FÜRST BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN IV BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN VIERTER BAND JUGEND- UND DIPLOMATENJAHRE HERAUSGEGEBEN VON FRANZ VON STOCKHAMMERN TM VERLAG ULLSTEIN • BERLIN 1. bis 20.Tausend EINBANDENTWURF VON BEUCKE . ALLE RECHTE VORBEHALTEN COPYRIGHT 1931 BY ULLSTEIN A-G BERLIN . PRINTED IN GERM AN Y BERNHARD FÜRST VON BÜLOW DENKWÜRDIGKEITEN IN VIER BÄNDEN l. Vom Staatssekretariat bis zur Marokko-Krise 2. Von der Marokko-Krise bis zum Abschied 3. Weltkrieg und Zusammenbruch 4. Jugend- und Diplomatenjahre Die Bände erschienen in der Reihenfolge ihrer Niederschrift INHALT DES VIERTEN BANDES ERSTES KAPITEL...................... 3 Frankfurt a. M. • Elternbaus • Frankfurter Diplomaten • Der Gesandte von Bismarck-Schonhausen • Erster Unterricht durch Gouvernanten und Hauslehrer Erziehuugsgrundsätze des Vaters ZWEITES KAPITEL.....................19 Rumpenheim • Königin Alexandra von England und Kaiserin Maria Fcodorowna von Rußland als Kinder • Bildungsideal des Vaters: Bibel und Kernlieder, Homer und Goethe < Im Frankfurter Gymnasium • Die Israeliten in Frankfurt Die Familie Rothschild DRITTESKAPITEL.....................30 Hamburg und Klein-Flottbek • Geburtsbaus an der Flottbeker Chaussee • Verwandte und Jugendfreunde • Die erste Seefahrt • Alkohol VIERTES KAPITEL.....................43 Die Großmutter in Plön • Der Großonkel "Wolf Baudissin • Die Schleswig-Hol- steinische Frage • Der Vater scheidet aus dem dänischen Staatsdienst (1862) Seine Berufung nach Mecklenburg-Strelitz als leitender Minister (1863) FÜNFTES KAPITEL.....................66 Mecklenburg: Verfassungszustände, Land und Leute • Neu-Strelitz • In der Schloßkoppel • Großherzog Friedrich Wilhelm • Das Gymnasium Carolinum Virgil oder Vergil? • Erste Bekanntschaft mit Berlin (1863) • Reise nach Süddeutschland • Sommer in Doberan • Düppel und Aisen • Neu-Strelitz und Alt- Strclitz • Der Altersgenosse Ewald Wohlfahrt • Neubrandenburg ■ Fritz Reuter Fußwanderung auf Rügen mit Erbgroßherzog Adolf Friedrich (1864) SECHSTESKAPITEL....................72 Pädagogium in Halle (1865—1867) • Das Leben im „Pädchen" • Professor Dr. Daniel und sein Einfluß • Redeübungen • Mitschüler • Die Halloren • Politik in Halle • Demokratie und Liberalismus, „Professoren" und „Kreisrichter", fast alle Intellektuelle gegen Bismarck • Konfirmation in Halle (18. III. 1866) SIEBENTESKAPITEL....................86 Der Krieg von 1866 » Würdigung der Politik Bismarcks • Bismarck und Edwin Manteuffel • Die damaligen Vertreter Preußens im Ausland VIII INHALT DES VIERTEN BANDES ACHTES KAPITEL...................... Die Schlacht von Königgrätz • General von Steinmetz • Der Vater wird mecklenburg-schwerinscher Gesandter in Berlin • Die Cholera in Halle • Fußwanderung durch den Harz (Herbst 1866) • Besuch bei Onkel Baudissin in Dresden • Abiturienten-Examen (Herbst 1867) • Puppel • Dulce est desipere inloco NEUNTES KAPITEL..................... Universität Lausanne (1867) • Vevey • Donna e mobile • Universität Leipzig Professor Wilhelm Roscher . Lektüre: Bedeutung des Romans für Weitläufigkeit und Menschenkenntnis ■ Fußreise durch die Schweiz (1868) • Übersiedlung an die Universität Berlin • Professor Rudolf Gneist • Tod des Schwesterchens Bertha Kur in Bad Oeynhausen (Juni 1870) • Die politische Lage, die Emser Depesche ZEHNTESKAPITEL..................... Französische Kriegserklärung • Entschluß, als Kriegsfreiwilliger in die Armee einzutreten • Meldung beim Königshusaren-Regiment in Bonn • „Lehmop!" Rheinfahrt nach Köln • Der Eindruck der ersten siegreichen Schlachten in der Heimat ELFTES KAPITEL...................... Bismarcks Politik 1870 • Österreich-Ungarn, Italien, England, Rußland • Haltung Bayerns im Juli 1870: Widerstände in der Bayrischen Abgeordnetenkammer, die patriotische Haltung der Ersten Kammer • Geschlossene Einheit der Nation • Rundschreiben Bismarcks an die preußischen Missionen • Neutralität Österreich-Ungarns • Holsteins Mission nach Florenz ZWÖLFTES KAPITEL.................... Die Schlacht bei Sedan • Napoleon III. sendet Prinz Jeröme nach Italien • Der Widerstand Frankreichs unter Gambetta • Vergleich mit dem deutschen Zusammenbruch 1918 • Belgien: Bismarcks Veröffentlichung in der „Times" über französische Anerbietungen an ihn auf Kosten Belgiens; Wirkung dieser Publikation auf die öffentliche Meinung in Europa, besonders in England • Bethmann Hollweg 44 Jahre später • Berlin im Oktober 1870 • Erste Begegnung mit Holstein Die Familie Bismarck • Zurück nach Bonn DREIZEHNTES KAPITEL.................. Ins Feld • Biwak bei Metz • Erste Briefe nach Hause • Melderitte und Patrouillen • Major Lentze • Beförderung zum Gefreiten (15. XI. 1870) • Vormarsch nach Compiegnc • 1870 und 1918 VIERZEHNTES KAPITEL.................. Armeebefehl des Generals von Goeben vom 27. XL 1870 • Briefe aus dem Felde Dezembertage 1870 • Rouen • Alarm-Quartier in Camon • Die Schlacht an der Hallue (23. XII. 1870) . Weihnachten in Altonville FÜNFZEHNTES KAPITEL.................. Patrouillenritte • Gefecht bei Sapignies am 2. I. 1871 • Leutnant Graf Max Pourtales • Die Schlacht bei Bapaume (3. I. 1871) • General von Goeben Patrouillendienst vor Saint - Quentin INHALT DES VIERTEN BANDES IX SECHZEHNTES KAPITEL..................220 Schwadrons-Kameraden: Guido Nimptsch, Dietrich Loe • Scharffenherg, Pcm- berton-Ground, Borcke, Beißcl von Gymnich, Dietrich Metternich • Verschärfter Aufklärungsdienst • Schlacht bei Saint- Quentin (19.1.1871) • Das Ostpreußischc Füsilier-Regiment Nr. 33 • Leutnant von Deines, Leutnant Moßner, Rittmeister Rudolphi SIEBZEHNTESKAPITEL..................235 Waffenstillstand vom 31. I. 1871 • Ausbruch der Pocken • Friedensmäßiger Drill Prähminarfriede • Leutnant im Königshusaren-Regiment (8. III. 1871) • Marsch des Regiments nach Amiens • Parade vor dem Kronprinzen (13. III. 1871) Platzmajor in Amiens • Feldbricfe von dort ACHTZEHNTESKAPITEL..................247 Amore sacro und Amore profano • Ritt nach Camon • Das VIII. Armeekorps erhält Befehl zum Rückmarsch • Oberst Freiherr von Loe • Die Königshusaren marschieren durch die Eifel nach Trier • Einzug in Bonn (6. VII. 1871) • Wieder im Elternhaus zu Klein-Flottbek (20. VII. 1871) NEUNZEHNTESKAPITEL..................201 Leutnant in Bonn • Vorbereitung zum Referendar-Examen in Greifswald Prinz Franz Arenberg, Kaplan Hartmann • Überarbeitung, Ohnmachtsanfal! Professor Wilhelm Studemund • Professor Ernst Immanuel Bekker • Beginn des Kulturkampfes • Referendar-Examen in Greifswald (März 1872) • Pasewalk ■ Bestimmung zum diplomatischen Dienst • Abschied vom Regiment • Im Elternhaus zu Klein-Flottbek • Übersiedlung nach Metz ZWANZIGSTES KAPITEL..................277 Beim Kaiserlichen Landgericht in Metz • Rudolf Freiherr von Seckendorf! Staatsanwalt Ittenbach • Assessor Magdeburg • Plädoyer vor dem Metzer Schwurgericht • Das deutsche Theater in Metz • Besuch bei den Eltern Arenbergs in Marche-Ies-Dames • Dienst beim Bezirkspräsidium • Kuraufenthalt in Heiden und Reichenhall • Vater zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts ernannt Bernhard von Bülow Attache im Auswärtigen Amt • Ratschläge des Vaters für den diplomatischen Dienst EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.............291 Beschäftigung im Auswärtigen Amt (1873/1874) • Graf Paul Hatzfeldt, seine Fingerzeige für Verhalten mit S. D. • Lothar Bucher • Wilhelmstraße 76 Abendempfänge im Bismarckschen Hause • Bismarckfeindliche Strömungen in der Berliner Gesellschaft • Mangelnde Begabung des Deutschen für Politik ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL............304 Berliner Geselligkeit im Winter 1873/1874 • Die Salons: Gräfin Perponcher, Frau von Prillwitz, Mimi Schleinitz, Gräfin Luise Benkendorf, Cornelia Richter- Meyerbeer, Oberstkämmerer Graf Wilhelm Redern • Diplomatisches Corps Die Bonbonniere • Weimar und Potsdam • Sommer am Pfingstberg und in Potsdam X INHALT DES VIERTEN BANDES D R E I U N D Z W A N Z I G S T E S KAPITEL ............320 Attache in Rom • Reise durch Siidfrankreich und Italien • Eintreffen in Rom (15 X. 1875) . Gesandter von Keudell • Reise nach Sizilien • Gregorovius, Mummten . Römische Gesellschaft • Pius IX. und das Königreich Italien Kirche und Staat in Italien V IE R U N D Z W A N Z I G S T E S KAPITEL ............332 Kaisers Geburtstag im Palazzo Caffarelli • Albano » Spaziergänge in Rom und Ritte in der Campagna ■ Der Kronprinz und die Kronprinzessin • Erste Begegnung mit Gräfin Marie Dönhoff • Reise des Kronprinzen nach Neapel F Ü N F U N D Z W A N ZI G S T E S KAPITEL ...........343 D ; e Kollegen an der Gesandtschaft • Professor Karl Hillebrand • Berlin im Mai 1875 • Soiree im Hausministerium • Staatssekretär von Bülow über die politische Lage • In Varzin • Besuch auf dem Lande • Über Wien nach Ischl Idyll am St.-Wolfgang-See • Salzburg • Lothar Bucher und der Ernst des Lebens SECHSUNDZWANZIGSTESKAPITEL............359 Diplomatisches Examen • Versetzung nach St. Petersburg (1875) • Reise dorthin • Graf A'vensleben • General von Werder • Der Raswod . Zar Alexander II. Der Zarewitsch • Reformprogramm Andrässys für den Balkan • Die Petersburger Gesellschaft • Slawische Frauen, russische Mädchen • Russische Literatur SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL...........372 Botschafter Prinz Heinrich VII. Reuß • Botschafter von Schweinitz • Mission Radowitz • Alexander II. • Kaiserin Maria Alexandrowna • Katharina Dolgorukij • Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitz • Kaiser Paul, das autokratische Regime und die Knutenstrafe • Abschiedsbesuch bei Gortschakow (1876) ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL............385 Rückkehr nach Berlin • Staatssekretär von Bülow über die auswärtige Lage Versetzung nach Wien • Botschafter Graf Otto Stolberg-Wernigerode • Das offizielle Wien: Freiherr von Schmerling, Fürst Richard Metternich, Graf Hübner Die politische Stimmung gegenüber dem Deutschen Reich • Bismarck und die deutsch-österreichischen Liberalen • Graf Gyula Andrässy • Unruhen in Saloniki Begegnung des Kaisers Alexander II. mit Kaiser Franz Josef in Reichstadt (5. VII. 1876) • Türkische Greueltaten in Bulgarien NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL............399 Gesellschaftliches Leben in Wien • Volksgarten und Prater • Kuraufenthalt in Montreux und San Remo • Versetzung als Geschäftsträger nach Athen • Weihnachten auf Korfu • Paxos • Übernahme der Dienstgeschäfte in Athen DREISSIGSTES KAPITEL..................412 Die Orientkrisis 1876/1877 • König Georg von Griechenland • Das Diplomatische Korps in Athen • Besuch der Prinzessin von Wales in Athen • Das englische Geschwader • Tod des österreichischen Gesandten Freiherrn von Münch • Einmarsch der Russen in Rumänien • Reise nach Olympia • Ausgrabungen • Professor Ernst Curtius • Beim griechischen Königspaar in Tatoi INHALT DES VIERTEN BANDES XI EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL.............427 Friede von S. Stefano (März 1878) • Berufung in das Sekretariat des Berliner Kongresses • Rückblick auf Athen • Berlin im Juni 1878 • Attentate auf Kaiser Wilhelm I. • Hödel und Nohiling • Reichstagsauflösung und Neuwahlen • Das Sozialistengesetz • Staatssekretär von Bülow über den Berliner Kongreß Lebensgefährliche Halsentzündung • Die ersten Sitzungen des Kongresses ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL............444 Bismarck und Gortschakow • Unterzeichnung des Berliner Vertrages (13.VII.1878) Schuwalow und Gortschakow • Geheimrat von Holstein • Verlobung im Hause Bismarck • Biarritz, Dr. Adhema • Lektüre D R EI U N D D R E I S S I G S T E S KAPITEL............461 Versetzung nach Paris • Dienstantritt • Botschafter Fürst Chlodwig Hohenlohe Die Pariser Gesellschaft • Garnbetta, seine Stellung zur Revanche-Idee und zur Sozialen Frage • General Gallifct • Waldeck-Rousseau, Scheurer-Kestner VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL . ...........476 Marschall Mac Mahon • Sein Rücktritt (29. I. 1879) • Jules Grevy • Stellung Bismarcks zu Frankreich ■ Die drei Jules • Herr von Frey einet • Das Personal der Deutschen Botschaft: Thiclmann, Philipp Eulenburg, Friedrich Vitzthum, Nicolaus Wallwitz • Seine-Babel? • Ein Traum FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL.......... . . 492 Die deutsche Kolonie in Paris • Graf Guido Henckel-Donnersmarck • Die Pai'va Das Palais Henckel und seine Gäste • „Graf" Keßler • Badekur in Ems (Juli 1879) • Kaiser Wilhelm I. • Kaiserin Augusta • Rückkehr nach Paris • Die kirchenpolitische Gesetzgebung in Frankreich • Jules Ferry und Paul Bert Beunruhigende Nachrichten über das Befinden des Vaters, Reise nach Berlin S E C H S UN D D R E I S S I G S T E S KAPITEL...........505 Vorbereitung des Bündnisses mit Österreich-Ungarn ■ Bismarck in Wien • Widerstand des Kaisers Wilhelm I. • Staatssekretär von Bülow über das Bündnis mit Österreich • Unterzeichnung durch Wilhelm 1. (15. X. 1879)-Abschiedsgesuch des Vaters • Unterredung mit Fürst Bismarck • Besuch Bismarcks beim Vater Bülow . Tod des Vaters in Frankfurt a. M. (20. X. 1879) • Beileid Kaiser Wilhelms • Leichenfeier in Berlin • Der Winter in Paris • Im Hause Hohenlohe S IE B E N U N D D R E I S S I G S T E S KAPITEL...........520 Die früher in Frankreich regierenden Familien • Das Haus Bonaparte • Die Orleans ■ Der Herzog von Aumale • Spionage • Das Diplomatische Korps • Mon- signore Czaki • Der Prinz von Wales in Paris ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL . . ,.........531 Beförderung zum Ersten Botschaftssekretär ■ Geschäftsträger • Alfons XII. in Paris • Fürstin Monia Ouroussow • Dr. Landsberg • Besuch in Rom • Pietro Blaserna und Marco Minghetti • Neapel, Capo Miseno • Reise nach Tunis Dr. Gustav Nachtigal • Algier • Dr. Julius Fröbel XII INHALT DES VIERTEN BANDES NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL............547 Besuch Herbert Bismarcks in Paris • Von Herbert Bismarck nach London eingeladen • Botschafter Graf Münster • Mr. Gladstone • Vermählung Adolfs von Biilow in Nienstedten (1. VII. 1884) • Versetzung nach St. Petersburg • Bei Fürst Bismarck in Varzin VIERZIGSTES KAPITEL..................563 St. Petersburg (Juli 1884) • Geschäftsübernahme • Tod von Gortschakow und Skobelew • Reichssekretär Polowzow • Herr von Gicrs • Kaiserbegegnung von Skierniewice, Vorbereitung der Entrevue • Bei Bismarck in Berlin • Reise nach Skierniewice • Kaiser Wilhelm I., Kaiser Alexander III. und Kaiser Franz Josef Warschau • Generalkonsul von Rechenberg • Graf Fersen • Graf Dmitri Tolstoi Pobjedonoszew • Gräfin Kleinmichl • Madame Durnow • General Tscherewin E IN U N D VI E R Z I G S T E S KAPITEL..............579 Afghanistan, der englisch-russische Konflikt • Der siebzigste Geburtstag des Fürsten Bismarck • Im Hause Bismarck (1. IV. 1885) • Unterredung mit Herbert Bismarck • Bulgarien und Prinz Alexander Battenberg • Der Sommer 1885 in St. Petersburg • Annullation der Ehe der Gräfiu Marie Dönhoff durch den Heiligen Stuhl • Vermählung in Wien am 9. I. 1886 ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............593 Salzburg • Besuch bei Marco Minghetti in Rom • In Berlin • Der Abend im Hause Bismarck • Diner im Kronprinzlichen Palais • Besuch des Kronprinzen bei Frau von Bülow • Ihr Empfang bei Kaiserin Augusta • Gespräch mit Kaiser Wilhelm I. • Aufnahme in St. Petersburg • Hof, Gesellschaft und Diplomatie • Das russische Ministerium des Äußern: Vlangaly, Lambsdorff • Revolution in Sofia Bismarcks Stellung zur Bulgarischen Frage und zur „Battenbergerei" • Berlin im Frühjahr 1887 • Frühstückstafel beim Kronprinzenpaar • Die Verlobung der Prinzessin Viktoria mit Alexander von Battenberg, Bismarcks Widerstand DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............608 Besuch bei der Mutter in Seelisberg • Mit General von Loe und General Graf Waldersee in Axenstein • Reichstagsauflösung und Septennat • Drohende Kriegsgefahr 1887 • Die innerpolitische Lage und Rußland • Großfürst Wladimir Der RückVersicherungsvertrag • Bismarcks letzte große Rede VIERUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............615 Operation des Kronprinzen • Tod Kaiser Wilhelms I. (9. III. 1888) • Trauerfeier in St. Petersburg • Frau von Bülow in Berlin bei Kaiserin Friedrich und Königin Victoria von England • Die Königin über Bismarck • Der Abend bei Bismarck Gesandter in Bukarest • König Carol • Rumänische Politiker: Peter Carp und Bratianu • Tod des Kaisers Friedrich (15. VI. 1888) • Die Aufgabe des kaiserlichen Gesandten in Bukarest FÜNFUNDVIERZIGSTES KAPITEL.............626 Nieuport im Hochsommer 1889 • Franz Arenberg • Erste Anzeichen des kommenden Sturzes von Bismarck • In Berlin • Unterredung mit dem Chef der INHALT DES VIERTEN BANDES XIII Reichskanzlei, Rottenburg • Diner bei Graf Wilhelm Pourtalfcs, Herbert Bismarck und Hugo Lerchenfeld • Rückkehr nach Bukarest • König Carol über Bismarck Mein Brief an Phili Eulenburg vom 2. III. 1890 • Entlassung Bismarcks (20. III. 1890) • Nichterneuerung des RückVersicherungsvertrages mit Rußland • Russisch-französischer Allianz-Vertrag • Die deutsche öffentliche Meinung nach Bismarcks Rücktritt SECHSUNDVIERZIGSTES KAPITEL............642 König Carol über die Entlassung des Fürsten Bismarck • Verlobungsfeier im rumänischen Königshause • Ernennung Bülows zum Botschafter in Rom • Abschied von König Carol • Letztes Zusammensein mit der Mutter in Berlin SIEBENUNDVIERZIGSTES KAPITEL...........652 Übernahme der Römischen Botschaft • Lage in Italien • Crispi, Blanc • Die deutsche Kolonie • Kaisers Geburtstag 1894 • Kaiser Wilhelm II. besucht König Humbert in Venedig ACHTÜNDVIERZIGSTES KAPITEL.............6Ü4 Reise nach Sizilien • Fürst Paolo Camporeale • Altavilla • Donna Laura Minghetti • Mahvida von Meysenbug • Das Abessinische Abenteuer • Crispis Sturz, Marchese Rudini NEÜNÜNDVIERZIGSTES KAPITEL.............67G Besuch des Kaisers in Süditalicn • Besteigung des Vesuv • Begegnung mit Kardinal Sau Feiice, Erzbischof von Neapel • Die päpstliche Diplomatie, Kardinäle und Prälaten • Der deutsch-russische RückVersicherungsvertrag und Fürst Bismarck • Die Kretische Frage • Die Nachfolge des Staatssekretärs Marschall Besprechungen mit Phili Eulenburg in Meran und Venödig • Korrespondenzen mit Berlin • Ungewißheit und Unsicherheit bis zur endlichen Entscheidung NAMEN-UND SACHREGISTER 693 VERZEICHNIS DER BEILAGEN Bülows Vater.......................................... 24 Urgroßeltern Bülows: Reichsgraf und Reichsgräfin v. Baudissin 48 Senator Martin Johann Jenisch und Susanne von Bülow .... 64 Die „Emser Depesche".................................. 128 Bülows Mutter......................................... 144 Die „Times" vom 25. Juli 1870 .......................... 172 Benedettis Vertragsentwurf.............................. 176 Bülow als Secondelieutnant.............................. 240 Das Geburtshaus Bülows in Klein-Flottbek................ 256 Salon der Gräfin Schleinitz.............................. 304 Bülow auf einem Kostümball in Rom..................... 328 Fürst Gortschakow ..................................... 360 Prinz Heinrich VII. Reuß und Graf Metternich ............ 392 Benjamin Disraeli (Earl of Beaconsfield) .................. 440 Oppert-Blowitz, „Times"-Korrespondent in Paris........... 448 Kaiser Wilhelm I. mit seiner Schwester in Ems............ 500 Beileidsbrief Kaiser Wilhelms I. an Bülows Mutter.......... 508 Beileidstelegramm Bismarcks an Bülow.................... 512 Leon Gambetta ........................................ 516 Donna Laura Minghetti ................................. 528 Marco Minghetti........................................ 536 Giers, Bismarck und Kälnoky in Skierniewice.............. 568 Gräfin Marie Dönhoff................................... 592 Bismarck am Schreibtisch ............................... 640 Francesco Crispi........................................ 672 Die „Krüger-Depesche"................................. 680 ★ Dieser vierte und letzte Band der Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow hat ein eigenes Namen- und Sachregister. Das Register für die Bände I bis III befindet sich am Schluß des dritten Bandes JUGEND-ERINNERUNGEN / 1 Bülow IV Ü:>::: I. KAPITEL Frankfurt a. M. • Elternhaus • Frankfurter Diplomaten • Der Gesandte von Bismarck- Schönhausen • Erster Unterricht durch Gouvernanten und Hauslehrer • Erziehungsgrundsätze des Vaters Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist alsohald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, So sagten schon Sibyllen, so Propheten: Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. Goethe setzte diese Verse an die Spitze seiner Orphischen Urworte. Er bemerkte dazu, daß die wenigen Strophen viel Bedeutendes enthielten, und das in einer Folge, die, w enn man sie erst kenne, dem Geiste die wichtigsten Betrachtungen erleichtere. Schiller läßt seinen Wallenstein sagen: Des Menschen Thaten und Gedanken, wißt, Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen. Sie sind notwendig wie des Baumes Frucht, Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln. Hab ich des Menschen Kern erst untersucht, So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln. Dagegen schreibt im zweiten Kapitel seines „Bellum Jugurthinum" Sallust, dessen Gärten die Höhe des Pincio einnahmen, wo jetzt die Villa Malta steht, in der ich diese Zeilen diktiere: „Animus incorruptus, aeternus rector humani generis, agit, atque habet cuneta, neque ipse habetur." Wer war echt? Die beiden größten deutschen Dichter oder Gaius Sallustius Crispus, einer der scharfsinnigsten Historiker aller Zeiten? Kann der Mensch sein Schicksal selbst gestalten ? Oder treibt ihn seine ihm von einer stärkeren Gewalt aufgeprägte Individualität willenlos in die eine oder die andere Richtung, wie ein Blatt, das der Wind vor sich her weht? Liegt hier eine Antinomie vor, einer jener Widersprüche, in welche die Vernunft bei !• 4 ZWISCHEN NORDEN UND SÜDEN Anwendung ihrer unbedingten Forderungen auf eine bedingte Welt mit sich selbst gerät? Jeder ehrlich erzählte Lebenslauf mag der Prüfung dieser Frage zugute kommen. Wenn ich, nachdem ich das Alter des Psalmisten überschritten habe, meine Lebenserinnerungen niederschreibe, so möchte ich dies vorausschicken: Wer auf ein nicht nur langes, sondern auch bewegtes Leben zurückblickt, der weiß, daß Memoiren nur dann einen Wert haben, wenn sie aufrichtig und innerlich wahr sind. Wenn der Autor sagt, was war, wenn er berichtet, wie es zuging, wirklich zuging. Goethe hat einmal gesagt, daß, wer ein Blatt Papier vor sich und eine Feder in der Hand habe, getrost ans Werk gehen möge. Wenn er über seine Erlebnisse und Empfindungen die Wahrheit sage, könne er ein gutes, ja ein nützliches Buch schreiben. Ich trete nicht vor den Leser mit den Worten, mit denen Jean-Jacques Bous- seau, seine „Confessions" in der Hand, vor den heben Gott treten wollte, wenn einst die Trompete des Jüngsten Gerichts erschallen sollte: „Voilä ce que j'ai fait, ce que j'ai pens6, ce que je fus. Bassemble autour de moi l'innombrable foule de mes semblables; qu'ils ecoutent mes confessions, qu'ils rougissent de mes indignites, qu'ils gemissent de mes miseres. Que chaqun d'eux decouvre ä son tour son cceur au pied de ton trone avec la meme sincerite, et puis qu'un seul te dise, s'il l'ose: Je fus meilleur que cet homme lä." Ich begnüge mich mit dem Wort des Terenz, das den Beifall des heiligen Augustinus fand: „Homo sum; humani nil a me alienum puto." Ich betrachte es als ein Glück, daß ich die ersten Eindrücke meines Kindheit in Lebens in Frankfurt a. M. empfing. Als der spätere Fmanzminister Johannes Frankfurt Miquel 1880 sein Amt als Oberbürgermeister von Frankfurt antrat, sagte a.M. i^jjj Kaisej-in Augusta in der ihr eigenen nachdenklichen und dabei geistig feinen Art: „Frankfurt ist weder Norddeutschland noch Süddeutschland. Frankfurt ist eben Frankfurt." Daß ich in der Stadt aufwuchs, wo norddeutsche und süddeutsche Art sich begegnen, die den Süden mit dem Norden verbindet, hat mich von Kindesbeinen an gegen allen Partikularismus gefeit und es mir erleichtert, mich frühzeitig mit der Gesinnung zu erfüllen, in welcher der wackere, als ich ein Knabe war, noch lebende Ernst Moritz Arndt 1813 gesungen hat: „Das ganze Deutschland soll es sein!" In diesem Sinne faßte ich Jahrzehnte später, am 13. Januar 1902, im Preußischen Abgeordnetenhaus mein politisches Glaubensbekenntnis in die Worte zusammen: „Nach einseitigen Gesichtspunkten werde ich Ihnen die Politik dieses Landes niemals zurechtschneiden. Ich werde Ihnen ebenso wenig eine protestantisch-konfessionelle oder eine katholisch-konfessionelle Politik machen, wie ich Ihnen eine liberale oder eine konservative Parteipolitik machen kann und will. Für mich als Ministerpräsidenten und Beichskanzler gibt es weder ein katholisches noch ein protestantisches, IM FRANKFURTER RÖMER 5 weder ein konservatives noch ein liberales Preußen und Deutschland, sondern vor meinen Augen steht nur die eine und unteilbare Nation, unteilbar in materieller und unteilbar in ideeller Beziehung."* Keine Stadt in Deutschland war wohl mehr geeignet als Frankfurt, dem Knaben die Einheit, die Größe, aber auch die Tragik der deutschen Geschichte vor Augen zu führen. In dem ehrwürdigen Dom, der sich über der Straßen quetschende Enge und niedrige Häuser, über Giebel und Dächer, über das ganze Frankfurter Häusermeer gotisch und dunkel erhebt, waren die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt und gekrönt worden. Hier hatte Bernhard von Clairvaux vor Konrad III. den Kreuzzug gepredigt, und der erste der Hohenstaufen-Kaiser trug den Zisterzienser-Abt auf seinen Armen aus dem Getümmel des Volkes. Nicht weit vom Dom erblickte ich den dreigiebligen Römer. Ich stieg die breite Steintreppe empor und stand im Kaisersaal. An der Hand meines Hauslehrers Lohr, eines wackeren Kurhessen, der später als Generalsuperintendent der Provinz Hessen-Nassau viele Jahre segensreich gewirkt hat, betrachtete ich die überlebensgroßen Bilder der deutschen Kaiser. Mit Ehrfurcht stand ich vor dem großen Karl, der Frankfurt den Namen gab. Das Rolandslied, so belehrte mich mein Lehrer, rühme von diesem ersten deutschen Kaiser, er sei den Feinden des Reiches schrecklich, dem deutschen Volke aber traulich gewesen, zwölf Paladine hätten ihn umstanden wie Christum die zwölf Apostel. Die Geschichte melde, daß Orient und Okzident sich vor ihm neigten, die Kirche ihn unter ihre Heiligen versetzte, daß er der Bildner und Schöpfer seines Zeitalters war, der Begründer der mittelalterlichen Bildungsformen. Und der gute Lohr, der ein feuriger Patriot war, prägte mir die wehmütigen Verse ein, die zwanzig Jahre früher, angesichts der beiden im Schwabenlande sich erhebenden schlanken historischen Berggipfel, des Hohenstaufen und des Hohenzollern, der schwäbische Dichter Pfizer an den ersten deutschen Kaiser gerichtet hatte: Kaiser Karl, von dem sie sagen, Daß noch oft Dein Banner rauscht, Wenn Du fliegst im Wolkenwagen Und Dein Volk dem Siegsruf lauscht, Wo bist Du ? Den Ruf zum Siege Freilich hört kein Deutscher mehr; Und der Glaube ward zur Lüge, Harrt umsonst der Wiederkehr. * Fürst Bülows"Reden, Große Ausgabe, herausgegeben von Johannes Penzier und Otto Hoertsch, Band I, Seite 260. — Fürst Bülows Reden, Kleine Ausgabe herausgegeben von Wilhelm von Massow, Band II, Seite 99. 6 BISMARCK-SCHÜNHAUSEN Lohr erzählte mir von den Sachsenkaisern, von Kaiser Heinrich, den sie vom Finkenherd im Harz auf den deutschen Kaiserthron riefen, von seinem Sohn, dem großen Kaiser Otto, der die Slawenstämme zwischen Elbe lmd Oder unterwarf und die Polen wie die Böhmen zur Anerkennung der deutschen Lehnshoheit zwang, dem Sieger in der gewaltigen Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfelde bei Augsburg. Er sprach mir auch von seinem phantastischen Enkel, Otto III., der, lebensmüde, obwohl kaum 22 Jahre alt, auf der Burg Paterno bei Rom starb, von dem Salier Heinrich III., unter dem das Heilige Römische Reich Deutscher Nation den Gipfel seiner Macht erstieg, der Lothringen gewann und mit der Ostmark den Grund zu Österreich legte, der drei italienische Päpste absetzte und nacheinander vier deutsche Päpste einsetzte, aber ach! schon mit neununddreißig Jahren starb. Noch lieber standen wir vor den Bildern der Hohenstaufen, am liebsten vor Kaiser Rotbart. Und wenn mir Herr Dr. Lohr von Barbarossa erzählte, der die deutsche Reichsherrlichkeit mit sich hinabgenommen hätte, aber wiederkommen würde mit ihr zu seiner Zeit, so überkam mich eine große Sehnsucht, daß die Raben endlich aufhören möchten, um den Kyff- häuser zu fliegen, daß der Kaiser herausträte aus seinem unterirdischen Schloß und mit ihm des Reiches Herrlichkeit. Die Habsburger-Kaiser gefielen mir weit weniger. Nur zwei von ihnen zogen meine Augen auf sich: Kaiser Rudolf, weil ihm Schillers schönes Gedicht vom festlichen Krönungsmahle im altertümlichen Saale zu Aachen galt, und der finstere Carolus Quintus. Dessen ablehnende Haltung gegen unseren teuren Dr. Martin Luther nahm ich ihm zwar übel, aber daß die Sonne in seinem Reich nicht unterging, gefiel mir doch. Die Leopolde und Ferdinande, die Franz und Josef mit ihrer hängenden Unterlippe fand ich ledern. Meine Eltern wohnten in der Neuen Mainzer Straße. Nicht weit von uns, Der in der Gallusgasse, hatte sich der preußische Gesandte, Herr von Bismarck- preußische Schönhausen, eingemietet. Der war in den Frankfurter Diplomatenkreisen Bundettags- n j cüt g Cra( ] e beliebt. Preußen war nicht in der Mode, weder im deutschen ßBSQfldtG Vaterlande noch in der weiten Welt. Die schwächliche Haltung der preußischen Regierung im kurhessischen Konflikt hatte das preußische Ansehen stark erschüttert. Alle Welt spottete über den Schimmel von Bronzen, das einzige Opfer eines Vorpostengefechts zwischen preußischen und österreichisch-bayrischen Truppen. Der preußische Ministerpräsident Man- teuf fei erschien gegenüber seinem Antagonisten, dem vornehmen, hochfahrenden Fürsten Felix Schwarzenberg, dem letzten großen österreichischen Staatsmann der alten Schule, als ein subalterner Bürokrat, Friedrich Wilhelm IV. als ein irrlichterierender und dabei schwächlicher Träumer, • verglichen mit dem um dreiunddreißig Jahre jüngeren Kaiser Franz Josef, den der Siegesglanz von Novara umleuchtete, dessen Heere Vater Radetzky „DER JUNGE SIEHT EHRGEIZIG AUS" 7 führte, dessen Haus sechshundert Jahre die deutsche Kaiserkrone getragen hatte. Diejenigen, welche dem Gesandten von Bismarck nähertraten, fanden, daß er Geist und Temperament besitze. Regeren Verkehr aber unterhielt Bülows Eltern der preußische Gesandte nur mit dem oldenburgischen Gesandten, Herrn von Eisendecher, und mit meinem Vater. Dieser vertrat als dänischer Gesandter beim Bundestag die Herzogtümer Holstein und Lauenburg. Er war fast gleichzeitig mit Herrn von Bismarck 1851 beim Bundestag akkreditiert worden. Seine Beziehungen zu Bismarck wurden bald herzlich und freundschaftlich und blieben es bis zu dem fast drei Jahrzehnte später erfolgten Tode meines Vaters. Ich mag sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als ich Bismarck zum erstenmal mit Bewußtsein vor mir sah. Mein Vater und ich begegneten ihm auf der Bockenheimer Landstraße. Mein Vater hielt mich an der Hand. Bismarck frug: „Ist das Ihr Ältester?" Mein Vater bejahte und frug seinerseits den preußischen Kollegen, wie er mich fände. Lächelnd meinte dieser: „Der Junge sieht ehrgeizig aus." Mein Vater antwortete: „Das tut mir leid. Ich halte es mit den Herrnhutern, die singen: Vor unseligem Großwerden behüte uns, Heber Herre Gott." Bismarck sann einen Augenbbck nach, dann meinte er: „Die guten Herrnhuter haben recht. Was hülfe es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme dabei Schaden an seiner Seele." Zwischen meiner Mutter und Frau von Bismarck bestand über vierzig Jahre, bis zu ihrem im gleichen Jahr 1894 erfolgten Tode, herzliche, nie und durch nichts getrübte Freundschaft. Sie glichen sich in gleich treuer Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, in ihrer unbegrenzten Liebe zu Mann und Kindern. Sie waren beide von heiterer Gemütsart, natürlich und unbefangen. Vor allem verband sie tiefe und aufrichtige evangelische Frömmigkeit. Frau von Bismarck entstammte dem Kreise der „Erweckten" ihrer pommerschen Heimat. Meine Mutter kam aus dem pietistisch gerichteten Hause ihrer Eltern Rücker und ihrer Großeltern Jenisch in Hamburg und war im Geiste strenger Gläubigkeit, aber auch unermüdlicher.Fürsorge für Arme und Kranke, im Geiste von Johann Hinrich Wichern, dem Gründer des Rauhen Hauses, und der unvergeßlichen Amalie Sieveking erzogen worden. Ich besitze noch ein Christusbild, das mir Frau von Bismarck 1857 schenkte, als ich acht Jahre alt war. Es stellt den Erlöser am Kreuze dar, mit der Dornenkrone auf dem Haupt, darunter die Verse: 0 Lamm Gottes, unschuldig Am Stamm des Kreuzes geschlachtet, Allzeit erfunden geduldig, Wiewohl du wärest verachtet. 8 BISMARCK HAT ZU VIEL GEIST All Sünd hast du getragen, Sonst müßten wir verzagen: Erbarm dich unser, o Jesu! Gib uns Frieden, o Jesu! Das Bild hängt noch heute über meinem Bett. Im Hause meines Vaters machte Herr von Bismarck die Bekanntschaft Fürst eines Russen, dem er später noch öfter begegnen sollte, des Fürsten Gortschakow Alexander Michailowitsch Gortschakow, damals russischen Gesandten in Stuttgart und zugleich Vertreters des Zaren beim Frankfurter Bundestag. Mein Vater frug den ihm befreundeten Gortschakow, ob er den neuen preußischen Gesandten Bismarck schon kenne. Als Gortschakow die Frage verneinte, schlug ihm mein Vater vor, abends bei uns zu speisen, er erwarte Bismarck zu Tisch. Gortschakow werde einen interessanten Mann kennenlernen. Gortschakow kam. Bismarck sprühte von Geist. Gortschakow verhielt sich eher zuhörend. Als Bismarck nach Tisch fortging, um noch an einer Soiree in einem anderen Hause teilzunehmen, frug mein Vater den Russen: „N'est-ce pas, qu'il a de l'esprit?" Gortschakow erwiderte: „II en a meme trop." Mit Dankbarkeit und Rührung denke ich daran, mit welcher Güte und Weisheit mein Vater mich erzog. Insbesondere hieß er es sich angelegen sein, die bedenklichen oder gar schlechten Anlagen, die in jeder Kinderseele schlummern, rechtzeitig zu bekämpfen. Ich hatte mir ein kleines Tagebuch angelegt und als Motto auf die erste Seite eingetragen: ,Non impero sed imperam'. Mein Vater nahm mich beim Ohrläppchen und frug: „Was soll der Unsinn bedeuten?" Beschämt und verlegen gab ich zu verstehen, ich hoffte, in späteren Jahren einmal führen, befehlen zu können. Mein Vater erwiderte: „Erstens sollst du gehorchen lernen, bevor du befehlen kannst. Und auch wenn du gelernt haben wirst zu gehorchen, ist es noch sehr die Frage, ob du die Fähigkeit zum Führen haben wirst. Und dann lerne erst die Grammatik. Es muß nicht heißen ,imperam', sondern ,imperabo'!" Als ich einmal mit meinem Vater an einem heißen Tage nach Wiesbaden fuhr, verfiel ich in der Bahn in einen Halbschlummer. Im Coupe mit uns befand sich eine etwas affektierte, sehr sentimentale Dame. Ich hörte, wie sie, auf mich deutend, flüsterte: „Welch schöner Knabe! Das Bild des schönen Schlafes!" Als wir, in Wiesbaden angekommen, dort zum Neroberg gingen, um die griechische Gruftkapelle zu besichtigen, in der die erste Gemahlin des Herzogs Adolf von Nassau, eine russische Großfürstin, ruht, sagte ich zu meinem Vater, ich hätte wohl verstanden, was die freundliche Dame über mich gesagt hätte. „Du hast", erwiderte mein Vater, der sich auch hier als geborener Pädagoge erwies, „ganz falsch verstanden. Sie hat DIE PAULSKIRCHE 9 gesagt, du schautest aus wie ein Affe, und ich habe erwidert, es käme nicht auf das Äußere an, sondern auf Fleiß und Betragen." Auch auf den Spaziergängen, die mein Vater fast täglich mit mir unternahm, benutzte er jede Gelegenheit, um, ohne meine kindliche Unbefangenheit und Fröhlichkeit zu beeinträchtigen, mich ambulando zu belehren. Ich sehe noch die Mainzer Landstraße vor mir, auf der wir gingen. Wir blieben vor einer kleinen Wiese stehen, auf der ein Offizier ein Pferd an der Longe gehen ließ. Um das Tier an den Knall der Pistole zu gewöhnen, gab er alle fünf Minuten einen Pistolenschuß ab. Mein Vater bemerkte, daß, wenn der Augenblick des Schusses sich näherte, ich eine gewisse Nervosität an den Tag legte, beim Schuß aber zusammenfuhr. Mit Ernst sagte er mir: „Sei nicht nervös, wer nervös ist, bringt es zu nichts. Keep up your nerves, Sir!" Ich habe seine Mahnung nie vergessen. In mehr als einer kritischen Lage, bei stürmischen Debatten in den Parlamenten, bei mehr als einer ernsten Unterredung mit Wilhelm IL, bei großen Entscheidungen, bei schwierigen Situationen meines Privatlebens dachte ich an die Worte meines Vaters: „Keep up your nerves, Sir!" Ich durfte meinen Vater auch begleiten, wenn er mit anderen Herren ging. Gar mancher Spaziergang steigt in meiner Erinnerung auf, den mein Bismarck und Vater gemeinsam mit Herrn von Bismarck vor den Toren der alten Reichs- 1848 Stadt Frankfurt unternahm. Wenn ich auch sehr jung war, so verstand ich doch wohl wenn nicht jede Einzelheit so doch Gang und Tendenz der Unterredung, die sich häufig um das Jahr 1848 drehte. Die beiden Gesandten waren darüber einig, daß die politische Unfähigkeit der Deutschen selten oder nie so drastisch zutage getreten sei wie in der Frankfurter Paulskirche. Seiner Art entsprechend, gab mein Vater dieser Auffassung in maßvollen Worten Ausdruck, ja mit einem Unterton von Mitleid, selbst von Anerkennung für den Idealismus der führenden Männer der Paulskirche. Dagegen konnte sich Bismarck gar nicht genugtun in sarkastischer, grausamer Verhöhnung und Verurteilung der theoretisierenden Bücherweisheit, des unpraktischen Doktrinarismus, des banausischen Spießbürgertums, der Philisterhaftigkeit der Achtundvierziger. Ich entsinne mich genau, daß Herr von Bismarck einmal den damals von vielen sehr hoch gestellten Heinrich von Gagern einen hohlen Schwätzer, ja (horribile dictu) ein politisches Kamel nannte. Der einzige Achtundvierziger, den er allenfalls gelten Heß, war Robert Blum, der wenigstens den Mut gehabt habe, sich in der Wiener Brigittenau erschießen zu lassen. Rückschauend will ich nicht bestreiten, daß das Urteil des Gesandten von Bismarck über die Männer von 1848 nicht ganz gerecht, daß es zu scharf war. Die Absichten der Achtundvierziger waren edel, ihre Ziele vielfach die richtigen. Allerdings stand ihr Können in keiner Weise auf der 10 BISMARCK ÜBER ANNEXIONEN Höhe ihres guten Willens. Nun bedeutet aber nach Schopenhauer der gute Wille, der in der Moral alles ist, in der Kunst gar nichts, weil es da allein auf das Können ankommt. Die Politik steht nur in losem Zusammenhang mit der Moral. Sie ist auch keine Wissenschaft, sie ist eine Kunst. Die führenden Geister der Paulskirche scheiterten an ihrer Unterschätzung der Macht. Sie erkannten nicht, daß, wer regieren, wer führen will, ein Machtinstrument in der Hand haben muß, um als Ultima ratio die Gewalt anwenden zu können. Das wußte der preußische Bundestagsgesandte, der in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit meinem Vater zwischen dem Taunus- und dem Allerheiligentor auf und ab wandelte, als er 1862 in Berlin an das Steuerruder des preußischen Staates gestellt wurde. Noch eine Äußerung des Bundestagsgesandten von Bismarck ist mir erinnerlich. Als er meinem Vater auseinandersetzte, daß Preußen irgendwie den Zusammenhang zwischen seinen östlichen und seinen westlichen Provinzen herstellen müsse, erklärte sich mein Vater aus Gründen der Legitimität wie der Moral und des Rechts gegen unrechtmäßige Annexionen. Bismarck erwiderte achselzuckend: „Friedrich der Große hat Schlesien gestohlen und ist doch einer der größten Männer aller Zeiten." Darin lag allerdings ein gewisser Widerspruch zu seiner vorher erwähnten Zustimmung zur Anschauung der Herrnhuter. Wo ist aber der Mensch, in dessen Innerm keine Gegensätze sich bekämpfen, keine Widersprüche sich regen ? Ich möchte sogar behaupten, daß gerade bedeutende Menschen, und die Größten am allermeisten, innere Widersprüche und Gegensätze zu überbrücken und auszugleichen haben. Herr von Bismarck war nicht der einzige Kollege, mit dem mein Vater Graf Rechberg lustwandelte. Oft begegneten wir auch dem österreichischen Gesandten, dem Präsidialgesandten, wie man damals sagte. Graf Bernhard von Rechberg und Rothenlöwen war äußerlich sehr verschieden von Herrn von Bismarck. Er war von kleiner Figur, fast zierlich, glatt rasiert, während für den preußischen Gesandten sein buschiger Schnurrbart charakteristisch war. Rechberg trug auch eine Brille, mit der man sich Bismarck gar nicht hätte vorstellen können. Rechberg ähnelte überhaupt in keiner Weise dem „Junker keck, der Kaufleut' und der Wandrer Schreck" in Unlands Gedicht. Er sah aus wie ein Gelehrter, entstammte aber einem reichsunmittelbaren Geschlecht, das im schwäbisclien Grafenkollegium gesessen hatte. Obgleich Rechberg für hitzig und hochmütig galt und Bismarck nicht gerade ein sanftes Lämmchen war, kamen beide im großen und ganzen persönlich gut miteinander aus. Jedenfalls stand Bismarck zu Rechberg in einem weit besseren Verhältnis als zu dessen Vorgänger, dem hochkultivierten, mehr liberal orientierten Prokesch-Osten. Rechberg ist erst 1899 gestorben, dreiundneunzig Jahre alt. Er hat noch den Sturz, den Tod seines DER VATER DER TRIAS-IDEE 11 großen Frankfurter Kollegen erlebt und wird sich manches dabei gedacht haben. Der bayrische Bundestagsgesandte Herr von der Pfordten war ein biederer Mann, aber mehr Professor als Diplomat. Er war der Vater der Herr von der sogenannten Trias-Idee, d. h. einer Dreiherrschaft über Deutschland, öster- Pfordten reich, Preußen und an der Spitze der mittleren und kleinen Staaten Bayern sollten sich in die Leitung teilen, Bayern auf diese Weise das Zünglein an der Wage werden. Es war das eine der vielen verfehlten Ideen, die vor 1866, in der Bundestagszeit, in Deutschland auftauchten und aufs neue die traurige Tatsache aufdeckten, daß den deutschen Intellektuellen nur zu oft der Sinn für Realität und damit für Politik abgeht. Die Mittelstaaten hätten sich freiwillig allenfalls Österreich, ungern und nur unter starkem Druck Preußen, unter keinen Umständen Bayern untergeordnet, dem sie sich wenn nicht überlegen so doch durchaus ebenbürtig fühlten. Frau von der Pfordten war eine gute, behagliche Frau, auffallend dick, deshalb schwer beweglich, und wurde viele Jahre später bei dem Überschreiten eines Eisenbahngleises bei Weesen in der Schweiz totgefahren. Von den Söhnen Pfordten, die gleichzeitig mit mir das Frankfurter Gymnasium besuchten, machte der älteste, Max, Schulden und wurde bei dem großen Pariser Bankier Moritz Hirsch, dem sogenannten Türkenhirsch, untergebracht, der in den Champs-Elysees ein prächtiges Palais bewohnte. Als einmal dessen Vater, der sich durch Intelligenz und Sparsamkeit in seiner bayrischen Heimat in Fürth ein bescheidenes Vermögen erworben hatte, seinen Pariser Sohn besuchte und dieser ihm nicht ohne Stolz den jungen Max von der Pfordten und andere in seinen Dienst getretene Kavaliere vorstellte, meinte der Alte mit gutmütigem Spott: „Aber Moritz, du bist ja ein Lumpensammler geworden." Der zweite Sohn von der Pfordten, Kurt, wurde bayrischer Gesandter in Bern und vergiftete sich dort später unter dem Druck mißlicher Verhältnisse. Der dritte, Hermann, tat gut. Er hat als Universitätsprofessor in München musikalische Essays geschrieben und auch, wie ich mich zu erinnern glaube, ein patriotisches Trauerspiel verfaßt. Obwohl Bismarck nach dem siegreichen Ausgang des Krieges von 1866 Bayern politisch und Pfordten persönlich mit weiser Schonung behandelte, blieb der Vater Pfordten sein Gegner. Nach dem Tode meines Vaters, 1879, sehrieb er mir, daß der Heimgang seines alten Frankfurter Kollegen ihn geschmerzt hätte und er persönlich den Hinterbliebenen sein herzliches Beileid ausspreche. Daß mein Vater sich auf den Boden des neuen Reichs gestellt habe, beklage er nach wie vor. Pfordten gehörte in die Kategorie der Beust, Dalwigk, Platen, jener mittelstaatlichen Minister, über die das Rad der Geschichte wegging. Er war weniger gewandt und unbegabter als die drei Vorgenannten, aber redlicher. 12 BISMARCK KALTGESTELLT Ich habe schon gesagt, daß sowohl das Bismarcksche Ehepaar wie meine Herr von Eltern in freundschaftlicher Beziehung zu dem oldenburgischen Gesandten Eisendecher Herrn von Eisendecher und dessen gescheiter Frau, einer Bremerin, standen. Herr von Eisendecher hatte zwei hebenswürdige Töchter, die beide Pommern heirateten, die ältere, Gustava, einen Herrn von Koller, die jüngere, Christa, einen Grafen Eickstedt. Christa, die mir immer eine gute Freundin gebheben ist, trat dem Bismarckschen Hause besonders nahe. Sie hat auch am Sterbebette des großen Fürsten gestanden, für dessen Eigenart es charakteristisch ist, daß er trotz der Intimität, die Christa mit dem Bismarckschen Hause verband, deren Bruder, den Gesandten in Karlsruhe, Karl von Eisendecher, nicht mehr über die Schwelle seines Hauses ließ, seitdem dieser, wie der Fürst glaubte, unter dem Einfluß des Großherzogs Friedrich von Baden im März 1890 den Standpunkt seines Chefs, des Ministerpräsidenten und Beichskanzlers, gegenüber Kaiser Wilhelm II. nicht mit der wünschenswerten Festigkeit vertreten hatte. Als Wdhelm II. 1897 dem Fürsten Bismarck seinen letzten Besuch machte, brachte er in seinem Gefolge auch Herrn von Eisendecher mit. Sobald Fürst Bismarck dies hörte, Heß er den Kaiser wissen, daß er Herrn von Eisendecher nicht in seinem Hause dulde, und dieser mußte während des ganzen Besuches im Sonderzuge warten. Als Herr von Bismarck 1859 Frankfurt verließ, war mein Vater der einzige seiner Kollegen, der an die Bahn ging, um ihm Lebewohl zu sagen. Bismarck verabschiedete sich von meinem Vater nach einem kräftigen Händedruck mit den Worten: „Die neue Ära will mich an der Newa in jeder Beziehung kaltstellen. Wer weiß, wie lange ich überhaupt noch im Dienste bleibe." Von nichtdeutschen Diplomaten in Frankfurt war der französische Ge- Le Marquis sandte Tallenay eine originelle Erscheinung. In der Zeit, wo meine Erde Tallenay innerungen beginnen, hatte er bereits den Dienst quittiert, seinen Wohnsitz in der schönen Mainstadt jedoch beibehalten. Damals gab er sein Alter auf siebzig bis achtzig Jahre an. Es wurde aber behauptet, daß er neunzig hinter sich habe. Mit glänzend gefärbtem Haar und Knebelbart, sah er noch ganz unternehmend aus. Er war schon unter dem Directoire in den diplomatischen Dienst eingetreten und hatte als Attache und Secretaire de Legation die Schlacht an den Pyramiden und Marengo miterlebt. Er hatte nacheinander der ersten Republik, Napoleon L, der Restauration, der Juli- Monarchie, der zweiten Republik und Napoleon III. gedient, fand das aber durchaus in der Ordnung. „Je ne sers pas les diflerents gouvernements qui se succedent, je sers la France qui reste." Er hieß eigentlich M. Marquis, vertauschte aber seinen Namen mit dem wohlklingenderen seines Geburtsorts Tallenay, nannte sich erst M. Marquis de Tallenay und schließlich EIN GESTOHLENER ZARENBRIEF 13 le Marquis de Tallenay. Er verkehrte viel in unserem Hause und entzückte uns Kinder durch die Schnurren, die er uns erzählte. Der Erste Sekretär der Französischen Gesandtschaft in Frankfurt a. M., M. Gustave Rothan, war der Sohn eines protestantischen Geistlichen im Elsaß und trug einen outrierten Chauvinismus zur Schau. Er hat später eine Reihe in solchem Geist gehaltene, aber gut geschriebene Bücher über die preußisch-französischen Beziehungen von 1862 bis 1870 veröffentlicht. In Frankfurt wurde er namentlich von den Russen, aber auch von anderen, geschnitten, weil er 1855 als Mitglied der Französischen Gesandtschaft in Berlin den Diebstahl organisiert hatte, durch den ein vertraulicher Brief des Kaisers Nikolaus I. an König Friedrich Wilhelm IV. in die Hände der Franzosen gelangte. In diesem Brief hatte der Zar seinem Schwager mitgeteilt, daß die Bastion Malakow nur noch kurze Zeit zu halten wäre. Der Brief, zur Kenntnis des Generals Pelissier gebracht, entschied über den Fall von Sebastopol und damit über den Ausgang des Krimkrieges. Ein großer Beau und Herzenbrecher war der spanische Gesandte Ran- eis y Villanuova, von dem das Gerücht ging, er sei der erste Liebhaber der Königin Isabella von Spanien gewesen, also jedenfalls der erste in-einer langen Reihe. Vielleicht um diese Sünde abzubüßen, zog sich Rancis am Ende seines Lebens wie Karl V. in ein spanisches Kloster zurück. Er hat mich im Frühjahr 1873 in Metz besucht, wo ich damals am Bezirkspräsidium arbeitete. Ich zeigte ihm die Schlachtfelder von Gravelotte und Mars- la-Tour, die ihm staunende Ausrufe der Bewunderung für das Heldentum der preußischen Garde entlockten. Der niederländische Gesandte, Herr von Scherff, befand sich in ähnlicher Lage wie mein Vater. Er vertrat beim Bundestag das Großherzogtum Luxemburg und einen Teil des Herzogtums Limburg, die, obwohl ein integrierender Bestandteil des Königreiches der Niederlande, zum Deutschen Bund gehörten. Der Tochter Pauline, in Frankfurt „Paulinche" genannt, hat in seiner treuen und redlichen Weise unser lieber Kaiser Wilhelm L viele Jahre in Freundschaft gehuldigt. Paulinche ist als alte Jungfer gestorben, aber die sich nie verleugnende Sympathie des alten Herrn für sie und die kleinen Aufmerksamkeiten, die er ihr mit seinem feinen Herzenstakt erwies, verschönten den Herbst ihres Lebens mit Sonnenschein. Der einzige Sohn der Familie Scherff trat in preußischen Dienst und wurde ein ausgezeichneter Generalstabsoffizier und bahnbrechender Militärschrift- steller, der über Strategie und Taktik wertvolle Abhandlungen veröffentlicht hat. Mecklenburgischer Gesandter am Frankfurter Bundestag war ein Vetter Der mechlen- meines Vaters, Bernhard Vollrath von Bülow. Er war der einzige Sohn burgische des mecklenburgischen Oberstallmeisters Vollrath von Bülow, der sich Bulow 14 TANTE PAULA durch seinen Biedersinn, seine treue Anhänglichkeit an das großherzogliche Haus und als hervorragender Reiter im Lande der Obotriten während der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts allgemeine Verehrung erworben hatte. Der Sohn hatte nicht die robuste Konstitution des Vaters geerbt. Er starb, kaum vierundvierzig Jahre alt, schwindsüchtig in Mentone. Seine Witwe Paula hat nach seinem Tode lange Zeit in Schwerin als Oberhofmeisterin fungiert und war am Berliner und am Wiener wie am russischen Hofe gleich bekannt und behebt. Sie war eine Tochter des langjährigen württembergischen Gesandten in Wien und Berlin, des Grafen Franz de Paula von Linden und einer Freiin von Hügel. Im Schwabenlande scherzte man in der Bundestagszeit: „Auf einem Hügel steht eine Linde und vor der Linde ein Wächter." Die drei Familien Hügel, Linden und Wächter saßen in mancher fetten Pfründe und übten auf diese Weise starken politischen Einfluß aus. Meine Tante Paula war sehr schön. Sie hatte als junge Komteß in Wien dem Erzherzog Max den Kopf verdreht. Er wollte sie partout heiraten, was von seiner Mutter, der Erzherzogin Sophie, nicht ohne Mühe verhindert wurde. Vielleicht würde der arme Erzherzog, wenn er der Gatte der gescheiten und verständigen Paula Linden geworden wäre, sich nicht auf das mexikanische Abenteuer eingelassen haben, an dem er jämmerlich zugrunde ging. Paula Bülow-Linden hat unter dem Titel „Aus verklungenen Zeiten" einen schmalen Band veröffentlicht, in dem sie ohne Prätension, aber mit Anmut, aus ihrem fast achtund- achtzigj ährigen Leben (1833 bis 1920) manches Hübsche und auch einiges Interessante erzählt. Ganz vorurteilsfrei, obwohl sie zeitlebens an Höfen gelebt hatte, stand sie noch als achtzigjährige Frau in regem Briefwechsel mit Ernst Häckel, dem Philosophen Carneri, mit Paul Lindau, Josef Kainz, Cäsar Flaischlen, dem Grafen Paul Hoensbroech, Wolzogen und vielen anderen. Am Abend ihres Lebens neigte sie zu sozialistischen Ideen und arbeitete mit regem Eifer einen Plan gemeinsamer staatlicher Kindererziehung aus, zu dem sie die Anregung 1874 bei einem Besuch des Moskauer Findelhauses empfangen hatte. Von Österreichern verkehrten in meinem elterlichen Hause während Die unserer Frankfurter Zeit freundschaftlich zwei Herren, die später in ihrem österreichische Vaterland an wichtigen Posten stehen sollten. Der damalige Legations- Mission se kretär Braun wurde als Freiherr von Braun Chef der Kabinettskanzlei des Kaisers Franz Josef, den er während Jahren und Jahrzehnten in allen inneren Fragen der Monarchie beriet, eine Stellung, die an die Arbeitskraft, die Gewandtheit und vor allem an die Geduld des Ratgebers wie des zu Beratenden sehr große Anforderungen stellte. Der damalige österreichische Militärattache Hauptmann Friedrich Beck, ein Badcnser aus Freiburg im Breisgau, diente seit 1846 im kaiserlichen Heer. Er wurde 1867 Vorstand EIN DIPLOM ATE N-KNIGGE L5 der Militärkanzlei des Kaisers, 1874 Generaladjutant und 1888 Chef des Generalstabs, was er bis 1906 bbeb. Er ist erst 1920, als Neunzigjähriger, gestorben. Er, der noch unter Vater Radetzky bei Novara gefochten hatte, mußte den Zusammenbruch, das Ende des habsburgischen Hauses und Reiches erleben. Erster Sekretär der österreichischen Mission war ein älterer Legationsrat, der, ähnlich wie der Marquis de Tallenay, seinen väterlichen Namen Baron veredelt hatte. Er hieß von Hause aus Dumreicher, wurde aber unter dem Dumreicher Namen Oesterreicher in den k. k. Freiherrnstand erhoben. In der österreichischen Diplomatie der alten Zeit, also vor dem Schicksalsjahr 1866, wurden die Chefs der wichtigeren Missionen meist dem Hochadel entnommen. Da nun bei den Sprossen der Geburtsaristokratie bedauerlicherweise die dienstliche Brauchbarkeit nicht immer der Zahl der Ahnen entsprach, wurden solchen Chefs bürgerliche Räte beigegeben, denen die eigentliche Berufsarbeit oblag. Ein solcher, übrigens tüchtiger Beamter war der Freiherr Dumreicher von Oesterreicher. Er hat unter dem Titel „Album d'un Diplomate" in französischer Sprache ein elegant eingebundenes, jetzt vergessenes und aus dem Buchhandel verschwundenes Buch verfaßt, das der diplomatischen Zunft manche noch immer nützliche Winke und Ratschläge gibt. Das erste Kapitel behandelt das Thema ,Du Calme' und beginnt mit den Worten: „Un diplomate doit avoir un temperament calme." In einem weiteren Kapitel heißt es: „On aime ä attribuer une certaine fougue au genie et ä se l'imaginer comme dispense d'etre patient. Mais le vrai genie ne manque jamais de patience; il attend toujours que les choses soient arrivees ä maturite et il ne preeipite rien par une impatiente impetuo- site. C'est pour cela qu'un proverbe dit: La patience, c'est le genie." Über den Bon sens heißt es: „La diplomatie est le bon sens applique aux affaires du grand monde", über den Takt: „Le tact est la faculte de faire spon- tanement ce qui est convenable". Und an der Spitze des Artikels über die Intelligenz steht der zweifellos richtige und nicht genug zu beherzigende Satz: „Un diplomate ne saurait avoir trop d'intelligence." Wenn unsere diplomatischen Geschäftsführer im Unglückssommer 1914 diesen goldenen Worten und Winken des seligen Dumreicher entsprochen hätten, so hätten sie das deutsche Volk vor der fürchterlichsten Katastrophe bewahrt, die seit der Heimsuchung des Dreißigjährigen Krieges unser Vaterland betroffen hat. Mit den beiden Legationssekretären, die sich unter meinem Vater an der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag betätigten, hat mich das Leben Die Dänische später wieder zusammengeführt. Der eine, H. von Bille, wurde dänischer Gesandtschaft Gesandter in London. Ich bin ihm dort und anderswo wiederholt begegnet. am Bundestag Der andere, Herr von Wind, war dänischer Gesandter in St. Petersburg, 16 DER PHILOSOPH IN FRANKFURT als ich 1875 zum erstenmal dorthin kam; er war dänischer Gesandter in Berlin, als ich 1900 Reichskanzler wurde. Bille und Wind wohnten in Frankfurt in unserem Hause, wo sie bei meinem Vater die herzlichste Aufnahme gefunden hatten. Meine Beziehungen zu den beiden vortrefflichen Diplomaten sind immer freundlich gebheben. Unser Kanzleisekretär in Frankfurt hieß Kräuter, und kein Kräutchen im Küchengarten konnte bescheidener sein als er. Er war ein Freund des preußischen Kanzleisekretärs Kelchner, der ihm oft von seinem Chef, dem Gesandten von Bismarck-Schönhausen, sprach, den er einen „verwogenen Mann" nannte. In meinem Beisein charakterisierte Kelchner seinen Gesandten gelegentlich folgendermaßen: „Der ist ein Mann, der zu allem fähig ist. Wenn er keine Lust hat, einer Bundestagssitzung beizuwohnen, und ihm gerade kein besserer Vorwand einfällt, so macht er es wie folgt: Er läßt anspannen, fährt die Mainzer Landstraße hinunter, von da auf die erste beste Wiese, läßt den Wagen halten und hebt mit seinem Kutscher ein Rad vom Wagen aus. Dann schickt er den Kutscher nach der Eschenheimer Gasse mit dem Auftrag, im Bureau des Bundestags zu melden, daß er infolge eines Wagenunfalles nicht zur Sitzung kommen könne. Und es geht ihm durch! Ja, das ist ein verwogener Mann." Kelchner hat seinen großen Vorgesetzten von Frankfurt nach St. Petersburg und von da nach Berlin begleitet, wo ich ihn, als ich Staatssekretär wurde, also nach fast vierzig Jahren, nicht allzu gealtert, wieder vorfand. Ein häufiger Gast auf der Frankfurter Promenade war der Prinz Emil von Hessen-Darmstadt, eine Ruine aus der Rheinbundzeit. Ihm hatte in der Schlacht von Leipzig, als er seine hessische Division zum Angriff vorführte, Napoleon ermunternd zugerufen: „En avant, Roi de Prusse!" Der korsische Imperator hatte den hessischen Prinzen, der sein eifriger Anhänger war, für den Fall des Sieges über die Verbündeten zum König von Preußen in Aussicht genommen. Die wenigsten Bewohner von Frankfurt ahnten, daß in den fünfziger Dr. Arthur Jahren zwei Männer in ihrer Stadt lebten, deren Name noch nach Äonen Schopenhauer m | t Bewunderung und Ehrfurcht genannt werden wird: der preußische Bundestagsgesandte Otto von Bismarck-Schönhausen und der Philosoph Arthur Schopenhauer. Von diesem sprach uns bisweilen unser freundlicher Hausarzt, der von uns Kindern sehr gehebte Doktor Stiebel. Dieser Schopenhauer, erzählte er uns, sei ein ganz verdrehtes Haus. Kein Mensch wisse, an wen der glaube. Auf seinem Tisch stehe ein kleiner Buddha, an den richte er, wie es scheine, seine Gebete. Der große Philosoph wohnte an der Schönen Aussicht, wo wir oft spazierengingen. Als ich dort einmal einem in vorgebeugter Haltung, mit auf dem Rücken verschränkten Händen promenierenden und sehr verdrießlich ausschauenden Herrn begegnete, HESSEN-KASSEL 17 sagte mir unser Hauslehrer: „Das ist Herr Schopenhauer, der übergeschnappte Philosoph, von dem der Herr Doktor Stiebel uns erzählt hat." In meinem Hauslehrer Lohr hatte ich einen warmherzigen Patrioten zum Mentor. Sein Nachfolger Hopf war auch ein Hesse, aber von anderer Rieh- Hauslehrer tung. Von ihm sollte ich lernen, wie weit deutsche politische Verstiegenheit gehen kann. Er war aus den Kreisen des Literarhistorikers Vilmar in Marburg hervorgegangen, der in Kurhessen eine der Hauptstützen des ultra-reaktionären und starr-orthodoxen Systems Hassenpflug war. Unter den kleinen deutschen Dynastien hat kaum eine mehr gesündigt als das Haus Kurhessen, das sich durch den Verkauf von hessischen Landeskindern an England mit Schmach bedeckte. Der Landgraf Friedrich II. ließ zwölftausend arme Hessen in englischem Solde gegen Nordamerika kämpfen, wofür er 21 276 778 Taler erhielt, die ihm dazu dienten, das prächtige Schloß Wilhelmshöhe zu erbauen. Seine Nachfolger schienen zeigen zu wollen, wie weit man eine ehrliche und treue Bevölkerung in Deutschland kujonieren könne, ohne sie zu offenem Aufruhr zu treiben. Es gibt ein köstliches Gedicht von Chamisso, dem eine wahre Begebenheit zugrunde Hegen soll. Der Kurfürst streicht eines Abends durch die Straßen seiner Residenz Kassel. Er hört durch ein offenes Fenster, wie ein altes Frauchen laut zu Gott betet um ein recht langes Leben für ihren gnädigen Herrn. Sehr verwundert fragt der Kurfürst die Alte, wie in aller Welt sie zu solchem Gebet komme. Sie erwidert ihm, der Großvater des regierenden Kurfürsten habe ihr von acht Kühen die beste genommen, weswegen sie ihm geflucht habe. Ihm sei sein Sohn gefolgt, der ihr zwei Kühe abgenommen habe. Sie habe auch diesem geflucht, und arg geflucht. Dann kamen höchst Sie selbst an das Reich Und nahmen vier der Kühe mir gleich. Kommt dero Sohn noch erst dazu, Nimmt der gewiß mir die letzte Kuh. Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr, Recht lange leben, ich bitte dich sehr! Die Not lehrt beten. Das Gedicht ist überschrieben „Das Gebet der Witwe". Das skandalöse Privatleben dieser Kurfürsten stand auf der Höhe ihrer sinnlosen Regierungs-Praxis. Trotzdem fanden sie Anhänger, die ihnen durch dick und dünn folgten und ihnen auch nach ihrem Sturz treublieben, als Kurhessen 1866 aus solcher Mißwirtschaft erlöst und mit Preußen vereinigt wurde. Zu diesen Eigenbrötlern gehörte auch mein Lehrer Hopf. Er redigierte während vieler Jahre ein Blatt, das nach der Einverleibung von Hessen in die preußische Monarchie den kurhessischen Partikularismus vertrat. Er 2 Blllow IV 18 LEHRER UND SCHÜLER verlor darüber seine Pfarre, wurde aber nur immer verstockter. Seitdem ich preußischer Minister geworden war, griff Hopf nicht selten auch mich in seinem Blatt an, weil ich den Grundsätzen von Vilmar und Julius Stahl, die einst im Hause meiner Eltern in Frankfurt geherrscht hätten, untreu geworden sei. Als ich 1909 mein Amt niederlegte, schrieb er einen Artikel, den er mir übersandte, in dem er die Hoffnung aussprach, ich würde jetzt endlich zu den Grundsätzen und Anschauungen der fünfziger Jahre zurückkehren, dann könne mir mein Fall noch zu dauerndem Segen gereichen. Ich bin dem starrköpfigen Hopf trotzdem nicht böse, schon weil er, darin ein echter Schüler von Vilmar, mein Verständnis für die deutsche Sage, für unsere gewaltigen nationalen Heldengedichte, vor allem für das Nibelungenlied, erweckte. II. KAPITEL Rumpenheim • Königin Alexandra von England und Kaiserin Maria Feodorowna von Rußland als Kinder • Bildungsideal des Vaters: Bibel und Kernlieder, Homer und Goethe ■ Im Frankfurter Gymnasium • Die Israeliten in Frankfurt • Die Fam i lie Rothschild Nicht gar zu weit von Frankfurt entfernt liegt das hessische Schloß Rumpenheim. Dort regierte vor bald siebzig Jahren Landgraf Wilhelm Im landgräf- von Hessen, der in dänischen Diensten gestanden und es bis zum dänischen liehen Schloß General der Infanterie gebracht hatte. Er war der Neffe des 1836 verstorbenen Landgrafen Karl, der eine gewisse Rolle in der dänischen Geschichte gespielt hat. In meiner Bibliothek stehen dessen Denkwürdigkeiten, die, als Manuskript unter dem Titel „Memoires de mon temps" gedruckt, heute längst vergessen, auch im Buchhandel vergriffen sind. Ein schmales Bändchen, das, dem Brauch der alten Zeit entsprechend in französischer Sprache geschrieben, nicht uninteressante Aufschlüsse über die Tragödie des Abenteurers Struensee enthält. Landgraf Wilhelm war vermählt mit der Prinzessin Louise Charlotte von Dänemark, einer Schwester des dänischen Königs Christian VIII. Seine Tochter Luise war die Gemahlin des Prinzen Christian von Holstein-Glücksburg, der durch das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852 zum Nachfolger des kinderlosen Königs Friedrich VII. im Gesamtstaat Dänemark bestimmt wurde. Meine Eltern besuchten häufig Rumpenheim, und manchmal durfte ich sie begleiten. Dann spielte ich dort mit den anmutigen Töchtern des Prinzen j)i e p r in- Christian. Die ältere, Alexandra, die spätere Gemahlin des Königs zessinnen von Eduard VII. von England, war ein schönes, schlankes Mädchen. Sie hat Glücksburg ihre wunderbare Taille und ihren leichten, schwebenden Gang bis in ein hohes Alter bewahrt. Wenn ich später die Ehre hatte, ihr zu begegnen, neckte sie mich damit, daß ich sie bei unseren kindlichen Spielen, Kreisel, Reifen und Kämmerchenvermieten, bisweilen gepufft und sogar gekratzt hätte. Ich mußte wahrheitsgemäß erwidern, daß ich die Ehre gehabt hätte, von der reizenden Prinzessin gelegentlich unsanft behandelt zu werden. Die Prinzessin Dagmar, die spätere Kaiserin Maria Feodorowna von Rußland, war lebhafter und wohl auch intelligenter als ihre um drei Jahre ältere 2« 20 EINE PROPHEZEIUNG Schwester Alexandra, aber eigenwilliger. Prinz Christian von Glücksburg, der spätere König Georgios von Griechenland, der im Alter zwischen den beiden Schwestern stand, war für den dänischen Seedienst bestimmt. Ein Jahr bevor er den griechischen Thron bestieg, kam er mit seinem Vater nach Frankfurt, von wo beide einen Besuch in Rumpenheim abstatten wollten. Prinz Christian schlug meinem Vater eine Spazierfahrt um die Frankfurter Anlagen vor. Ich wurde mitgenommen. Als mein Vater den Vordersitz gegenüber den künftigen Königen von Dänemark und Griechenland einnehmen wollte, protestierte Prinz Christian: „Mein Sohn ist noch ein Kind. Er setzt sich mit Ihrem Jungen uns gegenüber." Ich kann mich auch noch wohl eines Besuches erinnern, den die Königin Karoline-Amalie von Dänemark, die Witwe des Königs Christian VIII. und Tochter des Herzogs Friedrich Christian von Augustenburg, meiner Mutter abstattete. Mein Vater war nicht zu Hause, und als die Königin fortging, forderte mich meine Mutter auf, Ihrer Majestät den Arm zu reichen und sie zu ihrem Wagen zu geleiten. Ich machte eine kleine Verbeugung und führte die Königin bis zu ihrem Wagen. Sie küßte mich auf die Stirn und sagte zu mir: „Das hast du sehr gut gemacht! Du wirst gewiß noch einmal dänischer Grand Chambellan werden." Ich erzählte diese kleine Reminiszenz aus meiner Kindheit viele Jahre später der Kaiserin Auguste Viktoria, die eine Nichte der Königin Karoline-Amalie war, als ich mit ihr und Wilhelm II. auf der Jacht „Iduna" vor Eckernförde kreuzte. Ich fügte hinzu: „Die Träume der Kindheit erfüllen sich selten. Schließlich habe ich es doch nicht bis zum dänischen Oberstkämmerer gebracht. Aber alles in allem und trotz mancher Sorgen, die mir Seine Majestät gelegentlich bereiten, gehe ich doch lieber in Berlin Unter den Linden spazieren als auf der Langelinie in Kjöbnhaven." Der Kaiser lachte sehr. Die Besuche in Rumpenheim waren für mein kindliches Gemüt auch Der Taunus deshalb erfreulich, weil der Weg durch eine reizende Gegend führte. Der Main, Frankens schöner Hauptfluß, ist nicht von der Sage umsponnen wie der Rhein, es ist auch nicht soviel Blut um ihn geflossen, er hat keine so große geschichtliche Rolle gespielt, aber seine stille und ruhige Art macht ihn dem teuer, der wie ich an seinen lieblichen Ufern gelebt hat. Ich kenne kaum eine Gegend, die so gemacht ist, den Sinn für landschaftliche Schönheit und die Liebe zur Natur zu entwickeln, wie die Umgebung von Frankfurt. Der Taunus mit seinen sanften Hängen und abgerundeten Bergkuppen lockt um so mehr, als er zu entfernt ist, um zur täglichen Gewohnheit zu werden, und daher immer neue Reize erschließt. Ich habe seitdem Tirol und die Karpathen, die italienischen und die griechischen Berge, ich habe vor allem die Schweizer Alpen kennengelernt, aber kein Gipfel hat meine Phantasie beschäftigt und angezogen wie der Feldberg mit dem Brun- BISMARCK ÜBER SPRACHKENNTNISSE 21 hildenstein, der steile Altkönig, dessen Spitze ein Steinwall umgibt, den die alten Germanen angelegt haben sollen. Wie frisch waren die Laubwälder des Taunus, wie herrlich der Blick von oben auf die weite Fläche, die sich am Fuß des Taunus ausbreitet, auf die vielen blühenden Ortschaften, auf die blauen Fernhöhen! Oft suchten wir das nahe der Stadt gelegene Frankfurter Wäldchen auf, in dem auch der preußische Gesandte von Bismarck- Schönhausen gern mit seiner Frau und seinen drei Kindern spazierenging. Wir gingen hinaus aufs Jägerhaus, wir wanderten nach der Mühle. An einem schönen Ostersonntag ging mein Vater mit uns Knaben hinauf zu jenem Stein, wo Goethe den „Osterspaziergang" gedichtet haben soll, wo Faust mit seinem Famulus Wagner von einer Wanderung rastet, wo er im ewigen Abendstrahl die stille Welt zu seinen Füßen sieht, wo das Gefühl hinauf- und vorwärts dringt — Wenn über uns, im blauen Raum verloren, Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, Wenn über schroffen Fichtenhöhn Der Adler ausgebreitet schwebt Und über Flächen, über Seen Der Kranich nach der Heimat strebt. Mein Vater lebte und webte in Goethe. Das war damals nicht so allgemein wie heute. Der Einfluß von Goethe auf die Nation war in jener Zeit weniger groß als der von Schiller. Der hundertjährige Geburtstag von Goethe im August 1849 war kaum gefeiert worden. Die Liebe meines Vaters zu Goethe war so lebhaft, daß er mir gelegentlich sagte, er bedauere, mich nach seinem Großvater Bernhard genannt zu haben, er hätte mich auf den Namen Wolfgang taufen lassen sollen. Meine Ausbildung lag bis zu meinem zwölften Jahr in den Händen meiner kurhessischen Hauslehrer. Vorher stand ich unter der Obhut eng- Gouvernanten lischer und französischer Gouvernanten, denen ich die Beherrschung des Französischen wie des Englischen verdanke, was mir meine spätere diplomatische Tätigkeit nicht unerheblich erleichtert hat. Zu den vielen mißverstandenen Äußerungen des Fürsten Bismarck gehört auch seine angebliche Bemerkung, Sprachkenntnisse wären nur für Kellner nützlich. Wenn dieses Wort wirklich gefallen ist, so war es natürhch eine Boutade. Es wird wohl so gewesen sein, daß Fürst Bismarck keine Lust hatte, diesen oder jenen jungen Anwärter für die Diplomatie zu nehmen. Als nun für den betreffenden Jüngling seine Sprachkenntnisse geltend gemacht wurden, mag Bismarck geantwortet haben: „Ein schönes Talent für einen Oberkellner!" Es war das nur eine Form der Ablehnung. In Wirklichkeit verlangte Fürst Bismarck von seinen Diplomaten mündliche und schriftliche Geläufigkeit 22 FRÄULEIN VON X. im Französischen und noch besser im Französischen und im Englischen. Ich glaube nicht, daß Bismarck einem Matthias Erzberger, der kein Wort Französisch verstand, geschweige denn sprechen konnte, entscheidende, schicksalsschwere Verhandlungen mit französischen Generälen und Diplomaten übertragen hätte. Ich bin jedenfalls den Engländerinnen und Französinnen, die mich in meiner Kindheit, wo sich fremde Sprachen am leichtesten und besten erlernen lassen, mit beiden Sprachen vertraut machten, noch heute dankbar. Meine engUsche Gouvernante, Miß P., war groß, schön gewachsen, sie hatte prächtige Zähne und Augen, die strenge bückten, auch wenn sie zärtlich gestimmt war. Meine französische Erzieherin, Made- moiselle T., war klein, zierüch, beweglich, ein wenig kokett. Miß P. schloß ihre Ermahnungen gern mit den Worten: „Mr. Bernhard, behave as a gentleman, otherwise I cannot love you." Mlle. T. flötete: „Mon petit Bernard cheri, soyez bien gentil avec votre bobonne qui vous aime taut." Miß P. und Mademoiselle T. gefielen mir beide sehr gut. Mein Vater sprach ausgezeichnet Französisch. Meiner Mutter war das Englische vertrauter, das damals in Hamburger Patrizierhäusern viel gesprochen wurde. Ein Zweig der Familie Rücker hatte sich im achtzehnten Jahrhundert nach England gewandt, war dort völlig anglisiert worden, unterhielt aber noch Verbindungen mit der alten Heimat und den Hamburger Verwandten. In Frankfurt erhielt ich meinen ersten Tanzunterricht. Unter den jungen Tanz- Mädchen, mit denen ich mich im Reigen drehte, war auch Fräulein N., unterrkht deren Mutter für die größte Schönheit der Frankfurter Gesellschaft galt. Man flüsterte sich zu, daß der österreichische Gesandte, Graf Friedrich von Thun-Hohenstein, ihr den Hof gemacht habe. Nach ihm sei ein eleganter preußischer Husarenoffizier, der Baron Max Schreckenstein, von ihr ausgezeichnet worden. Boshafte Zungen fanden, daß ihre ältere Tochter dem Grafen Thun, die jüngere dem Freiherrn von Schreckenstein gliche. Verständige Leute meinten mit Kaiser Justinian und dem guten Herrn N.: „Pater est quem nuptiae demonstrant." Meine Lieblingstänzerin war Fräulein von X., deren Vater der Bundes-Militär-Commission angehörte. Als mit dem Ende des Winters auch die Tanzstunden ihr Ende erreicht hatten und ich betrübt von meinen Tänzerinnen Abschied nahm, Uef sie mir nach und umarmte und küßte mich unter Tränen. Es war dies das erstemal in meinem Leben, daß eine Dame die Güte hatte, mir spontan anzudeuten, ich wäre ihr nicht unsympathisch. Ich habe Fräulein von X. nie wiedergesehen. Sie ist aber nicht an Liebesgram gestorben, sondern hat einen wackeren General geheiratet, dem sie sieben Kinder schenkte. Meine geistige Ausbildung verdanke ich in allererster Linie meinem \ ater. Geistige Er legte die Fundamente meiner Bildung. Als solche möchte ich einerseits Ausbildung j£ s war -wichtig, sich rechtzeitig einen Eckplatz zu sichern. Der Platz in der Mitte war nicht angenehm, außer wenn man zwischen zwei hübschen Damen saß. Die Fahrt ging sehr langsam und dauerte vom Morgen bis zum Abend. Die erste Station war Fürstenberg. Nicht weit von da lag das Gut eines Herrn von Valdoy, von dem die Sage ging, daß er für die melancholische Prinzessin Karoline von Strelitz, die traurige Erinnerungen an ihre Ehe mit Friedrich VII. von Dänemark nicht überwinden konnte, von den Empfindungen beseelt wäre, mit denen Schillers Ritter von Toggenburg mit bleichem Antlitz auf das Fenster blickte, hinter dem, ruhig und engelsmild, die Angebetete saß. In Oranienburg, wo ein von der Gemahlin des Großen Kurfürsten erbautes Schloß zu bewundern war, wurde ein längerer Aufenthalt genommen. Erst gegen Abend trafen wir in Berlin ein. Am nächsten Tage spazierte ich mit meinem Vater Unter den Linden Bei Bismarck und durch die Wilhelmstraße, in der wir beide, mein guter Vater und ich, * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 256; Kleine Ausgabe V, 251. ü o 9 CQ a o > V > T3 0) ■M *-< i V => ö * t! 18 2 * J § £ > 5^ u "tr fi .s C m « 2 9 1 « 3 -O PQ ^ g "TT > S ö M «Ö > :CS ^ o 0,3 ? «J &>! -S ^ c/j oj 'S W5 V 13 § cd ja o •-s M O +J CS c ü CD ■ KÖNIGIN AUGÜSTA 65 lange und arbeitsreiche Jahre verleben sollten. Damals suchte mein Vater dort seinen Frankfurter Freund Herrn von Bismarck auf, der seit acht Monaten preußischer Ministerpräsident und Minister des Äußern war. Während mein Vater mit dem Ministerpräsidenten in dessen Arbeitszimmer sprach, unterhielt ich mich mit seinen Kindern, die auf dem Korridor herumtobten und auf der Treppe, deren Zugang die beiden Sphinxen bewachen. Als wir nach dem Hotel de Rome, wo wir abzusteigen pflegten, zurückkehrten, erzählte mein Vater, er habe Bismarck trotz aller gegen ihn gerichteten Angriffe und der zum Teil ganz wüsten Schmähungen der Demokraten in guter und mutiger Stimmung getroffen. „Ich komme durch", hatte Bismarck zu meinem Vater gesagt, „und ich werde mit den Demokraten fertig, vorausgesetzt, daß der König mir treu bleibt. Und das wird er, denn er hat die Gefühle und die Gesinnung eines Edelmannes." Die Wendung: „Er denkt und fühlt wie ein Edelmann", die ich später öfter von ihm hörte, war in den Augen des Fürsten Bismarck das höchste Lob, das er spenden konnte. Um wieder Berge zu sehen, machte mein Vater von Berlin mit mir, der ich ihn freudig begleitete, einen Abstecher nach Regensburg, Augsburg, Baden-Baden München und zurück über Baden-Baden. Von Regensburg aus besuchten wir die Walhalla, den von König Ludwig I. von Bayern errichteten „Tempel teutscher Ehren". Ich ahnte nicht, daß ich hier einmal als deutscher Reichskanzler eine Rede halten würde anläßlich der Aufstellung der Marmorbüste meines großen Vorgängers, des zu jener Zeit von den Liberalen bissig befehdeten, von den Demokraten beschimpften Herrn Otto von Bismarck-Schönhausen. In Baden-Baden erblickte ich zum erstenmal die Königin Augusta von Preußen. Sie stattete abends der mit ihr und uns im selben Hotel wohnenden Herzogin Dorothea von Talleyrand und Dino, einer geborenen Prinzessin von Kurland, einen Besuch ab. Als sie der Herzogin Lebewohl gesagt hatte und die Treppe ihrer im Parterre gelegenen Wohnung hinabstieg, gingen zwei Lakaien mit brennenden Flambeaux vor ihr her. Die Königin Augusta war damals noch eine schöne Frau. Die Herzogin Dorothea hatte in ihrer Jugend das Alter des Fürsten Talleyrand und in ihrem Alter die Jugend des am 18. September 1848 auf der Bornheimer Heide bei Frankfurt vom Pöbel ermordeten Fürsten Lichnowsky versüßt. Den Hochsommer 1863 verlebten wir in dem Seebad Heiligendamm bei Doberan. Auch hier ging es nicht mehr so patriarchalisch zu wie früher, Doberan und wo dort noch eine öffentliche Spielbank bestand und der biedere Großherzog Hciligendamm Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin, der Gatte der Prinzessin Alexandrine von Preußen, einer Tochter des Königs Friedrich Wilhelm III. und Schwester unseres alten Kaisers Wilhelm, mit Vorliebe selbst die Bank 5 Büluw IV 66 DER RITTER BÜLOW hielt, an heißen Tagen in Hemdsärmeln. Aber noch immer nahm der Hof an der Table d'hote teil, bei der es gemütlich zuging, ohne Zwang noch besondere Förmlichkeiten. Doberan hatte eine interessante Vergangenheit, über die mich mein Vater belehrte, der über ausgebreitete historische Kenntnisse verfügte und in seiner Herzensgüte uns Kindern gegenüber sehr mitteilsam war. Er erzählte uns, daß Doberan schon im zwölften Jahrhundert von dem Wendenfürsten Pribislaw II. als Zisterzienserkloster gegründet wurde. Doberan war sehr reich gewesen, denn es besaß Reliquien, die ihm ein großes Ansehen verliehen und es zum Ziel von Wallfahrten aus Dänemark, Schweden und noch ferneren Ländern machten. In der Reformationszeit säkularisiert, wurde Doberan im Jahre 1793, dem Jahr der Terreur in Frankreich, der Epouvantable annee de Iauriers et de sang grande ombre couronnee, das erste deutsche Seebad. Mein Vater führte mich in die Doberaner Kirche, ein gotisches Gebäude in Kreuzform, auf dessen Mitte sich eine mäßige Turmspitze erhebt. In der Kirche zeigte er mir die Bülowen-Kapelle, die 1372 von dem Schweriner Bischof Friedrich IL, der dem Hause Bülow entstammte, „zu seiner Lieben Gedächtnis" gestiftet und von dem Mönch Eckhart Bülow mit einer Dotation ausgestattet worden war. Uber der Tür bewunderte ich die bildliche Darstellung eines Wendenhäuptlings, der ein Ungetüm mit seiner Streitaxt und den Worten bedroht: Stall up — hör van de Dör! Augenscheinlich das Konterfei eines energischen Missionars, der keinen Spaß verstand, wenn es sich um die Bekehrung renitenter wendischer Heiden handelte. Innerhalb der Kapelle stand unter dem Bild eines Ritters Bülow die Inschrift: Wieck, Düvcl, wieck, wieck wiet van my, Ik scheer my nig een Hoahr om dy. Ik bün ein Meckelbörgsch Edelmann, Wat geit dy, Düvel, mien Suupen an ? Ik suup mit mienen Herrn Jesu Christ, Wenn Du, Düvel, ewig dösten müßt, Und drink mit öm Söst Kolleschahl, Wenn Du sitzt in der Höllenqual, Drum rahd ik: wieck, loop, rönn und gab! Siinst, by dem Düvel, ick tau schlah. Das Selbstgefühl, das dieser meckelbörgsche Edelmann in seiner Grab- echrift sogar dem Teufel gegenüber an den Tag legt, die Entschiedenheit, mit der er sich das Recht zu saufen wahrt, sind junkerlich im guten Sinne FLÜGELSCHLAG (»7 des Wortes. Ich bemerke hierzu, daß ich im zweiten Vers aus ästhetischen Gründen für einen sehr viel derberen Ausdruck das Wort „Hoahr" (Haar) gesetzt habe. Im Januar 1864 zeigte es sich, daß mein Vater die Wahrheit gesagt hatte, als er dem König Friedrich VII. die unausbleiblichen Folgen der eider- Düppel dänischen Politik prophezeite. Im Februar wurde das Danewerk von den Dänen geräumt. Am 18. April 1864 erstürmten die Preußen die Düppler Schanzen. Das war der erste kräftige Flügelschlag des preußischen Adlers seit einem halben Jahrhundert. In Mecklenburg, das tapferen Anteil an den Freiheitskriegen genommen hatte, war die Begeisterung allgemein. Der Erbgroßherzog teilte meinen Enthusiasmus. Er vertraute mir an, daß sein Vater dem Kriege der deutschen Großmächte gegen Dänemark kühl gegenüberstünde, seine Mutter, wie die Upper ten thousand in ihrer englischen Heimat, mit den Dänen sympathisiere. In der Untersekunda des Gymnasiums aber gingen die Wogen der Begeisterung sehr hoch, aus voller Kehle wurde gesungen: Ob Meer auch und alpige Halden Vielmarkig zerteilen die Flur, Ihr Banner viel Fürsten entfalten: Ein Deutschland an Herzen ist's nur! Wohin sich der Sinn uns auch wende, Millionen, sie schlingen die Hände Zum großen Bund, dem ein'gen Vaterland. In dem Hochgefühl, das mich erfüllte, als die Preußen in stürmischem Anlauf und mit stürmischem Mut die schwarz-weiße Fahne auf alle zehn Düppler Schanzen aufgepflanzt, als sie zwei Monate später mit kühnem Handstreich den Übergang nach der Insel Alsen bewerkstelligt, die Dänen überall geschlagen und sie nach Fünen vertrieben hatten, sagte ich zu meinem Vater: „Jetzt sind wir ein großes Volk! Wir sind größer, als es die Engländer und Franzosen sind." Mein Vater erwiderte mir ernst: „So weit sind wir noch lange nicht. Uns fehlt das Nationalgefühl, der Nationalstolz der Franzosen und Engländer. Wir streiten uns auch viel zu oft untereinander." In diesem Zusammenhang hörte ich zum erstenmal das grausame Wort von Goethe, daß die Deutschen im einzelnen tüchtig, als Ganzes aber miserabel wären. Wie in Frankfurt, so unternahm auch in Strelitz mein Vater oft Spaziergänge mit mir, namentlich von Neu-Strelitz nach Alt-Strelitz ging er Alt-StrelUz gern. Der Weg führte über eine kleine Anhöhe, wo bisweilen ein schärferer Wind wehte. Als ich mich einmal über diesen Wind beklagte, erwiderte mein Vater: „Gewöhne dich beizeiten daran, daß auf Höhen ein kalter und 5* 68 EIN SCHULFREUND scharfer Wind zu wehen pflegt. Das gilt von den Höhen des Lehens wie von dieser ldeinen Anhöhe." Mein Vater sagte mir auch einmal: „Wer Alt- Strelitz in Ordnung halten kann, wird auch mit Neu-Strelitz fertig werden. Und wer das Zeug für das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz hat, der mag auch ein größeres Land regieren. Es sind dieselben Eigenschaften, die hier und dort verlangt werden. Es ist im Grunde einerlei, ob du mit hölzernen, mit silbernen oder mit goldenen Figuren Schach spielst." Alt- Strelitz war noch kleiner als Neu-Strelitz, es hatte kaum zweitausend Einwohner. Amts- und Stadtrichter in Alt-Strelitz war der Vater meines Schulfreundes Wohlfahrt, der am selben Tage geboren war wie ich. Wir sind durch unser ganzes Leben Freunde geblieben. Ewald Wohlfahrt war, nachdem er ein gutes Referendar- und ein noch besseres Assessor-Examen abgelegt hatte, Bürgermeister von Alt-Strelitz geworden. Als er sich in dieser Stellung bewährt hatte, rückte er zum Bürgermeister von Neu- Strelitz auf. Als er auch diese Stufe der Leiter erklommen hatte, schrieb er mir, nun bliebe ihm kaum noch etwas zu wünschen übrig. Die Vorsehung meinte es aber so gut mit ihm, daß er nach mehrjähriger Tätigkeit als Bürgermeister von Neu-Strelitz großherzoglicher Hofrat wurde Da ließ er sich in einer schönen Uniform photographieren und schickte mir sein Bild. Ich hielt ihn damals für einen der wenigen wirklich zufriedenen Menschen, die mir begegnet sind. Aber ich hatte ohne den Weltkrieg und ohne den Zusammenbruch des alten, glücklichen Deutschland gerechnet, die auch in diesen stillen Wirkungskreis eingriffen. Mein Freund Wohlfahrt litt nicht nur als treuer Patriot, der er war, unter dem Unglück des Vaterlandes, sondern er mußte mit ansehen, wie vieles, was er in seinem kleinen Kreise mit Verständnis und Liebe gehegt und gepflegt hatte, durch den Umsturz zerstört wurde. Er schrieb mir darüber im Frühjahr 1923: „Wenn Du vor Jahren einmal wieder nach Strelitz gekommen wärst, würdest Du Dich in der alten Residenzstadt, in welcher Zucht, Ordnung und Sauberkeit herrschten, wohlgefühlt haben. Jetzt aber würdest Du Dich wundern über die traurigen Zustände, welche hier seit 1919 bestehen. Ich bedauere, mein Leben hier beschließen und täglich sehen zu müssen, wie das, was ich mit Mühe und Sorgfalt aufgebaut habe, nunmehr in kurzer Zeit niedergerissen und zerstört wird. Diejenigen, welche ehemals begierig nach einem Bücke, einer Anrede Serenissimi haschten, sind jetzt die eifrigsten Anhänger der Republik und haben schnell vergessen, was wir unserem Fürstenhause schulden an Dank für das, was sie einst getan, und an Mitgefühl für das, was sie jetzt leiden müssen. Es ist wahrlich kein Vergnügen für mich, den ehemaligen Consul loci, das alles sehen und fühlen zu müssen, und nicht nur einmal, sondern täglich." FRITZ REUTER 69 Eine große Freude war für uns in Strelitz das Reiten. Wir wurden, mein Bruder Adolf und ich, auf die Hengste des Landgestüts gesetzt und tummelten sie in der großherzoglichen Reitbahn. Die Hengste waren nicht leicht zu reiten: sie schlugen aus, sie scheuten, sie bockten, sie schrammten, vor allem aber hebten sie zu steigen. Wir hielten uns dann an der Mähne der großen Tiere fest und boten das Bild kleiner Äffchen, die sich an einen Zweig klammern. Wir wurden aber auf diese Weise früh zu firmen Reitern. Wir brachten es so weit, daß wir die Hengste auch ohne Bügel ritten, erst auf Decke, dann auf englischem Sattel. Ohne Bügel zu reiten, befördert wie kein anderes Mittel die Fertigkeit, Sitz und gute Haltung auf dem Rücken des Pferdes zu behaupten und es richtig zu lenken. Ein anderes Vergnügen war das Schlittschuhlaufen, das wir bei der Strenge des mecklenburgischen Winters monatelang treiben konnten. Als ich einmal mit meinem Bruder Alfred über das Eis des Zierker Sees hinflog, brach ich plötzlich ein. An einer Stelle, wo auf dem Grunde des Sees eine warme Quelle sprudelte, hatte die Eisdecke nicht die Stärke gehabt, mich zu tragen. Das Wasser reichte mir bis fast an den Mund, ich stampfte mit den Füßen, um nicht unterzugehen, und rief meinem Bruder zu, sich auf den Bauch zu legen und mir den langen Schal zuzuwerfen, den er um den Hals gewickelt trug. Auf diese Weise zog er mich zu sich hin, bis ich eine Stelle erreicht hatte, wo die Eisdecke wieder fest war und uns beide tragen konnte. Dann setzten wir unseren Eislauf in noch schärferem Tempo fort, erquickten uns am gegenüberhegenden Ufer durch einen heißen und sehr steifen Grog, den man, wenigstens damals, als das Nationalgetränk der Mecklenburger bezeichnen konnte, und kamen ohne Schnupfen davon. Unsere Eltern ließen uns nach Herzenslust Ausflüge in die Umgebung und auch längere Fußwanderungen unternehmen. Bei einer dieser Wände- Ncu- rungen kamen wir nach der „gauden Stadt Nigen-Bramborg". In einer Brandenburg kleinen Wirtschaft der Stadt Neu-Brandenburg wurde uns Fritz Reuter gezeigt. Er saß, den Kopf in beide Hände gestützt, schwer betrunken vor einem hölzernen Tisch, auf dem viele leere Flaschen standen. Man weiß, daß Reuter während der langen Festungshaft, die er auf Grund der unsinnigen Karlsbader Beschlüsse durchzumachen hatte, dem Trünke verfallen war. Der Anfang, das Ende, o Herr, sie sind dein! Die Mitte dazwischen, das Leben, war mein. Und irrt' ich im Leben und fand mich nicht aus, Bei dir, Herr, ist Klarheit, und licht ist dein Haus hat Fritz Reuter kurz vor seinem Tode in ein Stammbuch geschrieben. Seine „leiwen Landslüt, die Landslüt von Meckelnborg und Pommern", TO SCHILLS GRAB werden den großen Dichter des plattdeutschen Volks nicht vergessen, der im Herzen des ganzen deutschen Volks fortleben wird. Im Sommer 1864 unternahmen wir mit dem guten Erbgroßherzog Adolf Friedrich und dessen hannoverschem Erzieher, dem Hauptmann von Petersdorf, eine prächtige Fußreise nach Rügen und konnten uns davon überzeugen, daß der Norden unseres Vaterlandes nicht weniger landschaftliche Schönheiten bietet als der uns bisher mehr vertraute Süden. Wir marschierten tapfer fünf bis sechs Stunden täglich. In Stralsund suchten wir die Querstraße auf, wo Ferdinand von Schill, der fromme, der tapfere Held, gefallen war. Über seinem Grabe las ich die treffenden Worte aus Virgil: Magna voluisse magnum. Occubuit fato: jacet ingens litore truncus, Avulsumque caput: tarnen haud sine nomine corpus. Und ins Grab hatte ihm Ernst Moritz Arndt nachgesungen: Dann sattelt ein Reiter sein schnelles Pferd, Und schwingt ein Reiter sein blankes Schwert, So rufet er zornig: Herr Schill, Herr Schill, Ich an den Franzosen Euch rächen will. Mein Vater hatte uns, bevor wir die Rügenreise antraten, die Verse eines jetzt längst vergessenen Dichters, des empfindsamen Kosegarten, mit auf den Weg gegeben: Empfange mich, alter Rügard! Mich lüstet zu schaun Mit staunendem Blick Die Riesengräber und Herthas Hain, Die Küsten, die Inseln und das donnernde Meer. Die reizenden Gartenanlagen des Fürsten Putbus, der von dem Wendenfürsten Jaromir abstammen wollte, gefielen uns viel besser als die Stadt Putbus, die das Rügensche Karlsruhe genannt wurde und in der Tat durch ihre langweilige Regelmäßigkeit an die badische Residenz erinnert. Wir freuten uns an dem prächtigen Granitzer Forst. Wir freuten uns auch an den schwarzen, rot gefütterten Röcken der Leute von Mönkgut. Wir hörten von der, nebenbei gesagt, gar nicht so üblen Sitte, daß die Mönkguter Mädchen, wenn sie heiraten wollten, selbst auf die Freierei gingen, die sie „die Jagd" nannten. „Se stellt na em ut." Auf der Stubbenkammer, auf der König Karl XII. von Schweden gestanden hat und auf der ich viele Jahre später mit Wilhelm II. stand, genossen wir einen herrlichen Sonnen- • AM DEUTSCHEN NORDKAP 71 Untergang. Mit Schauern der Ehrfurcht blickten wir auf den Herthasee. Am meisten aber begeisterte uns das nördliche Vorgebirge von Rügen, Arkona, das wir nach einem anstrengenden Marsch durch tiefen Sand erreichten. Auf Arkonas Berge Ist ein Adlerhorst, Wo vom Schlag der Woge Seine Spitze borst. Spitze deutschen Landes, Willst sein Bild du sein ? Riss' und Spalten splittern Deinen festen Stein. Adler, setz dich oben Auf den Felsenthron, Deutschen Landes Hüter, Freier Wolkensohn! Ließ der deutsche Kaiser Fliegen dich zugleich, Als er brach in Stücke, Ach, das deutsche Reich ? Mit diesen melancholischen Versen hat der Dichter der Griechenlieder, Wilhelm Müller, das deutsche Nordkap besungen. • VI. KAPITEL Pädagogiumin Halle (1865—1867) • Das Leben im „Pädchen" • Professor Dr. Daniel und sein Einfluß • Redeübungen • Mitschüler • Die Halloren • Politik in Halle • Demokratie und Liberalismus • „Professoren" und „Kreisriehter", fast alle Intellektuelle gegen Bismarck • Konfirmation in Halle (18. III. 1866) Als wir von unserer Wanderung durch Rügen zurückkehrten, eröffnete uns mein Vater, daß wir zu Ostern nächsten Jahres auf eine andere Schule Preußisches kommen würden, auf das Pädagogium zu Halle an der Saale. „Ich schicke 1 adagogium au f eme p reu ßi sc he Schule", fügte er hinzu, „da ihr doch wohl einmal euren Weg in Preußen machen werdet, damit ihr euch rechtzeitig an die preußische Art gewöhnt." In Strelitz hatten wir es schon bis Prima gebracht. Mein Vater ließ uns aber in Halle noch einmal in die Obersekunda eintreten, damit wir nicht zu früh die Universität bezögen. „Die guten Pferde sind die", meinte er, „die in den Zügeln gehen und die man zurückhalten muß, nicht die, wo es der Peitsche bedarf, um sie vorwärts zu treiben." Das Elternhaus zu verlassen, wnarde uns, meinem Bruder Adolf und mir, recht schwer. Im Königlichen Pädagogium, in dessen Internat wir aufgenommen wurden, empfanden wir zunächst ein sehr starkes Heimweh. Unsere Eltern, die dies vorausgesehen haben mochten, beßen unter irgendeinem Vorwand unseren bisherigen Hauslehrer Hopf, der statt unser meine jüngeren Brüder in Obhut genommen hatte, einen Besuch in Halle abstatten. Als er uns frug, wie uns zumute wäre, erwiderten wir mit zusammengebissenen Zähnen: „Oh, ganz ausgezeichnet!" Wir mögen dabei ein ganz kreuzjämmerliches Gesicht geschnitten haben. Aber es zeigte sich bald, daß Bismarck recht hatte, wenn er sagte, die preußische Jacke jucke zunächst, dann aber halte sie wärmer als irgendeine andere, und man könne sie nicht mehr entbehren. Bald fühlten wir uns wohl im „Pädchen". So wurde von den Schülern das Pädagogium genannt, das einen Teil der großartigen Franckeschen Stiftung bildete. Über dem Haupttor der Stiftung prangte ein zur Sonne steigender Adler. Darunter in großen goldenen Buchstaben ein Bibelspruch aus Jesaias 40, 31: „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kräfte, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt IN FRANCKES HAUS 73 werden, daß sie wandeln und nicht müde werden." Im Geiste dieses Bibelspruchs hatte der 1663 in Lübeck geborene, 1727 in Halle verstorbene August Hermann Francke 1698 seine Stiftung ins Leben gerufen, ein Werk, dem im ganzen Bereich der evangelischen Kirche kein zweites gleichkommt. Als er einmal in der an seiner Wohnung angebrachten Armenbüchse sieben Gulden fand, meinte er hocherfreut: „Das ist ein ehrlich Kapital, davon muß man was Rechtes stiften!" Er fing damit an, eine Armenschule zu begründen. Weil aber zum Unterricht auch die Erziehung treten müsse, faßte er den Gedanken eines Waisenhauses, zu dem 1698 der Grundstein gelegt wurde und das den Kern bildete, um den sich alles übrige kristallisierte: zwei Gymnasien, das Königliche Pädagogium und die Lateinische Hauptschule, eine Realschule, eine Töchterschule, eine Bürger- und eine Freischule, die große Cansteinsche Bibelanstalt, aus der die Bibel stammt, die ich zu meiner Konfirmation erhielt und die ich noch heute benutze, eine Mission, eine Buchhandlung, Apotheke usw. Das Haus, in dem das Pädchen untergebracht war, stammte aus der Franckeschen Zeit und war ein tüchtiger, unverwüstlicher Fachwerkbau. Vor dem Pädagogium stand das von Rauch modellierte Erzbild des Glaubenshelden Francke. Aus dem Pädagogium waren der fromme Stifter der Brüdergemeinde, Graf Nikolaus Zinzendorf, und der weniger fromme Dichter Gottfried August Bürger, der Oberpräsident .von Westfalen Vincke, einer der besten preußischen Beamten aller Zeiten, hochverdient um die Erhebung Preußens nach Jena, der Universitätskanzler Niemeyer, Schüler und später Direktor der Franckeschen Stiftungen, die Dichter Albert Knapp, Houwald und Göcking hervorgegangen. An der Spitze des Pädagogiums stand der Direktor Kramer. Er war der Schwiegersohn des Schöpfers der vergleichenden Erdkunde, Karl Direktor Ritters. Er war ein gewissenhafter und gerechter Lehrer und Leiter, aber Krämer es war ihm nicht gegeben, in ein näheres Verhältnis zu seinen Schülern zu treten, ihre Herzen zu erschließen und zu gewinnen. Mein Verhältnis zu ihm bbeb kühl vom Tage meiner Aufnahme in das Pädchen bis zu meinem Austritt. Schon das Hüsteln und Räuspern, mit dem Kramer jeden von ihm gesprochenen Satz begleitete, schien Intimität abzuwehren. In der Hand trug er meist ein goldgefaßtes Augenglas, das ihm etwas Distinguiertes, aber auch etwas gab, was Vertraulichkeit entfernte. Wie sein Schatten folgte ihm ein behäbiger Mann im blauen Frack mit blanken Knöpfen, der Schuldiener Küniger, der das schönste Sächsisch sprach, das ich außer aus dem Munde des Königs Friedrich August III. je gehört habe. Unser Ordinarius Dryander war ein waschechter Philologe. Er entstammte einer alten Hallenser Gelehrten-Familie, die ihren ursprünglichen Namen „Eichmann" gräzisiert hatte. Aus ihr ging auch der in allen Lebenslagen 74 DER KATER ERNST als treu und tapfer bewährte Oberhofprediger Ernst von Dryander hervor. Der Ordinarius Dryander plagte uns redlich mit griechischer Grammatik, mit dem verflixten Aorist, mit dem Optativ und ähnlichen zur Qual eines Gymnasiasten erfundenen Marterwerkzeugen. Seine Akribie verleidete mir oft die Freude an den bei ihm gelesenen alten Schriftstellern. Aber ich bin ihm dankbar, daß er mich nötigte, eine größere Anzahl horazischer Oden auswendig zu lernen. Mein Vater pflegte zu sagen: „Wohl dem Mann, der in seiner Jugend viel auswendig lernte und viel abschrieb." Ich bin der gleichen Ansicht. Was man in der Jugend dem Gedächtnis hat einprägen müssen, das bleibt haften. Es ward ein Krfjfia ig ast, um eine herrliche Wendung des Thucydides zu gebrauchen. Was das Abschreiben angeht, so war mein Vater der Meinung, daß das beste und sicherste Mittel, sich einen klaren und damit einen schönen diplomatischen Stil im Deutschen wie im Französischen und Englischen anzueignen, das Kopieren gut geschriebener Berichte sei. Keiner meiner Lehrer hat annähernd einen so großen Einfluß auf meine Professor Entwicklung gehabt wie der Inspector adjunctus am Königlichen Päd- Daniel agogium zu Halle, Professor Dr. Hermann Adalbert Daniel, der Geograph und Theologe. Er ist wohl der Mann gewesen, der mich neben meinem Vater in meiner Jugend am stärksten beeinflußt hat. Er war körperlich eine merkwürdige Erscheinung. Ein gewaltiger Schmerbauch, verhältnismäßig schwache Beine und kleine Arme gaben ihm etwas Unbeholfenes. Er hatte den schwankenden und schlürfenden Gang einer Ente und wurde von den Schülern, bei denen er sehr beliebt war, mit gutmütigem Scherz der „Watschel" genannt. Der Kopf, von lang herabhängendem weißem Haar umrahmt, war bedeutend. Aus den Augen sprach Güte, Liebe und Verständnis, sprach vor allem ein hochfliegender und echter Idealismus. Daniel hat sich viel mit mir beschäftigt, und sein Bild steht nach fast sechzig Jahren lebendig vor mir. Ich hätte beinahe gesagt: er liegt vor mir. Der alte Professor lag meist auf einem verschlissenen Sofa, und auf seinem Bauch ruhte sein schwarzer Kater, der in Halle jedem bekannte „schwarze Ernst". Ihm zu Ehren hatte Daniel zur Rechtfertigung des oft verleumdeten Katzengeschlechts ein lehrreiches, in Leipzig erschienenes Buch geschrieben. Daniel hat mich mit einer Reihe der herrlichsten Schöpfungen der Alten, die außerhalb des Schulprogramms lagen, vertraut gemacht, immer kursorisch, ohne mich unnötig mit Grammatik zu plagen. Wir lasen die meisten Dramen von Sophokles, den „Prometheus" und die „Perser" von Äschylos, die Apologie und einige Dialoge von Plato. Daniel bestärkte mich in meiner Liebe für Homer und Herodot, ließ sie aber beiseite, da mich mein Vater bereits zu deren Verständnis geführt hatte. Vor allem pflegte er, wie vor ihm schon mein Vater, mein lebhaftes Interesse für Geschichte, EIN GROSSDEUTSCHER TS die große Lehrmeisterin, die rückwärts gerichtete Prophetin. Er gab mir nicht nur die Gedichte, sondern auch die Romane von Goethe zu lesen. Er lobte meinen Entschluß, den ersten Teil des „Faust" auswendig zu lernen. Ich hatte diese Absicht ausgeführt, als ich das Pädagogium verließ. Ich könnte noch heute den „Faust" aufsagen und habe vor einigen Jahren die Wette gewonnen, alle diejenigen Verse des „Faust" aus dem Stegreif zu zitieren, in denen ein bestimmtes Wort (ich glaube es war das Wort „springen") gebraucht wird. Vor allem hat Daniel in mir den Patriotismus gefördert, die Flamme, die in ihm selbst brannte, die unbegrenzte Liebe zu deutscher Art, deutscher Sprache, deutscher Dichtkunst und Philosophie, deutschem Land und Volk. Der dritte Teil seines Handbuchs der deutschen Geographie, der sich mit Deutschland beschäftigt, ist für mich das geworden, was der Franzose „un livre de chevet" nennt, d. h. ein Buch, in das man immer wieder von Zeit zu Zeit blickt. Seine Schilderung von deutschem Land, von deutschen Tälern und Höhen, Wäldern und Flüssen, von deutschen Städten in Nord und Süd ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. In dieser Beziehung sehe ich Deutschland mit den Augen meines alten Lehrers an. Politisch dachte er anders, als ich durch den Gang der Ereignisse und unter dem Einfluß von Bismarck denken sollte. Er war großdeutsch. Österreich war ihm, der aus einem thüringischen Kleinstaat stammte, lieber als Preußen. Das Jahr 1866 schmerzte ihn in tiefster Seele. Selbst nach Sedan und Versailles konnte er das Ausscheiden von Österreich nicht verwinden. Also ein echter Deutscher, der in den Sternen sucht, was vor seinen Füßen hegt. Daniel wurde von seinen Gegnern — und wer hätte nicht Gegner ? — als Kryptokatholik verdächtigt. Er soll nicht lange vor seinem am 13. September 1871 in Leipzig erfolgten Tode zur katholischen Kirche übergetreten sein. Ich halte dies Gerücht nicht für begründet. Aber allerdings war Hermann Adalbert Daniel eine irenische Natur. Er hatte Verständnis für die großen und schönen Seiten der katholischen Kirche und hielt es mit dem Spruch: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus Caritas. Auch beim Unterricht in der Klasse beschäftigte sich Daniel gern mit mir. Er ließ eines Tages eine Redeübung abhalten. Die Schüler mußten nacheinander das Katheder besteigen und dort über ein Thema sprechen, das ihnen im Augenblick gegeben wurde. Ich sprach dreist und gottesfürchtig, wie ich mein ganzes Leben immer gesprochen habe, in meinen verschiedenen Examen, wenn ich Vortrag bei meinen Vorgesetzten hatte, später im Ministerkon seil, beim Immediatvortrag, im Reichstag und im Landtag. Als ich vom Katheder herunter kletterte, sagte Daniel lächelnd zu mir: „Sie sind ein gescheites Kerlchen. Sie werden noch von sich reden machen." Dies Lob, statt mich zu erfreuen und mit Stolz zu erfüllen, setzte mich in 76 EIN HEXAMETER eine kindische Verlegenheit. Mit unverständlichem Brummen und einem albernen „Was ich mir dafür koofe", nahm ich meinen Platz in der Klasse wieder ein. Professor Daniel ließ uns auch gelegentlich dichterische Versuche unternehmen. Jeder Schüler sollte ein Verschen auf seinen Nachbar improvisieren. Mein Nebenmann, Friedrich von Oertzen, war ein guter Junge, aber er hatte nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Adonis, dem schönen Liebling der Aphrodite, dem sie die Wunde nicht stillen konnte, die ihm ein grausamer Eber in den zierlichen Leib geritzt hatte. Auch hatte Oertzen die Gewohnheit, unausgesetzt zu „feixen", wie wir Schüler das Lachen nannten. Ich improvisierte auf ihn den nachstehenden Hexameter: In der Wiege dich schauend, laut lachten die Grazien alle, Sahst sie an und lachst unaufhörlich seitdem. Zu meiner Entschuldigung beeile ich mich, hinzuzufügen, daß dies die einzigen Verse sind, die ich in meinem Leben verbrochen habe. In meiner Jugend war das Versemachen schon aus der Mode gekommen. Mein Vater hat noch manchen nicht üblen Vers gemacht. Mein Großonkel Baudissin pflegte bei Geburtstagen und sonstigen Festivitäten geistreiche Trink Sprüche in Versen auszubringen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nahmen Politik und Wirtschaft den Deutschen so sehr in Anspruch, daß er an solchen harmlosen Spielereien kein Gefallen mehr fand. Im Pädchen hausten drei Schüler zusammen in je einer aus einem Arbeits- Hallenser und einem Schlafzimmer bestehenden Wohnung: ein Senior und zwei Mitschüler Junioren. Die Senioren gehörten der Sekunda und Prima an, die Junioren den unteren Klassen. Letztere erhielten bisweilen, wenn sie nicht Order parierten, eine tüchtige Maulschelle, im übrigen jedoch war das Verhältnis auf der „Bude", so nannten wir das gemeinsame Appartement, durchaus angenehm. In die Schreibtische und Schränke hatten frühere Bewohner ihre Namen eingeschnitten, darunter war mancher Name historischer preußischer Familien. Von meinen Hallenser Mitschülern wurde Zieten Leibgardehusar, Wurmb Gardedukorps, Wentzel Oberpräsident der Provinz Hannover, Benda und Borch, Seebach und Gundlach wurden, was wir „Stoppelhopser" nannten, d. h. Landwirte. Georg von Klitzing gelangte auf Präsentation des Verbandes des alten und befestigten Grundbesitzes in der Neumark in das Herrenhaus. Er war ein streitbarer Agrarier und meinte während der Kämpfe um den Zolltarif einmal auf einer Tagung des Bundes der Landwirte von mir, ich verstünde von Landwirtschaft nicht mehr, als daß eine Gans zwei Beine habe und daß man einen Bullen nicht melken könne. Das war kein übler Witz, und ich habe sehr darüber gelacht. Die Brüder Eigenartige Menschen waren die Zwillingsbrüder Ludwig und Adalbert Dohna Dohna. Bei Graf Ludwig zu Dohna gesellte sichin seinem späteren Leben BURGGRAFEN :: zu allen sonstigen Schrullen eine so hochgradige Neurasthenie, daß er in einer Maison de sante endigte. Das letztemal sah ich ihn 1891 in Ostende, wo er mir auseinandersetzte, er könne nur existieren, wenn er morgens ein eiskaltes und abends ein kochendheißes Bad nähme. Adalbert Dohna war ein prächtiges Original, über ihn zirkulierte eine große Anzahl Anekdoten. Bei den 1. Gardedragonern hatte er als Einjähriger einmal bei einer Übung vor dem alten Kaiser die Richtung verloren. Der Kaiser, dem bei militärischen Besichtigungen kein Detail entging, schüttelte den Kopf und frug nach seinem Namen. Wutschnaubend rief der Kommandeur, nachdem der Kaiser sich entfernt hatte, dem Regiment zu: „Es ging im großen und ganzen gut. Nur Sie, Einjähriger Graf Dohna, das kann ich Ihnen sagen, Sie sind dem Kaiser aufgefallen!" Mit der größten Pomadigkeit erwiderte Dohna: „Angenehm oder unangenehm, Herr Oberst?" Adalbert Dohna hatte einen unbändigen Stolz auf seinen Namen, und in der Tat gehört die Familie der Burggrafen zu Dohna zu den ältesten und erlauchtesten deutschen Adelsgeschlechtern. Als einmal in Bonn der Erbgroßherzog von Mecklenburg-Schwerin neben Adalbert Dohna Platz nahm, meinte der zu ihm: „Königliche Hoheit, Sie sind aus einer anständigen, aus einer sehr anständigen Familie, aber neben einen Dohna müssen Sie sich doch nicht setzen." Er ärgerte später als Regierungsrat in Stettin und in Breslau durch seinen rücksichtslosen Freimut nur allzu oft seine direkten Vorgesetzten, wurde aber von den Oberpräsidenten gehalten, die sich an seiner Ursprünglichkeit ergötzten. Er hatte einmal bei einem Bierjungen vierundachtzig Gläser nacheinander ausgetrunken, achtundvierzig Stunden wie tot dagelegen, sich dann aber wieder erholt. Er war sehr musikalisch und spielte wundervoll Klavier. Von allen, die gleichzeitig mit mir das Pädchen besuchten, lebt nur noch einer: Franz von Veltheim, durch seine Heirat mit der Gräfin Marie von Wylich und Lottum Fürst von Puttbus. Omnes eodem cogimur omnium Versatur urna, serius ocius Sors exitura, et nos in aeternum Exilium impositura cimbae. Neben dem großen Garten des Pädchens war ein kleiner Turnplatz mit einem Reck, an dem die Riesenwelle und der Klimmzug geübt, mit einem Barren, an dem, auf die steifen Arme gestützt, die Beine gen Himmel gehoben wurden, mit einem „Pferd", über das gesprungen wurde. Im Garten war eine Kegelbahn, auf der wir fleißig „schoben", ohne zu ahnen, daß dieses Wort einmal eine ganz andere Bedeutung gewinnen würde. Ich habe später in Bonn und in Metz wie in St. Petersburg dem edlen Kegelspiel gern gehuldigt. 78 EIN URTEIL ÜBER MOLTKE Auch in Halle ritten wir. In der Universitätsreitbalm unterrichtete uns der Universitätsreitlehrer Andre, ein alter Offizier, der uns in der Hohen Schule unterwies: im spanischen Tritt, in der Passade und im Piaffieren. Das Pferd, auf dem ich diese Kunststücke ausführte, hieß „Marquis". Eine Äußerung des wackeren alten Andre ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ich jene von mir früher erwähnte Bemerkung unseres Frankfurter Arztes Stiebel über Schopenhauer nie vergaß. Als wir Andre im März 1866 frugen, was er von dem Chef des Generalstabs, Hellmuth von Moltke, halte, war seine Antwort ein einziges, im echten Brummton eines alten pensionierten Offiziers herausgestoßenes Wort: „Prinzessinnentänzer!" Es war wirklich nicht möglich, den großen Schlachtenlenker, den weisen, stillen Denker Moltke unrichtiger zu charakterisieren, wie es auch nicht möglich war, sich von Arthur Schopenhauer ein falscheres Bild zu machen, als dies sein Frankfurter Zeitgenosse tat. Der Sohn Andres hat später als Redakteur der Fachzeitschrift „Der Sport" viel für die Entwicklung der Reiterei getan. In Halle ritten wir zusammen im Freien. Ich habe manche Hecke und manchen Graben mit ihm genommen. Außer Turnen, Reiten und Kegeln wurde auch Schwimmen in Halle mit Die Halloren Lust betrieben. Wir hatten schon im Main und im Zierker See geschwommen, erhielten aber jetzt methodischen Unterriebt durch die wackeren Halloren, von denen die Sage ging, daß sie von den fabelhaften Kelten abstammten. Sie besaßen das Monopol wie der Ausbeutung der Salzquellen, von denen der Gutjahrbrunnen noch benutzt wurde, so auch des Schwimmunterrichts. Sie trugen eine malerische Tracht: kurze Hosen, bunte Strümpfe, eine lange Weste mit kugelartigen silbernen Knöpfen, dazu einen Dreispitz. Eine Abordnung der Halloren fuhr in jedem Jahr am Neujahrstag nach Berlin, um Ihren Majestäten, dem König und der Königin, je eine Wurst und sechs in der Salzquelle gesottene Eier zu überreichen. Solange ich Ministerpräsident war, haben sie auch mich, in Erinnerung an den mir einst erteilten Unterricht, mit solchen Gaben erfreut. Unter ihrer sachverständigen Leitung übte ich mich fleißig im Rückenschwimmen und im Paddeln, im Wassertreten und im Kopfsprung, der aber nicht zum Froschsprung werden durfte, vor allem im Tauchen und Schwimmen unter Wasser. Gern ließen wir uns zum Schluß am Wehr von den kühlen Wellen bespülen. Ich hätte damals nicht gedacht, daß die freundliche Saale einmal in der Revolution der Schauplatz eines der abscheulichsten Verbrechen werden sollte. Nach dem Novemberumsturz überfiel der Pöbel in Halle den Major von Klüber und warf ihn in die Saale. Der Unglückliche versuchte, sich durch Schwimmen zu retten. Die Menge schleuderte Steine und Eisenstücke nach ihm. Obwohl aus mehreren Kopfwunden blutend, gelang es dem tapferen Mann, das andere Ufer zu erreichen. Da hackten ihm die PARTEIEN 7<> Bestien in Menschengestalt die Hände ab, mit denen er versuchte, sich am Lande emporzuarbeiten, und er versank abermals in den Fluten. Der Major von Klüber hatte sich im Weltkrieg hervorragend bewährt. Er trug auf seiner Brust die höchsten Kriegsauszeichnungen., das Eiserne Kreuz erster Klasse und den Orden pour le merite. Er entstammte einer Gelehrtenfamilie und war ein hochgebildeter Offizier, geliebt von allen, die seiner Sitten Freundlichkeit erfahren hatten. In Frankreich umgab die Armee auch nach der Niederlage von 1870/71 die Fürsorge, die Achtung, die leidenschaftliche Liebe, ein förmlicher Kultus aller Parteien. In einer seiner berühmtesten Reden hat Leon Gambetta in den ersten Jahren nach dem Frankfurter Frieden die besiegte französische Armee das höchste Gut, den kostbarsten Besitz, die letzte Hoffnung des französischen Volkes genannt. Marschall Mac Mahon galt der öffentlichen Meinung Frankreichs als der „glorieux vaincu". In Deutschland beschimpften weite Kreise den General Ludendorff als den „Kriegsverlängerer". In Deutschland hat die Sozialdemokratie während eines halben Jahrhunderts unausgesetzt und bewußt gegen den „Militarismus" agitiert und damit gegen die Sicherheit und Wohlfahrt des Vaterlandes, die in erster Linie auf unserer Wehrmacht beruhten. Die Konsequenz solcher selbstmörderischen Taktik zeigte sich wie im letzten Kriegsjahr an der Front so auch im Falle Klüber. Auf politischem wie auf religiösem Gebiet standen sich in Halle während meiner Schulzeit die Parteien schroffer gegenüber als an den meisten anderen Leo und Ru^e deutschen Universitäten. Der Führer der Konservativen, der Historiker Heinrich Leo, ein scharfer Preuße und strenger Orthodoxer, ein Kreuzzeitungsmann, wie man damals sagte, war in weiten Kreisen bekannt durch seine geflügelten Worte über den Hecht im Karpfenteich, womit er Napoleon III. meinte, über das „skrofulöse Gesindel", was auf die Demokraten und Revolutionäre ging, und vom „frisch-fröhlichen Krieg", der das skrofulöse Gesindel zertreten sollte. Leo hat eine schöne Geschichte der italienischen Staaten geschrieben. Seine Selbstbiographie ,,Aus meiner Jugendzeit" zeugt von starkem Naturgefühl und ursprünglich eigenem Sinn. In der entgegengesetzten Richtung wie Heinrich Leo hatte sich in Halle Arnold Rüge betätigt, der in seiner Jugend als Lehrer am Pädchen wirkte, später mit Theodor Echtermeyer, gleichfalls Lehrer am Pädagogium, die „Halleschen Jahrbücher" in radikaler Richtung leitete. 1849 nach London geflohen, trat er dort Mazzini, Ledru-Rollin und Karl Marx nahe und betätigte sich in der revolutionären Propaganda, erklärte sich aber im Frühjahr 1866. zum Entsetzen der Demokraten und vor allem der Hallenser Demokratie, für die Politik Bismarcks. Sein Freund Lothar Bucher war schon früher den gleichen Weg gegangen. Eine vermittelnde Richtung vertrat der Professor der Theologie AugustTholuck, ein eifriger Vorkämpfer 80 DAS CRÖLLWITZER FREMDENBUCH der positiven Union. Mehr Pietist als orthodox, war er mit Daniel befreundet. Direktor Kramer, der sich zu Heinrich Leo hielt, leitete das Pädagogium im streng konservativen und streng kirchlichen Geiste. Als Zeitungslektüre war uns nur die „Kreuzzeitung" erlaubt. Aber ich glaube, auch wenn uns Schülern die Auswahl freigegeben worden wäre, würden wir uns für das Blatt erklärt haben, das an seiner Spitze das Eiserne Kreuz trug mit der Umschrift: „Vorwärts mit Gott für König und Vaterland." Wir waren alle ganz rechts gesinnt. Ausdrücklich möchte ich betonen, daß auf dem Pädchen zwischen Adligen und Bürgerlichen keinerlei Gegensatz bestand. Wir fühlten uns alle gleich. Bei einem Ausflug der Prima nach Giebichenstein, dem festen Schloß der fränkischen Kaiser, wo Herzog Ernst von Schwaben und Ludwig der Springer gefangensaßen, schrieben wir im Frühjahr 1866 in das Fremdenbuch der dem Giebichenstein gegenüberliegenden Bergschenke Cröllwitz die Verse ein: Nur Roß, nur Reisige Sichern die steile Höh', Wo Fürsten stehn. Nicht Demokraten, Juden und Freischärler, Denn wer auf die getraut, Der hat auf Dreck gebaut. Liberale Blätter entdeckten die Freveltat und verlangten mit Pathos Bismarck und starker Entrüstung die strenge Bestrafung der „Junkerbrut", die sich und der solcher Tat verwogen habe und mit derartiger Frechheit „das Volk" ver- Liberalismus B gi me# Auch dem Direktor Kramer ging diese Entgleisung zu weit. Er erteilte der Klasse einen scharfen Verweis unter Hinweis darauf, daß, von allem anderen abgesehen, die Travestierung der Nationalhymne geschmacklos und unstatthaft gewesen sei. Keine Zurechtweisung konnte gerechtfertigter sein. Nicht um nach so langer Zeit meine und meiner Schulkameraden Ungezogenheit zu verteidigen, sondern zur Charakterisierung der damals in konservativen Kreisen herrschenden Mentalität will ich daran erinnern, daß im Schicksalsjahr 1866 in Deutschland die Verkennung und Unterschätzung von Bismarck ebenso allgemein war und ebenso groß wie die Überschätzung der demokratischen „Kammerhelden", um einen Bis- marckschen Ausdruck zu gebrauchen. Wer sich heute die Mühe gibt, in voller Unparteilichkeit, ja mit Mitgefühl für den Besiegten und Blamierten die Kammer-Reden von Schulze-Delitzsch und Waldeck, von Hoverbeck und Virchow, von Franz Duncker und Sybel zu lesen, wird erstaunt sein, daß solche Verbindung von Weltfremdheit und Selbstüberschätzung, von Banalität und Pedanterie Eindruck machen konnte. Wie war es möglich, daß ein DIE KONFLIKTZEIT 8] derartiges Phrasendreschen, solche Simpeleien wirken konnten, und das gegenüber den Bismarckschen Reden, in denen alles Kraft und Geist, wo alles tief und genial war ? Ich glaube, daß zur Zeit unter hunderttausend Deutschen nicht einer mehr weiß, wer Grabow, wer Bockum-Dolffs war, in der Konfliktzeit hochgefeierte „Volksmänner". Freilich ist es ein gewöhnlicher Fehler deutscher Intellektueller, sich neuen Richtungen und Strömungen zunächst mit vorgefaßter Meinung, ungerecht, bisweilen blind zu widersetzen. Hat sich die neue Richtung aber durchgesetzt, so ziehen dieselben Intellektuellen mit Korybantenlärm, in wilder Begeisterung, mit Musik und Tanz vor der Göttin Kybele her. Den Rekord gegenüber Bismarck schlug in dieser Beziehung der Historiker Heinrich Sybel. Er hatte während der Konfliktzeit in der vordersten Reihe der Gegner des Ministerpräsidenten gestanden, den er im Abgeordnetenhaus zügellos angriff. Nachdem Bismarck sich durchgesetzt hatte, schrieb Sybel in sieben Bänden ein Buch über die Gründung des Deutschen Reiches, in dem er dem Ministerpräsidenten ebenso ungestüm huldigte, wie er ihn früher geschmäht hatte. Das Sybelsche Werk ist mittelmäßig. Als es Fürst Bismarck, dem es der Verfasser mit einer pomphaften Ansprache überreicht hatte, durchblätterte, hörte ich ihn sagen: „Wenn ich die Wahl habe, dies öde Buch von A bis Z durchzulesen oder mich von seinem Verfasser noch einmal beschimpfen zu lassen, so ziehe ich das letztere vor." Fürst Bismarck lobte bei diesem Anlaß Macaulay, Carlyle und Motley. Bei retrospektiver und abgeklärter Betrachtung halte ich es für ein Unglück, daß der deutsche Liberalismus, also in gewisser Hinsicht die deutsche Intelligenz, Bismarck in der Konfliktzeit gar so einfältige Opposition gemacht hat. Das hatte zur Folge, daß der größte deutsche Staatsmann den deutschen Liberalismus und seine Vertreter bis zuletzt innerlich allzu niedrig eingeschätzt hat. Die Blößen, die sich, wie schon 1848/49, so in verstärktem Maße in der ersten Hälfte der sechziger Jahre der Liberalismus gab, führten dahin, daß die Liberalen von einer großen Anzahl Deutscher als hoffnungslos unfähig und unbrauchbar angesehen wurden. Auf der einen Seite verhöhnt von dem geistreichen Ferdinand Lassalle, auf der anderen verachtet von dem gewaltigen Bismarck, verlor der deutsche Liberalismus und mit ihm ein gutes Stück deutscher Bildung, der Professor, der Jurist, zu sehr an Prestige. Der Gerechtigkeit halber muß ich hinzufügen, daß die Liberalen und Demokraten in der Konfliktzeit freilich jämmerlich abschnitten. Ein kleines Beispiel, das mir, als ich schon Minister war, gelegentlich ein alter Parlamentarier erzählte: Infolge von Überarbeitung körperlich angegriffen, machte Bismarck während einer Debatte im Abgeordnetenhause einen abgespannten und müden Eindruck. Einer der Führer der Opposition benutzte dies, um in hämischen Worten der Meinung 6 Blilow IV 82 BISMARCK ÜBER DEN JÜNGSTEN THRONERBEN Ausdruck zu geben, daß der Ministerpräsident offenbar schon jede Hoffnung auf Sieg aufgegeben habe. Bismarck erwiderte, daß sich der Herr Vorredner irre, er gebe sein Spiel noch lange nicht auf. Bei dem Worte „Spiel" ging eine Welle der Entrüstung durch die Beihen der biederen Kreisrichter und Professoren, die dem Ministerpräsidenten auf den ersten Bänken der Opposition gegenübersaßen. Spiel, Spiel! Welche Frivolität, welcher Zynismus! Die Hände dir zu reichen, schaudert's, o Bismarck, den Beinen. Kann man sich wundern, daß Bismarck solche Spießbürger nicht hoch einschätzte? Ich habe gelegentlich diesen kleinen Vorfall englischen, französischen, italienischen Freunden erzählt, damit sie die Mentalität gewisser und nicht ganz weniger meiner Landsleute besser begriffen. Die Fremden verstanden die Pointe gar nicht. Sie konnten sich nicht denken, daß irgendein Mensch sich über die Wendung aufregen könne: Ich gebe mein Spiel noch nicht verloren. Ist es gar so absonderüch, daß Bismarck so kleinliche, pedantische, formalistische Politiker als Tiefenbacher, Gevatter Schneider und Handschuhmacher ansah? Liegen in Garnison zu Brieg, Wissen viel, was Brauch ist im Krieg. Der Kampf für die Bechte der Krone wurde von Bismarck mit reckenhaftem Mut geführt. Am 27. Januar 1863 schloß er während der Adreß- debatte im Hause der Abgeordneten seine Bede mit den Worten: „Es ist ein eigentümliches Zusammentreffen, daß die Beratung dieser Adresse, welche unserem königlichen Herrn überrreicht werden soll, gerade zusammenfällt mit dem heutigen Geburtstag des jüngsten mutmaßlichen Thronerben. In diesem Zusammentreffen, meine Herren, sehe ich eine verdoppelte Aufforderung, fest für die Bechte des Königtums, fest für die Bechte der Nachfolger Seiner Majestät einzustehen. Das preußische Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes zu bilden, noch nicht reif, als ein toter Maschinenteil dem Mechanismus des parlamentarischen Begi- ments eingefügt zu werden." Die Vorsehung ist weise, wenn sie uns die Zukunft verhüllt. Hätte Bismarck in jenen Tagen des schärfsten Konflikts gewußt, daß der Enkel des Monarchen, für den er so hingebungsvoll und tapfer stritt, daß der am 27. Januar 1863 vier Jahre alt gewordene Prinz Wilhelm, für dessen Zukunft er gleichzeitig seine Person und sein Genie einsetzte, ihn einmal übermütig fortschicken und undankbar schmähen würde wie einen lästig gewordenen Bedienten, so hätte das die Energie auch eines solchen Helden lähmen können. Als Schüler des Pädagogiums wurde ich am 18. März 1866 konfirmiert. Einsegnung Pastor Seiler, der den Konfirmationsunterricht leitete, stand auf positiv VATER UND SOHN 83 christlichem Boden. Er war ein strenggläubiger, gleichzeitig ein warmherziger Geistlicher, der bald zu seinen Konfirmanden in ein vertrauensvolles Verhältnis trat, sich ihre Achtung und Liebe erwarb. Der Gedanke, an den Tisch des Herrn zu treten und den Leib und das Blut Christi zu empfangen, entweder zum Heil oder zur Verdammnis, beherrschte mich ganz in der Zeit vor meiner Einsegnung. Mit voller Uberzeugung und Inbrunst wiederholte ich das altväterbche Gebet, das so viele meiner Vorfahren, von väterlicher wie von mütterlicher Seite, vor mir gebetet hatten: „Dein heiliger Leib, o Herr Jesu Christe, mein Herr und Gott, gedeihe mir zum ewigen Leben und dein teures Blut zur Vergebung aller meiner Sünden. Laß mir dein heiliges Sakrament nicht zum Gerichte, sondern zur Seligkeit und wahren Freude gereichen und mache mich armen Sünder würdig, daß ich in deiner letzten Zukunft, am Tage des letzten Gerichts, zur Rechten der ewigen Herrlichkeit fröhlich stehen möge. Amen." Ich habe, eingedenk der Mahnung des großen Apostels (I. Kor. 11, 27—29), so oft ich zum heiligen Abendmahl ging, dies Gebet wiederholt und werde es, so Gott will, in meiner Sterbestunde beten dürfen. Am Tage vor unserer Konfirmation mußten wir bei Pastor Seiler beichten. Er entüeß mich mit ernsten Mahnungen, da, wie er sagte, in mir neben frommen und guten auch gefährliche und böse Anlagen und Triebe schlummerten. Mehr noch als andere müsse ich mich vor Versuchungen hüten, am Gebet festhalten, vor allem Selbstzucht üben. Als Konfirmationsspruch gab er mir den ersten Vers des ersten Psalms: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzet, wo die Spötter sitzen." Mit meinem Vater hatte ich am Tage nach meiner Konfirmation, während der Rückfahrt über Berlin nach Neustrelitz, eine peinliche Auseinandersetzung. Er fand mich in meinem religiösen Empfinden zu exaltiert. Meine Mutter hatte mehr Verständnis für meine Stimmung, wagte aber nicht, dem Vater entgegenzutreten. Ich selbst widersprach um so gereizter. Ich sagte schließlich meinem Vater, ich hätte die Empfindung, daß man mir nach einem Sonnenbade einen Eimer eiskalten Wassers über den Leib gösse. Mein weiser Vater ließ die Diskussion fallen. Erst in Neustrelitz kam er auf das Thema zurück. Er lobte meine Empfänglichkeit für Gottes Wort und Sakrament, aber er fügte hinzu, daß es nicht auf momentane psychische Erregung ankomme, sondern auf einen stetigen frommen Lebenswandel. Er gedachte des Hegeischen Wortes von der Pendelschwingung: ein allzu stürmischer Pendelschlag in der einen, wenn auch noch so guten Richtung berge in sich die Gefahr einer ebenso heftigen Pendelschwingung in der entgegengesetzten Richtung. Also auch hier weder Lauheit, Seichtheit, 6« 84 VORSICHTIGLICH WANDELN Nüchternheit noch Überschwang und Erregung, sondern ruhige Stetigkeit, die goldene Mittelstraße, die er mit der Erfahrung des schon Fünfzigjährigen dem noch nicht Siebzehnjährigen empfahl. Mein Lehrer Daniel schenkte mir zur Konfirmation die „Lyra Messianica", eine Sammlung altkirchlicher Hymnen. Als Leitspruch für mein Leben schrieb er hinein: „So seht nun zu, wie ihr vorsichtiglich wandelt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen." (Epheser 5,15.) VII. KAPITEL Der Krieg von 1866 • Würdigung der Politik Bismarcks • Bismarck und Edwin Man- teuffel • Die damaligen Vertreter Preußens im Ausland Die Spannung, mit der ganz Deutschland im Jahre 1866 die Entwicklung der Ereignisse verfolgte, war ungeheuer und schlug ihre Wogen bis in das stille Halle. Die großen Zusammenhänge, die weitschauenden Pläne Bismarcks ahnte damals freilich noch niemand. Man fühlte, daß eine eiserne Hand führte, aber man hatte keine klare Vorstellung von den eigentlichen Zielen des leitenden Staatsmannes. Wenn ich jetzt, nach fast sechs Dezennien, die Eindrücke und Erinnerungen meiner Jugend niederschreibe, tritt die Lage, wie sie im Jahre 1866 gegeben war, klar vor mein geistiges Auge. Es ist mir ein Bedürfnis, in schmerzlichem Erinnern an die Katastrophe, die im Jahre 1914 die Unfähigkeit der leitenden Männer über das deutsche Volk heraufbeschwor, die Genialität zu beleuchten, mit der Bismarck im Jahre 1866 alle Karten in seine Hand zu bekommen, das Schicksal der Nation zu führen, alle Hindernisse zu meistern wußte. Am 14. März — wenige Tage vor meiner Konfirmation — richtete der preußische Ministerpräsident an die Vertreter Preußens bei den deutschen Bismarcks Regierungen jenen monumentalen Erlaß, der eine der gewaltigsten Kund- Erlaß vom gebungen ist, die aus seiner Feder geflossen sind. Es hieß in diesem Schrift- Marz 1 stück: „Schon durch die geographische Lage wird das Interesse Preußens und Deutschlands identisch — dies gilt zu unsern wie zu Deutschlands Gunsten. Wenn wir Deutschlands nicht sicher sind, ist unsere Stellung gerade wegen unserer geographischen Lage gefährdeter als die der meisten anderen europäischen Staaten; das Schicksal Preußens aber wird das Schicksal Deutschlands nach sich ziehen, und wir zweifeln nicht, daß, wenn Preußens Kraft einmal gebrochen wäre, Deutschland an der Politik der europäischen Nationen nur noch passiv beteiligt bleiben würde. Dies zu verhüten, sollten alle deutschen Regierungen als eine heilige Pflicht ansehen und dazu mit Preußen zusammenwirken. Wenn der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt und mit seinen jetzigen politischen und militärischen Einrichtungen den großen europäischen Krisen, die aus mehr als einer Ursache jeden Augenblick auftauchen können, entgegengehen soll, so ist nur 80 EIN ZERKNIRSCHTER POLIZEIPRÄSIDENT zu sehr zu befürchten, daß er seiner Aufgabe erliegen und Deutschland vor dem Schicksal Polens nicht schützen werde." Es folgten die spannungsvollsten Tage und Wochen in der ruhmvollen Laufbahn des größten deutschen Staatsmannes: Am 9. April stellte Preußen beim Frankfurter Bundestag den Antrag auf Reform der Bundesverfassung unter Mitwirkung eines aus allgemeinem Wahlrecht hervorgehenden Parlaments. Am 7. Mai gab auf den von einem Vortrag beim König zurückkehrenden Attentat auf Ministerpräsidenten in der Mitte der Berliner Linden, schräg gegenüber der Bismarck Russischen Botschaft, ein kleiner, schwarzhaariger, kaum zwanzigjähriger Mensch rasch hintereinander zwei Revolverschüsse ab. Der Attentäter hieß Ferdinand Gohn. Er war der Stiefsohn des in London im Exil lebenden Schriftstellers Karl Blind, der wegen Teilnahme an den Freischarenzügen von Struve und Hecker ins Ausland geflohen war, also ein waschechter Demokrat. Als er zum drittenmal zielte, sprang Bismarck auf ihn los. Der Attentäter schoß trotzdem wieder. Von Graf Bismarck gleichzeitig an der Brust und am rechten Faustgelenk gepackt, gelang es ihm, den Revolver in die Unke Hand zu nehmen und noch zwei Schüsse auf den Ministerpräsidenten abzufeuern. Bismarck übergab den Verbrecher einigen Soldaten des gerade am Schauplatz des Attentats vorbeimarschierenden L Bataillons des 2. Garde-Regiments zu Fuß. Der Paletot des Ministerpräsidenten war vom Pulver der Schüsse versengt, von fünf Kugeln durchlöchert. Bismarck begab sich zu Fuß nach seiner Wohnung. Er hat das Mißlingen dieses Mordversuchs immer nicht nur als eine besondere Gnade Gottes angesehen, der sein Leben wunderbar beschützt habe, sondern darin auch ein Zeichen erblickt im Sinne des Bibelwortes: „Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir, weiche nicht, denn Ich bin dein Gott." Das hinderte ihn nicht, den Polizeipräsidenten von Bernuth, der sich eine Stunde nach dem Mordversuch verlegen bei ihm meldete, vorwurfsvoll zu fragen, wie es möglich sei, daß Unter den Linden, am hellen Tage, gerade um die Zeit, wo er immer aus dem Palais des Königs zurückzukehren pflege, fünfmal hintereinander auf ihn geschossen werden konnte, ohne daß sich ein Polizist blicken lasse. Sehr zerknirscht erwiderte Herr von Bernuth: „Ich habe meinen Posten nur ungern angenommen, ich habe mich lange gegen dessen Übernahme gesträubt." Der Ministerpräsident donnerte ihn an: „Lange nicht lange genug!" Was Bismarck dem Polizeipräsidenten am meisten übelnahm, war, daß Cohn die Möglichkeit gelassen wurde, im Gefängnis Selbstmord zu begehen. Bismarck hätte es richtiger gefunden, wenn der Meuchelmörder öffentlich, auf dem Schafott, an Leib und Leben gestraft worden wäre, ihm selbst zur gerechten Strafe, anderen zum abscheulichen Exempel. Bismarck hat viele Jahre nach dem Attentat vom 7. Mai 1866 im Reichstag darauf hingewiesen, daß die Grabstätte des Attentäters Cohn von demokratisch CLASSEN-KAPPELMANN 87 gerichteten Frauen mit Rosen und Vergißmeinnicht bekränzt worden sei. Vielleicht befand sich unter diesen Damen die eine oder die andere, die nach dem Attentat auf Walter Rathenau weniger milde über Mordversuche urteilte. Während die Hauptstadt der Schauplatz so dramatischer Szenen war, verfolgten wir Schüler des Pädchens mit unbeschreiblicher Spannung den Adressen Gang der Ereignisse. Wir waren empört, daß Magistrat und Stadtverordnete der Städte einer ganzen Anzahl preußischer Städte Adressen an den König richteten, in denen sie einen gründlichen Wechsel des Systems wie der Personen der Regierung und die Entlassung des Ministerpräsidenten verlangten und vor allem sich gegen den Krieg wandten. Die Stettiner jammerten, daß Preußen, von den Sympathien aller Deutschen verlassen, vom Ausland mit Schadenfreude betrachtet, mißmutig und zwieträchtig dastehe und nimmermehr zu einem Erfolge gelangen werde. Stürmisch verlangten die Einwohner der Krönungsstadt Königsberg, daß die drohende Gefahr eines Bürgerkrieges durch die Berufung neuer Männer gebannt würde. Die Handelskammern bliesen in dasselbe Horn. Namentlich in Köln war die Erregung sehr groß. Der dortige leitende Volksmann hieß Claßen-Kappelmann. Er war vorübergehend sehr populär. Wir lachten aber im Pädchen, als ein vom Rhein zurückkehrender Gast erzählte, die Kölner Jungen hätten ihren Humor noch nicht verloren und sängen auf den Volkshelden Claßen-Kappelmann das Liedchen: Der Mann, der uns noch retten kann, Das ist der Claßen-Kappelmann. Ich han ihn gestern noch in der Flora gesehn, Da war er so besoffen, daß er nicht konnte stehn. Auf den Rat des Ministerpräsidenten würdigte der König die Friedensadressen keiner Antwort. Anders, als die Breslauer Gemeindevertretung eine Adresse an ihn richtete, in der sie zwar die Beendigung des Verfassungskampfes forderte und auf die in weiten Kreisen herrschende Verstimmung hinwies, aber gleichzeitig erklärte, Breslau, die Hauptstadt derjenigen Provinz, die zuerst und zunächst dem Kriege mit seinen Wechselfällen ausgesetzt sei, werde an Opferwilligkeit wie im Jahre 1813 so auch jetzt keiner anderen preußischen Stadt nachstehen. Könnte der Friede erhalten werden, so würden ihn Schlesien und Breslau freudigen Herzens begrüßen. „Sollten aber die Gegner Preußens und Deutschlands, wie es im Jahre 1850 geschehen, wieder eine Minderung der Machtstellung Preußens, wieder eine Demütigung Preußens erstreben, so wird Schlesien Heber alle Lasten und Leiden des Krieges auf sich nehmen, als die Lösung der historischen Aufgabe Preußens: die Einigung Deutschlands, wieder um 88 DER ERLOSCHENE DEUTSCHE BUND Jahrzehnte hinausrücken zu lassen." Die von Bismarck entworfene Antwort des Königs begann: „Die Worte, welche Magistrat und Stadtverordnete der Stadt Breslau an Mich gerichtet haben, habe Ich gern vernommen. Ich erkenne in ihnen den Ausfluß desselben Geistes, welcher im Jahre 1813 die Väter der heutigen Bewohner Breslaus beseelte." Am Schluß des königlichen Erlasses wurde angedeutet, daß die vom König gewünschte Verständigung zwischen seiner Regierung und dem Landtag durch die bevorstehenden Neuwahlen erleichtert werden möge. Im Geiste dieser Antwort an Breslau Aufruf war auch der von Bismarck dem König vorgelegte „Aufruf an mein Volk" Königs gehalten, der das Pädchen in helle Begeisterung versetzte: „Wohin wir in Deutschland schauen, sind wir von Feinden umgeben, deren Kampfgeschrei ist: Erniedrigung Preußens! Aber in Meinem Volk lebt der Geist von 1813. Wer wird uns einen Fuß breit Preußischen Bodens rauben, wenn wir ernstlich entschlossen sind, die Errungenschaften unserer Väter zu wahren, wenn König und Volk, durch die Gefahren des Vaterlandes fester als je geeint, an die Ehre desselben Gut und Blut zu setzen für ihre höchste Aufgabe halten! Verleiht uns Gott den Sieg, dann werden wir auch stark genug sein, das lose Band, welches die deutschen Lande mehr dem Namen als der That nach zusammenhielt und welches jetzt durch diejenigen zerrissen ist, die das Recht und die Macht des nationalen Geistes fürchten, in anderer Gestalt fester und heilvoller zu erneuern." Dieser Aufruf war datiert vom 18. Juni, dem Tage von Waterloo. Vier Tage vorher hatte der Bundestag mit neun Stimmen (Österreich, Bayern, Sachsen, Württemberg, Hannover, beide Hessen, Nassau, die 16. Kurie, nämlich Lichtenstein, Reuß usw.) gegen sechs Stimmen (Thüringen, Mecklenburg, die Hansestädte, Oldenburg, Schwarzburg) den österreichischen Antrag auf Mobilisierung des Bundesheeres gegen Preußen angenommen. Daraufhin erklärte der preußische Gesandte, Karl Friedrich von Savigny, ein Jugendfreund Bismarcks, später sein Gegner und erster Vorsitzender der Zentrumsfraktion, in scharfen Worten, Preußen sehe den bisherigen Bundesvertrag für gebrochen und deshalb nicht mehr verbindlich an und werde ihn als erloschen betrachten und behandeln: „Indes will Seine Majestät der König, mein Allergnädigster Herr, mit dem Erlöschen des bisherigen Bundes nicht zugleich die nationalen Grundlagen, auf denen der Bund auferbaut gewesen, als zerstört betrachten. Preußen hält vielmehr an diesen Grundlagen und an der über die vorübergehenden Formen erhabenen Einheit der deutschen Nation fest und sieht es als eine unabweis- liche Pflicht der deutschen Staaten an, für die letzteren den angemessenen Ausdruck zu finden." Die Stimmung, in der sich der große preußische Minister in diesen Junitagen befand, während der Wende der deutschen Geschichte und der ETWAS YORCK SPIELEN 89 deutschen Geschicke, spricht deutlich aus einem Brief, den er am 9. Juni Bismarck an den damaligen General, späteren Feldmarschall von Manteuffel an Edwin richtete und den ich folgen lasse, weil er meines Wissens noch nicht ^ antc "ff c ^ veröffentlicht worden ist: „Verehrteste Exzellenz! Bekannt mit Ihrer, noch bei Gelegenheit der letzten vertraulichen Österreichisch-Gahlenzischen Friedensunterhandlung ausgesprochenen Überzeugung, daß wir aus allen politischen, soldatischen, finanziellen Gründen den Krieg schnell aufnehmen müssen, wo er sich bietet, war ich darauf gefaßt, daß schon mein die Instruktion ankündigendes Telegramm No. 51 Sie zum Handeln im obigen Sinne veranlassen würde, und sah wichtigen Nachrichten im Laufe des gestrigen Tages entgegen. Die Meldung von dem freundschaftlichen Tone der beiden Musiker bei den miUtärischen Chasses-croises geben keine Harmonie mit der Stimmung, die hier die Nachricht vom ersten Kanonenschuß erwartete. Sie sagen, die Besitznahme würde als Gewalttat die Gemüter verwirren, ich antworte Ihnen mit Deveroux: ,Freund, jetzt ist's Zeit, zu lärmen!' Und wenn wir es nicht tun, so verrücken Sie nicht nur mir, aus militärischer Courtoisie für Gablenz, das europäische Konzept, sondern Sie werden in der Armee außer dem Württemberger niemand mehr finden, der Verständnis für Ihr Verfahren behält. Jede drei Tage kosten uns zwei Millionen, die wir auf lange nicht haben, denn wir leben nicht wie Österreich auf Kosten unserer Gläubiger; jede drei Tage bringen Österreich fünftausend Mann Bundestruppen mehr zugute, der Wind steht uns in allen europäischen Richtungen günstig, man erwartet, daß wir handeln, findet es heut natürlich, in acht Tagen vielleicht nicht mehr. Ich hatte gehofft. Sie würden in Betracht aller dieser Momente dort sogar etwas ,Yorck' spielen, aber Sie haben jetzt den präzisen königlichen Befehl, zu handeln, und wenn Sie ihn nicht ausführen so schleunig, wie unsere Gesamtpolitik es verlangt, so tun Sie Preußen meines Erachtens schweren Schaden. Fallen wir wieder auf den Sumpf der Halbhuberei und des Kondominats zurück, so wird es uns schwer werden, einen so günstigen Kriegsfall wie den jetzigen rechtzeitig wiederzufinden. Wäre damit die Möglichkeit ehrlichen Friedens gegeben, so wollte ich mich herzlich freuen. Dazu aber ist jede Hoffnung geschwunden; die Wiener ziehn uns an der Nase herum, bis sie und ihre Bundesgenossen fertig sind, um dann loszuschlagen oder um uns wieder als Händelsucher erscheinen zu lassen, wenn der jetzige in London, Paris und Petersburg vorhandene Eindruck ihres Vertragsbruchs geschwunden sein wird. Einige Äußerungen von Gablenz' Bruder lassen mich fast besorgen, daß man die herausfordernde Ständeberufung vor Montag zurücknehmen werde, und dann fehlt uns ein ins Auge springender Beweis unserer Berechtigung zur Aktion. Entweder der Gasteiner Vertrag ist gebrochen oder nicht; ist er es nicht, so dürften wir auch nicht einrücken, 90 EIN WALLEN STEIN-ZITAT ist er es, so dürfen wir auch weiter gehen. Letzteres glaubt jetzt jedermann im In- und Auslande, auch in Wien; warten wir, so gewinnt die österreichische Lüge wieder Oberwasser. Ich erhalte eben glaubwürdige Nachricht aus Süddeutschland, daß Österreich mit Rüsten im eigenen Land nicht fertig ist und deshalb der Befehl von Wien ergangen, daß Gablenz uns noch mit Freundlichkeiten hinhalten soll. Ich werde bei Seiner Majestät darauf antragen, daß wir, unabhängig von der bei Ankunft dieser Instruktion gewiß schon von Ihnen vollzogenen Besitznahme Holsteins, von Gablenz die Räumung fordern, sobald der Landtag am Montag zusammentritt; beschließt der Landtag Proklamation Augustenburgs, so ist es Ihre Aufgabe, dieses zu hindern, auch mit Gewalt, sonst wahren Sie des Königs Rechte nicht; ich hoffe aber, Ihnen, wenn Sie es wünschen, bis Montag abend noch den positiven Befehl zu schaffen, für diesen Fall sofort die Räumung Holsteins von den Österreichern zu erzwingen. Ich muß schließen. Verzeihn Sie den sonstigen Stil des Briefes, aber Ihr Telegramm hat mir heut früh die Nerven gelähmt, und jetzt reagieren sie. In großer Eile, aber in alter Freundschaft der Ihrige, gez. v. Bismarck." Die Nachschrift des Briefes, von Bismarck selbst geschrieben, lautet: „Ich that's mit Widerstrehen, Da es in meine Wahl noch war gegeben; Notwendigkeit ist da, der Zweifel flieht, Jetzt focht ich für mein Haupt und für mein Leben. (Er geht ab, die andern folgen.)" Charakteristisch für Bismarck ist die psychologische Geschickbcbkeit, mit der er in diesem Moment größter Spannung und Erregung, in solcher Sturmflut der Ereignisse den General Manteuffel zu nehmen weiß. Die Lieblingslektüre des Generals Edwin von Manteuffel war Schillers „Wallenstein". Er glaubte, in sich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Friedländer zu fühlen. Darum wird ihm gegenüber zweimal Wallenstein zitiert. Der in dem Brief genannte „Württemberger" ist der damalige Kommandierende General des Gardekorps, Prinz August von Württemberg, der zwar ein durchaus loyaler preußischer Offizier war, aber als süddeutscher Prinz den Krieg zwischen Preußen und seiner engeren Heimat nicht gerade mit Vergnügen sah. Spricht aus diesem Schreiben die volle Entschlossenheit und die ganze Energie des leitenden Staatsmannes, so muß andererseits immer wieder betont werden, mit welcher Umsicht, Vorsicht und Geschicklichkeit er gleichzeitig bemüht war, seinem Lande die günstigsten Chancen zu verschaffen, Rückschlägen vorzubeugen, die von ihm nie unterschätzten Imponderabilien in sein Spiel zu bringen. Niemand wußte besser als Bismarck, daß mit Energie allein noch nicht alles gemacht ist. Er war BISA1ARCK GIBT SICH KEINE BLÖSSEN 91 durchdrungen von der Richtigkeit der horazischen Warnung: Vis consilii ejcpers mole ruit sua, die nicht von der Vernunft geleitete Kraft bricht in sich selbst zusammen. Bismarck ging mit einer Energie vor, wie sie die preußische Politik seit dem großen König nicht mehr betätigt hatte. Aber er war auch bestrebt, sich alle Vorteile zu sichern, vermeidbaren Gefahren auszuweichen, ungünstige Zwischenfälle nach Möglichkeit zu verhindern, die öffentliche Meinung der Welt für sich zu gewinnen. Als Frankreich, England und Rußland eine Konferenz vorschlugen, um den Ausbruch des Krieges in Deutschland zu verhindern, wurden die Pläne und Absichten des preußischen Ministerpräsidenten durch diese Intervention natürlich auf das empfindlichste durchkreuzt. Nichtsdestoweniger nahm er die Einladung zur Teilnahme an Friedensberatungen in Paris mit Empressement an. In einem Rundschreiben an die königlichen Vertreter in Paris, London und St. Petersburg erklärte er, Seine Majestät der König von Preußen schließe sich den Gefühlen der drei Höfe von Paris, London und St. Petersburg an. „Sehr gern" nehme er den Vorschlag der drei Mächte an. Die preußischen Bevollmächtigten in Paris würden sich mit den Vertretern der drei Mächte in Verbindung setzen, um mit ihnen die verschiedenen Fragen zu besprechen, die in diesem Augenblick den Frieden Europas bedrohten. Mit Schaudern und mit Schmerz denkt der Patriot daran, wie verschieden im Unglückssommer 1914 das Verhalten der damaligen Reichsleitung war. Bismarck wollte 1866 den Krieg, wie ein gewissenhafter Arzt unter Umständen einen chirurgischen Eingriff für nötig hält. Aber seine Taktik war so umsichtig, so vorsichtig, vor allem so geschickt, daß er sich keine Blößen gab. Im Sommer 1914 wollte die deutsche Regierung gewiß nicht den Krieg, ebensowenig das deutsche Volk. Aber Bethmann und seine Mitarbeiter operierten so ungeschickt, daß sie uns mit der Schuld am Kriege zu belasten schienen. Anders Bismarck 1866. Trotz des Drängens der militärischen Instanzen, obwohl der große Moltke erklärte, der Sieg hänge vom schleunigsten Losschlagen ab, bestand Bismarck darauf, die Einladung zu den Friedenskonferenzen in Paris nicht abzulehnen. Von der Bedeutung der Armee für Preußen und Deutschland war niemand mehr durchdrungen als Bismarck. Er hat sich vom ersten bis zum letzten Tage seiner Amtsführung als preußischer Offizier gefühlt. Er hat das treffende und schöne Wort gesprochen, daß ohne die Armee das Deutsche Reich weder zu errichten gewesen wäre, noch aufrechtzuerhalten sei. Trotzdem hielt er immer an dem Primat der Politik fest, d. h. daran, daß letzten Endes politische und nicht militärische Erwägungen zu entscheiden hätten. Wer politisch richtig operiert, dem kommen fast immer, das trat auch hier hervor, Fehler seiner Gegenspieler zugute. 92 NAPOLEON III. Österreich lehnte das Konferenzprojekt ah. Als der preußische Ministerpräsident diese Nachricht erhielt, war gerade der französische Botschafter Benedetti bei ihm. Als Bismarck die Wiener Depesche gelesen hatte, brach er in den Ruf aus: „Vive le roi!" Ohne Übertreibung läßt sich sagen, daß Bismarck in den entscheidenden Tagen von 1866 keinen einzigen falschen Schachzug machte. Die Fehler der damaligen französischen Politik sind vor allem darauf zurückzuführen, daß Napoleon III. Österreich überschätzte, Preußen unterschätzte. Er wollte den deutschen Dualismus, die deutsche Zerrissenheit und Uneinigkeit aufrechterhalten, Deutschland möglichst schwächen und zu diesem Zweck einen restlosen Sieg sowohl der Österreicher wie der Preußen verhindern. Ein österreichischer Sieg erschien ihm aber an und für sich als der wahrscheinlichere Fall. Das zu glauben, fällt uns heute schwer. Aber damals dachte die Welt anders. Sie ist eben meist oberflächlich, oft gedankenlos, nicht selten einfältig. Österreich zehrte 1866 noch von der Erinnerung an seine Zähigkeit in den Napoleonischen Kriegen, an seinen glänzenden Sieg bei Novara. Die Preußen hatten bei Düppel und Alsen Tapferkeit bewiesen, aber schließlich nur dem kleinen, weit schwächeren Dänemark gegenüber und dieses im Bunde mit einer anderen Großmacht niedergeworfen. Sowohl bei Bronzell wie in dem Neuenburger Streit hatte sich Preußen unsicher und fast ängstlich benommen. Die österreichische Monarchie zählte damals fünfunddreißig Millionen. Sie nahm an Bevölkerungszahl die dritte Stelle unter den Reichen Europas ein. Preußen hatte kaum neunzehn Millionen Bewohner. Auf österreichischer Seite standen vier deutsche Königreiche: Bayern und Württemberg, Sachsen und Hannover, ferner Baden, beide Hessen, Nassau, zusammen fast vierzehn Millionen. Preußen folgten nur, und noch dazu mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe, die Hansestädte, die Thüringer Fürstentümer und Mecklenburg, zusammen etwa anderthalb Millionen. Österreich und seine deutschen Bundesgenossen repräsentierten fast fünfzig, Preußen mit seinen Parteigängern kaum zwanzig Millionen. Damit die Waage sich nicht zu sehr auf österreichische Seite neige, encouragierte Napoleon III. Italien, auf die Seite Preußens zu treten. Adolphe Thiers, derjenige französische Staatsmann des neunzehnten gegen Jahrhunderts, in dem sich vielleicht mehr als in jedem anderen die großen III. und die gefährlichen Eigenschaften des französischen Volkes verkörperten, sah schärfer als der gleichzeitig phantastische und sentimentale Napoleon III. Die Rede, die er am 3. Mai 1866 im französischen Corps legislatif hielt, ist eine der bedeutendsten politischen Reden, die je gehalten wurden. Nicht mit Unrecht haben französische Historiker gesagt, daß aus dieser Rede die DAS WIENER KABINETT VERSPRICHT 93 Seele Frankreichs sprach. Jedenfalls sprach aus ihr die Politik von Heinrich II., Heinrich IV., Richelieu, Louis XIV, die Politik des Konvents und von Napoleon I., die Politik von Poincare, Clemenceau und des Marechal Foch, die Auffassung der Mehrheit aller Franzosen, die Politik, welche die Macht, die Wohlfahrt und die Größe Frankreichs auf die Schwäche und Zersplitterung Deutschlands aufbaut. Natürlich fehlte es in der Rede von Thiers nicht an der Behauptung, daß Preußen die Unabhängigkeit der Deutschen bedrohe, die schon von den Bourbonenkönigen in Schutz genommene „deutsche Libertät", daß es ein neues germanisches Reich begründen wolle, das für Europa bedrohlich, für Frankreich unerträglich sein würde. Frankreich müsse deshalb Italien verhindern, gegen Österreich vorzugehen. Das müsse Italien, für das Frankreich fünfzigtausend Soldaten und sechshundert Millionen geopfert habe, einfach und deutlich verboten werden. Preußen müsse gezwungen werden, den Degen wieder einzustecken. Der Rede Thiers' folgte ein Beifallssturm der ganzen Kammer, der Opposition wie der Majorität. Die Fortsetzung der Debatte wurde nur dadurch verhindert, daß der Ministerpräsident Eugene Rouher ein anscheinend gefälschtes Telegramm vorlas, wonach Italien sich offiziell verpflichtet habe, Österreich nicht anzugreifen. Napoleon III. beeilte sich, wenige Tage nach der Rede von Thiers in einer öffentlichen Ansprache zu erklären, daß er mit der Mehrheit des französischen Volkes die Verträge von 1815 verabscheue, die Thiers zur einzigen Grundlage der französischen Politik machen wolle. Aus dieser Äußerung sprach nicht nur der Ärger über Thiers, den der Kaiser als seinen persönlichen Feind betrachtete. Auch nicht allein Weltfremdheit und Phantasterei. Napoleon III. hoffte, daß bei einem Kriege zwischen den beiden deutschen Großmächten Preußen nach seiner voraussichtlichen Niederlage die französische Hilfe mit der Abtretung des Unken Rheinufers erkaufen würde, auf das damals wie heute die französischen Absichten gerichtet waren. Die österreichische Politik war so ungeschickt, wie sie 1859 gewesen war und 1914 wieder sein sollte. Um den Kaiser Napoleon III. bei guter Österreirhs Laune zu erhalten, hatte das Wiener Kabinett ihm versprochen, daß es Zusage Italien, wie auch der Krieg ablaufen möge, Venetien abtreten würde, das nach dem Französisch-Österreichischen Kriege von 1859 bei Österreich geblieben war. Wie war es möglich, daß unter solchen Umständen die habsburgische Monarchie, wenn sie schon mit Preußen den Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland aufnehmen wollte, nicht alle ihre Kräfte gegen den deutschen Nebenbuhler konzentrierte, statt ein gutes und starkes österreichisches Heer mit dem Erzherzog Albrecht, in Oberitalien auf den 94 COSAS DE AUSTRIA alten Carapi Raudii, wo so manches Mal Germanen und Romanen miteinander gerungen hatten, wo ein Jahrhundert vor Christi Ceburt die Cimbern besiegt wurden, für eine verlorene Sache fechten zu lassen? Diese Frage habe ich fast dreißig Jahre später an einen österreichischen. Minister des Äußern, den Grafen Kälnoky, gerichtet. Ich war damals junger Gesandter in Bukarest. Wenn ich auf der Reise von Bukarest nach Berlin durch Wien kam, wurde ich von dem k. und k. Minister des Äußern fast immer mit einer Einladung zum Diner beehrt. Graf Gustav Kälnoky, der mir wohlwollte, pflegte bei solchen Anlässen mit mir unter vier Augen politische Vorgänge der Gegenwart und der Vergangenheit freimütig zu besprechen. Als ich ihn frug, warum Österreich 1866 von vornherein auf Venetien verzichtete, aber nichtsdestoweniger einen großen und tüchtigen Teil seiner Kräfte statt in Böhmen in Oberitalien eingesetzt habe, erwiderte mir der Minister: „Man spricht in Spanien von cosas de Espana, d. h. von Dingen, die nur der Spanier versteht. So gibt es auch cosas de Austria, d. h. Vorgänge, die sich nur ein geborener Österreicher erklären kann. Unser Minister des Äußern von 1866, der verständige Graf Alexander Mensdorff, wollte, wie dies die einfache Vernunft gebot, die Front nur gegen Preußen nehmen. Er hatte Graf Moritz auch Kaiser Franz Josef für diese Auffassung gewonnen. Als Graf Moritz Esterhäzy Esterhäzy, Minister ohne Portefeuille, aber durch seine Beziehungen bei Hofe und mit der Geistlichkeit der Einflußreichste im Konseil, hiervon hörte, begab er sich in die Hofburg und erklärte dem Kaiser, Ehre und Religion geböten, gegen die Italiener zu fechten: nicht etwa, um Venetien zu behaupten oder gar die Lombardei wiederzugewinnen, denn der italienische Traum sei für Österreich endgültig ausgeträumt, sondern um nach einem Siege Österreichs über die Italiener dem Papste die ihm 1860 widerrech tlich entrissenen Gebiete des Kirchenstaats zurückzugeben und ihm jedenfalls das Patrimonium Petri zu sichern. So ging das Verhängnis seinen Gang." Der von Kälnoky erwähnte Moritz Esterhäzy, den man, weil er hinter den Kulissen zu agieren und zu intrigieren hebte, in Wien den „heimlichen Moritz" nannte, wurde viele Jahre später nach widerlichen Verfehlungen für geistesgestört erklärt und nach Pirna in eine Maison de sante gebracht, wo er starb. Seine fromme Frau ging, um für die Sünden ihres Gatten Sühne zu leisten, in das Kloster der unbeschuhten Karmeliterinnen zu Maierling. Der Enkel des Ministers von 1866 war jener Graf Esterhäzy, dem der letzte österreichische Kaiser, der Kaiser Karl, nach seiner Thronbesteigung im Jahre 1916 an Stelle des in langen Kämpfen bewährten Grafen Tisza die Leitung desRegnum Apostolicum anvertraute. Er hat in dieser Stellung durch Leichtsinn und Unerfahrenheit erheblich zum endgültigen Untergang der habsburgischen Monarchie beigetragen. DIE BARONIN UND DER ZOLLAUFSEHER 95 Bismarck zeigte sich 1866 auch darin als Meister der Staatskunst, daß er sich bis zuletzt alle Wege olfenhielt. Bis kurz vor Beginn der Feind- Bismarck Seligkeiten verhandelte er mit dem Bruder des besten österreichischen verhandelt Generals, dem Freiherrn LudwigvonGablenz, einem geborenen Sachsen, über die Möglichkeit einer für Preußen annehmbaren Verständigung mit Österreich. Bayern schlug er eine Bekonstruktion von Deutschland auf der Basis vor, daß nördlich des Mains Preußen, südlich Bayern die Führung übernehmen sollte. Er hat auch bis zuletzt gegenüber Hannover nicht alle Brücken abgebrochen. Dem Erben der hessischen Krone, dem Landgrafen Friedrich Wilhelm, sagte er persönlich bei einem Besuch, den ihm dieser im Frühjahr 1866 abstattete, er möge dafür sorgen, daß sein Familienchef, der Kurfürst Friedrich Wilhelm, sich auf die preußische Seite stelle. Als der Landgraf erwiderte, dazu sei es zu spät, die endgültige Entscheidung in Kassel, die für Österreich ausfallen werde, solle schon am nächsten Vormittage getroffen werden, meinte Bismarck: „Nehmen Sie sich einen Extrazug nach Kassel, dann können Sie noch Ihre Krone retten." Als der für seinen Geiz berühmte Landgraf auf die Spesen eines Sonderzuges hinwies, antwortete Bismarck: „Greifen Sie in die Tasche und wenden Sie tausend Taler an einen Sonderzug. Es wird sich lohnen, sonst geht es Hessen an den Kragen." Hochmütig erwiderte der Landgraf: „Sie vergessen, daß sechshunderttausend Österreicher zwischen mir und Ihnen stehn." Die Meisterschaft, mit der Fürst Bismarck im Schicksalsjahr 1866 die preußische Politik leitete, tritt noch deutlicher hervor, wenn wir uns daran Freiherr erinnern, wie wenig sich der leitende Minister auf die damaligen preußischen von Werth Vertreter im Ausland verlassen konnte. Gesandter in Wien war der Freiherr Karl von Werther. Er war durch und durch österreichisch gesinnt. Seine Frau, eine geborene Gräfin Oriola, war es womöglich noch mehr als er. Als nach dem Ausbruch des Krieges die österreichische Begierung Herrn von Werther seine Pässe zugestellt hatte und er seinen bisherigen Wirkungskreis verlassen mußte, umarmte die Baronin Werther an der österreichisch- preußischen Grenze den dicken Zollaufseher, der, seine Mütze mit der schwarzgelben Kokarde auf dem Kopf, das Gepäck abfertigte, unter Tränen mit den Worten: „In Ihnen will ich noch einmal mein liebes Österreich umarmen, von dem ich mich mit blutendem Herzen trenne." Sie war eine Schwester der Palastdame Luise Oriola, die ganz anders dachte. Eine treue Preußin, hielt sie zeit ihres Lebens am Hofe Bismarck die Stange, was ihr die stille Ungnade der Königin Augusta zuzog, was aber nicht nur Bismarck selbst, sondern auch unser alter König Wilhelm L ihr hoch anrechneten. Bismarck hatte übrigens nach seinem Lieblingsspruch, „qu'en politique il faut faire fleche de tout bois", die outriert austrophile Gesinnung des Barons Werther in sein Spiel eingestellt. Als ihm bei Ausbruch des Krieges 96 „UNGLAUBLICH!" die Frage vorgelegt würde, was geschehen solle, wenn die preußische Armee geschlagen werden sollte, antwortete er: „Dann muß der König Werther zu meinem Nachfolger machen." Gesandter in Petersburg war Graf Heinrich Redern, ein Diplomat der Graf alten Schule in des Wortes verwegenster Bedeutung. Er würde als Reprä- Heinrich sentant dieser Schule auf jeder Bühne einen Bombenerfolg gehabt haben. Redern ^y g Attache war er zwe j ma l j m diplomatischen Examen durchgefallen. Das war noch in den ersten Jahren der Regierung Friedrich Wilhelms IV. Als Sohn eines königlichen Hofmarschalls wurde er oft zum Tee der Königin befohlen. Das war auch am Tage seines Mißerfolges der Fall. Die Königin, die wußte, daß er im Examen gestanden hatte, frug, wie die Sache abgelaufen wäre. Sehr verlegen schwieg der arme Graf Heinrich Redern. Der witzige Friedrich Wilhelm IV. antwortete schlagfertig: „Unser lieber Graf hat auf alle Fragen so klug geantwortet, daß die Examinatoren einstimmig gerufen haben: Da capo, da capo!" Von Hause aus österreichisch gesinnt, wurde Heinrich Redern in dieser Richtung noch von seiner Gattin bestärkt, die eine geborene Österreicherin, eine Prinzessin Odescalchi, war. Als sich im Frühjahr 1866 die Situation immer mehr zuspitzte, erwiderte in Petersburg der Gesandte Graf Heinrich Redern auf alle Fragen nach der Auffassung in Berlin: „Niemals läßt mein König auf die Weißröcke schießen." Einige Tage nachdem in Preußen die Mobilmachung angeordnet worden war, ließ sich bei dem Gesandten Redern der damalige Leutnant im 8. Husaren-Regiment, spätere Botschafter in Madrid, Ferdinand Stumm melden. Als Graf Redern ihn frug, was er in Petersburg wolle, erwiderte Stumm, er habe in der Krim, wohin er eine Vergnügungsreise unternommen habe, erfahren, daß in Deutschland der Krieg bevorstehe, und eile, sich bei seinem Regiment in Paderborn zu melden. Sehr ungnädig entließ ihn der Gesandte, begab sich in die Kanzlei und erklärte den dort versammelten Sekretären: „Ein Mann, der Stumm heißt, behauptet, wir bekämen Krieg! Unglaublich!" Das Unglaubliche wurde Ereignis. Redern schüttelte über die Sprengung des Bundestags, über das Einrücken der preußischen Armee in Dresden, in Kassel und Hannover bedenklich den Kopf. Als aber in St. Petersburg die Nachricht eintraf, daß die Österreicher die Italiener, die Bundesgenossen der Preußen, bei Custozza geschlagen hätten, betrat der preußische Gesandte am Abend dieses Tages den Salon der Fürstin Kotschubey, der russischen Oberhofmeisterin, in gehobener Stimmung mit den Worten: „Enfin une bonne nouvelle! Les Autrichiens ont remporte une belle victoire!" Auch hier machte Bismarck „fleche de tout bois". Seine Politik in Petersburg machte er mit dem damaligen preußischen Militärattache, dem späteren Botschafter Lothar von Schweinitz; der würdige Heinrich EIN GEGNER BISMARCKS 97 Redern diente als Paravent. Er hat später als Obergewandkämmerer am königlichen Hofe noch ersprießliche Dienste geleistet. In London war Preußen im Jahre 1866 durch den Botschafter Graf Albrecht Bernstorff vertreten. Sowohl Paris wie London waren damals Graf Albrecht bereits Botschaften. Graf Bernstorff war sechs Jahre älter als Bismarck. Bernstorff Er war schon 1845 Gesandter in München, 1848 unter schmerigen Verhältnissen in Wien, von 1850 bis 1861 in London gewesen. Von 1861 bis 1862 war er, unmittelbar vor Bismarck, Minister des Auswärtigen, um dann wieder die Londoner Mission zu übernehmen. Er mag nicht immer mit seinem Nachfolger einverstanden gewesen sein, er mag hier und da als der Ältere und, wie er glaubte, Erfahrenere über ihn den Kopf geschüttelt haben. Aber er tat seine Pflicht als preußischer Vertreter und hatte in London eine sehr gute Stellung. Den 1866 wichtigsten Posten, den Pariser Posten, bekleidete Botschafter Graf Robert Goltz. Bismarck hatte mit Graf ihm in den fünfziger Jahren freundliche Beziehungen unterhalten, sich aber Robert Goltz dann mit ihm, wie mit manchen anderen, überworfen. Er sah seitdem in Goltz einen persönlichen Gegner, und das traf wohl auch zu. Bismarck erzählte gern, daß Goltz im Jahre 1866 sein Urteil über seinen Chef in die Worte zusammengefaßt habe: „Nun macht dieser Kerl, dieser Bismarck, meine Politik, aber er macht sie falsch!" Das alles hinderte Goltz nicht, ein sehr geschickter Diplomat, im Gegensatz zu Werther und Redern, ein klarer und scharfer Preuße zu sein. Bismarck selbst hat einmal die Diplomatie definiert als „Arbeit in Menschenfleisch". Die Aufgabe des Diplomaten bestünde oft darin, den anderen dahin zu bringen, das zu tun, was für diesen vielleicht von zweifelhaftem Nutzen, für den Diplomaten aber von Vorteil sei. Alle diejenigen, die im Schicksalsjahr 1866 unter Goltz an der Preußischen Botschaft in Paris arbeiteten, Eberhard Solms und Joseph Radowitz, Alexander Lynar und der damalige Major, spätere Generalfeldmarschall Walter Loe, haben mir gesagt, daß es in erster Linie das Verdienst des Grafen Goltz war, wenn Frankreich im Jahre 1866 so lange neutral blieb, wie wir seine Neutralität brauchten. Goltz habe seinen großen Einfluß sowohl auf Kaiser Napoleon III. wie auf die Kaiserin Eugenie und den Prinzen Jerome Napoleon, seine zahlreichen Beziehungen in allen Kreisen der Gesellschaft wie in der Presse tatkräftig und gewandt benützt, um Frankreich von einer Intervention vor Sadowa abzuhalten. Er hat sich um Preußen wohl verdient gemacht. Von einer unheilbaren Krankheit befallen, mußte Goltz, nicht lange nach dem Nikolsburger Frieden, seinen Abschied nehmen und ist nach qualvollen Leiden vor 1870 gestorben. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß Fürst Bismarck seine Politik von 1862 bis 1871 nach einem von vornherein in allen Einzelheiten entworfenen und dann konsequent verfolgten Programm geführt hätte. Er hat sich nach 7 BUlow IV 98 KEIN PROGRAMM den Umständen gerichtet, sie benutzt mit dem größten Scharfsinn, sie mit dem Bück des Genius ausgenutzt. Er hatte 1862, als er zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, noch kaum die Absicht, das Deutsche Reich in der Form, in der es später zustande kam, oder auch nur einen Norddeutschen Bund in der Form von 1866 zu errichten. Er sagte noch im Jahre 1865 zu Robert Keudell, der ihn um einen Posten im Ausland bat, da er der Arbeitslast im Auswärtigen Amt gesundheitlich nicht mehr gewachsen sei: „Halten Sie noch ein bis zwei Jahre in Berlin aus, dann sollen Sie einen propren Gesandten beim Frankfurter Bundestag abgeben." VIII. KAPITEL Die Schlacht von Königgrätz • General von Steinmetz • Der Vater wird mecklenhurg- schwerinscher Gesandter in Berlin • Die Cholera in Halle • Fußwanderung durch den Harz (Herbst 1866) • Besuch bei Onkel Baudissin in Dresden • Abiturienten-Examen (Herbst 1867) • Puppel • Dulce est desipere in loco Unmittelbar nach der Sprengung des alten Deutschen Bundes richtete der preußische Ministerpräsident an Sachsen, Hannover und Kurhessen Preußen und fast gleichlautende Sommationen, in denen unter Hinweis auf die geogra- Hannover phische Lage der drei Bundesstaaten die Zurückführung der Truppen des betreffenden Bundesstaates auf den Friedensstand vom 1. März und die Zustimmung zur Berufung des Deutschen Parlaments gefordert wurde. Noch am 23. Mai hatte Graf Bismarck an den preußischen Gesandten in Hannover, den Prinzen Ysenburg, eine Depesche gerichtet, in der er betonte, die preußische Regierung dränge in Hannover nicht auf den Abschluß eines Vertrages mit Preußen. Die hannoversche Regierung möge selbst entscheiden, was sie für das Zuträglichste für ihre Interessen halte. Die preußische Regierung wünsche nur zu wissen, welcher Art ihre Beziehungen zu Hannover seien und in Zukunft sein würden. Als die preußischen Sommationen in Dresden, Hannover und Kassel abgelehnt worden waren, rückte der preußische General Herwarth von Bittenfeld in Sachsen ein, die Generäle von Manteuffel und Vogel von Falkenstein überschritten die hannoversche Grenze, General von Beyer besetzte Kassel. Nach dem Eintreffen der Nachricht, daß Sachsen, Hannover und Hessen sich endgültig gegen Preußen wendeten, trat der Ministerpräsident Graf Bismarck in den Salon seiner Frau und sagte zu dem dort mit anderen Gästen weilenden Geheimrat von Keudell, der ihn oft durch sein Klavierspiel zerstreute und erfreute, mit gehobener Stimme: „Keudell, setzen Sie sich an das Klavier und spielen Sie uns den Hohenfriedberger Marsch." Am 29. Juni kapitulierte nach tapferer Gegenwehr die hannoversche Armee bei Langensalza. Der preußische „Staatsanzeiger" bemerkte zu Schlachten diesem Ereignis: „Das Schicksal der hannoverschen Truppen, deren ruhmreiche Vergangenheit eng verwoben ist mit den schönsten Kriegstaten unseres eigenen Heeres, muß jedes Soldatenherz mit aufrichtiger Teilnahme 7« 100 DER LÖWE VON SKALITZ erfüllen. Die hohe Selbstverleugnung, mit der die hannoversche Armee, treu dem geleisteten Eide, ihr hartes Los getragen, muß ihr die Achtung der preußischen Armee sichern." In rascher Folge trafen Siegesnachrichten über die Gefechte von Podol, Hühnerwasser, die Schlachten von München- grätz und Gitschin ein. Der preußische General Bonin wurde von dem Österreicher Gablenz bei Trautenau geschlagen. Aber die preußische Garde siegte bei Soor und Königinhof, und der General von Steinmetz schlug in drei aufeinanderfolgenden Tagen, am 27., 28. und 29. Juni, bei Nachod, Skalitz und Schweinschädel drei österreichische Korps aufs Haupt. Steinmetz war ein alter Haudegen, siebzig Jahre alt. Er hatte schon die Feldzüge von 1813 bis 1815 mitgemacht. Jetzt nannte man ihn den „Löwen von Skalitz". Er hat später, im Deutsch-Französischen Kriege von 1870, versagt, nicht strategisch, aber durch Eigensinn und Trotz. Er war ein schwieriger Charakter und mußte, nachdem er als Oberbefehlshaber der 1. Armee bei Spichern, Colombey-Nouilly und Gravelotte die Weisungen von Moltke nicht immer präzis ausgeführt hatte, Mitte September 1870 abberufen werden. Aber seine Leistungen im Böhmischen Feldzug sichern ihm einen dauernden Platz in der Geschichte der preußischen Armee. Steinmetz war in jeder Beziehung ein prächtiges Original. Nach der Beendigung der Sechsundsechziger Kampagne heiratete er mit einundsiebzig Jahren ein siebzehnjähriges Fräulein von Krosigk. Die Ehe dauerte elf Jahre und ging ganz gut. Den Honigmond hatte der Löwe von Skalitz auf besondere Einladung seines Kriegsherrn in der Burg Hohenzollern verlebt. Man konnte es der Witwe aber schließlich nicht verargen, daß sie zwei Jahre nach dem Tode des Feldmarschalls Steinmetz den Grafen Karl Brühl heiratete, der fünf Jahre jünger war als sie selbst. Als sie nach fünfundzwanzigjähriger glücklicher Ehe mit ihm starb, suchte der Witwer sich seinerseits eine Komteß Schweinitz aus, die einundzwanzig Jahre jünger war als er. So war das Gleichgewicht wiederhergestellt. Groß war in Halle der Jubel über die preußischen Siege. Volkssänger zogen vor das Pädchen und sangen zur Drehorgel: Der Benedek, der Benedek, der hat es bös im Sinn, Er wollt' mit seinen Kroaten nach Berlin. Der Prinz Friedrich Karl, der hat es ihm gezeigt, Daß ihm in Berlin kein Frühstück wird gereicht. Die Studenten sangen in den Straßen: Schön schwarz ist der Adler und weiß ist der Schwan, Drum ist auch schwarz-weiß die preußische Fahn'. Und schwarz ist der Teufel und gelb ist der Neid, Drum ist auch schwarz-gelb des Östreichers Kleid. DIE MAUSEFALLE 101 Mit Rücksicht auf die patriotische Gesinnung, die aus diesen Versen sprach, stießen wir uns nicht an ihrem unleugbaren Mangel an Objektivität und Logik. Auch wirklich schöne Kriegslieder gebar die kreißende Zeit. In meinem Gedächtnis blieben nur Anfang und Schluß eines Liedes haften, das unser Herr Direktor Kramer im Frühjahr 1866 der Prima vorlas. Vorwärts! Vorwärts alle Mann! Wie die Väter einst getan! Zogen wider alle Welt Unterm Alten Fritz ins Feld, Schlugen alle Welt zuschanden, Sind vom Grabe auferstanden, Wolln nun sehn der Enkel Preis. Vorwärts! Vorwärts Schwarz und Weiß! lauteten die Anfangsverse. Und der Schluß war: Vorwärts! ruft Borussia, Die schon hundert Schlachten sali, Die in Frieden und in Krieg Sich bekränzt mit manchem Sieg. Von der Memel bis zum Rhein Stehn viel Kreuz' und Leichenstein', Aber all' voll Ruhm und Preis: Vorwärts! Vorwärts Schwarz und Weiß! Aber noch immer schien der Krieg nicht entschieden, wurde noch mancher Zweifel an seinem endlichen Ausgang laut, erklärten süddeutsche und österreichische Blätter, die Preußen seien in eine Mausefalle gegangen, aus der sie nicht wieder herausfinden würden. Die Wiener Presse spottete noch über die „affenähnliche" Geschwindigkeit der Preußen, die schließlich doch an der bewährten Tüchtigkeit des kaiserlichen Heeres scheitern würde. Da schmettert die Fanfare, Sadowas Tag bricht an. Wer ist, im weißen Haare, Der Held dem Heer voran ? Hell blitzt sein Schwert, Stark ist sein Arm. Des Königs Arm, der beste, Fährt in der Feinde Reihn. Er heiße Wilhelm der Feste, Weil fest sein Königsarm. 102 SADOWA • Der Sieg bei Königgrätz wirkte wie ein Donnerschlag in der Welt, in Europa und vor allem in Deutschland. „Crolla il mondo!" rief der päpstliche Staatssekretär Giacomo Antonelli, als er die Nachricht erhielt. Die Überraschung, die selbst für diesen gewiegten und schlauen Staatsmann die Wendung von Sadowa bedeutete, entschuldigt bis zu einem gewissen Grade den Mangel an Voraussicht, den Napoleon gezeigt hatte. Der Eindruck von Königgrätz war vielleicht noch stärker als vier Jahre später die Wirkung von Sedan. Gewiß, Sedan war dramatischer, großartiger, aber der Sieg von Sadowa war noch unerwarteter. Am Sonntag, der auf den Tag von Sadowa folgte, betrat Pastor Seiler, der mich vier Monate früher konfirmiert hatte, die Kanzel mit den Worten: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, Der uns auf Fittichen des preußischen Adlers sicher geführet." Ich vernahm das Rauschen dieses Fittichs zum erstenmal in voller Stärke, aber für mein ganzes Leben! Anders als in Preußen war die Stimmung in Mecklenburg, wo ich die Strelitz Sommerferien verbrachte. Seiner ganzen Weltauffassung entsprechend, antipreußisch hatte mein Vater, bei aller Freundschaft für Bismarck, die Sprengung des alten Bundes durch den preußischen Ministerpräsidenten schmerzlich beklagt. Aber, er war ein zu klarer politischer Kopf, er besaß einen zu sicheren Blick für Realitäten, um sich in den Illusionen zu wiegen, die der mecklenburgische Adel und vor allem der blinde Großherzog hegten. Die Situation lag in Strelitz anders als in Schwerin. Der Großherzog Friedrich Franz II. von Schwerin, ein Neffe des Königs Wilhelm von Preußen, stand nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen auf preußischer Seite. Dagegen teilte sein Minister Oertzen alle Vorurteile der Mecklenburger Feudalen gegen den mächtigen norddeutschen Staat, der ihnen, trotz Bismarck, zu liberal, zu modern und zu militärisch war. Der Strelitzer Großherzog Friedrich Wilhelm sprach nur von den „greulichen" Preußen. Mein Vater hinderte ihn aber, diesen seinen Empfindungen so weit die Zügel schießen zu lassen, daß er dabei Krone und Land verlor. Mein Vater dachte nie in engen Formeln, er hatte Sinn für die lebendigen Zusammenhänge der Welt und besaß die Fähigkeit, die Kräfte gegeneinander abzuwägen. Mit anderen Worten: er war ein Staatsmann. Die antipreußische Stimmung in Strelitz war so stark, daß sogar eine Hofdame von preußischer Herkunft, die Baronin Marie von Bülow-Wendhausen, eine geborene Gräfin Wartensleben, von ihr ergriffen wurde. Täglich erklärte sie bei Tisch den bei ihr versammelten Freunden, das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz müsse dem revolutionär gewordenen Preußen den Krieg erklären. Bis schließlich ihr uralter Kammerdiener, der hinter ihrem Stuhle stand, mit breitester GNADE VOR RECHT 103 mecklenburgischer Aussprache sagte: „Aber Frau Baronin, bedenken wir doch die geoogrooafische Lage." Von dieser verständigen Auffassung ging mein Vater aus, als er dem Großherzog klarmachte, daß er sich auf die preußische Seite stellen müsse. Er hat dadurch Strelitz gerettet, aber sich, wie Fürsten manchmal sind, nicht die Dankbarkeit des blinden Großherzogs erworben. Das Verhältnis zwischen beiden wurde allmählich unerquicklich. Mein Vater nahm den ihm von dem Großherzog von Schwerin angetragenen Posten des mecklenburgischen Gesandten in Berlin mit um so besserem Gewissen an, als ihn Bismarck wissen Heß, er würde ihm dort als Vertreter von Mecklenburg besonders erwünscht sein. Als solcher hat, wie ich vorgreifend schon hier erwähnen will, mein Vater vier Jahre später Strelitz noch einmal gerettet, beim Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Der blinde Großherzog hatte meinen Vater nach dessen Versetzung von Strelitz durch einen Hannoveraner ersetzt, einen Baron von Hammerstein, einen ausgesprochenen Weifen, der andere Weifen nach sich zog. Im Juli 1870 wurde das Treiben dieser Herren so verdächtig, daß einen Augenblick der Einmarsch preußischer Truppen in Streütz und damit wohl die Einverleibung von Strelitz in Preußen drohte. Mein Vater suchte den Bundeskanzler auf, der ihn trotz der ungeheuren Geschäftslast, die in diesen Tagen auf ihm ruhte, mit alter Freundschaft empfing und ihm sagte: „In der großen Seestadt Strelitz scheinen seit Ihrem Fortgang üble Dinge passiert zu sein. Wir könnten eigentlich aus dem Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz einen preußischen Kreis machen. Wir wollen aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen: einmal wegen der Königin Luise und dann Ihretwegen, alter Freund! Aber sorgen Sie dafür, daß der Saustall reingefegt wird." Mein Vater schlug vor, den Erbgroßherzog, der die Vorurteile seiner Eltern gegen Preußen in keiner Weise teile, Seiner Majestät dem König von Preußen zu jeder beliebigen militärischen Verwendung zur Verfügung zu stellen, worauf der Bundeskanzler gern einging. Der Erbgroßherzog hat denn auch den Deutsch-Französischen Krieg im Hauptquartier des alten Kaisers mitgemacht und ist nach seiner 1904 erfolgten Thronbesteigung ein durchaus reichstreuer Bundesfürst gewesen. Nach Halle war, wie nach manchen anderen deutschen Städten, aus Böhmen die Cholera eingeschleppt worden. Sie forderte auch hier zahl- Cholera reiche Opfer. Wenn wir mit dem jungen Andre spazierenritten, begegneten ' n Halle wir nicht selten Bekannten, von denen wir am nächsten Tage hörten, sie seien der Cholera erlegen. Durch alle Straßen zogen Leichenzüge. Die Franckeschen Stiftungen wurden von der Seuche verschont. Das wurde einerseits darauf zurückgeführt, daß sie auf einer Anhöhe lagen und so den Ausdünstungen und üblen Gerüchen der Stadt entzogen waren. Vor allem 104 KÖNIGGRÄTZ aber schuldeten wir der Vorsehung Dank, die über das Werk des frommen August Hermann Francke die schützende Hand gehalten hatte. Das Wahrzeichen der Stiftung, der zur Sonne steigende Adler mit dem tröstenden und aufrichtenden Spruch des größten Propheten des Alten Bundes (Je- saias 40, 31), hatte sich wieder einmal bewährt. Einen dauernden Eindruck machten mir die österreichischen Gefangenen, die in der Moritzburg untergebracht waren. Die Moritzburg, im Norden der Stadt gelegen, war eine alte Feste, die einst die Residenz der Erzbischöfe von Magdeburg gewesen war, später, im Dreißigjährigen Krieg, durch Brand zerstört und seitdem zu militärischen Zwecken benutzt wurde. Die in der Moritzburg eingesperrten Ungarn, Kroaten, Italiener, Tschechen und Slowaken begrüßten alle Vorübergehenden mit: „Eljen!" „Zivio!" „Ewiva I" usw., um ein paar Groschen zu erbetteln, wofür sie sich wiederum durch Hochrufe auf Preußen und Schimpfen auf Österreich in allen Sprachen erkenntlich erwiesen. Die Brüchigkeit der habsburgischen Monarchie wurde mir zum erstenmal klar. Königgrätz (Dem König gerät's! — wie man in Preußen im Sommer 1866 Bismarck sagte) war wohl der größte und glücklichste Tag im Leben des Fürsten Bis- beendet marck. Dieser Sieg war der Lohn unermeßlicher Mühen, schwerer Gefahren, % Konflikt emes n eroischen Mutes. Königgrätz enthüllte auch für das blödeste Auge das Genie des Staatsmanns, der den Verfassungskonflikt zugunsten der Krone beendigt hatte. Der „Kladderadatsch" vom 12. August 1866 brachte ein Bild, das einen Käfig darstellt, an dem eine Tafel hängt. Sie trägt die Inschrift: „Conflictus internus, vier Jahre alt." Das Raubtier im Käfig steckt mit seiner Tatze einen Zettel heraus, auf dem steht: „Indemnität." Vor dem Käfig Graf Bismarck. Er hält dem Tier einen riesigen Lorbeerkranz entgegen, auf dessen Blättern steht: „Königgrätz, Gitschin, Skalitz, Nachod, Aschaffenburg." Das Bild des „Kladderadatsch" trug die einfache Überschrift: „Bilder ohne viele Worte." Gleichzeitig mit dem inneren Verfassungskonflikt hatte Bismarck den hundertjährigen preußisch-österreichischen Streit um die Vorherrschaft in Deutschland zugunsten des Hauses Hohenzollern siegreich durchgefochten, und in der Ferne winkte die Einigung des deutschen Volkes durch die Hohenzollern und die Kaiserkrone auf dem Haupte eines Hohenzollern. Aber auch hier war es gut, daß die Gottheit die Zukunft selbst dem schärfsten Auge nicht ganz enthüllt. Wer dem Ministerpräsidenten Graf Bismarck am Abend des 3. Juli 1866 vorausgesagt hätte, daß der Enkel und Nachfolger des alten Königs Wilhelm I. von Preußen, der dank der genialen Poütik seines Ministers Otto von Bismarck im Kampfe um die Hegemonie in Deutschland Sieger geblieben war, daß Wilhelm II. an den bei Königgrätz besiegten Kaiser Franz Josef von Österreich sechsundzwanzig Jahre DER BROCKEN 105 später ein für Bismarck kränkendes, ihn schmähendes und demütigendes Handschreiben richten würde, das dem großen alten Mann die Gemächer der Hofburg verschloß, der hätte dem wahren Sieger von Sadowa die Siegesfreude wohl stark vergällt. Im Herbst 1866 frug mich Professor Daniel, ob ich schon einmal im Harz gewesen sei. Als ich dies verneinte, meinte er, das müsse ich schnell Reise nachholen, namentlich möge ich den Brocken besteigen. „Schon weil Goethe W" r - einen Faust geschrieben hat, muß jeder Deutsche auf den Brocken." Ich fuhr also nach dem Harz, begleitet von meinem Bruder Adolf. Wir sind auf den schönen Straßen, die den Harz durchschneiden, wacker marschiert. Ich habe nicht die Absicht, nach Goethe und nach Heine eine Harzreise zu beschreiben. Ich will auch nicht die ganze Ode des Grafen Friedrich Leopold Stolberg zitieren, die wir auswendig lernen mußten und in der er das „werte Cheruskerland" begrüßt, dem Mutter Natur aus der vergeudeten Urne männlichen Schmuck verbell. Ich will nur feststellen, daß uns jungen Leuten, die wir den lieblichen Taunus, den Odenwald und den Schwarzwald für die schönsten Gebirge der Welt hielten, auch der Harz einen mächtigen Eindruck machte. Selbst an historischem Interesse stand er nicht hinter Süddeutschland zurück. Die Sachsen- und Franken-Kaiser stiegen vor uns auf, als wir die Warten an den Abhängen des Harzes sahen, als wir in Quedlinburg das Grab des ersten Heinrich, als wir in Goslar, der alten Kaiserstadt, und in Harzburg der mittelalterbchen Geschichte unseres Volkes gedachten. Und der Brocken konnte es wohl mit dem Feldberg und selbst mit dem Altkönig aufnehmen. Während wir uns dem Gipfel näherten, wurde natürlich Faust zitiert: Seh die Bäume hinter Bäumen, Wie sie schnell vorüberrücken, Und die Klippen, die sich bücken, Und die langen Felsenmassen, Wie sie schnarchen, wie sie blasen! Angesichts der Gegend von Schierke und Elend, in die Goethe seine Walpurgisnacht verlegt, dachten wir lachend daran, daß ein französischer Ubersetzer des „Faust" das kürzlich übersetzt hatte mit: „Le paysage respire la friponnerie et la misere." Wir hatten Glück und genossen oben eine herrliche Aussicht. Das Erzgebirge konnten wir freilich nicht erbbcken, das uns ein Leipziger unterwegs in Aussicht gestellt hatte, noch weniger die Nord- und die Ostsee, die ein Berliner gesehen haben wollte. Aber vor uns lag Magdeburg, der Thüringer Wald und die Elbe. Außer der Besteigung des Brockens hatte uns unser Lehrer die Besichtigung der Roßtrappe ans Herz gelegt. Er hielt den Blick, den man, aus dem Walde heraustretend, 106 IM DEUTSCHEN FLORENZ vom Tanzplatz auf die Granitfelsen, auf die schäumende und tosende Bode, den blauen Brocken und die lachende Ebene hat, für einen der schönsten Ausbücke in unserem Vaterland. Das Rauschen der Bode klang ihm wie das Rauschen der Flügelräder der Cherubim, das der Prophet Hesekiel vernahm, wie ein Getümmel des Herrn und ein Getöne des Allmächtigen. Im Frühjahr 1867 folgten wir einer Einladung des heben Onkels Wolf Dresden Baudissin nach Dresden. Franz Liszt pflegte zu sagen, es komme für jeden Menschen darauf an, seinen Rahmen zu finden: „II faut que chacun trouve son cadre." Im Sommer fand Wolf Baudissin seinen „cadre" unter den Eichen und Buchen von Rantzau, im Winter in Dresden. Das damalige Dresden war noch das Dresden, das Herder als das deutsche Florenz gerühmt, das der Wiener Publizist Franz Schuselka wegen der Bildung und der Liebenswürdigkeit seiner Bewohner „die feine Salonstadt" genannt hatte. Mein Onkel paßte durchaus in dieses Milieu. Ich traf bei ihm seine Nichte Klothilde, die mit dem Freiherrn Bodo von Stockhausen vermählt war, der nacheinander hannoverscher Gesandter in Paris und in Wien, dann Oberhofmeister der Königin Marie von Hannover gewesen war. Sie war eine schöne und geistvolle Frau, die mein Vater für die originellste und bedeutendste unter seinen Kusinen zu erklären pflegte. Sie hat ein Tagebuch publiziert, teils in deutscher, teils in französischer Sprache, das manche feine Bemerkung und Beobachtung enthält. Ich zitiere daraus nur: „Ein Franzose sagte mir einstens: Lorsqu'on voyage en Orient, il n'y a qu'un moyen de se defaire de la vermine, il faut etre sale au point de la degoüter. Diese längst vergessenen Worte fielen mir plötzlich ein, als ich mich vergebens abquälte, einen Besuch zu unterhalten und ihn ins Sprechen zu bringen. Es mag eben auch nur ein Mittel geben, um langweilige Menschen zu entfernen, das ist, noch viel langweiliger zu sein als sie." Marie von Ebner-Eschenbach hat tiefere Aphorismen geschrieben. Aber mit Mechtilde Lichnowsky, der Verfasserin einiger „ungereimter" Dramen, nimmt meine Tante es auf. Am zweiten Tag meines Besuches bei meinem Onkel Baudissin trat ein Elisabeth ungewöhnlich schönes Mädchen in den Salon meines Oheims. Ich starrte sie Stockhausen an wie die armen Hirten des Tals das Mädchen aus der Fremde. Ich brauche mich dessen auch nach so vielen Jahren und Jahrzehnten nicht zu schämen, denn es war die Großnichte meines Onkels, meine Kusine Elisabeth Stockhausen, die nachmalige Baronin Herzogenberg, von der in der Gedenkrede, die er ihr 1892 nach ihrem Tode hielt, der strenge Rechtslehrer Adolph Wach sagte: „Ich sehe sie in ihrem lichten Goldhaar, mit dem heiteren, unendlich lieblichen und göttlich begeisterten Ausdruck, der hohen Anmut der Bewegung, ein Abbild ihres vollendet schönen Inneren: wohl ähnlich, wie die großen Meister eine Heilige der Kunst oder die jungfräulichen Engel bildeten, die auf uns herniederlächeln. Ihr Wesen war eine PUPPEL 107 reine Harmonie, der Wohllaut reichster Töne, der Zusammenklang edelster Seelenkräfte. Das Schöne, diese sinnliche Offenbarung des Göttlichen, war ihr eigen. Was sie war, lebte, sprach und sann, trug diesen Stempel höchsten Seelenadels. So war sie aus Gottes Hand hervorgegangen: eine geborene, nicht eine gelernte Jüngerin der Kunst. Zur Priesterin ist sie herangereift." Als ich, damals siebzehnjährig, Elisabeth Stockhausen zum erstenmal sah, stand ich so sehr unter ihrem Eindruck, daß ich wochenlang von ihr träumte, wovon sie natürlich nie etwas merkte noch ahnte. Sie hat ein Jahr später den tüchtigen Musiker Heinrich Freiherrn von Herzogenberg geheiratet, unter den Treuen des Meisters Johannes Brahms den Getreuesten. Max Kalbeck hat den für den größeren Meister von Bayreuth ungerechten, aber im übrigen von edler Gesinnung getragenen Briefwechsel von Heinrich und Elisabeth Herzogenberg mit Johannes Brahms veröffentlicht. Elisabeth Herzogenberg starb am 7. Juni 1892 nach monatelanger Leidenszeit in San Remo. Dort ist sie am Gestade des blauen Mittelmeers unter Lorbeer, Palmen und Zypressen auf einsamem Friedhof begraben worden. Adolf Hildebrandt schmückte ihre Grabstätte mit einem Reliefbild aus Marmor, das eine vor der Orgel sitzende Frauengestalt sehen läßt. Das der Santa Cecilia Donatellos nachgebildete Antlitz, das die Züge von Elisabeth Herzogenberg trägt, lauscht dem Klang des Instruments. Im Herbst 1867 legte ich mein Abiturienten-Examen ab. Ich halte die Maturitätsprüfung für die schwierigste aller Prüfungen. Das Assessor- Abiturium Examen ist mir Gott sei Dank erspart worden. Die Aufnahmeprüfungen in Frankfurt, Neustrelitz und Halle, später das Referendar-Examen und die große diplomatische Prüfung erscheinen mir neben dem Abiturienten- Examen wie Spielereien. Wir wurden in Halle im Beisein eines aus Magdeburg eingetroffenen Schubrats durch den Direktor Kramer und den In- spector adjunctus Daniel, die Professoren Dryander und Voigt auf Herz und Nieren geprüft. Die uns zur Ubersetzung ins Lateinische und Griechische diktierten Extemporalien und besonders der deutsche Aufsatz mußten unter Klausur fertiggestellt werden. Nach der Morgenandacht sollte um neun Uhr mit dem deutschen Aufsatz begonnen werden. Groß war die Spannung. Ich sah manche ängstliche und bleiche Gesichter um mich. Ich selbst war in bester Stimmung. Da näherte sich mir der längste und älteste der Examinanden. Er hieß Puppel. Er war schon zweimal im Examen durchgefallen. Wenn er wieder durchfiel, durfte er sich nicht zum viertenmal melden. Damit war ihm die Verwaltungslaufbahn verschlossen, für die ihn sein Vater bestimmt hatte. Er sagte leise zu mir: „Der deutsche Aufsatz ist meine schwache Seite. Wenn er mir wieder mißlingt, falle ich zum drittenmal durch, und mein Vater schlägt mich tot. Hilf mir, ich bitte dich! Dir fließt es leicht aus der Feder. Du kannst in der uns gegebenen Frist 108 BEINAHE RELEGIERT ganz gut zwei Aufsätze machen, einen für dich und einen für mich. Rette mich!" Ich war gerührt. Ich sagte ihm, er möge sich neben mich setzen. Das uns für den Aufsatz gegebene Thema war nicht ganz leicht zu beantworten. Puppel erbleichte und sah mich hilflos an, als es uns verkündet wurde. Wir sollten gründlich und erschöpfend, dabei doch knapp und präzis, die Ähnlichkeit und die Unterschiede zwischen der Ibas und dem Nibelungenhede klarlegen. So rasch wie mögbch, mit der affenartigen Geschwindigkeit, die 1866 die Wiener Presse den Preußen vorgeworfen hatte, entwarf ich einen Aufsatz für meinen Kameraden Puppel. Dann wandte ich mich mit ruhigem Gewissen der eigenen Arbeit zu. Dem auf dem Katheder sitzenden Lehrer, der uns während der Klausurarbeit zu überwachen hatte, war der Gedankenaustausch zwischen mir und Puppel leider nicht entgangen. Er stieß auf Puppel herab wie der Falke auf die Taube. Er riß ihm mein Konzept aus der Hand, hielt es triumphierend in die Höhe und schrie: „Das wird sofort höherenorts gemeldet!" Dann verschwand er. Der Schrecken der Klasse war groß, noch größer ihre Spannung, wie es enden würde. Nach einer guten Stunde traten die Lehrer in das Zimmer: an der Spitze der Schulrat, dann Direktor Kramer, der Inspector adjunctus Daniel, vier andere Professoren, alle secundum ordinem. Der Schulrat begann mit strenger Stimme: Ein unerhörter Vorfall habe sich ereignet. Zwei Schüler hätten versucht, ihre Lehrer zu täuschen. Gott sei Dank sei der Frevel rechtzeitig aufgedeckt worden. Der Schüler Puppel werde von der Prüfung ausgeschlossen und gleichzeitig relegiert. Den Schüler Bülow hätte eigent- hch die gleiche Strafe treffen müssen. Nur im Hinblick darauf, daß er nach der Versicherung des Direktors und des Inspektors ein gutartiger Jüngling sei, der aus Mitleid seinem Nachbarn habe helfen wollen, und auch mit Rücksicht auf seine nach der Versicherung seiner Lehrer nicht gewöhnliche Begabung solle es bei ihm sein Bewenden mit einer zwölfstündigen Karzerstrafe und einem Vermerk im Maturitätszeugnis haben. Nachdem auch der Direktor Kramer seinem tiefen Bedauern über den Vorfall bewegten Ausdruck gegeben hatte, entfernten sich die Herren Lehrer wieder in derselben Reihenfolge, in der sie gekommen waren. Mein b'eber Daniel sagte mir im Vorbeigehen, indem er mir die Hand auf die Schulter legte: „Halten Sie den Kopf oben! Sie sind eine elastische Natur und werden im Leben noch über ganz andere Schwierigkeiten wegkommen. Schreiben Sie jetzt einen recht guten deutschen Aufsatz. Aber künftig beherzigen Sie besser den Spruch, den ich Ihnen zu Ihrer Konfirmation in die ,Lyra Messianica' geschrieben habe: ,So sehet nun zu, wie ihr vorsichtiglich wandelt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen.'" (Epheser 5,15.) Als auch Daniel, den anderen folgend, das Prüfungszimmer verlassen hatte, kam Puppel auf mich zu. „Das ist eine Gemeinheit", sprach er zu mir, „daß ich relegiert AUFSATZ MIT ZITATEN 100 werde und du nicht, denn du bist ebenso schuldig wie ich." 0 Puppe], ich weiß nichts von deinen späteren Lebensschicksalen. Ich vermute, daß du trotz dem anfänglichen Widerstreben deines Herrn Vaters die militärische Laufbahn eingeschlagen haben wirst. Vielleicht bist du den Heldentod gestorben. Hast du den Krieg überstanden, wirst du, wie ich fürchte, an der Majorsecke gescheitert sein. Ich glaube nicht, daß du es bis zum General gebracht haben wirst. Was aus dir geworden sein mag,ich habe in meinem auch späteren Leben oft an dich zurückgedacht. Wenn Fraktionen, die mich ihrer Treue versichert hatten, solange sie etwas von mir wollten, mich, wenn sie saturiert waren, im Stiche ließen, wenn Politiker, die nicht höher als auf mich schworen, von mir abschwenkten, sobald Eigennutz oder Feigheit dazu rieten, wenn Untergebene, die vor mir gekrochen waren, mich bei der ersten ihnen günstig erscheinenden Gelegenheit verrieten,oPuppel, dann habe ich an dich gedacht. Du warst nicht eine Einzelerscheinung, lieber Puppel, du warst ein Typus. Als wir mit Ausnahme des unglücklichen Puppel unsere Plätze im Prüfungszimmer wieder eingenommen hatten, wurde uns ein neues Thema für „Unsere den deutschen Aufsatz gegeben. Es lautete: „Unsere mittelalterlichen miitelalter- Volksepen, ein großes und herrliches Lied von Treue." Ich gedachte der k'<* e ™ Mahnung, die mir ein Jahrzehnt früher mein Vater auf der Landstraße er- epen teilt hatte, die von Frankfurt nach Mainz führt: „Keep up your nerves, Sir!" Ich hatte meine Arbeit früher als die anderen fertiggestellt, die, ein seltener Fall, die Zensur I erhielt. Der Inspector adjunetus des Pädagogiums zu Halle, Studienrat Faltin, hat die Liebenswürdigkeit gehabt, mir als dem ältesten ehemaligen Zögling des Pädagogiums zu meinem 75. Geburtstag eine Abschrift meines damaligen Aufsatzes zu übersenden. Man wird es mir hoffentlich nicht als Eitelkeit auslegen, daß ich, als ich mein damaliges Opus wieder vor Augen hatte, es gar nicht so übel fand. Freilich ersah ich daraus, wie recht Goethe hat, zu sagen: daß keine Zeit die einmal geprägten, sich lebend entwickelnden Formen zerstückele. Man hat meiner Konversation, man hat den vielen Reden, die ich in meinem späteren Leben gehalten habe, insbesondere den Reden, die ich aus dem Stegreif hielt, nicht selten einen zu reichlichen Zusatz von Zitaten vorgeworfen. Schon mein Examenaufsatz vom 24. Juli 1867 beginnt mit einem Zitat von Barthold Niebuhr (die Deutschen seien die Griechen der Neuzeit) und schließt mit einem Worte von Schiller, das freilich nahelag: Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn. Am nächsten Tage mußte ich meine Karzerstrafe abbüßen. Da Bücher verboten waren, verbrachte ich meine Zeit damit, den „Faust" aufzusagen, den ich, dem Rat meines verehrten Lehrers Daniel folgend, als Primaner nach und nach meinem Gedächtnis eingeprägt hatte. 110 VERWARNUNG Ich gebe als Epilog den Brief wieder, den ich von meinem Vater erhielt, Brief nachdem meine Entgleisung im Abiturientenexamen zu seiner Kenntnis ge- Vaters langt war. Aus seinem Schreiben spricht nicht nur seine Herzensgüte, sondern auch seine Weisheit, die, gegründet auf Erfahrung, Menschenkenntnis und Charakter, ihn einem Bismarck nach dessen eigenem Ausspruch zum wertvollsten seiner Mitarbeiter machte: „Dienstag, 30. Juli 67. Lieber Bernhard, wir hatten schon recht lange nach einem Briefe von Euch ausgesehen, wußten freilich, daß Ihr des Examens wegen nicht zum Einhalten des regelmäßigen Tages kämet, waren aber doch recht gespannt auf Nachrichten. Wir warteten von einem Tage zum andern mit Schreiben. Gestern empfingen wir denn zugleich Professor Daniels und Deinen Brief, ersterer war über Neu-Strelitz gegangen, und sahen daraus, wie es Dir in dieser schweren Woche ergangen ist. Professor Daniel, dem ich heute dankend erwidere, schreibt mir sehr hübsch über Deine große Unbesonnenheit. Es ist mir denn freilich eine große Beruhigung, lieber Sohn, daß deren strengste Folgen von Dir haben abgewendet werden können, und ich will Dir um so weniger nachträgliche Vorwürfe machen, als Du Dir schon selbst gesagt haben wirst, was zu sagen ist, und ausschließlich die Rücksicht der Lehrer auf Dein bisheriges gutes, und ich sage es gern, Dein musterhaftes Betragen Dich vor einer Strafe bewahrt hat, welche Dir schon durch Verlust des halben Jahres auf lange hin fühlbar sein würde, Du also selbst gut gemacht hast, was nicht gut war. Die Karzerstrafe, während ich so gern auch in diesem Quartal Nummer 1 für Betragen gehabt hätte, ist freilich unwillkommen, aber darüber wollen wir denn nicht murren. Nur eines, mein lieber guter Bernhard möchte ich Dir bei dieser Gelegenheit in recht ernste Erwägung rufen. Was Du getan, ist, abgesehen davon, daß es ziemlich überflüssig ist, einem Schwachmatikus dieser Art überhaupt zu helfen, in den Augen von Schülern nicht weiter unrecht und moralisch zumeist ein Zeichen Deiner Gutmütigkeit. Es ist aber doch ein Unrecht und unmoralisch, denn die Prüfung ist ein Stempel, den der Staat erteüt als Bürgschaft und Beweis guter Schulbildung und mit dem Auszeichnungen und Vorteile verbunden sind. Wer nun einem Unwürdigen durchhilft, täuscht oder hilft täuschen und nimmt also an einer Unwahrheit teil, die keine guten Folgen haben kann. Urteile und handle also in allen Dingen des Lebens nicht nach dem Schein und gutmütig-unbesonnenem Gehenlassen, sondern nach der Tat und nach der wahren Wahrhaftigkeit. Du wirst Dich besser dabei stehen und Dein gutes Gewissen bewahren. Und weißt Du denn, ob Puppel, wenn Du ihm das unglückliche Blatt nicht zugesteckt hättest, nicht vielleicht proprio Marte das Examen bestanden hätte, während er nun abgewiesen ist? Doch genug hiervon, lieber Bernhard. Ich wollte nicht mehreres sagen, als was Dich in Zukunft vor ähnlichen Unbesonnenheiten DIE LOGARITHMENTAFEL III bewahren kann. Es tut mir im übrigen herzlich leid, daß Du diese anstrengenden Tage, in denen Du die wohlverdienten Früchte redlichen Fleißes einernten solltest, durch diese Episode Dir verdorben und so große Sorge durchzumachen gehabt hast. Ich hoffe aus Deinem verständigen Briefe schließen zu können, daß Du Dich nun wieder beruhigt hast und dem mündlichen Examen mit gutem Mut entgegengehst, um so mehr, als Du ja einen großen Beweis des Wohlwollens Deiner Lehrer gehabt hast. Ich hoffe noch, daß Du durch ein recht gutes Examen die Note im Abgangszeugnis etwas wirst mildern können. Mama sagt Dir die herzlichsten Grüße. Die Sache ist ihr natürlich auch recht leid gewesen, und Du weißt, welche Abneigung ihre wahrhafte und pflichttreue Seele von jeher gegen die Durchsteckereien u.s.w. der Scholaren gehabt hat. Es tut ihr aber auch so leid, daß Du, der ihr auf der Schule soviel Freude gemacht hat, diese unangenehmen Tage durchzumachen hattest, und sie hofft sehr, daß Du Dich nun ausruhst und stärkst. Noch eins, mein lieber Sohn. Ni fallor hast Du stets eine gewisse Neigung zu dümmerlichen und leichtsinnigen Mitschülern gehabt, die Dich mit Renommisterei oder dergleichen anzogen. Ich weiß nicht, ob der Examinand mit dem dummen Namen zu dieser Kategorie gehörte. Aber ich möchte Dich jetzt, wo Du selbständig ins Leben trittst, doch recht dringend bitten, Dich an die tüchtigen, ordentlichen und in ihrem Umgang Dir förderlichen Juvenes zu halten statt an die schwachen Brüder. In alter Liebe B. B. Die gute Frau Von Engel in Strelitz ist, vierundneunzig Jahre alt, gestorben. Sie hatte die große Französische Revolution, die Epopöe von Napoleon, Maria Theresia, Katharina II. und Königin Luise erlebt." Ich trennte mich von Halle nicht ohne Wehmut. Gewiß, manches erleichterte mir den Abschied. Es war einer der schönsten Augenblicke meines Abschied Lebens, als ich meine Logarithmentafel verbrannte, mit deren Hilfe ich so von # a "< oft schwere Multiplikationen und Divisionen auf dem Wege einfacher Additionen und Subtraktionen gelöst hatte. So sehr mir der praktische Vorteil dieses Systems einleuchtete, so blieb es mir innerlich geistig fremd, da ich keinen Zahlensinn besitze. Ich bin während meiner Ministertätigkeit an der Vorbereitung und Vorlage einer langen Reihe von Milliardenbudgets beteiligt gewesen und habe mich immer sorgsam auf ihre Vertretung im Parlament vorbereitet. Zu eigenem Denken hat mich aber immer nur die politische Seite der Finanzvorlagen angeregt, während ich das rein Zahlenmäßige, Technische, die vorteilhafte Gruppierung der Aktiven und Passiven und die sonstigen Bilanzkünste meinen ausgezeichneten Fachmitarbeitern Überheß. Zu Jean-Jacques Rousseau sagte, wie er selbst erzählt, eine hebenswürdige Venezianerin: „0 Giacomo, lasciate le donne e studiate la matematica!" Ich empfand eine gewisse Neigung, es umgekehrt zu machen. 112 AN DER SAALE HELLEM STRANDE Ich hatte hei der Trennung vom Pädchen die Empfindung, die mich erfüllte, wenn ich, aus der Elbe kommend, hinter Cuxhaven bei der roten Tonne das offene Meer vor mir erblickte. Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. Aber ich war doch bewegt, als die Abiturienten sangen: „So leb denn wohl, du stilles Haus, wir ziehn betrübt von dir hinaus." Halle war keine schöne Stadt. Die Magdeburger und Leipziger, vor allem die feinen Dresdner, witzelten, daß man Halle eher röche als sähe. Das zielte auf die mit Salinendampf und Braunkohlendunst erfüllte Atmosphäre der Stadt, deren abschüssige Straßen mit ihrem schlechten Pflaster und sprichwörtlich gewordenen Schmutz damals sehr verrufen waren. Aber nicht umsonst hatte mir Daniel mit Thucydides gepredigt, daß der Mensch das Land habe und nicht das Land den Menschen. An die Menschen in Halle, vor allem an meinen heben Professor Daniel, hatte ich mich mit ganzem Herzen angeschlossen. Auch die Umgebung der Stadt bot manchen Reiz. Und in weiter Ferne winkten die Burgen, die stolz und kühn an der Saale hellem Strande stehn und wohin ich oft gewandert war: die zwei Türme von Saaleck und hoch auf steiler Wand die Rudelsburg, das freundliche Kösen, Merseburg mit seinen stolzen Erinnerungen an Kaiser Otto den Großen, Naumburg, vor das die Hussiten zogen, die ganze Gegend war mir ans Herz gewachsen. Ich bin viel auf der Saale gefahren. Unsere Eltern hatten uns Emp- Cröllwitz und fehlungen an eine Reihe angesehener Familien in Halle verschafft, bei denen Giebichcnstein y^j. freundliche Aufnahme fanden. Eine distinguierte Dame aus diesen Kreisen schloß mich in ihr Herz. Im Gegensatz zu meinem Bruder Adolf, der eine spröde Natur war, ließ ich mir ihre Freundlichkeit Wohlgefallen. An mehr als einem schönen Sommertag durfte ich sie nach Cröllwitz oder Giebichenstein, zur Raben- oder zur Nachtigallen-Insel führen. Sie war eine üppige Blondine, zwischen dreißig und vierzig Jahren. Sie zu rudern, war nicht ganz leicht. Auch hier galt das Wort des Hesiod, daß steil der Weg sei, der zum Gipfel hinaufführe. Sie hatte ein gutes, ja ein zärtliches Herz und kargte nicht mit dem Lohn der Minne, wenn wir nach der Wasserfahrt im freundlichen Schatten der die Saale umsäumenden Gebüsche oder im kühlen Zimmer eines ländlichen Wirtshauses der Ruhe pflegten. Als ich mich nach glücklich bestandenem Abiturienten-Examen bei ihr und ihrem Gatten verabschiedete, überreichte er mir ein Buch: Quinti Horath Flacci Opera ad exemplar Londinense a Johanne Pine, Berolini, 1745, Sumtibus Ambrosii Haude, Bibhop. Reg. et Acad. Scient. privil. Dabei sagte er zu mir: „Mein junger Freund, meine liebe Frau hat mir Gutes über Sie gesagt. Sie scheinen ein wißbegieriger, ein fleißiger, ein tüchtiger Jüngling zu sein. Aber vergessen Sie über so lobenswerte Eigenschaften nicht, daß in des Lebens Lenz auch die Lebensfreude zu ihrem Recht kommen muß." Er HORAZ IN SCHWEINSLEDER 113 zitierte nicht ohne Feierlichkeit den Vers, den Horaz an seinen Freund Virgilius richtet: „Misce stultitiam consiliis brevem: Dulce est desipere in loco." Seine Gattin konnte manches, aber Latein war ihr fremd. Sie bat, ihr die horazischen Verse in unser geliebtes Deutsch zu übertragen. Mit immer gleichem Pathos deklamierte ihr Gatte: „Meng in weiseren Ernst wenige Torheit ein. Süß ist's, schwärmen am rechten Ort." Sie lächelte. Es war jenes „Sourire feminin", das in einer seiner reizendsten Komödien Alfred de Musset behandelt. In dem Lustspiel „II ne faut jurer de rien" macht der junge Valentin van Buck seinem alten Onkel klar, was dieses weibliche Lächeln, „le sourire feminin", in sich bergen kann. Ich habe in späteren Jahren das Stück öfter in Paris gesehen, in der Comedie- Francaise. Thiron gab den Onkel van Buck, Delaunay den Neffen Valentin, Mlle. Brohan die Baronin de Mantes und die hübsche Mlle. Reichenberg deren Tochter Cecile. Wenn ich die Betrachtungen des Neffen van Buck über das Sourire feminin vernahm, dachte ich an die freundliche Saale, an meine Freundin, die sich gern von mir rudern Heß, und an ihren gelehrten Gatten, der mir mit überlegener Miene die Lehre des Epikur in der Fassung predigte, die ihr Quintus Horatius Flaccus gegeben hat. Sein Horaz steht in meiner Bibliothek, sauber in Schweinsleder gebunden. 8 BUlow IV IX. KAPITEL Universität Lausanne (1867) • Vevey • Donna e mobile • Universität Leipzig • Professor Wilhelm Roscher • Lektüre: Bedeutung des Romans für Weitläufigkeit und Menschenkenntnis • Fußreise durch die Schweiz (1868) • Übersiedlung an die Universität Berlin Professor Rudolf Gneist ■ Tod des Schwesterchens Bertha • Kur in Bad Oeynhausen (Juni 1870) • Die politische Lage, die Emser Depesche Bei meinen Eltern in Flottbek eingetroffen, wo diese damals im Sommer das kleine, sogenannte Herrenhaus am Jenischpark bewohnten, trug ich meinem Vater die Bitte vor, meine Universitäts-Studien in Bonn beginnen zu dürfen. Ich hatte große Lust, entweder in Bonn bei den Borussen oder in Göttingen bei den Sachsen oder in Heidelberg bei den Saxoborussen einzuspringen. Am liebsten wäre ich nach Bonn gezogen, zu des Rheins gestreckten Hügeln, hochgesegneten Gebieten. Mein Vater ging auf meine Bitte nicht ein. Er war selbst nicht Korpsstudent gewesen und hatte für das Korpsleben wenig Verständnis. „Du wirst dir mit Biertrinken den Magen aufschwemmen und für lange verderben, dir das Gesicht durch einige Schmisse entstellen und im übrigen nichts lernen." Gewiß eine einseitige Auffassung. Aus dem Korps ist nicht nur der größte deutsche Staatsmann, der Fürst Bismarck, es sind aus ihm noch viele andere tüchtige deutsche Männer, Rudolf Bennigsen und Botho Eulenburg, Karl Peters und Ernst Bassermann hervorgegangen. Allerdings ist mancher im Korps für sein Leben versimpelt. Im großen und ganzen war im alten Deutschland die Armee eine bessere Vorschule für den hohen Verwaltungsbeamten und für die Diplomaten als das Korps. Es wurde beschlossen, daß ich den ersten Winter meiner Universitätszeit Winter- in Lausanne verbringen sollte. Begleitet von meinem Bruder Adolf trat iemester in jeh die Reise an. In Frankfurt nahmen wir einen kurzen Aufenthalt, um in Lausanne Homburg unser Glück zu versuchen, wo damals noch die Spielbank des Herrn Blanc in Betrieb war, der mit dem Geld, das er in Homburg und später in Monaco machte, fürstliche Schwiegersöhne finden sollte und Alliancen, die an Königsthrone heranreichten. Wir gewannen ein paar BEI PROFESSOR GAY 115 hundert Gulden, was unsere Stimmung hob. Die Strecke von Luzern über den Brünig bis Brienz legten wir zu Fuß zurück. In Bern fütterten wir die Bären und marschierten dann wieder zu Fuß von dem alten Wachtturm in Bomont bis Vevey. Vom Signal de Chexbres genoß ich zum erstenmal die Aussicht auf den Genfer See, zu dem ich oft zurückkehren, nach dem ich mich noch öfter sehnen sollte. Wir wurden in Lausanne im Hause des Professors Gay untergebracht, der an der Universität französische Literatur las. Er war, wie die meisten Pension Waadtländer, ein frischer und fröhlicher Mann, der das Leben von der heiteren Seite nahm. Man sagt, daß der gute Waadtländer Wein die Menschen lustig stimme. Madame Gay, die aus Aigle im Bhonegebiet stammte, sorgte treulich für uns. Vom Gayschen Haus erblickte man den See. Einen noch umfassenderen Bundblick hatten wir von der Terrasse des alten Münsters, der im Jahre 1000 erbauten, wohl schönsten gotischen Kathedrale der Schweiz. Unser Lieblingsspaziergang war nach dem Montbenon, einer Promenade, die den Stolz aller Bewohner der Stadt bildete und hoffentlich noch bildet. Von den Vorlesungen besuchte ich nur diejenigen meines Hausvaters, alle übrigen schwänzte ich. In der Bue du Bourg entdeckte ich einen mir sehr sympathischen Laden, in dem die in Lausanne zahlreich vertretenen Engländer sich mit gutem englischem Tabak und kurzen Holzpfeifen versahen. In Halle und schon in Strelitz hatte ich Zigarren geraucht. Jetzt kam ich dahinter, daß guter englischer Tabak aus einer kurzen Holzpfeife noch besser schmeckt. Ich habe vierzig Jahre lang die Freuden des Bauchens aus einer Holzpfeife genossen, dann aber dieses Laster von heut auf morgen aufgegeben, als mich mein Freund und Arzt Benvers davon überzeugte, daß Hals und Magen sich ohne Bauchen besser befänden. Auf die Frage, die so viele Philosophen beschäftigt hat, ob der Mensch glücklicher sei, wenn er viele oder wenn er keine Bedürfnisse habe, will ich hier nicht eingehen. An der Universität Lausanne florierten zwei Verbindungen: die Bellet- triens, die sich vorzugsweise aus der französischen Schweiz, und die Zo- Der Genfer See finger, die sich aus der ganzen Eidgenossenschaft rekrutierten. Wir hielten uns von beiden Verbindungen fern, knüpften aber mit einer Beihe junger Schweizer, insbesondere mit Waadtländern und Genfern, freundschaftliche Beziehungen an, von denen mich einige durch mein ganzes Leben begleitet haben. Ich unternahm von Lausanne aus auch im Winter, zum Teil im Schnee, kleinere Bergbesteigungen in allen Bichtungen. Die Ufer des Sees kannten wir bald genau. Ich bin zu Fuß in Morges, in dem von Weinbergen umgebenen Bolle, in Nyon mit seinem altertümlichen Schloß und in Coppet gewesen. In Coppet gedachte ich meines Großonkels Wolf 8* 116 DIE SCHÖNE SPANIERIN Baudissin, der sich in seiner Jugend mit der Tochter von Madame de Stael verlobt hatte, die später den Herzog von Broglie heiratete. Die Verlobung mit meinem Onkel wurde aufgelöst, weil beide Teile die Empfindung hatten, nicht für einander zu passen. Noch lieber marschierten wir von Lausanne in der Richtung nach Pully, Lutry, Cully, nach St. Saphorin, dessen Glocken so schön und hell klingen. Fast jede Woche besuchte ich Vevey, wo meine Tante, die Witwe Vevey meines Großonkels, des Senators Martin Jenisch, im Hotel des Trois-Cou- ronnes den Winter zu verleben pflegte. Sie hat denn auch viele Jahre später der Stadt Vevey ein großes Legat hinterlassen, mit dessen Hilfe das Musee Jenisch gegründet wurde. Es enthält wertvolle Gemälde, eine gute BibUo- thek und interessante naturhistorische Sammlungen. Ich finde aber, meine gute Tante hätte besser getan, entweder ihren Geburtsort, Lübeck, oder die Heimatstadt ihres Mannes, Hamburg, zu bedenken. Im Hotel des Trois- Couronnes war eine elegante, internationale Gesellschaft versammelt, darunter viele schöne Frauen. Für die schönste galt, und mit Recht, eine Spanierin, Frau von X., bei deren Anblick man unwillkürHch an das Gedicht dachte, das Alfred de Musset seiner andalusischen Freundin widmete: Vrai Dieu! Lorsque son ceil petille Sous la frange de ses reseaux, Rien que pour toucher sa mantille, De par tous les saints de Castille, On se ferait rompre les os. Ihr Gatte weilte in Paris. Als von ihr begünstigt galt ein junger Grieche mit großen, schwarzen, melancholischen Augen. Im Hotel des Trois-Couronnes wurde fast jeden Abend getanzt. Als ich mich wieder einmal dort eingefunden hatte, bemerkte ich, daß der brünette Grieche sich viel mit einer blonden Engländerin beschäftigte. Ich sah auch, daß die schöne Spanierin diesen Flirt mit zornigen Blicken verfolgte. Da ich Frau von X. wenig kannte, ihr auch nicht den Hof machte, Heß mich der Vorgang gleichgültig. Ich war daher erstaunt, als sie auf mich zukam und mich aufforderte, einen Walzer mit ihr zu tanzen. Nachdem wir uns ein paarmal um den großen Saal gedreht hatten, setzte sie sich mit mir auf eine der Bänke und frug nach dem Gang meiner Studien, nach meiner Lektüre. Sie examinierte mich lebhaft und nicht ohne Geist. Als ich J. J. Rousseau für einen meiner Lieblingsschriftsteller und die „Nouvelle Helolse" mit Feuer für ein herrliches Buch erklärte, meinte sie lächelnd: „Le bosquet de Julie n'est pas loin d'ici." Sie frug, ob ich bei ihr eine Tasse Tee trinken wolle, ihr Wagen halte vor der Tür, und ihre Villa sei nicht weit entfernt. Es ist klar, daß in diesem Augenblick der Versucher an mich herantrat in der TRAGISCHER ZWISCHENFALL 117 Gestalt einer schönen Frau. Ich hätte standhaft bleiben sollen wie einst in ähnlicher Lage der heilige Antonius und wie, sehr viel früher, der keusche Joseph. Aber nicht jeder ist zum Heiligen auserseben. Es ist schwer, ein Heiliger zu werden, sonst würde es ja viel mehr Heilige geben. Frau von X. war sehr schön, die Versuchung war sehr groß. Ich akzeptierte die Hebenswürdige Einladung, ich akzeptierte sie sogar sehr gern. Frau von X. nahm meinen Arm und ging auf die Tür zu. Der Hellene, der uns seit einiger Zeit mit offenbarer Erregung beobachtete, näherte sich uns. Ich hörte ihn flüstern: „De gräce! Accordez-moi un instant, ecoutez moi! Je ne vous ai pas trahie. II s'agit d'une distraction, d'une plaisanterie." Sie antwortete nicht. Als wir vor der Hoteltür standen, forderte sie mich auf, zuerst in den Wagen einzusteigen. Der Grieche stand neben ihr. Er flüsterte: „Je vous supplie, ayez pitie de moi! Je vous jure: Si vous ne me pardonnez pas, je me tuerai." Sie hatte inzwischen neben mir Platz genommen. Sie Heß die Fensterscheibe des Wagens herab, und jedes Wort akzentuierend erwiderte sie: „Vous etes bien trop lache pour vous tuer. Cocher! Chez moi, et ventre ä terre!" Als ich am nächsten Vormittag zu Fuß von der Villa nach Vevey zurückkehrte, sah ich schon von weitem eine Anzahl Menschen auf dem Kai vor dem Hotel des Trois-Couronnes, die lebhaft gestikulierend mit Fernrohren und Operngläsern auf den See blickten. Als ich näher kam, hörte ich, daß ein Boot ohne Insassen und ohne Ruder auf den Wellen treibe. Am Abend vorher habe der junge Grieche in später Stunde ein Boot gemietet und sei allein auf den See hinausgefahren. Er sei nicht zurückgekehrt. Eine Stunde später verbreitete sich die Nachricht, daß die Leiche des Armen bei St. Saphorin ans Ufer getrieben worden sei. Er hatte den Tod des Leander gefunden, aber unglücklicher als dieser, denn seine Hero weinte nicht um ihn. Während das traurige Ereignis nach allen Seiten erörtert wurde, näherte sich meine schöne Freundin. Ich ging ihr entgegen, um sie schonend auf den Trauerfall vorzubereiten. Sie verlor nicht eine Minute ihre Haltung, die Ruhe einer Marmorstatue, eine Ruhe, welche die Schönheit ihrer junonischen Gestalt noch mehr hervortreten Heß. „Je lui ai toujours dit qu'il n'avait pas le pied marin", meinte sie gleichmütig. Das tragische Ereignis schien auf alle einen stärkeren Eindruck zu machen als auf die schöne Frau, die mich während der Nacht beherbergt hatte. Von verschiedenen Seiten wurde angeregt, am Abend die übbche Sauterie ausfallen zu lassen. Sie widersetzte sich diesem Vorschlag. Sie meinte: „Cela me semble bien exa- gere. Apres tout, nous ne sommes ni apparentes avec ce jeune etourdi, ni autrement lies avec lui. Dansons comme toujours!" Sie nahm abends am Tanze teil mit dem Gleichmut, mit dem sie in der spanischen Arena 118 KLEIN-PARIS zugesehen haben mag, wie der kurz vorher von ihr applaudierte Torero von einem Stier aufgespießt wurde. Auch dieses betrübliche Erlebnis wurde mir zur Lehre. Ich verstand besser als vorher die Goethesche Mahnung: Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen, Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen. Harte Bissen gibt es zu kauen: Wir müssen erwürgen — oder sie verdauen. Einige Wochen später trennte ich mich von Lausanne. Es wurde mir nicht leicht, den schönen See zu verlassen, auf dessen freundliche Dörfer, dunkle Wälder, grüne Weiden und malerische Sennhütten ich einen wehmütigen Abschiedsblick warf. Gewaltig türmten sich vor meinem Blick die Walliser und Savoyischen Berge, deren Majestät sich in den stillen, klaren Gewässern des Bleu Leman abspiegelte. Welch ein Kontrast zwischen der Reinheit des Sees, der Schönheit seiner Ufer, der Harmonie der ganzen Landschaft und dem ruhelosen, friedlosen, bösen Treiben der Menschen, die so wenig erkennen, was zu ihrem wahren und ewigen Heile dient. Von Lausanne zog ich, da mein Vater meinen Wunsch, meine Studien Universität in Bonn fortzusetzen, wiederum abgelehnt hatte, auf die Universität Leipzig Leipzig. Bis Basel fuhr ich zusammen mit Frau von X. Wir stiegen in Basel in dem Hotel „Zu den drei Königen" ab, aus dessen Fenstern man einen schönen Blick auf den raschströmenden Rhein hat. Von dort fuhr Frau von X. nach Paris, wo ihr Gatte sie erwartete. Wir haben uns nie wiedergesehen. Sie hat, wie ich hörte, bewundert und gefeiert als schöne Frau und glänzende Weltdame, ein hohes Alter erreicht. Ihre Töchter haben gute Partien gemacht. Ich fuhr von Basel nach Leipzig, das der Studiosus Frosch in Auerbachs Professor Keller ein Klein-Paris nennt. Auch hier, wie in Lausanne, habe ich nur eine Roscher einzige Vorlesung besucht, die des Professors Wilhelm Roscher, des angesehenen Vertreters der historischen Methode in der Nationalökonomie. Er war ein feiner Geist, und dem entsprach sein Äußeres. Wenn er, sorgfältig gekleidet, den Zylinder in der Hand, in den Hörsaal eintrat, den Hut auf einen Stuhl niederlegte, den eleganten Spazierstock in die Ecke stellte, die Manschetten vorzog und seinen Vortrag begann, verbreitete sich im ganzen Auditorium eine Atmosphäre der Wohlanständigkeit. Ich freue mich noch heute, daß ich Roscher gehört habe und aufmerksam und mit Nachdenken seinen Vorträgen gefolgt bin. Ich bin später unter dem Einfluß von Adolf Wagner und Gustav Schmoller über ihn hinausgegangen. Aber der von ihm gelegten Grundlage verdanke ich es, daß ich hierbei Maß hielt, mich vor Übertreibungen, vor Einseitigkeit, vor Phantastereien und Verstiegenheiten hütete. Sein „System der Volkswirtschaft" habe ich, den „SYSTEM DER VOLKSWIRTSCHAFT" 119 Bleistift in der Hand, mehr als einmal gelesen. Insbesondere der erste Band ist mir in succum et sanguinem übergegangen, ich habe ihn mit eigenen An. merkungen versehen und ganze Stücke exzerpiert. Auch die , Nationalökonomie des Handels- und Gewerbefleißes" habe ich mit Interesse und Vorteil gelesen. Sie ist mehr als nur ein „Hand- und Lesebuch für Geschäftsmänner und Studierende", wie mit heute selten gewordener Bescheidenheit der Autor auf dem Titelblatt ankündigt. Jeder, der im öffentlichen Leben steht, kann viel aus ihr lernen. Ich fand bei Roscher schon als junger Mensch das Rüstzeug, mit dem ich viel später, ohne ungerecht zu sein gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen, das in ihnen bekämpfte, was mit dem Wohl des Ganzen, mit den richtig verstandenen Staatsinteressen, mit dem Bestehen eines starken und glücklichen Reichs unvereinbar war. Ich lernte von Roscher, daß es ebensowenig ein für alle Zeiten und alle Völker gültiges Wirtschaftsideal wie ein für alle und jeden passendes Kleidermaß gibt. Er lehrte mich, daß wie im Weltgebäude die scheinbar entgegengesetzten Bestrebungen der Zentrifugalkraft und der Zentripetalkraft die Harmonie der Sphären bewirken, so im wirtschaftlichen Leben des Menschen Eigennutz und Gewissen den Gemeinsinn bilden. Er schärfte früh meinen Blick dafür, daß der Sozialismus und der Kommunismus keine unerhörten, nur der neuesten Zeit eigentümlichen Erscheinungen sind, wie die blinden Gegner und die blinden Anhänger glauben, sondern eine Krankheit, die sich fast regelmäßig bei hochkultivierten Völkern in einer gewissen Lebensperiode einstellt. Er wies aus der Geschichte nach, daß sich in sozialistischen Gedankengängen seit jeher die edelsten Geister und die niedrigsten Seelen begegnet seien. Ich fand es also nicht allzu verwunderlich, daß in dem wirtschaftlich rasch, vielleicht allzu rasch emporgekommenen, in dem über alles Erwarten wohlhabend, reich, hier und da allzu üppig gewordenen Deutschland viele tüchtige und ehrenwerte Arbeiter der roten Fahne folgten und daß ihnen diese Fahne von (wenigstens zum Teil) überzeugten, von einer edlen Idee erfüllten Führern vorangetragen wurde. Schon in jungen Jahren stand ich auf dem Standpunkt, den ich als Reichskanzler und Ministerpräsident in der ersten Rede, die ich am Im 9. Januar 1901 im Preußischen Abgeordnetenhause gehalten habe, in die Iw' Worte zusammenfaßte: „Nach meiner politischen Gesamtauffassung be- zen trachte ich es als die vornehmste Aufgabe der Regierung, in dem Kampfe der wirtschaftlichen Interessen die vorhandenen Gegensätze nach Möglichkeit zu vereinen, zwischen den verschiedenen Interessen einen möglichst gerechten Ausgleich herbeizuführen und diejenigen zu stützen, die sich aus eigner Kraft nicht helfen können*." Auch für die öffentlichen Angelegen- * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, 176; Kleine Ausgabe I, 234. 120 EIN KEILVERSUCH heiten gilt das Wort des Heraklit, daß alles fließe. Wie Ebbe und Flut, so folgen sieb im staatlichen Leben die Epochen. Das wurde mir klar, als ich, dreizehn Jahre nachdem ich in Leipzig den Vorträgen von Wilhelm Roscher gefolgt war, als Sekretär unserer Botschaft in Paris an einem schönen Sommertag im Walde von Saint-Germain den Aufsatz las, den Gustav Schmoller im Oktober 1880 in Straßburg geschrieben und in dem von mir während Jahren mit Interesse und mit Nutzen gelesenen „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" veröffentlicht hatte. Die D O' O ewigen Pole, um die sich das staathehe, soziale und wirtschaftliche Leben dreht, der Gegensatz, um den es sich bei innerpolitischen Kämpfen handelt, sind weniger liberal und konservativ als individualistisch und zentra- listisch. Der Aufstieg des preußischen Staates von 1640, dem Jahr der Thronbesteigung des Großen Kurfürsten, bis 1806, dem schwarzen Jahr von Jena, vollzog sich im Zeichen der Staatsauffassung, die mit einer bei aller Einseitigkeit doch in ihrer Art großartigen Rücksichtslosigkeit gegenüber individuellen Rechten und individueller Freiheit das Ganze über den Teil setzte. Die Regeneration Preußens von 1808 bis 1871 erfolgte im individualistischen Sinne unter Umsichgreifen und Vordringen liberaler Gedanken und Anschauungen. Jede dieser beiden großen Epochen hinterließ wohltätige Niederschläge: die zentralistische Epoche die Einheit der preußischen Monarchie, eine straffe Verwaltung, eine musterhafte Organisation des Heeres und des Beamtentums; die individualistische den Schutz individueller Rechte, persönliche Freiheit und freie Bewegung, Verfassung und Selbstverwaltung. Bismarck hat mit genialer Unbefangenheit bald in dem einen, bald in dem anderen Sinne regiert und so das große, starke Reich geschaffen und ausgebaut, das vor dem Weltkrieg bestand, das altpreußisch- konservative Tatkraft und Zucht mit deutschem weitherzigem und liberalem Geiste verband und das seinesgleichen in der Welt nicht hatte. Auch in Leipzig hielten wir uns, mein Bruder Adolf und ich, dem Wunsch Die unseres Vaters entsprechend, dem Verbindungswesen fern. Für das elegan- l erbindungen teste Korps galten die „Meißner". Bald nach unserem Eintreffen erschienen zwei Abgesandte bei uns, um mich und meinen Bruder zu „keilen", wie der studentische Ausdruck lautet, d. h. für den Eintritt in dies Korps zu gewinnen. Wir blieben aber dem unserem Vater gegebenen Versprechen treu und lehnten die Aufforderung ab. Ein junger Schweizer, den wir in Lausanne kennengelernt hatten und der wie wir seine Studien an der Pleiße fortsetzte, forderte uns auf, einem Kneipabend der Verbindung beizuwohnen, der er sich angeschlossen hatte. Der übermäßige Biergenuß an jenem Abend widerte uns an, die Kneipwitze sagten uns nichts, der banausische Ton mißfiel uns, wir sind nicht wiedergekommen. Ich zog es vor, meine freie Zeit zum Turnen, Fechten und zu langen Spaziergängen DIE FREUNDIN LASSALLES 121 zu verwenden und am Abend das bei Roscher Niedergeschriebene zu überdenken. Meinem alten Triebe folgend, las ich viel, nicht nur historische und nationalökonomische Werke, sondern auch Romane, namentlich französische Romane. Wer ins Leben eintritt, lernt, wie ich glaube, für Menschenbehandlung, für das praktische Leben mehr aus Romanen, wird durch sie weltkundiger und weltläufiger als durch das Studium der gelehrtesten Kompendien. Vor allem Balzac und Stendhal, Flaubert und Guy de Maupassant, Turgenjew und Leo Tolstoi, auch die Romane von Disraeli, Thackeray und Bulwer sind in dieser Richtung zu empfehlen. Die Romane von Gustav Freytag und Berthold Auerbach, Gutzkow und Spielhagen, von der Marlitt und der Wilhelmine Hillern gewähren hebenswürdige Einblicke in die Psyche des deutschen Philisters. Aber sie sind nicht gemacht, als Kompaß bei der bisweilen stürmischen Fahrt auf dem Strom der großen Welt zu dienen. Theodor Fontane und Marie von Ebner-Eschenbach eignen sich hierzu mehr. Der Mangel an Psychologie, der vielen Deutschen eigen ist und in der deutschen Politik oft zutage trat, ist auch darauf zurückzuführen, daß der deutsche Durchschnittsintellektuelle in der eigenen Sprache zu wenig psychologische Romane zur Verfügung hat und deshalb zu viel gelehrte Schmöker liest. In dem Leipziger Restaurant, wo ich zu Mittag aß, wurde mir die Gräfin Sofie Hatzfeldt gezeigt. Man sah ihr nicht an, daß sie in ihrer Jugend Gräfin viele Anbeter gehabt hatte. Man sah ihr noch weniger an, daß von ihren Sofie Hatzfeld! Söhnen der ältere, Alfred, Fürst und erbliches Mitglied des Preußischen Herrenhauses, der jüngere, Paul, Botschafter und Ritter des Ordens vom Schwarzen Adler werden würde. Es fiel auch schwer, zu glauben, daß die streng katholische, hochmoralische Gräfin Melanie Nesselrode-Ehreshofen, die Gemahlin des Grafen Maximilian von Nesselrode-Ehreshofen, des Oberhofmeisters Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Augusta, die Tochter der Gräfin Sofie Hatzfeldt war, die in exzentrischer Toilette, eine große Zigarre im Munde, mit rotgefärbten Haaren durch die Leipziger Straßen und Wirtshäuser zog am Arme eines weit jüngeren Sozialisten, der, wenn ich mich nicht irre, Mendel hieß und den genialeren Ferdinand Lassalle bei ihr als Liebhaber ersetzt hatte. Und doch war sie eine bedeutende Frau. Ihr Neffe, der Generalfeldmarschall Walter Loe, erzählte mir gelegenthch: „Als Bismarck sich mit Lassalle in Verbindung gesetzt hatte, erhielt meine Tante, die Gräfin Sofie Hatzfeldt, die damals mit Lassalle noch intim stand, aus der Umgebung von Karl Marx einen Brief, in dem der Befürchtung Ausdruck gegeben wurde, daß Ferdinand sich von Bismarck ,verführen' lassen würde. Nachdem sie mit Lassalle gesprochen hatte, erwiderte die Gräfin Hatzfeldt den Londoner Exilierten, sie möchten sich beruhigen. 122 ZU FUSS DURCH DIE ALPEN Bismarck sei ein sehr bedeutender Mann, den übrigen Konservativen und Reaktionären unendlicb überlegen, aber die Demokratie, den Fabrikarbeiter kenne er nicht. Über die Konsequenzen des allgemeinen Wahlrechts mache er sich Illusionen. Bismarck glaube, es werde ihm gelingen, das allgemeine Wahlrecht in Deutschland nach seinem Willen zu lenken, wie dies bisher Napoleon III. in Frankreich geglückt wäre. Das sei ein Irrtum. Das allgemeine Stimmrecht werde in Deutschland früher oder später zur Herrschaft der Demokratie, zur Republik und zum Sozialismus führen. Die Antwort der Gräfin Sofie Hatzfeldt auf die Besorgnisse der Leute um Marx schloß: Lassalle hielte Fühlung mit Bismarck, um ihn in der Absicht zu bestärken, für die Wahlen zum künftigen deutschen Parlament das gleiche Wahlrecht zu gewähren. Aber im letzten Ende werde dabei nicht Bismarck, sondern Lassalle der Gewinner sein." Im Hochsommer 1868 empfand ich wie der Schüler im „Faust": Aufrichtig, möchte schon weder fort: Man sieht nichts Crünes, keinen Baum. Ich sehnte mich zurück nach den Schweizer Bergen und trat schon vor Reise in die Beginn der Universitätsferien eine Schweizer Reise an. Auch hier liegt Schweiz m j r d{ e Absicht fern, Goethes Spuren zu folgen. Ich möchte nur mit wenigen Strichen skizzieren, wie im Jahre 1868, zwischen Sadowa und Sedan, die Schweizer Reise eines deutschen Jünglings vor sich ging. Ich marschierte mit dem Rucksack, in dem das Allernotwendigste untergebracht war. Auf den Rucksack war ein zusammengerollter Lodenmantel geschnallt. Da ich nicht die Absicht hatte, das Matterhorn oder den Montblanc zu besteigen, machte ich mich nicht durch einen Bergstock lächerlich, auf den der Selis- berg und der Utliberg eingebrannt werden, sondern mir genügte ein fester Spazierstock. Einen kleinen Koffer schickte ich voraus, um alle acht bis zehn Tage den Rucksack neu zu füllen. Ich marschierte meist allein, eine Gewohnheit, an der ich auch später bei Fußreisen festgehalten habe. Das verhinderte nicht, daß ich mich mit Landleuten, Hirten, Fischern, Jägern und anderen im Personenverzeichnis des „Wilhelm Teil" aufgeführten biederen Schwyzern unterhielt. Ich hatte mir vorgenommen, mich auf Schweizer Gebiet nur der „ca- rozza di San Francesco" zu bedienen, d. h. nur meiner Füße, also nie mit der Eisenbahn oder der Postkutsche zu fahren. Von Luzern, dem Ausgangspunkt meiner Fußreise, bestieg ich zunächst den Pilatus, am nächsten Tag den Rigi und erlebte, vom Wetter begünstigt, herrliche Sonnenaufgänge. Von Flüelen nach Andermatt schlug ich den Weg ein, den der wackere Wilhelm Teil dem Herzog von Schwaben, dem unglücklichen Johann Parricida, empfiehlt. Ich sah die Brücke, welche stäubet, das ITALIEN 123 schwarze Felsentor und das heitere Tal von Andermatt. Von Göschenen wandte ich mich zum Rhonegletscher und zur Furka, dann zum Berner Oberland, wo ich die große und die kleine Scheidegg, die Wengernalp, den Niesen, das Faulhorn bestieg. Ich gelangte über Grindelwald und Lauterbrunnen, Kandersteg und Leuk nach dem Rhonetal. Hier wurde mir das Marschieren sauer. Es war sehr heiß, die Straße war staubig, die Stechmücken quälten. Ich blieb aber meinem Vorsatz treu, in der Schweiz nicht zu fahren. Ich wurde entschädigt, als ich, nachdem ich in Visp die Simplon- straße verlassen hatte, auf einem schattigen Weg, dicht an der brausenden, grauweißen Visp, das Brunneghorn, das Weißhorn, das Rothorn, endlich das gewaltige Matterhorn vor mir, in Zermatt anlangte. Die Riffelalp und der Gornergrat erschienen mir als die schönsten Punkte der Schweiz. Von hier aus unternahm ich noch einige Bergpartien, die sich ohne größere Schwierigkeiten bewältigen üeßen. Dann ging es zurück nach Visp. Ich trat voller Erwartung den Marsch über den Simplon an, die Straße nach dem Über den Süden, nach Italien. Die ganze Landschaft steht mir so deutlich vor Augen, Simplonpaß als hätte ich gestern den Simplonpaß überschritten. Der Lauibach und die Schlucht von Gondo wurden passiert, Paglino und Iselle zogen vorüber, Domodossola wurde erreicht. Zum erstenmal in meinem Leben war ich in Italien. In seinem Requiem auf den Fürsten Karl Josef Ligne läßt Goethe an die Bahre dieses geistvollen Grandseigneurs, den er den frühesten Mann des Jahrhunderts nennt, auch Italia treten und zu ihm sprechen: Auch mich hast du besucht; Du mußt's bedenken! Was ich vergeude, Niemand kann es schenken. Das Wehn der Himmelslüfte, Dem Paradiese gleich, Des Blumenfelds Gedüfte, Das ist mein weites Reich. Das Leben aus dem Grabe Jahrhunderte beschließt; Das ist der Schatz, die Habe, Die man mit mir genießt. Ich ahnte nicht, wie viele Winter ich in dem Bei paese zubringen würde. Ich ahnte noch weniger, daß ich dort in meiner geliebten Frau das Glück meines Lebens finden würde. 124 MIT DER DIL1GENCE Am Langen See angelangt, dem Lacus Verbanus der Römer, den wir Lago Deutschen hartnäckig mit dem italienischen Namen Lago Maggiore be- Maggiore und zeichnen, suchte ich die Borromäischen Inseln auf, die Jean Paul in seinem Comersee j ama j s nocn gelesenen Roman „Titan" den geschmückten Thron des Frühlings genannt hat. Obgleich Italien nicht in meinem Programm stand, trieb es mich, auch den Lacus Larius kennenzulernen, den Comersee, an dessen Ufern ich im weiteren Verlauf meines Lebens noch oft weilen sollte, in Bellagio und in Cadenabbia, in Tremezzo und in Torno. Gegenüber dieser zauberhaften Landschaft, wo ich zum erstenmal Wein und Feigen, Oliven und Kastanien in üppigster Fülle erblickte, verstand ich es, daß unsere Altvordern, wenn sie diesen Garten vor sich sahen, nicht wieder zurück wollten in das damals noch rauhere Heimatland. Politisch mußte ich nach wie vor diesen Zug nach dem Süden bedauern, der dem deutschen Genius zwar starke geistige und ideelle Impulse brachte, an dem aber die Kaiser- herrlichkeit des Mittelalters verblutete. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir auch das nicht allzu Mailand weit entfernte Mailand anzusehen und den von einem deutschen Baumeister, Heinrich Arier aus Gmünd in Schwaben, begonnenen Dom. Als ich abends den Mariae nascenti geweihten Wunderbau aus weißem Marmor mit seinen zahllosen Spitzen, Statuen und Fialen erblickte, vom Mondlicht Übergossen, und die vergoldete Madonna auf dem Hauptturm, begriff ich, was italienische Kunst unter italienischem Himmel bedeuten kann. Den Rückweg von den oberitalienischen Seen nahm ich über den Splügen. Von Chiavenna bis zur Paßhöhe, die zwischen Italien und der Schweiz die Grenze bildet, fuhr ich mit der Diligence. Ich saß auf dem Bock, neben dem Postillon, der mir mit italienischer Lebhaftigkeit seine politischen Ansichten entwickelte. Das italienische Volk hat seit Jahrhunderten sowohl unter den Franzosen als auch unter den Deutschen gelitten und je nachdem bald die einen, bald die anderen vorgezogen, sie auch gelegentlich gegeneinander ausgespielt. Die Uberhebung, mit der die Franzosen nach dem Französisch-Österreichischen Krieg von 1859 den Italienern die ihnen geleisteten Dienste immer wieder vorhielten, mußte diese verstimmen. Es zeigten sich damals die ersten Anzeichen der großen Stimmungsänderung, die später Italien veranlaßte, sich im Interesse seiner Unabhängigkeit und seiner Sicherheit seine Politik nicht länger nach Paris, sondern nach Berlin zu orientieren. Mein Freund, der Postillon, klagte über die „prepotenza" und „cattiveria" der Franzosen. Die Strecke von der Paßhöhe des Splügen bis Chur legte ich wieder auf Schusters Rappen zurück. In Chur endigte meine Reise. Im Sankt-Lucius- Dom erblickte ich den Grabstein des 1639 ermordeten Jürg Jenatsch. Den herrlichen Roman von Konrad Ferdinand Meyer, dessen Held der Grau- EINE ZWÖLFJÄHRIGE 125 bündener Feldoberst und Freibeitsbeld ist, sollte ich erst viel später kennenlernen, im Januar 1896 in Meran. Den Dom von Chur habe ich noch später wieder besucht, 1917, unter Führung des deutschfreundlichen prächtigen Bischofs Georg Schmidt von Grüneck, in dessen altertümlichem Palais ich mit meiner Frau einen schönen Tag verlebte. In Leipzig wollte es mir nach meiner Rückkehr erst recht nicht gefallen. Das von seinen Bewohnern sehr gerühmte Rosental vermochte mir Nach Berlin nicht die Go>ge du Chauderon und die Rochers de Naye zu ersetzen. Um so mehr bewunderte ich den Genius unseres großen und lieben Schiller, der in Gohlis, dem netten, aber bescheidenen Dörfchen am Ende des Rosentals, das Lied an die Freude gedichtet hat, diesen herrlichen Ausdruck eines Idealismus, einer Liebe zur Menschheit, wie sie nur der Deutsche kennt. Anfang 1869 siedelte ich nach Berlin über, wozu auch ein hartnäckiges Halsleiden beitrug, das meine Eltern wünschen Heß, mich in ihrer Nähe zu haben. Es handelte sich um Mandelanschwellungen, die mit Höllenstein behandelt wurden. Meine Eltern bewohnten den ersten Stock im Arnimschen Palais am Pariser Platz, wo sich jetzt die Akademie der bildenden Künste befindet. Dort war es, daß zum zweitenmal der Tod mir nahetrat und Schmerz und Jammer in mein Elternhaus einzogen. Der Tod meiner einzigen, zwölf- Tod jährigen Schwester Bertha riß eine tiefere Lücke und schlug eine schmerz- der Schwester lichere Wunde als fünfzehn Jahre früher der Heimgang meines kaum zwei- B crllla jährigen Brüderchens Waldemar. Sie war ein auffallend schönes und auffallend begabtes Kind, mit großen blauen Augen und herrlichem blondem Haar, ein echt deutsches Kind. Sie erlag in wenigen Tagen der Diphtheritis, gegen die damals noch kein Serum entdeckt war. Sie war tapfer bis zum letzten Augenblick. Mein Vater betete mit ihr das Vaterunser und den 23. Psalm (Der Herr ist mein Hirte). Ihre letzten Worte waren ein Vers aus dem alten Herrnhuter Lied: Muß ich auch gleich vor andern Im finstern Tale wandern, Dein Stab, Herr, und dein Stecken Benimmt mir allen Schrecken. Dann schloß sie die Augen am 25. Januar 1870. Sie wurde auf dem Zwölfapostel-Kirchhof in Berlin beigesetzt, wo auch meine Eltern und zwei meiner Brüder, die Generäle Adolf und Karl Ulrich, ruhen. Schöne Blume, holde, reine, Christus wollte selbst dein warten, Drum hat er dich eingepflanzet In des Paradieses Garten. 126 DIALEKTIK Mein Vater litt noch schwerer unter dieser Prüfung als meine Mutter. Bei dieser Überweg der felsenfeste Glaube, daß ihr Kind es im Himmel besser habe als auf dieser armen Erde. Jedes Hadern mit der Vorsehung erschien ihr als Sünde. „Herr, dein Wille geschehe!" Sie hielt sich aber seitdem jeder größeren Geselligkeit fern. Mein Vater hat diesen Schmerz niemals überwunden. Ich bin überzeugt, daß er während der neun Jahre, die zwischen dem Tode meiner Schwester und seinem eigenen Tode lagen, jeden Tag an sie gedacht, sich jeden Tag nach ihr gesehnt hat, auch während seiner sechsjährigen Tätigkeit an der Spitze des Auswärtigen Amtes, neben Bismarck. Ich bin überzeugt, daß er, als er starb, sein liebes Töchterchen vor sich sah, wie sie ihm entgegenkommt, den kleinen Waldemar an der Hand. Wie ich in Lausanne nur Professor Gay, in Leipzig nur Wilhelm Roscher Gneist gehört hatte, so befolgte ich auch in Berlin den Rat des Mephistopheles: „Am besten ist's, wenn ihr nur einen hört." Aber der eine, den ich hörte, Professor Gneist, war nicht der Mann, der verlangt hätte, daß seine Schüler auf jedes Wort des Meisters schwören sollten. Dazu war Rudolf Gneist zu vielseitig, zu beweglich, vielleicht auch zu skeptisch. Er hatte während der Konfliktzeit dem Ministerium Bismarck die schärfste Opposition gemacht; später wurde Gneist dem großen Mann eine eifrige und brauchbare parlamentarische Stütze und entwickelte sich immer mehr zu einem begeisterten Verteidiger der staatlichen Hoheitsrechte, zu einem strengen Monarchisten und Unitarier. Es war vor allem seine scharfsinnige Dialektik, die mich anzog. Der Berliner „Kladderadatsch" meinte einmal während meiner Ministerzeit: Für die Verteidigung des Satzes, daß zwei mal zwei fünf mache, wisse jeder bessere Jesuit einen Beweis, Miquel zwei und Bülow drei Beweise zu hefern. Ich möchte meinen, daß wie die oratorische Begabung, der Schwung des Redners, so auch die dialektische Gewandtheit, die Eristik, dem Menschen angeboren ist. Als ich nach meinem Rücktritt in dem handschriftlichen Nachlaß von Arthur Schopenhauer die mir bis dahin unbekannte köstliche Abhandlung über Eristik las, hatte ich die Empfindung, welcher der „Bourgeois Gentilhomme" bei Moliere Ausdruck gibt. Dem setzt sein Lehrer der Philosophie den Unterschied zwischen Prosa und Versen auseinander. Der Bourgeois Gentilhomme frägt: „Et comme l'on parle, qu'est- ce que c'est donc que cela?" Der Philosoph antwortet: „De la prose." Der Bourgeois Gentilhomme, M. Jourdain, frägt weiter: „Quoi! Quand je dis: Nicole, apportez-moi mes pantoufles, et donnez mon bonnet de nuit, c'est de la prose ?" Der Lehrer wiederholt: „Oui, Monsieur." Darauf der biedere M. Jourdain: „Par ma foi, il y a plus de quarante ans que je dis de la prose sans que j'en süsse rien." Was Schopenhauer über die Kunstgriffe der FRÜHJAHR 1870 127 Erweiterung und Verallgemeinerung der gegnerischen Behauptung, die versteckte Petitio principii, das Ausfragen des Gegners, das Urgieren der schwachen Punkte in seinen Ausführungen, üher das Argumentum ex concessis, die Mutatio controversiae, die Retorsio argumenti, das Argumentum ab utili, das Argumentum ad auditores, das Argumentum ad verecundiam, das Argumentum ad personam empfiehlt, das alles hatte ich schon längst aus eigenem Antrieb gelegentlich in der Debatte angewandt. Ich war also, um mit Jourdain zu sprechen, ein Eristiker, ohne es zu wissen. Ich habe aber auch den von dem Frankfurter Philosophen zustimmend zitierten Ausspruch von Voltaire nicht vergessen: „La paix vaut encore mieux que la verite." Der deutsche Politiker, der zu Doktrinarismus, zu parteipolitischer Verbissenheit, zu Selbstsucht und Selbstüberschätzung neigt, kann nicht oft genug daran erinnert werden, daß der innere Friede des Landes, die Verträglichkeit unter den Bewohnern desselben Hauses, die Versöhnlichkeit unter den Kindern derselben Mutter in erster Linie angestrebt werden muß. Für diejenigen meiner lieben Landsleute, die trotz Bismarck und Goethe die Politik noch immer als einen Zweig der Moral- philosophie betrachten, bemerke ich endlich, daß ohne eine gewisse Dosis Dialektik kein Redner in der parlamentarischen Debatte überzeugend wirkt. Im Frühjahr 1870 schien sich mein Halsleiden zu verschlimmern, obgleich ich im Sommer 1869 dagegen eine Kur in dem oberbayrischen Bade Oeynhausen Kreuth gebraucht hatte. Die Berliner Ärzte rieten zu einer neuen Kur in dem westfälischen Bad Oeynhausen, wo ich bei Dr. Cohn Wohnung nahm, einem tüchtigen und liebenswürdigen Arzt, an den mich der große Diagnostiker und Pathologe Ludwig Traube empfohlen hatte. Als ich mich vor meiner Abreise von Berlin, Ende Juni 1870, von meinem Vater verabschiedete, fand ich ihn in sehr melanchobscher Stimmung. Zu dem Verlust seiner einzigen, so zärtbch geliebten Tochter kam, daß sich bei seinem vierten Sohn, Christian, ohne erkennbaren Anlaß ein Augenleiden eingestellt hatte, das meinen Vater mit ernster Sorge erfüllte. Der damals kaum fünfzehnjährige Knabe mußte sich nicht nur schmerzlichen Einspritzungen unterziehen, sondern viele Monate in einem dunklen Zimmer verbringen, wodurch seine Studien empfindlich gestört wurden. Die neueste Ophthalmologie hat übrigens diese Methode vollständig aufgegeben. Der vortreffliche Hauslehrer meines Bruders Christian, der sich später als Konsul in Nisch bewährte, der dort allzufrüh verstorbene Dr. Emil Oberg, brachte es dank der geistigen Energie seines Zöglings und dessen gutem Gedächtnis fertig, ihn durch mündliche Vorträge bis zur Stufe der Sekunda zu bringen. Christian hat später die Ritterakademie in Brandenburg a. H. besucht, dort ein gutes Abiturienten-Examen abgelegt und ist ein tüchtiger Offizier bei den 2. Garde-Dragonern geworden, dem tapferen Regiment, bei dem schon 128 DEM FRIEDEN DROHT KEINE GEFAHR sein Bruder Adolf gestanden hatte. Aber im Sommer 1870 erschien sein Fall fast hoffnungslos. Um das Maß der auf meinem Vater lastenden Sorgen vollzumachen, hatte sich mein jüngster Bruder, Fritz, eine schlimme Verletzung des Rückgrats zugezogen. Der zarte Kleine ging einer langen Liegekur entgegen. Die politische Lage, insbesondere die auswärtige Lage betrachtete mein Vater mit Ruhe. Er erzählte mir, der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Herr von Thile, habe dem österreichisch-ungarischen Geschäftsträger, Baron Münch, unserm alten Frankfurter Bekannten, den ich sieben Jahre später in Athen wiedertreffen sollte, gesagt, daß in der politischen Welt „tiefe Ruhe" herrsche und daß sich infolgedessen die auswärtigen Vertreter fast alle aus Berlin entfernt hätten. Auch er, der Unterstaatssekretär, gedenke bald seine gewohnte Kur in Marienbad anzutreten. In der französischen Presse stand zu lesen, daß der französische Ministerpräsident Erklärungen Ollivier im Corps legislatif geäußert habe, zu keiner Zeit sei die Olliviers Aufrechterhaltung des Friedens gesicherter gewesen. Wohin man auch blicke, nirgends könne man eine Frage entdecken, die Gefahr in sich berge. Überall hätten die Kabinette begriffen, daß die Achtung vor den Verträgen sich jedermann aufdränge, vor allem die Achtung vor den beiden Verträgen, auf denen der europäische Friede ruhe: vor dem Pariser Vertrag von 1856, der für den Orient, und vor dem Prager Vertrag, der für Deutschland den Frieden sichere. Die Herren, mit denen ich in Oeynhausen an der Table d'hote zusammen speiste, die damals noch nicht durch Einzeltische ersetzt worden war und die mich in ihrer altväterischen Feierlichkeit, wenigstens in der Rück- erinnerung, ebenso sympathisch anmutet wie die Francaise und der Walzer im Ballsaal und die goldenen Tabatieren der älteren Herren, waren darüber einig, daß dem Frieden keine Gefahr drohe. König Wilhelm sei gewissenhaft und hochbejahrt. Kaiser Napoleon laboriere an Nierensteinen. „Lui", so wurde Napoleon III. unter Anspielung auf seinen Namen „Louis" scherzhaft genannt, wolle von nun an streng konstitutionell regieren, zu welchem Zweck er sich einen aufgeklärten und tugendhaften Ministerpräsidenten, den liberalen Parlamentarier Emile Ollivier, ausgesucht habe. Weder der eine noch der andere der beiden Souveräne würde es auf einen Krieg ankommen lassen. Darin stimmten der frühere preußische Gesandte in Dresden, Herr von der Schulenburg, der baumlange Major von den 4. Kürassieren, Herr von Rosenberg, der Ulanenrittmeister von Willich und ein liebenswürdiger Kölner Patrizier, Herr von Grote, übercin. „Unsere Generation sieht keinen Krieg mehr", diese Ansicht, der ich schon in Berlin begegnet war, herrschte auch in unserem kleinen Kreise in Bad Oeynhausen. So sprachen sich auch die wenigen Fremden aus, die sich dort aufhielten: Die „Emser Depesche" Wortlaut des aus Ems an Bismarck telegraphierten Textes. Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Heinrich Aheken (zu Seite 128) Ems, d. 13. Juli 1870 An d. Bundeskzl. Grf. Bismarck Exc. Berlin No. 27 No. 61 erd. 3h 10' Nachm. Station Ems. (Eilig!) Telegramm in Ziffern. Sofort S. M. der König schreibt mir: „Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisiren, sofort zu telegraphiren, daß ich für alle Zukunft mich verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Candidatur zurückkämen! Ich wieß ihn, zuletzt etivas ernst, zurück, da man ä tout jamais dergleichen Engagements nicht nehmen dürfe, noch könne. Natürlich sagte ich ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte, und da er über Paris und Madrid früher benachrichtigt sei, als ich, er ivohl einsähe, daß mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei." S. Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten bekommen. Da S. Majestät dem Grafen Benedetti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Allerhöchst derselbe, mit Rücksicht auf die obige Zumuthung, auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag, beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch einen Adjutanten sagen zu lassen: daß S. Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhallen, die Benedetti aus Paris schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. S. Majestät stellt Ew. Exc. anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren Gesandten als in der Presse mitgetheilt werden sollte? gez. A[beken] 13. 7. 70 Wortlaut der von Bismarck in Gegenwart von Roon und Moltke zur Weitergabe und Veröffentlichung redigierten Depesche. Konzept von der Hand des Geheimen Hofrats Roland Berlin, 13. Juli 1870 Telegramm en clair. Erste Expedition. Cito Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von der königl. spanischen amtlich mit- getheilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an S. Maj. den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris tele- graphire, daß S. Maj. der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. S. Maj. der König hat es darauf abgelehnt, den franz. Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß S. Maj. dem Botschafter nichts weiter mitzutheilen habe. NfamenJ S[einer] EfxzellenzJ zfur] Slfationj 13. 7. 11 Uhr 18 Abd. Paraphe [Otto v.J Bfülow] I J: ZJo/ %, //$ ÄA /t/s J gXfyr / /ij**~LM*4_ (Yt~i>*?{ 6j ^ rm r ' xt ' M /" cj^L_ ^<%< ; , $ /SAMi ' p f Q&^/Jpptyuj' ^ / * < Sy *j $ C^A $ spr. J ^3 f^-" j /ie^sM S ' . A / *^y , yi^^^fl t^/-^i^-^,// -j^J^iJLj (L^. tfh/ ., *yy / f~ s j . * ^~ t^tftifa'' 1/r>- X r x <^-r /*L>~J^J.v£\ ^' ! / ,f*y ■7iX-i-, ^-C^t^-i*-^/ ' t/^'^ Jf-uSf ■x^yL^jt.^^^ *t**df 4**jfi"~- SQ, y tf»*6/. s&r ""7 >' ' ' fl: A / jL^W^w? *«ft^fA~~ ftf^^y* f«A" i*d &f#-f: X r f-ftf/ ffi^f~4h* y/v~»J^~>r <^*> u-***\tr' (fa J^tUr-, '/ ^^^yCy^Cj/^^ ^ ur /z-^a^^L ^ j^^j *-^t.*^^y xs*IX*X ^^£^Lj\ %i %yy€/y&fl,ZL~J ^ *^OC /r /f^C^ £^~^~^>* ^ jf u lg #. *~fy<- -j yy^, ^ ^/^/ / JyUZ,/^' Jf ßy^- fZ^^-y ^^f^£^ / ^fx 7 ^ / C^f^&^U ^ßy/ /Ö^^J^' /z^..:^ far^'*#/*ffi /yL x: *~ & ä*^^. &-/b-<^j$& /2^^> / \p y »'f',? 1 * f?s /*/fJ*jfig£p-*~ ^•/'^ ^/ *^^~s*S — T- \ s*.**-*^* r fr> ^^/bf^-fl ^#?r* **<— ~y (S c*^*-*z-"-*~ " < — - 4^ Ii sSA/faa.s-ff-* „i-J^ A&ty. ' ^- /? i&Z 'f?* A/ —^^-^^ uxatt 4/% v / 2r^A* ^iA-**. vf&^faJ^tc^. Z j£r * r^^^^ U ^Vy^ X Äe^J^^> J ^^$4t*b&-*'s£*' S&m^p'^ ^r- — (jL , , /~~ ., ^ j '/ yr i - %~tr~"* i % r &u ^ ",^111 ji rm. ^^" *^<^ ». A^v ^/ ^1/ tS^^yyfyy^ /L*'. ^/Ä^j/ O^r ^ ^2^0^^ ^*c-^^/ A-» ^^i^y~<-^i~i-*^ i<_ ^ »-o_^y^»>-~^c) / ' / ^tm-*~^ ^^ryn^^^^, / JyS S *ly'- ^ '/^ '^tzcL/v ^y^&^/O ^Jl^~Jtf _~A- rr^^ " r , */> >i ^ v/ y ^ ~/vf''*7 ^~ J^y^^^ /<*JZjf ^2 /^t^^y^jJ^A. jLt*sr~> ^^jL/f/t^t*. ^^^jy&Z&6^y^ ^tJ^J ^LsS ^ ^C^O^J-^yJ^ y^^. £r^U/ s o^t^**^ 4sJ*tä t?** *v^^^ jjt^y? 0L*^J° s ,-^ct^s/^*» 4l» >n ,<*-i »«-i^y^^^^Lj^««. -^-j/^t^ 4/*^ ^ M. *y^y£Uj Jj« <~ Q^^A^ Cc+^tZf *___ f ^^v^^tA-"-^ ~vi/a6 SU f » f |f, ^v^' - /tf - ^Ä^; /Zr^x eral at head-quarters, Lord William Paulet, and also liens d'amitie* qui les unisaent et de consolider lea ripports de bon voisinage heureusement existant entre les deux pays, convaineus d'autre part que pour atteindre ce r&ultat, propre d'ailleurs a as- surer le maintien de la paix g^ndrale, il leur im- porte de 8'entendre sur des queations qui inte'rei- sent leurs relations futures, ont r^solu de con- clure un traite* ä cet eilet, et nomine' en conse'- quence pour leurs plenipotentiaires, savoir: — " 8. M., ic "8. M.,icc. " Lesqueis, apres avoir e'change' leurs pleins pou- voirs trouves en bonne et due forme, sont convenus des articles suivants :— " ' Art. I.—Sa Majeste l'Empereur des Franceis admet et reconnait les acquisitionsque la Prusse a faites Ii la suite de la derniere guerre qu'elle a soutenue contre 1'Au triebe etcontreses allie's. " 'Art. II.—Sa Majeste" le Roi de Prusse promet de faciliter ä la France l'acquisition du Luxem- bourg ; a cet effet la dite Majestä entrera en ne- gociations avec Sa Majeste" le Roi des Pays Bas pour le determiner ä faire, ä l'Empereur des Fran- cais,la cession de ses droits souverains sur ceDuche", moyennant teile compensation qui sera juge'e suffi sante ou autrement. De son cäti l'Empereur des Franoais s'engage ä assumer les charges pecu niaires que cette transaction pent oomporter. " 'ArtllL—Sa Majeste" l'Empereur des Francais ne s'opposere. pas Ii une union fedeYale de la Confe- ddration du Nord avec les Etats du Midi de l'AUe- magne, ä l'exception de l'Autriche, laquelle Union pourra Stre base*e sur un Parlement commun, tont en respectant, dans une juste mesure, la souve- rainete des dits Etats. " ' Art. IV.—De son oote", Sa Majeste" le Roi de Prusse, au cas ou Sa Majeate" l'Empereur des Fran^ oais serait umend par les cirepnstances ä faire entrer ses troupes en Belgique ou a la conquerir, aecor dera le secours de ses armes a la Franoe, et il la soutiendra avec toutc-s ses forces de terre et de mer, envers et contre toute Puissance qui, dans cette e'ventualite', lui de"darerait la guerre. " ' Art V.—Pour sisurer l'entiere exe"oution des dispaaitions qui prtfce'dent, Sa Majeste le Roi de Prusse, et Sa Majeste" l'Empereur des Francais contraotent, par le prtfaent taute", une alliance offensive et de*fenaive qu'ils s'en- gagent solennellement a maintenir. Leurs Majestät a'obligent, en outre et notamment, il l'ob- server dans tous les cas on leurs Etats reapectifs, dont elles se garantissent mutuellement l'inte'grite', seraient menace5s d'uue agression, se tenant pour lie"es, en pareille conjonoture, de prendre aans retard, et de ne deoliner sous aueun pre"texte, lea ar- rangements militaires qui seraient commande"s par leur interet commun conforme"ment aux clauses et pr6visions ci-dessus enonce"es.'" FRAj (TBOM A FREKOHl AID TO THE SICK AND WOUNDED. TO THE EDITOR OF THE THHES. Sir,—I am glad to be able to inform you that his Royal Highneas the Prince of Wales has con- sented to be President of the National Committee, the objects of which I endeavoured to explain in the letter you were good enough to publish in The Times of the 22d inst. I take it for granted that sorne, possibly many, persona will wish to show their sympathy towards the siok and wounded, of The Emperor's Proolame which appeared this mr. OJjiciel, does not and cou light. It is just tho kindo be expested from hitn undi and yet it is diltieult t. emotion, and it will go far among us who, up to t realized the importauce which France is enteri Prusaia had vented itself become auoh a conatant tu all claases to apeak ot aome with our upatart riral as a provocation of our Govorni after all, and the impulse 1 ble among the majority, t been oäiciaüy declarcd the fact scaroely came home were the destiniea of lightly. Wheu M. de ( representetivea of the ] inemorable aitting of the going to war, one might hi tone and attitude that he for a grant of a few thousi aome artistic work, or mal With one hand in his pock of emotion disturbing his docile servant of the I rupture of the peace of Etir apprehenaion of its impe less deed applaudcd by the Press. It afforded i national feeling, and lit of at nrst. Most French ing Prusaia in imaginatii years, and giving her the 1 deserved ; the imagination, Btrong, and the reality for tangible, that the tranaition I waa acarcely feit. Moreover, pear to Engliah readera, thot for military aupremaey was : deaired, war with united Ge tiona—waa never contemplal of Frencbmen. There waa an all but unive even the Government appeai we should find allies in So those provinces which Prussi Atrace of this belief will be f of the Emperor's proclamat: deaire of Franca to reapect peudence of the German pec knotv now that theae are em reapect, as in another of » sently, his proolamation ia ment of national feelings anc It is almost incredible, ai ject like the State of public I whioh it waa ao esaential to I auoh universal ignor&nce a here. Now and then, indeec afBnitiea, scientific or religio for example— has warne d th German quarreis for furniahi the hour of need. But the niahed has been quite pow pleaaing delusion that an in hailed as liberatora. In vair DIE ENTHÜLLUNG DER „TIMES" 173 Hertling lachte und schüttelte den Kopf. „Das gäbe ja Mord und Totschlag", meinte er. Alle Liberalen würden die katholische Universität Ingolstadt als den Anfang einer bayrischen Sonnenfinsternis, als den Triumph des Obskurantismus hinstellen. „Und eine freie Universität in München? Ich möchte die Interpellationen hören, welche die Herren Orterer, Schädler, Speck und Heim, und wie meine bayrischen Zentrumsfreunde sonst noch heißen, in der Prannerstraße in München an eine Regierung richten würden, die sich so etwas herausnähme! Ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen!" Prinz Franz Arenberg zuckte die Achseln: „Ihr wißt eben alle nicht, was wirkliche Freiheit, was Toleranz ist. Vieles ist in Belgien lange nicht so gut wie bei uns in Deutschland. Aber man läßt in Belgien jeden nach seiner Fasson selig werden, besser als in dem Lande, dessen König dieses Wort geprägt hat. Und darum ist das kleine Belgien auch heute noch, was schon Talleyrand von ihm gerühmt hat: l'enfant cheri de l'Europe!" Das war und blieb Belgien. Die Großmächte hatten ihm ewige Neutralität zugesichert. Am 20. Januar 1831 hatte die Londoner Konferenz Napoleon 111. der Großmächte bestimmt, daß Belgien ein für sich bestehender, unabhängiger un< * die Staat sein solle. Am 21. Mai 1833 war zwischen England, Frankreich und ^^"^y. Holland ein Vertrag zustande gekommen, dem sich die anderen Staaten anschlössen und durch den Belgien auf alle Zeiten für neutral erklärt wurde. Seitdem hatte Belgien in allen Streitigkeiten anderer Länder, in allen politischen Stürmen, von denen Europa heimgesucht worden war, gewissenhafte, strengste Neutralität beobachtet. Die Unabhängigkeit und Neutralität von Belgien war eine der wenigen fundamentalen Prinzipien, über welche die ganze Welt einig war. Alle Völkerrechtslehrer hatten sie proklamiert und kommentiert. Alle Diplomaten wußten seit ihrem Examen darüber Bescheid. Die Unverletzbarkeit der belgischen Neutralität war zur Communis opinio aller politisch Gebildeten geworden. Es erregte deshalb ungeheures Aufsehen und wirkte gleich einem plötzlichen Blitzstrahl, als die „Times" am 25. Juli 1870, wenige Tage nach der französischen Kriegserklärung an Preußen, den Inhalt eines Offensiv- und Defensiv-Bündnisses veröffentlichte, das Frankreich während der Luxemburger Angelegenheit Preußen angetragen hatte und seitdem abermals heimlich antragen ließ. Frankreich erklärte sich in diesem Traktat mit dem Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund einverstanden, wogegen Preußen ihm die Erwerbung Luxemburgs gestatten und eventuell ihm zur Eroberung Belgiens gegen jedwede Macht beistehen müsse. Wie die „Times" hinzufügte, hatte Preußen beide Male ein solches Anerbieten einfach abgelehnt. Gleichzeitig publizierte die „Times" einen Vertragsentwurf, den der französische Botschafter in Berlin, Graf Benedetti, im Auftrag des 174 DER DILATORISCH BEHANDELTE VERSUCHER Kaisers Napoleon und der französischen Regierung befürwortend dem Grafen Bismarck unterbreitet hatte. Dessen Artikel 3 und 4 lauteten: „Artikel 3. Seine Majestät der Kaiser der Franzosen wird sich einer föderativen Vereinigung des Nordbundes mit den Staaten Süddeutschlands, Österreich ausgenommen, nicht widersetzen, welche Vereinigung auf ein gemeinsames Parlament basiert werden kann, wobei aber in völligem Maße die Souveränität besagter Staaten geachtet bleibt. Artikel 4. Seinerseits wird Seine Majestät der König von Preußen in dem Falle, daß Seine Majestät der Kaiser der Franzosen durch die Umstände bewogen werden sollte, seine Truppen in Belgien einrücken zu lassen oder es zu erobern, Frankreich die Beihilfe seiner Waffen gewähren und ihm mit allen seinen Land- und See-Streitkräften gegen und wider jede Macht beistehen, die ihm in diesem Falle den Krieg erklären sollte." In einem telegraphierten Erlaß an den Botschafter in London und in Bismarcks einem Rundschreiben an die diplomatischen Vertreter des Norddeutschen Rund- Bundes vom 28. bzw. 29. Juli 1870 stellte Bismarck weiter fest, daß schreiben p , ran j £re j c i 1 se jt v j er Jahren durch Anerbietungen auf Kosten Belgiens Preußen in Versuchung geführt habe. Im Interesse des Friedens habe er das Geheimnis über diese Zumutungen bewahrt und sie dilatorisch behandelt. „Seit Sadowa", hieß es weiter in dem Rundschreiben vom 29. Juli in einer für die politische Gesamtauffassung des Grafen Bismarck wie für seine diplomatische Methode sehr charakteristischen, für jeden Diplomaten und jeden Staatsmann belehrenden Ausführung, „hat Frankreich nicht aufgehört, uns auf Kosten Deutschlands und Belgiens in Versuchung zu führen. Die Unmöglichkeit, auf solche Anerbietungen einzugehen, war für mich niemals zweifelhaft; wohl aber hielt ich es im Interesse des Friedens für nützlich, den französischen Staatsmännern die ihnen eigentümlichen Illusionen so lange zu belassen, als das, ohne ihnen auch nur mündliche Zusagen zu machen, möglich sein würde. Ich vermutete, daß die Vernichtung jeder französischen Hoffnung den Frieden, den zu erhalten Deutschlands und Europas Interesse war, gefährden würde. Ich war nicht der Meinung derjenigen Politiker, welche dazu rieten, dem Kriege mit Frankreich deshalb nicht nach Kräften vorzubeugen, weil er doch unvermeidlich sei. So sicher durchschaut niemand die Absichten göttlicher Vorsehung bezüglich der Zukunft. Und ich betrachtete auch einen siegreichen Krieg an sich immer als ein Übel, welches die Staatskunst den Völkern zu ersparen, bemüht sein muß. Ich durfte nicht ohne die Möglichkeit rechnen, daß in Frankreichs Politik und Verfassung Veränderungen eintreten könnten, welche beide große Nachbarvölker über die Notwendigkeit eines Krieges hinweggeführt hätten, eine Hoffnung, welcher jeder Aufschub des Bruches zugute kam. Aus diesem Grunde schwieg ich über die gemachten GEHEIMVERHANDLUNGEN 175 Zumutungen und behandelte dieselben dilatorisch, ohne meinerseits jemals auch nur ein Versprechen zu machen." Mit gutem Grunde hatte Bismarck seine Enthüllungen über die französischen Pläne gegen Belgien in eine große englische Zeitung gebracht. Die Aufrechterhaltung der belgischen Selbständigkeit war für die englischen Staatsmänner ein altes Axiom. Selbst ausgesprochene Pazifisten wie John Bright, Cobden und Gladstone hatten wiederholt erklärt, daß der Fortbestand eines neutralen, unabhängigen und selbständigen Belgien eine Lebensfrage für England sei, daß hierfür England nötigenfalls fechten müsse und tatsächlich gegen Napoleon I. zwölf Jahre lang gefochten habe. „C'est pour Anvers que je suis ici", hatte Napoleon auf Sankt Helena melancholisch geäußert und gemeint, es sei an und für sich verständlich, daß England eine Besitzergreifung Belgiens durch eine andere Macht nicht zulassen wolle. „Anvers dans les mains d'une autre puissance serait un pistolet braque sur l'Angleterre." Diese melancholische Reflexion des gestürzten Weltenstürmers hätten in Deutschland während des Weltkrieges diejenigen beherzigen sollen, die für die Annexion der flandrischen Küste agitierten, die ohne einen unübersehbar langwierigen und schwierigen Kampf gegen England gar nicht denkbar war. Das Bismarcksche Rundschreiben vom 29. Juli 1870 enthält auch eine prägnante und durchschlagende Abfertigung der Toren, die nach dem Weltkrieg behaupteten, daß wir in dem halben Jahrhundert zwischen dem Frankfurter Frieden und der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand diesen oder jenen Anlaß hätten benützen sollen, um den doch unvermeidlichen Konflikt mit Rußland, Frankreich und England baldmöglichst aus- zufechten. Der Eindruck der von Bismarck in die „Times" gebrachten Enthüllungen auf die Engländer war sehr stark und für uns um so nützlicher, als, von den Sympathien namentlich der Upper ten thousand für Paris und la belle France ganz abgesehen, zwischen den beiden Kabinetten, wie ich ausführte, seit einem halben Jahrhundert bisweilen intime, im großen und ganzen trotz gelegentlicher Reibungen freundschaftliche Beziehungen bestanden hatten. Wie war es Bismarck gelungen, den Benedettischen Vertragsentwurf in die Hand zu bekommen und namentlich ihn in der Hand zu behalten? Benedetti Graf Vincent Benedetti, seit 1864 französischer Botschafter in Berlin, hatte ist sich vor seiner Entsendung nach der preußischen Hauptstadt als Sekretär unvorsichtig des Pariser Kongresses und als Gesandter in Turin das besondere Wohlwollen des Kaisers Napoleon erworben. Er war seit seiner Turiner Zeit auch bei dem Prinzen Napoleon gut angeschrieben und gehörte zu den Intimen der Prinzessin Mathilde Bonaparte. Er war ein ehrgeiziger und geriebener Korse, der aber bisweilen die oft zitierte goldene Regel vergaß, die der Fürst 176 EIN SCHRIFTSTÜCK WIRD PHOTOGRAPHIERT der Diplomaten, Talleyrand, seinen Sekretären einzuschärfen liebte: „Surtout pas trop de zele." Benedetti wußte, wieviel seit Sadowa seinem Souverän an „Kompensationen" für Frankreich lag. Er glaubte, daß solche Entschädigungen von Preußen leichter in Belgien als auf dem deutschen linken Rheinufer zu erreichen sein würden, und sah deshalb in Belgien das geeignetste Objekt für eine Transaktion mit Preußen. Er hatte in Turin gesehen, daß Piemont die Unterstützung Frankreichs bei der Einigung Italiens mit Savoyen und Nizza bezahlt hatte. Warum sollte nicht auch Preußen für die französische Zustimmung zur Einigung Deutschlands einen Tribut entrichten, noch dazu mit nicht-deutschem Land ? Als Benedetti in jeder Unterredung mit Bismarck auf Belgien als ein besonders geeignetes Kompensationsobjekt zurückkam, ließ der preußische Minister im natürlichen Ton angeregter Konversation die Bemerkung fallen, es würde ihm das eigene Durchdenken der ganzen Kompensationsfrage und die Erörterung derselben mit seinem alten Herrn wesentlich erleichtern, wenn Benedetti die richtige Formulierung für die ihm vorschwebende Transaktion selbst vorschlüge, zumal niemand eine solche besser finden könnte als der ausgezeichnete Diplomat, der schon als Sekretär des Pariser Kongresses seine Gewandtheit im Redigieren betätigt hätte. Benedetti, beinahe so geschmeichelt wie der Rabe, dem bei Lafontaine der Fuchs Komplimente macht, übersandte unverzüglich dem preußischen Minister den gewünschten Vertragsentwurf. Einige Stunden später schrieb er an Bismarck, die Herren seiner Botschaft hätten ihn darauf aufmerksam gemacht, daß er ein so vertrauliches Dokument nicht in fremden Händen lassen dürfe, und deshalb erbitte er seine Aufzeichnungen zurück. Bismarck Heß Benedetti seinen Entwurf sofort wieder zugehen; aber er hatte das Schriftstück inzwischen photographieren lassen. Und als er am 25. Juli 1870 das französische Anerbieten in die „Times" brachte, konnte er gleichzeitig das Faksimile des von Benedetti geschriebenen Vertragsentwurfes über Belgien erscheinen lassen. Bismarck brachte in seinem Rundschreiben vom 29. Juli auch frühere Bündnisvorschläge des Kaisers Napoleon zur allgemeinen Kenntnis, in denen dieser im Mai 1866 Preußen ein Offensiv- und Defensiv-Bündnis auf der Basis vorgeschlagen hatte, daß Preußen „une reforme federale dans le sens prussien" und Annexionen in Deutschland, „sept ä huit millions d'ämes au choix" erhalten sollte, Frankreich aber „le territoire entre la Moselle et le Rhin, sans Coblence ni Mayence comprenant cinq cent müle ämes de Prusse, la Baviere rive gauche du Rhin, Birkenfeld, Homburg, Darmstadt, deux cent treize mille ämes". Nach der französischen, übrigens mit der Wirklichkeit nicht ganz übereinstimmenden Berechnung fast zwei Millionen Seelen. Französischer Entwurf eines Schutz- und Trutz- Bündnisses zwischen Frankreich und Preußen Konzept von der Hand des französischen Botschafters in Berlin Graf Benedetti Die nachstehende Übersetzung ist dem Königl. Preuß. Staats-Anzeiger vom 27. Juli 1870 entnommen (zu Seite 176) ohne Datum (ca. 23. August 1866) S. M. der König von Preußen und S. M. der Kaiser der Franzosen halten es für nützlich, die Freundschaftsbande, welche sie verbinden, enger zu knüpfen und die glücklicherweise zwischen den beiden Ländern bestehenden Beziehungen guter Nachbarschaft zu befestigen, andererseits überzeugt, daß um dieses, überdies die Aufrechterhaltung des Weltfriedens zu sichern geeignete Resultat zu erreichen, es ihnen obliegt, sich über Fragen zu verständigen, welche ihre zukünftigen Beziehungen angehen, haben sich entschlossen zu diesem Zweck einen Vertrag abzuschließen und infolgedessen zu ihren Bevollmächtigten ernannt und zwar S. M. usw. S. M. usw. welche, nachdem sie ihre in guter und gebührender Form befundenen Vollmachten ausgetauscht, über folgende Artikel übereingekommen sind: Art. I. S. M. der Kaiser der Franzosen läßt zu und erkennt an die Erwerbungen, welche Preußen infolge des letzten Krieges, den es gegen Österreich und seine Verbündeten geführt, gemacht hat, ebenso wie die für Aufrichtung eines Bundes in Norddeutschland getroffenen oder noch zu treffenden Einrichtungen, indem er sich zur gleichen Zeit verpflichtet, der Erhaltung dieses Werkes seine Unterstützung zu leihen. Art. II. S. M. der König von Preußen verspricht Frankreich die Erwerbung von Luxemburg zu erleichtern: zu diesem Zweck wird die genannte Majestät in Verhandlungen mit Sr. M. dem König der Niederlande eintreten, um denselben zu bestimmen, dem Kaiser der Franzosen sein Souveränitätsrecht über dieses Herzogtum abzutreten gegen eine Entschädigung, die für hinreichend erachtet werden wird oder auf andere Weise. Um diese Transaktion zu erleichten, verpflichtet sich der Kaiser der Franzosen seinerseits beiläufig, die pekuniären Lasten auf sich zu nehmen, die sie mit sich bringen könnte. Art. III. S. M. der Kaiser der Franzosen wird sich einer föderalen Vereinigung des Nordbundes mit den Staaten Süddeutschland, Österreich ausgenommen, nicht widersetzen, welche Vereinigung auf ein gemeinsames Parlament basiert sein kann, wobei aber in billigem Maße die Souveränität besagter Staaten geachtet bleibt. Art. IV. Seinerseits wird S.M. der König von Preußen in dem Falle, daß S. M. der Kaiser der Franzosen durch die Umstände bewogen werden sollte, seine Truppen in Belgien einrücken zu lassen oder es zu erobern, Frankreich die Beihilfe seiner Waffen gewähren und ihm mit allen seinen Land- und Seestreitkräften gegen und wider jede Macht beistehen, welche in diesem Falle ihm den Krieg erklären sollte. Art. V. Um die vollständige Ausführung der bevorstehenden Bestimmungen zu sichern, schließen S. M. der König von Preußen und S. M. der Kaiser der Franzosen durch gegenwärtigen Vertrag eine Offensiv- und Defensiv- Allianz, welche sie sich feierlich aufrechtzuerhalten verpflichten. Ihre Majestäten machen sich überdies und ausdrücklich anheischig, dieselbe in allen Fällen zu beobachten, wo ihre respektiven Staaten, deren Integrität sie sich gegenseitig verbürgen, von einem Angriff bedroht werden sollten, indem sie sich für gebunden halten, in einem derartigen Falle ohne Zögern und ohne sich unter irgendwelchen Vorwänden zu weigern, die militärischen Vorkehrungen zu treffen, welche durch ihr gemeinschaftliches Interesse im Einklang mit den oben angegebenen Klauseln und Voraussetzungen geboten sind. Anmerkung des Verlags: Dieser Entwurf existiert in 2 Exemplaren, beide von der Hand Benedettis, auf dem Papier der Französischen Botschaft geschrieben. Ein Exemplar (das hier faksimilierte) erhielt Bismarck von Benedetti am 29. August 1866. Bismarck versprach es dem König vorzulegen. Das Original des Entwurfs befindet sich im politischen Archiv des Ausicärtigen Amts in Berlin. Die zweite Niederschrift sandte Benedetti am 23. August an Rouher zur Begutachtung durch Kaiser Napoleon, der auch einige Randbemerkungen hinzufügte. Während des Krieges 1870/71 wurde dieses Dokument zusammen mit anderen Papieren in Rouhers Schloß Cercay erbeutet und nach Berlin gebracht, inzwischen aber nach Artikel 245 des Versailler Friedens Vertrages Frankreich zurückgegeben. Vermutlich war es das Schicksal dieses zweiten Vertragsentwurfes, das Bülow veranlaßt (S. 176) zu berichten, daß Bismarck den Vertragsentwurf an Benedetti auf dessen Vorstellung hin zurückgegeben habe. y : ^^^^^^^ / Cj^^^&'&Jlsl^ Z^^^4 r h?-^tr^ /terz^'z^a-g^ — ^l£^Sl^z^<-^ a^-^^e-^^- <£*^££ ^ ' ^^^Z^^-a^ 4£ ^_ *&-~e-~? d^Si ^J^-<^ ^yt- ^^^^^g^^^y t^J^^ * JCH? *£c&--JU^ j> . -f^S^, ^ /^^^ ^ J*»^&^ Zä^y^ ^ k £^ ^Jh~2^^^ ^z^^^ //^^ c^. ^^fe *£^<<& x i^L^ ^ f^y^e^^^ ^ ^ ^^^^^ ^Z^y? ^/ ^kt^-^Z ^^^^ ^ß^:^ ^^^<^£^ /faz^s— J^Z^s ^ ^^^^2^^^>^^^tr ^^tu^y^^^ J£ /^^2^c /t^^z^ ^^^^'^e ^^^^Z^ J^A^^£^ 4£S&4ä,^S~JkL d^c^'^^ ^^>/ ^ y^^^ 0Z"'<6*Um*^ ^^y^^P^^^^^^ ^^^^^.^^^^< ZZ^L^^S / ^^Jfe*^*^? g&^f-Z* tL^Z^ ^ ^^Zt^y? ^fc^ k-^V Z^^^ ^k?:^p ^^-^^^y^ t^i^s I ^ / y ^ ^y^ .^- ^^^^"^^^c^^i^^e^i: / /^^^ ^^e^^ ^\ ^2^/ ^Ä*-^ t*L £^z^7 /^tZ^^^g^tesiz**^ ^ y^^s^- ~^h^^ g^,, •£Z^U^ ^^^^^^^^.^ / ^^.^^^^< ^^^^ ^ä&4^*>? DER BÄRTIGE 177 Wenn die Veröffentlichung des Benedettischen Vertragsentwurfes auf Belgien selbst, auf England und die Welt berechnet war, so konnten aus den französischen Vorscldägen vom Mai 1866 süddeutsche Minister ä la Dalwigk und süddeutsche Volksvertreter ä la Jörg ersehen, daß sie nicht allein vaterlandsverräterisch, sondern auch sehr töricht gesprochen und gehandelt hatten. Nichts wäre übrigens abwegiger, als Bismarck einen Vorwurf daraus zu machen, daß er Benedetti und dessen Meister Napoleon III. überlistete, statt sich von ihnen überlisten zu lassen. Der Landmann hat das Becht, dem Fuchs, der ihm seine Hühner und seine Gänse erwürgen will, eine Falle zu stellen. Als er in Bismarcks Falle zappelte, verlegte sich der Fuchs Benedetti auf das Lügen. Aber er log ungeschickt. In einem an Gramont gerichteten weinerlichen Bechtferligungsschreiben erklärte Benedetti: Bei seinen Unterredungen mit dem preußischen Minister des Äußern sei er, um sich ein genaues Bild von den Bismarckschen Kombinationen zu geben, aus Höflichkeit darauf eingegangen, sie sozusagen unter Bismarckschem Diktat aufzuzeichnen. Damals lachte Europa über Benedetti und Gramont, heute aber lacht der Deutsche nicht, wenn er sich den Unterschied zwischen 1870 und 1914 klarmacht. Im Hochsommer 1870 waren souveräne diplomatische Meisterschaft, Vorsicht, Umsicht, Voraussicht, Entschlossenheit und Geduld, Energie und Gewandtheit auf unserer Seite, während die französischen Diplomaten versagten. Vierundvierzig Jahre später manövrierten unsere Staatslenker und Diplomaten, Bethmann Hollweg und Jagow, Schön und Flotow, Lichnowsky und Wilhelm Stumm, so eminent ungeschickt, daß unsere Gegner Iswolski und Sasonow, Sir Edward Grey und Sir Edward Goschen, Poincare, Paleologue, Viviani, von denen keiner auch nur entfernt an die Bismarcksche Überlegenheit heranreichte, doch, indem sie aus unseren Fehlern Nutzen zogen, uns in aller Augen ins Unrecht setzten und damit, schon bevor der erste Kanonenschuß gefallen war, vor der öffentlichen Meinung den Krieg gewannen. Mitte Oktober folgte ich einer Einladung meiner Eltern, den Geburtstag meiner Heben Mutter, den 18. Oktober, im Berliner Familienkreise zu Eine verleben. Mein Vater war mit meinem Aussehen zufrieden, und Begegnung Professor Traube meinte, mein Hals, der Locus minoris resistentiae bei mir, in • Btr '' n habe die Rekrutenzeit besser überstanden, als er angenommen habe. Unter den Linden begegnete ich Herbert Bismarck, der infolge eines Beinschusses, den er bei Mars-la-Tour erhalten hatte, noch lahmte. Er ging am Arm eines bärtigen Mannes, dessen scharfe, fast stechende Augen mir auffielen und der zwölf bis vierzehn Jahre älter sein mochte als Herbert und ich. Herbert machte uns bekannt: „Hier Bernhard Bülow, ein Sohn des mecklenburgischen Gesandten, eines Mannes, von dem mein Vater viel hält! Hier 12 Bülow IV 178 „OTTOCHEN" Baron Fritz von Holstein, unser treuster Freund!" Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich Holstein begegnete. Ich habe ihn noch oft wiedergesehen. Ich habe ihn als intimen Freund und Berater von Herbert Bismarck gekannt und als Todfeind des Hauses Bismarck. Ich habe fast vierzig Jahre später an seinem Sterbebette gestanden. Am Tage meiner ersten Begegnung mit Holstein war ich bei der Fürstin Im Hause oder vielmehr damals noch der Gräfin Johanna Bismarck zum Essen Bismarck eingeladen. Sie und ihre Tochter Marie begrüßten mich in gütiger, herzlicher Weise. Die Frau Bundeskanzler war geradeso natürlich, unbefangen und behaglich wie in der Frankfurter Zeit, ohne eine Spur von Pose. Sie redete mir und ihrem Sohne Herbert beständig zu, dem sehr reichlichen Mahle und dem guten Bordeaux fleißiger zuzusprechen. Essen und Trinken halte Leib und Seele zusammen, heiße es in ihrer pommerschen Heimat, und daß der Bordeaux das natürliche Getränk der Norddeutschen sei, habe „Ottochen" erklärt, der immer recht habe. Er habe auch jetzt recht, wenn er auf härtere Kriegführung dringe. Sie sprach, wie die Frauen der Goten und Franken gesprochen haben mögen, wenn das Kriegshorn geblasen war. Kein Stein dürfe in Frankreich auf dem andern bleiben. „Ottochen" habe nur einen Fehler, er sei viel zu gut. Es sei auch ein Skandal, daß „Auguste", d. h. Ihre Majestät die Königin, für welche die Gräfin Johanna ebensowenig eingenommen war wie ihr großer Gatte, dem Kaiser Napoleon neun Köche nach Wilhelmshöhe geschickt habe, um ihm seine Gefangenschaft zu versüßen. Bei Wasser und Brot hätte man „den alten Ekel" einsperren sollen, der die Schuld daran trage, daß Herbert noch lahm gehe, daß Billchen sein bestes Pferd unter dem Leib erschossen worden sei und daß so viele deutsche Mütter und Witwen in Schwarz gingen. Dazu sang Herbert, von dem vorzüglichen Medoc animiert, mit lauter Stimme sein Lieblingslied, das Scheflelsche Lied von dem Schwabenherzog Krock, der auszog aus Böblingen, um im Gallierland alles zu verrujinieren. Marie von Bismarck war ein Wesen von großer Herzensreinheit und Herzensgüte. Als Kinder spielten wir zusammen in dem Frankfurter Garten meiner Eltern, wo die Mirabellenbäume standen und von wo aus man auf die städtischen Anlagen blickte. Ohne schön zu sein, hatte Marie Bismarck klare und kluge Augen, reiches dunkles Haar. Sie war damals schlank und hübsch gewachsen. In ihrem Wesen war sie ebenso natürlich wie die Mutter, aber im Gegensatz zu dieser suchte sie den gewaltigen Vater eher zu besänftigen, als seine ohnehin nicht geringe Neigung zu Haß und Zorn noch zu verstärken. Marie Bismarck hat wissentlich niemandem geschadet und manchem im Rahmen ihres bescheidenen Einflusses gütig geholfen. Mir war sie stets eine treue Freundin. Hierzu ein kleiner Zug. Ich entsinne mich eines Abends, an dem ich nach einem Rendezvous mit einer HARRY ARNIMS PARFÜM 179 schönen, eleganten, nur leider an dem Tage etwas zu stark mit White Rose parfümierten Freundin im Bismarckschen Salon erschien. Der Kanzler war noch nicht gekommen. Mutter Johanna klimperte am Klavier. Ich setzte mich zur Tochter. Nach einigen Minuten sagte sie zu mir: „Sie sind ja parfümiert! Um Gottes willen, drücken Sie sich so rasch wie möglich, sonst hahen Sie bei Vater verspielt. Harry Arnim wurde ihm unsympathisch, als er mehrfach zu stark parfümiert bei uns eintrat. Als Vater später hinter Harrys Umtriebe kam, sagte er: ,Das wundert mich gar nicht! Der Kerl stank ja immer nach Parfüm!'" Ich beherzigte den guten Wink und verschwand a la Francaise, d. h. ohne Abschied zu nehmen. Auch große Männer haben ihre kleinen Marotten: Wallenstein konnte den Hahn nicht krähen hören, Goethe vertrug den Tabak nicht, Schiller wollte faule Äpfel riechen, um sich anzuregen, Napoleon liebte es, sich mehrmals täglich mit Eau de Cologne abzuwaschen, Bismarck konnte Parfüm nicht vertragen. Ich selbst habe mich übrigens nie parfümiert, ohne es aber bei Frauen unangenehm zu empfinden. Als ich am 30. Oktober, nach Bonn zurückgekehrt, mich in der Sterntorkaserne bei dem Wachtmeister Wunderlich zum Dienst zurückmeldete, sagte er mir: „Gut, daß Sie da sind! Morgen abend gehen zwei Offiziere, zwei Unteroffiziere, dreißig Husaren, darunter sechzehn Freiwillige, nach Metz, wo das Regiment biwakiert. Sie müssen mit, Einjähriger von Bülow! Darüber sind wir alle einig." Meine Freude ob dieser guten Nachricht war unbeschreiblich. Ich hätte den guten alten Wachtmeister um die Taille fassen und mit ihm eine Polka-Mazurka oder einen Rheinländer tanzen mögen, so vergnügt war ich. In meinem ganzen langen Leben habe ich nur noch einmal ein ähnliches Glücksgefühl empfunden: als ich fünfzehn Jahre später auf dem Eise der Newa die Nachricht erhielt, der Heilige Stuhl habe die Ehe der Gemahlin des preußischen Gesandten in Dresden, der Gräfin Marie Dönhoff, annulliert und damit meine Heirat mit der Frau ermöglicht, die ich über alle und über alles geliebt habe und die das Glück meines Lebens geworden ist. XIII. KAPITEL Ins Feld • Biwak bei Metz • Erste Briefe nach Hause • Melderitte und Patrouillen Major Lentze • Beförderung zum Gefreiten (15. XI. 1870) • Vormarsch nach Compiegne 1870 und 1918 Es ging an das Einpacken der wenigen Gegenstände, die ich als Gemeiner mit ins Feld nehmen konnte: zwei wollene Hemden, zwei Paar von Bonn wollene Strümpfe, zwei wollene Unterhosen, ein Paar Hausschuhe, eine kleine Feldflasche mit Kognak, etwas Tee und Liebig, einen Feldstecher und ein Schreibzeug. Auch ein neues Testament nahm ich mit, das mir meine liebe Mutter bei meinem letzten Besuch mit der Ermahnung geschenkt hatte, recht fleißig in Gottes Wort zu lesen. Auf das erste weiße Blatt schrieb ich das Wort des heiligen Augustinus: „Incpiietum cor nostrum donec requiescat in te." Bevor ich von der Ersatz-Schwadron Abschied nehme, will ich der Dankbarkeit Ausdruck geben, die ich ihr schulde, dem Stalldienst in der Sterntorkaserne wie dem Exerzieren auf dem „Sand". Wenn ich im Felde meinen Mann gestanden habe und nach der Bückkehr in die Garnison ein brauchbarer Husaren-Offizier wurde, so verdanke ich das in erster Linie meiner Ausbildung bei der Ersatz-Schwadron. Major von Schreckenstein hat sich von seinem schweren Beinbruch erst nach Jahr und Tag erholt. Er hat die Ersatz-Schwadron nicht mehr geführt. Wieder dienstfähig, wurde er zum Kommandeur der 7. Ulanen ernannt und ist 1875 als solcher in Saarbrücken plötzlich gestorben. Ein früher Abschluß nach einem Leben, dessen verpfuschtes Ende in seltsamem Gegensatz zu seinem brillanten Anfang stand. Der rote Schreckenstein gehört zu den vielen, die, um schöne Stunden vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden. Als er in seiner eleganten Bonner Junggesellenwohnung, auf einer Chaiselongue unter der ,,Danae" des Correggio ruhend, mich wenig freundlich empfing, dürfte er kaum gedacht haben, daß der junge Student, der, angegriffen durch die Oeynhauser Badekur, blaß und bescheiden vor ihm stand, es im Laufe der Jahre nicht nur zum preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Beichskanzler, sondern sogar zum General bringen würde. Ich erwähne das nur, damit dieser oder jener Jüngling, der mich einmal DIE OFFIZIERE 181 liest, sich nicht durch Enttäuschungen, Schwierigkeiten und Hindernisse, durch den ihm in tausend Formen entgegentretenden Widerstand der stumpfen Welt entmutigen läßt. „Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel", heißt es in dem schönen und wahren Liede des frommen Georg Neumarck („Wer nur den heben Gott läßt walten"). Die Vertretung des Majors von Schreckenstein übernahm im August 1870 der Premierleutnant von Stoltzenberg, der mir ein wohlwollender Eskadrons- Vorgesetzter war. Wie ich später erfuhr, hat er an den im Felde befindlichen Komman- Regimentskommandeur anerkennend über mich berichtet und hierbei der Tanten Überzeugung Ausdruck gegeben, daß der Einjährige von Bülow das Zeug zu einem guten Husaren-Offizier habe. Er schrieb auch in diesem Sinne an meinen Vater. Ein schweres inneres Leiden zwang den Freiherrn von Stoltzenberg, der seit elf Jahren im Regiment stand und sich allgemeiner Wertschätzung erfreute, im November 1870 das Kommando der Eskadron an den Sekondleutnant von Schlichting abzugeben. Schlichting war ein flotter Husar, schneidig und findig, streng im Dienst, gemütlich nachher. Er hatte 1866 mitgemacht, und es war eine Freude, ihm zuzuhören, wenn er von dem Einmarsch in Sachsen und Österreich, von dem Biwak im Großen Garten zu Dresden bei strömendem Regen, wenn er von Hühnerwasser, Münchengrätz und Prasek, wenn er von Königgrätz erzählte, und daß keine preußische Truppe näher an Wien herangeritten sei als die Königshusaren, die am 30. Juli 1866 vom Hohen Leuthen aus die Kaiserstadt vor sich gesehen hätten mit dem hochragenden Stefansturm. Auf den Husarensäbel Schlichtings habe ich, da die Regimentsstandarte mit dem Regiment ins Feld gezogen war, dem König von Preußen Treue geschworen. Und kein Besserer konnte mir den Eid abnehmen. Wir haben uns während meiner Ministerzeit öfter wiedergesehen. Als Großgrundbesitzer in der Provinz Posen gehörte Schlichting dem Herrenhause als erbliches Mitglied an. Ich habe viel mit ihm über ostmärkische Angelegenheiten konferiert. Er war mir nicht nur ein treuer persönlicher, sondern auch ein kluger politischer Freund. Am 31. Oktober 1870, um Mitternacht, wurden wir auf dem Bonner Bahnhof verladen, meine hellbraune Stute, die Grete, und ich. Die Grete Einwaggo- leidlich bequem in einem Pferdewagen, ich mit vielen anderen Husaren "^rt nach eingekeilt in ein Coupe, in drangvoll fürchterlicher Enge, wie die Pappenheimer, als Max Piccolomini sie zum Sturm auf das Neustadter Lager führte. Unsere Eisenbahnfahrt von Bonn nach Saarbrücken war einfach fürchterlich. Wer das nicht glauben will, der soll einmal in einem langsam fahrenden, alle halbe Stunde haltmachenden Zug, in einem überfüllten Coupe, in engen, viel zu engen Husarenstiefeln achtzehn Stunden regungslos ausharren. Ich weiß nicht, welcher große Denker gesagt hat, daß keine Mets 182 KAPITULATION VON METZ Philosophie üher das Zahnweh hinweghülfe. Nun, ich sage: Zu enge Husarenstiefel sind noch ärger als der ärgste Zahnschmerz. Der brave Schlichting, der unsern Transport leitete, half mir aus der Not. Als er mich in Saarbrücken humpelnd auf dem Bahnsteig erbbckte, riet er mir zunächst, beide zu engen Stiefel mit einem Taschenmesser aufzuschneiden. Ritsch! Ratsch! „So nun wird Ihnen schon besser werden", meinte er gut gelaunt. Dann fuhr er mit mir in einer Droschke zur Kaserne der 7. Ulanen, ließ sich auf der Kammer hohe Ulanenstiefel zeigen und forderte mich auf, mir das bequemste Paar auszusuchen. Von meinen alten Husarenstiefeln wurde die Borte abgenommen und flugs auf die neuen Ulanenstiefel aufgenäht, die Situation war gerettet. Unmittelbar vor meiner Abreise aus Bonn hatte ich an meinen guten Vater, der, durch seine vielen häuslichen Sorgen zermürbt und überdies beunruhigt durch einen Ruhranfall, den ich während meines letzten Besuches in Berlin durchzumachen hatte, mein Ausrücken ins Feld nicht gern sah, kurz und bündig telegraphiert: „Rücke mit Schwadron heute nacht zwölf Uhr zum Regiment, das von Metz gegen Lille geht. Völlig ausgerüstet, bin wohl und sehr vergnügt! Bitte dringend umgehend telegraphisch um zweihundert Taler." Nach vierundzwanzigstündiger Eisenbahnfahrt trafen wir endlich in Courcelles bei Metz ein. Wir ritten von da nach Liehon, wo ich bei meinem Pferd im Stall schlief. Am 3. November stießen wir im Schloß Grosheu bei Metz zu unserm Regiment. Der Ersatz wurde auf die vier Kriegs-Schwadronen verteilt. Ich kam zur Armeebefehl 1. Schwadron. Am 27. Oktober hatte Metz kapituliert. In einem Armee- Friednch tefehl, der vor dem Regiment verlesen wurde, hatte der Oberbefehlshaber Karls ^ ej , Zernierungs-Armee, Prinz Friedrich Karl von Preußen, dieses große Ereignis gewürdigt: „Es ist so weit, heute endlich hat diese Armee von voll einhundertdreiundsiebzigtausend Mann, die beste Frankreichs, über fünf Armeekorps, darunter die kaiserliche Garde, mit drei Marschällen von Frankreich, mit über fünfzig Generälen und sechstausend Offizieren, kapituliert, und mit ihr Metz, das niemals zuvor genommen. Mit diesem Bollwerk, das wir Deutschland zurückgeben, sind unermeßliche Vorräte an Kanonen, Waffen und Kriegsgerät dem Sieger zugefallen." Mit Recht hob Prinz Friedrich Karl hervor, daß er und seine tapferen Soldaten Deutschland die stolze Feste wiedergaben, die uns dreihundertachtzehn Jahre früher Frankreich mit List und Verrat entriß. Der „rote Prinz", wie er in der Armee genannt wurde, weil er mit Vorliebe den roten Attila der Zieten-Husaren trug, hatte echt preußisch hinzugefügt: „Ich erkenne gern und dankbar eure Tapferkeit an, aber nicht sie allein; beinahe höher stelle ich euern Gehorsam und den Gleichmut, die Freudigkeit, die Hingebung im Ertragen von Beschwerden vielerlei Art. Das kennzeichnet den guten DIE KÖNIGSHUSAREN 183 Soldaten." Am 29. Oktober wehte auf allen Forts von Metz der preußische Königsaar, den der Kommandeur der 30. Infanterie-Brigade, der Generalmajor von Strubberg, auf dem Hauptwall mit den Worten aufgepflanzt hatte: „Im Namen Seiner Majestät des Königs Wilhelm nehme ich dieses Fort, Queleu genannt, hiermit in Besitz. Gott erhalte noch lange Jahre Seine Majestät! Gott segne ihn, Gott schütze ihn! Amen!" Am 4. November zog die 15. Division durch Metz. An der Tete der Division ritt unser Regiment. Die Trompeter bliesen die Fanfare, die Standarte war entfaltet. Stolz und leuchtenden Auges defilierte das Königshusaren-Regiment vor dem Kommandierenden General des VIII. Armeekorps, dem General August von Goeben, der auf der Place d'Armes hielt. 0 schöne Tage! 0 herrliche Tage! Tage des Ruhms, der Ehre, des Glücks! Wenn ich aus dem Elend und der Schmach der Gegenwart an sie zurückdenke, blutet mir das Herz. Das Königshusaren-Regiment bezog nach dem Durchmarsch durch Metz Kantonnements am Mont Saint-Quentin, dessen Silhouette so In Plappeville charakteristisch ist für das Landschaftsbild der Moselfeste und den ich zwei Jahre später während meiner Dienstzeit in Metz manches Mal zu Fuß und zu Pferde aufgesucht habe. Unsere Schwadron, die 1. Schwadron, mußte während der recht kalten Nacht biwakieren. Ich fror wie ein Schneider, war aber quietschvergnügt. Aus Plappeville schrieb ich am 6. November an meine Ellern: „Liebe Eltern, verzeiht, bitte, wenn ich Euch jetzt erst schreibe. Ich hatte wirklich keinen Augenblick Zeit. Donnerstag trafen wir das Regiment. Ich kam zur 1. Eskadron (15. Division, Königshusaren-Regiment, Rheinisches Nr. 7!!). Freitag marschierten wodurch Metz, wo wir mit Säbelauf und entfalteter Standarte einmarschierten, nach Chazelles, von da nach Plappeville. Es geht mir sehr gut. Die Quartiere sind leidlich Essen habe ich mir bisher verschafft. Guten Mut habe ich sehr. Viktualiensendungen wären mir sehr lieb, sonst schickt mir gar nichts. Ich müßte es wegwerfen, da ich nicht, wie mein Bruder Adolf, drei Pferde, sondern nur zwei Packtaschen habe, in die kaum Hemden und Strümpfe gehen." Am 7. November schrieb ich weiter: „Rittmeister meiner, der 1. Eskadron ist Herr von Niesewand, der viel zu schimpfen scheint. Metz hegt Der Einritt wunderhübsch, rings von starken Forts umgeben. An allen Chausseen um m ^ etx Metz haben die Franzosen Schießgräben gegraben, hier und da auch Schanzen aufgeworfen. Die Dörfer waren z. T. stark beschossen. Manche sahen aber recht gut aus. Das ganze Land muß sehr reich sein, jeder Fleck ist bebaut. Wir rückten in Metz durch die Porte Serpentinoise ein, das schöne Tor mit verschiedenen Inschriften zu Ehren des Duc de Guise. Die Stadt durchschritten wir fast ganz. Die Straßen sind sehr eng, mit hohen 184 DER HEILIGE FRANZ Häusern. Die Kathedrale recht schön, im gotischen Stil. Alle Läden waren offen, z. T. sehr elegant. Die Straßen wimmelten von französischen Soldaten. Damen sah man nur in Schwarz. Sehr hübsch sind die Quais an der Mosel. Wir ritten bis Chazelles, einem kleinen Dorfe auf einer Anhöhe unter dem Fort Saint-Quentin. Gestern kamen wir hierher. Betten haben wir natürlich nicht, sondern, wenn es gut geht, Strohsäcke. Auch behält man die Kleider immer an, was aber gar nicht unangenehm ist. Ich fühle mich sehr wohl. Schickt mir, wenn es geht, Viktualien, Schokoladetafeln und Liebig (ist das Beste, weil Konzentrierteste), vielleicht auch ein Büchschen Sardinen. Wahrscheinlich rücken wir morgen mit Infanteriebedeckung auf Beims zu. Ängstigt Euch bitte nur nicht um mein Befinden, das sehr gut ist. Tausend Grüße an alle. Ich bin mit allem wohl versorgt, doch wären mir Viktualien ganz heb. Von meinem Quartier habe ich hier prächtige Aussicht auf Metz mit Kathedrale und Wällen." Mein Eskadronchef, der Bittmeister Franz Maria von Niesewand, Rittmeister schimpfte in der Tat recht viel. Das hing mit seinem schlechten Avancement Nieseicand zusammen, das ihn wurmte. Er war schon 1849 bei den Gardedragonern in Berlin eingetreten, hatte aber 1852 seine früher begonnenen Studien wieder aufgenommen, das Beferendar-Examen bestanden und am Landgericht in Koblenz gearbeitet. 1856 war er nach nochmaligem, diesmal endgültigem Berufswechsel als Leutnant beim 7. Husaren-Begiment eingestellt worden. Er hatte 1867 eine Schwadron erhalten, die er während des ganzen Krieges treu und gewissenhaft führte. Er war kaum zwei Jahre jünger als der Oberst von Loe, der schon vor der Brigade stand. Niesewand polterte viel, aber er war ein kreuzbraver Mann. Er war ein frommer Katholik und hieß deshalb beim rheinischen Adel der heilige Franz. Ich bin dem guten Niesewand, der es mit Hängen und Würgen bis zum Kommandeur der 13. Husaren gebracht hat, viele Jahre später — er war schon lange pensioniert — bei dem schönen Fest wiederbegegnet, das am 18. Juni 1902 die Stadt Bonn ihren blauen Husaren gab. Der wackere Mann, der inzwischen 72 Jahre alt geworden war, frug mich, ob ich es ihm als Beichskanzler verargte, daß er mich, als ich bei seiner Schwadron stand, ab und zu angeschnauzt habe. Ich entgegnete ohne einen Augenblick des Besinnens: „Ich bin Ihnen im Gegenteil von Herzen dankbar. Wenn Sie mich damals nicht fest angepackt und auf diese Weise einen ordentlichen Husaren aus mir gemacht hätten, wäre ich nie Kanzler des Deutschen Beiches geworden." Das freute den „heuigen Franz". Als das Ersatz-Kommando vor Metz eintraf, herrschte bei dem Begiment eitel Freude, endlich aus dem Moseltal fortzukommen. Bei Spichern und in den großen Schlachten um Metz hatte das Begiment zu seinem Schmerz keine Gelegenheit zum Eingreifen gehabt. Während der Belagerung von VORMARSCH 185 Metz hatte es mit Eifer und Wachsamkeit den Rekognoszierungsdienst betrieben. Einer der besten Offiziere des Regiments, der Premierleutnant Deginhard von Loe, ein Neffe des Kommandeurs, war bei einer Rekognoszierung am Eingang von Longeau gefallen. Eine feindliche Kugel, die durch die Schläfen ging, hatte ihn auf dem Fleck getötet. Aber das Regiment war noch nicht mit dem Feind handgemein geworden. Es hatte noch nicht attackiert. Und nach der Attacke stand aller Sinn. Das hatte unser von edlem militärischem Ehrgeiz erfüllter Kommandeur, der Oberst Walter von Loe, gemeint, als er nicht lange vor der Kapitulation von Metz bei einer Pferderevision mit Bitterkeit äußerte: „Da das Regiment noch nicht genügend Gelegenheit hatte, zu zeigen, was es zu leisten vermag, so ist es doppelte Pflicht, wenigstens das Material Seiner Majestät dem König zu erhalten." Jetzt, nach der Bezwingung von Metz, fiel der Ersten Armee, zu der mit dem VIII. Armeekorps das Königshusaren-Regiment gehörte, die Aufgabe Gegen zu, die Zernierung von Paris gegen Norden zu sichern, wo der aus Metz Bourbaki entkommene General Bourbaki die französische Nordarmee formierte. Das ganze VIII. Korps, und nicht zum wenigsten das Königshusaren-Regiment, lebte der Hoffnung, daß es nach langem und langweiligem Zernierungsdienst in Nordfrankreich endlich zum frischen und fröhlichen Schädelspalten kommen werde, wie der wackere Valentin im „Faust" diese Berufstätigkeit des Soldaten nennt. Der Vormarsch begann am 7. November. Die Vorhut der 15. Division hatte das Königshusaren-Regiment. Wir marschierten durch den Argonnerwald. Die Wege waren schlecht, entweder holperig oder tief lehmig. Das Wetter war unfreundlich, kalt und naß. Schnee wechselte mit Regen. Ich hatte ein gutes Pferd, die flotte Grete, und so wurde mir häufig der Auftrag, der Division Meldungen zu bringen oder dort Befehle entgegenzunehmen. Da die Bevölkerung in dieser Gegend störrisch war, sich auch viele Franktireurs in den Wäldern umhertrieben und nicht wenige Meldereiter und Patrouillen das Opfer verräterischer Überfälle geworden waren, ritten wir mit aufgesetztem Karabiner. Doch bin ich nur zweimal beschossen worden. Einmal pfiff mir eine Kugel dicht am Ohr vorüber. Natürlich bestand, namentlich nachts, keinerlei Möglichkeit, den Attentäter zu fassen. Es blieb nichts anderes übrig, als es zu machen wie der wackere Schwabe in Uhlands Gedicht: sich „nit zu forchten" und „spöttisch um sich zu Micken". Nur, daß ich nicht „Schritt for Schritt meines Weges ging" wie der Schwabe, sondern möglichst flott trabte. Beim Stabe der Division fand ich, ebenso wie bei den beiden Brigaden der 29. Infanterie-Brigade (Oberst von Bock) und der 30. Infanterie- Brigade (Generalmajor von Strubberg), stets freundliche Aufnahme. In 186 DER RAUHE LENTZE Mit Meldung einer besonders kalten Novembernacht trat ich nach einem langen Ritt im vom Schneegestöber bei dem Generalstabsoffizier der 15. Division, dem Major Regiment J_, en tze, um Mitternacht mit einer Meldung vom Regiment in die Stube. Der Major las die Meldung, dann sagte er zu mir: „Sie haben einen langen und beschwerlichen Ritt hinter sich. Es wird zwei bis drei Stunden dauern, bis ich Sie abfertigen kann. Ziehen Sie sich die Stiebein aus, legen Sie sich auf mein Bett und schlafen Sie einen Abzug." Ich entgegnete in strammer Haltung mit jugendlichem Eifer, daß ich mich nicht müde fühlte. „Unsinn!" fuhr mich der Major an. „So schlafen Sie wenigstens auf Vorrat. Schlaf kann ein junger Mensch immer brauchen." Er gab mir ein Glas Wein zu trinken, drückte mir ein Butterbrot mit Käse in die Hand, und dann schlief ich, bis er mich weckte. Beim Erwachen bekam ich noch ein Glas Wein und noch ein Butterbrot, diesmal mit Wurst. Er frug nach meinem Namen und unterhielt sich gütig und belehrend mit mir über die militärische Lage, dann entließ er mich gestärkt und sehr dankbar. Wir haben uns erst viele Jahre später wiedergesehen, im Königlichen Schloß in Berlin, er als Kommandierender General, ich als Reichskanzler. Als wir uns begegneten, waren wir sehr erfreut und gaben unseren Gefühlen lebhaften Ausdruck. Erstaunt beobachtete der Kaiser dieses Schauspiel. „Ich wußte zwar", sagte er zu mir, „daß Sie ein großer Charmeur sind; aber daß Sie den rauhen Lentze so kaptivieren würden, das hätte ich nicht gedacht." Hierzu muß ich bemerken, daß der General Lentze das war, was der Franzose „im bourru bienfaisant" nennt. Er galt für grob. Aber unter der derben Hülle schlug ihm, wie er dies dem ihm unbekannten jungen Husaren bewiesen hatte, ein goldenes Herz. Er war einer der fähigsten Generäle unserer prächtigen Armee. Auch der Führer der 30. Infanterie-Brigade, der Generalmajor von Strubberg, hat mich im Winterfeldzug 1870/71 bei dienstlicher Berührung immer besonders gut behandelt, wofür ich dem würdigen General, der aus dem Augusta-Regiment hervorgegangen war und Kaiser Wilhelm I. nahegestanden hatte, stets dankbar geblieben bin. Auch ihn habe ich, als ich Reichskanzler geworden war, öfters wiedergesehen. Der 9. November 1870 war ein bedeutungsvoller Tag in meinem Leben. BUlow soll Der Regimentskommandeur, Oberst von Loe, ließ mich kommen. Er sagte Avantageur m j r zunächst, ich sei ihm von Bonn aus von meinen dortigen Vorgesetzten werden warm empfohlen worden. Dieser Empfehlung hätte ich seitdem Ehre gemacht, die starken Märsche durch die Defileen des Argonnerwaldes hätte ich gut ertragen, die mir gewordenen Aufträge intelligent und couragiert ausgeführt. Ob ich Lust hätte, beim Königshusaren-Regiment als Avantageur einzutreten? Dazu müsse ich die Einwilligung meines Vaters beibringen. Ich entgegnete, es sei mein höchster Wunsch, im Königshusaren-Regiment Offizier zu werden. Ich hofFte, mein Vater würde seine EINE INSTÄNDIGE BITTE 187 Einwilligung hierzu nicht versagen. Eine Zusicherung in dieser Richtung könne ich aber nicht geben, weil ich diese Erlaubnis noch nicht besäße und es mir zu peinlich sein würde, nachträglich von meinem Vater desavouiert zu werden. Ich würde aber alles tun, damit mein Vater, der nach seinem ganzen Lebensgang militärischen Dingen ferner stehe, der aber einen offenen Kopf und viel Gemüt habe, meine Wünsche und Absichten nicht durchkreuze. Der Oberst, den mein Eifer zu freuen und zu rühren schien, meinte, er würde auch seinerseits an meinen Vater schreiben. Er sagte mir dann: daß ich schon fünf Semester studiert hätte, wäre für meine künftige militärische Laufbahn kein Impedimentum, sondern ein Vorteil. Er zitierte eine Reihe von Generälen, die studiert hätten. Er selbst habe mehrere Semester studiert, bevor er in die Armee eingetreten sei. Er schloß mit den freundlich-scherzhaften Worten: „Also, mein lieber Bülow, ich hoffe aus Ihnen einen propern Husaren-Offizier zu machen, einen guten Offizier im Königshusaren-Regiment." Also sprach der Oberst Walter von Loe zu mir im Marschquartier Charpentry bei Varennes. Das war meine erste bedeutsame Begegnung mit dem Mann, der mir bis zu seinem achtunddreißig Jahre später erfolgten Tode Vorbild und Lehrer gewesen ist und den ich verehrt habe wie wenige andere Männer. Am 10. November schrieb ich aus dem Marschquartier Charpentry: „Lieber Papa, der Oberst ließ mich gestern kommen und sprach sehr Brief freundlich mit mir. Er sagte mir, ich sei ihm aus Bonn gut empfohlen den worden. Die günstige Meinung, die man bei der Ersatz-Schwadron von mir gehabt habe, fände er zu seiner Freude bestätigt. Er frug mich, ob Du Deine Einwilligung dazu geben würdest, daß ich als Avantageur eintrete, er würde mich gern nehmen, denn er glaube, daß ein Husar in mir stäke. Ich sagte ihm, daß ich nicht bezweifele, Du würdest, wenn ich Dir die Gründe für und wider auseinandersetzte, Deine Einwilligung geben. Jedoch sei es mir zu peinlich, hinterher von Dir desavouiert zu werden. Vor allem wollte ich Dir den Entschluß nicht über den Kopf hinwegnehmen. Ich selbst wäre ganz und gleich bereit. Er sagte mir hierauf, er würde Dir selbst schreiben. Und kann ich Dich, lieber Vater, nur inständigst bitten, meiner Bitte zu willfahren. Ich bitte Dich dringend, mir die schriftliche Einwilligung zu schicken, daß ich beim Regiment als Avantageur eintreten darf. Seit Metz haben wir sehr starke Märsche gemacht, zuerst bei kaltem, heute bei Regenwetter. Das Schlachtfeld von Gravelotte war bei der fahlen Novemberbeleuchtung ziemlich trübe. Es geht mir unberufen sehr gut und fühle ich mich durchaus nicht sehr müde. Vom Waffenstillstand ist viel die Rede. Wie mir der Oberst sagte, glaubt von den Generälen niemand an baldigen Frieden. Die Gegend ist seit Metz recht triste, ab und zu ein ärmliches Dorf, sonst Heide oder schlechte Wiesen. Seit gestern 188 IN DER CHAMPAGNE marschieren wir über hügeliges und waldiges Terrain, übrigens immer mit Avantgarde usw., wegen der vielen Franktireurs. Da ich keine Karte habe, ahne ich nicht, wo wir eigentlich sind, ich denke in den Argonnen. Unsere Direktion soll Reims sein. Die Bauern, bei denen requiriert wird, jammern sehr. Sie tun einem wirklich leid, aber es ist ja nichts zu machen. Ich habe in Bonn keine Zeit gehabt, mich photographieren zu lassen. Könnt Ihr nicht nach meinem Kabinettbild ein halbes Dutzend Photographien machen lassen und eine davon der Komtesse Bismarck mit meinen besten Empfehlungen und Grüßen überweisen? Da sie mich mehrere Male darum angegangen hat, wäre es unhöflich, keine Demonstration zu machen. Bitte, entschuldigt die Eiligkeit meines Briefes. Ich bin im Bett, in das ich mich gelegt, um meine Kleider zu trocknen. Tausend Grüße an alle. Bitte, schickt mir recht bald die schriftliche Einwilligung auf sogenanntem Zettel!! Ich kann Dich nur aufs dringendste darum bitten. Bitte, laß Mama sich nur nicht um mich ängstigen. Ich bin vernünftig, fühle mich wohl, habe sehr guten Mut. Für das übrige muß der liebe Gott sorgen. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Am 11. November schrieb ich aus dem Marschquartier Bercieux (Marne): „Liebe Eltern, bitte, schickt mir umgehend die schrifthche Einwilligung etwa in der Fassung: ,Ich erteile meinem Sohn B. auf seinen Wunsch die Erlaubnis, als Avantageur beim Königshusaren-Regiment einzutreten.' Ich muß durch Stoltzenberg und Schlichting dem Oberst gut empfohlen worden sein, da er mir vorschlug, was andere nur mit vieler Mühe oder gar nicht erreichen können. Wir marschieren jetzt sehr scharf, heute bei unaufhörlichem Schneegestöber, das aber am Ende noch besser ist als der gestrige Regen. Unser Zug war Seiten-Detachement, und wir passierten zwei Stunden lang dicht bewaldete Gebirgszüge auf sehr schlechten Wegen. Wir sind jetzt in der Champagne. Bercieux ist ein reiches Dorf, das sehr gegen die erbärmlichen Varennes lothringischen Nester absticht. Wir passierten Varennes, wo Louis XVI auf seiner Flucht angehalten wurde. Wir spitzen uns alle sehr auf den Champagner, der in Epernay und Reims nur drei Francs die Flasche kosten soll. Er wird sich aber wohl seit der ersten Zeit verteuert haben. Ich fühle mich unberufen sehr wohl. Mein Pferd ist ziemlich strapaziert. Tausend Grüße an alle. Ich bin sehr begierig auf Nachrichten von Euch. Bitte, schickt mir recht bald den Erlaubnisschein! Vielleicht auch eine kleine Eß-Sendung. Nochmals tausend Grüße. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Deutlich steht mir Varennes an jenem Novembertag des Jahres 1870 vor Augen. Der Regen strömte. Ein großer viereckiger Marktplatz, von niedrigen Häusern umgeben. Wenige Menschen auf den Straßen, die neugierig und scheu auf die Prussiens blickten. Hier hatte sich achtzig Jahre DIE PRIMEURS 189 früher das Schicksal des gutmütigsten und unglücklichsten aller Könige, des Enkels und Nachfolgers von Hugo Capet, von Ludwig dem Heiligen und Heinrich IV., von Ludwig XIV., dem Grand Roi, erfüllt, das Schicksal seiner schönen und stolzen Gemahlin, der Kaisertochter Marie Antoinette, das Schicksal des armen kleinen Dauphin, der später in dem Zarewitsch Alexej Nikolajewitsch, in dem kaiserlichen Prinzen Louis Napoleon und dem Erzherzog Rudolf Leidensgenossen finden sollte, die mit ihm bezeugen können, daß im Purpur geboren zu sein noch nicht die Anwartschaft auf ein glückliches Lebenslos bedeutet. Am 15. November meldete ich sehr beglückt meinen Eltern: „Gestern hat mich der Herr Oberst zum Gefreiten gemacht. Damit ist so weit Beförderung entschieden, daß ich übertrete, da ich es als Freiwilliger erst im neunten zum Gefreiten Monat geworden wäre. Auch so ist es sehr früh, da eigentlich nur die Dienstzeit als Avantageur gerechnet wird. Ritte, schickt mir recht bald den Erlaubnisschein!" Die Reförderung zum Gefreiten war mein erstes Avancement. Dieser bescheidene Sprung machte mir viel Spaß. Meine Freundin, Missy Durnow, die geistreiche Tochter der Oberhofmeisterin der Kaiserin Maria Feodorowna, der Fürstin Helene Kotschubey, pflegte zu sagen: „Les petits pois qui ne vous disent rien dans la saison des legumes, vous enchantent comme primeurs." Das gilt überall. Ich war sehr vergnügt, als ich mir den Gefreiten-Knopf annähte. Am 17. November schrieb ich aus Betheny bei Reims: „Gestern marschierten wir hierher. Wir liegen ganz nah bei Reims. Die Stadt nimmt sich In der von hier sehr malerisch aus, vor allem die Kathedrale." Die schöne Ge- Kathedrale schichte des zweiten französischen Kaiserreichs von Pierre de la Gorce von lieims endigt mit der Resetzung von Reims, der alten französischen Krönungsstadt, durch die Deutschen. Gorce schließt mit den Worten: „Le soir les soldats allemands se repandirent dans la nef, et on les vit, les uns en curieux, les autres en devots, passer et repasser devant l'autel, oü Jeanne d'Arc avait deploye son etendard, oü les rois de France avaient ete sacres." Unter diesen Resuchern der Kathedrale von Reims befand sich auch der Gefreite von Bülow, der das herrliche Bauwerk nicht nur en curieux, sondern en devot besuchte, voll Ehrfurcht für die zum Himmel strebende Kraft und Reinheit des Glaubens, der im Mittelalter dieses herrliche Gotteshaus schuf. Nach viertägigem, mühsamem Marsch durch einen Landstrich, wo erhöhte Sicherheitsmaßregeln eintreten mußten, denn die Bevölkerung zeigte sich in der Erwartung auf ein baldiges Vorrücken der französischen Nordarmee unruhiger und störrischer als bisher, so daß wir in allen größeren Ortschaften die vorhandenen Waffen abnahmen und vernichteten, erreichten wir Compiegne. Wenn Reims wie keine andere französische Stadt die CompUgne längst versunkene Größe des alten königlichen Frankreich verkörpert, so 190 IM SCHLOSS DES DRITTEN NAPOLEON erinnerte uns Compiegne an den damals kaum entschwundenen Glanz des zweiten Kaiserreichs. Im Schloß von Compiegne lagen die Generäle von Manteuffel und von Goeben. Sie hatten den Wunsch ausgesprochen, daß allen Soldaten des VIII. Armeekorps die Gelegenheit geboten werden möge, das Schloß zu besuchen. Auch den Wald von Compiegne habe ich mit dem für mich stets kameradscbaftlich und freundlich gesinnten Max Schlichting durchstreift. Wir ahnten nicht, daß in diesem sich meilenweit erstreckenden Walde achtundvierzig Jahre später vor den siegreichen französischen Marschall Foch als Vertreter des deutschen Volkes Matthias Erzberger treten würde. XIV. KAPITEL Armeebefehl des Generals von Goeben vom 27. XI. 1870 • Briefe ans dem Felde Dezembertage 1870 ■ Ronen • Alarm-Quartier in Camon • Die Schlacht an der Hallue (23. XII. 1870) • Weihnachten in Altonville « Von Compiegne ging der Marsch weiter bis Rouen. Vor Amiens kam es am 27. November zu einer Schlacht, die zu unserem Schmerz ähnlich Die Schlacht wie während des Sommers die Schlachten vor Metz unserem Regiment bei Amiens keine Gelegenheit zum Attackieren bot. Auch der Schlachtentag von Amiens zeigte uns, daß es im Deutsch-Französischen Krieg oft das Schicksal der Divisionskavallerie war, nur dem großen Ganzen zu nützen, ohne daß es dem Regiment oder auch nur einer der Scbwadronen vergönnt gewesen wäre, einen größeren selbständigen Erfolg zu erzielen. Die vier Schwadronen umspannten einen Raum von anderthalb Meilen, und von jeder waren den ganzen Tag so viele Ordonnanzen und Patrouillen in Tätigkeit, daß der Kommandeur nur einen kleinen Teil seiner Leute in der Hand behielt. Speziell unsere erste Schwadron war ganz in Patrouillen aufgelöst, kaum ein Zug blieb geschlossen. Der Oberst von Loe sah sich daher zu seinem Leidwesen gezwungen, von vornherein auf ein selbständiges Vorgehen zu verzichten. Er hatte aber den Trost, und wir mit ihm, daß die zuverlässigen und klaren Meldungen der Husaren wesentheh zum Erfolge des Ganzen beitrugen. Das hat insbesondere der General von Goeben wiederholt anerkannt. Im August 1871 sagte der große Feldherr zu dem Major Prinz Heinrich XIII. Reuß, der sich als neuernannter Kommandeur des Königshusaren-Regiments bei ihm meldete, nachdem er sich sehr lobend über die Leistungen des Regiments ausgesprochen hatte: Namentlich die zuverlässigen, fast immer richtigen Meldungen des Regiments über Stellung und Stärke des Feindes hätten ihm sehr gute Dienste geleistet. Er habe zu ihnen schbeßlich ein solches Vertrauen gehabt, daß es ihm genügte, zu wissen, die Meldung sei vom Königshusaren-Regiment, um sie seinen Operationen zugrunde zu legen. Mit berechtigtem Stolz verzeichnet das Regiment dieses Lob aus solchem Munde in den Blättern seiner Geschichte. Der Sieger in der Schlacht von Amiens, General von Goeben, erließ in der Nacht vom 27. zum 28. November, kurz vor Mitternacht, den nach- 192 IN FRONT GEGEN WESTEN stehenden Armeebefehl: „In der heutigen siegreichen Schlacht vor Amiens ist die im Vorrücken begriffene feindliche Armee auf Amiens zurückgeworfen worden. Ich spreche der Armee meinen Dank aus und werde Seiner Majestät dem Könige von der wiederum an den Tag gelegten Tapferkeit Meldung erstatten." Von einer Verfolgung des geschlagenen Feindes, die alle erwarteten, nahm der Oberbefehlshaber Abstand. Rouen war das Marschziel, das der Ersten Armee bei ihrem Aufbruch von der Oise durch unsern großen Schlachtendenker Moltke vorgezeichnet worden war. So ging es weiter auf die Hauptstadt der Normandie. Am 1. Dezember setzte sich unsere Armee in breiter Front gegen Westen Bei Soissons in Marsch. Der erste Frost war eingetreten. Die Straßen waren hartgefroren. In den nächsten Tagen steigerte sich die Kälte. Am 16. November hatte ich an meine guten Eltern geschrieben: „Angstigt Euch, bitte, nicht um mich. Es geht mir ausgezeichnet. Ich fühle mich sehr wohl, und finden meine Bekannten, daß ich wohler als in Bonn aussehe. Ich habe besten Mut. Und wenn es nicht Euretwegen wäre, könnte der Krieg meinetwegen noch recht lange dauern." Zwei Tage später hatte ich aus Paslys bei Soissons geschrieben: „Unberufen geht es mir sehr gut. Ich fühle mich ganz wohl, und vor allem bin ich überzeugt, daß ich, wie wir alle, in Gottes Hand stehe. Was Er will, wird sich erfüllen, mögen wir nun dies oder das wünschen. Was Ruhr usw. betrifft, braucht Ihr Euch wirklich nicht zu ängstigen. In Metz war allerdings Gefahr. Von denen, die überhaupt keinen Dienst tun konnten, ganz abgesehen, waren gewiß drei Viertel des Regiments mehr oder weniger krank. Ich hatte auch einen kleinen Anfall, ähnlich wie im Oktober in Berlin, den ich aber mit drei scharfen Schnäpsen, hintereinander getrunken, glänzend coupierte. Ob wir in nächster Zeit vor den Feind kommen, wie wir das sehr wünschen, ist nicht gewiß. Unmöglich ist es nicht, da es, trotzdem die Leute glauben, wir würden von Compiegne nach Paris gehen, gewiß ist, daß wir auf Amiens gegen die französische Nordarmee unter Bourbaki marschieren. Daraus folgt aber nicht, daß wir gerade zum Attackieren kommen, obwohl ich freilich für mich allein es brennend wünsche. Auf jeden Fall bin ich in des lieben Gottes Hand." Am 25. November schrieb ich aus Faverolles bei Montdidier (Departement Marsch bis de la Somme): „Vorgestern war ich mit Herrn von Schhchting und Graf Auteuil Beißel, einem Rheinländer, den ich schon in Berlin kannte, in Compiegne. Wir hatten nämlich Ruhetag und freuten uns, aus Janville herauszukommen, das ein ganz armes Nest ist, wo Kühe und Hafer unter Geheul und Gejammer der ganzen Bevölkerung requiriert wurden. Compiegne ist eine hübsche Stadt, eine Art französisches Potsdam, welchen Vergleich wohl andere vor mir angestellt haben, da er auf der Hand hegt. Die Läden sind recht elegant, und ich vervollständigte meine Equipierung durch eine IN DER NORMANDIE 193 sehr schöne Decke, die wird hinten auf den Sattel geschnallt statt des Mantels, den "wir jetzt anhaben, ferner durch ein ganz kleines KöfFerchen, das mir der Quartiermeister unter der Hand mitnimmt, endlich durch verschiedene Viktualien, Strümpfe usw. Wir aßen sehr gut im Hotel de la Cloche und besahen darauf das Schloß mit Graf Sierstorpff von unserem Regiment, der bei General Manteuffel Ordonnanzoffizier ist und im Schloß sehr gut Bescheid wußte. Es ist ein schönes Gebäude, im Renaissance-Stil. Die Fassade nach der Stadt zu ist nicht so schön wie die nach dem Park, in dem die berühmten Jagden abgehalten wurden. Da hat man einen sehr schönen Blick auf den Wald, mit prächtigen Bäumen, freien Plätzen, die mit Statuen geschmückt sind, Fontänen und hübschen Teichen. Das Innere des Schlosses ist übrigens schöner als die Außenseite. Die großen Säle sind ganz prachtvoll. Überall schöne Gemälde und noch schönere Gobelins. Merkwürdig sind zwei Bilder im Entree-Salon. Sie stellen den Angriff der französischen Kürassiere bei Waterloo dar. Unübertrefflich erschien mir die Eleganz der Möbel, Tische, Stühle, Kamine usw. Man kann sich nichts Hübscheres denken. Alle Säle, Salons und Boudoirs waren mit preußischen Offizieren und Soldaten angefüllt, letztere z. T. mit großen Holzpfeifen und ohne Ausnahme in mit Nägeln beschlagenen Schuhen, von denen sich Kaiser und Kaiserin vor einem Jahr wohl so wenig etwas träumen ließen wie von Sedan und Wilhelmshöhe. Sic transit gloria mundi. Anbei einige Photographien des Schlosses, die ich mir für Euch beim Portier des Schlosses erstand. Gestern rückten wir aus Janville aus und marschierten nach Auteuil. Von da ward ich mit einer Meldung zum Rittmeister geschickt, der mich wieder an den Oberst sandte. Letzterer lag in Ressons, der Stab in Mery. Der Oberst, dem ich Papas Einwilligungsschein, für den ich noch sehr herzlich danke, gab, war sehr freundlich und gütig zu mir. Die Franzosen scheinen sich zurückzuziehen. Doch soll Bourbaki sich bei Amiens verschanzt haben. Man behauptet, Rußland habe England, Frankreich und der Türkei den Krieg erklärt. Wird wohl eine Ente sein. Gestern sahen wir einen Luftballon, auf den, leider umsonst, geschossen wurde." Am 4. Dezember schrieb ich aus Lemon bei Buchy (Seine inferieure): „Nur zwei Worte, da es schon spät ist und ich sehr müde. Gestern marschierten wir nach Fromerie, wo wir schön lagen und gut aßen im Hotel du Cygne, auch viele Empletten machten. Heute kam der Befehl, unser Zug solle wieder zur Schwadron stoßen. Ich erhielt ihn in einer kleinen Stadt, den Namen habe ich vergessen, wo ich beim Quartiermachen durchkam. Ich ritt gleich zurück im scharfen Trab und holte den Zug, der weit zurück bei der Kolonne war. Wir suchten dann die Eskadron, was viel Mühe kostete. Erst zur Division, dann zum Stabe, dann zur Eskadron, die uns hierher legte, alle in eine schlechte Scheune, doch haben Schlichting und 13 BUlow IV 194 MOBILGARDE ich einen Hahn gekapert, der schon brät. Heute waren wir acht, gestern vierzehn Stunden im Sattel, dabei stets in Bewegung. Ich fühle mich dabei sehr wohl. Wir sind fünf Meilen von Rouen, schon in der Normandie. Unser Regiment hat die Avantgarde. Die Franzosen kneifen aber immer. Tausend Grüße und beste Wünsche, liebste Eltern, an alle. Gott gebe uns ein recht fröhliches Wiedersehen. Euer treuer Sohn Bernhard." Am 4. Dezember überritt unsere Schwadron überraschend zwischen Buchy und Rouen auf steinhartgefrorenem, scholligem Ackerboden im Galopp einen größeren Haufen abziehender französischer Infanterie und zwang sie zur Waffenstreckung. Am 5. Dezember, einem herrlichen, kalten und klaren Wintertage, ging unser etatsmäßiger Stabsoffizier, Major Dincklage, im Regiment nicht beliebt, weil seine etwas steife hannöverische Art nicht zu dem rheinischen Naturell der Königshusaren paßte, aber ein tüchtiger Soldat, mit der L und 2. Eskadron zur Rekognoszierung gegen Rouen vor. Schon vor Rouen deuteten Barrikaden und frisch aufgeworfene, z. T. noch nicht vollendete Schanzen darauf hin, daß die Stadt erst seit ganz kurzer Zeit verlassen sein konnte und daß eine ernstliche Verteidigung beabsichtigt worden war. In einer der Schanzen fanden wir sechs Positionsgeschütze, die wir für das Regiment in Besitz nahmen. Wir griffen eine Anzahl Mobilgardisten auf. Einer von ihnen hatte die französische Liebenswürdigkeit, mir, während ich ihn am Kragen hielt, um ihm das Auskneifen unmöglich zu machen, Komplimente über mein gutes Französisch zu machen: „Monsieur parle le francais sans accent, je lui en fais mon compliment." Einer der gefangenen Mobilgardisten entlief uns an einer Straßenecke. Der ihn eskortierende Husar parierte ruhig sein Pferd, legte den Karabiner an und schoß ihn auf etwa dreißig Schritt nieder. In der Vorstadt Darnetal angelangt, Heß der Major Dincklage den Maire des Ortes kommen. Dieser erklärte, daß er für die Ruhe des anständigen Teiles der Bevölkerung einstehe. „Mon Colonel, les bons citoyens sont sages et tranquilles, ici comme partout. Mais je ne puis repondre de la canaille. II y a ici plusieurs fabriques et par consequent beaucoup d'ouvriers. Ceux-ci ont commis des exces apres le depart des troupes francaises. Iis sont bien capables d'en commettre encore si vous continuez votre marche." Major Dincklage setzte trotzdem mit seinen sechs Zügen seinen Marsch fort. Um ein Uhr rückten wir in Rouen ein. Um zwei Uhr hielten wir auf der Einzug in Place Napoleon, umringt von einer heulenden, gestikulierenden und Rouen schimpfenden Volksmenge, die aber nicht zu Tätlichkeiten überzugehen wagte. Der große Korse, dessen Reiterstatue auf diesem Platz steht, sah verächtlich und stolz auf die Massen herab. Als nach einer kleinen Stunde das 70. Regiment vor dem Rathaus aufmarschierte, verlief sich der Pöbel. Zwei Schwadronen Königshusaren hatten die Hauptstadt der Normandie DER ADLER 195 mit über hunderttausend Einwohnern, darunter zwanzigtausend brotlose Arbeiter, in Besitz genommen, die größte französische Stadt, die bis dahin von deutschen Truppen okkupiert worden war. Unsere Schwadron bezog die schöne neue Kavallerie-Kaserne, La bonne Nouvelle, in der Vorstadt Saint-Severe. Am Abend promenierte ich mit Kameraden auf den Quais längs der Seine. Heller Mondschein spiegelte sich im Fluß, und er spielte auf den Namenszügen der Königshusaren, als sie auf der großen Steinbrücke den Fluß überschritten. Diese Brücke war siebzig Jahre früher von dem Premier Consul Bonaparte eingeweiht worden. Er wurde damals an der Brücke von dem Prefet de la Seine Inferieure empfangen, dessen allzu sicheres Auftreten ihn reizte. Nachdem sie zusammen die Brücke überschritten hatten, suchte der künftige Kaiser den noch sehr jungen Präfekten durch eine Reihe eingehender und nicht leicht zu beantwortender Fragen über die Verhältnisse seines Amtsbezirkes in Verlegenheit zu setzen. Der Präfekt fand auf jede Frage eine rasche und gute Antwort. Endlich frug Bonaparte: „Et combien d'oiseaux ont passe aujourd'hui ce pont?" Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwiderte der Präfekt: „Un seul, Premier Consul, un aigle!" Dieser Präfekt hat unter dem ersten Kaiserreich eine gute Karriere gemacht. Rouen mit seinen Kirchen, der Kathedrale und der Kirche Saint-Ouen, herrliche Baudenkmäler reinster Gotik, mit seinen altertümlichen, engen General Straßen, mit der hier schon breit und mächtig strömenden Seine, mit den Manteuffd malerischen Höhenzügen am rechten Seineufer steht mir in freundlicher Erinnerung. Auch das Eckrestaurant am Quai, wo es wundervolle Seefische und frische Huitres de Marennes gab, wurde nach den Entbehrungen des langen und mühsamen Marsches von der Mosel bis zur Seine gern aufgesucht. Am Tage nach unserem Einmarsch in die Hauptstadt der Nor- mandie sah ich den Erzbischof von Rouen, Monseigneur de Bonnechose, der sich zu Fuß nach der Präfektur begab, wo der General von Man- teuffei abgestiegen war. Als der General frug, warum der Erzbischof nicht gefahren sei, antwortete dieser, daß bei ihm, wie bei vielen Bewohnern der Stadt, die Pferde requiriert worden seien, deshalb sei er per pedes apostolorum gekommen. Der chevalereske General Heß noch am selben Tage dem Erzbischof seine Pferde wieder zustellen. Eine Ritterlichkeit, an der, als sie mit Hilfe der halben Welt das deutsche Volk überwältigt hatten, die französischen Generäle Foch und Nollet, Degoutte und de Metz es nur allzusehr haben fehlen lassen. Ich habe mich bei dem General Manteuffel während des Winterfeldzuges 1870/71 ein- oder zweimal gemeldet, ihn auch wiederholt vorbei gehen und reiten sehen. Mein Eindruck war, daß er mit Bewußtsein den Feldherrn markierte, den Feldherrn, der es edel und nobel treibt. Ich habe schon 13' 196 DER PREUSSISCHE FRIEDLÄNDER erwähnt, daß die Wallenstein-Trilogie, Schillers unsterbliches dramatisches Gedicht, seine Lieblingslektüre war. Jedenfalls kopierte er den Friedländer gut, und alle, die unter ihm dienten und fochten, blickten auf ihn mit Vertrauen und Ehrerbietung als auf einen großen General und ungewöhnlichen Menschen. Er hat sich durch die 1857 bis 1865 von ihm als Chef des Militärkabinetts durchgeführte Verjüngung des Offizierkorps, später, von 1865 bis 1866, als Zivil- und Militär-Gouverneur von Schleswig, noch später, im Deutsch-Französischen Kriege, als Sieger von Colombey und Noisseville, als Oberbefehlshaber der Ersten Armee, vor allem als Führer der Südarmee und Besieger von Bourbaki unvergängliche Verdienste um die Armee, um Preußen und um Deutschland erworben. Als Oberbefehlshaber der Okkupationsarmee in Frankreich von 1871 bis 1873 behandelte Manteuffel die besiegten Franzosen mit einem Zartgefühl, das von der französischen Regierung und insbesondere von dem damaligen Präsidenten der Französischen Republik, Mr. Thiers, in gerührten Dankschreiben anerkannt wurde, an der französischen Grundstimmung uns gegenüber aber nicht viel änderte. Als Statthalter von Elsaß-Lothringen, von 1879 bis zu seinem 1885 erfolgten Tode, bewies der Feldmarschall, daß ein hervorragender General noch nicht ein guter Verwaltungsbeamter ist. Er hat dort durch Kokettieren mit den französisch gesinnten Elementen in den Reichslanden manches verdorben und jedenfalls weniger gut abgeschnitten als sein Vorgänger, Herr von Möller, und sein Nachfolger, Fürst Chlodwig Hohenlohe. Am 6. Dezember schrieb ich aus Moulinot bei Rouen: „Liebste Eltern, Zwei Tage Dienstag rückten wir in Rouen ein, anfangs rechnete man auf ein größeres in Rouen Gefecht, die Franzosen zogen sich aber zurück. Die Mobilgarde, die noch in den Dörfern war, ergab sich meist ohne ernstlichen Widerstand und, wie es mir schien, bisweilen mit Vergnügen. Ich ritt mit Graf Beißel eine Patrouille, um die Verbindung mit der 16. Division aufzusuchen, was uns auch gelang. Ich ritt dann allein zurück, um es dem Major zu melden, auf der Chaussee lagen viele französische Waffen, Käppis und Uniformen, die sie wegwarfen, um sich dann als Bauern in die Dörfer zu stehlen, ohne daß ihnen jemand beweisen kann, daß sie die Waffen getragen haben. Sogar eine Fahne lag im Chausseegraben, von der ich mir zum Andenken das Fahnentuch abriß. Als ich zur Schwadron kam, war sie gerade in Darnetal eingerückt, einer Vorstadt von Rouen. Wir waren die ersten Preußen, die in die Hauptstadt der Normandie einrückten, zum großen Ärger der 16. Division, die uns in Amiens zuvorgekommen war. Bald erschien General Goeben und Heß das 10., durch Kutschke berühmte Infanterie-Regiment sowie die Husaren an sich vorbeiziehen, mit klingendem Spiel und entfalteten Fahnen, was sich sehr hübsch machte und den Franzosen sehr imponierte. Die Haltung der Bevölkerung war neugierig und kriechend. Am BEIM CURE VON MOULINOT 197 Morgen war eine Revolte gewesen, bei der alle Fenster im Rathaus eingeschmissen worden waren. An den Straßenecken waren noch die Proklamationen zu lesen, nach denen sich Rouen eher unter seinen Trümmern begraben als sich ergeben wollte. Gegen Abend kamen wir in die Quartiere. Wir blieben Mittwoch und Donnerstag in der Stadt, die hochinteressant ist. An beiden Seiten der Seine läuft der Quai Napoleon mit schönen Läden, Cafes und Gasthöfen. Die übrigen Straßen der Stadt sind eng und schmutzig bis auf zwei prächtige Boulevards: De la Republique (früher de l'Empereur) und Du grand Pont, die vom Rathausplatz zum Fluß führen. Das Rathaus selbst ist groß, aber nicht bedeutend, sehr schön dagegen die Kirche Saint- Ouen, die dicht daneben hegt, im gotischen Stil mit drei Türmen, davor ein Monument Napoleons I., mehr groß als geschmackvoll. Auch die Kathedrale erschien mir eigentlich mehr merkwürdig als schön mit ihrem schornsteinartigen Turm. Herrlich dagegen ist das Palais de Justice, wie man mir sagt, das schönste in Frankreich. Im gotischen Stil, mit unzähligen Erkern, Türmchen und Fenstern. Merkwürdig ist auch der Platz, wo die Jungfrau von Orleans verbrannt wurde, mit ihrem Denkmal. Könnt Ihr Euch erinnern, mit welcher Begeisterung ich einst die , Jungfrau von Orleans' von Schiller las. Ich weinte vor Enthusiasmus bei der Szene, wo die Jungfrau, im Turm eingesperrt, den Gang der Schlacht verfolgt. Ich muß damals acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Leider hat mich der Rittmeister auf Brief- Relais geschickt. Diese Unannehmlichkeit verdanke ich besonders meinem Französisch, das bei solchen Gelegenheiten herhalten muß. Einen Versuch, ihn umzustimmen, nahm er sehr ungnädig auf, mit Poltern und Schimpfen. Ich sitze hier nun mit einem Unteroffizier und vier Mann in einem kleinen Nest, sechzig Kilometer von Rouen. Unsere Aufgabe ist, Briefe an die gegen Havre usw. rückenden Truppen zu befördern. Tragen sie ein Kreuz, so machen wir es im Schritt ab, wenn zwei Kreuze, im Trab, wenn drei Kreuze im Galopp (-|-, -|—|-, + + +)• Es reiten immer zwei zusammen: So komme ich leider um die Aussicht, Havre und Honfleur zu sehen! Ich habe mich hier mit dem Cure angefreundet, bei dem ich heute mittag Kaffee getrunken habe. Er zeigte mir die schöne, von der Reine Blanche erbaute Kirche, mit herrlicher Aussicht auf die Seine, die durch wundervolles Land fließt, viele Dörfer mit hübschen Kirchen, Schlösser, Villen, zum Teil am Wasser, zum Teil an den an beiden Seiten begrenzenden Hügeln. Der Cure und ich führten auch lange Religionsgespräche. Er ist ein milder, gutherziger Geistlicher." Am 19. Dezember schrieb ich aus Montdidier: „Liebe Eltern, wir sind von Rouen hierher zurückmarschiert und hatten meist sehr schlechte Quar- Rückmarsch tiere, doch geht es mir unberufen sehr gut. Wir passierten mehrere kleine nach Städte, wie Crevecceur, Breteuil und einige andere. Ruhetag hatten wir Monididier 198 DER MANGELHAFT UNTERRICHTETE AVANTAGEUR auch unterdessen, aber in einem niederträchtigen Nest, wo wir zwei Tage in einem Ziegenstall zu dreien auf Stroh lagen. Montdidier ist eine etwas größere Stadt. Die Bevölkerung ist seit einiger Zeit sehr aufsässig, da sie glaubt, wir wären auf dem Rückzug und unsere Armee vor Paris sei vernichtet. Es treiben sich in der Umgegend viele Franktireurs herum. Montdidier ist übrigens eine ganz nette kleine Stadt, mit zwei hübschen Kirchen. Amiens soll wieder von den Franzosen besetzt sein. Laßt Euch wenigstens Weihnachten nicht noch durch den Gedanken an mich betrüben, denn es geht mir Gott sei Dank sehr gut." Zur Erheiterung meiner melancholischen Eltern hatte ich meinem Briefe zwei in Moulinot gekaufte französische Pamphlete beigelegt: „Nous allons taper sur le Prussien" und „Je ne vou- drais pas etre dans la peau d'un Prussien". Am 20. Dezember schrieb ich aus Montdidier: „Liebe Eltern, Eure Zigarren-Briefe sind herrlich. Bitte, schickt mir bei Gelegenheit eine militärische Halsbinde. Das Wetter ist milde und schön. Wir hatten heute Ruhetag. Für die nächste Zeit ist nichts zu erwarten, da die Nordarmee unter Faidherbe Schwindel ist. Tausend Grüße an alle. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Mit diesem drei Tage vor der Schlacht an der Hallue geschriebenen Briefe lieferte der Avantageur von Bülow den Beweis, daß er über die militärische Gesamtlage nur mangelhaft orientiert war. Vielleicht wollte ich aber meine gar zu ängstlichen Eltern beruhigen. Am 21. Dezember schrieb ich aus Cayeux: „Gestern sollten wir eigentlich Die Franzosen Ruhetag haben. Ich war schon bestimmt, eine Patrouille nach Roi zu führen. an der Somme Morgens kam aber der Befehl zum Ausrücken, und der Zug des Leutnants Erffa, in dem ich jetzt reite, kam mit zwei Kompagnien Fünfundsechzigern hierher. Die Quartiere sind hier brillant, wir aßen und tranken nach Herzenslust. Im Dorf Hegt ein Schloß, das einem Marquis Doria gehört. Heute ritt ich zur Eskadron und von da zur Division und zur Brigade. Oberst von Bock, unser jetziger Brigadier, lud mich zum Frühstück ein und war sehr freundlich zu mir. Heute abend ist der Leutnant Erffa mit zwei Dritteln des Zuges nach dem zwei Kilometer entfernten Ayencourt gegangen, um den dortigen Zug des Leutnants Knesebeck zu verstärken. Wir sind hier im Alarmzustand, die arme Infanterie muß auf Feldwache biwakieren. Morgen wird es hoffentlich etwas geben. Die Franzosen haben die Somme-Über- gänge besetzt. Es heißt, sie sollen von allen Seiten umzingelt und dann abgefangen werden. Amiens ist übrigens von den Franzosen geräumt und wieder von uns besetzt. Tausend Grüße an alle, tausend Wünsche für Weihnachten und Neujahr. Zigarren-Briefe erfreuten mich außerordentlich. Bitte, schickt mir bei Gelegenheit eine militärische Halsbinde. Euer treuer Sohn Bernhard von Bülow." Der damalige Leutnant von Erffa war mir persönlich ein guter Kamerad, hat aber während meiner Kanzlerzeit als JULIE 199 konservativer Präsident des Abgeordnetenhauses meiner mehr auf Ausgleich als auf Verschärfung der deutschen Partei-Gegensätze gerichteten Politik manche Schwierigkeiten bereitet. Am 22. Dezember rückte die 1. Schwadron in Camon ein, einem sauberen Dorf an dem rechten Ufer der Somme, zwischen Amiens und Corbie. Ich wurde mit meinem Burschen in einem größeren Bauernhause untergebracht, dessen Besitzer offenbar beweisen wollte, daß Bismarck so unrecht nicht hatte, wenn er zu sagen pflegte, Reichtum habe ein Hasenherz. Jammernd erwartete er die preußische Einquartierung: „Gräce, Monsieur le Prussien, gräce pour moi, gräce pour ma pauvre femme." Schluchzend und heulend stimmte die Gattin ein. Ich suchtebeide zuberuhigen,indemich sie versicherte, ich hätte nicht die Gewohnheit, ein älteres Ehepaar zum Frühstück zu verspeisen. Ich wünschte gar nicht im Hause zu wohnen, wenn meine Gegenwart dort solches Entsetzen verbreite. Ich verlangte lediglich für meine beiden Pferde, mein eigenes und das meines Burschen, eine Unterkunft, die sich leicht in dem dicht beim Hause gelegenen Stall finden würde. Die einzige Verständige im ganzen Hause war ein junges Mädchen, anscheinend eine Verwandte des Hauses. Ohne den Kopf zu verHeren, setzte sie ihrer Familie auseinander, daß ich gar nicht so aussähe, als ob ich sie alle umbringen wollte. Ich dankte ihr für ihre wohlwollende Beurteilung meiner bescheidenen Person. Ich fügte hinzu, sie scheine mir der einzige Mann in der Familie zu sein. Der allmählich beruhigte Alte stimmte mir zu: ,,C'est bien vrai, Julie a le diable au corps." Julie führte mich in den Stall. Ich streckte mich auf meinem Strohlager aus und schlief, bis der Trompeter die Re- veüle blies. Der Morgen des 23. Dezember 1870 war angebrochen. Der Tag war klar und windstill mit acht Grad Kälte. Als ich aus dem Stall in die Sattel- Der 23. De- kammer trat, stand Julie dort. Ich bemerkte erst jetzt, daß sie schön war, zember 1870 groß und wohlgewachsen, mit Augen, aus denen Mut und Energie sprachen, mit vollem, rabenschwarzem, in einen Knoten geschlungenem Haar, mit roten Lippen und einem kräftigen Mund. Sie frug mich, ob es wahr wäre, daß eine Schlacht bevorstünde, wie das im Dorf erzählt würde. Ich erwiderte, das sei nicht ausgeschlossen. Sie meinte: „Pour sür, vous allez vous faire tuer, car je suppose que vous serez aussi brave que vous etes bon et genereux." Ich glaube, daß das Ungewöhnliche der Lage, die bevorstehende Schlacht mit ihren Wechselfällen und Gefahren, die Stille des frühen Morgens uns zwei junge Menschenkinder, den Sohn und die Tochter zweier einander feindlicher Völker, wie in einen Taumel versetzt hatte. Psychologisch war das, wie ich rückschauend feststelle, wohl begreiflich. Unsere Nerven waren aufgepeitscht. Wir waren unserer Sinne nicht mehr mächtig. Ich zog das schöne Weib an mich. Unsere Lippen suchten und fanden sich. Wir ver- 200 ATTACKE gaßen Zeit und Raum, die ja auch nach Immanuel Kant nur Anschauungsformen sind, und wir umarmten uns in leidenschaftlicher Wallung. Der Trompeter blies zum Appell. Er hatte schon zum zweitenmal geblasen, als ich mich endlich losriß. Ich schwang mich auf mein Pferd, das mein Bursche vor dem Hause am Zügel hielt. Ich traf noch gerade zur rechten Zeit bei der Schwadron ein, aus deren Die Schlacht drei Zügen ein Flankenzug gebildet wurde, zu dem ich als Flügelunterare der Hallue offizier kam. Der Leutnant von Knesebeck, der vor dem Zuge ritt, winkte beginnt m j c k nera n und flüsterte mir zu: „Ich glaube, wir kommen zur Attacke. Hinter der Mulde, durch die wir reiten, soll französische Infanterie hegen." Wenige Minuten später erblickten wir fünfzig bis sechzig französische Tiraüleure vor uns. Knesebeck hob den Säbel und kommandierte: „Zur Attacke! Marsch! Marsch!" Wir zwanzig Königshusaren schwenkten unsere Säbel und schrien: „Hurra!" Ein breiter, tiefer Graben, der zwischen uns und den Franzosen lag, wurde von meiner hellbraunen Stute, der Grete, fliegend genommen. Sie war würdig, den Namen des heben Mädchens zu tragen, dem zu Ehren ich sie Grete genannt hatte. Ich drückte ihr noch einmal beide Sporen in die Weichen, und als erster landete ich unter den Feinden. Einen Franzosen, der auf mich anlegte, ritt ich über und über. Während ich ihm nachsah, der klagend und sich das Kreuz reibend, in der Richtung des Waldes davonhumpelte, fühlte, erblickte ich auf der anderen Seite in unmittelbarer Nähe die Spitze eines Bajonettes. Ich sah in ein zorniges, in ein in hohem Grade erbostes und tückisches Antlitz. Ich bin heute weit davon entfernt, dem Träger des mich bedrohenden Bajonettes sein Mienenspiel übelzunehmen. Sein Gesichtsausdruck entsprach der Situation. Mir wird es andererseits kein Vernünftiger verargen, wenn ich mit voller Wucht, mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, meinem Gegner über den Schädel hieb. Er schwankte und wankte, taumelte, brach zusammen, röchelnd, tot. Nachdem ich noch einen langen Blick auf den Leichnam des von mir erschlagenen Feindes geworfen hatte, sah ich mich nach meinen Kameraden um. Auch sie waren inzwischen wacker an der Arbeit gewesen. Der Sergeant Zerbe, ein Westpreuße, hatte sich einen feindlichen Sergeanten aufs Korn genommen und ihn fast erreicht, als dieser feuerte, vorbeischoß, aber sehr gewandt in Bajonettauslage überging, um den Gegner auflaufen zu lassen. Der preußische Sergeant parierte ruhig sein Pferd, unmittelbar vorm Feind, zog sein Pistol und erschoß den Franzosen. Der Husar Röber, ein kölnischer Junge, war in eine fatale Lage geraten. Er hatte einen Franzosen umreiten wollen, der aber hatte ihm sein Haubajonett so fest durch den Säbelkorb gestoßen, daß er es nicht mehr zurückziehen konnte. Der fixe Körner warf seinen Säbel und damit das Gewehr des Gegners zur Erde, ZUM SAMMELN GEBLASEN 201 im Granatfeuer nahm den geladenen Karabiner auf und schoß den Franzosen nieder. Am schönsten von uns allen benahm sich der Trompeter Rusbild, der uns nicht lange vorher die Reveille und den Appell geblasen hatte. Er erblickte einen Kameraden, der hilflos unter seinem gestürzten Pferde lag, hielt trotz heftigem Feuer bei ihm aus und half ihm auf. Der Rittmeister Niesewand, der inzwischen mit den zwei anderen Zügen der Schwadron eingetroffen war, ließ zum Sammeln blasen. Als die Schwadron wieder rangiert war, kam auf seinem prächtigen Rappen der Oberst von Loe angesprengt. Wir nahmen Augen rechts. Er ließ das Gewehr aufnehmen. Mir nickte er freundlich zu, was mich sehr beglückte. Der Oberst von Loe lobte den Zug. Wir waren auch, nur zwanzig preußische Husaren, mit fünfzig französischen Schützen fertig geworden. Von uns war ein Mann schwer verwundet worden. Die fünf Leichtverwundeten blieben im Sattel. Dem Leutnant von Knesebeck war beim Beginn der Attacke sein Pferd erschossen worden. Inzwischen hatten die Franzosen die Höhen besetzt, von denen aus sie uns, zum Teil mit Artillerie, scharf beschossen. Wie das bei solchen Ge- Die legenheiten üblich ist, führten wir verschiedene Exerzitien aus, um dem Schwadron Feind keine Zielscheibe zu bieten. Doch schlugen einige Granaten in unserer Nähe ein. Unser wackerer Wachtmeister John, ein Ostpreuße, und acht andere Husaren unserer Schwadron wurden blessiert. Es war interessant, zu beobachten, wie eine Attacke an die Nerven weniger Anforderungen 6tellt als ruhiges Abwarten im feindlichen Feuer. Anfangs duckte bald dieser, bald jener Husar den Kopf, wenn eine Kugel vorbeiflog oder eine Granate in der Nähe platzte. Aber der Oberst war nicht gewillt, das zu dulden. „Ich verbitte mir", rief er der Eskadron zu, „diese Verbeugungen vor dem Feinde. Wenn wieder einer den Franzosen seine Reverenz bezeigt, sollt ihr anderen ihn tüchtig auslachen." Seitdem bückte sich keiner mehr. Die Schwadron wurde bald nachher vom Kommandeur in eine geschützte Lage geführt, um sie nicht unnützen Verlusten auszusetzen. Ich selbst wurde als Vedette auf eine Anhöhe postiert, von wo ich den Artilleriekampf gut beobachten konnte. Die Franzosen, Marine-Artillerie, schössen recht gut. Unsere Batterie, die unter ihrem Feuer lag, hatte sehr zu leiden. Einem Kanonier riß ein Granatsplitter den Leib auf. Die Krankenträger schleppten ihn fort. Er starb unterwegs. Sie warfen einen Woilach, eine schmutzige Pferdedecke, über ihn, von einem krepierten französischen Pferd, das in der Nähe lag. Das war freilich kein schöner Anblick. Der Erste Jäger in Wallensteins Lager hat recht, wenn er dem Bürgersmann sagt, der Krieg erfordere ein eisern Herz. Inzwischen war das Dorf Daours mehr und mehr zum Mittelpunkt der Schlacht geworden. Der massiv gebaute Ort, den ich später während des 202 DAS SCHLACHTFELD Waffenstillstandes von Amiens aus wiederholt besucht habe, hegt ein- Der Kampf gezwängt zwischen dem Sommekanal, der ihn im Osten und Süden, und der um Daours Hallue, die ihn im Westen durchfließt. Gegen Norden schließen bedeutende Höhen mit steil abfallenden Rändern die kaum für ein Dorf Platz bietende Talniederung ein. Oberst von Loe, der von General Goeben mit der Leitung der Schlacht in diesem Abschnitt betraut worden war, erkannte, daß die Wegnahme von Daours unter allen Umständen geboten wäre, was aber nur mit Hilfe der Infanterie möglich war. Da erschien unsere „Couleur", das 8. Rheinische Jäger-Bataillon. Bei einem der ersten Rendezvous nach dem Ausmarsch aus Bonn, vor Böckingen, waren Husaren und Jäger sich begegnet. In kurzer Ansprache hatte Oberst von Loe' an die Waffenbrüderschaft der beiden Truppenteile von 1866 erinnert und mit den Worten geschlossen: „Wenn wir Königshusaren die Achten Jäger hinter uns wissen, ist uns nichts unmöglich." Major von Oppeln-Bronikowski hatte geantwortet: „Gehen Sie voraus, wir folgen, wohin es auch sei." Das sollte jetzt in Erfüllung gehen. Major von Bronikowski erklärte sich mit Freuden zum Sturm auf Daours bereit. Gefolgt von vier Kompagnien „Dreiunddreißig" und zwei Kompagnien „Fünfundsechzig" gingen die Jäger zum Angriff gegen Daours vor, das von dreitausend französischen Husaren, Marine und Linientruppen erbittert und zäh verteidigt wurde. Während die 1. Eskadron, zu der ich wieder gestoßen war, nach wie vor in ziemlich heftigem Feuer einen günstigen Moment zum Vorgehen erwartete, war die Dämmerung eingebrochen. Die Lage auf der Schlachtlinie war folgendermaßen: Die 15. Division hatte die Franzosen aus allen Hallue- Dörfern zurückgeworfen. Zum Angriff auf die mit starker Artillerie besetzten Höhen mußte die Einwirkung der 16. Division abgewartet werden, deren Kräfte aber zu einer Umgehung nicht ausreichten. Es kam also für heute nur darauf an, die eroberten Abschnitte fest in der Hand zu behalten. Das gelang. Wiederholte und mit starken Kräften unternommene französische Vorstöße wurden von Oberst Loe mit den Jägern, den Dreiunddreißigern und den Fünfundsechzigern abgeschlagen. Daours blieb in unserer Hand. Die Nacht war schon hereingebrochen, als die 1. Eskadron den Befehl Nachtquartier erhielt, Nachtquartier in Querrieux zu beziehen. Wir marschierten langsam in Querrieux ^ (j er Richtung des brennenden Querrieux. Die Pferde waren müde, wir waren müde. Es ist dies das einzige Mal in meinem Leben, daß ich im Sattel schlief. Querrieux brannte an fünf Stellen. Fast alle Einwohner waren geflohen. In den Häusern waren die Fenster und Türen demoliert. Da es bitterkalt war und da die Kälte, je später es wurde, um so mehr zunahm, SCHLAF IM ZIEGENSTALL 203 wärmten sich die Husaren an der Brandstätte. Zu meiner Freude fand ich Hafer für meine brave Grete, auch eine halbe Flasche Wein für mich. Ich leerte sie auf einen Zug, dann warf ich mich in einem verlassenen Ziegenstall auf die Erde. Wie in meinen Kindertagen betete ich: „Abends, wenn ik slapen gah, Viertein Engel bi mi stahn: Twei tau min Haupten, Twei tau min Feutten, Twei tau mine Rechten, Twei tau mine Linken, Twei, di mi taudecken, Twei, di mi upwecken, Twei, di mi wiest Int himmlisch Paradies, Un min Vadding un Mudding ok." Und dann verfiel ich nach diesem ereignisreichen Tag, während durch die Stille der Nacht in der Ferne die französischen Signale ertönten, immer leiser tönten und schließlich verstummten, in den tiefsten Schlaf, den ich je geschlafen habe. Bei einer Kälte von elf Grad stieg am 24. Dezember die Sonne an einem klaren und wolkenlosen Himmel empor. Ein eisiger Nordostwind blies uns Der 24. De- um die Nase. Die 1. Eskadron hielt schon am frühen Morgen in einer 'ember Terrainmulde westlich des Windmühlenberges bei Querrieux. Wir konnten konstatieren, daß die Franzosen ihre Stellungen vom gestrigen Nachmittag überall hielten. Zu offensiven Vorstößen rafften sie sich nicht mehr auf. Einige schwächliche Versuche in dieser Richtung wurden nach den ersten Schüssen unserer Vortruppen wieder aufgegeben. Das heftige Feuer der Franzosen aus Chassepots und Geschützen richtete bei uns keinen großen Schaden an. Die fortwährende Bewegung, die in den französischen Massen herrschte, schien uns ein Beweis, daß der Franzmann auf seinen Höhen, wo er in Ermangelung von Dörfern biwakiert haben mußte, noch mehr unter der Kälte litt als wir im Tal. Ich weiß nicht, wer geäußert hat, daß die Schadenfreude die einzige reine Freude sei. Die Überzeugung, daß die Franzosen noch mehr froren als wir, hob unsere Stimmung. Was uns vor allem befriedigte, war, daß, wenn wir dem in starker Stellung weit überlegenen Feind auch eine entscheidende Niederlage nicht beigebracht hatten, doch unser Hauptzweck, die Vertreibung des Feindes aus der unmittelbaren Nähe von Amiens, in der Schlacht an der Hallue erreicht worden war. Mit siebenunddreißig Offizieren und neunhundert Mann, die vor dem Feind geblieben waren, hatte das rheinische Armeekorps dieses Resultat erkauft. 204 WEIHNACHTSABEND Ich verbrachte den Weihnachtsabend in einem ärmlichen Dorf, das Altonville hieß, einem Nest, wo immerhin im Gegensatz zu den zerschossenen Dörfern an der Hallue die Häuser noch standen, wo wir in einem Keller einen größeren Weinvorrat entdeckten und Hühner requirierten, je einen Vogel für zwei Husaren. Im übrigen war unsere schönste Weihnachtsfreude der am Abend erlassene Befehl des Generals von Goeben, in dem unser Führer feststellte, daß die Schlacht vom 23. Dezember für die schwarz-weiße Fahne siegreich gewesen war. Ich dachte aber doch in Wehmut meiner guten Eltern, die in Berlin vor dem Weihnachtsbaum standen ohne ihre einzige Tochter, die ihnen am Anfang dieses Jahres entrissen worden war, ohne ihre beiden ältesten Söhne. Der Morgen des 25. Dezember brach an mit noch stärkerer Kälte und 25. Dezember mit demselben eisigen Nordostwind. Mein im übrigen sehr ordentUcher Bursche, ein Ostpreuße namens Kühn, hatte meinen dicken Mantel im Marschquartier Bussy liegenlassen, so daß ich länger als eine Woche im dünnen Regenmantel reiten mußte. Meine Kameraden von der 1. Schwadron pflegten mir noch nach vielen Jahren scherzend zu sagen: wenn sie an meinen Regenmantel vom Dezember 1870 dächten, so fröre sie jetzt noch. Schon am vorhergegangenen Nachmittag hatte eine von Leutnant von Steinberg geführte Patrouille, in der ich ritt, festgestellt, daß die Höhe von Pont-Noyelles unbesetzt war. Erst bei dem Dorfe La Houssoye erhielten wir Feuer. In der Nacht eingegangene Meldungen Ueßen keinen Zweifel über den beginnenden Rückzug des Feindes. Die um zehn Uhr in Vormarsch Daours eingetroffene 30. Brigade erhielt den Befehl, nach Albert zu rücken, nach Albert un( J trat auf dem Unken Hallue-Ufer den Vormarsch über Pont-Noyelles an. Voran trabten die l.und die 2. Eskadron Königshusaren unter der Führung des Obersten. Unser Ritt führte uns über das Gefechtsfeld der Franzosen. Wir konnten uns von der sehr starken Position überzeugen, die der Feind innegehabt hatte. Von der Wirkung unserer braven Artillerie zeugte eine große Anzahl Toter. Zum erstenmal sah ich unmittelbar nach dem Kampf ein mit Leichen bedecktes Schlachtfeld. Von einigen arg verstümmelten abgesehen, machten mir die Toten in keiner Weise einen häßlichen oder gar abschreckenden Eindruck. Auf den Gesichtern der Deutschen wie der Franzosen lag jener innere Friede, von dem Wallenstein spricht, als er die Kunde von dem Tode seines Lieblings, des Max Piccolomini, erhält: „Er ist der Glückliche! Er hat vollendet! Weg ist er über Wunsch und Furcht. Oh, ihm ist wohl!" Und aus manchem deutschen Antlitz sprach jene Seligkeit, die Faust denjenigen beneiden läßt, dem der Tod im Siegesglanz den blutigen Lorbeer um die Schläfe windet. Ich will aber nicht verschweigen, daß, während wir am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages über Leichen ritten, ich trotz meiner kriegerischen Begeisterung der Engel HUSARENSTREICH 205 gedachte, die nach des Heilands Geburt vor 1870 Jahren Gott lobten und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Um vier Uhr rückten wir in Albert ein. Wir machten dort eine Anzahl Gefangene, darunter zwei berittene Dragoner. In der Umgegend von Albert machten wir Eisenbahn und Telegraph unbrauchbar. In diesen Tagen vollführte der Leutnant von Schräder einen echten Husarenstreich, Karl von den er selbst wie folgt schilderte: „Am 25. Dezember früh erhielt ich vom Schräder Oberst Loe den Auftrag, mit meinem Zug (3. Eskadron) zur Aufklärung des feindlichen Abmarsches gegen Bray vorzugehen. Nachdem ich mehrfach vereinzelte Nachzügler angetroffen hatte, um die ich mich nicht weiter kümmern konnte, ich nahm ihnen nur ihre Waffen ab, bemerkte ich plötzlich auf eine Entfernung von etwa sechshundert Schritt in meiner linken Flanke eine stärkere Abteilung Franzosen, die in derselben Richtung wie ich marschierten. Da ich diese meinem nur neun Rotten starken Zuge offenbar überlegene Abteilung nicht in meinem Rücken lassen konnte, ließ ich sofort aufmarschieren und attackieren. Zu spät bemerkte ich, daß die Franzosen am jenseitigen Ufer des fast zwanzig Schritt breiten, für uns natürlich unpassierbaren Somme-Kanals standen, welcher hier ziemlich bedeckt fließt und bei dem herrschenden Nebel erst auf etwa hundert Schritt sichtbar geworden war. An Halten oder Umkehren war nicht mehr zu denken, da hierdurch die Franzosen, aus ihrer augenscheinlichen Bestürzung — es fielen höchstens fünf bis sechs Schüsse auf uns — aufgeweckt, zu energischem Feuer ermutigt worden wären. Es blieb mir also nichts weiter übrig, als meiner alten ,Vigoureuse' die Sporen in die Flanken zu drücken. Und dicht an den Somme-Kanal heransprengend, rief ich der Abteilung mit Entschiedenheit zu: ,A bas les armes!' Als nun die Franzosen wirklich die Waffen senkten, konnte mir das natürlich nicht genügen, da ich besorgen mußte, daß, bevor meine durch den beeilten Ritt über Sturzacker etwas in Unordnung geratenen Husaren aufmarschieren und statt des Säbels den Karabiner aufnehmen würden, die Feinde zur Besinnung kommen und uns sämtlich über den Haufen schießen möchten. Ich forderte daher die Franzosen auf, ihre Waffen ins Wasser zu werfen, welchem Befehl sie alle ohne Ausnahme nachkamen. Sie ließen sich sodann herbei, uns eine Brücke über den Kanal zu zeigen und selbst herüberzukommen, so daß ich die aus fünfundzwanzig Maun bestehende Abteilung ohne weiteres durch eine Eskorte zum Regiment zurückschicken und mit dem Rest meines Zuges die mir befohlene Rekognoszierung fortsetzen konnte." Karl von Schräder, nur wenige Monate älter als ich, war mir schon während des Krieges durch seinen Schneid, seine Frische und seine unverwüstliche gute Laune ein sympathischer Kamerad. Heute, nach so vielen Jahren, steht sein Bild noch 206 DER FALL KOTZE deutlich vor mir, wie er, die Pelzmütze im Nacken, den Säbel in der Faust, auf seiner alten, aber noch immer flotten „Vigoureuse" vorbeigaloppiert. Als wir nach dem Kriege bei der 3. Schwadron zusammenstanden, traten wir uns noch näher. Wie oft sind wir im Frühjahr 1872 nebeneinander vor unseren Zügen geritten, ich vor dem 1., er vor dem 2. Zuge. Schräder ist einer der ersten gewesen, die mir eine größere Zukunft voraussagten. Schon in Bonn gab er nach jedem Liebesmahl mit seiner lauten Stimme der Überzeugung Ausdruck, daß ich Reichskanzler werden würde. Als ich viel später, damals Botschafter in Rom, im Jahre 1895 meinem alten Freund Schräder, der inzwischen Zeremonienmeister geworden war, in Berlin im Hause des sächsischen Gesandten, des Grafen Wilhelm Hohenthal, wieder begegnete, setzte er mich dadurch in Verlegenheit, daß er in Gegenwart des Staatssekretärs von Marschall der schönen Gräfin Lotka Hohenau, mit dem Finger auf mich weisend, in der ihm eigenen ungenierten Art mit erhobener Stimme zurief: „Sehen Sie sich Bernhard Bülow genau an, der ist in einigen Jahren Reichskanzler." Marschall, ein Mann von großen Fähig- keiten und noch größeren Ambitionen, der selbst Kanzler werden wollte, warf mir einen so pikierten und dabei mißtrauischen Blick zu, daß ich mich des Lächelns nicht erwehren konnte. Der forsche und lustige Schräder wurde 1896 von dem Kammerherrn von Kotze in einem Duell erschossen, das den Abschluß skandalöser Vorgänge in der Hofgesellschaft bildete, wie sie unter Wilhelm I. unmöglich gewesen wären, wie sie aber unter dem allzu raschen und dabei inkonsequenten Wilhelm II. schon in den Anfängen seiner Regierung Böses für die Zukunft ahnen ließen. Ich will ausdrücklich feststellen, daß das Verhalten des Freiherrn Karl von Schräder in dieser ganzen Angelegenheit tadellos gewesen ist. Sein Gegner Kotze hat sich gleichfalls korrekt benommen. Auch mit ihm, der gleichzeitig mit meinem Bruder Adolf bei den 2. Gardedragonern stand, war ich seit meiner ersten Jugend befreundet. Er war ein guter Kerl, der sich durch seine naive Vergötterung Wilhelms II. dessen besondere Gunst eine Zeitlang erworben hatte, was Seine Majestät aber nicht abhielt, den Unglücklichen, als ein gänzlich unbegründetes Gerücht ihn als den Verfasser anonymer Schmähbriefe bezeichnete, die das höfische Berlin in Aufregung versetzten, verhaften und einsperren zu lassen. XV. KAPITEL Patrouillenritte • Gefecht bei Sapignies am 2. I. 1871 • Leutnant Graf Max Pourtales Die Schlacht bei Bapaume (3. I. 1871) • General von Goeben • Patrouillcndienst vor Saint- Quentin Als Karl Schräder im Dezember 1870 sein Reiterstückchen bei Bray ausführte, war der Straßenknoten Bapaume in den Vordergrund der mili- Um tärischen Erwägungen getreten. Dieser wichtige vorgeschobene Posten sollte Bapaume so lange wie möglich behauptet werden, obwohl die der deutschen Heeresleitung für eine solche Aufgabe zur Verfügung stehenden Kräfte selbst für die Defensive recht gering waren. Die französische Offensive gegen Bapaume kam dem General von Goeben nicht unerwartet. Er konnte nicht umhin, ihr mit ernster Besorgnis entgegenzusehen. Er meldete am Silvestertage 1870 dem Oberkommando: „Ich verhehle mir nicht, daß ich, da zwei Infanterie-Brigaden bei Peronne nötig sind, nicht stark genug bleibe, mit Aussicht auf Erfolg einem feindlichen Vorgehen in größerem Maßstabe entgegentreten zu können. Nur 16 Bataillone sind in der Front disponibel." Da der Stand an Kombattanten bei den Bataillonen des VIII. Armeekorps durchschnittlich nicht über sechshundertfünfzig Mann hinausging, so ergab sich bei einer Schlacht im offenen Felde gegen Faidherbe eine Stärke an Infanterie von kaum zehntausend Mann. Und diese Zehntausend sollten einen weiten Raum schützen. Zwischen dem 27. Dezember und dem 2. Januar wurde der Dienst unseres Regiments sehr anstrengend. Im Dorfe Dury bei Douay zerschmetterte dem braven Unteroffizier Ruß die Kugel eines Franktireurs den Unterschenkel. Bei Mercatel auf der nach Arras führenden Landstraße wurde dem Gefreiten Euler sein Pferd erschossen, er selbst nach tapferer Gegenwehr gefangengenommen. Der Oberst von Loe sah sich veranlaßt — gewiß ein gutes Zeichen für den Geist seines Regimentes —, in einem Befehl an die Offiziere vor allzu kühnem Vorgehen der Patrouillen zu warnen. „Es ist", hieß es in diesem Befehl, „in den letzten Tagen bei den Patrouillen häufig vorgekommen, daß die Spitze der Husaren, in die Dörfer hineingeritten, dort aus nächster Nähe von versteckten feindlichen Infanterieabteilungen Feuer erhalten hat, wodurch tägliche Verluste an Leuten und 208 VOM PUTENBRATEN WEG Pferden entstanden sind. So sehr ich die Entschlossenheit unserer Leute anerkenne, welche trotz aller Erfahrungen rücksichtslos in die Dörfer hineinreiten, so gebietet doch die praktische Klugheit, daß wir, um unnötige Verluste zu vermeiden, dem feindlichen System die Spitze abzubrechen versuchen." Es hieß dann weiter, daß das Absuchen besetzter Dörfer bei gemischten Detachements Sache der Infanterie sei. Die Husaren hätten am besten durch Umreiten verdächtiger örtlichkeiten nur zu konstatieren, ob der Feind in dem Dorf stecke. Der Oberst von Loe hatte sich über die Findigkeit seiner rheinischen Husaren nicht getäuscht. Die Einzelverluste nahmen in den nächsten, besonders schwierigen Tagen ab. Und die Meldungen blieben zuverlässig und schnell. Am 2. Januar kam die Meldung von dem Anmarsch starker französischer Alarm Kolonnen. Ich saß gerade bei einem prächtigen Putenbraten, zu dem mich mein Leutnant eingeladen hatte. Dieser Leutnant, Graf Ernst Steinberg, war der letzte männliche Sproß einer alten niedersächsischen Familie. Er verband die guten Formen des Hannoveraners mit der fröhlichen Art des Rheinländers, die ihm während der vier Jahre, die er schon in Bonn verlebt hatte, sympathisch geworden war. Steinberg und ich wurden ein Jahrzehnt später Kollegen in Paris, er als Attache, ich als Sekretär der Botschaft. Ich habe selten einen liebenswürdigeren Mann gekannt. Während dieser beste aller Menschen sich mit mir die französische Pute, kräftig begossen mit gutem Landwein, schmecken ließ, wurden wir alarmiert. Oberst von Loe formierte aus einem Zug der 1. Eskadron, leider nicht aus dem Zuge, in dem ich ritt, und aus dem Vorpostenzuge der 2. Eskadron eine halbe Eskadron und befahl dem Leutnant Graf Pourtales, sie nach der Höhe östlich Sapignies zu führen und sich dort zur Verfügung der Artillerie zu halten. Als bald nachher unsere Artillerie durch vordringende französische Infanterie in arge Bedrängnis geriet, wandte sich der Abteilungskommandeur um Hilfe an die beiden Husarenzüge, die hinter einer Terrainfalte standen. Graf Pourtales zögerte keinen Augenblick. „Zur Attacke, marsch, marsch!" erscholl sein Kommando, und in Karriere warf sich die Schwadron auf den Feind, die Offiziere weit voraus, hinter ihnen mit Hurra die fünfzig Husaren. Was sie nicht niederritten, flüchtete in wilder Hast. Der Angriff überraschte derart den Feind, daß aus seinen Kolonnen an- Die Fran- fangs kein Schuß fiel. Graf Pourtales sammelte seine Husaren und führte zosen flüchten s j e i m Schritt zurück, begrüßt von dem freudigen „Lehmop!" der Artillerie, die sofort Front gemacht hatte und Lage um Lage in den Feind schickte. Die Kompagnie Achtundzwanziger ging wieder vor. Einen Moment noch standen die Franzosen, dann flüchteten sie zurück in voller Auflösung. Mit rascher Entschlossenheit nützte General von Kummer diesen Augenblick: „Das Ganze avancieren!" klang das Signal. Die Infanterie warf unter VERLORENE BRIEFE 209 Hurra mit dem Bajonett den Feind unter großen Verlusten auch aus Behagnies heraus. Zahlreiche Gefangene blieben zurück. Zwei Bataillone, zwölf Geschütze und fünfzig Königshusaren hatten den Angriff einer Division abgeschlagen. Graf Max Pourtales war aus dem Holz, aus dem Graf Max Napoleon I. seine Marschälle zu schnitzen hebte. Schlank und elastisch, mit Pourtalds keckem, aufgesetztem schwarzem Schnurrbart und kühnen Augen, immer ein Lächeln um den Mund, zog er auf der Poppelsdorfer Allee zu Bonn am Rhein wie in den Straßen von Amiens und Rouen die Blicke der Frauen und Mädchen auf sich. Sohn eines Neufchateller Vaters und einer Genfer Mutter, sprach er Deutsch mit französischem Akzent, aber sein Herz war durch und durch preußisch. Als unser Regiment im Februar 1871 nach Treport kam, führte Max Pourtales seine Schwadron, die 2. Schwadron, bis an das Meer, ritt mit den Husaren ins Wasser hinein und hielt dann eine kleine Ansprache an sie, die mit den Worten begann: „Usaren (er konnte das „H" nicht recht aussprechen), bis an die Meer abe ik euch geführt." Dieser herrliche Offizier, der von innerem Feuer glühte, dem Feuer der Ruhmbegierde und des Ehrgeizes, dem eine glänzende militärische Zukunft zu winken schien, wurde wenige Jahre nach dem Kriege von einem tückischen inneren Leiden befallen, das ihn zwang, den Dienst zu verlassen. Wer ihn gekannt hat, wird ihn nicht vergessen. Die Geschichte des Königshusaren-Regiments gedenkt mit Stolz des Tages von Sapignies und des Grafen Max Pourtales, der seitdem im Regiment der „Duc de Sapignies" hieß. Mein guter Vater hat meine Feldzugsbriefe sorgsam gesammelt. Als ich nach seinem Tode seinen Nachlaß ordnete, stellte es sich heraus, daß zwei für mich besonders interessante Briefe fehlten: ein Brief, der meine Ordonnanzritte im November eingehender schilderte, und mein Bericht über die Schlacht an der Hallue. Ich möchte annehmen, daß mein Vater diese Briefe entweder an meinen im Felde stehenden Bruder Adolf oder, was mir wahrscheinlicher ist, an den Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitz nach Herzog Georg St. Petersburg geschickt hat. Der Herzog Georg hatte sich 1851 mit der »<"» Großfürstin Katharina Michailowna von Rußland verheiratet und war Meyenburg gleichzeitig in russische Dienste getreten. Obwohl Legitimist vom reinsten Wasser und als solcher ein Gegner der Bismarckschen Politik von 1866, stand er, der Neffe der Königin Luise, im Deutsch-Französischen Kriege auf deutscher Seite. Was ihm mein seit langem mit ihm befreundeter Vater über seine Eindrücke schrieb, brachte er gern zur Kenntnis des Kaisers Alexander IL, der, Sohn einer preußischen Prinzessin und Enkel der Königin Luise, während des Deutsch-Französischen Krieges zu Deutschland, richtiger zu Preußen, neigte und den Schreiben von der preußischen Front interessierten und erfreuten. Dagegen hegen mir meine Briefe über 14 Bülow IV 210 DESTO BESSER FÜR UNS das Gefecht von Bapaume und die Schlacht von Saint-Quentin vor. Wenn ich sie wiedergebe, so brauche ich dabei kaum hervorzuheben, daß es sich nicht um Berichte eines Generalstäblers handelt, sondern um rasch hingeworfene Briefe eines jungen Husaren. Aus dem Marschquartier Cappy bei Peronne schrieb ich am 4. Januar 1871: „Liebste Eltern, bitte, verzeiht mir, wenn ich Euch seit dem Weih- Bapaume und nachtsfeiertage nur zweimal flüchtig geschrieben. Gestern und vorgestern Saint-Quentin hatte ich gar keine Gelegenheit, Briefe an Euch abzugeben. Hoffentlich geht es Euch so gut, wie ich von ganzem Herzen wünsche. Ich befinde mich sehr wohl und bin durch Gottes Gnade unversehrt aus dem gestrigen ziemlich heftigen Gefecht hervorgegangen. Am 25. früh rückten wir bei niederträchtiger Kälte aus und gingen ans jenseitige Ufer der Somme. Gegen Mittag wurde durch Patrouille in Erfahrung gebracht, daß die Franzosen ihre Stellung bei Pont-Noyelles verlassen hätten und sich zurückzögen. Warum ? Das scheint einigermaßen unklar, aber desto besser für uns. Wir wurden gegen Mittag alarmiert und rückten über das Gefechtsfeld nach Pont- Noyelles. Da lagen wieder die Höhen vor uns, die am 23. das 33. Ostpreußische Regiment mit aufgepflanztem Bajonett und fabelhafter Bravour erstürmt hatte, aber gegen Abend wieder hatte aufgeben müssen. Es lagen noch viele Leichen auf dem Abhang und in einem Hohlweg, der hinaufführte, z. T. schon ganz erfroren, meist ganz friedlich. Etwa eine Stunde hinter Pont-Noyelles kamen wir in leidliche Quartiere. Den nächsten Tag rückten wir über Albert und Bapaume, zwei kleine Städte, bis Fremicourt. Hier hatten wir drei Ruhetage, die den Pferden sehr nottaten. Am dritten ritt ich eine Requisitions-Patrouille bei sehr scharfer Kälte. Ich kam bis Montagne-Notre-Dame, nur drei Kilometer von Cam- brai, wo ich feststellte, daß diese Stadt noch stark von Franzosen besetzt war. Am Silvestertag rückte ich mit Herrn von Steinbergs Zug nach Beugny, eine halbe Stunde von Fremicourt, wo wir in ganz famose Quartiere kamen. Es lagen da noch zwei sehr nette Infanteristen vom 33. Regiment, ein Leutnant und ein Fähnrich. Der Leutnant, ein baumlanger Mensch, hieß Freudenfeld oder ähnlich, den Namen des Fähnrichs habe ich vergessen. Der Leutnant sorgte in rührender Weise für seinen kleinen Kameraden. Wir aßen Ente, Dindons und andere schöne Sachen, wozu wir requirierten Champagner tranken. Am Zweiten mittags wurden wir plötzlich alarmiert, rückten über Fremicourt, das schon von der Schwadron verlassen war, nach Bapaume und von da weiter auf der Chaussee nach Arras. Etwa eine Stunde hinter der Stadt standen unsere Batterien, die sich mit den feindlichen beschossen. Nach einigem Hinundherrücken in übrigens ziemlich unbedeutendem Infanteriefeuer traf unser Zug die 3. Schwadron, die in der Nähe hielt und der wir uns anschlössen. Man glaubte gegen Abend, DER FEIND NAHT 211 der Feind wolle uns umgehen, und ich wurde mit einer Patrouille vorgeschickt. Es war aber nichts vom Feinde zu sehen. Gegen neun Uhr kamen wir in Bapaume in leidliche Quartiere und trafen dort die Schwadron. Am Dritten rückten wir um sechs Uhr früh aus, es war noch ganz dunkel, und machten Rendezvous. Es wurden zwei Züge zum Rekognoszieren vorgeschickt, und nach einer Viertelstunde kamen die betreffenden Offiziere mit der Meldung zurück, daß der Feind in zwei sehr starken Kolonnen nahe. Darauf gingen wir links von der Chaussee mit einer Batterie und zwei Bataillonen Dreiunddreißigern ihm entgegen, kamen bald in sehr scharfes Granatenfeuer und zogen uns in eine Mulde parallel der Chaussee. Wir konnten von da aus das Gefecht so genau beobachten wie weder am 27. November noch am 23. Dezember. Das Dorf links der Chaussee nach Arras war in der Nacht von den Franzosen besetzt worden. Sie hatten dort eine Batterie gerichtet, die ausgezeichnet bedient wurde. Und bald gingen uns die Granaten über die Köpfe weg, aber so hoch, daß sie nicht den geringsten Schaden taten. Unterdes ging das links von Bapaume postierte Bataillon Dreiunddreißiger unter lautem Hurra gegen Sapignies vor, und das Gefecht ging los. Ihren Sapignies Leuten weit voraus liefen der lange Leutnant und der kleine Fähnrich, mit denen ich in Beugny im Quartier gelegen hatte. Fast in derselben Minute fielen sie beide, wie Ähren unter der Sense des Schnitters. Alle beide gleich tot. Auch wir gerieten ziemlich stark in Feuer, da die französischen Kugeln merkwürdig weit tragen, doch wurden nur einige Pferde angeschossen. Ich ritt als Flügel-Unteroffizier des 1. Zuges. Dem Quartiermeister, der hinter mir hielt, ging eine Kugel durchs Kochgeschirr. Unterdessen hatten die Dreiunddreißiger das Dorf zwar erobert, mußten aber nach einer Viertelstunde der vier- bis fünffachen Übermacht weichen. Das Gewehrfeuer wurde immer stärker. Wir ritten auf die Höhe, um zu sehen, was los wäre. Wir sahen leider, wie die Dreiunddreißiger erst einzeln, dann immer mehr und mehr zurückgehen mußten. Voran kamen die Gesunden, die sich noch oft umdrehten, um zu schießen, dann die leicht und einige schwer Verwundeten, die mühsam hinterherkrochen. Die Offiziere versuchten, die Leute zum Stehen zu bringen, aber umsonst, die feindliche Übermacht war gar zu groß, namentlich seitdem die Franzosen ihre Batterie gerückt und ein sehr heftiges Granatfeuer begonnen hatten. Auch die zwei links von der Mulde postierten Batterien mußten zurückgehen. Wir waren dann kaum auf der Höhe, als wir in ein sehr heftiges Gewehrfeuer kamen, auch die Batterien es ganz besonders auf uns Husaren absahen. Es war keine Möglichkeit, gegen die Batterien und die vier Bataillone Infanterie zu attackieren. Unsere Eskadron war allein. So ließ denn der Rittmeister in Zügen rechts schwenken, 14« 212 KOPF HOCH!" und wir passierten im Trabe den Sturzacker, um auf der Chaussee Aufstellung zu nehmen. Es waren schon mehrere Granaten kurz vor und kurz hinter uns eingeschlagen, als zwei mitten in dem Zug krepierten. Die eine schlug gerade vor uns ein, so dicht, daß mein Pferd in die Höhe ging und ich ganz mit Erde und Schnee beworfen wurde. Dem vor mir reitenden Vizewachtmeister Oskar Becker, einem Leipziger, ein netter Kerl, riß ein Splitter den Kopf weg, daß er mit der Pelzmütze wegflog, als wäre er abgeblasen. Ich wurde im Gesicht und auf dem Mantel mit Blut und Gehirn bespritzt. Im übrigen taten uns die Granaten nicht so viel Schaden, wie anzunehmen war. Es wurden mehr Pferde als Leute verwundet. Ich hob den Säbel und rief meinen Leuten zu: „Ruhe und Kopf hoch!" Das Sausen und Krepieren klang ziemlich unheimlich, und die Angst oder vielmehr ein gewisses Grauen saß den Leuten wohl in den Gliedern. Doch muß man ihnen lassen, daß kein Mann aus dem Glied drängte und daß sie im Zuge Abstand und Fühlung hielten wie beim Exerzieren. Wir passierten die Chaussee und stellten uns zwanzig Schritt hinter derselben neben einer Fabrik auf. Das Gefecht hatte auf unserem (linken) Flügel eine ungemütliche Wendung genommen. Unsere Batterie fuhr ins heftigste Feuer und beschoß von da die Franzosen. Das Bataillon Dreiunddreißiger, das zwei Drittel seiner Leute verloren hatte, sammelte sich und ging nochmals vor. Die Franzosen hatten nicht die Courage, Bapaume mit dem Bajonett zu nehmen, obwohl sie vier gegen einen waren, sondern begnügten sich damit, die Stadt sehr heftig zu beschießen. Unsere Granaten platzten auf der Chaussee, eine ganz in unserer Nähe, gerade auf einem Munitionswagen und riß Pferde und Menschen in Stücke. Eine andere fuhr in die Fabrik, neben der wir standen. Auch in den Kirchturm der Stadt ging eine, was sich schnurrig ausnahm. Unterdessen kam eine Meldung, die Leutnant von Knesebeck mit Auf dem unserem Zuge an den General von Goeben bringen sollte. Wir passierten Markt von Bapaume. Wir kamen an den Markt, auf dem die Granaten einschlugen Bapaume vaj ^ L j n f 0 ig e( j essen g anz menschenleer war. Es war ein viereckiger Platz, von Platanen umgeben. Nur eine alte Frau war zu erblicken, die dort Unkraut ausjätete und Unrat wegfegte. Ich sagte ihr beim Vorbeireiten, sie möge einen Unterschlupf aufsuchen, sonst könnte sie von einer Granate getroffen werden. Sie antwortete mir ganz apathisch: ,Mon bon Monsieur, je suis vieille et pauvre, la mort ne m'effraie pas. J'aime aussi bien continuer mon petit travail, auquel je suis habituee.' Ein sehr ruppiger Hund, der bei ihr war, blieb, auch trotz des Granatfeuers. Das waren doch zwei Philosophen. Knesebeck und ich ritten bis zu einem Dorf, etwa vier Kilometer von Bapaume, wo der General war. Knesebeck nahm mich mit NIESEWAND LOBT 213 zu ihm in sein Zimmer. Er lag im Bett. Er hatte einen heftigen Dysenterieanfall gehabt und sah noch blaß aus. Als Knesebeck mich ihm vorstellte, reichte er mir die Hand und sagte mir, daß er in Hannover — er ist von Geburt Hannoveraner — verschiedene Namensvettern von mir gekannt hätte. Er fügte hinzu: ,Es waren tüchtige Leute.' Er war ganz ruhig, schien die Sache aber ernst anzusehen. In seinem Vorzimmer, wo Ordonnanzen warteten, hieß es, daß uns die Franzosen den Rückzug auf Amiens abgeschnitten hätten. Einige hielten die Schlacht für verloren, falls uns die 16. Division nicht zu Hilfe käme. Als wir zur Schwadron zurückkamen, die inzwischen rechts der Chaussee nach Peronne zu, vor der Stadt neben unserer Batterie postiert worden war, stand das Gefecht schon günstiger. Auf dem rechten Flügel hatten Achte Jäger und ein Bataillon Dreiunddreißiger die Franzosen zurückgedrängt und zwei Dörfer genommen. Bapaume wurde noch immer gehalten, von zwei Batterien und dem zurückgeschlagenen Bataillon Dreiunddreißiger, das übrigens das Dorf nur hatte aufgeben müssen, weil es alle Patronen verschossen hatte. Um zwei Uhr erschien, von den kämpfenden Truppen mit lautem Hurra begrüßt, General von Goeben auf dem Schlachtfeld. Alle dachten, nun General kann es nicht mehr schiefgehen. Er setzte sogleich die Achten Jäger und v - Goeben die famosen Dreiunddreißiger zum Sturm auf Tilloy an. Um der Infanterie zu helfen, feuerte unsere Artillerie, bei der wir als Bedeckung standen, wie verrückt. Um fünf Uhr wurde Tilloy genommen. ,Hurra! Hurra!' scholl es über das Schlachtfeld. Etwas Schöneres als das preußische Hurra auf dem Schlachtfeld gibt es auf der ganzen Welt nicht. Unterdessen war es Nacht geworden, unsere Batterien schössen noch in ein paar vom Feind besetzte Dörfer, die bald zu brennen anfingen, was sich sehr malerisch ausnahm. Das Resultat der Schlacht war schließlich ein ziemlich günstiges: Das Feld war gegen vierfache Übermacht behauptet und vor allem Bapaume nicht aufgegeben. Wir kamen nicht ins Biwak, sondern in ein kleines, ganz verlassenes Dorf. Zu essen hatten wir alle nichts als das bißchen Schokolade, das der eine oder der andere bei sich führte. Am Vierten früh rückten wir aus und gingen ans andere Ufer der Somme, nach Cappy, einem großen und reichen Dorf. Unterdessen waren Bapaume und Albert von der 3. Kavallerie-Division besetzt worden, während auch die 16. Division herangekommen war, bis auf den Teil, der Peronne weiterbelagerte. Als wir abends absattelten, kam der Herr Rittmeister, der oft schimpft und selten zufrieden ist, auf mich zu und sagte mir: ,Sie haben sich gut gehalten. Ihre unerschrockene Haltung als Flügelunteroffizier war vorbildlich für den ganzen Zug.' Dabei gab er mir die Hand. 214 FÄHNRICH VON BÜLOW Freitag, den 6. Januar 71. Liebe Eltern, gestern war keine Gelegenheit, Bray-sur- diesen Brief zu befördern, darum beute nocb zwei Worte. Wir sind beute Somme von Cappy nacb Bray-sur-Somme marschiert, eine kleine, ganz nette Stadt, wo wir gute Quartiere haben. Gestern erhielt ich auch Vaters lieben Brief, der mich durch seine guten Nachrichten sehr erfreute. Desgleichen erhielt ich ein Taschentuch, Schokolade und Zigarren sowie Zeitungen, für die ich Euch tausendmal danke. Vielleicht schickt Ihr mir noch ein Taschentuch, Schokolade und Zigarren erfreuen mich auch sehr. Der Oberst hat sehr viel Güte für mich. Nachdem er mich zweimal zu Tisch eingeladen, was ich nicht annehmen konnte, da die Schwadron zu weit vom Stabe lag, ließ er mich heute, als der Stab mit uns zusammenlag, wieder bitten und war bei Tisch sehr freundlich. Er sagte, er habe mich wegen meiner guten Haltung vor dem Feind zum Unteroffizier ernannt und mich wegen Bravour in der Schlacht an der Hallue zum Portepeefähnrich eingegeben. Nun aber adieu, liebste Eltern. Bitte, sorgt Euch nicht um mich in diesem Monat, der für uns wegen der beben Bertha schon so traurig ist. Der liebe Gott, der mich bisher gnädig behütet hat, wird mich gewiß auch weiter beschützen. Tausend Grüße an alle von Eurem treuen Sohn Bernhard von Bülow. Unter den Verwundeten vom Dritten ist auch ein Herr von Sanden- Tussainen, Einjährig-Freiwilliger bei unserer Schwadron, Vetter des jungen Wrangel. Er hat einen Schuß in den Oberschenkel. Der Arzt gibt aber so weit gute Hoffnung. Vielleicht sagt Ihr es dem jungen Wrangel, den ich sehr grüßen lasse. Herr von Sanden liegt im Lazarett in Bapaume, ist mit Geld versehen. Der Major bat an seinen Schwager, Professor Aegidi, geschrieben. Euer treuer Sohn Bernhard." Die Hoffnung, daß der Einjährige von Sanden dem Leben erhalten werden würde, erfüllte sich nicht. Der Arme, der neben mir geritten hatte, erlag bald nachher seiner Verwundung. Sein Schwager, der Professor Ludwig Karl Aegidi, der bekannte Staatsrechtslehrer und Herausgeber des „Staatsarchivs", war ein großer Gelehrter, aber klein von Wuchs und hieß Professor deshalb allgemein der kleine Aegidi. Von 1871 bis 1878 leitete er unter Aegidi Bismarck das Preßbüro des Auswärtigen Amtes. Das Preßbüro bestand damals aus einem Leiter und einem Hilfsbeamten. Unter Caprivi trat nocb ein zweiter Hilfsbeamter dazu. Während meiner Beichskanzlerzeit leitete der Geheimrat Hammann, den ich von Caprivi und Hohenlohe übernommen hatte, als Chef mit zwei tüchtigen Hilfskräften, den Legationsräten Esternaux und Heilbron, das Preßdepartement. Außerdem gehörte diesem noch ein im Deutsch-Französischen Kriege schwerverwundeter Hauptmann an, dessen Aufgabe darin bestand, beachtenswertere Zeitungsartikel auszuschneiden und aufzukleben. Ich pflegte zu sagen, mein Preßbüro bestünde aus drei und einem halben Mann. Als nach dem Novemberumsturz die drei DER ALTE WRANGEL 215 herrschenden Parteien, Sozialdemokratie, Zentrum und Demokratie, ihre Leute unterbringen und das begründen wollten, was der Franzose so hübsch „la Republique des camarades" nennt, schwoll das Preßbüro auf ein Personal von mehr als zweihundert Köpfen an. Die bescheidenen Räume des Auswärtigen Amtes genügten natürlich nicht für einen solchen Schwärm, und es wurde das Preßbüro in dem großen Palais des Prinzen Karl am Wilhelmsplatz untergebracht, wo die Herren ihre Tage mit Zigarettenrauchen und Kannegießern nützlich verbrachten. So weit meine Erinnerungen zurückreichen, ist unsere Presse nie schlechter geleitet und unsere Auslandspropaganda nie ungeschickter betrieben worden als in den ersten Jahren des republikanischen Volksstaats. „Der junge Wrangel", wie ich ihn in meinem Rrief an meine Eltern nannte, war der Enkel des Feldmarschalls. Es gab nichts Verschiedeneres Gustav als den alten und den jungen Wrangel. Der alte war der Reorganisator der Wrangel preußischen Kavallerie, um die er sich unvergängliche Verdienste erworben hat, ein Haudegen, der schon 1807, als Leutnant im L'Estocqschen Korps, bei Heilsberg den Orden pour le merite erhalten, sich im Refreiungskriege als Oberst bei Großgörschen und Leipzig hervorgetan hatte und der noch sechzig Jahre später in der Schlacht von Trautenau auf die Österreicher mit einhauen wollte. Unter derber Hülle verbarg er viel gesunden Menschenverstand. Seine bisweilen in komischer Form abgegebenen Urteile trafen nicht selten den Nagel auf den Kopf. Er hat in den Novembertagen von 1848 als Gouverneur von Rerlin und Oberbefehlshaber in den Marken gegenüber der Revolution mehr Umsicht und vor allem mehr Energie an den Tag gelegt als siebzig Jahre später Prinz Max von Raden und, unter dessen Einfluß, leider auch der Generaloberst von Linsingen. Der junge Wrangel war zart, unendlich höflich, etwas banal. Er tat Dienst als Kammerjunker beim Königlichen Oberzeremonienamt, und man nannte ihn den Zeremoniensäugling. Er war ein guter und feiner Mensch. Er ist in jungen Jahren gestorben, nachdem er in der letzten Zeit seines Lebens in schließlich unheilbare Melancholie verfallen war. Meine Eltern bewohnten, wie ich schon erwähnt zu haben glaube, in den Jahren vor und nach dem Deutsch-Französischen Kriege das damalige Arnimsche Palais. In unmittelbarer Nähe hatte, auch am Pariser Platz, der Feldmarschall Wrangel seine Dienstwohnung. Als Freund des jungen Gustav Wrangel habe ich vor dem Kriege als Student, später als Husarenleutnant, manchen Abend dort verlebt. Ich habe nicht die Absicht, die Zahl der Wrangel-Anekdoten um neue zu vermehren. Nur zwei gestatte ich mir anzuführen, weil sie weniger bekannt sind. Ein mehr durch schönes Äußeres und forsches Auftreten als durch wirkliche Tüchtigkeit ausgezeichneter Rerliner Regimentskommandeur 216 HINTER DIE SOMME ZURÜCK hatte den Abschied erhalten. Als er bald nachher im Wrangeischen Salon erschien, sah er sehr pikiert aus und hoffte offenbar, aus dem Munde des Feldmarschalls einige tröstende Worte zu hören, vielleicht auch einen Tadel über die Verabschiedung. Statt dessen begrüßte ihn in meinem Beisein der Alte, nachdem er ihn nach seiner Gewohnheit auf beide Backen geküßt hatte, mit den im breitesten ostpreußischen Dialekt vorgebrachten Worten: „Mein Sohn, der Känig hat dir einen tichtigen Nachfolger jejäbn." Wegen der zweiten Anekdote bitte ich meine Leserinnen um Vergebung. Der Feldmarschall erschien im Palais des damaligen Kronprinzen, um zur Geburt des dritten Sohnes, des später in jungen Jahren verstorbenen Prinzen Waldemar, zu gratulieren. Die Eltern ließen das Kind hereinbringen, und die Mutter legte den Säugling dem Feldmarschall in den Arm. Der Kronprinz, der harmlose Scherze liebte, meinte, zum Feldmarschall gewandt: „Was soll nun mein dritter Sohn werden? Der älteste muß Soldat werden, der zweite soll zur Marine. Ich denke, den dritten lasse ich Kaufmann werden." Darauf der alte Wrangel: „Besch . . . hat er mir schon." Am Abend des 3. Januar 1871 konnte General von Goeben in seinem Goebens Korpsbefehl sagen: „Die Division Kummer, unterstützt durch das De- Korpsbefehl tachement des Prinzen Albrecht, Königliche Hoheit, hat dem vielfach überlegenen Feind gegenüber die Stellung bei Bapaume in glänzender Weise behauptet." Aber die zum großen Teil in langen Kämpfen stehenden Truppen der Division waren auf das Äußerste erschöpft. Den Batterien begann es an Munition zu mangeln. Der Verlust der Division an diesem schweren Tage belief sich auf zehn Offiziere und dreißig Mann tot, neunzehn Offiziere und vierhundert Mann, zum Teil schwer, verwundet, hundertfünfzig Mann vermißt. Der General von Goeben beschloß, den Kampf am nächsten Tage nicht weiter fortzusetzen, sondern die Truppen bis auf weiteres hinter die Somme zurückzunehmen. Der General von Goeben gehört zu den wenigen Menschen, die mir in meinem Leben wirklich imponiert, die mir den Eindruck wahrer Größe gemacht haben. Als Hannoveraner 1816 geboren, trat er mit kaum zwanzig Jahren in karlistische Dienste und focht vier Jahre, von 1836 bis 1840, im spanischen Bürgerkrieg. In der Armee wurde erzählt, daß er einmal, als er in die Hände der Christinos gefallen war, um sein Leben hatte würfeln müssen. Ein anderes Mal war er noch auf dem Richtplatz, als das Peloton, das ihn erschießen sollte, schon angetreten war, durch eine Laune des feindlichen Führers begnadigt worden. 1842 trat er in preußische Dienste, wo seine Begabung bald auffiel. Er machte 1849 den badischen Feldzug mit, war 1860 schon Oberst im Generalstab und führte 1864 mit großer Auszeichnung bei Düppel und Alsen eine Brigade. 1866 kommandierte er die 13. Infanterie-Division der Main-Armee. 1870 erhielt er, noch nicht vierundfünfzig Jahre alt, das VIII. Armeekorps. DER BEBRILLTE GENERAL 217 Das Vertrauen, mit dem seine Untergebenen, von dem unter seinem Oberbefehl stehenden General und Oberst bis zum letzten Musketier, auf ihn bhckten, war unbegrenzt. Dabei konnte man keinen einfacheren Mann sehen als den General von Goeben. Mittelgroß, meist in gebückter Haltung, 60 kurzsichtig, daß er eine Brille tragen mußte, sah er mehr nach einem Professor als nach einem General aus. Hinter dem unscheinbaren Äußern des Generals von Goeben stand ein stählerner Wille, eine unbeugsame Energie, ein durchdringender Verstand. Er hatte eine einzige Leidenschaft, das Spiel, das Hasardspiel. Im Kriege, wenn er führte, spielte er nie, aber wenn die Herren seines Stabes ein Jeu machten oder wenn er an einem Ruhetage Offiziere beim Spiel überraschte, konnte er stundenlang zusehen. Dieser große Feldherr und große Deutsche ist als Kommandierender General des VIII. Armeekorps, noch nicht vierundsechzig Jahre alt, 1881 in Koblenz gestorben, wo ihm das wohlverdiente Denkmal errichtet wurde. Das 28. Infanterie-Regiment, mit dem das Königshusaren-Regiment im Kriege 1870/71 oft zusammentraf, trug in unserer alten ruhmreichen Armee für alle Zeiten den Namen: Infanterie-Regiment von Goeben. Am 4. Januar wurde der Abmarsch nach der Somme angetreten. Unser Regiment hatte die Weisung, am Feind zu bleiben. Eine Patrouille meiner Schwadron, in der ich unter Leutnant von Steinberg ritt, stieß nordöstlich von Bapaume auf der Straße nach Douai und Ecoust auf einige französische Infanteristen, die sich uns ergaben. Sie sagten uns, daß die Hauptmacht der französischen Nordarmee die Richtung auf Douai verlassen und sich nach Arras gewandt habe. Unsere 1. Eskadron wurde der 30. Infanterie-Brigade zugeteilt. Zu dieser Brigade, die Generalmajor von Strubberg führte, gehörte das 2. Rheinische Infanterie-Regiment Nr. 28 und das 4. Magdeburgische Infanterie-Regiment Nr. 77. Die Achtundzwanziger kommandierte Oberst von Rosenzweig, die Siebenundsiebziger Oberst von Zglinicki. Die 30. Brigade belegte, nachdem wir bei Feuillers die Somme überschritten hatten, die abwärts gelegenen Ortschaften bis Beiloy. Am 16. Januar schrieb ich aus Cappy bei Bray: „Tausend Grüße und besten Dank für Eure beben Briefe und die mir von Papa übersandten zwanzig Napoleons. Hoflentbch geht es Euch so gut, wie ich von Herzen wünsche, in dieser für Euch wegen der lieben Bertha so schmerzlichen Zeit. Was sind alle Sorgen und Unbequemlichkeiten der Gegenwart gegen das Unglück, das jetzt vor einem Jahr über uns kam. Ihre Seele gefiel Gott wohl, darum nahm er sie bald aus diesem bösen Leben. Wenn die Zeit kommt, wo wir von Angesicht zu Angesicht schauen werden, werden wir wissen, warum. In diesem Leben werden wir es schwer fassen können. Mir geht es unberufen gut. Wir haben viele Patrouillen zu reiten über die Somme nach Albert und Bapaume zu, fast jeden Tag resp. jede Nacht. Ich bin 218 PATROUILLENRITTE immer gut durchgekommen. In der Kreuzzeitung habt Ihr wohl gesehen, daß ich Fähnrich geworden hin. Kleidungsstücke brauche ich vorläufig keine. Bitte nur, wenn möglich, um zwei Taschentücher, Zahnbürsten, Federhalter mit Bleistift und Independances, vielleicht auch eine Karte von Nordfrankreich und ein kleines (tragbares, möglichst scharfes) Fernrohr (gut bei Patrouillen!). Tausend Grüße von Eurem treuen Sohn." Zwischen dem Gefecht von Bapaume und der Schlacht von Saint- Ja- Quentin, d. h. zwischen dem 3. und dem 19. Januar 1871, hegt die Zeit, 1871 wo ich die meisten und interessantesten Patrouillen geritten habe. Als ob es gestern gewesen wäre, erinnere ich mich an die dunklen Wälder rechts und links von der weißen Chaussee, an die Meilensteine, an die schweigenden Chäteaux, die in der Ferne auftauchten, an die ganze Landschaft, wo alles von alter Kultur sprach. Das Wetter war sehr ungünstig, bald strenge Kälte bis auf 10 Grad unter Null, dann wieder Tauwetter mit warmem Regen. Die Straßen waren meist mit Glatteis überzogen, die Felder völlig unpassierbar. Bei solchem Glatteis durch die Dörfer zu kommen, ohne zu stürzen, war nicht leicht. Und wer mit seinem Pferde zu Fall kam, hatte eine gute Chance, von den in den Dörfern versteckten Franktireurs, unter Umständen auch von den Bauern selbst, totgeschlagen zu werden. Das Umreiten der Dörfer war, da die Felder einem Morast glichen, so gut wie unmöglich. Aber die Not macht erfinderisch. Wenn wir uns einem Dorfe näherten, holten wir aus dem ersten größeren Haus den Besitzer heraus und forderten ihn sehr höf lieh, aber mit vorgehaltenem Revolver, auf, uns sofort und in aller Stille zu Monsieur le Maire zu führen. Dem Maire erklärten wir, daß er uns bei dem Passieren des Dorfes begleiten müsse. Damit er nicht auf der glatten Dorfstraße zu Fall käme, würden wir ihn an einen tüchtigen Strick anbinden. Wenn aus dem Dorf auf uns geschossen würde, so wären wir zu unserem Leidwesen gezwungen, auf ihn zu schießen, andernfalls würde ihm kein Haar gekrümmt werden. So kamen wir meist gut durch die Dörfer durch. Es fehlte bei diesen Patrouillenritten auch nicht an komischen Episoden. Als ich einmal bei schwachem Mondschein durch einen Wald ritt, glaubte ich auf kurze Distanz zwei französische Infanteristen vor mir zu sehen. Ich hob den Säbel und kommandierte: „Zur Attacke!" Dann galoppierte ich mit meinen beiden Husaren auf die Feinde zu. Vor den Feinden angelangt, entpuppten sich diese als zwei verkrüppelte Eichen. Zu Hause angekommen, hütete ich mich wohl, meinen Kameraden mein Mißgeschick zu verraten. Nach einigen Tagen erzählte der redliche Scharffenberg, daß er statt eines Franzosen einen Baum attackiert habe, und dann stellte sich heraus, daß wir alle, einer nach dem andern, an der gleichen Stelle jene Bäume für Franzmänner gehalten hatten. MAKAO 219 In wie vergnügter Stimmung waren wir Fähnriche und Avantageure, die wir diese Patrouillen zu reiten hatten! Die Nachtpatrouillen waren noch interessanter als die Patrouillen am Tage. Bis dieser oder jener von uns losreiten mußte, saßen wir gewöhnlich um den Holztisch einer Bauernstube und machten ein kleines Jeu. Wir spielten entweder Landsknecht oder Tempel, am liebsten Bakkarat, das wir Makao nannten. Mancher der Napoleons, die mir mein guter Vater schickte, ist auf diese Weise in die Taschen meiner Kameraden gewandert. Wenn einer von uns zu einer Patrouille aufgerufen wurde, übergab er seine Uhr und sein Portemonnaie den anderen, damit, wenn ihm etwas zustieße, seine Familie ein Andenken an ihn hätte. XVI. KAPITEL Schwadronskameraden: Guido Nimptsch, Dietrich Loe, Scharfenberg, Pemberton- Ground, Borcke, Beißel von Gymnich, Dietrich Metternich • Verschärfter Auf klärungs- dienst ■ Schlacht bei Saint-Quentin (19.1. 1871) • Das Ostpreußische Füsilier-Regiment Nr. 33 • Leutnant von Deines, Leutnant Moßner, Rittmeister Rudolphi Wir jungen Dachse von der 1. Schwadron waren verschieden voneinander und sind später verschiedene Wege gegangen. Aber wir waren • Nimptsch a ]\ e zu jedem Streiche aufgelegt und hielten gute Freundschaft. Am sympathischsten war mir Guido von Nimptsch, der Stiefsohn unseres Kommandeurs. Schon sein Vater, Paul von Nimptsch, galt in der ganz alten Zeit, vor 1848, in seiner Heimat Schlesien für den schneidigsten und leichtsinnigsten aller schlesischen Junker, und das wollte etwas sagen. Einmal hatte er mit seinem gleichgearteten Vetter, dem Grafen Feodor Sierstorpff, dem Vater meines wegen seiner Größe „Murphi" genannten lieben Regimentskameraden Karl Sierstorpff, eine Partie Ecarte gespielt und war durch fortgesetztes Quitte ou Double tief in die Kreide gekommen. Als Paul Nimptsch wiederum Quitte ou Double ankündigte, machte ihn Feodor Sierstorpff darauf aufmerksam, daß er gar nicht so viele Barmittel besäße, um einen eventuellen Verlust auszahlen zu können. Nimptsch erwiderte ruhig: „So erkläre ich denn auf Ehrenwort, daß, wenn die Karte gegen mich schlägt, ich mir meine beiden Ohren mit einem Rasiermesser abschneiden werde!" Das Rasiermesser wurde gebracht und auf den Kartentisch gelegt. Die Karten wurden neu gemischt. Nimptsch spielte aus und gewann. Im besten Sinn junkerlich war das Verhalten des Vaters Nimptsch im tollen Jahr 1848 gewesen. Da fiel er in einer Breslauer Straße einem revolutionären Trupp in die Hände, der ihn, der als Reaktionär verschrien und sehr verhaßt war, zu einem Laternenpfahl schleppte, um ihn dort aufzuhängen. Als der Strick schon um seinen Hals geknüpft war, machte er ein Zeichen, daß er noch einen letzten Wunsch habe. Aufgefordert, diesen Wunsch zum Ausdruck zu bringen, rief er seinen Henkern zu: „Hängt mich so niedrig, daß ihr mich alle . . ." Man löste den Strick, mißhandelte aber den „Junker" in so brutaler Weise, daß er an den Folgen seiner Verletzungen nicht lange nachher starb. LOLA BONTON 221 Mein Regimentskamerad und Freund Guido Nimptsch hatte von seinem Vater den Schneid, den leichten Sinn und leider auch die Spielpassion geerbt, von seiner Mutter, der Gräfin Franziska Hatzfeld-Trachenberg, die Schönheit. Noch viele Jahre später pflegte die Kaiserin Friedrich von ihm zu sagen: „Guido von Nimptsch is the best looking man in Berlin." Da er nicht nur very good looking, sondern auch very intelligent war, so lag eine schöne militärische Zukunft vor ihm, und er war kurz vorher zur Dienstleistung beim Großen Generalstab kommandiert worden, als er im Berliner Unionsklub im Kartenspiel in einer Nacht eine seine Verhältnisse weit übersteigende Summe verlor. Da seine Eltern kein Vermögen besaßen und seine reichen Verwandten nicht für ihn einspringen wollten, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Militärdienst zu quittieren und auszuwandern. Sein plötzliches Scheiden von Berlin versetzte zwei Frauen in tiefe Trauer: eine für ihre Schönheit und ihren Geist berühmte Dame der Hofgesellschaft und eine reizende Kokotte, die sich gleichzeitig in Guido verliebt hatten. In ziemlich abenteuerlicher Fahrt gelangte er aus Hartlepool, wo er in einem Kohlengeschäft Anstellung als Kommis gefunden hatte, über den Kongo und den Panama-Kanal, wo er sich als Aufseher betätigte, über Mexiko, wo er, ein vorzüglicher Reiter, wilde Pferde zuritt, nach New York, wo er sich zunächst als Kutscher eines Rollwagens sein Brot verdient haben soll. Allmählich kam er wieder in die Höhe. Mehr als das. Er eroberte das Herz einer reizenden Amerikanerin, Miß Lola Bonton, der gefeiertsten Soubrette von New York. Er heiratete sie und kehrte mit ihr nach Europa zurück. Gleichzeitig erhielt er den Posten des Vertreters einer großen amerikanischen Versicherungsgesellschaft in Berlin. Es gelang ihm dort bald, sich durch seine Liebenswürdigkeit und seine perfekten Formen eine gute gesellschaftliche Stellung zu machen. Er lebte auch in glücklichster Ehe, als er eines Abends, nach Hause zurückgekehrt, erfuhr, daß seine Frau eine Stunde vorher das Haus verlassen hätte. Der ihm vom Diener über- gebene Brief der teuren Gattin lautete etwa folgendermaßen: „Mein süßer Guido, ich habe nie einen Mann so geliebt wie Dich und werde nie einen Mann so lieben wie Dich. Da Du aber leider nicht die Mittel hast, meine berechtigten Ansprüche auf Komfort und Luxus zu befriedigen, so habe ich mich von dem steinreichen Nostitz entführen lassen." Graf Nostitz war Militärattache der russischen Botschaft in Berlin. Er heiratete die von ihm entführte Lola und wurde nach seiner Heirat als Graf Nostitz Militärattache nach Paris versetzt. Dort erklärte seine neue Chefeuse, die Gattin des russischen Botschafters Nelidow, daß sie die Gräfin Lola im Hinblick auf ihre bewegte Vergangenheit nicht empfangen würde. Sobald Guido Nimptsch das erfuhr, reiste er nach Paris und ließ den Botschafter Nelidow fordern, weil dessen Gattin es gewagt habe, die frühere Frau von 222 KAMERADEN Nimptsch zu beleidigen. Nelidow, der gar keine Lust verspürte, sich vor die Pistole von Nimptsch zu stellen, versprach, daß die Gräfin Nostitz in seinem Hause freundliche Aufnahme finden würde. „Immer Kavalier", war der Wahlspruch von Guido Nimptsch! Sehr verschieden von ihm war der Neffe unseres Kommandeurs, Dietrich Log, Dietrich von Loe. Er führte den Namen „Schlacks". Das galt sowohl Dietrich seiner etwas ungelenken Haltung wie seinem wüsten Draufgehen. Er hätte Metternich, UIlter Frundsberg einen prächtigen Landsknecht abgegeben. Dagegen glich Scharfenberg ^ anderer Neffe des Kommandeurs, der Graf Dietrich von Wolff- Metternich, einem französischen Marquis des achtzehnten Jahrhunderts. Er hätte, ohne aufzufallen, ein Menuett im großen Saal des Schlosses von Versailles unter Louis XV mittanzen können. Er war ein flotter Husar, ein trefflicher Reiter und kühner Feldsoldat, immer gut aufgelegt, immer verbindlich. Bei Reisen des Kaisers Wilhelm II. und seiner Gemahlin nach der Rheinprovinz pflegte er bei der Kaiserin Auguste Viktoria Dienst als Kammerherr zu tun. Jünger als ich, ist er zu meinem Schmerz bald nach dem Ende des Weltkrieges gestorben. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich ihn wiedersah. Anders geartet als Dietrich Metternich, Dietrich Loe und Guido Nimptsch war Karl Xaver Scharffenberg. Der Sohn eines Bremer Vaters, der es in Kuba zu Wohlstand gebracht hatte, und einer amerikanischen Mutter, war er bürgerlich im besten und schönsten Sinne des Wortes. Er war tüchtig und pflichttreu, leichter Sinn und Frivolität waren ihm verhaßt. Wie Frau Marthe im „Faust" Hebte er weder fremde Weiber noch das verfluchte Würfelspiel. Er schätzte meine geistige Regsamkeit, aber er fand mich zu nachsichtig für Karl Schräder und Guido Nimptsch, die er für lockere Zeisige erklärte, den ersteren überdies für einen Zyniker, den letzteren für einen Taugenichts. Scharfl'enberg war ein Idealist. Als ich ihn einmal mit anderen Kameraden auf seiner Bude in Bonn aufsuchte, entdeckten wir an seinem Schreibtisch einen aufgeklebten Pergamentstreifen, auf dem mit großen Buchstaben stand: „Wirf die Perlen nicht vor die Säue." Ich sagte ihm auf den Kopf zu, daß er mit den Perlen seine eigenen erhabenen Gedanken und Grundsätze meine, mit den Säuen aber seine Kameraden. Gut und aufrichtig wie er war, erwiderte er: „Ja, das ist wahr. Ich fürchte meine Ideale zu entweihen, wenn ich sie vor euch aufdecke." Scharffenberg hat sich zehn Jahre nach dem Deutsch-Französischen Kriege auf einem idyllischen Gute in Hessen, Kalkhoff bei Wanfried, zur Ruhe gesetzt und mich auch während meiner Amtszeit durch freundschaftliche und vertrauensvolle Briefe erfreut. Er stand seit seiner Jugend der Fürstin-Mutter von Wied, geborenen Prinzessin von Nassau, nahe und durch sie dem Freiherrn Franz von Roggenbach, dem Gegner von Bismarck, aber Freund des Großherzogs Friedrich und der Großherzogin Luise EIN ORIGINAL 223 von Baden wie des Kaisers und der Kaiserin Friedrich. Es ist bekannt, daß Roggenbach für den intimen Freund, manchen sogar für den morganatischen Gemahl der Fürstin-Mutter von Wied galt. Nach meinem Rücktritt schrieb mir Scharffenberg am 6. September 1909: „Im Jahre 1897 fragte mich Roggenbach: Was halten Sie von Bülow ? Ich antwortete: Nach den Eindrücken, die ich allzeit von ihm bekommen habe, ist Bülow ein Mann, der trotz des Klimbims von Stellung, Familie und Geld immer eine Persönlichkeit bleiben wird. Das werden Sie auch nach Ihrem Rücktritt bleiben." Mein guter alter Scharffenberg hatte den Schmerz, während des Weltkrieges einen hoffnungsvollen Sohn vor dem Feind zu verlieren. Er hielt ihm einen rührenden, von reinster Vaterlandshebe und hohem Idealismus getragenen Nachruf. Nach dem entsetzlichen Abschluß des Krieges legte sich Karl Xaver Scharffenberg hin und starb. Der Pommer Richard von Borcke war ein ausgezeichneter Vertreter seiner kernigen Heimatprovinz und stolz, ein Pommer zu sein. Er erzählte Borcke gern eine kleine Anekdote, die diesen Stolz zum Ausdruck brachte. Nach der Schlacht von Leipzig, wo sich die Pommern besonders ausgezeichnet hatten, ritt der Kronprinz von Preußen und nachherige König Friedrich Wilhelm IV. an ein pommersches Regiment heran, lobte die Leute und fügte hinzu: „Ich bin stolz auf euch, ich bin ja auch ein Pommer." Bekanntlich führte der Kronprinz von Preußen den Ehrentitel „Statthalter von Pommern". Ein biederer pommerscher Musketier erwiderte Seiner Königlichen Hoheit: „Ja, jetzt wollen sie alle Pommern sein!" Ich habe mit meinem lieben Richard Borcke bis zu seinem während des Weltkrieges erfolgten Tod korrespondiert. Der Originellste von uns allen war zweifellos der Avantagcur Pembertön- Ground. Amerikaner von Geburt und Erziehung, war er bei Beginn Pemberton- des Krieges bei unserem Regiment eingetreten. Er hatte einige Zeit ge- Ground schwankt, ob er auf deutscher oder auf französischer Seite den Krieg mitmachen solle, an dem er unter allen Umständen teilzunehmen wünschte, sich aber schließlich für die deutsche Sache entschieden, weil sein Großvater einst aus Baden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert war. Nach Bonn war er gegangen, weil der kornblumenblaue Attila mit gelben Schnüren ihm gar so gut gefiel. Er hat sich während der Winter-Kampagne wacker gehalten. Als der Krieg zu Ende war, kehrte er nach Chikago zurück und ließ nie wieder etwas von sich hören. Obwohl durchaus schneidig, wurde es ihm doch, wie manchem anderen, nicht leicht, stundenlang ruhig und unbeweglich zu Pferde zu halten, während die Kugeln über unsere Köpfe flogen und die Granaten in unserer Nähe platzten. Ein frommer Katholik, gelobte er in solchen Augenblicken dem heiligen Antonius, daß er, wenn er durch dessen gnädigen Schutz am Leben bliebe, nie wieder gewisse Häuser 224 IM BACKOFEN besuchen würde, die nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Mädchen- pensionaten haben. War aber die Not vorüber, vergaß er nur zu rasch sein Gelübde und Lieferte einen neuen Beweis für die Richtigkeit des neapolitanischen Sprichworts, daß, wenn die Gefahr überwunden ist, auf den Heiligen gepfiffen wird. Passato il pericolo, gabbato il Santo. Graf Beißel von Gymnich entstammte einer Familie des nieder- Beißel von rheinischen Uradels, und rheinländisch war sein heiterer Sinn und seine Gymnich immer frohe Laune. Er war sehr gutmütig. Ich entsinne mich, daß wir einmal in einem kleinen Bauernhause in einem Stübchen einquartiert wurden, das zu eng war, um mehr als zwei Personen Raum zu bieten. Der Quartiermeister hatte das kleine Zimmer für Beißel und mich belegt und die alte Frau, die dort hauste, aufgefordert, in einem ungeschützten Schuppen zu übernachten. Die Alte jammerte und weinte. Beißel schlug mir vor, die Frau in ihrer Kammer zu lassen und selbst die Nacht im Freien zuzubringen, ein Vorschlag, auf den ich natürlich gern einging. Die alte Französin war sehr gerührt und wünschte uns, als wir am nächsten Morgen weitermarschierten, Gottes Segen für unsere fernere Fahrt. Diese Nacht im Freien war übrigens nicht die ungemütlichste, die ich in Frankreich verlebt habe. Schlimmer noch war der Aufenthalt in einem früheren, nicht mehr benutzten Backofen, in dem ich bei bitterer Kälte mit Dietrich Loe und Dietrich Metternich zwei Tage und zwei Nächte zubrachte. Beißel, der in glücklichen Familien-Verhältnissen lebte, fuhr mehrere Jahre nach dem Kriege mit der Eisenbahn von Bingen nach Bonn. In einem der vielen Tunnels auf dieser Route ertönte ein schwacher Knall. Als der Zug aus dem Tunnel herausfuhr, lag Beißel tot da, mit einem kleinen Loch in der Stirn. Er hatte sich während der Fahrt durch den Tunnel erschossen. Warum, ist nie ermittelt worden. Die verschiedenen Mutmaßungen, die über die Ursachen seines Selbstmordes angestellt wurden, erwiesen sich alle als grundlos. There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy. Während wir lustigen Fähnriche trotz Kälte und Strapazen in froher Goebcns Laune am Tage und bei Nacht unsere Patrouillen ritten, reiften die genialen Pläne Pläne unseres großen Feldherrn, des Generals von Goeben. Er wußte, daß er von seinen Truppen trotz aller Strapazen, die sie seit dem Abmarsch von Compiegne, also seit vollen sieben Wochen, bei Eis und Schnee, bei Regen und bei Kälte, in ununterbrochener, immer anstrengender, immer vorwärts gehender Kampagne durchgemacht hatten, auch das Schwerste fordern könne. Der Patrouillendienst wurde Mitte Januar noch verschärft. Die 1. Eskadron patrouillierte unausgesetzt gegen Albert. Mit den Vorposten der Kavallerie-Division hielten wir Verbindung. Alle drei Stunden gingen Patrouillen über Marricourt auf Flers. Längs der Somme patrouillierten MARSCH GEGEN OSTEN 225 wir bis Daours. Le Sars und Combles fanden wir unbesetzt, den Feind in seiner alten Vorpostenstellung, Bapaume stark besetzt. Wir ermittelten, daß General Faidherbe, der Oberkommandierende der französischen Nordarmee, dort sein Hauptquartier hätte. Am 16. Januar wurde Albert besetzt gefunden und bald nachher festgestellt, daß starke französische Kolonnen von Bray auf Albert marschierten. Es war von großer Wichtigkeit, die Absichten des Feindes so früh wie möglich zu kennen und ihm so lange auf den Fersen zu bleiben, bis der Augenblick für die Schlacht gekommen war. General von Goeben konnte seine Operationen mit Sicherheit auf die Meldungen seiner Kavallerie basieren. Einen Teil dieses Ruhmes durfte das Königshusaren-Regiment für sich in Anspruch nehmen. Am 17. Januar erhielt mein Rittmeister von Niesewand den Befehl, zur nochmaligen Rekognoszierung mit unserer Schwadron gegen Albert vorzugehen. Nach einem Marsch von über sechs Meilen konnte der Rittmeister in voller Bestätigung der am Tage vorher eingegangenen Nachrichten melden, Albert sei geräumt und der Feind auf Bapaume abgezogen. Als General von Goeben übereinstimmende Meldungen seiner Kavallerie über die Räumung Alberts erhielt, befahl er sofort den Rechtsmarsch Rechtsmarsch der Ersten Armee. Der Marsch gegen Osten war überaus beschwerlich, der Ersten Nachdem wir vier Wochen lang ununterbrochene strenge Kälte bis zu ^ rmee 11 Grad unter Null gehabt hatten, war Tauwetter eingetreten, und seit dem Abend des 16. Januar fiel warmer Regen auf die mit Schnee überdeckte Landschaft. Die Straßen überzogen sich am Morgen des 17. anfangs mit Glatteis, im Laufe des Tages weichten sie tief auf. Die Felder wurden völlig unpassierbar. Aber trotz aller Mühsal und trotz der gerade in dieser Zeit engen und schlechten Quartiere und sehr knapper Verpflegung war die Truppe in gehobener Stimmung. Jeder fühlte, daß die Absicht der Franzosen, den General von Goeben zu täuschen und zu überraschen, völlig mißglückt war. Bei der ganzen Armee stand es felsenfest, daß Goeben den Feind schlagen würde. Ich gebe den Brief wieder, den ich am 21. Januar über die Vorgänge der letzten zehn Tage an meine Eltern richtete: „Liebste Eltern, wir sind seit einer Reihe von Tagen fortwährend im Gange, so daß es mir unmöglich war, einen Brief zu befördern. Ich habe seitdem auch keinen von Euch erhalten. Bitte, ängstigt Euch aber nicht, falls Ihr keine Nachricht von mir habt. Führe auch fast immer einen geschriebenen Brief bei mir, den ich abgebe, wenn ich Gelegenheit dazu finde. Sollte mir etwas passieren, so würdet Ihr es durch den Obersten umgehend erfahren. Wir waren am 18. und 19. im Gefecht. Seit der Schlacht bei Bapaume treiben wir uns zwischen Bray und Cappy herum. Am 12. wurde mittags in 15 BüIüw IV 226 DIE SCHLACHT BEI SAINT-QUENTIN Bray alarmiert. Die Franzosen rückten an diesem Tage in Bapaume ein, das unsere Truppen geräumt hatten. Wir blieben nun in Bray, einem ganz freundlichen Städtchen. Das Armeekorps aber ging über die Somme und konzentrierte sich auf dem linken Ufer derselben, so daß wir mit drei Kompagnien Infanterie den Vorpostendienst übernahmen, der bis zum 15. recht scharf war. Wir hatten alle drei Stunden eine Patrouille nach Albert und eine nach Flers, so daß dieses sehr lange und sehr glatte Dorf (die Bauern begossen absichtbch die Straßen, um uns den Durchgang zu erschweren) recht bedenklich zu passieren war. Ich habe die Patrouille gerade dorthin dreimal am Tage und zweimal bei Nacht geführt, kam aber immer gut durch. Tags ritt ich dicht an die französischen Vorposten (Mobilgarde) heran, die aber nicht auf mich schössen, ob aus Schlauheit, um mich heranzulocken, oder aus Humanitätsrücksichten, weiß ich nicht, nehme aber das erstere an. Uns in Flcrs abzuknöpfen, was wirklich sehr leicht gewesen wäre, versuchten sie sonderbarerweise nur einmal, mit einem anderen, aber ohne Erfolg, da er ihnen noch rechtzeitig durchbrannte. Am 15. gingen die Franzosen nach Albert hinein, das die 3. Kavallerie-Division ohne Kampf räumte. Wir wurden wieder alarmiert, nachdem uns die französischen Dragoner noch zwei Leute bei der Patrouille auf Albert gefangen hatten. Der Leutnant, der sie führte, Herr von Erffa, entkam mit knapper Not. Die Franzosen sollen die Husaren angeblich aufgehängt haben, was ich aber nicht glaube. Wir zogen uns mittags auf Cappy zurück. Die Franzosen gingen nach Bray hinein, wagten aber nicht, uns anzugreifen, und abends zog das Bataillon wieder in Bray ein. Wir kamen nach Cappy, von wo wir nur noch Patrouillen nach Carnoy zu geben hatten (auf der Straße von Albert nach Peronne). Am 16. zogen sich die Franzosen von Albert nach Bapaume, wie es sich nachher herausstellte, um uns über ihre eigentlichen Absichten durch das ewige Hin und Her zwischen Bapaume und Albert zu täuschen. Faidherbe ging nämlich mit dem Gros der Armee nach Saint- Quentin. Am 17. morgens rückten wir dann aus bis nach Villers Cottercts. Von da ging es am 18. weiter, wo das Gefecht begann. Unsere Eskadron stand in der Reserve und machte nur gegen Abend eine Rekognoszierung gegen Saint-Quentin, ohne auf den Feind zu stoßen. Am 19. rückten wir auf Tertry an und kamen gegen zehn Uhr an den Vor dem Feind. Wir standen als Artillerie- und Infanterie-Bedeckung. Wir konnten Feind den Verlauf der Schlacht sehr genau verfolgen, die sehr gut für uns ging. Saint-Quentin wurde von drei Seiten von uns angegriffen und die Franzosen von den im Halbkreis aufgestellten Batterien furchtbar mitgenommen. Gegen 2 Uhr war der Sieg schon entschieden, doch dauerte die Schlacht bis in die Nacht. Unsere Infanterie ging famos vor. Als ein „MALHEUR1" 227 Bataillon Dreiunddreißiger Befehl erhielt, einen kleinen Wald zu nehmen, in dem sich die Franzosen festgesetzt hatten, pflanzten sie mit lautem Hurra das Bajonett auf, während die Fahne entrollt wurde, von der nur noch ein paar Fetzen herunterhingen. Der Major hob den Degen mit den Worten: ,Jedermann gedenke, daß er Preuße und Dreiunddreißiger ist!' Worauf sie unter dem Ruf,Malheur! Malheur!' vorgingen und die Franzosen bald herausgeworfen hatten. Auch unsere Artillerie schoß famos. Merkwürdig ist, wie weit die französischen Kugeln tragen, zumal die Leute beim Zielen das Chassepot auf die Lende setzen, dieses auch eine sehr rasante Flugbahn hat. Obwohl wir ziemlich gedeckt aufgestellt worden waren, schlugen eine Menge Kugeln bei uns ein, doch wurden nur zwei Husaren meiner Schwadron verwundet. Gegen Abend erhielten wir Befehl, in Saint- Quentin einzurücken. Als wir dort einzogen, zogen die letzten Franzosen am anderen Ende aus. Nachdem wir einquartiert worden waren, fanden wir in einem Cafe noch Einzug in dreißig Mobilgardisten mit Gewehr und allem, die sich uns ergaben. Die Saint-Quentin französischen Marinetruppen schlugen sich aber sehr gut. Am 20. machten wir einen Marsch von fünf Meilen nach Empire (Departement de l'Aisne). Heute ist ein Zug zur Bedeckung des Brigadegenerals kommandiert, bei dem ich bin. Ich habe auf diese Weise Aussicht auf gute Quartiere, da die Brigade sich möglichst gute Dörfer auszusuchen pflegt. Die Chaussee hinter Saint-Quentin lag voller Toter, fast alle in den Kopf geschossen. Auch einige Schwerverwundete sah ich, die da die ganze Nacht gelegen hatten. Die toten Franzosen waren fast alles blutjunge Burschen, sehr gut equi- piert, aber meist klein und schwächlich. Zum Teil sahen sie ganz friedlich aus, zum Teil sehr verzerrt. Einer saß gegen den Chausseedamm gelehnt, in der Stellung eines Mannes, der das Gewehr abdrücken will, beide Arme erhoben. Der Tod muß doch sehr schnell eintreten. Viele Munitionswagen standen herum, denen die Pferde von Granaten getötet waren, auch eine arme Kuh, von einer Granate ganz in Fetzen zerrissen. Ein paar andere weideten ganz friedlich daneben. In der letzten Zeit haben wir recht starke Märsche gemacht. Am 17. zehn Stunden, am 18. fünfzehn Stunden, vorgestern dreizehn Stunden und gestern zwölf Stunden. Daß die Infanterie das bei den grundlosen Wegen aushält, bewundere ich. Zu essen haben wir nichts als Erbswurstsuppe, wenn wir ins Quartier kommen, die schmeckt aber sehr gut. Schickt mir bei Gelegenheit, bitte, zwei Taschentücher, Independances und eine solide Zigarrentasche, vielleicht auch ein kleines Fernrohr, möglichst bequem und leicht zu tragen. Die meisten haben es in Opernguckerform. Schickt mir auch, bitte, die Büchseische Sammlung von Gesängen für den Krieg. Neues Testament habe ich. Tausend Grüße und beste Wünsche von Eurem treuen Sohn Bernhard von Bülow." 15« 228 EIN TRAUERTAG JÄHRT SICH Das Ostpreußische Füsilier-Regiment Nr. 33, neben dem wir Königs- Die Drei- husaren am häufigsten gefochten haben, war ein glänzendes Regiment. Die unddreißiger Dreiunddreißiger verdienten, daß ihr Chef der damalige Kriegsminister von Roon war, einer der größten Männer der preußischen und der deutschen Geschichte. Wie schon bei Gravelotte, so haben auch bei Bapaume und Saint-Quentin eine große Anzahl Offiziere und brave Füsiliere dieses Regiments ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Blute besiegelt. Bei Gravelotte hatten die Dreiunddreißiger neun Offiziere verloren, bei Bapaume gingen weitere fünf in den Tod. Der Oberstleutnant von Henning kommandierte die Dreiunddreißiger. Als ich ihn bei Bapaume und Saint- Quentin durch die Schützenlinie reiten sah, gingen mir die Schillerschen Verse über den Friedländer durch den Sinn: „. . . Ritt er Euch unter des Feuers Blitzen, auf und nieder mit kühlem Blut, durchlöchert von Kugeln war sein Hut." Am 24. Januar schrieb ich aus Sapignies bei Bapaume: „Liebste Eltern, tausend Dank für Eure freundlichen Briefe, die ich gestern erhielt und die mich durch ihre guten Nachrichten sehr erfreut haben. Besten Dank auch für die mir übersandten Zeitungen, Zigarren (drei Briefe und ein Paket), Schokolade, Handschuhe. Ich bitte Gott um Kraft für Euch in diesen jammervollen Tagen, wo unsere liebste Bertha erkrankte und starb. Morgen ist ja nun der Tag, der für uns alle immer der schrecklichste des Jahres sein wird. Wenn man sich in die Zeit vom 23. zum 28. zurückversetzt, so begreift man nicht, wie man den Jammer überstehen konnte. ,Ich leb' mit tausend Freuden in meines Heilands Hand, mich rührt und trifft kein Leiden, so dieser Welt bekannt.' Das ist der einzige Trost. Was kann es Reineres und Engelhafteres geben als die Seele eines zwölfjährigen Mädchens, zumal eines so reich begabten, lieben, schönen und guten Kindes. Wenn ich sonst nicht an das ewige Leben glaubte, so würde ich um ihretwillen daran glauben. Je öfter und näher man den Tod sieht, um so größer wird die Uberzeugung, daß er nur der Übergang zu einem anderen Leben sein kann, das besser ist als dies. Mir geht es gut. Wir sind von Gonnelieu vorgestern hierher marschiert. Aus Gonnelieu schrieb ich auch, wenn auch sehr eilig und darum sehr flüchtig, über den 18. und 19. Sapignies ist ein jämmerUches Dorf, gänzlich ausgefressen. Wir stellen jetzt Feldwache gegen Arras auf, vier Kilometer von hier. Ich werde sie wohl morgen haben. Reiten auch täglich Patrouille nach Arras, dieses soll von dreißigtausend Mann besetzt sein. Die Faidherbesche Armee ist ja bei Saint-Quentin gänzlich geschlagen, entschieden auch in völliger Flucht auf Cambrai zurückgegangen. Doch hat man schon gesehen, daß die Franzosen sich schnell reorganisieren und neben dem Gesindel von Mobilgarden usw. einen Kern von guten Truppen haben, DER ÄLTESTE RITTMEISTER 229 zumal aber ein famoses Gewehr, das sie freilich schlecht genug benutzen. Gambetta soll in Lille sein. Ist es wahr, wird der Tanz wohl bald wieder losgehen. Uns soll es recht sein, denn wir haben ja jetzt zwei Armeekorps, sehr starke Artillerie, gute Positionen und einen famosen General. Die Franzosen sollen Kavallerie haben. Wir alle brennen sehr darauf, ihr ins Auge zu sehen. Die 4. Eskadron hat am 19. das Glück gehabt, auf Dragoner zu attackieren. Zum Ersten kriegen wir Ersatz an Leuten und Pferden, namentlich letzteres tut sehr not. Seit Metz haben wir zweiundfünfzig Marsch- und einundzwanzig Ruhetage gehabt, von den letzteren über zwölf mit Patrouillereiten usw., also nicht zu rechnen, von den ersteren auch etwa zwölf bis fünfzehn derart, daß wir morgens bei Dunkelheit aus- und abends bei Dunkelheit einrückten. Gefechte haben wir acht gehabt: Mareuille, Amiens, Forges-les-Eaux (bei Rouen), Pont-Noyelles (2. Januar), Bapaume, Tertry, Pouilly (18. Januar), Saint-Quentin. Wir haben nach and nach alles gehabt: Regen, Schnee und fabelhaften Frost. Am schlimmsten war es wohl um Weihnachten, wo man es vor Kälte kaum aushalten konnte. Jetzt ist es eigentlich milde. Ich habe hier verhältnismäßig ganz gutes Quartier, Hühner genug, auch Wein, und befinde mich, wie gesagt, sehr wohl. Neue Montierungsstücke brauche ich nicht. Seit Metz hat das Regiment verloren: Schwerverwundet drei Offiziere, ein Vizewachtmeister, drei Wachtmeister, vier Einjährig-Freiwillige; tot ein Vizewachtmeister, ein Einjährig-Freiwilliger, vier Unteroffiziere; gefangen fünf bis sechs Mann. Von den Husaren tot acht, zwanzig bis fünfundzwanzig schwerer verwundet. Mit Sanden soll es besser gehen. Viele Empfehlungen an die Gräfin Wrangel (in gewählter Form) und Grüße an ihren Sohn. Viele Grüße an Großmama in Plön. Tausend Grüße und beste Wünsche von Eurem treuen Sohn." Wie Sapignies dem Grafen Max Pourtales Gelegenheit gegeben hatte, sich hervorzutun, so wurde das Gefecht bei Tertry-Pouilly am 18. Januar Ferdinand zum Ehrentag für Ferdinand Rudolphi, den ältesten Rittmeister des Rudolphi Regiments. Er war der einzige Offizier, der schon in Posen beim Regiment gestanden hatte und mit diesem 1852 in Bonn eingezogen war. Kaum ein Jahr später wäre es ihm fast an den Kragen gegangen. König Friedrich Wilhelm IV. besichtigte das Regiment. Sein Generaladjutant, der General von C, richtete während der Besichtigung huldvoll einigermaßen banale Fragen an die Offiziere. Den Leutnant Rudolphi frug er, ob er verheiratet wäre. „Nein", erwiderte der Gefragte, „aber ich schätze sehr die ehelichen Freuden." Der General von C. huldigte, wie manche andere Herren der Umgebung Friedrich Wilhelms IV., einer ausgesprochen pietistischen Richtung. Die Antwort des Leutnants Rudolphi, die einem flotten Husaren nur ein Mucker oder ein Pedant übernehmen konnte, entsetzte den General 230 HUSARENTEUFEL von C. Rudolphi würde den Abschied erhalten haben, wenn nicht der Regimentskommandeur, Graf Oriola, fest für ihn eingetreten wäre und damit dem Regiment einen Offizier erhalten hätte, der am 18. Januar 1871 bei Tertry-Pouilly und am 19. Januar 1871 bei Saint-Quentin neuen und reichen Lorbeer um die Regimentsstandarte wand. Er vereinigte am ersteren Tage unter seinem Befehl die 2. und die 4. Eskadron. Als am 18. Januar der Kommandeur der 29. Infanterie-Brigade, Oberst von Bock, dem Rittmeister Rudolphi den Befehl erteilte, die gegen unsere Batterien vorgehende feindliche Infanterie aufzuhalten, entschloß sich dieser sofort zur Attacke. Die feindlichen Infanterie-Kolonnen, Abteilungen von hundertfünfzig bis zweihundert Mann, marschierten auf der Straße von Caulaincourt nach Beauvois. Eine in derselben Richtung hinziehende Terrainsenkung benutzend, trabte der Rittmeister Rudolphi parallel mit dem Marsch des Feindes in Zugkolonne vor. In gleicher Höhe mit zwei Kompagnien angekommen, ritt er auf vierhundert Schritt zur Attacke an. Die Chausseegräben wurden von den Husaren genommen. Mit Hurra ging es in die feindlichen Reihen und durch sie hindurch. Die feindlichen Kolonnen werden vollständig überritten, ein Teil niedergehauen, der Rest ergibt sich. Weit über hundert Gefangene waren bereits gesammelt, als plötzlich neu hinzugekommene Kompagnien auf nächste Distanz heftiges Schnellfeuer auf die Schwadron abgeben. Unter diesen Umständen mußte Rudolphi sich schweren Herzens entschließen, die stattliche Schar Gefangener, von denen übrigens viele von den Chassepotkugeln ihrer Landsleute niedergestreckt wurden, im Stiche zu lassen und sich dem Nahfeuer der immer zahlreicher herbeieilenden Feinde zu entziehen. Die Verluste der fünf Züge beliefen sich auf zwei Tote und vierzehn Verwundete. Das Pferd des Rittmeisters erhielt einen Schuß in den Rücken. Der brave Gaul trug aber seinen Reiter noch aus dem Feuer. Durch das „Marsch-Marsch" in tief aufgeweichtem Boden, in den schweren, nassen Feldern waren die Husaren von oben bis unten mit Lehm und Schmutz überschüttet, so daß sie, wie Rudolphi sich nicht ohne Befriedigung ausdrückte, wie die richtigen Teufel aussahen. Nur die Offiziere, die vorausritten, waren sauber geblieben. Am folgenden Tage, dem Tage von Saint-Quentin, bot sich dem Rittmeister Rudolphi die langersehnte Gelegenheit, sich mit den Franzosen im Reiterkampf zu messen. Als er am Morgen dieses Tages mit der Schwadron im schlanken Trabe aus Etreillers vorging, sah er drüben auf der Straße eine französische Eskadron von Roupy gegen Dallon erst langsam, dann immer schneller zurückgehen. Der Rittmeister Rudolphi war nicht gewillt, den Feind entkommen zu lassen. Im langen Galopp ging er mit der 4. Eskadron durch Savy und bog im Dorfe rechts ab auf einen Feldweg, der zur Straße Roupy-Saint-Quentin hinführt. Die feindliche Kavallerie verschwand DIE VERFOLGUNG AUF SAINT-QUENTIN 231 hinter der nächsten Höhe. Nach wenigen Minuten hatten aber auch die Husaren die große Straße erreicht, die Tete schwenkte links, und weiter ging es, einer Mulde zu, in die die eingeschnittene Chaussee hinabführte. In dem etwa sechshundert Schritt breiten Grund stand quer über der Straße die feindliche Kavallerie aufmarschiert. Rudolphi ließ die Tete seiner Eskadron in Schritt fallen. Drei Kilometer waren in langem Galopp und in der Formation zu dreien zurückgelegt. Das Straßendefile verbot den Aufmarsch zur Front. Rudolphi formierte rasch entschlossen zwei Züge und ging im Galopp vor zur Attacke. Die Franzosen erwarteten den Angriff stehenden Fußes und gaben auf hundertfünfzig Schritt eine Salve. Ich folge nun der Schilderung meines lieben Kriegskameraden und langj ährigen treuen Freundes, des Generals AdolfvonDeines, auf dessen Ein Bericht schöne Geschichte des Husaren-Regiments König Wilhelm I. (1. Rheinisches von Deines Nr. 7) ich mich in manchen meiner militärischen Erinnerungen gestützt habe: „Im selben Moment, wo die Franzosen die Salve abgaben, ertönte das dröhnende ,Marsch-Marsch!' des alten Rittmeisters, und unter lautem ,Hurra' erfolgte der Choc. Die ersten Glieder der Franzosen wurden über den Haufen geritten, die hinteren jagten in voller Flucht auf Saint- Quentin hin, ihnen nach die Könighusaren. Einen feindlichen Offizier ritt Rittmeister Rudolphi, der auf seinem Vollblutwallach ,Lifeboy' seiner Schwadron um mehrere Längen voraus war, um und um, während der Leutnant und Regimentsadjutant Moßner, der sich der Attacke angeschlossen hatte, einen zweiten mit solcher Vehemenz faßte, daß beide über Kopf gingen. Der Franzose war rasch hochgekommen und führte von hinten vorbeijagend einen Hieb nach Rudolphi. Dieser war im Nu an seiner Linken und traf ihn mit wuchtigem Streiche über den Hinterkopf. Ein Dragoner schoß auf wenige Schritte seinen Karabiner auf den Rittmeister ab, streifte aber nur den braven Lifeboy. Im nächsten Moment hieb der Wachtmeister Steenebrügge dem feindlichen Dragoner quer durchs Gesicht. Erst als Verfolger und Verfolgte bei dem Dorfe Epine de Dallon angelangt waren, das stark besetzt war, ließ Rudolphi Appell blasen und ging im Schritt zurück. Auf der Chaussee lagen feindliche tote und verwundete Dragoner in großer Zahl, alle durch handfeste Hiebe übel zugerichtet. Die französische Schwadron bestand aus großen, stattlichen, ausgesucht schönen Leuten, mit schweren und großen Pferden. Sie hatten nach Aussage der Landleute an diesem Morgen die Bedeckung des Generals Faidherbe gebildet. Von Feinden blieben ungefähr zwanzig Mann in der Attacke, tot oder verwundet, ohne Andenken mögen wohl wenige Saint-Quentin erreicht haben. Kaum ein Säbel der sechzig an der Attacke beteiUgten Husaren war noch gerade oder blutfrei." 232 TOTAL ERSCHÖPFT So hatten die Königshusaren den Tag von Saint-Quentin würdig eröffnet. Die 4. Eskadron war noch südlich Savy mit Rangieren beschäftigt, als Oberst von Loe mit unserer 1. Eskadron, die aus dem Gros der Divisionen vorgetrabt war, dort eintraf. Die weitere Aufklärung über Savy hinaus übernahm nun der Rittmeister Niesewand. Schon aus dem kleinen Gehölz östlich des Dorfes erhielten wir Feuer und meldeten die starke Besetzung dieses Abschnittes durch Infanterie. Der Brigade-Kommandeur, Oberst von Bock, zog die Artillerie vor und ließ die Avantgarde sich entwickeln. Unsere 1. Eskadron folgte unter dem Befehl des Oberst von Loe der Angriffsbewegung auf dem rechten Flügel. Da der 29. Brigade sehr starke feindliche Massen gegenüberstanden, kam das Gefecht hier zum Stehen. In einem Geschützkampf überwand unsere Artillerie allmählich die gleichfalls wacker schießenden französischen Batterien. Meine 1. Eskadron mußte stundenlang in einer Mulde halten, bis der General von Goeben, der bis dahin auf der Straße nach Saint-Quentin gehalten und von dort aus die Schlacht gelenkt hatte, unsere „Couleur", die Achten Jäger, nebst zwei Bataillonen Achtundzwanziger unter dem Kommandeur der Jäger, Major von Bronikowski, das Dorf Epine de Dallon stürmen ließ. Gleichzeitig gingen die 29. Brigade und die 1. Division vor. Der Feind wurde vor unseren Augen auf der ganzen Linie geworfen. Als die Dunkelheit hereinbrach, waren die Franzosen überall in vollem Diefranzö- Rückzug, unsere 15. Division stand unmittelbar vor der Stadt, deren ver- sische Nord- barrikadierte Eingänge die Franzosen noch hartnäckig verteidigten. Kurz nrmee besiegt nacn fü n f Uhr drangen die Schützen der Achtundzwanziger in die ersten Häuser der Vorstadt ein. Das Bataillon und unsere Schwadron folgten. Wir gelangten bis auf den Marktplatz von Saint-Quentin. In kurzer Zeit griffen wir in den Straßen und Häusern Hunderte von Gefangenen auf. Unsere Schwadron kantonierte die Nacht in der Vorstadt Saint-Quentin. Es war mir ein pikantes Gefühl, in einer französischen Stadt von fast fünfzigtausend Einwohnern, in der es noch von französischen Soldaten wimmelte, zu übernachten. Wir waren alle von dem frohen Gefühl erfüllt, daß wir die französische Nordarmee völlig geschlagen hatten. Und sie befand sich in der Tat in eiligem Rückzug nach Norden. Sie noch am Abend zu verfolgen, verbot die totale Erschöpfung der deutschen Truppen. Sie waren seit sechs Uhr früh in der Bewegung, meist querfeldein, vielfach in knietiefem Ackerboden, immer im Gefecht, fast gänzlich ohne Verpflegung. So mußte der General von Goeben die direkte Verfolgung auf den nächsten Tag verschieben. Wenn der Tag von Saint-Quentin mir wieder vor Augen steht, so denke ich gern daran, daß ich als Reichskanzler Gelegenheit hatte, dem Rittmeister Rudolphi einen Dienst zu leisten. Bald nach meiner Ernennung EINE AUSZEICHNUNG FÜR DEN ADELSSTAND 233 zum Kanzler erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich frag, ob ich einem alten Kriegskameraden helfen wollte. Ihm persönlich liege nichts am Adel. Er habe seinen Weg vom Einjährig-Freiwilligen bei der Haubitz- Batterie der 3. Artillerie-Brigade bis zum Oberst und Kommandeur des Litauischen Ulanen-Regiments Nr. 12 auch ohne Adel mit Ehren zurückgelegt. Für seine Söhne aber würde die Erhebung in den Adelsstand ihn freuen. Ich benutzte einen Augenblick, wo Kaiser Wilhelm II. in guter Stimmung war, um die Nobilitierung des alten, von mir hochverehrten Oberst Rudolphi anzuregen. Der Kaiser gab sofort und gern die nötigen Anweisungen, und Ferdinand Rudolphi wurde am 29. Januar 1902 in den Adelsstand erhoben, was, nebenbei gesagt, eine Auszeichnung für den Adelsstand war. Seine beiden Söhne standen, als ich mein Amt als Reichskanzler niederlegte, der eine beim Ulanen-Regiment Kaiser Alexander III. von Rußland (Westpreußisches) Nr. 1, der andere bei dem Torgauer Feld- Artillerie-Regiment Nr. 74. Ich habe schon erwähnt, daß der Regiments-Adjutant, Leutnant Moßner, sich der von Rudolphi am 19. Januar gerittenen Attacke frei- Leutnant willig angeschlossen hatte. Moßner war einer der besten Offiziere des Regi- Moßner ments und, ich kann wohl ohne Übertreibung sagen, als er zu höheren Chargen aufrückte, einer unserer ausgezeichnetsten Kavalleristen. Er war der Sohn eines Berliner Bankiers, der Gelegenheit gehabt hatte, 1848 dem damaligen Prinzen von Preußen treue Dienste zu leisten, als der Prinz in den traurigen Märztagen, als „Reaktionär" und „Absolutist" verschrien, gezwungen wurde, Berlin zu verlassen. Kaiser Wilhelm I. vergaß nie einen ihm geleisteten Dienst. Als er zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung dem Bankier Moßner begegnete, frag er, ob er ihm nicht einen Wunsch erfüllen könne. Der Gefragte erwiderte, daß er einen jungen Sohn habe, der für einen guten Reiter gelte und brennend wünsche, bei der Kavallerie einzutreten. Der König versprach gern, daß er den jungen, damals gerade achtzehnjährigen Mann bei seinem eigenen Regiment, den Königshusaren, einstellen lassen würde. 1865 bei den blauen Husaren in Bonn eingetreten, fand Walter Moßner dort nicht gerade eine freundliche Aufnahme. Er entstammte einer israelitischen Familie, und das Offizierkorps des Königshusaren-Regiments weigerte sich, ihn zum Offizier zu wählen. So kam es zu einem der wenigen Fälle, in denen Wilhelm I. ein Offizierkorps zwang, einen ihm nicht genehmen Avantageur in seinen Kreis aufzunehmen. Der König ließ den Offizieren seines Husaren-Regiments durch den Regiments-Kommandeur sagen, er würde die Nichtwahl des Avantageurs Moßner als eine persönliche Kränkung empfinden. Daraufhin zum Offizier gewählt, machte sich Moßner sofort dadurch eine gute Stellung, daß er einem anderen Fähnrich, der sich seiner Wahl besonders lebhaft widersetzt hatte, in einem Duell 234 DER LETZTE SCHWARZE ADLER einen tüchtigen Schwadronshieb über den Kopf gab. Dieser Fähnrich war der Fürst Karl Carolath, der nachmalige Gatte der schönen Gräfin Elisabeth Hatzfeldt. Im Februar 1866 zum Leutnant ernannt, verdiente sich Moßner in der Schlacht von Königgrätz den Roten Adlerorden mit Schwertern. Von 1867 bis 1872 Regimentsadjutant, gewann er als solcher das volle Vertrauen, die volle Zufriedenheit, die Freundschaft und Liebe des Oberst von Loe. 1872 wurde er zum Großen Generalstab kommandiert, 1887 etatsmäßiger Stabsoffizier bei den Leib-Garde-Husaren, von 1891 bis 1895 deren Kommandeur, 1895 erhielt er die 3. Garde-Kavallerie-Rrigade, 1898 wurde er Chef des Militärreitinstituts, 1899 Generalleutnant und Kommandeur der Garde-Kavallerie-Division, 1903 Gouverneur von Straßburg. Nicht lange vor dem traurigen Ende des Weltkrieges, in dem er sich als stellvertretender Kommandierender General zur Verfügung gestellt hatte, verlieh ihm Wilhelm II. den hohen Orden vom Schwarzen Adler. Moßner war, wie ich glaube, der letzte preußische General, der den Schwarzen Adlerorden erhielt. Eine wohlverdiente Auszeichnung für einen Mann, der sich in zwei Feldzügen bewährt, der ein trefflicher Regiments-Adjutant, Eskadrons-Chef, Regiments-, Brigade-, Divisions-Kommandeur gewesen war und außerdem einer der besten Reiter der Armee, der zweimal das große Armee-Jagdrennen gewonnen hatte. In Ergänzung der eiligen und einigermaßen flüchtigen Zeilen, die ich an Offiziers- meine Eltern gerichtet hatte, möchte ich noch folgendes nachtragen. portepee Während die Schlacht von Saint-Quentin in vollem Gange war, meldete ich mich bei unserem Kommandeur, dem Oberst von Loe, zum Fähnrich ernannt. Er sah mich mit seinen großen, ernsten Augen lange an. Dann sagte er zu mir: „Von heute an tragen Sie das Offiziersportepee. Daß Sie es anlegen dürfen, ist die wohlverdiente Anerkennung Ihrer im Feuer bewiesenen Bravour. Vergessen Sie nie, wann Sie sich bei mir als Portepeefähnrich gemeldet haben. Gestern, an demselben 18. Januar, an dem einst König Friedrich I. sich in Königsberg die preußische Königskrone aufsetzte, hat unser erhabener Herr, König Wilhelm L, in Versailles die ihm von allen deutschen Fürsten angebotene deutsche Kaiserkrone angenommen. Dem Kaiser und König zu Ehren donnern heute die deutschen Kanonen vor Paris, an der Lisaine, im Jura und hier vor Saint-Quentin. So herrliche Tage, wie wir sie jetzt erleben, können sich nicht oft wiederholen. Worauf es ankommt, ist, den Geist dieser Tage in sich aufzunehmen, ihm als Leitstern zu folgen, ihm innerlich treu zu bleiben. Das erwarte ich auch von Ihnen und wünsche Ihnen Glück für Ihre Zukunft." XVII. KAPITEL Waffenstillstand vom 31.1.1871 •Ausbruch der Pocken • Friedensmäßiger Drill • Präli- minarfriede • Leutnant im Königshusaren-Regiment (8. III. 1871) • Marsch des Regiments nach Amiens • Parade vor dem Kronprinzen (13. III. 1871) • Platzmajorin Amiens Feldbriefe von dort A m Abend des 19. Januar wurde der Leutnant Graf Karl Sierstorpff l\'m dem Augenblick, wo er im Gespräch mit mir wieder zu Pferde steigen Marsch an wollte, um dem General von Kummer eine Meldung zu überbringen, durch der Tete einen Schuß schwer verwundet, der ihm durch Schulter und Rücken ging. Zur Freude des ganzen Regiments gelang es der Kunst der Chirurgen, ihn am Leben zu erhalten. Am 20. Januar setzten wir uns vor acht Uhr in Bewegung. Die 30. Brigade (Generalmajor von Strubberg) bildete die Avantgarde. Unser Regiment marschierte an der Tete. Der Marsch war bei strömendem Regen sehr mühsam und anstrengend, zumal er auf Feldwegen zurückgelegt werden mußte. Oberst von Loe trabte mit dem Regiment. Zu unserem Bedauern war der Feind nirgends zu sehen. Als die Nacht hereingebrochen war, machte General von Strubberg halt. Wir wurden in ldeinen Dörfern untergebracht, etwa anderthalb Meilen von Bei Cambrai Cambrai. In der Nacht wurden Patrouillen ausgeschickt. Ich führte eine solche in der Richtung von Ribecourt. Ich fand alle Dörfer frei von Feinden. Die Bauern erzählten mir, die französische Nordarmee sei in voller Auflösung durch Cambrai durchgekommen und auf Arras und Douai weitermarschiert. Auch die übrigen Kolonnen der Armee vermochten nicht, das Gros der feindlichen Kräfte zu erreichen. Am 21. rückten wir in Kantonnements, wo uns die Einwohner den fluchtartigen Abzug starker französischer Massen auf Douai und Arras bestätigten. Im Laufe des Tages konstatierten wir, daß die Hauptkräfte des Feindes zum Teil mit Hilfe der Eisenbahn die schützenden Festungen erreicht hatten. Unter diesen Umständen ließ General von Goeben die Armee sich von den schwer zu beschreibenden Strapazen der letzten fünf Tage erholen. Am 22. abends kamen wir nach dem uns wohlbekannten Bapaume und lagen in den uns ebenso bekannten Dörfern Sapignies, Behagnies und Favre uil. 236 VOR PARIS.WAS NEUES Paris kapituliert, Waffenstillstand In den nächsten Tagen wurden wieder viele Patrouillen geritten. Ich entsinne mich gut einer Patrouille, die ich gegen Arras führte. Die Luft war in diesen Tagen ganz klar. Deutlich sah ich vor mir den Glockenturm von Arras, der Heimat von Maximilien Robespierre. Ich erblickte auch einen Zug von elf bis zwölf Männern, die einen Gefangenen in ihrer Mitte führten. Landleute, die auf den Feldern arbeiteten und die ich um Auskunft ersuchte, sagten mir, es handle sich um einen „Traitre", der seiner wohlverdienten Strafe entgegengeführt werden solle. Die Spionenfurcht und Spionenriecherei, die sich in Frankreich im Weltkrieg zur Psychose entwickelt hat, grassierte dort schon 1870/71. Die Bauern behaupteten, Arras sei voll von Truppen. Der General Faidherbe habe dort sein Hauptquartier. Außer Patrouillen mußten wir Requisitionskommandos stellen. Wir bildeten auch auf Befehl des Oberkommandos gemischte Detachements, die in den nach dem Feind zu gelegenen Arrondissements Kontributionen eintrieben. Es wurden fünfundzwanzig Francs pro Kopf eingetrieben, um auf diese Weise bei den zum Teil vom Kriege noch gar nicht beschädigten Bewohnern die Friedensliebe zu fördern. Wir nannten diese Kolonnen die „Beruhigungskolonnen". Mit einer solchen Kolonne, die aus einer Batterie, zwei Bataillonen und unserer 1. Eskadron bestand, trieb Oberst von Loe im Kanton Croissiles hunderttausend Francs ein. Der Ort war nicht imstande, die geforderte Summe gleich zu zahlen, versprach aber, sie binnen drei Tagen abzuliefern, und stellte als Bürgschaft fünf der angesehensten Bürger als Geiseln. Die hunderttausend Francs wurden innerhalb dieser Frist ausgezahlt, und die Geiseln kehrten natürlich in ihre Heimat zurück. Patrouillen und Requisitionen wurden nach wie vor in hohem Grade durch die WitterungsVerhältnisse erschwert. Trockene Kälte wechselte mit starken Schneefällen. Die Straßen waren meist spiegelglatt. Am 29. Januar hieß es, die 15. Division würde bei Doullens konzentriert werden, da der General von Goeben einen Vorstoß gegen Arras, Abbeville und Boulogne plane, aber gleichzeitig wurde erzählt, daß das Artilleriefeuer vor Paris nach einer in Amiens eingetroffenen telegraphischen Nachricht seit der Nacht vom 26. auf den 27. Januar schweige und daß Unterhandlungen über den Abschluß eines Waffenstillstandes geführt würden. Am Morgen des 30. Januar lief von Mund zu Mund die Nachricht, daß Paris kapituliert habe. Endlich „vor Paris was Neues!" Gleichzeitig verbreitete sich die Kunde von dem in Versailles abgeschlossenen Waffenstillstand. Unmittelbar nachher erschienen französische Parlamentäre, um über die Demarkationslinie zu verhandeln. Um, wie er sich ausdrückte, einen angenehmen Status quo zu schaffen, befahl General von Goeben das Wiedervorschieben einzelner Armeeteile. Am 31. Januar mittags zwölf Uhr trat der von General Faidherbe anerkannte dreiwöchige Waffenstillstand EINQUARTIERUNG 237 in Kraft. Die Franzosen räumten Abbeville, wir dagegen die Departements du Nord und Pas de Calais. Eine neutrale Zone von zwanzig Kilometer Breite trennte die beiden Heere. Bei starkem, aber warmem Regen marschierten wir in der Richtung auf Amiens und bezogen Quartiere in kleinen nordöstlich und östlich von Amiens gelegenen Dörfern. Am anderen Tage marschierten wir weiter auf Aumale, ein hübsches Städtchen, dem der als General wie als Historiker bekannte vierte Sohn Aumale des Königs Ludwig Philipp seinen Titel dankte. Aumale hat in der französischen Geschichte eine gewisse Rolle gespielt. Karl der Kühne verbrannte die an der Bresle gelegene kleine Stadt, die dann hundert Jahre später dem verwundeten Heinrich IV. ein Asyl vor den ihn verfolgenden Liguisten bot. Ce roi galant, qui fit le diable ä quatre, hatte bekanntlich eine ausgesprochene Vorliebe für das weibliche Geschlecht. Die Frauen erwiesen sich dankbar. Jeanne Leclerc, die schönste Bürgerstochter von Aumale, ließ für den Einlaß begehrenden König selbst die Zugbrücke herunter. Am 9. Februar trafen wir inLeTreport ein, der reizend am Einfluß der Bresle in den Kanal gelegenen Hafenstadt. Wir bewunderten die schöne Le Triport Kirche Saint-Jacques und genossen in vollen Zügen Meeres- und Frühlings- luft. Trotzdem grassierte dort der Typhus, an dem wir einen tüchtigen Reserveoffizier, den Leutnant Allert, verloren. Seit dem Beginn des Waffenstillstandes erfolgte die Einquartierung durch die Mairien und mit voller Verpflegung. Der deutsche Soldat hatte zu fordern: morgens Kaffee und Brot, zum zweiten Frühstück Brot und ein Stück Fleisch, des Mittags Fleisch, Gemüse und eine halbe Flasche Wein, des Abends eine gute Suppe und Brot, außerdem am Tage ab und zu einen kleinen Kognak. Das klingt sehr schön. Die Wirklichkeit aber blieb hinter diesem Verpflegungsideal erheblich zurück. Bei der großen Gutmütigkeit und Genügsamkeit unserer Leute kam es trotzdem nie oder nur in Ausnahmefällen zu Ausschreitungen gegenüber der französischen Bevölkerung. Ich habe namentlich auf dem Lande häufig gesehen, daß unsere Leute den französischen Bauern bei ihrer Arbeit halfen, sich mit ihnen, so gut sie konnten, unterhielten, die Kinder auf dem Schöße hielten und mit den Kindern spielten. Die Bauern waren durchweg friedlich gesinnt und wünschten brennend das Aufhören des Krieges. In den Städten, auch in den kleineren Städten, überwog ein zum Teil leidenschaftlicher Patriotismus, hier galt Gambetta für den Retter der französischen Ehre, während die Landbewohner ihn zum Kuckuck wünschten. Mitte Februar bezog unsere 1. Eskadron mit dem Stabe die Stadt Abbeville, einst Sitz eines mächtigen Abtes. Daher auch der Name Abbeville (Abatis Villa). Hier begann wieder der Friedensdienst, der uns im Gegensatz zu dem sehr viel interessanteren und unterhaltenderen Kriegsdienst 238 STALLDIENST nicht besonders gefiel. Aber eine Allerhöchste Kabinettsorder hatte befohlen, daß das Retablissement der Truppen mit allen nur möglichen Mitteln und auf das strengste zu betreiben wäre. Ich schrieb aus Abbeville nach Hause: „Abbeville ist ein ganz nettes Städtchen, aber ziemlich triste, weniger wegen des Krieges als wegen der sehr stark grassierenden Pocken. Ängstigt Euch aber ja nicht deshalb, da ich vor neun Monaten von dem berühmten Dr. Blumenthal in Berlin geimpft worden bin. Übrigens sind die Pocken in ganz Frankreich verbreitet. Man spricht nur nicht davon. Hoffentlich werden sie nicht nach Deutschland geschleppt.“ Nicht lange nach der Schlacht von Saint-Quentin wurde ich in einem Bauernhause einquartiert. Als ich das mir angewiesene Zimmer betrat, sah ich in einem zweiten Bett an der gegenüberliegenden Wand einen älteren Mann liegen. Auf meine Frage, wer mein Stubengenosse sei, wurde mir die Antwort, daß es ein Onkel des Hauses sei, der an Migräne litte. Am nächsten Morgen stellte es sich heraus, daß der Arme in der Nacht lautlos verschieden war. Er war an den Pocken gestorben. Völlig unbekümmert um die in Abbeville und Umgegend herrschende Drill wie Epidemie besichtigte Oberst von Loe während unseres dortigen Aufent- in Bonn haltes die 2. und 3., Major Dincklage die 1. und 4. Eskadron in allen Details wie bei einer ökonomischen Musterung. Obwohl der Oberst in jeder Beziehung sehr hohe Anforderungen stellte, konnte er seinen Bericht doch mit den Worten schließen: „Die Bekleidung des Regiments und die Ausrüstung der Mannschaften und Pferde ist im allgemeinen gut und kriegsbrauchbar. Der Beschlag ist ein durchweg vorzüglicher zu nennen, und jede Eskadron hat einen neuen Beschlag auf den Pferden, einen zweiten in den Eisen- und Packtaschen und etwa die Hälfte einer dritten Garnitur Eisen auf den Wagen.“ So konnte nach den Tagen der Ruhe das Regiment dem Wiederausbruch der Feindseligkeiten getrost und zuversichtlich entgegensehen. Solche Kleinarbeit war nicht ganz nach dem Sinne der Fähnriche. Dem Großfürsten Konstantin Pawlowitsch wird die Äußerung zugeschrieben: „Je deteste la guerre, eile gäte les armees.“ Das war natürlich der höchste Ausdruck blöden Gamaschendienstes. Aber gewiß ist, daß unsere Heeresleitung, als sie noch in Feindesland den Friedensdienst wieder aufnahm, weiter sah als der junge Fähnrich, der Anfang März brummig an seine Eltern schrieb: „Wir werden gedrillt wie kaum in Bonn und kommen gar nicht aus der Kaserne. Morgens nach dem Stalldienst (von fünf bis halb sieben) wird exerziert (von halb neun bis zwölf), dann mittags Dienst von eins bis sieben Uhr, fortwährend Appell, Besichtigung usw. Man würde es der Schwadron aber auch schwerlich ansehen, daß sie einen siebenmona- tigen Feldzug hinter sich hat. Sonntags gehen wir immer zur Kirche, wo der Divisions-Prediger ganz gut spricht.“ Der Schluß meines Briefes war AUSFLÜGE NACH SEINE-BABEL 239 für meine Mutter berechnet, die in jedem ihrer Briefe frug, wann ich zuletzt zur Kirche gegangen wäre. Einige Tage später schrieb ich: „Der Dienst ist ganz wie in der Garnison. Man rechnet bestimmt auf Frieden, doch wird alles vorbereitet für den Fall, daß es wieder losgehen sollte.“ Am 24. Februar schrieb ich: „Nachdem man gestern annahm, cs würde wieder losgehen, schien heute der Friede gesichert. Angeblich wollen wir Metz aufgeben. Bei der Armee findet ein solches Projekt natürlich wenig Anklang, lieber noch ein paar Wochen Krieg, zumal die Jahreszeit jetzt gut. Seit Ende Januar haben wir schönes Wetter. Seit vierzehn Tagen habe ich den Mantel nicht angehabt.“ Zu einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten sollte es nicht mehr kommen. Eine solche schien mehrfach nahe bevorstehend. Am Abend des 26. lief eine Stunde vor Mitternacht ein Telegramm des Generals von Moltke ein, daß der Waffenstillstand bis zum 12. März verlängert worden sei und daß die Friedenspräliminarien unterzeichnet worden wären. Seitdem exerzierten wir wieder zu Pferde und unternahmen auch Marschübungen. Bald begann ein vorläufig leichter Friedensdienst: Schwadronsexerzieren, Nachdressur der Augmentationspferde. In den hellen und warmen Frühlingstagen war dieses Exerzieren an der Meeresküste eine Erholung. Da für die Dauer des Waffenstillstandes den Offizieren und Beamten aus den Kontributionsgeldern tägliche Zulagen von fünfzehn Francs bezahlt wurden, ging es in Abbeville hoch her. Viele von uns fuhren nach Paris, um der Stadt einen Besuch abzustatten, die während des Krieges von Victor Hugo La ville lumiere, in Deutschland das Seine-Babel genannt wurde. Am 6. März traf die freudige Botschaft ein, daß die Erste Armee von Seiner Majestät dem Kaiser und König besichtigt werden würde, der am 2. März ein anläßlich der Ratifikation der Friedenspräliminarien an seine Gemahlin gerichtetes Telegramm mit den in ihrer Bescheidenheit rührenden Worten geschlossen hatte: „Gott hat diesen ehrenvollen Frieden gelingen lassen. Ihm sei die Ehre, der Armee und dem Vaterland aus tieferregtem Herzen meinen Dank.“ Am 8. März erhielt ich meine Ernennung zum Leutnant. Vierzehn Tage vorher hatte ich an meine Eltern geschrieben: „Gestern bin ich zum Offizier gewählt und eingegeben worden. Der Oberst hat mich für die Verhältnisse und bei unserem Regiment ungewöhnlich rasch avancieren lassen. Vom Gefreiten bis zum Offizier kaum vier Monate! Ich möchte, Vater schriebe ihm, um ihm für die Güte zu danken, die er für mich gehabt hat und hat. Er ist so sehr freundlich zu mir. Er ist einer der gescheitesten Leute, die mir vorgekommen sind. Spricht über alles, sehr Grandseigneur, dabei sehr schneidig.“ In dem Brief, in dem Oberst von Loe meine Beförderung zum Leutnant meinem Vater mit teilte, hieß es: „Ich bin so glücklich, Euer Exzellenz benachrichtigen zu können, daß Seine Majestät der Kaiser die Gnade gehabt Die Friedenspräliminarien unterzeichnet Ernennung zum Leutnant 240 DER WEISSE KÜRASSIER haben, Ihren Sohn ,wegen Auszeichnung vor dem Feind 4 zum Offizier zu befördern. Diese Auszeichnung ist wohlverdient, denn er hat in einem harten Winterfeldzug seinen Kameraden und Untergebenen stets ein Beispiel rücksichtsloser Pflichterfüllung gegeben und außerdem, worauf ich fast noch mehr Wert lege bei der Zusammensetzung meines Offizierkorps, durch seine ritterliche Gesinnung und sein liebenswürdiges, bescheidenes Benehmen unser aller Herzen gewonnen. Ich zweifele nicht, daß, wenn wir nunmehr in die Friedensverhältnisse zurückkehren und mit Ernst an die eigentliche Berufsarbeit gehen, er auf Basis seiner vortrefflichen Anlagen und seiner bereits erreichten wissenschaftlichen Resultate sich eine schöne militärische Laufbahn aufbauen wird.“ Am 9. März setzte sich das Königshusaren-Regiment aus den Quartieren, Konzentration die wir fast einen Monat an der Küste des Kanals innegehabt hatten, in um Amiens Marsch nach Amiens, wo sich das VIII. Armeekorps konzentrierte. Die 1. Schwadron bezog Kantonnements in dem Dorfe Dury an der Chaussee, die von Amiens nach Breteuil führt, nicht weit vom Flüßchen La Celle. Jetzt ging es an das Putzen und an das Sorgen um propren Anzug und blanke Waffen, denn das Königshusaren-Regiment sollte so schmuck und frisch aussehen wie bei einer Friedensparade auf der Hofgartenwiese in Bonn. Leider sollten wir unseren Kriegsherrn und Regiments-Chef, dessen ehrwürdige Gestalt in aller Herzen lebte, an diesem Tage nicht zu sehen bekommen. Der Kaiser batte zu seinem schmerzlichen Bedauern und zur Enttäuschung des Rheinischen Armeekorps und ganz besonders seines Husaren-Regiments die Fahrt nach Amiens eines Unwohlseins wegen aufgeben müssen. Aber im Auftrag seines kaiserlichen Vaters kam der Kronprinz. Am Vormittag des 13. März versammelte sich nordöstlich Amiens, Der zwischen Altonville und Les Alienbons, das ganze VIII. Armeekorps und Kronprinz eine kombinierte Infanterie-Brigade, die Regimenter 19 und 81, die 3. Kaval- besichtigt lerie-Division und die Garde-Kavallerie-Brigade Prinz Albrecht. Im ersten Treffen, Front gegen die Straße Amiens—Querrieux, stand die gesamte Infanterie, einunddreißig Bataillone. Im zweiten Treffen standen die Kavallerie und Artillerie, die Garde-Husaren auf dem rechten Flügel, dann die 2. Garde-Ulanen, daneben unser Regiment, links von uns die 9. Husaren. Die Formation der Kavallerie war geschlossene Regimentskolonne. Um zwölf Uhr erschien der Kronprinz. Bis zu dem Augenblick, in dem er sich uns näherte, hatte es stark geregnet. Jetzt, wo er auf das Rheinische Armeekorps zusprengte, zerteilten sich die Wolken, und strahlend brach die Sonne hervor. Er ritt einen Trakehner Rappen. Er trug das weiße Koller der Pasewalker Kürassiere. Als er sich unserem rechten Flügel näherte, salutierte auf das Kommando des Generalleutnants von Barnekow das ganze 1®P mm?® Bernhard von Bülow als Secondclieutenant im Königshusarenregiment Nr. 7 DIE HEERSCHAU IN DER PICARDIE 241 Armeekorps, die Infanterie präsentierte, die Trommeln und die Musikkorps fielen ein. Und ein gewaltiges dreifaches Hurra aus vierzigtausend deutschen Kehlen brauste dem Kronprinzen entgegen. Wie sollte ich je dieses Tages vergessen, dieser Heerschau vor dem Kronprinzen von Preußen und des Deutschen Reiches, dort in der Picardie, dicht an den steilen Höhenrändem der Hallue, wo wir in den Weihnachtstagen gekämpft hatten, im Angesicht der alten Hauptstadt Amiens. Wie sollte Deutschland je den Kaiser Friedrich vergessen, der durch sein ganzes Leben in Freud und Leid, in jeder Lage zwei große Mannestugenden betätigt hat: Er war durch und durch wahr, und er war ganz furchtlos. Mit leuchtendem Blick folgte jeder Mann im Gliede dem geliebten Königssohn, dem Sieger von Weißenburg und Wörth, als er die glänzende Front hinunterritt. Die ganze deutsche Vergangenheit stieg vor meinem Geiste auf: Theoderich und Alarich, Roland, der bei Roncesvalles fiel, und Siegfried, der den Drachen schlug, Heinrich III. der Salier und Heinrich VI. der Staufer. Auch diese beiden Kaiser starben zu früh, wie Kaiser Friedrich. Beim Vorbeimarsch unseres Regiments, der in halben Eskadronen stattfand, erhob sich plötzlich bei der gesamten Infanterie des Korps, die seitwärts herausgezogen war, ein brausendes „Lehm op!“, angestimmt von den rheinischen Jägern und gern aufgenommen von allen anderen Truppen. Auf die Frage des Kronprinzen nach der Bedeutung des Jubels, meldete ihm der Generalleutnant von Barnekow, der Ruf „Lehm op!“ gelte den Königshusaren, und in dem stürmischen Ruf werde dem Regiment die Anerkennung für die den anderen Waffen geleisteten guten Dienste ausgedrückt. In den Reihen des Regiments ritten an jenem denkwürdigen Tage vier Offiziere, die in späterer Zukunft den hohen Orden vom Schwarzen Adler tragen sollten: der Oberst von Loe, der Premierleutnant Moßner, die Secondleutnants von Deines und von Bülow. In den nächsten Tagen rückten wir über Longeau nach Salonelle und Saleux. Dort wurden auf Befehl des Obersten in den Eskadrons Reitabteilungen formiert. Fortan wurde morgens in Klasse geritten oder zu Pferde in der Schwadron exerziert. Am Nachmittag wurde zu Fuß exerziert oder geturnt. Das Verhältnis der Husaren zu den Bauern der Picardie war ganz gemütlich. Bei den Feldarbeiten half der Husar dem Landmann. Der Bauer verstand, was der deutsche Soldat meinte, wenn er die Worte sprach: „Pain“, „vin“, „avoine“, „foin“. Der Soldat gebrauchte auch gern die Lieblingsredensart des französischen Bauern: „Malheur, malheur pour nous, malheur pour vous, malheur pour tout le monde.“ Über meine Equipierung schrieb ich nach Flause: „Dieselbe ist sehr schön, kostet aber heidenmäßig viel Geld. Sobald ich die Rechnungen zusammen habe, werde ich sie Euch schicken. Zu Nutz und Frommen meiner jüngeren Brüder will ich die Unter französischen Bauern 16 Bülow IV 242 ZWEIHUNDERTFÜNFZIG TALER Hauptgegenstände beschreiben, nämlich: Goldattila, wie mein Einjährigen- Attila, nur mit Schnüren von Gold, mit Silber gewirkte Achselklappen, Tressen an den Ärmeln und Kragen, goldene Rosetten und geriffelte Knöpfe. Der Attila ist wunderschön, kostet aber leider siebzig Taler. Pantalon wie sonst, nur mit Tresse statt Litze. Stiefel auch mit Tresse und Rosetten vorn. Ich habe mir zwei Paar Stiefel kommen lassen, die ich schon in Bonn hatte. Interims-Attila habe ich mir alt, aber noch ganz gut, für fünfzehn Taler gekauft. Er ist hellblau mit weiß-und-schwarzen Schnüren. Beide Attilas passen mir sehr gut. Am teuersten ist das Komplett-Zeug und besonders die Schabracke. Ich kann sie aber nicht entbehren. Pelzmütze kostet zwanzig Taler, ist aber sehr schön. Schärpe ist von Silber mit zwei großen Quasten, Säbeltaschen mit in Gold gewirktem Namenszug. Beides ist sehr teuer, weniger Bandelier. Am billigsten verhältnismäßig Zaumzeug und Sattel. Die Equipierung wird ohne Pferde wohl auf zweihundertfünfzig Taler zu stehen kommen. Das liebste wäre mir, ich dürfte das kleine Legat dazu verwenden, das mir Onkel Martin ausgesetzt hat.“ Ich war sehr bemüht, meinen guten Eltern unnötige Ausgaben zu ersparen, und damals in keiner Weise verwöhnt. Am 1. April wurde ich zum Platzmajor von Amiens ernannt. Ich schrieb itzmajor darüber an meine Eltern: „Ich bin zur Kommandantur von Amiens be- Amiens fohlen, wo ich Platzmajor geworden bin, damit ist wenigstens gutes Essen und sehr gute Wohnung verbunden. Die Geschäfte sind nicht schlimm. General Ruville ist Kommandant, auch seine Frau ist hier, macht aber weniger Aufsehen, als sie wünscht. Adjutant ist Graf Talleyrand von den 2. Garde-Ulanen, ein sehr netter Mensch. Um halb zwölf und halb sechs habe ich Vortrag beim General, gebe dann um ein Uhr und um acht Uhr den Kommandanturbefehl aus, Donnerstags und Sonntags gebe ich ihn auf der Wachtparade aus. Am meisten habe ich noch zu tun mit den französischen entlassenen Militärs, zumal seit sie uns grüßen sollen.“ Der General von Ruville, als strammer alter Offizier, der aus dem General 1. Garde-Regiment hervorgegangen war, hielt mit Strenge auf diesen Gruß. • Ruville Wenn ein vorübergehender französischer Offizier ihn nicht grüßte, mußte ich den Unbotmäßigen verhaften. Dabei kam es bisweilen zu lärmenden Auftritten. Als ich wieder einmal einen unglücklichen französischen Offizier verhaften sollte, stürzte, sehr erregt, eine Dame auf mich zu und rief mir entgegen: „Homme cruel, vous n’avez donc pas de mere?“ Das Publikum schrie und tobte. Ich antwortete: „Mais, Madame, si je n’avais pas de mere, comment voulez-vous que j’aie l’honneur et le plaisir de causer avec vous ?“ Die Umstehenden lachten, und die aufgeregte Dame mit ihnen. Ernster lag der Fall bei einem französischen Offizier, der eine im Dienst befindliche Schildwache, die ihn im Bahnhofsgebäude einen verbotenen Korridor nicht EMIGRANTEN 243 passieren lassen wollte, vor die Brust gestoßen hatte. Er sollte erschossen werden. Der General von Ruville reichte ein Begnadigungsgesuch für ihn ein, auf das lange keine Antwort erfolgte. Unterdessen wurde der Franzose, der in der Zitadelle untergebracht worden war, von allen sehr freundlich behandelt. Er aß mit den deutschen Offizieren, die in der Zitadelle Dienst taten. Ich habe mehrfach mit ihm zusammen gegessen. Er konnte mir nicht genug sagen, wie dankbar er für die gute Behandlung sei, die ihm zuteil würde. Er ist schließlich begnadigt worden. Der General von Ruville entstammte einer Emigrantenfamilie. Nicht weit von Amiens lag das Schloß seiner Ahnen, das sich in ebenso traurigem Zustand befand wie das Ahnenschloß von Chamisso, das Schloß Boncourt. Aber der General von Ruville segnete nicht mild und gerührt diejenigen, die jetzt den Pflug über den Boden führten, der einst der seinige gewesen war. Die Erinnerung an die seinen Vorfahren zuteil gewordene üble Behandlung erhöhte noch seine Erbitterung gegen die Franzosen. Sein Adjutant, Graf Archambault Talleyrand-Perigord, befand sich in einer Graf heiklen Lage. Von väterlicher und mütterlicher Seite Franzose, der Sproß Talleyrand- einer großen französischen Familie, war er in jungen Jahren unter dem ^ r ^S ori ^ Einfluß seiner Großmutter, der Herzogin von Sagan, nach Preußen gekommen und dort in die Armee eingetreten. Er war ein pflichttreuer preußischer Offizier, aber sein Herz gehörte nach wie vor Frankreich. Als in Amiens die Nachricht eintraf, daß die Kommunisten Paris in Brand gesteckt hätten, brach er vor dem General von Ruville und mir in Tränen aus. Sobald die Deutschen Amiens verlassen hatten, beschloß der Conseil Muni- cipal von Amiens, die Place Perigord in Place Faidherbe umzutaufen, um dadurch seinen Abscheu gegen den Grafen Archambault von Talleyrand- Perigord, der deutscher Offizier geworden war, zum Ausdruck zu bringen. Archambault Talleyrand, der übrigens ein liebenswürdiger Mensch war, erzählte mir gelegentlich einen für die Kaiserin Augusta sehr charakteristischen kleinen Zug. Als am Abend des 2. September die Kaiserin in ihrem Palais die Glückwünsche zu dem Siege von Sedan entgegennahm, bemerkte sie unter den Anwesenden auch den ihr wohlbekannten und von ihr immer mit besonderer Freundlichkeit behandelten Archambault Talleyrand. Sie schritt auf ihn zu und sagte ihm auf französisch, wie sehr sie den Zwiespalt seiner Empfindungen verstehe und würdige. Das war echt Weimar. Ich glaube aber nicht, daß eine englische oder französische, italienische oder russische Prinzessin in gleicher Lage ähnlich empfunden oder gesprochen haben würde. Graf Archambault Talleyrand hat später die älteste Tochter des französischen Botschafters in Berlin, des Vicomte de Gontaut-Biron, geheiratet, der bei Bismarck sehr schlecht, bei der Kaiserin Augusta sehr gut angeschrieben war. 244 DER KRIEG ZU ENDE Ich habe bei Wiedergabe einiger über militärische Vorgänge an meine Eltern gerichteten Briefe betont, daß es sich nicht um Berichte eines Generalstäblers, sondern um Eindrücke und Momentaufnahmen eines jungen Husaren handle. Ich habe ihnen wie meinen ganzen Kriegserlebnissen einen größeren Raum gewährt, weil ich wünsche, das meinige zur Erhaltung und Belebung militärischen Geistes in unserer heranwachsenden Jugend beizutragen. Wehrlos — ehrlos. Wenn ich jetzt einige Briefe folgen lasse, die ich während des Waffenstillstandes aus Amiens über die politische Lage nach Hause richtete, brauche ich kaum hervorzuheben, daß ich nach einem halben Jahrhundert mit dem Lächeln des Alters und der Erfahrung auf manche meiner damaligen Urteile zurückblicke. Am 6. März schrieb ich: „Jetzt ist ja ganz Friede. Die französischen Ein Leutnant Zeitungen, die wir hier sehr regelmäßig lesen, predigen alle Rache: Silence, über die patience, vengeance! Die Bauern danken aber Gott, daß der Krieg zu Ende Okkupation j gt sich Frankreich so bald von Gebietsabtrennungen, Menschenverlust, Kontributionen, Requisitionen, fünf Milliarden, endlich schlechter Ernte und großer Sterblichkeit bei allen möglichen Epidemien erholen will, ist noch nicht abzusehen. Die Gegenden um Metz, Varennes, Reims, Amiens, das ganze Somme-Ufer, ebenso die Seine von Rouen bis Pont Audemer sind gewiß auf fünfzig Jahre ruiniert. Die okkupierten Städte sind fast alle infolge der Kontributionen überschuldet. Von dem Elend in einzelnen Distrikten sich einen Begriff zu machen, ist völlig unmöglich. Die Zähigkeit und Vitalität der Franzosen ist aber doch sehr groß. Wir essen hier auf der Kommandantur zusammen, der General, die Generalin, Talleyrand, ein Dr. Oppler, der Garnisonsarzt hier ist, und ein Leutnant Schellong, der Auditeur der Kommandantur ist. Das Essen ist sehr gut. Wir haben einen Koch und Unterkoch, dafür aber ziemlich teuer. Frühstück und Essen pro Tag etwa anderthalb bis zwei Taler. Es ist das sehr viel, doch lange nicht so viel, als die meisten anderen bezahlen müssen. Seit dem Waffenstillstand sind die Offiziere, was Essen betrifft, wirklich in einer schlimmen Lage. Seit das Requirieren aufgehört hat, stellen die Franzosen die unglaublichsten Preise. Bei den hier in der Nähe liegenden Schwadronen meines Regimentes zahlen die Offiziere zwei Taler täglich und essen dafür ganz schauderhaft. Adolf zahlt in Chantilly bis jetzt vier Taler täglich und sagt, es wäre auch nicht sehr gut. So gute Farbe wie während des Feldzuges habe ich nicht mehr. Es geht aber den meisten so, daß, während wir schlecht aßen, schliefen usw., sie wohler waren als jetzt. Reiten tue ich sehr viel. Ich schrieb auch schon, daß hier hübsche Reitwege sind. In die Kirche gehe ich fast jeden Sonntag mit dem General. Geschrieben hätte ich schon eher, wenn ich nicht Montag und Dienstag in Chantilly und Saint-Denis gewesen wäre. Adolf, der mit seinem Regiment in Saint-Denis liegt, schien mir sehr wohl DIE ROTE FAHNE 245 und munter. Montag aß ich mit ihm und seinem Rittmeister, dem Fürsten Fritz Wittgenstein, in Chantilly. Die Nacht blieb ich in einem schönen Chateau eine Stunde von da, wo Paul Bülow liegt. Am Dienstagmorgen ritten wir spazieren und fuhren um zwölf nach Saint-Denis. Wir fuhren von da per Wagen nach dem Moulin d’Orgemont, von wo man Paris sehr schön sah. Es war herrliches Wetter, nur nicht sehr klar. Doch konnte man Pantheon, Are de Triomphe, Invalidendom, Belleville, Montmartre mit bloßem Auge ganz deutlich sehen, mit dem Fernrohr die Yendöme-Säule, die rote Fahne der Commune auf dem Institut und vieles andere. Der Mont Die Valerien schoß ziemlich stark, und die südlichen Forts, die man aber nicht Commune sehen konnte, antworteten ihm. In Asnieres, das gerade unter uns lag, war nichts los. Auch nach Argenteuil, Saint-Germain en Laye, Montmorency, Enghien usw. war der Blick sehr hübsch.“ Als wir, mein Bruder und ich, vom Moulin d’Orgemont auf die Kämpfe zwischen den Pariser Kommunisten und den Versailler Regierungstruppen herabblickten, wie man im Zirkus auf die Arena sieht, dachten wir nicht, daß kaum ein halbes Jahrhundert später die Franzosen sich an den von unseren Spartakisten und Kommunisten provozierten Straßenkämpfen von München und Dresden, in Thüringen und im westfälischen Industrie-Revier ergötzen würden. Am Pfingstsonntag schrieb ich: „In Amiens geht es jetzt zu wie in Friedenszeiten, also ganz nett. Gestern war Rennen, abends wurde hei Graf Graf Karl Lehndorff, der hier Zivilkommissar ist, getanzt, wozu auch zwei distin- Cehndorjj guierte französische Familien gekommen waren. Ich fahre heute nach Belloy, dem Schloß eines Herrn von Morgan, der uns sehr freundlich aufnimmt.“ Der Zivilkommissar, Graf Karl von Lehndorff, war der älteste von drei ausgezeichneten Brüdern. Er selbst war Majoratsbesitzer auf Steinort in Ostpreußen. Sein zweiter Bruder, Heinrich, war der bekannte und hochverdiente langjährige Generaladjutant des Kaisers Wilhelm I. Der dritte Bruder, Graf Georg, hat sich als Oberlandstallmeister und Leiter des Hauptgestüts Graditz Verdienste um die deutsche Pferdezucht erworben. Ich hatte ihn als Knabe bei einem Flachrennen in Mecklenburg im Sattel erblickt. Ich habe ihn als Reichskanzler oft wiedergesehen, und er ist kurz vor Beginn des Weltkrieges gestorben, hat also wenigstens nicht den Schmerz gehabt, den Zusammenbruch des alten glücklichen Deutschland zu erleben. Graf Karl Lehndorff sagte zu meinem Vater, als dieser ihm nach der Herstellung des Friedens im Frühjahr 1871 seine innige Freude darüber ausdrückte, daß der Krieg nunmehr zu Ende sei: „Im Interesse Ihrer Söhne sollten Sie den Eintritt des Friedens eher bedauern. Hätte der Krieg noch zehn Jahre gedauert, so wären sie beide als Generäle zurückgekommen.“ Die Pariser Commune war von kleineren Aufständen in vielen französischen Städten begleitet, insbesondere in Marseille, Saint-Etienne, Toulouse. 246 DAS VERLANGEN NACH DER DIKTATUR Auch in Amiens gärte es unter den Arbeitern. Der Maire von Amiens, Monsieur Dauphin, mit dem ich die besten Beziehungen unterhielt, war besorgt vor kommunistischen Unruhen. Er schrieb mir in diesem Sinne und bat mich, solchen Unruhen durch strenge Überwachung und eventuelle energische Repression kommunistischer Aufstandsversuche zu begegnen. Als die Pariser Commune von Thiers mit der rücksichtslosen Energie unterdrückt worden war, die in Frankreich bei inneren Konflikten meist zur Anwendung zu kommen pflegt, erschien Monsieur Dauphin bei mir und bat mich, ihm seinen Brief zurückzugeben. Wenn sein Schreiben je bekannt würde, so wäre es um seine politische Zukunft geschehen. Ich habe dem würdigen Manne sein Schreiben zurückgegeben, und er ist später mehrmals Minister gewesen, ohne daß das Damoklesschwert einer unliebsamen Enthüllung über ihm geschwebt hätte. Über den Eindruck, den die Pariser Commune zunächst in der Provinz Die Zerstörung machte, schrieb ich Ende Mai: „Die Bauern freuen sich sehr über die Zer- von Paris Störung von Paris. Alle Welt verlangt nach einer rücksichtslosen und eisernen Diktatur. Jeder sagt, Frankreich sei nie besser regiert worden als von 1852 bis 1855, wo Napoleon III. ganz absolutistisch regierte wie sein Onkel. Auch dem strengen Katholizismus wendet sich wieder die große Menge zu, selbst in den Städten. Die Lebenskraft des Landes ist ungeheuer. In zehn Jahren wäre olme die fünf Milliarden der Krieg vergessen. Dazu kommt, daß ihre Verluste doch nicht so groß sind wie die unseren, namentlich weniger Offiziere. Einjährige, Freiwillige usw. hatten sie ja überhaupt nicht. Hier sind einige sehr nette Familien, wo ich viel verkehre. Im allgemeinen sind die Franzosen fanatische Preußenhasser oder gänzlich indifferent gegen alles. Wie reich das Land ist, selbst hier in der Picardie, die zu den ärmeren Teilen von Frankreich gehört, ist schwer zu glauben. Dorf an Dorf, jeder Fleck Landes ist bestellt, die Gartenkultur z. B. so ausgebildet wie wohl nirgends bei uns. Bis auf drei bis vier Meilen in der Umgegend eine Villa an der anderen, alle mit dem größten Luxus eingerichtet: Treibhäuser, Mistbeete, die schönsten Gazons, auf den kleinsten Besitzungen Jagd und Fischerei. Montag aß ich in Belloy, dem Schloß eines Barons Morgan, die schönsten Melonen, Erdbeeren und Bananen.“ XVIII. KAPITEL Amore sacro und amore profano • Ritt nach Camon • Das VIII. Armeekorps erhält Befehl zum Rückmarsch • Oberst Freiherr von Loe • Die Königshusaren marschieren durch die Eifel nach Trier • Einzug in Bonn (6. VII. 1871) • Wieder im Elternhaus zu Klein- Flottbek (20. VII. 1871) M eine Mutter hegte den lebhaften Wunsch, daß ich auf einige Tage nach Baden-Baden kommen möge, wo sie eine Kur gebrauchte. Ich schrieb Kein Urlaub darüber an meinen Vater: „Mama schlug mir vor, sie in Baden-Baden zu besuchen. Leider ist für mich keine Möglichkeit. Talleyrand ist zum Ersten abgelöst und noch kein Ersatzmann für ihn da. Selbst wenn dieser kommt, kann ich nicht gut um Urlaub, selbst um einen ganz kurzen, bitten, da wir jeden Tag abmarschieren können und ich in diesem Falle die Papiere noch in Ordnung bringen müßte. Über unseren Abmarsch gehen die verschiedensten Gerüchte. Ganz ungewiß erscheint noch, ob das Somme-Departement geräumt wird und wann. Einige behaupten, es werde bloß Abbeville evakuiert werden, andere sagen, das ganze Departement. Doch ist es nicht wahrscheinlich, daß man einen Zentralpunkt wie Amiens anders als möglichst spät räumt. Was endlich das von uns allen besprochene Verbleiben unseres VIII. Korps betrifft, so ist alles Gerücht. Doch ist es wahrscheinlich, daß wir eher mit den letzten als mit den ersten aus Frankreich gehen. Oberst von Loe scheint anzunehmen, daß wir bald die Reserven entlassen und dann vor Paris oder in die Champagne als Quasi-Garnison kommen, ob für zwei Monate oder für zwei Jahre, weiß aber niemand. Die Einjährig- Freiwilligen, die in Bonn studierten, sind nach Bonn zurückgeschickt, auch die ältesten Jahrgänge unter den Leuten. Das Resultat von alledem ist für mich, daß ich hier in der nächsten Zeit an meinem Platz bleiben muß, zumal ich nicht gut, wenn auch nur für drei oder vier Tage, gehen kann, wenn es anfängt, schwieriger zu werden.“ Am 2. Juni schrieb ich meiner Mutter: „Ich habe hier in Amiens viele französische Familien kennengelernt. Einen Herrn von Neuville, reichen Familien- Bankier mit netter Frau und Tochter. Recht nett ist auch ein Baron verkehr de Latapie, der in Cagny ein hübsches Schloß hat und dessen gescheite Frau * n ■ / ^ miens in der Pariser Gesellschaft eine große Rolle gespielt haben soll. Mit dem 248 DER GUTE ABBE Maire und interimistischen Prefet de la Somme, Monsieur Dauphin, bin ich sehr bekannt. Er ist ein bedeutender Mann und wird in seinem Lande sicher einmal eine Rolle spielen. Auch seine Frau ist recht distinguiert. Ein großer Freund von mir ist Monsieur de Neux, Präsident der Philharmonischen Gesellschaft, ein liebenswürdiger Mann mit netter Frau und Tochter. Oft bin ich auch bei einer Frau von Y. mit einem unbedeutenden Mann, aber zwei liebenswürdigen Töchtern. Auf diese Weise hat es mir wirklich gut gefallen, und ich kann die Zeit hier wohl zu der angenehmsten rechnen. Ich war fast jeden zweiten Mittag oder Abend irgendwo gebeten. Vergessen habe ich noch einen Engländer, der hier angesessen ist und eine große Fabrik hat, einen Mr. Z., der gescheit und unterrichtet ist und eine sehr liebenswürdige und schöne Frau hat. Ich war fast täglich in ihrem Hause. Ich hatte es so besser, als wenn ich ganz auf die Cafes angewiesen gewesen wäre. Der General und die Generalin sind für mich stets von der größten Liebenswürdigkeit gewesen. Der General ist bei ziemlicher Heftigkeit und unter Umständen Grobheit ein herzensguter Mann. Des Abends pflegten ziemlich viel Leute zu kommen, so der Oberst von Rosenzweig und Major von Koppelow (Mecklenburger), vom 28. Regiment, der kluge Oberst von Witzendorf, Generalstabschef von Goeben, General Strubberg, unser Oberst von Loe, den leider das Regiment verliert, am häufigsten Graf LehndorfF, früher Präfekt, jetzt Zivil-Kommissar, sehr liebenswürdig für mich. Leider ist sein Neffe jetzt fort, ein junger Graf Fritz Dönhoff, vom 2. Garde-Ulanen-Regiment, ein sehr guter Freund von mir. Alle diese Leute gehen jetzt aber nach und nach fort. Sobald ich Näheres über meinen Abgang weiß, schreibe ich Euch. Euer treuer Sohn.“ Ich erwähnte in meinem Schreiben Frau von Y. mit ihren Töchtern und Marie de Y. ein engliches Ehepaar Z. Bei Frau von Y. hatte mich ein vortrefflicher Abbe eingeführt. Ich habe Zeit meines Lebens gern Religionsgespräche geführt, vorausgesetzt, daß von beiden Teilen festgehalten wurde an dem mir teuren und oft von mir betonten Grundsatz: In necessariis unitas, in dubiis liber- tas, in omnibus caritas. Der gute Abbe suchte mich für seine Kirche zu gewinnen. Ich besitze noch ein damals in Frankreich in katholischen Kreisen viel gelesenes Buch, das er mir mit einer schönen Widmung schenkte. Es hieß: La Raison du catholicisme par Nicolas, ancien magistrat. Noch mehr als von der Wirkung dieses allzu weitschweifigen, hier und da etwas naiven Werkes erhoffte er von meinem Verkehr mit der Familie Y. und namentlich mit Fräulein Marie de Y. Wäre eines der schönsten Lieder von Heinrich Heine durch allzu häufiges Zitieren nicht zu abgegriffen, so würde ich von Marie de Y. sagen: „Sie war wie eine Blume, so hold und schön und rein.“ Ich unternahm viele Spaziergänge mit ihr und ihren HIMMLISCHE UND IRDISCHE LIEBE 249 Eltern. Ich durfte sie auch Sonntags zur Messe begleiten in den herrlichen Dom von Amiens, der an Pracht und Reinheit des gotischen Stils von wenigen anderen Kirchen übertroffen wird. Wir standen vor den drei Portalen der Kirche und bewunderten Hand in Hand ihre Bilder und Gestalten: Die Darstellung der Schöpfungsgeschichte, der Propheten und der Heiligen, der Jahreszeiten und der Sternbilder und der Gewerbe. Die Kathedrale von Amiens erschien mir als eine Schwester der Kathedrale von Reims. Es ist in der Tat schwer zu sagen, welche von beiden die schönere ist. Mademoiselle Marie führte mich zum „beau Dieu“, zu dem „schönen Gott“, einer gotischen Figur, die Gott-Vater, der meist als zürnender Greis abgebildet wird, als einen milden und liebenswürdigen Jüngling zeigt. Diesem „beau Dieu“ ist nicht zuzutrauen, daß er seine Geschöpfe zu ewigen Höllenstrafen verdammen sollte. Der „beau Dieu“ ist der Stolz von Amiens. Ich setzte meiner jungen Freundin auseinander, daß der deutsche Wald, in dem die Aste und Zweige benachbarter Bäume sich begegneten und ineinander verschlängen, das Urbild aller gotischen Kathedralen und auch der lieben Kathedrale von Amiens wäre. Auf dem Rückwege aus der Kirche sprachen wir lange und eifrig über Religion und religiöse Fragen. Gegenüber dem Zauber der katholischen Liturgie und der in ihrem Mittelpunkt stehenden Messe, für den ich nicht unempfänglich war, verteidigte ich mit Lebhaftigkeit meinen evangelischen Standpunkt. Ich kam aber nicht weiter als Faust mit dem guten Gretchen, die ihm auf sein herrliches Glaubensbekenntnis antwortet: „Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen, Steht aber doch immer schief darum; Denn du hast kein Christentum.“ Trotz unserer religiösen Differenzen fühlte ich, daß Marie de Y . mir gut war. Ich meine aber doch, daß ich wohl daran tat, mit ihr keinen ewigen Bund zu flechten. Von allen übrigen Gründen abgesehen, war ich für die Ehe viel zu jung, auch zu unreif. Aber es war nicht allein solche verständige Erwägung, die mich von dem lieben Mädchen trennte. Vielleicht das schönste, jedenfalls das am meisten besprochene Bild von Tizian hängt in der Galerie Borghese in Rom: Auf dem Rande eines Marmorsarkophags, der als Brunnen dient, sitzen zwei Frauen, die eine bekleidet* ernst und sinnend; die andere, nackt, enthüllt herrliche Formen, lächelt rätselhaft und verführerisch. Ein reizender Knabe steckt seinen Arm in den Brunnen. Das Bild ist weltbekannt unter dem Namen „Amore sacro e profano“. Wenn die zärtlichen Empfindungen, die mich mit Marie de Y. verbanden, durchaus den Charakter des Amore sacro trugen, so kann ich leider nicht dasselbe von meinen Beziehungen zu Mrs. Z. sagen, die dadurch erleichtert Im Dom von Amiens Mrs. Z . 250 WIEDERSEHEN IM DORF wurden, daß ihr Gatte den guten Einfall hatte, sich für mehrere Wochen von Amiens nach seiner schottischen Heimat zu begeben. Da ich als Platzmajor nicht allzuviel zu tun hatte, unternahm ich häufig Spazierritte in die Umgegend von Amiens. Ich kam nach Bussy, Querrieux, Pont-Noyelles, Daours, wo wir im Winter gcfochten hatten. Ich kam auch nach Camon, zu dem Bauernhaus, wo ich in der Nacht vor der Schlacht an der Ilallue einquartiert war. Im Torweg stand Julie, wie am Morgen des 23. Dezember. Sie erkannte mich sogleich und reichte mir die Hand, mit großer Ruhe und Unbefangenheit. Ich sah auf den ersten Blick, daß sie guter Hofihung war. Ich frug, oh ich ihr helfen, mich ihr nützlich machen könne. Ich wäre gern hierzu bereit. Sie schüttelte den Kopf. Sie erzählte mir dann, sie sei seit Monaten verheiratet, mit einem Fermier, einem braven Mann. „II est un peu rüde, mais excellent. II est bon pour moi, il sera bon pour le mioche, que je vais mettre au monde. C’est un bon gars.“ Ich frug sie, ob sie mir böse wäre. Sie schüttelte wieder den Kopf: „Nous avons faute tous les deux.“ Ich küßte sie auf die Stirn und ritt weiter, bewegt und in ernsten Gedanken. Das Volk, und namentlich das Landvolk, steht der Natur näher als die Gebildeten. Seine Gefühle sind geradlinig, einfach und gesund. Hier ist der Jungbrunnen, aus dem die überbildete, verbildete, von des Gedankens Blässe angekränkelte Oberschicht von Zeit zu Zeit neue Lebenskraft holen muß, wenn sie nicht verkümmern will. Am 31. Mai erging an das VIII. Armeekorps der Befehl zum Rück- Bcfehl zum marsch in die Heimat. Zu gleicher Zeit erhielt das Königshusaren-Regi- Rückmarsch m ent eine freilich schon seit langer Zeit gefürchtete und vorhergesehene Nachricht. Wir verloren unsern verehrten und geliebten Kommandeur, der mit der Führung der 21. Kavallerie-Brigade betraut wurde. Der Regimentsbefehl, in dem der Oberst von Loe zum letztenmal zum Regiment sprach, schloß: „Ich habe Euch immer und überall in den Stunden der Gefahr und des Kampfes, trotz Hunger und Anstrengungen, in Kälte und Eis freudig bereit gefunden, mehr zu leisten, als ich von Euch forderte, dafür danke ich Euch beim Abschied aus tiefster Seele. Offiziere, Unteroffiziere und Husaren! Wenn Ihr, hoffentlich nun bald, in unsere teure Heimat zurückkehrt, wenn Ihr Euch im Kreise Eurer Familien an die glorreichen Tage von Gravelotte und Boves, von Querrieux und Sapignies, von Bapaume und Saint-Quentin erinnert, dann vergebt Euren Oberst nicht, dessen größter Stolz es ist, jene Tage mit Euch durchlebt zu haben, der Euch immer ein treues Andenken bewahren wird.“ Es hätte dieser Bitte des Obersten nicht bedurft. Sein Bild stand Walter unauslöschlich in der Brust eines jeden, der unter ihm im Regiment von Loe unc ] V or dem Feinde stand. Der Freiherr Walter von Loe entstammte einem alten rheinländischen Adelsgeschlecht, und adlig im besten Sinne EIN RHEINISCHER EDELMANN 251 des Wortes war alles an ilim. Er war ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, aber ein Edelmann ohne Standeshochmut, ohne Vorurteile. Er hing treu an seiner rheinischen Heimat. „Ich bin“, konnte er wohl sagen, „nicht nur mit Rheinwasser getauft, ich bin mit rheinischer Milch gesäugt, ich bin ganz und gar Rheinländer.“ Aber er konnte und wollte sich das Rheinland nur als preußische Provinz denken, in unlöslicher Verbindung mit der preußischen Monarchie. Er war Preuße bis in die Fingerspitzen. Als der ihm sehr gnädig gesinnte Kaiser Friedrich ihm als Kronprinz einmal von der Kaiserherrlichkeit des Mittelalters sprach und äußerte, der Zusammenhang zwischen dem alten und dem neuen Deutschen Reich müsse auch äußerlich mehr zum Ausdruck gebracht werden, meinte Loe: „Ach, Kaiserliche Hoheit, die Kaiserwürde ist schließlich doch nur ein Mantel, den sich der König von Preußen umgehängt hat.“ Im Laufe einer glänzenden militärischen Karriere, die ihm als Krönung den Marschallsstab brachte, vor immer größere und bedeutendere Aufgaben gestellt, hatte er immer mehr Gelegenheit, die Eigenart seiner lauteren Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Walter Loe transigierte nicht in grundsätzlichen Fragen, aber er war nie verbohrt, nie verrannt, wie das der Deutsche nur zu oft ist. Er war gar nicht eigensinnig. Wenn eine Frage nicht ohne unvernünftige Gewalt oder ein unverhältnismäßiges Risiko zu lösen war, so suchte er nach einem Ausweg, wie er, bei einer Felddienstübung oder einer Schnitzeljagd vor einen unpassierbaren Graben oder eine allzu hohe Hecke gelangt, nach einer Stelle spähte, wo Graben oder Hecke zu nehmen waren, ohne daß Reiter und Gaul den Hals brachen. Er kannte keine Furcht, weder im Felde noch im Leben. Er opferte nie seine Grundsätze, und dabei war er vielleicht der einzige hochstehende Preuße, der gleichmäßig das Vertrauen des alten Kaisers und der Kronprinzessin Viktoria, der Kaiserin Augusta und des Prinzen Friedrich Karl, des Kronprinzen und des Prinzen Wilhelm besaß. Mit der Großherzogin Luise von Baden verband ihn langjährige und innige Freundschaft. Mit Bismarck stand er nicht gut. Die Schuld lag nicht an ihm, sondern an dem bisweilen krankhaften Mißtrauen des großen Staatsmannes gegenüber Menschen, die aus irgendeinem Grunde seinen nie schlafenden Argwohn erregt hatten. Nach dem Sturze des Fürsten Bismarck mißbilligte Loe die Ungezogenheiten des Kaisers Wilhelm II. gegenüber dem größten Diener seines Großvaters. „Der Fürst Bismarck“, sagte Loe damals zu mir, „gehört in die preußische Ruhmeshalle zu Friedrich dem Großen und Stein, Blücher und Moltke. Nur mit dem Hut in der Hand darf man sich solchen Männern nahen, nicht wie der Junge, der mit Schneebällen nach einem Monument wirft.“ Herbert Bismarck hatte es durch sein Verhalten gegenüber der Fürstin Elisabeth Carolath, der Schwägerin des Feld- Loe und die Bismarcks 252 FORDERUNGEN marschalls Loe, mit ihm für immer verdorben. „Wäre Herbert Bismarck nicht der Sohn des allmächtigen Kanzlers, so würde er wegen seines Verhaltens gegenüber der Fürstin Elisabeth vor ein Ehrengericht gestellt worden sein und hätte den schlichten Abschied erhalten. Er durfte die Fürstin nie und unter keinen Umständen sitzenlassen, nachdem er sie zur Scheidung von ihrem Gatten getrieben hatte.“ So sprach Loe mehr als einmal zu mir, als ich für Herbert Bismarck für mildernde Umstände plädierte. Das innerste Empfinden des armen Herbert deckte sich im Grunde mit diesem strengen Urteil des Feldmarschalls Loe. Er schrieb, als er die Fürstin Elisabeth Carolath endgültig im Stiche gelassen hatte, an Philipp Eulenburg: „Ich leide unter dem alles niederdrückenden Bewußtsein, ein Vertrauen getäuscht zu haben, das nun einmal in mich gesetzt worden war und das ich doch also auch ins Leben gerufen haben muß! Ich muß mir immer wieder sagen, es hätte dahin nicht kommen dürfen. Es muß mein Verschulden sein, daß es geschehen ist! Die Fürstin hat von mir anderes erwartet, als ich zu leisten imstande war. Wie schrecklich das auf mir lastet!“ Loe nahm Ehrenfragen sehr ernst und sehr streng. Niemand kannte den Ehrenfragen Ehrenkodex wie er. Dafür nur zwei Beispiele: Während des französischen Feldzuges bei einem französischen Grafen in dessen Schloß in der Picardie einquartiert, führte der damalige Oberst von Loe bei Tisch die Konversation mit der ihm eigenen Weitläufigkeit. Da ließ sich der Franzose zu einer imgehörigen Äußerung über den alten König von Preußen hinreißen. Loe erhob sich, verließ das Zimmer und ließ noch im Laufe des Abends durch seinen Adjutanten den französischen Grafen fordern. Als dieser erwiderte, er könne sich, ohne sich von seiten der deutschen Militärbehörden den schlimmsten Repressalien auszusetzen, unmöglich mit einem deutschen Offizier duellieren, übersandte ihm der Oberst Loe am nächsten Morgen einen von ihm an den König Wilhelm aufgesetzten Brief, in dem es hieß: Als treuer Untertan, Offizier und Flügeladjutant Seiner Majestät bäte er seinen Königlichen Herrn, allergnädigst dafür zu sorgen, daß dem Franzosen kein Haar gekrümmt würde, wenn dieser bei einem ritterlichen Ehrenhandel ihn, Loe, verwunden oder töten sollte. Als er diesen Sauf-conduit erhalten hatte, suchte der französische Graf, selbst ein Kavalier, den preußischen Oberst auf und bat ihn wegen seiner deplacierten Äußerung über Seine Majestät den König Wilhelm gern und freudig um Entschuldigung. Bekannter ist das Verhalten des Generals Loe bei seiner Differenz mit dem spanischen General Salamanca. Diesem war bei dem Besuch, den 1883 der deutsche Kronprinz, begleitet vom General von Loe, in Madrid abstattete, das Großkreuz des Roten Adlerordens verliehen worden. Als zwei Jahre später der Karolinen-Streit entbrannte, sandte Salamanca den „RICHTIG UND SCHNEIDIG' 253 ihm verliehenen Orden dem General von Log, der inzwischen Kommandierender General des VIII. Armeekorps geworden war, mit einem an den Kronprinzen gerichteten ungehörigen Briefe zurück. Nachdem er in Berlin die erforderlichen Schritte getan hatte, sandte General von Loö den Chef seines Stabes, den Oberst von der Planitz, nach Madrid, mit dem Auftrag, dem General Salamanca seinen Brief zurückzustellen und ihn in ganz ruhiger Weise, „suaviter in modo, fortiter in re“ über die im deutschen Offizierkorps herrschenden Ehrenauffassungen sowie über die dem General von Loe persönlich zugefügte Beleidigung aufzuklären und zugleich unter Ablehnung jeder Exkursion auf das politische Gebiet und einer etwaigen Fortsetzung der Korrespondenz die persönliche Genugtuung dem eigenen loyalen und ritterlichen Gefühl des Spaniers anheimzugeben. Im Weigerungsfälle sollte Planitz eine Forderung auf die in Spanien landesübliche Waffe, den Degen, überbringen und ein neutrales Land, z. B. Italien, für den Ort des Zweikampfes vorschlagen. General Salamanca ging bei der Zusammenkunft mit Loes Abgesandtem, dem Oberst von der Planitz, auf alles ein, nahm seinen Brief ohne jeden Vorbehalt zurück und erklärte, wie in Gegenwart zweier Zeugen zu Protokoll aufgenommen wurde, daß er tief bedaure, durch Übersendung des Briefes an Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen den General von Loö beleidigt zu haben. Als Erzherzog Albrecht, der Sieger von Custozza, davon hörte, freute sich sein altes Soldatenherz, und er äußerte: „Die ritterliche Art, mit der Loe diese Affäre so korrekt und energisch durchgeführt hat, steigert meine Wertschätzung für ihn zu wahrer Hochachtung.“ Und Fürst Bismarck bezeichnete das Vorgehen des Generals von Loö als „richtig und schneidig“. Loe war ein treuer Sohn der katholischen Kirche und machte aus dieser seiner Gesinnung gerade während des Kulturkampfes kein Hehl. Als die Jesuiten aus Deutschland ausgewiesen wurden, vertraute er seinen einzigen Sohn der von Jesuiten geleiteten Unterrichtsanstalt in Feldkirch, der Stella matutina an. „Ich hatte früher nicht viel mit den Jesuiten im Sinn“, meinte er damals, „aber jetzt, wo sie verfolgt und verbannt werden, möchte ich keinen Zweifel lassen über meine Treue für meine Kirche.“ Aber auch den kirchlichen Behörden gegenüber blieb er immer und in jeder Lage preußischer General und Edelmann. Als der Feldmarschall Loö schon in hohen Jahren stand, wurde ein rheinländischer Edelmann, der Kammerherr von S., genötigt, einem anderen Herrn des rheinländischen Adels eine Aufforderung zum Zweikampf zu übersenden. Der Erzbischof von Köln erklärte, er werde, falls es zu einem Duell käme, sowohl gegen die Duellanten wie gegen die Sekundanten mit kirchlichen Strafen Vorgehen. Daraufhin ließ der Feldmarschall von Loe dem Erzbischof sagen, er selbst würde Loe und die katholische Kirche 254 DIE BEIDEN JÖTTER Herrn von S. sekundieren und warte in Ruhe ab, ob der Erzbischof ihn exkommunizieren würde. Konfessionelle Zänkereien waren ihm zuwider, in der Armee duldete er sie nicht. Er zitierte mit Vorliebe ein Wort des für seine Originalität bekannten Generals von Petery, der unter Friedrich Wilhelm IV. Kommandant von Spandau war. Petery war Katholik, seine Frau war evangelisch. Als die Frau Generalin ihren Gatten frug, in welche Kirche sie an Königs Geburtstag gehen solle, in die evangelische oder die katholische, erwiderte der würdige Gatte: „Zu welchem von die beiden Jötter du beten willst, Minna, det is janz jleich, wenn du nur tüchtig für Seine Majestät betest.“ Der Feldmarschall von Loe hat in jeder Richtung einen großen Einfluß auf mich ausgeübt. Bei einer der letzten Unterredungen, die er als Regimentskommandeur im Frühjahr 1871 vor seiner Abreise nach Frankfurt mit mir hatte, sprach er mir die Hoffnung aus, daß ich bei der Armee bleiben würde. Er empfahl mir, Clausewitz zu studieren. „Sein Buch über Krieg und Kriegführung ist für den Soldaten das, was das Corpus juris für den Juristen, die Bibel für den Theologen ist.“ Und als ich Reichskanzler geworden war, meinte er halb im Scherz, halb im Ernst: „Als Kriegsminister oder als Chef des Militärkabinetts hätte ich Sie noch lieber gesehen und am liebsten vorher als Kommandeur unseres alten Regiments.“ Am 1. Juni trat unser Regiment unter dem interimistischen Kommando Dem des Majors von Dincklage den Rückmarsch nach dem Rhein an. Am Rheine zu 4 , Juni schrieb ich meinen Eltern: „Es beginnt jetzt der Rückmarsch auf der ganzen Linie, namentlich durch Amiens werden zwei Korps defilieren: das VIII., das zum größten Teile zwischen Abbeville und hier stand, und das I., das in Rouen und Dieppe disloziert war. Das Oberkommando wird aufgelöst und statt des Generalkommandos des VIII. Aj-meekorps (General Barnekow) kommt das Generalkommando des I. Armeekorps (General Bentheim) hierher. Es ist auf diese Weise für mich hier leidlich viel zu tun und mehr Schreiberei als sonst. Es ist mir der Befehl zugegangen, bis zum 7. hujus hierzubleiben und dann dem Regiment nachzugehen. Doch will der General Ruville mit Goeben sprechen, um mich noch ein paar Tage länger hierzubehalten, zumal das ganze Somme-Departement schwerlich noch lange besetzt bleiben wird. Es ist mir dies auch ganz recht, wenn ich nur zur rechten Zeit zum Einzug nach Bonn zum Regiment komme. Gefahr ist aber nicht, da der Rückzug sicher drei Wochen dauern wird.“ General von Barnekow hat mir gelegentlich eine Lektion erteilt, die Eine Lektion nicht nur durchaus berechtigt war, sondern mir auch für mein ganzes Leben nützlich gewesen ist. Ich hatte den General von Ruville und seine Gattin zur Kirche begleitet. Als der Gesang begann, bat mich Frau von Ruville, die ihr Gesangbuch vergessen hatte, ihr ein solches zu besorgen. Ich ging IN DEN ARDENNEN 255 auf einen biederen Musketier zu, bat ihn um sein Gesangbuch und überreichte es meiner Generalin. Der General von Barnekow sagte mir mit strengem Ausdruck: „Bringen Sie dem Mann das Buch zurück. Er hat dasselbe Recht auf ein Gesangbuch wie Ihre schöne Generalin.“ Frau von Ru- ville war in der Tat eine stattliche, schöne Frau. Sie war eine geborene Freiin von Bülow-Stolle und in jungen Jahren Hofdame in Strelitz. Der General war sehr viel älter als sie. Er war bärbeißig, sie war heiter und lebenslustig. Es war nicht überraschend, daß sie sich, einige Jahre nachdem sie Amiens verlassen hatten, von ihrem Gemahl trennte und einen jüngeren Diplomaten heiratete. Bevor wir den Rückmarsch nach der Heimat antraten, mußte ich mich von meiner guten Grete trennen. Ich wollte die hellbraune Stute, die mich so treu durch den Krieg getragen hatte und die durch die Winterkampagne einigermaßen mitgenommen war, nicht den Strapazen des Rückmarsches aussetzen. Ich überließ sie Monsieur de Y., der mir versprach, daß sie es in seinem Hause gut haben würde. Niemand solle sie reiten oder fahren als seine Tochter. Marie de Y. sah sehr niedlich aus, wenn sie die hellbraune Stute, die ein französischer Stallmeister eingefahren hatte, vor einem Til- bury fuhr. Mein guter Vater setzte mich in die Lage, zwei andere Pferde zu kaufen, ein ursprünglich französisches, von einem Garde-Ulanen erbeutetes, sehr leistungsfähiges Pferd, und eine wunderschöne Rappstute, ganz Vollblut und sehr elegant. Da ich überdies als Offizier Anspruch auf ein Chargenpferd hatte, war ich wohlberitten. Am 12. Juni schrieb ich an meine Eltern aus Antheny in den Ardennen: „Ich verließ Amiens am Freitagmorgen. Donnerstag gab mir der General Über ein kleines Abschiedsdiner, bei dem er einen sehr freundlichen und für mich Meziires- sehr schmeichelhaften Toast auf mich ausbrachte. Überhaupt ist er immer federn sehr freundlich für mich gewesen, ebenso wie Frau von Ruville. Mein Nachfolger ist ein Herr von der Goltz, Premierleutnant von den 10. Dragonern. Es tat mir eigentlich sehr leid, aus Amiens wegzugehen, wo ich sehr viele angenehme Bekanntschaften hatte, doch muß ich jetzt sagen, daß auch das Marschieren sehr nett ist. Jedenfalls ist es gesünder, in freier Luft zu sein, als bloße Schreibereien. Ich bin zur 3. Schwadron gekommen, mit Herrn von Böselager als Schwadrons-Chef und zwei anderen Offizieren, Jagow und Schräder, die ich alle drei sehr gut kenne, so daß wir uns gut unterhalten. Ich fuhr mit der Eisenbahn nach Saint-Quentin, von da marschierten wir über Guise und Vervins, zwei kleine und ganz nette Städte. Die Ardennen, in denen wir jetzt sind, sind ein sehr schönes Land, ungefähr wie der Harz: viel Berge, Täler, kleine Flüsse und ab und zu Ruinen von in der Revolution zerstörten Schlössern und Abteien. Das Wetter ist ganz sommerlich. Nur morgens angenehm zum Marschieren und von elf Uhr ab 256 DAS ERWACHEN IM COUPfi sehr heiß. Unsere Direktion ist Mezieres, Sedan, Thionville, Trier. Höchstwahrscheinlich sollen wir bis Bonn marschieren. Recht schade ist, daß wir auf diese Weise von dem Einzug in Berlin nichts zu sehen kriegen. Aber was hilft das Klagen!“ Ich hatte mich wohl gehütet, meinen Eltern von dem Abschied zu Verfahren schreiben, den ich von Mrs. Z. nahm und der, wenigstens von ihrer Seite, tränenreich war. Ich schrieb auch nicht, daß es mir bei meiner Eisenhahnfahrt von Amiens nach Saint-Quentin beinahe übel ergangen wäre. Vielleicht durch den in der Nacht vorher erfolgten Abschied von der hebenswürdigen Mrs. Z. angegriffen, verfiel ich in der Eisenbahn in einen so tiefen Schlaf, daß ich in Saint-Quentin versäumte auszusteigen. Inzwischen waren in Saint-Quentin drei oder vier französische Reisende in mein Coupe eingestiegen, die mich nicht gerade freundlich ansahen, als ich endlich erwachte. Sie machten mich darauf aufmerksam, daß ich mich auf dem von unseren Truppen geräumten französischen Boden befände, den preußische Offiziere, noch dazu in Uniform, nicht betreten dürften. Ich erwiderte höflich, aber ernst, daß die noch in Amiens stehenden preußischen Truppen von meiner Abreise wüßten. Wenn mir während meiner Fahrt irgend etwas zustieße, würde zweifellos nicht nur von der französischen Regierung und der Eisenbahnverwaltung Genugtuung verlangt werden, sondern auch die Reisenden dieses Zuges würden ernsten Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein. Nach dieser kategorischen Erklärung entspann sich ein freundliches Gespräch, das mit dem allseitigen Wunsche schloß, es möchte so bald nicht wieder zum Kriege kommen. Auf der nächsten größeren Station, wo das Publikum auf dem Bahnhof mich mit Hallo und Pfeifen empfing, sprach ich ebenso freundlich-ernst mit dem Bahnhofschef, der sofort die Situation begriff und mich in seinem Zimmer gegen jede Belästigung schützte, bis er mich in einem nach Saint-Quentin zurückfahrenden Zuge in einem leeren Coupe I. Klasse unter der besonderen Obhut der Kondukteure des Zuges nach Saint-Quentin zurückexpedierte. Am 19. Juni schrieb ich aus Bazeilles bei Montmedy an meine Eltern: Bazeilles „Sehr wünsche ich, Mama und meine kleinen Brüder haben die Einzugsfeierlichkeiten in Berlin recht genießen können. Wir hatten am 16. prachtvolles Wetter, hoffentlich war es in Berlin ebenso. Nachrichten haben wir davon noch nicht, doch wird es gewiß herrlich gewesen sein. Daß wir bei all unserem Patriotismus nichts davon zu sehen kriegen, ist eigentlich niederträchtig. Es scheint, daß wir bis Bonn marschieren sollen, bis Trier ist die Marschroute schon ausgegeben. Die Meuse, von waldigen Höhen eingeschlossen, erinnert an norddeutsche Gebirgslandschaften. Vor einem Jahr war in der ,Independance Beige 4 als Feuilleton ein Roman von G. Sand, der in dieser Gegend spielte und in dem' diese Maaslandschaften, in denen c* IM fr IM ‘~X- V mm 5 ^> JWWI IT**' .--Kl' Mw*- v »., ■'■ n4, ■ ; 'tet *' AN DER PORTA NIGRA 257 wir seit Mezieres und dem mit diesem verbundenen Charleville marschierten, recht gut beschrieben sind.“ Am 4. Juni schrieb ich aus Leinbach in der Eifel: „Wir sind, seitdem ich Euch zum letztenmal schrieb, immer am Marschieren gewesen. Von der Grenze aus gingen wir über den Hunsrück nach Trier Trier. Wir überschritten die Saar bei Conz, wo sie sich mit der Mosel vereinigt. Bei strömendem Regen zogen wir in Trier ein. Die Stadt war sehr schön geschmückt. Aus allen Häusern wehten preußische Fahnen, überall Girlanden, Büsten des Königs und der Prinzen. Am Tor war eine große Germania und weiter in der Stadt eine Bildsäule der Stadt Trier angebracht. Beide mit Fahnen, Emblemen und Wappenschildern reichlich versehen. Wir wurden von den Trierer Damen mit vielen Kränzen und Blumen beschenkt, hätten aber gern auf einige verzichtet, wenn wir in etwas bessere Quartiere gekommen wären. Ich wurde mit meinem Zuge nach Metzdorf detachiert, einem kleinen Dorfe hart an der Sauer, dem luxemburgisch-preußischen Grenzfluß. Die Luxemburger sind sehr französisch und schimpften über den zirka fünfundzwanzig Fuß breiten Fluß hinüber. Den nächsten Tag, einen Ruhetag, benutzte ich, um mir mit meinem Freunde Schräder Trier anzusehen. Es liegt herrlich im Moseltal, von Höhenzügen eingeschlossen. Die Mosel, die Trier durchfließt, ist hier schon recht breit. Wir bewunderten die Porta nigra, ein festes Tor aus der römischen Zeit. Im vorigen Jahrhundert sind aus der Porta zwei Kapellen im Rokokostil gemacht worden. Die eine ist abgetragen worden, die andere aber existiert, wenigstens zum Teil, noch. Die Arabesken und Schnörkel a la Louis XIV nehmen sich sonderbar aus auf der römischen Fassade. Wir fuhren nach den römischen Bädern, die großartig, aber schon stark verfallen sind. Jedenfalls waren die römischen Badeeinrichtungen besser als unsere, nach der kolossalen Rotunde zu urteilen, jetzt mit Gras und Efeu bewachsen. Auch die Basilika soll von den Römern erbaut sein, und zwar von Konstantin dem Großen. Ihr Baustil ist gewiß römisch, die Kirche selbst sieht so neu aus, daß es uns unwahrscheinlich vorkam, daß die Römer sie erbaut haben sollen. In der Nähe liegt das früher kurfürstliche Palais im Renaissancestil und der Dom, uralt, aus der Zeit Valentinians I., aber ziemlich unbedeutend. Merkwürdig war endlich noch das Hotel Maison Rouge, in dem wir aßen, das früher als Rathaus gedient hat und die stolze Inschrift trägt, daß Trier tausend Jahre vor Rom gestanden habe. So ist Trier gewiß eine der merkwürdigsten Städte in Deutschland, und es war sehr hübsch, daß wir Gelegenheit hatten, sie zu sehen. Seit Trier marschieren wir durch die Eifel. Die Gegend ist hübsch, aber herzlich arm, doch bemühten sich alle Dörfer, uns mit Fahnen und Böller- Die Eifel 17 BUlow IV 258 AM DEUTSCHEN STROM . Schüssen zu empfangen. Wir passierten einige sehr hübsche Partien, namentlich Manderscheid mit zwei malerischen Ruinen, ehemals fürstlich Salm- schen Schlössern und in der Revolution 1793 zerstört. Heute kamen wir an zwei Seen vorbei, die früher Krater eines Vulkans gewesen sein sollen, wie denn die Eifel überhaupt vulkanisch ist. Morgen passieren wir das Ahrtal, übermorgen sollen wir in Ronn einziehen, also am 6. Juli. Am 2. November ging ich von Bonn fort, von Courcelles bei Metz aus sind wir marschiert über Metz, Varennes, Reims, Soissons, Compiegne, Montdidier, Moreuil, Amiens nach Rouen und Pont Audemer, von Rouen zurück nach Montdidier, von da über Amiens, Albert, Bapaume bis nach Cambrai und dann über Peronne zurück bis nach Bray, von Bray nach Saint-Quentin und von da wieder nach Bapaume, von da über Amiens und Mollien-Vidame nach Gaille-Fontaine und Treport, von Treport und Eu nach Abbeville und von da nach Amiens, von hier wieder nach Chaulnes und Peronne und zurück nach Amiens, von da endlich über Saint-Quentin, Guise, Vervins, Mezicres, Sedan, Montmedy, Longwy, Thionville, Sierk, Trier nach Bonn. In der letzten Zeit hatten wir fast fortwährend Regenwetter, doch war es heute besser. Von Bonn werde ich Euch gleich schreiben, auch werde ich natürlich sehen, ob ich nicht einen kleinen Urlaub bekommen kann. Hier liege ich mit meinem Zuge in zwei kleinen Dörfern, in der Nähe der kleinen Stadt Adcnar. Ich habe recht gutes Quartier bei einem fünfundachtzigjährigen, noch sehr rüstigen Mann, der, als Untertan des Grafen Salm in der damaligen Grafschaft Salm geboren, die französische Zeit erlebt hat und von 1810 bis 1814 in Spanien beim 37 i6me de Ligne gestanden hat. Entschuldigt die schlechte Schrift und das schmutzige Papier. Euer treuer Sohn.“ Wie in Trier, so ■wurden wir auf unserem ganzen Rückmarsch von der deutschen Grenze bis zum Rheinstrom in Städten und Dörfern, von groß und klein, arm und reich mit gleicher Freude, mit gleicher Herzlichkeit begrüßt. Ich dachte an den „Frühlingsgruß“, den sechsundfünfzig Jahre früher einer der edelsten deutschen Dichter, der Sänger der Befreiungskriege, der zu früh verstorbene Max von Schenkendorf „An das Vaterland“ richtete: Alles ist in Grün gekleidet, Alles strahlt im jungen Licht, Anger, wo die Herde weidet, Hügel, wo man Trauben bricht; Vaterland, in tausend Jahren Kam dir solch ein Frühling kaum. Was die hohen Väter waren, Heißet nimmermehr ein Traum. Am 6. Juli telegraphierte ich an meine Mutter nach Flottbek: „Heute eingezogen, sehr wohl. Tausend Grüße.“ Am 11. Juli schrieb ich aus IN DER HEIMAT 259 Godesberg an meine Mutter: „Liebste Mama, tausend Dank für Eure Godesberg lieben und freundlichen Briefe. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie ich un< * ß° n, ‘ alles tun werde, um so bald wie möglich Urlaub zu bekommen. Es wird dies wohl schwerhalten, doch hoffe ich es zu erreichen, obwohl jetzt natürlich alles Urlaub haben will und die Anciennität bei solchen Gelegenheiten auch eine Rolle spielt. Ich reite heute mittag nach Bonn, um mit dem Major zu sprechen. Ich werde um sechs Wochen bitten, doch wird er mir wohl nur vier Wochen bewilligen wollen. Daß ich alles tun werde, um so bald und so lange wie irgend möglich Urlaub zu bekommen, brauche ich, wie gesagt, Euch nicht zu versprechen. Wir sind seit dem 6. Juli in Bonn angelangt, der Empfang war ein sehr schöner. Deputationen und Wagen waren uns bis eine Meile vor Bonn entgegengekommen. Die Stadt selbst war mit Blumen, Fahnen, Girlanden und Transparenten reichlich geschmückt. Alle Straßen waren voll Menschen, wir bekamen viele Buketts und Kränze. Von den offiziellen Reden habe ich nicht Adel gehört, da ich bei der 3. Schwadron bin und wir zu dreien abgebrochen waren. Nachdem der Umzug durch die Straßen unter vielem Böllerschießen und noch mehr Geschrei zu Ende war, ging unsere Schwadron nach Godesberg, wo wir vierzehn Tage bleiben sollen, bis die Kaserne in Bonn in Ordnung gebracht wird. Ich bin hier im ersten Hotel einquartiert und lebe sehr angenehm. Godesberg ist ein wunderhübscher Ort, eine Meile von Bonn und vis-ä-vis dem Siebengebirge, lauter schöne Villen reicher Kölner und Elberfelder, dabei viele Fremde, besonders Holländer. Die Schwadron führt jetzt der neue Rittmeister Graf Galen, der sehr nett ist. Er ist ein Neffe des Bischofs Ketteier von Mainz und stand vor dem Kriege bei den päpstlichen Zuaven in Rom. Am 6. hatten wir ein großes Diner auf dem Kasino in Bonn, und abends hatten die Husaren ein großes Fest. Nachher wurde die Stadt wirklich wunderhübsch illuminiert und auf dem Rathausplatz großes Feuerwerk losgelassen. Am Freitag hatten wir, als am katholischen Festtag, Ruhetag. Sonnabend gab die Stadt dem Offizierkorps ein großes Diner in der Beethoven-Halle, wobei verschiedene Reden gehalten wurden und es sehr vergnügt herging. Es ist mir sehr recht, daß ich vorläufig noch in Godesberg bleibe, da ich in Bonn noch keine Wohnung habe. Es ist dort sehr schwer, eine gute und nicht zu teure Wohnung zu finden. Seid, bitte, überzeugt, daß ich alles tun werde, was möglich ist, um bald Urlaub zu bekommen und Euch in Flottbek wiederzusehen. Treuste Wünsche von Eurem treuen Sohn.“ Am 20. Juli 1871 traf ich bei meinen Eltern in Klein-Flottbek ein. Mein Vater trug am Tage meiner Rückkehr folgende Worte in seine Bibel Ankunft ein: „Gott gab uns ein gutes Wiedersehen. Er schütze und segne das Leben in Klein- unseres ältesten Sohnes, das Er in Seiner Gnade in diesem Feldzug bewahrt hat. Wie könnten wir Ihm genug danken, daß Er Bernhards bei dessen 260 TOBIAS V, 22 Kränklichkeit doppelt ehrenwerten und so mutig und tüchtig durchgeführten Entschluß so reichlich gesegnet, seine Gesundheit gekräftigt, ihn in Schlachten, Beschwerden, in Winterkälte und Gefahr gnädig behütet, ihm Freude und Anerkennung und mm heute Heimkehr in den Ort be- schieden hat, wo er geboren ist, in die Heimat, aus der unser guter ältester Sohn auszog in den blutigen Krieg. Gott wollen wir ihn befehlen und nicht vergessen, was Er uns Gutes getan hat.“ Auf das Kuvert, in dem er meine Feldzugsbriefe sammelte, schrieb mein frommer Vater: „Und der Engel sprach: ,Ich will deinen Sohn gesund hin und her wieder führen (Tobias V, 22).“ XIX. KAPITEL Leutnant in Bonn • Vorbereitung zum Referendar-Examen in Greifswald • Prinz Franz Arenberg, Kaplan Hartmann • Überarbeitung, Ohnmachtsanfall • Professor Wilhelm Studemund • Professor Ernst Immanuel Bekker • Beginn des Kulturkampfes • Referendar-Examen in Greifswald (März 1872) • Pasewalk • Bestimmung zum diplomatischen Dienst • Abschied vom Regiment • Im Elternhaus zu Klein-Flottbek • Übersiedlung nach Metz I n Klein-Flottbek, in derselben Elbparkvilla, in der ich diese Zeilen diktiere, hatte ich zweiTage nach in einer Rückkehr aus dem Krieg eine lange Unterredung mit meinem Vater. Er frug mich, wann ich mein Referendar- Examen abzulegen beabsichtige. Als ich mit der Antwort zögerte, nicht aus Furcht vor dem Examen, sondern weil ich hinter der Frage den Wunsch witterte, daß ich, umgekehrt wie der Erste Jäger in Wallensteins Lager, die Kugelbüchse mit der Feder vertauschen möge, sagte mir mein Vater, er habe mir nach meinem Ausrücken ins Feld auf meinen dringenden Wunsch die Ermächtigung zum Weiterdienen auf Avancement erteilt. Diese Konzession habe er mir in der Voraussetzung gemacht, daß ich nachträglich mein Referendar-Examen bestehen würde. Als ich darauf hinwies, daß ich nur fünf Semester studiert hätte, darunter ein Semester in Lausanne, also im Auslande, entgegnete mein Vater mit freundlichem Lächeln, er habe diesen Einwand vorausgesehen und durch Rücksprache im Preußischen Justizministerium mir den nötigen Dispens erwirkt. Er schloß in bestimmtem Ton: „leb erwarte, mein lieber Bernhard, daß du im nächsten Winter das Referendar-Examen, und zwar ein gutes Referendar- Examen, ablegen wirst. Während des Sommers magst du dich in Bonn amüsieren.“ Der Sommer in Bonn war denn auch tatsächlich herrlich. Jeder Deutsche, der auf dem Alten Zoll gestanden hat, den Rhein zu seinen Füßen, vor sich das malerische Siebengebirge, neben sich das Erzstandbild des alten treuen Ernst Moritz Arndt, wird mich verstehen. Die Sommersonne strahlte am Himmel, freudig schlugen nach dem siegreichen Kriege die Herzen der Männer, heller und schöner noch als sonst leuchteten die Augen der Frauen. Das empfanden die blauen Husaren, wenn sie in der mit prächtigen Kastanien eingefaßten Poppelsdorfer Allee auf und nieder ritten, wo Fortsetzung des Studiums in Bonn 262 WANDERUNGEN nachmittags unsere Regimentskapelle zu spielen pflegte. Und die schönen Sommerabende am Rhein im Kleyschen Garten am Koblenzer Tor oder in den anmutigen Anlagen des Hotels Royal, wo wir mit dem Blick auf den deutschen Strom „Schorle-Morle“ tranken, eine köstliche Mischung von Moselwein und Selterwasser. Die reizende Umgebung lockte zu ausgedehnten Fußwanderungen wie zu flotten Ritten. Wir bestiegen den hohen Turm der Burg Godesberg, die, auf der Stelle eines römischen Kastells im dreizehnten Jahrhundert von den Erzbischöfen von Köln erbaut, später in den Wirren des sechzehnten Jahrhunderts von bayrischen Truppen erstürmt und zerstört worden war. Weit und schön war die Aussicht von oben auf das Gebirge und die Ebene. Innerhalb des Burgrings von Godesberg lag der friedliche Gottesacker des Dorfes. Ich war so eingenommen vom Rhein, daß ich den Wunsch hatte, auf dem Godesberger Kirchhof begraben zu werden. Wir wanderten nach Plittersdorf und aßen dort im Schaumburger Hof vorzüglichen Milchkäse, der „Makey“ hieß. Wir kehrten in Walporzheim ein und stärkten uns im St. Peter und im St. Joseph an dem berühmt-kräftigen Rotwein. Gern aßen wir in Altenahr bei Winkler in seinem Garten an der Ahr „Rümpchen“, kleine, ungekochte, in Essig zubereitete Fische. Und mit ernsteren Gedanken stiegen wir zur Apollinaris-Kirche empor, die, weithin sichtbar, sich auf steil abfallendem Schieferfels erhebt. Das Haupt des heiligen Apollinaris, des hochverehrten Bischofs von Ravenna, hatte Kaiser Rotbart einst nach Köln überführen wollen. Als aber, von einer geheimnisvollen Macht gelenkt, das Schiff mit der kostbaren Reliquie vor Remagen mitten im Rheinstrom stehen blieb, wurde in der Nähe eine Kirche erbaut und in dieser die Reliquie ausgestellt. Nahe dem Schauplatz dieser anmutigen Legende spreizte sich leider das Banale, die Apollinaris-Quelle, deren Wasser der Prinz von Wales, der nachmalige König Eduard VII., in Mode brachte, wie er ja auch den runden Hut, den Homburg-Hat, lanciert hat. The Apollinaris Company Limited versandte jährlich viele Millionen Flaschen. Wir bestiegen den Kreuzberg, von wo man nach Norden das gesamte Rheintal überblickt, freundliche Dörfer und Weiler, Bensberg mit seiner im alten Schloß untergebrachten Kadettenanstalt, aus der ausgezeichnete Männer, wie der 1906 verstorbene Arbeitsminister Hermann Budde, hervorgingen, das Bergische Land und im Hintergrund das große, das heilige Köln mit dem Ewigen Dom. Noch herrlicher war die Aussicht vom Drachenfels auf Rheinebene und Eifel, der schönste Blick am ganzen Rhein, eine Aussicht, die Childe Harold fast ebenso sehr entzückte wie Schloß Chillon am Genfer See und St. Peter in Rom: AN DEN RHEIN 263 The castled crag of Drachenfels Frowns o’er the wide and winding Rhine, Whose breast of waters broadly swells Between the banks which bear the wine, And hills all rieh with blossom’d trees, .'And fields which promise com and wine, And scatter’d cities crowning these, Whose far white walls along them shine, Have strew’d a scene, which I should see With double joy wert thou with me. Wenn wir auf das rechte Ufer des Rheines gelangen wollten, so benutzten wir die Ponte, die langsam über den Strom hin und her zog, denn noch spannte sich bei Bonn keine feste Brücke über den Rhein. Wir suchten Heisterbach auf, eine ehemalige Abtei der ehrwürdigen Zisterzienser, die in Mecklenburg die mit meiner Familie jahrhundertelang verbundenen Klöster Doberan und Rhena gründeten. Über dem Tor von Heisterbach prangte das Wappen der Abtei, eine Heister, d. h. eine junge Buche. Als Wächter daneben der heilige Benedikt von Nursia und der heilige Bernhard von Clairvaux. „An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein“, so hatte ein Bonner Kind, Karl Josef Simrock, gesungen, und wir fanden, meine Kameraden und ich, daß er recht hatte. Ich möchte übrigens nicht den Eindruck erwecken, als ob ich mich im Sommer 1871 in Bonn nur „amüsiert“ hätte. Am Morgen wurde auch unter unserem neuen Kommandeur, dem Prinzen Heinrich XIII. Reuß, stramm exerziert, und mein Rittmeister, Graf Wilderich Galen, verstand im Dienst keinen Spaß. Die Freude an regelmäßiger Beschäftigung, die ich damals im Rahmen ernster militärischer Arbeit und im Kreise gleichgesinnter Kameraden empfand, hat mich durch das Leben begleitet. „Nulla dies sine linea“ ist eine der Grundlagen meines Daseins. Als nach meinem Rücktritt die Tage, die jahrzehntelang in der Hast drängender Geschäfte dahingeflogen waren, nun mir lang zu werden schienen, machte ich mir einen methodischen Arbeitsplan, der weite Gebiete von Geschichte, Nationalökonomie und Literatur umfaßte und dessen regelmäßige Einhaltung nicht nur meinen Betätigungswillen befriedigte, sondern mir neue Horizonte eröffnete und mit ihnen die Neigung zu abgeklärter Betrachtung der Menschen und der Dinge verstärkte und vertiefte. Wenn der Leutnant Bernhard von Bülow nachmittags auf dem Reitweg der Poppelsdorfer Allee galoppierte, mag er dem dort spazierengehenden, sechs Jahre älteren Privatdozenten Georg von Hertling begegnet sein. Beide ahnten nicht, daß sie sich zwölf Jahre lang im Reichstag gegenübersitzen würden, daß der Jüngere von ihnen um die Jahrhundertwende, der 264 REFERENDAR-EXAMEN Ältere siebzehn Jahre später deutscher Kanzler werden würde. Damals kannte ich Herrn von Hertling nicht einmal von Ansehen. Wohl aber erinnere ich mich an die gemessene Gangart und das feierliche Auftreten des Historikers Heinrich von Sy bei. Er galt für ehrgeizig, und die Studenten lachten über den von einem seiner Kollegen geprägten und oft wiederholten Yefs: „Minister wär’ nicht übel! So denkt der Herr von Sybel.“ Im September 1871 wurde ich nach einer Schwimmübung, die ich zu Franz Pferde und in Uniform im Rhein unternommen hatte, von einem nicht ganz Arenberg unbedenklichen Ruhranfall heimgesucht. Ich konnte bald wieder Dienst tun, aber mein Yater drängte mich noch mehr als vorher zur baldigen Ablegung meines Referendar-Examens. Nun entstand die Frage, wo ich das Examen machen sollte. Unter meinen Regimentskameraden war mir von Anfang an kaum einer sympathischer als der Leutnant Prinz Franz Arenberg. Er sollte mir einer der treuesten Freunde werden, die ich im Leben gehabt habe. Das Haus Arenberg, das von Kaiser Karl V. die reichsgräfliche, von Kaiser Maximilian II. die reichsfürstliche und später auch die herzogliche Würde erhalten hatte, rangierte an allen deutschen Höfen vor allen anderen standesherrlichen Häusern. Der Stammvater des Hauses, Hartmann von Arenberg, erblicher Burggraf und Protektor von Köln, war schon im elften Jahrhundert im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen. Die Devise der Familie war: „Christus protector meus.“ Und in unerschütterlicher Treue hatte sie immer zur katholischen Kirche gestanden. Die Mutter von Franz Arenberg entstammte der Familie Merode, die, stolz auf ihre Abstammung von den Grafen von Barcelona und den Königen von Aragon, es verschmähte, die ihr im neunzehnten Jahrhundert verliehenen Fürstentitel von Rubempre und von Grimberghe zu führen, und die Devise trug: „Plus d’honneur que d’honneurs.“ Die Eltern von Franz Arenberg bewohnten im Winter Brüssel, im Sommer ein schönes Landhaus an der Maas, nicht weit von Namur. Francois Arenberg sprach Französisch ebenso geläufig, fast geläufiger als Deutsch. Aber er hatte, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Jean, freiwillig den Deutschen Krieg gegen Frankreich mitgemacht und war ein guter Preuße und Deutscher. Ein treuer Sohn der katholischen Kirche, ohne jede Unduldsamkeit. Einer der bebenswertesten und bebenswürdigsten Menschen, die mir vorgekommen sind: immer heiter, immer ein Scherzwort auf den Lippen, dabei fleißig, kenntnisreich, gründlich und vor allem ein selbständiger, aufrechter, nobler Charakter. Ich bedaure noch heute, daß es mir niemals gelungen ist, bei Wilhelm II., der eine vöbig ungerechte Abneigung gegen Franz Arenberg hatte, dessen Ernennung zum preußischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhl oder auch zum deutschen Botschafter in Paris oder Wien durchzusetzen, Posten, die er, nach meiner Überzeugung, vorzügbch aus- EINE KLEINE UNIVERSITÄT 265 gefüllt haben würde. So mußte er sich darauf beschränken, als einflußreiches Mitglied der Zentrumspartei dem Lande, der Regierung und mir, seinem alten Freunde, treffliche Dienste zu leisten, speziell als Referent für den Etat des Auswärtigen Amtes. Rei einem Spazierritt, den ich mit Arenberg im Herbst 1871 unternahm, erzählte er mir, daß er die Absicht habe, einen mehrmonatlichen Urlaub zu nehmen, um sein Referendar-Examen zu machen. Nachdem er sechs Semester studiert, und fleißig studiert habe, wolle er diesen Abschluß erreichen. Er gedenke einen Ort aufzusuchen, wo möglichst wenige weltliche Zerstreuungen und gesellschaftliche Verpflichtungen ihn vom Arbeiten abhielten. Zu diesem Zwecke wolle er nach Greifswald gehen. Als ich einwarf, daß Greifswald das langweiligste Nest sei, das man sich denken könne, erwiderte er: „Das ist gerade, was ich suche. Komm doch mit mir nach Greifswald! Du sollst ja auch den Referendar machen.“ Ich bemerke übrigens ausdrücklich, daß mein absprechendes Urteil über Greifswald vorschnell und ungerecht war. Ich habe mich bald nachher davon überzeugt, daß Greifswald, in freundlicher Gegend gelegen, eine jener typischen kleinen Universitätsstädte war, in denen stille und fruchtbare Geistesarbeit blüht, eine Stadt, in der ich tüchtige und geistvolle Männer kennenlernen sollte. Ich machte noch einen letzten Versuch, ganz um das juristische Examen herumzukommen, zumal ich große Freude an der im Oktober begonnenen Offiziersreitstunde hatte. Wir ritten auf englischem Sattel ohne Bügel. Ich fand die Erfahrung bestätigt, die ich schon als Gymnasiast in Neustrelitz gemacht hatte, daß nichts einen festen Sitz und eine leichte Hand, die beiden Voraussetzungen guten Reitens, mehr fördert als Reiten auf der Decke oder, noch besser, auf englischem Sattel ohne Bügel. Mein Vater blieb unerbittlich, und im November begab ich mich nach Greifswald. Mein Freund Arenberg war dort schon eingetroflen, in Begleitung des Arenbergschen Hauskaplans und späteren Domherrn Hartmann, der ihn erzogen und nach Bonn begleitet hatte. Auch der Kaplan Hartmann war, wie sein Zögling, ein liebenswerter Mann: kenntnisreich und bescheiden, streng gegen sich, freundlich und nachsichtig mit anderen. Er hatte mit seinem Zögling Arenberg zusammen juristische Vorlesungen in Bonn gehört und sich auf diese Weise zu einem tüchtigen Juristen ausgebildet. Als ich in Greifswald eintraf, unterzog er mich einer kleinen Prüfung, deren Ergebnis ihn entsetzte. „Aber um Gottes willen“, meinte er, „Sie haben ja keine Ahnung von allem, wonach man Sie fragen wird! Sie werden mindestens noch ein Jahr der Vorbereitung brauchen, bevor Sie sich ins Examen wagen können.“ Ich erwiderte, daß das ausgeschlossen sei, da ich meinem Vater versprochen hätte, mein Examen noch im Laufe des Winters abzulegen, und zwar ein gutes Examen. Nach Greifswald 266 ÜBERARBEIT Nun ging ich an die Arbeit. Die Weisheit der Inder sagt: Wer alles weiß, der ist selig zu preisen, wer nichts weiß, dem kann geholfen werden, wer aber nur halb weiß, an dem wird Brahma selbst zum Knecht. Daß das Halbwissen wie überall so auch in der Politik gefährlich ist, haben nach dem Umsturz unter der Republik nicht wenige improvisierte Minister bewiesen, denen redlicher Wille und emsiger Fleiß nicht abgesprochen werden konnte, die aber dennoch in ihren Ämtern versagten. Ich befand mich in Greifswald im zweiten Fall: Ich wußte für mein Examen noch gar nichts. Da hieß es alle Kräfte anspannen. Ich stand regelmäßig um fünf Uhr früh auf und arbeitete dann in einem Zuge von sechs bis zwölf. Ich aß mit Arenberg und Hartmann an der Table d’höte im Deutschen Haus. Wie 1870 in Bad Oeynhausen, so florierte auch in Greifswald die altväterische, gemütliche Table d’höte. Von zwei bis drei besprach ich mit Arenberg und Hartmann, was ich am Vormittag studiert hatte. Ich kann nicht genug die Geduld rühmen, mit der besonders der Kaplan Hartmann Verständnis für die Rechtsgelehrsamkeit und ihre für das Examen in Betracht kommenden Fächer bei mir weckte und entwickelte. Von drei bis fünf Uhr ritt ich spazieren, bei jedem Wetter, auch bei Schneegestöber und Glatteis. Ich hatte meine schöne Rappstute nach Greifswald mitgenommen. Ich ritt meist nach Eldena, einem an der Mündung des Flüßchens Ryk gelegenen Ort, der mich weniger durch seine Landwirtschaftsschule anzog als durch die Ruinen eines im Dreißigjährigen Kriege von den Schweden zerstörten Zisterzienserklosters, von dem einst die Gründung von Greifswald ausgegangen war. Von Eldena war die Ostsee zu erblicken. Nicht weit von der Landwirtschaftsschule lag ein Hain mit riesigen Buchen, von denen die Greifswalder behaupteten, daß sie im Sommer einen prächtigen Anblick böten. Vom winterlichen Spazierritt in mein bescheidenes Quartier zurückgekehrt, machte ich mich wieder an die Arbeit, die ich, nur durch ein frugales Abendbrot unterbrochen, meist bis Mitternacht ausdehnte. Um mich wachzuhalten, trank ich starken Tee. Bei zwölf Stunden Arbeit schlief ich kaum fünf Stunden. Dieser Unfug hatte acht Wochen gedauert, als ich an einem Sonntag, nachdem ich den Gottesdienst in der Marienkirche besucht hatte, deren schöne, aus Holz geschnittene Kanzel im ganzen Regierungsbezirk Stralsund berühmt war, in meinem Zimmer von einer schweren Ohnmacht befallen wurde. Sie trat genau so ein wie fast fünfunddreißig Jahre später meine Ohnmacht im Reichstag. Auch die Ursache war die gleiche: zuviel Arbeit bei zuwenig Schlaf. Da ich in Greifswald von der Ohnmacht in meinem Stübchen überrascht wurde, nicht vor der Vertretung des deutschen Volkes und dichtgefüllten Tribünen, so wurde kein Aufheben von dem kleinen IM JURISTISCHEN LABYRINTH 267 Zwischenfall gemacht. Ich nahm, nachdem ich mich einige Tage ausgeruht hatte, meine Arbeit wieder auf, gönnte mir aber seitdem wöchentlich zwei freie Abende, an denen ich bei befreundeten Professoren vorsprach, bisweilen auch mit den charmanten Offizieren des Jäger-Bataillons Billard spielte. Bei dem Pommerschen Jäger-Bataillon Nr. 2 in Greifswald hatte einst Fürst Bismarck seine Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger absolviert, während er gleichzeitig an der landwirtschaftlichen Akademie zu Eldena studierte. Zum Examen bereitete ich mich nach eigener Methode vor. Als Ariadnefaden in dem juristischen Labyrinth diente mir ein Extrakt der Rechtswissenschaft, dessen Verfasser, wenn ich mich recht erinnere, Bender hieß. Durch eigenes Nachdenken suchte ich an der Hand dieses schmalen Bändchens meinen Weg durch das Gestrüpp der Gesetze und Rechte, die sich, wie der lose Mephisto behauptet, von Geschlecht zu Geschlechte wie eine ew’ge Krankheit fortschleppen. Wenn ich allein nicht weiterkonnte, suchte und fand ich Belehrung bei dem gütigen Kaplan Hartmann. Von den Professoren der Universität stehen mir noch heute zwei hervorragende Professoren Dozenten in bester Erinnerung. Der Philologe Wilhelm Studemund war ein Mann von ungewöhnlicher Frische und sprudelndem Geist. Wenn er das Wort ergriff, schwieg alles, an der Table d’höte wie bei einem Abendkränzchen, um ihm zu lauschen. Er ist später von Greifswald nach Straßburg und von dort nach Breslau berufen worden, wo er 1889 starb, kaum sechsundvierzig Jahre alt, zu früh für die Wissenschaft, um die er sich durch die Entzifferung von Palimpsesten des Gajus und des Plautus verdient gemacht hat. Einen noch stärkeren Eindruck machte mir Professor Ernst Immanuel Bekker. Als ich ihn in Greifswald kennenlernte, war er schon über vierzig Jahre alt. Er ist erst ein halbes Jahrhundert später, im Sommer 1916, hochbejahrt aus dem Leben geschieden. In einem Distichenpoem rief ihm Theodor Mommsen zu seinem siebzigsten Ge burtstag zu: „Der Epaulett und Talar verstanden mit Ehren zu tragen; welcher kundig des Rechts dennoch Lateinisch versteht; tapfer und klug und beredt, aber den Freunden ein Freund.“ Ernst Immanuel Bekker blickte schon 1872 auf ein bewegtes und interessantes Leben zurück. Sohn des Philologen August Immanuel Bekker, der unter Friedrich dem Großen geboren, erst wenige Tage vor dem Einzug nach dem Siebziger Kriege starb, war er, nachdem er bei Karl Adolph Vangerow Pandekten gehört hatte, Linienoffizier geworden und erlebte als Adjutant eines Ersatz- Bataillons die Mobilmachung im Jahre 1850. Er pflegte, wenn er davon sprach, hinzuzufügen, daß die Zerfahrenheit und Schwäche der preußischen Politik jener Tage seine Dankbarkeit und Verehrung für Bismarck, „wenn möglich“, noch erhöhe. Gern hob er dabei hervor, daß die Ehr- und Standes- 268 E. I. BEKKER UND DAS ALLGEMEINE WAHLRECHT begriffe des preußischen Offiziers für seine Lebensanschauung bestimmend geblieben seien. Während seiner Militärzeit war er in freundschaftliche Beziehungen zu dem Grafen Karl Bismarck-Bohlen getreten und hatte, von diesem eingeführt, in der Konfliktzeit fast ein Jahr im Auswärtigen Amt unter Otto von Bismarck-Schönhausen gearbeitet, dem er seitdem in unerschütterlicher Treue und Bewunderung anhing. Das verhinderte ihn nicht, auch die Irrtümer und Fehler des großen Staatsmannes zu erkennen. Für den verhängnisvollsten dieser Fehler hielt Bekker die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Er schrieb darüber schon in den siebziger Jahren: „Warten Sie keine hundert Jahre, und alle Welt wundert sich, wie Bismarck, unser großer, allverehrter Bismarck, so was uns einbrocken konnte. Nun, Bismarck war doch eben auch nur ein Mensch. Und es ist mir noch sehr gut erinnerlich, wie mein Freund Karl Bismarck auf meine Bedenken mir sagte, sein großer Vetter habe das auch nur getan der kleinen Fürsten wegen, die sollten jetzt tanzen lernen. Dazu brauche er die Massen, mit denen er dann schon fertig werden würde. Derselbe Rechenfehler wie beim Kulturkampf.“ Bekker war ein strammer Konservativer im altpreußischen Sinne, aber den ursprünglich eigenen Sinn hat er sich auch von seiner Partei nie rauben lassen. Er fand es begreiflich, daß die Konservativen Bismarck Opposition machten, als dieser im ersten Quinquennium nach der Wiedererrichtung des Reiches wirtschaftlich und politisch liberale Wege einschlug. Aber er beklagte es tief, daß einzelne konservative Politiker sich gegen den großen Minister zu unwürdigen persönlichen Verdächtigungen hinreißen ließen. Viele Jahre später, 1909, hat Ernst Immanuel Bekker den Widerstand der Konservativen gegen die von mir vorgeschlagene maßvolle Erbschaftssteuer wie gegen die gleichzeitig von mir in Angriff genommene, notwendige Reform des preußischen Wahlrechts „undankbar, überdies unpolitisch“ genannt und die üblen Folgen vorausgesehen und vorausgesagt, die diese konservative Taktik für die konservative Partei selbst und leider auch für Preußen und Deutschland haben würde. In Greifswald erlebte ich die Anfänge des Kulturkampfes. Am Der 18. Januar 1872 wurde dort der Jahrestag der ein Jahr vorher erfolgten Kulturkampf Proklamation des deutschen Kaiserreiches mit einem von allen Kreisen der Stadt und namentlich den Lehrern der Hochschule besuchten Kommers gefeiert. Im Laufe des Tages war die Nachricht eingetroffen, daß der Kultusminister von Mühler seine Entlassung erhalten habe. Der Jubel war groß. Nun, hieß es, breche ein neuer, schöner Morgen an. Die Sonne der Aufklärung und geistigen Freiheit sei für Deutschland aufgegangen. Nur der Kaplan Hartmann schüttelte den Kopf. „Es ist nicht die Kirche“, sagte er zu mir, als wir nach dem Kommers über den Markt mit seinen Giebel- „WIE SCHADE!” 269 häusern am Rathaus vorbei nach Hause gingen, „um die ich mich sorge, sondern es ist unser deutsches Vaterland, für das ich fürchte. Die katholische Kirche hat schon ganz andere Stürme überstanden. Sie wird auch den von den Liberalen sehr aufgebauschten Streit wegen der Unfehlbarkeit überdauern. Die Altkatholiken sind eine Handvoll Blätter, die von der Eiche herunterfallen. Das bedeutet nicht viel. Aber für Deutschland gibt es, wie unsere ganze Geschichte lehrt, kaum etwas Gefährlicheres als konfessionellen Streit. Davon wird und kann im letzten Ende nur der Radikalismus profitieren.“ Der würdige Mann hat recht behalten. Die Freisinnigen jubelten Bismarck zu, als er den Kampf gegen die katholische Kirche aufnahm, ließen ihn aber bald im Stich. Doch, ach! Schon auf des Weges Mitte Verloren die Begleiter sich, Sie wandten treulos ihre Schritte, Und einer nach dem andern wich. Ein berühmter Demokrat, Professor Virchow, prägte 1873 in dem von ihm verfaßten Wahlprogramm der Fortschrittspartei das Wort vom „Kulturkampf“. Aber nicht lange nachher schloß der Führer der Fortschrittspartei, Eugen Richter, wo er nur konnte, Wahlbündnisse mit dem Zentrum. Die Sozialdemokratie, in allen katholischen Ländern die erbitterte Feindin der katholischen Kirche, ist in Deutschland, vor dem Umsturz und erst recht seitdem, stets bemüht gewesen, dem Zentrum den Steigbügel zu halten, wofür sich das Zentrum gern revanchiert. Wie konnte unser großer Bismarck so irren? Weil er weder den Katholizismus noch die Kurie kannte. Als der kirchenpolitische Kampf sich ankündigte, sagte der kluge, erfahrene, ganz vorurteilslose Staatssekretär Pius’ IX., Kardinal Antonelli, zu einem ihn besuchenden deutschen, protestantischen Prinzen: „Ich verstehe den Fürsten Bismarck nicht. Wie kann dieser große Staatsmann sich so täuschen ? Uns wird er nichts anhaben. Daß der Papst den Kirchenstaat verloren hat, ist ja sehr traurig, aber wir sind durch dieses uns widerfahrene Unrecht ganz unangreifbar geworden. Wenn sich Bismarck zu einer Maßregelung unserer Geistlichen, zu einer Verfolgung unserer Kirche in Deutschland hinreißen läßt, so wird er uns eher nützen. Wir haben schließlich doch eine gewisse Erfahrung. Wir haben in manchen Ländern schon manche Verfolgung erlebt. Wir kennen speziell die deutschen Katholiken sehr genau. Durch Maßnahmen, wie Bismarck sie plant, wird in Deutschland der Eifer der Gläubigen, ihre Liebe zu ihrem Oberhirten neu belebt, das religiöse Leben nur gekräftigt und vertieft werden. Wie kann ein so großer Mann wie Bismarck so irren? Che peccato! (Wie schade!)“ Giacomo Antonelli'stammte aus dem Räubemest Sonnino in den Sabiner Antonelli über Bismarck 270 DER REFERENDAR BÜLOW Bergen. Er war der Sohn eines Rinderhirten. Er besaß den klaren, nüchternen, elastischen, realpolitischen Verstand, der die Kurie seit fünfzehnhundert Jahren durch viele Stürme geführt und der auch das moderne Italien aufgebaut hat, das unser stolzes Bismarcksches Reich überdauerte. Kurd von Schlözer erzählte mir im Januar 1886, er habe, als er 1882 von Bismarck nach Rom gesandt wurde, um den Frieden mit der Kurie anzubahnen, einmal an einem schönen Nachmittag an dem hölzernen Tisch einer Osteria mit einigen ihm befreundeten Prälaten Vino di Orvieto getrunken. Die Prälaten sprühten von Geist und Witz. Da habe er zu ihnen gesagt: „Ach, wenn unser Bismarck nur ein einziges Mal in seinem Leben mit euch in der römischen Campagna Vino di Orvieto getrunken und offenherzig geplaudert hätte, so würde er nicht den Unsinn des Kulturkampfes gemacht haben.“ Die Prälaten lächelten, und der älteste Monsignore klopfte Schlözer auf die Schulter mit den Worten: „Questo bravo ministro di Prussia non e mica un minchione.“ (Dieser treffliche preußische Gesandte ist gar nicht so dumm.) Bismarck war noch weniger ein „minchione“ als Schlözer, aber er hat meist nur ganz verstanden, was er mit seinen eigenen Augen gesehen hatte. Abstrakte Vorstellungen, Erzählungen anderer, Lektüre sagten ihm nicht viel. Und dann: Wem gelingt es? Trübe Frage, der das Schicksal sich vermummt! Auch die Allergrößten haben geirrt, haben schwer geirrt, aber sie unterscheiden sich dadurch von den Narren, daß sie nicht im Irrtum verharren, sondern vom Irrtum wieder zur Wahrheit reisen, daß sie, um einen Lieblingsausdruck von Bismarck zu gebrauchen, „wenden“ können, bevor der Wagen in den Abgrund saust. Die Erregung, die der Kulturkampf in das öffentliche Leben Deutsch- Das Examen lands brachte, konnte meinen Freund Arenberg und mich nicht in unserer bestanden emsigen Vorbereitungsarbeit beirren. Wir taten unser Bestes und gingen Mitte März 1872 zusammen ins Examen. Wie fünf Jahre früher beim Abiturium in Halle und später bei meinem diplomatischen Examen entnahm ich auch dem Verlauf der Greifswalder Prüfung, daß die staatlichen Examina einen sicheren Maßstab für das Wissen und die Kenntnisse des Examinanden kaum liefern können. Mein lieber Arenberg war ein besserer Jurist als ich. Aber da ich ihm an Schlagfertigkeit, dialektisch und eristisch (im Schopenhauerschen Sinne) überlegen war, schnitt ich besser ab als er. Meine Prüfung durch Professor E. I. Bekker glich mehr einer Disputation als einem Examen. Der große Rechtslehrer, der schon meine schriftliche Arbeit über eine Frage des Pfandrechts sehr günstig zensiert hatte, stellte beim mündlichen Examen die an mich gerichteten Fragen in so geistreicher und dabei so wohlwollender Form, daß es für mich nur darauf ankam, die mir zugeworfenen Bälle mit einiger Geistesgegenwart aufzufangen. In meinem Zeugnis über das bestandene Examen wurde mir DER CROY-TEPPICH UND DER SCHWEDISCHE MAJOR 271 bescheinigt, daß der Rechtskandidat Leutnant Bernhard von Bülow aus Flottbek die Prüfung zum Referendariat mit dem Prädikat „Gut“ bestanden habe, ein damals nicht oft erteiltes Prädikat. Arenberg mußte sich mit „Befriedigend“ begnügen. Der Vorsitzende der Prüfungskommission, der Appellationsgerichtspräsident Albrecht, und mein gütiger Gönner Professor Ernst Immanuel Bekker sprachen mir die Hoffnung aus, daß ich die richterliche Laufbahn einschlagen möge, die in Deutschland zum Schaden beider Teile die jungen Herren vom Adel allzu selten wählten, während in Frankreich die richterliche Robe dem Degen des Offiziers gleichgesetzt würde. Am Tage nach unserer Prüfung verließen Arenberg und ich das gute Greifswald, das ich nie wiedersah. So habe ich auch von den beiden größten Greifswalds Sehenswürdigkeiten der Stadt nur die eine zu sehen bekommen. Diese Stkensu/iirdig- beiden Kuriositäten waren der Croy-Teppich und der Schwedische Major. Seiten Der in der Universität aufbewahrte Croy-Teppich war ein Gobelin aus dem sechzehnten Jahrhundert, der Luther darstellt, wie er vor der pommerschen Kurfürstenfamilie predigt. Dieser Teppich wurde leider nur alle zehn Jahre gezeigt. Er war zuletzt im Frühjahr 1871 ausgestellt worden. Wir hätten also noch mehr als acht Jahre warten müssen, um ihn zu sehen, worauf wir verzichteten. Dagegen haben wir die zweite Greifswalder Merkwürdigkeit erblickt, nämlich den Schwedischen Major. Bekanntlich stand Greifswald mit Neuvorpommern von 1648 bis 1815 unter schwedischer Hoheit. „Der schwedische Major“, wie er allgemein hieß, war 1872 schon über achtzig Jahre alt. Er war in seiner Jugend in schwedische Dienste gegangen und hatte es dort bis zum Major gebracht. Als solcher hatte er seinen Abschied genommen und verbrachte nun seinen Lebensabend in seiner Vaterstadt Greifswald. Er war ein guter Preuße geworden. Wenn aber nach deutscher Art, oder vielmehr Unart, auf die schlechten Zeiten geschimpft wurde, summte er wohl vor sich hin: „Ja, ja, unter den drei Kronen, da war noch gut wohnen.“ Im schwedischen Wappen figurieren drei goldene Kronen in blau. Der schwedische Major wurde an der Table d’höte im „Deutschen Haus“ mit besonderer Hochachtung behandelt. Auf der Rückfahrt nach Berlin machten wir halt in Pasewalk, das mich anzog als Garnison der 2. Kürassiere, die als Ansbach-Bayreuth- Dragoner sich bei Hohenfriedberg mit Ruhm bedeckt hatten. Mein Lieblingsmarsch, die schönste Musik, die ich kenne, ist immer der Hohenfriedberger Marsch geblieben. Auch das habe ich von meinem lieben Oberst von Loe angenommen, der zu sagen pflegte, er wolle einmal bei den Klängen des Hohenfriedberger Marsches begraben werden, ein Wunsch, dem bei seiner Beisetzung im Juli 1908 entsprochen wurde. Der General Christoph Carl von Bülow hatte in der Schlacht von Torgau, am 3. November 1760, als Oberst der Ansbach-Bayreuth-Dragoner durch einen glänzenden Reiter- 272 NACHWUCHS FÜK DAS AUSWÄRTIGE AMT angriff den Sieg der preußischen Fahnen herbeigeführt. Er stieg später zu den höchsten Chargen auf, wurde General der Kavallerie, Generalinspekteur, Ritter des Schwarzen Adlerordens und, was ihn am meisten gefreut haben wird, schließlich Chef der Ansbach-Bayreuth-Dragoner. Wir suchten sein Grabdenkmal in der Pasewalker Kirche auf, bewunderten auch einen schönen Mauerturm, der wegen seiner weiten Aussicht den echt pommerschen, gemütlichen Namen „Kiek in die Mark“ trug. Wir promenierten Arm in Arm auf dem Marktplatz und schmiedeten Zukunftspläne. Ich trug mich noch mit der Hoffnung, daß mein Vater mir als Belohnung für mein gutes Examen erlauben werde, vorläufig bei den Königshusaren in Bonn zu bleiben. Als ich am nächsten Tage in Berlin eintraf, schnitt mein Vater weitere Die Illusionen in dieser Richtung mit der Eröffnung ab, daß er über meine Berufsfrage Zukunft endgültig verfügt habe. Er habe mit dem Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes, Exzellenz von Thile, gesprochen und ihn gefragt, ob eine Chance wäre, daß ich in den diplomatischen Dienst übernommen werden könnte. Herr von Thile habe erwidert, daß die Aussichten in dieser Beziehung sogar ganz günstig seien. Nach dem siegreichen Krieg ströme alles zur Armee, während es unserer Diplomatie an Nachwuchs fehle. Fürst Bismarck habe kürzlich an das Militärkabinett geschrieben und es gebeten, drei tüchtige Offiziere zum Auswärtigen Amt zu kommandieren. Von diesen drei Offizieren ist, wie ich einschalten will, nur einer im Auswärtigen Dienst geblieben: Graf Kuno Rantzau, damals Leutnant im 3. Garde-Ulanen - Regiment. Er sollte 1878 der Schwiegersohn des Fürsten Bismarck werden. Er hat in der nicht leichten Stellung eines Eidams des mächtigen Kanzlers Takt und Würde bewiesen. Er war dabei ein pflichttreuer Beamter, über den Durchschnitt begabt, ein vornehmer Charakter mit den guten Eigenschaften des Holsteiners: Zuverlässigkeit, Ruhe und gewissenhafter Fleiß. Er hat wie im Auswärtigen Amt so auch später als Gesandter in München und im Haag nichts verdorben, wohl aber zusammen mit seiner lieben und guten Frau Achtung und Sympathie eingefiößt. Daß Holstein und Phili Eulenburg, die beim Sturze des Fürsten Bismarck und noch viele Jahre nach diesem Sturze Hand in Hand als intime Freunde gingen, Kuno Rantzau anfeindeten, hatte seine guten Gründe. Holstein grollte Rantzau, weil dieser seine bisweilen arg verschlungenen Wege und oft bedenklichen Ränke nicht mitmachen wollte. Phili aspirierte auf den von Rantzau bekleideten Posten in München. Die beiden anderen 1872 zum Auswärtigen Amt kommandierten Offiziere sind nicht im diplomatischen Dienst geblieben. Der eine, Herr von Werthern, ein Zwölfer Husar, dem einst eine größere Zukunft prophezeit worden war, sei es in der Armee, sei es als Diplomat, hat es nur bis zum Kommandanten der kleinen Festung Wesel gebracht, der andere, Herr von Br an dis, ein Hannoveraner, bis zum DER „GUIDE DIPLOMATIQUE“ 273 Hofmarschall in Sigmaringen. Sic eunt fata hominum, ach gingen sie doch nicht so krumm, heißt es nicht mit Unrecht in einem alten Bülowschen Stammbuch unter einer Zeichnung, die eine Zickzacklinie darstellt. Nach der ihm von Herrn von Thile gewordenen Orientierung hatte mein Vater an meinen Kommandeur, den Prinzen Heinrich XIII. Reuß, ge- Ein Jahr schrieben, daß er um meine Überführung zu den Offizieren der Reserve nac h M et bitte, und im gleichen Sinne mit dem Chef des Militärkabinetts, dem General von Albedyll, gesprochen. Mein Vater drückte mir den Wunsch aus, daß ich, dem Rate des Unterstaatssekretärs von Thile folgend, zunächst ein Jahr in Metz beim Landgericht und beim Bezirkspräsidium arbeiten möge. Er habe mich zum diplomatischen Dienst bestimmt und sehe mit Herrn von Thile in der für mich in Aussicht genommenen Tätigkeit in Metz die beste Vorbereitung für meinen künftigen und endgültigen Beruf. „Ich glaube zwar gern mit deinem von mir sehr geschätzten Gönner, dem General Loe, daß du mit der Zeit einen schneidigen Husarenoherst ahgeben würdest, meine aber doch, alles in allem, daß die diplomatische Laufbahn dir am meisten liegt. Du weißt, wie lieb ich dich habe. Du weißt auch, daß ich mit siebenundfünfzig Jahren und als ein Mann, der wie Odysseus vieler Menschen Städte sah und Sitten kennenlernte, einige Lebenserfahrung besitze. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt. Es bleibt bei Metz. Wenn Fürst Bismarck dich nach einem Jahr nimmt, dann Glück auf für das Auswärtige Amt und die diplomatische Karriere.“ Gleichzeitig schenkte mir mein Vater den „Guide diplomatique“ von Martens. Mein Vater war ein Bibliophile und hatte den „Guide diplomatique“ in Leder schön einbinden lassen. „Gerade in der Diplomatie“, fuhr er fort, „lernt man durch das Leben mehr als durch Bücher. Aber wer ein Künstler werden will, und die Diplomatie ist, merke dir das, keine Wissenschaft, auch leider kein Zweig der Ethik, sondern eine Kirnst, der muß auch die Technik seines Berufes beherrschen. Dazu soll dieses Buch dir dienen.“ Mit meinem Martens bewaffnet, trat ich die Reise nach Bonn an, wo ich nur noch sechs Wochen Husarenleben vor mir hatte, die ich wie den Abschied letzten Schluck eines guten Weines doppelt genoß. Unter Galen, der ein von Bonn ausgezeichneter Reiter war, wurde flott exerziert und jeden Tag durch den Sprunggarten gegangen. Die Felddienstübungen erschienen mir hochinteressant. Die Schnitzeljagden liebte ich fast noch mehr. Das Leben im Kameradenkreise behagte mir ungemein. Ich habe später die Klubs von Berlin und Wien, von Athen und Bukarest, von St. Petersburg, London und Rom kennengelemt. In keinem Klub der Welt habe ich mich so wohl gefühlt wie in unserem bescheidenen Kasino in der Sterntorkaserne. In keiner Gesellschaft konnte eine schönere Harmonie herrschen als in unserem Offizierkorps. Daran änderte auch der leidige Kulturkampf nichts, 18 Bülow IV 274 TSCHOPPE der immer schärfere Formen annahm. Nie fiel im Kreise der Kameraden eine Äußerung, die einen Andersgläubigen hätte verletzen können. Der evangelische Offizier führte, wenn es der Dienst so mit sich brachte, am Sonntag die katholische Mannschaft in den ehrwürdigen Münster, der katholische die evangelischenHusaren in die schöne, neuerbaute evangelische Kirche. Ich will nicht verschweigen, daß wir Evangelischen unser Haupt verhüllten, wenn wir im Gefängnishof die Kapläne Spazierengehen sahen, die dafür, daß sie die ihnen pflichtgemäß obliegende Messe gelesen hatten, hier ihre Strafe abbüßten. Erreicht wurde durch diesen wenig würdigen Kleinkrieg nur, daß der religiöse Eifer des katholischen Bevölkerungsteiles noch mehr angefeuert wurde. Der kluge Giacomo Antonelli behielt recht. Am 11. Juni 1872 wurde ich zu den Reserveoffizieren des Regiments versetzt. Einige Tage später gab mir das Regiment ein Abschiedsessen im Kasino, bei dem der Kommandeur, Prinz Heinrich XIII. Reuß, einen sehr gütigen Trinkspruch auf mich ausbrachte. Als wir nach Aufhebung des Essens in dem kleinen Gärtchen vor der Veranda zusammenstanden, hörte ich meinen Freund Schräder mit seiner Trompetenstimme erklären: „Ich bleibe dabei, daß Tschoppe noch einmal Reichskanzler wird.“ Tschoppe war der Spitzname, den ich im Regiment trug. Warum ich so genannt wurde, weiß ich nicht mehr und habe es vielleicht nie gewußt. Spitznamen entstehen meist durch Zufall, in der Weinlaune oder durch plötzliche Inspiration. Die Vorsehung hat es weise so eingerichtet, daß der Mensch in seiner Jugend empfänglicher ist für Freud und Leid als im Alter. Bonn und meinem Regiment Lebewohl zu sagen, wurde mir, wie es mir wenigstens heut erscheint, saurer als spätere Abschiede aus größeren Städten und Wirkungskreisen. Ich habe das Kasino meines Regiments und die Sterntorkaserne erst dreißig Jahre später wiedergesehen, als Reichskanzler. Am Tage nach meinem Abschiedsessen verließ ich Bonn. Es war mir eine große Freude, daß mein lieber Franz Arenberg mir seine Absicht an vertraute, mit mir nach Metz zu gehen. Wir verabredeten, daß wir uns dort Ende August treffen und, wenn möglich, eine gemeinsame Wohnung beziehen würden. Die Zwischenzeit verlebte ich in Klein-Flottbek in der Elbparkvilla, die ich als entamteter Kanzler im Sommer bewohne. Ich hauste in einem Zimmer des zweiten Stockes, das jetzt meine liebenswürdige Sekretärin beherbergt, der ich diese Erinnerungen diktiere. Das Zimmer ist nicht allzu groß, gewährt aber einen schönen Blick auf die schöne Elbe. In Flottbek, das mir immer als meine eigentliche Heimat erschienen ist, freute ich mich des Zusammenseins mit meinen guten Eltern und studierte unter den ernsten Augen meines Vaters den Leitfaden von Martens. Mein Vater kommentierte und erläuterte mir den „Guide diplomatique“. Ich konnte mir keinen besseren Mentor wünschen. Bismarck wußte, warum er DER STAATSSEKRETÄR VON BÜLOW 275 meinem Vater ein Jahr später, 1873, den Posten des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt an trug. Mein Vater war ein Diplomat der besten Schule, von großer Würde, dabei von immer gleicher Courtoisie. Wenn er wollte, die Klarheit selbst, und wenn er sein Spiel nicht aufzudecken wünschte, undurchdringlich. Mehrere Jahre nach dem 1879 erfolgten Tod meines Vaters erzählte mir Herbert Bismarck gelegentlich die nachstehende Äußerung seines großen Vaters: „Um eine Politik zu führen und zu einem guten Ende zu führen, wie ich sie von 1862 bis 1871 gemacht habe, dazu gehören, wie ich wohl ohne Überhebung sagen darf, exzeptionelle Gaben und Kräfte, die Gott nur wenigen verleiht, dazu gehört auch sehr viel Gnade von oben. Um das von mir in neun Jahren Erworbene zu erhalten, wie das seit 1871 unsere Hauptaufgabe ist, dazu bedarf es vor allem guter Nerven, einer wolilequilibrierten Seele und einer geschickten Hand. Diese Eigenschaften besaß der Staatssekretär von Bülow in hervorragendem Maße.“ Ende August 1872 traf ich in Metz ein, wo mich Franz Arenberg am Bahnhof erwartete und nach der Wohnung führte, die er in der Rue des Clercs, später in „Priesterstraße“ umgetauft, für uns drei gemietet hatte. Der Dritte im Bunde war sein ältester Bruder Philipp, der schon vor seinem jüngeren Bruder das Referendar-Examen bestanden hatte und am Landgericht arbeitete. Er würde gewiß einen vortrefflichen richterlichen oder Verwaltungsbeamten abgegeben haben. Aber es war sein innerster Wunsch, Geistlicher zu werden. Seine Eltern waren eifrige Katholiken, aber sie wollten ihrem Sohn nur dann erlauben, die geistlichen Weihen zu nehmen, wenn er nach längerer Prüfung sich seiner Vokation völlig sicher fühle. Philipp Arenberg war ein Kind Gottes. Einfältig in den Augen frivoler Weltleute, aber sehr weise im Sinne der Bergpredigt (Ev. Math. V, 8 u. 9). Das Ewige stand ihm höher als das Zeitliche. Und die Frage, wie man in den Himmel kommt, erschien ihm viel wichtiger als die Frage, wie weit er es in dieser Welt bringen würde. Er führte in unserem kleinen Kreise den Spitznamen „Fiel“. Ich hatte „Piel“ sehr lieb. Er empfing wenige Jahre nach unserem Zusammensein in Metz die Priesterweihe und hat dann viele Jahre in Eichstätt in Bayern als Domherr und vertrauter Berater des von Leo XIII. besonders geschätzten Bischofs Freiherr von Leonrod still, bescheiden und segensreich gewirkt, Gott hat seinem treuen Diener auch ein seliges Ende beschieden. Er wurde, noch nicht sechzig Jahre alt, auf der Durchreise durch Wien, unmittelbar nachdem er im Stephansdom die heilige Messe gelesen hatte, vom Schlage gerührt und ist ohne Schmerzen noch Todeskampf sanft hinübergegangen. Bevor ich in diesen meinen Erinnerungen von meinem guten Piel Abschied nehme, möchte ich eines Zwischenfalls Erwähnung tim, der, an Ankunft in Metz 18 » 276 EINE FORDERUNG und für sich ohne größere Bedeutung, doch dazu beigetragen hat, die Lebensfreundschaft zwischen Francois Arenberg und mir zu einer unauflöslichen zu machen. Nachdem wir einen Ausflug zu den Schlachtfeldern bei Metz unternommen hatten, suchten Philipp Arenberg und ich abends in Metz ein kleineres Restaurant auf, das von deutschen Offizieren frequentiert wurde. Uns gegenüber saß ein Hauptmann, der offenbar bezecht war. Nachdem er Philipp Arenberg in provozierender Weise fixiert hatte, erging er sich in Redewendungen über Duckmäuser, die in den Betstuhl gehörten, aber nicht unter Offiziere. Mein lieber Piel blickte traurig und ratlos um sich. Ich intervenierte, indem ich in scharfem Ton den Hauptmann darauf aufmerksam machte, daß ich sein Benehmen unanständig fände. Er entgegnete, daß er sich gar nicht an mir reiben wolle. Ich antwortete, ich verlangte, daß man sich in einem von mir besuchten Lokal und noch dazu gegenüber einem Freund von mir anständig benehme. Im übrigen würde ich ihm am nächsten Morgen meine Sekundanten schicken. Der so Abgefertigte entfernte sich. Als Piel und ich wieder in unserer gemeinsamen Wohnung eintrafen, fiel der Gute mir weinend um den Hals, um mir zu gestehen, warum er dem ihn beleidigenden Hauptmann nicht in gleicher Tonart geantwortet habe. Er habe ebensoviel Mut wie irgendein Offizier und sei jeden Augenblick bereit, sein Leben einzusetzen, um einen Menschen zu retten oder bei schwerer Ansteckungsgefahr Kranke zu pflegen. Aber ein Duell könne er nicht mit seinen religiösen Anschauungen vereinigen, schon weil die Möglichkeit ihn entsetze, vielleicht ohne letzte Sakramente und ohne Absolution von dieser Erde zu scheiden. Wie dies bei Duellen zu sein pflegt, verging der nächste Morgen in endlosen Verhandlungen zwischen dem Sekundanten des Gegners von Philipp Arenberg und meinem Sekundanten, einem schneidigen Rittmeister von dem damals in Metz stehenden Dragoner-Regiment Nr. 10. Die Sache endigte damit, daß der Beleidiger Philipp Arenberg um Vergebung bat und erklärte, er habe niemals beabsichtigt, diesem ausgezeichneten Kavalier zunahezutreten, worauf ich meine Forderung zurücknahm. Am nächsten Tage sagte mir Franz Arenberg, er würde mir mein Eintreten für seinen Bruder niemals vergessen. „Desormais entre nous c’est ä la vie et ä la mort.“ Er hat sein Wort gehalten. i XX. KAPITEL Beim Kaiserlichen Landgericht in Metz • Rudolf Freiherr von Seckendorff • Staatsanwalt Ittenbach ■ Assessor Magdeburg • Plädoyer vor dem Metzer Schwurgericht Das deutsche Theater in Metz • Besuch bei den Eltern Arenbergs in Marche-les-Dames Dienst beim Bezirkspräsidium • Kuraufenthalt in Heiden und Reichenhall • Vater zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts ernannt • Bernhard von Bülow Attache im Auswärtigen Amt • Ratschläge des Vaters für den diplomatischen Dienst W ährend meiner Dienstzeit in Metz machte ich die Bekanntschaft von zwei ausgezeichneten Männern, mit denen mich mein ganzes Leben Gönner hindurch freundschaftliche Beziehungen verbanden. Freiherr Rudolf von in Metz Seckendorff, damals kaiserlicher Prokurator am Landgericht in Metz, war der Sproß eines alten fränkischen Geschlechts, das Preußen und Österreich, Bayern und Württemberg im Militär- wie im Zivildienst treffliche Leute gestellt hat. In Köln als Sohn eines hohen preußischen Beamten und einer rheinländischen Mutter geboren, verband er strenges Pflichtgefühl und unerschütterlichen Rechtssinn mit vollem Verständnis für das Jus aequum und mit weltmännischen Formen. Als ich 1900 Reichskanzler wurde, fand ich Rudolf Seckendorff als Unterstaatssrekretär im Preußischen Staatsministerium vor. Er ist später Präsident des Reichsgerichts geworden und hat als solcher, im ganzen Reich geachtet und verehrt, viele Jahre seines hohen Amtes gewaltet. Mein zweiter Gönner in Metz, Max Ittenbach, war damals Erster Staatsanwalt am Landgericht. Ein echter Rheinländer, der bei aller Energie, wo solche nottat, durch sein joviales Wesen und seinen nie versagenden Humor bei Männern und Frauen gleich beliebt war. Gleich Seckendorff ein hervorragend tüchtiger Jurist, ist Ittenbach im Laufe der Jahre Generalauditeur der Armee und Marine, Kronsyndikus und Mitglied des Staatsrats und des Herrenhauses geworden. Seckendorff und Ittenbach waren beide Katholiken. Von den jüngeren Herren des Bezirkspräsidiums gefiel mir besonders der damalige Assessor Magdeburg, der später zum Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau und schließlich zum Präsidenten der Oberrechnungskammer in Potsdam aufstieg. Es wäre von meiner Seite ein Zeichen bedauerlicher Oberflächlichkeit oder großer Borniertheit gewesen, wenn mich mein Lebensgang nicht hohe Achtung vor dem Beamtentum 278 BÜLOW ALS OFFIZIALVERTEIDIGER des alten Obrigkeitsstaates gelehrt hätte, das in allen Zweigen der Staatsverwaltung Mustergültiges geleistet und in den Jahren des Umsturzes durch Selbstverleugnung und pflichttreue Hingabe an den Staatsgedanken Reich und Länder vor dem völligen Zusammenbruch gerettet hat. Unter den Rechtsanwälten am Landgericht Metz war eine viel diskutierte, aber nicht uninteressante Persönlichkeit der Advokat Pistor. Als junger Mensch hatte er sich 1849 am Pfälzer Aufstand beteiligt, war nach dessen Niederwerfung über die französische Grenze nach Metz gegangen und hatte sich dort als Franzose naturalisieren lassen. Sein Sohn war französischer Offizier und leidenschaftlicher Franzose geworden, der sich im Deutsch- Französischen Krieg hervorgetan hatte und seitdem eine höhere Stellung im französischen Nachrichtendienst bekleidete, wo er schon durch seine Beherrschung der deutschen Sprache Vorzügliches geleistet haben soll. Die französische Polizei ist nach meinem Dafürhalten von Fouche bis zu Pietri und von diesem bis heute die beste, findigste und energischste Polizei der Welt. So war auch von jeher das Spionagewesen in Frankreich hervorragend organisiert. Wir sind im Nachrichtendienst wie im Spionieren und auch was die Propaganda in anderen Ländern betrifft, mit den Franzosen verglichen Stümper, wie sich das im Weltkrieg traurig gezeigt hat. Während der Sohn Pistor am Rhein spionierte, wo er einmal in Gesellschaft des Generals Miribel von unseren Militärbehörden abgefaßt wurde, plädierte der Vater seelenruhig am Landgericht in Metz. Als ich ihm im Winter 1872/73 auf der Esplanade begegnete, frug er mich, Plädoyer ob ich Lust hätte, vor den Geschworenen zu plädieren. Er sei gern bereit, vor den m jj eine Sache anzuvertrauen, in der er als Offizialverteidiger bestellt sei. Geschworenen j) er p a jj ü e g e freilich so gut wie hoffnungslos. Ein bayrischer Landstreicher habe einen lothringischen Landwirt erschlagen, der ihn aus seinem Garten ausgewiesen habe, wo er Apfel stahl. Lothringische Geschworene würden diesenVorgang kaum nachsichtig beurteilen. Es müsse auch in französischer Sprache plädiert werden. Ich erklärte mich gern bereit, die Verteidigung zu übernehmen. Im Laufe des Abends wurde mir der Dossier zugestellt. Ich las das dicke Aktenstück aufmerksam durch und strich alles, was sich zur Verwertung für die Verteidigung eignete, rot, was gegen meinen Klienten sprach, blau an. Dann legte ich mich früher als gewöhnlich schlafen, um am nächsten Morgen frisch zu sein. Der Zweite Staatsanwalt plädierte auf Totschlag unter erschwerenden Umständen, also auf Zuchthaus. Er sprach fast nachlässig, da die Verurteilung des deutschen Angeklagten durch die französischen Geschworenen ihm ohnehin völlig sicher erschien. Als ich das Wort erhielt, ging ich sofort zum Angriff über: „Le procureur de l’Empereur vous a raconte les faits ä sa maniere, comme les comprend l’accusation. Je retablirai la verite comme PER IDYLLISCHE TOTSCHLAG 270 c’est le noble office de la defense.“ Ich entwarf das Bild eines schönen Sommermorgens, denn der Totschlag war im August begangen worden. Eine friedliche, freundliche, heitere Landschaft, die gesegnete Metzer Gegend. Wiesen, Gärten, Obstbäume. Ein Idyll. Ein müder, von harter Arbeit erschöpfter Wanderer, der wohl die ganze Nacht durchmarschiert war, sieht am Morgen ein Gärtchen vor sich und im Gärtchen einen Apfelbaum, un beau pommier. Lob des Apfelbaums. Ich zitiere Uhlands Gedicht von dem Wirte wundermild: Ein goldener Apfel war sein Schild An einem langen Aste. Der Wanderer verzehrt einen, vielleicht auch zwei Äpfel, dann streckt er sich zum Schlafe. Ich zitiere Macbeths Fluch gegen den, der den Schlaf mordet: .... sleep, the innocent sleep, Sleep that knits up the ravell’d sleave of care, The death of each day’s life, sore labour’s bath, Balm of hurt minds, great nature’s second course, Chief nourisher in life’s feast. . . Der rohe Eigentümer weckt mit brutalen Scheit-, vielleicht auch Drohworten den armen Schlafenden. Ich appellierte an J. J. Rousseau und an den Dichter des „Teil“, um diesen Frevel zu brandmarken. Der Beleidigte, wohl auch Bedrohte greift nach einem Stein und wirft ihn nach seinem Beleidiger, sagen wir offen, seinem Angreifer. „Le cas de defense legitime etait donne, pleinement donne.“ Der Stein trifft durch einen nicht vorauszusehenden, wirklich nicht zu ahnenden Zufall die Schläfe. Der Wurf führt den Tod herbei. Der deutsche Gerichtsarzt hatte bei der Autopsie den Toten und sein Gehirn für normal erklärt. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich auf einen Tierarzt zu berufen, der auch zum Leichenbefund zugezogen worden war und die Ansicht vertrat, der Tote habe eine auffällig dünne Gehirnschale gehabt. Ich rühmte den Bon sens des Tierarztes, des Mannes aus dem Volk, und deutete an, daß der Gerichtsarzt zu jenen Gelehrten gehöre, die vor Bäumen den Wald nicht sähen. Die deutsche Nationalität des Missetäters erwähnte ich nur, um der Überzeugung Ausdruck zu geben, daß für die Ehrenmänner auf der Geschworenenbank die ewigen Grundsätze der Gerechtigkeit und Billigkeit hoch über den Leidenschaften und Vorurteilen stünden, die leider die Völker und die Menschen entzweiten. Ich schloß, indem ich meinen Platz verließ, auf die Geschworenen zuging und ihnen mit erhobener Stimme zurief, daß ich nicht tür mildernde Umstände plädierte, sondern eine glatte Freisprechung 280 ADA fordere. „Je vous demande Pacquittement pur et simple, et vous me l’accorderez.“ Als ich geschlossen hatte, nahm der Leiter der Schwurgerichtsverhandlung, ein Appellationsgerichtsrat aus Kolmar, ein Elsässer, der schon in französischer Zeit im Justizdienst gestanden hatte, das Wort, um die Jury zu warnen: „Le jeune stagiaire qui vient de parier, possede le don dangereux de l’eloquence. Je prie Messieurs les Jures de ne pas se laisser entrainer trop loin par le brillant plaidoyer que nous venons d’entendre.“ Ich las in den Augen der Geschworenen, daß diese Warnung gar keinen Eindruck auf sie machte. Nach kurzer Beratung kehrten sie zurück, und der Obmann verkündete die Freisprechung des Angeklagten. Um zu sehen, welchen Eindruck diese Wendung auf meinen hinter mir sitzenden Klienten mache, wandte ich mich um und sah in ein sehr erstauntes Gesicht. „Dös hätt i net denkt, daß Sie mi frei kriegaten. Jetzt müssen’s mia aba scho a paar Markl schenka, damit i mia für mein Freispruch an zünftig’n Abend mach’n ka.“ Ittenbach, Hamm, Seckendorff, Magdeburg, alle meine Freunde vom Landgericht und vom Bezirkspräsidium, gratulierten mir auf das herzlichste. Wenn ich ein Vierteljahrhundert später im Reichstag eine Entgleisung Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II. einzurenken hatte, so flüsterte mir Ittenbach, der als Generalauditeur häufig auf der Estrade des Bundesrats erschien, bisweilen boshaft zu: „Das ist ja beinahe so knifFlig wie seinerzeit der Fall mit dem Bayern in Metz.“ Wenn Themis mir im Gerichtssaal hold gewesen war, so sollte bald nach- Das Metzer her Amor um so grausamer meiner spotten. Um deutsche Sprache und Stadttheater Kultur zu verbreiten, erschien eine deutsche Schauspielertruppe in Metz. Alle deutschen Beamten und Offiziere hielten es mit Recht für ihre Pflicht, im Metzer Stadttheater die Aufführungen der übrigens recht guten Truppe zu besuchen. Der Star der Truppe war die Naive. Sie hieß Ada. Sie war reizend. Sie hatte herrliches blondes Haar, sie hatte sentimentale rmd dabei doch schelmische Augen. Sie war vom ersten Augenblick an der Liebling des Publikums. Wenn sie als Käthchen von Heilbronn auftrat, entzückte sie, als Klärchen begeisterte sie, als Gretchen rührte sie uns unaussprechlich. Ich fehlte bei keiner Vorstellung. Ich applaudierte, als wäre ich der Chef der Claque. Trotz meines bescheidenen Budgets ließ ich ihr bei passenden Anlässen prächtige Blumensträuße und, wenn sie als Gretchen ihr „Heinrich! Heinrich!“ gewimmert hatte, einen Lorbeerkranz überreichen. Der würdige Regierungsrat Jonas, der das deutsche Theater betreute, stellte mich ihr vor. Aber es wollte mir nicht gelingen, ihr Herz zu rühren. Und warum? Ich hatte einen Rivalen. Und wer war dieser Rivale? Der Komiker der Truppe. Ich empfand alle Qualen der Eifersucht, einer offenbar METAPHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE 281 begründeten Eifersucht. Ich nahm einen letzten Anlauf. Als Ada, zwei Tage bevor die deutsche Theatertruppe Metz verließ, den Wunsch ausdrückte, Nancy kennenzulernen, schlug ich ihr einen gemeinsamen Ausflug dorthin vor. Sie akzeptierte. Aber bei der Abfahrt vom Metzer Bahnhof erschien sie nicht allein, sondern in Begleitung einer Kollegin, der häßlichsten Dame der Truppe, einer Böhmin, deren ordinärer tschechischer Akzent mir überdies auf die Nerven ging. Man konnte sich keine greulichere Duenna vorstellen. Trotzdem freute ich mich der gemeinsamen Fahrt. Es freute mich auch, Ada das anmutige Nancy zu zeigen und mit meinem Französisch glänzen zu können. Ich freute mich des gemeinsamen Diners in einem eleganten Restaurant. Das konnte ihr der gräßliche Mime kaum bieten. Aber als wir abends nach Metz zurückkehrten, war ich, um mich französisch auszudrücken, gros Jean comme devant. Und doch — so hartnäckig kann ein Verliebter sein — erschien ich am nächsten Mittag zur Abreise der Truppe auf dem Bahnhof. Ada hatte mir den Wunsch ausgesprochen, ein Schoßhündchen zu besitzen. Ich trieb noch am Vormittag einen kleinen, reizenden Zwergpintscher auf, den ich ihr in einem Körbchen überreichte, ein rosa Bändchen um den Hals. Sie schien wirklich erfreut und gerührt. Als der Zug sich in Bewegung setzte, warf sie mir ein Kußhändchen zu, aber hinter ihrem blonden Köpfchen erschien die höhnische Fratze des Komikers, der, sicher gemacht durch die Entfernung, mir eine Nase drehte. In seinen nachgelassenen Aphorismen zur Metaphysik der Geschlechtsliebe meint Schopenhauer, die Gunst eines schönen Weibes allein durch seine Persönlichkeit zu gewinnen, sei vielleicht ein noch größerer Genuß für die Eitelkeit als für die Sinnlichkeit, denn man erhalte dadurch die Gewißheit, daß die eigene Persönlichkeit ein Äquivalent für jene über alle anderen geschätzte, bewunderte, vergötterte Person sei. Dieses Glück ist mir in meiner Jugend bisweilen zuteil geworden. Es ist richtig, daß der Gedanke, ohne Macht, Stellung, Reichtum, lediglich um seiner selbst willen von einer schönen Frau geliebt zu werden, das Vertrauen zu den eigenen Kräften und der eigenen Person mächtig heben und stärken kann. Aber Fräulein Ada lehrte mich, daß Schopenhauer auch recht hat, wenn er in seinen Aphorismen hinzufügt: Gerade weil die Eitelkeit in der Liebe eine bedeutsame Rolle spielen könne, sei verschmähte Liebe so schmerzlich, besonders, wenn mit begründeter Eifersucht vereint. Ich habe nie wieder von Ada gehört. Was mag aus ihr geworden sein? „Oü sont les neiges d’antan?“ „Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr geblieben?“ So frug melancholisch vor dreihundert Jahren der französische Dichter Pierre de Ronsard. Um mich, der ich anfangs doch etwas verstimmt gewesen war, zu trösten, schlug mir mein lieber Franz Arenberg vor, mit ihm acht Tage bei seinen 282 DIE ARENBERGS Marche-les- Dames Eltern in Marche-les-Dames bei Namur zu verleben. Man konnte sich kaum ein freundlicheres Heim denken als Marche-les-Dames und sicherlich keinen harmonischeren Familienkreis als den Arenbergschen. Der Vater, Prinz Anton Arenberg, erinnerte in Gesichtsschnitt, Ausdruck und Haltung an die Porträts, die van Dyck im siebzehnten Jahrhundert von Fürsten und Adligen gemalt hat. Jeder Zoll ein Herr! Dem adligen Äußern entsprach die innere Noblesse. Er war von größter Einfachheit, echter Liebenswürdigkeit, einer sich nie verleugnenden Höflichkeit gegen jedermann. Als ich mit ihm und seinen Söhnen an einem schönen Frühlingsmorgen am Ufer der Maas spazierenging, war der Leinpfad, auf dem wir wandelten, mit Arbeitern besetzt, die angelten. Bei jedem Arbeiter zog der Prinz Anton Arenberg den Hut und bat mit immer gleicher Courtoisie um Entschuldigung, wenn er störe. Er besaß die „politesse du cceur“, ohne die Name und Rang wenig bedeuten. Die Prinzessin Maria Ghiselaine von Arenberg, geborene Gräfin Merode, war eine Frau von Geist und Willenskraft. Sie hatte in jungen Jahren mehrere Winter in Wien verlebt. Ihre Schwiegermutter war eine Prinzessin Lobkowitz, zwei Brüder ihres Gatten hatten im österreichischen Heer gedient und Österreicherinnen geheiratet, der eine, Prinz Josef, eine Prinzessin Liechtenstein, die Schwester der genialen Fürstin Elisa Salm, der langjährigen Freundin meiner Frau, der andere, Prinz Karl, eine Gräfin Hunyady, die Witwe des Fürsten Michael III. von Serbien. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen hinderten die Prinzeß Anton Arenberg nicht, sich über die Ungebildetheit und Oberflächlichkeit der österreichischen Aristokratie frei zu äußern. Fiakerwitze, so erzählte sie mir, bildeten das bevorzugte Thema der Konversation in den hohen und höchsten Kreisen. Ein besonders populärer Fiakerkutscher hatte Schwan geheißen, und Wortspiele, die sich um die Verwechslung von „Schwanerl“ und „Schweinerl“ drehten, hätten Lachsalven hervorgerufen. „On ne respecte pas l’esprit en Autriche“, meinte sie, „et un pays oü on ne respecte pas l’esprit est un pays qui baisse.“ Sie erzählte mir, daß sie in Wien mit Vorliebe die herrlichen Aufführungen im Burgtheater besucht habe, besonders gern, wenn der „Faust“ gegeben wurde. Wenn sie auch nicht geläufig Deutsch spreche, so verstehe sie es doch hinreichend, um, das Textbuch in der Hand, einer Theateraufführung folgen zu können. Da habe sie konstatiert, daß in Wien regelmäßig die Szene ausgelassen wurde, wo Mephistopheles von dem guten Magen der Kirche spricht, die ganze Länder aufgefressen und sich doch nie übergessen habe und die allein ungerechtes Gut verdauen könne.. Auf ihre Frage sei ihr gesagt worden, daß dieser Passus, als unpassend, nicht rezitiert werden dürfe. „Voyez-vous“, meinte sie dazu, „voilä un delit de lese-esprit. Certes, je suis tres bonne catholique, mais on ne sert ni EINE AUSLÄNDERIN ÜBER DIE DEUTSCHEN 283 l’Eglise, ni PEtat avec une pareille petitesse d’esprit. Louis XIY le comprit, lorsque lui, le roi tres chretien permit la representation du ,Tartuffe‘ de Moliere.“ Die Prinzessin Maria Arenberg freute sich der deutschen Siege, aber sie sah trotzdem nicht ohne Sorge in die deutsche Zukunft, was bei den interessanten Plauderstunden, die ich im Kreise der Familie verlebte, wiederholt zum Ausdruck kam. Sie meinte: „Deutschland hat Frankreich besiegt, glänzend besiegt. Es ist heute die erste Macht in Europa, in der Welt. Aber Ihre ungeheuren Erfolge, deren ich mich schon als Mutter meiner Söhne aufrichtig freue, sind doch mehr das Werk weniger, sehr hervorragender Männer als die Leistung eines politisch begabten und geschulten Volkes. Ich beklage und bedaure den Zwist zwischen Bismarck und der katholischen Kirche. Aber Bismarck bleibt doch einer der größten Staatsmänner aller Zeiten. Moltke, Roon, Manteuffel, Werder, Blumenthal, Goeben kann ich ohne jede Einschränkung bewundern. Der alte Kaiser ist einer der pflichttreusten, weisesten, besten Fürsten, die je auf einem Throne saßen. Sein Sohn ist ein Held und dabei ein durch und durch edler Mensch. Tout cela est admirable. Aber wie steht es mit der Masse der Deutschen? Würden die Deutschen imstande sein, wie die Engländer, in freiwilliger Unterordnung unter das allen gemeinsame staatliche Interesse alle Parteirücksichten zurückzustellen, wären die Deutschen fähig, in der Stunde der Not geschlossen dem Fahnenträger zu folgen wie jetzt die Franzosen ihrem Gambetta, unter dem die Zouaves pontificaux und die Rothemden des Kirchenfeindes Garibaldi Schulter an Schulter fochten? Ich fürchte: nein! Das Einheitsgefühl und die Zurückdrängung aller Parteigesichtspunkte und jedes Partikularismus, sobald es um Ehre und Ruhm des Landes geht, scheinen mir in Deutschland weniger entwickelt und weniger stark zu sein als in Frankreich, das deutsche Nationalgefühl und der deutsche Patriotismus weniger leidenschaftlich, nicht so alles mit sich fortreißend wie in Frankreich. Und die Mehrheit Ihrer Parlamentarier! Comparez Virchow et Mommsen comme hommes politiques, comme hommes d’etat avec Monsieur Thiers! Richter et Lasker et Monsieur Schulze-Delitzsch, Waldeck et Jacoby sont certainement des hommes tr£s vertueux et tres honnetes. Mais vous m’accorderez que, compares ä Leon Gambetta, ce sont des cuistres (Schulmeister). C’est surtout la democratie allemande, qui, comme elan patriotique, comme esprit politique me semble bien inferieure ä la democratie framjaise.“ Als die Prinzessin Arenberg so sprach, dachte ich an das, was mir mein Vater nach der Erstürmung von Düppel und dem Übergang nach Alsen gesagt hatte. Ich dachte an Goethes Wort von dem Deutschen, der als Ganzes oft viel zu wünschen übrig lasse. 284 GRAF BOTHO EULENBURG Die Prinzessin Anton Arenberg war eine Nichte des Grafen Charles Montalembert, des großen Führers der französischen Katholiken unter Napoleon III. Sie war die Kusine des Monsignore Friedrich Xaver Merode, der in der belgischen Armee gedient, dann in der französischen Armee unter dem Marschall Bugeaud in Algier zwei Feldzüge mitgemacht und sich die Ehrenlegion erworben hatte. Dann ging er nach Rom, studierte dort Theologie, wurde zum Priester geweiht, päpstlicher Kämmerer und Mundschenk und 1860 Kriegsminister des Papstes Pio IX und einer der streitbarsten Verfechter der weltlichen Herrschaft des Römischen Stuhles. 1865, nach der französisch-italienischen Konvention vom 15. September 1864 als Kriegsminister entlassen, starb er 1874 als Erzbischof von Mytilene in partibus und päpstlicher Großalmosenier. Die Prinzessin Anton Arenberg war die Tante des Grafen de Mun und des Grafen Werner de Merode, die in den Kämpfen der französischen Katholiken gegen die kirchenfeindliche Politik von Jules Ferry, Gambetta, Clemenceau, Briand und Combes in vorderster Reihe standen. Man konnte von meinem heben Franz Arenberg sagen, daß er seinen feurigen, aber stets von edelster Gesinnung getragenen und in vornehmer Weise vertretenen Katholizismus mit der Muttermilch eingesogen hatte. Am 1. März 1873 wurde ich von meiner Tätigkeit am Landgericht ent- Beim Metzer bunden und dem Kaiserlichen Bezirkspräsidium in Metz zur ferneren Be- Bezirks - schäftigung überwiesen. Hier trat ich unter die Leitung eines Mannes, der Präsidium gj^ später zu einem unserer tüchtigsten Staatsmänner entwickeln sollte. Dem Grafen Botho Eulenburg, dem damaligen Bezirkspräsidenten von Lothringen, war, wie manchem Ostpreußen, eine zurückhaltende, äußerlich kühle Art eigen. Aber er war in seinem Innersten ein Mann von echter Herzensgüte und feinstem Empfinden. Seine Gegner nannten ihn mit der dem deutschen Parteikampf anhaftenden Ruppigkeit den „Aal“, und wenn sie besonders boshaft sein wollten, den „geölten Aal“. In Wirklichkeit war er ein Mann von Grundsätzen und festem, sicherem Charakter, aber er war zu klug, um nicht zu wissen, daß ein Volk wie unser Volk, das seit jeher zu Eigensinn und Rechthaberei neigt, mit elastischer Hand geführt werden muß. Er war ein Staatsmann. Ich will schon hier vorgreifend sagen, daß Graf Adolf von Arnim-Boitzenburg, der ihm noch zur Zeit meiner Tätigkeit in Metz im Amte folgte, wenn er auch nicht die glänzende Begabung des Grafen Botho Eulenburg besaß, doch durch seine frische und natürliche Art und seinen gesunden Menschenverstand sich bald Achtung und Vertrauen erwarb. Auch er war ein sehr gewissenhafter und tüchtiger Beamter. Seine jung verstorbene, reizende Frau, eine Gräfin Schweinitz, trug dazu bei, ihm bei Deutschen und Einheimischen Sympathien zu gewinnen. DAS REICHSLAND 285 Ich habe beide, Arnim wie Eulenburg, mehrfach bei Dienstreisen begleitet. Die Bezirkspräsidenten wurden überall in Lothringen nicht nur korrekt, sondern mit fast demonstrativer Freundlichkeit empfangen. In allen Dörfern standen die Schulkinder am Eingang des Ortes aufmarschiert und schrien, immer in dem gleichen Rhythmus: „Vive Monsieur le President de la Lorraine!“ Als ich einmal einem Schullehrer mein befriedigtes Erstaunen über diese loyale Haltung ausdrückte, meinte er ganz harmlos: „Monsieur, autrefois nous avons crie: ,Vive Monsieur le Prefet de la Moselle! 4 Aujourd’hui nous crions: ,Vive Monsieur le President de la Lorraine! 6 Au fond cela revient au meme. Nous respectons l’autorite.“ Der französische Präfekt hat unter dem Empire wie unter der Republik immer regiert, d. h. geführt, mit fester und, wo es sein mußte, mit harter Hand. Gegenüber politischer Opposition verstand er keinen Spaß und griff nötigenfalls kräftig zu. Aber seine Formen waren immer weltmännisch, „une main de fer sous un gant de velours“, wie es der große Napoleon empfahl. Verwaltet wurde das Reichsland in deutscher Zeit zweifellos besser als vorher und nachher in französischer. Die Fehler, die im Reichsland von Elsaß- deutscher Seite begangen wurden, erfolgten in der Zentrale, und zwar Lothringen sowohl in Straßburg wie in Berlin. In Straßburg haben der Wirkliche Geheime Rat von Möller, der Fürst Chlodwig Hohenlohe und der Fürst Karl Wedel ihre Sache am besten gemacht. Der im übrigen hochbegabte, in anderen Stellungen hervorragend bewährte Feldmarschall Manteuffel, der unbedeutende Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg und der nicht viel bedeutendere Herr von Dallwitz schnitten schlecht ab. Hat Fürst Bismarck gut daran getan, nachdem wir die uns in der Zeit unseres tiefsten Verfalls von den Franzosen geraubten westlichen Provinzen zurückgenommen hatten, Elsaß-Lothringen als Reichsland zu konstituieren? Ich möchte nicht in den Fehler der „vaticinatio ex eventu“ verfallen. Wer wie ich nach dem Weltkrieg oft im Ausland geweilt und viel mit Ausländern verkehrt hat, weiß, welchen Spott uns solches Besserwissen ex post bei klügeren Fremden eingetragen hat, wie lächerlich es uns macht. Über weltfremde und aufgeblasene „Historiker“ vom Schlage Hans Delbrücks, die mit einem nur bei uns erlaubten Doktrinarismus breit und schwerfällig auseinandersetzen: wenn bei uns so operiert worden wäre, wie dies nachträglich in seinem Studierzimmer, die Brille auf der Nase und die lange Pfeife im Mund, der Herr Professor X. oder der Herr Doktor Y. sich ausdenken, wäre alles besser gekommen, lacht das Ausland. Und am meisten lacht, wer den Herrn Professor X. und den Herrn Doktor Y. kennt, die in der Praxis sofort versagen würden, die weder die Nerven, noch den Kopf, noch die Hand hätten, um auch nur den bescheidensten politischen Plan durchzuführen, den einfachsten diplomatischen Auftrag zu erledigen. 286 ALEMANNIEN Und doch hat Schiller gesagt, daß die Gedanken leicht beieinander wohnen, die Sachen aber sich hart im Raume stoßen. Und doch hat uns Heinrich Heine die reizende Anekdote von den drei Malern erzählt, die ein Kamel malen wollten. Der Engländer reist nach Afrika, um das Schiff der Wüste an Ort und Stelle abzukonterfeien. Der Franzose fährt nach dem Zoologischen Garten, um dort ein Modell zu finden. Der Deutsche konstruiert das Kamel aus der Tiefe seines sittlichen Bewußtseins. Ich will weder diesem deutschen Maler gleichen, noch auch meinerseits in die Plattheit der Divinatio ex post verfallen, darf aber wohl folgendes sagen: Als Fürst Bismarck das Reichsland ins Leben rief, überschätzte er, wie auch bei einigen anderen Gelegenheiten, die politischen Fähigkeiten der Deutschen und die Stärke ihres Nationalgefühls. Er rechnete nicht damit, daß die deutschen Parteien, statt Hand in Hand ihr gemeinsames Bestreben darauf zu richten, uns Elsaß und Lothringen geistig und seelisch wieder zu assimilieren, nur darauf bedacht sein würden, in gegenseitigem Kampf und mit allseitiger Gleichgültigkeit für nationale Gesichtspunkte, jede für sich, in den neuen Gebieten möglichst gute Geschäfte zu machen. Es gelang auch den beiden stärksten deutschen Parteien, dem Zentrum und den Sozialisten, in den Reichslanden eine gewisse Anzahl Sitze für sich zu erobern. Als die Franzosen an den Rhein zurückkehrten, wurden in den drei zum Leben erweckten Departements des Haut-Rhin, des Bas-Rhin und der Moselle der Gesichtspunkt der französischen Einheit, der „France une et indivisible“, in den Vordergrund gestellt. Alles in allem wären wir vielleicht doch weitergekommen, wenn unser großer Steuermann, wie die gute und hebe Fürstin Johanna Bismarck ihren Gatten nannte, aus Lothringen eine preußische Provinz gemacht hätte mit Metz als Hauptstadt, unter Angliederung des Regierungsbezirkes Trier, das Elsaß aber mit Baden zu einem Königreich Alemannien vereint hätte, unter Verlegung der Hauptstadt und Residenz von Karlsruhe nach Straßburg, unter gleichzeitiger Erleichterung und Pflege der Verbindungen und des Verkehrs zwischen Karlsruhe und dem Hagenauerland, Straßburg und Baden-Baden, Wildbad und Stuttgart, zwischen Kolmar und Freiburg, Mülhausen und dem südlichen Baden. Als mir im Sommer 1873 mein Hals wieder zu schaffen machte, suchte Kur in ich den Molkenkurort Heiden im Schweizer Kanton Appenzell-Außer- Reichenhall rhoden auf. Die Lage von Heiden ist reizend, der Blick auf das Schwäbische Meer, den Bodensee, herrlich. Aber ich langweilte mich dort so sehr, daß ich beschloß, nach dem bayrischen Bade Reichenhall überzusiedeln, wo ich, gleichfalls in prächtiger Umgebung, im Achselmannsteinbade Molken trank und Sole badete. Ich fand dort außer meinem Regimentskameraden Nimptsch und seiner Mutter und seinen liebenswürdigen Schwestern einen ALTE HERREN 287 ausgesuchten Kreis bejahrter preußischer Diplomaten. Bei den Festen der Spartaner sang der Chor der Alten: „Was ihr seid, das waren wir.“ Die Jungen antworteten: „Was ihr geworden seid, das wollen wir werden.“ Nun, wenn ich den Grafen Heinrich Redern, den Freiherrn Karl von Werther, den Grafen Guido von Usedom vor mir sah, so fühlte ich im Gegensatz zu den jungen Spartanern kein besonderes Verlangen, diesen Alten nachzueifern. Der Beste unter ihnen war der Baron Werther. Er war der höflichste, korrekteste, friedfertigste aller Menschen, und doch wollte sein Unstern, daß Krieg ausbrach, wo immer er als preußischer Gesandter gewirkt hatte. Er war Gesandter in Kopenhagen, als die Schleswig-Holsteinische Frage zum Kriege zwischen Preußen und Dänemark führte. Nach Wien gesandt, erlebte er dort den Ausbruch des Krieges von 1866. Als er von Wien nach Paris versetzt wurde, kam der Deutsch-Französische Krieg. Der „Kladderadatsch“ nannte Herrn von Werther deshalb den „Sturmvogel“. Jedenfalls war er ein Sturmvogel, der gar nichts Stürmisches an sich hatte. Er war in keiner Weise verbittert, räsonierte im Gegensatz zu Usedom auch nicht auf Bismarck, der Herrn von Werther einige Jahre später wieder anstellte und als Botschafter nach Konstantinopel sandte. Kaum war er dort angelangt, als der Russisch-Türkische Krieg ausbrach. Er war wirklich ein Sturmvogel. Dem Grafen Heinrich Redern, dessen ich bereits ausführlicher gedachte, durfte ich zuhören, wenn er in der Art des Nestor, der den hell umschienten Achaiern von den Heldentaten seiner Jugend erzählt, hier und da Erinnerungen aus seiner diplomatischen Laufbahn zum besten gab. Mit Vorhebe zitierte er einen Brief, den er um die Zeit des Krimkrieges aus Turin an den damaligen preußischen Minister des Äußern, Herrn von Manteuffel, gerichtet hatte. Der gute Heinrich Redern wünschte von seinem jungen Zuhörer bestätigt zu hören, mit welchem Adlerblick er vor anderen die politische Zukunft des Grafen Cavour vorausgesehen habe. Sein Brief an den Minister Manteuffel hatte etwa folgendermaßen gelautet: „Monsieur le Baron, j’ai l’honneur d’attirer l’attention ßclairee de votre Excellence sur le premier Ministre de Sa Majeste le roi de Sardaigne, le comte Camillo Benso di Cavour. Malgre ses idees an peu trop liberales, Monsieur de Cavour est un homme fort distinguö et qui merite la faveur dont il jouit auprös de son auguste maitre. Agreez avec l’assurance de ma plus haute consideration l’expression de mes sentiments respectueusement devouös.“ Die politischen Berichte der preußischen Diplomaten wurden bis zum Amtsantritt des Herrn Otto von Bismarck-Schönhausen in französischer Sprache abgefaßt. Usedom war mit einer Engländerin verheiratet, Miß Olympia Malcolm, der Tochter des Gouverneurs von Bombay, deren gewaltiger Leibesumfang 288 BISMARCK ERKUNDIGT SICH Attache im Auswärtigen Amt ihrem Vornamen Ehre machte und deren Originalität bisweilen in Taktlosigkeit ausartete. Als Usedom preußischer Gesandter in Florenz war, suchte sie in ein Gemach des Palazzo Pitti einzudringen, dessen Betreten untersagt war. Den ihr den Eingang verwehrenden italienischen Kammerherrn schob sie majestätisch mit den Worten beiseite: „Io sono la Prussia!“ Die Tochter aus dieser Ehe war ungewöhnlich groß. Man nannte sie allgemein die Usekathedrale. Sie soll, als ihre Eltern sich zeitweilig in München niedergelassen hatten, den Wunsch gehegt haben, König Ludwig II. zu heiraten. Es ist ihr aber nicht gelungen, die Misogynie des Königs zu besiegen. Während ich in Reichenhall weilte, erhielt ich einen Brief meines Vaters, in dem er mir mitteilte, daß Fürst Bismarck ihm den Posten des Staatssekretärs im Auswärtigen Amte angetragen habe. Er habe einige Zeit geschwankt, ob er annehmen solle oder nicht. Einerseits fühle er sich mit achtundfünfzig Jahren nicht mehr jung genug für einen neuen und so starke Anforderungen stellenden Posten. Andererseits gewähre es ihm doch große innere Befriedigung, am Abend seines Lebens, das er in dänischen Diensten begonnen habe, an der Seite des größten deutschen Staatsmannes dem durch diesen wiedererrichteten herrlichen Deutschen Reich zu dienen. Den letzten Ausschlag gebe der Appell, den Bismarck an die alte, in den verschiedensten Zeiten, Lagen und Stellungen bewährte Freundschaft gerichtet habe, die beide seit nun einem Vierteljahrhundert verbinde. Er habe sich infolgedessen entschlossen, die Berufung anzunehmen. Bald nachdem die Ernennung meines Vaters zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes erfolgt war, richtete der Kanzler an ihn die Frage, wie es seinen Söhnen ginge, an die er sich aus Frankfurt a. M. erinnere. Als mein Vater erwiderte, daß sein zweiter Sohn als Leutnant und Adjutant bei den 2. Garde-Dragonern stehe, der älteste, nachdem er den Krieg bei den Königshusaren mitgemacht habe, in Metz am Bezirkspräsidium arbeite, meinte Bismarck: „Wollten Sie nicht einen Diplomaten aus Ihrem ältesten Sohn machen?“ Mein Vater wies daraufhin, daß schon drei Bülows dem auswärtigen Dienst angehörten und vier Bülows ein bißchen zu viel seien. Bismarck entgegnete launig und gütig, daß er von der Sorte gar nicht genug bekommen könnte. So wurde ich als Attache in das Auswärtige Amt einberufen, an dessen Spitze ich vierundzwanzig Jahre später als Staatssekretär treten sollte. Am Tage meines Eintreffens in Berlin begegnete ich Unter den Linden dem damaligen Ersten Sekretär der Botschaft in London, dem Freiherrn von Brincken, dessen Bekanntschaft ich ein Jahr früher auf der Borussenkneipe in Bonn gemacht hatte. Der treffliche Mann, das Bild eines korrekten Diplomaten in mittleren Jahren, gab mir im Laufe unserer Unterhaltung RATSCHLÄGE DES VATERS 289 drei gute Ratschläge: 1. Mich baldmöglichst in das Kasino aufnehmen zu lassen. 2. Im Kasino und überhaupt in Berlin wenig zu reden und nie Fragen zu stellen. Fragen setze Mißdeutungen aus. 3. Fleißig in Gesellschaft zu gehen und viel zu tanzen, das mache beliebt. Ernster waren die Regeln, die mir mein guter und weiser Vater auf den Weg mitgab. Ich lasse sie folgen, denn wenn die Verhältnisse sich auch ändern, so bleibt doch der Mensch im Kern derselbe. Auch die diplomatischen Anfänger im besiegten, unglücklichen und wieder aufstrebenden Deutschland können aus diesen Winken mancherlei lernen: Strengste, peinlichste Wahrhaftigkeit in allem, was berichtet wird. Nur melden, was sicher ist. Nichts berichten, was sich später als unbegründet heraussteilen könnte. Nie flunkern. Kein Klatsch, kein Aufbauschen noch Übertreiben, keine zu lebhaften Farben. Ne pas forcer la note. Besondere Gewissenhaftigkeit, was Zahlen angeht. Point de fantaisie. Die Ereignisse nicht greller malen, als sie sich der nüchternen Beobachtung darstellen. Vorsicht im Urteil. Selten prophezeien, jedenfalls nicht in Berichten, allenfalls in Privatbriefen. Amtliche Propheten, Sterndeuter und Wahrsager, Haruspices und Auguren gibt es nicht mehr. Davon abgesehen: Tout arrive, on ne peut jurer de rien, tout change. Kompromittiere in deinen Berichten nicht andere. Es ist nicht anständig und nicht klug. Schreibe nicht ab irato. Fürst Bismarck pflegt zu sagen, Entrüstung und Ranküne seien keine diplomatischen Begriffe. Der Diplomat sei weder ein Bußprediger, noch ein Strafrichter, noch ein Philosoph. Es müsse ihm nur und ausscliließlich auf das wirkliche, nackte Interesse seines Landes ankommen. Vorsicht mit Telegrammen. Große Vorsicht mit dem Chiffre, der nicht gedankenlos in die Hand genommen werden darf. Kritisiere in Berichten nicht zu scharf. La critique est aisee et l’art est difficile. Außerdem kann jeder Bericht durchsickern. Ruhig und nüchtern sein. Ne prends rien au tragique, tout au serieux, wie Thiers zu sagen pflegt. Und vor allem: Take every thing cooly! Aber sei touj ours en vedette, nach allen Seiten aufpassen! Ruhe, Gleichgewicht, Selbstbeherrschung. Keep up your nerves, Sir! Sich weder von Sympathien noch Antipathien bestimmen lassen. Nicht heikle Wünsche fremder Regierungen nach Berlin melden. Überlasse es der fremden Regierung, solche Anliegen durch ihre eigenen Vertreter in Berlin Vorbringen zu lassen, wo sie eventuell leichter abzulehnen sind. Ohne Ermächtigung des Auswärtigen Amtes nichts unsere Regierung Kompromittierendes von sich geben. Remember: Benedettis Reinfall 19 Büluw IV 290 DIE GOLDENE REGEL mit seinen Kompensations- und Annexions-Vorschlägen gegenüber Bismarck. Klarer, knapper Stil, nicht zu breit, sachlich, aber nicht ledern. „Tous les genres sont bons hors le genre ennuyeux“, sagte Voltaire. Allzu oft vergißt es der Deutsche. Erste Pflicht des Diplomaten ist, sich nicht überraschen zu lassen. In der Politik herrscht steter Wechsel, alles fließt. Laß deiner Phantasie nicht die Zügel schießen. Mache nicht aus jeder Mücke einen Elefanten. Aber halte ungefähr alles für möglich, wenig für sicher. Vor allem emballiere dich nicht. Unseres Lebens schwer Geheimnis liegt zwischen Übereilung und Versäumnis. Die Hauptaufgabe des Diplomaten im Ausland bleibt stets, was Fürst Bismarck die Arbeit in Menschenfleisch nennt, d. h. die richtige Behandlung der Fremden, um greifbare, tatsächliche Erfolge zu erzielen. Also Fühlung mit den Kollegen halten, nicht als Loup-garou in seinen vier Wänden hocken. Aber sich auch nicht von den Kollegen anlügen oder aus- beuten lassen. Pas trop de zele ist, richtig verstanden, eine goldene Regel. XXI. KAPITEL Beschäftigung im Auswärtigen Amt (1873/74) • Graf Paul Hatzfeldt, seine Fingerzeige für Verhalten mit S. D. • Lothar Bücher • Wilhelmstraße 76 • Ahendempfünge im Bismarckschen Hause • Bismarckfeindliche Strömungen in der Berliner Gesellschaft Mangelnde Begabung des Deutschen für Politik N ach meiner Einberufung in das Auswärtige Amt ließ mich mein Vater zunächst je drei Wochen im Zentralbüro, im Chiffrierbüro, in der Geheimen Registratur und in der Legationskasse beschäftigen. „Wer“, sagte er zu mir, „ein Haus bewohnen will, tut gut, sich auch im Erdgeschoß umzusehen und Bekanntschaft mit den Fundamenten zu machen. Und dann sollst du in diesen Büros Respekt vor unseren ausgezeichneten Subalternbeamten bekommen.“ Später überwies mich mein Vater für je sechs Wochen dem Geheimen Legationsrat Reichardt in der Handelspolitischen und dem Geheimen Legationsrat Hellwig in der Rechts-Abteilung zur Ausbildung, zu recht gründlicher Ausbildung, wie mein Vater den Herren Geheimräten einschärfte. Meinen Wunsch, schon jetzt der Politischen Abteilung überwiesen zu werden, lehnte mein Vater a limine ab. Mit der großen Politik würde ich früh genug Bekanntschaft machen. Wer von dieser schweren Speise vorzeitig nasche, der verderbe sich leicht den Magen oder er werde zum Dilettanten. Und in der auswärtigen Politik bedeute ein Dilettant so viel wie einen Pfuscher, d. h. ein Mensch, der, weil er den Ernst der Kunst und ihre Schwierigkeiten unterschätze, die Dinge falsch auffasse, falsch anfasse und sie damit verderbe. Aber wenn auch noch nicht mit Problemen der großen Politik befaßt, trat ich doch schon im Winter 1873/74, also in sehr jungen Jahren, den beiden nach meinem Vater bedeutendsten Räten des Auswärtigen Amtes näher, dem damaligen Legationsrat Graf Paul Hatzfeldt und dem Geheimen Legationsrat Lothar Bücher. Graf Paul Hatzfeldt war ein Sohn des Grafen Edmund von Hatzfeldt- Weißweiler und der Gräfin Sophie von Hatzfeldt-Trachenberg, die mir, wie ich schon erzählt habe, in Leipzig mehr als einmal am Arm bald dieses, bald jenes sozialdemokratischen Freundes in Restaurants und auf der Promenade zwischen dem Grimmaischen und dem Haifischen Tor begegnet war. Einberufung Graf Paul Hatzfeldt 19 * 292 DER VERKEHR MIT S. D. Graf Paul Hatzfeldt kam mir mit Liebenswürdigkeit entgegen. Auch ihm verdanke ich manch nützlichen Wink, alle zugeschnitten auf „S. D.“ (Seine Durchlaucht), wie Bismarck im Auswärtigen Amt genannt wurde. Ich notierte mir diese Winke auf einem inzwischen vergilbten Blatt, das ich jetzt unter meinen Papieren fand und das ich wiedergebe, weil die darin erteilten Ratschläge für beide, für Otto Bismarck wie für Paul Hatzfeldt, bezeichnend sind. 1. Nie in einer Richtung zu weit gehen, sich jedenfalls nie emballieren, womöglich um Dreivierteltakt Zurückbleiben. S. D. ist ondoyant et divers. Er liebt nicht die Hunde, die so weit über das Ziel schießen, daß sie keine andere Fährte mehr aufnehmen können. 2. In Berichten nicht zuviel „ich“ setzen. S. D. merkt es von selbst, wenn man eine Sache gut gefingert hat. 3. Möglichst wenig bei S. D. anfragen. Besser schreiben oder telegraphieren, man werde so oder so handeln, wenn nicht Contreordre erfolge. 4. Am Schluß des Berichtes andeuten, daß man im übrigen seine eigene Appreziation der höheren Weisheit S. D. unterordne. 5. Alles geht ruhiger, als der junge Anfänger glaubt. Kleine Widerwärtigkeiten, unvermeidlicben Ärger mit der „Wurschtigkeit“ nehmen, die S. D. selbst empfiehlt. S. D. liebt nicht aufgeregte Leute, noch weniger Durchgänger. Ruhe, eine gewisse Pomadigkeit, ja Lässigkeit gefallen ihm. 6. Als jüngerer Mann im Verkehr mit S. D. nie vergessen, daß er ein strenger, bisweilen grimmiger Pater familias ist. Am besten kommt der Weltmann mit ihm aus, schlecht der „Kreisrichter“ und am allerschlechtesten der „Professor“. Graf Paul Hatzfeldt hatte seine ersten starken politischen Eindrücke im Verkehr mit dem langjährigen Liebhaber seiner Mutter, dem geistvollen Ferdinand Lassalle, erhalten. Es ist eigentümlich, daß ein anderer, auch sehr bedeutender Mitarbeiter von Bismarck, der Geheime Legationsrat Lothar Bücher Lothar Bücher, ein intimer Freund desselben Ferdinand Lassalle gewesen war. Bücher hatte sich 1848 als Mitglied der preußischen Nationalversammlung der radikalen Linken angeschlossen und mußte, da er die Opposition bis zur Steuerverweigerung trieb, 1849 nach dem Siege der Reaktion nach London fliehen, wo er mit Karl Marx und Mazzini, mit Friedrich Engels und Auguste Ledru-Rollin, dem Führer der französischen Sozialisten bei dem Pariser Juni-Aufstand von 1848, und manchen anderen Koryphäen der Revolution in regen Verkehr trat. Auch Lothar Bücher zeigte mir freundliches Entgegenkommen. Er sprach mir gern von der Zeit seines Londoner Exils. Er erklärte Karl Marx, den Verfasser des „Kommunistischen Manifestes“, nicht allein für einen scharfen und tiefen Denker, sondern EIN BEQUEMER CHEF 293 auch für einen kreuzbraven Mann, für den besten Gatten und Vater, der ihm vorgekommen sei. Auch Giuseppe Mazzini bezeichnete er mir als einen ungewöhnlich edlen Menschen. „Er konnte keiner Fliege etwas zuleide tun“, meinte er. Als ich auf die verschiedenen Attentate hindeutete, die Mazzini organisiert hatte, erwiderte Bücher: „Da berühren Sie ein Problem, das gründlich zu erörtern allzuviel Zeit erfordern würde, nämlich, wie sich Politik und Moral zueinander verhalten. Es ist unbestreitbar, daß Robespierre nicht nur in Worten, sondern tatsächlich un homme ver- tueux war, daß viele der sogenannten Terroristen gute, ja weiche und sentimentale Menschen gewesen sind.“ Lothar Bücher hatte etwas Bescheidenes, Stilles, fast Schüchternes. Seine Beziehungen zu Frauen sollen immer platonisch gewesen sein. Noch als älterer Mann huldigte er auf zarte Weise einigen Geheimratswitwen, denen er ab und zu Veilchensträuße überbrachte. Im Gegensatz zu Lothar Bücher machte Paul Hatzfeldt in keiner Weise einen gedrückten Eindruck. Sein Aplomb war jeder Situation und jeder Schwierigkeit gewachsen. Er konnte mit Talleyrand von sich sagen: „Avec le sourire sur les levres et un front d’airain on passe partout.“ Mit Talleyrand hatte er auch das gemeinsam, daß er amoralisch war, nicht etwa antimoralisch. Talleyrand wird von allen, die ihn näher kannten, als liebenswürdig, gutmütig und nachsichtig geschildert, für sich wie für andere. Paul Hatzfeldt war seinen Untergebenen ein sehr wohlwollender, bequemer Chef und im Verkehr nie launisch, nie ungeduldig, geschweige denn aggressiv. Aber die bürgerlichen Moralbegriffe erschienen diesen beiden eminenten Diplomaten mehr als konventionelle Formen denn als Gebote eines kategorischen Imperativs im Kantischen Sinne. In religiöser Beziehung begnügten sie sich mit der gelegentlichen Erfüllung der äußeren Formen der katholischen Kirche, der sie angehörten. Als Talleyrand einmal gefragt wurde, wie er einen als lasterhaft bekannten Menschen in seiner Umgebung dulden könne, erwiderte er mit einem charmanten Lächeln: „C’est precise- ment parce qu’il est si vicieux qu’il m’est sympathique.“ Das hätte Paul Hatzfeldt, wenn auch nicht sagen, so doch denken können. Ich stelle ausdrücklich fest, daß Perversitäten, wie sie ein Menschenalter später die Berliner Atmosphäre vergifteten, ihm ganz fern lagen. Lothar Bücher ging nie zu Hofe, da Kaiser Wilhelm erklärt hatte, einen früheren Revolutionär, Steuerverweigerer und Flüchtling nicht empfangen zu können. Der sonst so gütige alte Herr hat nie einen Vortrag von Lothar Bücher entgegengenommen. Vor der Kaiserin Augusta durfte der Name Bücher überhaupt nicht genannt werden. Paul Hatzfeldt dagegen stand bei Ihrer Majestät in hoher Gnade, und auch Seine Majestät behandelte ihn, wenn nicht gerade mit innerer Sympathie, so doch mit großer Courtoisie. 294 BÜCHER UND DER FÜRST Ala Fürst Bismarck stürzte, wandte sich Paul Hatzfeldt von dem Gefallenen ab, nicht mit geschmackloser Eile, noch mit Übertreibung, aber allmählich und kühl, obwohl Bismarck ihn einige Jahre vor seinem Sturz als das beste Pferd in seinem Stall bezeichnet hatte und ihn dienstlich immer bevorzugte. Lothar Bücher hatte nicht lange vor der Entlassung des Fürsten Bismarck seinen Abschied als Vortragender Rat im Auswärtigen Amt genommen, da sein Feind Holstein den von ihm damals ganz beherrschten Staatssekretär Graf Herbert Bismarck gegen Bücher aufgehetzt hatte und dieser sich von einem so viel jüngeren Vorgesetzten wie Herbert Bismarck nicht schlecht behandeln lassen mochte. Als Bismarck sich als entamteter und verfemter Kanzler nach Friedrichsruh zurückgezogen hatte, stellte sich ihm Lothar Bücher freiwillig zur Verfügung und hat bekanntlich seinem großen Chef bei der Abfassung der „Gedanken und Erinnerungen“ zur Seite gestanden. Für künftige Diplomaten füge ich endlich eine Lehre bei, die mir Bücher für die diplomatische Berichterstattung gab: „Der richtige Maßstab für Beurteilung und Berichterstattung bleibt immer derselbe. Facts, Sir, facts. Die konkrete Äußerung irgendeines leading man, Diplomaten, Deputierten oder Finanziers über einen bestimmten Punkt wiegt mehr als ein noch so hervorragender Situationsbericht. Unterdrücken Sie nicht aus Bescheidenheit Ihr eigenes Urteil. Lassen Sie es am Schlüsse durchblicken.“ Das Haus, in dem ich in Berlin arbeitete, Wilhelmstraße 76, war durch Wilhelm- mancherlei Erinnerungen mit meinen Vorfahren verknüpft. Dänischer Ge- straße 76 sandter in Berlin war 1818 Graf Christian Günther Bernstorff, der mit einer Tante meines Vaters, der Gräfin Elise Dernath, vermählt war und von 1818 bis 1832 preußischer Minister des Äußern gewesen ist. Er vertrat als solcher Preußen bei den Kongressen von Aachen, Verona, Karlsbad, Troppau und Laibach während der Glanzzeit der Heiligen Allianz und des Fürsten Clemens Metternich. Sein Übertritt aus dem dänischen in den preußischen Dienst war charakteristisch für die ganz alte Zeit. Sein ruhiges Wesen, sein sicheres Auftreten, sein großer Takt waren dem König Friedrich Wilhelm III. von Preußen angenehm aufgefallen. Eines Tages ließ er den dänischen Gesandten zu sich bitten und frug ihn, ob er die Leitung des preußischen Departements für die Auswärtigen Angelegenheiten unter dem allmählich älter und unterstützungsbedürftig werdenden Staatskanzler Fürst Hardenberg übernehmen wolle. Graf Bernstorff dankte für diesen Beweis gnädigen Vertrauens, wies aber darauf hin, daß er in dänischen Diensten stehe. Lächelnd zog Friedrich Wilhelm III. einen Brief des Königs Friedrich VI. von Dänemark aus der Tasche, in dem ihm dieser schrieb: Seinem teuren Bruder und Freund, dem König von Preußen, seinen vortrefflichen BISMARCKS RÄUME 295 Gesandten in Berlin, den Grafen Cliristian Günther von BemstorfF, abtreten zu können, gereiche ihm zu wahrer Genugtuung und lebhafter Freude, es sei dies gleich schmeichelhaft für Bernstorff wie für die dänische Krone und Dänemark. Graf Bernstorff trat darauf in preußische Dienste. Wenige Tage später teilte er seiner Gattin die in seinem und ihrem Leben eingetretene Veränderung mit und fügte hinzu, daß er sich schon völlig in seinen neuen Wirkungskreis eingelebt habe. „Du glaubst nicht“, schrieb er ihr, „wie wunderlich ich mir selbst vorkomme, wenn ich schon preußischen Sekretären über preußische Angelegenheiten diktiere, als sei es immer so gewesen.“ Seine Frau aber war über diese Wendung der Dinge weniger erfreut. Es schmerzte sie besonders, sich von dem Bernstorffschen Palais in Kopenhagen trennen zu müssen, das bekanntlich später die Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie wurde. König Christian IX. hat dort oft den Besuch seines Schwiegersohns, des Kaisers Alexander III. von Rußland, empfangen, Besuche, die Bismarck mit Argwohn sah, weil er wußte, daß die Königin Luise von Dänemark, obwohl eine deutsche Prinzessin, eine Prinzessin von Hessen, antipreußisch gesinnt war und in diesem Sinne auf ihren Schwiegersohn von Rußland einzuwirken trachtete. Um den Wohnungssorgen der Gräfin Bernstorff abzuhelfen, gab Friedrich Wilhelm III., sonst sehr sparsam, Weisung, das damals der Witwe des russischen Gesandten Alopäus gehörige langgestreckte Gebäude Wilhelmstraße 76 als Dienstwohnung für den Grafen Christian Bernstorff zu erwerben. Der König nannte hierbei dieses Haus das schönste Haus Berlins. Der Kaufpreis betrug achtzigtausend Taler in Gold, eine für damalige Zeiten nicht unbeträchtliche Summe. Kein Deutscher sollte an diesem Haus vorübergehen, ohne im Geist in Ehrfurcht den Hut zu ziehen, denn hier hat Fürst Bismarck in seiner größten Zeit seines Amtes gewaltet. Sein Arbeitszimmer lag im Oberstock. Es sind die beiden Fenster, die als drittes und viertes von rechts gezählt neben dem Mittelrisalit liegen. Im Speisesaal neben dem Arbeitszimmer war es, wo Bismarck am 13. Juli 1870 jene Emser Depesche empfing, die er zur Fanfare umstilisierte. Im gelben Zimmer tagte unter Bismarck der Ministerrat. Im Arbeitszimmer stand der kleine Mahagonitisch, auf dem er am 26. Februar 1871 den Präliminarfrieden von Versailles unterschrieben hatte. Die Tapete des Arbeitszimmers zeigte goldene Kreuzchen auf grauem Grund, der Teppich helle rote, blaue und grüne Blümchen auf dunkelrotem Grund. Die Wände, mit braunen Streifen in schmalen Goldleisten, waren hübsch eingeteilt. Ganz einfach war dahinter das einfenstrige Schlafzimmer, an das ein Kleiderzimmer stieß. Weiter folgten nach hinten zu ein zweites Schlafzimmer, ein paar Kabinette und zwei Salons, die zusammen mit dem ovalen Saal Bismarck in seiner größten Zeit für seine Repräsentationszwecke genügten. Der ovale 296 DIE SPHINXE Saal hatte eine kastenförmig abgeteilte Decke im italienischen Geschmack und dunkelgelbe Wände. Auf den Wänden waren Tänzerinnen dargestellt. Die Sage ging, daß sie eine Anspielung auf die berühmte und vielgefeierte Tänzerin Barberina seien, die, nachdem sie mit ihrer Schönheit und ihrer Kunst das Berlin des achtzehnten Jahrhunderts bezaubert hatte, den Sohn eines großen Juristen, des Präsidenten von Cocceji, heiratete, der 1750 für sie das Haus kaufte, dem einmal Bismarck seinen welthistorischen Stempel aufdrücken sollte. Auch der Name Bismarck war schon einmal mit diesem Haus in Verbindung gekommen. Die Barberina, mit ihrem Mädchennamen Barbara Campanini, verkaufte nach dem Ableben ihres Gemahls das ihr von ihm geschenkte Haus an den Kriegsminister von Eickstedt. Nach dessen Tode übernahm es seine Tochter, die Frau Staatsminister von Decken, verwitwete Schloßhauptmann von Bismarck. Die beiden Sphinxe, die den Eingang der Treppe des historischen Hauses bewachen, stammen aus der Zeit des russischen Gesandten Alopäus, also aus dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, und sind ein Werk des Bildhauers Pfeffer. Mein Vater erzählte mir gelegentlich, daß er in demselben Zimmer arbeite, das ein halbes Jahrhundert früher seinem Onkel Bernstorff als Büro gedient habe. Er wies dabei auf den Porzellanofen der Stube hin, mit vier preußischen Adlern an den Ecken. Denselben Ofen habe er schon bei seinem Besuch vor sich gesehen, den er als Student seinem Oheim gemacht hatte. Mein Vater lobte die altpreußische Sparsamkeit und Einfachheit. Er zitierte gern die Antwort, die das Orakel von Delphi einer um die Zukunft ihrer Stadt besorgten lazedämonischen Deputation gegeben hatte: „Reichtum, wahrlich, allein, sonst nichts kann Sparta verderben.“ Graf Christian Günther Bernstorff war nach seinem 1835 erfolgten Tode auf dem kleinen Friedhof beigesetzt worden, der vor dem Potsdamer Bahnhof lag, der vor einigen Jahren aufgelassen wurde und dessen sich ältere Berliner wohl noch erinnern. Wenn ich in meiner Amtszeit von Berlin nach Potsdam fuhr, erblickte ich den Friedhof, bevor ich den Zug bestieg. Wenn ich einem schwierigen oder unerquicklichen Vortrag bei Wilhelm II. entgegenging, so dachte ich an meinen Großoheim, der auch seine „Diffi- kultäten“ und Nöte gehabt hatte und doch jetzt friedlich und ruhig unter dem grünen Rasen schlummerte, unbekümmert um den Lärm des Potsdamer Platzes. „Nach neun Uhr ist alles aus“, so hatte Bismarck in seiner Fankfurter Zeit an seine Frau geschrieben. Die verwitwete Gräfin Elise Bernstorff, meine Großtante, hat Memoiren hinterlassen, die über die Zeit von 1789 bis 1835 manches Interessante enthalten*. * Gräfin Elise von Bernstorff, geborene Gräfin von Demath. Zweite Auflage. Berlin 1896. E. S. Mittler und Sohn. EIN GROSSER 297 An den beiden Sphinxen von Pfeifer ging ich vorüber, wenn ich als Attache des Auswärtigen Amts abends den Salon der Fürstin Bismarck In Bismarcks besuchte. Der Fürst und die Fürstin hatten mir durch meinen Vater sagen Salon lassen, sie würden sich freuen, wenn ich abends zu ihnen käme. Die Gäste pflegten um zehn Uhr zu kommen, wo sie die Fürstin an einem großen runden Tisch erwartete, auf dem alle möglichen kalten Speisen und „Delikatessen“ standen: jede Art von Wurst, Sardinen, Anchovis, Matjesheringe und Bücklinge, im Winter auch Kaviar, meist Liebesgabe aus Petersburg, Lachs, Italienischer Salat, harte Eier, jede Art von Käse, vom Holländer bis zum Harzer Käse, und ungezählte Flaschen Bier, echte, schwere bayrische Biere. Doktor Ernst Schweninger hatte dem Fürsten noch nicht seine Diät aufgezwungen und ihn noch nicht genötigt, abends 6tatt Bier Milch zu trinken, die Bismarck in späteren Jahren zu sich nahm, freilich auch in enormen Quantitäten. „Alles an dem Mann ist riesig“, sagte mir einmal ein witziger liberaler Abgeordneter, „sogar sein Appetit.“ Der Fürst erschien selten vor elf Uhr. Als der Philosoph Hegel am Tage nach der Schlacht von Jena Napoleon über den Marktplatz der kleinen Universitätsstadt reiten sah, äußerte er: „Ich habe die Weltseele auf einem Schimmel erblickt.“ Ich habe Bismarck nie in das Zimmer treten sehen, ohne die Empfindung, daß ich einen Großen, einen ganz Großen vor mir sähe, den größten Menschen, den ich erblickt hätte und je erblicken würde. Er wirkte um so imponierender, als er in keiner Weise posierte, einfach und natürlich war. Das fiel mir gerade in Berlin auf, wo Geheimräte und Volksvertreter, so viele, die es zu einer gewissen Stellung gebracht haben, gern feierliche Würde zur Schau tragen. Charakteristisch für den Fürsten war seine ungemeine Höflichkeit gegenüber allen seinen Gästen. Auch den jüngsten begrüßte er mit einem freundlichen Händedruck, gewöhnlich begleitet von einem liebenswürdigen, oft scherzhaften Wort. Damen küßte er fast immer die Hand. In späteren Jahren, wo er wegen seiner Ischias viel auf der Chaiselongue liegen sollte, entschuldigte er sich bei jeder Dame, daß er sie in dieser Stellung begrüßen müsse. Es lag in der Natur der Dinge, daß der Fürst, wenn er gekommen war, die Unterhaltung beherrschte. Er sprach über alles, nie dozierend, oft humoristisch, stets geistvoll und originell. Er machte immer einen überlegenen, nie einen eitlen Eindruck. Er sprach langsam, beinahe stockend, mit leiser und feiner Stimme. Wenn er eine Pause im Sprechen machte, pflegten auch die Gäste zu schweigen, um sein Nachdenken nicht zu stören. Ich erinnere mich eines Abends, wo ein unter den Gästen anwesender Prinz Heinrich IX. Reuß nach einer schon einige Minuten dauernden Stille ex abrupto und laut an den Fürsten die Frage richtete: „Wie denken Euer 298 DER BESTGEHASSTE MANN Durchlaucht eigentlich über unser gegenwärtiges Verhältnis zu Rußland?“ Der Gute frug das in einem Augenblick, wo von einer Trübung unserer Beziehungen zu Rußland gesprochen wurde. Bismarck sah den Frager mit seinen großen Augen an. Dann: „In meiner langen Dienstzeit ist selten eine soun—un—“ Wir alle erwarteten:ungehörige,unerwünschte,unverschämte Frage an mich gerichtet worden. Der Fürst aber schloß den Satz, sich höflich gegen den Prinzen Reuß verbeugend, mit den Worten: „... eine so unerwartete Frage an mich gerichtet worden.“ Wenn mein Vater zugegen war, unterhielt Bismarck sich gern mit ihm Bismarck über Erinnerungen aus der Frankfurter Bundestagszeit, bisweilen auch über und Rußland schwebende Fragen der großen auswärtigen Politik. Ich entsinne mich genau, daß der Fürst schon damals als das schwierigste, aber auch wichtigste Problem unserer auswärtigen Politik die richtige Behandlung des russischösterreichischen Gegensatzes bezeichnete. Unser Verhältnis zu Rußland beschäftigte Bismarck unablässig. Am 4. September 1872 hatte in Berlin die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm, Kaiser Alexander II. und Kaiser Franz Josef stattgefunden. Der Augenblick, in dem unser ehrwürdiger Kaiser den beiden anderen Monarchen seine siegreichen Truppen vorführte, war einer der Höhepunkte der preußischen und deutschen Geschichte. Bismarck hätte weder 1866 noch 1870/71* ohne wohlwollende russiche Neutralität seine Politik durchführen können. Aber andererseits lag es auf der Hand, daß völlige Preisgabe der habsburgischen Monarchie an Rußland uns in eine sehr prekäre Lage bringen würde. Weder Österreich-Ungarn zu opfern, noch uns durch Österreich-Ungarn in einen Krieg mit Rußland verwickeln zu lassen erschien Bismarck als eine gewiß nicht leichte, aber für eine ruhige und geschickte deutsche Hand lösbare Aufgabe, namentlich wenn wir nicht so dumm wären, den Russen gerade an den Dardanellen entgegenzutreten, statt das anderen zu überlassen. Es wäre übrigens ein Irrtum, zu glauben, daß die Verdienste des in der Seine Vollkraft der Jahre und im Zenit des Ruhms stehenden Bismarck um Widersacher Preußen und Deutschland, seine überragende menschliche Größe damals allgemein gewürdigt worden seien. Im Parlament und in der Presse wurde er von vielen Seiten auf das bitterste, zum Teil auf das unwürdigste angegriffen. Unter seinen Gegnern standen wissenschaftliche Zelebritäten, wie Theodor Mommsen und Rudolph Virchow, in vorderster Reihe. Jeder wußte, daß den beiden ersten Frauen im Lande, der Kaiserin Augusta und der Kronprinzessin Viktoria, der Reichskanzler nicht viel sympathischer war als den Vorkämpfern der drei im Reichstag gegen ihn verbündeten Parteien, den Herren Richter (Freisinn), Windthorst (Zentrum) und Grillenberger (Sozialdemokratie). Wirklich und herzlich wohlgesinnt am preußischen Hofe war Bismarck außer seinem alten Herrn eigentlich nur DAS STAUNEN 299 die gute Prinzessin Karl von Preußen, die ältere Schwester der Kaiserin Augusta. Als sie im Januar 1877 ihr Ende herannahen fühlte, legte sie die Abzeichen ihres Regiments, des Westfälischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 7, an. Dann ließ sie Bismarck zu sich bitten und dankte ihm in einfachen, rührenden Worten für alles, was er für das Königliche Haus, für Preußen und für Deutschland getan habe. Dann starb sie am 18. Januar, am preußischen Krönungstag. In der sogenannten Gesellschaft wurde im Winter 1873/74 maßlos über Bismarck räsoniert. Wenige Tage nach meinem damaligen Eintreffen in Berlin aß ich bei dem französischen Botschafter, dem Vicomte de Gontaut* Biron. Neben mir saß der Rittmeister im Garde-Kürassier-Regiment Graf Konrad Lüttichau, ein prächtiger Typus des echten Gardeoffiziers der alten Zeit: stramm im Dienst, vornehm in Haltung und Gesinnung, dabei ein guter Kerl. Als wir beim Braten angelangt waren, sagte er zu mir: „Ich denke, wir werden gute Freunde werden. Gardekürassiere und Königshusaren gehören zusammen. Nur über eins müssen Sie sich klar sein: Wir alle in der guten Gesellschaft können Bismarck nicht leiden.“ Den Grund zu dieser Stimmung hatte der Kulturkampf gelegt, der bald zu dem Bruch zwischen dem leitenden Staatsmann und den altpreußischen Konservativen führte. Verschärft wurde später die Unzufriedenheit mit Bismarck durch dessen schonungsloses Vorgehen gegen den Botschafter in Paris, den Grafen Harry Arnim, mit dem er die höfische, diplomatische und gesellschaftliche Fronde treffen und einschüchtern wollte. Wenn Bismarck in seinen Salon eingetreten war, so erfaßte mich jener heilige Schauer, der den für Großes empfänglichen, Größe begreifenden Bismarck und Menschen erfaßt, wo die Kritik aufhört und das Staunen (ro d-avfia) der Reichstag beginnt. Wenn Bismarck sich zurückgezogen hatte und ich wieder, vorbei an den beiden Sphinxen, das Haus Wilhelmstraße 76 verließ, so stieg schon in meinen jungen Jahren die Sorge in mir auf, was ohne Bismarck aus dem deutschen Volke werden würde. Ich brauchte nur die Reichstagsverhandlungen zu verfolgen, die Zeitungen aller Parteien zu lesen, die politische Unterhaltung in den von mir besuchten Häusern anzuhören, um mir klarzuwerden, daß die Vorsehung, die den Deutschen mit so vielen reichen Gaben und edlen Tugenden zierte, ihn leider als Zcöov äjioXiTLxov schuf. Mir schwante, daß uns Deutschen vielleicht gerade wegen unserer Sachlichkeit, Gründlichkeit und Stetigkeit für das unruhige, unstete und sprunghafte Gewerbe der Politik viele Voraussetzungen fehlten. Der Deutsche ist sachlich. „Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun“, hat Richard Wagner gesagt und damit den innersten Kern des deutschen Wesens getroffen. Der erfolgreiche Politiker aber ist selten sachlich, meist opportunistisch und kennt nur das Interesse seines Landes. 300 DEUTSCHER DOKTRINARISMUS Der Engländer sagt: „Right or wrong my country.“ Er ist von der naiven, aber urwüchsigen und felsenfesten Überzeugung durchdrungen, daß das, was für England nützlich ist, für die ganze Welt gut sei und daß englische Herrschaft überall menschliche Gesittung fördere. Für den Franzosen ist Frankreich der Punkt, um den sich alle seine Gedanken und Anschauungen drehen. Für den klerikalen Franzosen ist Frankreich la fille ainee de FEglise, der die anderen Völker zu huldigen haben. Für den radikal orientierten Franzosen ist Frankreich la mere de la Revolution und deshalb im Interesse der Verbreitung demokratischer und republikanischer Ideen berufen, die Welt und jedenfalls Europa zu leiten und zu beherrschen. Seine Anschauungen, Gefühle und Traditionen führen den Franzosen immer wieder zu der Überzeugung, daß die Preponderance legitime de la France für die Welt die Voraussetzung wahrer Zivilisation und wirklichen, dauernden Wohlbefindens sei. Der Italiener hat auch in den Zeiten der Zerrissenheit, Schwäche und Ohnmacht der Halbinsel an dem Primato des italienischen Genius festgehalten. Die Fremden galten ihm als „Barbaren“, aus innerster Seele rief er sein „Fuori stranieri!“ und schulle seine Geisteskräfte an seinem feurigsten Patrioten und gleichzeitig schärfsten Denker, an Nicola Macchiavclli. Der Deutsche neigt im Innern nicht zur Sammlung und Konzentration, sondern zu Spaltung, Föderalismus, Partikularismus und selbst Separatismus. Nach außen gefallen wir uns in Träumen von dem endlichen Sieg des Guten über das Böse, von Völkerverbrüderung und ewigem Frieden, die, wie die Geschichte leider lehrt, an der Realität der Dinge und dem unveränderlichen Egoismus der Menschen immer wieder zuschanden werden. Da uns der massive Nationalstolz abgeht, laufen wir immer wieder Gefahr, Deutschland zum Aschenbrödel der Völkerfamilie werden zu lassen, wenn nur jeder Deutsche seine verschwommenen Doktrinen in die Praxis umsetzen, vor allem aber seine speziellen Partei-Interessen fördern kann. Ein böses spanisches Sprichwort lautet: „Ein Spanier gleich einem Caballero, ein Engländer gleich zwei Handelsleuten, ein Portugiese gleich vier Gaunern, ein Deutscher gleich acht Bedienten.“ Vielen Deutschen ist die Bedientenrolle, die unser von Hause aus so tüchtiges, in großen Momenten heroisches Volk in manchen Zeiten seiner überwiegend tragischen Geschichte gespielt hat, nicht einmal klargeworden. Als ich am 11. Dezember 1899 im Reichstag davon sprach*, daß es Zeiten gegeben habe, wo trotz unserer Bildung und trotz unserer Kultur die Fremden auf uns herabsahen wie der hochnäsige Kavalier auf den bescheidenen Hauslehrer, wurde ich von der Mehrheit unserer biederen Volksvertreter gar nicht verstanden. * Fürst Bülow’s Reden, Große Ausgabe I, S. 96; Kleine Ausgabe I, S. 107. DIE KÖNIGLICHE RESIDENZSTADT 301 Als ich 1863 zum erstenmal nach Berlin gekommen war, zählte die Stadt kaum vierhunderttausend Einwohner. Noch stand der alte Dom, Berlin 1863 noch standen die Häuser an der Schloßfreiheit. Auf dem Dönhoffplatz stand noch der Meilenstein, dagegen weder Stein noch Hardenberg. Auf dem Enckeplatz stand die Sternwarte. Der biedere Encke hatte einen Kometen entdeckt, den Enckeschen Kometen. Auf dem Lützow- platz standen noch Buden. Außer den Linden gab es noch manche andere Straße mit grünen Bäumen. Es gab aber auch Straßen mit offenen Rinnsteinen. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren selbst elegante Straßen, wie die Behrenstraße und die Französische Straße, von offenen Rinnsteinen durchzogen. Die Kanalufer waren noch mit Rasen bewachsen. Am Mühlendamm feilschten und schrien noch echte polnische Juden. Am Kreuzberg dehnte sich eine Sandwüste aus. Auf dem Tempelhofer Feld weideten Schafe unter der Obhut eines nachdenklichen Schäfers, der Strümpfe strickte. Viele Drachen stiegen dort in die Lüfte. Der Berliner war noch stolz auf sein Aquarium, auf sein Panoptikum, auf das Cafe Bauer, auf die Konditorei Kranzier, wo elegante Gardeoffiziere ihre langen Beine vor sich ausstreckten und mit dem Monokel die vorübergehenden Damen beifällig musterten. Ich hatte damals das Berliner Pflaster recht schlecht gefunden, die Droschken noch schlechter. Die langen Straßen erschienen mir, verglichen mit dem Hamburger Neuen Wall und der Frankfurter Zeil, menschenleer, fast öde. Am meisten gefielen mir kaum vierzehnjährigem Knaben die kleinen Buden am Prinzessinnenpalais, wo alle möglichen Waren feilgeboten wurden. Als mein Vater dort eine Kleinigkeit erwarb, erzählte uns die Verkäuferin, daß der alte König W ilhelm in der W eihnachtszeit bei ihr bescheidene Geschenke für seine Familie und seine Umgebung zu kaufen pflegte. Als sie ihm einmal einen etwas kostspieligeren Artikel vorgelegt hatte, habe er diesen Vorschlag abgelehnt und ihr scherzend mit dem Finger gedroht: „Sie sind die Schlange der Verführung.“ Die loyal gesinnte Ladenmamsell meinte dazu: „Unser König ist der beste, gütigste Mensch von der Welt, und doch wird so auf ihn geschimpft.“ Als ich im März 1866 nach meiner Konfirmation einige Tage mit meinen Eltern in Berlin weilte, wurde vor uns in der Konditorei Josty am Potsdamer Platz von demokratisch gerichteten Besuchern höhnisch erzählt, man habe am Tage vorher an das Denkmal Friedrichs des Großen einen Zettel geklebt mit den Worten: Ach, alter Fritze, steig hernieder, Und sei du unser König wieder, Und laß in diesen schweren Zeiten Nur lieber unsem Wilhelm reiten. 302 DER ALTE KAISER Im Winter 1873/74, als ich im Auswärtigen Amt arbeitete, trug Berlin Berlin 1873 bereits ein großstädtisches Gepräge, sein Straßenbild war lebendiger, sein Verkehr stärker geworden. Schon drängte sich mittags, wenn die Wacht- parade aufzog, die Menge um das Palais des alten Kaisers, um ihm zuzujubeln, wenn er, immer freundlich grüßend, an dem nunmehr historisch gewordenen Eckfenster zur bestimmten Stunde erschien. Auch in der Oper konnte man ihn erblicken, wenn er in einer kleinen Seitenloge still und andächtig Wachtel und der Lucca lauschte. In meinem Leben haben mir, wie schon gesagt, nicht viele Menschen imponiert, wenige haben mir den Eindruck wahrer Größe gemacht. Ehrfurcht habe ich, der ich, obwohl begeisterungsfähig, doch von Jugend auf zu einer gewissen Skepsis neigte, ganz selten empfunden. Für keinen Sterblichen eine so tiefe und aufrichtige Ehrfurcht wie für unseren alten Kaiser und König Wilhelm I. Und diese Ehrfurcht galt nicht nur dem Monarchen, sie galt nicht allein dem König von Preußen, dem auf dem Schlachtfeld von Königgrätz sein gleich dem Vater siegreicher Sohn die Hand geküßt, sie galt nicht nur dem greisen Kaiser, der Jena und Sedan erlebt hatte. Sie galt dem Mann, der wie kein zweiter die höchsten Regententugenden besaß: Pflichtgefühl und Gewissenhaftigkeit, Charakterfestigkeit und unbeugsamen Mut, ohne Prahlerei noch Renommieren, echte Frömmigkeit ohne Schaustellung noch Mystizismus. Sie galt dem Soldaten, der Soldat war vom Scheitel bis zur Sohle, bis in die Fingerspitzen innerlich straff. Sie galt dem Menschen, der vornehm und schlicht war, fleißig, treu bis in die innerste Faser, nie formlos, aber auch nie geziert. Er war lange nicht so geistreich wie sein älterer Bruder, König Friedrich Wilhelm IV., aber er besaß jenen gesunden, hausbackenen Menschenverstand, von dem ein Franzose gesagt hat: „Le genie et le bon sens sont freres, l’esprit n’est cpi’un collateral.“ Er war kein Genie, aber er hatte alle jene Eigenschaften, die den erfolgreichen Regenten ausmachen. Er war eine harmonische und ausgeglichene Persönlichkeit und deshalb ein gerechter, gütiger und milder Herrscher. Er hatte einen sehr klaren Blick für das Richtige. Er wußte vor allem die rechten Leute zu finden und auf jeden Posten den rechten Mann zu stellen. Für einen Regenten gibt es kaum eine wichtigere Eigenschaft. Der Grundzug seines Wesens, seine Qualitö mai- tresse, um mit Taine zu reden, war Treue, Treue gegen andere, Treue gegen sich selbst, Treue in seinem Amte. Da er seinen Dienern immer die Treue hielt, so standen sie auch in unerschütterlicher Treue zu ihm. Es hat selten einen Mann gegeben, der so viel, so unablässig an sich selbst arbeitete. Er lernte vor allem durch das Leben, aus jeder Erfahrung, mochte sie gut oder bitter sein, und das bis in sein hohes Alter. Mit Solon konnte er von sich sagen: yrjQdöxoJ asl xoXlä öiöaöxoftsrog („Stets und vieles zulernend, altere ich“). Es hat auch selten einen Mann von solcher Selbstbeherrschung und EIN IDEALER MONARCH 303 solcher Selbstzucht gegeben. Aus dieser Selbstzucht erwuchs seine zarte Rücksichtnahme gegen andere, auch gegen die Kleinen, seine Güte, seine Geduld. Er war innerlich rührend bescheiden. Als ihm einmal mein Vater, dem nach seiner ganzen Art Komplimente fernlagen, seine aufrichtige Bewunderung für diese Bescheidenheit aussprach, meinte der damals schon achtzigjährige Kaiser: „Wie sollte ich nicht bescheiden sein, wo doch im Jenseits mein Leibjäger vielleicht einen besseren Platz bekommt als ich, wenn er mehr taugt und seine Pflicht besser erfüllt.“ Wilhelm I. war ein gütiger, gerechter, feinfühliger und treuer Mensch, und darum war er ein idealer Monarch. Das höchste Lob, das ihm gespendet werden konnte, war, daß sein genialer Kanzler auf seine Gruft in Friedrichsruh nur die Worte setzen ließ: „Ein treuer deutscher Diener Kaiser Wilhelms I.“ Wenn ich ihn an seinem Eckfenster stehen sah, dachte ich daran, daß an dasselbe Palais, wo ihm jetzt das Volk zujubelte, im Unglücksjahr 1848 freche Hände das Wort „Nationaleigentum“ angeschmiert hatten und daß weder jene Unverschämtheiten noch diese Huldigungen sein inneres Gleichgewicht zu erschüttern vermochten. Nie wird es gelingen, sein edles Bild aus den Herzen des deutschen Volkes zu reißen, das nur dann die von ihm seit dem Zusammenbruch 1918 und dem daraus hervorgegangenen Umsturz erlittene Not und Schmach verdienen würde, wenn es seines alten Kaisers vergäße. Als ich Wilhelm I. bei der Defiliercour zum erstenmal vorgestellt ■wurde, als Attache des Auswärtigen Amts, sagte er mir mit einem freundlichen Blick auf meine Königshusaren-Uniform: „Ihr früherer Kommandeur, der General von Loe, hat mir Gutes von Ihnen erzählt. Hoffentlich machen Sie Ihre Sache als Diplomat auch gut. Dazu brauchen Sie ja nur dem Vorbild Ihres trefflichen Herrn Vaters zu folgen.“ XXII. KAPITEL Berliner Salons Berliner Geselligkeit im Winter 1873/74 • Die Salons: Gräfin Perponcher, Frau vonPrill- witz, Mimi Schleinitz, Gräfin Luise Benkendorf, Cornelia Richter-Meyerbeer • Oberstkämmerer Graf Wilhelm Redern • Diplomatisches Korps • Die Bonbonniere • Weimar und Potsdam • Sommer am Pfingstberg und in Potsdam W enn ich auch nicht, wie mir Herr von Brincken geraten hatte, den Schwerpunkt meiner Berliner Tätigkeit im Besuch des Kasinos und möglichst vieler Bälle suchte, so ging ich in diesem meinem ersten Berliner Winter doch viel aus und tanzte viel. Von den Scheußlichkeiten des Two- step, des Foxtrott und des Jimmy war noch nicht die Rede. Den Höhepunkt der Berliner Wintersaison 1873/74 bildete ein Ball in der neueröffneten Passage zwischen den Linden und der Friedrichstraße, zu dem der Kaiser sein Erscheinen zugesagt hatte. Ich gehörte mit dem Prinzen Friedrich von Hohenzollern, dem Grafen Konrad Kanitz, dem Adjutanten des Prinzen Georg von Preußen, mit dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß und dem österreichischen Botschaftsrat Baron Münch dem Komitee an, das den Ball organisierte und arrangierte. Lady-Patronesses waren die österreichische Botschafterin, die schöne Gräfin Franziska Kärolyi, eine der drei Schwestern Erdödy, die in Wien die Götterkinder genannt wurden, die Gräfin Wanda Perponcher, die Frau des Hofmarschalls Seiner Majestät, und Marie von Schleinitz, die Gattin des Hausministers. Der Kaiser blieb bis gegen Mitternacht. Wir tanzten bis drei Uhr. Wenige werden heute noch das Licht der Sonne schauen von denen, die bei diesem glänzenden Fest lachten und flirteten, die würdige Quadrille, den noch würdigeren Lancier, den raschen Galopp, die graziöse Polka, den geistigsten und darum ästhetischsten aller Tänze, den Walzer, tanzten. Oü sont les neiges d’antan? Es gab in Berlin damals noch Salons. Über den Salon der Gräfin Wanda Perponcher und ihrer Schwester, der Frau von Prillwitz, ist viel Falsches verbreitet und geglaubt worden, seitdem die „Nouvelle Revue“ der chauvinistischen Juliette Lamber, alias Madame Adam, ihre Aufsätze über die „Societe de Berlin“ veröffentlicht hatte. Wer war der Verfasser dieses Pamphlets? Von Anfang an richtete sich der Verdacht auf den französischen Vorleser der Kaiserin Augusta, Monsieur Gerard. Für deutsche ‘C -a g bf. « 5 O > u r rt~\ CD m cs ggBRiaS' C CD gl a> CD n' u © CD m, £ n £ ^ S O CD * © x £ 53 Sa © U a ^aMSwigjjgjB * *. '♦ r*4t ÄKw, - L\fe «tf fwKV ■ V' c.;* ■ - rv DIE BREI SCHWESTERN 305 Naivität und französische Gewandtheit war es charakteristisch, daß die Kaiserin Augusta sich einen Franzosen als Vorleser aussuchte und damit in ihre Intimität zog und daß von französischer Seite für diesen Posten ein von dem feurigsten französischen Patrioten, dem Führer der „guerre ä outrance“ von 1870/71, von Leon Gambetta, empfohlener junger französischer Literat vorgeschlagen und von deutscher Seite akzeptiert wurde. Die deutsche Republik war übrigens in dieser Richtung noch naiver als das weitläufigere Kaiserreich. Erzberger und nach ihm Wirth suchten sich als Vertrauten und Ratgeber einen Monsieur Hemmer aus, einen ganz französisch gerichteten Metzer Oberlehrer, der bald nach Beginn des Weltkriegs von der deutschen Militärbehörde in Schutzhaft genommen und dessen Vater später in dem inzwischen französisch gewordenen Metz von den Franzosen als Beamter belassen worden war, während der Sohn als Chef der Reichskanzlei die Arcana imperii bearbeitete. Mr. Gerard wurde, nachdem er endlich von der Kaiserin Augusta entlassen worden war, in die französische Diplomatie aufgenommen, wo er es bis zum Gesandten gebracht hat. Als ich ihm später einmal in Paris begegnete, brachte er von sich aus die Rede auf die „Societe de Berlin“ und gab mir proprio motu sein Ehrenwort (foi d’honnete homme), daß er mit diesem Pamphlet nichts zu tun habe. Ich habe diesen Schwur nicht au serieux genommen. Im Gegensatz zu der in dem französischen Pasquill gegebenen Schilderung waren die „trois sceurs“, die Gräfin Perponcher, Frau von Prillwitz und die Gräfin Dankeimann, herzensgute, hebenswürdige Frauen. Sie waren Töchter des Grafen Karl Moltke, der, als ich in Neustrelitz zur Schule ging, dort als Oberstallmeister fungierte. Es ging in ihrem Salon so ehrbar wie möglich zu, womit ich nicht behaupten will, daß dort, um mich berlinerisch auszudrücken, stark „in Geist gemacht“ worden sei. Die Unterhaltung drehte sich während der Wintersaison um die kleinen Vorgänge des Berliner Lebens, wobei gelegentlich auch getratscht und geklatscht worden sein mag. Anders im Salon Schleinitz. Hier wurde wirklich „in Geist gemacht“. Der Hausherr, Alexander von Schleinitz, bückte auf eine glänzende Laufbahn zurück. Er war 1848 ganz kurze Zeit, dann von 1849 bis 1850 und wieder von 1859 bis 1861 preußischer Minister des Auswärtigen gewesen. Seitdem war er Minister des Königüchen Hauses und damit in einer neuen, einflußreichen Stellung. Er war die „bete noire“ des Fürsten Bismarck. Der große Staatsmann hat, wie in manchen anderen Fällen, auch hier mit Kanonenkugeln nach einem Spatzen geschossen. Daß er Schleinitz nicht mochte, war begreifüch. Man konnte sich keine größeren Gegensätze denken. Mit seinen bis in sein Alter — er ist erst 1885, achtundsiebzig Jahre alt, gestorben — schwarzgefärbten Haaren, mit seiner schlanken Taille, die augenscheinlich einem Korsett zu danken war, mit seinem süßlichen Das Ilaus Schleinitz 20 Bülow IV 306 QUERTREIBEREIEN Lächeln und seiner etwas affektierten Sprechweise war Schleinitz in der Tat so verschieden wie möglich von dem Gutsherrn von Schönhausen. Schleinitz war der Vorgänger von Bismarck gewesen. Damals war das Verhältnis zwischen dem Minister des Äußern Alexander von Schleinitz und dem Gesandten in St. Petersburg Otto von Bismarck noch leidlich. Es wurde ganz schlecht, als Schleinitz in der für Bismarck kritischsten Zeit, in jenen Frühlingstagen von 1866, wo es für den größten deutschen Staatsmann um alles ging, diesem am preußischen Hof giftige Opposition machte und sich in jeder Weise bemühte, dessen Politik zu durchkreuzen. Schleinitz war der besondere Liebling der Kaiserin Augusta. Sie bezog von ihm die Argumente, mit denen sie während jener entscheidenden Krise der preußischen Geschichte den König Wilhelm an seinem gewaltigen Minister irrezumachen suchte. Mein Kriegskamerad und Freund Guido Nimptsch, der als naher Verwandter der Baronin Schleinitz viel in ihrem Hause verkehrte, hat mir erzählt, daß sich im Mai 1866 dort täglich Mitglieder der österreichischen Botschaft einfanden, um Herrn von Schleinitz über die politische Lage im österreichischen Sinne zu informieren und ihrerseits zu hören, was er über die Stimmung am preußischen Hofe mitzuteilen hatte. Diese Quertreibereien, die er „Landesverrat“ und „Hochverrat“ nannte, hat Bismarck niemals verziehen. Andererseits wollte der alte König, der keinen Diener preisgab, den er für treu hielt, seinen Hausminister nicht opfern. Er hat ihn sogar später, ein Jahr nach dem Berliner Kongreß, in den Grafenstand erhoben, was Bismarck in gewaltigen und übertriebenen Zorn versetzte. Marie von Schleinitz ging aus dem Trachenberger Hause hervor, wo die verwandtschaftlichen Beziehungen sich so verworren durchkreuzten, daß sie, um verständlich zu sein, einer kurzen Klarstellung bedürfen. Der katholische Fürst Hermann von Hatzfeldt-Trachenberg entführte im Jahre 1830 die Gattin des Grafen Kurt von Götzen, eine geborene Gräfin Mathilde von Reichenbach-Goschütz, die neun Jahre älter war als er. Es gelang ihm, in Rom die Annullierung der Ehe Götzen-Reichenbach zu erreichen, die mit drei Kindern gesegnet war. Der zweiten Ehe des Vaters Götzen entsprossen noch fünf Kinder. Aus der ersten Ehe des Fürsten Hermann Hatzfeldt mit der Gräfin Mathilde Reichenbach stammten der in der Schlacht von Amiens am 27. November 1870 nicht weit von mir gefallene Erbprinz Stanislaus, die Gräfin Franziska Hatzfeldt, die in erster Ehe mit Paul von Nimptsch, später mit dem Generalfeldmarschall von Loe verheiratet war, und die schöne Gräfin Elisabeth Hatzfeldt, die spätere Fürstin Carolath. Einige Jahre nachdem Fürst Hermann Hatzfeldt die Gräfin Mathilde Reichenbach geheiratet hatte, verliebte er sich in die Gattin des preußischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhl, Frau Marie von Buch, geborene von Nimptsch. MIMI SCHLEINITZ 307 Ein Versuch, seine Ehe mit der Gräfin Mathilde Götzen annullieren zu lassen, um eine zweite Ehe zu schließen, wurde von der Kurie abgelehnt. Ne bis in idem. So trat er rasch entschlossen aus der katholischen Kirche aus und zu der damals neugegründeten Sekte der Deutschkatholiken, der Lichtfreunde, über, die keinen Anstand nahm, seinen zweiten Lebensbund einzusegnen. Er wurde exkommuniziert, hat aber nach dem Tode seiner ersten Gattin den Rückweg zur Kirche gefunden. II y a des accomodements avec le ciel. Aus der Ehe Hatzfeldt-Nimptsch stammten der spätere Herzog von Trachenberg und die Gräfin Hermine Hatzfeldt, die nacheinander den ungarischen Grafen Eduard Telecki und, nachdem sie sich von ihm hatte scheiden lassen, den siebenbürgischen Baron Emil Henning-O’Caroll von Elye-O’Caroll und Oriell heiratete und nach der Trennung auch von ihrem zweiten Gatten schließlich in der Nähe von Venedig, in dem kleinen Orte Mestre, in freier Liebe mit einem Gondoliere hauste. Die Fürstin Marie Hatzfeldt, geborene Nimptsch, brachte aus ihrer Ehe mit Herrn von Buch eine Tochter mit, die ihrerseits in erster Ehe den Hausminister von Schleinitz, nach dessen Tode den österreichischen Botschafter in St. Petersburg und Paris, den Grafen Anton Wolkenstein, heiratete. Damit hoffe ich diesen Rattenkönig entwirrt zu haben. Um zu zeigen, wie verwickelt die Verhältnisse im Hause Hatzfeldt lagen, erwähne ich noch, daß Frau Franziska von Loe als Frau von Nimptsch gleichzeitig die Schwägerin und die Stieftochter der Fürstin Marie Hatzfeldt war. Mein Freund Guido Nimptsch konnte sich rühmen, der Enkel und der Neffe des alten Fürsten Hermann Hatzfeldt zu sein. Marie von Buch hatte, ehe sie 1865 Schleinitz heiratete, mit ihrer Großmutter, Frau von Nimptsch, geborener Gilgenheimb, zwei Winter in Paris verlebt. Man nannte die beiden Damen dort „La jeune Buche et la vieille Nymphe“. Bei ihrer Vermählung zählte la jeune Buche fünfundzwanzig, Schleinitz achtundfünfzig Jahre. Es lag auf der Hand, daß die bösen Zungen Berlins sich mit diesem Mißverhältnis beschäftigten. Man erzählte sich, daß Mimi, so wurde die junge Gattin schon damals allgemein genannt, am Morgen nach dem Hochzeitstage etwas enttäuscht zu ihrer Mutter gesagt habe: „Das ist also das berühmte Heiraten!“ Sie war eine nicht unbedeutende Frau. Um mit ihren guten Eigenschaften anzufangen, war sie, wie das ihre Abstammung mit sich brachte, eine echte Preußin und ist, als sie 1885 einen österreichischen Diplomaten, den Grafen Anton Wolkenstein, damals Botschafter in St. Petersburg, später in Paris, heiratete, eine solche geblieben. Preußin und Protestantin, hat sie sich zu ihrem Preußentum und zu ihrem Protestantismus in Paris wie in Wien stets offen bekannt. Sie war ein Charakter. Das bewies sie gegenüber Richard Wagner, dessen Sache sie in unerschütterlicher Treue anhing, für dessen Bayreuther 20 * 308 BAYREUTH UND BEIRUT Pläne sie mit unermüdlichem Eifer Propaganda machte. Und es war ihr zu verdanken, daß Kaiser Wilhelm I. die erste Aufführung des Nibelungen- Ringes in Bayreuth besuchte. Sie hat dem alten Kaiser keine Ruhe gelassen, bis er hinfuhr, obwohl ihm, wie er selbst offen zugab, für die Zukunftsmusik das Verständnis fehlte. Es gelang ihr, in ihrem Berliner Salon Bayreuther Patronatsscheine auch bei ganz unmusikalischen, aber zahlungsfähigen Persönlichkeiten zu placieren. Sie verstand es, den türkischen Gesandten zu überreden, zehn Patronatsscheine für den Sultan zu nehmen. Als mein Vater den Gesandten nachträglich frug, wie es ihm gelungen sei, den Padi- schah zu solcher Munifizenz für das deutsche Unternehmen in Bayreuth zu bewegen, erwiderte dieser unbefangen: „Ich habe dem Sultan geschrieben, daß es sich um ein Opernunternehmen in Beirut handle, und dafür hat er großmütig gegeben.“ Neben großen Eigenschaften besaß Mimi Schleinitz auch große Fehler. Sie war manieriert in Haltung, Mienenspiel, Sprache, in der ganzen Art, sich zu geben, oft auch in ihren Gedankengängen. Die „Precieuses ridi- cules“ von Moliere würden sie als Schwester begrüßt haben. Sie war sehr eitel, in einer Weise, die bisweilen den Spott herausforderte. Wie die meisten eitlen Menschen war sie eifersüchtig, um nicht zu sagen neidisch. Als einmal ihre Freundin Cornelie Richter ihr sagte, sie litte an heftiger Migräne, antwortete Mimi: „Ich habe auch Migräne.“ Der Gedanke war ihr schmerzlich, daß ein anderer etwas hätte, womit sie nicht aufwarten könne. Mimi Schleinitz hat oft versucht, in ein freundliches Verhältnis zu Bismarck zu kommen und dadurch eine Versöhnung zwischen ihm und ihrem Gatten anzubahnen. Bismarck hat auch Ende der siebziger Jahre einmal im Hause Schleinitz gegessen. Nach Tisch brachte ihm Mimi seine lange Pfeife, stopfte sie selbst und zündete sie mit einem Fidibus an. Aber Bismarck war, wo er einmal haßte, nicht leicht wirklich zu versöhnen. Wenige Tage später brachte ein Bismarck nahestehendes Blatt einen Artikel gegen Alexander von Schleinitz, der nicht weniger scharf war als frühere. Der alte, kluge Gerson Bleichröder pflegte zu sagen: „Der Fürst ist wie unser Gott Jehova, der da heimsuchet die Missetat ohne Barmherzigkeit bis ins dritte und vierte Glied.“ Ein anderer Berliner Salon, der aber viel banaler war als der Salon Gräfin Schleinitz, war der Salon der Gräfin Luise Benkendorf, geborenen Croy. Benkendorf gj e war ( jj e Tochter eines preußischen und die Witwe eines russischen Flügeladjutanten. In ihrem Salon verkehrten namentlich Diplomaten. Sie hatte am Tage nach dem Siege von Sadowa ein enthusiastisches Glückwunschtelegramm an den Sieger der Schlacht, den alten König Wilhelm, gerichtet. Der König, dem es in keiner Weise an Witz, noch weniger an Humor fehlte, erwiderte ihr: „Je vois avec plaisir que mes victoires ont DOROTHEENSTRASSE 309 fixö votre nationalite.“ Preußin von Geburt, Russin durch ihre Heirat, hatte sie sich zeitweise mit Berufung darauf, daß ein Teil der Familie Croy dem belgischen Untertanenverband angehörte, als Belgierin ausgegeben, war auch einmal Oberhofmeisterin in Stuttgart gewesen, dann aber, da ihr ältester Bruder im österreichischen Dienst stand, nach Wien gegangen und war auch als eifrige Katholikin oft nach Rom ad limina apostolorum gepilgert. Sie schillerte politisch in allen Farben. Bismarck war überzeugt, daß die Gräfin Luise Benkendorf eine Agentin des St. Petersburger Kabinetts sei und vom russischen Ministerium des Äußern die Mittel erhielte, ein Haus zu machen, um im russischen Sinne auf ihre Gäste zu wirken und vor allem nach St. Petersburg zu berichten, was sie in ihrem Salon von ihren Gästen höre. Wenn Bismarck wollte, daß eine Nachricht unauffällig nach St. Petersburg gelangte, pflegte er einem seiner Sekretäre zu sagen: „Das können Sie morgen abend im Salon Benkendorf erzählen, dann erfährt es spätestens in acht Tagen Gortschakow.“ Lieber als den Salon Benkendorf und selbst als den Salon Mimi Schleinitz, lieber als alle anderen von mir frequentierten Salons besuchte ich das Haus des Professors Rudolf Gneist, nicht nur weil die Verstandesschärfe und der glänzende Geist des Hausherrn mich anzogen, sondern auch weil ich dort interessante Professoren und Abgeordnete traf, die mich durch ihre Konversation fesselten und von denen ich etwas lernen konnte. Auch in den Häusern Borsig und Hansemann habe ich gern verkehrt. Während der Wintersaison pflegte ich am Sonnabend meine Eltern zu meiner Großtante Gabriele Bülow zu begleiten. Sie verbrachte ihre Gabriele Sommer in dem historischen Tegel, im Winter bezog sie in der stillen und »• Bülow würdigen Dorotheenstraße ein behagliches, aber bescheidenes Appartement. Es gab bei ihr kein reichbesetztes Buffet wie es in Berlin allmählich Sitte oder vielmehr Unsitte wurde, sondern nur Tee mit Gebäck zum Einstippen. Aber große und schöne Erinnerungen umschwebten die alte Dame, die hier empfing. Sie war die Witwe von Heinrich Bülow. Sie war die Tochter von Wilhelm, die Nichte von Alexander von Humboldt. Sie war damals schon über siebzig Jahre alt und ist erst mit fünfundachtzig Jahren heimgegangen. Sie war als Kind mit ihren Eltern nach Rom gekommen und hatte dort Pius VII. und seinen Staatssekretär Consalvi erblickt, Canova und Thorwaldsen als Hausfreunde begrüßt. Zwei ihrer Geschwister waren in Rom gestorben, sie ruhen auf dem akatholischen, stimmungsvollen Friedhof an der Pyramide des Cestius. Sie hatte in Rom auf derselben Höhe des Pincio gewohnt, wo ich, ihr Großneffe, hundert Jahre später, nach meinem Rücktritt, ein schönes Winterheim finden sollte. Sie sprach bis in ihr Alter gern und geläufig Italienisch und hat, als ich ihr nach meiner Verheiratung meine Frau vorstellte, diese als Italienerin mit besonderer Herzlichkeit DIESES GRAZIÖSE KIND' 310 begrüßt und sich im besten Italienisch (lingua toscana in bocca romana) angeregt mit ihr unterhalten. Sie weilte 1812, in Deutschlands trübster Zeit, mit ihren Eltern längere Zeit in Wien. Theodor Körner, der damals viel im Hause ihrer Eltern verkehrte, hatte seine Freude an Gabriele, die mit Anmut die kleinen Komödien aufführte, die er zu Familienfesten für sie dichtete. Im Juli 1812 schrieb er an die Seinen: „Dieses graziöse Kind macht auch das Unbedeutendste bedeutend. Sie spielt meine Gelegenheitsstückchen mit unendlichem Talent.“ Körners erster dramatischer Versuch wurde für Gabriele geschrieben. Während sie in Körnerschen Komödien agierte, wurde sie von ihrem Vater im Griechischen unterrichtet. Vier Jahre später verlobte sich Gabriele, noch nicht fünfzehn Jahre alt, mit Heinrich Bülow, der als Legationssekretär ihrem Vater zugeteilt war. Kaum sechs Monate vorher war sie konfirmiert worden. Sie hat allerdings erst vier Jahre später geheiratet. Die Zwischenzeit verlebte sie mit ihrer Mutter in Rom und in Neapel, blieb aber eine gute Deutsche. 1817, nicht lange vor ihrem sechzehnten Geburtstage, schrieb sie an ihren Bräutigam, der wohl gefürchtet haben mag, daß sie ganz Italienerin werden könnte: „Ich fühle mich mit zu starken Banden an das liebe deutsche Vaterland gebunden, und mein ganzes Wesen und Leben ist gottlob so stark daran gekettet, daß es mir ewig teurer sein -wird als jedes andere. In Deutschland bin ich geboren, dort habe ich Dich kennen und lieben gelernt, bin dort die Deine geworden, und Du bist auch ein Deutscher.“ In leidenschaftlichen Wendungen versichert die fünfzehnjährige Braut nach einer Besteigung des Vesuvs aus Neapel ihren Heinrich ihrer zärtlichsten Liebe. „Ich möchte mich auflösen in Sehnsucht nach Dir, aber den Frieden, den Deine Liebe mir gibt, kann nichts aus meiner Seele verdrängen, und so gebe ich mich gern der süßen, wehmütigen Stimmung hin, in der ich mich glücklich fühle, weil dann kein anderes Gefühl in mir lebt als einzig Du, Deine beseeligende Liebe und das Vertrauen auf den gütigen Gott, das hier beim Anschauen seiner Schöpfung doppelt erhöht wird.“ Ihre Ehe mit Heinrich Bülow wurde im Januar 1821 in der Berliner Dreifaltigkeitskirche von Schleiermacher eingesegnet, dem Freunde und Geistesverwandten ihres Vaters. Neun Jahre später konfirmierte derselbe Schleiermacher in derselben Dreifaltigkeitskirche den fünfzehnjährigen Gymnasiasten Otto von Bismarck. Nachdem Heinrich Bülow, dessen ich in meinen Erinnerungen schon früher gedacht habe, mehrere Jahre als Vortragender Rat im Ministerium des Äußern gewirkt hatte, wurde er 1827 zum Gesandten in London ernannt, wo er und seine Frau während seiner vierzehnjährigen Wirksamkeit der königlichen Familie und insbesondere der damals noch ganz jungen Königin Victoria sehr nahe traten. Die Königin hat mir, als ich 1899 als Staatssekretär in Windsor weilte, sehr gütig von „my very dear friend, BÜLOWS GROSSONKEL 311 Gabriele von Bülow“ gesprochen und mir gesagt, -wie sehr sie Gabriele geliebt und wie hoch sie deren Gatten geschätzt hätte. Gabriele verlor ihren großen Vater 1835. In ihrer vielgelesenen Biographie* wird von den letzten Stunden Wilhelms von Humboldt eine mit Recht berühmte Schilderung gegeben. Wenigen Menschen wurde eine solche Euthanasie beschieden. Sein Sterben entsprach in der Ruhe und Klarheit, mit denen er dem Tode entgegensah, völlig seinem ganzen Leben, und man könnte kein besseres Motto dafür finden als die Worte Schillers in den „Künstlern“, für die auch Humboldt immer eine ganz besondere Vorliebe gehabt hatte: Mit dem Geschick in hoher Einigkeit, Gelassen, hingestützt auf Grazien und Musen, Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut, Mit freundlich dargebotenem Busen Vom sanften Bogen der Notwendigkeit. Während seiner letzten Stunden sagte er zu seiner Tochter Gabriele: „Ich glaube nicht, daß alles mit diesem Leben vorbei ist. Mein Bruder Alexander glaubt nun, daß wir selbst nach dem Tode nichts mehr von der ewigen Weltordnung erfahren werden, ich aber glaube, daß der Geist doch das Höchste ist und nicht untergehen kann.“ Während seiner Agonie zitierte er griechische Hexameter. Zu seiner Tochter sagte er: „Ich sterbe jetzt noch nicht, denn ich kann noch bis in die Haare der Venus sehen.“ Man hatte ihn in sein Arbeitszimmer gebracht, wo die Venus von Melos stand. Seine letzten Worte waren: „In mir ist es ganz still, hell und besonnen, so daß ich nicht klagen kann.“ Fünf Jahre nach dem Tode seines großen Schwiegervaters, 1841, wurde Heinrich Bülow zum preußischen Bundestagsgesandten in Frankfurt am Main ernannt, wo er mit Gabriele in derselben freundlichen Mainzer Straße wohnte, in der ich zehn Jahre nachher meine Kindheit verleben sollte. 1842 wurde er zum Minister des Äußern ernannt. Als solcher hat sich Heinrich Bülow in vierjähriger Tätigkeit, wie nach ihm mein lieber Vater in sechsjähriger Amtszeit, zu Tode gearbeitet. Beide starben sie, um eine Bismarcksche Wendung zu gebrauchen, auf ihrem Amtssessel wie ein Soldat im Feuer. Nicht lange vor seinem Heimgang hatte die damalige Prinzessin von Preußen, die nachmalige Königin und Kaiserin Augusta, an Gabriele Bülow geschrieben: „Sie wissen, daß ich in Bülow den einzigen Staatsmann Preußens in dieser ernsten Zeit verehre und gleichzeitig den persönlichen Freund, und das sagt mehr, als ich sonst aussprechen könnte.“ Heinrich Bülow starb am 6. Februar 1846. Als König Friedrich Wilhelm IV. die * Gabriele von Bülow, Tochter Wilhelms von Humboldt. Ein Lebensbild. Berlin, bei Emst Siegfried Mittler und Sohn. Heinrich p. Biiloiv 312 „GANZ ÜBERFLÜSSIG SEIN“ Todesnachricht erhielt, sagte er, tieferschüttert, zu Alexander von Humboldt: „Es ist für meine Regierungszeit ein wahres Unglück. Solche Klarheit der Ideen, solche Festigkeit, solcher Mut, wenn ein Entschluß gefaßt war und, Humboldt, Sie müssen es wissen, der einzige Minister, bei dem ich fühlte, daß er mich verstand, auch wenn er nicht meiner Meinung sein mochte.“ Als am 18. Oktober 1861, am achtundvierzigsten Jahrestage der Völkerschlacht von Leipzig, die Krönung des Königs Wilhelm I. in Königsberg stattfand, stand Gabriele von Bülow als Oberhofmeisterin neben der Königin Augusta. Vier Tage später zog sie mit der Königin in Berlin ein. Sie war sich der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewußt. Am Abend des Einzugstages sagte sie zu ihren Kindern, daß eine neue Zeit beginne, wie sie hoffe und erwarte, wieder einmal eine wirklich große Zeit. Sie irrte sich nicht. Auf den wüsten Spuk von 1848, auf die schwächlich tastenden und mißglückten Versuche der „neuen Ära“, moralische Eroberungen zu machen, sollte die heroische, die größte Zeit der preußischen und deutschen Geschichte folgen. Gabriele von Bülow erlebte noch, daß ihre schöne Enkelin Therese Loe nach ihrer Verheiratung mit dem Grafen Bertram Brockdorff zur Oberhofmeisterin der Prinzessin Wilhelm ernannt wurde. Sie starb am 16. April 1887 und wurde in Tegel beigesetzt, wo sie ihren Platz zwischen ihrem Mann und Alexander von Humboldt bekam. Ich aß häufig bei dem Oberstkämmerer, dem Grafen Wilhelm Redern, Graf der mit einer Tante meiner Mutter, Bertha Jenisch, verheiratet war. Er Wilhdm war damals schon über siebzig Jahre alt. Sohn eines preußischen Hof- Rcdern ma rschalls, wa r er in jungen Jahren in den preußischen Hofdienst eingetreten. Er hatte Friedrich Wilhelm III. bereits 1822 auf einer Reise nach Italien begleitet. Er erzählte gern, daß er neben dem König gestanden habe, als dieser am Posilip vor dem Grabe des Virgil die Nachricht von dem am 26. November 1822 in Genua erfolgten Tode des Staatskanzlers Fürst Hardenberg erhalten hätte. Atemlos überbrachte ein preußischer Feldjäger dem König diese Meldung. Hardenberg war bis zu seinem Tode, also während eines Vierteljahrhunderts, in nahen und vertrauten amtlichen und persönlichen Beziehungen zu seinem Souverän geblieben. Als dieser die Nachricht von dem Tode des bewährten und hochverdienten Staatsmannes erhielt, meinte er gleichmütig: „Ganz überflüssig sein, mir deshalb einen Feldjäger zu schicken.“ Der König sprach gern im Infinitiv. Graf Wilhelm Redern schloß seine Erzählung mit den an mich gerichteten Worten: „Mein junger Freund, vergiß nie, daß es weiße Menschen gibt, schwarze Menschen und Fürsten. Die Fürsten sind anders als die anderen Menschen. Das Gefühl der Dankbarkeit ist bei ihnen meist nur schwach entwickelt.“ Heute, ein halbes Jahrhundert später, muß ich dieser Beobachtung beipflichten, PALAIS REDERN 313 füge aber hinzu, daß die Volksvertreter und die Parteien nicht viel dankbarer sind. Je älter der Oberstkämmerer Redern wurde, um so mehr lebte er in der Vergangenheit. Schließlich wiederholte er auch unter ganz anderen Zeitverhältnissen die Redewendungen, die er sich in seiner besten Zeit, unter Friedrich Wilhelm IV., angewöhnt hatte. Ich erinnere mich, daß, als in den siebziger Jahren vor dem inzwischen fast achtzig Jahre alt gewordenen Grafen Wilhelm Redern von dem schwierigen Charakter der Prinzessin Charlotte von Preußen, der ältesten Tochter des kronprinzlichen Paares, gesprochen wurde, er unwirsch erwiderte: „Man soll den Kaiser Nikolaus fragen, was zu machen ist, der weiß immer am besten, was uns frommt.“ Er hat manchmal zu mir gesagt: „Früher war es leichter als heute. Wir erkundigten uns einfach in der ganz alten Zeit beim Fürsten Metternich, später beim Kaiser Nikolaus, was wir tun sollten, und wir bekamen immer guten Rat. Mit Bismarck ist alles so aufgeregt und stürmisch geworden, die besten Zeiten sind vorbei.“ Das, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, von Schinkel erbaute schöne Redernsche Palais stand unter den Linden, wo sich heute das Hotel Adlon befindet, das größte Berliner Hotel. Wenn ich dort absteige, denke ich an meinen alten Onkel Wilhelm Redern, seine altvaterische, mehrmals um den Hemdkragen geschlungene schwarze Krawatte, seinen langen Gehrock, seine steife Haltung. Er trug beim Gehen die Nase sehr hoch, und die Berliner hatten ihm deshalb den Spitznamen „Der Wolkenschieber“ gegeben. Sein Bruder, der Diplomat Graf Heinrich Redern, wurde wegen seines großen Mundes, den ein gewaltiges Rätelier zierte, der Semmelaffe genannt. Man war nicht gerade wohlwollend im alten Berlin. Es ist verwunderlich, daß in unserer größten Zeit markanten Persönlichkeiten oft Spitznamen angehängt und sie zum Objekt der Satire gemacht wurden. In der Gegenwart, deren Matadore die Satire mindestens ebensosehr herausfordern, ist es anders geworden. Ein Haus, in dem ich mich wohl fühlte, war das des Malers Gustav Richter und seiner Frau Comelie, einer Tochter des Komponisten Meyerbeer. Frau Comelie ist mir bis zu ihrem erst einige Jahre nach dem Weltkrieg erfolgten Tode eine treue, liebe Freundin geblieben. Schon ihr sanftes Organ war mir sympathisch. Ihre Milde und Güte schufen um sie eine Atmosphäre der Harmonie und des Friedens, die mich wie eine Oase anmutete. Das eleganteste der Berliner diplomatischen Häuser war die Französische Botschaft. Thiers, der die Welt kannte und die Bedeutung einer guten gesellschaftlichen Stellung für einen Diplomaten zu schätzen wußte, hatte nach der Niederlage Frankreichs, und gerade um die Folgen dieser Niederlage Das Diplomatisrhe Korps 314 DIE BOTSCHAFTER abzuschwächen und obwohl er die republikanische Staatsform in Frankreich erhalten und befestigen wollte, die wichtigsten Auslandsposten mit Aristokraten und Vertretern des alten Systems besetzt. Nach London entsandte er als Botschafter zuerst den Herzog von Larochefoucauld-Bisaccia, dann den Herzog Decazes, nach Wien den Marquis d’Harcourt, nach Rom zum Quirinal den Marquis de Noailles, zum Vatikan den Baron de Corcelle, nach dem militärischen St. Petersburg den General Leflo, nach Kopenhagen den Vicomte de Feriol, nach Madrid den Vicomte de Bouille, nach Berlin den einer alten und illustren Familie entsprossenen Vicomte de Gontaut- Biron. Ich habe schon gesagt, daß es dem letztgenannten französischen Diplomaten bald gelang, sich die Gunst der Kaiserin Augusta zu erwerben. Das Mißtrauen, das ihm Bismarck vom ersten Tage an entgegenbrachte, hat er nie zu überwinden vermocht. An Intelligenz stand er weit hinter dem englischen Botschafter, Odo Russell, dem späteren Lord Ampthill, zurück, der eine feine Bildung und liebenswürdige Formen mit politischem Takt und Blick verband. Odo Russell hat es verstanden, nicht nur die Sympathie, sondern auch das Vertrauen des Fürsten Bismarck zu gewinnen. Er und seine schöne Frau waren in der Berliner Gesellschaft gern gesehen. Am kronprinzlichen Hof und im Reichskanzlerpalais waren sie gleich beliebt. Graf AloysKärolyi hatte die habsburgische Monarchie schon vor 1866 in Berlin vertreten. Zu ihm hatte 1863 der soeben zum preußischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten ernannte Herr Otto von Bismarck- Schönhausen gesagt, er rate Österreich, seinen Schwerpunkt nach Ofen zu verlegen. Nicht lange nach dem für uns siegreichen Ausgang des Deutsch- Französischen Krieges erschien Kärolyi zum zweiten Male und diesmal als österreich-ungarischer Botschafter in Berlin, wo in der Zwischenzeit sein Nachfolger, Graf Felix Wimpffen, keine Seide gesponnen hatte. Bismarck, der auch in den kritischen Jahren vor dem Preußisch-Österreichischen Kriege persönlich und gesellschaftlich in freundlichen Beziehungen zu Kärolyi geblieben war, hatte sich mit dessen Rückkehr nach Berlin ganz einverstanden erklärt, drückte ihm aber doch sein Erstaunen darüber aus, daß er, ein steinreicher Magnat, von dem man sage, daß er auf seinen Herrschaften so viele Schäfer unterhalte wie andere Leute auf ihren Gütern Schafe, wieder das Joch des Dienstes auf sich nehmen wolle. „Ja, schauen S’,“ entgegnete ihm Graf Aloys Kärolyi, „vormittags reite ich, nachmittags mache ich Besuche und spiele im Klub meine Partie Whist, abends gehe ich in Gesellschaft oder empfange selbst. Nur zwischen zwölf und ein Uhr vormittags wußte ich seit meinem Rücktritt nicht, was ich unternehmen sollte. Diese Stunde werde ich jetzt in der Kanzlei mit Unterschreiben totschlagen.“ RUSSISCHES 315 Der italienische Gesandte, Graf Launay, war ein hervorragender politischer Kopf. Savoyarde von Geburt, war er der italienischen Sprache kaum mächtig und hatte die Erlaubnis, seine Berichte in französischer Sprache zu schreiben. Der Gesinnung nach war Launay nicht nur Italia- nissimo, sondern leidenschaftlich antifranzösisch. Er war der einzige der fremden Vertreter in Berlin, zu dem Holstein in intimen, nie getrübten persönlichen und politischen Beziehungen stand. Von allen fremden Diplomaten war der belgische Gesandte, Baron Nothomb, wohl derjenige, der die beste persönliche und politische Stellung hatte. Zu keinem anderen Lande waren unsere Beziehungen so freundlich und sicher wde zu Belgien. Die einzige Tochter des Baron Nothomb war mit dem Oberst von Zedlitz vermählt, der bei der ruhmreichen Attacke von Mars-la-Tour die 2. Garde-Dragoner geführt hatte. Der russische Botschafter, Herr von Oubril, erzählte selbst, daß er einer distinguierten Emigrantenfamilie entsprossen sei. Der ihm nicht wohlgesinnte Fürst Bismarck behauptete dagegen, Oubril sei in Wirklichkeit der Enkel eines französischen Kochs, dessen „petits pätes“ die große Kaiserin Katharina appreziiert habe. Der russische Botschaftsrat Arapoff und der Militärattache KutusofF waren trinkfeste Männer. Arapoff hatte einmal bei einem Hoffest in heiterer Weinlaune sich selbst ein Glas Champagner über den Kopf gegossen und dazu gelallt: „Will ich mir noch einmal taufen, aber diesmal mit Sekt.“ Auch KutusofF kam selten von einem Diner oder Souper nüchtern nach Hause. Als er in einer größeren Gesellschaft erzählte, seine Familie stamme aus Pommern und habe ursprünglich Kutus geheißen, meinte der schlagfertige, witzige Minister des Innern, Graf Friedrich Eulenburg: „Den Soff haben Sie sich in Rußland zugelegt.“ Sehr übel trieb es der langjährige Zweite Sekretär der Russischen Botschaft, Baron Mita Benkendorf. Er und seine Gattin lebten in Berlin auf großem Fuß, bis sie bei Nacht und Nebel unter Hinterlassung beträchtlicher Schulden verschwanden. Die Frau kam so herunter, daß sie schließlich in einem Pariser Freudenhaus endigte. Sie war nicht besonders hübsch, und als sie während mehrerer Tage keinem Besucher gefallen hatte, erschoß sie sich und hinterließ einen Brief, in dem sie erklärte, daß verschmähte Liebe sie in den Tod trieb. Ein französischer Literat ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, sie zur Heldin eines damals vielgelesenen Romans zu machen, dem er den Titel gab „Le pistolet de la petite Baronne“. Es war bezeichnend für die Frivolität russischer Großfürsten, daß Großfürst Wladimir den Gatten der armen Frau, der durch seinen Leichtsinn und Schlimmeres die Hauptschuld an ihrem Untergang trug, in seine Umgebung zog, mit Vorliebe zum Begleiter bei seiner jährlichen Herbstreise nach Paris wählte und ihn in Chantilly dem Herzog von Aumale mit den Worten vorstellte: „Voici mon ami, le Baron VAE VICTIS!“ 316 Mita Benkendorf, celebre par ses malheurs conjugaux, du reste un hommc charmant!“ Von den bundesstaatlichen Gesandten war der Bayer Perglas einer der Bundes- letzten Vertreter des reichsfeindlichen bayrischen Partikularismus. Bei staatliche Berliner Hoffesten hielt er sich demonstrativ zum Diplomatischen Korps, Vertreter zum Bundesrat. Als Bismarck ihn einmal unter den ausländischen Vertretern stehen sah, redete er ihn auf französisch an. Als Perglas verlegen erwiderte, er sei der bayrische Gesandte und verstehe ganz gut Deutsch, meinte Bismarck: „Da Sie sich immer zu den Ausländern stellen, statt zu Ihren Kollegen vom Bundesrat, hielt ich Sie für einen Fremden.“ Im Gegensatz zu Perglas gehörte der württembergische Gesandte, der Freiherr Hugo von Spitzemberg, zu den Intimen des Bismarckschen Hauses. Er und seine Gattin, eine Tochter des langjährigen württembergischen Ministerpräsidenten Karl von Varnbüler, waren der Familie Bismarck schon in St. Petersburg nähergetreten, als dort gleichzeitig Bismarck Preußen und Spitzemberg Württemberg vertrat. Es gelang Frau von Spitzemberg, den Fürsten Bismarck allmählich mit ihrem Vater zu versöhnen, der im Juni 1866 in der Württembergischen Kammer auf die Frage, was mit einem besiegten Preußen geschehen solle, triumphierend geantwortet hatte: „Vae victis!“ Der Freiherr Karl von Varnbüler wurde ein eifriger Mitarbeiter des großen Kanzlers bei dessen schutzzöllnerischer Politik. Karl von Varnbüler hat, wie sein Schwiegersohn Spitzemberg, den Sturz des Fürsten Bismarck nicht mehr erlebt. Sein Sohn Axel von Varnbüler und seine Tochter, die verwitwete Frau Hildegard von Spitzemberg, gehörten zu den ersten, die von dem gestürzten Bismarck abschwenkten. Axel, der später Württemberg als Gesandter und Bevollmächtigter zum Bundesrat vertrat, folgte dem Beispiel Phili Eulenburgs, mit dem ihn, seitdem sie in Straßburg zusammen studiert hatten, intime Freundschaft verband. Seine Schwester, Hildegard von Spitzemberg, schloß sich mit solchem Enthusiasmus dem Nachfolger von Bismarck an, daß in dem grollenden Friedrichsruh spöttisch behauptet wurde, sie wolle den Hagestolz Caprivi heiraten, um Frau Reichskanzler zu werden. Von den bundesstaatlichen Vertretern in Berlin gefielen mir der Badener Türckheim und der Hanseate Dr. Krüger am besten. Der Freiherr von Türckheim zu Altdorf, der Baden seit dem Mai 1864 in Berlin vertrat, war ein wackerer Alemanne vom Schlage der Karl Mathy und Ernst Bassermann. Sein lebendiger Patriotismus und seine herzliche Freude an unserem herrlichen, aus der Feuerprobe dreier siegreicher Kriege hervorgegangenen Deutschen Reich berührte in dem bisweilen allzu kritischen und deshalb flach und kleinlich urteilenden Berlin doppelt wohltuend. Dr. Krüger war ein tüchtiger Niederdeutscher, stand mit festen Knochen auf der dauernden DIE LISTE IN DER MALACHITVASE 317 Erde und ließ sich durch den Wind der Berliner Medisance erst recht nicht umwerfen. Die Kaiserin Augusta empfing während des Winters einmal in der Woche. Das Appartement des historischen Palais, in dem sie empfing, hieß die Bonbonniere. Ich habe selten in so vornehmer und zugleich so liebenswürdiger Weise empfangen sehen. Man behauptet, daß die Kaiserin in ihrer ersten Jugend von ihrer Obergouvernante häufig in ein Wäldchen bei Weimar geführt worden sei, wo sie zur Übung für künftiges Cerclemachen an jeden Baum eine nicht allzu banale Frage richten mußte. Goethe, der die 1811 geborene Prinzeß Augusta von Sachsen-Weimar in der Wiege schlummern sah, würde seine Freude an dem Auftreten der Kaiserin und Königin gehabt haben. Der alte Kaiser erschien stets zu den Empfängen seiner Gemahlin. Er sprach jeden der Eingeladenen an, immer freundlich, oft mit gutmütigem Scherz. Wenn die Gesellschaft von der Kaiserin entlassen wurde, führte der Kaiser die älteren Damen am Arm bis an die Tür. Als ich einmal während einer Soiree in der Bonbonniere mit meinem heben und langjährigen Freund, dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß, allein in einem kleineren Saale des Appartements stand, zog dieser aus einer Malachitvase eine Liste der Einzuladenden hervor, die ein unachtsamer Lakai dort hatte hegenlassen. Die Kaiserin hatte die Liste mit einem Blaustift revidiert. Wir bedauerten, konstatieren zu müssen, daß Ihre Majestät die Namen einer Anzahl politischer Anhänger des Reichskanzlers und persönhcher Freunde des Bismarckschen Hauses gestrichen hatte. Ebenso eine Reihe ostpreußischer, pommerscher und märkischer Adliger, auch alles, was Stumm hieß. Dafür hatte sie in die ihr vom Oberhofmarschall unterbreitete Liste andere Namen eingetragen, meist Rheinländer, Westfalen und Schlesier, überwiegend katholische Namen. Neben den Namen meines Vaters hatte sie selbst geschrieben: „Mit seinen beiden Söhnen einzuladen.“ Die alte Kaiserin schätzte meinen Vater und sagte zu ihrem ihr sehr nahe stehenden Kabinettsrat Bodo von dem Knesebeck, meinem alten Kriegskameraden: „Der Staatsminister von Bülow ist ein politischer und wohl noch mehr seit einem Vierteljahrhundert ein persönlicher Freund des Fürsten Bismarck. Ich achte diese seine Treue. Aber in seiner feinen Art sich zu geben, mit seiner Kultur, im Grunde auch mit seiner Weltanschauung gehört Herr von Bülow in die Goethesche, in meine Zeit.“ Die Kaiserin Augusta hat sich immer als Prinzessin von Weimar gefühlt, auch nachdem sie im Juni 1829, geleitet von den Segenswünschen des greisen Goethe, dem Prinzen Wilhelm von Preußen nach Berlin gefolgt war. Seitdem im Februar 1919, in der unglücklichsten Zeit, die seit dem grauenvollen Dreißigjährigen Krieg und der napoleonischen Zwingherrschaft das deutsche Volk sah, von gedankenlosen Schwätzern die Schlagworte Kaiserin Augusta Weimar und Potsdam 318 ERGÄNZUNGEN „Weimar“ und „Potsdam“ in Umlauf gebracht wurden, ist es Mode geworden, diese beiden Begriffe zueinander in Gegensatz zu bringen. Durch solche Plattheit werden die Köpfe verwirrt und wird das Vaterland geschädigt. In Wahrheit sind Potsdam und Weimar gar keine Gegensätze, sondern sie ergänzen einander. Mein Freund, der Dichter Adolf Wilbrandt, hat in einer tiefs inn igen und dabei anmutigen Komödie, die, wenn ich mich recht erinnere, „Der Unterstaatssekretär“ heißt, Potsdam und Weimar einander gegenubergestellt. Ein junger, tüchtiger, kluger Beamter und ein reizendes, liebenswürdiges Mädchen, die Tochter eines Gelehrten, fühlen sich zueinander hingezogen, streiten sich über Politik. Er sagt: „Ich stehe zu Bismarck, Moltke, Blücher, zu Fridericus Rex, zu Zieten und Seidlitz, zu dem Schöpfer der vorbildlichen und mustergültigen preußischen Verwaltung und unserer herrlichen Armee, zu König Friedrich Wilhelm I., zu dem Großen Kurfürsten, mit dem das Wiedererwachen des deutschen Volkes aus langem politischem Todesschlaf beginnt.“ Sie lispelt: „Undich folge Goethe, Schiller, Herder, Lessing.“ Schließlich fallen sie sich beide in die Arme, um sich für immer zu finden und zu verbinden. In der Rede, die ich am 16. Juni 1901 vor dem Nationaldenkmal des Fürsten Bismarck in Berlin hielt, sagte ich*: „Fürst Bismarck ist auf politischem Gebiet und im Reiche der Tat für uns geworden, was Goethe im Reiche der Geister, auf dem Gebiete der Kunst und Kultur für uns gewesen ist. Auch er hat, wie Schiller von Goethe sagte, die Schlange erdrückt, die unseren Genius umschnürte. Goethe hat uns auf dem Gebiete der Bildung geeinigt, Bismarck hat uns politisch denken und handeln gelehrt. Und wie Goethe für immer als Stern an unserm geistigen Himmel steht, so ist Bismarck uns die Gewähr dafür, daß die Nation ihre Gleichberechtigung mit andern Völkern, ihr Recht auf Einheit, Selbständigkeit und Macht niemals aufgeben kann. Er hat uns das Beispiel gegeben, nie zu verzagen, auch in schwierigen und verworrenen Zeiten nicht.“ Und am 30. September 1907 sagte ich im Reichstag**, daß nur die Verbindung von altpreußischer, konservativer Tatkraft und Zucht mit deutschem, weitherzigem, liberalem Geist die Zukunft der Nation zu einer glücklichen gestalten könne. Das habe ich mehr als einmal wiederholt, und das gilt auch heute. Macchiavelli hat recht, wenn er sagt, daß die Völker immer wieder zum Ausgangspunkt ihrer Größe zurückkehren müßten. Ritornare al segno. Die Kaiserin Augusta war zu klug, zu weise, um nicht auch Potsdam würdigen zu können. Aber sie hielt es für die Aufgabe der Monarchie, ausgleichend, versöhnend zu wirken. Sie wünschte nicht aufzuregen, sondern zu beruhigen. Sie wollte die Wunden heilen, welche die harte Hand des • Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 222; Kleine Ausgabe I, S. 246. ** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, S. 93/94, Kleine Ausgabe Y, S. 43. SOMMER AN DER HAVEL 319 eisernen Kanzlers geschlagen hatte. Ihr Leitstern war das Goethewort: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Im Sommer 1874 wohnte ich bei meinen Eltern in Potsdam, die dort am Pfingstberg eine Villa gemietet hatten, um der Hitze der Großstadt zu entgehen. Das Haus bot wundervolle Ausblicke. Weit lag vor unseren Augen die Havellandschaft ausgebreitet. Wie große silberne Flächen erschienen uns die Seen. Wenn sich der Tag neigte, wurden die Segel der die Seen durchkreuzenden Kähne vom Abendrot purpurrot gefärbt, Hunderte von Fenstern schimmerten im scheidenden Licht. Wie herrlich war in Potsdam das „Neue Palais“, die Schöpfung des großen Königs, das Haus, wo unser Heber Kaiser Friedrich geboren war und wo er sein Haupt im Tode neigen sollte. Die Garnisonkirche, in der des großen Königs Sarg steht! Wie viele überwältigende historische Erinnerungen! Und gleichzeitig welche land- schaftfichen Schönheiten! XXIII. KAPITEL Attache in Rom • Reise durch Südfrankreich und Italien • Eintreffen in Rom (15. X. 1875) • Gesandter von Keudell • Reise nach Sizilien • Gregorovius • Mommsen • Römische Gesellschaft • Pius IX. und das Königreich Italien • Kirche und Staat in Italien I m Herbst 1874 sagte mir mein Vater, er halte es, nachdem ich nunmehr __ meine erste Ausbildung im Auswärtigen Amt erhalten hätte, für angezeigt, Ausland mich ins Ausland zu schicken. „Wo möchtest du denn hin ?“ Ich antwortete ohne Besinnen: „Nach Italien!“ Mein Vater schlug mir gütig vor, mir bei diesem Anlaß auch Südfrankreich anzusehen. So machte ich mich auf den Weg. Nachdem ich einige Tage an dem mir immer lieb gebliebenen Genfer See verweilt hatte, besuchte ich Lyon, Avignon, Nimes, Tarascon, Arles, Marseille, Toulon, Nizza. Bevor ich meine Italienfahrt antrat, hatte ich einige gute Bücher gelesen: Taine, „Voyage en Italie“, Stendhal, „Rome, Naples et Florence“, und von demselben Stendhal die „Promenades dans Rome“. Ich las die drei Bände, die Adolf Stahr, der Gatte von Fanny Lewald, 1847 unter dem Titel „Ein Jahr in Italien“ veröffentlicht hat, ein Buch, das mir auch heute nicht antiquiert erscheint und das ich jedem Deutschen empfehlen möchte, der über die Alpen geht. Ich las die „Philosophie de l’art en Italie“ von Hippolyte Taine, ich las andächtig die „Chartreuse de Parme“ von Stendhal, das psychologisch feinste Werk, das über Land und Leute in Italien geschrieben worden ist. Als ich vor meiner Abreise von meinem Vater Abschied nahm, legte er mir als letzten Rat das Wort Goethes ans Herz: „Lust, Freude an den Dingen ist das einzig Reale und was wieder Realität hervorbringt, alles andere ist eitel und vereitelt nur.“ In Südfrankreich frappierte mich zweierlei: Die außerordentliche Gleicli- Süd- förmigkeit Frankreichs. Die Menschen in der Provence waren in ihren frankreich Gewohnheiten und Sitten, in ihrem Auftreten dieselben wie in der mir schon bekannten Normandie und Picardie. Überall tranken die pensionierten Offiziere nachmittags ihren Absinth, spielten die Bürger an den Tischen vor den Cafes Domino, besuchten die Frauen morgens die Messe, wartete alles auf die Zeitungen aus Paris. Ich begriff 1 , daß ein französischer Minister FRANZÖSISCHE ZENTRALISATION 321 des Innern anstandslos einen Präfekten von Lille nach Montpellier, von Bordeaux nach Nancy versetzen kann und daß das französische Volk in entscheidender Stunde, wenn von energischer Hand geführt, nur einen Willen hat. Daß sich Frankreich nach Niederlagen, nach jedem Mißgeschick immer wieder rasch erholt hat, ist nicht zum kleinsten Teil auf die von Richelieu, dem Konvent und Napoleon I. durchgeführte und von allen französischen Regierungen aufrechterhaltene straffe Zentralisation und die aus ihr hervorgehende innere Einheit der französischen Nation zurückzuführen. In der meisterhaften Rede, in der Thiers am 19. Februar 1871 in der französischen Nationalversammlung in Bordeaux die Notwendigkeit des Friedens mit Deutschland auseinandersetzte, hob er als einen der Gründe, aus denen er auch in dieser für Frankreich grausamen und furchtbaren Stunde nicht an der Zukunft seines Landes verzweifele, dessen „alte und mächtige Einheit“ hervor. Die französische Einheit ist auch der Hauptgrund, weshalb das französische Volk Gebietsabtretungen schmerzlicher empfindet als andere Völker und speziell als das deutsche Volk. Die meisten Franzosen hatten nach dem Frankfurter Frieden wirklich die Empfindung, als ob sie mit Straßburg und Metz ein Glied ihres Körpers verloren hätten. So charakterisierte mir gegenüber einmal ein französischer Minister des Auswärtigen, Challemel-Lacour, persönlich weder ein Chauvinist noch besonders deutschfeindlich — er hatte sogar Schopenhauer gekannt und übersetzt —, die französische Mentalität seit dem Frankfurter Frieden. Denkt die Mehrheit der Deutschen ebenso über den Verlust von Westpreußen und Posen, die wir seit über hundert Jahren besaßen, von Thorn und Graudenz und Bromberg, von Danzig und Memel, von Oberschlesien, das nie polnisch war, über den Verlust der wunderschönen Stadt Straßburg und der Feste Metz, über die ungeheuren Verluste des Deutschtums in fast allen Teilen der früheren österreichischen Monarchie? Das Zweite, was mich diese Reise durch Südfrankreich lehrte, war, daß dieses Land zwar heftigere innere Kämpfe gekannt hat als irgendein anderes Land, daß aber die Franzosen leichter, viel leichter als wir Deutschen, ich sage das zum Ruhm der Franzosen, sich wieder in gleicher Liebe zu ihrem Vaterland zusammenfinden. Die Geschichte hat, wenn wir von dem in voller Entwicklung befindlichen bolschewistischen Rußland absehen, kaum größere Greuel, blutigere innere Kämpfe gesehen als in Frankreich. Wieviel Blut floß unter der Herrschaft des Konvents! „Quatre-vingt-treize, epou- vantable annee, de lauriers et de sang grande ombre couronnee!“ sang der französische Dichter, und er denkt zuerst an den Siegeslorbeer, mit dem sich damals Frankreich bekränzte, dann erst an das stromweise vergossene Blut. Wieviel Blut floß in Paris 1849, während des Juni-Aufstandes und 1871 während der Kommune! 21 Bülow IV 322 ITALIENISCHE STÄDTE In Lyon stand ich auf der Place des Brotteaux. Hier hatte von einem Balkon aus, zwischen zwei wenig bekleideten Kurtisanen sitzend und eine wohlgedeckte Tafel vor sich, Joseph Fouche sich an dem Anblick der Tausende geweidet, deren Kopf unter dem Fallbeil der Guillotine fiel, die auf dem Platz aufgestellt war. Zu gleicher Zeit wurden Esel durch die Straßen getrieben, an deren Schwänzen heilige Kirchengefäße angebunden waren, auf deren Profanierung es Fouche, ein ehemaliger Mönch, besonders abgesehen hatte. Diese Vergangenheit verhinderte ihn nicht, unter Napoleon erst Polizeipräfekt von Paris und dann Minister des Innern zu werden. Allerdings erfreute Fouche sich eines unerschütterlichen Aplomb. Bei dem großen Galadiner, das Napoleon zu Ehren seiner Vermählung mit der Erzherzogin Marie Luise in den Tuilerien gab, frug er den ihm gegenüber sitzenden Fouche, den er zum Herzog von Otranto erhoben hatte, mit der ihm gelegentlich eigenen Brutalität: ,,Est-ce vrai, Duc d’Otrante, que vous avez vote la mort du roi Louis XVI, oncle de l’Imperatrice qui est assise ä ma droite?“ Mit lauter, dröhnender Stimme erwiderte Fouche: „Par- faitement, Sire, et c’est meme le premier Service qu’il m’a ete donne de rendre ä Votre Majeste Imperiale et Royale.“ Avignon, Nimes, Toulon und Marseille haben um die gleiche Zeit, 1793, ähnliche Schandtaten gesehen. Nach dem Sturz von Napoleon wütete in Südfrankreich die Terreur blanche, die es nicht viel besser trieb als seinerzeit die Terreur rouge und der u. a. der Marschall Brune in Avignon zum Opfer fiel, den der Pöbel in Stücke riß. Alles das vergißt ganz Frankreich, wenn die Marseillaise ertönt: „Aux armes, citoyens, formez vos bataillons.“ Bei uns ist es niemals zu annähernd so blutigen Parteikämpfen gekommen wie in Frankreich, aber die Parteien werfen sich Reden vor, die dieser oder jener Angehörige der Gegenpartei vor einem Jahrzehnt gehalten hat. In Genova la superba gedachte ich des „republikanischen Trauerspiels“ Florenz und unseres Schiller, des „Fiesco“, während ich die herrlichen Adelspaläste Pisa Durazzo, Pallavicini, Balbi, Doria besuchte. Auf Florenz verwandte ich acht Tage. Der schöne Roman „Le Lys rouge“ von Anatole France war noch nicht geschrieben, sonst hätte ich ihn vor meiner Ankunft in Firenze, la bella, gelesen, um mich in die richtige Stimmung zu versetzen. Eine besondere Anziehungskraft hat immer Pisa auf mich ausgeübt. Wenn ich mich gelegentlich abgehetzt fühlte oder mich geärgert hatte, dachte ich, wie schön es sein müßte, im stillen Pisa zu leben, vormittags den herrlichen Campo Santo zu besuchen, dessen Wandgemälde uns so ergreifend die Macht und den Ernst des Todes vor Augen führen, nachmittags am Lungarno zu schlendern und auf den Fluß zu blicken, der ruhig und still vorbeifließt. DER ATTACHE MACHT BESUCH 323 Am 15. Oktober 1874 in Rom eingetroffen, stieg ich an der Piazza di Spagna im Hotel de Londres ab, dem heutigen Hotel des Princes. Dann Rom suchte ich den auf der Höhe des Kapitols gelegenen Palazzo CaffareUi auf, in dem ich gerade zwanzig Jahre später als Botschafter mit meiner geliebten Frau glückliche Jahre verleben sollte. 1874 empfing mich der Gesandte von Keudell (Rom wurde erst später zur Botschaft erhoben) mit biederem Händedruck, aber ohne ein Wort zu sagen. Dann wurde das Luncheon gemeldet, zu dem außer mir der schon vor längerer Zeit in Rom eingetroffene Rittmeister Otto von Senden von den 2. Garde-Dragonern eingeladen war, den ich als Regimentskameraden meines Bruders Adolf gut kannte. Während des Frühstücks sprach Keudell kaum ein Wort. Nachdem wir stumm eine Zigarre geraucht hatten, schlug er mir vor, am nächsten Tage nach Neapel abzureisen, das ich so bald wie möglich kennenlernen müßte. Von dort möge ich nach Sizilien fahren, auf das ich mindestens drei Wochen verwenden solle. Ich war durch diesen Empfang von seiten meines neuen Chefs etwas enttäuscht. Ich hatte nicht erwartet, daß er gleich Probleme der italienischen Politik zur Sprache bringen würde, aber ich hatte immerhin auf einen Hinweis auf meine künftige Tätigkeit unter seiner Leitung, auf eine Art dienstlicher Ermunterung gerechnet. Als ich mit Otto Senden an den rossebändigenden Dioskuren vorbei die Flachtreppe des Kapitols hinunterstieg, sagte ich zu ihm: „Keudell scheint es gräßlich zu sein, daß man mich ihm als Attache geschickt hat. Er hat kein Wort mit mir geredet. Ich werde meinem Vater schreiben und ihn bitten, mich an eine andere Mission zu versetzen. Der Wechsel tut mir leid, denn ich hatte mich so auf Rom gefreut und hoffte hier einen schönen Winter zu verleben.“ Senden erwiderte mir lachend: „Ich fand im Gegenteil Keudell heute eher gesprächig. Gewöhnlich gibt er noch weniger von sich.“ Robert von Keudell war in der Tat einer der einsilbigsten Menschen, die mir vorgekommen sind. Solange er bei Bismarck gut angeschrieben war, Keudell und galt seine Schweigsamkeit für einen Beweis von Gedankentiefe und geistiger Bismarck Überlegenheit. Als er später bei dem großen Kanzler in Ungnade fiel, hieß es, seine völlige Unbedeutendheit zeige sich auch darin, daß er nie den Mund auftue. Keudell dankte seine Karriere nicht zuletzt dem Umstand, daß er als junger Mann mit Fräulein Johanna von Puttkamer vierhändig Klavier gespielt hatte. Die gute, treue Johanna hat ihrem Jugendfreunde Robert Keudell stets ihre Freundschaft bewahrt, auch nachdem sie den großen Otto Bismarck geheiratet hatte. Während dieser Gesandter in Frankfurt war, hatte Keudell mehrfach als Logierbesuch im Bismarckschen Hause geweilt. Auch in St. Petersburg hat er die Bismarcks besucht. Als Bismarck zum Ministerpräsidenten und Minister des Äußern ernannt wurde, empfand er das Bedürfnis, sich mit einigen ganz sicheren Mitarbeitern zu umgeben. 324 EIN GIFTPFEIL HOLSTEINS Deshalb zog er neben seinem Vetter, dem Grafen Karl von Bismarck- Bohlen, auch Robert von Keudell als Mitarbeiter in das Ministerium des Äußern, wo dieser die neun bedeutungsvollen Jahre von 1863 bis 1872 als Personaldezernent verlebte. Weshalb verlor Keudell später das Vertrauen seines großen Chefs? Vielleicht hat es diesen verstimmt, daß Keudell, nachdem er sich mit der reichen Tochter des früheren liberalen Handels- und Finanzministers von Patow vermählt hatte, ins Ausland drängte. Es scheint, daß Keudell, der gute Beziehungen zu Publizisten und Literaten hatte, nach der Ansicht seines hohen Chefs zu viel Reklame für sich machte. Zweifellos haben aber auch Intrigen von Holstein, der, seitdem er 1860 als Attache in St. Petersburg unter Bismarck gedient hatte, dessen intimster Vertrauensmann geworden war, dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Bismarck und Keudell zu trüben. Keudell hat mir selbst, als ich Attache bei ihm war, erzählt, Holstein habe Bismarck eingeredet, Keudell habe in Berlin die Nachricht verbreitet, daß von ärztlicher Seite behauptet würde, der große Minister gehe einer Gehirnerweichung entgegen, die mit der Zeit zu völliger Geistesstörung führen würde. Jedenfalls ein echt Holsteinscher Giftpfeil. Als ich in Rom 1874/75 unter Keudell arbeitete, war das Verhältnis zwischen ihm und seinem Chef äußerlich noch leidlich. Die Fürstin Johanna schrieb regelmäßig an ihren Jugendfreund. Sie hatte auch dessen Gattin, die sehr liebe und gütige Frau Hedwig, in ihr Herz geschlossen. Aber Keudell fühlte sich nicht mehr sicher und sprach nicht selten davon, daß er sich nach Ruhe sehne. Er reichte an diplomatischer Brauchbarkeit an andere deutsche Vertreter der Bismarckschen Zeit, wie Paul Hatzfel dt, Schweinitz, Savigny, Goltz, Prinz Heinrich VII. Reuß, nicht heran. Er besaß nicht die Gedankentiefe Lothar Buchers oder meines Vaters. Aber er war fleißig und gewissenhaft, er hatte den ostpreußischen klaren und nüchternen Verstand. In Rom war er allgemein beliebt. Er galt mit Recht für einen Bewunderer und Freund des modernen Italien. Die damals sehr zahlreiche deutsche Kolonie schwärmte für Keudell. Mein Chef hatte mir einen guten Rat gegeben, als er mir empfahl, Neapel Neapel und Sizilien zu besuchen. Ich denke nicht daran, die dort im und Sizilien Herbst 1874 verlebten Wochen zu beschreiben, da ich nicht den Ehrgeiz habe, mit Goethe zu wetteifern. Den Vesuv bestieg ich zu Fuß, was bei der herrschenden Hitze einigermaßen anstrengend war. Ein dicker württem- bergischer Herr, der mit mir hinaufkletterte, wurde vom Schlag gerührt. Wegen seiner Beisetzung gab es allerhand Schwierigkeiten, weil die katholische Geistlichkeit der umliegenden Orte dem armen schwäbischen Ketzer keinen Platz in geweihter Erde gönnte. In Sorrent wurde ich gewarnt, die Berghöhe des Deserto aufzusuchen, da sich dort Briganten KIRCHE UND STAAT 325 herumtrieben. In Sizilien wurde die Postkutsche, mit der ich von Palermo nach Girgenti fuhr, von berittenen Karabinieri begleitet. Der Brigantaggio war auf der schönen Insel noch nicht ausgerottet. In Girgenti wurde ich in den „Circolo Empedocle“ eingeführt, der nach dem berühmtesten Sohn der Stadt, dem Philosophen Empedokles benannt war. Die dort anwesenden Herren führten ein politisches Gespräch. Ich frug, was man in Girgenti von dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten, Marco Minghetti, denke. Man antwortete mir: „Una iena alterata di sangue. (Eine blutberauschte, blutdürstige Hyäne.)“ Diese Äußerung ist mir im Gedächtnis gebbeben, denn sie ist charakteristisch für den Wert oder vielmehr Unwert parteipobtisch gefärbter Urteile. Marco Minghetti war, wie heute ziembch allgemein anerkannt wird, einer der gemäßigtesten und weisesten Staatsmänner und gleichzeitig einer der gebildetsten und humansten Männer seiner Zeit. Als ich von meiner mich sehr befriedigenden Reise durch Süditaben nach Rom zurückkehrte, bot mir Keudell an, im Palazzo Caffarelb abzusteigen, wo ich ein im dritten Stock gelegenes Zimmerchen bezog, das eine herrbche Aussicht gewährte. Als ich nach und nach die Mitgbeder anderer Missionen kennenlernte, hörte ich namentbch von Österreichern und Franzosen sagen, daß ein Zusammenleben des Papstes und des Königs von Itaben in Rom auf die Dauer nicht möglich sei. ,,Ceci tuera cela“, meinte ein geschwätziger französischer Kollege, der Vicomte de Mareuil. „Entweder der Papst exkommuniziert den König, oder der König läßt den Vatikan besetzen, in beiden FäUen großer Krach.“ Je mehr ich Gelegenheit batte, mich über den Stand dieses Problems zu unterrichten, desto mehr wurde mir klar, daß die Ausländer die römischen Verhältnisse oft falsch beurteilen und namentbch jene itabenische Gabe unterschätzen, die Anatole France das „genie itaben de la juxtaposition“ genannt hat. Eine kathobsche deutsche Dame erzählte mir, daß Pius IX., der bekanntlich geistvoll und sogar witzig war, sie gefragt habe, was sie in Rom am merkwürdigsten gefunden hätte. Sie antwortete natürbch: „Die Peterskirche.“ Der Heibge Vater schüttelte den Kopf. Da meinte sie: „Das Forum und den Palatin.“ Wiederum schüttelte der Heibge Vater den Kopf und sagte sodann lächelnd: „Das Merkwürdigste bleibt doch, daß in Rom ich, der Papst, der König Viktor Emanuel und Garibaldi zusammen leben und daß wir uns untereinander nicht auffressen.“ Garibaldi war damals zum Abgeordneten gewählt worden. Ich bin ihm öfters begegnet. Er hatte schöne, gütige Augen, ein sehr einfaches Auftreten, etwas Naives, Schwärmerisches und dabei doch Heroisches. Von meinem Freunde, dem Prinzen Franz Arenberg, hatte ich schon, als wir zusammen am Landgericht in Metz arbeiteten, gehört, daß sein 326 PIO NONO Onkel, der päpstliche Kriegsminister Graf Friedrich Merode, von 1860 bis 1864 Waffenminister des Papstes, ihm gelegentlich und vertraulich den nachstehenden, für die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Italien bezeichnenden kleinen Vorfall erzählt hatte. Pius IX., hinter dessen Stuhl der Graf Merode stand, empfing einen deutschen, katholischen Grafen. Dieser klagte über alles Leid, das die italienische Einheitsbewegung über die Kirche gebracht habe. Der Papst hörte andächtig zu und gab hier und da Zeichen bewegter Zustimmung. Als der deutsche Herr entlassen worden war, sagte Pius IX., der vergessen hatte, daß Merode noch hinter seinem Stuhle stand, zu dem diensttuenden italienischen Kämmerer neben sich: „Questo bestione tedesco non capisce la grandezza e la bellezza dell’idea nazionale italiana. (Dieses deutsche Tier versteht nicht die Größe und Schönheit der italienischen Nationalidee.)“ Aus dieser und ähnlichen Erzählungen Arenbergs hatte ich schon lange, ehe ich nach Rom kam, erkannt, daß die Beziehungen zwischen der Kurie und dem modernen Italien wesentlich komplizierter sind, als der Nichtitaliener annimmt. Die Geselligkeit dieses Winters war sehr angeregt. Ich tanzte viel. Römische Während eines Balles im Quirinal hatte ich bei dem sehr rasch getanzten Geselligkeit Kehraus-Galopp das Pech, Seiner Majestät dem König Viktor Emanuel II. auf den Fuß zu treten. Ich sah in ein sehr erzürntes, hochrotes, überaus martialisches Gesicht mit einem riesigen Knebelbart. Ich hütete mich wohl, mich zu entschuldigen, sondern tanzte so rasch wie möglich weiter. Der große König hat Gott sei Dank nie erfahren, wer ihm auf den Fuß trat. Das schönste Fest der Saison war ein Kostümball bei dem Herzog Onorato Sermonetain dem herrlichen Palazzo Caetani, ein echt römischer Palazzo in der Mitte der Stadt, in der engen und dunkeln Via delle Botteghe oscure gelegen, aber im Innern von einer Pracht, wie sie in Privathäusern anderswo als in Italien nicht häufig zu finden ist. Der Herzog war der Chef einer der wenigen uradligen römischen Familien und leitete seine Abstammung von Docibilis I. Magnificus, Herrn von Gaeta ab, der in der Zeit der Karolinger lebte. Herzoge von Gaeta seit dem zehnten Jahrhundert, gaben die Caetani der Kirche zwei Päpste, Gelasius II. im zwölften und Bonifazius VIII. im dreizehnten Jahrhundert. Das Grabmal der Caecilia Metella auf der Via Appia, das jeder Romfahrer kennt, gehörte im Mittelalter den Caetani, die das Gebäude mit einem Zinnenaufsatz versahen und zum Turm einer Raubburg machten, von der aus sie, wenn es ihnen paßte, Streifzüge in die Campagna unternahmen und gelegentlich auch einem ihnen imbequemen Papst Trotz boten. In mittelalterlicher Tracht sah der Herzog Onorato auf seinem Ball aus, als ob er am nächsten Tage allen seinen Feinden den Fehdehandschuh hinwerfen würde. Auch andere Kostüme, sowohl italienische wie französische, englische und deutsche, waren prächtig. DER GELEHRTE AUF DEM BALL 327 Ich war als Wallensteinscher Reitersmann gekleidet, da ich als guter Patriot keine ausländische Verkleidung anlegen wollte. Wenn ich mich heute in Rom umsehe, erblicke ich nur noch wenige von denen, die dieses schöne Fest mitgemacht haben. Donna Teresa Caracciolo, die damals, ein reizendes, schlankes Mädchen, am Arme ihres Bräutigams, des Fürsten Marco Antonio Colonna, durch die Säle des Palazzo Caetani schritt, ist inzwischen eine siebzigjährige Matrone geworden, und wenn wir uns jetzt begegnen, freue ich mich an ihrer unverwelklichen geistigen Frische. Alberto Pansa, der, während ich der deutschen Gesandtschaft attachiert war, im italienischen Ministerium des Äußern als Attache arbeitete und auf dem Ball Caetani ein herrliches Kostüm trug, wurde im weiteren Verlauf seiner Karriere mit drei Botschaften: Konstantinopel, London und Berlin, betraut. Er geht im Winter jeden Sonntag mit mir auf dem Pincio spazieren, und wir tauschen alte Erinnerungen aus. Aber so viele andere Tänzer und Tänzerinnen vom Kostümball Caetani im Februar 1875? Wo sind sie hin? Es pfeift der Wind, Es schäumen und wandern die Wellen. Auf einem anderen Balle, den Keudell im Cafarelli gab, leitete ich die Tänze. Plötzlich winkte mich der Gesandte heran und sagte mir, daß Ihre Königliche Hoheit die Kronprinzessin Margherita unsern Landsmann Gregorovius auffordere, mit ihr die nächste Quadrille zu tanzen. Ich ging Ferdinand auf Gregorovius zu und übermittelte ihm diese Aufforderung der hohen Gregorovius Frau. Er sah mich lange an, dann kreuzte er die Arme und sagte mir mit feierlicher Stimme: „Sagen Sie der Frau Prinzessin, daß Ferdinand Gregorovius nicht tanzt.“ Er betonte das Wort „nicht“ mit starkem Nachdruck. Die kleine Episode war mir charakteristisch für den schweren Ernst deutscher Gelehrter, tat aber meiner Bewunderung für Gregorovius keinen Eintrag. Es gibt wenige deutsche Schriftsteller, die ich mit solchem Genuß gelesen habe wie Gregorovius. Mein Freund, der englische Botschafter in Rom, Sir Rennel Rodd, sagte mir einmal, daß ihn der amerikanische Präsident Roosevelt gefragt habe, welche Lektüre er ihm für eine lange Reise empfehle, die er unternehmen wolle und auf der er viel Zeit zum Lesen haben würde. Rodd hatte ohne Zögern erwidert: „Die Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter von Ferdinand Gregorovius.“ Ich teile die Bewunderung von Sir Rennel Rodd für dieses herrliche Buch. Es ruft mir eine Äußerung Theodor Mommsens ins Gedächtnis, die auf dessen Sarkasmus ein bezeichnendes Licht wirft. Mommsen machte in Rom im Salon der Gräfin Ersilia Lovatelli, der Schwester des Herzogs von Sermoneta, die eine geistvolle und sogar gelehrte Dame war, die sich viel mit Archäologie beschäftigte, die Bekanntschaft von Gregorovius. Das 328 GRIMM, EUROPA Gespräch wandte sich den Schicksalen der Ewigen Stadt zu, in der sich die beiden großen Männer begegneten. Gregorovius erzählte mit Geist und Feuer manches Neue über das römische Mittelalter. Darauf Mommsen, als Gregorovius eine kleine Pause machte: „Ich will Ihnen etwas sagen, schreiben Sie eine Geschichte Roms im Mittelalter.“ Vielleicht noch bezeichnender für die Malice, über die Mommsen gebot, ist die Art und Weise, wie er einmal Herman Grimm abfertigte. Dieser, der Neffe von Jakob, Sohn von Wilhelm Grimm, hatte Biographien von Raffael und Michelangelo verfaßt, auch einiges über Goethe geschrieben. Seine Werke standen nicht ganz auf der Höhe der sehr guten Meinung, die er von sich hatte. Er erzählte vor Mommsen, daß unter der Leitung von Stephan die deutsche Post staunenswerte Fortschritte tnache. Vor einigen Tagen sei ein Brief aus Amerika richtig und pünktlich in seine Hände gelangt, der als Adresse nur die beiden Worte getragen habe: „Grimm, Europa.“ Darauf Mommsen mit einem unbeschreiblich boshaften Blick: „In Amerika scheint man nicht zu wissen, daß Jakob Grimm lange tot ist.“ Herman Grimm war mit Gisela von Arnim, der Tochter Bettinas von Arnim, des Goetheschen „Kindes“, verheiratet. Sie versuchte die Originalität ihrer Mutter zu kopieren, aber ohne deren Geist und Temperament zu besitzen. Die Stimmung in Italien war während meines ersten Aufenthalts in dem Bel paese für Deutschland sehr freundlich. Es hing das auch damit zusammen, daß der Ton der französischen Presse gegenüber Italien sehr gehässig war. Der dem italienischen Nationalstaat feindliche Klerikalismus übte in Frankreich noch große Macht aus. Ausgesprochene Klerikale, wie der Herzog von Broglie, der Herzog Decazes, General Cissey und Fourton, saßen in der Regierung. Der Präsident der Republik, der Marschall Mac Mahon, war ein gläubiger Katholik und innerlich Legitimist. In ganz Frankreich fanden unausgesetzt Wallfahrten statt, bei denen für die Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes gebetet und demonstriert wurde. In Civitavecchia lag die französische Fregatte „Orenoque“, um den Papst, wenn er des französischen Schutzes bedürfen sollte, in Sicherheit zu bringen. Da sich gleichzeitig infolge des deutschen Kulturkampfes das Verhältnis zwischen dem jungen Deutschen Reich und dem Päpstlichen Stuhl verschlechtert hatte und Papst Pius IX. seiner Unzufriedenheit über das Vorgehen der deutschen Regierung lauten und sehr ungenierten Ausdruck gab, fühlten sich die italienischen Patrioten doppelt zu Deutschland hingezogen. Die italienische Regierung aber hütete sich wohl, die deutsche Kulturkampfpolitik nachzuahmen. Sie enthielt sich aller Eingriffe in das innere Leben der katholischen Kirche. ■»I*- r* mit.** ■*- Attache Bernhard von Bülow auf einem Kostümball iin Palazzo Caetani in Rom (1875) EIN DROHBRIEF BISMARCKS 329 Im Februar 1875 hatte Pius IX. an den preußischen Episkopat eine leidenschaftliche Enzyklika gerichtet, in der er „allen, welche es angeht“, d. h. zunächst den preußischen Katholiken, „ganz offen“ erklärte, daß die Maigesetze, die unter voller Wahrung der durch die preußische Verfassung vorgeschriebenen Form zustande gekommen waren, ungültig seien, was, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch implicite die Entbindung der katholischen preußischen Untertanen von der Pflicht des Gehorsams gegen die Maigesetze bedeutete. Nicht lange nachher eröflfnete mir Herr von Keu- dell mit sorgenvollem Gesicht, er habe aus Berlin einen überaus heiklen Auftrag erhalten. Fürst Bismarck habe ihm geschrieben, er lasse sich den öffentlichen Tadel und die Drohungen des Papstes nicht länger gefallen. Vor der Besitzergreifung Roms durch Italien würde er einfach manu militari gegen den Pontifex Maximus vorgegangen sein, wie dies in vergangenen Jahrhunderten Frankreich, Spanien und die römischen Kaiser deutscher Nation mehr als einmal getan hatten. Jetzt müsse er die italienische Regierung für das Verhalten des Papstes verantwortlich machen und sie ernstlich ersuchen, ihn zur Ruhe zu bringen. Keudell fühlte, daß die Ausführung dieses Auftrags schwierig war, andererseits zitterte er vor seinem großen Chef, dessen Temperament er nur zu gut kannte. Er beschloß, seinen Auftrag noch am selben Abend während eines Hofballes im Quirinal auszuführen. Er wies mich an, wenn er mit dem Minister des Äußern, Visconti - Venosta, ein Gespräch beginnen sollte, mich in seiner Nähe zu halten, um, wenn er über die Unterredung nach Berhn berichte, seinem Gedächtnis zu Hilfe kommen zu können. Emiho Visconti-Venosta, damals fünfundvierzig Jahre alt, war einer der berechnendsten und vorsichtigsten Politiker, die mir vorgekommen sind. Ich glaube nicht, daß er je in seinem Leben auf irgendeinem Gebiet eine Dummheit begangen hat. Er stammte aus dem Veltlin und besaß die Gerissenheit (furberia) der Bewohner dieser Landschaft, die während so vieler blutiger Kämpfe des Mittelalters sich bald der Schweizer, bald der Mailänder erwehren mußten. In jungen Jahren nach Mailand gekommen, hatte er sich dort der radikalen Partei angeschlossen und Zeitungsartikel geschrieben, in denen er das Volk auflforderte, die Straßen der Stadt mit den abgeschnittenen Köpfen der Aristokraten zu pflastern. Später heß er sich nicht ungern zum Marchese erheben. Er war, wie ich schon erwähnte, Privatsekretär von Mazzini gewesen. Er wurde viermal Minister des Auswärtigen, zuletzt 1896, während ich Botschafter in Rom war. Keudell benutzte einen Augenbhck, wo Visconti allein in einer Ecke des großen Tanzsaales stand, um auf ihn zuzugehen, gefolgt von mir, dem bescheiden, aber aufmerksam zuhörenden Attache. Wie sich die beiden gegenüberstanden, der biedere, im Grunde warmherzige Deutsche und der Enzyklika gegen die Maigesetze 330 DER SOUVERÄNE PAPST kühle, vorsichtige Italiener, bildeten sie einen pikanten Kontrast. Während Keudell eifrig, wenn auch mit sichtlicher Verlegenheit, häufig stockend, mit rotem Kopf, auf den Minister einsprach, zupfte dieser, ohne eine Miene zu verziehen, an seinen langen, rotblonden Bartkoteletten. Als der Gesandte geendigt hatte, schwieg Visconti mindestens fünf Minuten, was Keudells innere Unruhe und Verlegenheit steigerte. Dann erwiderte Visconti, jede Silbe betonend: „Ich muß diese unerwartete, mich sehr überraschende Eröffnung zunächst dem Ministerpräsidenten Minghetti und Seiner Majestät dem König zur Kenntnis bringen. Ich glaube aber schon jetzt folgendes sagen zu können: Es ist der italienischen Regierung unmöglich, in der gewünschten Richtung einen Druck auf den Papst auszuüben. Das stünde in Widerspruch mit den Gefühlen des katholischen italienischen Volkes, es stünde aber auch in Widerspruch mit dem von Kammer und Senat angenommenen und vom König bestätigten Garantiegesetz vom 16. Mai 1871, durch das dem Papst nach der Einverleibung Roms in Italien seine Stellung als unabhängiger Souverän gesichert wurde. Es heißt in Artikel I des Garantiegesetzes: ,Die Person des Papstes (sommo pontifice) ist heilig und unverletzbar. 4 Da aber Italien auf die von ihm hochgeschätzten guten Beziehungen mit dem Deutschen Reich nicht verzichten will und kann, werde ich, wenn der von uns allen bewunderte Fürst Bismarck auf seinem Willen besteht, dem Ministerpräsidenten und Seiner Majestät dem König Viktor Emanuel Vorschlägen, Rom zu räumen und die italienische Hauptstadt nach Neapel zu verlegen.“ Als Keudell, der sehr wohl die Ironie in der Antwort des italienischen Ministers fühlte, andererseits aber voraussah, daß das bisherige Ergebnis seiner Demarche den Fürsten Bismarck kaum befriedigen würde, insistierte, hüllte Visconti sich in Schweigen. Es blieb Keudell nichts übrig, als, von mir gefolgt, den Rückzug anzutreten. Am nächsten Tage berichtete der Gesandte brieflich dem Kanzler über Vatikan und den Verlauf seiner Unterredung mit Visconti. Fürst Bismarck ist auf die Quirinal ganze Sache, während ich in Rom war, nicht wieder zurückgekommen. Dagegen wurde das Verhältnis zwischen Papsttum und Italien, wie ich vorgreifend hier schon erwähnen möchte, bei der Begegnung, die im Oktober 1875 in Mailand zwischen Kaiser Wilhelm und König Viktor Emanuel stattfand, von meinem Vater mit Minghetti erörtert. Der Kaiser war von meinem Vater begleitet. Fürst Bismarck hatte diesen angewiesen, den italienischen Ministerpräsidenten ernstlich vor weiterer Schwäche gegenüber dem Papsttum zu warnen. Wenn die italienische Regierung sich nicht zu größerer Energie aufraffe, werde der italienische Nationalstaat an den Umtrieben und Intrigen der Kurie zugrunde gehen. Als mein Vater in Mailand in diesem Sinne mit Minghetti sprach, antwortete ihm der CAVOURS VERMÄCHTNIS 331 italienische Ministerpräsident: „Wir Italiener haben seit tausend Jahren mit dem Papsttum zu tun, und wir kennen es, wenn Sie mir gestatten, Ihnen das offen zu sagen, doch besser als die Fremden, selbst als die sehr von uns geschätzten und bewunderten Deutschen, die alles von der wissenschaftlichen Erforschung erwarten und glauben, das historische Seminar sei der richtige Ort, um große politische Fragen zu lösen. Ich bin überzeugt, daß wir mit dem Papsttum in denselben, ganz erträglichen Beziehungen stehen werden wie heute, ohne Nachgiebigkeit in politischen Lebensfragen, aber unter Schonung aller religiösen Empfindungen und ohne unnötig reizende Gewalttätigkeiten, wenn der große Fürst Bismarck längst seine Maigesetze revidiert und damit den Rückzug angetreten haben wird.“ Als im März 1875 in Berlin in die Presse durchgesickert, vielleicht auch lanciert worden war, daß die deutsche Regierung die italienische aufgefordert habe, den Papst zu ruhigerer Haltung gegenüber Deutschland zu bewegen, erklärte die italienische Presse sofort und mit Bestimmtheit, daß keine italienische Regierung einem solchen deutschen Verlangen entsprechen könne und werde. Das italienische Garantiegesetz sichere die kirchliche Unabhängigkeit des Papstes. Wenige Tage nach der Mailänder Begegnung erklärte Minghetti vor seinen Wählern in Bologna, es sei behauptet worden, der Mailänder Besuch des Deutschen Kaisers könne eine Änderung der italienischen Kirchenpolitik veranlassen. Das sei ein Irrtum. Die Kirchenpolitik Italiens beruhe auf dem Prinzip der Trennung zwischen Kirche und Staat. Die mit diesem Prinzip erreichten Resultate zeigten keinen Grund zur Änderung der bisherigen Politik. Meinem Vater gegenüber hatte sich Minghetti schon in Mailand auf die berühmten Worte berufen, die der sterbende Cavour dem ihm die Sakramente reichenden Mönch zugerufen hatte: „Frate, frate, libera chiesa in libero stato!“ Ich seihst habe noch erlebt, daß bei der fünfzigsten Wiederkehr des Tages der Proklamation des Königreiches Italien, am 10. März 1911, der Ministerpräsident Luigi Luzzatti, ein Israelit, auf dem Kapitol in meinem Beisein eine Rede hielt, in der auf das nachdrücklichste und feierlichste der Grundsatz von der freien Kirche im freien Staat noch einmal verkündigt wurde. Auf diesem Wege ist Italien weiter gekommen als wir mit dem von den guten Professoren in Greifswald und wohl auch an anderen deutschen Hochschulen mit hellem Jubel begrüßten unseligen Kulturkampf. XXIV. KAPITEL Eine Soiree Kaisers Geburtstag im Palazzo Caffarelli • Albano • Spaziergänge in Rom und Ritte in der Campagna • Der Kronprinz und die Kronprinzessin • Erste Regegnung mit Gräfin Marie Dönhoff • Reise des Kronprinzen nach Neapel A m 22. März 1875, dem Geburtstag unseres alten Heldenkaisers, fand im Palazzo Caffarelli eine Soiree statt, zu der Einladungen an zahlreiche in Rom vorübergehend oder dauernd weilende deutsche Landsleute ergangen waren. Herr von Keudell brachte das Kaiserhoch aus. Ihn reden zu hören, war eine Qual. Es ist mir immer peinlich gewesen, wenn in meiner Gegenwart ein anderer beim Reden steckenblieb. Die Unbehilflichkeit des guten Keudell aber übertraf das, was man bei solchen Gelegenheiten erwarten kann. Er nahm einen Anlauf, dann schwieg er. Eine Stille von mehreren Minuten folgte. Dann holte er aus der Seitentasche einige weiße Blätter hervor, auf denen er den Text seiner Rede sauber niedergeschrieben hatte, fand aber nicht sogleich das richtige Blatt, stockte wieder und verlor ganz den Faden, und eine neue, noch längere Pause entstand. Während dieser Pause stieß eine ältere deutsche Dame aus Mitgefühl oder aus Nervosität einen lauten Schrei aus. Als endlich die Rede überstanden und das dreimalige Hoch verklungen war, wandte sich Keudell den Damen zu, die er nach ihrem Rang durch die Säle führte. In dem Zimmer, wo die Bilder preußischer Könige und Königinnen hingen, begegnete er mir. An seinem Arm führte er eine sehr schöne Frau. Sie hatte braunes Haar, von jener Farbe, die der Engländer „auburn“ nennt. Auch Gretchen, mein kleiner Kölner Schatz, hatte solches Haar, aber im übrigen glich sie der Dame am Arm des Gesandten von Keudell wie das Heckenröschen der Gardenia. Womit ich nichts gegen das Heckenröschen sagen will, das eine reizende Blume ist. Die Dame am Arm meines Chefs hatte seltsame Augen, Augen, die nicht blau und nicht schwarz und nicht grün waren, die aber bald blau, bald schwarz, bald grün schillerten, Augen, aus denen Stolz und Härte sprachen und dann wieder eine tiefe Melancholie, Augen, die streng, die aber auch kokett und die sogar zärtlich blicken konnten, Nixenaugen. Wer sie ansah, verstand, daß diese Frau viele Köpfe verdreht, daß sie große Leidenschaften entzündet DIE FÜRSTIN Y. 333 hatte. In ihrem Wesen lag etwas Lässiges, Gleichgültiges, gewissermaßen Verhaltenes, das die Sinne reizte. Wenn nicht ein langer Galopp oder ein rascher Tanz sie erhitzt hatte, bedeckte eine bei deutschen Frauen seltene Blässe das wohlgeformte Oval ihrer Wangen. Während ich die schöne Frau nicht ohne Bewunderung betrachtete, sprach mein Chef zu mir: „Ich stelle Sie der Fürstin Y. vor, der Sie die Honneurs unseres Caffarelli machen sollen. Erzählen Sie ihr die Geschichte unseres Palazzo. Ich muß mich noch anderen Damen widmen.“ Die Fürstin nahm meinen Arm, und wir machten einen Rundgang durch die Säle. Ich erzählte ihr die Geschichte des Palazzo, der ein halbes Jahrhundert später dem Reich verlorengehen sollte. „Die Calfarelli“, setzte ich ihr auseinander, „waren eine alte Herzogsfamilie, die schon im dreizehnten Jahrhundert zu der kaisertreuen Ghibellinischen Partei stand. Ein Caffarelli fiel auf dem Schlachtfeld von Tagliacozzo als treuer Gefolgsmann unseres armen und lieben Konradin von Schwaben.“ Meine schöne Begleiterin hörte aufmerksam zu. „Sie stehen“, belehrte ich sie weiter, „auf dem Kapitolinischen Hügel, auf den Fundamenten eines alten Jupitertempels, aber gleichzeitig umgeben Sie hehre deutsche Erinnerungen. Auch im sechzehnten Jahrhundert waren die Caffarelli Anhänger der Deutschen Kaiser. Dafür wurden sie belohnt, als Kaiser Karl V., der große Carolus Quintus, im Laufe seiner Regierung einmal Rom besuchte. Er ernannte den jungen Ascanio Caffarelli, der ungefähr in meinem Alter stand, das heißt vierundzwanzig Jahre alt war, zu seinem Pagen und schenkte ihm, nachdem er längere Zeit persönlich Dienste bei ihm getan hatte, den südlichen Teil des Kapitolinischen Hügels. Mir hat noch niemand ein so schönes Geschenk gemacht. Als der so ausgezeichnete Ascanio als Greis wieder in seine Heimat zurückkehrte, ließ er sich auf seinem neuen Grundstück durch den trefflichen Canonica, einen Schüler des großen Baumeisters Giacomo Vignola, einen Palast erbauen, unseren Caffarelli, den Sie mit Ihrer Gegenwart beglücken. Hier hausen seit einem halben Jahrhundert deutsche Diplomaten. Der erste Deutsche von Namen, der hier geweilt hat, war der Sohn von Goethe, der freilich ein weniger großer Poet war als sein Vater. Er soll in seinem Leben nur einen einzigen Vers gemacht haben. Der lautet: ,Hier steh’ ich auf dem Kapitol und weiß nicht, was ich sagen soll. 4 Hier hat als Gesandter beim Papst der Historiker Barthold Niebuhr gewirkt, der eine dreibändige, ganz ausgezeichnete Römische Geschichte geschrieben hat, mit der ich Sie verschonen will. Nach ihm kam Josias von Bunsen, den Bismarck nicht mochte, der aber bei Friedrich Wilhelm IV. in großer Gunst stand.“ Ich führte die Fürstin in ein kleines Zimmer neben dem großen Saal. „In diesem kleinen Zimmer“, fuhr ich fort, „hat sich in den fünfziger Jahren eine Tragödie abgespielt. Preußischer Gesandter war damals ein Herr von Kanitz, ein Palazzo Caffarelli 334 HERR VON KANITZ tüchtiger und allgemein beliebter Mann. Zum Besuch weilte in Rom der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, unser jetziger Kronprinz. Er war im Caffarelli abgestiegen. Am Abend sollte ein großes Diner stattfinden. Alle eingeladenen Gäste waren gekommen. Auch Prinz Friedrich Wilhelm war schon erschienen. Nur der Gastgeber fehlte. Endlich trat er ein. Aber wie! Er erschien in dem Anzug, in dem die römischen Fuchsjagden geritten werden, also in rotem Rock, weißen Breeches und Stulpenstiefeln, eine Hetzpeitsche in der Hand. Natürlich war alle Welt starr. Nur einer der Anwesenden bewahrte seine Geistesgegenwart, der damalige französische Gesandte, der Herzog Agenor von Gramont. Der hat erst viel später den Kopf verloren, nämlich am 6. Juli 1870, als er seine dumme, provozierende Rede im Pariser Gesetzgebenden Körper hielt. Damals in Rom behielt er allein den Kopf oben. Er faßte den ihm persönlich befreundeten Herrn von Kanitz unter den Arm, flüsterte ihm zu, er habe ihm etwas sehr Wichtiges und Vertrauliches mitzuteilen, und brachte ihn in dieses kleine Zimmer. Dort blieb Kanitz die ganze Nacht, bewacht von dem trefflichen Kanzleirat Schulze, der noch lebt und den Sie täglich unter einer Palme vor der Casa Tarpeia sitzen sehen können, mit einer langen deutschen Pfeife im Munde. Der arme Kanitz ist übrigens wieder ganz bei Trost. Als ich im vorigen Winter bei einem Diner neben ihm saß, erzählte er mir seine ganze Leidensgeschichte und schloß mit den Worten: ,Daß ich Ihnen das alles sage, beweist Ihnen, daß ich gar nicht mehr verrückt bin.“ 4 Ich sprach der Fürstin auch von dem armen Friedrich Wilhelm IV., der als gemütskranker Mann, nachdem er seinen Bruder Wilhelm mit seiner Stellvertretung betraut hatte, einige Wochen in Caffarelli weilte und in der erhabenen Größe der römischen Trümmerwelt Trost und Erholung fand. Während ich noch im besten Erzählen war, näherte sich der schönen Fürstin ihr Gemahl. Wie das leider bisweilen der Fall ist, stand er in keiner Weise auf der Höhe seiner Frau, weder als äußere Erscheinung noch an innerem Wert. Es schien ihr nicht erwünscht, daß er das Zeichen zum Aufbruch gab. Sie drückte mir die Hand und gab der Hoffnung Ausdruck, daß ich sie auch in den nächsten Tagen als Cicerone führen würde, aber nicht durch die Säle des Caffarelli, sondern durch das Ewige Rom. Ich erwiderte, daß mir das leider unmöglich sei, ich würde mich am nächsten Morgen ganz früh nach Albano begeben. „Und warum?“ fragte sie. Ich erwiderte, daß ich dort in völliger Abgeschiedenheit und Stille eine Arbeit über die italienischen Finanzen für das mir bevorstehende diplomatische Examen verfassen wolle. Nicht ohne Gereiztheit erwiderte sie: „Sie ziehen also dem Verkehr mit mir Ihre lederne Prüfungsarbeit vor.“ Ohne mir die Hand zu reichen, verließ sie mit ihrem Gatten das Fest. Die Empfindung, mit der ich mich von ihr trennte, war unklar. Ich hatte vor allem den Eindruck, BYRON ALS FREMDENFÜHRER 335 daß von der Frau, deren Arm während einer Stunde in meinem geruht hatte, ein dämonischer Zauber ausging und daß das Schicksal uns wieder zusammenführen würde. Zum Guten? Zum Bösen? Das ruhte noch im Zeitenschoße. Am nächsten Morgen fuhr ich auf der Via Appia Nuova an Zypressen und Pinien, Steineichen und Oliven vorbei nach Albano. Ich fuhr in einer Albano alten gelben Postkutsche zwischen zwei dicken Bäuerinnen, die stark nach Knoblauch dufteten. In Albano angelangt, suchte ich eine kleine, bescheidene Osteria auf. Man wies mir ein Stübchen an, in dem außer dem Bett nur ein Tisch und ein Rohrstuhl standen, aus dessen Fenstern ich aber eine herrliche Aussicht auf die Campagna hatte. Und am Rande dieser klassischen Landschaft erblickte ich einen schmalen blauen Streifen, das Meer, das Tyrrhenische Meer. Für ein paar Soldi erwarb ich Tinte, Feder und das ordinärste Konzeptpapier, auf dem ich je geschrieben habe. Dann machte ich mich an die Arbeit, für die ich statistisches Material mitgebracht hatte, in derselben Art wie drei Jahre früher an der Ostsee, in Greifswald. Nur daß ich in Alhano nicht ritt, sondern nachmittags ein bis zwei Stunden an dem herrlichen Albaner See umherschlenderte. Die Arbeit war in acht Tagen fertiggestellt. Dann kehrte ich nach Rom zurück, diesmal nicht mit der Postkutsche, sondern per pedes apostolorum auf der Via Appia Antica, an einem herrlichen Frühlingsmorgen. Als ich nachmittags auf dem Corso schlenderte, begegnete ich der Fürstin Y. Die Begrüßung von ihrer Seite war nicht so ungnädig, wie ich angenommen hatte. ,,Da sind Sie ja, Sie Ausreißer! Jetzt entwischen Sie mir aber nicht wieder. Von heute ab lege ich Beschlag auf Sie.“ Am nächsten Tage begannen wir denn auch unsere Wanderungen. Als Führer nahm ich nicht den Baedeker, auch nicht den Gsell-Fels, sondern Byron, Canto IV des „Childe Harold“. Ich führte sie nach der Peterskirche. But lo! the dome — the vast and wondrous dome, To wliich Diana’s marvel was a cell — Christ’s mighty shrine above his martyr’s tomb! Thou, of temples old, or altars new, Standest alone — with nothing like to thee — Worthiest of God, the holy and the true. Since Zion’s desolation, when that He Forsook his former city, what could be, Of earthly structures, in his honour piled, Of a sublimer aspect? Majesty, Power, Glory, Strength, and Beauty, all are aisled In this eternal ark of worship undefiled. 336 DER SATYR AUF DEM PALATIN Ich wies ihr von der Höhe des Kapitols das Forum — and in von Geld below, ■4 9 A thousand years o£ sflenced factions deep — The Forum, where the inuoortal accents glow, And still the eloquent air breathes-hums wüth Cicero! Wir stiegen zum Palatin hinauf. Nicht weit von dem —Casino" der ehemals Famesüschem Gärten stellte ich ihr einen Freund vor. zu dem ich schon damals oft: pilgerte. denn in Rom hat mich der Palatin immer besonders angeaogem. Dieser mein Freund war ein marmorner Satyr. Fr steht inmitten von Rfflsengeseblmgje am Eingang zu den «bersten Terrassen. Mit Heit erkeit betrachtet er die Menschen der neuen Zeit in ihrer geschmacklosen Kleidung, wie er einst mit größerer Sympathie auf die römischem Konsuln, Senatoren und Prätoren in ihrer male rischen Toga geldickt haben wird. Ich habe Born nie verlassen, ohne diesem Satyr einen Abschiedsbesuch zu machen, und wenn ich wieder nach Rom zurfickkehrte, sprach ich bei ihm vor. Seine göttliche Heiterkeit war die gleiche, als ich ihm 1897 vor meiner Abreise nach Berlin Lebewohl sagte, wie zwölf Jahre später, als ich ihn mach meiner Buckkehr in die Ewige Stadt wieder aafsuchte. Im April 1875 schlug ich der Fürstin Y. vor, sich nicht auf die Stadt zu Gamgufgna beschränken, sondern auch die Campagna kermenzn lemen. Ich trieb zwei gute idtändische Hunters auf. Sie war eine vortreDhhe Bcitterän und schreckte vor keiner Stagüomata, keiner Hürde der Campagna zurück. Wir ritten mach dem Grabdenkmal der GaeeilKia MeteUIa und von da mach dem Hain des- Egeriia, wo die behemswürdige und behemswerfe Wyzuphc die Besuche Seiner Majestät des Körnigs Jfuma empfing. Aimrh denn Hain der Egesriia hat Byron mnsterhbehe Yexse gewidmet : Bete diist nhom dweDD, im flMs emehaMlbBd «mwan, EpcnäiiÜ thy al heavenDy bt®®!» beatüng. Fair the fäsr footisteps mTiterni der türkischem Truppen nicht pesramfim&she WftnBimpfiE zur mmvetrwedhten EmsteDumg aller rmiititsimmrfhim* Ojr jjg.y^afe^T^SjfeS >/£*** iVS EIN ENGLISCHER VORSCHLAG 441 Am 28. Juni verlas beim Beginn der Sitzung Graf Andrässy ein langes Memorandum, in dem darauf hingewiesen wurde, daß Österreich während Österreich soll mehr als einem Jahr unter der Insurrektion und der Agitation in den Bosnien Nachbarländern an seinen Grenzen zu leiden hatte. Österreich-Ungarn kupieren habe über hundertfünfzigtausend bosnische Flüchtlinge aufnehmen müssen, die sich hartnäckig weigerten, nach Bosnien zurückzukehren, so lange ihre Heimat unter türkischer Herrschaft verbleibe, die ihnen weder Existenz noch Schutz gewähre. Die Türkei sei augenscheinlich nicht in der Lage, die Ordnung in diesen Provinzen aufrechtzuerhalten, die sich in einem unbeschreiblichen Zustand von Elend und revolutionärer Agitation befänden. Es bestehe die Gefahr, daß dieses Elend und diese Agitation auf die slawische Bevölkerung der angrenzenden ungarischen Monarchie übergreifen werde. Wenn der Kongreß die Fortdauer solcher Zustände gestatte, nähme er eine sehr ernste Verantwortung für die künftige Ruhe Europas auf sich. Graf Andrässy schloß: „Ich verlange nicht, daß Bosnien von Österreich-Ungarn annektiert wird. Ich wünsche nur, der Kongreß möge überhaupt zu einem Entschluß kommen. Sobald dieser praktisch erscheint, wird Österreich-Ungarn ihm beitreten.“ Darauf erhob sich derMarqueß of Salisbury. Er verlas ein Memoire, in dem er erklärte, England sei durchdrungen von der Gerechtigkeit der Bemerkungen des ersten österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten. Da sein edler Freund, der Graf Andrässy, die offene Aneignung von Bosnien zurückweise und sich mit der Annexion zur linken Hand begnüge, schlage er dem Kongreß vor, zu beschließen, daß Österreich-Ungarn beauftragt werde, Bosniern und die Herzegowina zu okkupieren und zu verwalten. Es liege im Interesse Europas, diese Provinzen unter den direkten Schutz eines mächtigen Staates zu stellen. Dieser Staat könne einzig und allein Österreich- Ungarn sein, der unmittelbare Nachbar Bosniens und der Herzegowina. Österreich-Ungarn falle die Aufgabe zu, die Insurrektion dort zu Ende zu bringen. Für Frankreich schloß sich Waddington dem englischen Vorschläge mit Enthusiasmus an. Er hob hierbei hervor, daß diese Regelung auch dem wohlverstandenen Interesse der Türkei entspräche. Der italienische Bevollmächtigte, Graf Cor ti, erklärte seine Zustimmung, aber ohne besondere Freudigkeit. Er ahnte, daß das italienische Volk, gewohnt, bei jeder größeren europäischen Komplikation zu profitieren, mit ihm unzufrieden sein werde, wenn er mit leeren Händen von Berlin nach Rom zurückkehre. Fürst Gortschakow, der zwei Jahre früher das Reichstadter Abkommen mit Graf Andrässy abgeschlossen hatte, sprach seine volle Zustimmung aus: „La motion anglaise relative ä la Bosnie et ä la Herzegovine rentre dans les vues generales de la Russie, et je lui donne mon entiere adhesion.“ Ich 442 DAS DANAERGESCHENK hörte schon damals, zwischen Österreich-Ungarn und Rußland sei brieflich während des Kongresses abgemacht worden, daß Österreich- Ungarn, wenn ihm dies im Interesse der Ruhe auf dem Balkan und für den Frieden Europas zweckdienlich erscheine, die Okkupation mit Zustimmung der Großmächte in eine Annexion verwandeln könne. Der englische V orschlag wurde vom Kongreß einstimmig angenommen. Nur der türkische Bevollmächtigte legte eine schüchterne Verwahrung ein. Er wurde von Lord Beaconsfield sarkastisch, von Fürst Bismarck fast grob zurechtgewiesen. Niemand im Kongreßsaal ahnte, daß die Angliederung Bosniens und der Herzegowina für Österreich-Ungarn ein Danaergeschenk sein und daß von hier sechsunddreißig Jahre später der Anstoß zum Zusammenbruch der alten habsburgischen Monarchie kommen würde. Am 29. Juni erledigte der Kongreß die Griechische Frage. Frankreich Die und Italien beantragten eine Grenzrektifikation zugunsten Griechenlands, Griechische wenn möglich im Einvernehmen der Griechen mit der Pforte, eventuell F ra S e unter Vermittlung der Mächte. England zeigte anfänglich Bedenken, die es aber bald aufgab. Rußland unterstützte rückhaltlos den französischitalienischen Vorschlag. Die armen Türken, deren Widerstand allmählich erlahmte, schützten Mangel an Instruktionen vor. Am Abend des 29. Juni sagte Fürst Bismarck im Salon seiner Frau vor mir lächelnd und freundlich zu meinem Vater: „Die Konzessionen an Griechenland waren ein Akt der Courtoisie für Ihren ältesten Herrn Sohn, der übrigens seine Sache in Athen ganz gut gemacht hat.“ Sehr interessant waren die ersten Julitage, in denen die Serbische, die Drei neue Montenegrinische und die Rumänische Frage erledigt wurden. Alle Fürstentümer drei Fürstentümer wurden für unabhängig von der Pforte erklärt, worein diese schon durch den Vertrag von San Stefano gewilligt hatte. Den drei neugeschaffenen Staaten wurde auf französischen Antrag die Gleichstellung aller Konfessionen auferlegt. Diese letztere Bestimmung galt besonders den Rumänen, die zwar von den in großer Zahl innerhalb ihrer Grenzen lebenden Israeliten die Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten verlangten, ihnen aber alle politischen Rechte systematisch verweigerten. Fürst Bismarck trat dem darauf bezüglichen französischen Vorschlag mit Wärme bei. Er verwies auf die deutsche Reichsverfassung und erklärte, die deutsche öffentliche Meinung verlange, daß der in Deutschland geltende Grundsatz der Gleichberechtigung aller Konfessionen auch in der deutschen auswärtigen Politik zur Anwendung gelange. Serbien erhielt Nisch, Montenegro Podgoritza, aber beide keinen Hafen an der Adria. Von allen Mächten im Stich gelassen, mußten die Rumänen Bessarabien wieder an Rußland abtreten. Dagegen erhielten sie die Dobrudscha, einen Landstrich von Silistria bis Mangalia am Schwarzen Meer, und die Schlangeninsel. EIN SENTIMENTALES KOMPLIMENT 443 Vergeblich appellierte der zu dieser Beratung zugelassene rumänische Ministerpräsident Bratianu in einer schönen Rede an den „Grand Conseil Europeen et particulierement aux illustres representants de Sa Majeste l’Empereur de toutes les Russies, dont nous avons eu si souvent l’occasion d’apprecier l’esprit eleve et le cceur magnanime.“ Dieses sentimentale Kompliment rührte weder Graf Schuwalow noch gar Fürst Gortschakow. Fürst Bismarck trat mit Entschiedenheit für die russische Rückforderung von Bessarabien ein. Er drang sogar auf Beschleunigung der Verhandlungen gerade über diesen Punkt. Er hoffe, daß die Donaufürstentümer sich mit der Anerkennung ihrer Unabhängigkeit zufriedengeben würden. „L’ceuvre du Congres“, führte er aus, „ne saurait, ä mon avis etre durable si un Sentiment de dignite blessee subsistait dans la politique, ä venir d’un grand Empire. Quelle que soit ma Sympathie pour l’Etat de Roumanie, dont le Souverain appartient ä la famille Imperiale d’Allemagne, je ne dois m’inspirer que de l’interet general qui conseille de donner une nouvelle garantie a la paix de l’Europe.“ Die von Rußland hartnäckig betriebene und endlich durchgesetzte Wiederer oberung von Bessarabien hat die Rumänen tief gekränkt. Nachdem die rumänische Armee unter ihrem tapferen und kriegskundigen Fürsten Carol den Russen während des Balkankrieges wertvolle Dienste geleistet hatte, erschien das Vorgehen der Russen gegen ihren früheren Bundesgenossen den Rumänen als ein Akt brutaler Undankbarkeit. Seitdem schloß sich Rumänien mehr und mehr den Dreibundmächten und insbesondere Deutschland an. Während ich zehn Jahre später Gesandter in Bukarest war, gelang es, zuerst einen für uns vorteilhaften Handelsvertrag mit Rumänien abzuschließen, dann ein politisches Bündnis, das uns für den Fall, daß wir von Rußland angegriffen werden sollten, die Kooperation von Rumänien sicherte. Erst die ungeheuren Fehler, die unsere Politik im Sommer 1914 beging, zerrissen den Draht, der länger als zwei Dezennien Rumänien mit dem Deutschen Reich verbunden hatte. XXXII. KAPITEL Bismarck und Gortschakow • Unterzeichnung des Berliner Vertrages (13. VII. 1878) Schuwalow und Gortschakow • Geheimrat von Holstein • Verlobung im Hause Bismarck • Biarritz, Dr. Adhema • Lektüre E s waren große Tage, die Berlin damals, 1878, sah und die alle mit einer Selbstverständlichkeit erlebten, als könne das Deutsche Reich nie Dirigent anders als mächtig, gefürchtet und achtunggebietend vor der Welt dastehen. Fürst Bismarck präsidierte dem Kongreß mit technischer Meisterschaft. Was Antonio in Goethes „Tasso“ vom Papst rühmt, daß er das Kleine klein, das Große groß sehe, galt für Bismarck bei seiner Leitung der Verhandlungen des Berliner Kongresses. Er übersah nichts Wesentliches und hatte für jede begründete Frage oder Vorstellung ein aufmerksames Ohr. Alles Unnötige, Störende, Zeitraubende, Verschleppende wußte er abzuwehren, nötigenfalls mit Nachdruck. „Fürst Bismarck führt den Kongreß“, sagte mir einer der englischen Sekretäre, „wie ein sehr guter Kutscher seinen Viererzug fährt. He is a most skilful whip.“ Auch wenn sich Bismarck der französischen Sprache bediente, war er der große Debatter, dem in deutschen Parlamenten an Schlagfertigkeit und Prägnanz des Ausdrucks keiner gleichkam. Alle Teilnehmer am Kongreß waren sich darüber einig, daß der verhältnismäßig rasche Gang der Beratungen und ihr Abschluß der überragenden Autorität und Persönlichkeit des Fürsten Bismarck zu verdanken waren. Es ist schmerzlich, zu denken, daß trotz solcher Meisterschaft der Leitung der Berliner Kongreß alles in allem unsere Gesamtlage verschlechtert und unsere Zukunft nicht vorteilhaft beeinflußt hat. Das war vor allem auf die senile Empfindlichkeit und Eitelkeit von Gortschakow, aber auch auf dessen schlechte Behandlung durch Bismarck zurückzuführen. Besonders imgünstig wirkte in dieser Beziehung ein Interview, das Bismarck auf Betreiben des seit jeher russophoben Holstein dem für die Dauer des Kongresses nach Berlin entsandten „Times“-Korrespondenten in Paris, Herrn Biowitz, bewilligte. Oppert- Biowitz war ein Journalist im großen Stil und jedenfalls einer der Jilowitz findigsten und gewandtesten Publizisten, die mir vorgekommen sind. BLOWITZ WILL BÜLOW LANCIEREN 445 Er stammte wie Kautsky, dem nach dem Novemberumsturz die Revolutionsregierung die deutschen Archive mit allen Geheimberichten auslieferte, aus Böhmen und hieß eigentlich Oppert, hatte aber diesen Namen, der ihm nicht gefiel, mit dem besser klingenden seines Geburtsortes vertauscht. Nach Frankreich verschlagen, wurde er Hauslehrer in der Familie eines Marseiller Kaufmanns. Es gelang ihm, das Herz der Mutter seines Zöglings zu erobern, was mich bei seinem wenig vorteilhaftenÄußern immer gewundert hat. Die Frauen sind nun einmal unberechenbar. Bei einer im Hafen von Marseille unternommenen Bootfahrt sollen Biowitz und seine Angebetete den schlafenden Gatten über Bord geworfen und ruhig haben ertrinken lassen. Ungefähr wie bei Zola in seinem spannenden Roman Therese Raquin und ihr Amant sich des armen Mr. Raquin entledigen. Seine Stellung in Paris verdankte Oppert-Blowitz Herrn Thiers, dem er während der ersten bewegten Jahre seiner Präsidentschaft wertvolle Informationen geliefert und für den er gleichzeitig durch das Sprachrohr der „Times“ die englische öffentliche Meinung gewonnen hatte. Wie jeder, der im öffentlichen Leben steht, hatte Biowitz gegen Intrigen anzukämpfen und Schwierigkeiten zu überwinden. Einmal war er bei Mr. Walter, dem Besitzer der „Times“, wie er behauptete, durch Holstein, den er für den größten Intriganten unter der Sonne hielt und erklärte, so sehr angeschwärzt worden, daß Mr. Walter beschloß, nach Paris zu fahren und dort selbst nach dem Rechten zu sehen. Plötzlich erschien er bei Biowitz. Ohne einen Augenblick die Contenance zu verlieren, bat ihn dieser zum nächsten Tage zu Tisch, ä la fortune du pot, wie er ausdrücklich betonte. Als Walter in der eleganten Wohnung von Biowitz erschien, fand er dort alle in Paris akkreditierten Botschafter und den päpstlichen Nunzius versammelt. In degagiertem Ton sagte Biowitz zu letzterem: „Mon eher ami, faites la maitresse de la maison et prenez place en face de moi.“ Dann ging man zu Tisch. Mr. Walter saß zwischen dem englischen und dem deutschen Botschafter, Lord Lyons und Fürst Chlodwig Hohenlohe. Als er sich empfahl, bat er Biowitz, ihm zu erlauben, sein Gehalt erheblich zu erhöhen. Ein Mann in solcher gesellschaftlicher Stellung sei wert, in Gold gefaßt zu werden. Bei einem Fest, das ich ein Jahr vor meinem Rücktritt dem in Berlin tagenden Internationalen Pressekongreß im Garten des Reichskanzlerpalais gab, erzählte ich den Teilnehmern des Kongresses über ein persönliches Erlebnis mit Biowitz. „Als ich“, sagte ich den Herren, „es war Anfang der achtziger Jahre, an unserer Pariser Botschaft tätig war, da frug ich einmal, ich war in melancholischer Stimmung, ich fand, mein Avancement ginge nicht rasch genug, in der Armee nennt man das die Leutnantsmelancholie, den Vertreter der ,Times 4 , Herrn Biowitz, der ein kluger Mann war, ob ich Aussichten im Journalismus 446 DER REICHSHUND TYRAS haben würde. , Sofort bringe ich Sie an‘, erwiderte mir Herr Biowitz, ,mit dreißigtausend Franken jährlich . 4 Das hat damals mein Selbstvertrauen gestärkt, und noch heute macht die Erinnerung mir Vergnügen *. 44 Es lag in der Natur der Dinge, daß Biowitz als naturalisierter Franzose in erster Linie französische Interessen verfolgte, in zweiter als Korrespondent der „Times“ englische Gefühle schonte. Als er während des Berliner Kongresses bald die persönliche Spannung zwischen Bismarck und Gortschakow erkannt hatte, rieb er publizistischen Pfeffer in die ihm erfreuliche Wundstelle und legte hei der Wiedergabe seiner einmaligen Unterredung mit Bismarck, die er nach und nach zu einem wahren Bandwurm von Korrespondenzen in der „Times“ verarbeitete, dem deutschen Reichskanzler unfreundliche, ja boshafte Äußerungen über Gortschakow in den Mund. Persönliche Empfindungen politisch einflußreicher Personen, mögen sie nun Staatsoberhäupter oder Minister, Deputierte oder Publizisten sein, ihre Sympathien oder Antipathien, vor allem ihre Rankünen waren immer von erheblichem Einfluß auf die Beziehungen der Völker zueinander und damit auf die Gestaltung ihrer Zukunft. Sie werden es auch bleiben, denn der Mensch ist im Grunde immer der gleiche, mag er sich auf dem Parkett der Höfe bewegen oder es vorziehen, abends auf seiner Stammkneipe bei einer kühlen Blonden mit einer Strippe einen Skat zu dreschen. Es war das Pech von Gortschakow, daß ihm, als er einmal abends im Gortschakow Salon der Fürstin Bismarck erschien, der Reichshund Tyras zwischen die wird Beine lief und er der Länge nach hinfiel. Aber daß dieser kleine Vorfall ridikülisiert so f or t i n die Presse gebracht und dort mit Behagen breitgetreten wurde, um den achtzigjährigen Greis zu ridikülisieren, war weder geschmackvoll noch geschickt. Bismarck sagte die Wahrheit, wenn er in manchen Reden, in vielen Erlassen nach St. Petersburg und in zahllosen Unterredungen betonte, er habe auf dem Berliner Kongreß die russischen Interessen so eifrig vertreten und gefördert, daß er sich den Andreasorden verdient haben würde, wenn er ihn nicht, und zwar mit Brillanten, bereits besessen hätte. Aber gerade für das politische Leben gilt das Wort des griechischen Sophisten, daß der Schein oft wichtiger sei als die Wirklichkeit. Unter eifriger Nachhilfe des verärgerten und leider auch in seinem hohen Alter und trotz seines körperlichen Verfalls für Intrigen und Bosheiten noch immer geschickten Gortschakow gelang es, dem russischen Publikum einzureden, daß Bismarck auf dem Berliner Kongreß Rußland verraten und geschädigt habe. Der bedeutendste der Teilnehmer am Kongreß war nach Bismarck — Disraeli longo sed proximus intervallo — zweifellos Disraeli. Es spricht für die * Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, S. 332; Kleine Ausgabe V, S. 260. DIZZY 447 Großzügigkeit des englischen Volkes, daß der Enkel eines aus Venedig nach England eingewanderten israelitischen Kaufmanns nicht nur zum englischen Premierminister, sondern auch zum Führer der stolzesten Aristokratie der Welt aufstieg. Der Marqueß von Salisbury und Lord Odo Rüssel, beide Sprossen alter historischer Geschlechter, die schon unter Queen Elizabeth geglänzt hatten, ordneten sich willig Disraeli unter. Es spricht aber auch für die Anziehungskraft und Assimilationsfähigkeit der Engländer, daß es keinen englischeren Engländer gab als den zum Earl of Beaconsfield erhobenen Benjamin Disraeli. In seiner, dem großen französischen Historiker Augustin Thierry gewidmeten schönen Studie über Tacitus sagt Charles Louandre: „Aux yeux de Tacite tout le mouvement de l’histoire n’a qu’un but, la grandeur de Rome, au delä de cet horizon il n’y a que le vide et le neant.“ Wie Tacitus Römer w r ar, so war Disraeli Engländer. Ganz Engländer und nur Engländer. Jedes seiner Worte war für das englische Publikum berechnet. Nur englische Interessen, englische Wünsche und Vorurteile bestimmten sein Tim. Bei großer Höflichkeit und Liebenswürdigkeit, bei den besten Formen nahm er in Wirklichkeit gar keine Rücksicht auf nichtenglische Empfindungen und Gesichtspunkte. Seine äußere Erscheinung war originell. Er trug Schmachtlocken wie ein galizischer Jude. Weit davon entfernt, seine jüdische Abkunft zu verstecken, war er stolz auf sie. Als einmal im House of Commons auf sie angespielt worden war, hatte schon der junge Benjamin Disraeli geantwortet, er sei glücklich, dem Volke anzugehören, dessen äußere Hülle unser Herr und Heiland getragen habe, während er auf Erden wandelte. Er war übrigens mit zwölf Jahren getauft worden. Disraeli verwandte sehr viel Sorgfalt auf seine Toilette. Er war stets elegant gekleidet, nach der neuesten englischen Mode, a true british gentleman. Der Earl of Beaconsfield war der einzige, der sich bei den Sitzungen des Kongresses nicht der französischen Sprache bediente, die er ebensowenig sprach wie irgendein anderes fremdes Idiom und kaum verstand. In dieser Beziehung glich er Matthias Erzberger. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen dem englischen Lord und dem Abgeordneten von Buttenhausen. Die Reden des Earl of Beaconsfield wurden im Sekretariat des Kongresses für das Protokoll ins Französische übersetzt. Er änderte nie etwas an den Übersetzungen, sondern meinte nur lächelnd: „I am glad to have said such nice things.“ Bismarck war von Hause aus gegen Disraeli eingenommen. Aber auch die Königin Victoria hatte einst starke Vorurteile gegen Disraeli gehabt, und es war ihm doch gelungen, die Gunst of Her most gracious Majesty zu gewinnen. Selbst Bismarck war bald unter seinem Zauber. „Dizzy“, wie das englische Volk Disraeli n ann te, war ein großer Seelenfänger. 448 DER NUMISMATIKER Neben ihm fiel Andrässy ab. Aber bei manchen Lücken und einigen Andrässy Schwächen fehlte es dem Ungarn nicht an praktischem Blick. Er wußte in und Berlin den Augenblick zu ergreifen und erkannte, daß er nichts Klügeres Ilaymerle tim könne, als sich und sein Land der Bismarckschen Leitung überlassen. Sein Kollege und späterer Nachfolger, der Freiherr von Haymerle, war ein ängstlicher K.-u.-k.-Bürokrat, der Bismarck ebenso mißfiel, wie ihm der flotte, elegante Andrässy gefiel. Mit Bezug auf Haymerle, mehr noch auf die schikanöse und dahei doch nicht resolute Politik der Österreicher gegenüber ihren Nationalitäten und schwächeren Nachbarn erzählte Bismarck gern eine kleine Anekdote aus seiner Jugend. Er habe einmal in einem englischen Waffenladen einen Revolver kaufen wollen und nach einem zierlichen, eleganten, aber kleinen Exemplar gegriffen. Der Verkäufer habe ihm zu einem größeren Revolver mit den Worten geraten: „A small bullet excites a man, a strong bullet stops him.“ Der italienische Vertreter Corti machte in Berlin aus Überschlauheit eine große Dummheit. Im Verlauf einer längeren Unterredung mit ihm ließ Bismarck die Bemerkung fallen, daß jetzt für Italien der günstige Augenblick gekommen sei, die Hand auf Tunis zu legen. Corti kam sich sehr listig vor, als er erwiderte: „Vous voulez donc nous brouiller avec la France.“ Hätte Corti damals zugegriffen, so besäße Italien heute das beste und zukunftsreichste Stück der afrikanischen Nordküste. Die bescheidenste Rolle auf dem Kongreß spielte die französische Die Delegation. Nicht als ob sie von deutscher Seite vernachlässigt oder gar Franzosen schlecht behandelt worden wäre. Im Gegenteil wurden gerade die französischen Vertreter bei Hofe und in der Berliner Gesellschaft mit großer Liebenswürdigkeit und besonderer Aufmerksamkeit behandelt. Auch Fürst Bismarck war gegen die Franzosen von konstanter und ausgesuchter Höflichkeit. Aber die französische Vertretung war keine brillante. Der erste französische Delegierte, Waddington, war von Geburt Engländer. Naturalisierter Franzose, war er durch und durch französischer Patriot. Es fehlten ihm jedoch die traditionellen Eigenschaften des Franzosen. Er sah wie ein Gelehrter aus und hatte Sprechweise und Manieren eines solchen. Als er einmal in Paris bei einem großen Diner neben der Schauspielerin Sarah Bernhardt saß, die seinen Namen nicht verstanden hatte, nicht wußte, wer er war, und seine Konversation langweilig fand, frug sie den ihr gegenüber sitzenden Gambetta, wer ihr lederner Nachbar eigentlich sei. Lächelnd erwiderte der große Tribun: „Ne faites pas attention ä lui, c’est un numismate.“ Waddington war ein guter Münzenkenner und eifriger Sammler. Der zweite französische Bevollmächtigte, Mr. Desprez, der Direktor der politischen Abteilung im französischen Ministerium des Äußern, war ein älterer, gediegener, aber bescheidener und sehr reservierter P ; -'S*ä >*V ; f lv; if'' • LJk- |‘»<'*S' feil —«mliiii FERRY GEGEN DIE KIRCHE 501 Grade, das ihnen das kirchenfreundliche Gesetz von 1875 eingeräumt hatte, und regelte das höhere Unterrichtswesen. Die freien Lehranstalten durften nicht mehr den Titel „Universität“ oder „Fakultät“ führen, kein Mitglied einer nicht anerkannten Religionsgesellschaft sollte in Frankreich Unterricht erteilen dürfen. Nach der Vorlage des Herrn Jules Ferry sollte der Unterrichtsrat fortan aus fünfzig Mitgliedern bestehen, die sämtlich dem staatlichen Unterrichtspersonal angehören mußten. Die kirchlichen Elemente, die ihm bisher angehört hatten, vier Erzbischöfe oder Bischöfe, wurden ausgeschlossen. Die Anwendung des Artikels 7 des Gesetzes über die Freiheit des höheren Unterrichts hatte zur Folge, daß siebenundzwanzig Männer- Kongregationen, die achtundachtzig Häuser mit einem Personalbestände von fast zweitausend Mitgliedern besaßen, in Frankreich keinen Unterricht mehr erteilen durften. Unter ihnen die Jesuiten, die allein siebenundzwanzig Unterrichtsanstalten mit über achthundert Ordensmitgliedern besaßen. Die Zahl der Zöglinge, die in jenen achtundachtzig Häusern Unterricht erhielten, wurde auf über siebzigtausend berechnet. Die Frauen-Kon- gregationen, denen die Lehrbefugnis entzogen wurde, hatten bis dahin jährlich an zweihunderttausend Schülerinnen unterrichtet. Begreiflicherweise wurde die klerikale Partei in Frankreich durch diese Unterrichtsgesetze in sehr große Aufregung versetzt. Der Kardinal von Bordeaux eröffnete den Feldzug durch einen langen Hirtenbrief, der Erzbischof von Paris folgte mit einem bewegten Schreiben an die beiden Kammern, ein Petitionssturm gegen die Ferryschen Gesetzentwürfe wurde ins Werk gesetzt. In Paris bildete sich ein „Generalpetitionskomitee für Unterrichtsfreiheit“. Auf einem Diner bei dem Schweizer Gesandten Kern lernte ich den Berichterstatter für das Unterrichtsgesetz, den Abgeordneten Paul Bert, kennen. Ich hatte bei Tisch meinen Platz neben ihm erhalten. Er setzte mir mit großer Lebhaftigkeit und vollkommener Unbefangenheit seinen Standpunkt auseinander. Fürst Bismarck, meinte er, dessen große Talente er im übrigen nicht bestreiten wolle, habe im sogenannten Kulturkampf ganz falsch manövriert. Er habe gegen die römische Kurie, gegen die Bischöfe und sogar gegen den niederen Klerus Krieg geführt. Die Kurie sei, seitdem die Italiener sie von der Last der weltlichen Herrschaft befreit hätten, gar nicht mehr zu fassen. „Le Pape peut se cacher derriere le dos des ministres italiens qui sont aussi fourbes que lui. Aussi Pape et Italie s’entendent comme larrons en foire.“ Die Bischöfe aus ihrer Ruhe aufzuscheuchen, habe keinen Zweck, und die überwiegend demokratischen Cures müsse man möglichst wenig molestieren. „Nous ferons la guerre au bon Dieu et nous reussirons.“ Die Hauptsache sei, daß der Staat die Schule, mit ihr die Jugend und die Zukunft, in seine Hand bringe. In den öffentlichen Schulen müsse der Religionsunterricht gänzlich abgeschafft werden. Paul Bert über die Laizisierung 502 EINE ERNSTE NACHRICHT Höchstens dürfe geduldet werden, daß der Religionsunterricht außerhalb der Unterrichtsstunden und des Schulgebäudes von den betreffenden Kultusdienern erteilt würde, die sich aber hierbei den Anordnungen der zuständigen Schulbehörde zu fügen hätten. Nur die Kinder der Eltern, die ausdrücklich ein entsprechendes Gesuch gestellt hätten, dürften an diesem Religionsunterricht teilnehmen. Die Mitglieder religiöser Kongregationen, Orden und Vereine seien ebenso wie die Kultusdiener von den öffentlichen Schulen auszuschließen. Die Ordensleute dürften nur dann freie Schulen errichten und leiten, wenn sie die Staatsprüfung abgelegt hätten und wenn ihr Orden vom Staat anerkannt sei. Paul Bert schloß mit der Bemerkung, sein Ziel sei die Beseitigung des Religionsunterrichts und die Vertreibung der Ordensleute. Die letzteren seien für die Souveränität des Staats gefährlicher als der reguläre Klerus. „II faut lalciser la France.“ Davon hänge der Bestand der Republik und die Weltstellung Frankreichs ab. Dieses Ziel würde sich nicht von heute auf morgen erreichen lassen, aber schließlich werde es, wenn auch nach schweren Kämpfen, von der Republik erreicht werden. Die Opposition gegen die Schulgesetze habe nicht viel zu bedeuten. Sie finde in den breiten Massen keinen Rückhalt. „Chez nous le grand rire de Voltaire a balaye depuis longtemps la Superstition. Notre religion ä nous sera le patriotisme. Un patriotisme ardent, intransigeant, capable de tous lcs elans, pret ä tous les sacrifices. Cela vaut mieux que les momeries des capucins et les impostures des jesuites. La Science nous eclaire et nous guide, l’amour de la patrie nous anime, nous vaincrons.“ Ende August erhielt ich einen Brief meiner Mutter, der mich sehr ernst Urlaub nach stimmte. Sie schrieb mir, daß die Gesundheit meines Vaters ihr schwere Berlin Besorgnisse einflöße. Auf Rat des Hausarztes habe er eine mehrwöchige Kur in Gastein unternommen, die ihm gar nicht gut bekommen sei. Er leide an Schlaflosigkeit, starken Kopfschmerzen und, was sie am meisten beunruhige, an Schwindelanfällen. Meine Mutter bat mich, so bald wie möglich nach Berlin zu kommen. Nachdem ich Urlaub erbeten und erhalten hatte, traf ich in Berlin ein, wo mich mein Bruder Adolf, damals Premierleutnant bei den 1. Garde-Ulanen, am Bahnhof empfing. Was er mir eröffnete, bestätigte nur zu sehr die Sorgen meiner guten Mutter. Der auf Rat des Hausarztes zugezogene Professor Wilms, der leitende Arzt des großen Krankenhauses Bethanien, hatte meinem Bruder unter vier Augen nicht verhehlt, daß mein Vater infolge sechsjähriger Überarbeitung unbedingt einer längeren Erholung bedürfe. Professor Wilms hatte schließlich meinem Bruder gesagt: „Wenn Sie Ihren Herrn Vater, der kaum vierundsechzig Jahre alt ist, noch zehn oder zwölf Jahre behalten wollen, so bitten Sie ihn, seinen Abschied einzureichen und, fern den Geschäften und aller Politik, auf dem Lande nur seiner Gesundheit zu leben. Wenn er DER WENDEPUNKT 503 durchaus im Amte bleiben will, so muß er jetzt mindestens sechs bis acht Monate ausspannen.“ Mein Bruder fügte hinzu, daß mein Vater vorläufig weder von Urlaub noch gar von Rücktritt etwas hören wolle. Als ich meinen Vater aufsuchte, fand ich ihn körperlich sehr angegriffen. Er sah auch recht blaß aus. Geistig war er vollkommen gefaßt und klar. Von Ausspannen, setzte er mir mit ruhiger Bestimmtheit auseinander, könne jetzt nicht die Rede sein, denn unsere auswärtige Politik sei an einem Wendepunkte angelangt, der für die Geschicke des Vaterlandes wie der Welt für lange Zeit entscheidend sein würde. „Du weißt“, führte er weiter aus, „daß die persönlichen Beziehungen zwischen Bismarck und Gortschakow seit vier bis fünf Jahren leider keine guten sind. Die Hauptschuld trifft natürlich den alten Gortschakow mit seiner senilen Eitelkeit, seiner hämischen Bosheit. Aber auch unser großer Steuermann ist nicht ganz ohne Schuld. Er hat, wie du ja miterlebt hast, Gortschakow auf dem Berliner Kongreß zu schlecht behandelt. Seine demonstrative Bevorzugung von Peter Schuwalow war ein taktischer Fehler. Heftig, wie er nun einmal ist, ärgert Bismarck seitdem in allen Balkanfragen die Russen, um so Gortschakow zu strafen, und das, nachdem er während fünfzehn, ja eigentlich seit fünfundzwanzig Jahren stets erklärt hat, Preußen dürfe im Orient keine aktive und vor allem keine antirussische Politik treiben. Der gute alte Kaiser bedauert und mißbilligt in seiner ruhigen, verständigen Art diese Temperamentsausbrüche seines großen Kanzlers. Aber je älter er wird, um so schwerer wird es ihm, sich seinem genialen und stürmischen Berater zu widersetzen. Der Kaiser steht nun im Begriff, sich zu den großen Manövern nach Königsberg zu begeben. Da sich Alexander II. gerade in Warschau befindet, so hat der Kaiser den Feldmarschall Manteuffel dorthin entsandt, um den Zaren zu begrüßen. Ich halte das für ganz vernünftig, zumal Manteuffel das Vertrauen beider Kaiser besitzt.“ Am nächsten Tage traf die Nachricht ein, daß die beiden Kaiser sich in Alexandrowo, einem der preußischen Stadt Thorn gegenüber gelegenen russischen Grenzstädtchen, getroffen hatten. Die Begegnung war gut verlaufen. In einem Brief an Bismarck, der zu dieser Zeit zur Badekur in Bad Gastein weilte, hatte Kaiser Wilhelm in seiner redlichen Art unter anderm auch geschrieben: der Zar habe geäußert, die beiden Monarchen würden sich schon verständigen, wenn Bismarck „avec son temperament fougeux“ nicht immer wieder Streit mit dem alten Gortschakow suche. Er, der Kaiser Wilhelm, sei dieser irrigen Auffassung entgegengetreten und hoffe, seinen Neffen überzeugt und beruhigt zu haben. Mit seiner genialen Phantasie, seinem niemals schlafenden Argwohn erblickte Bismarck in diesem kaiserlichen Brief den Beweis dafür, daß von russischer Seite auf seinen Sturz hingearbeitet würde, daß sein präsumtiver Nachfolger Bülouis Vater leidend und besorgt Die Begegnung von Alexandrowo 504 BISMARCKS MISSTRAUEN Manteuffel im Bunde mit den „Reichsfeinden“, den Klerikalen und Demokraten, solche Intrigen unterstütze und daß der alte Kaiser schon ins Schwanken geraten sei. Sein Mißtrauen und sein Zorn wurden noch durch ein Interview verstärkt, das Gortschakow im Hotel de l’Europe in Baden- Baden, seinem Lieblingsaufenthalt im Herbst, einem Franzosen, und noch dazu einem Redakteur des orleanistischen „Soleil“, also dem Vertreter der Bismarck verhaßtesten französischen Richtung, gewährt hatte. Gortschakow hatte sich über die Angriffe beschwert, die von der deutschen offiziösen Presse gegen ihn gerichtet würden, einen mehr als einundachtzig- jährigen Mann, der schon seit vierundzwanzig Jahren die auswärtige russische Politik leite. Ein von Berlin aus inspiriertes Blatt werfe ihm vor, daß seine Politik auf Stelzen ginge. Solche Injurien verdanke er, Gortschakow, ohne Zweifel seiner Freundschaft für Frankreich, aus der er niemals ein Hehl gemacht habe. Er habe schon zu Herrn Thiers und zum Herzog Decazes gesagt, was er auch jetzt den französischen Staatsmännern sage: „Seid stark! Das ist für eure eigene Sicherheit und für das europäische Gleichgewicht unerläßlich.“ Gortschakow hatte dem Franzosen noch gesagt, daß er dem Fürsten Bismarck seine für Rußland unbequeme wirtschaftliche Politik in keiner Weise übelnehme, denn die Deutschen hätten das Recht, in wirtschaftlichen Fragen nur auf deutsche Interessen Rücksicht zu nehmen. Uber die Zusammenkunft von Alexandrowo hatte der russische Kanzler bemerkt: „Die beiden Souveräne lieben und schätzen einander sehr, und dies wird gewiß genügen, um manche Schwierigkeiten zu beseitigen und die leichten Differenzen, die sich hier und da ergeben könnten, auszugleichen.“ XXXVI. KAPITEL Vorbereitung des Bündnisses mit Österreich-Ungarn • Bismarck in Wien • Widerstand des Kaisers Wilhelm I. • Staatssekretär von Bülow über das Bündnis mit Österreich Unterzeichnung durch Wilhelm I. (15. X. 1879) • Abschiedsgesuch des Vaters • Unterredung mit Fürst Bismarck • Besuch Bismarcks beim Vater Bülow • Tod des Vaters in Frankfurt a. M. (20. X. 1879) • Beileid Kaiser Wilhelms • Leichenfeier in Berlin Der Winter in Paris • Im Hause Hohenlohe S o lag in ihren großen Linien die Situation, als Fürst Bismarck zu dem Bündnis mit Österreich-Ungarn schritt. Er operierte mit der gewaltigen und blitzschnellen Entschlossenheit, durch die er, den einzigen Napoleon I. ausgenommen, alle Monarchen und Staatsmänner des neunzehnten Jahrhunderts übertraf. Nach wiederholten Konferenzen mit dem österreichungarischen Minister des Äußern, dem Grafen Gyula Andrässy, der ihn in Gastein aufgesucht hatte, begab sich der deutsche Kanzler direkt nach Wien. Kaiser Franz Josef unterbrach seine Jagden und empfing in der Wiener Hofburg den gewaltigen Mann, der Österreich aus Deutschland vertrieben hatte, um das Haupt der Hohenzollern mit der deutschen Kaiserkrone zu schmücken, die Habsburg fast sechs Jahrhunderte trug. Nachdem sich Bismarck schon in Gastein mit Andrässy über Inhalt und Form des zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn abzuschließenden Bündnisvertrages verständigt hatte, Unterzeichnete Kaiser Franz Josef nach einer langen Unterredung mit Bismarck den zwischen den beiden Ministern vereinbarten Bündnisvertrag. Es fehlte nur noch die Unterschrift des Deutschen Kaisers. Sie zu erlangen, hat große, sehr große Mühe gekostet. Vor der Abreise aus Berlin zu seinem gewohnten Herbstaufenthalt bei seiner Tochter, der Großherzogin Luise, in Baden-Baden, hatte Wilhelm I. mehrere ernste Konferenzen mit meinem Vater. Dieser nahm, obschon körperlich sehr leidend, in wahrhaft heroischer Weise seine letzten Kräfte zusammen, um den Kaiser von der Notwendigkeit der Unterzeichnung zu überzeugen. Mir sagte mein Vater, bevor er an diese schwere Aufgabe ging: „Nachdem Bismarck nun einmal den Vertrag mit Andrässy in Gastein vereinbart und in Wien die Unterschrift des Kaisers Franz Josef erbeten und erhalten hat, muß die Sache zum Abschluß gebracht werden. Ich sehe ganz von meinen Bismarck beim Kaiser Franz Josef Vor Wilhelms Unterschrift 506 BISMARCKS JÄHER VORSTOSS persönlichen Beziehungen zu Bismarck ah, die es ausschließen, daß ich den von mir bewunderten und geliebten großen Freund in diesem entscheidenden Moment im Stiche lasse. Aber auch rein sachlich betrachtet würden wir in eine unmögliche Situation geraten, wenn Kaiser Wilhelm nicht unterschreibt. Bismarck tritt dann zweifellos zurück, in Deutschland würde begreifliche allgemeine und tiefgehende Erregung, die schlimmste Konfusion entstehen. Was würde aus unserm Verhältnis zu Österreich werden? Wir würden die Braut sitzenlassen nach erfolgter und allgemein bekanntgewordener Verlobung, unmittelbar vor der Hochzeit! Rußland würde sich, gereizt und mißtrauisch, aber nicht wirklich eingeschüchtert, von uns ab- und gegen uns wenden. Und die Franzosen? Es wäre das Chaos! Wir müssen über die Stromschnelle hinweg in der Hoffnung, daß unser großer Schiffer uns auch diesmal mit seiner genialen Geschicklichkeit bald wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern wird.“ Fest entschlossen, auch in dieser Schwierigkeit zu seinem alten Freund Bismarck zu stehen und ihn mit voller Hingebung zu unterstützen, hatte mein Vater doch mehr als bei früheren Gelegenheiten innere Zweifel an der Richtigkeit des von Bismarck eingeschlagenen Weges und vor allem hinsichtlich des stürmischen Tempos, mit dem dieser Weg beschritten wurde. Während ich an seinem Schreibtisch saß, führte mein Vater halb in Die Monologen, halb in Auseinandersetzungen, die mich orientieren sollten, Schwenkung nachstehendes aus. Ich möchte für jedes Wort seiner Ausführungen ein- u Österreich- s t e hen, die mir mit besonderer Lebhaftigkeit im Gedächtnis geblieben sind: Ungarn ^jjismarcks y ors toß gegen Rußland erfolgt ab irato, und darum finde ich seine Schwenkung zu Österreich zu abrupt. Ich sage das sine ira et Studio, quorum causas procul habeo. Ich habe viele Jahre meines Lebens im großdeutschen Lager gestanden. Preußen war mir, bevor ich 1867 nach Berlin kam, nicht unbedingt sympathisch. Du wirst dich erinnern, daß ich vor gerade zwei Jahrzehnten, 1859, während des Österreichisch-Französischen Krieges, mit meinem Herzen ganz auf österreichischer Seite stand. Als du damals, ein kleiner Junge, in Frankfurt a. M. mir ein Extrablatt mit der falschen und hinterher dementierten Nachricht von einem großen österreichischen Siege bei Magenta überbrachtest, schenkte ich dir aus Freude einen Gulden. In derselben Zeit hat sich Bismarck als preußischer Gesandter in St. Petersburg dort über die österreichischen Niederlagen in der Lombardei ohne Zweifel aufrichtig gefreut. Deine gute Mutter trug damals mit Vorliebe schwarz-gelbe Toiletten. Außerhalb Preußens schwärmte in Deutschland eigentlich alles für das alte Österreich, an Ehren und an Siegen reich. Vier Jahre später war die über ein gemeinsames Handeln gegenüber der polnischen Insurrektion mit Rußland abgeschlossene Militärkonvention für Bismarck der Ausgangspunkt seiner großen Politik, die uns über Königgrätz IGNORIERTE GEFÜHLSMOMENTE 507 nach Versailles führte. Ohne wohlwollende russische Neutralität war weder 1864, noch 1866, noch insbesondere 1870/71 möglich. Wenn unsere offiziöse Presse jetzt zu beweisen sucht, daß Rußland, als es Sechsundsechzig und Siebzig eine für uns freundliche Neutralität beobachtete, nur sein eigenes Interesse wahren wollte und nicht aus altruistischen, sondern aus rein egoistischen Motiven handelte, so trifft das doch nicht ganz zu. Jedenfalls nicht für Kaiser Alexander II. Dessen preußenfreundliche Haltung ging zu sehr großem Teil aus Liebe und Verehrung für seinen Oheim, den König Wilhelm, hervor, aus Pietät für seine verstorbene Mutter, die Prinzessin Charlotte von Preußen, aus der Erinnerung an die preußisch-russische Waffenbrüderschaft von 1813 bis 1815, an die jahrzehntelangen innigen Beziehungen nicht nur zwischen beiden Dynastien, sondern auch zwischen den beiden Staaten. Bismarck ignoriert jetzt geflissentlich und zu sehr die Gefühlsmomente, die auch der Realpolitiker in Rechnung stellen muß. Denke zurück an die persönliche Haltung des Kaisers Alexander II. während des ganzen Deutsch-Französischen Krieges, an die herzlichen Glückwünsche, die er nach jedem deutschen Siege an seinen alten Oheim gelangen ließ, an die Georgskreuze, die er nach dem Kriege nicht nur an seine preußischen Regimenter, sondern in der ganzen deutschen Armee verteilen ließ. Bis heute bringt der Zar an jedem 18. August im Lager von Krasnoje-Selo, unbekümmert um die Anwesenheit des französischen Militärbevollmächtigten, einen Toast auf die preußische Garde aus, die sich bei Saint-Privat mit Ruhm bedeckt habe, und auf das Kaiser-Alexander- Garde-Grenadier-Regiment, dessen Chef zu sein der Stolz seines Lebens sei. Ich wiederhole dir, daß ich eine Annäherung an Österreich richtig finde, aber ich hätte sie ruhiger gewünscht. Nun, gerade der geniale Mensch hat Fehler, die die Kehrseiten seiner großen Eigenschaften sind. L’homme a les defauts de ses qualites. Bismarck läßt sich so sehr von seinem Zorn hinreißen, daß er glaubt, Alexander II. habe ihn, von Manteuffel dazu ermuntert, bei Wilhelm I. verdächtigen wollen und damit einen gewissen Erfolg erzielt. Als ob unser guter alter Kaiser gerade gegenüber seinem großen Kanzler nicht die Loyalität selbst wäre.“ Um den Widerstand des Kaisers gegen das Bündnis mit Österreich zu überwinden, wurde der Vizepräsident des Staatsministeriums, der damalige Graf, spätere Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode, nach Baden- Baden geschickt. Stolberg, der mir, wie ich schon erwähnte, in Wien ein gütiger Chef, später und bis zu seinem zu frühen Tode ein wohlwollender Freund und Gönner war, hat mir oft erzählt, wie schwer es ihm geworden sei, den letzten Widerstand des alten Kaisers zu überwinden. In seiner inneren Erregung habe der sonst so ruhige und gemessene Greis einmal so heftig auf den Tisch geschlagen, daß die Tinte im Tintenfasse hoch Graf Otto Stolberg wird zum Kaiser geschickt 508 DIE UNTERZEICHNUNG aufspritzte. In ergreifender Weise habe der gute alte Herr an die vielen und teuren Erinnerungen appelliert, die ihn mit Rußland verbänden, an die Freundschaft seiner beiden Eltern mit Alexander I., an seine eigene lebenslängliche Freundschaft mit Nikolaus I., an die treue Anhänglichkeit, die ihm sein Neffe, Alexander II., stets bewiesen habe. Er habe aber dabei nachdrücklich betont, daß sein Widerstand gegen eine so unvermittelte und rasche Schwenkung unserer Politik durchaus nicht allein auf sentimentale Reminiszenzen noch überhaupt auf Gefühlsmomente zurückzuführen sei. „Bei guten Beziehungen mit Rußland sind wir alles in allem et tout bien pese überwiegend gut gefahren“, habe der Kaiser mehrmals wiederholt. Stolberg fügte hinzu: „Bei aller meiner Freundschaft für Österreich, wo ich mich als Botschafter sehr wohl gefühlt habe, konnte ich mich doch nicht des Eindrucks erwehren, daß aus den Ausführungen unseres alten Herrn eine in sechzigjähriger Erfahrung gereifte Weisheit sprach.“ Endlich, am 15. Oktober, Unterzeichnete Kaiser Wilhelm I. das Bündnis mit Österreich. Kurz nach der Unterzeichnung äußerte er in bitterer Stimmung zu seinem treuen Flügeladjutanten, dem Grafen Heinrich Lehndorff: „Wenn ich an meinen Schwager Nikolaus, an meine Schwester Charlotte, an Tauroggen, an Kalisch und Breslau, an Möckern, an Groß-Görschen, Bautzen, Kulm, an die Völkerschlacht bei Leipzig, wenn ich an all das zurückdenke, so komme ich mir wie ein Pleutre vor.“ Nach seinem Grundsatz, daß, wenn Not am Mann ist, alle Hunde Fabrizierte Laut geben müßten, hatte Fürst Bismarck, um den Widerstand des alten Zuschriften an Kaisers zu überwinden, einen gewaltigen Pressesturm organisiert. Ich wurde die Presse ^ ,} em zu (ji esem Zweck eingerichteten außerordentlichen Preß-Dezernat beschäftigt, das Radowitz leitete. Der Zweck des ganzen Presselärms war nicht, die Russen einzuschüchtern oder die Österreicher zu erfreuen. Der alte Kaiser sollte den Eindruck gewinnen, daß das ganze Land, von der Maas bis an die Memel, das Bündnis mit Österreich gutheiße und wünsche. Zu diesem Zweck verfaßten wir, Radowitz, der kleine Professor Aegidi, der geistvolle und feine Legationsrat Rudolf Lindau und ich, Zuschriften aus allen Teilen von Deutschland, die dem Kaiser als Ausdruck der öffentlichen Meinung und Stimmung vorgelegt wurden. Bei großer Weisheit, bei gesundem Menschenverstand, bei Klugheit und Scharfsinn in vielen Fragen stand Wilhelm I. dem modernen Pressetreiben und publizistischen Unfug beinahe naiv gegenüber. Er glaubte wirklich die Stimme des Landes zu hören, wenn die von uns fabrizierten Korrespondenzen ihm vorgelegt wurden. Wenn wir sie vom Rhein datierten, so ergingen wir uns in besorgten Wendungen darüber, daß, wenn das Bündnis nicht zustande käme, der grüne Rheinstrom vor französischen Überfällen nicht mehr sicher sein würde, was von Mannhein bis Düsseldorf Beunruhigung hervorriefe. In Beileidsbrief König Wilhelms (Kaiser Wilhelm I.) an die Mutter Bülows (zu Seite 508) Baden, 21. Oktober 1879 Nächst Ihnen, gnädige Frau, u. Ihrer Familie, hat wohl Niemand in Preußen ein näheres Anrecht auf Trauer als ich, auf eine gerechte Trauer, bei dem Hintritt Ihres Gemahls! Wenn ich es nicht aussprechen kann, was ich an ihm verlohren habe! tvas müssen Sie u. die Ihrigen empfinden!! Nicht nur den Staatsmann habe ich in dem Endschlafenen verlohren, sondern einen Freund, der mein ganzes Vertrauen besaß u. mit einer seltenen Hingabe sich dem schweren Wirkungskreise hingab, mit einer Umsicht, vermittelndem Sinn und Herzen, immer gleichem freiem Blick u. Entschluß, nach reiflicher Überlegung immer das Rechte treffend, so viele vereinte Eigenschaften ersetzen sich nicht so leicht, u. namentlich bei meinem hohen Alter sind solche Verluste kaum zu ertragen!! Möge Gott Ihnen diesen herben Schlag durch Ergebung in Seinen Willen tragen helfen, den Theilnahme ivolil lindern kann, aber der Allmächtige allein vernarben läßt! Ihr tieferschütterter König Wilhelm -Äiii k-iüiiU *< _ K IN BISMARCKS ARBEITSZIMMER 509 ad hoc verfertigten Korrespondenzen aus München, Stuttgart und Dresden shsen für :ußischen s Meister- eigte die kommen sdsgesuch isch eine inem da- snd neun her Platz inurrbart es durch- mzehnten jewaltige, ;sekretär. :dsgesuch mir mit kann gar n Urlaub. Sorge des lebhafter, und darf 3r Mutter Fürst mit juckte es. il: „Mein n Winter, n, bis ich .uge, sein Weiches, aß Sie so u Gnaden ine Lage, ■maten in harf, sehr erheblich schwach, „__adowitz‘\ Abschiedsgesuch von Bülows Vater jm** IN BISMARCKS ARBEITSZIMMER 509 ad hoc verfertigten Korrespondenzen aus München, Stuttgart und Dresden ~ ~ ’ chsen für eußischen 3 Meister- _ , , :eigte die kommen edsgesuch lisch eine ;inem da- end neun iber Platz hnurrbart les durch- inzehnten gewaltige, issekretär. edsgesuch i mir mit kann gar ;n Urlaub. Sorge des lebhafter, l und darf 1er Mutter Fürst mit zuckte es. ial: „Mein en Winter, en, bis ich \uge, sein t Weiches, daß Sie so zu Gnaden teine Lage, '.omaten in icharf, sehr e erheblich g schwach, Jladowitz“, Abschiedsgesuch von Biilotvs Vater IN BISMARCKS ARBEITSZIMMER 509 ad hoc verfertigten Korrespondenzen aus München, Stuttgart und Dresden wurde an die alten Sympathien der Bayern, Schwaben und Sachsen für die Donau-Deutschcn erinnert, in Zuschriften aus den östlichen preußischen Provinzen die Kosakengefahr recht grell an die Wand gemalt. Die Meisterschaft, mit der dieser Pressesturm organisiert worden war, zeigte die Bismarcksche Löwentatze. Sobald der Kaiser unterzeichnet hatte, ließ mich mein Vater kommen und beauftragte mich, sein von ihm selbst aufgesetztes Abschiedsgesuch Abschieds- dem Fürsten Bismarck zu überreichen, bei dem er telegraphisch eine gesuchvon Audienz für mich erbeten hatte. Der Fürst empfing mich in seinem da- Bulou,s maligen Arbeitszimmer, das später mir und meiner Frau während neun Jahren als Eßzimmer diente. Er forderte mich auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Groß, breitschultrig, schwer, mit dem buschigen Schnurrbart und den buschigen Augenbrauen, mit den großen, strengen, alles durchdringenden Augen, saß der größte deutsche Staatsmann des neunzehnten Jahrhunderts, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, der gewaltige, geniale Mann, mir gegenüber, dem kaum dreißigjährigen Legationssekretär. Nachdem er das mit Gesundheitsrücksichten begründete Abschiedsgesuch meines Vaters aufmerksam durchgelesen hatte, reichte er es mir mit den Worten zurück: „Von einem Rücktritt Ihres Herrn Vaters kann gar nicht die Rede sein, nicht einmal von einem mehr als dreimonatigen Urlaub. Ihr Herr Vater ist mir unentbehrlich.“ Unter dem Druck der Sorge des Sohnes um seinen lieben, guten Vater antwortete ich rascher und lebhafter, als es sich wohl geziemt hätte: „Durchlaucht, mein Vater kann und darf nicht im Dienst bleiben. Es geht um sein Leben. Ich habe meiner Mutter versprochen, fest zu bleiben.“ Einen Augenblick sah mich der Fürst mit verwunderten, mit erzürnten Augen an. Um seine Mundwinkel zuckte es. Ich hielt seinen zornigen Blick aus und wiederholte noch einmal: „Mein Vater muß aus der Tretmühle heraus, mindestens für diesen ganzen Winter. Ich habe meiner Mutter versprochen, nicht eher zurückzukommen, bis ich das erreicht habe.“ Der Gesichtsausdruck des Kanzlers veränderte sich, sein Auge, sein ganzes Mienenspiel bekam etwas Freundliches, fast Gerührtes, fast Weiches. „Es macht Ihnen Ehre, Herr von Bülow“, sprach er zu mir, „daß Sie so tapfer für die Wünsche Ihrer Frau Mutter eintreten, der ich mich zu Gnaden zu empfehlen bitte. Aber nun denken Sie sich auch einmal in meine Lage. Als Nachfolger für Ihren Herrn Vater kommen nur zwei Diplomaten in Frage: Radowitz und Paul Hatzfeldt.“ Er kritisierte beide scharf, sehr scharf, fast allzu scharf. Ich töne seine Worte bei ihrer Wiedergabe erheblich ab. Bismarck hat selbst gesagt, daß der Sinn für Anerkennung schwach, dagegen die Neigung zu tadeln stark bei ihm entwickelt sei. „Radowitz“, 510 DER KANZLER ÜBER SEINE MITARBEITER Bismarcks Krankenbesuch meinte er, „ist unzuverlässig. Niemand hat je gewußt, woher sein Vater eigentlich kam, ob er Wallache, Slowake oder ungarischer Jude war. Jedenfalls ist der Vater Radowitz Zögling einer französischen Militärschule gewesen und hat bei Leipzig auf französischer Seite gefochten. Später wußte er sich an Friedrich Wilhelm IV. heranzuschlängeln, der wie sein Großvater, Friedrich Wilhelm II., für Aventuriers ein Faible hatte. Unser jetziger Radowitz hat durch seine preußische Mutter, eine Voß, einen Schuß anständiges Blut im Leibe. Er ist in geordneteren Verhältnissen aufgewachsen als der Vater, aber Verlaß ist nicht auf ihn. (Ich töne ab.) Er hat kein Vermögen und eine russische, weltliche und unruhige Frau. Er ist ein guter Arbeiter, ein politischer Kopf ist er nicht. Das ist Paul Hatzfeldt. Dafür ist der faul und unwissend. Es fehlt ihm die sittliche Basis. Wenn Sie sehen wollen, wie innere Grundsatzlosigkeit (ich töne ab) in den Gesichtszügen eines Menschen zum Ausdruck kommen kann, so sehen Sie sich Paul Hatzfeldt an.“ Wieder schwieg der Fürst, dann fuhr er fort: „Wenn Sie erst älter sein werden, Herr vonBülow, werden Sie sehen, wie wenige Menschen gleichzeitig klug und anständig sind. Die anständigen Leute sind leider meist einfältig, und die klugen taugen oft nichts. Ihr Herr Vater ist klug, ist geschickt, und dabei ist er durch und durch ein Edelmann und ein Ehrenmann, darum trenne ich mich so sehr schwer von ihm.“ Der Fürst entließ mich mit dem Bemerken, daß er meinen Vater am nächsten Tage in Potsdam besuchen wolle. Die Stunde seiner Ankunft werde er noch telegraphieren lassen. Er wolle an der Bahn nicht abgeholt werden und meinen Vater nur in Gegenwart meiner Mutter sehen, ihn auch gewiß nicht ermüden noch aufregen. Am nächsten Tage fuhr der Fürst bei der von meinen Eltern in dieser Jahreszeit bewohnten Villa am Potsdamer Pfingstberg vor. Er war ohne Begleitung. Er trat sogleich in das Zimmer, wo mein Vater im Bett lag. Nachdem er ihn umarmt und geküßt hatte, begann er mit ihm und mit meiner am anderen Ende des Bettes sitzenden Mutter ein Gespräch über alte Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Frankfurter Zeit, an die er, wie er sich ausdrückte, zurückdenke wie unsere Großeltern Adam und Eva an ihr verscherztes Paradies. „Damals waren wir jung und zufrieden, jetzt sind wir alt und verdrießlich, wenigstens ich.“ Er sagte meinem Vater, daß er sein Abschiedsgesuch beim Kaiser unmöglich in Vorlage bringen oder gar befürworten könne. Der Kaiser würde das Gesuch auch gar nicht genehmigen. „Er hält von Ihnen ebensoviel wie ich, das heißt sehr viel. Reisen Sie also mit unbestimmtem Urlaub ab und bleiben Sie fort, so lange es für Ihre Gesundheit nützlich und notwendig ist, Sie wissen ja, wie sehr wir uns alle freuen werden, wenn Sie gesund zurückkommen.“ Dann umarmte er meinen Vater und küßte ihn nochmals auf beide Wangen, EINS IST NOT 511 küßte meiner Mutter die Hand und verließ die Villa. Nack Berlin zurück- gekekrt, ließ er mich zum Abendessen zu sich einladen. Mit der ihn nie verlassenden Natürlichkeit stellte er zunächst fest, daß er sich nicht erinnere, seitdem er Minister geworden wäre, außerhalb seiner Familie einen Krankenbesuch abgestattet zu haben. „Jedenfalls keinem meiner Kollegen!“ Er habe meinen Vater weniger schlimm gefunden, als er gefürchtet habe. Er sei guter Hoffnung für ihn. Er sei überzeugt, daß mein Vater aus Cannes, das er ihm als sein Reiseziel bezeichnet habe, zu unser aller und insbesondere zu seiner Freude ganz wiederhergestellt nach Berlin zurückkehren werde. Am nächsten Tage empfing mein lieber Vater aus den Händen des seit unserer Übersiedlung nach Berlin mit uns befreundeten Generalsuperintendenten Büchsei das heilige Abendmahl. Am 17. Oktober fuhr mein Vater mit meiner Mutter, meinem jüngsten, damals vierzehnjährigen Bruder Fritz und mit mir nach Frankfurt a. M., wo wir vor der Weiterreise nach Cannes übernachten wollten. Von so vielen Berliner Freunden und Bekannten war bei unserer Abfahrt nur einer an der Bahn, der Abgeordnete Eduard Lasker. Mein Vater drückte ihm die Hand mit den Worten: „Es rührt mich und es freut mich, daß gerade Sie gekommen sind, denn wir sind im Leben ziemlich verschiedene Wege gegangen.“ Lasker erwiderte mit einfacher und aufrichtiger Herzlichkeit: „Ich habe Eure Exzellenz stets verehrt und wollte Ihnen das durch mein Kommen zeigen und eine gute Reise und frohe Rückkehr wünschen. Was uns verbindet, ist stärker als das, was uns trennte.“ Während der Fahrt nach Frankfurt schlummerte mein Vater viel, dazwischen aber unterhielt er sich mit meiner Mutter und mit mir klar und gefaßt wie in seinen besten Tagen. Er sagte zu mir: „Vieles, was mich im Leben beschäftigt oder gar erregt hat, erscheint mir heute ziemlich unerheblich, verglichen mit dem einen, was nottut und was unser Herr Jesus Christus der guten Martha ans Herz legte.“ Meine Mutter lächelte wehmütig, weil mein Vater sie oft mit Martha verglich, die viel Sorge und Mühe hatte. „Eins ist not“, wiederholte mein Vater mehrfach, „daß der Wille werde stille und die Liebe heiß und rein.“ Bevor wir in Frankfurt ankamen, beauftragte mich mein Vater, einen recht schönen Blumenstrauß bei einem ihm aus seiner Frankfurter Zeit bekannten Blumenhändler für meine Mutter zu bestellen, die am nächsten Tage, dem 18. Oktober, ihren Geburtstag feierte. In der Nacht zum 18. Oktober wurde er von einem Schlaganfall gerührt. Als wir an sein Bett traten, hatte er Bewußtsein und Sprache schon verloren. Der herbeigerufene Arzt erklärte seinen Zustand für hoffnungslos. Mein Vater schien nicht zu leiden. Erst am 20. Oktober, in der Frühe, verschied er. Der Ausdruck seiner Züge war friedlich, die große, schön Biilows Vater stirbt 512 BEILEID WILHELMS I. UND BISMARCKS gewölbte Stirn trat mächtig hervor. Meine Mutter schloß ihm die Augen. Am nächsten Tage traf der nachstehende, eigenhändig geschriebene Brief des Kaisers aus Baden-Baden ein: „Nächst Ihnen, gnädige Frau, und Ihrer Familie hat wohl niemand in Preußen ein näheres Anrecht auf Trauer als ich, auf eine gerechte Trauer, hei dem Hintritt Ihres Gemahls! Wenn ich es nicht aussprechen kann, was ich an ihm verloren habe! Was müssen Sie und die Ihrigen empfinden!! Nicht nur den Staatsmann habe ich in dem Entschlafenen verloren, sondern einen Freund, der mein ganzes Vertrauen besaß und mit einer seltenen Hingabe, mit einer Umsicht vermittelndem Sinn und Herzen, immer gleichem freiem Blick und Entschluß, nach reiflicher Überlegung immer das Rechte treffend. — So viele vereinte Eigenschaften ersetzen sich nicht so leicht, und namentlich bei meinem hohen Alter sind solche Verluste kaum zu ertragen!! Möge Gott Ihnen diesen herben Schlag durch Ergebung in Seinen Willen tragen helfen, den Teilnahme wohl lindern kann, aber der Allmächtige allein vernarben läßt! Ihr tief erschütterter König Wilhelm.“ Bald nachher erhielt ich das nachstehende Telegramm des Fürsten Bismarck: „Legationssekretär von Bülow. Mit tiefem Schmerz habe ich Ihr Telegramm gelesen. Ich bitte, Ihrer Frau Mutter meine herzliche Teilnahme auszusprechen. Nächst Ihnen und den Ihrigen trifft mich der Verlust am härtesten, persönlich und amtlich. von Bismarck.“ Das Original dieses von Fürst Bismarck selbst niedergeschriebenen Telegramms hat mir Herbert Bismarck später zur Erinnerung an seinen großen Vater geschenkt. Im Laufe des Nachmittags erhielt ich ein Telegramm des Flügel- Jm Waggon adjutanten Grafen Lehndorff aus Baden-Baden, in dem es hieß, daß der auf Station Kaiser auf seiner Rückreise nach Berlin Frankfurt zwischen zwölf und Frankfurt e j n U} lr na chts passieren und während des zehn Minuten dauernden Aufenthaltes mich in seinem Waggon empfangen würde. Der Kommandant von Frankfurt, der General von Loucadou, holte mich um Mitternacht ab, um mich an die Verbindungsstation zu bringen. Als der kaiserliche Zug eingelaufen war, kam Graf Lehndorff auf mich zu und sagte mir: „Der Kaiser erwartet Sie in seinem Abteil. Er ist bis jetzt aufgeblieben, weil er Ihnen persönlich für Sie, Ihre Frau Mutter und Ihre Brüder seine inni ge Teilnahme aussprechen will. Treten Sie in den Wagen.“ Bismarcks Urschrift seines Beileidtelegramms an Bülow nach dem Tode von Bülows Vater (zu Seite 512) Leg. Sehr. v. Bülow Mit tiefem Schmerze habe ich Ihr Telegramm gelesen. Ich bitte Ihrer Frau Mutter meine herzliche Theilnahme auszusprechen. Nächst Ihnen und den Ihrigen trifft mich der Verlust am härtesten, persönlich und amtlich. v. B. 4/Z m£M. iff pw m//k 1 / jt If/Jr. Al L ///U W?i/m 'fri f~ i/- / £ y / ' f i IN DER MATTHÄIKIRCHE 513 Der Kaiser reichte mir die Hand. Ich habe in den Tagen nach dem Tode meines guten Vaters viele wohltuende Beweise von Mitgefühl erhalten. Aber niemand hat so herzlich, so teilnehmend, so gütig, so menschlich und dabei so königlich mit mir gesprochen wie unser alter Herr. Er hob noch einmal die ausgezeichneten dienstlichen und menschlichen Eigenschaften meines Vaters hervor, sein strenges Pflichtgefühl und seine Herzensgüte, die Festigkeit seiner Grundsätze wie seine vermittelnde und ausgleichende Art. Als ihm die bevorstehende Weiterfahrt des Zuges gemeldet wurde, entließ er mich mit den Worten: „Haben Sie immer das Vorbild Ihres Vaters vor Augen und w'andeln Sie in seinen Wegen, dann wird es Ihnen wohlgehen.“ Drei Tage später fand in Berlin die Trauerfeier für meinen Vater in der Matthäikirche statt, die meine Eltern seit ihrer Übersiedlung nach Berlin zu besuchen pflegten. Der Kaiser erschien mit allen Prinzen des königlichen Hauses. Mein Bruder Adolf und ich erwarteten Seine Majestät vor dem Eingang. Wir wurden auf gefordert, uns neben die königlichen Prinzen zu stellen. Prinz Karl, der einer Generation angehörte, die es mit dem militärischen Anzug sehr genau nahm, sagte zu mir, indem er auf seinen Sohn, den genialen Prinzen Friedrich Karl wies: „Er hat schon wieder nicht ganz vorschriftsmäßige Stiefel an.“ Auch der Kommandeur meines Bruders Adolf, der damalige Oberst des 1. Garde-Ulanen-Regiments, der spätere Chef des Großen Generalstabs, der hochbedeutende Graf Alfred Schlieffen, war gekommen. Ich sehe ihn noch vor mir mit dem ernsten, strengen, nachdenklichen Gesicht und dem Monokel im Auge. Als der Kaiser erschienen war, ging er auf meine Mutter zu, küßte ihr die Hand und nahm neben ihr Platz. Die Trauerrede des Generalsuperintendenten Büchsei ging mir zu Herzen und berührte mich wohltuend, denn aus ihr sprach jener feste Glaube, jene gewisse Zuversicht, die über das irdische Leid erhebt und dorthin weist, wo alle Tränen getrocknet werden sollen. „Weinen Sie nicht, liebe Frau von Bülow“, sprach, zu meiner Mutter gewandt, dieser ganz gläubige, grundehrliche, durch und durch echte Geistliche, der, bevor er Generalsuperintendent wurde, lange als Pastor segensreich in märkischen Dörfern seines Amtes gewaltet hatte, „warum weinen Sie? Während Sie hier weinen, blickt Ihr lieber Mann von oben freundlich auf Sie herab, dem es dort viel besser geht als uns hier unten.“ Nachdem ich meiner Mutter bei ihrer Übersiedlung nach Potsdam zur Seite gestanden hatte, wo sie ihren dauernden Wohnsitz nehmen wollte, kehrte ich auf meinen Posten nach Paris zurück. Noch vor meiner Abreise hatte sie ein Schreiben ihres Onkels, des Oberstkämmerers Grafen Wilhelm Redern erhalten, der ihr im Aufträge Seiner Majestät mitteilte, daß der Trauerfeier Wieder in Paris 33 UUlow IV 514 IN DER PARISER BOTSCHAFT Kaiser und König in treuer Erinnerung an ihren seligen Mann ihren zweiten Sohn, den Premierleutnant im 1. Garde-Ulanen-Regiment Adolf von Bülow, zum persönlichen Adjutanten des Prinzen Wilhelm von Preußen, des der- einstigen Trägers der Krone, bestimmt habe. Als ich in Paris eintraf, forderte mich in seiner gütigen Weise mein Chef, L6onille der Fürst Hohenlohe, auf, bei ihm in der Botschaft zu wohnen, da es mir Wittgenstein in meiner Trauer erwünscht sein würde, ruhig und unabhängig zu leben, was mir unter seinem Dach am leichtesten möglich sein würde. In seinem Hause weilten seine Schwiegermutter, Fürstin Leonille Wittgenstein, und sein jüngster Sohn, der damals siebzehnjährige Prinz Alexander. Ich denke gern an die stillen Abende zurück, die ich im Winter 1879/80 dort verlebte. Die Fürstin Leonille, die zweite Gemahlin des Fürsten Ludwig zu Sayn-Wittgenstein, war eine bedeutende Frau. Von Geburt Russin, eine Prinzessin Bariatinsky, war sie aus innerer Überzeugung zur katholischen Kirche übergetreten, an der sie mit Leidenschaft, aber ohne Unduldsamkeit und Engherzigkeit hing. Sie ist mir bis zu ihrem erst 1918, in ihrem hundert- unddritten Lebensjahr erfolgten Tode eine gütige Freundin und Gönnerin geblieben. Ein anderer Gast des Fürsten Chlodwig Hohenlohe war in diesem Winter Baron einer seiner früheren Vortragenden Räte, der Freiherr von Völderndorff, Völderndorff e j n ungewöhnlich kluger und gebildeter Beamter, der auch literarische Neigungen besaß und eine Reihe interessanter Essays kulturhistorischen Inhalts verfaßt hatte. Ich ging oft mit ihm in den Champs-Elysees spazieren. Als wir einmal über die Place de la Concorde schritten, unterhielten wir uns über die deutsche innerpolitische Lage und die Schwierigkeiten, die selbst einem so großen Staatsmann wie dem Fürsten Bismarck der Unverstand und die Kleinlichkeit der deutschen Fraktionen bereiteten. „Was soll erst aus uns werden, wenn früher oder später der Fürst Bismarck nicht mehr da sein wird ?“ meinte ich. Baron Völderndorff erwiderte mir, daß das Schicksal eines Volkes von über vierzig Millionen, dessen Bevölkerung überdies beständig zunehme, nicht auf einen einzigen Menschen gestellt werden dürfe, selbst wenn dieser Mensch so groß, so genial wäre wie unser Bismarck. „Aber wer soll ihn ersetzen?“ frug ich weiter. „Ich sehe niemand.“ Völderndorff meinte, daß niemand den Fürsten Bismarck ersetzen könne noch werde. Wir müßten aber lernen, uns auch ohne einen solchen Titanen zu behelfen. Wenn uns in nächster Zeit das große, das sehr große Unheil treffen sollte, Bismarck zu verlieren, so würde wohl Fürst Chlodwig Hohenlohe der gegebene Nachfolger sein. In dem Augenblick, wo wir den Pont de la Concorde betraten, fuhr nach einigem Besinnen Baron Völderndorff fort: „Und auch für später weiß ich einen Nachfolger, nicht für heute, aber in zwanzig Jahren. Sie selbst.“ Ich erwiderte: „Ich habe Sie bisher für NEUE FAHNEN 515 einen freundlichen und gütigen Mann gehalten. Aber jetzt erinnern Sie mich an die Hexen in Macbeth. ,Heil dir, Than von Glamis! Heil dir, Than von Cawdor!‘ “ Er lächelte und blieb bei seiner Ansicht. Alexander Hohenlohe hat mir später erzählt, daß sein Vater ihm bald nach meinem Dienstantritt in Paris gesagt hatte: „Sieh dir den jungen Bülow an, der kann einmal Reichskanzler werden.“ Am 14. Juli 1880, dem Tage, an dem einundneunzig Jahre früher die Bastille erstürmt und der nach dem endgültigen Siege der republikanischen Parade im Staatsform in Frankreich zum Nationalfesttag erklärt worden war, fand Bois de eine große Parade im Bois de Boulogne 6tatt. Auf dem Felde von Long- Boulogne champs übergab der Präsident der Republik Abordnungen aller Regimenter die neuen Fahnen. Auf ihnen waren die Siege der französischen Armee verzeichnet: Rocroy und Fontenay, Valmy und Jemappes, Arcole und Rivoli, Marengo und Austerlitz, Jena, Wagram, Isly, Inkerman, Magenta, Solferino, Puebla. So wurde dem französischen Volk das Bewußtsein seiner großen kriegerischen Traditionen lebendig erhalten, wie das die Pflicht jeder patriotischen, klugen und zielbewußten Regierung ist. Ich wohnte dem prächtigen Schauspiel in der Präsidentenloge bei. Die Truppen kamen gut vorbei. Der Enthusiasmus der nach vielen Tausenden zählenden Zuschauer war unbeschreiblich. Gewiß wollte Frankreich nach wie vor den Frieden, aber die stolze Seele des bis in die Knochen chauvinistischen und nationalistischen Volkes hatte sich nach der furchtbaren Erschütterung der „annee terrible“ wiedergefunden und blickte mit unbegrenzter Liebe und Vertrauen auf die Armee des Landes. Dieser Empfindung gab Gambetta Ausdruck, als er bei der glänzenden Flottenrevue, die im August in Cherbourg stattfand, erklärte, der leiden- Gambettas schaftliche Kultus des französischen Volkes für seine Armee, die alle Kräfte Bede in der Nation in sich vereinige, die sich aus dem reinsten Blut des Landes Cherbourg rekrutiere, entspringe der Notwendigkeit, Frankreich wiederaufzurichten, damit es seinen früheren großen Platz in der Welt wieder einnehme. Diese Rede wurde in Deutschland nicht mißverstanden. Kaiser Wilhelm I., dem jede Großsprecherei fernlag, der sich aber Ungebührlichkeiten nicht gefallen ließ, richtete am 2. September 1880, dem zehnten Gedenktage von Sedan, eine in ihrer ruhigen Würde wirkungsvolle Kundgebung an die Armee. Er spendete dem französischen Heer das Lob eines für seine ausgezeichneten Eigenschaften bekannten Heeres, gab seinem wärmsten Dankgefühl Ausdruck für die hochverehrten Männer, die in der Ruhmeszeit 1870/71 das deutsche Heer geführt hätten, erinnerte an die schweren, schmerzlich betrauerten Opfer, mit denen der Sieg erkämpft worden sei. Sein letzter Gedanke noch würde ein Segenswunsch für die Armee sein. Möge die Armee stets dessen eingedenk bleiben, daß sie nur dann große 33 » 516 DER KULISSENDIKTATOR VOR DER RAMPE Das Ministerium Gambetta Erfolge erringen kann, wenn sie ein Musterbild für die Erfüllung aller Anforderungen der Ehre und der Pflicht bleibe, wenn sie unter allen Umständen sich die strengste Disziplin erhalte, wenn der Fleiß in der Vorbildung für den Krieg nie ermüde, wenn auch das Geringste nicht mißachtet werde, um der Ausbildung ein festes und sicheres Fundament zu geben. Am 10. November 1881 reichte nach einer für ihn ungünstig verlaufenen Debatte über die Tunesische Expedition der Ministerpräsident Jules Ferry seine Entlassung ein. Der Präsident der Republik, Jules Grevy, beauftragte Gambetta mit der Neubildung des Kabinetts. Wie bei Schiller die Fürstin- Mutter von Messina, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, folgte Gambetta dieser Aufforderung. Er würde es bei weitem vorgezogen haben, sich noch einige Zeit zurückzuhalten. Aber er fühlte, daß angesichts der um sich greifenden Mißstimmung über seine Kulissendiktatur (gouvernement occulte) ihm keine andere Wahl blieb, als vor die Rampe zu treten. Alle Welt erwartete ein großes Kabinett (le grand ministere). Die Bildung eines solchen gelang Gambetta jedoch nicht, da keiner der hervorragenden Politiker, an die er sich wandte, Jules Ferry und Leon Say, Henri Brisson und Rene Goblet, Humbert und Tirard, Lust zeigte, in seinen Kahn zu steigen. Seihst Freycinet, sein vertrauter Mitarbeiter in der Regierung der Nationalverteidigung, gab ihm einen Korb. So bildete er rasch entschlossen ein Kabinett aus persönlichen Freunden: Waldeck-Rousseau erhielt das Innere, der später viel genannte Rouvier Handel und Kolonien, Gambetta selbst übernahm mit dem Präsidium das Ministerium des Äußern. Zum Unterstaatssekretär bestimmte er einen seiner Intimen, Eugen Spuller. Der war der Sohn eines eingewanderten Badeners, aber im Departement Cote d’Or geboren, wo der beste Burgunderwein wächst, und ein waschechter, sehr chauvinistischer Franzose. Das verhinderte die Opposition nicht, den armen Spuller als „Badois“ zu verhöhnen und zu verdächtigen. Als Kabinettschef wählte sich Gambetta Herrn Joseph Reinach, der, als Sohn israelitischer Eltern in Frankfurt a. M. geboren, sich nach seiner Einwanderung in Frankreich durch leidenschaftlichen französischen Nationalismus hervortat und bis heute hervortut. Kurz nach der Bildung des neuen Kabinetts fand Gambetta zu Ehren in der Deutschen Botschaft ein großes Diner statt. Der neue Ministerpräsident begrüßte mich mit alter Freundlichkeit. Er sah müde und abgespannt aus. Henri Rochefort, der einst gegen das Second Empire Schulter an Schulter mit Gambetta gekämpft hatte, war jetzt sein giftiger Gegner geworden. Er hatte den von Gambetta nach Tunis entsandten Ministerresidenten Rousten derartig verdächtigt, daß der angegriffene Beamte gegen ihn Klage erheben mußte. Im Prozeß kam allerhand Unerfreuliches zur Sprache, das zu neuen Angriffen gegen Gambetta führte. Als er mich nach Leon Gambetta, französischer Ministerpräsident W| VITELLIUS 517 Tisch beiseite nahm, sagte er mir: „Sie sehen, wie infam ich angegriffen werde und von welchen Kanaillen!“ Mit melancholischem Lächeln fügte er hinzu: „Ich habe Ihnen, mein junger Freund, gelegeutlich prophezeit, daß Sie einmal an der Spitze der Regierung Ihres Landes stehen könnten. Wenn das eintreten sollte, so vergessen Sie nicht, daß die Politik ein schmutziges Gewerbe ist und daß man von den meisten Politikern gar nicht niedrig genug denken kann, namentlich wenn sie Parlamentarier sind.“ Als mich Fürst Hohenlohe am nächsten Tage frug, welchen Eindruck ich von Gambetta gehabt hätte, erwiderte ich ihm: „II a du plomb dans l’aile.“ Frankreich ist ein Land, wo seit Voltaire, Beaumarchais und Paul Louis Courier der Witz eine große, bisweilen eine vernichtende Rolle gespielt hat. Seitdem er Minister geworden war, wurde Gambetta die Zielscheibe vieler schlechter, aber auch einiger guter und jedenfalls giftiger Witze. Einer steht mir in lebhafter Erinnerung. In einer bewegten Sitzung der Kammer wollte der Kriegsminister Campenon das Wort in einem Moment ergreifen, der Gambetta nicht opportun erschien. Um seinen Kollegen vom Reden abzuhalten, legte ihm Gambetta die Hand auf die Schulter. Ein Sozialist schrie dem Kriegsminister zu: „Obeissez ä Cesar!“ Als er dafür zur Ordnung gerufen wurde, replizierte er: „Je retire Cesar et je mets Vitellius.“ Seitdem wurde Gambetta von der oppositionellen Presse Vitellius genannt, in Anspielung auf den als Prasser berüchtigten, unwürdigsten aller römischen Cäsaren. Der deutsche Demokrat liebt es, durch spießbürgerliche Manieren, hier und da auch durch knotiges Auftreten den „Volksmann“ zu markieren. Dagegen haben die romanischen wie die englischen Demokraten seit jeher die Tendenz gehabt, sich die Formen der guten Gesellschaft, ihre Gewohnheiten, hier und da sogar ihre mehr oder weniger empfehlenswerten Passionen anzueignen. Gambetta, der das Wort von der „Republique Athenienne“ geprägt hatte, wollte auch in seiner Lebensführung lieber an Perikies als an Kleon erinnern. In einem Lande, das sich rühmt, die Heimat des Brillat-Savarin und der raffiniertesten Gastronomie zu sein, hielt er darauf, einen guten Koch zu haben. Dieser Koch hieß Trompette. In zahlreichen Artikeln und Karikaturen wurde Trompette, der Leibkoch des ehemaligen Volkstribunen, grausam verhöhnt. Am 26. Januar 1882 lehnte die Kammer die von Gambetta vorgeschlagene Verfassungsrevision ab. Gambetta reichte sofort seine Ent- Gambettas lassung ein, und Grevy beauftragte Freycinet mit der Neubildung der Sturz Regierung. Dieser konstruierte ein Kabinett, in dem Leon Say, Jules Ferry und Humbert Portefeuilles übernahmen, nachdem sie sich Gambetta nicht hatten unterordnen wollen. Die Koalition, die Gambetta stürzte, wurde von Clemenceau geführt, der zu diesem Zweck ein Bündnis zwischen der 518 LfiONIE LfiON T radikalen äußersten Linken und der Rechten zustande gebracht hatte. Freycinet, der nicht ohne Absicht einen gewissen Gegensatz zu Gambettas mehr selbstherrlichem Auftreten markierte, stellte sich der Kammer mit einer demütigen Rede vor, in der er erklärte, daß die neue Regierung voll „deference“ für die Volksvertretung sei, ohne die sie „nichts vermöchte“. Einige Wochen nach seinem Sturz ließ mich Gambetta zu sich bitten. Gambettas Tod Ich fand ihn in weit heitererer Stimmung, auch besser aussehend als bei jenem Diner auf der Deutschen Botschaft während seiner Ministerzeit. Lächelnd sagte er zu mir: „Es ist nett von Ihnen, daß Sie einen Toten besuchen. Ich bin allerdings nur scheintot. Ich gedenke es zu machen wie Lazarus, der nach einiger Zeit aus seinem Grabe auferstand, zu nicht geringem Erstaunen seiner Schwestern Maria und Martha. Ich bin erst vierundvierzig Jahre alt. Ich habe die Zukunft vor mir.“ So Gambetta im März 1882. Victor Hugo hat gesagt: „L’avenir est ä Dieu.“ Leon Gambetta hatte das „Media in vita“ nicht in sein Kalkül eingestellt. Er starb, kaum ein Jahr nachdem er als Ministerpräsident gestürzt worden war. Mitte Dezember 1882 verwundete er sich in seinem kleinen, bescheidenen Landhaus in Ville d’Avray bei Paris. Uber diesen Unfall kursieren noch heute allerhand Märchen. Der Sachverhalt, wie er mir unmittelbar nach dem Tode Gambettas von mehreren seiner Freunde übereinstimmend erzählt wurde, war viel weniger romantisch. Gambetta liebte seit über zehn Jahren eine anmutige und kluge Frau, Madame Leonie Leon, die seit langem von ihrem Gatten geschieden war. Sie hatte sich in Gambetta verliebt, als sie Anfang 1870 seiner hinreißenden Rede gegen das Plebiszit von der Galerie des Corps legislatif gelauscht hatte. Gambetta hätte sie gern geheiratet. Sie wollte aber als Katholikin keine zweite Ehe schließen, bevor ihre erste Ehe durch den Päpstlichen Stuhl aufgelöst worden wäre, wozu keine Möglichkeit vorlag. Während Gambetta im Garten seines Landhauses mit Madame Leon spazierenging, entlud sich ohne jedes Zutun von seiner oder ihrer Seite ein kleiner Revolver, den er in der Hand hielt. Die Kugel drang ihm in die innere Handfläche und den Vorderarm. Während er wegen dieser Verletzung das Bett hütete, ging eine chronische Blinddarmentzündung, an der er seit Jahren laborierte, plötzlich in ein akutes Stadium über. Ein Eiterdurchbruch führte zu einer allgemeinen Bauchfellentzündung, diese zum Tode. Durch einen rechtzeitigen chirurgischen Eingriff hätte er, wie mir von Ärzten sofort gesagt wurde, gerettet werden können. Er starb in der Neujahrsnacht 1883. Die Trauerfeier fand am 7. Januar statt. Ich habe selten eine imponie- Die Leichen- rendere Kundgebung mitangesehen. Wie bei der Leichenfeier für den armen feier Werther in Goethes unsterblichem Roman, so folgte auch hier kein Geistlicher, wohl aber Hunderttausende von Leidtragenden aus allen Parteien HOCH STRASSBÜRG! 519 und aus allen Ständen. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt Paul Derou- lede, der Präsident der Patriotenliga und Verfasser der „Chants d’un Soldat“. Er fuchtelte heftig mit den Armen und schrie: „Quand meme! Quand meme! Vive Strasbourg! Vive la revanche!“ Die Beisetzung koimte nicht in Paris erfolgen, da der einst aus Genua nach Frankreich eingewanderte Vater Gamhettas darauf bestand, daß die sterblichen Überreste seines großen Sohnes in Nizza ihre letzte Ruhestätte finden sollten. Vor dem Louvre, der von Karl V., dem Weisen, erbauten, von Franz I., Heinrich IV., Ludwig XIV., Napoleon I. und Napoleon III. vollendeten alten Hofburg französischer Herrscher, die so eng mit der französischen Geschichte verbunden ist, wurde Gambetta, dem Patrioten, dem Führer der „resistance ä outrance“, dem Kriegsverlängerer von 1870, ein Nationaldenkmal errichtet. Es stellt ihn in ganzer Gestalt dar, mit langen, im Sturm zurückflatternden Haaren, mit heftig in den Nacken zurückgeworfenem Kopf. Die starr ausgestreckte Hand zeigt ein fernes Ziel. Sie weist auf Straßburg, auf den Rhein. XXXVII. KAPITEL Die früher in Frankreich regierenden Familien • Das Haus Bonaparte • Die Orleans Der Herzog von Aumale • Spionage ■ Das Diplomatische Korps • Monsignore Czaki Der Prinz von Wales in Paris W ährend meiner Pariser Dienstzeit war den Mitgliedern der früher in Frankreich regierenden Familien der Aufenthalt in ihrer Heimat noch nicht verboten worden. Von dem Hause Bonaparte merkte man nicht viel. Der Prince Imperial, von den Gegnern seines Vaters einst „Lulu“ genannt, war, kaum dreiundzwanzig Jahre alt, in Südafrika bei einem Renkontre mit Eingeborenen elend verblutet. Seine Mutter, die Kaiserin Eugenie, gewann es in jedem Frühjahr über sich, Paris zu besuchen und sich in einem Hotel einzuquartieren, aus dem sie auf die Stätte blicken konnte, wo einst die Tuilerien gestanden hatten, auf den Garten, wo ihr Sohn als Kind fröhlich gespielt hatte. Sie hat den Weltkrieg noch erlebt und ein Jahr vor dessen Ausbruch meine Schwiegermutter, Donna Laura Minghetti, in deren Villa Mezzaratta bei Bologna besucht. Sie hatte diese seit dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges im Juli 1870 nicht wiedergesehen. Als sich die beiden alten Freundinnen nach so ungeheuren Ereignissen wiedersahen, brach die Kaiserin in Tränen aus und schluchzte laut. Sie hatte die stärkste, die einzige Hoffnung ihres Hauses begraben, denn was sonst an Bonapartes noch lebte, konnte nichts für die Zukunft versprechen. Nach dem Tode des armen „Lulu“ war „Pion-Pion“, der Prinz Jeröme Jfrdme Napoleon, Chef des Hauses Bonaparte geworden. Durch seine freigeistige Napoleon Richtung und mehr noch durch den Zynismus, mit dem er seine Gottlosigkeit affichierte, war er die „bete noire“ aller Frommen in Frankreich geworden, die vor vierzig Jahren einen größeren Einfluß ausübten als heute. Sein skandalöses Privatleben verstärkte noch die allgemeine Verachtung, die er sich durch seine Feigheit in allen französischen Kriegen, im Krim- Krieg, im Französisch-Österreichischen Krieg, im Deutsch-Französischen Krieg bei allen Parteien und in allen Klassen zugezogen hatte. Dabei war Plon-Plon durchaus nicht unbegabt. Ich bin ihm wiederholt begegnet. Er hatte äußerlich eine unverkennbare Ähnlichkeit mit seinem großen Oheim und war auch nicht ohne einen genialen Zug. Das erkannte Herbert PRÄTENDENTEN 521 Bismarck an, als er Plon-Plon im Winter 1892/93 in Rom im Hause meiner Schwiegermutter begegnete. Der Sohn des Prinzen Jcrome Napoleon, der 1862 geborene Prinz Victor, galt für einen Trottel. Noch 1848 hatte das unermeßliche Prestige des Namens Napoleon die Wiedererrichtung des Kaiserreiches unter dem phantastischen und innerlich schwachen Napoleon III. ermöglicht. Dreißig Jahre später hatte das Haus des großen Korsen nach menschlichem Ermessen für immer ausgespielt. Dagegen schien die Familie Orleans in der ersten Hälfte der achtziger Jahre bessere Aussichten zu haben. Sie lebte ungeniert in Paris, und ich bin ihren Mitgliedern oft in der Gesellschaft begegnet. Der damals kaum vierzigjährige Chef des Hauses, der Graf von Paris, war mehr seiner deutschen Mutter, einer mecklenburgischen Prinzessin, als seinem französischen Vater, dem brillanten Herzog Ferdinand von Orleans, nachgeschlagen, der 1842 durch einen Wagenunfall das Leben verloren hatte. Der Graf von Paris machte einen gediegenen, gebildeten, aber in keiner Weise glänzenden Eindruck. Es fehlte ihm der Panache, den der Franzose liebt. Sein Bruder, der Herzog Robert von Chartres, erinnerte mehr an den Urahn Henri IV, qui fit le diable ä quatre. Der Herzog galt für einen Kurmacher, hatte sich im Kriege von 1870/71 unter einem angenommenen Namen als einfacher Soldat gut geschlagen und kommandierte während meiner Pariser Zeit als Oberst ein Regiment Reitender Chasseurs. Der Herzog Louis von Nemours war stocktaub und ging ganz in brasilianischen Interessen auf, nachdem sein Sohn, der Graf von Eu, sich mit der Tochter und Erbin des Kaisers Pedro II. von Brasilien vermählt hatte. Dasselbe galt von dem Prinzen Franz von Joinville, der gleichfalls eine brasilianische Prinzessin zur Frau hatte. Der Herzog Anton von Montpensier, Gemahl einer Schwester der Königin Isabella II. von Spanien, war seit seiner Heirat zum Spanier geworden. Sehr sympathisch war die Herzogin Sofie von Alen^on, geborene Herzogin in Bayern, eine Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich und der Königin Maria Sofia von Neapel. Sie begrüßte mich, wenn sie mir begegnete, immer in deutscher Sprache und mit Freundlichkeit. Sie ist 1897 bei einem großen Brandunglück ums Leben gekommen, wo sie die anwesenden Männer durch ihre Kaltblütigkeit und ihren Mut beschämte. Der weitaus bedeutendste Sproß des Hauses Bourbon-Orleans war der 1822 geborene Herzog Henri von Aumale. Er hat mich zweimal mit einer Einladung nach seinem prächtigen Schloß Chantilly beehrt. Er machte die Honneurs in dem historischen Schloß der Familie Conde als Grandseigneur. Er behandelte mich jungen Mann mit derselben vollendeten Courtoisie wie die von ihm eingeladenen Generäle, seine alten Kameraden, und wie die Mitglieder der Academie-Fran^aise, der er selbst angehörte und der er später sein Schloß Chantilly hinterließ. Bei einem Rundgang durch das Schloß Die Familie Orleans Aumale 522 DIE EINGELADENEN VON CHANTILLY machte er mich auf ein lebensgroßes Porträt seines Großvaters aufmerksam, des Herzogs Ludwig-Joseph-Philipp von Orleans, der sich bekanntlich während der großen Revolution den Jakobinern anschloß, für den Tod seines Vetters und Königs, des armen Louis XVI. stimmte und bald nachher selbst guillotiniert wurde. Als er mir dieses Bild zeigte, meinte der Herzog von Aumale lächelnd: „Et voilä mon grand-pere, le citoyen Egalite.“ So hatte sich der ehemalige Herzog von Orleans als Jakobiner genannt. Zu seinen Gästen gewandt, fuhr der Herzog von Aumale fort: „Und wissen Sie, wie Philipp Egalite starb? Bevor er den'Todeskarren bestieg, bestellte er sein letztes Frühstück: Drei Dutzend Austern, beste Marennes, zwei Kotelette, eine Flasche Chablis. Wissen Sie, wie der Herzog angezogen war? Er fuhr zur Guillotine im grünen Frack mit weißer Piqueweste, gelben Hosen und spiegelblanken Stiefeln. Der große englische Historiker Carlyle hat es uns beschrieben. Mon grand-pere etait un bougre, mais il n’avait pas froid aux yeux.“ Unter den Eingeladenen in Chantilly befanden sich zwei Dichter: Edouard Pailleron, der Verfasser des Lustspiels „Le Monde oü l’on s’ennuie“, in dem der Salonphilosoph Caro auf das witzigste verhöhnt wurde, und Victorien Sardou. Der Spott Paillerons war berechtigt. Ich war selbst einmal zugegen, als bei der Fürstin Monia Ouroussow der Pseudophilosoph Caro den großen Philosophen Schopenhauer in Grund und Boden verdammte und sich hinterher herausstellte, daß er dessen grundlegende Schriften kaum kannte. Victorien Sardou, der ebenfalls zu den literarischen Freunden von Chantilly gehörte, hat dauerndere Spuren hinterlassen als Pailleron. Seine Lustspiele „La famille Benoiton“ und „Nos bons villageois“ sind meisterhafte Komödien und heute noch nicht veraltet. Sein „Rabagas“ ist vielleicht das Beste und Feinste, was seit Aristophanes gegen glatte Demokratie und unehrliche Demagogen gesagt wurde. Soll ich erzählen, wie ich, wenn auch nicht in geschäftliche, so doch in Major persönliche Beziehungen zu einem regelrechten Spion trat? Ich will es tun. von Villaume Homo sum; humani nihil a me alienum puto. Der Militärattache der Botschaft, Major von Villaume, frug mich eines Tages, ob ich ihm in einer für ihn wichtigen Angelegenheit einen Dienst erweisen wolle. „Die Sache ist etwas brenzlig“, meinte er dabei. Villaume war der Enkel eines Franzosen, der in eigentümlicher Weise zum Preußen geworden war. Er war nämlich Privatsekretär von Voltaire gewesen, als dieser sich mit seinem großen Gönner, dem König Friedrich II. von Preußen, überwarf. In seinem Ärger über Voltaire ließ der König den Sekretär verhaften und vor sich führen. Der Sekretär erschien in einem sehr eleganten Anzug. „Wie kommen Sic zu einem so glänzenden Anzug, so feinen Manschetten, einem so distinguierten Jabot?“ fuhr der König den Unglücklichen an. Dieser erwiderte mit Aplomb: „Voilä comment Mr. de Voltaire aime ä habiller ses gens.“ Der DER NÜTZLICHE RUMÄNE 523 große König, dem diese Sicherheit des Auftretens gefiel, sagte zu Villaume, er wolle ihm zeigen, daß der König von Preußen seine Sekretäre noch besser behandle als der boshafte Mr. de Voltaire die seinigen, und nahm ihn in seine Dienste. Der Enkel, der Major von Villaume, war ein tüchtiger, sehr rühriger Artillerieoffizier. Seine Bitte an mich war einigermaßen heikel. Es hatte sich bei ihm ein Rumäne gemeldet, der ihm Beweise dafür liefern wollte, daß der französische Generalstab in den Rheinlanden einen ausgedehnten Spionagedienst organisiert habe, um auf diese Weise Verbindungen mit deutschen Unteroffizieren und Bürobeamten anzuknüpfen. Major von Villaume fügte hinzu, seine Wohnung werde so sorgsam überwacht, daß er den Rumänen unmöglich selbst empfangen könne. Ob ich ihm meine Wohnung zur Verfügung stellen wollte? Das tat ich und empfing in dem eleganten Appartement, das ich von 1880 bis 1884 in der Rue Montaigne 71 bewohnt habe, den Wallachen. Dieser lieferte Villaume in der Tat die Beweise, daß es französischen Emissären gelungen war, eine Anzahl pflichtvergessener Deutscher zur Preisgabe wichtiger dienstlicher Geheimnisse zu verführen. Die Betreffenden haben, nachdem ihre Schuld unwiderleglich bewiesen war, die wohlverdiente längere Zuchthausstrafe abbüßen müssen. Mit dem Rumänen habe ich mich nach meinem Grundsatz, mich möglichst in jeder Richtung zu orientieren und so meinen Gesichtskreis zu erweitern und meine Menschenkenntnis zu vervollständigen, wiederholt eingehend unterhalten. Er erzählte mir vielerlei aus seinem bewegten Leben, wie spioniert würde und wie man es anfange, um nicht abgefaßt zu werden. Das Hauptfeld seiner Tätigkeit seien die Eisenbahnen, wo sich am leichtesten Bekanntschaften anknüpfen ließen. Als er sich von mir verabschiedete, gab mir der Rumäne seine Karte mit den Worten: „Man kann niemals wissen, wen man einmal brauchen kann und wofür. Hat doch einmal eine arme Maus einem großmächtigen Löwen aus der Not geholfen. Wenn ich Ihnen jemals nützlich sein kann, so verfügen Sie ganz über mich. Ihnen stehe ich zu jedem Dienst zur Verfügung.“ Von diesem Anerbieten habe ich keinen Gebrauch gemacht. Dagegen besitze ich noch einen schönen Stock, den er mir als Zeichen seiner persönlichen Wertschätzung schenkte und als Andenken an ihn zu behalten bat. Das Diplomatische Korps in Paris war sehr zahlreich. Bismarck pflegte scherzend zu sagen, Paris scheine der einzige wirklich gesunde diplomatische Das Posten zu sein. In allen anderen Städten klagten die Diplomaten über das Diplomatische Klima und wünschten eine Luftveränderung. Nur in Paris wollten sie alle Korps bleiben. Paris war und ist in der Tat eine wundervolle Stadt und mit Rom der Ort der Welt, wo es sich für Fremde am besten leben läßt. Wer große historische Erinnerungen sucht, die erlesensten Meisterwerke der Kunst, die Stadt, wo unter blauem Himmel hoch der Lorbeer steht, der gehe nach 524 EIN RENEGAT Rom, Byrons „city of the soul“. Wer das Schauspiel eines politischen Lebens genießen will, das immer neue Bilder bietet, wo um der Menschheit höchste Güter mit Leidenschaft, mit Geist und Witz gestritten wird, wo das öffentliche Leben an dramatischen Momenten reicher ist als in irgendeinem andern Lande der Welt, der suche Paris auf. Ich brauche kaum zu sagen, daß mir als Preußen und Deutschem das Brandenburger Tor ehrwürdiger ist als der Are de Triomphe oder der Triumphbogen des Konstantin und daß das Denkmal unseres großen Königs Fridericus Rex mehr zu meinem Herzen spricht als die Napoleon-Säule. Dies nur pro domo mea. Die vornehmste und dabei sympathischste Figur unter den nicht- Fürst Orlow deutschen Diplomaten in Paris war während meines dortigen Aufenthaltes der russische Botschafter Fürst Nikolai Orlow. Er hatte als junger Offizier 1854 im Krim-Kriege beim Sturm auf Silistria ein Auge verloren. Die schwarze Binde über dem fehlenden linken Auge gab dem hochgewachsenen Mann einen martialischen Anstrich und machte ihn zu einer der interessantesten Erscheinungen der Pariser Gesellschaft. Fürst Orlow war seit Jahren mit dem Fürsten Bismarck durch gegenseitige Achtung und herzliche Freundschaft verbunden. Die Fürstin Orlow, eine vornehme und charmante Dame, war außer der Großfürstin Helene Pawlowna wohl die einzige Frau, mit der sich Fürst Bismarck gern über Politik unterhalten hat. Unter den Sekretären der Russischen Botschaft waren zwei, mit denen mich das Leben noch öfter zusammengeführt hat. Graf Kapnist wurde später russischer Vertreter beim Päpstlichen Stuhl, dann Botschafter in Wien, Graf Michael Nikolajewitsch Murawjew Botschaftsrat in Berlin, Gesandter in Kopenhagen und schließlich russischer Minister des Äußern. Wie Fürst Orlow der sympathischste, so war der österreichisch-ungarische Graf Beust Botschafter Graf Beust die kläglichste Figur im Pariser Corps diplomatique. Er sah aus, als ob er sich nie gewaschen hätte. Trotzdem hielt er sich für einen schönen Mann und war namentlich stolz auf seine kleinen Füße. Er setzte sich gern so, daß alle Welt seine Füßchen bewundern konnte. In Gesellschaft sang er am Klavier ein von ihm selbst verfaßtes und komponiertes Gedicht auf seine Entlassung als österreichisch-ungarischer Reichskanzler, dessen Refrain lautete: Mein Herz bleibt den Freunden, den Lieben getreu, Verzeihung den Feinden, der Kampf ist vorbei. In Wirklichkeit hat der Verfasser dieses sentimentalen Liedes seinen Feinden und namentlich dem Fürsten Bismarck niemals verziehen. Er hetzte in Paris, wo er konnte, gegen das Deutsche Reich und trieb sein Renegatentum so weit, daß er Stammgast im Salon der größten Deutschenfeindin, der berüchtigten Madame Edmond Adam (Juliette Lamber), der BEUSTS HYPOTHESE 525 Herausgeberin der chauvinistischen Zeitschrift „Nouvellc Revue“, wurde. Als Geschäftsträger mußte ich Beust von Zeit zu Zeit aufsuchen. Er sprach ungern über aktuelle diplomatische Fragen, die ihn gar nicht interessierten, kam aber immer wieder auf die Zeit von 1848 bis 1866 zurück. Dabei erging er sich gelegentlich in geradezu skurrilen Betrachtungen. Unter Hinweis darauf, daß die Familie Beust aus der Havelberger Gegend stammte, also aus der Mark Brandenburg, Bismarck aber in den fünfziger Jahren sich angeblich mit dem Gedanken getragen habe, Minister des blinden Königs Georg V. von Hannover zu werden, sagte er mir: „Wenn ich, Beust, leitender preußischer Staatsmann geworden wäre, Bismarck aber hannoverscher Minister, so würde ich mit ihm noch ganz anders umgesprungen sein wie er mit dem armen Grafen Adolf Platen.“ Er schien gar nicht zu fühlen, wie lächerlich diese Hypothese war. Beust wurde erst 1882 in den wohlverdienten Ruhestand versetzt. Den Anstoß zu seiner Entlassung gab ein Inkognitobesuch der Kaiserin Elisabeth von Österreich in Paris. Bei ihrer Rückkehr sagte sie ihrem hohen Gemahl, dem Kaiser Franz Josef, daß er sich nicht länger von einem ridikülen und dabei bösartigen Menschen wie dem Grafen Friedrich Ferdinand Beust in einer europäischen Großstadt vertreten lassen dürfe. Erster Sekretär der Österreichisch-Ungarischen Botschaft war unter Beust Graf Agenor Goluchowski. Wir sollten später gleichzeitig Gesandte in Bukarest und darauf, ebenfalls gleichzeitig, Minister des Äußern werden. Der englische Botschafter, Lord Lyons, war neben Hohenlohe und dem Fürsten Orlow der distinguierteste Botschafter in Paris. Wie die meisten Lord Lyons Engländer, beurteilte er alles, die wichtigen und die kleinen Fragen, ausschließlich vom englischen Standpunkt aus. Bei einem großen Diner in seinem Hause setzte er den Attache der Deutschen Botschaft, den Erbprinzen Erui von Hohenlohe-Langenburg, über alle französischen Minister und sogar über die andern Botschafter. Er motivierte das damit, daß der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg ein Großneffe Ihrer Majestät der Königin Victoria sei und deshalb allen vorzugehen habe. Italienische Botschafter waren während meiner Dienstzeit in Paris zwei Männer, die eine große Rolle in der Geschichte ihres Landes gespielt hatten. Der General Enrico Cialdini, Herzog von Gaeta, hatte 1848 und 1859 gegen Österreich gekämpft, 1860 die von dem französischen General Lamoriciere geführten päpstlichen Truppen bei Castelfidardo geschlagen und 1861 die Festung Gaeta, den letzten Zufluchtsort der neapolitanischen Bourbonen, zur Kapitulation gezwungen, Graf Menabrea war in den sechziger Jahren erst Marine- und dann Bauten-Minister gewesen, von 1867 bis 1869 mit Auszeichnung Ministerpräsident. Er stammte, wie Blanc, Pelloux, Barral und andere führende Männer des modernen Italien und wie die italienische l 526 DIPLOMATIE UND BALLETT Dynastie selbst, aus Savoyen. Von seinen Sekretären sollte Avarna Botschafter in Wien, Bollati Botschafter in Berlin werden. Beide vorbildlich pflichttreue, kluge und geschickte Diplomaten. Eine originelle Figur war der Herzog spanische Botschafter, der Herzog Fernan Nunes. Von Gehurt Italiener, von Nunes aus dem lombardischen Adelsgeschlecht Falco d’Adda, hatte er durch seine Heirat mit einer reichen spanischen Erbin die spanische Staatsangehörigkeit und mit ihr die spanische Grandezza erworben. Er interessierte sich lebhaft für junge Damen vom Ballett. „J’aime“, pflegte er zu sagen, „ä proteger les beaux arts.“ Da seine Gattin zwar sehr vornehm, aber sehr häßlich war, wurden ihm seine kleinen Seitensprünge nicht übelgenommen. Für Politik interessierte er sich gar nicht. Als ich, drei Tage nachdem Gam- betta die Regierung übernommen hatte, mit Fernan Nunes bei dem Prinzen von Wales frühstückte, stellte sich heraus, daß der spanische Botschafter von der Bildung des Ministeriums Gambetta noch nichts wußte, was den Prinzen von Wales köstlich amüsierte. Ich habe als Diplomat immer dem Grundsatz gehuldigt, auch die Vertreter kleinerer Länder zu frequentieren, da man von ihnen, die geringerem Mißtrauen begegnen, oft die besten und sichersten Nachrichten erhält. Vier dieser Herren waren zu mir besonders gütig: der dänische Gesandte, Graf Moltke-Hvitfeld, war nicht gerade deutschfreundlich, aber in Erinnerung an alte Beziehungen zu meinem Vater kam er mir liebenswürdig entgegen. Dem griechischen Gesandten, Brailas-Armeni, hatte mich der König Georgios empfohlen. Der niederländische Gesandte, Baron Zuy len, war Deutschland wohlgesinnt, ebenso wie seine streng kalvinistische Frau. Im Hause des brasilianischen Gesandten, des alten Vicomte Itajuba, wurde ich als Verwandter aufgenommen, denn seine schöne Tochter Olga hatte den jüngsten Bruder meiner Mutter, den Senator Alfred Rücker* geheiratet. Die interessanteste Erscheinung im Diplomatischen Korps war für mich Monsignore der päpstliche Nunzius, Monsignore Czacki. Er entstammte einer alten, Czacki jjj Wolhynien ansässigen polnischen Adelsfamilie, war aber, wie dies bei den im Dienst der Kurie stehenden nichtitalienischen Prälaten regelmäßig der Fall zu sein pflegt, völlig romanisiert. In einem seiner reizendsten Romane, dem „Anneau d’Amethyste“, hat Anatole France ein meisterhaftes Porträt eines päpstlichen Nunzius entworfen, des Monsignore Cima: „A quarante ans il avait I’air d’un adolescent malade. Quand il baissait les yeux, sa face etait celle d’un mort. Le coude droit dans la main gauche et la joue reposant inclinee dans le creux de la main droite, il avait une gräce presque funebre qui rappelait certaines figures de bas-reliefs antiques. Son visage au repos etait voile de melaucholie. L’on disait a Rome qu’il avait le mauvais oeil.“ Dieses Porträt paßte in manchen Zügen auf Monsignore Czacki. Namentlich DER KARDINAL 527 für die Geschicklichkeit, mit der Anatole France seinen Monsignore Cima unbequemen Fragen ausweichen und jede bestimmte Meinungsäußerung vermeiden läßt, hätte der Nunzius Czacki dem französischen Romanschreiber als Vorbild dienen können. Aber das von den Italienern so sehr gefürchtete Malocchio besaß Czacki nicht. Der Verkehr mit ihm hat mir nicht geschadet, sondern mir Anregung und Belehrung geboten. Dieser romani- sierte Pole war ein vorzüglicher Vertreter der päpstlichen Diplomatie geworden, die in gewisser Beziehung die beste der Welt ist. Er war natürlich und unbefangen und dabei von der größten Vorsicht. Er gab in prinzipiellen Fragen nie nach, war aber im übrigen so akkommodant, so opportunistisch wie möglich. Obschon die Beziehungen der französischen Regierung zur katholischen Kirche schon recht gespannt waren, behandelte er die kirchenfeindlichen französischen Minister und Parlamentarier mit der größten Liebenswürdigkeit. Ich habe ihn oft auf dem Sofa neben Jules Ferry, Freycinet, Spuller, Paul Bert sitzen und mit ihnen Zigaretten rauchen sehen, in angeregter Unterhaltung. Die Mitglieder des französischen Klerus behandelte er, wie ich mich, wenn ich ihn besuchte, selbst überzeugen konnte, von oben herunter: „Ces gens-lä par leur fanatisme etroit et lourd, qu’ils appellent foi, gätent les meilleurs, les plus fines combinaisons. J’en ai pardessus la tete.“ Monsignore Czacki war ein großer Bewunderer des Fürsten Bismarck. Er bezeichnete es mir schon bei unserer ersten Begegnung als seinen höchsten Wunsch, den größten Staatsmann des Jahrhunderts, wie er sich ausdrückte, kennenzulernen und mit ihm einen Modus vivendi zwischen der Kirche und Deutschland zu finden. „Avec un si grand homme on trouve toujours une combinaison. L’Eglise s’est arrangee avec Clovis et avec Napoleon I. Elle s’arrangera avec le Prince de Bismarck. Du reste, Leon XIII ne demande pas mieux que d’arriver ä un arrangement avec votre grand Chancelier.“ Monsignore Czacki ist Kardinal geworden. Er ist in Rom gestorben, wo er in der alten Kirche Santa Pudenziana, nach der Überlieferung die älteste eigentliche Kirche Roms, beigesetzt worden ist. Nach der Tradition soll der Apostel Petrus im Hause des Senators Pudens gewohnt und dort ein Gebethaus errichtet haben. Das Bronzegrabmal des 1888 verstorbenen Kardinals Czacki stellt ihn liegend in Lebensgröße dar. Ich besuche ab und zu diese ehrwürdige Kirche, die zu den sogenannten Kardinalizischen Kirchen gehört und Czacki verliehen wurde, als er den Roten Hut erhielt. Die Bronzestatue des Kardinals ist so ähnlich, daß ich den von mir sehr verehrten Kirchenfürsten zu sehen glaube, wenn ich vor sie trete. Wohl der intelligenteste der in Paris wirkenden Missionschefs war der belgische Gesandte, der seit fast einem Menschenalter dort tätige Baron Baron Beyens Beyens. Es wurde ihm jüdische Abstammung nachgesagt, und jedenfalls 528 DIE GANZE UND DIE HALBE WELT war er betriebsam und klug. Seine Frau, eine Spanierin, konnte sich wie die Fatinitza in der hübschen Operette von Franz Suppe rühmen, daß sie viel gesehen und erlebt hatte. Sie sagte einmal zu mir: „Als ich jung war, verdrehte ich Botschaftern die Köpfe. Jetzt, wo ich alt bin, habe ich mich in einen italienischen Attache verliebt, der mein Sohn sein könnte und der vor mir flieht, wie Hippolyt vor Phädra.“ Sie war eine „Apassionata“, wie die Italiener in ihrer pittoresken Sprache eine Frau mit Temperament nennen. Der Sohn aus dieser Ehe war, als der Weltkrieg ausbrach, belgischer Gesandter in Berlin. Als solcher hatte er leider Gelegenheit, die Kopflosigkeit, die klägliche Ungeschicklichkeit unserer damaligen diplomatischen Leitung aus nächster Nähe zu beobachten und darüber eingehend und leider zutreffend an seine Regierung zu berichten. Er äußerte in den ersten Augusttagen des tragischen Jahres 1914 zu einem italienischen Diplomaten, der es mir bald nachher wiedererzählte: „Die deutsche Armee ist die erste Armee der Welt. Das deutsche Volk ist wunderbar diszipliniert und organisiert. Aber von solchen Staatsmännern geführt, kann kein Volk siegen. Das gibt mir Mut und Hoffnung für den Ausgang dieses Krieges.“ Fast in jedem Jahr erschien der damalige Prinz von Wales in Paris, Der spätere das ihm besser gefiel als irgendeine andere Stadt des Kontinents. Er ver- Eduard VII. kehrte in allen Kreisen, mit den Prinzen des Hauses Orleans, die er als Verwandte, und mit den Söhnen des Hauses Rothschild, die er als Freunde behandelte, mit Politikern und mit Lebemännern, mit den Douairieren vom Faubourg Saint-Germain und mit den Damen der Welt, die Alexandre Dumas fils die „halbe“ genannt hat. Er lud mich, wenn er nach Paris kam, regelmäßig zum Luncheon zu sich, als einen Freund seines Schwagers, des Königs Georg von Griechenland, und, wie er die Liebenswürdigkeit hatte mir zu sagen, auch als Jugendgespielen seiner Gemahlin. Er unterhielt sich jedesmal eingehend und klug mit mir. Die persönlich freundliche Gesinnung, die er schon dem jungen Diplomaten zeigte, hat der spätere König Eduard VII. mir bis zu seinem Tode bewahrt. Sie hat eine sogenannte Einkreisungspolitik nicht verhindert, aber manche Spitze umgebogen, manche Ecke abgerundet, vieles erleichtert und das Schlimmste verhütet. Mit Vorliebe besuchte ich in Paris die Museen und Galerien, die in ihrer Donna Art einzig sind. Diese Liebhaberei sollte mich meinem Lebensglück zu- Minghetti und führen. Es war im Frühjahr 1883. Ich befand mich, wie schon oft, im Gräfin L ouvre> I n j er Salle carree, vor der „Hochzeit von Kana“ des Paolo Dönhoff y eronese ^ begegnete ich zwei Damen, die ich lange nicht gesehen hatte, aber sofort wiedererkannte. Die eine war Donna Laura Minghetti, die andere ihre Tochter, die Gräfin Marie Dönhoff. Die Mutter sah trotz ihrer fünfzig Jahre noch ganz jugendlich aus und strahlend schön. Die Tochter erschien mir noch anmutiger und reizvoller als in Florenz und Wien. Ich y* i *Y Donna Laura Minghetti Nach einem Gemälde von Lenbach i'lNiRfii. :ü!«5H man. ERLEBNIS 529 lauschte bewundernd der Mutter, als sie ohne Pedanterie, mit großer Natürlichkeit, aber mit unbeirrbarem Schönheitssinn mir dieses oder jenes Bild zeigte, erläuterte und meinem Verständnis näherbrachte. Ich konnte mich nicht sattsehen an den wunderbaren Augen, der zierlichen Gestalt, der Grazie und Lieblichkeit der Tochter. Die Mutter verstand nicht Deutsch. Die Tochter sprach das reizendste Deutsch, das ich je gehört hatte. Ich überzeugte mich auf unserer stundenlangen Promenade erst durch die Säle der wohl reichsten Bildergalerie der Welt, dann im Tuileriengarten, daß sie Goethe und Schiller, Hölderlin und Kleist, daß sie Schopenhauer und selbst Immanuel Kant fast besser kannte als ich. Ihren Enthusiasmus für Richard Wagner, für Beethoven und Bach zu teilen, war ich nicht würdig, da ich leider unmusikalisch bin. Aber ich respektierte ihre Begeisterung für die deutschen Meister. Sie gefiel mir als Deutschem sogar sehr gut. Wir verabredeten uns für den Abend zu einem gemeinsamen Diner im Cafe Brebant und dort zu einem Ausflug für den nächsten Tag nach Fontainebleau. Während wir durch die Säle des von König Franz I. erbauten Schlosses gingen, über die Cour des Adieux und durch den herrlichen Wald, erzählte InFon- mir Donna Laura Minghetti, daß ihre Tochter im Begriff stehe, sich von tainebleau ihrem Gatten, dem Grafen Karl Dönhoff, scheiden zu lassen. Madame Minghetti betonte, daß die beiden Gatten sich keinerlei Vorwürfe zu machen hätten. Graf Dönhoff sei ein vollkommener Galantuomo, ein vornehmer und guter Mensch. Aber es habe sich mit der Zeit immer mehr herausgestellt, daß die beiden Charaktere zu ungleich seien, um bei der ohnehin vorhandenen Verschiedenheit des Alters wie der Nationalität eine harmonische Ehe zu ermöglichen. Die Scheidung würde in beiderseitigem Einverständnis in aller Stille erfolgen. Als ich Madame Minghetti am Tage vor ihrer Abreise frug, wann sie und ihre Tochter wieder nach Paris kommen würden, meinte sie, daß dies kaum Briefe nach so bald der Fall sein dürfte. Sie gedenke aber Anfang September einige Tage Genua mit ihrer Tochter in Genua zu verleben. Ich bat die Gräfin Marie um die Erlaubnis, ihr schreiben zu dürfen, und wir korrespondierten während des Sommers eifrig miteinander. Sie schrieb, wie sie sprach: nie banal und nie konventionell, weder gesucht noch absichtlich, immer natürlich. Ganz aufrichtig, ganz wahr. Man fühlte, daß sie nur sagte und schrieb, was sie wirklich empfand, daß sie nie Komödie spielte, daß Lügen und Schwindeln ihr nicht nur widerwärtig, sondern einfach unmöglich war. Alles an ihr war echt. So viel Herz, verbunden mit einem so reichen Geist, war ich noch nicht begegnet. Zum erstenmal in meinem Leben empfand ich wirkliche Sehnsucht, wirkliches Hoffen und wirkliche Pein, wirkliche Freude und wirkliches Leid, empfand ich wirkliche Liebe. 34 Bülow IV 530 EINE ZUSAGE In Genua frug ich sie, was ich schon in Paris hatte fragen wollen, wozn ich aber dort nicht den Mut fand, ob sie sich würde entschließen können, wieder zu heiraten. Sie schwieg lange, dann reichte sie mir die Hand mit den Worten: „Jedenfalls keinen andern.“ Von diesem Augenblick an wußte ich, daß auch ich keine andere würde lieben können. Seit diesem Tage habe ich die Verbindung mit dieser Frau angestrebt, der einzigen Frau, die ich über alles, die ich wirklich, die ich mit aller Zärtlichkeit und mit aller Leidenschaft geliebt habe, deren ein Mensch fähig sein kann. XXXVIII. KAPITEL Beförderung zum Ersten Botschaftssekretär • Geschäftsträger • Alfons XII. in Paris Fürstin Monia Ouroussow • Dr. Landsberg • Besuch in Rom • Pietro Blasema und Marco Minghetti • Neapel, Capo Miseno • Reise nach Tunis • Dr. Gustav Nachtigal Algier • Dr. Julius Fröbel A ls mein Chef, Fürst Chlodwig Hohenlohe, Anfang September 1883 seinen gewohnten Urlaub nach Aussee antrat, war ich nicht lange vorher vom Avancement Zweiten zum Ersten Botschaftssekretär befördert worden. Über dieses Avancement hatte ich mich ehrlich gefreut, nicht ganz so sehr wie dreizehn Jahre früher über den Gefreitenknopf, über meine Beförderung zum Gefreiten im Königshusaren-Regiment, aber immerhin mehr als über manchen späteren größeren Sprung. Der Hauptgrund für meine Zufriedenheit lag darin, daß ich als Erster Botschaftssekretär sichere Aussicht hatte, von nun ab jedes Jahr längere Zeit die Botschaft als Geschäftsträger selbständig zu führen. Und danach stand mein Sinn. Ich wollte mich „betätigen“, wie der ehrgeizige diplomatische Debütant das nennt, wenn er sich zum erstenmal auf der Bühne produzieren soll. Stille aber herrschte in der Welt, und nichts deutete auf Sturm, als mein Botschafter Paris verließ. Der Tod des Grafen von Chambord, des letzten Vertreters der älteren Linie des Hauses Bourbon und damit der Legitimität in Frankreich, hatte nur für Frankreich Bedeutung, und bei der fortschreitenden Konsolidierung der Republik auch da nur geringe. Alphonse Daudet schrieb seinen Roman „Les rois en exil“, der mit der melancholischen Wendung schließt: „La royaute, une grande vieille chose — morte.“ Als eine solche alte und große, aber tote Sache betrachtete Daudet das Königs- tum. Das schien damals nur für Frankreich zu gelten. Die Einnahme von Hue, der Hauptstadt von Anam, war ein weiterer Erfolg für die Französische Republik. Damit sie nicht übermütig werde, richtete Mitte August die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, das Sprachrohr des Fürsten Bismarck, einen besonders kräftigen kalten W asserstrahl gegen die „unsinnige“ Deutschenhetze der französischen Presse, die am Ende doch zum Kriege führen könne. 34 * 532 DIE KREUZER-SONATE Trotzdem glaubte niemand, daß der Besuch des Königs Alfons XII. Alfons XII. von Spanien, der, nachdem er den deutschen Manövern in Hessen bei- insulticrt gewohnt hatte und bei diesem Anlaß zum Chef des in Straßburg garniso- nierenden preußischen Ulanenregiments Nr. 15 ernannt worden war, über Paris in seine Heimat zurückkehren wollte, zu Zwischenfällen führen werde. Es kam aber anders. Als der König vom Bahnhof zur Spanischen Botschaft fuhr, wurde er in der „capitale de la civilisation“ mit Pfeifen, Schreien und höhnischen Zurufen begrüßt, nicht nur von dem Pöbel auf der Straße, sondern auch und besonders von dem eleganten Pöbel an den Fenstern der Klubs, der großen Hotels und der eleganten Restaurants. Unmittelbar nach seinem Eintreffen empfing der König das Diplomatische Korps. Seine Haltung war königlich. Zu mir, dem deutschen Geschäftsträger, sagte er, indem er auf meine Königshusaren-Uniform deutete, mit lauter Stimme und in französischer Sprache: „Ich freue mich, eine preußische Uniform zu sehen. Ich bin stolz darauf, daß auch mir Seine Majestät der Kaiser und König, Ihr allergnädigster Herr, eine preußische Uniform verliehen hat. Hier scheint man sich darüber zu ärgern. Das ist mir vollkommen gleichgültig.“ Fürst Bismarck nahm diesen Zwischenfall mit großer Ruhe. Er telegraphierte mir, daß es Sache der Spanier sei, Beschwerde zu führen und Genugtuung zu verlangen. Diese Beschwerde erfolgte in sehr schüchterner Weise. Die Genugtuung bestand darin, daß Präsident Grevy erst dem König Alfons, dann noch einmal dem spanischen Botschafter mündlich und kühl sein Bedauern aussprach. Karl V. und Philipp II. würden sich damit wohl nicht zufriedengegeben haben. Die Franzosen aber hatten wieder einmal gezeigt, daß sie noch immer, um mit Tocqueville zu reden, „la plus brillante et la plus dangereuse des nations de l’Europe“ waren, das verzogene Kind, das sich alles erlauben zu dürfen glaubt und dem alles durchgelassen wird. Wenn ich an meinen fast sechsjährigen Aufenthalt in Paris zurückdenke, so erinnere ich mich gern an meine freundschaftlichen Beziehungen zu einer russischen Fürstin und zu einem deutschen Journalisten, die beide weder Stellung noch Geld noch äußere Vorzüge besaßen, aber wertvolle Menschen waren. Die Fürstin Monia Ouroussow hatte sich für die Erziehung ihrer Fürstin Kinder in Paris etabliert. Ihre Mutter, die Tochter eines steinreichen Ouroussow russischen Großgrundbesitzers, des Kammerherrn Malzow, war während vieler Jahre die intime Freundin der Kaiserin Maria Alexandrowna gewesen. Ihr Gatte, der Fürst Ouroussow, war Gouverneur eines der neunundachtzig russischen Gouvernements. Mit ihren Eltern war sie brouilliert. Ihr Manu, ein enthusiastischer Anhänger des großen Leo NikolajewitschTolstoi, hielt es, nachdem er die Kreuzer-Sonate gelesen hatte, für seine Pflicht, den trn*' *j^*l*« t ^flL t »J- DIE EITLEN 533 ehelichen Verkehr mit seiner Frau einzustellen. Monia Ouroussow war sehr originell, bisweilen exzentrisch, wie das hei russischen Frauen nicht selten ist. Aber sie war eine Idealistin im wahren Sinne des Wortes. Sie ordnete den einigermaßen utopistischen Ideen, zu denen sie sich bekannte, alle Konventionen und materiellen Interessen unter. Sie besaß eine tiefe Bildung. Sie kannte Shakespeare so gut wie Meliere und Puschkin. Es war ein Genuß, mit ihr über Literatur zu sprechen. Sie war nicht schön, noch weniger elegant, gar nicht gepflegt, so daß von Kurmacherei nicht wohl die Rede sein konnte. Sie hat einen günstigen Einfluß auf mich gehabt, indem sie mich nach Möglichkeit von allem Äußerlichen und Frivolen abhielt und mich immer wieder auf die wahren Quellen dauernden Glücks, auf das Gefühl und den Geist, hinwics. Sie schenkte mir einen Shakespeare, der noch heute neben meinem Schreibtisch steht und in den sie hineinschrieb: „To thine own seif he true.“ Bei ihr bin ich oft Iwan Sergejewitsch Turgenjew begegnet. Er war ein großer Schriftsteller und ein sehr sympathischer Mensch, in seinem Turgenjew Wesen wie in seiner Konversation. Er war frei von jener Eitelkeit, die bisweilen die brillantesten französischen Causeure unausstehlich macht. Er hatte auch nicht das Dozierende mancher gelehrter Deutscher, die sich allzusehr in langen Vorträgen gefallen und deren Rechthaberei nur zu leicht aus der Konversation eine Disputation macht. Turgenjew sprach, wie er schrieb, klar, tief und anmutig. Er war politisch nicht besonders deutschfreundlich. Aber seine Bewunderung für die deutsche Philosophie und Literatur und namentlich für Goethe war unbegrenzt. Er sagte einmal zu mir, in einem einzigen lyrischen Gedicht von Goethe stecke mehr wahre Poesie als in allen Oden und Balladen, als in den „Orientales“, den „Rayons et Ombres“ und den „Contemplations“ von Victor Hugo. Er mokierte sich gern über die grenzenlose Eitelkeit des nach seiner Ansicht in Frankreich sehr überschätzten Hugo. Dieser hatte einmal zu Turgenjew geäußert, er finde den in Deutschland so sehr bewunderten „Torquato Tasso“ von Schiller gar nicht besonders schön. Als Turgenjew bescheiden darauf aufmerksam machte, daß der „Torquato Tasso“ von Goethe verfaßt worden sei und nicht von Schiller, antwortete Victor Hugo, indem er mit einer olympischen Bewegung das Haupt schüttelte: „Quand on s’appelle Victor Hugo, on n’est pas tenu ä connaitre toutes les mediocrites d’Outre-Rhin.“ An Selbstüberschätzung stand Alexandre Dumas fils nicht hinter Victor Hugo zurück. Nur daß der letztere seinen Hochmut in feierlicher, priester- licher Art zur Schau trug, der andere zynisch und frech. Als Dumas einmal bei einer Abendgesellschaft neben der Fürstin Ouroussow Platz nahm, frug er sie, ob der Gedanke, daß ein so berühmter und genialer Schriftsteller sich neben sie setze, ihr nicht den Kopf verdrehe und ob sie ihm um den Hals 534 DIE VIARDOT-GARCIA fallen würde. Monia erwiderte: „Du tout! Car ce qu’il y a d’un peu propre en vous, je puis l’acheter chez Hachette pour trois francs cinquante.“ Turgenjew und die Fürstin Ouroussow stimmten darin überein, daß Rußland zwar nicht von heute auf morgen das parlamentarische Regierungssystem einführen dürfe, aber doch möglichst bald zu konstitutionellen Einrichtungen gelangen müsse. Andernfalls wäre früher oder später eine Revolution unvermeidlich. Eine solche würde roher, brutaler, zerstörender sein als die große Französische Revolution. Turgenjew huldigte seit vielen Jahren der von mir schon erwähnten ebenso häßlicben wie geistreichen Sängerin Pauline Garcia, die mit dem Kunstschriftsteller Louis Viardot verheiratet war. Gatte und Anbeter waren die besten Freunde. Es wurde erzählt, daß, als die temperamentvolle Pauline sich einmal von einem jungen Pianisten allzusehr den Hof machen ließ, Turgenjew besorgt zu Viardot sagte: „II faut ouvrir les yeux! Pauline est en train de nous tromper.“ Der Journalist Moritz Landsberg war ein altes und kränkliches Moritz Männchen. Er wohnte im dritten Stock eines in der Nähe des Bahnhofs Landsberg Saint-Lazare gelegenen bescheidenen Mietshauses. Er litt an einem schmerzhaften Blasenleiden. Ich habe oft an seinem Krankenbett gesessen und ihm zugehört, wenn er von seinen Pariser Erinnerungen erzählte, die vielseitig und anregend waren. Seit vielen Jahren in Paris ansässig, war er wohl einer der ältesten der dortigen deutschen Journalisten. Er hatte Heine und Börne gut gekannt und bewunderte, wie ich, den „Fichtenbaum, der einsam im Norden auf kahler Höli’ steht“ und die „Wallfahrt nach Kevelaar“. Von dem Menschen Heine wollte er nichts wissen: Heine habe von Louis Philippe für seine franzosenfreundliche Propaganda eine regelmäßige Subvention aus den französischen geheimen Fonds bezogen. Er babe auch Napoleon III. um Geld angebettelt, sei aber bei diesem abgefallen. „Fleckig und dreckig“, so charakterisierte Landsberg den Menschen Heine. Von Börne dagegen sprach er mit Achtung. Er bestritt nicht, daß bei diesem wie bei manchem deutschen Publizisten und Historiker die kritische Begabung die schöpferische Kraft erheblich überwogen habe. Er fand seine Angriffe gegen Goethe nicht allein ungerecht, sondern lächerlich. („Ein bissiger Mops, der den Mond anbellt.“) Aber Ludwig Börne sei doch alles in allem ein anständiger Kerl gewesen, uneigennützig, redlich und wahrhaftig. Er sei auch trotz seines Polterns ein Patriot gewesen, Heine ein Renegat. Dr. Landsberg war Israelit. Sehnsucht führte mich in den ersten Märztagen 1884 nach Rom. Ich Besuch in hatte von Donna Laura Minghetti die Erlaubnis zu dieser Reise erbeten Rom UIlf j hierbei einfließen lassen, daß mir besonders daran gelegen wäre, mit Herrn Minghetti zu sprechen. Donna Laura hatte erwidert, daß ihr Gatte sich freuen würde, unsere Bekanntschaft zu erneuern. Er und sie wünschten EIN RÖMISCHES GELEHRTENHEIM 535 jedoch, daß mein Besuch in Rom keinerlei Aufsehen errege. Gerade als geschiedene Frau müsse ihre Tochter doppelt vorsichtig sein und allem Gerede sorgsam Vorbeugen. Donna Laura schlug mir vor, nicht in einem der großen römischen Hotels, sondern hei einem ihrer Freunde, dem Senator und Professor der Physik Pietro Blaserna abzusteigen, im Istituto Fisico auf dem Viminal, Yia Panisperna. So lernte ich den ausgezeichneten Gelehrten kennen, der auch mir bis zu seinem während des Weltkrieges erfolgten Tod ein treuer und kluger Freund gewesen ist. Blaserna stammte aus Görz am Isonzo. Als Italiener, aber unter österreichischer Herrschaft geboren, hatte er in Wien und Berlin studiert und sprach geläufig Deutsch. Er war eng befreundet mit unserm großen Naturforscher Hermann Helmholtz, dessen klassische Schriften er in das Italienische übersetzt hatte, dessen begeisterter Apostel er war und mit dem er sich im Sommer im Engadin zu treffen pflegte. Man konnte nichts Gemütlicheres und Stimmungsvolleres sehen als das Heim des guten Blaserna. An den vier Wänden seines Arbeitszimmers erhoben sich gewaltige, bis an die Decke reichende Regale, die von oben bis unten mit Büchern angefüllt waren. Broschüren und Zeitschriften bedeckten den Boden. In der Mitte des Zimmers aber stand ein großer Vogelkäfig, in dem Kanarienvögel fröhlich von einer Stange auf die andere hüpften, aus den an den Ecken angebrachten Näpfchen tranken und an den Blättern zupften, die ihnen durch das Gitter des Riesenkäfigs ihr gütiger Herr reichte, der sie wie ein Vater betreute. „Ich bin unvermählt geblieben“, meinte er lachend, „diese hier sind meine Kinder.“ In den drei Tagen, die ich in Rom blieb, hatte ich mit Blaserna manche interessante und für mich lehrreiche Unterredung. Er sprach, gegen die italienische Gewohnheit, langsam, fast zögernd, aber was er sagte, hatte Hand und Fuß. mochte er nun als Präsident der Academia dei Lyncei, der vornehmsten italienischen Akademie, das Wort ergreifen oder als Vizepräsident des Senats seines Amtes walten oder vor einer zahlreichen Zuhörerschaft wißbegieriger Studenten eine Vorlesung halten oder eine freundschaftliche Unterhaltung führen. Am Tage nach meiner Ankunft in Rom wurde ich von Marco Min ghetti empfangen. Er stand im sechsundsechzigsten Lebensjahr. Er stammte aus Marco Bologna und hatte, wie manche Norditaliener, blondes Haar und rote Mmghetu Wangen. Er war groß und wohlgebaut, ein Staatsmann und ein Gelehrter, mit weltmännischen Formen. Er sah schon auf eine große politische Vergangenheit zurück. Er war 1848 Minister des Papstes Pio IX gewesen bei dem ersten und letzten Versuch, den die Kurie machte, sich mit der italienischen Einheitsbewegung auszusöhnen, indem sie sich an ihre Spitze stellte. Als dieser Versuch an der Ungeduld der radikalen Elemente der italienischen Nationalpartei und an der Unentschlossenheit des Papstes 536 PIO NONO UND DIE JESUITEN scheiterte, hatte sich Minghetti in das Privatleben zurückgezogen und mehrere Jahre nur der Bewirtschaftung seiner Güter und seinen nationalökonomischen und literarischen Studien gelebt. Er erzählte gern, daß, als Pius IX. Mitte der fünfziger Jahre, zwischen der Revolution von 1848/49 und dem Französisch-Piemontesisch-Österreichischen Krieg 1859 Bologna besuchte, er Minghetti zu sich bitten ließ und ihn mit alter Güte und Herzlichkeit empfing. Bevor er ihn ersuchte, Platz zu nehmen, guckte der Papst hinter alle Gardinen und meinte dabei lachend mit italienischer Natürlichkeit und Bonhommie: „Ich sehe nach, ob sich hinter den Gardinen nicht etwa ein Jesuit versteckt hat, um unser Gespräch zu belauschen. Die Jesuiten haben manche gute Eigenschaft, aber neugierig sind sie sehr. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich im Cesso einmal einen Jesuiten entdecken würde.“ Der Cesso ist jener verschwiegene Ort, wohin selbst der Hochstehendste sich allein zu begeben pflegt. Minghetti hatte sich vergebens bemüht, Pius IX. zu einer Versöhnung mit der italienischen Nationalidee zu bewegen. Eine solche gütliche Verständigung war wie das Ideal so die Sehnsucht vieler ausgezeichneter Italiener: Gioberti, Azeglio, Tosti, Manzoni, Cesare Cantu, Rosmini. Marco Minghetti blieb bis zu seinem Lebensende glühender italienischer Von Cavour Patriot und gläubiger Katholik. Er war 1859 Generalsekretär Cavours lis Saracco geworden, 1860 mit ihm Minister des Innern. Er hatte am 6. Juni 1861 am Sterbebette von Cavour gestanden und gehört, wie der größte italienische Staatsmann, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, dem Mönch, der ihm die Sterbesakramente reichte, die von mir früher schon erwähnten Worte zurief: „Frate, frate, libera chiesa in libero stato!“ 1863 bis 1864 und dann wieder von 1873 bis 1876 war Minghetti selbst Ministerpräsident gewesen. Er war 1864 von den Piemontesen gestürzt worden, weil er durch die Septemberkonvention mit Napoleon III. die italienische Hauptstadt von Turin nach Florenz verlegt hatte. 1876 stürzten ihn die Florentiner. Sie waren erbost darüber, daß Florenz durch den Aufwand, den es als Hauptstadt getrieben hatte, in Schulden geraten war. So schwer ist es, die V ölker zufriedenzustellen. Mein genialer Kollege Johannes Miquel pflegte, wenn im preußischen Staatsministerium über eine zu ergreifende Maßnahme beraten wurde, mit sarkastischem Lächeln zu sagen: „Wir mögen es anfangen, wie wir wollen, gescholten werden wir doch.“ Minghetti hatte auch nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident seine große politische Stellung bewahrt. Er wurde von allen Parteien geachtet, auch von den Ministern der Linken, von Crispi, Depretis, Nicotera, Saracco, die der König Victor Emanuel II. nach Mingliettis Sturz ans Ruder gerufen hatte. Minghetti galt für den größten italienischen Redner seiner Zeit. Er sprach meist aus dem Stegreif, aber immer in vollendeter Form. So mag Cicero gesprochen haben, « Marco Minghetti, italienischer Ministerpräsident i ' .11 B... ii'ii - j[;i0^naMi».»!n i - -. • --i -• . • --- DAS EHE-HINDERNIS 537 nyr daß die Heftigkeit, zu der sich der größte Redner des alten Rom gegenüber Catilina, Verres und Antonius hinreißen ließ, dem immer maßvollen Marco Minghetti fernlag. Minghetti besaß ein eisernes Gedächtnis. Als er einmal in Bologna Vorlesungen über Dante hielt, sprach er nicht nur ganz frei, ohne Manuskript, sondern er hatte nicht einmal die „Divina Commedia“ vor sich, die er vom ersten bis zum letzten Vers auswendig konnte. Auch den Tasso, den Ariost und den Virgil hatte er im Kopf. Als er starb, lag unter seinem Kopfkissen die „Imitation Christi“ von Thomas a Kempis, die er immer wieder seinem Gedächtnis einzuprägen pflegte. „Meine liebe Stieftochter Maria“, sprach Marco Minghetti im Frühjahr 1884 zu mir, „die ich liebe, als ob sie meine leibliche Tochter wäre, hat mir von ihren Wünschen und Absichten gesprochen. Ich will ganz offen mit Ihnen sein, offen und klar, mit der clarte latine, von der ich viel halte. Ich zweifle nicht daran, daß Sie ein sehr charmanter junger Mann sind, wie mir dies meine Tochter und meine Frau übereinstimmend versichern. Ich zweifle ebensowenig an der Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle für Maria. Aber mit dem Gefühl allein läßt sich keine Ehe auf bauen. Sie sind ebenso alt wie meine Maria, also noch jung, kaum 35 Jahre alt. Sie sind jetzt Erster Botschaftssekretär geworden, wozu ich Ihnen gratuliere. Das ist sehr nett, aber eine Position bedeutet das noch nicht. Wie Sie meiner Frau mit einer von ihr und mir sehr anerkannten Aufrichtigkeit erklärt haben, besitzen Sie wenig Vermögen. Das alles sind, wie ich gern zugeben will, Hindernisse, die ein tüchtiger Mann überwinden kann. Es gibt aber ein Hindernis, das vorläufig ganz unüberwindlich ist. Meine Tochter ist von Graf Dönhoff gerichtlich geschieden, aber nicht kirchlich. Eine Wiederverheiratung ist nur möglich, wenn die erste Ehe meiner Tochter vom Heiligen Stuhl für nichtig erklärt wird. Ohne diese Annullierung ist eine Wiedervermählung für sie selbst, für meine Frau und für mich wie für jeden Katholiken völlig ausgeschlossen.“ Als Minghetti sah, daß diese Antwort mich sehr betrübte, ja konsternierte, reichte er mir die Hand mit den Worten: „Ich weiß nicht warum, aber obwohl ich Sie sehr wenig kenne, empfinde ich Sympathie und selbst Vertrauen zu Ihnen. Ich verspreche Ihnen, daß, was an mir liegt, geschehen soll, um die Annullierung zu erreichen.“ Am Abend sagte mir Donna Laura, ich möchte nicht verzagen. Sie war eine mutige, eine große Natur. „Marco wird die Annullierung erreichen, wenn sich ein Anhaltspunkt findet“, sagte sie zu mir. „Er erfreut sich im Vatikan großer Achtung und vieler Sympathien. Es kommt aber darauf an, daß die Annullierung direkt zwischen ihm und den Herren vom Vatikan verhandelt wird und daß kein Deutscher sich einmengt, weder der deutsche Botschafter beim Quirinal noch der preußische Gesandte beim Vatikan, weder Keudell noch Schlözer. Wir Italiener verstehen uns untereinander leichter und Die Frage der Annullierung 538 AM POSILIPO rascher, als wenn Fremde sich einmischen.“ Donna Laura sagte mir dann, daß sie und ihre Tochter für einige Tage nach Neapel gehen wollten und daß sie sich freuen würden, mir dort zu begegnen. Ich erwiderte, daß ich diesen Vorschlag mit Enthusiasmus annähme. Ich hätte einen sechswöchigen Urlaub für eine Reise nach Tunis und Algier erhalten, die aus eigener Anschauung kennenzulernen für mich als Ersten Sekretär der Pariser Botschaft von Interesse sei. Neapel liege auf dem Wege nach dem Ziel meiner Reise. Nach herzlichem Abschied von dem guten Professor Blasema und seinen Reise nach Kanarienvögeln machte ich mich auf den Weg nach Neapel. Donna Laura Neapel und ihre Tochter waren dort im Hotel Tramontano abgestiegen. Wir besuchten zuerst Santa Lucia, wo Donna Maria in dem damaligen Palazzo Acton geboren war, dann die Adelskirche von Neapel, S. Domenico Maggiore, wo ihr Vater, der Fürst Domenico Camporeale, beigesetzt war und wo ich die Reliefdarstellung des Wunders vom Kruzifix von Toma de Stefani bewunderte. In dem anstoßenden Kloster lebte und wirkte im dreizehnten Jahrhundert Thomas von Aquino, der größte der Scholastiker, der Doctor Angelicus und der Doctor Universalis, den Leo XIII. zum ersten Lehrer der katholischen Kirche und zum Schutzpatron aller katholischen Schulen erhob. Im selben Kloster wurde dreihundert Jahre später ein anderer Dominikaner, Giordano Bruno, erzogen, dem es aber weniger gut gehen sollte als seinem Ordensbruder von Aquino. Er wurde nach mancherlei Irrungen und Irrfahrten als Ketzer in Rom auf dem Campo dei Fiori verbrannt, wo jetzt jede Woche ein Trödelmarkt ahgehalten wird, auf dem englische Globetrotter und deutsche Vergnügungsreisende eifrig nach Antiquitäten suchen. Wir genossen in Neapel von der Villa Nazionale einen der schönsten Ausblicke der Welt. Wir verspeisten abends beim Figlio di Pietro am Fuße des Posilipo, unten am Meer, Spaghetti und Frutti di mare. Am nächsten Tage fuhren wir zum Grabe des Virgil. Aber vergeblich suchte ich nach der Inschrift, von der mir einst in Neustrelitz der Ordinarius der Sekunda, der gute Professor Ladewig, der mich Virgil (nach ihm Vergil) lieben lehrte, oft erzählt hatte: Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc Parthenope: cesini pascua, rura, duces. Wir fuhren weiter am Meer entlang nach Bajae, einst dem glänzendsten Badeort, dem Biarritz oder Brighton des kaiserlichen Rom. „Nullus in orbe sinus Baiis praelucet amoenis!“ (Nichts in der Welt gleicht dem lieblichen Busen von Baiae) ruft hei Horaz ein reicher Römer aus, der sich dort niederlassen möchte. Wir erreichten das Kap Miseno. Dort hatte einst der LIEBESGELÖBNIS 539 fromme Äneas seinen Stabstrompeter Misenus begraben. Virgil hat mit vier Versen diesem Grabmal den Stempel der Unvergänglichkeit aufgedrückt: At pius Aeneas ingenti mole sepulcrum inposuit, suaque arma viro remumque tubamque monte sub aereo, qui nuno Misenus ab illo dicitur aeternumque tenet per saecula nomen. Hier bietet sich dem Auge die herrlichste Aussicht dieser paradiesischen Gegend. Wir erblickten die Golfe von Neapel und von Gaeta und die Kette der sie umschließenden Berge. Um uns Seen und Buchten, Landstreifen und Meerengen, Vorgebirge und das blau leuchtende Mittelmeer und über uns der blau strahlende Himmel. Dem Meere zu ein mittelalterlicher Wachtturm. Überwältigt von dem Glück, nebeneinander zu stehen, gelobten wir uns, was auch kommen möge, trotz aller Schwierigkeiten und aller Hindernisse und gegen alle Widerstände jene Liebe ohne Ende, die das Höchste auf dieser Erde ist. „Sich hinzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen, die ewig sein muß! Ewig! Ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein, kein Ende! Kein Ende!“ Am nächsten Tage fuhr ich über Palermo nach Tunis. Der dortige Ministerresident Paul Cambon, den ich schon kannte und für den ich überdies ein Empfehlungsschreiben des französischen Ministers des Äußern bei mir führte, war auf Urlaub. Statt seiner empfing mich in liebenswürdiger Weise der Erste Sekretär der Residentur, Monsieur d’Estournelles. Auch zu ihm habe ich bis zu dem so vieles zerstörenden Weltkrieg in freundschaftlichen Beziehungen gestanden. Er hat mich noch kurz vor meinem Rücktritt als Reichskanzler in Berlin besucht und dort einen taktvollen und klugen öffentlichen Vortrag über Motive und Ziele eines vernünftigen Pazifismus gehalten. Hätten nur alle auf ihn gehört! Statt dessen ließ die Bosheit der einen, die Ungeschicklichkeit der andern die Welt in den Krieg stolpern. In Tunis frug mich d’Estournelles, wo und wie ich mich auf Nordafrika vorbereitet hätte. Ich erwiderte ihm: „Nur mit Flaubert, mit Salambö.“ Darauf er: „Bravo, vous ne pouviez trouver un meilleur guide pour ici.“ Dank Flaubert und seiner prächtigen Schilderung stieg das alte Karthago vor uns auf. Wir verstanden das Genie de Carthage, dem zu Ehren am Schluß des Romans Narr’ Havas, während er den linken Arm stolz um die Taille seiner Gattin Salambö legt, mit der Rechten die mit Wein gefüllte Schale erhebt. D’Estournelles führte mich nordöstlich von Goletta, dem Hafen von Tunis, dort, wo die Nehrung des Strandsees durchbrochen ist, zu der Stätte des alten Karthago. Es stand etwa eine Meile nordöstlich von Nach Tunis 510 EIN DEUTSCHER AFRIKAFORSCHER Goletta auf der Landzunge zwischen dem Meer und dem See von Tunis. Hier sank die Vaterstadt des Hannibal, des Besiegers der Römer, nach wütender Gegenwehr in Flammen vor den Augen des jüngeren Scipio, den das Bewußtsein von der Vergänglichkeit alles Irdischen bis zu Tränen erschütterte. Auf den Trümmern, die diese Stätte bedeckten, saß ein halbes Jahrhundert später Marius, und der zitternde Sklave wagte nicht, Hand an den Besieger der Zimbern und Teutonen zu legen. D’Estournelles verschwieg mir nicht die große, die zu große Zahl der in der Residentschaft Tunis ansässigen Italiener und Juden. „Sie überwiegen hier durchaus“, meinte er. „Franzosen gab es vor unserem Einmarsch nur wenige, und ihre Zahl hat sich seitdem nicht erheblich vermehrt.“ Das Uber- wiegen des italienischen Elementes schien d’Estournelles nicht zu beunruhigen. „Wir Franzosen“, äußerte er, „sind keine Kolonisatoren. Das schadet auch nichts, so lange wir militärisch dominieren und damit die Verwaltung in der Hand behalten. Das ist jetzt der Fall und wird auch weiter der Fall sein, wenn wir unsere Stellung in Europa behaupten.“ D’Estournelles stand in den besten Beziehungen zu dem deutschen Gustav Konsul Dr. Gustav Nachtigal. Das wenige, das ich über das Innere Nachtigal Afrikas weiß, verdanke ich diesem ausgezeichneten Mann. Er hatte Afrika nach allen Richtungen durchquert und erzählte in der fesselndsten Weise von Tibcsti und Bornu, Kanem und Borku, von Bagirmi und Wadai, Darfur und Kordofan. Bald nach unserer Begegnung in Tunis wurde Nachtigal als Kaiserlicher Kommissar nach der Küste von Oberguinea geschickt. Er stellte Togo und Kamerun unter deutschen Schutz. Auf der Rückreise von dort starb er im Frühjahr 1885, zu früh für unsere Kolonialpolitik und für das Reich. Ich frühstückte im Hause Bismarck, als der Fürst die Nachricht von seinem Tode erhielt. Bismarck legte das Telegramm mit den nachdenklichen Worten beiseite: „Schade um den Mann! Er hatte Schneid und war doch kein Durchgänger. Ein Verlust.“ Nachtigal stammte aus der Stendaler Gegend, aus der Heimat des Bismarckschen Geschlechts. D’Estournelles wollte, daß ich dem Bey von Tunis meine Aufwartung Der Bey machte. Dr. Nachtigal unterstützte diesen Wunsch. Beide meinten, der von Tunis J} e y nehme es übel, wenn distinguiertere Fremde Tunis, „die Stätte des Friedens und der Glückseligkeit“, wie die Hauptstadt offiziell hieß, besuchten, ohne sich bei ihm vorzustellen. Das war, wie Dr. Nachtigal nicht unrichtig bemerkte, auch in Deutschland in früherer Zeit der Standpunkt kleiner Souveräne. Von Nachtigal und D’Estournelles begleitet, fuhr ich nach dem Bardo, der Residenz des Mohammed Es Sadok. Schlanke Palmbäume, deren Blätter in der Sonne glitzerten, erhoben sich rechts und links vom Wege in der weiten Ebene. Wir begegneten Herden von Kamelen, die ich außerhalb zoologischer Gärten hier zum erstenmal erblickte. Die DER BEDUINENFÜRST 541 Beduinen, die sie führten, sahen in ihren langen Burnussen, mit ihren Kapuzen und ihren wallenden Bärten sehr respektabel aus. Sie erinnerten mich an die Erzväter des alten Testaments. So und nicht anders mögen Abraham und Isaak, Jakob und Laban, Moses und die Propheten ausgeschaut haben. Mohammed Es Sadok, klein, fett, kurzatmig, mit großer Glatze und mit blöden Augen, sah weniger ehrwürdig aus als seine Untertanen. Nachdem meine beiden Begleiter eine Anrede an ihn gehalten hatten, in der sie meine trefflichen Eigenschaften rühmten, überreichte mir der Beherrscher des Tunesischen Reichs das Großoffizierskreuz seines Hausordens vom Iftikhar. Er murmelte dabei etwas von Brillanten, die seinen Orden schmückten und die seine Gabe noch wertvoller machen sollten. Als ich später einmal diese Brillanten der von mir nie getragenen ridikülen Dekoration meiner Frau schenken wollte, stellte sich heraus, daß sie falsch waren. Auf Schritt und Tritt begegnete ich in Tunis Juden. Nachtigal berechnete die Zahl der in der sogenannten Berberei, im nordwestlichen Afrika, zwischen dem Mittelländischen Meer und der Sahara, in Algier, Tunis, Marokko und Tripolitanien ansässigen Israeliten auf annähernd eine Million. Es hätten also damals dort weit mehr Juden gelebt als in Deutschland oder gar in England, Frankreich, Italien. Nachtigal, der sich, obwohl nicht Israelit, lebhaft für die Geschichte des auserwählten Volks interessierte, behauptete, daß die Juden ein Prozent der Bevölkerung der Erde ausmachten. Die Gesamtzahl aller Juden betrage vierzehn Millionen. Davon kämen fünf Millionen auf Rußland, drei Millionen auf die Vereinigten Staaten, drei Millionen auf Polen, zwei Millionen auf die Ukraine, eine Million auf Rumänien, fünfhunderttausend auf Deutschland, fast ebensoviel auf Ungarn, dreihunderttausend auf Böhmen, fast dreihunderttausend auf Deutsch-Österreich, zweihundertfünfzigtausend auf England, hundertfünfzigtausend auf Frankreich, kaum vierzigtausend auf Italien. Ob diese Zahlen, die ich mir damals notierte, heute noch stimmen, weiß ich nicht. Richtig dürfte unter allen Umständen sein, daß die Masse der Ostjuden die Zahl der im westlichen Europa lebenden Juden gewaltig überwiegt. Die amerikanischen Juden dürften auch meist aus Osteuropa stammen. Die Juden der Berberei waren aus Spanien und Portugal nach Afrika gekommen, als die Inquisition sie, damals etwa zweihunderttausend, von der Iberischen Halbinsel vertrieb. Sie wurden von den Muselmännern nicht viel besser behandelt als vorher vom Heiligen Offizium. Sie durften zum Beispiel vor der französischen Okkupation in Tunis, wie vorher in Algier, an keiner Moschee Vorbeigehen, ohne die Schuhe auszuziehen. Sic konnten sich kaum auf der Straße sehen lassen, ohne beschimpft und angespuckt zu werden. Ein gewisser Trost für sie lag darin, daß die Mohammedaner, Tunesische Juden 542 99 9 SCHLÄGE ähnlich wie einst die alten Römer, die Christen noch mehr verachteten als die Juden, weil die ersteren eigentlich nur eine Sekte der letzteren wären. Übrigens hatte sich, wie mir Nachtigal versicherte, das kluge Volk Israel, wie einst in Ägypten und später in vielen anderen Ländern, trotz Unterdrückung und Mißhandlung auch in Nordafrika schon unter den Beys eine dominierende Stellung zu verschaffen gewußt. Alle Geldgeschäfte waren in den Händen der Juden. Sie waren die Schatzmeister, Geheimschreiber und Dolmetscher des Bey, hielten dessen Juwelen und Brillanten unter ihrem Verschluß und kontrollierten die Münze. Sie stellten dem unwissenden Volk, das für exakte Studien wenig begabt war, Ärzte und Apotheker. Schauerlich war, was über die Grausamkeit erzählt wurde, die vor der Strafjustiz französischen Besitzergreifung an der nordafrikanischen Küste geherrscht in Nordafrika hatte. D’Estournelles mag aus naheliegenden Gründen in dieser Richtung übertrieben haben, aber auch Nachtigal wußte Übles zu berichten. Die kleinsten Vergehen wurden mit Prügel bestraft, die mit einem Ochsenziemer verabreicht wurden. Die Streiche wurden an einem Rosenkranz abgezählt. Mehr als 999 Schläge durften nach dem Koran nicht erteilt werden. So weit soll es aber kein Delinquent gebracht haben, namentlich, wenn ihm, wie dies erlaubt war, die Hiebe von vorn verabreicht wurden. Ein beliebter Brauch war es, einen für ernstlichere Vergehen Verurteilten bis an den Hals in den Sand zu graben und dann seinen Kopf den Mißhandlungen der Vorübergehenden preiszugeben. Oder auch, ihm Nasenlöcher, Mund und Ohren mit Schießpulver anzufüllen und dieses anzuzünden. Gelegentlich wurde auch ein Missetäter lebendig in die Haut eines toten Ochsen eingenäht. Oder man band ihn an den Schwanz eines Maultieres, das zum Galopp angetrieben wurde. Hoch in Ehren stand die Lex talionis. Ein jüdischer Garkoch, der überführt worden war, in öl gebackenes Menschenfleisch verkauft zu haben, wurde nach und nach in kleine Stücke zerschnitten, die man eins nach dem andern in einen Kessel voll siedendem Wasser warf und dann vor den Augen des Sterbenden den Hunden zu fressen gab. Genug der Greuel. Von Tunis fuhr ich nach Bone, das noch heute ein beliebter Seeplatz ist Constantine und einst als Hippo Regius der Bischofssitz des heiligen Augustinus war, den ich sehr verehre und zu dessen „Confessiones“ ich immer wieder greife. In Constantine, der auf einem Felsenplateau gelegenen, von einer tiefen Schlucht umgebenen Haupstadt des östlichen Algeriens, machte ich die Bekanntschaft eines höheren katholischen Geistlichen, eines würdigen und klugen Mannes, der mir bereitwillig über seine Eindrücke und Erfahrungen Auskunft gab. Er glaubte nicht an die Gefahr und nicht einmal an die Möglichkeit eines Aufstandes der Eingeborenen in Algier und Tunis. Sie DIE WÜSTE 543 kennten zu gut die numerische wie die technische Überlegenheit ihrer französischen Gebieter. Daraus folge freilich noch nicht, daß die Araber mit der französischen Herrschaft zufrieden seien oder sie gar liebten. Im Grunde sehnten sie sich nach der Zeit der Beys zurück, obwohl deren Herrschaft barbarisch gewesen sei. Übertritte der Eingeborenen zum Christentum kämen trotz der damit für sie verbundenen Vorteile sehr selten vor. Seltsamer- und traurigerweise fehle es dagegen nicht an der umgekehrten Erscheinung. Als die französischen Truppen bei der Okkupation von Tunis in Kairuan eingerückt seien, der alten Hauptstadt des arabischen Afrika und einer der heiligen Stätten des Islams, mit prächtigen Moscheen und Gesetzesschulen, hätten sie in der Umgebung islamitische Anachoreten gefunden und unter ihnen frühere französische Offiziere und Beamte. Wie ein Christ, ein Europäer dazu kommen könnte, noch dazu als Einsiedler in der Wüste, sich in die Gedankengänge einer tief unter dem Christentum stehenden Religion zu verirren, wußte mein geistlicher Freund weder sich noch mir zu erklären. Von Constantine fuhr ich mit der Diligence über Batna und El Kantara nach Biskra. Hier lernte ich auf mehreren Ritten, die ich in Gesellschaft Biskra zweier junger französischer Offiziere unternahm, die Wüste kennen. Die Unermeßlichkeit des Horizonts, die Einförmigkeit, das tiefe Schweigen, der Ernst dieser Natur machten mir einen überwältigenden Eindruck. Ich begriff, daß das Judentum und mit ihm das Christentum, daß der Islam, daß drei große Religionen aus der Wüste hervorgingen. Sie führt zur Konzentration und zum Meditieren. Sie verfeinert die Empfindung, sie gibt der Einbildungskraft Flügel. Nur das Meer und die Hochalpen sind ihr vergleichbar. Als ich meiner Ergriffenheit, ja meinem Entzücken Ausdruck gab, unterbrachen mich meine Begleiter. „Wenn Sie“, meinten sie, „als Offizier einige Sommermonate hier verweilen müßten, würden Sie anders sprechen. Für einen Offizier, einen zivilisierten Menschen, ist die Wüste die Hölle. Ni plus, ni moins! In jedem Sommer kommt es vor, daß. Offiziere unter dem Druck der Melancholie, die durch die entsetzliche Hitze und die Monotonie der Wüste erzeugt wird, zum Revolver greifen und ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen. Was die Mehrzahl von uns aufrechterhält, ist das Pflichtgefühl und die Überzeugung, daß, wer hier Geist und Körper gestählt hat, wozu allerdings gehört, daß er sich des Alkohols enthält, jeder künftigen Anstrengung und allen denkbaren Gefahren gewachsen ist.“ Von meinen Begleitern hörte ich zum erstenmal die Ansicht aussprechen, daß für Frankreich sein nordafrikanischer Besitz nicht, wie dies in Deutschland angenommen zu werden scheine, eine militärische Schwächung, sondern vielmehr eine erhebliche Stärkung bedeute. Nordafrika sei ein 544 DIE FREMDENLEGION Frankreichs unerschöpfliches Reservoir für kräftige, zähe, kampflustige Soldaten. Es Truppen- k omrae nur darauf an, diesen Soldaten kühne und harte Führer zu geben. reservoir ^ enn §j e fü r die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse des Afrikaners sorgen und ihm Offiziere geben, die ihn mit dem Revolver in der Hand dirigieren und führen, so können Sie die Hölle mit ihm stürmen.“ An diese Unterredung während unseres Wüstenrittes, an die „force noire de la France“ habe ich oft zurückgedacht, wenn ich die selbst von deutschen Militärs und insbesondere von Kaiser Wilhelm II. gehegte falsche Ansicht bekämpfte, daß die Ausdehnung des nordafrikanischen französischen Besitzes für Frankreich militärisch eher schädlich als nützlich sei. Wie mein geistlicher Freund in Constantine hielten auch meine militärischen Wüstenbegleiter einen ernstlichen, gefährlichen Aufstand in Algier wie in Tunis für so gut wie ausgeschlossen. Der militärische Wert der Fremdenlegion wurde von allen Franzosen, denen ich begegnete, den Offizieren sowohl wie den Beamten, sehr hoch eingeschätzt. Natürlich müßten diese „enfants perdus de la civilisation moderne“ einer eisernen Disziplin unterworfen werden. Aber bei energischer Führung seien sie ebenso leistungsfähig wie die Landsknechte des Mittelalters. Die französische Fremdenlegion sollte damals an zwanzigtausend Mann zählen. Es wurde angenommen, daß mindestens fünfzig Prozent der Legionäre Deutsche waren. Nach alter französischer Tradition wurde die Legion mit Vorliebe als Kanonenfutter verwendet. Das Wüstenklima mit seiner furchtbaren Sommerhitze und empfindlichen Winterkälte dezimiert die Reihen der Legionäre. Der jährliche •Gesamtverlust der Fremdenlegion soll siebzig Prozent betragen. Algier, wo ich meine afrikanische Reise beendigte, war nach Karthago Algier und nach der Wüste fast eine Enttäuschung für mich. Jedenfalls erfüllte die „Weiße Stadt“ nicht die Erwartungen, welche die Lektüre des „Semilasso“ des Fürsten Pückler-Muskau in mir erweckt hatte. Aber auch in Algier lernte ich einen nicht uninteressanten Mann kennen. Der deutsche Konsul, Julius Fröbel Dr. Julius Fröbel, machte einen bescheidenen, schüchternen, fast ängstlichen Eindruck. Niemand hätte ihm die bewegte, ja stürmische Vergangenheit angesehen, auf die der achtzigjährige Mann zurückblickte und aus der zu lernen war, daß es in der viel verhöhnten Biedermeierzeit mehr echte Romantik gab als in der wohl vernünftigeren, aber auch banaleren Gegenwart. Julius Fröbel war von seinem Onkel Friedrich Fröbel, dem bekannten Pädagogen und Gründer der Kindergärten, in Keilhau bei Rudolstadt erzogen worden. Von Keilhau ging er nach Zürich, wo er die Professur der Mineralogie an der Hochschule erhielt. Als er das Züricher Bürgerrecht erworben hatte, gab er seine Professur auf und stellte sich an die Spitze der radikalen Partei der Limmatstadt. Er gründete das „Literarische Comtoir“, in dem die revolutionären Schriften erschienen, die in Deutschland von der EIN DEUTSCHER REVOLUTIONÄR 545 Zensur verboten waren und die Fröbel mit leidenschaftlichem Eifer verbreitete. Auf einer Propaganda-Reise in Köln verhaftet und aus Preußen ausgewiesen, fand er einen Unterschlupf in Dresden, wandte sich immer mehr nach links und wurde 1848 als roter Demokrat in das Frankfurter Parlament gewählt. Im Oktober 1848 ging er mit seinem Parteifreund Robert Blum nach Wien, um den dortigen Aufständischen eine Adresse der Frankfurter Linken zu überreichen. Er nahm Ende Oktober als Hauptmann teil an den Kämpfen der Wiener Revolutionäre gegen die Wien belagernden kaiserlichen Truppen. Nach der Übergabe von Wien wurde er gleichzeitig mit Blum verhaftet und vom Kriegsgericht zum Tode durch den Strang verurteilt. Das war zweifellos der dramatische Höhepunkt seines Lebens. Robert Blum wurde bekanntlich erschossen. Julius Fröbel wurde im letzten Augenblick vom Fürsten Alfred Windischgraetz begnadigt, den einer seiner Adjutanten darauf aufmerksam gemacht hatte, daß Fröbel sich einmal in einer Rede oder in einer Broschüre für die österreichische Hegemonie in Deutschland ausgesprochen habe. Windischgraetz ließ Fröbel sogar nach Frankfurt zurückkehren, wo er im Juni 1849 den Exodus des Rumpfparlaments nach Stuttgart mitmachte. Er lebte hierauf erst in Cuxhaven, dann auf Helgoland und wanderte 1849 nach Amerika aus. Dort etablierte er in New York eine Seifenfabrik, machte Bankrott, zog nach Nikaragua, beteiligte sich an einer Kommission, die die Möglichkeit eines Kanalbaues zu untersuchen hatte, ging nach San Franzisko, wo er ein Journal herausgab, und als er auch damit keinen Erfolg hatte, zog er wieder nach New York. Hier heiratete er die Reichsgräfin Caroline von Armanns- berg, deren Vater, Graf Ludwig Armannsberg, nacheinander königlich bayrischer Minister des Innern und der Finanzen, später Präsident der Regentschaft des neugegründeten griechischen Staats und sogar hellenischer Reichsverweser geworden war, um schließlich als Reichsrat der Krone Bayerns in München zu sterben. Fröbel kehrte mit seiner Gattin nach Deutschland zurück, schloß sich der Großdeutschen Partei an und gründete in Wien ein offiziöses Blatt, den „Botschafter“. Von Julius Fröbel ging die Idee des Frankfurter Fürstentages aus, für die er durch den Erbprinzen von Thurn und Taxis dessen Schwager, den Kaiser Franz Josef, gewann. Gleichzeitig hatte er für eine Reform der österreichischen Handelspolitik im freihändlerischen Sinne und für seine eigenen sozialen Theorien gewirkt, mit denen er, wie er mir anvertraute, etwa die Mitte zwischen Rodbertus und Lassalle hielt. 1866 übernahm er die Redaktion des württembergischen „Staatsanzeigers“, gab sie aber nach einem Jahr wieder auf und gründete die „Süddeutsche Presse“ in München, in der er die Bismarcksche Politik verfocht und damit seinen Übergang von der Großdeutschen zur Kleindeutsch-Preußischen Partei 35 BUlow IV 546 PROMEMORIA vollzog. Nachdem er die „Süddeutsche Presse“, die sich, nebenbei gesagt, ebensowenig rentierte wie andere frühere Unternehmungen, leidlich verkauft hatte, trat er 1873 als Konsul in Smyrna in den Dienst des Deutschen Reichs. Von Smyrna war er nach Algier versetzt worden. Julius Fröbel empfing mich mit sichtlichem Mißtrauen, das ihm in seinem abenteuerlichen Leben offenbar zur zweiten Natur geworden war. Als ich ihn darüber beruhigt hatte, daß ich nicht nach Algier gekommen sei, um ihn von seinem Posten zu verdrängen, schenkte er mir zunächst sein Hauptwerk: „Die Wirtschaft des Menschengeschlechts auf dem Standpunkt der Einheit idealer und realer Interessen.“ Dann kramte er, anfänglich zaghaft, dann immer zuversichtlicher, seine Impressionen als Konsul in Algier aus. An der Hand seiner sachlich gründlichen und klaren Mitteilungen über die Verhältnisse in Nordwestafrika schrieb ich in einer Nacht ein Promemoria, das der Botschafter Fürst Hohenlohe später dem Auswärtigen Amt einreichte. Den politischen Gesamteindruck meiner Reise nach Tunis und Algier resümierte ich in einem langen Brief an Holstein. XXXIX. KAPITEL Besuch Herbert Bismarcks in Paris • Von Herbert Bismarck nach London eingeladen Botschafter Graf Münster • Mr. Gladstone • Vermählung Adolfs von Bülow in Nienstedten (1. VII. 1884) • Versetzung nach St. Petersburg < Bei Fürst Bismarck in Varzin S eitdem ich zum Ersten Sekretär der Pariser Botschaft befördert worden war, hatte sich mir in steigendem Maße das Interesse von Holstein Interesse zugewandt. Herbert Bismarck sagte mir einmal über Holstein in jener Zeit, Holsteins wo beide intim befreundet waren: „Holstein besitzt ungemein viel Flair. Ob ein junger Diplomat ,a rising man 4 ist oder nicht, fühlt Holstein, bevor der Betreffende sich selbst darüber klar ist. Auch das macht ihn meinem Vater wertvoll.“ Holstein interessierte sich nicht nur für meine Berichterstattung, für meine dienstliche Tätigkeit, sondern auch menschlich suchte er mir näherzukommen. Als ich nach meinem Avancement auf Urlaub nach Berlin kam, lud er mich zu Borchardt ein. Während wir vorzüglichen Rotwein tranken (Holstein war ein Feinschmecker), setzte er mir auseinander, daß er für mich beinahe väterliche Gefühle hege. Mein Vater habe mich ihm nicht lange vor seinem Tode anvertraut. „Wenn ich nicht mehr bin“, habe er zu ihm gesagt, „so halten Sie Ihre Hand über meinen ältesten Sohn.“ Holstein sagte mir das mit einem Tremolo in der Stimme. Ich glaube, er hatte sogar eine Träne im Auge. Ob etwas Wahres an der ganzen Geschichte war? Ich möchte es bezweifeln. Mein seliger Vater würdigte die große Begabung von Holstein, seine Sprachkenntnisse, seine Schlagfertigkeit, seine eminente Arbeitskraft, vor allem seinen politischen Scharfsinn. Vertrauen hatte er nicht zu dem Geheimrat Fritz von Holstein. Im Mai 1884 aus Algier nach Paris zurückgekehrt, erhielt ich einen Brief von Herbert Bismarck, der damals der Kaiserlichen Botschaft in Herbert London als Erster Sekretär zugeteilt war. Er zeigte mir seine bevor- Bismarck stehende Ankunft in Paris an, wo er acht fidele Tage verleben und mich P“ r * s einmal Wiedersehen wolle. Ich fand ihn bei seinem Eintreffen in weit besserer Stimmung als zwei oder drei Jahre früher, wo er noch ganz unter dem Eindruck seiner unglücklich verlaufenen Leidenschaft für die Fürstin Elisabeth Carolath gestanden hatte, mit aller Welt und am meisten mit sich selbst unzufrieden war und alles in grau sah. Jetzt erstaunte er mich 35 » 548 DIE ERLEDIGTEN FRANZOSEN durch die Unverwüstlichkeit, mit der er bis spät in die Nacht im Cafe Anglais oder bei Voisin schwerem Romanee-Conti und Champagner (Extra- Dry) zusprach, um am nächsten Morgen bei bester Verfassung zum Frühstück eine Flasche Portwein zu leeren. Ich lud ihm wiederholt zu kleinen Soupers diese oder jene meiner französischen Freunde ein, denen er gefiel. Er sprach Französisch nicht besonders geläufig, aber originell, und fand für jeden seiner Gedanken auch in der fremden Sprache einen treffenden, prägnanten Ausdruck. Ich entsinne mich eines ausgezeichneten Frühstücks im Cafe Voisin, an dem außer dem klugen und liebenswürdigen Grafen Adrien Montebello auch Camille Barrere, der künftige Botschafter in Rom, und die Brüder Cambon teilnahmen, die gleichfalls beide Botschafter werden sollten. Die Franzosen bewunderten die Trinkfreudigkeit und Trinkfestigkeit des jungen deutschen Recken, aber auch seinen Humor und seine Schlagfertigkeit. Ich machte Herbert mit Francis Charmes bekannt, dem späteren Chroniqueur der „Revue des Deux Mondes“, der ihm durch seinen scharfen und klugen Verstand besonders gefiel. Ich führte Herbert nach Versailles. Als ich ihm den majestätischen Vorhof zeigte, auf dem sich die Statue des Roi-Soleil erhebt, umgeben von den Standbildern von sechzehn französischen Feldherren, von Bayard bis Massena, als wir durch die Gemäldegalerie gingen, die dem Ruhm Frankreichs geweiht ist („ä toutes les gloires de la France“), die alle Siege der französischen Heere während Jahrhunderten verherrlicht, alle lichten Seiten der „gloire“, ohne irgendwelchen Schatten, wies ich auf die unbegrenzte Eitelkeit der Franzosen hin, über die der zu einer moralischen Betrachtung der Dinge geneigte Deutsche den Kopf schüttele, die aber doch die Quelle des unausrottbaren französischen Ehrgeizes, der unverwüstlichen französischen Vitalität, vor allem der leidenschaftlichen französischen Vaterlandsliebe sei. Herbert meinte: „Das hier ist alles Quatsch, das sind Tempi passati. Wir dürfen uns von den Franzosen nicht verblüffen, uns nicht von ihnen imponieren lassen. Die Leute sind ein für allemal erledigt.“ Im Gegensatz zu seinem großen Vater neigte Herbert seit seiner Jugend, der Staatssekretär später noch mehr als vorher der Botschaftssekretär, politisch zur Hybris. Nicht lange nachdem Herbert Bismarck aus Paris nach London zurück- Reise gekehrt war, erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich dringend und Bülouis herzlich einlud, für einige Tage herüberzukommen. Nicht nur würde mein nach London ßgguch ihm persönlich eine Freude sein, sondern auch im dienstlichen Interesse fände er es nützlich, daß ich mir London einmal ansähe und dort Beziehungen anknüpfe. Er proponierte mir, bei seinem und meinem Freunde, dem Zweiten Sekretär der Kaiserlichen Botschaft, dem Grafen Friedrich Vitzthum, abzusteigen, der mich gern in seiner hübschen und GLADSTONES WAHLREFORMBILL 549 bequem gelegenen Wohnung beherbergen würde. Rasch entschlossen fuhr ich zwei Tage später über Boulogne nach London. Mein Zug passierte Amiens, und ich gedachte der Zeiten, wo ich im Dezember 1870 in Camon im Quartier lag, bei Querrieux, Pont Noyelles und Daours focht und später im schönen Mai 1871 im Gehölz von Longeau spazierenritt. In der englischen Hauptstadt traf ich in einem politisch interessanten Augenblick ein. In der englischen innern Politik drehte sich im Frühjahr 1884 alles um die Wahlreformbill, die Gladstone Ende Februar im Unterhause eingebracht hatte und durch die mit einem Schlage die Gesamtzahl der Wähler nahezu verdoppelt werden sollte. Das dieser Reform abgeneigte Englische Oberhaus operierte taktisch sehr geschickt. Es verfiel nicht in den Fehler, den im letzten Jahre meiner Reichskanzlerzeit die preußischen Konservativen begingen, als sie sich a limine jeder Reform des preußischen Wahlrechts widersetzten. Klüger, staatsmännischer und patriotischer, erklärten die englischen Konservativen und mit ihnen das House of Lords, in dem sie die Mehrheit besaßen, daß die Ausdehnung des Wahlrechts an sich auch ihren Wünschen entspräche. Dagegen stellten sie das nicht unbillige Verlangen, daß die neue Verteilung der Parlamentssitze, die Gladstone erst später vornehmen wollte, schon in die erste Bill einbezogen werden sollte, so daß beide Parteien klar erkennen könnten, was sie durch die ganze Maßregel zu gewinnen oder zu verlieren hätten. Das Oberhaus konnte die von ihm gewünschte Verschmelzung der beiden Maßregeln in einen Gesetzentwurf nicht durchsetzen. Aber da es sich entschieden weigerte, die erste Bill anzunehmen, bevor die zweite nicht wenigstens dem Parlament vorgelegt worden wäre, bot Gladstone die Hand zu einem Kompromiß. Er verständigte sich persönlich mit Lord Salisbury, dem Führer der Tories und der Oberhausmehrheit, und machte diejenigen Konzessionen, die unerläßlich waren, um dem Oberhaus zu genügen, und die noch nicht zu weit gingen, um die liberale Majorität im Unterhaus zu gefährden. Lord Salisbury ging darauf ein, und die große Reform war gesichert. Wiederum hatte sich die politische Erbweisheit der Engländer, wie König Friedrich Wilhelm IV. den traditionellen politischen Common sense der Briten genannt hat, glänzend bewährt. In der auswärtigen Politik stand bei meinem Eintreffen in London die Mission im Vordergründe, mit der General Gor don im Sudan betraut worden war. Ganz England bangte für das Schicksal seines populären, geliebten und verehrten Generals. Meinen ersten Besuch in London stattete ich selbstverständlich dem Botschafter ab, dem damaligen Grafen, späteren Fürsten Münster. Er war ein Original, auch äußerlich. Sehr lang, sehr mager, hatte er einen unverhältnismäßig großen Kopf, der an einen großen Kürbis auf einer langen Stange erinnerte. Mit diesem Kopf pflegte Münster zu wackeln. Das gab ihm, Graf Münster 550 LORDS UND GEHEIMRÄTE verbunden mit der hängenden Unterlippe, den glanzlosen Augen, etwas für alle und alles Gleichgültiges, Hochmütiges. Insofern war er ein echter Typus des alten hannoverschen Adels, der an aristokratischer Hoffart jeden andern deutschen Adel übertraf. Dieses hochmütige Selbstbewußtsein war aber mit unleugbaren Qualitäten verbunden. Münster besaß große Sicherheit des Auftretens, ein unerschütterliches Selbstvertrauen, viel gesunden Menschenverstand. In der Konversation war er ebenso originell wie in der äußeren Erscheinung. Er verhehlte in keiner Weise seine Mißachtung für das damals von Bismarck geleitete Auswärtige Amt, das er das „Zentralrindvieh“ zu nennen pflegte. Tadelnde Bemerkungen in Erlassen des Auswärtigen Amts und selbst Rügen von Bismarck machten ihm keinen Eindruck. Als er einmal einen schriftlichen Verweis des „großen Otto“, wie wir ihn in der Karriere nannten, erhielt, meinte er gleichmütig, noch dazu im Beisein von Herbert Bismarck: „Wie muß sich der geärgert haben, der diesen Erlaß diktiert hat.“ Am ersten Abend, den ich bei Münster verlebte, geriet er mit Friedrich Disput des Vitzthum in einen freundschaftlichen Disput über eine gerade schwebende Botschafters deutsch-englische Differenz. Münster konnte Vitzthum wohl leiden, obwohl mit Vitzthum 0( j er g era( J e W eil dieser ihm gegenüber kein Blatt vor den Mund nahm. „Ich weiß sehr gut“, meinte Vitzthum an diesem Abend zu seinem Chef, der wieder abfällige Bemerkungen über deutsche Beamte und Hochschullehrer gemacht hatte, „daß Sie, Exzellenz, der Ansicht sind, ein englischer Lord von einundzwanzig Jahren, der in Cambridge oder in Oxford gerudert und Cricket gespielt hat, sei klüger als alle deutschen Bürokraten und Gelehrten.“ Mit der größten Ruhe erklärte Münster lachend: „Das ist er auch, mein lieber Vitzthum! Das ist er! Politisch ist so ein junger Lord viel klüger als alle unsere Professoren und Geheimräte.“ Als die Rede darauf kam, daß er und Bismarck von 1859 bis 1862 in St. Petersburg Kollegen gewesen waren, meinte Münster, nicht ohne unfreiwilligen Humor: „Für Bismarck, der das starke preußische Heer hinter sich hatte, war es keine Kirnst, sich in St. Petersburg eine gute Stellung zu machen. Aber daß ich als Vertreter des kleinen Hannover in St. Petersburg eine so ausgezeichnete Position hatte, das wollte etwas bedeuten.“ Als wir von der Botschaft nach der Vitzthumschen Wohnung zurückkehrten, resümierte Herbert sein Urteil über Münster dahin, daß er nach Erziehung, durch seine Heirat mit einer Engländerin und alle seine Liebhabereien ganz Engländer geworden sei und alles durch die englische Brille ansehe. Er würde also nur so lange brauchbar sein, wie wir mit England keine ernstlichen Differenzen hätten. Solange dies nicht der Fall sei und von Berlin überwacht und gezügelt, sei Münster in London ganz gut am Platz, da er den Engländern sympathisch sei und ihnen volles Vertrauen einflöße. Nur der Prinz von Wales möge Münster : t DER GROSSE ENGLÄNDER 551 nicht leiden, da er einerseits innerlich überhaupt deutschfeindlich sei und andererseits Münster nicht verzeihen könne, was er dessen „Verrat“ am hannoverschen Königshause nenne. Als Althannoveraner und Sohn eines vom Weifenhause gegraften hannoverschen Großwürdenträgers hätte Münster nach der Ansicht des englischen Thronerben auch nach 1866 zu den Welfen stehen müssen. Für mich war Münster während meines Londoner Besuches freundlich und zuvorkommend. Er hat es mir viele Jahre später übelgenommen, daß er mit achtzig Jahren, tatsächlich schon recht senil, unter Verleihung der Brillanten zum Schwarzen Adlerorden zur Disposition gestellt wurde. Bei meinem damaligen Besuch in London frug er mich, ob ich nicht Lust hätte, mich nach der bald bevorstehenden Ablösung von Herbert Bismarck als Erster Sekretär von Paris nach London versetzen zu lassen. Ich würde ihm als Erster Sekretär sehr erwünscht sein. Ich passe gut nach London und würde mir dort eine gute Stellung machen. Münster stellte mich dem Premierminister vor. Der Rt. Hon. W. E. Gladstone, M. P., First Lord of the Treasury, war damals schon Gladstone fünfundsiebzig Jahre alt. Seit seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr, also seit einundfünfzig Jahren, gehörte er dem Unterhause an. Er war schon vor gerade einem halben Jahrhundert, 1834, unter Sir Robert Peel, dem Befürworter der Katholikenemanzipation und Vorkämpfer des Freihandelssystems, Unterstaatssekretär im Kolonialamt und 1868 zum erstenmal Premierminister gewesen. Gladstone hatte nicht das Faszinierende von Disraeli, dem Vater des englischen Imperialismus. Weder auf die Königin Victoria, die ihn nicht mochte und ihm seinen Rivalen Beaconsfield bei weitem vorzog, noch auf das englische Volk übte er den Zauber aus, der seinem Rivalen, Benja min Disraeli, nicht nur die dauernde Gnade seiner hohen Gebieterin, sondern auch die größte Popularität eintrug, die seit Palmerston ein englischer Minister besessen hatte. Disraeli zu Ehren schmückt noch heute die Primrose, die Primel, die Knopflöcher englischer Nationalisten. Aber auch William Gladstone war ein ungewöhnlicher Mann. Mir fiel sein großes, tiefes, ernstes Auge auf, aus dem Begeisterungsfähigkeit, Gutgläubigkeit und Bekennermut sprachen. Er hatte ein ungewöhnlich sympathisches Organ. Ich bin weit entfernt, ihn nach den wenigen Worten zu beurteilen, die er mit einem um vierzig Jahre jüngeren Mann wechselte. Aber ich verstand, daß er seinen Landsleuten durch Eigenschaften imponierte, die im besten Sinne englisch waren: den großen Ernst, die Tüchtigkeit, die Begeisterungsfähigkeit, die Gewissenhaftigkeit, die Überzeugungstreue. Gladstone wechselte gelegentlich seine Überzeugungen, aber was er im Augenblick sagte, daran glaubte er felsenfest wie an das Evangelium. 552 DER UNFEHLBARE An Disraeli hatte einmal eine Dame brieflich die Frage gestellt, die das gute Gretchen an Faust richtet: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Disraeli hatte geantwortet, ein weiser Mann sage nie, was er über Religion denke. Gladstone hatte ein viel näheres Verhältnis zur Religion. Er las, meditierte und kommentierte die Bibel. Es gibt ein köstliches Bild von Lenbach, das William Gladstone darstellt, wie er mit Ignaz Döllinger theologische Fragen bespricht. Es handelt sich offenbar um ein kniffliches Problem. Gladstone sieht nachdenklich ins Weite, Döllinger grübelt mit verschränkten Armen. Gladstone hatte viel von einem Theologen. Er lebte und webte in biblischen Vorstellungen. Disraeli hatte etwas Skeptisches. Gladstone entrüstete sich gern. Er hatte vor der Bildung des italienischen Nationalstaates die Regierungsweise im Königreich Neapel und im Kirchenstaat eine „Verleugnung Gottes“ gescholten. Nach den türkischen Exzessen in Bulgarien tobte er gegen den „unspeakable Turk“. Aber wie die Mehrzahl seiner Landsleute entrüstete sich Gladstone nur da, wo sein Zorn die englischen Interessen nicht ernstlich gefährdete. Er war bisweilen von dem Vorwurf der Heuchelei nicht ganz freizusprechen, in die Staatsmänner leicht verfallen, die auf einer ethischen Basis stehen und doch die Interessen ihres Landes wahren wollen. Es hat nicht viele Staatsmänner gegeben, die von ihrer Unfehlbarkeit so überzeugt waren wie William Gladstone. Mein Freund Harding, wegen seiner tüchtigen und ausgehreiteten Kenntnisse im englischen diplomatischen Dienst „The Professor“ genannt und nicht zu verwechseln mit dem späteren Unterstaatssekretär im Foreign Office und Vizekönig von Indien, Hardinge, erzählte mir gelegentlich den nachstehenden kleinen Zug. Er war zu Tisch bei Gladstone eingcladen worden. Der große Mann hielt einen seiner gewohnten Monologe und setzte auseinander, daß es auf der Balkanhalbinsel nur zwei Völker gebe, die edlen Griechen und die abscheulichen Türken. Harding, der die Balkanhalbinsel aus eigener Anschauung kannte, machte in bescheidener Weise, fast schüchtern, darauf aufmerksam, daß auch Millionen von Slawen auf der südöstlichen europäischen Halbinsel lebten, Kroaten, Serben, Bulgaren, sodann auch Rumänen und Albanesen. Während Harding die Zahlen angab und diese verschiedenen Nationalitäten, ihre Vergangenheit, ihre Kultur, ihre Aspirationen charakterisierte, steckte ihm der aufwartende Diener im Auftrag von Mrs. Gladstone einen kleinen Zettel zu, auf den sie geschrieben hatte: „We never contradict Mr. Gladstone.“ Münster fuhr mich in seinem tadellos von ihm geleiteten Viererzug fast täglich zu irgendeinem sportlichen Vergnügen. Herbert gab mir vor meiner Abreise in Richmond ein Souper, zu dem er außer dem drolligen und brillanten Lord Charles Beresford und dessen reizender Frau die Staats? HERBERT BISMARCKS REVOLVER 553 Sekretäre des Innern und des Krieges, Sir W. Vemon-Harcourt und den Marquis of Hartington, den späteren Herzog von Devonshire, einlud. Auch Sir Charles Dilke, der Präsident des Local Government Board, nahm Sir Charles an diesem kleinen Feste teil. Er hatte sich damals noch nicht lange von Dilke einem allerdings mehr akademischen Republikanismus zur Monarchie zurückgefunden. Der ungewöhnlich begabte Mann, der mit seinem Buch „Problems of Greater Britain“ einer der Vorkämpfer und Bahnbrecher des gegenwärtigen, auf föderativer Basis ruhenden englischen Weltreichs wurde, ist später an einer wüsten Weibergeschichte gesellschaftlich und politisch zugrunde gegangen. Ein andermal lud mir Herbert alte diplomatische Kollegen und Freunde ein, von denen ich mich an die Franzosen d’Aunay, den späteren Freund und Vertrauten von Clemenceau, mit seiner ehrgeizigen und koketten amerikanischen Frau und den klugen, historisch sehr gebildeten Mr. Bapst, an den Dänen Falbe, den Ungarn Hengelmüller von Hengervor, den Russen Niki Adlerberg erinnere. Als ich mich von Herbert verabschiedete, schenkte er mir einen hübschen und handlichen Revolver mit der humoristischen Aufforderung, damit jeden „vor den Bauch zu schießen“, der mir im Leben feindlich in den Weg treten würde. Der Revolver liegt noch neben meinem Schreibtisch in der Villa Malta. Ich verließ London mit der Hoffnung, daß ich dort im Laufe des Sommers als Erster Sekretär an die Stelle von Herbert Bismarck treten und Gelegenheit finden würde, England, wo es mir ausgezeichnet gefallen hatte, näher kennenzulemen. Am 1. Juli 1884 wohnte ich mit viertägigem Urlaub der Hochzeit meines Bruders Adolf mit unserer Kusine, der Komteß Carola Vitzthum, bei. Heirat Adolfs Die Feier steht heute noch lebhaft vor meinem Gedächtnis. Die Trauung v. Bulow fand an der Niederelhe statt, wo ich geboren hin, in der alten Kirche von Nienstedten, deren Geistlicher mich getauft hat und auf deren stillem Friedhof ich einst begraben werden möchte. Man konnte sich kaum ein schöneres Brautpaar denken. Er vierunddreißig, sie kaum zwanzig. Er groß, schlank, sehnig, mit ernsten, fast strengen Gesichtszügen und großen, nachdenklichen Augen, sie mit wunderschönen, aber etwas melancholischen Augen, hübsch gewachsen, aber dabei noch ganz mädchenhaft, zart, voll Anmut. Sie war Ehrendame der Kaiserin Augusta gewesen, die auf alle Damen ihres Hofes einen günstigen Einfluß ausübte, im Goethischen Sinn der Ausbildung und Förderung des mensclilich Guten und Schönen. Es war eine Liebesheirat im vollen Sinne des Wortes. Sie blickte mit zärtlicher Bewunderung und Neigung zu ihm auf, der sich leidenschaftlich in sie verliebt hatte. Kaum zwei Jahre später starb Carola in ihrem zweiten Wochenbett. Dreizehn Jahre später fand Adolf einen jähen Reitertod. 554 IN VARZIN Nach Petersburg versetzt Besuch beim Fürsten Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch, der Vergängliche, baut ? Während des Frühstücks, das nach der Trauung in der Bost, dem an der hier breit fließenden Elbe unter Eichen, Linden und Buchen schön gelegenen Landhaus der Eltern der Braut in Dockenhuden, stattfand, erhielt ich ein Telegramm des Auswärtigen Amtes, das mir meine Versetzung von Paris nach St. Petersburg mit dem Zusatz mitteilte, daß ich mich sofort und direkt auf meinen neuen Posten zu begeben hätte, da der kaiserliche Botschafter in St. Petersburg, der General von Schweinitz, aus Familienrücksichten einen nicht länger zu verschiebenden Urlaub antreten wolle. So schied ich von Paris. Ich hatte angenommen, daß ich nach wenigen Tagen von der Elbe an die Seine zurückkehren würde. Statt dessen habe ich Paris, wo ich sechs Jahre verlebt batte, nie wiedergesehen. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? Gleichzeitig mit der Weisung des Auswärtigen Amtes erhielt ich ein Telegramm aus Varzin, in dem Fürst Bismarck mir den Wunsch einer persönlichen Rücksprache ausdrückte und mich zu einem zweitägigen Besuch einlud. Am nächsten Tage fuhr ich von Hamburg direkt nachVarzin, wo ich zuletzt neun Jahre früher geweilt hatte. Ich wurde vom Fürsten, der Fürstin und Bill Bismarck, der bei seinem Vater Dienst tat, in der freundlichsten Weise empfangen. Im Bismarckschen Hause herrschte ein im besten Sinne patriarchalischer Ton, nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern auch zwischen dem Hausherrn und seinen Gästen. Wie jedes ganz große Genie, war auch Bismarck nicht unter einen einzigen Begriff zu bringen, also etwa mit dem Schlagwort „der größte Junker“ zu klassifizieren. So wenig wie Moltke nur Schlachtendenker war, Goethe nur Dichter des „Faust“. Aber im innersten Kern war Bismarck preußischer Edelmann und preußischer Offizier, deutscher Landwirt und Familienvater. Die Fürstin frag sofort nach dem Befinden meiner Mutter, die sie sehr liebte. Der Fürst reichte mir die Hand mit den Worten: „Es sind wohl schon fünf Jahre vergangen, seitdem Ihr Herr Vater starb, aber ich vermisse ihn noch ebenso wie am ersten Tage.“ Die Fürstin setzte mir angelegentlich zu, der wie in Berlin so auch in Varzin reichlich mit allen möglichen Leckerbissen und „Delikatessen“ besetzten Abendtafel zuzusprechen. Als sie mich nötigen wollte, ein zweites und drittes Glas schweres Kulmbacher Bier (Liebesgabe) zu leeren, wehrte der Fürst launig ab mit dem Bemerken: „Ich vermute, daß Herr von Bülow wie sein Vater, dem er übrigens sehr ähnlich sieht, nur daß er schlanker ist, dem Alkohol nur mäßig huldigt, was ich übrigens lobe, wenn ich auch selbst auf einem andern Standpunkt stehe.“ Die Rede kam auf Berliner ^'*5*PW W‘* w r«m«“ ** DER LÖWENKÄFIG 555 tische Kriege gesellschaftliche Verhältnisse. Die Fürstin schwärmte vonFrauvonSpitzem- berg, der Frau des württembergischen Gesandten in Berlin, mit der sie seit über zwanzig Jahren, seit der gemeinsamen Gesandtenzeit in St. Petersburg, befreundet sei und die sie immer als treu befunden habe. Auch die mit Spitzemberg verwand ten Familien Varnbüler, Hofacker, Erffa und Below wurden gepriesen, dagegen die „greuliche, unausstehliche, affektierte Mimi“, die Gattin des Hausministers Schleinitz, heftig geschmäht. Der große Fürst lächelte beifällig und konstatierte, daß ihm der Gatte, der Hausminister Graf Alexander Schleinitz, „fast ebenso widerwärtig“ sei wie Mimi. Als Bill mich gegen Mitternacht in mein Zimmer brachte, meinte er mit Humor und behaglich lächelnd: „So viel wie bei uns wird doch in keinem andern Hause geschimpft.“ Ich erwiderte ihm, daß es im Löwenkäfig anders aussehe als im Schafstall oder im Hühnerhof. Als ich am nächsten Morgen in meinem Zimmer bei meinem sehr reichlichen ersten Frühstück saß, trat der Fürst ein. Ei setzte sich mir gegenüber Bismarck mit den Worten: „Lassen Sie sich in Ihrem Vergnügen nicht stören, sondern über essen Sie ruhig Ihre Eier. Hoffentlich sind sie richtig gekocht.“ Dann fuhr P™pbylak- er fort: „Sind Sie sehr außer sich, daß Sie statt nach London nach Petersburg kommen? London ist als Wohnort freilich angenehmer. Und Paris zu verlassen, wird Ihnen wohl auch nicht leicht? Wie dem auch sein möge, Sie machen gute Miene zum bösen Spiel und spielen sich nicht auf den Pikierten, was immer das klügste ist.“ Ich erwiderte, ich fände es ganz interessant, daß ich, nachdem ich vor nicht allzu langer Zeit in der Wüste bei Biskra spazierengeritten sei, mich jetzt am Anblick des Finnischen Meerbusens und binnen kurzem an der zugefrorenen Newa ergötzen würde. Der Fürst nickte und kam sogleich auf unsere auswärtige Lage. „Unsere Politik ist und bleibt eine Friedenspolitik. Wir haben gar keinen Grund, einen Krieg zu wünschen, denn ich sehe nicht ein, was wir bei einem Kriege zu gewinnen hätten. Die Annexion von Deutschösterreich oder gar der baltischen Provinzen oder vollends der Holländer oder Schweizer würde für uns nur eine Schwächung bedeuten. Und sogenannte prophylaktische Kriege zu führen, das heißt über einen andern herzufallen, damit er, noch stärker geworden, nicht über mich herfalle, halte ich, wie Ihnen Ihr Herr Vater gesagt haben wird, der darin mit mir übereinstimmte, nicht allein für unchristlich, sondern auch für politisch unvernünftig. Wohin ist Napoleon I. mit seinen prophylaktischen Kriegen gekommen ? Man weiß, wie man in einen Krieg hineinkommt! Aber man weiß nie, wie man aus ihm herauskommen wird. Dreimal hat Gott uns den Sieg verheben. Das war viel Gnade. Es ohne zwingenden Grund zu einem vierten Kriege kommen zu lassen, hieße Gott versuchen. Die Aufrechterhaltung des Friedens deckt sich mit unserem Interesse. Natürlich müssen wir unser Schwert scharf erhalten. Unsere 556 DER PIVOT politische Stellung, Macht, Ehre und Reichtum verdanken wir in erster Linie der Armee. Die Armee sichert auch die monarchische Ordnung der Dinge, die einzige solide Basis des Reichs, der Ordnung und unseres zunehmenden Wohlstandes. Der Pivot unserer Stellung und damit unserer Politik, der Punkt, auf den es am meisten ankommt, ist unser Verhältnis zu Rußland. Die Franzosen werden uns nur angreifen, wenn wir mit Rußland in Krieg geraten sind, dann aber ganz sicher. Was die Engländer angeht, so haben sie überhaupt keinen Grund, uns anzugreifen, wenn sie auch anfangen, neidisch auf unser industrielles Wachstum und unsere kommerziellen Fortschritte zu werden. Der Engländer ist wie der Hund in der bekannten Fabel, der es nicht vertragen konnte, daß ein anderer Hund auch ein paar Knochen vor sich hat, obwohl er selbst, der fette Köter, vor einer ganz vollen Schüssel sitzt. An einen englischen Angriff ist nur zu denken, wenn wir uns sowohl mit Rußland wie mit Frankreich im Kriege befänden oder irgendeinen kompletten Unsinn machen würden, wie Holland oder Belgien zu überfallen, oder die Ostsee zu schließen durch Okkupation des Sundes, oder einen sonstigen Blödsinn, mit dem nicht zu rechnen ist. Also Petersburg ist jetzt für uns der wichtigste diplomatische Posten. Darum habe ich Sie dorthin gesetzt. London und Paris sind doch mehr Beobachtungsposten. In Ländern, wo im letzten Ende das Parlament entscheidet, kann der Diplomat nicht allzuviel machen. In einem Lande, wo es in erster Linie auf den Souverän ankommt, steht die Sache anders. Auch der größte Autokrat handelt nie nur nach eigener Eingebung, wenn er sich dies auch bisweilen einbildet. Er wird immer eine Frau haben, eine Mätresse, Brüder, Vettern, Tanten, Günstlinge, Flügeladjutanten und Kammerherren, die ihn mehr oder weniger beeinflussen. Da kann der Diplomat Positives leisten und erreichen. Gortschakow sind wir ja Gott sei Dank losgeworden. Sein Nachfolger, Herr von Giers, ist kein Held, aber jedenfalls wohlgesinnt. Ich halte ihn für ehrlich, dem Gortschakow bei weitem vorzuziehen. Ich halte auch AlexanderlH. für loyal. Daß er uns nicht so wohlgesinnt ist wie sein Herr Vater, ist kein Unglück. Denn gerade weil Alexander II. bis über die Ohren in der Tradition der Freiheitskriege stak, war er so empfindlich für alles, was er mit Unrecht als eine Abweichung von den Prinzipien der Heiligen Allianz betrachtete. Er war wie eine Frau, die, weil sie in ihren Mann früher sehr verliebt war, ihn noch bis in sein hohes Alter mit Empfindlichkeit und Eifersucht verfolgt und immer fragt: ,Hast du mich noch lieb ?‘ Mit AlexanderlH. ist, wie ich glaube, ein ruhiges, klares Nachbarverhältnis ganz gut möglich. Weisen Sie in Petersburg nur immer darauf hin, daß kein Mensch wissen kann, wie ein kriegerischer Zusammenstoß zwischen den drei Kaisermächten militärisch verlaufen würde. Aber eins ist sicher: Die drei Dynastien, die drei Monarchen würden voraussichtlich die Zeche ZWISCHEN ZWEI KLIPPEN 557 bezahlen, und die einzige, wirkliche Gewinnerin würde die Revolution sein. Napoleon hat auf St. Helena gesagt, Europa würde nach seinem Sturz entweder kosakisch oder republikanisch werden. Ich glaube, daß, wenn der Kurmärker und der Kosak aneinanderkommen, Europa republikanisch werden könnte. Der delikate Punkt in unserem Verhältnis zu Rußland ist natürlich Österreich. Wir können Österreich nicht überrennen und zerschlagen lassen. Wir dürfen uns aber ebensowenig durch Österreich in einen Krieg mit Rußland treiben lassen. Zwischen diesen beiden Klippen durchzukommen, ist eine Sache der Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit, ungefähr so, wie zu verhindern, daß zwei Züge aufeinander- fahren. Der Weichensteiler muß die Augen offen und eine ruhige Hand haben. Am schwierigsten zu behandeln sind die Magyaren, weil sie so hitzig sind. Sie sind für uns die beste Stütze in unserem Verhältnis zur habsburgischen Monarchie, aber sie sind auch diejenigen, die gegenüber Rußland am meisten zu übertriebenem Mißtrauen und zu Unvorsichtigkeit neigen. Übrigens hat es Gott in seiner Weisheit so eingerichtet, daß die Völker des Orients, der bekanntlich auf der Wiener Landstraße anfängt, sich untereinander nicht ausstehen können. Die Magyaren und die Rumänen, die Kroaten und die Serben, die Türken und die Bulgaren, die Tschechen und die Slowaken, die Hellenen und die Albanesen hassen sich untereinander noch mehr, als sie den Deutschen hassen.“ Ich hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, mit unbegrenzter Bewunderung. Ich ließ mich aber dabei nicht in meinem Frühstück stören, sondern verzehrte ruhig und mit Behagen meine Eier, das geröstete Brot und einen geräucherten Hering, den mir die gute Fürs tin auf mein Zimmer hatte bringen lassen. Als ich im Laufe des Nachmittags mit Bill einen Spaziergang unternahm, sagte er mir: „Es wird Sie freuen, daß mein Vater sich freundlich über Sie ausgesprochen hat. Namentlich hat ihm gefallen, daß Sie ruhig Ihre Eier weiteraßen. ,Er hat gute Nerven 4 , meinte er, ,er gefällt mir überhaupt . 4 44 Am nächsten Tage kam Fürst Bismarck nicht mehr auf Fragen der auswärtigen Politik zurück. Dagegen erging er sich im Familienkreise vor mir in heftigen Äußerungen über seine innern Gegner. Er denke nicht daran, ein automatisches Regiment zu führen, wie ihm das täglich vorgeworfen würde. Ein solches würde ganz anders aussehen als der jetzt in Deutschland bestehende Zustand. Er wisse sehr gut, daß in Deutschland in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein absolutistisches und automatisches Regime einfach unmöglich wäre, auch abgesehen davon, daß ihm ein solches nie als Ideal erschienen sei. Ein parlamentarisches Regime erschiene ihm aber ebenso unmöglich. Unsere Fraktionen besäßen weder den Patriotismus der Franzosen noch den gesunden Menschenverstand der Bismarcks innerer Gegner 558 DER FÜRST ÜBER BÜLOWS VATER Engländer. Unter solchen Umständen verstünde er nicht, was sich die Deutschfreisinnigen von der Einrichtung verantwortlicher Reichsministerien versprächen, die sie neuerdings in ihr Programm aufgenommen hätten. Darauf würde er sich, so lange er im Amte bleibe, auf keinen Fall einlasscn. Das parlamentarische System würde bei der politischen Unfähigkeit des gebildeten Deutschen zu Zuständen führen wie 1848, nämlich zu Schwäche und Unzulänglichkeit oben und zu Selbstüberschätzung und zu immer frecheren Forderungen unten. Im Nachtrag zu meinem Besuch in Varzin wie zur Kennzeichnung der Ein Aufsatz Freundschaft zwischen meinem Vater und dem Fürsten Bismarck möchte von ich noch folgendes erwähnen. Drei Jahre nach dem Rücktritt des Fürsten Hans Blum ßigmaj-c]^ j m Frühjahr 1893, veröffentlichte der Publizist Hans Blum, der älteste Sohn des 1848 von den Österreichern in der Brigittenau bei Wien standrechtlich erschossenen Agitators Robert Blum, einen Aufsatz über Unterredungen mit dem Fürsten Bismarck, in dem er angebliche ungünstige Äußerungen des Fürsten über meinen Vater wiedergab, dem er unter an- derm ein allzu scharfes Verhalten gegenüber seinen dienstlichen Untergebenen vorgeworfen habe. Mein Bruder Christian, Rittmeister bei den 2. Gardedragonern, der bald nachher Herbert Bismarck in Sorrento begegnete, stellte ihn zur Rede und bat um Aufklärung. Am 31. März 1893 schrieb mir, nach Schönhausen zurückgekehrt, Herbert Bismarck: „Ihr Brüder Christian wird Ihnen über unsere Unterredung in Sorrento geschrieben haben. Nachdem wir die mit erheblicher Hetzerei verbundene italienische Reise hinter uns hatten, habe ich während der Muße in Fiume an meinen Vater darüber geschrieben und fand bei meinem Eintreffen hier vor drei Tagen seine Antwort vor, aus der Sie folgende Stellen interessieren werden. Auf der ersten Seite sagte er: ,Ich habe mit Blum unbefangen konversiert, weil seine parlamentarische Tätigkeit im Hinblick auf den Tod seines Vaters ihn mir nähergebracht hatte. Er war für mich kein Unbekannter, und er hat meine Unbefangenheit ungeschickt und ungenau ausgebeutet. Soviel ich mich erinnere, ist übrigens in seinen Indiskretionen der Name Bülow gar nicht vorgekommen. Bülow im Blumschen Sinne zu beurteilen, hat mir femgelegen. Er war ein so anständiger, liebenswürdiger Freund für mich, daß er als Beamter weit mehr Schärfen hätte haben können, als ich an ihm je kennengelemt habe. Ich würde doch von ihm mit keinen anderen Gefühlen als denen des Wohlwollens geschieden sein, welches ich auch, nachdem er krank war und in Potsdam wohnte, persönlich betätigt habe. Ich glaube, er war der einzige, der Ähnliches von mir erlebt hat.* Ich freue mich, Ihnen diesen Auszug aus dem Briefe meines Vaters mittcilen zu können, da ich weiß, daß Sie darüber Befriedigung empfinden werden. Ich füge weiter nichts hinzu, da ich Ihrem Bruder gegenüber sehr REISE NACH PETERSBURG 559 warm und eingehend gesprochen habe und annehme, daß Ihnen das bereits bekannt ist. In Rom hatten wir die Freude, Donna Laura wiederholt in alter Frische und Liebenswürdigkeit zu sehen. Sie hat das Herz meiner Frau ganz gewonnen. In alter Freundschaft stets Ihr H. B.“ Fast vierzig Jahre nachdem ich den Fürsten Bismarck in Yarzin besucht hatte, schrieb mir am 10. Juni 1922 Frau von Schmoller, die Witwe des bekannten Nationalökonomen, sie sei seit langem befreundet mit einer Frau von Zitzewitz, einer geborenen von Puttkamer, deren Eltern Verwandte und Freunde der Familie Bismarck gewesen seien. Es hieß weiter in dem Schreiben: „In Yarzin, weit zurückliegend in der Zeit, sprach eine Kusine der Fürstin Bismarck, eine Frau von Puttkamer-Varzin, mit dem Fürsten, der im Moment wenig gut gestimmt war, am liebsten alles hinter sich getan hätte, darüber, daß er doch keinen Nachfolger habe, was er auch zugab; als sie dann fragte, ob er sich denn für später einmal jemand denken könne, verharrte er länger schweigend und meinte dann: ,Ja, einen wüßte ich doch, Bernhard Bülow. Er ist jetzt Legationssekretär. Er würde es einmal machen können/ Die damals junge Tochter von Frau von Puttkamer, jetzt Frau von Zitzewitz, gedachte bei der Ernennung des Fürsten Bülc^w des damals auch von ihr gehörten Wortes des Fürsten Bismarck.“ Von Varzin begab ich mich über Stolp, Danzig und Königsberg an meinen neuen Bestimmungsort. In Königsberg notierte ich möglichst wortgetreu meine Varziner Eindrücke. Diese Niederschrift legte ich der vorstehenden Schilderung zugrunde. Dann schrieb ich in derselben Nacht einen langen Brief an die Gräfin Marie Dönhoff, in dem ich ihr sagte, wie schmerzlich es mir sei, daß wir nun so weit voneinander entfernt sein würden, denn St. Petersburg liege weit von Rom, wo sie bei ihrer Mutter an der Piazza Paganica weilte. Aber keine räumliche Entfernung, nicht Raum noch Zeit würden mich je von ihr trennen können. Sie antwortete mir, indem sie mir die deutsche Übersetzung eines Gedichtes von Leopardi schickte. Das Gedicht heißt „Liehe und Tod“. Es lautet auf deutsch: Das Licht erblickten einst zur selben Stunde Als Brüder Tod und Liebe. So Holdes blüht im irdischen Getriebe Nicht mehr, wie diese, noch auf anderen Sternen. Denn von der einen stammen die Lieblichsten der Freuden, Erquickend auf des Lebens Meer die Herzen, Der andere tilgt die Schmerzen, Die Übel allzusammen. Als Kind, von Reiz umstrahlet Und anzusehn erfreulich, Station in Königsberg 560 DIE HERRIN LIEBE Nicht so, wie sich das feige Volk ihn malet, Begleitet er zuweilen Den kleinen, zarten Liebesgott getreulich. Da sieht man sie gesellt die Welt durcheilen, Zum Trost für weiser Herzen einsam Schmachten. Und weiser wird niemals ein Herz erscheinen Als das des Liebenden, noch mutbeseelter, Das Leben zu verachten, Und nie so gern ertragen wir Gefahren Für andere Herren als für die Herrin Liebe. Die deine Hilf erbaten, 0 Liebe, sehn, erwacht zu höherm Triebe, Den Mut, und klug in Taten, Nicht in Gedanken bloß, wie sonst sie pflegen, Sind dann die Menschenkinder allerwegen. Erwachen, die da schliefen, Die Regungen der Liehe, Aufs neue wieder in des Herzens Tiefen, Da meldet seltsam sich zugleich mit ihnen Ein lebensmüdes Sehnen nach dem Tode. Nicht weiß ich wie. Doch allen so erschienen Ist dies als echten Liebens erste Wirkung. Vielleicht erschreckt das Auge Sodann die Öde dieser Weltumzirkung. Vielleicht ist schal die Farbe dann den Blicken Des Menschen, ohne jenes Unendliche und Neue, Das einzig ihn vermöchte zu beglücken! Und großen Lebenssturm um seinetwillen Sieht er voraus und trachtet Nach Ruh, strebt, in den Hafen sich, den stillen, Zu flüchten vor dem wütenden Verlangen, Das ihn gewittergleich erfüllt mit Bangen. Und dann, wenn überwunden Ihn ganz die Macht, die hehre, Und in der Brust ihm tobt zu allen Stunden Das Leid — oh, wieviel Male Ruft dann sein Herz, das schwere, Herbei den Tod, zum Trost für seinen Kummer! Wie oft des Abends und wie oft im Strahle Des Morgens, stets noch unerquickt vom Schlummer, Meint er beglückt sich, wenn’s vergönnt ihm wäre, Nie wieder zu erheben Vom Lager sich, nie mehr das Licht zu schaun! „DEN MUTBESEELTEN GEISTERN“ 561 Und oftmals bei dem Klang der Totenglocke, Beim Liede, das geleitet Den Menschen hin zu des Vergessens Auen, Da hört man ihn mit Seufzern Den Glücklichsten beneiden, Den er so sieht von dieser Erde scheiden. Sogar das Volk, das roh und unbelehret, Der Landmann, unerfahren Der Tugenden, die Bildung nur bescheret, Das Mägdlein auch, dem sonst der Mut zu schwinden Beginnt beim bloßen Nennen Des Todes mit emporgesträubten Haaren: Es wagt, aufs Grab und auf des Todes Binden Den Blick zu richten, fest und standhaft Eisen Und Gift erwägt es, ruhig, Gefaßt nun lange Stunden, Und klar wird ihm die Schöne Des edlen Tods im Geiste, dem unweisen, So sehr erzieht zum Tod die Menschensöhne Der Liebe Zucht. Und oft, wenn schier unsäglich Herangewachsen ist die Qual im Herzen, Daß ird’scher Kraft sie nimmer deucht erträglich, Dann weicht dem Stoß der Schmerzen Der schwache Leib und obsiegt solcherweise Die brüderliche Macht des Todes — oder So stark ist im Gemüt der Sporn der leise Des tiefen Liebesdranges, daß gewaltsam Mit ihren eigenen Händen Der rohe Landmann und das schwache Mägdlein Ihr ird’sches Los vollenden unaufhaltsam. Die Welt bespöttelt solches Los — sei Frieden Und hohes Alter ihr doch stets beschieden! Den heißen, den beglückten, Den mutbeseelten Geistern Gewähr das Schicksal einen von euch beiden, Willkommen Herrn und Meistern Und Freunden dieser Menschheit, Die nichts im All an Macht so kann erreichen Als das Verhängnis. Du, den vom Beginn Des Lebens an ich rufe stets und ehre, Mit wandellosem Sinne, Du, holder Tod, der einzig Mitleidig auf dies Dasein blickt, das schwere, Wenn je du dich gepriesen i ■ i I 36 Bülow IV 562 TOD UND LEBEN Von mir empfindest, wenn, Göttlicher, dich jemals Ich zu cntschäd’gen strebte Für Undank, den dir schnödes Volk erwiesen, 0 säume nicht mehr, komm mit raschen Schritten Und schließe diesem Lichte, Nun endlich weichend längst entwöhnten Bitten, Mein düstres Aug, o Herrscher dieses Lebens! Wann immer ich nicht flehe mehr vergebens Und du zu mir herniedersenkst die Schwingen — Gewappnet, hoch die Stirn, Wirst du mich finden, mutvoll stets begegnend Dem Schicksal, nie die Hand, die ich in meinem Unschuldigen Blute färbt und mich getroffen Mit Geißelschlägen, rühmend oder segnend, Wie Sklavensinn der Menschen tut seit lange, Abscliüttelnd jedes Hoffen, womit die Welt, die bange, Sich kindisch tröstet, jede Beschwichtigung, vom Schicksal nichts erwartend Als dich und heiter stets entgegensehend Dem Tag, wo nach erfülltem Lehenslose Mein Haupt zur Ruh sich legt in deinem Schoße. Unter diese herrlichen Verse hatte die Gräfin Marie mit fester Hand geschrieben: „Ohne Dich lieber den Tod, mit Dir lieber das Leben.“ XL. K A P I T E L St. Petersburg (Juli 1884) • Geschäftsübemahme • Tod von Gortscbalcow und Skobelew Reichssekretär Polowzow ■ Herr von Giers • Kaiserbegegnung von Skierniewice, Vorbereitung der Entrevue • Bei Bismarck in Berlin • Reise nach Skierniewice • Kaiser Wilhelm ]., Kaiser Alexander III. und Kaiser Franz Josef • Warschau • Generalkonsul von Rechenberg • Graf Fersen • Graf Dmitri Tolstoi • Pobjedonoszew • Gräfin Kleinmichl • Madame Durnow • General Tscherewin I ch hatte im März 1876 das winterliche, trübe und dunkle, in Eis, Schnee und Nebel gehüllte St. Petersburg verlassen. Ich kehrte jetzt, im Juli Gortschakows 1884, in das St. Petersburg der hellen und weißen Nächte und der gerade Ende an der Newa drückenden und schwülen Sommerhitze zurück. Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakow war nicht mehr. Im hohen Alter von vierundachtzig Jahren war er zwei Jahre vorher zurückgetreten. Den Zynismus, den sein ganzes Leben zur Schau getragen hatte, verleugnete er auch nicht, als er aus dem Amte schied. Er empfing eine Deputation des Ministeriums des Äußern, die ihm feierlich eine seinem Geschmack entsprechende, in prunkvolle Phrasen gekleidete Abschieds- und Huldigungsadresse aller Beamten der ihm während sechsundzwanzig Jahren unterstellten großen Behörde überreichte, mit den zynisch-unflätigen Worten: „Une bonne nouvelle pour commencer. J’ai eu ce matin une excellente seile. Voltaire a dit que pour un vicillard c’etait lä le seul vrai bonheur.“ Ein Jahr später starb Gortschakow in Baden-Baden. Er war bis zuletzt ein lasterhafter Greis, eine unter allen Verhältnissen unerfreuliche Erscheinung. Er hatte schon während des Russisch-Türkischen Krieges in Bukarest dadurch Anstoß erregt, daß er jeden Abend in einem Cafe chantant den Obszönitäten französischer Chansonetten applaudierte. Gortschakow wurde in Baden- Baden vom Tode im Bett einer Dienerin der Venus vulgivaga ereilt. Das erschrockene Mädchen stürzte zur Polizei, die begreiflicherweise Aufsehen und Skandal vermeiden wollte. Es wurde verfügt, daß die Leiche des russischen Altkanzlers unauffällig in den von ihm bewohnten Gasthof übergeführt werden sollte. Man legte also den Leichnam in einen großen Korb und deckte ihn mit schmutziger Wäsche zu. So traf die sterbliche Hülle im Hotel ein, und der Pope der orthodoxen Kapelle konnte nun seines Amtes walten. 36 * 564 DER HELD VON PLEWNA Das Ende von Gortschakow erinnerte an den ein Jahr vorher erfolgten Skobelevos Tod des Generals Michail Dimitrije witsch Skobelew. Der Besieger der Teke- T°d Turkmenen, der Eroberer von Chiwa und Kokan, der Held von Geoktepe, Lowatz und Plewna starb in einem Moskauer Bordell. Sinnlos betrunken, hatte er sich in einer masochistischen Anwandlung an einen Türpfosten anbinden lassen und den Bewohnerinnen des Hauses befohlen, ihn, unbekümmert um sein etwaiges Protestieren und Schreien, bis aufs Blut zu peitschen. Als die Dirnen, des Flagellierens müde, die Geißelung einstellten, hatte ein Herzschlag dem Leben des noch nicht vierzigjährigen Generals ein Ende gemacht. Der Leiter der „Moskauer Zeitung“, Michail Nikoforo- witsch Katkow, der Hauptvertreter eines reaktionären, absolutistischen und streng nationalen Systems, wurde gerufen und sorgte für die unauffällige Überführung der Leiche des seit Suwarow populärsten russischen Generals in die auf der Höhe des Kremls gelegene Erlöserkirche, deren goldene Gitter und deren Gold- und Silbergefäße in ganz Rußland berühmt waren. Auch wer von Prüderie und Pharisäertum frei war, mußte sich gegenüber dem Ausgang des alten Gortschakow und des jungen Skobelew, des Staatsmannes und des Feldherm, sagen, daß die elegante, ja raffinierte und glänzende Außenseite des vornehmen Russentums viel Roheit und sehr viel Fäulnis zudeckte. Die sofort in französischen Zeitungen auftauchende Behauptung, daß Skobelew das Opfer einer finsteren deutschen Intrige geworden sei, war natürlich eine sinnlose Erfindung, die dem elendesten Hintertreppenroman zur Unehre gereicht hätte. Der Tod von Skobelew wurde bei uns keineswegs freudig begrüßt. Es gab in der russischen Armee ebenso gute, ja bessere Generäle als ihn. Wohl aber dürfte der russische Hof nach dem Hinscheiden Skobelews erleichtert aufgeatmet haben. Es wurde behauptet, daß Skobelew nicht übel Lust gehabt habe, die Rolle des russischen Bonaparte zu spielen. Zu einer hübschen französischen Gouvernante, der er den Hof machte, hatte er gesagt: „Vous serez ma Josephine.“ Ich war gerade noch rechtzeitig in St. Petersburg eingetroffen, um vom Bülows Botschafter von Schweinitz, der am nächsten Tage nach Deutschland Antritt abreiste, die Geschäfte zu übernehmen. Als ich ihn aufsuchte, traf ich bei als Geschäfts- ^m den Reichssekretär Pol owzow. Dieser hohe Beamte war ein echt träger j.yggjgß^gj. Typus. Ein neuer Beweis für die Richtigkeit der bekannten Äußerung des Marquis Adolphe Custine, des Freundes von Rahel und Yarn- hagen, der in seinem Buch über Rußland schon vor achtzig Jahren der Meinung Ausdruck gab, que la facilite de faire sa carriere preservait la Russie des Tsars d’une revolution generale. Polowzow stammte aus bescheidenen Verhältnissen und hatte das wenige Geld, das er besaß, als kleiner Tschinownik verspielt. Der Russe liebt leidenschaftlich das Kartenspiel. So gut wie ruiniert, nahm Polowzow seine letzten Rubel in die Hand, kleidete HERR VON GIERS 565 sich wie ein Gentleman und machte der reichsten für ihn zugänglichen Erbin den Hof. Auch deren Schicksal war merkwürdig gewesen. Sie war die Adoptivtochter des Bankiers Stieglitz, die vor dessen Haus, in bescheidene Windeln eingewickelt, als eben geborenes Kind von den Hausknechten, den Dvorniks, an einem kalten Wintermorgen gefunden worden war. Stieglitz stammte aus Hannover. Es wurde erzählt, daß in alter Zeit, long ago, zwei kleine, aber intelligente Judenknaben die Stadt an der Leine verlassen hätten, um in der Welt ihr Glück zu suchen. Der eine ging nach Hamburg und wurde der Altervater der dort und von dort aus in Paris florierenden Bankierfamilie Heine. Der andere ging nach St. Petersburg und gründete das Bankhaus Stieglitz. Als sich Polowzow nach angeregter Konversation mit Schweinitz und mir entfernt hatte, sagte mir der Botschafter: „Sie bringen für St. Petersburg eine wertvolle Gabe mit. Sie sprechen sehr gut Französisch. Das ist der Schlüssel zum Herzen der Petersburger Upper ten thousand. Nun brauchen Sie nur noch den leading ladies der St. Petersburger Gesellschaft den Hof zu machen, und Sie haben gewonnenes Spiel.“ Als ich erwiderte, daß ich hierzu aus verschiedenen Gründen wenig Lust verspürte, lächelte der weltkundige General: „Desto besser. Sie kennen doch Goethe ? Gerade der, dem wenig daran zu liegen scheint, ob er reizt, ,ob er rührt, der beleidigt, der verführt 4 .“ Einige Tage später fuhr ich nach Gatschina, dem nicht allzu weit von St. Petersburg entfernten, düsteren, aber vor nihilistischen Attentaten am leichtesten zu schützenden Lieblingsschloß des Kaisers Alexander III., um mich als deutscher Geschäftsträger dem Minister des Äußern, Herrn von Giers, vorzustellen, der, wenn der Kaiserin Gatschina residierte, auch dort zu weilen pflegte. Nikolai Karlowitsch von Giers, damals vierundsechzig Jahre alt, machte äußerlich einen kümmerlichen Eindruck. Vor der Zeit ergraut, nachlässig angezogen, immer in gebeugter Haltung, besaß er nicht im entferntesten den Aplomb eines Schuwalow oder Orlow, eines Lobanow oder Ignatjew. Er hatte seine Laufbahn im Konsular dienst begonnen und war dann Gesandter in Bern und Stockholm gewesen. Seine Feinde behaupteten, er sei jüdischer Extraktion und heiße eigentlich Hirsch. In Wirklichkeit war sein Großvater, ein kleiner schwedischer Edelmann, aus Schweden über Finnland nach Rußland gekommen. Giers war in Rußland nicht populär. Er wußte das. „Meine Familie“, pflegte er zu sagen, „führt im Wappen einen kleinen Fisch, der gegen den Strom schwimmt. Das ist auch mein Los.“ Bei aller Unscheinbarkeit war Giers der beste, weiseste Minister des Äußern, den das Zarenreich seit Nesselrode gehabt hat. Drei Jahre später sagte mir einmal der Großfürst Wladimir in einem vertraulichen Gespräch: „Wie alle Welt, habe auch ich früher auf Nikolai Karlowitsch Fahrt nach Gatschina 566 DREI-KAISER-BEGEGNUNG geschimpft. Seit einer eingehenden und ganz offenen Aussprache, die ich mit ihm gehabt habe, hin ich der Überzeugung, daß Rußland und daß insbesondere das kaiserliche Haus keinen bessern Minister und Ratgeber haben kann als Giers.“ Bei unserer ersten Begegnung forderte Herr von Giers mich auf, einen Giers Spaziergang mit ihm zu unternehmen. Während wir durch den Park über schritten, meinte er mit seiner gedämpften, klanglosen Stimme: „Ich habe Alexanderlll. durch Orlow und Murawjew von Ihnen gehört, auch haben Sie in unserer Petersburger Gesellschaft bei Ihrem ersten Aufenthalt in Rußland ein gutes Andenken hinterlassen. Mein Sohn und meine liebe, inzwischen leider verstorbene holländische Schwiegertochter sind von Ihren Eltern vor Jahren in Berlin freundlich aufgenommen worden. Ich komme Ihnen mit Vertrauen entgegen. Wir brauchen den Frieden, und Sie haben auch gar kein Interesse an einem Kriege. Voilä une base solide pour etre d’accord. Es kommt darauf an, daß von beiden Seiten unterbleibt, was unnötig verstimmen könnte.“ Nach einer kleinen Pause fügte der Minister hinzu: „Mein Kaiser will vor allem, daß man ihn in Ruhe läßt. Es ist nicht richtig, daß er ein Deutschenfeind sei. Er ist so wenig ein Feind der Deutschen, wie er ein Freund der Franzosen oder der Engländer oder der Spanier ist. Er ist ganz anders als sein Vater, sein Großvater und Großonkel, als Alexander II., Nikolaus und Alexander I. Unser jetziger Kaiser, Alexander III., ist Russe, nur Russe. Er mag alle Fremden nicht. Wenn man das in Berlin im Auge behält, können wir sehr gut zusammen auskommen.“ Obwohl ich eigentlich für Herrn von Giers einen Auftrag in der Tasche hatte, hielt ich cs für angezeigt, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich begnügte mich mit dem angenehmen Eindruck, daß er mir Vertrauen entgegenbrachte, und verabschiedete mich. Sehr bald nach meinem Eintreffen in St. Petersburg hatte mir Bill Bismarck privatim geschrieben, daß sein Vater nach allerhand Mißverständnissen der letzten Jahre eine Begegnung der drei Kaiser für erwünscht hielte. Als Zeit wurde Mitte September, als Ort der Begegnung irgendein russisches Schloß zwischen der preußischen Grenze und Warschau vorgeschlagen. Ich möge vorsichtig das Terrain sondieren. Wenn meine Sondierung ein günstiges Ergebnis haben sollte, würde der Botschafter von Schweinitz nach seinem Wiedereintreffen auf seinem Posten die offizielle Einladung überbringen. Da mich Giers aufgefordert hatte, ihn bald wieder zu besuchen, „non pas en Charge d’affaires, mais en ami“, denn er wollte mich seiner Familie vorstellen, fuhr ich einige Tage später zum Abendessen nach Gatschina. Frau von Giers war von Geburt Rumänin, eine Kantakuzenos aus der bekannten Phanarioten- und Hospodaren-Familie, eine würdige und liebe Frau. Eine Tochter, offenbar der Liebling des Vaters, war an der Tuberkulose BISMARCK UND PRINZ WILHELM 567 erkrankt. Die Ärzte gaben wenig Hoffnung. Jetzt saß sie noch, blaß und mit fiebernden Augen, an der Abendtafel. Als sie sich zurückgezogen hatte, erzählte ich ihren Eltern, wie sehr meine Eltern unter dem Verlust ihrer einzigen Tochter gelitten hätten. Herr von Giers brachte mich selbst zur Bahn zurück. Ich hielt es für das klügste, nach dem Rat, den Mephisto im „Faust“ dem Schüler erteilt, den Augenblick zu ergreifen. Ich erzählte dem Minister ohne Umschweife oder Finasserie, was mir Bill Bismarck geschrieben hatte. Giers überlegte einen Augenblick, dann sagte er mir: „Ich bin Ihnen für Ihre Offenheit dankbar. Auch ich würde eine Zusammenkunft der drei Kaiser für gut halten, für die Kaiser selbst, für ihr gegenseitiges Verhältnis und auch für die Galerie. Ich will sehen, was sich machen läßt.“ Bald nachher bat mich Herr von Giers auf das Ministerium des Äußern und eröffnete mir, daß sein Souverän zugestimmt habe. „Sans enthousiasme! II ne s’emballe guere. 11 ne perd jamais son equilibre, son plilegme, si vous voulez. II accepte, mais ä la condition qu’on ne lui deman- dera pas de prononcer un discours. II a horreur des discours.“ Als ich diese Antwort nach Berlin gemeldet hatte, erhielt ich ein Telegramm des Kanzlers, das mich aufforderte, auf einige Tage nach Berlin zu Bericht kommen. Kaiser Franz Josef hatte sich inzwischen mit der Begegnung und Bülows in dem für sie gewählten Ort, dem kaiserlichen Jagdschloß Skierniewice im Gouvernement Warschau, einverstanden erklärt, und der Botschafter von Schweinitz war auf seinen Posten zurückgekehrt. In Berlin eingetroffen, wurde ich vom Fürsten Bismarck zu Tisch gebeten. Ich traf bei ihm den Prinzen Wilhelm, der mich mit beinahe stürmischer Freundlichkeit begrüßte, die aber weniger mir galt als meinem Bruder Adolf, der, seit vier Jahren sein Adjutant, ihm ein persönlicher, von ihm ungemein geschätzter und geliebter Freund geworden war. Fürst Bismarck, dessen Argwohn nie schlief, was bei vielen trüben Erfahrungen, die er in seinem heroischen Leben gemacht hatte, begreiflich war, sah während einiger Sekunden verwundert und nicht ohne Mißtrauen auf den Prinzen und auf mich. Dann nahm er mich beiseite und frug mich nach meinen ersten Eindrücken in Petersburg. Ich entgegnete: „Als ich das letztemal in Petersburg weilte, im Winter 1875/76, lebten wir mit Rußland in einer Liebesebe. Jetzt ist daraus eine Vernunftehe geworden.“ Der Fürst, der das Verhältnis zu unserem nördlichen Nachbarn offenbar ähnlich beurteilte, lachte und meinte: „Das könnte stimmen.“ Daun sagte er mir, er wünsche, daß ich der Drei-Kaiser- Begegnung in Skierniewice beiwohne. Ich möge mich dem Gefolge unseres Kaisers anschließen. Er selbst würde seine beiden Söhne mitnehmen, damit die auch einmal etwas zu sehen bekämen. Als Prinz Wilhelm ging, äußerte er, er könne nicht länger bleiben, weil er „leider“ bei seinen Eltern erwartet werde. Der Fürst antwortete in dem sehr förmlichen Ton, der ihm, wenn er 568 ERINNERUNGEN EINES ALTEN MANNES wollte, za Gebote stand: „Ich bitte Eure Königliche Hoheit, mich Ihren allerdurchlauchtigsten Eltern alleruntertänigst zu Füßen legen zu wollen.“ Der Prinz, der offenbar ein Eingehen auf seinen jokosen Ton erwartet hatte, sah verdutzt aus. Am nächsten Morgen wurde die Fahrt nach Skiemiewice angetreten. Kaiser Der Kaiser, damals siebenundachtzig Jahre alt, erzählte im Eisenbahn- Wilhelm wa g en von seinen früheren Besuchen in Rußland. Besonders lebhaft stehe reis« nach ^j im e [ n Besuch vor Augen, den er vor sechzig Jahren seiner Schwester Char- lotte und deren Gemahl, dem damaligen Großfürsten Nikolaus Pawlowitsch, abgestattet hatte. Als er damals dem regierenden Kaiser Alexander I. seine Aufwartung machte, habe ihm dieser als Geheimnis anvertraut, daß nach seinem (Alexanders) Tode nicht sein zweiter Bruder Konstantin, der wegen seiner morganatischen Heirat, auch wegen Kränklichkeit und weil er „un original“ sei, die Nachfolge abgelehnt habe, sondern der dritte Bruder, Nikolaus, den Zarenthron besteigen werde. Kaiser Wilhelm fuhr fort: „Den Abend des Tages, wo ich diese Confidence erhielt, verbrachte ich bei meiner Schwester und bei meinem Schwager Nikolaus. Als ich sie in ihrer gemütlichen Häuslichkeit beisammen sah, dachte ich mir: ach ihr Armen! Ihr wißt nicht, was euch Böses bevorsteht!“ Kaiser Wilhelm kam dann auf seine Kindheit zu sprechen. Er erzählte ohne Pose, ohne jede Eitelkeit, ganz einfach. Etwa wie Wilhelm von Kügelgen in den „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ erzählt oder Walter Scott in den „Tales of a Grandfather“ oder Guizot in seiner „Histoire de France, racontee ä mes petits enfants“. Der Kaiser erzählte uns unter anderm: „Nach alter Tradition werden die preußischen Prinzen an ihrem zehnten Geburtstag in die Armee eingestellt. Gleichzeitig erhalten sie den Schwarzen Adlerorden. Weihnachten 1806 führte mich mein seliger Vater in Memel unter unseren sehr bescheidenen Weihnachtsbaum und sagte mir: ,Eigentlich solltest du erst an deinem Geburtstag, am 22. März 1807, Offizier w r erden. Da ich aber nicht weiß, wo und wie wir uns dann befinden werden, so ernenne ich dich schon heute zum Leutnant und verleihe dir unseren Orden. Trage Uniform und Orden immer in Ehren. 4 Ich legte die meiner kindlichen Figur entsprechende kleine Uniform an, zum ersten Male eine preußische Uniform. Meine schöne Mutter weinte bitterlich.“ Wir passierten die Weichselbrücke bei Thorn. Wir passierten Thom. Aus der Hermann Balk, wohl der größte unter den Hochmeistern des Deutschen Geschichte. Ordens, hat Thorn gegründet und die Gegend mit Westfalen kolonisiert. von Thom Thorn wurde eine der bedeutendsten Handelsstädte des Nordens. Kaum zweihundert Jahre später schloß der verfallene Deutsche Orden hier den schimpflichen Frieden von Thom, durch den der Orden die Hälfte seines Gebietes an Polen abtrat, die andere von Polen zu Lehen nahm. Und im -j m^r >■ '«7'v\v) -'-i •■' "■ »*v ■ ■■'•«. ' Ä ■ '« Die leitenden Staatsmänner bei der Drei-Kaiser-Begegnungin Skierniewice N. von Giers, russischer Minister des Äußern, Reichskanzler Fürst Bismarck und Graf Kälnoky, österreichisch-ungarischer Minister des Äußern _ .Ä. DREI MONARCHEN 569 achtzehnten Jahrhundert wurde Thorn der Schauplatz einer der tiefsten Demütigungen des deutschen Volkes und gleichzeitig einer der abscheulichsten Freveltaten der Geschichte. Hier wurden auf dem Marktplatz der wrackere Bürgermeister Rösner und neun ebenso unschuldige, ehrenwerte deutsche Ratsherren enthauptet, weil Schüler des evangelischen Thomer Gymnasiums, von Schülern des polnischen Jesuitenkollegiums immer wieder provoziert, sich endlich zur Wehr gesetzt hatten, was zu einem Tumulte führte, in dessen Verlauf die zur Verzweiflung getriebenen deutschen Bürger das Jesuitenkollegium, den Sitz ihrer Bedrücker und Peiniger, gestürmt hatten. Gleichzeitig mit dem Justizmord an Rösner und seinen Ratsherren wurde die Thorner evangelische Hauptkirche den Evangelischen entrissen und den Katholiken übergeben, das evangelische Gymnasium eine Meile vor die Stadt verlegt. Und jetzt, während ich diese Zeilen diktiere, schmachtet die alte deutsche Stadt Thom wieder unter dem barbarischen Joche der Polen. Am Abend des 15. September fand im Schloß von Skierniewice eine Galatafel statt. Unser alter Herr saß zwischen dem Zaren und dem Kaiser Galatafel in Franz Josef. Man konnte sich keine reiner slawische, keine russischere Skierniewice Physiognomie und Erscheinung denken als Alexander III. „Wenn Sie dem Kaiser Alexander III.“, meinte der Botschafter von Schweinitz, „einen Bauemrock anziehen, das über der Hose getragene Bauernhemd und Schuhe aus Lindenbast, sieht er aus wie jeder andere russische Bauer.“ Und dabei hatte Alexander III. keinen Tropfen russisches, sondern nur deutsches Blut in den Adern. Ich füge hinzu, daß die englische Königsfamilie, die gleichfalls rein deutscher Abstammung ist, ganz englisch aussieht. L’influence du milieu ist also oft entscheidender als die ererbte Rasse. Während bei der Galatafel in Skierniewice Alexander III. aussah, als ob er kaum den Augenblick erwarten könnte, wo man aufstehen würde, machte Kaiser Franz Josef einen müden, stumpfen Eindruck. Seine glanzlosen Augen blickten über den Tisch hinweg ins Weite. Woran dachte der Habsburger? Dachte er daran, daß er einst, kaum neunzehn Jahre alt, mit russischer Hilfe die rebellischen Magyaren unterworfen, mit russischer Rückendeckung die Piemontesen besiegt und Preußen gedemütigt hatte ? Dachte er daran, daß er während des Krimkrieges die russische Unterstützung mit Undank belohnt und damit die vom Krimkrieg bis zur Drei-Kaiser- Begegnung von 1872 für Habsburg und die habsburgische Politik unfreundliche Haltung Rußlands hervorgerufen hatte? Dreiunddreißig Jahre älter als Franz Josef, achtundvierzig Jahre älter als Alexander III., erschien Kaiser Wilhelm in seiner Ruhe und Weisheit wie der Patriarch der großen europäischen Familie, der allen, den Herrschern und den Völkern, ein Vorbild und ein Führer sein konnte. 570 DREI STAATSMÄNNER Nach der Tafel produzierte sich das berühmte Warschauer Ballett, Bismarck, dessen elegante und schöne Tänzerinnen eine heitere Note in die gravi- Giers, tätische Versammlung brachten. Gleichzeitig erschienen, vom Zaren be- Kälnoky dreißig bis vierzig polnische Fürsten- und Crafenfamilien, um den Majestäten zu huldigen. Der preußische Generaladjutant Fürst Anton Radziwill, selbst ein Pole, flüsterte mir zu: „Unter diesen Warschauer Adligen sind wenige, die nicht Väter, Großväter, Brüder oder Vettern in Sibirien gehabt haben.“ Am nächsten Vormittag fand im Gartenpavillon eine Besprechung zwischen den leitenden Staatsmännern der Kaiserreiche statt. Herbert Bismarck nahm mich lachend unter den Arm. „Wir wollen uns während der Konferenz im Nebenzimmer aufhalten. Das heißt nicht horchen, sondern Interesse zeigen und sich belehren. Der Mann, der da in der Ecke steht, geniert uns nicht. Es ist ein Detektiv. In diesem verdammten Lande ist man nie und nirgends vor Nihilisten und Bomben sicher.“ An einem viereckigen hölzernen Tisch saßen Fürst Bismarck, Herr von Giers und Graf Kälnoky. In einer im Konversationston gehaltenen Darlegung erinnerte Bismarck an die Drei-Kaiser-Begegnung vom 4. September 1872 in Berlin. Nach allerlei „Friktionen“ empfehle es sich, im Interesse des europäischen Friedens und der Aufrechterhaltung der monarchischen Regierungsform in Europa wieder daran zu dünken, daß die drei großen nordischen Reiche durch Streit untereinander nur die Geschäfte der Revolution besorgen und weit mehr verlieren würden, als jedes von ihnen im Falle des Sieges gewinnen könne. Fürst Bismarck schlug vor, daß die drei Kaisermächte sich untereinander zu wohlwollender Neutralität verpflichten sollten, falls eine von ihnen von einer dritten Macht angegriffen würde. In der längeren Aussprache, die folgte, herrschte Einverständnis darüber, daß es vor allem darauf aukomme, Zwischenfälle auf der Balkanhalbinsel, an denen es nie fehlen würde, von österreichischer wie von russischer Seite mit Takt und gutem Willen zu behandeln. Kleine Feuerherde müßten ausgetreten, nicht angeblasen werden. Es sei wichtig, daß Österreich-Ungarn und Rußland den allzu hitzigen Eifer ihrer Balkanagenten zügelten, die über lokale Zänkereien und Rivalitäten nur zu oft die großen Gesichtspunkte vergäßen, von denen die Politik der drei Kabinette sich leiten lassen müsse. „Jamais trop de zele!“ Diese goldene Regel des seligen Tallevrand, führte Fürst Bismarck aus, möchten seine verehrten Kollegen ihren Untergebenen recht nachdrücklich einschärfen. In Skierniewice lernte ich zwei österreichische Diplomaten kennen, mit Kälnoky und denen mich das Leben noch wiederholt zusammengeführt hat. Der Lega- Aehrenthal tionsrat Baron Aloys Lexa von Aehrenthal fungierte als Kabinettschef bei Kälnoky, dessen ganzes Vertrauen er besaß. Er gab sich damals, im Gegensatz zu Goluchowski, Khevenhüiler, Hengemüller, Pallavicini und EINE HOTELRECHNUNG ALS BISMARCK-BRIEF 571 manchem anderen österreichischen Diplomaten, als prononcierter Russenfreund. Der österreichisch-ungarische Minister des Äußern, Graf Gustav von Kälnoky, war nicht so brillant wie weiland Graf Gyula Andrässy. Immerhin trug auch er Husarenuniform und gefiel dem Fürsten Bismarck besser als sein Vorgänger, der färb- und glanzlose, lederne Wiener Bürokrat Haymerle. Kälnoky war klein und hatte eine Stumpfnase. Meine Freundin, die Fürstin Elise Salm-Liechlenstein, meinte in ihrer drolligen Wiener Art von ihm: „Der Gusti Kälnoky mit seinem Stumpfnäschen schaut aus wie ein richtiges Stubenmadel.“ Kälnoky war ein geschulter Diplomat, erfahren und vorsichtig. Er hielt sich an den alten Wahlspruch seiner Familie: „Nec timide, nec tumide.“ Innerlich ein schwarz-gelber Österreicher, begriff er doch die Notwendigkeit, mit den verschiedenen Nationalitäten des habsburgischen Reiches im Rahmen der Lebensnotwendigkeiten der Monarchie auszukommen. Seine Familie stammte aus Siebenbürgen, wo sie dem Szekler Uradel angehörte, war aber in einigen Zweigen unter Maria Theresia nach Mähren gewandert. Das erleichterte es dem Minister, sich vor den Delegationen bald als Zisleithanier, bald als Transleithanier zu geben. Kälnoky war, bevor er Minister des Äußern wurde, österreichisch-ungarischer Botschafter in Rußland gewesen und sah mit Recht in der Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen zwischen Österreich und Rußland eine Lebensfrage für das Donaureich und für den Weltfrieden. Nach herzlichem Abschied von Herbert Bismarck begab ich mich über Warschau auf meinen Posten zurück. In Warschau, wo ich mich zwei Tage aufhielt, fand ich zwei liebenswürdige Führer: den deutschen Generalkonsul von Rechenberg und den russischen Rittmeister Graf Fersen. Rechenberg führte mich nach dem einstigen polnischen Königsschloß (Zamek Krolewski) mit den historischen Reichstagssälen und nach dem Brühlschen Palais. Am besten gefiel mir das auf einer Insel in einem künstlichen See gelegene, von einem reizenden Park umgebene Lustschloß Lazienski. In Rechenberg lernte ich wieder einmal ein Original kennen. Julius Freiherr von Rechenberg gab sein Alter auf siebzig Jahre an. In Wirklichkeit soll er damals schon über achtzig Jahre gezählt haben. Jedenfalls hatte er 1824 als Philhellene bei Missolunghi gefochten. Die Polen fürchteten Rechenberg, teils weil sie wußten, daß er sie und ihre Hintergedanken kannte, teils weil er, um einen größeren Nimbus um sich zu verbreiten, ihnen erzählte, daß er in direkter und reger Korrespondenz mit dem Fürsten Bismarck stünde. Als er einmal im Warschauer Klub aus einem angeblichen Brief des großen Kanzlers einige hochinteressante Stellen vorlas, sah ein neugieriger Pole ihm über die Schulter und konstatierte, daß Rechenberg in Wirklichkeit nicht einen Brief des Fürsten Bismarck vor sich hatte, sondern eine Hotelrechnung. Was er der staunenden Korona 572 DER POLONISMUS als Weisheit des Fürsten Bismarck vortrug, war von ihm, nicht ohne Geist, improvisiert worden. Das Ergebnis der langjährigen Erfahrungen Rechenbergs, über die er sich mir gegenüber ausführlich verbreitete, war in folgende Leitsätze zusammenzufassen: 1. Die Polen haben innerlich keine einzige ihrer Prätentionen aufgegeben, Thom und Kulm ebensowenig wie Posen und Gnesen, Oberschlesien so wenig wie das Ermelland. 2. Jede Konzession an die Polen erhöht nur ihre Begehrlichkeit. 3. Keine Politik der Nadelstiche, namentlich nicht in Schulfragen, aber eine energische Bodenpolitik. 4. Vor allem Konsequenz, kein Zickzack-Kurs. Ich habe, als ich mich als preußischer Ministerpräsident mit den Problemen der Ostmarkenpolitik befaßte, mich dieser Richtlinien manchmal erinnert. Graf Fersen stand damals bei den in Warschau garnisonierenden Garde- Graf Fersen ulanen. Sein Vater war Balte, seine Mutter Preußin, eine Tochter des langjährigen preußischen Militärbevollmächtigten am russischen Hof, des Generals von Rauch. Ein durchaus loyaler russischer Offizier und gleichzeitig behebt in der polnischen Gesellschaft, beurteilte Graf Nikolaus Fersen die Polen ebenso wie Rechenberg. „Polen ist ein starkes Bindeglied zwischen Preußen und Russen“, meinte er. „Natürlich nur, solange in Berlin und St. Petersburg eine vernünftige Politik gemacht wird. Preußen und Rußland sind dem Polonismus gegenüber ebenso solidarisch wie gegenüber der Revolution. Wenn wir Russen, Deutsche und Österreicher uns in die Haare geraten, wird der Pole der Tertius gaudens sein.“ Auf der Weiterreise von Warschau nach St. Petersburg begegnete ich Graf Dmitri auf dem Bahnhof dem russischen Minister des Innern, dem Grafen Dmitri Tolstoi Alexandrowitsch Tolstoi. Damals sechzig Jahre alt, war er schon zwanzig Jahre vorher Oberprokurator des Heiligen Synods gewesen. Durch strenge Überwachung der Universitäten hatte er sich sehr verhaßt gemacht, vielleicht noch mehr durch seine leidenschaftliche Bevorzugung des Studiums der klassischen Sprachen. Ein Jahr vor der Ermordung des Kaisers Alexander II. war Graf Tolstoi während der liberalen Ara Loris Melikow in den Ruhestand versetzt worden. Alexander III. stellte ihn ein Jahr später, 1882, an die Spitze des Ministeriums des Innern, das er drei Jahre lang mit fester Hand leitete. Graf Dmitri Tolstoi, dem mich Herr von Giers in Skierniewice vorgestellt hatte, forderte mich höflich auf, in dem für ihn reservierten Coupe Platz zu nehmen. Er lenkte selbst die Unterredung auf die bitteren Angriffe, denen er wegen seiner Vorliebe für Homer und Virgil, MINISTER UND NIHILISTIN 573 Horaz und Thukydides ausgesetzt gewesen sei. Er hoffe, daß in dem gelehrten Deutschland für seine Ideale auf dem Gebiete des Unterrichtswesens mehr Verständnis vorhanden sein werde als in Rußland. Als ich mich als überzeugter Anhänger des humanistischen Gymnasiums bekannte, was ich übrigens wirklich war und heute noch bin, war das Eis gebrochen. Graf Tolstoi kam bald spontan auf die innere russische Lage. Er erzählte mir nicht ohne Humor, daß er einige Wochen früher eine geistig hochstehende Nihilistin, Fräulein Vera Figner, die Tochter eines Generals, im Kerker besucht habe. Als rührige und tapfere Agentin des nihilistischen Exekutivkomitees sei diese Dame direkt oder indirekt an vielen Attentaten beteiligt gewesen. Er habe während zwei Stunden mit ihr diskutiert. „Vous savez, nous autres Russes nous adorons bavarder.“ Als er Fräulein Figner verließ, habe er ihr gesagt: „Ich bedaure, Vera Petrowna, Sie jetzt verlassen zu müssen. Wenn ich noch zwei Stunden bleiben könnte, würde ich Sie zu staatstreuen Ideen bekehren.“ Sie habe ihm schlagfertig erwidert: „Und ich bedaure erst recht Ihr Fortgehen, Dmitri Alexandro- witsch. Denn wenn Sie mir noch zwei Stunden gewidmet hätten, würde ich Sie für meine Ideale gewonnen haben.“ Der Minister schloß an diese pikante Erzählung eine in ihrer Weise kluge und jedenfalls durchdachte Auseinandersetzung über russische Zustände. Er bestritt nicht, daß in Rußland die reine Autokratie auf die Länge kaum haltbar wäre. Aber der westeuropäische Parlamentarismus eigne sich noch weniger für Rußland. Das russische Volk würde mit einem solchen ebensowenig umzugehen wissen wie ein großer und täppischer Bauer mit einem zierlichen Kinderspielzeug. Graf Tolstoi sagte mir, und ich habe viele Jahre später, nach dem Ausbruch der russischen Revolution, bisweilen daran gedacht: „Jeder Versuch, westeuropäische, parlamentarische Regierungsformen in Rußland einzuführen, wird scheitern. Wenn das zaristische System, das trotz seiner Mängel und Schwächen, die ich zugebe, seit Jahrhunderten Rußland zusammenhält, gestürzt werden sollte, wird der Kommunismus an seine Stelle treten, der nackte, blanke Kommunismus, le communisme pur et simple, le communisme de Mr. Karl Marx ä Londres, qui vient de mourir et dont j’ai etudie attentivement et avec interet les theories.“ Der Minister fuhr fort: „Sie fragen immer wieder, ob ich wirklich glaube, daß die jetzige russische Regierungsweise, deren Mängel klar zutage liegen, sich dauernd aufrechterhalten lassen würde. Nein! Gewiß nicht! Aber außer einem utopischen und für Rußland ganz ungeeigneten Parlamentarismus und einem alles zerstörenden und verwüstenden Kommunismus gibt es noch ein Drittes: der Ausbau der Semstwos. Sie fungieren seit zwanzig Jahren als Kreis- und Landesvertretungen in den altrussischen Gouvernements. Die Mitglieder dieser Land- und Kreistage Zarismus und Parlamentarismus 574 DER OBERPROKURATOR werden von den Stadt- und Landgemeinden auf drei Jahre gewählt. Sie haben sich mit der Entwicklung der Landwirtschaft, der Industrie, des örtlichen Handels, mit dem Wege- und Brückenbau, mit der Armenpflege und der Pflege der Volksgesundheit zu beschäftigen. Sie haben die Volksschule zu unterhalten. Die Kreis- und Landtage sollen die Mißbräuche der bis 1864 allmächtigen Bürokratie kontrollieren und abstellen. Die Semstwos sollen in der Bevölkerung das Interesse für Verwaltung und öffentliche Angelegenheiten, das noch recht gering ist, wecken und fördern. Sie legen uns große finanzielle Opfer auf, aber sie haben in vielen Teilen von Rußland segensreich und erzieherisch gewirkt. Auf dieser Grundlage gilt cs fortzubauen !“ Der Minister, ein zweifellos geistig hochstehender und dabei eloquenter Herr, hatte sich mehr und mehr animiert, fast begeistert. Ich erlaubte mir die bescheidene Bemerkung, ob es sich nicht empfehlen würde, während des Ausbaus der gewiß großartigen Semstwo-Pläne in Rußland jene Garantien für persönliche Freiheit, Rechtssicherheit und religiöse Toleranz zu schaffen, die in allen anderen europäischen Ländern seit langem bestünden. „Gewiß!“ erwiderte Graf Tolstoi. „Oh, gewiß! Aber zunächst müssen wir dem Nihilismus den Garaus machen. Nous sommes dans la bonne voie.“ Ich war zu wohlerzogen, um dem weit älteren, viel erfahreneren Staatsmann zu sagen, daß er sich in einem Circulus vitiosus bewege. Durch sein absolutistisches, allzu drakonisches Polizeisystem stärke er die revolutionäre Bewegung, die zu unterdrücken doch sein ganzes Bestreben sei. Ich bin Graf Tolstoi noch mehrfach begegnet. Er war für mich von immer Pobjedonos- gleicher Freundlichkeit. Er stellte mich in seinem Hause dem, wie es , *ew allgemein hieß, nach dem Zaren mächtigsten Mann in Rußland vor, dem Oberprokurator des Heiligen Synods. Konstantin Petrowitsch Pobjedonoszew war damals achtundfünfzig Jahre alt. Er hatte äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Konsistorialpräsidenten Immanuel Hegel, dem Sohn des großen Philosophen. Äußerlich! Und soweit ein Urrusse einem Deutschen gleichen kann. Ich habe den Sohn Hegel oft vor mir gesehen, wenn ich Sonntags den Gottesdienst in der Berliner Matthäikirche besuchte, dem auch er beizuwohnen pflegte. Pobjedonoszew war einer der gebildetsten Menschen, denen ich begegnet bin. Er verfügte nicht nur über eine ausgebreitete, sondern auch über eine gründliche Bildung. Er war ein Kenner unserer Literal ur, die er hoch über die französische stellte. Er zitierte nicht nur den „Faust“, sondern auch Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts“ und „Wilhelm Meisters Wanderjahre“. Seinen Standpunkt gegenüber den religiösen Problemen pflegte er mir etwa so zu entwickeln: „Einer unserer größten Denker, Solowjew, hat die katholische Kirche petrinisch, die evangelische paulinisch, die orthodoxe EIN STERN DER PETERSBURGER GESELLSCHAFT 575 johanneiscli genannt. Der Orthodoxe ist weich und nachgiebig, er möchte Millionen umschlingen und die ganze Welt küssen.“ Als ich ein ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte, fuhr Pobjedonoszew mit erhobenen Armen und mit dem schwärmerischen Blick des von seiner Mission durchdrungenen Apostels fort: „Es ist so! Es ist wirklich.so! Sehen Sie doch, wie sich Millionen Rechtgläubiger durch die listigen Jesuiten zur Union mit der römischen Kirche und damit zur Untreue gegen ihre eigene Kirche haben verführen lassen! Welche Mühe müssen wir uns geben, um sie wieder für unsere Kirche zu gewinnen! Sehen Sie, wie Hunderttausende russischer Bauern,weil ihnen einige Exemplare eines protestantischen Andachtsbuches, der von Heinrich Zschokke verfaßten ,Stunden der Andacht 1 , in die Hände gefallen waren, von der Orthodoxie abfielen und eine Sekte gründeten, die Stundisten, die uns noch heute zu schaffen machen, die wir vor Gott, dem Zaren und Rußland die Verantwortung für die Glaubenseinheit und Glaubensreinheit des russischen Volkes tragen. Der Russe ist so weich angelegt und so nachgiebig, daß nur mit konsequenter Strenge, wenn es sein muß mit Härte, die von Gott gewollte religiöse Einheit Rußlands verteidigt, aufrechterhalten und gesichert werden kann.“ Mein Chef, General von Schweinitz, hatte recht gehabt, mich auf die große gesellschaftliche und damit nach Lage der Dinge auch politische Gräfin Stellung hinzuweisen, die im alten Petersburg die Frauen einnahmen. Die Kleinmichl erste Leading Lady, die ich kennenlernte, war die Gräfin Marie Kleinmichl, geborene Gräfin Keller. Tochter eines deutsch-russischen Vaters und einer serbisch-polnischen Mutter, war sie ganz und gar und nur Petersburgerin. Nur die Petersburger Luft bekam ihr. Nur in Petersburg war ihr wirklich wohl. Nur Petersburger Vorgänge interessierten sie. Es war später eine grausame Fügung des Schicksals, daß diese kluge und liebenswürdige Frau durch die Bolschewisten gezwungen worden ist, ihr Leben im Ausland zu beschließen, nachdem man ihr ihre Güter, ihr Petersburger Palais und ihr Landhaus auf den Inseln, ihre Datsche, geraubt und sie buchstäblich bis aufs Hemd ausgezogen hatte. Damals, 1884, glänzte sie noch als Stern am gesellschaftlichen Himmel. Ich habe aus ihrer Konversation manches gelernt. Sie machte mir klar, daß Rußland im Kern demokratisch wäre. Ein kleines Beispiel: Sie hatte sich mit ihrem Schwager, einem Grafen Kleinmichl, überworfen, dagegen stand sie gut mit einem Vetter, einem Fürsten Dolgorukij. Beide bewarben sich um das Amt des Adelsmarschalls in ihrem Kreise. Die Gräfin Kleinmichl lud die einflußreichsten Adligen des Kreises zu sich ein. Sie sagte ihnen: „Ihr steht vor der Wahl zwischen einem Kleinmichl und einem Dolgorukij. Es ist mir peinlich, es euch sagen zu müssen, aber die Wahrheit ist, daß die Familie Kleinmichl von einem finnischen Lakaien abstammt, während die Dolgorukijs 576 GEFALLENE GRÖSSEN ihren Stammbaum auf Rurik zurückführen. Als Edelleute könnt ihr nicht schwanken!“ Die eingeladenen Adligen erwiderten: „Warum uns täuschen, Maria Eduardowna? Wir wollen einen Adelsmarschall haben, der beim Zaren gut angeschrieben ist. Das muß Kleinmichl sein, da sein Großvater vom Lakaien zum Grafen avancierte. Dessen kann sich Dolgorukij nicht rühmen.“ Die Gräfin Kleinmichl war liberal gerichtet, im westeuropäischen Sinne, und war am Hofe des Großfürsten Konstantin in dieser Richtung bestärkt worden. Großfürst Konstantin Nikolajewitsch, der zweite Sohn des Kaisers Nikolaus, wurde in den Petersburger Salons der russische Louis-Philippe genannt. Man ging so weit, zu behaupten, daß er bei der Ermordung des Kaisers Alexander II. die Hand im Spiele gehabt habe. Sicher ist, daß er als Statthalter in Warschau 1862 eine zweideutige Rolle gespielt hat. Ich lernte bei der Gräfin Kleinmichl eine Reihe gefallener Größen kennen: Loris Loris Melikow, Walujew, Abaza. Der Graf Loris Melikow, ein Armenier, Melikow war einige Monate lang als Chef der höchsten Exekutivkommission Diktator von Rußland gewesen. Er hatte Alexander II., den die von mir früher erwähnten häuslichen Wirren und immer wiederholte Attentate demoralisiert hatten, vorgeredet, daß er dem Zaren, wenn er eine liberale Verfassung gäbe, die Heirat mit seiner Geliebten, der Prinzessin Katharina Dolkorukij, und sogar deren Krönung als Zarin ermöglichen werde. Die am 13. März 1881 erfolgte Ermordung des Kaisers Alexander II. machte einen blutigen Strich durch solche Projekte und Pläne, und die Herrlichkeit von Loris Melikow war zu Ende. Er war ein Armenier. Ein russisches Sprichwort sagt: „Ein Grieche gleich zwei Juden, ein Armenier gleich zwei Griechen.“ Wenn Loris Melikow als schlau und imzuverlässig galt und es wohl auch war, so machte Walujew einen sympathischen, gediegenen Eindruck. Graf Peter Alexandrowitsch Walujew hatte sich als Minister des Innern von 1861 bis 1868 hohe Verdienste um die Aufhebung der Leibeigenschaft erworben. Er war ein ehrenwerter, deutschfreundlicher und dabei humaner Staatsmann. Er hat auch einen lesbaren Roman geschrieben, der „Lorin“ heißt, den er mir in deutscher Übersetzung schenkte und der meine römische Bibliothek ziert. Wenn bei der Gräfin Kleinmichl die Vertreter der früheren Zeit, der Missy Ära Alexanders II., mir ihr sorgenvolles, hie und da verstimmtes Herz Durnoto erschlossen, so begegnete ich bei Madame Durnow, „Missy“, wie sie von ihren Verwandten und Freunden genannt wurde, den Leuten des regierenden Kaisers. Missy Durnow war eine der interessantesten Frauen, denen ich im Leben begegnet bin. Ein messerscharfer Verstand bei viel Charme, ganz natürlich, aber immer und in allem große Dame. Wenn ich das Rußland Alexanders III. verstanden habe, verdanke ich das in erster Linie ihr. In DER NIEMALS NÜCHTERNE GENERALADJUTANT 577 ihrem schönen Palais an der Newa schloß ich Freundschaft mit dem maßgebendsten Manne in der Umgebung des Kaisers Alexander III., dem Generaladjutanten Tscherewin. Er hatte für die persönliche Sicherheit Tscherctvin des Zaren zu sorgen, und er hat mit Erfolg für sie gesorgt. Das war um so anerkennenswerter, ja staunenswerter, als Tscherewin selten ganz nüchtern war. Ich habe in unserem lieben Vaterlande und in anderen Ländern manchen erprobten Trinker gekannt, einen vollendeteren Saufbruder als Tseherewin nie und nirgends. Nach dem Diner, das in Petersburg meist um neun Uhr begann, pflegte er im Klub oder wo er eingeladen war, aus Bordeauxgläsern Anisette zu trinken. Das dauerte bis zwölf, auch bis ein Uhr nachts. Schwankenden Schrittes empfahl er sich, fuhr nach Hause und trank dort, bis die Sonne aufging, aus Wassergläsern schlechten kaukasischen Land wein. Nach einigen Stunden Schlaf hielt er seinen mit einem hängenden Schnurrbart gezierten Kopf unter das eiskalte Wasser einer Pumpe und fuhr dann nach Gatschina zum „Daklot“, zum Vortrag beim Zaren. Der Zar mochte ihn. Er schätzte seine Treue, die Treue eines Neufundländers, seinen gesunden Menschenverstand, seine unbändige Courage. Er hatte mehr als einmal bewiesen, daß er jeder Situation gewachsen war. Unter den vielen Supplikanten, die Tscherewin täglich empfangen mußte, hatte einmal ein schwarzhaariger Armenier in dem Augenblick, wo er dem General mit der linken Hand eine Bittschrift überreichte, mit der Rechten einen Revolver auf ihn gerichtet. Blitzschnell erfaßte Tscherewin die Hand des Attentäters und drehte sie mit eiserner Faust um, so daß das Handgelenk zerbrach. Dann übergab er den herbeigerufenen Kosaken vom Leibkonvoi den blutenden und heulenden Meuchelmörder, der im Laufe desselben Tages gehängt wurde. Die Freundschaft mit Tscherewin aufrechtzuerhalten, war nicht ganz leicht. Es setzte voraus, daß ich von Zeit zu Zeit ihn, der dann schon stark bezecht war, um Mitternacht in seine Wohnung brachte und ihm dort bis fünf, bisweilen sechs Uhr morgens Gesellschaft leistete, wobei ich dem gräßlichen Kaukasierwein zusprechen mußte, den er in unglaublichen Quantitäten vertilgte. Aber in der Betrunkenheit schwätzte Tscherewin, der in seiner Stellung alles erfuhr, was vorging, vieles aus und manches Interessante. Er sagte auch Kluges. „Voila le secret de la Situation“, sagte er mit lallender Stimme. „L’Empereur — est — peu — intelligent. Mais il est immuable comme un roc. II veut la paix, fermement, fortement, absolument. 11 veut la paix pour plusieurs raisons. Une de ces raisons est que L’Empereur deteste monter ä cheval pour des raisons physiques, ä cause d’une hernie.“ Ähnlich wie Giers sagte mir auch Tscherewin: „L’Empereur n’aime pas les Allemands, mais il n’aime pas mieux les Fran^ais et les Anglais. Prenez en votre parti. Par contre, l’Empereur aime 37 Biilow IV 578 SHIROKAJA NATURA les monarchies, il deteste les republiques. Bonne cliose pour vons. Faites-en votre profit.“ In manchen Nächten überkam Tscherewin jener Zustand, den der deutsche Student das heulende Elend nennt. Dann sprach er mir schluchzend und rülpsend von seinen Kindern. Er hatte ein Verhältnis mit einer Petersburger Kurtisane gehabt, deren drei Kinder er zärtlich liebte, obwohl sie wahrscheinlich nicht alle seine Sprößlinge waren. Er ließ sie in Straßburg in einer deutschen Unlerrichtsanstalt erziehen und redete auch von der Mutter mit Gefühl. Er besaß in hohem Grade die Shirokaja natura, die breite Natur, die der Russe liebt. Ich verdanke dem General Tscherewin nicht nur interessante und nützliche Aufschlüsse über die Psychologie des Zaren, auf den, wie uns Fürst Bismarck immer wieder einschärfte, wir uns einzustellen hatten, da praktisch alles auf ihn ankam, sondern er sprach auch freundlich über mich mit dem Kaiser und der Kaiserin, was zur Folge hatte, daß beide mich mit Auszeichnung behandelten. XLI. KAPITEL Afghanistan, der englisch-russische Konflikt • Der siebzigste Geburtstag des Fürsten Bismarck • Im Hause Bismarck (1. IV. 1885) • Unterredung mit Herbert Bismarck Bulgarien und Prinz Alexander Battenberg • Der Sommer 1885 in St. Petersburg Annullation der Ehe der Gräfin Marie Dönhoff durch den Heiligen Stuhl • Vermählung in Wien am 9.1. 1886 E s unterlag keinem Zweifel, daß in Rußland trotz der scheinbar unerschütterlichen Festigkeit des bestehenden Systems, wie es durch Verschwörun- Alexander III. repräsentiert, durch Dmitri Tolstoi, Pobjedonoszew und B en u, ‘d Tscherewin charakterisiert wurde, das revolutionäre Feuer unter der Prozesse Oberfläche weiterglimmte. An alarmierenden Symptomen fehlte es nicht. Trotz aller Wachsamkeit der Polizei gingen, wie mir die Gräfin Kleinmicld und Madame Dumow erzählten, auch in den Salons revolutionäre Schriften von Hand zu Hand. An den Universitäten wurden Verschwörungen entdeckt, an denen auch Professoren beteiligt waren. Wenige Wochen nach der Zusammenkunft von Skierniewice wurde in Petersburg ein Prozeß verhandelt, bei dem zahlreiche Urteile auf Hinrichtung durch den Strang und noch mehr Urteile auf lebenslängliche Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken ergingen. Tscherewin schien mir 'am meisten dadurch beunruhigt, daß Offiziere des Ismailowschen Leibgarderegiments wegen Beteiligung an revolutionären Umtrieben verhaftet und „verschickt“ werden mußten. Dagegen erfreute und beruhigte es ihn, daß es allmählich gelungen war, die Hauptbeteiligten an der Ermordung Alexanders II. zu verhaften und insbesondere den alten Verschwörer Lopatin, der in nihilistischen Kreisen der Vater der Revolution genannt wurde und für den Energischsten der Umsturzleute galt. Im Frühjahr 1885 trat der latente Gegensatz der russischen und englischen Interessen in Zentralasien, über den ich acht Jahre vorher als jüngster Der afghani- Sekretär der Botschaft in St. Petersburg eine schöne Denkschrift aus- S( he Konflikt gearbeitet hatte, in ein akutes Stadium. Wenn auch diese Krisis, um mich einer Wendung von Herbert Bismarck zu bedienen, ausging wie das Hornberger Schießen, so war sie doch von symptomatischer Bedeutung. Im Frühjahr 1875 hatte sich gezeigt, daß weder England noch Rußland 37 ' 580 WALFISCH UND BÄR Salisbury Unbesonnenheiten Herbert Bismarcks Börsen- deroute gewillt waren, eine nochmalige Schwächung Frankreichs durch Deutschland zuzulassen. Zehn Jahre später trat deutlich zutage, daß sowohl England wie Rußland kein Verlangen trugen, sich gegenseitig zu schwächen, damit Deutschland als Tertius gaudens den Vorteil davon habe. Der Führer der englischenKonservativen, Lord Salisbury, hatte während des afghanischen Konfliktes Rußland gegenüber eine weit schärfere Sprache geführt als Mr. Gladstone und die Liberalen. Salisbury war so weit gegangen, im Mai 1885 bei der Eröffnung eines konservativen Klubs der russischen Regierung fortgesetzte Wortbrüche vorzuwerfen. Er hatte hinzugefügt: „Wie nennt man im Privatleben einen zahlungsunfähigen Menschen? Einen Gauner oder Bankerotteur!“ Nach dem Anfang Juni 1885 erfolgten Sturz des Ministeriums Gladstone zum Premierminister berufen, zeigte sich Salisbury Rußland gegenüber ebenso akkommodant wie sein Vorgänger und erklärte im November, nichts stehe einer herzlichen Kooperation zwischen England und Rußland im Wege. In Asien sei für Rußland und England Platz. Zu der raschen Verständigung zwischen England und Rußland, zwischen Walfisch und Bär, hatten die beiden dänischen Schwestern, die Kaiserin Maria Feodorowna von Rußland und die Prinzessin Alexandra von Wales, nicht unerheblich beigetragen. Beide Schwestern hatten die dänischkurhessische Abneigung ihrer Mutter, der Königin Luise von Dänemark, geborenen Prinzessin von Hessen, gegen das neue, starke und blühende Deutsche Reich geerbt. Wünschte Fürst Bismarck im Frühjahr 1885 einen kriegerischen Zusammenstoß zwischen Rußland und England? Jedenfalls hat ihn sein majestätischer, auf dem Gebiet der auswärtigen Politik selten irrender Bon sens verhindert, einen derartigen Wunsch irgendwie hervortreten zu lassen. Herbert Bismarck, weniger vorsichtig als der Vater, ließ sich, als die afghanische Krisis auf ihrem Höhepunkt stand, zu unüberlegten Äußerungen hinreißen. In einer Gesellschaft, bei der auch fremde Diplomaten zugegen waren, rief er in animierter Stimmung: „Wenn England und Rußland aneinandergeraten, so kann ich nur sagen: schade um jeden Hieb, der vorbeigeht.“ Diese Äußerung wurde nach London hinterbracht und kam zur Kenntnis der Prinzessin und des Prinzen von Wales, die für ihre auf einen Ausgleich zwischen England und Rußland hinzielenden Bemühungen daraus Vorteil zogen. Als im akutesten Stadium der afghanischen Krisis Herr von Giers sorgenvoll zu seinem Souverän sagte, Rußland müsse es entweder auf einen großen Krieg ankommen lassen oder nachgeben, antwortete, wie Giers mir später erzählte, der Zar: „Ich werde nicht nachgeben, und es wird keinen Krieg gehen.“ Alexander Alexandrowitsch behielt recht. Die afghanische Krisis hatte an allen europäischen Börsen Beunruhigung hervorgerufen. Namentlich in Berlin, wo man stark in russischen Werten FEIER IN DER WILHELMSTRASSE 581 engagiert war, war viel Geld verloren worden. In einem Teil der Presse wurden bittere Vorwürfe gegen Bismarck erhoben, weil er die Börse und das Publikum nicht rechtzeitig auf die Möglichkeit eines englisch-russischen Konflikts vorbereitet habe. Bismarck erwiderte, daß es Sache der Börse und des an der Börse spekulierenden Publikums sei, sich ä la hausse oder a la baisse zu engagieren. Wenn er als leitender Staatsmann einen Alarmruf erlassen hätte, so würde das den Anschein erweckt haben, als ob er entweder die Streitenden, England und Rußland, von der Verfolgung der ihnen zweckmäßig erscheinenden Ziele abhalten oder gar sie gegeneinander hetzen wolle „wie zwei Fleischerhunde“. Ruhe und Zurückhaltung seien bei diesem Konflikt die für Deutschland ganz richtige Politik gewesen. Ich schalte ein, daß neunzehn Jahre später auch mir als Reichskanzler der ebenso törichte Vorwurf gemacht wurde, daß ich nicht rechtzeitig auf die Möglichkeit eines russisch-japanischen Krieges hingewiesen hätte. Mitte März 1885 erhielt ich einen Brief von Herbert Bismarck, in dem er mir schrieb, er nehme an, daß ich nach einem dienstlich und gesellschaftlich Der siebzig- anstrengenden Winter mir im Frühjahr einen Urlaub gönnen würde. In jährige Fürst diesem Falle möchte ich es so einrichten, daß ich am 1. April, dem sieb- Bi smarc k zigsten Geburtstage seines Vaters, in Berlin sein könnte. An dieser Feier teilgenommen zu haben, würde mir eine stolze Erinnerung für mein ganzes Leben bleiben. Dankbar und gern folgte ich der gütigen Aufforderung. Und bei Gott, diesen Tag vergaß ich nie und werde seiner nie vergessen. Nie ist ein deutscher Staatsmann von dem besten Teil seinesVolkes so gefeiert und geehrt worden, und nie war ein Deutscher einer solchen Ehrung würdiger. Freilich, die Führer der oppositionellen Parteien, Eugen Richter, Ludwig Windthorst und August Bebel, standen in stummem Groll und verbissenem Ärger beiseite. Ihre Wähler aber beteiligten sich zu Tausenden und Tausenden an den Ehrungen, die Bismarck dargebracht wurden, ohne sich durch die Reflexion stören zu lassen, daß die meisten Erfolge des Fürsten Bismarck gegen den Widerstand ihrer Parteiführer und unter ihrem ununterbrochenen Hadern und Schimpfen erreicht worden waren. Der Genfer Publizist Victor Cherbuliez, der unter dem Pseudonym Valbert in der „Revue des Deux Mondes“ und anderen französischen Zeitschriften wenig deutschfreundliche, aber geistreiche Betrachtungen über deutsche Zustände veröffentlichte, hat einmal einen deutschen Demokraten der achtziger Jahre geschildert, der sich in seiner Heimat, einem kleinen Provinznest, durch unentwegtes Räsonieren über Bismarck eine so gute politische Stellung gemacht hatte, daß seine Mitbürger ihn in den Reichstag wählten. Dort angelangt, ergreift er die erste Gelegenheit, um den verhaßten Kanzler mit allem Aufwand seiner Lunge und seines reichen Vorrats an banalen demokratischen Schlagworten anzugreifen. Als nun Bismarck am Schlüsse 582 HÖDUR der Debatte mit seinen Gegnern abrechnet, gebt er auf die Ausführungen des Provinz-Mirabeau überhaupt nicht ein, da sie zu unbeträchtlich seien. Als dies im Heimatsnest bekannt wird, entsteht allgemeine und große Erregung: „Was! Unser Abgeordneter wird vom großen Bismarck nicht einmal einer Antwort gewürdigt? Was muß der für ein Schaf sein! Denn Bismarck weiß schließlich doch alles am besten!“ Die Dummheit des Hödur, des Wählers, der sich immer wieder von dem listigen Loki mit der Hornbrille auf der Nase und dem Zettelkasten auf dem Schreibtisch verführen läßt, ist selten amüsanter persifliert worden. Und einer der feinsten Geister dieser Zeit, der Verfasser der „Sperlingsgasse“ und des „Hungerpastor“, Wilhelm Raabe, schrieb: „Deutsches Volk? Ach was! Deutsch redender oder schwätzender Bevölkerungsbrei, für einen kurzen Augenblick von ein paar großen Männern in eine staatliche Form gepreßt! Morgen vielleicht sind sie tot, diese Männer, und der Brei fließt wieder auseinander, . und die Fremden mögen dreist wieder von allen Seiten mit ihren Löffeln vorrücken, zur Wiederaufrichtung und Herstellung der hergebrachten Freiheiten teutscher Nation.“ Eine ungerechte Kritik, soweit es sich um die breite Masse des deutschen Volkes handelt, um Bauern und Arbeiter, um das fleißig schaffende Bürgertum. Aber eine leider nur zu berechtigte Klage über viele deutsche Intellektuelle, denen wie die leidenschaftliche Vaterlandsliebe der Romanen so auch der unerschütterliche Nationalstolz und der praktische Sinn der Amerikaner und Engländer versagt ist und die immer wieder in Eigenbrötelei, blinden Doktrinarismus und Starrköpfigkeit verfallen. Am Abend des 31. März 1885 fand ein Fackelzug statt, der durch die Fackelzug Wilhelmstraße am Reichskanzlerpalais vorbeimarschierte. Bismarck stand am Fenster einer im ersten Stock des linken Flügels des Reichskanzlerpalais gelegenen Eckstube. Damit die Vorüberziehenden ihn gut sehen könnten, hielt der starke Herbert während des ganzen Vorbeimarsches eine Lampe über dem gewaltigen Haupt seines Vaters. Aus den Augen der vorübermarschierenden Fackelträger leuchtete Freude, leuchtete Begeisterung. Der Ausdruck der Züge, der Augen, des Antlitzes des Fürsten Bismarck läßt sich nicht schildern. Den Eindruck, den dieses Antlitz am Abend des 31. März 1885 auf mich machte, habe ich nur wiederempfunden, wenn ich vor dem Hamburger Denkmal Bismarcks stand, das Hugo Lederer geformt hat. Am Vormittag des 1. April 1885 empfing der Fürst im großen Saal des Gratulation Reichskanzlerpalais die Gratulanten. In demselben Saal, in dem sieben im Reichs- Jahre früher der Berliner Kongreß getagt hatte und in dem dreißig Jahre kanzlerpalais 8 p ätcr Bethmann einer polnischen Deputation in unseliger Verblendung die Wiederherstellung eines polnischen Reichs in Aussicht stellen sollte. HERR UND DIENER 583 Wenn mich Fürst Bismarck am Abend des 31. März 1885 an die Helden der deutschen Sage, an Dietrich von Bern und an Hagen von Tronje erinnert hatte, so glich er bei dem Empfang in seinem Hause in seiner Schlichtheit und Natürlichkeit einem tüchtigen und aufrechten ostelbischen Junker, dem an seinem Ehrentage, zu seinem fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum als Landrat oder zu seiner silbernen Hochzeit Nachbarn und Freunde seines Heimatkreises gratulieren. Unter den Gratulanten vom 1. April 1885 gefiel mir am besten der Generaloberst von Pape, der Held von Saint-Privat. Er mußte im Namen aller Anwesenden das Hoch auf den Jubilar ausbringen. Alles Nichtmilitärische lag ihm so fern, daß er in seiner Rede den Fürsten Bismarck statt Reichskanzler immer nur „unsern Herrn Staatskanzler“ nannte, wohl in Reminiszenz an Hardenberg, dessen Name noch seiner Kindheit geklungen hatte. Er sprach ohne rednerischen Schmuck, olme Pointen, ohne Phrasen. Aber er sprach mit derselben ruhigen Stimme, mit der er beim Sturm auf Saint-Privat die preußische Gardeinfanterie kommandiert hatte. In einem Handschreiben, das Kaiser Wilhelm I. unter Übersendung einer Kopie des Wernerschen Bildes „Die Kaiserproklamation in Versailles“ an Fürst Bismarck richtete, hieß es: „Es ist Mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, Ihnen heute auszusprechen, wie hoch cs Mich erfreut, daß ein solcher Zug des Dankes und der Verehrung für Sie durch die Nation geht. Es erwärmt Mir das Herz, daß solche Gesinnungen sich in so großer Verbreitung kundtun, denn es ziert die Nation in der Gegenwart, und es stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wenn sie sich erkenntlich für das Wahre und Große zeigt und wenn sie ihre hochverdienten Männer feiert und ehrt. Sie, mein lieber Fürst, wissen, wie in Mir jederzeit das vollste Vertrauen, die aufrichtigste Zuneigung und das wärmste Dankgefühl für Sie leben wird! Ihnen sage Ich daher mit diesem Brief nichts, was Ich Ihnen nicht oft genug ausgesprochen habe, und Ich denke, daß dieses Bild noch Ihren späteren Nachkommen vor Augen stellen wird, daß Ihr Kaiser und König und seinHaus sich dessen wohl bewußt waren, was Wir Ihnen zu danken haben. Mit diesen Gesinnungen und Gefühlen endige Ich diese Zeilen, als über das Grab hinausdauernd, Ihr dankbar treu ergebener Kaiser und König Wilhelm.“ Wenn Bismarck einmal gemeint hat, er habe seinen Namen dauernd in die Rinde der deutschen Eiche eingeschnitten, so kann von diesem Brief seines edlen Herrn aD ihn gesagt werden: er ist für alle Zeiten eingeschrieben in das Herz jedes Deutschen, der diesen Namen verdient. Mit Stolz kann sich das deutsche Volk rühmen, daß die innige Freundschaft, die zwischen seinen beiden größten Dichtern, zwischen Goethe und Schiller, bestanden hat, einzig ist. Aber ebenso einzig ist das im tiefsten Grunde und im Kaiserliches Handschreiben 584 EIN GESTÄNDNIS innersten Kern ideale Verhältnis zwischen unserm alten Kaiser und dem großen Minister, der sich auf seinem Grabstein stolz-bescheiden nur den treuen deutschen Diener seines Herrn nennt. Einige Tage nach der Geburtstagsfeier seines Vaters forderte mich Bei Borchardt Herbert auf, einen „gemütlichen“ Abend mit ihm bei Borchardt zu mit Herbert verbringen, in dem von ihm mit Recht bevorzugten Berliner Restaurant in Bismarck j er p' ranZ Q S j sc j ien Straße. Er wünschte meine Ansicht über die Lage der Dinge in Rußland zu hören, und zwar „en detail“. Ich gebe meine Darlegungen hier nur im Extrakt wieder. Ich führte etwa aus: „Solange die schwere Hand von Alexander III. auf Rußland liegt, wird dort alles beim alten bleiben. Jetzt schläft das Riesenreich. In seinem schönen Roman «Neuland 4 läßt Turgenjew seinen Helden, den Nihilisten Neshdanow, in einem ärmlichen Zimmer über einen dreibeinigen Tisch gebeugt und bei dem spärlichen Schein eines Talglichtes seinen politischen Gefühlen in einem Gedicht Ausdruck geben, dessen letzte Verse lauten: -und in der Hand Das Branntweinglas, das Haupt dort an den Pol geschlossen, Die Füße an den Kaukasus, o Vaterland, So schläfst du, heil’ges Rußland, fest und unverdrossen! Rußland schläft. Aber wird es immer schlafen? Und wenn es erwacht, was dann? Der sechzehnjährige Thronfolger, den ich bei verschiedenen Gelegenheiten sah und beobachtete, macht einen wohlerzogenen, distinguierten, aber weichen, fast zarten, keineswegs energischen Eindruck. Daraus folgt, daß wir, wie es uns der Fürst immer wieder einschärft, jetzt unsere Politik auf Alexander III. einstellen müssen, mit dem wir nach meiner Überzeugung sehr wohl in Frieden und Freundschaft leben können. Nach ihm dürfte eine Revolution in Rußland ebenso möglich, wie ich meine sogar wahrscheinlicher sein als ein russischer Angriff auf die Zentralmächte. Alles das natürlich unter der Voraussetzung, daß wir in der Wilhelmstraße auch fernerhin eine geschickte und vorsichtige Politik machen.“ Als ich fühlte, daß zwischen Herbert und mir sich im Laufe des Abends Gespräch jene undefinierbare Atmosphäre von Sympathie, Freundschaft und Ver- über Marie trauen gebildet hatte, die junge Männer zueinander zieht, sprach ich ihm Donhoff von me j nem Entschluß, die Gräfin Marie Dönhoff zu heiraten. Er hatte schon davon gehört. Vielleicht von Holstein, dem ich ein Jahr vorher darüber geschrieben hatte, vielleicht durch Klatschereien, denen ja niemand, und namentlich keine schöne und geistreiche Frau, entgeht. Herbert hatte aber anscheinend die Sache nicht au serieux genommen. Als er den Ernst meines Entschlusses erkannte, sah er mich erstaunt an, verlegen, zunächst stumm. In ihm kämpften zweierlei Empfindungen. Auf der einen Seite DER UNWAHRSCHEINLICHE KONSENS 585 seine Freundschaft für mich und der Wunsch, mir diese Freundschaft zu beweisen; auf der andern Seite der psychologisch begreifliche Gedanke, daß mir ein Glück zuteil werden sollte, das ihm versagt geblieben war, das Glück, die geliebte Frau als Lebensgefährtin heimzuführen und ihr ein neues Leben aufzubauen. Er hatte die Fürstin Elisabeth Carolath leidenschaftlich geliebt. Er liebte sie noch und hat, wie ich glaube, nie aufgehört, sie zu lieben. Er ist auch nie das Gefühl losgeworden, daß er gegenüber dieser großen Liebe seines Lebens versagt habe, daß sein Verhalten in dieser Lebenskrise weder klug noch ganz korrekt gewesen war. Durch die Erinnerungen des Fürsten Philipp Eulenburg ist später über diesen Roman eine Reihe von Einzelheiten bekanntgeworden, um die damals nur ein enger Kreis wußte. Nach langem Schweigen sagte Herbert endlich zu mir: „Ich kenne die Gräfin Marie Dönhoff. Sie ist eine begabte, eine herzensgute, eine ungewöhnlich reizende Dame. Aber sie ist Ausländerin, und wir wollen und sollen an dem Grundsatz festhalten, daß unsere Diplomaten keine Ausländerinnen heiraten dürfen. Sie ist überdies Katholikin. Sie ist von ihrem ersten Mann geschieden, und dieser Mann gehört unserm diplomatischen Dienste an. Sie ist die Freundin der Kronprinzessin, der Mimi Schleinitz, der Cosima Wagner, der Frau von Helmholtz und anderer, meinem Vater feindlich gesinnter Weiber. Ich glaube nicht, daß mein Vater zu dieser Ehe seinen Konsens geben wird. Ich kann ihm auch nicht dazu raten, ich werde ihm sogar mit aller Entschiedenheit davon abraten.“ Wenn ich an jene Unterredung mit meinem lieben Altersgenossen und Freund Herbert Rismarck zurückdenke, so erkenne ich vor allem, wie wenig der Mensch imstande ist, vorauszusehen, wie sich die Zukunft gestalten und wie er selbst in kommenden Zeiten handeln wird. Herbert hat später die Komteß Marguerite Hoyos geheiratet, deren Vater halb Österreicher, halb Ungar und deren Mutter eine Stockengländerin war. Sein ältester Sohn hat eine Ausländerin, die Schwedin Ann-Marie Tengbom geheiratet. Das konnte ich freilich an jenem Abend bei Borchardt nicht wissen. Wohl aber sagte ich Herbert, daß die freundschaftlichen Beziehungen der Gräfin Marie zur Kronprinzessin, zu Cosima Wagner, zu Frau von Helmholtz, zur Gräfin Schleinitz auf rein künstlerischer Grundlage beruhten und mit Politik gar nichts zu tun hätten. An ihrer ausländischen Herkunft Anstoß zu nehmen, scheine mir gerade bei ihr kleinlich, die in Bildung und Gesinnung ganz deutsch geworden sei. Was ihre katholische Konfession angehe, so sei ich selbst evangelischer Christ, aber ohne Vorurteile und ohne Unduldsamkeit. Wenn der Umstand, daß Graf Karl Dönhoff dem diplomatischen Dienst angehöre, in den Augen meiner Vorgesetzten ein Grund sei, mir den Heiratskonsens zu verweigern, so verließe ich den Dienst. Ich schloß die Diskussion, indem ich mit Ruhe, aber bestimmt, zu Herbert Bismarcks Bedenken 586 MEGALOPSYCHIA Herbert sagte: „C’est ä prendre ou ä laisser. Wenn mir der Konsens für die Heirat verweigert wird, von der nicht nur mein Lebensglück abbängt, sondern auch das Glück der Frau, die ich liebe, so gehe ich. leb kann auch als Privatmann leben und sehr zufrieden leben. An der Seite der Frau, die ich liebe, und mit einigen guten Büchern halte ich es überall aus.“ Ich möchte schon hier erwähnen, daß Graf Karl Dönhoff nach meiner Verheiratung noch lange unserer Karriere angehört und auf seinem Dresdener Posten weiter gute Dienste geleistet hat. Als er, nicht lange vor seinem Tode, aus Gesundheitsrücksichten mit dreiundsiebzig Jahren um seinen Abschied bat und diesen in einer für ihn sehr schmeichelhaften Form erhielt, schrieb er mir, es sei für ihn bei seinem Rücktritt „Ehrenpflicht“, mir für das Wohlwollen zu danken, das ich ihm mit ebensoviel Güte wie Takt als sein Vorgesetzter während zehn Jahren bewiesen hätte. Im Leben wie in der Politik lassen sich auch schwierige Situationen meistern: mit Klugheit und mit jener Eigenschaft, welche die alten Griechen MeyaXorpvxla nannten — Großzügigkeit. Der Sommer 1885 verlief politisch ruhig. In der innem russischen Politik triumphierte auf allen Gebieten die Reaktion. Der katholische Bischof von Wilna wurde in die Verbannung nach Jaroslaw an der Wolga geschickt, weil er unter Umgehung des vorgeschriebenen Weges eine direkte Korrespondenz mit Rom geführt hatte. Der von ihm nach seiner „Verschickung“ zum Verwalter seiner Diözese eingesetzte Domherr wurde aus einem ähnlichen Grunde nach Koly am Eismeer deportiert. Ich war befreundet mit dem Fürsten Kantakuzen, dem Vorsitzenden des Departements für die fremden Kulte. Er war ein gebildeter und liebenswürdiger Mann und mit einer charmanten Französin verheiratet. Wenn ich ihn in seiner Amtswohnung aufsuchte, wartete in seinem Vorzimmer immer eine Anzahl katholischer Geistlicher, die ad audiendum verbum befohlen waren und zitternd seines Urteilsspruches harrten. Den evangelischen Pastoren in den baltischen Provinzen ging es nicht viel besser. Im Gegensatz zu so üblen und traurigen inneren Verhältnissen stand die Zwei Kaiser auswärtige russische Politik unter dem günstigen Einfluß der Begegnung m Kremsier von Skierniewice und der dort zwischen den drei Kaisermächten getroffenen Abmachungen. Ende August 1885 fand in Kremsier, der mährischen Bezirksstadt, wo vom November 1848 bis zum März 1849 der erste österreichische Reichstag getagt hatte, eine Begegnung der Kaiser von Österreich und Rußland statt, die von ihren Ministern Kälnoky und Giers begleitet waren. Die Entrevue verlief gut. Die Kritik der ungarischen Presse, die in dieser Zusammenkunft eine Stärkung der Slawen innerhalb der habsburgischen Monarchie und damit eine Gefahr für den Dualismus und die magyarische Rasse sehen wollte, blieb mit Recht unbeachtet. Anfang DER BATTENBERGER 587 September stattete Herr von Giers dem Fürsten Bismarck in Friedrichsruh einen Besuch ab, der nach den der Botschaft zugegangenen vertraulichen Mitteilungen sehr gut verlief. Da trat am 18. September 1885 ein Ereignis ein, das mein Chef, der Botschafter von Schweinitz, sofort für die wichtigste Wendung erklärte, die wir seit 1879 erlebt hätten. In Ostrumelien, das durch den Berliner Kongreß als autonome türkische Provinz unter einem türkischen Generalgouverneur konstituiert worden war, brach eine Revolution aus. Die aufständischen Bulgaren nahmen den türkischen Generalgouverneur gefangen und bildeten eine provisorische Regierung, die sich um Schutz an den Fürsten Alexander von Bulgarien wandte. Dieser begab sich nach Philippopel, befahl die Mobilmachung der Armee, berief die Kammern ein und erließ eine Proklamation, in der er erklärte, er sei durch den Willen des allmächtigen Gottes wie des edlen bulgarischen Volkes Fürst von Nord- und Südbulgarien geworden. Er erkenne die Souveränität des Sultans an, aber Ostrumelien habe aufgehört zu bestehen, die Union der beiden Bulgarenländer sei eine vollzogene Tatsache und damit das Ideal aller Bulgarenherzen erfüllt. Ich habe seinerzeit erzählt, daß während des Berliner Kongresses die russischen Vertreter mit unermüdlichem Eifer für die bulgarischen Aspirationen eintraten. Die Ursache dieses Eifers war einerseits darin zu suchen, daß, wie schon früher Ignatjew, so während der Kongreßverhandlungen auch Gortschakow und Peter Schuwalow in den Bulgaren die besonderen Schützlinge und die treuesten Freunde von Rußland erblickten. Dazu waren damals noch persönliche Wünsche und Gefühle des Kaisers Alexander II. getreten. Der Johannistrieb des hohen Herrn für die hübsche Katharina Dolgorukij hatte seiner erhabenen Gemahlin Kummer bereitet. Als nobler Herr, der er war, wollte er seine Frau für ihr häusliches Leid entschädigen. Er wußte, wie sehr sie ihren Bruder, den Prinzen Alexander von Hessen, und dessen Kinder aus seiner morganatischen Ehe mit Fräulein Julie Hauke, die Prinzen Battenberg, liebte. So begünstigte und förderte er die Designierung des Prinzen Alexander Battenberg zum Fürsten von Bulgarien und blieb ihm bis zu seinem Tode ein gnädiger Gönner. Anders Alexander III. Er hatte die „Vettern“ Battenberg nie gemocht. Namentlich Alexander Battenberg war ihm antipathisch. Sobald er von dem Einzug des Fürsten Alexander in Philippopcl gehört hatte, befahl er dem bulgarischen Kriegsminister, dem russischen General Kantakuzen und allen im bulgarischen Dienste stehenden russischen Offizieren, ihre Entlassung aus bulgarischen Diensten zu fordern. Einer bulgarischen Deputation, die den Zaren während seines gewohnten Herbstaufenthaltes in Kopenhagen im Schloß Bernstorff umzustimmen suchte, Das bulgarische Ostrumelien Alexander 111. bestraft den Fürsten Alexander 588 ÖSTERREICH RETTET SERBIEN erklärte Alexander III., er sympathisiere mit den Bulgaren, aber er mißbillige die Revolution in Ostrumelien. Anfang November 1885 wurde der Fürst Alexander von Bulgarien aus der russischen Armee ausgestoßen. Einst hatte Zar Nikolaus I. den Vater des Fürsten Alexander, den Prinzen Alexander von Hessen, wegen seiner unstandesgemäßen Heirat zum Unteroffizier degradiert, jetzt erteilte der Zar Alexander III. dem Sohn des hessischen Prinzen den schlichten Abschied. Mitte November 1885 erklärte Serbien den Bulgaren den Krieg. Bei Serbisch- Slivnitza schlug der Battenberger die Serben aufs Haupt und zwang sie, Bulgarischer hinter die serbische Grenze zurückzuziehen. Vor völliger Vernichtung Krie g wur( l en die Serben durch Österreich gerettet, das dreißig Jahre später an ihnen zugrunde gehen sollte. Wie sich die russische Politik in den siebziger Jahren hinsichtlich der zukünftigen Haltung der Bulgaren getäuscht hatte, so täuschte sich in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die österreichische in den Serben. Fürst Bismarck hat mehr als einmal geäußert, daß sich die Zukunft höchstens auf vier bis fünf Jahre voraussehen lasse. Im Jahr 1885 begab sich auf Befehl des Kaisers Franz Josef der österreichische Gesandte in Belgrad, Graf Rudolf Khevenhüller, durch die beiderseitigen Vorpostenlinien in das Lager des siegreichen B ul garenfürsten und drohte ihm für den Fall weiteren Vorrückens mit österreichischer militärischer Intervention. Daraufhin stellte Fürst Alexander seinen Vormarsch ein. Durch Vermittlung einer internationalen Militärkommission, die aus den in Wien beglaubigten Militärbevollmächtigten bestand, kam es zu einem Waffenstillstand nach rein militärischen Gesichtspunkten. Das ostrumelische Pronunciamento und der Serbisch-Bulgarische Krieg bestätigen für den nachdenklichen Beobachter die alte Erfahrung, daß die Politik auch die Kunst ist, sich veränderten und veränderlichen Situationen anzupassen. Gerade auf der Balkanhalbinsel wechselten die Beziehungen zwischen den sie bewohnenden Völkern, den Serben, Bulgaren, Griechen, Rumänen und Türken und den im Orient rivalisierenden Großmächten häufiger und rascher als die Figuren im Kaleidoskop. Das sommerliche Rußland besitzt einen Zauber, der den Reizen seines Russischer Winters kaum nachsteht. Was im Winter die Schlittenfahrten, das sind Sommer i m Sommer die Schiffahrten auf der Newa. Die Petersburger Sommernächte sind milde und wunderbar hell. Missy Durnow besaß eine schöne Dampfjacht, auf die sie ihre Freunde und Freundinnen einlud. Unter ihren Gästen befand sich fast immer ihr Halbbruder, der Fürst Beloselsky, General a la suite des Zaren und verheiratet mit Nadine Dmitrijewna Skobelew, der ältesten Schwester des berühmten Generals. Die jüngere Schwester, Zeneide, hatte sieh morganatisch mit dem Herzog Eugen von Leuchtenberg vermählt, dem Enkel des Stiefsohns des Kaisers Napoleon. Sie war AUF DER NEWA 589 erst zur Gräfin Beauliarnais, dann zur Herzogin mit dem Prädikat „Durchlaucht“ erhoben worden. Zeneide, allgemein Sina genannt, war strahlend schön. Der Großfürst Alexei Alexandrowitsch, der dritte Sohn des Kaisers Alexander II., huldigte ihr ohne jede falsche Scheu. Er dachte mit dem französischen Sprichwort: Oü il y a de la gene il n’y a pas de plaisir. Wenn er mit Sina am Arm durch die Säle des Winterpalais schritt, pflegte Schweinitz lächelnd zu sagen: „Diese Unbefangenheit erfreut mein reaktionäres Herz, denn sie erinnert an die schöne Zeit von Ludwig XIV. und August dem Starken.“ Alexei und Eugen waren eifrige Besucher des Jachtklubs, wo auch ich häufig eine Partie Ecarte spielte. Es kam vor, daß bei der zwischen ihnen herrschenden Gütergemeinschaft Eugen im Klub mit der Admiralsmütze von Alexei erschien und Alexei mit der Infanteriemütze von Eugen. Sina aber seufzte, als eine Freundin sie auf ihr angegriffenes Aussehen anredete: „Que voulez-vous, ma chere? Je suis aimee par deux hercules.“ Großfürst Alexei und sein Vetter Eugen Leuchtenberg waren beide ungewöhnlich stattliche Erscheinungen. Wir pflegten uns für unsere nächtlichen Sommerfahrten auf der Newa um Mitternacht einzuschiflen. Die Fahrt auf dem majestätischen, klar und sanft fließenden Strom führte uns durch Inseln und Inselchen. Gegen drei Uhr landeten wir auf irgendeinem Eiland. Der mitgenommene Proviant, alle Leckerbissen der russischen „Sakuska“ (Vorspeise bei einem Diner) wurden aufgetischt. Kam die Morgenkälte, so wurde ein Feuer aus rasch zusammengetragenen Zweigen angezündet, an dem wir uns wärmten. Bisweilen wurden auch Sänger mitgenommen, die über die Wasser melodische, melancholische Volkslieder ertönen ließen. Vor sechs Uhr w r ar ich selten wieder zu Hause, aber um elf Uhr erschien ich pünktlich auf der Botschaftskanzlei, um meinen Dienst zu tun, während meine russischen Freunde und Freundinnen bis nachmittags in den Federn blieben. „Einer der größten Reize des Lebens besteht darin, daß man aus der Nacht den Tag und aus dem Tag die Nacht macht“, pflegte Missy Dumow zu sagen. „Tout plutöt, que la monotonie, l’affreuse regle.“ Und so ging der Sommer vorüber, und es kam der Herbst. Meine Gedanken weilten in Rom, bei der Gräfin Marie. Ihre Mutter hatte mir Die Annullie- geschrieben, daß Minghetti für den Ausgang des Annullationsverfahrens rurt g der Ehe guten Mutes sei. Man habe einen Formfehler entdeckt, der bei dem Dönhoff Abschluß der ersten Ehe der Gräfin Marie vorgekommen sei und der eine Handhabe für die Annullierung biete. Donna Laura hatte, von ihrer Tochter begleitet, allen Kardinälen, in deren Händen die Entscheidung lag, einen Besuch abgestattet und war von den „Porporati“ mit Güte und Liebenswürdigkeit empfangen worden. Einer der Herren, klein von Statur, hatte mit gütigem Lächeln zu den Damen gesagt: „Ma, Signore mie, perchd 590 EIN TELEGRAMM Weihnachtsurlaub nach Wien und Berlin avere paura di me? Mi chiamano Nano (der Zwerg). Questo non e il nome di un Nerone.“ Uber die vom Heiligen Stuhl in besonderen Fällen vorgenommenen Annullationen herrschen vielfach unklare Begriffe. Insbesondere ist die Meinung verbreitet, daß es letzten Endes auf das Geld ankomme. Diese Auffassung ist irrig. Die hier in Rede stehende Annullation hat nur einige tausend Lire Kanzleigebühren gekostet, nicht mehr als die Sporteln für einen Bagatellprozeß vor einem Berliner Amtsgericht. Mit Weisheit und Güte hat die katholische Kirche es so eingerichtet, daß durch die Annullierung einer Ehe der Status der Kinder in keiner Weise berührt wird. Sie werden durch eine sogenannte „Sanatoria“ in alle Rechte legitimer Kinder eingesetzt. Anfang Dezember 1885 wurde mir gegen Abend ein Telegramm gebracht. Gibt es Ahnungen? Ich fühlte, daß es ein wichtiges, ein entscheidendes Telegramm war. Aber war es die Entscheidung im Annullationsverfahren ? Also eine Lebensentscheidung? Ich konnte mich nicht entschließen, das Telegramm sofort zu öffnen. Mein Vater hatte mich schon als Knabe gelehrt, wichtige Entscheidungen in gesammelter Stimmung entgegenzunehmen. Ich steckte also das Telegramm in die Brusttasche und ging zur Newa. Seit Wochen zugefroren, glich ihre Oberfläche bei dem unregelmäßigen Anfrieren der Eisschollen einer Wüstenei. Nirgends war ein lebendes Wesen zu sehen, weder Mensch noch Tier. Völlige Einsamkeit umgab mich. Dazu völlige Finsternis. Nur in der Ferne dämmerten die Lichter der Petersburger Häuser. Als ich in die Nähe einer Laterne gelangte, die von hoher Stange spärliches Licht spendete, öffnete ich das Telegramm. Ich las vier Worte: „Annullation ausgesprochen, selig Marie.“ Ich dankte dem lieben Gott aus innerstem, tiefstem Herzen. Am nächsten Tage erbat ich einen vierzehntägigen Weihnachtsurlaub, den ich erhielt und antrat, nachdem ich vorher an den Reichskanzler mein dienstliches Gesuch um Bewilligung der Eheschließung mit Gräfin Marie Dönhoff gerichtet hatte. Ich fuhr über Warschau nach Wien. In Wien traf ich die Gräfin Marie, die dort zum Besuch bei unserer Freundin, der Fürstin Salm-Liechtenstein, weilte. Ich sagte ihr, daß ich mich in Berlin auf keinerlei Hin- und Herreden, Ausflüchte und Temporisieren einlassen, vielmehr dem Amt nur die Wahl zwischen Konsens und Abschied lassen würde. Ich frug die Gräfin, ob sie bereit wäre, im Fall meines Ausscheidens aus dem diplomatischen Dienst an meiner Seite ein äußerlich wenig glänzendes, bescheidenes Leben zu führen. Sie antwortete: „Mit dir, wo du willst und wie du willst.“ In Berlin bat ich Herbert brieflich um eine Unterredung. Er empfing mich am nächsten Tage in seinem Amtszimmer, in dem ich elf Jahre später, inzwischen Staatssekretär geworden, während drei Jahren manchen ,IN ORDNUNG MIT WOTAN“ 591 Bericht lesen, manchen Erlaß diktieren sollte. Herbert blieb bei meinem Eintritt auf seinem Amtssessel sitzen. Ich sah ihm sofort die innere Erregung an. Wenn Holstein erregt war, so pflegte er mit den hageren Fingern seiner rechten Hand krampfhaft spreizende Bewegungen auszuführen. Bei Herbert trat die innere Aufregung darin zutage, daß er mit finsteren Blicken die Stirnhaut auf und nieder schob. Neben ihm stand der damalige Personaldezernent, der Geheimrat Humbert, der mich als jungen Attache zwölf Jahre früher in die Geheimnisse des Kanzleidienstes eingeführt hatte. Er sah auf mich mit dem aus Furcht und Mitleid gemischten Ausdruck, mit dem wohl ein milder Geistlicher den Vorbereitungen für die Exekution eines Delinquenten beiwohnen mag. Die Entscheidung des Reichskanzlers war ihm, wie mir, offenbar noch unbekannt. Herbert erhob sich und schüttelte mir die Hand mit den Worten: „Mein Vater will den Konsens für Sie bei Seiner Majestät dem Kaiser selbst erbitten. Sobald dieser Konsens erteilt ist, will nach Ihrer Verheiratung die Kaiserin Ihre Frau in besonderer Audienz empfangen.“ Mit inniger Freude und mit einer Wärme, die fast undienstlich war, stürzte der Geheimrat Humbert auf mich zu, um mir zu meiner bevorstehenden Vermählung recht von Herzen Glück zu wünschen. Er ist mir, nachdem ich Minister geworden war, ein von mir sehr geschätzter Mitarbeiter gewesen. Nach Hause gekommen, telegraphierte ich an die Gräfin Marie: „In Ordnung mit Wotan.“ Am Abend wurde ich im Bismarckschen Hause zu Tisch geladen. Der Fürst reichte mir mit gütigem Lächeln die Hand. „Sie haben Ihren Willen durchgesetzt. Gut Glück!“ Zu seinem Sohn Bill sagte er nicht lange nachher, wie dieser mir später erzählte: „Die Klugheit und Festigkeit, mit der Bülow in dieser ganzen Sache manövriert hat, macht ihm Ehre. Hoffentlich lähmt die Leidenschaft für seine in der Tat reizende Frau diesem jungen Adler nicht die Flügel und den Flug.“ Ich habe Fürst Bismarck gelegentlich äußern hören, er sei der Meinung, daß das Zölibat für Diplomaten ähnlich wünschenswert sei, wie die katholische Kirche es für ihre Geistlichen eingeführt hat. In der Praxis ist er für meine Frau bis zu seinem Tode voll Güte gewesen. Am 9. Januar fand unsere Hochzeit in Wien statt, erst nach katholischem und dann nach evangelischem Ritus. Der Ehrendomherr Prälat Ignaz Estl sagte nach vollzogener Trauung zu meiner Frau mit gütigem Lächeln, indem er ihr die Hand auf den Kopf legte: „Diesmal ist aber jede Annullation ausgeschlossen. Alle Formalitäten sind erfüllt. Diese Ehe ist unauflöslich.“* Das war diese Ehe, nicht nur der Form nach, sondern vor allem für unser Gefühl, vor Gott und Menschen. Bei der evangelischen Trauung hielt Pfarrer Zimmermann eine von Herzen kommende Ansprache. Bei dem kleinen Frühstück, das nach der Trauung im Hotel Meißl und An Bismarcks Tisch Trauung Bülows und der Gräfin Dönhojf 592 AM ZIEL DER WÜNSCHE Schadn am Neuen Markt stattfand, brachte mein Trauzeuge, der deutsche Botschafter in Wien, Prinz Heinrich VII. Reuß, einen Trinkspruch auf die Neuvermählten aus, den er, zu mir gewandt, mit den Worten schloß: „Per aspera ad astra!“ Noch am selben Tage meldete ich meinem Chef, dem Botschafter von Schweinitz, meine Verheiratung. Mein lieber Freund Fritz Vitzthum, damals Zweiter Sekretär unserer Petersburger Botschaft, schrieb mir bald nachher, General von Schweinitz sei nach Empfang meiner Meldung sehr erstaunt in die Botschaftskanzlei getreten. „Das hätte ich nicht gedacht“, habe er zu den dort versammelten Beamten gesagt, „daß dieser gescheite und geschickte Bülow eine Liebesheirat machen würde. Ich dachte, der würde sich eine Majoratserbin oder eine Dollarprinzessin aussuchen.“ Vitzthum, der, wie früher in London mit Münster, so auch in Petersburg mit Schweinitz, kein Blatt vor den Mund nahm, hatte entgegnet: „Exzellenz haben sich eben gründlich geirrt, wenn Sie Bülow für einen gemütlosen Streber hielten.“ Uber meine Frau hatte Schweinitz gemeint: „Sie ist genial begabt und dabei so harmlos wie meine zwölfjährige Tochter. Sie ist natürlich, aufrichtig und wahrhaftig. Keine Spur von Affektation, Pose oder gar Snobismus. Sie ist eine Dame und jeder Stellung gewachsen.“ Gräfin Marie Dönhoff, die spätere Fürstin Bülow Nach einem Gemälde von Lenbach XLII. KAPITEL Salzburg • Besuch bei Marco Minghetti in Rom • In Berlin • Der Abend im Hause Bismarck • Diner im Kronprinzlichen Palais • Besuch des Kronprinzen bei Frau von Bülow • Ihr Empfang bei Kaiserin Augusta • Gespräch mit Kaiser Wilhelm I. . Aufnahme in St. Petersburg • Hof, Gesellschaft und Diplomatie • Das russische Ministerium des Äußern: Vlangaly, Lambsdorff • Revolution in Sofia • Bismarcks Stellung zur Bulgarischen Frage und zur „Battenbergerei“ • Berlin im Frühjahr 1887 • Frühstückstafel beim Kronprinzenpaar • Die Verlobung der Prinzessin Viktoria mit Alexander Die anmutige Stadt war in Schnee gehüllt, aber hell schien die Sonne vom Himmel, und Sonne war in unseren Herzen. Ich entsinne mich nicht, je so froh und glücklich gewesen zu sein. Und vierzig Jahre später sage ich mir als alter Mann mit Dank gegen Gott, daß meine Ehe mir nur Glück und Segen gebracht hat. Von Salzburg fuhren wir nach Rom, von wo die Nachrichten über das Befinden des Stiefvaters meiner Frau immer ungünstiger lauteten. Wir Von Salzburg fanden Minghetti in der Tat körperlich sehr elend, aber seelisch gefaßt, klar nach Rom. und hell. Zwischen seiner Frau und seiner Stieftochter im Lehnstuhl sitzend, verbreitete er sich in längeren Gesprächen über die höchsten Gegenstände, mit denen sich der menschliche Geist beschäftigen kann. Goethe sagt irgendwo, daß bei erlesenen Menschen am Ende ihres Lebens ungewöhnliche Gedanken aufsteigen, die gleich seligen Dämonen sich auf hohen Berggipfeln niederlassen (so oder ähnlich — ich zitiere aus dem Gedächtnis). Trotz der grausamen Schmerzen, die ihm sein tückisches Leiden, ein Blasenkrebs, bereitete, hat Minghetti im Laufe des Sommers 1886 noch Turin aufgesucht. Turin hatte ihm bitter gegrollt, als er durch die italienisch-französische Konvention vom 15. September 1864 die italienische Hauptstadt nach Florenz verlegt hatte. Es war ihm eine letzte Freude, sich vor seinem Ende mit der Stadt zu versöhnen, von der die italienische Einheitsbewegung ausgegangen war, mit den Piemontesen, in denen er, wie er gern sagte, die Preußen Italiens sah und hochachtete. Der sterbende Mann, den nur seine Frau, Donna Laura, begleitete, ■wurde in Turin von der ganzen Bevölkerung mit herzlichster Ehrerbietung empfangen. Nachdem er mit von Battenberg, Bismarcks Widerstand ir haben die ersten Wochen unserer jungen Ehe in Salzburg verlebt. 38 Bülow IV 594 EIN BRIEF DER IDEALISTIN Aufbietung seiner letzten Kräfte im Rathaussaal seine wie immer formvollendete und gedankenreiche Rede beendigt hatte, sagte er zu seiner Frau: „Nun kann ich ruhig sterben. Turin und ich, wir haben uns wiedergefunden.“ Der Besuch seiner geliebten Stieftochter war ihm eine große Freude. Er Letzte Unter - sagte mir, daß er ruhig sterbe, da er glaube, daß ich sie glücklich machen redung mit -würde. Daß er dieses Zutrauen zu mir hatte, bedeutet für mich auch in der Minghetti jr r | nncrun g m ehr, als wenn er mir eine politische Zukunft prophezeit hätte. Davon war keine Rede. Minghetti hatte seine Zustimmung zu unserer Heirat gegeben, nicht weil er glaubte, seine Stieftochter komme in die große Karriere. In der letzten Unterredung, die ich mit ihm hatte, sagte er zu mir: „Das Glück des Lebens hängt nicht von der äußeren Stellung ab. Ich denke mir, daß Sie vom Botschaftsrat in Petersburg etwa Generalkonsul in Warschau werden könnten, dann vielleicht diplomatischer Agent in Ägypten und mit der Zeit Gesandter in Athen. Das wäre ein hübscher Abschluß.“ Auch meine Frau hat nicht erwartet, daß ich das machen würde, was man gemeinhin eine Karriere nennt. Bald nach unserer Heirat erhielt sie einen Brief von ihrer und später auch meiner verehrten und teuren Freundin Malvida von Meysenbug, in dem es hieß: „Sie schreiben mir, daß Sie Ihren Mann leidenschaftlich liebten, obschon Sie wohl wüßten, daß er nicht besonders begabt wäre. Ich glaube, daß Sie ihn geistig unterschätzen. Franzosen, denen ich im vergangenen Herbst in Paris bei meiner Pflegetochter Olga und deren Mann, dem Historiker Gabriel Monod, dem Professor am College de France und Direktor der Ecole des Hautes fitudes, begegnete, sprachen mir mit großer Anerkennung von Bülow und erzählten mir, daß Gambetta ihm eine bedeutende Zukunft prophezeit hätte.“ Meine Frau zeigte mir mit der Harmlosigkeit, die eine ihrer vielen guten Eigenschaften ist, diesen Brief und meinte dazu: sie bliebe dabei, daß es vor allem darauf ankomme, daß wir uns von Herzen liebhätten. Im Grunde hatte sie darin gewiß recht. Am 10. Dezember 1886 starb Mingbetti. Er empfing vor seinem Tode Minghettis den Besuch des Königs Humbert und der Königin Margherita. Als sie ein- T°d traten, nahm der Sterbende das schwarze Käppchen ab, das er auf dem Kopfe trug, und rief mit leiser Stimme: „Viva la casa di Savoia!“ Dann empfing er als gläubiger Katholik mit großer Andacht die heiligen Sterbesakramente, und seine reine und edle Seele ging hinüber, dorthin, wohin ihm der heilige Franziskus, Dante und Thomas a Kempis den Weg gewiesen hatten. In Italien sind ihm zwei schöne Denkmäler errichtet worden: in Rom vor dem Palazzo Braschi und in Bologna vor der Universität. In Rom gab mir mein früherer Chef, Herr von Keudell, ein Diner, bei dem sich ein komischer Zwischenfall ereignete. Nachdem Keudell, der, wie ich schon früher einmal angedeutet habe, kein Cicero war, mich und meine KEUDELLS BESORGNIS 595 Frau in einem kleinen Toast stotternd begrüßt hatte, erhob sich der gleichfalls anwesende und für seine Einfalt berühmte österreichische Botschafter Graf Ludolf und sprach mit schwungvollen Worten die Hoffnung aus, daß ein so reizendes Paar wie Herr und Frau von Bülow recht bald als deutscher Botschafter und deutsche Botschafterin in den Palazzo Caffarelli einziehen würden. Allgemeine Stille, große Verlegenheit. Keudell erbleichte, und die Konversation kam nur langsam wieder in Gang. Nach Aufhebung der Tafel nahm er mich beiseite. „Ich war Ihr Chef, Ihr, wie ich mir schmeichle, wohlwollender Chef. Sagen Sie mir ehrlich! Hat der große Otto Ihnen meinen römischen Posten versprochen?“ Ich konnte Keudell mit gutem Gewissen mein Wort darauf geben, daß mir Fürst Bismarck weder die römische Botschaft noch überhaupt eine Botschaft in Aussicht gestellt habe. Ich dächte auch gar nicht daran, jetzt schon eine Botschaft anzustreben. Ich sei erst sechsunddreißig Jahre alt, vor fünfzig Jahren pflege man nicht Botschafter zu werden. Nach und nach beruhigte sich der gute Keudell. Schließlich bin ich acht Jahre später als Botschafterin den Palazzo Caffarelli eingezogen. Fata viam inveniunt. Von Rom fuhren wir nach bewegtem Abschied von Minghetti und meiner beben Schwiegermutter nach Berlin. Wir saßen schon am ersten Tage im Reichskanzlerpalais. Meine Frau mußte rechts vom Fürsten sitzen. Der „große Wauwau“, wie ihn junge unehrerbietige Attaches nannten, war die Liebenswürdigkeit selbst für seine Nachbarin. Ich bin wenigen älteren Männern begegnet, die mit Damen so aufmerksam und so liebenswürdig sein konnten wie Fürst Bismarck. Darin glich er seinem ritterlichen Herrn, Kaiser Wilhelm I. Mir empfahl der Fürst, mich in St. Petersburg „auch fernerhin so nützlich zu machen wie bisher“. Am nächsten Tage wurde meine Frau von der Kaiserin Augusta empfangen, neben der ihre Tochter, die Großherzogin Luise von Baden, saß. Beide waren für meine Frau nicht nur voll Güte, sondern sie gaben ihr aus der Fülle ihrer Lebenserfahrung und Lebensweisheit vortreffliche Ratschläge für die sie in St. Petersburg erwartenden Aufgaben. Die Kaiserin Augusta und ihre Tochter waren wahre und echte Vertreterinnen des „Geistes von Weimar“. Während der Audienz meiner Frau bei der Kaiserin trat der Kaiser ein. „Ich muß mir doch die reizende Frau ansehen“, sagte er lächelnd zur Kaiserin, „die einem meiner besten Diplomaten den Kopf verdreht hat.“ Er nahm dann Platz und erkundigte sich bei meiner Frau nach einer Anzahl schöner Italienerinnen, denen er in seiner Jugend begegnet war und für die er noch schwärmte. Ach, sie waren, soweit sie noch lebten, inzwischen siebzig und achtzig Jahre alt geworden. Wir aßen en famille beim Kronprinzen und der Kronprinzessin, die meine Frau wie eine Tochter empfingen. Die Kronprinzessin sprach, ihrer Die Neuvermählten bei Bismarck und dem Kaiser Beim Kronprinzenpaar 38 » 596 HÄUSLICHKEIT englischen Erziehung und Einstellung entsprechend, mit Abscheu von der russischen Regierungsweise, von Autokratie und Orthodoxie, aber mit lebhafter Sympathie von der Großfürstin Elisabeth Feodorowna, ihrer hessischen Nichte, der zweiten Tochter der Großherzogin Alice von Hessen. Wer hätte damals geahnt, daß diese märchenhaft schöne junge Frau erst die Ermordung ihres Gatten, des Großfürsten Sergius Alexandrowitsch, erleben und dann selbst, in einen tiefen Schacht gestürzt, zerschmettert und halbtot auf dem Grunde angelangt, unter ihr nachgeschüttetem ungelöschtem Kalk erstickt werden würde! Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe! Der gütige Kronprinz stattete meiner Frau im Hotel Continental, wo wir abgestiegen waren, persönlich einen Besuch ab und unterhielt sich mit ihr lange und sehr verständig über russische Zustände und unser Verhältnis zu unserem östlichen Nachbarn. Prinz und Prinzessin Wilhelm, die uns nach unserer Trauung in Wien telegraphisch sehr herzlich beglückwünscht hatten, luden uns in Berlin zu Tische. Beide schwärmten für meine Frau, der sie oft im Neuen Palais begegnet waren, wenn diese dort zum Besuch bei den Kronprinzlichen Herrschaften weilte. Wir sahen viele unserer alten Berliner Freunde, den Fürsten und die Fürstin Otto Stolberg, den bayrischen Gesandten Hugo Lerchenfeld, meine lieben Kriegskameraden Franz Arenberg und Bodo Knesebeck. Am meisten aber beglückte es mich, daß meine Mutter meine Frau nicht nur mit herzlicher Liebe in ihre Arme schloß, sondern sie mit jedem Tage liebergewann und mit voller Überzeugung zu mir sagte: „Sie ist die Frau, die zu dir paßt. Mit Gottes Hilfe und unter Gottes Segen wirst du sehr glücklich mit ihr werden.“ Nach zehntägigem Aufenthalt in Berlin traten wir die Weiterreise nach Ankunft in St. Petersburg an. Seit ich verheiratet, und glücklich verheiratet, war, Petersburg gah i c ü Petersburg mit anderen Augen an als zehn Jahre früher, wo ich, leichten, törichten Sinnes voll, zum erstenmal dort gelandet war. Ich überzeugte mich bald davon, daß die Erfüllung meiner dienstlichen Pflichten mir durch meine Frau nur erleichtert wurde. Und nicht nur weil sie mir die Häuslichkeit schuf, in der sich entfalten konnte, was an Leistungsfähigkeit etwa in mir steckte. Ich knüpfte durch sie auch Beziehungen zu Familien und Kreisen an, denen ich vorher nicht nähergetreten war. Die Oberhof- Fürstin meisterin der Kaiserin, die Fürstin Helene Kotschubey, die Mutter Kotschubey von Marie Durnow, hatte ich bisher nur oberflächlich gekannt. Als langjährige Freundin meiner Schwiegermutter suchte sie meine Frau auf, sobald sie von ihrer Ankunft gehört hatte. Die alte Fürstin fuhr zurVorstellungbeider Kaiserin Maria Feodorowna selbst mit meiner Frau nach Gatschina, wozu sie sich sonst nur entschloß, wenn es sich um Botschafterinnen handelte. Die Fürstin Helene Kotschubey war eine der letzten ganz großen Damen, die es in Europa gegeben hat. Eine Bibikow, aus einem der ältesten BISMARCK ÜBER DIE FRAUEN 597 Moskauer Bojarengeschlechter, hatte sie in ihrer ersten Ehe einen Fürsten Beloselsky geheiratet, in der zweiten Ehe den Fürsten Kotschubey. Sie war die verkörperte Etikette, sie war voll Vorurteile, aber sie war ein Original und ein Charakter. Ihr Schwiegersohn, der General Durnow, der Mann von Missy, war Präsident des Slawophilen Wohltätigkeitskomitees und als solcher natürlich ein enragierter Panslawist. Als einmal bei einem Diner ein lebhafter Streit über bulgarische Vorgänge entstand, meinte die Fürstin Helene schließlich: „Je ne comprends pas, comment on peut tant s’occuper des Bulgares, qui sont des gens si peu comme il faut.“ Meine Frau gefiel ihr gut. Am besten gefiel ihr deren politische Harmlosigkeit. Als mich im Winter 1886/87 meine Frau einmal frug, wer eigentlich die zwei Generäle seien, von denen so viel gesprochen würde, Boulanger und Kaulbars, machte ich mir den unpassenden Scherz, ihr zu sagen, Boulanger sei ein nach Bulgarien entsandter russischer General und Kaulbars französischer Kriegsminister. Jeder politisch Unterrichtete wußte, daß umgekehrt Boulanger französischer Kriegsminister und Kaulbars russischer General und diplomatischer Vertreter in Sofia war. In ihrer Unschuld frug meine Frau während einer Soiree bei der Fürstin Helene, wie es eigentlich komme, daß der russische Vertreter in Bulgarien einen französischen Namen führe und der französische Kriegsminister einen deutschen. Alle Welt lachte. Nur die Fürstin Kotschubey meinte: „Je vous ai dit que cette petite femme etait de-li-cieuse. Elle a mille fois raison de ne pas s’occuper de politique.“ Der gleichen Ansicht war übrigens auch Fürst Bismarck. Als ich ihm ein Jahr später diese Äußerung der Fürstin Kotschubey wiedererzählte, meinte er: „Ich gratuliere Ihnen, daß Ihre Frau politisch so ahnungslos ist. Desto besser für sie selbst und für Sie. Die Frauen haben Musik und Theater und alle Dichter, sie haben sogar die Küche. Von der Politik sollen sie die Finger lassen.“ Die Fürstin Helene war in ihrer Jugend hübsch gewesen. Sie soll namentlich in ihren zweiten Gatten sehr verliebt gewesen sein. Originell und echt russisch war folgender Zug an ihr. Da sie eine abergläubische Angst vor Einbrechern und vor bösen Geistern hatte, so ließ sie nachts immer einen Hausknecht sich auf der Schwelle ihres Schlafzimmers ausstrecken, völlig gleichgültig dagegen, daß dieser so der unfreiwillige Zeuge ihrer ehelichen Freuden wurde. Der Dwornik störte sie so wenig, wie sie ein treuer Sankt - Bernhard-Hund geniert haben würde. Ich möchte jedem jüngeren Deutschen, der als Diplomat ins Ausland Die anderen geschickt wird, nochmals empfehlen, freundliche Beziehungen mit seinen Missionen Kollegen von anderen Missionen zu unterhalten. Er wird auf diese Weise die Nachrichten, die er von Inländern erhält, kontrollieren und auf ihre Richtigkeit prüfen können. Er wird auch Gelegenheit haben, Neues zu hören. Vor allem aber wird er Beziehungen anknüpfen können, die ihm für seine weitere 598 EINE ERZÄHLUNG BAZAINES diplomatische Laufbahn von Nutzen sein werden. Die Diplomaten aller Länder bilden in gewisser Hinsicht eine große Koterie, wo einer den andern kennt und jedenfalls vom andern gehört hat. Am liebsten habe ich, wie ich bei Besprechung meiner Tätigkeit in Athen gelegentlich erwähnte, immer mit meinen englischen Kollegen verkehrt. Ich erinnere mich gern an Dering, Herbert, Harding, Grosvenor, Welby, Townley, Rodd, Wyndham, Lascelles, Browne, Vansittart und manche andere. Als ich 1875 zum erstenmal nach St. Petersburg kam, war Sir Edward Thornton dort englischer Botschafter. Sehr verschieden von diesem biederen Schotten war der englische Bot- Robert schafter, den ich 1884 an der Newa antraf, Sir Robert Morier. Bismarck Morier so j] e i nma l gesagt haben, dem Russen sei nur zu trauen, wenn er das Hemd über der Hose trage, und dem Engländer, wenn er kein Französisch spreche. Morier sprach nicht nur Französisch, sondern er war der Sohn eines aus Neufchätel nach England eingewanderten Hauslehrers. Intelligent, kenntnisreich und insinuant, hatte Sir Robert schon in jungen Jahren die Aufmerksamkeit des Prinzen Albert von Koburg auf sich gezogen. Wie alle Freunde des Prince Consort, wurde auch er nach dessen Tode von der Königin Victoria protegiert. Als Gesandter an kleineren deutschen Höfen, in Koburg, Darmstadt und schließlich in München, war er in alle Schwächen und Narrheiten des deutschen Partikularismus eingedrungen. Er war einer der wenigen Engländer, die schon vor Sedan, schon lange vor der Zeit, wo die deutschen Fortschritte in Industrie und Handel die englische Eifersucht zu erwecken begannen, lange vor dem Bau unserer Flotte die Ansicht vertraten, daß ein schwaches und als solches bescheidenes Deutschland dem englischen Interesse am besten entspräche. Immerhin wäre wohl auch mit Morier auszukommen gewesen, wenn er nicht durch das Ungestüm von Herbert Bismarck tödlich gekränkt worden wäre. Mein alter Kriegskamerad Deines hatte als Militärattache in Madrid die Bekanntschaft von Bazaine gemacht, der dort nach der Flucht aus seiner Haft auf der Insel Sainte- Marguerite im tiefsten Elend lebte. Der Ex-Marschall erzählte Deines, er sei während des Deutsch-Französischen Krieges als Oberbefehlshaber der Metzer Armee von Morier, dem damaligen englischen Gesandten in Darmstadt, über deutsche Verhältnisse und insbesondere über deutsche militärische Vorgänge auf dem laufenden gehalten worden. Im August 1870 habe er von Morier die erste Nachricht von dem Vormarsch der deutschen Heere über die Mosel erhalten. War dem wirklich so? Hatte Morier wirklich eine so häßliche Rolle gespielt? Oder batte Bazaine gelogen? Jedenfalls hätte Herbert besser getan, die fragliche Insinuation nicht in die Presse zu bringen. Beweise für die Anklage hatten wir nicht. Bazaine galt der Welt nicht als einwandfreier Zeuge. Die englische Presse trat nach englischer Art und mit englischem Patriotismus einstimmig und leidenschaftlich für die HINZPETER WIRD EMPFOHLEN 599 Unschuld ihres Landsmannes Morier ein, der seitdem unser ausgesprochener Gegner wurde und alles tat, um uns hei den Russen zu schaden und sie gegen uns mißtrauisch zu machen. Er war einer der ersten ernst zu nehmenden und gefährlichen Vorläufer jener englischen Richtung, die weder in Rußland noch in Frankreich, sondern nur in dem wirtschaftlich und politisch immer mehr erstarkenden Deutschland den gefährlichen Nebenbuhler und somit Gegner des britischen Weltreichs erblickte und bekämpfte. Beim Prinzen von Wales war Morier sehr gut angeschrieben. Leider genoß er auch das Vertrauen der Kronprinzessin Viktoria. Als es sich darum handelte, einen Erzieher für den Prinzen Wilhelm, den künftigen König und Kaiser, zu finden, holte die Kronprinzessin den Rat von Morier ein, und dieser empfahl Hinzpeter, der damals Erzieher im Hause des Grafen Görtz auf Schloß Schlitz in Oberhessen war. Ganz anders als Sir Robert Morier war der italienische Botschafter Greppi, ein liebenswürdiger Weltmann, ein vollkommener Galantuomo, Greppi freilich kein Cavour, auch kein Talleyrand. Er sollte aber alle seine Altersgenossen überleben und, nachdem er nach vielen anderen Kriegen auch den Weltkrieg gesehen hatte, mit 103 Jahren aus dieser Welt scheiden. Wichtiger als die diplomatischen Kollegen und als die Petersburger Salons waren für mich Giers und seine Mitarbeiter. Adjoint im Ministerium des Äußern (eine Stellung, die der des Unterstaatssekretärs im Berliner Auswärtigen Amt entsprach) war Vlangaly. Er war von Geburt Grieche, wie Zographos, Katakazy, Basily, Persiany und manche andere russische Diplomaten. Sehr verschieden von dem feinen, liebenswürdigen, bis zur Ängstlichkeit vorsichtigen Vlangaly war der Chef des Asiatischen Departements, der Geheime Rat Sinowjew. Ein Urrusse,in seinen Formen und seiner Sprache nicht immer gewählt, aber ein Mann mit gesundem Menschenverstand. Er hat mir mehr als einmal gesagt: „Unser Unglück sind die Balkanvölker. Wir vergießen für sie unser Blut, ohne reale Vorteile einzuheimsen. Wir vergeuden für sie unser Geld, für das wir viel nützlichere Verwendung im Innern Rußlands hätten, wo es noch so viel zu verbessern und neu zu schaffen gibt. Gott gebe, daß die Brüderchen, die Bratuschkas, wie sie unser naives Volk nennt, uns nicht noch einmal in einen ganz bösen Krieg hineinziehen.“ Der nächste Vertraute von Giers war Graf Wladimir Nikolaje witsch Lambsdorff. Er war derjenige Beamte, den Giers zuerst in den Rück- Graf Versicherungsvertrag eingeweiht hatte. Lambsdorff hat sich erst viel später Lambsdorff in unsern Gegner verwandelt, als ihn, wie ich seinerzeit erzählt habe, Kaiser Wilhelm II. unter dem schlechten Einfluß des Fürsten Max Fürstenberg durch taktlose und unfreundliche Behandlung tief gekränkt hatte. Als ehrgeiziger, etwas vordringlicher Legationssekretär arbeitete auf dem 600 „BOSHE ZARJA KRANI!“ Iswolski russischen Ministerium des Äußern damals Alexander Petrowitsch Iswolski. Ich spielte oft mit ihm im Klub. Da er meine guten Beziehungen zu Sinowjew kannte, der sein direkter Vorgesetzter war, so bat er mich, mit diesem freundlich über ihn zu sprechen. Als ich Sinowjew die brillanten Eigenschaften von Iswolski rühmte, antwortete er in der ihm eigenen groben Art: „Iswolski zieht sich an wie ein Affe. Wer grell karierte Hosen und dazu einen blauen Schlips trägt, ist kein brauchbarer Beamter.“ Am 20. August 1886 begegnete ich auf einem Diner bei dem englischen Umsturz in Botschafter, Sir Robert Morier, Herrn Vlangaly. Als wir zusammen die Bulgarien Treppe hinabstiegen, schlug Vlangaly mir eine gemeinsame Fahrt nach den Inseln vor. Das würde uns beiden nach der großen Hitze des Tages eine wohltuende Erfrischung sein. Während uns die Troika, von drei flotten Pferden gezogen, an schönen Landhäusern und anmutigen Parkanlagen vorbeiführte, erging Vlangaly sich in trüben Betrachtungen über die Verantwortung, die in gewissen Momenten zentnerschwer auf den Schultern des Leiters der auswärtigen Politik eines großen Reiches und seiner Mitarbeiter ruhe. Am nächsten Tage verstand ich die Besorgnisse, die während unserer nächtlichen Fahrt Vlangaly sichtlich erfüllt hatten. Der Telegraph meldete, daß in Sofia eine Revolution ausgebrochen war. Ein meuterndes bulgarisches Kavallerieregiment hatte den Konak des Fürsten Alexander umzingelt. Offiziere der Junkerschule waren in sein Schlafzimmer eingedrungen, hatten ihm seine Absetzung notifiziert und ihn mit vorgehaltenem Revolver nach Rahova an der Donau gebracht, dort in seiner eigenen Jacht eingeschifit und nach Reni, einem Städtchen im russischen Gouvernement Bessarabien geführt. Hier in Freiheit gesetzt, hatte sich der Fürst nach Galizien begeben. Die Nachricht von diesem Handstreich wurde den im Lager von Krasnoje Selo zu den Sommermanövern versammelten Regimentern auf Befehl des Kaisers Alexander III. mitgeteilt. Die Truppe nahm die frohe Kunde mit weithin schallendem „Hurra!“ auf und stimmte die russische Nationalhymne an: „Boshe zarjakrani!“ (Gott schütze den Zaren!) Die Freude an der Newa dauerte nicht lange. Kaum hatte sich in Sofia Die Regierung eine provisorische Regierung gebildet, die aus dem Bischof Klemens, dem Stambulows ehrwürdigen Metropoliten von Tirnowa, dem Major Gruew, einem der militärischen Verschwörer, und dem Führer der russenfreundlichen Kammerfraktion, Zankow, bestand, so trat in Bulgarien ein Rückschlag ein. In allen größeren Städten erklärten sich die Garnisonen für den Fürsten. In Sofia wurde die russophile provisorische Regierung nach kaum dreitägiger Amtsdauer gestürzt und eine neue Regierung gebildet, an deren Spitze der bedeutendste Politiker des Landes, Stefan Stambulow, trat. Inzwischen war Fürst Alexander in Lemberg von seiten der Polen der Gegenstand enthusiastischer Ovationen gewesen. Die Begeisterung für ihn POLITIK UND LIEBE 601 ergriff bald ganz Deutsch-Österreich. In Deutschland trat namentlich die demokratische und die klerikale Presse leidenschaftlich für den Battenberger ein. Mit derselben Gleichgültigkeit für die öffentliche Meinung und ebenso unbekümmert um sentimentale Regungen und selbst um völkerrechtliche und ethische Gesichtspunkte, wie er ein Vierteljahrhundert früher jedes Eintreten für die Polen gegen Rußland abgelehnt hatte, stellte sich Fürst Bismarck jetzt in der Bulgarischen Frage mit voller Entschieden- Bismarck heit auf die russische Seite. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ f lLr Bußland erklärte offiziös, daß deutsche Interessen durch die bulgarischen Vorgänge gar nicht berührt würden. Als die oppositionelle deutsche Presse fortfuhr, den Fürsten Alexander zu verherrlichen und ein wenigstens diplomatisches Eintreten für ihn als eine sittliche Pflicht zu fordern, erklärte in einem von Bismarck selbst inspirierten Artikel das offiziöse Blatt unter heftigen persönlichen Angriffen gegen Eugen Richter und Windthorst, daß die genannten Parlamentarier und ihre Anhänger nicht die erforderliche Schärfe des Blicks besäßen, um auch nur die nächste Zukunft prognostizieren zu können. Kein einigermaßen durch theoretisches Studium der Geschichte oder durch praktische Beschäftigung mit Politik gebildeter deutscher Staatsbürger könne im Zweifel darüber sein, welche eminenten Gefahren auf dem Wege lägen, den Demokraten und Klerikale unserer Politik vorzeichnen wollten. Es hieß in dieser Bismarckschen Auslassung wörtlich: „Zentrum und Demokratie predigen den Krieg, und zwar einen Krieg, schrecklicher und blutiger, als alle bisherigen Kriege gewesen sind.“ Die schroffe Haltung des Fürsten Bismarck gegenüber der „Battenbergerei“, wie er diese mebr aus Gefühlsmomenten als aus politischer Einsicht hervorgegangene Bewegung verächtlich nannte, wurde verstärkt durch den Argwohn, daß es sich im letzten Ende um eine englische Intrige handele, zu dem Zweck, uns mit Rußland zu entzweien. Wie Fürst Bismarck per omnia discrimina rerum in einem guten Verhältnis zu Rußland immer die sicherste Rückendeckung für Deutschland erblickt hat, so war er auch stets davon überzeugt, daß die englische Politik Deutschland und Rußland untereinander verhetzen und jedenfalls auseinanderhalten wolle. Bismarck fand das vom englischen Standpunkt aus ganz begreiflich. Er wünschte aber nicht, daß wir in diese Falle gingen. Die Bulgarische Frage wurde durch eine Liebelei kompliziert, hinter der Bismarck nicht mit Unrecht eine englische Intrige witterte. Die dritte Tochter des deutschen Kronprinzen, die damals zwanzigjährige Prinzessin Viktoria, hatte sich in den Helden von Slivnica verliebt. Die erste Begegnung zwischen den beiden war von dem Onkel der Prinzessin, dem Prinzen von Wales, herbeigeführt worden. Unter seinen väterlichen Augen hatten Alexander und Viktoria Verlobungsringe ausgetauscht. Es war dem Prinzen von Wales 602 DER VERHÄNGNISVOLLE HANDKUSS nicht schwer gefallen, seine Schwester, die deutsche Kronprinzessin, auf die er großen Einfluß ausübte, für dieses Heiratsprojekt zu entflammen. Aber das Mißtrauen des Fürsten Bismarck gegen die „Battenbergerei“ wurde durch die Gefahr einer Heirat der Tochter des künftigen deutschen Kaisers mit Alexander Battenberg noch erhöht. Inzwischen hatte Fürst Alexander unter fortgesetzten Ovationen der Fürst galizischen Polen die Rückreise nach Bulgarien angetreten. In Bukarest Alexander W urde er von dem rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu, in der rumä- dankt ab n ] sc ^ en Grenzstadt Giurgewo von Stambulow erwartet und auf bulgarischem Boden in Rustschuk mit Jubel begrüßt. Die fremden Konsuln, mit Ausnahme des russischen, waren zu seinem Empfang erschienen. Der deutsche Konsul, Herr von Saldern, hatte sich von der allgemeinen Begeisterung für den Fürsten Alexander so sehr anstecken lassen, daß er ihm unter Tränen die Hand küßte. Saldern, mit dem ich vierzehn Jahre früher an der Metzer Regierung als Referendar zusammen gearbeitet hatte, war, was man einen guten Kerl nennt, das heißt, er litt an einer gewissen, in Deutschland ziemlich verbreiteten sentimentalen Gutmütigkeit, die bisweilen zur Verkennung politischer Realitäten führt. Sein Handkuß kam imglücklicherweise in die Zeitungen und trug ihm einen scharfen Verweis seines großen Chefs ob solcher „blöden Sentimentalität“ ein. Fürst Alexander richtete von Rustschuk aus ein de- und wehmütiges Telegramm an den Zaren, der hochmütig ablehnend antwortete. Bei dem Einzug des Battenbergers in Sofia fehlte nicht nur der russische, sondern infolge direkter Weisung aus Berlin auch der deutsche Vertreter. Fürst Alexander verlor die Nerven. Er berief einen Ministerrat, dem er erklärte, er sei unwiderruflich entschlossen, auf seinen Fürstenhut zu verzichten. Er befahl die Freilassung des nach dem Attentat vom 21. August verhafteten Führers der russophilen Partei, Dragan Zankow, richtete eine Regentschaft unter Stambulow ein, erließ eine schöne Proklamation an das bulgarische Volk und reiste nach Wien ab. Die Battenberg-Episode in Bulgarien war vorüber. Woher stammten die Battenberger, deren Ambitionen während einiger Die Zeit dem Fürsten Bismarck nicht geringe Sorgen bereiteten und sogar den Battenberger europäischen Frieden bedrohten? Einer der frechsten und gleichzeitig dem Gemeinwohl schädlichsten Günstlinge, die das an Favoriten reiche achtzehnte Jahrhundert sah, war der sächsische Minister Graf Heinrich Brühl. Er war schon der Lieblingspage Augusts des Starken gewesen. Unter August III. avancierte er zum allmächtigen Premierminister. Namentlich seitdem er seinem Souverän zuliebe wie dieser konvertiert hatte, wurde er der wahre Herr von Sachsen, dessen Heer er verfallen ließ und dessen Existenz er während des Siebenjährigen Krieges durch seine leichtsinnige Politik gefährdete, dessen Souverän er aber für die Befriedigung seiner Luxus- EIN AUFSTIEG 603 Liebhabereien immer Geld zu verschaffen wußte. Er hielt sich gern in unmittelbarer Nähe seines Kurfürsten, ohne je ein Wort zu sagen. Nur wenn der Kurfürst, der beständig Tabak rauchte, aus der Rauchw r olke an ihn die Frage richtete: „Brühl, habe ich Geld?“, antwortete der Günstling regelmäßig: „Ja, Sire!“ Der Aufwand, den Brühl trieb, stand auf der Höhe der Prachtliebe seines Souveräns. Als der Große Friedrich in Dresden einrückte, fand er im Brühlschen Palais achthundert Schlafröcke, fünfzehnhundert Perücken und zweitausend Paar Schuhe. Graf Heinrich Brühl hatte dreißig Köche und zweihundert Bediente. Unter letzteren schätzte er besonders einen Sachsen namens Haucke. In Warschau, wohin Brühl seinem Souverän folgte, als sich dieser 1783 die polnische Königskrone aufsetzte, vermählte sich der treue Haucke mit der Tochter eines ehrsamen deutschen Zuckerbäckers. Den Sohn aus dieser Ehe brachte der gnädige Graf Brühl im polnischen Kadettenkorps unter, aus dem er in das bis 1830 selbständige polnische Heer übertrat, wo er es bis zum General brachte. Als 1830 der große polnische Aufstand ausbrach, ging die Mehrzahl der polnischen höheren Offiziere zu den Insurgenten über. Nur wenige blieben dem Zaren treu, unter ihnen Haucke, der dafür von den Insurgenten niedergemacht wurde. Das war für ihn selbst bedauerlich, eröffnete aber seinen Nachkommen die Bahn für großen Aufstieg. Nach der Niederwerfung des polnischen Aufstandes erschien Kaiser Nikolaus in Warschau. Unter den Rebellen hielt er fürchterlich Musterung, aber die Treuen wurden belohnt. Der Ehe des ermordeten Generals Haucke waren zwei Kinder entsprossen. Der Sohn wurde russischer Offizier, die Tochter Hofdame der Cesarewna, der späteren Kaiserin Maria Alexandrowna. Bei ihr begegnete Fräulein Haucke oft dem Bruder Ihrer Kaiserlichen Hoheit, dem Prinzen Alexander von Hessen- Darmstadt, der ein Petersburger Eliteregiment, die Gardes-a-Cheval, kommandierte. Zwischen beiden entspann sich ein zarter Roman. Als einmal die Hofdame Julie Haucke hinter ihrer hohen Gebieterin in den Ballsaal trat, meinte der Oberststallmeister Meyendorff mit der Derbheit eines alten Kavalleristen: „Wenn diese Hofdame eine Stute wäre, würde ich sagen: sie ist trächtig.“ Einige Tage später warf sich Fräulein Haucke der Cesarewna zu Füßen und gestand ihr, daß sie guter Hoffnung sei. Prinz Alexander trat ritterlich für seine Geliebte ein. Der strenge Kaiser Nikolaus verwies beide aus seinem Lande. Prinz Alexander heiratete 1851 Fräulein Haucke und wandte sich nach Österreich, wo er als General wieder angestellt wurde. Seine Gattin wurde in Hessen zuerst zur Gräfin, dann zur Fürstin Battenberg erhoben. Des ältesten Sohnes, der in die englische Marine eintrat und völlig zum Engländer wurde, habe ich schon gedacht. Der zweite, Alexander, war der 604 DER MINGRELIER Bulgarenfürst. Die einzige Tochter Battenberg heiratete einen Grafen Erbach aus einem erlauchten fränkischen Geschlecht, das seinen Stammbaum bis auf Eginhard und Imma, die Tochter Karls des Großen, zurückführt. Der dritte Sohn, Heinrich, trat in sächsische Dienste. Ihm begegnete ich 1879 in Ems, wo ich auch seine Eltern kennenlernte. Der Prinz Alexander von Hessen war ein durch und durch vornehmer und dabei liebenswürdiger Herr, die Fürstin Julie eine sehr kluge, sehr ehrgeizige Frau. Den Sohn überredete ich, unterstützt von meinem Freunde, dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß, den sächsischen Dienst mit dem preußischen zu vertauschen. Ich setzte ihm selbst das Schreiben an den König von Sachsen auf, in dem er um Entlassung aus dem sächsischen Dienst bat. Er trat zuerst bei dem Königshusaren-Regiment in Bonn ein, dessen Reize ich ihm in allen Farben geschildert hatte. Von dort wurde er in die Gardes-du-Corps versetzt und als Rittmeister bei diesem schönen Regiment von der alten Königin Victoria als Gatte für ihre jüngste Tochter Beatrice ausersehen. Er avancierte als solcher zur Königlichen Hoheit, erhielt den Hosenbandorden und wurde Governor und Captain der Insel Wight, Governor von Carlsbrooke Castle. Er starb schon 1896 auf einer Expedition in Westafrika. Seine Tochter wurde zwölf Jahre später Gemahlin des Königs Alfons XIII. und Königin von Spanien. Wenn das der gute Kammerdiener Haucke erlebt hätte! In Sofia traf nach der Abreise des Battenbergers als Vertreter des Kaulbars Zaren der General Kaulbars ein. Kaulbars gehörte zu jenen Deutsch- verlangt russen, die alle dem zaristischen System eigenen Fehler: Brutalität, Hof- Gehorsam f arti Willkür, mit deutscher Gründlichkeit ins Unerträgliche steigerten. Er trat in Bulgarien im Stil der Paskewitsch, Berg, Murawjew und anderer nach Polen entsandter Prokonsuln auf. Die erste Ansprache, die er an die bulgarische Regierung richtete, endigte mit den Worten: „Die Bedingungen, welche ich beauftragt bin den Bulgaren anzuzeigen, sind sehr kategorisch. Der Zar verlangt das vollständige Vertrauen und absoluten Gehorsam.“ Die Rundreise, die Kaulbars durch Bulgarien antrat, war ein jämmerlicher Mißerfolg. Die Bevölkerung beobachtete gegenüber dem Vertreter des Zaren überall eine kühle und ablehnende Haltung. Nun schlug man von Petersburg aus der bulgarischen Regierung als Thronkandidaten den Fürsten Nikolaus Dadian von Mingrelien vor. Giers, Vlangaly und Sinowjew verhehlten mir nicht, daß sie den Mingrelier für einen „pauvre Sire“ hielten, der außer dem Umstand, daß er ein Schwiegersohn des russischen Generaladjutanten Adlerberg sei, wenige Atouts in seinem Spiel habe. Die bulgarische Regentschaft erklärte sofort, das bulgarische Volk würde sich nie einen Kaukasier aufdrängen lassen, der sein eigenes Vaterland für Geld an Rußland verkauft habe. DAS ENDE EINES ROMANS 605 Noch ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1887, als ich mit meiner Frau in Berlin weilte, war dort die Battenberg-Affäre das allgemeine Gesprächs- Alexander thema. Man interessierte sich wenig dafür, ob der Fürst Alexander nach “ n< * Viktoria Bulgarien zurüclikeliren würde oder nicht. Wohl aber war alle Welt mit der Frage beschäftigt, ob Alexander und Viktoria sich „kriegen“ würden. Meine Frau und ich wurden zum Luncheon nach dem Neuen Palais geladen. Nach Aufhebung der Frühstückstafel ging man in den schönen Garten, wo Prinzessin Viktoria mit einigen Herren des Kronprinzlichen Hofes Lawn- Tennis spielte. Während sich die Prinzessin diesem schönen Spiel mit derselben Anmut und jedenfalls mit dem gleichen Eifer hingab wie einst die Phäakenprinzessin Nausikaa dem Ballspiel, klagte mir die Kronprinzessin ihr Leid. Ihr armes Töchterlein sei so verzweifelt, daß sie weder essen noch schlafen könne. Sie gräme sich Tag und Nacht, daß sie durch die grausame Politik des Fürsten Bismarck verhindert würde, den von ihr so sehr geliebten Fürsten Alexander zu heiraten. Sie würde entweder Selbstmord begehen oder vor Kummer sterben. Da gerade in dem Augenblick, wo ich diese Klagen hörte, Prinzeß Viktoria mit einem meisterhaften Schlage ihres Rackets unter lautem Jubel die Partie gewann, konnte ich der Frau Kronprinzessin mit gutem Gewissen erwidern, daß ihre Tochter mir noch nicht ganz so unglücklich zu sein schiene wie Ophelia oder Julia. Das Liebesspiel zwischen Alexander und Viktoria ging denn auch bald zu Ende. Beide haben sich rasch getröstet. Prinzeß Viktoria vermählte sich 1890 mit dem wackeren Prinzen Adolf von Schaumburg-Lippe, Fürst Alexander, der gehofft hatte, Eidam des Deutschen Kaisers zu werden, hatte schon vorher eine hübsche Sängerin des Darmstädter Hoftheaters, Fräulein Johanna Loisinger, geheiratet. Seine ehrgeizigen Träume haben sich nicht erfüllt. Aber was ihm niemand rauben konnte, war der Ruhm eines tapferen Mannes, den er sich bei Slivnica mit dem Degen in der Faust erworben hatte. Was außer der Liebespein ihrer Tochter die Kronprinzessin am meisten beschäftigte, war das bevorstehende fünfzigjährige Regierungsjubiläum Halsleiden ihrer Mutter, der Königin Victoria. Die Kronprinzessin wollte, daß der des Krön- Kronprinz diesem Jubiläum beiwohnen sollte, das ihr bei ihrem englischen P rmzen Empfinden als die bedeutendste Feier aller Zeiten und Länder erschien. Der Kronprinz aber laborierte seit einiger Zeit an einem hartnäckigen Halsleiden, das auch durch eine ernste Kur in Ems nicht gebessert worden war. Der hohe Herr sah nicht gut aus. Er war blaß, sehr heiser, und das Sprechen verursachte ihm sichtlich Unbequemlichkeit. Gütig wie immer, wollte er nicht, daß seine Familienangehörigen und seine Gäste seinen körperlichen Zustand als störend empfänden. Aber ich konnte die Besorgnis nicht loswerden, daß an diesem heldenhaften Mann ein giftiger Wurm nage. 606 KREISRICHTER UND PROFESSOREN Als wir un9 verabschiedeten, sagte uns der Kronprinz, daß er uns zur Bahn geleiten wolle. Wir fuhren bei dem sehr milden Wetter in einem offenen Break. An der Bahnstation angelangt, verabschiedete sich der Kronprinz mit einem freundlichen Händedruck von meiner Frau und mir. Es war das letztemal, daß ich seine Siegfriedgestalt erblickte, in sein liebes, gütiges Antlitz sah. Am nächsten Tage aßen wir in größerem Kreise im Hause Bismarck. Der Bismarck über Fürst sprach fast nur von der Battenberg-Affäre. Der Enthusiasmus weiter dieBattenberg- deutscher Kreise für den Battenberger überraschte ihn nicht. Die Deutschen Affäre jetten die Eigentümlichkeit, sich auch dann für ausländische Vorgänge zu erhitzen, wenn ihre eigenen Interessen dadurch geschädigt würden. Wer in Bulgarien regiere, ob Hinz oder Kunz, könne uns vollkommen gleichgültig sein, nicht aber, wie sich unser Verhältnis zu Rußland gestalte. Das Projekt der Vermählung der Prinzessin Viktoria mit dem Battenberger sei eine englische Intrige. Weder der Kaiser noch der Kronprinz wollten von dieser Verbindung etwas wissen, schon weil beide sie mit Recht als eine Mesalliance ansähen. Er, Bismarck, sei erst recht gegen diese Heirat, weil sie unsere Beziehungen zu Rußland gefährde. Bismarck zog eine interessante Parallele zwischen der Situation von 1887 und der Lage der Dinge bei seinem Amtsantritt. Demokraten und Ultramontane würfen ihm jetzt vor, daß er nicht für den „edlen“ Battenberger gegen das „böse“ Rußland eintrete. 1863 sei er von der Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhause beschimpft worden, weil er nicht die Partei der „edlen“ Polen gegen dasselbe „böse“ Rußland ergrißen hatte. Wenn er 1863 den Ratschlägen von Schulze-Delitzsch, Duncker, Grabow, Hoverbeck, Waldeck und ähnlichen „Kannegießern“ und „Schwätzern“ gefolgt wäre, würden wir weder 1864, noch 1866, noch insbesondere 1870/71 erlebt haben. Der Fürst schloß mit einer sehr bitteren, sehr heftigen Betrachtung über die „Dummheit“ der deutschen „Kreisrichter“ und „Professoren“. Der Professor wolle politische Vorgänge „wissenschaftlich“ prüfen und politische Lösungen auf Grund „wissenschaftlicher Untersuchungen“ finden. Die Politik sei aber keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Der Kreisrichter betrachte die Politik wie einen Rechtsfall: „Wer hat recht, wer hat unrecht?“ Das sei ebenso einfältig. Kein objektiv Urteilender wird heute bestreiten, daß Fürst Bismarck mit seinen Klagen und Vorwürfen nur zu recht hatte. Eine andere Frage ist, ob er die von ihm beklagten Ubelstände nicht dadurch hätte mildern und allmählich beseitigen können, daß er die „Kreisrichter“ und „Professoren“ politisch erzog, indem er ihnen einigen Anteil an der Leitung des Staates gewährte und, wie dies Cavour in Italien und wie es in England eine Reihe großer Staatsmänner getan hat, allmählich zu einem verständigen DIE NARRENFREIHEIT 607 parlamentarischen System überging, das mit einer kräftigen Monarchie ebenso vereinbar war wie mit der im Interesse des Landes erforderlichen vollen Aufrechterbaltung unserer Wehrmacht. In der Umgebung des Fürsten Bismarck waren hinsichtlich der Battenberg-Affäre wie gegenüber Rußland die Ansichten geteilt. Herbert vertrat wie immer die Auffassung seines Vaters, aber noch um einige Nuancen schärfer und um mehrere Grade einseitiger. Holstein kritisierte und bekämpfte den russenfreundlichen Kurs. Holstein war, solange ich ihn kannte, also während dreißig Jahren, russenfeindlieh und anglophil. Wie alle Sympathien und Antipathien des seltsamen Mannes war auch diese Einstellung auf persönliche Vorgänge und Empfindungen zurückzuführen. Sein erster Posten war St. Petersburg gewesen. Er war dort gesellschaftlich schlecht behandelt worden. Die große Petersburger Welt hatte den jugendlichen, ungelenken, eitlen und empfindlichen Holstein, der weder durch die Schule eines Korps noch eines Regiments gegangen, der ein Original war, unsympathisch gefunden. Spätere Reibungen mit russischen Kollegen in Paris und der Russischen Botschaft in Berlin waren dazugekommen. Dagegen hatte Holstein an mehrere Besuche in England und an einen längeren Aufenthalt in Amerika gute Erinnerungen bewahrt. Einige englische Publizisten gehörten zu seinen nächsten Freunden. Bill Bismarck und Rantzau fanden wie Holstein, daß Fürst Bismarck zuviel Rücksicht auf Rußland nehme. Es war ein Beweis für die Ausnahmestellung, die Holstein bis zum Sturz des Fürsten Bismarck bei diesem einnahm, daß der mißtrauische Kanzler, der im allgemeinen weder Widerspruch noch Kritik duldete, Holstein das Frondieren in der Battenberg- und in der Russenfrage nicht übelnahm. Er sagte auch nichts, als der Intimus von Holstein, der Berliner Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“, der Justizrat Fischer, in seinem Blatt von einem Wettkriechen vor Rußland sprach. Als ich Herbert frug, was er zu Holsteins russenfeindlicher Haltung sage, meinte er lachend: „Holstein hat ein für allemal Narrenfreiheit.“ Er vergaß, daß es auch gefährliche Narren gibt. Holstein gegen Rußland XLIII. KAPITEL Begegnung mit Waldersee Besuch bei der Mutter in Seelisberg ■ Mit General von Loe und General Graf Waldersee in Axenstein • Reichstagsauflösung und Septennat • Drohende Kriegsgefahr 1887 Die innerpolitische Lage und Rußland • Großfürst Wladimir • Der Rückversicherungsvertrag • Bismarcks letzte große Rede I m Januar 1887 weilte ich einige Wochen bei meiner Mutter in Seelisberg am Vierwaldstätter See. Bald nach meiner Ankunft erhielt ich einen Brief meines Kriegsobersten Loe, der inzwischen General der Kavallerie und Kommandierender General des Armeekorps seiner rheinischen Heimat, des VIII. Armeekorps, geworden war. Er frug, ob er meine Mutter besuchen und einige Tage bei uns verleben dürfe, ein Vorschlag, den wir gern und dankbar akzeptierten. Nachdem wir zusammen die alte Wallfahrtskapelle Maria Sonnenberg besucht und uns an der herrlichen Aussicht auf das Reußtal, die Mythen und den Urner See erfreut hatten, teilte mir Loe den eigentlichen Grund seines Kommens mit. Er wünsche, daß ich die Bekanntschaft des Grafen Alfred Waldersee mache, der mit seiner Frau uns gegenüber in Axenstein weile. Am nächsten Morgen, einem Sonntag, machten wir uns schon früh auf den Weg. Es war ein herrlicher Tag. Während wir erst zum See hinab und dann vom See bergauf stiegen, explizierte mir der General, warum er mich mit Waldersee in Verbindung setzen wolle. Seine Majestät der Kaiser habe kürzlich seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert, umgeben von der Liebe und Dankbarkeit aller anständigen Deutschen und dem Vertrauen der einsichtigen Ausländer. Wir müßten Gott für jeden Tag danken, den unser alter Herr noch lebe. Aber eine sehr lange Regierungszeit könne ihm nicht mehr beschieden sein. Sehr bewegt fügte der General hinzu, daß die Erkrankung des Kronprinzen, an dem er gleichfalls mit inniger Liebe hing, sehr bedenklich sei. Loe sprach das Wort „Krebs“ nicht aus, aber er ließ keinen Zweifel darüber, daß es sich um ein überaus ernstes Kehlkopf leiden handele. Prinz Wilhelm sei noch nicht dreißig Jahre, recht begabt, aber noch ganz unreif. „Ich bin überzeugt“, meinte der General, „daß Prinz Wilhelm, obwohl er jetzt, schon um seine Mutter zu ärgern, für Bismarck eine unbegrenzte Bewunderung afiichiert, nicht lange mit ihm auskommen wird. Daß er DER JUNGE PRINZ WILHELM 609 unerfahren ist, liegt in seiner Jugend. Er ist aber auch unbesonnen und eitel. Er will alles besser wissen und alles entscheiden, ohne die hierfür erforderlichen Eigenschaften zu besitzen. Er lechzt nach äußerlichen Triumphen. Der Schein ist dem jungen Prinzen Wilhelm leider wichtiger als der Kern. Andrerseits ist der große Kanzler mit dem Alter noch reizbarer, noch starrer geworden. Er ist durch riesenhafte Erfolge wie durch die Güte und den Takt unseres alten Herrn sehr verwöhnt. Der einzige, der Einfluß auf den achtundzwanzigjährigen Prinzen Wilhelm hat, ist Waldersee. Prinz Wilhelm wird ihn wohl einmal zum Reichskanzler machen.“ Loe gab mir dann in seiner abgeklärten Art eine Charakteristik von Waldersee: „Als Militär ist er eine große Nummer. Ein starker Wille, ein helles Auge, Schneid, Entschlußfähigkeit, Findigkeit. Er ist aus dem Holz, aus dem Friedrich der Große seine Generäle und Napoleon seine Marschälle schnitzte. Aber ich sehe zwei Klippen. Er ist politisch und militärisch von einem unbändigen Ehrgeiz beseelt, und er neigt zur Intrige. Ich glaube, daß er als Kanzler im Innern gegen die beiden ihm besonders verhaßten Parteien, die Sozialdemokratie und das Zentrum, gewaltsam Vorgehen möchte. In Deutschland ist bei dem starken Rechtssinn unseres Volkes und dem föderativen Aufbau des Reiches ein Staatsstreich eine sehr ernste Sache, und ein prophylaktischer Krieg hat auch seine Bedenken. Waldersee glaubt, daß die Friedensliebe des Fürsten Bismarck darauf zurückzuführen sei, daß der alte Kanzler persönlich saturiert sei und anderen keine frischen Lorbeeren gönne. Aber es sprechen doch auch sehr gewichtige, sachliche Gründe gegen den prophylaktischen Krieg, den Bismarck nicht übel Selbstmord aus Furcht vor dem Tode genannt hat.“ Loe schloß seine Ausführungen: „Mein Wunsch wäre, daß Sie eintretendenfalls dem Reichskanzler Waldersee als Staatssekretär des Äußern zur Seite träten.“ Ich entgegnete ohne Besinnen, daß ich bei den alten, nahen Beziehungen, in denen ich von Kindesbeinen an zum Fürsten Bismarck und seiner Familie gestanden hätte, die direkte Nachfolge Herberts nicht übernehmen würde, wenn Fürst Bismarck unfreiwillig ginge. Der durch und durch ritterliche General verstand meine Auffassung, blieb aber dabei, daß Waldersee ohne einen geschickten und erfahrenen Diplomaten neben sich ihm Besorgnisse einflößen würde. Inzwischen waren wir in Axenstein angekommen. Vor uns standen Graf und Gräfin Waldersee. Sie kamen gerade aus dem englischen Gottesdienst. In seinem langen schwarzen Gehrock und mit weißer Halsbinde erinnerte mich der Graf bei dieser ersten Begegnung trotz seines militärischen Schnurrbarts an einen methodistischen Geistlichen. Dieser erste Eindruck war natürlich nicht der entscheidende. In Uniform — ich bin Waldersee später noch oft begegnet — machte er eine glänzende militärische Figur. Loe über Waldersee 39 Iitilow rv 610 DER KOMMENDE HERR Die Gräfin, eine Amerikanerin, glich innerlich und äußerlich jenen vortrefflichen Engländerinnen und Amerikanerinnen, denen ich öfters bei meiner Mutter begegnete, die sich an ihrer Frömmigkeit erbaute. Nach dem Essen, bei dem die beiden Generäle einem guten Moselwein kräftig zugesprochen hatten, streckten wir uns ins Gras. Waldersee examinierte mich über russische Verhältnisse. Die Fragen, die er an mich stellte, waren klug gewählt. Es fiel mir auf, daß er im Gegensatz zu manchen anderen hochstehenden Leuten gut zuhörte und daß der Generalquartiermeister dem um siebzehn Jahre jüngeren Botschaftsrat dessen Widerspruch nicht übelnahm. Er bezweifelte die persönliche Friedensliebe des Zaren wie die Ehrlichkeit von Giers, an die ich so weit glaubte, wie man fremden Souveränen und Ministern überhaupt trauen kann. Er war der Ansicht, daß der Krieg mit Rußland sich höchstens noch zwei oder drei Jahre werde vermeiden lassen, und meinte, daß die politischen und militärischen Chancen heute für uns günstiger lägen, als dies in einigen Jahren der Fall sein würde. Er sprach von Bismarck mit kaum verhehltem Haß als von einem Mann, der, nachdem er seine Lebensaufgabe erfüllt habe, nach außen und nach innen als grundsatzloser Opportunist von der Hand in den Mund lebe und dadurch unsere Zukunft schwer belaste. Den Kronprinzen betrachtete er als einen todkranken Mann, was ihn nicht übermäßig zu betrüben schien, er stimmte aber ein begeistertes Loblied auf dessen ältesten Sohn, den Prinzen Wilhelm, an. Mit diesem offenherzigen, guten, ehrlichen jungen Mann sei nicht schwer auszukommen. Der sei ein echter Hohenzoller, seinem Großvater ähnlich. „Wenn Bismarck nicht mit dem auskommen sollte, so wird er die Schuld tragen, nicht Prinz Wilhelm. Mit dem Prinzen Wilhelm kann und muß sich jeder brave Preuße, jeder Soldat und jeder gute Christ verstehen.“ Während wir so ernste und weitreichende Fragen erörterten, breitete sich der Vierwaldstätter See mit seinen glitzernden Wellen vor uns aus. Jenseits des Sees erhoben sich Berge mit friedlichen, sonnenbeschienenen Matten und über ihnen Schneegipfel im blauen Duft. Im Grase zirpten Grillen. Die Szenerie unserer Unterredung war ein Idyll, würdig, von Theokrit, dem Bukoliker, besungen zu werden. Als wir uns in Axenstein von Waldersee verabschiedeten, forderte er Die mich auf, ihn in Berlin zu besuchen, er würde sich immer freuen, mich zu Einkreisung gehen. Auf dem Rückweg nach Seelisberg kam Loe unter vier Augen nochmals auf die Frage zu sprechen, ob wir bei der sich immer ernster gestaltenden internationalen Lage unseren Gegnern zuvorkommen und, sei es gegen Rußland, sei es gegen Frankreich, Vorgehen, den einen von ihnen entscheidend schlagen und dann auch den andern unschädlich machen sollten. „Wir sind“, meinte der General, „tatsächlich eingekreist, denn Frankreich steht uns seit dem Frankfurter Frieden CHAUVINISMUS UND PANSLAWISMUS 611 unversöhnlich gegenüber, und in Rußland scheint der deutschfeindliche Panslawismus mehr und mehr die Oberhand zu gewinnen. Italien wird zunächst abwarten und dann zum Sieger abschwenken, wie es das 1870 getan hat. England ist egoistisch und fängt an, auf unsere wirtschaftlichen Erfolge und Fortschritte recht neidisch zu werden. Sollen wir es machen wie 1756 Friedrich der Große, der kühn das Netz zerriß, das seine Gegner ihm über den Kopf werfen wollten ?“ Als ich noch einmal die Gründe geltend machte, aus denen ich die Bismarcksche Politik des Abwartens für richtig hielt, erzählte mir Loe, daß der Chef des Generalstabs, unser großer Moltke, ihm bei der Besprechung der Kriegsfrage kürzlich verbo tenus gesagt babe: „Vom rein militärischen Standpunkt spricht vieles dafür, daß wir gegen Rußland oder auch gegen Frankreich Vorgehen, bevor beide noch stärker werden. So hat es der große König 1756 gemacht. Aber man kann sich auch zu Tode siegen, wie das Napoleon gezeigt hat, der einen prophylaktischen Krieg nach dem andern führte. Und dann: Mit einem neunzigjährigen Kaiser, einem todkranken Kronprinzen und einem künftigen Kaiser und König, der militärisch und politisch die Reife eines Leutnants besitzt, darf man nicht einen Angriffskrieg führen.“ Die Jahre 1887 und 1888 waren die ereignisreichsten, aber auch die kritischsten, die Europa seit dem Deutsch-Französischen Kriege sah. Erst General siebzehn Jahre später, im Frühjahr 1905, trat wieder eine ähnliche Krisis Boulanger ein. Die Gefahr für den Weltfrieden drohte in beiden Fällen von Frankreich. Sie verkörperte sich 1887 in Boulanger, 1905 in Delcasse. Beide waren beseelt von dem zügellosen Ehrgeiz, der in Frankreich glänzende Taten, aber auch herostratische Untaten erzeugt hat. Beide erfüllte festes Vertrauen zu dem Patriotismus, dem Stolz, der Leistungsfähigkeit und Elastizität des französischen Volkes. Beide griffen nach dem Lorbeer, der dem Franzosen winkte, der Elsaß-Lothringen wiederholen und Frankreich mit der Revanche seine Vormachtstellung auf dem Kontinent zurückgeben würde. Das Anschwellen der chauvinistischen Strömungen in Frankreich blieb nicht ohne Rückwirkung auf Rußland. Im März 1887 übersandten Petersburger Chauvinisten dem General Boulanger einen prächtigen Kosakensäbel, der die russische Inschrift trug: „Wage, dem Kühnen hilft Gott!“ In Moskau wurde bei dem Jubiläum des populären Volksdichters Slawjanski ein Glückwunschtelegramm desselben Boulanger unter Beifallsstürmen verlesen. Schon vorher hatten prominente Moskauer Persönlichkeiten dem französischen General Saussier als Dank für eine Rußland verherrlichende Rede das „alte Symbol russischer Brüderlichkeit“, einen kunstvollen silbernen Speisetopf, übersandt. Die Tschechen witterten Morgenluft. Ihr Führer, Ladislaus Rieger, erklärte in einem an ein großes russisches Blatt 612 ATTENTATSANGST IN PETERSBURG gerichteten Schreiben, die Tschechen seien die mächtige Festung, die im Herzen Europas das nach Osten drängende deutsche Meer in seine natürlichen Grenzen zwinge und den Rücken des slawischen Ostens decke. Im Herbst erschien der Dichter der Revanche Paul Deroulede in Rußland, ließ sich in Petersburg und Moskau feiern und war auch in anderen russischen Städten der Gegenstand franzosenfreundlicher Demonstrationen. Die im vorigen Kapitel behandelten bidgarischen Vorgänge trugen das ihre dazu bei, die russische öffentliche Meinung im panslawistischen Sinne zu erregen. Sie wurden von der ganzen russischen Presse unter heftigen Ausfällen gegen österreichische Intrigen und zum Teil auch mit ganz ungerechten Angriffen gegen die deutsche Politik besprochen. Insbesondere wurde die Ferdinand im Sommer 1887 erfolgte Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburg von Koburg zum Fürsten von Bulgarien in Rußland nicht allein auf österreichische, sondern, ohne jede Begründung, auch auf deutsche Intrigen zurückgeführt. Die russische Regierung verhielt sich gegenüber diesem Uberschäumen der chauvinistischen Flut nicht ganz untätig. Der General Bogdanowitsch, der nach Paris gefahren war, um Fühlung mit der Ligue des Patriotes zu nehmen, wurde nach einem am Ural gelegenen Ort „verschickt“, eine Reihe von Zeitungen „verwarnt“. Aber als im August 1887 Katkow starb, der Prophet der nationalistischen, autokratischen und orthodoxen Partei, richtete Alexander III. an die Witwe ein von ihm selbst niedergeschriebenes Telegramm, in dem es hieß: „Im Verein mit allen echten Russen bedaure ich herzlich Ihren und unsern Verlust. Die Kaiserin und ich vereinigen uns mit Ihnen im Gebet für die Ruhe der Seele des Patrioten Michail Nikiforowitsch.“ Während die russischen Nationalisten manchen Unfug trieben, waren Gespräch wohl die Symptome der nihilistischen Krankheit gewaltsam zurück- mit dem gedrängt worden, das Übel selbst war nicht geheilt. Die kaiserliche Familie Großfürsten j e jj te Beständiger Angst vor Attentaten. Ich erinnere mich eines Vorfalles, der durch die Persönlichkeit, um die es sich handelte, später einmal noch besondere Bedeutung gewinnen sollte. Ich frühstückte, wie oft, im Palais des Großfürsten Wladimir. Er war nicht zugegen, da er zu seinem Bruder, dem Zaren, gerufen worden war. Als er nach dem Luncheon erschien, teilte er der Großfürstin und mir in großer Erregung mit, daß ein abscheuliches Attentat auf den Kaiser entdeckt worden sei. Man habe auf dem Newsky-Prospekt Studenten verhaftet, die, mit Sprengbomben versehen, den Schlitten des Zaren erwarteten. Der Führer dieser Bande, den der Großfürst mit allen erdenklichen Flüchen und Beschimpfungen belegte, ein gewisser Uljanow, werde im Laufe der nächsten Nacht den verdienten Tod am Galgen erleiden. Der Bruder des damals hingerichteten Uljanow, Lenin, hat Jahrzehnte später, nach dem Sturz des Zarenthrons die SSSR., DIE RUSSISCHE MECKLENBURGERIN 613 die Sojuz Sozialisticeskich Sovetskich Respublik, den Bund der sozialistischen Rätestaaten, errichtet. Wie einst Hannibal, hatte er Rache geschworen und ist seinem Schwur treu geblieben. Nach meinem Dienstantritt als Erster Sekretär der Botschaft in St. Petersburg war ich dem Großfürsten und der Großfürstin Wladimir nähergetreten. Der Großfürst war der begabteste unter den Söhnen des Kaisers Alexander II. In einer etwas rauhen Hülle ein feiner Geist. Sein Verständnis für Kunst war größer als das der Durchschnittsdilettanten. Er hatte nicht gewöhnliche historische Kenntnisse und vertiefte sie durch eifrige Lektüre geschichtlicher Werke. Er liebte Paris und Pariser Freuden, aber er war zu klug, um nicht einzusehen, daß ein Krieg zwischen den drei Kaisermächten sehr wahrscheinlich den Sturz der drei Kaiserthrone und zunächst den Fall des Zarenthrones herbeiführen würde. Die Großfürstin Maria Pawlowna war eine schöne Frau. Sie war sich ihrer Schönheit bewußt und hatte es nicht ungern, wenn man ihr huldigte. Sie war eine Tochter des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin und seiner frommen Gemahlin, der Prinzessin Auguste von Reuß-Schleiz- Köstritz. Streng religiös erzogen, war sie die erste deutsche Prinzessin, die sich, als sie einen russischen Großfürsten heiratete, weigerte, ihrem evangelischen Glauben untreu zu werden. Sie ist erst kurz vor dem Ausbruch des Weltkrieges zur orthodoxen Kirche übergetreten. Eine Urenkelin der Königin Luise von Preußen, hat sie lange treu an Preußen und Deutschland gehangen, bis auch sie, wie manche andere deutsche Fürstentochter, der Weltkrieg in andere Bahnen warf. Sie war nicht nur schön, sondern auch ehrgeizig im großen Stil. Ich sagte ihr einmal, daß sie in jeder Richtung das Zeug zu einer Katharina II. in sich trüge, ein Kompliment, das sie nicht ablehnte. Ich hatte von ihr die Erlaubnis erhalten, bei ihr zum Afternoon- Tea zu erscheinen. Ich lernte in ihrem Salon alle russischen Großfürsten kennen. Namentlich unter den jüngeren gab es manche, die deutschfeindlich gesinnt waren. Als mich einer dieser Herren öfter bei der Großfürstin getroffen hatte, frug er mich: „Depuis quand etes-vous si intime avec Maria Pawlowna ?“ Er schwieg, als ich ihm erwiderte: „II y a plus de sept siecles que ma famille a Fhonneur de servir la sienne.“ Als ich wieder einmal Tee bei der schönen Großfürstin trank, erschien der Großfürst und nahm mich beiseite. Indem er den streng konfidentiellen Charakter seiner Eröffnungen betonte, sagte er mir: Er habe am Abend vorher eine lange Unterredung mit seinem Bruder, dem Kaiser, gehabt, der ihm erklärt habe, daß er nach den letzten Vorgängen in Bulgarien, wo Österreich eine ausgesprochen russenfeindliche Politik mache, früher mit dem Battenberger und jetzt mit dem Koburger, die Abmachungen von Skiemiewice mit Österreich nicht erneuern könne. Dagegen wäre er bereit, Großfürstin Maria Pawlowna 614 DER RÜCKVERSICHERUNGSVERTRAG Russischdeutsche Verhandlungen zu Deutschland in ein neues Vertragsverhältnis zu treten. Als ich dies dem Fürsten Bismarck gemeldet hatte, erhielt ich sofort eine direkte Antwort von ihm, die er, was selten vorkam, seihst unterzeichnet hatte. Er begrüßte mit Freuden die mir gewordene Eröffnung des Großfürsten Wladimir und wies mich an, diesen nützlichen Faden weiterzuspinnen. Der Botschafter von Schweinitz (der sich seit einigen Wochen auf Urlaub befand) werde bald auf seinen Posten zurückkehren, vorher aber von ihm in Friedrichsruh für die weitere Behandlung des erfreulichen Vertragsgedankens mit eingehenden Instruktionen versehen werden. Diese Vertragsverhandlungen sind, wie ich vorgreifend erwähne, zunächst in Petersburg zwischen Schweinitz und Giers, dann in Berlin zwischen Bismarck Vater und Sohn einerseits und dem russischen Botschafter in Berlin Paul Schuwalow andrerseits geführt worden. Graf Paul Schuwalow war der Bruder des von mir in der Zeit des Berliner Kongresses öfters erwähnten Grafen Peter Schuwalow und wie dieser und die meisten vornehmen Altrussen konservativ und deutschfreundlich gesinnt. Die in Rede stehenden Verhandlungen haben zum Abschluß des viel erörterten sogenannten Rückversicherungsvertrages geführt, dessen Kündigung durch Wilhelm II., Caprivi, Marschall und Holstein, die mit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck zusammenfiel, ein fürchterlicher Fehler war. XLIV. KAPITEL Operation des Kronprinzen • Tod Kaiser Wilhelms I. (9. III. 1888) • Trauerfeier in St. Petersburg • Frau von Bülow in Berlin bei Kaiserin Friedrich und Königin Victoria von England • Die Königin über Bismarck • Der Abend bei Bismarck • Gesandter in Bukarest • König Carol • Rumänische Politiker: Peter Carp und Bratianu • Tod des Kaisers Friedrich (15. VI. 1888) • Die Aufgabe des kaiserlichen Gesandten in Bukarest A m 9. Februar 1888, drei Tage nachdem Fürst Bismarck seine große Rede über Europas Lage und die deutsch-russischen Beziehungen ge- San Rem» halten hatte, traf aus San Remo die Trauernachricht ein, daß sich die den Kronprinzen behandelnden Ärzte zur sofortigen Ausführung des Luftröhrenschnittes genötigt gesehen hätten, da die Atemnot in gefahrdrohendem Maße zugenommen habe. Der älteste Sohn des Kronprinzen, Prinz Wilhelm, begab sich nach San Remo. Hier kam es zu erregten und traurigen Auftritten zwischen Prinz Wilhelm und seiner Mutter. Prinz Wilhelm verlangte, daß sein Vater über den Charakter der Krankheit sofort und rücksichtslos aufgeklärt werde. Die Kronprinzessin hat immer gesagt, und auch mir wiederholt gesagt, Prinz Wilhelm habe behauptet, im Aufträge des Fürsten Bismarck zu kommen, um seinem Vater zu erklären, er möge, nachdem er durch seine Krankheit regierungsunfähig geworden sei, auf die Thronfolge verzichten. Fürst Bismarck hat mit Recht bestritten, daß er dem Prinzen Wilhelm einen solchen Auftrag gegeben habe. Auch seine beiden Söhne haben mir später auf das nachdrücklichste versichert, daß ihr Vater den Prinzen Wilhelm nicht in solcher Mission an das Krankenlager seines sterbenden Vaters geschickt habe. Meine Frau erhielt in jener Zeit sehr traurige, ja verzweifelte Briefe der Kronprinzessin, in denen sie über die „heartlessness“, die „rudeness“, ja „cruelty“ ihres ältesten Sohnes klagte. Der Standpunkt des Prinzen Wilhelm wurde im Kreise der Petersburger Botschaft mit Eifer von dem sehr begabten und tüchtigen, aber zu Einseitigkeit und Schroffheit neigenden Major Grafen Maximilian Yorck vertreten. Als Yorck wieder einmal in diesem Sinne peroriert hatte, entgegnete ihm der alte Botschafter von Schweinitz: „Mein lieber Yorck, des Vaters Segen baut den Kindern Häuser; aber der Mutter Fluch reißt sie nieder. 616 SCHWEINITZ Haben Sie das vierte Gebot vergessen?“ Als Yorck auf seiner Ansicht bebarrte, frug Schweinitz: „Und würden Sie sich so gegen Ihre Frau Mutter benehmen, wie sich Prinz Wilhelm gegen seine Mutter benimmt ?“ Yorck schwieg. Am 7. März 1888 zeigte mir der Botschafter Schweinitz ein aus Berlin Der alte eingegangenes Telegramm mit den Worten: „Herr bleibe bei uns, denn es Kaiser stirbt w jjj Abend werden.“ Die Nachricht besagte, daß das Befinden des Kaisers, der seit mehreren Tagen an Erkältung und Unterleibsbeschwerden litt, zu Besorgnissen Anlaß gebe. Weitere Telegramme sowie Briefe aus der nächsten Umgebung des greisen Kaisers unterrichteten uns, die wir in schmerzlicher Spannung der Nachrichten aus der Heimat harrten, über den Verlauf der Krankheit. Am 8. März kam die Nachricht, daß der Kaiser eine sehr unruhige Nacht gehabt hatte. Am 9. März um halb neun Uhr morgens ging Kaiser Wilhelm sanft und ohne Kampf ein zum ewigen Frieden. Einige Stunden später hielt ihm Fürst Bismarck im Reichstag den schönsten Nachruf, der je einem Sterblichen gehalten wurde. Drei Tage nach dem Heimgang unseres alten Herrn fand in der luthe- Trauerfeier rischen Annenkirche in St. Petersburg eine Trauerfeier für den verewigten in Petersburg Kaiser statt, der mit allen Großfürsten und Großfürstinnen der Kaiser und die Kaiserin von Rußland beiwohnten. Alexander III., dem ich gegenüberstand, sah bewegt und ernst aus, was dem stämmigen, breitschultrigen Mann gut stand. Der Botschafter von Schweinitz hatte gelegentlich die Gefühle des Zaren gegenüber Deutschland in einem an den Fürsten Bismarck gerichteten Schreiben nicht übel wie folgt charakterisiert: „Der Zar empfindet für unseren allergnädigsten Herrn Ehrerbietung, für Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen herzliche Freundschaft, für Eure Durchlaucht Bewunderung und Furcht.“ Als am Schluß des Gottesdienstes das mächtigste deutsche Lied, der gewaltige Gesang von der „festen Burg“ erscholl, begegnete mein Blick dem meines Chefs. Er weinte, und auch mir füllten Tränen die Augen. Unsere Sorgen und Hoffnungen, Gefühle und Gebete waren die gleichen. Ich war nicht immer gut mit Schweinitz ausgekommen. Er war kein bequemer Vorgesetzter und hatte mit fast allen seinen Sekretären schlecht gestanden. Aber so wie er war, schroff, eigenwillig, eckig und kantig, war er alles in allem ein prächtiger altpreußischer Typus. Er war aus dem 1. Garde-Regiment hervorgegangen. Als ich einmal die Vorzüge meines lieben Freundes, des Grafen Adolf Keller, rühmte, der im Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 groß geworden war, brummte Schweinitz: „Alles gut und schön, aber Keller fehlt die Rippe des Ersten Garde-Regiments.“ Die preußische Armee und den Jesuitenorden hielt Schweinitz für die beiden vollkommensten Organisationen, die es auf der Welt gebe. Er war ein geborener Schlesier und ABSCHIED VON PETERSBURG 617 äußerte gern, er gäbe viel darum, wenn er in der Altmark zur Welt gekommen wäre. Er war ein schroffer Altkonservativer, und Bismarck stand ihm viel zu weit links. Er empfand, wie Kleist-Retzow, wie der Generaladjutant Leopold Gerlach, wie Thadden-Triglaff und Moritz Blanckenburg empfanden, wie im Grunde auch der große Kriegsminister Roon empfand. Aber wie diese war er ein Charakter. Er hatte eine nicht allein feine, sondern, was schon damals immer seltener wurde, eine tiefe Bildung. Er hat als Militär-Attache in St. Petersburg 1866, als Botschafter in Wien 1870 und später als Botschafter in St. Petersburg dem Vaterlande ausgezeichnete Dienste geleistet. Schon vor dem Heimgang unseres alten Kaisers hatte mir Herbert Bismarck, der 1886 Staatssekretär geworden war, geschrieben, daß ich bald einen Gesandtenposten erhalten würde. Sein Vater hatte sich dagegen gesperrt, da er mich in St. Petersburg für schwer ersetzbar hielt. Als sein Sohn ihn darauf hingewiesen hatte, daß ich doch nicht wegen meiner guten Leistungen in meinem Avancement Schaden nehmen dürfe, hatte Seine Durchlaucht geantwortet, ich könne ja in ein oder zwei Jahren vom Botschaftsrat direkt Botschafter in St. Petersburg werden. Nicht mit Unrecht hatte Herbert darauf hingewiesen, daß ein solcher Sprung an Ort und Stelle weder in meinem persönlichen Interesse läge, noch den Grundsätzen des diplomatischen Dienstes entspräche. So war ich für Washington ausersehen worden, und Herbert hatte schriftlich bei mir angefragt, was ich zu dem Gesandtenposten Washington sagen würde. Ich hatte trotz der Tränen meiner lieben Frau, der vor der langen Seereise und der weiten Entfernung von ihrer Mutter und ihren Kindern bange war, sofort geantwortet, daß ich überall hinginge, wo ich mich dienstlich nützlich machen könne, und nach Washington besonders gern, da es mir interessant sein würde, mir die Welt einmal von der anderen Seite der Erdkugel anzuschen. Schließlich hatte die kritische Lage der Dinge in Rumänien den Kanzler bewogen, mich für Bukarest zu bestimmen. Ich wurde gleichzeitig angewiesen, meine baldmöglichste Übersiedelung auf meinen neuen Posten vorzubereiten, wo periculum in mora sei. leb trennte micb nicht leicht von Petersburg, wo ich vier interessante und seit meiner Verheiratung zwei überaus glückliche Jahre verbracht hatte. Vor der Abreise wurde ich mit meiner Frau zum Abendessen bei den russischen Majestäten eingeladen. Alexander III., neben den meine Frau placiert wurde, sprach ihr mit der herzlichsten Freundschaft von Kaiser Friedrich: „Je donnerais beaucoup, mais beaucoup pour que Dieu nous le conserve. J’ai foi dans sa loyaute et confiance dans son bon sens. 11 est un des meilleurs hommes qui existent.“ Der Großfürst und die Großfürstin Wladimir batten meine Frau und mich am Tage der Beisetzung unseres Bülow wird Gesandter in Bukarest 618 IN EINEM STERBEZIMMER Am Bett des Kaisers Friedrich alten Kaisers zum Abendessen gebeten, damit wir diesen wehmütigen Tag mit ihnen verlebten, von denen wir wüßten, mit wie treuer und ehrerbietiger Liebe sie an ihrem Großonkel gehangen hätten. Eine nicht geringe Anzahl russische Damen gaben mir vor meiner Abreise Briefe mit, die ich jenseits der Grenze in den Briefkasten stecken sollte. Sie waren alle nach Genf und Bern adressiert. Ich möchte annehmen, daß manche dieser Briefe für die Vorläufer jener Exulanten bestimmt waren, die dreißig Jahre später die Macht in Rußland an sich rissen. In Berlin galt der erste Gang meiner Frau der Kaiserin Friedrich. Sie fand die arme Kaiserin in Tränen, in Verzweiflung. Sie hatte endlich verstanden, daß ihr Mann verloren war. Ihre Unpopularität, die ihr von allen Seiten und zum Teil in brutaler, häßlicher Form fühlbar gemacht wurde, erhöhte den Schmerz um das tragische Geschick ihres Gemahls. Ich glaube, daß wenige Frauen gelitten haben, was die Kaiserin Friedrich in jenen neunundneunzig Tagen gelitten hat. Sie führte meine Frau an das Bett des Kaisers. Meine Frau kniete vor dem Bett nieder und küßte die Hand des Kaisers. Dieser wies mit seiner anderen Hand und mit einem unbeschreiblich rührenden Blick nach oben, dahin, wo es kein Leid mehr gibt und alle Tränen getrocknet werden. Mit kaum verständlicher Stimme flüsterte er einige Worte, die die Kaiserin meiner Frau dahin erläuterte, ihr Gemahl habe sich gefreut, meine Ernennung nach Bukarest zu vollziehen. Als meine Frau ging, legte der Kaiser segnend seine Hand auf ihren Kopf, indem er nochmals nach oben wies. Als die Kaiserin mit meiner Frau das Krankenzimmer verließ, brach sie im Nebenzimmer in konvulsivisches Schluchzen aus. Eine starke Natur, wie sie war, wollte sie ihre innere Verzweiflung nicht ihrem Gemahl zeigen, um ihn nicht noch mehr zu betrüben. Die Kaiserin stellte selbst meine Frau ihrer Mutter, der Königin Victoria, vor, die kurz vorher in Charlottenburg eingetroffen war. Die Königin sprach über das Leid ihrer ältesten Tochter und ihres von ihr sehr geliebten Schwiegersohnes mit echtem Gefühl, einfach und ganz menschlich. Meine Frau hat diese Stunde im Sterbezimmer des Kaisers Friedrich als die ergreifendste ihres Lebens in unauslöschlicher Erinnerung behalten. Wenn die Königin Victoria sich bei dem rein familiären Charakter ihres Berliner Aufenthalts auch von allen offiziellen Begegnungen zurückhielt, so ließ sie sich doch die Gelegenheit nicht entgehen, den Fürsten Bismarck zu sehen. Sie hatte sich für ihn von jeher interessiert und ihre Vertreter in Berlin oft gefragt: „What does Prince Bismarck think about me?“ Der große Seelenfänger Bismarck behandelte die Königin eines Weltreichs ganz so, wie der gleich feine Psychologe Disraeli sie behandelt hatte, nämlich als Frau, deren hohen Eigenschaften und Tugenden, deren Geist und Charme jeder huldigen müsse, der ihr nahen dürfe. Nach der Audienz des Reichs- BISMARCK ÜBER FRIEDRICH III. 619 kanzlers sagte die Königin zu ihrem Botschafter, Sir Edward Malet: „I don’t understand why my daughter could not get on with Prince Bismarck. I think him a very amiable man, and we had a most charming conversation.“ Am Abend des Tages, wo meine Frau zum letztenmal den Kaiser Friedrich sah, war sie mit mir beim Fürsten Bismarck zu Tisch geladen. Der Kanzler frug sie, die neben ihm saß, ob sie den Kaiser gesehen und wie sie ihn gefunden habe. Als meine Frau ihm ihren Besuch am Krankenlager erzählte, wurde sie von einem Weinkrampf befallen. Mit einem wehmütigen und dabei gütigen Ausdruck, den ich nie vergessen werde, legte Fürst Bismarck seine große Hand auf ihre kleine Hand und sagte: „Schämen Sie sich nicht Ihrer Tränen. Der arme Kaiser verdient Tränen nicht nur menschlich, auch politisch ist sein Tod ein Unglück. Es ist immer schlimm, wenn in der dynastischen Kette ein Glied fehlt.“ Herbert Bismarck dachte in dieser Beziehung anders als sein Vater. Herbert schwärmte für den Prinzen Wilhelm und sagte mir nach Tisch: „Ich verstehe, daß Sie und Ihre Frau durch das furchtbare Schicksal des Kaisers erschüttert sind, das ja auch meinem Vater nahegeht. Aber im Gegensatz zu meinem Vater halte ich sein Ausscheiden politisch für ein Glück. Bei dem Einfluß, den seine Frau auf den Kaiser hat, und bei ihrer total englischen Gesinnung würde uns eine längere Regierung des Kaisers Friedrich in Abhängigkeit von England bringen, und das wäre das größte Unglück, das uns außer- und überdies auch innerpolitisch treffen könnte.“ Als ich mich bei meinem bisherigen Chef dem Botschafter von Schweinitz verabschiedete, hatte er mir gesagt: „Es ist ein heißer Boden, auf dem Sie Die Lago in als Gesandter in Rumänien debütieren sollen.“ In der Tat verdankte ich Rumänien meine Entsendung nach Rumänien dem Umstande, daß dort nicht nur die Dynastie Hohenzollern, sondern auch das bisherige freundschaftliche Verhältnis zu Deutschland und dem Dreibund gefährdet erschien. Der langjährige Leiter der rumänischen Politik, Joan Bratianu, hatte sich durch die erbitterten und zügellosen Angriffe, die von allen Seiten gegen ihn gerichtet wurden, und die zunehmende revolutionäre Bewegung im Lande genötigt gesehen, im März zurückzutreten. In der Hauptstadt Bukarest und in anderen großen Städten war es zu schweren Tumulten gekommen. Wenige Tage vor meinem Eintreffen in Bukarest hatte ein Stadtsergeant zwei Gewehrschüsse auf ein Fenster des königlichen Palais König Carol abgegeben, an dem der Schreibtisch des Königs stand. Die Glasscheiben waren zertrümmert worden, der König blieb unverletzt. Mit der ihm eigenen Ruhe hatte König Carol sofort erklärt, daß es sich nur um die Tat eines Irrsinnigen handeln könne, die keine politische Bedeutung habe, und daß der Vorfall dementspreebend behandelt werden solle. König Carol war einer der besten Menschen und weisesten Regenten, denen ich begegnet 620 EIN WEISER KÖNIG Antrittsaudienz bin, und ich hatte in meinem Leben mit vielen Fürsten zu tun. Als ich dem König im Frühjahr 1888 mein Beglaubigungsschreiben überreichte, sagte er mir, er komme mir mit Vertrauen entgegen. Ich bin stolz darauf, daß er mir dieses Vertrauen bis zu seinem Tode bewahrt hat. Seine Stärke lag in seiner Geduld, in seiner Zähigkeit, seiner Pflichttreue auch im Kleinen, der hohen Auffassung, die er bei schlichtem Auftreten von seinem fürstlichen Berufe hatte. Er hat sich nie um die Angriffe, Verdächtigungen und Schmähungen gekümmert, mit denen er namentlich in der ersten Hälfte seiner Regierungszeit in seinem Lande überschüttet wurde. Er behandelte alle rumänischen Politiker gleichmäßig, ohne Sympathie noch Antipathie, nur nach ihrer politischen Nützlichkeit. Er akzeptierte als Minister selbst solche Politiker, die ihn persönlich bekämpft und beleidigt hatten. Aber er ließ ohne Bedenken auch Bratianu fallen, dem er seine Krone verdankte, als dies ihm politisch ratsam erschien. Er regierte streng parlamentarisch, und doch übte er den größten Einfluß nicht nur auf den Gang der auswärtigen Geschäfte, sondern auch auf die innere Politik seines Landes aus. Schon bei meiner Antrittsaudienz gab er mir mit der ihm eigenen Objektivität ein Bild der auswärtigen Lage. Mit Deutschland in guten, ja intimen Beziehungen zu stehen, sei für Rumänien nicht schwierig. Wohl bestünden in Rumänien, das stolz darauf sei, im Gegensatz zu seinen slawischen Nachbarn eine lateinische Nation zu sein, lebhafte Sympathien für Frankreich. Die meisten Rumänen der höheren Stände hätten eine französische Erziehung erhalten. Daß aber die Franzosen ihre Begeisterung für Rußland so leidenschaftlich und lärmend zur Schau trügen, wirke abkühlend auf die Rumänen. Man habe in Rumänien noch nicht vergessen, daß ihm Rußland zum Dank für die ihm im Russisch-Türkischen Kriege in schwerer Stunde geleistete Unterstützung das fruchtbare, von Rumänen bewohnte Bessarabien geraubt habe. „Das Verhältnis zu Rußland“, führte der König aus, „ist ein schwieriges Problem unserer auswärtigen Politik. Wir wollen Rußland nicht reizen. Wir wollen sogar alles tun, was möglich ist, um einem Kriege mit Rußland auszuweichen. Aber wir brauchen gegenüber der uns von dem mächtigen Rußland drohenden Gefahr die Anlehnung an die Zentralmächte.“ Im Sinne dieser unserer ersten Unterredung habe ich während meines fast sechsjährigen Aufenthaltes in Rumänien manches ähnliche Gespräch mit dem weisen König gehabt. Er wiederholte immer, daß das Zusammengehen Rumäniens mit dem Dreibund nur so lange möglich sei, wie die Leitung des Dreibundes zweifellos und offensichtlich in deutschen Händen liege. Deutschland und Rumänien hätten keinerlei widerstrebende Interessen. Es gebe kaum zwei Länder, zwischen denen eine aufrichtige Freundschaft natürlicher und gegebener wäre. Ganz anders stünde es mit Österreich- MOLDAU UND WALLACHEI 621 Ungarn. Die Art und Weise, wie Millionen von Rumänen im Reiche der Stefanskrone unterdrückt und hier und da mißhandelt würden, müsse in Rumänien böses Blut machen. Wenn es weder ein Russisches noch ein Deutsches Reich gäbe, würde ein Zusammenstoß zwischen Rumänen und Magyaren ziemlich unvermeidlich sein. Da aber die Rumänien von Rußland drohenden Gefahren ernsthafter seien als die Unbequemlichkeiten mit der habsburgischen Monarchie, als der Ärger und der Schmerz über die schlechte Behandlung der ungarländischen Rumänen, suche Rumänien Schutz und Sicherheit bei der Tripel-Allianz. Voraussetzung aber sei und bleibe, daß Deutschland die habsburgische Monarchie führe, nicht umgekehrt. Es sollte viele Jahre später der große Schmerz des Königs Carol werden, daß am Ende seiner Regierung und am Abend seines Lebens die Ungeschicklichkeit, mit der sich die Berliner Politik von der Wiener in den Weltkrieg verstricken ließ, es ihm immöglich machte, wie er das fast ein halbes Jahrhundert gehofFt hatte, sein Land im Kriege an die Seite der Mittelmächte zu führen. Nach dem Rücktritt von Bratianu hatte König Carol im März 1888 die Jung-Konservativen, die sogenannten Junimisten, an die Regierung be- Die rufen. Sie waren zweifellos die politisch und moralisch am höchsten Junimisten stehenden Politiker Rumäniens. Aber ihre guten Eigenschaften, ihre Bildung, ihr vornehmes Auftreten, ihre moralische Unantastbarkeit erschwerten ihnen den politischen Kampf in einem Lande, das sich vor nicht allzu langer Zeit von türkischer Herrschaft befreit hatte und noch auf keiner sehr hohen Kulturstufe stand. Mein französischer Kollege, Monsieur Coutouly, der, wie viele seiner Landsleute, gern witzige Anekdoten zum besten gab, erzählte mit Vorliebe die nachfolgende, oft variierte Anekdote, die er in die Zeit des Fürsten Alexander Cusa verlegte, der 1859 die Moldau mit der Wallachei vereinigt hatte und 1861 der erste Fürst von Rumänien wurde: Ein neuer französischer Gesandter trifft in Bukarest ein. Er wird vom Minister des Äußern noch am selben Tage zu einer Abendgesellschaft eingeladen. Während der Soiree, die brillant und animiert war, bemerkt er, daß ihm seine Uhr mit der Uhrkette abhaudengekommen ist. Der Verlust ist ihm schmerzlich, denn Uhr und Kette waren sehr schön. Da entdeckt er seine prächtige Kette über der Weste eines Herrn, der ihm kurz vorher als der tapfere General X. genannt worden ist, der Kriegsminister des Fürstentums. Nach einigem Zögern entschließt er sich, dem Hausherrn, dem Minister des Äußern, seine Wahrnehmung mitzuteilen. Sehr ruhig meint dieser: „Laissez moi faire, j’arrangerai cette petite affaire.“ Nach nicht allzu langer Zeit kehrt der Minister des Äußern mit der Uhr zurück. Der Bestohlene dankt ihm sehr herzlich, fragt aber doch, ob der Rückgabe der Uhr nicht eine peinliche Auseinandersetzung vorangegangen wäre. ,,Oh 622 „TEGER“ non“, entgegnet der treffliche Mann, „mon collegue ne s’en est pas aper$u.“ So arg wie unter Cusa ging es unter dem edlen König Carol nicht mehr zu. Aber manche rumänische Politiker huldigten noch der Moral der alten Zeit. Der Führer der Junimisten, Peter Carp, ein Ehrenmann durch und Peter Carp durch, hatte eine ganz deutsche Bildung. Er hatte in Deutschland studiert und war Bonner Borusse gewesen. Er war eine vornehme Natur, grundzuverlässig, mutig und aufrichtig. Er war aber dem König Carol nicht unbedingt sympathisch, weil er dem namentlich in der inneren Politik gern vorsichtig lavierenden Monarchen bisweilen allzu stürmisch war. Carp hatte einen Todfeind. Das war sein Schwager Demeter Sturdza. Sturdza war gerade so deutschfreundlich wie Carp, aber der intimste Freund von Bratianu, den Carp immer heftig bekämpft hatte. Hinc illae irae. Eine glückliche Fügung des Schicksals hat es schließlich dahin geführt, daß der treffliche Sohn von Sturdza, der seine militärische Ausbildung in Berlin bei einem Garde-Regiment erhalten hatte, die liebenswürdige Tochter von Carp heiratete. Die Väter aber grollten sich wenigstens politisch nach wie vor. Eine tiefe und weite Kluft trennte Peter Carp und Demeter Sturdza, Take die feindlichen Schwäger, die gleich gute Patrioten und ehrenwerte Männer Jonescu waren, von Take Jonescu. Im Gegensatz zu Sturdza und Carp, die beide alten Bojarengeschlechtern entstammten, war Jonescu aus den kleinsten Verhältnissen hervorgegangen, hatte sich aber mit der großen natürlichen Begabung des Rumänen eine, wenn auch oberflächliche, so doch brillante Bildung im französischen Sinne angeeignet. Er sprach Französisch wie seine Muttersprache, er hatte eine englische Gouvernante geheiratet und sprach auch Englisch. Er war kein geistvoller, noch weniger ein tiefer Redner, aber wie die von Alphonse Daudet meisterhaft geschilderten französischen Demagogen war er nie um eine Phrase, eine sophistische Ausflucht, eine Lüge verlegen. Er war käuflich. Als Bismarck einmal Gerson Bleichröder fragte, ob ein vielgenannter Journalist integer sei, antwortete der alte Bankier, der ein kluger Mann war, dem aber die in Deutschland sehr verbreitete, bisweilen überschätzte Schulbildung abging: „Integer? 0 nein! Teger, teger! Im höchsten Grade.“ Take Jonescu war „teger“ im Bleichröderschen Sinne. Er hat viel dazu beigetragen, daß sich Rumänien im Weltkrieg der Entente anschloß. Einer meiner ersten Besuche in Bukarest galt Bratianu. Ich habe immer Bei den Grundsatz gehabt, gestürzte Minister zu frequentieren, denn von ihnen Bratianu erfährt man am meisten. Von Bratianu sind mir zwei Äußerungen im Gedächtnis geblieben. Er frug mich nach unserer ersten Unterredung, ob ich von russischer oder französischer Herkunft sei. Als ich das kategorisch verneinte und ihm sagte, daß ich rein deutscher Abstammung sei, meinte OCTAVIO PICCOLOMINI 623 er: „Merkwürdig! Sie haben eine Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit, denen man bei Deutschen selten begegnet.“ Als Endergebnis seiner Erfahrung in innerpolitischen Kämpfen sagte er mir: „Jede neue Regierung ist wie ein Mann, der, ohne schwimmen zu können, ins Wasser geht. Solange das Wasser ihm nur bis an die Knie reicht, muß man ihn in Ruhe lassen. Steigt ihm das Wasser bis an den Bauch, so behalten Sie ihn scharf im Auge. Geht ihm das Wasser bis an die Kehle, so springen Sie ihm auf die Schulter und ersäufen ihn.“ Nach solchen Gesichtspunkten wurde in Rumänien der innerpolitische Kampf geführt. Ein anderer rumänischer Parteiführer gab mir eine Lehre, die ich nie vergaß. Er hieß Vernescu. Er hatte mir, während er in der Opposition war, viele und anscheinend aufrichtige Versprechungen für den Augenblick gemacht, wo er ans Ruder kommen würde. Als er nun Minister wurde und keine seiner Versprechungen einlöste, erinnerte ich ihn in diskreter Weise an seine Zusagen. Er antwortete mir: „Vous ne sauriez croire, mon eher Monsieur, ä quel point le gouverne- ment change les idees d’un hommc.“ Mein Vorgänger in Rumänien war der Gesandte Dr. Klemens Busch. Ein tüchtiger Philologe, war er Dragoman unserer Botschaft in Kon- Dr. Klemens stantinopel geworden, wo er sich nicht nur mit Studien über Homer Busch befaßte, sondern auch diplomatisch gute Dienste leistete. Mein Vater, der gebildete Leute liebte, berief ihn in das Auswärtige Amt, wo er zum Unterstaatssekretär aufstieg und sich als solcher bewährte. Auf seinen Wunsch erhielt er dann nach einigen Jahren einen Gesandtenposten. Als ich Busch nach meinem Eintreffen in Bukarest aufsuchte, erzählte er mir eine merkwürdige Äußerung des Fürsten Bismarck. Als Busch sich vor seiner Abreise nach Bukarest bei Seiner Durchlaucht abmeldete, hatte ihn der Fürst gefragt, warum er aus dem Auswärtigen Amt fortgedrängt habe. „Sie haben sich wohl mit dem neuen Staatssekretär, meinem Sohn Herbert, nicht vertragen können? Ja, ja, mein Sohn ist mit noch nicht vierzig Jahren selbstbewußter und eigensinniger, als ich es nach einigen, selbst von meinen Gegnern nicht ganz zu bestreitenden Erfolgen geworden bin.“ Busch hatte erwidert, daß seine Beziehungen zum Grafen Herbert immer gut gewesen seien. Er habe aber mit dem Geheimrat von Holstein nicht auskommen können. Sehr ernst erwiderte der große Fürst: „Ja, dann kann ich Ihnen nicht helfen. Ich muß einen haben, auf den ich mich ganz verlassen kann, das ist Holstein.“ Dazu bemerkte Busch, als er mir diese Äußerung erzählte: „Möge sich der große Bismarck nicht in Holstein irren, wie sich der große Wallenstein in Octavio Piccolomini irrte.“ Und der sehr gebildete Dr. Busch zitierte aus Schillers Trauerspiel „Wallensteins Tod“ den berühmten Monolog, in dem der Friedländer zuerst von den Augenblicken spricht, w r o man dem Weltgeist näher sei als sonst, und zum Schluß Octavio Piccolomini 624 WILHELM II. REGIERT als seinen guten Engel preist. Busch kam von Bukarest nach Stockholm, ein Wechsel, den er gewünscht hatte, da seine Familie das rumänische Klima nicht vertrug. Während der zweiten Audienz, die ich bei König Carol am 15. Juni Tod des hatte, erhielt dieser ein Telegramm, das er in meiner Gegenwart öffnete. Kaisers Es war die Nachricht vom Tode des Kaisers Friedrich. Tief bewegt Friedrich unc j m j t Tränen in den Augen reichte mir der König das Telegramm. „Ich verliere einen geliebten Vetter“, sagte er zu mir, „und Deutschland einen der besten, edelsten Fürsten, die es je gegeben hat.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Unser nunmehriger Kaiser hat viele glänzende Eigenschaften. Er ist sehr begabt. Er ist, was man einen Blender nennt, oder, wenn Sie das lieber hören, ein Charmeur. Aber er hat auch bedenkliche Eigenschaften. Jedenfalls bedarf er kluger und geschickter Ratgeber, diese wollen wir ihm wünschen. Vor allem soll er den Fürsten Bismarck behalten. Man spricht davon, daß er ihn durch Waldersee ersetzen möchte. Alfred Waldersee ist ein alter Regimentskamerad und Jugendfreund von mir. Fürst Bismarck ist oft hart, bisweilen rücksichtslos mit mir umgesprungen. Aber als guter Preuße und guter Deutscher, der ich gehlieben bin, hoffe ich zu Gott, daß der neue König und Kaiser sich nicht von dem großen Berater seines Großvaters trennen wird.“ Die mir in Bukarest gestellte Aufgabe war, die fünf Jahre früher Geheim- zwischen den Zentralmächten und Rumänien getroffenen, sehr un- vertrag mit bestimmten, kaum als Allianz zu bezeichnenden Abmachungen in ein Rumänien förmliches Bündnis zu verwandeln. Ich war von vornherein der Ansicht, daß ein Bündnis zwischen Rumänien und den Dreibundmächten ein öffentliches sein müsse, stieß aber in dieser Beziehung bei König Carol auf hartnäckigen Widerstand. Er meinte, daß eine offene Allianz nicht nur die russischen und französischen Umtriebe in Rumänien bis zur Unerträglichkeit steigern, sondern auch im Lande selbst bei den für Frankreich schwärmenden oder von Rußland bestochenen Politikern allzu heftigen Widerstand hervorrufen würde. Aus Berlin wurde ich brieflich angewiesen, nicht auf der Öffentlichkeit des Vertrages zu bestehen, da es vor allem darauf ankomme, überhaupt etwas zustande zu bringen. So wurde denn ein Vertrag zwischen Österreich-Ungarn und Rumänien geschlossen, dem Deutschland und Italien beitraten und in dem die habsburgische Monarchie und das Königreich Rumänien sich versprachen, daß jeder von beiden Paziszenten dem andern beistehen würde, wenn dieser von Rußland angegriffen werden sollte. In sehr geschickter W r eise hat der König nach und nach alle maßgebenden Politiker des Landes, Car}) und Bratianu, Rosetti, Marghiloman, Florescu, Katargi, Majorescu, Stirbey, die Liberalen, die Konservativen und die Junimisten in den Vertrag eingeweiht und sie KOLLEGEN IN BUKAREST 625 auf ihn verpflichtet. Nachdem das erreicht war, hatte ich die Aufgabe, zwischen uns und Rumänien einen Handelsvertrag zustande zu bringen. Dabei hatte ich auch gegen die Intrigen der Österreicher zu kämpfen, die es nicht gern sahen, daß wir in den von ihnen bisher beherrschten rumänischen Markt eindrangen. Ein vortrefflicher Mitarbeiter war mir bei den Verhandlungen, die zum Abschluß des Handelsvertrages führten, der damalige Legationssekretär Mumm, der spätere Gesandte in Peking und Botschafter in Tokio. Mein schon erwähnter französischer Kollege Monsieur Coutouly pflegte zu sagen: „Bucarest est le tremplin des ambassadeurs.“ (Das Sprungbrett Sir Frank für Botschafter.) In der Tat sind mein englischer Kollege Lascelles, der Lascelles italienische Gesandte Curtopassi und meine Wenigkeit von Bukarest aus Botschafter geworden, der österreichische Gesandte Graf Goluchowski sogar Minister des Äußern. Lascelles ist mir für mein ganzes Leben ein treuer Freund geblieben. Als ich Staatssekretär des Äußern wurde, traf ich ihn als englischen Botschafter in Berlin wieder. In Bukarest bin ich oft mit seiner Tochter Florence, die damals ein Kind war, auf der „Chaussee“, der Avenue du Bois de Boulogne der rumänischen Hauptstadt, spazierengegangen. Als das gute Kind später den klugen englischen Diplomaten Springrice heiratete, brachte ich bei dem Hochzeitsessen den Trinkspruch auf die Neuvermählten aus. Meine Beziehungen zu Goluchowski waren ebenso freundschaftlich. Graf Agenor Goluchowski war damals ein über- Graf Agenor zeugter und sehr eifriger Anhänger des Dreibunds und namentlich der Goluchowski Anlehnung an Deutschland, denn er sah noch in Rußland den Hauptfeind der Polen. Später ist bei ihm der Pole unverhüllt herausgekommen. Als Bethmann Hollweg in einer Stunde der Verblendung Polen wiederhergestellt hatte, erinnerte sich, wie alle Polen, auch Graf Goluchowski daran, daß es schöne und fruchtbare deutsche Provinzen gebe, die einst zu Polen gehört hatten, fuhr nach Warschau und beriet dort seine Landsleute in deutschfeindlichem Sinne. „Rußland ist erledigt“, so predigte er ihnen, „wir haben nur noch einen einzigen Gegner, und das ist Deutschland.“ Der russische Gesandte in Bukarest, Hitrowo, gehörte zu jenen russischen Balkandiplomaten, die im Orient mit denselben terroristischen Hitrowo Mitteln operierten wie die Nihilisten in Rußland. Er organisierte von Bukarest aus Komplotte und Attentate in Bulgarien und suchte auch in Rumänien selbst Unruhe zu stiften. Seine Frau, eine liebenswürdige und fein gebildete Dame, war die Nichte des Dichters Alexej Konstantinowitsch Tolstoi, der außer dem nicht üblen Roman „Fürst Serebrjanyj“ eine in Rußland sehr bewunderte und in der Tat von starkem innerem Leben erfüllte dramatische Trilogie: „Iwan der Schreckliche“, „Zar Fedor“ und „Zar Boris“, verfaßt hat. 40 Biilow IV XLV. KAPITEL Ferien in Nieuport Eindrücke in Berlin Nieuport im Hochsommer 1889 ■ Franz Arenberg • Erste Anzeichen des kommenden Sturzes von Bismarck • In Berlin • Unterredung mit dem Chef der Reichskanzlei, Rottenburg • Diner bei Graf Wilhelm Pourtales, Herbert Bismarck und Hugo Lerchenfeld • Rückkehr nach Bukarest • König Carol über Bismarck • Mein Brief an Phili Eulenburg vom 2. III. 1890 • Entlassung Bismarcks (20. III. 1890) • Nickierneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland • Russisch-französischer Allianz-Vertrag Die deutsche öffentliche Meinung nach Bismarcks Rücktritt I m Hochsommer 1889 verbrachte ich mit meiner Frau einige Wochen in dem belgischen Nordseebad Nieuport. Als ich dort badete und angelte, dachte ich nicht, daß diese friedliche Landschaft einmal der Schauplatz der erbittertsten Kämpfe sein und daß auf diesen fruchtbaren Feldern, am Ufer der Yser, das Ver sacrum unseres deutschen Volkes, unsere studentische Jugend, mit dem Gesang des Deutschlandliedes auf den Lippen in den Tod gehen sollte. Während unseres Aufenthaltes in Nieuport besuchte uns mein lieber alter Freund Franz Arenberg, der den Sommer bei seinen Eltern in Marchc-les-Dames bei Namur verlebte. Er sprach mir die Überzeugung aus, daß Wilhelm II. sich über kurz oder lang von Bismarck trennen würde. Waldersee, der maßgebenden Einfluß auf unsern jungen Kaiser ausübe, wolle selbst Reichskanzler werden, um, wrie der General sich ausdrücke, nach außen und im Innern endlich wieder eine „forsche“ Politik zu machen. Bismarck unterschätze die ihm drohende Gefahr. Da ich wußte, daß Herbert Bismarck in Ostende w'eilte, nicht weit von Nieuport, schrieb ich ihm und bat ihn um eine Begegnung, da ich ihm Interessantes, vielleicht Wichtiges mitzuteilen hätte. Er antwortete mir, wie immer, im freundschaftlichsten Tone, daß er mich an und für sich gern sehen würde, aber im Augenblick keine Zeit habe. Im Herbst kam ich für vier bis fünf Tage nach Berlin. Ich hatte dort politisch ungünstige Eindrücke. Auf einem Diner mit jüngeren Diplomaten wurde ganz offen vom baldigen Rücktritt des Fürsten Bismarck gesprochen. Der damalige Legationsrat Graf Monts, den ich seit Jahren als Opportunisten kannte, plädierte für Waldersee, da er mehr „Schneid“ habe als Bismarck und auch „schlauer“ sei. Einen Tag später ging ich mit DIE GEGNER BISMARCKS 627 Holstein im Tiergarten spazieren. Ich fand ihn präokkupiert. Er kritisierte mit Schärfe die russophile Politik des „Chefs“. Er erzählte mir daß er sich mit Rantzau total brouilliert habe und infolgedessen auch die Gräfin Marie Rantzau und deren Mutter, die Fürstin Johanna Bismarck, nicht mehr besuche. Das schien mir nichts Gutes zu bedeuten, denn ich erinnerte mich daran, wie die Feindschaft zwischen Holstein und seinem damaligen Chef, dem Grafen Harry Arnim, in Paris damit begonnen hatte, daß Holstein nicht mehr zu den Empfängen der Gräfin Arnim erschien. Ich begleitete Holstein zu Fuß bis zum Auswärtigen Amt. Während sich dessen Tor vor uns öffnete, frug Holstein blitzschnell, wie es seine Art war, verfängliche Fragen zu stellen: „Ihr Bruder Adolf, der Adjutant und Freund unseres jungen Kaisers, ist doch für Bismarck?“ Ich erwiderte sofort und ganz unbefangen: „Gewiß! Er ist dem Fürsten sehr ergeben und würde dessen Ausscheiden als ein schweres Unglück ansehen.“ Das Gesicht von Holstein nahm einen enttäuschten, einen fast diabolischen Ausdruck an. Ohne mir zu antworten, wandte er sich der Treppe zu, die zwischen den beiden Sphinxen zum ersten Stock des Auswärtigen Amtes führt. Ich fühlte, daß Holstein sich innerlich vom Fürsten Bismarck abwandte. Am folgenden Tage aß ich bei Herbert, der auch Kiderlen eingeladen hatte. Sobald Herbert mit mir sprach, näherte sich Kiderlen uns mit argwöhnischem Gesicht. Ich ahnte, daß auch Kiderlen, seit jeher ein Knappe von Holstein, zu denen gehörte, die den Sturz des Fürsten wünschten und auf ihn hinarbeiteten. Auch Kiderlen erfreute sich des Vertrauens des Fürsten und stand Herbert persönlich nahe, dem er, als sie zusammen an der Petersburger Botschaft arbeiteten, durch seinen Verstand und noch mehr durch seine Trinkfestigkeit gefallen hatte. Also zwei Verräter im eigenen Hause, in das von außen Waldersee und sein Anhang, ehrgeizige Streber, ehrliche, aber bornierte Ultrakonservative und Pietisten einzudringen suchten. Einige Tage später war ich mit Herbert Gast des Grafen Wilhelm Pourtal&s, des Vaters des späteren Botschafters in St. Petersburg. Er war ein Lebemann, aber ein Mann von Takt, ein guter Beobachter und feiner Verstand. Auch er schien mir nicht mehr mit einer längeren Amtsdauer des großen Fürsten zu rechnen. Unter den Ein geladenen befand sich außer Herbert Bismarck und mir der bayrische Gesandte, Graf Hugo Lerchenfeld. Bei Tisch kam das Gespräch auf Holstein, dessen Eigenart und Eigenheiten. Lerchenfeld erlaubte sich einige ironische Bemerkungen über Holstein. Herbert wies Lerchenfeld mit einer Heftigkeit zurecht, die mich erstaunte, denn beide waren Korpsbrüder und intime Freunde. „Holstein ist treu wie Gold!“ brüllte der von dem guten Burgunder des Grafen Pourtales erhitzte Herbert. „Wer etwas gegen Holstein sagt, bekommt es mit mir zu tun.“ 40 * Kiderlen- Wächter 628 DER PILOT DES REICHSSCHIFFS Bevor ich Berlin verließ, hatte ich noch eine lange Unterredung mit Bei Geheimrat dem Geheimen Oberregierungsrat Rottenburg, dem Chef der Reichs- v. Rottenburg kanzlei. Ich teilte ihm meine Berliner Eindrücke mit, offen, eingehend und sehr ernst. Er erwiderte mir: „Auch ich halte die Situation für brenzlig. Von allen Seiten wird gegen den Fürsten intrigiert und gehetzt. Ich glaube auch nicht an die Zuverlässigkeit des Kaisers. Ich halte den Kaiser für sehr unreif und habe auch kein Vertrauen zu seinem Charakter. Aber der Fürst fühlt sich ganz sicher. Als ich vor etwa zehn Tagen von einem kurzen Besuch in Berlin nach Friedrichsruh zurückkehrte, wollte ich ihm nicht gleich am ersten Abend mit meinen schlechten Berliner Eindrücken kommen. Am nächsten Morgen aber legte ich los und sagte Seiner Durchlaucht alles, was ich auf dem Herzen hatte. Der Fürst lachte und sagte zu mir: ,Franz, Sie haben wohl gestern zu viel von der schweren Wildsuppe gegessen, daher diese bösen Träume! 4 Der Fürst nennt mich, wenn er guter Laune ist, bei meinem Vornamen, und die Wildsuppe war in der Tat sehr schwer.“ Während Bismarck seinem nächsten Mitarbeiter diese Antwort erteilte, hatte er aus seinem Schreibtisch ein kurz vorher von Seiner Majestät erhaltenes Telegramm hervorgeholt, in dem es hieß: „Bei meinem Morgen- und bei meinem Abendgebet gedenke ich Eurer Durchlaucht mit der heißen Bitte, daß der Allmächtige Sie, mein lieber Fürst, mir noch lange erhalten möge als meinen Lehrer und Führer und als den Piloten des Reichsschiffes.“ Ich fühlte, daß Rottenburg sich durch diesen etwas überschwenglichen kaiserlichen Sympathiebeweis nicht blenden ließ, und kehrte nicht ohne schwere Sorgen nach Bukarest zurück. Meine Befürchtungen sollten nur zu bald bestätigt werden. König Carol hatte mir im zweiten Jahr meiner Tätigkeit in Bukarest König Carol gesagt, daß es ihn freuen würde, mich häufiger zu sprechen. Er wolle mich über Kaiser a be r nicht zu oft in förmlicher Audienz empfangen, da dies unnötiges und und Kanzler überdies schädliches Aufsehen erregen würde. Wir könnten uns im Sommer, wo der Hof in Sinaja residiere, auf den schattigen Wegen der dortigen schönen Wälder und im Winter in Bukarest im Garten Cismegiu treffen und unauffällig unterhalten. Es war Mitte Februar 1890, daß mir der König in Cismegiu mit besorgter Miene sagte, die Nachrichten aus Berlin seien ernst. Nicht sein dortiger Gesandter, aber einer seiner Verwandten schreibe ihm, daß das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler sich zusehends verschlechtere. Die Differenzen zwischen beiden drehten sich namentlich um Arbeiterfragen. Unter dem Einfluß seines Erziehers Hinzpeter und „einiger anderer Dilettanten“ wolle der Kaiser auf diesem Gebiet weiter gehen, als es der Kanzler für ratsam halte. Darauf sei es zurückzuführen, daß Bismarck das seit einiger Zeit von ihm selbst geleitete Ministerium für Handel und Gewerbe an den bisherigen Oberpräsidenten STURMZEICHEN 629 der Rheinprovinz, Herrn von Berlepsch, abgegeben habe, der sich des Vertrauens Seiner Majestät erfreue und in der Arbeiterschutzfrage vorgeschrittenen Ansichten huldige. Das Bedenkliche sei, meinte König Carol, daß es sich bei dem Gegensatz zwischen Kaiser und Kanzler weniger um technische Einzelheiten und nicht nur um die einzuschlagende Richtung der Sozialpolitik handle, sondern um die staatsrechtliche Stellung des Kanzlers, um das Verhältnis zwischen Kanzler und Krone und die Beziehungen zwischen dem Ministerpräsidenten und seinen Kollegen. Beiläufig erwähnte König Carol, daß außer Berlepsch, und fast noch mehr als dieser, der Staatssekretär des Innern, von Bötticher, sich in der Gunst des Kaisers festgesetzt habe. Als nicht lange nachher Herr von Bötticher den hohen Orden vom Schwarzen Adler erhielt, meinte der König: „Ein Sturmzeichen! Seit Bötticher lieb Kind bei Seiner Majestät geworden ist, traut ihm Bismarck nicht mehr. Eine so ungewöhnliche Auszeichnung für Bötticher ohne vorherige Anfrage bei Bismarck wird der letztere als eine Taktlosigkeit, und mehr als das, als eine bewußte Unfreundlichkeit, empfinden.“ Die vom „Reichsanzeiger“ im Februar veröffentlichten kaiserlichen Sozialerlasse bestärkten den König von Rumänien in seinen Sorgen. „Die Erlasse werden wohl von Berlepsch oder von Hinzpeter oder von Bötticher oder von allen dreien zusammen redigiert worden sein. Sie sind von Bismarck nicht kontrasigniert worden. Die darin zum Ausdruck gebrachten Gedanken und Absichten sind sehr schön, aber bei ihrer Ausführung dürften sich erhebliche praktische Schwierigkeiten ergeben.“ Der König zitierte das Wort, das zum jungen Max Piccolomini der alte Wallenstein spricht: „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ Bald darauf, es war am 2. März 1890, erhielt ich einen Brief von Phili Eulenburg, in dem er mir schrieb, daß das Verhältnis Seiner Majestät Brief Philipp des Kaisers zu Bismarck ein „unhaltbares“ geworden sei. Der Kanzler habe Eulenburgs kein Verständnis für unseren neuen Herrn. Im Interesse beider Teile erscheine eine Trennung wünschenswert, jedenfalls als das kleinere Übel. Voraussichtlich würde Herbert mit seinem Vater ausscheiden. Ich sei der beste Nachfolger für Herbert, und der Kaiser rechne auf mich. Philis Brief war kurz, sehr eilig und ziemlich fahrig. Da der Feldjäger, der ihn mir brachte, wenige Stunden nach seinem Eintreffen seine Fahrt fortsetzen mußte, war ich genötigt, meine Antwort, nachdem ich mir einige Stich- worte notiert hatte, sogleich ins reine zu schreiben, ohne vorheriges Konzept, au courant de la plume. Ich besitze aber noch eine Niederschrift meines Briefes, die ich nicht lange nach seiner Absendung an der Hand meiner Notizen diktiert habe und die den S inn meiner Darlegungen in allem Wesentlichen und jedenfalls ihrem Geiste nach getreu wiedergibt. In 630 DER LORD VON EDENHALL den von Professor Haller herausgegebenen Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülows Eulenburg ist dieser Brief nicht abgedruckt worden. Ich begann ihn mit Antwort dem Ausdruck der Genugtuung darüber, daß nach den in Bukarest eingegangenen Zeitungsmeldungen die Phase, aus der heraus Eulenburg mir geschrieben habe, ihren vorläufigen Abschluß durch eine lange und befriedigende Unterredung zwischen Seiner Majestät und dem Reichskanzler gefunden habe, die unter gegenseitigen Konzessionen zu einem Vergleich geführt habe. Die tiefergehenden Gründe, aus denen die allmählich in die Öffentlichkeit getretenen Divergenzen zwischen dem jungen Kaiser und dem großen Kanzler hervorgingen, würden freilich wohl leider als chronisches Übel andauern und könnten von Zeit zu Zeit immer wieder einen akuten Charakter annehmen. Ich fuhr fort: „Soweit ich mir aus der Ferne ein Urteil über unsere sehr ernste innerpolitische Lage bilden kann, stelle ich den Satz an die Spitze, daß trotz aller Schwierigkeiten alles geschehen sollte, um den Kanzler und Herbert zu halten. Es würde auf die hoffentlich noch sehr lange Regierung unseres Allergnädigsten Herrn einen tiefen Schatten werfen, wenn an ihrem Beginn der große Kanzler, der langjährige Diener Kaiser Wilhelms I., zurückträte. Gerade weil nach dem Laufe der Natur dem fünfundsiebzigjährigen Kanzler kaum noch ein langes Leben beschieden sein kann, ist es doppelt wünschenswert, daß dieses große Leben ohne Krach mit der Krone abschließt. Es liegt in der Individualität Seiner Durchlaucht, daß er seinen Abgang eventuell schwerlich im guten bewerkstelligen wird. Einen Abschiedsbrief ä la Moltke wird er nicht schreiben. Wenn ich auch nicht glaube, daß er durch seinen Fortgang absichtlich Unruhe und Schwierigkeiten würde hervor- rufen wollen, so wird er sich den Zeitpunkt und die Umstände des Rücktritts doch genau überlegen. Er 'würde dafür sorgen, daß er das hätte, was die Franzosen ,une belle sortie 4 nennen. Ein solcher Abgang von der Szene würde viele gute und brave Leute in Deutschland mit Schmerz und Sorge erfüllen. Der verabschiedete Reichskanzler würde ihnen als eine Art von Beiisar erscheinen, der, ein Opfer der Fürstenlaune, wenn auch nicht am Wege betteln, so doch in Varzin sich in einsamer Untätigkeit verzehren müßte. Die Schlechtgesinnten würden unsern Kaiser im Lichte des jungen Lord von Edenhall hinstellen, der das Schicksal versuchen will, trotz der Warnung, die der greise Schenk erhebt, des Hauses ältester Vasall. Auch würde der Reichskanzler, wenn er nicht sehr alt und matt geworden sein sollte, wovon ich nichts merke, cum animo revertendi fortgehen. Das würde jedes Regieren ohne Bismarck zu einem Regieren gegen Bismarck machen! Das würde im höchsten Grade paralysierend und verwirrend auf alle Regierungsorgane einwirken. Es würde auch die eigene Stimmung und Haltung Seiner Durchlaucht sehr ungünstig beeinflussen. Seine Rückkehr nach BISMARCK UND DIE MACHT 631 einem irgendwie ,pikierten 1 Abgänge infolge innerer oder äußerer Schwierigkeiten hätte dann den Charakter einer Kapitulation des Königtums vor einem Untertan, und davor sollte die preußische Krone bewahrt bleiben. Ein Reichskanzler darf nicht, wie der Friedländer nach der Schlacht von Breitenfeld, in einem Augenblick der Not mit vollständiger Carte blanche wieder kehren. Schon um solchenMöglichkeiten vorzubeugen, die ein Novum in unserer Geschichte sein würden, sollte nichts unterlassen werden, um einen unfreiwilligen Rücktritt Seiner Durchlaucht zu verhindern. Eine andere Frage ist, ob es nicht nützlich wäre, wenn sich der einmal doch unvermeidliche Übergang von der seit achtundzwanzig Jahren bestehenden Omnipotenz des Bismarckschen Genius zu dem früheren System des von dem Monarchen geleiteten, einigermaßen kollegialischen Ministeriums langsam und allmählich vollzöge. Dramatischer würde es ja sein, wenn der Reichskanzler bis zu seinem letzten Tage im Vollbesitz der Macht und einziger Träger der Regierungsgewalt bliebe und so mit ungeheurer Wirkung die Erde verließe. Für unser Haus aber ist es besser, daß der Haupttragepfeiler nicht plötzlich bricht und das Haus im Fall mit sich reißt, sondern daß vorher rechtzeitig andere Säulen angebracht werden, die einen Teil der Last auf sich nehmen und den Effekt des Verschwindens des großen Pfeilers verringern. Den Reichskanzler nach und nach zu entlasten, die Nation nach und nach daran zu gewöhnen, daß wir über kurz oder lang, wir mögen wollen oder nicht, ohne diese phänomenale Erscheinung aus- kommen müssen, ist für uns eine Lebensfrage. Auch wenn der Reichskanzler sich durchaus nicht im Amte halten ließe, müßte alles aufgeboten werden, damit wenigstens Herbert bliebe. Es würde das in den Augen des Volkes dem eventuellen Rücktritt des Kanzlers zum Teil das Erschreckende und jedenfalls das Verletzende nehmen. Es würde für den Reichskanzler selbst ein Balsam wie eine Fessel sein und die einzig sichere Brücke bilden zwischen ihm und dem Kaiser. Nur kein gleichzeitiger Rücktritt des Reichskanzlers, Herberts und womöglich noch anderer, spezifisch Bismarckscher Minister! Herbert zu halten, wäre, wie ich meine, nicht allzu schwer. Eine tätige, eifrige, an Herrschen gewöhnte und das Herrschen liebende Natur, würde er sich außerhalb des Auswärtigen Amtes wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlen. Beide, Vater und Sohn, sind fond of power. Beim Vater mag das Alter eine philosophisch-resigniertere Auffassung hervorgerufen haben, der Sohn wird sich, wie ich ihn kenne, nur sehr ä contre cceur zurückziehen, besonders wenn ihm nicht die Wahl zwischen dem Staatssekretariat und etwa der Londoner Botschaft gelassen wird, sondern nur die Wahl zwischen dem Ministerium und Untätigkeit. Diese allgemeinen Wahrheiten im Einzelfalle anzuwenden, ist freilich schwierig, auch wo so viel Geschicklichkeit, Geduld und Selbstverleugnung Entlastung des Kanzlers? 632 HAGEN VON TRONJE Herbert Bismarck vorhanden ist, wie sie unser Allerhöchster Herr bisher zeigt. Möge ihn der Gedanke stärken, daß die Bewährung dieser Tugenden gerade gegenüber dem Fürsten Bismarck sich später sicherlich als ein Glück und ein Segen für den ganzen Lauf seiner Regierung heraussteilen wird! Der Reichskanzler ist nicht nur für persönliche und selbst rein formale Liebenswürdigkeiten empfänglich, sondern auch für den Appell an sein dynastisches Gefühl. Er empfindet im innersten Kern als märkischer Vasall, und der König ist ihm nicht ein abstrakter Vernunftsbegriff, sondern der Lehnsherr, den der echte Germane mit besonderem Maßstabe mißt. Hagen von Tronje war nicht sentimental, seine Herren vom Burgunderland aber waren ihm doch ganz eigen ans Herz gewachsen. Herbert ist sehr verschieden, je nach seiner von seinen Nerven sehr abhängigen momentanen Disposition. Für Aufmerksamkeiten ist er empfänglicher, als man annehmen sollte bei einem vom Glücke so verwöhnten Mann. Ruhige Behandlung wirkt kalmierend auf ihn. Er ist zu klug, um mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, wenn er sich davon überzeugt, daß die Wand fest und dauerhaft ist. Wer, wie wir beide, Herbert liebt, muß manche seiner Fehler beklagen. Als den größten betrachte ich seine outrierte Menschenverachtung. Schon deshalb ist er kein großer Menschenkenner. Wenn die Menschen leider selten Engel sind, so sind sie auch nicht alle Schufte. Ich bin vielen begegnet, die selbstlos gut zu mir waren, ich selbst war es auch manchmal. Der kälteste Realismus in der Politik, wo die Salus publica die Suprema lex sein soll, schließt nicht aus, daß man seine eigenen Leute freundlich behandeln und ihre edleren Instinkte entwickeln soll. Indem Herbert alle Menschen und insbesondere alle seine Untergebenen a priori für Kanaillen hält und jedem schlechte Motive unterschiebt, entmutigt und demoralisiert er gerade die Besseren. Er gelangt so zu Mißtrauen, wo er vertrauen könnte, und traut manchem Schwindler. Gern möchten wir Herbert weniger zynisch, ausgeglichener und rücksichtsvoller sehen. Wieviel Gutes könnte er damit stiften, wieviele Freunde sich machen. Aber auch mit seinen Schattenseiten ist Herbert, so lange sein Vater lebt, der beste Staatssekretär. Das sage ich nicht nur aus Gefühlsgründen. Meine persönlichen Empfindungen für Herbert schließen zwar für mich einen Gegensatz zu ihm oder eine Rivalität mit ihm völlig aus. Aber ich bin ein zu fanatischer Patriot, als daß nicht das Wohl und der Ruhm von Kaiser und Reich für mich über jedem anderen Gefühl und jeder anderen Rücksicht 6tänden. Auch vom Vernunftsstandpunkt aus, reiflich und kühl erwogen, bin ich der Meinung, daß Herbert große Vorzüge vor allen anderen Kandidaten für das Staatssekretariat hat. Er ist ein tüchtiger Arbeiter. Er hat seinem Vater viel abgesehen. Sein Name wiegt schwer. Einen Outsider zu nehmen, ist unendlich gewagt. Das diplomatische Gewerbe ist wie das Erlernen des Whist: Jeder glaubt es zu DIE ARBEITERFRAGE 633 können, wenn er beim Spiel zusiebt oder einen Robber mit etwas Glück gespielt hat. Allmählich erkennt man aber, daß viel Übung und Spezialkenntnis, ganz abgesehen von der Veranlagung, erforderlich ist. Über den Ausfall der Reichstagswahlen würde ich nur dann erschrecken, wenn man bei uns den Kopf verlöre, wovon ja Gott sei Dank keine Rede Die sozialst. Der Sieg der oppositionellen Parteien hat viele Ursachen. Daß bei uns listiscke neuerdings die Friedensschalmei gar so eifrig und intensiv geblasen wurde, ■® eM,e g un £ trug wohl auch dazu bei. Dem Deutschen fehlt noch der reizbare Nationalstolz wie der geschulte politische Nützlichkeitssinn anderer Völker. Darum überläßt er sich gar zu gern rechthaberischem Trotz und naivem Doktrinarismus, wenn ihm der Himmel ganz wolkenlos erscheint. Unsere innere und äußere Politik sollte trotz bester Friedensaussichten darauf zugeschnitten sein, daß uns das Ende des Jahrhunderts den entscheidenden Kampf für den monarchischen Nationalstaat bringen kann. Die sozialistische Bewegung kann zum Absolutismus führen, zum Parlamentarismus hat sie selten geführt. Die Geschichte lehrt, daß sich oft in Zeiten hochentwickelter Zivilisation bei den Massen sozialistisch-kommunistische Tendenzen zeigten. Gesellschaft und Staat waren aber bisher noch immer stark genug, solche Bewegungen niederzuschlagen: Rom ist mit seinen Proletariern und Sklaven, das Mittelalter mit den Bauern und Wiedertäufern, das moderne Frankreich mit den Jakobinern wie mit der Kommune fertig geworden. Die Pferde mögen schlagen und beißen, wie sie wollen, am Ende kommen sie doch wieder vor den Wagen und bekommen wieder einen Kutscher, der sie mit Zügel und Peitsche lenkt. Es muß aber dafür gesorgt werden, daß dem Wagen und seinen Insassen inzwischen nichts Ernstliches passiert. Es kommt darauf an, daß bei einer eventuellen Repression das Staatswesen im Innern wie nach außen nicht zu großen Schaden nimmt, und am besten ist es, ohne solche Repressionen die Bewegung zu überwinden. Einen anderen Weg als den bei uns eingeschlagenen gibt es nicht, nämlich einerseits großzügige reformatorische gesetzliche Maßnahmen, andererseits Unterdrückung gewaltsamer Auflehnung. Das eine schließt das andere nicht aus. Auch wenn ,geknallt* werden müßte, sollte die Sozialreform keinesfalls aufgegeben werden. Die Allerhöchsten Erlasse und Vorschläge in der Arbeiterfrage sind wohl die bedeutendste Maßnahme, die wir seit den Stein- Hardenberg-Reformen gesehen haben. Warum soll der Monarchie die Einrenkung des vierten Standes in den Staatsorganismus nicht gelingen, wo sie am Anfang des Jahrhunderts unter noch schwierigeren Verhältnissen diejenige des dritten durchführte ? Hoffentlich wird auf dem eingeschlagenen Wege verständnisvoller und sorgsamer Behandlung der Arbeiter und Fortführung der sozialen Fürsorge besonnen, vorsichtig, praktisch und vor allem stetig fortgeschritten werden. Stetigkeit ist überhaupt in der inneren 634 DIE WUNDE DER GERMANIA Der Ausgang des Kulturkampfes Die Nationalliberalen Politik in Deutschland eine große Hauptsache! Das Ruck- und Stoßweise bringt den schwerfällig angelegten Deutschen aus dem Häuschen, während Kreuzsprünge und Widersprüche ihm bei seinem ausgesprochenen Hange zu Ernst und Gründlichkeit als Frivolität erscheinen. Mit den richtigen ,Ultramontanen 4 ist freilich kein ewiger Bund zu flechten, aber gegen eine zweite Auflage des Kulturkampfes bin ich durchaus. Die erste war wohl der einzige große politische Fehler des Reichskanzlers, denn über die Einführung des allgemeinen Stimmrechts läßt sich streiten. Der Kulturkampf hat unsere evangelische Kirche während des Streits geschwächt, beim Friedensschluß gedemütigt. Er hat die katholische Kirche gekräftigt und gehoben, das Zentrum recht eigentlich großgezogen und damit unsere parlamentarischen Verhältnisse auf lange hinaus verwirrt und erschwert. Das schlimmste aber war, daß die gefährlichste Wunde am Leibe unserer hehren Mutter Germania, die Glaubensspaltung, der wir schon den Dreißigjährigen Krieg mit allem sich daran anschließenden namenlosen Elend verdanken, durch den Kulturkampf vergrößert und verschärft wurde. Es hilft natürlich nichts, zu klagen, daß wir nicht, wie Rußland und Frankreich, den großen politischen Vorzug konfessioneller Homogenität und Geschlossenheit besitzen. Wir müssen mit den vorhandenen Faktoren rechnen und gewissenhaft vermeiden, was das Übel verschlimmern könnte. Der Ausgang des jüngsten Kulturkampfes wie ähnlicher früherer Wirren, die Ergebnisse der Glaubenskämpfe im 16. und 17. Jahrhundert, die Folgen der Kirchenpolitik der Hohenstaufen und Salier reden eine deutliche Sprache. Wenn ich gegenüber der Kurie kaltblütige Ruhe und in allen deutschen interkonfessionellen Fragen große Schonung der Katholiken für die einzig richtige Taktik halte, so bin ich doch weit entfernt von Vertrauensseligkeit gegenüber dem ,Ultramontanismus 4 . Ihm gegenüber kann nach seiner ganzen Natur nur von einem Modus vivendi, nicht von ewigem Frieden die Rede sein. Speziell darf unsere auswärtige Politik gewiß nicht in den Dienst der Kurie gestellt oder auch nur von ihr beeinflußt werden. Gerade die im Dreibund verkörperte Politik kann richtig und ohne Nachteil für uns nur von Leuten geleitet und ausgeführt werden, die bis ins Mark preußisch sind und genährt mit der Milch friderizianischer Denkungsart. Wirkliche ,Ultramontane 4 würden unter der Firma des Dreibunds anderer Leute Geschäfte machen als die unsrigen. Die Nationalliberalen zu verfolgen, ist gar kein Anlaß. Wollte der Himmel, daß diese im Innern zahme, nach außen vaterländisch gesinnte Spielart bei uns zahlreicher vertreten wäre. In Süddeutschland sind überdies die Nationalliberalen vorläufig die einzigen hieb- und stichfesten Vertreter des Reichsgedankens. Es wird noch viel Wasser Main, Rhein und DAS IRREPARABLE 635 Donau hinabfließen, bis die katholischen Magnaten und die katholischen Massen am Ufer dieser Ströme innerlich gewonnen werden und jede Rückkehr zu der alten Gesinnung ausgeschlossen erscheint, die in jenen Gruppen abwechselnd partikularistisch, großdeutsch, ultramontan, auch wohl rhein- bündneriseh, aber nie hohenzollerisch war. An der Gewinnung soll mit Geschicklichkeit und auch mit Schonung und mit Langmut gearbeitet werden. Aber wir dürfen ihr nicht große Interessen und wirklich treue Anhänger opfern. So sehr es mich interessiert, über Berliner Vorgänge zu hören, so empfinde ich doch gar kein Verlangen, jetzt selbst dort zu sein. Nicht aus Faulheit oder Kleinmut denke ich so, sondern weil ich bei den bekannten Verhältnissen im Auswärtigen Amt auch bei dem besten Willen dort nicht das Allermindeste nützen könnte. Speziell die Stellung des Unterstaatssekretärs ist ungefähr die einzige, gegen die sich mein im übrigen militärfrommer Sinn lebhaft und hartnäckig sträuben würde. Mein Zukunftstraum wäre, hier zu bleiben, bis ich eine Botschaft bekommen kann. Im übrigen hat bei mir die ehrgeizige Unruhe meiner ersten Jugend längst einer Weltanschauung Platz gemacht, wo ich mich gelassen der höheren Führung anvertraue und mein Dichten und Trachten auf den Wunsch beschränke, wo man mich auch hinstellt, im Geiste meines Vaters das Bestmögliche zu tun.“ Phili antwortete nicht auf diesen Brief, ist aber in späteren Jahren mir gegenüber mündlich mehrfach auf ihn zurückgekommen. Er hat mich, wie ich mich gut erinnere, sowohl nach dem Heimgang des großen Fürsten wie nach dem Tod Herbert Bismarcks daran erinnert, daß ich ihn Anfang März 1890 dringend vor den Folgen einer unfreundlichen Entfernung des Fürsten Bismarck gewarnt hätte. Seufzend und mit dem melancholischen Gesichtsausdruck, der ihm eigen war, wenn er Reue oder Furcht empfand, äußerte er dabei: „Wer hätte denken können, daß die Beseitigung der Familie Bismarck so lange andauernde und so tiefgehende Folgen haben würde! Das haben weder Waldersee noch Bötticher noch Seine Majestät noch ich geahnt.“ Am 20. März traf in Bukarest die Nachricht ein, daß Kaiser Wilhelm II. den Fürsten Bismarck entlassen habe. Sie wurde in Rumänien anfäng- Bismarcks lieh gar nicht geglaubt, dann mit maßlosem Staunen aufgenommen. Die Sturz französisch gesinnten Kreise konnten ihre Freude kaum verbergen. Unsere Freunde ließen die Köpfe hängen. König Carol sagte mir einige Tage später: „Mein Gesandter in Berlin telegraphierte mir, daß dort die öffentliche Meinung den Rücktritt des Fürsten Bismarck mit Ruhe, beinahe mit Gleichgültigkeit, teilweise mit Befriedigung hingenommen habe. Was die Entlassung des Fürsten Bismarck durch den jungen Kaiser für Deutschland, ja für die Welt bedeutet, wird sich aber später heraussteilen.“ 636 HYBRIS Über die Verabschiedung des Fürsten Bismarck durch Wilhelm II. sind Die Vor- seitdem mehr Bücher geschrieben worden, als, um mit dem persischen geschickte Dichter Firdusi zu sprechen, ein Kamel durch die Wüste tragen könnte. Leider gilt für die meisten dieser Werke, was auch für nicht wenige politische Betrachtungen der Nachkriegszeit gilt, daß sie, ohne wirkliche Kenntnis der Vorgänge und der handelnden Personen geschrieben, um den Kern herumreden und den wirklichen Sachverhalt mehr verdunkeln als erhellen. Sie erfüllen nicht die Forderung des genialen Ferdinand Lassalle, zu sagen, was ist, was wirklich war. Ich war in jenen ereignisschweren Tagen nicht in Berlin, habe mir aber aus dem, was ich von dort hörte und was mir später einerseits Herbert und die Intimen, andererseits die Gegner des Bismarck- schen Hauses erzählten, ein genaues Bild der Vorgänge machen können. Die Trennung zwischen Kaiser und Kanzler ging vom Kaiser aus. Der Fürst wäre gern geblieben, nicht nur weil er, seit achtundzwanzig Jahren an die Macht gewöhnt, sie liebte, sondern auch aus Patriotismus, da er im Gegensatz zum Kaiser voraussah, was seine Entfernung aus dem Amt für das in erster Linie von ihm geschaffene Reich bedeutete. Es war der Kaiser, der den Bruch herbeiführte, weil er dessen Tragweite nicht ermaß, ja in den ersten Jahren nach dem Bruch überhaupt nicht begriff. Als der junge Lord von Edenhall wieder und wieder mit dem hohen kristallenen Trinkglas anstieß, sah er die Folgen seines Übermutes auch nicht voraus. Ich glaube, daß Wilhelm II. zehn, ja fünf Jahre später den Fürsten Bismarck nicht in so unbesonnener Weise fortgeschickt haben würde. Es fehlte dem kaum dreißigjährigen Monarchen noch an jeder Erfahrung, an aller Reife, auch an Ernst. Er brach mit Bismarck aus Unerfahrenheit und sich daraus ergebender Kurzsichtigkeit, aber auch mit einer mystischen Überschätzung seines Herrscheramtes, von der er damals erfüllt war und von der er sich nie ganz befreit hat. Ein altes deutsches Sprichwort sagt, wem Gott ein Amt gibt, dem gebe er auch Verstand. Damit hat sich mancher Kanzlist, mancher Assessor und Regierungsrat, sogar mancher Minister getröstet. Damit trösten sich, seit wir in der Republik leben, ungezählte neue Würdenträger. Der Kaiser aber hatte sich durch eine Art von Autosuggestion innerlich mit der Vorstellung erfüllt, daß ihn, wie Bismarck sich einmal ausdrüekte, ein besonderer Draht mit dem Himmel verbinde und daß er im Vertrauen auf solchen Schutz von Oben sich von den Geboten der Vernunft hier und da emanzipieren dürfe. Also Hybris, vereint mit ungesundem Mystizismus, und das in einem Lebensalter, wo noch nicht bittere Erfahrungen Wilhelm II. wenn auch nicht weise, so doch vorsichtiger gemacht hatten. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Kaiser sich wegen der Arbeiter- schutzgesetzgebung und in Verbindung damit wegen der Sozialen Frage und SEIN EIGENER KANZLER SEIN 637 der Behandlung der Sozialdemokratie mit Bismarck überworfen habe. Er benutzte nur diese Meinungsverschiedenheit, um sich des unbequemen „Hauslehrers“, wie er in jener Zeit Bismarck im Gespräch mit Phili Eulenburg genannt hatte, zu entledigen. Bismarck war noch nicht lange fortgeschickt, als der Kaiser von Caprivi ein schärferes Vorgehen gegen Wilhelm II. die Sozialdemokratie verlangte. Er hat ein solches wieder und wieder g e S en d‘ e vom alten Fürsten Hohenlohe gefordert. Und während meiner Amtszeit 0Zla " . dcmokratie verging kein Jahr, wo nicht der Kaiser bald erregt, unwirsch und stürmisch, bald in liebenswürdiger Form von mir ein gewaltsames Vorgehen gegen die „Boten“ verlangt hätte. Ich habe ihm erwidert, daß, wenn er glaube, die Sozialdemokratie müsse mit Gewalt unterdrückt werden, er sich nicht vom Fürsten Bismarck hätte trennen dürfen. Ich wisse nicht, ob es dem Fürsten Bismarck gelungen sein würde, die sozialdemokratische Bewegung auszurotten, jedenfalls wäre er aber der einzige gewesen, der diesen Versuch hätte unternehmen können. Eine verschiedenartige Beurteilung der Rußland gegenüber einzuschlagenden Politik hat bis zu einem gewissen Grade zum Sturz des Die Be- Fürsten Bismarck beigetragen. Der Kaiser wollte die deutsch-russischen Ziehungen Beziehungen durch sein persönliches Eingreifen, häufige Besuche in Ruß- zu Ru ß^ an(! land, gelegentliche Übersendung von Geschenken, schwungvolle Reden, freundschaftliche Demonstrationen aller Art günstig beeinflussen. Der Kanzler verließ sich mehr auf eine klug geleitete Politik und den von ihm abgeschlossenen Rückversicherungsvertrag, der vor seiner Erneuerung stand, die vom Kaiser Alexander und dem Minister Giers gewünscht wurde. Dem Kaiser wurde von den Gegnern seines großen Ministers eingeredet, daß dieser gegenüber Rußland zu vertrauensselig sei. Unter dem Einfluß von Waldersee ging der Kaiser so weit, dem Fürsten Bismarck heftig und in ungezogener Form „Blindheit“ gegenüber der von Rußland „furchtbar“ drohenden Gefahr vorzuwerfen. Holstein, damals in enger Fühlung mit Waldersee, hatte dafür gesorgt, daß ein alarmierender Bericht des Konsuls Raffauf in Kiew dem Kaiser in die Hand gespielt werden konnte. Der eigentliche, tiefste und wirkliche Grund, aus dem der Kaiser sich von Bismarck trennte, war, daß er selbst Bismarck spielen, d. h. im Inland und im Ausland die Stellung einnehmen wollte, die Bismarck jahrzehntelang behauptet hatte. Das meinte wohl auch Bismarck, als er sagte, der Kaiser wolle sein eigener Kanzler sein. Das meinte jedenfalls Wilhelm II., als er wenige Tage nach der Beseitigung Bismarcks an seinen Erzieher Hinz- peter telegraphierte: „Mir ist so weh, als hätte ich noch einmal meinen Großvater verloren, aber von Gott Bestimmtes ist zu tragen, auch wenn man darüber zugrunde gehen sollte. Das Amt des wachthabenden Offiziers auf 638 ZWEI KUGELN STATT DREI Die Nicht- erneuerung des Rückversicherungsvertrags dem Staatsschiff ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte. Volldampf voraus!“ Der Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Herr von Lucanus, fürchtete, es würde keinen guten Eindruck machen, wenn der Monarch eine so programmatische Kundgebung an seinen früheren Erzieher richtete. Deshalb wurde fingiert, daß der alte Großherzog Karl Alexander von Weimar, der Schwager des Kaisers Wilhelm I., der Adressat gewesen sei. So, wie der Bruch zwischen Kaiser und Kanzler erfolgte, bedeutete er ein schweres Unglück für das Deutsche Reich. Die Trennung hätte unter allen Umständen in würdiger Form erfolgen müssen, unter Wahrung der Ehrfurcht, auf die ein Mann wie Bismarck berechtigten Anspruch hatte, unter Vermeidung aller schädlichen und unnötigen Kränkung. Und vor allem: Bismarck durfte nur fortgeschickt werden, wenn der Kaiser entschlossen war, nach seinem Ausscheiden eine liberalere Richtung einzuschlagen, also wenn auch nicht sofort das parlamentarische System im westeuropäischen Sinne einzuführen, so doch sich einem solchen zu nähern. Auf die Diktatur Bismarck durfte nicht eine Diktatur Wilhelm II. folgen, denn Bismarck war ein Genie, Wilhelm II. war kein Genie. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Verabschiedung des Fürsten Bismarck stand die Ablehnung der von Rußland gewünschten Erneuerung des Rückversicherungsvertrages, die Zerschneidung des Drahtes mit Rußland, wie Fürst Bismarck das genannt hat. Sie mußte um so ungünstiger wirken, als der Kaiser, kurz bevor die Entlassung des Fürsten Bismarck eine vollendete Tatsache geworden war, dem russischen Botschafter, dem Grafen Paul Schuwalow, persönlich und kategorisch erklärt hatte, er stünde ihm dafür ein, daß der deutsch-russische Vertrag mit oder ohne Bismarck erneuert werden würde. Umsonst insistierte Herr von Giers. Umsonst erklärte er, daß, wenn wir die Erneuerung des Vertrages ablehnten, Kaiser Alexander III. sich gegen seine innere Neigung zum Bündnis mit der Französischen Republik genötigt sehen würde. Umsonst wies Schuwalow darauf hin, daß die Nichterneuerung des Vertrages, nachdem Kaiser Wilhelm II. sie versprochen habe, in Petersburg Bestürzung und äußerstes Mißtrauen hervorrufen müßte, jedenfalls auf Kaiser Alexander einen deplorablen Eindruck machen und Rußland geradezu in die Arme der Französischen Republik treiben würde. Caprivi übersah nicht die Situation. Mit einer Bescheidenheit, die vom moralischen Standpunkt aus vielleicht rührend war, aber dem Leiter eines großen Reiches nicht wohl anstand, meinte er, nachdem ihm von Marschall und Holstein Vortrag gehalten worden war: „Bismarck war imstande, mit drei Kugeln zu jonglieren, ich kann aber nur mit zwei Kugeln spielen.“ Es zeigte sich hier der Unterschied zwischen Soldat und Staatsmann. Der Soldat geht gerade und direkt auf sein Ziel los. Der Staatsmann kann sein Ziel oft nur auf Umwegen erreichen, mit Tempo- ALLES ANDERS MACHEN 639 risieren, durch Geduld. Er muß abwarten können, wie der auf dem Anstand stehende Jäger. Er muß auch nuancieren können. Die Mentalität des guten Caprivi war zu einfach, etwas naiv. Marschall war damals ganz der Ministre etranger aux affaires, wie ihn mit grausamem Spott nach seiner Ernennung zum Staatssekretär des Äußern Bismarck genannt hat. Er stand völlig unter dem Einfluß von Holstein, der mit der ihm eigenen, bisweilen an Monomanie streifenden leidenschaftlichen Verbissenheit nach dem Sturz des großen Chefs ganz seiner alten Abneigung gegen unsern östlichen Nachbar die Zügel schießen ließ und alles „anders“ machen wollte als Bismarck, den er haßte, seitdem er ihn verraten hatte. Dem Kaiser wurde gesagt, daß der Rückversicherungsvertrag eine „Untreue“ gegen den ehrwürdigen Kaiser Franz Josef gewesen sei, die eines so ritterlichen Monarchen wie Wilhelm II. nicht würdig sei. Es wurde ihm auch eingeredet, daß, wenn über den Vertrag mit Rußland etwas durchsickere, wir nicht nur für immer das Vertrauen und die Achtung der Österreicher verlieren, sondern auch in England verachtet werden würden. Der Kaiser war nicht lange nach seiner Thronbesteigung zum englischen Admiral, zum Real Admiral of the Fleet, ernannt worden, eine Auszeichnung, die ihn um so mehr berauscht hatte, als er daraus entnehmen zu können glaubte, daß sein Verhalten gegen seinen Vater und sein gespanntes Verhältnis zu seiner Mutter ihm in England nicht geschadet hätten. Die Fortdauer des deutsch-russischen Rück Versicherungsvertrages war durchaus vereinbar mit dem deutsch-österreichischen Bündnis wie mit guten Beziehungen zu England. Der langjährige österreich-ungarische Botschafter in Berlin, Graf Szögyenyi, hat mir später mehr als einmal gesagt, die Kündigung des Rückversicherungsvertrages sei auch für Österreich- Ungarn ein Unglück gewesen. „Dieser Vertrag“, sagte mir Szögyenyi, „war nicht nur eine bedeutsame Garantie für den Weltfrieden, sondern er war auch ein Glück für die habsburgische Monarchie, denn er verhinderte uns an Dummheiten.“ Was England anging, so lag die Sache so, daß es um so mehr Rücksicht auf uns nahm, je besser unser Verhältnis zu Rußland war. Wie Bismarck dies vorausgesehen hatte, war die unmittelbare, die automatische Folge unserer Kündigung des Rückversicherungsvertrages der Abschluß der russisch-französischen Allianz. Schon im Mai 1890 wurde der früher gemaßregelte Führer der Panslawisten, Tschernajew, reaktiviert und unter Stellung ä la suite des Generalstabs zum Mitglied des Kriegsrats ernannt. Im Mai 1890 besuchte der Zar mit seiner Familie in demonstrativer Weise eine von den Franzosen in Moskau veranstalt ete Ausstellung. Am 23. Juli erschien ein französisches Geschwader unter dem Kommando des Admirals Gervais in Kronstadt, wo es von der Bevölkerung und den Mannschaften der russischen Schiffe begeistert aufgenommen Auch für Österreich- Ungarn ein Unglück Die russischfranzösische Allianz 640 DER ZAR UND DIE MARSEILLAISE wurde. Großfürst Alexej Alexandrowitsch, General-Admiral und oberster Chef der Flotte, gab dem Admiral Gervais, seinem Stabe und den Kommandanten der französischen Schiffe ein glänzendes Diner. Der Kaiser und die Kaiserin besuchten das Admiralschiff „Marengo“. Auf einem Diner, das zu Ehren des französischen Geschwaders in Peterhof stattfand, brachte der Kaiser einen Toast auf den Präsidenten der Französischen Republik aus. Darauf spielte die russische Musik die Marseillaise, die der Kaiser stehend und mit entblößtem Haupt anhörte. Kaiser Wilhelm, der leider nur zu oft das Kleine zum Großen aufzubauschen suchte und das wirklich Wichtige nicht zu würdigen wußte, hat mehr als einmal unbedeutende Ereignisse als „historische Merksteine“ gefeiert. Der Augenblick, wo der russische Zar vor dem Sturmlied der Französischen Revolution den Helm abnahm, war ein wirklich historischer Moment. Er be- zeichnete das Ende einer nicht nur auf politische Interessen, sondern auch auf starke Gefühle basierten Freundschaft zwischen Preußen-Deutschland und Rußland, die achtzig Jahre gedauert hatte. Mit Vorsicht und Geschicklichkeit waren Bruch und Krieg mit Rußland noch immer zu vermeiden, aber alle Welt fühlte, daß es nicht mehr das alte Verhältnis zwischen den beiden nordischen Reichen war. In einem Telegramm an den Präsidenten Camot sprach der Zar von den „tiefen Sympathien“, die Frankreich und Rußland vereinigten. Auch in Moskau wurde Admiral Gervais mit seinen Offizieren feierlich und enthusiastisch empfangen. Er schloß seinen Toast auf dem ihm zu Ehren gegebenen Bankett echt französisch mit den Worten: „Auf Sie und auf uns ist jetzt die Aufmerksamkeit der ganzen Welt gerichtet. Ich trinke auf das heilige Moskau, das große russische Volk und seinen erhabenen Zaren.“ Der früher gemaßregelte, jetzt reaktivierte General Tschernajew antwortete unter Anspielung auf den Refrain der Marseillaise: „Ruft man bei Ihnen: ,Aux armes, citoyens! 1 , so geschieht es auch bei uns. Formez vos bataillons! Wir Russen werden unsere Bataillone von der Weichsel bis Kamtschatka formieren. Ich trinke auf das ritterliche französische Volk und auf Paris, die Hauptstadt der zivilisierten Welt!“ Gervais erwiderte, daß, „stark durch die Freundschaft eines großen und mächtigen Monarchen“, Frankreich zuversichtlich in die Zukunft blicke. Kein Mensch in Europa zweifelte daran, daß in diesen Tagen ein russisch-französischer Allianz-Vertrag und entsprechende Militär- Konventionen abgeschlossen worden waren. Der bisherige Botschafter Frankreichs, Laboulaye, ein harmloser und phlegmatischer Herr, wurde abberufen. An seine Stelle trat einer der brillantesten französischen Diplomaten, Graf Montebello, mit einer liebenswürdigen und eleganten Frau. Die Welt hatte in wenigen Monaten ein anderes Gesicht angenommen. Auch Wilhelm II. konnte sich den Konsequenzen seiner Kündigung des Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck-Schönhausen in seinem Arbeitszimmer im Auswärtigen Amt EINE FROHE BOTSCHAFT 641 Rückversicherungsvertrages nicht lange verschließen. Er hat sich seitdem in jeder Weise bemüht, seinen Fehler wieder gutzumachen. Bei Alexander III. gelang es ihm nicht. Er war und blieb diesem Zaren unsympathisch. Um so eifriger hat er später den Kaiser Nikolaus II. umworben, um mit ihm wieder zu einem Vertragsverhältnis zu kommen, was schließlich zu der grotesken Konvention von Björkö führte. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß der Rücktritt des Fürsten Bismarck bei der Mehrheit des deutschen Volkes und nun gar unter den deutschen Politikern Zorn, Entrüstung oder auch nur Trauer hervorgerufen hätte. Davon war zunächst nicht die Rede. Der Chefredakteur der „Kreuz- Zeitung“, Dr. Kropatschelc, ein Patriot und ein vortrefflicher Mann, erschien kurz nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck im Konservativen Verein in Rathenow mit den Worten: „Eine frohe Botschaft, meine Herren! Von nun an werden wir nicht länger von der Familie Bismarck, sondern von dem Hause Hohenzollern regiert.“ Der Führer der bürgerlichen Demokratie, Eugen Richter, in mancher Hinsicht ein tüchtiger Mann, veröffentlichte in seinem Blatt einen Nachruf auf den größten Staatsmann unseres Volkes, der an Plattheit, Kleinlichkeit und Niedrigkeit der Gesinnung nicht zu überbieten war. Die Präsidenten des Reichstages, der ohne Bismarck nicht existieren würde, des Abgeordnetenhauses, wo er in der Konfliktszeit seine genialsten Reden gehalten hatte, und des Herrenhauses, dessen verdientestes und jedenfalls berühmtestes Mitglied er gewesen war, nahmen von Bismarcks Rücktritt keine Notiz. Wenn ich nicht irre, waren alle drei Präsidenten Konservative, das heißt Mitglieder derjenigen Partei, die, als Bismarck die Regierung übernahm, nach einem bekannten Witzwort „in einer Droschke Platz hatte“, jetzt aber im Reichstag wie im Abgeordnetenhause zu achtunggebietender Stärke emporgewachsen war. »i Die Wirkung von Bismarcks Rücktritt 41 Bülow IV XLVI. KAPITEL König Carol über die Entlassung des Fürsten Bismarck • Verlobungsfeier im rumänischen Königshause • Ernennung Bülows zum Botschafter in Rom • Abschied von König Carol • Letztes Zusammensein mit der Mutter in Berlin A ls ich, nicht lange nach dem Rücktritt des Fürsten Bismarck, auf einige Tage nach Berlin kam, herrschte dort jene Gemütsverfassung, die der Franzose mit dem Worte „Ouf!“ ausdrückt. Demokraten und Klerikale jubelten. Die Konservativen atmeten auf. Der sehr intelligente, durchaus aufrechte Legationsrat der Kaiserlichen Gesandtschaft in Bukarest, Freiherr von Dörnberg, dem ich seinerzeit meinen Warnungsbrief an Philipp Eulenburg vor seiner Absendung gezeigt hatte und der damals diesen Brief eine „Tat, und zwar eine gute Tat“ nannte, meinte, als wir uns bei meinem Bruder Alfred in Stuttgart wieder begegneten, daß auch in Süddeutschland über den Rücktritt des Fürsten Bismarck vorwiegend Befriedigung herrsche. Man höre überall: „Es wird nun besser gehen und das Leben gemütlicher werden.“ Anders sprach freilich Herbert Bismarck, der mich kurz nachher in Herbert Bis- Wildbad besuchte, wo ich mit meiner Frau einige Wochen verlebte. Er marck über sa gte mir, er komme, um mir zu danken, daß ich seinem Vater immer treu die Demission t g e jjij e }j Cn se L I c h würde ihm gewiß auch fernerhin treu bleiben. Herbert 1 hatte von einem Beamten des Zentralbüros im Auswärtigen Amt gehört, daß ich von den Vertretern des Reiches der einzige gewesen sei, der die Entlassung des Fürsten Bismarck zum Gegenstand eines amtlichen Schreibens gemacht habe, das auf den Ernst und die Tragweite dieses Ereignisses hingewiesen habe. Unsere anderen Vertreter hätten sich entweder ausgeschwiegen oder der Überzeugung Ausdruck verliehen, daß in der genialen Persönlichkeit unseres jugendfrischen Kaisers die beste Gewähr für die Zukunft liege. Herbert erzählte mir erschütternde Einzelheiten über die Rücksichtslosigkeit, mit der sein Vater persönlich von Kaiser Wilhelm II. behandelt worden sei. Der Kaiser habe das Abschiedsgesuch des treuen Dieners seines Großvaters gar nicht erwarten können und durch den Chef seines Zivilkabinetts, Herrn von Lucanus, den Generaladjutanten Hahnke und durch andere Mittelspersonen immer wieder die DER ZERSCHMETTERER 643 beschleunigte Einreichung der Demission gefordert. „Wie ein unredlicher oder lästiger Bedienter ist mein armer alter Vater fortgejagt worden.“ Uber die letzte Unterredung zwischen Seiner Majestät und dem Kanzler Bismarck erzählte mir Herbert: sein Vater sei mit fünfundsiebzig Jahren und noch mehr durch ein arbeitsreiches und bewegtes Leben begreiflicherweise schonungsbedürftig geworden. Die Arzte hätten darauf bestanden, daß er sich am Morgen schone. Sie hätten gewünscht, daß er seinen Morgentee im Bett nähme, dann warm bade und sich massieren lasse und erst gegen Mittag, namentlich bei dem rauhen Märzwetter, ausgehe. An jenem Abschiedsmorgen sei der Kaiser schon ganz früh in seiner, des Staatssekretärs Herbert Villa erschienen und habe in ungeduldigem und ungnädigem Tone verlangt, daß sich der Fürst sofort bei ihm melde. „So mußte mein Vater, notdürftig bekleidet, fröstelnd, bei Kälte und Regen durch den Garten des Reichskanzlerpalais zur Staatssekretärsvilla gehen. Dort angekommen, frug ihn der Kaiser in barschem Ton: ,Wann bekomme ich endlich Ihr Das Abschieds- Abschiedsgesuch ? 1 Der Fürst habe mit völliger Selbstbeherrschung und gesuch mit vollkommenster Höflichkeit geantwortet: „Eure Majestät bitte ich untertänigst, noch einige Stunden Geduld zu haben mit einem alten Mann. Nach fast dreißigjähriger Tätigkeit als Ministerpräsident und Reichskanzler habe ich nicht nur das Recht, sondern, wie ich meine, auch die Pflicht, vor Eurer Majestät, vor dem Lande und vor der Geschichte in aller Ehrfurcht die Gründe meines Rücktritts schriftlich darzulegen.“ Der Kaiser habe kurz und trocken entgegnet: „Von einer Veröffentlichung Ihres Abschiedsgesuches kann keine Rede sein.“ Sowohl Herbert wie Bill Bismarck haben mir in späteren Jahren übereinstimmend versichert, daß ihr Vater, als er von Wilhelm II. öffentlich geschmäht wurde, nie seinen Gleichmut und nicht einmal seinen Humor verloren habe. Als ihm die Reden vorgelegt wurden, wo Wilhelm II. in deutlicher Anspielung auf ihn ausgerufen hatte, er werde seine Gegner zerschmettern, nur einer sei Herr im Lande, und das sei er, als er verkündigt hatte, daß sein Großvater, Kaiser Wilhelm I., manchen braven Minister gehabt hätte, aber mit dem Kaiser verglichen seien sie doch nur Pygmäen gewesen und Handlanger des Allerhöchsten Willens, habe Fürst Bismarck sich darauf beschränkt, unter die betreffenden Zeitungsausschnitte zu schreiben: „Sunt pueri pueri! Pueri puerilia tractant.“ (Knaben sind eben Knaben und benehmen sich knabenhaft.) Herbert Bismarck verhehlte mir schon in Wildbad nicht, daß sein Vater mit schweren Sorgen in die Zukunft des Reiches blicke. „Kaiser Wilhelm II. fährt mit Hurra den Abhang hinunter“, hatte, wie mir Herbert erzählte, bald nach seiner Entlassung der Vater Bismarck zu seinem ältesten Sohne gesagt. „Hoffentlich zeigt, wenn die Katastrophe kommt, 41 644 DIE NEUEN LEUTE der Kaiser Courage und setzt sein Leben ein, wie Friedrich der Große bei Zorndorf, bei Hochkirch und Kunersdorf. Und wenn es zum Äußersten käme, zu Rebellion und Revolution, möge er dann fechten und, wenn es sein müßte, fechtend fallen an den Stufen des Thrones, fechtend für die Krone und die Rechte und die Ehre der Krone.“ Nachdem die Nachricht von der Verabschiedung des Fürsten Bismarck Briefe in Bukarest eingetroffen war, hatte ich zweimal an Herbert Bismarck Herbert geschrieben, um ihm meinen tiefen Schmerz über die in Berlin eingetretene Bismarcks Wendung auszusprechen. Ich bat ihn gleichzeitig, seinem großen Vater die Versicherung meiner unerschütterlichen Verehrung, Bewunderung und Treue zu übermitteln. Er antwortete mir am 7. April 1890 aus Berlin: „Haben Sie herzlichsten Dank für Ihre freundlichen beiden Briefe. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen zu sagen, wie wohltuend mich Ihre Worte berührt haben. Darüber hinaus kann ich allerdings so gut wie nichts schreiben, denn wer weiß, welche Schicksale dieser Brief erlebt, bevor er in Ihre Hände gelangt. Ich bin diesen Winter mit der Gesundheit übler dran gewesen denn je. Von einer schweren Influenza-Erkrankung im Dezember, während der ich fortarbeiten mußte, bin ich noch jetzt nicht erholt, und wenn mein Vater im Dienst geblieben wäre, hätte ich einen längeren Urlaub von über vier Monaten nach ärztlicher Aussage ohnehin unbedingt gebraucht. Nachdem nun aber mein Vater gegen seinen Wunsch und Willen in ziemlich brüsker Weise entlassen war, wurde es für mich unmöglich, die dadurch bei meinem Namen für mich so gewaltig vermehrte Verantwortung und Arbeit gegenwärtig zu übernehmen. Selbst bei voller Gesundheit hätte das gerade für mich die schwersten Bedenken gehabt, denn meine Stellung unter einem in der Diplomatie ganz unerfahrenen neuen Kanzler wäre eine sehr schiefe gewesen. Von den beiden neuen Caprivi und Leuten — Caprivi und Marschall — verlangt niemand etwas in der Marschall auswärtigen Politik, denn jeder weiß, daß sie sich bisher nie damit abgegeben haben, also auch nichts davon verstehen können. Daß Alvensleben meine Nachfolge hartnäckig ablehnte, beklage ich für den Dienst, denn letzterer wird jetzt auseinanderlaufen, da zur einheitlichen Leitung des schwierigsten aller Ressorts, des Auswärtigen, etwas anderes gehört, als was man als badischer Staatsanwalt und Parlamentarier lernen kann. Marschall hat sich schon lange auf den Posten eingerichtet, wie ich höre, und mir gegenüber jedenfalls kein gutes Gewissen, denn er hat mich seit der Designierung vollständig ignoriert. Ich würde Berlin schon ganz geräumt haben, wenn der Kaiser sich nicht auf morgen zum Diner bei mir angesagt hätte. Nun fahre ich übermorgen nach Friedrichsruh und komme nach Berlin schwerlich wieder. Leben Sie wohl, lieber Bülow, und machen Sie gute Geschäfte unter der neuen Leitung. In steter Treue Ihr Herbert Bismarck.“ DIE SCHICKSALSSCHWERSTE WENDUNG 645 Am 18. April 1890, dem Tage, wo sechsundzwanzig Jahre früher die Erstürmung der Düppeler Schanzen die erste glänzende Probe auf die Biilow an Richtigkeit der Bismarckschen Politik gewesen war, schrieb ich wieder an Herbert Herbert: „Lieber Herbert, Ihre gütigen Zeilen vom 7. ds. Mts. sind mir Bismarck richtig zugegangen. Haben Sie herzlichen Dank, daß Sie Zeit fanden, mir zu schreiben in einem Momente, wo so viele Anforderungen an Sie herangetreten sein werden. Ihr Brief gab mir, wenn auch nur andeutungsweise, die erste wirkliche Aufklärung über Ursache wie Verlauf der schicksalsschwersten Wendung, die unser Staatsleben seit 1848 durchgemacht hat. Inzwischen erhielt ich aus Berlin und Wien anderweitige Mitteilungen, nach denen ich mir endlich ein einigermaßen richtiges Bild von den jüngsten Vorgängen zu machen imstande bin. Meine Betrübnis über das Geschehene wird durch den genaueren Einblick in dasselbe nicht verringert. Andererseits brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, daß die unbegrenzte Bewunderung und rückhaltlose Verehrung, welche ich, solange ich politisch denke, für Ihren großen Vater empfinde, durch keinen äußeren Wechsel berührt werden kann. Ich verstehe jetzt auch die Gründe, aus welchen Sie nicht im Amte bleiben wollten. Mein Bedauern über Ihren Fortgang wird hierdurch freilich nicht verringert. In diesem Augenblick wird jeder Gedanke an Wiedereintritt Ihnen unsympathisch sein. Aber dans mon for interieur halte ich an der Hoffnung fest, daß Sie über kurz oder lang doch wieder an die Spitze des Auswärtigen Ressorts treten werden. Wie früher, so bin ich auch heute der Ansicht, daß wir für diesen wichtigsten und verantwortungsvollsten Posten keinen Besseren als Sie haben, und diese meine Überzeugung geht nicht allein aus einer unveränderten Freundschaft und Anhänglichkeit an Sie hervor, sondern sie fußt auch auf wohlerwogenen Verstandesgründen. Ich hoffe, Ihre durch Überarbeitung angegriffene Gesundheit — was Sie an Arbeit geleistet haben, ist wirklich unglaublich — wird sich jetzt rasch wieder bessern. Eine große Freude würde es mir sein, wenn ich im Hochsommer, wo ich more solito auf Urlaub zu gehen gedenke, Ihnen irgendwo, wenn auch nur für ein paar Stunden, begegnen könnte, um Ihnen mündlich zu sagen, wovon mein Herz voll ist. Daß ich unter der neuen Leitung ,gute Geschäfte 1 machen werde, erscheint mir a priori kaum wahrscheinlich. Ich stehe Caprivi wie Marschall vollständig fern, und daß ich manche Feinde gerade unter denjenigen habe, die jetzt im Auswärtigen Amt den Ton angeben, dürfte Ihnen nicht unbekannt sein. Seien Sie übrigens versichert, daß mir, was auch die Invidia von mir behaupten mag, die Sache viel höher steht als persönliche Ambitionen. Meine Wünsche gehen nur dahin, daß das, was Ihr Vater geschaffen, uns erhalten bleibe: durch Eintracht zwischen allen Gutgesinnten, Weisheit und selbstlose Hingabe an unseren jungen Herrn und die Nation. Ich habe amtlich 646 DER BÖNHASE berichtet, daß der Fortgang Ihres Vaters hier bei allen Anhängern der bestehenden Ordnung und des Zusammengehens mit Deutschland tiefstes Bedauern erregte. Auf diesem Wege möchte ich Ihnen noch mitteilen, daß König Carol, Carp und Sturdza in besonders würdiger und warmer Weise mir gegenüber dieser Gesinnung Ausdruck gaben. Mit der Bitte, Ihren Eltern meine ehrerbietigsten Empfehlungen übermitteln zu wollen, und indem ich zu Gott hoffe, daß es Ihnen allen so wohl ergehen möge, wie ich das mit ganzer Seele erhoffe, bin ich in alter Treue stets Ihr B.“ Herbert antwortete mir am 3. Mai 1890 aus Friedrichsruh: „Haben Sie Antwort aus herzlichsten Dank für Ihren freundlichen Brief vom 18. v. Mts., den ich Fnednchsruh vor einigen Tagen hier erhielt. Es hat mich sehr gefreut, von Ihnen zu hören, und die warmen Worte, mit denen Sie unserer gedenken, sind mir zu Herzen gegangen. Wir beide kennen uns von Kindesbeinen an und haben immer zusammengehalten, da bedarf es zwischen uns keiner weiteren Versicherungen. Es würde mir aber sehr lieb sein, mit Ihnen einmal wieder einen mündlichen Meinungsaustausch zu pflegen, und ich hoffe sehr darauf, mit Ihnen im Sommer zusammenzutreffen. Übermorgen gehe ich auf drei Wochen nach England, den größeren Teil des Juni werde ich hier in Friedrichsruh und den Juli in Königstein zubringen. Im August und September gehe ich vielleicht etwas an die See, eventuell auch mit meinem Vater nach Kissingen, wenn es dazu kommen sollte; natürlich hat er wenig Lust zu diesem Bade und möchte lieber an die See. Schweninger muß seinerzeit entscheiden. Meine Adresse bleibt einstweilen Friedrichsruh. Daß ich wieder in den Dienst gehe, glaube ich nicht, obgleich man nie sagen soll, source je ne boirai pas de ton eau; aber es wird auch wohl gar nicht von mir verlangt werden. Ich habe kein Vertrauen auf die Talente des badischen Staatsanwalts, der jetzt unsere auswärtige Politik als Bönhase zu leiten unternommen hat, und sehr von seiner Wahl abgeraten. Er hat sich außerdem gegen meinen Vater so intrigant und gegen mich so manierlos benommen, daß ich unter ihm nicht dienen würde, und wäre ich gesund wie ein Fisch im Wasser. Letzteres bin ich gegenwärtig leider gar nicht. Ich habe in den langen und harten Jahren zu viel zugesetzt und werde viel Zeit brauchen, ehe ich mich notdürftig zusammenflicke. Daß Sie viel Freundschaft unter den jetzigen Spitzen des Auswärtigen Amtes und deren Amanuensis haben, kann ich auch nicht annehmen, und noch mehr trifft dies auf unsern guten Freund Vitzthum zu, und ich habe es mir angelegen sein lassen, ihm durch einen meiner letzten Dienstakte noch einen etatsmäßigen Posten zu verschaffen. Da er zum Botschaftsrat noch nicht heran war, nahm ich an, es würde ihm am liebsten sein, zu Ihnen zu kommen, sonst hätten die Leute ihn vermutlich nach Rio oder Lissabon relegiert. Grüßen Sie ihn, bitte, vielmals von mir . Meinen Eltern geht es gottlob VERWIRRUNG UND ERRITTERUNG 647 ziemlich gut. König Carol hat kürzlich meinem Vater ein sehr inniges Telegramm auf einen längeren, eigenhändigen Brief geschickt, den er an die rumänische Majestät gerichtet hatte. Leben Sie wohl, und auf Wiedersehen im Sommer. In steter Treue Ihr Herbert Bismarck.“ Mit dem badischen Staatsanwalt ist natürlich Marschall gemeint, mit dem „Amanuensis“ des Staatsekretärs aber Holstein, in dem sich der arme Herbert so gründlich getäuscht hatte. Von Holstein sprach mir Herbert seit seinem Sturz nie anders als mit unbegrenztem Haß. Es war jener Haß, den die Franzosen „l’amour tourne a l’aigre“ nennen, die Reaktion gegenüber seiner langjährigen Schwärmerei für den Geheimrat von Holstein, dem blinden Vertrauen, das er von Kindesbeinen an in ihn gesetzt hatte. Er fühlte sich von Holstein hintergangen und betrogen. Er kam sich „hereingelegt“ vor, um eine echt Berliner Wendung zu gebrauchen. Kiderlen war ihm nur der Landsknecht, der für jeden ficht, der ihn gut bezahlt, jederzeit bereit, das Hemd zu wechseln und die Haut, wenn nötig. Von Phili Eulenburg sprach er mit Geringschätzung. Der bayrische Gesandte Graf Hugo Lerchenfeld habe ihm gesagt, daß Eulenburg sich rühme, das politische Vertrauen des Fürsten Bismarck besessen zu haben und von ihm politisch benutzt worden zu sein. „Mein Vater“, sagte Herbert in fast verächtlichem Tone, „hat Eulenburg politisch nie au serieux genommen. Er hat nur die höfischen Talente von Phili benutzen wollen, um durch ihn auf eine verständige Haltung des Prinzen Wilhelm hinzuwirken, bei dem sich Phili frühzeitig insinuiert hatte, wie überall da, wo es etwas zu holen gab.“ Ich ging in Wildbad viel mit Herbert in den schönen Wäldern spazieren, die das reizende Schwarzwaldbad umgeben..Es rührte ihn sehr, daß alle Welt ihn freundlich grüßte und hier und da niedliche schwäbische Mägdelein ihm mit einem Knix Blumen überreichten. Bei meiner Rückkehr auf meinen Bukarester Posten fand ich König Carol ganz unter dem Eindruck der Verabschiedung des Fürsten Bismarck. „Ich habe das Unglück kommen sehen“, sagte er zu mir. „Sie werden sich ja an alles erinnern, was ich Ihnen auf Grund der mir von Deutschland zugegangenen vertraulichen Nachrichten erzählte. Die Verabschiedung selbst ist ein großes historisches Ereignis, zu dem man sich so oder so stellen kann, wie zu den meisten geschichtlichen Vorgängen. Aber die rücksichtslose, jeglichen Taktes entbehrende Form der Entlassung wird in Deutschland weite Kreise um so mehr verwirren und erbittern, je mehr sich darüber volles Licht verbreitet. Die Art, in der einer der größten Staatsmänner aller Länder und aller Zeiten, der größte Preuße seit Friedrich dem Großen, fortgeschickt wurde, war, unter uns gesagt, unreif, fast knabenhaft.“ Im Zusammenhang damit erzählte der König, was ihm von deutschen Herbert Bismarcks Haß König Carol über das historische Ereignis 648 IN POTSDAM 1888 Die Affäre Vacarescu Verwandten über den Regierungsantritt des jungen Kaisers geschrieben worden sei. Kronprinz Wilhelm habe, als sein armer Vater in den letzten Zügen lag, das Neue Palais von dem früher von ihm kommandierten und darum bevorzugten Garde-Husaren-Regiment umstellen lassen. Wenn die Kaiserin Friedrich vom Sterbelager ihres Gemahls für einen Augenblick an ein Fenster trat, um Luft zu schöpfen, sah sie die roten Uniformen der Husaren, die verhindern sollten, daß irgend jemand unkontrolliert das Neue Palais verließe. Insbesondere sei es darauf abgesehen gewesen, jede Korrespondenz der unglücklichen Kaiserin mit dem Auslande zu unterbinden. Die Kaiserin sollte bei ihrem Verlassen des Palais nur solche Briefe und Schriftstücke mit sich nehmen, in die ihr Sohn vorher Einblick genommen hatte. Auch sollte eine Flucht des Dr. Mackenzie verhindert werden. König Carol behauptete, daß Kaiser Wilhelm II. den englischen Arzt ursprünglich habe arretieren und einsperren lassen wollen. Das sei durch Bismarck verhindert worden, der als Folge eines derartigen Vorgehens nicht nur einen allzu schlechten Eindruck auf die englische öffentliche Meinung, sondern auch diplomatische Schwierigkeiten mit der englischen Regierung befürchtet hatte. Fürst Bismarck habe den jungen Kaiser auch mehrfach ermahnt, die Rücksichtslosigkeit gegen seine Mutter nicht zu weit zu treiben. König Carol rühmte immer wieder die wahrhaft christliche Geduld und den Heroismus, die Kaiser Friedrich bis zum letzten Augenblick gezeigt habe. „Ein Held und ein Heiliger“, so faßte der König sein Urteil über den edlen Kaiser zusammen. Das Verhalten des Sohnes, der unmittelbar nach dem Tode seines Vaters mit umgeschnalltem Säbel, die Pelzmütze der Garde-Husaren in der Hand, seiner Mutter eine heftige Szene gemacht habe, würde ihm kaum Glück bringen. Wie vorher der Botschafter von Schweinitz, so erinnerte auch König Carol an das vierte Gebot, das unser irdisches Wohl von Ehrerbietung gegenüber unseren Eltern abhängig macht. Der König ließ die psychologisch feine Bemerkung fallen, daß das Gebahren des Kaisers gegen seine Eltern und seine Undankbarkeit und Rücksichtslosigkeit gegenüber Bismarck nicht aus Bosheit, nicht einmal aus Herzenshärte hervorgingen, sondern aus Mangel an Selbstbeherrschung und Überlegung, wie er nervösen Naturen eigen sei. Im Juni 1892 wurde die Verlobung des Thronfolgers von Rumänien, des Prinzen Ferdinand von Hohenzollern, mit der ältesten Tochter des Herzogs von Edinburgh gefeiert. Bevor es zu dieser standesgemäßen Verlobung kam, war der künftige König von Rumänien der tragikomische Held einer albernen Liebelei gewesen, die ihn als Mensch in der ganzen Haltlosigkeit zeigte, die er später als König im Weltkrieg betätigt hat. Unter den Hofdamen der Königin Elisabeth befand sich einFräulein Vacarescu, die wie CARMEN SYLVA 649 eine dicke Köchin aussah und die Manieren einer solchen hatte, aber schlau genug war, den einfältigen Prinzen Ferdinand einzufangen. Er verlobte sich heimlich mit ihr. Die Königin Elisabeth von Rumänien war eine groß angelegte Frau, reich begabt und voll Herz, und wenn ihre unter dem Pseudonym Carmen Sylva veröffentlichten Gedichte nicht ganz an die der Sappho heranreichten, so hatte sie doch die Phantasie und das Temperament einer Dichterin. Sie adorierte Helene Vacarescu, die übrigens auch Verse machte, noch weniger gute als die Königin. Es gelang Helene, die Königin für den Gedanken ihrer Vermählung mit dem rumänischen Thronerben nicht nur zu gewinnen, sondern zu begeistern. Unterstützt von dem Kabinettssekretär Ihrer Majestät, einem französisch gesinnten Elsässer, wußte sie die Königin für spiritistische Experimente zu interessieren. Die hohe Frau erhoffte vom Spiritismus nicht nur poetische Inspirationen, sondern auch prophetische Winke. Der Geist des Vaters der Königin, des verewigten Fürsten Hermann von Wied, wurde zitiert. Gefragt, was er der Königin rate, erwiderte er mit hohler Stimme, sie möge den Lorbeer der Dichterin höher stellen als irdische Kronen. Gefragt, was Fräulein Helene Vacarescu bevorstünde, erscholl laut die Antwort: „Helene — Reine!“ Der Geist sprach geläufig Französisch. Die Königin erblickte in dieser Antwort ein Zeichen des Himmels, der ihre geliebte Helene zur Königin bestimmt habe. Sie ließ sich von der Familie Vacarescu und ihrem Kabinettssekretär einreden, daß diese Verbindung des künftigen Königs von Rumänien im Lande mit Jubel aufgenommen werden würde. Die Königin bestürmte den König Karl, die Heirat zu erlauben. Der König operierte, wie immer, mit Klugheit und dabei mit Herzensgüte. Er erklärte seiner Gemahlin, daß er sich in einer so delikaten Angelegenheit nach den Ratschlägen seiner Minister und der Parteiführer richten müsse. Alle erklärten ohne Ausnahme, daß eine Verbindung des künftigen Königs von Rumänien mit einer Rumänin im Lande einen Sturm der Entrüstung hervor- rufen würde. Die Rumänen hätten sich einen fremden König geholt, weil keiner von ihnen einem Landsmann die Krone gegönnt habe. Keine Rumänin würde es ertragen, daß eine Landsmännin, noch dazu eine nicht einmal hübsche Landsmännin, Königin werde, und nicht sie selbst. Nun wurde Prinz Ferdinand vor die Majestäten zitiert und aufgefordert, zwischen seiner Liebe und seiner Anwartschaft auf den Thron zu wählen. Mit dichterischem Schwung rief Carmen Sylva ihm zu, daß Romeo auch für eine Krone nicht auf Julie verzichtet haben würde. Der König beschränkte sich auf den ruhigen, festen Hinweis darauf, daß es sich um ein Aut—aut handle: Entweder die Krone oder Fräulein Vacarescu! Mit weinerlicher Stimme erklärte Prinz Ferdinand, daß er die Krone vorzöge. Er wurde auf 650 AUF DEN RÖMISCHEN POSTEN Ernennung zum Botschafter in Rom Philipp Eulenburg gratuliert einige Zeit nach Sigmaringen geschickt, wo ihm von seinen Eltern der Kopf gewaschen wurde. Als die ganze Aflare in Vergessenheit geraten war, durfte er nach Rumänien zurückkehren und hatte auf diese Weise leider Gelegenheit, am Ende des Weltkrieges, er, ein Hohenzoller, ein preußischer Offizier, sein deutsches Vaterland zu verraten. Im Spätherbst 1893 weilte ich mit meiner Frau zu Besuch auf der Deutschen Botschaft in Wien, wo ein Jahr vorher Fürst Bismarck bei der Hochzeit Herberts mit der Komtesse Hoyos vom Kaiser Franz Josef nicht empfangen worden war (der gehässige Brief Wilhelms II. an diesen ist nach dem Umsturz von der Wiener Revolutionsregierung veröffentlicht worden). Bei dem Piinzen Heinrich VII. Reuß, den Caprivi angewiesen hatte, einer etwaigen Einladung zu der Hochzeit auszuweichen, erfuhr ich, daß ich zum Botschafter in Rom bestimmt sei. Außer meiner Beförderung zum Gefreiten im Königshusaren-Regiment hat mich kein Avancement mehr gefreut als dieses. Ich hoffte, daß ich in Rom Ersprießliches würde leisten können. Ich liebte Italien mit der alten Liebe, die so viele Deutsche von Goethe und Winckelmann bis zu Gregorovius und Anton Dohrn für das Land empfunden haben, nach dem sich Mignon sehnte. Meine Frau war glücklich in dem Gedanken, daß sie wieder mit ihrer Mutter vereinigt sein würde, an der sie mit zärtlicher Liebe hing. Obwohl nicht unbescheiden, fühlte ich mich dem Amte eines Botschafters gewachsen. Ich hatte siebzehn Jahre früher als Geschäftsträger in Athen während des Balkankrieges nicht übel abgeschnitten. Ich hatte in Paris während sechs, in St. Petersburg während vier Jahren diese schwierigen und wichtigen Botschaften mehr als einmal als Geschäftsträger geleitet, mir an der Seine wie an der Newa eine ganz gute Stellung gemacht und einiges erreicht. So ging ich dreist und gottesfürchtig, wie es der Jugend ansteht, der Aufgabe entgegen, die meiner harrte. In Wien suchte uns, sobald meine Ernennung zum Botschafter feststand, Phili Eulenburg auf. Seine Freude über meine Beförderung war groß und, wie ich glaube, ganz aufrichtig. Meine Frau war hingerissen von dem warmen Ausdruck dieser Freude. Sie verglich ihn mit einem guten Engel, der sich mit den Glücklichen freut, die Unglücklichen tröstet und allen helfen möchte. Meine Ernennung nach Rom war in erster Linie das Werk von Holstein. Er hatte sie, wie alles, was er anpackte, mit Feuereifer betrieben. Nicht aus besonderer Liebe für mich, sondern weil er die Lage in Rom für noch gefährdeter hielt als sechs Jahre früher die Situation in Rumänien und ich ihm für den römischen Posten ebenso geeignet schien wie seinerzeit für den Bukarester. Caprivi interessierte sich nicht für diplomatische Personalien. Marschall war gegen meine Beförderung zum Botschafter, weil er in mir, als ich selbst ernsthaft noch gar nicht daran dachte, „KOMM, HERR JESUl“ 651 einen Rivalen für den Reichskanzlerposten witterte, den er selbst mit heißem Bemühen erstrebte. Als ich mich von König Karl verabschiedete, sagte er zu mir, Rom dürfte nur ein Ubergangsposten für mich sein. Ich würde, wie er glaube und hoffe, in fünf Jahren Reichskanzler sein. Ich trennte mich ungern von dem weisen und gütigen König, an den ich mich wie einst an den Fürsten Chlodwig Hohenlohe herzlich attachiert hatte. Ungern verließ ich Rumänien, wo ich mit meiner Frau sechs stille und glückliche Jahre verlebt hatte. Und schmerzlich wurde mir der Abschied von den herrlichen W äldern, die Sinaia umgeben. Oft war ich zur Stina emporgestiegen, von wo aus man einen prachtvollen Rundblick auf das Tal der Prahova hat. Mehr als einmal hatte ich den Wurfucudor erstiegen, von dem man gleichzeitig auf Rumänien und Siebenbürgen hinabblickt. Infolge einer Wette habe ich den Wurfucudor an einem, übrigens nicht zu heißen Septembertage zweimal bestiegen. Um sechs Uhr früh verließ ich Sinaia, langte um neun Uhr oben an, wo ich eine Stunde verbrachte. Um zehn Uhr machte ich mich auf den Heimweg. Um zwölf traf ich wieder in Sinaia ein, aß und machte mich gegen zwei Uhr zum zweitenmal auf die Strümpfe, genoß um sechs Uhr nochmals die herrliche Aussicht und war um neun Uhr wieder im „Hotel Joseph“ in Sinaia, einem kleinen Gasthof, der von einem biederen Österreicher gehalten wurde und, wie dreizehn Jahre früher der Gasthof von Sankt Wolfgang, an das „Weiße Rößl“ in dem bekannten Lustspiel erinnerte. In Berlin, wo ich mich vor Antritt meines neuen Postens bei Kanzler und Staatssekretär meldete, sah ich meine liebe gute Mutter zum letztenmal in diesem Leben. Sie hatte rasch hintereinander zwei Schlaganfälle erlitten, die sie, die zweiundsiebzigjährige Frau, sehr mitgenommen hatten. Als ich von ihr Abschied nahm, ergriff sie meine Hand und sagte zu mir, mit einem flehenden und ergreifenden Blick: „Bernhard, laß den Herrn Jesum nicht!“ Sie starb am 29. Januar 1894, sanft und ohne Todeskampf, mit den Worten: „Komm, Herr Jesu!“ Wir haben sie auf dem Zwölf- Apostel-Kirchhof in Berlin beigesetzt, zwischen meinem Vater und ihrer beider einzigen Tochter. Abschied von Bukarest Tod von Bülows Mutter XLVII. KAPITEL Übernahme der Römischen Botschaft • Lage in Italien • Crispi, Blanc • Die deutsche Kolonie • Kaisers Geburtstag 1894 • Kaiser Wilhelm II. besucht König Humbert in Venedig I n Berlin war mir von vielen Seiten, im Auswärtigen Amt und von führenden Persönlichkeiten unseres Wirtschaftslebens, gesagt worden, daß in Italien in Italien alles drunter und drüber ginge. In der Tat sah es dort für den Augenblick nicht gerade schön aus. Der Ministerpräsident Giolitti wurde in der Kammer und im Senat, in Cafes und Salons kritisiert und geschmäht. Zur Beruhigung derjenigen, die geneigt sind, sich durch ungerechte Kritik verblüffen zu lassen, füge ich hinzu, daß, als derselbe Giolitti nach dem Weltkrieg unter schwierigen Verhältnissen wieder die Zügel ergriff und sich dem Senat vorstellte, sich alle Mitglieder dieser hohen Körperschaft von ihren Sitzen erhoben und sich schweigend vor dem greisen Staatsmann verneigten. Ernster als die Kritik der Salons und Cafes war, daß im Herbst 1893 in Sizilien, in Kalabrien und in der Romagna nicht unbedenkliche revolutionäre Unruhen ausgebrochen waren. Auch in Mailand und Neapel war es zu schweren Tumulten gekommen. Peinliche Bankskandale, in die Deputierte und Journalisten verwickelt waren, hatten Regierung und Kammer gezwungen, eine Untersuchungskommission einzusetzen. Auf Antrag der Regierung genehmigte die Kammer die gerichtliche Verfolgung des Abgeordneten Zerbi wegen Bestechung durch die Banca Romana. Vierzehn Tage später starb Zerbi unter mysteriösen Umständen. Sein Schicksal erinnert an den Skandal, durch den in der Deutschen Republik der Postminister Höfle sich selbst und das deutsche Beamtentum bloßstellte, das unter der Monarchie von keinem anderen der Welt an Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit übertroffen wurde. Die italienische Rente war tiefer gesunken, als sie 1866 nach den Niederlagen von Custozza und Lissa gestanden hatte. Drei einflußreiche Parteiführer, Rudini, Zanardelli und Sonnino, alle drei spätere Konseil-Präsidenten, wandten sich gegen Giolitti, den sie bis dahin unterstützt hatten und dem jetzt auch Crispi und Nicotera Fehde ansagten. Baron Giovanni Nicotera, ein Kalabrese, war unter den Bourbonen FRANCESCO CRISPI 653 wegen Teilnahme an einem Aufstand zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt worden. Von Garibaldi befreit, war er zum Abgeordneten gewählt worden und nicht lange nachher Minister des Innern geworden. Sein mit Würde getragenes Martyrium hatte ihn populär gemacht. Von allen Seiten aufgegeben, hatte das Kabinett Giolitti Ende November 1893 seine Demission eingereicht. Erst nach vierzehntägigen mühsamen Verhandlungen und nachdem eine Kombination Zanardelli gescheitert war, wurde Crispi mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut. Ich hatte in Berlin denjenigen, die an der politischen und fast noch mehr an der wirtschaftlichen Zukunft Italiens verzweifelten, gesagt, daß ich ihren Pessimismus nicht zu teilen vermöchte. Ich hatte Vertrauen zu dem leidenschaftlichen Patriotismus und zu der politischen Elastizität des italienischen Volkes, das im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, des Jahrhunderts seines Risorgimento, noch ganz andere Schwierigkeiten überwunden habe. Die weitere Entwicklung hat mir recht gegeben. Crispi war ein Staatsmann von großem Format: klar, zielbewußt, energisch, völlig furchtlos. Sizilianer von Geburt, hatte er sich schon als Jüngling an den Revolten der Patrioten gegen die Bourbonen beteiligt. Zum Tode verurteilt, hatte er als Exilierter in kümmerlichen Verhältnissen auf Malta und in Paris gelebt und weiterkonspiriert. An die Spitze der Regierung seines Landes gestellt, wandte er sich gegen die aufständische Bewegung, die es zu bewältigen galt, mit derselben Entschlossenheit, mit der er einst als Verschwörer die Mißwirtschaft der Bourbonen bekämpft hatte. Er verlas in der Deputiertenkammer und im Senat eine mutige Erklärung, in der er an das Andenken von Garibaldi und Mazzini, an das Andenken „unserer beiden Großen“ appellierte und die Lage des Vaterlandes für so ernst erklärte „wie noch nie“. Die Macht des Gesetzes müsse gestärkt, die Finanzen müßten reorganisiert und zu diesem Zwecke große Opfer vom Lande verlangt werden. Die materielle Einheit des Vaterlandes müsse gesichert, seine moralische Einheit befestigt werden. Das Werk, das die neue Regierung in Angriff nehme, sei das wichtigste seit dem Erlasse der nationalen Verfassung von 1859. Am nächsten Tage proklamierte Crispi den Belagerungszustand, verstärkte die Garnisonen in den Aufstandsgebieten und ließ zahlreiche Agitatoren verhaften. Zum Oberbefehlshaber auf Sizilien wurde der tüchtige GeneralMorra ernannt, der Erzieher desKönigsViktorEmanuellll. und spätere Botschafter in St. Petersburg. In den aufständischen Gebieten mußten alle Waffen auf den Polizeiämtern abgegeben werden. Die Einfuhr von Feuerwaffen wurde allgemein verboten. Bei Zusammenstößen zwischen Militär und Aufrührern machte das Militär rücksichtslos von der Waffe Gebrauch. Nicht nur in Sizilien, sondern überall, wo es zu Unruhen gekommen war, in Massa und Carrara, in Bari, Ancona und Mantua, wurden Crispis Ministerium 654 ROMANISCHE STAATSRÄSON Ruhe und Ordnung mit Strenge wiederhergestellt. Der Abgeordnete De Felice, der intellektuelle Urheber des sizilianischen Aufstandes, wurde verhaftet und deportiert. Als sich seine Frau dem Ministerpräsidenten Crispi zu Füßen warf und um die Freilassung ihres Gatten flehte, wandte er ihr den Rücken mit den Worten, daß er keine andere Richtschnur kenne als die Staatsräson, und die verlange vom Ministerpräsidenten Festigkeit. Der Rechtsanwalt Molinari, der den Aufstand der Arbeiter in den Marmorsteinbrüchen von Massa-Carrara organisiert hatte, wurde zu dreiund- zwanzigjährigem Kerker verurteilt. Die Staatsmänner romanischer Länder unterscheiden sich von den mehr doktrinär angelegten, von des Gedankens Blässe angekränkelten deutschen Politikern dadurch, daß sie im Notfälle weder vor Inkonsequenzen noch vor Härte zurückschrecken. Der alte Revolutionär Crispi warf im Winter 1893/94 die aufständische Bewegung in Italien auf der ganzen Linie ebenso entschlossen zu Boden, wie dreiundzwanzig Jahre früher in Frankreich ein Liberaler par excellence, Thiers, einer der Urheber der Juli-Revolution von 1830, die Pariser Kommune in Strömen von Blut ertränkt hatte und wie während des Weltkrieges Clemenceau, Viviani, Briand, Painleve und andere Radikale und Sozialisten in Frankreich den Defaitismus bekämpften, der in Deutschland von Bethmann, Michaelis, Hertling und dem Prinzen Max von Baden mit Glacehandschuhen angefaßt wurde. Ich bin mit Crispi gut ausgekommen. Er hatte ein starkes Selbstbewußtsein. Im persönlichen Verkehr war er natürlich, liebenswürdig und behaglich, was bei dem energischen Mann mit den scharf geschnittenen Zügen, den blitzenden Augen und dem buschigen, schneeweißen Schnurrbart sympathisch wirkte. Crispi war durch und durch Autorität. Er war Realpolitiker. Die Verstiegenheiten, Schrullen und Illusionen, in die man bei uns nur zu leicht verfällt, lagen ihm fern. Seine Bewunderung für den Fürsten Bismarck war unbegrenzt. Crispis Andenken wird in Italien noch heute mit Pietät gepflegt. Im derzeitigen Ministerium des Äußern in Rom, in dem alten Palazzo Chigi, wurde ihm zu Ehren nach dem Weltkrieg eine Marmortafel angebracht, die seinen Patriotismus und seine Entschlossenheit rühmt. Eine der römischen Hauptstraßen, auf die man aus den Fenstern der Villa Malta blickt, trägt seinen Namen. Der Minister des Äußern, Baron Blanc, war wie Menabrea, Pelloux, Baron Blanc Barral, Launay und manche anderen Männer des modernen Italien Savoyarde von Geburt. Als er zum Baron erhoben wurde, wählte er sich den hübschen Wappenspruch: „Savoye indique la voie.“ In Berlin fand man Blanc zu geschäftig und zu unruhig, und Holstein, der selbst noch viel unruhiger war, klagte über die Aufgeregtheit von Blanc. Gewiß war Alberto Blanc eine leidenschaftliche Natur, aber seine Leidenschaft galt nicht DIE EINIGUNG ITALIENS 655 persönlichen Rankünen und Eitelkeiten, sondern nur dem Ruhm und der Größe seines Vaterlandes. Er war in jungen Jahren Sekretär des Schöpfers des modernen Italien, des Grafen Cavour, gewesen. Cavour hatte zwei Sekretäre, Artom für die italienische, Blanc für die französische Sprache und Korrespondenz. Cavour seihst beherrschte gleichmäßig beide Sprachen. Blanc erzählte mir mancherlei über die Arbeitsmethode seines Chefs, der sehr spät aufstand, aber dafür von Mitternacht bis zum Morgen zu arbeiten pflegte. Cavour verlangte von seinen Untergebenen gespannte Aufmerksamkeit, unermüdliche Arbeitskraft und unbedingte Diskretion, war aber immer gleichmäßig höflich, nie launisch oder heftig. Blanc glaubte nicht, daß Cavour sein Amt mit der bestimmten Absicht angetreten habe, ein einiges Italien vom Monte Rosa bis zum Kap Passaro möglichst bald ins Leben zu rufen. Sein nächstes Ziel sei nur die Befreiung Oberitaliens von der österreichischen Fremdherrschaft gewesen. Als der von Napoleon III., der nach Solferino die Nerven verloren hatte, übereilt abgeschlossene Waffenstillstand von Villafranca diesen Plan durchkreuzte, habe Cavour in Toskana, Parma, Modena und in den päpstlichen Legationen Aufstände angezettelt und sie benutzt, um diese Gebiete mit dem Königreich Sardinien zu vereinigen, nachdem der piemontesisehe General Cialdini im September 1860 die von dem französischen General Lamoriciere geführten päpstlichen Truppen geschlagen hatte. Blanc gab mir gegenüber wiederholt der Überzeugung Ausdruck, daß Cavour die Annexion des Königreichs beider Sizilien wie des Patrimoniums Petri nicht so bald in Aussicht genommen habe, wie sie später erfolgt sei. Cavour hatte noch im Spätherbst 1860 zu Blanc geäußert, der eigentliche Kirchenstaat und der italienische Süden seien infolge jahrhundertelanger Mißwirtschaft der päpstlichen Regierung wie der Bourbonen wirtschaftlich und moralisch so sehr zurückgeblieben, daß es noch zu früh sei, sie mit dem besser verwalteten und erheblich höher stehenden Nord- und Mittel- Italien zu vereinigen. Zu früh mit dem übrigen Italien verschmolzen, würden sie ansteckend und demoralisierend auf den italienischen Gesamtkörper wirken. Die feurige Ungeduld und die Kühnheit von Garibaldi nötigten Cavour, weiter zu gehen. So sah auch der größte italienische Staatsmann, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, kaum drei Monate vor seinem Tode die ganze Halbinsel bis auf Venetien und das Gebiet um Rom unter dem Szepter seines Königs vereinigt. Am 17. März 1861 wurde Viktor Emanuel II. zum König von Italien proklamiert. Am 6. Juni 1861 starb Cavour. Glücklicher als Moses, erblickte er das gelobte Land, nach dem seine Seele sich sehnte, noch mit leiblichen Augen. Zu den sein Sterbebett umgebenden Freunden meinte er: „La cosa va, e l’ltalia.“ Ich kann mich noch wohl des Eindruckes er inn ern, den der Tod von Cavour Camillo Cavour 656 ITALIENISCHE REGIERUNGSMÄNNER in den Kreisen der Frankfurter Diplomaten hervorrief. Wir standen am 7. Juni vor dem Eingang zum Zoologischen Garten. Ein Extrablatt, das von schreienden Zeitungsjungen ausgeboten wurde, meldete den Tod des Premierministers des neuen Königreichs Italien. Der sehr klerikale österreichische Präsidialgesandte des Bundestages meinte mit einer Mischung von Schadenfreude und moralischem Abscheu: „Ich möchte jetzt nicht an der Stelle dieses bösen Mannes vor dem Tor zur Hölle stehen.“ Einige andere Vertreter deutscher Königreiche und Großherzogtümer stimmten, obwohl Protestanten, nicht ohne Scheinheiligkeit zu. Der italienische Gesandte, Graf Barral, ein Savoyarde und loyaler Diener des Hauses Savoyen, aber streng katholisch gerichtet, schwieg verlegen. Der französische Gesandte zuckte die Achseln. Wie fast alle französischen Diplomaten war er ein Gegner der italophilen Politik des Kaisers Napoleon III. Nur mein objektiv urteilender Vater, der mich kaum zwölfjährigen Knaben an der Hand führte, meinte: „Comme legitimiste je ne puis louer la poli- tique du Comte Cavour, mais son nom restera dans Fhistoire.“ Der bedeutendste unter den Mitarbeitern des Baron Blanc war Herr Malvano Malvano, ein Beamter von unermüdlicher Arbeitskraft und reicher Er- und Sonnino fahrung, von Vorsicht und feinem Verstand. Auch er hatte schon unter Cavour gedient. Malvano war Israelit wie Artom. Israelit war auch der Finanzminister Sidney Sonnino, dem ich hier zum erstenmal begegnete. Er war damals ausgesprochen deutschfreundlich. Er kannte Deutschland, dessen Sprache und Literatur. Eine seiner Schwestern war mit einem bayrischen Diplomaten, dem Freiherrn von Tautphoeus verheiratet. Er galt für das, was die Franzosen einen „mauvais coucheur“ nennen, für unverträglich und rechthaberisch. Er war ein Sonderling, dem man in der Gesellschaft selten begegnete. Aber er hatte mit dem Abgeordneten Franchetti, auch einem Juden, ein gutes Buch über die wirtschaftlichen Zustände in Sizilien geschrieben. Er hatte viel gelesen und viel nachgedacht, er hatte einen zähen Willen. Durch seine Klugheit frappierte mich der Minister des Königlichen Ratazzi Hauses, Herr Ratazzi, ein Neffe des radikalen Parlamentariers, der Cavour scharfe Opposition gemacht hatte. Politische Differenzen führen in Italien selten zu persönlicher, fast nie zu unüberwindlicher persönlicher Feindschaft. Italien wurde von Männern aufgebaut, die nach Herkunft und Richtung voneinander sehr verschieden waren: von Piemontesen und von Sizilianern, von hochgeborenen Aristokraten und von Männern, deren Wiege in ärmlichem Hause gestanden hatte, von gläubigen, feurigen Katholiken und von Freimaurern und Freigeistern. Aber in der Hauptsache, nämlich darin, daß es gelte, Italien möglichst stark zu machen und deshalb immer das Ganze über die Teile, die nationale Idee über alle regionalen. „STEINBERGER KABINETT“ 657 partikularistischen Tendenzen, alle lokalen Instinkte und Traditionen zu stellen, darin waren sich alle Intellektuellen einig. In dieser Beziehung hat der gebildete Teil des italienischen Volkes während des ganzen Verlaufes des Risorgimento und auch später, bis heute, nie versagt. Kaisers Geburtstag, der 27. Januar 1894, bot mir erwünschte Gelegenheit, Fühlung mit der deutschen Kolonie in Rom zu nehmen. Sie blickte auf eine lange und stolze Geschichte zurück. Als Karl der Große am 29. November 799 in Rom einritt, zogen ihm alle Scholae Peregrinorum: die der Franken, Friesen, Sachsen und Langobarden, mit Gesang und Fahnen bis zum Ponte Molle entgegen. Jeder deutsche Romfahrer kennt den Campo Santo der Deutschen neben der Peterskirche mit der schlichten und schönen Inschrift: „Teutones in Pace.“ Jeder kennt auch die Kirche Santa Maria dell’Anima mit dem Grabmal des Papstes Hadrian VI., des letzten Deutschen, der auf dem Stuhl Petri saß. Seine wehmütige Inschrift: „Proh dolor! Quantum refert, in quae tempora vel optimi cujusque virtus incidat!“ könnte sich mancher Feldherr, mancher Staatsmann, mancher Mann des öffentlichen Lebens als Motto wählen. Der langjährige römische Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“, Friedrich Noack, hat unter dem Titel „Das deutsche Rom“ eine schöne Geschichte des Deutschtums in Rom geschrieben und mir freundlich zugeeignet. Vom Campo Santo der katholischen Deutschen, im Schatten der Peterskirche, dem Schwalbennest am Riesendom, wo die Maler Joseph Anton Koch und Johann Martin Wagner, wo der Geschichtsforscher Pater Teiner, der Kunsthistoriker Ernst Plattner, wo der Leibarzt des Papstes Gregor XVI., Dr. Alerto, wo, beschattet von mächtigen Zypressen und Eukalyptus, umrankt von Rosen, viele biedere deutsche Handwerker und Schweizer Gardisten ruhen, wo in meinem Beisein der Kardinal Prinz Gustav Hohenlohe, dreißig Jahre nach seiner Erhebung zum Kardinal, beigesetzt wurde, bis zum Akatholischen Friedhof an der Pyramide des Cestius, wo Jacob Asmus Carstens und zwei Kinder Wilhelms v. Humboldt, wo die Maler August Riedel und Hans von Marees, wo der Architekt Gottfried Semper, der Archäologe Wilhelm Henzen und Goethe filius patri antevertens ruhen, wo die Asche meiner lieben Freundin Malwida von Meysenbug in einer Urne beigesetzt ist, auf der nur die Worte „Amore e pace“ stehen, welch eine lange Straße, wieviel große und teure Erinnerungen! Die deutsche Kolonie war am 27. Januar 1894 vollzählig erschienen, denn in den vorhergegangenen Tagen waren aus Berlin Nachrichten eingetroffen, die allen Deutschen ans Herz griffen. Am 22. Januar hatte der Flügeladjutant des Kaisers, Graf Kuno Moltke, dem Fürsten Bismarck ein kaiserliches Schreiben übergeben, in dem Wilhelm II. unter Übersendung einer Flasche alten Rheinweines den Fürsten zur Genesung von Die deutsche Kolonie in Rom Wilhelm II. lädt Bismarch ein 42 Bülow IV 658 DER ALTE IN BERLIN einem Influenza-Anfall beglückwünschte. Gleichzeitig überbrachte Kuno Moltke eine Einladung zur Teilnahme an der Feier des kaiserlichen Geburtstags. Fürst Bismarck hatte in seinem Antwortschreiben gebeten, mit Rücksicht auf seine geschwächte Gesundheit Seiner Majestät seinen Dank vor dem Allerhöchsten Geburtstage persönlich aussprechen zu dürfen, eine Bitte, die telegraphisch genehmigt wurde. Der „Reichsanzeiger“ hatte erklärt, daß die Entsendung des Flügeladjutanten Moltke der eigensten persönlichen Initiative Seiner Majestät entsprungen sei und daß auch in Regierungskreisen niemand von diesem Entschluß Kenntnis gehabt habe. Das war richtig. Wie mir aus Berlin geschrieben wurde, war in der Tat der Reichskanzler Caprivi von dem Entschluß Seiner Majestät völlig überrascht worden. Der Staatssekretär Marschall konnte seinen Ärger kaum verbergen. Holstein tobte laut, und Phili Eulenburg seufzte still. Beide, damals noch enge persönliche Freunde und politische Bundesgenossen, telegraphierten mir sogleich, jeder für sich, daß diese „Geste“ des Kaisers keine politische Bedeutung habe und daß Bismarck Vater und Sohn nach wie vor politisch ausgeschaltet blieben. Das sollte eine Warnung für mich sein. Die konservative und die nationalliberale Presse begrüßten den kaiserlichen Schritt zur Versöhnung mit lebhafter Freude, die Freisinnigen erklärten, daß von politischen Folgen dieser Wendung keine Rede sein könne. Die Sozialisten und Klerikalen benutzten den Anlaß zu neuen, zum Teil überaus niedrigen Angriffen gegen den entamteten großen Baumeister des Deutschen Reiches. Am 26. Januar traf Fürst Bismarck am Mittag auf dem Lehrter Bahn- Bismarck im hof in Berlin ein, von dem aus er nach seiner Entlassung nach Friedrichs- Königlichen ru ü abgefahren war. Er wurde am Bahnhof vom Prinzen Heinrich, dem Schloß ] 3 ru( ] er des Kaisers, der ihn umarmte und küßte, und dem ehrwürdigen und ruhmreichen Generaloberst von Pape, dem Helden von Saint-Privat, empfangen. Von einer Eskadron Garde-Kürassiere eskortiert, von einer unabsehbaren Menge mit stürmischem Jubel begrüßt, fuhr er nach dem Königlichen Schloß. Hier empfing ihn der Kaiser, hier wurde er auch von der Kaiserin und den ältesten Söhnen des Kaiserpaares begrüßt. Immer korrekt in Formfragen, stattete Bismarck der Kaiserin Friedrich einen halbstündigen Besuch ab. Wieviel hatten die beiden während fast drei Jahrzehnten miteinander erlebt, gegeneinander gearbeitet! Bismarck empfing den Ministerpräsidenten Grafen Botho Eulenburg, nach ihm seinen treuen Freund aus großer Zeit, den Generaladjutanten Grafen Heinrich Lehndorff und seinen ihm immer treugebliebcnen Kollegen, den Minister der öffentlichen Arbeiten, Albert von Maybach, der unter ihm das große Werk der Verstaatlichung der Privatbahnen in vorbildlicher Weise durchgeführt hatte. Caprivi und Marschall mußten sich darauf beschränken, ihre GONDELFAHRT MIT WILHELM II. 659 Karten abzugeben. Holstein war während des ganzen Tages nicht aus seinem Zimmer, unmittelbar neben dem Büro des Staatssekretärs, heraus- gekommen, wo er, finster brütend, auf und ab lief, nach seiner Gewohnheit, wenn er erregt war, die Finger weit spreizend und dann wieder zu geballter Faust zusammenziehend. Als ich in Rom meine Rede auf den Kaiser mit den Worten begann, wir könnten in diesem Jahre den Geburtstag Seiner Majestät mit besonderer Freude feiern, nachdem unser Kaiser dem großen Diener seines Großvaters, dem größten Deutschen, die Hand zur Versöhnung gereicht habe, unterbrach mich ein solcher Jubel, daß ich eine Pause machen mußte. Diese Stunde legte den Grund zu den herzlichen und innigen Beziehungen, die, wie schon in Bukarest so auch in Rom, mich mit meinen deutschen Landsleuten verbanden. Ende März 1894 ließ Seine Majestät der Kaiser mir telegraphieren, daß es ihn ungemein freuen würde, den König Humbert wiederzusehen. Als Der Kaiser Ort der Begegnung schlug der Kaiser das von ihm besonders geliebte ' ra Venedig Venedig vor, wohin er sich von Abbazia aus begeben wollte, wo er vorher einige Zeit Aufenthalt nehmen würde. Es war die für Wilhelm II. so glückliche Zeit, wo er noch ganz seiner Passion für Reisen leben konnte. Den „Reise-Kaiser“ hatte ihn, im Gegensatz zu seinem kranken Vater, dem „leisen Kaiser“, und seinem Großvater, dem „weisen Kaiser“, der Berliner Humor getauft. Ich konnte umgehend das Einverständnis des Königs von Italien melden. Die Souveräne verbrachten drei Tage, den 7., 8. und 9. April, in Venedig. Der Kaiser traf in der Lagunenstadt auf einer englischen Segel-Jacht ein. Daß er so gern auf englischen Schiffen fuhr, ärgerte die deutschen Seeleute. Er rechtfertigte es damit, daß er als englischer Real Admiral of the Fleet das Recht und sogar die Pflicht habe, auf englischen Schiffen die Meere zu durchqueren. In der Begleitung Seiner Majestät befanden sich nur die drei diensttuenden Adjutanten und Philipp Eulenburg, der kurz vorher das Ziel seiner damaligen Wünsche, den Wiener Botschafter-Posten, erreicht hatte, wo Prinz Reuß ihm weichen mußte. Die Begegnung von Venedig verlief gut. Wilhelm II. gab sich natürlich und einfach, und wenn er das tat, war er bezaubernd. Am Abend seiner Ankunft wurden ihm auf dem Markusplatz von einer großen Volksmenge enthusiastische Huldigungen dargebracht. Am nächsten Tage schlug mir der Kaiser, nachdem er eine Stunde im Gespräch mit König Humbert verbracht hatte, eine Gondelfahrt zu zweien nach dem stimmungsvollen Friedhof San Michele vor. Es entspann sich zwischen uns der nachstehende Dialog, über den ich mir, da es meine erste dienstliche Unterredung mit Unterredung Wilhelm II. war, alsbald eine Notiz machte. mit Dülow Der Kaiser: „Ich bin berauscht von dem mir bereiteten großartigen Empfang. Ich habe nie einen ähnlichen Empfang gefunden, einen solchen 42 * 660 .AVIS AU LECTEUR“ Enthusiasmus gesehen! Nun heißt es oft, den Italienern sei politisch nicht zu trauen. Was halten Sie davon?“ Ich: „In der Politik gibt es kein unbeschränktes, kein absolutes Vertrauen. Den Italienern ist ebensogut, ebensoviel und ebensowenig zu trauen wie den Russen, Engländern, Franzosen, wie allen anderen Völkern. Unter den Großmächten geht es nicht so zu wie im Regimentskasino unter Kameraden. Es wird von unserer Politik abhängen, wie sich Italien zu uns stellt.“ Der Kaiser: „Die Italiener haben 1870 die Franzosen im Stich gelassen, mit denen sie vorher einen Vertrag abgeschlossen hatten. Würden sie das mit uns ebenso machen?“ Ich: „Als die Franzosen 1870 mit Gramont und Ollivier ungeschickt und blind in den Krieg stolperten, haben die Italiener das benutzt, um sich von ihrer Allianz mit den Franzosen loszulösen. Wenn wir eine Dummheit machen sollten, wird es uns ebenso ergehen. Francesco Guicciardini, der italienische Historiker, der sich schon in jungen Jahren in seiner Vaterstadt Florenz einen großen Ruf als Rechtslehrer erworben hatte und später den Päpsten Leo X., Clemens VII. und Paul III. als Diplomat gute Dienste leistete, schreibt in seiner Istoria d’Italia: ,Pregate Dio di trovarvi sempre dove si vince.‘ (Bittet Gott, daß ihr euch immer auf der Seite befindet, wo man siegt.) Der Vater des modernen Italien, Graf Camillo Cavour, nannte die Istoria d’Italia seine politische Bibel. Ich darf auch an das erinnern, was Fürst Bismarck in seiner letzten großen Rede am 6. Februar 1888 über Natur und Wert von Allianzen gesagt hat.“ Der Kaiser (der nicht liebte, an Bismarck erinnert zu werden, mit Stim- runzeln): „Das soll wohl ein Avis au lecteur für mich sein ? Nun, ich nehme es Ihnen nicht übel, aber seien Sie sicher, daß ich keine Dummheiten machen werde. Was halten Sie von König Humbert? Mir ist er ungemein sympathisch. Was halten Sie von der Königin Margherita? Ich schwärme für sie.“ Ich: „König Humbert ist eine durch und durch vornehme Natur. Jeder Zoll ein Ritter: Furchtlos, großzügig, freigebig. Die Königin hat kein anderes Interesse als den Ruhm und die Ehre ihres Landes und ihres Hauses. Sie verkörpert sozusagen die italienische Staatsräson, und das mit Geist und Grazie.“ Der Kaiser: „Halten Sie die Königin für unsere Freundin?“ Ich: „So lange sie diese Freundschaft mit den italienischen Staatsinteressen für vereinbar hält — ja.“ Der Kaiser besuchte mit mir die Gräfin Annina Morosini, die er ein Gräfin Jahr vorher, als er sie in Rom kennenlernte, die schönste Frau Italiens Morosini genannt hatte. Sie bewohnte in Venedig ein historisches Palais, die Cä ITALIEN UND FRANKREICH 661 Doro, den zierlichsten venezianischen Palazzo gotischen Stils. Die Bewunderung des Kaisers für die Gräfin war allgemein bekannt. Aber nichts wäre irriger, als zu glauben, daß ihr Wilhelm II. den Hof gemacht habe in dem Sinne, wie dies die böse Welt versteht. Die Gräfin hat mir selbst erzählt, daß, wenn sie allein mit dem Kaiser war, die Unterhaltung sich hauptsächlich um die herrliche Erscheinung seiner Gemahlin, der Kaiserin, drehte und um die Vorzüge seiner sieben Kinder. Und sie sagte mir sicherlich die Wahrheit. Der Kaiser hatte der schönen Venezianerin ein Neues Testament in italienischer Übersetzung geschenkt und sie mit rührendem Eifer ermahnt, jeden Abend vor dem Einschlafen darin zu lesen. Alles Frivole lag Wilhelm II. ganz fern. Zu mir war er in jenen Tagen von großer Liebenswürdigkeit. Es machte ihm Freude, mir persönlich den Stern zum Roten Adlerorden zu übergeben mit den humoristischen Worten: „Das ist nur ein kleiner Anfang. Es wird noch viel mehr dahinter kommen.“ Vierzehn Tage nach der Begegnung von Venedig hörte ich aus guter Quelle, daß Crispi und Blanc während der Zusammenkunft der Souveräne den Finanzminister Boselli, wegen seiner kleinen Figur „Bosellino“ genannt, zum französischen Botschafter gesandt hätten, um ihm zu sagen, daß die Entrevue mit dem Deutschen Kaiser keinerlei Spitze gegen Frankreich trage. Die Liebe der Italiener für Frankreich, die lateinische Schwester, die Alliierte von Magenta und Solferino, sei und bleibe die alte. Fast vierhundert Jahre früher hatte Papst Clemens VII., ein Sohn des klugen Hauses Medici, an seinen Nunzius in Wien schreiben lassen, ein Staatsmann müsse, wie ein Schiffer, mehr als einen Anker bereit halten. Wenn Österreich siege, wolle der Papst in Wien ankern, „aber nie zu fest“. Wenn Frankreich die Oberhand gewinnen sollte, werde der Pontifex mit den Franzosen gehen. Boselli lebt noch. Er hat seitdem verschiedene Ressorts verwaltet, gewissenhaft und geschickt. Er hat manche Wandlung der italienischen Politik erlebt und mit Würde mitgemacht. Bei feierlichen Gelegenheiten w r urden ihm gern Ansprachen an den König und die Redaktion öffentlicher Kundgebungen übertragen. Er unterzieht sich solchen Aufgaben mit bemerkenswertem Takt. Der italienische Hof war gut gehalten. Der König verfügte in Rom und in Turin, in Florenz und in Neapel, in Venedig, Mailand und Palermo über Paläste, die zu den schönsten der Welt gehören. Die Hofhaltung war vornehm und glänzend. Die Hofleute waren liebenswürdig, in keiner Weise steif oder gar überheblich. Sie waren ohne jeden politischen Einfluß. Seit Cavour wurde streng darüber gewacht, daß die Hofleute sich auf ihre höfischen Funktionen beschränkten. Der Souverän durfte auch keine Freunde haben, keine unverantwortlichen Ratgeber. Ein Phili Eulenburg, ein Max Fürstenberg, die als persönliche Freunde des Monarchen einen I S Der Hofstaat Humberts 662 KEINE ANTICHAMBRE erheblichen Einfluß ausübten, ohne imstande zu sein, vor der Volksvertretung Rede und Antwort zu stehen, ohne die Kenntnisse, die Arbeitskraft und die Gewissenhaftigkeit zu besitzen, die erforderlich sind, um ein ministerielles Ressort leiten zu können, wären in Italien nicht denkbar gewesen. Cavour hat, als eine Hofdame vor ihm über die vielen Nachteile des parlamentarischen Systems geklagt hatte, ihr geantwortet: ,,La plus mauvaise chambre vaut mieux que l’antichambre.“ Der erste Generaladjutant des Königs Humbert, der General Ponzio Vaglia, war ein schlichter, tüchtiger Soldat, seinem Herrn absolut ergeben, ohne jede politische Ambition. Er erzählte mir gelegentlich, daß er den König Humbert einmal auf einer Reise durch die Romagna begleitet habe, wo seit jeher radikale Tendenzen stark vertreten waren, sozialistische wie republikanische. Als sie in Forli eintrafen, forderte der König den General Ponzio Vaglia auf, sich in einen andern Wagen zu setzen, da er den Sindaco von Der König Forli, Herrn Fortis, zu sich in den Wagen nehmen wolle. Fortis war da- und der ma l 8 einer der Führer der Radikalen in der Romagna, er gab sich als Radikale Republikaner Nach seiner Aussprache mit seinem Souverän wurde er Unterslaatssekretär. Alessaudro Fortis hat es später zum Minister und 1906 sogar zum Ministerpräsidenten gebracht. Wenn ich mich nicht irre, hat er mich als solcher in Berlin besucht. Als Botschafter in Rom habe ich mich oft mit ihm unterhalten. Er war ein gewandter und aufgeweckter Politiker, in keiner Weise verbohrter Prinzipienreiter. Es ließ sich gut mit ihm reden. Er ist bald nach meinem Rücktritt vom Reichskanzleramt im Dezember 1909 in Rom gestorben. Alle italienischen Politiker rühmten mir die Feinheit und Vorurteilslosigkeit, mit der es das Haus Savoyen seit jeher verstanden habe, sich den Umständen anzupassen, mit dem richtigen, dem ihm günstigen Wind zu segeln, aus jeder Lage das Mögliche herauszuholen und das Beste zu machen und auf diese Weise für Dynastie und Monarchie Anhänger zu werben und Kräfte zu gewinnen. So habe Viktor Emanuel II. Garibaldi, so habe er Depretis, Nicotera, Crispi, Zanardelli der Monarchie zugeführt und selbst mit Mazzini eine gewisse Fühlung gehalten. König Humbert hielt an dieser Tradition und Taktik fest. Die Stellung des Palast-Präfekten entsprach der Stellung, die am Berliner Hofchargen Hof der Oberhofmarschall einnahm. Der Oberstallmeister Corsini gehörte einer großen Familie an, aus der Papst Clemens III. hervorgegangen war, dem der Versuch mißlang, die griechische Kirche wieder mit der römischen zu vereinigen, der dafür aber den Palazzo Corsini erbaute und dessen herrlichen Garten anlegte. Als ich im Winter 1874/75 zum erstenmal in Rom weilte, war dieser Garten noch nicht dem Publikum geöffnet. Als ich 1894 als Botschafter nach Rom zurückkehrte, suchte ich bei meiner ersten Spazierfahrt mit meiner Schwiegermutter die Passegiata Margherita auf, DER GARTEN CORSINI 663 die, seit einem Jahrzehnt in dem ehemaligen Garten Corsini angelegt, sich in schönen Anlagen auf der Höhe des Gianicolo fortsetzt und vorbei an dem 1895 enthüllten prächtigen Reiterdenkmal des Generals Garibaldi, an der Villa Lante, an der Eiche des Tasso und an S. Onofrio zum Petersplatz und zur Peterskirche führt. In der Villa Lante wohnte der gescheite und gelehrte Archäologe Helbig, der mit einer Russin verheiratet war, einer Prinzessin Schachowskoy, die sich durch Geist und Gemüt wie durch ihren Leibesumfang auszeichnete. Sie war unförmlich dick. Der witzige russische Botschaftssekretär Schewitsch sagte einmal zu ihrem Gatten: „Vous avez ecrit tant et tant sur l’archeologie. Ecrivez nous un petit livre que vous intitulerez: ,Voyage autour de ma femme‘.“ Bekanntlich hat Xavier de Maistre außer dem ergreifenden „Lepreux de la eite d’Aoste“ eine reizende Erzählung geschrieben, die „Voyage autour de ma chambre“ heißt. XLVIII. KAPITEL Reise nach Sizilien • Fürst Paolo Camporeale • Altavilla • Donna Laura Minghetti Malwida von Meysenbug • Das Abessinische Abenteuer ■ Crispis Sturz, Marchese Rudini I m Herbst 1891 verbrachte ich einige Wochen bei meinem Schwager Paolo Camporeale in Palermo, einer Stadt, die ich liebe, schon weil in ihrem Dom zwei große deutsche Kaiser beigesetzt sind, die Hohenstaufen Heinrich VI. und Friedrich II. Sie ruhen in Sarkophagen aus rotbraunem Porphyr: neben seinem gewalttätigen, aber gewaltigen Vater, dem Kaiser Heinrich VI., der genialste der Hohenstaufen, Kaiser Friedrich II. Er liegt im Dom seiner Lieblingsstadt, in sarazenische Gewänder gehüllt, neben ihm das steile deutsche Kaiserschwert und der Reichsapfel, der die Welt bedeutete. Die Inschrift auf seinem Grabmal lautet: ,,Hic situs est ille magni nominis Imperator et Rex Siciliae Fridericus II. Obiit Fiorentini in Apulia idibus decembris anno MCCL.“ Friedrich II. starb in Fiorentino in Apulien am 13. Dezember 1250, noch nicht 56 Jahre alt. Der Fürst Paolo Camporeale a. d. H. Beccadelli di Bologna war ein Original, ein Charakter und ein Herr. Er unterschied sich von den meisten Politikern, nicht nur in Italien, dadurch, daß er anfangs als Deputierter, später als Senator den im Amt befindlichen Ministern zu opponieren liebte, die gefallenen aber in Schutz nahm. So war er das Gegenteil von einem Opportunisten. Seine Charakterstärke sollte er auch 1915 beweisen, wo er als einziges Mitglied des italienischen Parlaments gegen den Krieg stimmte. Er hat in seinem Leben Enttäuschungen gehabt. Wie manchem tüchtigen Mann, war ihm Fortuna nicht hold. Aber er hat vor seinem während des Weltkrieges erfolgten Tode die große Freude gehabt, daß seine einzige, herzensgute und reizende Tochter Anna sich mit dem trefflichen Fürsten Filiberto Castelcicala, dem ältesten Sohn des Herzogs von Calvello, verlobte, mit dem sie jetzt in glücklichster Ehe, von Sympathien und Achtung umgeben, in ihrer vom Vater ererbten schönen Villa in Palermo lebt. Mein Schwager führte mich zu dem der heiligen Rosalia, der Schutzpatronin von Palermo, geweihten Dom, an dessen Gewölbe das Wappen der Camporeale hängt. Er führte mich zur Zisa. Ursprünglich ein sarazenisches Lustschloß, diente sie später dem König Wilhelm I. von DIE BECCADELLI 665 Sizilien als Residenz. Nach ihm war die Zisa zeitweilig im Besitz des Hauses Camporeale. Von ihrem Dach genießt man, wie ich finde, den malerischsten Blick auf Palermo. Ich bewunderte den Garten der Villa Serra di Falco. Wir suchten Monreale auf. Von allen italienischen Kirchen erscheinen mir die Markuskirche in Venedig und die Kathedrale von Monreale als diejenigen Gotteshäuser, in denen der Ernst und die Erhabenheit des katholischen Kultus am schönsten zum Ausdruck kommen und am stärksten ergreifen. Einen besseren Cicerone für Palermo als meinen Schwager konnte ich nicht finden. Er fühlte sich ganz als Sizilianer, als Bewohner von Palermo, wo er in jungen Jahren Sindaco gewesen war. Die Familie Beccadelli stammt aus Bologna, dessen Consiglio Generale sie schon seit Beginn des dreizehnten Jahrhunderts angehörte. Noch früher besaß sie das Castello Beccadelli, nicht weit von Bologna. Colaccio Beccadelli war Herr von Imola und soll dort ein wüstes Regiment geführt haben. Ich habe einmal von Bologna aus sein Grab in Imola aufgesucht. Er ist auf der Steinplatte, unter der er ruht, in ganzer Figur dargestellt, hoch zu Roß. Sein Brustpanzer und die Decke seines Pferdes sind bedeckt mit Adlerklauen, die das Geschlecht der Beccadelli noch heute im Wappen führt. Die Inschrift auf seinem Grabmal lautet: Clauditur sub ista presenti Colacius Archa Qui mira tanta fecit quod sibi multa subjecit Dum tenuit Bononiam dans Beccadelli nomina. Qui obüt anno Domini MCCCXLI Indicione VIII Die XIII Marcii Bitinus de Bononia me fecit. Mit Vanino Beccadelli siedelte ein Zweig der Familie 1304 von Bologna nach Sizilien über, wo sie 1470 Marchese von Sambuca, 1620 Marchese von Altavilla, 1664 Fürsten von Camporeale, 1707 Herzoge von Aldragna und Granden von Spanien I. Kl. wurden und beträchtlichen Grundbesitz erwarben. Während mehr als fünfhundert Jahren haben sie den Königen von Spanien und Neapel aus dem Hause Aragon, später den Königen von Neapel aus dem Hause Bourbon eine stattliche Anzahl Generäle, Admiräle und Minister gestellt. Nach der Schlacht von Lepanto, in der sich mehrere Söhne des alten Hauses auszeichneten, war ihnen das Privileg verliehen worden, daß jeder Camporeale von Geburt Ritter des Malteser-Ordens ist. Ein Beccadelli, der sich dem geistlichen Stande zuwandte, wirkte auf dem Tridentinischen Konzil als Vertreter der Kurie, deren Ansprüche er mit Klugheit und Schärfe vertrat. Tizian hat das Bild dieses geistvollen Prälaten gemalt. Es hängt im Palazzo degli Uffizi in Florenz. Von Palermo aus besuchte ich das etwa zwanzig Kilometer von dort entfernte Altavilla, das meiner Frau von ihrem Vater, dem Fürsten Domenico Altavilla 666 EINE OHRFEIGE Camporeale, hinterlassene, auf einem Bergvorsprung am Meer gelegene Gut. Die Kirche von Altavilla, die sogenannte Chiesazza, wurde 1077 von Robert Guiscard erbaut, dem Sohne Tancreds von Hauteville. Seinem Vater zu Ehren gab er dem von ihm angelegten Ort den Namen Altavilla. Robert Guiscard wurde im Verlaufe seiner weiteren Karriere Graf von Apulien, eroberte Sizilien und Kalabrien, unternahm einen siegreichen Kriegszug gegen das griechische Kaisertum und befreite den in der Engelsburg durch den deutschen Kaiser Heinrich IV. belagerten Gregor VII. Er starb auf seinem zweiten Zuge nach Konstantinopel 1085 auf Kephallonia, der größten der Ionischen Inseln, gegenüber dem Eingang des Golfes von Patras. Von dem würdigen Geistlichen von Altavilla wurde mir ein freundlicher Empfang bereitet. Als ich ihm für seine Armen eine kleine Geldsumme übergab, sagte er mir mit liebenswürdiger Courtoisie: „Io sono certo, che Dio vuole molto bene alla nostra Signora. Ma io domandero a la santissima Madonna di Altavilla, chi ha fatto tanti miracoli, di pregare Dio di fare ancora piü e sempre piü per • la nostra cara Signora, vostra moglie.“ Die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland war Die Krüger - von Holstein und Marschall auch damit motiviert worden, daß wir, von Depesche jeder Rücksicht auf Rußland entbunden, unser Verhältnis zu England nur um so besser würden pflegen können. Das Telegramm, das Wilhelm II. am 3. Januar 1896 an den Präsidenten Krüger richtete, stand mit dieser Politik nicht im Einklang. Die Italiener, die aus naheliegenden Gründen ein gutes Verhältnis zwischen ihrem Verbündeten, dem Deutschen Reich, und ihren traditionellen Freunden, den Engländern, wünschten, standen damals zu uns in so guten Beziehungen, daß sie über die Krüger-Depesche zwar betrübt waren, dies jedoch nur wenig zum Ausdruck brachten. Aber mein englischer Kollege, Sir Cläre Ford, sagte zu mir: „Diese Ohrfeige von seiten Ihres Kaisers wird England nicht vergessen.“ Als ich auf das Unstatthafte des Einfalles in Transvaal hinwies und auf weit ernstere Kränkungen, die England von Frankreich und Rußland hingenommen habe, meinte Sir Cläre: „Aber die gingen von Ministern, Parlamentariern und Publizisten aus, nicht von einem Kaiser.“ Als ich von der Liebe und Achtung des Kaisers für England sprach, mit dem ihn nicht nur verwandtschaftliche Bande, sondern auch Gewohnheiten und Passionen verbänden, replizierte mein englischer Kollege: „Gerade wegen dieser vielen und intimen Beziehungen wird das englische Volk Ihrem Kaiser diesen Affront nicht verzeihen. Der Engländer hat die Empfindung, die ein Gentleman haben würde, dem im Klub ein anderer Gentleman, sein Vetter, mit dem er viele Jahre friedlich Whist gespielt und Brandy und Soda getrunken hat, plötzlich eine Maulschelle appliziert.“ Wenige Wochen später hielt im DER NEFFE WILLY 667 House of Commons der Erste Lord der Admiralität, Lord Goschen, eine gegen den Deutschen Kaiser gerichtete, ungewöhnlich scharfe Rede und legte gleichzeitig dem Unterhaus ein Flottenprogramm vor, durch das England in die Lage versetzt werden sollte, so viele Schilfe in Dienst zu stellen wie alle übrigen europäischen Mächte zusammen. Die Vorlage wurde fast einstimmig angenommen. Viele Jahre später, ein Jahr vor meinem Rücktritt, sagte der englische Botschafter in Berlin, Sir Edward Goschen, zu seinem italienischen Kollegen, der ihn zu der in den letzten Jahren eingetretenen Besserung der englisch-deutschen Beziehungen beglückwünschte, die hoffentlich bald zu einer engen und wirklichen Freundschaft werden würde: „Von einer solchen kann seit der Krüger-Depesche kaum die Rede sein. Man hat sie in Deutschland vergessen, oder möchte sie vergessen haben, aber in England denkt man an sie.“ Ich habe mich noch an anderer Stelle meiner Aufzeichnungen mit der Krüger-Depesche beschäftigen müssen, die Fürst Bismarck sofort als ,.in- tempestiv“ bezeichnete und verurteilte. Der Prinz von Wales kam mir gegenüber später bei jedem Anlaß auf die Krüger-Depesche zurück, die in einem spontanen Ausbruch die wahren Gefühle seines Neffen zum Ausdruck gebracht habe. Dabei habe er von verschiedenen Seiten gehört, von englischen Diplomaten, von Neutralen und selbst von seiner Schwester, der Kaiserin Friedrich, daß dieses vehemente, abrupte Telegramm von Hohenlohe, Marschall und Holstein dem Kaiser nur durchgelassen worden sei, weil er sich ursprünglich mit noch weit exzentrischeren Plänen getragen habe. Er habe einen seiner Flügeladjutanten nach Afrika schicken wollen, um ihn dort den Buren als Generalstabschef zur Verfügung zu stellen. Die Prinzessin von Wales sagte zu ihrer vertrauten Hofdame, Miß Charlotte Knollys, die es mir in Sandringham wiedererzählte: „In seinem Telegramm an den Präsidenten Krüger hat mein Neffe Willy uns gezeigt, daß er uns innerlich unfreundlich gesinnt ist, wenn er sich auch bei jeder Begegnung mit uns in Kajolerien, Komplimenten und Versicherungen seiner Liebe und Anhänglichkeit überbietet. Sein Verhaltengegen seinen sterbenden Vater und seine Ungezogenheiten gegen seine Mutter zeigen, daß er so wenig Herz hat, wie er politischen Common sense besitzt.“ Da ich nur zwei Monate im Jahr Urlaub nehmen konnte und wollte, habe ich dreimal den Julimonat in Rom verbracht. Meine Frau, die, obwohl Italienerin von Geburt, die Hitze weniger vertrug als ich, suchte schon Ende Juni den Semmering auf, wo wir auf dem Gebirgssattel zwischen Niederösterreich und der grünen Steiermark im Hotel Panhans ein gemütliches Sommerheim gefunden hatten. Meine Strohwitwerzeit verschönten j aura mir in Rom zwei Frauen, die, voneinander sehr verschieden, beide durch Minghetti- Geist und Herz hervorragten: meine Schwiegermutter, Donna Laura Acton 668 EINE ENGLISCH-FRANZÖSISCHE ITALI ANIS SIMA Minghetti, und Malwida von Meysenbug. Donna Laura entstammte dem Hause Acton, außer den Howards die einzige Familie des englischen Hochadels, die dem katholischen Glauben immer treugeblieben war. Ihr Großonkel, der Baronet John Francis Acton, war jung nach Neapel gekommen, wo er sich die Gunst der Königin Maria Karolina erwarb, der Schwester der armen Königin Marie Antoinette, und Premierminister und Fürst wurde. Er hat als Todfeind der Französischen Revolution und ihrer Ideen das Königreich beider Sizilien in sehr reaktionärem Geist regiert, willkürlich und grausam. Der gute politische Ruf des Hauses Acton wurde in unseren Tagen von Lord John Acton wiederhergestellt, dem ausgezeichneten Gelehrten und liberalen Staatsmann. Er war mit einer Deutschen verheiratet, einer Gräfin Arco, und der Sohn einer Deutschen, einer Tochter der historischen Familie Dalberg. Schon vor Lord John Acton hatte sich der Kardinal Acton bemüht, durch einen gottseligen Lebenswandel die Missetaten seines Oheims, des Fürsten, in Vergessenheit zu bringen. Donna Laura hatte eine französische Mutter gehabt, die Gräfin Zoe d’Albon, aus einer großen Familie, der, freilich als illegitimer Sproß, die berühmte Julie de l’Espinasse entstammte, die Freundin von Madame du Deffand, von d’Alembert und vielen anderen Enzyklopädisten. Ihre 1809 erschienenen „Lettres“ gehören zu den schönsten und geistreichsten Briefen der in dieser Richtung seit jeher reichen und ausgezeichneten französischen Literatur. Sie sind mehrfach ins Deutsche übersetzt worden. Beide Großmütter meiner Schwiegermutter waren Deutsche, Rheinländerinnen, die eine eine Gräfin Hompesch, die andere eine Gräfin Berghe von Trips, also nur englisches, französisches und deutsches Blut. Ihre einzige Schwester hatte sich mit einem Deutschen, dem Grafen Kurt zur Lippe-Biesterfeld, verheiratet. Dabei war Donna Laura in ihrer äußeren Erscheinung wie in ihrem Wesen durch und durch Italienerin, Italianissima. Wer das Bild betrachtet, das Lenbach von ihr gemalt hat, das ihre klassische Schönheit wundervoll wiedergibt, wohl das beste Frauenporträt des großen Münchener Malers, wird zweifellos der Ansicht sein, den vollkommenen Typus der Italienerin vor sich zu sehen. Ein neuer Beweis für die Anfechtbarkeit der Rassentheorie und jedenfalls ein Argument gegen ihre Übertreibung. Donna Laura hatte sehr jung in erster Ehe den Fürsten Domenico Camporeale geheiratet, nach dessen Tod den ausgezeichneten italienischen Staatsmann Marco Minghetti. Sie starb sechsundachtzigjährig in ihrer Villa Mezzaratta bei Bologna am 12. September 1915, ohne ihre zärtlich geliebte Tochter noch einmal haben sehen zu können, während des Weltkrieges, der sie in einen schmerzlichen Konflikt zwischen ihrem glühenden italienischen Patriotismus und ihrer tiefen Sympathie für Deutschland gebracht hatte. Sie wurde in der Certosa von GEIST UND HERZ 669 Bologna beigesetzt, einem der ältesten und stimmungsvollsten Friedhöfe der Welt, „al fianco del mio Marco“, wie sie in ihrem Testament bestimmt hatte, neben Marco Minghetti. Selten war in einer Frau so viel Geist mit so viel Herz verbunden wie in Donna Laura. Von ihrer Mutter batte sie die französische Schlagfertigkeit geerbt, die Gabe der Repartie. Als einmal ein bekannter Blaustrumpf von sich sagte, sie habe nur geistige Interessen und verachte die Frauen, die sich um Haus, Küche und Keller kümmerten, erwiderte Donna Laura blitzschnell: „C’est tres bien, mais de grace ne m’invitez jamais a diner.“ Als ich einmal mit ihr bei Herbert Bismarck aß, der gute Weine liebte, drängte er sie, noch ein drittes und viertes Glas Chateau Lafitte zu trinken. „Buvez encore de ce vin, Donna Laura“, ermutigte er sie. „Ce vin serait capable de ressusciter un mort.“ Und Donna Laura: „Et enterrer un vivant!“ An Donna Laura war alles echt und wahr, vornehm und natürlich. Sie war mit allen Staatsmännern des Risorgimento, der italienischen Einheitsbewegung befreundet gewesen. Bismarck und Andrässy, Gladstone und ihr Vetter, der Earl of Granville, der Bischof Stroßmayer und Monseigneur Duchesne, der Kirchen-Historiker und Akademiker, schätzten ihren Geist und ihre Anmut. Sie zeigte gern eine Photographie, die Richard Wagner ihr mit einer dankbaren Widmung geschenkt hatte, als sie bei der ersten mißglückten „Tannhäuser“-Aufführung in Paris mutig für ihn eingetreten war. Sie war die Freundin der Kaiserin Eugenie und der Prinzessin Mathilde Bonaparte. Sie war mit ihrem ersten Mann in Paris in den Tuilerien zu dem Diner eingeladen worden, bei dem Napoleon III. seine Verlobung mit der schönen Gräfin Eugenie Montijo ankündigte, und am Vorabend des Weltkrieges empfing sie in Bologna den Besuch der entthronten, gebeugten Kaiserin Eugenie. Dem sechzehnjährigen Mädchen hatte König Ludwig I. von Bayern den Sankt-Annen-Orden verliehen, den Fürstbischof Johann Philipp von Würzburg 1714 für tugendreiche katholische Jungfrauen im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren aus ritterlichem Geschlecht mit acht Ahnen von jeder Seite stiftete. Die fast achtzigjährige Greisin führte Kaiser Wilhelm II. selbst durch seine Potsdamer und Berliner Schlösser. Donna Laura war durch und durch liberal und haßte schon in der Erinnerung an das, was sie in ihrer Jugend in Neapel schaudernd erlebt hatte, Fanatismus und Unwissenheit. Damals sollte ihr erster Mann, der Fürst Camporeale eingesperrt werden, weil man bei ihm einen Dante gefunden hatte, den die Bourbonen als italienischen Patrioten verabscheuten. Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, weilte Donna Laura zum Besuch bei der Prinzessin Mathilde in Paris. Napoleon III. erschien 670 DIE VEREHRERIN ORSINIS Napoleon III. und seine Kusine Malwida von Meysenbug vor seiner Abreise in das französische Hauptquartier bei seiner Kusine, um von ihr Abschied zu nehmen. Sie empfing den Kaiser in Gegenwart ihrer Freundin Donna Laura. Der Kaiser machte den Eindruck eines kranken, ja schwerkranken, ganz gebrochenen Mannes. Seine Kusine Mathilde sagte zu ihm unter Anspielung auf zwei bekannte französische Lieder, die von der Königin Hortense verfaßte offizielle Hymne des zweiten Kaiserreichs und einen alten Gassenhauer aus der Zeit des spanischen Erbfolgekrieges: „Mon cousin, vous ne me rappellez guere Dunois jeune et beau qui avant de partir pour la Syrie allait prier Marie de benir ses exploits. Vous me rappellez plutöt ce pauvre Marlborough qui s’en allait en guerre.“ Der Kaiser reagierte nicht auf diese fast brutalen Worte seiner Kusine. Er sah trübe vor sich hin. Donna Laura fühlte, daß Napoleon III. den alten Glauben an seinen Stern verloren hatte. Als sie mir diese kleine Szene erzählte, fügte sie hinzu: „L’Empereur sentait qu’il allait au devant d’une catastrophe.“ Ganz andere Wege als Donna Laura war Malwida von Meysenbug gegangen. Die Tochter eines kurhessischen Ministers, der, was etwas sagen will, vor 1848 für übertrieben reaktionär galt, hatte sie sich im Sturmjahr 1848 der revolutionären Bewegung angeschlossen und mußte nach deren Niederwerfung nach London flüchten, wo sie viele Jahre in freundschaftlichem Verkehr mit Mazzini, Gottfried und Johanna Kinkel, Louis Blanc, Ledru-Rollin und anderen revolutionären Koryphäen im Exil verbrachte. Lothar Bücher hat sie damals in die Nationalökonomie eingeführt. Als der russische Revolutionär Alexander Herzen seine Frau bei einem Schiffsunglück verlor, widmete sie sich der Erziehung seiner Töchter, von denen die eine, Olga, den ausgezeichneten französischen Gelehrten Gabriel Monod heiratete. Malwida bekannte sich politisch und religiös zu den allerfreisten Anschauungen. Sie erklärte den Attentäter Felice Orsini, den sie im Exil gut gekannt hatte, für einen edlen Jüngling, Harmodios und Aristogeiton, den Tyrannen-Mördern, vergleichbar, die in Athen gefeiert und besungen wurden. Sie hat mir das inzwischen selten gewordene Büchelchen geschenkt, in dem Orsini seine mit ungewöhnlicher Kühnheit ausgeführte Flucht aus österreichischer Kerkerhaft in Mantua schildert. Das 1858 in Mastricht erschienene Buch führt den Titel: „Les Prisons Autrichiennes en Italie. Quinze mois de captivite, evasion du Fort Saint- George ä Mantoue.“ Felice Orsini beginnt die Schilderung seiner Flucht aus dem Kerker von Mantua mit den Worten: „Douze ans se sont ecoules depuis que, pour la premiere fois, j’ai encouru la vengeance des oppresseurs de ma patrie, en leur montrant par mes discours et par mes actes que le desir de soustraire l’Italie ä leur joug etait le grand mobile de mon existence. Le peu de succes de mes efforts dans l’accomplissement de cette täche ne „SIMPLIZISSIMUS“ 671 fait que m’exciter davantage a la poursuivre avec tout ce qui me reste d’energie et de ressources.“ Das war keine Redensart. Nickt lange nachher, am 14. Januar 1858, führte Felice Orsini in Paris sein Bomben attentat gegen Napoleon III. aus, dem zahlreiche Passanten zum Opfer fielen, aus dem aber der Kaiser selbst, wie durch ein Wunder, heil hervorging. Zum Tode verurteilt, schrieb Orsini vor seiner Hinrichtung im Gefängnis einen Brief an Napoleon III., in dem er ihn beschwor, Italien von Österreichs Joche zu befreien. Wenn Napoleon in Erinnerung an seinen einst als Car- bonari geleisteten Eid Italien befreie, wolle er, Orsini, gern sterben und mit Segenswünschen für den französischen Kaiser aus diesem Leben scheiden. Dieser merkwürdige Brief wurde im Museum in Turin aufbewahrt, wo ich ihn gesehen habe. Orsini scheint den Brief bei seiner Hinrichtung in der Tasche gehabt zu haben, denn das Schreiben zeigte Spuren von Blut. Vielleicht werden diese Blutflecke von Zeit zu Zeit erneuert, wie der Tintenfleck auf der Wartburg. Wenn sie Orsini ein gerührtes Andenken bewahrte, so sprach Malwida von Meysenbug mit Verachtung von Georg Herwegh, der sich zu Alexander Herwegh Herzen und seiner Frau „schäbig“ benommen habe. Ich bin geneigt, dieses Werturteil für zutreffend zu halten. Nicht lange nach dem Deutsch- Französischen Kriege zeigte mir eine französische Dame, eine leidenschaftlich patriotische Französin, eine Eintragung, die Herwegh 1873 in Baden-Baden in ihr Stammbuch gemacht hatte. Sie war in Versen gehalten, deren Wortlaut ich vergessen habe, aber deren Sinn etwa war: „Sommer- und Hundstage-Hitze! Und noch immer ist Bismarck nicht am Sonnenstich krepiert. Ruhr und Diarrhöe überall, und noch lebt der alte Wilhelm.“ Treitschke hat mit Recht gesagt, daß es Niederträchtigkeiten gebe, deren nur gewisse Deutsche fähig seien. Herwegh war mit einer Berliner Israelitin verheiratet, der Tochter des Bankiers Siegmund. Der Sohn aus dieser Ehe ließ sich als Franzose naturalisieren und hat während des Weltkrieges in Zeitungsartikeln und Broschüren seine deutsche Heimat mit der Verbissenheit und dem Eifer eines Renegaten beschimpft und verleumdet. Heinrich Heine hat politisch arg gesündigt. Aber die Verse, in denen er in seinen „letzten Gedichten“ unter der Überschrift „Simpli- zissimus“ Georg Herwegh, dessen Gattin und dessen Feigheit im Gefecht von Dossenbach, während des republikanischen Aufstandes in Baden, geißelte, müssen ihm zugute gerechnet werden. Die Schüsse knallen — der Held erblaßt, Er stottert manche unsinnige Phrase, Er phantasierte gelb — die Gattin , Hält sich das Tuch vor der langen Nase. 672 GENERAL BARATIERI Während meine Schwiegermutter regelmäßig bei mir auf der Terrasse des Palazzo Caffarelli aß, hat die damals schon fast achtzigjährige Malwida von Meysenbug im Sommer 1896 ganz bei mir gewohnt. Wir waren fast den ganzen Tag beieinander. Wir waren über viele, über sehr viele Dinge verschiedener Meinung. Das hat aber weder meiner tiefen Achtung vor ihr noch unserer gegenseitigen Liebe Abbruch getan. In unseres himmlischen Vaters Hause sind viele Wohnungen. Ich werde den mit meiner lieben Malwida verbrachten Sommer nie vergessen. Crispi hatte sich als Ministerpräsident besonders für die Entwicklung Italiens Krieg der am Roten Meer zwischen Abessinien, der französischen Somali-Küste mitAbessimen un( J dem ägyptischen Sudan gelegenen Kolonie Erythräa interessiert. Zum Führer der dortigen Streitkräfte war auf seinen Vorschlag General Baratieri ernannt worden, ein Trentiner Irredentist, der sich mehr durch lärmenden Chauvinismus als durch militärische Fähigkeiten auszeichnete. Anfänglich schien das Glück Baratieri hold zu sein. Er hatte im Sommer 1894 Kassala, den Hauptstützpunkt der feindlichen Derwische, erobert und im Mai 1895 die Souveränität Italiens über Tigre proklamiert. Aber im Herbst 1895 griff König Menelik von Abessinien zu den Waffen, um das ihm lästig gewordene Schutzverhältnis zu Italien abzuschütteln. Nach anfänglichen Mißerfolgen gelang es ihm, ein vorgeschobenes italienisches Bataillon mit großer Übermacht zu überfallen und zu vernichten. Crispi war entschlossen, diese Scharte sofort auszuwetzen. Die öffentliche Meinung stand noch auf seiner Seite, und das Parlament bewilligte mit großer Mehrheit die verlangten Kriegskredite. Im Februar 1896 verschlimmerte sich jedoch die Lage der Italiener. Sie standen inmitten einer feindlichen Bevölkerung. Vor sich hatten sie das weit stärkere Heer der Abessinier, in der rechten Flanke wurden sie von den Derwischen bedroht. Die italienische Kriegsleitung plante einen Vorstoß über Zeila gegen Harrar, um die Abessinier im Zentrum ihrer Macht zu treffen. Aber England, mit dem kühlen Egoismus, der immer und überall seine Politik auszeichnete, zögerte, den ihm in Afrika damals nicht ganz bequemen Italienern die Erlaubnis zum notwendigen Vormarsch durch englisches Gebiet zu geben. In Rom wurde man unruhig. Crispi erkannte endlich die Unfähigkeit des bisher von ihm protegierten Baratieri und legte dem König ein Dekret vor, durch das der tüchtige General Baidissera zum Oberbefehlshaber der italienischen Streitkräfte ernannt wurde. Gleichzeitig wurden weitere Verstärkungen nach Afrika entsandt. Im Gegensatz zu dem Irredentisten und Chauvinisten Baratieri hatte Baidissera, der als österreichischer Untertan in Venedig geboren war, vor 1866 in der österreichischen Armee gedient und sich in der Schlacht von Custozza auf österreichischer Seite durch Tapferkeit ausgezeichnet, ein Beweis dafür, daß es bei einem General mehr Francesco Crispi, italienischer Ministerpräsident :iSiS253ff?aftn?w^VHwy« $$fe 'ihnmtjfiW;. ■■ <-*Si ' iä**t &**+*x 'y * Itil Kl't*»-’ «ai; DIE KATASTROPHE IN AFRIKA 673 auf seine militärischen Fähigkeiten als auf seine politische Einstellung ankommt. Unglücklicherweise erfuhr Baratieri durch eine Indiskretion von der ihm bevorstehenden Abberufung. Er wollte vorher noch einen Sieg erfechten und griff am 1. März 1896 bei Adua mit kaum fünfzehntausend Die Schlacht Mann das weit überlegene Heer des Negus Menelik an. Persönlich zeigte er bei Adua sich brav, hielt in erster Linie im Feuer und zog sich unter den letzten zurück. Aber sein Heer wurde vollständig geschlagen. Zwei Generäle, Dabormida und Arimondi, fanden tapfer kämpfend den Heldentod. An Toten und Verwundeten verlor das italienische Heer viertausend Mann. Unter den Toten befand sich auch der junge Fürst Agostino Chigi, der einer streng päpstlich gerichteten Familie angehörte, aus der Papst Alexander VII. hervorgegangen war und die seit zweihundert Jahren die Würde eines Marschalls der Heiligen Kirche und Hüters des Konklave bekleidet. Er hatte sich freiwillig für die Expedition gegen Menelik gemeldet, um zu zeigen, daß sich die sogenannten Schwarzen, die päpstlich Gesinnten, an italienischem Patriotismus nicht von den Weißen, den königlich Gesinnten, übertreffen ließen. Am 2. März 1896 erhielt der Minister des Äußern, der Baron Blanc, in früher Stunde ein Telegramm, das mit den Worten begann: „Immane disastro!“ (Ungeheure Katastrophe!) Crispis Afrika-Politik war, seit Hiobsbotschaften aus Afrika eintrafen, mit zunehmender Schärfe kritisiert worden. Nun brach der Sturm los, und es erging dem Ministerpräsidenten, wie es meist Staatsmännern geht, die Mißerfolge haben. Parlament und Presse wälzten alle Schuld auf ihn oder rückten wenigstens von ihm ab. Crispi reichte seine Entlassung ein. Ich wohnte in der Diplomatenloge der Sitzung bei, in der Crispi der Kammer mitteilte, daß er seine Demission eingereicht und daß der König sie angenommen habe. Hoch aufgerichtet stand der siebenundsiebzigjährige Premierminister vor dem Parlament. Keine Miene zuckte in seinem scharfgeschnittenen, männlichen Gesicht. Als bei der Verkündung der Demission in der Hof löge von einer dem Ministerpräsidenten nicht wohlgesinnten Palastdame „Bravo“ gerufen wurde, warf er seiner Gegnerin einen Blick zu, der bewies, daß dieser alte Fechter sich über Lob und Tadel des Tages ebenso erhaben fühlte wie über alle Launen der Mobilium turba Quiritium. Wenige Tage später wurde ein neues Kabinett unter dem Marquis Rudini gebildet. Auch Rudini war Sizilianer, aber während Crispi ein Das Kabinett Sohn des Volkes war, gehörte der Marchese Rudini einer der ältesten Rudini Familien des Landes an. Auch Rudini war ein energischer Mann. Aber wenn Crispi seine überströmende Energie durch Reden und Gesten nach außen in jeder Weise zum Ausdruck brachte, bewies Rudini seine Festigkeit und Entschlossenheit mehr durch Zähigkeit und Geduld. Er hat das Abessinische 43 Bülow IV 674 DIE KOMMUNION IN BARI Der Kronprinz Viktor Emanuel heiratet Abenteuer in einer für das Land ehrenvollen Weise durch den Frieden liquidiert, den Italien mit Abessinien am 26. Oktober 1896 schloß, zwei Tage nach der Vermählung des jetzigen Königs von Italien. Als bekannt wurde, daß der Kronprinz von Italien sich mit der Prinzessin Helene von Montenegro verlobt habe, die er im Mai während der Krönungsfeierlichkeiten in Moskau kennen und lieben gelernt hatte, schüttelten die fremden Vertreter in Rom den Kopf. Wo und wie werde die Trauung vor sich gehen? Der König müsse im Hinblick auf die italienische öffentliche Meinung darauf bestehen, daß die Trauung in der Landeshauptstadt, also in Rom, stattfinde. Das aber werde der Papst nie zugeben. Es zeigte sich auch bei diesem Anlaß die Gabe der Italiener, zwischen prinzipiellen Gegensätzen einen praktischen Ausweg zu finden. Der Ministerpräsident Rudini und der Kardinal-Staatssekretär Rampolla, beide Sizilianer, fanden diesen Ausweg während eines stillen Spazierganges, den sie in früher Morgenstunde zusammen in einer abgelegenen Allee der Villa Doria unternahmen. Die Peterskirche, meinte lächelnd der Staatssekretär der Kurie, könne er nicht wohl zur Verfügung stellen, wohl aber die Kirche Santa Maria degli Angeli, deren weite Räume sich prächtig für große Zeremonien eigneten. Man einigte sich auch leicht über den Geistlichen, der die Trauung vollziehen würde. In ferner Normannenzeit hatte der Erzbischof von Bari besondere Privilegien genossen. Von diesen Privilegien profitierte jetzt der König Umberto als Rechtsnachfolger der Normannenfürsten. So konnte die junge und schöne Prinzessin Helene getrost die Fahrt nach Rom antreten. Auch sie hatte, wie so viele Liebende, Hindernisse zu überwinden. Das montenegrinische Volk bekennt sich treu, ja nicht ohne einen gewissen Fanatismus, zur griechisch-orthodoxen Kirche. Die Prinzessin mußte, um Kronprinzessin von Italien zu werden, zur römisch-katholischen Kirche übertreten. Sie verließ als Rechtgläubige die väterliche Hauptstadt Cetinje. Dank der Feinheit und Überredungskunst eines der Prinzessin entgegengesandten italienischen Geistlichen vollzog sich die Konversion auf der Meeresfahrt nach Bari, wo die künftige Königin von Italien die heilige Kommunion aus den Händen des Erzbischofs in der altberühmten Kirche des heiligen Wundertäters Nicola nach römisch-katholischem Ritus empfing. Der Erzbischof hielt auch die Traurede in der Kirche Santa Maria degli Angeli. Sie erinnerte an die besten Reden Ciceros, des Vaters und Vorbilds aller lateinischen Rhetorik. In rollenden und dabei doch harmonischen Perioden wurden das heiß geliebte italienische Vaterland und der so treu verehrte Heilige Stuhl, der kluge Papst Leo XIII. und der ritterliche König Umberto gefeiert. Als wir die Kirche verließen, frug mich Rudini, wie ich die Predigt gefunden hätte. „Pas mal, n’est ce pas ?“ meinte er mit zufriedenem Lächeln. BESUCHER 675 Icli mußte wahrheitsgemäß antworten: „Un chef d’ceuvre de tact et de finesse.“ Wie zu Crispi, so stand ich auch zu seinem Nachfolger Rudini in den besten persönlichen Beziehungen. Seine kluge und liebenswürdige Frau hatte mich gebeten, ihn recht oft am Vormittag zu einem Spaziergang abzuholen, damit er sich die notwendige Bewegung mache. Wenn ich zu ihm kam, fand ich stets sein Vorzimmer voller Menschen. Als wir einmal durch eine zweite Tür das Freie erreicht hatten, sagte Rudini zu mir: „Es sind nicht die Geschäfte, die mich am meisten ermüden, sondern die vielen Besucher, die mir so viel Zeit kosten und mich durch ihr Geschwätz umbringen.“ Ich konnte das erst richtig verstehen, als ich selbst Minister wurde. 43 ‘ XLIX. KAPITEL Mit Wilhelm II. in Neapel Besuch des Kaisers in Süditalien • Besteigung des Vesuv • Begegnung mit Kardinal Sanfelice, Erzbischof von Neapel • Die päpstliche Diplomatie, Kardinäle und Prälaten • Der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag und Fürst Bismarck • Die Kretische Frage • Die Nachfolge des Staatssekretärs Marschall • Besprechungen mit Phili Eulenburg in Meran und Venedig • Korrespondenzen mit Berlin • Ungewißheit und Unsicherheit bis zur endlichen Entscheidung W ährend des Besuches, den Wilhelm II. bald nach dem Rücktritt von Crispi Süditalien abstattete, bin ich Seiner Majestät zum erstenmal nähergetreten. Der Kaiser lernte mich kennen und ich ihn. Meine Eindrücke waren widerspruchsvoll, was ich ex post verstehe, denn Wilhelm II. war wohl der unausgeglichenste Mensch, dem ich begegnet bin. Man kam ihm gegenüber schwer zu einem sicheren und endgültigen Urteil. Als wir in Neapel die Zoologische Station des ausgezeichneten Gelehrten und liebenswürdigen Menschen Anton Dohrn besuchten, erstaunte uns der Kaiser durch seine rasche, leichte Auffassung und durch die geistreiche Art, wie er sein Interesse für Biologie zum Ausdruck brachte. Darin wie in manchem andern war er der Sohn seiner Mutter, die auch für alles Interesse hatte und über alles Vorträge hielt, de omnibus rebus et quibusdam aliis. Nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Wissen, zum Beispiel über Zoologie oder Botanik, über alle Zweige der Wissenschaft, die sich mit den organischen Naturkörpern beschäftigt, in bescheidenem Ton an den Tag legte, mit leiser Stimme und mit gesenkten Augen, der Kaiser laut und triumphierend. Zur Kaiserin Friedrich hatte ihr sehr gebildeter Vater, der Prince Consort, als sie noch ein Kind war, gesagt: „Die Zeiten sind vorüber, wo die Prinzen und Fürsten behaupten konnten, daß sie durch höhere Eingebung alles verstünden und sogar besser verstünden als die übrige Menschheit, wo Kaiser Siegismund, auf einen grammatikalischen Fehler aufmerksam gemacht, den er sich hatte zuschulden kommen lassen, auf dem Konzil von Konstanz hochmütig erwiderte: Caesar supra grammaticam! In unserer Zeit muß ein Fürst durch gute Lehrer und eigenen Fleiß es dahin bringen, daß er auf allen Gebieten und in allen Richtungen es anderen zuvortut.“ DIE DEKORIERTE SCHILDWACHE 677 Kaiser Wilhelm II. war überzeugt, daß die eigene, zweifellos große Begabung, verbunden mit der Eingebung und Hilfe von oben, ihn instand setzte, alles zu kennen und alles zu können. Bald nachdem Kaiser Wilhelm II. uns durch einen längeren Vortrag über die Lehre vom Leben, insbesondere über Zoologie, mit Bewunderung erfüllt batte, entsetzte er den guten Dobrn und mißfiel mir in hohem Grade, indem er uns erklärte, daß er grundsätzlich jede Schildwache dekoriere, die den Passanten, der auf Anruf nicht gleich stillstehe, sofort niederschieße. Solche Auslassungen, deren ich später noch manche ähnliche gehört habe, waren nicht der Ausfluß einer grausamen Natur. Wilhelm II. hatte gar nichts von einem Nero oder von Dionys, dem Tyrannen von Syrakus, zu dem Dämon schlich, den Dolch im Gewände. Er war vielmehr im Verkehr das, was man so einen guten Kerl nennt. Solche Exzesse in Worten waren auch nicht ein Zeichen jener Brutalität, die Peter dem Großen, die Kaiser Nikolaus I., die dem großen Napoleon vorgeworfen werden konnte, wo sie der Ausdruck gewaltiger, abnormer Energie waren. Bei Wilhelm II. waren sie das Symptom einer neurasthenischen Natur. Es fehlte Wilhelm II. wie an ruhigem Mut so auch an wirklicher Kraft. Er suchte deshalb durch Worte und Gesten den Eindruck eines Heros zu erwecken. Dabei vergriff er sich nicht selten in den Mitteln. Nachdem er die Zoologische Station in Neapel besichtigt hatte, bestieg der Kaiser, begleitet von mir und einigen Herren, den Vesuv. In seinen hübschen Memoiren erzählt Graf Beugnot, daß er im Frühjahr 1813, damals leitender Minister des von Napoleon kreierten Großherzogtums Berg, mit dem Kaiser und dem Präfekten von Mainz, einem früheren Conventionnel, der Jean-Bon Saint-Andre hieß, eine Kahnfahrt bei Biebrich unternommen habe. Während der Fahrt habe Napoleon, in Gedanken versunken, ins Wasser geblickt. Außer dem Kaiser, dem Präfekten und Beugnot war niemand in dem Kahn. Da sagte der Konvents-Deputierte, über den der Geist von 1793 kam, der Geist der Terreur, leise zu Beugnot: „Quelle etrange position! Le sort du monde depend d’un coup de pied de plus ou de moins.“ Als die Kahnfahrt zu Ende war, machte Beugnot dem Präfekten Vorwürfe über seine Boutade: „Savez vous que vous m’avez furieusement effraye?! Vous etes un insense!“ Der alte Terrorist antwortete: „Et vous un imbecile. Tenez-vous pour dit que nous pleurerons des larmes de sang que cette promenade de l’Empereur n’ait pas ete la demiere.“ Als wir mit Wilhelm II. vor dem Krater des Vesuv standen, aus dem heiße Dämpfe und Gase aufstiegen, hörte ich einen der Herren seinem Nachbarn zuflüstern: „Wenn dieser liebenswürdige, charmante Mensch, aber inkohärente und höchst gefährliche Regent jetzt einen Schwindelanfall bekäme und in den Krater fiele, wie wären wohl die Folgen?“ Am Krater des Vesuv 678 DIE DISPUTATION MIT DEM KARDINAL Wilhelm II. war novarum rerum cupidus wie nur irgendein Gallier zu Beim Cäsars Zeit. Namentlich in seiner Jugend verlangte er nach immer neuen Erzbischof Impressionen. Als ihm erzählt worden war, daß sich der Erzbischof von von Neapel ]\f ea p e l^ ,j er Kardinal Sanfelice, großer Beliebtheit erfreue, wollte er ihn kennenlernen. Einen Besuch beim Erzbischof, den ich ihm vorschlug, erklärte er für einen zu weit gehenden Schritt. Er sprach den Wunsch aus, daß die Begegnung im Kloster Camaldoli stattfinden möge, von dem er im Baedeker gelesen hatte, daß man von dort eine prächtige Aussicht genieße. Das war richtig. Wenige Aussichten sind mit dem Rundblick zu vergleichen, der vom Garten des Klosters die Buchten von Neapel und Poz- zuoli, den Golf von Gaeta, das volkreiche Neapel, den rauchenden Gipfel des Vesuv, den Posilipo und Capo Miseno, Procida und Ischia, Bajä und Cumä, Capri, Sorrento und Castellamare umfaßt. Die Kaiserin wäre gern auf der „Hohenzollern“ geblieben, teils, weil sie müde war, teils, weil sie zwar, immer korrekt, römische Prälaten mit Courtoisie behandelte, diese Herren ihr aber doch etwas unheimlich waren. Wilhelm II. duldete jedoch bei seiner Frau keinen Widerspruch. Ihre Majestät mußte mit. Am Eingang des Klosters erwartete uns der Kardinal. Nachdem wir wieder und immer wieder die Aussicht bewundert und gemeinsam die Allmacht Gottes gepriesen hatten, der diesen Erdstrich so reich segnete, verlangte es den Kaiser, ein eingehendes und ernstes Gespräch mit dem Kardinal zu führen. Da der Kaiser nicht Italienisch sprach, während der Kardinal nur seine Muttersprache beherrschte, mußte ich als Dolmetscher fungieren. Der Kaiser stellte eine Reihe von Fragen, die der Kardinal taktvoll und klug beantwortete. Plötzlich rief der Kaiser, zu mir gewandt: „Fragen Sie ihn, ob er glaubt, daß die Protestanten in den Himmel kommen.“ Ich erwiderte, daß es besser sei, diese Frage nicht an den Erzbischof von Neapel zu richten. Der Kaiser insistierte. Ich blieb bei meinem Widerspruch. Der Kardinal, der unser Zwiegespräch nicht verstand, aber merkte, daß ich eine von Seiner Majestät gestellte Frage nicht weitergeben wollte, erklärte sich lächelnd bereit, die kaiserliche Wißbegierde in jeder Richtung zu befriedigen. So blieb mir nichts übrig, als Seine Eminenz zu fragen, ob nach seiner Ansicht auch Protestanten die Wonnen des Paradieses zuteil werden würden. Der Kardinal sann einen Augenblick nach. Dann meinte er: „La misericordia divina e infinita.“ (Die göttliche Barmherzigkeit hat keine Grenzen.) Der Kaiser war zufrieden und der Kardinal auch. Der Kardinal schenkte mir zur Erinnerung an die Zusammenkunft von Camaldoli sein Bild, das ich vor mir stehen habe. Es erinnert mich an einen gütigen und weisen, feinen und weltkundigen Kirchenfürsten, der mit derselben Klugheit, mit der er die verfängliche Frage des Kaisers Wilhelm II. beantwortete, es verstand, das volle Vertrauen der Kurie zu bewahren, dabei DIPLOMATEN DER KURIE 679 die besten Beziehungen zur italienischen Regierung zu unterhalten und sich in Neapel allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen. Wenn England wohl das Land ist, das in den letzten Jahrhunderten am verständigsten und erfolgreichsten regiert worden ist, so wird die Diplomatie der römischen Kurie, wie ich glaube, an Takt, an Ruhe und Geduld, an Scharfsinn, an Menschenkenntnis und an Kunst der Menschenbehandlung von keiner anderen übertroffen. Das gilt von den Monsignori, von den Domherren und Prälaten, von den Nunzien, von den Kardinälen. Meine Beziehungen zu dem liebenswürdigen und geistvollen Nunzius Czacki in Paris habe ich schon erwähnt. Ich möchte aber auch des Kardinals Ram- polla gedenken, zu dem ich schon während meiner Amtszeit in einem freundlichen Verhältnis stand und den ich während der ersten Jahre meines Aufenthaltes in der Villa Malta viel sah. Er verband eine feurige Seele mit einem kühlen Kopf und einer ruhigen Hand. Unerschütterlich in allen Prinzipienfragen des päpstlichen Stuhls und der römischen Kirche, war er kulant in Formen, Umgang und Verkehr. Seine Bewunderung für Bismarck war ebenso groß wie die seines sizilianischen Landsmannes Crispi. In seinem Arbeitszimmer hingen nur zwei Bilder: die schöne Reproduktion der Madonna von Murillo, deren Original im Palazzo Corsini hängt, und ein Bild, das den Fürsten Bismarck darstellt, wie er seinem kaiserlichen Herrn, Wilhelm I., Vortrag hält. Der prächtige Typus eines würdigen Kardinals ist der langjährige Dekan des Sacro Collegio, Vincenzo Vanutelli. Fast neunzig Jahre alt, ist er so rüstig wie ein gut erhaltener Sechziger, immer ein gütiges Lächeln auf den Lippen, geistig klar und voll Interesse. Ein patriotischer Italiener. Er rühmt sich, Pius XI. nach seiner Wahl durch energischert Zuspruch dazu bewogen zu haben, im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern das auf dem Petersplatz versammelte Volk wieder von der Loggia der Peterskirche aus zu segnen. „L’ho spinto io!“ (Ich habe ihn vorgestoßen!) meinte er, als er mir diese historische Szene nicht ohne Stolz erzählte. Vincenzo Vanutelli hat fünf Päpste auf dem Thron gesehen, zweimal im Anno Santo, 1900 und 1925, als Erzpriester von Santa Maria Maggiore das Heilige Tor geschlossen. Ein gütiger Freund ist mir und meiner Frau der Kardinal Ragonesi, ein Kirchenfürst, der in seltenem Maße hervorragende politische Begabung und Erfahrung mit jener Eigenschaft verbindet, die der Franzose mit dem schönen Ausdruck „La politesse du coeur“ bezeichnet. Von deutschen Kardinälen wüßte ich nur den Kardinal Kopp, der an geistiger Feinheit und Grazie des Auftretens mit italienischen Prälaten zu vergleichen wäre. Wenn auch mein dienstliches Interesse und meine stete Beobachtung der innern und auswärtigen Politik Italiens gewidmet waren, so konnten die Vorgänge, die sich in der Heimat abspielten und in deren Mittelpunkt Rampolla Vanutelli 680 BISMARCK ENTHÜLLT Der Reichstag lehnt Ehrung Bismarcks ab Die „ Hamburger Nachrichtenüber den Rückversicherungsvertrag die gewaltige Gestalt Bismarcks stand, meinem Blick nicht entgehen. Am 1. April 1895 sollte Fürst Bismarck sein achtzigstes Lebensjahr vollenden. Am 23. März schlug der Präsident des Reichstags, Herr von Levetzow, dem Hause vor, dem Fürsten die Glückwünsche des Reichstages auszusprechen. Graf Hompesch im Namen des Zentrums, Eugen Richter für die beiden Volksparteien, der Sozialdemokrat Singer, der Pole Fürst Radziwill und der Welfe von Hodenberg protestierten gegen eine Ehrung des Fürsten Bismarck. Der Reichstag lehnte mit 163 Stimmen der Klerikalen, Demokraten und Sozialisten gegen 146 Konservative und Nationalliberale die Beglückwünschung des Fürsten ab. Jeder wußte, daß der Staatssekretär des Äußern, Herr von Marschall, seinen Einfluß namentlich auf das Zentrum im Sinne der Ablehnung einer Ehrung für den Fürsten Bismarck geltend gemacht hatte. Als er das Resultat der Abstimmung erfuhr, richtete Wilhelm II., unbekümmert um alles, was er selbst dem Fürsten Bismarck angetan hatte, ein Telegramm an ihn, in dem er seiner „tiefsten Entrüstung“ über den Beschluß des Reichstags Ausdruck gab. Bismarck antwortete ehrerbietig in der Form, aber inhaltlich kühl. Als der französische Botschafter in Berlin, Monsieur Herbette, den Reichstagsbeschluß vom 23. März 1895 erfuhr, meinte er vor mehreren anderen fremden Diplomaten: „Les Allemands diront et feront ce qu’ils voudront, ils ne seront jamais un grand peuple.“ Im Oktober 1896 brachten die „Hamburger Nachrichten“ Einzelheiten über den sogenannten Rückversicherungsvertrag, den seinerzeit vom Fürsten Bismarck abgeschlossenen deutsch-russischen Neutralitätsvertrag. Ein freisinniges Blatt hatte in einem Artikel ausgeführt, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland in den letzten Jahren der Reichskanzlerzeit des Fürsten Bismarck imgünstig gewesen seien, auch nach dem Tode des Fürsten Gortschakow. Dessen Persönlichkeit sei also nicht das einzige Hindernis eines guten Einvernehmens zwischen Deutschland und Rußland gewesen. Der große Entamtete ließ durch sein Hamburger Organ diese demokratische Auslassung mit Schärfe zurückweisen. Die Behauptung, daß Alexander III. und Herr von Giers nach dem Tode von Gortschakow dessen Politik fortgesetzt hätten, sei „absolut unwahr“. Schon in Skierniewice, also sehr bald nach dem Ausscheiden von Gortschakow, sei das gute Einvernehmen der deutschen und der russischen Politik wiederhergestellt wurden und bis zur Entlassung des Fürsten Bismarckin dieser Verfassung geblieben. Bis 1890 seien beide Reiche in vollem Einverständnis darüber gewesen, daß, wenn eines von ihnen angegriffen würde, das andere wohlwollend neutral bleiben solle. Wenn also beispielsweise Deutschland von Frankreich angefallen würde, so war die wohlwollende Neutralität Rußlands zu gewärtigen und die Deutschlands, wenn Die „Krüger-Depesche“ '”7 Das Telegramm Wilhelms II. an den Präsidenten der Südafrikanischen Republik Krüger. Konzept von der Hand des Direktors der Kolonialabteilung Kayser (zu Seite 680) Berlin, den 3. Januar 1896 Präsident Krüger, Prätoria Ich spreche Ihnen Meinen aufrichtigen Glückwunsch aus, daß es Ihnen ohne an die Hülfe befreundeter Mächte zu appelliren, mit Ihrem Volke gelungen ist, in eigener Thatkraft gegenüber den bewaffneten Scharen, tvelclie als Friedensstörer in Ihr Land eingebrochen sind, den Frieden wiederherzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von Außen zu mehren.* NfamenJ S[einer] MfajestätJ Wilhelm I. R. * Die Änderung im letzten Satz hat Staatssekretär Marschall vermutlich auf Wunsch Wilhelms II. vorgenommen. In der Ecke rechts unten die Paraphen von Marschall und Kayser. ?' y-, ’ ® f '■ .'/ui ■v:i ■r,.Vt ei>^- vriik’H--. * IcfftftCVA -WWll s®* *Sv ägggs*egasis£^ m&ä ^i:;: ! ^<'~r, * - X** ■f v r '.t&'v;;! BVV I#® 4$<#! Vr^ V i t ,rv_>.«vr' •^»;,''.:r 6 NAMEN- UND SACHREGISTER gjsgjg; .y-asfi NAMENREGISTER Abaza, Alexander Aggeje- witsch, russischer Minister, seit 1892, längere Zeit Vorsitzender des Ministerkomitees (f 1895). 576. Abd-ul-Asis, Sultan der Türkei seit 1861, ermordet 4. Juni 1876. 396. Abd-ul-Hamid II., Sultan der Türkei 1876 bis 1908. 396. A b e k e n, Vortragender Rat bei Wilhelm I., beteiligt an der Niederschrift der Emser Depesche. Taf.128. Adhema, Arzt in Biarritz. 458 f. Adolf Friedrich IV., Großherzog von Mecklenburg- Strelitz. 56. Adolf Friedrich, Erbgroßherzog von Mecklenburg- Strelitz. 70. Aegidi, Professor, Leiter des Pressebüros des Auswärtigen Amts. 214, 508. Aehrenthal, Baron Aloys Lexa von, Kabinettschef Kälnokys, später Gesandter in Bukarest, Botschafter in Petersburg, österreichisch - ungarisch. Minister des Äußern (f 1912). 570. Albedyll, v., General, seit 1871 unter Wilhelm I. Chef des Militärkabinetts (t 1897). 273. Albert, Prinz von Koburg- Gotha (Prince-Consort, f 1861). 457, 598, 676. Albert, Kronprinz, 1873 bis 1902 König von Sachsen, 164. Albrecht, Erzherzog von Österreich, Sohn des Erzherzogs Karl, Feldmarschall (f 1895). 93, 151 f., 153, 253. Albrecht, Prinz von Preußen, 1870 Kommandeur der 2. Kavalleriebrigade, 1885 Regent von Braunschweig (f 1906). 216. Albrecht, Appellationsgerichtspräsident. 271. Alencjon, Herzogin Sofie von, geborene Herzogin in Bayern, Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich (f 1897 in Paris, beim Brand des Bazar de la Charite). 521. Alexander I., Zar (von 1801 bis 1825). 379, 380 f., 479, 508, 568. Alexander II., Zar (regierte seit 1855, am 1. 3. 1881 in Petersburg durch Bombenattentat getötet). 157 f., 209, 298. „Der Friede ist gesichert“ (1875). 348f., 351, 364f. Sein Tod durch Bombenattentat. 371. Charakter. 375. Ehe. 375f. Verhältnis mit der Prinzessin Dolgorukij. 376f., 381, 382. Besuch in Berlin. 386, 395. Entrevue in Reichstadt 396. Erklärungen über Konstantinopel. 414. Rede i. Kreml. 416. Hauptquartier in Plojesti (Rumänien). 422. Rückkehr nach Petersburg. 427. Nimmt Bes- sarabien wieder. 428. Kriegsmüde. 429. Ungnädiger Empfang Peter Schuwalows. 451 f. Zusammenkunft mit Wilhelm I. in Alexandrowo 503 f. Haltung gegenüber Preuß.-Deutschland. 507. Bismarck über ihn. 556. Rolle d. Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch bei seiner Ermordung. 576. Alexander III., Zar (von 1881 bis 1894). 295, 365f„ 430, 479, 556, 565. Nur Russe. 566. In Skiernie- wice. 569. D. A. Tolstoi sein Minister des Innern. 572. Kein Krieg mit England. 580. Schwere Hand. 584. Zwei-Kaiser-Begeg- nung in Krcmsier. 586. Gegen Alexander Battenberg. 587 f., 600. Telegramm an Katkows Witwe. 612. Entdeckung eines Attentats. 612. Bei der Trauerfeier für Wilhelm I. 616. Über Friedrich III. 617. Bündnis mit Frankreich. 638. Demonstrativer Besuch der französisch. Ausstellung. 639. Kronstadt. 640. Wilhelm II. ihm unsympathisch. 641. Bismarck über seine Haltung gegen Deutschland. 680. Alexander, König von Griechenland, Sohn Konstantins, folgt ihm 1917 nach (t 1920). 419. Alexander (Battenberg), Fürst von Bulgarien (geh. 1857, gest. 1893 in Graz). 365 f. Proklamation. 587. Bestrafung durch den Zaren. 587 f. Krieg mit Serbien. 588. Handstreich gegen ihn. 600. Abdankung. 602. Heiratsaffäre. 601 f., 605. 694 NAMENREGISTER Alexandra, Gemahlin Eduards VII., Prinzen von Wales, dann Königs von Großbritannien und Irland, geh. Prinzessin von Dänemark (Holstein- Glücksburg). 19f., 155, 420, 457, 528, 580, 667. Alexandrine, Gattin des Großberzogs Paul Friedrich von Mecklenburg- Schwerin, geb. Prinzessin von Preußen, Schwester Wilhelms I. 65. Taf. 500. Alexej Alexandrowitsch, russischer Großfürst, dritter Sohn Alexanders II., General-Admiral (f 1908). 589, 640. Alexej Nikolajewitsch, Zarewitsch, Sohn Nikolaus’ II. (mit der Familie ermordet 1919). 189. Alexis, Landgraf von Hessen-Philippsthal - Barchfeld. 54. Alfons XII., Königv. Spanien seit 1874 (j - 1885). 532. Alfons XIII., König von Spanien, nachgeborener Sohn des vorigen und der Erzherzogin Marie Christine von Österreich, großjährig 1902. 604. Alfred, Herzog von Edinburgh, zweiter Sohn der Königin Victoria, seit 1893 Herzog von Koburg- Gotha (f 1900). 421, 648. Alice, Maud Mary, Großherzogin von Hessen, Tochter der Königin Victoria, seit 1862 Gemahlin Ludwigs IV. (f 1878). 596. Alopäus, russischer Gesandter in Berlin. 295, 296. Alvensleben, Graf Johann, 1872 Geschäftsträger in Petersburg, dann Gesandter in Darmstadt, Haag, Washington, Brüssel, 1900 bis 1905 Botschafter in Petersburg (f 1913). 361, 363, 365, 367 f., 374, 644, 685, 687. Amadeus, Prinz von Italien, Herzog von Aosta, zweiter Sohn Viktor Erna- nuels II., 1870 bis 1873 König von Spanien (f 1890). 458. Andrässy, Graf Gyula, ungarischer Ministerpräsident, 1871 bis 1879 Österreich. - ungarischer Minister des Äußern (t 1890). 151, 164, 347. Reformprogramm für den Balkan. 367, 386. Bismarck lädt ihn nach Berlin ein. 386. Opposition Herberts gegen ihn. 392. Charakteristik. 393 f. Berliner Zusammenkunft. 395. Rede in der Reichsratsdelegation. 395 f. En- trevue in Reichstadt. 396. Telegramm an Beust. 396. 1849 zum Tod verurteilt. 394, 399. Bismarck über ihn. 417. Beantragt Bismarcks Vorsitz im Berliner Kongreß. 435. Verliest Memorandum. 441. Rolle auf dem Kongreß. 448. Auf Werners Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Konferenzen Bismarcks mit ihm in Gastein. 505. 571. A. und Laura Minghetti. 669. Andrässy, Gräfin Katin- ka, geb. Kendeffy, Gattin des vorigen. 400. Andre, Universitäts-Reitlehrer in Halle. 78. Angeli, II. v., Porträtmaler. Im Salon der Gräfin Schleinitz. Taf. 304. Annunzio, Gabriele d’ (Rapagnetta), italien. Dichter. 408. Antonelli, Giacomo, Kardinal, seit 1850 päpstl. Staatssekretär (f 1876). 102, 269f., 274. Arenberg, Prinz Anton, Vater des folgenden. 282. Arenberg, Prinz Franz zu, Leutnant im Regiment Königshusaren, später als Mitglied des Zentrums Abgeordneter im preußischen Landtag und im Reichstag. 264ff., 270f., 274, 275, 281, 325, 326, 487, 490, 596, 626. Arenberg, Prinzessin Franziska, geb. Liechtenstein. 400. Arenberg, Prinzessin Maria Ghiselaine, geb. Merode, Mutter des Prinzen Franz. 282fL, 346. Arenberg, Prinz Philipp zu, Bruder von Franz, Domherr in Eichstätt in Bayern. 275 f. Ariost. 537. Armansperg, Graf Ludwig, bayrischer Minister, 1832 hellenischer Reichsverweser, 1835 bis 1837 Staatskanzler von Griechenland. 545. Arndt, Ernst Moritz. 4,45, 70, 261. Arnim, Graf Harry, 1864 preußischer Gesandter in Rom, 1872 deutscher Botschafter in Paris, 1874 abberufen, f 1881 in Nizza. Gräfin (Fürstin) Bismarck gegen ihn. 179. Bismarck trifft in ihm die Fronde. 299. Holsteins Machinationen. 387. Für monarchisches Frankreich. 481. Beziehungen zu Henckel - Donnersmarck. 493. Feindschaft Holsteins 627. NAMENREGISTER 695 Arnim- Boit zenburg, Graf Adolf, Bezirkspräsident von Lothringen, später Oberpräsident von Schlesien, 1880 bis 1881 Präsident des Reichstags (t 1887). 284 f. Astorg, Comte d\ französischer Gesandter in Darmstadt. 162. Au her, Professor in Berlin, Examinator im Französischen. 360. Auerbach, Berth., Schriftsteller. 121. August, Prinz von Württemberg, seit 1858 Kommandierender General d. preuß. Gardekorps, 1882 i. Ruhest, (f 1885). 90. Augusta, Deutsche Kaiserin (geb. 1811 in Weimar, gest. 1890 in Berlin). 4, 65, 95. Gräfin (Fürstin) Bismarck über sie. 178. Echt Weimar. 243. Vertrauen zu Loe. 251. Abneigung gegen Bücher, Paul Hatzfeldt in ihrer Gunst. 293. Gegen Bismarck. 298. Ihr Vorleser Gerard. 304f. Schleinitz ihr Liebling. 306. Über Heinrich v. Bülow. 311. Ihre Empfänge. 317. Protegiert. 343 f. In Ems. 499 f. Über Allgemeines Stimmrecht und Kulturkampf. 500. Einfluß auf die Damen ihres Hofs. 553. Empfängt Bülow und Frau. 595. Augusta, Großherzogin v. Mecklenburg-Strelitz. 62. Auguste Viktoria, Deutsche Kaiserin, Gemahlin Wilhelms II. (f 1921). 20, 136, 222, 596, 661, 678. Aumale, Herzog Henri (Orleans), vierter Sohn von Louis-Philippe, General- Gouverneur von Algerien, unter der Republik Mitglied der Nationalversammlung, Akademiker, Besitzer d. Schlosses Chantilly (f 1897 in Zucco bei Palermo). 237, 315, 521 f. Avarna di Galtieri, Herzog von, Sekretär der Italienischen Botschaft in Paris, später Botschafter in Wien (f 1916). 526. Azeglio, Massimo, Marchese d’, italienischer Staatsmann (f 1866). 536. Babeuf (Baboeuf), französischer revolutionärer Sozialist (f 1797). 470. Bach, Alexander Freiherr von, 1848 und 1849 Österreich. Justizminister u. Min. d. Inn., Zentralist, 1859 bis 1867 Botsch. i. Rom (f 1893). 165. Baidissera, Antonio, italienischer General, Oberbefehlshaber in Abessinien (f 1917). 672. Ballin, Albert, Direktor der Hapag (f 1918). 493. Balzac, Honore de. 121, 340, 403, 490, 497, 684. Baratieri, Oreste, italienischer General, von Menelik besiegt in der Schlacht bei Adua (f 1901). 672f. Barberina (Barbara Cam- panini), verheiratet als Frau von Cocceji. 296. Barnekow, v., Generalleutnant. 240f., 254f. Barral, Graf, italienischer Politiker, Gesandter am Bundestag. 525, 654, 655. Barrere, Camille, seit 1897 französischer Botschafter in Rom (f 1923). 466, 548. Barth, liberaler bayrischer Allgeordneter. 161. Barthelemy-Saint-Hi- laire, Jules, 1880 bis 1881 französischer Minister des Äußern, Professor am College de France (t 1895). 485. Bassermann, Ernst, nationalliberaler Parteiführer (| 1917). 114,169, 316. Battenberg, Prinz Heinrich, Gatte der Prinzessin Beatrice von England, jüngerer Bruder Alexanders von Bulgarien (f 1896). 604. Battenberg, Prinz Louis (Mountbatten), Sohn des Prinzen Alexander von LIcssen-Darmstadt, älterer Bruder Alexanders von Bulgarien (j" 1921). 421, 603. Baudissin, Graf Hermann, dänisch. Hofjägermeistcr, Großonkel Bülows. 46. Baudissin, ReichsgrafKarl von, dänischer Gesandter in Berlin, dann Gouverneur von Kopenhagen, Urgroßvater Bülows. 43, 44, 52. Taf. 48. Baudissin, Graf Karl, General, Großonkel Bülows. 46. Baudissin, Reichsgräfin Sophie Charlotte, geb. Reichsgräfin v. Demath, Urgroßmutter Bülows. Taf 48. Baudissin, Reichsgräfin Susanne, siehe Susanne v. Bülow. Taf. 64. Baudissin, Graf Wolf, Großonkel Bülows, mit Tieck Nachdichter Shakespeares (f 1878). 46 ff., 48, 76, 106, 116. Baudissin, Graf Wolf, Sohn von Hermann Baudissin, Professor der Theologie, 1912/13 Rektor der Berliner Universität. 46 f. 696 Bazaine, Francois Achille, französischer Marschall, Oberbefehlshaber in Mexiko, 1870 zur Übergabe von Metz gezwungen, 1873 zum Tod verurteilt, 1874 der Haft entflohen (f 1888 in Madrid). 598. Beaumarchais, Caron de, französischer Schriftsteller, Autor des „Mariage de Figaro“. 517. Bebel, August, Führer der deutschen Sozialdemokratie (f 1913). 470, 581. Beck, Friedrich v., österreichischer Militärattache beim Bundestag, 1867 Vorstand der Militärkanzlei des Kaisers Franz Josef, 1888 bis 1906 Chef des österreichisch-ungar. Generalstabs (f 1920). 14f., 391. Beckmann, Albert, welfi- scher Agent. 133. Beethoven, Ludwig van. 529. Beissel von Gymnich, Graf, Fähnrich im Regiment Königshusaren. 192. 196, 224. Bekker, Ernst Immanuel, Sohn des berühmten Philologen, Universitätsprofessor in Heidelberg, Halle, Greifswald, dann Jurist (f 1916 in Heidelberg). 267 f., 270 f. Bell, Zentrumsabgeordneter. 450. Bellegarde, Graf, Generaladjutant des Kaisers Franz Josef. 391. Beloselsky, Fürst, General ä la suite des Zaren. 588. ' Below, Otto v., General, Armeeführer im Weltkrieg. 171. NAMENREGISTER Benedek, Ludwig Ritter von, österreichischer Feldmarschall, Generalstabschef Radetzkys, dann Oberbefehlshaber in Italien, besiegt bei König- grätz (f 1881). 100. Bcnedetti, Graf Vincent, französischer Botschafter in Turin, 1864 bis 1870 in Berlin (f 1900), 1866 bei Bismarck. 92. In Ems. 130, 164. Geheimer Vertragsentwurf von 1867, Bismarcks Enthüllungen. 173 ff., 289. Taf. 176. Benkendorf, Gräfin Luise, geb. Croy. 308 f. Benkendorf, BaronMitja, Sekretär der Russischen Botschaft in Berlin. 315 f. Bennigsen, Rudolf von, Führer der Nationalliberalen, bis 1897 Oberpräsident von Hannover (t 1902). 114. Bentheim, v., preußischer General. 254. Bfiranger, Pierre Jean, französischer Dichter. 41, 134. Berard, Victor, französischer Publizist. 131. Berchem, Graf Max, Legationsrat, deutscher Geschäftsträger in Stockholm, dann Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. 485. Berchtold, Graf Leopold, 1912 bis 1915 österreich.- ungarischer Minister des Äußern. 389. Beresford, Sir Charles, engl. Admiral (f 1919). 552. Berezowsky, polnischer Attentäter auf den Zaren Alexander II. 158. Berger, Alfred Freiherr v., Direktor des Deutschen Schauspielhauses i. Hamburg, dann des Wiener Burgtheaters (f 1912). 487. Berlepsch, v., Oberpräsident der Rheinprovinz, 1890 bis 1896 Handelsminister. 629. Bernhardt, Sarah, Tragödin (f 1923). 448. Bernstorff, Graf Albrecht, 1861 bis 1862 preußischer Minister d. Äußern, dann Botschafter in London (t 1873). 97, 296. Bernstorff, Graf Christian Günther, 1800 bis 1810 dänischer, 1818 bis 1832 preußischer Minister des Auswärtigen (flSSS). 50. 294f., 296. Bernuth, v., Polizeipräsident von Berlin. 86. Bert, Paul, Professor der Naturwissenschaften in Bordeaux, Deputierter, 1881 bis 1882 Unterrichtsminister, dann Generalgouverneur von Indochina (f 1886). 501f., 528. Bethmann, Hugo, Mitschüler Bülows in Frankfurt a. M. 26. Bethmann Hollweg, Theobald v., Oberpräsident von Brandenburg, 1905 Minister des Innern, 1909 bis 1917 Reichskanzler (| 1921). 91, 131, 150, 156, 158, 170, 177, 476, 582, 625, 654. Beust, Graf Friedrich Ferdinand, bis 1866 sächsischer Ministerpräsident, bis 1871 österreichischer Minister d. Äußern, dann Botschafter in London und in Paris (f 1886). 11, 151, 153, 163, 164. Zirkular-Depesche v. 20. 7. 1870. 165. Depesche NAMENREGISTER 697 an Richard Metternich. 166. B. durch Andrässy ersetzt. 393. Telegramm Andrässys über Reichstadt. 396. Als Botschafter in Paris. 524f. Beyens, Baron, belgischer Gesandter in Paris. 527 f. Beyer, Gustav Friedrich v., General, ab 1871 Gouverneur von Koblenz und Ehrenbreitstein (fl899). 99. Biegeleben,Ludwig Maximilian v., hessischer Geschäftsträger in Wien, seit 1850 im österreichischen Ministerium des Äußern (f 1872). 164, 394. Bille, H. von, Sekretär der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag, dann dänischer Gesandter in London. 15f. Bismarck, Graf Herbert, älterer Sohn des Fürsten, 1882 Botschaftsrat inLon- don, 1884 in Petersburg, Gesandter im Haag, 1885 Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, 1886 bis 1890 Staatssekretär (f 1904). Am Arm Holsteins 177 f. Sein Lieblingslied 178. Verhalten gegen Elisabeth Carolath. 25 lf. Von Holstein gegen Bücher aufgehetzt. 294. Fehler bei der Romreise als Staatssekretär 1888. 338. Charakter. 350, 360. Gratuliert Bülow 360. Fürst Bismarck zu ihm über Andrässy. 417. Stützt den rekonvaleszenten Bülow. 439. Beim Schlußdiner des Berliner Kongresses. 451. Holstein imponiert ihm. 453. Nicht immer günstiger Einfluß auf s. Vater. 456. Bülows Freund. 487. Philipp Eulenburg schließt sich ihm an. 488. Begegnung mit Jeröme Napoleon. 521. Über Holstein. 547. Besuch in Paris. 547 f. Lädt Bülow nach London ein. 548. Über den Grafen Münster. 550. Brief an Bülow. 558 f. In Skiernie- wice. 570. Unvorsichtige Äußerungen über England und Rußland. 580. Beim Fackelzug für den Vater. 582. Aussprache zwischen Bülow u. Herbert. 584 ff. Heirat mit Gräfin Hoyos. 585. Unterredung zwischen ihm und Bülow. 590 f. Schärfer als sein Vater. 607. Über Holstein 607. Rückversicherungsvertrag mit Rußland. 614. Fragt bei Bülow wegen dessen Sendung nach Washington an. 617. Schwärmt für den Prinzen Wilhelm. 619. Sein Vater über ihn. 623. Tischgesellschaften. 627. Ausbruch für Holstein. 627. Bülow über ihn an Eulenburg. 632 f. Nach d. Demission. 642 ff. Briefe an Bülow. 644 ff. Haß auf Holstein. 647. Hochzeit. 650. Liebt gute Weine. 669. Mit Eulenburg überworfen. 683. Bismarck, Johanna von, geborene von Puttkamer (f 1894 in Varzin). Ihre Frömmigkeit. 7. Bülow in ihrem Salon. 99. Trost mit einem Herrnhuterlied. 156. „Ottochen“. 178f. „Unser großer Steuermann“. 286. Ihre Häuslichkeit. 297. ICeu- dell ihr Jugendfreund. 323, 324. „Ottochens“ Lackpotten. 382. Gegen Radowitz, für Holstein. 453. Weint bei der Verlobung ihrer Tochter. 455. Abendtafel in Varzin. 554. Über Personen der Berliner Gesellschaft. 555. Holstein besucht sie nicht mehr. 627. Bismarck, Gräfin Marie von,dann Gräfin Rantzau. 178f., 188. Verlobung mit Graf Wendt Eulenburg, dessen Tod. 360 f. Heirat mit Rantzau. 361. Verlobungsdiner. 455 f. Befreundet mit Adda Eulenburg. 488. Brouille Holsteins mit Rantzaus. 627. Bismarck, Otto von (f 30. 7. 1898 in Friedrichsruh). 1851 bis 1859 preußischer Gesandter am Bundestag, 1859 Gesandter in Petersburg, 1862 in Paris, seitdem Ministerpräsident und Minister des Äußern, seit 1871 Reichskanzler. Bundestagsgesandter in Frankfurt a. M. 6 ff. Über den siebenjährigen Bülow. 7. Gortscha- kow über Bismarck- Schönhausen. 8. Spaziergänge mit Bülows Vater. 9. Über Annexionen. 10. Weggang von Frankfurt nach Petersburg. 12. Sein Kanzleisekretär in Frankfurt über ihn. 16. Im F rankfurterWäldchen .21. Über Sprachkenntnisse. 21. Nennt Herbert nach dem Zaren Nikolaus. 25. Einigung Deutschlands. 45. Gegen Lasker. 48. In der Schleswig-Holsteinischen Frage. 52. Über die Oertzens. 58. Über Mecklenburg. 61. Junker. 63. Besuch von Bülows Vater bei ihm (1863). 64f. Unterschätzt. 80. Seine Reden. 81. Er gibt sein Spiel nicht auf. 81 f. Worte über den jüngsten Erben desThrons (Wilhelm II.). 82. Erlaß 698 an die Vertreter Preußens (14. 3. 66). 85. Attentat Cohn-Blinds auf B. 86f. Entwurf der Antwort Wilhelms I. an Breslau und des „Aufrufs an mein Volk“. 88. Brief an General v. Manteulfel. 89 f. Hat 1866 den Krieg gewollt. 91. „Vive le roi!“ 92. Verhandlungen vor Kriegsausbruch. 95. B. und Gräfin Oriola. 95. B. und Graf Robert Goltz. 97. Aufforderung an Sachsen, Hannover u. Kurhessen. 99. Depesche an Ysenhurg. 99. Hohenfriedberger Marsch. 99. Droht Mecklenburg-Stre- litz zu annektieren. 103. Nach Königgrätz. 104. Aus dem Korps hervorgegangen. 114. B. und Lassalle. 121 f. Politik. 127. Emser Depesche. 129 f. Telegramm an Bü- lows Vater. 148. Macht der Armee die Arme frei. 150. Desavouiert Note Usedoms an Lamormora. 154. B. u. Rußland. 155 ff. Polenfeindschaft. 156 f. Hat 1866 Wilhelm I. zum Verzicht auf Annexion in Süddeutschland gezwungen. 158. Geniales Verfassungswerk. 161. Entsendet Holstein nach Florenz. 166. Trinkspruch Wilhelms I. auf ihn. 167. Zwischenfall in der Nacht nach Sedan. 168. Imponderabilien. 171. B. enthüllt die Geheimverhandlungen mit Napoleon III. 173ff. Reichtum habe ein Hasenherz. 199. Mißtrauen gegen Loe. 251. Lob für diesen in Ehren- alTäre. 253. Dienstzeit in Greifswald. 267. Prof. Bekker über ihn. 268. Antonelli über ihn im NAMENREGISTER Kulturkampf. 269. Prinzessin Arenberg über ihn. 283. Schaffung des Reichslands Elsaß-Lothringen. 285 f. Nimmt Bülow als Attache ins Auswärtige Amt. 288. Diplomatie „Arbeit in Menschenfleisch“. 290. Das Rezept Hatzfeldts für den Umgang mit ihm. 292. Die Räume in der Wilhelmstraße. 295 ff. Charakteristik. 297 ff. B. und Rußland nach 1870. 298. Widersacher 298 f. Schleinitz seine „bete noire“. 305 f„ 308. Bleichröder über ihn. 308. Seine Konfirmation durch Schleiermacher. 310. B. und der bayrische Gesandte. 316. Drohung geg. Italien weg. d. päpstlichen Enzyklika. 329 ff. Der Kronprinz über ihn. 341. Zorn über Protektion durch Kaiserin Augusta. 344. Der „kalte Wasserstrahl“ nach Paris (1875). 347 ff. Besuch Bü- lows in Varzin. 350 f. Der Fürst beim Begräbnis Wendt Eulenburgs. 360. Mag Werder nicht. 366. Enthaltung in Balkankonflikten. 367. Aus seiner Petersburger Gesandtenzeit. 382. Sein Ideal das Dreikaiserbündnis. 385. Kein Freund von Allianzen. 385 f. Über Holstein. 386f. Über die österreichischen „Herbstzeitlosen“. 392. Coriolan. 393. Fordert Kavaliers-Perspektive. 394. Erklärung zum Berliner Memorandum. 395. Äußerungen über die Orientkrise. 417. Über Andrässy. 417. Die „Knochen des pommer- schen Musketiers“. 429. Ignoriert Gortschakow. 429. Löst den Reichstag auf. 434. Überschätzt die Macht der Gewalt. 435. Auf dem Berliner Kongreß. 435 ff. Prestige-Politik. 436 f. Über den „jungen Bülow“. 439. Lächelt sarkastisch zu Gortscha- kows Rede. 440. Grobe Zurückweisung des türkischen Delegierten. 442. Für russisches Bessara- bien. 443. Als Kongreß- Dirigent. 444. Auf Werners Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Gegen Radowitz, für Holstein. 453. B. und Herbert. 456. Sein Arzt in Biarritz. 459. Appetit. 469. Gambetta über ihn. 474. B. über Frankreich. 475. Begrüßt Präsidentschaft Grevys. 478. Über germanischsemitische Ehen. 485. Grollt Henckel-Donners- marck. 493. Temperamentsausbrüche, vom Kaiser bedauert. 503. Argwohn und Zorn wegen der Zusammenkunft v. Alex- androwo. 503 f. Besuch bei Franz Josef. 505. Organisiert Pressesturm für das Bündnis. 508 f. Bernhard Bülow überreicht Abschiedsgesuch seines Vaters. 509 f. Krankenbesuch bei diesem. 510f. Beileidstelegramm an Bernhard Bülow. 512. Freundschaft mit Nikolai Orlow. 524. Nimmt Pariser Insultierung von Alfons XII. ruhig auf. 532. Über Dr. Nachtigal. 540. Tadelt den Grafen Münster. 550. Dieser über ihn. 550. In Varzin. 554 ff. Über „prophylaktische“ Kriege. 555 ff. Über innere Gegner. 557f. Arrangiert Drei - Kaiser - Zusammenkunft. 566. Bericht Bü- lows bei ihm. 567 f. In NAMENREGISTER 699 Skiemiewice. 570. Über Börse und afghanischen Konflikt. 581. Siebzigster Geburtstag. 581 ff. Giers in Friedrichsruh. 587. Der Fürst bewilligt Bülows Heirat. 591. Empfängt die Neuvermählten. 595. Über Bülows Frau. 597. In der bulgarischen Affäre für Rußland. 601. Gegen die Verlobung der Prinzessin Viktoria mit dem Battenberger. 602. Gegen dessen Parteigänger. 606. B. und Prinz Wilhelm. 606 f. B. und Waldersee. 609. Walder- see über B. und den Prinzen W. 610. Rück- versicherungsvertrag mit Rußland. 614. Rede vom 6. Februar 1888. 615. Nachruf auf den alten Kaiser. 616. Schickt Bü- low nach Bukarest. 617. Audienz bei der Königin Victoria. 618f. Bülow und Frau bei ihm zu Tisch. 619. Über Friedrich III. 619. Über Herbert und Holstein. 623. Krise. 626ff. Entlassung. 635ff. Wirkung seines Rücktritts. 641 f. Herbert Bismarck über die Demission. 642 ff. Bismarck überWilhelmll. 643 f. Nichtempfang in Wien. 650. Von Crispi bewundert. 654. Von Wilhelm II. ins Berliner Schloß eingeladen. 657 f. Verurteilt die Krüger- Depesche. 667. Bewundert von Rampolla. 679. Sein 80. Geburtstag. 680. Enthüllungen in den „Hamburger Nachrichten“. 680 ff. Drohungen Wilhelms II. gegen ihn. 681. Kampf gegen Marschall. 689. Taf. 128, 512 568, 640. Bismarck, Graf Wilhelm (Bill), jüngerer Sohn des Fürsten,1889 Regierungspräsident in Hannover, seit 1895 Oberpräsident von Ostpreußen (f 1901). 178, 350 f., 393. Gegen Holstein. 453f. In Varzin. 554f.,557. BricfanBülow. 566, 591. Sein Vater ist ihm zu russenfreundlich. 607. Über seinen Vater und Wilhelm II. 643. Bismarck-Bohlen, Graf Friedrich Alexander, General, 1870 bis 1871 Generalgouverneur im Elsaß (t 1894). 488. Bismarck-Bohlen, Graf Karl. 268, 324. Blanc, Baron Alberto, 1893 bis 1896 italienischer Minister desÄußcrn (f 1904). 525, 654f., 661, 673. Blanc, Francois, Inhaber des Homburger Kursaals, Pächter der Spielbank von Monte Carlo. 114. Blanc, Louis, französischer Historiker, radikaler Sozialist (f 1882). 670. Blaserna, Pietro, Senator und Professor der Physik in Rom. 535, 538. Bleichröder, Gerson, Chef des Berliner Bankhauses (t 1893). Über Bismarck. 308. Französische Kriegsentschädigung. 494. Anekdote. 622. Bio me, Graf Gustav, 1849 bis 1866 in österreichischen diplomatischen Diensten (f 1906). 394. Blücher, Fürst. 59, 61, 63, 251. Blum, Hans, Dr., Sohn des folgenden, Publizist (f 1910). 558. Blum, Robert, deutscher Demokrat, erschossen am 9. 11. 1848 in Wien. 545, 558. Blumenthal, Leonhard von, Generalstabschef des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, später Generalfeldmarschall (f 1900). 146 f., 283. Bock, v., Oberst, Kommandeur der 29. Infanterie-Brigade. 185,198, 230, 232. Bockum-Dolffs, Florens Heinrich v., Oberregierungsrat, preußischer Liberaler der Konfliktszeit (t 1899). 81. Börne, Ludwig, Publizist. 534. Böselager, v., Schwadronschef. 255. Bötticher, Karl Heinrich von, seit 1880 Staatssekretär des Innern, 1888 Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums (f 1907). 629. Bogdano witsch, russischer General. 612. Bollati, Sekretär der Italienischen Botschaft in Paris, später Botschafter in Berlin. 526. Bonin, Adolf v., preußischer General. 100. Bonnechose, de, Erzbischof von Rouen. 195. Bonnemain, Madame de, Geliebte Boulangers. 498. Borcke, Richard v., Fähnrich im Regiment Königshusaren. 223. Borsig, Albert, Fabrikant in Berlin (f 1878). 309. Boselli, Paolo, italieni- scherFinanzminister, 1916 bis 1917 Ministerpräsident. 661. Bouille, Vicomte de, französischer Gesandter in Madrid. 314. 700 Boulanger, Georges, französischer General, 1886 bis 1888 Kriegsminister, gestorben durch Selbstmord am 30. 9. 1891 in Brüssel. 498, 597, 611 f. Bourbaki, Charles Denis, französischer General, Führer der 1. Loire-Armee (f 1897). 185, 192, 193, 196. Bourgoing, Baron Otto, Sekretär der französischen Botschaft in Wien. 163. Brahms, Johannes, Komponist. 107. Brailas-Armeni, griechischer Gesandter in Paris. 526. Brandenburg, GrafFried- rich Wilhelm (f 1850), unehelicher Sohn Friedrich Wilhelms II., 1848—1850 preußischer Ministerpräsident. 148. Brandenburg, Graf Wilhelm, Generalmajor, Sohn des vorigen (j" 1892). 148. Brandis, v., Offizier, zuletzt Hofmarschall in Sig- maringen. 272 f. Bratianu, Joan, rumänischer Ministerpräsident (t 1891). 443, 602, 619, 620, 621, 622f., 624. Braun, Karl (Wiesbaden), nationalliberaler Reichstagsabgeordneter. 415. Braun, österreichischer Legationssekretär in Frankfurt a. M., als Freiherr von B. Chef der Kabinettskanzlei des Kaisers Franz Josef. 14. Bray, Graf Camillus Hugo, 1870 bayerischer Ministerpräsident (f 1899). 160. Breysig, Kurt, Professor in Berlin, Historiker. 406. Briand, Aristide, französischer Staatsmann, seit NAMENREGISTER 1902 als unifizierter Sozialist Abgeordneter. 284, 479, 654. Bright, John, englischer Staatsminister, Führer d. Manchester-Schule (gest. 1889). 175. Brillat-Savarin, französischer Schriftsteller. 517. Brincken, Freiherr von, Erster Sekretär der Botschaft in London. 288, 304. Brisson, Henri, 1885 französischer Ministerpräsident, 1894 bis 1899 Kammerpräsident (f 1912). 516. Brockdorff, Gräfin Therese, geh. Loe, Oberhofmeisterin der Prinzessin Wilhelm. 312. Broglie, Albert Victor, Herzog von, 1874 u. 1877 Ministerpräsident (fl 901) 328, 473. B r o h a n, Madeleine, Mitglied der Comedie-Fran- ijaise. 113. Brühl, Gräfin Hedwig, Hofdame der Kronprinzessin Viktoria. 338. Taf. 304. Bücher, Lothar, 1850 bis 1859 Emigrantin London, 1864 bis 1886 Mitarbeiter Bismarcks (f 1892). 79, 291 ff. Folgt Bismarck nach Friedrichsruh. 294, 324, 355, 359. Gegen Holstein. 454. B. und Mal- wida v. Meysenbug. 670. Buckle, Henry Thomas, englischer Historiker. 405. Budde, Hermann, Chef der Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabs, 1902 preußischer Arbeitsminister (f 1906). 262. Büchsei, Generalsuperintendent, Prediger an der Matthäikirche in Berlin. 438, 511, 513. Bülow, Adolfv., Großvater Bülows. 44, 50 f. Bülow, Adolf v., Bruder Bernhards, Flügeladjutant, Brigade-Kommandeur (f 1897). 24, 36, 53, 60, 63, 69, 72, 105, 112, 114, 125, 128, 132, 147 f., 183, 209, 244f., 323, 502, 513, 514, 553, 567, 627. Bülow, Alfred v., Bruder Bernhards, Gesandter in Bern. 24, 69, 437, 642. Bülow, Adolf v., Vetter Bernhards, Militärattache in Paris, später Kommandierender General des rheinischen, dann des badischen Armeekorps, 1896 Generaladjut. 463, 484. Bülow, Bernhard v. (geh. 3. 5. 1849, gest. 28. 10. 1929). Taf. 240, 256, 328, 512. S. auch Sachregister. Bülow, Bernhard v., Oberhofmarschall in Schwerin, Großonkel Bülows. 49. Bülow, Bernhard Ernst, Vater des Fürsten, 1851 dänischer Gesandter am Bundestag, 1862 bis 1867 Staatsministeri. Mecklenburg-Strelitz, 1868 meck- lenb. Gesandter in Berlin, 1873 bis 1879 Staatssekretär im Auswärtigen Amt (f 1879). Dänischer Gesandter beim Bundestag für Holstein und Lauenburg. 7. Erinnerungen an die Frankfurter Zeit. 7 ff. Erschüttert durch den Tod des Zaren Nikolaus. 25. Fahrt nach Helgoland. 40. Kindheit in Plön. 47. Ausscheiden aus dem dänischen Dienst. 49, S3ff. Übertritt nach Mecklenburg. 55. Reise nach Berlin und Baden-Baden. 64 f. Rcligions-Gespräch mit dem Sohn. 83 f. Beklagt die Sprengung des NAMENREGISTER 701 Deutschen Bundes. 101. Mecklenburgischer Gesandter in Berlin. 103. Brief an den Sohn. llOf. Nicht für Korpsleben. 114. Leidet unter demTod der Tochter Bertha. 126. Gegen Bernhards Meldung als Kriegsfreiwilliger. 132. Häusliche Sorgen. 182. Bibel - Eintragung bei Rückkehr des Sohnes. 260. Weist ihn dem diplomatischen Dienst zu. 273. Wird Staatssekretär des Auswärtigen Amts. 275, 288. Fürst Bismarck über ihn. 275. Ratschläge für den Sohn. 289 f. Kaiserin Au- gusta über ihn. 317. Schickt den Sohn ins Ausland. 320. Unterredung in Mailand mit Minghetti. 330 f. Über die Kriegsgefahr. 347 ff. Über die Situation von 1876. 386 f. Zirkular an die preußischen Vertreter üb. d. Balkankonflikt. 412f. Erklärung im Reichstag. 415. Einfluß auf geistige Bildung des Sohnes. 432. Uber Prestige-Politik Bismarcks. 436f. Auf Werners Kongreß-Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Über Holstein. 454 f.Toast im Hause Bismarck. 451. Leiden. 502f. Konferenzen mit Wilhelm I. zur Erlangung einer Unterschrift unter das Bündnis mit Österreich-Ungarn. 505. Abschiedsgesuch. 509 f. Besuch Bismarcks bei ihm. 510f. Tod. 511. Kondolenzen Wilhelms I. u. Bismarcks. 512. Trauerfeier. 513. Taf. 24, 508, 512. Bülow, Bernhard Joachim v. , mecklenburg.-schwe- rinischcr Geheimrat und Oberhofmarschall, Urgroßvater Bülows. 49, 60. Bülow, Bernhard Vollrath v., mecklenburgischer Gesandter beim Bundestag. 13 f. Bülow, Bertha von, Schwester Bernhards (f 1270). 125 f., 217, 228. Bülow, Charlotte v., Tante Bülows (unverheiratet). 49. Bülow, Christian v., Bruder Bernhards, Offizier bei den 2. Garde-Dragonern. 127f., 132, 558. Bülow, Christoph Karl v., General unter Friedrichll. 271 f. Bülow, Friedrich von, Hofoberstforstmeister in Württemberg. 49. Bülow, Friedrich v., jüngster Bruder Bernhards. 128,511. Bülow, Friedrich Wilhelm von, General, 1813 Sieger von Dennewitz, Graf seit 1814 (f 1816). 144. Bülow, Gabrielev., Gattin Heinrichs v. B., Tochter Wilhelms v. Humboldt. 50, 309 ff. Bülow, Hans v., Pianist und Dirigent (f 1894 in Kairo). 63. Bülow, Heinrich v., 1827 bis 1841 preußischer Gesandter in London, dann am Bundestag, 1842 bis 1845 Minister des Äußern (f 1846). 50, 309 ff. Bülow, Karl v., mecklenburgisch - schwerinischer Kanzleidirektor. 49. Bülow, Karl Ulrich v., Bruder Bernhards, Militärattache in Wien, dann Flügel - Adjutant, Kommandeur der 2. Gardeulanen. 125. Bülow, Luise v.,geb. Rük- ker, Mutter des Kanzlers. Pietismus. 7. Das Englische ihr vertraut. 22. Reise nach Italien. 37. Gegen die Gräfin Danner. 54. Tod der Tochter Bertha. 126. Neues Testament. 180. Frage nach dem Kirchenbesuch. 239. Gebetsgläubig. 438. Gespräch Bismarcks mit ihr. 510 f. Beim Tod ihres Gatten. 511f. Bei derTrauer- feier. 513. Zu Bülows Frau 596. Bülow bei ihr in Seelishurg. 608. Tod. 651. Taf. 144, 508. Bülow, Marie von (Gräfin, Fürstin), geh. Campore- ale, geschiedene Gräfin Dönhoff (t 1929). 179, 309 f., 323, 338f., 39911'., 431, 528ff., 534ff., 539ff., 584ff., 589ff., 594, 595 ff., 605, 617, 618, 619, 626, 650, 665, 667, 668. Bülow, Paula v., Gattin d. Oberstallmeisters Vollrath v. B., geh. von Linden. 14. Bülow, Susanne v., geh. Baudissin, Großmutter Bülows, in zweiter Ehe Frau v. Warnstedt. 43, 47 ff. Taf. 64. Bülow, Vollrath v., mecklenburgischer Oberstallmeister, Vater von Bernhard Vollrath v. B. 13f. Bülow, Waldemar v., Bruder Bernhards (f 1855). Tod mit zwei Jahren. 24, 125. Bülow-Wendhausen, Marie v., Hofdame in Mecklenb.-Strelitz. 102. Bürger, Gottfried August, Dichter. 73, 370. B u 1 w e r, Edward (Lytton), englischer Romanschriftsteller. 121. 702 NAMENREGISTER Bunsen, Josias v., Gelehrter u. preußischer Staatsmann und Diplomat, 1854 aus London abberufen, seit 1857 Mitglied des Herrenhauses (f 1860). 333. Buol -Schauenstein, Graf Karl Ferdinand, 1852 bis 1859 österreichischer Minister des Äußern (t 1865). 397. Busch, Klemens, Dr., Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, deutscher Gesandter in Bukarest, dann in Stockholm. 454. 623 f. Bylandt-Rheidt, Graf, österreichischer Generalmajor, 1876-1888 Reichs- kriegsmin. (f 1891). 391. Byron, Lord, 262, 335f., 422, 524. Cambon, Jules, französischer Botschafter in Madrid und Berlin. 466, 480, 548. Cambon, Paul, Bruder des vorigen, französischer Ministerresident in Tunis, dann Botschafter in Konstantinopel und London (t 1924). 466, 539, 548. Cambridge, Herzog von, britischer General, seit 1862 Feldmarschall (f 1904). 62. Campenon, Edouard, Oberst im französischen Generalstab, 1881—1882 und 1883—-1886 Kriegsminister (f 1891). 517. Camporeale, Fürst Domenico, Vater der Fürstin Bülow. 538, 665 f., 668, 669. Camporeale, Fürst Paolo, Schwager Bülows. 664 f. Canova, Antonio, Bildhauer. 309. C a n tü, Cesare, italienischer Gelehrter und Schriftsteller. 536. Caprivi, Leo v. (1891 Graf), Chef der Admiralität, Kommandierender General, 1890 bis 1894 Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident (t 1899). 214, 316, 479, 614, 637, 638 f., 644, 645, 647, 650, 658, 681. Abschied. 683. Carayon - Latour, de, französischer Legitimist. 477. Carlyle, Thomas, englischer Historiker. 81, 522. Carneri, Philosoph. 14. Carnot, Sadi, seit 1887 Präsident der Französischen Republik, in Lyon am 25. 6. 1894 von dem Italiener Caserio ermordet. 640. Caro, Eime Marie, französischer Philosoph. 522. Carol (Karl) von Hohen- zollern, Fürst, dann König von Rumänien (gest. 1914). 129, 168. Vor Plewna. 423, 443. Charakteristik. 619ff. Über Wilhelm II. und Bismarck. 628f., 635, 646, 647 f. Abschied Bülows von ihm. 651. Carolath, Fürst Karl, verheiratet mit Gräfin Elisabeth Hatzfeldt. 234. Carp, Peter, rumänischer Politiker, Führer der Junimisten (f 1919). 622, 624, 646. Carrel, Armand, französischer Journalist und Politiker. 496. Castelar, Emilio, spanischer Republikaner. 468. Castelnau, Vicomte de, französischer General im Weltkrieg. 472. Cavaignac, Louis Eugene, französ. General, 1848 Militärdiktator (f 1857). 471. Cavour, Graf Camillo, italienischer Staatsmann (f 1861). 287, 331, 408, 467, 474, 536, 606, 655 f., 660, 661, 662. Challemel-Lacour, Paul Armand, französ. Politiker und Geschichtschreiber der Philosophie, 1879 Botschafter in Bern, 1883 Minister des Äußern (f 1896). 321. Chambord, Graf von (Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonne von Bourbon), Thronprätendent (f 1883 in Frohsdorf bei Wien). 531. Chamisso, Adelbert von, Dichter. 17, 243. Charlotte, Zarin, Gattin Nikolaus’ I., Schwester Wilhelms I. von Preußen. 377, 507, 568. Charlotte, Prinzessin von Preußen, später Erbprinzessin von Meiningen. 313. Charmes, Francis, Chroni- queur der „Revue des Deux Mondes“. 548. Charmes, Xavier, Publizist. 170, 466. Chartres .Herzog Robert v. (Orleans), Reiseschriftst. (t 1910). 521. Chateaubriand, Francois Rene de, französischer Dichter und Staatsmann. 425. Cherbuliez, Victor (Valbert in der „Revue des Deux Mondes“), Romanschriftsteller. 581. Chigi, Fürst Agostino, gefallen in der Schlacht bei Adua. 673. NAMENREGISTER 703 Christian VIII., seit 1839 König von Dänemark (t 1848). 54. Christian IX., 1863—1906 König von Dänemark (vorher Prinz von Holstein- Sonderburg- Glücksburg). 19, 20, 295, 418. Cialdini, Enrico, Herzog von Gaeta, italienischer General, Botschafter in Paris. 525, 655. Cissey, de, französischer General, 1871—1873 und 1874—1876 Kriegsminister (f 1882). 328. Clam-Gallas, Graf Eduard, österreichischer General (f 1891). 163. Classen - Kappelmann, Kölner Demokrat. 87. Clausewitz, Karl v., preußischer General und Militärschriftsteller (f 1831). 254. Clemenceau, Georges, Arzt, Politiker, 1876 bis 1893 Abgeordneter, dann Senator und Minister. 93, 134, 284, 469, 472, 480f., 484. Stürzt Gambetta. 517, 553, 654. Cohden, Richard, Führer der englischen Freihandels-Liga. 175. Cohn, Dr., Kurarzt in Oeynhausen. 127, 133, 134, 458. Cohn-Blind, Ferdinand. 86 f. Com bes, Emile, 1895 bis 1896 französischer Unterrichtsminister, 1902 bis 1905 Ministerpräsident (f 1921). 284. Consalvi, Marchese Er- cole, Kardinal, päpstlicher Staatssekretär (f 1824). 309. Coppee, Frangois, französischer Dichter. 46. Corcelle, Baron de, französischer Botschafter am Vatikan. 314, 345. Corsini, Oberstallmeister des Königs Humbert von Italien. 662. Corti, Graf, italienischer Bevollmächtigter auf dem Berliner Kongreß. 441, 448, 451. Courier, Paul-Louis, französischer Journalist. 517. Cousin, Victor, Vertreter des Eklektizismus in der franz. Philosophie. 405. Coutouly, französischer Gesandter in Bukarest. 621, 625. Creizenach, Theodor, Literatur-Historiker, Ge- schichtslchrer am Frankfurter Gymnasium (t 1877). 27 f. Crispi, Francesco, 1887 bis 1891 u. 1893 bis 1896 italienischer Ministerpräsident (t 1901). 468, 536, 652 ff., 662. Krieg mit Abessinien. 672f. Sturz. 673. 675, 676. Taf. 672. Curtius, Ernst, Archäolog, Erzieher d. Kaisers Friedrich (fl 896). 36, 423 f. Curtopassi, italien. Gesandter i. Bukarest. 625. Cusa, Fürst Alexander, Fürst von Rumänien. 621 f. Custine, Marquis Adolphe, Verfasser eines Buches über Rußland. 564. Czacki, Monsignore, päpstlicher Nunzius in Paris. 526f., 679. Dadian, Nikolaus, Fürst von Mingrclien, russischer Thronkandidat für Bulgarien. 604. Dagmar (Maria Fedo- rowna), Gemahlin des Zaren Alexander III., geh. Prinzessin v. Dänemark (Holstein-Gliicks- lmrg). 19 f., 189, 366, 580, 596. Dalwigk, Reinhard Freiherr von D. zu Lichten- fels, großherzoglich hessischer Ministerpräsident (t 1880). 11, 162 f., 177. Danckclmann, Gräfin, geh. Moltke (eine der „drei Schwestern“). 305. Daniel, Hermann Adalbert, Professor am Pädagogium in Halle. 74 ff., 80, 84, 105, 107, 108, 109, 110, 112, 432. Danner, Gräfin, morganatische Gattin Friedrichs VII. von Dänemark (Rasmussen). 54. Dante. 537, 594. Danton, französischer Re- volotionsmann. 468, 480, 684. Darboy, Georges, Erzbischof von Paris, am 24. 5. 1871 von den Kommunisten erschossen. 466. Daudet, Alphonse, französisch. Schriftsteller. 468, 531, 622. Deäk, Franz, ungarischer Staatsmann (f 1876). 393. Decazes, Herzog von, französischer Botschafter in London, 1873 bis 1877 Minister des Auswärtigen (t 1886). 314, 328, 347, 477, 504. De Felice, italienischer Abgeordneter. 654. Degoutte, französischer General, Kommandeur während der Ruhr-Invasion. 134, 195. Deines, Adolf v., Kriegskamerad Bülows, später General (f 1911). 231, 241, 598. 704 Delaunay, Mitglied der Comedie- Franchise. 113. Delbrück, Hans, Professor, Historiker. 158, 285, 406. Delcassö, Theophile, 1898 bis 1905 französischer Minister des Äußern, 1913 Botschafter in Petersburg, 1914—1915 Außenminister (t 1923). 611. Deligeorges, griechischer Ministerpräsident. 426. Depretis, Agostino, italienischer Staatsmann (f 1887). 536, 662. Derby, Lord, englischer Minister des Äußern, 1867 bis 1868 u. 1874 bis 1879, Konservativer, dann Liberaler, 1882—1885 Ko- ionialministcr, zuletzt liberaler Unionist (f 1893). 396 f., 429. Derenthall, v., Gesandter in Lissabon. 685, 687. Deroulede, Paul, Gründer der französischen Patrio- ten-Liga (f 1914). 519, 612. Des prez, zweiter franz. Bevollmächtigter auf dem Berliner Kongreß, Direktor im Ministerium des Äußern. 448 f., 451. Dilke, Sir Charles, Präsident des Local Government Board, Vorkämpfer des „Greater Britain“ (f 1911). 553. Dillmann, Professor an der Universität Berlin, Orientalist (f 1894). 47. Dincklage, von, Major, Stabsoffizier. 194, 238, 254. Disraeli, Benjamin, seit 1874 Earl of Beaconsficld, Führer der Tories, 1868 und 1874—1880 Premier- NAMENREGISTER minister (f 1881). 121. Rede über Krieg und Frieden. 415 f. Macht Salisbury zum Minister des Äußern. 429. Auf dem Berliner Kongreß. 436. Antwort auf Rede Gor- tschakows. 440. Sarkastische Zurückweisung des türk. Delegierten. 442. Charakteristik. 446 f. Auf Werners Bild. 450. Beim Schlußdiner. 451. Gentleman-Begriff. 468. Judentum. 469. Über Religion. 552. Feiner Psychologe. 618. Taf. 440. Döllinger, Ignaz v., Professor der katholischen Theologie in München (f 1890). 463, 552. Dönhoff-Friedrichstein Graf August, Regimentskamerad Bülows, mit ihm an der Botschaft in Petersburg. 371. Dönhoff, Graf Fritz, im 2. Garde-Ulanen-Regiment. 248. Dönhoff, Graf Karl, Erster Sekretär der Deutschen Botschaft in Wien, verheiratet mit Bülows späterer Gattin, 1883 geschieden. 399, 529, 537, 585 f. Dönhoff, Gräfin Marie v., spätere Fürstin v. Bülow. Taf. 592. S. auch Bülow. Dörnberg, Freiherr Karl von, Legationsrat an der Deutschen Gesandtschaft in Bukarest. 487, 642. Dohm, Ernst, Herausgeber des „Kladderadatsch“ (f 1883). 147. Dohna, Graf Adalhert, Mitschüler Bülows in Halle. 76 f. Dohna, Graf Ludwig, Zwillingsbruder des vorigen, 76 f. Dohna-Schlodien, Graf Nikolaus, Kommandant dcsHilfskreuzers„Möwe“. 171. D o h r n, Anton, Zoolog, Leiter der Station in Neapel (f 1909). 650. 676 f. Dolgorukij, Prinzessin Jekaterina Michailowna, Geliebte des Zaren Alexander II. (Jurjewskaja). 376f„ 427, 576, 587. Dostojewski, Fedor Mi- chailowitsch, russischer Dichter. 370. Dove, Alfred, Professor, Historiker (f 1916). 130, Dreyfus, Alfred, franz. Major, 1894 als Spion deportiert, 1899 begnadigt, 1906 freigesprochen. Die Affäre. 472 f. Dryander, Ordinarius am Pädagogium in Halle. 73 f. 107. Dryander, Ernst v., Oberhofprediger (f 1922). 74. Duchesne, Louis, Monseigneur, Kirchenhistoriker und Akademiker (f 1922). 669. Dumas, Alexandre, fils, Dramatiker. 528, 533. Dumreicher, Armand (Freiherr v. Österreicher), Sekretär der Österreichischen Gesandtschaft am Bundestag, bis 1868 im Staatsdienst, dann Abgeordneter (f 1908). 15. Duncker, Franz, fortschrittlich. Politiker, Besitzer der „Volkszeitung“ (t 1888). 80, 606. Dupanloup, Philippe, Professor an der Sorbonne, Bischof von Orleans, Mitglied d. Nationalversammlung und des Senats (t 1878). 152. Durnow, Missy. 189, 417, 576f„ 579, 588, 589, 596, 597. NAMENREGISTER 705 Ebner-Eschenbach, Marie von, Dichterin. 106, 121 . Echtermeyer, Theodor, mit Rüge Herausgeber der „Halleschcn Jahrbücher“. 79. Edel, liberaler bayrischer Abgeordneter. 161. Eduard VII. (Albert Prinz Eduard von Wales). 36, 155, 262, 418. In Paris. 457, 479, 526, 528. Deutschfeindlich. 551, 580. Schätzt Morier. 599. Führt Verlobung derPrin- zessin Viktoria mit Alexander Battenberg herbei. 601. Über die Krüger- Depesche. 667. Eichhorn, Hermann v., preußischer Heerführer, Generalfeldmarschall, in Kiew 1918 ermordet. 171. Eichstedt, v., preußischer Kriegsminister. 296. Eickstedt, Gräfin Christa, geb. v. Eisendecher. 12. Eisendecher, v., Oldenburg. Gesandter beim Bundestag. 7, 12. Eisendecher, Karl v., Sohn des preußischen Gesandten in Karlsruhe. Von Bismarck in Friedrichsruh nicht zugelassen. 12 . Eisner, Kurt, sozialistischer Schriftsteller, 1919 in München ermordet. 434. Elisabeth Kaiserin von Österreich, 1898 in Genf ermordet. 400, 409, 521, 525. Elisabeth Königin von Rumänien (Carmen Sylva) (f 1916). 648 ff. Elisabeth Feodorowna, geb. Prinzessein von Hessen, Gattin des Großfürsten Sergius. 596. Elliot, Sir Henry George, englischer Botschafter in Konstantinopel und 1877 bis 1884 in Wien (f 1907). 423. Emil Prinz von Hessen- Darmstadt. 16. Encke, Johann Franz, Astronom, Direktor der Berliner Sternwarte (f 1865). 301. Engels, Friedrich, deutscher Sozialist (f 1895 in London). 292. Eötvös, Baron, ungarischer Kultusminister u. Präsident der ungarischen Akademie. 392. Erckert, v., preußischer General, dann in russischen Diensten. 382. Erffa, v., Leutnant im Regiment Königshusaren, später Präsident des Preußischen Abgeordnetenhauses. 198f., 226. Erlanger, Baron Emil, Finanzmann in Frankfurt a. M., dann in Paris. 28, 478. Erzberger, Matthias, Zentrumsabgeordneter (f 1921). 22, 190, 305, 434, 447. Esterhazy, Graf Moritz, österreichischer Minister unter Belcredi u. Schmerling (f 1890). 94. Esterhazy, Graf Moritz, 1917 ungarisch. Ministerpräsident. 94. Esterneaux, Legationsrat im Auswärtigen Amt. 214. Estournelles de Constant, Baron d’, Sekretär der französischen Residentur in Tunis, Abgeordneter und Senator (f 1924). 539, 542. Eu, Graf von (Gaston d’Orleans), Schwiegersohn Pedros II. von Brasilien, Prätendent auf den brasilianischen Thron (f 1922). 521. Eugenie (Gräfin Montijo), Kaiserin der Franzosen (f 1920). 25,97, 135, 152, 168, 389, 496, 520, 669. Eulenburg, Graf August, Oberbofmarschall u. kgl. Hausminister (f 1921). 360. Eulenburg, Graf Botho zu, Bczirkspräsident von Lothringen, dann Minister des Innern und Ministerpräsident (f 1912). 114, 264 f., 360, 658, 683. Eulenburg, Graf Friedrich, 1862 bis 1868 preuß. Minister des Innern (f 1881). 315. Taf. 128. Eulenburg, Graf Karl, General d. Kav. 360. Eulenburg, Graf (Fürst) Philipp zu, Dritter Sekretär der Deutschen Botschaft in Paris, 1894 bis 1902 Botschafter in Wien (f 1921). Herbert Bismarck an ihn. 252. Feindet den Grafen Kuno Rantzau an. 272. Abfall von Bismarck. 316. Heinrich VII. Reuß macht ihm in Wien Platz. 374. Charakteristik aus der Pariser Zeit. 486 ff. Erinnerungen. 585. Brief an Bülow über Bismarck, Antwort Bülows. 629 ff., 642. Bismarck Vater und Sohn über ihn. 647. Besucht Bülow in Wien 650. Seufzt über Fürst Bismarcks Einladung durch den Kaiser. 658. Begleitet Wilhelm II. nach Venedig. 659. Freund des Monarchen. 661. Zusammenkunft mit Bülow in 45 Bülow IV 706 NAMENREGISTER Mernn. 682 ff. Fürchtet Wiederkehr Ilerhcrt Bismarcks. 685. Begegnung mit Bülow in Venedig. 686 . Eulenburg, Graf Wendt zu (f 1875). Verlobung mit Marie v. Bismarck und Tod. 360 f. Faidherbe, Cesar, französischer General, Führer der Nordarmee (f 1889). 198, 207, 225, 226, 228, 231, 236. Failly, Achille de, französischer General, Sieger von Mcntana, bei Sedan gefangen (f 1892). 153. Falt in, Studicurat in Halle. 109. Fels, deutscher Konsul in Korfu. 409. Ferdinand Kaiser von Österreich, abgedankt im Jahre 1848 (f 1875). 390. Ferdinand Kronprinz, seit 1914 König von Rumänien. 168, 648 ff. Ferdinand Prinz von Ko- burg, 1887 Fürst von Bulgarien, 1908 bis 1918 König. 612. Feriol, Vicomte de, französischer Gesandter in Kopenhagen. 314. Ferry, Jules, zwischen 1880 und 1885 dreimal französischer Ministerpräsident (t 1893). 284, 467, 481, 482 ff., 500 f., 516, 517, 527. Fersen, Graf Nikolaus, russischer Rittmeister. 572. Festetics, Gräfin Marie, Hofdame der Kaiserin von Österreich. 400. Fichte, Johann Gottlieb, Philosoph. 43. Figner, Vera, russische Revolutionärin, Gefangene in Schlüsselburg. 573. Fischer, liberaler bayrischer Abgeordneter. 161. Flaischlen,Cäsar, Schrift- stellcr. 14. Flaubcrt, Gustave, französischer Romandichter. 121, 539. Fleury, Graf Felix de, französ. General, Adjutant Napoleons III., Botschafter i. Petersburg. 496. Floquet, Charles Thomas, französischer Advokat, Kammerpräsident, 1888 bis 1889 Ministerpräsident (f 1896). 158. Florescu, Joan Emanuel, rumänischer General und Kriegsminister, 1891 Ministerpräsident (f 1893). 624. Flotow, Johannes v., Botschaftsrat in Paris, Gesandter in Brüssel, dann Botschafter in Rom. 177. Foch, Marschall. 93, 190, 195. Folliot de Crenneville, Oberstkämmerer am Wiener Hof. 391. Fontane, Theodor, Schrift- steller. 121. Ford, Sir Cläre, englischer Botschafter in Rom. 666. Forkel, Joh. Nikolaus, Musikdirektor. 45. Fortis, Alessandro, radikaler italienischer Politiker, später Minister und Ministerpräsident. 662. Fouche, Joseph (Herzog von Otranto), Polizei- ministerNapoleons 1.278, 322. Fourtou, Bardy de, klerikaler Bonapartist, 1872 bis 1874 und 1877 Minister, sonst Senator und Deputierter. 328. France, Anatole. 153, 322, 325, 526f. Francois, Bruno v., preußischer General, gefallen am 6. August 1870 bei Spichern. 147. Franz I. Kaiser von Österreich (f 1835). 400 f. Franz Ferdinand, öster- reichisch - ungar. Thronfolger, ermordet 28.6.1914 in Sarajewo. 175. Franz Josef I. Kaiser von Österreich (f 21. 11.1916). 6, 25. Im Krieg von 1866. 94, 104. Vor 1870. 150f., 153. Dreikaiserbegegnung in Berlin (1872). 298. Seine Thronbesteigung. 390. Für die Erwerbung Bosniens und der Herzegowina. 392. Entrevue in Reichstadt. 396. In der Orientkrise. 417. Besuch Bismarcks in der Wiener Hofburg (1879). 505. Unterzeichnung des Bündnisvertrags. 505. Entfernt Beust aus Paris auf Verlangen der Kaiserin Elisabeth. 525. Frankfurter Fürsten tag. 545. Drei - Kaiser - Zusammenkunft in Skiemiewicc. 567 ff. Die Zwei-Kaiscr- Begegnung in Kremsier. 586. Drohung gegen Alexander von Bulgarien. 588. Rückversicherungsvertrag „Untreue“ gegen ihn. 639. Brief Wilhelms II. an ihn über Bismarck. 650. Freiligrath, Ferdinand, Dichter. 149. Freycinet, de Saulces, 1879 bis 1880, 1882 und 1886, 1890 bis 1893 französischer Ministerpräsident, daneben auch Minister des Äußern und Kriegsminister. 467, 484, 517f„ 527. NAMENREGISTER Freytag, Gustav, Schriftsteller. 44, 46, 121, 130. Friedjung, Heinrich, Dr., österreichischer Historiker. 400. Friedrich II. (der Große) König von Preußen. 370. Friedrich III. (Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen) (f 15. 6. 1888). 36, 137. Weißenburg und Wörth. 145 fl'., 216, 223, 240 f., 251, 252 f., 283, 319, 334. Reise nach Italien 1875. 33811. Uber Bismarck 341. Beunruhigt durch Kriegsgerückte von 1875. 346, 365. San Remo. 407, 418. Seine Erziehung durch Curtius. 423. Eröffnung des Berliner Kongresses. 435 f. Toast beim Schlußdiner des Berliner Kongresses. 451. Herbert Bismarck ungerecht gegen ihn. 456. Bülow und Frau bei ihm. 595 f. Erkrankung. 605 f. Todkranker Mann (Wal- dersee über ibn). 610. Operation in San Remo. 615. Auf dem Krankenbett in Charlottenburg. 618 f. Tod. 624. Verhalten WilhelmsII. 648.ru/. 304. Friedrich VI. König von Dänemark (t 1839). 294. Friedrich VII. König von Dänemark (f 1863). 53ff., 62, 67, 432. Friedrich I. König von Württemberg (f 1816).50. Friedrich I. Großherzog von Baden (f 1907). 12, 162, 172, 222. Friedrich II. Großherzog von Baden (bis 1918).172. Friedrich Herzog von Augustenburg (f 1880). Bismarck gegen sein Erbrecht 49. Friedrich Prinz von IIo- henzollern, Kommandierender General des 3. Armeekorps (f 1904). 304. Friedrich Franz II. Großherzog v. Mecklenburg-Schwerin (f 1883). 102, 613. Friedrich Franz III. Großherzog von Mecklenburg-Schwerin (f 1897). 41. Friedrich Karl Prinz von Preußen, 1866 Führerder 1. Armee, 1870 Generalfeldmurschall (f 1885). 100, 146, 182f., 251, 344, 513. Friedrich Wilhelm III. König von Preußen (f 1840). 43, 65, 294f., 312, 568. Friedrich Wilhelm IV. König von Preußen, Sohn des vorigen (t 1861). 6, 13, 25, 54, 223, 229, 254, 302, 310f., 313, 334, 382, 510, 549. Friedrich Wilhelm Großherzog von Mecklenburg-Strelitz. 55, 61 f., 102 . Friedrich Wilhelm, letzter Kurfürst von Hessen- Kassel, 1866 entthront (f 1875). 95. Friedrich Wilhelm Landgraf von Hessen- Kassel. 95. Friesen, Freiherr Richard von, sächsischer Minister des Äußern und Ministerpräsident (f 1884). 164. Fröbel, Julius, Dr., Revolutionär, später deutscher Konsul in Smyrna u. in Algier (f 1893). 544 ff. Fürstenberg, Fürst Max Egon. 599, 661. G a b 1 e n z, Freiherr Ludwig von, Bruder des folgenden. 89, 95. 707 Gablenz, Freiherr Wilhelm v., österreichischer General, 1865 bis 1866 Statthalter in Holstein, 1866 Korpskommandeur in Böhmen (f 1874 durch Selbstmord). 89f., 95, 100 . Gagern, Heinrich v., führender Abgeordneter in der Deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt a. M., Präsident des Reichsministeriums, später hessischer Gesandter in Wien (j" 1880). Bismarck über ihn. 9. Großdeutsch. 163. Gagern, Max von, 1854 bis 1874 Leiter der handelspolitischen Abteilung im österr. Ministerium des Äußern (f 1889). 163,394. Galen, Graf Wilderich, Rittmeister bei den Königshusaren. 259, 263, 273. Gallifet, Gaston Alex- andre Auguste Marquis de, General, 1899 Kriegsminister. 471, 476. Gallmeyer, Josefine, Wiener Schauspielerin. 400. Gambetta, Leon, 1870 Diktator, 1881—1882 Ministerpräsident (f 1882). 79, 170, 237, 283, 284, 305, 461 f. Charakteristik. 467 ff. Gegen Mac Mahon. 478, 480. Die Angriffe Wilsons. 482. Die Ferrys. 484. Gegen die Deutschen inParis(1870). 492. Gegen die Kirche. 500. Rede in Cherbourg. 515. Ministerium. 516f. Sturz. 517. Tod 518. Leichenfeier. 518f. Taf. 516. Garibaldi, Giuseppe, General, italienischer Patriot und Freikorpsführer (f 1882). 152, 283, 325, 653, 655, 662, 664. • 45 ' 708 NAMENREGISTER Gay, Professor in Lausanne. 115, 126. Geibel, Emanuel, Dichter. 46. Georg V. König von Hannover, 1866 entthront (f 1878 in Paris). 31, 61, 525. Georg Großherzog von Mecklenburg-Strelitz. 59, 62. Georg Herzog von Mecklenburg-Strelitz, seit 1851 in russischen Diensten. 62, 209, 378f., 382. Georgios König von Griechenland (Prinz Christian von Glücksburg) (f 1913). 20. Bülow in Audienz. 418. Ermordung. 419. Neutralität im Russisch- Türkisch. Krieg. 426. Einmarsch seiner Truppen in Thessalien. 428. Bülow in Abschiedsaudienz. 432, 526. G e r a r d, französischer V or- lescr d. Kaiserin Augusta. 304f. Gerlach, Leopold v., Generaladjutant Friedrich Wilhelms IV. (f 1861). 34. Gervais, Alfred Albert, französ. Admiral. 639 f. Giers, Nikolai Karlowitsch v., seit 1882 russischer Minister des Äußern (f 1895). 420, 565ff. In Skiemiewice. 570. Über Alexander III. 577. Afghanischer Konflikt. 580. In Kremsier. 586. In Friedrichsruh. 587. Bülow und er. 599. In der Bulgarischen Frage. 604. Waldersce über ihn. 610. Rückversicher. - Vertrag. 614. Dessen Nichtcmeue- rung. 638. 680. Taf. 568. Gioberti, Vincenzo, italienischer Politiker, 1848 bis 1849 Ministerpräsid. von Sardinien (f 1852). 536. Giolitti, Giovanni, italienischer Staatsmann, 1892 Ministerpräsident. 652 f. Giordano Bruno, Philosoph. 538. Girardin, Emile de, französischer Journalist. 495f. Gladstone ,WilliamEwart, liberaler engl. Premierminister (f 1898). 175. Gegen die türkischen „atrocities“. 398. Macht dem Prinzen von Wales Vorstellungen. 458. Wahlreformbill. 549. Charakteristik. 551 f. Afghanistan. 580. Sturz. 580. G. und Laura Minghetti. 669. Gneist, Rudolf v., Jurist und Politiker (f 1895). 126, 309, 359, 360, 500. Gobineau, Graf Arthur, französischer Diplomat u. Schriftsteller (f 1882). 350. Goblet, Rene, 1886 bis 1887 französischer Ministerpräsident, 1888 bis 1889 Minister des Äußern (t 1905). 516. Goeben, August v., 1870 Kommandierender General des 8. Armeekorps, 1871 Oberbefehlshaber d. 1. Armee (f 1880). 63, 183, 190, 191 f., 196, 202, 204, 207, 212f., 216. Charakteristik. 216f., 224f., 232, 235, 236, 254, 283. Goethe. 3, 4, 21, 23, 41, 45, 60, 67, 75, 105, 109, 112, 118, 122, 123, 127, 283, 317, 318, 320, 328, 333, 346, 354, 368, 370, 394, 399, 408, 430, 431, 444, 473, 486, 487, 518, 529, 533, 534, 554, 583, 593, 650, 657. Gogol, Nikolai Wassilje- witsch, russischer Dichter. 370. Goltz, Graf Robert, preußischer Botschafter in Paris (f 1869). 97, 324. Goltz, v. d., Premierleutnant bei den 10. Dragonern. 255. Goluchowski, Graf Age- nor, Sekretär der österreichisch - ungarischen Botschaft in Paris, dann Gesandter in Bukarest, 1895 bis 1906 Minister des Äußern (f 1921). 525, 570, 625. Gontaut-Biron, Vicomte de, französisch. Botschafter in Berlin. 243, 299, 314, 350. Gontscharow, IwanAlex- androwitsch, russischer Dichter. 370. Go ree, Pierre de la, französischer Historiker. 189. Gortschakow, Fürst Alexander Michailowitsch, 1866 bis 1882 russischer Reichskanzler (f 1883). Russischer Gesandter in Stuttgart und Vertreter des Zaren beim Frankfurter Bundestag. 8. Über Bismarck. 8. Freundschaftliche Beziehungen zu Bülows Vater. 25. Bismarcks Spott. 308. Spannung zwischen ihm und Bismarck (1875). 348 ff., 374, 385, 388, 395. Empfängt Bülow. 383 f. Über Bismarck. 384. Besuch in Berlin mit Alexander II. 386, 395. Entre- vue in Reichstadt. 396. Mit dem Zaren in Moskau. 416. Auf dem Berliner Kongreß von Bismarck gekränkt. 437. 444. Rede 439f. Stimmt der Okkupation Bosniens und der Herzegowina durch Öster- NAMENREGISTER 709 reich-Ungarn zu. 441. Oppert-Blowitz über ihn und Bismarck. 446. Fällt über den Reichshund Ty- ras. 446. Auf Werners Bild. 450. Bosheit gegen Peter Schuwalow. 452. Interview im „Soleil“. 504. Tod. 563 f. Für die Bulgaren. 587. ScineRolle. 680. Taf. 360. Goschen, Sir Edward, Bruder des folgenden, englischer Botschafter in Berlin. 177, 667. Goschen, G. J. Lord, Erster Lord der britischen Admiralität. 666 f. Govone, Giuseppe, ital. General, Kriegsminister (f 1872). 154. Grabow, Wilhelm, liberaler preußischer Politiker, in der Konfliktszeit Präsident des Abgeordnetenhauses. 81, 606. Gramont, Herzog von, 1870 französ. Minister des Äußern (f 1880). 129, 159, 162, 164, 168, 171, 177, 334, 467, 660. Granville, Earl of, englischer Minister, Vetter von Donna Laura Min- ghetti (f 1891). 457, 669. Gregorovius, Ferdinand, Historiker v. Rom. 327 f., 650. Greppi, Graf Giuseppe, italienischer Botschafter in Petersburg. 599. Grevy, Jules, 1879 bis 1885 Präsident der französischen Republik (f 1891). 467, 478. Affäre Wilson. 481 f., 516, 517, 532. Grey, Sir Edward, 1915 bis 1916 britischer Minister des Äußern. 177. Grigorowitsch, Dmitri W assiljewitsch, russischer Dichter. 370. Grillenberger, Karl, Sozialdemokrat. Reichstagsabgeordneter. 298. Grillparzer, Franz. 366. Grimm, Gisela, geb. von Arnim, Tochter Bettinas u. Achims, Gattin Herrn. Grimms (f 1889). 328. Grimm, Herman, Kunsthistoriker (f 1901). 328. Grote, Graf Otto, hannoverscher Gesandter in Petersburg. 36. Grünne, Graf Karl Ludwig, Oberstallmeister am Wiener Hof, vorher Generaladjutant Franz Josefs und Chef der Militärkanzlei (f 1884). 391. Gruew, bulgarischer Major, Verschwörer gegen den Battenberger. 600. Gurko, russischer General im Krieg mit der Türkei, dann Generalgouvemeur von Petersburg und von Odessa (f 1901). 422. Gutzkow, Karl, Schriftsteller. 121. Haase, Hugo, sozialistischer Abgeordneter, 1919 ermordet. 434. Hä ekel, Ernst, Naturforscher. 14. Hänel, Albert, Jurist, Professor in Königsberg und Kiel, freisinniger Abgeordneter. 49. Hagedorn, Friedrich v., Dichter. 33. Hahnemann,SamueIChri- stian Friedrich, Homöopath (f 1843). 140. Hahnke, Wilhelm v., Generaladjutant, 1888 bis 1901 Chef des Militärkabinetts (f 1912). 642. Haller, Johannes, Professor in Tübingen. 406, 630. Hammann, Otto, Leiter des Preßdeparteinents des Auswärtigen Amts. 214. Hammerstein, Baron, mecklenburgisch- streb tz- scher Gesandter in Berlin. 103. Hammerstein - Loxten, Emst Freiherr v., 1894 bis 1901 preuß. Land- wirtschaftsminister. 61. Hansemann, Adolf v., Berliner Bankier, Leiter der Disconto-Gesellscliaft (t 1903). 309. Ilarcourt, Marquis d\ französischer Botschafter in Wien. 314. Hardenberg, Fürst, preuß. Staatskanzler (j - 1822). 43, 63, 294, 312. Harding, englischer Diplomat. 552, 598. Hardinge, Sir Charles, Unterstaatssekretär im Foreign Office und Vizekönig von Indien. 552. Hartington, Marquis of, später Herzog von Dct- vonshire, engl. Staatssekretär des Kriegs. 553. Hartmann, Arenbergschcr Hauskaplan, später Domherr. 26511., 268. Hasperg, von, Gesandtschaftssekretär in Rom. 344. Hasse, Emst, Professor, nationalliberalcr Reichs- tagsabgeordneter u.. Vorsitzender d. Alldeutschen Verbandes. 44. Hassenpflug, Hans Da-* niel, kurhessischer Minister (f 1862). 17. Hatzfeldt, Albert, Fürst, Mitglied des Preußischen Herrenhauses. 121. Hatzfeldt, Gräfin Elisabeth, verheiratet mit dem Fürsten Carolath. 234, 251 f., 306, 488, 547, 585. 710 Hatzfel dt-Trachenberg Fürst Hermann, 1900 Herzog, Oberpräsident von Schlesien. 306 f. Hatzfeldt, Graf Paul, Legationsrat, Gesandter, 1881—1885 Staatssekretär d. Auswärtigen Amts, seit 1885 Botschafter in London (f 1901). 121, 291 lf., 324. Bismarck gegen ihn. 509 f. Hatzfeldt, Gräfin Sofie, Mutter von Albert und Paul H.(f 1881). 121,291. Haucke, Julie (Gräfin), morganatische Gattin des Prinzen Alexander von Hessen-Darmstadt, Gräfin Battenberg. 421, 587, 603. Hauß mann, Friedrich u. Konrad, Führer der Süddeutschen Volkspartei. 161. Haussmann, George Eugene Baron, Scine-Prä- fekt unter Napoleon III. 483. Haymerle, Baron Heinrich Karl, 1879 österr.- ungarischer Minister des Äußern (t 1881). 571. Hebbel, Friedrich. 391. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Philosoph. 83, 297, 574. Hegel, Immanuel, Sohn des vorigen, Konsistorial- rat' (t 1891). 574. Hehn, Viktor, Kulturhistoriker. 460. H e i I b r o n, Legationsrat im Auswärtigen Amt. 214. Heine, Heinrich. 105, 158, 248, 286, 409, 534, 671. Heinrich Prinz von Preußen, Bruder Wilhelms II. 658. Heinrich VIT. Reuß, deutscher Botschafter in NAMENREGISTER Petersburg, später i. Konstantinopel, dann in Wien. 324, 349, 361, 368, 373 f., 592, 650, 659. Taf. 392. Heinrich IX. Reuß. 297f. Heinrich XIII. Reuß, Major, 1871 Kommandeur des Regiments Königshusaren. 191, 263, 273, 274. Heinrich XIV. Reuß, Fürst-Regent i. d. jünger. Linie. 498. Heinrich XVITI. Reuß. 304, 317, 498, 604. Helene, Prinzessin von Montenegro, vermählt mit dem Kronprinzen Viktor Emanuel (III.) von Italien. 674 f. Helene Pa wlowna,Großfürstin, Gattin des Großfürsten Michael, geh. Prinzessin von Württemberg (Charlotte Marie) (fl873). 381 f., 524. Hel ff t, Bankier in Berlin. 62. Hellwig, Geheimer Le- gationsrat. 291. Helmhol tz, Hermann v., Physiker. 535. Taf. 304 Helmhol tz, Frau von. 585. Taf. 304 H e m m e r, Chef der Reichskanzlei. 305. Henckel-Donnersmarck Gräfin Blanche, s. Paiva. Henckel-Donnersmarck Guido, Graf, 1901 Fürst, Sohn des folgenden (t 1916). 143. Charakteristik. 492 lf. Henckel, Graf Karl Lazarus, Standesherr auf Beuthen. 143, 493. Hendrikow, Gräfin, Gattin des Oberschenken Alexanders II. 377 f. Hengemüller, Baron, österreichisch - ungarisch. Diplomat. 570. Henning, v., Oberstleutnant, Kommandeur des F iisilier-RegimentsNr. 33. 228 . __ Herbette, Jules, 1886 bis 1896 französischer Botschafter in Berlin. 680. Herbst, Dr. Eduard, österreichisch. Justizminister, Führer der vereinigten Linken im Reichsrat (t 1892). 392 f. Herder, Johann Gottfried. 106. Hertling, Freiherr Georg v., Privatdozent in Bonn, dann Professor,Zentrumsabgeordneter, im Krieg Reichskanzler (f 1919). 263 f., 654. Hertz, Henriette. 43. Herve, Gustave, radikaler französ. Politiker. 479. Herwarth von Bittenfeld, preußischer General, 1871 Feldmarschall. 99. Herwegh, Georg, Dichter. 671. Herzen, Alexander (Ja- kowlew), russ. Revolutionär, Emigrant (■( 1870 in Paris). 370, 382, 670f. Herzoge.nberg, Heinrich Freiherr von, Musiker. 107. Heyse, Paul, Dichter. 46. Hildebrand, Adolf, Bild- hauer. 107. Hillebrand, Karl, Publizist und Historiker (f 1884). 41, 345 f. Hillern, Wilhelmine v., Roman - Schriftstellerin. 121 . Hindenburg, Paul v., Generalfeldmarschall, dann Reichspräsident. 63, 171. Hinzpeter, Georg, Erzieher Wilhelms II. 599, 628, 637. NAMENREGISTER 711 Hirsch, Moritz, Bankier in Paris („Türkenhirsch“). 11. Hirschfeld, v., preußischer General. 136. Hirschfeld, v., Sekretär der Deutschen Gesandtschaft in Athen. 407. Hitrowo, russischer Gesandter in Bukarest. 625. Hodenberg, v., Rcichs- tagsabgeordneter, Welfe. 680. Hödel, Max, Klempner, Attentäter auf Wilhelm I. 433. Hölderlin, Friedrich. 430, 529. Hölz, Max. 489. Hoensbroech, Graf Paul, Jesuit, dann Gegner des Ordens. 14. Hoff mann, E. T. A. 483. Hofmann, Leopold Friedrich Freiherr v., Sektionschef im österreichischen Ministerium desÄu- ßern, 1876 bis 1880Reichs- finanzminister, dann Intendant der Hoftheater (f 1885). 395. IIohenlohe-Langenburg, Fürst Hermann, 1894 bis 1907 Statthalter von Elsaß-Lothringen (f 1913). 285, 684. Taf. 304. Hohenlohe-Langenburg, Erbprinz Ernst, Attache der Deutschen Botschaft in Paris, später Regent von Koburg-Gotha, Direktor der Kolonial-Abteilung. 525. Hohenlohe- Schillingsfürst, Prinz Alexander, jüngster Sohn von Chlodwig Hohenlohe (f 1924). 314f. Hohenlohe - Schillingsfürst, Fürst Chlodwig zu, zweiter der vier Brüder, bayrischer Ministerpräsident, deutscher Botschafter in Paris, 1894 bis 1900 Reichskanzler (f 1901). 159, 161, 196, 214, 285, 389, 445, 450, 451. Bü- lows Chef in Paris. 462. Cbarakteristik.462ff.,476. Zwischenfall mit Mac Ma- hon. 477. Über Heirat seines Sohnes mit Tochter Freycincts. 484. Biilow sein Gast. 514. Urlaubsreise nach Aussee. 531. Promemoria Biilows über Nordafrika. 546. Soll als Kanzler gegen Sozialdemokratie vorgehen.637. Bülow ihm herzlich attackiert. 651. Krüger-Depesche. 667. Beschwichtigt den Zorn des Kaisers gegen Bismarck. 682. Gegen Marschall. 683. Für Marine-Vorlage. 688f. Hohenlohe- Schillingsfürst, Prinz Gustav, Kardinal (f 1896). 390, 657. Hohenlohe- Schillingsfürst, Fürst Konstantin, jüngster der vier Brüder, Erster Obcrhofineister am Wiener Ilof, vorher Statthalter in Triest. 389, 463. Hohenlohe - Schillingsfürst, Fürstin Marie, geh. Sayn-Wittgenstein, Gattin Chlodwigs. 464. Hohen thal, Graf Wilhelm, sächsischer Gesandter in Berlin. 206. Hol leben, Theodor von, 1891 bis 1893 und 1897 bis 1903 deutscher Botschafter in Washington (t 1913). 687. Hollmann, Friedrich, Admiral, 1890 bis 1897 Staatssekretär des Reichs- marine-Amts (f 1913). 688 f. Holstein, Friedrich v., Legationsrat, 1880 bis 1906 Vortragender Rat im Auswärtigen Amt (f 1909). Von Bismarck 1870 nach Florenz entsandt. 166. Mit Herbert Bismarck Unter den Linden. 177 f. FeindclBismarcksScliwie- gersohn an. 272. Feind Buchers. 294. Beziehungen zu Launay. 315. Intrigen gegen Keudcll. 324. H. und Bismarck. 386f. Brouille mit Radowitz. 452f. Besuch bei Bülow. 454. Kündigung des Rück- versicherungs - Vertrages mit Rußland. 479. Haßt Ilenckel - Donnersmarck. 493. Steigendes Interesse für Bülow. 547. 584. In Erregung. 591. Russenfeindlieb und anglophil. 607. Gegen Rückversicherung mit Rußland. 614. Bismarck über ihn. 623. Wendet sich von Bismarck ab. 627. Blamiert Wilhelm II. gegen Rußland. 637. Nichterneuerung. 638 f. Gehaßt von Herbert Bismarck. 647. Veranlaßt Bülows Ernennung nach Rom. 650, 684. Tobt über Einladung Bismarcks ins Berliner Schloß. 658 f. Krüger- Depesche. 667. Kumpan Philipp Eulenburgs. 685. Korrespondenz mit Bülow. 685. Philipp Eulenburg über H. 687. Hompesch, Graf, Zentrumsabgeordneter. 680. Hopf, Hauslehrer Bülows. 17f„ 72. Houssaye, Henri, franz. Akademiker. 495. Hoverbeck, Leopold Freiherr v., fortschrittlicher preuß. Politiker (f 1875). 80, 606. 712 Hübner, Freiherr Alexander von (Hafenbrädl), 1849 bis 1859 österr. Gesandter in Paris, 1865 bis 1868 Botschafter in Rom (f 1892). 390f., 393. Hugo, Victor. 239, 470, 518, 533. Ilumbert, Kronprinz von Italien, 1878 bis 1900 Königen Monza ermordet). 152, 342, 594, 659 ff., 674. II u m b e r t, Geheimrat, Per- sonaldezcment im Auswärtigen Amt. 591. Ilumbert, Gustave Ame- dee, franz. Politiker, 1882 Justizminister, Vizepräsident des Senats (f 1894). 516, 517. Humboldt, Alexander v. 309, 310. Humboldt, Wilhelm v. 50, 309, 310, 311, 404, 432, 657. Ignatjew, Nikolai Pawlo- witsch, russischer General, 1864 Botschafter in Konstantinopel, 1881 bis 1882 Minister des Innern. Ultimatum an die Pforte. 413. Charakteristik. 423. In San Stefano. 427. Aplomb. 565. Für die Bulgaren. 587. I sab eil a II. Königin von Spanien bis zu ihrer Abdankung 1870 (f 1904 in Paris). 521. Iswolski, Alexander Petro witsch,Lcgationssekre- tär im russischen Ministerium des Äußern, 1906 bis 1910 Minister, 1910 bis 1917 Botsch. i. Paris (f 1919). 177, 427, 600. Itajuba, Vicomte, brasilianischer Gesandter in Paris. 526. Ittenbach, Max, Erster NAMENREGISTER Staatsanwalt am Landgericht Metz, später Generalauditeur, Kronsyn- dikus, Mitglied des Staatsrats und des Herrenhauses. 277, 280. Jacoby, Johann, demokratischer Politiker (gest. 1877). 283, 479. Jadowski, russ. Gesandtschaftsrat in Athen. 426. Jagow, Gottlieb, Gesandter in Luxemburg, 1909 Botschafter in Rom, 1913 bis 1916 Staatssekretär des Äußern. 158, 170, 177. Janssen, Johannes, Priester und Professor in Frankfurt a. M., kathol. Historiker (f 1891). 27. Jaures, Jean, Führer des französischen Sozialismus ermordet 31. 7. 1914 in Paris. 468. Jean Paul (Richter). 124. Jenisch, Gottlieb, Großonkel Bülows. 35 f. Jenisch, Martin, Sohn des folgenden, Großonkel und Pate Bülows. 34, 116. Jenisch, Martin Johann, Senator in Hamburg, Urgroßvater Bülows. 33 f. Taf. 64. Jeröme Napoleon, kaiserlicher Prinz (f 1891 in Rom). 97, 151, 169, 175, 520f. Jörg, Josef Edmund, Führer der bayrischen „Patrioten“, Herausgeber der „Historisch - Politischen Blätter“ (f 1901). 1591L, 177, 415. Johann König von Sachsen (Pliilalethes) (f 1873). 164. Johann Erzherzog von Österreich, 1848 Reiehs- verweser (f 1859). 388. John, Franz Freiherr von, österreichischer General, 1866 bis 1868 Kriegsminister (f 1876). 163. Joinville, Prinz Francois (Orleans) (f 1900). 521. Jomini, Baron, Gehilfe Gortschakows. 395, 416. Jonas, Regierungsrat in Metz. 280. Jonescu, Take, rumänischer Politiker. 622. Kainz, Josef, Schauspieler. 14. Kaisenberg, Major von. 145 f., 147. IC alb eck, Max, Wiener Musi kkr itiker. 107. Kälnoky, Graf Gustav, 1881—1895 österr.-unga- rischer Minister des Äußern (f 1898). 94. In Skiemiewice. 570, 571. In Kremsier. 586. Taf. 568. Kanitz, Graf, preußischer Gesandter in Rom. 333 f. Kanitz, Graf Konrad, Adjutant des Prinzen Georg von Preußen. 304. Kant, Immanuel. 200,293, 432, 529. Kantakuzen, Fürst, Vorsitzender des Departements für fremde Kulte in Rußland. 586. IC a p ni s t, Graf Peter Alexe- jewitsch, Sekretär der Russischen Botschaft in Paris, später Botschafter in Wien (f 1904). 524. Karatheodory, Alexander, zweiter türkischer Vertreter auf dem Berliner Kongreß, später Gouverneur von Kreta (f 1906). 449f., 451. Karl Kaiser von Österreich, König von Ungarn 1916—1918 (f 1922). 94. NAMENREGISTER 713 Karl Prinz von Preußen, Bruder Wilhelms I. (f 1883). 513. Karl Alexander Großherzog von Sachsen-Weimar (t 1901). 477, 638. Karl Anton Fürst von Hohenzollem - Sigmaringen (f 1885). 129. Karoline Amalie Königin von Dänemark, Gattin Christians IX. 20. K ä r o 1 y i, Graf Aloys, österreichisch. Gesandter, 1871 bis 1878 österreichisch- ungarischer Botschafter in Berlin, bis 1888 in London (f 1889). 314, 451. Kärolyi, Gräfin Franziska, Gattin des vorigen. 304. Katargi, rumänischer Politiker. 624. Katharina Michailow- na, Großfürstin, verheiratet mit dem Herzog Georg von Mecklenburg- Strelitz. 62, 209, 378. Katkow, Michail Niko- forowitsch, Leiter der „Moskauer Zeitung“, Panslawist (f 1887). 564, 612. Kaulbars, Baron Nikolai, russischer General und Vertreter in Sofia (gest. 1905). 597, 604. Kautsky, Karl, Theoretiker des Sozialismus. 444. Kayser, Paul, 1890 Direktor der Kolonial-Ab- teilung des Auswärtigen Amts, 1896 Senatspräsident beim Reichsgericht (f 1898), beteiligt an der Krüger-Dep. Taf. 680. Kelchner, Kanzleisekretär der preußischen Gesandtschaft am Bundestag. 16. Kcmpis, Thomas a. 537, 594. Kern, Johann Konrad, 1857—1883 Gesandter d. Schweiz in Paris (f 1888). 501. Keßler (Graf), Adolf. 497f. Keßler, Graf Harry. 498. Ketteier, Wilhelm Ema- nuel Freiherr von, 1850 Bischof von Mainz (gest. 1877). 259. Keudell, Robert v., 1863 bis 1872 Personaldezernent im AuswärtigenAmt, dann deutscher Gesandter in IConstantinopelund 1873 bis 1887 in Rom (f 1903). 98,99,3231T., 329f., 332, 338, 342, 343, 346, 537, 594f., 684. Khevenhüller, Graf Rudolf, österreichisch-ungarischer Gesandter in Belgrad. 570, 588. Kiderlen-Wächter, Alfred von, Gesandter in Kopenhagen und Bukarest, 1910 Staatssekretär des Auswärtigen Amts (f 1912). 627, 647, 685. Kinkel, Gottfried, Dichter und Revolutionär (mit seiner Frau Johanna), Emigranten in London. 670. Kinsky, Fürstin Marie, geb. Liechtenstein. 400. Klaczko, Julian, polnischer Publizist, unter Beust im österreichischen Ministerium des Äußern tätig (f 1906). 394f. Kleinmichl, Graf, Minister unter Nikolaus I. 363. Kleinmichl, GräfinMarie, geb. Gräfin Keller. 378, 575f., 579. Kleist, Heinrich v. 63,390, 456, 529. Klcist-Retzow, Hans Hugo v., extrem konservativer preußischer Politiker (f 1892). 617. Klemens, bulgarischer Bischof, Metropolit von Timowa. 600. Klitzing, Georg v., Mitglied des Preußischen Herrenhauses. 76. Klopp, Onno, welfischer Historiker (f 1903). 394. Klüber, v., Major. 78f. Knesebeck, Bodo von dem, Vize-Oberzeremonienmeister, Kabinettsrat der Kaiserin Auguste Viktoria. 136, 142, 200f., 212f., 317, 500, 596. Knollys, Miß Charlotte, Hofdame der Königin Alexandra von England. 421, 667. Köhler, Ulrich, Professor, Vorstand des Archäologischen Instituts in Athen, 1885 Professor in Berlin (t 1903). 431. Körner, Theodor. 310,489. Kommunduros, griechischer Ministerpräsident. 426, 428. Konstantin Nikolaje- witsch, russischer Großfürst, zweiter Sohn Nikolaus’ I. (|1892). 418, 576. Konstantin Pawlo- witsch, russischer Großfürst, 1825 zum Zaren ausgerufen (f 1831). 238, 568. Konstantin, Kronprinz von Griechenland, 1920 bis 1922 König, Schwager Wilhelms II. 418 f. Kopp, Georg, Dr., Fürstbischof von Breslau, Kardinal. 679. Koppelow, v., Major im 28. Infanterie-Regiment. 248. Koscielski, JosefTheodor Stanislaus von, Führer der preußischen Polen (f 1911). 681. 714 Kossuth, Ludwig, Führer der ungarischen Nation (t 1894). 394. Kotschubey, Fürstin Helene, russische Oberhofmeisterin. 96, 189, 596 f. Kotze, Lcberecbt v., preußischer Kammerherr. 206. KrButer, Kanzleisekretär der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag. 16. Kraffl von Dellmensin- gen, Gen., Armecf. 171. Kramer, Direktor des Pädagogiums in Halle. 73, 80, 101, 107, 108. Kropatschek, Dr., Chefredakteur der „Kreuz- Zeitung“. 641. Krüger, Paul, 1883—1899 Präsident der Südafrikanischen Republik (f 1904). 666 f. Taf. 680. Krüger, Dr., hanseatischer Gesandter in Berlin. 316f. Kügelgen, Wilhelm v., Maler, Verfasser der „Jugend-Erinnerungen eines alten Mannes“. 568. Kühlmann, Richard v., Geschäftsträger in Tanger, 1917 Staatssekretär des Äußern. 170. Kuhn, Franz Freiherr von, österreichischer General, 1868—1874 Reichskriegsminister (f 1896). 163. Kullmann, Eduard, Böttcher, 1874 Attentäter auf Bismarck, gestorben 1892 im Zuchthaus. 451. Kummer, Ferdinand v., preuß. General, Divis.- Kommandeur (f 1900). 208, 216, 235. Lahoulaye, Antoine de, 1886—1891 französischer Botschafter in Petersburg (t 1905). 640. NAMENREGISTER Labruyfcre, Jean de, französischer Moralist des 17. Jahrhunderts. 460. Ladewig, Gymnasialprofessor in Neu-Strelitz. 63 f-, 538. Lafontaine, Jean de, franz. Fabeldichter. 460. Lamarmora, Alfonso, italienischer General, 1864 bis 1866 Ministerpräsident (t 1878). 154. Lamartine, Alphonse Marie Louis de, französischer Dichter, Verfasser der „Histoire des Girondins“. 480, 684. Lamher, Juliette (Madame Adam), chauvinistische französische Schriftstellerin. 304, 524 f. Lambsdorff, Graf Wladimir Nikolajewitsch, Gehilfe von Giers im russischen Ministerium des Äußern, 1900—1906 Minister. 599. Lamennais, Felicite Robert de, französischer Schriftsteller. 405. Lamoricicre, Jucbault de, französischer General, 1848 Kriegsminister. 1860 päpstlicher Oberbefehlshaber (f 1865). 525, 655. Landsberg, Moritz, deutscher Journalist in Paris. 534. La n genbeck,Bernhard v., Professor in Berlin, Chirurg, Generalarzt (fl889). 433, 437f. Larochefoucauld, Fran- Qois Herzog von, französischer Moralist. 406f. Larochefoucauld - B i - saccia, Sosthene Herzog von, 1873 französischer Botschafter in London. 314. Lascelles, Sir Frank Cavendish, engl. Gesandter in Bukarest, 1895 bis 1908 Botschafter in Berlin. 598, 625. Lasker, Eduard, Mitbegründer der Nationalliberalen Partei. 48, 283, 511. Lassalle, Ferdinand, sozialdemokratischer Agitator (| 1864 in Genf). 81, 121 f„ 292, 469, 545, 636. Lasson, Adolf, Professor der Philosophie an der Universität Berlin. 406. La ta pie, Baron de, Schloßbesitzer bei Amiens. 247. Launay, Graf, italienischer Gesandter in Berlin. 315, 451, 654. Leboeuf, französischer Marschall, 1869 Kriegsminister (f 1888). 151. Lederer, Hugo, Bildhauer, Schöpfer des Hamburger Bismarck-Denkmals. 582. Ledru-Rollin, Alexandre Auguste, französischer Republikaner (f 1874). 79, 292, 670. Leflö, Adolphe Charles Emmanuel, französischer General, 1871 bis 1879 Botschafterin Petersburg (t 1887). 314. Lehmann, Orla, Führer der Eiderdänen (f 1870). 53. Lehndorff, Graf Georg, preuß. Oberlandstallmstr. (dritter Bruder). 245. Lehndorff, Graf Heinrich, General - Adjutant Wilhelms I. (zweiter Bruder) (f 1905). 245, 497, 508, 512. Lehndorff, Graf Karl, deutscher Zivilkommissar in Amiens, Majoratsbesitzer (ältester Bruder). 245, 248. NAMENREGISTER 715 Leibniz, Gottfried Wilhelm, Philosoph. 142. Lenbach, Franz v., Maler. 399, 552, 668. Taf. 528, 592. Lenin (Uljanow), Wladimir Iljitsch, Gründer d. Sowjet-Republik. 363, 612. Lentze, August (v.), Major, Generulstabsoffizier der 15. Division, später General. 186. Leo XIII., Papst (1878 bis 1903). 275, 337, 527, 538, 674. Leo, Heinrich, Historiker in Halle (f 1878). 79, 80. Leon, Leonie, Freundin Gambettas. 518. Leonrod, Freiherr v., Bischof von Eichstätt in Bayern. 275. Leopardi, Graf Giacomo, italienisch. Lyriker. 559 ff. Leopold, Prinz von Bayern, 1916 Generalfeld- marschall. 171. Leopold, Erbprinz von Hobenzollem (f 1905). 129, 130, 168. Lerchenfeld, Graf Hugo, 1880 bis 1918 bayrischer Gesandter in Berlin. 462, 596, 627. Lermontow, Michael .Tur- jewitsch, russischer Dichter. 370. Leuchtenberg, Herzog Eugen, Enkel von Eugene Beauharnais, russischer Divisionsgeneral (f 1901). 588 f. Lenohtenbcrg, Herzog Georg, Bruder des vorigen. 379. Levetzow, Albert v., Präsident des Reichstags, Landesdirektor der Provinz Brandenburg. 680. Lewa Id, Fanny, Schriftstellerin. 320. Leyden, Ernst von, Geheimrat, Berliner Internist. 437 f., 455. Lichnowsky, Fürst Felix, Mitglied der Frankfurter National - Versammlung, am 19. 9. 1848 ermordet. 65. Lichnowsky, Fürst Karl Max, 1912 bis 1914 Botschafter in London (1928). 177. Lichnowsky, Fürstin Mechtild, Gattin des vorigen, Dichterin. 106. Lichtenberg, Georg Christoph, Schriftsteller. 41. Liebermann von Sonnenberg, deutschsozialer Reichstagsabgeordneter. 44. Liebknecht, Karl, sozialistischer Reichstagsabgeordneter, am 15.1.1929 ermordet. 433. Liebknec h t, Wilhelm, Vater des vorigen, Führer der deutschen Sozialdemokratie (f 1900). 470, 682. Ligne, Fürst Karl Josef, österreichischer und russischer Feldmarschall (f 1814 in Wien). 123. Liliencron, Detlev von, Dichter. 63. Lindau, Paul, Schriftsteller. 14. Lindau, Rudolf, Bruder des vorigen, Legationsrat, Schriftsteller. 508. Linsingen, v., Generaloberst. 215. L i s z t, Franz, Musiker. 106. Litzmann, Karl, General der Infanterie. 171. Lobanow, Fürst Alexei Borissowitsch, 1895 russischer Staatssekretär des Äußern (f 1896). 565. Loe, Deginhard v., Neffe des Obersten, Premierleutnant. 185. Loe, Dietrich v., Neffe des Obersten, Fähnrich im Regiment Königshusaren. 222, 224. Loe, Walter von, 1870 Oberst des Regiments Königshusaren, dann General der Kavallerie, Kommandierender General, Feldmarschall (f 1908). 97, 121, 136, 184f., 186 f., 191, 193, 201, 202, 204, 207 f., 214, 232, 234, 235, 236, 238, 239, 241, 247, 248, 250. Charakteristik. 250 ff., 271, 303, 306, 374, 438, 608. L o e p e r, Gustav von, Goethe-Forscher. 455. Löwenstein, Rudolf, Redakteur des „Kladderadatsch“. 144. Loft us, Lord, Augustus William Frederik Spencer, englischer Botschafter in Berlin, dann in Petersburg (f 1904). 414. Lohr, Hauslehrer Bülows. 5, 6, 17, 27. Loisinger, Johanna, Sängerin des Darmstädler Hoftheaters, Gattin des Fürsten Alexander Battenberg. 605. Lopatin, russischer Verschwörer. 579. Loris-Melikow, Graf, russischer General, 1881 bis 1882 Minister des Innern (| 1888). 572, 576. Louis XVI König von Frankreich. 188 f., 322. Louis XVIII König von Frankreich. 465. Louis Ferdinand Prinz von Preußen (t 1806 im Gefecht bei Saalfeld). 43. 716 NAMENREGISTER Lonis - Josephe - Philippe Herzog von Orleans (Philippe Egalite). 522. Louis (Loulou) Napoleon (IV.) (f 1879 in Südafrika). 25, 189, 496, 520. Louis - Philippe König der Franzosen. 155, 237, 480, 495, 534. Lucanus, Friedrich v., seit 1888 Chef des Geheimen Zivilkabinetts (j - 1908). 638, 642. Ludendorff, Erich, Gc- neralquarticrmeister. 79, 171. Ludolf, Graf, österreichischer Botschafter in Rom. 595. Ludwig I. König von Bayern. 65, 669. Ludwig II. König von Bayern (f 1886). 159, 288. Ludwig III. Großherzog von Hessen - Darmstadt (t 1877). 162. Lübke, Wilhelm, Kunsthistoriker. 137. Lüttichau, Graf Konrad, Rittmeister im Gardc- Kürassier-Regiment. 299. Luise Königin von Preußen. 43, 59, 62, 111, 209, 568, 613. Luise Königin von Dänemark, geh. Prinzessin von Hessen, Gattin Christians IX. 295, 418, 580. Luise Großherzogin von Baden, Tochter Wilhelms I. 222 f., 251, 343f., 432, 451, 505, 595. Luxemburg, Rosa, sozialistische Politikerin, 15.1. 1919 ermordet. 433. Luzzatti, Luigi, italien. Schatzminister. 331, 469. Lynar, Fürst Alexander, Legationssckretäi in Paris, dann in Rom. 97, 343. Lyons, Lord Richard Bickerton Pemell, englischer Botschafter in Paris (f 1887). 415, 525. Macaulay, Thomas Babington, englischer Historiker. 81. Mackensen, August v., 1899 Oberst und Flügeladjutant, im Weltkrieg Generalfeldm. 171. Mackenzie, Sir Morell, Arzt Friedrichs III. (f 1892). 648. Mac Mahon, Herzog von Magenta, französischer Marschall, 1873 bis 1879 Präsident der Republik (f 1893). 79, 328, 457. Charakteristik. 476 ff. Rücktritt. 478. Maffei, Graf, italienischer Gesandter in Athen. 421. Magdeburg, Assessor in Metz, später Oberpräsident von Hessen-Nassau, dann Präsident der Oberrechn. - Kammer i. Potsdam. 277, 280. Majorescu, Titus, rumänischer Politiker. 624. Makart, Hans, Wiener Maler. 399 f. Malaret, Baron de, französischer Botschafter in Florenz. 169. Malet, Sir Edward Bal- win, 1884—1895 englischer Botschafter in Berlin. 619. Malvano, Beamter im italienischen Ministerium d. Äußern. 656. Mangin, französischer General. 134. Manin, Daniele, venezianischer Politiker (f 1857). 469. Manteuffel, Edwin v., General, 1870 Oberbefehlshaber der I. Armee und Führer der Südarmee, später Feldmarschall, 1879 Statthalter von Elsaß - Lothringen (f 1885). Brief Bismarcks an ihn. 89 f. Einrücken in Hannover. 99. In Com- piegne. 190. In Rouen. 195. Charakteristik. 195f., 283, 285. Von Wilhelm I. nach Warschau entsandt. 503. Bismarcks Argwohn, M. solle sein Nachfolger werden. 504, 507. Manteuffel, Otto v., preußischer Ministerpräsident unter Friedrich Wilhelm IV. (f 1882). 6, 287. Manzoni, Alessandro, italienischer Dichter. 536. Marat, Jean Paul, französischer Revolutionsmann 466. M a r e e s, Hans von, Maler. 142, 657. Marees, v., Rittmeister im Regiment Königshusaren. 139, 142. Mareuil, Vicomte de, französischer Legationssekretär in Rom. 325. Margherita Kronprinzessin, dann Königin von Italien (f 1926). 327, 594, 660. Marghiloman, rumänischer Politiker. 624. Maria Alexandrowna, geb. Prinzessin von Hessen, Zarin, Gattin Alexanders II. 375 f., 532, 603. Maria Fedorowna, Zarin, geb. Prinzessin von Württemberg, Witwe des Zaren Paul. 376, 379ff. Maria Fedorowna, Zarin, s. Dagmar. Maria Pawlowna, geb. Prinzessin von Mecklenburg - Schwerin, Gattin d. Großfürsten Wladimir. 376, 379, 389, 612f., 617. NAMENREGISTER Marie Königin von Hannover, Gattin Georgs V. 106, 426. Marie Prinzess, v. Preuß., geb. v. Weimar, Gattin des Prinzen Karl. 299. Marie Antoinette Königin von Frankreich. 189. Mar litt (Eugenie John), Roman - Schriftstellerin. 121 . Marschall von Bieberstein, Freiherr Adolf von, 1890—1897 Staatssekretär des Äußern, dann Botschafter in Konstantinopel und London (gest. 1912). 206, 479, 614, 638f., 644, 645, 647, 650, 658, 667, 680, 681. Hat den Kaiser „verraten“. 683. Philipp Eulenburg trägt Bülow die Nachfolge an. 683 ff. Für Marine-Vorlage. 688. Prozeß Tausch. 689. Unterzeichner der Krüger-Depesche. Taf. 680. Marwitz, v., General, Armeeführer im Weltkrieg. 171. Marx, Karl. 79, 121f., 292 f., 355, 469, 470, 573. Mary Königin von England, Gattin Georgs V., geb. Prinzessin von Teck. 62. Mathilde Prinzessin Bonaparte, Tocht. Jcrömes, vermählt mit d. Fürsten Demidow (f 1904). 175, 669 f. Mathilde Erzherzogin v. Österreich, Tochter des Erzherzogs Albrccht. 152. Mathy, Karl, badischer Ministerpräsident (gest. 1868). 316. Maupassant, Guy de, französ. Romandichter. 121 . Max Prinz von Baden, 1918 Reichskanzler. 215, 654. Maximilian Erzherzog v. Österreich, Kaiser von Mexiko, am 16. 6. 1867 in Queretaro erschossen. 14. Maybach, Albert v., 1879 bis 1891 preußischer Minister der öffentlichen Arbeiten. 658. Mayer, Karl, Führer der Süddeutschen Volkspartei. 161. Mayweg, Dr., Regimentsarzt. 138. Mazarin, Kardinal. 468, 474. Mazzini, Giuseppe, italienischer Revolutionär. 79, 166, 292f., 408, 653, 662, 670. Me ding, Oskar, hannoverscher Regierungsrat (Gregor Samarow) (f 1903). 133 f. Mehemed-Ali (Karl Detroit aus Magdeburg), türkischer Vertreter auf dem Berliner Kongreß, im September 1878 in Albanien von Aufständischen erschlagen. 449, 451. Meinecke, Friedrich, Historiker. 406. Menabrea, GrafLuigi Fe- derigo, italienischer Mi- nisterpräsid., später Botschafter in Paris (gest. 1896). 153, 525 f., 654. Menelik König (Negus) von Abessinien. 672f. Mensdorff-Pouilly, Graf Alexander, 1864 bis 1866 Österreich. Minister des Äußern (f 1871 als Fürst Dietrichstein zu Nikolsburg). 94. 717 Menzel, Adolf v., Maler. Taf. 304. Merck, Syndikus in Hamburg. 40. Mßrode, Graf Friedrich Xavier, päpstlicher Kämmerer, Kriegsminister des Kirchenstaats, Erzbischof von Mytilene (f 1874). 284, 326. Merode, Graf Werner. 284. Messmer-Saldern, de, Onkel Bülows. 51. Metternich, Fürst Klemens, Österreich. Staatskanzler (t 1859). 129,154, 294, 313, 394. Metternich, Fürst Richard, 1859—1871 österreichischer Botschafter in Paris, Sohn des vorigen (t 1895). 151, 166, 388 f., 496. Taf. 392. Metz, de, französischer General. 134, 195. Meyendorff, Baron Emst, russ. Legationssekretär in Brüssel, dann Botschaftsrat in Rom. 384. Meyer, Conrad Ferdinand, Dichter. 124, 684. Meyerbeer, Giacomo, Komponist. 313. Meysenbug, Malwida v. (f 1903). 163, 594, 657, 668, 670 ff. Meysenbug, Wilhelm v., Diplomat, badischer Minister, Bmder der vorigen. 163, 394. Michael Pawlowitsch, Großfürst von Rußland, jüngster Bmder Nikolaus’ I. 378. Michaelis, Dr. Georg,1917 Reichskanzler. 170, 654. Milan (Obrenowitsch), Fürst (dann König) von Serbien, 1889 abgedankt (t 1901). 426. 718 NAMENREGISTER Millerand, Alexandre, französischer Sozialist, dann Kriegsminister, Ministerpräsident, Präsident der Republik. 479. Minghctti, Donna Laura, Mutter der Fürstin Biilow. 28, 338 f., 520, 528 f., 534iT., 559, 589, 593, 662, 667 ff. Taf. 528. Minghetti, Marco, italienischer Ministerpräsident, Stiefvater der Fürstin Biilow. 325, 330f., 337, 534 ff., 589. Tod. 593ff., 668 f. Taf. 536. Miquel, Johannes, Dr., 1890/1901 preuß. Finanzminister. 4, 126, 536. Mirabcau, Graf Honore Gabriel Victor Riquetti, französischer Staatsmann in der Großen Revolution. 465, 468. Miribel, Marie Frangois Joseph de, französischer General (f 1893). 472. Mischke, General, Adjutant des Kronprinzen Friedrich Wilhelm. 338 f. Möller, v., Wirklicher Geheimer Rat, Statthalter von Elsaß - Lothringen. 196, 285. Moliere. 126, 533. Molinari, italienischer Advokat und Politiker. 654. Moltke, Graf Hellmuth v., Chef des Generalstabs seit 1858, Generalfeldmarschall (f 1891). 61, 63, 78. Für schleuniges Losschlagen (1866). 91. Steinmetz abberufen.100. Strategische Oberleitung (1870). 150, 164, 167, 192. „Erst wägen, dann wagen!“ 153. Trinkspruch Wilhelms I. auf ihn. 167. Telegramm über Unterzeichnung der Friedenspräliminarien. 239. Prinzessin Arenberg über ihn. 283. Nicht nur Schlachtendenker. 554. Über die Kriegsfrage. 611. Über den Prinzen Wilhelm. 611. Abschiedsbrief. 630. Moltke, Hellmuth, Neffe d. vorig., Generaloberst, Chef des Generalstabs 1906 bis 1914. 150. Moltke, Graf Kuno, Flügeladjutant Wilhelms II., Kommandant von Berlin. 657 f. Moltke-Hvitfeld, Graf, dänischer Gesandter in Paris. 526. Mommsen, Theodor, Historiker. 27, 267, 283, 298, 327 f. Mommsen, Tycho, Bruder deB vorigen, Direktor des Frankfurter Gymnas. 27. Monod, Gabriel, Historiker, Prof, am College de France. 594, 670. Monod, Dr., Ärztin Paris. 498. Montebello, Graf Adrien, französischer Botschafter in Petersburg. 548, 640. Montesquieu, französischer Schriftsteller. 406f. Montpensier, Herzog Antoine (Orleans), Sohn Louis-Phllippes (f 1890). 521. Monts, Graf Anton, Legationsrat, dann Gesandter in München, 1902 Botschafter in Rom (gest. 1930). 626, 685. Morgan, Pierpont, Chef des amerikanischen Bankhauses. 35, 493. Morier, Sir Robert, englischer Gesandter in Ko- burg, Darmstadt, München, dann Botschafter in Petersburg. 598, 600. Morny, Charles Auguste Louis Josephe Herzog von, Minister des Innern unter Napoleon 11L, 1856 Gesandter in Petersburg (t 1865). 495, 496. Morosini, Gräfin Annina. 660 f. Morra, italienischer General, Botschafter in Petersburg. 653. Moßner, Walter, Leutnant und Regimentsadjulant bei den Königshusaren, später Generalleutnant, Kommandeur der Gurde- Kavallcrie-Division, Gouverneur von Straßburg. 231, 233 f., 241. Motley, John Lothrop, amerikanischer Historiker. 81. Mouy, Graf, Erster Sekretär der Französischen Botschaft in Berlin. 452. Mozart. 399. Mudra, v., preußischer General im Weltkrieg. 171. Mühlcr, Heinrich v., 1862 bis 1872 preußischer Kultusminister (f 1874). 268. Müller, Hermann, sozialdemokratischer Parteiführer, auch Reichskanzler. 450. Müller, Otfried, deutscher Philologe. 430. Müller, Wilhelm, Dichter der „Griechenlieder“. 71. Münch - Bellinghausen, Freiherr Joachim v., Legationsrat, öslerreichisch- ungar. Geschäftsträger in Berlin, dann Gesandter in Athen (gest. 1877). 128, 304, 351, 421 f., 431. Münster - Derneburg, Georg Herbert, Graf (Fürst), deutscher Botschafter in London, dann in Paris (f 1902). 549ff., 592. NAMENREGISTER 719 Mumm von Schwarzenstein, Legationssekretär in Bukarest, später Gesandter in Peking und Botschafter in Tokio. 625. Mun, Graf Albert, französischer Kürassieroberst, dann Führer der klerikalen Legitimisten. 284, 472. Murawjew, Graf Michael Nikolajcwitsch, Sekretär der Russischen Botschaft in Paris, später Minister des Äußern. 524, 566. Müsset, Alfred de. 113, 116. Nachtigal, Dr. Gustav, Afrikareisender, deutsch. Konsul in Tunis (f 1885). 168, 540 ff. Napoleon I. 12, 16, 54, 93, 111, 175, 195, 197, 209, 285, 297, 321, 322, 389, 435, 460, 468, 474, 500, 505, 555, 557, 677. Napoleon III. (t 1873). 12, 25, 54, 79, 82, 92f„ 97, 101, 122. Rolle im Krieg von 1870 und in dessen Vorgeschichte. 128, 129, 135, 150fT., 165, 166, 168, 169, 174CF., 467. Wilhelmshöhe. 178. Seine Regierung. 246. Neujahrsansprache von 1859. 390. Unterredungen mit Bismarck in Biarritz. 459. Der Staatsstreich. 496. Phantastisch und innerlich schwach. 521. N. III. und Heine. 534. Konvention mit Piemont. 536. Seine Verlobung mit der Montijo. 669. Bei Mathilde Bonaparte. 669f. Attentat Orsinis. 671. Naumann, Friedrich, Pastor a. D., deutsch-demo- krat. Politiker. 57, 158. Nelidow, Alexander Iwa- nowitsch. russischer Botschafter in Konstantinopel, dann Rom, dann Paris. 221 f., 427. Nelson, englischer Admiral, Sieger von Trafalgar. 47. Nemours, Herzog Louis von (Orleans), zweiter Sohn Louis-Philippes (■)" 1896). 521. Nesselrode, Graf, Karl Robert, 1816 bis 1856 russischer Minister des Äußern (t 1862). 414, 565. Nessel ro de-Ehreshofen, Graf Maximilian, Oberhofmeister der Kaiserin Augusta. 121. Neuville, de, Bankier in Amiens. 247. Nicolai, Christoph Friedrich, Berliner Buchhändler und Schriftsteller. 408. Nicotera,Baron Giovanni, italienischer Politiker,Minister des Innern. 536, 653, 662. Niebuhr, Barthold, Geschichtsforscher. 109,333. Niesewand, FranzMariav., Rittmeister im Regiment Köuigshusarcn. 183f., 201, 213, 225, 232. Nikolaj Nikolajewitsch russ. Großfürst, Bruder Alexanders II. (j" 1891 im Irrsinn). 427. Nikolaus I., Zar (f 1855). 13. Tod. 25, 313, 363,367, 377, 378, 382, 383, 390, 414 f., 464, 479, 500, 508, 568, 588, 603, 677. Nikolaus II., Zar. 362, 584, 641. Nikolaus, Fürst (dann König) von Montenegro. 426. Nimptsch, Guido von, Sohn des folgend., Fähnrich im Regiment Kö- nigsliusaren. 220ff., 286, 306, 307. Nimptsch, Paul von, schlesisch. Konservativer. 220, 306. Noack, Friedrich, römischer Korrespondent der „KölnischenZeitung“. 37, 657. No a i 11 es, Marquis de, französischer Botschafter am Quirinal, 1882 bis 1886 in Konstantinopcl, 1896 bis 1902 in Berlin. 314. Nobili ng,Karl, Dr., Attentäter auf Wilhelm I. 433. Nollet, französischer General. 195. Nord, Graf Roger du. 466f., 469, 471, 472, 473. Nostitz, Graf, Militärattache der Russischen Botschaft in Berlin. 221. Nothomb, Baron, belgischer Gesandter in Berlin. 315. Nunes, Feman, spanischer Botschafter in Paris. 526. Oberg, Dr. Emil, Lehrer im Hause Bülow, später Konsul in Nisch. 127. Obolensky, Fürstin. 350. Oertzen, Friedrich v., Mitschüler Bülows in Halle. 76. Oertzen, Jaspar v., mecklenburgischer Staatsminister. 58, 102. Olga Königin von Württemberg, Schwester d. Zaren Alexander II. 349. Olga Königin von Griechenland, geh. Großfürstin v. Rußl. 418f., 426. Ollivier, Emile, 1870 französischer Ministerpräsident. 128. Au cneur leger. 131, 168, 467, 476, 660. Oppeln-Bronikowski, v., Major im 8. Rheinischen Jäger-Bataillon. 202, 232. 720 NAMENREGISTER Oppert-Blo witz, Korrespondent der „Times“ in Paris u. a. d. Berliner Kongreß. 444 ff. Taf. 448. Oriola, Graf, Kommandeur des Regiments Königshusaren. 230. Oriola, Griifin Luise, Palastdame der Königin Augusta. 95. Orlow, Fürst Nikolai Alexcjewitsch, russ. Botschafter in Paris, 1884 in Berlin (t 1885). 524, 565, 566. O r s i n i, Felice, italienischer Revolutionär, 1858 mit Pieri Attentäter auf Napoleon III., hingerichtet. 670f. Osman Nuri Pascha, Gha- si, türkischer Verteidiger von Plewna (f 1900). 422 f. Oubril, russischer Gesandter in Darmstadt, dann Botschafter in Berlin. 315f., 375, 439f., 451. Ouida (Louisa de la Ra- m6e), Schriftstellerin.354. Ouroussow, Fürstin Mo- nia. 522, 532ff. Ouschakow, General ä la suite des Zaren Paul, Mitverschworener bei seiner Ermordung. 389. Paget, Lady Walburga, geb. Gräfin Hohenthal, Gattin des engliscben Gesandten in Rom. 344f. Pahlen, Graf Peter Ludwig, Gcneraladjutant des Zaren Paul, Urheber der Verschwörung gegen ihn und seiner Ermordung. 389 f. Pailleron, Edouard, fran- zös. Lustspielautor. 522. Painlevö, Paul, Professor an der Sorbonne, seit 1910 Abgeordneter, ab 1915 Kriegsminister, ab 1917 Ministerpräsident. 654. Palva, Marquise Blanche de (Gräfin Hcnckel-Don- ncrsmarck), geb. Lachmann. 493 ff., 497. Paleologue,Maurice, 1885 Gesandtschaftssekretür i. Rom, 1886 bis 1909 i.fran- zösischen Außenministerium, 1909 bis 1913 Gesandter in Sofia, bis 1917 Botschafter in Petersburg. 177. Pallain, Georges, Direktor der Banque de France. 465 f. Pallavicini, Markgraf Johann, österreichischer Diplomat, 1899 bis 1906 Gesandter in Bukarest, bis 1918 Botschafter in Kon- stantinopel. 570. Palmerston, Lord (Viscount), englischer Außenminister von 1830 bis 1841, 1852 bis 1855, seit 1859 Premierminister (t 1865). 52. Pansa, Alberto, Attache i. italienischen Ministerium des Äußern, dann Botschafter in Konstantinopel, London und Berlin. 327. Pape, v., preußischer Generaloberst. 583, 658. Paris, Graf von (Louis- Philippe von Orleans) (f 1894). 521. Pascal, Blaise, französischer Philosoph. 169. Pastor, Ludwig v., Historiker des Papsttums. 27. Pauli., Zar, 1801 ermordet. 378 ff. Seine Ermordung. 379 ff., 418. Paul Alexandrowitsch, russ. Großfürst, fünfter Sohn Alexanders II., 1918 von den Bolschewisten erschossen. 376. Paul Friedrich Großherzog von Mecklenburg- Schwerin, vermählt mit Alexandrine Prinzessin v. Preußen (f 1842). 65. Payer, Friedrich, Führer der Süddeutschen Volkspartei. 161. Pedro II. Kaiser von Brasilien, 1889 entthront (f 1891). 521. Peel, Sir Robert, englisch. Premierminister. 551. Pelissier, französischer General, Kommandant d. B el agerungs - Armee vor Sebastopol, Herzog von Malakow und Marschall. 13. Pelloux, Luigi, italienischer General und Kriegsminister. 525, 654. Pemberton-Ground, Avantageur im Regiment Königshusaren. 223 f. Perglas, v., bayrischer Gesandter in Berlin. 316. Perowskaja, Gräfin Sofie, Nihilistin, beteiligt an dem Bombenattentat auf Alexander II. 371. Perponcher, Gräfin Wan- da, Gattin des Hofmarschalls Wilhelms I. 304f. Peters, Karl, deutscher Afrikaforscher, Rcichs- kommissar in Ost-Afrika. 114. Petery, preußischer General, Kommandant von Spandau. 254. Pfizer, Gustav, Dichter d. Schwab. Schule. 5. Pfordten, Ludwig Karl Heinrich Freiherr von der, sächsischer Außenminister, dann bayrische. Minister - Präsident, von 1859 bis 1864 Bundestagsgesandter. Vater der Trias-Idee. 11. Seine Familie. 11. Behandlung durch Bismarck 1866. 11. NAMENREGISTER Philipsborn, v., Direktor im Auswärtigen Amt. 352. Photiades, türkischer Gesandter in Athen. 420. Pietri, Chef der Geheimpolizeiunter Napoleon III. 278. Pi stör, Advokat in Metz. 278. Pitt, William (Lord Cha- tam), englischer Staatsmann. 439. Pius VII., Papst (f 1823). 309. Pius IX., Papst von 1846 bis 1878. 325, 326, 328. Enzyklika gegen die Maigesetze. 329. P. IX. und die Gattin des französischen Botschafters. 345. Pius IX. und Minghetti. 535f. Planitz, von der, Oberst, Stabschef Loes. 253. Platen, Graf Adolf, han- noveranischer Minister d. Äußern. 11, 51, 525. Pia tcn-H allermund, August v., Dichter. 31,51. Pia ten-H allermund, Graf Georg v., Onkel Bü- lows. 51. Plener, Emst v., Sohn des folgenden, österreichisch. Finanz - Minister, Präsident des österreichischungarisch. Obersten Rechnungshofs, Führer der Liberalen im Reichsrat (t 1923). 391 f. Plener, Ignaz v., österreichischer Finanzminister und Handelsminister (f 1908). 391. Pobjedonoszew, Konstantin Petro witsch, Oberprokurator des Heiligen Synods (f 1907). 574 f„ 579. Poincare, Raymond, 1912 französisch. Ministerpräsident, 1913 Präsidcntder Französischen Republik. 93, 134, 177. Polignac, Auguste Jules, Graf von, 1829 bis 1830 französischer Ministerpräsident. 496. Polowzow, russischer Reichssekretär. 564f. Posadowsky, Graf Arthur, 1893 Staatssekretär des Rcichsschatzamts, 1897 Staatssekretär des Reichsamts des Innern. 688 . Pourtalös, Graf Max, Leutnant im Regiment Königshusaren. 208 f., 229. Pourtalüs, Graf Wilhelm, Vater des Botschafters i. Petersb. 627. Taf. 304. Pranckh, Freiherr von, bayrischer Kriegsminist. 160. Prevost, Marcel, französischer Schriftsteller, 406. Prillwitz, Frau von (eine der „drei Schwestern“). 304 f. Prokesch - Osten, Graf Anton, österreichischer Diplomat, 1853 und 1854 Bundestagsgesandter in Frankfurt a. M., später Botschaft, in Konstantinopel u. Feldzeugmstr.10. Protassow, Gräfin, Witwe des Kommandeurs der russischen Gardehusaren und Prokurators des Heiligen Synods. 367. Pückler-Muskau, Fürst Hermann Ludwig Heinrich, Schriftsteller. 544. Puschkin, Alexander Ser- gejewitsch, russ. Dichter. 370, 533. Putbus, Fürst (Wilhelm Malte Reichsgraf von Wylich u. Lottum, Fürst seit 1861, f 1907). 70. 721 Raabe, Wilhelm, Romandichter. 582. Radetzky, Graf, österreichischer Feldmarschall (t 1858). 6, 15. Radowitz, Josef Maria v.. Geh. Legationsrat im Auswärtigen Amt. 1875 außerordentlicher Gesandter nach Petersburg, Gesandter in Athen, Botschafter in Konstantinopel u. Madrid (f 1912). 97, 350, 374, 407. Brouille mit Holstein. 452 ff. Außerordentliches Prcß-Dc- zemat. 508. Bismarck gegen ihn. 509 f. Radziwill, Fürst Anton, General - Adjutant Wilhelms I. (f 1904). 570. Radziwill, Fürst Ferdinand, Mitglied der Polcn- fraktion im Reichstag. 680. Radziwill, Fürstin Marie, geh. Castellane, Witwe des Fürsten Anton. 147. Raffauf, deutscher Konsul in Kiew. 637. Ragonesi, Kardinal. 679. Rahel (Vamhagen). 43, 564. Rainer, Erzherzog von Österreich (f 1853). 390. Rampolla, Kardinal- Staatssekretär (f 1913). 674, 679. Rancis y Villanuova, spanischer Gesandter am Bundestag. 13. Rantzau, Graf Kuno, Gesandter in München u. im Haag, Schwiegersohn Bismarcks (f 1917). 272, 361, 455 f., 607, 627. Ratazzi, Minister des Kgl. Hauses Savoyen. 656. Rathenau, Walter, Reichsminister, am 24. 6. 1922 ermordet. 87, 434. 46 BUIow IV 722 Ratibor, Herzog Viktor (Hohenlohe-Schillings- fürst, ältester der vier Brüder), Präsident des Preußisch. Herrenhauses (f 1893). 389. R a u c h, v., preußischer General, Militärbevollmächtigter am russischen Hof. 572. Rechberg-Rothenlöwen Graf Bernhard, österr. Vertreter a. Bundestag, dann Ministerpräsident und Außenminister. Beziehungen zu Bismarck. lOf. Rechenberg, Julius v., deutscher Generalkonsul in Warschau. 571 f. Redern, Graf Heinrich, preußischer Gesandter in Brüssel und Petersburg. 50, 96f., 287, 313. Redern, Graf Wilhelm, Bruder d. vor., Oberstkämmerer. 312f., 513. Reichardt, Geheimer Legationsrat. 291. Reichenberg, Suzanne, Mitglied der Comedie- Fran^aise. 113. Rcinach, Joseph, Kabinettschef Gambettas, Abgeordneter. 516. Renan, Emest, französischer Religionshistoriker. 405 f. Renvers, v., Geheimrat, Arzt in Berlin. 115, 458, 682. Retz, de, Kardinal. 468. Reuter, Fritz, Dichter. 56, 69 f. Rho des, Cecil, Gründer von Rhodesia. 493. Richelieu, Kardinal. 466, 468, 474. Richter, Eugen, Führer d. deutsch. Fortschrittspartei. 269, 283, 298, 351, 429, 581, 601, 641, 680, 681. NAMENREGISTER Richter, Gustav, Professor, Maler. Er und seine Frau Comclie, geb. Meyer- bccr. 308, 313. Richthofcn, Oswald Freiherr v., 1881 Vortragender Rat im Auswärtigen Amt, 1897 Unterstaatssekretär, 1900 Staatssekretär (gest. 1906). 685, 687. Rieger, Ladislaus, Führer der Jungtschechen. 611 f. Ring, Baron de, Sekretär der Französischen Botschaft in Wien. 162. Robespierre, Maximilien, französisch. Revolutionsmann. 236. Rochefort, Graf Henri, französ. Journalist. 516. Rodbertus, Johann Karl, Nationalükonom. 545. Rodd, Sir Renneil, englischer Botschafter in Rom. 327, 598. Roggenbach, Freiherr Franz von, badischer Außenminister (f 1907). 222 f. Ronsard, Pierre de, französischer Dichter des 16. Jahrhunderts. 281. Roon, Albrecht v., preußischer Kriegsminister seit 1859 (f 1879). 157, 167, 228, 283. Roosevelt, Theodore, Präsident der U. S.A. 327. Roscher, Wilhelm, Nationalökonom. 1181L, 126. Rosenberg, v., Major im 4. Kürassier-Regim. 128, 129. Rosenzweig, v., Oberst, Kommandeur des Infanterie-Regiments Nr. 28. 217, 248. Rosetti, Konstantin, rumänischer Politiker. 624. Rosmini -Serbatti, Graf, italienischer Philosoph. 536. Rotenhan, Freiherr von, Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, preußischer Gesandter beim Vatikan. 685, 687. Rothan, Gustave, Sekretär der französischen Gesandtschaft beim Bundestag. 13. Rothschild, Baron Anselm Mayer (in Frankfurt a.M.) (t 1855). 28. Rothschild, Baron Mayer Carl, Mitglied des Preußischen Herrenhauses. 28, 478. Rothschild, Baron Willy. 28. Rothschild, Baronin Mathilde. 28 f. Rottenburg, Franz von, seit 1876 Chef der Reichskanzlei (f 1907). 628. Rouher, Eugene, 1849 bis 1852 französischer Ministerpräsident. 93, 152f., 163, 166. Rousseau, Jean-Jacques. 4, 111, 116, 279, 460, 490. Rouvier, Maurice, 1881 französischer Handelsminister, 1887 und 1905 Ministerpräsident (f 1911) 516. Rudini, Antonio Starraba, Marchese di, italienischer Ministerpräsident 1891 bis 1893 und 1896 bis 1898. 652, 673 lf. Rudolf, Kronprinz von Österreich-Ungarn (gest. durch Selbstmord 30. 1. 1889 in Mayerling). 25, 189. Rudolphi, Ferdinand, Rittmeister im Regiment Königshusaren. 229 ff". Rücker, Alfred, Bruder von Bülows Mutter. 34, 35, 36. NAMENREGISTER 723 Rücker, Emilie, Großmutter Bülovvs mütterlicherseits. 30, 36f., 37f. Rücker, Oskar, Onkel Bülows. 37. Rücker, Wilhelm, Onkel Bülows. 37. Rücker-Jenisch, Martin, Freiherr von, Sohn von Alfred Rücker. 36. Rückert, Friedrich, Dichter. 39. Rüge, Arnold, Herausgeber der „Halleschen Jahrbücher“. 79. Ruhland, Dr., Abgeordneter der bayerischen „Patrioten“-Partei. 160. Ruprecht, Prinz, dann Kronprinz von Bayern. 171. Russell, Odo, Lord Am- phtill, englischer Botschafter in Berlin. 314, 447, 451. Ruville, v., preußischer General. 242f., 254f. Saburow, russischer Gesandter in Athen, später Botsch. in Berlin. 419f. Sacy, Silvestre de, französischer Orientalist. 405. Sadullah Bey, Botschafter der Pforte in Berlin, dritter türkischer Delegierter auf dem Berliner Kongreß. 450, 451. Saint-Just, französischer Revolutionsmann. 684. Saint-Vallier, Graf, 1877 französischer Gesandter in Berlin, dritter Delegierter auf dem Berliner Kongreß. 449, 451. Salamanca, Graf, spanischer General. 25 2 f. Saldern, von, deutscher Konsul in Sofia. 602. Salisbury, Lord (Mar- queß), englischer Minister des Äußern, Führer der Tories (f 1903). 417, 429. Auf dem Berliner Kongreß. 441, 447, 451. Verständigung mit Gladstone 549. Scharfe Sprache gegen Rußland. 580. Premierminister. 580. Salm, Fürstin Elise, geb. Liechtenstein. 400, 571, 590. Salm-Horstmar, Prinz Karl, Schwager des Fürsten Hohenlohe. 463. Sand, George, Schriftstellerin. 256, 354. Sandeau, Jules,ihr Gatte. 354. Sand en-Tussainen, von, Einjähriger im Regiment Königshusaren. 214, 229. Sanfelice, Kardinal, Erzbischof von Neapel. 678. Saracco, italienischer Politiker. 536. Sardou, Victorien, französischer Dramenautor. 522. Sasonow, Sergei Dmitri- jewitsch, 1910—1916 russischer Minister des Äußern (f 1927). 177. Saussier, französisch. General. 611. Savigny, Karl Friedrich von, preußischer Gesandter in Karlsruhe und am Bundestag, dann Vorsitzender der Zentrumsfraktion (f 1875). 88, 324, 500. Say, Leon, französischer Finanzminister. 516, 517. Sayn-Wittgenstein, Prinz Emil. 368 f. Sayn-Wittgenstein, Prinz Ferdinand. 368. Schack, v., preußischer General, dann in russischen Diensten. 382. Schadow, Gottfried, Bildhauer. 59. Scharffenberg, Karl Xaver, Fähnrich im Regiment Königshusaren. 218, 222 f. Scheel - Plessen, Graf Karl, erster Oberprüsid. der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. 48. Scheel - Pless en, Graf Otto, dänisch. Gesandter in Petersburg. 48. Scheel-Plessen, Graf Magnus, Vetter v. Bülows Großmutter. 48. Scheel-Plessen, Graf Wulf, dänischer Gesandter in Stockholm. 48. Scheer, Reinhard, Admiral, Chef der Hochseeflotte. 171. Schcnkendorf, Max v., patriotischer Dich ter. 258. Scherff, v., niederländischer Gesandter beim Bundestag für Luxemburg. 13. Scheurer-Kestner, französischer Senator (f 1899). 473. Schill, Ferdinand v., Major, Anführer eines Freikorps. 70. Schiller. 4, 23, 24, 36, 41, 90, 125, 197, 286, 310, 322, 377, 394, 405, 462, 516, 529, 533, 574, 583, 623. Schlegel, August Wilhelm, Romantiker. 44. Schlegel, Friedrich, Romantiker, Bruder des vorigen. 40. Schleiermacher, Friedrich Emst Daniel, Theolog und Philosoph. 310. Schleinitz, Alexander v., 1849—1850 und 1859 bis 1861 preußischer Minister desÄußem, dann Minister des Kgl. Hauses, 1879 Graf (f 1885). 304, 305 ff. Feindschaft Bismarcks. 305 f., 555. Taf. 304. 46 * 724 Schleinitz, Gräfin Marie, geh. v. Buch, Gattin des vorigen, in zweiter Ehe Gräfin Wolkenstcin. 301, 307. Ihr Eintreten für Wagner. 307. Ihr Salon. 308, 346. Fürstin Bismarck gegen sie. 555, 585. Taf. 304. Schlichting, Max v., Sekondleutnant im Regiment Königshusaren, später Mitglied des Preußischen Herrcnhauses.l81f., 188, 190, 192, 193. Schlieffen, Graf Alfred, Oberst des 1. Garde-Ula- ncn-Rcg., 1891 bis 1905 Chef des Großen Gcneral- stabs (f 1913). 150, 513. Schliemann, Heinrich, Archäolog. 424. Schlözer, Kurd von, Historiker und Diplomat, 1882—1892 preußischer Gesandter am Vatikan (f 1894). 270, 337, 537. Schmerling, Anton Ritter von, Reichsminister 1848, später Führer der österreichischen Verfassungspartei (f 1893). 388, 393. Schmettow, Graf, Kommandeur der 7. Kürassiere bei Mars-la-Tour. 149. Schmidt, Julius, Professor, Direktor der Sternwarte in Athen. 431 f. Schmidt, Professor, Rektor des Gymnasiums in Neu-Strclitz. 64. Schmoller, Gustav, Professor an der Universität Berlin, Nationalökonom (t 1917). 118 f., 559. Schön, Wilhelm v., Hofmarschall in Koburg, Gesandter in Kopenhagen, Botschafter in Petersburg, 1907—1909 Staatssekretär des Äußern, 1910 bis 1914 Botschafter in Paris. 177. NAMENREGISTER Scholz, General, Armeeführer im Weltkrieg. 171. Schopenhauer, Dr. Arthur, Philosoph. 10, 16 f-, 26, 41, 48, 78, 126, 281, 321, 371, 399, 491, 522, 529. Schopenhauer, Johanna, Mutter des vorigen, Schriftstellerin. 48. Schräder, Karl v., Leutnant im Regiment Königshusaren, später Zeremonienmeister, von dem Kammerherrn v. Kotze im Duell erschossen. 205 ff., 222, 253, 257, 274. Sehr eck enstein, Freiherr Max von, Major bei den Königshus., dann Kommandeur der 7. Ulanen. 22, 136 f., 180 f. Sehr eck enstein, Freiherr von, Hofmarschall des Fürsten von Ilohenzol- lern-Sigmaringen. 136. Schubert, Franz, Komponist. 401. Schulenburg, v. d., preußischer Gesandter in Dresden. 128, 129, 133. Schulze - Delitzsch, Franz Hermann, demokratischer Politiker. 80, 283, 479, 500, 606. Schuselka, Franz, österreichischer Reichstagsabgeordneter. 106. Schuwalow, Graf Paul, russischer Botschafter in Berlin, Bruder des folgenden (f 1908). 614, 638. Schuwalow, Graf Peter, Generaladjutant Alexanders II., dann russischer Botschafter in London (f 1889). 377, 429, 439 f., 443, 450, 451. Mißgeschick. 451 f. Aplomb. 565. Für die Bulgaren. 587. Schwarzenberg, Fürst Felix, österreichischer Ministerpräsident. 6, 165, 394. Schweinitz, Lothar v., General, preußischer Militärattache in Petersburg, dann Botschafter i. Wien, dann i. Petersb. (f 1901). 96, 163, 164, 324, 361, 373, 554, 564f., 566, 569, 575, 587, 592, 614, 615ff., 619, 648. Schweitzer, Baron Alle- sina von, badischer Ministerresident in Florenz, später der Deutschen Botschaft in Rom zugeteilt. 169, 343 f. Schweitzer, Jean Bap- tiste v., Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (f 1875). 368. Schweninger, Ernst, Professor Dr., Hausarzt Bismarcks (f 1924). 297, 646. Scott, Walter, englischer Romantiker. 568. Seckendorff, Freiherr Götz v., Kammerherr der Kronprinzessin Viktoria (Kaiserin Friedrich). 339. Taf. 304. Seckendorff, Freiherr Rudolf v., Prokurator am Landgericht in Metz, später Unterstaatssekretär im Preußischen Staatsministerium, dann Präsident des Reichsgerichts. 277, 280. Seiler, Pastor in Halle. 82 f., 102. Semper, Gottfried, Architekt. 399. Senden, Otto v., Rittmeister bei den 2. Garde- Dragonern. 323. Sepp, Johann Nepomuk, Historiker und bayrischer Zentrumspoiitiker (t 1909). 161. NAMENREGISTER 725 Sermoneta, Herzog Ono- rato. 326, 327. Shakespeare, William, 533. Sierstorpff, Karl v., Ordonnanzoffizier des Generals v. Manteuffel. 41, 193, 220, 235. Simon, Jules,französischer Philosoph und Politiker, 1876—1877, Ministerpräsident (f 1896). 481. Simrock, Karl Josef, Germanist. 263. Simson, Eduard v., 1848 Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, 1871 Präsident des Reichstags, 1879—1891 Präsident des Reichsgerichts (f 1899). 156. Singer, Paul, sozialdemokratischer Führer (gest. 1911). 680. Sinowjew, Chef des Asiatischen Departements im russischen Ministerium d. Äußern. 599 f., 604. Skobelew, Michail Dimi- trijewitsch, russischer General (f 1882). 564, 588. Slawjanski, russ. Volksdichter. 611. Solms, Graf Eberhard, preußischer Gesandter in Dresden. 97, 361. Solms-Laubach, Graf Hermann, außerordentlicher Professor der Botanik an der Universität Straßburg (f 1915). 423. Solowjew, Wladimir Sergej ewi tsch, russischer Philosoph. 574. Sombart, Werner, Prof., | - Nationalökonom. 406. Sonnino, Sidney, italienischer Finanzminister, dann Ministerpräsident, im Weltkrieg Minister des Äußern. 652, 656. Sophie, Gattin des Erzherzogs Franz Karl von Österreich, Mutter des Kaisers Franz Josef. 14. Sophie, Kronprinzessin (dann Königin) von Griechenland, geh. Prinzessin von Preußen, Schwester Wilhelms II. 418. Spce, Graf Maximilian, Admiral, Chef des deutschen Kreuzergeschwaders. 171. Spielhagen, Friedrich, Romanautor. 121. Spitzemberg, Hildegard von, geh. Varnbüler, Gattin des folgenden. Abfall von Bismarck. 316. Fürstin Bismarck über ihre Treue. 555. Spitzemberg, Freiherr Hugo von, württembergi- scher Gesandter in Berlin. 316. Spuller, Eugfene, Unterstaatssekretär im Ministerium Gambctta. 516, 527. Stahlewski, Florian v., Erzbischof von Gnescn- Poscn. 681. StacI, Madame de, Schriftstellerin. 116. Stahl, Friedrich Julius, preußischer Konservativer. 18. S t a h r, Adolf, Schriftsteller, Gatte von Fanny Lewald. 320. Stambulow, Stefan, 1887 bis 1894 bulgarischer Ministerpräsident, 1895 in Sofia ermordet. 600, 602. Stauffenherg, Reichsfreiherr von, liberaler bayrisch. Parlamentarier. 159f. Stein, Charlotte v., Freundin Goethes. 500. Stein,’JP [Freiherr vom, Staatsmann in preußischen Diensten. 251, 375. Steinberg, Ernst v., Leutnant im Regiment Königshusaren, später Botschaftsattache in Paris. 204, 208, 210, 217. Steinmetz, Karl Friedrich v., General, Armeeführer (f 1877). 100. Stendhal (Henri Bcyle), französischer Schriftsteller. 60, 121, 320. Stiebei, Dr., Hausarzt der Familie Bülow in Frankfurt a. M. 16f., 78. Stieber, Wilhelm, preußischer Polizeidirektor. 133. Stichle, Gustav von, Ge- neralstabschcf des Prinzen Friedrich Karl. 146. Stinnes, Hugo, Industrieller. 493. Stirbey (Bibescu), rumänischer Politiker. 624. Stock, Geh. Hofrat, Kanzleivorstand der Deutschen Botschaft in Rom. 346. Stockhausen, Bodo v., hannoverscher Gesandter in Paris und Wien, dann Oberhofmeister in Hannover. 106, 136. Stockhausen, Elisabeth v., verheiratet mit Heinrich Freiherrn von Iler- zogenberg. 106f., 136. Stolberg, Graf Friedrich Leopold, Dichter. 105, 388. Stolberg, Graf (dann Fürst) Otto, 1876 Botschafter in Wien, dann Vizepräsident des Preußischen Staatsministeriums und Hausminister (■(■ 1896). Reise nach Wien mit Bülow. 387 f. Empfang in Wien. 388. Besuch Andrässys. 397. 726 NAMENREGISTER Bricht den Widerstand des Kaisers gegen Bündnis mit Österreich-Ungarn. 507 f. Beim Prinzen Wilhelm. 596. Stoltzcnberg, von, Pre- mierleutn. im Regiment Königshusaren. 181, 188. Stroßmayer, Josef Georg, kroatischer Bischof und Politiker. 669. Strubberg, v., Generalmajor, Kommandeur der 30. Infanterie-Brigade. 183, 185 f., 217, 235, 248. Stuart, englischer Gesandter in Athen. 419. Studemund, Wilhelm, Universitütsprofessor in Breslau, Würzburg und Greifswald, Philolog. 267. Stumm, Ferdinand v., Leutnant im 8. Husaren- Regimcnt, später Gesandter in Darmstadt u. Botschafter in Madrid (f 1925). 96. Stumm, Freiherr Wilhelm von, Wirklicher Legationsrat, 1916 bis 1918 Unterstaatssekretär. 177. Sturdza, Demeter, rumänischer Politiker. 622, 646. Suhow, Graf, Mörder des Zaren Paul. 389. Sybel, Heinrich v., Historiker. 80, 81, 156, 157, 264. Szögyenyi-Marich, Graf, 1892—1914 österr.- ungar. Botschafter in Berlin (f 1916). 639. Taaffe, Graf Eduard, österreichischer Ministerpräsident (f 1895). 392. Taine, Hippolyte, französischer Historiker. 320, 405, 460, 469. Tallenay,„le Marquis de“, französischer Gesandter am Bundestag. 12f., 15. Talleyrand, Fürst, französischer Staatsmann. 65, 135, 176, 293, 465, 466. Talleyrand und Dino, Herzogin Dorothea von, geborene Prinzessin von Kurland, Nichte des Fürsten. 65. Talleyrand - Perigord, Graf Archambault, Adjutant im preußischen 2. Garde - Ulanen - Regiment. 242 f., 244, 247. Tasso, Torquato, Dichter. 537. Thackeray, William Ma- kepeace, englischer Romandichter. 121. Thielmann, Max v., Legationsrat, Erster Sekretär der Deutschen Botschaft in Paris, später Staatssekretär d. Reichsschatzamts (f 1929). 474, 48411., 487. Thierry, Augustin, französischer Historiker. 405, 447. Thiers, Adolphe, französischer Historiker und Politiker (f 1877). Rede gegen Napoleon III. 92 f. Debatte über die Römische Frage. 152 f. Als Präsident der Republik. 196. Unterdrückung der Commune. 246, 654. Prinzessin Arenberg über ihn. 283. Ernennt Diplomaten des alten Systems. 313. Rede in Bordeaux. 321. Th. und Richard Metternich. 389. „Le sauveur de la France“. 466 f. Weint bei Truppenschau. 480. Mißtrauen gegen Spezialisten. 486. Gortschakow zu ihm. 504. T h i 1 e, v., Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. 128, 272, 273. Thiron, Schauspieler der Comedie-Framjaise. 113. Tholuck,* August, Prof, der Theologie in Halle. 79 f. Thomas, Albert, französischer Sozialist. 479. Thomas von Aquino, Scholastiker. 538. Thornton, Sir Edward, englischer Botschafter in Petersburg. 598. Thorwaldsen, Bertel, Bildhauer. 309. Thun-Hohenstein, Graf F riedrich, österreichischer Gesandter am Bundestag, dann Gesandter in Berlin und Petersburg (f 1881). 22 . Thum und Taxis, Erbprinz von. 545. T i e c k, Ludwig, romantischer Dichter. 44. Tirard, Präsident der Rheinland - Kommission. 516. Tirpitz, Alfred, Großadmiral, 1897—1916 Staatssekret. d. Reichsmarineamts. 688f. Tissot, französischer Gesandter in Athen. 420. Tisza, Graf Stefan, ungarischer Staatsmann, 1918 ermordet. 94. Tocqueville, Alexis de, französischer Historiker. 532. Tolstoi, Graf Alexej Kon- stantinowitsch, Dramatiker und Romanschriftsteller (f 1875). 625. Tolstoi, Graf Dmitri Alexandrowitsch, russischer Minister des Innern (f 1889). 572 ff., 579. NAMENREGISTER Tolstoi, Graf Lew Nikola- jewitsch, russ. Dichter (t 1910). 121, 370, 532. Tosti, Luigi, italienischer Historiker und Theolog. 536. Traube, Ludwig, Professor, Diagnostiker und Patholog (f 1876). 127, 132, 177. Trauttmansdorff, Fürstin Anna, geh. Liechtenstein. 400. Treitschke, Heinrich v., Historiker. 145, 460, 671. Trikupis, Charilaos, griechischer Minister-Präsident. 426. Trocltsch, Ernst, protestantischer Thcolog. 406. Trompette, Koch Gam- bettas. 514. Tschcrewin, Gcncraladju- tant des Zaren Alexander III. 577 f., 579. Tschernajew, russisrher General, Panslawisten- führcr. 639 f. Türckheim, Freiherr v., badischer Vertreter im Bundesrat. 316. Turgenjew, Iwan Sergeje- witsch, russischer Dichter. 121, 370, 533 f., 584. Twesten, Karl,fortschrittlicher preußischer Politiker. 500. Uexküll, Baronin, Gattin des russischen Gesandten in Rom. 344f. Uhland, Ludwig, Dichter. 10, 185, 279, 453. Ungern-Sternberg, Baron, Flügeladjutant des Zaren Alexander II. 451 f. Usedom, Graf Guido, preußischer Cesandter in Florenz, Rom und Turin (t 1884). 154, 287 f. Vacarescu, Helene, Hofdame der Königin Elisabeth von Rumänien. 6 481T. Vaglia, Porzio, Generaladjutant des Königs Hum- bert von Italien. 662. Vaillant, Edouard, Mitglied der Pariser Commune. 472. Vanutelli, Vincenzo, Kardinal. 679. Varnbiiler, Axel v., Sohn des folgenden, württem- hergischer Bevollmäch t ig- ter zum Bundesrat. 316. Varnhüler, Karl v., würt- tcmbcrgischer Staatsminister. 316. Varnhagen von Ense, Schriftsteller. 564. Vauvenargues, französischer Moralist des 18. Jahrhunderts. 406 f. Vernescu, rumänisch. Politiker. 623. Vernon - Harcourt, Sir W., englischer Staatssekretär des Innern. 553. Veuillot, Louis, Redakteur des „Univers“. 152. Viardot- Ga rcia. Pauline, Sängerin. 486, 534. Victor Prinz Bonaparte. 521. Victoria Königin von England (1837 bis 1901). 36, 155, 310, 447. Rügt den Prinzen von Wales. 458. Für Disraeli, gegen Gladstone. 551. Wählt Heinrich Battenberg zum Schwiegersohn. 604. Regierungsjubiläum. 605. In Charlottenburg. 618f. Viktor Emanuel II. König von Italien (j" 1878). 153, 169, 325, 326, 330, 337, 338, 340, 458, 479, 655, 662. Viktor Emanuel III. 727 König von Italien seit 1900. 653. Viktoria (Kaiserin Friedrich), t 5. 8. 1901 in Friedrichshof (Taunus). 28, 216, 221, 223, 251. Gegen Bismarck. 298. Reise nach Italien 1875. 338 ff. Gegen Bülow Vater u. Sohn. 339 f. Vergißt England nicht. 436, 457. Beim Schlußdiner des Berliner Kongresses. 451. Klagen Herbert Bismarcks über sie. 456. Bülow und Frau zu Gast. 595 f. Vertrauen zu Morier. 599. Entflammt für projektierte Heirat ihrer Tochter mit dem Battenberger. 602. Klage über Bismarck. 605. Auftritte mit ihrem Sohn Wilhelm in San Remo. 615. Am Krankenbett Friedrichs III. in Charlottenburg. 618 f. Verhalten ihres Sohnes gegen sie. 648. Besuch Bismarcks hei ihr. 658. Über die Krüger-Depesche. 667. Ihre wissenschaftliche Bildung. 676. Taf. 304. Viktoria Prinzessin von Preußen, Gattin des Prinzen Adolf von Schaumburg-Lippe. Die Battenberg-Affäre. 601 f., 605. Vi 1 a 11 e, Cesar, Gymnasialprofessor in Neu-Strelitz. 64. Villaume, Major von, Militärattache der Deutschen Botschaft in Paris. 522 f. Villers, v., Sekretär der Sächsisch. Gesandtschaft in Wien. 344, 400. Vilmar, Literaturhistoriker in Marburg. 17f. Vincke, Ludwig Freiherr v., Oberpräsident von Westfalen. 73. 728 NAMENREGISTER Virchow, Rudolf, Mediziner, 80, 269, 283, 298, 479. Visconti-Venosta, Marchese Emilio, italienischer Minister des Äußern (f 1914). 153, 166, 169, 329f., 337. Vitzthum vonEckstädt, Reichsgraf Friedrich, Botschaftssekretär in Paris, London und Petersburg, Legationssekretär in Bukarest, später Präsident der Ersten Sächsischen Kammer und sächsischer Oberst-Marschall. 487, 488 f., 548, 550, 592, 646. Vitzthum, Graf Karl, sächsischer, dann österreichischer Diplomat (t 1895). 151. Vitzthum, Graf, Zeremonienmeister am preußischen Hof. 36. Viviani, Ren6, französischer Sozialist, dann Minister. 177, 479, 654. Vlangaly, Gehilfe v. Giers im russ. Ministerium d. Äußern. 599, 600, 604. Völderndorff, Freiherr von, früher Vortragender Rat des Fürsten Hohenlohe. 514f. Volk, liberaler bayrischer . Abgeordneter. 161. Vogel von Falckenstein, preuß. General (f 1885). 99. Voigt, Professor am Pädagogium in Halle. 107. Voltaire. 134, 359, 370, 460, 467, 502, 517, 522f. Voß, Johann Heinrich, Dichter. 52, 61. Wach, Adolf, Professor der Rechte in Leipzig. 106. Waddington, William Henry, französischer Minister u. Senator, 1883 bis 1893 Botschafter in London (f 1894). Auf dem Berliner Kongreß. 441. 448, 450, 451. Wagner, Adolf, seit 1870 Nationalökonom in Berlin (f 1917). 118, 352, 360. Wagner, Cosima (f 1930). 585. Wagner, Richard. 159, 299, 307 f., 350, 394, 399, 529, 669. Waldeck, Benedikt Franz Leo, demokr. Politiker (f 1870). 80,283,479,606. W aldeck-Rousseau, 1899 bis 1902 französ. Ministerpräsident (gest. 1904). 467, 472f., 516. Waldemar Prinz von Preußen, dritter Sohn des Kronprinzen Friedrich Wilhelm. 216. Waldersee, Graf Alfred, 1888 bis 1901 Chef des Generalstabs, 1900 Generalfeldmarschall (f 1904). 493. 608 fF. Über Bismarck und den Prinzen Wilhelm. 610. König Ca- rol über ihn. 624. Monts für ihn. 626. In enger Füh- lung mit Holstein. 637. Wallwitz, Graf Nikolaus, Legationssekretär in Bukarest, Gesandter in Teheran, Luxemburg, Hamburg, Stockholm, Brüssel, Gatte von Bülows Stieftochter Eugenie Dönhoff. 489 f. Walter, Besitzer der „Times“. 445. W a 1 u j e w, Graf Peter Alexandrowitsch, 1861 bis 1868 russischer Minister des Innern. 576. Wartensleben, Graf Bernhard, Botschaftssekretärin Petersburg. 361. W e b e r, Max, Soziolog, Professor in Heidelberg und München (f 1920). 406. Weber, Reinhold, Bruder des vorigen, Nationalökonom, Professor in Heidelberg. 406. Weddigen, Otto, U-Boot- Kommandant. 171. Wedel, Graf (Fürst) Karl, General, Gesandter in Stockholm, Botschafter in Rom und Wien, 1907 Statthalter in Straßburg (f 1919). 285. Weiß, Präsident der bayrischen Zweiten Kammer. 161. Werder, August v., preußischer General (f 1887). 63, 283. Werder, Bernhard v., General, Militärbevollmächtigter in Petersburg, 1892 bis 1895 Botschafter ehd. (t 1907). 364ff. Werner, Anton v., Professor, Maler. 450, 583. Taf. 304. Werther, Freiherr Karl von, preußischer Gesandter in Kopenhagen, dann in Wien, dann Botschafter in Konstantinopel. 95 f., 97, 287. Werthern, v., Offizier, zuletzt Kommandant von Wesel. 272. Westermayer, Dr., Prälat, Abgeordneter der bayrischen „Patrioten“- Partei. 160. Wied, Fürst Hermann von, Vater der Königin Elisabeth von Rumänien. 649. Wil amo witz - Möllendorf, Ulrich v., Altphilolog. 63. Wilbrandt, Adolf, Schriftsteller. 59, 61, 318, 399. Wilhelm I. (f 9. 3. 1888). Sympathie für Pauline ScherlF. 13. Seine Schwester Alexandrinc. 65. Militärische Besichtigung. 77. Antwort auf Adresse der Stadt Breslau (1866). 87 f. „Aufruf an mein Volk.“ 88. W. und die Gräfin Oriola. 95. Dank Bismarck Sieger im Kampf um Hegemonie. 104. In Ems 1870. 130. Chef des 7. Husaren - Regiments. 144. Nach der Schlacht von Mars-la-Tour. 148. Entre- vue mit Franz Josef (1867). 151. Unterredung mit dem italienischen General Govone. 154. Durch Bismarck 1866 zum Verzicht auf Annexionen in Süddeutschland gezwungen. 158. Trinkspruch nach der Schlacht von Sedan. 167f. Zwingt die Königshusaren zur Aufnahme des Avantageurs Moßner. 233. Telegramm über Friedenspräliminarien. 239. Vertrauen zu Loe. 251. Loes Duellaffäre. 252. Prinzessin Arenbcrg über ihn. 283. Empfängt Bücher nicht. 293. Dreikaiserbegegnung von 1872. 298. Sparsamkeit. 301. Der alte Kaiser. 302 f. Ball in der Passage. 304. Für Schleinitz. 306. In Bayreuth. 308. Antwort an Gräfin Benken- dorf. 308. Bei den Empfängen der Kaiserin. 317. Begegnung in Mailand mit Viktor Emanuel II. 330. Vertrauensstellung Werders. 365. Erfährt nichts von der Justiz an Gräfin Hendrilcow. 377f. Attentate Hödels und Nobilings. 432 ff. Sendet dem kranken Bernhard v. Bülow Erdbeeren. 438. NAMENREGISTER In Ems. 498 ff. Zusammenkunft mit Alexander II. in Alcxandrowo. 503 f. Widerstand gegen die Unterzeichnung des Bündnis - Vertrages mit Österreich-Ungarn. 505 ff. Gibt nach. 508. Empfängt Bernhard Bülow im Waggon. 512 f. Bei der Trauerfeier für dessenVatcr.513. Kundgebung an die Armee. 515f. Drei-Kaiser- Zusammenkunft in Skier- niewice. 568 ff. Handschreiben an Bismarck. 583. Bei der Kaiserin. 595. Tod. 616. Bismarck über seine Traditionen. 681. Taf. 128, 500, 508. Wilhelm II. (1888—1918). 9, 12, 20, 29. Neigung zur Hybris. 61. Bismarcks Worte über den jüngsten Thronerben (1863). 82. Verhalten gegen Bismarck. 104. Seine Kanzler im Weltkrieg. 150. Nennt Bülow einen Charmeur. 186. Fall Kotze. 206. W. II. und Loe. 251. Abneigung gegen Arenberg. 264. Romreise 1888. 337 f. Gegen die Schwarzseher. 395 f. Auf Korfu. 409. W. II. und Georg von Griechenland. 432. Kündigung des Vertrags mit Rußland. 479. Adolf von Bülow sein persönlicher Adjutant. 514. Falsche Ansicht über Französisch- Nordafrika. 544. Als Prinz bei Bismarck. 567f. Bülow und Frau hei dem Prinzen. 596. Sein Erzieher Hinzpcter. 599. Kränkung von Lambsdorff. 599. Loe über Bismarck, den Prinzen Wilhelm. 608 f. Waldersee über sie. 610. Die Kündigung des Rückversicherungs - Vertrags mit Rußland. 614. 729 Auftritte in San Rcmo. 615. König Carol über ihn. 624. Admiral of the Fleet. 639. Merksteine. 640. Ist Alexander III. unsympathisch. 641. Verhalten heiBismarcks Entlassung. 642 ff. Bismarck über ihn. 643. Verhalten gegen seine Eltern. 648. Bismarck mahnt ihn. 648. Einladung Bismarcks ins Berliner Schloß. 657 f. Reise n. Venedig. 659 ff. Unterredung mit Bülow. 659 f. Will nicht an Bismarck erinnert werden. 660. Krüger-Depesche. 666 f. Wilhelm II. und Laura Minghctti. 669. Besuch in Neapel. 676 ff. Ent- rüstungstclegramm an Bismarck. 680. Drohungen gegen ihn. 681. Marschall hat ihn „verraten“. 683. Bismarck, der „böse alte Mann“. 684. Philipp Eulenburg über den Kaiser. 687. Taf. 680. Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen. 171, 365. Wilhelm, Landgraf von Hessen. 19. Willich, v., Ulanenritt- meistcr. 128, 129. Wilms, Professor in Berlin, leitender Arzt des Krankenhauses Bethanien. 502. Wilson, Daniel, Schwiegersohn des französischen Präsidenten Grevy. 482. Wimpffen, Graf Felix, österreichischer Gesandter in Berlin. 314. Winckelmann, Johann Joachim, Historiker der Kunst des Altertums. 650. Wind, v., Sekretär der Dänischen Gesandtschaft am Bundestag, dann dänisch. Gesandter in Petersburg und Berlin. 15f., 366. 730 Windischgraetz, Fürst Alfred, Österreich. Feldmarschall. 545. Windthorst, Ludwig, Führer d. Zentrums. 298, 351, 500, 581, 601. Wirth, Josef, Zentrums- abgeordnetcr, Reichsminister. 305. Wittgen st ein, Fürst Fritz, preuß. Rittmeister. 245. Wittgenstein, Fürstin Lconille, Schwiegermutter von Chlodwig Hohenlohe. 514. Witzendorf, v., Oberst, Generalstabschef Goebens 248. Wladimir, russischer Großfürst. 315, 376, 379, 565, 612f„ 617. Wohlfahrt, Bürgermeister von Neu-Strelitz, Schulfreund Bülows. 68. Wolff-Metternich, Graf Dietrich von, Fähnrich im Regim. Königshusaren, später diensttuender NAMENREGISTER Kammerherr der Kaiserin Auguste Viktoria. 222, 224. Wolzogen, Ernst von, Schriftsteller. 14. Woyrsch, v., General. 117. Wrangel, Graf Friedrich Heinrich Ernst, preußischer General-Feldmarschall. 215f. Wrangel, Gustavv.,Leut- nantimRegimentKönigs- husaren, Kammerjunker, Enkel des vorigen. 214f. Wunderlich, Wachtmeister bei den Bonner Königshusaren. 137, 139, 179, 364. Wyndham, Sekretär der englischen Gesandtschaft in Athen. 419, 422, 598. Yorck, Graf Maximilian, Major, Militärattache in Petersburg. 615 £. Ysenburg, Prinz, preußischer Gesandter in Hannover. 99. Zaimis, Alexandros, griechischer Ministerpräsid. 426. Zanardelli, Giuseppe, italienischer Ministerpräsident (f 1903). 652 f., 662. Zankow, Dragan, Führer der Russophilen in Bulgarien. 600, 602. Zelter, Karl Friedrich, Komponist. 45. Zer bi, italienischer Abgeordneter. 652. Zglinicki, von, Oberst, Kommandeur des Infan- terie-Rcgim. Nr. 77. 217. Zinzendorf, Graf Nikolaus Ludwig, Gründer der Hermhuter-Gemeinde.43, 44, 73. Zola, Emile, Schriftsteller. 445. Zschokke, Heinrich, Schriftsteller. 575. Zuylen, Baron, niederländischer Gesandter in Paris. 526. SACHREGISTER Afghanistan. Englisch- russischer Konflikt (1885). 579 ff. Athen (1877). 411,418ff. Balkan. Aufstand in der Herzegowina (1875). 367. Andrässys Reform-Programm. 367. Berliner Memorandum. 395. Begegnung in Reichstadt. 396 f. Türkisches Blutbad in Bulgarien. 397 f. Zirkular des Staatssekretärs Bülow (6.10.1876). 412 f. Ultimatum Rußlands an die Pforte. 413. Reichstagsdebatte über die Orientkrise. 415. Russisch-Türkischer Krieg. 422 ff. Neutralität Griechenlands. 426. Friede von San Stefano. 427 f. Einmarsch der Griechen in Thessalien und Rückmarsch. 428. Bulgarische Frage auf dem Berliner Kongreß. 440. Okkupation Bosniens durch Österreich-Ungarn. 441 f. Griechische Frage. 442. Serbische, Montenegrinische, Rumänische Frage. 442 f. Berliner Vertrag. 450. Ostrumelien. 587. Serbisch-Bulgarischer Krieg. 588. Umsturz in Bulgarien. 600 ff., 604. Kreta- Krise. 682. Bayern. Stimmungen 1870. 158 ff. Belgien. Napoleon III. und die belgische Neutralität, Bismarcks Enthüllungen. 173 ff. Taf. 172,176. Berlin (1863) 64, 301. (1869) 125. (1870) 177 ff. (1873) 288 ff., 30211. bis 320. (1875) 346 ff., 359 f. (1876) 385. (1878) 432ff. (1879) 502 ff. (1885) 581 ff., 590f. (1886) 595 f. (1888) 618 f. (1889) 626 ff. (1890) 644 ff. Berliner Kongreß. 435ff. Bonn (1870) 136ff., 259, 261 ff., 273 f. Taf. 240. Bukarest (1888/1893) 617 bis 625, 628 bis 629, 647 bis 651. Bulgarien. Fürstentum durch den Frieden von San Stefano. 427 f. Entscheidung des Berliner Kongresses. 440. Aufstand in Ostrumelien. 587. Serbisch - Bulgarischer Krieg. 588. Handstreich gegen den Fürsten Alexander. 600. Dessen Abdankung. 602. Wahl Ferdinands von Koburg. 612. Dänisch-Deutscher Krieg von 1864. 67. Deutsch-Französischer Krieg von 1870. 128ff. Feldzugsberichte Bülows. 180 ff. Dreikaiserbündnis Bismarcks Ideal. 385. Drei- Kaiser - Zusammenkunft in Skiemiewice. 567 ff. Elsaß-Lothringen. 285f. Emser Depesche. 12911., 158, 295. Taf. 128. England. Beziehungen 1870 zu Preußen und zu Frankreich. 154 f. Englisch-russische Verhandlungen in London (1878). 428 f. Krüger-Depesche. 666 f. Text der Depesche. Taf. 680. Frankfurt a. M. (Kindheit). 3 bis 29. Frankreich. Bismarcks Geheimverhandlung, mit Napoleon III. durch Be- nedetti 171 ff. „Ist Krieg in Sicht?“ (Mürz 1875). 347 ff. Gambetta zu Bülow über Deutschland und Frankreich. 470. Bismarck für Befestigung d. republikanisch. Systems. 478 f. Tongking-Expedition. 483. Unterrichtsgesetze. 500 ff. Boulanger. 61 lf. Allianz mit Rußland. 639 ff. Vertragsentwurf Benedettis. Taf. 176. Französisch-österrei- chisch-italienische Verhandlungen 1867 bis 1870. 150 ff. Greifswald (Universität). 265 ff. Halle (Pädagogium). 72bis 113. Hamburg (und Klein- Flottbek). 30 ff., 259f., 274f. Taf. 256. Italien. Beziehungen zu Preußen 1866. 154. Drohungen Bismarcks wegen der päpstlichen Enzyklika (1875). 329ff. Tunis. 448. Ministerium Crispi. 653 ff. Krieg mit Abessinien. 672 f. Sturz Crispis. 673. Taf. 672. Kulturkampf. 268fF. Enzyklika Pius’ IX. 329. Urteil der Kaiserin Au- gusta. 500. Paul Bert über Bismarck und die Laizi- sierung in Frankreich. 501 f. Bülow über den Kulturkampf. 634. 732 SACHREGISTER Lausanne (Universität). 114 ff. Leipzig (Universität). 118 ff. London (1884) 5481T. Mecklenburg (Neu-Stre- litz, Malchin, Stemberg, Schwerin, Rostock, Wismar, Neu-Brandenburg usw.). 56 ff. Metz (1872/1873) 275ff. Österreich-Ungarn. Überspannung des Nationali- täten-Prinzips. 53. Dualismus. 154. Neutralität 1870. 163f. Bismarcks Politik gegenüber Ö.-U. nach 1870. 298. Äußerungen Bismarcks während d. Orientkrise. 417.Bündnis von 1879. 505 ff. Bismarck über Ö.-U. (1884). 557. Zwei-ICaiscr-Begeg- nung in Kremsier. 586. Der deutsch - russische Rückversicherungs - Vertrag. 639. Paris (1878/1884) 456ff„ 461—502, 514—534. Petersburg (1875/1876) 362—384. (1884/1888)563 bis 581, 588—590, 596 bis 600, 612—617. Polen. Gemeinsames Handeln Preußens und Rußlands gegenüber d. poln. Insurrektion. 155f., 506. Polen-Debattenim Preuß. Abgeordnetenhaus^ 863). 157 f. Preußisch- österreichischer Kriegv. 1866.85ff. Rom (1874/1875) 323. (1884) 534ff. (1886)59311. (1893/1897) 652 bis 689. Taf. 328. Rumänien. Im Frieden von San Stefano. 428. Abtretung Bessarabiens an Rußland. 442 f. Anschluß an die Dreibundmächte. 443. Rumänien beim Beginn von Bülows Gesandtschaft. 619ff. Geheimvertrag mit den Dreibundmächten. 624f. Rußland. Preußisch-russische Beziehungen unter Bismarck. 155 ff. Seine Politik gegenüber R. nach 1870. 298. Drei-Kaiser- Begegnung 1872 i. Berlin. 298. „Der Friede ist gesichert“ (Erklärung Alexanders II. 1875 in Berlin). 348. Bismarck für Garantie-Bündnis. 385 f. Alexander II. über Konstan- tinopcl. 414 f. Russiscb- Türkischer Krieg. 42211. Russisch-englische Verhandlungen in London (1878). 428f. Begegnung Wilhelms I. und Alexanders II. in Alcxandrowo. 503 f. Bismarck über Berlin und Petersburg. 556f. Drei - Kaiser - Zusammenkunft in Skierniewice. 567 ff. Zwei - Kaiser - Begegnungin Kremsier. 586. Politik gegenüber Bulgarien. 601 f. Abschwenkung zu Frankreich. 611. Rückversicherungs - Vertrag m. Deutschland. 614. Wilhelm II. und Rußland. 637. Die Nichterneuerung des Rückversicherungs- Vertrags. 638 f. Auch für Österreich - Ungarn ein Unglück. 639. Allianz mit Frankreich. 639 ff. Enthüllungen Bismarcks. 680f. Taf. 172,176, 568. Schlesw.-Holsteinische Frage. 52 ff. Sozialistengesetz. 435, 633, 637. Wien (1876 388ff. (1893) 650 f. ’** ULi; ■ggggggg V-w*?’ •$5>ä£h ■Ji' ''*£*&*£ ■y-^ 3 üül+-.- •jÄiSk- &*£?% ■■iAäg&z&t '&. ZT;.- Gedruckt im Ullsteinhaus Berlin 1 §?* Ü?S S!& il%g^ >JjflJrT>i 'Äg&J LvS <&;> '*o/ri:r. v. A£* yt* ? i^iÄ: ti u -2- •:./.X\--r v» •*«^: ^*? v 0 m I «tty i*{tf r.'i,'« k*. ju-r.»3i. i&Z& s- .r/w,v. W£$M n\a « /> ijSJrLj/ : •'£’•«VV'f-, «• r >. S3pg wMm scfc 11111 fflSSHSile SSHgggg aaffiBSg ggSB SilKli* • *• '■ •-' .-!>r-, - !-_• v’'i.' ■.r.v*, , .vvr,' _ r . Hül Wimm