HEINRICH MANN LIDIGE »BHHBiBBinHHanBHi EDITORIAL — EL LIBRO L1BRE NEUE DEUTSCHE ANTINAZI-LITERATUR HEINRICH MANN “LIDICE” Roman THEODOR BALK ‘ DAS VERLORENE MANUSKRIPT’ ANNA SEGHERS “DAS SIEBTE KREUZ” Roman aus Hitler-Deutschland BRUNO FRANK “DIE TOCHTER” Roman EGON ERWIN KISCH “MARKTPLATZ DER SENSATIONEN” Selbstbiographie des Weltreporters LION FEUCHTWANGER “UNHOLDES FRANKREICH” Selbsterlebte Zeitgeschichte PAUL MERKER “WAS WIRD AUS DEUTSCHLAND?” Studie ueber Deutschlands Gegenwart und Zukunft f THEODOR BALK “FUEHRER DURCH SOWJETKRIEG UND - FRIEDEN” EDITORIAL i i EL LIBRO LIBRE”, MEXICO, D. F Apartado 2958. LIDICE HEINRICH MANN LIDICE Roman 1943 EDITORIAL “EL LIBRO LIBRE” MEXICO HEINRICH MANN Copyright by EDITORIAL "EL LIBRO LIBRE." Apartado 2958, Mexico, D. F. Alle Rechte fuer die deutsche Ausgabe auf dem amerikanischen Kontinent Vorbehalten. PRINTED IN MEXICO. Die Landstrasse nach Prag fuehrt durch das Dorf Li- dice. Es ist ein schoener Sonntagmorgen im Fruehling. Die meisten Einwohner ergehen sich draussen. Der aelteste Teil des Dorfes umrandet in Winkeln und Ausbuchtungen launisch die Strasse, die keine Verbreiterung zulaesst, ausser, die alten Haeuser, Hoefe, Gaerten wuerden abgerissen. An dem einen Ende steht aus Urzeiten die Dorflinde mit weiter Krone und jungem Laub. Die Wiese dahinter ist von Gaensen bevoelkert, der Teich, auch ein Gemeindegut, von Enten. Auf den Baenken im Umkreis der Linde sitzen Frauen, die zerarbeiteten Haende liegen im Schoss, die Stimmen sind laut, die Gemueter sonntaeglich still. Sie tragen bunte Stoffe. Hell gekleidete, blonde Kinder spielen. Das andere Ende der bebauten Strasse wird von der laengst schon geschlossenen Tankstelle bezeichnet. Die Mitte bildet die gestreckte weisse Front des Wirtshauses, zu seinen Seiten oeffnen sich Lauben aus Gaisblatt, Rosen, wildem Wein. Zwischen Linde und Tankstelle halten und gehen die Maenner von Lidice, alte und junge, die Mehrzahl sind Bergarbeiter in moeglichst farbigen Anzuegen, da die Wo- 7 che ueber ihre Tracht dunkel ist. Die anderen Leute, Bauern, Gewerbetreibende, Handwerker, bewohnen die angrenzenden Haeuser oder naechsten Gehoefte. Jede Gruppe hat spannende Neuigkeiten zu besprechen, ohne dass jemand seine Erregung hervorkehrt. Jenseits dieser kleinen Ansammlung von Trachten und Gesichtern, ueber den bluehenden Bueschen, keimenden Obstbaeumen, Vorvaeter-^Behausungen im Gruenen, erhebt sich die Landschaft. Vom Dorf aus links erscheint droben die kahle schwarze Platte der Kohlengruben, die aufgereihten Arbeiterhaeuser haben dort den grellsten Anstrich, je rauchiger die Luft, die sie umgibt. Hinter dem letzten Rauch, nicht weniger dunkel als er, verschwimmt der Umriss eines Waldes. Aus der Gegend der Linde sind Wege gesenkt nach dem Tal und seinen Fruchtfeldern. Drueben, rechts des Dorfes, wird der Blick begrenzt von heiteren Huegeln, die wohlhabenden Villen lehnen an ihnen. Der Himmel ist nach dieser Richtung hoch und mildblau. Freie Zwi- schenraeume der Landschaft zeigen weithin kurze Strecken der Fahrstrasse. Dies ist eine kleine Welt, wie sie dastand, bevor sie unterging, ein boehmisches Dorf, Abriss tschechischen Lebens, aller Arbeit und Muehe der vielen Geschlechter und dieses letzten. Es enthaelt die menschlichen Leidenschaften, dazu den einheimischen Witz. Ihm fehlen so wenig die Narren wie die Nachdenklichen und Belasteten, wer waere nicht belastet, wo der Feind im Land ueber jede eurer Regungen wacht! Kein Schmerz, kein Glueck ist abwesend von Lidice. Nicht zu vergessen, die Verliebten. Zwei von ihnen erheben die Koepfe ueber die sanfte Talsenkung. Jetzt tauchen sie in ganzer Gestalt bei der Linde auf. 8 1 Pavel Ondracek, mit seiner Braut Lyda: “Da ist etwas nicht in Ordnung.” Lyda: “Die Kinder spielen wie sonst.” Pavel: “Die Frauen tratschen wie alle Sonntage, aber woran denken sie? An dasselbe wie wir?” Lyda: “Stell’ dich nicht dumm, Pavel, du weisst, worauf die Leute neugierig sind.” Pavel: “Dann hab’ ich es, meiner Seel, vergessen ueber deinen Anblick, Lyda.” Lyda: “Wirklich wahr?” Pavel: “Mit dir in blumigen Wiesen sitzen, dich Kraen- ze flechten sehen, rings um versinkt die Welt. Nur leider war ich nicht kuehn genug." Lyda: “Ich will dich nicht kuehn. Sei gut und treu! * Pavel: “Ich kann doch nur treu sein. Nach den Schrek- ken von Prag, bei dir die Ruhe und dein liebes Herz!” Lyda: “Wie klug, dass du zu uns herauskamst aus der Stadt, bevor die Universitaet geschlossen wurde!” Pavel: “Als meine Kameraden demonstrierten und erschossen wurden.” Lyda: “Du hast den Deutschen nichts getan, du bist in Sicherheit.” Pavel: “Und du verachtest mich.” Lyda: “Ich dich verachten?” 9 Pavel: “Wer flieht, verdient es. Aber ich werde etwas tun, dass keiner mich schief ansieht.” Lyda: “Rede nicht sinnlos! Alle muessten sich vor einander schaemen, wenn es darauf ankaeme, nutzlos zu demonstrieren gegen einen Sieger, der die Macht hat.” Pavel: “Es kommt darauf an, im vollen Ernst etwas auszurichten, und dieser falsche Sieger muss es spueren. Es muss auf ihm sitzen bleiben untilgbar.” Lyda: “Was koennte das sein? Du wirst es nicht tun. mein Pavel, sieh mich an, wir haben nur einander.” Pavel: “Die Leute auf der Strasse blicken alle nach den Huegeln drueben.” Er sucht in derselben Richtung. Lyda: “Nicht dorthin, mich sieh an!” Pavel: “Drunten waren wir wundervoll allein. Schade, jetzt laesst es sich nicht laenger uebersehen.” Lyda: “Was? Die kleinen Wagen, manchmal durchstreifen sie einen Ausschnitt zwischen den Baeumen, so weit dahinten.” Pavel: “Werden schon naeher kommen, das zaehlt nach Minuten. Ein Protektor faehrt schnell.” Lyda: “Was kuemmert er dich — gerade dich, wenn Li- dice ihn nichts angeht?” Pavel: “Lidice, nichts? Da koenntest du irren. Er ist der neue deutsche Protektor von Boehmen-Maehren, wie sie es nennen.” Lyda: “Der alte soll noch in Prag sitzen. Uns hat der alte Protektor ziemlich in Ruhe gelassen.” Pavel: “Die Studenten sprechen anders, wenn sie noch sprechen." Lyda: “Sei vorsichtig! Lass uns zurueckkehren auf unsere stille Wiese!” Pavel: “Es waere nicht mehr dasselbe.” Er will gehen. Lyda: “Halt! wohin?” Pavel: “Auf der Strasse sind sie unruhig.” 10 Lyda: “Du musst wohl mittun.” Pavel: “Warnen will ich sie.” Lyda, haengt bis jetzt an seinem Arm: “Du bist neugierig, du laesst dich zu dummen Streichen hinreissen, frueher als die Anderen.” Pavel: “Ein vernuenftiger Mensch wie ich! Mein Vatei ist unter den Leuten, siehst du ihn? Beim Vater werd’ ich mich wohl erkundigen duerfen." Er verlaesst Lyda am Rande der Strasse. Sie kann es nicht aendern, will lieber nichts wissen, sie spielt mit den Kindern. Pavel, bei seinem Vater: “Was haben die guten Leute?” Jaroslav Ondracek: “Gut schon, aber zornig.” Pavel: “Weil ein neuer Protektor hier durchkommen soll? Auch ein Grund sich zu erzuernen.” Jaroslav: “Mit dem neuen soll nicht zu spassen sein.” Bevor Pavel antworten kann: “Den alten kannte man. Der Ruf des neuen ist noch schlimmer.” Pavel: “Darum das Getuemmel. Ihm den Weg versperren.” Er ruft: “Die Strasse raeumenl" Der Gemeindevorsteher, tritt zu Ondracek Vater und Sohn: “Das hab' ich ihnen schon geraten. So ein Protektor faehrt mir nichts dir nichts in die Leute hinein. Es juckt sie nun einmal.” Pavel: “Holen wir die Frauen! Machen wir bunte Volksmenge, festlichen Empfang! Eine Fahne!" Jaroslav: “Was fuer eine Fahne?” Der Gemeindevorsteher: “Jung ist dein Sohn, Ondracek. Seine Laune wuensch’ ich mir.” Pavel, bei einer Gruppe von Bergarbeitern: “Ihr habt gewiss eure Musikinstrumente dabei, herzhaft aufspielen muss man dem Herrn Protektor. Heil werden wir rufen, oder wer es besser kann, ruft na zdar!” Ein Bergarbeiter: Ein Spassvogel, der junge Doktor Pavel.” Ein anderer: “Schoen moechten wir aussehen, dem Deutschen ein Staendchen bringen.” Der dritte: “Waehrend alle nur an das Bier denken." Pavel: “Welches Bier?” Der vierte Bergarbeiter: “Die Faesser im Keller unter der Tankstelle.” Der fuenfte: Wir moechten wissen, ob er das vergrabene Pilsener findet.” Pavel: “Wenn das seine Sorge ist.” Vorueber gehen gute Bekannte. Der Lehrer haelt an: 'Schlau sind unsere Leute. Ein jeder kehrt der Tankstelle seinen Ruecken zu.” Pavel: ‘Schlauer waer’ es, ins Wirtshaus zu gehen und aus leeren Glaesern zu trinken. Ist wenigstens ein volles fuer den hohen Gast uebrig?” Der Barbier: “Der wird unser Bier nicht haben wollen. Alles nur Jux." Der Schneider: “Er wird denken, unser Duennbier saeuft er nicht, und anderes gibt's keines, denkt er.” Der Schmied: “Da irrt er gewaltig. Mit diesem neuen Herrn wird man fertig werden wie mit dem alten.” Zunehmender Laerm von Motoren, bevor sie auf der Strasse sichtbar werden. Ein Bergarbeiter: “Mir ist immer als hoert’ ich was.” Ein anderer: “Mir scheint sogar, im Wirtsgarten waer’ es die naechste Zeit behaglicher.” Mehrere: “Ein guter Einfall. Sag’ hast du oft so gute Einfaelle?” Sie begeben sich unter die Laube neben dem Wirtshaus. Ein Motorrad erscheint auf dem freiliegenden Teil der Strasse. 12 Der Barbier: “Ich waere der Meinung, das naechste nicht abzuwarten.” Der Schneider: “Wird eh’ eine Kolonne sein." Pavel: “Eine Panzerdivision — der werden wir keinen heldenhaften Widerstand leisten.” Er nimmt seinen Vater beim Arm. Mit dem Gemeindevorsteher und anderen guten Bekannten suchen auch sie eine Laube auf. Der Garten zu beiden Seiten des Wirtshauses ist bald besetzt. Am Ende des Dorfes haben moeglichst viele Maen- ner die leere Tankstelle als Unterkunft benutzt. Die Frauen schuetzen sich, wie es geht, mit dem ueber- haengenden Geaest der Linde, auch hinter den Baenken und im Rasen verbergen sie sich. Die Kinder, obwohl zur Ruhe gerufen, bleiben unbefangen, gleich den Gaensen. Lyda, spaeht durch das Laub der Linde, ueber die jetzt entvoelkerte Strasse ruft sie, aber zu schreien wagt sie nicht: “Schnell, kommt schnell! Ein Unglueck wird geschehen.” Die Strecke zwischen der Linde und dem Wirtshaus drueben ist etwas zu weit fuer den schwachen Ruf. Die Frauen wollen von Lyda wissen, was sie gemeint hat, aber da ist es schon geschehen. Der Hund des Wirtshauses stuerzt, die Stimme machtvoll erhoben, aus dem Gebaeude und wirft sich dem ersten der Motorraeder entgegen. Dieses bildet die Vorhut, fuer den Augenblick ist es allein und ohne Beistand gegen den feindlichen Ueberfall. Der gewaltige Fleischerhund ist nicht nur stark, er hat auch Erfahrung, er huetet sich unter das Rad zu geraten. Er will den Fahrer umwerfen. Er springt ihn seitlich an, bringt ihn ins Schwanken und haette ihn genoetigt zu halten, aber der Soldat vermag es nicht mehr. Ein schoener wohlgenaehrter SS Mann, der er ist, belei- 13 digt ihn umso mehr die Auseinandersetzung mit einem Hunde, ihm aufgezwungen im Bereich einer abwesenden, aber uebelwollenden Bevoelkerung. Nicht nur dass zweifellos alle die Tschechen dieses “Kaffs” — so sagt er fuei Ortschaft — ihn heimlich belauschen Der Protektor kommt, sogleich ist er hier, es handelt sich um Sekunden! Schon hat hinter dem ersten eine Reihe von Motorraedern die Fahrt eingestellt, sie moegen ihren Kameraden nicht ueber- holen, koennten es auch nur mit eigener Gefahr, der Hund ist zum Aeussersten entschlossen. Als es eigentlich zu spaet und der angegriffene Fahrer schon im Kippen ist, fasst er nach seiner Revolvertasche. Der Hund, dies erkennen und den Mann beissen ist eins. Er beisst in die Gegend der Revolvertasche, etwas tiefer, wo es weich ist. Mann und Maschine fallen um, der eine schreit, die andere rattert, beide zusammen decken die Strasse und machen sie fortan unpassierbar. Der Hund als Sieger ist nicht stolz, er zieht die Flucht vor. Die Wege hinab in das Tal, auch die Verstecke, die es bietet, sind nur ihm bekannt, nicht seinen rachsuechtigen Feinden. Diese laufen und schiessen ganz vergebens, die Zwecklosigkeit leuchtet ihnen uebrigens ein. Aber der Protektor hat befohlen. Reinhard Heydrich, Protektor von Boehmen-Maehren, ist in Lidice eingetroffen. Sein Wagen, der erste des Zuges, steht, da vor ihm seine motorisierte Mannschaft steht. Es findet statt zwischen Dorflinde und Wirtshaus, naeher bei diesem, und die Wahrscheinlichkeit spricht dafuer, dass von den Lau- bengaesten einige, wenn nicht alle, um die Ecke schielen, nur merken soll man es nicht. Da sind die Frauen kueh- ner. Nun das angekuendigte Unheil ausgebrochen ist, zeigen sie sich offen, auch ihre offenen Stimmen benutzen sie wieder. Sie sagen ihre betruebte Meinung ueber den 14 Ungluecksfall der Deutschen, indessen sind diese in der Uebermacht, gewiss zweihundert Deutsche und nur ein Hund, da kann es am Endsieg nicht fehlen. / Ob sie reden oder nicht, sie haben kaum zu befuerch- ten, dass der Protektor oder sein Gefolge ihre Sprache verstehen. Eher wird ein Lachen verstanden, und eine hat gelacht. Lyda spielt mit den kleinen blonden Kindern: Schau dich nicht um, der Wolf geht uml Hier hat sie den Protektor noch gar nicht gesehen, er sitzt in seinem geschlossenen Wagen, vom Fenster vorsichtig zurueckgezogen. Als das Lachen aufklingt, vergisst er die Grundsaetze eines Chefs, der sich nicht aussetzen darf, er neigt sich aus dem Fenster, er erblickt den lachenden Mund eines Maedchens. Lyda schliesst ihn sofort. Sie laeuft davon, mit den Kindern an ihren Haenden laeuft sie um den Teich. Die Kinder schreien, nur weil sie laufen. Lyda: “Seid still, der Wolf!” Die Kinder verlangen, ihn zu sehen: “Wo ist der Wolf? Zeig’ ihn uns!” Ihre Neugier unterliegt Zweifeln, lieber wuerden sie sich verstecken, wie vorher der Hund. Lyda ist sehr ernst geworden, der kurze Anblick, der sie ueberraschte, war furchtbar. Mehr koennte sie hierzu nicht sagen. Reinhard Heydrich, Protektor von Boehmen-Maehren, sieht furchtbar aus, ob von Natur oder weil es seine Waffe ist, wer weiss ueber ihn Bescheid. Lyda nicht. Die Anderen in Lidice, wenn er nachher seinen Wagen verlaesst und sein Gesicht zeigt, werden auch nur staunen und erschrecken, wie es ihre Schuldigkeit ist. Bis jetzt hat allein sein Adjudant Oberst Schalk, den Wagen verlassen, er steht neben dem anderen Fenster, durch das Heydrich noch nicht ausgeblickt hat, und meldet ihm die Vorgaenge, wie sie eintreten. 15 Oberst Schalk: “Wir haben einen Verwundeten. Der Mann ist dick und fett und schlaegt um sich, wenn man ihn aufheben will.” Heydrich, metallene Stimme, hier ohne Nachdruck: “Fesseln!” Oberst Schalk: “Excellenz befehlen?” Heydrich: “Fesseln, sage ich. Aufladen. Losfahren.” Oberst Schalk beeilt sich, den Befehl weiterzugeben. Er kehrt zurueck und bedauert: “Der Mann blutet unsinnig, wer ihn anfasst, beschmutzt sich, ausserdem haut er.” Heydrich, ohne Nachdruck: “Mit Fusstritten aus dem Weg raeumen. Ich habe genug von dem Kaff. Die Bevoel- kerung macht sich wieder mal unsichtbar.” Oberst Schalk: “Melde gehorsamst, die Bewohner sehen zu, was wir tun. Sie schielen um die Ecken.” Heydrich: “Auch Lachen hoerte ich schon. Als ich hinsah, war keine es gewesen.” Oberst Schalk: “Das will ich glauben. Es ist natuer- lich Angst, dass die Strasse leer steht.” Heydrich: “Dass die Bevoelkerung schielt, lacht und Hunde auf uns hetzt.” Oberst Schalk: “Wenn Excellenz mir eine unmassgebliche Vermutung erlauben, der Hund ist selbstaendig vorgegangen.” Um sich zu entschuldigen: “Eure Excellenz wuenschen schnell von hier fortzukommen.” Heydrich: “Nachgerade bekomme ich Lust, mir die Leute anzusehen.” Er macht Miene auszusteigen, scheinbar laesst die Tuer sich nicht oeffnen. Oberst Schalk deutet einen Griff an, als wollte er die Tuer von aussen aufmachen. Er laesst es dabei: “Die Bevoelkerung wird die Ehre haben, Eure Excellenz zu be- gruessen.” Links und rechts des Wagens stellt er einen Mann und ein Maschinengewehr auf. Ein Kommissar der Geheimen Staatspolizei ueberwacht die Vorbereitungen und “schaltet sich ein.” Der Geheime: “Moechte nicht verfehlen, Herr Oberst, mich einzuschalten. Die Eingeborenen fordern jeden Verdacht heraus, ich halte Leibesvisitation fuer unerlaesslich.” Oberst Schalk: “Das ganze Dorf bis aufs Hemd entkleiden? Sie halten den Protektor bis heute abend auf. Herr Blumentopf, das geht nicht.” Der Geheime: "In fuenf Minuten ist alles erledigt.” Er pfeift. Sogleich ist er umgeben von mehreren Gestalten seiner Art. Mit Sturmstosstruppen zu ihrer Verlegung besetzen sie blitzartig die drei strategischen Punkte, den Wirtsgarten, die Dorflinde, die Tankstelle. Jede Vorgefundene Person wird beklopft und abgetastet. Frauen, die Einspruch erheben, werden mit Entkleiden bedroht, aber dabei bleibt es. Ihre Pflicht allein leitet die Beamten. Von der Tankstelle treiben die wohlgenaehrten SS Maenner ein grosses Rudel magerer Tschechen muehelos vor sich her. Anfangs stellt wohl einer sich an, als strauchelte er im Gedraenge, ihn ueberzeugt ein Gewehrkolben von der Vergeblichkeit seiner List. Die meisten Schwierigkeiten bietet der Wirtsgarten mit seinen verschiedenen Ausgaengen nach der Kueche und anderen hinteren Raeumlichkeiten. Auch in die Felder fluechten mehrere, die Ankuendigung, dass geschossen wird. Veranlasst sie umzukehren. Verlassen unter einem der Tische schnarcht ein Mann. Der Geheime selbst, der einen letzten Blick auf den Garten wirft, entdeckt Pavel, er weckt ihn mit dem Fuss. Der Geheime: “Deine Waffe her!” Pavel, sucht schlaftrunken am Boden, bietet dem Geheimen einen Zigarettenstummel an: “Mehr hab’ ich gerade nicht, der Herr muss abends wieder kommen.” Der Geheime: “Du sollst dich untersuchen lassen.” Pavel: “Ich bin nicht krank.” Er schielt auf seine Nase, sein Gesicht ist gutmuetig verbloedet. Der Geheime sieht nach Beistand um, aber seine Mannschaft fuehrt draussen dem strengen Herrn die Herde der Eingeborenen vor, man darf nicht stoeren. Den Geheimen draengen die Zeit und der Vorgang, ein Mann, der bisher als harmlos nicht erwiesen ist, liegt eingeklemmt zwischen den Tischbeinen. Der Kommissar entschliesst sich, er kriecht unter, er macht an dem Mann die vorgeschriebenen Griffe, nur dass der Mann kitzlig ist. Pavel lacht, bis er stoehnt, er wirft die Arme um den neuen Freund, er verlangt zu wissen: “Wie heissen der gnaedige Herr Deutsche, dass ich mir einen so lustigen Herrn merke?” Der Geheime muss seinen Namen angeben, damit er mit seiner Person nur loskommt: “Blumentopf.” Pavel: “Das duftet. Daran kann man in Gedanken riechen.” Der Geheime, steht endlich auf eigenen Fuessen: “An dir, mein Junge, hoffe ich nie wieder zu riechen. Wer bist du eigentlich?” Pavel, erstaunt, bloeder als je: “Das haben Sie nicht gewusst? ich bin doch der Dorftrottel.” Der Geheime, stampft auf, er fuehlt sich hereingefallen, er eilt von dannen, den Gegenstand seines soeben erlittenen Misserfolges wird er gleich vergessen haben, wie noch jeden seiner Fehler. Draussen zeigt der Protektor sich nunmehr in ganzer Groesse der Bevoelkerung, von dem ersten Erschrecken hat sich noch keiner erholt. Sie sind gehoerig umstellt und bewacht, ein Schritt vorwaerts waere niemandem anzuraten, aber das Gesicht Heydrichs genuegt, sie einzuschuech- tern, wie vorher ein Maedchen, das gelacht hatte. Sie finden sein Gesicht furchtbar, waehrend Heydrich findet, dass 18 sie es ein fuer alle Male betrachten muessen, fuer ihre weitere Fuehrung. Mit stelzendem Gang umschreitet er den vorderen Teil seines Wagens, er traegt Sorge, dass er auf jeder Seite des Schauplatzes zur Geltung kommt. Wenn er sich den Frauen bei der Linde vorfuehrt, lacht wahrhaftig keine mehr. Die Leute, deren Zuflucht die Tankstelle gewesen war, fassen den Gedanken an Sicherheit ueberhaupt nicht mehr beim Anblick des Protektors. Der schwersten Pruefung indessen sind die Insassen des Wirtshauses ausgesetzt, die Laubengaeste sowohl, wie auch die alte Wirtin mit ihrem Personal. Oberst Schalk sucht befehlsgemaess festzustellen, wer auf den motorisierten Soldaten den Hund gehetzt hat. Er kann es nicht, vor allem, weil er seine Fragen nur scheinbar mit Energie stellt, die innere Ueberzeugung fehlt. Der Protektor unterstuetzt ihn allerdings, wenn er sein Gesicht herwendet. Dann aber verstummen alle ganz. Dem Geheimen genuegt die kuerzeste Beobachtung, um zu wissen, dass es ohne ihn nicht geht. Er beschliesst auch hier wieder “sich einzuschalten.” In militaerischer Haltung vor Oberst Schalk: “Herr Oberst gestatten, dass ich mich einschalte.“ Oberst Schalk: “Bedienen Sie sich!” Die Erlaubnis kommt etwas zu schnell, der Adjudant tritt eine verlorene Sache ab. Der Geheime, in die gestaute Menge beim Wirtshaus, mit der Absicht stimmlich Eindruck zu machen, aber er krakehlt nur: “Wem gehoert der Hund? Wenn der Betreffende sich nicht meldet, wird er gleich mitgenommen.” Verbluefftes Schweigen, obwohl die Leute denken, in einiger Entfernung sogar fluestern: “Mitnehmen wird er ihn, eh dass er ihn hat. Ein Kuenstler!” Bei der Linde wagt eine Frauenstimme hell aufzulachen, worauf auch in 19 Richtung der Tankstelle und beim Wirtshaus mehrfach Aeusserungen von Heiterkeit stattfinden. Sie werden alsbald unterdrueckt, beklommene Gesichter bereuen den Fehltritt, aber fortan ist kein Zweifel, dass der Gestapo- Kommissar nicht voellig ernst genommen wird. Der Geheime hat die Eingebung, selbst mitzulaecheln. Er will ueberdies scherzen: “Der Eigentuemer des Hundes hat keinen Soldaten gebissen. Nun denn?" Die alte Wirtin, erhebt die gerungenen Haende: “Gnae- diger Herr! Ich bin eine biedere Wittib.” Der Geheime wiederholt seinen Scherz: “Haben Sie den Soldaten gebissen?” Der Hausknecht, anstatt der Wirtin: “Der Hund kommt allweil fressen, was sonst sein Herr frisst.” Der Geheime: “Da haben wir’s. Wer ist der Herr?” Der Hausknecht: “Mich hat die Frau erst gestern eingestellt.” Gemurmel in der Bevoelkerung: “Wahr ist es. Der Bursche kennt den Herrn ueberhaupt nicht, und den Hund ganz fluechtig.” ln dem Mass, wie sie ihre eigenen Aeusserungen vernehmen, werden die Leute kuehner. Stimmen, kaum noch gedaempft: “Der Hund hat den Hintern von der Gans gern. In den Soldatenhintern beisst er aus Not, die Gans war noch nicht knusprig.” Dies vertraegt offenbar keine Nachsicht mehr. Der Witz der Tschechen ist ermutigt worden, weil die deutsche Behoerde scherzhaft sein wollte. Der geheime Kommissar sieht seine Autoritaet bedroht. Schlimm genug. Oberst Schalk schuettelt entruestet den Kopf, immerhin darf eine innere Belustigung bei ihm vermutet werden. Unvergleichlich gefaehrlicher laesst der Protektor sich an. Nicht nur, dass er aufgehoert hat zu stelzen, vielmehr hinter der Schulter, des Kommissars aufpasst, was noch folgt. Aus- 20 schliesslich diesem, bis jetzt ungluecklichen Beamten gilt im gegebenen Zeitpunkt sein furchtbares Gesicht. Der Kommissar, sonst an die Maske Heydrichs gewoehnt und abgestumpft gegen ihr Hoechstmass, moechte ihr hier nicht begegnen, er huetet sich den Hals zu zucken. Er keift die Wirtin an, warum gerade sie, koennte er selbst nicht sagen. Der Geheime: “Sie werde ich mitnehmen zum Verhoer, biedere Wittib! Heraus da!" Die Wirtin, unter ihrer Haustuer, schwankt. Sie trifft Anstalten, als wollte sie dem Befehl gehorchen, aber die Umstehenden lassen sie nicht. Unter dem Vorwand sie zu stuetzen, verbieten sie ihr jeden Platzwechsel. Aus allen den gewundenen Leibern hervor reckt sie als klassische Zeugen ihrer Unschuld die kurzen Arme. Eine erstaunliche Gelaeufigkeit der Zunge ist ihr ploetz- lich zuteil geworden. Die Wirtin: “Der Herr vom Hund ist ein so alter Gast, unser aeltester, aus den Zeiten meines seligen Mannes. Aus Pietaet, nichts wie fromme Sitte, bekommt der Hund die Portion, was sein Herr uebrig laesst.” Das Gesicht nach oben, weint sie laut. Eine hilfreiche Magd, die sie stuetzt: “Der laesst viel uebrig.” Ein hilfreicher Mann: “Der frisst fast nichts mehr.” Der naechste: “Weil er gestorben ist.” Noch einer: “Schon lang bevor die Deutschen uns befreit haben.” Wieder einer, diesmal aus der ferneren Umgebung: Ein geschickter Mensch war er, hat nicht abgewartet, bis dass er befreit wird.” Einer von der Tankstelle: “Hatte, hoer’ ich, im Voraus seinen Hund auf den Mann dressiert.” Ein anderer, weiter rueckwaerts: “Auf den Soldaten.” Hinter der Linde kreischt eine Frau: “Fuer einen Herrn Protektor hat er ihn scharf gemacht!” Eine zweite Frau, kreischt: “Wenn ein Herr Protektor uns jemals die Ehre erwiese!” Eine grosse Stille tritt ein, die Rufer sind, vor sich selbst erschrocken, untergetaucht. Jemand spricht in die Stille, eher leise, aber durchdrungen von einer weisen Milde: “Nicht glauben, Euer Gnaden! Sind bloede Tschechen.” Woher kam dies? Jaroslav Ondracek befuerchtet, dass es sein Sohn war. \X£as immer Heydrich glaubt oder bezweifelt, er hat sich hinter seinen Wagen zurueckgezogen. Hier decken ihn der zweite Wagen und eine motorisierte Mannschaft. Oberst Schalk gibt vor, er habe seinen Chef zu dem Rueckzug genoetigt: “Excellenz besitzen nicht das Recht, Ihre hohe Person dem Feind als Ziel zu bieten, noch dazu bei der Untuechtigkeit des Kommissars Blumentopf." Heydrich: “Nicht gerechnet Ihre eigene Untuechtigkeit, Oberst Schalk. Ich sehe die Sabotage von seiten eines gewoehnlichen Dorfes, wie heisst es ueberhaupt, nicht mehr lange an.” Gleichwohl folgen beide Herren gespannt dem Vorgehen des Kommissars. Er laesst seine Beamten ueberall in den Haufen greifen, nach den Urhebern der aufruehreri- schen Aeusserungen. Jedesmal stossen sie auf einen Betrunkenen, einen Heiseren oder ein halbes Kind. Die Nachbarn, ja, auch die wachthabenden SS Maenner bezeugen regelmaessig: der war es nicht. Der Geheime, unter den Blicken des Protektors, entschlossen, den eigenen Ruf zu retten: “Dann sage ich glatt, er war es doch. Fesseln! Mitnehmen!” Dies wiederholt sich oft, zuletzt haben die Soldaten wohl dreissig Leute an der Wirtshausmauer zusammenge- 22 trieben, diese sollen alle vereint fuenf, sechs aufrührerische Bemerkungen gemacht haben. Die verdaechtigen Frauen sind abgerechnet, ihre planwidrige Flucht ins Tal hat sie dem Zugriff entzogen. Der Geheime: “Gemeindevorsteher!” Er verlangt auf gut Glueck einen derartigen Funktionaer, nach den bisherigen Erfahrungen wird keiner da sein. Der Gemeindevorsteher: “Haben nur zu befehlen.” Der aeltere Mann ist fuegsam, er gruesst militaerisch. Der Kommissar sieht in ihm den passenden Gegenstand seiner Strenge. Der Geheime, so scharf er kann: “Sofort ein Lastauto !” Der Gemeindevorsteher, betrachtet ihn sinnend, nicht ohne Ehrfurcht. Der Geheime: “Verstanden? Gefangenentransport, Sie sind mir verantwortlich.” Der Gemeindevorsteher: “Herr, es ist schon lange, dass wir kein Lastauto mehr haben, und haetten wir's, waere kein Benzin da, die Tankstelle hat zugemacht.” Bei der Tankstelle fallen ihm die dort versteckten Bierfaesser ein. “Bier bekommen wir auch nicht, weil es nicht transportiert werden koennte, wenn es welches gaebe.” Der Geheime: “Wenn Ihre Tante Raeder haette, waer’ sie’n Omnibus. Herr! Hab' ich Sie gebeten, mir Schwaenke aus Ihrem Leben zu erzaehlen? In zwei Minuten faehrt das Lastauto an, oder — .” Der Gemeindevorsteher greift an seine Muetze, er stellt jedes beliebige Oder anheim. Der Geheime, fasst den Mann beim Knopf. Vertraulich: Oder ich Hesse Sie kurzweg niederschlagen. Einzig und allein die persoenliche Anwesenheit Seiner Excellenz des Herrn Protektors bewahrt Sie davor.” Der Gemeindevorsteher, bekundet seinen Respekt vor der hohen Anwesenheit: “Da kann man leider nichts machen.” Der Protektor selbst, der dort hinten unmoeglich ge- hoert hat, in demselben Augenblick befiehlt er: “Niederschlagen!” Es ist sein erstes Wort, und ist eine erstaunliche Stimme, von so metallischer Haerte, dass man erwartet, sie muesste zurueckgeworfen werden wo sie anprallt, sie muess- te nachklappen und tatsaechlich klappt sie nach. “Niederschlagen!” Das Wort ertoent noch einmal, etwas hohl, aus unbestimmter Entfernung, aber es ist die Stimme, sie hat zweimal geschlagen. Alles horcht auf, die Gefangenen, die Bewachten und ihre Waechter, sie wenden die Haelse, sie suchen, aber unglaeubig, denn der zweite Anschlag kann ueberall gefallen sein, von einem Dach, sogar aus einer Wolke. Der Geheime, schon gewoehnt sich mit dem Gemeindevorsteher zu beraten, fragt ihn: “Sie haben jemanden im Verdacht, wer es ist?” Der Gemeindevorsteher, vertraulich: “Einen Gemeindebullen haben wir immer noch, der ist imstand und dort unten auf seiner Wiese bruellt er, wenn es am wenigsten gestattet waere.” Der Geheime begegnet auf seiner Umschau nur einem einzigen Blick, und der schielt, was die Begegnung ungewiss macht. Schon wieder der Dorftrottel! Der Geheime gibt unwillig diesen Standort auf, infolge neuer, beunruhigender Umstaende unterlaesst er es, den Gemeindevorsteher niederzuschlagen. Der Protektor selbst ist nur beschaeftigt zu lauschen. Sein Oberst Schalk lauscht mit ihm. Heydrich, bemerkt zum ersten Mal die kleinen blonden Kinder, wie sie, mit Augen voll Neugier, sich bei den Haer.den halten oder auf einander hocken, die Kleinsten 24 im Nacken der etwas Groesseren. Ihm kommt ein Gedanke: Die Kinder als Geiseln wegfuehren! Er bewundert seine Geistesgegenwart. Geiseln wirken immer guenstig auf das Verhalten der Bevoelkerung, Kinder noch guenstiger. Dabei wird sich zeigen, ob auch dieses Wort zweimal faellt, ob sogar bei diesem Wort seine Stimme nachklappt! Heydrich, metallener Befehlston: “Die Kinder als Geiseln wegfuehren!” Seine Stimme, seine eigene, wiederholt in der Art wie vorher: “Die Kinder als Geiseln wegfuehren!” Heydrich und Oberst Schalk sehen sich an. Heydrich: “Was war das?” Oberst Schalk: “Ein Echo, melde Eurer Excellenz ge- horsamst." Heydrich: “Meine” — er betont: “Meine Stimme?” Oberst Schalk: “Das Echo haelt unbedingt auf Aehn- lichkeit.” Heydrich: “Nicht bei mir. Ich verbitte mir das.” Der Geheime, ist zur Stelle: "Befehlen Excellenz, dass ich die Leute, jeden einzeln, Stimmuebungen machen lasse?” Heydrich: “Danke. Damit Sie mich hier noch eine Stunde unnuetz aufhalten. Herr Blumentopf, Sie koennen nur durch auffallenden Eifer meine Ungnade von sich abwenden.” Zugleich hat er noch einen Einfall: “Rufen Sie Heil Hitler! wer nicht mitruft, wird niedergeschlagen.” Der Geheime ruft in die versammelte Menge: “Heil Hitler!" Die Antwort betaeubt die Ohren, nach der Staerke des Geschreies kann kein Einziger sich enthalten haben. Heydrich, lauscht: "Meine Stimme war nicht dabei.” Oberst Schalk: “Zu Befehl. Excellenz hatten nicht gerufen.” Heydrich: “Sie bestehen auf Ihrem Echo, das nur mich 25 allein nachmacht. Mir missfaellt dieses Dorf, wie heisst es.” Der Geheime greift endlich durch. Da ohnedies alle Heil Hitler gerufen haben, fragt er nicht erst, er laesst die SS Maenner zusammen mit der motorisierten Mannschaft jeden achten Eingeborenen niederschlagen. Die SS strek- ken ihre Erwaehlten gewissenhaft hin, die jungen Soldaten haben Gesichter zwischen Wut und Lachen, ihre Schlaege sind selten nachhaltig. Heydrich, betrachtet den Vorgang, er murmelt: "Mir ist ganz so, als waere unser Besuch kein Erfolg gewesen. Jedenfalls habe ich genug von diesem”. — Laut, fuer Oberst Schalk: “Wie heisst das Dorf?" Oberst Schalk: "Lidice." Heydrich, im Begriff seinen Wagen zu besteigen, erhebt drohend die Stimme: “Lidice sieht mich nicht sobald wieder.” Seine Stimme noch einmal: “Lidice sieht mich bald wieder.” Heydrich, faehrt zurueck, er war nicht mehr vorbereitet. Er wird ganz leise: “Ihr Echo, Oberst Schalk. Es kann Worte weglassen.” Oberst Schalk, sorgenvoll: “Hier scheint wirklich eine Untersuchung geboten.” Er winkt den Geheimen herbei. Heydrich: "Ich will nichts wissen. Meine Befehle, Geiseln betreffend, sind aufgehoben. Nur fort! Hier gibt es Geheimnisse, die mir kein Glueck bringen.” Oberst Schalk und der Geheime tauschen einen Blick, er bedeutet: dies laesst man gut sein. Unsere grossen Herren sind aberglaeubisch. Heydrich sitzt schon, Oberst Schalk steigt zu ihm ein und befiehlt abzufahren, sobald es geht. Im Weg sind die Soldaten, mit den Niedergeschlagenen, die sie beiseite tragen, aber die Niedergeschlagenen erschweren es ihnen nach 26 Moeglichkeit, alle wollen schwer getroffen sein, sie seufzen erbaermlich. Die laengsten Seufzer enden mit einem innigen Heil Hitler! Der Protektor ist abgefahren, die Tankstelle, zugleich das Dorf, liegen hinter ihm, als der Geheime, sein Wagen, seine motorisierte Truppe nur erst auf brechen. Der Geheime hat Eile nachzukommen, von der Bevoelkerung und ihrem Treiben nimmt er keine Kenntnis mehr. Der Wagen des Geheimen und seiner Mitarbeiter erreicht nun auch die Tankstelle. Um die Ecke, wo vom Wirtshaus nichts mehr sichtbar ist, schwingt ein Mann den > Arm — kein vertrauenerweckender Mann, aber er gruesst mit Heil Hitler und will eine wichtige Meldung machen. Der Geheime, bei verlangsamter Fahrt: “Was gibt es? Schnell!” Der Mann, laeuft nebenher, schwingt immer den Arm, seine Blicke lechzen: “Gnaediger Herr! Ich bin ein Spion, ich weiss, wo sie ihr Bier versteckt haben.” Der Geheime, durchaus nicht bei Laune: “Dann geh’ und sauf’ es!” Auf seinen Wink bekommt der Mann einen Schlag auf den Kopf, er taumelt und bleibt endgueltig zu- rueck. Der Mann, wirft dem Wagen eine Faust nach:* “Ihr Gesindel, das soll euch gereuen. Der Eger Franticek bin ich, dass ihr’s wisst! So ein braver Spion gegen die Tschechen, der alte Herr Protektor kennt mich — telephonisch. Der neue verleugnet meine wichtige Person, aber gerade ihn krieg’ ich! Wird lang’ brauchen, wird in der Zeit ein Stuendchen sein, bis dass ich den Faden anziehe, daran haengt ein Protektor, er faehrt im Schwung zum Eger Franticek!” Der Besessene tanzt fuer sich allein, hierauf telephoniert er in der Tankstelle — nach Prag, nach der Burg. Einem Hoerer, den er fuer den Protektor Neurath selbst haelt, berichtet der Spion, wieviel sein Nachfolger Heyd- rich hierorts fertig gebracht habe: einige niedergeschlagen, Kinder als Geiseln genommen, Empoerung herausgefordert, Hohn erregt — und gefangen nicht einmal den Hund! Die Bevoelkerung zwischen Wirtshaus und Linde hat sich inzwischen nur unbedeutend verschoben. Auch die Niedergeschlagenen behalten vorsichtig ihren Platz am Boden, solange noch Gefahr ist. Der furchtbare Protektor und sein blutiger Polizist koennten allenfalls umkehren. Ein schwer Getroffener sagt dem Arzt, der ihn behandelt: “Glueck hab’ ich gehabt! Nehmen wir, nur spasses- halber, an, sie haetten das Bier gefunden, schoen moech- ten wir ausschauen.” Der Barbier, der zusieht: “Wo sie auf Bier so scharf sind.” Der Schneider: “Auf Geiseln noch mehr, haben aber keine bekommen.” Ein Bergarbeiter: “Den Hund auch nicht.” Ein anderer: “Den Herrn vom Hund schon gar nicht. Aber wir haben ihn pflichtgemaess angezeigt.” Doktor Holar, hat an mehreren Niedergeschlagenen seine Arbeit beendet, er steht auf: “So sorgt man sich um das Bier, nachher ist es vielmehr ein Hund, und der ist es auch nicht.” Der dritte Bergarbeiter: “Sondern das Echo.” Der vierte: “Das Echo war noch niemals da, gerad’ heute muss es sich hoeren lassen.” Der fuenfte: “Einmal kommt sogar das schlagende Wetter.” Doktor Holar: “Jeden Morgen fahrt ihr ein und denkt an das schlagende Wetter. Zum Schluss werd’ ich gerufen, weil einer den Fuss verstaucht hat.” 28 Er geht weiter. Der schwer Getroffene: “Mit den Deutschen ist es nicht viel.“ Einer, der seufzt: “Weil sie fuer’s erste nur dich getroffen haben.” Doktor Holar, sucht vergebens Pavel Ondracek, endlich wendet er sich an den Gemeindevorsteher: “Noch sind einige zu verbinden. Der junge Mann koennte mir helfen, hat mehr als das gelernt.” Der Gemeindevorsteher, sagt dem Doktor etwas ins Ohr. Doktor Holar, erstaunt: “Das lernt er nicht auf der Universitaet. Sind Sie sicher, dass er es war?” Der Gemeindevorsteher: “Das Echo war kein anderer als er. Sehen Sie nur hin!” Tatsache ist, dass Pavel von den Seinen gedeckt und den Blicken entzogen wird. Sein Vater Jaroslav und Lyda, seine Braut, reden leis und dringend auf ihn ein. Jaroslav: “Wie konntest du ploetzlich eine fremde Stimme machen? Noch dazu diese!“ Pavel: “Hab’ ich sie wirklich getroffen?” Lyda: “Ja. Aber es blieb doch deine. Von der Linde her hab' ich sie erkannt.” Pavel: “Nur du, oder noch andere? Wenn Lyda allein mich heraushoert, bin ich gut, sonst muss ich besser werden.” Jaroslav: “Sei ueberzeugt, dass Viele es wissen. Sie halten gegen die Deutschen zusammen und schweigen.” Lyda: “Pavel, ich bitt’ und beschwoer’ dich, fang’ dir mit den Deutschen nichts an!” Jaroslav, faehrt im Satz fort: “Waeren sie nicht so gute Tschechen, sie koennten noch mehr erzaehlen, als vom Echo.” Lyda: “Was denn?” 29 Pavel, versucht sich zu besinnen: “Ja, was?” Jaroslav: “Gehoert hat man, und vielleicht-.” Lyda: “Gesehen? Ich sah nichts.” Jaroslav: “Weil ich frueh genug vor ihn hintrat und mein Ruecken breit ist. Keine Furcht, die Feinde sind diesmal darum betrogen.” Lyda: “Aber was war es? Sprich, Vater!” Pavel: “Lass’, ich machte ein w'enig den Bloeden, Dummheit entwaffnet.” Jaroslav: “Was du Furchtbares tatest, sag’ ich — nicht hier. Bei der Tankstelle ist niemand.” Sie gehen in Richtung der Tankstelle. Lyda: “Pavel! Was tatest du?” Pavel: “Darauf bin ich neugierig.” 2 Die Ansammlung der Einwohner von Lidice Ioest sich auf. Die Niedergeschlagenen werden fortgetragen. Kleine Gruppen sprechen erst in einiger Entfernung. Ein Bergarbeiter: “Ein sehr gnaediger Herr Protektor ist das.” Ein anderer: “Wird’s auch lange machen bei uns.” Ein dritter: “Ein Unglueck, bei uns haelt keiner vor.” Ein vierter: “Der Alte tut es nicht mehr.” Ein fuenfter: “Wenn es wahr ist, dass er gehen muss.” Der dritte: “Wozu sonst der neue?” Der vierte: “Du haettest lieber zwei Protektoren.” Der fuenfte: “Mir werden sie nie zuviel.” Der erste: “Einen so gnaedigen Herrn Protektor wie diesen haben wir noch keinen gehabt.” Der zweite: “Den lassen wir nicht so einfach fort wie den bisherigen.” 30 Der dritte: “Du denkst dir wohl, du wirst ihn fangen und einsperren.” Der vierte: “Du moechtest am Ende ein Held werden.” Der fuenfte: “Wie sehen aber die Helden aus, moecht ich wissen.” Der erste: “Das weiss niemand heutzutage.” Er lacht: “Vielleicht wie der Pavel, der das Echo macht.” Der zweite: “Er macht noch mehr, ich hab’s gesehen." Der dritte: “Rede nicht, was man nicht hoeren soll!” Die Bergarbeiter wenden sich von der Strasse nach der Arbeitersiedlung, ihren gleichfoermigen Haeuschen. Es ist eine Stunde vor dem Mittagessen, alle Schornsteine im Dorfe rauchen, das Wirtshaus und sein Garten sind weit geoeffnet. Auf der Strasse bewegt sich ausser den Gaensen nichts mehr. Im Schatten der verlassenen Tankstelle steht noch immer der Bauer Jaroslav Ondracek bei seinem Sohn Pavel. Der Vater haelt Pavel an der einen Hand, seine Braut Lyda an der anderen. Lyda, innig: “Pavel, bitt’ dich, so wahr wir uns lieb haben, mit den Deutschen darfst du dir nichts anfangen.” Pavel: “Das will ich doch gar nicht. Weil ich ihnen in aller Unschuld einen Bloeden mache?” Jaroslav: “Die Unschuld haben sie dir geglaubt. Darauf konntest du das Echo wohl lassen, mein gewitztes Soehn- chen, mein ausstudierter Pavel.” Pavel: “Ausstudiert, nicht aber absolviert. Nachdem die Deutschen unsere Universitaeten zusperren, was tu ich mit der verlorenen Zeit.” Lyda: “Deswegen musst du kein Echo machen. Als die Studenten demonstrierten, bliebst du sehr gescheit davon weg und kamst zu uns.” Pavel: “Vielleicht bereu’ ich.” 31 Jaroslav: “Und nicht das andere?” Pavel: "Welches andere?” Jaroslav, fluestert: “Die Fratze.” Pavel: “Eine Fratze haett’ ich geschnitten?” Lyda: “Nein, davon sah ich nichts.” Jaroslav: “Aber ich — und war gewiss nicht der Ein- • zige.” Er betritt die Tankstelle und sieht sich darin um. Lyda: “Pavel! Sprich, welche Fratze?” Pavel: “Ich weiss von keiner.” Lyda: “Oh! Pavel, du traust mir nicht.” Pavel: “Lyda, mein Braeutchen! Wenn ich dir nicht trauen koennte, wem dann. Mir selbst nicht mehr ganz, wie es scheint.” Jaroslav, kehrt zurueck: “Niemand da.“ Pavel: “Suchst du noch, Vater? Den Mann und das Oel, alles haben die Deutschen.” Jaroslav: “Sie haben auch Horchposten. In der Tankstelle ist ein Telephon.” Pavel: “Zu spaet. Der Franticek wird es schon benutzt haben.” Lyda, will Zuversicht dartun: “Uns kann er nichts boeses nachsagen.” Pavel: “Der luegt auch in den Apparat. Wozu waer’ er der Franticek Eger, ein Deutschboehme.” Lyda: “Die meisten Deutschboehmen sind treu und brav.” Jaroslav: “Dieser vielleicht auch, ich werde nur nicht klug aus ihm.” Lyda: “Ihr behaltet ihn im Dienst.” Jaroslav: “Pavel will nicht, dass ich ihn fortschicke.” Pavel: "Spione muessen in Reichweite sein.” Lyda: “Bei uns auf dem Hof gibt es nichts auszuspionieren.” 32 Pavel, ihr ins Ohr: “Ausser dem Waffenlager fast nichts.” Jaroslav: “Gehen wir endlich!” Lyda: “Das Essen ist auf dem Feuer.” Sie entfernt sich mit Jaroslav. Pavel bleibt hinter ihnen. Jaroslav: “Nehmen wir die Abkuerzung ueber das Bergwerk !” Lyda: “Damit das Essen nicht schlecht wird.” Jaroslav: “Und der Eger uns keinen Streich spielt. Finden wir ihn noch nicht zu Hause, dann werf ich ihn diesmal wirklich auf die Strasse.” 3 Sobald alle drei ausser Sicht sind, verlaesst Franticek Eger sein Versteck in der Tankstelle. Er rollt die Augen, seine Bewegungen sind unbeherrscht, er redet mit sich selbst. Franticek Eger: “Viel muss man sich sagen lassen, die Deutschboehmen sollen treu und brav sein. Waer’ ich sonst nichts! Was tut denn Ihr Tschechen, habt ihr schon einen Protektor geschlachet? Ich aber! Ich meid’ ihm alles, der Herr Protektor persoenlich kommt ans Telephon, eine seltene Auszeichnung.” Er macht einen Freudentanz. Zwischen Luftspruengen, im Takt singt er: "Hab’ ich den guten Herrn erst mal hierher gelockt nach Lidice, wird er wie ein Huehnchen ab- gekragelt. Wie ein Huehnchen!“ Er stampft und schlaegt sich auf die Lederhosen. Hinter ihm auf der Strasse erscheint ein Fahrrad mit einem Gendarmen. Der Gendarm steigt ab: “Sie da! Was treiben Sie fuer Dinge?” Franticek Eger: "Mit behoerdlicher Genehmigung freue ich mich auf den Sonntagsbraten. Nehmen Sie mich mit, Herr Wachtmeister, sonst krieg ich nichts mehr. Der Gendarm, zoegert. Franticek Eger: "Sie sehen mir wie ein Eingeweihter aus. Kennen sicher den Eger Franticek.” Der Gendarm: “Sie haben mit uns schon zu tun gehabt?” Franticek Eger: “Mit Ihrem Herrn Protektor. Ich bin sein Vertrauter.” Der Gendarm: “Sie wollen ein Spitzel sein?" Er fuehrt den Zeigefinger an die Schlaefe: “Na sitzen Sie auf! Ein Verrueckter mehr oder weniger. Aber vorn! Hinten koenn- ten Sie Dummheiten machen.” Das Rad mit den beiden Maennern folgt der Landstrasse. • 4 Von der Landstrasse abgewichen, gelangen Jaroslav und Lyda, Pavel ein Stueck hinter ihnen, auf den Weg zum Bergwerk, das sonntaeglich still liegt. Jaroslav: “Wir gehen hinueber und durch den Wald. Dass Pavel uns nicht verliert! Armer Junge, ich mag ihn nicht stoeren, wenn er sich wieder versenkt hat in das Sinnen ueber sein unterbrochenes Studium. Die ganze Medizin studiert, bis dicht vor dem Doktor!” Lyda: “Seiner toten Freunde gedenkt er. Aber ich hoer' ihn nicht mehr.” Sie wendet sich nach Pavel um. Pavel, ist stehen' geblieben, das Gesicht vorgestreckt. unbekannt gegen wen, aber es ist durchaus verwandelt ins Furchtbare und Boese. Lyda, schreit auf: “Pavel!” Pavel, metallene Stimme: "Die Kinder werden als Geiseln mitgenommen.” Er beginnt zu schreiten, er setzt die Fuesse wie Stelzen. Jaroslav: “Sagen wir ihm nichts! Er wird sich besinnen.” Lyda, laeuft Pavel entgegen, mit ihrer Hand bedeckt sie seine Augen: “Tu das nicht! Pavel, tu’s nicht, es ist furchtbar.” Jaroslav: “Das war sie, die Fratze.” Pavel, spricht natuerlich: “War sie schon besser?” Jaroslav: “Kann nicht noch besser werden. Jetzt lass' es genug sein!” Pavel: “Was du von mir verlangst, Vater! Das sind Anfaelle — nicht gerade epileptoider Art, von dem Typ bin ich nicht, fehlen auch die meisten Symptome. Aber das erste Mal als du mich dabei ertapptest, hab’ ich wirklich nichts gewusst.” Lyda: “Jetzt hast du die Fratze mit Fleiss gemacht!” Pavel: “Nicht eigentlich. Der Anfang ist unbewusst, muss es auch sein. Folgt eine Strecke der Beobachtung und Kritik. Man vergleicht und vertieft.” Jaroslav: “Da hast du eine neue Wissenschaft.” Pavel: “Oh!, neu ist gar nichts. Im spaeteren Zustand scheint man sich selbst zu vergessen. Soweit bin ich noch nicht.” Lyda: “Vergessen koenntest du, dass du Pavel bist? Mein Pavel!” Pavel, umarmt sie: “Der bleib’ ich! Dein Pavel unter jedem Gesicht.” 35 Lyda: ‘‘Mach’ nie wieder das andere! Versprich es mir!” Jaroslav abgewendet: “Versprechen, versprechen.” Lyda, hat den Zweifel des Vaters gehoert: “Pavel, was willst du mit der Fratze?” Pavel, ehrlich: “Nichts.” Lyda: “Aus blosser Narrheit machst du keine mehr.” Pavel: “Gewiss werd’ ich kein Narr sein.” Das Paar geht Arm in Arm voran. Jaroslav folgt allein: “Mein gelehrter Junge, was daraus werden soll, hat er noch nicht gelernt.” Sie betreten den Wald, dahinter liegt der Hof der On- dracek. 5 Der Wagenzug des neuen Protektors, umgeben von der motorisierten Begleitmannschaft, faehrt durch Prag. Heydrich sitzt nicht mehr im ersten Wagen, ein Mann mit moeglichst vielen Orden, Litzen und dem Hoheitsabzeichen, nimmt statt seiner den Platz ein, wo man den Protektor erwarten koennte. Aber weder auf den Strassen noch an den Fenstern wartet jemand. Heydrich bemerkt die Leere nicht, da er sich tief in seine Ecke drueckt. Heydrich: “Ein hoher Chef hat nicht das Recht sich zu exponieren.” Oberst Schalk sieht den Zustand der Stadt und sucht seinen Chef in angenehmer Art darauf vorzubereiten. Oberst Schalk: “Ob der zurueckgetretene Protektor eine Absicht damit verfolgte?” Heydrich: “Womit? Erstens ist Neurath nicht zurueck- getreten. Der Fuehrer befiehlt, dass ich ihn ersetze.” Oberst Schalk: “Als der schwaechliche Herr von Neu- rath zuletzt doch einen kleinen Aderlass vornahm — belanglos, aber von ihm war man es nicht gewoehnt, — vielleicht wollte er Eure Excellenz um Ihren ersten Erfolg bringen.” Heydrich: “Sie meinen?” Oberst Schalk: Erreicht hat er, dass die Bevoelkerung sich heute nicht auf die Strasse wagt.” Heydrich, beugt den Kopf vor: “Niemand da. Ich wusste es. Die Frage bleibt offen, ob auch die Daecher nach Schuetzen abgesucht sind.” Er zieht sich so tief wie moeglich zurueck. Oberst Schalk: “Ihrer Gestapo ist es zuzutrauen.” Heydrich: “Vertraue keinem blind! Mit den erschossenen Demonstranten, darueber kann ich Sie aufklaeren, hat der arme Neurath nichts zu tun. Die Geheime Staatspolizei und ihr zweithoechster Chef”. Ein Schuss faellt. Oberst Schalk: “Ein geplatzter Reifen, melde gehor- samst.” Heydrich, aus seiner Deckung, aber metallene Stimme: “Anhalten! Untersuchen! Im Kugelregen die Flucht ergreifen, das erlebt dies Nest nicht von dem zweithoechsten Chef der Gestapo.” Oberst Schalk: “Protektor von Boehmen-Maehren, zu Befehl, Excellenz.” Wo der Wagen haelt, liegen auf dem Gehsteig sieben Leichen. SS Maenner stehen bei ihnen Wache. Heydrich hat nur einen Blick hingeworfen. Alles Weitere spricht er aus dem entgegengesetzten Fenster, fuer die Posten, die auch dort stehen. Einen SS Mann fragt er: “Was tut ihr hier?” Der SS Mann: “Passanten vertreiben, melde gehör- Heydrich: “Vertreiben auch noch? Herschaffen sollt ihr sie. Wer hat den bloedsinnigen Befehl erlassen?” Ein Offizier, eilt von der anderen Seite herbei: “Direkter Befehl des Herrn Protektors.” Heydrich: "Der bin ich, und Sie melden an der zu- staendigen Stelle, dass ich Sie wegen Unfaehigkeit fortgeschickt habe.” Der Offizier: "Zu Befehl.” Er marschiert schon. Heydrich: “Die Toten haben wenigstens den Anstand, mich zu begruessen. Sie sind die Einzigen.” Oberst Schalk: “Sehr gut, Excellenz.” Heydrich: “Es kommt noch besser.” An die Wachmannschaft gewendet: “Ihr glaubt, ihr seid auf Urlaub. Waldeinsamkeit. Deutsche Romantik. Ich will Euch helfen. In fuenf Minuten ist die Strasse voll von Tschechen, sie steigen in den Blutlachen umher, besonders die Damen, und singen Deutschland ueber alles. Sonst holt euch alle der Henker.” Er gibt das Zeichen weiterzufahren. Oberst Schalk: “Die erschossenen Studenten liegen mindestens seit gestern dort, es war in der Tat kein verlok- kender Anblick. Alte Leute sind mir in diesen Faellen lieber.” Heydrich: “In der Tat — soll heissen, ich haette wegge- sehen? Merken Sie sich, dass ich mehr vertrage als Sie.” Oberst Schalk: “Zweifel liegen mir fern, und die Jungen sind Eurer Excellenz lieber, was ich nur bewundern kann.” Ankunft im grossen Hof der Burg. Allein der Wagen des Protektors faehrt bis vor das Hauptportal des Ge- baeudes. Im Schatten eines Seitenfluegels nehmen Soldaten einen Imbiss. Heydrich, begleitet von Oberst Schalk und Herren des 38 Gefolges, stelzt dorthin: “Die Burgwache — wie ich sie mir gedacht hatte, bei Bier und Wuerstchenl” Die Soldaten stehen stramm, bis auf mehrere, die sitzen bleiben. Heydrich: “Das uebertrifft allerdings meine Etwar- tungen." Ein Offizier, stuerzt aus der Wachstube, er reisst die Sitzengebliebenen von der Bank. Einer der Soldaten faellt auf die Bank zurueck, ein anderer will fortlaufen. Heydrich: “Betrunken. Ich wundere mich ueber nichts mehr.” Der Offizier: “Beide nur Slovaken, melde gehorsamst, Excellenz.” Heydrich: “Sie aber sind deutsche Herrenrasse — gewesen. Kassiert, degradiert, drei Tage fasten, dann an die russische Front.” Der Offizier: “Zu Befehl. Heil Hitler!” Heydrich: “Wie viele Gefangene haben Sie heute gemacht?” Der Offizier schuettelt wuetend die beiden betrunkenen Slovaken: “Gefangene sollt ihr machen!” Mit der linken und der rechten Hand schleudert er je einen Slovaken in Richtung des Ausganges. Sie torkeln, der Offizier befoerdert sie mit Fusstritten weiter. Er selbst springt bald vor, bald hinter ihnen, er feuert sie an: “Wen wir kriegen, fangen wir dem neuen Herrn Protektor. Heil Hitler!” Oberst Schalk: “Melde Eurer Excellenz gehorsamst, der Leutnant ist der Bezechteste von allen.” Heydrich: “Dafuer wird er als erster nuechtern werden.” Hinter dem Ausgang des grossen Hofes hat Publikum sich angesammelt, fast nur Frauen und Kinder. Der Offi- 39 zier und die beiden Soldaten greifen in den Haufen. Widerstand und Flucht, ein Schuss geht los. Heydrich, nach Oberst Schalk umgewendet: “Wieder ein Autoreifen. Nehmen Sie selbst den Leutnant gefangen! Sein Revolver war es, und er hat nach mir gezielt.” Oberst Schalk, gibt es auf, eine andere Meinung zu aeussern. Er geht. Heydrich, ruft ihm nach: “ln Eisen legen, den Leutnant!” Worauf er das Haus betritt. 6 Oben auf der Treppe haelt ein Posten sein Gewehr quer ueber den Absatz: “Verboten!” Heydrich: “Der Kerl ist verrueckt geworden!” Oberst Schalk: “Erlauben Excellenz! Fueselier, was hast du zu tun, wenn du einen Obersten siehst?” Der Posten: “Front machen.” Oberst Schalk: “Ich bin ein Oberst.” Heydrich: “Ich bin der Protektor, was hast du zu tun?” Der Posten: “Nicht durchlassen.” Heydrich, naehert sich, als haette er etwas zu erklae- ren. Ganz unverhofft tritt er den Soldaten in den Bauch. Schmerzensschreie des Soldaten, er rollt die Treppe hinunter. Die Herren des Gefolges weichen auseinander, um den Koerper durchzulassen. Nach stummer Verstaendigung bleiben sie unten und erwarten den naechsten. Heydrich behaelt den Vortritt, er stelzt durch die unbekannten Korridore, die Tueren uebersieht er. Oberst Schalk, hinter ihm: “Befehlen Excellenz, dass ich Hilfe hole?” 40 Heydrich: “Man hat mir ohne besondere Aufforderung entgegenzukommen — mein Vorgaenger persoenlich. Ich will doch sehen — Er verschwindet um die Ecke. Oberst Schalk ist zurueckgeblieben, er oeffnet kurzentschlossen eine Tuer, dahinter noch eine. Er ruft hinein: “Geheimrat Rumfutsch!” Geheimrat Rumfutsch: “Oberst Schalk!” Oberst Schalk: “Sie freuen Sich nicht ueber Gebuehr. Kommen Sie jedenfalls heraus und fuehren Sie den Protektor Heydrich zu dem Protektor Neurath!" Geheimrat Rumfutsch: “Leider unmoeglich, Herr von Neurath hat eine Unterredung.” Oberst Schalk: “Wichtiger als mit seinem Nachfolger?" Geheimrat Rumfutsch: “Das habe ich nicht zu entscheiden. Der Besucher ist ein tschechischer Gelehrter.” Oberst Schalk: “Ach, so! Sie haben gewiss aus Ihrem Fenster beobachtet, dass der neue Herr sich wirksam ein- fuehrte. Wie drunten im Burghof, kann es auch hier oben zugehen.” Geheimrat Rumfutsch, weniger forsch als bisher: “Es muss etwas geschehen.” Er zoegert, bevor er sich ent- schliesst: “Unterhalten wir den Neuen, bis der Alte fuer ihn Zeit hat!” Oberst Schalk: “Sind Sie unterhaltend genug?” Geheimrat Rumfutsch: “Oh, nicht ich. Die Lage erfordert drastische Mittel.” Oberst Schalk: “Gewagte?” Geheimrat Rumfutsch: “Kommen Sie!” Die beiden Herren suchen mehrere Seitengaenge ab, in einem entlegenen finden sie den verirrten Protektor. Geheimrat Rumfutsch: “Habe die Ehre, mich Eurer Excellenz vorzustellen, Geheimrat Rumfutsch, Kanzler des Herrn Protektors von Boehmen-Maehren.” Heydrich: “Sie sind zu bescheiden, ich kenne Sie, und schaetze Sie nicht.” Geheimrat Rumfutsch: “Meine Ergebenheit fuer die einzigartige Persoenlichkeit Eurer Excellenz wird von niemandem uebertroffen.” Er zwinkert: “Manche, Ihrem Vorgaenger verdankte Einrichtung wird bei Eurer Excellenz das hoech- ste Staunen erregen.” Heydrich: “Das waere?" Geheimrat Rumfutsch: “Die letzte Tuer, bitte. Herr von Neurath hat es noetig befunden, Arbeitsraeume fuer eingeborene Frauen zu eroeffnen.” Heydrich: “Tschechinnen? In der Burg?” Geheimrat Rumfutsch, oeffnet die Tuer: “Der Augenschein erlaubt leider keinen Zweifel.” 7 In dem Saal, den die drei Herren betreten, sind Frauen mit der Anfertigung von Trikotagen beschaeftigt. Oberst Schalk: “Scheinbar stricken sie.” Heydrich: “Ich verstehe, der Harem meines Vorgaen- gers. Das kommt zum Uebrigen. Der eingerissene Zustand spottet der Beschreibung, ich w;erde ihn trotzdem zu beschreiben wissen.” Nach Geheimrat Rumfutsch umgewendet: “Ihr Exprotektor kann sich auf etwas gefasst machen.” Geheimrat Rumfutsch, hat sich hinausgeschlichen. “Gestatten Excellenz, dass ich ihn schonend vorbereite.” Er drueckt hinter sich die Tuer zu. Oberst Schalk, hat sich bei der Aufseherin erkundigt: “Melde gehorsamst dass der Scharfblick Eurer Excellenz untrueglich ist. Die Frauen arbeiten fuer die russische Front.” Heydrich: “Meine traumwandlerische Sicherheit fuehrt mich beim ersten Schritt an einen Mittelpunkt des Hochverrats.” Er schmettert den Arbeiterinnen entgegen: "Den Russen strickt ihr wollene Jacken!” Verwunderte oder ironische Seitenblicke, aber keine Antwort. Oberst Schalk: “Eure Excellenz nehmen richtig an, dass dieses Volk lieber fuer die Russen stricken wuerde. Wohl oder uebel strickt es fuer uns.” Heydrich, bemerkt Ironie, sogar bei seinem Adjudan- ten. Er hilft sich aus der Verlegenheit mit einem Gewaltstreich. Er schmettert: “Ausziehen!” Das Verhalten der Frauen wird unverkennbar, sie nehmen den furchtbaren Herren komisch. Oberst Schalk, moechte das Unglueck aufhalten: “Eure Excellenz beliebten zu befehlen, dass die Frauen ihre Sachen packen und verschwinden. Zweifellos richtig, wenn ein Skandal vermieden werden soll.” Heydrich: “Ich sagte Ausziehen. Die Weiber werden mir ihre Nationaltaenze vorfuehren. Alle wilden Voelker- schaften haben Nationaltaenze.” Oberst Schalk: “Ich bewundere die folkloristischen Erfahrungen des Protektors." Vorsichtig: “Auch, dass ei die Wuerde seines hohen Amtes mit beispielloser Strenge wahrt.” Heydrich: “Hueten Sie sich, wenn ich furchtbar werde! Sie haben meinen Befehl gehoert. Ich warte.” Oberst Schalk, fuer die Aufseherin: “Der Herr Protektor wuenscht den Volkscharakter zu studieren. Daher sollen die Arbeiterinnen tanzen, ohne stoerende Bekleidung natuerlich.” Die Aufseherin, erklaert den Arbeiterinnen: “Der Deutsche will, dass ihr euch nackt auszieht.” Die Frauen hatten schon vorher verstanden, sie sehen 43 jetzt, dass sie gehorchen muessen. Sie tun es sachlich, wie eine ihrer Pflichten. Wer einen Teil seiner Bekleidung abgelegt hat, erkundigt sich mit einem Blick bei Oberst Schalk, ob es genug ist. Oberst Schalk, erkundigt sich: “Excellenz befehlen eine kleine Pause?” Die Aufseherin, wendet sich nur an Oberst Schalk, ihr Ton ist neutral: “Soll ich den Arbeiterinnen sagen, dass der Scherz zu Ende ist?" Heydrich: “Scherzen, ich? Dies Protektorat wird nicht lange brauchen, bis es eines besseren belehrt ist.” Er beachtet die Frauen nicht mehr und vergisst sie. Die Frauen verlangsamen ihre Bewegungen, sie bleiben halb angekleidet. Die Aufseherin warnt sie im Tonfall voelliger Gleich- gueltigkeit: “Gebt acht, Maedeln, dass ihr nicht wie die Studenten drei Tage auf dem Gehsteig liegen muesst! Wie ihr dann aussehen werdet, ist alles eins, ob Kleider oder keine.” Heydrich, stelzt hin und her. Er spricht fuer Oberst Schalk, noch mehr fuer sich: “Die sieben Studenten auf dem Gehsteig haben mir gefallen, sonst gar nichts. In Bruenn sollen Studenten sein, hoffentlich noch anderswo. Ich bin entschlossen, Revolten ueberall blutig niederzuschlagen.” Er erinnert sich der Arbeiterinnen, er schmettert: “Ausziehen!” Oberst Schalk: "Melde gehorsamst, Excellenz. Ich auch ?’ ’ 8 Arbeitszimmer des bisherigen Protektors Konstantin von Neurath. Bei ihm ist der Sektionschef im tschechischen Ministerium, Professor Napil. 44 Professor Napil: “Ich versuche auf Ihrem Gesicht zu lesen, meine Augen lassen nach. Dennoch wuerde ich jederzeit bezeugen, dass die Ermordung der Studenten auch Sie unvorbereitet und schmerzlich getroffen hat.” Neurath: “Sie irren, Professor Napil. Sie irren zweifach. Die Aufstaendischen sind nicht ermordet, sie verdienten die schwerste Strafe.” Professor Napil: “Die nicht Sie verhaengten. Ihren Schmerz um die jungen Leute leugnen Sie nicht.” Neurath: “Ich leugne ihn nicht, aber ich haette mich mitschuldig gemacht, wenn ich das Verhaengnis aufhielt.” Professor Napil: “Ihre Geheime Staatspolizei, ein Verhaengnis! Sie ist es, und kann nur immer verhaengnisvol- ler werden. Sie, Neurath, verlassen uns jetzt. Ihr Zurueck- weichen vor der Organisation, der Ihr Nachfolger ange- hoert, war falsch, und Sie handelten vergeblich falsch.” Neurath: “Ich handelte meinen Wuenschen entgegen. Haette ich aber die Studentenrevolte unbestraft gelassen, morgen staende dieses ganze Volk auf, und unsere Vergeltung muesste unabsehbar sein.” Professor Napil: “Sie waeren daran unbeteiligt. Sie wae- ren abberufen, etwas ungnaediger als jetzt, aber Ihr Gewissen waere rein.” Neurath: “In dieser Stellung verzeichne ich nur Misserfolge. Den Frieden mit Euch herzustellen — jeder Ausweg in den Frieden wurde mir verlegt durch den boesen Willen — eurerseits, nur eurerseits, wie ich betone. Professor Napil: “Denn unmoeglich koennen Sie die Bosheit auf einer anderen Seite suchen. Ihr Nachfolger, der Gestapomann, geniesst den Ruf, dass er den Frieden hierzulande aufbauen wird, in der Form von Galgen.” Neurath: “Die Kritik meines Nachfolgers muss ich mir verbitten. Auf einen Neurath folgt ein Heydrich, weil—” Er sucht. Er hat gefunden: “Weil der Fuehrer immer recht hat.” Professor Napil: “Auch hier unter vier Augen?” Neurath: "Ich bin ein Deutscher.” Professor Napil: “Daher zur Raserei verpflichtet. Ich bedaure meine armen Landsleute mehr als die Ihren. Sie persoenlich haben mein Mitgefuehl.” Neurath: “Wenig Ursache, lieber Napil.” Professor Napil: “Fuer Sie, den gebildeten Mann, war es keine Kleinigkeit, unsere Prager Universitaet zu schlies- sen. Die Demonstrationen der jungen Leute konnten na- tuerlich nur zunehmen.” Neurath, schweigt. Professor Napil: “Nachher gestanden Sie ein, was Sie anders nicht zugeben durften, Sie besuchten meine privaten Vorlesungen.” Neurath: “Was war noch zu verlieren?” Professor Napil: "In der Tat. Die erste dieser Kleinigkeiten bedingt schon die naechste. Als Sie, Neurath, mir verboten, unsere volkstuemlichste Oper zu spielen-." Neurath: "Und als Sie, Napil, die Leitung des Nationaltheaters niederlegten-.” Professor Napil: “Da begann eigentlich der Schrecken. Oh! es erscheint unbedeutend, eine Oper zu verbieten. Die Leute werden von der Buehne nicht laenger hoeren, was in ihren Herzen klingt. Die Kinder kann man ohne sichtbaren Nachteil anhalten, das A B C in einer fremden Aussprache herzusagen. Mit ungeheurer Folgerichtigkeit aber werden eines Tages die nackten Getoeteten daliegen, und unseren Frauen wird handgreiflich bewiesen, dass sie das ABC deutsch aufsagen, nein, dass sie in das Blut steigen muessen!” Neurath: “Als vorhin die Nachricht eintraf, sahen Sie > 4 * 46 mich erschuettert. Meine ganze Erschuetterung sahen Sie nicht!” Professor Napil, senkt die Stirn: “Wir werden uns nie Wiedersehn. Wir achteten einander.” Neurath geleitet ihn nach dem Ausgang hinter der Bibliothek, sie ist zu einem grossen Teil schon in Kisten verpackt. Professor Napil, reicht zum Abschied die Hand. Neurath, nimmt sie noch nicht: “Was ich fuer euch tun kann, ist euch zu warnen. Alle eure Intellektuellen moe- gen sich hueten, auf sie ist es abgesehen." Professor Napil: “Ich versichere-”. Neurath: “Ersparen Sie sich die Unwahrheit, sie ist unserer nicht wuerdig. Auf die Stunde, eure Waffen auszugraben, wartet dieses ganze Volk, den Intellektuellen aber gehoert sein Vertrauen. Die Tschechen legen zuviel Wert auf das Wissen — eine unzeitgemaesse Nation, mit ihren Denkern, die gezaehlt, gezeichnet sind und auf Todeslisten stehen.” Professor Napil: “Der uns raechen soll, ist vielleicht auch schon vom Schicksal ernannt.” Neurath: “Warum denn sterben? Gewoehnt eurem Volk die Ehrfurcht ab! Macht euch ihm veraechtlich, verratet es! Das ist die einzige Wohltat, die ihr ihm erweisen koennt.” Professor Napil: “Wie bitter muessen Sie scheiden! Ich gehe getrost durch meine dunkle Tuer. Welcher unbekannte Wagehals tritt statt meiner herein?” Sie geben einander die Hand. 9 Neurath, wieder in seinem Arbeitszimmer. Er sieht sich einen Fusstritt, meinen beruehmten Fusstritt, der Anfang meiner Erfolge.” 1 1 Im Zimmer Neuraths wird das Gespraech forgesetzt. Neurath: “Ich gebe zu, dass eine juengere Kraft als die meine, hier gebraucht wird. Uebrigens sehe jeder, wie er’s treibe.” Heydrich: “Und wer steht, dass er nicht falle. Sie haben es hier getrieben, bis Sie gefallen sind. Neurath: “Man kann noch anders fallen. Ich habe Ihnen die Geschaefte zu uebergeben. Das Hauptgeschaeft in diesem Lande ist, eine besonders reizbare Nation nach Moeglichkeit zu schonen.” Heydrich: “Nation nennen Sie das? Und schonen wollen Sie das!” Neurath: “So schonen Sie Deutschland und den deutschen Namen! Ihrer Jugend sehe ich vieles nach. Unter diesen Fenstern ist allerdings selten ein auffallender Laerm gewesen, wie bei Ihrer Ankunft.” Heydrich: “Es kommt noch besser!” Neurath: “Ihr Auftritt mit der deutschen Mannschaft! Die vergisst auch nichts.” Heydrich: “Mir ganz ergeben! Ich erlaube ihr einfach zu pluendem.” Neurath: “In Prag?” Heydrich: “Warum nicht. Aber ich denke besonders an Bruenn, wo ein Aufstand gaert.” Neurath: “Mir neu." Heydrich: “Wie die ganze Regierungstechnik. Einen Aufstand bringt man zum Gaeren, wenn man ihn braucht. Verstanden?” 50 Neurath: “Sie forcieren Ihr Talent. Die Szene der entkleideten Taenzerinnen wird schon durch die Stadt getra- / gen werden.” Heydrich: “Ich bin stolz darauf.” Neurath: “Auch auf Ihr Debüt in Lidice werden Sie sich etwas einbilden.” Heydrich: “Wenigstens haben Sie einen Spionagedienst, wenn auch nur gegen die Vertrauensperson des Fuehrers." Neurath schweigt. Heydrich: “Mit Muehe verkneife ich es mir, Sie einen Verraeter zu nennen. Sie haben die Tschechen wie eine Nation behandelt; das sind einfach verkommene Deutsche. Sie sollen nicht versoehnt werden, sondern umgeschult — oder aufgehaengt und erschossen. Studenten, Professoren, Intellektuelle ueberhaupt duerfen nur als nackte Leichen Vorkommen. Das haben Sie zu spaet begriffen.” Neurath: “Ich uebernehme die Verantwortung fuer die Hinrichtungen.” Heydrich: “Ein alter liberaler Beamter wie Sie, schliesst schweren Herzens die tschechische Universitaet; dann geht er selbst zu den privaten Vorlesungen der Staatsfeinde. Die Intellektuellen sind Abfallprodukte.” Neurath: “Sehr richtig, Herr Doktor.” Heydrich: “Ich bin stolz darauf, dass ich beim Examen durchfiel.” Neurath: "Ein verkrachter Kandidat sind Sie geblieben.” Heydrich: “Und herrlich jung!” Neurath: “Meinen Sie. Aber Sie haben nur ein Gesicht ohne Alter, und eine Maske unbekannter Herkunft, aber sehr in Mode. Sie kommt jetzt so haeufig vor, dass man sie wohl nachahmen kann.” Heydrich: “Bei Ihnen lohnt sich das kaum. Sie koen- nen abgehen." Neurath: “Legen Sie Wert darauf, dass ich Ihnen die Geschaefte uebergebe?” Heydrich: “Nicht den geringsten.” Neurath: “Das dachte ich mir.” Heydrich: Mir genuegt meine unfehlbare Intuition. Die Geschaefte sind das Geld der Tschechen. Das beste Ge- schaeft ist, sie auszurotten. Ich kenne meinen Weg." Neurath: “Auch sein Ende?” Heydrich: “Er hat kein Ende. Es verschwimmt im Licht der Gestirne.” Neurath: “Soweit weg? Wenn Sie nicht aberglaeubisch waeren, wuerden Sie die nahe gelegenen Orte beachten, zum Beispiel Lidice.” 12 Das Wirtshaus im Dorf Lidice. Es ist noch derselbe Sonntag, am Abend haben besonders viele Einwohner sich versammelt. Die Bergarbeiter und die Kleinbuerger sitzen an denselben Tischen beim Bier. Einige haben ihre Frauen oder Braeute mitgebracht, nicht aber Pavel Ondracek. Die beiden Ondracek, Vater und Sohn nehmen den Platz beim Ofen ein, die anderen Tische stossen im Winkel an den ihren. Zu beiden Seiten des Ofens haengen Bilder, ein Marienbild und eines das gegen die Wand gekehrt ist. Franticek Eger haelt die Mitte, zusammen mit dem Gendarmen, der ihn heute morgen hatte auf das Rad steigen lassen. Die beiden sind nicht gerade ausgesondert, aber man behaelt sie im Auge. Ein Bergarbeiter: “Der Subdirektor Matuschka ist, hoer’ ich, verrueckt geworden.” 52 Ein anderer: “Heute auf den Schlag Mittag hat er den Verstand verloren.” Der dritte: “Am Sonntag braucht er keinen Verstand, der Subdirektor. Erst Montag punkt 8 Uhr muss er ihn wieder haben.” Der vierte: “Das moecht’ ihm auch nicht helfen, denn sie haben ihn schon abgeliefert.” Der fuenfte: “Dahin kommt es mit einem zornmueti- gen Subdirektor. Immer hat er getobt und geschrien; ihm war es nie genug, was wir Kohlen foerderten.” Der erste: “Der Matuschka hat aber gesoffen.’’ Der fuenfte: “Von seiner grossen Macht ueber die Leute war er besoffen.” Der zweite: “Das ist ungesund.” Der dritte: “Es muss ein huebsches Gefuehl sein, so umherfahren und jedesmal anhalten, wenn mir die Lust kommt, arme Tschechen anzubruellen und niederzuschla- gen.” Der vierte: “Was sagst du da, in dieser Art hat der Subdirektor es getrieben? Der fuenfte: “Seht ihr, dafuer ist er jetzt zu den Narren abgeliefert.” Der erste: “Auch ein Subdirektor muss achtgeben auf die Gesundheit.” Franticek Eger: “Herr Gendarm, entweder sind wir beide bloed, oder hier fallen hochverraeterische Anspielungen.” Der Gendarm: “Ich bitt’ mir’s aus, Sie allein sind bloed.” Franticek Eger: “Dass ich auch immer falsch versteh’! Es ist ein Geburtsfehler.” Der Gendarm, trinkt aus und steht auf: “Kehrt nur ruhig das Bild wieder auf die richtige Seite, ich seh’ es ja nicht. ’ Er verlaesst die Gaststube. Pavel Ondracek, hebt das Bild ab und dreht es um, das ernste Gesicht des Praesidenten Masaryk blickt auf die Versammlung nieder. Bei den Kleinbuergern sagt der Kaufmann: “Der ist viel ueber achtzig gewesen, als wir ihn verloren.” Der Schneider: “Der Praesident Befreier hat so lang gelebt, wie fuer unsere Republik noch Hoffnung war.” Der Schreiner: “Wir haben damals noch nicht bemerkt, dass es schlimm stand.” Der Schneider: “Er aber, er hat’s vorhergewusst, ist ungern von uns gegangen.” Der Kaufmann: “Damit einer so weise wird, muss er alle Buecher kennen, muss Doktor und Professor sein.” Der Schneider: “Und ein Herz muss er haben fuer alle Armen, Ungelehrten.” Pavel, macht Platz fuer den Arzt, der eingetreten ist: “Doktor Holar ,ist das Herz noch mehr als eine Pumpe?” Doktor Holar: “Die Meinung unserer Mitbuerger scheint mir zu sein, dass grosses Wissen ueber die Menschen erst das wahre Mitgefuehl mit ihnen ergibt.” Pavel: “Wer aber das Notwendige erkennt und es tut, damit in der Republik weniger Unglueck sei, denkt er an die Menschen? Oder will er, dass seiner eigenen Vernunft gedient sei?” Doktor Holar, hinauf zu dem Bildnis: “Ihn koennen wir nichts fragen.” 13 Alle haben stumm hingehoert, was die beiden Studierten sprechen. Jaroslav Ondracek, fuer die benachbarte Gruppe: “Mein Junge redet klueger als er bis jetzt sein kann. Die Prue- fung kommt nach dem Lernen.” *r Doktor Holar: Die Pruefungen, die uns heute zugemutet werden, machen aus uns, ich weiss nicht was. Erwachte ich morgen mit einem fremden Gesicht, mich sollte es nicht wundern.” Jaroslav, erschrickt: “Fremdes Gesicht!” Pavel: “Aus mir wird nichts, ich habe noch nicht einmal das Staatsexamen.” Jaroslav: “Nur die Deutschen muessen fort und du bestehst es.” Der Barbier: “Wer fort muss, das hab’ ich in meinem Laden gehoert, heute nach dem hohen Besuch. 27 Kunden sagten mir’s 2 7 mal, genau gezaehlt." Der Schneider: “Schoen was von staatsverraeterischer Gesinnung wirst du in deinem Laden gehoert haben.” Der Barbier: “Genug fuer 27 mal 27 Jahre Konzentrationslager und zwangsweise Verschickung nach deutschen Waffenfabriken.” Mehrere “Pst!” Ein Bergarbeiter: “Immer beim Barbier, dort oeffnet man das Maul.” Ein anderer: “Weil sie das Gesicht voll Seife und die Augen geschlossen haben, glauben sie, man hoert’s nicht.” Der dritte: “Hier dagegen achtet jeder auf den anderen.” Der vierte: “Vor allem wir.” Der fuenfte: “Muessen wir nicht? Von uns Bergarbeitern sind viele verschleppt und Fremde haben wir bekommen, die passen auf.” Der erste: “Obwohl sie selbst keine echten Deutschen sind.” Franticek Eger rueckt nahe zu ihnen: “Hat heut am Morgen keiner von euch eine Handgranate gehabt?” Der fuenfte Bergarbeiter: “Sieh in meinen Taschen nach!” 55 Franticek Eger: "Mir hat nur die Handgranate gefehlt. Der Heydrich waer' mir nicht entkommen, der nicht.” Der zweite Bergarbeiter: “Wen meint er?” Der dritte: “Der Eger hat am lautesten Heil Hitler gerufen.” Franticek Eger: “Schlau muss man sein.” Jaroslav Ondracek: “Wenn du schlau bist, Franticek, machst du, dass du nach Haus und ins Bett kommst.” Franticek Eger, will nichts gehoert haben: “Dem alten Protektor Neurath hab’ ich einen Streich gespielt, wie er durch Lidice gefahren ist. Excellenz! hab’ ich gerufen. Nicht weiter! Strasse ist unterminiert, werden Sie in die Luft fliegen.” Doktor Holar: “War denn die Strasse unterminiert?” Franticek Eger: “Keine Spur. Waer’ er aber ausgestiegen, haett’ ich ihn erwuergt.” Doktor Holar, fuer Pavel: “Auch ein interessanter Fall.” ln diesem Augenblick sieht er die Veraenderung, die mit Pavel vorgeht. Pavel bekommt stufenweise ein krankhaft boeses Gesicht. Seine Augen werden verkniffen und unheimlich, die Wangen verlaengern sich, in die kurze Stirn faellt die Schmachtlocke, die krumme Nase senkt sich ueber die schlaffen Lippen. Der Hals ist eingezogen, die Haltung der Schultern lauernd und geduckt. Jaroslav, untroestlich: “Die Fratze!” Doktor Holar: “Macht er sie nicht das erste Mal?” Jaroslav: “Oh nein. Doktor Holar, sagen Sie ihm, was er tut!" Doktor Holar: “Troesten Sie sich, er weiss es.” Einige sind erschrocken und zurueckgewichen. Andere beobachten gespannt. Ein Bergarbeiter: “Genau wie heute am Vormittag.” Ein anderer: “Aber es ist noch besser geworden.” 56 Der dritte:* “Verteufelter Pavel!” Der vierte: “Ich weiss nicht, wen er vorstellt.“ Er sagt es fuer Franticek Eger, der auf Pavel starrt. Der fuenfte: “Ein Echo hat auch niemand gehoert am Vormittag, nur die Deutschen.” Pavel, mit der Stimme Heydrichs: “Ihr seid unverbesserliche Staatsfeinde, ich erkenne euch mit traumwandlerischer Sicherheit. Mein Subdirektor Matuschka sitzt im Irrenhaus, weil er euch auf der Spur war, ihr hattet euch verschworen, den Schacht zu ersaeufen.” Ein Bergarbeiter spielt mit, obwohl er sich fuerchtet: “Excellenz, bittschoen, von dem Schacht leben unsere Frauen und Kinder.” Pavel: “Ihr . Tschechen hasst fanatisch wie nur Untermenschen. Die Arbeiter der Skodawerke sprengen sich selbst in die Luft.” Franticek Eger, schreit unbaendig: “Recht haben sie!” Pavel, gegen Franticek Eger: “Niederschlagen! Aufhaen- gen! Ins Lager bringen!” Er spricht kalt und genussuechtig. Der Lehrer ist soeben eingetreten: “Wer ist denn das? Doch nicht Pavel Ondracek.” Franticek Eger: “Haben Sie keine Augen, Schulmeister? Das ist der Protektor, dass Sie ihn auch einmal kennen lernen! Heut am Vormittag war’s der falsche, da sitzt der echte!” Er ist zwischen den Schultern und Armen, die ihn zu- rueckhalten wollen, auf den Tisch gesprungen, sogleich wird er ueber Pavel herfallen. Der Lehrer, ein kraeftiger Sechziger, holt ihn herunter: “Ist das ein Spass, von wem dann? Den Pavel Ondracek hab’ ich das ABC gelehrt, Dummheiten veruebte er schon damals selten, Verraetereien gar nicht.” Franticek Egear ringt, aus den Faeusten des Lehrers los- 57 zukommen: "Ich soll ein Verraeter sein, ich? Ein Deutsch- boehme bin ich.” Der Schneider: “Er sagt es selbst.” Franticek Eger: “Wir Deutschboehmen haben es von dem Feind ganz anders erfahren. Uns betruegt man nicht zum zweiten Mal. Jetzt, da hockt er, wartet nur auf mein langes Messer.” Er hat einen Arm frei und scheint mit der erhobenen Faust ein eingebildetes Messer zu schwingen. Der Schreiner: “Wo ist dein langes Messer? Lange Ohren hast du boeser Bube, und bist ein Spitzel.” Der Barbier ruft den Lehrer an: “Nicht loslassen, Herr Mancal! Ihr Bruder der Kaplan moecht' um die verlorene Seele beten, aber festhalten taet’ er ihn.” Der Lehrer: “Er wird schon matt.” Einige lachen erleichtert. Pavel: “Das Verhoer ist fuer heute beendet. Abfueh- ren, den Angeklagten!” Das Gelaechter greift um sich. Pavel, laesst die Maske fallen: “Wenn ihr lacht, war’s schlecht. Nicht furchtbar genug.” Doktor Holar: “Zu furchtbar, Kollege Ondracek. Das glaubt man Ihnen nicht.” Jaroslav: “Er ist kein Schauspieler.” Pavel, nachdenklich: “Aber der Heydrich ist ein Schauspieler, deshalb sollte man ihn kopieren koennen.” Franticek Eger, setzt sich auf seinen vereinsamten Platz unweit der Tuer: "Ich hab’ es ihm geglaubt. Der Kluge bin ich allein, und der Protektor ist dieser.” Er haelt die Kellnerin am Kleid zurueck: “Weisst du schon, Maedchen, der Herr Protektor beehrt uns heute das zweite Mal, er gibt sich fuer den Pavel Ondracek aus.” Die Kellnerin: “Schoen gibt er sich aus. Du machst uns weiss, du waerst der Franticek Eger.” 58 Franticek Eger: “Dir will ich mich anvertrauen, Schoen- heitl, ich bin ein geheimer Agent, ein ganz geheimer.” Die Kellnerin: "Der Deutschen.” Franticek Eger: “Von wem, das sag’ ich nicht. Wenn du aber hoeren wirst, den Protektor hat’s erwischt, so denk’ an mich, den heimlosen Knecht, den alle verachten.” Die Kellnerin: “Mach’ dich nicht so klein, du bist nicht so gross.” Sie geht weiter, hinter ihr stiehlt Franticek Eger sich hinaus. 14 Bei den Ondracek und den anliegenden Tischen wird leise verhandelt. Ein Bergarbeiter: "So gut hab’ ich lange nicht mehr gelacht.” Ein anderer: “Ganz bleich sahst du aus.” Der dritte: “Du nicht?” Der vierte: “Wir alle, aber es bleibt eine grausige Erheiterung.” Der fuenfte: “Ein Spass muss recht furchtbar sein, dann wird er erst zum lachen.” Der erste: “Solang man uns nicht aufhaengt.” Pavel, aus seinem Gespraech mit Doktor Holar: "Wer wird euch schon aufhaengen. Seid vernuenftig!" Viele lachen. Jaroslav, betruebt: “Sie lachen dich aus, Pavel. Denn vernuenftig- du warst es immer, nur gerade hierbei nicht. ’ Der Lehrer: “Ihr Sohn, Herr Ondracek, wird sich etwas denken, er hat sich oftmals mehr als die anderen gedacht.” 59 Pavel: “Ich denke mir garnichts, wenn das die Sache schlimmer macht.” Doktor Holar: “Sie ueben Ihre Maske ohne Zweck und Vorsatz. Dem Talent, dass keinen Ehrgeiz hat, steht nichts im Wege, weder fremder Neid noch eigene Schuechtern- heit.” Pavel: “Sie geben mir zu verstehen, dass ich ein Idiot bin.” Doktor Holar: “Wenn ich Sie sonst nicht kennte. Uebri- gens liest man von erfinderischen Genies, die, allerdings in juengeren Jahren als Sie, alle Merkmale der Minderwertigkeit zeigten.” Pavel: “Herzlichen Dank.” Doktor Holar: “Ich erlaubte mir einen schlechten Scherz, nach Ihrem vorzueglichen.” Der Schneider, hat sich mit seinen Freunden besprochen: “Lustig, was kann’s kosten. Ich fertige dem jungen Herrn eine schoene schwarze Uniform, soll nichts kosten. Kommt er in dem Kleid daher, wird er alle taeuschen.” Jaroslav: “Das koennte sehr viel kosten.” Pavel: “Ich, jemanden taeuschen?” Der Lehrer: “Der hat sich nie verstellt. Ein neues Gesicht, wenn er es haette, macht noch keinen Protektor.” Doktor Holar: “Wie es bei uns jetzt zugeht, haette ich selbst mich nicht gewundert, dass ich mit einem neuen Gesicht aufwache.” Der Schneider, von seinen Freunden ermutigt: “Sagen Sie ja, Pavel! Nur, dass wir unsere Schande raechen mit einem Jux.” Alle Angeheiterten trinken Pavel zu: “Vergilt ihnen, Pavel, mit einem Jux!” Jaroslav: “Daraus kann mehr entstehen als ihr denkt. Nachher sprecht ihr, ach, Pavel, haettest du uns nie ge- raecht!” 60 Pavel: “Ein neues Gesicht — gibt mir niemand. Ihr sehi nur ueberall den Heydrich.” Der Schreiner: “Franticek Eger glaubt sogar, Pavel und Heydrich waeren eins.” Pavel: “Ihr habt wohl vergessen, dass ich blond bin, und unser neuer Protektor hat dunkle Haare, wie unser Fuehrer Hitler und wie alle Deutschen.” Der Barbier: “Seit meiner Lehrzeit kann ich Peruecken machen. Die letzte war fuer den Subdirektor Matuschka.” Ein Bergarbeiter: "Der ist verrueckt geworden.” Pavel: “Sehr richtig, und ich hab’ ein harmloses Ge- muet. Die boese Fratze muss ich ins Komische ziehen, ihr alle habt mich ausgelacht.” Der Barbier: “Mit seiner Peruecke gibts keinen Spott mehr!” Jaroslav: “Mein Sohn Pavel ist ein tuechtiger Mediziner. Hab* ich recht, Doktor Holar?” Doktor Holar: “Er ist tuechtig und ist guetig, beides zusammen macht den Arzt.” Jaroslav: “Aber es macht nicht den Helden.” Ueberzeugte Stimmen: “Oh! ja.” Jaroslav, sehr gedaempft, aus Vertraulichkeit und Scham: “Andere Studenten haben deutsche Soldaten angegriffen, er nicht. Seine Freunde liegen in ihrem Blut, und er sitzt hier.” Der Lehrer: “Gut, dass wir ihn haben, aber in Sicherheit sind weder er noch wir.” Allgemeine Zustimmung. Jaroslav, beschwoerend: “Soll er jetzt als Heydrich ueber die Dorfstrasse gehen, bis die Gestapo den armen Jungen abholt?” Der Schneider, mit ausladenden Gesten, die ihn ver- staendlich machen sollen: “Aber Herr Ondracek, das ist nicht vergleichbar.” 61 Mehrere, bei den Kleinbuergern und Arbeitern, reden durcheinander. Die Kellnerin wiederholt klar: “Das koennen Sie nicht vergleichen, Deutsche angreifen, das erlebt ein jeder noch. Aber einen Protektor machen!” Der Lehrer: “Was das Maedchen spricht, wahrhaftig hab’ ich mir’s schon gedacht.” Doktor Holar: Nur nach dem Sinn frag’ ich bis jetzt vergebens.” Jaroslav: “Nicht wahr?" Doktor Holar: “Pavel allein wird den Sinn kennen, obwohl er schweigt.” Jaroslav, legt die Hand auf den Arm Pavels. Verhaltener Stolz: “Die Taten muessen gut aussehen, ihr Sinn stellt sich schon ein.” Beifall. Ein Bergarbeiter ruft Heil Hitler! Alle stimmen laermend ein, der Lehrer und Doktor Holar mit verbissenen Gesichtern.” Ploetzlich tritt Stille ein. Jaroslav hat den Kopf nach dem Bildnis ueber ihm erhoben. Jaroslav: “Mir ist, als hoerte er. Wir waren zu laut.” Der Schreiner: “Er hoert uns nicht allein.” Der Schreiner wendet den Hals nach dem Platz, wo Franticek Eger sass: “Da sind auch Spitzel mit langen Ohren.” Die Kellnerin: “Der ist lange fort. Wie, Herr Pavel? Wir beide haben achtgegeben, als der Eger sich drueckte.” Pavel: “Freunde! Merkt’s euch, unachtsam konspiriert man nicht.” Doktor Holar, nickt dem Vater Pavels zu: “Sehr merk- wuerdig, Ihr Sohn ist gleichzeitig abwesend und zugegen. Der verspricht.” Die Kellnerin war hinausgegangen, sie kehrt mit der Wirtin zurueck. Die Wirtin: “Der Eger schlich' auf dem Flur umher, 62 I er wollte euch behorchen. So hab’ ich ihn in die Kueche genommen und ihm zu essen gegeben.” Pavel: “Umsichtig, Frau Klepetar. Es muss wahr sein, wir Tschechen verstehen uns ohne Worte.” Die Wirtin: “Seid ihr fertig? Dann lass’ ich ihn laufen." Pavel: “Wir sind fertig." Er steht auf und veranlasst auch seinen Vater aufzustehen. Die Wirtin: “Gleich bring* ich selbst euch den Kaffee, auch Nussbeugerin frisch gebacken.” Pavel: “Mein Alter und ich, wir muessen leider eilen. Sie verstehen.” Die Wirtin: “Ob ich verstehe.” Sie geht hinaus. Ein Bergarbeiter: “Frau Klepetar ist nicht die Einzige.” Zustimmung. Pavel: “Seht ihr.” Er nimmt Jaroslav beim Arm: “Mein Alter war der Gescheite. Ich haette den armen Narren-.” Unterbrechungen: “Boesartig! Gefaehrlich!” Pavel: “Wie ihr wollt. Ich haett’ ihn laengst schon fortgeschickt, dann waere jetzt nichts zu machen mit ihm.” Die Kellnerin: “Dass du ihn sicher verwahrst, Pavel!” Der Lehrer: “Die Unschuld hat gesprochen.” Ein anderer Bergarbeiter: “Wir werden nicht bemerken, dass einer verschwindet.” Stummes Einverstaendnis der Versammlung. Doktor Holar: “Denn geschehen ist ihm bestimmt nichts.” Pavel und Jaroslav verlassen die Gaststube und das Wirtshaus. 15 Jaroslav und Pavel Ondracek verfolgen auf der dunklen Dorfstrasse ihren Knecht Eger, der sich haeufig um- 63 wendet. Sie nehmen Deckung, bis er weitergeht. Zeitweilig laeuft er. “Diesmal hat er Eile," sagt Pavel. Der Vater meint: “Er hat uns gesehen.”—“Telephonieren darf er trotzdem nicht,” sagt der Sohn. Er erklaert: “Das ist sein zweites Gespraech seit der Protektor hier war. Einmal hat er nach Prag gemeldet, wie das zuging, mit Heydrich in Lidice.” Jaroslav: “Wem hat er es gemeldet?” Pavel: “Dem alten Protektor Neurath. Das ist nicht schlimm. Der glaubt, mit uns waere friedlich auszukommen; wir koennten seine tschechischen Engelchen sein, und er der deutsche Herrgott, vom und hinten die Gestapo.” Jaroslav trabt schneller: “Mit dem Heydrich darf er nicht sprechen. Ihm erzaehlen, was fuer Gesichter du schneiden kannst, das fehlte noch. Ich wollte schon laengst den Eger fortschicken.” Pavel: “Nein, ich, und ich hatte Unrecht." Jaroslav: “Jetzt kann ich ihm nur den Kragen umdrehen.” Pavel: “Das taete schon die Lyda, wenn er zu Haus den Apparat benutzt. Aber er geht nicht auf den Hof; kommt wohl nie wieder.” Franticek Eger lenkt in den Feldweg nach dem Bergwerk. Langer Aufenthalt des Verfolgten in einem Graben, zur Taeuschung der Verfolger. Sie umgehen den Graben, sie sind frueher als der Ver- raeter beim Eingang des Bergwerks; sie verstaendigen sich unhoerbar mit dem Aufseher, der tiefes Schweigen verspricht. Wer ein Tscheche und Patriot ist, kann schweigen. Als Eger kommt, wird er abgefangen und an einen Stuhl gefesselt. Er soll eingestehen, wen und was er den Deutschen schon angegeben hat. Eger behauptet, dass er die Deutschen fuer ihr Geld betruegt, mit Fabeln von eng- Iischen Flugzeugen und Attentätern, die im Fallschirm niedergehen. Die Fremden sollen sich fuerchten. Jaroslav hat Pavel nach dem Wagen geschickt. Er versucht aus dem Deutschboehmen herauszubringen, dass er von Pavel und seinen Fratzen telephonisch Meldung erstatten wollte. Franticek Eger: “Ich war betrunken, da sieht man ueberall den Heydrich.” Der Aufseher: “Hoer’, Franticek, auch wir koennten melden, wir wissen wohin, und noch heute nacht wirst du verschwunden sein, wird niemand wissen wo.” Pavel tritt ein, mit Gesicht und Stimme des neuen Protektors. Eger schreit auf und verliert das Bewusstsein. Die drei Anderen kommen ueberein, dass der Mensch nicht gesund ist; man soll ihn nicht anzeigen, sondern verwahren. Die beiden Ondracek bringen ihn in ihrem Marktwagen nach dem Hof. Der Aufseher, beim Abschied, zu Pavel: “Da kannst du etwas Schoenes. Geh’ als Grimassenschneider mit einem Wanderzirkus — nach Jugoslavien, dort fuehrst du deine Glanznummer vor.” 16 Alter Bauernhof, das Haus unuebersichtlich durch Anbauten. Ein verfallener runder Turm. Grelles Mondlicht auf den Wiesen vorn, und hinten dunkler Wald. Lyda steht in der Haustuer. Sie hat erwartet, dass “sich etwas tut.“ Sie geht darauf ein, den Eger zu verstecken, aber wo? In dem Turm: er ist innen eingestuerzt, nur unten haelt die Mauer noch. Eger selbst muss eine hohe Leiter hineintragen und bis unter das Dach klettern. Franticek Eger ist sanft und willig: “So hab’ ich es lieber. Dort oben gibt es kein Telephon, und nicht mehr die Versuchung, die mich solange gequaelt hat. Ausgedachte Geschichten, die niemand glaubt, Unbekannten er- zaehlen, wie könnt’ ich nur! Sogar den Fuehrer hab’ ich schon anrufen wollen!” Von dem oberen Turmzimmer haengt nur ein Rest des Fussbodens ins Leere. Der Gefangene bekommt Stroh als Lager, und die Leiter wird aus seiner Reichweite entfernt. Der alte Jaroslav ist schlafen gegangen. Pavel und Lyda moegen sich nicht trennen, sie stehen unter dem Turm. Die Stimme Franticek Egers, von oben: “Da wart’ ich nun auf den Protektor, und eines Tages kommt er, sich meinen goldenen Ehrendolch besehen. Vom Reichmarschall hab’ ich ihn und hab’ ihn selbst bronziert, ist nur die Spitze weg.” Lyda und Pavel gelangen zu der Meinung, dass Eger voellig verrueckt war. Lyda: “Er weiss selbst nicht, will er die Leute denunzieren, oder sie ausrauben, wie ein Deutscher?” Pavel: “Die Meisten sind jetzt geneigt ueberzuschnap- pen. Das tun die Unsicherheit, die Wut, und weil so viele hergelaufene Lumpen bei uns die Herren sind, ihre Rolle ist zu dankbar, wenigstens jetzt noch.” Lyda, legt ihm ihre Haende auf die Schulter, fragt ihn nahe in die Augen: “Pavel, warum hast du das getan?" Pavel: “Was?” Lyda: “Du willst mir nicht antworten.” Pavel: “Ich kann nicht. Nichts Neues, es kommt von selbst, du hast es gesehen.” Er moechte scherzen: “Das Talent bricht aus. Aber lassen wir’s! Vom Reden fuehl’ 66 ich wieder den — inneren Befehl. Dir hab’ ich versprochen, dass ich’s nicht wieder tu.” Ly da: "Du tatst es seitdem wieder. Ich kann nichts gegen deinen — inneren Befehl. Liebst du mich denn?” Sie sind vor dem Haus im Mondlicht. Weite Wiesen mit hingelagerten Kuehen. Pavel: “Liebst du mich, ist alles gut. Ich werde brav sein.” Lyda: “Ein braver Gatte oder braver Tscheche? Je nach dem, toetet einer den Menschen, mit dem er dasselbe Gesicht hat.” Pavel: “Was sprichst du! keinen Gedanken an Toeten hatte ich. Einer, der als Heydrich ginge, muesste darum nicht toeten. Viel eher, wer weiss, koennte er — retten.” Lyda: “Die Deutschen lehren uns nur toeten. Diese Nacht waer’ es dir selbst eingefallen. Liebster, wir muessen fliehen.” Pavel: “Mit einem Wanderzirkus nach Jugoslavien! Dort darf ich Grimassen schneiden.” Immer lustiger: “Die Leute freut es. Der Dorfschneider fertigt mir zum Vergnuegen den Anzug. Aus Freundschaft klebt der Barbier die Peruecke.” Lyda: “Schrecklich, wie das alles dich gluecklich macht! Wirst du je bei rhir so gluecklich sein?” Pavel, ganz ernst: “Was waere denn im Wege? Mein Alles, Lyda, bist du, und ich sehe in meiner Zukunft gar nichts, nur dich. Du auf dem Hof, du, so umarme ich dich, und an deiner Schuerze haengen unsere Kinder.” Lyda: “Ich sehe mehr. Dein bin ich, und will mit dir haben, was du unbekannt noch in dir traegst.” 67 17 An der Landstrasse zwischen Lidice und Prag, ein Schuppen, wo mehrere Personen auf den Autocar warten. Einer von ihnen: “Ein gutmuetiger Herr, trinkt einfach mit den Leuten sein Pilsener. Ein Zweiter: “Leutselig auch, er fragt den Kindern die deutsche Landkarte ab. Als ob sie ihm ein Maerchen hersagen sollen." Eine Frau: “Man tut es, man darf ihn nicht reizen, alsbald kaeme der Deutsche zum Vorschein.” Ein freundlicher Alter: “Was will aber der einzelne Mann gegen uns alle machen? Im Notfall, hoer’ ich, schlaegt er sich auf das Knie, und aus dem Fussboden waechst die Gestapo.” Der Autocar legt an. Hinter dem Schuppen tritt ein Mann hervor. Er ist im Regenmantel bis ueber den Kopf. Er laesst die Leute einsteigen. Die Letzten erkennen ihn, entsetzt machen sie Platz; eine Verzoegerung entsteht, der Wagenfuehrer droht abzufahren. Ihm wird etwas zugeflue- stert: er erstarrt. Der Wagen ist fast ganz besetzt. Der Fremde geht auf einen freien Platz zu, waehrend die Abfahrt verschoben ist, bis er sitzen wird. Er legt in ganzer Groesse seinen Mantel ab. Die Uniform! Das Gesicht, das die Zeitungen gebracht haben! Er hat gemessene Bewegungen, ueber Neugier und Schrecken der Fahrgaeste sieht er unbeteiligt hinweg. Aus seiner Naehe fluechten alle. Sie stehen hinten eingekeilt. Pavel Ondracek unterdrueckt die Genugtuung ueber den Erfolg seiner Maske. Mit der schneidenden Stimme, die er in der Rolle von selbst bekommt, befiehlt er: “Kinder und Muetter sitzen bleiben!” Da niemand deutsch versteht, wiederholt er es tschechisch. Die eingekeilten Fahr- 68 gaeste verstaendigen sich insgeheim. Einer: “Ausgeschlossen, dass der hier ist, der ist in Bruenn.” Ein Anderer: “Er sitzt aber da." Verstaendnissvoll blickt einer den Anderen an. Der Wagen rollt, unter tiefem Schweigen. Das Wort hat Pavel allein, und richtet es an die Kinder: “Wie heissen diese Weiler und Gehoefte? Wer wohnt da? Kennt ihr wohl das Dorf Lidice?” Ein kleines Maedchen: “Dort wohnt der Pavel On- dracek.” Pavel: “Dort sind, hoer’ ich, Leutchen, die mich kennen lernen moechten. Kann geschehen. Sagt mir, ihr unschuldigen Kleinen, was der Deutsche gewoehnlich im Sack mit sich fuehrt. Einen Strick, zum Haengen? Ein Beil, ihr wisst wozu? Ich — habe Zuckerln fuer euch, und fuer mich die Zigarre. Im Wagen soll man nicht rauchen; mich abei schert kein Verbot. Darum bin ich euer Herr, und ihr seid brave Kinder mit Zuckerln im Maul.” Die eingekeilten Stehgaeste hoeren Drohungen heraus. Eine Frau: “Solche Kinderfreunde sind oft tueckisch.” Der duerre Bauer: “Um das arme Volk zu aengstigen, macht er seine Ausfluege in das tschechische Land allein,— hat aber gewiss seine Leibwaechter ueberall am Weg versteckt.” Der Alte: “Nur Geduld bis zu der Ankunft in Prag! Wird das ein Glueck sein.” Mehrere fragen: “Was fuer ein Glueck wird sein in Prag?” Der Alte: “Wer mit zerblaeutem Ruecken davonkommt.” In Prag faehrt der Wagen durch die Strasse mit den entkleideten Toten. Niemand will sie bemerken. Ploetzlich wendet der Gefuerchtete den Anderen das Gesicht zu, ueberrascht ihre hasserfuellten Mienen, und spricht eiskalt. Pavel: “Ich rate euch, eure Pfeifen anzuzuenden, das Rauchen besaenftigt die Gemueter.” Furchtbarer Blick: “Ihr Tschechen seid ein sanftes Volk, eure Waffen habt ihr begraben, bis man euch selbst begraebt — nach hundert Jahren stillen Erduldens.” Die Angeredeten versuchen Habtacht zu stehen. Als er wegsieht, werden sie kleiner. Zwei Maenner vertrauen einander an: “Der Pavel On- dracek, dummer Kerl, den hier will er nachmachen! Wer spielt auch den leibhaftigen Teufel. Der ist nur einmal erfunden. Dieser Deutsche schenkt uns das Leben, damit wir umso laenger ein Dreck sind!“ s 18 Ankunft auf dem Prager Altmarkt. Die Reisenden des Autocars wagen sich nicht zu mehren, bis ihr furchtbarer Mitreisender ausgestiegen ist. Er zeigt sich auf dem Trittbrett hochaufgerichtet. Zuerst erblicken ihn die Marktfrauen, sie verlassen ihre Kunden und tauchen unter. Die grossen Schirme der Gemuesestaende haben den SS Mannschaften die Aussicht verstellt. Sobald sie das erstaunliche Auftreten des Protektors erfassen, stuermen alle nach vorn, bilden eine schwarze Front, gruessen mit Heil Hitler! Pavel, schneidend: “Ihr seid mir ein schoener Sturmbann. Meine Entdeckungen muss ich allein machen. In diesem Wagen fuhr einer mit, der mich nachahmen kann. Gesicht und alles. Den Protektor in zweiter Besetzung spielen, das schadet eventuell dem deutschen Ansehen.” Der Sturmbannfuehrer: “Melde gehorsamst, wen befehlen Excellenz zu verhaften? Am besten alle, nach meiner Meinung.” Pavel: “Ich verbitte mir Ihre Meinung. Ein deutscher Soldat denkt nicht. Diese Tschechen sind Komoedianten und Verschwoerer. Mich nachmachen? Ich bin unnachahmlich. Aber sie ruehmen sich und keiner verraet den anderen.” ' Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl, ich nehme ein scharfes Verhoer vor.” Pavel: “Sehr gut, die Wasserprobe. Die dummen Tschechen stehen jeder in seinem Wasserfass, bis sie untertauchen und ueberhaupt stumm sind. Was wissen wir alsdann?” Der Sturmbannfuehrer lacht devot. Pavel: “Morgen, spaetestens uebermorgen liegt die ganze Gesellschaft quer ueber den Gehsteig, und schwuel wie dieses verdammte Moldautal das halbe Jahr ist, schon riecht man etwas. Ich will mir nicht die Pest holen, aber vielleicht Sie.” Der Sturmbannfuehrer, erschrocken: “Zu Befehl.” Pavel: “Nein? Dann lassen Sie den vorhandenen Bestand vom Gehsteig raeumen! Begriffen? Zwanzig Mann abkommandiert. Sie selbst sind mir verantwortlich.” Dem Offizier faehrt der Befehlston in die Glieder. Er hebt sich auf die Fusspitzen, faellt auf die Absaetze, macht kehrt. Einem Gestapo-Beamten gibt Pavel den Befehl, die Insassen des Autocars, die immer noch ihr Schicksal erwarten, gehen zu lassen und sie zu verfolgen, jeden einzeln, jeden mit vier Mann. Der Gestapo-Beamte: “Melde gehorsamst, so viele Soldaten sind nicht zur Stelle.” Pavel: “Dann her mit ihnen! Ein deutscher Offizier denkt und handelt selbstaendig. Morgen der Bericht! Was jeder der Leute getrieben hat, alle ihre Zusammenkuenfte und Reden, das ganze tschechische Geheimnis. Sie kom- men ihm auf die Spur, oder auch Sie erreicht die Saeube- rungsaktion.” Ab, der verstoerte Kommissar. Pavel stelzt in der Art des Protektors, nahe vorbei an dem Wagen, vor und hinter der Tuer draengen sich die Mitangekommenen. “Zu schlau die Tschechen," spricht Pavel, ohne sie anzusehen, aber in Wahrheit nur fuer sie. “Nicht das kleinste Woertchen wird aus ihnen hervorkriechen, vom Pavel Ondracek.” Die Tschechen haben verstanden; umso verstockter sind ihre Gesichter. Keine Spur von Erkennen, von Schrecken oder Freude. Was sie nunmehr sprechen oder tun, ist ausschliesslich den Deutschen bestimmt, obwohl an sie nicht gerichtet. ‘ Der neue Herr Protektor ist ein ganz grosser Deutscher; den haben wir, hoer’ ich, herbekommen, damit wir endlich die rechte Verehrung erlernen fuer die deutsche Nation. Da gibt's fortan keine Wuersteln, nur die staerkste Verehrung." Ein SS Mann, der nicht verstanden hat, verbietet ihnen, den Herrn Protektor zu beleidigen. Aus blosser Fuegsam- keit koennen auf einmal mehrere Tschechen sich deutsch ausdruecken; sie verlangen, jeder einzeln, von vier deutschen Herren verfolgt zu werden. Befehl ist Befehl. Ob genug Polizeiherren da sind oder nicht. Sie, als biedere Tschechen, weichen nicht, bis sie ordnungsgemaess verfolgt werden. Ein laendlicher Buerger mit Familie verlangt sechzehn Mann: sie sollen ihn ueber den Platz begleiten zürn Zahnarzt Michalek, der schon wuetend sein wird vom langen Warten. Der Zug setzt sich wirklich in Bewegung. Der Bauer aechzt unter den Haenden des Dentisten, Frau und Kinder bejammern den Vater, die deutschen Beamten passen auf und notieren die tschechischen Flueche. Die Patienten 72 im Vorzimmer erzaehlen von einem Soldaten, den ein Gaenserich gebissen hat. Das war kein tschechischer Gaen- serich, die beissen nicht. Auf dem Marktplatz geht jeder der Fahrgaeste unter der vorgeschriebenen Bedeckung an seine Geschaefte. Ein Alter fluestert seinen vier Soldaten hinter der Hand etwas zu. "Sie Schwein,” ist die Antwort. “Das koennen Sie ohne Zuschauer abmachen.” "Wir vergehen uns, wenn wir uns trennen,” erklaert der Biedermann. “Aber bleibt doch lieber da! Ohnehin seid ihr am Altmarkt allein uebrig von eurer ganzen Nation, und die Obstweiber machen gern Aufstand.” 19 Pavel, an der Ecke nach dem ehemaligen Ghetto, hat zwei SS zu sich kommandiert: es sind die staerksten Maen- ner der Truppe, der Sturmbannfuehrer, und ein anderer Mann. Pavel fordert drohend seinen Wagen: an diese Ecke habe er ihn befohlen. Der Sturmbannfuehrer erschrickt, fasst sich schnell und behauptet, den Befehl an diesen anderen Mann weitergegeben zu haben. Pavel, fragt den anderen Mann: “Was sagen Sie dazu?” Der andere Mann: “Heil Hitler!” Der Wagen des Protektors bleibt dennoch unsichtbar. Pavel: “Ich aeussere mein staerkstes Befremden.” Der Sturmbannfuehrer: “Melde Eurer Excellenz ge- horsamst, dass ich dachte.” Pavel: “Gedacht wird nicht.” Der Sturmbannfuehrer: “Excellenz sind eigentlich heute in Bruenn, Excellenz ueberraschen alle.” Pavel: “Ausser Ihnen. Sie sind verantwortlich fuer den Wagen, der nicht da ist. Ich bin blitzartig da.” 73 Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl, Excellenz. Melde gehorsamst, dass ich nicht ueberrascht bin.” Pavel: “Ein Regiment soll unverzueglich nach Bruenn abgehen.” Der Sturmbannfuehrer, schwillt rot an vor Bestuerzung. Verspaetet bruellt er: “Zu Befehl!” Der andere Mann entfernt sich hinter dem Ruecken des Sturmbannfuehrers. Pavel: “Der Aufstand in Bruenn ist gefaehrlich, den Einwohnern der Hauptstadt darf er nicht bekannt werden, deshalb zeig’ ich mich diesem unverbesserlichen Volk. Es soll den Protektor heil und gesund sehen.” Waehrend Pavel spricht, ist der andere Mann nach der oeffentlichen Telephonzelle gelaufen. Nur Pavel bemerkt es, der Scharfuehrer steht angedonnert stramm. Pavel zuckt die Achseln und kehrt ihm den Ruecken zu: “Beim Wirtshaus Altgeld soll mein Wagen Vorfahren. Ihr Gesicht sehe ich mir schon die laengste Zeit an.” Er geht in die Gasse. Der Sturmbannfuehrer kommt nur schwer zur Besinnung. Dem abgehenden Protektor ruft er nach: “Befehl. Excellenz!” Fuer sich aeussert er hoerbare Zweifel: "Das Regiment schickt er fort!” Anlauf, um dem Protektor zu folgen. “Ich darf meinen Posten nicht verlassen.” Der Anlauf stockt. “Den Protektor muss ich mit meinem Leibe schuetzen.” Neuer Anlauf, der auch wieder stockt: “Wohin ist der andere Mann geraten?” Der Sturmbannfuehrer dreht sich, einsam und ratlos, auf dem leeren Altmarkt: "Sogar die Gemuesestaende sind verlassen. Hier .manoevrierte doch ein Bataillon, mit Tanks, Maschinengewehren,- bin ich verrueckt geworden? Ich allein, unter den feindlichen Augen der Eingeborenen, die hinter ihren Fensterlaeden lauern! Ein Schuss wird fallen!” 74 Er schwenkt gegen die Haeuser seine erhobene Faust; ruft verzweifelt Heil Hitler! “Heil Hitler!” antwortet der andere Mann, der zu- rueckkehrt. Der Sturmbannfuehrer faellt ihm in die Arme. “Wir sind zwei!” Der andere Mann bleibt sachlich. Er meldet, dass er die Befehle des Protektors nach der Burg uebermittelt habe. Der Sturmbannfuehrer: “Welche Befehle?” Der andere Mann: “Ein Regiment geht ab. Der Telephonverkehr nach Bruenn ist gesperrt. Der Aufstand findet strengt geheim statt.” Der Sturmbannfuehrer: “Das sollen Befehle Seiner Ex- cellenz sein? Sie haben getraeumt.” Der andere Mann: “Ein deutscher Soldat traeumt nicht, melde gehorsamst.” Der Sturmbannfuehrer: “Der Protektor erwartet seinen Wagen im Altgeld. Das ist das Einzige, was ich behalten habe.” Der andere Mann: “Zu Befehl. Habe seinen Wagen nach dem Altgeld bestellt.” Der Sturmbannfuehrer: “Als er das sagte-! jetzt faellt mir’s ein, Sie haben das nicht gehoert.” Der andere Mann: “Der deutsche Soldat weiss, was er wissen soll. Mit uns wird Excellenz nicht hier den Nachmittag verbringen, und das naechste Wirtshaus ist das Altgeld.” Der Sturmbannfuehrer: “Ich hatte mich schon etwas gewundert, dass ein Protektor ins Altgeld gehen soll. Sie haben es ihm also angesehen. Finden auch nicht weiter merkwuerdig, dass er als einzelner Mann hier aus der Bauernkutsche steigt, und weilt amtlich in Bruenn, wo be- fehlsgemaess Aufstand ist? Erklaeren Sie das Alles, oder nur die Haelfte!” 75 Der andere Mann: “Melde gehorsamst, ich war im Zi- vilverhaeltnis ein Intellektueller. Wer erklaert, verfaengt sich, sackt ab und ist fuer den Fuehrer verloren. Ich glaube alles.” Der Sturmbannfuehrer: “Auch, dass ich Ihnen befohlen habe, an diese Ecke den Wagen des Protektors zu bestellen?” Der andere Mann: “Sehr wohl. Das waren Ihre Worte." Der Sturmbannfuehrer: “Du verdammter Gehirnmensch machst mich verrueckt.” Er dringt auf den anderen Mann ein. Der andere Mann, waehrend des Ringkampfes: “Ich stelle fest, dass ich die Ehre des Fuehrers verteidige.”— Als der Sturmbannfuehrer bewusstlos am Boden liegt: “Das Maul eingehauen, Der redet nicht.” 20 Wirtshaus zum Altgeld. Mittelalterliches Gebaeude, an einer Ausbuchtung der engen Gasse. Im Schenkzimmer viel dunkles Holz, die Tische abgewetzt. Das schwache Tageslicht sammelt sich auf Pavel, der einen langen Tisch allein einnimmt. Die wenigen Gaeste halten von ihm Abstand. Die alte Kellnerin verliert sich an die entsetzte Betrachtung seiner Maske. Pavel verzehrt Wuerstchen und Bier. Ihm gegenueber fluestern die Tschechen in einem geschlossenen Haufen: “Der Deutsche frisst, als ob es tschechische Kinder wae- ren.” Die Kellnerin, mit falscher Stimme: “So ein volkstuem- licher Herr, so ein herablassender! Das ist selten heutzutage, ein Protektor beim Altgeld!“ Der aelteste Gast:- “Soll’n auch geheime Verliesse un- ten sein. Vor hundert Jahren hab’ ich es selbst mit angesehen, wie einer hinabgestossen wurde. Wird immer noch drinnen sitzen.” T" Ein anderer: “Und Marischka laesst ihm das Pilsner und die Klobatschen am Seil hinab.” Die Kellnerin: “Ihr sollt den armen Herrn nicht erschrecken. Am End versteht er euch, obschon er, hoer’ ich, ein Deutscher ist.” Der aelteste Gast vertraut ihr etwas an, vor Schreck muss sie sich setzen. Laut spricht der aelteste Gast: “Der versteht jedes S* Wort.” Er sieht Pavel an: “Schon im Omnibus hat er die Ohren gespitzt.” Pavel erkennt den Alten, dem es gelungen war, seine vier SS Spione loszuwerden. Er fragt scharf: “Wie kommst du daher? Deine vier Soldaten wolltest du in ein schlechtes Haus fuehren.” Der Alte steht habacht und macht Heil Hitler! Pavel: “Merkt’s euch, es ist ein strenges Geheimnis, dass ich hier bin. Wer redet, wird erschossen." Alle jammern durcheinander: “Das war ein Unglueck!” Pavel: “Was war ein Unglueck?” Der Alte: “Wie die Armen ihr Geld verloren.” Die Kellnerin halblaut: "Und die Geschichte vom Pavel Ondracek.” Pavel: "Endlich werd’ ich euch auf eure tschechischen Geheimnisse kommen. Gerade heute, wo ich in Bruenn bin.” Sie tuscheln: “Sitzt hier und ist eigentlich in Bruenn. Das kann nur ein unbesieglicher Deutscher. Der Alte: “Halten zu Gnaden, der in Bruenn wird der Ondracek sein.” Pavel: “Zum Teufel euer Ondracek. Hat einer ihn gesehen? Existiert er?” 77 Der Chor: “Nein.” Pavel zeigt ihnen ploetzlich sein zurueckverwandeltes ehrliches Gesicht. Niemand scheint es zu bemerken. Sie verstummen durchaus. Pavel, Maske und Befehlston: “Er existiert nicht. Niemand kennt seinen Namen.” Der Chor: “Meinen eigenen hab’ ich vergessen!” Sie stellen sich in einer Reihe auf, die Haende erhoben, das Gesicht nach der Wand. Draussen faehrt ein motorisiertes Kommando an. Der “andere Mann” vom Altmarkt stampft herein. Der andere Mann: “Melde gehorsamst, Aufstand am Altmarkt niedergeschlagen. Sturmbannfuehrer schwer verwundet, ein Mann leicht.” Pavel: “Der Mann sind Sie! Meine hohe Anerkennung. Der Fuehrer wird Ihren Namen erfahren.” Der andere Mann: '“Zu Befehl, Krach.” Pavel: “Hauptmann Krach.” Er begibt sich ins Freie, Hauptmann Krach hinter ihm. Pavel, zu den Offizieren und Mannschaften, die stramm stehen: “Dieser Mann hat unter meinen Augen eine feindliche Menge in die Flucht geschlagen. Ich befoerdere ihn zum Hauptmann, für hervorragende Tapferkeit vor dem Feind. Meinen Glueckwunsch, Hauptmann Erwin Krach.” Hauptmann Krach, tief erschuettert: “Erwin! Woher hat er den Vornamen; ich heisse August.” Pavel: “Erwin ist richtig.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl. In meiner Sippe heissen wir von jeher Erwin.” Pavel: "Mit traumwandlerischer Sicherheit sah ich Ihnen dreihundert Jahre Erwin an.” Ein Offizier zu einem anderen: “Traumwandler? Daran erkenn’ ich ihn. Der ist nicht in Bruenn.” Ein anderer Offizier: “Hatten Sie gezweifelt?” 78 Der erste, entruestet: “Wieso?” Pavel: “Der verwundete Sturmbannfuehrer!” Aus einem Panzerwagen wird die Bahre mit dem Verwundeten gezogen. Pavel: “Heil Hitler!” Alle: “Heil Hitler!” und stumme Ehrenbezeugung. Pavel: “Der Held, dies edle Opfer tueckischer Tschechen, besteigt mein eigenes Auto!” Der Sturmbannfuehrer wird hineingelegt. Pavel: “Hauptmann Krach, zu mir!” Abfahrt. Pavel zwischen der Bahre und Hauptmann Krach. Der Sturmbannfuehrer verdreht die Augen nach dem Protektor. Pavel: “Endlich wach. Sie Schlafmuetze lassen sich von ein paar Tschechen verhauen. Hoeren Sie mich?” Hauptmann Krach: “Melde Eurer Excellenz gehorsamst, ihm ist nur das Mundwerk eingeschlagen. Die Ohren sind ihm noch nicht abgeschnitten.” Er beugt sich ueber den ganz und gar verbundenen Kopf des Sturmbannfuehrers: “Hoeren Sie zu, Herr Kamerad! Wir beide haben den Aufstand niedergekaempft. Excellenz geruhten mich zum Hauptmann zu befoerdern. Sie sind ein Held und haben eine Gehirnerschuetterung. Ihnen glaubt kein Mensch." Der Sturmbannfuehrer, mit Muehe, unter seinem Verband: “Ich bin geheilt, ich glaube alles.” 21 Pavel und seine motorisierte Bedeckung treffen auf der Burg ein. Die Wachen treten ins Gewehr. Scharfe Kommandorufe. Trommelwirbel. Pavel gruesst mit der vorgestreckten Hand. Zwei Offiziere kommen im gleichen Marschschritt auf Pa- 79 ! vel zu. Sie “Melden gehorsamst: alles in Ordnung.” Eigentlich wollen sie ihn genau betrachten. Pavel zeigt ihnen seine Maske; sie schrecken zurueck und waeren gefluechtet. Pavel bannt sie mit Blick auf die Stelle: “Erstens, meine Herren, befehle ich selbst, ob gemeldet wird und was. Ausserdem war hier gar nichts in Ordnung. Ich persoenlich habe auf dem Altmark einen Aufstand im Keim erstickt. Er war vorauszusehen. Aber wenn ich nicht blitzartig aus Bruenn zurueckgekehrt waere-1 Was dann?” Die beiden Offiziere strecken die Brust heraus bis sie platzt. Vor der Stimme Pavels schliessen sie die Augen. Pavel: “Hiermit soll fuer diesmal der Fall abgeschlossen sein, was er nicht immer sein wird — Herr Major- Heda!” Hauptmann Krach sagt ihm von hinten ein: “Hedalski!” Pavel: “Stimmt. Major Hedalski!” Rueckwaerts gewendet: “Glueck gehoert auch dazu. Sie, Hauptmann Krach, hatten Glueck, dass Sie am Altmarkt waren.” Zu den beiden Offizieren: “Ein Sturmbannfuehrer tot, oder beinahe. Hauptmann Krach, von mir ausser der Reihe befoerdert. Ich danke, meine Herren.” Die beiden Offiziere schlagen die Absaetze zusammen, sie marschieren im Takt nach ihrem Standort ab. Pavel: “Hauptmann Krach, Sie sind fuer meine per- soenliche Sicherheit verantwortlich. Vorwaerts!” Hauptmann Krach geht dem Protektor voran, dprch den richtigen Eingang, die richtige Treppe hinauf und nach dem richtigen Zimmer. Vor der Tuer drueckt er sich flach gegen den Pfosten. Er spricht gedaempft: “Eure Excellenz kennen Geheimrat Rumfutsch als einen Defaitisten. Dieser Rumfutsch unterstuetzt aus Uebereifer die unsinnigsten Ge- ruechte, wie Excellenz am besten wissen.”—Er oeffnet die Tuer, und dahinter noch eine. Pavel stelzt drohend hinein: "Heil Hitler!” 80 / Geheimrat Rumfutsch mitsamt dem Sekretaer und der Stenotypistin erheben sich von den Sitzen: “Heil Hitler!“ Alle drei erstarren in der Haltung des Grusses, die Maske Pavels ueberwaeltigt sie. Pavel bewegt sich heftig durch das Zimmer, scheint nichts zu beachten ausser seinen eigenen Gefuehlen: “Das war ein Tag aus dem Leben des Protektors Heydrich! Intuitiv wie immer, bin ich puenktlich von Bruenn zurueck. Bruenn war eine Komoedie, gewisse Herren” — schrecklicher Seitenblick auf Rumfutsch — “wollten sich wichtig machen. Der wirkliche Aufstand war in Prag geplant. Ich erscheine am Altmarkt, Hauptmann Krach und der tote Sturmbannfuehrer sind befehlsmaessig am Altmarkt, erbarmungslos wird durchgegriffen.” Er scheint den verstoerten Zustand der Beamten zu bemerken: “Geheimrat Rumfutsch, Ihr Gewissen laesst zu wuenschen, ich seh’ es. Bei euch hat es wieder mal nicht geklappt, ihr lasst mich ohne Informationen. Mich rettet meine traumwandlerische Sicherheit.” Geheimrat Rumfutsch, jung und forsch, hat sich wiedergefunden: “Excellenz sind immer derselbe. Ihr gefaehrli- ches Leben laesst auf Ihrem deutschen Gesicht keine Spur. Hoechstens sitzt das Baertchen schief.” Pavel, kalt: “Rasieren Sie sich gerade, wenn Sie sonst nichts tun! Geheimrat Rumfutsch, fuer Ihre Nachlaessig- keit im Dienst kann ich Sie an die Wand stellen.” Geheimrat Rumfutsch: “Zu Befehl. Excellenz haben Grund, den Skandal nicht ausarten zu lassen.” Pavel, so furchtbar, dass der Andere schlottert: “Geheimrat Rumfutsch, Sie sabotieren den Fuehrer — Befehl! Das Telephon ist ueberall hin zu sperren. Noch schoener, wenn der Feind mithoeren koennte bei Ihrem defaitistischen Gewaesch. Ich allein spreche — und will mit dem Fuehrer verbunden werden.” 81 Zu Hauptmann Krach: “Vorwaerts die Leibwache! So schlecht wie die hier aufpassen, sitzt womoeglich ein Tscheche mit der Bombe auf meiner Toilette.” Hauptmann Krach waehlt den richtigen Ausgang. 22 Geheimrat Rumfutsch bricht an seinem Tisch zusammen. Der Sekretaer und die Stenotypistin helfen ihm in seinen Sessel. Der Sekretaer, zu der Stenotypistin: “Dienstlich ueber- lebt er es nicht. Ich ruecke an seine Stelle. Schatz, wir koen- nen heiraten.” Die Stenotypistin: “Schatz, ich frage lieber erst deine Frau und deine Kinder, ob die Sache in Ordnung geht.” Geheimrat Rumfutsch liegt mit dem Gesicht auf seinen gefalteten Haenden: “Aber in Bruenn war doch wirklich Aufstand! Die letzte Nachricht kam von Excellenz selbst, da befanden Excellenz sich am Altmarkt, aber vielleicht wieder anderswo. Den Blitz kontrolliert man nicht. In der Bluete meiner Jahre oeffnet sich mir das Grab. Meine arme Mutter haette niemanden mehr, nur ihren Bankier und ihren Kanarienvogel. Nein, Fritz, nicht sterben! Liefere dem Protektor 300 Tschechen aus seinem Aufstand am Altmarkt, er kann sie abschlachten.” Der Sekretaer: "Weichmuetig. Ein Werther, sobald etwas schief geht.” Die Stenotypistin: “Hat deine Frau keinen rassenfremden Umgang? Lass’ sie einfach ins Lager sperren!” Der Sekretaer spricht in den Apparat: “Die Telephonzentrale? Jeden Verkehr sperren! Allein ausgenommen, fuer den Protektor persoenlich. Seine Excellenz wuenscht mit dem Fuehrer verbunden zu werden.” Zu der Stenotypistin: 82 "Immer den geraden Weg gehen! Der Fuehrer laesst Ver- raeter erschiessen. Diese Garantie haben wir, Schatz.” Geheimrat Rumfutsch, richtet sich auf: “Der Anruf fuehrt mich mit 80 Prozent Sicherheit vor die Gewehre des Er- schiessungskommandos.” Steht stramm, blickt nach der Decke hinauf. Bruellt, damit es im weiten Umkreis gehoert werden kann: “Mein Fuehrer! Ein stolzer Mann von reiner Rasse ist bereit Ihnen voraus nach Walhall zu eilen, um Sie dereinst zu gruessen mit dem Ruf der Treue: Heil Hitler!” 23 Pavel, hinter Hauptmann Krach, durchwandert einige Verbindungsraeume und Vorzimmer. Er bleibt stehen, als Geheimrat Rumfutsch bruellt. Pavel: “Geheimrat Rumfutsch fuerchtet den Tod. Er sollte ihn lieben, wie jeder echte Deutsche.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl. Aber 300 Tschechen ans Messer liefern, ist auch etwas.” Pavel: “Ich wetze es schon. Mein Ruf als Bluthund steht hoffentlich fest." Hauptmann Krach: “Wer wollte zweifeln!" Pavel: “Mein Leibwaechter muss eingeweiht sein: ich kann kein Blut sehen. Dem Vollzug des Aufhaengens wohne ich ungleich lieber bei. Machen Sie nicht dies intellektuelle Gesicht!” Hauptmann Krach: “Ich bin durch und durch Kadavergehorsam.” Angelangt in der Zimmerflucht des Protektors, sehen beide sich angelegentlich um. Pavel: “Wo hat die Ordonnanz meine Uniformen versteckt?“ 4 Hauptmann Krach hat das Ankleidezimmer gefunden: “Wo sie am wenigsten hingehoeren, in der Garderobe.’ Pavel: “Der Kerl ist nicht zu brauchen, treibt sich umher.” Hauptmann Krach: “Es sieht aus, als zoege auch Oberst Schalk einen anderen Aufenthalt vor, waehrend der Protektor ueber Prag triumphiert.” Pavel stuerzt sich auf eines der Kleidungsstuecke: “Das Hoheitsabzeichen! Das hat mir den ganzen Tag gefehlt; nur seinetwegen habe ich eigentlich Bruenn seinem scherzhaften Aufstand ueberlassen und reiste ab. Helfen Sie mir in die Uniform!” Hauptmann Krach ist behilflich. Pavel: "Oberst Schalk?” Hauptmann Krach: “Ihr Adjudant, Excellenz.” Pavel: “Ich habe ihn vergessen. Er verdient es nicht besser. Hauptmann Krach hat hinter den Kleidern eine geheime Tuer entdeckt: “Der Notausgang, Excellenz wollen sich erinnern.” Pavel: “Da war immer schon der Notausgang. Richtig, die tschechische Geheimarmee koennte in die Burg dringen und mir nachstellen. Mein Notausgang ist vor ihr sicher.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl, das meinte ich ergebenst.” Pavel gibt ihm seinen abgelegten Rock: “Ziehen Sie den an! Schwarz ist schwarz, aber meiner entsprach den Vorschriften, bis auf das Hoheitszeichen. Trennen Sie ab, was fuer einen Hauptmann zuviel ist!” Er laesst den Anderen allein. Unter der Tuer, ohne sich umzusehen: “Ein deutscher Offizier vergisst den Kittel des einstigen Gemeinen niemals im Ankleidezimmer des Protektors. Er behaelt ihn am Leibe und knoepft das Pracht- stueck darueber. 84 Hauptmann Krach, fuer sich: “Ausserdem gewinnt die Figur an Kraft und Fuelle.” 24 Pavel, mit dem natuerlichen Gang des Protektors, in seinem Arbeitszimmer. Er prueft sich im Spiegel ueber dem Kamin. Er berichtigt den Sitz des Baertchens. Zum Schreibtisch; ein unbedeutendes Werkzeug oeffnet ihn spielend. Pavel entnimmt ihm Papiere: “Das Ernennungsschreiben des Fuehrers. Ein Brief, mit der entschiedenen Anerkennung meines treudeutschen Wirkens. Da steht es: ein Wald von Galgen moege zum Himmel ragen. Und stinken! Auf mich ist Verlass, mein Fuehrer!" Er steckt die Dokumente in die Tasche. Zwei weitere verdienen aufmerksam gelesen zu werden. Es dunkelt, aber er macht kein Licht. Pavel: “Natuerlich. Geheimrat Rumfutsch und Oberst Schalk denunzieren sich bei mir gegenseitig. Jeder der Beiden laesst Tschechen, die bar bezahlt haben, bis zur Grenze entkommen, wo, versteht sich, eine Kugel hinterdrein fliegt. Mehrere sind dennoch drueben, dank dem Verraeter Schalk, wenn nicht durch Schuld des Verraeters Rumfutsch, und die Beweise bringt immer der Andere.” Das Bildnis des Fuehrers sieht ihn an. Pavel: “Der Fuehrer kennt seine Leute und verdient sie, am meisten mich. Ich bin der Protektor, dem sein Herz gehoert.” Er geht vor dem lebensgrossen Bildnis des Fuehrers auf und ab, zeigt sich ihm von allen Seiten, gruesst erwartet die Ansprache. Anstatt ihrer naht das Rollen des Donnners. Pavel: "Gewitter. Dauert jetzt meistens stundenlang. Wer aus Bruenn nicht hier waere, kaeme vor morgen nicht, Ich bin hier.” Es surrt im Apparat. Pavel nimmt den Hoerer: “Ich befehle der Zentrale alle Anschluesse der Burg mit einzuschalten. Die Worte des Fuehrers sind stenographisch aufzunehmen, durch den Druck zu vervielfaeltigen und bei saemtlichen Stellen der Regierung noch heute abend auszuhaengen. Ich bleibe am Apparat.” Warten. Es wird dunkler. Pavel reisst sich in die Hoehe: “Heil Hitler!” Er beantwortet die Anrede des Fuehrers: “Zu Befehl, mein Fueh- rer. Ihre Stimmung?" Er hoert. “Ihr Gemuet zeigt heute Nordnordost; das muss man wissen, es ist das Wichtigste.” Er hoert. “Sie sind von ihrer Groesse geruehrt. Heute Hessen Sie Ihren Schaedel fuer die Nachwelt wissenschaftlich messen und wiegen! Der heutige Tag und Ihr niedrigster Knecht Heydrich legen Ihnen 600 ordinaere Schaedel von Tschechen zu Fuessen." Er hoert. “Das ist zu viel, sagen Sie? Verstehe, Sie haben gemeint: zu viel Glueck. Nur so viel meinem Fuehrer gebuehrt!” Waehrend der Fuehrer zu ihm spricht, aeussert Pavel die verschiedenen Laute des Erstaunens und Entzueckens, der Hingerissenheit und Anbetung. Pavel: “Mein Fuehrer, Sie lassen alles Menschliche weit hinter sich. Wer fasst die maerchenhaften Gaben, die Sie ohne Weiteres im Busen waelzen. Sie haben wieder einmal alles von selbst gewusst. Dass der Aufstand in Bruenn fast heiter und ernst nur der in Prag war. Befehlen Sie Bericht!” Statt zu hoeren, redet der Fuehrer. Pavel begleitet seipe Reden mit Gebaerden, wie sie vom Fuehrer mit Recht zu erwarten waeren. Endlich kommt Pavel zu Wort. Pavel: "Mein Fuehrer! Melde untertaenigst, der Sieg 86 in Bruenn war nicht meiner. Der Ausfluss Ihrer Persoen- lichkeit war es, sonst gar nichts. Im Cafe des Grand Hotel sassen immer noch zwei, drei alte Juden. Das Grand Hotel mit Bomben belegt, zertruemmert das Zimmer Nummer zwei mit dem Bett von Ebenholz, worin weiland Kaiser Franz Josef uebernachtet hatte. Ein Sieg ueber Franz Josef, das schien Ihrem Stellvertreter zu wenig. Insgeheim, nur Ihrem Geiste sichtbar, reiste ich nach Prag ab.” Er horcht. Es blitzt und donnert. Auch der Apparat stoesst donneraehnliche Geraeusche aus. Pavel: “Ich hoere bei Blitzen, die Ihnen, mein Fueh- rer, es gleichtun moechten, und inmitten des Donners, der Sie verwandtschaftlich umgibt. Ich hoere: Sie assen heute mittag Spinat_ Ich haette falsch gehoert? Salat assen Sie. Ich bin nur ein Sterblicher, vor mir hat das Schicksal noch Geheimnisse.” Donner aus Wolke und Apparat. Pavel: “Nach Ihrer Mahlzeit nahmen Sei zwei Glaeschen Enzian, eine Folge des russischen Winters, und nickten ein; nur zwei Minuten nickten Sie und sahen mich von tschechischen Knueppeln getroffen, daliegen als gruenlichen Kadaver, immer denselben Kadaver Ihres unvergesslichen — wie war das Wort?” Er hat verstanden: “Henkers Heydrich. Ja, der bin ich und werde es noch ganz anders sein, nachdem am Prager Altmarkt, wo ich schon gefallen war, mein Fuehrer persoen- lich mich von den Toten abkommandiert hat. Sie befahlen mir zu leben. Ich lebe. Ihr Enzian! Ihr hellseherisches Genie! Der tschechische Knueppel traf meinen Kopf, als ich den tueckischen Aufstand niedergeworfen hatte. Nach Bruenn waren wir tueckisch verlockt worden, damit der Feind ungehindert in Prag losschlagen konnte. Schon beherrschte er den Altmarkt. Mein Adjudant, Oberst Schalk war mit der Truppe in Bruenn zurueckgeblieben. Ich verfuegte nur ueber zufaellige Kraefte, keine Sturmwagen, die einzige Deckung ein alter Omnibus, auch der ganz voll von Tschechen. Mein Unterfuehrer war Hauptmann Krach, ich wiederhole: Krach, K. wie Koeln, R. wie Rostock, ach wie Air Force." Er hoert. “Nein, gewiss nicht. Krach wahrte die Grenzen, nie wird er seinen Fuehrer verdunkeln wollen.” Donner im Apparat. Rede des Fuehrers; Pavel, sein Schattenriss im Dunkeln, vollfuehrt die zugehoerigen Bewegungen; zeitweilig erhellt ein Blitz seine Maske. Pavel: “Mein Fuehrer! Ihre Verfuegungsgewalt ueber Tod und Leben jedes Einzelnen liegt beschlossen in der 4»« Geschichte.” Er hoert. “Die Namen Krach und Heydrich sollen in der Geschichte fortleben, dies Ihr Befehl. Die Geschichte gehorcht dem Staerkeren. Ihr Sieg am Altmarkt, oh Fuehrer, ist fortan historisch.” Er hoert. “Sie sagen, einzig in der Geschichte.” Er legt den Hoerer auf den Tisch. Abgewendet, die Stirn in den Haenden: “Er redet, keine Macht der Welt haelt das Rindvieh auf."—Er ueberwindet seine Ermuedung; er hoert und antwortet: “So ist es. ln diesem Lande soll das Blut so hoch stehen, dass nur die Galgen herausblicken!” Um noch eine Rede des Fuehrers anzuhoeren, macht Pavel es sich im Sessel bequem; er seufzt vor Erschoep- fung. Im Apparat donnert es lange. Pavel, endlich: “Mein Fuehrer! Ich bitte um Nachsicht mit Oberst Schalk. Von Berufsmilitaers kann nicht erwartet werden, dass sie bis Prag denken; wenn sie in Bruenn sind_ Ich hoere. Mein Fuehrer zieht in Erwaegung, Oberst Schalk an die russische Front zu schicken.” Nach einer Unterbrechung: “Sehr wohl, ich behalte die Entscheidung — ueber beide, Oberst Schalk, der fahrlaessig in Bruenn geblieben ist, und Geheimrat Rumfutsch, der mich aus ungeklaerten Gruenden ueber den Prager Aufstand nicht 88 informierte. Beide Maenner sind unbedingt in meiner Hand, zu Befehl. Die Gnade meines Fuehrers leuchtet mir.” Kurze Unterbrechung. Pavel: “Freund! Ich hoere immer Freund. Dies Wort aus diesem Munde! So wahr ich Heydrich bin, bin ich Ihr Freund, mein Fuehrer. Was ich bin und wen ich haenge, verdanke ich dem Fuehrer. Heil Hitler!" Er legt den Hoerer weg und streckt die Glieder von sich. 25 Geheimrat Rumfutsch verhoert die Aufstaendigen vom Altmarkt. Das Vorzimmer ist angefuellt mit ihnen. Eine Gruppe der Vorgefuehrten wird von SS- Maennern in ge- buehrenden Schranken erhalten. Es sind hauptsaechlich die bekannten Gaeste des Wirtshauses Altgeld, mit der Kellnerin und dem Alten, der seine Bewachung ueberlistet hatte. Geheimrat Rumfutsch: “Gehaengt werdet ihr sowieso. Sagt vorher die Wahrheit! Wenn ihr es nicht fuer euch tut, tut es fuer mich! Wie viele wäret ihr am Altmarkt?” Irgend jemand: “Zehntausend.” Geheimrat Rumfutsch: “Genau gezaehlt?” Der Jemand: “Lange im Voraus. Das ganze Land hat gezaehlt, da kann man nichts machen.” Geheimrat Rumfutsch: “Das sollten wir nicht bemerkt haben?” Noch ein Jemand: “Wenn ich soviel bemerken wollte wie die Deutschen, waer’ ich der steinerne heilige Nepomuk auf der Karlsbruecke oder ein Rindvieh.” Geheimrat Rumfutsch: “Wie meint er das? Diesen Tschechen ist kein Wort zu glauben, sie sind die verschlagenste der bezwungenen Nationen.” 89 Der Sekretaer: “Dass ich gleich berichtige! Befehlsge- maess waren die Tschechen noch nie eine Nation.” Der Alte: “Sind auch nur lumpige Deutsche.” Die Stenotypistin: “Endlich ein klarer Hochverrat!” Geheimrat Rumfutsch: "Ruhe! Das Verhoer liegt bei mir. Wie viele Maschinengewehre hattet ihr am Altmark?” Ein Niemand: “Vierhundertneunundneunzig.” Geheimrat Rumfutsch: “Wo war das fuenfhundertste geblieben?” Der Niemand: “Das hatte ich gestohlen und verkauft.” Er taucht unter. Der Sekretaer: “Man muss sie fragen, woher all die Waffen kamen, obwohl ich mir die Antwort denken kann.” Geheimrat Rumfutsch: “Wie gelangtet ihr in den Besitz der Maschinengewehre?” Schweigen. Der Sekretaer: “Da ist der Punkt. Dies Schweigen beweist, dass die Schlacht am Altmarkt wahrhaft stattgefunden hat.” Geheimrat Rumfutsch: “Sie wollten an der Schlacht zweifeln? Nachdem der Fuehrer sie historisch gemacht hat! Einzig in der Geschichte, wir hoerten das geniale neue Wort.” Fuer die Tschechen, mit Kraft geladen: “Die Folter wird euch reden lehren” Der Alte: “Gnaediger Herr Deutscher, was fragen Sie viel? Wer wird es schon gewesen sein. Wieder die englischen Flieger, sie Hessen die Dinger herab und riefen von oben: Alsdann, am Altmarkt, gegenueber dem Zahnarzt Michalek, um vier Uhr 59.” Geheimrat Rumfutsch: “Warum nicht 5 Uhr?” Der Alte: “Die eine Minute wollen sie immer, dass man betet fuer den- Koenig von England.” 90 Die Stenotypistin: “Jetzt muss ich als deutsche Frau fragen, wie lange wir uns noch verhoehnen lassen.” Geheimrat Rumfutsch: “Kusch. Der Galgenhumor ge- hoert zum Haengen.“ An die Tschechen gerichtet: “Eure Maschinengewehre habt Ihr natuerlich in der Moldau versenkt. Wann holt ihr sie wieder herauf?” Auch einer: “Die sind mit Bindfaden angemacht, sie haengen auch nur, wie die Tschechen.” 26 Auftritt Pavel. Hinter ihm Hauptmann Krach. Pavel: “Hier wird schon wieder die bekannte deutsche Menschlichkeit geuebt. Schluss damit!” Geheimrat Rumfutsch: “Melde gehorsamst, Excellenz, ich nehme ein strenges Verhoer vor, mit dem Ziel der exemplarischen Bestrafung.” Pavel sieht den Alten vom Altgeld: “Wer sind die Leute?“ Der Alte kennt ihn nicht; zuckt die Achseln. Stimme aus dem Vorzimmer: “Verraeter sind wir. Die Geiseln machen wir, derweilen die Anderen entwischen.” Der Sekretaer: “Man sabotiert die Untersuchung.” Geheimrat Rumfutsch: “Ich sabotiere?” Die Hand auf dem Herzen: “Der Fuehrer hat 600 tschechische Tote befohlen.” Pavel: “Auf meinen begruendeten Antrag.” Geheimrat Rumfutsch, mit leidenschaftlicher Unterwuer- figkeit: “Es geht um Alles. Ich bin davon durchdrungen-.” Die Stenotypistin: “Dass er nicht an die russische Front will.” Pavel: “Die Entscheidung liegt nicht bei sadistischen Jungfrauen. Meine Sache ist sie.” Geheimrat Rumfutsch, sehr forsch: ‘‘Melde mich zum Abgang nach der russischen Front!” Pavel, streng: “Ich dulde keinen Eingriff in meine Befehlsgewalt. Ich bestimme, wer an die Front geht. Gehaengt wird nach dem unfehlbaren Beschluss des Fuehrers, wann ich will, wen ich will, und wozu es mir gefaellt.” Der Alte, zwischen Demut und Empoerung: “Aber unsereins muss haengen!” Der Sekretaer: “Warum, du Kamel?” Der Alte: “Weil sonst die tschechische Seele von Zweifeln erschuetteit wird.” Pavel fragt einen SS-Mann: "Wo habt ihr den alten Lumpen getroffen?" Der SS-Mann: “Im Altgeld, zu Befehl. Mit zehn Anderen. Den Rest nahmen wir von der Strasse mit.” Pavel, fuchtbarer Blick ueber die Tschechen hin: “Wen saht ihr im Altgeld bewusstlos auf dem Tisch liegen?” Schweigen. Hauptmann Krach steht eisern und wendet keinen Blick. i Pavel, furchtbar: “Mich. Aus der Schlacht dorthin getragen vom Hauptmann Krach.” Die Kellnerin: “Wir leugnen’s ja nicht. Aber was ist schon ein Betrunkener unter dem Tisch? Beim Altgeld haben wir dreimal die Woche einen bewusstlosen Protektor.” Pavel kalt, fuer Geheimrat Rumfutsch allein: “Das sind Provokateure. Die Kaempfer finden wir anderswo. Diese hartnaeckigen Luegner sind zu entlassen in die Stadt und auf das Land. Sie fuehren uns von selbst nach dem Schlupfwinkel der illegalen tschechischen Armee, die ich heute schlug und in die Flucht jagte.” Geheimrat Rumfutsch: “Der Fuehrer weiss es. Ich bezeuge es mit meinem deutschen Gewissen.” Er wendet sich an die Bewachungs-Mannschaft: “Alle sind frei!” Die Tschechen, mit verteilten Rollen: “Das gibt’s nicht, Da moecht mancher kommen. Wenn erst die Tschechen frei waeren, was wtierden nachher die Deutschen sagen! Der Protektor ist ein ganz Falscher. Vor dem huetet euch!" Die SS-Maenner treiben alle hinaus. Pavel, im Hin- und Herschreiten; seine Einfaelle draen- gen sich; er rennt Hauptmann Krach an, aber der steht eisern. Pavel: "Befehl an meine Gestapo! Die soeben Entlassenen sind auf Schritt und Tritt zu verfolgen." Geheimrat Rumfutsch, in den Apparat: “Befehl des Protektors! Die Tschechen, die frei von hier gehen-” Pavel: "Und wenn die Spur in die Karpathen fuehrt! Hinter den Ural! Meine Geheime Staatspolizei ist fuer nichts anderes da. Den letzten Mann einsetzen!" Geheimrat Rumfutsch wiederholt: “Die Nachforschungen koennen weitlaeufig sein. Langwierig. Kostspielig. Die Geheime Staatspolizei gegen die Tschechische Geheimarmee! Bis zum Entscheidungskampf! Befehl des Fuehrers!” Er haengt ein. Pavel, haelt an: “Befehl des Fuehrers. Ploetzlich erleuchtet, Rumfutsch!” Geheimrat Rumfutsch: “Das historische Gespraech Eurer Excellenz mit dem Fuehrer hat allerdings die Lage erhellt.” Die Stenotypistin, kleinlaut: “Sie sieht verzweifelt aus. Rumfutsch bleibt im Amt.” Der Sekretaer: “Er steigt zur Allmacht auf.” Die Stenotypistin: “Wie wenn wir ihn veranlassten, deine Frau mit aufzuhaengen. Ihm kann es nichts mehr ausmachen.” Der Sekretaer: “Beherrsche deine Zaertlichkeit, Geliebte! 93 27 Pavel, gross in Form, stelzt nach dem Vorzimmer. Dort bewegt er sich bei offener Tuer, vor den Augen und Ohren der drinnen Zurueckgebliebenen: “Hauptmann Krach!” Hauptmann Krach ist ihm gefolgt; bewacht ihn eisern. Pavel: “Gehen Sie! Stellen Sie fest, ob meine Befehle im vollen Umfang befolgt sind. Ich will nicht zweifeln, aber im vollen Umfang! Die gesamte verfuegbare Polizeimannschaft auf die Spur dieser listigen Verraeter gesetzt." Hauptmann Krach ruehrt sich nicht. Pavel: “Worauf w&rten Sie?” Hauptmann Krach: “Ich darf den Protektor keinen Augenblick allein lassen.” Pavel: “Gehorchen Sie!” Hauptmann Krach: “Befehl des Fuehrers.” Pavel: “Ausreden fuer Ihre Widersetzlichkeit. Ich fange an, Ihnen zu misstrauen, Hauptmann Krach.” Geheimrat Rumfutsch, in seinem Zimmer: “Man koenn- te anfangen.” Der Sekretaer: “Jetzt erst?” Pavel: “Sie nehmen draussen die Beobachtung auf. Wo nicht, sind Sie kassiert, degradiert, entehrt und erschossen.” Hauptmann Krach: “Befehlen Sie mir aus dem Fenster zu springen, ich tu es. Nur fuer Ihre eigene Sicherheit bin ich einem Groesseren verantwortlich.” Pavel: “Sie haben die Pruefung bestanden. Kommen Sie!” Er geht hinaus, mit Hauptmann Krach auf den Ab- saetzen. Der Sekretaer: “Seine Excellenz haben wir gehabt.” Geheimrat Rumfutsch: “Was heisst das?” Der Sekretaer: “Morgen koennten wir ihn Wiedersehen, wenn er aus Bruenn zurueckkehrt.” 94 Die Stenotypistin: “Er ist zurueckgekehrt’. Sie stoeesst ihn an: “Bleibe fest! Der Preis ist unser Glueck.“ Geheimrat Rumfutsch: “Seit zwei Stunden nehmen wir die Befehle des Herrn entgegen, lassen Sie es sich gesagt sein — im eigenen Interesse, wenn nicht im Namen des Fuehrerprinzips. Der Fuehrer nannte diesen und keinen anderen Protektor — seinen Freund." Der Sekretaer: “Heil Hitler!” Pavel, betritt mit Hauptmann Krach das Vorzimmer: “Alles in Ordnung. Wo Gesetz und Gehorsam herrschen, ist der Sieg gewiss. Die ganze Burg zieht aus, alles auf der geheimen Verfolgung der feindlichen Geheimarmee." Geheimrat Rumfutsch, Regung der Verzweiflung: “Die Staatspolizei verstreut und ohne Telephon, das Militaer nach Bruenn geschickt, — er raeumt auf.” Die Stenotypistin, an den Sekretaer gelehnt: “Endlich allein.” Der Sekretaer: “Der Verkehr mit Bruenn ist verboten. Oberst Schalk am Apparat verlangen, waere ein Staatsverbrechen. Nie geb’ ich mich dazu her.” Geheimrat Rumfutsch: “Auf den Gedanken sind Sie allein gekommen.” Pavel bewegt sich und spricht, als ob er keine Zeugen haette: “Mein Fuehrer! Ich handele mit der furchtbaren Energie, die aus Ihren grossen Worten, Ihrer stimmlichen Gewalt in mich ueberstroemte. Ruecksichtslos setze ich die Verhafteten in Freiheit, um beim naechsten Mal gleich dies ganze Volk zu vernichten. Mein Fuehrer hat mich heute gelehrt, der Schlauheit von Unterworfenen beizukommen. Mit Klarheit, mit Treue.” Er streift ein Fenster, er blickt hinab: “Das nennen sie ihr goldenes Prag. Nicht einmal Nickel will ich hier im Umlauf lassen. Die Tschechen sollen einer den anderen verkaufen, der Freund — den Freund, die Mutter — das Kind 95 Sie duerfen nicht mehr Zusammenhalten, ich ertrage es nicht! Das macht diese Untermenschen gefaehrlich, ja ueberlegen, dass sie einander nie verraten. Wir Deutsche tun es, dank dem Fuehrer; der Geheimrat denunziert den Oberst, und dieser ihn.” Geheimrat Rumfutsch muss sich setzen. Der Sekretaer und die Stenotypistin tanzen vereint um ihren Schreibtisch. Pavel: “Wir Deutsche denunzieren unbedacht, in offe- ner, ehrlicher Liebe zu unserem persoenlichen Vorteil." Geheimrat Rumfutsch, gebrochen, fluestert sich selbst zu: “Er hat die Briefe gefunden, von Schalk und mir.” Pavel: “Dagegen die Falschheit der tschechischen Unterwelt! Jeder erraet, wie der Naechste den geraden deutschen Herrn betruegen wird, schon nimmt er ihm die Lue- ge aus dem Mund. Haben Geheimnisse. Ob sie die haben! : Und alle wissen um das Geheimnis, aber keiner, keiner wird es mir sagen. Mir, der allwissend sein muss, um meines Fuehrers wert zu sein! Dass er mir mitteilte von seiner Allwissenheit!” Pavel schnallt seinen Degen fester: “Hauptmann Krach!” Hauptmann Krach: “Zu Befehl. Excellenz sollten allenfalls vermeiden mit sich selbst zu reden. Die Waende haben tschechische Ohren. Pavel: “Ich will deutsche Luft atmen. Mein Flugzeug! Nach Berlin!” Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, dass es unstatthaft waere.” Pavel: “Sehen Sie sich vor, Herr! Was ahnen Sie von meiner inneren Verbindung mit dem Fuehrer. ln dieser selben Minute faellt es ihm ein, mich zu sich zu berufen. Auch ich werde, der inneren Verbindung wegen, kuenftig Ge- muese essen. Ich bin entschlossen, einen Astrologen zu I befragen.” 96 Geheimrat Rumfutsch ist sehr unruhig geworden. Er naehert sich in Schlangenlinie. Was er vorhat, wagt er doch nicht. Pavel ist bei dem Ausgang angelangt. Geheimrat Rumfutsch: “Die Entfernung Eurer Excel- lenz-.” Pavel: “Geht Sie nichts an.” Geheimrat Rumfutsch: “Zu Befehl, nichts. Ohne den Schatten eines Zweifels. Davon abgesehen, gebe ich Eurer Excellenz ergebenst zu erwaegen, dass die Burg nunmehr so gut wie ohne Besatzung ist. Die Anwesenheit des Protektors ganz allein haelt die feindliche Bevoelkerung in Respekt. Sie sichert Prag, sie sichert Boehmen.” Pavel: “Sie sichert eine Memme. An der russischen Front waere Ihnen wohler.” Geheimrat Rumfutsch streckt den Arm zum Hitlergruss. “Glueckliche Reise, Excellenz.” Hinter ihm erscheinen, bedrueckt und bleich, der Se- kretaer und die Stenotypistin. Der Sekretaer: “Deutsche Luft Hesse sich, nach bescheidenem Dafuerhalten, am Graben atmen, im deutschen Haus.” Pavel: “Hauptmann Krach!” Hauptmann Krach: “Zu Befehl.” Pavel: “Hoeren Sie deutsch reden? Ich verstehe nicht mehr.” Die Stenotypistin, mit tiefem Knix: “Bitte, bitte, Excellenz, verstehen Sie!” Pavel seufzt: “Die deutsche Frau lehnt galante Rueck- sicht auf ihre Schwaeche ab. Schwaecher als die Maenner ist sie auch nicht.” Fuer Hauptmann Krach: “Ins deutsche Haus!” Halb zurueckgewendet: “Der erwartete Befehl des Fueh- rers ist mir dort zu uebermitteln." Er verlaesst mit Hauptmann Krach das Zimmer und die Burg. Geheimrat Rumfutsch, immer noch erschreckt: “Um ein Ja oder Nein War er fort und wir in der Patsche.” Der Sekretaer: “Er liess sich den Flug nach Berlin zu schnell ausreden.” Die Stenotypistin: “Nur von mir. Auf meinen Protektor bilde ich mir etwas ein.“ Geheimrat Rumfutsch, wild begeistert: “Zu seinem Freund Wollte er! Auf inneren Anruf, wer kann das noch?” Er umarmt seine Angestellten. 28 Pavel betritt mit Hauptmann Krach den grossen Burghof. Die Wachen treten ins Gewehr. Kommandorufe, aber die Truppe ist nur duenn verteilt. Pavel schreitet die Front ab. Zuschauer am Fenster droben sind Geheimrat Rumfutsch und seine Angestellten. Pavel, vor der Truppe: “Ich erwarte, dass ihr fuer den Fuehrer und sein Grossdeutschland aushaltet gegen eine feindliche Uebermacht, bis der letzte gefallen ist. Der letzte Tscheche natuerlich. Heil Hitler!” Er besteigt den Wagen des Protektors. Zwei Motorraeder mit Maschinengewehren bestueckt, werden von Soldaten herbeigefuehrt. Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, das ist alles.” Pavel: “Dann lieber nichts. Mich schuetzt meine Maske allein.” Fuer alle: “Nach dem deutschen Haus!“ Auf der Fahrt spricht Pavel: “Im deutschen Haus werden sie kalte Fuesse bekommen. Sie erwarten mit Recht, gegen Ausschreitungen geschuetzt zu werden.” Hauptmann Krach: “Wenn die Nachrichten bis zu ihnen gedrungen sind.” . 98 Pavel: “Alle Tschechen kennen sie. Man rottet sich an den Ecken zusammen.” Hauptmann Krach: “Vier fuenf Leutchen.” Pavel: “Schon den dritten zusammengerotteten habe ich bei Todesstrafe verboten.” Kalt: “Infolgedessen aen- dere ich meine Dispositionen. Nach dem Theater Rococo. Wiederholen Sie!” Hauptmann Krach: “Zu Befehl.” Fuer den Fahrer: Theater Rococo!’ Fuer die beiden motorisierten Soldaten: Nach dem Graben! Das deutsche Haus bewachen, niemanden herauslassen!” Die Motorisierten: “Zu Befehl, Herr Hauptmann.” Sie rattern von dannen. Pavel: “Sagen Sie dem Fahrer, wo das Theater liegt! Ich war nie dort.” Hauptmann Krach: “Wenzelsplatz!” Er besinnt sich, stoesst einen Ruf des Schreckens aus: “Aber wie denn, im Rococo werden Excellenz noch weniger sicher sein als im deutschen Haus.” Pavel: “Wer sagt Ihnen, dass ich sicher zu sein wuen- sche? Schrecken verbreiten will ich.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl.” Er betrachtet Pavel, sooft in den Wagen mehr Licht faellt. Jedesmal faehrt er zusammen. Pavel: “Was haben Sie?” Hauptmann Krach: “Wenn Excellenz gestatten, versetze ich mich in die Empfindungen der Eingeborenen.” Pavel: “Und sind beruhigt.” Hauptmann Krach: “Gewissermassen. Der Verantwortung fuer Ihre Person bin ich ueberhoben.” Pavel: “Auf einmal.” Hauptmann Krach: “Denn ich werde fallen. Schon aus den Listen gestrichen. Tragischer Abschluss eines Tages reich an ernsten Ereignissen.” 99 Der Wagen faehrt beim Theater vor. Pavel: “Hier spielen Komiker?” Hauptmann Krach: “Der beliebte Wokurka.” Pavel: “Endlich wird gescherzt. Auch ich bin leider ein Mensch, und scherzhaft, wo es sich trifft.” Sein Auftreten im Haus waere geeignet, jeden Einzelnen niederzuschmettern; indessen erweist das Personal vom Eingang an, dem Protektor den unbefangensten Empfang. Der Portier bittet unter Verneigungen, die hohen Herren moechten ohne Aufenthalt an der Kasse, weiterkommen. Der Kassierer zwaengt den Kopf aus dem Schalter, um ihnen tschechische Begruessungen zuzurufen: “Ma ücta, Pan Protektor. Ruku lfbäm." Beide Direktoren sind von den Dienern benachrichtigt und stuerzen herbei, als der unwahrscheinliche Gast den Fuss auf die Treppe setzt. Die Direktoren, abwechselnd: “Seine Gnaden, der Herr Protektor! Ich hab’s nicht glauben wollen. Wir fuerch- teten, es waer’ ein Witz von dem Wokurka. Jetzt ist das kein Komiker und Spassetln werden da keine gemacht. Die Weltgeschichte persoenlich haben wir im Haus.”—Bei “Weltgeschichte” klopft der Direktor, der gerade redet, dem Protektor auf die Schulter. Pavel haelt an un mitverschw'orener Tscheche.” Der erste: “Wir haben das Noetige getan, und mehr als das Noetige. Der Zustand dieses verwahrlosten Dorfes sprach gleich dafuer, dass alle gestern sich hier betaetigt haben, und keiner am Altmarkt bei der Tschechischen Geheimarmee.’ Er stoehnt: “Wo ist die jetzt!” Der zweite: “Wo ist sie ueberhaupt? Hat sie existiert?” Der erste: “Mensch, das 'ist einfach unglaublich.” Der zweite: “Dass sie existiert.” Der dritte: "Nein. Dass Sie das eigene Zeugnis des Protektors angreifen.” Der vierte: “Wie kann man!” Der zweite: “Das koennte man allerdings nur, wenn der Protektor selbst gewisse Zweifel zuliesse.” Der dritte will antworten. Der vierte verhindert ihn: “Haende weg! Mit dem ist was nicht richtig.” Der erste Geheime: “Ich fuerchte, ich habe schon genug gehoert. Als Chef will ich Herrn Ziegensack doch ersuchen, sich weniger zweideutig auszudruecken. Wir sind unter uns.” Der zweite: “Die Sache ist die, dass wir alle vier bloss so tun, als suchten wir nach den zehntausend Mann der Geheimarmee. Die anderen Kollegen — unser Herr Protektor hat sie saemtlich aus Prag entfernt, sie stellen sich gleichfalls dumm.” Der dritte, kann nicht an sich halten: “Wir nicht, wir stellen uns nicht dumm.” Der vierte: “Wir sind dumm.” Der zweite: “Wir vier allein haben heute schon sieben Ortschaften durchsucht. Kein einziger Mann war gestern in Prag — abgesehen von den bekannten Gaesten des be- ruechtigten Wirtshauses, wo sie sich mit dem Protektor getroffen haben.” Der erste, kalt: “Sich mit ihm getroffen?” Der zweite: “Ihn zufaellig angetroffen, wenn Sie lieber wollen.” 130 Der erste: “Nur weiter! Ihnen ist nicht zu helfen.” Der zweite: “Ich bin ein Wahrheitsfanatiker." Der erste: Anstatt dass Sie ein Gestapobeamter sind.“ Der zweite schweigt. Der erste: Sie hielten bei dem Besuch des Protektors im Altgeld.” Der zweite, vom Teufel besessen: “Des vorgeblichen Protektors. Der echte befand sich in Bruenn." Der erste: Es stoert Sie nicht, dass er aus der Prager Burg den Fuehrer angerufen hat. Dass der Fuehrer ihn seinen Freund genannt hat. Ihm Macht und Gewalt gab ueber unser Leben. Auch ueber Ihres." Der zweite, hat sich uebernommen, sieht jetzt gebrechlich aus. Leise: "Doch. Es stoert mich.” Ein Aufflackern: “Wenn nun heute, heute, waehrend wir reden, noch ein Protektor aus Bruenn eintraefe?” Der erste: “Dann waere derselbe Protektor das zweite Mal eingetroffen. Dies ist nicht mehr Ihre Sorge, Ziegensack. Ich habe das Recht, Sie augenblicklich an die Wand zu stellen.” Der zweite: “Weil Sie mich fuerchten.” Der erste: “Weil Sie den Fuehrer beleidigen und den Protektor sabotieren. Sie sind der innere Feind. Sie sind ein Agent Roosevelts.” Fuer die Geheimen drei und vier: "Handschellen!" Der zweite Geheime wird gefesselt. Der erste, zieht ihn von den Anderen fort. Fluestert: “Ich werde Sie der Gnade des Protektors empfehlen, unter der Bedingung, dass Sie mir den Verdaechtigen nennen. Ein einwandfreier Vertrag, den ich mit Ihnen eingehe.” Der zweite: “Sehen Sie, dass Sie an einen falschen Protektor glauben.” Der erste: “Fluestern Sie!” Zeigt seinen Revolver: 13 ! “Oder ich mache Sie stumm.” Er kichert: “Lidice hat es Ihnen angetan. Wohl der Braeutigam?” Der zweite: “Der ist wirklich daemlich. Andere stellen sich daemlich, er ist es. Ausserdem blond, daher ungeeignet den Protektor vorzutaeuschen.” Der erste: “Gewiss leugnen Sie, dass der Protektor blonde Haare hat.” Der zweite: “Angesichts des Todes leugne ich es." Der erste: “Und der Fuehrer?” Der zweite: “ln den Achseln ist er blond, wie jeder weiss. Heil Hitler!” Der erste: “Heil Hitler! Wir Deutsche sind blond. Die Tschechen leider auch. Dieses Dorf zeigt ein paar Ausnahmen. Ich hab’s! Den Kaplan meinen Sie, Zu albern, wegen der schwarzen Tolle.” Der zweite: “Die Stimme! Sie fiel mir doch vorher auf. Die metallene Stimme, man kennt sie.” Der erste: “Den Kaplan nehm’ ich mir vor! Ihre Voraussetzung ist natuerlich unhaltbar, den Schwindler, den Sie meinen, hat es nie gegeben. Aber das Geruecht muss im Keim erstickt werden.” Der zweite: “Lassen Sie ihn auf die Bibel schwoeren!” Der erste: “Den Kaplan? Das ist sein Handwerkszeug, Davon wird er noch lange kein — Wahrheitsfanatiker, der sich um den Kopf redet.” Der zweite: "Diese Tschechen sind hinter uns Deutschen zurueck, sie sind glaeubige Christen geblieben. Oder wenn nicht glaeubig, dann intellektuell. In beiden Faellen ist man der Gefangene seines Wortes, und hat Gewissen. Uns hat der Fuehrer erzogen. Wir — sind frei von allem, was wir gesagt und beschworen haben.” Der erste: “Mich bindet kein Vertrag. Mehr haben Sie mir nicht mitzuteilen, Ziegensack? Dann Schluss!” Er er- schiesst ihn. I 32 Der tote Geheime wird von SS-Mannschaften zuerst umstellt und unsichtbar gemacht, dann fortgeschafft. 41 Die Dorfbewohner haben nichts verloren von allem, was die Gestapobeamten taten, und so wenig wie moeg- lich von ihren Gespraechen. Aber keiner der Tschechen hat es sich ansehen lassen. Sie scheinen unbefangen mit sich beschaeftigt. Der Hausherr Jaroslav wird fuer seine ausgiebige Gastlichkeit beglueckwuenscht. Das Brautpaar wird gehaenselt, weil es vor Seligkeit schon ganz verbloe- det sei. Der Gemeindevorsteher: “Der Pavel, ungeschickter Mensch, vertraegt das Verloben nur hoechstens den ersten Tag. Heute haett’ er dem Bergmann das Bein abgeschnitten.” Pavel: “Lebt der Bergmann noch? Ich muss doch nach- sehen, wlas ich gestern mit ihm angestellt hab'. Um ein Uhr herum, hoer’ ich.” Doktor Holar: “12 Uhr 50, Kollege 1” Pavel: “Was heisst da, bittschoen, Kollege? Hier gibt’s keinen zweiten Trottel wie mich. Haben Sie schon mal einer Braut so viele Suessigkeiten gefluestert, bis sie ganz dahin ist? Betrachtet dieses stattliche Maedchen, es ist schade um sie. Dass sie lieber getaenzelt haette, wie die anderen, in dem verkauften Braeutchen!” Die Tanzgruppen, die Kinder voran, sind zwischen den SS Maennern, die sie zurueckdraengen, allmaehlich durchgesickert bis nach der Gegend der Wiese, wo die Tische stehen. Die Kinder: “12 Uhr 50. Padesat! Padesat!” Ein SS Mann dem anderen: “Padesat? Das bedeutet etwas, wir muessen Meldung erstatten.” Lyda, fuer die Kinder: “Nicht Padesat! Sagt fuenfzig! Die Deutschen werden glauben — Pavel: "Dass wir eine Geheimsprache reden. Aber weit gefehlt!" Der Kaplan: “Uns tut die Offenheit und Wahrheit zu sehr not.” Hier faellt der Schuss, der den zweiten Geheimen toe- tet. Die Kinder laufen, mit dem Schreckensruf: “Padesat!” nach dem Tanzplatz zurueck. Am Tisch bleiben alle sitzen, die Gesichter erstarrt. Der Kaplan steht allein daneben. Gefluester, bei unbewegter Haltung. Jaroslav: “Das bleibt nie aus. Warum nur gerade den armen Herrn?” Die Frau, deren Schwester von Pavel behandelt wxir- de: "Sie haetten ihm besser den Magen ausgepumpt, er war kraenklich." Pavel: “Frau, das verstehen Sie nicht. Die Deutschen sind wissenschaftlich unuebertroffen. Sie heilen ihre Schwerkranken so gruendlich, dass ihnen nichts mehr wehtut.” Lyda: “Pavel, wir muessen Mitleid haben mit jd en Deutschen.“ Der Kaplan, fuer sich: “Sie sterben fuer nichts. Wir — werden sogar Luegner, um unseres Volkes willen.” Doktor Holar: "Der Tote nimmt mein Ordinationsbuch mit!” Der Gemeindevorsteher: “Sollen sie es mit ihm verbrennen! Die gestrigen Angaben sind nicht in derselben Schrift.” Doktor Holar: “Und der Tote hatte es bemerkt. 42 Der erste Geheime naehert sich, auf halbem Wege ruft er: “Der Kaplan!" Der Kaplan, bleibt wo er ist: “Hier bin ich." Der Geheime: “Nur aus Gefaelligkeit machen Sie sich nicht unsichtbar. Trab! Wird’s bald?” Der Kaplan, ohne Eile, die Augen gesenkt, geht er in Richtung des Geheimen. Frueher als erwartet, haelt er an. Der Geheime: “Sehen Sie mir in die Augen! Es wird Ihnen schwer." Der Kaplan: “Nein. Ich sehe Ihresgleichen in die Augen. Mein priesterliches Amt will, dass ich Moerder vorbereite, gut zu sterben." Der Geheime, faehrt auf: “Hoeren Sie mal!” Gering- schaetzig: “Das lassen Sie nur, und bleiben bei Ihrem Ressort. Ich soll nicht haengen, aber eventuell Sie." Der Kaplan: “Vor Gott ist niemand ohne Schuld.” Der Geheime: “Vor mir auch nicht. Sie sind der Mann, der gestern den Protektor gespielt hat.“ Der Kaplan, wirklich erstaunt: "Gespielt, haette ich?” Der Geheime: “Den Protektor.” Der Kaplan, setzt sein Erstaunen kuenstlich fort: “Der Protektor sollte nicht echt sein?” Der Geheime: “Gestern nicht.” Der Kaplan: “Hueten Sie sich, es zu behaupten!” Der Geheime, in Unruhe: “Ich sage auch nur-.” Er geht zur List ueber, versucht, feierlich zu reden: “Es ist das Vermaechtnis eines teuren Toten. Mein Freund, den ich leider hinrichten musste, hat es mir sterbend anvertraut.” Der Kaplan: “Sie zu bestrafen, hinterliess er Ihnen eine Luege." Der Geheime: “Jetzt steht er vor dem himmlischen i 135 Richter, den kann er nicht anluegen. Sie kennen die Aussage, die er dort oben macht." Der Kaplan: “Gar keine macht er.” Der Geheime: “Sieh da! Ehrwuerden glaubt nicht an das Jenseits.” Der Kaplan: “Ihresgleichen muss hoffen, dass mit diesem kurzen Lebens- und Todeskampf alles schon geschehen ist.” Der Geheime, verlegt sich auf Bitten: “Seien Sie nett, Kaplan! Wenn Sie nicht glauben, dass der Tote Sie hoert, dann sagen Sie die Wahrheit mir zuliebe!” Der Kaplan: “Aber es ist nicht die Wahrheit.” Der Geheime, lauernd: “Koennen Sie auf die Bibel schwoeren, dass Sie nicht der Protektor sind?” Der Kaplan, aufatmend: “Ich kann es!" Der Geheime: “Fein. Mal her mit Ihrem neuen Testament!” Der Kaplan, hebt die Schultern. Der Geheime: “Sie sind mir ein schoener Christ. Als ob ich meinen Revolver zu Haus vergaesse.” Er ruft einen SS Mann: “Den Hof nach einer Heiligen Schrift durchsuchen !“ Pavel, faengt den SS Mann unterwegs ab: “Herr Soldat! Machen Sie sich keine unnuetze Muehe, hier ist bitt- schoen das Buch!” ' Der SS Mann uebergibt es dem Geheimen. Lyda: “Pavel, wozu gibtst du ihm das Exercier-Regle- ment der tschechischen Armee?” Pavel: “Weil es erbaulich ist. Pass auf, er wird es von der Bibel nicht unterscheiden." '- Der Geheime, wendet dem Kaplan die Schrift zu: “Wie heissen Sie eigentlich?“ Der Kaplan: “Mancal Venceslav.” Der Geheime: “Geschrieben wie Otto Mueller. Ich ver- suche nicht erst zu lesen. Setzen Sie Ihren Namen gleich unter die Worte Heilige Schrift. Schreiben Sie: ich be- schwoere alles was Kommissar Blumentopf mich fragt.” Der Kaplan schreibt. Der Geheime: “Wird das so gemacht, beim Schwur auf die Bibel?” Der Kaplan: “Nicht ganz. Zuerst nimmt man eine Bibel.” Der Geheime: “Die haben Sie.” Der Kaplan: “Dann legt man die rechte Hand darauf.” Der Geheime: "Wenns Ihnen Vergnuegen macht; jetzt bedenken Sie Ihr Risiko! Wer Pech hat, kommt in die Hoelle. Vom Haengen nicht zu reden.” Der Kaplan: “Mein Erloeser allein kann mich vor ihr retten.” Der Geheime: “Wo waren Sie gestern nachmittag zwischen drei und vier?” Der Kaplan schluckt, er ist verhindert zu sprechen. Der Geheime: “Aha, die Bibel wirkt. Der letzte gute Einfall des Seligen.” Der Kaplan: “Ich war nicht in Prag.” Der Geheime: “Ich frage, wo Sie waren?” Der Kaplan, erlangt Fassung. Mit seiner klingenden Stimme, die leicht zittert: “Hier auf dem Verlobungsfest war ich. Um vier Uhr sprach ich in der Waldkapelle.” Der Geheime: “Zu wem? Kein Mensch war da. Niemanden haben Sie gestern verlobt. Das geht ohne Sie.” Der Kaplan: “Die Kapelle war voll. Vor der Tuer hoerte das ganze Dorf mir zu.” Der Geheime: “Was hoerte es denn?” Der Kaplan: “Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen.” Der Geheime: “Gesunde Ansicht! Dann luegen Sie mal nicht mehr!” Schmeichlerisch: “Ehrwuerden werden sich 137 verdammt wohlfuehlen, wenn Sie Ihr Gewissen erleichtert haben. Wer- war der Protektor?” Der Kaplan: "Niemand. Ich spreche die Wahrheit, die mir geboten und auferlegt ist.” Bebende Brust, erschoepfte Kraft. Der Geheime, als ob er schoesse: “Padesat!” Der Kaplan, hat die Lider geschlossen. Der Geheime, gibt es auf, beschreibt, die Faust geballt, einen Bogen um den Kaplan. Vor ihn hin: “Sie Kuhknecht meinen, mir liegt an Ihnen was? An ihrer Bibel, Ihrem Schwur, und ob Sie der Protektor sind? Legen Sie ruhig ein Gestaendnis ab, hoechstens darf ich Sie haen- gen.” Der Kaplan: “Das waere nicht viel.” Der Geheime: “Ganz meine Meinung. Die Sache verfolgen, ist mir nicht erlaubt.” Der Kaplan: “Sie selbst sind scheinbar in Gewissenszweifeln. Begleiten Sie mich nach der Kapelle!” Der Geheime: “Wie Sie sich das denken! Im Augenblick muss ich eine Haussuchung vornehmen. Der Hofhund koennte gestern auf dem Altmarkt gewesen sein. Liegt hier keine Neunundneunzigjaehrige auf dem Sterbebett? Die war es.” Er laesst den Kaplan stehen. Der Kaplan wendet sich nach dem Wald. Er geht gebeugt. Seine Arme machen Bewegungen, als spraeche er mit sich. 43 Jaroslav und seine Gaeste haben den Tisch verlassen, sobald ein gluecklicher Ausgang des Gespraeches gesichert erscheint. Da die SS-Mannschaft sie ueberall im Auge behaelt, sprechen sie wie Unbeteiligte und mit stummen Gesichtern. 138 Der Gemeindevorsteher: “Der Kaplan hat uns freigeschworen.” Pavel: “Heil! rufe ich. Ordnungsgemaess rufe ich Heil Hitler!’’ Aber er nimmt die Lippen nicht voneinander. Lyda: “Du darfst nicht laestern. Er hat auf die Bibel geschworen. Umso schlimmer, wenn es keine war." Doktor Holar: “Armer Kerl, traegt schwer.” Sie sehen dem Kaplan nach. Jaroslav: “Das haben wir angerichtet.” Pavel: “Ich allein. Meine erste grosse Schuld, und wird nicht die einzige bleiben.” Lyda: “Lass’ ab, Pavel!” Der Gemeindevorsteher: “Wer von dem rechten Weg abweicht, und waer’s auf einen, den die heiligen Nothelfer gehen-” Pavel: “Bin keiner. Weiss nicht, was ich tu’, noch Wozu, noch wie es endet. Doktor Holar: “Junger Kollege, der Bergmann laesst Sie gruessen. Ich haett’ ihm vielleicht das Bein abgeschnitten. Er kann von Glueck sagen, dass Sie bei der Hand waren.” Der erste Geheime, hat seine Leute mit Befehlen versehen, er wiederholt laut: “Das Haus durchsuchen, aber schnell, schnell! Die Betten umkehren! Wenn einer mit der schwarzen Pest drinliegt, gleich abschiessen! In 5 Minuten die Meldung erstatten! Marsch! Ein Teil der Mannschaft, mit den Geheimen drei und vier, in das Haus. Der erste Geheime, fuer Alle und Keinen, auch fuer die Tschechen: “Das mir, Blumentopf! Einen vollen Tag verlieren mit dem reinen Unfug! Die Geschichte von dem Protektor ist so absurd, dass nur wir sie erleben koennen, aber jetzt Schluss damit! 139 Ruecksichtslos dahinstuermend, stoesst er Pavel an. Pavel: “Pan Blumentopf, das haett’ ich nie geglaubt, dass Ihr interessanter Beruf Ihnen jemals wuerde vom Magen heraufsteigen.” Der Geheime: “Mensch, sehen Sie sich vor! Ihre Dummheit bringt Sie ebenso gut an den Galgen, als wenn Sie ein verfluchter Kerl wiaeren.” Der Gemeindevorsteher: “Der Arme moechte Sie troe- sten, gnaediger Herr.” Pavel: “Baldriantropfen haett’ ich gnaedigen Herrn Deutschen angeraten, zu seiner Beruhigung.” Doktor Holar: “Auch gut. Noch besser waer’s, dass die Herren Soldaten den Protektor in der vorschriftsmaes- sigen Uniform da herausgefuehrt haetten.” Der Geheime: “Und besoffen soll er sein wie ihr! Die 5 Minuten sind um.” An Jaroslav gewendet: “Holen Sie selbst Ihren Protektor! Den Mannschaften sagen Sie, dass abgefahren wird.“ Jaroslav, im Abgehen: “Keine anderen Wuensche mehr hat der gnaedige Herr? Da waer’ die Kapelle im Wald, ein stiller Ort.” Der Geheime: “Ohne mich.” Pavel: "Auch eine malerische Turmruine haetten wir. Jeder Kunstfreund besichtigt das Tuermchen.” Er lockt den Geheimen auf den Weg, der uebrigens unverkennbar ist und wenige Schritte betraegt. Die Anderen sind erschrocken. Sie ermahnen einander, nichts zu fuerchten. Jaroslav geht ins Haus, seinen Auftrag erfuellen. Der Geheime, betritt den Turm: “Hier riecht es nach dem Mittelalter.” Pavel: “Schon ein Ritter im 12. Jahrhundert hat daselbst sein Beduerfnis verrichtet.” Der Geheime: “Das Innere ist rund, schmutzig, und ausser Maeusedreck enthaelt es nichts. Doch, Steine sind abgebroeckelt.” Pavel: “Von dem Restchen Fussboden in luftiger Hoe- he. Befehlen Herr Geheimer Kommissionsrat, dass ich eine Leiter hole?” Droben kracht es, ein Stueck der Pflasterung loest sich. Der Geheime und Pavel werfen sich beide auf das Gesicht. Der Geheime: “Kommt nichts mehr?” Er steht auf: “Sie Dorfidiot! Das war ein Attentat.” Pavel, stoehnt: “Zu Befehl, von mir ein Selbstmordversuch. Das Steinchen hat meine Lende getroffen. Den un- anstaendigen Ausdruck vermeide ich aus geziemender Demut.“ Der Geheime, verlaesst den Turm. Pavel: “Helfen Sie mir auf! Ich bin gelaehmt. Ein mitleidiges deutsches Gemuet nimmt sich des armen Lazarus an.” Der Geheime: “Bleiben Sie ruhig ein Krueppel! Wenigstens einer, der keinen Protektor vorstellen kann!” Pavel behaelt seine unbequeme Lage, als der Geheime schon fort ist: “Von einem weiss er endlich, dass der kein Protektor sein kann. Der Eine bin ich! Der Mann hat heute nicht umsonst gelebt. Franticek Eger, streckt ueber den ausgezackten Boden sein halbes Gesicht: “Hab’ ich dich getroffen? Pavel: “Diesmal nicht.” Franticek Eger: “Dich treff’ ich schon noch. Du bist der Protektor.” Pavel: “Der echte.” Franticek Eger: “Der echte.” Pavel: “Haett’ ich’s doch bald selbst gedacht. 44 Der Kaplan, auf dem Waldweg nach der Kapelle. Sein Gang ist ungleich, die Haende umfassen entweder das ver- stoerte Gesicht, oder sie greifen gespreizt in ueberhaen- gende Zweige. Er schwankt, blickt umher, und redet sich zu: “Falle gefaelligst nicht, mein zweifelhafter Freund! Das geht dir noch ab, mit deiner seelischen Bedraengnis grosstun, vor den Leuten als Gewissenskaempfer glaenzen. Hier sehen keine Leute zu, und auf dein Gewissen pfeifen sie sich etwas. Bilde dir nicht ein, dass Gott selbst sich aus deinen Versuchungen viel macht. Nicht er hat dich versucht, und wer auf die Bibel falsch schwoert, wird ihm unendlich gleichgueltig. Alles bei ihm ist unendlich.” Ein anderer Fusspfad zweigt ab. Der Kaplan beschliesst kurzweg, seinen Weg zu. verlassen: “In der Kapelle beten, waer’ aufgelegter Schwindel. Geschehen ist geschehen, uebri- gens gab man mir zum Schwoeren das Exerzierreglement, das gilt nicht.” Er ist geeilt, im vollen Lauf haelt er an: “Aber gemeint war die Bibel, und ich dachte, als ich schwur, sehr wohl des Gottes, der mich Wort fuer Wort vernahm. Vernommen wurde ich hoeheren Ortes, nicht fuer den Polizisten erfand ich, dass ich gestern gepredigt habe: Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen. Ich machte meinen Fall noch schwerer, so schwer wie er vor Ihm ist.” Der Kaplan dreht sich im Kreise, bevor er ploetzlich in das ungebahnte Dickicht eindringt, um die Kapelle dennoch zu erreichen. Diesmal stuerzt er wirklich. Er spricht mit gebrochener Stimme: “Das Natuerliche war, dass der Polizist meine falschen Zeugen fragte, Worueber ich ge stern gepredigt habe. Sofort kam alles an den Tag. Ich bin bei der Allmacht so wertlos, dass sie mich des natuer- lichen Verlaufes meiner- Schuld nicht wuerdigt!” 142 Er betritt die Kapelle, er kniet vor den segnenden Christus hin. Er spricht klingend: “Ich tat es fuer mein Volk, und auch aus menschlicher Schwaeche.” Der Christus senkt die segnende Hand, er fuehrt die Fingerspitzen ueber die Stirn des Kaplans. 45 Die Wiese, wie vorher, aber ohne SS und Gestapo. Die Taenze aus der “Verkauften Braut” werden aufge- fuehrt, mit einer Hingabe und Besonnenheit, als waeren sie nie unterbrochen gewesen. Vorn, inmitten der Kinder, machen Pavel und Lyda ihre anmutigen Schritte. Bei den Begegnungen im Tanz Werden ihnen Blumen zugeworfen. Die Musikbande der Bergarbeiter ist naehergerueckt. Der Primgeiger spielt Pavel ins Ohr. Pavel: “Der Smetana war, hoer* ich, kein Deutscher.” Der Gemeindevorsteher, abseits mit den aelteren Leuten: “Nicht jeder kann ein Deutscher sein, daher das viele Unglueck.” Doktor Holar: “Wenn es auf der Welt keine Musik gaebe als nur die deutsche, gleich waer’ alles gut.” Jaroslav: “Unsere Musik koennen sie uns nun einmal nicht nehmen.” • Doktor Holar: “Verbieten koennen sie uns die tschechischen Opern.” Die Frau, deren Schwester von Pavel behandelt wurde: “Ist das wahr? Unsere Musik verbieten, damit sie allein welche machen?” Pavel, fuehrt Lyda vorueber: "Die werden so bald keine Musik mehr machen.” Lyda: “Sie sind zu boese.” Die Frau: “Den Magen auspumpen sollte man jedem einzeln.” \ 143 Doktor Holar: “Ich bin ueberlastet.” Jaroslav: “Aus Lidice sind sie fort. Angriff abgeschlagen. Ungeordneter Rueckzug.” Der Gemeindevorsteher: “Die kommen wieder.” Doktor Holar: “Auch wir werden wieder da sein." Der Gemeindevorsteher: “Wenn wir noch da sind.” Die Tanzgruppen machen halt, die Taenzer singen im Chor. Pavel dirigiert das singende Dorf. Pavel: “Lyda! Das ist ein singendes Dorf. Lyda! Du bist das verkaufte Braeutchen.” Lyda: “Du Pavel, verkaufst mich — fuer einen Protektor.” Pavel: “Teuer, sehr teuer. Du, Lyda, kostest mehr als ein Protektor wert ist.” 46 Protektor Reinhard Heydrich und sein Adjudant Oberst Schalk kehren aus Bruenn zurueck. Am Flughafen wartet niemand, auch kein Wagen ist da. Das Personal des Flughafens fragt den Piloten und seinen Begleiter: “Wen bringt ihr da?” , Der Pilot: “Was, den Protektor kennt ihr nicht?” Ein Angestellter: “Sogar den zw'eiten lernen wir kennen. Derselbe kann nicht hier und in Bruenn sein.” Der Pilot: “Mensch, er ist hier.” Ein anderer Angestellter: “Schon lange.” Heydrich: “Mein Wagen! Wird’s bald? Wo bleibt der » Kommandant?” Ein Angestellter, ironisch: “Unser Kommandant ist zum Herrn Protektor auf die Burg gefahren.” Heydrich, sieht nach Oberst Schalk um: “Wer ist hier verrueckt geworden?” . Oberst Schalk, fragt den Angestellten: “Kennen Sie uns? ” Der Angestellte: “Sie ja, Herr Oberst. Sie waren gestern nicht in Prag.” Oberst Schalk: “Ich verstehe nicht.” Heydrich: “Soll das heissen, dass ich schon gestern erwartet wurde?” Der Angstelite: “Der Protektor wiirde nicht erwartet, wir hatten ihn in Prag. Er hat eine Maschine nach Berlin befohlen. Sie ist fuer alle Faelle startbereit.” Heydrich, tritt den Angestellten in den Bauch: “Damit Sie mich kennen lernen, Mensch!” Andere Angestellte heben den Getretenen, der vor Schmerzen schreit, vom Boden auf. Die uebrigen nehmen gegen Heydrich eine drohende Haltung ein. Heydrich, zieht sich hinter Oberst Schalk zurueck: “Freut euch, das gibt eine fuerchterliche Musterung!” Oberst Schalk: “Leute, was faellt euch ein? Seid ihr nicht Deutsche?” Einer: “Ich bin Bulgare.” Ein zweiter: “Ich — Irlaender.” Ein dritter: “Ich — Finne.” Oberst Schalk, fuer Heydrich: “Excellenz, das bedauerliche Missverstaendnis erklaert sich muehelos aus der Staatsangehoerigkeit der deutschen Spezialisten.” Heydrich: “Staatsangehoerigkeit — gibt es in ganz Europa nur eine. Grossdeutschland hat Raum fuer alle Voel- kerschaften. Das Konzentrationslager auch.” Ein Regierungsauto faehrt an. Wer es verlaesst, ist der Kommandant des Flughafens, ein riesenhafter Offizier, er marschiert massig gegen den Protektor los, steigt auf die Fusspitzen, faellt auf die Absaetze, schlaegt sie zusammen und bruellt. Der Kommandant, bruellt: “Kommandant Flughafen Prag.” Heydrich: “Sie Bruellochse!” Der Kommandant, bruellt: “Zu Befehl.” Heydrich: “Sie haben gewagt, mich warten zu lassen.” Der Kommandant: “Bruellochse, gewagt. Zu Befehl.” Heydrich: “Da haben wir den Verrueckten!” Der Kommandant, bruellt dem Protektor ins Gesicht: “Da haben wir den Verrueckten!” Heydrich, hebt den Fuss um zu treten: “Sie Wollen meinen Stiefel in den Bauch kriegen!” Der Kommandant, bruellt ueber Heydrich hinweg: “In den Bauch kriegen!” » Oberst Schalk, fragt einen der Angestellten: “Woher ist der Kommandant?”« Der Gefragte: “Aus Marokko. Versteht sich selbst nicht.” Der Kommandant, bruellt dem schroff abgehenden Protektor nach: “Heil Hitler!" Heydrich, besteigt das Regierungsauto: “Das halten sie in der Burg fuer einen Empfang, nach meinem Sieg in Bruenn. Die sollen sich wundern.” Oberst Schalk: “Mir ahnt, dass sie sich schon jetzt wundern.” Heydrich: “Worueber?” Oberst Schalk: “Mit irgend einem ist etwas nicht richtig. Wer kann das sein?’ Heydrich: “Sie.” .' 47 Ankunft im grossen Hof der Burg. Es sind keine Wachen auf gestellt. Die Soldaten kegeln, der einlaufende Wa 146 gen stoert sie nicht, eine entgleiste Kugel faehrt dem Protektor zwischen die Fuesse. Heydrich: “Oberst Schalk, das Kriegsgericht wird diesen Burschen das Kegeln beibringen. Veranlassen Sie das Weitere!” Oberst Schalk, fuer den Offizier, der in einem der Tore erscheint: “Sturmbannfuehrer Jellinek, das sind unglaubliche Zustaende bei einem deutschen Truppenteil!” Heydrich: “Jellinek? Unzuverlaessiger Deutschboehme!" Der Sturmbannfuehrer: “Ich bin froehlicher Rheinlaen- der, melde gehorsamst.” Oberst Schalk: “Ihre Froehlichkeit geht gruendlich fehl, das werden Sie gleich sehen.” Heydrich: “Kassiert, eingesperrt, Hungerkur und Umschulungslager.” Der Sturmbannfuehrer, blinzelt dem Protektor zu: “Wo Excellenz gestern so freundlich waren.” Ein Soldat: “Und uns das Kegeln erlaubten.” Heydrich: “Ich soll provoziert werden! Das ist eine Revolte! Gestapo! Maschinengewehre!” Oberst Schalk: “Sturmbannfuehrer! Wenn Sie eine Er- klaerung haben, wird es Zeit.” Der Sturmbannfuehrer, ernuechtert: “Melde gehorsamst, im Namen seiner Excellenz gab Hauptmann Krach den Leuten Urlaub.” Oberst Schalk: “Hauptmann Krach?” Heydrich: “Hauptmann Krach?” Sie verstaendigen sich stumm ueber den verdaechtigen Punkt. Heydrich, erkennt ploetzlich: “Das Regiment! wo ist das Regiment?” Oberst Schalk: “In der Tat. Zwischen der Burg und dem Belvedere lag ein Regiment. Abgezogen, wie ich be- 147 merkt habe, ich vermied nur, Excellenz wieder zu aergern mit der Kleinigkeit.” Heydrich: “Noch eine Kleinigkeit, auch meine Gestapo scheint fortbeordert. Von wem?” Oberst Schalk: "Vom Hauptmann Krach.” Heydrich: “Ihnen bleibt nichts verborgen.” Er setzt sich in Bewegung nach dem Eingang: “Mir noch weniger. Ich kann Ihnen Voraussagen, eine Gestalt namens Krach, ob Hauptmann oder nicht, wird naech- stens den Galgen verschoenern.” 48 Im Treppenhaus an sichtbarster Stelle lesen sie eine ausgehaengte Bekanntmachung. Oberst Schalk: “Historische Worte des Fuehrers, gross und fett.” Heydrich: “Gesprochen zu Seiner Excellenz dem Protektor von Boehmen-Maehren Reinhard Heydrich, nicht mal halb so gross und fett.” Nach beendetem Lesen: “Was sagen Sie?” Oberst Schalk: “Nicht viel. Der Fuehrer hat gesprochen.” i Heydrich: “Ich vielleicht auch?” Oberst Schalk: “Das ist eine zweite Frage.” Heydrich: “Geben Sie auf sich Acht! Ich bin keine zweite Frage. Der Fuehrer redet auf dem Wisch nach zwei Buddeln Enzian.” Oberst Schalk, erschrocken: “Geben Excellenz auf sich Acht! Heil Hitler!” Heydrich: “Heil Hitler! Wenn nicht sein bloedsinniger Stil unverkennbar waere, sagt’ ich: er war’s gar nicht. Hat mich im Rausch als Leiche gesehen, auf dem Altmarkt anstatt in Bruenn.” 148 Oberst Schalk: “Die Fehler bestaetigen, dass er’s war.” Heydrich, entschlossen: "Ich erklaere das Pamphlet fuer eine grobe Faelschung. Nehmen Sie zur Kenntnis, Oberst Schalk, dass von der ganzen Regierung fuer Boehmen- Maehren nicht einer auf seinem Posten bleibt. Alle nach Polen deportiert!” Oberst Schalk: “Excellenz wollten sich selbst-?” Heydrich: “Fangen Sie schon wieder an?” Oberst Schalk: “Dahin muesste es notwendig kommen, wenn der Fuehrer erfuehre, dass Sie seine historischen Worte abstreiten. Es waere, melde gehorsamst, das Ende Ihrer ruhmreichen Laufbahn.” Heydrich: “Der Anfang war ein Fusstritt, den unser kuenftiger Afrikasieger bekam. Wo seid ihr Zeiten! Jetzt muss ich mir sagen lassen, ich haette in Bruenn drei alte Juden erschossen und sei davongelaufen.” Oberst Schalk: “Abgereist, und Sie sagen es selbst. Ihr Sieg am Altmarkt ueber die tschechische Geheimarmee ist wirklich eindrucksvoller, zufolge Ihrem eigenen Bericht an den Fuehrer.” Heydrich: “Ich berichte, was ich nicht weiss, der Fuehrer redet aus dem Schlaf, und Sie? Ihr Leben hat er in meine Hand gegeben.” Oberst Schalk, ohne zu schwanken: “Nehmen Sie es!" Heydrich: “Ich Werde das ganze Gespraech fuer wahr hinnehmen muessen. Er nennt mich seinen Freund.” Oberst Schalk: “Ich ueberliess es Ihnen, den Umstand zu bemerken.” Heydrich: “Freund! Das erste Mal. Hier beginnt das Grenzenlose. Ich kann vorruecken bis an die Stelle des in England abhanden gekommenen Hess. Ich sehe mich als Nummer Zwei.” / Oberst Schalk, steht stramm, knallt mit den Absaet- zen: “Melde gehorsamst, Oberst Schalk, Sippe 600 Jahre Erbbauern, Blut und Boden, volkhaft verwurzelt.” Heydrich: “Ihr Alter ist immer noch Bankier, auf sein blosses Manneswort geht hier keinem was durch. In der Burg sollen sie Blut und Wasser schwitzen, jeder Einzelne!” Er reisst die Tuer auf. Oberst Schalk beeilt sich, dahinter noch eine aufzureissen. 49 Geheimrat Rumfutsch, sein Sekretaer und die Stenotypistin springen von den Sitzen. Alle drei: “Heil Hitler!” Heydrich: “Heil Hitler!” Auf Geheimrat Rumfutsch los: “Sie hatten am Flugplatz zu sein.” Geheimrat Rumfutsch: "Melde gehorsamst, ich war dort. Befehlsgemaess, um der Abreise Eurer Excellenz nach Berlin beizuwohnen.” Heydrich: “Die bekannte Arie. Den Befehl hatten Sie von Hauptmann Krach.” Alle drei, atmen auf: “O schoen! Er ist im Bilde.” Oberst Schalk: “Immerhin haette Seine Excellenz diesen Hauptmann gern vorgefunden.” Der Sekretaer: “Zu Befehl.” Er ergreift das Telephon. Die Stenotypistin: “Es kann nicht mehr schief gehen.” Oberst Schalk: “Moment mal! Der Protektor Wuenscht Aufklaerung ueber den komischen Anschlag, den er gelesen hat.” Der Sekretaer, faellt auf seinen Stuhl: “Der ist es ja doch!” Die Stenotypistin, muss sich setzen: “Der ist es ja doch!” Geheimrat Rumfutsch, steht und schlottert, er kann nicht sprechen. Heydrich: “Ich verstehe. Sie wollen sagen, der Anschlag war befohlen von Hauptmann Krach.” Geheimrat Rumfutsch, ringt nach Worten: "Eure Excel- lenz befahlen ihn selbst.” Er schluckt und verstummt. Die Stenotypistin: “Das Herz geht mir auf, wenn ich denke, wie der Protektor verklaert aussah nach dem Ge- spraech mit unserem herrlichen Fuehrer." Heydrich: “ln meiner Kanzlei hat Ihnen kein unpassender Koerperteil aufzugehen. Eine Hitlerbraut — ist vierzehn, nicht achtundzwanzig.” Der Sekretaer, listig: “Excellenz setzten alle Aufstaen- dischen vom Altmarkt in Freiheit, die ganze tschechische Geheimarmee. Geheimrat Rumfutsch gehorchte ohne Besinnen. Ich — haette mir’s ueberlegt.” Heydrich: “Mensch! Ich befehle, und Sie Krueppel wollen ueberlegen?” Die Stenotypistin: “Was sagte ich, er gibt zu, er war es!” Der Sekretaer, zerbricht in zwei Teile, noch einen Augenblick und er wird auf dem Bauch liegen. Er stammelt: “Es ist derselbe.” Heydrich: “Geheimrat Rumfutsch, Ihre amtlichen Belange sind verwahrlost, dass der staerkste Mann es nicht glauben wuerde.” Geheimrat Rumfutsch, klaeglich: “Wir glauben schon lange nichts mehr.” Oberst Schalk: “Dieser traurige Herr hat gewagt, mich bei seiner Excellenz zu verdaechtigen.” Geheimrat Rumfutsch: “Wenn dieser nicht einwandfreie Herr mich denunzieren will.” Heydrich, in voller Furchtbarkeit, wie nur Pavel: “Beide Herren werden Gelegenheit bekommen, sich ueber ihren Verrat an dem Fuehrer auseinander zu setzen Die russische Front braucht Helden.” Fuer den Sekretaer: “Sie kann sogar Krueppel gebrauchen.” Er stelzt in Richtung seiner eigenen Zimmer. Oberst Schalk moechte ihm zuvorkommen und die Tuer oeffnen. Die Stenotypistin, erleichtert sich: “Herr Oberst, geben Sie es auf! Der neue persoenliche Adjudant des Protektors ist allgemein bekannt." Heydrich, kalter Ingrimm: “Sogar ich kenn’ ihn. Hauptmann Krach wird vorgelassen, falls er in Erscheinung tritt, was ich bezweifle. Geheimrat Rumfutsch, ich suspendiere Sie vom Amt, aber Sie .bleiben zu meiner Verfuegung.” Geschmettert: “Raus! Die ganze Gesellschaft.” Oberst Schalk: “Melde Excellenz pflichtschuldigst, dass kein anderes Personal da ist. Auch kein Chef.” Heydrich: “Doch. Der Marokkaner, der am Flughafen den Kommandanten macht. Der wird sich hier gut ausnehmen.” Er schlaegt die Tuer hinter sich zu. Oberst Schalk, ist bei Geheimrat Rumfutsch zurueck- gelassen: “Was sagen Sie?” Geheimrat Rumfutsch: “Dasselbe wie Sie.” Oberst Schalk: “Seien wir vorsichtig!” Geheimrat Rumfutsch: “Dasselbe wollte ich anheimgeben.” Oberst Schalk: “Man kann tatsaechlich nicht wissen-", Geheimrat Rumfutsch: “Ob Hauptmann Krach existiert? Seien Sie darueber beruhigt, der persoenliche Adjudant sind Sie gewesen.” 152 Oberst Schalk: “Und Sie der Chef der persoenlichen Kanzlei.” Geheimrat Rumfutsch: “Nur unter dem Protektor, der soeben das Zimmer verlaesst.” Die Stenotypistin, ueber den Sekretaer geneigt: “Adolf! Aufgepasst, jetzt redet er sich um den Hals.” Oberst Schalk: “Ein anderer haette Sie behalten? !" Geheimrat Rumfutsch: “Wer spricht von einem anderen? Einfach war der Protektor gestern besserer Laune.” Oberst Schalk: “ln Bruenn nicht. Es aergerte ihn, dass den Ingenieuren das Material fehlte, um die Stadt dem Erdboden gleich zu machen.” Geheimrat Rumfutsch: “In Prag hat er bei restlosem Erfolg gegen den Aufstand kein einziges Haus zerstoert." Oberst Schalk: “Ein technisches Wunder, das erste der Art in der Geschichte der Belagerungen. Fuer Sie steht es fest, dass der Protektor gestern in Prag war?” Geheimrat Rumfutsch: “Sie wissen am besten, dass Sie heute mit einem Protektor aus Bruenn gekommen sind.” Die Stenotypistin: “Aufgepasst, Adolf!” Oberst Schalk: “Ein Protektor war es.” Geheimrat Rumfutsch: “Meiner — schien sogar der gewohnte.” Oberst Schalk: “Meiner — beinahe auch. Als Blut floss, verschwand er. Merkwuerdig, er kam nicht zum Vorschein, als gehaengt wurde.” Geheimrat Rumfutsch: “Das versaeumt er sonst nie. Hier war alles in Ordnung, bis auf das verrutschte Baert- chen.” Der Sekretaer: “Ich protestiere mit ganzer Kraft, das Baertchen sass richtig.” Geheimrat Rumfutsch: “Sie — wollten ihn nicht nach Berlin fliegen lassen. Sie meinten, den haetten wir das erste und letzte Mal gesehen." Die Stenotypistin: “Kein Wort wahr!” Der Sekretaer: “Unerhoerte Anwuerfe!” Die Stenotypistin: “Und wir sind zwei Zeugen gegen einen entlassenen Chef." Geheimrat Rumfutsch: “Entlassen — sind Sie beide, von mir, der den Platz behauptet.” Er geht mit Oberst Schalk in das Vorzimmer, er schliesst die Tuer. Der Sekretaer und die Stenotypistin stuerzen sich auf die Tuer. Er legt das Ohr daran, sie sieht durch das Schluesselloch. Im Vorzimmer. Geheimrat Rumfutsch: “Lieber Freund, haetten Sie etwas dagegen, dass wir unverbindlich aber immerhin, sagen was wir denken?” Oberst Schalk: “Lieber Freund, ich atme dieselbe Luft mit dem Mann, der ueber mich einen Schriftsatz verfasst hat, und den besitzt der Protektor.” Geheimrat Rumfutsch: “Ihre Luft ist auch die meine. Aber dieser Protektor besitzt weder Ihren noch meinen Schriftsatz.” Oberst Schalk bemueht sich zu verstehen. Pause. In der Kanzlei. Die Stenotypistin: “O Adolf!" Der Sekretaer: “Wenn ihre goldechten Berichte ueber einander nicht mehr bei dem heutigen Protektor sind, dann traegt der gestrige sie in seiner Tasche. Umso besser, den haben wir gut bedient. Die puenktliche Verbindung mit dem Fuehrer vergisst er uns nicht.” Die Stenotypistin, seufzt: “Ob er je wiederkommt? Unser lieber Protektor!” Im Vorzimmer. Oberst Schalk, entschliesst sich zu verstehen: “Sie, m.T> ■**r 154 Rumfutsch, stellen die Theorie auf, dass gestern ein zweiter Protektor hier war. Der truege jetzt in der Tasche die Dokumente, von denen unsere Existenz abhaengt.” Geheimrat Rumfutsch: “Womit allein die seine schon bewiesen wird. Sicher hat er noch andere schriftliche Beweise mitgenommen.” Oberst Schalk: “Mitgenommen — wohin?” Geheimrat Rumfutsch: “Muessen wir es durchaus wissen? Hauptsache, er kommt wieder.” Oberst Schalk: “Das ist im deutschen Interesse zu wuen- schen. Der gestrige war der, mit dem der Fuehrer sprach. Der Fuehrer irrt nie.” Geheimrat Rumfutsch: “Darauf ist Verlass. Irren koen- nen allerdings wir. Die Kardinalfrage, sind Sie heute aus Bruenn mit dem echten eingetroffen?” Oberst Schalk: “Alles wohl erwogen, kann die Antwort so oder so heissen. Er muss sich richtig verhalten.” Geheimrat Rumfutsch: “Uns rausschmeissen geht nicht.” Oberst Schalk: “Da ist noch mehr. Er legt auf der Burg die ganze Mannschaft krumm, wiegen Kegeins, das der Andere ihnen erlaubt hat.” Geheimrat Rumfutsch: “Mit dem Anderen laesst sich auskommen. Dieser macht uns unmoeglich. Der Schreckensmann spielt mit unserem Leben.” Oberst Schalk: “Die deutsche Besatzung muckt auf, als ob sie Tschechen waeren.” Geheimrat Rumfutsch: “Und sind nur hoechstens Ungarn.” Oberst Schalk: “Seine Gestapo ist so deutsch wie er.” Geheimrat Rumfutsch: “Um nicht zu sagen, wie wir.” In der Kanzlei. Der Sekretaer: “Was da hochkommt von Verrat, und wie schnell!” 155 Die Stenotypistin: “Du musst dich beeilen, das Tempo zu halten.” Surren im Apparat. Der Sekretaer nimmt den Hoerer: “Zu Befehl, Excel- lenz. Die Beine unter die Arme, zu Befehl. Oberst Schalk laeuft schon, dass ihm die Zunge heraushaengt.” Oberst Schalk hat gehoert, er oeffnet die Tuer: “Was erlauben Sie sich, die Zunge haengt meistens nur, wenn man selbst haengt.” Der Sekretaer, kruemmt sich: “Pflichte Herrn Oberst ergebenst bei.” Die Stenotypistin: “Wir sind immer zwei, wenn wir aussagen wollten, was wir alles anhoeren muessen.” Oberst Schalk entfernt sich gemessen durch die Ver- bindungsraeume nach den Zimmern des Protektors. 51 Heydrich, in seinem Arbeitszimmer noch allein: “Den Hauptmann Krach werde ich nie erleben. Er existiert nicht. Dieses Phantom ist das Kernstueck einer Verschwoerung gegen meine unantastbare Person. Wer mich verraet, ver- raet den Fuehrer. Ein Anruf, er wird es einsehen!” Er legt zwischen sich und den Apparat einen moeglichst grossen Abstand: “Die Dummheiten, die mein Fuehrer selbst macht, sieht er nicht ein. Auf seinem Schreibtisch hat er die echte Hand des Gottes Wotan. Er glaubt es, ich glaub’ es, wir glauben es.” Empoert: “Mein Fuehrer! Muss ich mir die Hand abhacken und Sie Ihnen einsenden, zur Identifizierung?“ Oberst Schalk, tritt ein. Heydrich: “Ach, nur Sie, ich hatte Ihre Existenz vergessen.” 156 Oberst Schalk: “Ihre eigene droht in Vergessenheit zu geraten.” Heydrich: “Fast haette ich mich selbst abgesetzt. Ich brauchte nur Ihren tueckischen Anregungen zu folgen, dann behielt der verdammte Anschlag recht.” Oberst Schalk: “Vielleicht hat er recht?” Heydrich, es verschlaegt ihm den Atem: “Sie sind nicht Oberst Schalk!” Oberst Schalk: “In Bruenn war ein Oberst Schalk mit einem Protektor Heydrich. Irrtum beiderseits Vorbehalten.” Heydrich: “Wieso beiderseits?” Oberst Schalk: “Ich koennte in Wirklichkeit der Hauptmann Krach gewesen sein.” Heydrich: “Und ich? Sie insinuieren-?” Oberst Schalk: “Was Sie am besten wissen.” Heydrich: “Ich hoere immer Excellenz. Sie sagen, was Excellenz am besten wissen.” Oberst Schalk: “Seine Excellenz, der Protektor ist bei weitem nicht eingeweiht wie wir.” Heydrich: “Wo haben Sie ihn versteckt?” Oberst Schalk: “Sie gestehen, dass Sie ihn erwarten.” Heydrich: “Was erw'arten?" Oberst Schalk: “Dass er Sie entlarvt.” Heydrich, zieht seinen Revolver. Oberst Schalk, hat seinen schon in der Hand. Heydrich, nach ergebnisloser Spannung: “Auch ohne das Ding sind wir deutlich genug geworden.” Sie stecken die Waffe wieder ein, keiner entbloesst sich von ihr frueher als der andere. Heydrich: “Sie haben nichts dagegen, dass ich telephoniere und Sie verhaften lasse.” Oberst Schalk: “Telephonieren Sie! Eine Verhaftung nehme ich selbst vor.” Heydrich: “Mensch! Sind Sie denn im Ernst gepiekt?” Er naehert sich dem Oberst Schalk, scheinbar, um den Geisteszustand des Anderen durch den Augenschein festzustellen. Bei ihm angelangt, versucht er ihn in den Bauch zu treten. Oberst Schalk war darauf gefasst, er weicht aus, mit berechneter Verspaetung. Heydrich, das Bein gehoben, verliert sein Gleichgewicht, er stuerzt rueckwaerts ueber den Schreibtisch, strampelt in der Luft, gelangt auf der entgegengesetzten Seite zu Boden. Oberst Schalk: “Sie haben einen Umweg nach der Schieblade gemacht.” Heydrich oeffnet die Schieblade. Waehrend er sucht: “Allerdings. An meinem Fusstritt sollten Sie mich erkennen. Feldmarschall Rommel wuerde nicht zweifeln.” Oberst Schalk: “Unsere grossen Maenner werden gern nachgeahmt, dieser mit dem Fusstritt, jener mit dem falschen Zungenschlag.“ Heydrich, in die Schieblade: “Heil Hitler!” Oberst Schalk: “Heil Hitler! Sie suchen vergebens, wie einer, der hier nicht Bescheid weiss." Heydrich, findet nichts: “Schon gefunden! Warum sollt’ ich es Ihnen zeigen, Ihre eigene Handschrift ist Ihnen nicht neu. Was Geheimrat Rumfutsch schreibt, wuerde Ihnen auffallen.” Oberst Schalk: “Keine Ahnung, was gemeint ist. Jeden- ^ falls befindet es sich in einer Tasche, die nicht Ihre ist.” Heydrich: “Sie scheinen die Tasche und den Mann zu kennen.” Oberst Schalk: “Ich? Bewahre. Mich hat er meiner Funktion enthoben.” Heydrich: “Das bin ich, der Sie abgesetzt hat.” Oberst Schalk: “Aber nahmen Sie fuer mich den Hauptmann Krach? Diese Unterlassung ist Ihr Verhaengnis.” 158 Heydrich: “Sprechen wir offen und als anstaendige Menschen!" Oberst Schalk: “Das eine ist zu machen." Heydrich: “Ich habe gegen Sie nichts mehr in Haen- den.” Oberst Schalk: “In Schiebladen.” Heydrich: “Ich bin in der Lage, so drollig es aussieht, dass Sie mich identifizieren muessen.” Oberst Schalk: “Ich muss keineswegs, und Ihre Lage fordert zur Heiterkeit kaum heraus. Indessen will ich, der Ordnung wegen, eine Pruefung vornehmen.” Heydrich: “Ich bin gewappnet.” Oberst Schalk: “Als der Fuehrer den Protektor ernann* hatte, begleitete ich Seine Excellenz im Wagen von Berlin nach Prag. Wer steuerte?” Heydrich, matter Versuch zu scherzen: “Hauptmann Krach.” Oberst Schalk: “Sie geben seine Existenz zu.” Heydrich: “Wer zWeifelt an Hauptmann Krach?” Oberst Schalk: “Auf der Reise verliessen Sie zehnmal den Wagen. Wo fuehlten Sie das vierte Beduerfnis?" Heydrich, schon sicherer: “In Chicago.” Beide lachen aufgeraeumt. Oberst Schalk, klopft Heydrich auf die Schulter: “Nummer zwei, Ersatz fuer Hess: muessen Sie zurueckstellen. Bestenfalls koennen Sie sich halten.” Heydrich: “Wenn ich Heydrich bin.” Oberst Schalk: “Das entscheidet nicht. Ein grossartiges Beispiel! Feindlicherseits behauptet sich das Geruecht, dass im Radio jetzt ein anderer Hitler redet.” Heydrich: “Wenn er nur redet.” Oberst Schalk: “Sehen Sie. Der andere Heydrich er- fuellt den Zweck des ersten auch.” 159 Fleydrich: “Aber wird er auftauchen? Ist er schon mal auf getaucht? ” Oberst Schalk: “Die Frage ist belanglos. Natuerlich j traue ich Rumfutsch nicht. Gesehen aber, den Anderen gesehen haben alle. Was beweist das?” Heydrich: “Dass er eine tschechische Erfindung ist.” Oberst Schalk: “Oder eine deutsche. Jeder Deutsche > glaubt, was er glauben soll. Daher sind wir das Herrenvolk.” Heydrich: “Angenommen, ich waere der Falsche, ver- groessert sich meine Aussicht, den Echten vorzustellen.” Oberst Schalk: “Und anerkannt zu werden von uns ' Realisten.” 52 Oberst Schalk geht. Er hat draussen noch die Tuer in der Hand, als das Ankleidezimmer sich oeffnet. Hervor tritt der Geheime Blumentopf. Der Geheime: “Befehlen Excellenz, dass ich den Mann festnehme?” Heydrich, erwacht aus einer Hypnose: “Endlich ein Wort!” Gebieterischer Wink. Der Geheime eilt dem Abgegangenen nach. Heydrich erwartet festen Fusses die Ereignisse. Der Geheime, kehrt zurueck: “Ich habe Oberst Schalk > * einem meiner Beamten uebergeben.” Heydrich: "Einem?” Der Geheime: “Ueber mehr als einen verfuege ich umstaendehalber nicht.” Heydrich: “Oberst Schalk ist bewaffnet.” Der Geheime: “Der begleitende SS-Mann drueckt ihm den Lauf seines Revolvers in den Ruecken, auf dem Weg durch die Kanzlei.” 160 Heydrich: “Er wird durch die Kanzlei gefuehrt, gut, ein warnendes Beispiel. Noch einfacher, Sie haetten ihn gleich abgeschossen.” Der Geheime: “Excellenz belieben zu vergessen, dass der Fall nach strengster Untersuchung verlangt. Oberst Schalk kaeme zu leicht davon, wenn eine Kugel ihn unserem Verhoer entzoege.” Heydrich: “Sie haben die geheime Tuer benutzt.” Der Geheime: “Zu Befehl.” Heydrich: “Im Ankleidezimmer haben Sie alles ge- hoert? ” Der Geheime schlaegt die Augen nieder, lispelt: “Ich schaeme mich, dass der angestrengteste Dienst der Geheimen Staatspolizei einer Verschwoerung dieses Umfanges nicht Vorbeugen konnte.” Stark: “Der Protektor soll fuerch- terlich geraecht werden, das gelobe ich.” Heydrich, ebenso gehoben: “Geheimer Oberkommissai Blumentopf! Welchen Protektor meinen Sie?” Der Geheime, im Brustton: “Ich kann nur meinen Boss meinen. Sie sind von der Gestapo wie ich, das taeuscht nicht, vor mir stehen Sie nackt.” Heydrich: “Danke.” Der Geheime: “Koennt’ ich Sie verwechseln, ich Wciere auch vor keinem falschen Himmler sicher, und die deutsche Welteroberung als Gipfelleistung der Polizei geschae- he versehentlich.” Heydrich: ‘Das ist das gesunde Gefuehl meiner gesamten Gestapo!” Der Geheime: “Ein Einziger war anfaellig und ist der Infektion erlegen. Ziegensack — den ersten Zweifel an der Identitaet des Protektors aeussern, schon streckte mein Schuss ihn hin.” Heydrich, peinlich beruehrt: “Gerade Ziegensack, das beste Gehirn von euch allen.” 161 Der Geheime: “Excellenz! Die moralische Ansteckung schleicht sich in ein Gehirn, dass uebermaessig gebraucht worden ist.” Heydrich: “Wo- vollzogen Sie an Ziegensack die Sueh- ne?” Der Geheime: “Ein Dorf, genannt Lidice.” Heydrich: "Das muss ich kennen. Ja doch, einer meiner ersten Eindruecke, ein durchweg unguenstiger.’ Der Geheime: “Hatten Excellenz schon mal guensti- ge?” Heydrich: “Das- fehlte noch!” Der Geheime: “Lidice, wohin meine Nachforschungen betreffs der tschechischen Geheimarmee mich gestern fuehr- ten, unterschied sich sonst in gar nichts von dem und jenem boehmischen Dorf. Nur dass-.” Er meckert ingrimmig. Heydrich: “Nur dass wer? Die tschechische Geheimarmee?” Der Geheime: “In Lidice beging sie eine Verlobung, mit Gesang und Tanz.” Heydrich: “Warum sollte sie nicht. Eine Armee, die sich am Altmarkt von mir hat schlagen lassen, ohne dass ich selbst es bemerkte!“ Der Geheime, meckert. Heydrich, drohend: “Ich scherze nicht. Gestehen Sie, Blumentopf! Sie suchten in Lidice den Anderen.” Der Geheime, in der Abwehr: “Heil Hitler! Nur Zie- ■gensack hatte ihn entdeckt.” Heydrich: “Den- Anderen?” Der Geheime: “Er lebt nicht, oder allenfalls in der Legende, wie jetzt auch Ziegensack. Keinen Augenblick fiel mein Verdacht auf den Kaplan. Ein beschraenkter Dorfgeistlicher sollte — nur weil er blond wie Eure Excellenz ist — .” 162 Heydrich: “Wie ueberfuehrten Sie den Verdaechtigen? Oberkommissar Blumentopf, Sie haengen am Leben.” Der Geheime: “Bis jetzt nur am Leben. Dieser Umstand erlaubt mir zu bekunden, erstens, dass der Kaplan auf die Bibel schwur. Untermenschen sollen sich dabei etwas denken. Ferner w;ar das ganze Dorf betrunken. Wie in allen von mir besichtigten Ortschaften, hatte nachweislich keiner der Einwohner zur Zeit der Schlacht den Altmarkt betreten.” Heydrich, entspannt: “Sagen Sie, existiert wenigstens der Altmarkt?” Der Geheime: “Vorzueglich, Excellenz! Soviel ueber- legene Drolligkeit, wo es um den Kopf geht!” Heydrich: “Ist das Ihr Eindruck? Um — meinen Kopf?” Der Geheime: “Gesetzt, der Fuehrer verleugnet Sie. Er ist unfehlbar.” Heydrich: “Heil Hitler! Dann bezweifle ich selbst meine Identitaet.” Der Geheime, hat Heydrich bezwungen: “Sehen Sie. Noch weiter darf es nicht kommen.” Heydrich: “Was raten Sie mir?” Der Geheime: “Den Terror. Am Durchgreifen erkennt man den Protektor.” Heydrich: “Mir sagen Sie das! Sagen Sie es Verrae- tern wie Oberst Schalk! In Bruenn hat er mich sabotiert, und Bruenn steht noch.” Der Geheime: “Lidice — nicht mehr lange.” Heydrich: “Wieso Lidice?" Der Geheime: “Ein aufgefangenes Wort, bei mir schlug es ein. Ziegensack in seiner letzten Stunde, hatte fuer das Wesentliche kein Gehoer.” Heydrich: “Heraus mit dem wesentlichen Wort!” Der Geheime: “Padesat.” Heydrich: “Sie meinen Sesam oder Menetekel.” 163 Der Geheime: ‘‘Es kam aus Kindermund und tut die Wahrheit kund. Mein Polizeiinstinkt wurde wach bei Pa- desat.” Heydrich: “Warum schlaeft dann meiner?” Der Geheime: “Heinrich Himmler an Ihrer Stelle Hesse sich nicht lange Zureden. Er naehme das Woerterbuch und faende, dass padesat so viel wie fuenfzig ist.” Heydrich: "Was hilft mir das.” Er begreift und leuchtet furchtbar auf: "Fuenfzig Verschwloerer.” Der Geheime: “Fuenfzig Galgen. Fuenfzig Erhaengte, und das Geruecht von einem falschen Protektor findet in ganz Prag keinen Mund mehr, es weiter zu tragen.” Heydrich: “Die Liste aufgesetzt! Professor Napil voran, die Tschechen ehren ihre Intellektuellen.” Er schreibt. Der Geheime: “Leider sind Deutsche mit verschworen. Der Protektor in seinem unentwegten Dienst am Fueh- rer-.” Heydrich: “Ist verhasst, bis in meine Gestapo hinein. Ziegensack war der Getreueste, er wollte den — Anderen entlarven. Sie, Blumentopf, haben ihn stumm gemacht.” Der Geheime, fuehrt die Hand an das treue Herz. Heydrich, hat den Revolver gezueckt: “Hand weg von der Brusttasche!” Der Geheime, gekraenkt: “Der Protektor entzieht mir sein Vertrauen, ich erspare ihm meine Gegenwart.” Heydrich, zielt auf den Abgehenden: “Halt!” Der Geheime: “Hueten Sie sich, Sie koennten Blut fliessen sehen.” Heydrich: recht elend: “Lassen Sie mich noch nicht allein! Dies Durcheinander erschuettert den gesuendesten Kopf.” Der Geheime: “Zu schweigen von Ihrem.” Heydrich: "Wir hatten die Verschwoerung. Wir hat- 164 ten Padesat. Nummer eins, Professor Napil. Folgy zweck- maessig der falsche Protektor, wenn er nur existierte!" Der Geheime: “Ganz Prag hat ihn gesehen. Welcher falsche Protektor kennt nichts Eiligeres, als sich ueberall vorzufuehren? Ergo, er war nie da. Am intimsten stand er mit Geheimrat Rumfutsch.” Heydrich: “Geheimrat Rumfutsch, der ist greifbare Wirklichkeit.” Er uebergibt dem Geheimen die Liste: "Fuel- len Sie auf bis fuenfzig! Vergessen Sie kein prominentes Mitglied der tschechischen Geheimarmee!" Der Geheime: “Gemacht. Wir langen uns jeden, den wir brauchen, aus einer Armee, die nur als Geruecht auf- tritt. Die Gestapo hat von ihr nicht die Spur entdeckt, obwohl wir Mann fuer Mann, ueber das Land ausschwaerm- ten — befehlsgemaess.” Heydrich: “Auf Befehl von Hauptmann Krach.” Der Geheime: “Oder seiner Erfinder.” Heydrich: “Hauptmann Krach, auch er eine Erfindung! Sie nehmen mir alles.” Der Geheime: “Ich bedauere. Ich bin Wahrheitsfanatiker.” 1 Heydrich: “Hauptmann Krach bestellt mir das Flugzeug nach Berlin. Er kommandiert zur Verabschiedung die gleichen Personen, die mich aus Bruenn nicht erwarten. Hauptmann Krach hat den oeffentlichen Anschlag meines Fuehrergespraeches befohlen, sonst habe ich selbst ihn befohlen. Er oder ich, einer nur existiert.” Der Geheime: “Excellenz moegen mein Wort hinnehmen fuer das, was es ist, das Wort eines Blumentopf! In derselben Minute, wo Hauptmann Krach erscheint, sichtbar in dieser wirklichen Tuer, — schiess’ ich mich durch mein hundertprozentiges Gestapoherz.” 165 Die Tuer geht auf, ueber die Schwelle tritt Hauptmann Krach. Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, Hauptmann Krach zur Verfuegung Seiner Excellenz.” Heydrich, steht vor Schrecken stramm: “Heil Pade- sat!” Der Geheime, stammelt: “Heil Padesat!” Er macht einen behutsamen Bogen um die unglaubwuerdige Erscheinung. Heimlich bekreuzigt er sich. Heydrich, als der Geheime die Tuer erreicht: “Sie dort hinten! Sie vergessen sich zu erschiessen. Der Geheime: “Tun Sie es fuer mich!” Er drueckt hinter sich die Tuer zu. Heydrich, klanglose Stimme, zitternde Wangen, aber kalter Ingrimm: “Hauptmann Krach, ich haette fast gewartet.” Hauptmann Krach, klappt die Absaetze: “Heil Hitler! Ich komme geradeswegs vom Flughafen. Eure Exzellenz hatten mir befohlen, die Reise abzusagen.” Heydrich: “Woher dann Ihr unnuetzer Weg?” Hauptmann Krach: “Ein Anruf aus Berlin, der Fueh- rer befahl Sie zu sich. Traumwandlerisch hatten Sie es vorausgesehen.” Heydrich: “Heil Hitler! Ich bin fertig. Kommen Sie!” Hauptmann Krach: “Zu Befehl! der Fuehrer verzichtet.” Heydrich, wankt: “Hauptmann Krach! Sie muten meinen Nerven allerhand zu.” Hauptmann Krach: “Ihre Natur ist Stahl. Am Altmarkt haben Sie es bewiesen.” Heydrich: “Am Altmarkt warf ich den Aufstand nie- der, der Fuehrer nannte mich Freund; was ist geschehen, dass er auf mich verzichtet?” Hauptmann Krach: “Geruhen Excellenz-!” Heydrich: “Und das versetzt mir mein alter Hauptmann Krach!” Hauptmann Krach: “Himmeldonnerwetter, melde ge- horsamst. Wenn Excellenz mich zu Wort kommen Hessen!” Heydrich, sein Mund schmollt gekraenkt, er hat seine ganze Furchtbarkeit abgelegt. Wenn er koennte, wuerde er aussehen wie Pavel im natuerlichen Zustand. Endlich bringt er hervor: “Machen Sie mit mir, was Sie wollen!” Hauptmann Krach, schuettelt den Kopf: “Denk’ ich an meinen Protektor gestern, mancher wuerde sagen, dieser sei untergeschoben.” Heydrich: “Auch Sie?” Hauptmann Krach: “Mancher, nicht ich, der weiss, wie gefaehrlich mein Gebieter lebt — und liebt.” Heydrich: “Und liebt. Sie wissen mehr als ich.” Hauptmann Krach: “Der Fuehrer weiss nicht nur mehr, sondern alles. Als ich den Fuehrer durch Feldmarschall von Brauchitsch davon unterrichten Hess, dass ich seit heute frueh sechs Uhr oft und oft, aber immer vergebens versucht habe, Excellenz den Liebesarmen zu entreissen_” Heydrich: “Liebesarme! Sie lassen den Fuehrer unterrichten. Mit Liebesarmen kommen Sie ausgerechnet einem- Nichtschwimmer?” Schnell: “Heil Hitler!” Hauptmann Krach: “Heil Hitler! Der Fuehrer soll geantwortet haben, Sie erinnern ihn an einen seiner weniger begabten Vorgaenger, Napoleon. Der hat nach jeder Schlacht ein Weib verlangt.” Heydrich: “Weib verlangt. Liebesarme statt Flugapparat. Ihn lass’ ich sitzen und Hege wer weiss wo zu Bett. Das verziehe der Nichtschwimmer? Keine Ungnade?” Auf- 167 leuchtend: “Gewonnen! Er verzeiht mir, weil ich nur ein Napoleon bin, kein Hitler.” Hauptmann Krach: “Feldmarschall von Brauchitsch verbuergt sich dafuer, dass Sie an die Stelle von Hess treten.” Heydrich: “Nummer zwei, ich bin Nummer zwei, Hauptmann Krach!” Er umarmt Hauptmann Krach, er kuesst ihn auf beide Wangen. Peinliche Pause. Hauptmann Krach, will das Aussetzen des Protektors nicht gesehen haben, entfernt von seinem Aermel ein Staeubchen. Heydrich, hat sich zurueck, wird scharf wie je: “Hauptmann Krach!” Hauptmann Krach:- “Zu Befehl.” Heydrich: "Ich bitte mir Bericht aus. Mein gestriger Abend, Stunde fuer Stunde, ohne etwas zu verschweigen oder zu beschoenigen.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl. Excellenz hatten Geheimrat Rumfutsch nicht schlecht geaengstigt, mit Ihrer Drohung, nach Berlin zu fliegen.” Heydrich: “Ich kenne die Memme." Hauptmann Krach: “So nannten Sie ihn Er bat Sie kniefaellig-.” Heydrich: “Kniefaellig? Keine Metaphern! Kein schmueckendes Beiwerk!” Hauptmann Krach: “Die Nuechternheit im Ueberschwang der geschichtlichen Handlung ist das Vorrecht der Unsterblichen. Ich bin Gefuehlen unterworfen.” Heydrich: Ich scheinbar auch. Die Liebesarme.” Hauptmann Krach: ‘ Unvergleichlich, darin wie ueber all!" Heydrich: “Weiter! Sonach blieb ich in Prag. Warum hatte ich auch das Regiment nach Bruenn geschickt, wo nichts los war, und meine Gestapo nach allen Windrichtungen.” Hauptmann Krach: “Excellenz vergessen Padesat.” Heydrich, einen Schritt rueckwaerts: “Das sogar weiss er schon.” * > . Hauptmann Krach: “Sie selbst riefen mir bei meinem Eintreten ein Wort entgegen, der geheime Herr dasselbe Wort. Seit gestern habe ich manches zu erraten gelernt, das ist alles.” Heydrich: “Wenigstens kein Magier. Ajljs (normaler Hauptmann sind Sie mir lieber. Ich blieb in Prag.” Hauptmann Krach: “Und fuhren in das Theater Ro- coco, bekannt durch den Komiker Wokurka und die Schat- zova.” ( Heydrich: “Eine komische Alte.” Hauptmann Krach, lacht diskret: “Diese ausgedehnte Nacht hindurch nahmen Excellenz die komische Alte ernst und gestanden Ihr die Reize der Jugend zu." Heydrich: “Das sind die Liebesarme. Mir kommt immer das Flugzeug dazwischen. Ich bestellte es ab, aus dringendem Verlangen nach dem Fuehrer bestellte ich es wieder.” m. Hauptmann Krach: “Aus einem anderen, hoechst dringenden Verlangen Hessen Sie es vorlaeufig startbereit.” Heydrich: “Das war die komische Alte, wie sagten Sie?” Hauptmann Krach: “Schatzova.” Heydrich: “Ihr Liebhaber hiess?” Hauptmann Krach: “Wenn Wokurka ihr Freund gewesen sein sollte, jetzt ist er glaenzend uebertroffen und . beseitigt. Von Mitternacht bis Mittag, wer kann das?” 169 Heydrich: “In der Tat, wer kann das? Ich nicht, aber wenn Sie sich persoenlich ueberzeugt haben-“. Hauptmann Krach: “Stuendlich, seit sechs Uhr frueh. Jedesmal beschied die Jungfer, eine Sechzigerin, mich dahin, dass ich entbehrlich sei.” Heydrich: “Entbehrlich, Sie? Hauptmann Krach, wenn nicht Sie und Ihr unfehlbares Gedaechtnis waeren, im Drang der Geschaefte haette ich die ganze Affaere der komischen Alten vergessen." Hauptmann Krach: “Schatzova, jugendliche Liebhaberin, Revuestern, bewegt sich dauernd im Flimmerglanz, man glaubt an die ewige Seligkeit.” Heydrich: “So begeistert?” Hauptmann Krach: “Die Seligkeit allerdings nur fuer einen, aber ewig kann man sie nennen, denn gleich soll sie wieder anfangen.“ Heydrich: “Erbarmen Sie sich, Vaeterchen! sagen wir zu den Rotarmisten, wenn sie uns irgendwo in der Falle haben.” Hauptmann Krach: “Als ich zuletzt nach Eurer Excel- lenz fragte, hatten Sie das Haus in der Wassergasse ohne mich verlassen.” Heydrich: “Endlich heraus aus der Wassergasse!” Hauptmann Krach: “Die Dame war nicht sichtbar. Grund-Erschoepfung. Die Sechzigerin eroeffnete mir, dass sie mit dem Protektor auf drei Uhr verabredet sei.” Heydrich: “Nur die Sechzigerin? Nein, ich mache mir nichts vor, mit dem Revuestern habe ich mich schon wieder verabredet." Hauptmann Krach: “Um drei.” Heydrich: “Daran fehlt wenig. Aber ich gehe nicht.” Hauptmann Krach: “ZIecna Schatzova kommt her.” Heydrich, packt ihn an der Brust, schuettelt ihn: “Sie 170 uebertreiben. Dermassen missbraucht man eine Zwangslage nicht." Hauptmann Krach, so unschuldsvoll, dass Heydrich ihn loslaesst: “Excellenz bestimmten selbst. Die Dame schliefe lieber noch eine Stunde." Heydrich: “Augenscheinlich. Die Leidenschaft fuer die komische Alte ist mir ueber den Kopf gewachsen. Nur das Eine muessen Sie rueckgaengig machen, die Nutte darf nicht herkommen." Hauptmann Krach: “Sie w5rd unterwegs sein!” Heydrich: “Abweisen! Herauswerfen!” Hauptmann Krach, deckt vorsorglich mit seinem Ruek- ken das Telephon: “Melde gehorsamst, Excellenz werden in Erwaegung ziehen, dass die Beziehungen der Schatzova zu dem Protektor allgemein bekannt sind.” Heydrich: Der Fuehrer! Er weiss davon_ durch Sie." Hauptmann Krach: “Der Fuehrer ist von selbst allwissend. Heil Hitler!” Heydrich: “Heil Hitler! Ist denn gar nichts zu machen? Ganz Prag wird reden." Hauptmann Krach: “Redet laengst. Achthundert Personen haben im Theater Rococo beigewohnt, wie die AfFae- re Protektor — Flimmerschoenheit sich anbahnte.” Heydrich: “Ich erregte Skandal?” Hauptmann Krach: “Nichts weniger. Das Publikum sympathisierte. Der Protektor gewann die Herzen dieses Volkes im Sturm.” Heydrich: “Dieses Volkes. Tschechen, wollen Sie sagen? Ich erobere tschechische Herzen, das setzt allem die Krone auf.” Hauptmann Krach: “Die Krone, melde gehorsamst, ist die Schatzova.” Heydrich: “Auch sie, eine Tschechin?” Hauptmann Krach: “Was dachten Sie?” 171 Heydrich: “Fertig. Das bricht mir den Hals.” Hauptmann Krach: “Es macht nicht den Eindruck. Zu beweisen war, dass die Laune des Protektors ueber dem ^ Gesetz steht. Rassenschande, ohne ihn, bitte.” Heydrich: “Auch wieder richtig.” Nach einiger Ueber- legung: “Noch richtiger waere es, die Person zu haengen.” Hauptmann Krach, ruhig: “Man hielte Excellenz fuer eine maennliche Turandot.” Heydrich: “Was ist das?” Hauptmann Krach: “Die Kandidatin hat das Raetsel des Protektors nicht geloest, sie muss sterben.” *■* Heydrich: “Mein Raetsel.” Er hat begriffen. Furchtbar: “Wer ich bin? Das werden fuenfzig Kandidaten am Galgen beantworten. Aber wer sind Sie, Hauptmann Krach?” Flauptmann Krach, sehr ruhig: “Drei Uhr. Excellenz befehlen, dass ich der Dame bis zu der Anfahrt entgegen gehe.” Er wendet sich nach dem Ankleidezimmer. “Ich lasse sie diirch die geheime Tuer hier ein.” 54 Heydrich, allein: “Die geheime Tuer, er kennt sie! Dem ist nicht beizukommen. Die geheime Tuer, ein Augapfel meines Polizeigenies, kein Blumentopf hat sie von selbst y- entdeckt. Dieser Hauptmann Krach geniesst mein Vertrauen laenger, als ich dachte. Sonderbare Mattigkeit.” Er sinkt in den Sessel, streckt die Glieder von sich. "Wenn er mich vergiftet haette? Eine Spritze, ich merkte wohl nichts. Mein Wahrnehmungsvermoegen hat gelitten. Die Liebesarme- rein vergessen. Ich habe, um ich selbst zu bleiben, nur Hauptmann Krach. Er kennt, besser als ich, die Person, wie heisst sie, Turandot? Alles, was er ' 172 mir vorluegt, ist wahr und wirklich geschehen, denn der Fuehrer weiss es! War ich nicht dabei, bin ich der Protektor Heydrich nicht.” Er verkriecht sich, soweit moeglich, in den Polstern. “Ich kann ein falscher Protektor sein. Man faengt an, mich dafuer zu halten, nicht ohne einen Schein von Recht. Was ich seit gestern alles getan haben soll, habe ich nie getan, ich kenne den Altmarkt vom Sehen und die Komische Alte nicht einmal daher.” Ueber die Rueckenlehne hinweg schielt er nach dem Bildnis des Fuehrers. “Der Falsche- wiaere meinem Fuehrer willkommener als ein Echter, der den Anschluss verpasst. Verwandlungen sind immer denkbar. Meine verkrachte Doktorarbeit handelte von verwandelten Eseln, mit denen es schon zu ihrer Zeit irgendwo gehapert haben ,wird. Eins ist sicher: der Esel merkt es nicht.” Er kommt muehselig auf. “Knickbeine, von der zwoelfstuendigen Nacht, du Esel! Die Identitaet verschiebt sich, wenn einer nicht aufpasst. Sind das meine Sorgen? Der Falsche redet aus mir, er muss ein Intellektueller sein. Genug, die Identitaet des Protektors entzieht sich dem Zugriff.” Vor den Fuehrer hin, stramme Haltung. “Mein Fuehrer! Melde untertaenigst, Protektor von Boeh- men-Maehren Reinhard Heydrich bezweifelt seine Identitaet.” Wendet ihm den Ruecken und erschlafft. “Der kann lachen. Einzig in der Geschichte, da versuche keiner, sich unterzuschieben. Was mich betrifft, ich gehe zu Bett. Nichts wie schlafen!” Es schlaegt vier. “Ach so, jemand sollte kommen, durch die geheime Tuer. Aber um drei wfcr die Dame faellig. Ist nicht er- 173 schienen. Existiert nicht. Wachtraeume, Hauptmann Krach gleich Wachmann Traum. Mein Bett werd’ ich doch finden?” 55 Heydrich, seidener Schlafrock, liegt anmutig ausgestreckt, den Kopf im gebogenen Arm, unter den silbernen Geweben, die sein Bett verschleiern. Die indirekte Deckenbeleuchtung sickert zart durch Wolken desselben Stoffes. Sie schweben und flimmern, vermoege der Waende aus Spiegelglas, bis in endlose Tiefen. Draussen spricht Hauptmann Krach: “Gnaedigste sind ar.gelangt.” Milo Schatzova, noch unsichtbar: “Hauptmann Krach, ich bin mit Ihnen zufrieden. Die Leute auf den Treppen und Gaengen flogen an die Wand, sobald sie uns erblickten." Hauptmann Krach: “Die oeffentliche Ehrfurcht ge- buehrt der maechtigsten Frau dieses Protektorates. Ein Wagen des Protektors steht jederzeit zu Ihrem Befehl. Genehmigen Sie weiter meine Begleitung?” Milo Schatzova: “Warten Sie vor der geheimen Tuer! Wenn ich hinaus will, kratze ich.” Heydrich, auf seinem Bett: “Sie kratzt. Ich hoffe noch immer, dass es ein Kater ist.” Milo Schatzova, erscheint im Hintergrund des Schlafzimmers, unter den Wolkenvorhaengen. Wie diese, flimmert auch sie und wird von den Spiegeln vervielfacht. Heydrich: “Nicht mal eine komische Alte ist es. Komme was will!” Milo Schatzova: “Lauter! Das ging nicht ueber das Orchester weg.” 174 Heydrich: “Wieso Orchester?” Milo Schatzova: “Hier sind wir auf der Buehne.“ Heydrich: “Sie werden beeindruckt von dem Rah- men, den ich meiner Individualitaet verleihe." Milo Schatzova: “Ungluecklicher! Wo ich beruflich jeden Abend der Mittelpunkt desselben falschen Zaubers sein muss, gerate ich hier in ein Kokottenzimmer.’ Heydrich: “Was ist hier falsch? Wer soll falsch sein?“ Er hat sich aufgesetzt. “Meine Dame, Sie sind nicht mehr erwartet worden.” Milo Schatzova, uebersieht sein Misstrauen: “Meine leichte Verspaetung verstimmt den hohen Herrn. Aber nur fuer ihn habe ich stundenlang meine Schoenheit wieder hergestellt.” Heydrich: “Hatte er sie zerstoert?” Milo Schatzova: “Grausamer! Verbietet mir die einfachste Erfrischung, selbst aber ruht er, ein lieblicher Ephe- be, das edle Haupt in der Rundung der Armes, auf seinem maerchenhaften Lager!” Heydrich, nimmt die Stellung, die sie beschrieben hat, folgsam wieder ein: “Maerchenhaft, wenn man will. Jedenfalls einsam.” Milo Schatzova, setzt sich zu ihm, aber der durchsichtige Vorhang trennt die Beiden. Sie betrachtet den Mann als Expertin: “Der ist nicht grausam. Er will es sein.” Heydrich: “Ich bin gefaelligst grausam! Keine Verwechslung mit dem deutschen Oberst in Norwegen, der immer jammerte, weil er die Norweger unterdruecken musste!” Er moechte nochmals hochkommen. Milo Schatzova, deckt ihm den Schleier ueber das Gesicht: “Still! Dass ich dich bewundere!” Heydrich, haelt still. Milo Schatzova: “Reinhard! Schoenheit!” 175 Heydrich: “Ich kann mir nicht helfen, ich hoer’ es gern, je unverhoffter die Dame erscheint.” Milo Schatzova: “Ich, unverhofft? Sag’ nicht noch einmal Dame! Du hattest fuer mich andere Namen, in dem ^ heissen Sturm einer Nacht, ich waere siebenmal darin untergegangen, nur dein# Glockenstimme rief meine ertrinkenden Sinne an die Oberflaeche zurueck!” Heydrich: “Berauschende Komoediantin! Mir ging in dem bewussten Sturm dein Name verloren. So ist es. Tat- saechlich erscheinst du mir zum zweiten Mal unverhofft. Mit dem ersten meiner Blicke, im Theater, sah ich dich auch schon unglaubwuerdig ueber dem Boden schweben, } zu meiner Seele sprach ich, Reinhard, das gibt es nicht.” Milo Schatzova: “Meine Rolle enthaelt keinen Luftakt.” Heydrich: “Ich selbst taumelte.” Milo Schatzova: “Meinen Namen vergisst man nicht. Ich bin die Schatzova.” Heydrich: “Eine Wirklichkeit? Sozial? Amtlich?” Milo Schatzova: “Du kannst meine Papiere pruefen.” Sie zeigt ihm etwas Schriftliches durch den Schleier. Heydrich, liest mit polizeilichem Ernst: “Das ist nicht in Ordnung.” Milo Schatzova: “Ich bin verloren!” Heydrich: “Es sollte deutsch sein, mindestens nicht fremdsprachig allein. Schatzova scheint sich zu bestae- tigen.” , Milo: “Nicht der andere Name? Den mein Freund in allen Stimmlagen sang?” Heydrich: “Milo? Genehmigt.” Er bemueht sich um Wohllaut: “Milo! Milo!” Milo Schatzova: "Einen Viertelton hoeher!” Heydrich: “Milo! War es das?” Milo Schatzova: “Ob es der Klang war, der mich ver- fuehrte!” 176 Heydrich: “Wahr? Ich hab’ dich verfuehrt?” Milo Schatzova: “Kuehner du! Eine grosse Frau, aber p er nimmt sie sich.” Sie kuesst sein Gesicht durch den Schleier, der ihn einwickelt und ihm hinderlich ist. Er versucht Bewegungen, die misslingen, sie macht andere, ihm nicht erwuenschte. Heydrich: “Schluss mit der Spielerei!" Milo Schatzova: “Das sag’ ich auch. Eh’ wir’s denken, muss ich wieder im Theater sein.” Heydrich: “Das verbiete ich.” f Milo Schatzova: “Absagen? Du waerest imstande und verfuehrst mich auch dazu noch.” Sie lacht auf. Heydrich: “Meine Ahnung, ich bin laecherlich.” Milo Schatzova: “Mir faellt nur die Geschichte vom Workurka ein, wie er im Extrazug nach Czernowitz die Greislerova verfuehrte.” Heydrich: “Laecherlich ist hoechstens dieser Workurka.” Milo Schatzova: “Was willst du von einem Komiker?“ Heydrich: “Aber den Komiker liebst du.” Milo Schatzova: “Schon eifersuechtig!” Heydrich, befreit sich gewaltsam aus der Umschleierung, verlaesst das Bett: “Wenn dir das Leben deiner Liebhaber lieb ist, vergiss nicht, wer ich bin!” , Milo Schatzova ist von ihrem Platz gewichen, steht ihm gegenueber: “Henker Heydrich, sagen deine Schmeichler.” Heydrich stelzt im Halbkreis um sie her: “Auf der Liste fehlt der Einundfuenfzigste, Wokurka.” Milo Schatzova: “Ich bin gekraenkt, mein Name war dir weniger gelaeufig. Was soll es mit der Liste?” Heydrich, unbeherrscht: “Morgen, spaetestens ueber- morgen wird Prag sie auswendig wissen. In der Luft w$rd 1 77 sie abzulesen sein, wo fuenfzig Verschwoerer haengen werden- jetzt einer mehr.” Milo Schatzova, schreit auf: “Christi Himmels Willen, mein armer alter Kamerad!" Sie faellt gebrochen auf den Bodenbelag. Heydrich, Triumph: “Hab’ ich dich?” Milo Schatzova, starr: “Du hast mich.” Sie stoehnt in ihren Schoss: "Ich haette mir damit nichts anfangen duer- fen.” Heydrich: “Hinterher die Reue. Mich betruegt keiner." Milo Schatzova: “Laesst du mir dafuer die Zeit? Die Kraft? Macht es mir denn Vergnuegen? Ich kenne den maennlichen Koerper von der weniger erotischen Seite.“ Heydrich: “Von welcher? Gestehe!” Milo Schatzova, steht auf: “Aus dem Pathologischen Institut. Bevor dein Amtsvorgaenger unsere Universitaet zusperrte, war ich eine Medizinerin und sezierte Leichen." Heydrich: “Das musste kommen. Der Revuestern geht ueber Kadavern auf. Der Stern des Protektors desgleichen. Schatzova! Milo! Du mit deinem Reinhard Heydrich, wir haben uns gesucht und gefunden.” Er bietet ihr die Hand an. Milo Schatzova, kurzes Zoegern, sie nimmt die Hand: “Das Paar, wie man es traeumt.” Heydrich: “Dies, meine Beste, ist endlich nackte Wirklichkeit.” Milo Schatzova: “Einverstanden. Daher hast du gewiss die Guete, mir nicht meine zweite Karriere zu verderben. Die Medizin wurde mir abgeschnitten. Wenn durch meine Sfihuld der Wokurka haengen muss, liegt auch die Bueh- nenlaufbahn hinter mir.” Heydrich: “Beruhige dich!” Milo Schatzova: ' "Ich bin ruhig, ich kenne dich. Rein- hard! Von uns beiden bist du der groessere Komoe- diant.” Heydrich, geschmeichelt: “Man kann der Meinung sein." Er hat sich gesetzt, er zieht sie auf sein Knie. Milo Schatzova, taendelnd: “Einer mehr oder weniger auf deiner Liste, im Grunde laesst mein fuenfzigjaehriger Kollege dich kalt.” Heydrich: “Wokurka, schon fuenfzig?" Misstrauisch: "Er kam mir juenger vor.” Milo Schatzova: “Unter der Schminke. Aber hoere, mein Kleiner, deine Todes-Liste muss reizvoll sein.” Heydrich: “Auch du? Schau einer die Flimmerdiva, ihre Augen leuchten, sie moechte haengen sehen.” Milo Schatzova: “Ich bin wie du. Erfuelle mir eine Bitte, die erste. Zeig’ deine Liste her!” Heydrich: “Aber....” Milo Schatzova: “Du machst Geschichte. In der Geschichte labt immer der maechtige Despot sich mit seiner verruchten Geliebten an den Opfern, die sie abmurksen werden.” f Heydrich: “Entzueckende Kanaille!” Milo Schatzova: “Reini, dummer Galgenstrick, wo bleibt die Liste?” Heydrich: “Aber die ist noch in der Anfertigung. Bei der Gestapo natuerlich.” Bereitwillig: “Der Kommissar heisst Blumentopf!” Milo Schatzova: “Auf zu Blumentopf!” Im Abgehen: Bis morgen huetest du das Bett, du bist ueberreizt, dir koennte etwas zustossen, ich ueberlebe es nicht.” Sie eilt durch die Mitte, den Weg, den sie gekommen war. Heydrich, gibt es auf, ihr zu folgen. Als sie fort ist: Blumentopf wirft sie hinaus. Haette er gar den Einfall, sie selbst auf die Liste zu setzen, dann war es Schicksal.” 179 Nach naeherer Pruefung: ‘‘Nein! Verdammt, die will ich nicht los sein.” Er geht zu Bett. 56 Hauptmann Krach oeffnet von aussen die geheime Tuer, die hervortretende Milo Schatzova empfaengt er wortlos mit der Ehrenbezeigung. Milo Schatzova spricht nicht, ihr Gesicht ist ploetzlich verstoert, sie versucht zu laufen. An einer Ecke der verwickelten Gaenge stoesst sie mit einem Mann zusammen. Hauptmann Krach: ‘‘Wollen Sie achtgeben, Kommissar Blumentopf!” Der Geheime, die Hand auf dem Herzen: “Ich bin ganz Demut, ganz Gehorsam.” Milo Schatzova: “Blumentopf? Sie bringen die Liste.” Der Geheime: "Zu Befehl.” Milo Schatzova: “Der Protektor will die Liste jetzt nicht sehen. Er hat sich zur Ruhe begeben. Fuer die Exekution Ihrer fuenfzig Freunde wird der Protektor wieder aufstehen.” Der Geheime, freudig: “Mir allein bleibt die Auswahl ueberlassen!" Milo Schatzova: "Wir ueberlassen sie Ihnen, Kommissar Blumentopf, in Wuerdigung Ihrer Verdienste.” Hauptmann Krach, fluestert ihr ein: “Ober! Oberkommissar." Milo Schatzova: “Fuer die Sie ein Chef geworden sind, Oberkommissar, und sollen mit meiner Hilfe noch hoeher steigen.” Der Geheime, haendereibend: “Geheimrat Rumfutsch hat wenig Aussicht, auf seinen Posten zurueckzukehren.” 180 Milo Schatzova: “Weil er auf Ihrer Liste steht. Nachdem wir von den fuenfzig Namen Kenntnis genommen haben, entscheiden ich und Reinhard, ich will sagen der Protektor, welcher der Namen durch Ihren ersetzt werden soll.” Der Geheime, erschrickt furchtbar, das Papier, das er schon in der Hand hielt, entfaellt ihm. Hauptmann Krach, hebt es schnell auf, steckt es weg: “Die gnaedige Meinung ist, in welches Amt Sie eintreten anstelle des endgueltig Verhinderten.” Der Geheime, scharwenzelt: “Natuerlich habe ich die gnaedige Meinung richtig verstanden. Meine Dame, zaeh- len Sie auf mich, wie ich auf Sie! Brot schmeckt suess, ueberall.” Hauptmann Krach: “Vertraulichkeiten eruebrigen sich.” Milo Schatzova, will gehen: “Hauptmann Krach!" Hauptmann Krach, geleitet sie, den Arm aufmerksam hinter ihr gerundet, fuer den Fall dass sie schwach wuerde. Der Geheime, verharrt tief geneigt, bis die Beiden verschwinden. 57 Die Burgwache tritt ins Gewehr, als Milo Schatzova mit Hauptmann Krach den bereitgehaltenen Wagen des Protektors besteigt. Eine Strecke wird schweigend zurueckgelegt. Milo Schatzova: “Es geht wieder. Die Liste!” Hauptmann Krach, ueberreicht sie ihr, sieht diskret aus dem Fenster. Milo Schatzova: “Der Chauffeur soll langsam fahren Wozu nach Haus? Oder was tu ich im Rococo? Auftreten? Und hier, die fuenfzig Menschen!” 181 Hauptmann Krach, oeffnet die glaeserne Scheidewand, befiehlt: “Nach der Wassergasse mit hoechstens 30 Kilometer Geschwindigkeit,” und schliesst die Scheibe sorg- faeltig. Milo Schatzova: “Zu viel, damit werd ich nicht fertig. Hauptmann Krach: “Zlecna Milo! Machen Sie sich nichts daraus, alles kommt immer entgegengesetzt, wie wir seit gestern wissen.” Milo Schatzova: “Gestern! Da hielt ich in meiner armen, mitschuldigen Hand noch kein einziges Todesurteil, geschweige fuenfzig.” Hauptmann Krach: “Hatten Sie nicht auch den Eindruck, dass kurz vor uns ein anderer Wagen abgefahren war? ” Milo Schatzova: “Von der Burg, ein anderer Wagen? Was soll das? Ah! der Protektor.” Hauptmann Krach: “Sie glauben selbst nicht, dass er es mit sich allein noch aushaelt.” Milo Schatzova, ihm in die Augen: “Wieviel wissen Sie?” Hauptmann Krach, hebt die Schultern: “Er bleibt ein Traeumer stets und haengt am Weibe.” Milo Schatzova: “Das scheint ein Vers zu sein. Verse- fuer Henker Heydrich! So laesst er sich von mir nennen.” Hauptmann Krach: “Da sehen Sie’s.” Milo Schatzova: “Er will nicht sein wie sein Bekannter, der deutsche Oberst in Norwegen, der unter staendi- gem Selbstbedauern alle hinrichten laesst.” Hauptmann Krach: “Ein deutscher Protektor darf sich unter keiner Bedingung leid tun.” Milo Schatzova: “Sie halten auf deutsche Wuerde. Die muss ich wahren, ich die Schatzova. Lesen Sie mit! Die Liste traegt weniger deutsche Namen als tschechische.” Hauptmann Krach: “Aber was fuer deutsche. Ich bin 182 entsetzt. Wenn die Gestapo dem Protektor ans Leben wollte, genau dieses Verzeichnis haette sie verfasst.” Milo Schatzova: “Die tschechischen Namen sagen Ihnen nichts.” Hauptmann Krach: “Doch. Es sind Ihre Freunde, hier steht Ihr Lehrer.’’ Milo Schatzova: “Es ist mein Prag und alles, was mir von ihm uebrig blieb.” Ihr schaudert: “Hauptmann Krach, wer sind Sie?” Hauptmann Krach: “Das fragte mich heute schon einer. War es der Protektor? Ich bin ein gewoehnlicher Normaler, — die jetzt* selten werden.” Milo Schatzova, ruht ihren Kopf an seiner Schulter aus: “Was soll ich tun?” Hauptmann Krach: “Ihn warnen. Folgt er dieser Liste, die geopferten Tschechen wuerden ihm gefaehrlich werden wie die hingemordeten Deutschen. Das Land mitsamt der Besatzung hetzt ihn, bis er faellt.” Milo Schatzova: “Wer will das?" Hauptmann Krach: “Wird nie an den Tag kommen. Er ist nicht mehr genehm.” Milo Schatzova: “Das soll ich ihm sagen? Seine Antwort wird sein, dass er die Liste um einige Namen ver- laengert.” Der Wagen haelt. Hauptmann Krach befiehlt dem Chauffeur: “Warten Sie auf den Protektor!” Milo Schatzova: “Auf wen?” Hauptmann Krach: “Nur der Vorsicht wegen begleite ich Sie ueber die dunkle Treppe. Ihnen ist wieder ganz wohl.” 183 58 Milo Schatzova oeffnet die Tuer ihrer Wohnung. Hauptmann Krach: “Den zweiten Schluessel hat der Protektor.” Milo Schatzova: “Warum?” Hauptmann Krach: "Weil er drinnen sitzt. Milo Schatzova folgt seinem Blick. Hinter einer Glas- tuer ist Pavel zu sehen, wie er, fertig in Uniform, vor dem Spiegel seine Maske verbessert. Sie wendet sich nach Hauptmann Krach um: “Schnell! Verschwinden Sie!“ Hauptmann Krach, ist schon nicht mehr da. Milo Schatzova, entsetzt: “Er hat es gewusst!” Pavel, ihr entgegen: “Wer hat was gewusst? Aber Milo, wie siehst du aus.” Milo Schatzova: “Hauptmann Krach sagte mir gleich unten, dass du oben bist. Er sagte, undurchdringlich wie immer, da sitzt der Protektor.” Pavel: “Ganz natuerlich. Aber du, Milo, du?” Milo Schatzova: “Ich, ganz natuerlich sehe ich aus wie vor der Hinrichtung.” Pavel: “Wessen?” Milo Schatzova: “Es sind nur fuenfzig.” Sie wankt und kommt gerade noch auf den Divan zu sitzen. Pavel: "Milona! Militschka! Eine so verstaendige Person, war’s denn nicht klar vorher zu sehen, dass er Dummheiten machen wuerde, der arme Kerl?” Milo Schatzova: “Einen armen Kerl nennst du das Ungeheuer!” Pavel: “Ein verabscheuungswuerdiges Ungeheuer, mir verhasster ‘mit jedem Tag. Ein Kranker natuerlich. Im Pathologischen Institut wuerde ich ihm kaltbluetig das Gehirn herausoperieren.” 184 Milo Schatzova: “Bravo!” Pavel: “Aber ich taete es am Lebenden. Er weiss nicht mehr, wer er ist.” Milo Schatzova: “Bald wirst du mir unheimlich wie Hauptmann Krach.” Pavel: “Ich bin unheimlicher. Meine Erfolge raechen sich an mir.” Milo Schatzova: “Du schnappst ueber.” Pavel: “Begreife nur, ich habe mich zu beruehmt gemacht.” Milo Schatzova: “Ihn vielmehr.” Pavel: “Uns beide: Der Protektor von Boehmen-Maeh- ren, gleichviel welcher, seit meinen sensationellen Taten steht er zu hoch in der Gunst des Fuehrers.” Milo Schatzova: “Er? Du? Es ist um den Verstand zu verlieren.” Pavel: “Wer hatte die historische Unterredung? Wem verlieh der Fuehrer die Gewalt ueber Leben und Tod?" Milo Schatzova: “Du bist uebergeschnappt.” Pavel: “Du sagst es. Mein Erfolg hat mich erstens ver- rueckt gemacht. Zweitens musste er mir unerbittliche Feindschaften zuziehen.” Milo Schatzova: “Darum willst du alle haengen.” Pavel: “Des Glanzes wegen — und in der Notwehr. Mir selbst wird nach dem Leben getrachtet.” Milo Schatzova: “Von....” Pavel: “Von meinen Neidern. Mein Sinnen und Trachten ist, Wen ich gegen sie ausspielen koennte. Herkoemm- licherweise, meine Gestapo. Milo Schatzova, haelt ihm die Liste vor Augen: “Deine Gestapo taucht dich in Schokolade. Unterschreibe dies und du bist geliefert, sagt Hauptmann Krach.” Pavel: "Ein wirklich echter Deutscher.” Milo Schatzova: “Echter als du, der Protektor.” Pavel: ‘‘Echter als du, die Geliebte des Protektors.” Milo Schatzova: "Aber ich bin es!” Verzweifelt beisst sie ihre Hand.” Pavel: “Unser erotischer Umgang gipfelt darin, dass du mir die Liste entlockt hast.” Milo Schatzova: “Nicht einmal soviel. Ich bekam sie von Blumentopf.” Pavel: “Schau schau, mein Blumentopf. Daran erkenne ich ihn.” Milo Schatzova, aengstlich: “Mir kommt vor, du haeltst dich tatsaechlich fuer....!” Pavel: “Ich buesse es, dass ich mir das Gehirn eines Unmenschen aneigne. Mir bleibt nur uebrig, ihn vor sich selbst zu retten.” Milo Schatzova: “Anstatt ihn einfach kalt zu machen.” Pavel: “Wer kaeme dann? Meinst du, es bliebe bei fuenfzig Gehaengten?” Milo* Schatzova: “Rette wenigstens die Fuenfzig auf deiner Mordliste!” Pavel: “Das auch. Das mit der linken Hand. Du sollst eine Galgenszene erleben!” Er vertieft sich in die Liste. Zerstreut spricht er: “Kameradin Milo, bei der Buehne sagt ihr wohl: in einer Rolle aufgehen, und versteht euch selbst nicht.” Milo Schatzova, folgsam: “Dort erwarten sie mein Auftreten, ich habe Verspaetung.” Pavel: “Einer wartet ungeduldig. Ihn hat es zu Haus nicht gelitten: Sitzt laengst in meiner Proszeniumsloge.” Milo Schatzova: “ln deiner-. Ah! Der falsche Protektor. An ihn hatt’ ich vergessen- wie an den Tod.” Vom Ausgang her ruft sie: “Ich muss deinen Wagen nehmen. In zehn Minuten steht er wieder da unten.” Als sie fort ist, faellt Pavel mit der Stirn auf die Liste. 186 I Er schluchzt trocken: ‘‘Keine Traenen! Nicht den Protek tor beschaedigen!” 59 Pavel, im Fortgehen auf der dunklen Treppe. An einer Wendung tritt Hauptmann Krach hervor. Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, Wagen soeben vorgefahren.” Pavel: “Sie kommen mit.” Hauptmann Krach:* "Ganz gehorsamst bitte ich, Excel- lenz vor dem Hause des Professors Napil erwarten zu duerfen. Der Fahrer hat die Weisung.” Pavel: “Woher wissen Sie, dass ich dorthin will? Nun gut, Sie wissen.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl. Auf der Fahrt koenn- te ich stoeren. Ihr Wagen wird schaerfstens bewacht vom Oberkommissar Blumentopf persoenlich.” * Pause. Das Uebrige wird weniger gesprochen als angedeutet. Pavel: “Haben Sie etwas bei sich?” Hauptmann Krach, gibt ihm einen Revolver, den Pavel im rechten Aermel verwahrt. Unter der linken Hand laesst er etwas wie einen Bleistift sehen. Hauptmann Krach: “Sehr wohl.” Pavel betritt allein die Strasse, die Ordonnanz oeffnet ihm den Schlag. Bevor der Fahrer auf seinem Platz zu- rueck ist, steigt drueben der Geheime Blumentopf ein. Der Wagen startet. Der Geheime, neben Pavel: “Mit gnaediger Erlaubnis Eurer Excellenz ist Ihre Sicherheit bedroht.’ Pavel: “Ich habe Ihre Liste. Im Ganzen bin ich einverstanden." 187 Der Geheime: “Dann ueberlassen Sie mir auch diese Kleinigkeit.” Schneller getan als gesagt, reisst der Geheime dem Protektor das Baertchen von der Lippe. In demselben Augenblick kruemmt er sich schon, die Muendung des Revolvers drueckt ihm das Herz. Pavel: “Sie sind einer alten Versuchung erlegen, Geheimrat Blumentopf.” Der Geheime: “Geheimrat! Nicht ich verdiene die jae- he Rangerhoehung, aber mein treues Herz. Bitte, bitte, nehmen Sie den Druck davon weg!” Pavel: “Sie vergessen die Fliege, Sie Loewe.” Geheimrat Blumentopf, beeilt sich das Baertchen wieder anzukleben wie vorher: “Sie konnten und konnten nicht in der Wassergasse sein, indessen Sie zu Hause schliefen.” Pavel: “Ich schlafe nie. Wenn noetig, schiesse ich.” Geheimrat Blumentopf beendet die Toilette Pavels umso schneller. Er begutachtet, was er vollbracht hat: “Den Protektor ganz allein geht es an, wenn er seinem, vielleicht mangelhaften Bartwuchs nachzuhelfen geruht.” Pavel: “Meinem blonden Haarwuchs.” Geheimrat Blumentopf: “Ihrem blonden.” Pavel: “Geheimrat Blumentopf, Sie sind von Ihrem verewigten Freunde Ziegensack erblich belastet in dieser Welt zurueckgelassen worden. Die krankhafte Vorstellung von der Existenz eines Doppel-Protektors verfolgt Sie, soviel Sie dagegen anwenden.” Geheimrat Blumentopf: “Soviel Excellenz dagegen anwenden. Jetzt haben Sie mich befoerdert, es hilft alles nichts.” Pavel, gruesst aus dem Fenster die aufgepflanzten Passanten: “Gruessen Sie mal mit!” Geheimrat Blumentopf wendet den Hals. Pavel gruesst. Seine rechte Hand ist immer noch von der Waffe beansprucht. Seine linke sinkt langsam bis zur Hoehe des Blumentopf’schen Ohres, auf dessen Gehoergang sein Bleistift zielt. Geheimrat Blumentopf, seufzt einmal auf. Versagende Stimme: “Es gibt nur einen.” Er sitzt aufrecht angelehnt, die Augen offen und starr, der Mund, als ob er sprechen wollte. Pavel: “Sie sind auf dem Wege der Besserung, Geheimrat Blumentopf. Hoeren Sie nicht? Eine leichte Stoe- rung — schon vorbei, bis ich wieder unten bin.” Der Wagen haelt, die Ordonnanz oeffnet. Pavel: “Geheimrat Blumentopf beaufsichtigt von hier aus die Strasse. Sie haften mit Ihrem Kopf dafuer, dass niemand ihn anspricht.” Die Ordonnanz: “Zu Befehl, Excellenz.” Pavel: “Sie decken mit Ihrer Kehrseite den Wagenschlag.” Die Ordonnanz: "Melde gehorsamst, dann sieht er nichts. Pavel, drohend: “Sie sieht er.” Die Ordonnanz erschrocken: “Zu Befehl.” Pavel stelzt nach dem Haus, wo Professor Napil wohnt. Mehrere Geheime, die darueber wachen, tun als bemerkten Sie den Protektor nicht. Auch Pavel scheint sie nicht zu beachten. Gegen das offene Haustor spricht er: “Die Verhaftung nehme ich persoenlich vor. Ich will kein Aufsehen. Die Kontrolle wird eingestellt- auch hinten.” Er tritt ein. Die Geheimen, untereinander, mit Blinzeln, aber ehr- fuerchtig: “Er kennt das Durchhaus wie ein alter Prager.” Einer: “Bringen wir ihnen drueben wirklich den Befehl?” 189 Ein anderer: “Finassieren, mit ihm? Er ist dabei, aucn wo er nicht ist.” 60 Pavel, mit Professor Napil, in seinem Buecherzimmer: Licht faellt nur von den Strassenlaternen herein, und die geschlossenen Vorhaenge der Fenster halten das meiste ab. Professor Napil: “Wer ist das? Wie kommen Sie herein?” Pavel, kann nicht sprechen. Professor Napil: “Sie sehen mich vielleicht nicht? Pavel, mit seiner natuerlichen Stimme, sehr beklommen: “Danke, es ist noch immer zu hell. Niemand verbot mir einzutreten, weil ich_ Professor Napil: “Weil Sie_” Pavel: "Ich gleiche mir nicht.” Professor Napil: “Wenn Sie mich kennen, finden Sie. dass ich mir noch gleiche?” Pavel, leise: “Nein.” Immer leiser: “Verzeihen Sie mir!” Professor Napil: “Wem? Bei uns ist keiner, der nicht leidet.” Pavel: “Durch einen einzelnen Elenden.” Professor Napil: “Seinesgleichen sind jetzt viele, ueber- all. Seine nicht geglaubte Eitelkeit macht ihn grausam. Solange er martert, vergisst er, dass er ein Nichts ist. Sie sind wohl hier, um Aehnliches von mir zu hoeren. Ich werde beobachtet.” Pavel: “Spion — bin ich nicht. Der Protektor hat verdient, was Sie ihm sagen.” Pause. Professor Napil blickt an Pavel vorbei. Endlich, im Ton der tiefsten Gleichgueltigkeit: “An den Pro- 190 tektor, wenn er vor mir stuende, verschwende ich kein Wort.” Pavel, flehentlich: “Sehen Sie mich doch nur an!” Professor Napil: “Umsonst. Ich bin zerruettet durch alles, was vorgeht. Von meiner Sehkraft bleibt mir ein unbedeutender Rest.” Er entfernt seine grauen Glaeser, die Augen sind geschlossen: “Am besten so.” Pavel, schwach und stuermisch, ohne Wechsel der Stimmlage: “Ich bin der Protektor- bin nicht er, aber jede Stunde, die vorbeigeht, verwandelt ihn und mich, bis wir derselbe sind.” Professor Napil: “Jetzt hoere ich dich sprechen, Pavel Ondracek.” Er setzt sich. Pavel, kniet vor ihn hin: “Professor Napil, ich glaube an die ewige Guete. Ich bin bei Ihnen.” Professor Napil, will den gesenkten Scheitel Pavels beruehren, zieht die Hand zurueck: "Ich weiss nicht, was ich da beruehren wuerde.” Pavel: “Einen sehr schuldigen Kopf.” Professor Napil: “Nur den Kopf? Dann waere dir noch zu helfen.” Pavel: “Nein. Das Herz unter dieser Uniform wird nachgiebiger gegen das Boese. Mich freuen meine Erfolge.” Professor Napil: “Die Erfolge des Protektors.” Pavel: “Meine. Kein gelegentlicher Vertreter haette sie gehabt.” Professor Napil: “Dein neuester Treffer ist ein Massenmord.” Pavel, schluchzt still, heftig und lange. Professor Napil, tastet mit den Fingerspitzen nach dem Gesicht des Knieenden: “Traenen duerfen — sein Gesicht nicht entstellen. Der Strick ist uns allen uebergeworfen von — ihm.” 191 Pavel, springt auf, schreit auf: “Von mir!" Er erschrickt und raunt: “Wir haetten es nicht gekonnt ohne die unbemessene Macht, die ich allein uns errang.’ Professor Napil: “Kampf und Errungenschaft- muessen einen Grund haben.” Pavel: “Ich dachte ihn zu stuerzen. Ich hasse ihn.” Professor Napil: “Selbsthass! Euch beide stuerzen. Troeste dich, euer Abgang will bezahlt sein. Auf jeden erlegten Schreckensmann kommen so viele Tote als seine Gewebe an Zellen hatten, seine Ganglien an Gedanken.” Pavel, angstvoll: “Meister! Haette ich es nicht beginnen sollen?" Professor Napil, fest: “Du musstest, Pavel Ondracek.” Pavel: “Es war absurd. Dass ich vor Ihnen nicht fehlgreife, Meister! Der Anfang — und dass er gelingen konnte — war absurd. Streng logisch war, was Schritt und Tritt daraus wurde. Sogar der Meister darf mit dem Verlauf zufrieden sein.” Professor Napil, laechelt: “Denn morgen werde ich ge- haengt.” Pavel: “Denn logisch wie je, widerruft der Protektor.” Professor Napil: “Welcher Protektor? Ich frage falsch. Ein Protektor, ein Strick, und wenn er klug ist, ein Widerruf. Stimmt es so?" Pavel, dringend: “Fuer jeden eintretenden Fall muessen Sie verreisen.” Professor Napil: "Das Weite suchen? Wer laesst mich auch nur dieses Zimmer verlassen?” Pavel: “Hier, Ihre Paesse.” Er gibt sie ihm in die Hand: “Sie sind in Ordnung.” Professor Napil: "Der Protektor muss es wissen. Mit noch weniger Recht als du, stellt auch der Andere keine Paesse aus.” Pavel: “Ich kann Sie in Sicherheit bringen, er nicht. Sie werden heute abend auf das Land gefuehrt und erwarten Ihren Zug, er faehrt morgen, man begleitet Sie.” Professor Napil: “Wenn ich dir danken wollte....” Pavel: “Wuerde ich antworten, dass ich die erbarmungslose Logik der Dinge keineswegs durchbreche, weil ich ausser der Reihe wie ein Mensch handele.” Professor Napil: “Nackt sich der Ungeheuer erwehren, dieses unser bestaendiges Leben und ganzer Beruf geben sogar dem fluechtigsten Entschluss, Mensch zu sein, das Ansehen eines freien Verdienstes. Sei bedankt!" Pavel: “Ihr niedrigster Schueler dankt Ihnen, wenn Sie ihn nicht ganz verwerfen. Als Mediziner erlernte ich vom Menschen einen Teil, mir scheint, den leichteren. Ich hoerte aber Ihre Philosophie des anderen Teiles. Mit Wesen, vielfaeltig wie ihr Schoepfer, von ihrer Schoepfung bestimmt wie er von seiner, und auch unsichtbar im Grunde — hab’ ich es aufgenommen.” Professor Napil: “Hattest es aber von dem Lehrer, der dich wissend machte. Wieviel Unheil oder Heil du Knabe jetzt verbreitest, den Antrieb messe ich mir bei. Jetzt lernen wir beide ein Kapitel- ueber die Verteilung der Schuld.” Pavel, besinnt sich: “Ich bin kein Student mehr.” Professor Napil: “Sondern?” Pavel, Stimme des Protektors: “Professor Napil, ich verhafte Sie.” Professor Napil: “Excellenz verspaeten sich. Ich bin verhaftet.” Pavel: Hoechst persoenlich nehme ich Sie in Gewahrsam. Sie buergen mir dafuer, dass dieses Volk die Aus- brueche seines Wahnsinns zurueckstellt.” Professor Napil: “Ich verstehe. Sie benutzen mich als Geisel.” Pavel, oeffnet die Tuer. “Kommen Sie!” 193 Mehrere Frauen, die hinter der Tuer standen, erheben flehend die Haende. Professor Napil: “Seid Ihr da? So fuerchtet fuer mich nichts! Ein einfacher Ausgang.” Pavel befiehlt ihnen: “Mantel, Hut! Den Stock nicht zu vergessen.” Der alten Gattin ins Ohr: “Sagt den Leuten, er sei in Sicherheit.” Er fuehrt Professor Napil die Treppe hinab und durch das Haus bis zu dem Tor nach der hinteren Gasse. Die naechste Lampe ist weit entfernt. Hauptmann Krach, tritt aus dem Dunkel: ‘ Melde Excel- lenz gehorsam, Hauptmann Krach zur Stelle.” Pavel: “Sie haben einen Wagen auf dieser Seite.” Hauptmann Krach, weist in die Dunkelheit: “Zu Befehl.” Pavel: “Und fahren ihn selbst.” Hauptmann Krach, schweigt. Pavel: “Gut. Sie fuehren Professor Napil nach Lidice, ueber das Dorf hinaus zum Hof des Bauern Ondracek. Es sind wohlgesinnte Leute, sie werden den Gefangenen beaufsichtigen. Seine Familie folgt nach.” Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, der Wagen ist ein Jagdwagen, in einer Stunde acht Minuten bin ich zu- rueck.” Pavel: “Im Theater Rococo. Sie kommen zum Schluss 'der Vorstellung. Sie wissen, wo Sie mich finden.” Hauptmann Krach: “Ich weiss, wo ich — den Protektor finde.” Pavel: “Dort erhalten Sie weitere Befehle.” Hauptmann 'Krach: “Heil Hitler!” Mit Professor Napil, halb traegt er ihn, in das tiefere Dunkel. Wenige Schritte, sie sind verschwunden. 194 Pavel tritt aus dem vorderen Tor des Durchhauses. Die Ordonnanz, noch immer mit dem Ruecken gegen den Wagenschlag, reisst ihn auf. Pavel befiehlt: “Nach der Burg.” Pavel, solange die Ordonnanz die Tuer in der Hand hat: "War hier alles in Ordnung, Geheimrat Blumentopf?” Keine Antwort. Die Fahrt vergeht mit Schweigen. Sie ist nahe am Ziel. Geheimrat Blumentopf, ploetzlich normal: “Soeben die Wassergasse, schon die Burg, Excellenz haben Eile.” Pavel: “Allerdings. Sie haetten sich wer weiss wo auf- gehalten. Ich habe Geschaefte.” Geheimrat Blumentopf: “Morgen vor Sonnenaufgang findet die grosse Hinrichtung statt. Fuenfzig.” Pavel: “Der Einundfuenfzigste ist gefunden.” Geheimrat Blumentopf: “Wokurka!” Pavel: “Ich hoere immer Blumentopf. Ihre beispiellose Treue allein wird meine Taeuschung berichtigen.” Geheimrat Blumentopf: “Die Treue ist das Mark der Ehre.” Anfahrt im Burghof. Die Wache tritt ins Gewehr, der Offizier stuerzt herbei. Pavel: “Sturmbannfuehrer Jellinek!” Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl, Excellenz.” Pavel: “Gestern war ich gegen Sie unfreundlich.” Der Sturmbannfuehrer: “Kassiert, eingesperrt, Hungerkur und Umschulungslager, melde gehorsamst. Aus Mangel an Offizieren mach’ ich vorlaeufig Dienst." Der Sturmbannfuehrer, verstaendnislos, aber begeistert: Pavel: “Ihre Strafen sind aufgehoben,-obwohl Strafen nicht verdient sein muessen. Sie sind immer verdient.” Zu Befehl. Untertaenigsten Dank. Heil Hitler!” Pavel: “Sie werden mir die beiden Arrestanten vor- fuehren.” Der Sturmbannfuehrer: “Excellenz haben alle flottweg ins Kitchen gesteckt. Verzeihen Excellenz meine frischfromme Ausdrucksweise, ich bin froehlicher Rheinlaender. Pavel: "Sie wissen, wen ich meine. ’ Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl. Geheimrat Rumfutsch, Oberst Schalk. Ich habe die Aufsicht ueber die Herren.” Pavel: “Die liefern Sie oben bei mir ab. Den Mann, der dort vorn das Freie sucht, bringen Sie mit. Bei Widerstand ins Kitchen mit ihm!” Der Sturmbannfuehrer, begeistert: “Kommissar Blumentopf, wie gern!” Pavel: “Nennen Sie ihn Geheimrat! Wahren Sie Ihre Grenzen!" Der Sturmbannfuehrer, im Anlauf, vermeidet einen Fall: “Geheimrat, das Schwein!” Er laeuft, in der Hoffnung, dass der Protektor nichts gehoert hat. Pavel, ruft ihm nach: “Heute ernannte ich Geheimrat Blumentopf, in Wuerdigung seiner Treue.” Geheimrat Blumentopf, dem der Sturmbannfuehrer den Ausweg abschneidet: “Das Mark der Ehre!” — Er wird ergriffen. Pavel, stelzt nach dem Eingang, er spricht laut, die Wachen hoeren: “Unnachsichtig aufraeumen! Zustand! Ein Arrestant bewacht die anderen. Das ist kein deutsches Protektorat mehr.” 62 Pavel, besichtigt, sein Schlafgemach. Er versetzt das Bett in kuenstliche Unordnung, er legt einen Stuhl um, 196 als waere der Stuhl hingeworfen, er stellt Cognac auf und giesst ein Glas ueber den Tisch. Er laeutet. Der Kammerdiener tritt ein und erschrickt. Pavel: “Sie sind der Mann, den Hauptmann Krach mir besorgt hat.” Der Kammerdiener: “Eurer Excellenz zu dienen." Pavel: “Sie koennen tschechisch. Die Dame in ihrer Erregung drueckte sich manchmal tschechisch aus. Ich habe nicht verstanden, aber Sie, hinter der Tuer.” Der Kammerdiener: “Zu Diensten. Die Dame verlangte, stuermisch sogar, dass der Protektor die Hinrichtungen hinausschieben moechte.” Pavel: “Sie wollte nicht im Gegenteil, dass ich die Exekutionen beschleunige.” Der Kammerdiener: “Mit gnaedigster Erlaubnis verhielt sich die Dame durchaus als Dame.” Pavel: “Der Zustand des Schlafzimmers ist auch nicht die Schuld der Dame. Dafuer sind Sie verantwortlich.” Der Kammerdiener: “Excellenz schliefen bis jetzt, ich wagte nicht einzutreten. Verzeihung fuer meinen Fehler!” Pavel, sieht ihn an: “Den Herren, die ich erwarte, brauchen Sie von diesen Tatsachen keine zu verheimlichen. Begriffen?” Der Kammerdiener: “Nach meinen begrenzten Kraef- ten. Unbegrenzt ist meine Ergebenheit.” Am Eingang der Wohnung wird gelaeutet. Pavel: “Oeffnen Sie! Den Sturmbannfuehrer will ich zuerst sehen.” Der Kammerdiener, schon halb draussen. vor sich hin: “Ich bin bewaffnet.” Er schliesst hinter sich die Tuer. Pavel: “Ich auch. So einfach aber liegt dies nicht.” Im entferntesten Vorzimmer. Der Kammerdiener: “Seine Excellenz werden sogleich fertig angezogen sein, sie befehlen den Herren Offizier zu sich. Die drei Herren sind ersucht zu warten. Er weist den Sturmbannfuehrer an: “Gradaus, das vierte Zimmer, ohne Klopfen.” Der Sturmbannfuehrer marschiert munter darauf los. Der Kammerdiener beeilt sich, in ganzer Gestalt den Ausgang zu decken. Moeglichst weit fort von ihm, bilden die drei Herren eine Gruppe. Oberst Schalk: “Was sagt man, er ist da! ’ Geheimrat Rumfutsch: “Dann ist er es! Geheimrat Blumentopf: “Wie kommen die Herren zu den Zweifeln? Der Protektor weilte den ganzen Nachmittag zu Hause, und wie einige sagen....” Hinter der aufgestellten Hand: “Im Schlafzimmer.” Oberst Schalk: “Auf Ihre Wissenschaft wird verzichtet.” Geheimrat Rumfutsch: “Sie.... Kommissar." Geheimrat Blumentopf: “Gestatte mir, mich vorzustellen. Geheimrat Blumentopf.” Geheimrat Rumfutsch: “Wer hat Sie ploetzlich zum Geheimrat gemacht?” Geheimrat Blumentopf: “Natuerlich der Protektor.” Geheimrat Rumfutsch: “Dieser?” Geheimrat Blumentopf: “Ich verstehe wohl nicht.” Oberst Schalk: “Ihr Geschaeft verstehen Sie. Liefern uns ans Messer und lassen sich befoerdern.” Geheimrat Rumfutsch: “Besetzen Sie meine Kanzlei, aber Sie muessen einen Schlosser holen!” Geheimrat Blumentopf: “Ich habe immer das Gefuehl, dass die Herren mir misstrauen- und andererseits, dass ich selbst verhaftet bin.” Oberst Schalk, fuer Geheimrat Rumfutsch: “Sein neuester Trick.” Im Schlafzimmer. Pavel: “Sie sind jetzt im Bilde.” Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl. Oberst Schalk, Ge- 198 heimrat Rumfutsch, der Blumentopf von der Gestapo, alle haben glatt die deutsche Sache verraten. Mir wird schwarz vor Augen.” Pavel: “Nehmen Sie einen Cognac!” Der Sturmbannfuehrer, trinkt: “Heissen Dank.” Pavel: “Dem Anschein entgegen, bin ich ein milder Herr. Sie haben die drei Verraeter niederzuschiessen.” Der Sturmbannfuehrer, will gehen: “Gemacht.” Pavel: “Hiergeblieben!” Der Sturmbannfuehrer: “Melde gehorsamst, ich bin von Gebluet spontan, aufgezogen mit dem Saft unserer Reben.” Pavel: “Setzen Sie Ihren Rheinlaender auf halbe Kraft! Mein Auftrag gilt nur fuer den Fall, dass ich selbst die Herren nicht bis an das letzte Vorzimmer begleite. Sehen Sie mich nicken, dann lassen Sie alle drei frei gehen.” Der Sturmbannfuehrer: “Die Leute sind verhaftet, melde gehorsamst." Pavel: “Sie sind frei, sobald es mir gelungen ist, sie von ihrem Unrecht zu ueberzeugen. Die Verschwoerung, von der Sie hoerten, hat niemals bestanden, wenn ich es nicht will.” Der Sturmbannfuehrer: “Der Protektor ist allmaechtig.” Pavel: “Der Fuehrer ist allmaechtig.” Der Sturmbannfuehrer: “Heil Hitler!” Pavel: “Abtreten! Freuen Sie sich auf die Fangschuesse nicht mehr als noetig. Ich sehe voraus, dass die Herren von mir geleitet Weggehen werden.” 63 Pavel, zwischen den Spiegelw;aenden, schliesst seinen Uniformrock. Er wendet sich um, als die drei Besucher von dem Kammerdiener eingelassen werden. Alle drei: “Heil Hitler!” Pavel: “Heil Hitler! Pardon die Unordnung.” Oberst Schalk, strafend: “Der Kammerdiener kuendig- te uns an, wir wuerden Excellenz noch bei der Toillette finden." Pavel: “Beim Ankleiden, was haben Sie dagegen? Geheimrat Rumfutsch: “Der Kammerdiener, ein geschickter Junge, unterrichtete uns davon, dass Eure Excellenz den ganzen Tag ein Frauenzimmer hier hatten.” Pavel: “Waehrend die Herren in einsamer Zelle sassen. So ist das Leben.” Geheimrat Blumentopf: “Ich wuerde die Schatzova zumindest eine Kuenstlerin nennen.” Oberst Schalk: “Ein kapitales Weib, ist kaum zuviel gesagt. Der Protektor hat weniger gute Einfaelle.” Pavel: “Erinnern Sie mich an einen weniger guten!” Oberst Schalk, drohend gegen Geheimrat Blumentopf: “Dass ich auf seiner Liste stehe.” Geheimrat Blumentopf, weicht nach der Tuer zurueck: “Auf meiner?” Pavel: “Einen Cognac, die Herren. Er staerkt die Moral.” Geheimrat Blumentopf, haelt sich wieder an die Tuer. Oberst Schalk, giesst ein Glas Cognac hinunter. Pavel: “Sie, Geheimrat Rumfutsch, kenne ich als einen Mann. Die Frau bleibt nicht immer unser Spielzeug.” Geheimrat Rumfutsch: “Wahrhaftig nicht. Ich bin fuenf- zehn Jahre verheiratet.” Pavel: “Ich, mit der Schatzova befreundet erst seit gestern, aber schon erlebe ich mein Schicksal. Von dieser Frau komme ich nicht mehr los.” Er steigert sich: “Protektor von Boehmen-Maehren, und jeden Augenblick in Gefahr, dass die Person meinen Willen beugt! Das ertrage, wer kann.” 200 Geheimrat Blumentopf: “Haengen Sie die Schatzova auf!” Oberst Schalk, nach dem zweiten Cognac: “Wenn er das fertig braechte, waere sie nicht die Schatzova,” Geheimrat Rumfutsch: “Ich glaube, man nennt das Hoerigkeit. Muss sehr unangenehm sein.” Pavel: “Es ist die Leidenschaft und ihre Allgegenwart. Sie wundern sich, meine Herren, dass die Kuenstlerin nicht hier ist. Weil in Wahrheit ich selbst nicht hier bin, ich sitze im Theater Rococo.” Geheimrat Blumentopf will entweichen. Pavel: “Sie da! Wohin?” Geheimrat Blumentopf: “Sicherheitsdienst im Theater.” Der Kammerdiener stoesst Geheimrat Blumentopf trotz Gegenwehr in das Zimmer zurueck und schliesst die Tuer. Geheimrat Blumentopf, trocknet seine Stirn. Pavel: “Seien Sie froh, dass Sie nur Angst schwitzen. Wer weiss, was Ihnen im letzten Vorzimmer zugestossen waere.” Geheimrat Blumentopf muss sich setzen. Oberst Schalk und Geheimrat Rumfutsch tauschen ernste Blicke aus. Pavel: “Er hat recht, setzen wir uns! Es handelt sich, wie Sie bemerken, um eine lebenswichtige Verstaendigung.” Geheimrat Rumfutsch: “Wenn der Kammerdiener wirklich unterrichtet ist, spricht Fraeulein Schatzova sich gegen unsere....” Er stockt. Oberst Schalk: “Sich gegen unsere Hinrichtung aus.” Pavel: “Sie verbietet mir meine Massnahmen hinsichtlich der ganzen Verschwoerung.” An Geheimrat Blumentopf gerichtet: “Wie nannten Sie die Verschwoerung?” Geheimrat Blumentopf: “Ich weiss von nichts.” Pavel: “Padesat — war es das?” 201 Geheimrat Blumentopf, die Hand auf dem Herzen: “Nie gehoert. Klingt arabisch.” Oberst Schalk: "Da Sie es erfunden haben, orientalischer Pferdedieb!” Geheimrat Rumfutsch: “Meine Kanzlei will er erben, darum fuenfzig Galgen.” Pavel: “Wer spricht von fuenfzig Galgen. Fuenfzig Patienten haengen bequem an fuenfzehn, etwas gedraengter sogar schon an zehn Galgen.” Oberst Schalk: “Deutsche! Die gelungensten Typen der Herrenrasse an demselben Strick mit hergelaufenen Untermenschen!” Geheimrat Blumentopf: “Jedem sein eigener Strick. Wir beschlagnahmten schon den Seilerladen.” Geheimrat Rumfutsch: “Er gesteht — und alles, um an meinen Posten aufzuruecken.” Pavel, furchtbar: “Man schweige! Die Verschwoerung ist Tatsache. Aber keine unwichtigen Nachgeordneten sind gemeint, die haengen nur. Der Protektor soll fallen, die Hochverraeter halten ihn fuer sterblich. Es kommt noch schlimmer. Unantastbar ist ein Einziger, an ihm vergreifen sich die Verschwoerer.” Schaurige Stille. Oberst Schalk, besinnt sich, steigt steil in die Hoehe. “Heil Hitler!” Geheimrat Blumentopf, erhebt sich entgegenkommenderweise: “Seiner Excellenz und den anderen Herren kann ich versichern, dass der Fuehrer aus dem Spiel ist.” Pavel: ‘.‘Sie, Geheimrat Blumentopf, sind mit hohem Einsatz im Spiel. Sie werden mir zu guter Letzt den nennen, der es leitet.” Geheimrat Blumentopf: “Eure Excellenz verlangen von einem bis in den Tod Getreuen, dass er das Amtsgeheimnis bricht.” 202 Pavel: “Vorher, einen Cognac!” Die drei Gaeste nehmen wieder Platz und trinken. Geheimrat Blumentopf scheint es am noetigsten zu haben. Geheimrat Rumfutsch: “Mir ahnt allerlei.” Oberst Schalk: “Intrigen und Machenschaften sind fremde Begriffe fuer einen alten Soldaten.” Pavel: “Soviel begreifen Sie, ich habe den Protektor von Boehmen-Maehren beruehmt gemacht. Gewissen Personen ist er zu gross geworden.” Oberst Schalk: “Zweifellos, Wer nahm schon mal am Telephon historische Aeusserungen des Fuehrers ab — dermassen historisch, dass unsereinem der Verstand stillsteht.” Geheimrat Blumentopf, begeistert: “Keinem seiner Quislinge hat der Allgewaltige sein Recht auf jeden erwuensch- ten Todesfall uebertragen, nur unserem deutschstaemmigen Protektor!” Geheimrat Rumfutsch, zieht ein Telegramm hervor: “Noch mehr. Eine Minute bevor Kommissar Blumentopf mich verhaftete—.” Geheimrat Blumentopf: “Damals war ich immer schon Geheimer Oberkommissar.” Geheimrat Rumfutsch: “Eine Minute vorher lief diese chiffrierte Drahtmeldung des Feldmarschalls von Brauchitsch bei mir ein. Erst in meiner Haft konnte ich sie entziffern. Geruhen Excellenz selbst zu lesen.” Pavel, liest: “Der Feldmarschall bestaetigt sein Telephonat mit Hauptmann Krach. Der Fuehrer hat beschlossen, dem Protektor sein Verhaeltnis zu der tschechischen Schauspielerin Schatzova in Gnaden zu bewilligen. Er erhebt die Schatzova in den Stand einer Ehrendeutschen.” Jubel der Geretteten, aller drei: “Heil Hitler!” Oberst Schalk: “Die Schatzova schenkt uns das Leben. Dies Glas der Schatzova!” Er trinkt aus. 203 Geheimrat Rumfatsch: Da der Protektor bei ihr hoe- rig ist.” Er trinkt aus. Geheimrat Blumentopf: “Auch ich. Er trinkt aus. Pavel: “Geheimrat Blumentopf, Sie wollen nicht sagen, dass Sie hoerig sind. Ein Schwachkopf wtollen Sie sagen. Geheimrat Blumentopf, reumuetig: “Spaet, sehr spaet erkenne ich, dass Padesat mir schlecht bekommen waere. Der Fuehrer wuerde entsetzlich leiden, wenn er seinen Lieblingsprotektor verloere. AVie lange wissen Excellenz, dass Sie durch Padesat gestuerzt werden sollten?” Pavel: “Seit ich wteiss, dass ich ausersehen bin als Nummer zwei, Nachfolger des verloren gegangenen Hess. Es gibt jemanden, den der Gedanke stoert. Geheimrat Blumentopf, masslos erstaunt: “Aber wer?” Geheimrat Rumfutsch :• “Ob wir nicht ausfindig machen koennen, wer selbst die Nummer zwei erstrebt-? Pavel: “Und sie praktisch besass, bis ich dazwischen funkte-?" Geheimrat Blumentopf, schwach: “Das werden wir nie herausbringen.” Oberst Schalk, gegen Geheimrat Blumentopf: “Wenn Sie jetzt den Namen nicht aussprechen, erwuerge ich sie mit der blossen Hand.” Geheimrat Blumentopf: “Bei bescheidensten Mitteln haben auch Sie ihn endlich erraten. Heinrich Himmler.” Oberst Schalk: “Heinrich heisst die Kanaille.” Geheimrat Rumfutsch: “Und sein Werkzeug: Blumentopf." Geheimrat Blumentopf, in Aufloesung: “Ich verwahre mich." Pavel: “Wozu? Meine Herren, dies Gespraech will immer stuermisch werden. Dabei ist es so natuerlich, dass der oberste Chef der Gestapo dem naechsthohen, mir 204 der ihm gefaehrlich wird, Fallen stellt Jeder von Ihnen taete dasselbe.” Oberst Schalk: “Nie! Den Fuehrer um seinen besten Protektor betruegen, nie! Am Fuehrerprinzip ruetteln ohne mich! Geheimrat Blumentopf, die Hand auf dem Herzen: “Was ich sonst auch sein mag-.” Pavel, ergaenzt: “Sind Sie doch der Mann, der noch heute alle fuenfzig Galgenvoegel fliegen lassen wird. Sonst kenne ich einen der morgen haengt.” Geheimrat Blumentopf, tief ergeben: “Mein Glueck, dass auch ich ihn kenne.” Geheimrat Rumfutsch, nach oben, in die Wolken flimmernder Gewebe: “Ich sehe alles. Ich sehe Himmler, den Einzigen, der jederzeit beim Fuehrer eintritt, ihn betruegen mit dem nichtssagenden Gesicht eines mittleren Postbeamten.” Pavel: “Nur die Sterne truegen nicht.” Geheimrat Rumfutsch: “Himmler telegraphiert seiner verlorenen Seele Blumentopf ein Wort, nur eines, Pade- sat, schon erhebt sich die Macht der Finsternis. Der Protektor, im Hochgefuehl von Glueck und Gunst, wird nicht nur Tschechen, er wird Deutsche in hellen Scharen auf- haengen. Den wahnsinnigen Caesar, so rechnen Himmler — Blumentopf, hetzen alle vereint in den Tod.” Pavel: “Wer erschiesst mich? Ein feiger Untermensch.” Oberst Schalk: “Pardon. Ein deutscher Herrenmensch aus uraltem Bauerngeschlecht.” Geheimrat Blumentopf: “Der Protektor hat rechtzeitig Lunte gerochen, ich wagte es nicht zu hoffen.” Pavel: “Ihnen bleibt erspart, dem Fuehrer den Schmerz zu bereiten, dass Sie ihm seinen Freund erschiessen.” Geheimrat Blumentopf, wieder auf der Hoehe: “Die Macht des Fuehrers ist die Macht der Gestapo.” 205 Pavel: “Danke, meine Herren.” Er steht auf. Geheimrat Rumfutsch, bei Pavel, vertraulich: An Pa- desat habe ich nie geglaubt!” Pavel: “Aber an die tschechische Geheimarmee, die Mutter der Padesat-Verschwoerung." Geheimrat Rumfutsch: “Die tschechische Geheimarmee hatten Eure Excellenz selbst erfunden. Wer vieles erfinden muss, versieht sich mal.” Pavel: "Ihr Leben scheint vorerst gesichert, Weil ich auch die Schatzova erfunden habe.” Geheimrat Rumfutsch: “Samt Ihrer Hoerigkeit bei der Kuenstlerin. Sie kennen sie gar nicht.” Pavel: “Sie haben mich durchschaut." Geheimrat Rumfutsch: “Durchschaut und nahezu vollkommen befunden: Rolle, Spiel und Maske.” Pavel: "Ihre eigene waere verrutscht, zoege ich aus meiner Tasche die Denunziation unseres Freundes Oberst Schalk, dem alle Raenke fremd sind.” Geheimrat Rumfutsch, knickt ein: “Zu Befehl, Excellenz." Pavel, fuer Oberst Schalk und Geheimrat Blumentopf, die schon das naechste Zimmer betreten: “Die Herren haben wichtigere Gruende als sie denken, um sich von mir erst beim Ausgang zu verabschieden.” Oberst Schalk, verhaltene Erbitterung: “Verdammt.” Geheimrat Blumentopf: “Ich war gewarnt. In der Menge der Gefahren uebersieht man immer eine.” Oberst Schalk: "Das gefaehrliche Leben, wie der Deutsche es sich wuenscht. ’ Pavel, nickt dem Sturmbannfuehrer zu. Die drei Besucher verlassen unbeanstandet die Wohnung des Protektors. 206 64 Pavel: “Sturmbannfuehrer Jellinek, Sie gehoeren in die Klasse der denkenden Offiziere.” Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl. Wenn Excellenz erlauben, wer mir zunickt, das seh’ ich immer." Pavel: “Wirklich?” Der Sturmbannfuehrer: "Besonders die Damen.” Pavel: “Sehr gut. Wuerden Sie scharf beobachten koen- nen, ob mein Kammerdiener Ihnen zunickt?” Der Sturmbannfuehrer: “Mit hundertprozentiger Garantie.” Pavel: “Sie fragen nicht, das gefaellt mir.” Der Sturmbannfuehrer: “Der deutsche Soldat fragt nicht.“ Pavel: “Ich wuensche Sie aufzuklaeren.” Der Sturmbannfuehrer: “Befehl, Excellenz.” Pavel: “Sie kehren auf Ihren Posten im Burghof zu- rueck. Die Wache tritt ins Gewehr. Aufgestellt ist ein Maschinengewehr und die Musik.” Der Sturmbannfuehrer: “Maschinengewehr und Musik, Befehl, Excellenz.” Pavel: “Die drei Herren, die soeben fortgingen, halten sich im Burghof auf.” Der Sturmbannfuehrer: “Die Hochverraeter! Wehe dem, der sich druecken will, ich hole ihn mit Einsatz milltaeri- scher Gewalt.” Pavel: “Unnuetz. Die Herren interessieren mich nur, insofern sie von selbst dabei sind. Verstanden?” Der Sturmbannfuehrer, innig bemueht: “Das Maschinengewehr, die Musik, ein Oberst, zwei Geheimraete, wer fehlt, der fehlt, Befehl, Excellenz.” Pavel: “Keiner wird fehlen. Jetzt aeusserst scharf nach- denken. Sturmbannfuehrer Jellinek!” 207 f ! Der Sturmbannfuehrer: “Melde gehorsamst, dass mir vor Anstrengung mein rheinisches Blut zu Kopt steigt. Das Leben fuer den Protektor!” Pavel: “Aus dem Portal dort unten wird mein Kammerdiener hervortreten. Mit seiner Livree kann er Ihrem Scharfblick nicht entgehen.” Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl, ich bin Kostuem- zeichner, mehr Damenmoden, die Gesichter geraten immer konventionell.” Pavel: “Seines ist auch nur konventionell, aber' die Livree.” Der Sturmbannfuehrer: “Vornehm, ich haette sie entwarfen koennen." Pavel: “Der Kammerdiener wird einen zweiten Mann mitbringen. Auf ihn kommt nicht viel an.” Der Sturmbannfuehrer: “Zweiter Mann unwichtig, Befehl, Excellenz.” Pavel: “Nur das Eine, der Mann muss ohne jede Stoe- rung seiner Wege gehen.” Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl. Wer wird das arme Luder schon stoeren.” Pavel: “Er ist ein Schneider und hat von mir einen eiligen Auftrag. Der Packen, den er traegt, darf nicht kontrolliert werden.” Der Sturmbannfuehrer: “Wie werde ich, der Schneider Eurer Excellenz ist mir heilig.” Pavel: "Denken Sie noch schaerfer! Wer koennte ihn anhalten wollen und das Kleiderbuendel schnappen?” Der Sturmbannfuehrer: “Entsetzlich! Die drei Spione! Die Feinde des Fuehrers! Noch vor fuenf Minuten — keine Ahnung, ich waere in weittragende Staatsaffaeren verwickelt.” Pavel, laesst ihm Zeit. 208 Der Sturmbannfuehrer: “Aber der Schneider braucht einen Wagen.” Pavel: “Richtig, ich haette es vergessen.” Der Sturmbannfuehrer: “Mein eigener, er ist unauffael- lig, auch ein Schneider kann ihn fahren.” Pavel: "Sie stellen ihn ausserhalb des Burghofes hin.” Der Sturmbannfuehrer: “Drinnen wuerde er auffallen.” Pavel: “Das Maschinengewehr befindet sich auf dem Weg, den Kammerdiener und Schneider bis zu dem Wagen zuruecklegen.” Der Sturmbannfuehrer: “Der Kammerdiener faehrt auch mit!’ Pavel: “Nein. Der Kammerdiener hat den Zweck, Ihnen zuzunicken, wenn alles in Ordnung und der Schneider abgefahren ist." Der Sturmbannfuehrer: “Jetzt kommt das Nicken. Dass ich alles Zusammenhalte: der Wagen, der Schneider, das Nicken, das Maschinengewehr, die Musik. Wozu die Musik?” Pavel: “Wozu das Maschinengewehr?” Der Sturmbannfuehrer, stutzt — und leuchtet auf: “Wenn die Spione einen Schritt gegen den Schneider machen, beim ersten Schritt maehe ich sie nieder." Pavel: ‘Ihre Intelligenz verdient eine Ermutigung. Ich merke Sie mir.” Der Sturmbannfuehrer, ermutigt: “Die Musik setzt mit dem Maschinengewehr ein und uebertoent sein Geknatter.” Pavel: “Jetzt haben Sie alles erfasst, handeln Sie mit militaerischer Puenktlichkeit!” Der Sturmbannfuehrer: “Melde Excellenz gehorsamst, dass ich die Treppe nicht nur laufen werde. Das Gelaen- der werde ich’ runterrutschen, so sehr freue ich mich auf das Geknatter und die Musik.” 209 Pavel: “Schnell, aber nicht vorschnell! Das Nicken ist vorzuziehen, falls der Kammerdiener nickt— Der Sturmbannfuehrer: * Falls der Kammerdiener nickt, zu Befehl!” Er gruesst: “Heil Hitler! Pavel: “Heil Hitler! Nebenbei will ich Geheimrat Blumentopf noch einmal sehen. Schicken Sie ihn herauf. Der Sturmbannfuehrer: “Mit Tritt in den Arm! Der Kammerdiener hat schon die Tuer geoeffnet, er entlaesst den Sturmbannfuehrer aus der Wohnung des Protektors und kehrt zurueck: “Excellenz haben Befehle? Pavel: “Keine anderen, als die sie hinter der Tuer mit angehoert haben.” Der Kammerdiener: “Ob ich wollte oder nicht, verstand ich jedes Wort.” Pavel: "Das genuegt.” Pavel, in seinem Vorzimmer, berichtigt Haltung und Maske. Er tilgt die Spuren der aufgeregten Szene. Geheimrat Blumentopf wird vom Kammerdiener eingelassen. Beim Anblick des Protektors erstarrt er. Hilfesuchend an den Kammerdiener geklammert: “Mensch! Was haben Sie gemacht? Das ist ploetzlich der andere.” Der Kammerdiener schuettelt ihn ab, schliesst hinter sich die Tuer. Geheimrat Blumentopf, macht Miene am Boden zu kriechen: “Excellenz! Ich ersterbe.” Pavel, kalte Grausamkeit: “Je frueher, je besser fuer Sie. Mich haetten Sie des Vergnuegens beraubt, Sie im Morgengrauen baumeln zu sehen.” Geheimrat Blumentopf, empoert sich: “Das wagen Sie nicht!” Pavel: “Wiederholen Sie!” Geheimrat Blumentopf, wird klein wie vorher: “Die Gnade Eurer Excellenz ist meine ganze Hoffnung.” 210 Pavel: “Auf meine Gnade ist Verlass, wie auf Ihre Treue.” Geheimrat Blumentopf, murmelt: “Das Mark der Ehre.” Pavel: “Keine zehn Minuten, da intrigierten Sie hier mit meinem Nachahmer, — dem Sie jedesmal auf den / Leim gehen.” Geheimrat Blumentopf, verwirrt: “Jedesmal Leim.” Pavel: “Kaum dass ich durch die geheime Tuer eintrete, berichtet mir mein Kammerdiener erstens, dass ich hoerig bin, zweitens, dass ich eine Heidenangst vor meiner Gestapo habe.” Geheimrat Blumentopf, naiv: “So ist es.” Pavel: “Heinrich Himmler ist auf Befehl des Fuehrers in seiner Badewanne vergast. Mit ihm sein Kanarienvogel." Geheimrat Blumentopf: “An das Voeglein glaub’ ich nicht. Excellenz treten an seine Stelle?” Pavel: “Das moechten Sie, dass ich ein Voeglein wae- re. Ich bin der neue Chef der Gestapo — und Sie ein toter Mann.” Geheimrat Blumentopf: “Excellenz werden mir nicht die Gelegenheit versagen, durch unbaendigen Diensteifer meine Irrtuemer zu suehnen.” Pavel: “Vor Ihrem Hintritt.” Geheimrat Blumentopf: “Den ich vorzudatieren ge- horsamst moechte bitten duerfen. Das Padesat-Haengen muss nicht bis Morgengrauen warten. Mit hoher Genehmigung des Protektors-.” Pavel: “Chef der Gestapo.” Geheimrat Blumentopf: “Freund des Fuehrers. Ge- haengt wird schon um Mitternacht.” Pavel: “Fangen Sie die Patienten wieder ein, wenn Sie koennen! Sie und Ihr Damen-Imitator haben alle laufen lassen." Geheimrat Blumentopf: "Laengst hat der unfehlbare Intellekt Eurer Excellenz meinen Trick durchschaut.” Pavel: “Natuerlich, Ihnen zu gefallen werden die Verschwundenen binnen drei Stunden zu Hause sein und sich abholen lassen. Ich waere nicht so dumm. Geheimrat Blumentopf: “Auch Sie wuerden dem Wort des Protektors trauen.” , Pavel: “Es war der falsche.” Geheimrat Blumentopf: “Ein Grund mehr, ihm zu glauben.” Pavel: “Ein Grund mehr fuer den Verdacht, dass dem echten Protektor — mir! — ein Streich gespielt werden soll.” Geheimrat Blumentopf: “Ich wage nicht zu verstehen.” Pavel: “Um Mitternacht wollt ihr mich killen.” Geheimrat Blumentopf, faellt auf die Kniee: “Wenn der Gedanke mich von fern gestreift hat, — meine Hand moege verdorren!” Pavel: “Ist sie schon. Knipsen Sie mal mit den Fingern!” Geheimrat Blumentopf, versucht es und kann es nicht. Er stammelt: “Ich bin nicht mehr Blumentopf.” Pavel: “Sie sind es gewesen. Ab!” Fusstritt. Der Getroffene kriecht auf allen Vieren zur Tuer, an ihr richtet er sich auf. Geheimrat Blumentopf: “Es kruemmt sich auch der Wurm. Die doppelte Besetzung des Protektors befindet sich noch immer hier. Liefern Excellenz ihn mir aus!” Pavel: “Keine Rede. Ich brauche ihn dringender als Sie.” 66 Im Burghof. Oberst Schalk, die Geheimraete Rumfutsch und Blumentopf gehen gegenueber dem Haupteingang auf und ab, sie rauchen Zigaretten, und scheinen zu lustwandeln. Der Sturmbannfuehrer verlaesst das Portal, er marschiert munter nach der Wachtstube, die eine seitliche Rundung des Gebaeudes einnimmt. Oberst Schalk: “Der waere draussen.” Geheimrat Rumfutsch: “Die Frage ist, er selbst, wie macht er selbst es, dass er fortkommt.” Geheimrat Blumentopf: “Es waere schlimm, wenn ich das nicht wtiesste. Das Geheimnis gehoert der Geheimen Staatspolizei.” Oberst Schalk: “Sie kann es behalten. Diesmal behaupte ich den Platz, Rueckzug ausgeschlossen.” Geheimrat Rumfutsch: “Bis jeder Zweifel beseitigt ist.” Geheimrat Blumentopf: “Die Herren Werden ihn nicht erkennen. Wer denkt an einen Priester.” Geheimrat Rumfutsch: “Ich.” Oberst Schalk: “Als Tanzbaeren erkenn’ ich ihn auch.” Geheimrat Blumentopf: "Mir hat der Kaplan seinen Namen zu Protokoll gegeben, er heisst.... Das lernen Sie nicht aussprechen.” Geheimrat Rumfutsch: “Wenn Sie den Kaplan in Haen- den gehabt haben, warum Hessen Sie ihn laufen? Merk- wuerdig.” Oberst Schalk: “Mehr als merkwuerdig.” Geheimrat Rumfutsch: “So merkwuerdig, dass es beinahe zu erklaeren ist. Sie haben den Kaplan fuer die Rolle gemietet.” Geheimrat Blumentopf: “Ich?” Oberst Schalk: “Gemietet? Rolle?” Er schlaegt sich 213 vor die Stirn: “Blumentopf! Der Zweite ist von euch erfunden. Sollten Sie uns fuer dumm gekauft haben? Geheimrat Blumentopf: “Sie mich. Ich haette einen Strohmann abgerichtet? Was taete ich dann mit dem echten?” Geheimrat Rumfutsch: “Ihn killen, natuerlich. Geheimrat Blumentopf: “Nicht so einfach. Zuerst haengt er uns. Um Mitternacht, ich weiss es von ihm selbst. Er ist droben.” Der Sturmbannfuehrer: “Ich ersuche die Herren, Platz zu machen.” Soldaten angriffsbereit hinter sich, draengt er die drei Verdaechtigen in den leeren Winkel. Von der Wachtstube her formiert sich die Truppe im Halbkreis, die Musik am aeusseren Fluegel, im Zentrum das Maschinengewehr. Es ist gegen die drei Herren gerichtet. Oberst Schalk, versucht vorzutreten: “Sturmbannfuehrer, sind Sie des Teufels.” Zwei Soldaten treiben Oberst Schalk bis unter die Mauer. Der Sturmbannfuehrer: “Befehl des Protektors.” Er macht Kehrt, er nimmt Aufstellung an der Spitze seiner Mannschaft, neben dem Maschinengewehr. Er schwingt sein entbloesstes Schwert, er kommandiert: “Gewehr- bei Fuss! Augen — links!” Das Militaer von links, die drei Eingekreisten von rechts, ueberwachen alle das Portal. Die beiden, bei den Herren zurueckgelassenen Soldaten haben nur sie im Auge. Jeder auf seiner Seite, werden sie einem Durchbruch der Umzingelten zuvorkommen. Geheimrat Rumfutsch: “Tatsaechlich ein verteufelter Bursche." Geheimrat Blumentopf: “Der Sturmbannfuerer.” 214 Geheimrat Rumfutsch: “Sie wissen, wen ich meine.” Oberst Schalk: “Wir koennen deutlich reden. Die beiden Posten sind Slovaken.” Geheimrat Rumfutsch: “Herr Oberst, es wird fuer uns Zeit, den Echten vom Falschen zu unterscheiden.” Oberst Schalk: “Ich daechte, das steht fest.” Geheimrat Blumentopf: “Wahrheit bleibt Wahrheit.” Geheimrat Rumfutsch: “Wenn der Eine uns das Leben schenkt und der Andere uns haengen will? Auch Sie, Kommissar Blumentopf.” Geheimrat Blumentopf: “Wieso mich? Seinen Geheimrat?” Geheimrat Rumfutsch: “Sie sind Geheimrat nur bei dem Einen. Der Andere wird seinerseits dahinter kommen, wenn er es nicht schon weiss, was Sie mit Padesat geplant hatten- einfach sein Ende. Der aber verzeiht nicht.” Oberst Schalk: “Nie. Erstens ueberhaupt nicht, und dann hat er es nicht so noetig wie — der Kaplan, vernuenf- tig mit sich reden zu lassen." Geheimrat Rumfutsch: “Meint er. In Wirklichkeit hat er mehr Aussicht als wir auf ein schnelles Ende.” Geheimrat Blumentopf: “Verstehe ich die Herren richtig, dann wollen Sie den Falschen fuer echt anerkennen.” Geheimrat Rumfutsch: “Das tun wir schon zu lange, als dass wir ungestraft zurueck koennten. Wer ist uebri- gens der Echte?” Oberst Schalk: “Der Falsche ist, Wer mich haengen will. Punktum.” Geheimrat Blumentopf: “Mehrmals, wenn auch nicht oft, hat der echte Falsche sich verraten. Das werden Sie nicht leugnen, wenn Sie ihn als Kaplan erblicken.” Geheimrat Rumfutsch: “Wer waere nicht schon mal als Kaplan gegangen. Der Echte, bei dem wir oben waren, hat Liebeshaendel.” 215 Geheimrat Blumentopf: “Echt, falsch, oder beides, er wird gehaengt, denn Ordnung muss sein. Oberst Schalk: “Und der Andere, der uns haengen will?” Geheimrat Rumfutsch: “Was hat Ihr hoher Chef mit ihm vor?” Geheimrat Blumentopf: “Sie werden lachen, er selbst ist mein hoher Chef. Umstaende sind eingetreten, — wenn ich alles glauben wollte.” — Er hat zu viel gesagt, er lenkt ab: “Achtung, die Herren!” 67 Unter dem Portal erscheint der Kammerdiener mit Pavel. Der Kammerdiener: “Nur Mut, Herr Bihalek! Sie, ein Schneider.” Pavel, unverstellt, wie ein Schneider flott gekleidet mit dem schwarzen Buendel im Arm: “Darf man da hindurch? Als biederer Tscheche verstosse ich bittschoen gegen keine noch so bloede Vorschrift.” Der Kammerdiener: “Fuer uns gilt sie nicht. Eiliger Auftrag des Protektors. Der Sturmbannfueher weiss Bescheid.” Er nimmt Pavel wie ein Kind bei der Hand, er fuehrt ihn nahe an der Truppe vorbei: “Sehen Sie, das3 er Bescheid weiss." Der Sturmbannfuehrer, blitzt aus aufgesperrten Augen nach den drei Spionen, ihm gegenueber. Fuer den Mann am Maschinengewehr: “Achtung, mein Kommando!" Geheimrat Blumentopf tut ratlos einen Schritt vor- waerts. Oberst Schalk und Geheimrat Rumfutsch reissen ihn zurueck. 216 Der Sturmbannfuehrer schwingt den Saebel, auf seinen Lippen schwebt das Kommandowort. Geheimrat Rumfutsch, umklammert Geheimrat Blumentopf: “Mensch, sind Sie verrueckt geworden?” Oberst Schalk: “Noch eine Sekunde, der tolle Kerl haette Feuer kommandiert." Alle drei brauchen Zeit, um sich von dem Schrecken zu erholen. Der Kammerdiener und Pavel erreichen den Ausgang des Burghofes. Pavel: “Posor, Pan Krupitschka! Man soll, hoer’ ich, die Todeslinie nicht ueberschreiten.” Der Kammerdiener: “Herr Bihalek, Befehl ist Befehl. Sind Sie denn ein Hase?” Pavel, ein Sprung, im gestreckten Lauf, wie ein Hase, gelangt er, ehe jemand es denkt, zu dem Wagen, der dasteht. Pavel faehrt ab. Der Kammerdiener sieht dem Wagen nach, bis er verschwindet. Die Haende auf dem Ruecken, mit hochmuetiger Haltung des Kopfes geht der Kammerdiener den Weg zurueck. Als er an dem Sturmbannfuehrer vorbeikommt, nickt er ihm goennerhaft zu. Der Sturmbannfuehrer stoesst erleichtert den angehaltenen Atem aus. Er wirft sein Schwert in die Scheide, schon Will er seiner Truppe den Rueckzug befehlen. Vom Portal her nickt der Kammerdiener nochmals. Der Sturmbannfuehrer, eilt hin. Sehr unruhig: “Ein zweites Nicken war nicht vorgesehen. Hab’ ich etwas ver- saeumt? Sicherer war natuerlich das Maschinengewehr_ mit Musik.” Der Kammerdiener: “Nicht noetig, man ist mit Ihnen zufrieden. Jetzt bitte, Ihre eigene Initiative. Aus der Burg heraus ist der Schneider, in die Burg hinein gehe ich.” 217 Der Sturmbannfuehrer, wird rot vor Anstrengung. Der Kammerdiener: “Der Protektor liebt denkende Offiziere.” Der Sturmbannfuehrer, hat es: “Ich besetze alle Zu- gaenge der Gebaeude und den Ausgang des Hofes. Der Kammerdiener: “Den besonders. Eine halbe Stunde wird ausreichen, damit das etwa geplante Attentat von selbst wegfaellt.” Der Sturmbannfuehrer, stimmlos: “Das etwa— Auf seine Excellenz!” Der Kammerdiener: “Oder auf den Schneider. In diesem Fall w)aeren der Schneider und Seine Excellenz fuer mich — wie auch fuer Sie — dasselbe.” Er geht hinein. Der Sturmbannfuehrer sieht ihm nach, erstarrt, mit vorgestrecktem Hals. Dann ueberkommt ihn stuermische Bewegung. Er erteilt Befehle: “Alle Zugaenge der Burg besetzen! Das Maschinengewehr nach dem Ausgang! In den Hof gerichtet! Niemand verlaesst ihn!” Drohende Wendung gegen die drei Attentaeter. Aber der Sturmbannfuehrer kann sich bei ihnen nicht aufhalten, er hat alle Haende voll zu tun. x Oberst Schalk: “Ein brauchbarer Offizier.” Geheimrat Rumfutsch: “Er hat uns am Kragen.” Geheimrat Blumentopf: “Soviel Verstand findet sich auch bei* unseren beiden Slovaken, sie legen ihre Gewehre auf uns an.” Oberst Schalk: “Wir haben Zeit, warten wir ruhig auf Ihren Kaplan, Herr Blumentopf!” Geheimrat Rumfutsch: “Den Kaplan hab’ ich Ihnen nie geglaubt. Sie kennen Kaplaene in Menge, aber keinen Schneider.” Geheimrat Blumentopf: “Gerade diesen kenne ich.” Die beiden anderen Herren lachen ihn schallend aus. Oberst Schalk: “Sagen Sie nur noch, dass er ganz etwas anderes als ein Schneider ist!” Geheimrat Blumentopf: “Mir hat er etwas anderes angegeben — kann sein, um gross zu tun. Sie luegen sogar aus kindischen Anlaessen.” Geheimrat Rumfutsch: “Und jeder wie der naechste. Fragen wir den Kammerdiener, wer sein Freundchen ist, bestimmt bleibt er dabei, ein Schneider.” Oberst Schalk: “Ich habe einen glaenzenden Einfall. Der Aufmarsch hier, mit Musik und Maschinengewehr, war vom Kammerdiener bestellt.” Geheimrat Rumfutsch: “Um sein Freundchen ein wenig zu foppen, so sind sie.” Oberst Schalk: “Der Protektor weiss von allem nichts.” Geheimrat Blumentopf, haelt seinen Gedanken fest: “Der Kammerdiener bleibt dabei, dass es ein Schneider war. Der Schneider selbst, wenn ich ihn haette, muesste mir Aufschluss geben. Das erste Mal nannte er sich einen Mediziner — aus Geltungsbeduerfnis, er war der duemmste Mann im Dorf.” Geheimrat Rumfutsch: “Welches Dorf?” t Geheimrat Blumentopf: “Lidice.” 68 Theater Rococo. Hauptmann Krach faehrt seinen Jagdwagen vor den Eingang. Ein Verkehrspolizist: “Parken verboten, melde ge- horsamst, Herr Hauptmann.” Hauptmann Krach: “Befehl des Protektors.” Der Portier, stuerzt heraus: “Seine Excellenz fragten mehrfach nach Herrn Hauptmann.” Er geleitet Hauptmann 219 Krach bis an den Fuss der Treppe: “Herr Hauptmann befehlen die Herren Direktoren.“ Hauptmann Krach: “Ohne Umstaende, ich kenne den Weg.” Er durchschreitet ein Spalier von Dienern und Pagen. Der Portier ruft ihm nach: “Die Direktion haett’ ihren Frack angehabt zum Empfang, aber wer denkt gleich, Protektor kommt alle Abend.” Hauptmann Krach ist schon oben. Der Portier, ueberstuerzt: “Gleich wird Vorstellung aus sein. Nur bis Herren Swoboda und Niemitz Frack an- haben!” Hauptmann Krach, betritt den Vorraum der Proszeniumsloge, trotz Raeuspern wird er nicht beachtet. Heydrich, sitzt und starrt auf die Buehne mit allen Anzeichen der Angst. Hinter der Wand der naechsten Loge spricht jemand, und Hauptmann Krach versteht: “Der schaut darein, als haett’ er sich selbst zum Haengen verurteilt.” Heydrich, wirft sich nach Hauptmann Krach herum: “Ach! nur Sie. Auf Sie warte ich- eine Weile.” Hauptmann Krach: “Melde Eurer Excellenz gehor- samst-” Heydrich: “Melden Sie mir, wie alt der Wokurka ist!” Hauptmann Krach, sucht Zeit zu gewinnen: “Excellenz meinen den Weihnachtsengel, der Fraeulein Schatzova segnet." ' Heydrich: “Allerdings. Jetzt hat er schon Fluegel. Vorher als Zuhaelter hatte er ein Messer, als Millioenaer eine Scheere, als Schneider auch. Jedesmal verjuengt er sich unheimlich.” Hauptmann Krach, entschieden: “Der Komiker Wokurka ist ein guter Fuenfziger.” 220 Heydrich, schroff abgewendet: “Der luegt auch. Alle verschworen, aerger als Padesat.” Milo Schatzova, auf der Hoehe einer strahlenden Schluss- Apotheose, unter Bluetenregen und Harfenklang, versucht Heydrich anzulaecheln. Sie singt ihm wonnevoll in das nahe Angesicht. Sein Gesicht bringt es fertig, sie noch zu erschrecken. Sie sieht ihn leiden, wbs sonst zu seiner Furchtbarkeit gefehlt hatte. Milo Schatzova, ohne die Stimme zu daempfen, fuer ihren Partner Wokurka: “Der boese Narr, an fuenfzig Morden hat nicht genug, wen traegt er jetzt im Sinn?” Der Komiker Wokurka: “Gern betrachtete er dich zaert- lich. Hat es nie gelernt, armer Hund. Ich werde ihm Pri- vat-Unterricht geben im Mienenspiel.” Beide beteiligen sich von neuem an dem Finale, Stimmen und Instrumente rauschen glaenzend auf. Der Vorhang beginnt zu fallen. Bevor die Gardine zu weit herunter ist, kann Heydrich feststellen, dass Milo Schatzova ihren nackten Ruecken an die Hand Wokurkas stuetzt. Beifall, der Vorhang hebt sich, da steht Milo Schatzova wieder auf eigenen Fuessen, nicht von Wokurka getragen, sondern durch die Macht der Schoenheit ueber diese Welt erhoeht. Heydrich windet sich unter dem Anblick, er stoehnt: Ich hasse die Person.” Hauptmann Krach, versucht es mit ihm: “Melde Ex- cellenz, gehorsamst-.” Heydrich: “Schnauze!” Er will in seine Qual versunken bleiben. Hauptmann Krach horcht auf die Reden der naech- sten Loge, waehrend das unstillbare Verlangen des Publi- 221 kums den Vorhang noetigt, die Apotheose noch und noch zu entbloessen. Jemand hinter der Wand der Loge: “Sie klatschen nur, um zu sehen, wie lange er es aushaelt.” Eine aeltere Frauenstimme: “Gestern hat er mir besser gefallen.” Ein Dritter: "Besonders, da es ein Anderer war.” Der Erste: “Psst. Weiss eh ein Jeder im ganzen Haus.” Die Dame: “Nur er selbst merkt davon nichts, dass man weiss. Ich bin eigens wieder hergekommen, das war heut an der Kasse ein Geraufe.” Der Dritte: “Ein schoener Mut, fuenfzig zum Strang verurteilen, dann ins Rococo.” Der Erste: “Das Verhalten des Publikums ist demge- maess ein kuehles zu nennen.” Der Dritte: “Kuehl, aber wuerde sich erwaermen, wenn einer seinen Revolver mitgebracht haette.” Hauptmann Krach, biegt Kopf und Schultern um den aeusseren Rand der Loge: “Sie haben Ihre verbotene Waffe vorsichtig zu Haus gelassen.” Er zieht sich zurueck. Die aeltere Frauenstimme kreischt auf. Im allgemeinen Laermen geht der Schrei mit hin. Hauptmann Krach, hoert nebenan eiliges Stuehleruek- ken: “Gute Heimfahrt, die werden nicht mehr durch Lokale bummeln.” Gleich vor ihm, im Parkett, wird zwischen zwei Bei- fallsstuermen eine Bemerkung vernehmlich: "Wollen sehen, wer’s laenger aushaelt, wir oder er.” Eine weniger schoene Dame: “Er doch. Der beschaut sich die Schatzova bis morgen frueh.” Jemand, der sich einmischt: “Sie macht, hoer’ ich, mit ihm, was sie will.” Ein ganz Unbeteiligter: “Soll sie einen anstaendigen Menschen aus ihm machen! Statt dessen-” Gefluestert: “Padesat,” Der den Austausch angefangen hatte: “In demselben Augenblick, wo sie seine Geliebte wird.” Die weniger schoene Dame: “Eine Schande fuer uns Tschechinnen, seine Geliebte!” Der Eingemischte: “Ist sie’s denn aber? Gestern soll man hier den Anderen gehabt haben.” Die Dame: “Ihr machen auch zwei nichts aus.” Der angefangen hatte: “Der — Andere ist ein Spass- vogel.” Der Eingemischte: “Ein Volksheld ist er.” Der Vorige: “Ein Volksheld. Aber spassig ist gerade der brave Soldat Schwejk. Vielleicht war auch der Ziska spassig, spaeter verliert sich das.” Die Dame: “Der oben ruehrt sich nicht. Waer’ er gar schon tot?” Der Eingemischte: “Dann kommt die Stunde des Anderen.” Der Vorhang will nicht mehr auf gehen. Die eifrigsten Rufer, die sich vorn gestaut haben, werden von den Dienern abgedraengt, der Saal wird geraeumt. Die beiden Direktoren persoenlich fuehren die Aufsicht. Beinahe allein gebieben, stecken sie die Koepfe zusammen, spaehen aus gedeckter Stellung hinauf. Direktor Swoboda: “Den hat’s.” Direktor Niemitz: “Das muss nicht unsere Sorge sein, schaeft.” Direktor Swoboda: “Vier Wochen vorausverkauft. Aber dauert es vier Wochen mit ihm und der Schatzova?” Direktor Niemitz: “Er ist verrueckt nach ihr. Unser Ge- bezahlte Plaetze werden niemals zurueckgenommen. Wir sollten hinauf zu dem Mann.” Direktor Swoboda: “Damit er uns haengen laesst. Wie er schon dasitzt!” Direktor Niemitz: “Er wartet nur, dass wir ihn zu ihr bringen. Wozu haben wir unsere Fraecke an.” Direktor Swoboda: “Den Weg findet er allein, hat ihn schon einmal gefunden.” Direktor Niemitz: “Das war nicht derselbe.” Direktor Swoboda: “Sein Hauptmann Krach ist noch derselbe." Gedeckter Rueckzug der Direktoren. Zwei deutsche Herren sind im Hintergrund einer verdunkelten Loge uebrig geblieben. Der Eine: “Auf seiner Liste stehen deutsche Herren. Herren wie wir. Deutsche wie wir.” Der Andere, sagt ihm einen Namen ins Ohr. Der Erste: “Der auch? Von den Skodawerken. Ich gehe nicht nach Hause, er Hesse mich verhaften.” Der Andrere: "Er muss fort. Begriffen?” Der Erste: “Begriffen. Er muss fort.” — Sie verschwinden. In der Proszeniumsloge. Heydrich, faehrt aus seiner duesteren Erstarrung auf: “Ich will gehen.” Hauptmann Krach: “Wie Excellenz befehlen.” Heydrich, kann sich nicht entschliessen, aufzustehen: “Sie hatten eine Meldung?” Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, Telegramm des Feldmarschalls von Brauchitsch. Der Fuehrer ernennt die Kuenstlerin Fraeulein Schatzova fuer besondere Verdienste zur Deutschen ehrenhalber.’ Er ueberreicht das Telegramm. Heydrich: “Mensch! Das sagen Sie mir erst jetzt.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl, Excellenz wuenschten nicht gestoert zu sein. Mein unfreiwilliger Zeitverlust er- 224 klaert sich aus der Schwierigkeit, in den Besitz des Telegramms zu gelangen.” Heydrich: “Halten Sie mich nicht mit ueberfluessigen Erklaerungen auf! Meine unmittelbare Pflicht verlangt, dass ich die Kuenstlerin von dem unerhoerten Gnadenbeweis in Kenntniss setze. Wohin?” Er stuerzt nach dem Ausgang im Vorraum der Loge. Hauptmann Krach: “Eure Excellenz verwechseln die Tueren. Die andere, wenn ich bitten darf, fuehrte schon gestern auf die Buehne.” Er oeffnet und tritt zurueck. 69 Die Buehne ist schon leer. Der Feuerwehrmann salutiert wie gestern. Durch den Hintergrund gehen wenige Arbeiter. Der Inspizient, schon im Mantel, stutzt — glaubt dennoch, den Protektor gruessen zu muessen. Heydrich, tut einen Schritt zurueck : “Hauptmann Krach!” Hauptmann Krach hatte abgewartet, ob der Protektor weiter begleitet werden will. Schnell verlegt er dem Inspizienten den Weg: “Abtreten!” Der Inspizient: “Aber Herr Hauptmann! Wir kennen uns doch.” Hauptmann Krach: “Wenn Sie mich kennen, gehorchen Sie!" Der Inspizient, verneigt sich seitwaerts gegen den Protektor, in dieser schiefen Haltung geht er ab und murmelt: “Der Hauptmann ist auch nicht mehr derselbe. Die Deutschen lernt man nie aus.” Heydrich, fuer Hauptmann Krach: “Sie haetten den Mann nicht fortschicken sollen. Wer meldet uns der Kuenstlerin?” 225 Hauptmann Krach, geschmeichelt: “Ich genuege der Anforderung.” Heydrich: “Sie verkehren hinter der Szene?” Hauptmann Krach: “Bei weitem nicht so intim wie Eure Excellenz.” Heydrich: “Ich habe — Hauptmann Krach: “Die Kuenstlerin rief vernehmlich, der Protektor hatte gesiegt.” Heycfrich: “Hier sagt man dafuer fescher Kerl?” Hauptmann Krach: “Niemals haette ich mir erlaubt, die Bezeichnung auf Eure Excellenz anzuwenden.” Heydrich, entfaltet das Telegramm: “Allerdings fuehre ich mich amtlich ein.” Vor der Tuer der Garderobe. Hauptmann Krach, klopft stark. Die Stimme der Garderobiere: “Christi Himmelswillen, Milo, wir w'erden abgeholt, sie haben alles entdeckt.” Milo Schatzova, von innen: “Schweig’, Leikova, es gibt nichts zu entdecken.” Lauter: “Die Tuer ist nicht verschlossen.” Hauptmann Krach, oeffnet die Tuer und tritt zurueck. Ein Blick Heydrichs befiehlt ihm, mit hineinzukommen. Milo Schatzova, ist fertig angekleidet, sie setzt vor ihrem Spiegel den Hut auf. Ohne sich umzuwenden, etwas matt und leichthin ironisch: “Endlich, mein Geliebter! Warum so spaet?” Heydrich, naehert sich bis auf sechs Schritte. In der Taille elegant vorgebeugt bleibt er stehen: “Ein hochwichtiges Telegramm.” Milo Schatzova: “Sie wollen Geschaefte mit mir besprechen? Ich kann nicht.” Die Garderobiere, macht gegen Heydrich auffallende Zeichen: “Geh’ lass’ sie, die Milo ist nervoes.” Milo Schatzova, spricht in den Spiegel: “Der Abend 226 hat mich schrecklich hergenommen. Ein widerwaertiges Haus.” Heydrich, stumme Frage an Hauptmann Krach, der diskret wegsieht. Heydrich versucht allein zu verstehen: “Sie meinen das Publikum? Es war sehr beifallslustig. Sie sind gefeiert worden.” Milo Schatzova: “Danke. Im Nacken hab’ ich die feindliche Stimmung gespuert.” Die Garderobiere: “Gleich hat sie ihren Weinkrampf. Pavel! Bist du heute ganz dumm geworden?” Aus dem Vorhang der anstossenden Garderobe greifen zwtei Haende und reissen sie zurueck. Ehe sie auch nur einen Seufzer tun kann, ist sie verschwunden. Heydrich: “Was' w!ar das?” Milo Schatzova, lacht gereizt: “Jemand, der aufpasst.” Hauptmann Krach, ohne gefragt zu sein: “Excellenz erinnern sich, auch gestern abend war die Person betrunken.” Heydrich: “Es ist mir nicht aufgefallen.” Drohend: ‘ Mir faellt auf, dass wir Zuhoerer haben.” Hauptmahn Krach: “Melde gehorsamst, in der anderen Garderobe kleidet eine andere Schauspielerin sich an.” Heydrich: “Und hat Maennerhaende?” Milo Schatzova: “Wollen Sie es wissen? Der Wokurka war es.” Heydrich: “Er war bei dir, bevor ich eintrat!” Milo Schatzova: “Was weiter? Ich und mein Kollege, wir haben uns ueber die Stimmung im Hause beklagt.” Heydrich: “Ich — hab’ ihn mir angesehen. Der ist nicht fuenfzig, im letzten Aufzug war er keine dreissig alt.” Milo Schatzova: “Von wem sprechen Excellenz?” Heydrich: “Verstelle dich nicht!” Milo Schatzova: “Dafuer bin ich Schauspielerin. Wenn ihr die Universitaeten schliesst!” Sie hat sich jetzt doch 227 nach ihm hingewendet. Sie setzt die Haende auf die Huef- ten. Ihr Gelaechter wird verzweifelt, es wird herausfordernd bis zur Gemeinheit. Heydrich: "‘So — so bist du?” Milo Schatzova: “Ich bin wie Eure Excellenz mich will. Ich betruege den Protektor mit dem Wokurka.” Heydrich, faehrt zusammen: “Das — hab’ ich nicht gesagt." Er sieht nach Beistand um. Hauptmann Krach, missversteht absichtlich: “Excellenz befehlen, dass ich mich zurueckziehe.” Er tritt nahe hinter Heydrich. Er spricht dienstlich, aber beschwoerend und gedaempft: "Wenn Excellenz mir gestatten, gehorsamst zu melden, es erscheint angezeigt, die Kuenstlerin fuer morgen auf die Burg zu bestellen, zwecks Entgegennahme des hohen Gnadenbeweises.” Heydrich: “Sie bleiben. Das Telegramm?“ Hauptmann Krach: “Zu Befehl. Eure Excellenz haelt es in der Hand.” Heydrich hat sich zurueck. Mehr als das, vor Freude waechst er, seine Maske geht in diesem Augenblick ueber die uebliche Furchtbarkeit hinaus bis nahe an das Erhabene. Er spricht klingend: “Fraeulein Milo Schatzova. Mitglied des tschechischen Theaters Rococo.” Milo Schatzova, erstaunt: “Die bin ich.” Heydrich: “Als Protektor von Boehmen-Maehren habe ich die Ehre, Ihnen eine ausserordentliche Eroeffnung zu machen. Der Fuehrer erteilt der Kuenstlerin Emilie Schatz das Recht, sich eine Deutsche zu nennen.” Milo Schatzova: “Der Fuehrer — mir? Wofuer?” Heydrich: “Fuer besondere Verdienste.” Milo Schatzova, ist abwechselnd erroetet und erbleicht. Sie wankt, sie stuetzt sich rueckwaerts auf ihren Toilettentisch. Tiefe Stimme, die sie noch niemals hatte: “Alles, 228 — aber das, das ist zuviel.” Sie erhebt den Arm, streckt den Zeigefinger gegen die Tuer: "Hinaus!" 70 Heydrich wuerde dem Befehl vielleicht folgen, wenn er ihm nicht in die Beine gefahren waere. Sein Ausdruck ist der eines Ueberfallenen, Abgestraften. Hauptmann Krach, hinter ihm, ringt die Haende. Der Vorhang der benachbarten Garderobe wird aufgehoben, es erscheint der Komiker Wokurka. Der Komiker Wokurka: “Entschuldigen die grossmaech- tigen Herrschaften meine geringe Anwesenheit.” Verneigung und Kratzfuss vor Heydrich: “Ich bin nur der Wokurka.” Heydrich, Versuch sich aufzulehnen, der weinerlich aus- faellt: “Das genuegt. Eine Unverschaemtheit.” Wokurka, durchdrungen von dieser Wahrheit, bereit sie gegen alle und jeden zu verfechten: “Das ist das Wort, eine Unverschaemtheit, oder es haette noch nie eine Unverschaemtheit gegeben. Ich bitt’ mir aus, ja ausbitten, dies betone ich, muss ich mir, dass es meine groess- te Unverschaemtheit ist.” Milo Schatzova: “Lass deine Spaesse, hier ist nicht der Ort.” Wokurka: “Mir musst du das sagen? Eine gefeierte Kuenstlerin, in ihrer Garderobe. Sollt’ ich spassen? Vor dem Angesicht des hoechsten Herrn, der mir je untergekommen ist, sollt ich Spassetln einlegen?” Den Finger gegen den Fussboden gestreckt, gebieterisch: “Ich behaupte, dass ich unverschaemt bin. Gespassig mag sein, wer Lust hat, ich nicht, ich, der Wokurkas justament nicht.” Heydrich faengt an, den Zwischenfall zu begruessen. 229 Rueckwaerts nach Hauptmann Krach: “Ist er immer so?” Hauptmann Krach: “Zu Befehl, ein Komiker privat.” Milo Schatzova, nervoes: “Wenn wir die Szene abbrae- chen?” Gegen Wokurka: “Nachdem du sie einmal gestoert hast.” Wokurka: "Ich stoere, dafuer bin ich da. Mich hat die Direktion engagiert, auf dass ich dazwischentrete, sobald eine Szene sich auszuwachsen droht — ins Heldenhafte, ins Tragische, in die heulende Unnatur. Da kommt der Wokurka heraus und spielt alle an die Wand.” Heydrich, gehorcht dem diktatorischen Tonfall des Komikers, er lehnt sich tatsaechlich an die Wand. Wokurka, in der Mitte, zeigt sich von allen Seiten: “Geruhen der gewaltige Herr, mein Kleid zu betrachten, ein franzoesisches Sportkostuem, ich trug es in der Rolle des Topaze, als er aus einem Moralpauker ein Ueber- mensch und Schweinehund wird. Nicht, dass ich an dieser Stelle provozieren und sabotieren wollte mit dem franzoe- sischen Schweinehund, das sei fern von mir. Es verstiesse gegen alle meine Grundsaetze. Aber in dem Gewand, wie ich da stehe, bin ich dem Oberst Redl begegnet.” Milo Schatzova: “Hoer’ auf. Der war laengst vor dir.” Wokurka, unbeirrt: “Er laeuft mir in die Arme auf der steilen Stiege vom Hotel Klomser, dieselbe Nacht als er sich erschiessen ging. Er vertraut sich mir an, weil ich eh nur der Wokurka bin und er der grosse Verraeter, der die militaerischen Geheimnisse der oesterreichisch-ungari- schen Monarchie an den Feind verkauft hat. Eine solche Ehrlosigkeit! Ich stell’ ihm vor, Herr Oberst, geschehen ist geschehen, Ihr uebertriebener Selbstmord rettet die Monarchie nicht mehr. Jetzt alsdann trinken wir ein Pilsner, und mit dem Fruehzug verreisen Sie nach dem Ausland.” Hauptmann Krach: “Er hat sich doch erschossen.” Wokurka: “Aber eine halbe Stunde hat er geschwankt. 230 Die halbe Stunde Leben verdankt der gewissenlose Mensch nur mir; kann ich dafuer, dass er kein Reisegeld hatte?” Milo Schatzova: “Was hat das mit mir zu tun?” Wokurka: “Denke Dir, Milo, du waerst die Baroness Vetsera. Der hochselige Kronprinz Rudolf will dich und sich selbst erschiessen, ein Liebestod. Rechtzeitig betrete ich die Buehne, — aus, der Liebestod; du waerest jetzt noch am Leben.” Milo Schatzova: “Und du achtzig Jahre alt.” Heydrich duester: “Er ist keine vierzig.” Milo Schatzova: “Der Auftritt meines Kameraden Wokurka hat seinen Zweck erfuellt, ich bin ruhiger.” Fuer Wokurka: “Du kannst abgehen.” Wokurka, zieht sich bis in den Vorhang zurueck, aber nicht weiter. Er macht seinen schmollenden Mund, oeffnet angestrengt die blassen Augen und bleibt aufmerksam. Milo Schatzova, kommt in die Mitte: “Wir koennen von etwas anderem reden, wenn Eure Excellenz vergessen will, was Sie mir am Anfang der Szene zu eroeffnen gedachte.” Heydrich, macht sich von der Wand los, betrachtet das Telegramm: “Das kann nicht Ihr Ernst sein.” Milo Schatzova: “Ich weiss, was ich tue.” Heydrich: “Sie haben nicht ueberlegt, dass Sie einen Gnadenbeweis des Fuehrers erhalten haben, den ausser- ordentlichsten, den er einer Tschechin geben konnte. Sie sind eine Deutsche ehrenhalber.” Milo Schatzova: “Unehrenhalber. Ich lehne ab.” Heydrich: “Der Fuehrer befiehlt, Milo, dir — und mir.” Er beschwoert sie, verhalten, von Gesicht zu Gesicht. Milo Schatzova: “Umso schlimmer fuer Sie. Ich lehne ab.” Heydrich, kaempft mit dem Ausbruch, der bevorsteht. Er wirft den Arm in die Luft. 231 Hauptmann Krach, missversteht die Geste und ruft: “Heil Hitler!” Wokurka, in die Falte des Vorhanges: “Na zdar!” Milo Schatzova, kommt Heydrich zuvor: “Machen Sie auch noch den wilden Mann! Ich kenne Ihre Furchtbarkeit — im Schlafzimmer. Die Menschen zwingen, dass sie sich selbst verachten, — ist euer ganzes Geheimnis, ihr deutschen Sphinxe. Ich habe mich prostituiert, dem Schaen- der meines armen Landes. Judith und die anderen sind reine Jungfrauen neben mir. Auf mich wird mit Fingern gewiesen. Wenn ihr nachher abzieht, muss ich mit.” Sie schreit. Sie beisst sich in den Knoechel ihrer Hand. Wokurka, souffliert ihr im Ruecken: “Ich ernenne Sie zum Ehrentschechen. Wir schlagen drei Purzelbaeume und nehmen das Flugzeug nach dem Mond.” Heydrich, steht nach aussen starr, aber sichtlich hat er es innerlich schwer mit sich. Wokurka, heimlich: “Milo, dem hast du es gegeben; jetzt halt auf oder du spielst dich in Grund und Boden!” Schnell macht er sich in dem Vorhang unsichtbar. Heydrich, hat seine metallene Stimme noch einmal zu- rueck. “Milo! Wenn du nicht meine Schande bist, wie kann ich deine sein? Erbitte von mir, was du willst!” Milo Schatzova, boese: “Zerreis’ die Liste deiner fuenf- zig Opfer!" Heydrich: "Die Tschechen meinst du. Die Deutschen auch?" Milo Schatzova: “Alle!” Heydrich: “Warum?“ Milo Schatzova: "Weil ich’s will.” Heydrich: “Heute nachmittag wolltest du es anders.” Milo Schatzova: “Du merkst nicht, Liebling, wenn man deinen Sadismus karikiert und sich lustig macht.” Heydrich, unglaeubig, unsicher, die Stimme gebrochen 232 bis zur Trostlosigkeit: “Dafuer waerest du mir erschienen traumhaft schoen?” ^ Milo Schatzova: “Was gehn mich deine Traeume an.” Heydrich: “Du suchtest mich heim und — und — Milo Schatzova, kalt: “Und hasste dich.” Wokurka, souffliert ihr: “Ich werde dich lieben, wenn du, und so weiter.” Milo Schatzova, spricht nach, ihre Spannkraft setzt aus: “Zerreiss’ die Liste, ich werde dein sein.” Heydrich, bittend: “Bedenke die Folgen! Das sind . meine Feinde, du verlangst ihr Leben und besiegelst meinen Tod. Schlimmer als das, wenn es auf Erden ein Fortleben gibt, ich soll mit Schanden fortleben.” Er besinnt sich: “Wir werden belauscht. Gleichviel, ich bin schon weiter als Stolz und Vorsicht reichen. Ich soll, ob lebend oder tot, die Ungnade meines Fuehrers tragen, und war sein Freund. Er nennt mich Freund.” Milo Schatzova: “Dich?“ Heydrich: “Wen sonst?” Milo Schatzova: “Den, der ihm den Sieg am Altmarkt durch das Telephon blies. Bist du das? Meinen Geliebten nennt er Freund, bist du das?” Heydrich, zuckt zusammen. Hauptmann Krach schiebt ihm gerade noch einen Stuhl unter. Er stellt sich vor Heydrich, der, um nicht hierunter- zufallen, seinen Aermel anpackt. Milo Schatzova, zuckt die Achseln, macht Miene aufzubrechen. Hauptmann Krach, leise und fest: “Slecna! Sie luegen und betruegen viel, warum tadeln Sie fuer dasselbe Unrecht einen anderen? Sie wissen, wer Sie sind. Er — hat seine Identitaet verloren.” Heydrich, rafft alle Kraft zusammen, kommt steil auf: “Man sage mir, wer ich bin!” 233 Hauptmann Krach und Milo Schatzova, Aug’ in Auge, ueberlassen einander den Anfang zu machen. Wokurka, verlaesst offen den Vorhang: “Ich staune. Demuetiges Staunen ergreift meine Seele ob des beruehm- ten Gastes in diesem Schmierentheater.“ Heydrich, angstvoll: “Nun?” Wokurka, gebieterisch: “Sie sind unser Protektor!” Heydrich: “Wie lange kennen Sie mich?” Wokurka: “Traurig genug, dass wir zwei bald die Letzten im Haus sind. Bleibt nur der hintere Ausgang. Morgen wird vorn eine Ehrenpforte aus Lorbeer aufragen!” Heydrich: “Aber gestern?” Wokurka: “Die Direktion hatte schon gestern auf die Ehrenpforte vergessen. Swoboda und Niemitz sind heute nicht wiederzuerkennen. Wir zwei — waren gestern dieselben.” Heydrich: “Sie sahen auch gestern mich, den Protektor, mich selbst, unverkennbar?” Wokurka, mit Blick in den Spiegel: “Da schaut der Wokurka heraus, ich haett’ es ihm uebel genommen, wenn er ein anderer waere. Excellenz, probiere Sie selbst! Sie sind kein Komiker vom Rococo, — trotzdem, einen zweiten Protektor geben, das koennen Sie nicht, und ihren Protektor spielt kein zweiter Ihnen nach. Ein Volk, ein Wokurka und ein Protektor.” Er verschraenkt die Arme: “Widerspruch dulde ich nicht.” Heydrich, atmet tief auf. Streng gegen Hauptmann Krach: "Sie hatten Zweifel.” Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, dass ich an nichts und niemandem zweifle. Sonst waer’ ich selbst nicht, der ich bin.” Er streckt dringend die Hand nach Milo Schatzova aus: “Die Kuenstlerin auch nicht.” Milo Schatzova, ergibt sich: “Am Rococo bin ich al- 234 lein fuer erstes, ernstes Fach verpflichtet, und auf der Burg nur Sie. Heydrich, mit ihr Brust an Brust: “Du verleugnest den Anderen?” Milo Schatzova, leiser als er: “Ich kenne keinen Anderen.” Heydrich: “Du liebst ihn nicht?” Milo Schatzova: “Ich haette viel zu tun. Man soll zuerst leben.” Sehr qualvoll: “Fuenfzig Menschen sollen leben. Fuenfzig!” Heydrich, kuesst ihr die Haende, spricht in das Innere ihrer Hand: “Sie sind frei.” Milo Schatzova: “Hauptmann Krach! Befehl des Protektors, Sie haben gehoert.” Hauptmann Krach, mit Betonung: “Sie — sind frei.“ Heydrich, ihr ins Ohr: “Einmal — vielleicht nie wieder — hast du mich erloest.” Er geht schnell aus der Tuer, durch die er eingetreten war. Hauptmann Krach muss eilen, um nachzukommen. 71 Auf der dunklen Buehne. Schwaches, blaeuliches Licht einer einzelnen Lampe streift den Weg, den Heydrich geht. Hauptmann Krach bleibt ihm auf den Fersen. Hauptmann Krach, fluestert ihm in den Nacken: "Nicht weiter, Excellenz!” Heydrich: “Nicht weiter, warum?” Aber auch er, einmal aufmerksam gemacht, vernimmt die Stimmen im Haus. Beide haben angehalten, sie sind nahe der Tuer, durch die sie vordem die Proszeniumsloge verliessen. Die Tuer ist angelehnt. t 235 Heydrich: “Wer hat die Tuer geoeffnet?” Hauptmann Krach: “Ich Hess sie offen — eben fuer diesen Fall.” Auf leisen Sohlen erreichen sie den Spalt. Dahinter fuehren zwei drei Stufen hinauf, man meint die Bruestung der Loge zu unterscheiden. Was sie weiterhin sehen, ist bestimmt nur eine Einbildung ihres Gedaechtnisses. Der Schatten bedeckt alles gleichmaessig. Wie tief muessen gewisse Schatten sein, um als Gestalten hervorzutreten. Uebri- gens vermutet man sie bald hier bald dort, nicht anders als die Stimmen, die unterdrueckt wie sie sind, dennoch auf allen Seiten des leeren Hauses wiederholt werden und hoelzern klappern. Irgendwo spricht Geheimrat Blumentopf: “Ohne Sorge, meine Herren! Hier soll ihm nichts zustossen. Ich weiss, dass ich die Nerven der Herren und ihren guten Ruf zu schonen habe.” Oberst Schalk: “Ich bin kein Polizist, ich habe bis jetzt nicht herausgebracht, was vorgeht.” Geheimrat Blumentopf: “Wir fangen ihn bei seiner Geliebten. Das war unser Plan.” Geheimrat Rumfutsch: “Ihrer?” Eine noch unbekannte Stimme: “Meine Hochachtung, aber die tschechische Freundin ist ihm wohl doch von — einem Anderen untergeschoben?” Eine ebenso unbekannte Stimme: “Von — nun, von dem Anderen.” Geheimrat Rumfutsch: “Nicht so uebel, — der Andere." Oberst Schalk: “Ich bin Soldat und brav, die Ehrlichkeit kann hier im Dunkeln nicht schaden. Der Andere — .” Geheimrat Rumfutsch, Anfall von Mut: “Pavel On- dracek.” Oberst Schalk: “Der Andrere hat den armen Heyd- 236 rieh bis zur Vernichtung geschlagen. Die Ernennung des Protektors zum Freund — Eine der unbekannten Stimmen: “Des Fuehrers.” Oberst Schalk: “Die Ernennung seiner Tschechin zur Ehrendeutschen.” Geheimrat Rumfutsch: “So ziemlich der Gipfel, das Telegramm liess mich vor Scham erroeten, als ich es empfing, und noch jetzt werde ich rot.” Geheimrat Blumentopf: “Hier macht das keinen Unterschied.” Unbekannte Stimme: “Immerfort lassen die Herren die Hauptsache aus. Vier von uns, und sechsundvierzig andere, haetten morgen oder uebermorgen haengen sollen.” Oberst Schalk: “Ondracek hat uns das Leben geschenkt.” Geheimrat Blumentopf: “Heydrich will uns kalt machen. Ich hatte mit ihm ein historisches Gespraech.” Geheimrat Rumfutsch: “Mit dem wirklichen Heydrich?” Oberst Schalk: “Der existiert nicht mehr.” Geheimrat Blumentopf: “Die Beiden sind nicht zu verwechseln. Wer, wie ich, im Augenblick vorher den Einen in voller Taetigkeit gesehen hatte und jaehlings bekommt man es mit dem Anderen zu tun — .” Unbekannte Stimme: “Was will er? Uns doch wieder haengen? Uebermorgen?” Geheimrat Blumentopf: “Irrtum. Weder uebermorgen, noch morgen frueh: gleich jetzt um Mitternacht.” Unbekannte Stimme: “Das las ich in seinem Straeflings- gesicht. Ich, Praesident Labyrinth — .” Zweite Stimme: “Ich Praesident Meyer.” Praesident Labyrinth: “Wir beiden Praesidenten Labyrinth und Meyer verspaeteten uns absichtlich heut abend nach der Vorstellung.” Praesident Meyer: “Auch der falsche, frueher echte Protektor blieb sitzen. Aus unserer schon verdunkelten Loge erblickten wir in seiner noch beleuchteten das Straef- lingsgesicht, das damit umging, deutsche — deutsche Maen- ner hinzurichten.” Praesident Labyrinth: "Ein zartes Wort fuer morden. Das deutsche Brauchtum kennt keine Morde.” Geheimrat Blumentopf: “Wie wahr! Der Protektor muss hier im Theater verungluecken, vor Mitternacht. Ich habe Ihre Zustimmung, obwohl ich sie nicht brauche.” Eine Pause. Ein Praesident, um endlich das Schweigen zu brechen: "Wir sind schon lange im Theater.” Der Zweite: “Wenn er uns entwischt w'aere?” Geheimrat Blumentopf: “Das kann er nicht. Vorn bei dem versperrten Eingang, auf welchem Wege er auch hingelangt, empfaengt ihn der Portier, in der Livree steckt einer meiner Leute. Andere sind in der Naehe.” Oberst Schalk: “Er ist verloren. Aus meiner militaeri- schen Erfahrung kann ich Ihnen etwas mitteilen. Man hat sie immer erst, wenn Sie sich selbst schon verloren geben.” 72 Noch immer die dunkle Buehne, aber Hauptmann Krach hat die Tuer der Proszeniumsloge geschlossen. Er sieht nach Heydrich um. Der Protektor lehnt, mit blaeulichem Licht uebergossen, an einer wackligen Stange, die oben etwas Schimmerndes, Flimmerndes traegt, ein Fetzen davon beruehrt seine Schulter. Heydrich: “Ich — mich aufgeben?” Er reckt sich un- gewoehnlich hoch. “Die Hinrichtung wird vollstreckt. Es ist Zeit. Wir gehen.” Hauptmann Krach: “Dringlich ist allein die unmittelbare Sicherung Eurer Excellenz. Ich werde das Telephon 238 aufsuchen, ich rufe die Burgwache an und verlange Sturm- bannfuehrer Jellinek, einen durch und durch verlaesslichen Mann. Nur zehn Minuten, elf und eine halbe nach der Uhr, und eine motorisierte Truppe umstellt das Theater." Heydrich: “Sie glauben, an den Apparat bekommen Sie Jellinek — und keinen von der Gestapo? Sie kennen uns schlecht.” Er setzt sich in Bewegung, nach der Seite, von wo er gekommen war. Hauptmann Krach, hinter ihm: “Es handelt sich darum, einen Trick zu finden. Wir werden ihn finden.” Heydrich legt den Rest des Weges eiliger zurueck. Vor der Garderobe angelangt, will er den Tuergriff erfassen, zieht aber die Hand zurueck, als haette er sich verbrannt. Er ruehrt sich nicht, nur dass er kleiner wird. 73 Als Heydrich sie verliess, vor wieviel Minuten, er weiss es selbst nicht, sind Wokurka und Milo Schatzova auf der Stelle verharrt. Sie lauschen. Die Schritte draussen entfernen sich. Wokurka: “Milo, meine Hochachtung! Fuenfzig Galgenstricke losmachen mit einer Hand, das verlangt Technik, das will eigentlich geprobt sein von zehn bis zwei, vierzehn Tage lang.” Milo Schatzova, Senkblick und herabgezogener Mund, sie zeigt ihm die Schulter. Wokurka: “Nein. Der Komoediant bin ich nicht, der nicht. Ich hab’ auch Herz, damit ich dir’s gestehe, und waer es vielleicht muede, dann danke ich dir, du hast es aufgefrischt.” Milo Schatzova: “Nichts zu danken.” 239 Wokurka: “Du liebst noch die Menschen. Was du getan hast, ist schoen." Dennoch als Schauspieler begeistert: “Wie du es gemacht hast, war gut.” Milo Schatzova: “Du hats recht, es befriedigt auch beruflich. Wenn ich Aerztin geblieben waere, fuenfzig Menschen auf einmal haett’ ich nicht vom sicheren Tod errettet." Wokurka: “Du hast den Mann gebaendigt. Der Mann ruehrt mich." Milo Schatzova: “Das Scheusal?” Wokurka: “Ein Scheusal ist mehr als ein Kobold, der wie ich, die bloeden Menschen mit ihrer eigenen Schlechtigkeit ergoetzt. Kollege Scheusal bricht mir das Herz. Hat nie geliebt und muss nun doch dran glauben.” Milo Schatzova: “Hast denn Du schon geliebt?” Wokurka, energisch: “So nicht. Ich muss protestieren, so, ganz bestimmt nicht. Dir fuenfzig meiner Opfer als Angebinde schenken und nicht einmal mehr auf der Ehrendeutschen bestehen! Bin ich ein Trottel?” Milo Schatzova, lacht kindlich auf, sie faellt ihm um den Hals und kuesst ihn ab. Wokurka erwidert mit Schmollmund und strengem Gesicht, waehrend er auf ihren Hueften Klavier spielt. 74 Die Tuer wird aufgerissen, Heydrich steht darin — furchtbar und stumm: Wokurka schiebt Milo Schatzova von sich: “Es war vorauszusehen, vom haben sie zugemacht.” Laute Entrue- stung: Das will eine Direktion sein, und sperrt den Protektor im Theater ein!” Heydrich, tritt vor, wahrt aber den Abstand. 240 Hauptmann Krach, zieht hinter sich die Tuer an und verlaesst sie nicht. Spannung, was kommen soll. Heydrich, weiss es selbst noch nicht, er sagt fremd: “Das war wohl nicht fuer mich bestimmt.” Milo Schatzova: “Jeder darf Zusehen.” Heydrich: “Nur nicht ich. Denn betrogen werd’ ich allein — um alles.” Er will umkehren, erblickt Hauptmann Krach und wendet sich wieder nach innen: “Was gibt es noch, worum ich nicht betrogen bin!” Wokurka: “Sie sind theaterfremd. Merken Sie sich fuer alle Faelle Excellenz, bei uns wird gekuesst, als ob Sie Heil Hitler sagen. Mehr denken wir uns dabei nicht. Es ist eine dumme Sitte.” Milo Schatzova: “Wirklich nur eine Sitte. Ich kuesse, wenn es darauf ankommt, den Vorhangzieher. Mein alter Kamerad hier — .’ Heydrich: “Du hattest ihn, mit Vorbedacht, um zehn Jahre aelter gemacht.” Wokurka: “Was hat sie Ihnen erzaehlt? Dass ich dem- naechst mein fuenfundzwanzigstes Buehnenjubilaeum begehe? Ein ordinaeres Kuenstlerlos!” Heydrich, immer im Abstand, aber vorgeneigt, und seine Stimme bebt: “Milo! Du hast mich nicht begriffen. Ich wollte dich fuer mich allein. Auch du haettest mich ganz besessen. Es war schlimm, der Fuehrer konnte auf mich nicht laenger bauen.” Milo Schatzova: “So schlimm?” Heydrich: “Ich verriet ihn schon, als ich die Padesat- Verschwoerung in deinen Armen vergessen und verziehen hatte.” Wokurka, abgewendet, wirft einen Blick nach der Dek- ke: “Wo bleibt das Stueck? Aus seiner Schurkenrolle macht der Mann ein unschuldiges Knaeblein, es ist zum Weinen.” 241 Mit Schwung herum, gegen Heydrich: “Sie! Nehmen Sie sich in Acht!” Heydrich, kalte Wollust: “Nicht mehr noetig. Die Fuenf- zig werden heute nacht noch haengen.” Hauptmann Krach, lacht trocken auf. Er bedeckt den Mund, als haette er gehustet. Er geht auf Wokurka zu: “Ihr grosser Augenblick ist da, Herr Wokurka. Sie haben nichts mehr zu verlieren.” Wokurka: “Gut, gestehen wir! Hab’ ich ihn betrogen.” Vor Heydrich hin. Schlicht: “Lassen Sie alle leben, Excel- lenz! Haengen Sie mich allein!” Milo Schatzova: “Aber — ”. Wokurka: “Nichts aber. Der Mann leidet. Ich kann keinen Mann, und waer es ein Henker, sich aufzehren sehen wegen eines Maedchens, das ihn mit mir betruegt.” Milo Schatzova: “Aber — ”. Wokurka: “Nichts da. Jetzt wird die Wahrheit eingestanden, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Die Milo hat micht angebetet, nur um meinetwillen ist sie unter das Theater gegangen. Ich hab’ ihretwegen eine Frau und sechs Kinder schimpflich verlassen.” Milo Schatzova: “Er luegt!” Wokurka: “Es ist mein fuerchterlicher Ernst.” Heydrich: “Meiner auch. In einer halben Stunde werden Sie haengen. Kommen Sie!” Wokurka, willfaehrig: "Befehlen sonst noch etwas? Ihr wertes Leben retten? Vor wem? Aber es wird gemacht.” Hauptmann Krach, bei Wokurka: “Es ist ganz einfach, Herr Wokurka, die Moerder des Protektors sitzen zu dieser Stunde im verdunkelten Theater.” Wokurka: "Erlauben Sie. Das ist gegen die Polizeivorschrift.” Hauptmann Krach: “Sie betreten durch die Buehnen- tuer das Haus, wo es stockdunkel ist.” 242 Wokurka: “Volle Beleuchtung verlange ich. Mich muss man sehen!” Hauptmann Krach: “Nein hoeren. Sie ahmen die Stimmen deutscher Offiziere nach.” Milo Schatzova: “Seine Spezialitaet ist der Fuehrer!” Wokurka: “Ich sage, dass ich in Moskau bin.” Hauptmann Krach: “Sie sagen, dass Sie in Prag sind, — auch nicht wahrscheinlicher.” Wokurka: “Und will Zusehen, wie ich gehaengt werde. Den Wokurka meint der Fuehrer." Hauptmann Krach: “Sie befehlen den versammelten Verschwoerern, dass sie sich stehenden Fusses zu ihrer eigenen Hinrichtung zu begeben haben. Bei meiner Ungnade, sagen Sie.” Wokurka: “Das wirkt, von mir gesprochen. Ich garantiere. Jeder bringt seinen Strick gleich mit.” Milo Schatzova: “Von der ganzen Todesliste wird keiner da sein. Alle haben sich in Sicherheit gebracht.” Sie tritt stuermisch vor Heydrich hin: “Den einzigen Wokurka wollen Sie Elender ermorden.” Sie hat die Hand erhoben, um Heydrich zu ohrfeigen. Hauptmann Krach faengt ihre Hand ab. Gegen Heydrich: “Das Einverstaendnis Eurer Excellenz vorausgesetzt, faehrt mein Wagen uns nach der Burg.” Heydrich: “Aber ich komme nicht lebend hin.” Milo Schatzova, bei Wokurka: “Pavel hat gut gearbeitet. Dieser Mensch faehrt nicht zu deiner Hinrichtung und zu niemandes sonst. Er faehrt zu seiner,” Wokurka: “Pavel! Wo ist er? Wenn sie ihn nicht schon geschnappt haben.” Milo Schatzova: “Unbesorgt!” Hauptmann Krach laesst Heydrich in seinem Aermel die Muendung eines Revolvers sehen: “Die volle Beleuch- 243 tung des Hauses koennte dennoch angezeigt sein. Es sind fuenf Attentaeter: ebenso viele Schuesse hab’ ich.” Heydrich lacht hoehnisch auf: “Der bildet sich ein, er wuesste mehr als ich. Es ist aus, wenn Sie es begreifen koennen: aus.” Hauptmann Krach wartet in dienstlicher Haltung. Heydrich, ernst: “Geheimer Soldat Krach! Der Pastorensohn Heydrich bittet Sie, erschiessen Sie ihn!” Hauptmann Krach: “Zu Befehl, nein, Eure Excellenz muss sich gefallen lassen, dass ich Ihr Leben rette.” Heydrich senkt die Stirn. Hauptmann Krach, im Abstand zu Wokurka: “Herr Wokurka, Sie werden doch ein Kostuem haben — fuer Faelle, in denen der Protektor vorzoege, unerkannt zu bleiben.” Wokurka: “Da haetten wir meinen Schneider Zwirn, eine bewaehrte Verkleidung.” Hauptmann Krach: “Schlank genug, dass darueber die Uniform passt. Her damit! Wir haben keine Minute zu verlieren, bis Sie den Fuehrer machen.” Wokurka, fuer Heydrich: “Wollen der gnaedige Herr sich weiter bemuehen.” Er hebt den Vorhang von der anliegenden Garderobe. Zusammen entfernen sich Wokurka und Heydrich. 75 Milo Schatzova, allein mit Hauptmann Krach: “Warum haben Sie ihm abgeschlagen, was er sich wuenschte?” Hauptmann Krach: “Ich bin nicht berufen.” Milo Schatzova: “Aber er! Als Schneider Zwirn in sein Verhaengnis zu gehen.” Hauptmann Krach: “Wer will sagen, ob er nicht nach 244 Amerika und in eine fuehrende Stellung bei der Heilsarmee gelangt. Die Menschen sind wandlungsfaehig. Dieser koennte in die Klasse der reumuetigen Verbrecher ge- hoeren." Milo Schatzova: “Sie verachten ihn bis zum Erbarmen. Sonderbarer Mann! Seid ihr Deutschen denn Christen, wenn ihr echt seid? Ich hasse ihn." Hauptmann Krach: “Um Sie handelt es sich. Slecna Milo, Sie muessen das Land verlassen.” Milo Schatzova: “Was faellt Ihnen ein! Mein Land in seiner Not und Groesse, jetzt lerne ich, wie ein Land unser Schicksal wird.” Hauptmann Krach: “Seit Sie dem Unternehmen unseres Pavel beitraten. Sie mussten voraussehen, wohin es fuehren wuerde.” Milo Schatzova: “Wohin? Pavel sah keine Tragoedie vor, ich auch nicht. Sie allein sind tragisch begabt. Hauptmann Krach: “Ich befinde mich an einer Staette der heiteren Kunst, wenn morgen heller Tag ist, werdet ihr froehlich unterwegs nach Jugoslavien sein.” Milo Schatzova: “Ich kann nicht. Mein Vertrag. Das Haus ist vier Wochen ausverkauft.” Hauptmann Krach: “Vielleicht wird schon morgen abend nicht mehr gespielt.” Milo Schatzova: “Wegen — des Zwirns?” Hauptmann Krach, Gebaerde der Ohnmacht: “Oder weil die Primadonna fehlt. Pavel erwartet Sie gleich jetzt in der Burg.” Milo Schatzova: “Er ist in der Burg?” Hauptmann Krach: “Sie werden ihn auftreten sehen.” Milo Schatzova: “Wenn ich nicht komme?" Hauptmann Krach: “Er reist nicht ohne Sie. Lassen Sie ihn die Frist versaeumen, — aber das wollen Sie nicht.” Milo Schatzova: “Nein. Aber auch meinen Kameraden Wokurka will ich nicht verlassen.” Hauptmann Krach: “Bringen Sie ihn mit — zu seiner Hinrichtung, die nicht stattfindet. Er reist mit euch, morgen frueh.” Hauptmann Krach, gruesst mit dem Kopf, will durch den Vorhang abgehen. Milo Schatzova: “Hauptmann Krach!” Hauptmann Krach: “Slecna Milo?” Milo Schatzova: “Und Sie?” Angedeutete Bewegung, als koennte sie ihm ihre Arme oeffnen.” Hauptmann Krach, Ansatz stuermisch hinzueilen. Aber er reisst sich zusammen, er spricht mit der gewohnten Maessigung: “Meine Zukunft verdient Vertrauen. Es ist die Zukunft des allerungluecklichsten Landes.” 76 Der Burghof. Ausserhalb seines Tores wird laut gezimmert. Die Beleuchtung beschraenkt sich in der Hauptsache auf den Mondschein: man erkennt nicht, was die Arbeiter machen. Sie ermutigen einander durch Zurufe. Endlich steigt der Gegenstand, den sie handhaben, steil in die Hoehe. Es ist ein Galgen. Oberst Schalk: “Donnerwetter. Wirklich ein Galgen.” Er und seine Freunde, die Geheimraete Rumfutsch und Blumentopf, die Praesidenten Labyrinth und Meyer werden im Innern des Hofes von der Truppe des Sturmbann- fuehrers Jellinek bewacht und aufs Korn genommen. Geheimrat Rumfutsch: “Einer? Bis es fuenfzig Galgen sind, bricht der Tag an, noch ein Tag, noch eine Nacht brechen an. Etwas Menschliches kann jedem zustossen. auch — ihm." 246 Praesident Labyrinth: "Wenn der Fuehrer ihn nur ansieht, erkennt er die Nachahmung.” Praesident Meyer: "Und haengt nicht uns, sondern ihn." Der Sturmbannfuehrer: “Ich hoere immer, die Herren wollen den Fuehrer haengen. Das fehlte Ihnen gerade noch zum Hoch- und Landesverrat.” Oberst Schalk: “Sturmbannfuehrer Jellinek, Sie sind als brauchbarer Offizier vornotiert. Sparen Sie Ihren Ueber- eifer!" Geheimrat Rumfutsch: "Er koennte Ihnen falsch ausgelegt werden.” Praesident Labyrinth: "Merken Sie sich, junger Mann, dass sogleich der Fuehrer eintrifft.” Der Sturmbannfuehrer, erschrocken: "Persoenlich?” Praesident Meyer: "So persoenlich wie moeglich.” Oberst Schalk: “Ich hatte die Ehre, ihm vorgestellt zu werden. Sie wohl auch?” Der Sturmbannfuehrer lacht schallend: "Sowas kommt hoechstens im Maerchen vor. Sein persoenliches Erscheinen — desgleichen. Der Fuehrer befindet sich bei seinen Soldaten, ich hoerte es von seiner eigenen Stimme.” Geheimrat Rumfutsch: “Wir hoerten seine Stimme deutlich sagen, dass er hier sein wird. Der Sturmbannfuehrer: “Dann hat er sich mit Ihnen einen Scherz erlaubt.” Er haelt sich den Mund zu. "Pardon die Entgleisung, der Fuehrer scherzt niemals. Sie aber, meine Herren, haben Humor. So nah dem Galgen, und noch Witze. Da regt sich mein rheinisches Blut.” Er lacht aus vollem Halse. Er macht um den Hof die Runde. Der Posten vor dem Haupteingang: “Melde gehor- samst, der Protektor sind oben.” Der Sturmbannfuehrer: “Wird auf den Fuehrer warten." Er lacht. Praesident Labyrinth: “Der Sturmbannfuehrer scheint uns nicht zu glauben.” Praesident Meyer: “Er hat nicht gehoert, was wir hoerten." Geheimrath Blumentopf, sein erstes Wort: “In dem stockdunklen Theater.” Oberst Schalk: “Soll das Zweifel andeuten? Wenn jemand die Stimme des Fuehrers kennt — Geheimrat Rumfutsch: “Bin ich’s. Meine Kanzlei hatte ihn telephonisch mit dem Protektor verbunden, als er ihn seinen Freund nannte.” Oberst Schalk: “Den echten Protektor. Nicht den Anderen, der uns haengen will.” Geheimrat Blumentopf: “Meine Herren! Den falschen Protektor kennen Sie nur in der einen seiner Glanzrollen. Wer sagt Ihnen, dass er nicht auch den Fuehrer taeuschend nachahmt — in einem verdunkelten Theater.” Praesident Labyrinth: “War es wieder nur der Schwindler, wozu sind wir denn hergekommen?” Praesident Meyer: “Wenn unsere Hinrichtung abgesagt ist?” Geheimrat Blumentopf: “Wohin sonst mit uns? Er oder wir, so weit ist es. Mir sagt mein Polizeiinstinkt: er.” Stimmen erheben sich auf der anderen Seite des Hofes. Geheimrath Rumfutsch, streckt den Finger nach dem entgegengesetzten Winkel: “Die Tschechen werden ueber- muetig. Das kommt davon, wenn eine Hinrichtung ohne amtliche Kontrolle abgesetzt wird. Fuer den Stundenplan des Protektors bin ich verantwortlich.” Praesident Labyrinth: “Dem Hoechsten." Praesident Meyer: "Ihm. Ich kann mir nicht helfen, 248 ich glaube an seine sichtliche Offenbarung, und sie ist nahe.” Oberst Schalk: “Ich vermisse die militaerische Puenkt- lichkeit. Der Protektor ist nicht da, aber wir selbst haben uns verspaetet. Die Schuld traegt Herr Blumentopf.” Geheimrat Blumentopf: “Nein, Sie.” Oberst Schalk: “Bei nicht weniger als fuenf Lokalen haben Sie halten lassen. Ueberall mussten Sie sich staer- ken.” Geheimrat Blumentopf: “Sie auch. Wenigstens nahm ich tschechische Gaeste mit — nur wer einen Wagen hatte, um uns zu begleiten. Dieser 30. Juni darf nicht an Deutschen allein vollstreckt werden.” 77 Die tschechischen Todeskandidaten sind gleichfalls von einer Truppe bewacht und aufs Korn genommen. Anfangs hat bei ihnen eine gedrueckte Stimmung vorgeherrscht. Das Gelaechter des Sturmbannfuehrers wirkt belebend: Eine Dame mit scharfer Stimme, bekannt aus dem Theater Rococo, wo sie sich neben der Loge des Protektors respektlos geaeussert und eine Verwarnung von Hauptmann Krach empfangen hatte:'' “Er lacht so herzhaft, der Sturmbannfuehrer. Der will uns nichts antun.” Ihr Begleiter: “Wer sind wir denn auch? Mir scheint, haetten wir keinen Wagen gehabt, wir waeren gar nicht hier.” Ihr zweiter Kavalier: “Bei den Deutschen ist alles Zufall. Nachher nennen sie es planmaessig.” Die Dame: “Aber ich war gleich gegen das Kolobri Im Palais Paradis haette uns niemand gesucht.” Eine andere weniger schoene Dame, im Theater Ro- coco verweilte sie waehrend der ersten Anwesenheit Heyd- richs lange auf ihrem Parkettplatz: “Uns haben sie aus dem Paradis geholt.” Einer ihrer Freunde: “Ohne dass sie uns suchten. Der Herr von der Gestapo nahm uns mit, weil — .” Ein Unbeteiligter: “Weil Sie Zugaben, dass Sie einen Wagen haetten. Ich ganz Unbeteiligter musste als Geisel mit, wie ihr.“ Die weniger schoene Dame; die ungenuegende Beleuchtung ist ihr guenstig: “Geisel. Ich muss lachen. Der Sturm- bannfuehrer lacht selbst.” Sie bekommt einen Lachkrampf. Ihre Freunde suchen sie zu besaenftigen. Der erste Freund: “Das ist schrecklicher als gehaengt werden!" Der zweite, der sich im Rococo eingemischt hatte: “Ich musste mich in Ihre Sachen einmischen!” Der Erste: “Sie mussten mit der Dame ausgehen. Das naechste Mal, wenn Prag von den Deutschen besetzt wird — ." Der Zweite: “Nie wieder bummeln mit einer hysterischen.” Er stopft der Dame sein Taschentuch in den Mund. Sie erlangt ihr Gleichgewicht zurueck. Die Dame: “Wo bin ich? Oh! bei meiner Hinrichtung.” Ein Begleiter der Dame mit der scharfen Stimme: “Ein einfaches Missverstaendnis. Von der Liste der fuenfzig Ausersehenen ist kein einziger zur Stelle.” Wokurka, von draussen, wo er die Arbeiten besichtigt hatte: “Doch. Ich bin da. Meinen Auftritt versaeum’ ich nicht.” Die scharfe Dame: “Der Wokurka! Wenn Sie schon draussen waren, kommen Sie wieder herein?” Der zweite Kavalier: “Sind Sie bloed? Ich dachte, auf der Buehne machten Sie es kuenstlich.” Die Dame, die gelacht hatte: "Ich fuehle es, ich werde nochmal anfangen.’’ Ihre Begleiter stuerzen sich auf sie. Der Unbeteiligte: “Ich als Unbeteiligter wundere mich ueber nichts mehr.” Wokurka: “Das einzig Richtige, Herr! Nil admirari, sagen die Juden; obwohl ich ein arischer Komiker und der Freund unseres Protektors bin. Er gab mir dies Stelldichein.” Alle durcheinander: “Dann wird nicht gehaengt? Dann brauchen Sie vielleicht ein Publikum, Herr Wokurka, fuer Ihre Einfaelle? Und die Gestapo klaubt es Ihnen in den Nachtlokalen zusammen?” Wokurka, ernst: “Geht nicht zu weit, Freunde! Meine geliebten Landsleute die ihr seid! Faelle gibt es, wo ich scherzen weder kann noch will.” Stimmen: “Was ist nun das fuer eine Albernheit! Er meint es anders herum.” Wokurka: “Anders meinen es unsere biederen tschechischen Zimmerleute. Die werden uns keine Galgen bauen, die nicht.” Stimmen: “Einer steht schon.” Wokurka: “Noli me tangere, sagt er. Ruehr’ mich nicht an, sonst fall ich um.” Er lauscht. Er gibt das Zeichen still zu sein. Auch die Geraeusche des Zimmerns haben aufgehoert. Pause. 78 Der Sturmbannfuehrer eilt zu den deutschen Verurteilten: “Die Herren haben den Arbeitern zugerufen, sie moech- ten die Arbeit niederlegen.” 251 Oberst Schalk: '-‘Die Arbeiter haben ein besseres Gehoer als Sie." Der Sturmbannfuehrer: “Auf Sabotage steht Todesstrafe.” Geheimrat Rumfutsch: “Das sagen Sie uns?" Die beiden Praesidenten: "Ein Anfaenger. Der Mangel an geeigneten Kraeften macht sich fuehlbar.” Der Sturmbannfuehrer hoert das Signal eines anfahrenden Wagens. Er erschrickt heftig: “Der Fuehrer! Also doch.” Geheimrat Blumentopf: “Gehoert haetten Sie. Aber diesmal ist es der Protektor. Und Sie sind hier mit nichts fertig." Der Sturmbannfuehrer, verzweifelte Gebaerde nach den Fenstern der Burg: “Der Protektor ist droben.” Der Wagen haelt draussen. Die Arbeiter haben mit ihren Hoelzern den Weg verlegt. Zwei Scheinwerfer beleuchten grell die Gestalt des Protektors, der ausgestiegen ist und ueber die Hindernisse klettert. Hinter ihm Hauptmann Krach. Der Sturmbannfuehrer in voller Panik befiehlt seine Mannschaften in die Mitte des Hofes, zur parademaessi- gen Aufstellung. Die Einen trennen sich von den deutschen Herren, die sie bewachen, die Anderen ueberlassen die tschechischen Geiseln sich selbst. Die Aufstellung faellt nicht nach Wunsch aus. Die beiden Trupps verwickeln sich in einander. Die Kommandorufe des Sturmbannfuehrers bewirken nur, dass alle Soldaten wie ein Mann sich dem Protektor entgegenwerfen: Hauptmann Krach entzieht ihn dem Zusammenstoss. Heydrich, bleich, aber beherrscht: “Das und nichts anderes war zu erwarten. Wer kommandiert hier?" Der Sturmbannfuehrer: “Melde gehorsamst, Sturmbannfuehrer Jellinek.” Heydrich: “Natuerlich der froehliche Rheinlaender.” Mit Genugtuung in seiner metallischen Stimme: “Sie sind mit den Attentaetern verschworen. Treten Sie zu den uebri- gen Fuenfzig!” Der Sturmbannfuehrer, begeistert: “Heil Hitler!” Geheimrat Rumfutsch, leidenschaftlich: “Eure Excel- lenz bemerkt, dass wir deutschen Herrenmenschen bis jetzt nur fuenf sind.” » Oberst Schalk: “Drueben moegen es ein paar mehr sein.” Geheimrat Blumentopf: “So viele ich unterwegs auftreiben konnte. Excellenz hatten die Hinrichtung abgesagt.” Praesident Labyrinth: “Excellenz hatten einen klaren Augenblick!” Heydrich: “Den muss ein Anderer gehabt haben.” Geheimrat Blumentopf: “Fragen Sie ihn selbst, — falls eine Begegnung stattfaende.” Heydrich zieht sich eilig zurueck: “Eine Begegnung?” Der Sturmbannfuehrer hat sich versehentlich zu den Tschechen begeben. Der Unbeteiligte: “Sehr erfreut, Herr Sturmbannfuehrer. Ich bin ein Unbeteiligter, Sie gehoeren auch nicht hierher, aber der Tod macht, hoer’ ich, alles gleich.” Geheimrat Blumentopf: “Alles ist improvisiert. Nur den Haupttreffer erwarte ich mit steigender Sicherheit.” Den Soldaten ist es gelungen, sich aufzustellen. Sie haben den Protektor in die Mitte genommen. Der Weg hinaus, ist von ihnen verlegt, aber eine Gasse bleibt offen nach dem Haupteingang. Heydrich: “Ich befehle die Hinrichtung.” Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, der Henker wird vermisst.” Wokurka: “Wird ihn jemand gehaengt haben.” 253 Der Unbeteiligte: “Eine saubere Ordnung dahier.” Heydrich: “Wo sind die Galgen?” Keine Antwort. Heydrich: “Wer kommandiert den Richtplatz?” Der Sturmbannfuehrer: "Melde gehorsamst, Sturmbann- fuehrer Jellinek wegen Todesfalls beurlaubt.” Wokurka: “Gut, mein Lieber. Koennte von mir sein.” Ueber die Koepfe weg, fuer den Protektor: “Erinnern Ex- cellenz sich gnaedigst unserer guten Beziehungen! Ueber- tragen Sie halt mir den Oberbefehl.” Heydrich: “Wer ist das?” Hauptmann Krach: "Ein Komiker.” Heydrich: “Er kommt als Erster daran.” Oberst Schalk: “Das ist ein deutsches Vorrecht!” Stimmen drueben: “Wir sind nicht ehrgeizig. Wir lassen euch den Vortritt.” Geheimrat Rumfutsch, mit dem Mut der Verzweiflung: Es ist eine Schaendung des deutschen Namens, was dieser Protektor sich erlaubt!” Praesident Labyrinth, mitgerissen von der Wildheit des Geheimrates: “Dieser Protektor soll seinen Morden allein Zusehen, ich nicht!” Praesident Meyer, gleichfalls angesteckt: “Bis er selbst an der Reihe ist, dieser sogenannte Protektor.” Geheimrat Blumentopf: “Sogenannt: das Wort ist gefallen. Folgt der Haupttreffer, wie ich ihn voraussah." Oberst Schalk: “Sie wussten. Sie sind erkannt als Intellektbestie.” Am Rande des Haupteinganges erscheint Pavel, in Uniform und Maske. Er steht ohne Regung, er betrachtet die Szene. Seine aeusserst furchtbare Miene zeigt Verachtung und Hohn. Auch Genugtuung liest man darin. Heydrich sieht ihn nicht, obwohl er nahe genug waere. Aber er wendet dem Gebaeude den Ruecken. Er erhebt die Stimme, seine Befehle sollen ueberall gehoert werden, bei den Gruppen der Tschechen und der Deutschen, bei den Arbeitern ausserhalb des Burghofes. Besonders richtet er sie an die Soldaten, die ihn auf drei Seiten einschliessen: frei ist nur der Zugang nach dem Portal, wo Pavel steht. Heydrich: “Ich befehle eine Massenerschiessung meiner saemtlichen Feinde. Alle auf einen Haufen, und hingeschossen! Die Zimmerleute! Wer keinen Galgen machen will, bekommt eine Kugel. Blumentopf oder Wokurka, mir eins, die Kugel!” Die Arbeiter sind von selbst im aeusseren Tor versammelt — nicht um sich erschiessen zu lassen: sie wollen Pavel sehen. Sie wollen der Begegnung der beiden Protektoren beiwohnen. Ebenso wenig Entgegenkommen findet Heydrich bei den anderen Gruppen. Niemand ruehrt sich, Furcht ist nirgends zu bemerken, wohl aber gespannte Neugier. Heydrich, fuer Hauptmann Krach: "Die Leute sind verrueckt geworden. Formieren Sie das Erschiessungskom- mando!” Hauptmann Krach, in einer Luecke der duenn verteilten Truppe: “Zu Befehl. Auch die Mannschaft ist nicht mehr bei Trost. Ich muss sogar meine eigenen Sinneswahrnehmungen bezweifeln.” Heydrich wirft einen Blick auf die Soldaten. Jetzt ist er belehrt ueber den Ort, wo die Ursache so bedeutender Veraenderungen zu suchen ist: hinter seinem Ruecken. Seine Schultern nehmen eine Schutzhaltung ein, aber er bleibt bedacht kein Erschrecken zu zeigen. Seine Wendung geschieht langsam. 255 79 Heydrich und Pavel, aus einem Mund, mit derselben M Stimme: "Da waeren wir!” Heydrich berichtigt sich: “Das ist der Hochstapler. Verhaften!” Die Soldaten sehen einander nur an. Heydrich, beginnt die Nerven zu verlieren: “Wo ist euer Kommandant?” Wokurka: “Hier. Er ist tot und hat mich mit seiner Vertretung betraut.” Er tritt vor. Seine Autoritaet ist äugen- ^ scheinlich, die Soldaten machen ihm Platz. Dem Protektor ins Gesicht spricht er: “Ich bin so gut Sturmbannfueh- rer wie Sie Protektor sind.” Heydrich versucht, ihn in den Bauch zu treten. Wokurka weicht aus, Heydrich trifft einen Soldaten, der aufschreit und umfaellt. Die Truppe murrt vernehmlich. Oberst Schalk, zorngeroetet, impulsiv: “Festnehmen! Fesseln! Wird’s bald? Der Untermensch hat der deutschen Sache genug geschadet.” Die Soldaten sind grundsaetzlich geneigt, sie zoegern nur. Oberst Schalk will reden, um sie anzutreiben: “Deutsche Soldaten!” Wokurka unterbricht ihn alsbald, er hat die tragende /■-*• Stimme: “Deutsche Soldaten! Nichts da! Ihr vergreift euch an keinem deutschen Protektor. Ich selbst werde mich nie und nimmer vergreifen, aus Hochachtung vor dem Fueh- rer. Wenn der Protektor falsch ist, der Fuehrer ist echt.” Die Gruppe der Tschechen ist naeher gerueckt. Allen voraus meldet sich der Unbeteiligte mit aufgerecktem Finger. Der Unbeteiligte: “Ich bin unbeteiligt. Die beiden Pro- 256 tektoren habe ich mir genau angesehen.” Er deutet auf Heydrich: “Dieser ist der echte.” Wokurka, weich: “Sie Esel tun mir leid.” Der getretene Soldat, der noch am Boden liegt: “Er ist der echte. Das war sein Tritt.” Er stoehnt und windet sich. Die Dame mit dem Lachkrampf: “Soll ich mal?” Ihre beiden Begleiter stuerzen sich auf sie. Die aeltere Dame, scharf: “Feine Zeugen, was der echte Protektor hat!” Sie wird gezwickt. Die aeltere Dame, noch schaerfer: “Sie Schlimmer!” Praesident Labyrinth: “Ausschliesslich das Schutzvolk beglaubigt ihn.” Praesident Meyer: “Auch der getretene Soldat ist fremdstaemmig.” Pavel, auf der oberen Stufe des Portals, hat die Arme verschraenkt. Sein unerbittlicher Blick haelt Heydrich fest, seit Heydrich unvorsichtig genug war, den Augen Pavels zu begegnen. Er ist unfaehig, den Hals nach Beistand umzudrehen, weiss uebrigens, dass er keinen faende. Heydrich verfaellt zusehends in Haltung und Ausdruck des schlechten Gewissens. Sein fuerchterliches Gesicht von ehedem ist bei seinem Gegner allein. Er fuehlt es. Ein langsames, schweres Nicken des Anderen bestaetigt ihm sein Gefuehl. Pavel wiederholt: “Da waeren wir.” Keine Antwort. Murmeln bei den Gruppen, die zuerst gehaengt, dann erschossen werden sollten: “Es ist beinahe peinlich. Es wird einem schwuel.” Der getretene Soldat ist vom Boden hochgekommen, er drueckt sich beschaemt aus: “Nein doch, der Tritt war unecht. Der dort oben tritt anders.” 257 Der Kammerdiener ist hinter Pavel erschienen: “Geruhen Excellenz, die Dame droben bittet dringend, Ihren Auftritt abzukuerzen. Es sei geraten. Sie kenne das Theater.” Anschwellendes Volksgemurmel. Auch bei den Arbeitern, die Heydrich verurteilt hatte: “Der Pavel hat seine Freundin droben, verfluchter Kerl.” Sogar bei den Soldaten: “Klar. Der Eine wohnt oben, der ist es. Dieser da hat sich draussen herumgetrieben und hier will er treten.” Der Aufgeweckteste gelangt zu einem eigenen Entschluss: "Fasst ihn!" Aber Heydrich ist nicht zu finden. Von allen unbeachtet hat er den dunkelsten Winkel erreicht, dort trifft er den Sturmbannfuehrer. Der Sturmbannfuehrer: “Willkommen, Excellenz. Ich lasse es bei der Excellenz.” Heydrich: "Gerade Sie haette ich besser nicht erschossen.” Der Sturmbannfuehrer: “Was wollen Sie, jetzt bin ich erschossen. Und Sie?” Heydrich: “Jellinek, helfen Sie mir aus dem Burghof! Sie machen Ihr Glueck.” Der Sturmbannfuehrer: “Gluecklich war ich, als ich an nichts zweifelte. Jetzt frage ich mich: Jellinek willst du .heissen und froehlicher Rheinlaender sein?” Heydrich: “Aber Sie sind Sturmbannfuehrer!” Der Sturmbannfuehrer: “Gewesen. Ich trat das Kommando ab.” Heydrich: “Ich uebergebe es Ihnen aufs neue.” Der Sturmbannfuehrer: “Wer? Sie? Oder Sie?” Heydrich: “Sturmbannfuehrer! Saeubern Sie mit Ihrer Mannschaft den Burghof! Ich befehle.” Der Sturmbannfuehrer: “Wo sind Befehle, wo wird 258 noch gesaeubert? Ach! als Excellenz mir befahlen, hier das Maschinengewehr und die Musik aufzustellen.” Heydrich: "Hab* ich Ihnen niemals befohlen.” Der Sturmbannfuehrer: “Sie sehen. Ein Maerchen aus uralten Zeiten, das will mir nicht aus dem Sinn.” — Er schluchzt. 80 m Hauptmann Krach steht in dienstlicher Haltung vor Pavel. Niemand hoert sie; das Treiben auf dem Burghof ist bewegt. Pavel: “Sie haben Blumentopf entwaffnet?” Hauptmann Krach: “Mit Genehmigung Eurer Excellenz band ich ihm nur die Haende auf den Ruecken.” Pavel: “Wenn er ein Entfesselungskuenstler waere?” Hauptmann Krach: “Ich war bei der Marine. Den Knoten loest er nicht.” Pavel: ‘Sie begreifen, der gute Ruf des Protektors, der reine Ehrenschild des Fuehrers. Mein Imitator, mag er noch so schlecht sein — Hauptmann Krach: “Heute abend versagte er beispiellos.” Pavel: An diesem Ort, unter meinen Augen darf er nicht erlegt werden.” Hauptmann Krach: “Die ganze Ordinaerheit eines Blumentopf ist noetig, um so sehr das aesthetische Gesetz zu verkennen.” Pavel: Ich wuensche nicht, dass Heydrich durch uns stirbt.” Hauptmann Krach: “Zu Befehl, er soll sich anderswo haengen lassen.” ** Pavel, will natuerlich sprechen, aber er kann es nicht: 259 I “Hauptmann Krach, ein noch schwereres Schicksal als wir von jetzt an tragen sollen — Hauptmann Krach: “Gibt es. Unseres ist: fliehen, um zu kaempfen.” Pavel, Stimme seiner Maske: “Gemacht. Sie nehmen den verhassten Schwindler in Ihrem Wagen mit.” Hauptmann Krach: “Und bringe ihn in Sicherheit, — als ob er vor seinem Schicksal sicher waere. Sie selbst?” Pavel: “Haben Sie schon erlebt, dass ich nicht hingelangt bin, wohin ich wollte?” Hauptmann Krach: “Auch Milo Schatzova muss glueck- lich durchkommen.” Zum ersten Male weich: “Milo hat droben zugesehen. So mutig sie immer ist, klopft ihr das Herz.” Pavel: “Um sich bangt sie nicht, ebensowenig um mich. Vielleicht um einen Anderen.” Hauptmann Krach, schlaegt die Augen nieder. Pavel: “Sie werden sie Wiedersehen.” Hauptmann Krach salutiert: “Ersuche Excellenz um gnaedige Erlaubnis, abtreten zu duerfen.” Pavel: “Nach Ausfuehrung meiner Befehle erscheinen Sie zum Bericht am bekannten Ort!” 81 Hauptmann Krach macht kehrt. Geradewegs durch dick und duenn erreicht er den dunklen Winkel. Heydrich, unsicher: “Was gibt es?” Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, Hauptmann Krach zur Verfuegung des Protektors.” Heydrich, fuer den Sturmbannfuehrer: “Hoeren Sie das? Wenn ich Zeit haette, wuerde ich Sie in Eisen krumm legen." *• I 260 Hauptmann Krach: “Sie haben keine Zeit.” Gegen den Sturmbannfuehrer: “Sie fuehren wieder die Truppe. Befehl des Protektors.” Der Sturmbannfuehrer: “Welches Protektors?” Hauptmann Krach: “Mensch! Es fehlt noch, dass Sie mehr als einen kennen.” Der Sturmbannfuehrer: “Ich sehe immer zwei.” Hauptmann Krach, wegwerfend: “Leute wie Sie verlassen sich noch auf ihre paar Sinne. Denken Sie lieber an Ihren schwachen Kopf!” Der Sturmbannfuehrer, ermuntert: “Der deutsche Soldat denkt nicht.” Heydrich: “Endlich.” Hauptmann Krach: “Stellen Sie Ihre Truppe auf, der Protektor will reden.” Der Sturmbannfuehrer: “Welcher?” Heydrich: “Er faengt schon wieder an.” Fuer Hauptmann Krach: “Was faellt Ihnen ein? Reden! Ich tuerme. Mein Fuehrer! Melde gehorsamst, Reinhard Heydrich, Protektor von Boehmen-Maehren, tuermt.” Hauptmann Krach wirft den Sturmbannfuehrer zum Winkel hinaus. Der Sturmbannfuehrer, einmal in Bewegung gesetzt, marschiert darauf los. Wokurka, waehrend der Andere vorbeimarschiert: “Herr Sturmbannfuehrer! Ich trete Ihnen den Oberbefehl ab.” Der Sturmbannfuehrer, ohne Aufenthalt: “Wohl ver- rueckt geworden?” Er trampelt ueber die Fuesse Wokur- kas hinweg. Wokurka: “Ich darf mich als entlassen betrachten. Es trifft sich, wegen einer vorhabenden Reise. Die Dame ist noch droben.” In den Winkel: “Herr Hauptmann erwarten vielleicht die Dame?” Zu seinem Erstaunen ist der Winkel leer. Hauptmann Krach hat Heydrich aus dem Tor des Burghofes geleitet. Sie sind verschwunden, ohne jedes Aufsehen, ausgenommen nur Geheimrat Blumentopf. Alle anderen, moeglichen Zuschauer werden abgelenkt durch das kraftvolle, keineswegs geraeuschlose Vorgehen des Sturmbannfuehrers. Er laesst die grosse Mitte des Platzes von Zivilisten raeumen. In Front des Gebaeudes, Augen geradeaus auf den Protektor, empfangen die Soldaten seine Ansprache, wobei einigen der Mund aufgeht und offenbleibt. Aus Mangel an Mannschaft ist das Militaer lueckenhaft verteilt. Im Verlauf der Rede dringen die vertriebenen Zivilisten dazwischen ein. Hierbei kommt es von selbst, dass Herren — und Schutzvoelker sich, als ob nichts waere, unter einander mischen. Die Arbeiter ihrerseits finden es, je weiter Pavel im Text geht, umso zulaessiger, die ersten Plaetze zu besetzen, noch vor dem Militaer, gleich unter den Knieen des Redners. Er nimmt die hoechste Stufe des Portals ein. Aber mit der metallenen Stimme des Protektors beherrscht er diese angesammelte Auswahl menschlicher Arten. Man traut ihm soviel Gehoer als Stimme zu; die ausgetauschten Bemerkungen fallen gedaempft, unterdrueckt wird sogar das begreifliche Erstaunen. 82 Pavel, der schon sprach, als die eifervolle Taetigkeit des Sturmbannfuehrer ihn haette stoeren koennen aber nicht stoerte, faehrt fort: “Angehoerige des Protektorats! Ich bin euer Protektor, damit ich euer Leben schuetze. Noch soeben sähet ihr, dass es um euch, wer ihr auch seid, geschehen war.” Geheimrat Rumfutsch: “Leider, leider.” Der Unbeteiligte neben ihm, ebenso leise: “Hat er vorhin gesagt, dass die ganze Padesat-Verschwoerung eine boeswillige Erfindung ist?” Geheimrat Rumfutsch: “Allerdings verstand ich so.” Der Unbeteiligte: “Ich jedenfalls bin unbeteiligt.” Geheimrat Rumfutsch: “Wie ich.” Pavel, mit seinem Hoechstmass von Maske: “Die Au- toritaet des Protektors, seine Befehlsgewalt, ja, das Fueh- rerprinzip, ich verteidige sie, wenn ich zu dieser Stunde eure Galgen nicht aufstelle, sondern sie umwerfe. Ihr alle waeret durch blossen Zufall daran aufgehaengt worden, mit listiger Absicht war der Strick allein gedreht fuer mich — und einen hoeheren.” Wokurka, ohne die Stimme zu heben, aber sie traegt: "Heil Hitler!” Oberst Schalk, bei ihm, wird etwas zu laut: “Heil Hitler!” Der Sturmbannfuehrer blitzt ihn strafend an. Oberst Schalk taucht unter, er murmelt nur: “Wenn der Sturmbannfuehrer es vorzieht, rufe ich Heil Heydrich — oder wie der Name war.” Wokurka: “Schon vergessen! Sic transit.” Ein Begleiter der Dame mit dem Lachkrampf: “Die Situation ist einzig in der Geschichte.” Die Dame: “Soll ich mal?” Aber sie sieht selbst ein, dass es nicht angebracht waere. Pavel: ‘“Ich bin verantwortlich fuer das deutsche Ansehen und dass der Protektor respektiert werde.” Praesident Labyrinth, mitten unter Tschechen: “Er geht zu weit. Finden Sie nicht?" Mehrere antworten: “Er ist der erste Deutsche, der mir wirklich gefaellt.” 263 Praesident Labyrinth: “Kein Kunststueck. Aber er ist ein geschickter Mensch.” Pavel: “Hier stehe ich. Meine Soldaten sind mir treu. Wer nach meiner Brust zielte, kaeme nicht zum Schuss.” Der Sturmbannfuehrer faehrt auf, erregt sucht er nach Revolvern, die gegen den Protektor gerichtet waeren. Sichtlich wird er beschliessen nochmals zu raeumen. Pavel: “Sturmbannfuehrer Jellinek, lassen Sie mir mein Herren- und mein Schutzvolk in Ruhe! Dieses wie jenes hat allen Grund, meine Erhaltung zu wuenschen. So gut hat noch niemand sie bedient. Beinahe wuerden sie mich lieben, — wenn meine Maske liebenswert waere.” Praesident Meyer: “Was sagt man. Seine Maske!” Die Dame mit der scharfen Stimme: “Was nennt er Maske? Er traegt keine, seht ihr nicht?” Oberst Schalk, zu der Dame mit dem Lachkrampf: ‘Legen Sie los, meine Dame! Jetzt koennen Sie nicht. Es verschlaegt Ihnen den Atem, mir auch.” Die Dame, gekraenkt: “Ich kann. Aber ich will mich ruehren und erbauen lassen, wie in der Predigt.” Denn das Gesicht Pavels veraendert sich wesentlich. Aus blosser Furchtbarkeit geht es ins Erhabene ueber. Seine Absicht ist nicht mehr das Grauen, sondern, schwer zu glauben, ein strenges Wohlwollen. Es bleibt das Gesicht des Protektors; umso erstaunlicher wendet es sich zum Guten, ja, falls hier jemand das Wort kennt: zur Guete. Der getretene Soldat; entgeistert: “Nein! Der tritt nicht.” Sein Nebenmann, ueber die Luecke zwischen ihnen: “Kusch!” Alles Gefluester erlischt. Tiefe Stille. Pavel, klangvolle Stimme, daraus verschwunden sind Drohung und Schrecken: “Ich zeig’ euch mein Gesicht, ihr seht ,es nicht wieder. Ihr hoert mich das letzte Mal. Ich verlasse euch, ueber mich ist hoechsten Ortes anders be- 264 schlossen. Der Fuehrer macht mich zum Zweiten nach ihm. Unter mir soll die Geheime Staatspolizei ein Werkzeug des Friedens werden. Glaubt es oder glaubt es nicht! Vor mir besteht kein Herren — kein Schutzvolk. Lauter Herren- voelker! Das Reich, das ich meine, ist nicht von hier, ist weder hindostanisch noch sonst national beschraenkt. Diese Erde wird uebernational sein!" Er schoepft Atem: “Das war das. Jetzt ihr Arbeiter!” Die Arbeiter haben nur gewartet. Schon die physiogno- mische Veraenderung, der sie bei Pavel folgten, hat sie veranlasst, naeher zu ruecken. Zwischenraeume auszufuellen, sogar, sie mit den Ellenbogen herzustellen. Als Pavel sie aufruft, gelangen sie muehelos bis vor seine Kniee. 83 Die Soldaten machen ihnen gutwillig Platz. Die Glieder der Truppe sind aufgeloest. Man sieht allein Individuen, die in Uniform, aber mit der Haltung und dem Ausdruck von Arbeitern, auf Pavel hoeren. Der Sturmbannfuehrer, bis jetzt wachsam, gibt seine Unruhe auf, er verzichtet auf jeden Widerstand gegen Ereignisse, die sich nach unbegreiflichen aber hohen Gesetzen vollziehen. Anzusehen, als naehme er Befehle entgegen, haengt er an den Lippen Pavels. Pavel spricht zu den Arbeitern — tschechisch. | Die deutschen Teilnehmer des Aktes bedauern ihn, | ohne ihn eigentlich zu missbilligen. ! Geheimrat Rumfutsch: “Auch gut, man versteht nicht.” Oberst Schalk: “Die ganze Zeit stoerte mich ein Ge- ! fuehl, als wohnte ich unerlaubten Handlungen bei. Aber i natuerlich, wer nicht versteht, ist entschuldigt.” Praesident Labyrinth: “So viel Tschechisch kann ich: 1 er beschwatzt die Leute bolschewistisch!” 265 Ein Begleiter der lachlustigen Dame: “Auch ich bin Industrieller. Trotzdem muss man Vernunft annehmen.” Die scharfe Dame: "Sind eh’ nur Reden." Der Unbeteiligte: “Mich geht es nichts an, nicht mal ein Industrieller bin ich. Indessen ist mir, als habe euer Fueh- rer schon aehnlich geredet.” Praesident Meyer: "Und wie ging es weiter?” Der Unbeteiligte: “Entgegengesetzt. - Wird noch lange so gehen.” Die Arbeiter dort vorn begeistern sich, sie rufen "na zdar!" Die Soldaten, anstatt die Arbeiter zurechtzuweisen, wiederholen den Ruf — tschechisch; mancher kennt gerade dies eine Wort. Geheimrat Rumfutsch: “Ohne vorgreifen zu wollen, ich saehe mich lieber anderswo.” Oberst Schalk, in Unruhe: “Ein alter Soldat verlaesst nicht heimlich den Ort seiner befohlenen Pflicht.” Geheimrat Rumfutsch: “Wem schulden Sie Gehorsam? Der Eine redet bolschewistisch und tschechisch. Der Zweite, der Sie haengen wollte, ist selbst gefluechtet.” Oberst Schalk: “Gefluechtet?” Er sucht umher: “Wahrhaftig, wo haben wir Heydrich gelassen!” Wokurka: “Nur getrost, die Herren! Er ist in guter Obhut. Ich bezeuge: Hauptmann Krach verschwand zugleich." Der Unbeteiligte: "Und wer noch? Der ganz Unbeteiligte muss es euch sagen: ein Herr von der Gestapo, Pom- meranzenoel oder wie er sich nannte.” Oberst Schalk: “Blumentopf! Es kam mir hier gleich so leer vor.” Geheimrat Rumfutsch: “Unmoeglich. Er war gefesselt. Von Hauptmann Krach sogar." Wokurka: "Fesseln Sie mich! Ich zeig’ Ihnen den Trick. 266 Aber Sie bemerken wohl gar nicht, dass der Protektor unsere schoene deutsche Sprache gebraucht.” Man schweigt und hoert. Pavel wiederholt, was er den Arbeitern gesagt hatte, fuer die Soldaten deutsch. Sie haengen an seinen Lippen. Wokurka: “Er spielt die Szene ganz aus, damit der Andere einen Vorsprung bekommt. Er ist der wohlwollendste Protektor, den der Fuehrer zu uns entsenden konnte. Heil Hitler! rufe ich herzhaft.” Aber er raunt es nur. Geheimrat Rumfutsch: “Ich habe genug.” Er macht sich nach dem Ausgang auf. Oberst Schalk: “Ich endlich auch.” Er schliesst sich an. Praesident Labyrinth: “Der Skandal entartet.” Praesident Meyer: “Weder fuer ihn noch fuer den Anderen geb’ ich etwas.” Beide Praesidenten schliessen sich an. Die Begleiter der beiden Damen beraten. Einer: “Sind nur die Deutschen frei? Er hat das ganze Protektorat fuer frei erklaert.” Ein Anderer: “Und er ist der einzige noch uebrige Protektor.” Die scharfe Dame: “Wie das Schicksal spielt!” Einer der Begleiter: “Wird im Kolibri noch etwas los sein? Von uns kann die Welt lernen, wie sie regiert wird.” Die uebrigen Begleiter: “Wie man nicht hingerichtet wird. Wie von oben her die Revolution sich ausbreitet.” Die Dame mit dem Lachkrampf: “Mein Kavalier hatte geschworen, mit Damen, die lachen, geht er nicht mehr aus.” Sie lacht; alsbald wird ihr Krampf daraus. Die Herren koennen ihn nicht unterdruecken, da die Dame um sich schlaegt. Schnell wird sie an den Armen und Beinen aus dem Burghof getragen. Wokurka, als alle fort sind: "Psst, Herr Sturmbann- fuehrer!” 267 Der Sturmbannfuehrer: “Herr Wokurka?” Wokurka: “Sehen Sie, dass Sie mich kennen. Ohne mich zu ruehmen, bin ich das naechste Freundchen des Protektors.” Der Sturmbannfuehrer: “Von welchem?” Wokurka, streng: “Es gibt nur einen.” Der Sturmbannfuehrer: “Zu Befehl.” Wokurka, mit Autoritaet: “Der Protektor befiehlt, dass Sie hinauf gehen und die Dame holen. Es wird abgefahren.” Der Sturmbannfuehrer: “Melde gehorsamst, die Dame steht hinter seiner Excellenz. Der Kammerdiener hat ein Koefferchen mitgebracht.” Wokurka: “Ein sehr brauchbarer Offizier, Sie werden vorgemerkt.” Der Sturmbannfuehrer: “Heissen Dank.” Wokurka, vertraulich: “In dem Koefferchen ist die Zivilkleidung des Protektors fuer eine kleine Erholungsreise. Er hat heute sein Letztes hergegeben.” Unbekannt warum, findet der Sturmbannfuehrer dies zum Lachen. Pavel nimmt die Froehlichkeit des Sturmbannfuehrers fuer das Zeichen zum Aufbruch. Mit Milo Schatzova, die gewartet hat, geht er ohne Eile ueber den weiten Hof. Der Sturmbannfuehrer traegt das Koefferchen, vom Kammerdiener laesst er es sich nicht nehmen. Er legt es in den grossen Wagen, dessen Scheinwerfer noch immer blenden. Pavel: “Nein. In den Jagdwagen. Hauptmann Krach hat ihn dagelassen.” 1 Milo Schatzova: “Er begleitet uns nicht? Wie kommt er dorthin?” Pavel: “Du siehst ihn wieder.” Wokurka winkt leutselig zurueck. Der Kammerdiener: “Wenn keine einzige Person historisch waere, ich bin es!” Stolz in das Haus. Die Arbeiter und Soldaten, vermischt und verbruedert, unterbrechen waehrend der Abreise ihren geistigen Austausch, um gemeinsam na zdar zu rufen. Der Sturmbannfuehrer reibt sich nachdenklich die Stirn. 84 Die winklig verbauten Hoefe hinter dem Theater Rococo. Hauptmann Krach, die Uniform samt der Muetze von einem langen Radmantel verdeckt, laesst Heydrich nicht von seiner Seite. Heydrich, als fadenscheiniger Schneider, den Hut tief im Gesicht, unter dem Arm das schwarze Buendel: “Sie kennen die Gegend?” Hauptmann Krach: “Vermeiden wir die Laterne! Es trifft sich, die einen sind abgeblendet, die anderen ausge- loescht.” Heydrich: “Wo ist Blumentopf? Er folgt uns.” Hauptmann Krach: "Kaum glaubhaft. Als Eure Excel- lenz hinter dem Gebuesch die Uniform ablegte, kam er eilig vorueber. Er sah uns nicht.” Sie druecken sich, unter Benutzung der schwaerzesten Schatten, um eine Ecke. Durch ein Gewirr unbeleuchteter Gassen kreuzen sie, achtsam genug, dass kein Spuerhund sie wiederfaende. An einer Biegung liegt auf dem Pflaster ein schwacher Schein. Hauptmann Krach, hat vorsichtig gespaeht: “Ein tschechischer Wachmann.” Heydrich :“Wir kehren um.” Hauptmann Krach: “Melde gehorsamst, ein tschechi- scher Wachmann ist keine Gefahr. Eure Excellenz kann seinen Beistand in Anspruch nehmen.” Heydrich: “Ich verwechsele. Personen und Dinge sind jetzt oft zum Verwechseln." Der Wachmann, gruesst freundlich: “Der Bihalek! Heut ist’s aber ganz spaet geworden bei Euch im Rococo.” Heydrich, hat nicht verstanden, ohne Vorbedacht greift er an seine Schulter nach einem Mantel, der ihn besser vermummen soll, aber er hat keinen. Der Wachmann: “Zu was brauchen Sie noch einen Mantel, Bihalek, ist eh die schwuelste Nacht. Sie sind gerad *'*»>- richtig angezogen.” Heydrich als Zwirn ist im offenen Hemd, das windige * Roeckchen bedeckt es wenig, auch die gewuerfelten Hosen sind viel zu kurz, und die Fuesse komisch bekleidet mit ausgeschnittenen Schuhen, die Sohlen nach oben gewendet.” Hauptmann Krach: “Sie kennen uns.” Der Wachmann: “Den Garderobengehilfen Bihalek werd’ ich nicht kennen! Das altmodische Gewand vom Herrn Wo- kurka, und das schwarze Buendel! In dem Buendel ist noch so eine sonderliche Bekleidung." Hauptmann Krach: “Auch vom Herrn Wokurka.” Der Wachmann: “Was dachten Sie? Ich hab’ es schon einmal untersucht. Mir duerfte er jetzt wieder sein Gesicht zeigen — ”. Fluestert: “Der Pavel Ondracek.” Hauptmann Krach: “Alles in Ordnung. Wir passie- ren.” Der Wachmann: “Der gewiss, und Sie mit ihm, Herr Hauptmann Krach.” Er tritt weg und salutiert. Als sie wenige Schritte weiter sind, warnt er sie: “Posor!” Beide werfen sich unter ein verschlossenes Haustor. Hauptmann Krach, nach einer Pause: “Achtung, worauf?” _ 270 Der Wachmann: "Dass ihr das Gasthaus Tschechischer Loewe findet. Hat schon dunkel gemacht, der Tschechische Loewe. Links herum, bittschoen.” 85 Vor dem Gasthaus zum Tschechischen Loewen. Es ist ein schmales, zwischen die Nachbarn eingeengtes Gebaeude, die kleinen Fenster liegen dicht uebereinander, die Zimmerdecken muessen niedrig sein. Heydrich: "Da hinein?” Hauptmann Krach: “Die Burg ist es nun einmal nicht.” Heydrich: “Die Decke kann man mit den Haenden greifen. Nicht einmal Raum ist, sich aufzuhaengen.” Hauptmann Krach: "Wozu abkuerzen?” Heydrich: “Die Stunden, bis es hell wird, ueberlebe ich nicht.” Hauptmann Krach: "Sie fuerchten — ”. Heydrich: “Mir bangt nach ihr. Sie — nie mehr sehen, das allein hab’ ich zu fuerchten.” Er besinnt sich: “Sie wollen sagen, ich sei merkwuerdig.” Hauptmann Krach: “Sie kommen vom Haengen.” Heydrich: “Vom Nichthaengen, leider.” Hauptmann Krach: “Das bedauern Sie — und behaup- "»jw- ten zu lieben." Er zuckt die Achseln: “Hueten wir uns zu verstehen!” Fuer Heydrich: “Drinnen wird es noch am sichersten sein.” Er zieht den Draht der Glocke. Heiseres Gerassel hinter dem Haustor. Sie warten. Heydrich, den Blick am Boden, von dem Hut das ganze Gesicht bedeckt: “Nur wissenI Nur nicht das Geheimnis endgueltig werden lassen zwischen mir — und ihr! Wer sagt mir, ob sie noch einmal hinter Schleiern an mei- 271 nem Bettrand sitzen wird. Mich anluegt, meinetwegen. Mich hasst, aber in meiner Gegenwart. Die Gegenwart, die Ewigkeit, und • nirgends, nirgends — wir.” Er faehrt auf: “Wo bin ich?” Hauptmann Krach: "Melde gehorsamst, beim Tschechischen Loewen.” Er hat mehrmals gelaeutet. Dem Rasseln der Glocke folgt endlich ein noch staerkeres Laermen von Ketten und Riegeln, die entfernt werden. Heydrich: “Wenn — meine Leute uns noch nicht auf- gespuert haetten, jetzt sind sie benachrichtigt.” Der Hausknecht des Tschechischen Loewen versucht mit seinem Talglicht den spaeten Gaesten ins Gesicht zu leuchten. Nur bei dem einen gelingt es. Hauptmann Krach, kommt ihm zuvor: “Sprechen Sie meinen Namen nicht aus!” Der Hausknecht: “Was glaubt der Herr, unseren Verstand haben wir auch.” Er laesst sie ein und sperrt die Tuer. Heydrich: “Wir wuenschen ein Zimmer mit einem besonderen Ausgang.” Der Hausknecht: “Dass ich den Herren nicht erst das Tor aufsperren muss, verstanden.” Er fuehrt sie die steile Treppe hinauf und nach der Rueckseite des Hauses. Er oeffnet ihnen ein Zimmer, das wie vorhergesehen, sehr niedrig ist. Ueberdies erstreckt es sich weit in den Hof hinaus. Kaum, dass von fern, auf dem schiefgesenkten Fussboden, die paar Moebel sich abzeichnen. Heydrich, unschluessig: “Hier?” Hauptmann Krach: "Es liegt nicht unguenstig.” Der Hausknecht, hat seinen Leuchter neben dem Schrank zu Boden gesetzt, kein Lichtschein trifft das Fenster. Heimlich, fuer den Gast, den er kennt: “Der Andere ist ein 272 Deutscher? Na ja, jetzt werden, hoer’ ich, die Deutschen selbst gehaengt. Unser Herr Protektor ist gerecht.” Er fuehrt Hauptmann Krach vor das Fenster, die Scheiben sind mit Papier verdunkelt, der Hausknecht oeffnet einen Spalt. Hauptmann Krach: “Ich sehe.” Der Hausknecht: “Draussen ist man gleich auf einem Dach.” Hauptmann Krach: “Dach reicht hinueber in den naech- sten Hof. Hoch ist es nicht.” Der Hausknecht: “Wer mit den Haenden daran haengt, darf sich fallen lassen, der Heuhaufen drunten tut ihm nichts.” Hauptmann Krach, gibt ihm Geld: “Gleich fuer das Fruehstueck mit.” Der Hausknecht, sehr befriedigt: “Koennt sein, dass die Herren dann ausgegangen waeren. Fruehstueck haben wir so keins.” Er will das Fenster schliessen. Heydrich, Befehlston: “Offen lassen!” Der Hausknecht, erschrickt: “Zu Befehl.” Heydrich: “Erklaeren Sie dem Hauptmann Krach, wie man unbemerkt aus dem Viertel entkommt!” Der Hausknecht: “Zu Befehl. Der Herr Hauptmanu werden eh schon wissen.” Zum Fenster hinaus beschreibt er mit dem Daumen einige Bewegungen, kreuz und quer. Hauptmann Krach: “Ich denke, ich finde im Dunkeln.” Der Hausknecht: “Nur im Dunkeln. Unser Herr Protektor hat fuer die Nacht angeordnet, dass wir keine Beleuchtung haben duerfen, wegen der englischen Flieger — .” Stolz: “Und wegen der russischen, was wir erwarten.” Im Abgehen: “Eine gute Nacht zu wuenschen — aber keine lange. Zwei Stunden, so wird es daemmern. Heydrich, tritt dem Hausknecht in den Weg: Wo wohnt ein Astrologe?” Der Hausknecht steht stumm da, aber an vieles ge- woehnt, kratzt er sich den Kopf, hat schon die Auskunft: "Das gibts um diese Stunde nicht. Der Herr muss sonst den Schwanda meinen.” Heydrich: “Schwanda ist jetzt zu sprechen?” Der Hausknecht: “Sprechen — weiss man nicht, ob er tut. Schlafen tut er nie.” Heydrich: “Die Adresse?” Der Hausknecht, weicht aus, erreicht die Tuer. “Der Herr werden so nicht hingehen.” Hauptmann Krach: “Excellenz erlauben mir zu antworten.” Der Hausknecht, schlfesst draussen sehr schnell die Tuer. Heydrich: “Die Adresse des Schwanda?” Hauptmann Krach: “Totengaesschen.” Heydrich faehrt zusammen: “Der Name sagt genug, was wollt’ ich noch wissen?” Von der Mitte des Zimmers her blickt er aus dem offenen Fenster in die Nacht. Er hat nochmals seine starre Maske. Sie ist furchtbar und ist hoeh- nisch. Fuer wen der Hohn — denkt Hauptmann Krach. Heydrich beantwortet seine eigene letzte Frage: “Nichts.” Er geht schnell zum Fenster, mit einem Fuss ist er schon drueben. Hauptmann Krach, dringend: "Wenn Sie nichts mehr zu wissen brauchen, wohin Ihr Weg?” Heydrich ist draussen auf dem Dach. Ein Schuss faellt. Heydrich stuerzt hinunter. Hauptmann Krach: “Dahin ging sein Weg.” Erbittert: “Und ich kann meine Haende in Unschuld waschen.” Im Schutz eines angezogenen Ladens zielt er mit seinem Revolver aus dem Fenster. 274 Geheimrat Blumentopf, von unten: “Nun also. Gerade hierher bringen Sie ihn nicht umsonst.” Hauptmann Krach: “Um Sie zu treffen.” Geheimrat Blumentopf: “Aber Sie schiessen nicht. Erstens waere ich ebenso schnell. Ausserdem sind Sie nicht gemeint. Sie brauchen wir noch.” 86 Lidice. Im Wald hinter dem Hof Ondracek. Der Tag daemmert. — Zwei Wagen, ein altes Modell im Besitz des Bauern, und der Jagdwagen des Hauptmanns Krach warten auf einem fahrbaren Weg. Es stehen und gehen ungeduldig umher: Milo Schatzova und Lyda, Pavel, sein Vater Jaroslav, Doktor Holar, der Komiker Wokurka. Der Komiker Wokurka: “Abgefahren wird! Wer fehlt, der fehlt.” Doktor Holar: “Den Kaplan ’ sollen wir im Stich lassen?” Pavel: “Und Hauptmann Krach!” Milo Schatzova: “Der verspaetet sich gewiss unfreiwillig. Ich habe noch keinen Mann von soviel Herz, ich meine Mut gesehen.” Lyda: “Der Kaplan ist fuer uns gegangen, nachzufragen, ob unsere Feinde schon gemeldet sind.” Wokurka: “Er hat die edelste Absicht, er opfert sich, denn wie leicht koönnten wir inzwischen abfahren, im Wagen des Hauptmanns Krach, den er der Milo geliehen hatte. Meine Herren und besonders meine Damen! Gedenken wir der Pflichten, die wir gegen uns selbst haben! Fahren wir ab!” Jaroslav: “Aber Herr Wokurka! Mit solchen Reden haben Sie die Leute zum Lachen gebracht?” Milo Schatzova: “Natuerlich waere er feig auf Kosten von Hauptmann Krach.” Wokurka: “Milo! Von dir zu meinen Gunsten verkannt zu werden! Ein Held bin ich fuer’s Erste gewesen. Ab durch die Mitte, Held! Wollt’ ich mich haengen lassen oder nicht? Wollt ich Unschuldige retten? Es waren keine da, aber retten wollt’ ich sie.” Jaroslav: “Das moechte man gerne von Ihnen glauben.” Milo Schatzova: “Es ist die Wahrheit. Mein Kamerad hat sich dem Heydrich angeboten.” Wokurka: “Aus Ehrgeiz, damit er mich allein haengt.” Doktor Holar: “Heydrich haengt lieber fuenfzig.” Milo Schatzova: “Jedenfalls hat mein Kamerad sich angeboten.” Doktor Holar: “Wie sind Sie dann hier?” Wokurka: “Das ist eines der Raetsel meiner Existenz. Da kann man nichts machen, ich bin hier.” Pavel, der in Nachdenken versunken war: “Die Frage wird eher heissen, wo ist Heydrich?” Milo Schatzova: “Hauptmann Krach, dem auch ich mich anvertraut haette, gab acht.” Pavel: “Dem Protektor ist etwas zugestossen. Wie ich den Ruecken wende, gibt es keinen Protektor mehr.” Lyda, bei ihm: “Pavel, vergiss nicht, du hast jetzt andere Sorgen. Wir reisen nach Jugoslavien.” Jaroslav: “Zur Armee, fuer die Befreiung kaempfen.” Lyda: “Vater, das laesst du Juengere machen.” Jaroslav: “Ein Scharfschuetze wie ich ist nie zu alt.” Doktor Holar: “Wir sind mehrere, die sich fuer alle Faelle eingeschossen haben.” Wokurka: “Meinen Sie mich, Doktor? Ich habe mich 276 nicht eingeschossen, ich habe mich begeistert. Hier bei uns wird bislang nur gehaengt, da mach’ ich den Helden nicht zweimal.” Jaroslav: "In Jugoslavien ist man nicht nur begeistert, man faellt auch.” Wokurka: “Herr! Halten Sie mich fuer einen Trottel? Der Deutsche soll fallen.” Jaroslav, reicht ihm die Hand: “Jetzt haben Sie mich ueberzeugt.” Wokurka: “Haett’ es im Rococo auch so lange gedauert, bis ich ueberzeuge, die Direktion Svoboda und Niemitz waere laengst pleite. Jetzt ist sie es.” Lyda, in merklicher Unruhe: “Ganz sicher gelangen wir ueber die Grenze, ist doch Professor Napil mit allen den Seinen gereist, und niemand hat ihn aufgehalten.” Milo Schatzova, der nichts anzumerken ist: “Sie halten uns nicht auf.” Doktor Holar: “Wir haben echte Paesse.” Wokurka: “Noch echter kann niemand ausstellen als der Protektor.” Gruesst Pavel mit dem vorgereckten Arm: “Na zdar!” Jaroslav: “Wenn nicht ein — anderer Protektor unsere Paesse widerruft, bis wir an der Grenze sind.” Wokurka: “Herr! Sie wollen zweifeln, wo sogar ich mich schaemen wuerde?” Pavel: “Der — andere Protektor kann nicht mehr wiederrufen.” Frueher als alle hat er zwischen den Baeumen den Kaplan erblickt und geht ihm entgegen. • 87 Der Kaplan bleibt stehen, er sieht Pavel ernst in die Augen. 277 Pavel: “Das kann nur eins heissen. Dem Protektor ist etwas zugestossen.” Der Kaplan, leise: "Tot. Aber das Geruecht allein weiss es.” Sie ziehen sich hinter eine Biegung des Weges zurueck, zwischen ihnen und den Uebrigen sind Baeume. Pavel: “Das Geruecht hat noch immer recht gehabt. Nennt es die Stunde? und wo es geschah?” Der Kaplan hebt die Schultern: “Das ist das Beaeng- stigende, man hat nichts entdeckt.” Pavel: “Nichts erfunden. Waere ich in der Nacht zur Stelle gewesen, Prag kennte jetzt die richtige Lesart, es haette eine Gewissheit, gegen sie waere nicht mehr auf- zukommen. Statt dessen werden die Anderen bestimmen, wo die Leiche liegen soll.” Der Kaplan: “Die Deutschen selbst haetten — ?” Pavel: “Die Gestapo. Den Moerder hatte ich laengst vorher zum Gestaendnis gezwungen, was hilft das jetzt.” Der Kaplan: "Es ist vergebens. Aber sein Mord bleibt ein Mord.” Pavel: “Er fuehlte, was er verdiente. Er gab sich preis.” Der Kaplan: “Du, Pavel, hattest ihn dahin gebracht.” Pavel: “Ehrwuerden! Das sind erlaubte Mittel. Ihr alle habt zugestimmt. Von Lidice war ich beauftragt, und war bestaetigt von unserem ganzen Land.” Der Kaplan: “Mit mehr Stolz wuerdest du sagen, dass du selbst gewaehlt hast.” Pavel: “Ich fuehrte gegen die Gewalt den einzigen Krieg, den wir vermochten.” Der Kaplan: “In Jugoslavien fuehren sie einen anderen.” Pavel, erschrickt und schweigt. Dann versucht er: “Soll bei uns so viel Blut fHessen wie dort?” Der Kaplan, leidvoll gepresst, fuer niemanden weiterhin 278 hoerbar, und kaum fuer Pavel: “Das Blut wird fliessen hier wie dort.” Pavel, furchtbare Not, er wehrt sich: “Nicht in Lidice.” Der Kaplan: “Wo auch immer, den Tod ihres Oberhauptes werden sie raechen.” Pavel: “An dem Taeter. Man muss sie den Taeter finden lassen.” , Der Kaplan: “Einer? Sie haben die unbegrenzte Gelegenheit, die sie sich immer wuenschten. Alle unseres Volkes sind seit heute gezeichnet, sind, was die Deutschen vogelfrei nennen.” Pavel: “Als ob die Voegel schon einmal frei wie wir gewesen waeren. Ich weiss mir nur den Rat, der Moerder muss ihnen hingelegt, muss unabweislich gekennzeichnet und beglaubigt werden.” Der Kaplan: “Wenn das anginge, bei ihnen, die es besser wissen.” Pavel, schuettelt die ganze Entmutigung ab: “Der Moerder ist vorhanden. War schon immer der Moerder, haelt sich dafuer und will es nicht anders.” Der Kaplan, setzt heftig an: “Auch den Moerder noch faelschen!” Ueber den Zorn siegt sein Erbarmen. “Armer Pavel, denk’ heute nur an dich, das Andere erfaehrst du ueber der Grenze frueh genug. Mag sein, du erfaehrst nichts, weil die Deutschen nichts tun.” Pavel: “Dies ist einer der Faelle, die sie gern vertuschen.” Der Kaplan: “Wir wollen es hoffen. Nur fort von hier, du und deine Reisegefaehrten!” Pavel: “Der erste sind Sie, Ehrwuerden. Man hat Sie fuer den Protektor gehalten und kann es wieder tun.” Der Kaplan: “Mir geschaehe nach Verdienst, ich bin des Falscheides schuldig." 279 1 Pavel: “Eine Schuld waer’ es auch, wenn Sie fuer sich nur Strenge haetten, fuer mich Erbarmen.” Der Kaplan, schweigt. Pavel: “Gegen Doktor Holar hat man sein Ordinationsbuch mit den falschen Eintragungen, gegen Lyda, dass Sie mir offenkundig Beihilfe geleistet hat, gegen meinen Vater das zweitaegige Bankett, das geschickteren Verhoe- rern schwer standhielte.” Der Kaplan, unwillkuerlich: “Wobei sich herausstellt, gelogen hat das ganze Dorf.” Pavel: “Kumpeln und Kinder luegen nicht, sie spielen mit.” Der Kaplan, schnell: “Ich will euch nicht aufhalten, behuete. Du bewaehrst dich, Pavel, an die ganze vordere Reihe der Bedrohten hast du gedacht. Die beiden Unbekannten w'erden unter den Wichtigsten sein.” Pavel: “Milo Schatzova, frueher meine Kollegin, jetzt die Kameradin des Komikers Wokurka, — edle Menschen, Ehrwuerden, Sie haben sich der Gesellschaft nicht zu schaemen.” Der Kaplan: “Ich — keiner Gesellschaft.” Pavel: “Kommen Sie!” Der Kaplan: “Zu spaet.” Ein Wagen, tief im Wald, faehrt ueber Zweige, die zerbrechen. Et haelt, ohne sichtbar zu werden. Dann nae- hern sich Schritte. Hauptmann Krach, unter den Zweigen verdeckt, winkt in einem Ausschnitt des Laubes mit den Armen, er will dringende Mitteilungen machen. Pavel, fuer den Kaplan: “Hauptmann Krach ist immer da, und nie zu spaet. Vertroesten Sie unsere Gefaehrten, nur einen Augenblick. Was er mitbringt, ist vielleicht nicht allen bestimmt. Ihnen, Ehrwuerden, bericht’ ich es.” 280 Der Kaplan: “Ich bin unterrichtet.” Er biegt um die Waldecke und ist wieder in Sicht der Zurueckgelassenen. 88 Pavel, bekommt fuer Hauptmann Krach, ohne selbst darum zu wissen, die Stimme des Protektors: “Puenktlich wie erwartet. Schnell, berichten Sie!” Hauptmann Krach: "Wie sprechen Sie denn, Ondra- cek?” \ Pavel: “Sprach ich schon mal anders zu Ihnen, Hauptmann Krach?” Hauptmann Krach: “Nein. Aber es wird Zeit, dass Sie Ihre Gewohnheiten aendern. Heydrich ist tot.” Pavel, einfach: “Ich bin erschuettert.” Hauptmann Krach: “Sie haben es gewollt.” Pavel: “Ich weiss nicht, ob ich auf sein Ende hinzielte. Es ist auch meines.” Hauptmann Krach: “Nein. Man laesst Sie entkommen. Die Wiederauferstehung des Protektors waere unerwuenscht.” Pavel: “Ich sollte tot sein. Ich hasste ihn — mehr als alle, tiefer als alle.” Hauptmann Krach: “Sie waren in seine Haut ge- schluepft. Moechten mit ihm sterben, weil es Ihnen schwer faellt, nicht laenger der Verhasste zu sein.” Pavel: "In meiner letzten Stunde wurde ich geliebt, von Arbeitern, von Soldaten.” Hauptmann Krach: “Seine letzte Stunde war anders.” Pavel: “Wo geschah es? Was ging vor?” Hauptmann Krach: “Sie fragen, denn Sie wissen nicht. Das alles ist nicht mehr Ihre Zeit.” Pavel, zum lezten Mal die Stimme Heydrichs: “Hauptmann Krach! Sie sind meine Kreatur und Sie verraten mich.” 28 ! Hauptmann Krach, bitter: “Uebergeben Eure Excellenz mich Ihrer Gestapo! Wie ich neuestens mit ihr stehe, entzieht sich Ihrer Kenntniss.” Unwillkuerlicher Blick rueck- waerts in den tiefen Wald, nach dem Wagen, der ihn gebracht hat. Pavel: ‘‘Sie sind nicht allein gekommen.” Er will durch die Zweige brechen. Hauptmann Krach, haelt sie vor ihm zusammen: “Keinen Schritt!" Ganz leise, sehr fest: “Seien Sie vernuenftig!” Pavel: “Sonst haengt er mich? Mein Geheimrat Blumentopf? Ich habe ihm den Moerder fertig in den Turm gesetzt. Ihn aufgepaeppelt, bis er reif war. Mich, den falschen und echten Protektor, hat der Eger mehr als einmal ermordet, soviel auf ihn ankommt. Mordet er denn nun den Anderen, der aus dem Echten ein Falscher wurde und jetzt wieder echt ist. Da hat man, was man will.” Hauptmann Krach: “Ihre Einfuehlung in die Gedanken eines Gestapo-Chefs ist nahezu vollkommen.” Pavel: “Sie sind mir der Rechte, mir’s vorzuwerfen, Sie, der im Polizeiwagen herkommt.” Hauptmann Krach: “So wird man. Ich versuchte, zuletzt noch auszuweichen, natuerlich holten sie mich ein, und das war vorzuziehen. Das Versteck des Eger muss ich niemandem zeigen, man kennt es.” Pavel erschrickt: “Durch mich.” Hauptmann Krach: “Aber ich kann Sie warnen, deshalb bin ich hier. Noch ist Ihnen die genaue Frist gewaehrt, um zu verschwinden. Entdeckt sind Sie, sobald man will. Man uebersieht Sie nur.” Pavel: "Uebersehen, mich, indessen die Dinge angelangt sind bei meinem richtigen Schluss, und der wird ausgefuehrt.” Hauptmann Krach: “Sie existieren nicht mehr fuer — die Affaere.” Pavel: “Die Affaere haette selbst nicht existiert, ohne mich!” Hauptmann Krach: “Ondracek, Sie werden sentimental. Wollen Sie ueber Ihrer Selbstschau nicht vergessen, das» noch andere dank Ihrem Geniestreich in toedlicher Gefahr sind!” Pavel: “Wer — ? Ah! Um die Ecke wartet die ganze Schar.” Wieder ruhig und entschlossen: “Es w^r der Abschied, ich bin darueber hinweg. Kommen Sie!” Hauptmann Krach: “Ich werde hier noch erfordert.” Pavel: “Nein, beim Schluss sind Sie entbehrlich wie ich.” Hauptmann Krach: “Ueberlassen Sie das mir. Sie haben die vorige Station versaeumt.” Pavel: “Nur mit Ihnen wird abgefahren. Besonders Milo Schatzova wuerde sich weigern, Sie aufzugeben. Milo spricht von Ihnen mit Waerme.” Hauptmann Krach: “Ich haette sie gern gekannt. Ich folge euch, sobald moeglich, in meinem Jagdwagen.” Pavel: “Ihr Jagdwagen wird gebraucht. Das alte Fuhrwerk, das ich aus dem Schuppen gezogen habe, fasst mit Not und Muehe sechs. Einer ausser Ihnen muss zurueck- bleiben.” Hauptmann Krach: "Der Kaplan." Pavel: “Warum der Kaplan? Sie kennen ihn noch weniger als meine anderen Leute. Hauptmann Krach: “Eine grundlose Sympathie vielleicht.” Pavel: “Er wird bei Ihrem Wagen auf Sie warten. Sie sind sicher, dass Ihnen Zeit zu entkommen bleibt — mehr als mir?” Hauptmann Krach: “Viel mehr.” Als er schon allein dasteht: “Vorausgesetzt, ich gewinne die Zeit.” 283 Pavel, winkt zurueck, ruft leise: “Ihr Wagen holt uns reichlich ein. Aufgepasst am Kreuzweg!” Hauptmann Krach, winkt ihm nach, wiederholt — nicht mehr fuer ihn: "Aufgepasst am Kreuzweg!” 89 i Die Reisegesellschaft faehrt ab. Der schwere Wagen bleibt hoerbar, solang er noch im Wald ist. Geheimrat Blumentopf kaempft sich im dichtesten Unterholz bis zu Hauptmann Krach hindurch: “Einen noch unbequemeren Zugang gibt es hier nicht? Sie sabotieren noch immer, Sie haetten aber mehr zu tun.” Hauptmann Krach: “Viel mehr. Ihre Sache ist auch meine.” Geheimrat Blumentopf: “Verwandte Seelen finden sich niemals zu spaet. Sie sollen mein Geheimnis wissen. Der naechste Protektor von Boehmen-Maehren heisst Blumentopf.” Hauptmann Krach, ruft Anweisungen fuer die Beamten, die, den Blicken entzogen, eine bekannte Last durch das Dickicht schleppen: “Rechtsum, im Bogen, das Haus erscheint, wo die Baeume sich lichten. Der Turm ueber- ragt seitwaerts das Dach. Er fuehrt seinen Begleiter auf der Fahrstrasse. Geheimrat Blumentopf: “Natuerlich den Umweg.” Hauptmann Krach: “Sie haben Eile?” Geheimrat Blumentopf: “Wie man’s nimmt. Dies Ge- schaeft ist eines der weniger reizvollen.” Hauptmann Krach: “Der kuenftige Protektor wird seine vorigen Funktionen sich' selbst nicht nachtragen.” Geheimrat Blumentopf: “Komische Zumutung. Der Umweg durch den Wald missfaellt mir, weil auch unsere Ju- goslaven ihn machen. Dass ich sie nur nicht mehr sehe!" Hauptmann Krach: “Die nehmen eher Abkuerzungen.“ Geheimrat Blumentopf: “Fuer mich sind alle tot und erledigt. In der Stunde, wo wir den angeblichen Heyd- rich wiederfinden, morgen, spaetestens uebermorgen, muss die Gespensterkutsche aus dem Lande sein. Wie kaeme ich dazu, Gespenster zu verhaften?” Hauptmann Krach: “Wie kamen Sie dazu, einen nicht existenten Hauptmann Krach zu verhaften?” Geheimrat Blumentopf, droht schelmisch: “Zum Schein gingen Sie mir durch. Als wir Sie einholten, waren Sie erleichtert. Wohin auch sonst mit Ihnen.” Hauptmann Krach: “Wohin mit mir.” Geheimrat Blumentopf: “Zur Geheimen Staatspolizei. Uns gehoeren Sie schon lange. Der Erste, der es von Ihnen zu fuehlen bekam, war Ihr Kumpan, oder hielt er sich nui dafuer. Vorhin, hier im Wald, schuettelten Sie ihn ab — ohne alle Umstaende, fehlte gerade noch, dass Ihr Revolver den Schlusspunkt setzte.” Hauptmann Krach: “Sie lesen in mir — ”. Geheimrat Blumentopf: “Wie in einer tschechischen Bibel. Waer’ er hiergeblieben, Sie haetten ihn mir ausgeliefert.” Hauptmann Krach: “Auf die Dauer wird alles moeg- lich.” Geheimrat Blumentopf: “Meine Anerkennung. Sie haben den geschicktesten Weg gewaehlt, um allen unver- daechtig zu sein, zuletzt waren Sie es sogar dem Seligen, — alsbald fuehrten Sie ihn in den Tschechischen Loewenl” Hauptmann Krach: “So muss es gewesen sein.” Geheimrat Blumentopf: “Ihnen daemmert was. Der Neuling weiss ueber sich nicht gleich Bescheid, eine alte Erfahrung. Jetzt sind Sie so weit.” Ohne die Veraenderung seines Partners zu begreifen: “Mensch! was haben Sie?” Hauptmann Krach, unterdrueckt mit aeusserster Anstrengung einen Ausbruch von Gewalttaetigkeit, es gelingt ihm, nur verstoert auszusehen. Er stottert: “Ihre Aufklaerung war sehr noetig. Mir waere verborgen geblieben, bis wohin ich eine problematische Natur bin.” Geheimrat Blumentopf: “Ganz verzeihlich. Vertrauen Sie sich dem Fachmann an, ich arbeitete in unserem psychologischen Laboratorium. Ihnen verspreche ich bei uns eine Sonderlaufbahn, alles was Sie in Ihrem Unterbewusstsein erhofft haben.” Hauptmann Krach, warnt: “Sie! Ich hoffe viel — und bin rachsuechtig.” Geheimrat Blumentopf, fasst seinen Arm unter: “Bange machen gilt nicht. Sie kenne ich seit dem Abend, als Sie Ihren Mitspieler mir allein ueberliessen, Sie erinnern sich an die Wassergasse. Ich stieg zu ihm in den Wagen, ich riss ihm das Baertchen ab, mit meinem Revolver zwang ich ihn, seine Identitaet zu bekennen. Er wollte mit einem Bleistift spritzen, aber oho!” Hauptmann Krach: “Oho!” Geheimrat Blumentopf: “Natuerlich kam es so, dass — ich! ihn! Er sass eine Stunde bewusstlos, waehrend ich Verhaftungen vornahm, nachher hatte er die Zeit verges- sen. Hauptmann Krach: “Damals haetten Sie ihn dingfest machen und entlarven sollen.” Geheimrat Blumentopf: “Das wollten Sie. Aber es waere dilettantisch gewesen. Ich brauchte ihn, um den Anderen hoffnungslos zu verwickeln. Ihr beiden habt mich bedient, der Ondracek aus Dummheit, denn er war nie etwas anderes als ein Dorftrottel mit akademischem Anstrich.” 286 Hauptmann Krach: “Unternehmend, muessen Sie zugeben. Geheimrat Blumentopf: “Ziellos, daher ausserstande, das oeffentliche Vertrauen aufrecht zu erhalten. Sie haben wohl nicht bemerkt, dass die Tschechen anfingen, ihn zu bezweifeln.” » Hauptmann Krach: “Das Neueste.” Geheimrat Blumentopf: “Er schien auf beiden Schultern zu tragen. Padesat, mein Meisterstueck, wurde nicht ohne einen Schein von Berechtigung, ihm unterschoben. Keineswegs Ihnen, Sie verstanden diesem Voelkchen bis ans Ende unverdaechtig zu bleiben.” Hauptmann Krach: “Sehen Sie, wie glaenzend ich mich bewaehre!” Geheimrat Blumentopf: “Uebertreiben wir nichts, eine so wenig begabte Rasse machte es Ihnen leicht. Ich nehme mir ernstlich vor, Sie fuer schwierigere Aufgaben zu erziehen. Betrachten Sie mich als Ihren Lehrer!” Hauptmann Krach: “Mit Euch, Herr Doktor zu spazieren — ”. Geheimrat Blumentopf: “Bin weder Fraeulein weder schoen.” Hauptmann Krach: “Ja seht, dafuer ist er nun tot.” Geheimrat Blumentopf: “Wir bleiben im Faust. Der Fuehrer darf uns nicht hoeren, Goethe ist ihm unsympathisch. Uns auch.” Hauptmann Krach: “Hier sind wir. Nach dem Haus und Turm gelangen wir am Rande der Wiesen.” Sie treten aus dem Wald ins Freie. Geheimrat Blumentopf: “Ich bin nicht neu auf diesem saftigen Rasen.” Es zieht ihn rechts hinueber. Hauptmann Krach: “Links, wenn es beliebt.” Geheimrat Blumentopf: “Ich sehe die Stelle wieder, wo ich den ungluecklichen Ziegensack lang hinlegte.” 287 Hauptmann Krach: “Unglaubliche Kuehnheit, hier vor allen Leuten!” Geheimrat Blumentopf: “Und General von Fritsch? Wir erschossen ihn an der Front.” Hauptmann Krach: “Ueber alles die Pflicht." Geheimrat Blumentopf: “Ziegensack musste nicht nur fort, weil er nach meinem Posten strebte.” Hauptmann Krach: “Sondern er wusste mehr, als er durfte.” Geheimrat Blumentopf: “Gut, Famulus. Merken Sie sich, dass die verfruehten Wahrheiten bestraft werden, und gleichfalls, was einer spaet oder nie begreift. In beiden Faellen empfiehlt sich eine kurz gefasste Abhilfe, bevor die Gefahr ueberhand nimmt.” Er zielt mit der leeren Hand und macht “Plopp!" Hauptmann Krach: “Plopp. Die Schule fuer Fortgeschrittene. Schon weiss ich, wie Ihr Freund damals sich richtig verhalten haette.“ 90 Als das Paar beim Turm eintrifft, herrscht drinnen angestrengte Taetigkeit. Die hohe Leiter, mit der allein der obere, halbe Fussboden zu erreichen ist, lehnt unter dem offenen Dach. Auf den Sprossen im muehevollen Gleichgewicht, vereinen drei Gestapo-Gestalten ihre Kraefte, um die mitgebrachte Last emporzuwaelzen. Die Last ist ihrer Huellen entledigt, die sterblichen Reste Heydrichs sind blossgelegt. Kleidung des windigen Zwirn, Gesicht des Protektors, in seiner Zerstoerung noch eindrucksvoller. Hauptmann Krach, fuer seinen Begleiter: "Wenn er nun doch die Augen oeffnete, moechten Sie seinem Blick begegnen?" 288 Geheimrat Blumentopf: “Achtung!” Dies ruft er den Maennern auf der Leiter zu, denn der Kopf des Toten ist angestossen gegen die rissige Kante des ueberhaengenden Bodens. Der Beamte auf der niedrigsten Sprosse: “Hoppla, nach mir wirft einer mit Steinen.” Geheimrat Blumentopf: “Kenn’ ich.” Der Beamte weiter oben: “Ein Schub noch, ich hab’ ihn!” Der Beamte in der Mitte: “Nur nicht nachlassen! Wenn er abstuerzt, mich reisst er mit.” Der Kopf des Toten liegt nunmehr auf der Kante, langsam folgt der Koerper. Ein Wutgeheul bricht droben aus. Die erschreckten Beamten machen Miene, von der Leiter zu springen.” Geheimrat Blumentopf: “Oben geblieben!” Der Beamte in der Mitte: “Melde gehorsamst, der Tote schreit wieder.” Geheimrat Blumentopf: “Esel! Das ist kein Grund. Sie steigen nach!” Der Beamte auf der niedrigsten Sprosse, in heftiger Versuchung, die Disziplin zu vergessen, entdeckt rechtzeitig am Fuss der Leiter das schwarze Buendel. Fuer den Augenblick gerettet, ruft er: “Ich muss das Buendel holen. Er braucht sein Buendel.” Geheimrat Blumentopf: “Nehmen Sie es mit! Alle drei, auf den Boden! Oben ist der Attentaeter, er wuerde den Protektor in Stuecke reissen.” Das Wutgeheul oben verdichtet sich bis zu Worten, die man allenfalls unterscheidet. Franticek Eger: “Dort kommt er! Dort stiehlt er sich in das Lokal! Moechte mich wieder einmal zum Besten halten! Des Eger Franticek hat er gedacht bei allen seinen Schandtaten, hat gedacht, noch ist Zeit, der Eger Franti- cek soll Geduld haben. Gruess’ dich, Pavel, geduldiger war ich als du.” Ueber dem Rand des Bodens erscheinen ein wahnsinniges Gesicht und zwei gekrallte Haende. Die Krallen pak- ken zu, mit einem Ruck verlaesst der tote Koerper den Abgrund, die steif wegstehenden Fuesse verschwinden in der luftigen Hoehe. Franticek Eger, der wohl die Taschen des Zwirn durchsucht: "Hast kein Messer bei dir, du armer Hund, auch meines haben sie geschnappt, deine Leute. Siehst du es, jetzt sind wir zwei auf gleich, wird sich zeigen, wem die Naegel laenger gewachsen sind, ha! mir hier oben.” Geheimrat Blumentopf, fuer seine Beamten: “Achtung! Er darf ihn nicht zerreissen, lieber euch! Rutscht mal ge- faelligst hinein zu den Bruedern, dass ich eure werte Rueck- seite nicht mehr sehe, sonst gibt sie ein Ziel ab!” Er schwingt seinen Revolver alten Modells. Hauptmann Krach: “Der zweite dieser Gattung. Sie verwendeten in der Nacht einen dritten, anstaendigen, kann ich mich entsinnen. Werden Sie ihn nicht brauchen?” Geheimrat Blumentopf: “Kommt fuer diese Affaere nicht mehr in Frage.” Hauptmann Krach: “Sie muessen es wissen.” Geheimrat Blumentopf ersteigt nunmehr selbst die Leiter. Er ueberreicht die unmoderne Waffe dem letzten, noch sichtbaren, seiner Beamten. Dieser empfaengt sie, um alsbald droben wegzurutschen wie seine Vorgaenger. Geheimrat Blumentopf, Befehlsstimme: “Zeigt dem wilden Mann das Buendel mit der Uniform! Er kennt sie, er schiesst das Loch, das sonst vermisst wird.” Hinunter fuer Hauptmann Krach spricht Geheimrat Blumentopf: “Jeder Umstand ausgerechnet, lernen Sie, junger Mann! Der Revolver, von der Gattung wie so einer ihn besitzen kann, enthaelt eine Patrone. Der Anblick der Uniform 290 leizt den Wueterich, wenn er es noch noetig hat, er durch- loechert sie, an der richtigen Stelle, meine geschulten Leu- * te werden es nicht dem Zufall ueberlassen.” Hauptmann Krach: “Hoffen wir! Ein Kopfschuss setzt nicht gerade eine durchloecherte Uniform voraus.” Geheimrat Blumentopf, erbittert durch seinen Irrtum: “Dann eine Kugel in der Mauer. Hier am Tatort wird sie gefunden und erwiesen ist das Attentat.” Hauptmann Krach: “Weil ein Protektor unbedingt bis unter das Dach dieses Turmes kriechen muss, seine letzte v» Zuflucht — vor euch!” Die letzten Worte sind von herausfordernder Kaelte. Geheimrat Blumentopf: “Ganz recht, Was haben Sie dagegen?" Erschrocken blickt er um: unten steht Hauptmann Krach in einer Haltung, die ihm unbestimmt missfaellt. Oben bleibt der erwartete Schuss noch immer aus, dafuer scheint eine Balgerei im Gange zwischen den vier Lebendigen, ohne Garantie fuer den Toten, er wird zweifellos in Mitleidenschaft gezogen. Gestein faellt herab. Geheimrat Blumentopf schwankt vor zwei gleich peinlichen Entschluessen. Hinunter zum Hauptmann Krach, erscheint ihm im Augenblick nicht wuenschenswert. Auch droben gestaltet sich die Lage fehlerhaft, dem Poltern, Schleifen, Schreien und einem Gekeuch, das abnimmt bis es ganz erstickt, ist zu entnehmen, dass die Gestapo diesmal den Kuerzeren zieht. Endlich tritt die verdaechtigste Stille ein. Franticek Eger, streckt zum letzten Mal ueber die Tiefe einen ueberlang ausgezogenen Hals, daran haengt ein fletschendes Maul, mehr hat er nicht, die Wangen sind schwarze Hoehlen, die Augen ausgeloescht. Er wispert nur noch. Franticek Eger, wispert: “Wer da auch mal will, wer t da vielleicht Lust hat! Mit allen bin ich fertig geworden. 291 der Eger Franticek hat sie gluecklich hinuebergebracht, die Leutchen, die dem Protektor an die Hand gingen, und mein geliebter Protektor musste mit.” Er wirft einen mittelgrossen Stein. Geheimrat Blumentopf, auf der Leiter, zieht den getroffenen Kopf ein, klammert sich umso fester und ent- laesst einen langen Seufzer. Nach dem Beispiel des Anderen beginnt er zu wispern: “Hauptmann Krach! Hilfe! Lassen Sie mich diesmal nicht allein!” Hauptmann Krach, von unten: “Allein fuehlen Sie sich, seit Sie Ihren Chef ermordet haben.” Geheimrat Blumentopf, neuer Stein auf den Schaedel, neuer ausgedehnter Seufzer. Franticek Eger, lockt mit zwei Fingern: “Kimm, Taibi, kimm!” Geheimrat Blumentopf, hiervon unheimlicher beruehrt als von allem vorher, kreischt auf: “Hauptmann Krach! Schnell! Holen Sie mich herunter!” Hauptmann Krach, legt mit einem einzigen Zug die Leiter um. Ihr oberes Teil schlaegt gegen die Mauer, worin unten der Ausgang offensteht. Geheimrat Blumentopf verlaesst, eh’ er es gedacht, seine mittlere Sprosse, rueckwaerts, in einem maessigen Bogen fliegt er hinaus auf die Wiese. 91 Geheimrat Blumentopf, kommt soweit unbeschaedigt aus dem Gras auf, nur dass er seinen Ruecken reibt. Zufrieden mit sich: “Ich bin gerettet.” In diesem Augenblick bricht der Turm ein. Er stuerzt nicht auf einmal, sondern stueckweise. Restliche Teile schwanken, ob sie dem vorangegangenen Gemaeuer nach- folgen sollen. Geheimrat Blumentopf, zuerst vor Bestuerzung starr, bekommt Zeit, sich einer rollenden Lawine zu entziehen. Von dem steinernen Staub in etwas wie eine Gipsfigur verwandelt, taumelt er zurueck und gegen Hauptmann Krach. Hauptmann Krach, stoesst ihn hart von sich: “Sie waren doch nicht gerettet.” Geheimrat Blumentopf, gehetzt, ohne Atem: “Ich bin es zum zweiten Mal.” Hauptmann Krach: “Das dritte ist das beste.” Geheimrat Blumentopf, findet es nach dem Ton der Stimme nicht raetlich, den Sprecher anzusehen. Zweifelhaft, ob er die Worte verstehen konnte, soeben faellt mit Getoese noch ein Stueck Mauer. Geheimrat Blumentopf beginnt zu plappern: “Auf mich war es abgesehen. Der Attentäter! Seinen laengeren Aufenthalt dort oben hat er benutzt, um allerhand Steine zu lockern, kein Kunststueck bei dem Zustand der Ruine. Jetzt liegt die ganze Gemeinde unter den Truemmern zu Brei zerstampft.” Hauptmann Krach: “Der Protektor hatte vorgesorgt, er war tot.” Geheimrat Blumentopf: “Tot — waere genug, aber ein Brei, was tu’ ich damit. Das kann ich nicht unter Glas nach Berlin schicken. Die aeussere Huelle aus Kupfer — der Fuehrer wird sie oeffnen, um in das Gesicht seines Freundes zu blicken, was sieht er da?” Hauptmann Krach: “Ihr Werk.” Geheimrat Blumentopf, vermeidet weiter, dem endguel- tigen Schicksal ins Auge zu sehen. Abgewendet von seinem Gegenueber, ringt er die Haende in der Luft: “Haet- te ich nur den zweiten Protektor nicht fortgelassen! Dringender als je schreit der erste nach seinem gluecklichen Stellvertreter.” 293 Hauptmann Krach, hart: “Sie muessen ihn schreien las- sen.” Geheimrat Blumentopf, tut einen schreckhaften Sprung, moechte laufen, aber die Fuesse versagen. Ohne merklich vorwaerts zu kommen, stammelt er: “Verzeihen Sie meine Eile! Ich muss in’s Dorf, telegraphieren, damit unser Durch- gaenger vor der Grenze aufgehalten wird.” Da sein Begleiter nichts einwendet, ihm nur auf den Fersen bleibt, beginnt Geheimrat Blumentopf, sich den Schrecken der Umstaende anzupassen. Er legt von der Wiese mehr hinter sich, er versucht sogar sein gemeckertes Lachen. ' Geheimrat Blumentopf, meckert: “Allein auf weiter Flur, mit meinem guten Hauptmann Krach, wer mir das gesagt haette!” Ploetzlich macht er kehrt gegen seinen Bedraenger, gleichzeitig ein Griff in die Brusttasche — und ein Stoehnen der Vernichtung. Hauptmann Krach: “Ihr Revolver, der richtige, ist herausgefallen, als Sie und der Turm einstuerzten. Vergessen Sie ihn, wie alles Begrabene!” Geheimrat Blumentopf, schnappt, als ob er auch beis- sen koennte: “Sie wollen befehlen, Sie Schwindler von meinen Gnaden? Was noch?” Hauptmann Krach: “Nichts. Sie sind am Ziel.” Geheimrat Blumentopf, erkennt die Stelle, wo er angelangt ist: "Oh! Hier hab’ ich Ziegensack — ! Jetzt wollen Sie mich — ? Dafuer!” Er haelt sich den Magen vor Lachen, die Augen hat er geschlossen. Hauptmann Krach: “Die Augen auf! Oder ich lasse Sie dastehen bis uebermorgen mit all Ihrer Angst.” Geheimrat Blumentopf, Blick des Opfers: “Ein Intellektueller ist denn doch grausamer als wir. Sie fuer uns zu erwerben, haette ich als einen Gewinn gebucht. Seien Sie mal ernst! Wir verbleiben, wie vorher.” 294 Hauptmann Krach, holt nicht einmal seine Waffe hervor, er wartet ab, dass Geheimrat Blumentopf sich verausgabt. Geheimrath Blumentopf, nach aussen leicht, mit furchtbarer Spannung im Innern, weshalb Gebaerden und Stimme flattern: “Ueberlegen Sie doch, verehrter Kollege, was Sie da machen, Ihre Rache an mir geht fehl. Wen raechen Sie? Ziegensack — und Heydrich, einen hoeheren Ziegensack. Sie raechen die Gestapo, schoene Genugtuung fuer Sie, das intellektuelle Abfallsprodukt, um mit dem Fuehrer zu reden.” Auch seine Augen flattern, ihn schwindelt es von der Hoffnung das Rechte zu treffen: “Ihm, dem Fuehrer, erweisen Sie sich gefaellig! Den Mann, der seinen Freund Heydrich geraecht hat, wird er im dankbaren Herzen tragen, obwohl er Sie natuerlich hinrichtet.” Hauptmann Krach, spricht an dem Anderen vorbei: “So sieht zuletzt das alles aus.” Geheimrat Blumentopf, frohlockt, wirft die Hand hinauf, umfasst seinen eigenen verehrten Kopf: “Endlich! Ich Blumentopf, muss einen Staatsfeind an sich selbst erinnern. Staatsfeind, bin ich vielleicht keiner? Nicht so dumm, dass ich an den Fuehrer glaube. Nun?” Er streckt die Hand zum Einschlagen hin. Hauptmann Krach mustert ihn mit einem Ausdruck, dass Geheimrat Blumentopf einknickt, als versaenke er. Spricht Hauptmann Krach: “Es lohnt nicht.” Geheimrat Blumentopf, beobachtet ihn, er kann dem Frieden nicht mehr trauen. Sehr mitgenommen, aber diesmal unverstellt, bekennt er seine Meinung: “Lohnen? Eure Komoedie haette lohnen sollen, haha! Die Schlacht am Altmarkt, das historische Fuehrergespraech, die Schatzova, die ganze schwierige Protektoren-Doppelrolle, sophisticated sagen unsere englischen Freunde, — kein Mensch haette 295 euch eine Szene, einen Satz geglaubt, waeren wir nicht aus diesen und jenen Gruenden euch zwei beiden gefaellig gewesen!” 1^ Hauptmann Krach, reglos im Angesicht der Wahrheit: “Da sind Sie ein anderer Mann.” Geheimrat Blumentopf: “Ich — ein Schuss durch das Fenster, wohin Sie Ihren Feind gebracht hatten — um ihn zu retten, denn soweit kommt man mit Moral.” Hauptmann Krach: “Sie, ohne Moral — .” Geheimrat Blumentopf: “Druecke ab und habe den Erfolg.” Wagt noch einmal die Kniee zu erheben: “Druek- ken jetzt Sie ab, wenn Sie koennen! Im Tschechischen f Loewen konnten Sie nicht.” Hauptmann Krach, ruehrt sich nicht, er sieht anderswo oder nirgends hin. Geheimrat Blumentopf: “Sie koennen noch immer nicht. Somit auf Wiedersehen, Heil Hitler!” Er geht ab, beginnend im Marschtempo, die Beine wirft er. Schon nach den ersten Schritten findet er, dass genug “geblufft” ist. Richtiger erscheint ihm die offene Flucht, ein unberechenbares Umherspringen, um dem Revolver des Staerkeren, wenn er ihn dennoch gebrauchte, die Richtung zu durchkreuzen. Seit dem Einsturz des Turmes hat er ziemlich die Farbe eines Hasen, jetzt auch die Bewegungen, gewiss wuerde er Haken schlagen. Hauptmann Krach, sieht wieder, hat den Entschluss zu- rueck: “Gluecklicherweise seid ihr grotesk.” Befehlston: “Halt! Ich schiesse.” Geheimrat Blumentopf, gehorcht. Er steht hergewendet im verlorenem Profil, einseitig aeugt er hinter sich: “Sie haben kein Recht mehr zu schiessen, Hauptmann Krach.” Hauptmann Krach, haelt die Waffe schussbereit: “Ihr Moerder begreift nie. Lass’ ich Sie laufen, Sie toeten noch heute Pavel Ondracek und alle die Seinen.” 296 Geheimrat Blumentopf, letzte Angst: ‘‘Ich schwoe- re — !” Hauptmann Krach, oeffnet den Mund, um einen Ruf auszustossen. Ob er gerufen hat oder nicht, darueber hin knallt ein Schuss. Geheimrat Blumentopf, liegt und hoert nichts mehr. Hauptmann Krach, tritt zu dem Toten, mit untruegli- cher Genauigkeit stellt er das Ende fest. Bevor er sich abwendet: “Mein Erster. Lohnen soll es mit der Zeit.” 92 Hauptmann Krach geht in den Wald. Er atmet tief auf. “Ich wollte rufen. Ich unterliess es Heydrich zu Ehren. Einen Besiegten herausfordern? Uebri- gens muesste man der Sieger sein.” Er findet sich vor einem breit ausgehoehlten Baum. Er spricht: "Die Sieges-Apotheose war meines Wissens niemals von dieser Welt. Was ich das Boese nenne, es siegt nicht, es herrscht nur. Was ich das Gute nenne, kennt wohl auch Siege — die Mitte hell, an den Raendern be- staendig Qualm von Niederlagen, der vorigen, der kuenf- tigen.” Er horcht auf die Geraeusche oben und unten, den Wind in den Wipfeln, die Vogelstimmen, das leichte Krachen im Unterholz, wo Getier schleicht. Hauptmann Krach, ruft in den hohlen Baum, der seinen Ton verschluckt: “Es lebe die Freiheit, die ganze menschliche Freiheit! Es leben unsere armen Voelker, es lebe das aermste, das deutsche! Er beeilt sich fortzukommen, er erreicht die Wegesbiegung, hinter der am fruehen Morgen die beiden Wagen hielten. Sein Jagdwegen steht noch da, niemand ist zugegen. 297 “Der Kaplan hat nicht gewartet. Ich dachte auch nicht, er wuerde die Geduld haben." Die Raeder des zweiten, abgefahrenen Wagens haben Spuren hinterlassen. "Alles, was von ihr noch ist. Sie haette ich gern gekannt.” Seine Gedanken weichen ab. “Die Waldesgruende hue- ten ausserdem die Polizeikutsche, die uns herfuehrte, fuenf Personen, ein Toter. Da nur ein einziger noch lebt und ich es bin, was haelt mich ab zurueckzukehren? Waghalsig war das Spiel von je. Ja, aber das Stueck ist aus, versuchen wir kein besseres, nur eines, worin nirgends gezwei- felt wird!” Die Zaehne zusammengebissen: “Nie mehr zweifeln!” Hauptmann Krach oeffnet den Schlag seines Wagens, auf dem Polster liegt ein Papier. Er liest: “Kommen Sie! Ich hoffe auf Sie. Milo.” Trauriges Nachsinnen: “Das haette sie dorthin gelegt?” Er wendet das Blatt: “Ah! Der Kaplan. Er ist ins Dorf gegangen, er bleibt, er gehoert, was immer komme, seinem Volk — wie Sie dem Ihrem, sagt er mir. Nur gut, seinen Zuspruch hatte ich mir selbst gegeben.” Am Rande entdeckt er die gekritzelte Nachschrift: "Zlecna Milo glaubt nicht, was sie hofft. Sie ist traurig — aber tapfer.” Hauptmann Krach nimmt unter dem Sitz gewoehnliche Kleider hervor. Seine Uniform wirft er auf das Gebuesch, ohne Sorge sie zu verstecken. Er faehrt davon — ins Unbekannte. . 93 Gebirgige Landschaft in Jugoslavien. Die Armee der Landesverteidigung steht auf den zer- * kluefteten Hoehen, diese ragen immer hoeher und ferner, die meisten kahl. Die Platte hier vorn ist auch nur stellenweise bewaldet. Die Fichten, Spitz’ an Spitze, entsteigen vielmehr den Abgruenden. In die Tiefe faellt, zwischen Baeu- men und Klippen, der Wildbach, sein Getoese beherrscht die Schluchten, nichts vermag dagegen das Knattern der Maschinengewehre. Der Feind schiesst von unten, man sieht ihn nicht, und er sieht sein Ziel nicht, die Kugeln, die er ausstreut, prallen gegen glatten Stein, werden zurueckgeworfen, und der Bach nimmt sie mit. Eine Luft, rein, warm und aeusserst blau, erfuellt die Welt von Felsen, die ein Land ist und verteidigt wird als eine Heimat. Die Verteidiger halten auf Deckung wie befohlen, verlaesst aber ein Soldat die Brustwehr, die die Natur ihm hinstellt, dann zeigt er kein militaerisch abgerichtetes Gesicht, nur ein leidenschaftliches. Die Uniform ist selten, allenfalls kennzeichnet eine Binde den nackten Arm, eine Nummer die Brust im offenen Hemd. Die Stimme, die in dieser laermenden Wildnis gehoert werden will, muss gewohnt sein zu tragen und durchzudringen. Die Stimme des Schauspielers Wokurka, vom Theater Rococo in Prag, bringt es fertig. Wokurka, aus seiner guten Deckung: “Posor! Dort unten haben sie, hoer’ ich, schon wieder einen bloeden Einfall.” Doktor Holar versucht zu antworten. Er sagt, dass nicht sein Gehoer, aber sein Geruchssinn ihn von dem Unternehmen des Feindes in Kenntnis setzt. Der Feind hat tief unten das Dorf angezuendet, in der leichten Luft des Gebirges erhebt der Rauch sich schnell, schon wird er ver- spuert. Wokurka: “Ihre Rede, Doktor, geht nicht ueber’s Orchester weg. Ich glaub* Ihnen alles, was ich nicht gehoert habe, weil Sie ein Held sind. Nur Eines! Der Held muss sprechen lernen, woran, bitte, erkennt der Laie ihn sonst. Sobald wir den Feind geschlagen haben, Werd' ich mich ernstlich — ernstlich werd’ ich mich bemuehen, dass Sie die Stimme nach vorn bekommen.” Unerlaubter Weise verlaesst er seine Deckung, aus blosser Neugier. Ueber einen Vorsprung des Felsens gebeugt betrachtet er drunten den Brand. Die Flammen verblassen, der Tag blitzt heller als sie. Aber der Rauch entwik- kelt sich nach Wunsch. Wokurka: “Planmaessig vorgehen tun’s halt.” Eine Kugel prallt von dem Stein neben seinem Kopf, streift ihn beinahe, und springt in den Bach. Wokurka: “So war es gemeint? Zuwegen eines einzelnen Komikers zuenden die laecherlichen Tragoeden ein ganzes Dorf an, damit er falsch auftritt und laesst sich totschiessen!” Ein einheimischer Soldat, bruellt ihm zu: “Gleich gehst du in Deckung, oder Kamerad, ich schau mir dein Gesicht an." Wokurka, gehorcht: “Dafuer hab’ ich mein Gesicht. Aber sprechen kannst du Kamerad.” 94 Das Hauptquartier des Generals ist nahe dem engen Uebergang nach anderen Bergen. Maultiere beschreiten den Passweg. Von Knaben und Frauen gefuehrt, tragen sie den Nachschub der Armee herbei, die Schlaeuche mit Oel, die Koerbe Brotes, die Munition. Der General und sein Adjudant stehen unter einer vertieften Woelbung der Wand, wo sie am schroffsten aufragt. Ein Adler, den sie nicht sehen, kreist ueber ihnen. 300 Ein Soldat, erklimmt die letzten Felsbloecke, tritt stolz vor den General hin. Der Soldat: “Kamerad General, wir haben gesiegt.” Der Adjudant: “Der General weiss es.” Der Soldat: “Der Adler oben weiss es.” Er erschrickt: “Vaeterchen! Du warst unten, bis in den Qualm der Feuersbrunst, dein Gesicht ist davon geschwaerzt. Tu' das nicht noch einmal! Was waeren wir ohne dich.” Der General: “Ich war nicht in Gefahr.” Der Soldat: “Die sprechen anders, die dich gesehen haben wollen. Vergib mir; deshalb komme ich!” Der General: “Ihr liesset den Feind nicht ueber den Giessbach, ganz unten, wo der Feind in den Rauch seiner Brandstiftung gehuellt und unsichtbar war. Euer Land freut sich ueber tapfere Soehne, sag’ es allen!” • Der Soldat, fuer den Adjudanten: “Ich habe nicht, wie der General, den Maschinen eines verqualmten Feindes standgehalten.” Der General, fragt den Adjudanten etwas. Der Adjudant: “Ich glaube, dass es so ist.” An den Soldaten gewendet: “Du und dein Feind, ihr wäret sehr sichtbar ueber dem Abgrund, den er heraufgeschlichen kam, dir im Ruecken. Du sähest frueher sein Bajonett als ihn, du schlugst es weg, du umarmtest ihn nach Art der Bae- ren. Als er in den Sturzbach fiel, riss der Bach keinen Mann mehr fort, nur Weichteile und die zerbrochene Brust.” Der Soldat wagt nicht, von dem Adjudanten hinwieg auf den General zu blicken: “Das sah der Mann, den ich nicht sah!” Der Adjudant: “Dies und vieles. Er ist ueberall, Kamerad.” Der Soldat: “Kamerad Ivo, wir sind unbesieglich.” Er macht kurz Kehrtum, schon springt er die naechste der Felsenstufen hinab. 95 Der General: “Kamerad Ivo, du erfindest mir eine Le- gende.” Der Adjudant: “Die Legende erfindet niemand, sie ist da, weil wir alle da sind, die dreihunderttausend Kaempfer im Lande haben alle dieselbe Herkunft.” * Der General: “Welche?” Der Adjudant: “Dich.” Der General: “Glaubst du wohl, dass mir’s zu hoeren manchmal nottut? Besonders, wenn wieder ein Dorf brennt.” Der Adjudant: “Nach allem, was dieser Feind vernichtet hat, bevor du antratest, fuehlst du noch heute mit einem kleinem Dorf. Da ist der Ursprung unserer Siege.” Der General: “Siege — sind es, wenn wir einer feindlichen Besatzungsarmee ihren ganzen Generalstab toeten, wenn wir die Hauptstadt dieser schwarzen Berge mit einem Handstreich nehmen, wenn wir Triest und Fiume erschrek- ken, den grossmaechtigen Feind zu Verhandlungen noe- tigen. Der Sieg aber, Der Sieg in ganzer Gestalt — .” Der Adjudant, da der General schweigt: “Der ganze Sieg hat Raum in einem Tag wie heute.” Der General: “Der Feind herrscht auf den Truemmern dieses Landes, das er nicht erniedrigen kann. Uebrigens misstraut er der Minderheit von Verraetern, so tief sie gesunken sind, in Belgrad und jeder besetzten Hauptstadt des Erdteils. Er verlaesst sich noch weniger auf die falschen Besiegten, die ueberall ihre Stunde erwarten. Mit der Roten Armee, unseren Bruedern, weiss er, woran er ist. Sie kaempft, er kann ihr seine Millionen zum Abschlachten vorwerfen.” Der Adjudant: “Ich verstehe. Er fuerchtet die kuenf- tigen Sieger. Aber vor den Besiegten hat er Angst.” Der General: “Wie vor diesem Berg. Er erklimmt den 302 Berg im Schutz der rauchenden Braende, die ihn und seine Taten immer begleiten. So geheim er geschlichen kam, der Bach wirft alle seine Toten tosend zu Tal.” Der Adjudant: “Der Feind wird wiederkommen.” Der General: “Aus Angst. Seine Angst erschafft unsere Legende. Wie wenig ein alter Offizier vom Leben erfahren haette, soviel weiss ich jetzt. Anziehend und allen Armen ein Trost sind die Besiegten, die auferstehen sollen.” Soldaten gehen hin und wider, sie uebergeben dem Adjudanten schriftliche Meldungen, er liest sie zwischen den gesprochenen Saetzen, er ueberreicht das eine und andere dem General, der Kenntnis nimmt und Befehl erteilt. Von dem Ruecken eines Maultieres bringt der Alte, der es fuehrt, einen leichten Packen, er legt ihn auf den Stein zu Fuessen des Generals. Der Alte ist ratlos, er moech- te dem General den Rocksaum kuessen, aber der General traegt keinen Rock. Der General laesst es zum Handkuss nicht kommen, er streicht dem Alten durch die struppigen Haare und schickt ihn weiter. Der Adjudant, hat unterdessen das Paket mit Zeitungen geoeffnet. Dabei spricht er: “Anziehung! Kroaten und Slovenen treffen bei uns ein. Bulgarische Besatzungstruppen sind zu uns uebergegangen.” Der General: “Das Beste, auch Tschechen finden uns, und wir wissen, ihnen ist das Entkommen schwerer als jedem gemacht.” Der Adjudant: “Noch schwerer seit dem Tode des Protektors. Seither hat der Feind sich bei ihnen im Land auf das Wueten verlegt, er mordbrennt wie sonst hier.” Aus der Zeitung: “Ein Dorf namens Lidice, alle maennlichen Einwohner erschossen, das Dorf dem Erdboden gleichgemacht.” Der General: “Was sie so nennen. Wird lange kein Gras wachsen auf diesem Erdboden von — Der Adjudant, ergaenzt: “Lidice. Aber da sie schon vorher die angeblichen Moerder des Protektors in ganzen Massen entdeckt und umgebracht hatten, was suchten sie noch in Lidice?” Der General: “Ihre Rache, sie ist unstillbar. In Wirklichkeit haben sie gar nichts entdeckt, werden auch nie. Ich kenne meine Tschechen, sie fuehren tapfer den Krieg, wie er nun ihrer ist. Wir unseren, sie ihren, und beide erhalten den Feind in Angst.” Der Adjudant: “Seine Angst — unsere Legende. Ihre Legende bekommen jetzt auch die Tschechen.” Aus der Zeitung: “Die Identitaet der aufgefundenen Leiche des Protektors wird bezweifelt. Die Deutschen wissen selbst nicht, was sie im verloeteten Sarg ihrem Fuehrer zugeschickt haben, damit er funebren Prunk treiben kann.” Der General: “Alles verweist darauf, dass sie ihren Heydrich selbst getoetet haben.” Der Adjudant: “Die Reste koennten dennoch einem anderen gehoeren.” Aus der Zeitung: “Ein zweiter Protektor soll schon bei Lebzeiten des ersten an seine Stelle getreten sein." Der General: “Die Legende, unsre Besiegten-Legende bildet sich so oder sonstwie.” Der Adjudant: “Die Tschechen, die neu hier ankamen, sind brave, aber harmlose Leute. Schwer zu erraten, warum gerade sie sich getrieben fuehlten, die Flucht zu wagen.” Der General: “Eine Idee. In Koepfen geht mehr vor als je in Schlachten.” Der Adjudant: “Kamerad General, ich merke es, du hast dir diese Tschechen heute genau angesehen.” Der General: "Nicht genau genug, Kamerad Ivo.” 304 96 Das Dorf unten raucht weiter, nachdem der Feind es verliess. Die Armee der Verteidiger haelt ihre Stellungen auf diesem Berg, vor den Passwegen und im fernen Umkreis des Gebirges. Der Feind wird wiederkehren, die Verteidiger werden bereit sein. Ihre vorgeschobenen Posten richten sich fuer die kommende Nacht im Tal ein, dort wo der Wildbach anfaengt in Strudeln zu fliessen und wo die Armee den Feind heute schlug. Seine Toten aus dem Gefecht liegen noch hinter manchem Stein. Maenner, die sie lebend nicht gefuerchtet hatten, erschrecken, wenn unvermutet ihr Fuss einen toten Feind beruehrt. Jaroslav Ondracek, hat einen gefunden: "Das mag ich nicht." Pavel, bleibt, wo er sitzt: “Ein toter Feind riecht gut, hat einer der vielen grossen Maenner gesagt." Jaroslav: “Achtung vor den grossen Maennern. Dieser Feind aber — ". Lyda: “Riecht nicht, er macht uns nur erbarmen.” Pavel: “Noch peinlicher.” Er laesst die beiden Anderen mit ihrem Fund tun, was sie wollen. Sie tragen ihn an das Wasser und werfen ihn hinein, nachdem sie gedaempft bis drei gezaehlt haben. Jaroslav: “Getroffen, mitten hinein. Auch diesen nimmt die Stroemung noch mit.” Lyda: “Dann wird der Bach ihn in den Fluss fuehren, und der Fluss in das Meer.“ Jaroslav: “ln ein Meer, das wir nicht kennen.” Pavel, von seinem Stein her: “Das Mittellaendische, was weiter. Haben alle darin Platz, wir auch.“ Lyda, geht zu ihm: “Du bist nicht gefuehllos, Pavel, 305 du machst den Mueden, der zu viel gekannt hat. Vergiss doch!” Pavel: “Wir sind in Sicherheit. Wozu? Lyda: “Um zu kaempfen, auch nicht immer ein sicheres Geschaeft. Du kannst es wissen, seit du heute richtig gekaempft hast.” Freundliches Laecheln: ‘ Anders als am Altmarkt." Sie nimmt ihr Gewehr auf. Ihre langen Hosen, ihre kurze Jacke lassen sie groesser erscheinen. Die hellen Haare legen um Hals und Wangen eine volle, leichte Welle. Das Gesicht wird durchsichtig vom bleichen Licht des beendeten Tages. Ein letzter Sonnenstrahl, den der Berg her- ueberlaesst, tuscht etwas schwache Roete auf die erhoeh- ten Backenknochen und die wohl ausgebildeten Lippen. Wunderbar belebte Augen strahlen, blau wie nie, das Maedchen ist schoen, der Kopf und die Gestalt. Pavel: “Zum Erstaunen, wie gut der Krieg dir steht!” Lyda: “Und dir! Ich beobachtete dich in dem Handgemenge, zum Schluss, bevor die Feinde davonliefen. Nennt man es Handgemenge?” Pavel: “Mit der blossen Hand toetete ich keinen, das koennen die Baeren hier im Gebirge. Von wo sähest du mich, oh Siegerin ueber mein Herz?” Lyda: “Du bist neugierig, und ich bin geheimnisvoll. Ein Geheimnis ist nicht nur die suesse Komoediantin, die du mir mitgebracht hast.” Pavel: “Milo — geheimnisvoll, ja, sogar suess, du willst lachen. Von allem, was dir gegeben wurde, hat sie vdas Gegenteil." Lyda: “Kannst du wissen? Was aber war sie — am letzten Tage Heydrichs? Du hattest die beiden allein gelassen.” Pavel: "Leider.” 306 Lyda: “Gewisse Umstaende beruehrt sie nicht, verlangt Schweigen, und der Wokurka gehorcht ihr.” Pavel: “Der ist nicht eingeweiht — in was denn auch. Die Umstaende sind meine allein, ich hielt das Schicksal Heydrichs nicht auf, war ich dafuer bestellt? Der Einzige, der ihm das Ende bereitet hatte, konnte nur zulassen, dass es sich vollzog.” Jaroslav, hat die letzten Worte gehoert, ist unzufrieden: “Dann bereue nicht!” Pavel: “Bereuen, wenn ich doch berufen war!” Lyda: ’ Und ueberschaetze dich nicht! Vielleicht war dein Anteil kleiner als heute in dem — Handgemenge.” Jaroslav, lenkt schnell ueber: “Hier hast du dich gezeigt, wie du wirklich bist, offen und brav. Wir, hinter unserem Felsblock oben, vergassen darueber, das Gewehr zu laden.” Lyda: “Du, Vater, der Scharfschuetze, der keinen verfehlt hat!” Jaroslav: “Ich, der Scharfschuetze, vergass mich. Als ein Angreifer dem Pavel nach der Brust stiess, fiel aber um und war tot, Wer hatte getroffen? Die Schoenheit hier, du haettest sie sehen sollen.” Pavel: “Ich sehe sie.” Er zieht Lyda hernieder auf den Stein, der ausgehoehlt wie eine Mulde ist: “Ihr, das Ruhebett. Mir, die Kiesel zum Hinknieen.” Er kniet. Lyda, den Arm um seinen Nacken: “Liebst du mich, mein Pavel?” Pavel: “Dein wie je.” Lyda: “Mehr. Du musst mehr mein sein als in der Zeit, die gluecklich aus ist.” Pavel, entzieht sich ihrem Arm, kniet verlassen auf den Kieseln: “Gluecklich aus, finden die paar Gef Hechteten. Die Hingerichteten aber, die dem Moerder geholfen haben sollen, als ob den Moerder einer kennte, — werden 307 auch sie gesagt haben: Gluecklich aus? Das Volk, das Land, was sagen sie? Der Pavel Ondracek, ein feiner Bursche, laeuft uns davon, nun wir ihn am noetigsten gebraucht haetten.” Jaroslav: “Schon wieder bei der alten Geschichte. Sag’, wenn du kannst, was du dort noch gemacht haettest, nun Heydrich tot ist.” Pavel: “Das kann ich dir sagen. Vor meinem Abschied sprach ich zu den Arbeitern und Soldaten — tschechischen Arbeitern, deutschen Soldaten, aber es war kein Unterschied mehr. Vereint haetten sie die Revolution gemacht.” Jaroslav: “Man erwartet sie zuweilen. Dein Heydrich, wenn, er lebte, haette sie niedergeschlagen.” Pavel: “Er durfte nicht sterben, das ist es. Sein Tod, wo und wie er ihn auch betroffen hat, ungeschickt war sein Tod, als waer' ich selbst ums Leben gekommen.” Lyda: "Woher nimmst du die Weisheit? Dein Hauptmann Krach koennte dir wohl erzaehlen, was er sah und du nicht sähest.” Pavel: “Hauptmann Krach ist seiner Wege gegangen, er war dort fertig. Das aber erfaehrt er nie, uns erfaehrt niemand leicht, leicht schon gar nicht, wie man ein anderer wird. Ich und der verhasste Feind waren derselbe geworden, fuer jeden, der mich hoert, ist’s ohne Sinn.” Jaroslav, mitleidig: “Es ist ohne Sinn.” Pavel, leidvoll: “Er — ich, er — haette eines Tages das »Zeichen gegeben, die Waffen auszugraben. Die Befreiung! Unser Land war aufgebrochen nach der Befreiung.” Jaroslav: “Der Henker — dir beistehen?” Lyda, sanft: “Unser Land, nicht seines. Besinne dich, du Lieber!” Jaroslav, nur fuer Lyda: “Er hat denken gelernt, wir nicht. Sein Geist begeht sinnreiche Fehler, unserer erzeugt weder Unsinn noch grossen Sinn. Lass’ Pavel ausruhen!” 308 Lyda: ‘‘Er denkt weit voraus, was wirklich geschieht, ist ihm zu langsam.” Ueber Pavel geneigt: “Habe Geduld! Von uns wird nun einmal verlangt, dass wir warten koen- nen.” Pavel: ‘‘Im fremden Land verteidigen wir Berge, die morgen wieder angegriffen werden.” Lyda: “Hoer‘ auf! Du willst nicht warten, aber wie lange warte ich, dass wir heiraten?” Pavel, schnell auf: “Das hab’ ich nicht vergessen.” Lyda: “Nur ueberschlagen hast du es.” Pavel: “Die Kirche dort unten ist nicht mit verbrannt, sie steht abseits vom Dorf. Komm’! Wir suchen den Kaplan.” Lyda: “Wenn ein Kaplan da ist. Sie sollen oft erschossen werden.” 97 Ueber ihnen auf der Felswand erscheint Milo Schatzo- va, begleitet von ihrem Kameraden Wokurka und Doktor Holar. Sie sehen in eine andere Richtung, scheinbar haben sie ihre Freunde hier unten noch nicht bemerkt, sprechen aber laut vernehmlich. Milo Schatzova: “Das heisst ein friedliches Tal. So friedlich haben sie es sogar bei uns zu Hause.” Wokurka: “Friedlicher, viel friedlicher. Erst dreihundertsechsundzwanzig erschossen oder aufgehaengt.” Doktor Holar: “Wegen des einen Getoeteten.” Wokurka: “Aber der zaehlt fuer tausend.” Doktor Holar: “Fehlen noch reichlich sechshundert, um ihn zu bezahlen.” Wokurka: “Werden nicht lange fehlen, kommen alle dran.” 309 Milo Schatzova: “Weil sie dem Moerder geholfen haben, eine Unmenge Leute, bei jedem hat er genaechtigt, macht drei Jahre, dass er taeglich wo anders unterkroch. Doktor Holar: “Das Wunderbarste, den Moerder kennt niemand.” Wokurka: “Nur die Deutschen, von ihnen hab ich die hoechste Meinung." Milo Schatzova: “Keine Ursache. Ihr Heydrich ist tot, ihr Fuehrer hat zwei Tage in Prostration gelegen.” Wokurka: “In was? Du meinst eine Isolierzelle. Doktor Holar: “Erschlafft war er, es ist der Zustand von ueberanstrengten Genies — ”. Wokurka: “Die ploetzlich merken, dass sie ein Scherben sind.” Milo Schatzova: “Doktor, ihm muessen Sie nichts er- klaeren, er stellt sich gern dumm.” Wokurka: “Wer verstellt sich? Ich hab’ nie was gelernt. Wollt’ ich Euch zum Beispiel hier aus der englischen Zeitung vorlesen — ”. Milo Schatzova, nimmt ihm die Zeitung ab: “Versuch’s nur, italienisch hoert’ ich dich auch schon reden.” Doktor Holar: “Sie haben eine englische Zeitung?” Wokurka: “Von einem Maultiertreiber bekommen. Das Maultier ist, hoer’ ich, die ganze Strecke von England gelaufen. Koennt’ aber auch sein, dass englische Flieger hierzuland Zeitungen abwerfen.” Doktor Holar: “Was steht darin?” Wokurka: “Bis jetzt uebersetz’ ich mir nur ein einziges Wort, auf englisch schreiben sie es Lidice.” Pavel, springt ueber Bioecke, auf halber Hoehe ruft er: "Her damit! Wenn noch so schrecklich, ich muss lesen.” Wokurka: “Sie werden sehr gelobt, Pavel, oder dass ich’s genau sage, alle Tschechen bekommen ein gutes Zeug- nis, weil sie den Protektor umgebracht haben. Das soll mehr sein als manche gewonnene Schlacht.” Pavel: “Falsch. Die Tschechen waren es gar nicht.” Milo Schatzova, steigt abwaerts zu ihm: "Das behauptest du. Aber beim Ende warst du nicht dabei.” Pavel: “Ich haette es aufgehalten, mitsamt den Folgen!” Milo Schatzova: “Ich nicht. Ich kann hassen.” Pavel muss sie hinab auf seinen vorigen Platz begleiten. Sie gibt ihm die Zeitung und bleibt bei ihm. Wokurka und Doktor Holar folgen, sie unterreden sich leise mit Jaroslav und Lyda. Pavel liest, er zittert vor Erwartung. Er moechte sprechen, die Stimme versagt ihm mehrmals: “Eine Verschwoerung, das ist veraltet. Man weiss von mir nichts.” Milo Schatzova: “Sei froh! Man weiss nie alles, am besten, wir bleiben unbekannt.” Pavel: “Aber jeder Einzelne kennt uns doch, ganz Prag, zu schweigen von Lidice.” Er schreit auf. Milo Schatzova: “Hast du den Namen gefunden?” Pavel, laesst die Zeitung fallen, er bricht auf den Steinen zusammen. Sein Gesicht ist im Begriff die Maske Heydrichs anzunehmen, die Augen oeffnen sich einem Anblick des Grauens, starr und trocken. Wokurka, bei Jaroslav und Lyda, so ernst wie er seine komischen Saetze bringt: “Da muss etwas ganz Schlimmes dringestanden sein.” Jaroslav: “Sagen Sie es doch!” Lyda: “Sie wissen es doch!” Wokurka: “Werdet ihr mir auch glauben? Lidice ist dem Erdboden gleichgemacht. Die Frauen und die Kinder haben sie — na, was sie ihrem Brauchtum gemaess den Wehrlosen antun, verschleppt, versklavt. Die Maenner sind hin." 31t Jaroslav: “Erschossen, die Maenner von Lidice? Lyda: “Alle Maenner?” Wokurka, bestaetigt mit einer Miene voll Energie, als haette er es selbst getan. Jaroslav, senkt stumm den Kopf, seine Traenen brauchen Zeit, bis sie fliessen. Lyda, schluchzt. Wokurka, schlaegt blindlings um sich. Er wuerde fallen, macht einen aeussersten Versuch abzugehen. Doktor Holar, haelt den Schwankenden: “Sie haben sich nichts vorzuwerfen, aber ich. Die Anderen tot, und ich hab’ sie verlassen, meine Kumpeln, meine Bauern. Oh, der Kaplan. Auch der Kaplan!“ Wokurka, stuetzt seinerseits den anderen, der schwankt: "Doktor Holar! Sie sind bittschoen ein Soldat der jugosla- vischen Befreiungsarmee. Da gibt’s keinen Kaplan allein. Da brennt mehr als ein Dorf. Wollen Sie Lidice sehen? Schauen Sie hinter sich!” Doktor Holar: "Der Komiker will staerker sein. Ihnen graust es doch.” Wokurka: “Gegraust hat mir’s im Leben immer, je komischer es war. Wer das nicht kennt, sitzt jetzt da wie der Pavel Ondracek.” 98 Pavel, auf seinem Stein, starrt traenenlos. Milo Schatzova und Lyda stehen zu seinen beiden Seiten. Pavel: "Das tat ich, und das ist alles, was ich konnte.” Lyda: “Ich liebe dich, Pavel. Verzeih dir selbst, wie ich dir verzeihe, und nur mir nicht, dass ich dich damals die Fratze schneiden Hess.” 312 Milo Schatzova: “Wovon sprecht ihr? Heydrich ist tot, und damit Schluss. Kein Untergang eures Dorfes macht ihn wieder lebendig. Die Folgen? Das sind nicht die tausend Unschuldigen, die heute sterben. Das werden seine Mitschuldigen sein, sie trifft es um so gewisser.” Sie hat sich hoch aufgerichtet. Ihre weisslich graue Kleidung, die Jacke, wie die Hose zeigen Flecken von Schlamm und von Blut. Dennoch laesst das Abschiedslicht von jenseits der Berge ein Flimmern entstehen in ihrer groben Tracht, schwache Wiederholung der indirekten Beleuchtung, einst auf der Buehne. Sie haelt das Gewehr wagerecht von sich und blickt halb aufwaerts. Pavel: “Milo Schatzova — die Heldenjungfrau Johanna, Retterin des Vaterlandes. Ich nicht, ich rette nichts.” Bevor die beiden Maedchen seine Absicht erkennen, ist er auf den Fuessen und laeuft in Richtung des brennenden Dorfes. Die Flammen, vorher blass, bekommen im abnehmenden Tag ein tieferes Rot. Doktor Holar: “Das ist ein Verzweifelter. Aufhalten! Pavel, halt!” Er setzt dem Fluechtling nach. Wokurka, ueberholt Doktor Holar: “Was der will, das will der. Ich laufe, damit Sie sehen koennen, Doktor, was eine Schauspielerlunge hergibt.” Ein Schuss faellt aus der Richtung der Brandstaette. Pavel, im vollen Lauf, wird jaeh zum Stehen gebracht von einem unsichtbaren Hindernis. Er dreht sich um sich selbst, stuerzt zusammen und liegt auf der Seite. Wokurka, wirft sich nieder, aber seine Stimme traegt bis zum Feind. Italienisch und deutsch ruft er: “Das sieht eutih aehnlich. Vor einem Selbstmoerder fuerchtet ihr euch!” Er legt das Gewehr an und zielt. Jaroslav, am Boden, nicht zu unterscheiden von den Steinen, hat schon geschossen. Drueben, gegen die Flammen gesehen, tut eine schwarz umrissene Gestalt den Luft- 313 Sprung, der ihr letzter war. Jaroslav trifft gleich noch einen zweiten. Wokurka, meldet rueckwaerts seinen Leuten: “Plan- maessig geht der Feind bis hinter seine Linie vor. Da kann man nichts machen.” Er erkundigt sich bei Doktor Holar: “Wie steht es fuer den Patienten?” Doktor Holar: “Seien wir froh, dass er lebt!” Wokurka: “Wird er froh sein? Ein nicht aufgeklaerter Fall." Doktor Holar, hat Instrumente hervorgeholt und arbeitet an der Wunde. Seine Worte kommen einzeln: “All und jedes klaert sich auf, nur leben muss man. Das Leben erhalten — ist wichtig.” Lyda, trifft frueher als Milo Schatzova und Jaroslav hier ein, sie geht auf ihren Knieen und Haenden. Am Boden legt sie ihr Gesicht neben den Kopf des Verwundeten, sie bittet instaendig: “Pavel! Sprich ein Wort!” Pavel, stoehnt vor Schmerzen laut. Wokurka, fuer Lyda: “Sei zufrieden, Kind, das war sein erstes vernuenftiges Wort.” Doktor Holar hat Pavel verbunden: “So tragen wir ihn hinauf!” Er fasst an. Wokurka, greift zu. Jaroslav nimmt, mit der Autoritaet des Staerksten, die Last an sich. Auf seinen beiden ausgestreckten Armen traegt er seinen Sohn vor sich her. Er spricht ihm ins Ohr: “Mir wirst du nicht sagen, dass alles nur schlecht war. Ich weiss, es war auch gut.” Voll Kraft uebersteigt er die Felsbloecke. Die Anderen folgen. Bei der ersten bewaldeten Stelle angelangt, betten sie Pavel auf das Erdreich. Dann sitzen alle um ihn her. Es dunkelt unter den Baeumen. 314 99 Milo Schatzova und Lyda lehnen Schulter an Schulter. Zwischen ihnen und den drei gesunden Maennern, die schon schlafen, liegt der Verwundete und scheint zu schlafen. Lyda: “Ich moechte dir meine Decke geben.” Milo: “Aber du hast keine. Es bleibt auch warm in der Nacht, sonst muesstest du selbst die Decke behalten, wenn wir sie haetten.” Lyda: “Ich bin eine Baeuerin.” Milo: “Aber zart.” Sie deutet mit dem Kopf auf Pavel. Leise: “Heirate ihn nicht! Die erste Geburt wuerde dir gefaehrlich werden.” Lyda: “Bist du eifersuechtig?“ Milo: “Nein. Medizinerin. Genaueres sage ich dir nach der Untersuchung.” Lyda: “Ich will es nicht wissen. Aerztin bist du. Er sagte, Schauspielerin.” Milo: “Beides. Soldat, ist mein dritter Beruf.” Lyda: “Auf dich war ich eifersuechtigI” Milo: “Jetzt scheint es dich zu wundern.” Lyda: “Du haettest ihn nie verliebt gemacht.” Milo: “Ich bin nicht kalt.” Lyda: “Er braucht Sanftmut.” Milo: “Ich bin wohl hart.” Lyda: “Ich meinte, fuer ihn nicht schwach genug.” Milo: “Dein Geliebter will, dass du um ihn wirbst, dass du schwach und sogar stuermisch bist. Lyda: “Du und ich sind sehr verschieden. In der Zeit, bevor wir auswanderten, ging er nur noch zu dir.” Milo: “Er hatte dich vergessen.” Lyda: “Das ist nicht wahr. Bei dir war er, ohne dass 315 er an dich dachte." Sie will ihre Schulter von Milo trennen. Milo, zieht sie an sich: “Mich musst du nicht strafen, Kind. Dein Geliebter ist nun einmal vergesslich. Er hat Anwandlungen von Kuehnheit und Kraft, ich tat gut, sie ihm niemals einfach zu glauben. Als wir Studenten waren, reizte unser Kamerad Pavel die deutschen Tyrannen, bis ich sagen hoerte, er gebe ihnen absichtlich den Anlass, die Universitaet zu schliessen.” Lyda: “Die es sagten, schaemen sich heute!" Milo: “Vielleicht. Du weisst nicht, dass die Menschen immer alle rechtbehalten? Das erste Mal setzte er sich selbst ins Unrecht, als er dem Aufstand der Studenten aus- wich. Er sass auf dem Land in Sicherheit, den Gehsteig deckten die Leichen seiner Freunde.” Lyda, draengt sich enger an Milo, unterdrueckt ein Schluchzen. Milo: “Du liebtest ihn — damals?” Lyda: “Aus Erbarmen liebte ich ihn — mehr als zuvor.” Milo: “Du wurdest belohnt, dann kam sein Protektor.” Lyda: “Das haette keiner getan, von denen auf dem Gehsteig!" Milo: “Keiner. Es war ein ausserordentlicher Ausbruch der Phantasie, — die natuerlich nicht lange auf dieser Hoehe bleibt. Das sei ihm verziehen. Ein Wesen, mit Mut und Tatkraft nicht geboren, greift weit ueber sich hinaus durch den Antrieb des Geistes allein. Ich bewundere ihn.” Lyda: “Nachher sogar bewundert ihn eine grosse Frau wie du!” Milo: "Ja, auch ich habe Theater gespielt und wurde am Abend die grosse Frau, wie du es nennen gehoert hast. Das erlaubt mir noch keinen Vergleich mit seiner — Verwandlung, wenn es eine war. Meine Einsicht reicht nicht da hinein. Ich bewundere, ohne zu begreifen." Lyda: "Du sprichst von ihm, als ob du ihn abweisest.” Milo: “Ich darf nicht. Wohin denkst du. Er hat von seiner Identitaet ganz Prag ueberzeugt, seine Feinde und Freunde, was praktisch bedeutet, alle Feinde des Protektors mussten ihm helfen, wie auch ich tat.” Lyda: “Ich fuerchte, dass es dich reut.” Milo: “Erfolg ist Erfolg. Das Haus klatscht Beifall, ein schlechtes Gefuehl, das ich im Nacken habe, aendert nichts.” Lyda: “Die Folgen wirfst du Pavel nicht vor?” Milo: “Erfolg ist Erfolg. Ich bewundere.” Lyda: “Du wärest ihm nahe, und heute Nacht bin ich dir lieb. Sprich doch!” \ Milo: “Du willst es. Er ist gefluechtet vor vollbrachter Tat.” Da Lyda antworten moechte: “Warte, es war nicht Feigheit. Die eigene Tat im Stich lassen, meinetwegen. Unverzeihlich ist ein einziges Versagen, das Gefuehl, wenn es ermattet, der Hass, der abweicht.” Lyda, beugt sich ueber Pavel, sie findet seine Augen offen. Gefluestert: “Pavel, du hast gehoert. Alles?” Pavel, wendet das Gesicht gegen Milo: “Genug, um Milo zu tadeln, weil sie mich bewundert. Sie moege sich hueten zu bewundern, was sie nicht begreift. Es kann ihr geschehen, dass sie das Unverzeihliche mit hinnimmt und anstaunt.” Milo: “Dass du ihn nicht gehasst haben willst?” Pavel: “Falsch! Ich hasste ihn — je laenger je mehr. Aber ich hab ihn erlebt. Das sondert mich ab. Einen boesen Menschen nicht toeten moegen, ist konstitutionelle Schwaeche.” Milo: “Du gibst dich preis, das heisst, jetzt kommt die Reihe an mich.” Pavel: “Du bist vollkommen.” 317 Milo: “Nimm mich ernst, ich habe dich ernst genommen." Pavel: “Verzeih! Du bist im Hass vollkommen, kein Bruch, kein Zweifel.” Milo, schweigt und wartet. Lyda, betrachtet sie und erschrickt: “Wie schlimm fuer sie, wenn sie liebte!" , Pavel: “Sei unbesorgt um meine Kameradin!” Lyda: “Sie darf nicht lieben, es waere um sie geschehen.” Milo, allein, den Oberkoerper aufrecht gegen den Baum- “Warum?” Lyda, von unten, nur fuer sie: "Du findest nicht den Mann, den du nie verachten muesstest." Milo: “Es scheint, dass wir es ertragen. Du ertraegst es gut.” Lyda: “Ich bin selbst nur einfach und gering. Er darf schwierig sein.” Pavel, veraendert seine Lage, die Wunde schmerzt ihn, sein leibliches Leiden beschaeftigt ihn allein, er hoert nicht mehr. Milo: “Nicht meiner. Schwierig, mein Geliebter? Er ist fanatisch wie ich. Er hat ohne Bedenken getan, um was Heydrich selbst ihn bat. Sie muessen darum bitten.” Lyda, atemlos, tonlos: “Du warst zugegen?” Milo: “Es geschah spaeter. Er hat sich mir nicht anvertraut. Nachher, waere nicht stolz gewesen. Vorher, war seine Sorge, mich in Sicherheit zu bringen.” Lyda: “Ich weiss, von wem du sprichst. Der ist gewiss unschuldig — wie Pavel.” Sie beruehrt seinen Arm: "Pavel!” Pavel: “Melde gehorsamst, Soldat Ondracek vom Par- trouillengang zurueck.” Lyda, fuer Milo: “Er ist — beinahe bei Besinnung, so frag’ ihn!” Milo, sitzt aufrecht, ihr Gesicht verschwindet im Dunkel der Nacht und der Baeume. Sie schweigt. Lyda: “Sie will, dass Hauptmann Krach ihn getoetet habe.” Pavel: “Wenn sie es will.” Mit Anstrengung wendet er sich Milo zu: “Du hast recht, dass er stark ist. Auch einfach? Er wird es werden, nun er nicht mehr der Hauptmann Krach des falschen Protektors ist. Warum bist du ihm nicht gefolgt in sein unbekanntes Schicksal?” Milo: “Weil ich hier fuer mein Land kaempfe.” Pavel: “Ueberall wird fuer unser Land gekaempft. Wir hier kaempfen fuer alle Laender.” Sehr weich: “Du hast immer das Recht, ihn zu lieben.” Milo: “In meinem armen Kopf.” Lyda, kniet vor Milo, sie bedeckt das unsichtbare Gesicht mit Kuessen. Pavel: “Du tust mir leid, Milo, es kommt allein daher, dass dein Geliebter dich dauert. Er koennte vielleicht schwach gewesen sein — wie ich, mit dem du keine Gnade kanntest.” Lyda: “Schweig’! Gerade dafuer liebt sie ihn.” Die Nacht ist tief. Wohl moeglich, dass jetzt alle schlafen; Pavel schlummert unruhig. Dazwischen suchen seine Glieder nach Erleichterung, seine Gedanken nach Troestung. Er seufzt: “Schlechter Anfang in diesem heroischen Exil, weil auch mein Protektor nichts taugte. Wer wird sich so wenig einfache Aufgaben stellen. Nur das Einfache haelt stand, nur der Einfache siegt. Ein Glueck, dass ich jung bin.” Hiernach schlaeft er besser. 319 100 Es wird Morgen. Alle wachen. Doktor Holar verbindet die Wunde 1 neu. Lyda, reicht ihm das Verbandszeug, sie fragt leise: “Kein Fieber mehr?” Doktor Holar, erstaunt: “Das waere viel verlangt. Sie wissen doch nicht — Lyda: “Des Nachts sprach er so sehr erhitzt, dass davon auch wir beide,” sie zeigt Milo, “fiebrig redeten.” Waehrend Doktor Holar weiter arbeitet: “Sagen Sie nur, was ich noch nicht weiss!” Doktor Holar: “Oh! Nicht viel. Das Herz waere getroffen worden, wenn dieser begabte Juengling sich fest entschlossen haette in das brennende Dorf zu rennen. Zuletzt machte er eine Wendung, ganz unbedeutend, nach dem reissenden Bach, auch der Bach haette den Zweck erfuellt, und das rettete ihn.” Lyda: “Nichts von Zufall! Pavel soll leben.” Doktor Holar: "Auch Sie, mein Kind. Wir alle, und das ist keine kleine Aufgabe, wo wir stehen.” Jaroslav: “Heute wird unser Berg neu angegriffen." Milo Schatzova: “Oder besser, wir erobern das ausgebrannte Dorf.” Wokurka: “Warum besser? Ich bin der brave Soldat Wokurka oben wie unten. Du, Milo, faellst nicht. Fang’ dir mit dem Fallen nichts an, Heldenjungfrau! Reich* mir die Thermosflasche!” Milo: “Kaffee gibt es keinen mehr.” Wokurka: “Da hoert alle Rechtschaffenheit auf. Lieber leg ich mich auf die faule Haut, wie Pavel.” Pavel: “Nur aufstehen und kaempfen! Wann werd’ ich es koennen, Doktor Holar?“ Doktor Holar, hat die bewaldete Stelle verlassen, auf 320 einem felsigen Vorsprung ruft er den Berg hinan: “Wer da? ” Eine kraeftige Stimme, von oben: “Gut Freund!” Hervor tritt eine gedrungene Gestalt, rauhe Jacke, die Hosen in grobe Schuhe gesteckt, auf dem Kopf die Fell- muetze, denn der Sommermorgen ist frisch und der Mann hat vielleicht keine Haare mehr. Doktor Holar, ruft: “Bleibt, wo Ihr seid!” Der Mann legt nur die Hand an das Ohr, geht aber weiter. Jaroslav, ruft stark: "Im Tal wird geschossen.” Wokurka, ohne sich anzustrengen: “Es ist Krieg.” Dies hat der Mann verstanden, er Iaechelt und steigt vollends herab, bis auf den Platz der Tschechen. Wokurka: “Aber das ist ja mein entfernter Bekannter, der Maultiertreiber! Der hat mir die englische Zeitung gegeben, glaubte wohl, lesen kann sie eh’ keiner. Na zdar.” Er wirft fluechtig die Hand ueber den Kopf, eine nur angedeutete Begruessung, mehr ist der Mann ihm nicht wert. Der Mann, seinerseits, betrachtet Wokurka genau, mit einer Ironie, die Wohlgefallen nicht ausschliesst. Er hat unter ueberhaengenden Brauen, die schwarz geblieben sind, einen durchdringenden Blick. Wokurka, fuer jeden, der es hoeren will: “Stechende Augen, eine Gewitterstirn, die Nase scharf gekruemmt, auf ihrem Sattel die Spur von einer Brille, steckt gerad' im Futteral, — da haben wir den herben Alpenbewohner, hart Umrissen und nackt gleichwie ein heimischer Fels. Die Vegetation beschraenkt sich bei dem Kahlkopf auf Bueschel in den Ohren.” Er redet mit der gewohnten befehlshaberischen Energie, waehrend aber der Blick des Mannes ihn fesselt. Auszuweichen, verbietet ihm sein Ehrgeiz. Er reisst die Augen herausfordernd auf, wie wenn er ein Publikum zwingt, ihn und sich selbst zu belachen. Schluss der Rede, und der vorgeschobene Schmollmund, der die gewagtesten Saetze wieder gutzumachen pflegt. Der Mann, mit deutlichem Wohlgefallen: Der Herr ist wahrscheinlich ein Schauspieler.” Wokurka, nach den Anderen gewendet: “Was sagt man, das Naturkind!” Der Mann: “Sie koennten sogar der beruehmte Wokurka sein.” Wokurka, stampft auf, erroetet ueber und ueber: “Das ist ekelhaft. Da reist man eigens in diese wildromantische Gegend, um schlicht und gerade zu kaempfen fuer die diversen Vaterlaender. Das erste, was man hoeren muss, ist, Sie kleiner Komoediant! Wenn es schon bei den Maultiertreibern anfaengt, was steht mir von dem General bevor.” Der Mann: "Ich'bin der General.” Wokurka, keineswegs eingeschuechtert: “Meine v e r - dämmte Menschenkenntnis hatte mich gewarnt. Eure Exzellenz wird Nachsicht haben mit meinen beruflichen Versuchungen, kuenftig will ich nach Kraeften widerstehen.” Der General: “Es waere schade. Da Sie mich aber erraten haben, machen Sie mich mit Ihren Landsleuten bekannt!" Wokurka: “Zu Befehl!” Mit der Hand ueber seine Freunde hin: “Der ist ein Bauer, der ein Doktor. Diese ist meine Kollegin von der Buehne, hat am Abend immer geflimmert, jetzt schiesst’s. Die andere Schoenheit hat keine zahlenden Zuschauer auf die Weide gefuehrt, nur Milch- kuehe, deswegen schiesst sie nicht schlechter. Der Mann am Boden ist ihrer.” Lyda: “Herr General, er ist so schwer verwundet.” Der General: “In der Nacht, hier auf Vorposten, wie 322 kam es?” Da sie schweigen: “Sprecht nicht alle auf einmal!” Er fasst Jaroslav bei der Brust an: “Wir sind Altersgenossen, was tut Ihr hier, Freund?” Jaroslav, Bewegung nach Pavel: “Er ist mein Sohn." Der General: “Nur weiter!” Jaroslav: “Das Unglueck — hat er selbst verschuldet. Eine befehlswidr,ige Unvorsichtigkeit. Sie haetten ba'd einen tapferen Soldaten verloren.” Der General: “Und Ihr den Sohn. Aber Ihr sprecht nicht klar genug.” Doktor Holar, gehorcht einem Blick des Generals: “Der Sohn waere zweifellos gefallen, haette nicht der Vater zwei feindliche Soldaten weggeschossen.” Der General: “In dem Dorf, als es noch brannte? Den Vorgang im Dorf erkannte ich von oben, der Feind haelt seine alte Stellung. Um anzugreifen, wartet er, wie ge- woehnlich, dass wir die Sonne in den Augen haben. Ich werde ihm zuvorkommen.” Milo Schatzova: “Gelobt sei Jesus Christus, ich soll kaempfen.” Der General sieht sie scharf an: “Aller Ehren wert. Gemeint ist, Zlecna Milo, dass Sie siegen wollen, nicht fallen. Sonst verwende ich Sie besser im Lazarett.” Milo Schatzova, betrachtet ihn erstaunt. Ly da: “Pavel muss in das Lazarett! Herr General, lassen Sie ihn hinbringen, nein, ich trage ihn auf dem Ruek-, ken, gleich, bitte!” Der General: “Gleich nachdem wir das Lazarett erobert haben. Es ist im Dorf.” Blick auf Doktor Holar: “Der Chirurg wird zur Stelle sein.” Jaroslav, fasst seinerseits den General bei der Brust an: “General! Wenn Ihr nur Leute haettet wie uns, Ihr naehmet Belgrad.” Der General: “Alles kommt rechtzeitig fuer den, der warten kann. Eine Armee wie meine, hat allerdings merk- wuerdige Mitkaempfer — auch Verzweifelte.” Er blickt im Kreise. Wokurka: “Verzweifelt, wie macht man das?” Er zieht ein eindrucksvolles Gesicht. Jaroslav, steht stramm: “Wir sind biedere Tschechen und kaempfen fuer dies Land wie fuer unseres, dort geht es bis jetzt nur auf Umwegen.” Der General: “Kuehne Umwege. Ich bewundere euch Tschechen.” Er fragt im Kreise: “Aus der englischen Zeitung wisst ihr, dass euer Protektor tot ist?” Milo Schatzova, bitter: “Aus der Zeitung.” Pavel, windet sich am Boden, stoehnt: “Und dass ganz Lidice tot ist, nur wir nicht.” Der General: “Doktor! Eiin Beruhigungsmittel fuer Ihren Kranken. Bei seiner Schwaeche unterschaetzt er das Ereignis selbst, nur die Umstaende, die es notwendig begleiten, erregen ihn.” Pavel: “Notwendig. War der falsche Protektor notwendig, damit Heydrich fallen konnte?” Jaroslav: “Wie denn sonst! der Andere hat ihn reif gemacht.” Milo Schatzova: “Soviel ist wahr und niemand bereut.” Der General: “Ihr sprecht von der Legende, die Zeitung erwaehnte sie nebenbei.” Milo Schatzova, entruestet: “Legende!” Fuer Wokurka: “Du, der mitten darin war in der Legende, sprich doch!” Wokurka, macht sein verschlossenstes Gesicht. Pavel, stuetzt sich beschwerlich auf, bringt den Kopf in Haltung. Lyda, schreit unterdrueckt: “Nicht die Fratze! Nur die Fratze nicht!" Pavel, Stimme Heydrichs, aber schwach und wenig ueberzeugend: “Achtung! der Protektor.” Jaroslav: “Doktor Holar! Er ist krank, man muss ihn aufhalten!” Doktor Holar: “Es sieht aus, als waere er geheilt.” Pavel hat angefangen, sich zu verwandeln, stoesst an eine Grenze und kommt nicht weiter. Sein Gesicht faellt in die natuerlichen Zuege zurueck. Der General: “Ihr Tschechen seid interessante Leute. Dieser Mann ist, abgesehen von seiner befehlswidrigen Unvorsichtigkeit, unter euch der harmloseste. Er wird, einmal wieder auf den Fuessen, ein rechter Soldat sein.” Er gruesst und geht. Auf einer Felsenstufe, rueckwaerts gewendet: “Natuerlich inspiziere ich einfach die Vorposten, nur daher mein Besuch bei euch. Eine Nachricht der Englischen Zeitung, etwas weiterhin, ist euch scheinbar doch entgangen. Es handelt sich um einen Auftrag, den dieser Heydrich erhalten hatte. Der Auftrag wuerde zweifellos aus- gefuehrt werden, wenn nicht das Attentat, wenn nicht der falsche Protektor — . Was rede ich. Heydrich ist tot.” 101 Wokurka, geraet in Bewegung: “Wo ist die Zeitung?” Lyda: “Pavel liegt darauf, Papier haelt warm.” Doktor Holar: “Ich habe sie unter ihm weggezogen, sie war zerrissen. Auch Sepsis ist von Zeitungen zu be- fuerchten.” Jaroslav: “Aber Doktor, was die Englaender schreiben! Ich haette es aufgehoben.” Milo Schatzova: “Ich habe die Fetzen hinunter in den Bach geworfen.” Wokurka: “Aus.” Aber er sucht um so eifriger. Doktor Holar: “Sehr schade. Etwas kann darin stehen, was die Dinge veraendert.” Lyda, ueber Pavel: “Dein Angesicht bleibt auf immer wie es ist. Du wirst nie wieder ein Anderer.” Pavel: “Lyda! Ich werde sterben, denn ich verdiene es. Erinnere dich, wenn alles verfehlt war, ich hatte doch das Glueck, dir wahrhaft gut zu sein.” Jaroslav: "Neuigkeiten versaeumen ist oft das Beste, diesmal haelt man es nicht aus. Zlecna Milo, warum mit der Neuigkeit in den Bach?” ' Milo Schatzova: “Oh! haett’ ich den Ozean gehabt, fort damit! Ich danke fuer historische Aufklaerungen. In dieser Geschichte war ich drin, und verstehe sie noch weniger als jede andere.” Wokurka: “Was luegst du so schrecklich, Milo?” In seiner Hand erscheint die Zeitung. “Hinter deinem Lager in der Baumwurzel steckte das Blaettchen, einen Meter 20 ist es hoch, und aufgeschlagen war die Stelle, die wir lesen sollen. Du kennst sie schon!” Milo Schatzova: “Ich glaube kein Wort. Nimm dir nicht die Muehe!” Wokurka, hat in die Zeitung gesehen, er teilt das Gelesene frei mit: "Der Protektor Heydrich, kurz und gut, er hatte von seinem verwahrlosten Fuehrer den Auftag gehabt, eine tschechische Legion gegen die Sowjet-Union aufzustellen. Schon fertig.” Ein Schweigen, das keinem zu lang wird. Doktor Holar: “Da sagt .man vernuenftigerweise nichts. Wenn Heydrich gewagt haette, die Tschechen zu bewaffnen, sie waeren dem Feind natuerlich schon in Prag begegnet. Wer sie an die russiche Front zu schicken denkt, muss wahnsinnig sein.” ‘~»fi i 326 Jaroslav: “Heydrich war wahnsinnig. Der ihm die tschechische Legion zumutete, ist es auch.” ' Lyda: “Ihr ueberseht das Naechste. Pavel! Sag’ ihnen, wie es gekommen waere — ohne das Attentat auf Heydrich.” Pavel: “Lidice staende noch. Keine Unschuldigen haet- ten fuer mich gebuesst.” Lyda: “Fuer dich — buesst keiner. Die Toten von Lidice — retten unser Land.” Jaroslav: “Soll das Maedchen klueger als wir alle sein? -*s|Wir sagen eigensinnig, kein Tscheche wird auf seine russischen Brueder schiessen. Schoen, werden sie nicht schiessen. Aber an die Maschinengewehre gekettet wie ueblich, waeren sie vorgetrieben, und waeren niedergemacht, eh’ dass die Meisten sich ergeben koennen.” Doktor Holar: “Das muss richtig sein, weil Erfahrungen es bestaetigen. Ich wundere mich nicht, dass Lyda, ein Kind, meinem Verstand zuvorkommt. Immer noch er- traeglicher, Lidice, mit allen, die wir liebten, verschwindet vom Erdboden, als dass die tschechische Jugend ohne einen Ueberrest geopfert wird.” Wokurka, bleich und bebend, nur die Stimme uner- schuettert: “Das haette gefehlt. Es ist, meiner Seel’, nahe an uns vorbeigegangen. Jetzt, nach tausend Morden fuer den einen, muss auch ein Wahnsinniger auf die tschechische Legion verzichten.” Milo Schatzova: “Wenn der Protektor sie je gewollt hat.” Wokurka: “Der falsche Protektor war’s, der hat es dahin gebracht, dass Heydrich Furcht vor der Legion bekam, lieber Hess er sich auf die Legende ein, die Legende vom falschen Protektor.” Lyda: “Da war kein falscher Protektor — nie!” 327 Milo Schatzova: "Da war keiner. Glaube, wer Lust hat, an die tschechische Legion. Der Protektor ist nur Legende. Die Geschichte soll aus sein.” Pavel: “Die Geschichte soll aus sein, und hat noch ein glueckliches Ende — gluecklich, ungluecklich, man unterscheidet nicht.” Er sitzt aufgerichtet und weint bitterlich. Wokurka: "Das Unglueck und das Glueck treten oft in einer Person auf, wie ein Komiker, dem es traurig ist. Jaroslav, nimmt die Hand, hinter der Pavel weint, von dem Gesicht des Sohnes fort und behaelt sie. Lyda, gibt dem Vater von selbst ihre Hand. Aus der fernen Hoehe, wohl von dem Passweg her, wird ein einzelnes Hornsignal vernommen, hier klingt es schwach, bis in das Tal gelangt es schwerlich. Doktor Holar: “Der Angriff." Milo Schatzova und Wokurka, aus einem Mund: “Darauf wart’ ich gerade.” Lyda: “Muessten wir nur Pavel nicht hier verlassen!” Jaroslav: “Getrost, Kind, wir erobern das Lazarett.” Doktor Holar: “Ich hoffe, er muss nicht mehr hinein.” Pavel: "Weil auch hier oben die Granaten einschla- gen.” Wokurka: “Gelebt wird, bittschoen.” Den Berg herab naht das Geraeusch vieler Schritte und befoerderter Maschinen. Einige Minuten noch, bis ein Trupp von Guerilla-Mannschaften die tschechischen Soldaten in sich aufnehmen und sie talwaerts tragen wird. Bis jetzt halten drei der Personen einander bei der Hand. Pavel ist aufgestanden. Die uebrigen- drei schliessen sich der Kette an. Ihre Haende alle sind verbunden im Namen des gemeinsam Vollfuehrten, das hinter ihnen zurueckbleibt, und der vorne, dort vorne, von den Kaempfern verlangten Taten. \ Jaroslav: “Wenn wir alle tot sein werden, ist doch unsre Heimat frei.” Milo: "Denn so wollen sie’s auf Erden, Dass im Glueck das Unglueck sei.” Doktor Holar: “Schlachten waeren laengst nicht mehr (erlaubt, Gleichwohl lieber Held als hingerichtet — ”. Pavel: “Als der Schrecken ueber jedem Haupt, Trost sind nur Legenden, ungeglaubt — Wokurka: “Aber doch nicht schlecht erdichtet.” Jaroslav: “Unser Volk kann niemals unterliegen.” Lyda: “Dafuer zeugt die Ondracek-Legende.” Milo: “Viele Voelker sollen draussen siegen — Wokurka: “Auch zu Hause, hoer’ ich.” Pavel: “So das Ende.” sm 329 imprimiö en los Talleres de la Editorial Stylo—Caso, Bustamante y Cia., S. de R. L.—en las calles de Merida No 204. Mexico, D. F.