirtschaftliche Rüstung vernachlässigen. Es ist auch vom Standpunkt unserer auswärtigen Politik, d. h. im Interesse der Wahrung des Friedens und unserer Weltstellung, unumgänglich, unsere öffentlichen Finanzen, deren heutiger Zustand dem Auslande fortgesetzt zu übelwollender Anzweiflung unserer wirtschaftlichen und damit auch unserer pohtischen Widerstandskraft Anlaß bietet, ohne Zögern und unter Hintansetzung ängstlicher Bedenken und Rücksichten auf Sonderinteressen einzelner Berufs- oder Bevölkerungsklassen auf eine gesunde und für lange hinaus genügende Basis zu bringen. Wie eine vielfältige Erfahrung lehrt, ist ein gutes Teil der Mißstimmung, die das Ausland gegen uns hegt und in politische Aktion umzusetzen strebt, auf Manifestationen unserer Presse und öffentlichen Meinung zurückzuführen, in denen auf Denkweise und Stimmung anderer Nationen keine hinreichende Rücksicht genommen wird. Deshalb ist es erforderlich, daß bei der konsequenten Verfolgung unserer oben bezeichneten Aufgaben ruhig und möglichst geräuschlos verfahren wird. Die bessere Zügelung einer manchmal bemerkbaren herausfordernden und andere Nationen ohne Not verletzenden Ruhmredigkeit in unserer Presse und in öffentlichen Versammlungen ist eine wesentliche Vorbedingung für die Durchführung einer kühlen und vorsichtigen, dabei aber entschlossenen Politik, wie sie uns die derzeitige internationale Gestaltung auferlegt. Behalten wir andererseits die vorbezeichneten Gesichtspunkte als Richtschnur gewissenhaft im Auge, so werden wir getrost und ohne Furcht in die Zukunft sehen dürfen. Solange Deutschland fest, einig und mutig bleibt, stellt es eine gewaltige Volkskraft und eine große militärische Kraft dar, an die sich andere nicht so leicht heranwagen werden. Deutschland und Österreich-Ungam bilden einen starken Block, der allen Stürmen Trotz zu bieten vermag. Ihr auf Interessensolidarität und gemeinsamer Hochhaltung des monarchischen Staatsgedankens beruhender Bund ist für die beiden Monarchien die beste Sicherheit gegen andere, vielfach von revolutionären Bestrebungen und autoritätsfeindlichen Ideen angefressene Mächte. Treues Zusammenstehen 330 II OCH SOMMER-GEWITTER mit Österreich-Ungarn soll und muß auch in Zukunft der oberste Grundsatz der deutschen auswärtigen Politik bleiben. Ich schließe hier in Abschrift zwei Situationsberichte des Grafen Pourtales vom 12. und 14. d. M., zwei Berichte des Grafen Metternich vom 5. und 15. d. M. und eine Aufzeichnung des Staatssekretärs von Schön über dessen oben erwähnte Unterredung mit dem russischen Abteilungschef Baron Taube bei." Ich möchte zu diesem meinem streng vertraulichen Erlaß vom 25. Juni 1908 bemerken, daß, wenn ich fremde Einmischung in unsere Wehrverhältnisse ablehnte, ich damit nur unser gutes und selbstverständliches Recht wahrte, als souveräner und unabhängiger Staat Maß und Umfang unserer übrigens nur defensiven Zwecken dienenden Rüstungen selbst zu bestimmen. Das schloß natürlich nicht aus, daß wir über das Tempo unserer Schiffsbauten sehr wohl mit England zu einer gütlichen Verständigung gelangen konnten. Was den Schlußsatz betrifft, der darauf berechnet war, Österreich-Ungarn bei der Stange zu halten, so war ich mir damals wie immer nicht im Zweifel darüber, daß, wenn Talleyrand, der gewiegte Diplomat, bekanntlich jede Allianz mit dem Verhältnis zwischen Reiter und Pferd verglichen hat, wir bei unserem Zusammengehen mit der Donaumonarchie den Reiter zu spielen hatten. Mein Zirkularerlaß vom 25. Juli 1908, den ich durch den Grafen Szögyenyi direkt zur Kenntnis des mir damals sehr gnädig gesinnten Kaisers Franz Josef hatte bringen lassen, trug wesentlich dazu bei, daß Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät, als sich ihr am 13. August in Ischl König Eduard als Verführer näherte, besseren Widerstand leistete als unsere Ahnfrau Eva der Schlange im Paradies. In die schwüle Atmosphäre, die im Hochsommer 1908 über Europa lag, ie türkische fuhr wie ein reinigendes Gewitter die türkische Revolution. Sie war zum Revolution Teil durch die in Reval von Rußland und England angekündigten Reformpläne für Mazedonien hervorgerufen worden, denen nach der Ansicht der türkischen Patrioten der immer finassierende, dabei von beständiger Angst für sein Leben erfüllte Sultan Abdul Hamid keinen genügenden Widerstand leistete. Der türkische Umschwung machte den russisch-englischen Reformplänen schon deshalb ein Ende, weil die englischen Liberalen, die am Ruder waren, gestützt auf eine starke Mehrheit im Unterhause, nichts von einer Vergewaltigung der freiheithch gesinnten Jungtürken wissen wollten. Ich heß in unserer offiziösen Presse keinen Zweifel darüber, daß wir uns zu der Umwälzung in der Türkei freundlich stellten. Ich konnte mich darauf verlassen, daß unser Botschafter Freiherr von Marschall, der sich in Konstantinopel in elf Jahren eine große Stellung gemacht hatte, mit den Jungtürken gerade so gut auskommen würde wie vorher mit dem ins Exil geschickten Padischah. Ich konnte also ohne Gefahr, in Kon- STÜTZUNG DES OTTOMANISCHEN REICHS 331 stantinopel Widerspruch hervorzurufen, in einer inspirierten Kundgebung der Wiener „Politischen Korrespondenz" erklären lassen, daß sich an den deutsch-türkischen Beziehungen nichts geändert hätte: „Das türkische Volk ist sich jetzt wie immer dessen bewußt, daß Deutschland einer der wenigen Staaten ist, die nie auf den oft prophezeiten Zusammenbruch der Türkei spekulierten, sondern im Gegenteil stets darauf bedacht waren, zur wirtschaftlichen und poütischen Kräftigung des ottomanischen Reichs beizutragen." XXII. KAPITEL Kritik der deutschen PropagandaimWeltkrieg • Die bosnische Krise setzt ein • Zusammenkunft Iswolskis und Aehrenthals in Buchlau • Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn am 5. X. 1908 • Vorbereitungen für die Reichsfinanzreform • Das Manuskript für den Artikel des „Daily Telegraph" • Trotz strenger Weisung Bülows, es sorgsam zu prüfen, kommt das verhängnisvolle Elaborat vom Auswärtigen Amt als „unbedenklich" zurück. Wilhelm II. wünscht eine plötzliche und radikale Kursänderung der auswärtigen Politik • Die preußische Thronrede • Vermählungsfeier des Prinzen August Wilhelm "Feh habe Bismarck gelegentlich sagen hören, in der Politik sei Weitsichtig- Die Balkan- JLkeit gefährlicher als Kurzsichtigkeit. Obwohl ich selbst ähnlich denke, krise von 1908 so verstehe ich doch, daß man in diesem Punkt anderer Ansicht sein kann. Zweifellos aber ist es ein nicht seltener Fehler deutscher politischer Betrachtung, Ereignisse und Fragen der Gegenwart auf allzu weit zurückreichende Ursachen zurückzuführen. Es hängt dies mit der deutschen Neigung zu gründlicher, bisweilen pedantischer Betrachtung zusammen, mit dem Trieb, sich in verstiegene Gedankengänge zu vertiefen. Der Philosoph, der tritt herein Und beweist euch, es müßt' so sein; Das Erst' war' so, und das Zweite so, Und drum das Dritt' und Vierte so, Und wenn das Erst' und Zweit' nicht war, Das Dritt' und Viert' war nimmermehr, Das preisen die Schüler allerorten, Sind aber keine Weber geworden. Diese Neigung hat uns auch während des Weltkriegs geschadet. Ein französischer Schriftsteller persiflierte damals diese Manie nicht übel so: Als Thiers nach Sedan den ihm seit langem befreundeten Leopold von Ranke frug, gegen wen nach dem Sturz von Napoleon III. die Deutschen noch Krieg führten, habe ihm der deutsche Historiker mit Geist erwidert: gegen Ludwig XIV. In der Tat habe der Roi Soleil seinerzeit die damalige Schwäche des Deutschen Reichs benutzt, um Deutschland das Elsaß zu entreißen. Woher rührte diese Schwäche? Vom Dreißigjährigen Krieg. DIE BÜCHSE DER PANDORA 333 Warum der Dreißigjährige Krieg ? Er war eine Folge der Reformation. Und warum die Reformation ? Sie war eine Phase in der Geschichte des Christentums. Und warum mußte Christus kommen? Um die seit dem Sündenfall verlorene Menschheit zu erlösen. „Also", schloß der Aufsatz, „wäre nach deutscher wissenschaftlicher Methode der Weltkrieg darauf zurückzuführen, daß unsere graziöse Altermutter Eva in den Apfel biß. Sans Eve et sans la pomme, point d'ultimatum, point de guerre." Unsere während des Weltkriegs überhaupt wenig wirkungsvolle Propaganda gefiel sich zu sehr in langatmigen Betrachtungen über längstvergangene Ereignisse, die nicht nur im feindlichen, sondern auch im neutralen Ausland wenig interessierten, während es doch darauf ankam, unser Vorgehen und unsere Haltung im Sommer 1914 zu erklären und, so gut es ging, zu rechtfertigen. Dies war insbesondere nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges, als es sich darum handelte, der Schuldlüge der Feinde entgegenzutreten, nur möglich, wenn wir das Ungeschick derjenigen einräumten, ja unterstrichen, in deren Händen 1914 die deutsche auswärtige Politik lag. Das soll später ausgeführt werden, wenn mir die schmerzliche Aufgabe obliegen wird, die Gründe zu beleuchten, aus denen unser friedliches, tüchtiges, gutes und besonnenes Volk, unser friedliebender, ja kriegsscheuer Kaiser in den entsetzlichsten und dabei dümmsten aller Kriege stolperten. An dieser Stelle will ich nur meine Parenthese über die Bedenken allzu genereller retrospektiver Betrachtung mit der Einschränkung schließen, daß es selbstverständlich Ereignisse gibt, die das Schlußglied einer langen Kette sind. Dahin gehört die bosnischeFrage, die im Herbst 1908 zu einer ernsten Spannung zwischen Rußland und Österreich führte und damit Deutschland vor eine nicht ungefährliche, jedenfalls schwierige Lage stellte. Die bosnische Frage, cette boite de Pandore pleine de surprises, de perils et de graves possibilites, wie ein rumänischer Diplomat sie mir schon früher charakterisiert hatte, läßt sich mit gutem Recht und ohne weiteres auf den Russisch-Türkischen Krieg von 1877 zurückführen. Als Alexander II. 1876, sehr ä contre cceur, unter dem Druck der starken slawophilen Strömung in Rußland, natürlich auch beeinflußt von alten zaristischen Traditionen und Gefühlen, sich entschloß, das russische Schwert für die glaubens- und stammverwandten Balkanslawen zu ziehen, erinnerte sich sein Kanzler Gortschakow daran, daß Rußland im Krimkrieg im letzten Ende an der feindlichen Haltung von Österreich gescheitert war. Als damals Kaiser Nikolaus I. beim Beginn des Krimkriegs, 1854, nach Besetzung der Moldau und Walachei seine Heere in Bulgarien hatte einrücken lassen, sah er sich bald nachher zur Räumung der ganzen Balkanhalbinsel genötigt, sobald Österreich in Galizien ein Heer zusammenzog. Um Rußland nicht wieder der Gefahr auszusetzen, von einer österreichischen Armee im Rücken 334 BOSNIEN GEGEN DARDANELLEN gefaßt zu werden, entschloß sich Gortschakow 1876, die österreichische Zustimmung zu dem russischen Vorgehen gegen die Türken durch Überlassung von Bosnien und der Herzegowina an die habsburgische Monarchie zu erkaufen. Ich werde bei der Darstellung der dem Berliner Kongreß vorausgehenden Vorgänge diese Zusammenhänge eingehend erörtern. „II faut faire la part du feu", so hatte der alte Kanzler seinem Souverän gegenüber diesen Schachzug motiviert. Als junger Botschaftssekretär in Wien erlebte ich die in der Ofener Königsburg abgeschlossene Konvention, durch die Gortschakow die Zeit und die Mittel der militärischen Okkupation Bosniens und der Herzegowina in die Wahl des Wiener Kabinetts stellte. Als Sekretär des Berliner Kongresses wurde ich Zeuge der Konsekration der Ofener Abmachung unter freudiger Zustimmung Rußlands durch den Berliner Vertrag (Artikel XXV des Berliner Vertrags): „Les provinces de Bosnie et d'Herzegovine seront occupees et administrees par l'Autriche-Hongrie." Seitdem waren wiederholt, schon während des Berliner Kongresses und sechs Jahre später in Skierniewice, mündlich und in der Form des Aide- Memoire zwischen Österreich-Ungarn und Rußland Erklärungen ausgetauscht worden, wonach Rußland keine Einwendungen erheben würde, wenn Österreich im Interesse der Ruhe auf der Balkanhalbinsel wie zum Besten des europäischen Friedens die Okkupation in eine Annexion verwandeln sollte. Es war also an und für sich nicht auffällig, daß Iswolski, unmittelbar nach der Zusammenkunft von Reval, schriftlich dem österreichisch-ungarischen Minister des Äußern den Vorschlag machte, einerseits über die Umwandlung der Okkupation in eine Annexion, andererseits über die Öffnung der Meerengen Unterhandlungen einzuleiten. Verwunderlich war freilich, daß Iswolski seinem Wiener Kollegen eine solche Offerte machte, obwohl ihn dieser kurz vorher mit dem österreichisch-türkischen Vertrag über den Bau der Sandschak-Bahn, d. h. des Mittelstücks zwischen der bosnischen und der mazedonischen Linie, überrascht hatte, eine Überrumplung, die nicht nur die russische öffentliche Meinung stark erregte, sondern auch zu gereizten Auseinandersetzungen zwischen den Kabinetten von St. Petersburg und Wien führte. Der Vorschlag Iswolskis ist wohl dadurch zu erklären, daß der ehrgeizige Iswolski und aber gleichzeitig unbesonnene russische Außenminister alles über dem Aehrenthal brennenden Wunsch vergaß, durch die Realisierung der jahrhundertalten russischen Wünsche und Aspirationen hinsichtlich der Dardanellen sich einen dauernden Platz in den Herzen aller guten Moskowiter wie in der russischen Geschichte zu erobern und gleichzeitig vielleicht auch den Grafentitel mit dem Andreasorden. Es kam noch hinzu, daß Aehrenthal, der fast seine ganze diplomatische Karriere in St. Petersburg gemacht hatte, als Attache, als Sekretär, dann als Botschaftsrat, schließhch als Botschafter, in Buchlau AEHRENTHAL 335 die Russen genau zu kennen glaubte und jedenfalls in der St. Petersburger Gesellschaft sehr populär war, wozu eine Liaison mit einer schönen Dame der Petersburger Gesellschaft beigetragen hatte. Seine Stellung in den Petersburger Salons war in der Tat stärker als die von Iswolski, auf den er gesellschaftlieh etwas herabsah. Er glaubte sich der Russen ganz sicher. Daraus schöpfte er die Zuversicht, daß er mit Iswolski unter allen Umständen fertig werden würde. „Je tiens les Russes dans ma poche", sollte er geäußert haben. Aehrenthal übersah, daß in der russischen Hauptstadt allmählich neben wohlbeleibten, ruheliebenden Generaladjutanten und Ministern, geistreichen Frauen und charmanten Großfürstinnen eine rauhe nationalistisch gefärbte Opposition emporgekommen war, die, Österreich grundsätzlich feindlich, mit Eifersucht und Mißtrauen über die slawischen und orthodoxen „Brüderchen" auf der Balkanhalbinsel wachte. Zunächst erreichte Aehrenthal, daß sein russischer Kollege Iswolski mit Freude die Einladung annahm, mit ihm auf dem mährischen Schloß Buchlau des österreichischen Botschafters in St. Petersburg, des Grafen Leopold Berch- told, des späteren so unglücklichen Ministers des Äußern, zusammenzutreffen. Graf, vor seinem Erfolg in der bosnischen Sache Freiherr von Aehrenthal war der Enkel des israeütischen Getreidehändlers Lexa in Prag, der im Anfang des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf seinen lukrativen Beruf unter dem prägnanten Namen Aehrenthal nobilitiert worden war. Die Großmutter des Ministers, eine Gräfin Wilczek, seine Mutter, eine Gräfin Thun, waren dem österreichischen Hochadel entsprossen. Seine Schwester war mit einem Grafen Bylandt vermählt, er selbst mit einer Gräfin Szechenyi aus großem ungarischem Hause. Er vereinigte den scharfen Verstand, die Betriebsamkeit und die überlegte Klugheit seiner väterlichen Vorfahren mit dem innerlichen Hochmut, dem „Fumo", um sich wienerisch auszudrücken, der österreichischen Aristokratie. Groß, breitschulterig, etwas gebückt, sehr kurzsichtig, allmähbch fast blind, mit meist halbgeschlossenen Augenlidern und müdem Gesichtsausdruck, aber mit regelmäßigen Zügen und vornehmen Allüren, zurückhaltend, eher indolent, fast apathisch, stand Aehrenthal auch äußerlich im Gegensatz zu dem kleineren, unruhigen, aufgeregten, bisweilen vordringlichen Kalmücken Iswolski. Wie mit Iswolski war ich auch mit Aehrenthal seit langem befreundet, habe aber nie das Vertrauen in ihn gesetzt, das ich für seinen Vorgänger Goluchowski empfand. Als dieser im Oktober 1906 zurücktrat, hatte er mir in Erwiderung meines Abschiedsgrußes telegraphiert: „Tief gerührt durch die so warmen und freundschaftlichen Worte, welche Eure Durchlaucht anläßlich meines Scheidens aus dem Amt an mich zu richten die Güte hatten, enpfinde ich es als ein wahres Herzensbedürfnis, Ihnen, verehrter Fürst, für das Vertrauen und Entgegenkommen, welches Sie mir in 336 DIE GEDENKTAFEL IN BUCHLAU den langen Jahren unserer gleichzeitigen amtlichen Tätigkeit nie versagt haben, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Zugleich bitte ich Eure Durchlaucht, die Versicherung entgegennehmen zu wollen, daß ich die so weit zurückreichenden freundschaftlichen Beziehungen, welche mir mit Ihnen zu unterhalten vergönnt war, zu den angenehmsten Erinnerungen zähle, welche ich aus der Zeit meiner amtlichen Tätigkeit in das Privatleben hinübernehme." Es war eine eigentümliche Fügung, daß Goluchowski, der in Petersburg anfänglich großem Mißtrauen begegnet war, mit dem 1903 in Mürzsteg zwischen Österreich und Rußland abgeschlossenen Übereinkommen eine Periode ruhiger und freundlicher Beziehungen zwischen den beiden alten Rivalen auf der Balkanhalbinsel einleiten konnte, während Aehrenthal, der sich nur zu oft in St. Petersburg im Gegensatz zu dem Polen Goluchowski als wahrer Russenfreund geriert und drapiert hatte, es fast zum Bruch mit Rußland treiben sollte. Es war das mir ein neuer Beweis für die Richtigkeit der Bemerkung, die mir einst ein rumänischer Minister, Herr Vernesco, machte, als ich, damals ein junger Gesandter, ihn an mir früher von ihm gegebene, aber, nachdem er an die Macht gekommen war, nicht gehaltene Zusagen erinnerte: „Vous ne sauriez croire, mon eher monsieur, ä quel point le gouvernement change les idees d'un homme." Es ist deshalb fast immer falsch, aus der früheren Haltung, den früheren Sympathien und Antipathien eines Politikers auf die Richtung zu schließen, die er als leitender Minister einschlagen wird. D faut le voir ä l'oeuvre. Es empfiehlt sich, abzuwarten, wie er manövrieren wird, erst zu sehen, wie er sich anraucht, um wieder einmal ein Bismarcksches Bild zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob die Gedenktafel, die Graf Berchtold im Oktober 1908 in seinem Schloß Buchlau anbringen Heß, um der Nachwelt zu verkünden, daß hier Aloys Aehrenthal und Alexander Iswolski am 15. September 1908 über die europäischen Angelegenheiten beraten hätten, noch vorhanden ist oder ob die Regierung des tschechisch-slowakischen Staates, dessen struppiges Karyatidenhaupt Friedrich Hebbel mit ahnungsvollem Grauen sich in der Zukunft erheben sah, dieses Erinnerungszeichen an die „fluchwürdige Vergangenheit" inzwischen entfernt hat. Uber die Besprechung zwischen den beiden leitenden Ministern habe ich nachträglich die Aehrenthalsche und die Iswolskische Version vernommen. Mein erster Eindruck, den die Zeit und alles, was ich später hörte und sah, nur bestärkte, ist, daß das formale Recht auf der Seite von Aehrenthal war, der auch schlauer operierte, daß aber sein Verhalten nicht ganz „fair" war, um ein in diesem Fall zutreffendes englisches Wort anzuwenden. Gewiß war es unklug und unbesonnen von Iswolski, daß er Aehrenthal, nachdem er ihm sein grundsätzliches Einverständnis mit der in Aussicht genommenen .Annexion ausgesprochen Marginal Wilhelms II. datiert Rominten, 6. Oktober 1908, auf einem Schreiben des Fürsten Bülow über das Ersuchen des österreichisch-ungarischen Botschafters Szögcnyi-Marich um Audienz zur Überreichung eines persönlichen Briefes Franz Josefs I. an den Deutschen Kaiser (Zu Seite 341) Das wir gegen die Annexion nichts ihun ist selbstverständlich! Ich bin aber persönlich auf das tiefste in meinen Gefühlen als Bundesgenosse verletzt, daß ich nicht im Geringsten vorher von S. M. ins Vertrauen gezogen wurde. Die 1. Nachricht von der bevorstehenden Annexion bekam ich gestern (5 h ) Abends aus Stambul aus türkischer Quelle. Die Polit. Veränderungen in Stambul, die als Grund für die Annexion im Briefe S. M. angegeben werden, fanden im Juli statt. Es wäre wohl angängig gewesen, wenn am 18. August der Botschafter — für mich persönlich — eine streng vertraut. Mittheilung gemacht hätte, daß Etwas dergleichen im Werke sei. So bin ich der Letzte von Allen in Europa, der überhaupt Etwas erfahren! Das ist ein netter Dank für die Hilfe in der Sandschackbahnfrage, wo wir die ganze Wuth Iswolskis monatelang auszuhalten hatten, und für die Huldigung in Wien! Ich beklage tief die Form in der die Angelegenheit gestartet wurde. Der lügnerische Heuchler Ferdinand und der würdige alte Kaiser die gemeinsam als Spolialoren der Türkei in Bengalischer Beleuchtung auf der Bühne erschienen!! Die Engländer werden nun erst Recht behaupten, daß alles von Österreich und uns vorher mit Bulgarien — also gegen die Türkei! — arrangirt gewesen sei, und daß wir in der Orientbahnfrage eine unsaubere Comödie gespielt haben. Vom Türkischen Standpunkt aus betrachtet ergiebt sich die Lage, daß nach 20 Jahren Freundespolitik von mir, mein bester Verbündeter der erste ist der das Signal zum Auftheilen der Europ. Türkei gegeben hat! Eine angenehme Situation für uns in Stambul. Die Griechen werden schäumen bei ihrem grenzenlosen Haß gegen Bulgarien und Rußland, die in ihren Augen stets zusammengehen. Aehrenthal will — wie Ew. D. sagen —■ die Russen nicht auf dem Balkan sehen, dabei stärkt er ihre Avantgarde und Hauptagenten die Bulgaren! Angesichts dieser Verhältnisse muß nun aber die elende Marokko- affaire zum Abschluß gebracht werden, schnell und endgültig. There is much labour lost, das ist der Eindruck, den der vorzügliche Bericht von Vassel mir hinterließ. Es ist nichts zu machen, französisch wird es doch; also mit Anstand aus der Affaire heraus, damit wir endlich aus den Friktionen mit Frankreich herauskommen, jetzt wo große Fragen auf dem Spiele stehen. Wenn der Sultan in seiner Nolh den Krieg erklärt und in Stambul die Grüne Fahne des Heil. Kriegs entrollte, würde ich ihm das nicht sonderlich verdenken, und den Christen — falschen Galgenvögeln — auf dem Balkan wäre es gesund! seine zur c liehe sich und K Kaise Gnade empfa $4/1 JA ^J^^y^K i^A J^v s ^ ^ ß^K^v \ O^^^ (tjUr/UivVyU^ f UU SS .XMMr j »K& r H*>n»v /^A-«^|wvC^VV ... ^ffph^ ^mvZiWlX JMfaw ■ fjD&^^AU. ^^„vv^L^^^lK' ^JvL, ü ; ^ vw^^k^w ^ r^i a^v 4{~V<<>Jft^ Jrv, |5jU^t (\\JM$Li (^JL 0^ M^^y^J^ /u>4vm , /tlw*i!t ^) ^wy^XvvV , TLu^j Mv^l AlT j>i J -ira s Ftv^ ......., , |^i5vl ,5*« ^V^f *«, /vw f 4^ ; 'uJ«i ■0f1iU*MtifI|opv J !b -cm* pe« [vi| M0ÜUJ '..n. '*uipi*f M(i jo iüma "M ^C*-D |Ü3UJC|^ pJO-Cj tollt!* 11 nu<»*>° u; > JC H iq jwsjiq «UOJSVpCv ■ww.j U| JWUJlT) JO ui ';»[tlcui - )U'>3 i>HX eiqvrmujoj ■qa'jULU I -o(; 0 * ,U|| M " Slv 'Jnwoj •Hl p » m u? 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"»nfl ' o91 siv^i üdj * Biq jo otaoqi -jdoa«j « k« q^iq* ,, m»d M0 U°A 3 MX n P*H° ■ am " '» ot "na A~w*f«w TÜR GERMAN EMPEROR AND ENGLAND. PERSONAL INTERVIEW. FRANK STATEMENT op WORLD POLICY. PROOFS OF FRIENDSHIP We hava recoived the following com- mnnication from a »ource of such unimpeachable authority that we can witbout besitation oommend tho obvioos m es sage which it conveys to the attention of the public. Discretion i.s tba flrrt and lact qnaltty rcqoi- *it« in & diplomattBt, and abould still b« ob- •enred by tbose wbo, lik« myielf, have \oo% pass«d from public into private litV Yet mom^nta aonwtim« occur in the hirtory of nationa wheo a catculated indiscrntion provc» of tbe highest pnblic service, and it is for that reason that I bave d«cided to male« known tbe aubstanee of n lrne;tby conTaraation wbich it was my recent privileg« to hare witb hii Majesty the German KmperoT. I do so in tho hope tbat it may help to remove that nbitinat* miaconeoption of tha character of the Kaiaer's feelinf;s towards England which, I fear, deoply rooted in the ordinary Engliihman's breast. It is the Empernr's sincere wish tbat it sbould be eradicated He has given repeated proofs of bis desire by word and deed. But, to speak frankly, his patience ic aorely tried, now that he finds himself so continoally roisrepre- •ented, and haa so often experiancod the nvorti- fication of finding tbat aoy mornentary im provement of reiations ts fotlowed by renewed oatbursta of prejudice, and a prompt return to the old attitade of suspicion As I have uid, hia Majesty bonoared mc with a long conversation, and spoke with impulsive and unusual frankneea " Too Eng- lish," he said, " are mad, mad, mad aa March harea. What has com« over you that you are so complctely given orer to suKpiciorts quite unwortLy of a great nationP Wbat more can I do than I have done? I declared with all tbe ftrnphasis at my command, in my speecb at Guildhall, that my heart is set upon peace, and that it is one of my deareat wishea to Hv« on the best of tenni with England. Have I evor been falte to my word? Ealsehood and prevarication are alien to my natnre. My actions ought to «peak for tbAmeelve«, bat you listen not to them, bat to those who müunter- pret and düitort them That )■ a personal insult which I feel and recent. To be for ever misjudged. to have my repeated offers of friendship weighed and cerutiniaed with jealoos, miatrnitfu) eyea, taxes my patience severely. I have said ttme after time that I am a frieod of England, and your Press—or, at least, a considerabl« aection of it—bids tbe people of England refase my proffered band, and insinaates that the other holda a dagger. How can 1 convince a nation against its will ?" "I repeat," continuod his Majtrty, "that I Ii «Bf ^fä$M&J Ii- 3>l 9_s3fc3nSiä?ä -5 3p 5 = ü B¥ig!i ?E«ri| 0 S3? KTTOBER 28, 1908. 11 appcrmost in hii mind--bis proved friendahip foT England. " I hnve referred," ho seid, " to the ipeeches in which I bave done all tbat i Sovereign oan to prociaim my goodwill. But, u acttons speak louder than vrnrdt, let me also refer to my acta. It is commonly helieved in England tfcat thrmighout the South African War Germany was hostüe to her. German ijnmon undoubtedly wa* hoetile —bitterly hostüe. The Ptm* was bostile; private opinion was hoatilo. Bat wbat of official German/P Let my oritics aak themselves what brougfat to I radden atop, and, indeed, to absolut« col- lapae, tho European tour of th« Boer delegatee «rfao were atriving to obtain European inter- rention t Tbey were f*ted in Holland ; France rave them n rapturou« welcome. They wiabed to come to Berlin, whero th« German people vould hmv* crowoed tbsm with flowers. But wbonthey aaked meto receivethem—I refused. Tbe egitation immediataly died away, and thc dplcgation returned empty-banded. Was thxt, I aak, th* action of a surret enemy ? " ".Again. when thostrnggle was at it« beight, tho German Govornment was invited by tho Government« of Franc© and Russia to joro with them in calling upon England to put an tnd to tho war. Tho moment had come, they said, not only to save the Boer Republica, but also to humiliato England to the dust. What was my reply? I said that so far from Germany joining in any eonrerted European action to put pressure upon England and bring about her downfall, Germany would alwayi keep aloof from politics that could bring hoc into eomplicatioos with a Sea Power like England. Poaterity will one day read th« exaot terms of the telegram—now in the archives of Windsor Castle—in wbich I informed the Sovereign of England of tbe enswer I bad returned to the Powers which tben sought to compass her fall. Englishmon who now insult me by doubting my word shonld know wbat were my actions in the hour of their adversity." " Nor was tbat all. Jost at tbe time if your Black Week, in the Deoember ef 1899, when disasters followed one anotber in rapid sucoes- sion, I reoeiTed a letter from Queen Victoria, my revered grandmother, written in sorraw and affliction, and hearing manifest tratet of tbe anxieties which were preying upon her mind and health. I at once raturned a sympathetic reply. Nay, I did more. I bade -me of my offieen procure for me as exact an account as hs eoald obtain of tbe number of combatants in South Africa on both sidos, and of tho actnal Position of the Dpposing forces. With the figures befor« me, I worked out what I eon- sidored to be the be6t plan of eampsign Moder the circamstances, and submitted rt to my General Staff for tbeir criticism. Thon I de- spatched it to England, and that doeunwnt, ükewiae, is among the State papers at Windsor Castle, awaiting the serenely imparti.il verdict of bistory. And, as a matter of cnrioos coinrii- denoe, let me sdd that the phn which I forma lated ran very mucb on tho same Ünes as that wbich was actnally adopted by Lord Robert« and carried by him into surcessful Operation Was that, f repeat, the act of one who wished England ill ? Let Eaglishmen be just and say 1 " " Bot, you will say, wbat of the German navyP Surcly, that is a menaoe to England! Against whora but England are my squadrans bcing prepared ? If England is not in the mmdc of those Gennajis who sre bent an creating a powerlul fleot, why b Germany aaked to oon- sent to such new and heavr bordena of taxa- tton » My anawer is clear. Germany is a young and growing Empire Sbe has a world-wide commerce, which is rapidly expanding. end to whieh the legitimat* ambition of patr>tic Germans refuses to assign any bonnds. Germany must bare a powerful fleet to protect that commerce, and her reanifold interests in er*» th« most distant seas. She expects thoae interests to go on growing, and she must be abie to cbam- mon them manfullT in any quarter of the globe. LIGEN SING BILL. COM PENSATION CLAUSES CAKEIl'n. BALKAN CRISIS. GERMAN^S POLICY. Under the Operation of thf closore regula- tions, Clauaes 10 and 11 of tho Lioenning BDI were agreed to by tho Corumittee. in the House of Common* yestcrday, on the rmamcd discus- sion of Mr. J. F. Hope s amendment. Th« dobate, as on Friday, turned principally apoo the basis of compensation, tbe Talue of a Schedule A aasessmeot a* a measnre of ralae, tbe intrntioD of the framors of th« Act of 1904, and the meaning and the propriety of tbe Kennedy judgmeot. The chief speecbee were those of Mr. Cave and Mr. Balfoar from the Opposition side, and those of Hr. Leif Jones and Mr. Asquitb from the defeodera of tbe Bill. Mr. Care, especially, deliTered a weighty, cloaely-rpasoned speech, which was listened to od both sides of the House with marked attention snd resp**ct. Mr. Balfour argued with snrae warmth that there nfrer had been the slightont amhiguity about the meaning of the Act of 1904, as regards romponsation. Two dehnite principles had been clcarly laid down : (1) The Inland Revenue autboritiex were instructed to eatimate the value of a tioenae for compensation, just as they esti- matod the value of an estate for estate duty. (2) The compensation was to be th« füll market raloe of the liccnae. And what is the füll market raloeP Ob- Tioosly, what it will fetch from th« person most destrnus of parchasing tbe house to which the license is attached. That person is the brewer. And on that prmciple Mr. Justice Kennedy framed bis famoos judgment. Mr. A^qutth doee not aooept tiiat jodirraent, either qua iawyer or qua statecman. Ii* " fundamental noe," beaaid, isthat it lsclodes m tho ralue of th« hoens* tbe brewer's wbo;«- sale proflt, as if wben a brewer lost a tied bouae bis trade with that house were ab*"- Iutely lo*t and were not transferred elsewhere. Mr. Aaquith's argument was ibat you should lock not to acüual market value, but stmply to the cspitalised rack rem tralue, in addition ro the local goodwill arttanhing to tbe Position and traditiona of tbe bouae itaeJf, as apart from tbe personal goodwill attaching to tbe popn lariTy or «kill of tbe license-holder. Both theee fartont, be contended, ought to afrpesr to tbeir füll extent in a Schedole A aseeus and therefore Lhat had been takeo as the teet of ralue under tbe brfl. Tbe Governmont, he s«)d, had been aetnated by no other motiro; though tbe Temperam orarors on bis side had inrated tbat SchedoJ« A had been solocted as fho basis of compensation in order subataotiaUy to reduoe the amoont of compensation and so accelerate the rate of redactinn of licensee. Bat it was not the exüftmg Schedule A aaseasrnents, baphazard, chaotic, and oaaed oa no uniform System, tbat the Governtmcnt had in mind, but renaed and increased assessmeots, which wotild represent the real valne of the housee. " We are going to makewer5 honest hy Act of Parlvamcni,' said Mr. I>eif Jones, cbeerfully. " Can there be any fairer measure of ralne than Schedule A ?" asked Mr. Asquitb. " Can any he more groteequely unfair?" asked Mr. Care and Mr. Balfoar. Tbe latter pointed out that in any giren localtty it does not much matter whether the assessmente are unduly htgh or unduty low, so long as all poople are asseesed on the same prmciple, high or low. But it makes alt the diffprence whco you pick out one trade, as the Government propose to do, in that locality, and force license-holden to push up their a&sossmonts if they aant proper compensation on rednetion, which means that they will hare to pay higher rates for all local purposes, while their oeighbour» pay on the old unduly low scale. Mr. Care also made a rery strong point with regard to the ante 1869 beer-housee, which roluntarily gaTe up thoir statutory privileget four years ago on the honourable unterstand- ing that they should share the pririleges of tbe Act of 1904 in the matter of oompensation, i They hare now parted with their old eecurity, and the bilt deprires them of their quid pro quo. ■ m V. ■ ■■ Ii ■■ ■ I i Iii i M. ISWOLSKY'S VISIT TO BERLIN. PRACTICALLY RESÜLTLESS. Tbere is no confirmation of the report that Germany has agreed to the programme of tbe Conierenoe. In ofbciai quarters, both in Lour and elaewbere, it is regarded as at least prematare. In any caee, it is recognised that Germaoy'e attitode will be mainly detar- nrned by that of AusUia. Acoordmg to Baron toh AebrenithjJ, Aostria is Willing to go to tbe Conforeooe, said eeen tt di.sr.uss tbe annexation of Bosnia and Herze- govina, but only on Kondition that hör '■Sovereign rights " are reene^-tod. Much int tow;vrds the annfxntion. It is r«-gardnd as signiheant that tholVar ha.«; not yet thougbt fit to graut an audimen to tho AuMrian Ara- ba5.sador. who arrived at St. Fotrniburg many day* ago mnih an aiito^rapb Irtter from th« Kraporor Francis Joseph, announnng t he "fait aooomplL." Freiing in the Duma ts strongly a^ainst the id**a of Russia renounring the protection of the Soirthcrti SlaTs, snd th« visit of tlio young Crown Hnnoo of Sorvia to St.. Petcrhburg will not, it n tiioiight, tend to dirainish Muscovite sentiment agaunst Aas- Uift's srtion. The Bulgarian Government ia now said to be more favo-urably inclined towards grantingoompensation to Turkey, but the opp<»iton of the Sofia. Parbament may bnng abont a Cahinet CT ISIS. From Our Special Correspondent. PARIS, Tueaday Night. The generaJ conaensus of opinion here is that M. lswolsky's visit to Berfin has provM practicallybarren. Itroaybe truethatGermany has corutenU:d to take part in a Conference, bot she attaches to her aaaent two rondittons whirh nrtnally nullify it. She wül agree to a ron- ference if tho programme to be laid hefore it is acreptnd by Ausina on tbe one hand and by Turkey on the other. Aa, bowover, the chief obstacle to the meoting of a Conference is that Austria ia detormined to exclude, and Turkev to inoJude, Üie qneslion of the annexation of BosDia aod Herregovina, Germany's qualifie«! assent does not bring us any nearer to a Conference. The official announoement issned in London to the effect that England has nerer oppoaed direct negotiations between Anstna and Turkey confirms the new frequently ex- preesed in my messages. On tbe contrary, all the three parties to the> new understaodiog would rejoice to learn that a provistonal arrangemunt between Anstna and Taxkey had been reached. Their potition in this respect is not open to qoostiom. They ask, in the first place, that the terms should be such that Turkey can aooept them voluntarily without injury to her Imperial interests, or to the pres- tige of the new regime. In tbe aeeond place, they demand that the terms, in so far as they modify or repeal any of the proviaion* of the Treaty of Berbu, should be submitted to tbe signatoriea of that treaty for sanction and rati- fication. There is no danger whatever of any objeo- tion on tbe partof France, Russia, and England being ratsed to an agreement which haa beeo oordiaUy and freely acoepted by Turkey. Tbe decision, therefore, still rosts with Germany, because no one believea that Austria would deliberately reject adrice siuoerely teadered by Berliu. When, therefore, we »re told that tiie negotiations, sdSrWrded "st "Berlin, wiT^4saL^e- nowod at St. Petersburg, all that is me*aitis~* that Germany will be ready to act ae inter- roediar>- in any negotiatioos wbich Ao«tria may deairo to nodertako with Raasia. ^RSONA i, F-orATToy. J DIE PERSÖNLICHEN WÜNSCHE VON S. M. 353 Während ich diese an Unbesonnenheit und Taktlosigkeit kaum zu überbietenden Auslassungen las, stieg in mir plötzlich der Verdacht auf, daß ich Der den Artikel vor mir hätte, den mir vor einiger Zeit Herr von Jenisch im Legationsrat Auftrage Seiner Majestät aus Rominten übersandt und den ich nicht selbst Klenmet gelesen hatte. Ich ließ den Legationsrat Klehmet zu mir bitten, der als zuständiger Referent das in Rede stehende Manuskript zu prüfen gehabt hatte. Als er das Wolff-Telegramm vor sich sah, meinte er zögernd und mit sichtlicher Verlegenheit, daß es sich in der Tat um den von Rominten nach Norderney geschickten und von dort an das Auswärtige Amt zur Prüfung ibersandten Zeitungsartikel handle. Als ich weiter frug, wie er diese unglaublichen Äußerungen habe durchlassen können, meinte Klehmet, er habe den entschiedenen und bestimmten Eindruck gehabt, daß Seine Majestät der Kaiser die Veröffentlichung des Artikels und gerade der jetzt von mir beanstandeten Kraftstellen persönlich lebhaft wünsche. Ich habe, als ich mit dem Diktieren meiner Erinnerungen begann, mir gesagt, daß ich das, was ich schreibe, gewissermaßen unter meinen Eid stellen wolle. Wie man vor Gericht schwöre, die volle Wahrheit zu sagen, also nichts hinzuzufügen und nichts Wesentliches zu verschweigen, so wollte ich in meinen Denkwürdigkeiten auch das sagen, was mir persönlich peinlich oder schmerzlich wäre, begangene Fehler eingestehen und selbst Worte wiederholen, die gesprochen zu haben ich nachträglich bedaure. So will ich denn nicht verschweigen, daß, als der Wirkliche Legationsrat Klehmet sich in dieser Weise zu rechtfertigen suchte, ich ihm in der ersten Erregung antwortete: „Haben Sie noch nicht erfaßt, daß die persönlichen Wünsche Seiner Majestät bisweilen Narreteien sind ?" Mit gutem Gewissen kann ich hinzufügen, daß dies das einzige Mal in meinem dienstlichen Leben war, wo ich leider die Haltung verlor. Ich ließ nun den Chef der Reichskanzlei, Herrn von Loebell, und den Pressechef Hammann kommen, um ihnen die Sachlage zu explizieren. Es gelte jetzt, nicht den Kopf zu verlieren. Ich gab zwei Richtlinien aus: einerseits über den ganzen Vorfall die volle Wahrheit zu sagen, einerlei ob ich und das Amt dadurch bloßgestellt würden, andererseits und vor allem die Krone außerhalb des Meinungsstreits zu halten. Es stellte sich bei diesem Anlaß heraus, daß das Manuskript im Auswärtigen Amt von dem Staatssekretär von Schön, dem Unterstaatssekretär Stemrich und dem Referenten Klehmet gelesen worden war. Die beiden ersteren hatten den Bericht von Klehmet, daß das Manuskript nichts Bedenkliches enthielte, eigenhändig paraphiert. Ich diktierte hierauf den nachstehenden Immediatbericht an Seine Majestät: „Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät überreiche ich in Immediat- der Anlage eine Reihe von Zeitungsartikeln über das Interview, das der bericht an den Oberst Stewart Wortley über eine mit Eurer Majestät geführte Unter- 23 BUlow II Kaiser 354 BÜLOW BIETET RÜCKTRITT AN redung veröffentlicht hat. Die englische Presse bespricht das Interview überwiegend in skeptischer, kritischer und ablehnender Weise. Maßgebende englische Persönlichkeiten, wie Lord Roberts und Sir Edward Grey, haben es abgelehnt, sich über dieses Interview überhaupt zu äußern. Die französischen und russischen Blätter benutzen die Gelegenheit zu heftigen Ausfällen gegen Eure Majestät und die deutsche Politik. Vor allem ist die deutsche Presse mit verschwindenden Ausnahmen der Ansicht, daß durch das Interview unsere Politik und unser Land schwer geschädigt worden sind. Die Angriffe der deutschen Zeitungen sind ungerecht. Denn Eure Majestät haben die Gnade gehabt, mir durch den Gesandten Freiherrn von Jenisch die Aufzeichnungen des englischen Autors zur Prüfung zu übersenden. Ich war damals in Norderney mit ernsten Fragen (Orientkrisis, Reichsfinanzreform, andere innere Angelegenheiten) überhäuft und habe deshalb das auf schlecbtem Papier sehr unleserlich geschriebene lange Elaborat des Obersten Wortley nicht selbst gelesen, sondern zur Prüfung an das Auswärtige Amt geschickt. Ich gab hierbei die strikte Weisung, den Artikel auf seine Wirkung auf das sorgfältigste zu prüfen und mir zu melden, wo Änderungen, Zusätze, Weglassungen notwendig erschienen. Das Auswärtige Amt reichte mir das englische Manuskript mit einem Bericht zurück, in dem es einige kleine Änderungen vorschlug, sonst gegen die Veröffentlichung keinerlei Bedenken geltend machte. Im Sinne dieses Berichts schrieb der bei mir weilende vortragende Rat an den Gesandten von Jenisch. Wenn ich von dem Manuskript selbst Kenntnis genommen hätte, so würde ich Eure Majestät gebeten haben, die Erlaubnis zu der Veröffentlichung, zumal im gegenwärtigen Augenblick, nicht zu geben. Wenn Eure Majestät mein Verhalten darin mißbilligen, daß ich im Drange der Geschäfte das englische Manuskript nicht selbst geprüft habe, und den vom Auswärtigen Amt bewiesenen Mangel an Umsicht mir zum Vorwurf machen, so bitte ich alleruntertänigst, mich aus meiner Stellung entlassen zu wollen. Wenn ich aber das Vertrauen Eurer Majestät nicht verloren habe, kann ich nur bleiben, sofern ich in die Lage versetzt werde, den ungerechtfertigten Angriffen gegen meinen Kaiserlichen Herrn offen und nachdrück- Uch entgegenzutreten. Eure Kaiserliche und Königliche Majestät muß ich deshalb um die Erlaubnis bitten, in der ,Norddeutschen Allgemeinen Zeitung' amtlich sagen zu dürfen, daß die gegen Eure Majestät in einem großen Teil der Presse erhobenen Angriffe vollkommen ungerecht sind, daß Eure Majestät mir das Manuskript des englischen Autors zugesandt haben, daß ich dasselbe dem Auswärtigen Amt hätte zugehen lassen und daß dieses nur geringe Änderungen vorgeschlagen hätte." Ad marginem dieses Immediatberichtes bemerkte der Kaiser, daß ich sein Vertrauen nicht verloren hätte und daß er mit der von mir in Aussicht LAUTES GELÄCHTER IM UNTERHAUS 355 genommenen amtlichen Feststellung in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" einverstanden wäre. Zu meinen Ausführungen über die bedauerliche Wirkung seiner Äußerungen schrieb der Kaiser: „Einverstanden!" Am Schlüsse meines Immediatberichts hatte der Kaiser noch bemerkt: „Es kann noch hinzugefügt werden, daß das Manuskript den Niederschlag einer Reihe von Gesprächen darstelle, die Ich im Laufe des vorigen Herbstes in England mit verschiedenen Persönlichkeiten gehabt hätte. Und daß es der Wunsch derselben gewesen sei — weil sie so überzeugend für das englische Publikum sein würden —, den Inhalt einem möglichst großen Kreise ihrer Landsleute zugänglich zu machen; was Ich genehmigte nach Einschlagung des oben gekennzeichneten Weges." Was die Wirkung der kaiserlichen Äußerungen auf England betraf, so hätte ich in meinem Immediatbericht noch hinzufügen können, daß unmit- Wirkung telbar nach dem Erscheinen des „Daily-Telegraph"-Artikels ein Abgeord- des Artikels neter im Unterhaus den Kriegsminister frug, ob wirklich der Feldzugsplan in England zur Beendigung des Burenkriegs, eines Kriegs, von dem in England bisher geglaubt worden wäre, daß ihn Feldmarschall Roberts gewonnen habe, vom Deutschen Kaiser ausgearbeitet worden sei, und wenn das der Fall wäre, ob Kriegsminister Haidane dieses Schriftstück veröffentlichen wolle. Der Kriegsminister erwiderte, daß die Archive des Kriegsministeriums kein derartiges Schriftstück enthielten, auch sei ein solches nicht in den Besitz irgendeiner anderen mit dem Kriegsministerium zusammenhängenden Stelle gekommen. „Ich bin daher nicht in der Lage", hatte der Kriegsminister Haidane geschlossen, „den Wunsch nach Veröffentlichung des betreffenden Schriftstücks zu erfüllen." Hinter dieser Antwort des Kriegs- ministers verzeichnete der englische Parlamentsbericht: „Lautes und allgemeines Gelächter." Wenn dieses Gelächter die Stimmung der Mitglieder des Unterhauses gegenüber den Phantastereien des Kaisers wiedergab, so will ich nicht verschweigen, daß die Haltung der englischen Regierung durchaus korrekt und freundlich war. Sie ließ mich durch den englischen Botschafter in Berlin vertraulich wissen, daß sie alles tun würde, was in ihren Kräften stünde, um meine durch den Artikel des „Daily Telegraph" schwierig gewordene Lage zu erleichtern und jedenfalls eine Verschärfung der Situation zu verhindern. An der Spitze der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" ließ ich die nachstehende Verlautbarung veröffentlichen: „Ein großer Teil der ausländischen und inländischen Presse hat wegen des im ,Daily Telegraph' veröffentlichten Artikels kritische Betrachtungen gegen die Person Seiner Majestät des Kaisers gerichtet, wobei von der Annahme ausgegangen wurde, der Kaiser hätte diese Publikation ohne Vorwissen der für die Politik des Reichs verantwortlichen Stelle veranlaßt. Diese Annahme ist unbegründet. Seine Majestät der Kaiser hatte von einem 23* 356 DAS HARAKIRI englischen Privatmann, mit der Bitte, die Veröffentlichung zu genehmigen, das Manuskript eines Artikels erhalten, in dem eine Reihe von Gesprächen Seiner Majestät mit verschiedenen englischen Persönlichkeiten und zu verschiedenen Zeiten zusammengefaßt war. Jener Bitte lag der Wunsch zugrunde, die Äußerungen Seiner Majestät einem möglichst großen Kreise englischer Leser bekanntzugeben und damit den guten Beziehungen zwischen England und Deutschland zu dienen. Der Kaiser ließ den Entwurf des Artikels an den Reichskanzler gelangen, der das Manuskript dem Auswärtigen Amt mit der Weisung überwies, dasselbe einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Nachdem in einem Bericht des Auswärtigen Amts Bedenken nicht erhoben worden waren, ist die Veröffentlichung erfolgt. Als der Reichskanzler durch die Publikation des ,Daily Telegraph' von dem Inhalt des Artikels Kenntnis erhielt, erklärte er Seiner Majestät dem Kaiser: er hätte den Entwurf des Artikels nicht selbst gelesen; andernfalls würde er Bedenken erhoben und die Veröffentlichung widerraten haben; er betrachte sich aber als für den Vorgang allein verantwortlich und decke die ihm unterstellten Ressorts und Beamten. Gleichzeitig unterbreitete der Reichskanzler Seiner Majestät dem Kaiser sein Abschiedsgesuch. Seine Majestät der Kaiser hat diesem Gesuch keine Folge gegeben, jedoch auf Antrag des Reichskanzlers genehmigt, daß dieser durch Veröffentlichung des oben dargestellten Sachverhalts in die Lage versetzt werde, den ungerechten Angriffen auf Seine Majestät den Kaiser den Boden zu entziehen." Sowohl Loebell wie namentlich Hammann hatten starke Bedenken gegen diesen Artikel, da ich mich dadurch persönlich zu sehr bloßstelle, weit mehr, als nötig wäre. Hammann meinte: „Wollen Eure Durchlaucht wirklich zur Rettung der eigentlich Schuldigen ein solches Harakiri an sich selbst vollziehen?" Auch mein Stellvertreter im Reich, der Staatssekretär des Innern von Bethmann Hollweg, riet mir dringend und, wie ich überzeugt bin, in redlicher Absicht, die Beamten des Auswärtigen Amts zu opfern, statt sie ausdrücklich zu decken und alles auf mich zu nehmen. Es erschien mir aber nicht würdig, es zu machen wie der russische Bauer, der, von Wölfen verfolgt, ihnen erst seinen Hammel, dann sein Kind und schließlich seine Frau vorwirft, um sich selbst zu retten. Vor allem wollte ich die Krone aus der Feuerlinie bringen. Es stellte sich nur zu bald heraus, daß dies über mein Vermögen ging, wie ich heute hinzufüge, auch über das Vermögen jedes unter den damaligen Verhältnissen und in der damaligen Lage im Amt befindlichen Reichskanzlers. Der Sturm, der sich wegen des „Daily-Telegraph"-Interviews in Deutsch- Wirkung in land erhob, galt nicht den bei der Behandlung dieser Angelegenheit be- Deutschland gangenen formalen Versehen. Die durch den „Daily Telegraph" bekanntgewordenen politischen Betrachtungen und Äußerungen des Kaisers DAS GEFÄSS LÄUFT ÜBER 357 bildeten nur den Tropfen, der das bis zum Rande gefüllte Gefäß der öffentlichen Unzufriedenheit über die sich immer wiederholenden Unvorsichtigkeiten und Entgleisungen Seiner Majestät zum Überlaufen brachte. Die Nation wurde durch die englischen Gespräche Wilhelms II. gewaltsam, wie mit einem Rippenstoß, an alle politischen Fehler erinnert, die der Kaiser während der zwanzig Jahre seiner bisherigen Regierung sich hatte zuschulden kommen lassen, an alle Warnungen, an alle grollenden Prophezeiungen des entamteten Fürsten Bismarck. Es ging auch wie eine dunkle Ahnung durch die weitesten Kreise, daß ein so unvorsichtiges, übereiltes, unkluges, ja kindisches Reden und Handeln des Oberhaupts des Reichs schließlich zu Katastrophen führen könne. Der Kaiser selbst fühlte, wenigstens vorübergehend, den Boden unter seinen Füßen wanken. Er hatte die Absicht gehabt, Ende Oktober Hamburg und Kiel einen kurzen Besuch abzustatten, gab aber dieses Projekt auf, nachdem ihm Ballin geschrieben hatte, er möge nicht Hamburg passieren, da dort unfreundliche Demonstrationen zu gewärtigen wären. Dieser Avis au lecteur machte den Kaiser sehr betroffen. Er stattete mir am 31. Oktober, zwei Tage nach der Veröffentlichung des „Daily Telegraph", einen Tag nach dem Artikel in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", einen mehr als zweistündigen Besuch ab. Er war, wie immer in kritischen Augenblicken, sehr weich, sehr klein. Ich verhehlte ihm nicht, daß, wenn ich auch gern bereit wäre, mich nicht nur, wie dies meine Pflicht sei, vor ihn zu stellen, sondern auch die Angriffe tunlichst auf mich zu lenken und immer wieder die bei der Behandlung des Artikels begangenen Büro-Versehen in den Vordergrund zu rücken, es im Reichstag doch wieder auf eine große Debatte über das schon so oft beanstandete persönliche Regiment Seiner Majestät herauskommen würde. Ich erinnerte den Kaiser daran, daß ich am 14. November 1906, also gerade zwei Jahre früher, vor dem Reichstag erklärt hätte: ich könne mir sehr wohl denken, daß ein Minister finden könne, daß ein übertriebenes persönliches Hervortreten des Regenten, daß ein zu weit getriebener monarchischer Subjektivismus dem monarchischen Interesse nicht zuträglich sei und daß er dafür die Verantwortung vor Krone, Land und Geschichte zu übernehmen nicht in der Lage wäre. Ich würde diesmal ähnlich sprechen müssen, und das im Interesse der Krone. Der Kaiser antwortete mir sehr ruhig: „Tun Sie, was Sie nicht lassen können." Mit fast bittendem Ausdruck fügte er hinzu: „Bringen Sie mich nur durch, vor allem bringen Sie uns durch!" Seine vertrauensvolle, kindliche Haltung rührte mich um so mehr, je weniger er mir Vorwürfe wegen des Versagens des doch sonst von ihm gar nicht gehebten Auswärtigen Amts machte. Auch hier muß ich wieder einen Fehler beichten, diesmal aber nicht einen moralischen, sondern einen intellektuellen Irrtum. Ich hätte 358 KABARETT IN DONAUESCHINGEN unbedingt darauf bestehen müssen, daß der Kaiser während der bevorstehenden Krisis in Berlin blieb. Das würde mir die weitere Behandlung Seiner Majestät sehr erleichtert haben. Wenn der Kaiser den damaligen Stand der öffentlichen Meinung in der Reichshauptstadt, die Stimmung im Parlament, die große Erregung auch und gerade in den intellektuellen Kreisen aus der Nähe beobachtet hätte, so würde er mein Verhalten und Vorgehen ganz anders und weit richtiger beurteilt haben als aus dem sicheren Port in Donaueschingen, umgeben von zum Teil frivolen und unwissenden Elementen. Nun wünschte aber der Kaiser dringend, noch einmal mit dem Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich zusammenzukommen, und hielt eine solche Begegnung im Hinblick auf die bosnische Krisis für durchaus notwendig. Er sehnte sich freilich auch nach Donaueschingen, wo ihm Fuchsjagden, Kabarettvorträge, alle möglichen Genüsse in Aussicht gestellt waren. Ich gab seinem Wunsch nach, auch in der Erwägung, daß ich in einer parlamentarisch und politisch so bewegten Zeit, die so viele persönliche Rücksprachen und Direktiven von mir erforderte, die Schwierigkeiten besser überwinden würde, wenn ich nicht täglich von Berlin nach dem Neuen Palais in Potsdam zu fahren brauchte, wo, wenn er nicht auf Reisen war, der Hof bis nach Weihnachten weilte. Bevor der Kaiser Berlin verließ, ermahnte ich ihn mündlich und schriftlich, weder in Wien noch in Konopischt noch gegenüber den in Donaueschingen weilenden Österreichern, unter denen sich der spätere Minister des Äußern Graf Ottokar Czernin befand, hinsichtlich der Dardanellenfrage irgendeine Verpflichtung einzugehen oder Zusagen zu machen. Wir müßten uns in dieser Beziehung ganz freie Hand wahren. Gegen die russischen Wünsche in dieser Richtung würde ich keinesfalls aktiv auftreten. Bevor ich zur Reichstagsdebatte über den „Daily-Telegraph"-Artikel Die beteiligten komme, möchte ich in Kürze das weitere Schicksal der schuldigen Beamten Beamten erwähnen. Klehmet überreichte mir nach unserer etwas stürmischen Unterredung unmittelbar nach dem Erscheinen des „Daily-Telegraph"-Artikels eine längere Aufzeichnung, die im wesentlichen wieder darauf hinauskam, er habe annehmen müssen, daß Seine Majestät der Kaiser die Veröffentlichung des Artikel „entschieden" verlange und daß die vorherige Mitteilung an den Reichskanzler lediglich bezwecke, zu etwa wünschenswert erscheinenden Abänderungen „einzelner Stellen" die Möglichkeit zu bieten. Er sei überzeugt gewesen, daß Seine Majestät den größten Wert darauf lege, von dem dankenswerten englischen Anerbieten Gebrauch zu machen. Aus einem in der Fleischerschen Revue enthaltenen (mir, nebenbei gesagt, unbekannten) Aufsatz habe er geglaubt entnehmen zu dürfen, daß alles Wesentliche aus dem englischen Artikel bereits bekannt wäre. Um so weniger habe er gewagt, dem „entschiedenen Willen des Kaisers" ENTSCHULDIGUNGEN 359 entgegenzutreten. Er habe geglaubt, es komme darauf an, angesichts der (von Seiner Majestät und Tirpitz abgewiesenen) Versuche von Haidane und Lloyd George, zu einer Vereinbarung über Einschränkungen der Seerüstungen zu gelangen, die englische Stimmung uns gegenüber „ä tout prix" zu besänftigen, und daß es deshalb gerechtfertigt sein könnte, nach altem Bismarckschem Prinzip zur Erreichung des Hauptziels, der Besserung unserer Stellung zu England, alle anderen Rücksichten, namentlich diejenigen auf Frankreich und Rußland, einstweilen beiseitezustellen. Er habe auch der Versicherung des nominellen englischen Verfassers Wortley, daß der Artikel in England gut wirken werde, glauben müssen. Es hätte ihm an durchschlagenden Gründen gefehlt, um der Auffassung Seiner Majestät entgegenzutreten. Er hätte angenommen, daß eine Äußerung über die Opportunität der Veröffentlichung von ihm gar nicht verlangt worden wäre. Einzelne Stellen auszumerzen wäre nicht möglich gewesen, weil das Ganze eine „streng einheitliche Argumentation" gewesen sei. Insbesondere sei der Passus über den von Seiner Majestät ausgearbeiteten Feldzugsplan unentbehrlich gewesen als „Kulmination der ganzen Beweisführung". Der Unterstaatssekretär Stemrich und der Staatssekretär von Schön hätten doch den von ihm, Klehmet, entworfenen Bericht ohne jede Änderung gezeichnet. Er habe sich auch gesagt, daß die Authentizität der in dem Artikel angeführten kaiserlichen Ausführungen gar nicht zu bestreiten wäre, daß eine Veröffentlichung dieser Äußerungen, auch wenn Seine Majestät die Veröffentlichung ablehne, doch von anderer Seite erfolgen würde und daß es würdiger wäre, wenn Seine Majestät sich jetzt sogleich zu seinen Auslassungen bekenne, als wenn er später dazu gezwungen würde. Die Verbreitung des Artikels des „Daily Telegraph" durch Wolffs Büro sei ohne Rückfrage bei ihm und beim Reichskanzler auf Weisung des Geheimen Rats Hammann erfolgt. Der vorletzte Satz war richtig. Es war in der Tat zweifellos, daß die gegenüber so vielen Engländern, vor so vielen Zuhörern aus allen Kreisen von Seiner Majestät in pointierter Form, mit Nachdruck und Bestimmtheit gemachten und immer wiederholten Ausführungen derartig sensationeller Natur in irgendeiner Weise in die Öffentlichkeit gelangt wären. Es war auch zutreffend, daß wegen der Verbreitung des „Daily-Telegraph"-Artikels durch Wolffs Büro weder bei Klehmet noch vor allem bei mir angefragt worden war. Holstein, der den Menschen, mit denen er sich überworfen hatte, gern alles Schlechte nachsagte, wollte mich bis an sein Lebensende davon überzeugen, daß Hammann meine Ermächtigung zur Verbreitung des „Daily-Telegraph"- Artikels durch Wolff in böser Absicht nicht eingeholt habe, um mir auf diese Weise Ungelegenheiten zu bereiten. Ich möchte eher annehmen, daß es sich um eine Bummelei des bisweilen bummeligen Hammann handelte. 360 SCHÖN LEGT SICH ZU BETT Viel jämmerlicher als die Entschuldigung des Legationsrats Klehmet war der Rechtfertigungsversuch des Gesandten von Müller, den noch schwerere Schuld traf als den Legationsrat Klehmet. Zunächst entschuldigte sich Müller damit, daß er nicht Zeit gehabt hätte, meiner Weisung entsprechend das Manuskript zu prüfen. Als ich ihn am nächsten Tage, und sehr nachdrücklich, gefragt hätte, ob er die ganze Sache auch wirklich ernstlich und genau geprüft habe, hätte er sich geschämt, mir zu sagen, daß er dies versäumt habe. Bis zu meinem Rücktritt Heß er nichts weiter von sich hören, versicherte aber dann meine Frau in einem weinerlichen Briefe seines tiefsten Mitgefühls. Er wisse, wie sie gewöhnt sei, auch auf politischem Gebiet Freud und Leid mit mir zu teilen. Die Kämpfe, die ich zu bestehen hätte, erweckten deshalb seine, Müllers, innigste Teilnahme. Tröstend fügte er hinzu, er erinnere sich bei diesem Anlaß der zahlreichen „Wohltaten", die er schon seit einer langen Reihe von Jahren durch die ihm in meinem Hause bewiesene, sich stets gleichbleibende Güte erfahren hätte. Sie träten ihm immer neu vor die Seele. Er versichere uns seiner unwandelbaren Dankbarkeit. „Sind die traurigen Stunden des Abschiednehmens von liebgewordenen Beziehungen und Gepflogenheiten erst vorüber, so bin ich in dem Gedanken beglückt, daß einesteils am Nordseegestade, wo die vergrößerte Villa Ihrer harrt, teils in der Ewigen Stadt sonnigere Zeiten winken." Am erbärmlichsten benahm sich der Staatssekretär von Schön. Er legte sich einfach zu Bett. Seine belgische Gattin schrieb mir in einem ziemlich mangelhaften Deutsch, ihr Mann habe „un arret du cceur" erlitten. Ich glaubte an einen lebensgefährlichen Herzkrampf und schickte meinen Arzt und Freund Geheimrat Renvers zu Schön. Nach einer halben Stunde kehrte Renvers lächelnd mit der beruhigenden Versicherung zurück, daß die Erkrankung des Staatssekretärs nur Angst vor den Schwierigkeiten sei, in die er durch seine Nachlässigkeit geraten sei. Er fürchte sich, das Auswärtige Amt und dessen Geschäftsgang vor dem Reichstag zu verteidigen, er fürchte sich noch mehr vor etwaigen Friktionen zwischen Kaiser und Kanzler. Ich schickte Schön auf Urlaub und Heß den Gesandten in Bukarest, Kiderlen-Wächter, nach Berlin kommen, um ihm die provisorische Leitung des Auswärtigen Amts anzuvertrauen. Am unschuldigsten war der Unterstaatssekretär Stemrich, der, erst kurze Zeit im Amt, den Fall nicht genügend übersehen konnte. Der wackere Mann ist bald nachher erkrankt und früh gestorben. Klehmet, der mir leid tat, habe ich noch vor meinem Rücktritt als deutschen Delegierten der Internationalen Finanzkommission in Athen untergebracht, wo er im Schatten des Ölbaums, wo flüsternd leis zu der Ulme sich neigt die Platane, DER GESANDTE VON MÜLLER 361 noch einige gute Jahre verlebte. Felix von Müller hat sich lange nach der „Daily-Telegraph"-Affäre erschossen. Ich bin weit entfernt anzunehmen, daß Reue und Selbstvorwürfe über sein undienstliches Verhalten ihm die Pistole in die Hand gedrückt haben. Er war kein Brutus, der sich in das eigene Schwert stürzt. Seine Mutter gehörte der Familie Stumm an, die ausgezeichnete Männer hervorbrachte, u. a. den Freiherrn Karl Ferdinand von Stumm-Halberg, den sogenannten König Stumm, den bekannten Großindustriellen und Reichstagsabgeordneten, einen der tüchtigsten und charaktervollsten Männer, die das deutsche Wirtschaftsleben sah, die aber auch manche Angehörige gehabt hat, die, erbbch belastet, in Geisteskrankheit verfielen. Ich glaube, diejenigen haben recht, die mir erzählten, Felix von Müller sei in einem Anfall geistiger Störung aus dem Leben geschieden. XXIV. KAPITEL Diskussion der Lage im Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten, vertrauliche Aussprache unter den leitenden Ministern • Die Stimmung im preußischen Staatsministerium • Besonders scharfe Kritik der konservativen Presse • Reichstagsdebatte über die kaiserlichen Gespräche • Die Veröffentlichung eines neuen unbesonnenen Interviews Wilhelms II. kann noch rechtzeitig inhibiert werden Bevor der Reichstag weder zusammentrat, fand langjähriger Tradition entsprechend eine Sitzung des Bundesratsausschusses für auswärtige Bundesrats- Angelegenheiten statt, in der ich eingehende Mitteilungen über den Stand ausschusses j er deutschen internationalen Beziehungen, die bosnische Frage, die Casa- blanca-Affäre und über unser Verhältnis zu England gab. Der Ausschuß sprach mir einmütig den Dank der verbündeten Regierungen und ihr volles Vertrauen aus. Alle Bundesregierungen ohne jede Ausnahme wären von dem lebhaften und aufrichtigen Wunsche erfüllt, daß ich noch viele Jahre die auswärtige und innere Politik des Reiches leiten möge. Bevor die Mitglieder des Ausschusses den Sitzungssaal verließen, kam es noch zu einer freien und freimütigen Aussprache über die durch die englischen Gespräche des Kaisers hervorgerufene Lage. Von allen Seiten wurde mir in angemessener und würdiger Form, aber mit Ernst und mit Nachdruck gesagt, daß es so nicht weiter ginge, Seine Majestät der Kaiser müsse sich endlich größerer Vorsicht in Reden und Tun befleißigen, müsse besonnener werden, wenn nicht die monarchische Idee in Deutschland und damit das Reich selbst schweren Schaden leiden sollten. Von verschiedenen Seiten wurde angeregt, ob es sich nicht empfehle, daß sämtliche deutschen Fürsten in corpore in Berlin erschienen, um persönlich dem Kaiser ihre Sorgen und Bedenken vorzutragen. Ich widersprach, und nicht ohne Schärfe, diesem Vorschlag, der für mich nicht diskutabel sei. Eine solche Schilderhebung der deutschen Fürsten würde an trübe Zeiten des alten Reichs erinnern, sie würde im Ausland als eine Demonstration der Partikularfürsten gegen die Kaiserkrone und die in der Kaiserkrone gipfelnde Einheit des Reiches aufgefaßt werden und somit die Lage verschlimmern. Ich übernähme persönlich die volle Verantwortung dafür, daß der Kaiser sich künftig ruhiger halten und vernünftiger benehmen würde. STAATSKANZLER, NICHT HOFKANZLER 363 Staatsministeriums Am Abend dieses Tages fand ein Diner bei mir statt, zu dem icb alle im Auswärtigen Ausschuß vertretenen Bundesratsmitglieder mit den preußischen Staatsministern eingeladen hatte. Die würdigen Herren waren derartig erregt, daß sie nicht nur mir, sondern auch meiner sehr unpolitischen Frau heftig zusetzten, wobei sich namentlich der Staatssekretär des Innern, Herr von Bethmann Hollweg, durch seinen Eifer hervortat. Mit dem ihm eigenen feierlichen Pathos rief er meiner Frau zu: „Sie müssen Ihrem Herrn Gemahl, dem von mir so hochverehrten Fürsten, immer wieder sagen, daß er nicht Hofkanzler, sondern Staatskanzler ist." Derselbe Bethmann hat später nie den Mut gefunden, meine Haltung in den Novembertagen gegenüber dem Kaiser zu rechtfertigen oder auch nur zu verteidigen. Besonders animos war die Stimmung im preußischen Staatsministerium. In der von mir zusammenberufenen Sitzung erklärten alle Minister, daß es Sitzung des die Pflicht des Königlichen Staatsministeriums sei, Seine Majestät preußischen den Kaiser im Interesse, für das Wohl, ja vielleicht für die Rettung der preußischen Monarchie auf das entschiedenste vor weiteren Fehlern zu warnen, ihm mehr Selbstbeherrschung, mehr Ernst anzuempfehlen, ihn auf das Vorbild seiner großen Ahnen, vor allem auf das Vorbild seines Herrn Großvaters hinzuweisen. Der Kriegsminister von Einem führte aus, daß die Unzufriedenheit mit dem Verhalten und Gebahren des Kaisers, mit den Auswüchsen des persönlichen Regiments, mit den kaiserlichen Temperamentsausbrüchen und Launen auch in Offizierskreisen mehr und mehr um sich greife. Das wirke demoralisierend, und darin hege eine große Gefahr. Gewiß seien ehrenhafte und ruhmvolle Traditionen im Heere noch stark und lebendig. Das Offizierkorps würde im Ernstfall zweifellos gegenüber dem Feind voll und glänzend seine Pflicht erfüllen wie 1870, wie 1866, wie anno 13 und wie im Siebenjährigen Krieg. Aber das Ansehen des Königs, seine Stellung gegenüber dem Offizierkorps seien doch nicht mehr so fest fundiert wie früher, und das durch die Schuld Seiner Majestät. Es habe militärisch mehr oder weniger begabte preußische Könige gegeben, aber keinen, der sich so sehr nur in „Soldatenspielerei", in falschen Manöverbildern, in „albernen Kinkerlitzchen", in reinen Äußerlichkeiten, in der Einführung neuer Uniformen und Griffe gefallen, der in dem ernstesten aller Ressorts, in der Armee, so sehr Schein und Wirklichkeit, Schale und Kern verwechselt hätte. Der Staatssekretär von Tirpitz sprach sich in gleichem Sinne aus. Die Marine, die Lieblingswaffe Seiner Majestät, denke ebenso. Sie sei gewiß dankbar für das besondere Interesse, das der Kaiser seiner Flotte entgegenbringe, für alles, was er für die Flotte getan habe und noch tue. Aber es gebe wenig Marineoffiziere, die nicht der Uberzeugung wären, daß der größte Dienst, den der Kaiser wie 364 EIN VERNICHTETES PROTOKOLL der Armee so insbesondere auch der Marine erweisen könne, größere Zurückhaltung, mehr Sachlichkeit, mehr Ernst, Umsicht und Vorsicht in seinem ganzen Verhalten sein würde. Der Staatssekretär des Innern, Herr von Bethmann Hollweg, zog daraus das Fazit, daß es die Pflicht des Ministerpräsidenten sei, Seiner Majestät dem Kaiser ein „Bis hierher und nicht weiter!" zuzurufen. Gegenüber dem Reichstag aber dürfe der Kanzler keinen Zweifel darüber lassen, daß der Kaiser künftig Handlungen und Worte unterlassen müsse und würde, die für die Autorität der Krone und die Ruhe im Lande gleich gefährlich wären. Ich darf nicht verschweigen, daß, als ich einige Monate später das Protokoll dieser denkwürdigen Sitzung verlangte, der Unterstaatssekretär im Staatsministerium mir mit einiger Verlegenheit meldete, auf dringende Bitte mehrerer Mitglieder des hohen Staatsministeriums sei dieses Protokoll „im Interesse der Würde der Krone" vernichtet worden. Am 6. November brachte die „Konservative Korrespondenz", das offizielle Organ der Konservativen Partei, eine parteioffizielle Kundgebung, in der es hieß: „Wir sehen mit Sorge, daß Äußerungen Seiner Majestät des Kaisers, gewiß stets von edlen Motiven ausgehend, nicht selten dazu beigetragen haben, teilweise durch die mißverständliche Auslegung, unsere auswärtige Politik in schwierige Lage zu bringen. Wir halten, geleitet von dem Bestreben, das kaiserhche Ansehen vor einer Kritik und Diskussion, die ihm nicht zuträglich sind, zu bewahren, sowie von der Pflicht beseelt, das Deutsche Reich und Volk vor Verwicklungen und Nachteilen zu schützen, uns zu dem ehrfurchtsvollen Ausdruck des Wunsches verbunden, daß in solchen Äußerungen künftig eine größere Zurückhaltung beobachtet werden möge." Die „Kreuz - Zeitung" erklärte in ihrem Kommentar zu dieser Kundgebung der Konservativen Parteileitung: „Möge der alles Dankes würdige, mutige Schritt unserer Parteiführer zum Segen des Vaterlandes gereichen! Und sollte er selbst nicht vollen Erfolg haben, so wissen wir doch von neuem, daß die Konservative Partei sich auf die Einsicht und Selbstlosigkeit unserer Führer immerdar verlassen kann, wie sie selbst sich auf die Partei verlassen können." In weiten Kreisen wurde die Erregung gegen den Kaiser noch dadurch verstärkt, daß über den Aufenthalt Seiner Majestät in Donaueschingen durch seinen Gastgeber, den Fürsten Max Fürstenberg, taktlose Berichte in die Presse gelangten, in denen nur von prächtigen Fuchsjagden und höchst amüsanten Vorträgen eines aus Frankfurt nach dem Fürstenbergi- schen Schloß berufenen Kabaretts die Rede war. Als ich durch Vermittlung des Oberhofmarschalls und Hausministers August Eulenburg in Donau- eschingen darauf aufmerksam machen Heß, daß das dortige, wenig ernste DER GANZE REICHSTAG OPPONIERT 365 Treiben im Lande keinen guten Eindruck mache, kam der Kaiser, schnell von Entschluß wie er war und immer bereit und fähig, sich umzuschalten, auf den Einfall, der öffentlichen Meinung, wie er meinte, „ein Paroli zu bieten", indem er gerade an dem Tage, an dem im Reichstag die Interpellationen über das Kaiserinterview beantwortet werden sollten, am 10. November 1908, dem anfänglich von ihm verspotteten, dann wenig beachteten Grafen Zeppelin eine melodramatische Huldigung darbrachte, ihm den hohen Orden vom Schwarzen Adler umhängte, ihn dreimal umarmte und eine Rede an ihn hielt, in der er ihn, anno 1908, zum größten Deutschen des ganzen (eben angebrochenen) zwanzigsten Jahrhunderts proklamierte. Am gleichen Tage begann die Reichstagsdebatte. Die Nationalliberalen, die Freisinnigen, die Sozialisten, die Deutschkonservativen und die Reichstags- Reichspartei hatten Interpellationen eingebracht. In würdigen, maßvollen Debatte Worten eröffnete der Führer der Nationalliberalen, Ernst Bassermann, die Debatte. Er hob hervor, daß der Reichskanzler während seiner Amtszeit und insbesondere gegenüber der bedrohlichen bosnischen Krisis eine Politik der Sachlichkeit und Festigkeit gemacht habe, eine Politik, die allgemein gebilligt werde. Bassermann protestierte gegen die unvorsichtige und gefährliche Behauptung des Kaisers, daß das deutsche Volk in seiner großen Mehrheit nicht freundlich oder gar feindlich für England gesinnt sei. Der Schwerpunkt der ganzen Krisis, führte Bassermann aus, liege keineswegs in der Veröffentlichung, sondern in den Tatsachen: „Auch wenn diese Gespräche nicht bekannt geworden wären vor aller Welt, in England laufen sie von Mund zu Mund. Und wieviele andere Gespräche mögen in den Archiven fremder Nationen hegen!" Am Schluß seiner Ausführungen protestierte Bassermann gegen die Behauptung des Kaisers, daß die deutsche Flotte dazu bestimmt sei, Weltpolitik im Stillen Ozean zu treiben. Der Reichstag müsse feierlich erklären, daß das deutsche Flottengesetz einen defensiven Charakter habe, daß die deutsche Flotte zur Verteidigung unserer Küsten, unserer Flußläufe, unserer Küstenstädte bestimmt sei. Vor allem liege der großen Mehrheit des verständigen und friedliebenden deutschen Volkes Feindschaft gegen England wie gegen Japan durchaus fern. Der Führer der Sozialdemokratie, Herr Singer, sprach sehr maßvoll. Vielleicht mit dem Hintergedanken, daß der Weizen der Sozialdemokratie nur um so üppiger blühen würde, je mehr das Oberhaupt des Reichs seinem Naturell die Zügel schießen ließe. Es mögen aber auch weniger parteiegoistische Motive mitgesprochen haben. Mein Freund Renvers erzählte mir am Vormittag des 10. November, er sei zufällig am Abend vorher mit Herrn Singer in einem beiden befreundeten Hause zusammengetroffen. Singer habe ihm bei diesem Anlaß proprio motu gesagt, die Sozialdemo- 366 AUCH DIE KAISERTREUEN kratische Partei werde mir keine besonderen Schwierigkeiten bereiten, mich auch nicht mit unnötiger Heftigkeit angreifen. Sie wünsche keinen Krieg und glaube trotz aller innerpolitischen Differenzen zwischen ihr und mir, daß unter meiner Leitung der auswärtigen Politik bei der derzeitigen verworrenen europäischen Lage der Friede am besten gesichert sei. Der Führer der Konservativen Partei, Herr von Heydebrand, sprach viel schärfer als Paul Singer. Er bezeichnete die in Deutschland herrschende Erregung als eine sehr große und sehr nachhaltige. Man würde dieser Erregung nicht gerecht werden, wenn man lediglich an die letzten Veröffent- Uchungen anknüpfen wolle. Es müsse offen ausgesprochen werden, daß es sich um einen Unmut handle, der sich seit Jahren angesammelt habe. Dieser Unmut herrsche auch in den Kreisen, denen es an Treue zu Kaiser und Reich bisher noch niemals gefehlt habe. Die im Auswärtigen Amt begangenen Versehen seien keineswegs das Wichtigste, sondern die Vorgänge, die hinter dieser Veröffentlichimg lägen. Die Konservativen hätten auf das bestimmteste allem zugestimmt, was ich früher über die schwerwiegende Frage ausgeführt hätte, wie weit ich die Verantwortung für Äußerungen des Kaisers zu tragen imstande sei. „Aber ich weiß nicht", fuhr Herr von Heydebrand fort, „ob der Reichskanzler nicht selbst die Empfindung hat, ob er den Nachdruck immer in der gehörigen Weise in die Erscheinung hat treten lassen und daß das vielleicht noch entschiedener hätte geschehen müssen und in der Zukunft geschehen muß, wenn Vorgänge dieser Art verhindert werden sollen. Es wäre ungerecht, fuhr Herr von Heydebrand fort, in diesem Augenblick zu vergessen, was Fürst Bülow in seiner Tätigkeit für das Deutsche Reich und das deutsche Volk getan und geleistet habe. So stünden die Dinge nicht, daß man wegen einer einzelnen Frage mir nichts dir nichts auslöschen könne, was viel Arbeit, was viel Pflichttreue, was viel Geschick und viel Vaterlandshebe bedeutet habe." Herr von Heydebrand schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die Antwort des Reichskanzlers ehrlich, entschieden, aber auch eine Hoffnung für die Zukunft sein würde. Die Rede des Führers der Reichspartei, des Fürsten Hatzfeldt, Herzogs von Trachenberg, erinnerte an die Limonade der armen Luise Miller, die Ferdinand von Walter matt fand. Er begnügte sich mit der Versicherung, daß er die monarchische Gesinnung in den Vordergrund stelle. Auf diese wenigen Worte glaube er sich in dem gegenwärtigen Stadium beschränken zu dürfen. Diese Ausführungen bewiesen, daß der edle Herzog noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, schließlich doch noch einmal den Eckplatz auf der Ministerbank im Reichstage einzunehmen, und daß er sich seine wenn auch bescheidenen Chancen für den Reichskanzlerposten an Allerhöchster Stelle nicht verderben wollte. REDE BÜLOw"S 367 Auch die Auslassungen des Freisinnigen Wiemer waren weder kalt noch warm. Nach Hermann Hatzfeldt ergriff ich das Wort*. Ich glauhe sagen zu dürfen, daß ich im Parlament immer Verständnis für das gehabt habe, was die Italiener das Ambiente nennen, d. h. die Stimmung der Umgebung, in der man spricht, die Atmosphäre, die im Sitzungssaal herrscht. Ich fühlte, daß ich sehr ernst und sehr offen sprechen müsse, wie das übrigens durchaus meinem inneren Empfinden entsprach. Ich hatte vor allem die Pflicht, die durch die unbesonnenen kaiserlichen Äußerungen im Auslande hervorgerufenen Verstimmungen zu beruhigen, das in England, Rußland, Frankreich, Japan neugeweckte Mißtrauen zu besänftigen. Ich führte aus, daß das, was der Kaiser über seine Verhinderung einer russisch-französischen Intervention im Burenkrieg erzählt habe, eine längst bekannte Sache sei. Von einer Enthüllung könne keine Rede sein. Der Kaiser habe allerdings die Farben zu stark aufgetragen. Ich stellte auch die Geschichte mit dem Feldzugsplan richtig. Es habe sich nicht um einen ausgearbeiteten und detaillierten Feldzugsplan, sondern um einige „rein akademische Gedanken", um „Aphorismen" gehandelt. Als mich bei diesen Worten das Gelächter der Sozialdemokraten unterbrach, erinnerte ich daran, daß wir uns in einer ernsten Debatte befänden. Die Dinge, über die ich spräche, seien ernster Natur und von großer politischer Tragweite. Ich bat, mich ruhig anzuhören, was dann auch geschah. Der Chef des Generalstabs, General von Moltke, und sein Vorgänger, General Graf Schlieffen, hätten erklärt, daß der Generalstab zwar über den Burenkrieg, wie über jeden großen oder kleinen Krieg, dem Kaiser Vortrag gehalten habe. Beide hätten mir aber gleichzeitig versichert, daß der deutsche Generalstab niemals einen Feldzugsplan oder eine ähnliche auf den Burenkrieg bezügliche Arbeit des Kaisers geprüft oder nach England weitergegeben habe. Diese meine Feststellung entsprach durchaus dem Sachverhalt. Tatsächlich war alles, was Wilhelm II. seinen englischen Freunden über seinen persönlichen Anteil an der Besiegung der armen Buren erzählt hatte, nur Geflunker gewesen. Ich führte weiter aus, daß manche Ausdrücke in dem Artikel des „Daily Telegraph" nicht glücklich gewählt gewesen wären. „Das gilt zunächst", erklärte ich unter allseitigem und sehr lebhaftem Bravo, „von der Stelle, wo der Kaiser gesagt haben soll, die Mehrheit des deutschen Volks sei England feindlich gesinnt. Zwischen Deutschland und England haben Mißverständnisse stattgefunden, ernste, bedauerliche Mißverständnisse. Aber ich weiß mich einig mit diesem ganzen hohen Hause in der Auffassung, daß das ganze deutsche Volk auf der Basis gegenseitiger Achtung * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 134ff.; Reclam-Ausgabe V, 82ff. 368 DER KAISER WIRD SICH ZURÜCKHALTEN friedliche und freundliche Beziehungen zu England wünscht, und ich konstatiere, daß sich die Redner aller Parteien heute in gleichem Sinne ausgesprochen haben. Die Farben sind auch zu stark aufgetragen an der Stelle, die Bezug hat auf unsere Interessen im Pazifischen Meer. Sie ist in einem für Japan feindlichen Sinne ausgelegt worden. Mit Unrecht! Wir haben im Fernen Osten nie an etwas anderes gedacht als dies: für Deutschland einen Anteil an dem Handel Ostasiens bei der großen wirtschaftlichen Zukunft dieser Gebiete zu erwerben und zu behaupten. Wir denken nicht daran, uns dort auf maritime Abenteuer einzulassen. Aggressive Tendenzen liegen dem deutschen Flottenbau im Stillen Ozean ebenso fern wie in Europa. Im übrigen stimmt Seine Majestät der Kaiser mit dem verantwortlichen Leiter der auswärtigen Politik völlig überein in der Anerkennung der hohen politischen Bedeutung, die sich das japanische Volk durch politische Tatkraft und militärische Leistungsfähigkeit errungen hat. Die deutsche Politik betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, dem japanischen Volk den Genuß und den Ausbau des Erworbenen zu schmälern." Nachdem ich in dieser Weise die übelsten Äußerungen Seiner Majestät nach Möglichkeit glattgebogen und eingerenkt hatte — noch mehr, ich wiederhole es, noch viel mehr im Hinblick auf das Ausland, auf die Welt, als auf den Reichstag —, ging ich, als ich fühlte, daß sich die Gemüter unter dem Eindruck meiner Ausführungen allmählich einigermaßen beruhigt hatten, zu einer direkten Apologie des Kaisers und seiner Persönlichkeit über. „Dem Kaiser", rief ich dem Reichstag zu, „geschieht schweres Unrecht mit jedem Zweifel an der Reinheit seiner Absichten, an seiner idealen Gesinnung und seiner tiefen Vaterlandsliebe." Und nun sprach ich die Worte, die, nachdem der Sturm vorüber war, von Ohrenbläsern und Speichelleckern, von Ränkeschmieden und Achselträgern benutzt wurden, um die Eigenhebe des Kaisers gegen mich aufzustacheln, die Worte, die ich damals mit voller Überzeugung gesprochen habe und von denen ich noch heute überzeugt bin, daß sie unbedingt notwendig waren, um nicht nur den Reichstag, sondern auch das deutsche Volk zu beruhigen und ihm wieder Vertrauen einzuflößen, um zwischen Volk und Kaiser gegenseitiges Verständnis und Eintracht zu schaffen: „Meine Herren, die Einsicht, daß die Veröffentlichung seiner in England geführten Gespräche die von Seiner Majestät dem Kaiser gewollte Wirkung nicht hervorgerufen, in unserem Lande aber tiefe Erregung und schmerzliches Bedauern verursacht hat, wird, diese feste Überzeugung habe ich in diesen Tagen gewonnen, Seine Majestät den Kaiser dahin führen, ferner auch in Privatgesprächen jene Zurückhaltung zu beobachten, die im Interesse einer einheitlichen Politik und für die Autorität der Krone gleich unentbehrlich ist." Hier erscholl, namentlich auf der rechten Seite des Hauses, lebhafter Beifall. „Wäre es DIE WARNUNG 369 nicht so", so fügte ich unter anhaltendem Beifall der Konservativen und der Nationalliberalen hinzu, „so könnte weder ich noch einer meiner Nachfolger die Verantwortung tragen." Als der Artikel des „Daily Telegraph" erschienen sei, dessen verhängnisvolle Wirkung mir nicht einen Augenblick zweifelhaft sein konnte, hätte ich mein Abschiedsgesuch eingereicht. Dieser Entschluß sei geboten gewesen, er sei mir nicht schwer geworden. Der ernstete und schwerste Entschluß, den ich in meinem politischen Leben gefaßt hätte, sei, dem Wunsch des Kaisers folgend, im Amte zu bleiben. Ich hätte mich hierzu nur entschlossen, weil ich es für ein Gebot der politischen Pflicht ansehe, gerade in dieser schwierigen Zeit Seiner Majestät dem Kaiser und dem Lande weiter zu dienen. Auch hier erscholl lebhafter und allseitiger Beifall. Wie lange mir das möglich sein werde, stehe dahin. Ich wolle aber noch eins sagen: In einem Augenbhck, wo vieles in der Welt wieder einmal im Flusse sei, wo es darauf ankomme, unsere Stellung nach außen zu wahren und, ohne uns vorzudrängen, mit ruhiger Festigkeit unsere Interessen zur Geltung zu bringen, wo die Gesamtlage ernsteste Aufmerksamkeit erheische, dürften wir uns vor dem Ausland nicht kleinmütig zeigen, dürften wir ein Unglück nicht zur Katastrophe machen. Ich wolle mich jeder Kritik der Übertreibungen enthalten, die wir in diesen Tagen erlebt hätten. Gewiß dürfe keiner die Warnung vergessen, welche die Vorgänge dieser Tage uns allen gegeben hätten. Ich betonte die Worte „keiner" und „allen". Aber es sei keine Ursache, eine Fassungslosigkeit zu zeigen, die bei unseren Gegnern den Anschein erwecken müsse, als wäre das Reich im Innern und nach außen gelähmt. Ich schloß mit den Worten: „An den berufenen Vertretern der Nation ist es, die Besonnenheit zu zeigen, die dem Ernst der Zeit entspricht. Ich sage es nicht für mich, ich sage es für das Land. Die Unterstützung hierbei ist keine Gnade, sie ist eine Pflicht, der sich dies hohe Haus nicht entziehen wird." Als ich unter starkem Beifall schloß, fühlte ich, daß die Partie gewonnen war. Nach mir sprach der Zentrumsführer Hertling, ruhig und gemessen. Er stimmte mit Bassermann darin überein, daß die veröffentlichten Tatsachen weit wichtiger seien als die begangenen Kanzleiversehen. Trotz der damals zwischen der Zentrumspartei und mir bestehenden Spannung erklärte Herr von Hertling: Der Reichskanzler Fürst Bülow habe „in der loyalsten Weise" die Verantwortung übernommen sowohl für die Versehen seiner Untergebenen als für die unbesonnenen Äußerungen des unverantwortlichen Kaisers. Der Sinn und die Bedeutung für die Ministerverantwortlichkeit hege aber darin, daß es für die verantwortliche Stelle ein „Bis hierher und nicht weiter!" gebe und geben müsse. Er nehme deshalb auch an, daß ich meine Demission eingereicht habe nicht wegen der 24 Bülow H 370 1908 — 1918 Veröffentlichung, die ich nicht verhindert hätte, sondern wegen des Inhalts. Er nehme auch an, daß, als ich Seiner Majestät die Zusicherung gegeben habe, die Geschäfte weiterzuführen, ich ganz bestimmte Garantien gefordert hätte. Das deutsche Volk habe ein Recht, zu verlangen, daß es dem Reichskanzler in Zukunft beschieden sein möge, ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Am Schluß der Sitzung sprach der Antisemit Liebermann von Sonnenberg, roh und plump, weit ausfallender gegen den Kaiser als Singer oder gar als Hertling und Wiemer. Als ich vom Reichstag zu Fuß durch den Tiergarten nach Hause ging, begegnete ich Ernst Bassermann. Er drückte mir die Hand mit den Worten: „Heute haben Sie ein politisches und oratorisches Meisterstück geleistet." Nachdenklich fügte er hinzu: „Aber wie wird's zwischen Ihnen und dem Kaiser?" Als ich entgegnete, ich hoffte und glaubte, Seine Majestät der Kaiser werde die Staatsräson und das Wohl des Reichs über kleinliche persönliche Regungen setzen, meinte Bassermann: „Ja, wenn er wäre wie sein Vater und wie sein Großvater. Aber er ist gar so eitel!" Bassermann hat recht behalten. In den ersten Tagen nach der Novemberdebatte von 1908 und auch zeitweise während des folgenden Winters siegte in Wilhelm II. die bessere Stimme. Aber schheßlich behielten — wie ich zur Entschuldigung Seiner Majestät ausdrücklich hervorheben möchte, unter dem Einfluß selbstsüchtiger Ohrenbläser — die gekränkte Eitelkeit, der verletzte Hochmut die Oberhand. Und das Verhängnis ging seinen Weg. Zehn Jahre nachdem ich diese Rede für den Kaiser hielt und im Deutschen Reichstag für Wilhelm II. in die Bresche getreten war, im November 1918 überschritt bei grauem, düsterem Himmel und strömendem Regen Kaiser Wilhelm II. als Flüchtling die holländische Grenze. Am 11. November 1908 wurde im Reichstag die am vorhergegangenen Reichstags- Tage begonnene Debatte fortgesetzt. Miquel, ein gründlicher Kenner des debatte, deutschen Parlamentarismus, sagte mir einmal, die Kunst der Rede sei -.weiter Tag m rj eutsc { 1 j an j g0 wen jg entwickelt und gepflegt, politische Begabung sei so selten, unser politisches Temperament so matt, daß jede parlamentarische Diskussion am zweiten Tage zu versanden pflege. In der Debatte vom 11. November 1908 gab zunächst im Namen der Konservativen der Abgeordnete von Normann die Erklärung ab: „Wir erachten die gestrige Antwort des Reichskanzlers für eine der Gesamtsituation entsprechende und dürfen nur die Erwartung aussprechen, daß der Herr Reichskanzler den Worten auch diejenige Ausführung geben wird, welche das Wohl des Vaterlandes erfordert." Herr von Normann war ein Mann, der seiner Partei wie dem Reichstag zur Zierde gereichte. Er war aus den roten Husaren, den Zietenhusaren, hervorgegangen und hatte als Ordonnanzoffizier des Prinzen Friedrich Karl am Vorabend der Schlacht bei Königgrätz auf einem KIDERLEN WIRD VERLACHT 371 kühnen Ritt, der ihn mitten durch die feindlichen Vorposten führte, dem Kronprinzen die Meldung überbracht, wo am folgenden Tage, dem Schlachttage, Prinz Friedrich Karl seinem Vetter zu begegnen hoffe. Nach ihm betrat der württembergische Demokrat Konrad Haußmann die Tribüne. Während vieler Jahre haben neben dem in keiner Weise hervorragenden, aber redlichen und gutmütigen Herrn von Payer, dem späteren Vizekanzler der letzten Ubergangszeit vor dem Umsturz, die Brüder Haußmann in der Süddeutschen Volkspartei eine gewisse Rolle gespielt. Konrad und Friedrich Haußmann waren Zwillinge. Von Konrad Haußmann pflegte der Korrespondent der „Frankfurter Zeitung", August Stein, der, selbst Demokrat, es wissen mußte, zu sagen, daß er derjenige der Zwillinge wäre, der noch weniger politisches Verständnis besäße als der andere. Seine Rede vom 11. November erhob sich nicht über das Plädoyer eines mittelmäßigen Advokaten in einer schwäbischen Kleinstadt. Dann folgte nach einer gediegenen und relativ gemäßigten Rede des Sozialisten Heine ein unglückliches Intermezzo, dessen unfreiwilliger Held mein Freund Kiderlen war. Da ich Kiderlen als einen starknervigen und dreisten Mann kannte, der in keiner Weise auf das Maul gefallen war, so hatte ich ihn gefragt, ob er Neigung verspüre, für das viel und damals überwiegend mit Unrecht angefochtene Auswärtige Amt ein paar Worte zu sagen. Kiderlen ging sofort und mit Vergnügen auf meine Anregung ein und ergriff am Schluß der Sitzung vom 11. November das Wort. Was er sagte, war sachbch gar nicht übel. Er sprach auch weit fließender als Tschirschky, der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg, Stübel, Jagow und andere Herren, die vor ihm oder nach ihm für das Auswärtige Amt das Wort ergriffen haben. Aber er vergriff sich im Ton. Als er erklärte, er sei ermächtigt, den Herren im Reichstag mitzuteilen, die Regierung gedenke die verlangte Reform des Auswärtigen Amts damit einzuleiten, daß sie dem Reichstag Vorschläge für Vermehrung des Personals machen werde, entstand allgemeine Heiterkeit. Seitdem haben wir gesehen, daß republikanische Regierungen in Deutschland im Auswärtigen Amt keine durchgreifenden Reformen vorgenommen, wohl aber die Zahl der Beamten verdoppelt und verdreifacht haben, um Parteigenossen unterzubringen, ohne daß damit im Parlament irgendein Widerspruch erweckt worden wäre. Der arme Kiderlen erregte aber noch größere Heiterkeit, als er nicht nur die Gewissenhaftigkeit der Beamten des Auswärtigen Amts und ihre Arbeitsfreudigkeit rühmte, sondern auch die Vortrefflichkeit unserer Büros, die man uns im Auslande nicht nachzumachen vermöge. Das Gelächter wurde schließlich so groß, daß Kiderlen seine Rede nicht zu Ende führen konnte. Das hatte aber noch andere Ursachen als die sachlichen Argumente des Redners. Der Deutsche Reichstag hat vor der November-Revolution von 1918 nie Stürme und 24 # 372 SEINE GELBE WESTE Ausschreitungen erlebt, wie sie das französische und das italienische Parlament bisweilen gesehen haben, aber seine Stimmung wurde von Zeit zu Zeit ulkig. Es gibt keinen richtigeren Ausdruck, um sie zu kennzeichnen, eine Stimmung, wie sie, wenn die Fidelitas beginnt, auf deutschen Studentenkommersen, auf Liebesmählern in Offizierkorps, auf Vereinsfesten im alten, fröhlichen Deutschland herrschte. Der Mißerfolg von Kiderlen war auch auf seine prononciert schwäbische Aussprache und, horribile dictu, auf die von ihm getragene gelbe Weste zurückzuführen. Während sich das Haus noch in dieser nicht gerade würdigen Stimmung befand, wurde ich von verschiedenen Seiten gebeten, nach Kiderlen noch einmal das Wort zu ergreifen, um wieder, aber noch eingehender als am vorhergegangenen Tage, die Angriffe gegen den Kaiser zurückzuweisen. Ich hatte schon am Abend des vorhergehenden Tages für alle Fälle einige Schlußworte in dieser Richtung an Hammann diktiert, der ebenso wie Loebell mir riet, in diesem Sinne und auf diese Weise die Debatte zu beendigen. Mein Stellvertreter im Reich, Herr von Bethmann, riet mir dringend ab. Ich würde den ganzen großen Erfolg vom vorhergegangenen Tage in Frage stellen, wenn ich wieder das Wort ergriffe. Ich habe später öfters hören müssen, daß Bethmann Hollweg mir absichtlich einen schlechten Rat gegeben hätte. Ich habe das damals nicht geglaubt und glaube es heute nicht, obwohl ich inzwischen manche Illusionen über Bethmann Hollweg verloren habe. Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß ich am 11. November 1908 recht gehabt habe, nicht noch einmal zu sprechen. Freüich ist dieses mein wohlüberlegtes Schweigen gerade von denjenigen, die während des Sturms sich in ihren Mauselöchern versteckt hatten, benutzt worden, um dem Kaiser einzureden, ich hätte ihn wirkungsvoller und wärmer verteidigen müssen. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß dieselben Intriganten, wenn ich wirklich noch einmal das Wort ergriffen hätte, Seiner Majestät gesagt haben würden: die Wirkung meiner ersten Rede sei dadurch paralysiert worden, daß ich mit meiner bekannten Neigung, dem Reichstag bei jeder Gelegenheit Rede zu stehen und meine oratorischen Leistungen bewundern zu lassen, Seine Majestät überflüssigerweise neuerdings in den Mittelpunkt der Debatte gestellt hätte. Ich wiederhole nochmals: Ich würde mit einer zweiten Rede den Eindruck der ersten abgeschwächt haben. Das Land hätte darin nur eine Verbeugung vor dem Kaiser gesehen, und das Land wünschte, daß der Kaiser seine Regierungsweise ändere. Das Land hätte sein damals großes Vertrauen zu mir verloren. Endlich würde eine neue Rede von mir natürlich neue Repliken aus dem Hause hervorgerufen haben, und die Debatte wäre uferlos geworden. Ich tat wohl daran, nicht zum zweitenmal zu sprechen, zumal bei der augenbhcklichen Stimmung, in der sich das Parlament befand. DIE HULDIGUNG FÜR ZEPPELIN 373 Meine Rede vom 10. November wurde von der rechtsstehenden deutschen Presse mit Beifall aufgenommen. Die sozialdemokratische Presse warf dem Reichstag vor, daß er keine ausreichenden Garantien zur Beseitigung des persönlichen Regiments gefordert und sich von Bülow habe hinter das Licht führen lassen. Das leitende Wiener Blatt, „Die Neue Freie Presse", schrieb über die Sitzung des Deutschen Reichstags: „Fürst Bülow, der niemals einen sympathischeren Eindruck gemacht hat als in dem Augenblick, da er in einer der schwierigsten Situationen war, in der sich ein Staatsmann überhaupt befinden kann, hat nicht als Höfling, sondern als ein für die Geschäfte verantwortlicher Staatsmann gesprochen." Der Pariser „Figaro" meinte: „Le discours du Prince de Bülow semblera un peu etrange dans sa forme brutale ä peine voilee par quelques precautions de langage. Mais il faut reconnaitre qu'il correspondait ä une Situation non moins etrange et ä peu pres sans precedent. Le ministre n'avait qu'un moyen d'en sortir: la franchise entiere. Et il en a heureusement use." Die ganze englische Presse betrachtete meine Rede als Zeichen der freundschaftlichen Gesinnung der deutschen Regierung für England und sprach die Hoffnung aus, daß das deutsche Volk diese Gesinnung teile. Die freimütige Kritik kaiserlicher Mißgriffe nicht nur in der deutschen Presse, sondern auch im Deutschen Reichstag sei ein erfreuliches Zeichen für verfassungsmäßige Zustände in Deutschland und die Unabhängigkeit des deutschen Parlaments. Kaiser Wilhelm II. ließ zunächst gar nichts von sich hören. Von seiner Umgebung hörte ich, daß seine Stimmung einerseits stark erregt, anderer- Fortdauer der seits recht beklommen wäre. Seine Niedergeschlagenheit wurde dadurch Kritik in der erhöht, daß die dem Grafen Zeppelin dargebrachte kaiserliche Huldigung J durch ihre Übertreibungen die von Seiner Majestät erhoffte Wirkung auf das deutsche Volk nicht gehabt hatte. Die Mehrzahl der Deutschen fand es an und für sich ganz erfreulich, daß der Kaiser sich zu einer gerechten Würdigung des unermüdlichen, unerschrockenen, nie verzagenden Bahnbrechers der Luftschiffahrt durchgerungen hatte. Aber dieselben biederen, verständig-nüchternen Deutschen schüttelten den Kopf, wenn sie in der auf Allerhöchsten Befehl sofort durch Wolff verbreiteten Ansprache an Zeppelin lasen: „Es dürfte wohl nicht zu viel gesagt sein, daß wir heute einen der größten Momente in der menschlichen Kultur erlebt haben. Ich danke Gott mit allen Deutschen, daß er unser Volk für würdig erachtete, Sie den Unseren zu nennen." Als diese wieder mindestens exzentrische Rede am 11. November in Berlin bekannt wurde, machte sie im Reichstag keinen guten Eindruck. Auch im Lande wurde sie als neuer Beweis mangelnden inneren Gleichgewichts aufgefaßt. Inzwischen fuhr die nichtdeutsche Presse fort, sich über die Persönlichkeit, das Auftreten und die Regierungsweise des Deutschen Kaisers mit einer bis dahin noch nicht presse 374 EIN NEUER SKANDAL ERSTICKT dagewesenen Schärfe zu verbreiten. Englische Blätter erklärten nach wie vor, daß sie in den kaiserlichen Freundschaftsbeteuerungen für Großbritannien lediglich eine wenig würdige Bemühung um die englische Gunst sähen. Im übrigen könnten die Auslassungen des Kaisers seinen Gegnern nur erwünscht sein: Frankreich und Rußland würden wegen seiner Mitteilungen über ihre Interventionspläne im Burenkrieg jedes Vertrauen in die deutsche Diskretion verHeren. Japan werde aufs neue mißtrauisch werden. Die angebliche Ausarbeitung des Feldzugsplanes sei einfach unglaublich, geradezu eine England von Wilhelm II. zugefügte Beleidigung. Wilhelm II. als der wahre Sieger im Burenkrieg wurde auch in kleinen englischen Blättern verhöhnt. Gleichzeitig hieß es, daß Lord Roberts tief beleidigt wäre und nur mit Mühe davon abgehalten würde, den Schwarzen Adlerorden zurückzuschicken, den ihm sieben Jahre früher der Kaiser zum großen Unbehagen der damals burenfreundlichen deutschen öffentlichen Meinung verliehen hatte. Große französische Blätter ironisierten die persönliche Politik des Deutschen Kaisers als phantastische Romantik. In Rußland erklärte das größte und einflußreichste russische Blatt, die „Nowoje Wremja", die Russen würden an diese Worte des Deutschen Kaisers nicht glauben, wenn sie nicht gedruckt vor ihnen lägen. Der Kaiser habe Rußland und Frankreich gegenüber „taktlos und perfide" gehandelt. Die italienische Presse fällte ebenso harte Urteile über die kaiserliche Politik und Regierungsweise: Wilhelm IL scheine es darauf anzulegen, das Deutsche Reich mit aller Welt zu verfeinden. Die japanische Presse meinte, daß die Bemerkungen des Kaisers über den Fernen Osten nutzlos und schädlich seien. Die Japaner begriffen nicht, warum der Kaiser Vorbereitungen gegen Japans Fortschritte und gegen Chinas Erwachen treffe. Namentlich und vor allem auf England war die Wirkung der von Wil- Kaiserliches heim IL in England mit Engländern geführten Gespräche die eines Hagel- Interview mit Schlags im Frühsommer. Und sie wäre noch niederschmetternder geworden, wenn es mir nicht gelungen wäre, die in Amerika eben in Gang befindliche Veröffentlichung eines Interviews zu verhindern, das Wilhelm II. dem amerikanischen Journalisten Haie gewährt hatte und das in krassem Gegensatz zu seinen Auslassungen in Highcliffe stand. Derselbe Kaiser, der in so stürmischer Weise England und die Engländer seiner treuen Freundschaft versichert hatte, sprach gegenüber dem Amerikaner gerade umgekehrt. Er hatte ihn vor der englischen Tücke und den feindlichen Absichten der Engländer gegen Amerika gewarnt und den Amerikanern geraten, bei Deutschland Schutz gegen das perfide Albion zu suchen. Es gelang, den wohlmeinenden Besitzer der amerikanischen Zeitschrift „Century Magazine", der dies Interview erworben hatte, zu bewegen, auf die Veröffentlichung zu verzichten. Um dieselbe Zeit meldete mir der deutsche General- kaner Haie HARMS WORTH HATTE VERZICHTET 375 konsul in New York, Herr Bünz, daß das auf England bezügliche „famose Interview" des „Daily Telegraph", bevor es in die Hände dieses Blatts gelangt sei, dem Besitzer der „Daily Mail", dem im Weltkrieg als Lord North- cliffe zu trauriger Berühmtheit gelangten Mr. Harmsworth, angeboten worden wäre. Die „Daily Mail" habe „schweren Herzens" auf die Publikation verzichtet, nachdem Herrn Harmsworth im englischen Auswärtigen Amt gesagt worden wäre, die Veröffentlichung sei nicht erwünscht. XXV. KAPITEL Bedenkliche Wirkung der kaiserlichen Äußerungen im Ausland • Kurz vorher gehaltene deutschfreundliche Reden englischer Staatsmänner • Bülows Interview mit Sidney Whit- man • Audienz bei Wilhelm II. • Stellungnahme der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" • Dia Reichsfinanzreform im Reichstag • Wilhelm II. will abdanken • Der Kronprinz zur Lage • Feier im Berliner Rathaus • Wilhelm II. verliest zum erstenmal seine Rede • Briefe und Kundgebungen zu den Novemberereignissen • Wilhelm II. erholt sich Der Bärendienst, den Wilhelm II. meiner Politik und den deutsch-englischen Beziehungen geleistet hatte, war um so bedauerlicher, als gerade chill, Har- j m Sommer 1908 eine Reihe beachtenswerter Symptome darauf hinge- court maßvoll jg^g-j. na tte, daß maßgebende Männer des englischen öffentlichen Lebens QCSGTlituCr Deutschland s * c ^ bemühten, die englische öffentliche Meinung gegenüber Deutschland und auch gegenüber den deutschen Flottenbauten zu beruhigen. So hatte im Juli im Unterhause im Namen der Admiralität Mr. Mac Kenna gegenüber einer alarmierenden Rede des Admirals Lord Beresford erklärt, daß die große Überlegenheit, die England in den älteren Schiffstypen besitze, und das Übergewicht, das zwölf Dreadnoughts und Invincibles gegenüber neun auf Seiten Deutschlands verliehen, England vollkommene Sicherheit im Jahre 1911 verbürge. Gewiß sei diese unbedingte Sicherheit eine Lebensfrage für Großbritannien, aber darüber hinauszugehen, würde Verschwendung sein. Der Staatssekretär des Äußern, Sir Edward Grey, hatte am 27. Juli im Unterhause betont, daß er nicht auf die Isolierung Deutschlands ausgehe. Der bis dahin sehr streitbare Handelsminister Churchill hatte am 15. August in Swansea in einer Bergarbeiterversammlung eine von Lord Cromer im Oberhause kurz vorher gehaltene Rede scharf getadelt, die gegen die angebbeh England von Deutschland drohenden Gefahren gerichtet gewesen war. Ein Krieg zwischen England und Deutschland würde für beide Länder und für die Welt eine furchtbare Katastrophe bedeuten. „Mag auch das Schnappen und Knurren in den Zeitungen und Klubs von London immer so fortgehen, die beiden Völker haben gar keinen Grund, sich zu bekämpfen. Es wird in Deutschland keine zehntausend Personen geben, die ein solches höllisches und verruchtes Verbrechen ernstlich in Betracht ziehen, und in England, glaube ich, nicht einmal so viele." Ende September 1908 hatte in Lancaster in einer öffentlichen Versammlung das AUDIENZ IN POTSDAM 377 Mitglied des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, Mr. Harcourt, gegen den „halb feigen, halb chauvinistischen" Lärm der englischen gelben Presse protestiert. Er erklärte: „Innerhalb der letzten zehn oder fünfzehn Jahre hat es keine Zeit gegeben, und ich spreche mit Wissen und Bewußtsein der vollen Verantwortlichkeit, in welcher unsere Beziehungen zu Deutschland auf festerem und freundschaftlicherem Fuße gewesen sind als heute. Wenn in beiden Ländern eine kleine Schicht von Publizisten vorhanden ist, die infolge selbstsüchtiger, unpatriotischer Absichten kriegerische Wünsche hegen, so sind sie Straßenräuber der Politik und Feinde des Menschengeschlechts. Halten Sie den Kopf kühl, die Flotte bereit und die Zunge höflich, und Sie brauchen das Gekläff dieser Pariahunde nicht zu fürchten, welche die Hütte beschmutzen, in der sie wohnen." Ich hatte dieses Entgegenkommen benutzt, um meinerseits im September 1908 in einer vom „Standard" wiedergegebenen Unterredung mit dem friedlich und deutschfreundlich gesinnten engKschen Schriftsteller Sidney Whitman, der in Deutschland im Vitztumgymnasium zu Dresden erzogen worden war und dem Fürsten Bismarck wiederholt als Sprachrohr gedient hatte, das deutsch - englische Verhältnis freimütig, aber natürlich mit gebotenem Takt, in einer Tonart zu besprechen, die in England günstig aufgenommen worden war. Als Wilhelm II. im November 1908 endlich wieder in Potsdam eingetroffen war, erbat ich eine Audienz, die mir der Kaiser am 17. November Bülow bei im Neuen Palais bewilligte. Seit unserer langen Unterredung vom 31. Ok- Wilhelm I tober hatte ich direkt nur zwei Lebenszeichen von ihm erhalten. Durch den Gesandten von Jenisch ließ er mir telegraphieren, es würde bei Besprechung der ,,Daily-Telegraph"-Angelegenheit viel zu wenig Gewicht darauf gelegt, daß der Wunsch der Veröffentlichung nicht von uns, sondern von englischer Seite ausgegangen wäre und daß in England die Meinung vorgeherrscht hätte, die Veröffentlichung würde den Interessen der deutschenglischen Beziehungen dienen. Am Vorabend der Reichstagsdebatte telegraphierte mir Seine Majestät in englischer Sprache, ich möge nicht vergessen, daß auch hinter der schwärzesten Wolke ein silberner Sonnenstrahl verborgen wäre. Am 17. November 1908 traf ich den Kaiser auf der Terrasse vor dem Neuen Palais. Die Kaiserin stand neben ihrem hohen Gemahl. Sie ging mir rasch einige Schritte entgegen und sagte mir leise: „Seien Sie recht gut zum Kaiser, recht milde. Er ist ganz gebrochen." Dann forderte mich der Kaiser auf, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten. Dort angelangt, setzten wir uns. Der Kaiser sah in der Tat recht niedergeschlagen aus. Er war namentlich sehr blaß. Er erwartete offenbar von mir eine große Strafpredigt. Es wäre geschmacklos gewesen, ihm in diesem Augenblick eine solche zu halten. Ich begnügte mich, zu bemerken, daß wir alle Punkte, 378 DIE VERWUNDBARSTE STELLE alle Fragen, die jetzt den Gegenstand leidenschaftlicher Beschwerden und Klagen bildeten, ja schon oft besprochen hätten. Der Kaiser erwiderte mit natürlichem und offenem Ausdruck: „Gewiß, Sie haben mir das alles vorausgesagt." Dann frug er zögernd und mit sichtlicher Besorgnis: „Aber was nun ? Was wird ? Kommen wir durch ?" Ich erwiderte, daß ich daran nicht zweifle, wenn Seine Majestät sich nur entschlösse, künftig größere Vorsicht und Zurückhaltung zu beobachten. Das gelte namentlich für das Feld der auswärtigen Politik: die „Hunnenrede" und die „Dreizackrede" wären bedenklicher gewesen als das natürlich auch nicht löbliche Swinemünder Telegramm oder die Schwarzseher-Rede. Der Scherz mit dem „Admiral of the Atlantic" und der direkte Brief an Lord Tweedmouth hätten mehr geschadet als gelegentliche Boutaden unter Landsleuten. Der Kaiser nickte zustimmend. Er wolle, äußerte er, „ganz gewiß" sich von jetzt an mehr in acht nehmen. Er wolle es auch vermeiden, die Leute vor den Kopf zu stoßen. „Worüber haben sich denn die Menschen so geärgert ?" Ich erwiderte, daß die unbestreitbare Verärgerung nicht auf politische Momente zurückzuführen wäre. Ich wies auf sein allzu absprechendes, allzu heftiges Auftreten gegenüber der modernen Richtung in Kunst und Literatur hin. Gerade in diesem Punkte sei der Deutsche gar empfindlich und lasse sich nicht von oben in diese oder jene Richtung stoßen. Hier protestierte der Kaiser zum erstenmal. Gegen Liebermann und Hauptmann Stellung zu nehmen, halte er nicht nur für sein Recht, sondern für seine Pflicht, denn solche Menschen vergifteten die Seele des deutschen Volkes. Ich entgegnete, daß Max Liebermann doch einige recht schöne Bilder gemalt und Gerhart Hauptmann, Denker und Dichter in einer Person, manches tiefe und ergreifende Stück von bleibendem Wert auf die Bretter gebracht hätte, welche die Welt bedeuteten. Gegen Talent und Genie zu kämpfen sei immer mißhch. Jedenfalls würde der Kaiser in diesem Streit unterliegen, wenn er Liebermann nur Knackfuß und Hauptmann nur den Major Lauff entgegenzuhalten habe. Die „Netzflickerinnen" und das „Altmännerhaus" von Liebermann würden immer Bewunderer finden, „Hannele" und „Die versunkene Glocke", „Die Weber" und „Florian Geyer" Hauptmanns noch lange Herzen rühren und bewegen. Ich sagte das ohne Schärfe, im leichten Gesprächston, unter Bezugnahme auf frühere Unterredungen mit Seiner Majestät über dieses Thema. Ich fühlte aber sogleich, daß merkwürdigerweise hier die verwundbarste Stelle war, und lenkte die Konversation auf die für mich ja auch erheblich wichtigeren Fragen der Politik. Ich wies in langem Vortrag auf die Schwierigkeiten hin, die in dem bevorstehenden Winter zu überwinden wären. Innerpolitisch stehe die große Reichsfinanzreform im Vordergrunde, deren Erledigung eine absolute Not- DER VORTRAG BÜLOWS 379 wendigkeit wäre. Das deutsche Volk sei kein steuerfreudiges Volk. Dazu käme die Frage, ob wir nur indirekte Steuern beantragen oder auch eine direkte Steuer in Vorschlag bringen sollten. Ich hielte es politisch und sozial für gefährlich, eine so eingreifende Finanzreform nur auf indirekte Steuern zu basieren. Es würde aber nicht leicht sein, die von mir in Aussicht genommene direkte Steuer durchzubringen, da sie bei den Konservativen auf starken Widerstand stoßen dürfte. Daraus könne, da das Zentrum jeden Spalt im Block benutzen würde, um die gegenwärtige Parteigruppierung zu sprengen, eine innere Krisis hervorgehen. Der Kaiser betonte mit Lebhaftigkeit, wie sehr er die weitere Aufrechterhaltung des Blocks wünsche. Ich bestärkte ihn in dieser Auffassung mit dem Bemerken, daß mein Bestreben dahin ginge, unter Aufrechterhaltung der derzeitigen freundlichen Beziehungen zwischen Konservativen und Nationalliberalen und ohne Abstoßen der Freisinnigen allmählich wieder einen Modus vivendi mit dem Zentrum zu finden. Einem solchen Ausgleich hätten wir durch sorgsame Schonung der Rechte der katholischen Kirche und aller katholischen Gefühle vorgearbeitet. Auch hoffte ich, daß meine freundschaftlichen Beziehungen zu dem von mir sehr verehrten Kardinal Kopp und die wohlwollende Gesinnung des Heiligen Vaters und der Kurie für mich eine allmähliche Versöhnung mit der Zentrumspartei erleichtern würden. In diesem Falle würde ich mir erlauben, die Erhebung der Preußischen Gesandtschaft beim Päpstlichen Stuhl zur Deutschen Botschaft in Vorschlag zu bringen. Ich hätte auch schon einen Kandidaten für diesen Posten in Aussicht: den Reichstagsabgeordneten von Hertling. Der Kaiser schien nicht abgeneigt. Ich kam nun auf die äußere Lage zu sprechen, die in noch höherem Grade unsere ernsteste Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen müsse. Die bosnische Frage befinde sich zur Zeit in einem akuten Stadium. Ich hielte aber durchaus an der Hoffnung fest, daß wir ohne irgendwelche Preisgabe des guten Rechts wie der Sicherheit der habsburgischen Monarchie, aber auch ohne Schädigung unserer eigenen Beziehungen zu Rußland die Krisis zu einem befriedigenden Abschluß bringen würden. Ich verhehlte Seiner Majestät dem Kaiser nicht, daß Allerhöchstseine Gespräche in Highcliffe sich wie Reif in der Frühlingsnacht auf die gerade in den letzten Monaten emporsprossenden Blüten besseren Verständnisses zwischen den beiden großen Völkern diesseits und jenseits des Kanals niedergesenkt hätten. Aber auch darüber wäre wegzukommen. Der englische Botschafter habe mir vertraulich gesagt, daß König Eduard sich mit der bestimmten Absicht trage, seinen Wunsch, zwischen England und Deutschland „peace and good will" walten zu sehen, durch einen mit der Königin Alexandra in Berlin abzustattenden, ganz offiziellen Besuch urbi et orbi zu dokumentieren. 380 EINVERSTANDEN WILHELM I. R." „Das ist ja wunderschön", meinte schon sichtlich erleichtert der Kaiser- Er schien aber immer noch zu erwarten, daß ich für mein Verbleihen im Amt noch eine ernste, böse Bedingung stellen würde. Nach kurzem, von beiden Seiten beobachtetem Schweigen frug der Kaiser, der offenbar diesen Punkt in seinem Innern schon eingehend erwogen hatte: „Verlangen Sie eine Proklamation an das Volk? Oder eine Kabinettsorder an Sie und für Sie ? Ich bin zu allem bereit." Er sagte das in liebenswürdigem Ton. Ich erwiderte, daß ich meinem allergnädigsten Herrn keinerlei Kapitulation oder gar ein unwürdiges Pater peccavi zumuten würde. Ich schlüge vor, in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zu sagen, daß Seine Majestät der Kaiser mir die Möglichkeit geboten hätte, ihm die durch die Veröffentlichung des „Daily Telegraph" hervorgerufene Erregung zu schildern und meine Behandlung der Beichstags- interpellation zu motivieren. Im Anschluß hieran könne gesagt werden, daß der Kaiser die Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten im Beich und der Stetigkeit der Beichspolitik als seine Pflicht betrachte und mich nach wie vor mit seinem Vertrauen beehre. Ich hatte schon am vorhergehenden Tage einen in diesem Sinne gehaltenen Entwurf aufgesetzt, der wie folgt lautete: „In der dem Beichskanzler gewährten Audienz hörte Seine Majestät der Kaiser und König einen mehrstündigen Vortrag des Fürsten von Bülow. Der Beichskanzler schilderte die im Anschluß an die Veröffentlichung des ,Daily Telegraph' im deutschen Volk hervorgetretene Stimmung. Er erläuterte die Haltung, die er in den Verhandlungen des Beichstags über die Interpellationen eingenommen hatte. Seine Majestät nahm die Darlegungen und Erklärungen des Beichskanzlers mit großem Ernst entgegen und gab Seinen Willen dahin kund: Unbeirrt durch die von Ihm als ungerecht empfundenen Übertreibungen der öffentlichen Kritik, erblicke Er Seine vornehmste Kaiserliche Aufgabe darin, die Stetigkeit der Politik des Beichs unter Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten zu sichern." Der Kaiser stimmte sofort zu und mit Empressement. Er schien geradezu erstaunt, so gut davonzukommen. Als ich ihm das Entrefilet zum zweitenmal vorlas, fügte ich im ersten Absatz hinter dem Wort „Stimmung" noch die Worte ein: „und deren Ursachen". Mit dem von mir vorgeschlagenen Schluß der Verlautbarung war der Kaiser nach seiner Versicherung besonders einverstanden. Er lautete: „Demgemäß billigte Seine Majestät der Kaiser und König die Ausführungen des Beichskanzlers im Beichstage und versicherte den Fürsten von Bülow Seines fortdauernden Vertrauens." Der Kaiser bestand darauf, auf den Entwurf dieses Artikels sein „Einverstanden Wilhelm I. B." zu setzen, obwohl ich dies für nicht erforderlich erklärte. „Ich bin ja mit jedem Wort einverstanden", meinte er, „und das soll bei den Akten bleiben und in den Akten stehen." AKKOLADE 381 Als ich in das Arbeitszimmer eingetreten war, das neben dem Sterbezimmer des Kaisers Friedrich lag und dessen Tür mit einer hübschen Melodie auf und zu ging, hatte der Kaiser mir mit einem starken Händedruck gesagt: „Helfen Sie mir! Retten Sie mich!" Bevor ich das Zimmer verließ, umarmte und küßte er mich auf beide Wangen, was er nur zweimal getan hat, diesmal und als er mir 1901 bei meiner Investitur mit dem hohen Orden vom Schwarzen Adler die übliche Akkolade erteilte. Während ich mich unter der Tür verbeugte, wiederholte der Kaiser zweimal: „Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen von Herzen!" Als ich bei meiner Rückkehr aus dem Neuen Palais wieder im Reichskanzlerpalais eintraf, sagte ich zu meiner Frau, die mir in einem oft stürmischen Leben mit immer gleicher Treue und Liebe zur Seite gestanden hat: „Den Kaiser und die Krone habe ich noch einmal durchgebracht. Wie lange wir in diesem Hause bleiben, das ist eine andere Frage." Achtundvierzig Stunden später begann im Reichstag die Beratung der Reichsfinanzreform. Ich eröffnete sie mit einer Rede, die über zwei Rede zur Stunden dauerte*. Reichsfin Ich sprach, wie immer, ganz frei. Ich hatte mich monatelang mit re f orm den einschlägigen Fragen beschäftigt, sie im Kopfe hin und her gewälzt. Ich habe gelegentlich sagen hören, ich wäre bei der Reichsfinanzreform zu Fall gekommen, weil ich nach meinem ganzen Lebensgang diese Materie nicht genügend beherrscht hätte. Selbst gute Freunde haben mir gegenüber gelegentlich gemeint, daß meine persönliche Gleichgültigkeit in Geld- und Finanzfragen bei meiner Behandlung der Reichsfinanzreform einen nachteiligen Einfluß ausgeübt hätte. Diese Auffassung trifft nicht zu. Auch bei der Vorbereitung wie bei der parlamentarischen Behandlung und Vertretung des Zolltarifs war ich weit davon entfernt, jedes Detail zu kennen. Ich habe schon einmal gesagt, daß es sich für einen leitenden Staatsmann gar nicht empfiehlt, in den Einzelheiten aufzugehen. „Le detail est une vermine qui ronge les grandes choses." Ich wiederhole: Es ist nicht unerläßlich, daß ein leitender Mann jeden Baum im Walde kenne. Aber er soll und muß den Fehler vermeiden, den Wald vor Bäumen nicht zu sehen. Und aus Gründen, die unseren Fehlern wie unseren Vorzügen entspringen, verfällt der Deutsche leicht in den letzteren Fehler. Ich hätte die Reichsfinanzreform geradeso gut durchgebracht wie Zolltarif und Handelsverträge, wenn 1908/1909 die Konservativen eine so verständige Haltung eingenommen hätten wie acht Jahre früher bei der Tarifaktion und den Handelsverträgen und wenn der Kaiser fest hinter mir gestanden hätte. * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 141 ff.; Reclam-Ausgabe V, 89ff. 382 WILHELM II. WILL ABDANKEN Der hohe Herr aher hatte schon im Frühjahr 1908, Monate vor dem Erscheinen des „Daily-Telegraph"-Artikels, zu dem Kriegsminister von Einem, der es mich, streng vertraulich, aher in guter Absicht und warnend, wissen ließ, unmutig geäußert: „Bülow wird mir zu groß." Als durch die Reichstagsdebatte vom November 1908 sein überspanntes Selbstgefühl verletzt worden war und als Intriganten, Neider und Streber in diese Wunde das Gift der Verdächtigung und Verleumdung träufelten, wandte sich der Kaiser erst von mir ab, dann gegen mich. Mir gegenüber trug er vorerst noch die Maske des Wohlwollens und der Freundschaft. Als ich mich in der Reichstagssitzung vom 19. November 1908 zum Worte gemeldet hatte, um die Vorlage zur Reichsfinanzreform zu begründen, flüsterte einer der Herren der Reichskanzlei mir leise zu: „Seine Majestät der Kaiser läßt Eurer Durchlaucht durch den Kammerdiener Schulz telephonisch mitteilen, daß er die Absicht habe, abzudanken." Ich hatte gerade noch Zeit, zu antworten: „Telephonieren Sie sehr ernst zurück, man möge nichts überstürzen und jedenfalls die Feier im Rathaus abwarten, die übermorgen vor sich gehen wird." In diesem Augenblicke hörte ich schon die Stimme des Präsidenten: „Der Herr Reichskanzler hat das Wort." Ich wies zunächst in großen Zügen auf die Grundlagen unserer internationalen Stellung hin. Emporkömmlinge seien im allgemeinen nicht behebt. Das Deutsche Reich, das jüngste Mitglied der europäischen Staatengemeinschaft, hätte seit seiner Errichtung im Ausland mehr Respekt und selbst Furcht als Zuneigung genossen. Deutschland, früher der bequeme Tummelplatz für fremde Einmischung, wäre eben ein unbequemer Konkurrent geworden. Auch Bismarck habe nicht verhindern können, daß der Revanchegedanke in Frankreich nicht erlöschen wolle, daß in Rußland nach dem Türkenkrieg eine deutschfeindliche Welle gekommen sei. Es sei auch nicht ganz unnatürlich, daß unsere aus dem Wachstum unserer Bevölkerung und unserer produktiven Kräfte hervorgegangene wirtschaftliche Expansion wenigstens bei einem Teil des englischen Volks die einst freundlicheren Gefühle allmählich in eine gewisse Besorgnis verwandelt hätte. Solche Gegnerschaften beruhten im letzten Ende auf elementaren Ursachen, wären aber nach meiner Überzeugung in keiner Weise unüberwindlich. Manche Gegensätze werde die Zeit heilen oder mildern. „Was wir brauchen, ist Kaltblütigkeit, Furchtlosigkeit, Stetigkeit, Ruhe nach außen und im Innern!" Unter Bewegung im ganzen Hause erinnerte ich an das tiefsinnige Bild unseres größten deutschen Meisters, an jenes Bild von Albrecht Dürer, das einen Ritter darstellt, der in voller Rüstung neben Tod und Teufel ruhig und kaltblütig das Tal hinan reitet. Diesem Bild stellte ich ein anderes gegenüber, das ich vor einiger Zeit in einer französischen Zeitung gefunden hatte. Es DIE SCHULDENWIRTSCHAFT 383 stellte einen deutschen Kürassier dar, mit blankem Pallasch und Helm, aber in abgerissener Uniform, der einem hochmütig, mit abwehrender Geste vorübergehenden Fremden bettelnd die Hand entgegenstreckt, ein Bild, wie sich unsere Finanzlage und damit unsere Verteidigungsfähigkeit, unsere Schlagfertigkeit in weiten Kreisen des Auslandes darstelle. Hier liege eine Gefahr, und diese Gefahr zu überwinden, hänge ganz allein von uns ab. Wir wollten und müßten diesmal ganze Arbeit tun. Kein Mensch in der ganzen Welt zweifle daran, daß das deutsche Volk stark genug wäre, die für eine gründliche Reichsfinanzreform erforderlichen Lasten zu tragen. Jedermann wisse, daß in Deutschland jahraus, jahrein über drei Milliarden in Bier, Wein und Branntwein versoffen würden, daß der Deutsche die billigsten und preiswertesten Zigarren der Welt rauche. Der Tabak wäre bei uns mit etwas über 1 Y 2 Mark pro Kopf belastet, in Österreich mit fast 5 Mark, in Großbritannien mit über 6 Mark, in Frankreich gar mit fast 8 Mark! In Deutschland entfielen an Abgabe auf Bier auf den Kopf der Bevölkerung kaum 1% Mark, in Großbritannien dagegen über 6% Mark! An Branntweinsteuer betrüge die durchschnittliche Belastung auf den Kopf bei uns etwas über 2% Mark, in Frankreich mehr als 6% Mark, in Großbritannien 8% Mark! Dabei nehme der Reichtum in Deutschland erfreulicherweise gewaltig zu. Ich schätzte unseren jährlichen Zuwachs an Nationalvermögen auf fast vier Milliarden Mark. Der Wert der Privatdepots bei den Banken steige jährlich um 400 Millionen Mark. Allein in Börsenwerten würden jährlich in Deutschland etwa drei Milliarden aufgenommen. Dazu kämen 500 Millionen Mark Sparkassen-Neueinlagen und 225 Millionen Einlagen bei den Genossenschaftsbanken. Ein solches Land sei nicht arm, ein solches Land könne im Interesse seines Ansehens, seiner Sicherheit noch weit stärkere Lasten tragen. Das alles sehe nicht nach Bankrott aus, deute nicht auf Niedergang hin. Aber einen moralischen Bankrott würden wir erleiden, wenn wir nicht endlich Wandel schafften und mit der Schuldenwirtschaft brächen. Ich berief mich auf den mir befreundeten freisinnigen Prorektor der Freiburger Universität, den Professor von Schulze-Gävernitz, der kürzlich erklärt habe, daß die deutsche Finanzmisere nicht auf mangelnder Steuerfähigkeit, sondern auf mangelnder Steuerwilligkeit beruhe. Ich berief mich auf meinen alten Gönner und Freund, den Professor Adolf Wagner, der von deutscher „Steuerfilzigkeit" und „Steuerknickrigkeit" gesprochen hätte. Ich richtete an den Reichstag und über den Reichstag hinaus an das deutsche Volk gleichzeitig eine ernste Mahnung zu größerer Sparsamkeit. Ziemlich plötzlich reich geworden, glichen wir demjenigen Erben, der seine Verhältnisse überschätze, sich nicht einzurichten verstehe und nun wahrnehme, daß er über sein Budget hinaus gelebt habe. „Wir waren zu lange 384 DER ÜBERFLÜSSIGE LUXUS arm, um nicht der Versuchung zu unterliegen, es unseren reichen Nachbarn in Wohlleben und Luxus gleichzutun. Ich will es offen aussprechen. Es ist bei uns eine Zeit des Luxus, der Überschätzung des materiellen Genusses eingerissen, die jeden mit ernster Sorge erfüllen muß, dem das höchste Gut unseres Volkes, seine intellektuelle Kultur, am Herzen liegt. Wir müssen alle in unserer ganzen Lebenshaltung zurück zu größerer Einfachheit." Als mich Zurufe von den Sozialdemokraten unterbrachen, erwiderte ich: „Ich nehme niemanden aus. Eine einfache Lebenshaltung ist würdiger, sie ist vornehmer, und gerade den Deutschen kleidet sie besser." Ich erinnerte daran, daß von jeher Reichtum ein Mittel zur Macht gewesen ist. Er werde das mit jedem Jahrzehnt mehr, weil mit jedem Jahrzehnt die wirtschaftlichen und industriellen Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse wichtiger würden für die internationalen Beziehungen und für die Gruppierung der Völker. Ich rühmte die mir aus meinem langen Aufenthalt in Frankreich wohlbekannte, bewunderungswürdige Sparkraft der Franzosen, die „force d'epargne" des einzelnen Franzosen und der einzelnen Französin, die uns in dieser Beziehung ein nachahmenswertes Beispiel gäben. Ich forderte die Fachmänner auf, diese meine Ausführungen aus persönlicher Kenntnis und Erfahrung im einzelnen zu ergänzen und zu bereichern. Ich betonte unter dem Beifall der Sozialdemokraten, daß meine Mahnung über den überflüssigen Luxus sich in erster Linie an die mittleren und an die höheren Stände richte. Ich ging auch hier von meinen persön- bchen Erfahrungen aus, und ich erinnerte daran, wie einfach es in Bonn auf unserem Kasino zugegangen wäre, als ich dort als Leutnant bei den Königshusaren gestanden hätte. Als diese Reminiszenz von einem Teil des Hauses mit Heiterkeit aufgenommen wurde, wiederholte ich noch einmal, daß dies ein sehr ernstes, ein trauriges Kapitel sei: Es sei des deutschen Volkes, es sei seiner kulturellen Größe, es sei seiner ruhmvollen geistigen Geschichte unwürdig, daß solche gesellschaftliche Sitte oder vielmehr Unsitte, welche die gesellschaftliche Schätzung zu einer Frage des Geldes mache, solche soziale Moral oder vielmehr Unmoral hätte aufkommen können. Ich schloß mit dem Ausdruck der festen Zuversicht, daß der Reichstag die Dringlichkeit und die Größe der ihm gestellten Aufgabe erkennen, daß die Vertreter der Nation diese Aufgabe so erfüllen würden, wie es eines großen, friedlich vorwärtsstrebenden und starken Volkes würdig wäre. Nach mir ergriff der neue Staatssekretär des Reichsschatzamts Sydow Debüt das Wort. Ich muß hier gleich bemerken, daß seine Wahl keine glückliche, des Staats- sondern ein Mißgriff von mir war. Als ich die Unerläßlichkeit einer gründ- sekretärs {[q^^ Finanzreform und damit einer für damalige Begriffe erheblichen Steuervermehrung erkannt hatte, war mir klargeworden, daß diese Aufgabe Sydow DER KAISER NICHT FÜR RATIIENAU 385 mit dem bisherigen Reichsschatzsekretär Stengel nicht zu lösen war. Er war ein gewissenhafter, vorzüglicher Beamter, aber als langjähriger bayrischer Bevollmächtigter zum Bundesrat mit dem bisherigen System zu eng verknüpft, um als scharfer Besen verwertet werden zu können. Auch stand er der Zentrumspartei nahe, die wünschte, mich anläßlich der Finanzreform und durch die Finanzreform zu Fall zu bringen. Als Nachfolger dachte ich zunächst an Walter Rathenau, der viel in meinem Hause verkehrte und mir wiederholt Beweise großer und feuriger Verehrung für mich gegeben hatte. Am Abend des 17. November übersandte er mir ein prächtiges Blumenarrangement mit seiner Visitenkarte, auf der stand: „Dem Retter des Vaterlands sein allezeit getreuer Walter Rathenau." Ich glaube noch heute, daß er sich zum Reichsschatzsekretär wohl geeignet haben würde, besser als später zum Minister des Äußern. Bei Kaiser Wilhelm war er wohlgelitten. Ich habe schon gelegentlich erwähnt, daß dem Kaiser konfessionelle Voreingenommenheit und Rassenvorurteile, insbesondere auch jeder Antisemitismus völlig fernlagen. Er meinte aber, daß die Ernennung eines Israeliten für dieses im damaligen Moment besonders wichtige Amt des Reichsschatzsekretärs die Rechte zu sehr verstimmen würde, die ohnehin gerade in Steuerfragen schwer bei der Stange zu halten war. Aus diesem Grunde lehnte er auch den sehr klugen Bankier Carl Fürstenberg ab und selbst seinen Liebling Albert Ballin. Ich bin übrigens nicht sicher, ob die beiden letztgenannten, vorher und nachher von mir sehr geschätzten Herren meinem Rufe gefolgt wären, wenn ich einen solchen an sie gerichtet hätte. Ich wendete mich dann an einen anderen hervorragenden Bankier, Herrn Waldemar Müller von der Dresdner Bank. Er lehnte ab, da er gerade in diesem Augenblick nicht aus der Bank ausscheiden könne, deren Hauptdirektion kurz vorher zwei ihrer Mitglieder verloren habe. So mußte ich einen Beamten wählen, und meine Wahl war auf den bisherigen Unterstaatssekretär Sydow gefallen. Sydow war ein ehrenhafter, fleißiger und gewissenhafter Mann, den viele der traditionellen guten Eigenschaften des preußischen Beamten zierten, aber er besaß auch manche der Fehler, die unseren Bürokraten nun einmal anhaften. Er war steif, er war starr, er übersah über kleinen Erwägungen oft die große Linie, er war unbeholfen, er war zu gründlich. Er hatte nicht über das tiefsinnige Wort des französischen Dichters nachgedacht, das freilich gerade der brave Deutsche schwer versteht: Glissez, heureux mortels, n'appuyez pas. Die Rede, mit der er sich am 19. November einführte, war offenbar in Die Kaiserin mühseliger Arbeit am Schreibtisch entstanden, lang, streng sachlich, aber interveniert 25 BUlow II 386 DER LAKAI DER KAISERIN langweilig und deshalb wirkungslos. Während die Worte von seinen Lippen fielen wie die Tropfen eines stillen Landregens, verließ ich das Parlament. Als ich in der Richtung vom Reichstag nach dem Großen Stern ging, um mir die Beine zu vertreten und mich ein wenig zu erfrischen, näherte sich mir ein Herr, den ich als einen königlichen Lakaien erkannte, obwohl er in Zivil, nicht in Livree war. Er übergab mir einen Brief. Ich erkannte auf der Adresse des Kuverts sofort die Handschrift der Kaiserin. Das Billett enthielt nur die wenigen Worte: „Ich möchte Sie sprechen. Alles Weitere durch den Überbringer. V." Wir gingen nun zusammen weiter. Wenige Minuten später hielt mein Begleiter eine verschlossene Droschke an, mit der wir zum Potsdamer Bahnhof gelangten, von wo wir mit der Wannseebahn nach Potsdam fuhren. Wir benützten, um unerkannt zu bleiben, ein Abteil zweiter Klasse. Von Potsdam aus fuhren wir wieder in einer verschlossenen Droschke bis in die Nähe des Neuen Palais. Ihre Majestät die Kaiserin empfing mich im Erdgeschoß. Sie hatte rotgeweinte Augen, aber ihre Haltung war durchaus königlich. Sie frug mich sofort: „Muß denn der Kaiser abdanken? Wollen Sie, daß er abdankt?" Ich entgegnete ohne einen Augenblick der Besinnung mit größter Bestimmtheit, daß mir jeder solche Gedanke fernhege und daß ich die Abdankung auch in keiner Weise für notwendig hielte. Die Kaiserin setzte sich und bat mich, auch Platz zu nehmen. Sie erzählte mir, daß der Kaiser einen „Nervenschock" erhtten habe, einen „Kollaps". Das wäre schon früher dagewesen nach starken Erregungen, z. B. nach seiner mißglückten Rede an die Brandenburger Herren, auch nach der Swinemünder Depesche an den Prinzregenten von Bayern. Diesmal sei es aber viel ärger. Der Kaiser habe sich zu Bett legen müssen, mit Schüttelfrost und Weinkrämpfen. Ich setzte nun der Kaiserin die Lage auseinander. Ich brauchte ihr nicht die Gründe darzulegen, die zu der heftigen Erregung der öffentlichen Meinung geführt hatten, denn obwohl in felsenfester Treue und grenzenloser Liebe ihrem Gemahl ergeben, machte sich die Kaiserin mit ihrem feinen Takt und ihrem ausgeprägten Bon sens keine Illusionen über die gefährlichen Seiten in der Natur ihres hohen Gemahls. Ich erklärte der Kaiserin, und mit voller Überzeugung, ich könne ihr mit bestem Gewissen die Versicherung geben, daß der nach meiner Reichstagsrede schon im Abflauen begriffene Sturm bald vorübergegangen sein werde. Ich würde es zu keinerlei Verkürzung der verfassungsmäßigen und traditionellen Rechte der preußischen Krone kommen lassen, darauf könne sie sich fest verlassen. Der Kaiser müsse freilich endlich ruhiger werden, vorsichtiger und besonnener im Auftreten, im Reden und Schreiben, in allem seinem Tun. Ich würde es für sehr nützlich halten, wenn der Kaiser bei der Feier erschiene, die am 21. November, d. h. übermorgen, im Berliner Rathaus stattfände. DER THRONERBE INFORMIERT SICH 387 Die Kaiserin meinte, sie wisse nicht, ob Seine Majestät dazu übermorgen schon imstande sein würde. Ich entgegnete, der Kaiser sei eine Steh-auf- Natur. Wenn Ihre Majestät ihm gut zuspräche, werde er kommen und seine Sache im Rathause sehr gut machen. Ich hätte ihm eine schöne Rede vorbereitet. Als die Kaiserin mich entließ, schien sie getröstet und beruhigt. Ich kam auf demselben Wege, in derselben Weise völlig unerkannt wieder nach Hause, wo meine Abwesenheit gar nicht bemerkt, sondern auf einen längeren Spaziergang im Tiergarten zurückgeführt worden war, wie ich solche nicht selten unternahm, auch ohne Begleitung durch die mir beigegebenen wackeren Polizisten. Am 20. November kam der Kronprinz zu mir. Er wußte ebensowenig wie sein Herr Vater, daß ich am Tage vorher im Neuen Palais vorgesprochen Besuch des hatte. Er kam, um sich über die Lage der Dinge zu informieren. Er war wie Kronprinzen immer höflich und bescheiden, im Gegensatz zu seinem Herrn Vater mehr zögernd, mehr rezeptiv als perorierend. Ich merkte aber bald, daß er nicht ungern wenigstens für einige Zeit die Zügel der Regierung ergriffen hätte. Während er sich über die überall hervortretende, gereizte, ja erbitterte Stimmung weiter Kreise gegen Seine Majestät den Kaiser in vorsichtigen, aber doch durchsichtigen Wendungen verbreitete, stieg vor meinem Geiste die berühmte Szene auf, in der Shakespeare den Prinzen von Wales, den nachmaligen König Heinrich den Fünften, schildert, wie er, am Bette seines schlafenden Vaters, König Heinrichs des Vierten, sitzend, die auf dessen Kissen liegende Krone erblickt, sie ergreift, sie sich aufsetzt: Hier sitzt sie, seht; Der Himmel schütze sie! Der Kronprinz frag, ob ich glaube, daß der Kaiser, der namentlich von Maximilian Harden, aber auch von anderen Seiten so maßlos angegriffen werde, „ohne weiteres" fortfahren könne zu regieren, als ob nichts vorgefallen wäre. Ob nicht eine Pause, und sogar eine längere Pause, wünschenswert, ja notwendig sei? Ich erwiderte, daß meines Erachtens der Kaiser schon morgen, geschweige denn in acht Tagen, sein hohes Amt in seinem ganzen Umfange wieder aufnehmen könne und werde. Wenn Seine Majestät der Kaiser und König künftig angemessen auftrete, werde er nicht mit verminderter, sondern mit vermehrter Autorität weiterregieren können. Die preußische Krone sei aus sehr festem Metall geschmiedet. Sie verkörpere eine fast fünf hundertjährige glorreiche Geschichte, stromweise sei für sie das Blut des märkisch-preußischen Volkes genossen, von Fehrbellin bis Mars-la- Tour. Die deutsche Kaiserkrone, die Wilhelm I. mit Bismarck aus dem Kyff- häuser hervorgeholt habe, umgebe noch immer ein Zauber, ein Nimbus ohnegleichen. Es müßten „ungeheure Dummheiten" gemacht werden, um diesen 25" 388 „MEINE STADT BERLIN" Zauber, diesen Nimbus zu zerstören, diese Treue ins Wanken zu bringen. Der Kronprinz verließ mich mit etwas enttäuschtem Ausdruck. Wenn er in seinen Denkwürdigkeiten erzählt, daß er nach den Novembertagen als Stellvertreter seines Vatefs tiefe und ihn beunruhigende Einblicke in unsere Regierungsmaschine getan habe, so täuscht ihn sein Gedächtnis. Ich entsinne mich nicht, ihm in jener Zeit einen einzigen wirklich wichtigen Bericht unterbreitet oder einen bedeutsamen Vortrag gehalten zu haben. Jedenfalls habe ich, bevor der Kaiser völlig wiederhergestellt war, vom Kronprinzen keinerlei Entscheidung von irgend größerer Tragweite erbeten. Am 21. November fand im Berliner Rathaus die Hundertjahrfeier der Der Kaiser im preußischen Städteordnung statt. Der Kaiser erschien mit gewohnter Berliner Rat- Pünktlichkeit. Er sah noch immer blaß aus. Er begrüßte alle Anwesenden ^ aus mit großer Freundlichkeit. Auf die Ansprache des Oberbürgermeisters erwiderte er nicht, wie dies bisher seine Gewohnheit gewesen war, in freier Rede, sondern er nahm aus meinen Händen die von mir aufgesetzte Rede entgegen, die er mit kräftiger Stimme, ganz unbefangen vorlas. Es hieß in dieser Ansprache: „Der mit der Gewährung der Selbstverwaltung von Meinem Ahn seinem Volk gegebene Beweis des Vertrauens und der damit verbundene Appell an die geistige und sittliche Kraft des Bürgertums haben reiche Früchte gezeitigt. Echtes Gold wird klar im Feuer. Das echte Gold deutscher Treue und Tüchtigkeit, welche die Bürgerschaft der Städte erfüllen, ist im Feuer der Befreiungskriege geklärt und in hundertjähriger ernster, opferfreudiger Arbeit für das Gemeinwohl bewährt. Wenn nach den Worten des Preußenliedes nicht immer heller Sonnenschein leuchten kann und es auch trübe Tage geben muß, so sollen aufsteigende Wolken ihre Schatten niemals trennend zwischen Mich und Mein Volk werfen. Gott segne Meine Stadt Berlin!" Die Rede wurde von allen Anwesenden, auch von den linksgerichteten Stadtverordneten, mit Beifall aufgenommen. Als er seine Rede verlesen hatte, winkte mich der Kaiser zu sich und gab mir das Manuskript der Rede wieder zurück, worauf er mir die Hand schüttelte. Er wollte zeigen, daß er sich als konstitutioneller Herrscher fühle. Die Erregung, welche die Novemberereignisse im deutschen Volke hervorgerufen hatten, zeigte sich auch in einer Flut von Briefen und Zuschriften an mich, von denen ich nur einige wenige wiedergeben kann. Der verständige, sehr patriotische König Wilhelm von Württemberg telegraphierte mir: „Ich kann mir nicht versagen, meiner lebhaften Freude Ausdruck zu geben, daß Eure Durchlaucht auch fernerhin die Leitung der Geschicke unserer gemeinsamen Lande in Ihrer erprobten Hand behalten werden." Auch sein ausgezeichneter Ministerpräsident Weizsäcker gab seiner „innigen" Freude Ausdruck, daß ich an der Spitze der Reichsgeschäfte verbliebe. Die badische Regierung sprach mir ihre „dankbare KUNDGEBUNGEN 389 und freudige Genugtuung" darüber aus, daß mein Verbleiben auf dem Posten des Reichskanzlers gesichert wäre. „Möge es Eurer Durchlaucht noch lange vergönnt sein, die deutsche Politik sicher und stetig zu leiten zum Segen des Reichs und zur Förderung des Friedens unter den Völkern." In der Zweiten Sächsischen Kammer erklärte der Staatsminister Graf Hohenthal in einer Debatte über die Reichspolitik: „In der Sitzung des Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten hat Fürst Bülow in vierstündigem freiem Vortrage über alles eingehende Mitteilung gemacht, was sich in den letzten Jahren in bezug auf die auswärtigen Angelegenheiten begeben hat. Diese Mitteilungen waren streng vertraulich. Ich kann aber hervorheben, daß in der Aussprache, an der sämtliche Mitglieder des Ausschusses teilnahmen, festgestellt wurde, daß die Leitung der auswärtigen Politik in den allerbesten Händen ist und daß der Reichskanzler, wenn er, wiewohl schweren Herzens, sich entschlossen hat, in kritischer Stunde die Bürde seines Amtes weiter zu tragen, dies aus reinem Patriotismus, Pflichtgefühl und Anhänglichkeit an den Kaiser geschah." Der bayrische Gesandte gab mir gegenüber im Auftrage des greisen Prinzregenten mit großer Wärme dem Wunsche Ausdruck, ich möge im Amt verbleiben. Zwei journalistische Veteranen aus der Bismarckzeit, Paul Lindau und Ludwig Pietsch, gratulierten mir mit gleicher Wärme wie Eugen Zimmermann, der spätere Mitarbeiter Wilhelms II. bei seinen „Erscheinungen und Gestalten". Dr. Oertel, Chefredakteur der agrarischen „Deutschen Tageszeitung", ein konservativer Politiker und Parlamentarier von Talent und Gewicht, begrüßte in einem an mich gerichteten Telegramm mein Bleiben „nicht nur im Interesse Eurer Durchlaucht, sondern in dem des Kaisers und des Reichs"; Gott möge mir Kraft und Frische geben, noch lange des schweren hohen Amtes zu walten, damit diese letzten bangen Tage bleibende gute Früchte zeitigten. In gleichem Sinne telegraphierte mir der Leiter der konservativen „Schlesischen Zeitung", Otto Ruese. Es fehlte auch nicht an scherzhaften Zuschriften. Ein „English admirer" schickte mir nachstehende, mit kunstvollen Lettern und großen Initialen auf Pergamentpapier gedruckten Verse: For the Kaiser Something to remember: If your lips you'd keep from slips Five things observe with care: Of whom you speak, to whom you speak And how, and when, and where. Albert Ballin telegraphierte mir „glücklich und von Herzen dankbar", daß ich in der hohen Stellung dem Vaterland erhalten bliebe. Der General 390 DAS BEFINDEN VON S. M. BESSERT SICH von Kracht, ein Veteran von Siebzig und Ehrenbürger der Stadt Zerbst, schickte mir eine Postkarte mit dem Bilde einer alten preußischen Fahne, die einer seiner Vorfahren geführt hätte. Er fügte hinzu, daß in seinen Kreisen nur eine Stimme der Genugtuung herrsche, daß ich weiter an der Spitze bliebe. Ein alter würdiger Pfarrer aus Unterfranken dankte mir für die Mannestat, die ich im Reichstag wie im Neuen Palais unter Zurückstellung persördicher Interessen zum „Wohl des Vaterlandes" vollbracht und für das „unermeßliche Verdienst", das ich mir dadurch um Volk und Monarchie erworben hätte. Er fügte hinzu: „Mein Christenglaube, der mich in dem Herrn aller Herren und König aller Könige den Lenker unserer Geschicke erkennen läßt, möchte Dank und Wunsch an Eure Durchlaucht in die Worte fassen: Der Herr segne Ihr ferneres Wirken zum Wohl des deutschen Vaterlandes und gebe Seiner Majestät dem Kaiser und Eurer Durchlaucht Kraft und Weisheit zu allem löblichen Tun." Ein deutscher Professor aus der national alt- und vielumstrittenen Stadt Flensburg schrieb: „Aus dem schwarzen Tag wurde ein großer Tag, vielleicht Ihr größter. Zu den Hunderttausenden, die in Dankbarkeit und Bewunderung heute abend zu dem Staatsmann und Menschen aufschauen, gehöre auch ich mit Frau und Kindern. Im Geiste ist mir ein Händedruck erlaubt." Aus dem Rheinland schrieb mir ein anderer Professor: „Möge Ihnen die feste Zuversicht nicht fehlen, daß dasjenige, was Sie für Deutschland geleistet haben und leisten wollen, überall von verständigen Männern nicht nur der Jetztzeit, sondern auch in der späteren Geschichte gewürdigt werden wird. Möge die Gottheit Sie schützen!" Er unterzeichnete: „Ein Deutscher, abseits der Bierbänke und der Parteien, fern allem Byzantinismus, voll einer hohen und von Lüge und Äußerlichkeit völlig freien Achtung." Während sich der Sturm der tiefgehenden Erregung im deutschen Volk allmählich beruhigte, besserte sich auch das körperliche Befinden Seiner Majestät. Am Tage nach der Rathausfeier ließ er mir noch telephonieren, ich möge ihm keine anderen Eingänge unterbreiten als solche, die auf seine Villa Achilleion in Korfu Bezug hätten. Von Politik wolle er nie wieder etwas hören. Einige Tage später schrieb mir Graf August Eulenburg, der Kaiser sei schon wieder recht munter, er spiele ganz vergnügt mit seinen Teckeln. In dieser Beziehung konnte ich den Kaiser ganz verstehen. Ich mag alle Tiere, ich Hebe außer den Pferden besonders die Hunde und unter den Hunden neben dem Pudel die Teckel. Sie sind seit dem Beginn meiner glücklichen Ehe immer um mich gewesen. In St. Petersburg die kleine Erda, die wir in der Mochowaja begruben, wo sie schlief, während sich das zaristische Rußland in die Sowjet-Union verwandelte. Nach Bukarest und Rom begleitete uns Waldi I, der seine letzte Ruhestätte im Garten des BÜLOWS HUNDE 391 Palazzo Caffarelli fand, des vieljährigen Sitzes der preußischen und deutschen Vertretung, den wir im Weltkrieg verlieren sollten. Im Garten des Reichskanzlerpalais wurde der kluge Froh heigesetzt, neben den Windspielen des Fürsten Radziwill und dem großen Tyras des großen Kanzlers. Im Garten der Villa Malta, nahe der von Goethe gepflanzten Palme, hat Erdmann seine Ruhe gefunden, der in Berlin und Norderney so oft Besucher in die Beine biß oder ihnen wenigstens die Hosen zerriß. Und jetzt leistet mir Waldi II Gesellschaft, der seit einem Jahrzehnt dem entamteten Kanzler ein treuer und hebevoller Gefährte ist. All meinen Hunden bewahre ich in meinem Herzen ein kleines, aber treues Plätzchen. XXVI. KAPITEL Veränderte Stimmung des Kaisers Bülow gegenüber • Höfische Einflüsse und Intrigen gegen Bülow • Reflexionen über die Pflichten des Staatsmannes • Weitergang der bosnischen Krise • Rundreise Iswolskis • Sein Besuch in Berlin • Frühstück beim Kaiser • Bülows Erlaß an den deutschen Botschafter in Wien • Die Haltung der Großmächte • Der russische Botschafter Graf Osten-Sacken bei Bülow • Rußland stimmt vorbehaltlos zu (24. III. 1909) • Die kriegerische Stimmung in Wien ■ Aehrenthal Nach und nach erholte sich Kaiser Wilhelm körperlich und seelisch von den Eindrücken des Novembersturms. Ich habe irgendwo eine hübsche Anekdote von einem Alpinisten gelesen, der sich bei Chamonix verstiegen hatte. Er versprach dem Führer, wenn er ihn gesund vom Montblanc herunterbringe, hunderttausend Francs. Als die schlimmsten Gletscher und Grate überwunden waren, offerierte er fünfzigtausend Francs. Im Tale angelangt, meinte er, daß zehntausend Francs eigentlich mehr als genug wären; er zürnte sogar dem Führer, daß er die Notlage übertrieben, ihn auch falsch geführt hätte. Als die durch die Gespräche des Kaisers in England hervorgerufene akute Krise überwunden war, setzten sofort Versuche ein, die Nachwirkung der Krise auf das Gemüt Seiner Majestät zu benutzen, um meine Stellung zu untergraben. Dadurch wurde zunächst eine verständige, wirtschaftlich und insbesondere politisch ersprießliche Durchführung der Reichsfinanzreform erschwert. Ich war nie im Zweifel darüber, daß ich eine Umgestaltung der Reichsfinanzreform in einer nach meiner Uberzeugung nicht nur Wirtschaft - hch, sondern auch politisch für uns schädlichen und verhängnisvollen Form nicht akzeptieren dürfe und könne. Ich habe immer wenig von den Ministern gehalten, „die auch anders können". Ein Minister und nun gar ein Reichskanzler soll in großen Fragen mit seiner Überzeugung stehen und fallen, und er soll Überzeugungen haben. In Fragen, für die er sich ernstlich eingesetzt hat, soll der leitende Staatsmann keine Wetterfahne sein, die sich ebenso gern und ebenso leicht nach rechts wie nach links dreht. In Fragen, von deren richtiger Lösung nach seiner Überzeugung die Zukunft des Landes abhängt, soll der führende Staatsmann nicht umfallen. Mit solcher Auffassung meiner Stellung, meines Amtes und seiner Pflichten mußte ich 1908 bei der Flatterhaftigkeit und UnZuverlässigkeit Wilhelms II. die MÖGLICHKEIT VON BÜLOWS RÜCKTRITT 393 Möglichkeit meines Rücktritts ernstlich ins Auge fassen. Um so mehr war ich bemüht, meinem eventuellen Nachfolger die außen- und innenpolitischen Geschäfte in möglichst gutem Stand zu hinterlassen. In der inneren Politik wollte ich einerseits Konservative und Liberale zusammenhalten, denn es erschien mir bedenklich, die Regierung nur auf die Ritter und auf die Heiligen zu stellen. Gleichzeitig aber mußte durch eine gerechte, vernünftige und entgegenkommende Haltung nicht nur gegenüber der katholischen Kirche, dem Episkopat und dem Vatikan, sondern auch gegenüber dem Fühlen, Glauben und Empfinden des katholischen Teils des deutschen Volkes der Zentrumspartei der „aditus ad pacem" offengehalten werden. In der bosnischen Frage mußte die Krise zu einem Abschluß gebracht werden, der ohne Schädigung unserer Beziehungen zu Rußland den Fortbestand Österreichs sicherte. Eine Verständigung mit England über die Flottenbau- frage, namentlich über das Bautentempo, lag mir nicht minder am Herzen. Ich kehre zunächst zur bosnischen Frage zurück, die zuletzt Ende Oktober 1908 Gegenstand einer längeren Besprechung zwischen Seiner Iswolskis Majestät und mir gewesen war. „Wehe denen, die bei sich selbst weise sind Mißerfolg und halten sich selbst für klug", warnt Jesaias, und Paulus empfiehlt der jungen Christengemeinde in Rom unter anderen goldenen Lebensregeln: „Haltet euch nicht selbst für klug." Ob die ersten Leser des Römerbriefs diese Lehre beherzigt haben, wissen wir nicht, möchten es aber annehmen. Dagegen haben die Könige Usia, Jotham, Ahas und Jehiskia von Juda nicht den Rat des größten Propheten des Alten Bundes befolgt. Und das bekam ihnen schlecht. Alexander Petrowitsch Iswolski hielt sich selbst für sehr klug. Er besaß auch tatsächlich eine gute Portion jener slawischen Schlauheit, die namentlich im dreisten Lügen und unbefangenen Fordern besteht und durch die sich der redliche Deutsche im Laufe seiner Geschichte oft hinter das Licht führen ließ, hier und da von den Russen, noch häufiger von Tschechen und Serben, am häufigsten von den Polen. Und trotz solcher Pfiffigkeit beging Iswolski seit der Begegnung mit Aerenthal in Buchlau Fehler auf Fehler, Dummheit über Dummheit. Es war, wie ich schon ausführte, ein grober Fehler, daß er am 15. September 1908 Aehren- thal in Buchlau nicht ersucht hatte, ihm klipp und klar zu sagen, wann und in welcher Form er die Annexion Bosniens und der Herzegowina vorzunehmen gedenke. Es war ein weiterer und großer Fehler, daß er, als ihn Aehrenthal mit der Annexionsproklamation vom 5. Oktober 1908 überraschte, nicht sofort nach St Petersburg zurückkehrte, um dort sowohl gegenüber dem Zaren wie in der Duma seine Politik mit offenem Visier und mannhaft zu verteidigen. Statt dessen hatte er, ein anderer Odysseus, in fast komischer Weise Quer- und Irrfahrten durch die europäischen Hauptstädte unternommen. Er war nach Wien erst in London, dann in Paris 394 ISWOLSKI GEBROCHEN erschienen. Der Zweck seiner Reisen sollte die Förderung, vielleicht und hoffentlich die Erfüllung der russischen Dardanellenwünsche sein. Damit hatte er nun weder an der Themse noch an der Seine Glück gehabt. In London wurde ihm gesagt, daß das liberale englische Kabinett mit Rücksicht auf den linken Flügel der liberalen Partei sich nicht durch Unterstützung der russischen Dardanellenaspirationen den Jungtürken unangenehm machen könne, die als Freiheitshelden dem englischen Radikalismus ebenso sympathisch waren, wie dieser vordem den Sultan als „blood- stained tyrant" verabscheut hatte. Auch in Paris hatte Iswolski nichts erreicht. In beiden westlichen Hauptstädten ging er mit seinen Klagen über Aehrenthal wie mit seinem inopportunen Drängen wegen der Dardanellen aller Welt auf die Nerven. „Iswolski is a great boar", hieß es in London, „Iswolski nous embete" in Paris. Iswolski brachte es aber nicht über das Herz, auf die ihm in englischen Schlössern winkenden „selected parties" zu verzichten. Er brachte es noch weniger über sein zärtliches Gattenherz, seiner Frau die Bitte abzuschlagen, in Paris für sie Weihnachtstoiletten zu kaufen. Mimi Iswolski war eine reizende Frau, eine liebevolle Gattin und gute Mutter, dabei hübsch und elegant. Die galanten Franzosen nannten sie später, als Iswolski russischer Botschafter in Paris geworden war: Le sourire de Paris. Aber im Herbst 1908 war sie kein Glück für ihren Mann, den sie zu weiterem Hinausschieben seiner Rückkehr nach St. Petersburg veranlaßte. Am 24. Oktober 1908 traf Iswolski in Berlin bei mir ein. Er erschien vor mir als gebrochener Mann. In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. Je betrübter Iswolski war, um so mehr ließ ich es mir angelegen sein, ihm mit ruhiger Freundlichkeit zu begegnen, und das nicht nur aus angeborener Gutmütigkeit und in Erfüllung einer Christenpflicht, sondern weil ich es für politisch nützlich hielt. Iswolski erinnerte mich daran, daß, als er in einer allerdings lange nicht so fatalen Lage, vor seiner Versetzung nach Tokio, meinen Rat erbeten hätte, ich ihn nicht nur in freundschaftlicher, sondern auch in überlegter und kluger Weise remontiert hätte. Es ginge ihm wirklich schlecht. „Alors je me trouvai devant une täche diffi- cile. Aujourd'hui je suis dans un affreux petrin." Ich erwiderte ihm, daß ich nicht nur von dem Wunsch erfüllt wäre, mich ihm als meinem langjährigen Freund nützlich zu machen, sondern vor allem die traditionellen, für beide Länder gleich lebenswichtigen guten Beziehungen zwischen dem deutschen und dem russischen Reich vor Schädigung zu bewahren. Ich könne aber natürlich nicht Österreich im Stiche lassen. Lächelnd fügte ich hinzu: „Sie wollen sich ja auch nicht von Frankreich trennen." Es war EIN WÜTENDER AFFE 395 dem russischen Minister nicht zu verargen, wenn er darauf entgegnete, daß die Weigerung, den Bismärckschen RückVersicherungsvertrag fortzusetzen, von deutscher Seite, von Caprivi, Marschall und Holstein ausgegangen wäre. Ich schnitt diese retrospektiven Betrachtungen ab, indem ich darauf hinwies, daß in der bosnischen Frage die habsburgische Monarchie nicht nur das Vertragsrecht auf ihrer Seite habe, sondern auch in ihrem diplomatischen Spiel einige sehr starke Atouts in Händen halte, ganz besonders den Brief, durch den Iswolski selbst Aehrenthal aufgefordert hätte, die Okkupation in eine Annexion zu verwandeln. Alexander Petrowitsch hatte hierauf nicht viel zu erwidern. Die von ihm begangenen Fehler lagen zu deutlich zutage. Er wiederholte nur immer: „Le sale juif m'a trompe, il m'a menti, il m'a mis dedans, l'affreux juif." Aufgeregt, mit hochrotem Kopf und verzerrtem Gesicht, glich er einem wütenden Affen. Ich steckte meine beiden Zeigefinger in meine beiden Ohren und sagte ihm ruhig und ernst: „Tant que vous direz du mal de mon ami Aehrenthal, je me bouche les oreilles. Mais je vous promets que, si Aehrenthal se servait jamais de termes aussi inconvenants sur mon ami Iswolski, je me boucherais egalementles oreilles." Nach und nach beruhigte sich der erregte Mann. Zur Erklärung der von ihm begangenen diplomatischen Fehler wußte er freilich nichts Neues vorzubringen. Er wiederholte, daß er „leider" an die Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit von Aehrenthal geglaubt habe, aber grausam enttäuscht worden sei. Das war fast komisch von Seiten eines russischen Ministers, da der berühmteste russische Diplomat der letzten fünfzig Jahre, Ignatiew, mit Stolz den ihm von den Türken gegebenen Beinamen „Vater der Lüge" trug und auch Gortschakow, Saburow und manche andere russische Staatsmänner sich nicht gerade durch Wahrheitsliebe ausgezeichnet hatten. Ich flocht die Frage ein, ob Iswolski in London und Paris hinsichtlich der Dardanellen-Frage positive Ergebnisse erzielt hätte. Er erwiderte mir mit einiger Verlegenheit, in London sei ihm gesagt worden, daß eine liberale englische Regierung bei der Stimmung der liberalen englischen Wähler gegenwärtig nicht russische Wünsche unterstützen könne, welche die Jungtürken in große Aufregung versetzen und in eine schwierige Position bringen würden. Als ich mich erkundigte, wie man sich in Paris zur Dardanellen-Frage stelle, meinte Iswolski, die Franzosen behaupteten, in dieser Angelegenheit nichts ohne England tun zu können. Auch müsse die französische Regierung Rücksicht auf den kleinen französischen Rentier nehmen, der stark in türkischen Werten engagiert sei. Ohne in den Ton des Pharisäers zu verfallen, der Gott dankt, daß er nicht sei wie der Zöllner, verhehlte ich dem russischen Minister nicht meinen Standpunkt zur Dardanellen-Frage. Ich stünde in dieser Beziehung noch immer auf dem Boden des Bismärckschen RückVersicherungsvertrages. Deutschland habe an der ■I 396 DIE EUROPÄISCHE KONFERENZ Meerengenfrage kein primäres Interesse. Unsere Stellungnahme zu dieser Frage sei abhängig von der allgemeinen Lage und der Konstellation zwischen den Mächten, natürlich auch von der uns von Rußland zuteil werdenden Behandlung. Wir würden die russische Meerengenpolitik nicht bekämpfen. Daß wir sie bei der heutigen Gruppierung der Mächte förderten, werde Iswolski selbst kaum erwarten, da ja sein Verbündeter Frankreich weder im Sandschak noch in den Meerengen die volle Souveränität der Türkei beeinträchtigen wolle. ,,Je ne vous dis pas: lächez la France et nous lächerons l'Autriche, mais je vous dis: soyons, vous dans l'Entente, nous dans la Triple-Alliance, un element de paix et de conciliation." Iswolski reichte mir die Hand mit den Worten: „Votre langage est non seulement celui d'un homme d'etat, mais aussi celui d'un ami de la Russie. J'ai pleine confiance en vous, et mon souverain a pour vous les memes sentiments que moi." Als Iswolski mich am nächsten Tage wieder aufsuchte, war er in ruhigerer Stimmung als bei seinem ersten Besuch. Ich benutzte dies, um die allgemeine Lage und eine Reihe von Einzelpunkten sachlich mit ihm durchzusprechen. Hinsichtlich der Konferenz sagte ich ihm, ich hätte keine grundsätzliche Abneigung gegen den Konferenzgedanken, lehnte eine solche auch nicht prinzipiell ab. Als notwendige Voraussetzung für eine Konferenz betrachtete ich aber eine vorherige Einigung zwischen den Mächten über die auf der Konferenz zu behandelnden Fragen. Ein Konzert dürfe erst beginnen, wenn die Instrumente gestimmt wären. Iswolski irre sich, wenn er jeden österreichisch-ungarischen Schritt auf unser Konto setze. Ich machte ihn auch nicht für alles verantwortlich, was in Paris geschehe, dort gefördert und gehofft werde. Österreich-Ungarn sei eine ebenso unabhängige Großmacht wie Frankreich. Es treibe eine unabhängige Balkanpolitik. Bei einer retrospektiven Kritik des österreichischungarischen Vorgehens käme nicht viel heraus. There is no use crying for spilt milk. Daß wir für Österreich-Ungarn in seiner augenblicklichen Bedrängnis fest und ehrlich eingetreten wären, sei für uns ein Gebot nicht nur der Loyalität, sondern auch der Klugheit gewesen. Für den Türken brauchten wir uns jetzt gar nicht besonders einzusetzen, da England ihn unter seinen besonderen Schutz genommen habe. „Les Anglais sont devenus plus turcs que les Turcs." (Iswolski nickte.) Da wir in der Türkei nach meiner Ansicht keine direkten politischen Interessen hätten, so wäre dort für uns jede Politik möglich, natürlich unter Rücksichtnahme auf unsere erheb- Uchen wirtschaftlichen Interessen. Die Garantierung des europäischen Besitzstandes der Türkei erschiene mir als ein Gedanke, dessen Durchführung im Interesse aller Mächte wie des Friedens liege. Iswolski griff diese im Konversationston leicht hingeworfene Äußerung sofort auf. Er sei zu lange EIN FRÜHSTÜCK IM BERLINER SCHLOSS 397 im Orient gewesen, um nicht den Egoismus, die Unzuverlässigkeit und die durchaus demokratisch-radikalen Instinkte der Balkanvölker zu kennen. Bulgaren und Serben, Rumänen und Griechen seien gleich nichtsnutzig, gleich unzuverlässig. Wenn die Dardanellen-Frage in einer für Rußland annehmbaren Weise geregelt würde, so wäre der Status quo auf der Balkanhalbinsel und der Fortbestand der Türkei alles in allem für Rußland das Erwünschteste. Als ich Iswolski sagte, daß sich die Türken bereits direkt mit Österreich-Ungarn und Bulgarien in Verbindung gesetzt hätten, und zwar, soweit Bulgarien in Frage komme, auf Frankreichs Rat, zuckte er die Achseln mit melancholischem Lächeln. Wahrheitsgemäß konnte ich ihm schließlich versichern, es sei mir ganz lieb, daß ich von Aehrenthal über dessen Annexionspläne erst so spät informiert worden sei. Auf diese Weise hätte ich freie Hand und keine Verantwortung. Wir trennten uns in freundschaftlicher Weise. Als mir Iswolski immer wiederholte, er gehe in St. Petersburg einem wahren Fegefeuer entgegen, er glaube nicht, daß er sich als Minister des Äußern halten werde, übrigens lauere sein Adjoint Tscharykow nur darauf, an seine Stelle zu treten, sagte ich ihm: „Vous serez encore ministre ou ambassadeur, quand je planterai mes choux dans le jardin de la Villa Malta." Er erhob abwehrend die Hände: „A Dieu ne plaise! Restez ä votre poste, nous avons tous besoin de vous." Kaiser Wilhelm hatte Iswolski zum Frühstück eingeladen; Ich hatte Seine Majestät gebeten, mit dem russischen Minister des Äußern keine ein- Isivohki Gast gehenderen politischen Gespräche zu führen, auf die bosnische Frage nur in rfes Kaisers allgemeinen Wendungen einzugehen, um so bestimmter aber unseren Wunsch nach Aufrechterhaltung des Friedens und der traditionellen guten Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu betonen. Vor allem möge er den russischen Minister mit ruhiger Freundlichkeit behandeln. Leider befolgte Wilhelm II. diesen Rat nicht. Im Grunde war ihm jeder Minister des Äußern unsympathisch, weil er am liebsten die großen politischen Geschäfte mit den fremden Souveränen ohne Mittelsperson behandelt hätte. „Ich verstehe mich am besten direkt mit meinen Kollegen", pflegte er zu sagen. Ich erkenne aber dankbar an, daß der Kaiser, solange er mich mochte, meinen Rat bereitwillig in Anspruch nahm, wenn auch nicht immer befolgte. Bei jenem Frühstück im königlichen Schloß am 25. Oktober 1908 schien der Kaiser etwas darin gesucht zu haben, alle politischen Bemerkungen, Anspielungen, geschweige denn Fragen des russischen Ministers, zu überhören und das Gespräch immer wieder auf die gleichgültigsten Vorgänge zu lenken. Zur Abwechslung unterbrach der Kaiser die Konversation durch uralte Kalauer und Anekdoten, unter großer Heiterkeit der anwesenden deutschen Gäste, denen vorher angekündigt worden war, daß Seine Majestät in dieser Weise Iswolski „frozzeln" würde. 398 WILHELMS II. ERHEITERT SICH Ich war bei diesem Frühstück nicht zugegen. Iswolski sagte mir beim Abschied: „Vous avez ete charmant pour moi. Quant ä Sa Majeste l'Empereur, il s'est beaucoup egaye ä mon sujet. J'ai eu l'honneur de lui servir de tete de turc." Ich hatte Seiner Majestät seit dem Beginn der bosnischen Krise immer wiederholt, es käme darauf an, daß einerseits die Österreicher nicht die Nerven verlören, sich andererseits aber auch nicht zu Schritten hinreißen ließen, die zu einem allgemeinen Krieg führen könnten. Um der erstgenannten Gefahr vorzubeugen, richtete ich am 12. De- Bülow an zember 1908 einen Erlaß an den kaiserlichen Botschafter in Wien, Herrn Tschirschky von Tschirschky,in dem ich die von englischer wie namentlich von russischer Seite über die Möglichkeit und selbst Wahrscheinlichkeit eines Krieges im kommenden Frühjahr verbreiteten Nachrichten als Einschüchterungsversuche bezeichnete. Nach unseren Nachrichten aus Rußland und über Rußland denke dort trotz der gereizten Sprache des in seiner Eigen- Uebe gekränkten Iswolski kein ernster Staatsmann an Krieg. Wie ich aus Paris, aus gut unterrichteten Bankkreisen, hörte, müsse Rußland spätestens im Frühjahr größere Ansprüche an den europäischen Geldmarkt erheben. Die Einlösung der in Frankreich placierten, im Mai fälligen Schatzbonds lasse sich kaum länger verschieben. Das Defizit des außerordentlichen Budgets, zirka hundertfünfzig Millionen Rubel, müsse gedeckt werden. Uber die dazu erforderliche Anleihe von einer Milliarde Mark sei ein Ubereinkommen zwischen Rußland und Frankreich im Prinzip fertig. Beide Länder hätten daher alles Interesse, die vorhandene politische Spannung beseitigt zu sehen. Gerade weil in Rußland an eine kriegerische Aktion zur Zeit nicht ernstlich gedacht werde, sei Iswolski um so emsiger bemüht, die Doppelmonarchie durch Kriegsfanfaren einzuschüchtern. Rebus sie stantibus, sei Festigkeit für Österreich die richtige Politik. Andererseits möge sich die österreichisch-ungarische Monarchie gegenüber der Türkei namentlich in Geldfragen kulant zeigen. Sie werde auch sehr wohl daran tun, durch eine geschickte und entgegenkommende Politik Bulgarien, Rumänien und Griechenland auf ihre Seite zu ziehen. Österreich dürfe weder die Türkei zu hart behandeln noch die Balkanstaaten vernachlässigen oder gar brüskieren. Österreich müsse Rumänien in den Handelsvertragsverhandlungen entgegenkommen, es möge auch die Rumänen im Bereich der Stefanskrone freundlicher behandeln. Griechenland könne auf Albanien verwiesen werden. Natürlich müsse das Wiener Kabinett Italien in Tripolis freie Hand lassen, da dort ItaHen wegen Ägyptens den Engländern, wegen Tunis den Franzosen nicht bequem wäre, österreichische und deutsche Interessen aber in keiner Weise schädige. Bulgarien müsse ebenso wie Rumänien von Österreich auch in der Form freundbeh behandelt werden. Ich schloß diesen Erlaß, den der Botschafter von Tschirschky ÖL INS FEUER 399 dem Minister Aehrenthal vorzulesen hatte, mit der Versicherung, ich sei überzeugt, daß die ganze Krisis durch Festigkeit auf der einen, durch Entgegenkommen auf der anderen Seite zu einem guten Ende geführt werden könne. Ende Dezember 1908 sah ich das erste sichere Anzeichen, daß Iswolski den Rückzug antrat. Er richtete ein Rundschreiben an die Mächte, in dem er Iswolsk zwar das österreichische Vorgehen scharf kritisierte und seinen Vorschlag Rückzug auf Berufung einer europäischen Konferenz des näheren begründete, aber sich doch bereit erklärte, dem Wunsch der österreichischen Regierung insofern Rechnung zu tragen, als die Konferenz der vollendeten Tatsache, der Annexion, ohne Beratung zustimmen solle. Die Erörterung darüber zwischen den einzelnen Kabinetten könne vorher stattfinden. In ähnlichen Wendungen, die im Grunde eine Rückzugskanonade waren, bewegte sich Iswolski in der Rede, die er am 25. Dezember 1908 in der Duma hielt. König Eduard war während der ganzen bosnischen Krise eifrig bemüht, Öl ins Feuer zu gießen. Seine Lust an politischen Intrigen und seine Begabung für politische Giftmischerei zeigten sich in hellem Licht. Er hätte am liebsten Aehrenthal aus dem Sattel gehoben und ihn durch den österreichischen Botschafter in London, den Grafen Albert Mensdorff, ersetzt, der schon als entfernter Verwandter der englischen Königsfamilie, wie ich früher gelegentlich erwähnte, die volle Gunst des englischen Hofes genoß. Vorsichtiger und bedächtiger war die Haltung des englischen Ministers des Äußern. Sir Edward Grey war zweifellos von dem Wunsch erfüllt, es nicht bis zum Bruch zu treiben. Auch der damalige Unterstaatssekretär im Ministerium des Äußern, Sir Charles Hardinge, der seinerzeit im Homburger Schloß auf dem Billard mit Wilhelm II. die von mir geschilderte Unterredung gehabt hatte, wirkte in friedlichem Sinne. Dagegen hetzte der englische Botschafter in Petersburg, Nicolson, die Russen nicht nur gegen Österreich, sondern fast noch mehr gegen uns. Daß, wie ich vorgreifend erwähnen will, nicht lange nach meinem Rücktritt Nicolson im Jahre 1910 an Stelle Hardinges beständiger Unterstaatssekretär im Ministerium des Äußern wurde, war ein fast ebenso übles Symptom wie die zwei Jahre später, 1913, erfolgte Entsendung von Delcasse als Botschafter nach St. Petersburg. Tadellos war während der ganzen Krisis das Verhalten Rumäniens oder richtiger gesagt des Königs Carol. Der König ließ mir schon im ersten Stadium der Krisis sagen, ich könne mich ebenso fest auf eine korrekte Haltung von seiner Seite verlassen, wie er überzeugt sei, daß ich in voller Bündnistreue für Österreich doch den Weltfrieden nicht gefährden lassen werde. Die italienische Politik geriet in eine schwierige Lage. In der Debatte, Die Haltung die Anfang Dezember 1908 in der italienischen Deputiertenkammer über Italiens 400 ITALIEN IM DILEMMA die auswärtige Politik Italiens stattfand, richtete nicht nur der Triestiner Flüchtling und Irredentist Barzilai, sondern auch der Radikale Fortis, ein früherer Minister des Äußern, scharfe Angriffe gegen Österreich. Es gelang aber der Gewandtheit des damaligen Ministers des Äußern, späteren Botschafters in London und Paris und Senatspräsidenten Tittoni, unterstützt von der unerschütterlichen Ruhe des Ministerpräsidenten Giolitti, zwischen der Szylla und Charybdis, d. h. zwischen den italienischen Verpflichtungen gegenüber Österreich und der antiösterreichischen Stimmung weitester italienischer Kreise sich mit Erfolg durchzuwinden. Als es mir geglückt war, die bosnische Krise ohne Preisgabe noch Schädigung der habsburgischen Monarchie, aber auch ohne eine große Komplikation zum Abschluß zu bringen, machte sich gerade in Italien neben allgemeiner Befriedigung eine höhere Bewertung des Dreibunds geltend. Der damalige Führer der konstitutionellen Opposition und spätere Minister des Äußern, Sidney Sonnino, richtete an seine Wähler ein Sendschreiben, in dem es hieß: „Der Dreibund hat während der letzten Jahre fortgefahren, wirksam zur Erhaltung des Weltfriedens beizutragen. Es ist daher in jeder Hinsicht wünschenswert, daß es der Diplomatie gelinge, so bald wie möglich jeden leisen Zweifel, Argwohn oder Mißverständnis, die zwischen den Verbündeten entstanden sein könnten, zu zerstreuen, und daß schleunigst zwischen der italienischen Regierung und der des benachbarten Kaiserreichs (Österreich) die Beziehungen von Vertrauen und Herzlichkeit wiederhergestellt werden, welche die Lösung jeder noch so verwickelten und schwierigen Frage so sehr erleichtern." Der frühere und spätere Minister des Äußern, Guicciardini, hielt vor seinen Wählern in San Miniato eine Rede, in der er erklärte, daß er den Dreibund für die große Bürgschaft des Friedens und also auch für einen großen Faktor des Fortschritts erachte. Trotz solcher günstigen Symptome konnte es für den ruhigen und mit einigem Scharfsinn begabten Beobachter der internationalen Beziehungen und der allgemeinen Weltlage natürlich nicht zweifelhaft sein, daß, wenn Österreich in Serbien einrücken würde und daraus eine Verwicklung entstünde, es ohne starke Angebote an Italien nicht möglich sein würde, die Halbinsel im Dreibund zu halten. Am 14. März 1909 ließ sich der russische Botschafter, Graf Osten- Bülow Sacken, bei mir melden. In der Unterredung, die ich noch am gleichen vermittelt Tage mit ihm hatte, appellierte er an unsere Unterstützung, um den russischen Minister des Äußern aus einer für ihn persönlich wie politisch gleich peinlichen Lage zu befreien. Der österreichische Minister des Äußern habe gedroht, er werde, um seine von russischer Seite angezweifelte Loyalität zu beweisen, eine Anzahl geheimer Dokumente veröffentlichen, in denen Iswolski nicht nur seine volle Zustimmung zu der Annexion von Bosnien und der Herzegowina gegeben, sondern den Minister geradezu ermutigt DIE FRIEDLICHE LÖSUNG 401 habe, diesen Schritt zu tun, wenn nicht zu beschleunigen. Ich sagte dem russischen Botschafter, fortiter in re, suavissime in modo, ich wäre gern zur freundschaftlichen Vermittlung bereit, um nicht nur Iswolski aus der Sackgasse herauszuhelfen, in die er sich verrannt hätte, sondern auch um der Welt den Frieden zu erhalten und ganz besonders im Interesse der weiteren Aufrechterhaltung der traditionellen Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland. Es sei doch gar zu töricht, aus rein formellen Erwägungen einer Annexion entgegenzutreten, die an dem Status quo auf dem Balkan tatsächlich nichts ändere und sehr wohl zwischen den direkt Beteiligten in friedlicher Weise zum Austrag gebracht werden könne. Es würde ein Verbrechen gegen den gesunden Menschenverstand sein, das friedensbedürftige Europa in einen Krieg zu stürzen, von dem nur eins sicher wäre, nämlich, daß er ungeheure Opfer kosten und Elend und Ruinen hinterlassen würde. Die Voraussetzung für ein Eingreifen unsererseits wäre aber natürlich, daß Rußland die Serben an die Leine nähme, wozu es Mittel und Wege hätte. Insofern uns Iswolski in dieser Richtung keine bündige Zusage geben könne, bliebe uns zu unserem lebhaften Bedauern kaum etwas anderes übrig, als es unserem Österreich-ungarischen Bundesgenossen zu überlassen, in der ihm geeignet erscheinenden Weise vorzugehen. Wäre aber Rußland ernstlich gewillt, Serbien zur Ruhe zu bringen, sei ich gern bereit, mit Iswolski in einen freundschaftlichen Gedankenaustausch darüber einzutreten, wie ein energischer Druck Rußlands in Belgrad ermöglicht werden könnte, ohne daß er mit seiner bisherigen Politik in Widerspruch gerate. Bei gutem Willen auf beiden Seiten und einiger Geschicklichkeit würde sich wohl eine „combinazione" finden lassen, um mich des itab'enischen Terminus technicus zu bedienen. Wenn Rußland es übernähme, von sich aus auf Serbien einzuwirken, würde das Verdienst des Ausgleichs dem Petersburger Kabinett zufallen. Wenn die Mächte der Annexion Bosniens durch amiliche Erklärungen zustimmten, brauche eine europäische Konferenz überhaupt nicht stattzufinden. Auf diese Art lasse sich der viel zu sehr aufgebauschte Streitfall am besten erledigen. Aus naheliegenden Gründen bat ich mir in St. Petersburg nur aus, daß Iswolski dem englischen Botschafter nicht früher eine Mitteilung über meine Vorschläge machen dürfe, bevor er selbst eine Entscheidung getroffen habe. Es war ein gutes Vorzeichen für eine friedliche Lösung, daß Iswolski vor Herrn Nicolson tatsächlich Schweigen bewahrte. Zehn Tage nach meiner Unterredung mit dem Grafen Osten-Sacken traf die vorbehaltlose Zustimmung Rußlands zur Annexion von Bosnien Rußland und der Herzegowina in Berlin und in Wien ein. Erst dann wurde Nicolson sllmm ' "<"■■ in Kenntnis gesetzt, der seinem Ärger und seiner Enttäuschung dadurch 6e/laJt ' 0i z " Luft machte, daß er die Lüge verbreitete, Deutschland habe durch 26 BUlow rj 402 DAS ZERSCHNITTENE TISCHTUCH Drohungen, durch einen Druck „mit gepanzerter Faust" Rußland zum Einlenken bewogen. Unaufgefordert sei Deutschland dazwischengefahren. Ich lasse dahingestellt, ob Iswolski nicht mitgeholfen hat, diese Legende zu verbreiten. Jedenfalls war er ihr nicht mit dem erforderlichen Nachdruck entgegengetreten. Ich ließ deshalb bei Herrn von Tscharykow durch unseren Botschafter anfragen, ob es sich nicht empfehle, durch gleichzeitige Veröffentlichung der gleichlautenden Aktenstücke den tatsächlichen Hergang bei unserer von Rußland erbetenen, wohlmeinenden, freundlichhöflichen und erfolgreichen Vermittlung klarzulegen und die in Umlauf gesetzten böswilligen Verdächtigungen aus der Welt zu schaffen. In den weiteren Besprechungen zwischen Herrn von Tscharykow, Herrn Iswolski und unserem Botschafter stellte sich heraus, daß von russischer Seite gewisse Abänderungen an den in Frage kommenden Aktenstücken dringend gewünscht wurden. Deshalb und vor allem, damit aus der ganzen bosnischen Verwicklung zwischen uns und Rußland keinerlei Verstimmung zurück- bbebe, stand ich von der Veröffentlichung ab. Damit war der erste Akt der bosnischen Verwicklung erledigt. Die Gefahr, daß Rußland die Serben zu weiterem Widerstand gegen Österreich- Ungarn hetzte, war beseitigt. Und zwar, worauf ich besonderes Gewicht gelegt und besondere Mühe gewandt hatte, ohne Bruch mit Rußland. Iswolski habe ich seit jener denkwürdigen Unterredung zwischen ihm und mir, vom 26. Oktober 1908, nicht mehr gesehen. Er hatte mir damals, als er von mir Abschied nahm, gesagt: „Zwischen Aehrenthal und Rußland ist das Tischtuch für immer zerschnitten, noch mehr aus persönlichen wie aus sachlichen Gründen. Aehrenthal hat sich gegen uns nicht nur illoyal, sondern auch allzu undankbar benommen. Er hat uns als Attache, als Sekretär, als Geschäftsträger, als Botschafter in St. Petersburg beständig erzählt, er wäre ein treuer Freund Rußlands und ein unbeugsamer Vertreter guter Beziehungen zwischen seiner Monarchie und dem russischen Reich. Als er St. Petersburg verließ, um Minister des Äußern zu werden, haben wir ihm den Andreasorden umgehängt. Zum Dank hat er uns so brüskiert, mit uns ein so perfides Spiel gespielt, daß ohne Ihre kluge und freundschaftliche Vermittlung der Krieg hätte ausbrechen können, d. h. das größte Unheil, das die Welt und insbesondere die drei Kaiserreiche treffen kann." Zu dieser Erklärung Iswolskis bemerke ich meinerseits ex post, daß die russische Diplomatie und der russische Hof Aehrenthal sein Verhalten in der bosnischen Krise nicht verziehen haben. Einige Zeit nach dem Abschluß der bosnischen Krisis passierte ein russischer Großfürst Wien. Er ließ durch den russischen Botschafter wissen, daß er glücklich sein würde, Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostohschen Majestät seine ehrfurchtsvolle Aufwartung zu machen, er würde sich auch sehr DIE DREI MONARCHIEN 403 freuen, österreichische und ungarische Würdenträger und Staatsmänner zu sehen. Ein Zusammentreffen mit Aehrenthal sei für ihn ausgeschlossen. Aehrenthal hatte gewünscht, daß nach dieser schroffen Ablehnung seiner Person sein allerhöchster Herr auf den Besuch des russischen Großfürsten verzichten möge. Der alte Kaiser Franz Josef aber wollte den diplomatischen Streit zwischen Österreich und Rußland nicht zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden Höfen und Dynastien ausarten lassen und empfing den Großfürsten mit gewohnter ritterlicher Courtoisie. Über das österreichisch-russische Verhältnis hatte bei unserem letzten Zusammensein Iswolski gemeint, er würdige nach wie vor alles, was ich österreichisch- ihm oft genug über die schweren Gefahren gesagt hätte, die jeder ernstliche r """ c ' ia Konflikt zwischen den drei Kaiserreichen für den Bestand der monarchi- ^ tz '- e ^ un & en sehen Ordnung und der Dynastien in sich berge. Das monarchische und konservative Rußland habe an und für sich gar kein Interesse an einem Krieg mit der habsburgischen Monarchie. Es habe bisher nie einen Krieg zwischen Österreich und Rußland gegeben trotz mancherlei Interessengegensätze und gelegentlicher Zerwürfnisse. Was im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert möglich gewesen sei, nämlich die Vermeidung einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Rußland und Österreich, sollte auch im zwanzigsten Jahrhundert gelingen. Die Voraussetzung aber sei, daß Österreich nicht versuche, Rußland ganz von der Balkanhalbinsel zu verdrängen. Fürst Bismarck habe lange empfohlen, einen Modus vivendi zwischen Rußland und Österreich auf der Basis zu suchen, daß Rußland in Bulgarien, Österreich in Serbien freie Hand erhalte. Inzwischen sei erst durch die Battenberg-Episode, dann durch die Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburg zum Fürsten von Bulgarien der österreichische Einfluß in Sofia weit stärker als der russische geworden. Ahnlich stünde es in Bukarest, wo man sich mehr nach Berlin und Wien als nach Petersburg orientiere. Damit wäre die alte Bismarcksche Lösung hinfällig geworden. Jedenfalls dürfe Österreich, nachdem es jetzt einen eklatanten Erfolg in der bosnischen Frage erzielt habe, Serbien nicht weiter bedrängen. Ne bis in idem! Serbien habe auf der ganzen Linie nachgegeben, es sei gedemütigt, es sei genügend gestraft worden. Weitere Fußtritte würden vom Übel sein. Österreich-Ungarn würde sogar klug daran tun, in wirtschaftlichen Fragen den Serben einige Konzessionen zu machen. Würde ein kleiner Hafen für Serbien an der adriatischen Küste wirklich eine Gefahr für die große österreichisch-ungarische Monarchie sein? Iswolski sagte mir wörtlich: ,,Si j'avais des arriere-pensces, je me rejouirais des maladresses des Autrichiens et des Hongrois vis-ä-vis des Serbes qu'on pousse ainsi dans nos bras. Mais dans l'interet de la paix europeenne et des grandes dynasties je vou- drais que TAutriche soit un peu plus habile." Iswolski schloß unsere letzte 26* 404 DIE ZERSCHLAGENEN TÖPFE Unterredung mit der Erklärung, daß die deutsch-russischen Beziehungen dieselben blieben wie früher. Er sei mir dankbar für meine vermittelnde Haltung. Ich erfreute mich nach wie vor des Wohlwollens und des Vertrauens des Kaisers Nikolaus. „Vous avez la pleine confiance de l'Empereur Nicolas qui sait ce que vous devez ä l'alliance avec l'Autriche, mais qui sait aussi que vous etes l'ami de la Russie et un homme d'etat sage et habile. Nous esperons tous que vous resterez encore longtemps ä la tete des affaires." Auf ein Album mit Ansichten meiner römischen Villa Malta deutend, das auf dem Tische lag, meinte Iswolski: „N'allez pas de sitot jouir de votre belle Villa. Restez a Berlin." Die letzten Worte, die ich in meinem Leben an Iswolski gerichtet habe, waren:,, Je vous le repete et le Prince de Bismarck l'a dit avant moi: Dieu seul sait, comment finirait militairement une guerre entre les trois empires. Mai ce que 1'homme reflechietprudent peut prevoir est ceci: Ce seront en-tout-cas, et quelle que soit l'issue militaire du conflit, les trois dynasties qui payeront les pots casses." Iswolski hat lange genug gelebt, um die Richtigkeit meiner Voraussage am eigenen Leibe zu spüren. Er hat die Niederlage und den Sturz des Zarismus mitansehen müssen, er hat erlebt, daß das alte, mächtige und stolze Rußland in einem Meer von Blut und Tränen unterging. Er ist als abgetakelter Botschafter krank und verbittert in einer ärmlichen Wohnung in einer kleinen südfranzösischen Stadt gestorben, wo er von der französischen Regierung eine bescheidene Unterstützung bezog, eine kärgliche Belohnung für seine hetzerische Tätigkeit unmittelbar vor dem Weltkrieg und im Wellkrieg, eine mehr als kärgliche Spende, verglichen mit den Millionen, die während Jahrzehnte aus Rußland in die Taschen geldgieriger französischer Journalisten und Politiker geflossen waren. Nachdem die von Norden drohende Kriegsgefahr beseitigt war, kam es Conrad will 1909 darauf an, Wien zu zügeln. Es gab auch dort eine Kriegsgefahr. Ich losschlagen wußte sehr wohl, daß namentlich die österreichischen Generäle, ähnlich wie in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts, auch 1908/1909 zum Losschlagen drängten. Der Chef des österreichischungarischen Generalstabs, Freiherr Conrad von Hoetzendorf, warf mir seit Jahren vor, daß ich den richtigen Moment zum Losschlagen verpaßte. Denselben Vorwurf hatten die österreichischen Generäle zwanzig Jahre früher dem Fürsten Bismarck gemacht. Freiherr von Hoetzendorf hatte es namentlich auf Italien abgesehen, aber auch gegen Rußland wollte er losschlagen, natürlich erst recht gegen Serbien, das „gezüchtigt" werden müsse. Seine Argumente waren die gleichen, die zwei Jahrzehnte früher in Berlin Graf Alfred Waldersee in seinem Kampf gegen den Fürsten Bismarck vorgebracht hatte. Die Abrechnung mit Serbien, Italien, Rußland sei unvermeidlich, predigte im Winter 1908/1909 der Freiherr Conrad von Hoetzen- DIE KRIEGSTREIBEREIEN 405 dorf. Je länger man zögere, desto schwieriger werde die Lage. Der Feind werde mit jedem Tage stärker, während die Zentralmächte auf der Höhe der für sie möglichen Machtentfaltung angelangt seien. Also: Schlagen wir sofort los, bevor es zu spät ist! Ich war nicht gewillt, Deutschland durch solche Quertreibereien in einen Krieg von unberechenbaren Dimensionen hineinziehen zu lassen, bei dem nur eins sicher war: Wir hatten nicht viel zu gewinnen, was die natürliche Entwicklung der Dinge uns nicht auch ohne Krieg bringen konnte. Wir riskierten ungeheuer viel, wir setzten unermeßliche Werte aufs Spiel. Ich sprach in diesem Sinne, sobald mir das Einlenken der Russen gewiß war, ernst und nachdrücklich mit dem österreichischungarischen Botschafter Szögyenyi. Ich ließ auch in diesem Sinne durch meinen Bruder Karl Ulrich, der sieben Jahre deutscher Militärbevollmächtigter in Wien gewesen war und dort gute Beziehungen besaß, namentlich zu der Umgebung des Erzherzogs Franz Ferdinand, nach Wien schreiben. Ich sagte dem österreichischen Botschafter, der, ein alter und erfahrener Diplomat, innerlich ganz meiner Meinung war und in diesem Sinne privatim an Freunde in der Umgebung des Kaisers Franz Josef schrieb: Ein österreichischer Einmarsch in Serbien bedeute neun gegen eins den Krieg mit Rußland, ein Krieg mit Rußland neunundneunzig gegen eins den Weltkrieg. Auf eine so ungeheure Partie könne ich mich nur einlassen, wenn vorher alle für uns erreichbaren Trümpfe in das Spiel der Zentralmächte gebracht würden. Ich verwies auf den Artikel VII des Dreibundvertrages, der bestimme, daß im Falle der Ausdehnung Österreich-Ungarns Italien ein Recht auf Vergrößerung habe. Dieser Verpflichtung könne sich Österreich nicht dadurch entziehen, daß es behaupte, die Niederwerfung Serbiens, der von österreichischen Generalen betriebene Einmarsch in Serbien wäre keine Landerwerbung in dem vom Dreibundvertrage vorgesehenen Sinne. Das seien Sophismen, Kniffe, mit denen in großen, die Völker bewegenden Fragen nicht durchzukommen wäre. Natürlich würde durch die Eroberung Serbiens und schon durch den Einmarsch in Serbien das Kräfteverhältnis auf der Balkanhalbinsel verschoben. Habe Österreich Lust, Italien hierfür ein Äquivalent zu gewähren? Etwa das ehemalige Bistum Trient? Görz, Gradiska, Pola, Triest? Ähnlich stünde es mit Rumänien. Habe Österreich Lust, Rumänien mit der Bukowina zu entschädigen ? Um eine ehrliche Kooperation der Rumänen mit Österreich sicherzustellen, müsse mindestens den ungarländischen Rumänen eine freundlichere Behandlung und eine stärkere Vertretung im ungarischen Parlament garantiert werden. Ich fand bei meinem erfolgreichen Bestreben, Österreich-Ungarn von unbesonnenem Vorgehen abzuhalten, die Unterstützung sowohl des Ministers Aehrenthal wie des Thronfolgers, des Erzherzogs Franz Ferdinand. 406 DER STERBENDE AEHRENTHAL Aehrenthal wurde infolgedessen von der unter dem Einfluß des österreichischen Generalstahs stehenden Wiener Presse mit einer Gehässigkeit angegriffen, welche die letzten Lehenstage des inzwischen schwer erkrankten Ministers vergiftete. Namentlich die Witzblätter ergingen sich in den gemeinsten Beschimpfungen und Verdächtigungen gegen den sterbenden Mann. Er blieb aber fest. Meine Haltung in der bosnischen Erage hatte von Anfang an Verständnis bei Aehrenthal gefunden. Als im Reichstag der bayrische Zentrumsabgeordnete Speck, dessen Horizont sich nie über den Eichstätts ausgedehnt hat, mir mit erhobener Stimme und pathetischer Entrüstung den Vorwurf unzulänglicher Unterstützung des österreichischen Bundesgenossen machte, schrieb Baron Aehrenthal an den Botschafter von Szögyenyi: „Die Verkehrtheit der gegen den Reichskanzler aus dem Grunde erhobenen Angriffe, weil er unserer Politik nicht genügenden Rückhalt und Unterstützung gewährt habe, hat Fürst Büluw sehr treffend als ein allzu durchsichtiges Manöver charakterisiert. Ein Verlassen der Linie, welche Fürst Bülow sich vorgezeichnet, wäre, wie er klar erkannte, nach zwei Seiten hin inopportun gewesen. Es hätte nämlich hier ein Hervortreten der deutschen Politik aus ihrer freundschaftlichen und zurückhaltenden Reserve als eine gewisse Bevormundung angesehen werden und schlechtes Blut erzeugen können, während andererseits durch eine solche veränderte Haltung Deutschlands unsere direkten Verhandlungen mit der Türkei gewiß nicht gefördert worden wären. Die prinzipielle Annahme unserer Vorschläge in der bosnischen Frage seitens des Großwesirs und das dem letzteren durch das türkische Parlament ausgesprochene Vertrauensvotum sind schlagende Beweise dafür, daß die Methode des Fürsten Bülow mit Bezug auf die uns zu gewährende Unterstützung in jeder Hinsicht die richtige war." XXVII. KAPITEL Bülows Besuche in Rom nnd Wien • Audienz bei Pius X. • Der Erzherzog-Thronfolger Kaiser Franz Josef • Die bosnische Frage im Reichstag (23. III. 1909) • Deutschlands „Nibelungentreue" • Deutsch-französisches Abkommen über Marokko, Casablanca Der Deutsche Kronprinz kritisiert dieses Abkommen • Charakteristik des Kronprinzen Frage der Abdankung Wilhelms II. • Brief des Kronprinzen über Herrn von Kiderlen- Wächter, Bülows Antwort an ihn • Die Haltung Englands während der bosnischen Krise Neuerliche Briefe des Grafen Metternich zur Fluttenfrage • Besuch des englUchen Königspaares in Berlin • Tod des Geheimrats von Renvers Wie der österreichische Minister des Äußern, so war auch der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, einverstanden mit meiner Haltung Audienzen und Politik in der bosnischen Frage und insbesondere damit, daß ich den in R° m europäischen Frieden nicht gefährden ließ. Ich hatte im Frühjahr 1908 die parlamentarischen Osterferien benutzt, um in Rom wie in Wien kurze Besuche abzustatten. In Rom hatte ich mit König Victor Emanucl wie mit dem Ministerpräsidenten Giolitti und dem Minister des Äußern, Tittoni, denen ich die mir von ihnen in Homburg und Baden-Baden abgestatteten Besuche erwiderte, eingehende Unterredungen, die, wie die offiziöse „Agenzia Stefani" mit Recht hervorhob, die Ubereinstimmung unserer Gesichtspunkte und Anschauungen ergab. Eine Audienz bei Pius X., der mich und meine Frau mit der rührenden Güte empfing, die diesem verehrungswürdigen Greis eigen war, der auch einem Nicht-Katholiken als ein wahrer Nachfolger der Apostel erscheinen mußte, bot dem Papst Gelegenheit, mich seines fortdauernden vollen Vertrauens und Wohlwollens zu versichern, das durch die mir vom Zentrum gemachte Opposition nicht beeinträchtigt würde. Die deutschen Katholiken gehörten, so meinte der Papst, zu den treusten und besten Söhnen der Kirche, aber ihre parlamentarische Vertretung sei offenbar gelegentlich etwas verbohrt (osti- nato). Natürlich hatte ich meine Differenz mit der Zentrumspartei nicht von mir aus zur Sprache gebracht. Pius X. ließ aus eigener Initiative, mit feinem Lächeln, diese Bemerkung fallen. In Wien war ich von Kaiser Franz Josef mit gewohnter Huld empfangen worden. Mit dem Erzherzog Franz Ferdinand, der mir immer wohlgesinnt Audienz gewesen war, hatte ich im März 1908 ein langes Gespräch geführt. Der in Wien 408 DIE HERZOGIN VON HOHENBERG Erzherzog hatte die Güte gehabt, mich zum Afternoon-tea einzuladen. Ich blieb zwei Stunden allein mit ihm und seiner Gemalüin, der Herzogin von Hohenberg. Wie lebhaft steht das Bild dieses Zusammenseins mir vor Augen! Der Erzherzog, eine männliche, schöne Erscheinung, mit leidenschaftlichen, vielleicht etwas zu leidenschaftlichen Augen, energischen Handbewegungen, offenem, geradem Wesen. Die Herzogin, keine eigentliche Schönheit, aber überaus anmutig, durch und durch die elegante, rassige, „fesche" österreichische Komteß aus gutem Hause. Ich entsinne mich, daß der Erzherzog immer wieder das Gespräch auf die Zustände in Bosnien lenkte. Er machte aus seiner Abneigung gegen die Magyaren und seiner Vorliebe für die Slawen kein Hehl, klagte aber über die russisch- panslawistische Agitation in Galizien, in Böhmen und namentlich in Bosnien und der Herzegowina. Die Herzogin von Hohenberg stimmte lebhaft in diese Klagen ein. Sie war namentlich über die Hindernisse entrüstet, die der schismatische Klerus der Missionstätigkeit der „guten Franziskaner" in den Weg lege. Die Franziskaner hätten unter dem religiösen Indifferentismus der ungarischen Staatsmänner und den josefinischen Tendenzen der österreichischen Beamten fast mehr zu leiden als früher unter der Herrschaft des Islam. Es war hauptsächlich ihr warmes Interesse für die katholische Sache, an welcher der Erzherzog und die Herzogin mit Treue und Leidenschaft hingen, das sechs Jahre später das unglückliche Paar nach Serajewo trieb, wo, wie es in den Lamentationen von Heinrich Heine heißt, der böse Thanatos ihrer wartete, auf fahlem Roß. Die Ermordung des Erzherzogs gerade durch Serben war um so unsinniger, als der Thronerbe sicherlich die Slawen den Magyaren und Italienern, im Grunde auch den Deutschen, vorzog. Die Slawenfreundlichkeit des Erzherzogs Franz Ferdinand war einer der Gründe, die ihn veranlaßten, meine Bemühungen um die Aufrechterhaltung des Weltfriedens ehrlich und aufrichtig zu unterstützen. Darin begegnete er sich, trotz mancher sonstiger Differenzen, mit dem alten Kaiser, der von meiner Politik so erbaut war, daß er dies auch äußerlich zum Ausdruck bringen wollte. Da ich schon alle österreichischen Orden besaß, den Stefansorden mit Brillanten, die Photographie des Kaisers Franz Josef in prächtigem Rahmen und mit eigenhändiger Unterschrift, seine Statuette aus Bronze, so verehrte mir der alte Herr nach glücklicher Erledigung der bosnischen Schwierigkeit sein überlebensgroßes Bild in der Uniform seines preußischen Regiments mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens. Das Bild war von dem ungarischen Maler Leopold Horovitz gemalt und hat einen beträchtlichen künstlerischen Wert. Uber die einfältigen Angriffe, die der bayrische Zentrumsabgeordnete und Oberzollrat Speck wegen angeblich mangelhafter Unterstützung unseres österreichischen Verbündeten gegen mich gerichtet hatte, be- SERBIEN KEINEN WELTBRAND WERT 409 ruhigte micli, wenn es dessen bedurft hätte, völlig die Kundgebung eines der tüchtigsten und weitestblickenden österreichischen Staatsmänner, des Freiherrn von Chlumecky, nacheinander österreichischer Ackerbau- und Handelsminister, langjähriger Führer der deutschen Liberalen im Wiener Abgeordnetenhause, erster Vizepräsident, schließlich Präsident des Abgeordnetenhauses, der mir nach Abschluß der Krise telegraphierte: „Innigen, tiefgefühlten Dank eines alten Österreichers für alles, was Durchlaucht für den Verbündeten getan, und für die herrlichen Reichstagsreden." In meiner Reichstagsrede vom 29. März 1909* hatte ich keinen Zweifel darüber gelassen, daß wir seit Beginn der bosnischen Verwicklung treu zu unserem österreichischen Verbündeten gestanden bätten. Ich hatte das Wort von der Nibelungentreue geprägt, das später von berufener und unberufener Seite totgehetzt worden ist, aber im Augenbbck, wo es gesprochen wurde, günstig wirkte. Ich hatte namentlich hervorgehoben, daß Serbien keinen Krieg, geschweige denn einen Weltbrand wert wäre. Es sei ein unerträglicher Gedanke, daß der europäische Friede wegen Serbiens gefährdet werden sollte, zumal die Annexion der beiden Provinzen kein zynischer Landraub, sondern nur der letzte Schritt auf der Babn einer seit dreißig Jahren unter Anerkennung aller Mächte betätigten kulturellen Arbeit wäre. Ich hob hervor, daß ich dem russischen Minister des Äußern zwar keinen Zweifel darüber hätte lassen dürfen, daß wir uns in der Konferenzfrage nicht von Österreich-Ungarn trennen könnten, fügte aber mit Nachdruck hinzu: ,,Im übrigen begegneten wir, Herr Iswolski und ich, uns in der Überzeugung, daß die russische Politik keine Spitze gegen Deutschland haben solle und umgekehrt, vielmehr die alten freundschaftlichen Beziehungen bestehenbleiben müßten. Der russische Minister hat mir aufs neue versichert, daß keine, weder offene noch geheime russisch-englische Abmachungen bestünden, die sich gegen die deutschen Interessen richten könnten." Die Haltung der französischen Regierung war während der ganzen bosnischen Krise für Deutschland nicht unfreundlich. Das trat selbst in Marokko- sonst recht deutschfeindlichen Pariser Blättern zutage. Die Pariser Presse Abkommen stand dem österreichisch-serbischen Konflikt ruhiger gegenüber als ein m ^ ran ^ re großer Teil der englischen. Der „Temps" erklärte mit dürren Worten, Frankreich habe kein Interesse an einem großen Krieg, bei dem es mehr riskiere als England, aber trotzdem einen größeren militärischen und finanziellen Einsatz zu leisten haben würde. Der Beistand der französischen Armee in einem europäischen Krieg, in den England verwickelt würde, habe für England einen unschätzbaren Wert. Der Beistand Englands in * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 179; Reclam-Ausgabe V, 117ff. 410 DER KRONPRINZ UND DER POMMERSCHE GRENADIER einem europäischen Krieg, in den Frankreich verwickelt wäre, habe für Frankreich nicht entfernt den gleichen Wert. Es war mir geglückt, diesen verständigen Artikel durch eine mir seit langem befreundete Dame in das führende Pariser Blatt bringen zu lassen. Der französische Botschafter in Konstantinopel, Herr Constans, sagte zu seinem deutschen Kollegen, dem Freiherrn von Marschall: „Si les Russes croient que nous allons faire la guerre pour leurs beaux yeux, ils se fourrent le doigt dans l'oeil." Die vorsichtige und zurückhaltende Haltung der Franzosen in einem Augenblick, wo ein großer Krieg in den Bereich der Möglichkeiten rückte, war auch auf die Unterhandlungen zurückzuführen, die ich nach dem ärgerlichen Zwischenfall bei Casablanca mit den Franzosen wegen Marokkos aufgenommen hatte und die schließlich, am 9. Februar 1909, zu dem besten Abkommen führten, das über den Maghreb el Aksa zwischen uns und Frankreich zustande gekommen ist. Wir räumten den Franzosen in politischen Dingen den Vortritt ein, ohne ihnen die völlige Unterwerfung des Landes zuzugestehen, dessen Integrität und Souveränität nochmals von der französischen Regierung zugesichert wurde. Dagegen sicherten uns die Franzosen in Marokko die volle wirtschaftliche Gleichberechtigung zu, worauf es in erster Linie ankam. Während meiner Unterhandlungen mit Frankreich über Marokko hatte Brief des ich am 2. Oktober 1908 vom Kronprinzen einen Brief erhalten, in dem er Kronprinzen un ter Bezugnahme auf einen alarmierenden Artikel der alldeutschen ultra- an Buloiv cüauv i n i s ti scnen „Rheinisch-Westfäüschen Zeitung", welche die Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes nach Casablanca verlangte und dabei mir vorgeworfen hatte, ich hätte unserem „früher ehrliebenden und furchtlosen Volke" den Gedanken beigebracht, daß Ruhe und Friede höher zu schätzen wären als Ehre und Krieg, mir Nachstehendes schrieb: „Euer Durchlaucht bitte ich zunächst, den Blei zu entschuldigen, aber hier im Jagdhaus, wo ich zur Zeit weile, sind die Schreibmaterialien sehr mangelhaft. Sie sind stets so freundlich und offen gegen mich gewesen, und wir haben so manche politische Frage zusammen erörtert, daß ich mir den Mut nehme, Ihnen folgendes zu schreiben. Ich bin der festen Überzeugung, daß dieser Casablanca-Zwischenfall keine zufällige Sache ist, sondern eine französische Kraftprobe, festzustellen, wieviel wir uns bei unserer Friedensliebe gefallen lassen. Ich spreche jetzt im vollen Ernst und nach reiflicher Überlegung und in dem Gedanken, daß ich später einmal die Folgen tragen werde. Wenn den Franzosen diese Sache durchgeht, ohne daß sie uns absolute und klare Genugtuung geben und ganz gehörig sich entschuldigen, ist unser Ansehen auf lange Zeit dahin. Unsere Ehre ist sehr stark engagiert, und es ist die höchste Zeit, daß die freche Bande in Paris einmal wieder fühlt, was der pommersche Grenadier kann. Glauben mir DIE DESERTEURE VON CASABLANCA 411 Durchlaucht, ein großer Teil des Volkes denkt so, und die gesamte Armee sehnt sich danach, sich zu betätigen. Wenn die Sache einem englischen Konsul passiert wäre, so wären vier englische Kreuzer vor Casablanca mit den Mannschaften an den Geschützen angetreten. Wenn ich diese meine innerste Überzeugung schreibe, werden Sie es mir auch nicht verübeln und mich recht verstehen. Ich bitte Sie inständig, eine volle Genugtuung zu fordern, widrigenfalls mit ernsten Maßnahmen gedroht wird. Unsere deutschen Kaufleute sollen schon in Verzweiflung darüber 6ein, daß ihre Heimat sie ganz im Stiche läßt. Ew. Durchlaucht können mir immer vorhalten, daß mich dies alles nichts angeht, aber schließlich muß ich später doch die Folgen tragen, und kommt man einmal in den Ruf, ,überaus friedhebend zu sein', ist es schwer, seine Stellung wiederzugewinnen. Mit tausend Grüßen in Treue Ihr Wilhelm." Ich beantwortete diesen Brief am 11. Oktober 1908 mit nachstehendem Schreiben: „Eure Kaiserliche und Königliche Hoheit haben mich durch den gnädigen Brief aus Groß-Mützelburg sehr beglückt. Ich bitte, meinen untertänigsten Dank aussprechen und das Vertrauen, mit dem Eure Kaiserliche Hoheit mich beehrt haben, durch die vollste Offenheit erwidern zu dürfen. In dem Spezialfall, um den es sich handelt, liegt die Sache doch nicht ganz so einfach, wie es nach den Zeitungsnachrichten den Anschein hat. Vom völkerrechtlichen Standpunkte aus ist es einigermaßen zweifelhaft, ob unser Konsulat in Casablanca berechtigt gewesen ist, französischen Deserteuren zur Flucht zu verhelfen. Jedenfalls war es nicht berechtigt, sich auch nicht-deutscher Deserteure anzunehmen. Im engsten Vertrauen, denn die Sache ist glücklicherweise noch nicht zur Kenntnis der Franzosen gelangt, bemerke ich, daß seitens des deutschen Konsulats (hoffentlich nur aus Versehen) eine Bescheinigung falsch ausgestellt worden ist, das heißt, es waren auf dieser Bescheinigung unter anderen auch österreichische Staatsangehörige als Deutsche eingetragen. Natürlich haben sich in dieser Angelegenheit auch die Franzosen Blößen gegeben, und deshalb reklamieren wir. Aber die Handlungsweise unseres Konsulats ist nicht ganz einwandfrei, und die Individuen, um die es sich handelt, verdienen tatsächlich wenig Sympathie, da sie, soweit sie Deutsche sind, Deserteure sind. Im engsten Vertrauen möchte ich noch betonen, was die Franzosen besser nicht erfahren, daß zur Zeit des Fürsten Bismarck nach den sehr viel strengeren Grundsätzen der Allgemeinen Dienstinstruktion zum Konsulargesetz von 1871/73 verfahren wurde, wonach unsere Konsulate der Deserteure sich nicht annehmen, namentlich sie nicht nach Deutschland zurückbefördern sollten, da nach der Ansicht des großen Kanzlers solche Leute dies gar nicht verdienten. Hierbei verfehle ich nicht, zu erwähnen, daß Seine Majestät der Kaiser und König durch Randvermerk in 412 BÜLOW BELEHRT DEN KRONPRINZEN ähnlicher Weise Allerhöchst Seine Willensmeinung kundgegeben hat. Über den Einzelfall hinaus gestatte ich mir Nachstehendes zu sagen: Mit Eurer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit stimme ich darin vollkommen überein, daß es nicht ratsam ist, die eigene Friedensliebe zu oft zu betonen, da das die anderen zu sicher macht. Vor allem bin ich davon durchdrungen, daß, wo es sich um die Ehre des Landes handelt, coüte que coüte losgeschlagen werden muß, wie auch die Chancen liegen. Wo aber unsere Ehre nicht engagiert ist, müssen wir uns doch immer fragen, was bei einem Kriege herausschaut. Wir haben bei einem Krieg in Europa nicht viel zu gewinnen. Mehr slawische und französische Elemente und Gebietsteile können wir nicht brauchen. Durch die gewaltsame Inkorporierung kleiner Länder würden wir nur die zentrifugalen Elemente verstärken, die in Deutschland leider ohnehin nicht fehlen. Alles das würde uns natürlich an einem Krieg nicht hindern, wenn er uns aufgedrungen wäre oder unsere Ehre ihn verlangte. Aber der Kriegsfrage gegenüber bleibt Vorsicht geboten. In den Jahren 1866 und 1870 winkte uns ein großer Preis. Von einem solchen ist jetzt nicht die Rede. Vor allem darf nicht vergessen werden, daß man in unserer Zeit Kriege nur dann führen kann, wenn das Volk davon überzeugt ist, daß der Krieg notwendig und daß er gerecht ist. Ein in frivoler und leichtsinniger Weise hervorgerufener Krieg würde, selbst wenn er glücklich ausliefe, im Innern nicht günstig wirken. Ein Krieg, der, in solcher Voraussetzung, schief ausginge, würde nach menschlicher Voraussicht eine Katastrophe für die Dynastie bedeuten. Die Geschichte lehrt, daß auf jeden großen Krieg eine liberale Ära folgt, denn die Völker verlangen für die große Anstrengung, die der Krieg ihnen auferlegt, entschädigt zu werden. Ein unglücklicher Krieg aber zwingt die Dynastie, die ihn geführt hat, mindestens zu Konzessionen, die ihr vorher unerträglich erschienen wären. Ich erinnere an die Zugeständnisse, die Seine Majestät der Kaiser Franz Josef nach 1859 und dann nach 1866 hat machen müssen, und an die Konsequenzen, die der Japanische Krieg für Rußland gehabt hat. Deshalb hat Fürst Bismarck, der selbst die Verantwortung für zwei große Kriege auf sich genommen hat, um so eindringlicher vor Kriegen gewarnt, die nicht durch die Staatsräson und durch vitale Interessen des Landes geboten waren. Er hat namentlich davor gewarnt, Zwischenfälle, wie sie sehr häufig sich ereignet haben, zu dramatisch zu nehmen. Die Stimmung in der Armee kann da nicht allein maßgebend sein. Es ist gewiß gut und in der Ordnung, wenn die Armee immer bereit ist, vom Leder zu ziehen: so muß sogar die Armee denken. Aber die Aufgabe der politischen Staatsleitung ist es, sich auch die politischen Folgen klarzumachen. Quidquid agis prudenter agas et respice finem! Im Jahre 1875 waren manche Militärs der Ansicht, wir sollten Frankreich, wo der Chauvinismus sich wieder zu regen WILHELM IL UND SEIN SOHN 413 anfing, niederschlagen, bevor es stärker werde. Seitdem haben wir mit Frankreich Frieden durch dreiunddreißig Jahre, in denen unser Wohlstand und unsere Bevölkerung sich ganz außerordentlich gehoben haben. 1887 und 1888 wurden Fürst Bismarck lebhafte Vorwürfe gemacht, weil er gegen Rußland nicht den sogenannten prophylaktischen Krieg führen wollte. Es hieß damals allgemein, dieser Krieg sei doch unvermeidlich. Seit zwanzig Jahren haben wir trotzdem Frieden mit Rußland. Ich wiederhole, daß wir, wenn es sein muß, wie der große König, auch gegen eine Welt in Waffen kämpfen würden. Allein wir müßten uns auch dann bewußt bleiben, daß ein Krieg heutzutage eine sehr ernste Sache sein würde, viel ernster als vor achtunddreißig Jahren, denn die französische Armee ist jetzt besser als damals. Außerdem würde ein Krieg mit Frankreich voraussichtlich einen solchen mit England bedeuten. Wenn wir Frankreich angriffen, würde auch Rußland für Frankreich eintreten. Unter diesen Umständen scheint es mir angesichts der recht schwierigen Lage, in der sich Europa gegenwärtig befindet, hauptsächlich darauf anzukommen, daß wir unser Pulver trocken halten, daß wir alles daransetzen, unsere Armee auf der Höhe zu halten, und im übrigen kaltes Blut bewahren." Der Kronprinz besaß weder die ungewöhnlich rasche Auffassung seines Vaters noch dessen rednerische Begabung. Es fehlte ihm auch der persönliche Charme, mit dem Wilhelm II. namentlich bei der ersten Begegnung und bevor seine Fehler und Schwächen hervortraten, viele Menschen bezaubert hat. Der Kronprinz hatte aber von seiner verständigen Mutter einen vorsichtigen, nüchternen Zug geerbt, der seinem Herrn Vater leider abging. Bei größerer Besonnenheit hatte der Sohn doch gleichzeitig widerstandsfähigere Nerven als der Vater. Der Kronprinz war, wie alle seine Brüder, wie sein Onkel Prinz Heinrich, wie Kaiser Friedrich und Kaiser Wilhelm I., wie Prinz Friedrich Karl und Prinz Albrecht, ganz furchtlos. Er würde, wenn er auf den Thron gelangt wäre, die Welt weniger in Erstaunen gesetzt haben als sein Vater, er hätte die allgemeine Aufmerksamkeit weit weniger auf sich gelenkt, er hätte aber nicht so oft wie der Vater Souveräne, Minister und ganze Völker vor den Kopf gestoßen. Es wäre leichter gewesen, mit ihm zu regieren als mit Wilhelm II. Ich bin nach unserem Unglück bisweilen gefragt worden, warum ich die Novemberereignisse nicht benutzt hätte, um den Kronprinzen an die Stelle seines Vaters zu setzen. Ich habe darauf erwidert und erwidere heute: Ich hatte Wilhelm II. als Minister Treue geschworen und würde unter keinen Umständen meinen dem König und Kaiser geleisteten Eid gebrochen haben. Eine unfreiwillige, durch Überredung, drängenden Zuspruch, Überrumplung oder List herbeigeführte Abdankung des Kaisers war für mich ausgeschlossen. Ich würde mich einem Versuch von dritter Seite, 414 SOLLTE DER KAISER ABDANKEN? auf diese Weise die Abdankung des Kaisers herbeizuführen, mit allen Mitteln und nötigenfalls mit Gewalt widersetzt haben. Ich glaube nicht, daß Kaiser Wilhelm II. 1908 zu einer freiwilligen Abdankung zu bewegen gewesen wäre, zumal einer solchen auch die Kaiserin mit allen einer Frau und namentlich einer so charaktervollen Frau zu Gebote stehenden Mitteln opponiert haben würde. Ich füge auch heute nach allem, was sich inzwischen ereignet hat, hinzu, daß die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes 1908 nicht die Abdankung des Kaisers wollte. Die Nation würde einen Thronverzicht nicht verstanden haben. Sie wollte die Monarchie, die so viel Ehre, Ruhm, Glück und Segen verkörperte und ohne jede Frage an und für sich für Deutschland nicht nur die geeignetste, sondern die einzig wirklich brauchbare Regierungsform war und bleibt. Ich sage das nicht aus vorgefaßter Meinung. Ich sage es auch nicht als grundsätzlicher Anhänger der Lehre vom Gottesgnadentum und nun gar eines Gottesgnadentums im Sinne der Stuarts, der Bourbons und des letzten Weifenkönigs, sondern auf Grund meiner geschichtlichen Kenntnisse und Erfahrungen. Die Macht der Kaiseridee war in Deutschland so stark, daß die Nation dem Träger dieser Idee, wie sich nach glücklicher Beilegung der Novemberkrise zeigte, bald und gern verzieh, was er gefehlt haben mochte. Wenn auf den Fürsten Felix Schwarzenberg hingewiesen worden ist, der 1848 Kaiser Ferdinand I. von Österreich zur Abdankung, dessen Bruder, den Erzherzog Franz Karl, zum Verzicht auf die Krone bewog und den achtzehnjährigen Erzherzog Franz Josef auf den Thron erhob, so halte ich dem entgegen, daß Wilhelm II. kein Trottel war wie Kaiser Ferdinand I. und der gute Erzherzog Franz Karl, sondern im Gegenteil bei manchen Mängeln und Schwächen ein ungewöhnlich begabter Mann. Wir befanden uns 1908 auch nicht, wie 1848 die österreichische Monarchie, im Bürgerkrieg, im Kampf mit aufständischen Provinzen und im Krieg mit einem Nachbarstaat. Die deutschen Fürsten und das deutsche Volk wollten im Spätherbst 1908 lediglich ein verständigeres und vorsichtigeres Verhalten des Reichsoberhaupts, mehr Selbstbeherrschung und mehr Ruhe. Die Novemberkrisis blieb auch nicht ohne nützliche Wirkung auf den Hauptleidtragenden. Wenn nicht im Unglückssommer 1914 die ganze Welt, und leider Deutschland in erster Linie, durch einen selten oder nie dagewesenen Mangel an Scharfblick, Klugheit, Gewandtheit in die schlimmste Katastrophe vieler Jahrhunderte hineingesegelt wäre, hätte Wilhelm II. sich noch viele Jahre in Ehren auf dem Thron behaupten können. Einer Belastungsprobe, wie sie der Wellkrieg mit sich brachte, war er persönlich nicht gewachsen. Da er, unfähig, selbst das Schiff im Sturm zu führen, auch nicht für brauchbare Männer am Steuerruder sorgte, so scheiterte unser gutes Schiff. DER KRONPRINZ UND FRAU KYPKE 415 Meine persönlichen Beziehungen zum Kronprinzen waren immer gut. Zu seinen vortrefflichen Eigenschaften gehörte, daß er nicht übelnehmerisch Eine Intrige war. Er war auch nicht eitel. Er zeigte sich gern auf einem flotten Pferd, gegenKiderlcn er war ein kühner Reiter, gewandt in allen körperlichen Übungen, er trug die Mütze im Nacken, wie dies der schneidige Leutnant von den Gardehusaren oder den Gardeducorps tat, er huldigte nicht ungern hübschen Mädchen und schönen Frauen. Aber wie jedes hochfahrende Wesen, so lagen ihm auch geistiger Hochmut und geistige Eitelkeit fern. Alle Pose, alles Feierliche war ihm zuwider, vielleicht zu sehr, denn die Völker wollen nun einmal, daß ihre Fürsten einen gewissen Nimbus um sich verbreiten und mit einer gewissen Grandezza auftreten. Das verlangt der Deutsche eigentlich schon von seinen Ministern und Kanzlern. Mein lieber Freund Franz Arenberg hat mir oft gesagt: „Du bist nicht feierlich genug. Du posierst nicht genug. Du bist zu natürlich! Nicht nur die Beamten, sondern auch die Parlamentarier in Deutschland sind anders, als es in England, in Italien, in Frankreich die Leute sind. Unsere Volksboten sind Spießbürger von Lieber bis zu Eugen Richter und Bebel. Sie verlangen jene Würde, jene Höhe, durch die bei Schiller das Mädchen aus der Fremde die Vertraulichkeit entfernt." Ich gab die Richtigkeit dieser Kritik bis zu einem gewissen Grade zu, habe mich aber doch nicht ändern wollen oder können, da die natürliche Anlage oder Begabung sich schließbch immer wieder durchsetzt. Derselbe alte Destouches, der das von mir oft zitierte Wort geprägt hat, leicht sei die Kritik und schwer die Kunst, hat auch mit Recht gesagt: „Chassez le naturel, il revient au galop." Gerade weil ich mich in vielen Dingen gut mit dem Kronprinzen verstand und uns das verband, was der Franzose „les atomes crochus" nennt, nahm ich mit ihm bei gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten noch weniger als mit seinem Vater ein Blatt vor den Mund. Ich erinnere mich, daß er mir im Winter 1908/1909 mit einem ziemlich aufgeregten Brief einen Zeitungsartikel übersandte, der den von mir zur Vertretung des unbrauchbaren Staatssekretärs von Schön einberufenen Gesandten von Kiderlen boshaft und ordinär angriff. Kiderlen wurden unerlaubte Beziehungen zu seiner Haushälterin, der Witwe Kypke, vorgeworfen. Der Kronprinz schrieb mir, er halte es für seine Pflicht, mich auf derartige Zustände aufmerksam zu machen, „die man nicht so hingehen lassen kann". Ich müsse sofort eingreifen. „Ich habe schon einmal Eurer Durchlaucht Aufmerksamkeit auf diese Vorgänge zu lenken mir erlaubt, ich habe auch von ernsten Menschen, die die dortigen Verhältnisse kennen, dasselbe gehört. Ein offizielles Dementi, wenn dieses angreifbar ist, scheint mir sehr gefährlich." Ich richtete nach Empfang dieses Briefes ein geharnischtes Schreiben an den jungen Herrn, in dem ich ihm sagte, ich hoffte, daß, wenn er einmal in ferner Zukunft den Thron seiner 416 KIDERLENS HAUSDAME Ahnen bestiege, er nicht tüchtige, begabte und bewährte Beamte unwürdigem Klatsch opfern würde. Jedenfalls ließe ich Kiderlen nicht fallen, weil irgendein Neider oder Konkurrent oder vielleicht auch ein unbeschäftigter Reporter schmutzige Pfeile gegen ihn abschösse. Der Kronprinz nahm mir, was ich ihm zur Ehre anrechne, diese Abfuhr nicht übel. Ich hörte übrigens später, daß die ganze Intrige gegen Kiderlen von dem damaligen Gesandten in Athen und späteren Botschafter in Konstantinopel, dem ehrgeizigen Baron -von Wangenheim, ausging, der Kiderlen als Konkurrent für Konstantinopel ausschalten wollte, wohl auch gern selbst Staatssekretär geworden wäre. Wangenheim hatte eine ganz hübsche Frau, die Tochter des langjährigen württembergischen Gesandten in Berlin, Baron Spitzemberg, welcher der Kronprinz, natürlich in allen Ehren, zu Füßen lag. Als ich, nachdem die Intrige abgewehrt war, Kiderlen von der Sachlage in Kenntnis setzte, erwiderte er mir in unverfälschtestem Schwäbisch sehr gemütlich: „Wenn ich Ihnen das Corpus delicti vorführen würde, Durchlaucht, so würden Sie schwerlich an unerlaubte Beziehungen zwischen mir und dieser dicken Alten glauben. Sie ischt eine brave Schwäbin, längscht über das kanonische Alter hinaus. Meine Schwester, die Baronin Gemmingen, hat sie mir als Hausdame besorgt." Ich habe nicht viele Mitarbeiter gehabt, die mir als ausführende Organe so bequem waren wie Kiderlen. Eine ungewöhnliche Arbeitskraft, ausdauernd und behende, von rascher Auffassung und scharfem Urteil, verstand Alfred von Kiderlen- Wächter wie kaum ein anderer meine Gedanken und Intentionen. Ich gebe aber zu, daß er den Pferden glich, die nicht unter jedem Reiter gehen. Unter Bethmann Hollweg, der nichts von auswärtiger Politik verstand und sich dabei vor Kiderlen fürchtete, konnte dieser später seinem derben, hier und da rohen Naturell und seiner bisweilen hervorbrechenden Taktlosigkeit zu sehr die Zügel schießen lassen. Es konnte mir nicht entgehen, daß die Haltung der Russen und selbst Die der Franzosen während der bosnischen Verwicklung für uns freundlicher Beziehungen gewesen war als die der Engländer. Damit meine ich nicht die englische zu England R e gj erun g ebensowenig die große Mehrheit des englischen Volkes. Insbesondere der englische Minister des Äußern, Sir Edward Grey, war bestrebt gewesen, es nicht wegen Serbien zu einer großen Konflagration kommen zu lassen. Aber der englische Botschafter in St. Petersburg, Nicolson, hatte die Russen nicht nur gegen Österreich, sondern fast noch mehr gegen Deutschland aufgewiegelt und dabei mit Verdächtigungen unserer Absichten, mit Intrigen und Verleumdungen nicht gespart. Und König Eduard hatte diesem Spiel schmunzelnd zugesehen, es sogar begünstigt und gefördert. Auch jetzt, nachdem wir schaudernd den Weltkrieg erlebt haben, glaube ich nicht, daß Eduard VII. 1908 direkt auf einen W f^n^w.u 4fa ^ A, -u ^H&j/iu /wwS^V-- O*-^rm^ >: *MW : ^tl 'fifar. "Um ^ß4lMA00^ t&ffi#~ 4i^0^k^ j >iu^ /0- . tihw 'ifT tUuc Ob Ci sUua^ / ihuu ^TUt J iOi^ / l^/lUufU'^pff' ^fd/Utu W0lwim rf>tt' ffaj ~^7 ^iu?ü <^vf ^f4^n^ jfoit ffctf -KAM ^4/>Ui(l^f C ^H^tpMA 0#Uj ■ S y. / / iS*' ^ A^^^ii^ '/l^lciu 'fnJTwutfty 4 'tffaMAAtZy x^if trl*^ yinM fi/fö - /^t^w^y tHM. >f q -^W ^t^r W^r^ ^^K^f /7 c/^ ^W^^ 4yht^ü /UhIu^ K- /w^^4^ - 3. ^^^^^ ^^tMu^ Oynl (mj] ^Vt^W ^^j^ ^^Jrmji Sa § - % /? /7/7 * /V)/ • ^U*i4yr/A4. fyidtvh. Sf4^iH^/L^ ff r r 1H vernünftigen Flottenverständigung zu kommen. Je mehr unsere Flottenbauten England beunruhigten, um so mehr suchte Wilhelm II. nach einem Sündenbock für diese ihm unbehagliche und sehr unerwünschte Stimmung und fand ihn ungerechterweise in unserem früher bei ihm wohlgelittenen Botschafter in London, Paul Metternich, dem er vorwarf, daß er den englischen Besorgnissen und falschen Vorstellungen nicht mit der nötigen Energie entgegentrete. Ein Niederschlag solcher Verstimmung war Anfang April der nachstehende Brief Seiner Majestät an mich: „Ich habe heute, ehe Tirpitz zu Ihnen ging, noch einmal die ganze englische Flotten- und Dreadnought- Schweinerei mit ihm in Gegenwart von Müller und Plessen durchgesprochen und ihn ermächtigt, im selben Sinne auch Ihnen gegenüber sich auszusprechen. Es ist dabei übereinstimmend konstatiert worden, an der Hand der historischen Daten, daß tatsächlich Metternich einen Teil der Schuld trägt an dem Verfahren der Situation, indem er von vornherein die kolossale persönliche Konzession, die Ich ihm zu eventuellem Gebrauch zur Verfügung gestellt hatte, nämlich, daß 1912 keine Novelle kommen werde, ohne Grund von vornherein aus der Hand gegeben hat, ohne von England die geringste Gegenleistung zu erhalten als ungezählte Lügen, Verleumdungen und Verdächtigungen und Grobheiten. Dadurch ist das Ganze schlecht und falsch ,gemanaged' worden und er, und dadurch wir, in die Ecke gedrückt worden. Weil erstens die Engländer, trotzdem sie der konstitutionelle Staat par excellence sind, den groben politischen Fehler begingen, in Cronberg unter Überspringen aller konstitutionellen PersönHchkeiten und Gepflogenheiten, also Sie, Schön, Tirpitz usw., direkt den Monarchen und Obersten Kriegsherrn zu koramieren und zu stellen, und zwar ,per Drohung und im Befehlstone': ,You must stop building'. Das durfte nicht geschehen, da das kein Angebot zu Verhandlungen', wie jetzt im Parlament behauptet wurde, war, sondern nur ganz einseitiges Verlangen von England an uns, das nur so beantwortet werden konnte, wie es geschah. Dieses Verfahren mußte im Herbst, als man sich Metternich mit allerhand Anfragen und Konversationen, unverbindlich, näherte seitens England, der Botschafter mit aller Schärfe und allem Nachdruck der Regierung in gröbster Form unter die Nase reiben und sie veranlassen, erstmal für das unqualifizierbare Benehmen uns um Verzeihungzubitten. Erstnachdemdas geschehen, konnte man verbindliche Vorschläge von London entgegennehmen und darüber verhandeln. Zweitens: Weü der Botschafter leider das obige 430 DIE UNVERBINDLICHEN ENGLISCHEN OUVERTÜREN Verfahren unterlassen hat, ist Cronberg bzw. der Ton und die Haltung Englands von damals bestehengeblieben, und es hat Metternich und durch ihn uns stets in peremptorischer Weise attackiert mit neuem verkapptem Verlangen, was wir erfüllen sollten. Daher, wenn es auch unverbindlich geschah, die Situation nie die einer Verhandlung über Vorschläge zwischen zwei gleichberechtigten Mächten wurde, sondern stets als ein ziemlich hochmütiges Ersuchen eines Stärkeren an einen von ihm nicht gleichgeachteten Schwächeren wirken mußte. Daher auch die Ablehnung, da stets die eigene Ehre beinahe auf dem Spiel stand. Drittens: Weil die englischen Ouvertüren, wie gesagt, wenn auch in unverbindlicher Form', stets nur in Form von Ersuchen und Aufforderungen, die unsererseits sofort möglichst zu erfüllen seien, an uns gerichtet wurden, war aus ihnen niemals die Absicht einer Verhandlung herauszulesen, die von Gleichem zu Gleichem geht, mit derselben Verbindlichkeit für beide Teile. Es war also weder in Cronberg — wo es ,you must stop building' hieß — oder später bei den Unterhaltungen im Herbst und Winter irgendwo auch nur die leiseste Spur zu entdecken, daß die Engländer auch selbst Abrüstung wirklich beabsichtigten, sondern es wurde uns stets nur klargemacht, es läge im englischen Interesse, daß wir mit Rüsten aufhörten! Damit sie wohlverstanden ihren Vorsprung mit möglichst wenig Geduld und Mühe aufrechterhalten konnten. Das war ein Standpunkt, auf den wir uns vom militärischen wie nationalen Ehrenstandpunkt nicht einlassen konnten. Viertens: Weil die ganzen Machinationen Englands darauf hinauslaufen, daß es sich von uns die absolute Anerkennung des ,Two Powers Standard' erzwingen will und wir das ohne Kapitulation vor der Welt oder ohne Verletzung unserer nationalen Ehre einfach nicht können, noch wollen, noch werden. Es kann eine Überlegenheit zur See beanspruchen, soviel es will, und danach bauen, es kann das auch nach irgendwelchen Verhältniszahlen konstruieren, dagegen ist nichts zu sagen, aber den Two Powers Standard, noch dazu gegen uns allein angewendet, anzuerkennen, dazu bin Ich vollkommen außerstande, noch weniger, denselben durch Abmachungen irgendwelcher Art für die Ewigkeit zu verbriefen. Einen gewissen Vorsprung sollen sie haben, den Two Powers Standard niemals. Das sind die Worte, die Admiral Tirpitz vor Zeugen ausgesprochen hat. Fünftens: Aus obigem geht folglich hervor: daß bisher England keine ehrliche Eröffnungen für Verhandlungen verbindlich als von gleich zu gleich gemacht hat, sondern nur unverbindlich versucht hat, uns in die Ecke zu drücken und am Bauen einseitig zu hindern. Daher konnte darauf nicht eingegangen werden. Ich bin aber nach Übereinkunft mit Admiral Tirpitz vollkommen bereit und einverstanden, auf der von ihm skizzierten technischen Basis, GROSSE SITZUNG 431 wenn England uns ehrlich, um Verhandlungen hittet, mit England zu verhandeln auf der Relation 3 : 4 in Linienschiffen, mit Fallenlassen des Vorschlags vom Herhst, der Nichteinbringung einer Novelle 1912. Das kann anderweitig erledigt werden nach Tirpitz' Vorschlag. Lassen Euer Durchlaucht sich also von Tirpitz eine Formel ausarbeiten, wo Zahlen und Typen vorläufig beiseitegelassen sind, die in großen Zügen unsere Vorschläge darstellt, die wir machen wollen, falls die englische Regierung uns wieder Gelegenheit offizieller, verbindlicher Natur gibt, uns darüber zu äußern. Natürlich muß sie ehrlich ihrerseits die Einstellung des übermäßigen Baues uns vorschlagen und versprechen. Also Verhandlungen in höflicher Form von gleich zu gleich, nicht aber peremptorische Wünsche einerseits. Das ist der Inhalt des Vortrages von Tirpitz an Mich, mit dem Ich einverstanden bin. "Wilhelm I. R." Zu dem kaiserlichen Brief, den ich wortgetreu wiedergebe, bemerke ich erläuternd, daß der am Eingang genannte Müller der Chef des Marine- Konferenz im kabinetts, Plessen der von mir bereits eingehend geschilderte langjährige Reicns - diensttuende Generaladjutant und Kommandant des Kaiserlichen Haupt- kanzlerpalaü quartiers war. Am 3. Juni 1909 fand eine von mir einberufene Besprechung über die Frage einer Verständigung mit England im Reichskanzlerpalais statt, an der außer mir, Tirpitz, Metternich die Staatssekretäre des Innern und des Äußern, Bethmann Hollweg und Schön, der Chef des Marinekabinetts Vizeadmiral von Müller und der Chef des Generalstabs General von Moltke teilnahmen. Ich lasse das amtliche Protokoll über diese Besprechung folgen: „Der Herr Reichskanzler eröffnet die Besprechung nach einem kurzen Hinweis auf die hohe Wichtigkeit des Gegenstandes mit Verlesung des Briefes Seiner Majestät des Kaisers vom 3. April 1909. In diesem Brief gibt Seine Majestät der Kaiser sein Einverständnis mit den Allerhöchstihm von Admiral von Tirpitz vorgetragenen Anschauungen über eine eventuelle Verständigung mit England kund und weist den Herrn Reichskanzler an, von dem Herrn Staatssekretär des Reichsmarineamts eine Formel als Basis für Verhandlungen ausarbeiten zu lassen. Der Brief tadelt das Verhalten des Botschafters Grafen Metternich, der von den englischen Staatsmännern keine Gegenleistung für unseren etwaigen Verzicht auf eine Flottennovelle erlangt und für das inkonstitutionelle Vorgehen des Sir Charles Hardinge in Cronberg keine Sühne verlangt habe. Der Herr Reichskanzler verliest hierauf ein Schreiben des Grafen Metternich, worin dieser seine Haltung rechtfertigt. Der Herr Reichskanzler betont, daß unter den Anwesenden von persönlicher Empfindlichkeit nicht die Rede sein dürfe und könne. Alle wären einig in dem Bestreben, Kaiser und Reich nach bestem Wissen zu dienen. Uber einen Punkt aber wolle er keinen 432 DIE VERLANGSAMUNG DES BAUTEMPOS Zweifel lassen. Erste Pflicht eines Vertreters Seiner Majestät im Auslande sei, die Wahrheit zu berichten und die Verhältnisse so zu schildern, wie sie in Wahrheit lägen. Einen Botschafter, der das tue, werde er, der Reichskanzler, stets decken, unbekümmert darum, ob diese ungeschminkte Wahrheit zu hören immer angenehm sei. Es nütze auch nichts, auf das Barometer zu schelten, weil es schlechtes Wetter anzeige. Die zunächst zur Erörterung stehende Frage war, ob der Vorschlag des Admirals von Tirpitz einer Relation von 3 : 4 mit Fallenlassen des Verzichts auf eine Novelle als Basis einer Verständigung mit England betrachtet werden könne. Nach der Ansicht des Botschafters würde ein derartiges an England gerichtetes Ansinnen in kürzester Frist zum Kriege führen. Der Reichskanzler hob seinerseits hervor, daß nach allen ihm zugehenden Nachrichten die Stimmung in England uns gegenüber eine sehr ernste sei. Sie werde von der Befürchtung beherrscht, daß wir im Flottenbau den Engländern gefährlich nahe kommen könnten. Unter dem Eindruck dieser Besorgnis trete uns England in letzter Zeit überall in der Welt feindlich gegenüber; es versuche auch andere Mächte in Konflikt mit uns zu treiben. Wir hätten dafür in jüngster Zeit manche Belege erhalten. Ernsthafte Leute in England sähen einen Krieg mit Deutschland kommen. Es frage sich nun, wie in einem solchen Kriege unsere Chancen liegen würden. Admiral von Tirpitz habe seine Ansicht dahin ausgesprochen, daß wir einem Zusammenstoß mit England in den nächsten Jahren mit Ruhe nicht entgegensehen könnten. Da dränge sich die Frage auf, ob nicht eine Verständigung mit England möglich sei. Diplomatische Mittel genügten augenscheinbch nicht mehr, um England zu beruhigen. Eine Verständigung mit England über die Flottenbaufrage könnten wir vielleicht erreichen auf der Basis einer gegenseitigen Verlangsamung des Bautempos. Eine solche würde am besten in Verbindung mit einer Verständigung in anderen Fragen, zum Beispiel auf kolonialem Gebiet, in Handelspohtik, und allgemeinpolitischer Natur, etwa in Form eines Neutralitätsabkommens, erfolgen. Unsere Beziehungen zu England seien die einzige schwarze Wolke am Horizont unserer auswärtigen Politik, der im übrigen jetzt heller sei als seit vielen Jahren. Wir hätten seit zwanzig Jahren in der Welt nicht so geachtet und gefürchtet dagestanden wie jetzt. Aber das Verhältnis zu England trübe den Ausblick in die Zukunft. Graf Metternich gibt auf Anregung des Herrn Reichskanzlers eine Schilderung der Stimmung in England: Diese sei noch vor zwei Jahrzehnten uns und dem Dreibund günstig gewesen. Durch die Krüger-Depesche und die Haltung der deutschen öffentUchen Meinung während des Burenkrieges habe sie allerdings eine Trübung erfahren. Sie habe sich aber INITIATIVE GEFÄHRLICH 433 gründlich und ernstlich erst verdüstert, seitdem unsere Flottenbauten und die Agitation für diese den Engländern die immer mehr anwachsende feste Überzeugung beigebracht hätten, daß unsere Flotte eine ernste Bedrohung für England bedeute, für welches die absolute Sicherheit und Überlegenheit auf maritimem Gebiet nun einmal eine Lebensfrage sei. Nicht die deutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt, wenn sie auch den Engländern unbequem, wäre es, welche die tiefgehende Verstimmung erzeugt habe, sondern lediglich die deutsche Flottenpolitik. Admiral von Tirpitz meint, daß sich in dem Briefe Seiner Majestät und dessen Auslegung vielleicht Mißverständnisse finden könnten. Er sei stets bemüht gewesen, Seine Majestät davon zu überzeugen, daß es unrichtig wäre, eine Diskussion über eine gegenseitige Verständigung in den Flottenrüstungen a limine abzulehnen. Bei dem von Seiner Durchlaucht berührten Immediatvortrage vom 3. April 1903, der auf Veranlassung desselben erfolgt sei, habe es sich nur um die Vergangenheit gehandelt und habe er hierbei Seiner Majestät gegenüber erwähnt, daß sich im Herbste 1908 wohl Gelegenheit geboten haben würde, eine Relation 3 : 4 in Neubauten als Grundlage für Verhandlungen mit England zu benutzen. Damals hätte der Vorschlag wohl Aussicht auf Annahme seitens Englands gehabt, da die Engländer damals nur vier neue Schiffe bauen wollten. Jetzt sei dies anders. Für solche Verhandlungen wäre es zweckmäßiger gewesen, den Verzicht auf eine Novelle für 1912 nicht aus der Hand gegeben zu haben, sondern ihn als Verhandlungsmittel auszunutzen. Die Gefahr eines Zusammenstoßes mit England sei im übrigen seiner Ansicht nach nicht so groß, wie Graf Metternich es schilderte, die Verstimmung der Engländer wurzele nach seinen Erfahrungen in dem Unbehagen über die wirtschaftliche und politische Konkurrenz, die jetzige Erregung aber sei in der Hauptsache Mache Sir John Fishers, der die englische Admiralität repräsentiere und mit allen Mitteln der Perfidie gegen Deutschland arbeite. Je stärker wir unsere Flotten machen, desto mehr wird sich England hüten, mit uns ernstkch anzubinden. Er glaube, daß der „navy scare" in England überwunden sei. Er könne nur nochmals bedauern, daß Graf Metternich die Zusicherung, es sei 1912 keine Novelle beabsichtigt, ohne Gegenkonzession gegeben habe, aber er, der Staatssekretär, sei bei der dem Grafen Metternich erteilten Instruktion nicht gehört worden. Eine Initiative zu einer Verständigung mit England unsererseits zu ergreifen, halte er nach dem Verhalten der englischen Regierung in diesem Frühjahr nicht für angezeigt, ja für gefährlich. England solle seinerseits zunächst mit Vorschlägen hervortreten, dann könne man ja hören, was angeboten wird, und danach sein Gegenangebot machen. Übrigens gingen unsere Neubauten im Jahre 1912 von vier auf zwei Schiffe herunter, ein Umstand, der an sich schon eine Ver- 28 BUlow n 434 POLITIK DES VOGELS STRAUSS langsamung des Bautempos darstelle und als solche den Engländern hätte dargestellt werden müssen. Diese Tatsache bedeute aber seines Erachtens, daß ein erneuter Agreements-Versuch gar nicht zu erwarten sei. In keinem Falle könnten wir uns auf eine Verständigung mit England ohne genügende militärische Gegenleistungen von englischer Seite einlassen. Im ganzen sei er in jetziger Lage für ruhiges Abwarten. Graf Metternich betont nochmals, daß er von Seiner Majestät dem Kaiser die bestimmte Weisung erhalten habe, den Engländern zu sagen, Seine Majestät habe nicht die Absicht, über das Flottenprogramm hinauszugehen. Von einer etwaigen Novelle für 1912 habe er bis vor wenigen Tagen nie etwas gehört. Admiral von T i r p i t z erklärt, daß es allgemein, auch bei den Engländern, bekannt sein müßte, daß das Jahr 1911 ein kritisches sei, in dem eine Novelle erwartet werden könnte. Die Befürchtung der Engländer, daß in einigen Jahren eine abermalige Novelle zum deutschen Flottengesetz kommen werde, sei vom Herrn Botschafter bereits in seinem Berichte über die Unterredung mit Sir Charles Hardinge vom 30. Juni 1908 klar ausgesprochen worden. Der Herr Reichskanzler hebt hervor, daß er bisher aus den mündlichen und schriftlichen Besprechungen mit dem Herrn Staatssekretär des Reichsmarineamts niemals den Eindruck erhalten habe, daß dieser eine Verständigung mit England in der Flottenfrage wünsche. Er sei erstaunt, jetzt zu hören, daß der Herr Staatssekretär im vorigen Herbst eine solche Verständigung für möglich und sogar für erstrebenswert gehalten habe; davon habe er, der Reichskanzler, bisher keine Ahnung gehabt. Er verstehe aber auch nicht recht, warum das, was damals dem Staatssekretär möglich und nützlich erschienen wäre, jetzt von ihm perhorresziert würde. Die Beunruhigung in England sei nicht Mache Sir John Fishers, sondern entspringe leider der tiefen und festen Uberzeugung des englischen Volks, daß das Anwachsen unserer Seemacht das britische Reich an der Wurzel bedrohe. Darüber dürften wir uns keinen Täuschungen hingeben. Man könne mancherlei Politik treiben; die bedenkbchste Politik aber sei die PoHtik des Vogels Strauß. Trotz der von uns allen anerkannten und bewunderten Tüchtigkeit unserer Flotte seien wir, nach der Ansicht des Admirals von Tirpitz, jetzt nicht in der Lage, einen Konllikt mit England siegreich zu bestehen. Um die zwischen heute und dem Ausbau unserer Flotte hegende Gefahrzone zu durchschreiten, empfehle sich eine Verständigung mit England. Selbstverständlich könne eine solche Verständigung nur auf Gegenseitigkeit beruhen. Daß er, der Reichskanzler, keine Lösung akzeptieren und keinen Schritt empfehlen werde, der nicht im vollen Einklang mit der Würde der Nation sei, brauche er nicht besonders zu betonen. Dafür bürge wohl die Art und Weise, SCHEITERN BEDEUTET KRIEG 435 wie er seit nunmehr zwölf Jahren die auswärtigen Geschäfte des Landes führe. Admiral von Tirpitz verschließt sich nicht der bestehenden Gefahr, auf die er auch schon früher aufmerksam gemacht und deren Erkenntnis ihn auch veranlaßt habe, die Agitation des Flottenvereins unter General Keim zu mißbilligen. Er sei auch für Herbeiführung einer Detente. In bezug hierauf und auf die Darlegung des Herrn Reichskanzlers verweise er auf seinen schriftlichen Bericht an Seine Durchlaucht vom 20. Januar 1909, in dem er gemeldet habe, daß er durchaus der Ansicht des Herrn Reichskanzlers sei, man dürfe eine erneute Anregung seitens Englands, in eine vertragsmäßige Verminderung der beiderseitigen Flottenbauten einzutreten, nicht a limine ablehnen, schon allein aus dem Grunde nicbt, um das Odium einer solchen Abweisung von uns abzuhalten. In diesem Berichte habe er, der Staatssekretär, weiter gemeldet, daß er sich schon Ende September 1908 bemüht habe, Seiner Majestät dem Kaiser diesen Standpunkt klarzulegen. Sein in demselben Bericht gemachter Vorschlag der Grundlage einer Relation von 3 : 4 würde den Engländern innerhalb zehn Jahren noch immer nahezu die Stellung des Two Powers Standard, nämlich des Verhältnisses 2 : 3—6 gegeben haben. Staatsminister Bethmann hält eine Initiative unsererseits zu einer Verständigung nur dann für ratsam, wenn wir einen bestimmten Vorschlag zu formulieren in der Lage wären. So weit 6eien wir aber in der heutigen Beratung noch nicht gelangt. Vielleicht lasse sich eine gewisse Detente mit England auch auf kolonialem Gebiete und in der Handelspolitik erreichen. Für letztere schienen ihm aber die Voraussetzungen, nämlich der Übergang Englands zum Schutzzoll, zu fehlen. Graf Metternich hält eine Verständigung über koloniale und handelspolitische Fragen für erwünscht, aber nicht für genügend zur Beruhigung Englands. Diese sei allein durch eine Flottenverständigung zu erzielen. Sollte es nicht möglich sein, eine Konzession an England durch Verlangsamung unseres Bautempos in Schiffen zu machen? Admiral von Tirpitz weist demgegenüber auf den Sprung hin, der im Jahre 1912 von vier auf zwei Schiffe stattfinden wird. Der Herr Reichskanzler stellt zur Erwägung, ob nicht Graf Metternich ermächtigt werden soll, den Engländern gesprächsweise zu sagen, wir seien bereit, in Flottenfragen mit uns reden zu lassen, dabei zwar seinerseits keine konkreten Vorschläge zu machen, aber anzudeuten, daß unsere Konzessionen in Verlangsamung des Bautempos und in Verzicht auf Novellen bestehen könnten. Staatsminister von Bethmann wirft zunächst die Frage ein, ob eine Verlangsamung des Bautempos ohne Änderung des Flottengesetzes möglich sei. General von Moltke vertritt den '28* 436 DIE GEFAHRZONE 1915 ÜBERSTANDEN Standpunkt, daß wir keinerlei Chance haben, einen Konflikt mit England erfolgreich auszufechten. Eine ehrenvolle Verständigung, etwa auf der Basis einer Verlangsamung des Bautempos, scheine daher auch ihm erstrebenswert. Dabei dürfe man sich freilich nicht verhehlen, daß ein Scheitern von Verständigungsversuchen den Krieg bedeuten könnte. Der Herr Beichs- kanzler weist wiederholt auf die Gefahren der Situation hin. Die einzige schwarze Wolke lagere zur Zeit über der Nordsee, aber sie sei gewitterschwer. Admiral Tirpitz hebt den von Jahr zu Jahr wachsenden Wert unserer Flotte hervor, auch in den Beservebildungen. Ein etwaiges Hinausziehen des Bauprogramms um fünf Jahre, also bis 1925, wie es Graf Metternich im Auge zu haben scheine, würde für uns aber den Verlust von fünfzehn Capital Ships bedeuten. Wolle man solche Verlangsamung, dann werde das ganze Flottenprogramm wertlos. Staatsminister von Bethmann: ,Das Erstarken unserer Flotte ist eben das, was die Engländer erkannt haben und was sie so lebhaft beunruhigt. Was könnte unsere Marine bieten, wenn eine freundschaftliche Anregung seitens Englands zu erneuter Besprechung erfolgen sollte?' Admiral von Tirpitz: ,Unser etwaiges Angebot kann sich nur nach einem englischen Vorschlag richten, nicht vorher formuliert werden.' Staatsminister von Bethmann: ,Ist nicht eine Verlangsamung des Bautempos in dem Sinne möglich, daß wir im nächsten Jahr nicht vier, sondern nur drei Schiffe bauen, wenn die Engländer ihrerseits sich auf vier Neubauten beschränken — immer nur Capital Ships gerechnet ?' Admiral von Tirpitz führt aus: Zu einer solchen Verlangsamung des Bautempos sei eine Änderung des Flottengesetzes nicht erforderlich, eine Verlangsamung von vier auf drei Schiffe lasse sich im Etat durchführen. Der Herr Beichskanzler konstatiert, daß die Verlangsamung also möglich sei, ohne daß dies zu Debatten im Beichstag führe oder überhaupt sehr in die Öffentlichkeit trete. Admiral von Müller betont, es dürfe kein Mißverständnis darüber bestehen, daß eine Verständigung mit England auf Basis der Verlangsamung des Bautempos nur unter der Bedingung zustande kommen dürfe, daß auch England eine Gegenleistung auf dem gleichen Gebiete, also ebenfalls eine Verlangsamung, bietet. Alle Anwesenden sind darüber einig, daß solche Gegenseitigkeit unbedingt Voraussetzung für das Zustandekommen einer Verständigung sein müsse. Insbesondere wiederholt der Herr Beichskanzler, daß England uns nicht nur volle Gegenseitigkeit auf militärisch-technischem Gebiet, sondern auch eine politische Assekuranz geben müsse. Admiral von Tirpitz führt aus: Nach seiner Ansicht würde die Gefahrzone in unserem Verhältnis zu England in fünf bis sechs Jahren, also etwa 1915, EIN RÜSTUNGSABKOMMEN? 437 nach Erweiterung des Kaiser-Wilhelm-Kanals und Fertigstellung der Helgolandposition überstanden sein. Schon in zwei Jahren werde sie erheblich geringer sein. Der Herr Reichskanzler: ,Das ist sehr schön. Die Frage ist aber immer wieder: Wie kommen wir über die derzeitigen Gefahren weg?' Admiral von Tirpitz hält eine Beseitigung der Gefahr durch eine Verständigung über Neubauten im Verhältnisse 3 : 4 für möglich. Der Herr Reichskanzler ersucht den Staatssekretär des Reichsmarineamts, den Befehlen Seiner Majestät gemäß eine Formel für eine Verständigung auszuarbeiten. Er macht aber dabei darauf aufmerksam, daß keine Diplomatie der Welt die englische Regierung dahin bringen könne, eine Formel zu akzeptieren, die England als für seine Existenz bedrohhch erscheine. Admiral von Tirpitz kann der Aufstellung einer Formel im jetzigen Augenbücke keinen Wert beimessen. Besonders, da bei der praktischen Verwendung derselben durch einen anderen in etwaigen Verhandlungen mit den Engländern leicht Mißverständnisse unterlaufen könnten. Eine solche Formel könne nur als eine Vorbereitung aufzufassen sein für den Fall, daß England tatsächlich einen Schritt zur Annäherung an uns zum Zwecke der Herbeiführung eines Rüstungsabkommens tun sollte. Erst nach dem Maße der englischen Annäherung würde zu beurteilen sein, welche Gestalt eine eventuelle Formel anzunehmen habe. Der Staatssekretär von Tirpitz wiederholt im Anschluß daran seine früher gemachten Ausführungen (s. S. 5 des Protokolls), daß nach dem Verhalten der englischen Regierung in diesem Frühjahr die Initiative nicht von uns ausgehen dürfe. Der Herr Reichskanzler bittet schließlich, die Tatsache und den Inhalt dieser Besprechung streng geheim zu halten." XXIX. KAPITEL Der Kaiser zu dieser Konferenz • Wandlung im Verhältnis Wilhelms II. zu Bülow • Erschwerung seiner Geschäftsführung • Neue Kahinettschefs • Schwierigkeiten im Auswärtigen Amt • Geheimrat Hammann • Unterredung zwischen Kaiser und Kanzler • Die Majestäten zum Diner im Kanzler-Palais • Wilhelm II. wieder in bester Laune Die Konferenz vom 3. Juni 1909 hat mir einen dauernden Eindruck hinterlassen. Graf Paul Metternich, sehr ruhig, fast phlegmatisch, aber Vortrag über ]jj ar? nüchtern, ganz Matter-of-fact-Mensch. Er wußte, daß er, lange bei Konfirfz ^ e " ier Majestät gut angeschrieben, durch seinen Widerspruch gegen die allmählich über ihre Ufer tretende Flottenpolitik des hohen Herrn sich dessen Gunst verscherzte. Aber er stellte seine Uberzeugung über sein Amt. Tirpitz, innerbch leidenschaftlich bewegt, nach außen kalt, bisweilen verbissen, voll brennenden Ehrgeizes, voll glühender Vaterlandsliebe, voll Vertrauen auf sein Werk, auf die Kraft des deutschen Volks, groß auch in seinen Irrtümern, aber einseitig. Die beiden Staatssekretäre des Innern und des Äußern, Bethmann Hollweg und Schön, gleichmäßig bestrebt, weder bei Seiner Majestät anzustoßen noch auch beim Reichskanzler, von dem man nicht wissen könne, ob er nicht schließlich doch im Amte bleiben würde. Par nobile fratrum, aber in dem sarkastischen Sinne, in dem Horaz diese Wendung geprägt hat. Moltke, wohlmeinend in seinen Gedankengängen, verständig und klar, leider nur kein Mann der Tat. Der Chef des Marinekabinetts von Müller, damals noch ein Anhänger von Tirpitz, dessen perfider Gegner er werden sollte, sobald sich die kaiserliche Gnadensonne von dem Erbauer der Flotte abwandte. Ich hielt es für meine Pflicht, Seiner Majestät über den Verlauf der Konferenz vom 3. Juni und über die Gründe, welche die Einberufung dieser Konferenz und meine Haltung in der Besprechung bestimmt hatten, auch noch mündliche Erläuterungen zu geben. Der von mir erbetene Immediatvortrag wurde mir erst nach einer Woche, am 11. Juni gewährt. Über seinen Verlauf nahm ich die nachstehende Notiz zu den Akten: „Seine Majestät erklärte mir auf meine heutigen Vorstellungen über die von englischer Seite infolge der englischen Besorgnisse vor unseren Schiflsbauten drohenden Gefahren: Er könne nicht an eine solche Gefahr glauben. Die Engländer würden uns allein nie angreifen. DER ZWEIFRONTENKRIEG DER ZUKUNFT 439 Bundesgenossen fänden sie jetzt nicht. Wir brauchten auch einen englischen Angriff nicht zu fürchten, denn wir könnten den Engländern zur See schon jetzt den größten Schaden zufügen. Die angebliche englische Aufregung über unsere Schiffsbauten sei nur ,Mache', aus innerpolitischen Motiven hervorgegangen. Das sei die Auffassung, die ihm Admiral von Tirpitz vorgetragen habe, und der müsse er sich anschließen." Die vorstehende Aufzeichnung gibt nur das Gerippe meines langen und eingehenden Immediatvortrages vom 11. Juni 1909. Ich wies nachdrücklich, mit statistischem Material und an der Hand der Geschichte auf die großen Hilfsquellen hin, über die England verfüge, auf die gewaltige Leistungsfähigkeit und Energie, die es in allen seinen Kriegen, von den Kriegen gegen Ludwig XIV. und Napoleon I. bis zum Burenkrieg, entfaltet habe. Ich sagte Seiner Majestät, ich glaubte auch jetzt nicht, daß England uns von heute auf morgen, unerwartet, überfallen werde, wieder Kaiser dies mehrfach befürchtet habe. Wohl aber bestehe die Gefahr, daß, wenn das Rennen mit England im Schiffsbau im bisherigen Tempo fortgesetzt würde, England, sobald wir in Verwicklung mit irgendeiner andern Macht gerieten, insbesondere mit Rußland, sich sofort auf die Seite unserer Gegner schlagen würde. Das lähme unsere Politik nicht nur in der Gegenwart, sondern bedrohe uns für die Zukunft mit schweren Gefahren. Ein Zweifrontenkrieg sei unter allen Umständen für uns eine ernste Sache, mit England auf der Seite von Frankreich und Rußland auf der anderen Seite. Der Kaiser wollte meine Besorgnisse nicht gelten lassen. Er berief sich dabei auf unseren Generalstab. Ich erwiderte, auch der Generalstab sei nicht unfehlbar; so unterschätze er auch erheblich die Force noire der Franzosen und meine, aus Afrika würde Frankreich nicht viel brauebares Soldatenmaterial ziehen können; Afrika würde im Gegenteil den Franzosen mehr Soldaten zum Uberwachen kosten, als Soldaten für die französische Armee gegen uns stellen. Diese Auffassung hielte ich auf Grund meiner bei einer Reise in Algier und Tunis gewonnenen Eindrücke für irrig. Ich hätte, betonte ich, die denkbar beste Meinung von dem preußischen Generalstab, diesem klugen Hirn der Armee, aber es sei von alters her ein Fehler unseres preußischen militärischen Denkens gewesen, die Westmächte und speziell die Engländer militärisch zu unterschätzen. Ich schalte hier ein, daß mir die Zukunft, zu meinem Schmerz, in dieser Beziehung recht gegeben hat. Schon Weihnachten 1914 standen fast fünfhunderttausend Engländer in Frankreich, 1917 an zwei Millionen. England hat im Weltkrieg über sechs Millionen Mann ins Feld gestellt, dazu noch über drei Millionen Soldaten aus seinen Kolonien, aus seinen Dominions und aus Indien. Es hat im ganzen zehn Millionen Mann mobilisiert. Im Laufe meiner wiederholten, von meiner Seite ruhig und mit mögbehster Klarheit ernst und nachdrücklich 440 DER KAISER IST UNGNÄDIG zum Kaiser gehaltenen, von Seiner Majestät hier und da ungeduldig und gereizt angehörten Vorträge über die Vortede einer durch Verlangsamung unseres Flotten- hautempos zu erreichenden Verständigung mit England erinnerte ich den Kaiser mehr als einmal an die allerersten Unterredungen, die ich nach meinem Eintreffen aus Rom in Kiel, im Juni 1897, mit ihm über unsere Flottenpolitik gehabt hätte. Vor die Aufgabe gestellt, den Bau unserer Flotte ohne Zusammenstoß mit England zu ermöglichen, hätte ich ihn damals an ein römisches Dichterwort erinnert. Wir dürften nicht, hätte ich ihm gesagt, propter vitam vivendi perdere causas. Jetzt, zwölf Jahre später, müsse ich diese Warnung mit größerem, mit dem größten Nachdruck wiederholen. Wir hätten die Flotte gebaut zu unserer Sicherheit und zu unserem Schutze, wir dürften uns aber nicht wegen dieser Flotte und durch diese Flotte unser Verhältnis zu England ganz verderben. Die letzten sieben Monate meiner Amtszeit sind nicht zu verstehen ohne Verhältnis Berücksichtigung der eigenartigen, sprunghaften, wandelbaren, der inko- Bulows härenten Natur Wilhelms II. Nach außen hatte sich sein Benehmen mir gegenüber nicht geändert. Er war sogar in mancher Hinsicht rücksichtsvoller geworden, widersprach mir selten und ungern, wurde nur in der Flottenfrage ärgerlich, und das auch nur dann, wenn ich diese Frage anschnitt. Er schien auch sehr besorgt um meine Gesundheit, obschon sie nichts zu wünschen übrigließ. Am 6. Februar 1909, dem Geburtstag meiner Frau, erschien der Kaiser mit der Kaiserin bei mir, um meiner Frau unter Überreichung eines schönen Straußes aus roten Nelken, seinen Lieblingsblumen, seine herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Aber ich hörte von allen Seiten, daß hinter meinem Rücken der Kaiser sich nicht nur ungnädig über mich ausließ, sondern allerlei Märchen über die Vorgeschichte der Novem- berkrisis und mein Verhalten während dieser Krisis erzähle. Das erschwerte mir in hohem Grade die Geschäfte. Ich hatte es ohnehin schwerer als früher, wo die damaligen drei Kabinettschefs, Lucanus, Hülsen und Senden, mir feste Stützen gewesen waren. Der Letztgenannte hatte mir durch seine antienglischen Marotten, nicht selten auch durch Taktlosigkeit die Führung der auswärtigen Politik erschwert, aber er hatte immerhin mein Bleiben im Interesse des Reichs wie des Kaisers für notwendig erachtet und sich aus diesem Grunde Intrigen gegen mich widersetzt. Sein Nachfolger, Admiral von Müller, war liebenswürdiger, taktvoller, aber unzuverlässiger und dem Kaiser gegenüber ganz unterwürfig. Dabei innerlich ein unklarer, pietistisch angehauchter Pazifist, was seinem Gemüt vielleicht Ehre machte, ihn aber nicht zum Vertreter des brillanten Geistes der Entschlossenheit und Handlungsfreudigkeit quaUfizierte, der unsere Marine auszeichnete. Der Generaladjutant von Hahnke war mir, dem weit jüngeren Manne, ein wohlwollender, durchaus verläßlicher Gönner gewesen, sein Nachfolger ^AässSHH» u V rO u V 4-* C« E V T3 <+-! P CS :U O hJ P O > H h v -C "C N « -c ü cJ> DIE NEUEN KABINETTSCHEFS 441 Graf Hülsen-Hacseler ein langjähriger und persönlicher Freund. Hülsen war während der Novemberkrisis im Schlosse Donaueschingen von einem Herzschlag gerührt tot umgesunken, nur wenige Stunden nachdem er dem Kaiser dringend geraten hatte, sich nicht von mir zu trennen. Sein Nachfolger, General von Lyncker, war ein tüchtiger Militär, ein tadelloser Ehrenmann, aber ohne Initiative. Er betrachtete sich nur als immer dienstbereiten und dienstbeflissenen Generaladjutanten. Und endlich war an die Stelle des sehr klugen, sehr gewandten, mir gleichfalls treu ergebenen Lucanus Herr von Valentini getreten. Ein geistreicher russischer Freund, Ernst Meyendorff, sagte mir einmal: „Une longue experience m'a prouve qu'on ne reussit jamais ä tuer son successeur." Lucanus kannte die Wetter- wendigkeit Seiner Majestät. Als er zu bemerken glaubte, daß der hohe Herr für den Vortragenden Rat in Allerhöchstseinem Kabinett, Herrn von Berg, Korpsbruder und persönlichen Freund Seiner Majestät, große Vorliebe zeigte, sorgte er für dessen Versetzung. Zu seinem Nachfolger wählte Lucanus den Regierungspräsidenten in Frankfurt a. 0., Herrn von Valentini, der ihm so unbeträchtlich erschien, daß er ihn als Chef des Zivilkabinetts Seiner Majestät für ausgeschlossen hielt. Seinen eigentlichen Zweck, Berg aus der Umgebung Seiner Majestät zu entfernen, hat Lucanus nicht erreicht, denn Berg wurde schließlich doch, nicht lange vor dem Umsturz, Chef des Zivilkabinetts. Valentini hat aber während eines Jahrzehnts Gelegenheit gehabt, seine Unbedeutendheit und leider auch seinen Mangel an Charakter nur zu reichlich an den Tag zu legen. Ich füge den letzten Brief bei, den ich von Lucanus kurz vor dessen Heimgang erhielt: „Eure Durchlaucht haben mich erfreut und beglückt durch den so warmen Ausdruck Ihrer Teilnahme an meinem Wohlergehen. Ich habe das Bett verlassen dürfen und hoffe, bald wieder auf dem Posten zu sein. Wie viele und große Aufgaben harren jetzt der Lösung durch Ihre Hand! Möge Gottes Schirm und Schutz über Eurer Durchlaucht walten. In unwandelbarer Verehrung und steter Anhänglichkeit bin und bleibe ich Eurer Durchlaucht treu und dankbar ergebener von Lucanus." Schmerzlicher noch als der Wegfall der drei Kabinettschefs hatte mich der Heimgang meines verehrten und heben Kriegsobersten, meines lang- Tod des Fcld- jährigen väterlichen Freundes, des Generalfeldmarschalls von Loe, be- Marschalls troffen, der zur großen Armee abberufen worden war. Tiefbewegt richtete von °* ich an seine Witwe, die erst vierzehn Jahre später, fast neunzig Jahre alt, ihrem Gatten in die Ewigkeit folgte, das nachstehende Telegramm: „Die Nachricht von dem Heimgang Ihres hochverehrten Mannes hat mich tief bewegt. Der Name des verewigten Feldmarschalls wird unvergänglich fortleben in der preußischen und in der deutschen Geschichte. Er war ein Ritter ohne Furcht und Tadel, treu Gott, König und Vaterland. Sein 442 DER FALL HAMMANN Patriotismus kannte keine Schranken. Er verkörperte die unlösbare Zusammengehörigkeit der Rheinlande mit der Monarchie. Persönlich werde ich dem teuren Entschlafenen, der mir seit dem großen Kriege in allen Lebenslagen ein väterlicher Freund war, immer das dankbarste und liebevollste Andenken bewahren. Meine Frau schließt sich meinen Empfindungen von Herzen an." Möge der Feldmarschall Loe, der ein ritterlicher Soldat, ein treuer Sohn der katholischen Kirche, ein treuer Diener vier preußischer Könige und dreier deutscher Kaiser, ein glühender preußischer und deutscher Patriot war, den Söhnen der schönsten preußischen Provinz als Vorbild vor Augen stehen, bis einst an dem von Knechtschaft und Schmach befreiten deutschen Rhein sich der Denkstein erheben wird, den wir Walter Loe jetzt nur in unserem Herzen errichten können. Im Auswärtigen Amt hatte ich es schwerer als früher. Herr von Schön Veränderun- war nicht von den Interessen der Geschäftsführung, sondern wie sein Vorgen im Aus- gänger Tschirschky in erster Linie von dem Gedanken beherrscht, nicht an värtigen Amt ^H er } 1 5 c { is t er Stelle anzustoßen. Nur daß, im Gegensatz zu Tschirschky, der das vorstellte, was man auf französisch „un rond de cuir" nennt, das heißt ein Aktenmensch, der auf seinem amtUchen Sessel am Schreibtisch seinen Mann steht, le Baron de Schön ebenso unzulänglich wie unzuverlässig war. Und endlich versagte infolge widriger Privatverhältnisse mein Pressechef, Otto Hammann, gerade im letzten Winter meiner Amtszeit. Hammann hatte, bald nachdem ich Staatssekretär geworden war, seine erste Frau auf einer mit ihr im Schwarzwald unternommenen Fußreise durch einen plötzlichen Tod verloren. Holstein, der, wenn er haßte, zügellos in seinen Verdächtigungen war, wollte, nachdem er sich mit seinem früheren Fidus Achates und Kampfgenossen gegen den entamteten Bismarck, dem Geheimrat Hammann, überworfen hatte, mir einreden, daß die erste Frau Hammann keines natürlichen Todes gestorben sei. Ich habe das nie geglaubt und diese Insinuation weit von mir gewiesen. Allerdings soll der Kummer über die Liebe ihres Gatten für eine andere das Ende der armen Frau beschleunigt haben. Witwer geworden, drängte Hammann, der nicht wie ein Lovelace aussah, aber offenbar eine leidenschaftliche Seele war, die von ihm angebetete Dame zur Scheidung. Deren Gatte, der einer der ersten Architekten in Deutschland war, widersetzte sich. Schließlich kam ein Arrangement zustande, das einen finanziellen Hintergrund hatte. Die geschiedene Frau sollte von ihrem bisherigen Mann eine nicht unbedeutende Jahresrente erhalten, unter der Bedingung, daß zwischen ihr und ihrem künftigen Ehemann bis zur Wiederverheiratung keine intimen Beziehungen stattfänden. Der verlassene Gatte war nicht in bester Laune, was sich denken läßt. Er war noch immer eifersüchtig, was auch begreiflich ist. Er ermittelte durch einen gewiegten Detektiv, wo die Ungetreue sich mit ihrem DER PRESSECHEF VON 1914 443 Liebhaber traf. Er mietete ein Zimmer über dem Zimmer, wo die Rendezvous der Verbebten vor sich gingen, bobrte dort ein Loch durch den Fußboden und beobachtete die Vorgänge, die sich unter ihm abspielten und die. ihn nicht erfreuten. Das Ganze würde einem Boccaccio den Stoff zu einer lustigen Erzählung geboten haben. Leider griff der Staatsanwalt ein und erhob gegen den Geheimrat Hammann, der die Korrektheit seiner Beziehungen zu seiner Dulcinea eidlich bekräftigt hatte, Anklage wegen Meineids. Ich wurde von vielen Seiten gedrängt, Hammann vom Dienste zu suspendieren. Der furchtsame Staatssekretär Schön weigerte sich, mit Hammann zugleich in der Budgetkommission des Reichstags zu erscheinen. Ich ließ Hammann in dieser bedrängten Lage nicht fallen. Er hatte 6ich mir gegenüber in einem kritischen Moment, nach meiner Ohnmacht im Reichstag, treu und tapfer benommen, und es war seit jeher eine meiner Lebensregeln, geleistete Dienste nicht zu vergessen. Es wurde ein Ausweg dahin gefunden, daß Hammann von sich aus seine Entbindung vom Dienste bis auf weiteres beantragte. Er wurde schließlich freigesprochen, aber es war entschuldbar, daß er in den bangen Wochen, wo er mit einem Fuß im Zuchthaus zu stehen fürchtete, für sein Ressort unter ohnehin schwierigen Verhältnissen und bei stürmischer politischer Lage nicht die wünschenswerte Ruhe und geistige Freiheit besaß. Ich habe übrigens Hammann nicht nur für seine mir am 5. April 1906 bewiesene Treue belohnt, sondern ihm dauernd wieder in den Sattel geholfen. Er bbeb auch unter Bethmann Hollweg und gewann unter diesem einen politischen Einfluß, den er unter mir nicht hatte, wo er insbesondere auf dem Gebiete der auswärtigen Politik nur die für die Orientierung der Presse wünschenswerten Direktiven erhielt, nicht aber tieferen EinbUck in vertraubche außenpolitische Vorgänge. Ich fürchte, daß Hammann, der für die Behandlung verwickelter diplomatischer Fragen und nun gar für große Probleme der auswärtigen Politik weder Erfahrung noch Kenntnis des Auslands noch den unerläß- bchen Takt mitbrachte, im Sommer 1914 zu der mit dem Ultimatum an Serbien eingeleiteten plumpen Politik sein Teil beigetragen hat. Die unglück- bche Bethmannsche Rede vom 4. August 1914 erinnerte mich in Fassung und Gedankengang an Hammannsche Entwürfe für offiziöse Presseartikel, die noch nicht meine Zensur passiert hatten. Die Pressepropaganda während des Weltkrieges hat der inzwischen zur Exzellenz avancierte Otto Hammann mit wenig Glück geleitet. Die verschiedenen Bücher, die Hammann später über zeitgenössische Politik veröffentlicht hat, stehen unter dem Einfluß der jeweiligen Machtverhältnisse in Deutschland. Als sein erstes Buch „Der neue Kurs", d. h. der Caprivi-Kurs, erschien, fühlte sich der Kaiser noch ganz Herr der Lage. Rebus sie stantibus behandelte Hammann den Sturz von Bismarck in der Tonart eines Offiziösen von 1891: „Nach der 444 RENVERS STIRBT Reichsverfassung ernennt und entläßt der Kaiser den Reichskanzler; Kaiser Wilhelm II. war somit völlig berechtigt, Bismarck fortzuschicken; also wozu der Lärm ?" Bötticher hätte es nicht schöner sagen können. Auch in einem späteren Buch über die Vorgeschichte des Weltkrieges wird vor allem auf Seine Majestät Rücksicht genommen. Das Buch „Um den Kaiser", das nach dem Novemberumsturz erschien, geht mit dem gestürzten Kaiser grausam ins Gericht. Alle drei Bücher sind ohne bleibenden Wert. Höher steht das später entstandene Buch „Vom mißverstandenen Bismarck", dessen Titel eine Anleihe bei mir war. Ich hatte in meiner Reichstagsrede vom 14. November 1906 gesagt: „Das Dogmatisieren des Fürsten Bismarck ist übrigens, das möchte ich doch einmal aussprechen, nicht nur zu einer Manie, sondern zu einer Kalamität geworden. Wir laborieren an dem mißverstandenen Fürsten Bismarck. Da zeigt sich recht unsere deutsche Neigung, alles zu einem System zu machen." Auch die jüngste Gabe der Ham- mannschen Muse: „Bilder aus der letzten Kaiserzeit", ist leichte Ware, aber ganz unterhaltend. Die in diesen „Bildern" wiedergegebenen Briefe und Direktiven von mir sind nicht auf meine Veranlassung publiziert worden; ich verleugne sie aber nicht. Bedeuteten die Veränderungen, die in der Umgebung Wilhelms II. und Tod des in dem für den Reichskanzler so wichtigen Auswärtigen Amt eingetreten icimrats -waren, eine Erhöhung meiner geschäftlichen Schwierigkeiten, eine Ver- Renvers menrun g ,j er Reibungsflächen, so traf mich der im Frühjahr 1909 erfolgte Tod meines lieben Freundes und langjährigen ärztlichen Beraters Renvers, der im besten Mannesalter sterben mußte, als ein persönlicher Schmerz, der mich im Innersten erschütterte. Mit immer gleicher Treue und Güte, mit hoher ärztlicher Kunst hatte er mich während meiner Amtszeit, die so große Ansprüche an meine körperlichen Kräfte stellte, beschützt und geleitet. Mit psychologischer Meisterschaft wußte er mich, der ich, von Hause aus kräftig, mich bis dahin wenig um meine Gesundheit gekümmert hatte, zur Selbstbeobachtung und zu einer vernünftigen Lebensweise zu bewegen. Er pflegte zu sagen: „Wer nicht mit fünfzig Jahren sein eigener Arzt sein kann, an dem ist Hopfen und Malz verloren." Er hielt auf Maß im Essen und noch mehr im Trinken, auf regelmäßiges dreiviertelstündiges oder wenigstens halbstündiges Turnen, auf Gehen und Reiten. Er war aber nicht nur der Arzt des Körpers, er war auch Seelenarzt. In manchen politischen und persönlichen Schwierigkeiten fand ich bei ihm Verständnis und klugen Rat. Er, der mich so gewissenhaft betreute, der so vielen Menschen Gesundheit und Leben gerettet hatte, starb eines frühen Todes, weil er ein eigenes inneres Leiden vernachlässigte. Er, dessen Diagnose für unfehlbar galt, er, der mir bisweilen scherzend gesagt hatte, die eigentliche Arzneikunde habe seit Hippokrates nur bescheidene Fortschritte gemacht, sehr DIE ERBSCHAFTSSTEUER 445 große aber die Chirurgie, ließ sich zu spät operieren. Als ich mich unter seiner Obhut nach meinem Ohnmachtsanfall im Reichstag wieder vollkommen erholt hatte, veranstaltete meine Frau ein kleines Essen in unserem Hause, zu dem wir außer Renvers und seiner liebenswürdigen Gattin eine Anzahl Freunde einluden. Ich hielt einen Trinkspruch auf ihn, in dem ich an das Wort von Schopenhauer erinnerte, daß der Advokat den Menschen in seiner ganzen Schlechtigkeit sehe, der Theologe in seiner ganzen Dummheit und der Arzt in seiner ganzen Schwäche. Bei aller Bewunderung für den scharfsinnigen, tiefen Denker und großen Prosaisten Schopenhauer erklärte ich sein Urteil über den Advokaten und über den Geistlichen für ungerecht. Vor allem stellte ich fest, daß der Arzt den Menschen zuweilen auch in seiner ganzen Dankbarkeit vor sich sehe, und das gelte für mein Verhältnis zu Renvers. Ich werde ihn nie vergessen. Bei der grundsätzlichen Opposition des Zentrums und der starken Abneigung der Konservativen sowohl gegen die von mir in Preußen beab- Die Haltung sichtigte Wahlreform wie gegen die von mir vorgeschlagene Erbschafts- ^ cs Zentrums Steuer war der Block nur zusammenzuhalten, wenn die Krone fest hinter mir stand. Das Zentrum war ursprünglich und an und für sich der Erbschaftssteuer in keiner Weise abgeneigt gewesen. Als ich 1905 die sogenannte kleine Finanzreform in Angriff nahm, hatte ich in der Rede, die ich am 6. Dezember 1905 bei der ersten Etatsberatung hielt*, eingehend und offen die Bedenken ausgeführt, die ich gegen die Erbschaftssteuer empfände. Als ich meine Rede gehalten hatte, machte mir der Führer des Zentrums, Herr Spahn, artige Komplimente über die Klarheit, mit der ich diesen schwierigen Gegenstand behandelt hätte. Ich hätte es verstanden, sogar diesem spröden Stoff Geist abzugewinnen. Er verstünde nur nicht, weshalb ich gegen die Erbschaftssteuer Bedenken hätte. Ich entgegnete ihm, daß ich einige Tage vorher eine Eingabe der rheinisch-westfälischen Malteser erhalten hätte, die vom Standpunkt der Familie gerade gegen diese Steuer protestierten. Ich hörte, daß auch die Bischöfe von Bedenken gegen die Erbschaftssteuer erfüllt wären. Nicht ohne Humor erwiderte mir Herr Spahn: „Ja, wenn Sie die Finanzreform und Steuervorschläge aus dem Gesichtswinkel der Maltesergenossenschaft oder auch der hochwürdigen Herren Bischöfe machen wollen, dann werden Sie nicht weit kommen." Nach Tische las man's anders. Gerade die von mir aus wohlerwogenen, sachlichen Gründen vorgeschlagene Erbschaftssteuer erschien dem Zentrum als der geeignete Boden, die Konservativen zu sich herüberzulocken und gemeinsam mit ihnen mich zu Fall zu bringen. Um einerseits die Reichsfinanzreform in einer dem wahren Interesse des Reichs wie der Krone ent- * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe II, 237; Reclam-Ausgabe IV, 12. 446 DEN STIER BEI DEN HÖRNERN FASSEN Vertrauensfrage sprechenden Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, durchzubringen, andererseits auch um ein Flottenabkommen mit England vor meinem Rücktritt und für alle Eventualitäten der Zukunft unter Dach und Fach zu bringen, mußte mein persönliches Verhältnis zum Kaiser geklärt werden. Ich beschloß, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Nachdem ich am Bülow stellt an 11. März 1909 dem Kaiser über die auswärtige Lage Vortrag gehalten hatte, JenKaiserdie tat ich, mir noch einen Augenblick in persönlicher Angelegenheit Gehör zu schenken. Ich hätte die Empfindung, daß er, der unmittelbar nach den Novemberereignissen von der Richtigkeit und namentlich von der absoluten Loyalität meiner Haltung überzeugt gewesen wäre, mir seitdem nicht mehr in dem früheren Maße sein Vertrauen entgegenbrächte. Ob und von welcher Seite ich verleumdet worden sei, wolle ich nicht erörtern. Ich könne mein schweres Amt nur weiterführen, wenn ich das volle Vertrauen meines kaiserÜchen Herrn besäße. Ich möge in dieser oder jener Einzelheit geirrt haben. Niemand sei unfehlbar. Ich hätte aber niemals etwas anderes gewollt, als einen dauernden Zwiespalt zwischen dem Träger der Kaiserkrone und dem deutschen Volke verhindern. Mein ganzes Streben sei darauf gerichtet gewesen, dem Kaiser das Vertrauen der Bundesfürsten zu erhalten, die Fürsten und die erregten Gemüter gerade der Gutgesinnten in Deutschland zu beruhigen, Seiner Majestät die Liebe seines Volkes zu wahren. Ich hätte immer das Ziel vor Augen gehabt, das Schiff so zu führen, daß, wenn der Sturm vorüber, der Kaiser bei den deutschen Fürsten wie bei dem deutschen Volke an Vertrauen und Liebe nicht verloren, sondern gewonnen hätte. Wenn aber das Vertrauen Seiner Majestät zu mir irgendwie gelitten habe, so möge der Kaiser mich in Gnaden entlassen. Er könne das ruhig tun. Ich würde weder frondieren, noch ihm sonst Unannehmlichkeiten bereiten, sondern mit dem aufrichtigen Wunsche scheiden, daß ihm eine lange, ruhmreiche und glückliche Regierung beschieden sein möge. Seine Majestät dankte mir für meine Offenheit. Es sei ihm heb, auch seinerseits seinem Herzen Luft machen zu können. Er habe allerdings den Eindruck gehabt, ich hätte gegenüber den Angriffen, denen er ausgesetzt gewesen sei, nicht genügend darauf hingewiesen, daß alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe völlig unbegründet gewesen wären. In dem Gespräch, das sich jetzt entwickelte, sagte ich Seiner Majestät in Ehrfurcht, aber offen, daß seine während seines Besuchs in England verschiedenen Personen gegenüber gemachten Eröffnungen, die in dem Artikel des „Daily Telegraph" von dem Oberst Stuart Wortley zusammengefaßt worden seien, geeignet gewesen wären, im Inland die Gemüter zu erregen und uns gegenüber dem Ausland ernste Schwierigkeiten zu bereiten. Seine Majestät erwiderte: er habe mir seinerzeit aus England alles geschrieben oder DIE AUSSPRACHE MIT S. M. 447 telegraphiert, was in dem Artikel des „Daily Telegraph" stände. Als ich das auf das entschiedenste bestreiten mußte, meinte der Kaiser, er habe es mir entweder vorher angekündigt oder nachträglich erzählt. Als ich auch das wahrheitsgemäß nicht zugeben konnte, brachte Seine Majestät die Rede auf die allgemeine Ungerechtigkeit, die in seiner Beurteilung so oft hervortrete. Ich wies an einer Reihe von Vorgängen der letzten Jahre nach, daß nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Bundesregierungen durch manche Antezedenzien (Swinemünder Depesche, Fall Lippe, verschiedene Reden usw.) beunruhigt worden seien. Darauf hätte ich ibn schon früher mehr als einmal hingewiesen und ihn um mehr Vorsicht und Zurückhaltung gebeten. Die in Deutschland nach und nach entstandene Verstimmung habe sich während der Novembertage zu einem glücklicherweise nur kurzen Gewitter verdichtet, bei dem gewiß Übertreibungen und Ungerechtigkeiten mit untergelaufen wären. Seine Majestät erinnerte sich dieser Vorgänge, insbesondere der Swinemünder Depesche, deren Existenz er anfänglich bestritt, nicht im einzelnen und fand, daß sie jedenfalls sehr aufgebauscht worden wären. Als ich nochmals bat, mich gehen zu lassen, sofern Seine Majestät irgendwie Grund zu Unzufriedenheit oder zu Tadel zu haben glaube, erklärte mir der Kaiser, daß davon nicht die Rede sein könne. Nicht nur hätte ich ihm während langer Jahre in so vielen schweren Lagen ausgezeichnete Dienste geleistet, sondern auch gerade in diesem Winter „in meisterhafter Weise" die auswärtige Politik geleitet. Er wisse auch, daß meine Absichten immer die besten und reinsten gewesen seien. Er lasse sich nicht an mir irremachen. Die Unterredung schloß, indem ich Seiner Majestät meinen herzlichen Dank für das gnädige Vertrauen aussprach und Seine Majestät mich seines vollsten Vertrauens versicherte. Ich gebe im Vorstehenden wörtlich die Aufzeichnung wieder, die ich noch am gleichen Tage zu den Akten nahm. Die ganze Unterhaltung wurde Diktat Bülows von Seiner Majestät in freundlichster Form, von mir mit der denkbar ü6cr die größten Ruhe geführt. Die Anerkennung, die der Kaiser die Güte hatte Unterre,iun S mir bei diesem Vortrag zu spenden, habe ich in meinem Diktat eher abgeschwächt. Ich erinnere mich, daß der Kaiser wiederholt äußerte, ich sei „ein Meister der auswärtigen Politik", und er wisse gar nicht, was ohne mich aus der auswärtigen Politik werden solle. Die Unterredung fand ambulando im Weißen Saal des Berliner Schlosses statt. Als der Vortrag zu Ende war, unterhielt sich der Kaiser noch einige Zeit in liebenswürdiger Weise mit mir über die Verschönerungen, die er im Weißen Saal, der historischen Stätte so vieler bedeutsamer Ereignisse der preußischen Geschichte, vorgenommen habe. „Auch das ist Ihr Verdienst", meinte er, „da Sie uns den Frieden erhalten haben, der es mir ermöglicht, die Künste zu pflegen." 448 FROBEN UND SEIN HERR Ich möchte endlich noch eine Äußerung des Kaisers erwähnen, die ich seinerzeit absichtlich nicht in die Registratur über meinen Immediat- vortrag vom 11. März 1909 aufgenommen habe, die ich aber nachträglich wiedergeben möchte, weil sie überaus charakteristisch ist für die Mischung von naiver Selbstsucht und sentimentaler Romantik, die Wilhelm II. eigen war. Im Laufe unseres Gesprächs Heß der Kaiser die Äußerung fallen: „In der Reichstagsdebatte vom 10. November würde Froben anders gesprochen haben als Sie." Ich frag in ernstem Ton, ob der Kaiser damit sagen wolle, daß ich mich scheuen würde, für den König mein Leben einzusetzen. Mit herzlicher Betonung entgegnete der Kaiser, daß ihm ein solcher Gedanke völlig fernhege und immer ferngelegen habe. „Ich meinte nur dies. Wenn der Stallmeister Froben, der sich bei Fehrbellin auf den Schecken des Großen Kurfürsten setzte, um die feindliche Kugel von seinem Herrn abzulenken, als Reichskanzler vor dem Reichstag gestanden hätte, würde er wohl erklärt haben, er hätte dem Kaiser geraten und anempfohlen, in England so zu reden und zu sprechen, wie der Kaiser dies getan habe." Ich erwiderte: „Ich bitte, ganz offen sein zu dürfen. Als die Bombe des ,Daily-TeIegraph'-Artikels platzte, schärfte ich meinen Untergebenen zwei Gesichtspunkte ein: erstens, über den ganzen Vorfall nur die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit." (Der Kaiser zuckte die Achseln.) „Doch, Eure Majestät! In einer so ernsten Krisis durften wir das Land nicht anschwindeln. Zweitens gab ich die Weisung, alles zu tun, um die Krone aus der Feuerlinie zu bringen, um die Krone zu decken, um sie durchzubringen." Der Kaiser: „Na also!" Ich: „Ich habe Eurer Majestät schon wiederholt gesagt, daß der ,Daily-Telegraph'-Artikel vier besonders bedenkliche Punkte enthielt: die Behauptung, daß Eure Majestät ungefähr der einzige England freundlich gesinnte Deutsche wären. Diese Behauptung stand im Widerspruch nicht nur mit der Wirklichkeit, sondern auch mit allem, was ich seit Jahren im Reichstag, in meinen Gesprächen mit englischen Staatsmännern, in Interviews gesagt hatte. Eure Majestät hatten ferner in Ihren Unterredungen mit Engländern erklärt, Sie bauten Ihre Flotte gegen Japan. Wie sollte ich Eurer Majestät zu einer solchen Behauptung geraten haben, wo ich, wie sehr viele Leute wissen, seit meinem Amtsantritt, das heißt seit bald zwölf Jahren, Ihnen ständig empfohlen habe, Japan nicht unnötig zu kränken, zu reizen und vor den Kopf zu stoßen! Weiter hatten Eure Majestät den Engländern versichert, Sie hätten England davor gerettet, durch Rußland und Frankreich bis in den Staub gedemütigt zu werden. Nun habe ich Eure Majestät immer gebeten, nicht mit dem A über den B und dann mit dem B über den A zu räsonieren, denn A und B könnten sich einmal begegnen und sich gegenseitig Konfidenzen machen, und das würde zur Folge haben, daß A sowohl wie B jedes Vertrauen zu Eurer Majestät WIR BLEIBEN ZUSAMMEN!" 449 verlieren würden. Und endlich haben Eure Majestät sich in Highcliffe gerühmt, der wahre Sieger über die Buren zu sein, denn der Plan, mit dem Lord Roberts die Buren besiegt hätte, wäre von Ihnen ausgearbeitet worden. Ich halte es für ausgeschlossen, daß irgendein Mensch in Deutschland oder in England mir zugetraut haben würde, ich hätte Eurer Majestät dazu geraten, so etwas zu behaupten." Der Kaiser: „Das heißt so viel, als daß Sie mich für ein Rindvieh halten, dem man Dummheiten zutraut, die man Ihnen nicht zutrauen würde." Ich: „Das sei ferne! Ich muß mal wieder zitieren: Non omnia possumus omnes, sagt der Lateiner, und Schiller konstatiert, daß die Lebensgüter ungleich verteilt sind. Die menschlichen Gaben sind auch ungleich verteilt. Eure Majestät sind mir auf vielen, auf sehr vielen Gebieten sehr überlegen, nicht nur, wie das selbstverständlich ist, auf militärischem und noch viel mehr auf marinetechnischem Gebiet, sondern in allen Naturwissenschaften. Ich habe oft mit Bewunderung angehört, wie Sie das Barometer erläuterten oder die drahtlose Telegraphie oder die Röntgenstrahlen. Ich bin in allen Zweigen der Naturkunde von einer mich beschämenden Unwissenheit. Ich habe keine Ahnung von Chemie und Physik, ich bin ganz außerstande, den einfachsten naturwissenschaftlichen Vorgang zu explizieren. Dafür habe ich einige historische Kenntnisse und besitze vielleicht auch gewisse für die eigentliche Politik, insbesondere für die Diplomatie nützliche Qualitäten." Der Kaiser stimmte mir lebhaft zu. „Ich habe Ihnen immer gesagt", meinte er, nun wieder in bester Stimmung, „daß wir beide uns famos ergänzen. Wir müssen zusammenbleiben, und wir bleiben zusammen!" Er schüttelte mir mehrmals kräftig die Hand und fuhr von mir direkt zum Justizminister Dr. Beseler, bei dem er sich zu ein Uhr zum Frühstück angesagt hatte. Es war inzwischen einhalb zwei geworden, denn mein Immediatvortrag hatte lange gedauert. Im Justizministerium angelangt, wo alles gespannt und unruhig auf den hohen Herrn wartete, ging dieser direkt auf den Chef der Reichskanzlei, meinen treuen Mitarbeiter L o e b e 11, zu, dem er die Hand mit den Worten reichte: „Ich habe mich soeben mit dem Reichskanzler ausgesprochen, alles ist in schönster Ordnung. Wer mir jetzt noch etwas gegen den Fürsten Bülow sagt, dem fahre ich mit der Faust unter die Nase." Dabei machte der Kaiser eine entsprechende Handbewegung. Am nächsten Tage erzählte mir mein alter Kriegskamerad und treuer Freund, der Kabinettsrat Ihrer Majestät, Bodo Knesebeck, er habe am vorhergegangenen Abend an der Tafel der Kaiserlichen Majestäten teilgenommen, zu der außer den kaiserlichen Kindern nur er befohlen war. Der Kaiser habe, zu seinen Söhnen und zu ihm gewandt, mit freudigem Ausdruck gesagt: „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Ihr könnt mir alle gratulieren, zwischen mir und dem Kanzler 20 Btilow II 450 DAS MÄRCHEN VON DEM WEINKRAMPF ist alles im reinen." Die Kaiserin wäre überglücklich gewesen und hätte das auch ausgesprochen. Am 12. März erschien im Auftrage Seiner Majestät Graf August Eulen- Neue bürg bei meiner Frau, überreichte ihr auf Allerhöchsten Befehl ein präch- Abirrungen tiges Blumenbukett und frug, ob der Kaiser mit der Kaiserin an demselben Abend bei uns im kleinen Kreise speisen könne. Meine Frau bat Eulenburg, den Majestäten ihren Dank und ihre Freude zu übermitteln. Allerdings war sie in einiger Verlegenheit, ob sich in so kurzer Zeit ein Diner für die Majestäten bewerkstelligen lassen würde. Sie Heß unseren langjährigen Küchenchef, Monsieur Cholin, kommen und frug ihn, was da zu machen wäre. Dieser erwiderte mit Würde: „Je ne suis nullement etonne, cela ressemble bien ä Sa Majeste. II n'en fait jamais d'autres. Mais je n'en tirerai ä mon honneur." Das Essen war nicht nur gut, sondern das ganze Diner verlief in harmonischer Stimmung. Wilhelm II. begrüßte meine Frau mit den Worten: „Wie glücklich bin ich, wieder hier zu sein! Was war das für ein schrecklicher Winter! Nun ist aber alles wieder in schönster Ordnung." Der Kaiser bbeb von acht bis einhalb ein Uhr. Tags darauf kam Graf August Eulenburg, um im Allerhöchsten Auftrag meiner Frau nochmals zu sagen, wie glückhch der Kaiser über die volle Aussöhnung wäre. Ich habe Wilhelm II. während meiner langjährigen dienstlichen und persönlichen Beziehungen zu ihm selten in einer besseren, freundlicheren Stimmung gesehen als während der nun folgenden Wochen. Das erste Wölkchen, das sich an dem sonst geklärten Horizont zeigte, war die mir aus sicherster Quelle zugehende Nachricht, daß der Kaiser am Abend meiner langen Aussprache mit ihm, am 11. März, an seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, telegraphiert habe: „Ich habe Bülow verziehen, nachdem er Mich unter Weinkrämpfen um Pardon gebeten hat." Ich sprach über diese völlig unwahre, doch sehr seltsame Kundgebung mit August Eulenburg, der ihr keine größere Bedeutung beimaß. Er meinte, der Kaiser sei in Verlegenheit gewesen, wie er seinem Bruder seine Versöhnung mit mir erklären solle, nachdem er während der letzten Zeit sich diesem gegenüber über mich sehr unfreundlich und ausfallend geäußert hätte. Da habe er zu dem Märchen von dem Weinkrampf gegriffen. „Bei der größten Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben soll, immer ins Gedränge. Er will einen Begriff davon überliefern, und so macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein Nichts ist, welches für etwas gehalten werden will", bemerkt Goethe in seiner italienischen Reise, als er sich anschickt, die Villa Pallagonia in Palermo zu schildern, über deren phantastische Exzentrizitäten der normale Mensch von gesundem Menschenverstand den Kopf schüttelt. XXX. KAPITEL Die Stimmung im Lande • Schmoller und Harnack • Der Stand der Reichsfinanzreform Die Konservativen machen Schwierigkeiten • Ihre Führer beim Reichskanzler (29. IV. 1909) • Herr von Heydebrand mit Bülow unter vier Augen • Die Frage der Übertragung des Reichstags-Wahlrechts auf Preußen PVie steigenden Schwierigkeiten, die ich in dieser Zeit mit den Parteien im \J Hinblick auf die herannahende Entscheidung in der Erbschaftssteuerfrage hatte, konnten mich nicht von der Richtlinie abdrängen, die ich mir seit Beginn meiner Amtsführung für mein Verhältnis zum Parlament gezogen hatte und die dahin ging, daß es an dem Reichskanzler wäre, die in Deutschland oft allzu selbstsüchtigen, meist sehr kurzsichtigen Parteien zu leiten, nicht aber sich von ihnen führen zu lassen. Ich war auch der Überzeugung, die der Ausfall der Wahlen von 1907 mir bestätigt hatte: daß das Volk verständiger ist als die Fraktionen. ,,Le pays est sage, les partis ne le sont guere", sagte Thiers als Präsident der Französischen Republik 1872 oder 1873 zu dem damaligen deutschen Botschafter in Paris, Harry Arnim, und Bismarck lobte dieses kluge Wort. Auch in der letzten Zeit meiner Amtstätigkeit war das Land auf meiner Seite. Die Stimmung weiter Kreise gab eine genial gezeichnete Karikatur des „Simplicissimus" wieder, die eine behäbige Germania darstellte, die sich ängstlich an den Reichskanzler anklammert mit den Worten: „Bernhard, bleibe bei mir! Die bösen Männer stehen schon vor der Tür." Durch das Fenster schauen zwei Einbrecher in die Stube: ein Sozialdemokrat mit der Ballonmütze auf dem Kopf und ein Geistbcher im Pastorenhut. Ich konnte die Stimmung des Landes aus zahlreichen Zuschriften entnehmen, die mir aus allen Teilen des Reichs zugingen. Ich führe von den in G; jener Zeit an mich gelangten Schreiben nur einen Brief an, den der lang- 01 jährige bayrische Minister des Innern Graf Feilitzsch am 31. März 1909 an mich richtete und in dem es hieß: „Seit dem Deutsch-Französischen Kriege, der Deutschlands Einigung und Größe begründet hat, ist wohl kein so wichtiges Ereignis in die Erscheinung getreten als die friedliche Begleichung der Balkan-Frage. Wir haben dies der zielbewußten, energischen Pohtik Eurer Durchlaucht zu danken. Deutschland war stark genug, um 29* 452 DIE REICHSFINANZREFORM Europa den Frieden zu diktieren, uns vor einem Kriege zu bewahren. Die Nörgler sind nun still. Die jüngsten großzügigen Reden Eurer Durchlaucht im Reichstag haben sowohl dort selbst, aber auch in der ganzen in- und ausländischen Presse, wie bei allen patriotisch gesinnten Männern Zustimmung und Bewunderung hervorgerufen. Mag dies Ihnen eine kleine Entschädigung bieten für die unsägliche Mühe und Arbeit, für die gehässigen Angriffe und Verdächtigungen, die Durchlaucht in neuerer Zeit über sich ergehen lassen mußten. Das schönste und edelste ist doch das Bewußtsein, für Deutschland Großes geleistet zu haben. Gestatten Sie einem Mann, der den Krieg 70/71 mitgemacht, der dann unter vier Reichskanzlern länger als ein Vierteljahrhundert als Minister und Bundesratsbevollmächtigter das Glück hatte, Zeuge der großartigen Entwicklung und Machtentfaltung unseres Vaterlandes sein zu dürfen, daß derselbe Eurer Durchlaucht zu diesem großartigen Erfolge seine ebenso aufrichtigen als herzlichsten Glückwünsche darbringt. Es erübrigt sich nun, noch eine ebenso wichtige wie schwierige Frage der Erledigung zuzuführen. Wichtig, weil hiervon die fernere Machtstellung Deutschlands abhängt, schwierig, weil die Zersplitterung der Meinungen selbst in großen Fragen bei uns eine schwer zu heilende Krankheit ist. Es ist dies die Reichsfinanzreform! Durchlaucht haben in einer von mir soeben gelesenen Rede im Reichstage so klar und überzeugend den Weg bezeichnet, der zu beschreiten ist. Alles ist über die absolute Notwendigkeit der Reform einig, fast alles ist der Uberzeugung, daß neben einer Konsumsteuer auch eine Besitzsteuer Platz greifen muß, niemand hat bisher einen akzeptablen Gegenvorschlag gemacht, und trotz alledem wird man nicht einig. Wir sind in Süddeutschland auch schwer an die Nachlaß- oder Erbschaftssteuer gegangen, aber es muß eben sein, weil kein anderer Ausweg für die restlichen hundert Millionen zu finden ist. Ich hoffe und glaube, daß der Widerstand der Konservativen, wenigstens der Mehrzahl derselben, noch zu beheben ist. Die gestrige Rede Eurer Durchlaucht wird wohl dazu beitragen! Es wird hier viel für das Zustandekommen der Reform gearbeitet. Verzeihen Eure Durchlaucht, daß ich Ihre kostbare Zeit über Gebühr in Anspruch nehme, aber wenn das Herz voll ist, geht der Mund über. Stets in unbegrenzter Verehrung Euer Durchlaucht ganz ergebenster Dr. Graf von Feüitzsch, k. Staatsminister a. D." Graf Feilitzsch, ein Staatsmann von langjähriger und reicher Erfahrung, Reden im hob nicht mit Unrecht die günstige Wirkung meiner Reden auf die Stim- Reichstag und mun g j m Lande hervor. Ich habe es mir gerade am Ausgang meiner amt- Abgeordneten u c jj en Tätigkeit angelegen sein lassen, über den Reichstag hinaus zum Lande zu sprechen und unserem Volk noch einmal die Grundwahrheiten vor Augen zu halten, von deren Erkenntnis unsere Zukunft abhing. In DAS UHLAND-BILD IM STERBEZIMMER BISMARCKS 453 meiner Rede vom 30. November 1907* hatte ich die von mir in meiner inneren Politik erstrebten Ziele und gleichzeitig Kern und Wesen der Blockpolitik in die Worte zusammengefaßt: „Gegenüber dem Spott, der vielfach an dem Worte von der konservativ-liberalen Paarung geübt worden ist, möchte ich Ihnen ein Erlebnis erzählen, das zu den tiefsten und dauerndsten Eindrücken meines Lebens gehört. Als ich im Sterbezimmer des Fürsten Bismarck stand, diesem einfachen und schmucklosen Zimmer im Sachsenwalde, fiel mein Bück auf ein Büd, das an der Wand hing. Es war ein Holzschnitt, es war das Bild von Ludwig Uhland. Der Sänger des guten alten Rechts, der Mann, der in der Frankfurter Paulskirche gesagt batte: es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist, schaute hinüber nach dem Lager, wo der große Mann der Tat verschieden war, der dem deutschen Volke den Traum der Jahrhunderte erfüllt hatte. Die ganze deutsche Geschichte sprach aus diesem Gegenüber, und nur die Verbindung von altpreußisch- konservativer Tatkraft und Zucht mit deutschem, weitherzigem liberalem Geiste kann die Zukunft der Nation zu einer glücklichen gestalten." Am 26. März 1908** hatte ich gegenüber Bebel, der gemeint hatte, es würde kein Unglück sein, wenn der preußische Staat verschwände, betont: „Das Reich kann Preußen nicht missen, aber Preußen kann auch das Reich nicht entbehren. Das ist das segensreiche, das glorreiche Ergebnis der preußischen und deutschen Geschichte seit 250 Jahren; das ist die Frucht der Arbeit und der Genialität des Großen Kurfürsten und des großen Königs und der Männer von 1813. Das ist vor allem das Ergebnis der Bis- marckschen Politik. In dieser Einheit ruht die Zukunft der Nation, diese Einheit ist unser höchstes Gut, diese Einheit — das betone ich nicht nur vor dem Inlande, sondern auch vor dem Auslande — diese Einheit wird weder durch auswärtige Angriffe noch durch innere Krisen je wieder zerstört werden können." Den gleichen Zweck hatte die Rede verfolgt, mit der ich am 19. Januar 1909 mich in der Etatsdebatte des Abgeordnetenhauses über Stellung und Bedeutung der Krone ausgesprochen hatte***. Ich hätte mich, führte ich aus, seitdem ich die Verantwortung trüge für den Gang der Staatsgeschäfte, niemals der Verpflichtung entzogen, den Träger der Krone zu decken. „Ich habe aber auch die Pflicht", fuhr ich fort, „dafür zu sorgen, daß zwischen dem Träger der Krone und den Wünschen und Empfindungen des Landes nicht ein Zwiespalt entsteht, der für beide Teile verhängnisvoll sein müßte. Der verantwortliche Minister hat dafür zu sorgen, daß der Träger der Krone nicht irre wird an dem Land und das Land nicht an dem * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 93f., Reclam-Ausgabe V, 43f. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 132f., Reclam-Ausgabe V, 65. *** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III; 174ff., Reclam-Ausgabe V, 189ff. 454 ABENDESSEN MIT PROFESSOREN Träger der Krone. Er hat dafür zu sorgen, daß die Verfassung nicht nur dem Buchstaben nach, sondern auch dem Geiste nach aufrechterhalten bleibt. Der preußische Ministerpräsident hat vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß die historische Stellung der Krone, die eine ruhmvolle Vergangenheit uns überliefert hat und die die Grundlage unserer Wohlfahrt und Macht, unserer Einheit und unserer Zukunft ist, nicht auf das Spiel gesetzt wird und daß sie nicht abgenutzt wird." Nachdem ich daran erinnert hatte, daß Preußen groß geworden sei durch seine Herrscher, hob ich die edlen Absichten, den Idealismus, die Verdienste des jetzt regierenden Königs und Kaisers um die Schlagfertigkeit des Heeres, um die Schaffung der Flotte, um Handel und Industrie, um Technik und Wissenschaft hervor und schloß mit den Worten: „In dem Verständnis zwischen König und Volk, in dem Vertrauen zwischen König und Volk, in dem Ernst, mit dem von beiden Seiten dieses Verhältnis aufgefaßt wird, darin, daß der Fürst sich fühlt als erster Diener des Landes und daß das Land weiß, daß die Interessen des Landes, und nur die Interessen des Landes, auch die Interessen des Fürsten und seine Richtschnur sind, darin lag in der Vergangenheit unsere Kraft, darauf beruht auch unsere Zukunft." Als ich einige Tage später meinem verehrten Freund Gustav Schmoll er begegnete, bezeichnete er mir gegenüber diese meine Ausführungen als „das Testament eines wahren Monarchisten", das ihn tief ergriffen habe. Der eine fragt: was kommt danach? Der andre: was ist recht? Und dadurch unterscheidet sich Der Freie von dem Knecht. Bald nach der Novemberkrise hatte ich Gustav Schmoller und Adolf von Harnack zu einem Abendessen bei mir eingeladen. Schmoller sprach mir mit dem Freimut eines aufrechten Mannes seine Zustimmung zu meiner Sprache und Haltung in der Novemberdebatte aus. Ich hätte gegenüber dem Land und auch gegenüber dem Kaiser meine Pflicht als preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler getan. Er erinnerte daran, daß, von dem Fürsten Bismarck zu schweigen, auch andere preußische Minister sich genötigt gesehen hätten, ihrem Könige entgegenzutreten: so Graf Brandenburg und Freiherr von Manteuffel mehr als einmal dem König Friedrich Wilhelm IV., der große Freiherr vom Stein und Wilhelm von Humboldt gegenüber Friedrich Wilhelm HL, Graf Robert Zedlitz und Kultusminister von Goßler, der Kriegsminister Bronsart von Schellendorff gegenüber Wilhelm II. Harnack schwieg verlegen, obschon er sich als Theologe an manche Stelle aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament hätte erinnern können, in der Wahrheit und Freimut dem Christen zur Pflicht gemacht „IST ER WENDIG?' 455 werden. Nach einigen Tagen hörte ich aus der Umgebung Seiner Majestät, daß Harnack durch seinen baltischen Landsmann und intimen Freund Theodor Schiemann dem Kaiser habe sagen lassen, er würde eine Einladung bei mir nicht angenommen haben, wenn sie nach meiner Novemberrede an ihn ergangen wäre; er sei aber schon vorher von mir eingeladen worden und babe nicht wohl nachträglich absagen können. Diese Entschuldigung war nicht einmal wahr, Harnack war nach der Novemberdebatte von mir zu Tisch gebeten worden, aber unmittelbar nach unserem kleinen Symposion bekam er es mit der Angst. Die Ratten verließen das sinkende Schiff. Inzwischen schleppten sich die Verhandlungen in der Finanzkommission des Reichstags langsam und mühsam fort, wie in der alten Schwicrig- guten Zeit zwischen Oranienburg und Berlin im märkischen Sande die leiten in der Postkutsche, mit der ich als Primaner aus den im Elternhaus in Neu- J?lnanz ' Strelitz verlebten Ferien auf das Pädagogium zu Halle, das alte gute „Päd- chen", zurückkehrte. Sydow besaß nicht die Gabe, auszugleichen, über Schwierigkeiten wegzuleiten, das zu ersinnen und durchzuführen, was die Italiener „una combinazione" nennen. Bismarck pflegte, wenn man ihm jemand zu einer leitenden Stellung vorschlug, zu fragen: „Ist er wendig ?" Sydow war gar nicht wendig. Bismarck pflegte auch zu sagen, in gewissen Situationen müsse ein Minister „fleche de tout bois" machen. Als er diese Maxime einmal während der Konfliktszeit gegenüber dem damaligen Kronprinzen zum Ausdruck brachte, war dieser in seiner durch und durch gewissenhaften, edlen und ganz und gar ethischen Art darüber entsetzt. Aber für die Verhandlungen der Finanzkommission war das Bismarcksche Wort zutreffend. Sydow war weder wendig noch „un homme ä expedients". Dazu kam, daß er, ohne in bösem Sinne zu kleben, doch gern, sehr gern „ein großes Tier" bleiben wollte, wie man das in Berlin nannte. Das ist ihm auch gelungen. Als Sydow als Staatssekretär des Reichsschatzamts in der Frage der Erbschaftssteuer umgefallen war, schlug ihn nach meinem Rücktritt der Sydow seelenverwandte Bethmann Hollweg zum Handelsminister vor, als welcher er den zum Staatssekretär des Innern avancierten Clemens Delbrück ersetzte. Wilhelm II. war Sydow wohlgesinnt, besonders seitdem ihm Bethmann Hollweg gesagt hatte, daß Sydow geäußert habe: „Ich reiche meinen Abschied überhaupt nicht ein, ich warte, bis Seine Majestät ihn mir gibt." Sydow überdauerte als Minister alle seine Kollegen und hat, wenn ich mich nicht irre, als letzter preußischer Minister den Schwarzen Adlerorden erhalten, im Herbst 1918, kurz vor der Flucht Wilhelms II. nach Holland. Die Schwierigkeiten in der die innere Pobtik beherrschenden Frage der Reichsfinanzreform kamen vor allem von den Konservativen. Bismarck Opposition der hat einmal gemeint, Parteipobtiker scheuten in der Politik nicht vor Hand- Konservativen lungen zurück, die sie als Privatleute im Privatleben als unanständig weit 456 DER KRAKEELER HEYDEBRAND von sich beweisen würden. Das trifft auf das Verhalten der Konservativen mir gegenüber im Winter 1908/1909 zu. Als die von Wilhelm II. in High- cliffe geführten unvorsichtigen Gespräche bekannt wurden, waren die Konservativen die ersten gewesen, die in dem erwähnten Artikel der parteioffiziösen „Konservativen Korrespondenz" die Alarmglocke läuteten. In der Reichstagsdebatte vom 10. und 11. November hatten sich die konservativen Redner weit schärfer als die Vertreter anderer Parteien, schärfer als die Sozialisten Heine und Singer über die kaiserlichen Entgleisungen ausgesprochen. Wenige Tage später, als die Konservativen, denen es niemals an Beziehungen zum Hof fehlte, gehört hatten, daß es nicht ganz sicher sei, ob mir der Kaiser meine Haltung in der Novemberdebatte nicht nachträglich übelnehmen würde, erklärte dieselbe „Konservative Korrespondenz", ich hätte den Kaiser besser in Schutz nehmen sollen. Das Hauptorgan der Konservativen, die „Kreuz-Zeitung", und die agrarische „Deutsche Tageszeitung" machten zwar gegen diese perfide Insinuation Front, aber es war klar, daß Herr von Heydebrand die Segel umstellte. Ernst von Heydebrand und der Lasa auf Klein-Tschunkawe in Oberschlesien, damals 58 Jahre alt, war ein Mann von hoher Begabung, voll geistiger Interessen, sehr kenntnisreich. Er hatte viel gelesen und noch mehr, was wichtiger ist, über das Gelesene nachgedacht. In allen Staatswissenschaften, im Staatsrecht und Verwaltungsrecht, in Nationalökonomie und Finanzwissenschaft war er wohlbewandert. Er interessierte sich für Geschichte und sogar für Philosophie. Er war einer der schlagfertigsten Redner, die mir vorgekommen sind. Er sprach oft scharf, aber nie banal und noch weniger roh, immer als hochgebildeter Mann und in gewählter Form. Er war ein Charakter. Mit seinen Fähigkeiten hätte er im Verwaltungsdienst eine große Zukunft gehabt. Er hatte einige Jahre bei der Regierung in Oppeln unter Graf Robert Zedlitz gearbeitet, dem seine Begabung auffiel. Von 1887 bis 1895 war er Landrat von Militsch-Trachenberg, in welcher Stellung er sich beständig mit den beiden größten Grundbesitzern seines Kreises, dem Grafen Andreas von Maltzan-Militsch und dem Fürsten Hermann von Hatzfeldt-Trachenberg, stritt. Er war ein Krakeeler. 1895 schied er freiwillig aus dem Staatsdienst aus, um für seine parlamentarische Tätigkeit volle Ellbogenfreiheit zu haben. Ich habe mich oft über ihn geärgert, persönlich unsympathisch ist er mir nie gewesen. Aber die parteipolitischen Gesichtspunkte standen für ihn in erster Linie, vielleicht ohne daß er sich hiervon selbst Rechenschaft ablegte. Er substituierte die Staatsräson dem Interesse seiner Partei, und wie er davon überzeugt war, daß für Preußen und damit auch für Deutschland das Heil nur von einer ausgesprochen konservativen Politik zu erwarten wäre, so hielt er sich selbst für den besten, wenn nicht den einzig richtigen Vertreter und Leiter DIE HERRSCHAFT DER KONSERVATIVEN 457 einer solchen Politik. Nicht als ob er je hätte Minister werden wollen. Er würde eine solche Aufforderung mit Entrüstung, jedenfalls mit Gereiztheit abgelehnt haben. Aber er wollte hinter den Kulissen die innere Politik dirigieren. Herr von Heydebrand war von sehr kleiner Statur. Der alte Georg von Koller, langjähriger Präsident des Abgeordnetenhauses, das wackere Urbild eines pommerschen Junkers von altem Schrot und Korn, pflegte zu sagen, es wäre das Unglück von Heydebrand, daß er so klein sei. Er wolle immer beweisen: „Klein, aber oho!" Der spätere Minister des Innern Friedrich von Moltke meinte gelegentlich, wenn er etwas von Heydebrand erreichen wolle, richte er es so ein, daß die Unterredung von ihm sitzend, von Heydebrand stehend geführt würde. Andernfalls wäre Heydebrand dem baumlangen Moltke gegenüber von vornherein in einer pikierten Stimmung. In der letzten Zeit vor meinem Rücktritt kam es Heydebrand vornehmlich auf zwei Punkte an. Er wollte im Abgeordnetenhause die Alleinherrschaft der Konservativen nicht erschüttern lassen, und er wollte im Reichstag nichts von Erbschafts- oder Nachlaßsteuer wissen, um nicht den Bund der Landwirte zu verstimmen, der eine Hauptstütze seiner Macht war. Ende April 1909 fand eine Besprechung zwischen mir und dem Präsidenten des Herrenhauses, dem Freiherrn Otto von Manteuffel, Herrn von Heydebrand und Herrn von Normann statt, über deren Verlauf mir die nachstehende Registratur für die Akten vorgelegt wurde: „Der Herr Reichskanzler führte etwa folgendes aus: Er höre, daß die Herren für Freitag, den 30. dieses Monats, den weiteren Vorstand (Fünfziger-Ausschuß) der Konservativen Partei zusammenberufen hätten, um zur Reichsfinanzreform Stellung zu nehmen. Er wisse nicht, welche Beschlüsse sie vorschlagen wollten. Nach den Artikeln der konservativen Presse müsse er aber befürchten, daß sie die Partei gegen die erweiterte Erbschaftssteuer festlegen wollten, deswegen halte er es für seine Pflicht, sie über die politische Situation aufzuklären. Es sei ihm, dem Kanzler, sicher, daß, wenn die konservative Partei sich mit ihrem Widerstand gegen die Erbschaftssteuer festlege, für ihn das Zustandebringen der Finanzreform unmöglich sei, aus sachlichen und persönlichen Gründen. Übereinstimmung bestehe darüber, daß bei Fünfhundert-MiUionen-Bedarf hundert Millionen auf den Besitz gelegt werden sollen. Uber die Art der Besitzsteuer sei viel debattiert und geschrieben worden. Auch ihm, dem Kanzler, sei eine Erbschaftssteuer an und für sich wenig sympathisch. Es sei für ihn ein schwerer Entschluß gewesen, seine Ansicht zu ändern, aber er sei dazu gezwungen worden von einer „dira necessitas". Hätten wir inzwischen einen Krieg gehabt oder einen neuen Aufstand in Südwestafrika, so hätte er ebenso handeln müssen. Es gebe nach der Ansicht der verbündeten Regierungen und insbesondere der größeren Bundesstaaten keine andere ausreichende 458 BÜLOWS AUSEINANDERSETZUNG MIT IHNEN und zweckmäßige Besitzsteuer, die den erforderlichen Ertrag bringe. Die von den Konservativen vorgeschlagene Wertzuwachssteuer sei durchaus erwägenswert. Schon seit langer Zeit werde dieser Gedanke erwogen, aber sehr viele Bedenken, die jetzt auf Wunsch der Konservativen sachlich geprüft werden sollten, ständen seiner Durchführung entgegen. Er sei überzeugt, daß die Bedenken überwiegen, vor allem, daß diese Steuer nicht annähernd den vom Beichstag berechneten Betrag ergeben, sich vielmehr höchstens auf fünfundzwanzig Millionen stellen werde. Es stehe jetzt schon fest, daß die Wertzuwachssteuer auf Wertpapiere einfach undurchführbar 6ei. Diese Steuer könne also nicht als voller Ersatz der Erbschaftssteuer gelten. Eine weitere Erhöhung der Matrikularbeiträge sei ausgeschlossen. Veredelte Matrikularbeiträge seien eine Beichseinkommen- oder Vermögenssteuer, die rohen für die kleinen und mittleren Staaten unerträglich. Der Kanzler müsse also die Finanzreform als gescheitert ansehen, wenn die Erbschaftssteuer falle. Er könne keine Beform machen allein mit Konservativen, Wirtschaftlicher Vereinigung, Zentrum und Polen. Er würde seiner ganzen Politik ins Gesicht schlagen, wenn er jetzt die Situation durch die Polen retten ließe. Die Nationalliberalen müßten dabei sein, sie würden sich aber einer solchen Mehrheit nicht anschließen. Er, der Kanzler, wolle aber auch die Beform nicht gegen die Konservativen machen. Wenn diese bei ihrem Widerstand blieben, sähe er sich außerstande, die Geschäfte des Landes zu führen. Auf die Konservativen gehe dann die Verantwortung über. Da er den Kaiser bei seinem Abgange auch wegen der weiteren Politik und der Männer, die sie eventuell durchführen sollen, beraten müsse, so frage er die Herren: Erstens, welches Programm sie nach dem Scheitern dieser Beform zur Sanierung der Finanzen aufstellen wollten? Zweitens, mit welchen Parteien sie das Programm durchführen wollten? Und drittens, welche Männer sie sich an der Spitze der Begierung dächten, um ihre Ziele zu erreichen? Die heutige Besprechung solle nicht dartun, daß der Kanzler zum parlamentarischen Begime übergehe und sich einer politischen Partei, sei es auch die konservative, unterwerfe. Er habe es aber als seine Pflicht betrachtet, die Herren vollständig aufzuklären, weil er bisher während der ganzen Zeit seiner Kanzlerschaft mit der konservativen Partei konservativ-agrarisch regiert habe. Alles Gerede von der antikonservativen Begierung sei Blödsinn oder Verleumdung. Jeder verständige Mensch wisse, daß in der Verwaltung und in der Politik von ihm, dem Kanzler, konservative Grundsätze zur Geltung gebracht seien. Die Begierung werde in konservativem Geist und landwirtschaftsfreundlich geführt und so, wie jeder der Herren, wenn er Minister wäre, sie führen müßte, wenn er in der Politik vorwärtskommen wolle. Auch Herr von Heydebrand würde an Stelle des Kanzlers nicht lediglich Grundsätze seines konservativen UNTER VIER AUGEN 459 Programms durchführen können. Er, Fürst Bülow, habe es als seine Pflicht angesehen, zwischen Krone und Konservativen wieder normale Beziehungen herzustellen. Er wolle keine Reform gegen die Konservativen, mache aber auch keine mit Zentrum und Polen. Wenn die Reform scheitere, so hätten die Konservativen die Verantwortung und müßten ihr Programm zur Geltung bringen. Es werde jetzt vielfach Auf lösungvorgeschlagen. Er könne dem Kaiser die Auflösung nicht mit gutem Gewissen vorschlagen, weil sie zur Dezimierung der Konservativen und zur Wiedererstarkung der Sozialdemokraten führen würde, die durch seine, des Kanzlers Politik in ihrem bisherigen Siegeslauf aufgehalten, geschwächt, diskreditiert und bei den letzten Wahlen halbiert worden wären. Das würde seiner ganzen bisherigen Politik widersprechen. Er werde dem Kaiser nur Ratschläge erteilen, die sich mit seinen Grundsätzen vereinten. Und nun bitte er um Beantwortung seiner vorhin gestellten Fragen. Die drei Herren erwiderten ad eins: sie hofften für die von ihnen perhorreszierte Erbschaftssteuer eine geeignete Ersatzsteuer auf den Besitz zu finden, die vorzugsweise die Börse treffen müsse; ad zwei: sie hielten die Reform nicht ohne das Zentrum für durchführbar; ad drei: darüber erlaubten sie sich kein Urteil." Bedeutsamer war eine Unterredung, die ich einige Tage später unter vier Augen mit Herrn von Heydebrand hatte. Er setzte mir auch hier ausein- Mit ander, daß er weder für die Erbschaftssteuer noch für irgendeine Vcrände- Heydebrand allein rung des preußischen Wahlrechts zu haben wäre. Er müsse sich nach den Wünschen und Überzeugungen seiner Parteigenossen richten, und die wollten weder von einer Reform des preußischen Wahlrechts noch von Nachlaß- oder Erbschaftssteuer etwas wissen. Ich sagte ihm, daß sein Standpunkt mich an eine Äußerung des Pariser Polizeipräfekten Caussidicre erinnere. Der sei im Jahre 1848, gefolgt von einer Anzahl unruhiger Elemente, über die Boulevards gezogen. Von einem Freunde gefragt, wie er eine solche Demonstration mit solchen Elementen unternehmen könne, hätte er geantwortet: „Je suis leur chef, il faut que je les suive." Ich fuhr dann fort: „Sie glauben unsere innerpolitischen Verhältnisse besser zu kennen als ich. Ich will das gar nicht bestreiten. Mein langer Aufenthalt im Ausland macht, daß ich nicht in allen Schlupfwinkeln und Irrgängen unserer Parteipolitik so Bescheid weiß wie Sie. Aber glauben Sie mir, ich sehe weiter als Sie. Sie wollen die Verbindung zwischen den Konservativen und den Nationalliberalen lösen, unbekümmert darum, daß Bismarck auf das Zusammengehen gerade dieser Parteien immer den größten Wert gelegt hat. Sie glauben besser zu fahren, wenn Sie sich dem Zentrum an den Hals werfen. Ich habe an und für sich gar nichts gegen das Zentrum. Im Gegenteil! Ich denke an das Zentrum zurück wie an eine alte Geliebte, von der man sich nur ungern trennte und für die man noch immer etwas übrighat. 460 LETZTER APPELL Ich möchte Sie auch daran erinnern, daß Sie mir während der Debatte im Abgeordnetenhaus über die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes nicht ohne Pathos zuriefen: ,Bis hierher, Herr Reichskanzler, aber nicht weiter! Sie sind in Ihrer Nachgiebigkeit, Ihrem Entgegenkommen gegenüber dem katholischen Teil der Bevölkerung bis zur äußersten Grenze des Erträglichen gegangen.' So sprachen Sie damals, im März 1904. Ich mache auch heute kein Hehl daraus, daß ich auf katholische Gefühle und Uberzeugungen stets große Rücksicht genommen habe, gerade weil die Katholiken bei uns die Minderheit bilden. Aber diese meine Rücksichtnahme, meine Achtung und Sympathie für die großen Seiten der katholischen Kirche können meine politische Haltung gegenüber der politischen Zentrumspartei nicht beeinflussen. Ich kenne das Zentrum besser als Sie, Herr von Heydebrand. Der von Ihnen gewollte Bund mit dem Zentrum wird nicht von langer Dauer sein. Im Grunde sind mehr Berührungspunkte zwischen dem Zentrum und den liberalen Fraktionen als zwischen dem Zentrum und den Konservativen. Der Weg von Erzberger zu Haußmann und Payer, von Bassermann zu Hertling ist kürzer als der von Klein-Tschunkawe zu den maßgebenden Leuten im Zentrum. Ich will Ihnen voraussagen, wohin Ihr Bruch mit den Nationalliberalen führen wird: zu jener Koalition Windt- horst-Richter-Grillenberger, die Bismarck in seinen bösen Träumen sah." Herr von Heydebrand erwiderte: „Hier steht Uberzeugung gegen Überzeugung, Ansicht gegen Ansicht. Ich glaube die Situation richtiger zu beurteilen." Ich erinnerte ihn daran, daß er sich in seinen pobtischen Prognosen bisweilen getäuscht hätte. So habe er nach der Reichstagsauflösung am 13. Dezember 1906 erklärt, sie werde zu einer schweren Niederlage der Regierung wie der Konservativen führen. Die Sache sei gerade umgekehrt gekommen. Nicht ohne Selbstgefühl meinte Heydebrand: auch er sei nicht unfehlbar. Was er aber mit Bestimmtheit voraussagen könne, wäre, daß die nächsten Wahlen „sehr gut, ja glänzend" für die Konservativen gehen würden, gerade wenn sie sich von den Liberalen trennten und dem Zentrum näherten. Ich richtete noch einen letzten Appell an den Führer der Konservativen. Ich sagte ihm: „Vom Standpunkt des Politikers ist es natürlich nichts weniger als geschickt, daß ich Ihnen, Normann und Manteuffel gesagt habe, ich würde jetzt nicht auflösen und nicht gegen die Konservativen den Wahlkampf führen. Ich bin klug genug, das wohl zu wissen. Ich gelte doch im allgemeinen nicht für dumm oder ungeschickt. Aber ich will gerade mit den Konservativen nicht finassieren, nicht au plus fin spielen. Und vor allem will ich nicht meinen Grundsätzen untreu werden, nicht meiner Überzeugung von dem, was dem Staatswohl frommt, und von dem, was ihm schadet. Eine Auflösung in diesem Augenbhck liegt weder im Interesse des preußischen Staats noch des Deutschen Reichs noch der EIN TOTENGRÄBER DES ALTEN PREUSSEN 461 Krone. Als Preuße, als Royalist und als deutscher Kanzler löse ich nicht auf. Aber als Mann, der mit seiner Überzeugung steht und fällt, bleibe ich nicht, wenn Sie jetzt den Block sprengen, statt sein natürliches Ende abzuwarten, wenn Sie mir eine verständige Reichsfinanzreform verhunzen, wenn Sie alle Errungenschaften der letzten Wahlen leichtfertig aufs Spiel setzen." Herr von Heydebrand verabschiedete sich mit der Bemerkung, daß er mir meine zum Teil scharfen Wendungen nicht übernehme, teils weil er die verbitterte Stimmung eines mit Arbeit überhäuften und von manchen Sorgen gequälten Staatsmanns begreife, teils auch weil meine royalistische und preußische Grundgesinnung für ihn über jeden Zweifel erhaben sei. Aber auch er könne seine Uberzeugung nicht opfern. Im Gegensatz zu Wilhelm von Kardorff-Wabnitz, zu Graf Limburg- Stirum, zu Graf Kanitz-Podangen, zu Graf Udo Stolberg, zu Graf Mirbach- Sorquitten kam Heydebrand nicht aus der Bismarckschen Schule. Er wurzelte mit seinen Anschauungen in den Gedankengängen von Julius Stahl, von Karl von Bodelschwingh, von Graf Leopold Lippe, von Ludwig von Gerlach. Er würde, wenn er zwanzig Jahre früher auf die Welt gekommen wäre, während der Konfliktszeit mit Begeisterung den Ministerpräsidenten von Bismarck-Schönhausen unterstützt haben, er wäre als guter Preuße auch mit ihm Sadowa entgegengezogen. Aber in den siebziger Jahren wäre er in die Opposition gegangen, und er hätte zu den Deklaranten der „Kreuz- Zeitung" gehört. Mit ungewöhnlichen Gaben und lauterer Gesinnung ist Heydebrand schließlich durch Kurzsichtigkeit, Einseitigkeit und blinden Eigensinn zu einem Totengräber des alten Preußen geworden. In der Frage der Erbschaftssteuer stand Herr von Heydebrand mehr unter dem Druck des Bundes der Landwirte, als daß er aus innerem Antrieb einen intransi- genten Standpunkt eingenommen hätte. Der Bund der Landwirte widersetzte sich der Nachlaß- und Erbschaftssteuer aus agitatorischen Gründen. Ich hatte im Laufe der Jahre die vernünftigen und berechtigten Wünsche der deutschen Landwirtschaft erfüllt. Um eine so sehr auf Agitation gestellte Organisation wie den Bund der Landwirte bei der Stange zu halten, mußte seinen Anhängern immer weder ein Streitobjekt und Kampfziel vorgehalten werden. Der Schlachtruf: Keine Erbschaftssteuer, keine Nachlaßsteuer! erschien als der beste Cry für eventuelle Wahlen. Der Widerstand des Herrn von Heydebrand gegen jede Reform des preußischen Wahlrechts aber kam aus der Tiefe seiner Seele, beruhte auf seinen inner- lichsten Wünschen, Leidenschaften und Überzeugungen. Er wollte ä tout prix seine dominierende Stellung im Hause der Abgeordneten behaupten. Das war nur möglich, wenn die Konservativen dort über die absolute Mehrheit verfügten, und das wiederum hing davon ab, daß das bestehende Wahlrecht in keiner Weise modifiziert wurde. 462 DAS PREUSSISCHE WAHLRECHT Ich habe nie daran gedacht, das Reichstagswahlrecht auf Preußen zu Bülow gegen übertragen. Ich hatte mich darüber schon ein Jahr früher, am 26. März Reichstags- 1908, ausgesprochen, und zwar nicht im Landtag, wo ich für diesen meinen Wahlrecht Standpunkt einen starken Resonanzboden gefunden hätte, sondern im für Preußen T^ e j cnsta g^ (J essen Mehrheit, wenigstens in der Theorie, das Reichstagswahlrecht in Preußen eingeführt wissen wollte*. Ich betonte mit Nachdruck, voller Überzeugung und Wahrhaftigkeit, daß die verbündeten Regierungen an keine Änderung des bestehenden Reichstagswahlrechts dächten. Ich entwickelte aber auch die Gründe, aus denen im Reich ein Wahlrecht auf breitester Rasis gerechtfertigt sei, in Preußen eine gewisse Abstufung des Wahlrechts nicht unbillig. Ich machte kein Hehl daraus, daß auch das direkte, allgemeine und geheime Wahlrecht kein Dogma sei, kein Götze und kein Fetisch. Ich sei kein Fetischanbeter, treibe keinen Götzendienst, und an Dogmen glaube ich in der Politik überhaupt nicht. Es gebe gar kein für alle Länder und für alle Verhältnisse passendes, absolut gutes Wahlrecht. Den Abgeordneten Friedrich Naumann, der mit besonderem Eifer die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen verlangt hatte, erinnerte ich daran, daß weder in England noch in Italien noch in Relgien das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht bestände. Unter großer Heiterkeit aller Parteien frug ich Naumann, ob er wirklich glaube, daß das von ihm wegen seiner patriarchalischen Verfassungszustände so sehr perhorreszierte Mecklenburg schlechter regiert würde als Haiti. Haiti besäße ein pikfeines Wahlrecht, das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. Ich erinnerte die Freisinnigen daran, daß jede radikale Änderung des preußischen Wahlrechts mit zwingender Notwendigkeit zu der Frage führe, ob dann noch das Dreiklassenwahlrecht in den Kommunen aufrechterhalten bleiben könne. Ich erinnerte daran, daß kein Land der Welt eine so integre, tüchtige, leistungsfähige städtische Verwaltung habe wie unser Land, daß sich unsere kommunale Verfassung unter einem überwiegend Uberalen Regiment voll bewährt hätte. Ich sagte: „Stellen Sie sich doch nur eine Rerliner Stadtverordnetenversammlung vor, die aus dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht hervorgegangen wäre, und dann wünschen Sie noch, daß das gewiß mangelhafte Dreiklassenwahlrecht ersetzt werden soll durch ein System, das in mehr als einer Kommune die Herrschaft nur einer Partei bedeuten könnte, welche die unduldsamste von allen Parteien ist." Ich glaube dieser meiner Remcrkung vom 26. März 1908 heute die Frage hinzufügen zu können: Gibt es einen Demokraten in Deutschland, der befriedigt ist von der Wirkung, welche die Einführung des Reichstags Wahlrechts in den Kommunen und speziell in Rerlin für die städtische Verwaltung gehabt * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 122ff.; Reclam-Ausgabe V, 54ff. STROH UNTER DEN AST 463 hat? Der erfreut ist von dem parlamentarischen Ton, der seit der Einführung des gleichen, allgemeinen Wahlrechts in der Berliner Stadtverordnetenversammlung herrscht? Während ich diese Zeilen diktiere, hegt mir eine Zeitung vor, in der über einen kürzlich vorgekommenen Zwischenfall in einer Sitzung des Berliner Stadtparlaments das Nachstehende herichtet wird: Der sozialdemokratische Stadtverordnete Ullrich stürzte sich im Laufe der Debatte über die Zirkus-Busch-Krawalle plötzlich auf seinen rechts gerichteten Kollegen Luedtke, hieb auf ihn ein, stieß ihn in den Rücken und rief dem Zubodengeworfenen zu: „Sie Lump, Ihnen zerreiße ich in Stücke." Der Mißhandelte erhob Klage vor der Schöffenabteilung Berlin-Mitte. Der Amtsanwalt vertrat die Anklage mit großer Milde. Er gestand dem sozialdemokratischen Rohling „eine gewisse Erregung" zu, fand aber doch, daß derartige Szenen die deutschen Parlamente im In- und Auslande etwas in Mißkredit brächten. Offenbar erinnerte er sich an das Wort des Reichskanzlers Josef Wirth, daß der Feind immer rechts stehe. Er beantragte schließlich nur sechs Wochen Gefängnis. Das Gericht verurteilte zu einer höheren Geldstrafe oder entsprechender Gefängnisstrafe. Meines Erachtens hätte der Genosse Ullrich vor allem veranlaßt werden sollen, noch einige Zeit die Elementarschule zu besuchen, um zu lernen, daß, wenn ein waschechter Sozialist allenfalls einen Kollegen an Leib und Leben bedrohen kann, er ihm doch nicht zurufen darf: „Ihnen zerreiße ich in Stücke", sondern sagen muß: „Sie zerreiße ich in Stücke." In der Frage des preußischen Wahlrechts war es meine Absicht, die wünschenswerte und notwendige Reform in einer Weise durchzuführen, die der Alleinherrschaft und Präpotenz der Konservativen ein Ende setzte, ohne ihnen deshalb die Möglichkeit zu nehmen, sei es mit dem Zentrum, sei es mit den Liberalen, eine Mehrheit zu bilden. Um dahin zu gelangen, gab es damals mehr als einen gangbaren und verständigen Weg. Gerade die Liberalen wünschten im letzten Jahr meiner AmtsführuDg eine besonnene und möglichst maßvolle Wahlreform. Der Führer der Nationalliberalen, Professor Robert Friedberg, ein Jahrzehnt später Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums unter Hertling, erklärte mir: „Wir Nationalliberalen können bei jeder Wahlreform nur verlieren. Wenn wir einer solchen zustimmen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Legen Sie wenigstens ordentbch Stroh unter, damit wir uns nicht den Hals brechen." Einer der klügsten und einflußreichsten Freisinnigen, Reinhart Schmidt- Elberfeld, 1895 erster, 1898 bis 1900 zweiter Vizepräsident des Reichstags, sagte mir, die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen werde zweifellos die Einführung dieses Wahlrechts auch in den Kommunen nach sich ziehen, also Stellung und Einfluß der bürgerlichen Demokratie gerade da bedrohen, wo die starken Wurzeln ihrer Kraft lägen. 464 ABENDTAFEL IM NEUEN PALAIS „Gebe der Himmel", meinte Schmidt-Elberfeld, „daß die Regierung fest bleibt und es nicht dahin kommen läßt! Lassen Sie sich nur nicht dadurch irremachen, daß wir eine Erklärung verlesen werden, durch die wir die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen fordern werden. Das ist gar nicht ernst gemeint! Wir werden gerade Ihnen in dieser Frage ebensowenig ernste Schwierigkeiten machen wie seinerzeit bei den Kämpfen um den Zolltarif." Herr Schmidt-Elberfeld hatte Eugen Richter nahegestanden. Er sagte mir, daß auch dieser innerheh ein Gegner der Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen gewesen wäre. Eifrig und aufrichtig betrieb von den Freisinnigen nur Friedrich Naumann die Einführung des allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechts in Preußen. Als ich meinen Freund Albert Ballin frug, wie er es sich erklärte, daß ein hochgebildeter, ideal angelegter Mann wie Naumann so unverständig sein könne, den Erisapfel der Wahlrechtsfrage unter die Blockparteien zu werfen, entgegnete mir Ballin mit seinem ausgesprochen hamburgischen Akzent: „Aber, Durchlaucht, haben Sie noch nicht gemerkt, daß unser guter Naumann politisch enorm dumm ist ?" Er sprach das Wort „enorm" als echter Hamburger aus: „eno-o-o-rm". Ballin sollte mir im Laufe des Weltkriegs noch zweimal über die „eno-o-o-rme" pobtische Torheit des D. Naumann klagen: als dieser sein sehr oberflächliches Buch über Mitteleuropa schrieb und als er gemeinsam mit Hans Delbrück, Riezler-Rüdorffer und ähnlichen Narren die Wiederherstellung von Polen betrieb. Von bnks sabotierte Naumann durch seine Unbesonnenheit den Block. Von rechts beß, unbelehrt durch alles, was ich ihm gesagt hatte, unbekümmert um meine ernsten Warnungen, Herr von Heydebrand den Nationalhberalen durch Herrn von Normann parteioffiziell erklären, die Konservativen würden keine Besitzsteuer akzeptieren, und insbesondere würden sie unter keinen Umständen die Nachlaß- oder Erbschaftssteuer bewilligen. Das war natürlich die Kündigung des Blocks, wie dies auch von konservativer Seite zugegeben wurde. Während die innerpobtische Lage einer gefährbchen Krisis entgegen- ■Ibendtafcl trieb, war die Stimmung des Kaisers mir gegenüber, allerdings nur vorüber- t Potsdam gehend, wieder freundbeh und vertrauensvob 1 geworden. Dazu trug vor allein der günstige Gang der auswärtigen Pobtik bei. Die bosnische Krisis war in einer unseren Interessen und unserem Prestige gleich förderbchen Weise gelöst worden. Nicht lange nach dem für ihren Abschluß bedeutungsvollen 14. März hatte ich, während ich einer Sitzung des Reichstags beiwohnte, aus dem Neuen Palais eine telephonische Einladung zur Abendtafel erhalten. Als ich antworten ließ, ich bäte, mich zu entschuldigen, da ich im Reichstag zurückgehalten würde, beß mir der Kaiser telephonieren, er werde mit dem Essen auf mich warten. Er schickte mir zwei Automobile, TIRPITZ BINDET SICH NICHT 465 mit denen ich und meine Frau kommen möchten, wann es uns paßte. Wenn das eine Automobil unterwegs eine Panne hätte, sollten wir in das andere steigen. Meine Frau und ich trafen erst nach neun Uhr in Potsdam ein. Als meine Frau sich bei der Kaiserin entschuldigte, meinte diese: „Wir haben gern auf Sie und Ihren Mann gewartet. Der Kaiser freut sich so sehr, Ihren Mann zu sehen und ihm zu danken." Bald nachher erschien der Kaiser und sagte mir freudestrahlend, er habe ein Telegramm des Zaren erhalten, der ihm aus eigener Initiative eine Begegnung in den finnischen Schären vorschlage. „Das wagte ich ja gar nicht zu hoffen", meinte der Kaiser, „das geht über meine Erwartungen und Hoffnungen! Die bosnische Frage haben Sie großartig gedeichselt." Die freudige Stimmung des Kaisers wurde noch dadurch erhöht, daß in denselben Tagen der Marineetat im Beichstag glatt über die Bahn ging. Bülow Alle bürgerlichen Parteien stimmten zu, die Sozialdemokraten enthielten an Tirpitz sich der Abstimmung, aber erhoben keinen Widerspruch. Gerade im Hin- bHck darauf, daß durch diese Haltung und Abstimmung des Beichstags uns die Möglichkeit gegeben war, England in der Frage der Verlangsamung des Flottenbautempos entgegenzukommen, ohne uns der Mißdeutung auszusetzen, als ob wir aus der Not eine Tugend machten — ein Moment, auf das in seinem Brief vom 25. Januar 1909 Metternich besonders Gewicht gelegt hatte —, entschloß ich mich zu einem sehr eingehenden und sehr ernsten Schriftwechsel mit dem Staatssekretär des Beichsmarineamts. Gerade weil ich nicht wußte, wie lange ich noch die auswärtige Politik des Beichs führen würde, wollte ich noch einmal auf das Wünschenswerte einer freundlichen Verständigung mit England nachdrücklich hinweisen und jedenfalls einer Forcierung unserer Schiffsbauten für die Zukunft einen Biegel vorschieben. Meine Ausführungen kamen im Kern darauf hinaus, daß die Marine uns endlich erklären müsse, wann wir die für unsere Verteidigung notwendige Flottenstärke erreicht haben würden. Ich erinnerte an meine früheren Ausführungen in dieser Bichtung. Ich erinnerte auch an alles, was ich positiv und negativ für den Bau der Flotte getan hätte: positiv, indem ich im Lande das Verständnis für die Notwendigkeit einer verteidigungsfähigen Flotte erweckte und die zu diesem Zwecke nötigen Vorlagen im Beichstage durchbrachte; negativ, indem ich unter sehr schwierigen Verhältnissen erreichte, daß die Flotte im Frieden gebaut werden konnte. Tirpitz antwortete ausweichend. Er wollte sich nicht binden, sich alle Möglichkeiten offenhalten, getrieben von edlem Ehrgeiz, von tiefer Vaterlandsliebe, von überragender Sachkenntnis auf seinem Spezialgebiet, dem Schiffsbau, aber doch mit Unterschätzung der Gefahren, die im Fall einer europäischen Konflagration von einem durch unsere Schiffsbauten allzu gereizten und allzu mißtrauisch gewordenen England drohten. 30 Bülow II XXXI. KAPITEL Bülows Abschiedsbesuch bei Holstein • Begegnung mit Tittoni in Venedig ■ Wilhelm II. trifft in Venedig ein • Spricht Monts als künftigen Kanzler an • Weitere Schicksale des Grafen Monts • Der Kaiser fährt nach Korfu ■ Bericht des Freiherrn von Wangenheim über die Begegnung Wilhelms II. mit dem italienischen Königspaar in Brindisi • Der Kaiser in Wien • Stand der Reichsfinanzreform • Wilhelm II. nimmt in Wiesbaden Bülows Vortrag über die Finanzreform entgegen • Sängerfest in Frankfurt, jubelnder Empfang Wilhelms II. • Die deutschen Bundesfürsten zum Geburtstag des Kaisers in Berlin • Die Intrigen gegen den Kanzler mehren sich • Der Bund der „Kaisertreuen" Rudolf Martin und Fürst Fürstenberg • Begegnung zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. Die „Zehn Gebote" für den Kaiser Auf Wunsch meines lieben ärztlichen Beraters und Freundes Renvers hatte ich beschlossen, mich während der Osterferien zu meiner Er- erkrankten holung nach Venedig zu begeben, das wie wenige andere Orte der Welt zur Holstein Sammlung und zum Nachdenken auffordert und das erregte Innere beruhigt. Da ich gehört hatte, daß Holstein erkrankt sei, machte ich ihm vor meiner Abreise einen Besuch. Er hatte mich, wohl nur wegen seines Gesundheitszustandes, seit langem nicht mehr aufgesucht. Ich selbst war während unserer mehr als dreißigjährigen Beziehungen nie in seiner Behausung gewesen. Dieser Mann, der unter Bismarck, unter Caprivi und unter Hohenlohe einer der mächtigsten Leute im Staat gewesen war, der auch unter mir nach allen Seiten seine Fühlhörner ausstreckte und durch seine weitreichenden persönbchen Beziehungen wie durch seine Geschäftskenntnis und seine große Erfahrung, durch die SchneUigkeit seiner Auffassung, seine Entschlußkraft und (last not least) seine Verschlagenheit und Rücksichtslosigkeit eine große Rolle spielte, bewohnte in der entlegenen, nüchternen, in keiner Weise eleganten Großbeerenstraße im dritten Stock zwei einfache Zimmer, die einem bescheidenen Subalternbeamten kaum genügt hätten. Im Vorzimmer fand ich die langjährige Freundin von Holstein, Frau von Lebbin. Sie hatte sich zwei in Papier eingewickelte Butterstullen mitgebracht, die mit einem Stückchen Käse und einem Glase Bier ihr Mittagsmahl bilden sollten. Im Nebenzimmer lag Holstein im Bett. An der Wand hingen nur drei Bilder: das Bild des Botschafters Paul Hatzfeldt, des ihm politisch am nächsten stehenden deutschen Diplomaten, ein Bild HOLSTEIN: „SIE MÜSSEN BLEIBEN!' 467 des langjährigen italienischen Botschafters in Berlin, Grafen Launay, den Holstein als das Vorbild eines abwägenden, vorsichtigen Staatsmannes schätzte, und endlich eine Photographie, die meine Frau und meinen Bruder Alfred darstellte, wie sie in Venedig auf dem Markusplatz Tauben füttern. Solche Bilder werden bekanntlich in Venedig für einige Lire in kürzester Frist hergestellt. Holstein hatte von Fieber glänzende Augen und stark gerötete Wangen. Von Frau von Lebbin war mir vorher gesagt worden, daß er, um bei seinem Schwächezustand mit mir sprechen zu können, sich zur Anregung der Herztätigkeit eine starke Kampfereinspritzung hatte geben lassen. Die erste Frage, die er an mich richtete, war, ob ich bleiben würde. Ich erwiderte, daß das nicht allein von mir abhinge. Holstein setzte mir mit sichtbarer Anstrengung in eindringlichstem Ton auseinander, ich müsse im HinbUck auf die auswärtige Lage unter allen Umständen bleiben, einerlei ob der Kaiser noch Vertrauen zu mir habe oder nicht, einerlei ob der Reichstag meinen Vorschlägen in der Reichsfinanzreform zustimme oder nicht. Ich antwortete, daß, sich Situationen ergeben könnten, wo es mir nicht möglich sein würde, zu bleiben. Ich wollte nach zwölfjähriger Amtstätigkeit als aufrechter Mann bleiben oder fallen. Ich würde meinen Namen nicht unter Gesetze setzen, nicht Maßnahmen zustimmen, von deren Schädlichkeit ich überzeugt wäre, überhaupt eine Entwicklung nicht mitmachen, die ich für falsch und verderblich hielte. In erregten, sich überstürzenden Worten entgegnete der alte Holstein: „Sie müssen bleiben, ich sage Ihnen, Sie müssen bleiben! Wer soll denn außer Ihnen mit einem so unberechenbaren und unvorsichtigen Kaiser, mit einem so unpolitischen Volk und mit einem in allen auswärtigen Fragen kindlich unreifen Reichstag unser Schiff steuern ? Bleiben Sie wenigstens noch vier, fünf Jahre! Sie haben die bosnische Krise brillant überwunden, Sie haben es gleichzeitig verstanden, uns wieder zu Rußland in ein besseres Verhältnis zu bringen, als wir es seit Bismarck gehabt haben. Selbst Harden, der Sie nie gesehen hat, der Sie seit Ihrem Amtsantritt, also seit zwölf Jahren, auf das schärfste angreift, erklärt in der ,Zukunft', daß Sie im Balkanrennen, wie er es nennt, der einzige wirkliche Sieger wären. König Eduard habe die erste sichtbare Niederlage seines Regentenlebens erlitten, Iswolski den Ruf eines boshaften Narren erreicht, Clemenceau sich nur durchgeschlängelt, Aehrenthal die Erreichung seines Ziels mit zu hohem Preise bezahlt. Sie allein hätten alles erreicht, was Sie angestrebt hätten, und sich wieder^als unentbehrlicher Meister der Diplomatie bewährt. Sie müssen bleiben! Das sagt sogar Harden, Ihr Feind Maximilian Harden! Man soll Einen wenigstens Zeit lassen, ein Flottenabkommen mit England zustande zu bringen. Dann mag man Sie in Teufels Namen fortschicken. Aber jetzt sind Sie noch unentbehrlich!" Ich wollte den dem Tode nahen Mann nicht durch Widerspruch noch mehr 30» 468 HOLSTEINS TOD erregen. Ich beschränkte mich darauf, zu wiederholen, daß ich mich nicht unter ein kaudinisches Joch beugen könne, möge mir das vom Kaiser oder von den feindlichen Parteien zugemutet werden. Es war das letzte Mal, daß ich Holstein sah, dem ich zum erstenmal, dreißig Jahre früher, während des Berliner Kongresses, nähergetreten war. Noch in der Tür, während ich mich von Frau von Lebbin verabschiedete, hörte ich seine heisere Stimme: „Bleiben! Bleiben!" Das war meine letzte Begegnung mit dem eigenartigen Mann, der mir nie sympathisch war, dessen hohe politische Begabung ich aber nicht verkennen konnte. Er starb bald nachher. Zu seinem Begräbnis erschien zum allgemeinen Erstaunen Josef von Radowitz, den er während dreißig Jahren gehaßt und verfolgt hatte: wie die einen glaubten, um dem Gebote der Bergpredigt zu folgen, die uns mahnt, unsere Feinde zu heben; wie die anderen meinten, um sich davon zu überzeugen, daß Holstein wirklich dorthin abgereist sei, von wo es keine Wiederkehr gibt. Am 12. April traf ich in Venedig ein. Bald nach meiner Ankunft erhielt Eintreffen ich den Besuch des damaligen italienischen Ministers des Äußern Tommaso m Venedig, Tittoni. Er war „un Romano di Roma", ein echter Sohn der Ewigen Stadt, B e ™ c h m seiner abgewogenen, vorsichtigen, überlegten und klugen Art. Er hatte einen Teil seiner Studien in Oxford absolviert, sprach Englisch und hatte einige Jahre als Botschafter in London gewirkt. Er war ein Mann des Ausgleichs und der Verständigung, der auch als italienischer Minister und Botschafter gute Beziehungen zum Vatikan zu unterhalten wußte. Mein Verhältnis zu ihm war immer vortrefflich gewesen. Auch diesmal waren wir uns darüber einig, daß bei einer ruhigen und vernünftigen Politik an den maßgebenden Stellen weder für die deutsch-itahenischen Beziehungen noch für den europäischen Frieden unüberwindliche Gefahren drohten. Kurz nachher traf der Kaiser, begleitet von der Kaiserin, auf der Der Kaiser „Hohenzollern" in Venedig ein. Als wir uns acht oder zehn Tage früher in m Venedig Potsdam getrennt hatten, war der hohe Herr für mich in einer freundschaftlichen, in einer sehr vertrauensvollen und liebenswürdigen Stimmung gewesen. Jetzt fand ich ihn kühler, nervös, augenscheinlich verstimmt und mißtrauisch. Ich habe später gehört, daß es während unserer kurzen Trennung meinen höfischen Gegnern, insbesondere dem Fürsten Max Fürstenberg, dem Zeremonienmeister Eugen Röder und einigen anderen Hof schranzen gelungen war, ihn wieder gegen mich einzunehmen. Dagegen war der hohe Herr für meine Frau wie immer von ritterlicher Courtoisie. Gleichzeitig mit mir war unser Botschafter in Italien, Graf Monts, in Venedig eingetroffen. Ich hatte schon während des vorjährigen Besuchs in Rom mich zu meinem Bedauern davon überzeugen müssen, daß Monts sich dort vollkommen festgefahren hatte. In der italienischen politischen Welt, bei der Regierung und in parlamentarischen Kreisen und erst recht in der „ICH HABE NIE ETWAS VON BÜLOW GEHALTEN" 469 italienischen Gesellschaft geradezu verhaßt, hatte er sich gleichzeitig auch mit der deutschen Kolonie üherworfen. Er drängte selbst von Rom fort. Sein Ziel war Wien. Diesem seinem Wunsch stand aber die schon früher von mir erwähnte ausgesprochene Abneigung sowohl der österreichischen wie der ungarischen Regierung gegen ihn und die fast noch stärkere Antipathie des alten Kaisers Franz Josef wie des Thronerben Franz Ferdinand im Wege. Niemand in Österreich-Ungarn wollte von dem „grausligen" Monts etwas wissen. Monts war gleichzeitig mit mir und meiner Frau zur Abendtafel auf der „Hohenzollern" befohlen worden. Als wir uns verabschiedeten, um in unser Hotel zurückzukehren, sah ich, wie der Kaiser raschen Schritts auf Monts zuging, der sich tief, übertrieben tief vor ihm bückte. Am nächsten Tage hörte ich von einem durchaus verläßlichen Herrn der Allerhöchsten Umgebung, daß Wilhelm II. den Grafen Monts laut und vernehmlich mit den Worten angeredet hatte: „Bülow hat mich verraten! Sie müssen an seine Stelle. Bülow ist ja auch vom Botschafter in Rom Reichskanzler geworden." Monts erwiderte, immer in gleich respektvoller, fast demütiger Haltung: „Eure Majestät nehmen mir das Schloß vom Munde. Ich habe nie etwas von Bülow gehalten." So hatte sich Monts von Anfang an bis zu Ende den Vetter Anselmo zum Vorbild genommen, wie ihn, Strebern und Augendienern zum abscheulichen Exempel, Chamisso gezeichnet hat. Bei Chamisso gibt schließlich der weise Yglano dem Vetter Anselmo einen Backenstreich und läßt ihn dann vor die Tür setzen. Bei Monts übernahm das Schicksal den Hinauswurf. Strahlend verließ Graf Anton Monts am 15. April 1909 Venedig in dem beglückenden Bewußtsein, daß er bald Reichskanzler werden würde. In Graf Monis Rom eingetroffen, suchte er meine Schwiegermutter auf und sagte ihr, in Erwartung seines Bleibens im Palazzo Caffarelli werde nicht mehr lange sein, aber er fiele nicht die Treppe hinunter, sondern er würde höher, sehr hoch steigen. Er traf Vorbereitungen für seine Ubersiedlung nach Berlin und bereitete sich geistig durch Gedankenaustausch mit einigen bewährten Freunden aus der Finanzwelt auf den ihm in Aussicht gestellten hohen Posten vor. Wirklich und tatsächlich hat, wie ich vorgreifend schon hier bemerken will, Wü- helm II., als ich zwei Monate später meinen Abschied einreichte, in erster Linie Monts zu meinem Nachfolger machen wollen. Diese Absicht scheiterte an dem Widerspruch des Kabinettsrats Valentini. Sonst nur zu willfährig, erklärte er in diesem Fall, ein so takt- und direktionsloser Geselle wie Monts, der sich überall, in Wien, in Pest, in Oldenburg, in München und schließlich in Rom unmöglich gemacht habe, der überdies der freien Rede so wenig mächtig sei, daß er nur mit Ach und Krach an Kaisers Geburtstag vor der deutschen Kolonie mühsam einige Worte habe stammeln können, sei als Reichskanzler nicht mögÜch. Der Kaiser bestand nicht B 470 DAS BLAUE MITTELMEER ernstlich auf seinem Einfall und ließ durch Valentini an Monts schreiben: er bedaure, ihn nicht zu seinem Kanzler machen zu können. Er brauche aber jetzt einen Reichskanzler, der mit den innerpolitischen Verhältnissen in Deutschland genauer vertraut wäre. Er behalte sich vor, den erprobten Rat des Grafen Monts, auch wenn er nunmehr in den Ruhestand treten sollte, oft in Anspruch zu nehmen. Er lüde Monts ein, den nächsten Winter in Berlin zu verbringen. Erwartungsvoll erschien der inzwischen zur Disposition gestellte Anton Monts auf dem ersten Hof ball des Jahres 1910. Der Kaiser beglückte ihn mit einer langen und viel bemerkten Ansprache. Auf dem zweiten Hof ball sprach ihn der Kaiser nur kurz an, und auf dem dritten nahm er gar keine Notiz mehr von ihm. Seitdem war seine Rolle ausgespielt. Er hat den Abend seines Lebens in der Nähe von München zugebracht, wo er sich sogar als abgetakelter Diplomat so unbeliebt machte, daß ihm auf Weisung des würdigen und gütigen Prinzregenten Luitpold die Streichung von der Liste der bei Hof vorgestellten Fremden angedroht werden mußte. Ich kehre nach Venedig zurück, von wo Wilhelm II. am 15. April 1909 Wilhelm II. auf der „Hohenzollern" nach Korfu abdampfte. Seitdem der Kaiser das in Korfu schöne Achilleion erworben hatte, konnte er es im Frühjahr kaum erwarten, sich auf der Insel der Phäaken von den Anstrengungen des Berliner Winters zu erholen. Im Frühjahr 1909 war die Sehnsucht nach den seligen Gestaden, wo einst die königliche Jungfrau Nausikaa sich des vom Schwimmen erschöpften edlen Dulders Odysseus erbarmte, besonders groß, denn die Krisis vom vergangenen November hatte, wie der Kaiser mir wiederholt versicherte, auch sein körperliches Befinden affiziert. Der Kaiser hatte schon am 28. Februar 1909 ad marginem eines Pariser Berichts, in dem eine geplante Mittelmeerreise des Königs Friedrich August von Sachsen erwähnt wurde, wehmütig bemerkt: „Glücklicher Mann! Wäre ich erst so weit, daß ich auf dem blauen Mittelmeer schwämme." Uber die Stimmung und Tätigkeit Seiner Majestät während der vier halkyonischen Wochen, die Wilhelm II. in Korfu verlebte, schrieb der damalige Gesandte am griechischen Hofe, spätere Botschafter in Konstantinopel, Freiherr von Wangenheim, an meinen Personaldezernenten Flotow: „In aller Eile möchte ich meinen in einer halben Stunde abgehenden Berichten über Korfu noch einige erklärende Worte hinzufügen. Ich schreibe an Sie, weil Sie den Reichskanzler eher sehen als die anderen Herren. Was ich Ihnen sagen werde, ist natürlich streng vertraulich. Die Berichte habe ich auf den mir dreimal wiederholten Wunsch des Kaisers erstatten müssen, der durchaus wollte, daß der Reichskanzler über seine Erfolge in Korfu unterrichtet werde. S. M. war in den letzten Tagen von so berückender Liebenswürdigkeit gegen mich, daß er offenbar einen Zweck damit verfolgt hat. Er wollte erreichen, daß ich ihm beim R. K. eine gute RETUSCHIERTE KAI SERGESPRÄCHE 471 Zensur gebe. Ob S. M. damit aucb seiner Stellung als konstitutioneller Monarch nachträglich Rechnung tragen oder nur mit dem Achilleion und den angeblichen Erfolgen seiner politischen Tätigkeit auf Korfu sich brüsten wollte, weiß ich nicht. Jedenfalls lautete der Auftrag so bestimmt, daß ich ihn ausführen mußte. Der Kaiser sagte mir noch beim Abschied, daß er sich meine Berichte vorlegen lassen werde. Damit sollte mir die Note angewiesen werden. Sie können sich denken, wie wenig der erteilte Auftrag mir sympathisch war. Es ist das erste Mal, daß ich in einem Bericht über Blumenflor und Volkstänze schreiben muß. Aber der Kaiser hat gewollt, daß alle diese Kindereien in dem Berichte erwähnt würden. Noch weniger leicht war es, über die von dem Kaiser geführten Gespräche zu berichten. Nach meiner Darstellung nimmt es sich so aus, als ob S. M. in hoher Weisheit immer gleich die richtigen Antworten erteilt habe. Das war aber keineswegs immer der Fall. Im Gegenteil haben Jenisch und ich immer retuschieren müssen, um bei den Griechen eine richtige Auffassung der kaiserlichen Reden zu erzielen. Gleich bei der ersten Begegnung mit König Georg hatte der letztere den Kaiser so gerührt, daß er bereits versprochen hatte, den anderen Kabinetten eine baldige Lösung der Kreta-Frage im griechenfreundlichen Sinne zu empfehlen. Nachdem er dann mit mir und Jenisch gesprochen, ist er geschickt umgeschwenkt. Drei Wochen lang habe ich mich bemüht, S. M. davon zu überzeugen, daß wir nichts für Griechenland tun könnten, solange die Kreta-Frage nicht gelöst und die Möglichkeit von Schwierigkeiten zwischen Griechenland und der Türkei vorhanden ist. Trotzdem ist uns der Kaiser, der die Richtigkeit des obigen Grundsatzes voll anerkannt hatte, in den letzten Tagen wieder durchgegangen, indem er dem König und dann Theotoki einen Admiral anbot und auf die Flottenfrage zurückkam. Theotoki, der ja selbst zu klug ist, um nicht zu sehen, daß jede griechische Machenschaft mit Deutschland sofort Englands Widerstand und damit Schwierigkeiten wegen Kreta hervorrufen würde, hat selbst ausweichend geantwortet und den Kaiser auf später vertröstet. Ich habe alles dies in meinem Berichte nicht sagen können, sondern in einer kleinen, aber frommen Geschichtsfälschung den Kaiser als den großen, weisen Mann erscheinen lassen. Wenn S. M. meine Berichte liest, möchte ich aber beinahe annehmen, daß er nachträglich sich freut, so logisch gesprochen zu haben, besonders, wenn ihm der R. K. bei sich bietender Gelegenheit zu seiner Weisheit gratuliert. Korfu war sehr interessant, aber nicht immer angenehm. Die Griechen sind dieses Mal besser behandelt worden. Jenisch hatte zum Schluß Angst vor Brindisi und der Absicht des Kaisers, Tittoni den Kopf zu waschen. Was mag daraus geworden sein ?" Die Zweifel des Gesandten von Wangenheim an der Opportunität der von Seiner Majestät auf Korfu betriebenen Politik waren nicht ganz unberechtigt. 472 „DER KLEINE ZWERG Wilhelm II. wollte 1909 ebenso stürmisch für die griechischen Aspirationen auf Kreta eintreten, wie er zwölf Jahre früher die türkischen Rechte auf die Insel des Minos vertreten hatte. Er bewegte sich gern in Extremen, er mußte oft gezügelt, immer überwacht und geleitet werden. In Brindisi, wo am 12. Mai eine Begegnung zwischen dem deutschen und dem italienischen Herrscherpaar stattfand, gelang es dem Gesandten von Jenisch, der Seine Majestät als Vertreter des Auswärtigen Amts begleitete, den italienischen Minister des Äußern, Tittoni, vor der ihm angedrohten kaiserlichen Strafpredigt zu bewahren. Herr von Jenisch konnte nicht verhindern, daß der Kaiser, als der König mit seinem Boot bei der „Hohenzollern" anlegte, seiner Umgebung zurief: „Nun paßt einmal auf, wie der kleine Zwerg das Fallreep herauf klettert." Ein dem Deutschen Kaiser zum Ehrendienst zugeteilter italienischer Offizier, der die wenig taktvolle Bemerkung mitanhören mußte, sagte mit scharfer Betonung zu seinem neben ihm stehenden Kameraden: „Ich verstehe Deutsch." Der Zwischenfall wurde nicht weiter releviert, es wurden sogar bei dem Diner an Bord des italienischen Kriegsschiffs „Vittorio Emanuele" korrekte Trinksprüche gewechselt. Aber das Verhältnis zwischen den beiden Souveränen war und blieb frostig und prekär. Am 13. Mai traf Wilhelm II. über Pola in Wien ein, wo er einen neuen Wilhelm II. und selbst für mich überraschenden Beweis seiner geistigen Desinvoltura, der Wiener seiner staunenswerten Unbefangenheit ablegte. Er, der bei Beginn der Hoßmrg k osn j sc h en Krisis plötzlich, unvorbereitet, von einem Tage zum andern unsere ganze Politik auf den Kopf stellen und damit Österreich-Ungarn in die Arme der Entente treiben wollte, hielt jetzt in der Hofburg eine Rede, die nicht nur von Begeisterung für die „erhabene Person des allverehrten Kaisers Franz Josef" und für „die goldenen Alt-Wiener Herzen" überfloß, sondern in der er auch erklärte, der Friede sei der Welt erhalten worden, weil er, der Kaiser Wilhelm II., sich in schimmernder Wehr neben Österreich gestellt habe. Der Botschafter Tschirschky nahm mit Recht an, daß ein solcher Trompetenstoß mein Mißfallen erregen würde, und er änderte mit freudiger Zustimmung der Österreicher den betreffenden Passus für Wolfis Telegraphenbüro in den müderen Satz um: „Alle Welt weiß, wie wirkungsvoll gerade in den letzten Monaten unser Bündnis dazu beigetragen hat, ganz Europa den Frieden zu erhalten." Die Huldigungen der Stadt Wien, die eine Wiener Straße unter Bezugnahme auf die von mir geprägte Wendung in „Nibelungenstraße" umgetauft hatte, taten dem Kaiser wohl. Er befahl dem Botschafter Tschirschky, über den ihm in Wien bereiteten Empfang einen eingehenden Bericht an den Reichskanzler zu senden, „damit der sieht, daß man hier noch etwas von mir hält". BÜLOW, DER ANGEBLICHE SOZIALIST 473 Während Kaiser Wilhelm im eigentlichsten Sinne des von Bismarck geprägten Wortes auf der Basis der Phäaken in Korfu schöne Tage verlebt hatte, waren meine Aufmerksamkeit und meine Bemühungen ganz überwiegend auf die große Forderung des Tages, die Reichsfinanzreform, gerichtet gewesen. Die Stimmung im Lande wurde der Reform in der von mir vorgeschlagenen Form, d. h. mit der Erbschaftssteuer, immer günstiger. Ich bemühte mich, und nicht ohne Erfolg, diese Stimmung durch Rücksprachen mit einflußreichen Männern des Erwerbslebens aus allen Kreisen und Parteien zu beleben und zu vertiefen. Ich empfing in dieser Zeit bis zehn und zwölf Personen an einem Tage zu Einzelunterredungen. Auf weitere Kreise suchte ich durch Schreiben und Telegramme zu wirken, die in der Presse veröffentlicht wurden. Auf ein Telegramm des Abgeordneten Bassermann, in dem er mir im Namen der Nationalliberalen Partei volles Vertrauen und unbedingte Unterstützung zusagte, erwiderte ich: „Stärker als die Sorge um die sich türmenden Schwierigkeiten ist in mir der feste Glaube an des deutschen Volkes Zukunft. In dieser Zuversicht werde ich unverzagt an dem begonnenen Reformwerk weiterarbeiten und freue mich, dabei Ihrer Unterstützung sicher zu sein." Ahnliche Kundgebungen ergingen in allen Richtungen und nach allen Teilen des Reichs. Am 20. April hatte ich im Kongreßsaal des Reichskanzlerpalais Deputationen aus Bayern, Sachsen, Baden, Württemberg und Thüringen emp- BUlow fangen. Unter ihnen befanden sich hervorragende Männer des Wirtschafts- empfängt lebens, Wortführer und Vertrauensmänner weiter Schichten des deutschen Deputati Volks. In einer längeren Rede, die ich an die um mich versammelten Herren hielt, betonte ich, daß ich in ihnen nicht Sprecher bestimmter Parteien sähe, sondern Männer, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liege und die deshalb die Reichsfinanzreform nicht als eine Parteifrage betrachteten. Ich warnte vor dem Doktrinarismus und seinem Schlagwort „Wider alle Monopole!" Das sei eine Phrase, die ihre Bedeutung verliere im Zeitalter der Kartelle und Trusts. Ich mahnte die Landwirtschaft, nicht zu vergessen, daß ich gerade ihre Interessen mit der größten Gewissenhaftigkeit gefördert hätte. Ich ermahnte die Konservativen, die Stimmen aus dem Mittelstand nicht zu überhören. Meine Ausführungen wurden von diesen ernsten Männern mit Zustimmung aufgenommen und nach jedem Satz durch Beifall unterbrochen. Insbesondere fand mein Standpunkt in der Frage der Erbanfallsteuer volle Zustimmung. Mit Wehmut erinnere ich mich heute an einen Passus in meinen damaligen Ausführungen. Ich wandte mich in meiner Ansprache gegen den Vorwurf des Sozialismus, der mir von Konservativen gemacht worden war, weil ich einem aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Parlament wie dem Reichstag die Erbschaftssteuer in die Hand geben wolle. In diesem Zusammenhang sagte ich: „Solange die 474 MIT DER ERBSCHAFTSSTEUER STEHEN UND FALLEN Sozialdemokratie nicht Bundesrat und Reichstag beherrscht, so lange besteht nicht die Gefahr konfiskatorischer Ausbeutung dieser Steuer. Sollten aber einmal die Sozialdemokraten die Geschäfte in die Hand nehmen, so würden die Erbschaften daran glauben müssen, ob die Sozialdemokratie die Deszendentenbesteuerung vorfände oder nicht. Mit dem Vorwurf des Sozialismus soll man uns also nicht kommen. Vor dem brauchen wir uns ebenso wenig zu fürchten, wie es Fürst Bismarck tat." So sprach ich nach dem Ausfall der Wahlen von 1907. Und heute darf ich wohl sagen, daß, wenn Unverstand und Verblendung der bürgerlichen Fraktionen die Früchte jenes Wahlsieges nicht verscherzt hätten, die Dinge eine andere Entwicklung genommen haben würden, als wir sie in den auf meinen Rücktritt folgenden Jahren erleben mußten. Meine persönliche Stellung zu der Frage der Erbschaftssteuer hatte ich in die Worte zusammengefaßt : „Was in den verschiedensten Ländern der Welt, was in den Hansestädten, in Elsaß-Lothringen, in den deutschen Kantonen der Schweiz, in Österreich-Ungarn, in England und in Frankreich in jahrzehntelanger Übung zu keiner Erschütterung des Familiensinns geführt hat, das wird auch in Deutschland, wenn sich die Wogen gelegt haben, als eine erträgliche Steuer angesehen werden, und spätere Generationen werden die Erregung unserer Tage in dieser Hinsicht kaum noch begreifen können." Eine so klare und bestimmte Erklärung ließ natürlich keinen Zweifel darüber, daß ich persönlich mit der Erbschaftssteuer stünde und fiele. Nach dem Empfang der am 20. April im Kongreßsaal bei mir erschienenen Herren hatte ich mich noch lange mit jedem einzeln unterhalten und immer wieder die zweifellos ehrliche und aufrichtige Versicherung gehört, daß die überwiegende Mehrheit des Landes mit meiner Haltung einverstanden sei. Anders standen die Dinge im Reichstag. In der zweiten Hälfte des Heydfbrand April 1909 hatte ich Herrn von Heydebrand mit dem Führer der sächsischen rechnet auf Konservativen und Präsidenten der Zweiten Sächsischen Kammer, Meh- lülows Sturz n e r t ^ zu Tische geladen. Die sächsischen Mitglieder der Konservativen Partei gehörten zu meinen treusten Anhängern und standen unentwegt auf meiner Seite, auch in der Frage der Erbschaftssteuer. Sie wußten warum. Bei den Wahlen von 1907 hatten die bürgerlichen Parteien in Sachsen nicht weniger als dreizehn Wahlsitze auf Kosten der Sozialisten erobert. Während Mehnert mit Heydebrand die Treppe zu mir hinaufstieg, setzte er ihm mit großer Eindringlichkeit auseinander, wie bedauerbch mein Rücktritt für den weiteren Gang nicht nur unserer auswärtigen, sondern auch unserer inneren Politik sein würde und daß die Konservative Partei eine große Verantwortung übernehme, wenn sie helfe, einen solchen herbeizuführen. Heydebrand erwiderte: „An und für sich haben Sie ganz recht, Sie vergessen aber, daß, auch wenn wir dem Reichskanzler die Erbschaftssteuer IMMEDI AT VORTRAG BEI S. M. 475 konzedieren, wir ihn damit doch nicht retten. Der Kaiser ist fest entschlossen, sich von Bülow zu trennen. Wir essen bei einem toten Mann, einem solchen dürfen wir weder die Erbschaftssteuer noch die Reform des preußischen Wahlrechts in sein Grab nachwerfen." So erzählte Mehnert nach meinem Rücktritt meinem alten Freunde, dem Präsidenten der Ersten Sächsischen Kammer, dem Grafen Friedrich Vitzthum. Heydebrand war über die Stimmung Seiner Majestät mir gegenüber sehr genau orientiert. Er war ein Schulfreund des Grafen Anton Monts, und obwohl sie innerpolitisch sehr verschiedenen Anschauungen huldigten, Heydebrand stand sehr weit rechts, Monts dagegen damals ganz links, waren sie persönlich gute Freunde geblieben. Monts hatte, nachdem ihm in Venedig durch Kaiser Wilhelm II. meine Nachfolge in Aussicht gestellt worden war, sofort an Heydebrand geschrieben, er könne mit der unumstößlichen Tatsache rechnen, daß der Kaiser entschlossen sei, sich von mir zu trennen. Er hatte ihm nicht verraten, daß er selbst sich mit Hoffnungen auf meine Nachfolge trug, denn er wußte, daß Heydebrand hiervon nicht sehr entzückt sein würde. Aber er hatte ihm keinen Zweifel darüber gelassen, daß meine Stellung beim Kaiser endgültig erschüttert sei. Zu viele Symptome deuteten für mich darauf hin, daß der Sitz aller Schwierigkeiten, denen ich begegnete, an der Allerhöchsten Stelle war, als daß ich nicht das Bedürfnis empfunden hätte, mein Verhältnis zum Kaiser noch einmal und endgültig zu klären. Ich erbat einen Immediat- vortrag, der mir am 18. Mai in Wiesbaden gewährt wurde. Ich fand den Kaiser in frohster Stimmung. Er begrüßte mich mit der Versicherung, daß sein diesmaliger Empfang in Wien „wirklich und wahrhaftig" alles übertroffen hätte, was er bei solchem Anlaß an Begeisterung und Liebe je erlebt habe. Er war auch sehr stolz auf seine politischen Erfolge in Korfu. Er habe die Griechen für immer auf unsere Seite gebracht, und das bedeute ein starkes Aktivum in unserer gesamten politischen Bilanz. Als ich auf Grund meines eigenen, fast zweijährigen Aufenthalts in Griechenland der Meinung Ausdruck gab, daß die modernen Griechen bei ihren zerfahrenen inneren Verhältnissen, ihrer militärischen Schwäche und ihrer Unzuver- lässigkeit mehr an die Graeculi der Römerzeit erinnerten als an die Helden von Marathon und den Thermopylen und daß wir sie deshalb nicht als einen ernsten und gewichtigen Faktor in unsere politische Rechnung einstellen dürften, schlug die anfänglich gute Laune Seiner Majestät rasch um. Sie wurde nicht besser, als ich das ihm ohnehin langweilige und unsympathische Thema der Reichsfinanzreform anschnitt. Ich Ueß aber keinen Zweifel darüber, daß ich ihm gerade über den Stand dieser Frage eingehend Vortrag halten müsse. Unbekümmert darum, daß der Kaiser mehrfach Zeichen von Ungeduld gab und ein- oder zweimal nur mühsam ein Gähnen unterdrückte, 476 DER KAISER FÜNFZIGJÄHRIG verbreitete ich mich während einer guten Stunde über die Haltung der Parteien, über die Lage im Reichstag und über meine eigene Stellung gegenüber dieser Situation, vielleicht zu eingehend, aber möglichst klar und ohne Umschweife. Als ich davon sprach, daß sich die politische Situation durch die Kurzsichtigkeit und unstaatsmännische Haltung der Konservativen bedenklich zugespitzt hätte, meinte der Kaiser, mich rasch unterbrechend, daß er einer Auflösung des Reichstags nicht zustimmen könne. Ich erwiderte, ich hätte die Auflösung ja gar nicht in Vorschlag gebracht, da auch ich eine solche im Interesse des Landes und der Krone nicht für ratsam halte. Eine andere Frage sei, ob ich eine politische Entwicklung würde mitmachen können und wollen, die mit der Sprengung des Blocks begonnen habe und durch die Verwerfung der Erbschaftssteuer gekrönt werden solle. Ich beobachtete, während ich dies entwickelte, das Mienenspiel Seiner Majestät. Ich kannte den hohen Herrn zu genau, um nicht zu merken, daß zwei Gefühle in ihm stritten. Er wünschte meinen Rücktritt, er wollte mich loswerden. Aber er wollte den Augenblick meines Ausscheidens, die Form und die Modalität meines Fortgehens selbst bestimmen. Vier Tage später begegneten wir uns wieder auf dem Sängerfest in Sängerfest Frankfurt a. M. Ich habe selten einen enthusiastischeren Empfang erlebt in Frankfurt a \ 3 fori, der Wilhelm IL bei diesem Wettstreit deutscher Männergesang- ^' vereine in der alten Wahl- und Krönungsstadt deutscher Kaiser bereitet wurde, in der schönen Mainstadt, wo ich meine Kindheit verlebt hatte. Der Jubel war unbeschreiblich. Als der herrliche Kaisermarsch von Richard Wagner ertönte, drückte mir die Kaiserin die Hand. Sie hatte Tränen im Auge, als sie mir sagte: „Es ist alles so gut gekommen, wie Sie es mir im Neuen Palais voraussagten, ich danke Ihnen von Herzen." Sie sagte das mit leiser Stimme und mit einem ängstlichen Bück auf den Kaiser, der in einiger Entfernung mit lauter Stimme seiner Umgebung auseinandersetzte, er habe recht behalten mit seiner Überzeugung, daß das deutsche Volk ihm stets durch dick und dünn folgen würde. Das Selbstgefühl Seiner Majestät hob sich immer mehr. Er hatte schon bald nach seinem letzten Geburtstag in dieser Richtung ein bezeichnendes Marginal zu den Akten gegeben. Ich hatte den Bundesfürsten vertraulich nahelegen lassen, zum fünfzigsten Geburtstag des Kaisers, zum 27. Januar 1909, nach Berlin zu kommen. Das Erscheinen aller deutschen Souveräne trug nicht wenig dazu bei, den Glanz dieser Geburtstagsfeier zu erhöhen. In Vertretung seines Vaters, des durch sein hohes Alter am Erscheinen verhinderten Prinzregenten Luitpold, verlas Prinz Ludwig von Bayern eine sehr schöne Ansprache, in welcher der Gedanke der Reichseinheit zu erhebendem Ausdruck gelangte. Während des Cercles, der nach der Galatafel in der Bildergalerie stattfand, gaben fast alle Bundesfürsten ihren patriotischen Empfindungen IM KREIS DER KRONENTRÄGER 477 und Gesinnungen mir gegenüber lebhaften Ausdruck. Die meisten von ihnen sprachen mir gleichzeitig die Hoffnung aus, daß ich zum Wohle des Reichs noch viele Jahre in meinem Amt bleiben würde, mit besonderer Wärme der Prinz Ludwig von Bayern, der Großherzog von Baden und der König von Württemberg. König Wilhelm von Württemberg, ein ebenso patriotischer wie verständiger Herr, dem Kaiser schon als alter Gardehusar treu ergeben, aber ebenso treu dem Reich, sagte mir: „Wir hoffen alle, daß Sie bleiben, und das Volk wünscht und hofft es auch. In meinem Lande gibt es sogar viele Zentrumswählcr, die, wie mir katholische Herren in Württemberg versichert haben, schon im Hinblick auf die auswärtige Pobtik Ihr Bleiben wünschen." Der Kaiser bewegte sich mit hohem und markiertem Selbstgefühl im Kreise der Kronenträger. Mein Freund Knesebeck sagte mir, leise auf den Enkel des bescheidenen Kaisers Wilhelm I. deutend: „Sieht er nicht aus wie ein Pfau, der sein Rad schlägt?" Und mit melanchobschem Lächeln fügte der kluge und treue Freund hinzu: „Und noch mehr erinnert er leider an den jungen Lord von Edenhall in Uhlands Gedicht. Absit omen!" Als einige Tage später in einigen Berichten der preußischen Gesandten bei den deutschen Höfen die diskrete Einwirkung gestreift wurde, die zu dem Erscheinen aller deutschen Fürsten im Berliner Schloß beigetragen hatte, schrieb der Kaiser an den Rand, daß solche Beeinflussung unnötig gewesen wäre, denn die Bundesfürsten wüßten selbst, was des Kaisers Majestät gegenüber ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit sei. Inzwischen hatte die von Herrn von Heydebrand gegen den Widerspruch vieler Konservativer (Schwerin-Löwitz, Kanitz-Podangen, Kap- Eine Koterie hengst, Hohenlohe-Oehringen, Pauli usw.) hartnäckig verfolgte Annäherung bildet sich an das Zentrum und die Polen unter Abwendung von den Liberalen weitere Fortschritte gemacht. Es wurde immer unwahrscheinlicher, daß die Reichsfinanzreform mit der von mir gewünschten Besitzsteuer im Reichstag durchgehen würde. Graf Udo Stolberg, seitdem durch die Wahlen von 1907 herbeigeführten Umschwung Präsident des Reichstags, seit achtunddreißig Jahren Mitgbed des Reichstags, einer der klügsten und bewährtesten Vorkämpfer der konservativen Richtung und Partei hatte schon am 22. Mai 1909 an Herrn von Loebell geschrieben: „Meine einzige Hoffnung, daß es nicht schiefgeht, beruht auf der Person des Reichskanzlers. Ich bin in einer ähnlichen Lage wie Ballestrem, der einen Fehler, den seine Freunde begingen, sah, aber nicht ändern konnte. Ich nehme an, daß Sie diesen Brief nicht veröffentlichen oder daß Sie es erst tun, wenn ich tot bin, in welchem Fall es mir gleichgültig ist." Gleichzeitig wurde mehr als je beim Kaiser gegen mich intrigiert. Es hatte sich zu diesem Zweck eine Gruppe zusammengefunden, die sich der „Bund der Kaisertreuen" nannte. Eine Hauptrolle in dieser Koterie spielte Fürst Max Fürstenberg, der, wie ich 478 DER BUND DER KAISERTREUEN schon anläßlich des Sturzes des armen Philipp Eidenburg erwähnte, letzteren als Favorit des Kaisers abgelöst hatte. Er war durch den Tod seines Vetters Karl Egon in den Besitz der großen schwäbischen Standesherrschaft Donaueschingen getreten, aber innerlich schwarzgelber Österreicher gebbeben. Seine Erziehung war eine österreichische gewesen, seine Mutter, eine Khevenhüller, seine Frau, eine Schönborn-Buchheim, waren Vollblut-Österreicherinnen. Er war mir oft dadurch unbequem geworden, daß er den Kaiser nicht nur als Schwarzgelber gegen Italien, sondern auch gegen Rußland aufstachelte. Dagegen trat er, wo er konnte, für die Polen ein. Der Oberhofmarschall Reischach, mit einer Ratibor verheiratet, deren Mutter eine Fürstenberg gewesen war, fühlte sich beglückt, mit einem Fürsten Fürstenberg als „Vetter" renommieren zu können, und hielt, wo er konnte, dem Günstling des Kaisers den Steigbügel. Daß Max Fürstenberg in Geldverlegenheiten geraten war, störte den Kaiser nicht. Neben Fürstenberg spielte der Zeremonienmeister Eugen Röder mit seiner Schwester, der Gräfin Paula Alvensleben, im Bunde der Kaisertreuen eine Rolle. Er hatte schon gegen Bismarck, Vater und Sohn, intrigiert und intrigierte jetzt gegen mich, obwohl er mir jahrelang in platter Weise die Cour gemacht hatte. Wenn ich zu einem Hofball fuhr, so pflegte er mich und meine Frau, den federgeschmückten Hut in der Hand, am herrlichen Eosanderschen Portal des Schlosses zu erwarten, um die Ehre zuhaben, meine Frau vom Tor bis in den Weißen Saal zu führen. Wenn ich ihn ermahnte, sich nicht einem Schnupfen auszusetzen, legte er die Hand aufs Herz und meinte mit heroischer Miene: „Lieber eine Lungenentzündung, als meine Pflicht gegenüber der Frau Fürstin versäumen." Durch den in England gescheiterten früheren Botschaftsrat Eckardstein waren die „Kaisertreuen" mit dem Pamphletisten Rudolf Martin in Verbindung getreten. Martin war ein sächsischer Beamter gewesen, der bei seinen Vorgesetzten durch outriertes Strebertum mißliebig geworden war. Es gelang der sächsischen Regierung, ihn aus Sachsen fortzuloben und ihn dem Reichsamt des Innern anzuhängen. Dort geriet er in Konflikt mit dem Grafen Posadowsky, der ihn in seiner mit Unzuverlässigkeit verbundenen Unbrauchbarkeit bald erkannte und in einem unbedeutenden Dezernat kaltstellte. Um sich zu rächen, veröffentlichte Martin eine Broschüre gegen Posadowsky. Er hatte die Frechheit, sie mir zu übersenden. Er hatte gehört, daß zwischen Posadowsky und mir Meinungsverschiedenheiten bestünden, und hoffte, sich bei mir durch seinen hinterrückschen Angriff gegen seinen Chef lieb Kind zu machen. Natürlich Heß ich eine Disziplinaruntersuchung gegen ihn einleiten, die zu seiner Entfernimg aus dem Reichsdienst führte. In wessen Solde Burschen wie Rudolf Martin und Eckardstein standen, möchte ich nicht weiter erörtern. Der damalige Direktor im Scherl-Verlag und spätere Mitarbeiter des Kaisers DER BÖSE KANZLER DES MEROWJNGERS 479 bei den „Gestalten und Erscheinungen", Eugen Zimmermann, der während der letzten Monate meiner Kanzlerzeit eifrig und schneidig meine Sache in der Presse führte, 6agte und schrieb mir, hinter Piraten wie Rudolf Martin und Eckardstein stünden schlesische Magnaten, die mir meine nach ihrer Auffassung zu arbeiterfreundliche Sozialpolitik übelnähmen. Ich habe solchen Mitteilungen keinen Wert beigelegt und mich auch in meinen persönlichen Beziehungen namentlich zu dem Fürsten Guido Henckel- Donnersmark und anderen schlesischen Herren dadurch nicht irremachen lassen. Sicher ist, daß derselbe Graf Oppersdorff, der zehn Jahre später in Deutschlands schwerster Stunde sein Vaterland verraten und zu den Polen Graf überlaufen sollte, einer der eifrigsten Teilnehmer des Bundes der Kaiser- Oppersdorff treuen war. Er hatte sich mit dem Elsässer Wetterle angefreundet, der bekanntlich sofort nach Ausbruch des Weltkrieges bei Nacht und Nebel von Kolmar über die Grenze nach Frankreich floh, dort während des ganzen Krieges gegen uns hetzte und sich noch jetzt in Paris als französischer Patriot und Todfeind der ,-,Boches" geriert. Der Abbe Wetterle brachte im Auftrag von Oppersdorff durch den Chefredakteur des „Figaro", Calmette, Artikel in dieses Blatt, die bestimmt waren, dem Kaiser vorgelegt zu werden. Sie waren nicht ungeschickt auf die kindliche Phantasie Seiner Majestät berechnet. Ich erinnere mich eines Artikels, in dem als warnendes und abschreckendes Exempel dem Kaiser das Schicksal eines Merowinger- königs vorgeführt wurde, den sein böser Kanzler Gonthram-Bose mit arger List erst umstrickte und betörte, dann durch eine fein eingefädelte Verschwörung lahmlegte und schließlich scheren ließ und in ein Kloster steckte. Näheres über diesen traurigen Vorfall ist in den „Recits des temps mero- vingiens" von Augustin Thierry nachzulesen. Es heißt da über den bösen Gonthram: „Gonthram Bose presentait dans son caractere une singularite remarquable. Germain d'origine, il surpassait en habilete pratique, en talent de ressources, en instinct de rouerie, si ce mot peut Stre employe ici, les hommes plus delies parmi la race gallo-romaine. Ce n'etait pas la mauvaise foi tudesque, ce mensonge brutal accompagne d'un gros rire: c'etait quelque chose de plus raffine et de plus pervers en meme temps, un esprit d'intrigue universel et en quelque sorte nomade, car il allait s'exercant d'un bout ä l'autre de la Gaule. Personne ne savait mieux que cet Austrasien pousser les autres dans un pas dangereux et s'en tirer ä propos. On disait de lui que jamais il n'avait fait de serment ä un ami, sans le trahir aussitöt, et c'est de lä probablement que lui venait son surnom germanique. Bose, en Allemand moderne boese, signifie mahn, mechant." Die Parallele zwischen dem argbstigen Gonthram-Bose und dem Fürsten Bülow, dem bösen Kanzler des Deutschen Kaisers, lag auf der Hand. Einige der 480 „SCHMERZLICHES BEDAUERN" „Kaisertreuen." hat später das Schicksal ereilt oder wenigstens entlarvt. Von Calmette zu schweigen, den kurz vor Beginn des Weltkriegs Frau Caillaux erschoß, wurde Eckardstein während des Weltkriegs unter Verdacht des Landesverrats von der Militärbehörde hinter Schloß und Riegel gebracht. Rudolf Martin schwenkte, als die Novemberrevolution ausbrach, von den Kaisertreuen zu den Sozialisten über. Graf Hans Oppersdorff auf Oberglogau in Schlesien verfiel als „OppersdorfFski" der allgemeinen Verachtung. Ich habe schon erwähnt, wie beglückt Wilhelm II. war, daß ihn sein Zehn Gebote Kollege Nicky aus eigenem Antrieb zu einer freundschaftlichen Begegnung für den Kaiser ^ ^ cn russischen Gewässern aufforderte. Im Hinblick auf die kritische innere Lage dispensierte mich der Kaiser proprio motu von der Teilnahme an der Entrevue durch das nachstehende Schreiben, das der Chef des Zivilkabinetts schon am 2. Juni 1909 an mich richtete. „Eurer Durchlaucht beehre ich mich auf Allerhöchsten Befehl ganz ergebenst zu melden, daß Seine Majestät der Kaiser und König Allerhöchstsich sehr gefreut hätten, wenn bei der bevorstehenden Zusammenkunft mit Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland Eure Durchlaucht Allerhöchstihnen zur Seite gestanden hätten. Seine Majestät haben aber erfahren, daß der Reichstag am 15. d. M. wieder zusammentritt, und glauben bei der besonderen Wichtigkeit der bevorstehenden Beratungen über die Reichsfinanzreform die Anwesenheit Eurer Durchlaucht im Reichstage für unentbehrlich halten zu müssen. Unter diesen Umständen wollen Seine Majestät zu Allerhöchstihrem schmerzlichen Bedauern auf Eurer Durchlaucht Begleitung nach Danzig verzichten und ersuchen Eure Durchlaucht, Sich durch den Herrn Staatssekretär des Auswärtigen Amts vertreten zu lassen. Unter dem Ausdruck meiner ausgezeichneten Verehrung Eurer Durchlaucht sehr ergebener von Valentini." Der Brief des Kabinettschefs war mit Maschinenschrift geschrieben. Das Wörtchen „schmerzlich" hatte Herr von Valentini nachträglich noch mit der Feder eingetragen. Ich gab Herrn von Schön, der Seine Majestät begleiten sollte, als Direktive eine kurze Aufzeichnung mit, die ich „Zehn Gebote" überschrieb. Dieser Dekalog, von dem ich Seiner Majestät eine Abschrift übersandte, lautete wie folgt: 1. Die Russen, insbesondere Iswolski, freundlich behandeln. Wir müssen mit Iswolski über Politik sprechen, da er zu diesem Zweck von seinem Souverän mitgebracht wird. Natürbch ist gerade ihm gegenüber Vorsicht geboten. Ihn reden lassen. 2. Den Russen nichts sagen, was, nach Wien (sei es direkt, sei es indirekt, etwa via London oder Paris) gemeldet, dort Mißtrauen erregen könnte. Kaiser Wilhelm II. als Großer Kurfürst Eigenhändiger Vermerk Bülows auf der Rückseite: Avant la lettre, vor den Novcmher-Ereignissen DIE BEFOLGTEN ZEHN GEBOTE 481 3. Dardanellen-Frage nicht anschneiden. Falls Russen davon anfangen, ihnen freundlich erwidern: das sei eine europäische Frage, aber an unserem Widerstand würden die russischen Wünsche gewiß nicht scheitern, sofern die weitere Gestaltung der deutsch-russischen Beziehungen uns eine für Rußland entgegenkommende Haltung gestatte. 4. Kreta-Frage nicht anschneiden. Falls die Russen sie anregen, sagen: wir seien nicht Schutzmacht und gänzlich uninteressiert. 5. Bei etwaigen Klagen der Russen über Österreich seufzen oder lächeln wir, je nach ihrer Intensität, zucken die Achseln, stimmen aber nicht ein. 6. Wir betonen immer wieder die traditionellen freundschaftlichen deutsch-russischen Beziehungen, die Basis der monarchischen Ordnung in der Welt und des Friedens. Das Dreikaiserbündnis bleibt unser Ideal, aber Russen damit kommen lassen. Wir können uns jetzt auf keine Separatverständigung mit Rußland einlassen, nur gemeinsam mit Österreich. 7. Wenn die Russen die Zustände in der Türkei als unsicher und unberechenbar hinstellen, ihnen nicht widersprechen; aber selbst die türkischen Vorgänge mit heiterer Ruhe behandeln. Wir sind dort nicht in erster Linie engagiert. 8. Kein Wort gegen England sagen! Es würde sofort dorthin weitergegeben werden und überdies die Russen nur in ihrer gegenwärtigen Hinneigung zu England bestärken. 9. Wir denken nicht daran, in Persien oder sonst im Orient den Russen entgegenzutreten. Die persischen Vorgänge interessieren uns gar nicht. Nescio quid nobis magis farcimentum sit. 10. Nicht ratsam, zu sehr auf die Vorgänge vom vorigen Winter zurückzukommen. Wenn die Russen davon anfangen, ihnen sagen: wir waren loyal gegenüber Österreich, ehrlich-freundschaftlich für Rußland; wir haben stets den Frieden gewollt. Auf Björkö nicht zurückkommen." Die Begegnung, die am 17. Juni in den finnischen Schären bei Frederiks- haven stattfand, war die letzte, die während meiner Amtszeit zwischen dem Die Kaiser und dem Zaren erfolgte. Sie verlief gut. Der Kaiser befolgte meine Begegnung „Zehn Gebote". Er hielt auf meinen ausdrücklichen Wunsch auch keine ^ en t> c i • • finnischen Rede aus dem Stegreif, sondern verlas einen von mir sorgsam erwogenen Schären und schriftlich aufgesetzten Toast. Kaiser Nikolaus hatte bei früheren Entrevuen darunter gelitten, daß der Kaiser bei solchem Anlaß seine hervorragenden rednerischen Gaben zu entfalten liebte, während der Zar, der kein Demosthenes war, mühsam und gequält von einem großen weißen Blatt seinen Toast ablas. Diesmal verlasen beide Monarchen ihre Ansprachen, was den Zaren sehr angenehm berührte. In dem politischen Gespräch, das sich nach dem Diner entspann, gab der Zar dem Kaiser sein 31 BülowII 482 ISWOLSKI GEGEN AEHRENTHAL „ernstes und heiliges Wort", er würde weder gegenüber Frankreich noch gegenüber England auf eine Zumutung eingehen, die eine Spitze gegen Deutschland habe oder einer gegen Deutschland gerichteten Absicht entspringe. Er sei Kaiser Wilhelm in aufrichtiger und vertrauensvoller Freundschaft verbunden und werde dieser für ihn, seine Krone und sein Reich überaus wertvollen Freundschaft unter allen Umständen treu bleiben. Er bitte Kaiser Wilhelm, dieser seiner Versicherung unbedingten Glauben zu schenken. Iswolski war in seinen Gesprächen mit dem Kaiser Wilhelm begleitenden Staatssekretär des Äußern, Baron Schön, wieder auf die „Unzuver- lässigkeit" und die „Indiskretion" des Barons Aehrenthal zurückgekommen, den er wegen seiner Drohung, streng vertrauliche russische Schriftstücke zu veröffentlichen, der Chantage beschuldigte. Aehrenthal habe es dadurch persönlich für immer mit dem russischen Hofe verschüttet, der berechtigt gewesen wäre, von dem langjährigen und mit russischen Gnadenbeweisen und Auszeichnungen überschütteten österreichisch-ungarischen Botschafter in St. Petersburg eine andere Handlungsweise zu erwarten. Gegenwärtig seien die Beziehungen zwischen Rußland und Österreich-Ungarn dadurch auf den Gefrierpunkt äußerlich halbwegs korrekter Formen gesunken. Die russische Politik bleibe nichtsdestoweniger friedlich. Allerdings hoffe und erwarte das St. Petersburger Kabinett, daß die deutsche Regierung die österreichische Regierung eintretendenfalls von einem neuen aggressiven Vorgehen auf der Balkanhalbinsel abhalten würde, da Rußland als slawische und orthodoxe Macht ein solches nach seinen Traditionen nicht ruhig hinnehmen könnte. Herr von Schön erwiderte auf Grund der ihm von mir erteilten Weisungen, daß die Österreicher die Idee des Vormarsches auf Saloniki aufgegeben hätten. In der Annexions-Frage habe es sich lediglich um die formelle Erledigung einer im Prinzip längst entschiedenen Frage gehandelt, zu deren praktischer Lösung äußere Umstände gedrängt hätten. Weder bei dem österreichischen Vorgehen im Sandschak noch in der Annexions-Frage hätten wir schiebend hinter Österreich-Ungarn gestanden. Der russische Minister des Äußern beß mir durch Schön die bestimmte Versicherung übermitteln, daß sich das russisch-engbsche Einvernehmen ausschließbch auf die bekannten zentralasiatischen Fragen erstrecke und ein weiterer Ausbau desselben von ihm nicht beabsichtigt und niemals, auch nicht in Reval, in Frage gekommen wäre. Er wolle weder die deutschen wirtschaftbchen Interessen in Persien beeinträchtigen, zumal er deren maßvolle Verfolgung von unserer Seite gern anerkenne, noch insbesondere seinem Einvernehmen mit England eine Spitze gegen Deutschland geben. Die Triple-Entente sei eine Erfindung der Presse. Kaiser Nikolaus und er dächten nicht daran, sich durch eine feste Gruppenbildung die Hände für DER ERSTE PRÄPARIERTE TOAST 483 immer zu binden. Der Ministerpräsident Stolypin sprach sich sowohl dem Kaiser wie Baron Schön gegenüber sehr erfreut über die Monarebenbegegnung und ihren guten Verlauf aus. Er erblicke in der Aufrechterhaltung friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden nordischen Nachbarmächten für Rußland eine Lebensfrage, und zwar nicht nur in außen-, sondern auch in innerpolitischer Richtung. Im Augenblick, wo er die russischen Gewässer verb'eß, erhielt Kaiser Wilhelm das nachstehende Telegramm des Zaren: „Glad to hear you arrived safely. Ahx and I were most happy to have reeeived you. We thank you hearty for the great pleasure you gave us by your visit and for your kindness to all our chddren who kiss their uncle. Your loving and devoted friend Nicky." Gleichzeitig übergab mir der russische Botschafter in Berlin einen vertraulichen Brief des Ministers Iswolski, in dem letzterer der hohen Befriedigung des Kaisers Nikolaus über den Verlauf der Begegnung Ausdruck gab. Es hieß in diesem Brief: „Pour la premiere fois nous avons vu l'Empereur Guillaume lisant en langue francaise un toast prepare d'avance et presque calque Sur celui de notre Auguste Maitre dont on nous avait demande le texte." 31* XXXII. KAPITEL Die Steuerfragen im Reichstag (16. VI. 1909) • Bülows letzte Rede im Reichstag • Das Ostmarken-Problem • Die Enteignungsvorlage • Wilhelm II. zu diesem Gesetz • Bülows frühere Reden (1907, 1908) zur Ostmarkenpolitik • Kundgebungen zur Annahme der Enteignungs-Vorlage • Widerspruchsvolle Haltung Wilhelms II. Bülow gegenüber Unterirdische Intrigen gegen Bülow • Erzberger, Röder, Martin • Wer wird Kanzler? Brief des Fürsten Wedel an Bülow Am Tage bevor die Entrevue in den finnischen Schären stattfand, am 16. Juni, begann im Reichstag die zweite Lesung der Steuervorlage*. Beim Reichstags- Beginn der Sitzung ergriff ich sogleich das Wort, um mich mit den großen rede bürgerlichen Parteien auseinanderzusetzen. Gegenüber dem Zentrum konstatierte ich, daß es mir nicht eingefallen wäre, seine Mitwirkung bei der Reichsfinanzreform abzulehnen. Auf meine ausdrückliche Weisung wäre das Zentrum wie alle anderen bürgerlichen Parteien von vornherein über die Absichten der verbündeten Regierungen unterrichtet worden. Ich hätte überhaupt nie eine Partei an positiver Arbeit verhindert, ich würde sachliche Unterstützung auch von den Sozialdemokraten annehmen. Ich hielt dem Zentrum die Verdächtigungen vor, die von Angehörigen seiner Partei gegen mich erhoben worden wären. In meiner politischen Haltung hätte mich das nicht irregemacht. Gegen Verleumdungen wäre ich abgebrüht. Ich verstünde allmählich, was Fürst Bismarck gemeint hätte, als er einmal einem ausgezeichneten Mann, der wenig Neigung zeigte, ein Ministerportefeuille zu übernehmen, in der ihm eigenen drastischen Ausdrucksweise sagte: „Eigentlich begreife ich, daß Sie nicht Lust haben, in die Drecklinie einzurücken." Ich hätte mich auch nicht dadurch beirren lassen, daß Mitglieder des Zentrums ihre gesellschaftlichen Beziehungen zu mir abgebrochen hätten. „Vielleicht trägt mein langer Aufenthalt im Ausland dazu bei, daß ich nicht gewohnt bin, daß man sich gegenseitig gesellschaftlich ausschließt, weil man politisch aneinandergeraten ist oder politisch oder wirtschaftlich anders denkt. Ich hoffe, daß sich in dieser Beziehung der Takt bei uns bessern wird, daß man auch bei uns dahin kommen wird, wo andere Völker schon lange sind. Namenüich in England denkt man nicht * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 214; Kleine Ausgabe II, 194. PREUSSEN UND DAS REICH 485 so kleinlich, die politischen Gegensätze auf das persönliche Gebiet zu übertragen. Ich hoffe, wir werden auch dahin kommen, daß man den, der in politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Fragen anders denkt als man selbst, deshalb nicht gleich für einen Narren oder für einen Schurken hält. Das wird dann ein schöner Fortschritt sein auf dem Wege der Befreiung von geistiger Gebundenheit, auf dem von Goethe empfohlenen Wege der Abstreifung von Philisternetzen. Aber vorläufig sind wir noch nicht so weit." Im weiteren Verlauf meiner Ausführungen hieß ich keinen Zweifel über meinen festen Entschluß, die Geschäfte so zu führen, daß die Liberalen nicht von der Mitwirkung ausgeschlossen würden, denn eine solche Mitarbeit erscheine mir im Interesse einer ruhigen und gesunden Fortentwicklung in hohem Grade wünschenswert. Den liberalen Geist auszuschalten aus unserem öffentlichen Leben und unserer Gesetzgebung, würde ich für ein historisches Unrecht halten und für einen politischen Fehler. „Was in dem alten Einheitsstaat Preußen möglich und gut war, ist nicht immer möglich und gut in dem Bundesstaat Deutsches Reich. Man wird in Süddeutschland und in Mitteldeutschland lernen müssen, den Wert des konservativen Preußen noch höher, viel höher zu schätzen. Man wird aber auch in dem konservativen Preußen nicht vergessen dürfen, daß die stämmeverbindende Kraft des Liberalismus mit seinem Anrecht auf nationaldeutsche Gesinnung für das Deutsche Reich unentbehrlich ist." Dann rechnete ich mit der Rechten ab. Ich erinnerte sie daran, daß ich, kaum Minister geworden, die damalige Spannung zwischen der Konservativen Partei und der Krone beseitigt, daß ich in jahrelanger Arbeit, mit großer Mühe, mit großer Geduld die gänzlich verfahrene Kanalfrage eingerenkt hätte, daß ich seit dem ersten Tage, buchstäblich seit der ersten Stunde meiner amtlichen Tätigkeit für die Wünsche, die Bedürfnisse, die Interessen der Landwirtschaft eingetreten wäre. Unter lebhafter Zustimmung und großer Heiterkeit der Linken rief ich den Konservativen zu: „Sie werden lange warten können, bis Sie wieder einen Kanzler bekommen, der konservative Interessen, die wahrhaft konservativen Interessen und die wirklichen und dauernden Bedürfnisse der Landwirtschaft so konsequent und namentlich so erfolgreich fördert wie ich. Ja! Ich habe sie gefördert, aber im Rahmen des Staatsinteresses. Von der Linie, die mir die Staatsräson vorschreibt, lasse ich mich auch durch die Konservative Partei nicht abdrängen." Die Konservativen irrten sich, fuhr ich fort, wenn sie glaubten, daß Konsequenz auch politische Fehler rechtfertige. „Der Sieg in der Gegenwart ist häufig der Pfad zur Niederlage in der Zukunft!" Ich scheute mich nicht, trotz lärmendem Widerspruch der Linken zu sagen, daß unter Führung der Monarchie die Junker, jawohl, die mit Unrecht viel geschmähten 486 WARNUNG AN DIE KONSERVATIVEN Junker, die preußische Macht aufgerichtet hätten und mit der preußischen Macht das Deutsche Reich. Ich wisse wohl, was die Elemente, die das Rückgrat der Konservativen Partei bildeten, während Jahrhunderten für Preußen geleistet hätten. Wenn sich aber die Konservative Partei berechtigten Forderungen verschließe, wenn sie unhaltbare Positionen nicht rechtzeitig räume, grabe sie sich durch ihre eigene Schuld ihr eigenes Grab. Ich richtete an die Konservative Partei jene warnenden Worte, die die Weiterentwicklung der Dinge nur zu sehr bestätigt hat: „Durch Ihr ,Unannehmbar' werden Sie die Erbschaftssteuer vielleicht in diesem Augenblick zu Fall bringen. Aber Sie werden dadurch für die Zukunft neuen Erbschaftssteuern die Wege bahnen, die ohne Sie und gegen Sie kommen und die den Gesichtspunkten und Wünschen der Konservativen Partei weniger Rechnung tragen werden als die Ihnen heute vorgeschlagene Besteuerung. Die Haltung der Konservativen Partei in dieser großen nationalen Frage wird einen tiefen Eindruck machen auf das deutsche Volk. Es können dadurch Widerstände und Gegensätze gegen die Konservative Partei hervorgerufen und gesammelt werden, es kann dadurch einem Radikalismus der Weg geebnet werden, den zu begünstigen weder Sie noch ich vor der Nachwelt verantworten können. Ich habe heute morgen in einem Zeitungsartikel gelesen, daß mein Gedanke einer Annäherung zwischen Konservativen und Liberalen nur ein Einfall zu taktischen Zwecken, zu Erlangung einer vorübergehenden parlamentarischen Konstellation gewesen wäre. Das trifft nicht zu. Durch die konservativ-liberale Parteikombination habe ich nicht nur die Liberalen zu politischer Mitarbeit und zur Anerkennung staatlicher Notwendigkeiten, sondern auch die Konservativen zu gesunder Fortentwicklung führen wollen. Ich habe dadurch Gegensätzen und Kämpfen vorbeugen wollen, die das politische Leben des zukünftigen Deutschland schwer erschüttern können. Daß das ein staatsmännischer Gedanke war, wird die Zukunft zeigen, und das wird auch die Geschichte anerkennen, gleichviel, ob der Träger dieses Gedankens früher oder später von seinem Platz abtreten wird." Ich betonte noch einmal scharf und klar, daß und warum ich an der Erbschaftssteuer festhielte. Ich lehnte es ab, im Bundesrat Steuern zu vertreten, die Handel und Verkehr schädigten, die Industrie belasteten, unsere gesamtwirtschaftliche Stellung verschlechterten. „Ich betrachte es als eine Pßicht ausgleichender Gerechtigkeit, als eine sozialpolitische Notwendigkeit, daß die der Gesamtheit aufzulegenden neuen Steuern zu einem erheblichen Teil von den Besitzenden getragen werden. Es geht nicht an, fünfhundert Millionen neue Steuern nur auf Verbrauchsabgaben oder andere indirekte Steuern zu legen, welche die Mittelklassen und die Wenigerbemittelten verhältnismäßig härter treffen als die Begüterten. Weil sie den Anforderungen sozialer Gerechtigkeit ANSAGE DES RÜCKTRITTS 487 entspricht, deshalb, nicht aus Eigensinn oder Rechthaberei, halte ich an der Erbschaftssteuer fest. Ich hoffe, daß im Reichstag Gemeinsinn, nationales und soziales Empfinden den Sieg davontragen werden über Kleinlichkeit und Parteigezänk." Ich schloß mit den Worten: „Wenn ich mich überzeugen sollte, daß meine Person der Sache entgegensteht, daß ein anderer leichter zum Ziel gelangt, oder wenn sich die Verhältnisse in einer Richtung entwickeln sollten, die ich nicht mitmachen kann, nicht mitmachen will und nicht mitmachen werde, so wird es mir auch möglich sein, den Träger der Krone von der Opportunität meines Rücktritts zu überzeugen, \md dann wird mein Wunsch, daß meinem Nachfolger Erfolg beschieden sein möge, ebenso ehrbch sein, wie es meine Arbeit im Dienste des Landes war." Es war das letzte Mal, daß ich im Deutschen Reichstag das Wort ergriffen habe. Während des ersten Teils meiner Rede wurde ich vom Zentrum und von den Sozialdemokraten mehrfach unterbrochen, dann aber schweigend angehört. Die beiden mir feindbehen Parteien zischten auch nicht, als ich schloß, während die Liberalen und die Mehrheit der Konservativen in stürmischen Beifall ausbrachen. Von den Berliner Abendblättern meinte das demokratische „Berliner Tageblatt", es würde zum mindesten nicht überraschen, wenn sich Fürst Bülow auch diesmal, trotzdem er mit seinem Rücktritt spiele, als Herr der Situation erweisen sollte. Die konservative „Kreuz-Zeitung" versicherte: „Die hohen Verdienste dieses Reichskanzlers auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik und der auswärtigen Politik sichern ihm für alle Zeit die Dankbarkeit der Nation und auch der Konservativen Partei. Wir hoffen und vertrauen auch heute noch, daß sein großes und staatsmännisches Geschick ihn Mittel und Wege finden läßt, um die gründ- Kche Reform der Reichsfinanzen in einer befriedigenden Weise zu lösen." Das leitende klerikale Blatt, die „Germania", bezeichnete meine Rede als „einen neuen Affront" gegen das Zentrum. Die freikonservative „Post" schrieb: „Darüber konnte niemand im Zweifel sein, daß der Tag der Abrechnung gekommen war, als Fürst Bülow sich erhob, um sofort mit einem mächtigen Ausfall ,aufs Ganze' vorzugehen. Klar und bestimmt übernahm er seine Führerrolle. Jedem einzelnen sagte er offen und ohne mit der Wimper zu zucken, wohin er sich verlaufen hätte und wo sein Platz sein muß, jeder Fraktion zeigte er ihre Irrtümer und taktischen Fehler und seine eigene Stellung." Mit Befriedigung konnte ich in diesen Monaten, die meinem Rücktritt vorangingen, auf den Stand der Ostmarkenfrage blicken. Ich hatte, nach- D ie dem die Zügel der preußischen Regierung in meine Hand gelegt worden waren, mehr als einmal erklärt, daß ich die Ostmarkenfrage als die wichtigste Frage unserer inneren Politik betrachte. Der Schwerpunkt lag in der konsequenten und entschlossenen Förderung des Ansiedlungswerks. Aber je Ostmarken- frage 488 W.-P.-, P.-P.- UND A.-A.-JAGOW bessere Fortschritte das Ansiedlungswerk machte, um so intensiver und leidenschaftlicher wurden die Anstrengungen der Polen, den Übergang polnischen Besitzes in deutsche Hand zu verhindern. Vor allem suchten sie zu verhindern, daß das Deutschtum zusammenhängenden Besitz auf Kosten des Polentums erwarb. Das aber war gerade notwendig, um den einmal für die deutsche Kolonisation erworbenen Grund und Boden gegen pohlische Einbrüche und Übergriffe zu sichern. Schon seit längerer Zeit war zwischen mir und den beiden Oberpräsidenten von Posen und Westpreußen eingehend und gründlich die Frage besprochen worden, wie der polnische Widerstand am besten zu überwinden wäre. Herr von Waldow und Herr von Jagow gehörten beide zu den tüchtigsten Beamten im alten preußischen Staat, und das wollte etwas bedeuten. Von Waldow sagte mir Bill Bismarck, der seinerzeit als Oberpräsident von Ostpreußen Herrn von Waldow als Regierungspräsidenten neben sich gehabt hatte, dieser wäre aus dem Holz, aus dem Fürst Bismarck brauchbare Verwaltungsbeamte zu schnitzen liebte. Seine Gegner nannten Waldow wegen seiner kühlen und etwas steifen Art „das gefrorene Handtuch", aber er war ein Mann. Jagow war nicht weniger brauchbar. Damals waren im Staatsdienst drei Sprossen dieser alten und trefflichen märkischen Familie: der W.-P.-Jagow, Oberpräsident von Westpreußen, der P.-P.-Jagow, Polizeipräsident von Berlin, und der A.-A.-Jagow, der spätere Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Die beiden Erstgenannten haben ihrer Familie und der Mark Brandenburg Ehre gemacht. Bei dem A.-A.-Jagow entsprach die kleinliche Seele dem kümmerlichen Körper, in dem sie hauste. Durchdrungen von der Notwendigkeit, die deutsche Ansiedlung in den Ostmarken zu fördern, entschloß ich mich, eine Enteignungsvorlage vor den Landtag zu bringen. Ich mache kein Hehl daraus, daß ich mich während meiner langen Amtszeit zu keiner anderen gesetzgeberischen Maßnahme so ungern entschlossen habe wie zu dem Enteignungsgesetz. Der Gesetzentwurf fand Gegnerschaft auf allen Seiten, nicht nur bei den traditionellen Gegnern jeder kräftigen Ostmarkenpolitik, dem Zentrum und den Freisinnigen, bei denen in diesem Falle das Fraktionsinteresse oder doktrinäre Betrachtungsweise und vorgefaßte Meinungen die Salus publica überwogen, sondern auch bei staatstreuen, einsichtigen und im übrigen regierungsfreundlichen Persönlichkeiten. Gewiß fielen Bedenken von dieser Seite für mich besonders ins Gewicht. Es gab aber keinen anderen Weg, uns die Möglichkeit zu gewähren, solchen Grundbesitz, der von polnischer Seite nur zu dem Zweck erworben und festgehalten wurde, um der Staatspolitik Widerstand und Hindernisse zu bereiten, auch gegen den Willen des jeweiligen Besitzers für den Staat zu erwerben. Rückschauend muß ich sogar gestehen, daß ich heute meine damaligen Bedenken gegen die streng, fast ängstlich umgrenzte, Letzte Rede Bülows im Reichstag am 16. Juni 1909 über seine Stellung zu den Parteien „IMMER FESTE AUF DIE WESTEI' 489 auf ganz bestimmte Fälle beschränkte Enteignungsvorlage ziemlich übertrieben finde. In einem Blatt, das seinerzeit meine Enteignuugspolitik heftig bekämpfte, im „Berliner Tageblatt", las ich um die Weihnachtszeit 1922: „Hinter der erschreckenden Ziffer der seit der Besitzergreifung deutschen Landes durch die Polen allein aus Posen und Westpreußen vertriebenen siebenmalhunderttausend Deutschen steigt die ganze Mensch- heits- und Kulturtragödie herauf, die sich hinter den Grenzmauern des neuen Polen, innerhalb des deutschen Posen, Westpreußen und Oberschlesien abspielt." ,Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen!' läßt Seume seinen Kanadier sagen. Als ich dem Kaiser gemeinsam mit dem Landwirtschaftsminister Arnim- Krieven und dem Finanzminister Rheinbaben über die Enteignungsfrage Die Vortrag hielt, hob ich mit Ernst und rückhaltlos alle Bedenken hervor, die Enteignung ich gegen diese gesetzgeberische Maßnahme gehegt und nur schwer und nur P°'" lse ' lerl angesichts einer Dira necessitas in mir überwunden hätte. Wilhelm II. ro ^ runrf D besitzes ging rasch und mit Ungeduld über meine Skrupel weg. „Nur immer feste auf die Weste!" meinte er. „Ich wünsche seit langem ein solches Gesetz! Endlich!" Als der Vortrag zu Ende war und wir die Marmortreppe hinuntergingen, die in breiten, eckigen Windungen die verschiedenen Stockwerke des Schlosses verbindet, frug mich der eifrige und redliche Rheinbaben erstaunt und beinahe unwillig: „Warum in aller Welt haben Eure Durchlaucht in den schäumenden köstlichen Wein der kaiserlichen Begeisterung für unsere Vorlage den Wermut Ihrer Zweifel und Bedenken gegossen?" Ich entgegnete, daß ich es für meine Pflicht gehalten habe, wie bei jedem gewagten Vorgehen auch diesmal Seiner Majestät das Pro wie das Contra gewissenhaft vorzutragen. Ich fügte hinzu: „Freuen wir uns, wenn Seine Majestät bei der Stange bleibt. Den Kaiser für neue Ideen, ein neues Unternehmen zu begeistern, ist leicht. Aber zu erreichen, daß er durchhält, daß er, wenn Schwierigkeiten und Gefahren eintreten, nicht ausbiegt oder umfällt, das ist nicht so leicht." Es dauerte auch nicht lange, daß Wilhelm IL, namentlich unter dem Einfluß seines Günstlings, des Fürsten Max Fürstenberg, in der Enteignungsfrage ins Schwanken geriet, daß er diese Maßnahme tadelte, daß er sie rückgängig machen wollte, und nach meinem Rücktritt wurde die Enteignungsvorlage für Seine Majestät ein Lieblingsthema, um meine politische Beschränktheit und moralische Minderwertigkeit zu beweisen. Immerhin: Quod licet Jovi, non licet bovi. Jupiter hat Rechte und Freiheiten, die dem Bos nicht zustehen. Während der Chef der Reichskanzlei, Loebell, meine Bedenken und Zweifel gegenüber der Enteignung würdigte, in sich erwog und durcharbeitete, überbot der Vortragende Rat in der Reichskanzlei, Wahnschaffe, wegen seiner glänzenden Fassade der „schöne" Wahnschaffe genannt, in 490 W AH?. SCHAFFE seinem Kampfeseifer gegen die Polen die schärfsten Hakatisten. Ich mußte ihn mehr als einmal daran erinnern, daß ich eine Anwendung der Enteignung nur da zuließe, wo es sich um Grimdbesitz handelte, der erst in neuester Zeit aus deutschen in polnische Hände übergegangen war oder dessen polnische Eigentümer seit Jahr und Tag der eigenen Scholle fern im Auslande, in Paris oder Monte Carlo, weilten. Wahnschaffe wäre am liebsten ohne Wahl noch Unterschied gegen jeden polnischen Besitz vorgegangen. Derselbe Wahnschaffe hat als treuer Knecht von Bethmann Hollweg während des Weltkriegs mein Buch über „Deutsche Politik" im Bereich des Oberkommandos Ost verbieten lassen, da das, nebenbei gesagt, sehr maßvolle Kapitel über Ostmarkenpobtik die Gefühle unserer „ritterlichen polnischen Freunde" verletzen könnte. Es war derselbe Geheimrat Wahnschaffe, der unter Prinz Max von Baden im November 1918 als Chef der Reichskanzlei nicht aus der Telefonzelle der Berliner Reichskanzlei wich und immer wieder Spa mit der Frage anklingelte, ob Seine Majestät der Kaiser und König nicht endbch abdanken wolle. Bei der besonderen Schwierigkeit der Enteignungsvorlage habe ich, wie ich hier zusammenfassend bemerken möchte, sie im Abgeordnetenhaus wie im Herrenhaus persönlich vertreten. Ich hatte schon am 26. November 1907 konstatiert*, daß während meiner Die Vorlage Amtszeit ungefähr doppelt so viel deutsche Bauernfamüien im deutschen im Abgeord- Osten angesiedelt worden waren wie in allen vorangegangenen Jahren seit netenhaus jggg^ wo p^gt Bismarck die Ansiedlung in Angriff nahm. Es wäre also, führte ich aus, die Hoffnung berechtigt, daß durch unsere Ostmarkenpobtik in der Provinz Posen die seit 1867 beständige Verschiebung der Bevölkerungsziffer zuungunsten des Deutschtums allmählich zum Stillstand gekommen wäre. Ich wies mit reichhaltigem Material darauf hin, daß im letzten Ende der Grundbesitz darüber entscheide, ob unsere Ostprovinzen deutsch oder polnisch sein würden. Ginge es so weiter, so würde voraus- 6ichtbch in zwanzig Jahren der deutsche Grundbesitz nur aus Fidei- kommissen und Domänen bestehen und gegenüber dem polnischen sich in verschwindender Minderheit befinden. Unter lärmendem Widerspruch der Polen erklärte ich klipp und klar: „Wir können unsern Landbedarf im freihändigen Ankauf nicht mehr decken, und daraus ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit, daß ein eminentes Staatsinteresse die Einräumung der Enteignungsbefugnis an die Ansiedlungskommission erfordert." Der preußische Staat würde seine oberste Pflicht, die Pflicht der Selbsterhaltung, versäumen, wenn er die wirksamste Schutzmaßregel, die Ansiedlungs- pobtik, in dem Augenblick aufgeben wollte, wo sie anfinge, dauernde Erfolge * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 45ff.; Reclam-AuBgabe IV, 257ff. STURM IM LANDTAG 491 zu verheißen. Ich sprach den Parteien, die meine Politik bis dahin unterstützt hatten, den Dank der Königlichen Staatsregierung aus für die Einmütigkeit, mit der sie unter Zurückstellung gewichtiger Bedenken 6ich bereit erklärt hätten, freie Bahn zu scharfen für die Fortsetzung unserer Ansiedlungspolitik, einer Politik, durch die allein unser Staatswesen bleiben könne, was es immer bleiben müsse, ein nationaler Staat. Der Sitzungsbericht vom 16. Januar 1908 verzeichnet hinter meiner bei der zweiten Beratung der Enteignungsvorlage im Hause der Abgeordneten gehaltenen Rede*: „Lebhaftes Bravo rechts und bei den Nationalliberalen, Zischen bei den Polen und im Zentrum. — Wiederholtes starkes Bravo rechts und bei den Nationalhberalen, erneutes heftiges Zischen bei den Polen und im Zentrum. Stürmisches Bravo rechts und bei den Nationalhberalen." Ich habe selbst im Reichstag kaum stürmischere Debatten erlebt als die Redekämpfe im Preußischen Landtag anläßlich der Enteignungsvorlage. Noch schwieriger als im Abgeordnetenhaus war die Enteignungsvorlage im Herrenhaus durchzubringen. Hier opponierte ihr, in gewählter Form, Im würdig und maßvoll wie immer, aber mit großer Zähigkeit, mein verehrter Herrenhaus Gönner und Freund, der Kardinal Kopp. Auch der frühere Landwirtschafts- minister Lucius, mein alter Freund Graf Mirbach- Sorquitten, Leo Buch und andere treffliche Männer machten mir scharfe Opposition. Ich hielt aber in stundenlangen Debatten während drei Tagen fest an meinem Leitsatz. Ohne die Möglichkeit der Enteignung keine zweckmäßige Ansiedlungspolitik, ohne die Ansiedlungspolitik verlieren wir unsere östlichen Marken. Ich mußte fünf- oder sechsmal im Landtag das Wort ergreifen, im Herrenhaus mehrmals in derselben Sitzung. Gegenüber Rechtsbedenken, die gegen die Enteignungsvorlage geltend gemacht worden waren, sagte ich: „Die Kehrseite des lebendigen und warmen Rechtsgefühls, das unser Volk auszeichnet, dieser seiner vielleicht schönsten Eigenschaft, ist seine politisch oft gefährliche Neigung, sich in abstraktem Formalismus zu verirren, ist der uns Deutschen seit jeher eigene Trieb, auch große politische Fragen lediglich vom Standpunkte des Privatrechts zu beurteilen. Damit kommt man in großen politischen Existenzfragen nicht durch. Die erste, die oberste und vornehmste Pflicht des Staats ist, sich selbst zu behaupten. So machen es alle anderen Völker, und wenn wir es nicht ebenso machen, so kommen wir unter die Räder." Gegenüber der Behauptung, daß unsere Ostmarkenpolitik in Österreich mißfiele und uns dort schaden würde, erklärte ich: „Es ist gut, alle Wetterzeichen am Horizont der auswärtigen Politik zu beachten und namentlich jedes Wetterleuchten. Aber vor jedem Stirnrunzeln * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 90ff.; Reclam-Ausgabe IV, 286ff. 492 POLEN-KOMPROMISS des Auslandes zu erbeben, ist nicbt die Art großer Völker. Es ist unsere Pflicbt, durch eine gerechte und ruhige Politik Vertrauen und Achtung zu erwerben und mitzuarbeiten an der großen, gemeinsamen Aufgabe der Zivilisation. Aber allen Haß und jeden Neid zu entwaffnen, das ist weder dem einzelnen möglich noch einem ganzen Volk. Wir müssen uns mehr ruhiges Nationalgefühl angewöhnen, mehr trotzigen Selbsterhaltungstrieb." Schließlich gelang es mir, in beiden Häusern des Landtags den Kompromißantrag Adickes durchzubringen, durch den die Beschränkung der Enteignung auf neun Kreise von Posen und Westpreußen beseitigt und der Regierung das Recht eingeräumt wurde, in allen Teilen der genannten Provinzen bis zu einer Gesamtfläche von siebzigtausend Hektar zu enteignen. Im Gegensatz zu manchen seiner konservativen und agrarischen Freunde trat Herr von Oldenburg mit Schwung und Schneid für die Enteignungsvorlage ein. Er war mit seinem Humor, in seiner Originalität und Urwüchsigkeit ein Junker von der besten Sorte. Er sprach mir aus der Seele, als er seine Rede mit den Worten schloß: Der Adler Preußens wendet sich zum Lichte, Schwer ist sein Flug, er trägt die Weltgeschichte. Nach Durchbringung der Vorlage erhielt ich von dem Vorstand des Ostrich An- marken Vereins ein Dankschreiben, in dem die unter meiner „hingebungs- nahme des vollen und zielbewußten Führung" erkämpfte Annahme des Enteignungs- ompromisses g ese t zes a l s em d em Deutschtum in den Ostmarken erwiesener Dienst von weltgeschichtlicher Tragweite bezeichnet wurde. Die überwältigende Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung atme, von einem schweren Alpdruck befreit, freudig und hoffnungsvoll auf. Der ehrwürdige, mehr als achtzigjährige General Graf Wartensleben, im siegreichen Kriege gegen Frankreich der ruhmvolle Oberqnartiermeister der Ersten Armee, schrieb mir: „Euer Durchlaucht beglückwünsche ich von ganzem Herzen zu dem schweren, aber entscheidenden Siege in der Ostmarkensache. Ich hatte mich schon vor längerer Zeit für den 26. zum Wort gemeldet. Leider bin ich aber zum erstenmal mit meinen einundachtzig Jahren zur unrechten Zeit erkrankt und mußte auf entschiedenes Verbot des Arztes die Reise nach Berlin aufgeben. Ich trage schwer daran, daß ich dieses Mal meiner Pflicht nicht genügen konnte. Die Hauptsache aber ist das gestrige, anscheinend über Erwarten günstige Ergebnis. In altbekannter Verehrung Eurer Durchlaucht aufrichtig ergebenster Graf Wartensleben, General der Kavallerie." Mein Personalreferent Fürst Lichnowsky erzählte mir bald nach Jer Annahme der Enteignungsvorlage vertraulich, daß seine an den Polen Lanskoronski verheiratete jüngste Schwester ihm geschrieben habe, sie höre von allen ihren galizischen Verwandten, Nachbarn und Freunden die BÜLOWS GEGNER 493 Ansicht, daß, wenn nun das Enteignungsgesetz ohne unnötige Härten, aber mit ruhiger Festigkeit und Stetigkeit zehn Jahre durchgeführt würde, das Deutschtum im preußischen Osten gesiegt habe. So standen im Osten die Dinge, als Heydebrand und sein Schildknappe Westarp mit Hilfe der Polen meinen Rücktritt herbeiführten und damit einer Entwicklung die Wege ebneten, die zu der Wiederherstellung von Polen und damit zum Verlust der deutschen Ostmark führte. Je näher in der Frage der Erbschaftssteuer die Entscheidung rückte, um so höher stieg die Erregung im Lande, das ohne Frage und gerade in Wilhelm II. seinen besten, in den national gesinnten Kreisen mein Bleiben wünschte. un(l Bül° w Um so eifriger aber wurden auch die Bemühungen meiner Gegner und namentlich meiner höfischen Gegner, meinen Rücktritt herbeizuführen. Die Haltung Seiner Majestät wurde immer widerspruchsvoller. Ich hatte Weisung gegeben, dem Kaiser alle ernsten Zeitungsartikel über die inner- politische Lage und insbesondere über mich selbst vorzulegen, nicht nur die freundlichen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, die unfreundlichen. Ad marginem der für mich günstigen Artikel schrieb Seine Majestät; „Bravo! Bravissimo! Ganz vorzüglich! So sollten alle denken!" Tadel und Angriffe gegen mich wurden mit Randvermerken versehen, wie „Lüge! Verleumdung! Elender Preßpirat!" Ich entsinne mich des Artikels eines Wiener Blatts, in dem ausgeführt wurde, der Kaiser wäre zu edel und zu patriotisch, als daß er mir meine Haltung während der Novemberkrisis von 1908 nachtragen könnte. Der Kaiser schrieb ad marginem: „Ist mir aus der Seele geschrieben!" Ich entsinne mich auch eines anderen Artikels, in dem es hieß, daß der Kaiser innerlich meinen Fortgang nicht ungern sehen würde, denn er grolle mir wegen der Vorhaltungen, die ich ihm im November 1908 gemacht hätte. Der Kaiser schrieb an den Rand: „Schurke! Erbärmbcher Verleumder!" Leider hörte ich aber auf der anderen Seite von Vorgängen, die nicht ganz mit diesen Allerhöchsten Marginalien übereinstimmten. Graf August Eulenburg teilte mir vertraubch mit, daß der Kaiser zu längerer Unterredung denselben Eckardstein empfangen hätte, den er nach seinem skandalösen Ehescheidungsprozeß und allerlei anderen üblen Streichen und öffentlicher Brandmarkung aus dem Beamtenstand hatte ausstoßen wollen. Ich hörte auch, daß der Kaiser einen meiner gehässigsten Gegner, den Grafen Hans Oppersdorff, mit seiner Frau zu einem kleinen Diner befohlen und sich lange mit ihm unterhalten habe. Um diese Einladung vor der Kaiserin, die lebhaft mein Bleiben wünschte, zu motivieren, war ihr gesagt worden, daß die Gräfin Oppersdorff nicht weniger als zwölf Kindern das Leben gegeben hätte und das in vierzehn Jahren. Unter den zwölf Sprossen waren nämlich zwei Zwillingspärchen. Die Gräfin Dodo Oppersdorff, eine geborene Prinzessin Radziwill, war übrigens eine schöne 494 EIN HINTERTREPPENROMAN und gute Frau, sehr verschieden von ihrem üblen Gatten. Die Kaiserin Auguste Viktoria, die das war, was die Heilige Schrift eine fröhliche Kindermutter nennt, interessierte es sehr, eine Frau zu sehen, die so Großes für die Volksvermehrung geleistet hatte. Am ärgsten trieb es der Zeremonienmeister Eugen Röder. Er hatte heimliche Zusammenkünfte mit meinem heftigsten Gegner im Zentrum, dem später viel genannten Matthias Erz- berger, dem er auseinandersetzte, daß der Kaiser mir innerlich feindlich gesinnt sei und sehr erfreut sein würde, wenn es dem Zentrum gelänge, mich zu stürzen. Der Abgeordnete von Biberach, damals noch nicht vierunddreißig Jahre alt, wurde dadurch zu einer sehr heftigen Rede veranlaßt, in der er mich unter Anspielung auf ein bekanntes Gedicht von Ludwig Uhland mit dem schlechten Knecht vergüch, der seinen edlen Herrn erstach, weil er selbst gern Ritter sein wollte. Das ließ sich als Witz allenfalls hören, wenn es auch nicht geistreich war, wie die schon erwähnten Artikel des Pariser „Figaro", in denen ich mit Gonthram-le-Bose verglichen worden war. Ganz plump war ein Pamphlet, das Rudolf Martin gegen mich vom Stapel ließ. Hier wurde im Stil und mit den Mitteln eines Hintertreppenromans meine Verworfenheit enthüllt. Ich hätte den Kaiser dazu verleitet, in England die Äußerungen zu tun und die Gespräche zu führen, die ich dann absichtlich durch den Artikel des „Daily Telegraph" zur allgemeinen Kenntnis gebracht habe. Mein Plan sei gewesen, den auf diese Weise kompromittierten Kaiser durch den von mir ad hoc gebildeten Block absetzen zu lassen. Zweck und Ziel des Ganzen: die Proklamierung der Republik unter meiner Präsidentschaft. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel dieses Machwerks und auch nicht genau an seinen Inhalt. Solche Schmähschriften haben mir übrigens nie den mindesten Eindruck gemacht, die Martinsche so wenig wie das dreizehn Jahre später erschienene, noch dümmere Pamphlet des Professors Dr. Johannes Haller in Tübingen. Gegenüber derartigen Angriffen tröstete ich mich mit dem Verschen von Goethe, daß, wo sogar der große Walfisch seine Laus habe, der kleinere Mensch sich über Insektenstiche nicht aufzuregen brauche. Immerhin war es kein gutes Symptom, daß der Kaiser das Martinsche Pamphlet mehrfach als ein ganz gutes Buch empfohlen hatte, das ein neues Licht auf die Novemberkrisis von 1908 werfe. Wie stimmte das zu der freundlichen Haltung Seiner Majestät mir gegenüber ? Wie stimmte es namentlich zu den Allerhöchsten Marginalien ? Ich glaube nicht, daß von Seiten des Kaisers bewußte Falschheit, absichtliche Doppelzüngigkeit vorlag. Er war kein Louis XI von Frankreich und noch weniger, trotz der törichten Schrift, die bald nach seinem Regierungsantritt unter dem Titel „Caligula" der freisinnige Professor Quidde über ihn veröffentlicht hatte, ein vom Cäsarenwahnsinn erfaßter römischer OHNE KAISERLICHEN SCHILD 495 Kaiser. Er war, wie sich eine englische Freundin von mir ausdrückte, die Wilhelm II. seit seiner Jugend kannte: „Not false but fickle“. Je nach seiner momentanen Stimmung wechselten seine Ansichten und Urteile. Die Stimmung hing wieder zum großen Teil von den Menschen ab, die er gerade gesehen hatte. Albert Ballin pflegte zu sagen: „Wenn ich zum Kaiser gehen muß, pflege ich immer zu fragen, wer zuletzt mit ihm gesprochen hat. Dann weiß ich auch, was er denkt.“ Ich möchte übrigens ausdrücklich betonen, daß unter den „Kaisertreuen“, die gegen mich intrigierten, Unterschiede, zum Teil tiefgehende Differenzen in Art und Wesen bestanden. Einige waren nur Werkzeuge, die von den Höherstehenden benutzt, aber gleichzeitig verachtet wurden. Als einige Jahre nach meinem Rücktritt der Kaiser die Schweiz besuchte, nahm er Eugen von Röder zur Belohnung für seine Kaisertreue mit auf die Reise. Der Vater Röder war deutscher Gesandter, und ein ganz tüchtiger Gesandter, in der Schweiz gewesen. Deutscher Gesandter in Bern war während dieses Kaiserbesuchs mein Bruder Alfred. Als der Kaiser mit seinem Gefolge bei einem kleinen Spaziergang auf einem Schweizer Bauernhöfe weilte, wo sich in ländlicher Unschuld auch eine Mistgrube breitmachte, bemerkte mein Bruder, wie sich Röder in allzu großer Nähe dieser übel duftenden Grube befand, und gab der Besorgnis Ausdruck, daß er in diese Grube fallen und so zu Schaden kommen könnte. „Lassen Sie nur gut sein“, meinte der neben meinem Bruder stehende Max Fürstenberg, „in die Jauche gehört das Ferkel.“ Zu meinem Geburtstag hatte ich ein ungewöhnlich herzliches Telegramm des Kaisers erhalten. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich nach meinem Rücktritt freiwillig und unaufgefordert dem Kaiser alle von ihm an mich gerichteten Briefe und Telegramme zurückgereicht und nur von wenigen Abschrift behalten habe. Ich erinnere mich aber mit Bestimmtheit, daß der Kaiser in diesem letzten Geburtstagstelegramm, das er während meiner Amtszeit an mich richtete, dem Wunsch und der Hoffnung Ausdruck gab, ich möge ihm noch lange als Kanzler zur Seite stehen. Es folgte in dem kaiserlichen Telegramm ein sehr kräftiger Satz, daß er sich weder durch gegen mich gerichtete Angriffe noch durch Presseumtriebe oder parlamentarische Beschlüsse an mir irremachen lassen würde. Loebell bat um die Erlaubnis, diesen Beweis Allerhöchster Gnade und Allerhöchsten Vertrauens zu veröffentlichen. Ich habe das abgelehnt. Nachdem ich im November 1908 den Kaiser im Interesse des Landes wie der Krone vor allzu häufigem Erscheinen auf der politischen Bühne gewarnt hatte, erschien es mir nicht würdig, jetzt den kaiserlichen Schild vor mich zu halten. Ich pflegte, solange ich Reichskanzler war, zu meinem Geburtstage viele Glückwünsche zu erhalten. Donec eris felix, multos numerabis amicos. Zum 3. Mai 1909 war die Zahl der Gratulanten besonders groß. Der General- Biilows 60. Geburtstag 496 BÜLOWS SECHZIGSTER GEBURTSTAG adjutant von Plessen schrieb mir: „Klassischer Zeuge der unermüdlichen Mühen und Sorgen, welche täglich aufs neue Ihren Schultern zugemutet werden, zittere ich vor dem Gedanken, daß Sie eines Tages diese Bürde abschütteln könnten. Wollte Gott, daß Ihr kommendes Lebensjahr dem Kaiser und dem Vaterlande geweiht sei! Ich weiß sonst nicht, was werden soll. Die Fürstin hat Sie so lange in der schweren Arbeit gestützt und gepflegt, möchte ihre selbstlose Hingabe der guten Sache auch ferner beistehen! Das sagen Sie ihr, bitte, mit meinen besten Empfehlungen." Der Staatssekretär von Bethmann Hollweg, dem ich anläßlich der Annahme des Vereins- und des Börsengesetzes meine Befriedigung ausgesprochen hatte, telegraphierte mir mit gleichzeitigem Glückwunsch zu meinem Geburtstag: „Die Mitarbeit an der durch Eure Durchlaucht neu orientierten inneren Politik, welche zahllose, früher verbitterte Kräfte zu neuem Leben erweckt und welche schließlich auch eine neue Brücke über den Main schlagen wird, ist mir der größte Lohn." Natürlich fehlte auch der aufdringliche Professor Schiemann nicht, den ich wieder einmal wegen eines taktlosen Artikels hatte koramieren müssen. Er schrieb nach submissem Glückwunsch zu meinem sechzigsten Geburtstag: „Ich bin mir bewußt, mit größter Vorsicht vorzugehen, und weiß nicht, worin ich fehlgegriffen habe. Aber das Bewußtsein, nicht zu nützen, sondern schädlich zu wirken, wäre mir unerträglich! Aus dieser Empfindung heraus bin ich in stets gleicher Verehrung Eurer Durchlaucht ehrfurchtsvollst ergebener Theodor Schiemann." Mein Pressechef Hammann wollte seinen Glückwunsch nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich darbringen und schrieb trotz der Fährden und Nöte seines Meineidsprozesses: „Eure Durchlaucht mögen überzeugt sein, daß ich mich heute wie immer unter denen befinde, die dem Menschen wie dem Staatsmann von ganzem Herzen Glück und Segen und neue Erfolge für des Beiches Wohl im reichsten Maße wünschen. Ein Jahr voll großer Arbeit liegt hinter Ihnen. Sie haben das Schwerste standhaft und treu im gottbegnadeten Vollbesitz Ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Gaben überwunden. Möge Eure Durchlaucht im neuen Jahr der alte bleiben, im Menschlichen wie im Politischen, im Mühen wie im Erfolg. In dankbarer Verehrung Euer Durchlaucht gehorsamer Hammann." Der langjährige Korrespondent der „Frankfurter Zeitung", August Stein, der politisch nicht immer mit mir einverstanden war, mir menschlich aber wohlwollte, hatte nicht lange vor meinem Geburtstag sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Mitarbeiter des großen Frankfurter Blattes gefeiert. Auf einen Glückwunsch, den ich ihm bei dieser Gelegeuheit ausgesprochen hatte und in dem ich dem scherzhaften Erwarten Ausdruck gab, er werde auf die silberne Hochzeit mit der Frankfurterin auch noch WER WIRD NACHFOLGER? 497 die goldene folgen lassen, antwortete mir August Stein: „Eure Durchlaucht bitte ich, meinen besten Dank entgegenzunehmen für die freundlichen Worte und Wünsche, mit denen Sie mich aus Anlaß meiner silbernen Hochzeit mit der Frankfurterin geehrt haben. Doch Eurer Durchlaucht mögen mir verzeihen: noch fünfundzwanzig Jahre in diesem Dienst und noch einen Reichskanzler, der mir wohlgesinnt ist und dem ich durch persönliche Verehrung in allen Wechseln der Politik ergeben bin--nein, Durchlaucht, das wären ,Vota diis exaudita mabgnis'. Der Publizist wandelt in Deutschland nicht ungestraft unter der Gunst und in der Verehrung für den leitenden Staatsmann. Ich habe gar keine Sehnsucht nach irgendeinem Nachfolger. Die sozialdemokratische Leipziger Volkszeitung hat mich in diesen Tagen ,neben Mohrchen den treusten Stubenhund des Reichskanzlers' genannt. Das nehme ich lachend hin, aber der Gedanke ängstigt mich, daß ein späterer Kanzler irgendein anderes Haustier halten könnte, mit dem dann sozialdemokratische Liebenswürdigkeit mich vergliche. Dem Nächsten würde ich unbedingt opponieren. Und da ich das nicht gern täte, lassen Eure Durchlaucht sich vielleicht bewegen, noch einige Jahre an der Spitze zu bleiben, und lassen sich gefallen die aufrichtige Verehrung Ihres ganz ergebenen A. Stein." Gustav Schmoller, neben und mit Ulrich von Wilamo- witz seit Mommsens Tod der größte lebende deutsche Gelehrte, schrieb meiner Frau: „Ich kann diese Zeilen nicht abgehen lassen, ohne Ihnen von ganzer Seele zu gratulieren zu den letzten Reden des Reichskanzlers. Er hat sich mit denselben selbst übertroffen. Ganz Europa bewundert ihn als den Friedensstifter, und mit Recht. Und ich hoffe, seine große Staatskunst wird ihm auch in der inneren Pohtik, in der Reichsfinanzreform weitere große Erfolge sichern. Je schwieriger die innere Lage bei uns in Deutschland ist, je mehr das Parteigetriebe die Leitung der Reichspolitik erschwert und großen Reformen Hindernisse bereitet, desto unentbehrlicher ist Fürst Bülow für uns. Seine Geschicklichkeit in der Behandlung der Menschen und Parteien ist ebenso groß wie seine Beredsamkeit, welche glücklichen Humor mit der Höhe der Gesichtspunkte und der zwingenden Kraft durchschlagender Argumente verbindet." Es war begreifbch, daß seit der Novemberkrisis von 1908, und insbesondere seitdem abfällige Äußerungen Seiner Majestät über mich kol- Brief des portiert wurden, die Frage meiner Nachfolgerschaft diskutiert wurde. Statthalters Während mancher Ehrgeizige sich in dieser Richtung bemühte, erhielt ich ^ Ta f en Wedel von dem Statthalter von Elsaß-Lothringen, dem damaligen Grafen, späteren Fürsten Karl Wedel einen Brief, den ich folgen lasse, weil er den lauteren Charakter, die vornehme Bescheidenheit und den Patriotismus dieses ausgezeichneten Mannes treu wiedergibt: „Mein beber Bülow! Die langjährigen freundschaftlichen Beziehungen, die uns verknüpfen, geben 32 Bülow II 498 GRAF WEDEL WILL NICHT eine Bürgschaft dafür, daß Sie mich nicht mißverstehen, wenn ich Ihnen ganz offen mit einem Anliegen komme, das Ihnen im ersten Moment vielleicht eigenartig erscheinen mag. Ich hatte anfangs die Absicht, Ihren Bruder Karl Ulrich als Vermittler in Anspruch zu nehmen, bei ruhigem Nachdenken erscheint es mir indessen viel richtiger und einfacher, mich vertrauensvoll an Sie direkt zu wenden. Ich erachte mich dazu sogar verpflichtet, da Sie wissen, daß ich Ihnen nicht nur in Freundschaft, sondern auch in aufrichtiger Dankbarkeit ergeben bin. Doch zur Sache, um Sie nicht zu lange aufzuhalten. Verschiedene Blätter nennen mich seit einiger Zeit unter denen, die berufen sein könnten, einmal Ihre Nachfolge anzutreten. Darauf baute ich nicht, weil die Zeitungen viel dummes Zeug schwätzen. Auch auf privatem Wege sind Andeutungen in dieser Richtung an mich herangetreten. Dem lege ich ebensowenig Bedeutung bei, indem ich mich indifferent oder ablehnend verhalte. Was mich aber frappiert hat, ist, daß mir vor etlichen Monaten zugetragen wurde, Sie hätten die Absicht geäußert, mich damals im Falle Ihres Abgangs zu Ihrem Nachfolger vorzuschlagen. Im stillen hatte ich gehofft, daß Sie während unseres langen, intimen Tete-ä-tete im Januar mir eine bezügliche vertrauliche Andeutung machen würden, da ich meinerseits ja aus begreif licher Diskretion die Frage nicht anrühren konnte. Wäre ersteres geschehen, so hätte ich mich Ihnen gegenüber sofort vertraulich und offen ausgesprochen, und dieser Brief wäre gegenstandslos geworden. Vielleicht war ja übrigens jene Nachricht überhaupt falsch. Dann würde ich freilich die Prämisse verloren haben, die Aussprache aber bleibt mir trotzdem Bedürfnis. Ohne mich eines Mangels an Bescheidenheit schuldig zu machen, glaube ich sagen zu dürfen, daß es mir an tiefem Pflichtgefühl und Patriotismus niemals gefehlt hat. Ich bin daher auch stets bereit, meinem kaiserlichen Herrn und meinem Vaterlande jedes Opfer zu bringen. Aber ich halte es ebenso für die vornehmste Pflicht jedes reifen und ehrlichen Mannes, sich selbst zu erkennen und gewissenhaft zu prüfen. Ein Amt zu übernehmen, dem man sich nach innerster, fester Uberzeugung nicht gewachsen fühlt, erachte ich für eine leichtfertige und unpatriotische Handlung, denn um Versuche oder Experimente zu wagen, dazu stehen zu hohe Güter auf dem Spiel. Das Vertrauen anderer ist gewiß ein köstlich Ding, aber es verliert einen großen Teil seiner Bedeutung, wenn es nicht durch das Vertrauen auf das eigene Ich die unbedingt notwendige Ergänzung findet. Das Wollen reicht nicht aus, auf das Können kommt es an! Nun, da haben Sie meine Lage! Sapienti sat! Wenn man mir also einmal den Kanzlerposten anbieten sollte, so würde meine Antwort nach Pflicht und Gewissen ein unerschütterliches ,Nein' sein, auch wenn die Konsequenz der Verzicht auf mein jetziges Amt sein müßte. Mein Ehrgeiz ist längst befriedigt, und wenn ich auch noch arbeitsfähig SEIN FREUNDESBRIEF 499 und arbeitslustig bin, so würde doch das Bewußtsein, mit meinem Refus lediglich eine patriotische Pflicht erfüllt zu haben, mir den eventuell notwendigen Rücktritt leicht machen. Daß jenes Anerbieten niemals an mich herantreten wird, hoffe und glaube ich zwar aus verschiedenen Gründen, daß Sie aber gegebenenfalls dasselbe nicht anregen, ist der Zweck dieser Zeilen, indem ich die inständige Bitte an Sie richte, von meiner Kandidatur ein für allemal Abstand zu nehmen und mich nicht in die peinliche Notwendigkeit einer kategorischen Ablehnung bringen zu wollen. Glücklicherweise Hegt ja der Fall vorderhand noch auf rein hypothetischem Gebiete und wünsche ich von Herzen, daß Sie uns noch lange an der Spitze der Reichsverwaltung erhalten bleiben, so schwer Sie auch manchmal unter den jetzigen Verhältnissen die Bürde des Amtes drücken mag. Daß gegen Sie intrigiert und an gewisser Stelle Stimmung gegen Sie gemacht wird, das hörte ich ja, und ebenso kann ich mir nach meiner Personalkenntnis psychologisch das Vorhandensein einer tiefen Gereiztheit wohl erklären. Aber das kann und wird sich ändern, besonders wenn Ihre Unentbehrlich- keit sich von neuem durch Erfolge dokumentiert und der zur Waffe geschmiedete Vorwurf lauer Vertretung bei längerer, ruhiger Erwägung der tatsächlichen Verhältnisse sich als haltlos verflüchtigt. Ganz objektiv betrachtet, hat ja der jetzige formelle Verkehr gute Früchte gezeitigt, denn seit Jahren haben wir uns nicht solcher Ruhe und Stetigkeit erfreut wie in den letzten Monaten, und das trotz der ernsten inneren und äußeren politischen Lage. Ich freue mich dessen als treuer Diener unseres Herrn und als Patriot, und zwar für Ihn wie für das Vaterland. Mit dem warmen Wunsche, daß Ihnen das große Werk der Finanzreform gelingen und es Ihnen damit beschieden sein möge, dem Reichsschiffe diejenige Festigkeit zu geben, deren es bedarf, um etwaige Stürme nicht nur nicht zu scheuen, sondern ihnen im Notfall auch erfolgreich zu trotzen, bin ich in alter Freundschaft Ihr treu ergebener Carl Wedel." 32* XXXIII. KAPITEL Wilhelm II. hält nach außen noch zu Bülow • Deutsch-französische Beziehungen Briefe des Grafen Metternich • Die Würfel fallen im Reichstag • Abstimmung vom 24. VI. 1909 • Bülows Demissionsgesuch • Audienz bei Wilhelm II. in Kiel • Herr von Bethmann Hollweg als Kanzler in Aussicht genommen • Kabinettsrat von Valentini • Frühstück an Bord der Jacht des Fürsten von Monaco • Abschied vom Kaiser, Bülows letzte Ermahnungen • Herr von Valentini wünscht Kanzlerwechsel erst im Herbst Je näher die entscheidende Abstimmung des Reichstags über die Erbschaftssteuer rückte, um so eifriger wurden von meinen Gegnern abfällige Äußerungen Seiner Majestät über mich kolportiert. Ich konnte an ihrer Authentizität nicht zweifeln, obschon der Kaiser bis unmittelbar vor der Ablehnung der Erbschaftssteuer durch den Reichstag in seinen öffentlichen Kundgebungen sich demonstrativ auf meine Seite stellte. Noch am 22. Juni 1909 hielt Wilhelm II. in Cuxhaven bei dem Festmahl des Norddeutschen Regattavereins an Rord des zehn Jahre früher auf der Werft des Vulkan in Stettin von mir getauften Hapag-Dampfers „Deutschland" eine Rede, in der er der bestimmten Hoffnung Ausdruck gab, daß in der Frage der Reichsfinanzreform, dieser für unser Vaterland nach innen wie nach außen unumgänglich notwendigen Reform, Gemeinsinn über Parteisinn siegen würde. In schwungvollen Worten teilte er gleichzeitig den um ihn versammelten Sportsfreunden mit, daß er mit Seiner Majestät dem Kaiser aller Reußen bei der Zusammenkunft in den finnischen Schären sich über eine energische Bekräftigung und Verteidigung des Friedens geeinigt habe. „Wir fühlen uns als Monarchen unserem Gott verantwortlich für das Wohl und Wehe unserer Völker. Alle Völker brauchen den Frieden. Daher werden wir beide stets danach streben, mit Gottes Hilfe für Förderung und Wahrung des Friedens zu wirken. Unter diesem Frieden kann sich natürlich auch der Sport in vollster Weise entwickeln." Es lag im Interesse meiner Friedenspolitik, mit der Wilhelm II. ehrlich und aufrichtig einverstanden war, daß er trotz seiner alten Abneigung gegen die „Japs" auf meinen Wunsch zwei japanische Prinzen, die im Frühjahr nach Deutschland gekommen waren, mit einer Einladung nach dem Neuen Palais in Potsdam beehrte, sie freundlich behandelte, sie an einer Potsdamer Parade teilnehmen ließ und ihnen sogar den Schwarzen Adlerorden verlieh. Es war DIE CASABLANCA-AFFÄRE BEIGELEGT 501 das ein kleines, aber dankbar empfundenes Pflaster auf die Wunde, welche die von Seiner Majestät in Highcliffe über Japan gesprochenen bösen Worte dem Selbstgefühl der Japaner geschlagen hatten. Mit meinem Dank für die Folgsamkeit Seiner Majestät in dieser Beziehung konnte ich dem Kaiser gleichzeitig melden, daß die sehr heikle Casa- Ausgleichs- blanca-Affäre nun auch in der Form völlig und endgültig beigelegt sei. Am Protokoll 29. Mai hatten, wie bereits bemerkt, beide Regierungen in Berlin ein Pro- "™ sc ^ tokoll unterzeichnet, in dem sie erklärten, daß jede, soweit sie betroffen sei, un(i ihr Bedauern über das in dem Haager Schiedsspruch ihren Angestellten in Frankreich Casablanca zum Vorwurf gemachte Verhalten ausdrücke. Der befriedigende Abschluß dieser Affäre war ein Beweis dafür, daß auch eine knifflicke Streitfrage, wo Recht und Unrecht schwer zu unterscheiden waren und bei der die nationale Ehre mitspielte, auf schiedsgerichtlichem Wege beigelegt werden konnte. Ich entsinne mich kaum einer Zeit, wo die deutsch-französischen Beziehungen so ruhig waren wie im Frühjahr 1909. Auf Einladung des Zentralkomitees für eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich hatte Ende April 1909 der französische Senator Baron d'Estour- nelles de Constant im Kaisersaal des Preußischen Herrenhauses einen Vortrag über das Thema gehalten: „Die deutsch-französische Annäherung als Grundlage des Weltfriedens". D'Estournelles de Constant war ein alter Freund von mir. Ich war ihm bei der schönen Reise begegnet, die ich ein Vierteljahrhundert früher als Erster Sekretär unserer Botschaft in Paris im Lenz 1884 nach Tunis und Algier unternommen hatte. D'Estournelles de Constant hatte mir damals in liebenswürdiger Weise die Honneurs von Tunis gemacht, wo er als Legationssekretär bei dem französischen Ministerresidenten tätig war. Wir waren uns später mehrmals wieder begegnet, zuletzt in Kiel bei der Entrevue, die dort 1904 zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard stattfand. Eduard VII. hatte Baron d'Estournelles mitgebracht, den er seit der Zeit schätzte, wo dieser Sekretär der Französischen Botschaft in London gewesen war. D'Estournelles war ein überzeugter Pazifist. Er wünschte Frieden zwischen England und Deutschland, Frieden in der ganzen Welt, vor allem Frieden und allmähliche, ganz allmähliche, mit Vorsicht und Takt anzubahnende Aussöhnung zwischen seinem Vaterlande und uns. Sein Vortrag im Herrenhaus war recht verständig. Ebenso vernünftig sprach er sich aus, als er einen Tag später in kleinem Kreise bei mir aß. Beim Abschied schenkte er mir ein mit Pariser Geschmack eingebundenes Exemplar des „Chasseur vert" von Stendhal. Er kannte meine Bewunderung für den großen Schriftsteller, der nicht nur seinem Vaterlande, sondern der Welt zwei Meisterwerke wie „Le Rouge et le Noir" und „La chartreuse de Parme" geschenkt hat. Der „Chasseur vert" steht noch in meiner Bibliothek. Es ist das einzige, was von den Beziehungen zwischen 502 EIN WUNSCH DES ZAREN dem guten d'Estournelles de Constant und mir noch übriggeblieben ist. Als der Weltkrieg ausgebrochen war und wir Frankreich den Krieg erklärt hatten, verwandelte sich d'Estournelles, wie alle französischen Pazifisten und wie dies jeder, der Frankreich und die Stärke des französischen Patriotismus kannte, nicht anders erwarten konnte, in einen leidenschaftlichen Patrioten, der mit Begeisterung in den allgemeinen Kriegsruf einstimmte: „Aux armes, citoyens!" Ungefähr um dieselbe Zeit, wo mein Freund d'Estournelles de Constant Telegramm des seinen schönen Vortrag in Berlin hielt, hatte ich ein direktes Telegramm Zaren an vom Kaiser Nikolaus erhalten, in dem er mir in ungewöhnlich warmen Bülow Tff 0I t en mitteilte, daß er mir als Zeichen seines Vertrauens und seines besonderen Wohlwollens den Andreas-Orden mit Brillanten verleihe. Als der russische Botschafter mir einige Tage später diese mit prächtigen Diamanten verzierte Dekoration überreichte, sagte er mir vertraulich, daß der Kaiser mit seiner Ordensverleihung noch einen besonderen Zweck verfolge. Er habe selbstverständbch weder das Recht noch die Absicht, sich in innerdeutsche Verhältnisse einzumischen. Er habe aber doch zum Ausdruck bringen wollen, wie sehr er im Interesse der guten Beziehungen zwischen beiden Ländern und des europäischen Friedens wünsche, daß ich Reichskanzler bleiben möge. Deshalb habe er mir eine so ungewöhnliche Auszeichnung zuteil werden lassen. Mit einer ähnlichen Wendung hatte müder rumänische Gesandte um dieselbe Zeit den von König Carol von Rumänien kurz vorher gestifteten Carols-Orden überreicht, den der mir seit so lange freundlich gesinnte, weise Monarch mir als erstem Nicht- Souverän verlieh. Aus Rom hatte mir schon während des Winters mein Freund Schor- lemer geschrieben, daß Pius X., dem er die Glückwünsche Wilhelms II. zum Bischofsjubiläum überbracht hatte, ihm mit sichtlicher Freude von dem Besuch gesprochen habe, den ich gemeinsam mit meiner Frau im Frühjahr 1908 dem Heiligen Vater abgestattet hatte. Es hieß in diesem Brief weiter: „Einen sehr angenehmen Eindruck hat mir der Kardinal Rampolla gemacht. Er sprach sehr erfreut davon, daß es Eurer Durchlaucht gelungen sei, die Novemberkrisis zu einem guten Abschluß zu bringen. Auch unter den übrigen Diplomaten, die ich bei dem spanischen und österreichischen Botschafter gesprochen habe, kam unverhohlen die Freude zum Ausdruck, daß Eure Durchlaucht die Geschäfte des Reichskanzlers weiterführen würden." Im Frühjahr schrieb mir Kardinal Kopp: „Daß Eurer Durchlaucht die Reise nach Venedig eine wirkliche Erholung und Kräftigung gewesen sei, ist mein innigster Wunsch." Im Vatikan dauere der günstige Eindruck fort, den mein vorjähriger Besuch dort hinterlassen habe. Insbesondere sei Seine Heiligkeit über die Lage der katholischen ÜBER DIE FLOTTENFRAGE LÄSST SICH REDEN 503 Kirche in Preußen ganz beruhigt. Der Brief schloß: „Ich freue mich in dem beruhigenden Bewußtsein, daß Eure Durchlaucht das Staatsruder in Händen haben. In treuester Verehrung und Anhänglichkeit Eurer Durchlaucht ergebenster G. Kardinal Kopp." Gerade in den Tagen, wo im Reichstag die Würfel fielen, wurden zwischen mir und dem Botschafter in London bedeutsame Briefe gewechselt. Ich gab Briefwechsel in meinem Schreiben vom 23. Juni 1909 an Metternich der Ansicht Aus- m " rfcm druck, daß der Wunsch, durch eine Verständigung mit Deutschland die ^j"^" . ^ Sorgen um die Sicherung der englischen maritimen Unantastbarkeit und um die finanziellen Lasten, die eine zu schnelle und starke Flottenvermehrung erfordere, einigermaßen vermindert zu sehen, nach wie vor in England vorhanden wäre. Daß ein ähnlicher Wunsch in weiten Kreisen auf unserer Seite bestehe, hätte ich dem Botschafter in früheren Erlassen mehr als einmal dargelegt. Eine Änderung in dieser Beziehung sei bei uns nicht eingetreten. Ich hielte es für ratsam, in England an geeigneter Stelle zunächst andeutungsweise zu erkennen zu geben, daß wir nicht abgeneigt wären, auf billiger Grundlage mit uns über die Flottenfrage reden zu lassen. Ich schrieb: „Es ist meine feste Überzeugung, daß man bei gutem Willen auf beiden Seiten und wenn englischerseits alles vermieden wird, was als Drohung oder Druck aussieht, sehr wohl im Rahmen einer allgemeinen Annäherung auch zu einer Verständigung über die Schiffsbauten gelangen könnte. Daher bitte ich Sie, sobald die Finanzfrage bei uns geklärt sein wird, Gespräche mit leitenden politischen Persönlichkeiten über die Flottenfrage nicht gerade zu forcieren, aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit keinen Zweifel darüber zu lassen, daß eine Verständigung mit England auch über die Flottenfrage durchaus nicht außer dem Bereich der Möglichkeit liegt, sofern damit eine uns freundlichere Orientierung der allgemeinen englischen Politik verbunden ist. Es empfiehlt sich um so mehr, daß Sie sich auch gegenüber Sir Edward Grey und Sir Charles Hardinge, immer ungesucht, im Sinne meiner Erlasse äußern, damit bei ihnen nicht der Eindruck hervorgerufen wird, als ob wir unsere Ansicht verändert hätten. Falls Grey und Hardinge Sie auf die Sache direkt anreden, können Sie auch schon vor der Erledigung der Finanzreform bei uns sich in diesem Sinne äußern, doch müßte vermieden werden, daß bei den beiden Staatsmännern der Eindruck erweckt wird, wir kämen ihnen mit dieser Sache, weil uns der Atem auf finanziellem Gebiete ausginge. Wie wir in der Sache weiter handeln, wird vornehmlich von den Gegenäußerungen und etwaigen Vorschlägen abhängen, denen Sie begegnen werden und über die ich Ihren Berichten mit Interesse entgegensehe." Eine Woche später schrieb mir Paul Metternich: „Ich werde Ihnen in den nächsten Tagen einen eingehenden Bericht oder Privatbrief über die hiesige Lage mit Bezug auf die 504 KEINE INTERVENTION BEI EDUARD VII. Flottenfrage zusenden, der sich zugleich mit dem wertvollen Gedanken Ihrer letzten Briefe befassen wird. Heute möchte ich nur meinem großen Bedauern Ausdruck geben über Ihren Entschluß, den die Zeitungen veröffent- lichen, daß Sie nach Durchführung der Finanzreform Ihr Amt niederlegen wollen. Ich hoffe immer noch, daß die Verhältnisse sich so gestalten werden, daß Ihr Entschluß rückgängig gemacht werden kann, obwohl die letzte Nachricht, wonach Ihr Entschluß unwiderruflich sein soll, hierzu wenig Aussicht läßt. Ich fürchte, daß nicht nur die unerquicklichen Parteiverhältnisse im Reichstag, sondern auch andere Umstände in den letzten Tagen Sie dazu bewogen haben, Ihren Rücktritt ins Auge zu fassen. Ich mag mich hierin aber auch täuschen. Wenn ich wüßte, daß es politisch nützlich wäre, so würde ich Lord Knollys gegenüber in Gesprächen betonen, daß Ihr etwaiger Rücktritt auch deshalb zu bedauern sei, weil Sie einer Verständigung auf dem Flottengebiet keineswegs abgeneigt seien. Ich werde in dieser Beziehung aber nichts unternehmen, ohne daß Sie mich dazu ermutigen." Lord Knollys war ein Vertrauter, vielleicht der intimste Vertraute des Königs Eduard. Ich habe den Botschafter sofort gebeten, in der von ihm nach seiner Andeutung erwogenen Richtung keinerlei Schritte zu unternehmen, weil ich mein Bleiben oder Gehen nicht von irgendwelcher fremden Einwirkung abhängig machte. Am 24. Juni 1909 fielen die Würfel. Im Namen der Konservativen Partei Entscheidung eröffnete Herr von Richthofen die zweite Lesung des Erbschaftssteuer- im Reichstag gesetzentwurfes, der allmählich in den Vordergrund der Steuervorlagen getreten war. Heydebrand zog es vor, sich im Augenblick der Entscheidung nicht in den Vordergrund zu stellen, arbeitete aber um so eifriger hinter den Kulissen. Karl Freiherr von Richthofen-Damsdorf war ein typischer Konservativer der alten Sorte: Rittergutsbesitzer, Korpsstudent, Rittmeister . der Reserve des Garde-Kürassier-Regiments, hintereinander Assessor, Regierungsrat und Oberregierungsrat, bewirtschaftete er sein schlesisches Ahnengut und erfreute sich als Mitglied der Landwirtschaftskammer und des Kreistages allgemeiner Achtung. Er hatte in den von mir geleiteten Wahlen im schlesischen Wahlkreis Schweidnitz-Striegau den bisherigen Vertreter, einen Sozialisten, verdrängt. Ich glaube kaum, daß Herr von Richthofen innerlich mit der von Heydebrand eingeschlagenen Richtung einverstanden war. Aber den deutschen politischen Traditionen und Gepflogenheiten entsprechend, unterwarf er sich dem Willen des Parteiführers. Seine Rede war matt und farblos. Unter Gelächter der Linken erklärte er, es sei niemals die Absicht der Konservativen gewesen, einen Minister zu stürzen, die Konservativen wollten lediglich eine Pflicht gegen das Vaterland erfüllen. Hoffentlich würden sich nach Ablehnung der Erbschaftssteuer alle bürgerlichen Parteien zum Zustandebringen der Reform DIE ABSTIMMUNG 505 auf anderem Wege zusammenfinden. Inzwischen würden die Konservativen das Erbschaftssteuergesetz mit großer Mehrheit ablehnen. Der Reichsschatzsekretär Sydow antwortete in einer kurzen Rede, der einzigen guten, die er als Schatzsekretär gehalten hat: die Erbschaftssteuer sei die beste Steuer im ganzen Bukett der Regierung, man möge sie darum nicht zerpflücken. Ausländern sei der ablehnende Standpunkt gegen die Erbschaftssteuer ganz unverständlich. Auch Deutschland würde sich an die Steuer gewöhnen. Für die Reichspartei verlas Fürst Hermann Hatzfeldt, Herzog von Trachenberg, eine windelweiche Erklärung, wonach seine Freunde an der Erbschaftssteuer zwar keinen Geschmack fänden, aber trotzdem mit wenigen Ausnahmen für sie stimmen würden, um einen letzten Versuch zu machen, die Finanzreform zur Verabschiedung zu bringen. Die Erklärung war so formuliert, daß sie die allerdings bescheidenen Chancen des Herzogs, mein Nachfolger zu werden, mögbchst wenig schädigte. Nun folgte Freiherr von Hertling.Das Zentrum hatte sein konservativstes Mitglied vorgeschickt, um die Rechte zu beruhigen und zu gewinnen. Herr von Hertling hatte keinen glücklichen Tag. Er begann seine Rede mit der Bemerkung, in manchen Kreisen wäre das Gefühl verbreitet, daß der heutige Tag die Entscheidung sein würde für das Schicksal der Finanzreform. Er wisse nicht, ob das richtig sei, denn die Zukunft wäre dunkel. Die von der Linken ertönenden Zurufe „Sehr richtig!" erweckten stürmische, anhaltende Heiterkeit auf allen Bänken. Hertling machte weiter mysteriöse Andeutungen, daß es sich nicht um eine einzelne Steuerfrage handle, sondern um einen grundsätzlichen und großen Machtkampf zwischen Rechts und Links. Damit wollte Hertling natürlich die Konservativen gruselig machen. Die durch das Schwenken der Konservativen zum Zentrum eingeleitete Entwicklung sollte aber tatsächlich ganz andere Wege gehen. Sie sollte zu einer Konstellation führen, bei der unter Ausschaltung der Konservativen das Zentrum der Dritte im Bunde mit Demokraten und Sozialdemokraten wurde, zu einer Lage der Dinge, die es dem stärksten Mann im Zentrum, Herrn Wirth, ermöglichte, später von der Reichstagstribüne die Parole auszugeben: „Der Feind steht rechts." Als Hertling es dann für begreiflich erklärte, daß das Zentrum in dieser Frage auf Seiten der preußischen Konservativen stünde, wurde ihm, wieder unter großer Heiterkeit, zugerufen: „Nein, umgekehrt! Die Konservativen haben sich auf Ihre Seite gestellt." Der sozialdemokratische Redner, Dr. David, eine der sympathischen Figuren in der sozialdemokratischen Partei, ein feiner und geistvoller Kopf, hatte es nicht allzu schwer, die schwachen Argumente des Freiherrn von Hertling zu zerpflücken. Es kam die Abstimmung. Zunächst wurden Einleitung und Überschrift der Vorlage abgelehnt. Der Vizepräsident Dr. Paasche teilte mit, daß damit 506 DIE ERBANFALLSTEUER ABGELEHNT vom Gesetzentwurf nichts mehr übrig sei und es also nicht zur dritten Lesung kommen könne. Bei der nun folgenden Abstimmung über die Erb anfallsteuer stimmten die Nationalliberalen, Freisinnigen und Sozialdemokraten geschlossen für die Erbanfallsteuer, gegen sie geschlossen Zentrum und Polen. Die Konservativen stimmten überwiegend mit „Nein". Ich möchte die Namen der Konservativen nennen, die für die Erbanfallsteuer stimmten und damit als Patrioten und Ehrenmänner das Staatsinteresse über den engen Fraktionsstandpunkt stellten. Es waren die Abgeordneten von Kaphengst, Fürst Hohenlohe-Oehringen, PauU (Potsdam), Arnold (Reuß ä. L.) und zwei Sachsen: Wagner (Freiberg) und Giese (Oschatz-Grimmen). Von den Nationalliberalen drückten sich die Abgeordneten Cornelius Heyl zu Herrnsheim und Graf Waldemar Oriola um die Abstimmung, da sie sich persönlich alle Wege offenzuhalten wünschten und nirgends anstoßen wollten. Von der Wirtschaftlichen Vereinigung und der Reformpartei stimmten die Antisemiten Liebermann von Sonnenberg, Bindwald, Köhler und die beiden Brüder Vogt gegen mich. Die Erbanfallsteuer wurde mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt. Ich hatte während der Rede des Abgeordneten Hertling den Saal verlassen. Ich ging zu Fuß durch den Tiergarten nach Hause. Ich fühlte mich frei von Erregung und Unsicherheit. Der Mensch ist innerlich ruhig, wenn er mit sich selbst im reinen ist: „Denn Recht hat jeder eigene Charakter, Der übereinstimmt mit sich seihst, Es gibt kein Unrecht als den Widerspruch" sagt die Gräfin Terzky zu Wallenstein, dem Herzog von Friedland. Der Widerspruch ist aber nicht nur ein Unrecht, sondern auch die Quelle der Unsicherheit, Zerfahrenheit, kurz der Schwäche, d. h. der politischen Todsünde wider den Heiligen Geist. Ich nahm den Weg durch den Tiergarten und freute mich, wie gut gehalten er war. Ich freute mich an den schönen alten Bäumen, unter denen sich wahre Riesen befinden, an den wohlgepflegten Blumenbeeten, an dem hübschen See, der sich um die Rousseau-Insel schlängelt, über die ritterlichen, schneidigen Offiziere, die auf schönen Pferden die Reitwege heruntergaloppierten. Ich freute mich auch über die Spaziergänger, denen ich begegnete, die alle so gesund, wohlgenährt und kräftig ausschauten. Deutschland war doch ein kerngesundes Land mit seinen Buchen, Eichen und Linden, wie Heinrich Heine es gerühmt hatte. Zu Hause angekommen, fand ich meine Frau in dem kleinen Gartensalon zu ebener Erde. Hier hatte der musikfreundliche Fürst Anton Radziwill, der seinerzeit zu Goethes Freude die Musik zum „Faust" komponierte, dem Klavierspiel und Gesang seiner DAS ABSCHIEDSGESUCH 507 Tochter Elise gelauscht, der Jugendliebe unseres alten guten Kaisers. Meine Frau sah der weiteren Gestaltung unseres Schicksals ebenso ruhig entgegen wie ich, denn sie war seit langem gewöhnt, das innere Glück über äußere Ereignisse und Eindrücke zu stellen. Es war ein schöner Junitag. Die Sonne blickte durch der Zweige Grün und malte die gewaltigen Schatten der alten Bäume des Reichskanzlergartens auf den freundlichen Rasen. Während wir über allerlei plauderten, wurde mir eine verschlossene Mappe gebracht, in der sich eine Mitteilung des Chefs der Reichskanzlei befand, TeU-gra- der mir die Verw erfung der Erbschaftssteuer anzeigte. Ich ließ einen meiner phische Bitte 7 Tf • , Sekretäre kommen und diktierte ihm ein Telegramm an den Kaiser, in (Meds dem ich Seiner Majestät das Resultat der Abstimmung meldete und gleich- au j- criz zeitig unter Hinweis auf meinen dem Kaiser am 18. Mai in Wiesbaden gehaltenen Immediatvortrag bat, mir eine Audienz zu gewähren, um Seiner Majestät mein Abschiedsgesuch zu unterbreiten. Am nächsten Tage erhielt ich eine ziemlich kühle Antwort, in der mir mitgeteilt wurde, daß der Kaiser mich am 26. Juni in Kiel an Bord der „Hohenzollern" empfangen wolle. Schon am 25. Juni traf eine große Anzahl von Briefen und Telegrammen bei mir ein, in denen Bedauern, Erbitterung und Zorn über die Abstimmung im Reichstag zum Ausdruck kam. In allen Zuschriften wurde die Haltung des Zentrums und noch mehr die der Konservativen als unpatriotisch getadelt. Die Wendung von dem „schwarz-blauen Block" tauchte auf und die Versicherung, daß sich das Land unter dieses Joch nicht beugen würde. Kaisers alten Landen Sind zwei Geschlechter nur entstanden, Sie stützen würdig seinen Thron: Die Heiligen sind es und die Ritter; Sie stehen jedem Ungewitter Und nehmen Kirch und Staat zum Lohn. So spricht im zweiten Teil des „Faust" der Kanzler zu seinem Kaiser. Aber solche Zeiten waren vergangen, und für den Weiterblickenden konnte es von Anfang an nicht zweifelhaft sein, daß die durch die Politik des Herrn von Heydebrand eingeleitete Entwicklung im letzten Ende nur der Sozialdemokratie zum Vorteil gereichen würde. Ich erhielt übrigens schon in den ersten Tagen nach der Verwerfung der Erbschaftssteuer auch zahlreiche Briefe konservativ gerichteter Männer, die ihr Bedauern über die Schwenkung der Konservativen ausdrückten. Männer wie Graf Kanitz und Graf Schwerin-Löwitz, um nur zwei der besten Konservativen zu nennen, waren von Heydebrand mehr überrumpelt als überzeugt worden. Mancher Konservative hatte bei der entscheidenden zweiten Abstimmung gegen die Erbschaftssteuer votiert, weil ihm vorgespiegelt worden war, es würde noch 508 WESTARP eine dritte Lesung stattfinden. Die Hauptstütze des Führers Heydebrand bei seiner Wendung gegen mich war Graf Cuno Westarp. Er stammte aus der unebenbürtigen Ehe eines Prinzen von Anhalt-Bernburg-Schaumburg- Hoym mit einem bürgerlichen Fräulein Westarp. Er sprach leicht und flüssig, aber ohne zu packen, auch ohne neue Gedanken zu entwickeln, bisweilen bissig, nie witzig, meist klar, niemals tief. Er schrieb eine behende Feder, aber immer banal. Er gehörte zu den Politikern, die an enttäuschtem Ehrgeiz leiden und dadurch etwas Bitteres, unter Umständen Verbissenes bekommen. Man hat ihn mit einem zu früh pensionierten Polizeikommissar verglichen. In der Tat war er in jüngeren Jahren erst Polizeidirektor, dann Polizeipräsident von Schöneberg gewesen, vorher Hilfsarbeiter eines Landrats, dann selbst Landrat in Bomst, einer Kleinstadt im Begierungsbezirk Posen, an der faulen Obra, einem der verrufensten Nester des Ostens, wenig geeignet, Lebensfreude zu erwecken. Westarp hatte es nie zum Begierungspräsidenten bringen können und betrachtete das als ein ihm widerfahrenes schweres Unrecht. Nicht ganz ohne Grund, denn er war fleißig, pünktlich, akkurat. Ich war ihm vor seinem Eintritt in den Beichstag nie persönlich begegnet, hatte aber seine dienstlichen Qualitäten rühmen hören und regte wiederholt im Ministerrat seine Beförderung zum Begierungspräsidenten an, stieß aber immer auf Widerspruch bei meinen Kollegen. Der blasse, verdrossen dreinschauende Westarp galt im Ministerium des Innern für einen Streber und war dort als solcher unbeliebt. Westarp war durch eine Nachwahl in den Beichstag gekommen. Nach dem Tode des konservativen Abgeordneten von Gersdorff gaben alle deutschen Parteien des Kreises Meseritz-Bomst ihm ihre Stimme, und er siegte mit gut zweitausend Stimmen Mehrheit über seinen polnischen Gegenkandidaten. Um so unverantwortlicher war es von ihm, daß er die Politik von Heydebrand unterstützte, der mit Hilfe der Polen den entschiedensten und konsequentesten Vertreter einer kräftigen Ostmarkenpolitik zu Fall brachte. Am 26. Juni trat ich die Beise nach Kiel an. Vor meiner Abreise von Bülows Reise Berlin suchte mich der Staatssekretär des Innern Herr von Bethmann nach Kiel Hollwegauf. Ich habe Hamlet gelesen und auf der Bühne gesehen, bin auch im Leben mancher schwankenden Gestalt begegnet, aber keiner schwankenderen als Bethmann Hollweg. Wünschte er mein Nachfolger zu werden ? Wollte er es nicht? Sicher bin ich mir darüber auch heute nicht. Fast in demselben Atemzug sagte er mir, daß er mich dringend bäte, von ihm abzusehen, dann wieder riet er mir von Schorlemer ab, „der katholische Scheuklappen trägt", und warnte mich vor Bheinbaben, der in unruhigem Ehrgeiz es kaum erwarten könne, Beichskanzler zu werden. Er war ganz Zweifel, Sorge und Angst, aber mit einem Untergrund von Strebertum und hoher Meinung von der eigenen Vortrefflichkeit. Er bat, mich bis an die IM WAGEN MIT VALENTINI 509 Bahn begleiten zu dürfen, und ich nahm ihn in meinem Wagen mit. Sein letztes Wort an mich war: „Also lieber nicht! Es sei denn daß ..." Am Bahnhof stand der Kabinettsrat Valentini. Er kam vom Kaiser, zu dem er unmittelbar nach der Abstimmung im Reichstag gefahren war, um dessen Befehle entgegenzunehmen. Wie viele verabschiedete Minister hatte sein Vorgänger Lucanus während seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit in die Unterwelt geleitet! Valentini war offenbar stolz darauf, daß er seine Tätigkeit als Führer zum Hades mit einem Reichskanzler beginnen sollte, wollte aber seines Amtes mit Milde walten. Er versicherte mich, als wir zusammen allein in einem Abteil Platz genommen hatten, daß er meinen Rücktritt lebhaft bedaure, namentlich im Hinblick auf die auswärtige Politik. In dieser Beziehung habe er große Sorgen. Er kam dann auf die „Daily- Telegraph"-Affäre zu sprechen. Sie sei nicht die Ursache der Allerhöchsten Unzufriedenheit mit mir. Der Kaiser wisse wohl, daß ich Allerhöchstihn nicht nur mit „großartiger Geschicklichkeit" und mit „bewunderungswürdiger Ruhe und Energie" über den Sturm und die Krise weggebracht, sondern auch als wirklich „treuer Diener" gehandelt hätte. Aber meine innere Politik seit dem Wahlsieg von 1907 hätte dem Kaiser wachsendes Mißtrauen eingeflößt, ihn tief beunruhigt. Der Kaiser habe befürchtet, daß ich das „stramm monarchische", das heißt persönliche, Regiment beseitigen und ein parlamentarisches Regime wie in England, Belgien, Italien einführen wolle. Ich folge bei der Wiedergabe meiner Unterredung mit Valentini einer Aufzeichnung, die ich am 27. Juni 1909 zu meinen Privatakten nahm. Ich erwiderte Herrn von Valentini auf seine Andeutung hinsichtlich der Besorgnisse Seiner Majestät vor meinen parlamentarischen Neigungen: „Ein parlamentarisches Regime wie in England bei uns einführen zu wollen, ist mir nie eingefallen, denn ich weiß sehr wohl, daß die Voraussetzungen hierfür bei uns fehlen. Ich wollte ebensowenig eine Regierungsweise wie in Italien, Belgien, Rumänien usw., denn ich weiß, daß darunter nicht nur unsere Verwaltung leiden würde, sondern auch die Armee, das ganze Staats- gefüge in Preußen, vielleicht selbst die Reichseinheit. Aber allerdings halte ich eine stärkere Heranziehung von Parlamentariern für nützbch und wünschenswert, um auf diese Weise eine allmähliche und besonnene Parlamentarisierung unserer Verhältnisse zu erreichen. Warum sollte nicht zum Beispiel in Preußen Spahn Justizminister werden? Schwerin-Löwitz Landwirtschaftsminister? Fischbeck Handelsminister? Der nationalliberale Miquel ist ja auch Finanzminister geworden, und zwar ein sehr guter! Warum sollen wir nicht im Reich Bassermann zum Staatssekretär des Reichsjustizamts machen? Heinrich Carolath oder Hertling zum Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt? Gamp zum Minister der öffentlichen 510 NOCH SCHÄRFERES PERSÖNLICHES REGIMENT Arbeiten ? Kanitz oder Udo Stolberg zum Staatssekretär des Reichsschatz- amts? Auch aus Heckseber, Dove, Dobrn, Mommsen und anderen Freisinnigen Heßen sich ganz brauchbare Staatssekretäre und Unterstaatssekretäre machen. Sind erst einmal drei oder vier Abgeordnete Minister oder Staatssekretäre geworden, so werden sich mehr als bisher tüchtige und fähige Männer in den Reichstag wählen lassen, das Niveau des Reichstags wird sich heben, und das wird in jeder Hinsicht gut sein. Ich wäre sogar nicht abgeneigt, diesen oder jenen wirklich tüchtigen Sozialisten, z. B. Otto Hue' oder Carl Legien als Direktoren oder Vortragende Räte in das Reichsamt des Innern zu setzen. Jetzt, nach der schweren Niederlage, welche die sozialdemokratische Partei bei den Wahlen erlitten hat, wäre gerade der richtige Moment gewesen." Valentini (entsetzt): „Darauf wird Seine Majestät nie eingehen." Ich: „Ich wollte das ja auch nicht von heute auf morgen, sondern nach und nach, allmählich und besonnen. Ich erinnere Sie übrigens daran, daß ich Seine Majestät über den Novembersturm gebracht habe, ohne irgendwelche Minderung oder Beeinträchtigung der Kronrechte. Ich würde es für illoyal gehalten haben, diese Krisis zu benutzen, um ein liberales Regime anzubahnen." Valentini: „Seine Majestät will das Gegenteil von solchen Plänen. Seine Majestät möchte das, was Sie persönliches Regiment nennen, noch schärfer akzentuieren." Ich: „Das halte ich für sehr bedenklich. Worauf wollen Sie denn eigentlich hinaus ? Auf Zustände wie in Rußland?" Valentini: „Nicht gerade wie in Rußland, aber ähnlich, unseren Verhältnissen entsprechend. Vor allem muß der Reichstag mehr an den Zügel genommen werden! Seine Majestät findet seit langem, daß Sie dem Reichstag zu sehr um den Bart gehen. Eure Durchlaucht haben Seiner Majestät dort auch zu viele und zu schöne Reden gehalten." Ich: „Damit habe ich doch während zwölf Jahren ungefähr alles erreicht, was Seine Majestät anstrebte und was im Staatsinteresse lag. Was wollen Sie denn noch mehr ?" Valentini: „Gewiß! Aber das alles wurde dank Eurer Durchlaucht Geschicklichkeit bewilligt, dank Ihrer rednerischen Überlegenheit, kurz Ihrer Individualität, aber nicht grundsätzlich, nicht aus Gehorsam gegenüber dem Kaiser. Die Parlamentarier sind unter Eurer Durchlaucht zu frech geworden, und Sie sind seit langem Seiner Majestät etwas zu groß geworden, hochverehrte Durchlaucht." Ich: „Vous vous plaignez que la mariee est trop belle, würde ich mich auf französisch ausdrücken." Valentini (der diesen Witz augenscheinbeh nicht versteht): „Mögen Eure Durchlaucht überzeugt sein, daß ich wie alle Patrioten Eurer Durchlaucht hohe Verdienste auf allen Gebieten anerkenne, Eure Durchlaucht hochschätze und verehre und Eurer Durchlaucht Scheiden mit Schmerz und Sorge begleite." Wir schüttelten uns die Hände, er gerührt, ich sehr höflich. Während der Zug in die Kieler Bahnhofshalle einfuhr, sagte mir Valentini, er habe die Frage meiner AN BORD DER „HOHENZOLLERN" 511 Nachfolge mit mir nicht berühren können, da der Kaiser sich vorbehalte, darüber Allerhöchstselbst mit mir zu sprechen. Lächelnd und mit leiser Stimme fügte er hinzu: „Monts habe ich ihm ausgeredet, und zwar ohne besondere Mühe. Unser Allergnädigster Herr hat zuweilen komische Einfälle." Vor uns lag die Kieler Föhrde, diese Königin der Ostseebuchten. Wie immer, wenn der Kaiser für die Kieler Woche in Kiel weilte, lag der Hafen voller Kriegsschiffe. Ein gewaltiges Panzerschiff drängte sichneben das andere. Ich sah nachdenklich auf diese mächtige Flotte: „Es ist gerade zwölf Jahre her", äußerte ich, „auf den Monat, auf den Tag, daß ich am 26. Juni 1897 in Kiel, an Bord der ,Hohenzollern', mit der Leitung der auswärtigen Geschäfte betraut wurde." Valentini war zu pfiffig, um nicht zu erraten, was ich nicht aussprechen wollte, aber innerhch empfand. „Eure Durchlaucht", meinte er mit einer gewissen Feierlichkeit, „können sich heute, am 26. Juni 1909, mit berechtigtem Stolz sagen, daß diese herrliche Flotte, die seit Ihrer damaligen Audienz' bei unserem Allergnädigsten Herrn ohne Zusammenstoß mit England emporwuchs, Eurer Durchlaucht hohes Verdienst ist, der Sie den Bau ermöglichten, gleichzeitig den Frieden erhielten, unser wirtschaftliches Wachstum förderten, unsere politische Machtstellung wahrten." Wir schüttelten uns nochmals die Hand. Inzwischen hatte sich der Chef des Marinekabinetts, Admiral von Müller, genähert, der mich an Bord der „Hohenzollern" bringen sollte. Er war in besorgter Stimmung. Ihm sei bange, meinte er, als Valentini sich entfernt hatte, wegen des weiteren Ganges unserer auswärtigen Politik. Als langjähriger Adjutant des Prinzen Heinrich wisse er, daß man am englischen wie am russischen Hofe unserem Allergnädigsten Herrn im Grund nicht traue, weil man ihn für unberechenbar halte, ihn auch nicht möge, weil er durch sein präpotentes Wesen und seinen Mangel an Takt nicht nur den fürstlichen Damen, sondern auch den Männern an beiden Höfen auf die Nerven gehe. „Eure Durchlaucht werden uns sehr fehlen", wiederholte er mehrmals. Ich beruhigte den Admiral, der sich übrigens bald genug in einen begeisterten Anhänger der Bethmannschen Politik verwandeln sollte. Wenn wir eine vernünftige Politik machten, sagte ich ihm, furchtlos, aber vorsichtig, kämen wir mit Gottes Hilfe durch. Der Kaiser empfing mich am Fallreep, augenscheinlich nervös, zappelig, ungeduldig, mit einem Anflug von Verlegenheit. Seine heftigen Gestiku- Dialug mit lationen fielen mir auf. Es entspann sich der nachstehende Dialog, dem ich dem Kai«er wiederum eine am 27. Juni 1909 gemachte Aufzeichnung zugrunde lege. — S. M.: „Wegen Ihrer Nachfolge, lieber Bülow, brauchen Sie sich nicht mit einem längeren Vortrag zu quälen, auf den Sie sich wahrscheinlich vorbereitet haben. Ich bin entschlossen, Bethmannzu nehmen. Damit sind 512 DAS DEMI SS IONS GESPRÄCH MIT WILHELM II. Sie ja gewiß sehr einverstanden. Er ist treu wie Gold, ein Biedermann durch und durch, ein kolossaler Arbeiter, auch sehr schneidig, er wird Mir den Reichstag aufmöbeln. Übrigens habe Ich bei ihm in Hohenfinow Meinen ersten Rehbock geschossen." Ich: „Da Eurer Majestät Wahl schon getroffen ist, kann ich nur mit Hamlet sagen: The rest is silence." S. M.: „Im Zitieren sind Sie immer noch großartig, aber machen Sie nicht ein so elegisches Gesicht. Setzen Sie Mir Ihre Bedenken auseinander. Ich bin zwar sehr eibg, weil Ich um ein Uhr bei dem Fürsten Monaco lunchen soll. Aber Sie höre Ich immer gern." Ich: „Für die innere Politik ist Bethmann wohl alles in allem der Beste. Die Linke wird er bei der Stange halten, das Zentrum wieder heranziehen, die Konservativen sind ihm, soviel ich weiß, auch wohlgesinnt. Er versteht nur gar nichts von auswärtiger Pobtik." S. M. (lachend, heiter): „Die auswärtige Politik überlassen Sie nur Mir! Ich habe bei Ihnen einiges gelernt. Es wird schon gehen." Ich: „Das hoffe ich. Aber Eure Majestät brauchen wenigstens als Amanuensis einen guten Staatssekretär des Auswärtigen Amts. Schön ist unfähig." S. M.: „Er hat in der bosnischen Frage aber doch famos abgeschnitten, denke Ich." Ich: „Ja, unter mir." S. M. (zum erstenmal etwas gereizt): „Was unter Ihnen ging, mein lieber Bülow, wird wohl auch unter Mir gehen." Ich: „Als Stütze und Hilfe für das auswärtige Ressort empfehle ich Eurer Majestät Mühlberg oder Kiderlen." S. M.: „Die nehme Ich beide nicht." Ich: „Dann nehmen Eure Majestät Bernstorff. Der würde sich eventuell auch zum Reichskanzler eignen." S. M.: „Das will Ich Mir merken, Ich habe Bernstorff sehr gern." Ich: „Ein begabter Mensch ist auch Brockdorff- Rantzau." S. M.: „Den nehme Ich nicht. Er ist ein Neffe von Therese Brockdorff, der Oberhofmeisterin Meiner Frau, und Ich mag keine Verwandtschaften zwischen dem Auswärtigen Amt und Meinen Hofleuten." Ich: „Sachlich lege ich Eurer Majestät zwei Bitten ans Herz, sehr ernst und sehr dringend." S. M. (abwehrend, ungeduldig, sieht nach seiner Armbanduhr): „Lieber Bernhard, Ich habe wirklich keine Zeit mehr." Ich: „Das tut mir leid. Ich werde mich aber bemühen, Extrakt zu reden, in fliegender Eile, wie der arme Dietrich Hülsen zu sagen pflegte. Trachten Sie, zu einem Naval agreement mit England zu kommen." S. M. (sehr gereizt): „Nun kommen Sie Mir zum Schluß noch mit dieser Sache! Habe Ich Ihnen nicht oft genug gesagt, mündbch und brieflich und in soundsoviel Marginalien, daß Ich Mir in Meine Schiffsbauten nicht hineinreden lasse! Jeder solche Vorschlag ist eine Demütigung für Mich und Meine Marine." Ich: „Ich habe Eurer Majestät nie zu etwas geraten, worunter unsere Ehre leiden könnte. Aber eine so weitreichende und dabei schwierige Frage kann nicht vom Standpunkt des Paukkomments behandelt werden. (Seine Majestät runzelt die Stirn.) Und dann! Wie soll unsere Ehre darunter leiden, POLYKRATES 513 wenn wir freiwillig, avec un beau geste, mit England zu einem Abkommen gelangen, das mit der englischen Besorgnis vor dem Tempo unserer Schiffs- bauten die latente Kriegsgefahr verringert?" S. M. (mit großer Bestimmtheit) : „Ich glaube nicht an eine solche Kriegsgefahr!" Der Kaiser blickte, während er so sprach, auf die seine „Hohenzollern" umgebende Kriegsflotte. Indem er mit der Hand auf die gewaltigen Panzerschiffe deutete, rief er mit erhobener Stimme und mit stolz zurückgebogenem Haupte mir zu: „Wenn einer, wie Ich in diesem Moment, die Früchte seiner ehrlichen und sauern Mühen so unmittelbar vor Augen hat, dann darf er wohl ein gewisses Selbstgefühl betätigen." Ich mußte an Schillers Polykrates denken, der von seines Daches Zinnen auf Samos schaute mit vergnügten Sinnen. Ich erwiderte: „Auch ich glaube nicht, daß England von heute auf morgen über uns herfallen wird wie seinerzeit Nelson über Kopenhagen und die kleine dänische Flotte. Was ich glaube, ist, daß, wenn wir unseren Schiffsbau forcieren — ich unterstreiche das Wort: forcieren! — ein durch das Tempo unserer Bauten schließlich allzu sehr beunruhigtes und gereiztes England sich gegen uns wenden wird, falls irgendeine größere Kompbkation ihm dazu Gelegenheit bietet." S. M.: „Ich will Mich doch im guten und in Frieden von Ihnen trennen, lieber Bülow, warum kommen Sie auf diesen alten Streitpunkt zurück ?" Ich: „Weil die Gelegenheit für eine Verständigung mit England gerade jetzt günstig liegt. Mein Rücktritt, ein neuer Reichskanzler, das gibt a new departure. Auch kann es jetzt nicht so aussehen, als ob wir deshalb über das Tempo unserer Schiffsbauten mit uns reden ließen, weil uns der finanzielle Atem ausginge. Unsere Kassen sind wieder voll." S. M.: „Ich kann und will John Bull nicht erlauben, Mir das Tempo Meiner Schiffsbauten vorzuschreiben!" Ich: „Es handelt sich ja gar nicht um ein Vorschreiben, um ein Diktat, auch nicht um einen Zwang, sondern um ein freiwilliges und freundliches Arrangement." S. M. (sehr ungeduldig): „Das sind Wortspielereien! Ich bitte Sie noch einmal, hören Sie damit endlich auf. Wir wollen uns doch im guten trennen, nicht wahr ?" Ich: „Dixi et salvavi animam meam." S. M.: „Schon wieder ein Zitat! Nun, und wie ist es mit der zweiten Ermahnung des großen Pädagogen?" Ich: „Wiederholen Sie nicht die bosnische Aktion." S. M. (mißtrauisch): „Die war aber doch ein Triumph für Sie!" Ich: „Die Situationen wiederholen sich in der auswärtigen Politik selten in ganz gleicher Weise. Im vorigen Winter lagen die Dinge, wie sie kaum je wieder hegen werden. Ne bis in idem!" S. M. (wieder heiter, freundlich): „Sie zitieren zum Schluß aber noch gewaltig. Das wenigstens macht Ihnen keiner nach. Also, Sie meinen, Ich soll auf dem Balkan vorsichtig sein?" Ich: „Ja, dort noch mehr als anderswo. Dort hegt die Gefahr. Denken Eure Majestät, bitte, an alles, was Bismarck in dieser Beziehung gesagt, geschrieben, gewarnt hat. 33 Bülow II 514 DER BLICK AUF DIE ARMBANDUHR Denken Eure Majestät an seinen Erlaß an den guten Deines, meinen alten Freund und Regimentskameraden, Eurer Majestät ausgezeichneten Generaladjutanten. Ich habe Eurer Majestät nach dem Manöver in Koblenz, es war wohl 1905, die Abschrift dieses Bismarckschen Erlasses, die ich mir genommen hatte, vorgelesen und Eure Majestät gebeten, sie an Sich zu nehmen." S. M. (sieht wieder nach der Armbanduhr): „Schön, schön. Ich werde das nicht vergessen. Seien Sie ganz ruhig. Nun muß Ich aber fort. Ich darf Monaco nicht warten lassen. Ich nehme Sie aber mit in Mein Boot und fahre Sie hin." Ich: „Sehr gnädig, Eure Majestät! Nur noch das eine: Gerade wenn Sie zu meinem lebhaften Bedauern ein Agreement mit England über das Tempo unserer Schiffsbauten ablehnen, müssen Sie doppelt vorsichtig mit den Russen sein. Ich sage es noch einmal, an einen plötzlichen Uberfall von Seiten der Engländer glaube ich nicht, wohl aber, daß ein durch das Tempo unserer Schiffsbauten ganz außer Rand und Band gebrachtes England gegen uns vorgehen wird, sobald wir mit Rußland aneinander sind. Und dann: Wollen Sie wirklich Bethmann? Karl Wedel wäre besser." S. M. (während er zum Fallreep geht): „Der ist Mir zu eigensinnig, zu sehr Dickkopf, das wissen Sie ja seit langem." Ich: „Oder Schorlemer? Er hat mehr Kavalierperspektive als Bethmann. Oder Rheinbaben ? Der hat mehr Courage." S. M.: „Nein! Es bleibt bei Bethmann. Passen Sie nur auf, wenn der lange Kerl sich von der Bank des Bundesrats im Reichstag erhebt und die verehrten Reichsboten mit seinen strengen Augen ansieht, dann kriegen sie es alle mit der Angst und verkriechen sich in ihre Mauselöcher. Und dafür ist es hohe Zeit! Nun aber rein ins Boot." Einige Minuten später waren wir an Bord der „Alice", der Dampfjacht Beim Fürsten des Fürsten von Monaco. Der Fürst, der sich ganz als Franzose fühlte, von Monaco hatte eine größere Zahl französischer Freunde an Bord. Andere Franzosen waren von der Dampfj acht des reichen Schokoladenfabrikanten Menier gekommen, die gleichfalls im Kieler Hafen lag. Sie alle wußten, daß ich in Kiel war, um meinen Abschied einzureichen, und beobachteten mit gespannter Aufmerksamkeit, mit nicht geringer Neugier und mit einer gewissen Malice, wie sich der Verkehr zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler abspielen würde. Ich war natürlich vollkommen ruhig und führte eine lebhafte Konversation. Der Kaiser war auch in bester Haltung und lachte sehr über einige Anekdoten, die ich erzählte. Als wir uns von Tisch erhoben, näherte sich mir einer der französischen Herren, ein früherer Minister ■—■ wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, hieß er Jules Roche oder ähnlich — und sagte mir: „Ma foi, ce dejeuner a ete delicieux. Nous avons cru assister ä une scene de theätre, ä un drame de Scribe ou de notre grand Hugo. J'ai vu plus d'un ministre s'en aller, mais pas un dans une aussi belle attitude. Vous avez ete parfait, mon Prince, le sourire sur les levres et ES RÖCHE NACH PARLAMENTARISMUS 515 le front haut. Je vous en fais mon compliment." Es berührte mich'eigentümlich, daß bei dieser Henkersmahlzeit für den preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Reichskanzler außer Seiner Majestät, mir und dem diensttuenden Flügeladjutanten nur Franzosen zugegen waren. Als ich mich auf der „Alice" vom Kaiser verabschiedete, um auf die „Hohenzollern" zurückzukehren, fand ich dort den General von Plessen und den Kabinettsrat Valentini. Plessen sagte mir: „Sie wissen, wie lebhaft ich Ihr Bleiben gewünscht habe. Aber jetzt sage ich Ihnen: Sie haben recht, zu gehen. Das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Kaiser ist unhaltbar geworden. Aber alles, was recht ist: Sie haben bis zuletzt famos die Haltung gewahrt." Valentini frug mich, ob er mich zur Bahn begleiten dürfe. Unterwegs erkundigte er sich, ob der Kaiser mir mitgeteilt hätte, daß er Bethmann Hollweg als meinen Nachfolger in Aussicht genommen habe. Als ich diese Frage bejahte, meinte Valentini mit entschiedener und nachdrücklicher Betonung: „Bethmann ist auch weitaus der Beste, darüber kann kein Zweifel sein." Bethmann und Valentini waren intime Freunde. Wenn ich nicht irre, hatten sie zusammen studiert. Darüber beruhigt, daß die Nachfolge von Bethmann Hollweg endgültig gesichert war, frug Valentini, ob ich mich nicht entschließen könne, bis zum Herbst zu bleiben. Natürlich müsse ich in diesem Faß vor Reichstag und Land die Verantwortung für die Reichsfinanzreform in der Fassung übernehmen, wie sie ihr von Konservativen und Zentrum gegeben worden wäre. Die Zumutung war naiv und zeigte den Mangel an staatsmännischem Denken, der Valentini charakterisierte. Ich erklärte ihm, daß mir dies nicht möglich wäre. Ich sei der Meinung, daß die Ausmerzung der Erbschaftssteuer wie die Sprengung des Blocks in der Weise, wie sie von den Konservativen vorgenommen wurde, verhängnisvolle Fehler seien. Diese meine Uberzeugung könne ich nicht verleugnen. Nach meiner Ansicht müsse ein Minister mit seiner Überzeugung stehen oder fallen. Valentini schien enttäuscht und betrübt, daß ich nicht auf seinen Wunsch eingehen wollte. Ich sagte Valentini expressis verbis, ich hätte nicht Friktionen mit Seiner Majestät und die mir neuerdings immer ungnädiger gewordene Stimmung Seiner Majestät als Grund meines Rücktritts hinstellen wollen, sondern die Verwerfung der Erbschaftssteuer unter Sprengung des Blocks. Valentini meinte, letzteres wäre sicherlich besser, viel besser als Rücktritt wegen Zerwürfnis mit dem Kaiser, aber das eigentlich Wünschenswerte sei es nicht, denn es röche nach Parlamentarismus. Ich möge die von der neuen Reichstagsmehrheit angebotenen Millionen nehmen und bis zum Wiederzusammentritt des Reichstags bleiben, das sei die einzig richtige Lösung. Sie würde auch von meinem Nachfolger Bethmann Hollweg gewünscht, der sein schweres Amt erst im Spätherbst antreten möchte. Gegenüber dem fortgesetzten Insistieren von Valentini und 33» 516 NOCH EINE FEIERLICHE AUDIENZ seinem fast taktlosen Drängen sagte ich ihm schließlich: „Beste Exzellenz, Sie können nicht von mir verlangen, daß ich mich selbst kastriere." Bevor sich der Zug nach Berlin in Bewegung setzte, eröffnete mir Valentini, daß mich der Kaiser in den nächsten Tagen in Berlin, im königlichen Schloß, in feierlicher Abschiedsaudienz empfangen würde. „Das wird", fügte er hinzu, „ein großer Tag, eine ernste und doch schöne Stunde für Eure Durchlaucht werden." Nach Berlin zurückgekehrt, brachte ich sogleich meine Eindrücke zu Papier. Diese Aufzeichnung liegt der vorhergehenden Schilderung der Unterredungen und Vorgänge dieses bewegten und interessanten Tages zugrunde. XXXIV. KAPITEL Amtliche Verlautbarungen zum Kanzlerwechsel • Die Presse • Dritte Lesung der Finanzreform • Haltung der Konservativen • Erneutes Abschiedsgesuch • Bülows Interview mit Herrn von Eckardt • Bei Philippi sehen wir uns wieder • Veröffentlichung der Entlassung Bülows im Reichsanzeiger (14. VII. 1909) • Kaiserliches Handschreiben • Abschiedsaudienz bei Wilhelm II. • Die Majestäten zum letztenmal beim Reichskanzler zum Diner • Unterredung des Kaisers mit der Fürstin Bülow • Abschied von der Kaiserin . Abreise von Berlin (17. VII. 1909) Nach meiner Abreise aus Kiel ließ Valentini durch das Wölfische Büro eine Kundgebung verbreiten, in der es hieß, der Reichskanzler habe Seine Vertagung Majestät um seine sofortige Entlassung gebeten. Der Kaiser hätte es jedoch v ° n Bülows abgelehnt, im gegenwärtigen Augenblick dem Ansuchen des Fürsten Bülow Demission zu entsprechen. Er könne der Erfüllung des Wunsches des Fürsten nicht eher nähertreten, als bis die Arbeiten für die Reichsfinanzreform ein positives und für die verbündeten Regierungen annehmbares Ergebnis haben würden. Ich ließ sogleich an der Spitze der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" unter der Überschrift „Zur weiteren Klarstellung" erklären: Allerdings habe der Kaiser den Fürsten Bülow gebeten, sein Amt noch so lange zu führen, bis die Reichsfinanzreform zustande gebracht sei. Der Reichskanzler habe sich dem Ersuchen des Kaisers nicht entziehen wollen. „Jedoch ist Fürst Bülow mit Rücksicht auf die politische Entwicklung, die durch die Abstimmung über die Erbschaftssteuer ihren Ausdruck gefunden hat, unwiderruflich entschlossen, alsbald nach Erledigung der Finanzreform aus dem Amte zu scheiden." Der erste Besuch, den ich in Berlin erhielt, war der von Bethmann Hollweg. Er war sehr kleinlaut. Er frug mich immer wieder, ob ich meinen Rücktritt nicht bis zum Herbst hinausschieben könne. Wenigstens möge ich vor dem Lande die Verantwortung für die Reichsfinanzreform in der ihr von den Konservativen und dem Zentrum gegebenen Fassung übernehmen. Obwohl ich ihm dies mündlich abschlug, kam er schriftlich in einem larmoyanten und ziemlich konfusen Brief noch einmal darauf zurück und übersandte mir schließlich alle betreffenden Schriftstücke in einem Umschlag, auf dem mit Bleistift geschrieben stand: „Mit der gehorsamsten und dringenden Bitte, die Unterschriften zu vollziehen 518 DER UMFALL und damit Eurer Durchlaucht großen Namen unter ein großes Werk zu setzen." Ich sandte die Aktenstücke ohne Begleitschreiben zurück, da ich der Ansicht war, daß in dieser Frage nun der Worte genug gewechselt wären. Die Stimmung in Berlin war in allen Kreisen eine gedrückte. Die „Frankfurter Zeitung" wies in einem Artikel nach, daß hinter den Parteien, welche die Erbschaftssteuer verworfen hätten, kaum vier Millionen Wähler stünden, hinter den Parteien, die für die Erbschaftssteuer gestimmt hätten, dagegen rund sieben Millionen. Natürlich erklärte die demokratische „Frankfurter Zeitung", daß sich daraus die absolute Notwendigkeit einer Neueinteilung der Wahlkreise ergebe. In der Tat hat damals die Bewegung für diese Neueinteilung ihren Anfang genommen, während ich während meiner langen Amtszeit keine Mühe gehabt hatte, darauf bezügliche Anträge a limine abzuweisen. Das leitende Blatt der Zentrumspartei, die „Germania", hatte die Lüge verbreitet, zwischen mir und den Mitgliedern des Bundesrats und insbesondere zwischen mir und dem bayrischen Gesandten Lerchenfeld hätten stets starke Verstimmungen bestanden. Der bayrische Gesandte Graf Hugo Lerchenfeld, ein untadliger Ehrenmann und mir seit Jahrzehnten durch persönliche Freundschaft verbunden, gab darauf im Reichstag spontan eine Erklärung ab, durch die er die Behauptung der „Germania" in das Gebiet der Fabel verwies. Fürst Bülow habe während zwölf Jahren mit allen Mitgliedern des Bundesrats die besten, vertrauensvollsten Beziehungen unterhalten. Insbesondere weise er, Lerchenfeld, die Erfindung von einer persönlichen Verstimmung zwischen ihm und dem Fürsten Bülow auf das allerentschiedenste zurück. Ernster war der Sturm, den der bisherige Staatssekretär Sydow entfesselte, als er bei der zweiten Lesung der Branntweinsteuervorlage am 3. Juli versuchte, die Haltung der verbündeten Regierungen zu verteidigen, die unter Verzicht auf die von ihnen einmütig gewünschte und immer wieder mit Nachdruck geforderte Erbschaftssteuer der Reichsfinanzreform in der ihr von Konversativen und Zentrum gegebenen Fassung zustimmten. Gegenüber dem Lärm im Hause konnte Sydow kaum zu Worte kommen. Als er, sehr verlegen und befangen, endlich seine Rede mit den mehr gestammelten als gesprochenen Worten begann: „Die verbündeten Regierungen stehen auf dem Standpunkt", rief ihm der Führer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Singer, mit Stentorstimme zu: „Sie stehen ja gar nicht, Sie sind schon längst umgefallen!" Das stürmische Gelächter, das hierdurch hervorgerufen wurde, dauerte minutenlang. Der arme Sydow klammerte sich an die Tribüne, ohne seine Rede fortsetzen zu können. Der Reichstag hatte seit Jahren keine solche Lärmszene erlebt. In einer besonders fatalen Lage befanden sich die Konservativen in Sachsen. Sie erklärten, sie hätten nicht den Wunsch gehabt, den unbestreitbar HEYDEBRAND BEREUT 519 hochverdienten Fürsten Bülow aus dem Amt zu bringen. Es half ihnen das nicht viel. 1907 hatten, wie ich schon erwähnte, die bürgerlichen Parteien in Sachsen dreizehn Sitze erobert; 1912 sollten sie fast alle diese Sitze wieder an die Sozialdemokratie verlieren. Heute pendelt Sachsen zwischen einer rein sozialistischen und einer soziahstisch-kommunistischen Regierung hin und her und ist zeitweise sogar der Tummelplatz des deutschen Rinaldo Rinaldini, des Herrn Max Hölz, geworden. Heydebrand, der fühlen mochte, einen wie großen Fehler er begangen hatte, benutzte die dritte Lesung der Finanzreform, am 10. Juli, um sich nach Möglichkeit reinzuwaschen. Seine Rede war dialektisch recht geschickt. Aber die Wahlen von 1912 sollten beweisen, daß es Fälle gibt, wo alle Rabulistik versagt. Heydebrand spendete mir, dem „hochverdienten" Kanzler, hohes Lob. Die Konservative Partei würde nie vergessen — hier rief die Linke: „Daß Sie ihn gestürzt haben!" — Heydebrand replizierte: „Nein, sondern was dieser Staatsmann für uns gewesen ist. Dieser Saal ist oft genug Zeuge gewesen, mit welch hinreißender Klarheit und Geistesschärfe dieser bedeutende Mann die Interessen des Landes und des ganzen Reichs nicht bloß im Innern, sondern auch nach außen hin vertreten hat." Die Konservativen würden niemals vergessen, was dieser Kanzler auch für die wirtschaftlichen Interessen des Landes, deren Schutz und Sicherheit getan hätte, mit welcher „niederschlagenden Beredsamkeit" er der sozialdemokratischen Partei entgegengetreten wäre. Besonders aber erkenne die ganze Konservative Partei einmütig und dankbar die „männliche und feste Art" an, mit der Fürst Bülow so oft vor die Person des Kaisers und Königs getreten sei. Mit sichtlicher Verlegenheit und gegen seine Gewohnheit in fast stockendem Tone suchte Heydebrand das Zusammengehen der Konservativen mit den Polen wenn nicht zu rechtfertigen so doch zu beschönigen. Dies Zusammengehen sei „ein mehr zufälliges" gewesen. Die Konservativen würden nach wie vor für die deutsche Kultur im Osten eintreten, sie würden, wenn es sein müsse, für diese Kultur „bis auf den letzten Mann" fallen. Vierundzwanzig Stunden nach diesem sehr schwachen Rechtfertigungsversuch erklärte das offizielle Organ der polnischen Fraktion, der „Dziennik Berlinski", im Namen und Auftrag der Polenpartei: „Wir erklären mit allem Nachdruck, daß die polnischen Mitglieder des Reichstags mit ihrer Abstimmung, die das Schicksal der Vorlage über die Erbschaftssteuer entschied, einzig und allein die Beseitigung des Fürsten Bülow erzielen wollten." In der Tat war, wie bereits bemerkt, die Erbanfallsteuer am 24. Juni mit 195 gegen 187 Stimmen abgelehnt worden, d. h. mit einer Mehrheit von nur acht Stimmen. Ohne die Hilfe der polnischen Stimmen wäre die Erschaftssteuer durchgegangen. Der Sprecher der Wirtschaftlichen Vereinigung, der Abgeordnete Raab, folgte dem Vorbild des 520 DIE ANGEBLICHE SCHULD DER LINKEN Abgeordneten Heydebrand, indem er in derselben Sitzung vom 10. Juli mir zwar meine Illusionen hinsichtlich der Liberalen vorwarf, aber doch erklärte: „Auch wir bedauern das Scheiden des Kanzlers! Wer weiß, ob wir je einen solchen Mann wiederbekommen! Wir waren aber an seinem Sturz nicht schuld, den hat die Linke verursacht." Am 13. Juli 1909 wurden die Verhandlungen des Reichstags geschlossen, Erneutes Ab- am Tage darauf erneuerte ich mein Abschiedsgesuch. An demselben Tage schiedsgesuch sprach ich mich gegenüber dem Chefredakteur des „Hamburgischen Corre- spondenten", Felix von Eckardt, über meine Auffassung der politischen Lage aus*. Ich verfolgte mit dieser Unterredung einen doppelten Zweck. Einmal wollte ich der schon sehr verbreiteten und nicht ganz grundlosen Meinung entgegentreten, als ob der eigentliche Grund meines Rücktritts in dem Verhalten des Kaisers mir gegenüber zu suchen wäre. Aus Rücksicht auf die Krone, um den Kaiser nicht bloßzustellen, bezeichnete ich die Haltung der Konservativen mir gegenüber als den einzigen Grund meines Rücktritts. „Daß die Erweiterung der Erbschaftssteuer gefallen ist", erklärte ich Herrn von Eckardt, „bedauert niemand tiefer als ich. Die Folgen der Ablehnung dieser vernünftigen und gerechten Steuer werden sich in ernster Weise bemerkbar machen. Daß das Zentrum die Erbschaftssteuer zu Fall gebracht hat, das hat mich nicht gewundert. Das Zentrum hat sich über die unbestreitbaren Vorzüge dieser Steuer, über die Tatsache, daß viele seiner namhaftesten Vertreter ebenso wie leitende Zentrumsblätter seit Jahren für diese Steuer eingetreten sind, über die Tatsache, daß sie sozialpolitisch und steuertechnisch dem Zentrumsprogramm entspricht, über alles das hat sich das Zentrum in dem Augenblick mit der ihm eigenen taktischen Elastizität hinweggesetzt, wo es hoffen konnte, die Konservativen zu sich hinüberzuziehen und mir damit ein Bein zu stellen. Ich nehme das dem Zentrum gar nicht übel. Ich nehme das dem Zentrum so wenig übel, wie ich die gleiche Haltung den Polen übelnehme, die auch, obwohl an und für sich Freunde der Erbschaftssteuer, aus Haß gegen mich gegen die Erweiterung der Erbschaftssteuer gestimmt haben. A la guerre, comme a la guerre. Von der Seite hatte ich es nicht anders erwartet. Die Haltung der Konservativen ist mir weniger verständlich gewesen, und es wird nicht gelingen, sie dem Lande verständlich zu machen. Der Eindruck wird unverwischbar haften, daß die Konservativen dem zur ausschlaggebenden Stellung zurückverlangenden Zentrum Handlangerdienste geleistet haben. Wenn die Konservativen jetzt erklären lassen, sie hätten die grundsätzliche Ausschaltung des Zentrums für einen politischen Fehler gehalten, so kann damit nur die Blockpolitik gemeint sein. Denn den politischen Fehler der grundsätzlichen * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 369; Kleine Ausgabe V, 210. Brief des Kronprinzen Wilhelm an Bülow (Zu Seite 520) Euer Durchlaucht, danke ich von Herzen für den so freundlichen Brief und die gute Meinung die Sie darin von mir haben. Sie sind stets offen und freundlich gegen mich gewesen und haben wir manches ernste Wort in Ihrem schönen Zimmer gesprochen. Ich bedaure von Herzen daß Sie aus Ihrem dornenvollen Amte scheiden, besonders wegen des großen Einflusses den Durchlaucht stets bei meinem Vater genossen haben. Auf der anderen Hand verstehe ich es sehr gut, daß ein friedliches Leben auch recht verlockend erscheinen muß nach all den Jahren des Kampfes. Ihr Herr Nachfolger hat in der inneren Politik kein ganz leichtes Erbe. Er wird versuchen müssen den Blockgedanken Ew. Durchl. zuletzt doch wieder durchzusetzen, wegen des deutschen Volkes. Er muß S. M. den Konservativen gegenüber beruhigen, wir können nicht den Ast absägen auf dem wir sitzen. Er muß auf sparsame Wirtschaft in allen Zweigen der Verwaltung halten, besonders der Eisenbahn. Diese 3 Punkte halte ich für ernst. Glauben Sie nicht auch ? Indem ich Ew. Durchlaucht alles Gute für die Zukunft wünsche verbleibe ich mit einem Handkuß der Frau Fürstin stets Ihr treuer Wilhelm K. P. S. Ich habe mir erlaubt Ew. Durchl. noch das versprochene Bild zu senden. 53 AI m er w. 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