Ueber die Ursachen der heutigen socialen Noth. Lin Beitrag zur Morphologie der Volkswirthschaft. W o r t r a g gehalten beim Antritt des LeyraMs an der MiverW Leipzig am 27. April 1889 von Lujo Wrentano. 1^1 ^ Ueber die Ursachen der heutigen socialen Noch. Ueber die Ursachen der heutigen socialen Noth. Ein Beitrag zur Morphologie der Volkswirthschaft. vortrag gehalten beim Antritt des Lehramts an der Universität Leipzig am 27. April ^38y Lujo Mrentano. Verlag von Leipzig, D u n ck e r l88S- H, Humblot. Das Rech! der 1IcI>erse.>ung bleibt rorbchaltcn. Meine Herren! Es giebt zwei Wege, um Anderen die Gesichtspunkte klarzulegen, von denen man sich bei seiner wissenschaftlichen Thätigkeit leiten zu lassen gewillt ist. Entweder man sagt, wie man die gestellten Aufgaben behandeln will, oder man zeigt, wie man sie behandelt. Ich vermeide heute das Erstere. Wie der Landprediger von Wakefield stets der Meinung gewesen ist, daß der ehrliche Mann, der heirathet und eine große Familie aufbringt, größeren Nutzen stiftet, als Derjenige, der ledig bleibt und über Bevölkerung schwatzt, so war ich nie ein Freund jenes geistigen Schuldmmachens, das über ewigen Reden, was und wie es gemacht werden soll, nie dazu kommt, etwas zu machen. Allerdings habe ich, als ich vor einem Jahre mein Lehramt in Wien angetreten habe, wenigstens theilweise gegen diese Regel gefehlt. Aber damals diente eine gewisse Notwendigkeit als Entschuldigung. Denn gegenüber der dort herrschenden abstracten nationalökonomischen Schule galt es auf die theoretischen Irrthümer und die praktischen Mißerfolge hinzuweisen, zu denen ihre Methode geführt hatte, und gegenüber absprechendem Verkennen die Ziele und Wege einer historisch-realistischen BeHandlungsweise zu zeigen. L, Brentano, Ursachen zc, 1 — 2 — Aber nicht nur, daß ich nach nur einem Jahre kaum etwas Anderes zu sagen hätte, ganz verschieden ist meine Lage heute in Leipzig von der in Wien. An der Stätte, die ich hier betrete, gilt es nicht, der Methode, deren ich mich bediene, erst die Bahn zu eröffnen. Die Programmrede, die ich halten könnte, hat vor bereits 46 Jahren der Mann gehalten, dessen Nachfolger auf diesem Lehrstuhle zu sein, die größte wissenschaftliche Ehre ist, die mir zufallen konnte. Als Wilhelm Röscher 1843 seinen „Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirthschaft nach geschichtlicher Methode" veröffentlichte, war dies grundlegend für den seither eingetretenen Umschwung in der Behandlung aller volkswirthschaftlichen Fragen, Vielfach wird das auf Grund seines Programmes Errungene von der heutigen Generation bereits als etwas Selbstverständliches hingenommen. Eine um so größere Bewunderung wird Derjenige zollen, der die ganze Oedigkeit der demselben unmittelbar vorausgegangenen Schriftsteller aus eigenem Studium kennt. Und wer die späteren National- vkonomen gelesen hat, weiß, daß das, was Röscher damals schrieb, das Programm nicht nur für sein Leben, sondern für den besten Theil der auf ihn folgenden deutschen Wissenschaft geworden ist. Daher kann es auch heute nicht meine Aufgabe sein, mich in theoretischen Darlegungen über Methode zu ergehen. Sollte ich etwa Dinge, die hier längst geläufig sind, wiederholen und bestenfalls ausführen, welche Modificationen in der Behandlung die seitherigen Erfahrungen und die eigene Individualität etwa erfordern? Vielmehr scheint es angezeigt, an einem Beispiele zu zeigen, inwiefern die An- — 3 — regungen, die Wilhelm Röscher vor einem halben Jahrhundert gegeben hat, in mir noch nachwirken. Ich wähle dazu ein Thema, das uns Allen am Herzen liegt: Welches sind die Ursachen der heutigenso- cialen Noth? Die abstracte Nationalökonomie geht bei Beantwortung dieser Frage von begrifflichen Untersuchungen aus. Als Regel beschäftigt sie sich zuerst mit dem Begriffe des Werths. Dabei gehen verschiedene Richtungen in verschiedener Weise vor. Die Einen halten sich bei diesen Begriffsbestimmungen nicht an die Wirklichkeit. Sie formuliren die Begriffe in einer Weise, daß sie statt den Thatsachen bereits den Idealen entsprechen, die dann als Postulate daraus abgeleitet werden sollen. So insbesondere Karl Marx und Rodbertus. Der Letztere gesteht sogar ein daß der Satz, wonach der Werth gleich der Arbeit sei, welche die Herstellung eines Gutes gekostet habe, nicht den Thatsachen gemäß sei; was hier vorausgesetzt werde, sollte nur stattfinden. Und in dem Widerspruch der Wirklichkeit mit den aus diesem Werthbegriff abgeleiteten Postulaten für die Vertheilung der Güter wird dann der Urquell allen socialen Uebels gesehen. Darauf kommt eine andere abstracte Schule. Sie stellt den durch jene Postulate gefälschten Werthbegriff richtig. Sie zeigt, daß der Werth nicht gleich der Menge der auf die Production verwendeten Arbeit und das Postulat nach Ueber- antwortung des ganzen Products an den Arbeiter somit ungerechtfertigt sei. Aber damit begnügt sie sich, und gerade, weil sie mit ihrer Zurückweisung des Anspruchs des Arbeiters auf das ganze Product im Recht ist, entsteht dann die Vor- 1* — 4 — stellung, in der ökonomischen Welt sei Alles in Ordnung, es gebe keine außer der selbstverschuldeten Noth. Wir befinden uns im Gegensatz zu beiden Anschauungen. Zu der ersteren: wir sind viel bescheidener. Wir unterfangen uns nicht in ähnlicher Weise das Leben zu meistern, weder indem wir in die Begriffsbestimmungen Postulate stecken, die wir daraus ableiten wollen, noch auch indem wir Idealen nachjagen, die außerhalb des Erreichbaren liegen. Bei der Feststellung der Begriffe halten wir uns streng an die Wirklichkeit; bei dem, was wir erstreben sind wir zufrieden, wenn nur die materiellen Bedingungen für eine gesittete Existenz Aller geschaffen werden. Ueberhaupt sind wir der Meinung, daß es nicht erst der Contrastirung mit gewissen Idealen bedarf, um uns die Mißstände, die uns umgeben, zum Bewußtsein zu bringen. Und eben deshalb befinden wir uns auch im Gegensatz zu der zweiten Anschauung. Wir wissen, daß unsere wirthschaftliche Entwicklung früher ungeahnte Massen von Besitzlosen an einzelnen Centren zusammengedrängt hat. Diese hat die Gesetzgebung für frei erklärt; für frei, — was heißt dies? Dies heißt hier nicht bloß für rechtlich unabhängig von Anderen, sondern für wirthschaftlich auf sich selbst angewiesen. Und eben das sich selbst Ueberlassensein hat diese rechtlich Freien zu einer thatsächlichen wirthschaftlichen Abhängigkeit geführt, welche vielfach die Grundlage auch einer persönlichen, socialen und politischen Abhängigkeit geworden ist. Und dabei ist diese Abhängigkeit weder das Schlimmste, noch auch das, was zu heben am schwierigsten wäre. Viel schlimmer noch ist die den Massen eigenthümliche Unsicherheit ihrer Existenz, welche zur selben Zeit, da sie auf sich selbst ver- wiesen wurden, ins Leben trat. Selbst zu Bedingungen, wie sie die Abhängigkeit mit sich bringt, können sie nicht immer ihren Lebensunterhalt finden. Und wenn wir auch zur Zeit durch eine großartige Versicherungsgesetzgebung bemüht sind, diese Unsicherheit, soweit sie in der Arbeitsunfähigkeit ihre Ursache hat, zu beseitigen, so bleibt doch das unserer wirthschaftlichen Entwicklung eigenthümliche Schwanken zwischen Aufschwung und Niedergang, welches stoßweise große Massen von Arbeitslosen schafft, damit die wirthschastliche und persönliche Abhängigkeit auch der Beschäftigten verschärft, die Wirksamkeit der Arbeiterversicherung fortwährend in Frage stellt und alljährlich Tausende der Armenunterstützung zuweist. So ist ein Massenelend entstanden, welches die gesittete Existenz der Einzelnen beeinträchtigt, unsere staatliche Entwicklung gefährdet, ja die ganze gesellschaftliche Ordnung bedroht. Und angesichts solcher Thatsachen erscheinen die Anhänger der zweiten Anschauung unbegreiflich, die da glauben, durch neue Formulirungen altbekannter Wahrheiten, durch veränderte Zinsdefinitionen oder durch den Hinweis, daß Differenzen im Ertrage der Grundstücke und damit Grundrenten auch im socialistischen Staate sich finden würden, diese Gefahren beschwören zu können. Die beiden abstracten Richtungen, die socialistische wie die individualistische, erscheinen also als unzureichend. Ganz anders der Weg, den die historische Schule beschreitet. Um die Ursachen unserer Nothstände festzustellen, wendet sie sich zur unmittelbaren Beobachtung der wirthschaftlichen Vorgänge im Leben. Diese zeigt ihr, daß die geschilderten Nothstände zuerst mit der Auslösung der alten gewerblichen Ordnung hervortraten, und naturgemäß lautet daher ihre erste Frage, — 6 — was hat die Auflösung dieser alten Ordnung des Wirthschaftslebens verursacht? Auf diese Frage giebt es zweierlei Antworten. Beide enthalten sehr viel Wahres; aber beide sind gleich einseitig, und keine von ihnen ergründet die letzten Ursachen der Umgestaltung. Die eine ist die conservativ-juristische. Sie findet sich hauptsächlich beim ImuMor tsmxoi-is aeti, ferner bei denen, welche von einer lediglich juristischen Vorbildung ausgehend sich mit der Sache befaßt haben. Sie sieht den Hauptgrund der Umgestaltung und der sie begleitenden nachtheiligen Folgen für die Arbeiter in der Thatsache, daß die Bestimmungen des alten Mwerberechts nicht mehr eingehalten worden sind. Hierin liegt insofern etwas Wahres, als die Umgestaltung des Gewerbbetriebs nicht eintreten konnte ohne Verletzung der Bestimmungen des alten Gewerberechts und daß die Verletzung den Arbeitern viel Nachtheil gebracht hat. Aber zweierlei darin ist falsch: Einmal die mit dieser Auffassung verknüpfte Vorstellung, als seien die nach dem alten Gewerberecht für die Arbeiterbevölkerung geltenden Bestimmungen ganz ideale gewesen. Waren doch, um von Anderem zu schweigen, die durch das alte Gewerberecht bewirkte Ausschließung so vieler Arbeiter vom selbständigen Gewerbbetriebe und die dadurch hervorgerufenen Mißstände eines der wirksamsten Argumente in der Hand derer, welche die Beseitigung des alten Gewerberechts durchsetzten. Sodann erscheint es nach dieser Ausfassung, als sei die Ueberschreitung der Bestimmungen des alten Gewerberechts „ 7 — lediglich Folge der menschlichen Bosheit gewesen, und als hätte die Entwicklung auch ohne diese Verletzung überhaupt fortschreiten können, als'wäre es überhaupt möglich gewesen, das alte Gewerberecht nicht zu verletzen. Sie läßt die letzten Ursachen, warum die alte gewerbliche Ordnung nicht mehr eingehalten wurde, ganz unerklärt. Die zweite Antwort möchte ich die socialdemokratischtechnische nennen. Nicht als ob sie von einem Socialdemokraten den Ursprung nähme. Vielmehr wurde sie zuerst des Breiteren ausgeführt von einem äußerst conservativen Vertreter des Alten und Bestehenden, einem Arzte der englischen Fabrikdistricte, Namens Gaskell. Aber von ihm wurde sie durch Friedrich Engels übernommen und ins Socialdemokratische übersetzt. Und ihre wissenschaftliche Vertiefung und den Höhepunkt ihrer Vollendung erhielt sie durch Karl Marx in theilweise glänzenden morphologischen Erörterungen über die Formen des Gewerbbetriebs. Und während die Marx'sche Werthlehre in wissenschaftlichen Kreisen heute ohne alle Anhänger ist: in seiner Grundauffassung über die letzten Ursachen der Umgestaltung der Wirthschaftsorganisation hat n > >N Marx zahlreiche Schüler gefunden. Nach dieser Auffassung sind die technische Organisation des Productionsprocesses und ihre Veränderungen das für die Wirthschaftsorganisation und ihre Umgestaltung ausschließlich Maßgebende. Gaskell und Engels gehen aus von der Hausindustrie, deren Zustände sie als idyllische schildern. Die technischen Erfindungen des 18. Jahrhunderts hätten zur Anwendung von Maschinen, zur Concentration des Gewerbbetriebs in den Fabriken, zur Auflösung der alten gewerblichen Ordnung und zu allen den Mißständen geführt, die sie ^ — 8 — begleiteten °). Marx dagegen weiß wohl, daß viele der Mißstände, welche erst als Folge des Fabriksystems angesehen werden, schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts, lange vor Erfindung der von Gaskell beschuldigten Maschinen sich finden. Er begnügt sich nicht, die Umgestaltung der Handarbeit in Maschinenarbeit zu untersuchen^). Er geht tiefer. Er erkennt als Zwischenstufe zwischen der technischen Organisation der Arbeit in Handwerk und Hausindustrie und derjenigen in der Fabrik die technische Arbeitsorganisation in der Manu- factur^), Handwerk und diejenige Hausindustrie, welche der Familienvater mit den Mitgliedern seiner Familie für eigene Rechnung betreibt, stehen ihm technisch und wirthschaftlich auf gleicher Entwicklungsstufe. Ganz anders nach ihm die Manufactur, und zwar gleichviel, ob bei ihr die Arbeit von verschiedenen Hausindustriellen für fremde Rechnung oder von einer größeren Anzahl von Arbeitern in gemeinsamer Werkstatt verrichtet wird. Hier findet sich zum ersten Male die Cooperation oder planmäßige Vereinigung der Arbeit Vieler in demselben Productionsproceß, sowie die planmäßige Durchführung der Arbeitstheilung innerhalb desselben Betriebs. Und in der Umgestaltung des technischen Arbeitsprocesses, die dadurch herbeigeführt wird, erblickt Marx bereits die Ursache der fundamentalen Umgestaltung der alten gewerblichen Ordnung. Denn damit beginnt nach ihm das, was er die kapitalistische Production nennt: der Arbeitgeber hat das Commando über die Arbeiter, nicht weil er Leiter des Betriebs ist, sondern er ist Leiter des Betriebs, weil er das nöthige Kapital hat, um viele Arbeitskräfte in einem Productionsproceß zu vereinen. Damit beginnt nach ihm die Ausbeutung des Arbeiters: der Arbeiter erhält nicht den vollen Arbeitsertrag, sondern nur mehr so viel, als er unentbehrlich zum Leben braucht, als Lohn. Auch iu dieser Auffassung ist etwas Wahres, insofern ohne Zweifel mit der Durchführung der Kooperation und der Arbeitstheilung innerhalb desselben Betriebs die Manufactur an die Stelle des Handwerks, und mit der Anwendung der Maschinen die Fabrik an die Stelle der Manufactur trat. Kein Zweifel: die Veränderung in der Wirthschaftsform war mit der Veränderung in der technischen Organisation des Arbeitsprocesses nothwendig gegeben. Kein Zweifel auch, daß jede dieser Veränderungen für die Arbeiter empfindliche Mißstände brachte. Aber auch in dieser Auffassung ist zweierlei falsch. Einmal die Vorstellung als sei das. was Marx als Ausbeutung fremder Arbeitskräfte bezeichnet, erst mit der kapitalistischen Productionsweise entstanden, ja sogar, daß deren Entstehung mit der Durchführung von Cooperation und Arbeitstheilung in der Manufactur verknüpft sei. Heute erhält der Arbeiter nirgends den Werth des Products, bei dessen Herstellung der Arbeitgeber ihn verwendet, sondern nur den Werth seiner Arbeitsleistung, die vom Arbeitgeber im Productionsprocesse mit anderen Pro- ductionselementen zum neuen Producte verbunden wird. Wenn dies eine Ausbeutung bedeutet, so hat diese Ausbeutung bestanden, seitdem von den Menschen gearbeitet wird°). Der einzige Unterschied ist nur der, daß während die früheren Rechtsordnungen dahin gingen, den Werth der Arbeitsleistung künstlich herabzudrückcn, die Principien der heutigen Wirthschaftsordnung alle Beeinträchtigungen des Werths der Arbeit durch das Recht ausschließen. Denn Marx geht vollständig irr, wenn er stets von dem „unabhängigen Handwerker" als von dem Rechtsvorgänger des heutigen gewerblichen Arbeiters spricht"). Sein Rechtsvorgänger war der Geselle des Handwerksbetriebs, der Knecht der mittelalterlichen Zunft und der Vorgänger dieses der Hörige des Fronhofs. Desgleichen war der Rechtsvorgänger des heutigen landwirtschaftlichen Tagelöhners nicht der unabhängige Bauer, sondern der Unfreie, der dem Grundherrn für Ueberlassung des Grundstücks Abgaben und Dienste leistete; und selbst zur Zeit der kommunistischen Wirthschaftsorganisation der Stämme, die an der Schwelle unserer Wirthschaftsgeschichte steht, war es, wie Tacitus von den alten Germanen erzählt und wie die modernen Ethnographen von den Völkern auf ähnlich tiefer Culturstufe berichten, nicht der freie Mann, der den Acker bestellte, sondern dies thaten die kriegsgefangenen Sklaven, die Frauen und Greise; bevor aber aus der Familie der Stamm sich entwickelt hatte, waren es die untergeordneten Familienglieder, welche sür die Familie und das Familienhaupt arbeiteten. Zu keiner Zeit also erhielt der Arbeiter das ganze Erzeugniß der Production, und mit Recht, denn er hätte sonst mehr erhalten, als ihm gebührt hätte. Ihm gebührte nur Entgelt seiner Arbeitsleistung. Das Product dagegen gehörte und gebührte stets dem, der die Arbeitsleistung mit anderen Productionselementen zu einem neuen Producte verband. Nur da, wo dies seitens des Arbeiters selbst geschah, konnte das Product ihm daher zufallen. Da erhielt er es aber nie als Arbeiter, sondern in seiner Eigenschaft als selbständiger Betriebsunternehmer. Als Arbeiter erhielt er nie mehr als die Vergeltung für das, was er - 11 — wirklich zur Production beitrug, seine Arbeitsleistung. Aber gerade früher erhielt er nicht immer den vollen Werth seiner Arbeitsleistung. Was er erhielt, war durch Herrschafts- und Knechtsverhältnisse rechtlich fixirt und zwar ganz überwiegend zu Gunsten der Herren fixirt. Hier lag dann eine wirkliche Ausbeutung vor. Und insbesondere war die ganze Periode des „unabhängigen Handwerksbetriebs" eine Zeit solcher Ausbeutung. Allein der „unabhängige Handwerker" von Marx ist offenbar ein Webermeister in einer kleinen Landstadt, der ohne Gesellen arbeitend, ein kümmerliches Dasein fristet'), nicht aber der behäbige Handwerker an den großen Mittelpunkten des gewerblichen Lebens"). Daher ignorirt Marx auch, daß seit derselben Zeit, da in England und in vereinzelten deutschen Gewerben, die auch nach dem Umschwung im Welthandel noch exportirten, die Manufactur bereits das Handwerk zu ersetzen beginnt, seit dem 16. Jahrhundert, in vielen deutschen Städten die Befugniß zum unabhängigen Handwerksbetriebe an den Besitz von Häusern geknüpft wird. Damit ist die Herrschaft des Kapitals über den Productions- proceß bereits zur Zeit des Handwerksbetriebes gegeben. Denn von da ab stehen auch bei handwerksmäßigem Betriebe die Arbeiter unter dem Commando des Arbeitgebers, nicht weil dieser der Leiter des Produetionsprocesses ist, sondern schon der Handwerksmeister ist von da ab industrieller Befehlshaber^ weil er Kapitalist ist. Sollte aber Jemand behaupten, daß auch dieser Beginn der kapitalistischen Production die Folge einer veränderten technischen Organisation des Arbeitsprocesses gewesen sei? Abgesehen von diesen Widersprüchen der socialdemo- — 12 — kratisch-technischen Auffassung mit Geschichte und Leben leidet sie noch an einem zweiten Fehler. Auch sie läßt wie die conservativ-juristische die letzten Ursachen der Umgestaltung völlig unaufgeklärt. Denn nehmen wir an, sie hätte Recht. Nehmen wir an, die Veränderungen in der Technik des Arbeitsprocesses seien für die Wirthschaftsorganisation und ihre Umgestaltung wirklich ausschließlich maßgebend, so bliebe immer noch die Frage, woher plötzlich im 16. Jahrhundert die Einführung von planmäßiger Cooperation und Arbeitstheilung im Ge- werbbetrieb, welche an die Stelle des Handwerks die Manufactur gesetzt hat, woher plötzlich im 18. Jahrhundert die Erfindungen, welche von der Manufactur zum Fabrikbetrieb führten? Warum traten alle diese technischen Verbesserungen nicht viel früher schon ein? Denn Niemand kann sagen, Cooperation und Arbeitstheilung wurden deshalb nicht früher durchgeführt, weil vorher noch nicht genug Kapital angesammelt gewesen, um viele Arbeiter gleichzeitig in einem Betriebe beschäftigen zu können °). Wie käme es dann, daß zu derselben Zeit, da das englische Kapital jene technischen Verbesserungen durchführend die Manufactur schafft, das damals nicht minder große Kapital in Deutschland ganz überwiegend beim Handwerksbetriebe bleibt und, wo dies der Fall ist, meist zur Schließung der Zünfte schreitet, ja die Befugnis; zum Gewerbebetrieb an einen Realbesitz knüpft? Und ebenso kann Niemand meinen, jene Erfindungen seien nicht früher gemacht worden, weil die Wissenschaft noch nicht hinreichend vorgeschritten gewesen sei. Denn dann müßten es ja Männer der Wissenschaft, etwa Physiker, ge- — 13 — Wesen sein, welche diese Erfindungen gemacht haben, Davon ist aber nirgends die Rede. Die Erfindungen, welche die neue Technik zur Folge hatten, wurden von naturwissenschaftlich ganz ungebildeten Menschen gemacht. Hargreaves. der Erfinder der Jenny, war ein Weber; Arkwright, der Erfinder des Kettenstuhls, war ein Barbier; Cartwright, der Erfinder des mechanischen Webstuhls, war ein Landpfarrer. Da bleibt wol die Frage berechtigt, woher plötzlich im 18. Jahrhundert diese Erfindungen, woher plötzlich im 16. Jahrhundert die planmäßige Durchführung der Kooperation und Arbeitstheilung im englischen Gewerbbetrieb, welches war die Ursache aller dieser Veränderungen in der Technik? Auch die socialdemokratisch-technische Erklärung sieht also nur secundäre Erscheinungen, die wegen ihrer großartigen Wirkungen allerdings zunächst in die Augen springen, fälschlich für die Grundursache der Umgestaltung des Gewerbbetriebs an. Wir haben sonach zwei Antworten auf unsere Frage nach der Ursache der Auflösung der alten Art des Gewerbbetriebs, eine conservativ-juristische und eine socialdemokratisch-technische. Beide schildern richtig einige Symptome der eingetretenen Aenderung. Beide lassen deren eigentliche Ursache unaufgeklärt, beide haben ferner das mit einander gemein, daß sie keine wirthschaftlichen Veränderungen als Ursache der Umgestaltung ansehen. Die eine erblickt die Ursache in rechtlichen, die andere in technischen Verhältnissen. Und doch liegt die Erklärung unserer Frage vor Allem und in erster Linie auf dem Gebiete der Nationalökonomie. Die Ursache der veränderten Art des Gewerbbetriebs war nämlich die Veränderung in den Absatzverhältnissen. — 14 — Das mittelalterliche Handwerk producirte in erster Linie für den lokalen Markt. Dieser war nach der Natur der damaligen Verkehrs- und Rechtsverhältnisse geschützt und leicht zu übersehen. Da wo das Gewerbe am blühendsten war, producirte das Handwerk allerdings auch für den Absatz nach Außen und gerade dieser war die Grundlage seiner Blüthe. Dieser Absatz beruhte wesentlich auf Privilegien, welche den Bürgern der betreffenden Städte von fremden Fürsten ertheilt waren. Namentlich die englischen Könige hatten den deutschen Kaufleuten solche Privilegien ertheilt. Auch hier also ein gesicherter Absatzmarkt, der bei der geringen gewerblichen Fertigkeit der Einheimischen nicht einmal von deren Concurrenz etwas zu besorgen hatte"). Was war die Folge? Der mittelalterliche Kaufmann konnte Monopolpreise für seine Waare fordern. War diese gut, so konnte er Preise erzielen, welche seine Beschaffungskosten weit überstiegen. Damit konnte er auch dem Handwerksmeister hohe Preise gewähren, und dieser konnte demnach alle Verteuerungen der Production, wie sie die zünftige Art des Gewerbbetriebs mit sich brachte, ruhig ertragen. Ganz anders, als der moderne Staat aufkam und zur Verwirklichung seiner Zwecke das sog. Mercantilsvstem zur Durchführung brachte. Erstes Streben war nun, den gesammten heimischen Bedarf im Inland zu erzeugen. Daher wurden alle den fremden Händlern ertheilten Privilegien widerrufen. Das zweite Streben ging dahin, möglichst viel Producte selbst an das Ausland abzusetzen. Daher statt des bisherigen durch Herkommen und Privilegien geregelten Verkaufs auf ge- 15 — schützten Märkten der Beginn einer erbitterten Concurrenz auf dem Weltmarkt. Um aus diesem Wettkampf als Sieger hervorzugehen, war unerläßlich das Streben nach möglichst billigen Productionskosten und nach Massenproduction, ferner unerläßlich die Minderung des Risicos in Folge von Krisen, wie sie die Verflechtung in den unübersichtlichen und Kriegsstörungen ausgesetzten Weltmarkt nunmehr zur Folge hatte. Diese Bedingungen waren mit der Aufrechthaltung der alten gewerblichen Ordnung nicht zu vereinen. Da war vor Allem das Bedürfniß nach billiger Arbeit — daher nun die Massenbeschäftigung von Lehrlingen^) und die Beschäftigung von Frauen ^), alles Dinge, welche die alte gewerbliche Ordnung verboten hatte. Je größer ferner die im Gewerbe steckenden Kapitalien, desto größer das Bedürfniß, durch Arbeitsentlassungen das Nisico auf andere Schultern abzuwälzen"), — daher Wegfall der langen Verdingungs- termine, ja sogar Mißbräuche der schlimmsten Art. Die Folge ist: die alte gewerbliche Ordnung wird gesprengt und zwar durch Angehörige der Zünfte selbst, durch die großen Arbeitgeber, welche an Orten, an denen die alte Gewerbeordnung nicht gilt, neue Betriebe ins Leben rufen. Dies der Ursprung der Manufactur in England, am Anfang des 16., vielleicht schon am Ausgang des 15. Jahrhunderts und ihrer erstaunlich raschen Ausbreitung^). Dies auch der Ursprung der Hausmanufactur in den vereinzelten Fällen, in denen sie schon im 16. Jahrhundert in Deutschland sich findet"). Daher ferner bei weiterer Steigerung der Concurrenz das fieberhafte Streben derjenigen, welche der Industrie nahestehen, durch Erfindungen die Productionskosten zu mindern, - 16 — also daher der Ursprung aller jener Erfindungen der Har- greaves, Arkwright und Cartwright. Die Ursache der Umgestaltung ist also eine rein wirthschaftliche. Die technische Umgestaltung und die Aenderung des Gewerberechts sind erst Folgen der früheren wirthschaftlichen Aenderung und nicht umgekehrt; und zwar liegt diese wirthschaftliche Ursache auf dem Gebiete der Handelspolitik, in der Entstehung einer Weltwirthschaft und dem Eintritt der einzelnen Industriezweige in den Wettstreit um den Vorrang auf dem Markt dieser Weltwirthschaft. Wenn einmal die Entstehungsgeschichte des Weltmarktes geschrieben werden wird, wird sie darzulegen haben, wie in jedem einzelnen Industriezweige die erörterten Veränderungen in der gewerblichen Ordnung eintraten in dem Maße, in dem er in den Weltverkehr verflochten wurde. Dieselbe Aenderung in den Absatzverhältnissen aber, welche in England die Entstehung der Manufactur hervorrief , führte in Deutschland in der Mehrzahl von Fällen zur wachsenden Sperrung, bis zur völligen Schließung der Zünfte und zur weiteren Ausbildung des kapitalistischen Charakters des Handwerks. Der Verlust der Handelsprivilegien im Ausland nahm dem deutschen Gewerbe einen Theil seines Absatzes nach Außen, den anderen nahm ihm die Veränderung im Gang des Welthandels in Folge der Entdeckung Amerikas und des ostindischen Seewegs. Dabei fehlte in Deutschland eine nationale Centralgewaltwelche für anderweitigen Ersatz zu sorgen im Stande war, und statt dieses noch der Verfall in Folge der inneren Kriege. Da suchten die deati possi- clevres der zurückgehenden Städte durch die obenerwähnten Zunftmaßregeln sich wenigstens den localen Markt zu er- — 17 — halten. Also da, wo die Entwicklung der englischen entgegengesetzt war, erklärt sich dies aufs Einfachste aus den entgegengesetzten Absatzverhältnissen. Wozu aber diese Correctur weit verbreiteter Anschauungen ? Etwa aus antiquarischer Rechthaberei? Eine solche wäre hier übel angebracht. Vielmehr ist die Verflechtung der Industrie in den Weltmarkt, die wir als die erste Ursache der heutigen socialen Noth erkannt haben, nicht nur die erste, sondern auch die letzte Ursache derselben. Nicht nur, daß mit Nothwendigkeit mit ihr das rastlose Streben nach Minderung der Productionskosten begann, nicht nur daß damit die Absatzstockungen anfingen mit ihrem Gefolge von Kapitalzerstvrung und Arbeitslosigkeit, nicht nur daß mit ihr der Zusammenbruch der alten gewerblichen Ordnung ganz unvermeidlich wurde: die Verflechtung der Industrie in den Weltmarkt ist noch heute das Haupthinderniß, welches einer energischen Besserung der Arbeiterverhältnisse im Wege steht und die Ursache des schwierigsten Problems in der socialen Frage, nämlich der Aufgabe, die Production der verschiedenen Länder in Uebereinstimmung zu bringen mit dem schwankenden Bedarfs des Marktes. Es ist gleichzeitig charakteristisch und auffallend, daß Marx dieser Abhängigkeit der modernen Industrie von dem Weltmarkt gar nie gedenkt, ja daß er sogar den zwischen Beiden bestehenden Causalzusammenhang umdreht, indem er sagt, „die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt", während das Umgekehrte der Fall ist. Es ist dies charakteristisch: denn seine Theorie übersieht allenthalben den Einfluß des fehlenden Bedarfs auf das Wirthschaftsleben. Wie seine Werthlehre es als etwas L. Brentano, Ursache» :c. 2 — 18 — Selbstverständliches voraussetzt, daß das Product, auf dessen Herstellung Arbeit verwendet wurde, stets einem vorhandenen Bedürfnisse begegne, also in couerew Gebrauchswerth habe, so kennt seine Morphologie der Industrie höchstens den Einfluß des steigenden Bedarfs aus die Gestaltung des Industriebetriebs^); der Einfluß des relativen Rückgangs oder Fehlens der Nachfrage wird von ihm ganz ignorirt. Und wenn auch die mit steigendem Bedarfe verbundene Aussicht auf größeren Gewinn stets förderlich war in der Entwicklung, so war doch die Furcht vor Ruin in Folge einer dem Pro- ducte fehlenden Nachfrage die weit wirksamere Triebfeder zur Herbeiführung vortheilhafterer Betriebsformen. Dies zeigt sich besonders in dem Gegensatz der landwirtschaftlichen und der industriellen Entwicklung. In der Landwirthschaft sind, wie Thünen gezeigt hat, die mit dem natürlichen Monopol des Marktes verbundene steigende Nachfrage und der steigende Preis die Voraussetzung für den Uebergang vom extensiveren zum intensiveren Feldsysteme; in der Industrie hat das mit der fortschreitenden Erweiterung des Markts eintretende Sinken der Preise und die Furcht vor einer fehlenden Nachfrage vom Handwerk zur Manufactur und von dieser zum Fabrikbetriebe geführt. In der Landwirthschaft findet daher jener Uebergang, wo die wirthschaftlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind, bekanntlich weit langsamer statt als in der Industrie. Obwohl eine intensivere Bewirthschaftung oft schon lange vortheilhafter wäre, vermag die bloße Aussicht auf höheren Gewinn Viele nicht zum Aufgaben des extensiveren Feldsystems zu bewegen, während in der Industrie das Sinken der Preise Alle hin- — 19 — wegrafft, welche zu einer vortheilhafteren Betriebsweise, die sich als möglich gezeigt hat, nicht übergehen. Daher bleiben in der Industrie die extensiveren Betriebsformen nur bestehen, wo, wie z. B. bei den Reparatur- und Anbringungsgewerben, ein lokales Monopol relativ hohe Preise zu fordern ermöglicht, oder, wo die Productionskosten der extensiveren Betriebsweise, wie z. B- die Löhne in vielen Hausindustrien, aus irgend einer Ursache außergewöhnlich niedrige sind. Andererseits ist das Jgnoriren des Einflusses des fehlenden Bedarfs seitens der Marx'schen Morphologie aber auch auffallend: denn gerade die in Folge fehlender Nachfrage eintretenden Krisen spielen sowol in der socialdemokratischen Schilderung der Wirkungen der heutigen Wirthschaftsorganisation, als auch bei Begründung der socialdemokratischen Forderungen die hervorragendste Rolle. Sobald nämlich die Industrie in erheblichem Maße in die Weltwirthschaft verflochten war, begannen mit der größeren Unberechenbarkeit des Markts die relativen Ueberproductionen und die Absatzstockungen"). Dann erfolgt plötzlich ein großes Sinken der Preise und des Credits, und es tritt die Krisis ein, d. h. der entscheidende Moment, der offenbart, welcher Arbeitgeber steht und welcher fällt, welcher Arbeiter noch beschäftigt wird und welcher brodlos geworden ist. Diese Krisen haben sich bisher mit annähernder Periodicität wiederholt. Im vorigen Jahrhundert waren Krisen in den Jahren 1753, 1763, 1772 oder 1773, 1783 und 1793. In diesem Jahrhundert waren Krisen in den Jahren 1815, 1825, 1836—9, 1847, 1857, 1866 und 1873. Diese Krisen nahmen aber auch immerfort zu sowol an Intensität als auch an 2* — 20 Dauer, und seit dem Sinken der Waarenpreise auf dem Weltmarkt seit 15 Jahren befindet sich die Production der civilisirten Länder im Zustande chronischen Leidens^), Es läßt sich nicht leugnen, daß das, was die Nationalökonomie über diese Krisen und ihre Verhütung bisher zu sagen hatte, sich als praktisch unzureichend erwiesen hat. Max Wirth endet sein Buch über die Handelskrisen mit dem Troste, daß es nur die civilisirten Länder und Plätze seien, welche von Krisen heimgesucht werden, während Andere sich damit zu trösten suchten, daß in den Krisen den Unternehmern, welche bankerott würden, nur die verdiente Strafe für ihre unwirtschaftliche Verwendung von Productionselementen zu Theil werde. Wieder Andere sahen in den Krisen nur die Folgen der Jugendeseleien der Production, welche mit fortschreitender Erfahrung, einem verbesserten wirthschaftlichen Nachrichtendienst und größerer Öffentlichkeit von selbst aufhören würden; und während ich selbst früher die Absatzkrisen für unzertrennlich hielt von der Individualität des Consums, hielt ich es für möglich, die Uebelstände, welche sie für die Arbeiterbevölkerung bisher mit sich brachten, durch eine Krisenversicherung, ähnlich der Versicherung der englischen Gewerkvereine gegen Arbeitslosigkeit, wenn auch nicht zu verhindern, so doch wesentlich zu mildern^). Allein die Behauptung, daß die Krisis ein Correlat unserer Civilisation sei, erschien den Massen, die darunter litten, statt als Trost nur als neuer Vorwurf gegen diese Civilisation. Gegen die verdiente Strafe, die dem unwirtschaftlichen Unternehmer zu Theil werde , hatte man allerdings nichts einzuwenden, aber sie konnte nicht die Unschuldigen trösten, die mit dem Schuldigen in den Abgrund gerissen wurden. Das — 21 — Trügerische der Aussicht auf Verschwinden der Krisen mit fortschreitender Erfahrung, und verbessertem wirthschaftlichem Nachrichtendienst, mußte sich selbst dem hartnäckigsten Optimisten aufdrängen, als die immer intensiver und andauernder werdenden Krisen zeigten, daß man es statt mit Jugendeseleien der Production mit einem unheilbaren intermittirenden Wahnsinn zu thun hatte. Und die seit 15 Jahren und noch immer andauernde Depression auf dem Weltmarkt hat gezeigt, daß die Versicherung der englischen Gewerkvereine gegen Arbeitslosigkeit zwar ausreicht, um den Arbeitern über Krisen, wie die bisherigen, vorübergehenden hinwegzuhelfen, daß sie aber nicht ausreicht bei Stockungen von der Größe und Dauer der jetzigen. Beträgt doch in England der Lohn von Arbeitern, welche, wenn beschäftigt, 35 s. die Woche erhalten, in Folge der häufigen Beschäftigungslosigkeit im Jahresdurchschnitt heute weniger als 20 s. die Woche; d, h. die Arbeiter sind von den 52 Wochen des Jahres weniger als 30 Wochen beschäftigt; während der übrigen 22 Wochen und mehr sind sie arbeitslos 22). Und die Ausgaben der großen englischen Gewerkvereine haben sich in Folge der wachsenden Last der Unterstützung der Arbeitslosen seit Beginn der Depression so gesteigert 22), daß sie mehr als die regelmäßigen Einnahmen betragen und nur unter Zuhülfenahme des in den vorausgegangenen Jahren angesammelten Vereinsvermögens gedeckt werden können! Die bisher von den Nationalökonomen vorgeschlagenen Schutz- und Heilmittel haben sich also als unzureichend erwiesen. Andererseits ist das Postulat der Socialdemokraten und Staats so cialisten nach Verstaatlichung aller Produktionsmittel und planmäßiger Regelung der Production durch eine — 22 — Centralverwaltung geradezu utopistisch. Dasselbe ignorirt ebenso wie sämmtliche bisher berührten Lehren der socialdemokratischen Doctrin die Verflechtung unserer Industriebetriebe in die Weltwirthschaft und ihre Abhängigkeit von dem Weltmarkt. Denn die nothwendige Voraussetzung der Verwirklichung jenes Postulats ist ein Staat, in dem alle Producte, die zur Befriedigung der Bedürfnisse seiner Angehörigen nothwendig sind, hergestellt werden, und umgekehrt alle hergestellten Producte auch Absatz finden, ein geschlossener Handelsstaat. In diesem ließe sich allenfalls die Production an den qualitativ und quantitativ vorher genau ermittelten Bedarf anpassen und so Ueberproduction, Absatzstockung und Krisis vermeiden. Allein nach den Angaben von Neumann- Spallart^) haben im Jahre 1885 die verschiedenen durch den Welthandel verbundenen Welttheile und Länder für 32,878,900,000 Mark von einander bezogen; das Deutsche Reich allein hat im letzten Decennium regelmäßig für ungefähr 3 Milliarden Mark jährlich ausgeführt^). Alle diese Milliarden producirenden Exportindustrieen wären mit der Durchführung des socialistischen Wirthschaftsideals dem Untergange geweiht. Da aber die hohen Bevölkerungsziffern der europäischen Industrieländer nur möglich sind durch den Export von Producten, der sich auf diese Milliarden beläuft, so ist die Verwirklichung der geforderten planmäßigen Production offenbar nur möglich, wenn alle staatlichen und nationalen Besonderheiten verschwinden und in einem Staate, der alle Menschen umfaßt, die planmäßige Regelung der Production sich über den ganzen Erdball erstreckt. Auch ist Rodbertus sich des Zusammenhangs seines Postulats mit dem Gedanken des Weltstaats sehr wohl bewußt. Er erwartet^) die Verwirklichung seines Wirthschaftsideals erst in der „Periode der Einen organisirten menschlichen Gesellschaft", die er als den „künftigen Gipfel historischer Entwicklung in der Reihe der socialen Lebensbildungen" bezeichnet. Damit ist die Wirksamkeit dieses Mittels zur Beseitigung oder doch Minderung unserer socialen Noth von einem seiner vornehmsten Vertreter selbst auf eine so ferne Zeit vertagt, daß der Vernünftige wol davon absehen muß, sich weiter mit ihm zu beschäftigen. Wo nun aber das Heilmittel suchen? Wenn nicht in den Köpfen der Theoretiker, vielleicht im Leben. Während die Theoretiker der verschiedensten Richtungen sich so in unfruchtbaren Projecten erschöpften, hat sich im Leben aus dem Bedürfnisse der Prakliker heraus eine Neuorganisation herausgebildet, welche gleichfalls die Beseitigung der Absatzstockungen und ihrer Folgen zum Zweck hat: die Kartelle^). Was ist darunter zu verstehen? Ich verstehe darunter nicht etwa Coalitionen wie den vor Kurzem unter der Entrüstung der ganzen Welt zusammengebrochenen Kupfer- Ring. Dies sind ephemere Schachzüge der Jnteressententaktik der Speculanten, d, h. der Personen, welche kaufen blos um wieder zu verkaufen. Sie verhalten sich zu den Kartellen wie die Speculation zur Production. Die Kartelle sind Vereinigungen von Producenten, um durch planmäßige Anpassung der Production an den Bedarf einer Ueberproduction und den sie begleitenden verhängnißvollen Folgen: Preissturz, Bankerott, Kapitalentwerthung, Arbeiterentlassung und Brod- losigkeit vorzubeugen. Diese Kartelle sind keineswegs allerneuesten Datums. Schon seit Decennien zeigten sich nach vorausgegangener Ueber- production bei sinkender Nachfrage mehr oder minder Mangel' hafte Kartellversuche, die dann bei steigendem Markte wieder zerfielen. Sie waren die Fallschirme, deren sich die zu hoch geflogene Production bediente, um wieder auf festen Boden zu gelangen, die Schutzorganisationen, nach denen in Zeiten der Krisen, die noch irgend gesunden Elemente griffen, damit nicht auch sie in den Abgrund gerissen würden. So lange indeß die aufsteigende Richtung der Production im Ganzen vorherrschte, haben diese Erscheinungen immer nur vorübergehend die Aufmerksamkeit erregt. Erst seit dem Niedergang, in dem sich die Volkswirthschaft der civilisirten Länder seit 15 Jahren befindet, sind die Kartellorganisationen in den Vordergrund getreten, und namentlich in einigen der größten Industriezweige des deutschen Reichs haben sie neuerdings eine technische Vollendung erreicht, die Staunen erwecken muß. Der Grundgedanke ist der: Den heimischen Industriezweigen soll der stetige Betrieb zu Preisen, welche ihr Fortbestehen ermöglichen, gesichert werden. Durch Verabredung werden daher die Preise auf den durch die Zölle ermöglichten Betrag festgesetzt. Um die Herabdrückung der Preise unter diesen Betrag durch die inländische Concurrenz zu verhüten, wird der Absatz unter die einzelnen Industriebetriebe im Verhältniß zu ihrer Leistungsfähigkeit vertheilt. Und um die Durchführung der Verabredungen zu sichern, haben da, wo die Organisation bisher die größte Vollendung erlangt hat, die einzelnen zum Verbände gehörigen Firmen auf jedes selbständige Verkaufsrecht verzichtend den Verkauf ihres ganzen Products, sowol den ins Ausland wie den ins Inland, einer gemeinsamen Verkaufsstelle übertragen. Die einzelnen Fabriken — 25 — haben somit fast aufgehört, selbständige Unternehmungen zu sein; sie erscheinen fast wie Werkstätten nur eines einzigen großen Unternehmens. Diese Organisation erinnert in auffallender Weise an die von den Socialdemokraten und Staatssocialisten geforderte planmäßige Regelung der Production. Sie unterscheidet sich indeß von ihr durch das Festhalten zweier Grundbedingungen der heutigen Organisation der Volkswirthschaft, ohne welche jede Umgestaltung unseres Wirthschaftslsbens sich als utopisch erweisen muß. Bei der Kartellirung der Industriezweige bleibt das Selbstinteresse der Producenten und ihr Wirthschaften für eigenen Gewinn und Verlust nach wie vor die Grundlage der Wirtschaftsorganisation. Nicht etwa besoldeten Beamten wird die Production überantwortet. Nicht also die Gefahr, daß die Volkswirthschaft in routinemäßigem Schlendrian denselben oder schlimmeren Mißständen als den jetzigen entgegentreibe^). Weder die Production für eigene Rechnung noch die Concurrenz werden beseitigt. Nur daß die Concurrenz auf andere Ziele gelenkt wird. Während sie bis jetzt dahin ging, durch technische Fortschritte und durch Betriebsverbesserungen die übrigen Betriebe zu unterbieten, sie zu ruiniren und das eigene Werk so zu erweitern, daß es die beherrschende Stellung auf dem Markte erlangte, garantirt man hier dem Mitbewerber sogar seine fernere Existenz, und die Concurrenz geht dahin, durch technische und wirthschaftliche Verbesserungen die Differenz zwischen dem festgesetzten Preise und den individuellen Productionskosten, d. h. den Gewinn zu erhöhen. Sodann wird der anderen Grundbedingung unserer Wirthschaftsorganisation, der Verflechtung der heutigen Im — 26 dustrie in die Weltwirthschaft in einer Weise Rechnung getragen, welche die Lebensbedingungen unserer auf die Ausfuhr angewiesenen Bevölkerung zu wahren im Stande scheint. Die Preise werden nämlich innerhalb der durch die Schutzzölle gezogenen Grenzen so hoch gestellt, daß die Generalkosten der Unternehmungen durch den heimischen Absatz allein ganz gedeckt werden. Die Kosten, welche die ausgeführten Producte zu ersetzen haben, bestehen also nur mehr in dem geringen Mehraufwands an Rohmaterial und Löhnen, welche peciell auf ihre Herstellung verwendet wurden. Und die heimische Industrie wird so unter allen Umständen konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt erhalten. Durch diese Art der Organisation erscheint also der Zweck des Kartells erreicht. Der heimischen Industrie wird ein Absatzmarkt gesichert, der für ihre ausgiebige und stete Beschäftigung zu lohnenden Preisen ausreicht. Wie die Ueberproduction so wird ihre Folge, die Absatzstockung, vermieden. Damit wird aber, und zwar trotzdem die Verflechtung der heimischen Industrie in die Weltwirthschaft fortdauert, das Haupthinderniß einer energischen Hebung der Lage der Arbeiterklasse beseitigt. Mit der Sicherung gegen ausländische und innere Concurrenz fällt jede Ausrede gegen die Gewährung von Löhnen, bei denen sich leben läßt. Vor Allem aber werden die Betriebsleitungen der Nothwendigkeit enthoben, Arbeiter wegen Mangels an Aufträgen entlassen zu müssen. Kleine Schwankungen im Betriebe werden durch Kürzung oder Ausdehnung der Arbeitszeit ausgeglichen. Jeder Betrieb erlangt somit eine stetige Arbeiterschaft. Mit — 27 — der Reservearmee der Arbeitslosen schwindet auch der ver- hängnißvolle Druck, den ihr Dasein auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten übt; und nun droht auch nicht mehr länger eine Krisis, die Arbeiterversicherung unwirksam oder ungenügend zu machen. Nunmehr erst wird eine Altersversicherung, die mehr als eine bloße Armenunterstützung ausmacht, überhaupt möglich. Aber mit dieser Entwicklung sind unstreitig auch große Gefahren verbunden, welche die dringendste Aufmerksamkeit seitens der Regierung wie der Gesetzgebung erheischen. Die eine ist, daß die coalirten Betriebe ihr Monopol auf dem heimischen Markte zur Bedrückung des Publikums ausnutzen. Allein eben das Schutzzollsystem, dessen die Kartelle zum sicheren Wirken unentbehrlich bedürfen, giebt dem Staate die wirksamste Waffe in die Hand. Jede ernsthafte Drohung mit einer Zollreduction dürfte ausreichen, um alle Mißbräuche zu beseitigen. Die andere Gefahr erwächst aus der Ausbreitung der Kartelle den Arbeitern. Denn sichert das Kartell der Betriebe den Arbeiter auch gegen eine Arbeitsentlassung wegen mangelnder Beschäftigung, so wird für ihn eine Entlassung wegen Differenzen mit dem Arbeitgeber um so furchtbarer, wenn alle Betriebe, bei denen er Beschäftigung finden kann, in einem Verbände vereinigt sind. Daher denn die Ausbildung einer wirksamen Arbeiterschutzgesetzgebung und die Regelung der Bedingungen des Arbeitsvertrags durch Schiedsund Einigungskammern um so unvermeidlicher werden, je mehr die Kartelle überHand nehmen. Diese Gefahren also sind nicht unüberwindlich. — 28 — Setzen wir einmal den Fall, sie seien überwunden, und wenden wir zum Schluß unseren Blick nochmals zurück. Wir sahen am Beginne unserer Betrachtung zwei Schulen, die, so verschieden sie in ihren Auffassungen sind, die abstracte Behandlung volkswirtschaftlicher Fragen gemein haben. Die eine geht aus von der Untersuchung des Werths und deducirt daraus Postulate, deren Verwirklichung wir als utopisch erkannt haben. Die andere widerlegt die irrige Werthlehre der ersteren, legt aber den Gedanken nahe, als ob mit dieser Widerlegung auch die Vollkommenheit der heutigen Wirthschaftsorganisation dargethan sei. Leider wird die heutige sociale Noth durch Widerlegung irriger Theorien der Socialdemokraten nicht beseitigt, und wenden wir uns, den Naturforscher nachahmend, zur Untersuchung, wie diese Noth in der Wirklichkeit sich entwickelt hat, so finden wir, daß sie mit allen den Erörterungen über Begriffe, welche die Seele jener Abstracten erfüllen, gar nichts zu thun habe. Als ihre erste und letzte Ursache erschien uns die Unsicherheit im Wirthschaftsleben, welche mit der Abhängigkeit aller Wirthschaften vom Weltmarkt, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Volkswirthschaft nothwendig wurde, entstand. Gleichzeitig zeigte uns unsere den konkreten Erscheinungen nachgehende Betrachtung aber auch ein Heilmittel. Während die Nationalökonomen sich in unzureichenden und die Socialisten sich in utopistischen Vorschlägen ergingen, begann dasselbe sich aus dem Bedürfnisse des Lebens heraus zu entwickeln. Es beabsichtigte bei seinem ersten — 29 — Auftreten keine neue großartige Organisation des Wirthschaftslebens zu sein. Es wollte nur dem nächsten Bedürfnisse des Tages genügen und verschwand wieder mit diesem. Als aber die Verhältnisse, welche diese Bedürfnisse hervorriefen, dauernde wurden, wurde auch es dauernd. Auch hier also bahnt sich unter dem Druck der sich dauernd ändernden Absatzverhältnisse eine Umgestaltung der Wirthschaftsorganisation an. Mit dem Eintritt des Rückgangs in der Volkswirthschaft der civilisirten Welt in Folge der Veränderung in den Absatzverhältnissen seit fünfzehn Jahren entwickeln sich Schutzorganisationen ähnlich denen, mit deren Hülfe die deutschen Gewerbtreibenden des 16. und 17. Jahrhunderts ihren Besitzstand zu wahren suchten, als damals in Folge von Veränderung in den Absatzwegen die Führung im Welthandel für Deutschland verloren ging. Diese Schutzorganisationen erregen die größte Feindseligkeit der Doctrinäre aller Richtungen, der individualistischen wie der socialistischen. Aber unbekümmert um diese entwickelt sich aus ihnen eine Neuorganisation der Volkswirthschaft, welche praktikabel ist und unter Wahrung aller der nothwendigen Voraussetzungen des heutigen Wirthschaftslebens dessen Grundübel, die Unsicherheit der Existenz, zu beseitigen verspricht. Zeigt uns dies nicht aufs Neue, wie es nicht Aufgabe der Theorie sein kann, das Leben zu meistern, sondern nur, es zu beobachten, um ihm seine Entwicklungsprincipien abzulauschen, damit man es diesen entsprechend zu leiten vermöge? Und zeigt uns dies nicht aufs Neue, welche Verdienste sich Wilhelm Röscher erworben hat, indem er diese Aufgabe — 30 — zum Programm der historischen Nationalökonomik gemacht hat 2»)? Bleiben wir diesem Programme treu! Es mag sein, daß Diejenigen, die in der consequenten Durchführung gewisser Principien ihre Aufgabe sehen, uns verachten. Dafür wird es uns vielleicht möglich werden, der Wissenschaft, dem Vaterlande und der Menschheit wirklich zu dienen. Anmerkungen. 1) Nachdem Rodbertus (Zur Beleuchtung der socialen Frage, Berlin 187S, S. 23) erklärt hat, der Ricardolche Satz, „daß alle Güter nur als Pro- ducte der Arbeit anzusehen seien, nichts als Arbeit kosten, bedeute sür die sociale Wissenschaft, was die von Galilei erfundene Einheit >sür die Geschwindigkeit in der Physik sei", sagt er weiter (S. 69, 8S), der Satz, daß der Werth eines Guts gleich der Arbeit sei, welche seine Herstellung gekostet, „sei noch keine staatswirthschastliche Thatsache, sondern nur erst staatswirth- schaftliche Idee", „das was Ricardo verwirklicht voraussetze, sollte nur stattfinden". 2) Vgl. P. Gaskell, Iks wannlÄeturing poxulation ok l^ngwnä, its iuoi'!»I, social anü ^I^sieal couciitions, and tue elumges vliiel» Iiavs si'issn ü'oin tdö uss ok stcain macliinsi^ vitk an examination ok inkmt labour. London 1833. Das Buch desselben Verfassers „^rtisans and Naeinnsr^" London 1836 ist thatsächlich eine nur wenig veränderte Auflage des vorstehenden. Nach der in diesen Schriften herrschenden Auffassung spielt das Verlassen der Vorschriften des alten Gewerberechts gar keine Rolle. Gaskell kannte gar nicht die alten das Gewerbe betreffenden Rechtsbestimmungen; wenigstens werden sie in seinem Buche mit keinem Worte erwähnt. Er ist ein Mann der Naturwissenschaften; auch ist er kein Gelehrter, fondern steht mitten im Leben und schöpft seine Anschauungen aus dem, was er unmittelbar übersehen kann. Daher geht er gar nicht aus von dem zünftigen Handwerk als der dem heutigen Industriebetriebe unmittelbar vorhergehenden gewerblichen Betriebsform; die Industrie, die er vor Augen hat, ist die Baumwollindustrie, und da war von zünftigem Handwerksbetriebe niemals die Rede. Er geht aus von der Hausindustrie — Gaskell gebraucht die Bezeichnung „vomesrie ülanu- - 32 — kaewre", — wie sie im 18. Jahrhundert in England bestand. Bon ihr entwirft er idyllische Schilderungen, und da er Zeuge gewesen, wie die Maschinen das Spinnen und Weben aus den Häuschen der Hausindustriellen nahmen, um sie in großen Fabriten zu concentriren, und neue entsprechende wirthschaftliche Organisationen hervorriefen, sieht er die Ursachen der Umgestaltung ausschließlich in den technischen Erfindungen, — Das Buch von F. Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigener Anschauung nud authentischen Quellen. 2. Ausgabe. Leipzig 1848" schließt sich dieser Ausfassnng Gaskell's an, wie es auch in vielem Einzelnen den Ausführungen desselben folgt. 3) Vgl. die Abschnitte im ersten Bande von Marx, Das Kapital, über die „Kooperation", die „Theilung der Arbeit und Manufactnr" u. f. f. 1. Aufl. 1867 S. 302 ff. 4) „Die eigentliche Manufoctnrindustrie, ... die noch nicht die moderne große Industrie mit ihren Maschinen ist, die aber bereits weder die Industrie des Mittelalters noch die Hausindustrie mehr ist". Marx, Das Elend der Philosophie. Stuttgart 188S S. 134. 6) Die unhistorischc Ausfassung, als habe die Wirthschaftsgeschichte ihren Anfang genommen mit einem Zustand, in welchem dem Arbeiter das ganze Product, bei dessen Herstellung er thätig war, gehörte, findet sich übrigens wie bei den Socialisten so bei Allen, die von naturrcchtlichen Constrnctionen ausgehen. Der Eingang des 8. Kapitels des 1. Buches von A. Smith's Wealtb ok nations enthält bereits das Programm, das die folgenden Socialisten ausgearbeitet haben: .,1bo proäueo ok labour constitutos tlro natural roeompeneo or vages ok lalionr. — In tdat original stats ot' tbings, vliielr proesclss dotlr tbo Appropriation ok lancl and tlio aeeumulatiori ok stock, tlio vliolo proäuce ok labour bolonxs to tlre lalionrsr. Ilo das ueitlier laittllorcl nor master to sliare vitli liim. — Ilaä tliis stats continnecl, tlio vages ok labour voulcl Iravs auZmsntscl vitb all tboso improvemonts in its praäuetivo pövvors, to vliieb tilg äivision ok labour ßives oeeasion. ^U tliings voulä graäuall^ lravs beeoms elieapsr. ?Iis)' voulil tiavs been proclnesä 1,)' a smallsr l8. I^et us 8unpn8v greater part8 ok oinplovinents tlis xrocluctivs xn>vsrs ok lalionr Iiaä desn im- provecl to tsnkolä, or tliat a äa)'8 ladour eoulä in'oilues tsn times tlis (luantih- ok >vorl< »Ineli it liail llans original!^; lmt tliat in a Partien- lar emploviuent tlis)' liacl Iiöen imnrovscl onlv to clondls, or tliat a dax'8 lavour eould proäues onlv tv>'isv tlis czuantit)' ok v>ork v,Ineli it liacl clons dskore. In exelianging tlis prodnes ok a dav'8 lakour in tlis greater pari ok emnlovments, kor tliat ok a cla^8 lakour in tiüs parti- cular one, ten time8 tlis original Piantitx ok vvorli in tlism >voulcl nur- clia8S onlv tvice tlis original ^uantit^ in it. ^n)' partieular ciuantitv in it, tlierekors, a z,ounä >vsiglit, kor sxami>Io, vvoulll appear to Iie üvs times dearer tlian dekore. In realit^, Iiovvever, it vvould I>e tv i< > a8 elieap. ?Iwugu it reo^uirstl kivs tims8 tlis n.uantit^ ok otlier goods to xureliass it, it would rsciuirs onlv lialk tlie ciuantitv ok ladour eitlier to xurelia8e or to producs it. I'lis acciuisition tlierekors >vould I)v tvies ss ea8v a8 Iiekors. — Lut tliis original 8tats ok tding8, in ^vlriell tns ladoursr eiyoved tlis ^vliols xrodues ok In8 o>vn laliour, eould not Ia8t devond tlis iirst introduetion ok tl>s axproririation ok land and tüo aceumulation ok 8tocli. It ^vas at an end, tlivrekoro, long dekore tlie mo8t eonsidsradls improvsments vers mado in tlie proänetivo pover8 ok lavour, anä it vonlä do to no purpo8k to traes kurtnsr ^vliat migllt Iiavo deen it8 ekkeets npon tlis reeompeneo or >vages ok ladour. — ^8 8oon »8 land Iiecomes private xronsrix, tl«z landlorä clemauc>8 a 8>iaro ok almost all tlw proäucs vlneli tne ladonrör can oitlier raiss, or col- Iset krom it. Ilis rent inalcs8 tlrs iir8t äeäuotion kroin tlis proiluco ok tlis ladour vvliicli i8 emvloz scl uxon tlie land. — It 8klclom Iiaxpens tliat tdv psr8on vlio tills tlu; grouncl Ira8 vlisrevvitlial to maintain lnm8olk till ne reap8 tde IiarvS8t. Ilis maintonance is generallv acl- vanesä to üiin kroin tl>s 8tocl< ok a ma8ter, tlis karinor >vlio emnlo) 8 iiim, ancl vviw vvoulä Iiavs no intere8t to smplov Iiim, un1e88 'de >va8 to 8nare in tlw proäncs ok Iiis ladour, or nnlv88 di8 8toe1< was to I>s replaeeä to Iiiin vitli a proüt. Idis xroüt malces a seeoncl äeänetiou krom tlio produce ok tlis ladour vliicli i8 omploveil upon lanä. — 'Hie proäues ok alinoüt all otlier ladour i8 liadlk to tlio lilvi; cloduction ok pront. In all art8 anä man»kaetnrs8 tlio groator nart ok tlis ^vorkmen stand in nesll ok a master to aävanee tkem tlio Materials ok tlisir vvorlc, and tlieir >vag«8 ancl maintenanee till it I>s completecl. Hs 8dars8 in tlis iiroclues ok tlieir Ial>our, or in tlie value >vlücli it !ul>l8 Brentano, Ursachen ic. 3 — 34 — to tlis material8 upon vliieli it is liegtmved; and in tlus siiare con- 8i8ts I>is zirokit. — It sometimes üa^pens, indeed, tnat a singte inde- I>endent >vorkman bas stoek xulLeient dotii to purcbase tlis Materials ot Iiis vorlc, and to niaintain irimselt till it be eoinnletecl. 18 botli master and vorkman, and ensoxs tlis vliole rirodnce ok dis ovn 1a- Iiour, or tbe vliolv value vkiclr it add8 to tns Materials upon vliiolr it is bsstmvsd. It ineludes vdat are usuall/ t>vo äistinct revenuss >>elonging to two distinet persons, tlio prokits ok stock, and tbs vages ok laliour. — Lueli eases, Iiovsvsr, arg not vsr^ kreliusnt ete.^ Vielleicht erregt e-Z Verwunderung, daß ich, bei der großen Verbreitung des "VVsaitli ok Kations die vorstehende Stelle in extenso zum Abdruck gebracht habe. Allein A. Smith wird heute weit weniger gelesen als die Ausführungen der Socialisten, welche alle in der vorstehenden Stelle wurzeln. Es giebt wenig in den Letzteren, was nicht im Keime im Vorstehenden enthalten wäre. Andererseits findet sich heute auch noch bei Oekonomisten die Lohnarbeit damit begründet, daß der Arbeiter, ohne Unterhalt-Mittel, daraus angewiesen sei, daß ihm ein Anderer während der Arbeit das zum Leben Nöthige vorschieße, der dafür einen Antheil am Producte beanspruchen könne. Als ob nicht schon die Jnstitutionisten lehrten, daß bei der locatio conductio aperarum der die opsrae Zusagende mit der Erfüllung vorangehen muß und erst dann Zahlung des Lohnes beanspruchen kann (vgl. Scheurl, Lehrbuch der Institutionen H 133); als ob ferner der Arbeiter heute nicht regelmäßig eine Woche lang, in vielen Gewerben zwei oder vier Wochen lang, in der Bergwerksindustrie regelmäßig drei Monate lang arbeiten und sich während dieser Zeit selbst erhalten müßte, bevor ihm sein Lohn ausgezahlt wird; und als ob nicht in vielen Jndustricen, z. B. bei den meisten, welche sllr den Kricgsbedarf auswärtiger Mächte arbeiten, die Bezahlung der Bctriebsunternehmer seitens der Besteller der Inangriffnahme der Bestellung vorausginge, während die Arbeiter erst nach Verrichtung von wöchentlicher, monatlicher oder dreimonatlicher Arbeit gelohnt werden. Wenn der Gewinn des Betricbsunternehmcrs nnd der Lohn des Lohnarbeiters in der That nur in der Darlegung A. Smith's seinen Grnnd hätte, wonach der Erstere, im Besitze der Productious- und Unterhaltsmittel des Arbeiters, diesem für Ueberlajsung derselben einen Theil seines Productes abnöthigte, so wäre bei solcher Sachlage die Ansfassuug, welche in dem Betriebsunternchmer nur eine Art Wucherer sieht, wol begreislich. In Wahrheit freilich ist das Product, bei dessen Herstellung der Lohnarbeiter — 35 — Verwendung findet, nicht das Prodnct des Arbeiters; das Product des letzteren ist nnr seine Arbeitsleistung, welche der Betriebsnnicrnchmcr mit anderen Productionsclementen zu einem neuen Producte verbindet; dieses ncnc Prodnct ist also das Product des Betricbsuntcruehmers, und dessen Gewinn ist nicht ein Theil des Produktes des Arbeiters, das diesem entzogen wird; dem Arbeiter wird von seinem Producte, dem Werke seiner Arbeitsleistung gar nichts entzogen; der Gewinn des Betriebsnnternchmers besteht vielmehr in dem Ueberschusse des Werthes des durch seine Ver- bindnng von Productiouselcmenten hergestellten nencn Products über den Werth dieser Productionsclemcnte vor ihrer Verbindung. 6) „Die kapitalistische Form (der Kooperation) . > , entwickelt sich im Gegensatz zur Bauernwirthschaft und zum unabhängigen Handwerksbetrieb, ob dieser zünftige Form besitze oder nicht". Dazu die Anmerkung 24: „Die kleine Baueruwirthfchaft und der unabhängige Handwerksbetrieb, die beide theils die Basis der feudalen non reesntl^ preaeliscl bekore kns IIniveiÄtv ok Laindrielge, 8neslv8 ok stsaäx inäustrious men, noininallv earning 2g 8. to 22 s. per >veelc, aetuallv receiving on tlie averazs onlx 8 8. or 9 8. ?lre I-oiulon äoelv laboursr, vlien in vorlc, oktsn earn ^ 2 a veel<; I>ut tbe^ arg 8oinetime8 8ix veel<8, or inore, >vitl>out vorlc. ^Iie)' !>re cle8cril>ecl i>s living kltkilv, im«! a8 8tating tnat tlrsv „voulil glacllx sxeluuigs kor rotber, ^rtbur?ox^vell, in ?>I»nebe8ter, lis kounä tnat, vbers tlis noniinnt >vaze8 varieel kroin 14 s to 35 8. ». veel< in äikkorent oceupatioirs, tlie Iiigtiest aversge earning8 ^vere tbo8ö ok tbs regularlv emxloveä eorno- ration l->bourer8, vli08ö nominal ^v!>gv8 ^vsrs 20 8. 1» stvv ^joiuers, nominallv reeeivinA 26 8. 9 ä. s, >vesk, onlz' averagecl 13 8. aetual ear- ninZ8; aucl kour ma8vn8. uominallz' reeeiving 35 8., out)" averagecl 10 s." Ilerdsrt Loinsrton ?oxvell, Irregularitv ok emplovinent ancl tluetuations ok xriee8. MindurZIr 1886. S. 13, 14. Vgl. serner Max Schippel, Das moderne Elend und die moderne Uebervölkerung. Stuttgart 1888 S. 171 ff. 23) Vgl. die Znsammenstellungen aus den Berichten der Roval Lommi88iou on I>ei?re88ion ok Oracle anä Inärrstrx und aus IIo>veII, 'Ine vorlc ok 1ra>les llnions, Lontemnorarv I?evis>v, 44. vol. 1883, x. 331 ff. fowie aus ?racle8 Ilnions, Ltatistical ?avle8 anä Report, Ladour 8tati8ties, London 1887, bei Schippel a. a. O. S. 131 ff., 174 ff. 24) Ncumann-Spallart, Uebersichten der Wcltwirthschast, Stuttgart 1887 S. 546. 25) Nach dem statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich, 1888 S. 7V betrug der geschätzte Werth der Ausfuhr: 1880: 2 946 180 000 Mark, 1881:3 040 196 000 „ 1882: 3 244 121 000 „ 1883: 3 3-15 000 000 „ 1884 : 3 269 401 000 Mark, 1885: 2 915 257 000 „ 1886:3 051371000 ,, 1887:3 190147 000 ,. — 42 — 26) Vgl. Rodbertn-Z, Zur Geschichte der römischen Tributstcucr seit Augustus, Hildebrand's Jahrbücher für Nat. u. Statist. IV, 351, auch V, 274. Vgl. ferner Kozak, Rodbcrtus-Jagctzow's Socialökonomische Ansichten, Jena 1882 S. 42. 27) Vgl. über die Kartelle meinen diesbezüglichen Vortrag in der Gesellschaft österreichischer Volkswirthc am 29. October 1888 und die daran anknüpfende Discussion am 17. December 1883 und 21. Januar 1889, in den Mittheilungen der Gesellschaft österreichischer Volkswirthe I. Jahrgang 1888—89 S. 76 ff.. S. 115 ff. und 145 ff. Prag, Wien und Leipzig 1889. Die von Arnold Steinmann-Bucher herausgegebene Wochenschrift „Die Industrie, zugleich deutsche Consulatszeituug" verzeichnet Woche für Woche die Fortschritte, welche die Kartellbewegung gemacht hat. Wie daraus hervorgeht, ist die Zahl der kartcllirten Industriezweige iu Deutschland eine überraschend große. 28) Treffend sagt Herbert Somerton Foxwell, IrreZuIlnIt^ n<1 KuotuÄtions ok xriess, x. 72: ^Ibs vsi'^ existenes ot ^- mnltitmtes ^vonlä ds snälMM'öcl ik tbs enei-M ot iinlustrial xrncluc- tion >vers äiminisliecl t>vent^ xöreent/' 29) Ich erinnere an die Ausführungen Roschcr's im Z 15 des 1. Bandes seines Systems der Volkswirthschaft (19. Aufl. S. 33): „Ist die Volkswirthschaft ein Organismus, so werden auch ihre Störungen manche Ähnlichkeit mit Krankheiten besitzen. Wir können deshalb für die Praxis gar Manches von den bewährten Methoden der Medizin zu lernen hoffen. Auch bei volkswirthschastlichen Krankheiten muß das Wesen der Störung scharf unterschieden werden von den äußeren Symptomen, obwol auch die unmittelbare Bekämpfung der letzteren, und zwar nicht bloß zur Linderung nothwendig sein kann. Hauptsächlich muß unser Augenmerk, sowie es die rationellen Ärzte machen, auf den Heilweg gerichtet sein, welchen die Natur selbst vhue Eingreifen der Kunst betreten würde." „Die Heilkraft der Natur ist keine eigenthümliche Kraft, fondern sie beruht auf einer Reihe glücklicher Einrichtungen, vermöge deren die krankhafte Störung selbst die Thätigkeiten in Bewegung setzt, die zur Vernichtung oder Unschädlichmachung der Störung führen können: sie ist in der That nichts Anderes, als die ursprüngliche, körperbildende und lebenerhaltende Thätigkeit selbst in — 43 — ihrem Verhalten gegen die störende Außenwelt und gegen die durch letztere gesetzten inneren Störungen" (Ructe). Die Ausführungen im Texte dieses Vortrags dürften dem Geiste dieser Darlegung entsprechen. Vgl. serner bei Röscher (a, a. O, Z 13 S. 30) die Stelle: „Auch hier (in der Volkswirthschaft und ihrer Entwicklung) . , . giebt es unzählige Naturgesetze, . . . über welche nur derjenige Macht gewinnen kann, der ihnen zu gehorchen versteht (Bacon)." Piercr'schb Hofbuchdruckerei, Stephan Geibel Co. in Alienburg, Verlag von Duncker A L^umblot in Leipzig. Die Arbeitergilden der Gegenwart. von Luzo Brentano. 2 Sändc. gr, 8, i87i—1872, preis >z m, 1. Zur Geschichte der engiischen-Geiverkvereine, 2. Zur Aritik der englischen Gemerkvereine. Das Arbeitsverhältniß gemäß dem heutigen Recht, von Luzo Brentano. s, 1877. preis « m. Die Arbeiterversicherung gemäß der heutigen Wirtschaftsordnung, von Luzo Brentano. 8. 1879, Preis 5 M, 20 Pf. Ueber das Verhältniß von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung. von Luzo Brentano. Sonderabdruck ans dem Jahrbuch für Gesetzgebung :c. gr. 8. I87S, preis 80 Pf. Die christlich-soziale Bewegung in England. von Luzo Brentano. Zweite, verbesserte, b"gA, '^"^"^m? pf^"' Ausgabe, Die klassische Nationalökonomie. vortrag, gehalten beim Antritt des Lehramts an der Universität Wien am 1,7. April 1.888. von Luzo Brentano. gr, 8, >8S8. preis > M. !