Freiburg.i.B. 080 FESTSCHRIFT ZUR FEIER DES GEBURTSTAGES SEINER KÖNIGLICHEN HOHEIT DES GROSSHERZOGS FRIEDRICH DES DURCHLAUCHTIGSTEN RECTOR MAGNIFICENTISSIMUS DER ALBERT-LUDWIGS-UNIVERSITÄT ZU FREIBURG I. BR. . HERAUSGEOEBEN VON DEM GEGENWÄRTIGEN PROREKTOR PROFESSOR D K VON SCHULZE-GAEVERNITZ. INHALT: ENGLAND UND DEUTSCHLAND, EINE WIRTSCHAFTSPOLITISCHE STUDIE. FREIBURG i. Br. UNIVERSITÄTSDRUCKEREI H. M. POPPEN & SOHN. 1908 . W ir begehen nicht mehr die Feier des Geburtstags, dessen Wiederkehr wir eine lange Reihe von Jahren freudig begrüsst haben. Der hohe Gefeierte ist unter den Verklärten. In seine Fußstapfen ist aber der erhabene Sohn getreten, aus Hochdessen Munde wir schon bald nach dem Regierungsantritte die huldvollste Versicherung entgegennehmen durften: Es wird mein Bestreben sein, auch als Rector Magnificentissimus der Alberto - Lu doviciana dem erhabenen Vorbilde zu folgen, das der nun in Gott ruhende Grossherzog mir gegeben hat. Schon die wenigen Monate Seiner Regierung brachten Erfüllung dieser fürstlichen Verheissung. Denn sehr bedeutende Zuwendungen sind erst in neuester Zeit wieder durch das Wohlwollen unseres erhabenen Landesfürsten, Seiner Regierung und der Landstände unserer blühenden Hochschule zu Teil geworden. Doch uns Angehörige der Albert-Ludwig-Universität verbinden noch besondere Erinnerungen aufs engste mit unserem hochsinnigen Fürsten. Als Hörer der Freiburger Universität ist Er ehedem der Unsrige gewesen. Mit Dankbarkeit gedenken wir aber auch jener Jahre, die unser gnädigster Landesherr in der altehrwürdigen Stadt Freiburg mit Seiner hohen Gemahlin, der durchlauchtigsten Grossherzogin Hilda, verlebt hat — Jahre, von denen Seine Königliche Hoheit der Grossherzog selbst gesagt, dass Er ihrer mit besonderer Freude gedenke. So wollen wir denn am heutigen Tage, welcher dem ganzen badischen Volk ein Tag höchster Freude, uns aber ein doppelter Festtag ist, das heilige Gelöbnis unverbrüchlicher Treue, Hingebung und Liebe erneuern und schliessen mit dem Segenswunsche: GOTT SCHÜTZE UND SCHIRME UNSEREN GROSSHERZOG UND SEIN GANZES HAUS ZUM HEILE BADENS UND DES GESAMTEN VATERLANDES! England und Deutschland. Eine wirtschaftspolitische Studie. England und Deutschland. Eine wirtschaftspolitische Studie. „England und Deutschland“ — wie viel der Stimmung und der Verstimmung ist in diesen Worten beschlossen — wie viel Gefühlswallung, die gelegentlich zur Weissglut des Hasses aufflammt, um ebenso schnell wieder abzubrennen! Ist dann der Rauch verflogen, so lächelt ein wolkenloser Himmel auf Massenbesuche und Verbrüderungsfeste herab, durch welche neue Freundschaft und alte Blutsverwandtschaft — öfters etwas zu geräuschvoll — bekräftigt werden soll. Der Hochstand des politischen Wetterglases begünstigt zur Zeit — wie lange? — ruhig vorurteilslose Erwägung. Prüfen wir also: Gibt es eine deutsch-englische „Frage“, und was ist ihr Wesen? Bei der Beantwortung dieser Frage schieben wir die wirtschaftliche Seite der Sache in den Vordergrund. Ist auch die Wirtschaft nicht die Herrin der Politik, so ist sie doch — wie die Amme der Heldin in der Tragödie — eine vielvermögende Dienerin. Ihr Leitfaden führt zu jener „Unabhängigkeit der Entschliessungen von den Eindrücken der Abneigung oder Vorliebe für fremde Staaten“, die Bismarcks Ideal war. Sehr wohl aber lässt sich mit solcher Betrachtungsweise die eine politische Leidenschaft vereinen, welche zugleich Pflicht ist: ruhig starke Liebe zum Vaterlande als die höchste irdische Bestimmung des menschlichen Willens überhaupt. Sind doch Nationen die Strahlen, in denen das göttliche Licht sich auf Erden am grossartigsten auseinander faltet. Je mehr wir selbst in die 8 Tiefe dieses Fichleschen Gedarkers hir.cinv achten, um so mehr werden wir nationalpolitische Zielsetzung auch bei der fremden Nation und ihren Staatsmännern anerkennen und zu ehren bereit sein. Sicherlich ist für Verständigung bereits vieles erreicht, wenn man sich beiderseits auf die weitsichtige Wahrnehmung der eigenen Interessen zurückzieht, ohne von der andern Seite mehr zu verlangen. Vieles, was trennend wirkte, fällt für diesen vielleicht nüchternen, aber sachgemässen Standpunkt in das Nichts zusammen. Erinnern wir uns: schon im Krimkriege verlangte Bismarck nicht eine russische, nicht eine englische, sondern eine lediglich „preus- sische“ Politik. Wäre ihm die Notwendigkeit eines Krieges erwiesen worden, so hätte er, wie er sagte, die deutschen Soldaten mit gleicher Genugtuung auf russische, französische oder englische Truppen feuern sehen; in Friedenszeiten dagegen, und wenn man keinen Krieg beabsichtigt, erschienen ihm internationale Verstimmungen als „mutwillige Selbstschwächung“ h I. Werfen wir zunächst einen Blick auf Grossbritannien. Bekanntlich hat England seit Jahrhunderten auswärtige Fragen überwiegend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt — ein Kaufmann, der dem Kavalier das „alberne Ruhmgeschäft“ überliess: mochte letzterer die britische „Krämerpolitik“ verachten — der Brite hat inzwischen die Welt eingeheimst. Nach fast zweihundertjährigem Kampfe gegen Frankreich ist England — nicht ohne Hilfe deutscher Waffen, die es besoldete — im neunzehnten Jahrhundert zur Weltherrschaft emporgestiegen. Seit den Napoleonischen Kriegen war England allen Mitbewerbern auf politischem wie wirtschaftlichem Gebiete unerreichbar voran. Mit der Seeherrschaft besass es das Monopol der Kolonien, an welchen die andern Nationen nur so weit Anteil hatten, als es der britischen Vormacht gefiel. In den meisten überseeischen Zonen vertrat der Brite den Europäer überhaupt. Grossbritanniens Weltherrschaft war allein der längst begrabenen Grösse des alten Rom vergleichbar. Als England 1846 zum Freihandel überging, war die Welt britisches Wirtschaftsgebiet. England nannte sich mit Stolz „die Werkstatt der Welt“. Es hoffte, dass die übrigen Nationen zum Freihandel übergehen und fortfahren würden, Rohstoffe und Nahrungsmittel gegen englische Gewerbeerzeugnisse auszutauschen. Der Grösse des damaligen England war der Globus gerade gross genug. Nur der versteht die grossen Manchesterleute Englands, der den Freihandel als Mittel der britischen Weltherrschaft erfasst: Beherrschung der Welt durch den Handlungsreisenden und den Preiskourant. Damals durfte der Brite Kosmopolit sein, weil britisches Interesse und Menschheitsinteresse für ihn zusammenfielen. Insbesondere zeigte sich diese Verkoppelung idealer Menschheitsinteressen und höchst realer britischer Wirtschaftsinteressen bei der Loslösung der spanischen und portugiesischen Kolonialgebiete von ihren Mutterländern. „Spanisch Amerika frei und, wenn wir unsere Sache nicht sehr schlecht führen, englisch.“ Mit Recht konnte Grillparzer solcher Freiheitsfreundlichkeit die Worte zurufen: „Ihr schwärmt entzückt mit begeisterten Blicken Für die Freiheit der Länder, die ohne Fabriken.“ Aber die andern Nationen waren weit entfernt, dem Sirenengesänge der Freihändler zu folgen. Fr. List forderte die allseitige Ausbildung der menschlichen Fähigkeiten für die Nation auch auf wirtschaftlichem Gebiete; er forderte neben der Landwirtschaft, insbesondere für die Vereinigten Staaten und für Deutschland, den Ausbau des Grossgewerbes und der Schifffahrt. Eine Nation ohne Industrie schien ihm „ein Individuum mit einem Arm, das sich eines fremden Armes bedient, dessen Beihilfe es aber nicht für alle Fälle versichert ist“. Eine Nation ohne Schiffahrt war ihm „ein Vogel ohne Flügel, ein Fisch ohne Flossen, ein zahnloser Löwe, ein Hirsch an der Krücke, ein Ritter mit hölzernem Schwert, ein Helote und ein Knecht der Menschheit“. Grossbritannien aber war damals der Industriestaat und der Frachtführer der Welt. Daher wandten sich die Bestrebungen Lists natürlicherweise gegen England. Auf die Wasserkante war der Blick dieses grossen Süddeutschen gerichtet, der eine ferne Zukunft vorausnahm. „Ihr aber“, rief er seinen Landsleuten zu, „die ihr gegen die Wiederkehr gallischer Herrschaft eifert, solltet ihr es erträglicher oder ruhmvoller finden, dass eure Ströme und Häfen, eure Ufer und Meere fortan unter dem Einfluss der britischen stehen?“ Den Ratschlägen Lists folgend, errichteten die Vereinigten Staaten und Deutschland hinter Schutzzöllen ein aufblühendes Grossgewerbe. Mit der Zeit entwickelten sie eine gewerbliche Ausfuhr, die bei der grossen Aufnahmefähigkeit Englands sich vielfach gerade dem englischen Markte zuwandte. Dagegen verharrten sie — selbst ausfuhrfähig geworden — beim Schutzzoll und erschwerten nach wie vor der britischen Ware den Zugang zu ihren eigenen Märkten. Der „einseitige Freihandel“ erscheint dem Durchschnittsengländerais unbillig. Eine weitere Tatsache hat diese Stimmungen verschärft: die sogenannte „aggressive Schutzzollpolitik“, welche Deutschland und die Vereinigten Staaten in den neunziger Jahren einschlugen. Man versteht darunter die sattsam bekannte Gepflogenheit deutscher Kartelle und amerikanischer Trusts, auf dem inneren Markte die Konkurrenz auszuschalten, die inländischen Preise — häufig um den vollen Betrag des Zolls — zu steigern und auf Grund dieser inländischen Preissteigerungen die Auslandspreise herabzusetzen. Durch „Schleuderkonkurrenz“ — so klagt man in England — bedrohe das Ausland zahlreiche, an sich lebenskräftige englische Industrien. Erst „dumping“ erzeugte in England jene Bewegung für Vergeltung, welche mit durchaus freihändlerischer Grundüberzeugung vereinbar ist 2 . Aber auch abgesehen von diesen immerhin mehr örtlichen Beschwerden fällt es dem Briten begreiflicherweise schwer, seine Wirtschaftssuprematie durch neu emporkommende Mächte bedroht zu sehen. Es fällt ihm dies umso schwerer, als mit der wirtschaftlichen auch die politische Vorherrschaft in Frage gestellt ist. Kriegsschiffe sind Maschinen —- die kostspieligsten aller Maschinen — und jede Nation kann sie, 11 auch unabhängig von langgestreckter Küstenentwicklung, in dem Maße besitzen, als es ihr gelingt, den kapitalistischen Schwerpunkt der Welt in ihr eigenes Gebiet zu rücken. Das Geschlecht, ■ welches heute Grossbritannien regiert, übt in der vierten Generation die Weltherrschaft der Vorfahren; nicht leicht wird es ihm, in die Rolle des primus inter pares hinabzusteigen. Die angedeuteten wirtschaftlichen Verschiebungen erhellen aus folgender Tabelle 3 : Grossbritannien Verein. Staaten Deutschland Frankreich 1. Bevölkerung überhaupt 41458721 76 212168 60641 278 39252 267 Zähltermin 31. III. 1901 l.VI. 1900 l.XII. 1905 4. III. 1906 2. a) Zunahme während der letzten Volkszählungs- periode durchsch. jährl. 372580 1 314242 854820 58064 b) Zunahme in °/o der mittleren Bevölkerung 0,90 1,89 1,46 0,15 3. Aussenhandel a) Einfuhr 1886 f 5 998,8 2 626,3 2 873,1 3 408,6 1896 7 877,3 3190,7 4307,2 3 076,9 1906 5" 10664,8 5096,4 8021,9 4183,5 b) Ausfuhr 1886 4346,0 2 797,1 2 974,3 2631,5 1896 , % TT 4906,2 3 625,4 3 525,1 2 754,7 1906 in 7 661,7 7215,4 6359,0 4034,9 c) Gesamt- 1886 N p’ 10344,8 5 423,4 5 847,4 6040,1 Aussenhandel 1896 F P 12783,5 6816,1 7 832,3 5 831,6 1906 O. CD 18326,5 12311,8 14380,9 8 218,4 4. Kohlengewinnung (Stein- und Braun- 1886 3 160046 103 129 73 683 19910 kohlen) lg96 H 3 \ Sg 198 496 174167 112 471 29189 1906 fD O 3 255 097 369 004 193533 34314 5. Roheisenerzeugung 1876—1880 Om O rt 3* 6660 2 200 2140 1450 1896—1900 020. 8890 11490 7310 2480 1906 3 *-• ffl o Q. 3 F 10311 . 25 712 12478 3319 Grossbritannien Verein. Staaten Deutschland Frankreich 6. Eisen- 1850] § 170 56 27 37 verbrauch 1888 is-400 290 204 112 pro Kopt 1903 " 412 517 367 165 (a. 1905) 7. Rohstahlerzeugung 1876—1880 1896—1900 1906 § 1020 Ss-4660 § 6566 810 8 450 23 738 510 5520 11 135 290 1 260 2371 8. Stahlverbrauch pro Kopf 1876—1880 ? 64 37 25 1896—1900 f 258 247 216 1902 f 253 404 282 9. Zink- 1884 30,2 35,0 125,3 16,9 erzeugung 1894 32,6 67,1 143,6 23,4 1904 45,0 169,4 193,1 41,6 10. Blei- 1884 § 64,9 117,4 99,7 6,4 erzeugung 1894 s 42,8 145,9 104,4 8,8 1904 § 27,2 3 278,5 141,9 18,8 11. Kupfer- 1884 s 58,7 65,7 18,4 3,7 erzeugung 1894 55,9 164,2 26,4 6,4 1904 50,3 368,6 30,9 6,9 12. Baumwoll- spindeln 1905:50964874 Norden 1900:14810 164 1905:8832016 1903:6 150000 Süden 1905: 8 050 879 13. Baumwoll- webstühle 1905:704 357 Norden 1900 : 340 682 1905 : 211 818 1903:106 000 Süden 1905: 174 324 14. Baumwoll- verbrauch 1905:3640000 Norden 1900: 2 1 67 700 1905:1 761 369 1903 : 840 000 in Ballen Süden 1905: 2 203 406 15. Produktion Gross- der vier Haupt- bri,annien getreidearten 19041 o 3' 5 045 1905/1| 5700 Verein. Staaten Deutschland (Dazu Mais 32 940 63000 24196 35 670 69700 ) 21 000 Frankreich 14508 16382 16. Zuckererze 1896/97 1900/01 1905/06 iugung 5' > g vakat 3 ro 3 Rüben und Rohrzucker- zusammen 330316 355 690 623 536 1 821 223 1 979118 2 400771 668 546 1040294 968 580 17. Viehbestand a) Rindvieh 11 477 824(a.i90i>61 424 599 (a. 1902 ) 19333 568(a.i904> 14673 810(a.i9oi) b) Schafe 30829 889 62039 091 7 907173 19669682 c) Schweine 3411 129 48698890 18920666 6758198 18. Briefsendungen 1 1 pro Kopf 1906 U2,1 127,2 88,3 71,8 19. Einwohner auf eine Post- 1861 anstalt 1905 1 133 1552 3 232 20. Eisenbahnnetz Ende 1890 \ 5- 32 297 Ende 19051 3 36 447 268 409 351 503 42 869 56 477 36895 46 466 21. Eisenbahnnetz Anlagekapital in Millionen Mark 25 370 1904 55 495 15 201 13954 22. Überschuss der Eisenbahnen in % des Anlage- o a kapitals 1904 2,04 5,7 4,2 23. Seeverkehr Aussenverkehr mit eigenen Schiffen 1900 1905 62 711 70963 12 798 15 192 9 994 12051 14301 18646 24. Tonnengehalt der Handelsflotte 1906/07 Dampfer ] Segler i Summa J p a Grossbritannien 9320 576 1 174440 10495 016 Vereinigte Staaten Deutschland 1 999 711 1413 833 3 413 544 (einschl. d. gross. Seen u.d. Philippinen) 2081 205 434610 2515815 Frankreich 727 047 487 458 1 214505 25. Schiffsbauten ausschl. der Kriegsschiffe. 1 828 343 Tonnage 1906 431637 318 330 35 109 26. Unterseekabel (Staat uud private Gesellsch. zus.) 247 867 in km 1903 74945 18 559 37 562 27. Marktzinssätze des Zentralbörsenplatzes im Durchschnitt der Jahre 1904, 1905 u 1906 Grossbritannien 3,14 Verein. Staaten 4,14 Deutschland 3,34 Frankreich 2,34 28. Kurse der 3% Staatsanleihen im Durch- 105,9 schnitt von 1906 (2 72% Konsols 88,32) 103 3 / s 87,73 97,65 29. Ausgaben insgesamt für Wehrzwecke in Mili. Mk. Ausgaben für Wehrzwecke pro Kopf 1 200 (a. 1906/07 970(3.1906) 27,3 M. 11,7 M. 1 080(3.1907/08) 875(3.1907) 17,1 M. 21,3 M. 30. Marineausgaben 1893 (in Mill. Mk.) 1903 Ausgaben pr. Kopf 1903 291 734 17,7 M. 128 349 4,58 M. 81 210 3,72 M. 203 251 6,44 m. 31. Nationaleinkommen 1895 Nationalreichtum 1895 (nach den Schätzungen von Mulhall) in Mill. £ 1 421 11 806 3178 16350 1 285 8 052 1 205 9 690 15 Vorstehende Ziffern zeigen die drei germanischen Nationen als die wirtschaftlichen Vormächte der Welt. Frankreich — die vierte dieser Mächte — ist durch weiten Abstand von ihnen getrennt. In der Baumwollindustrie, der Schiffahrt und dem Schiffsbau behauptet Grossbritannien noch heute seine überragende Stellung. Noch ist London — zwar nicht mehr unangefochten — der leitende Bank- und Börsenplatz der Welt. Noch besitzt Grossbritannien mehr als die Hälfte allen Schifif- raums und nennt mehr grosse Rhedereien sein eigen, als alle andern Nationen zusammengenommen. Noch baut Grossbritannien die Mehrzahl aller Schiffe, die den Ozean befahren; immerhin sank sein Anteil am Weltschififsbau 1893—1904 von 79 auf 61 °/o. (Vergl. Tab. 23—26). Frankreichs wirtschaftliche Weltstellung beruht auf altererbtem Kapital, das durch nüchterne Lebensgewohnheiten und Geburtenbeschränkung noch heute vermehrt wird. Ein Rentnerstaat, agrarischer Selbstversorgung zuneigend, übt Frankreich als Geldmarkt und als Land niedrigster Diskontsätze einen weitreichenden internationalen Einfluss. (Vergl. Tab. 5, 6, 7, 27). Die Vereinigten Staaten haben auf Grund ungeheurer Fläche, riesiger Rohstofiferzeugung und fast doppelt so starker Bevölkerung das britische Mutterland endgültig überholt und sind heute die erste Wirtschaftsmacht der Welt, u. a. auch die grössten Erzeuger von Edelmetall [Gold-|-Silber], sowie von Baumwolle und Erdöl. Aber ihre wirtschaftliche Struktur ist eine andere als die Grossbritanniens. Noch sind die Vereinigten Staaten überwiegend Binnenland. Der Turmbau der Trusts ruht auf der breiten Schulter des Farmers. Immerhin liegt die Entwicklung der amerikanischen Industrie — bei verwandten Lebensgewohnheiten — vielfach in der Richtung der englischen. Zwischen beiden Staaten entwickelt sich ein gewisser Parallelismus der gewerblichen Erzeugung — überwiegend angewandter Physik — und damit eine unvermeidliche Rivalität. Britische Sachverständige stimmen dahin überein, dass England den Mitbewerb der Vereinigten Staaten auf die 1(5 Dauer weit mehr zu fürchten habe als den Deutschlands 4 ; man spricht — zur Zeit übertreibend — bereits von einer „Amerikanisierung“ des britischen Marktes. Jedenfalls sind die Vereinigten Staaten Grossbritanniens stärkster und gefährlichster Mitbewerber. Aber dem amerikanischen „Bruder“ gegenüber ist England durch Sprach- und Kulturgemeinschaft und, was mehr sagt, durch politische Ohnmacht gebunden. Nicht allein Englands kanadisches Herrschaftsgebiet steht auf dem Wohlwollen der Vereinigten Staaten; auch die Herrschaft über den stillen Ozean ist, nachdem 80 °/o der britischen Seemacht in der Nordsee versammelt wurden, an Amerika und Japan übergegangen, deren Zwiespalt des Briten Glück ist 5 . England umschmeichelt die „Tochternation“ jenseits des Atlantic 6 . Deutschland steht — alles in allem genommen — hinter Grossbritannien noch erheblich zurück, nähert sich ihm aber zusehends auf Grund grösseren Bevölkerungszuwachses und breiterer landwirtschaftlicher Grundlage; einer britischen Landbevölkerung von ca. 5 steht eine deutsche von etwa 18 Millionen gegenüber. (Vergl. auch Tabelle 15, 16, 17). Um so verständlicher ist es, wenn die britische Verstimmung an dem Punkt des „geringeren Widerstandes einsetzt und gegen den schwächeren Mitbewerber sich wendet — den Vetter Landratte, dem es einfiel, auch zur See zu fahren. Dem deutschen Michel hatte man mitleidig die Wolkenregion der Gedanken überlassen, und gerade ihm wurde die Wissenschaft die Führerin zur Praxis. II. Werfen wir nunmehr einen Blick auf Deutschland. Gerechterweise müssen wir zugestehen, dass die Verstimmung auf britischer Seite tiefer begründet ist als auf der unsern. Gedenken wir unserer politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und unseres fabelhaften Aufstiegs, den England jedenfalls nicht gehindert, ja, ohne es zu wollen, sogar gefördert hat. 17 Die älteren Liberalen Deutschlands haben englisches Wesen blind verehrt, in jenen Tagen, da der deutsche Idealismus unfähig erschien, die deutsche Wirklichkeit zu gestalten. Auch heute noch gibt es Nachzügler, denen alles Englische — bloss weil es englisch ist — vornehm und unübertrefflich erscheint. Demgegenüber betont ein jüngeres Geschlecht, das in Treitschke’s Schule gegangen ist, — öfters übertreibend — den nationalen Eigenwert. Es hält den Kopf um so höher, als der Durchschnitts-Engländer bis vor kurzem deutschem Wesen gegenüber die Miene gönnerhafter Überlegenheit zur Schau trug. Hiezu kommt die Meinung, dass jeder Fortschritt Deutschlands bisher dem zähen Widerstande Englands abzuringen war, — hiezu der Argwohn, dass England auch heute, wo es kann, dritte Nationen — die Vereinigten Staaten, Frankreich, Japan, ja sogar Russland — gegen uns auszuspielen versucht. Man fürchtet die vielbesprochene „Einkreisung“ Deutschlands durch ein System britischer Bündnisse und Verständigungen. Diese für die Gegenwart vielleicht irrige Meinung knüpft an die geschichtliche Tatsache an, daß uns das offizielle England seit Waterloo während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts entgegengearbeitet hat. England war es, welches auf dem Wiener Kongress die Neubegründung der von Bülow eroberten Niederlande durchsetzte, deren südlicher Teil mit Antwerpen noch bis zu den Revolutionskriegen deutsches Reichsgebiet gewesen war. Auch später suchte England das werdende Deutschland vom Meere abzudrängen, so insbesondere in der Frage der Elbherzogtümer. Palmerston hatte die Nation hinter sich, wenn er unsern Krieg gegen Dänemark als „verbrecherisch“ brandmarkte 7 . Disraeli bezeichnete den Krieg von 1866 als die „deutsche Revolution“, welche das ganze Gleichgewicht Europas hauptsächlich zum Schaden Englands verschöbe 8 . Englische Einflüsse waren es, welche im entscheidenden Zeitpunkte des deutsch-französischen Krieges die Beschiessung von Paris verzögerten und damit eine weltgeschichtliche Entscheidung gegen uns zu fälschen drohten. 2 18 1 Während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts scheiterten mannigfache deutsche Kolonisationspläne, z. B. die des Hamburger Syndikus Sieveking 9 , an dem Widerspruch der britischen Regierung: kaufmännischer Wagemut war machtlos ohne den Rückhalt an einem geeinten, seestarken Hinterlande. Der Hanseat erschien dem Angelsachsen damals wie das Huhn, das im Stalle der edlen Rosse ein Körnlein pickt, und das man — sobald es lästig wird — mit einem Fusstritt verjagt. Wir wollen uns hüten, den englischen Staatsmännern einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie die Interessen ihres Landes gegen uns wahrnahmen. Sie waren die Treuhänder ihres Volkes und fürchteten als solche das Emporkommen einer Grossmacht an der Elb- und Wesermündung. Trifft sie vom britischen Standpunkt aus ein Vorwurf, so ist es der, dass sie nicht stark genug waren, Deutschlands Einigung rechtzeitig zu hintertreiben, und dass sie später Deutschlands Aufstieg durch gelegentliche Nadelstiche bekämpften, statt mit der dennoch siegreichen Sache sich rechtzeitig zu verbünden. Auch wollen wir nicht vergessen, dass während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts eine deutschfreundliche Nebenströmung den britischen Staatsmännern ihre gegen uns gerichtete Arbeit erschwerte — eine Strömung, von der die Königin selber nicht unberührt war. Dankbar gedenken wir insbesondere des grossen Geistes, der weithin die Aera Viktorias beeinflusste — unseres Freundes, wenn je einer uns im Auslande gelebt hat. Thomas Carlyle erzog die besten seiner Landsleute zum Verständnis des aus Altpreussen herauswachsenden Neudeutschland — welches „weder auf erloschenen Traditionen, noch auf radikalen Wahnvorstellungen, sondern auf Tatsachen beruhe“ 10 . Von allem, was er bei seinem zweimaligen Besuche in Deutschland gesehen, gefielen ihm am meisten die preussischen Soldaten mit ihrem „intelligenten Schweigen“ 11 -rr seltsam gewiss für einen westeuropäischen Philosophen vor 1866 und 1870! Als Greis erlebte Carlyle die Genugtuung, seine Auffassung der 19 deutschen Frage bewahrheitet zu sehen. „Es war“, schrieb er 1867, „eine ganz klare Prophezeiung, dass Deutschland entweder ehrlich preussisch werde oder zu allmäliger Auflösung kommen musste. Aber wer von uns erwartete, dass wir selbst, anstatt unserer Kindeskinder, es lebend schauen würden“ 12 ! „Deutschland steht fürderhin auf eigenen Füssen“, bemerkte Carlyle bereits in einem Briefe an Neuberg vom 23. August 1866, „es wird nicht mehr auf der Landstrasse zergliedert werden, sondern allen Arten von Napoleons und hungrigen, schmarotzenden Hunden mit blankem Stahl in der Hand und einem ehrlichen Ziel im Herzen entgegentreten — dies scheint mir die beste Nachricht zu sein, die Europa seit vierzig Jahren oder mehr gehört hat. Möge der Himmel das Werk segnen“! „Von keinem so merkwürdigen Kriege“, schrieb Carlyle in sein Tagebuch im September 1870, „habe ich je gelesen, und ich erwarte, dass seine Resultate heilsamer, grossartiger und hoffnungsvoller sein werden, als die von irgendwelchen anderen Kriegen meiner Zeit“ 13 . Indem Deutschland „den Vorsitz in Europa“ angetreten habe, meinte er, sei für Europa eine weitere Frist von mehreren Jahrhunderten gestellt zu dem Versuche, die in ihm vorhandenen Keime des sozialen Neuaufbaues zu entwickeln. Auch öffentlich hat Carlyle seine Stimme zu Gunsten Deutschlands erhoben. Man erinnere sich, dass mit der völligen Niederlage Frankreichs die britische Volksstimmung scharf gegen Deutschland aufwallte, insbesondere als Deutschland auf territorialer Abtretung bestand. Zu der Zeit, als die Wogen der Entrüstung in England am höchsten gingen, veröffentlichte Carlyle seinen vielbeachteten Brief an die Times (vom 11. November 1870): Die Fremdherrschaft, welche Napoleon in Deutschland aufrichtete, sei nicht der erste, sondern der letzte Akt einer Reihe von Misshandlungen gewesen, die Deutschland von Frankreich erlitten habe; darum sei Deutschland in vollem Recht, seine Grenze zu befestigen; die Zurücknahme des Eisass und Lothringens werde nicht nur für Deutschland, sondern für alle Welt zum Heile ausschlagen, selbst für Frankreich. Bei dem Einfluss, den Carlyle damals auf seine Landsleute ausübte, hat er uns 2 20 einen schwerwiegenden Dienst in gefahrvoller Zeit geleistet, als die Früchte unserer Siege durch ausländische Einmischung verkümmert zu werden drohten. Seit jenen Tagen hat das offizielle England das Dasein Neudeutschlands mehr oder minder willig anerkannt. Zwar schrieb Bismarck bereits 1857: „England kann uns keine Chancen maritimer Entwicklung in Handel oder Flotte gönnen und ist neidisch auf unsere Industrie“. Aber diese Missgunst fiel in den siebziger und achtziger Jahren politisch noch wenig ins Gewicht. Zu Bismarcks Zeiten waren Deutschland und England sich gegenseitig Faktoren zweiten Ranges. Deutschland war „befriedigt“ — eine europäische Großmacht auf vorwiegend agrarer Grundlage. Diese für England sehr bequeme Auffassung wurde durch den englischen Freihandel erleichtert, der das schon vorhandene Ausfuhrbedürfnis der deutschen Industrie zu* sichern schien. Hiezu kam die handelspolitische Meistbegünstigung auf dem Boden der britischen Kolonien, deren Deutschland sich damals vertragsmässig erfreute. Durch seinen Freihandel hat uns England mehr genützt, als es uns durch alle politischen Widerstände zusammengenommen gehemmt hat. Wo wäre die deutsche Zuckerindustrie, diese frühe Führerin unseres Wirtschaftsaufstiegs, wo die deutsche Textil- und Eisenindustrie, wo der neudeutsche Kapitalismus überhaupt ohne den reichen, allezeit aufnahmefähigen englischen Markt? Auf dem Rücken des freihändlerischen England wagten wir es, nach der wirtschaftlichen Weltmacht zu greifen. Durch das Handelsmarkengesetz hat England das „made in Germany“ marktgängig gemacht. Wahrlich, wir haben den Briten nichts vorzuwerfen! Die von England ausgehenden Widerstände zeigten sich vor allem in der Verkümmerung unserer kolonialen Anfänge. Zwar erlaubte uns Gladstone, unsere Hand auf einige nicht wertlose Teile Afrikas zu legen. Aber jedenfalls hat England die kolonialen Bestrebungen Deutschlands zum mindesten nicht ebenso gefördert, wie die der Vereinigten Staaten, Japans und Frankreichs. Das besiegte Frankreich hat seit 1870 ungeheure 21 Eroberungen über See gemacht. Das siegreiche Deutschland musste sich mit wenigen Brocken begnügen, obgleich es seiner ganzen wirtschaftlichen Struktur nach Kolonien nötiger braucht als der kinderarme, rentenverzehrende Nachbar. Sonderbar! und doch vom englischen Standpunkt aus verständlich genug, da Grossbritannien den französischen Mitbewerber nicht mehr fürchtet, Japans bedarf, den Vereinigten Staaten nichts mehr verweigert. Aber diese von England ausgehenden Hemmungen haben zunächst politisch umso weniger gewogen, als Bismarck selbst nur spät und zögernd kolonialen Interessen sich zuwandte. Jedenfalls war auf der Grundlage des britischen Freihandels zu Bismarcks Zeiten eine offizielle Freundschaft aus der Entfernung der gewöhnliche, unschwer zu erhaltende Zustand. Aber gerade durch Bismarck wurden Verschiebungen vorbereitet, welche in ihrer weiteren Pintwicklung die Lage zuspitzen mussten. Bismarck war Neumerkantilist — einem Colbert ebenbürtig — ein Industriebegründer grössten Stils. Ein preussischer Junker sagte 1879 bei Beratung des Zolltarifs: Die einzuführenden Getreidezölle seien der Landwirtschaft kein genügender Ersatz für die Erhöhung der Industriezölle. Dieser Satz ist in tieferem Sinne wahr, als sein Urheber selbst wohl gedacht hat — dann wenigstens wahr, wenn wir unter Landwirtschaft das ostelbische Rittergut verstehen. Denn für dieses war der Nutzen der Getreidezölle nur ein vorübergehender, während, wie v. d. Goltz und Schäffle hervorheben, die tiefste Ursache seiner Krisis von den Mitteln des Zollschutzes nicht berührt wurde. Anders die Industriezölle. Zwar hat die deutsche Industrie die Gunst der innerpolitischen Lage seit 1878 weniger ausgenutzt als die Agrarier. Der Zolltarif von 1879 war im Vergleich mit den Nachbarstaaten kein übermässig protektionistischer. Trotzdem haben die Industriezölle jene Entwicklung zwar nicht bewirkt, wohl aber beschleunigt, welche den Charakter des westlichen Deutschland dauernd umgestaltete. In Bismarcks „nationaler Wirtschaftspolitik“ wurzelten 22 die Kartelle der schweren Industrie — grosskapitalistische Zusammenballungen, welche sich Englands individuellem Kapitalismus zuerst ebenbürtig zur Seite setzten, um sodann amerikanischen Dimensionen zuzuwachsen. Seit jenen Tagen verschob sich Deutschlands volkswirtschaftlicher Schwerpunkt auf Industrie, Handel, Schiffahrt und Bankwesen. Seitdem stauen sich die früher auswandernden Bevölkerungsüberschüsse in Rheinland, Westfalen und den norddeutschen Großstädten, in dem ganzen mittleren und westlichen Deutschland. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist die industrielle Durchtränkung des ganzen westelbischen Deutschland die für unser nationales Dasein wichtigste Tatsache geworden. Auch die Landwirtschaft hat an dieser Industrialisierung, nicht zu ihrem Schaden, teilgenommen. Noch J. v. Liebig klagte, dass England als Dungstoff die Knochensubstanz des Kontinents ausführe. „Grossbritannien raubt allen Ländern die Bedingungen ihrer Fruchtbarkeit, es hat die Schlachtfelder von Leipzig, Waterloo und der Krim bereits nach Knochen umgewühlt, die in den Katakomben Siziliens angehäuften Gebeine vieler Generationen verbraucht und zerstört jährlich noch die Wiederkehr einer künftigen Generation von 3 1 /* Millionen Menschen; einem Vampyr gleich hängt es an dem Nacken Europas.“ Heute steht Deutschland in der Anwendung künstlicher Düngemittel allen Ländern der Welt voran. Bei einem Weltverbrauch an Chilisalpeter von 1400000 t im Jahre 1900 kamen auf Deutschland allein 600000 t. Deutschland hat 1902 seinen Äckern 135000 t reinen Kali zugeführt, die Kalisalze zu i2°/o reinem Kali gerechnet. Der Verbrauch an Thomasmehl, dem wichtigsten Phosphate, betrug 1899 895000 t. Beide Dungstoffe sind recht eigentliche Erzeugnisse des deutschen Bergbaues und des deutschen Eisengewerbes und finden bislang im Auslande nur wenig Verwendung. Noch ehe Chilis Salpeterlager erschöpft sind, geht Deutschland daran, der Luft und der Wasserkraft unerschöpfliche Salpeterschätze zu entnehmen und damit die Stickstoffrage der landwirtschaftlichen Statik durch die chemische Industrie zu lösen 14 . 23 Vom deutschen Standpunkt aus ist diese industrialistische Entwicklung zu bejahen, trotz der Gefahren, die sie in sich schliesst. Ein Landheer allerersten Ranges, welches uns im Notfall gegen zwei Grossmächte verteidigt, ist bei der Unsicherheit aller Bündnisse und den Gefahren unserer geographischen Lage die wichtigste Forderung unseres nationalen Daseins. Auf schmaler Fläche zusammengedrängt, ohne Neuland, nicht übermässig reich an Naturschätzen — verdanken wir lediglich der industriestaatlichen Entwicklung die fortlaufende Verstärkung unserer militärischen Machtstellung durch Zuwachs an Geld und Menschen. Ihr verdanken wir es, wenn wir trotz aller Hasser und Neider heute sicher und geachtet in Europa dastehen. Denn weder auf agrarer, noch auf kleingewerblicher Grundlage wären jene Militärvorlagen möglich gewesen, welche aus reichlich zuströmendem Rekrutenangebot in kurzen Zwischenräumen immer wieder vermehrte Heereszififern schöpften. Dass wir mit dieser Art der Friedenswahrung auf dem richtigen Wege sind, zeigt die Tatsache, dass das deutsche Reich von seiner Rüstung nicht erdrückt wird, sondern wirtschaftlich fortschreitet und in seiner allgemeinen Wehrpflicht sogar eine Vorschule zum Industrialismus besitzt. Aber die Gegenwart weist über Europa hinaus. Eine Entwicklung ist zum vollen Durchbruch gelangt, welche in den englisch-französischen Kämpfen des achtzehnten Jahrhunderts angebahnt und von Napoleon bewusstermassen erfasst war: Die europäische Geschichte wurde über den Rahmen Europas hinaus erweitert und zur Weltgeschichte im eigentlichsten Sinne des Wortes gesteigert. Es handelt sich heute um Erschliessung, Beherrschung und Besiedelung jener breiten Gebiete der Halbkultur und der Barbarei, die bisher von der Geschichte unberührt waren. Es handelt sich um ihre kapitalistische Ausbeutung, aber auch um ihre kulturelle Erziehung. Diejenigen Nationen, welche an dieser Entwicklung vollen Anteil nehmen, wachsen über den Rahmen des alten Gleichgewichts hinaus und werden zu eigentlichen „Weltmächten“. Wer mit diesen Weltmächten nicht Schritt zu halten vermag, hat keine Aussicht, in den 24 folgenden Jahrhunderten die Geschicke der Menschheit selbsttätig mitzubestimmen. Auf die politische Sandbank geworfen, wird er unfrei, weil abhängig von der Duldung der Stärkeren. Aber bei dem engen Zusammenhang aller Kulturgebiete steht noch Weiteres auf dem Spiele: Wer politisch bei Seite geschoben ist, hat keine Hoffnung, den Talweg des wirtschaftlichen und geistigen Stromes durch sein Gebiet zu lenken. Er wird zum Nachzügler eines vorwärts stürmenden Heeres. Hieraus ergibt sich für uns Deutsche von heute eine unabweisliche Aufgabe: In den neuen und erweiterten Weltverhältnissen der Gegenwart hat die deutsche Nation das Recht und die Pflicht der Selbstbejahung — das Recht zu Gunsten ungezählter Nachfahren, die Pflicht im Interesse der Menschheit. Denn die Menschheit wäre ärmer, wenn im Strahlenkränze des göttlichen Lichtes, das sich in den verschiedenen Nationen verschieden bricht, der Strahl des deutschen Genius verbliche. Damit erhebt sich die über alles ernste Frage: Wird zu Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts neben den beiden angelsächsischen Weltmächten, neben der im Augenblick geschwächten, aber in ihrem Kerne doch zukunftsreichen slavischen Weltmacht, wird neben den neu aufsteigenden Weltmächten der gelben Rasse unser Deutschland die machtpolitische Gleichberechtigung behaupten? Wie die Verhältnisse liegen, so kann Deutschland — zunächst wenigstens — nur durch intensive Steigerung seiner Volkswirtschaft die Enge der kleindeutschen Grenzpfähle überwinden und so mittelbar an der übereuropäischen Ausdehnung teilnehmen: Deutschland als weltwirtschaftlicher Industrie-, Handels- und Gläubigerstaat auf verhältnismässig starker, europäisch-landwirtschaftlicher Grundlage. Wie dem immer sei — ob wir wollen oder nicht — der Würfel ist gefallen, den Bismarck geworfen hat. Jetzt handelt es sich nicht mehr um die Wahl des Weges, auf dem wir bereits ein weites Stück zurückgelegt haben. Heute steht und fällt Deutschlands volkswirtschaftliches Dasein mit seinen weltwirtschaftlichen Beziehungen, welche alle Zweige der heimischen Produktion, nicht zum mindesten auch die deutsche Bauern- Wirtschaft, befruchten; sie allein ermöglichen es, eine Bevölkerung von 60 Millionen Menschen auf enger Fläche zu ernähren. Mit dem Eintritt Deutschlands in die Weltwirtschaft wurde das Verhältnis zu England für uns eine Frage ersten Ranges — ein Verhältnis sowohl der Interessengemeinschaft, wie des Interessengegensatzes. Nächst Grossbritannien hängt keine der grossen Volkswirtschaften so sehr vom Seeverkehr ab wie die Deutschlands, indem die weltwirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands sich vorwiegend in der Richtung des Seeverkehrs entwickeln. Hören wir in dieser Hinsicht die Denkschrift des Reichsmarineamtes vom Jahre 1905 über die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. Die auf dem Boden des heutigen Deutschen Reiches lebende Bevölkerung hat sich seit der Begründung des Reichs um die Hälfte (fast 20 Mill.) vermehrt — d. h. um fast ebenso viele Menschen, als Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf demselben Boden überhaupt lebten. Unter den europäischen Großstaaten hat Deutschland die relativ stärkste Bevölkerungszunahme. Zum ersten Male hat seit Gründung des Reichs die Bevölkerung in dem Jahrfünft 1895/1900 einen Zuwachs durch Einwanderung erfahren. Der deutsche Aussenhandel ist in dem Jahrzehnt von 1894 bis 1904 von 7,3 auf 12,2 Milliarden Mark (um 66 v. H.) angewachsen, und zwar stieg der Seehandel von 4,9 auf 8,5 Milliarden Mark (um 75 v. H), dagegen der Landhandel nur von 2,5 auf 3,7 Milliarden Mark (um 48 v. H.). An dem Wachsen des Seehandels ist am stärksten der Handel mit den ausser- europäischen Ländern beteiligt, der um 1,9 Milliarden Mark (um 93 v. H.) gestiegen ist. An der Entwicklung des Seehandels sind alle Zweige der heimischen Gütererzeugung interessiert. Die Landwirtschaft ist an der Ausfuhr zur See mit einer Anzahl ihrer Produkte, namentlich Zucker, in hohem Grade beteiligt. Sie bedarf der überseeischen Zufuhr von Düngemitteln, Abfällen 26 und Mais. Noch viel grösser ist das Interesse der Industrie am Seehandel und am Seeverkehr. Es gibt keine grosse deutsche Industrie, die nicht für die Einfuhr von Rohstoffen oder die Ausfuhr von Fabrikaten auf die See angewiesen wäre. Eine Störung des deutschen Seehandels würde vor allem die Arbeitsgelegenheit der gewerblichen Arbeiterschaft treffen. Der Schiffahrtsverkehr der deutschen Häfen hat sich in dem Jahrzehnt von 1893 bis 1903 von 2772 auf fast 42 Millionen Netto-Registertonnen, d. i. um über 52 v. H. gehoben. Der Aufschwung Deutschlands im Weltseeverkehr schreitet beinahe viermal so schnell fort wie seine Bevölkerungszunahme. Die Seeverkehrsleistung der deutschen Schiffe steigerte sich im Verkehr mit den europäischen Ländern 1893 bis 1903 von 4 auf 5 */a Milliarden Seemeilentonnen, im überseeischen Verkehr von 24 auf 4572 Milliarden Seemeilentonnen. Neben diesem von den deutschen Häfen ausstrahlenden Verkehr betätigten sich deutsche Schiffe in wachsendem Umfange im Küsten- und Zwischenreisenverkehr fremder Länder. Der Anteil Deutschlands an der Welthandelsflotte stieg von 6,5 v. H. 1894/95 auf 9,9 v. H. 1905/06, der Wert der deutschen Handelsflotte von 327 Millionen 1895 auf 810 Millionen 1905. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Werften ist in den letzten sechs Jahren ausserordentlich gesteigert worden. Die Jahresproduktion hob sich von 130000 t im Durchschnitt der Jahre 1894/1899 auf 206000 t 1899/1904. Die deutsche Schiffbauindustrie hat sich vom Ausland nahezu unabhängig gemacht. Von ihrem Bedarf an Schiffsblechen und Profilstahl einschliesslich Stabeisen bezog sie 1903 nur noch 1,7 beziehungsweise 2,5 v. H. vom Auslande — gegen 27,2 beziehungsweise 25,9 v. H. im Jahre 1899. Der Wert des in den deutschen Werften arbeitenden Kapitals stieg zwischen 1899 und 1905 von 110 Millionen Mk. auf 180 Millionen Mk., d. i. etwa 60 v. H. Der Anteil am Welt- schiffbau sank 1894/1904 bei Grossbritannien (ohne Kolonien) von 79 auf 61 v. H. und stieg bei Deutschland von 9 auf IO v. H. Nicht minder handelt es sich um Interessengemeinschaft wie Interessengegensatz auf dem Gebiete der industriellen Ausfuhr. Nächst Grossbritannien hat kein Land ein gleiches Interesse wie Deutschland an der Offenhaltung der Märkte und an kolonialen Absatzgebieten. In allen Zonen begegnen sich deutsche und britische Waren. Zwar bahnt sich zwischen beiden Mächten auf vielen Gebieten eine Arbeitsteilung an, da Deutschlands Industrie vielfach mehr chemisch als physikalisch gerichtet ist. Trotzdem berührt Deutschlands gewerblicher Aufstieg die britische Vorherrschaft an einzelnen Punkten ausserordentlich schmerzlich. In der Erzeugung von Eisen und Stahl ist Grossbritannien bekanntlich von Deutschland überflügelt worden (vergl. Tab. 5—8). In der Ausfuhr von Eisen und Eisen waren streift Deutschland heute an Grossbritannien heran, hinter dem es zu Beginn der achtziger Jahre noch hoffnungslos zurückstand 16 . Man denke ferner, um an einen — immerhin nicht unwichtigen — Einzelfall zu erinnern, an die Industrie des künstlichen Indigo. Beispielshalber hierüber einige Angaben 16 . Vorjahrhunderten vernichtete der von Westen her vordringende Indigo — ein Schützling des westeuropäischen Merkantilismus — die deutsche Waidkultur und Waidfärberei, das Gewächs spätmittelalterlicher Stadtorganisation. Der Indigo war eine Waffe des britischen Kapitalismus, sowohl des kolonialen als des textilindustriellen. Johann Heinrich Schneidler, Schönfärber in Hannover, schrieb 1803 in einem Aufsatz über die Baumwollfärberei: „Die Engländer sind einmal hierin jeder anderen Nation zuvorgekommen; durch ihren Nationalreichtum sind sie bereits im Besitze alles dessen, was zur Vollkommenheit dieser Industrie gehört; wie ein Koloss ragen sie unter dem Haufen derer hervor, die es mit ihnen aufzunehmen wagen und lächeln ihrer Ohnmacht. Es scheint auch fast für immer vergebens zu sein, vorzüglich für die armen Deutschen, denen es zwar nicht am Willen, aber desto mehr an Kraft gebricht, gegen eine Nation anstreben zu wollen, die so grosse, entscheidende Handelsvorteile in dieser Manufaktur auf ihrer Seite hat, wodurch sie imstande ist, den niedrigsten Preis zu halten.“ Durch die Briten wurde die Indigokultur aus Westindien nach ihrer Heimat Ostindien zurückgeführt und dort von europäischen Pflanzern im kapita- 28 listischen Grossbetrieb, daneben aber auch von der einheimischen Bauernwirtschaft, betrieben. Sie wurde zu einem wichtigen Mittel der geldwirtschaftlichen Umformung der indischen Rohstoffproduktion. Das Gesamterzeugnis an Indigo wurde zu Beginn' der neunziger Jahre auf 80—ioo Millionen Mark geschätzt. Produktion wie Handel waren fast ausschliesslich in britischen Händen. Inzwischen war in den fünfziger und sechziger Jahren durch Hofmann die Teerfarbenindustrie — zunächst auf britischem Boden — in das Leben gerufen worden. Mit Hofmann kehrte diese Industrie nach Deutschland zurück, dessen wissenschaftliche Luft ihr besser behagte. Aber noch blieb England (daneben Frankreich), als Land der Großstadt und damit der Leuchtgasfabrikation, im Besitz des Rohstoffes, den Deutschland vom Auslande zu beziehen hatte. Noch 1890 lieferten England und Schottland 2 /s der Gesamtproduktion an Benzol. Indem sich in der Kokerei eine neue Quelle dieser Rohstoffe auftat, gewann Deutschland auf dem Boden einer mächtig auf blühenden Eisenindustrie (deren Hilfsgewerbe dieKokerei ist) auch die Rohstoffe der Teerfarben im eigenen Hause. Die deutsche Indigoproduktion beträgt heute mindestens ca. 3 / 4 des Weltkonsums, 3,5 bis 4 Millionen kg hundertprozentigen Indigos. Deutschland musste noch 1896 für Indigo 14,32 Millionen Mark an das Ausland bezahlen; 1906 aber deckte es nicht nur seinen eigenen Bedarf in heimischer Produktion, sondern setzte auch für rund 2974 Millionen Mark Indigo an das Ausland ab. Die Gesamtproduktion Indiens ging auf etwa 1 /t, ihres früheren Betrages zurück. Seit 1903 bezieht Grossbritannien mehr Indigo aus Deutschland, als es durchschnittlich von 1881 bis 1896 aus Kalkutta bezog. Die Ausfuhr Deutschlands an Indigo betrug in Doppelzentnern: 1898 1906 nach Grossbritannien . . . 767 14537 ,, den Vereinigten Staaten 2225 25639 „ China. — 31273 „ Japan. — 10634 29 Derartige Ziffern sind nichts als Einzelbelege der einen, für uns über alles wichtigen Tatsache: Deutschland wächst mehr und mehr in die Stellung hinein, die Grossbritannien um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts für sich ausschliesslich in Anspruch nahm. Vor unseren Augen, den meisten Mitlebenden unfassbar, vollzieht sich eine märchenhafte Verwandlung. Denken wir daran, wie Deutschland im achtzehnten Jahrhundert der Luxuseinfuhr der Höfe keine Ausfuhr entgegen zu setzen hatte. Neben einigen Leinengeweben war Sand der Ballast der aus Deutschland ausgehenden Schiffe — Sand, den spöttische Franzosen ,,le produit d’Allemagne“ nannten. Denken wir an die „Arme- leutehaftigkeit“ unseres neunzehnten Jahrhunderts, welches Grosstaten in der Dichtung, Musik und Philosophie verrichtete, aber bildnerischer Kultur so fern war. Um die Mitte des Jahrhunderts schildert Disraeli in seinem Endymion mitleidig den deutschen Diplomaten, der aus der Metropole der Welt, aus dem Kreise glänzender Damen und weltbeherrschender Staatsmänner in die heimische Verbannung zurückkehrt. Sein Volk ist arm, nur reich an Wäldern: es gilt erst, ein „Vaterland“ ihm zu geben — »mit Blut und Eisen“ setzt Disraeli weitsichtig hinzu, dieses seitdem vielgebrauchte Wort wohl als Erster prägend. Und heute? Dem Könige Midas gleich berührt Deutschland unscheinbare Rohstoffe: sie werden unter seiner Hand münzbares Gold. Deutschland — der an Grossbritannien herangipfelnde Industriestaat! Unseren Grossvätern wäre solche Prophezeiung als Wahnwitz erschienen. Wir aber nörgeln, während solches geschieht. Früh ermüdet, verzagt so mancher an der deutschen Zukunft. Einen andern blendet der Glanz des goldenen Regens. Emporkömmling, vergisst er der geistigen Quellen der niederrauschenden Fülle. Man schildert den Aufstieg der deutschen Volkswirtschaft, ohne die politische Ursache auch nur zu erwähnen: Sedan und die Kaiserkrönung im Spiegelsaale zu Versailles. 30 III. Was die Zukunft bringt, wer kann es wissen? Traumwandelnd greift unser Volk heute nach einer Rolle, die möglicherweise zur Heldenrolle auswächst. Fallstricke mancherlei Art bedrohen den Schauspieler, den ohne seinen Willen die Weltbühne gefangen nahm. Von den uns bedrohenden Gefahren ist eine aber dringlicher als die andern: In elfter Stunde könnte England den Versuch wagen, den unbequemen Emporkömmling, den es wirtschaftlich nicht mehr niederzuzwingen vermag, mit Gewalt zu Boden zu schlagen. Vergessen wir nicht: In dieser Richtung liegen die glorreichen Überlieferungen der britischen Flotte. Um 1650 besass Holland den Welthandel, die Kolonien und die Seemacht. Die niederländische Handelsflotte umfasste an Tonnengehalt die Hälfte aller europäischen Schiffahrt. Demgegenüber baute das damals noch überwiegend binnenländische England die ersten eigentlichen Kriegsschiffe — Schiffe grösseren Tonnengehalts und stärkerer artilleristischer Bestückung als die im Bedarfsfall zu Kriegsschiffen umgewandelten Ostindienfahrer der Holländer. Vergeblich förderte de Ruyter von den Generalstaaten Kriegsschiffe des britischen Typus. Die Amsterdamer Kaufleute sparten, wo die Stuarts und Cromwell kein Opfer scheuten. An dieser einfachen Tatsache zerbrach die Handels- und Kolonialherrschaft der Niederlande. Ähnliches wiederholte sich in grösseren Verhältnissen zwischen England und Frankreich — Frankreich, das unter Colbert an Bevölkerung, Reichtum und Kolonien England weit überlegen war. Ist Grossbritanniens Handels- und Kolonialsuprematie von heute, ist der britische und damit erstgeborene moderne Kapitalismus überhaupt denkbar ohne Trafalgar? An diese Erinnerungen wird wieder angeknüpft. Der alte, grundsätzlich friedliche Freihandel trägt greisenhafte Züge. Ein neu aufsteigender Imperialismus ist allenthalben geneigt, politische Machtmittel in die Wagschale der Wirtschaftskämpfe zu werfen, und dieser Imperialismus kann durch eine Parlamentswahl jeden Tag wieder an das Ruder gebracht 31 werden. Deutschland wird in einigen Jahrzehnten nicht nur weit bevölkerter, sondern, wie der Outlook wiederholt ausführte, auch wirtschaftlich ebenso reich sein wie Grossbritannien 17 . Morgen wird ein unüberwindliches Grossdeutschland seine Schatten über Europa hinaus werfen; heute gilt es, Kleindeutschland niederzuzwingen. Die Lage wird dadurch verschärft, dass das Deutschland von heute der britischen Seemacht breiteste Angriffsflächen darbietet. Zwar besteht nicht die Gefahr der Aushungerung; denn Deutschland dürfte schwerlich mit England und Russland zugleich im Kriege sein. Wohl aber rechnet mancher Brite darauf, die deutschen Handelsschiffe und die deutschen Kolonien ohne weiteres zu kapern. Diese Kolonien — „durch nichts beachtenswert als durch ihre Verteidigungslosigkeit“ 18 — erscheinen ihm als ein Pfand, das wir ihm in die Hand legten. Sie sind gegenwärtig nicht mehr so wertlos, wie zu Bismarcks Zeiten. Schwerer noch wiegt der allgemeine wirtschaftliche Rückschlag, den eine Blockade der deutschen Häfen im Gefolge haben würde. Die zweimonatliche Choleraquarantaine soll Hamburg allein eine Summe von 250 Millionen Mk. gekostet haben 19 . Nach der Zusammenstellung des deutschen Reichsmarineamtes sind schon gegen Ausgang der 90er Jahre gegen 70% des gesamten deutschen Aussenhandels über See gegangen 20 . Eine Blockade würde die deutsche Volkswirtschaft bis in die abgelegensten Winkel hinein erschüttern, insbesondere die deutschen Geschäftsbeziehungen mit dem Auslande unterbinden, bei längerer Dauer zerschneiden. So sagte die Saturday Review nicht ohne Berechtigung: „England ist das einzige Land, welches ohne Gefahr für sich selbst und mit Sicherheit des Erfolges gegen Deutschland Krieg führen kann.“ Angesehene Zeitschriften wie die National Review, die Saturday Review und der Spectator haben es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht, das „Germaniam esse delendam“ den Gehirnen ihrer Leser einzuhämmern. Einige Beispiele sind nicht überflüssig: „Eine Menge kleiner Streitfragen hat die grösste Kriegsursache aufgebaut, welche die Welt je 32 gesehen hat. Wäre Deutschland morgen vernichtet, so würde übermorgen jeder Engländer reicher sein“. „Hamburg, Bremen, der Kaiser-Wilhelmkanal und die baltischen Häfen würden unter unsern Kanonen liegen, bis die Kriegsentschädigung gezahlt wäre. Wäre unser Werk getan, so könnten wir, das Wort Bismarcks verändernd, zu Frankreich und Russland sagen: Sucht euch Kompensation in Deutschland“ 21 ! „Hamburg ist einer der grössten Hafenplätze der Welt; in welch unheimliche Lage würde es geraten, wenn tatsächlich nicht ein einziges Schiff ein- oder ausfahren könnte! Blockaden sind ohne Zweifel schwer durchführbare Unternehmungen, aber Hamburg liegt für uns so günstig, dass es sehr leicht vom Weltverkehr abzusperren ist. Man gebe sich keinen Täuschungen hin: die Blockade aller deutschen Häfen an der Nord- und Ostsee bietet uns nicht die geringsten Schwierigkeiten“. „Die deutsche Flagge ist überall. Aber bei einer Kriegserklärung müsste sich uns die gesamte Handelsflotte auf Gnade und Ungnade ergeben. Ueberall auf den Weltmeeren würden unsere Kreuzer die deutschen Kauffahrer abfangen und als Prise wegführen.“ „Inzwischen würde von den neutralen Marktplätzen der deutsche Wettbewerb, über den von unsern Kaufleuten so oft geklagt wird, völlig verschwinden. Wir würden nicht mehr hören, dass Deutschland auf chinesischem und japanischem Markt vordringe.“ „Es würde keiner Macht einfallen zu verhindern, dass Deutschland ein paar Hundert Millionen Strafe zahlen müsste, dass es alle seine Kolonien verlöre, sein politisches Ansehen und seine Handelsverbindungen ein- büsste“ 22 . In der National Review hat der frühere Botschafter Englands in Wien auf Oesterreichs Bundesgenossenschaft hingewiesen: Der Zusammenbruch des seehandelnden Norddeutschland sei das einzige Mittel, um Habsburgs alte Vorherrschaft in Deutschland wieder herzustellen. In derselben Zeitschrift werden Opfer an Russland in Asien empfohlen, um Deutschland zu isolieren. Neuerdings bemüht sich der als Mensch wie als Schriftsteller gleich ausgezeichnete Mr. Garvin im Observer, die öffentliche Meinung seines Landes gegen Deutschland zu erziehen. Solche Stimmen mögen die Gefühle nur eines kleinen Bruchteils der britischen Nation zum Ausdruck bringen. Die Gefahr für uns liegt darin, dass sie ein Stück tatsächlicher Durchführbarkeit enthalten. Darum ihre verführerische Werbekraft jenseits des Kanals. Der Brite hat in nahezu zweihundertjährigem Kriege das Szepter der Weltherrschaft errungen; wird er es ohne Schwertstreich niederlegen, wenn er sieht, dass es im Frieden seinen Händen allmälig aber sicher entgleitet? Nicht tadeln wollen wir den britischen Vetter ob seiner Mannhaftigkeit; aber wir haben Anlass, ihr Beachtung zu schenken. In der Tat, wir haben ihr Beachtung zu schenken: denn Hand in Hand mit den angeführten Äusserungen, die sich leicht vermehren Hessen, ging die Zusammenfassung der englischen Schlachtflotte im Kanal und in der Nordsee — Hand in Hand hiemit die französisch-britische Verständigung, welche dem verbleichenden Revanchegedanken Frankreichs rote Wangen anhauchte. Zunehmender Anhängerschaft erfreuen sich in England die Bestrebungen für Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, durch welche England den Wert seiner Freundschaft für Frankreich verdoppeln würde. Zweifelsohne türmen sich an dieser Stelle des politischen Himmels dunkle Wolken, welche die Zukunft Neudeutschlands bedrohen. Um so düsterer blickt uns der Horizont, als die britische Staatskunst es stets verstanden hat, Bundesgenossen für sich in das Feuer zu schicken. Glücklicherweise hält für den Fall des stets ungewissen Kriegsspiels Deutschland gewisse Trümpfe in seiner Hand, die den ernst prüfenden Engländer immerhin bedenklich machen können. Bekanntlich ist der Rhein Deutschlands wichtigste Verkehrsader. Nicht viel weniger als ein Drittel des gesamten deutschen Seeverkehrs geht über die Rheinhäfen 23 . Deutschland wäre nicht zum Frieden zu zwingen, solange der deutsche Handel unter neutraler Flagge unbehindert über die Rheinmündung ginge. England müsste, um Deutschland zu treffen, entschlossen sein, die Neutralität der Niederlande, diese seine eigenste Schöpfung, zu verletzen und Rotterdam, ähnlich wie im süd- 3 afrikanischen Kriege die Delagoabai, zu blockieren. Vielleicht würde England damit dem Gegner für den Friedensschluss ein Pfand in die Hand spielen, das an Wert sämtliche deutsche Kolonien erheblich überträfe. Vielleicht würden Englands Siege zur See durch Frankreichs Niederlagen zu Lande wettgemacht. Ein unglücklicher Seekrieg würde Deutschland zu Napoleonischen Gedankengängen drängen. Wäre England auf dem Landwege zu treffen — etwa im Bündnis mit der mohamedanischen Welt? Die Continentalsperre weist in der Richtung eines gegen England gerichteten europäischen Zollbundes. Jedenfalls eröffnete ein solcher Krieg, den mancher Jingo für einen bequemen Seekrieg ansieht, ein ganzes kriegerisches Zeitalter. 60 Millionen Deutsche sind nicht von heute auf morgen von der Weltbühne zu fegen. Den schlimmsten Fall gesetzt: Von der Weltwirtschaft abgedrängt, an den Adern seiner besten Kraft unterbunden, wäre Deutschland vielleicht noch reich genug, um Russlands asiatische Politik zu finanzieren. Auf Grund dieser Ungewissheiten werden Englands leitende Staatsmänner, soweit sie sich ernsthaft ihrer Verantwortung bewusst sind, sich an den Satz Bismarcks erinnern 24 : „Ich würde niemals Zureden, einen Krieg um deswillen sofort zu führen, weil es wahrscheinlich ist, dass der Gegner ihn später besser gerüstet beginnen würde; man kann die Wege der göttlichen Vorsehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen.“ Leider aber wird die Politik nicht immer von weitblickenden und ihrer Verantwortung voll bewussten Männern gemacht. Dieser Erkenntnis entsprang die deutsche Flotte — die deutsche Flotte, nicht Sache des Luxus, des Ehrgeizes oder gar der Eroberungssucht. Die deutsche Flotte — eine Forderung unseres barsten Daseins, unentbehrlich wie das tägliche Brot, das sie nicht nur uns, sondern auch unsern Kindern verteidigt! Mehr noch als den Amerikanern, den Beherrschern eines Kontinents, gilt das Wort Roosevelts den auf engem und armem Areal zusammengedrängten Deutschen: „Kein Schiedsspruch oder irgend ein anderes Mittel kann gefunden werden, um zu verhindern, dass Völker, die ihre erste und hervorragendste nationale Eigenschaft, die Fähigkeit der Selbst- 35 Verteidigung, verloren haben, in schwerster und furchtbarster Weise misshandelt werden. Wenn wir Insulte verhindern wollen, müssen wir imstande sein, sie zurückzuweisen. Wenn wir den Frieden wollen, muss es bekannt sein, dass wir zu jeder Zeit zum Kriege fertig sind.“ In der Tat, es ist eines grossen Kulturvolkes unwürdig, sein Dasein auf die Duldung eines vielleicht wohlwollenden, vielleicht feindlichen Nachbars zu stellen. Neben mancherlei anderen Erwägungen, welche für den Flottenbau ins Feld geführt werden, liegt der entscheidende Punkt doch in der deutsch-englischen Frage. Wir bedürfen der Flotte, um die Handelseifersucht Englands in unschädliche Grenzen zu bannen und dem nüchternen Sinn des englischen Volkes die für uns hochgefährlichen Angnffs- gedanken zu verleiden. Mit der englischen Flotte muss — in einem entsprechenden Abstande nach unten, wie für Verteidigungszwecke genügt — in Zukunft auch die deutsche Flotte wachsen. Über den Friedensschutz hinaus verlangt das deutsche Volk zwar nicht Eroberung, wohl aber eine gewisse Wahrnehmung seiner überseeischen Interessen durch die Reichsgewalt. Wenn es dies verlangt, so muss es seinen Diplomaten das Werkzeug in die Hand geben, ohne welches sie nichts als schwächliche Bittsteller sind und besser zu Hause bleiben: eine schlagfertige Flotte, die, wenn schon zweiten Ranges, doch als Bundesgenossin wie als Gegnerin nicht gleichgültig ist. In nächster Zukunft dürfte es sich weniger um Kolonialerwerb für uns handeln, als um die Erhaltung des offenen Marktes für alle und um die Abwehr fremder Eroberungen, z. B. auf dem Boden der noch unabhängigen mohame- danischen Welt. Sollte in Zukunft einmal die Liquidation alternder Kolonialmächte hereinbrechen, so muss Deutschland die Macht besitzen, neben Grossbritannien an ihr teilzunehmen. Für Frieden und Verständigung ist es von Wichtigkeit, dass England den deutschen Flottenbau als unabwendbare Tatsache hinnimmt. In dieser 3 36 Hinsicht sind gewisse, in England noch weitverbreitete Irrmeinungen abzuweisen. Der deutsche Flottenbau ist nicht das Werk eines Mannes. Zwar war es das Verdienst des Kaisers Wilhelm II., den Flottengedanken in das deutsche Volk geworfen zu haben. Aber heute wird die Flotte nicht nur vom Kaiser, sondern von der Nation gebaut. Der deutsche Flottenverein zählt über eine Million Mitglieder; er zählt sie auf der Rechten, wie auf der Linken. Auf der Rechten schlug der Flottengedanke Wurzel trotz des entgegenstehenden Ideals eines sich selbst versorgenden, beschränkt europäischen Agrarstaates. Auf der Linken starb das Manchestertum, welches den Kampf der Völker allein mit dem „Preiskourant“ entscheiden zu können hoffte. Leider besass das deutsche Manchestertum niemals den weltumspannenden Hintergrund eines Manchester. Die deutschen Manchesterleute waren, selbst in ihrer besten Zeit, kleinbürgerlichen Kalibers. Wenn jetzt in England das Manchestertum veraltet ist, so berühren seine Reste in Deutschland wie Petrefakte. Noch lebt ein Stück Manchestertum in der Sozialdemokratie, wie überhaupt auf ihrem Boden westeuropäisch bourgeoise Gedankenreihen das Dasein fristen 26 . Noch lehnt die Masse der deutschen Arbeiter die maritime Machtentfaltung ab. Aber früher oder später muss gerade für Gewerkschaftler der Satz sonnenklar werden, dass ein ehrlicher Friedenszustand waffengerüstete Mächte voraussetzt, die sich gegenseitig achten, weil fürchten. Macht doch der Gewerkschaftler tagtäglich die Erfahrung, dass Verträge zwischen Schwachen und Starken zur berüchtigten „Löwengesellschaft“ ausarten, in welcher der einen Seite aller Vorteil, der anderen aller Nachteil zufällt. Aber noch folgen die breiten Wählermassen der sozialdemokratischen Partei keineswegs gewerkschaftlichen Gedankengängen. Wie sie im Innern nur erst teilweise der zähen Kleinarbeit vertrauen, sondern das Heil als Geschenk eines fabelhaften deus ex machina erwarten, so verwirrt diese ihre eigene Schwäche auch ihre Beurteilung der auswärtigen Lage. Ein siegreiches Proletariat soll in Bälde eine allgemeine Weltverbrüderung herbeiführen und durch ungeheure Produktionssteigerung den Kampf der Völker um den Futterplatz beseitigen. Dieser Gedanke gehört in die Kinderstube; leider ist er nicht so poetisch und nicht so harmlos wie das Märchen vom „Tischlein deck’ dich!“ 26 Tatsächlich wäre der wirtschaftliche Rückschlag, welcher einer Niederlage gegen England folgen müsste, das einzige Mittel, die Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung, damit aber auch die Zukunft Deutschlands, lahm zu legen. Auch sollten die Arbeiter nicht vergessen, dass die Marine innerhalb des staatlichen Organismus erfahrungsgemäss einen freiheitlichen und verkehrsfreundlichen Bestandteil darstellt. Der Flottenbau fördert den Industriestaat. Er beschäftigt hochbezahlte und organisationsfähige männliche Arbeiter, die sich das Weib als Hausfrau und Kindererzieherin leisten können. Dagegen gefährden die Mode-, Saison- und Luxusindustrien durch Unterernährung den körperlichen Bestand der Arbeiterklasse — dies um so mehr, als sie schlechtbezahlte weibliche und jugendliche Heimarbeiter bald anziehen, bald auf das Pflaster werfen. Indem die Arbeiter die Flotte verweigern, verurteilen sie sich selbst zu politischer Einflusslosigkeit. Zwar sind auch in Wehrmachtsfragen realistischere Auffassungen im Aufsteigen, wie sie etwa in den „Sozialistischen Monatsheften“ gelegentlich nach Ausdruck ringen. Auf dem Gewerkschaftskongress zu Hamburg 1908 erklärte der Abgeordnete Molkenbuhr die antimilitaristische Propaganda vieler Parteifreunde für „kleinbürgerlichen Radikalismus“. Ein Bernstein wagte den Satz: „Wo wichtige Interessen der Nation in Frage stehen, kann die Internationalität kein Grund schwächlicher Nachgiebigkeit gegenüber den Prätensionen ausländischer Interessenten sein.“ Aber noch scheinen solche Unterströmungen auf lange hinaus zu schwach, um auf den Gang der Parteipolitik Einfluss zu gewinnen. Wie dem immer sei, jedenfalls ist die politische Rückständigkeit der deutschen Arbeiter kein ernsthaftes Hindernis des Flottenbaus. Das gleiche gilt von der Hoffnung unserer „Freunde“, dass Deutschland durch den Flottenbau sich finanziell zugrunde richte 27 . Zwar scheint 38 diese Meinung auf den ersten Blick berechtigt, wenn man das chronische Defizit des deutschen Reiches und seine in Friedenszeiten wachsende Verschuldung mit dem glänzenden Stande der britischen Finanzen vergleicht. Durch eine mustergültige Ordnung der Finanzen hat der Liberale Gladstone das britische Weltreich untermauert. Sein System verbindet bekanntlich, unter Freilassung der notwendigsten Lebensbedürfnisse, direkte Steuern mit Verbrauchsabgaben auf Massenluxus, wobei der Schwerpunkt immer noch auf letzteren ruht. Im Rechnungsabschluss für das Finanzjahr 1906/07 brachten Zölle und Verbrauchssteuern an 65 Millionen £, Einkommen- und Erbschaftssteuer dagegen nur an 50 Millionen £. Die Erfolge dieser „Freihandelsfinanz“ sind mit den Händen zu greifen. Der Voranschlag für das abgelaufene Finanzjahr 1907/08 sah eine Einnahme von 152,8 Millionen £ vor, die wirklichen Einnahmen beliefen sich auf 156,5 Millionen £, die Ausgaben waren mit 152,5 Millionen £ angesetzt, betrugen aber in Wirklichkeit nur 151,8 Millionen £, so dass sich ein Mehr von 4,7 Millionen £ herausstellte. Der Voranschlag für das Finanzjahr 1908/09 umfasste Einahmen von 157,770,000 £ und Ausgaben von 152,869,000 £. Der Überschuss von 4,9 Millionen £ erlaubte, die Zuckerzölle um mehr als die Hälfte zu ermässigen, den Stempel auf Seeversicherungspapiere herabzusetzen und endlich 1,2 Millionen £ für die Altersversicherung bereitzustellen. Derselbe Etat nahm ferner eine Schuldentilgung in Höhe von 15 Millionen £ in Aussicht. Im Jahre 1906 wurden tatsächlich 18 Millionen £ getilgt. Auf Grund regelmässiger Tilgung wird der englische Staat, wenn nicht unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten, am 31. März 1909 die Nationalschuld auf denjenigen Betrag zurückgeführt haben, den sie im Jahre 1889 einnahm, d. h. auf 697 Millionen £, nachdem sie durch den südafrikanischen Krieg 1903 auf etwa 771 Millionen £ angewachsen war. Demgegenüber beruht das finanzielle Elend Deutschlands auf mangelhafter Erschliessung vorhandener Steuerquellen — eine Folge unfertiger konstitutioneller Zustände. Wie dereinst im England der Stuarts, so feilschen 39 in Deutschland Krone und Parlament um die Steuern. In England ist dieser Kampf formell zugunsten des Parlaments entschieden, ohne dass der persönliche Einfluss des Monarchen — die Persönlichkeit vorausgesetzt — dabei Not gelitten hat. Welchen Einfluss auf die Geschicke seines Volkes übt heute nicht hinter den wechselnden Ministerien das stille und zähe Wirken des parlamentarischen Königs! In England ruht die Steuerverweigerung als ein verstaubtes Rüstzeug in der Waffenkammer der „Gemeinen“, während in Deutschland gerade die ergiebigsten Steuern parlamentarisch am schwersten durchzusetzen sind. Nach A. Wagner kamen 1904/05 auf Tabak pro Kopf der Bevölkerung in Grossbritannien 6,5 Mk. Steuern, d. h. fast sechsmal soviel wie bei uns, an Branntwein (nach Abzug der Zuschüsse an die Lokalverwaltung) 10,5 Mk. pro Kopf oder mehr als viermal soviel wie bei uns, an Bier über 6 Mk. pro Kopf, fast achtmal soviel als in Norddeutschland. Die alkoholischen Getränke und Tabak brachten dem britischen Staatssäckel in genanntem Jahre auf den Kopf der Bevölkerung 24,2 Mk., gegen nur 4,8 Mk. pro Kopf in Deutschland. Das Gesamterträgnis dieser drei Steuern belief sich 1904/05 auf nahezu 1000 Millionen Mk. Auf Branntwein, Bier und Tabak r uht st e uerlich die britische Seemacht und das britische Weltreich. Diese Besteuerung gilt als Selbstverständlichkeit, nicht nur aus politischen, sondern auch aus hygienischen und moralischen Gründen. Keine Regierung, weder eine konservative, noch eine liberale, noch eine arbeiterparteiliche wird an ihr rütteln. In Deutschland wird nicht weniger geraucht und getrunken als jenseits des Kanals, aber Branntwein, Tabak und Bier brachten 1903/04 hier nur 253 Millionen Mk. Dass die geringeren Wohlstandsverhältnisse Deutschlands hiefür nicht in Betracht kommen, beweisen folgende Tatsachen: Frankreich ist, alles in allem genommen, heute nicht mehr reicher als Deutschland, und doch brachten Getränke und Tabak nach dem fran- zösichen Etat von 1905 fast 16 Mk. pro Kopf, mehr als das dreifache wie bei uns. Der österreichische Konsument ist ärmer als der deutsche, und 40 doch liefern die Getränke und der Tabak in Oesterreich immer noch mehr als das doppelte wie in Deutschland 28 . Deutschlands Finanzmisere ruht also nicht auf mangelnder Steuerfähigkeit, sondern auf mangelnder Steuerwilligkeit. Das deutsche Volk wird es lernen müssen, sich selbst zu besteuern, wenn anders es seine Land- und Seerüstung als Lebensinteresse erfasst und aus eigenem Entschlüsse auf sich nimmt. Tatsächlich hat das deutsche Volk sich auf diesen Weg bereits festgelegt-, eine schwache Flotte ist schlechter als gar keine, hinausgeworfenes Geld — heute schon Hunderte von Millionen. Zur Verbreitung dieser Einsicht kann die Regierung durch freiheitliche Politik im Innern viel beitragen. Wie sagt doch Friedrich List? „Unter allen Gewerbszweigen erfordert die Schiffahrt am meisten Energie, persönlichen Mut, Unternehmungsgeist und Ausdauer — Eigenschaften, die offenbar nur in der Luft der Freiheit gedeihen.“ In letzter Linie setzen unsere „Freunde“ ihre Hoffnung auf internationale Schiedsgerichte und Abrüstungsverträge. Abrüstung ist so lange eine unpraktische Frage, als eine Macht es in ihrem Belieben hat, von heute auf morgen, wenn sie will, unsere Schiffahrt und unseren Seehandel zu vernichten und damit unser nationales Dasein ins Herz zu treffen. Nichts gefährdet den Frieden mehr als die Schwachmütigkeit sogenannter „Pacifisten“, welche die Abrüstungsvorschläge einer Macht ernst nehmen, deren Flottenausgaben das vierfache der deutschen betragen 29 . Noch 1904 stand einer britischen Marineausgabe von 880 Millionen Mk. eine deutsche von 167 Millionen Mk. gegenüber. (Vergl. auch die höchst bezeichnenden Tabellen 29 u. 30.) Die britischen Pacifisten aber befürworten eine Abrüstung der andern, welche die britische Seeherrschaft selbstverständlicherweise unangefochten Hesse und gar vertragsmässig verewigte. Als der bekannte Friedensapostel Herr Stead aus Deutschland zurückkehrte, verlangte er als britischer Flottenapostel für jeden deutschen Kiel zwei britische. Difficile est, saliram non scribere. 41 England wird früher oder später sich damit abfinden müssen, dass seine Seeherrschaft des neunzehnten Jahrhunderts einem maritimen Gleichgewicht von vier bis fünf Mächten im zwanzigsten Jahrhundert Platz machen muss. Je eher es sich zu dieser Einsicht durchringt, um so besser für den Weltfrieden. Die deutsche Flotte erscheint in diesem Zusammenhang als die einzig gesunde Grundlage einer ehrlichen Verständigung mit England. Die deutsch-englische Frage ist dann beseitigt, wenn England im Kriege gegen uns einen zu grossen Einsatz wagen müsste. Jedes Panzerschiff, das die deutsche Flagge über die Wellen trägt, ist eine neue Gewähr dafür, dass das englische Volk Deutschland als eine gleichberechtigte Macht anerkennen und auf dem Boden friedlichen Wettbewerbs sich zurückhalten wird. Dem Frieden und der Freundschaft dient in dieser armen Welt immer noch am besten die Unmöglichkeit, mit Gewalt mehr zu erreichen, als durch vertragsmässiges Zugeständnis. Die Achtung vor einer unangreifbaren Macht führte England zur Anerkennung der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Bedürfnisse der Vereinigten Staaten; nur eine ähnliche Achtung kann unseren britischen Vetter veranlassen, sich auch mit Deutschlands Aufstieg endgültig zu versöhnen. Wenn neuerdings deutschfreundliche Stimmen jenseits des Kanals wieder häufiger zu Worte kommen, so beruht dies gewiss nicht zuletzt auf der Anerkennung, welche unsere bescheidenen Flottenanfänge seitens englischer Fachmänner finden. Ich verweise z. B. auf die Ausführungen des bekannten Sachverständigen Archibald S. Hurt in Ninetienth Century (Juli 1902): „Wie Deutschland sich zum grossen Teil durch den Handel mit England aufbaute, so ist die deutsche Flotte eine getreue, wenn auch keine knechtische Nachahmung der englischen. Der Geist in beiden Flotten ist derselbe. Diensterfüllung des Dienstes wegen, ohne Aussicht auf Belohnung, ist die Losung für den englischen Marineoffizier und ebenso für den deutschen.“ „In allen deutschen Dienstzweigen wird Ausgezeichnetes geleistet. Heute kohlt z. B. die deutsche Flotte fast so gut als die englische. Der „Kaiser Wilhelm II.“ nahm in Kiel Kohlen ein, während ich an Bord war. Die Durchschnittsleistung war 283 t pro Stunde. Ich glaube, diese Leistung ist einmal von der „Majestic“, dem Flaggschiff des Admirals Wilson, übertroffen worden, zeigt aber, welche Fortschritte die deutsche Flotte in Leistungsfähigkeit macht. Ausser der englischen gibt es keine Flotte in der Welt, die so tüchtig wäre wie die deutsche.“ Um so weniger darf in diesem Zusammenhänge verschwiegen werden, dass konstruktive Mängel in den Augen britischer Fachmänner die deutsche Flotte bislang stark entwerteten. Erst den neuesten Schiffskonstruktionen Deutschlands wird grössere Achtung entgegengebracht. So weit diese Achtung begründet ist, hätten wir mit den früheren Missgriffen ein teueres, aber nicht zu teueres Lehrgeld bezahlt. Dieser Achtung wird der Gerechtigkeitssinn des britischen Volkes zu Hilfe kommen: wenn es die maritime Machtentfaltung den Amerikanern und Franzosen, den Russen und Japanern vergönnt, darf es sie derjenigen Nation verweigern, welche nächst Grossbritannien der Weltwirtschaft am innigsten verflochten ist? Noch steht die deutsche Flotte an Stärke hinter der französischen zurück, und doch sind Frankreichs überseeische Interessen im Vergleich zu den deutschen künstlich angebaute. Kann ein billig denkender Engländer verlangen, dass Deutschland sein Dasein der Gnade oder Ungnade einer fremden Macht anvertraut? Auf dem Boden solcher Erwägungen dürfte in England jene Stimmung erwachsen, welche bei aller Pflege der amerikanischen, französischen und japanischen Freundschaft auch für Deutschland noch guten Willen übrig behält. Selbstverständlicherweise wird kein vernünftiger Deutscher es den Engländern verdenken, diejenigen Sicherheitsmassregeln zu ergreifen, welche in ihrem Interesse ihnen geboten erscheinen. Leider ist es nicht überflüssig, den reinen Verteidigungszweck der deutschen Flotte auf das nachdrücklichste hervorzuheben. So mancher Bierbankpolitiker hat in einem Nebel von Alkohol und Tabaksqualm — so mancher Zeitungsskribent hat mit Tinte und Feder das britische Weltreich zertrümmert. Es wäre erfreulicher, über solchen Wahnwitz mit Stillschweigen fortkommen zu können; leider wird er in England beachtet und ernst genommen. Ein verständiger Mann wie Sir Harry Johnston, und nicht er allein 30 , behauptet, Deutschland baue seine Flotte, um Südafrika und Australien zu erobern (!) Demgegenüber handelt es sich garnicht um die Frage, ob es für Deutschland, ob es für die Menschheit wünschenswert wäre, dass das britische Weltreich in Stücke ginge. Ich persönlich würde diese Frage verneinen. In meinen Augen ist das britische Reich eine Kulturtatsache allerersten Ranges, welche insbesondere der breiten Masse der farbigen Menschheit zu segensvoller Erziehung gereicht. Indem es ihr die Geldwirtschaft aufzwingt, entfesselt es den Einzelmenschen von tausendjährigen Gewohnheiten und Gebundenheiten und leitet ihn, wie Hegel so schön ausführt, durch die Arbeit schrittweise zur Freiheit 31 . Ein Angriffskrieg auf diese bewundernswerte Organisation, welcher roher Raubsucht und verächtlichem Neide entspränge, hätte, um ein tiefsinniges Wort Goethes zu gebrauchen — Gott nicht in sich. Glücklicherweise jedoch liegt diese Frage uns überhaupt nicht zur Entscheidung. Seit dem Buche des Kapitän Mahan steht es fester denn je, dass England nur von einer Macht besiegt werden kann, welche die dauernde Herrschaft über die britischen Meere an sich risse Hiezu gehörte eine Flotte, welche der englischen nicht nur zififernmässig gewachsen, sondern an schweren Schlachtschiffen überlegen wäre 32 . Eingekeilt zwischen Russland und Frankreich, hat Deutschland während des ganzen 20. Jahrhunderts das erste Landheer der Welt zu unterhalten. Es übersteigt offenbar die Kräfte der deutschen Volkswirtschaft, daneben noch eine Flotte zu tragen, welche über Englands Seemacht emporwüchse. Husarenstücklein („raids“) würden an der wunderbaren Geschlossenheit der britischen Nation wie Seifenblasen zerplatzen Ein offenbar sehr sachkundiger Artikel der deutschen Marinerundschau Juni 1902 begründet die Unmöglichkeit eines deutschen Angriffskrieges gegen England für alle praktisch in Betracht kommende Zukunft. Die „überraschende Invasion“, mit der General Mercier in den Tagen von Faschoda spielte, sei angesichts des modernen Nachrichtendienstes eine Chimäre. Eine Invasionsarmee vorzubereiten, erfordere Wochen. Der grösste Transporter sei wehrlos gegenüber dem kleinsten Torpedoboote. Eine Landung sei im feindlichen Feuer unmöglich; gelinge sie, so bleibe sie so lange wirkungslos, ehe nicht Pferde, Geschütze, sowie ein riesiger Train (in einem Lande wie England vor allem grosse Mengen von Nahrungsmitteln) gelandet seien. Die Durchführung einer derartigen Landung sei nur möglich unter dem Schutze einer das Meer schlechthin beherrschenden Schlachtflotte. Insofern hatte Balfour recht, wenn er den Gedanken einer Invasion als Utopie aus dem Bereiche der praktischen Möglichkeiten ausschied. In dieser Hinsicht stimmen augenscheinlich die massgeblichen Kreise der deutschen Marine mit dem britischen Reichsverteidigungsausschuss überein 33 . Dringt aber erst die Einsicht durch, dass Deutschland und England sich gegenseitig nicht vernichtend treffen können, und dass ihr Krieg lediglich dritten Mitbewerbern zugute käme, so muss trotz alles Jingotums auf beiden Seiten der Weg einer Verständigung sich finden lassen 34 . Ist erst der Gipfel der politischen Gefahr überklommen, so dürfte es möglich sein, die nachfolgenden wirtschaftlichen Weiten in friedlicher Gemeinschaft zu durchwandern. IV. Freilich auch das wirtschaftliche Verhältnis Deutschlands und Englands, welches in den Tagen Bismarcks so einfach erschien, ist verwickelter geworden. Es ist zudem für beide Teile heute von alles überragender Bedeutung. Auch in dieser Hinsicht gebe ich zunächst einige Ziffern 36 . 45 I. Deutschlands Aussen-(SpeziaI)handel in Millionen Mark 1906. Einfuhr von Ausfuhr nach Summe den 15 Haupthandelsgebieten Grossbritannien 825,5 1 070,2 1 895,7 Vereinigte Staaten 1 236,3 636,2 1 872,5 Russland (einschliesslich Finnland und russisch Asien) 1 088,5 457,1 1 545,6 Österreich-Ungarn 809,8 649,3 1 459,1 Frankreich 433,3 382,7 816,0 Niederlande 241,3 443,4 684,7 Belgien 291,1 355,8 646,9 Schweiz 216,8 373,6 590,4 Argentinien 372,2 170,2 542,4 Britisch Indien 357,6 114,4 472,0 Italien 241,0 230,9 471,9 Schweden 149,7 176,4 326,1 Dänemark 128,2 197,3 325,5 Brasilien 188,1 88,8 276,9 Chile 145,0 72,4 217,4 II. Grossbritanniens Aussenhandel in 1000 £ 1906. Einfuhr von Ausfuhr nach Summe den 15 Haupthandelsgebieten Vereinigte Staaten 131 101,5 53 240,3 184341,8 *Deutschland (einschliesslich der Niederlande) 74675,3 65 150,4 139825,7 Einfuhr Ausfuhr Summe * Deutschland 38 021,8 48 312,3 86 334,1 Niederlande 36 653,5 16 838,1 53 491,6 Die deutsche Ein- und Ausfuhr von und nach Grossbritannien geht grossenteils über die Niederlande, teilweise auch über Belgien. Indem letztere Beträge ausser Ansatz bleiben zum Ausgleich des Eigenverbrauchs der Niederlande an britischer Einfuhr und der Eigenproduktion der Niederlande für die Ausfuhr nach Grossbritannien, so überschätzen wir durch Addition der Ziffern für Germany-Netherlands die Wirtschaftsbedeutung Deutschlands für Grossbritannien in keiner Weise. 46 Britisch Indien (einschliesslich Einfuhr von Ausfuhr nach Summe Ceylon u Straits Settlements) 51 177,9 51 932,1 103110,0 Frankreich 53871,7 28 784,8 82 656,3 Australien (einschl. Neuseeland) 44 745,7 30833,8 75 579,5 Kanada (einschl. Neufundland) 30949,0 16 064,1 47 013,1 Russland 30051,3 15 942,1 45 993,4 Belgien 29 033,4 16 753,9 45 787,3 Argentinien 23 803,0 19913,6 43716,6 Aegypten 16 858,2 9152,6 26010,8 Britisch Südafrika (Kap u. Natal) 6337,8 16722,0 23 059,8 Spanien 15 827,7 5 339,7 21 167,4 Brasilien 9112,4 7 948,4 17 060,8 Italien 3 612,3 12 481,7 16094,0 Japan 2 954,3 13115,3 16 069,6 III. Einfuhr und Ausfuhr Deutschlands und der Vereinigten Staaten von und nach dem britischen Reiche. 1. Deutschlands Einfuhr Ausfuhr (in Mill. Mk.) 1906 von und nach Grossbritannien und den britischen Besitzungen in Europa 825,5 1070,2 Britisch Asien 357,6 114,4 „ Afrika 95,2 44,3 „ Amerika 21,4 26,7 „ Australien 179,6 64,3 Summe 1 479,3 1319,9 2. Der Vereinigten Staaten Rin r uhr Ausfuhr (in Mill. Mk.) 1905/06 von und nach Grossbritannien 882,1 2 427,7 Britisch Asien 282,1 31,3 „ Afrika 7.2 59,2 „ Amerika 329,7 654,3 „ Australien 48,4 121,5 Summe 1 549,5 3 294,0 47 Einfuhr von Ausfuhr nach dem brit. Reich 1906 in Millionen Mark Deutschlands 1479,3 1 319,9 Der Vereinigten Staaten 1 549,5 3 294,0 Also Deutschlands Einfuhrüberschuss 159,4 Millionen Mk. Der Vereinigten Staaten Ausfuhrüberschuss 1 744,5 „ „ IV. Deutschlands Einfuhr von und Ausfuhr nach Grossbritannien an den wichtigsten Industrieartikeln 1905 in Millionen Mark. Einfuhr Ausfuhr a. Textilwaren (Garne, baum(Garne, Baumwoll-, Wollge- wollene Gewebe, Woll- webe, Wirkwaren, fertige waren, Baumwolltüll) 164,7 Kleider) 220,2 b. Kohle 108,5 vakat c. Zucker vakat 140,1 d. Fische 35,4 vakat e. Seeschiffe (Ziffer für März bis Dezember 1906) 19,6 vakat f. Spielzeug ) 20,2 g. Teerfarben } vakat 18,1 h. Klaviere J 13,3 i. Eisenwaren (Weissblech, (Feine, grobe Eisen waren, Roheisen) Eck- und Winkeleisen, 14,9 Eisendraht) 52,3 k. Maschinen 16,8 16,8 V. Einfuhr aus Grossbritannien den britischen Kolonien den Verein. Staaten Deutschland den übrigen Ländern Kanadas (in 1000 Dollar) (1905/06) 69317=23,6% der Gesamteinfuhr cn O II 00 ©- 180726=61,4% 7040=2,4% 23053 = 7,8% Südafrikas 1905/06 19036=58,5% 3* 4013 = 12,3% 2981= 9,2% 2288=7% 4231 = 13% Australiens (1905) 523075=60,2% 8 5384=14% 4487 = 11,7% 2643=6,9% 2768,9=7,2 % Neuseelands (1906) 9003=59,2% 3887 = 25,6% 1406= 9,2% 337=2,2 % 578 = 3,8% 48 VI. Zuckereinfuhr Kanadas Deutschland England Westindien Britisch-Guyana aus 1900/01 3411881 1904/05 13000 456000 4000000 2500000 in Dollar 91786 169000 20000 Für Deutschland ist England weitaus der beste Markt, welcher die nächstfolgenden Märkte — Österreich-Ungarn, Russland, die Vereinigten Staaten — um mehrere hundert Millionen Mark an Aufnahmefähigkeit übertrifft. (Tabelle I). Der englische Markt ist für uns um so wichtiger, als Deutschland nicht die Kolonien besitzt, auf welche es sich — wie England — im Notfall zurückziehen könnte. Die Möglichkeit Chamber- lain’scher Zollpläne ist für Deutschland ausgeschlossen; Deutschland braucht fremde Märkte. Der mitteleuropäische Zollverein, welcher als Ersatz für den sich etwa verschliessenden englischen Markt empfohlen wird, ist demgegenüber ein nebelhaftes Gebilde. Selbständige Großstaaten werden den wichtigsten Teil ihrer Souveränität, welcher in der Handelspolitik zum Ausdruck kommt, zugunsten einer internationalen Oberinstanz nimmermehr aufgeben; sie werden sich nicht in Zollkriege verwickeln lassen, die sie nichts angehen. Weshalb sollte z. B. Österreich-Ungarn sich für Deutschlands Zwecke mit England oder den Vereinigten Staaten handelspolitisch Überwerfen? Noch weniger wäre Deutschland geneigt, sich in wichtigen handelspolitischen Fragen von Verl ragsgenossen überstimmen zu lassen. Der deutsche Zollverein kam einst zustande, weil in und mit ihm die Frage der politischen Vorherrschaft Preussens über die deutsche Kleinstaaterei entschieden wurde. Der grösserbritische Zollverein ist trotz aller Schwierigkeiten denkbar, weil die Herstellung eines gemeinsamen staatsrechtlichen Organs nicht ausgeschlossen ist. Ohne die Voraussetzung 49 umwälzender politischer Katastrophen ist das mitteleuropäische Zollparlament — Utopie 36 . Gegenüber derartig vagen Zukunftshoffnungen ist es jedenfalls weise, die vorhandenen Märkte zu pflegen. Wir werden uns wohl oder übel an den Gedanken gewöhnen müssen: der britische Freihandel ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir stützen ihn dadurch nicht, dass wir „offene Tür“ predigen und das Gegenteil tun. Insbesondere sollten wir in solchen Zöllen Mass halten, welche versteckte Ausfuhrprämien für unsere industrielle Ausfuhr ermöglichen. Jeder derartige Zoll wird von England als „unfair“ empfunden und ist ein Nagel zum Sarge des englischen Freihandels. Dieser Freihandel aber ist unser Interesse. Ein Wertzoll von io bis 20°/o, wie ihn Chamberlain vorschlug, würde bereits viele Zweige der deutschen Ausfuhr stark behindern, in einzelnen Fällen sogar prohibitiv wirken. Auch hätten wir eine weitere Verschärfung der Vorzugszölle zugunsten Englands auf dem Boden der britischen Kolonien zu fürchten. Noch vor wenigen Jahren versicherten deutsche Freihändler, dass Kanada die dem Mutterlande gewährten Vorzugszölle alsbald andern Staaten durch Handelsverträge zugänglich machen, dass keine weitere britische Kolonie dem kanadischen Beispiele folgen werde usw. Diese Prophezeiungen sind durch die Ereignisse widerlegt worden Selbst einer liberalen, scharf freihändlerischen Zentralregierung gegenüber sind die kolonialen Vorzugszölle nicht nur beibehalten, sondern noch erweitert worden. (Neuseeland 1907.) Auf der andern Seite wollen wir uns hüten, einen etwaigen Sieg der britischen Finanzreformer allzu tragisch zu nehmen. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass der britische Freihandel zu Vergeltungszöllen greift oder in Schutzzoll umschlägt, wie denn das neueste Patentgesetz einer liberalen Regierung durchaus schutzzöllnerischem Geiste entsprungen ist 37 . Bei Handelsverträgen würden wir einem schutzzöllnerischen England 4 50 ungewohnte Opfer bringen müssen. Aber bei dem ungeheuren Umfang der beiderseits in Betracht kommenden Interessen wäre ein befriedigendes Vertragsergebnis möglich und wünschenswert. Nur blinde Unvernunft könnte Handelsumsätze gefährden, welche, wie die zwischen Deutschland und dem britischen Reiche, beiderseits eine Milliarde Mark weit übersteigen. Ein sich auf seine Kolonien zurückziehendes England schüfe uns Ellbogenraum in der übrigen Welt, indem es sich insbesondere von den andern grossen Rohstofifgebieten handelspolitisch entfernte. Was wir auf dem Gebiet des britischen Reiches verlören, müssten wir in Russland, in Südamerika, im Orient und in Ostasien einzubringen suchen. Schon haben wir auf manchem dieser Märkte den Vorsprung. Um England auf neutralen Gebieten aus dem Sattel zu heben, dürften wir freilich uns selbst nicht hochschutzzöllnerisch einkapseln. Vielmehr weist Chamberlain uns auf den entgegengesetzten Weg als den, welchen er auf Grund riesigen Kolonialbesitzes seinen Landsleuten empfiehlt. Anderen Schutzzollgebieten gegenüber besässe ein massvoll schutz- zöllnerisches England eine heilsame Retorsionskraft. Es könnte vielleicht, einflussreicher als bisher, auch zu unsern Gunsten in der Richtung internationalen Zollabbau’s wirksam werden 38 . Aber wie immer seine Handelspolitik sich in Zukunft gestalte, jedenfalls hat Grossbritannien — nicht minder als Deutschland — ein dringliches Interesse an einer befriedigenden Gestaltung unserer gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Zweierlei kommt hiefür in Betracht. Noch ist Deutschland einer der wichtigsten Märkte des britischen Industriestaats — ein Markt, der an Aufnahmefähigkeit selbst von dem indischen Kaiserreich nicht übertrofifen wird. (Tab. II.) Noch führt Deutschland, im Gegensatz zu den kolonialen Rohstoffgebieten, hochwertige Industrieartikel in gewaltigen Beträgen von Grossbritannien ein. Vornan stehen feine Garne und Gewebe, Wolltuche, Baumwolltülle usw., daneben Maschinen und Seeschiffe. Recht eigentlich britische Erzeugnisse wie Seeschiffe und Fische 51 werden gegen ebenso eigentümlich deutsche Waren wie Teerfarben, Klaviere und Spielzeug zu etwa gleichen Werten getauscht. Noch beträgt der Anteil der deutschen Hochseefischerei erst ein Drittel des heimischen Fischbedarfs 39 . Deutschlands Markt öffnet sich britischen Luxusartikeln, wobei das Schwinden französischer, das Vordringen englischer Einflüsse im deutschen Lebenszuschnitt seine Rolle spielt. Dieser Umschwung aber, der doch die Rückkehr zu unserer eigensten Grundlage bedeutet, vollzieht sich „mit zwingender Strenge“ 40 . Trotzdem wird — angesichts der Tab. IV mitgeteilten Ziffern — den britischen Finanzreformern zuzugeben sein, dass Deutschland im Verhältnis zu England mehr und mehr in die Rolle des exportierenden Industriestaates hineinwächst. Insbesondere bahnt sich auf dem Gebiete der Textilindustrie zwischen beiden Ländern eine ausserordentlich reich gegliederte Arbeitsteilung an, wobei — vorwiegend in zweiten Qualitäten — Deutschland das Übergewicht behauptet. Der britischen Kohlenausfuhr nach Deutschland entspricht die Ausfuhr des höher verarbeiteten deutschen Zuckers nach England. Diese Ausfuhr ist allerdings kein sicherer Besitz Deutschlands, da der koloniale Rohrzucker, dessen Bundesgenossin die tropische Sonne ist, früher oder später den Rübenzucker auch von Freihandelsmärkten verdrängen dürfte. Diese Verdrängung hat sich unter dem Druck handelspolitischer Massregeln in Canada jäh vollzogen. (Vergl. Tab. VI.) Aber wenn für Deutschland der englische Markt heute immerhin wichtiger sein mag, als der deutsche Markt für Grossbritannien, so liegt das Verhältnis zum britischen Weltreich gerade umgekehrt. Deutschland ist von allen Ländern der Welt der kaufkräftigste Abnehmer grösserbritischer Rohprodukte und besitzt im Verhältnis zum britischen Reich eine entschieden passive Handelsbilanz. (Vergl. Tab. III.) Deutschland ist, wie ich an andrer Stelle nachzuweisen suchte, gegenüber manchen britischen Herrschaftsgebieten, z. B. Indien, als überwiegender Käufer nicht ohne Retorsionskraft. 52 In diesem Verhältnis spiegelt sich jene ungeheure Verschiebung der britischen Volkswirtschaft, die sich langsam, aber sicher in unsern Tagen vollzieht. Die Hauptstadt als der Geldgeber riesiger Rohstoffgebiete überwuchert den kleinenglischen Industriestaat, wobei der Reichsverband durch politische Ordnung die Sicherheit der ausgeliehenen Kapitalien gewährleistet. Die Ausbeutung kolonialer Neuländer und Arbeitskräfte ermöglicht nicht nur den breiten Lebenszuschnitt der britischen Mittelklassen, sondern damit auch die Lohnhöhe der englischen Industriearbeiter, deren Erzeugnisse in wachsendem Masse dem reichen heimischen Markte zufliessen. Der englische Arbeiteraristokrat steht auf den Schultern einer millionenköpfigen, farbigen Menschheit. Womit aber sollen diese Rohstoffgebiete ihre Zinsen an England begleichen, wenn nicht durch Rohstoffausfuhr nach Industrieländern? Grossbritannien selbst besitzt den Kolonien gegenüber vielfach nur schwach passive Handelsbilanzen, da die koloniale Welt auf Grund von Vorzugszöllen und verwandten Lebensgewohnheiten mit Vorliebe britische Industrieerzeugnisse kauft. (Vergleiche Tabelle V.) Umsomehr benötigen die britischen Kolonien zur Aufrechterhaltung ihrer Zahlungsbilanz der Ausfuhr in nicht britische Industriegebiete. Unter diesen steht Deutschland allen andern voran. Als Industriestaat ohne nennenswertes eigenes Kolonialreich ergänzt Deutschland recht eigentlich das grössere Britannien. Die Forderungen, welche den britischen Kolonien aus ihrer Rohstoffausfuhr gegen Deutschland erwachsen, dienen zur Zahlung ihrer Schuldzinsen an England. Sichern wir also durch starke Rüstung den politischen Frieden und nehmen dem englischen Volke den Anlass, sich über wirtschaftliche Ungerechtigkeit unsererseits zu beklagen! Dann dürfte England mit dem wirtschaftlichen und maritimen Aufschwung Neudeutschlands sich früher oder später versöhnen. Dann dürfte der alte Satz eines D. Hume und A. Smith wieder zum Durchbruch kommen, dass kapitalkräftige und volkreiche Nationen sich gegenseitig die nützlichsten Nachbarn sind. „Frei- 53 mütig wage ich es zu bekennen,“ sagt D. Hume, „dass ich nicht nur als Mensch, sondern auch als britischer Untertan den Aufschwung und die Blüte des Handels in Deutschland, Spanien, Italien und sogar auch in Frankreich wünsche“. Heute würde Hume sagen: „in Frankreich, sogar in Deutschland.“ Adam Smith aber setzt hinzu: „Eine Nation sollte die Reichtümer ihrer Nachbarn für einen Grund und eine Gelegenheit ansehen, selbst Reichtümer zu erwerben. Wenn eine Nation sich durch den auswärtigen Handel bereichern will, so hat sie leichtes Spiel, wofern ihre Nachbarn reiche, betriebsame und Handel treibende Völker sind 41 . „The well being of Germany cannot fail to bring advantages to England 42 .“ Deutschland — zum Frieden stark! Anmerkungen. 1 Bismarck. Gedanken und Erinnerungen. I, S. 171. 2 Vergl. für diese Frage jetzt: Morgenroth. Exportpolitik der Kartelle. Leipzig 1907. 3 Nr. 1—4. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1905 und 1907. Nr. 5—8. Report of the Tariff Commission Vol. I. London 1904, ergänzt durch Mulhall. Dictionary of Statistics, 4. Edit. 1903 und E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1906 und 1907. Die Ziffern für 1906 Tabelle 5 und 7 aus: Gemeinfassliche Darstellung des Eisenhüttenwesens. 6. Aufl. Düsseldorf. 1907. Nr. 9—11. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1905 und 1907. Nr. 12—14. Manchester Guardian v. 30. Dezember 1905. Vergl. etwas ältere Ziffern ad Baumwollindustrie bei Juraschek. Die Staaten Europa’s. Leipzig 1907. S. 550 ff. Nr. 15. Berechnet aus E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1906. 1. Teil, S. 55. Nr. 16. Statist. Jahrbuch für 1907. S. 18*. Nr. 17. E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1906. 1. Teil, S. 60. Nr. 18. Berechnet aus Statist. Jahrbuch für 1907. S. 26*. Nr. 19. E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1907. 1. Teil, S. 217. Nr. 20. Statist. Jahrbuch für 1907. S. 31*. Nr. 21. Statist. Jahrbuch für 1907. S. 35*. Nr. 22. Statist. Jahrbuch für 1907. S. 35*. Nr. 23. Berechnet aus Statist. Jahrbuch für 1907. S. 37 *. Nr. 24. Berechnet aus E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1907. 1. Teil, S. 205 (nach Lloyd’s Register 1906/07). Nr. 25. E. v. Halle. Die Weltwirtschaft 1907. I. Teil, S. 206. Nr. 26. Die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. Zusammengestellt im Reichsmarineamt. Berlin 1905. Nr. 27. Berechnet nach Statist. Jahrbuch für 1907. S. 54*. Nr. 28. Statist. Jahrbuch für 1907. S. 61*/62*. Die Ziffer für Amerika entstammt der Annual Review des Financial Chronicle. Nr. 29. P. Rohrbach. Deutschland unter den Weltvölkern. 2. Aufl. 1908. S. 158. Nr. 30. Denkschrift des Reichsmarineamts über die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. Berlin 1905. Nr. 31. Mulhall. The Dictionary of Statistics. 4. Edit. 1903. S. 747 und 818. * v. Schulze-Gävernitz. Britischer Imperialismus und englischer Freihandel 1906. S.344. 6 Lord Esher. National Review. Mai 1908. 56 • Rohrbach. Deutschland unter den Weltvölkern. 2. Aufl.Berlin-Schöneberg 1908. S. 181 ff. 7 Graf du Moulin Eckart. Englands Politik und die Mächte. München 1900. S. 73. 8 Walter Sichel. Disraeli, a study in personality and ideas. London. Methuen & Cie. 1904. S. 240. 9 H. Sieveking. Hamburger Kolonisationspläne 1840—42. Preuss. Jahrbücher. Bd. 86, H. 1. 10 Th. Carlyle. History of Friedrich II. of Prussia, called Frederick the Great. Vol. VIII. S. 256/257. Leipzig 1864. 11 Correspondence between Carlyle and Emerson. II, S. 225. 12 Miscellaneous Essays. Werke VI, S. 341. i8 Vergl. hiezu den Brief Carly les an einen Herrn Waldmüller, abgedruckt bei E. Fischer, Sartor Resartus. Leipzig 1882. S. 162. 14 Vergl. Horney. Der volkswirtschaftliche Wert der städtischen Fäkalien. Volkswirtschaftliche Abhandlungen der badischen Hochschulen. Karlsruhe 1908 passim. Passow. Agrikulturchemie. Leipzig 1901. S. 101. Denkschrift der badischen Anilin- und Sodafabrik über die Gewinnung von Salpeter aus der atmosphärischen Luft. 1907. Kali. Chi 1 i salpe t er 1904: 1905: (in 1000 Tonnen) Weltproduktion 1300 1400 Einfuhr nach Europa 1100 1110 „ „ Deutschland 500 515 „ „ Frankreich 210 245 „ „ England 120 100 Zeitschrift 1907. S. 63.) Verbrauch der deutschen Landwirtschaft an Kainit (zirka 12% Kali) 1902: in 1000 t 942 58 an 40% Kalidüngesalz (Nach Siemssen. Der Verbrauch an Kali in der deutschen Landwirtschaft. Ausfuhr an Abraumsalzen (weit überwiegend Kainit) Gesamtausfuhr 499 Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten 251 „ „ Grossbritannien 36 „ . Frankreich netto 25 Berlin 1903). 16 Gemeinfassliche Darstellung des Eisenhüttenwesens. Düsseldorf 1907. S. 121. 10 Die Angaben ad Indigo beruhen auf Jenke. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des künstlichen Indigo 1908. Diese Arbeit entstammt dem staatswissenschaftlichen Seminar der Universität Freiburg i. B. 17 The Outlook vom 10. März 1906. 18 National Review. August 1900. S. 932. 19 Berliner Korrespondenz vom 8. Dezember 1899. 20 Denkschrift des Reichsmarineamts 1905. 21 Saturday Review vom 11. September 1897. 22 Spectator vom 16. Januar 1897. 57 28 Denkschrift des Reichsmarineamts über die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt 1905: Über die Rheinhäfen gingen im Jahre 1903 nach Deutschland Seeeinfuhren im Werte von 1,5 Milliarden Mark, Seeausfuhren im Werte von mehr als 700 Millionen Mark. 24 Gedanken und Erinnerungen. Bd. II, S. 178. 25 Vergl. von Schulze-Gävernitz. Marx oder Kant. Freiburg i. B. 1908. S. 37. 26 Parvus. Marineforderungen, Kolonialpolitik und Arbeiterinteressen. Dresden, Verlag der Sächs. Arbeiter-Zeitung. Vergl. daselbst S. 18 folgendes köstliche Argument gegen die Flotte: „Gewiss, die Linienschiffe und Kreuzer sind gewaltige, starke Schiffe, ausgerüstet mit erstaunlichen Zerstörungswerkzeugen, aber gerade das macht sie schon wegen ihres langsamen, schwerfälligen Ganges sehr wenig geeignet zur Beschützung der flinken, leichten Handelsschiffe — eventuell aber können sie den eigenen Handelsschiffen durch ihren Schutz recht gefährlich werden. Bei dem weittragenden Schnellgeschützfeuer von schrecklicher Explosionskraft, das im Seekrieg zur Anwendung kommt, laufen die hölzernen Kauffahrteischiffe, die in die Gefechtslinie der sie beschützenden, wie der sie angreifenden Panzerungeheuer kommen, die grösste Gefahr.“ — Vergl. demgegenüber die sehr vernünftigen Worte Calwers in den sozialistischen Monatsheften. 1905, 2, S. 741, 743. „Der ökonomische Konkurrenzkampf lässt sich nicht von heute auf morgen abschwächen oder gar beseitigen, er ist ebenso ernst, vielleicht noch ernster als ein blutiger Krieg.“ „Wenn England neuerdings dazu übergeht, seine Kolonialgebiete mit dem Mutterland zollpolitisch zu vereinigen, so geschieht es aus dem Grunde, weil es den Wettbewerb Deutschlands und auch der Vereinigten Staaten auf dem Weltmarkt richtig bewertet und frühzeitig dafür Sorge trägt, einen grossen Teil der Welt in einen Vorzugsmarkt für britische Erzeugnisse umzugestalten. Von diesem hier gekennzeichneten ökonomischen Lebensinteresse Englands wird in letzter Linie auch seine Weltpolitik bestimmt. Alle schönen Wünsche und Reden, ob sie nun aus England selbst vereinzelt zu vernehmen sind, oder von ausserhalb stammen, ändern an der Kraft, mit der sich dieses Lebensinteresse geltend macht, nichts. Wer der Verwirklichung dieses Lebensinteresses entgegensteht, oder auch nur entgegenzustehen scheint, ist eben ein natürlicher Gegner Englands.“ Vergl. auch Bernstein. Die Voraussetzungen des Sozialismus. Stuttgart 1906, S. 144 ff. 27 Outlook vom 17. November 1900: „We shall go on to build ships against Germany, untill the competition is abandoned.“ 28 Vergl. Fr. Zahn, Finanzen der Grossmächte. Berlin 1908, insbesondere Tabelle S. 60. Nicht mangelnde Steuerfähigkeit, sondern Steuerwilligkeit. Vergl. Zahn, a. a. O. S. 63: „Nach Berechnungen J. Lißners (Die deutsche Tabaksteuerfrage. Leipzig 1907, insbesondere S. 141) gab das deutsche Volk für seinen Rauchgenuss 1877: 239.5 Mill. Mk., 1905 aber 573.2 Mill. Mk., also 334 Mill. Mk. mehr aus Nach der in diesem Zeiträume vor sich gegangenen Bevölkerungsvermehrung um 45 °/o hätte die Aufwandsteigerung 108 Mill. Mk. betragen müssen. Die natürliche Aufwandsteigerung wurde infolge der deutschen Wohlstandsentwickelung also noch um 226 Mill. Mk. übertroffen. Pro Kopf der Bevölkerung betrug nach Lißner der Jahresaufwand für Rauchzwecke: 1877 5.67 Mk. einschliesslich 0.40 Mk. Steuer 1893 7.91 » » 1.09 » » 1903 9.11 » n 1.17 „ » 1905 9.48 n n 1.17 » 1) 58 Dss „freihändlerische“ Grossbritannien erhob 1906 an Zöllen 17.13 Mk. pro Kopf der Bevölkerung, Deutschland nur 10.34 Mk., Frankreich nur 8.39 Mk. Weitere sehr instruktive Ziffern vergl. im Wörterbuch der Volkswirtschaft in 2 Bänden, herausgegeben von L. Elster. 2. Aufl. Jena 1907, Band II, S. 1049: Grossbritannien Tabakverbrauch pro Kopf in kg 0.74 Netto - Steuerertrag pro Kopf in Mk. 5.68 Vereinigte Staaten 2.52 3.86 Deutschland 1.55 1.18 Frankreich 0.99 6.87 29 Vergl.v. Schulze-Gävernitz. Britischer Imperialismus und englischer Freihandel. 1906. S. 88, 427. 30 In ähnlicher Weise misst der bekannte Benjamin Kidd Deutschland einen Ehrgeiz bei „von der Rheinmündung zum Euphrattal“. Nineteenth Century. Juli 1903. Der geistvolle Herausgeber des Observer, Herr Garvin, erklärt die Einigung Deutschlands 1871 erst begonnen, nicht vollendet. Durch die Aufsaugung Hollands und Deutsch-Österreichs werde Deutschland die erste Seemacht (neben den Vereinigten Staaten) werden. Vergl. Garvin. The principles of constructive economics, S. 45. 81 Kuno Fischer. Geschichte der neuern Philosophie. 8. Bd. Hegels Leben, Werke und Lehre. I. Teil S. 327/328. 82 Mahan. Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte. Berlin, Mittler 1899. II., S. 293 : „Nur die Beherrschung der die britischen Inseln umgebenden Gewässer führt zur Vernichtung der britischen Staatsmacht. Als Vorstufe dazu muss die britische Flotte durch Überlegenheit an Zahl oder Geschick lahm gelegt werden.“ 88 In der Empire Review Juni 1905 stellt J. L. Bashford entgegen der National Review fest, „dass nicht ein einziger kompetenter deutscher Seeoffizier den Gedanken eines deutschen Angriffs auf die englische Küste als innerhalb der Wahrscheinlichkeit liegend betrachtet.“ Sehr vernünftig schliesst er mit den Worten: „Es muss unser Grundsatz sein, unser Augenmerk auf den Fortschritt der deutschen Flotte zu richten, aber indem wir dies tun, denke ich, dass wir als Engländer immer bereit sein werden, „fair play“ und ehrenhafte Methoden anzuwenden.“ 84 So Fürst Bülow zu J. L. Bashford im Nineteenth Century. Dezember 1904. S. 880. In diesem Sinne äusserte sich auch Lord Roseberry im House of Lords am 13. April 1905 hinsichtlich der englischfranzösischen Entente: I welcome all our international sympathies, but I view with alarm and distrust the simultaneous growth of international antipathies. The one is not necessarily the consequence of the other, and I, for my part, warmly as I welcome the generous eloquence of international sympathy, prefer to see, as the basis of our foreign policy, a more cold-blooded vigilance and reckoning of all the great forces which move in the world, and not the exclusive of fixing of attention on one or two. 86 I. Statist. Jahrbuch für das Deutsche Reich 1907, S. 170 bis 174. II. Statistical Abstract for the United Kingdom. London 1907, S. 64 bis 71. III. Statist. Jahrbuch für 1907, S. 170 bis 173. IV. Statist. Jahrbuch für 1907, S. 202 bis 204. V. E. Trescher. Vorzugszölle. Berlin, Siemenroth 1908, S. 37, 41, 43, 45. VI. Daselbst. S. 61. 59 89 Mit Recht erklärt den mitteleuropäischen Zollverein für unmöglich Blondel. La poli- tique protection niste en Angleterre. Paris 1904. S. 153. 87 Vergl. Mitteilungen des Handelsvertragsvereins vom 20. Mai 1908, S. 79: „In der Handelskammer von Liverpool wurde die Mitteilung gemacht, dass infolge des dem Gesetzbuche einverleibten Patentgesetzes von 1907 25 Mill. Lstr. ausländischen Kapitals in England angelegt worden seien zur Herstellung von Handelsartikeln, die bisher im Ausland hergestellt worden sind, aber unter den neuen Verordnungen in England fabriziert werden müssen. Nicht weniger als 8000 ausländische Patente sind nämlich in England eingeschrieben, deren Besitzer jetzt vor die Wahl gestellt sind, entweder auf den englischen Markt zu verzichten oder in England eigene Betriebe anzulegen.“ 88 Vergl. den interessanten Aufsatz Schäffles: Mitteleuropa und Weltbritannien in der „Zukunft“ vom 12. Mai 1894, S. 256. Auch in seinem „Votum“ Tübingen 1901, S. 204 hält Schäffle an dieser Auffassung fest. 89 Vergl. die öfters zitierte Denkschrift des Reichsmarineamtes 1905, S. 117. 40 Muthesius bei von Halle. Die Weltwirtschaft 1906. I. Teil, S. 321: „Statt der französischen beginnen die englischen Formen führend zu werden. Der Uebergang vollzieht sich fast unbewusst, aber mit zwingender Strenge. Daran ändert kein Feindschaftsgefühl zu England etwas, und selbst ein Krieg mit England würde auf diesen Prozess keinen Einfluss haben.“ 41 D. Hume, Nationalökonomische Abhandlungen. Leipzig 1877, S. 58. A. Smith, Wealth of nations. Viertes Buch, drittes Kapitel, zweite Abteilung. 42 Vergl. Hugh Bell in der Independent Review. Oktober 1903, S. 66. Äfl ' kiL sc; •.***& pä ;c; ■ * * .* < ■ " ^ ■;• .>*/ lnBgJ»«}v----: si '{ XB &$3% s . -5- <~*^r A . iaSfe-Prf*; •3$ ha f.(telan3 m ’aiüÄI^St.ä 'steejpsd bnß}'4JS/ v ipi . .... 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