England und Deutschland von Gerhard v. Schulze-Gaevernitz Pros. der Nationalökonomie an der - Universität Freiburg i. Bl. - Dritte und vierte Auflage Buchholz L Weißwange Verlags-Buchhandlung G.m.b.K.Berlin-Schöneberg England und Deutschland Von Pros. Dr. v. Schulze-Gaevernitz Dritte und vierte Auflage Fortschritt(Buchverlag der „Hilfe"), G.in.b.H. - Berlin-Schöneberg 1911 - Copyright 1911 by Vuchverlag der „Hilfe" G. m. b. H, Berlin-Schöneberg Gedruckt bei Mb. Sayffaerth (Otto Fleck), Berlin-Schöneberg Eine rvirtschaftspolitische Studie. „England und Deutschland" — wieviel der Stimmung und der Verstimmung ist in diesen Worten beschlossen — wieviel Gefühlswallung, die gelegentlich zur Weißglut des Hasses aufflammt, um ebenso schnell wieder abzubrennen! Ist dann der Rauch verflogen, so lächelt ein wolkenloser Himmel auf Massenbesuche und Verbrüderungsfeste herab, durch welche neue Freundschaft und alte Blutsverwandtschaft — öfters etwas zu geräuschvoll — bekräftigt werden soll. Der Hochstand des politischen Wetterglases begünstigt zurzeit — wie lange? — ruhig vorurteilslose Erwägung. Prüfen wir also: Gibt es eine deutsch-englische „Frage", und was ist ihr Wesen? Bei der Beantwortung dieser Frage schieben wir die wirtschaftliche Seite der Sache in den Vordergrund. Ist auch die Wirtschaft nicht die Herrin der Politik, so ist sie doch — wie die Amme der Heldin in der Tragödie — eine vielvermögende Dienerin. Ihr Leitfaden führt zu jener „Unabhängigkeit der Entschließungen von den Eindrücken der Abneigung oder Vorliebe für fremde Staaten", die Bismarcks Ideal war. Sehr Wohl aber läßt sich mit solcher Betrachtungsweise die eine politische Leidenschaft vereinen, welche zugleich Pflicht ist: ruhig starke Liebe zum Vaterlande als die höchste irdische Bestimmung des menschlichen Willens überhaupt. Sind doch Nationen die Strahlen, in denen das göttliche Licht sich auf Erden am großartigsten auseinanderfaltet. Je mehr wir selbst in die Tiefe dieses Fichteschen Gedankens hineinwachsen, um so mehr werden wir nationalpolitische Zielsetzung auch bei der fremden Nation und ihren Staatsmännern anerkennen und zu ehren bereit sein. Sicherlich ist für Verständigung bereits vieles erreicht, wenn man sich beiderseits auf die weitsichtige Wahrnehmung der eigenen Interessen zurückzieht, ohne von der anderen Seite mehr zu verlangen. Vieles, was sonst trennend wirkte, fällt für diesen vielleicht nüchternen, aber sachgemäßen Standpunkt in das Nichts zusammen. Erinnern wir uns: schon im Krimkriege verlangte Bismarck nicht eine russische, nicht eine englische, sondern eine lediglich „preußische" Politik. Wäre ihm die Notwendigkeit eines Krieges erwiesen worden, so hätte er, wie er sagte, die deutschen Soldaten mit gleicher Genugtuung auf russische, französische oder englische Truppen feuern sehen; in Friedenszeiten dagegen, und wenn man keinen Krieg beabsichtigt, erschienen ihm internationale Verstimmungen als „mutwillige Selbst- schwächung". I. Werfen wir zunächst einen Blick auf Großbritannien. Bekanntlich hat England seit Jahrhunderten auswärtige Fragen überwiegend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt — ein Kaufmann, der dem Kavalier das „alberne Ruhmgeschäft" überließ: mochte letzterer die britische „Krämerpolitik" verachten, der Brite hat inzwischen die Welt eingeheimst. Nach fast zweihundert- jährigem Kampfe gegen Frankreich ist England — nicht ohne Hilfe deutscher Waffen, die es besoldete — im neunzehnten Jahrhundert zur Weltherrschaft emporgestiegen. Seit den Napoleonischen Kriegen war England allen Mitbewerbern auf politischem wie wirtschaftlichem Gebiete unerreichbar voran. Mit der Seeherrschaft besaß es das Monopol der Kolonien, an welchen die andern Nationen nur so weit Anteil hatten, als es der britischen Vormacht gefiel. In den meisten überseeischen Zonen vertrat der Brite den Europäer überhaupt. Großbritanniens Weltherrschaft war der längst begrabenen Größe des alten Rom vergleichbar. 4 Als England 1846 zum Freihandel überging, war die Welt britisches Wirtschaftsgebiet. England nannte sich mit Stolz „die Werkstatt der Welt". Es hoffte, daß die übrigen Nationen zum Freihandel übergehen und fortfahren würden, Rohstoffe und Nahrungsmittel gegen englische Gewerbeerzeugnisse auszutauschen. Der Größe des damaligen England war der Globus gerade groß genug. Nur derjenige versteht die großen Manchesterleute Englands — einen Cobden, I. Bright —, der den Freihandel als Mittel der britischen Weltherrschaft erfaßt: Beherrschung der Welt durch den Handlungsreisenden und den Preiskurant. Damals durfte der Brite Kosmopolit sein, weil britisches Interesse und Menschheitsinteresse für ihn zusammenfielen. Insbesondere zeigte sich diese Verkuppelung idealer Menschheitsintcresscn und höchst realer britischer Wirtschaftsinteressen bei der Loslösung der spanischen und portugiesischen Kolonialgebiete von ihren Mutterländern. „Spanisch-Amerika frei und, wenn wir unsere Sache nicht sehr schlecht führen, englisch." Mit Recht konnte Grillparzer solcher Freiheitsfreundlichkeit die Worte zurufen: „Ihr schwärmt entzückt mit begeisterten Blicken Mir die Freiheit der Länder, die ohne Fabriken." Aber die anderen Nationen waren weit entfernt, dem Sirenengesänge der Freihändler zu folgen. Fr. List forderte die allseitige Ausbildung der menschlichen Fähigkeiten für die Nation auch auf wirtschaftlichem Gebiete; er forderte neben der Landwirtschaft, insbesondere für die Vereinigteil Staaten und für Deutschland, den Ausbau des Großgewerbes und der Schiffahrt. Eine Nation ohne Industrie schien ihm „ein Individuum mit einem Arm, das sich eines fremden Armes bedient, dessen Beihilfe es aber nicht für alle Fälle versichert ist". Eine Nation ohne Schiffahrt war ihm „ein Vogel ohne Flügel, ein Fisch ohne Flossen, ein zahnloser Löwe, ein Hirsch an der Krücke, ein Ritter mit hölzernem Schwert, ein Helote und ein Knecht der Menschheit". Großbritannien aber war damals der Industriestaat und der Frachtführer der Welt. Daher wandten sich die Bestrebungen Lifts natürlicherweise gegen England. Auf die Wasserkante war der Blick dieses großen Süddeutschen gerichtet, der eine ferne Zukunft vorausnahm. „Ihr aber," rief er seinen Landsleuten zu, „die ihr gegen die Wiederkehr gallischer Herrschaft eifert, solltet ihr es erträglicher oder ruhmvoller finden, daß eure Ströme und Häfen, eure Ufer und Meere fortan unter dem Einfluß der britischen stehen?" Den Ratschlägen Lifts folgend, errichteten die Vereinigten Staaten und Deutschland hinter Schutzzöllen ein aufblühendes Großgewerbe. Mit der Zeit entwickelten sie eine gewerbliche Ausfuhr, die bei der großen Aufnahme- fähigkeit Englands sich vielfach gerade dem englischen Markte zuwandte. Dagegen verharrten sie — selbst aus- fuhrfähig geworden — beim Schutzzoll und erschwerten nach wie vor der britischen Ware den Zugang zu ihren eigenen Märkten. Solch „einseitiger Freihandel" erschien dem Durchschnittsengländer seit jeher als unbillig. Eine weitere Tatsache hat diese Stimmungen verschärft: die sogenannte „aggressive Schutzzollpolitik", welche Deutschland und die Vereinigten Staaten seit den neunziger Jahren einschlugen. Man versteht darunter die sattsam bekannte Gepflogenheit deutscher Kartelle und amerikanischer Trusts, auf dem inneren Markte die Konkurrenz auszuschalten, die inländischen Preise — häufig um den vollen Betrag des Zolles — zu steigern und auf Grund dieser inländischen Preissteigerungen die Auslandspreise herabzusetzen. Durch „Schleuderkonkurrenz" — so klagt man in England — bedrohe das Ausland zahlreiche an sich lebenskräftige englische Industrien. Erst „ckumpinA" erzeugte in England jene Bewegung für Vergeltung, welche mit durchaus freihändlerischer Grundüberzeugung vereinbar ist. Aber auch abgesehen von diesen immerhin mehr örtlichen Beschwerden fällt es dem Briten begreiflicherweise schwer, seine Wirtschaftssuprematie durch neu empor- 6 kommende Mächte bedroht zu sehen. Es fällt ihm dies um so schwerer, als mit der wirtschaftlichen auch die politische Vorherrschaft in Frage gestellt ist. Kriegsschiffe sind Maschinen — die kostspieligsten aller Maschinen — und jede Nation kann sie, auch unabhängig von langgestreckter Küstenentwicklung, in dem Maße besitzen, als es ihr gelingt, den kapitalistischen Schwerpunkt der Welt in ihr eigenes Gebiet zu rücken. Das Geschlecht, welches heute Großbritannien regiert, übt in der vierten Generation die Weltherrschaft der Vorfahren; nicht leicht wird es ihm, in die Rolle des xrimu8 iutor xares hinabzusteigen. Die angedeuteten wirtschaftlichen Verschiebungen erhellen aus folgender Tabelle: Großbritannien Ver. Staaten Deutschland Frankreich 1. Bevölkerung überhaupt 41458721 76212188 60641278 39 252 267 Ziihltermin 31. III. 1901 1. VI. 1900 1. XU. 1905 4.IU.1906 2. a) Zunahme während der letzten Volkszählungsperiode durchsetzn, jährl. 372580 1 314242 854820 58 06t 1>) Zunahme in der mittleren Bevölkerung 0,90 IM 1,46 0,15 3. a) Außenhandel .oosi 2 -u (Summe von W-kA Aus- u. Ein- fnhr im Spe- igM ZS zialhandel). 10344.8 12783.5 18326.5 19994.8 b> InProzenten 1886 100 des britischen 1896 100 Außenhandels 1906 100 5423,4 5847,4 6040,1 6816,1 7 832,3 5831,6 12311,8 14380,9 8 218,4 — 15 597,8 9 271,7 52 56 58 53 60 45 67 78 44 4. Kohlengewinnung -- (Stein- u. Braun- kohlen) S 164721 272114 118524 76233 425056 205727 21288 36930 5. Roheisenerzeugung 1876—1880 , Jahresdurch- 6 660 1896 1900 schnitt in 8890 1907 >1000 Tonnen 10083 2 200 2 IM 1450 11490 7 310 2480 26194 12875 3 589 6. Eisenverbrauch pro Kopf 1850 i . IM! °ngl.ld-. 170 400 412 56 290 517 27 2M 367 37 112 165 (a. 1905) 7. Rohstahlerzeugung 1876-1880 > in 1020 810 510 290 1896-1900 s 1000 4660 8450 5 520 1260 1906 1 Tonnen 6566 23738 11135 2871 8. Stahlverbrauch pro Kopf 1876-1880 > . 1896-1900 6t '67 25 258 247 216 1902 j°ngl.Ibv. 253 404 282 9. Baumwollspindeln 1907 52 500 000 1907 25681000 1906 9 730000 1906 6750000 Großbritannien Ver. Staaten Deutschland Frankreich 10. Baumwollwebstühlc 1907 725 000 1907 536 000 1906 230000 1906 III090 11. Baumwollverbrauch in BallcnI.Spt.I906- 31 Aug.1907 ^ ! 3462823 4 987000 1661180 923423 12. ProduktiondervierHaupt- getreidearten 1004 1 in 1000 IM I Tonnen 5045 5700 (Dazu Mais) 32940 63000 24196 35670 69700 21000 14 508 16382 1S. Zuckcrcrzeugung I8RM, . looo/oi ; ^ 1906/07 k Rüben-u. Rohrzucker zusamnien 330 316 1 821 223 vakat 355690 1 979118 711209 2 017842 668546 1040 294 676036 14. Viehbestand a) Rindvieh k) Schafe v) Schweine 1906 7010856 25420360 2323461 1908 1907 71267000 20589856 54631009 7681072 56084000 22080008 1906 13 968 014 17 461397 7 049 012 15. Bricfscndungen pro Kopf 1906 102,1 I27F 88,3 71,8 16. Eisenbahnnetz End- 1890 I . . ^ Ende 1906 ! 32 297 37107 268409 361579 42869 57376 36895 47142 17. Überschuß der Eisenbahnen in "/o des Anlagekapitals 1904 3,4 2,04 5,7 42 18. Seeverkehr Anßenvcrkchr mit eigenen Schiffen 1900 1 in 1000 Reg.- 1905 I Tonnen netto 62711 70963 12 798 15192 14 301 18 646 9994 12051 19. Tonnengehalt der Handelsflotte 1906/07 ZeS" > "cito i" Summe silieg.-^.onn. (einschl.d. gr. Seen u. d. Philippinen) 9320576 1 999711 1 174 440 1 413 833 10 495016 3 413544 2081 205 434610 2 515815 727047 487458 1 214 505 20. Schiffsbauten ausschl. der Kriegsschiffe. Tonnage 1906 1828342 431 637 318330 35109 21. Unterseekabel (Staat und private Ges. zus.) iu bin 1903 247 867 74 945 18559 37 562 22. Kurse der 3>/o Staatsanleihen im Durchschnitt I0ö,9 von 1906 (2-/-»/° Konsols 88,32) 103-/» 87,73 97,65 2S. Ausgaben insgesamt für Wehrzwccke in Mill. Mk. Ausgaben für Wehrzwecke pro Kopf 1906/07 1200 27,3 M. 1906 970 11,7 M. 1907/08 1080 17,1 M. 1907 675 21,3 M. 24. Kriegsflotte. Marineausgaben (in Mill. Mark) 1903 Ausgaben pro Kopf 1903 ZahlderKriegsschiffe 1907 Stärke derselben in Points 1907 734 17,7 M. 96 837 349 4,58 M. 44 421 210 3,72 M. 38 349 251. 0.44 M. 54 404 25. Steuerertrag 1906 pro Kopf in Mark aus Nahrungsmitteln u. Kolonialwaren aus Getränken aus Tabak 6,65 17,75 6,32 3,47 10,81 3,67 10,00 4,48 I.4Z 6.30 9.58 7.75 8 Vorstehende Ziffern zeigen die drei germanischen Nationen als die wirtschaftlichen Vormächte der Welt. Frankreich — die vierte dieser Mächte — ist durch weiten Abstand von ihnen getrennt. In der Baumwollindustrie, der Schiffahrt und dem Schiffsbau behauptet Großbritannien noch heute seine überragende Stellung. Noch ist London — zwar nicht mehr unangefochten — der leitende Bank- und Börsenplatz der Welt. Noch besitzt Großbritannien mehr als die Hälfte allen Schiffsraums und nennt mehr große Reedereien sein eigen, als alle andern Nationen zusammengenommen. Noch baut Großbritannien die Mehrzahl aller Schiffe, die den Ozean befahren; immerhin sank sein Anteil am Weltschiffsbau 1892 bis 1907 von 83,1 auf 57,9->/o. (Vergl. Tab. 18—21.) Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Baumwollindustrie, an welcher der britische Kapitalismus und Freihandel dereinst in die Höhe rankte, einen neuen Aufschwung genommen, der ihre Überlegenheit für Jahrzehnte festlegt. Von 1903 zu 1907 vermehrte sich die Zahl der Baumwollspindeln um 17Vs°/o, die der Baumwollwebstühle um 12»/o. Wie in den goldenen Tagen Ure's zahlten die englischen Baumwollspinnereien im Jahre 1907 eine Durchschnittsdividende von 15"/8°/»- (Vergl. Tab. 9-11.) Frankreichs wirtschaftliche Weltstellung beruht auf altererbtem Kapital, das durch nüchterne Lebensgewohnheiten und Geburtenbeschränkung noch heute vermehrt wird. Ein Rentnerstaat, agrarischer Selbstversorgung zuneigend, übt Frankreich als Geldmarkt und als Land niedrigster Diskontsätze einen weitreichenden internationalen Einfluß. Die Vereinigten Staaten haben auf Grund ungeheurer Fläche, riesiger Rohstofferzeugung und fast doppelt so starker Bevölkerung das britische Mutterland endgültig überholt; sie sind heute die erste Wirtschaftsmacht der Welt, u. a. auch die größten Erzeuger von Edelmetall (Gold-s-Silber), von Baumwolle und Erdöl. Slber ihre wirtschaftliche Struktur ist eine andere als die Großbritanniens. Noch sind die Vereinigten Staaten überwiegend Binnenland, das erst neuerdings bewußtermaßen Seeinteressen anbaut. Noch 1900 war in der Landwirtschaft doppelt so viel Kapital angelegt als in der Industrie mit Ausnahme des Bergbaus. Der Turmbau der Trusts ruht auf der breiten Schulter des Farmers. Immerhin liegt die Entwicklung der amerikanischen Industrie — bei verwandten Lebensgewohnheiten — vielfach in der Richtung der englischen. Zwischen beiden Staaten entwickelt sich ein gewisser Parallelismus der gewerblichen Erzeugung — überwiegend angewandter Physik — und damit eine unvermeidliche Rivalität. Britische Sachverständige stimmen dahin überein, daß England den Mitbewerb der Vereinigten Staaten auf die Dauer weit mehr zu fürchten habe als den Deutsch!- lands. Man spricht — zurzeit übertreibend — von einer „Amerikanisierung" des britischen Marktes. Zweifellos besteht eine solche Amerikanisierung des kanadischen Marktes, insbesondere in Stahl, Eisen, Maschinen, in Baumwolle und Lederwaren. Aber dem stärksten und gefährlichsten Mitbewerber gegenüber ist England durch Sprach- und Kultnrgemeinschaft und, was mehr sagt, durch politische Ohnmacht gebunden. Nicht allein Englands kanadisches Herrschaftsgebiet steht auf dem Wohlwollen der Vereinigten Staaten. Auch die Herrschaft über den Stillen Ozean ist, nachdem 80°/» der britischen Seemacht in der Nordsee versammelt wurden, an Amerika und Japan übergegangen, deren Zwiespalt des Briten Glück ist. England umschmeichelt die „Tochternation" jenseits des Atlantik. Deutschland steht — alles in allem genommen — hinter Großbritannien noch erheblich zurück, nähert sich ihm aber zusehends auf Grund größeren Bevölkerungszuwachses und breiterer landwirtschaftlicher Grundlage; einer britischen, noch immer abnehmenden Landbevölkerung von etwa 5 Will. steht eine deutsche von etwa 18 Mill. gegenüber. Um so verständlicher ist es, wenn die britische Verstimmung an dem Punkte des „geringeren Wider- standes" einsetzt und gegen den schwächeren Mitbewerber sich wendet — den Vetter Landratte — dem es einfiel, auch zur See zu fahren. Dem deutschen Michel hatte man mitleidig die Wolkenregion der Gedanken überlassen, und gerade ihm wurde die Wissenschaft die Führerin zur Praxis. II. Werfen wir nunmehr einen Blick auf Deutschland. Gerechterweise müssen wir zugestehen, daß die Verstimmung auf britischer Seite tiefer begründet ist als auf der unsern. Gedenken wir unserer politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und unseres fabelhaften Aufstiegs, den England jedenfalls nicht gehindert, ja, ohne es zu wollen, sogar gefördert hat. Die älteren Liberalen Deutschlands haben englisches Wesen in jenen Tagen blind verehrt, da der deutsche Idealismus unfähig erschien, die deutsche Wirklichkeit zu gestalten. Auch heute noch gibt es Nachzügler, denen alles Englische — bloß weil es englisch ist — vornehüi und unübertrefflich erscheint. Demgegenüber betont ein jüngeres Geschlecht, das in Treitschkes Schule gegangen ist — öfters übertreibend — den nationalen Eigenwert. Es hält den Kopf um so höher, als bis vor kurzem der Durchschnittsengländer deutschem Wesen gegenüber die Miene gönnerhafter Überlegenheit zur Schau trug. Hierzu kommt die Meinung, daß jeder Fortschritt Deutschlands bislang dem zähen Widerstände Englands abzuringen war, — ferner der Argwohn, daß England auch heute, wo es kann, dritte Nationen — die Vereinigten Staaten, Frankreich, Japan, ja sogar Rußland — gegen uns auszuspielen versucht. Man fürchtet die vielbesprochene „Einkreisung" Deutschlands durüi ein System britischer Bündnisse und Verständigungen. Diese für die Gegenwart vielleicht irrige Meinung knüpft an die geschichtliche Tatsache an, daß uns das offizielle England seit Waterloo während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts entgegengearbeitet hat. England war es, welches auf dem Wiener Kongreß die Neubegründung der von Bülow eroberten Niederlande durchsetzte, deren südlicher Teil mit Antwerpen noch bis zu den Revolutionskriegen deutsches Reichsgebiet gewesen war. Auch später suchte England das werdende Deutschland vom Meere abzudrängen, so insbesondere in der Frage der Elbherzog- tümer. Palmerston hatte die Nation hinter sich, wenn er unsern Krieg gegen Dänemark als „verbrecherisch" brandmarkte. Disraeli bezeichnete den Krieg von 1866 als die „deutsche Revolution", welche das ganze Gleichgewicht Europas hauptsächlich zum Schaden Englands verschöbe. Englische Einflüsse waren es, welche im entscheidenden Zeitpunkte des deutsch-französischen Krieges die Beschießung von Paris verzögerten und damit eine weltgeschichtliche Entscheidung gegen uns zu fälschen drohten. Während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts scheiterten mannigfache deutsche Kolonisationspläne, z. B. die des Hamburger Syndikus Sieveking, an dem Widerspruch der britischen Regierung: kaufmännischer Wagemut war machtlos ohne den Rückhalt an einem geeinten, seestarken Hinterland». Der Hanseat erschien dem Angelsachsen damals wie das Huhu, das im Stalle der edlen Rosse ein Körnlein pickt, und das man — sobald es lästig wird — mit einem Fußtritt verjagt. Wir wollen uns hüten, den englischen Staatsmännern einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie die Interessen ihres Landes gegen uns wahrnahmen. Sie waren die Treuhänder ihres Volkes und fürchteten als solche das Emporkommen einer Großmacht an der Elb- und Wesermündung. Trifft sie vom britischen Standpunkt aus ein Vorwurf, so ist es der, daß sie nicht stark genug waren, Deutschlands Einigung rechtzeitig zu hintertreiben, und daß sie später Deutschlands Aufstieg durch gelegentliche Nadelstiche bekämpften, statt mit der dennoch siegreichen Sache sich rechtzeitig zu verbünden. Auch wollen wir nicht vergessen, daß während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts eine deutschfreundliche 12 Nebenströmung den britischen Staatsmännern ihre gegen lins gerichtete Arbeit erschwerte — eine Strömung, von der die Königin selber nicht unberührt war. Dankbar gedenken wir insbesondere des großen Geistes, der weithin die Ära Viktorias beeinflußte — unseres Freundes, wenn je einer im Auslande gelebt hat. Thomas Carlyle erzog die besten seiner Lands- leutc zum Verständnis des aus Altpreußen herauswachsenden Neudeutschland — welches weder auf erloschenen Traditionen, noch auf radikalen Wahnvorstellungen, sondern auf Tatsachen beruhe. Von allem, was er bei seinem zweimaligen Besuche in Deutschland gesehen, gefielen ihm die preußischen Soldaten am meisten mit ihrem „intelligenten Schweigen" — seltsam gewiß für einen westeuropäischen Philosophen vor 1866 und 1870! Als Greis erlebte Carlyle die Genugtuung, seine Auffassung der deutschen Frage bewahrheitet zu sehen. „Es war," schrieb er 1867, „eine ganz klare Prophezeiung, daß Deutschland entweder ehrlich preußisch werde oder zu allmählicher Auflösung kommen mußte. Aber wer von uns erwartete, daß wir selbst, anstatt unserer Kindeskinder, es lebend schauen würden!" — „Deutschland steht fürderhin auf eigenen Füßen," bemerkte Carlyle bereits in einem Briefe an Neuberg vom 23. August 1866, „es wird nicht mehr auf der Landstraße zergliedert werden, sondern allen Arten von Napoleons und hungrigen, schmarotzenden Hunden mit blankem Stahl in der Hand und einem ehrlichen Ziel im Herzen entgegentreten — dies scheint mir die beste Nachricht zu sein, die Europa seit vierzig Jahren oder mehr gehört hat. Möge der Himmel das Werk segnen!" — „Von keinem so merkwürdigen Kriege," schrieb Carlyle in sein Tagebuch im September 1870, „habe ich je gelesen, und ich erwarte, daß seine Resultate heilsamer, großartiger und hoffnungsvoller sein werden, als die von irgendwelchen Kriegen meiner Zeit." Indem Deutschland „den Vorsitz in Europa" angetreten habe, meinte er, sei für Europa eine weitere Frist von mehreren Jahrhunderten 13 gestellt zu dem Versuche, die in ihm vorhandenen Keime des sozialen Neuaufbaues zu entwickeln. Auch öffentlich hat Carlyle seine Stimme zugunsten Deutschlands erhoben. Man erinnere sich, daß mit der völligen Niederlage Frankreichs die britische Volksstimmung scharf gegen Deutschland aufwallte, insbesondere als Deutschland auf territorialer Abtretung bestand. Zu der Zeit, als die Wogen der Entrüstung in England am höchsten gingen, veröffentlichte Carlyle seinen vielbeachteten Brief an die (vorn 11. November 1870): die Fremdherrschaft, welche Napoleon in Deutschland aufrichtete, sei nicht der erste, sondern der letzte Akt einer Reihe von Mißhandlungen gewesen, die Deutschland von Frankreich erlitten habe; darum sei Deutschland in vollem Recht, seine Grenze zu befestigen; die Zurücknahme des Elsaß und Lothringens werde nicht nur für Deutschland, sondern für alle Welt zum Heile ausschlagen, sogar für Frankreich. Bei dem Einfluß, den Carlyle damals auf seine Landsleutc ausübte, hat er uns einen schwerwiegenden Dienst in gefahrvoller Zeit geleistet. Seit jenen Tagen hat das offizielle England das Dasein Neudeutschlands mehr oder minder willig anerkannt. Zwar schrieb Bismarck bereits 1857: „England kann uns keine Chancen maritimer Entwicklung in Handel oder Flotte gönnen und ist neidisch auf unsere Industrie." Aber diese Mißgunst fiel in den siebziger und achtziger Jahren politisch noch wenig ins Gewicht. Zu Bismarcks Zeiten waren Deutschland und England sich gegenseitig Faktoren zweiten Ranges. Deutschland war „befriedigt" — eine europäische Großmacht auf vorwiegend agrarer Grundlage. Diese für England sehr bequeme Auffassung wurde durch den englischen Freihandel erleichtert, der das damals schon vorhandene Ausfuhrbedürfnis der deutschen Industrie zu sichern schien. Hierzu kam die handelspolitische Meistbegünstigung auf dem Boden der britischen Kolonien, deren Deutschland sich damals vertragsmäßig erfreute. Durch seinen Freihandel hat uns England mehr genützt, als es uns durch alle politischen Widerstände zusammengenommen gehemmt hat. Wo wäre die deutsche Zucker- industrie, diese frühe Führerin unseres Wirtschaftsaufstiegs, wo die deutsche Textil- und Eisenindustrie, wo der neudeutsche Kapitalismus überhaupt ohne den reichen, allezeit aufnahmefähigen englischen Markt? Auf dem Rücken des freihändlerischen England wagten wir es, nach der Palme der wirtschaftlichen Weltmacht zu greifen. Durch das Handelsmarkengesetz hat England das „maäo in Oer- marktgängig gemacht. Wahrlich, wir haben dem Briten nichts vorzuwerfen! Die von England ausgehenden Widerstände zeigten sich vor allem in der Verkümmerung unserer kolonialen Anfänge. Zwar erlaubte uns Gladstone, unsere Hand auf einige nicht wertlose Teile Afrikas zu legen. Aber jedenfalls hat England die kolonialen Bestrebungen Deutschlands zum mindesten nicht ebenso gefördert, wie die der Vereinigten Staaten, Japans und Frankreichs. Das besiegte Frankreich hat seit 1870 ungeheure Eroberungen über See gemacht. Das siegreiche Deutschland mußte sich mit wenigen Brocken begnügen, obgleich es seiner ganzen wirtschaftlichen Struktur nach Kolonien nötiger braucht als der kinderarme, rentenverzehrende Nachbar. Sonderbar! und doch vom englischen Standpunkte aus verständlich genug, da Großbritannien den französischen Mitbewerber nicht mehr fürchtet, Japans bedarf, den Vereinigten Staaten nichts mehr verweigert. Aber diese von England ausgehenden Hemmungen haben zunächst politisch um so weniger gewogen, als Bismarck selbst nur spät und zögernd kolonialen Interessen sich zuwandte. Jedenfalls war auf der Grundlage des britischen Freihandels zu Bismarcks Zeiten eine offizielle Freundschaft aus der Entfernung der gewöhnliche, unschwer zu erhaltende Zustand. Aber gerade durch Bismarck wurden Verschiebungen vorbereitet, welche in ihrer weiteren Entwicklung die Lage zuspitzen mußten. Bismarck war Neumerkantilist — ein Jndustriebegründer größten Stils. 15 Ein preußischer Junker sagte 1879 bei Beratung des Zolltarifs, die einzuführenden Getreidezölle seien der Landwirtschaft kein genügender Ersatz für die Erhöhung der Jndustriezölle. Dieser Satz ist in tieferem Sinne wahr, als sein Urheber selbst wohl gedacht hat — dann wenigstens wahr, wenn wir unter Landwirtschaft das ostelbische Rittergut verstehen. Denn für dieses war der Nutzen der Getreidezölle nur ein vorübergehender, während, wie v. d. Goltz und Schäffle hervorheben, die tiefste Ursache seiner Krisis von den Mitteln des Zollschutzes nicht berührt wurde. Anders die Jndustriezölle. Zwar hat die deutsche Industrie die Gunst der inner- politischen Lage seit 1878 weniger ausgenutzt als die Agrarier. Der Zolltarif von 1879 war im Vergleich mit den Nachbarstaaten kein übermäßig protektionistischer. Trotzdem haben die Jndustriezölle jene Entwicklung zwar nicht bewirkt, wohl aber beschleunigt, welche den Charakter des westlichen Deutschland dauernd umgestaltete. In Bismarcks nationaler Wirtschaftspolitik wurzelten die Kartelle der schweren Industrie — großkapitalistische Zu- sammeuballungen, welche sich Englands individuellem Kapitalismus zuerst ebenbürtig zur Seite stellten, um sodann amerikanischen Dimensionen entgegenzuwachseu. Seit jenen Tagen verschob sich Deutschlands volkswirtschaftlicher Schwerpunkt auf Industrie, Handel, Schiffahrt und Bankwesen. Seitdem stauen sich die früher auswandernden Bevölkerungsüberschüsse in Rheinland, Westfalen und den norddeutschen Großstädten, in dem ganzen mittleren und westlichen Deutschland. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist die industrielle Durchtränkung des ganzen w e st el bischen Deutschland für unser nationales Dasein die wichtigste Tatsache geworden. Auch die Landwirtschaft hat au dieser Industrialisierung, nicht zu ihrem Schaden, teilgenommen. Noch I. v. Liebig klagte, daß England die Knochensubstauz des Kontinents als Dungstoff ausführe. „Großbritannien raubt allen Ländern die Bedingungen ihrer Fruchtbarkeit, es hat die Schlachtfelder von Leipzig, Waterloo und der Krim bereits nach Knochen umgewühlt, die in den Katakomben Siziliens angehäuften Gebeine vieler Generationen verbraucht und zerstört jährlich noch die Wiederkehr einer künftigen Generation von 31/2 Millionen Menschen; einem Vampyr gleich hängt es an dem Nacken Europas." Heute steht Deutschland in der Anwendung künstlicher Düngemittel allen Ländern der Welt voran. Bei einem Weltverbrauch an Chilisalpeter von 1400 000 To. im Jahre 1905 kamen auf Deutschland allein 515 000 To., dagegen auf Frankreich nur 245 000, auf Großbritannien nur 100 000 To. Die deutsche Landwirtschaft hat 1902 über eine Million Tonnen an Kainit und anderen Kalidüngesalzen verbraucht; dagegen betrug die Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten nur 251000, nach Großbritannien 36 000, nach Frankreich unter 25 000 To. — Ziffern, die zugleich den Verbrauch dieser Länder darstellen, da Eigenproduktion nicht vorliegt. Ähnliches gilt vom Thomasmehl, dem wichtigsten Phosphat. Beide Dungstoffe sind recht eigentlich Erzeugnisse des deutschen Bergbaues und des deutschen Eisengewerbes und finden bislang im Auslande nur wenig Verwendung. Noch ehe Chilis Salpeterlager erschöpft sind, geht Deutschland daran, der Luft und der Wasserkraft unerschöpfliche Salpeterschätze zu entnehmen und damit die Stickstofffrage der landwirtschaftlichen Statik durch die chemische Industrie zu lösen. Vom deutschen Standpunkte aus ist diese industrialistische Entwicklung zu bejahen trotz der Gefahren, die sie in sich schließt — Gefahren geistiger wie politischer Natur. Ein Land Heer allerersten Ranges, welches uns im Notfall gegen zwei Großmächte verteidigt, ist bei der Unsicherheit aller Bündnisse und den Gefahren unserer geographischen Lage die wichtigste Forderung unseres nationalen Daseins. Auf schmaler Fläche zusammengedrängt, ohne Neuland, nicht übermäßig reich an Naturschätzen — verdanken wir lediglich der industriestaatlichen England und Deutschland. 8. Entwicklung die fortlaufende Verstärkung unserer militärischen Machtstellung durch Zuwachs an Geld und Menschen. Ihr verdanken wir es, wenn wir trotz aller Hasser und Neider heute sicher und geachtet in Europa dastehen. Denn weder auf agrarer, noch auf kleingewerblicher Grundlage wären jene Militärvorlagen möglich gewesen, welche aus reichlich zuströmendem Rekrutenangebot in kurzen Zwischenräumen immer wieder vermehrte Heeresziffern schöpften. Daß wir mit dieser Art der Friedcns- wahrung auf dem richtigen Wege sind, zeigt die Tatsache, daß das Deutsche Reich von seiner Rüstung nicht erdrückt wird, sondern wirtschaftlich fortschreitet und in seiner allgemeinen Wehrpflicht sogar eine Vorschule zum Jndustria- lismus besitzt. Aber die Gegenwart weist über Europa hinaus. Eine Entwicklung ist zum vollen Durchbruch gelaugt, welche in den englisch-französischen Kämpfen des achtzehnten Jahrhunderts angebahnt und von Napoleon bewußtermaßen erfaßt war: Die europäische Geschichte wurde über den Rahmen Europas hinaus erweitert und zUr Weltgeschichte im eigentlichsten Sinne des Wortes gesteigert. Es handelt sich heute um Erschließung, Beherrschung und Besiedelung jener breiten Gebiete der Halbkultur und der Barbarei, die bisher von der Geschichte unberührt waren. Es handelt sich um ihre kapitalistische Ausbeutung, aber auch um ihre kulturelle Erziehung. Diejenigen Nationen, welche an dieser Entwicklung vollen Anteil nehmen, wachsen über den Rahmen des alten Gleichgewichts hinaus und werden zu eigentlichen „Weltmächten". Wer mit diesen Weltmächten nicht Schritt zu halten vermag, hat keine Aussicht, in den folgenden Jahrhunderten die Geschicke der Menschheit selbsttätig mitzubestimmen. Auf die politische Sandbank geworfen, wird er unfrei, weil abhängig von der Duldung der Stärkeren. Aber bei dem engen Zusammenhang aller Kulturgebiete steht noch Weiteres auf dem Spiele: Wer politisch beiseitegeschoben ist, hat keine Hoffnnng, den Talweg des wirtschaftlichen und geistigen Stromes durch 18 : sein Gebiet zu lenken. Er wird zum Nachzügler eines vorwärtsstürmenden Heeres. Hieraus ergibt sich für uns Deutsche vott heute eine unabweisliche Aufgabe: In den neuen und erweiterten Weltverhältnissen der Gegenwart hat die deutsche Nation das Recht und die Pflicht der Selbstbejahung — das Recht zugunsten ungezählter Nachfahren, die Pflicht im Interesse der Menschheit. Denn die Menschheit wäre ärmer, wenn im Strahlenkränze des göttlichen Lichtes, das sich in den verschiedenen Nationen verschieden bricht, der Strahl des deutschen Genius verbliche. Damit erhebt sich die über alles ernste Frage: Wird zu Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts neben den beiden angelsächsischen Weltmächten, neben der im Augenblick geschwächten, aber in ihrem Kerne doch zukunftsreichen slawischen Weltmacht, wird neben den neu aufsteigenden Weltmächten der gelben Rasse unser Deutschland die machtpolitische Gleichberechtigung behaupten? Wie die Verhältnisse liegen, so kann Deutschland nur durch intensive Steigerung seiner Volkswirtschaft die Enge der kleindeutschen Grenzpfähle überwinden und so mittelbar an der über- europäischen Ausdehnung teilnehmen: Deutschland als weltwirtschaftlicher Industrie-, Handels- und Gläubigerstaat auf verhältnismäßig starker, europäisch-landwirtschaftlicher Grundlage. Wie dem immer sei — ob wir wollen oder nicht -- der Würfel ist gefallen, den Bismarck geworfen hat. Jetzt handelt es sich nicht mehr um die Wahl des Weges, auf dem wir bereits ein weites Stück zurückgelegt haben. Heute steht und fällt Deutschlands volkswirtschaftliches Dasein mit seinen weltwirtschaftlichen Beziehungen, welche alle Zweige der heimischen Produktion, nicht zum mindesten auch die deutsche Bauernwirtschaft, befruchten; sie allein ermöglichen es, eine Bevölkerung von 65 Millionen Menschen auf enger Fläche zu ernähren. Mit dem Eintritt Deutschlands in die Weltwirtschaft wurde das Verhältnis zu England für uns eine 19 Frage ersten Ranges — ein Verhältnis sowohl der Interessengemeinschaft, wie des Interessengegensatzes. Nächst Großbritannien hängt keine der großen Volkswirtschaften so sehr vom Seeverkehr ab wie die Deutsche- lands, indem die weltwirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands sich vorwiegend in der Richtung des Seeverkehrs entwickeln. Hören wir in dieser Hinsicht die Denkschrift des Reichsmarineamtes vom Jahre 1905 über die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. Die auf dem Boden des heutigen Deutschen Reiches lebende Bevölkerung hat sich seit der Begründung des Reichs um die Hälfte (etwa 20 Mill.) vermehrt — d. h. um fast ebenso viele Menschen, als zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf demselben Boden überhaupt lebten. Unter den europäischen Großstaaten hat Deutschland die stärkste Bevölkerungszunahme. Zum ersten Male seit Gründung des Reichs hat die Bevölkerung in dem Jahrfünft 1895/1900 einen Zuwachs durch Einwanderung erfahren. Der deutsche Außenhandel ist in dem Jahrzehnt von 1894 bis 1904 von 7,3 auf 12,2 Milliarden Mark (um 66 v. H.) angewachsen, und zwar stieg der Seehandel von 4,9 auf 8,5 Milliarden Mark (um 75 v. H.), dagegen der Landhandel nur von 2,5 auf 3,7 Milliarden Mark (um 48 v. H.). An dem Wachsen des Seehandels ist am stärksten der Handel mit den außereuropäischen Ländern beteiligt, der um 1,9 Milliarden Mark (um 93 v. H.) gestiegen ist. An der Entwicklung des Seehandels sind alle Zweige der heimischen Gütererzeugung interessiert. Die Landwirtschaft ist an der Ausfuhr zur See mit einer Anzahl ihrer Produkte, namentlich Zucker, in hohem Grade beteiligt. Sie bedarf der überseeischen Zufuhr von Düngemitteln, Abfällen und Mais. Noch viel erheblicher ist das Interesse der Industrie am Seehandel und am Seeverkehr. Es gibt keine große deutsche Industrie, die nicht für die Einfuhr von Rohstoffen oder die Ausfuhr von Fabrikaten auf 20 die See angewiesen wäre. Eine Störung des deutschen Seehandels würde vor allem die Arbeitsgelegenheit der gewerblichen Arbeiterschaft treffen. Der Schiffahrtsverkehr der deutschen Häfen hat sich in dem Jahrzehnt von 1893 bis 1903 von 271/2 auf fast 42 Millionen Netto-Registertonnen, d.i. um über 52v. H. gehoben. Der Aufschwung Deutschlands im Weltseeverkehr schreitet beinahe viermal so schnell fort wie seine Bevölkerungszunahme. Die Seeverkehrsleistung der deutschen Schiffe steigerte sich im Verkehr mit den europäischen Ländern 1893 bis 1903 von 4 auf 51/2 Milliarden See- meilentonnen, im überseeischen Verkehr von 24 auf 451/2 Milliarden Seemeilentonnen. Neben diesem von den deutschen Häfen ausstrahlenden Verkehr betätigen sich deutsche Schiffe in wachsendem Umfange im Küsten- und Zwischenverkehr fremder Länder. Der Anteil Deutschlands an der Welthandelsflotte stieg von 6,5 v. H. 1894/95 auf 9,9 v. H. 1905/06, der Wert der deutschen Handelsflotte von 327 Millionen 1895 auf 810 Millionen Mark 1905. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Werften ist in den letzten sechs Jahren außerordentlich gesteigert worden. Die Jahresproduktion hob sich von 130 000 To. im Durchschnitt der Jahre 1894/1899 auf 206 000 To. 1899/1904. Die deutsche Schiffbauindustrie hat sich vom Auslande nahezu unabhängig gemacht. Von ihrem Bedarf an Schiffsblechen und Profilstahl einschließlich Stabeisen bezog sie 1903 nur noch 1,7 beziehungsweise 2,5 v. H. vom Auslande — gegen 27,2 beziehungsweise 25,9 v. H. im Jahre 1899. Der Wert des in den deutschen Wersten arbeitenden Kapitals stieg zwischen 1899 und 1905 von 110 Millionen Mark auf 180 Millionen Mark, d. i. etwa 60 v. H. Der Anteil am Weltschiffbau sank 1894/1904 bei Großbritannien (ohne Kolonien) von 79 auf 61 v. H. und stieg bei Deutschland von 9 auf 10 v. H. Nicht minder handelt es sich um Interessengemeinschaft wie Interessengegensatz auf dem Gebiete der industriellen Ausfuhr. 21 Nächst Großbritannien hat kein Land ein gleiches Interesse wie Deutschland an der Ofsenhaltung der Märkte und an kolonialen Absatzgebieten. In allen Zonen begegnen sich deutsche und britische Waren. Zwar bahnt sich zwischen beiden Mächten auf vielen Gebieten eine Arbeitsteilung an, da Deutschlands Industrie vielfach mehr chemisch als physikalisch gerichtet ist. Trotzdem berührt Deutschlands gewerblicher Aufstieg die britische Vorherrschaft in einzelnen Punkten außerordentlich schmerzlich. In der Erzeugung von Eisen und Stahl ist Großbritannien bekanntlich von Deutschland überflügelt worden. (Vergl. Tab. 5—8.) In der Ausfuhr von Eisen und Eisenwaren streift Deutschland heute an Großbritannien heran, hinter dem es zu Beginn der achtziger Jahre noch hoffnungslos zurückstand. Man denke ferner, um an einen — immerhin nicht unwichtigen — Einzelfall zu erinnern, an die Industrie des künstlichen Indigo. Beispielshalber hierüber einige Angaben. Vor Jahrhunderten vernichtete der von Westen her vordringende Indigo — ein Schützling des westeuropäischen Merkantilismus — die deutsche Waidkultur und Waidfärberei, das Gewächs spätmittelalterlicher Stadtorganisation. Der Indigo war eine Waffe des britischen Kapitalismus, sowohl des kolonialen als des textil- industriellen. Johann Heinrich Schneidler, Schönfärber in Hannover, schrieb 1803 in einem Aufsatz über die Baumwollfärberei: „Die Engländer sind einmal hierin jeder anderen Nation zuvorgekommen; durch ihren National- reichtum sind sie bereits im Besitze alles dessen, was zur Vollkommenheit dieser Industrie gehört; wie ein Koloß ragen sie unter dem Haufen derer hervor, die es mit ihnen aufzunehmen wagen, und lächeln ihrer Ohnmacht. Es scheint auch fast für immer vergebens zu sein, vorzüglich für die armen Deutschen, denen es zwar nicht am Willen, aber desto mehr an Kraft gebricht, gegen eine Nation anstreben zu wollen, die so große, entscheidende Handelsvorteile in dieser Manufaktur auf ihrer Seite hat, wodurch sie imstande ist, den niedrigsten Preis zu halten." Durch die Briten wurde die Jndigokultur aus Westindien nach ihrer ostindischen Heimat zurückgeführt und dort von europäischen Pflanzern im kapitalistischen Großbetrieb, daneben aber auch von der einheimischen Bauernwirtschaft, übernommen. Sie wurde zu einem wichtigen Mittel der geldwirtschaftlichen Umformung der indischen Rohstoffproduktion überhaupt.- Das Gesamterzeugnis an Indigo wurde zu Beginn der neunziger Jahre auf 80—100 Millionen Mark geschätzt. Produktion wie Handel waren fast ausschließlich in britischen Händen. Inzwischen war in den fünfziger und sechziger Jahren durch Hofmann die Teerfarbenindustrie — zunächst auf britischem Boden — in das Leben gerufen worden. Mit Hofmann kehrte diese Industrie nach Deutschland zurück, dessen wissenschaftliche Luft ihr besser behagte. Aber noch blieb England (daneben Frankreich), als Land der Großstadt und damit der Leuchtgasfabrikation, im Besitz des Rohstoffes, den Deutschland vom Auslande zu beziehen hatte. Noch 1890 lieferten England und Schottland 2 /Z der Gesamtproduktion an Benzol. Indem sich in der Kokerei eine neue Quelle dieser Rohstoffe auftat, gewann Deutschland auf dem Boden einer mächtig aufblühenden Eisenindustrie (deren Hilfsgewerbe die Kokerei ist) auch die Rohstoffe der Teerfarben im eigenen Hause. Die deutsche Jndigoproduktion beträgt heute mindestens ca. Vt des Weltkonsums, 3,5 bis 4 Millionen hundertprozentigen Indigos. Deutschland mußte noch 1896 für Indigo 14,32 Millionen Mark an das Ausland bezahlen; 1906 aber deckte es nicht nur seinen eigenen Bedarf in heimischer Produktion, sondern setzte auch für rund 29Vt Millionen Mark Indigo an das Ausland ab. Die Gesamtproduktion Indiens ging auf etwa ihres früheren Betrages zurück. Seit 1903 bezieht Großbritannien mehr Indigo aus Deutschland, als es durchschnittlich von 1881 bis 1896 aus Kalkutta bezog. 23 Die Ausfuhr Deutschlands an Indigo Doppelzentnern: 1893 betrug 1906 in nach Großbritannien. 767 14 537 „ den Vereinigten Staaten . . 2225 25 639 „ China.— 31273 „ Japan.— 10 634 Derartige Ziffern sind nichts als Einzelbelege der einen für uns über alles wichtigen Tatsache: Deutschland wächst mehr und mehr in die Stellung hinein, die Großbritannien um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts für sich ausschließlich in Anspruch nahm. Vor unseren Augen, den meisten Mitlebenden unfaßbar, vollzieht sich eine märchenhafte Verwandlung. Denken wir daran, wie Deutschland im achtzehnten Jahrhundert der Luxuseinfuhr der Höfe keine Ausfuhr entgegen zu setzen hatte. Neben einigen Leinengeweben war Sand der Ballast der aus Deutschland ausgehenden Schiffe — Sand, den spöttische Franzosen „Is proäuit ä'^UeiriLZus" nannten. Denken wir an die „Armeleutehaftigkeit" unseres neunzehnten Jahrhunderts, welches Großtaten in der Dichtung, Musik und Philosophie verrichtete, aber bildnerischer Kultur fern war. Um die Mitte des Jahrhunderts schildert Disraeli in seinem Endymion mitleidig den deutschen Diplomaten, der aus der Metropole der Welt, aus dem Kreise glänzender Damen und weltbeherrschender Staatsmänner in die heimische Verbannung zurückkehrt. Sein Land ist das Erzeugnis von Friedenskongressen und künstlichen Protokollen. Es „spielt" eine Großmacht. Sein Volk ist arm, nur reich an Wäldern: es gilt erst, ein „Vaterland" ihm zu geben — „mit Blut und Eisen", setzt Disraeli weitsichtig hinzu. Und heute? Dem Könige Midas gleich berührt Deutschland unscheinbare Rohstoffe: sie werden unter seiner Hand münzbares Gold. Deutschland — der an Großbritannien herangipfelnde Industriestaat! Unseren Großvätern wäre solche Prophezeiung als Wahnwitz 24 erschienen. Wir aber nörgeln, während solches geschieht. Früh ermüdet, verzagt so mancher an der deutschen Zukunft. Einen andern blendet der Glanz des goldenen Regens. Emporkömmling, vergißt er der geistigen Quellen der niederrauschenden Fülle. Man schildert den Aufstieg der deutschen Volkswirtschaft, ohne die politische Ursache auch nur zu erwähnen: Sedan und die Kaiserkrönung im Spiegelsaale zu Versailles. III. Was die Zukunft bringt, wer kann es wissen? Traumwandelnd greift unser Volk heute nach einer Rolle, die möglicherweise zur Heldenrolle auswächst. Fallstricke mancherlei Art bedrohen den Schauspieler, den ohne seinen Willen die Weltbühne gefangen nahm. Von den uns bedrohenden Gefahren ist eine aber dringlicher als alle andern: In elfter Stunde könnte England den Versuch wagen, den unbequemen Emporkömmling, den es wirtschaftlich nicht mehr niederzuzwingen vermag, mit Gewalt zu Boden zu schlagen. Vergessen wir nicht: In dieser Richtung liegen die glorreichen Überlieferungen der britischen Flotte. Um 1650 besaß Holland den Welthandel, die Kolonien und die Seemacht. Die niederländische Handelsflotte umfaßte an Tonnengehalt die Hälfte aller europäischen Schiffahrt. Demgegenüber baute das damals noch überwiegend binnenländische England die ersten eigentlichen Kriegsschiffe — Schiffe größeren Tonnengehalts und stärkerer artilleristischer Bestückung als die im Bedarfsfall zu Kriegsschiffen umgewandelten Ostindienfahrer der Holländer. Vergeblich forderte de Richter von den Generalstaaten Kriegsschiffe des britischen Typus. Die Amsterdamer Kaufleute sparten, wo die Stuarts und Cromwell kein Opfer scheuten. An dieser einfachen Tatsache zerbrach die Handels- und Kolonialherrschaft der Niederlande. Ähnliches wiederholte sich in größeren Verhältnissen zwischen England und Frankreich — Frankreich, das unter 25 Colbert an Bevölkerung, Reichtum und Kolonien England wejt überlegen war. Ist Großbritanniens Handels- und Kolonialsuprematie von heute, ist der britische und damit erstgebornene moderne Kapitalismus überhaupt denkbar ohne Trafalgar? An diese Erinnerungen wird wieder angeknüpft. Der alte, grundsätzlich friedliche Freihandel trägt greisenhafte Züge. Ein neu aufsteigender Imperialismus ist allenthalben geneigt, politische Machtmittel in die Wagschale der Wirtschaftskämpfe zu werfen. Dieser Imperialismus kann durch eine Parlamentswahl jeden Tag wieder an das Ruder gebracht werden. Deutschland wird in einigen Jahrzehnten nicht nur weit bevölkerter, sondern, wie der „Outloolr" wiederholt ausführte, auch wirtschaftlich ebenso reich sein wie Großbritannien. Morgen wird ein unüberwindliches Großdeutschland seine Schatten über Europa hinaus werfen; heute gilt es, Kleindeutschland niederzuzwingen. Die Lage wird dadurch verschärft, daß das Deutschland von heute der britischen Seemacht breiteste Angriffsflächen darbietet. Zwar besteht nicht die Gefahr der Aushungerung ; denn Deutschland dürfte schwerlich mit England und Rußland zugleich im Kriege sein. Wohl aber rechnet mancher Brite darauf, die deutschen Handelsschiffe und die deutschen Kolonien ohne weiteres zu kapern. Diese Kolonien — „durch nichts beachtenswert als durch ihre Ver- teidigungslosigkeit" — erscheinen ihm als ein Pfand, das wir in seine Hand legten. Sie sind gegenwärtig nicht mehr so wertlos, wie zu Bismarcks Zeiten. Schwerer noch wiegt der allgemeine wirtschaftliche Rückschlag, den eine Blockade der deutschen Häfen im Gefolge haben würde. Die zweimonatliche Choleraquarantäne soll Hamburg allein eine Summe von 250 Millionen Mark gekostet haben. Nach der Zusammenstellung des deutschen Reichsmarineamtes sind schon gegen Ausgang der 90 er Jahre gegen 70<>/o des gesamten deutschen Außenhandels über See gegangen. Eine Blockade würde die deutsche Volkswirtschaft bis in die abgelegensten Winkel hinein erschüttern, insbesondere die deutschen Geschäftsbeziehungen mit dem Auslande unterbinden, bei längerer Dauer zerschneiden. So sagte die „Saturäaz'Keviev" nicht ohne Berechtigung: „England ist das einzige Land, welches ohne Gefahr für sich selbst und mit Sicherheit des Erfolges gegen Deutschland Krieg führen kann." Angesehene Zeitschriften, wie die „Rational Rsviov", die „Saturäa^ Kovisv" und der „8psetatoi^, haben es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht, das „6wrinania,n ssso äolenllain" den Gehirnen ihrer Leser einzuhämmern. Einige Beispiele sind nicht überflüssig: „Eine Menge kleiner Streitfragen hat die größte Kriegsursache aufgebaut, welche die Welt je gesehen hat. Wäre Deutschland morgen vernichtet, so würde übermorgen jeder Engländer reicher sein." — „Hamburg, Bremen, der Kaiser-Wilhelmkanal und die baltischen Häfen würden unter unsern Kanonen liegen, bis die Kriegsentschädigung gezahlt wäre. Wäre unser Werk getan, so könnten wir, das Wort Bismarcks verändernd, zu Frankreich und Rußland sagen: Sucht euch Kompensation in Deutschland!" — „Hamburg ist einer der größten Hafenplätze der Welt; in welch unheimliche Lage würde es geraten, wenn tatsächlich nicht ein einziges Schiff ein- oder ausfahren könnte! Blockaden sind ohne Zweifel schwer durchführbare Unternehmungen, aber Hamburg liegt für uns so günstig, daß es sehr leicht vom Weltverkehr abzusperren ist. Man gebe sich keinen Täuschungen hin: die Blockade aller deutschen Häfen an der Nord- und Ostsee bietet uns nicht die geringsten Schwierigkeiten." — „Die deutsche Flagge ist überall. Wer bei einer Kriegserklärung müßte sich uns die gesamte Handelsflotte auf Gnade und Ungnade ergeben. Überall auf den Weltmeeren würden unsere Kreuzer die deutschen Kauffahrer abfangen und als Prise wegführen." — „Inzwischen würde von den neutralen Marktplätzen der deutsche Wettbewerb, über den von unsern Kaufleuten so oft geklagt wird, völlig verschwinden. Wir würden nicht mehr hören, daß Deutschland 27 auf chinesischem und japanischem Markte vordringe." — „Es würde keiner Macht einfallen, zu verhindern, daß Deutschland ein paar hundert Millionen Sterling Strafe zahlen müßte, daß es alle seine Kolonien verlöre, sein politisches Ansehen und seine Handelsverbindungen einbüßte." In der „National Ksviov", hat der frühere Botschafter Englands in Wien auf Österreichs Bundesgenossenschaft hingewiesen: Der Zusammenbrach des seehandelnden Norddeutschland sei das einzige Mittel, um Habsburgs alte Vorherrschaft in Deutschland wiederherzustellen. In den angesehensten Zeitschriften werden Opfer an Rußland in Asien empfohlen, um Deutschland zu isolieren. Ägypten in der Hand, könne man Konstantinopel an Rußland preisgeben. Man schwärmt für eine englisch-französisch°-russische Tripelallianz. Altangesehene Zeitungen, wie die„Mms8"und die„vail^Nail", neue und zu diesem Zwecke begründete, wie Mr. Garvins „Obsorvsr", machen es sich zur Aufgabe, die öffentliche Meinung ihres Landes gegen Deutschland zu „erziehen": Was das Spanien Philipps II., das Frankreich Ludwigs XIV. und Napoleons, sei heute Deutschland: der Gegner. Zurückhaltender sind die verantwortlichen Staatsmänner. Immerhin sprach ein hoher Admiralitätsbeamter, Herr Lee, von der Vernichtung einer feindlichen Flotte noch vor dem Bekanntwerden der Kriegserklärung. Ein hochangesehener Staatsmann wie Lord Cromer bekämpfte die Altersversicherung der Arbeiter: alle verfügbaren Mittel seien für nahe Kriegszwecke zusammenzuhalten. Lord Charles Bereford begrüßte bereits den Tag, an dem englische und französische Luftschiffe Seite an Seite kämpfen würden. Wer als Gegner gedacht war, konnte nicht zweifelhaft sein. Solche Stimmen mögen die Gefühle nur eines kleinen Bruchteils der britischen Nation zum Ausdruck bringen. Die Gefahr für uns liegt darin, daß sie ein Stück tatsächlicher Durchführbarkeit enthalten. Darum ihre verführerische Werbekraft jenseits des Kanals. Der Brite hat in nahezu zweihundertjährigem Kriege das Szepter der Weltherrschaft errungen; wird er es ohne Schwertstreich niederlegen, wenn er sieht, daß es im Frieden seinen Händen allmählich, aber sicher entgleitet? Nicht tadeln wollen wir den britischen Vetter ob seiner Mannhaftigkeit; aber wir haben Anlaß, ihr Beachtung zu schenken. In der Tat, wir haben ihr Beachtung zu schenken: denn Hand in Hand mit den angeführten Äußerungen, die sich leicht vermehren ließen, ging die Zusammenfassung der englischen Schlachtflotte im Kanal und in der Nordsee — Hand in Hand hiermit die französisch-britische Verständigung, welche dem verbleichenden Revanchegedanken Frankreichs rote Wangen anhauchte. Zunehmender Anhängerschaft erfreuen sich in England die Bestrebungen für Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, durch welche England den Wert seiner Freundschaft für Frankreich verdoppeln würde. Zweifelsohne türmen sich an dieser Stelle des politischen Himmels dunkle Wolken, welche die Zukunft Neudeutsch- lands bedrohen. Um so düsterer blickt der Horizont, als die britische Staatskunst es stets verstanden hat, Bundesgenossen für sich in das Feuer zu schicken. Diese Gefahren liegen in der Natur der Verhältnisse — kein Bismarck Hütte uns vor ihnen schützen können. Glücklicherweise hält für den Fall des stets ungewissen Kriegsspiels Deutschland gewisse Trümpfe in seiner Hand, die den ernst prüfenden Engländer immerhin bedenklich machen können. Bekanntlich ist der Rhein Deutschlands wichtigste Verkehrsader. Nicht viel weniger als ein Drittel des gesamten deutschen Seeverkehrs geht über die Rheinhäfen. Deutschland wäre yicht zum Frieden zu zwingen, solange der deutsche Handel unter neutraler Flagge unbehindert über die Rheinmündung ginge. England müßte, um Deutschland zu treffen, entschlossen sein, die Neutralität der Niederlande, diese seine eigenste Schöpfung, zu verletzen und Rotterdam, ähnlich wie im südafrikanischen Kriege die Delagobai, zu blockieren. Vielleicht würde England damit dem Gegner für den Friedensschluß ein Pfand in die Hand spielen- das an Wert sämtliche deutsche Kolonien erheblich überträfe. Vielleicht würden Englands Siege zur See durch Frankreichs Niederlagen zu Lande wettgemacht. Ein unglücklicher Seekrieg müßte Deutschland zu Napoleonischen Gedankengängen drängen, die ihm zurzeit durchaus fernliegen. Wäre England auf dem Landwege zu treffen — etwa im Bündnis mit der mohammedanischen Welt? Die Kontinentalsperre weist in der Richtung eines gegen England gerichteten europäischen Zollbundes. Jedenfalls würde ein solcher Krieg, den mancher Jingo für einen bequemen Seekrieg ansieht, ein ganzes kriegerisches Zeitalter eröffnen. 65 Millionen Deutsche sind nicht von heute auf morgen von der Weltbühne zu fegen. Den schlimmsten Fall gesetzt: Von der Weltwirtschaft abgedrängt, an den Adern seiner besten Kraft unterbunden, wäre Deutschland vielleicht noch reich genug, um Rußlands doch wieder auflebende asiatische Politik zu finanzieren. Auf Grund dieser Ungewißheiten werden Englands leitende Staatsmänner, soweit sie sich ernsthaft ihrer Verantwortung bewußt sind, den Satz Bismarcks erwägen: „Ich würde niemals zureden, einen Krieg um deswillen sofort zu führen, weil es wahrscheinlich ist, daß der Gegner ihn später besser gerüstet beginnen würde; man kann die Wege der göttlichen Vorsehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen." Leider aber wird die Politik nicht immer von weitblickenden und ihrer Verantwortung voll bewußten Männern gemacht. Dieser Erkenntnis entsprang die deutsche Flotte — die deuts che Flotte, nicht Sache des Luxus, des Ehrgeizes oder gar der Eroberungssucht. Die deutsche Flotte — eine Forderung unseres barsten Daseins, unentbehrlich wie das tägliche Brot, das sie nicht nur uns, sondern auch unsern Kindern verteidigt! Mehr noch als den Amerikanern, den Beherrschern eines Kontinents, gilt das Wort Roosevelts den auf beschränkter und armer Fläche zusammengedrängten Deutschen: „Kein Schiedsspruch oder irgendein anderes Mittel kann gefunden werden, um zu verhindern, daß Völker, die ihre erste und hervorragendste nationale Eigenschaft, die Fähigkeit der Selbstverteidigung, verloren haben, in schwerster und furchtbarster Weise mißhandelt werden. Wenn wir Insulte verhindern wollen, müssen wir imstande sein, sie zurückzuweisen. Wenn wir den Frieden wollen, muß ös bekannt sein, daß wir zu jeder Zeit zum Kriege fertig sind/' In der Tat, es ist eines großen Kulturvolkes unwürdig, sein Dasein auf die Duldung eines vielleicht wohlwollenden, vielleicht feindlichen Nachbars zu stellen. Neben mancherlei anderen Erwägungen, welche für den Flottenbau ins Feld geführt werden, liegt der entscheidende Punkt doch in der deutsch-englischen Frage. Wir bedürfen der Flotte, um die Handelseifersucht Englands in unschädliche Grenzen zu bannen und dem nüchternen Sinne des englischen Volkes die für uns hochgefährlichen Angriffsgedanken zu verleiden. Mit der englischen Flotte muß — in einem entsprechenden Abstände nach unten, wie es für Verteidigungszwecke genügt — in Zukunft auch die deutsche Flotte wachsen. Über den Friedensschutz hinaus verlangt das deutsche Volk zwar nicht Eroberung, Wohl aber eine gewisse Wahrnehmung seiner überseeischen Interessen durch die Reichsgewalt. Wenn es dies verlangt, so muß es seinen Diplomaten das Werkzeug in die Hand geben, ohne welches sie nichts als schwächliche Bittsteller sind und besser zu Hause bleiben: eine schlagfertige Flotte, die, wenn schon zweiten Ranges, doch als Bundesgenossin wie als Gegnerin nicht gleichgültig ist. In nächster Zukunft dürfte es sich weniger um Kolonialerwerb für uns handeln, als um die Erhaltung des offenen Marktes für alle und um die Abwehr fremder Eroberungen, z. B. auf dem Boden der noch unabhängigen mohammedanischen Welt. Sollte in Zukunft einmal die Liquidation alternder Kolonialmächte hereinbrechen, so muß Deutschland die Kraft besitzen, neben Großbritannien an ihr teilzunehmen, Für Frieden und Verständigung ist es von Wichtigkeit, daß England den deutschen Flottenbau als unabwendbare Tatsache hinnimmt. In dieser Hinsicht sind gewisse, in England noch weitverbreitete Jrrmeinungen abzuweisen. Der deutsche Flottenbau ist nicht das Werk eines Mannes. Zwar war es das Verdienst des Kaisers Wilhelm II., den Flottengedanken in das deutsche Volk geworfen zu haben. Aber heute wird die Flotte nicht nur vom Kaiser, sondern von der Nation gebaut. Der deutsche Flottenverein zählt über eiue Million Mitglieder er zählt sie auf der Rechten wie auf der Linken. Auf der Rechten schlug der Flottengedanke Wurzel trotz des entgegenstehenden Ideals eines sich selbst versorgenden, beschränkt europäischen Agrarstaates. Auf der Linken starb das Manchestertum, welches den Kampf der Völker allein mit dem „Preiskurant" entscheiden zu können hoffte. Leider besaß das deutsche Manchestertum niemals den weltumspannenden Hintergrund eines Manchester. Die deutschen Manchesterleute waren, selbst in ihrer besten Zeit, kleinbürgerlichen Kalibers. Wenn jetzt in England das Manchestertum veraltet ist, so berühren seine Reste in Deutschland wie Petrefakte. Noch lebt ein Stück Manchestertum in der Sozial- demokratie, wie überhaupt auf ihrem Boden klcinbourgeoise Gedankenreihen das Dasein fristen. Noch lehnt die Masse der deutschen Arbeiter die maritime Machtentfaltung ab. Aber früher oder später muß gerade für Gewerkschaftler der Satz sonnenklar werden, daß ein ehrlicher Friedenszustand waffengerüstete Mächte voraussetzt, die sich gegenseitig achten, weil fürchten. Macht doch der Gewerkschaftler tagtäglich die Erfahrung, daß Verträge zwischen Schwachen und Starken zur berüchtigten „Löwengesellschaft" ausarten, in welcher der einen Seite aller Vorteil, der anderen aller Nachteil zufällt. Aber noch folgen die breiten Wählermassen der sozialdemokratischen Partei keineswegs gewerkschaftlichen Gedankengängen. Wie sie im Innern nur erst teilweise der zähen Kleinarbeit vertrauen, sondern das 32 Heil als Geschenk eines fabelhaften äsus ex maobina erwarten, so verwirrt diese ihre eigene Schwäche auch ihre Beurteilung der auswärtigen Lage. Ein siegreiches Proletariat soll in Bälde eine allgemeine Weltverbrüderung herbeiführen und durch ungeheure Produktionssteigerung den Kampf der Völker um den Futterplatz beseitigen. Dieser Gedanke gehört in die Kinderstube; leider ist er nicht so poetisch und nicht so harmlos wie das Märchen vom „Tischlein deck' dich"! Tatsächlich wäre der wirtschaftliche Rückschlag, welcher einer Niederlage gegen England folgen müßte, das einzige Mittel, die Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung, damit aber auch die Zukunft Deutschlands, lahmzulegen. Auch sollten die Arbeiter nicht vergessen, daß die Marine innerhalb des staatlichen Organismus erfahrungsgemäß einen freiheitlichen und verkehrsfreundlichen Bestandteil darstellt. Der Flottenbau fördert den Industriestaat. Er beschäftigt hochbezahlte und organisationsfähige männliche Arbeiter, die sich das Weib als Hausfrau und Kindererzieherin leisten können. Dagegen gefährden die Mode-, Saison- und Luxusindustrien durch Unterernährung den körperlichen Bestand der Arbeiterklasse — dies um so mehr, als sie schlechtbezahlte weibliche und jugendliche Heimarbeiter bald anziehen, bald auf das Pflaster werfen. Indem die Arbeiter die Flotte verweigern, verurteilen sie sich selbst zu politischer Einflußlosigkeit. Zwar sind auch in Wehrmachtsfragen realistischere Auffassungen im Aufsteigen, wie sie etwa in den „Sozialistischen Monatsheften" gelegentlich nach Ausdruck ringen. Auf dem Gewerkschaftskongreß zu Hamburg 1908 erklärte der Abgeordnete Molkenbuhr die antimilitaristische Propaganda vieler Parteifreunde für „kleinbürgerlichen Radikalismus". Eiu Bernstein wagte den Satz: „Wo wichtige Interessen der Nation in Frage stehen, kann die Jnternationalität kein Grund schwächlicher Nachgiebigkeit gegenüber den Prütensionen ausländischer Interessenten sein." Aber noch scheinen solche Unterströmungen auf lange hinaus zu England und Deutschland. S. schwach, um auf den Gang der Parteipolitik Einfluß zu gewinnen. Wie dem immer sei, jedenfalls ist die politische Rückständigkeit der deutschen Arbeiter kein ernsthaftes Hindernis des Flottenbaues. Das gleiche gilt von der Hoffnung unserer „Freunde", daß Deutschland sich durch den Flottenbau finanziell zugrunde richte. Zwar scheint diese Meinung auf den ersten Blick berechtigt, wenn man das chronische Defizit des Deutschen Reiches und seine in Friedenszeiten wachsende Verschuldung mit dem glänzenden Stande der britischen Finanzen vergleicht. Durch eine mustergültige Ordnung der Finanzen hat der Liberale Gladstone das britische Weltreich untermauert. Sein System verbindet bekanntlich, unter Freilassung der notwendigsten Lebensbedürfnisse, direkte Steuern mit Verbrauchsabgaben auf Massenluxus, wobei der Schwerpunkt immer noch auf letzteren ruht. Im Rechnungsabschluß für das Finanzjahr 1906/07 brachten Zölle und Verbrauchssteuern an 65 Millionen Lstr., Einkommen- und Erbschaftssteuer dagegen nur an 50 Millionen Lstr. Das „frei- händlerische" Großbritannien erhob 1906 an Zöllen 17,13 M., Deutschland nur 10,34 M. pro Kopf der Bevölkerung. Die Erfolge dieser „Freihandelsfinanz" sind mit den Händen zu greifen. Der Voranschlag für das abgelaufene Finanzjahr 1907/08 sah eine Einnahme von 152,8 Millionen Lstr. vor, die wirklichen Einnahmen beliefen sich auf 156,5 Millionen Lstr.; die Ausgaben waren mit 152,5 Millionen Lstr. angesetzt, betrugen aber in Wirklichkeit nur 151,8 Millionen Lstr., so daß sich ein Mehr von 4,7 Millionen Lstr. herausstellte. Der Voranschlag für das Finanzjahr 1908/09 umfaßte Einnahmen von 157 770 000 Lstr. und Ausgaben von 152 869 000 Lstr. Der Überschuß von 4,9 Millionen Lstr. erlaubte die Zuckerzölle um mehr als die Hälfte zu ermäßigen, den Stempel auf Seeversicherungspapiere herabzusetzen und endlich 1,2 Millionen Lstr. für die Altersversicherung bereitzu- 34 stellen. Derselbe Etat nahm ferner eine Schuldentilgung in Höhe von 15 Millionen Lstr. in Aussicht. Im Jahre 1906 wurden tatsächlich 18 Millionen Lstr. getilgt. Auf Grund regelmäßiger Tilgung wird der englische Staat, wenn nicht unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten, am 31. März 1909 die Nationalschuld auf denjenigen Betrag zurückgeführt haben, den sie im Jahre 1889 einnahm, d. h. auf 697 Millionen Lstr., nachdem sie durch den südafrikanischen Krieg 1903 auf etwa 771 Millionen Lstr. angewachsen war. Demgegenüber beruht das finanzielle Elend Deutschlands auf mangelhafter Erschließung vorhandener Steuer- quellen — eine Folge unfertiger konstitutioneller Zustände. Wie dereinst im England der Stuarts, so feilschen in Deutschland Krone und Parlament um die Steuern. In England ist dieser Kampf formell zugunsten des Parlaments entschieden, ohne daß der persönliche Einfluß des Monarchen — die Persönlichkeit vorausgesetzt — dabei Not gelitten hat. Welchen Einfluß auf die Geschicke seines Volkes übt nicht hinter den wechselnden Ministerien das stille und zähe Wirken des parlamentarischen Königs! In England ruht die Steuerverweigerung als ein verstaubtes Rüstzeug in der Waffenkammer der „Gemeinen", während in Deutschland gerade die ergiebigsten Steuern parlamentarisch am schwersten durchzusetzen sind. Nach A. Wagner kamen 1904/05 auf Tabak pro Kopf der Bevölkerung in Großbritannien 6,5 Mk. Steuern, d. h. fast sechsmal soviel wie bei uns, an Branntwein (nach Abzug der Zuschüsse an die Lokalverwaltung) 10,5 Mk. pro Kopf oder mehr als viermal soviel wie bei uns, an Bier über 6 Mk. pro Kopf, fast achtmal soviel als in Norddeutschland. Die alkoholischen Getränke und Tabak brachten dem britischen Staatssäckel im genannten Jahre auf den Kopf der Bevölkerung 24,2 Mk. gegen nur 4,8 Mk. pro Kopf in Deutschland. Das Gesamterträgnis dieser drei Steuern belief sich 1904/05 auf nahezu 1000 Millionen Mk. Auf Branntwein, Bier und 35 Tabak ruht steuerlich die britische Seemacht und das britische Weltreich. Diese Besteuerung gilt als Selbstverständlichkeit, nicht nur aus politischen, sondern auch aus hygienischen und moralischen Gründen. Keine Regierung, weder eine konservative, noch eine liberale, noch eine arbeiterparteiliche wird an ihr rütteln. In Deutschland wird nicht weniger geraucht und getrunken als jenseits des Kanals, aber Branntwein, Tabak und Bier brachten 1903/04 hier nur 253 Millionen Mk. Daß die geringeren Wohlstandsverhältnisse Deutschlands hierfür nicht in Betracht kommen, beweisen folgende Tatsachen: Frankreich ist, alles in allem genommen, heute nicht mehr reicher als Deutschland, und doch brachten Getränke und Tabak nach dem französischen Etat von 1905 fast 16 Mk. pro Kopf, mehr als das Dreifache wie bei uns. Der österreichische Konsument ist ärmer als der deutsche, und doch liefern die Getränke und der Tabak in Österreich immer noch mehr als das Doppelte wie in Deutschland. Deutschlands Finanzmisere ruht also nicht auf mangelnder Steuerfähigkeit, sondern auf mangelnder Steuerwilligkeit. Das deutsche Volk wird es lernen müssen, sich selbst zu besteuern, wenn anders es seine Land- und Seerüstung als Lebensinteresse erfaßt und aus eigenem Entschlüsse auf sich nimmt. Tatsächlich hat das deutsche Volk sich auf diesen Weg bereits festgelegt: eine schwache Flotte ist schlechter als gar keine, hinausgeworfenes Geld — heute schon Hunderte von Millionen. Zur Verbreitung dieser Einsicht kann die Regierung durch freiheitliche Politik im Innern viel beitragen. Wie sagt doch Friedrich List? „Unter allen Gewerbszweigen erfordert die Schiffahrt am meisten Energie, persönlichen Mut, Unternehmungsgeist und Ausdauer — Eigenschaften, die offenbar nur in der Luft der Freiheit gedeihen." Jene Einsicht wird in den breiten Massen um so früher zum Durchbruch kommen, je eher die besitzenden Klassen mit gutem Beispiel vorangehen, deren Reichtum heute mehr 36 denn je aus überseeischen Quellen gespeist wird. Könnte der Flottenverein ein würdigeres Ziel der Agitation erwählen, als eine kräftige, dabei vernünftig abgestufte, insbesondere die Zahl der Kinder berücksichtigende Reichserbschaftssteuer? In letzter Linie setzen unsere „Freunde" ihre Hoffnung auf internationale Schiedsgerichte und Abrüstungsverträge. Abrüstung ist so lange eine unpraktische Frage, als eine Macht es in ihrem Belieben hat, von heute auf morgen, wenn sie will, unsere Schiffahrt und unseren Seehandel zu vernichten und damit unser nationales Dasein ins Herz zu treffen. Man vergesse nicht: mit der Steigerung des Seeverkehrs und dem Wachstum der Handelsflotten lastet die britische Seeherrschaft schwerer als vor fünfzig Jahren auf der nicht- britischen Welt. Wieviel mehr an schwimmenden Werten würde heute jede der großen Volkswirtschaften in einem Kriege mit England auf das Spiel setzen! Können wir die Abrüstungsvorschläge einer Macht ernst nehmen, deren Flottenausgaben das Vierfache der deutschen betragen? Noch 1904 stand einer britischen Marineausgabe von 880 Millionen Mk. eine deutsche von nur 167 Millionen Mk. gegenüber. (Vergl. auch die höchst bezeichnenden Tab. 23 u. 24.) Die britischen Pazifisten befürworten die Abrüstung der andern, welche die britische Seeherrschaft selbstverständlicherweise unangefochten ließe und gar vertragsmäßig verewigte. Als der bekannte Friedensapostel Herr Stead aus Deutschland zurückkehrte, verlangte er als britischer Flottenapostel für jeden deutschen Kiel zwei britische. VWeils 68t, 8atirmn non Zeribors. England wird früher oder später sich damit abfinden müssen, daß seine Seeherrschaft des neunzehnten Jahrhunderts einem maritimen Gleichgewicht von vier bis fünf Mächten im zwanzigsten Jahrhundert Platz machen muß. Je eher es sich zu dieser Einsicht durchringt, um so besser für den Weltfrieden. 37 Die deutsche Flotte erscheint in diesem Zusammenhang als die einzig gesunde Grundlage einer ehrlichen Verständigung mit England. Die deutsch-englische Frage ist dann beseitigt, wenn England im Kriege gegen uns einen zu großen Einsatz wagen müßte. Jedes Panzerschiff, das die deutsche Flagge über die Wellen trägt, ist eine neue Gewähr dafür, daß das englische Volk Deutschland als eine gleichberechtigte Macht anerkennen und sich auf dem Boden friedlichen Wettbewerbs zurückhalten wird. Dem Frieden und der Freundschaft dient in dieser armen Welt immer noch am besten die Unmöglichkeit, mit Gewalt mehr zu erreichen, als durch vertragsmäßiges Zugeständnis. Die Achtung vor einer unangreifbaren Macht führte England zur Anerkennung der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Bedürfnisse der Vereinigten Staaten; nur eine ähnliche Achtung kann unseren britischen Vetter veranlassen, sich auch mit Deutschlands Aufstieg endgültig zu versöhnen. Wenn neuerdings deutschfreundliche Stimmen jenseits des Kanals wieder häufiger zu Worte kommen, so beruht dies gewiß nicht zuletzt auf der Anerkennung, welche unsere bescheidenen Flottenanfänge seitens englischer Fachmänner finden. Ich verweise z. B. auf die Ausführungen des bekannten Sachverständigen Archibald S. Hurt in .Mnstisntb Oeuturz'" (Juli 1902): „Wie Deutschland sich zum großen Teil durch den Handel mit England aufbaute, so ist die deutsche Flotte eine getreue, wenn auch keine knechtische Nachahmung der englischen. Der Geist in beiden Flotten ist derselbe. Diensterfüllung des Dienstes wegen, ohne Aussicht auf Belohnung, ist die Losung für den englischen Marineoffizier und ebenso für den deutschen." — „In allen deutschen Dienstzweigen wird Ausgezeichnetes geleistet. Heute kohlt z. B. die deutsche Flotte fast so gut wie die englische. Der ,Kaiser Wilhelm II/ nahm in Kiel Kohlen ein, während ich an Bord war. Die Durchschnittsleistung war 283 To. pro Stunde. Ich glaube, diese Leistung ist einmal von der Majestic', dem Flaggschiff des Admirals Wilson, übertroffen worden, zeigt aber, welche Fortschritte 38 die deutsche Flotte in Leistungsfähigkeit macht. Außer der englischen gibt es keine Flotte in der Welt, die so tüchtig wäre wie die deutsche." Um so weniger darf in diesem Zusammenhang verschwiegen werden, daß konstruktive Mängel in den Augen britischer Fachmänner die deutsche Flotte bislang stark entwerteten. Erst den neuesten Schiffskonstruktionen Deutschlands wird größere Achtung entgegengebracht. So weit diese Achtung begründet ist, hätten wir mit den früheren Mißgriffen ein teures, aber nicht zu teures Lehrgeld bezahlt. Dieser Achtung wird der Gerechtigkeitssinn des britischen Volkes zu Hilfe kommen: wenn es die maritime Machtentfaltung den Amerikanern und Franzosen, den Russen und Japanern vergönnt, darf es sie derjenigen Nation verweigern, welche nächst Großbritannien der Weltwirtschaft am innigsten verflochten ist? Noch steht die deutsche Flotte an Stärke hinter der französischen zurück, und doch sind Frankreichs überseeische Interessen im Vergleich zu den deutschen künstlich angebaute. Kann ein billig denkender Engländer verlangen, daß Deutschland sein Dasein der Gnade oder Ungnade einer fremden Macht anvertraut? Warum soll sich England von der deutschen Flotte mehr bedroht fühlen als von der stärkeren französischen oder amerikanischen? Auf dem Boden solcher Erwägungen dürfte in England jene Stimmung erwachsen, welche bei aller Pflege der amerikanischen, französischen und japanischen Freundschaft auch für Deutschland noch guten Willen übrig behält. Selbstverständlicherweise wird kein vernünftiger Deutscher es den Engländern verdenken, diejenigen Sicherheitsmaßregeln zu ergreifen, welche in ihrem Interesse ihnen geboten erscheinen. Dann ist es Zeit, von Abrüstung auf dem Fuße der Gleichberechtigung zu reden. Leider ist es nicht überflüssig, den reinen Verteidigungszweck der deutschen Flotte, die von Grund aus friedlichen Absichten des deutschen Volkes wie seiner Regierung auf das nachdrücklichste hervorzuheben. So mancher Bierbank- 39 Politiker hat zwar in einem Nebel von Alkohol und Tabaksqualm — so mancher Zeitungsskribent hat mit Tinte und Feder das britische Weltreich zertrümmert, aber damit lediglich das eigene Vaterland geschädigt. Es wäre erfreulicher, solchen Wahnwitz mit Stillschweigen übergehen zu können; leider wird er in England beachtet und ernst genommen. Ein verständiger Mann wie Sir Harry Johnston, und nicht er allein, behauptet, Deutschland baue seine Flotte, um Südafrika und Australien zu erobern und dem Briten ein „maritimes Sedan" zu bereiten. (!) Demgegenüber handelt es sich gar nicht um die Frage, ob es für Deutschland, ob es für die Menschheit wünschenswert wäre, daß das britische Weltreich in Stücke ginge. Ich persönlich würde diese Frage nachdrücklich verneinen. In meinen Augen ist das britische Reich eine Kulturtatsache allerersten Ranges, welche insbesondere der breiten Masse der farbigen Menschheit zu segensvoller Erziehung gereicht. Indem es ihr die Geldwirtschaft aufzwingt, entfesselt es den Einzelmenschen von tausendjährigen Gewohnheiten und Gebundenheiten und leitet ihn, wie Hegel so schön ausführt, durch die Arbeit schrittweise zur Freiheit. Ein Angriffskrieg auf diese bewunderuswerte Organisation, welcher roher Raubsucht und verächtlichem Neide entspränge, hätte, um ein tiefsinniges Wort Goethes zu gebrauchen — Gott nicht in sich. Glücklicherweise jedoch liegt diese Frage uns überhaupt nicht zur Entscheidung. Seit dem Buche des Kapitäns Mahau steht es fester denn je, daß England nur von einer Macht besiegt werden könnte, welche die dauernde Herrschaft über die britischen Meere an sich risse. Hierzu gehörte eine Flotte, welche der englischen nicht nur ziffernmäßig gewachsen, sondern an schweren Schlachtschiffen überlegen wäre. Eingekeilt zwischen Rußland und Frankreich, hat Deutschland während des ganzen 20. Jahrhunderts das erste Landheer der Welt zu unterhalten. Es übersteigt offenbar die Kräfte der deutschen Volkswirtschaft, daneben noch eine Flotte zu tragen, welche über Englands Seemacht emporwüchse. Husarenstücklein („raiäs") würden an der wunderbaren Geschlossenheit der britischen Nation wie Seifenblasen zerplatzen. Ein offenbar sehr sachkundiger Artikel der deutschen „Marinerundschau" Juni 1902 begründet die Unmöglichkeit eines deutschen Angriffskrieges gegen England. Die Durchführung einer Landung sei nur möglich unter dem Schutze einer das Meer schlechthin beherrschenden Schlachtflotte. Insofern hatte Balfour recht, wenn er den Gedanken einer Invasion als Utopie aus dem Bereiche der praktischen Möglichkeiten ausschied. In dieser Hinsicht stimmen augenscheinlich die maßgeblichen Kreise der deutschen Marine mit dem britischen Reichsverteidigungsausschuß überein. Dringt aber erst die Einsicht durch, daß Deutschland und England sich gegenseitig nicht vernichtend treffen können, und daß ihr Krieg lediglich dritten Mitbewerbern zugute käme, so muß trotz allen Jingotums auf beiden Seiten der Weg einer Verständigung sich finden lassen. Ist erst der Gipfel der politischen Gefahr überklommen, so dürfte es möglich sein, die nachfolgenden wirtschaftlichen Weiten in friedlicher Gemeinschaft zu durchwandern. IV. Freilich ist auch das wirtschaftliche Verhältnis Deutschlands und Englands, welches in den Tagen Bis- marcks so einfach erschien, verwickelter geworden. Es ist zudem für beide Teile heute von alles überragender Bedeutung. Auch in dieser Hinsicht gebe ich zunächst einige Ziffern. I. Deutschlands Ansren-sSpezialshandel in Millionen Mark 1SVK. Einfuhr von Ausfuhr nach Summe den 15 Haupthandelsgebieten Großbritannien. Bereinigte Staaten. Rußland lcinschl.Finnland n. Russisch-Asien) Österreich-Ungarn. Frankreich. Niederlande. Belgien. Schweiz. Argentinien. 825,5 1 010,2 1 895,7 1236,3 636,2 1 872,5 1088,5 457,1 1545,6 809.8 649,3 1 459,1 433.3 382,7 816,0 241.3 443,4 684.7 291.1 355,8 646,9 216.8 373.6 690,4 372.2 170,2 542,4 Britisch-Jndicn Italien . . . Schweden . . Dänemark . . Brasilien . . Chile .... Einfuhr von Ausfuhr nach ^ den 15 HaupthandclSgebicten »57,0 241,0 149,7 128,2 188,1 145,0 114.4 230,9 176.4 187,3 88,8 72,4 472,0 471.9 326,1 325,5 276.9 217,4 II. Großbritanniens Außenhandel in ISO« ^ 1906. Einfuhr von Ausfuhr nach Bereinigte Staaten ........ "Deutschland ieinschl. der Niederlande) Britisch-Jndicn (einschl. Ceylon u. Straits- settlements). Frankreich. Australien (einschl. Neuseeland) . . . . Kanada (einschl. Neufundland) ... Rußland. Belgien. Argentinien . Ägypten . . . .. Britisch-Siidafrika (Kap u. Natal) . . , Spanien. Brasilien. Italien.. . Japan.. . . . den 15 Haupthandelsgebietcn 53 240,3 131101,5 74 «7s,» 61177,9 53 871,7 44 745,7 30 949,0 30051,3 29 033,4 23803,0 16 858,2 6 337.8 15 827,7 9 112,4 3 612,3 2954,3 65 150,4 51 932,1 28 784,8 30833,8 16 064,1 15942,1 16 753,9 19913,6 9152.6 16 722,0 5 339,7 7948,4 12 481,7 13115,3 Summe 184 341,8 139 825,7 103110,0 82656.5 75579.5 47013,1 45 993,4 45737.3 43 716,6 26 010,8 23 059,8 21167.4 17060,8 16094,0 16 069,6 III. Einfuhr und Ausfuhr Deutschlands und der Vereinigten Staaten von und nach dem britischen Reiche. (.Deutschlands Einfuhr Ausfuhr (in Will Mk. 1906) von und nach Großbritannien und den britischen Besitzungen in Europa.. 825,5 1 070,2 Britisch-Asien. »57,« 114,4 „ Afrika. 95,2 44,3 „ 'Amerika.. . 21,4 26,7 „ Australien. 179,6 «4,» Summe 1479,3 1 319,9 2. Der Bereinigten Staaten Einfuhr Ausfuhr (in Mill. Mk.s 1905,06 von und nach Großbritannien. 882,1 2427,7 Britisch-Asien. 282,1 31,3 „ Afrika. 7,2 59,2 „ Amerika. 329,7 654,3 „ Australien. 48,4 121,5 Summe 1549,5 3 294,0 Einfuhr von AuSfuhr nach dem britischen Reich 1906 in Millionen Mark Deutschlands . 1479,3 1 319,9 Der Bereinigten Staaten. 1549,5 3 294,0 Also Deutschlands Einfuhrüberschuß.159,4 Millionen Mark Der Bereinigten Staaten Ausfuhrüberschuß. 1744,5 „ „ Einfuhr Ausfuhr Summe " Deutschland. 38021,8 48 312,3 86334,1 Niederlande. 36653,5 16 838,1 63491,« Die deutsche Ein- und Ausfuhr von und nach Großbritannien geht großenteils über die Niederlande, teilweise auch über Belgien. Indem letztere Beträge außer IV. Deutschlands Einfuhr von und Ausfuhr nach Großbritannien an den wichtigsten Jndustrieartikeln ISO» in Millionen Mark. Einsuhr ») Tcxtilivarcn (Garne, baumwollene Gewebe, Wollwaren, Baumwolltiill).164,7 b> Kohle.108,5 e) Zucker.vakat M Fische.35,4 «) Seeschiffe (Ziffer siir März bis Dezember 1666) ...... 19,6 k> Spielzeug > M Teerfarbcn !.vakat L) Klaviere i i) Eisenwaren (Weißblech, Roheisen) .14,9 Ir) Maschinen.16,8 Ausfuhr (Baumwoll-, Wollgewcbe, Wirk- warcn, fertige Kleider) 220,2 vakat 140,1 vakat vakat 20,2 13,1 13,3 (Feine, grobe Eisenwaren, Eck- u. Winkeleisen, Eisendraht) . . . 52,3 16,8 Für Deutschland ist England weitaus der beste Markt, welcher die nächstfolgenden Märkte — Österreich- Ungarn, Rußland, die Vereinigten Staaten — um mehrere hundert Millionen Mark an Aufnahmefähigkeit übertrifft. (Tabelle I.) Der englische Markt ist für uns um so wichtiger, als Deutschland nicht die Kolonien besitzt, auf welche es sich — wie England — im Notfall zurückziehen könnte. Die Möglichkeit Chamberlainscher Zollpläne ist für Deutschland ausgeschlossen; Deutschland braucht fremde Märkte. Der mitteleuropäische Zollverein, welcher als Ersatz für den sich etwa verschließenden englischen Markt empfohlen wird, ist demgegenüber ein nebelhaftes Gebilde. Selbständige Großstaaten werden den wichtigsten Teil ihrer Souveränität, welcher in der Handelspolitik zum Ausdruck kommt, zugunsten einer internationalen Oberinstanz nimmermehr aufgeben; sie werden sich nicht in Zollkriege verwickeln lassen, die sie nichts angehen. Weshalb sollte Z. B. Osterreich-Ungarn sich für Deutschlands Zwecke mit England oder den Vereinigten Staaten handelspolitisch überwerfen? Noch weniger wäre Deutschland geneigt, sich in wichtigen handelspolitischen Fragen von Vertragsgenossen überstimmen zu lassen. Der deutsche Zollverein kam einst zustande, weil in ihm und mit ihm die Frage der Ansatz bleiben zum AuSgleich des Eigenverbrauchs der Niederlande an britischer Einfuhr und der Eigenproduktion der Niederlande für die Ausfuhr nach Großbritannien, so überschätzen wir durch Addition der Ziffern für Germany-NetherlandS die Wirt- schaftsbedeutung Deutschlands für Großbritannien in keiner Weise. politischen Vorherrschaft Preußens über die deutsche Kleinstaaterei entschieden wurde. Der größerbritische Zollverein ist trotz aller Schwierigkeiten denkbar, weil die Herstellung eines gemeinsamen staatsrechtlichen Organs nicht ausgeschlossen ist. Ohne die Voraussetzung umwälzender politischer Katastrophen ist das mitteleuropäische Zollparlament — Utopie. Gegenüber derartig vagen Zukunftshoffnungen ist es jedenfalls weise, die vorhandenen Märkte zu pflegen. Wir werden uns wohl oder übel an den Gedanken gewöhnen müssen: der britische Freihandel ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir stützen ihn dadurch nicht, daß wir „offene Tür" predigen und das Gegenteil tun. Insbesondere sollten wir in solchen Zöllen Maß halten, welche versteckte Ausfuhrprämien für unsere industrielle Ausfuhr ermöglichen. Jeder derartige Zoll wird von England als „uickair" empfunden und ist ein Nagel zum Sarge des englischen Freihandels. Dieser Freihandel aber ist unser Interesse. Ein Wertzoll von 10 bis 20«/», wie ihn Cham- berlain vorschlug, würde bereits viele Zweige der deutschen Ausfuhr stark behindern, in einzelnen Fällen sogar pro- hibitiv wirken. Auch hätten wir eine weitere Verschärfung der Vorzugszölle zugunsten Englands auf dem Boden der britischen Kolonien zu fürchten. Noch vor wenigen Jahren versicherten deutsche Freihändler, daß Kanada die dem Mutterlande gewährten Vorzugszölle alsbald andern Staaten durch Handelsverträge zugänglich machen, daß keine weitere britische Kolonie dem kanadischen Beispiele folgen werde usw. Diese Prophezeiungen sind durch die Ereignisse widerlegt worden. Selbst einer liberalen und freihändlerischen Zentral- regierung gegenüber sind die kolonialen Vorzugszölle nicht nur beibehalten, sondern noch erweitert worden. (Neuseeland 1907.) Auf der andern Seite wollen wir uns hüten, einen etwaigen Sieg der britischen Finanzreformer allzu tragisch zu nehmen. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß 44 der britische Freihandel zu Vergeltungszöllen greift oder in Schutzzoll umschlägt, wie denn das neueste Patentgesetz einer liberalen Regierung durchaus schutzzölluerischem Geiste entsprungen ist. Bei Handelsverträgen würden wir einem schutzzöllnerischen England ungewohnte Opfer bringen müssen. Aber bei dem ungeheuren Umfang der beiderseits in Betracht kommenden Interessen wäre ein befriedigendes Vertragsergebnis möglich und wünschenswert. Nur blinde Unvernunft könnte Handelsumsätze gefährden, welche, wie die zwischen Deutschland und dem britischen Reiche, beiderseits eine Milliarde Mark weit übersteigen. Ein sich auf seine Kolonien zurückziehendes England schüfe uns Ellbogenraum in der übrigen Welt: es verteuerte doch wohl die Lebenshaltung des britischen Arbeiters und entfernte sich handelspolitisch von den nichtbritischen Rohstoffgebieten. Was wir auf dem Gebiet des britischen Reiches verlören, müßten wir in Rußland, in Südamerika, im Orient und in Ostasien einzubringen suchen. Schon haben wir auf manchem dieser Märkte den Vorsprung. Um England auf neutralen Gebieten zu überflügeln, dürfen wir freilich nicht uns selbst hochschutzzöllnerisch einkapseln. Vielmehr weist Chamberlain uns auf den entgegengesetzten Weg als den, welchen er auf Grund riesigen Kolonialbesitzes seinen Landsleuten predigt. Anderen Schutzzollgebieten gegenüber besäße ein maßvoll schutzzöllnerisches England eine heilsame Retorsions- kraft. Es könnte vielleicht, einflußreicher als bisher, auch zu unsern Gunsten in der Richtung internationalen Zollabbaues wirksam werden. Aber wie immer seine Handelspolitik sich in Zukunft gestalte, jedenfalls hat Großbritannien — nicht minder als Deutschland — ein dringliches Interesse an einer befriedigenden Gestaltung unserer gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Zweierlei kommt hierfür in Betracht. Noch ist Deutschland einer der wichtigsten Märkte des britischen Industriestaates — ein Markt, der an Aufnahmefähigkeit selbst von dem indischen Kaiserreich nicht 45 übertreffen wird. (Tab. II.) Noch führt Deutschland, im Gegensatz zu den kolonialen Rohstoffgebieten, hochwertige Jndustrieartikel in gewaltigen Beträgen von Großbritannien ein. Vornan stehen feine Garne und Gewebe, Wolltuche, Baurnwolltülle usw., daneben Maschinen und Seeschiffe. Im Jahre 1907 kaufte Deutschland von England Garne im kolossalen Werte von 230 Millionen Mark. Recht eigentlich britische Erzeugnisse wie Seeschiffe und Fische werden gegen ebenso eigentümlich deutsche Waren wie Teersarben, Klaviere und Spielzeug zu etwa gleichen Werten getauscht. Deutschlands Markt öffnet sich britischen Luxusartikeln, wobei das Schwinden französischer, das Vordringen englischer Einflüsse im deutschen Lebenszuschnitt seine Rolle spielt. Dieser Umschwung aber, der doch die Rückkehr zu unserer eigensten Grundlage bedeutet, vollzieht sich „mit zwingender Strenge". Trotzdem wird — angesichts der in Tab. IV mitgeteilten Ziffern — den britischen Finanzreformern zuzugeben sein, daß Deutschland im Verhältnis zu England mehr und mehr in die Rolle des exportierenden Industriestaates hineinwächst. Insbesondere bahnt sich auf dem Gebiete der Textilindustrie zwischen beiden Ländern eine außerordentlich reichgegliederte Arbeitsteilung an, wobei — vorwiegend in zweiten Qualitäten — Deutschland ein leichtes Übergewicht behauptet. Der britischen Kohlenausfuhr nach Deutschland entspricht die Ausfuhr des höher verarbeiteten deutschen Zuckers nach England. Diese Ausfuhr ist allerdings kein sicherer Besitz Deutschlands, da der koloniale Rohrzucker, dessen Bundesgeuossin die tropische Sonne ist, früher oder später den Rübenzucker auch von Freihandelsmärkten verdrängen dürste. Diese Verdrängung hat sich unter dem Druck handelspolitischer Maßregeln in Kanada jäh vollzogen. Aber wenn für Deutschland der englische Markt heute immerhin wichtiger sein mag als der deutsche Markt für Großbritannien, so liegt das Verhältnis zum britischen Weltreich gerade umgekehrt. Deutschland ist von allen 46 Ländern der Welt der kaufkräftigste Abnehmer größer- britischer Rohprodukte und besitzt im Verhältnis zum britischen Reich eine entschieden passive Handelsbilanz. Deutschland ist, wie ich an anderer Stelle nachzuweisen suchte, gegenüber manchen britischen Herrschaftsgebieten, z. B. Indien, als überwiegender Käufer nicht ohne Re- torsionskraft. (Vergl. mein Buch: Britischer Imperialismus und englischer Freihandel S. 213.) In diesem Verhältnis spiegelt sich jene ungeheure Verschiebung der britischen Volkswirtschaft, die sich langsam, aber sicher in unsern Tagen vollzieht und die sich u. a. in der Abnahme der britischen Ausfuhrkraft offenbart: in den letzten 24 Jahren hat die Ausfuhr Großbritanniens um 23°/o, die Deutschlands um 54«/o, die der Vereinigten Staaten gar um 76<>/o zugenommen. Die City als der Geldgeber riesiger Rohstoffgebiete überwuchert den kleinenglischen Industriestaat, wobei der Reichsverband durch politische Ordnung die Sicherheit der ausgeliehenen Kapitalien gewährleistet. Die Ausbeutung kolonialer Neuländer und Arbeitskräfte ermöglicht nicht nur den breiten Lebenszuschnitt der britischen Mittelklassen, sondern damit auch die Lohnhöhe der englischen Industriearbeiter, deren Erzeugnisse in wachsendem Maße dem reichen heimischen Markte zufließen. Der englische Arbeiteraristokrat steht auf den Schultern einer millionenköpfigen, farbigen Menschheit. Womit aber sollen diese Rohstoffgebiete ihre Zinsen an England begleichen, wenn nicht durch Rohstoffausfuhr nach Industrieländern? Denken wir insbesondere der stark wachsenden Verschuldung Australiens gegen England. Großbritannien selbst besitzt den Kolonien gegenüber vielfach nur schwach passive, ja teilweise aktive Handelsbilanzen, da die koloniale Welt auf Grund von Vorzugszöllen und verwandten Lebensgewohnheiten mit Vorliebe britische Jndustrieerzeugnisse kauft. Um so mehr benötigen die britischen Kolonien zur Aufrechterhaltung ihrer Zahlungsbilanz der Ausfuhr in nichtbritische Industrie- gebiete. Unter diesen steht Deutschland allen andern voran. Als Industriestaat ohne nennenswertes eigenes Kolonial- reich ergänzt Deutschland recht eigentlich das größere Britannien. Die Forderungen, welche den britischen Kolonien aus ihrer Rohstoffäusfuhr gegen Deutschland erwachsen, dienen zur Zahlung ihrer Schuldzinsen ail England. In gesteigertem Maße gilt das gleiche von Britisch- Jndien, welches nicht nur Schuldzinsen, Pensionen, Handels- und Plantagengewinne an England abzuführen hat, sondern auch seit Jahren eine »entschieden passive Handelsbilanz im Verhältnis zu Großbritannien ausweist. Die Kaufkraft Europas, insbesondere Deutschlands, trägt das indische Budget und die indische Währung. Sichern wir also durch starke Rüstung den politischen Frieden und nehmen dem englischen Volke den Anlaß, sich über wirtschaftliche Ungerechtigkeit unsererseits zu beklagen! Dann dürfte England mit dem wirtschaftlichen und maritimen Aufschwung Neudeutschlands sich früher oder später versöhnen. Dann dürfte auch der alte Satz eines D. Hume und A. Smith wieder zum Durchbruch kommen, daß kapitalkräftige und volkreiche Nationen sich gegenseitig die nützlichsten Nachbarn sind. „Freimütig'wage ich es zu bekennen," sagt D. Hume, „daß ich nicht nur als Mensch, sondern auch als britischer Untertan den Aufschwung und die Blüte des Handels in Deutschland, Spanien, Italien und sogar auch in Frankreich wünsche." Heute würde Hume sagen: „in Frankreich, sogar in Deutschland". Adam Smith aber setzt hinzu: „Eine Nation sollte die Reichtümer ihrer Nachbarn für einen Grund und eine Gelegenheit ansehen, selbst Reichtümer zu erwerben. Wenn eine Nation sich durch den auswärtigen Handel bereichern will, so hat sie leichtes Spiel, wofern ihre Nachbarn reiche, betriebsame und handeltreibende Völker sind." „üRs veU bsinx ok 6wrman^ oaonot kail to briu^ aävantSA'S8 to LiiKlkmä." Deutschland — zum Frieden stark! 48 M.' 's-kf ^MöMW M>.«G ^MMWWWE^AE '.^ M' -E^ ^ W^WWWWMMM WHOMGKMWMtzl ^^WN E^^EÄKT UZSMKWvx WZM KÄU MM MWV KEZ M-M MMÄÄ