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VORWORT D ie große Aktenveröffentlichung des Auswärtigen Amtes, die leider an gewissen Stellen durch ungehörige Kritiken in Form von Fußnoten entstellt ist, hat es dem Historiker ermöglicht, sich selbst ein Urteil über die auswärtige Politik des Hohenzollem- Kaisertums zu bilden. Er wird erkennen, daß der große Mann seinen Höhepunkt 1870/71 erreicht und überschritten hatte, und daß er später mitunter in er- i schreckender Weise nachließ. Man hat den Eindruck, daß sein durch viele „schlaflose Nächte" und Neuralgien angegriffener Gesundheitszustand nicht ohne Rückwirkung auf sein Nervensystem blieb und liest mit Entsetzen Ausführungen, wie die Denkschriften, die das verhängnisvolle Bündnis mit Österreich recht- fertigen sollten (Nr. 455 und Nr. 461). Bei weniger berühmten Autoren würden solche krause Darlegungen als Hingespinste, Sophismen, Schwulst und Phantastereien gelten! Im Gegensatz zu unseren Vertretern in Petersburg und Paris, die übereinstimmend über unbedingten Friedenswillen uns gegenüber berichteten und nur auf Angst, Mißtrauen bezw. auf Mißstimmungen hinweisen, sucht der erste Kanzler imaginäre Gefahren glaubwürdig zu machen, die lediglich in seinem Kopfe zu finden waren, um dem alten Kaiser das Bündnis mit Österreich gegen Rußland schmackhaft zu machen! Eine Koalition ä la Kaunitz sollte sich vorbereiten, zu der aber weder bei den Russen noch bei den Franzosen noch gar bei den 5 Österreichern die geringsten Ansätze zu bemerken waren! Erinnerungen an den alten Bund wurden aus der politischen Rumpelkammer hervorgeholt, eine Sicherung der Linie Krakau—Bodensee verlangt, wo überwiegend Deutsche wohnen, die eher an Anschluß als an Angriff dachten! Als unser Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe, im April 1875 (Nr. 169) berichtete, der damalige Minister des Äußeren, Herzog Decazes, habe vorgeschlagen, gegenseitig zu entwaffnen und das bestehende Mißtrauen aufzugeben, daß ferner die Friedensliebe beim Herzog wie beim Präsidenten Mac Mahon eine ungeheuchelte sei und daß Frankreich sobald keinen Krieg führen könne, eine Ansicht, die auch der Militärattache von Bülow bestätigte, wurde er dahin belehrt, „daß das Endziel der französischen Bestrebungen dennoch die baldige Instandsetzung der Armee zu einem Feldzug gegen Deutschland bleibt." Sein Nachfolger in Paris, Graf Münster, vertritt im Dezember 1886 in einem Immediat - Bericht (Nr. 1240) die Ansicht, daß eine durchaus friedliche Stimmung das Land durchweht. „Die Idee der Revanche verblaßt“, der allgemeine Eindruck sei der der Besorgnis, selbst der Furcht vor dem Kriege und daß, wie die Lage und die Stimmung in Frankreich sind, er nicht glauben könne, daß von dieser Seite Krieg zu erwarten wäre. Hierauf wird er in einem gereizten Erlaß dahin belehrt, daß angesichts solcher Ansichten die Reichsregierung kaum in der Lage wäre, die neue Militärvorlage vor dem Reichstag zu vertreten. „Euer pp. treten, indem Sie Seiner Majestät dem Kaiser direkt eine so eingehende und nachdrückliche Darlegung Ihrer Überzeugung von den friedlichen Absichten Frankreichs und seiner Regierung unterbreiten, der Politik entgegen, zu welcher die verbündeten Regierungen sich durch die neueste Militärvorlage amtlich und öffentlich bekannt haben.“ Sollte der Bericht bekannt werden, so müßte die Regierung darlegen, „daß der Kaiserliche Botschafter in Paris sich im Irrtum befinde.“ Auf Wunsch des Diktators wurde der Immediat-Bericht zurückgezogen, und weder der Kaiser noch der Reichstag durften die Wahrheit erfahren. Um neue Militärforderungen zu begründen, wurden Gefahren verkündet, die es gar nicht gab, und die Untertanen schon damals wie später und auch 1914 durch falsche Angaben getäuscht. Um so größer erscheint die Gestalt des alten Kaisers. Tiefe Einsicht, rührende Bescheidenheit, edle Einfalt — wahre Weisheit! Stets traf er das Richtige. Er allein hatte recht, als er sich gegen das wahnsinnige Bündnis mit Österreich sträubte, das uns zum Verderben wurde. Aus seinen Aufzeichnungen spricht eine wunderbare Klarheit und Sicherheit des politischen Urteils. Es ist geradezu erschütternd sie zu lesen, seine inneren Kämpfe zu beobachten und dann zu sehen, wie er vergewaltigt wurde. Man kann ihm nur den einen Vorwurf machen, daß er schließlich nachgab und vor der unwürdigen Streikandrohung des vom Diktator völlig beherrschten Ministeriums zurückwich. Wäre er nur fest geblieben, hätte er ihn nur gehen lassen, — dann wäre die größte Katastrophe der Weltgeschichte unmöglich und das deutsche Volk heute das erste in Europa! Die Epigonen unter Leitung des Herrn von Holstein waren zunächst bestrebt, die Rückkehr des Meisters, die sie fürchteten, zu verhindern und daher auch in der Politik möglichst in Gegensatz zu ihm zu geraten. Diese Tendenz führte bekanntlich zur Nichterneuerung des „Rückversicherungsvertrages". Bismarcks mangelnde Kenntnis österreichischer Zustände, ähnlich seiner Unkenntnis des Wesens der Römischen Kirche, seine Unterschätzung nationaler Bewegungen und deren Bedeutung für die Balkanpolitik, auch seine Besorgnis vor einer tatsächlich undenkbaren Rückkehr Österreichs zur Politik des Status quo ante 1866, die dort weder die Deutschen noch die Slawen wünschten, seine Gesamteinstellung als konservativ-dynastischer Politiker, die zu einer Überschätzung des Habsburger Kaisertums führte, namentlich aber sein Haß gegen Gortschakow sowie seine ganz unbegründete Angst vor Koalitionen, — hatten den Diktator veranlaßt, sich mit der obsoleten Firma „Austria", einem dynastischen und mittelalterlichen Gebilde, zu verbünden, das man später nur noch in Berlin ernst nahm, sonst nirgends, nicht einmal in Wien! Die Irr- tümer des Meisters beherrschten aber das ganze Epigonenzeitalter und wurden zu einem System ausgebaut, das schließlich zum Untergang führte. Aus den Akten erhellt, wie verzweifelt der russische Minister des Äußeren, Herr von Giers, war über die Nichterneuerung des Vertrages mit Deutschland, ein Vertrag, der dem Russischen Reich eine Sicherung der Westgrenze bedeutete, und wie er sich immer wieder über den Mangel schriftlicher Abmachungen zwischen den beiden Kaiserreichen beklagte. Diese Unterlassung sowie die lärmende Erneuerung des unseligen Dreibundes hatten bekanntlich den Russisch- Französischen Vertrag vom Jahre 1892 zur Folge, dessen Artikel 6 lautete: „La presente convention aura la meme duree que la Triple-Alliance." Das besagt genug. Die Diadochen, deren Politik meist unter dem Ein- 8 »* * SSIÄ! 'VKs’MJfot Lord Haldane fluß pathologischer Köpfe stand, betrachteten den Dreibund, der außerhalb Deutschlands nur belächelt wurde, soweit man in ihm nicht eine ständige Kriegsgefahr erblickte, als die wichtigste Grundlage unserer auswärtigen Politik, als der Weisheit letzten Schluß. In Wirklichkeit war er ein durch einen großen Namen geheiligter Unsinn! Eine wachsende Spannung mit Rußland, dessen Wohlwollen wir die Gründung des Reiches in erster Linie verdankten, wie Wilhelm I. es in seinem bekannten Versailler Telegramm an Alexander II. anerkannte, ein Staat, mit dem wir nirgends Reibungen hatten, falls wir auf unsere sinnlose Orientpolitik verzichteten, war die Folge. Als slawisch-orthodoxe Theokratie betrachtete Rußland, — natürlich im Gegensatz zu Österreich-Ungarn und zur Türkei, — die Herstellung der Einigkeit und Unabhängigkeit der Balkanbrüder als seine kirchliche und nationale Mission. Das nannte man dann die „panslawistische" Gefahr oder den Machthunger Rußlands! — Wir trieben auch schon zur Zeit Bismarcks eine antirussische Orientpolitik. Als ich Ende der achtziger Jahre Sekretär an der Botschaft in Konstantinopel und später auch in Bukarest war, galt Rußland als der Gegner, dessen „Intrigen" wir bekämpften, Österreich-Ungarn aber und die Türkei als unsere Freunde. Wir trafen damit die Wurzeln des Cäsaropapismus. Die Erhaltung des „Status quo" im Orient und im „Halborient", das heißt auf dem Balkan und in Österreich-Ungarn, war später das bequeme Rezept staats- männischer Hilflosigkeit und Verlegenheit. Die Abkehr von Rußland, die im Jahre 1875 einsetzte, war tatsächlich der Urgrund unseres Niederganges. Die jugoslawische, griechische, bulgarische Einigkeitsbewegung, 9 die unter russischem Protektorat stand, konnte auf die Dauer ebensowenig bekämpft werden, wie etwa seinerzeit die italienische. Die Epigonenpolitik aber stützte sich lediglich auf die beiden europäischen Kadaver, den austro-magyarischen und den osmani- schen; im übrigen wurde keine Gelegenheit versäumt, außer Rußland auch noch England und Frankreich zu vergrämen, und wenn sich ein Anlaß dazu bot, wurden auch Japan und die Vereinigten Staaten nicht geschont. Zuerst haben wir Rußland in die Arme Frankreichs getrieben und dann in die Englands. Wir waren bei weitem die Stärksten in Europa und beunruhigten die Welt durch immer neue Rüstungen zu Land und zur See, durch die Ablehnung jeder Rüstungsbeschränkung auf den Friedenskonferenzen, durch herausfordernde Reden an maßgebenden Stellen über die „gepanzerte Faust“ und durch ähnliche Fan- faronaden und Rodomontaden, durch wiederholte und sinnlose Krisen, die den anderen nur die Wahl ließen zwischen Demütigung und Krieg, und die den Anschein erweckten, als sei uns ein neuer Waffengang nicht unwillkommen. Diese Haltung bewirkte eine Annäherung der anderen Mächte, die alte Gegensätze begruben und sich zum gegenseitigen Schutz untereinander verständigten. Das nannte man dann die „Einkreisung“. Die Entente war das Ergebnis der Marokkokrise, die Herr von Holstein inszenierte, obwohl Herr Del- casse, der meinen Einfluß sehr überschätzte, im Juli 1904 in Paris zur maßlosen Wut des obigen Herrn in einem zweistündigen Vortrag nach einem Diner auf der Deutschen Botschaft sich bereit erklärte, mit uns über Marokko zu verhandeln. Aber Herr von Holstein wollte damals ebensowenig die Verständigung mit Frankreich wie zehn Jahre später sein Nachfolger die mit England. 10 Herr von Holstein, der bei seinen näheren Bekannten als nicht normal galt, war ein Mann von Geist und Wissen, ein Meister der Intrige. Er beherrschte die Feder und die Akten wie kaum ein anderer. Vom großen Manne, dessen Sekretär er in Petersburg war und der von ihm sagte: „Er sieht Dinge, die nicht sind", wurde er gebraucht und mißbraucht. Als einer der ersten verriet er den Meister, wie er vorher seinen Pariser Chef, den Grafen Arnim, verraten hatte. Seinen Vorgesetzten wußte er zu imponieren, sie einzuschüchtern und völlig zu beherrschen. Die Politik war für ihn ein Sport, ein Sport mit großem Einsatz. Daß sie auch Privatgeschäft war, hätte ich nie geglaubt. Vor allem lag ihm an Macht und Einfluß. Beides besaß er auch nach seinem Tode. „Die Lebenden werden von den Toten regiert." Tatsächlich leitete er unsere auswärtige Politik seit dem Sturze des großen Mannes nahezu unumschränkt. Geschah ihm nicht nach Wunsch, so drohte er mit dem Rücktritt, worauf alles vor Schreck in die Knie sank, da man Angriffe oder Enthüllungen befürchtete. Gewöhnlich gelang es auch, ihn durch flehentlichen Zuspruch zu besänftigen. Er blieb, und mit ihm die Mißwirtschaft des Auswärtigen Amtes. Seine Politik war sprunghaft, ohne große Ziele, launisch und widerspruchsvoll. Kaum hatte er eine Weisung gegeben, als er sie schon widerrief, namentlich wenn die Gegenseite auf seinen Vorschlag einging, weil er dann mißtrauisch wurde. Er lebte in einer Welt von Wahnvorstellungen, hatte jede Fühlung mit der Wirklichkeit verloren und gab seinen Vertrauten Vorschriften, wie sie berichten sollten. Berichtete einer unserer Vertreter anders, als es der menschenscheue Sonderling lesen wollte, so war Holstein sein Feind. Maßregelung 3 11 oder Strafversetzung waren oft die Folge. Holstein protegierte nur Mittelmäßigkeiten oder solche, die sich in Abhängigkeit von ihm befanden; befähigte Beamte waren ihm unbequem. Auf diese Weise gelangten völlig unzulängliche Persönlichkeiten auf wichtige Posten. Alles in allem ein nationales Unglück, der eigentliche Vater des Weltkrieges! Längst hätte man ihn entfernen sollen. Herr von Kiderlen, Schüler und Intimus Holsteins,, der wenige Jahre nach dessen Tode die Leitung unserer auswärtigen Politik übernahm, war verschlagen, pfiffig, schlau, gerissen, nicht ohne Humor und natürlichen Verstand, aber bösartig, gehässig, unmanierlich, ungepflegt, burschikos. Als er zur Macht gelangte, hatten ihn bereits Alkohol und wüstes Junggesellenleben zermürbt. Aber die große Torheit des Jahres 1914 hätte er nicht gemacht; dazu war er doch zu klug, wenn er auch nicht begriff, daß wir uns jeder Einmischung in Balkanfragen zu enthalten hatten. Ich habe niemals und nirgends behauptet, daß unsere „Staatsmänner“ im Juli 1914 den Weltkrieg gewollt haben, soweit sie überhaupt wußten, was sie wollten, sondern nachzuweisen versucht, daß der Weltkrieg die letzte Folge einer falsch orientierten Politik war und daß, wenn man von einer Krise zur anderen taumelt, der Augenblick unfehlbar eintritt, an dem die Sache „schief" geht, selbst wenn man es anders wollte. Ich habe in meiner bekannten Denkschrift, die zu meinem lebhaften Bedauern noch während des Krieges herauskam, die aber, wie ich oft feststellen konnte, mehr verurteilt als gelesen wird, unseren damaligen „Staatsmännern“ nicht Kriegswillen, sondern Leichtfertigkeit, Verblendung und Unzulänglichkeit vorgeworfen. In meiner Eingabe an das Herrenhaus vom Jahre 1918 habe ich nachgewiesen, 12 daß das amtliche Deutsche Weißbuch vom 3. August 1914 viel belastender für uns ist, als meine Denkschrift, da es den dolus eventualis zugibt, den ich nicht annahm. „Unter diesen Umständen mußte Österreich sich sagen, daß es weder mit der Würde noch mit der Selbsterhaltung der Monarchie vereinbar wäre, dem Treiben jenseits der Grenze noch länger tatenlos zuzusehen. Die k. und k. Regierung benachrichtigte uns von dieser Auffassung und erbat unsere Ansicht. Aus vollem Herzen konnten wir unserem Bundesgenossen unser Einverständnis mit seiner Einschätzung der Sachlage geben und ihm versichern, daß eine Aktion, die er für notwendig hielte, um der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten Bewegung in Serbien ein Ende zu machen, unsere Billigung finden wird. Wir waren uns hierbei wohl bewußt, daß ein etwaiges kriegerisches Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien Rußland auf den Plan bringen und uns hiermit unserer Bundespf 1 icht entsprechend in einen Krieg verwickeln könnte. Wir konnten aber in Erkenntnis der vitalen Interessen Österreich-Ungarns, die auf dem Spiele standen, unserem Bundesgenossen weder zu einer mit seiner Würde nicht zu vereinbarenden Nachgiebigkeit raten, noch auch ihm unseren Beistand in dem schweren Moment versagen." Die „Kriegsschuldfrage“! Wer war denn 1870 schuld am Kriege oder 1866 oder 1863? Hat Bismarck sich denn etwa „überfallen" lassen? Hat er einen Krieg geführt, den er nicht führenwollte? Wer war schuld an den Schlesischen Kriegen oder am Dreißigjährigen? Wer am Trojanischen? Die schöne Helena? Es gibt nur törichte Kriege, und die sind ein Verbrechen, und dann Kriege, die einen 13 bestimmten Zweck verfolgen, der ohne sie nicht zu erreichen ist. Kann man denn Politik vom Standpunkt des Strafgesetzbuches beurteilen? Letzteres schützt den einzelnen vor Vergewaltigung, wer aber schützt den nationalen Kollektivkörper oder befreit ihn, es sei denn er selbst oder die Hilfe anderer? Ein für einen bestimmten Zweck gewollter und geführter Krieg braucht kein Verbrechen zu sein, ihn aber zu verursachen, ohne ihn gewollt zu haben, ist das schlimmste, was man einem Staatsmann vorwerfen kann! Der Weltkrieg aus Versehen! Nichts in den seitherigen Veröffentlichungen hat meine Angaben widerlegt oder meine Auffassung entkräftet, daß die Methoden des Epigonenzeitalters früher oder später zur Katastrophe führen mußten und ich glaube, daß die amtlichen Akten meine Ansichten keinesfalls widerlegen. Der große Umfang dieser Dokumente macht sie nur ganz wenigen zugänglich, und ich habe mich daher zu einer Sonderausgabe der wichtigsten meiner Londoner Berichte aus den Jahren 1912 bis 1914 entschlossen und ihr noch andere hiermit in Zusammenhang stehende Schriftstücke beigefügt. Der Gedanke einer „Rechtfertigung" liegt mir fern, denn die Ereignisse haben mir nur zu sehr recht gegeben. Unter unseren Diplomaten war kein anderer, der dauernd gewarnt und alles so, wie es gekommen, vorausgesagt hat. Es liegt mir daran, daß die Gründe, die England zum Eintritt in den Weltkrieg veranlaßten, aus meiner Berichterstattung ersichtlich werden. Ich wies immer darauf hin, daß, so sehr auch die britische Regierung, namentlich Sir E. Grey, bestrebt war, uns entgegenzukommen und mit uns zu einer Verständigung zu gelangen, alle Gegensätze zu über- 14 brücken und eine für beide Teile befriedigende Lösung zu finden, die die Erhaltung des europäischen Friedens gewährleistete, keine britische Regierung wieder wie anno 1870/71 bei einem neuen deutsch-französischen Kriege eine für uns wohlwollende Neutralität ein- nehmen würde. Ob Elsaß-Lothringen uns oder den Franzosen gehörte, war den Briten ganz gleich. Eine Politik ä la Boulanger hätten sie daher niemals unterstützt. Eine neue Niederlage der Fra n zosen und auch der Russen, die ohne britische Mitwirkung vorauszusehen war, hätte uns aber zum Herrn des Festlandes gemacht, und das konnte Britannia nicht dulden! Es ist daher ein Irrtum, zu sagen, die Ablehnung der Bündnisanregungen der neunziger Jahre, die ihre Spitze namentlich gegen Rußland richteten, hätte die politische Lage des Jahres 1914 verschuldet. Mit oder ohne Bündnis, mit oder ohne Flotte, die nur einen Teil unserer ebenso gewaltigen als sinnlosen Rüstungen bildete, die unsere Nachbarn beunruhigten und zur Ringbildung veranlaßten, mit oder ohne die unverzeihliche Verletzung der belgischen Neutralität hätte England kein zweites Sedan zugelassen! Das zeigen auch die kürzlich veröffentlichten Briefe und Tagebuchblätter der Königin Viktoria aus den siebziger Jahren, als weder von der Flotte, noch von der belgischen Neutralität die Rede war. Die Königin, beunruhigt durch die Haltung Bismarcks, dem sie ebenso mißtraute wie auch die Russen, wendet sich — natürlich auf Veranlassung ihrer Minister — in wiederholten Briefen an ihre Tochter, an Wilhelm I., ja sogar an Alexander II., um uns zu warnen. Das mangelhafte Verständnis bei unserer auswärtigen Leitung für diese wichtige Frage ging schon aus der Meinung hervor, daß unsere Flotte die Engländer 15 abhalten würde, sich an dem Schutze der schwächeren Seite, der Franzosen, zu beteiligen. Mit Sir E. Grey konnten wir nahezu alles erreichen; er war bereit, uns auf jedem Gebiet entgegenzukommen, nur eines konnte ich nicht: ihn von dem Eintritt in den Weltkrieg abhalten in dem Augenblick, wo wir den Franzosen den Krieg erklärten und noch dazu die belgische Neutralität verletzten! Das ist die Tragik meiner Mission. Es war mir geglückt, dank dem aufrichtigen Wunsche Sir E. Greys und seines Beraters Sir W. Tyrrell, sich mit uns zu verständigen, wie sich England zuerst mit Frankreich und dann 1907 mit Rußland verständigt hatte, die Beziehungen zu England so zu verbessern, daß wir auf bereitwillige Unterstützung in allen Fragen rechnen konnten, die nicht die Gefahr eines Krieges in sich schlossen. Meine Berichterstattung umfaßt die Londoner Botschafterkonferenz, wo der austro-italienische Homun- culus, das Königreich Wied, geschaffen wurde, die Bagdadbahn, bei welcher Sir E. Grey ein so großes Entgegenkommen zeigte, daß er uns den Hafen von Basra als Endpunkt der Bahn einräumte, den Kolonialvertrag, der uns weite Interessensphären in den Portugiesischen Kolonien zuwies, ein Vertrag von größter Bedeutung, bei dessen Zustandekommen ich mich sehr im Gegensätze zur Obstruktionspolitik des Auswärtigen Amtes der eifrigen und verständnisvollen Unterstützung unseres Gesandten in Lissabon, Herrn Dr. Rosen, erfreute, sowie endlich meine Darlegungen über unser Verhältnis zu England und meine dringenden Warnungen vor einer Politik, die schließlich zum Zusammenbruch geführt hat. Alle diese Fragen sind aus meiner Berichterstattung ersichtlich, und dem Leser sei es nun überlassen, zu 16 beurteilen, wo die Verblendung zu suchen ist und wo die richtige Einschätzung der Lage. Wenn auch dem großen Manne im Zeitalter der Diktatur eine Reihe schwerere Mißgriffe zur Last fallen, wie der Kampf gegen die Römische Kirche, der widerwärtige Arnimprozeß, der Kampf gegen die Demokratie und die Sozialdemokratie, vor allem aber (als Folge seines Grolles gegen Gortschakow, der mit der ,,Krieg-in-Sicht“-Affäre einsetzte) seine Haltung auf dem Berliner Kongreß, die uns das kaiserliche Rußland niemals verziehen hat, und schließlich das verhängnisvolle Bündnis mit Österreich, das seine Spitze gegen Rußland richtete und das in gewissem Sinne eine Rückkehr zu den Überlieferungen des Heiligen Römischen Reiches war, — so erscheint doch das Konto des Diktators wieder einigermaßen ausgeglichen durch eine Tat: den sog. Rückversicherungsvertrag. In seiner großen Zeit ging er mit Rußland gegen Österreich, in seiner bedenklichen mit Österreich gegen Rußland! Die Epigonen aber irrten, berauscht von unserer Größe und Macht, von einem Mißgriff zum andern. Ich will mich auf die Nennung der wesentlichsten beschränken: die Nichterneuerung des Vertrages mit Rußland; die lärmende Erneuerung des imseligen Dreibundes; der ostasiatische Dreibund, bei dem wir die Rolle des Zirkus-August spielten, und der uns mit Japan verfeindete; die sinnlose Besetzung von Tsingtau, die die chinesische Frage ins Rollen brachte; die „Weltmarschall“-Groteske; das Krüger-Telegramm; die Brüskierung von Chamberlain; die wahnsinnige Flottenpolitik, die zwar den Krieg nicht verschuldet hat, da es mir gelungen war, trotz der Flotte mit England eine Verständigung zu erreichen, die England aber beunruhigte und sehr dazu beitrug, es in die Arme 2 Lichnowsky 1 17 SSS! Frankreichs und Rußlands zu treiben; die noch wahnsinnigere Marokkokrise, die entgegen den Lehren des Meisters den Franzosen auf afrikanischem Gebiete die Möglichkeit bestritt, sich für Elsaß-Lothringen zu entschädigen, und die in einem Augenblick einsetzte, in dem der Antimilitarismus und Pazifismus in Frankreich die Oberhand gewann; der Argonautenzug nach Tanger, den Wilhelm II. trotz heftigen Sträubens auf Befehl des Herrn von Holstein unternehmen mußte, um gleichzeitig Briten und Franzosen herauszufordern. Das Schlimmste kam aber noch: die Bosnische Krise, der Auftakt zum Weltkriege! Wir waren aber durch Algeciras in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Wien geraten und mußten uns revanchieren beim „brillanten Sekundanten". Nun ging es weiter auf dem Wege zum Abgrunde. Die törichten Militärmissionen in Konstantinopel, um die Russen zu verärgern; der Schwabenstreich von Agadir, der uns eine Demütigung durch England zuzog; das Scheitern der Mission Haldane, weil wir uns mit der von Sir E. Grey vorgeschlagenen Formel nicht begnügten und eine für England unannehmbare Neutralitätserklärung forderten, die einer Preisgabe Frankreichs gleichkam; unsere austrophile und antiserbische Haltung während der Balkankriege, welche die dortigen Völker zur Erlangung ihrer Einigkeit und Unabhängigkeit führten; die Gründung des Albanischen Staates, die Serbien den Zugang zum Meer verwehrte, und als Schlußstück die Bestrafung der „Fürstenmörder" für die „vitalen Interessen unserer Bundesgenossen", von dem heute nichts mehr übrig bleibt! Dann folgten die Ablehnung des britischen Vermittelungsantrages, die Nichtbeantwortung des russischen Vorschlags, den Streit dem Haager Schiedsspruch zu unterwerfen, die Kriegserklärung an Rußland, der Ein- 18 fall in Belgien, die Wiederherstellung Polens, der unbeschränkte U-Bootkrieg! Halali! Deus quos perdere vult prius dementat. Es war, als ob wir 1859 in den Weltkrieg gegangen wären, um die italienische Einheit zu verhindern und den Deutschen Bund „am Minern" zu verteidigen, wie gewisse Politiker es damals wollten. Ich frage jeden normalen, nicht durch den Autoritätsglauben, durch Phrasen, Legenden und Traditionen benebelten und belasteten Kopf, welches Interesse das deutsche Volk an der serbischen, der bulgarischen oder der rumänischen Frage hatte oder an den Dardanellen? Doch nicht mehr als an spanischen oder portugiesischen Zuständen oder an den Säulen des Herkules! Was ging uns eigentlich Serbien an, was Bulgarien oder Rumänien? Wozu mußten wir unsere Finger stets in alles hineinstecken und auch auf Kriegsgefahr hin uns in Dinge mischen, die uns völlig fern lagen? Ich bin mir wohl bewußt, daß obige Ausführungen mir wiederum Angriffe zuziehen können, und auf den Vorwurf gefaßt, ich hätte damit der deutschen Sache geschadet! Kann man unserer Sache schaden, wenn man an den Ursachen des Zusammenbruchs Kritik übt, frei von Vertuschungen und Sophismen, die Zivil- und Militärpolitikaster und andere naive Köpfe und „Halbdenker" in falschverstandenem Patriotismus servieren, die aber niemand überzeugen und auch nicht ein einziges abgetretenes Dorf wiederbringen oder auch nur einen Paragraphen des Versailler Friedens abändern können? Die Vergangenheit ist Geschichte, und Geschichte bedeutet die Erforschung der Wahrheit und die Feststellung von Ursachen und Wirkungen, da kein Ereignis ohne Zusammenhang dasteht. 2 * 19 Unserer Sache haben die geschadet, die entgegen meinen wiederholten Warnungen und Ratschlägen eine Richtung verfolgten, welche, wenn auch gewiß gegen ihren Willen, zum Kriege und zum Zusammenbruch führte. Die Wurzeln der Katastrophe bloßzulegen, kann nur Klarheit schaffen, aber keinen Schaden! Ein Vertrag mit Rußland, der uns vor der Gefahr eines Krieges nach zwei Fronten schützte, und wir brauchten weder Bündnisse noch Rüstungen! I eider bin ich nicht mehr in der Lage, einige an mich ^gerichtete recht interessante Briefe dienstlichen Charakters der Herren von Bethmann Hollweg, von Jagow und von Stumm zu benutzen, die ich originaliter einem der Herausgeber der sogenannten Kautsky- Akten (Deutsche Dokumente zum Kriegsausbruch) zur Verwertung übergeben hatte, da sie bald darauf aus dessen Berliner Wohnung auf rätselhafte Weise verschwanden. * * * Kurz nach dem Zusammenbruch 1918 habe ich folgende politische Aphorismen verfaßt: Verzicht auf Dreibund- und Orientpolitik auf der einen, auf jede Bedrohung Frankreichs und auf neue Flottenvorlagen auf der anderen Seite, und die dauernde Verständigung mit Rußland und mit England war gemacht. * * * Wir konnten 1000 Jahre Frieden haben, wenn wir statt mit Österreich mit Rußland gingen, * * * Der Dreibund war eine Laune Bismarcks, eine schlechte Laune gegen Gortschakow, nächst dem Berliner Kongreß sein größter Irrtum. * * * 21 Bismarck wollte Gortschakow bekämpfen, nicht Rußland. * * * Die Epigonen lebten von der Tradition, von dem Ruhm ihres Vorbildes, dessen Irrtümer durch seinen Namen geheiligt waren. * * * „Der Vollendete ist nur ein Wegweiser“, sagt Buddha. Die Epigonen aber blieben beim Wegweiser stehen und beklagten sich dann über Vereinsamung. * * * Staaten gehen meist an dem System zugrunde, durch das sie emporkamen. Das Mittel zum Zweck wird Selbstzweck und zerstört seine eigene Schöpfung. * * * Ein Staatswesen, das der Militarismus beherrscht, ist nicht nur für seine Nachbarn, sondern auch für das eigene Volk eine Gefahr. Die militärischen Gesichtspunkte verdrängen allmählich alle anderen. * * * Unsere auswärtige Politik wurde abwechselnd von pathologischen und von önologischen Köpfen geleitet. * * * Wenn wir fortfuhren, uns völlig mit Österreich- Ungarn und mit der Türkei zu identifizieren und alle anderen Großmächte zu brüskieren, so war der Weltkrieg früher oder später unvermeidlich. * * * 22 Um England zu verstimmen, bauten wir eine völlig zwecklose Riesenflotte; damit die Franzosen ja nicht einschliefen und die Revanche vergaßen, beunruhigten wir sie gelegentlich durch Kriegsdrohungen und Säbelgerassel und suchten mit ihnen Streit in Marokko (obwohl Delcasse zu einem Entgegenkommen bereit war); um schließlich uns Rußland zu entfremden und es den Franzosen, Japanern und Engländern zu nähern, unterstützten wir Austromagyaren und Osmanen und demütigten Rußland in der bosnischen und in der albanischen Frage. * * * Niemand wollte uns bekriegen, nur erregten wir überall das gleiche Mißtrauen. « * * Der Weltkrieg ist die letzte Folge einer falsch orientierten Politik, die statt mit Rußland mit Österreich-Ungarn ging. * * * Die Dreibundpolitik mußte früher oder später zur Weltkatastrophe führen, da ein Konflikt zwischen Rußland und Österreich - Ungarn wegen der serbischen Frage wohl hinauszuschieben, aber schwer zu verhindern war. * * * Weder Bündnisse noch Kriege brauchten wir, sondern Verträge, die uns und andere vor Angriffen schützten. » * ♦ 23 Man beklagt sich über den Mangel an politischer Begabung beim Deutschen. Wie soll jemand kochen können, wenn man ihn nie in die Küche läßt, wenn er nur fertige Speisen bekommt, die er essen muß, ob sie ihm schmecken oder nicht? * * * Bündnisse, selbst defensive, haben immer eine Spitze gegen einen Dritten, gegen dessen vermeintliche Übergriffe sie gerichtet sind. Sie setzen einen gemeinsamen Gegensatz voraus, der daher die Grundlage des Bündnisses bildet und sich durch Erweiterung des ursprünglichen Zweckes allmählich auf Dinge überträgt, die den ursprünglichen Absichten des Vertrages fernliegen. * * * Auch ein Bündnis mit Rußland oder mit England • wäre falsch gewesen, denn es hätte uns in einen Gegensatz zu der einen oder zur anderen der beiden Mächte gebracht, und beides war zu vermeiden. * * * War Rußland im Westen entlastet, hatte es von uns keine Einmischung in Balkanfragen zu fürchten, so konnte es sich seinen asiatischen und orientalischen Interessen zuwenden, und der russisch - englische Gegensatz trat alsdann automatisch wieder hervor. * * ♦ Weder von Petersburg noch von Paris oder von London drohten uns Gefahren, sondern nur von Berlin und von Wien. * * * 24 Lord Edward Grey Bei einer vernünftigen Politik wären unsere Beziehungen zu England und zu Rußland heute gleich vorzüglich, zu Frankreich durchaus korrekt, und Österreich-Ungarn würde noch bestehen, wenn es auch mit der Zeit gewisse Randgebiete hätte abtreten müssen. * * * Wir haben die russisch-französische Allianz gemacht, ebenso auch die russisch - japanische und russisch-englische Verständigung: durch Vergrämung aller Beteiligten. * * * Die Entente war unser Werk, eine auf gegenseitige Versicherung gegen Kriegsgefahr beruhende Genossenschaft. * * * Bismarcks Werk beruhte auf militärischen Erfolgen. Er befestigte das Soldatenkönigtum. Kriegerische Mißerfolge mußten dieses System vernichten, der von ihm bekämpften Demokratie zum Siege verhelfen. * * * Wir konnten längst zur einjährigen Dienstzeit für alle und zu Rüstungsbeschränkungen übergehen, wenn wir mit Rußland gut standen und der Politik der „gepanzerten Faust“ und der „schimmernden Wehr" entsagten. * * * Nicht ob man das serbische Ultimatum gekannt hat, ist die entscheidende Frage, sondern ob man gewußt und gebilligt hat, daß es auf Ablehnung berechnet war! Die Politik der Kraftproben mußte schließlich schief gehen. Wiederholt hat sie uns an den Rand des Krieges gebracht und schließlich hineingeführt. * * * Politik ist Geschäft und nicht Sport und Spielerei. * * * Der Kultus der Unfähigkeit muß zu Katastrophen führen, wenn wichtige Posten mit unzulänglichen Leuten besetzt werden, bloß weil sie bequem sind. * Man kann ein glänzender Diplomat oder Parlamentarier sein, aber kein Staatsmann. Zu letzterem gehört tiefere Einsicht, selbständiges Urteil, innere Freiheit. * * * Trotz gegenseitiger Mißgunst waren unsere Bonzen immer in einem Punkte vollkommen einig: Geschlossen gegen jeden Front zu machen, der den Verdacht erweckte, die bisherige Gemütlichkeit und ihre Eigenmacht durch etwas mehr Begabung und selbständiges Urteil zu gefährden. * * « Auch in der Politik kann man ein guter Taktiker sein und ein schlechter Stratege. Zu ersterem gehört Geschick und Erfahrung, zu letzterem souveräne Urteilskraft. * * ♦ 26 Ein unfähiger Lenker strandet auf gefährlicher Bahn. Auf der richtigen Straße braucht auch ein schwacher Kutscher nicht umzuschmeißen. * * * Der Autoritätsbegriff ist nötig zur Aufrechterhaltung der Ordnung, er führt aber leicht zur Kritiklosigkeit, geistiger Trägheit und Blindheit, zum Götzendienst der Tradition und verhindert dann die durchdringende Erkenntnis. * * * Der Irrtum verhindert die Weiterentwicklung, den Fortschritt, und führt schließlich zu Katastrophen. * * * Ein System lebt nur so lange, als es Erfolge hat. Treten Mißerfolge ein, so wird es durch ein anderes abgelöst, das deshalb noch nicht notwendigerweise besser zu sein braucht. * Alle Regierungsformen sind schlecht und anfechtbar, weil keine den berechtigten Erwartungen entspricht. Sie sind aber alle noch besser als gar keine Organisation. * * * Die Tradition ist das Steckenpferd aller schwachen Reiter. Es ist sehr bequem, nur kommt man damit nicht vorwärts. Man wird von anderen Reitern überholt. * * ♦ 27 Österreich konnte auch ohne Galizien und ohne die Südslawen bestehen, wenn man ihm die Slowenen mit Triest beließ. Aus Galizien und Bosnien mußte es aber mit der Zeit ebenso weichen, wie aus Italien und aus Ungarn. Wären wir nicht mit geschlagen, so konnten wir ein entscheidendes Wort mitreden und die völlige Auflösung verhindern. * * * Die konservative Staatsidee ist dynastisch und militärisch, die demokratische national und wirtschaftlich. * * * Österreich beruht im wesentlichen auf der konservativen Staatsidee, der Übergang zur demokratischen mußte seinen Zerfall bedeuten, falls nicht in den Alpen- und Sudetenländern gemeinsame wirtschaftliche Interessen und geographische Rücksichten ein Kompromiß bewirkten. * * * Die Wurzeln der Katastrophe waren: staats- männische Unfähigkeit, die Autokratie, der Militarismus als Staat im Staate, die Verherrlichung des Krieges seit Bismarck und die Allianz mit Österreich. Man könnte auch noch hinzufügen: Herr von Holstein. * * * England hätte uns weder jemals angegriffen noch einen feindlichen Überfall unterstützt. Es braucht uns als Gegengewicht gegen Rußland und Frankreich, Niemals aber hätte es eine Niederlage Frankreichs zugelassen. * * * 28 Der ewige Frieden ist ein Ideal, dem alle Kulturvölker zustreben, da sie gleichberechtigte Glieder einer Gemeinschaft sind. Letztere beruht auf dem Zusammenhang idealer und materieller Interessen, der Übereinstimmung ethischer Begriffe und bildet die Grundlage friedlicher Verständigung. * * * Der Völkerbund müßte der äußere Ausdruck des Willens zum ewigen Frieden sein, des Bewußtseins der Gemeinschaft der Werte, der Abhängigkeit der einzelnen vom Gesamtwohle. * * * Der neue Völkerbund wird ein Staatenbund sein, eine internationale Organisation mit Zwangsmaßnahmen gegen den einzelnen. In jeder Gesellschaft gibt es einen Vorsitz, eine Leitung. Sie wird den Anglo- Amerikanern zufallen. Wir werden unter anglo- amerikanische Aufsicht gestellt. * * * Der Weltkrieg hat die Weltherrschaft der Angelsachsen vollendet. Wir sind ausgeschaltet, Rußland auf Jahrzehnte unschädlich, die lateinische Rasse in Abhängigkeit. Wer sollte noch Widerstand leisten oder als Nebenbuhler auf treten? * * * England hat alle Nebenbuhler besiegt: die Spanier, die Holländer, die Franzosen, Russen und schließlich auch uns. Niemals hätte das Wiener Kabinett eine so schroffe Haltung gegen Serbien eingenommen, wenn man es nicht mit dem Vorwurf der „Schlappheit" dazu gedrängt hatte. * * * Der Krieg gegen das zaristische Rußland war ein doppelter Fehler. Denn erstens suchte es Anlehnung an das monarchische Deutschland, und wir hatten das gemeinsame Interesse in der polnischen Frage, Zweitens aber bestanden keine Interessengegensätze zwischen uns und Rußland, da uns die Balkanpolitik nichts anging und wir im Orient nur wirtschaftliche Ziele zu verfolgen hatten, die Rußland uns nicht streitig machen wollte. K ürzlich habe ich in anderer Tonart manches angedeutet und flüchtig charakterisiert, als jüngst das „Hamburger Fremdenblatt“ an mich herantrat, um von mir über ein markantes Ereignis meiner diplomatischen Tätigkeit zu hören. Ich schrieb: „Meine Berufung auf den Londoner Botschafter-Posten war zweifellos das markanteste Ereignis meiner dienstlichen Vergangenheit. Wie verfiel man gerade auf mich? Weshalb wurde ein Mann, der es nicht weiter hatte bringen können als zum Botschaftsrat (allerdings im Alter von 34 Jahren) und zum Vortragenden Rat im Auswärtigen Amt mit dem Range eines Gesandten, der nachher durch acht Jahre sich nur als Provinzial- und Kreisausschußmitglied mit Chausseen, Hebammenlehr- und Taubstummen-Anstalten, der Verpachtung von Kirschbäumen und ähnlichen nützlichen Dingen öffentlich betätigen konnte, der gelegentlich Artikel über auswärtige Politik verfaßte und die Hoffnung auf eine nicht lediglich auf Diners und Jours beschränkte diplomatische Tätigkeit längst aufgegeben hatte, plötzlich und ohne sein Zutun auf den wichtigsten diplomatischen Posten berufen? Meine Unzulänglichkeit war erwiesen, denn Herr v. Holstein war dieser Ansicht. Er erklärte mich für einen „Wirrkopf“, Vermutlich weil ich seinen Gedankenwindungen nicht folgen konnte. Er hielt mich für einen Freigeist. Solche Leute sind gefährlich. Sie stören die Gemütlichkeit. Man darf nur solche Botschafter dulden, die so berichten, wie man es lesen will. Dieser Standpunkt war ja vollkommen berechtigt. Die Politik ist Privatsport, ein Sport mit großem Einsatz. Man verfügte an der Zentrale über unerhörte Machtmittel. Weshalb sollte man sie nicht nützen? Kontrolle gab es keine. Der „plebs, pecus, vulgus“ glaubte alles, was man ihm durch Wort und Schrift erzählte. „Einkreisung“, „von Feinden umringt" — und ähnliche schöne Floskeln, die dem deutschen ahnungslosen Spießer von ahnungslosen Bureaukraten, Diplomaten und Soldaten, um ihm zu graulen, vorgegaukelt wurden. Immer neue Rüstungen! Dazu braucht man Geld. Zahlen will nur derjenige, der zahlen muß, sei es aus Furcht, sei es aus Liebe. Kurzum, wir waren von Feinden umringt, die aber nur vor uns Angst hatten und uns nicht trauten. Entschuldigen Sie diese Abweichung. Meine Ausführungen werden sicherlich den ungünstigsten Eindruck, den meine diplomatische Vergangenheit bei Ihren Lesern hervorgebracht hat, nur noch bekräftigen. Es ist immer eine mißliche Sache, anderer Ansicht zu sein als die Schriftgelehrten. Das führt, wie wir wissen, zu üblen Konsequenzen. Also, ich wurde zu meiner Überraschung als Botschafter nach London berufen. Weshalb? Das kann ich Ihnen nicht verraten. Wegen meiner Befähigung konnte es nicht gewesen sein. War es meine Unfähigkeit? Schwerlich, denn dann hätte man schon früher an mich gedacht. S. M. war mir stets ein gnädiger Gönner. Zu seinen Intimen gehörte ich aber nicht. Seine Günstlinge wurden auch meist mit Erfolg bekämpft. Graf Metternich war gegangen worden. Nun suchte man einen Nachfolger. Die Leitung des Auswärtigen Amtes, die sich außer mit phantasievoller Politik hauptsächlich mit der Vermittlung von angenehmen Posten befaßte, hatte einen ihrer Mitarbeiter ins Auge 32 mim gefaßt. Dem fehlte es aber leider außer an der nötigen Eignung (darauf aber kam es wenig an) an dem erforderlichen Alter. Er betrachtete trotzdem den Londoner Posten, auf dem er keinen allzu günstigen Eindruck als Hilfsarbeiter hinterlassen hatte, als sein Erbteil. Um die Zeit bis zu seiner Reife auszufüllen, galt es, nun einen älteren Herrn zu finden, möglichst am Rande des Grabes. Zuerst wurde an Herrn v. Eisendecher gedacht. Er war alt. Das war die Hauptsache. Auch hatte er mit Erfolg die kaiserliche Jacht in Co- wes befehligt. Eine höchst anerkennenswerte Leistung. Er war auch mit allen Bible-Societies befreundet; das war schon etwas, im übrigen ein höchst ehrenwerter Mann, Freund der Großherzogin Luise. Er besaß aber die Einsicht, den Ruf abzulehnen. Nun suchte man einen anderen Greis. Nicht mich, denn damals war ich noch keiner. Vor allem sollte es ein Greis sein, damit in wenigen Jahren der Posten frei wurde. Freiherr v. Marschall war der älteste Botschafter. Also her damit. Leider starb er unprogrammäßig. Große Verlegenheit! Der ausersehene Kandidat schien noch zu jung; über ihn möchte ich verstummen. Die Gelehrten steckten die Köpfe zusammen. Ein anderer Greis war nicht auf Lager. Was tun? Herr v. Bethmann Hollweg, dessen rascher Aufstieg das Staunen seiner Jugendfreunde hervorrief, war ein liebenswürdiger Gast und Jagdgenosse. Er spielte, sagt man. auch gut Klavier. Er kam auf den Einfall, mich auf der Rückreise von Buchlau, wo er sich Instruktionen geholt hatte, auf dem Lande zu besuchen. Wir fuhren im Auto in die schlesischen Berge, und er fand, daß ich nicht so übel sei, als er gehört hatte. Kurzum, er verfiel auf den merkwürdigen Gedanken, mich aus meiner Ländlichkeit hervorzurufen. Sehr zum Ärger des Herrn v. Kiderlen. Der wollte nur 3 Lichnowsky 1 33 seine Leute haben. Zu denen gehörte ich leider nicht. Ich war nicht burschikos genug und hatte keinen Sinn für Zoten und Anekdoten, auch nicht für schlechte Manieren und Trinkgelage. Nun, ich wurde berufen. Soll ich die Geschichte noch weiter erzählen? Die Geschichte wird es tun. Alles wäre vielleicht nach Wunsch gegangen, wenn ich in London keine Erfolge gehabt und das Verhältnis zu England sich nicht zusehends verbessert hätte! Das aber war unverzeihlich! Der eine wollte meinen Posten, der andere glaubte, ich wollte den seinen. Auch glaubte man schließlich an die „Lokalisierung des Konfliktes“, schon weil ich anderer Ansicht war. Sie gestatten, daß ich hier die Erzählung abbreche, teils um nicht langweilig zu werden, teils um . . . Sie werden mich verstehen." ENGLAND VOR DEM KRIEGE AUFZEICHNUNGEN, UNMITTELBAR NACH MEINER RÜCKKEHR AUS LONDON IM AUGUST 1914 GESCHRIEBEN if der Rückreise von Kiel, wo ich die Ermordung ■/"iLdes Erzherzogthronfolgers erfahren hatte, meldete ich mich in den letzten Tagen des Juni beim Herrn Reichskanzler und im Auswärtigen Amt. Dem Herrn Reichskanzler entwickelte ich, daß ich unsere auswärtige Lage für eine sehr befriedigende hielt, da namentlich unsere Beziehungen zu England eine in früherer Zeit vermißte Wärme und Innigkeit aufwiesen. Ich erklärte, daß England alles an der Erhaltung des Friedens gelegen sei und zwar schon aus wirtschaftlichen Gründen, da jeder Krieg zwischen europäischen Großmächten England schwere finanzielle Schäden bereiten müßte. Auch wünsche man in England die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der Gruppen. Jede Verschiebung in dem Machtverhältnisse der europäischen Großmächte würde nach englischer Auffassung das bisherige Gleichgewicht der Gruppen stören. Die englische Politik wolle auch nicht Deutschland erdrücken, da die deutsche Machtstellung die Russen und Franzosen den britischen Wünschen gefügig mache, und sonst der nach englischer Auffassung durch Deutschland auf Frankreich und Rußland ausgeübte Druck aufhören würde. Andererseits 3* 35 aber werde die englische Politik, ob nun Sir Edward Grey oder ein anderer Staatsmann die Geschichte des Inselvolkes leite, niemals dulden, daß wir die Franzosen vernichten oder auch nur schwächen. Die Erhaltung Frankreichs in seiner bisherigen Machtstellung als Gegengewicht gegen Deutschland und namentlich auch das Bestreben, den deutschen Machtbereich durch ein etwaiges Abhängigkeitsverhältnis Westeuropas nicht an die englischen Küsten gelangen zu lassen, bildeten die wichtigsten Grundlagen der britischen Auslandspolitik. Wir müßten uns klar sein, daß ein Krieg mit Frankreich auch gleichzeitg einen mit England bedeute ; letzteres werde unter allen Umständen seine schützende Hand über Frankreich halten. Der Eintritt Englands in einen solchen Kampf würde daher nur eine Frage der Zeit sein. Ich hatte in diesem Sinne seit meiner Ankunft in London wiederholt berichtet. Gleich in den ersten Wochen meiner dienstlichen Tätigkeit, als der erste Balkankrieg ausbrach, erschien Lord Haldane bei mir und gab mir deutlich zu verstehen, wahrscheinlich im Aufträge des mit ihm engbefreundeten Sir Edward Grey, daß England nicht unbeteiligt bleiben könne, falls der Balkankrieg zu einem europäischen Kriege führen sollte, da die Erhaltung Frankreichs ein Lebensinteresse Englands bedeute. Wiederholte Anspielungen Sir Edward Greys im Laufe meiner Londoner Amtszeit bestärkten mich in dieser Überzeugung. Die Botschafterkonferenz in London, die Sir Edward Grey angeregt hatte, entsprang dem Wunsche dieses Staatsmannes, durch Schaffung eines Clearing-house etwa auftretende Gegensätze zwischen den Gruppen zu mildern und friedlich zum Austrag zu bringen. Die Schaffung des Fürstentums Albanien auf Betreiben 36 Österreichs und Italiens wurde von Herrn Cambon lebhaft bekämpft, Sir Edward Grey aber trat hierbei entschieden für die Wünsche der Dreibundmächte ein, die es durch seine Mitwirkung erreichten, daß die Grenzen des Fürstentums im wesentlichen nach Maßgabe unserer Wünsche festgestellt wurden. Italien behielt gegen Frankreich in der Frage Nord-Epirus die Oberhand, und Österreich gegen Rußland in den Fragen Skutari und serbischer Adriahafen. Auch der in London geschlossene erste Balkanfrieden entsprach im wesentlichen den österreichischen Wünschen. Der durch Österreich geförderte Größenwahn Bulgariens unter Herrn Danew führte jedoch zum zweiten Balkankrieg, bei dem Bulgarien, auf das Österreich seine ganzen Hoffnungen gesetzt hatte, unterlag und schließlich zu dem unter dem Protest Österreichs geschlossenen Bukarester Frieden. Ich erlaubte mir ferner dem Herrn Reichskanzler gegenüber die Ansicht zu vertreten, daß nach meinen Londoner Wahrnehmungen in Frankreich zwar der Revanchegedanke noch bestehe, daß er aber mehr eine theoretische als praktische Bedeutung besitze, weil die Franzosen vor einem Kriege mit uns sich scheuten und namentlich die am Ruder befindliche radikale Richtung pazifistisch sei. Diesen Eindruck hätten auch die Londoner Staatsmänner nach ihrer Rückkehr vom Pariser Königsbesuche gehabt und mir übermittelt. Was Rußland beträfe, so hätte mir Sir Edward Grey wiederholt gesagt, daß seit Beilegung des Falles Liman von Sanders seiner Ansicht nach kein Grund zu einer beunruhigenden Beurteilung der russischen Politik vorläge. Sowohl der Zar wie auch Herr Sa- sonow seien friedliebend. Denselben Eindruck hatte ich auch bei meinen Gesprächen mit Graf Bencken- dorff (russischer Botschafter in London), der allerdings zu bedauern schien, daß es an einer wirklich intimeren Fühlung zwischen Berlin und St. Petersburg fehle. Der Herr Reichskanzler erwiderte, er könne meine optimistische Auffassung nicht teilen. Die russischen Rüstungen, über die der Generalstab ausführlich berichtet habe, nähmen einen für uns beunruhigenden Umfang an. 900 000 Mann Vermehrung wären vorgesehen. Dazu kämen die Bahnbauten nach unserer Grenze. Schließlich wolle er mir noch vertraulich mitteilen, daß nach geheimen und zuverlässigen Meldungen ein Marineabkommen zwischen Rußland und England im Gange sei, demzufolge, im Falle eines Krieges, mit Hilfe englischer Frachtdampfer russische Truppen an der Küste Pommerns landen sollten. Ich entgegnete, daß ich seit etwa 30 Jahren von den bedrohenden Rüstungen Rußlands höre, daß es immer geheißen habe, Rußland werde zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein und uns alsdann erdrücken, daß, wenn aber dieser Zeitpunkt herankomme, Rußland ebensowenig fertig sei wie zuvor. Schon zur Zeit des Fürsten Bismarck habe der Generalstab und namentlich Graf Waldersee auf den prophylaktischen Krieg hingearbeitet. Fürst Bismarck aber sei diesem Gedanken stets abhold gewesen, und die Erfahrung habe ihm recht gegeben. Was aber die englischen Verabredungen beträfe, so wolle ich nicht ermangeln, nach meiner Rückkehr in London in vertraulicher Form zu warnen, da solche Verabredungen, wenn auch nicht der Form, so doch vielleicht dem Wesen nach mit den wiederholten feierlichen Versicherungen der englischen Minister nicht übereinstimmten, daß England keine geheimen Verpflichtungen mit fremden Mächten eingegangen sei. Der Herr Reichskanzler beauftragte mich, Sir Edward Grey zu verstehen zu geben, daß es für ihn schwer wäre, gewissen Strömungen, die auf vermehrte Rüstungen zur See hinzielten, mit Erfolg zu begegnen, falls derartige Gerüchte Verbreitung und Glauben fänden. Auch läge darin eine bedenkliche Ermutigung der russischfranzösischen Kriegspartei, deren Bekämpfung sich Sir Edward Grey zum Ziele gesetzt habe. Die dem Auswärtigen Amte durch geheime Agentenberichte seit längerer Zeit bekannten und aus der Marokkokrise stammenden englisch-französische Marine-Abkommen und sonstige Verabredungen defensiver Natur waren der Botschaft nicht mitgeteilt worden. Sir Edward Grey, der in Paris allen an ihn gerichteten Wünschen auf ein Bündnis ausgewichen war, hat schließlich und wohl hauptsächlich auf Betreiben des Herrn Iswolsky, sich genötigt gesehen, den Ententefreunden ein weiteres Zugeständnis zu machen. Über den praktischen Wert eines derartigen Planes erlaubte ich mir kein Urteil, doch kann ich mir nicht denken, daß bei drohender Kriegsgefahr britische Handelsschiffe in der Lage wären, ungehindert den Sund zu passieren, um an der baltischen Küste größere Truppenmassen an Bord zu nehmen und dieselben unter den Augen unserer Flotte in Pommern zu landen. Die in letzter Zeit eingetretene Besserung deutsch-britischer Beziehungen hatte, wie ich aus vertraulichen Bemerkungen entnehmen konnte, namentlich in Paris beunruhigt. Von Herrn Iswolsky unterstützt, drängten die Franzosen immer wieder in London nach greifbaren Beweisen der britischen Ententegesinnung und nach einem Bündnisse. Wie sehr Herr Cambon (französischer Botschafter in London) an der Zuverlässigkeit der englischen Freundschaft bereits zu zweifeln anfing, geht aus einer Äußerung hervor, die er einer mit ihm und mir befreundeten Dame in 39 mg;] den letzten Tagen meines Londoner Aufenthalts gemacht hat: „Les Anglais interviendront, mais ils le feront quand ce sera trop tard.“ Auch war Herr Cam- bon über den bevorstehenden Abschluß des Bagdad- und Kolonialabkommens lebhaft beunruhigt, weil er hierin eine Grundlage erblickte für eine fernere deutsch-britische Annäherung. Eine maßgebende Persönlichkeit des Foreign Office erzählte mir, daß Herr Cambon alle Mittel in Bewegung setzte, um namentlich das Kolonialabkommen zu Fall zu bringen und sich z. B. bitter darüber beklagte, daß England die Inseln San Thome und Principe uns preisgegeben habe, da diese Inseln nördlich des Äquators lägen und daher der bestehenden Vereinbarung gemäß dem französischen Interessengebiet zufielen. Auch erhielt Herr Cambon aus Paris die Anweisung, häufiger wie bisher sich öffentlich zu zeigen und gelegentlich auch Reden zu halten, um meiner Werbetätigkeit entgegenzuwirken. Nach meiner Ankunft in London am 6. Juli 1914 begab ich mich unverzüglich zu Sir Edward Grey und sagte dem Minister dreierlei: Erstens, daß die Haltung Rußlands und die russischen Rüstungen bei uns ein Gefühl des Mißbehagens hervorriefen. Der Minister entgegnete, daß seit dem Falle Liman sich seines Wissens nichts ereignet habe, was für die deutsch-russischen Beziehungen zu Besorgnissen Anlaß geben könnte. Zweitens sagte ich ihm, er müsse mir gestatten, eine mehr private und freundschaftliche Bemerkung zu machen. Es sei nicht an mir, an ihn indiskrete Fragen zu stellen, da er aber wiederholt erklärt habe, es beständen zwischen England und einer fremden Macht keine geheimen Abmachungen, so glaubte ich im Interesse der beiderseitigen Beziehungen darauf hin- 40 Herr von Holstein rav* 5 : f. .V ■. l'¥iJ mm SSH2= SSJsHäSRHKiSSiKRi mm. mm&ßm mm &2&1 'l, »SV«;“*'? äfc&lr^ .-iV£>ttiS£ MM KÜSS?; p 8»3 PPiP SssfeS; sSÖS* '*) «S»' < ÜSSÄV. weisen zu sollen, daß die in neuester Zeit verbreiteten Gerüchte über englich-russische Flottenabmachungen bei uns einen peinlichen Eindruck hervorriefen. Auf jeden Fall schien es mir angezeigt, derartige Verabredungen vorläufig zu verschieben, da es meiner Regierung sonst schwer fallen würde, übertriebenen Rüstungsforderungen länger entgegenzutreten. Der Minister antwortete, daß geheime Verträge, die die Regierung irgendwie binden, nicht bestünden, er wolle aber in einigen Tagen auf den Gegenstand zurückkommen. Drittens sagte ich dem Minister, ich hätte zwar keinen Auftrag dazu, ich hielte es aber trotzdem für meine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß die österreichisch-serbischen Beziehungen anfingen, eine bedenkliche Wendung zu nehmen. Die Ermordung des Erzherzogs unter Mitwirkung des amtlichen Serbiens habe in Wien den Entschluß zur Reife gebracht, den serbischen Herausforderungen energisch entgegenzutreten, um Genugtuung und Bürgschaft für die Zukunft zu erlangen. Ich wisse zwar nicht, in welcher Weise man Vorgehen wolle, aber ich könne mir denken, daß daraus eine Spannung und eine Gefahr für den europäischen Frieden entstünde. Es sei daher notwendig, daß er schon jetzt mit Petersburg Fühlung nehme, um dort Ruhe und Besonnenheit zu raten, damit man einsehe, daß Österreich als der beleidigte Teil ein Recht auf Genugtuung besitze. Der Minister war sichtlich betroffen von meinen Eröffnungen und stimmte meinen Ausführungen im wesentlichen zu. Nach einigen Tagen ließ er mich wieder rufen und sagte mir, er wolle nicht leugnen, daß „conversations“ technischer Natur zwischen den Marinebehörden stattgefunden hätten, so mit Frankreich zu wiederholten 41 Malen während der Marokkokrisis. Dieselben hätten aber keinen aggressiven Charakter und daher für uns nichts Bedrohliches. Im übrigen wünsche er aber nicht, mich irrezuführen und wolle mich darauf hin- weisen, daß die englischen Beziehungen zu den Ententemächten sehr intime seien. Als ich einige Tage später bei Lord Beauchamp, dem Minister für öffentliche Arbeiten, auf dem Lande weilte, erzählte mir dieser, daß Sir Edward Grey meine Eröffnungen zum Gegenstand eines Vortrages im Kabinett gemacht habe und daß letzteres bestürzt gewesen sei über die Möglichkeit einer abermaligen Verschärfung der europäischen Lage. In der nun folgenden Zeit fand ich sowohl bei der Regierung wie bei der Londoner Presse zunächst volles Verständnis für den österreichischen Standpunkt, der durch Wiener und Budapester Meldungen immer mehr an die Öffentlichkeit drang und durch Mitteilungen des Grafen Mensdorff (österreichischungarischer Botschafter in London) erläutert wurde. Erst die kriegerische Rede des Grafen Tisza brachte Unruhe in die öffentliche Meinung. Blätter wie die „Times" und die „Morning Post“ schwenkten zuerst und witterten in den Absichten Österreichs mehr als eine bloß rechtmäßige Sühne für das Verbrechen von Sarajewo und warnten vor einer Ausbeutung des Vorfalles zu politischen Zwecken. Ich war während dieser Zeit unablässig bestrebt, den Minister und seinen Kabinettschef Sir W. Tyrrell von der Notwendigkeit energischer Maßnahmen gegen die serbischen Unruhestifter zu überzeugen und drängte, daß Sir Edward Grey seinen Einfluß in Petersburg dahin gebrauche, daß Rußland sich nicht mit den „serbischen Mördern“ identifiziere und die Berechtigung des österreichischen Standpunktes anerkenne. 42 Sir Edward beurteilte die Lage zunächst mit vollkommener Ruhe und versprach mir wiederholt, in Petersburg im gedachten Sinne zu wirken. Er erklärte mir auch ebenso wie später, daß er sich in die ganze Angelegenheit solange nicht einmischen wolle, als es sich lediglich um einen österreichisch-serbischen Streit handele. Diesen Streit zu „lokalisieren", liege auch im britischen Interesse. Gelänge diese „Lokalisierung“ aber nicht und entwickele sich die serbische Frage zu einem österreichisch-russischen Streite, so sei der Augenblick gekommen, wo die nicht direkt beteiligten Mächte vermitteln sollten. Da ich nicht an die „Lokalisierung“ des Konfliktes glaubte, habe ich während dieser Zeit wiederholt in Berlin vor einer gefährlichen und abenteuerlichen Politik gewarnt und zur Mäßigung geraten. Herr von Jagow erwiderte mir u, a., je fester wir zu Österreich stünden, um so eher würde Rußland nachgeben. Die Bekanntgabe des österreichischen Ultimatums an Serbien erregte in London lebhafte Beunruhigung. Die österreichisch-ungarische Botschaft machte kein Hehl daraus, daß das Ultimatum eine Fassung erhalten hatte, die auf Ablehnung berechnet war. Im Foreign Office erklärte man mir, daß die Forderungen des Ultimatums einen Eingriff in die souveränen Rechte Serbiens bedeuteten. Man fand die Forderungen übertrieben, ja sogar unerhört und teilweise auch ungeschickt. Ich begegnete sehr abfälligen Äußerungen über die Wiener Staatsmänner und Staatskunst, im allgemeinen aber einer ruhigen und noch immer zuversichtlichen Stimmung für die Erhaltung des europäischen Friedens. Ich drängte energisch auf bedingungslose Annahme des Ultimatums. Suppen würden nie so heiß gegessen wie gekocht, und die 43 Ausführung der österreichischen Forderungen würden zweifellos die Möglichkeit bieten, die serbische Eigenliebe zu schonen. Als die serbische Antwort erschien, ging Sir Edward Grey die einzelnen Punkte mit mir durch und sagte mir, daß das weitgehende Entgegenkommen Serbiens auf den Druck zurückzuführen sei, der von London und Petersburg in Belgrad ausgeübt wurde. Es bliebe also eigentlich nur ein Punkt übrig, den die Belgrader Staatsmänner nicht völlig angenommen hätten, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen werfe daher kein gutes Licht auf den guten Willen und die Friedensliebe Österreichs. Die darauf folgende österreichische Kriegserklärung machte in London einen überaus ungünstigen Eindruck. Von Tag zu Tag verdichtete sich die Meinung, daß Österreich es auf den Krieg oder auf eine Demütigung Rußlands und auf die Zerstörung des russischen Einflusses im Orient abgesehen habe. Sir Edward Grey sann unentwegt nach Mitteln, um dem drohenden Unwetter vorzubeugen. Ihm war es längst klar, daß an die „Lokalisierung" des Konfliktes nicht zu denken sei, falls es nicht gelänge, ein sowohl für Rußland wie für Österreich annehmbares Kompromiß zustandezubringen. Er zeigte mir Telegramme Sir Maurice de Bunsens, wonach Graf Berchtold jeden Gedanken an eine Besprechung seiner Forderungen mit Rußland zurückgewiesen habe. Da er nicht mehr an die Möglichkeit einer direkten Verständigung zwischen Wien und Petersburg glaubte, erblickte er den einzigen Ausweg in einer deutsch-britischen Zusammenarbeit und ließ mir durch Sir W. Tyrrell sagen, daß, wenn es unseren gemeinsamen Anstrengungen in dieser schweren Krisis gelänge, den europäischen Frieden zu retten, er die deutsch - englischen Be- 44 Ziehungen für unabsehbare Zeit auf eine sichere Grundlage gesetzt sähe. Leider war ich bis Ende Juli nicht in der Lage, ihm irgend etwas zu bieten, was er als Entgegenkommen und als Beweis unseres aufrichtigen Wunsches, den Frieden zu erhalten, hätte deuten können. Der Wunsch, den „Konflikt zu lokalisieren" und die Rechtfertigung Österreichs war alles, womit ich an den Minister herantreten konnte, trotzdem ich in Berlin unablässig auf die drohende Gefahr eines Weltkrieges hinwies. Als ich noch Ende Juli Sir Edward Grey gegenüber auftragsgemäß den österreichischen Standpunkt ohne irgendeinen Vermittlungsvorschlag erläutern und vertreten mußte, wonach Serbien zunächst niedergeworfen, dann von österreichischen Truppen besetzt und schließlich „au für et ä mesure" der Erfüllung der österreichischen Forderungen, deren Maß nicht näher bezeichnet war, geräumt werden sollte, unter der Versicherung, daß Österreich keine Gebietserwerbungen zu machen beabsichtige, erklärte der Minister, man könne einen Staat auch ohne Gebietsbeschränkungen zum Vasallen herabwürdigen. Das Verhalten Österreichs erwecke Verdacht, daß eine Demütigung Rußlands beabsichtigt sei. Ich habe nicht unterlassen, in Berlin darauf hinzuweisen, daß unsere kühle Zurückhaltung allen Bestrebungen Sir Edward Greys gegenüber, mit uns Hand in Hand die Brücke der Verständigung zu bauen, in London eine von Tag zu Tag wachsende Verstimmung hervorrief, da man dort anfing, an unserem guten Willen zu zweifeln. Auf meine Bitten, in Petersburg in mäßigendem Sinne zu wirken, entgegnete er mir, daß ihm bisher von einem entsprechenden parallelen Druck in Wien nichts bekannt geworden sei. Im Gegenteil berichte Sir M. de Bunsen, daß Herr von 45 Tschirschky unablässig zum Kriege hetzte und den Wiener Staatsmännern den Rücken stärke. Auch wußte Graf Mensdorff und seine Herren zu erzählen, daß bei der Anfrage in Berlin die Aufforderung zu recht energischem Vorgehen als Antwort ergangen sei. Trotz meiner Gegenversicherungen gewann der Glaube immer mehr an Boden, daß wir dem Kriegsgedanken nicht abgeneigt seien, man sagte mir, daß, falls wir energisch wollten, es uns möglich sein würde, Österreich zu einer entgegenkommenderen Haltung gegen die russischen Wünsche zu veranlassen. Die Zweifel, die Sir Edward Grey immer mehr an unserer Friedensliebe hegte, veranlaßten ihn, nachdem er schon früher nicht mißzuverstehende Anspielungen gemacht hatte, am 29. die bekannte, in freundschaftliche Form gekleidete Verwarnung an mich gelangen zu lassen, wonach England bei einem europäischen Kriege nicht lange abseits würde stehen können. Ich erwiderte, wie das britische Blaubuch zeigt, daß ich immer in diesem Sinne berichtet hätte. Immer wieder sann Sir Edward Grey nach Mitteln, um einen Ausweg aus der drohenden Kriegsgefahr zu finden. Als ich ihm melden konnte, daß zwischen Petersburg und Wien wieder direkte Unterhandlungen aufgenommen seien, atmete er erleichtert auf: ,,If that is possible all the better.“ Sein Vorschlag einer Versammlung der Botschafter der vier unbeteiligten Großmächte die Auslegung der noch strittigen Punkte des Ultimatums zu überlassen, um eine Einigung zu erzielen, erschien auch mir als ein geeigneter Weg, um die Katastrophe zu vermeiden. Ich habe ihn lebhaft befürwortet unter Hinweis darauf, daß der Weltkrieg sonst unvermeidlich sei, „bei dem wir alles zu verlieren und nichts zu gewinnen hätten". Wären meinen drin- 46 genden Ratschlägen gemäß die englischen Vorschläge angenommen worden, so blieb der Welt die größte Katastrophe der Geschichte erspart. Die Vermittlung der Großmächte war mit der Würde Österreich-Ungarns durchaus vereinbar und hätte uns einen glänzenden diplomatischen Erfolg gesichert. Sein letzter Vorschlag, den er in einer Depesche an den britischen Botschafter in Petersburg übermittelte, die er in meiner Gegenwart entwarf und mit mir besprach, hätte jedenfalls auch die Grundlage bilden können für eine Verständigung. Von der Annahme ausgehend, daß Österreich bereits serbisches Gebiet besetzt hätte, schlug er im wesentlichen vor, die kriegerischen Maßnahmen sowohl auf österreichischer wie auf russischer Seite einzustellen und auf Grundlage des Faustpfandes, das Österreich besitze, durch Vermittlung der nicht direkt beteiligten Mächte in eine Erörterung der Auslegung der strittigen Punkte der österreichischen Forderungen einzutreten. Als ich die Nachricht erhielt von der russischen Mobilmachung und den Auftrag, sie zur Kenntnis der englischen Regierung zu bringen mit dem Hinzufügen, daß unsere auf Wunsch des Zaren unternommene Vermittlung dadurch gelähmt sei, schickte ich, da es spät am Abend war und ich nicht wußte, wo Sir Edward Grey zu finden wäre, den Legationssekretär von Schubert damit zu Sir W. Tyrrell. In London war die russische Mobilmachung noch nicht bekannt. Sir W. Tyrrel eilte mit der Nachricht zu Mr. Asquith, welcher sich unverzüglich zum König begab und diesen weckte. Um 2 Uhr nachts wurde ich ans Telephon gerufen, und der Privatsekretär des Herrn Asquith benachrichtigte mich, daß der König unverzüglich an den Zaren telegraphiert habe, um ihn um Einstellung der Mobilmachung zu ersuchen. Unser Ultimatum und die darauf folgende Kriegserklärung an Rußland hatten in London eine niederschmetternde Wirkung. Dem mit militärischen Verhältnissen wenig vertrauten Engländer war es schwer zu erklären, weshalb nicht wir, ähnlich wie es Rußland getan, uns auch auf die Mobilmachung beschränken konnten. Die an Rußland erfolgte Kriegserklärung wurde vollends im Sinne des Sieges der Militärpartei gedeutet. Wenn gesagt wird, Sir Edward Grey habe den Krieg entweder gewollt oder wenigstens ihn verhindern können, falls er dies ernsthaft gewünscht hätte, so muß ich unwillkürlich an einen Mann denken, der, um seinem Nachbar einen Schabernack zu spielen, sein eigenes Haus anzündet. Wer den Zusammenbruch des Londoner Wirtschaftslebens noch vor Ausbruch des Krieges erlebt hat, die Außerkraftsetzung der Bankakte, die Einführung des Moratoriums, die Schließung der Börse, der wird an der Aufrichtigkeit des Wunsches, den europäischen Frieden zu erhalten, nicht länger zweifeln und es vom englischen Standpunkt als ein herostratisches Beginnen betrachten, wenn ein englischer Minister nicht alles aufbietet, um den Krieg zu vermeiden. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Reichtum Englands nur zum geringsten Teil, wie bei uns, in agrarischen Werten liegt, die beim Kriege, solange der Feind nicht im Lande ist, keine Schädigung erleiden. Der Reichtum Englands beruht auf dem internationalen Handel, auf einem weitverzweigten Kreditsystem, auf fiktiven Werten, deren Höhe von der ungestörten menschlichen Arbeit in allen Teilen der Erde abhängig ist. Die durch einen großen kontinentalen Krieg herbeigeführte Zerstörung aller Voraussetzungen, auf denen die bisherige Einschätzung der meisten englischen Vermögen beruhte, brachte es mit sich, daß 48 iilCM H. H. Asquith (rechts) und Lord Haldane Aus Rudolf Ktrcher, Engländer Sääs 5äi5HHH»Kh»s«mr.T*Hs Leute, die für vielfache Millionäre galten, innerhalb weniger Tage nicht mehr wußten, ob sie überhaupt noch etwas besitzen. Sir Edward Grey erblickte tatsächlich in dem Ausbruch des Krieges den Zusammenbruch seiner auswärtigen Politik. Noch in letzter Stunde beratschlagte er mit Sir W. Tyrrell, wie das Unheil abzuwenden sei. So ließ er mir am Vormittag des 1. August nach unserer Kriegserklärung an Rußland durch Sir W. Tyrrell sagen, er hoffe mir am Nachmittag einen Vorschlag machen zu können, der es uns beiden ermöglicht, herauszubleiben. Auf meine Frage, worum es sich handle, entgegnete Sir William mit der Frage, ob wir, wenn Frankreich uns nicht angriffe, auch neutral bleiben würden, was ich in dem Sinne verstand, daß wir alsdann Frankreich nicht angreifen sollten. Er hatte aber gemeint, daß wir dann überhaupt neutral bleiben würden. Er eilte zu Sir Edward, welcher alsdann dieselbe Frage per Telephon aus der Kabinettssitzung an mich richtete. Ich ließ den Irrtum kurz darauf durch Sir W. Tyrrell berichtigen. Als ich Sir Edward nachmittags besuchte, sprach er mir, wie er es auch schon früher getan, von der belgischen Neutralität, deren Berücksichtigung ihm und dem Kabinett so sehr am Herzen liege, und sprach sein Bedauern aus über die Antwort, die Herr von Jagow im Gegensatz zu den Franzosen in dieser Beziehung gegeben habe. Er regte ferner den Gedanken an, ob es nicht möglich sein würde, daß wir und Frankreich uns bewaffnet gegenüberständen, ohne uns anzugreifen. Auf meine Frage, ob er die Bürgschaft übernehmen könne für ein entsprechendes Verhalten der Franzosen, konnte er mir keine befriedigende Antwort geben. Ich sah, daß er selbst von der Unausführbarkeit überzeugt war, zwei Heere voll be- 4 Lichnowsky I 49 waffnet sich durch Monate untätig gegenüberstehen zu lassen. Auf meine Frage, ob England neutral bleiben werde, falls wir die belgische Neutralität nicht verletzten, konnte er mir keine bestimmte Antwort geben. Er kam aber wiederholt auf die belgische Neutralität zurück und bezeichnete, wie auch kurz darauf Mr. As- quith, diese sowie den Schutz der französischen Nordküste als wesentlichste Forderungen Großbritanniens. Inzwischen waren unsere Truppen in Luxemburg einmarschiert, was ich damit begründete, daß die dortigen Bahnen sich im Besitze des Preußischen Staates befänden. Schon diese Verletzung der Neutralität hatte in London einen peinlichen Eindruck hervorgerufen und einen Umschwung der uns bis dahin noch günstigen Stimmung. Die Verletzung der belgischen Neutralität aber brachte den Stein vollends ins Rollen. In großer Erregung erklärte mir Sir Edward Grey auf meine diesbezüglichen Eröffnungen: „It is not a que- ston of integrity, it is a question of neutrality“ und lehnte jede weitere Erörterung der Frage mit mir ab. Am 1. und 2. August fanden die entscheidenden Sitzungen des Kabinetts statt. Die bis dahin noch friedliche Stimmung war in das Gegenteil umgeschlagen. Am Sonntag, den 2. August, gab Sir Edward Grey Herrn Cambon zum ersten Male das Versprechen, daß er Frankreich unter gewissen Voraussetzungen beistehen würde. Am Montag, den 3., hielt Sir Edward Grey seine bekannte kriegerische Rede, und am 4. folgte die Kriegserklärung. Am Sonntag früh vor der entscheidenden Sitzung war ich noch zu Mr. Asquith gegangen und versuchte ihn für eine neutrale Haltung zu gewinnen. Der Premier war sehr bewegt und sprach vom Kriege mit Deutschland als „quite unthinkable“. „It would be 50 very unpopulär in this country.“ Er gab mir aber keine bestimmten Versicherungen, Daß England neutral geblieben wäre, falls wir die belgische Neutralität nicht verletzt hätten, ist nicht anzunehmen. Ich möchte aber meinen, daß es mir gelungen wäre, angesichts der starken Sympathien, deren wir uns in England erfreuten, die Regierung wenigstens noch eine Zeitlang vom Eingreifen abzuhalten. Vielleicht hätte sie bis nach der Entscheidungsschlacht gewartet. Einen Gegner hatten wir jedenfalls im Foreign Office in der Person Sir Arthur Nicolsons, der von Anfang an für eine Beteiligung Englands eintrat und in diesem Sinne Sir Edward Grey zu beeinflussen wußte. Im Kabinett soll Winston Churchill am lebhaftesten gegen die Neutralität gesprochen haben. Nach der Kriegserklärung und vor meiner Abreise verabschiedete ich mich auf den besonderen Wunsch Sir Edward Greys von ihm in seiner Wohnung. Der Minister gab mir hierbei zu verstehen, daß England die möglichste Abkürzung des Krieges wünsche und jederzeit bereit sei, zu vermitteln, auch falls wir nicht die gehofften Erfolge haben sollten. „We do not want to crush Germany." Meine Berichterstattung und meine wiederholten dringenden Warnungen schützten mich vor dem Vorwurf, die Entwicklung der Ereignisse nicht vorausgesehen und vorausgesagt zu haben. Wenn auch die russische Mobilmachung den technischen Anstoß bildete zu dem Weltkrieg, in dem wir uns befinden, so habe ich aus meiner Überzeugung nie ein Hehl gemacht, daß Rußland nicht ein zweites Mal vor der „schimmernden Wehr” zurückweichen und die Vernichtung des serbischen Heeres durch Österreich ruhig mitansehen würde. Das Vorgehen Österreichs gegen Serbien bildete den politischen Anstoß zum Weltkriege, dem alle übrigen Ereignisse sich automatisch anschließen mußten, falls Rußland, das bekanntlich zur Befreiung der slawischen Glaubensbrüder wiederholt Krieg geführt hat, nicht für immer auf seine theokratische Stellung als orthodoxe Vormacht und auf jeden Einfluß auf dem Balkan verzichten wollte. WAHN, NICHT WILLE! AUFZEICHNUNGEN VOM JANUAR 1915 I F ürst Bismarck sagt in den „Gedanken und Erinnerungen“ beim Kapitel über den Dreibund: „Es ist nicht Aufgabe des Deutschen Reiches, seine Untertanen mit Gut und Blut zur Verwirklichung von nachbarlichen Wünschen herzuleihen. Die Erhaltung der österreichisch-ungarischen Monarchie als einer unabhängigen, starken Großmacht ist für Deutschland ein Bedürfnis des Gleichgewichts in Europa, für das der Frieden des Landes bei eintretender Notwendigkeit mit gutem Gewissen eingesetzt werden kann. Man sollte sich jedoch in Wien enthalten, über diese Assekuranz hinaus Ansprüche aus dem Bündnis ableiten zu wollen, für die es nicht geschlossen ist.“ Fürst Bismarck hatte also das Bündnis ausschließlich in defensivem Sinne gedacht, als Schutz gegen einen Angriff von zwei Seiten, und um andererseits Österreich, dessen Erhaltung ihm im Interesse des europäischen Gleichgewichts nötig erschien, vor einem russischen Angriff zu sichern. Der Wortlaut des Vertrages bestätigt diese Tendenz und nichts weist darauf hin, daß wir verpflichtet seien, unseren Bundesgenossen bei einer Politik zu unterstützen, die über den Rahmen des Vertrages hinaus kriegerische und abenteuerliche Zwecke verfolgt.“ Fürst Bismarck hat andererseits ausdrücklich da- 53 vor gewarnt, einen „unheilbaren Riß“ zwischen Berlin und Petersburg eintreten zu lassen, „schon damit in Wien nicht die Ansprüche wachsen, die man an die Dienste des deutschen Bundesgenossen glauben würde stellen zu können, erstens in Erweiterungen des casus foederis, der sich nach dem veröffentlichten Text doch nur auf die Abwehr eines russischen Angriffs auf Österreich erstreckt, und zweitens in dem Verlangen, dem bezeichneten casus foederis die Vertretung österreichisch-ungarischer Interessen im Orient und Balkan zu substituieren." Der erste Kanzler wußte, daß die unbedingte Vertretung österreichisch - ungarischer Sonderinteressen auf dem Balkan durch uns zu einem unheilbaren Riß mit Rußland führen würde, und es ist bekannt, daß die Enttäuschungen, die Rußland glaubte auf dem Berliner Kongreß von uns erlebt zu haben, zu einem Briefe Anlaß gaben, den Kaiser Alexander II. an seinen von ihm hochverehrten Oheim richtete, der von Kriegsdrohungen nicht ganz frei war, und daß sich Kaiser Wilhelm veranlaßt sah, daraufhin in Alexandrowo dem Neffen zu einer Aussprache und Versöhnung Gelegenheit zu bieten. Wiederholt haben sich die Beziehungen zu Rußland später verschärft, und von militärischer Seite wurde auf den prophylaktischen Krieg gedrängt, da Rußland in einigen Jahren „fertig“ sein würde, ohne daß Bismarck sich veranlaßt sah, in diesem Sinne vorzugehen. Er hat vielmehr gelegentlich erklärt, er hoffe, die Volksvertretung würde ihm für einen derartigen Zweck die nötigen Mittel versagen, falls er sie fordern sollte. Unsere geographische Lage ließ es ihm ratsam erscheinen, zwischen Österreich-Ungarn und Rußland gewissermaßen zu lavieren, das heißt zwar ersteres zu schützen, aber jeden Bruch mit Rußland zu vermeiden, was um so leichter möglich war, als es an einem eigentlichen Interessengegensatz zwischen uns fehlt. Im Gegenteil, es gibt manche gemeinsame Berührungspunkte zwischen uns und Rußland, wie in der polnischen Frage, die nach einem bekannten Worte die blutige Grundlage bildet für die deutsch-russische Freundschaft, und ferner in dem monarchischen Gedanken. Auch darf nie vergessen werden, daß Rußland gar kein Interesse hatte an der Verwirklichung der französischen Revanche, da der Besitz Elsaß-Lothringens und die Zertrümmerung Deutschlands die Voraussetzungen zerstören mußten, auf denen die französische Unterwürfigkeit und Freigebigkeit gegen Rußland beruhten. Die russische Politik konnte den Revanchegedanken schwer entbehren, daher mußte ihr alles zuwider sein, was diesem Gedanken den Nährboden entzieht. Rußland wollte uns daher nicht bekriegen, ebensowenig aber kann es die Zertrümmerung Frankreichs zulassen, um nicht allein uns gegenüberzustehen und von uns abzuhängen. Die Voraussetzungen des Bündnisses mit Österreich haben sich seither nicht unwesentlich verschoben, die Wahrscheinlichkeit eines Krieges nach zwei Fronten war immer geringer geworden, dank dem Geburtenrückgang in Frankreich und infolge der Ablenkung Rußlands durch asiatische Interessen. Die Politik des Fürsten Gortschakow, der noch im Sinne Nikolaus I. Rußland eine überragende Stellung innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft sichern wollte, hatte der russischen „Weltpolitik" Platz gemacht, die sich gegen Japan und England richtete. Nicht wir waren von Rußland bedroht, sondern Österreich, das Rußland als den Gegner der freien Entwicklung des Serbenvolkes betrachtet. Der heikelste Punkt für Rußlands europäische Politik ist und bleibt der europäische Orient. Die slawisch-orthodoxe Welt hatte sich daran gewöhnt, im Zaren einen Schutzherrn, ihr politisches, geistiges und gewissermaßen geistliches Oberhaupt zu sehen. „Die Mission des Protektorats der Orthodoxie hat sich mit der Krone des russischen Selbstherrschers verbunden", sagt Fürst Trubetzkoi in seinem lesenswerten Buch „Rußland als Großmacht". Dazu kommt der theokratische Charakter, der den mehr orientalischen Staatsgebilden im Gegensatz zu den rationalistischen Verfassungen des Westens anhaftet. Die Stellung des Zaren seinem eigenen Volke gegenüber beruht gewissermaßen auf dem mystischen Nimbus, der die russische Krone als Beschützerin der Rechtgläubigkeit und des Slawentums umgibt, und es ist einleuchtend, daß der Zar ohne schwere Einbuße an seinem Ansehen, ohne Gefährdung seines Thrones, auf diese Mission nicht verzichten konnte, auf der nach russischer Auffassung die Stellung Rußlands als europäische Großmacht im wesentlichen beruht. Hierzu kommen Bande des Glaubens und Blutes und eine in der Geschichte Rußlands, dessen Kultur bekanntlich aus Byzanz stammt, begründete Tradition, die das Zarentum als Nachfolger der oströmischen Kaiser erscheinen ließ. Noch heute befindet sich der byzantinische Doppeladler im russischen Wappen, und die vielen Kriege, die Rußland zur Befreiung der orthodoxen Brüder geführt, beweisen, daß Rußland die Serben nicht preisgeben würde, selbst wenn wir sie insgesamt zu „Fürstenmördern" stempelten. Die Erfahrung ferner, die wir bei der Annexionskrise des Jahres 1908 gemacht, als es nur mit Mühe gelang, den Krieg zu verhindern, vornehmlich weil Rußland durch seinen Japanfeldzug geschwächt war, hätten zur Vorsicht mahnen sollen, falls wir den Krieg 56 nicht wollten. Damals handelte es sich nicht um Serbien selbst, sondern um ein Gebiet, das Rußland im Reichstadter Vertrag den Österreichern eingeräumt hatte, und das sich tatsächlich seit 1879 im Besitze Österreichs befand. Trotzdem wurde in Petersburg die endgültige Einverleibung als Demütigung empfunden und verursachte dort gewaltige Erregung. Der Groll hierüber gegen uns und Österreich-Ungarn, der nie ganz verschwand, führte zu vermehrten Rüstungen, verbunden mit dem offen ausgesprochenen Entschluß, kein zweites Mal der „schimmernden Wehr" zu weichen. Über diese Frage haben die russischen Staatsmänner niemals Zweifel aufkommen lassen, sie betrachteten den Angriff auf Serbien als casus belli, „une question de vie et de mort“, wie Herr Sasonow sagte, und sie waren hierzu um so mehr in der Lage, als nach der erfolgten Aussöhnung mit Japan der im Jahre 1907 mit England über die asiatischen Fragen geschlossene Vertrag die russische Politik im Osten entlastete. Der mit unserer Unterstützung unternommene österreichisch-ungarische Angriff auf Serbien mußte in Rußland als Herausforderung aufgefaßt und entsprechend beantwortet werden, da sonst das Zarentum, das sich nicht auf Demokraten und Juden, sondern auf die „echt russischen Leute", das heißt auf die nationalistische orthodoxe Richtung stützt, seinen Boden unter den Füßen verliert. Es war daher von Anbeginn unbegreiflich, wie man ernstlich an eine „Lokalisierung des Konfliktes" glauben konnte. Man hält mir entgegen, es handele sich um eine berechtigte Sühne für den „Fürstenmord“. Der Mord in Sarajewo war nur eine der Erscheinungen, die den seit Jahren bestehenden Gegensatz zwischen Österreich-Ungarn und Serbien kennzeichnen. Dieser Gegensatz entwickelte sich sowohl aus 57 irccootaa üüitttfii nationalen, wie aus wirtschaftlichen Gründen. Es fragt sich nur, ob eine gewaltsame Austragung für die Erhaltung „unseres Bundesgenossen" notwendig war, und ob ein deutsches Interesse hierbei so weit in Frage stand, daß es gerechtfertigt erschien, deshalb einen Weltkrieg zu führen. Der großserbische Gedanke, der den unmittelbaren Anstoß zum Attentat gab und dem der „Todesstoß“ versetzt werden sollte, wurzelt in der nationalen Gemeinschaft der Bewohner Serbiens, Montenegros, Bosniens und, wenn man von der Verschiedenheit des Glaubens absieht, auch Kroatiens und Dalmatiens. Je fortgeschrittener die Kultur eines Volkes, je weiter die Bildung Platz greift, um so lebendiger wird der nationale Gedanke, um so stärker das Bedürfnis des staatlichen Zusammenlebens, der gemeinsamen Organisation und Entwicklung. Einer solchen Bewegung läßt sich kein gewaltsamer „Todesstoß" versetzen, man muß mit ihr rechnen, falls aus politischen Gründen die einzige radikale Lösung: die staatliche Gemeinschaft, unstatthaft erscheint. Mit diesen Strömungen hat die Habsburger Monarchie, ein Gebilde, das auf rein dynastisch-historischer Grundlage ruht, auch anderwärts zu rechnen. Bewegungen, die man in Italien als „Irredenta“ bezeichnet, finden wir bei den Italienern in Triest und Trient, bei den Rumänen in Siebenbürgen, bei den nach Rußland hinschielenden Ruthenen in Galizien, ja auch bei den Alldeutschen der Sudeten- und Alpenländer. Nur Magyaren und Tschechen haben keine zentrifugalen Bestrebungen, weil sie vollzählig innerhalb der Monarchie sich befinden, Hierin liegt der Keim des Verfalls und der Schwäche, eine Warnung vor jeder Gewaltpolitik, der das zerbrechliche Gebäude des Reiches nicht gewachsen ist. DieFestigkeiteinesGemeinwesens 58 hängt von der Herrschaft einer einheitlichen Idee ab und von der ethischen Kraft, die dieser innewohnt. Dieses gemeinsame Ideal fehlt aber in Österreich-Ungarn, ebenso wie die einheitliche Sprache, und Bismarck schrieb daher gelegentlich, er habe eine geradezu abergläubische Scheu davor, sich mit den Schicksalen Österreichs zu eng zu verflechten, ein Gedanke, dem übrigens auch Napoleon III. in ähnlicher Form Ausdruck gegeben hat. Selbst ein erfolgreicher Feldzug gegen Serbien hätte die großserbische Bewegung nicht aus der Welt geschafft, sie höchstens vorübergehend zurückgedrängt. Der Zusammenschluß der Serbo-Kroaten und die Ausdehnung Serbiens bis ans Meer war auf die Dauer ebensowenig zu verhindern, wie etwa die italienische Einheit, sie ließen sich nur durch geschicktes Lavieren hinausschieben. Das eigentliche Österreich, soweit es ehedem zum Deutschen Bunde gehörte, also die Sudeten- und Alpenländer, wäre trotzdem erhalten geblieben, ebenso das Magyarentum, und beide mußten auch ohne den südslawischen Ballast Anlehnung an uns suchen, das nationale Band des Deutschtums, nicht minder aber der Gegensatz des Magyaren- und Slawentums, weisen darauf hin. Also schlimmstenfalls auch ohne die Serbo-Kroaten, und nach ihrem Abfall konnten wir mit der Anlehnung der Deutsch-Österreicher und Magyaren an uns rechnen. Ein deutsches Interesse, das die Ausrottung der Serben heischte, lag keinesfalls vor, es handelte sich vielmehr um eine ausschließlich österreichisch-ungarische Privatangelegenheit, deren „Lokalisierung” insofern berechtigt war, als sie uns nichts anging. Mochten die Wiener Staatsmänner sich damit abfinden, wie sie wollten, einen Krieg mit unserer 59 Hilfe durften sie unter keinen Umständen deshalb unternehmen, und die vernichtende Niederlage, die Österreich seither von den Serben erlitten, ist eine blutige Verurteilung der wahnwitzigen Politik, die San Guiliano sehr treffend als abenteuerlich, gefährlich, aggressiv und außerhalb des Rahmens des Bündnisses liegend bezeichnet hatte, und die in Österreich schon heute allgemein verurteilt wird. San Guiliano lehnte sie ab zu einer Zeit, da Franz Ferdinand noch lebte, ein Beweis, daß politische und nicht ethische Gründe für die Wiener Haltung maßgebend waren. Ich frage: was war für uns wichtiger: Die bestenfalls zu erreichende Erdrückung der großserbischen Bewegung in Bosnien, oder die Vermeidung eines Weltkrieges, bei dem unsere soeben erst gebesserten und befestigten Beziehungen zum britischen Weltreich in Trümmer gehen mußten? War denn nicht die italienische Einheit mit ganz ähnlichen Mitteln entstanden, und wiederholt sich beim Südslawentum nicht genau dasselbe, was sich zwischen 1848 und 1866 in Italien ereignete? Auch dort versuchten die Österreicher in den lombardo-vene- tianischen Provinzen mit Gewalt, mit Schwert und Galgen und dem berüchtigten „Bankrl" die nationale Bewegung zu knebeln, auch damals wollte das konservative Preußen Stellung nehmen zugunsten der kaiserlichen Herrschaft am Mincio und gegen die „Revolution", auch die Italiener benutzten Bomben und Dolche zu politischen Zwecken und vergriffen sich am Gottesgnadentum und sogar am Heiligen Vater! Haben wir es deshalb abgelehnt, mit Italien ein Bündnis zu schließen, oder gar Italien den Krieg erklärt, weil Orsini eine Bombe gegen Napoleon schleuderte? Ist nicht die Grundlage Italiens ebenso „revolutionär" wie die Tendenzen der gegen Österreich gerichteten groß- serbischen Bewegung? Gibt es denn überhaupt in der Politik einen Zustand, der für ewige Zeiten berechnet ist und der nicht nach den wechselnden Bedürfnissen der Völker wandelbar wäre? Auch Bündnisse sind nicht für ewig, sondern nur für bestimmte Zwecke und Zeiträume geschlossen, ,,rebus sic stantibus", sagt Bismarck. Ich verweise auch auf den berühmten Brief Bismarcks an Gerlach über den Begriff der „Legitimität" und über die Notwendigkeit, auch mit „revolutionären" Bewegungen, Dynastien und Staaten zu paktieren, falls das staatliche Interesse es heischt. Wie kommt das deutsche Volk dazu, sich in einen Weltkrieg zu stürzen, um die südslawische Einheitsbewegung zu bekämpfen, die sich durch vorsichtiges Lavieren der Österreicher vielleicht aufhalten und eindämmen, niemals aber beseitigen ließ? Wie kommen wir dazu, den Mord eines Erzherzogs zu rächen und des nichtswürdigen Alexander, der mit seiner gekrönten Dirne der europäischen Fürstenfamilie wahrlich nicht zur Zierde gereichte? Und wenn zehn Erzherzoge ermordet und auch noch Peter beseitigt worden wäre mitsamt seiner Sprößlinge, so ging uns das nichts an. Mochten die Österreicher sich mit ihren Nachbarn abfinden, wie sie wollten, Sache des deutschen Volkes war es keinesfalls, an der „Sühne” sich zu beteiligen, weil man den Thronfolger in eine „Allee von Bombenwerfern" fahren ließ. Was wir getrieben haben, war Gefühls-, nicht Realpolitik. „In der Gefühlspolitik ist gar keine Reziprozität, sie ist eine ausschließlich preußische Eigentümlichkeit, jede andere Regierung nimmt lediglich ihre Interessen zum Maßstab ihrer Handlungen, wie sie dieselben auch mit rechtlichen oder gefühlvollen Deduktionen drapieren mag. Man akzeptiert unsere Ge-^ fühle, beutet sie aus, rechnet darauf, daß sie uns nicht 61 gestatten, uns dieser Ausbeute zu entziehen und behandelt uns danach, das heißt man dankt uns nicht einmal dafür und respektiert uns nur als brauchbare dupe." So schrieb Bismarck an Gerlach. War etwa Graf Aerenthal uns dankbar für den Dienst, den wir ihm bei der Annexionskrisis erwiesen? Er hatte später nur einen Gedanken: sich unserer Vormundschaft möglichst zu entziehen, auf eigenenFüßen zu stehen, und ließ verbreiten, daß die Spannung, die damals entstand, lediglich die Folge des deutsch-englischen Gegensatzes war, und schon heute sagen die Österreicher, wir hätten sie hineingetrieben, weil wir den Krieg wollten. Eine wachsende Mißstimmung greift in Österreich gegen uns um sich, es sei unser Krieg, für den sie bluten müßten, und die k. und k. Diplomatie sucht im Auslande den Eindruck zu erwecken, Österreich sei zur Verständigung geneigt gewesen, wir aber hätten zum Kriege gedrängt. Ein weiterer Grund des Gegensatzes zwischen Österreich-Ungarn und Serbien lag in wirtschafliehen Fragen. Seit Jahren wurden die Serben, ein im wesentlichen agrarisches Volk, durch Grenzplackereien gequält. Unter dem Einfluß der allmächtigen magyarischen Agrarier suchte die ungarische Regierung die Einfuhr serbischer Erzeugnisse zu verhindern. Das serbische Vieh wurde in Semlin tagelang ohne Wasser gelassen, und ein entsprechend hoher Tarif sorgte für die Verhinderung der Einfuhr serbischen Getreides. Aus diesem Grunde war es der dringende Wunsch Serbiens, einen eigenen Hafen nach dem Balkankriege zu besitzen, den Zutritt zur Adria. Während der Londoner Botschafterkonferenz war es das Bestreben Österreichs, allen serbischen Wünschen nach Möglichkeit entgegenzutreten, und wir haben Österreich bedingungslos und ausnahmslos unterstützt. Meine ein- zige Aufgabe bestand darin, österreichische Wünsche zu unterstützen, während wir hinsichtlich der italienischen, mit Rücksicht auf dynastische Sympathien für Griechenland, weit zurückhaltender waren. Tatsächlich war bei dieser Konferenz Österreich die führende Macht des Dreibundes und nicht wir. Das Fürstentum Albanien, dessen Lebensunfähigkeit Herr Paul Cambon voraussah, wurde gegen den Wunsch Rußlands und Frankreichs, die eine Teilung Albaniens zwischen Serbien und Griechenland befürworteten, geschaffen, den Serben der Zutritt zur Adria versagt, und Montenegro mit Mühe aus Skutari wieder herausgeholt. Bei allen diesen Fragen drohte der Weltkrieg zu entbrennen, falls Rußland nicht nachgab. Graf Mensdorff wurde in London durch den als Serbenfeind bekannten späteren Gesandten in Belgrad, Baron Giesl, unterstützt und gab immer zu verstehen, daß man bereit sei, im Weigerungsfälle zu den Waffen zu greifen, natürlich mit unserer gehorsamsten Unterstützung. Ich habe damals wiederholt vor einer so weitgehenden Gefolgschaft gewarnt, die notwendigerweise zur Verschärfung unserer Beziehungen zu Rußland führen mußte, ohne daß irgendein deutsches Interesse unsere antiserbische Stellung berechtigt hätte. Der Kaiser teilte auch zunächst meine Ansicht, daß es besser wäre, Albanien zwischen Serbien und Griechenland zu teilen, das Auswärtige Amt entschied aber wie immer bedingungslos im Sinne der Wiener Führung. Die Wiener Staatsmänner hatten aber nur ein Ziel im Auge: die möglichste Knebelung Serbiens und Montenegros. In allen diesen Fragen ist Rußland, der natürliche Protektor Serbiens, unserem Druck gewichen. Entscheidend aber war die Haltung Sir E. Greys, welcher, um den Frieden zu erhalten, vermittelnd auf trat und sich bemühte, seine russischen Freunde zum Nachgeben zu bewegen. Daß unsere Haltung auf der Londoner Konferenz, deren Hauptergebnis die Schaffung des unter österreichisch-italienischem Schutz stehenden Fürstentums Albanien war, in Petersburg nicht gerade sympathisch berührte, möchte ich annehmen, obwohl mir Berichte über die dortige Stimmung weder damals noch später mitgeteilt wurden. Berichte über die Gesamtlage, über die Absichten und Strömungen in Petersburg oder Wien erhielt ich ebensowenig, wie etwa geheime Agentenberichte, die meinen eigenen Wirkungskreis betrafen. Ich mußte daher erleben, daß der Marineattache durch seine Behörde über geheime britischfranzösische Abmachungen unterrichtet war, über die das Auswärtige Amt, dem doch die geheimen Fonds und die entsprechenden Nachrichten zur Verfügung stehen, mich in Unkenntnis gelassen hatte. Der Diplomat ist nicht Spion, ebensowenig wie etwa der Militärattache; jeder Versuch, durch unerlaubte Mittel, wie Bestechung und dergleichen, Geheimnisse der Regierung, bei der er beglaubigt ist, zu erlangen, wäre gefährlich oder verhängnisvoll. Er würde sich in die Hand fragwürdiger Persönlichkeiten begeben und Gefahr laufen, bloßgestellt und unmöglich zu werden. Er soll vor allem das Vertrauen der maßgebenden Kreise in dem Lande gewinnen, in dem er beglaubigt ist. Er soll, wenn möglich, der Freund des betreffenden Monarchen, der leitenden Minister sein, mit den führenden Kreisen, nicht nur den höfischen, sondern auch den kaufmännischen in Ländern, wo diese eine Rolle spielen, Fühlung haben. Dann kann er Einfluß gewinnen und vermitteln, kann, falls er persönliche Sympathien zu erwecken Lord Haldane wMm essei 5§K$s»HK?it: mm mm Wimm* suia&gs-ajsi P^K "i'Süfc/ p*&- £ftäg gj# m wm ; mm SRü* B W ; ' |pM, jSftest tlllfet tf£.™ \ 8 im m' . Ä gjp 2R8Mg msS mm weiß, auch solche für das von ihm vertretene Land gewinnen. Vor allem muß er Urteilskraft besitzen und in der Lage sein, Menschen und Dinge richtig einzuschätzen und für seine Zwecke auszunützen. Dann kann er seiner Regierung dienen und sie richtig beraten, vorausgesetzt natürlich, daß diese auf ihn hört und ihm nicht Schwierigkeiten bereitet und entgegen arbeitet. Die Verantwortung für den Gang der Politik trägt aber nicht er, sondern die Regierung, die die Politik bestimmt, ihn trifft nur eine Verantwortung, wenn seine Berichte auf irrigen Voraussetzungen beruhen. Werden seine Warnungen und Ratschläge aber mißachtet und findet er keine Unterstützung, so trifft ihn kein Vorwurf, wenn die Politik einen verhängnisvollen Lauf nimmt. Nicht unsere Diplomaten sind schlechter als die anderer Länder, die teilweise auch schwach sind, es ist die Methode, die falsch ist, die unsere Politik verfolgt. Statt eines klaren Programms, das die Machtverhältnisse sowie die Interessen und Empfindungen unserer Nachbarn und Mitmenschen in Erwägung zieht, unter Berechnung des Eindrucks, den unsere Stellung auf sie ausübt, haben wir uns in Kraftproben und Eitelkeitserfolgen bewegt, haben durch Drohungen, gelegentliche Rippenstöße und Fanfaro- naden einzuschüchtern und zu imponieren versucht. Diese Politik hat eine Atmosphäre der Beunruhigung geschaffen, deren Äußerungen wir feindliche Absichten zugrunde legten. „Bundestreue“ und „Waffenbrüderschaft“ sind gewiß wertvolle Begriffe, sie erschöpfen aber keineswegs die Bedürfnisse realer Politik. Sie genügen für Reden bei Kaisergeburtstags- oder Kriegervereinsfesten, aber nicht für unsere politische Orientierung. Was ich schon während der Konferenz befürwortete, war eine 5 Lichuowsky I 65 größere Schonung russischer Empfindlichkeiten, keine bedingungslose Identifizierung mit der antiserbischen Politik Österreichs. Letztere mußte, falls das Wiener Kabinett unserer Gefolgschaft sich sicher fühlte, über kurz oder lang zum Zusammenstoß mit Rußland, zur Katastrophe führen, da nun einmal Rußland, mit Recht oder Unrecht, aber tatsächlich auf den Schutz der serbischen Brüder und der unabhängigen Entwicklung der Balkanstaaten nicht verzichten wollte, und die russischen Staatsmänner über diese Frage keinen Zweifel ließen. „Dans la vie comme en politique il faut savoir se mettre au point de vue des autres —", sagte mir einmal sehr treffend Herr Paul Cambon. Die Politik, die wir diesen Sommer trieben, als wir fünf Millionen deutscher Streiter dem greisen Franz Josef zur Sühne seines Familienverlustes zur Verfügung stellten, gehört in das Gebiet der Romantik und erinnert an die Kriege früherer Jahrhunderte, die wegen fürstlicher Familienzwiste entbrannten, oder an die Kreuzzüge, die das Grab des Herrn von den Ungläubigen befreien sollten, oder auch an den Trojanischen Krieg, der zur Sühne der gekränkten Gattenehre des Königs Menelaus unternommen wurde. Mit deutschen Interessen aber hatte weder der Mord noch die Unterwerfung Serbiens durch Österreich etwas zu tun, und die Haltung, die wir einnahmen, war die letzte verhängnisvolle Folgerung einer mißverstandenen Bundespolitik, die in dieser Form, wie ich wiederholt in meinen Berichten darlegte, mehr Gefahren als Vorteile in sich barg. Was ich befürwortete, war zwar Schutz Österreichs, aber Zurückhaltung gegenüber der serbischen Frage, die lediglich eine Privatangelegenheit unseres Verbündeten sein durfte. Über diesen Punkt mußten wir weder in Wien noch in Petersburg einen Zweifel las- sen, dann war der Weltkrieg zu vermeiden und der Frieden gesichert, sonst aber nicht. Besser gar kein Bündnis als ein solches, das mehr Gefahren als Vorteile barg, in dem wir statt der leitende Teil der leidende sind. Der Gedanke, gegen Serbien vorzugehen, war übrigens kein neuer. Er ist oft in Wien erwogen worden und scheint seit dem Bukarester Frieden, der unter dem Proteste Österreichs zustande kam, eine festere Gestalt angenommen zu haben. Durch diesen Frieden wurde Serbien vergrößert, nachdem Bulgarien unterlegen war, dessen leitender Staatsmann, Herr Danew, durch die maßlosen Huldigungen der Wiener und Pester Staatsmänner getäuscht, zum zweiten Balkankriege getrieben hatte, welcher die Niederlage Bulgariens und die Abkehr Rumäniens von Österreich brachte. Dem Pessimismus, dem stockenden Handel in Österreich sollte abgeholfen, das Ansehen des Reiches neu belebt, die gegen die Politik des Grafen Berchtold erhobenen Vorwürfe entkräftet werden. Man übersah dabei nur, daß diese Politik zum Zusammenstoß mit Rußland und schließlich zum Zerfall Österreichs führen mußte. Die zahlreichen Fälle von Hochverrat und sogar der offene Übergang ganzer Truppenteile zum Feinde zeigen, wie wenig die Slawen Österreichs bei diesemKriege mit ihrem Herzen beteiligt sind. In Galizien und Bosnien wird der Galgen überreichlich in Anspruch genommen, und in Prag geniert sich niemand, offen für Rußland Partei zu nehmen. Man übersah, daß der Monarchie die Voraussetzungen fehlen für eine Gewaltpolitik, vor allem die Einheitlichkeit des Aufbaues, ferner das alle gleichmäßig beherrschende nationale Ideal, die Triebfeder für außerordentliche Leistungen. Den aus Magyaren, Tschechen, Polen, Ruthenen, Rumänen, Kroaten und Serben bestehenden Truppen fehlt die ethische Kraft, die dem nationalen Gedanken, für den andere Völker kämpfen, innewohnt. Beim Zusammenstoß zweier Organismen muß der stärkere, der fester gefügte, dem schwächeren überlegen sein. Das lediglich durch dynastische Bande vereinigte k. und k. Heer kann daher einem nationalen Ansturm nicht standhalten. Die österreichischen Niederlagen sind nicht bloß auf Konto der Minderwertigkeit von Führern und Truppen zu setzen, es ist vielmehr das weltgeschichtliche Entwicklungsgesetz, eine innere Notwendigkeit, die das Zurückweichen der schwarzgelben Fremdherrschaft herbeiführt, im Gegensatz zum nationalhomogenen System, das im Lebenswillen des Volkes wurzelt. Wie das Österreichertum aus Italien weichen mußte, trotz militärischer Erfolge, wie es trotz aller Gewaltmaßnahmen Ungarn aufgab und sich unfähig erwies, die Führung in der deutschen Frage beizubehalten, so wird auch trotz unserer Hilfe das Südslawentum seiner eigenen nationalen Entwicklung zusteuern. „Die geschichtliche Logik ist noch genauer in ihrer Revision als unsere Oberrechnungskammer“, sagt Bismarck in den „Gedanken und Einnerungen". Unsere Politik aber erinnert an die des Kaisers Nikolaus, der, von romantischen Legitimitätsschwärmereien geleitet, seine Heere zur Unterdrückung des ungarischen Aufstandes hergab; dankbar ist ihm Österreich dafür bekanntlich nicht gewesen. Die Formulierung des Ultimatums ließ auch keinen Zweifel, daß das Wiener Kabinett nicht die Annahme, sondern die Ablehnung wünschte. Es war darauf berechnet, abgelehnt zu werden, und die österreichische Diplomatie fürchtete geradezu, daß Serbien es annehmen würde. Baron Giesl befand sich bereits im Reise- anzug, als die Antwort erschien und, ohne sie genauer zu prüfen, erklärte er sie für ganz ungenügend, obwohl sie fast alles annahm und eigentlich nur einen Punkt vorbehielt: die Teilnahme österreichischer Beamter an der Untersuchung. Hätte auf österreichischer Seite wirklich der Wille zum Frieden bestanden, so wäre es leicht gewesen, die Antwort zur Grundlage weiterer Verhandlungen zu machen. Dieser Wille fehlte aber, man wollte in Wien und in Berlin den Krieg mit Serbien. Die russischen Truppenbewegungen seit dem Winter, ferner die Bemerkung des Herrn Sasonow in Konstanza: „Nous ne ferrons pas la guerre sauf ä une seule condition, c'est si l'Autriche attaque la Serbie" beweisen, daß man in Petersburg, wo wegen der österreichisch-serbischen Politik eine steigende Mißstimmung gegen Österreich, aber indirekt auch gegen uns herrschte, den Wiener Absichten mißtraute. Übertriebene Rücksichten auf Österreich einerseits, die schon deshalb überflüssig waren, weil Österreich unter allen Umständen auf uns angewiesen ist und keine andere Anlehnung finden kann, und andererseits Vernachlässigung der Beziehungen zu Rußland, — dies sind die Wurzeln der Katastrophe. II D ie Frage, welche die öffentliche Meinung am meisten bewegt, ist die nach den Gründen der britischen Teilnahme am Kriege, beziehungsweise ob England der eigentliche Urheber des Krieges ist, um uns zu erdrücken oder wenigstens ihn dazu benutzen wollte, da es ihn sonst hätte verhindern können. Als ich im November 1912 den Londoner Posten übernahm, fand gerade der seither veröffentlichte Briefwechsel zwischen Sir E. Grey und Herrn Paul Cambon statt, der für den Fall eines Angriffes oder 69 einer drohenden Kriegsgefahr das Zusammenwirken beider Regierungen zum Zwecke des gegenseitigen Schutzes ins Auge faßte. Als Grundlage sollten die Verabredungen dienen, die ohne bindenden Charakter von Zeit zu Zeit zwischen den beiderseitigen Militär- und Marinestäben stattfanden. Es war kein Bündnis, wohl aber eine Vereinbarung defensiven Charakters, für den Fall eines Angriffs, ohne eigentliche Verpflichtungen. Unsere anti-englische Haltung während des Burenkrieges, die lebhaften Sympathien des deutschen Volkes für die stammverwandten Kolonisten im fernen Südafrika, die bekannte Rede und die Haltung des Grafen Bülow gegen Mr. Chamberlain, dessen Annäherungsversuche auf keinen fruchtbaren Boden gefallen waren, namentlich aber unsere Flottenpolitik hatten in England zu einer wachsenden Mißstimmung geführt. Hierzu gesellten sich persönliche Neigungen und Abneigungen König Eduards, der aus seiner Vorliebe für französisches Wesen kein Hehl machte. Auf dieser Grundlage gedieh der Wunsch einer Annäherung an Frankreich, das sich von uns bedroht glaubte, und so kam das Marokko-Ägypten-Abkommen zustande, das die Grundlage zu der späteren Triple- Entente bildete. Leider hat unsere Haltung während der ganzen Marokkofrage zwischen Zustimmung und Drohung geschwankt, und sie ließ nicht klar ersehen, welchem Ziele wir zustrebten, ob dem Kriege oder kolonialer Ausbreitung auf Grund friedlicher Vereinbarung. Die Haltung, die wir 1905 und 1911 gegen Frankreich einnahmen, hat zweifellos zu einer Vertiefung der Annäherung der befreundeten Staaten geführt und der gegen uns in England namentlich wegen der Flottenfrage bestehenden Mißstimmung weitere Nahrung gegeben, da England im Interesse des europäischen Gleichgewichts und seiner Unabhängigkeit 70 und wegen des Schutzes seiner Küsten eine Ausdehnung unseres Machtbereiches auf dem westlichen Kontinent nicht dulden konnte. Die Erkenntnis, daß die Erhaltung Frankreichs, als eines unabhängigen Landes in seiner bisherigen Machtfülle für Großbritannien ein Lebensinteresse bedeutet und daß eine Wiederholung des Jahres 1870 mit den britischen Interessen unvereinbar sei, befestigte sich, ohne aber zu mehr zu führen, als zu Verabredungen technischer Art, welche für den Fall eines deutschen Angriffs auf Frankreich, den, wie ich von London stets berichtet habe, die Franzosen und Engländer dauernd fürcheten, in Kraft treten sollten. Daß diese Annäherung und die genannten Vereinbarungen mehr bedeuteten als das Bestreben einer Sicherung vor unserer Übermacht, und daß sie Angriffszwecken gedient hätten, ist durch keine Veröffentlichung erwiesen worden. Es lag auch gar nicht im britischen Interesse, die Franzosen von dem Alpdruck zu befreien, den wir auf sie ausübten, denn er bildete die Voraussetzung für Frankreichs Unterwürfigkeit gegen England. Ebensowenig aber kann die britische Politik auf den Druck verzichten, den wir auf Rußland ausüben, da sonst letzteres wieder freiere Hand in Asien bekommen und sich dort den Engländern unbequem machen würde. Diese einfachen Erwägungen genügen, um zu zeigen, daß kriegerische Zwecke dem britischen Programm durchaus fern liegen mußten. Die bekannte Rede Mr. Lloyd Georges im Sommer 1911 hatte lediglich den Zweck, uns zu warnen, da man sich in London mangels der erwarteten Aufklärung über den Zweck der Entsendung des „Panther“ nach Agadir beunruhigt fühlte und an kriegerische Absichten zu glauben anfing. Als ich im November 1912 nach London kam, hatte der erste Balkankrieg mit dem Siege der Verbündeten über die Türkei eigentlich schon geendet, und die Regelung der türkischen Erbschaft ließ das Gespenst eines europäischen Krieges auftauchen. Einige Zeit nach meiner Ankunft erschien der mit Sir E. Grey eng befreundete Lord Haldane bei mir und sagte mir etwa folgendes: England wolle Frieden und Freundschaft mit uns, und man hoffe, daß es mit meiner Hilfe gelingen werde, die Beziehungen zu befestigen und alle Mißverständnisse zu beseitigen. Aber auf einen wichtigen Punkt wolle er mich gleich hin- weisen: England könne niemals die Zertrümmerung oder Schwächung Frankreichs zulassen. Das sei für Großbritannien eine Lebensfrage. Es müsse Frankreich schützen, wie wir etwa Österreich. Die Grundlage jeder Verständigung mit uns müsse demnach eine vollkommen zweifelsfreie Friedenspolitik sein, da durch Frankreich auch England in einen europäischen Krieg hineingezogen werden würde. Uns aber wolle England ebensowenig angreifen, wie etwa den französischen Revanchegedanken fördern. In diesem Sinne haben sich während meines Londoner Aufenthaltes viele maßgebende Persönlichkeiten gegen mich ausgesprochen. Ich habe wiederholt schriftlich und mündlich auf diesen wichtigen Punkt hingewiesen und stets betont, daß wir im Falle eines Angriffs auf Frankreich mit der britischen Gegnerschaft würden rechnen müssen. Es konnte also hierüber kein Zweifel bestehen, und es ist daher unverständlich, daß der Herr Reichskanzler trotz der wiederholten Warnungen Sir Edward Greys und meiner mündlichen und schriftlichen Berichterstattung von der britischen Kriegserklärung so überrascht war. Dieselbe Auffassung über das Wesen der britischen 72 Politik: Erhaltung des Friedens, mit dem Entschlüsse, Frankreich zu schützen, teilten auch meine beiden Dreibundkollegen, und ich habe niemals den geringsten Grund gehabt, an der Richtigkeit dieser Meinung zu zweifeln. Von dem Wunsch geleitet, den Frieden zu erhalten, regte Sir Edward Grey bald nach meiner Ankunft die Londoner Botschafterbesprechungen an, die lediglich den Zweck verfolgten, den Ausbruch eines europäischen Krieges zu verhüten, in den England fürchten mußte hineingerissen zu werden. Hätte er den Krieg gewollt, so waren diese langwierigen Unterhandlungen überflüssig. Es bot sich auch während derselben reichliche Gelegenheit, den Weltbrand zu entzünden, und hauptsächlich der vermittelnden Tätigkeit Greys ist es damals gelungen, obgleich wir uns stets mit den Ansprüchen unseres Wiener Bundesgenossen identifizierten, den Zusammenstoß zu verhüten. Das deutsch-britische Zusammenwirken während dieser Konferenzen bildete die Grundlage für die erstrebte Verständigung, an deren Ausbau ich seither gearbeitet habe. Die britische Regierung gewann durch unsere gemeinsame Tätigkeit Vertrauen zu unserer Friendensliebe, man beruhigte sich allmählich über unsere Absichten und war bereit, uns auch auf anderen Gebieten entgegenzukommen. Gleichzeitig fanden Verhandlungen zwischen uns über die Abgrenzung unserer Interessensphäre in Kleinasien statt. (Bagdadbahn pp.) Auch hier begegnete ich dem größten Entgegenkommen, und wir haben in dem bei Kriegsausbruch zur Unterschrift fertiggestellten Vertrage mehr erreicht, als sich die Begründer der Bahn hätten träumen lassen. So gelang es mir z. B., Basra als Endpunkt zu erreichen, auf das wir bereits verzichtet hatten. 73 Auch ein neuer Vertrag über afrikanische Kolonialfragen wurde zwischen uns vereinbart und fertiggestellt und sollte auf Wunsch der britischen Regierung schon Anfang des Jahres 1914 unterschrieben und alsdann veröffentlicht werden. An dieser letzteren Frage drohte der Vertrag zu scheitern, da wir aus formalen Gründen gegen die von britischer Seite gewünschte Veröffentlichung Bedenken erhoben. In diesem Widerstande begegnete sich unser Auswärtiges Amt mit Herrn Paul Cambon, der seinerseits auch nichts unversucht ließ, dem Vertrage, da er das französische Interessengebiet berührte, Schwierigkeiten zu bereiten. Nicht nur bei Hofe und in amtlichen Kreisen, auch in der Gesellschaft und in den in England so einflußreichen Handelskreisen habe ich während meiner noch nicht zweijährigen Amtszeit das wärmste Entgegenkommen, den aufrichtigsten Wunsch gefunden, uns näherzutreten. Überall wurden mir die herzlichsten Sympathien in steigendem Maße entgegengebracht, und es war mir schließlich gelungen, eine erhebliche Besserung der Stimmung für uns zu schaffen. Wenn ich als Gast bedeutender Handelsstädte gefeiert wurde, wenn bei den unter meinem Vorsitz für deutsche Wohltätigkcitszwecke veranstalteten „public dinners“ Tausende von Pfunden für deutsche Zwecke von britischen Teilnehmern gezeichnet wurden (Deutsches Seemannsheim, Deutsches Hospital), wenn ich Ehrendoktor in Oxford wurde, eine Würde, die keiner meiner Kollegen außer Herr Cambon, der Doyen, bekleidete, wenn ich überall und in allen Kreisen das denkbar größte Entgegenkommen fand, so soll das alles nur eine vieltausendköpfige Verschwörung gewesen sein, um uns zu täuschen? Der volle Wortlaut meiner Oxforder Doktorrede 74 ist leider verloren gegangen. Es war am 3. Juni 1914! Dagegen mag hier der Bericht des „Berliner Tageblattes“ folgen: „Fürst Lichnowsky ist heute zum Ehrendoktor der Universität Oxford promoviert worden, und bei dieser Promotion konnte man echt englische Formlosigkeit inmitten ehrwürdiger Formen erleben. Bei offenen Türen wurde die Zeremonie in wenigen Minuten in einer mäßig vollen Halle abgehalten. Die Rektoren der verschiedenen Colleges trugen rote, schwarze oder lila Mäntel wie bei uns. In einem großen Stuhl saß der Vizekanzler der Universität, der aussah wie Kainz als Mephisto, und verkündete in lateinischer und englischer Ansprache fast unverständlich den Beschluß. Hierauf wurde der Botschafter im roten Mantel von dem Sprecher der Universität hereingeführt. Dieser hielt eine längere lateinische Rede, rühmte die Verdienste des Fürsten um die Wissenschaft und betonte unter dem Beifall der Zuhörer, daß in dieser Ehrung die englische Sympathie für die deutsche Wissenschaft und Nation enthalten sei. Es klang sehr gut, als dieser Engländer in der alten Halle Oxfords lateinisch ausrief: „Totam Germaniam animo salutamus!“ und man hatte einen Augenblick das Gefühl, daß ein Botschafter wirklich ein Bindeglied zweier Nationen bilden kann. Kein Eid, keine Begrüßung durch den Vizekanzler. Im übrigen standen die Beteiligten formlos herum. Dagegen war viel unter den Zuhörern zu schauen, prachtvolle Köpfe auf kräftigen Gestalten, die in farbigen Talaren im Kreise saßen, darunter besonders viele berühmte Zivilrechtslehrer. Wir geben mit einigen Kürzungen den Wortlaut der Rede wieder, die Fürst Lichnowsky auf dem Diner gehalten hat, das ihm gestern abend die Universität Ox- ford, die Deutsche Literarische Gesellschaft und der Englisch-Deutsche Klub gegeben haben: „Meine Damen und Herren! Gestatten Sie mir, zunächst meinen tiefempfundenen Dank auszusprechen für die beredten Worte, mit denen Herr Professor Fiedler und nach ihm Herr Dr. Macan meiner gedacht, und mit denen sie mich hier in diesem glänzenden Kreise begrüßt haben. Ich weiß die Auszeichnung wohl zu schätzen, daß die alte ehrwürdige Universität Oxford mich zu ihrem Ehrendoktor ernannt hat, und ich möchte diese Gelegenheit auch gleich benützen, um dem Professorenkollegium den Ausdruck meiner tiefgefühlten Dankbarkeit zu übermitteln. Die eindrucksvolle Feier, deren Zeuge ich heute mittag gewesen bin, als mir der purpurne Mantel als äußeres Abzeichen meiner neuen Würde an historischer Stätte umgehangen wurde, in einem Saale, dessen Wände von vielhundertjähriger Überlieferung reicher wissenschaftlicher Tätigkeit Zeugnis geben, das überwältigende Bild, das sich meinen Blicken durch die Anwesenheit so vieler Spitzen der Wissenschaft darbot, alles dieses wird mir unvergeßlich bleiben, und mich daran erinnern, daß dadurch zwischen der Universität Oxford und mir immerwährende persönliche Bande errichtet wurden, und ich mich von nun an als einen der Ihrigen, als ein Mitglied der britischen wissenschaftlichen Welt betrachten darf. Ich weiß, meine Herren, daß die Auszeichnung nicht meiner wissenschaftlichen Bedeutung entsprechen sollte. Neben so vielen berühmten Namen, die diese Universität von jeher geschmückt und ihren Weltruf begründet haben, neben der Zahl hervorragender Gelehrter und Leuchten der Wissenschaft, die ich in den Listen Ihrer Ehrendoktoren gefunden und im Hinblick auf die anwesenden und auf andere 76 gegenwärtig zur Universität gehörende Gelehrte, vermag ich einen Anspruch auf Aufnahme in dieses wissenschaftliche Olymp nicht zu erheben. Wenn also meine Verdienste um die Wissenschaft mir den Zutritt zu der ehrenvollen Stellung eines Mitgliedes Ihrer Hochschule nicht eröffnet haben, so muß ich den Grund auf anderen Gebieten suchen. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß Sie, meine Herren, mir die hohe Auszeichnung eines D. C. L. in der Absicht gewährten, mich dadurch in meinem Bestreben, englischem Wesen und englischem Wissen näherzutreten, zu ermutigen und auch, um Ihrer Zustimmung zu meiner bisherigen politischen Tätigkeit Ausdruck zu geben. Sie haben aber vor allem, meine ich, damit sagen wollen, daß diejenige Gemeinschaft, die diese berühmte Hochschule seit Jahrhunderten mit der deutschen Wissenschaft unterhält, indem sie deutsches Geistesleben hier pflegt und fördert, wie uns Herr Professor Fiedler an Hand seines reichhaltigen Materials auseinandergesetzt hat, daß diese uralten und stets wieder erneuten geistigen Bande den Wunsch erzeugt haben, dem politischen Vertreter des Deutschen Reiches in England eine seltene und fremden Diplomaten nur in Ausnahmefällen gewährte Ehrung zu erweisen. Ich darf wohl sagen, daß die Freude, die ich bei der Nachricht empfand, als ich erfuhr, daß mir von nun an das Recht zustehen würde, mich als Ehrendoktor der Universität Oxford zu betrachten, ich möchte sagen, daß der Stolz über diese Auszeichnung nur durch ein einziges anderes Gefühl übertroffen werden konnte, und das war die Befriedigung über diesen erhebenden Beweis Ihrer warmen Sympathie für das Deutschtum und für mein deutsches Vaterland. Herr Professor Fiedler hat in seiner so inhaltsreichen Rede hervorgehoben, daß sowohl Kaiser Wilhelm zu den Ihrigen gehört, als daß vor genau 100 Jahren seinem erlauchten Urgroßvater die Auszeichnung zuteil wurde, hier in Oxford das Ehrendoktorat zu erhalten. Mit seinen beiden Söhnen, dem späteren König Frierich Wilhelm IV. und dem nachmaligen Kaiser Wilhelm I. weilte er hier in Oxford. Gewaltige Ereignisse haben sich in diesen 100 Jahren vollzogen. Die Machtverhältnisse haben sich seither verschoben und die Gruppierungen sind dementsprechend andere geworden. Aber das Ziel, das das britische und das deutsche Volk damals in sturmbewegter Zeit nach jahrelangen Kämpfen und heute inmitten ungetrübter bürgerlicher Entwicklung verfolgen, ist dasselbe geblieben. Damals wie heute reichten sich unsere Monarchen die Hände zur Befestigung und zur Erhaltung des Friedens, zum Schutze bürgerlicher Arbeit, damals wie heute war die britische wie die deutsche Politik darauf gerichtet, ihren Ländern die Segnungen einer ungestörten geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung zu sichern. Damals lebte noch Goethe; Schiller war vor wenigen Jahren gestorben. Ein Zeitalter geistigen Aufschwungs und literarischer Blüte war der politischen Erhebung und dem gewaltigen Erwachen des deutschen Nationalbewußtseins vorausgegangen. Unsere Dichterfürsten hatten dazu beigetragen, den Sinn für die Ideale der Menschheit im deutschen Volke zu wecken, hatten durch ihre unsterblichen Werke den Kulturwert des Deutschtums unendlich gehoben und dadurch das stolze Nationalbewußtsein wecken helfen. Nach einer Zeit nationaler Erschlaffung hatten sie die Grundlagen gelegt für das gewaltige darauf folgende Erwachen. . . . Der Nationalbegriff, der eine Zwischenstufe bildet zwischen Individualität und Humanität, beruht im wesentlichen auf der Gemeinschaft der wichtigsten Ideale, die durch unsere Dichter und Historiker ihre Prägung erhalten haben und die in unseren großen Monarchen, Staatsmännern und Feldherren wie in den Koryphäen der Wissenschaften und der Künste sich verkörpern. Diese Ideale müssen erneuert und belebt und den modernen Bedürfnissen entsprechend umgewertet und fortentwickelt werden, um nicht abzusterben und damit nicht, wie Nietzsche sagt, die Lebenden von den Toten regiert werden. Die reine Liebe zur Wahrheit ist es, die nach Helmholtz zu den größten Siegen führt, wenn sie erobernd in das Reich des Unbekannten vordringt. Diese verfolgen die britischen wie die deutschen Universitäten, und es ist daher müßig, darüber zu streiten, welche von den beiden Lehrmethoden vor der anderen den Vorzug verdient. Ich möchte behaupten, daß sich beide sehr glücklich ergänzen und daß auch in diesem Falle nur derjenige irren würde, welcher meint, daß er allein im Besitz des echten Ringes sei. Je mehr deutsche Wissenschaft und Literatur in England, und englische in Deutschland gepflegt wird, um so mehr werden die beiderseitigen Geisteswerte Gemeingut beider Nationen, um so größer wird die Gemeinschaft der beiderseitigen Ideale, um so näher kommen sich die beiden Völker in ihrem beiderseitigen Empfindungsleben. Die Grundlage für beiderseitiges Verstehen, die Kultur- und Sittengemeinschaft erfährt eine Erweiterung, und auf diese Weise pflegen die Universitäten als hervorragende Stapelplätze der Kultur auch gleichzeitig politische Ziele. Ich kann es nur lebhaft begrüßen, wenn deutsche Studenten in möglichst großer Anzahl sich hier alljährlich in Oxford einfinden, um hier der britischen äÜH Wissenschaft, und nicht zu vergessen dem britischen Sport zu huldigen, der auch bei uns lebhafte Förderung findet und der so viel zur moralischen und körperlichen Erstarkung der Nation beiträgt. Man kann sagen, daß die sporttreibenden Völker den Erdball beherrschen werden. Ich bedauere lebhaft, nicht selbst hier studiert zu haben, hoffe aber, daß dereinst meine Söhne einige Semester hier weilen werden. Ich brauche mich an dieser Stelle nicht über die Vorzüge britischer akademischer Anstalten zu verbreiten, sie sind uns allen bekannt und gipfeln wohl in der Entwicklung starker Persönlichkeiten und in der Gestaltung unabhängiger, charaktervoller Männer, die sich dazu eignen, als Pioniere westeuropäischer Kultur in die entferntesten Gebiete des Weltalls vorzudringen. Auf den britischen Schulen erhält der Begriff des „Gentleman“ seine vollendete Prägung, die ihn befähigt, als Kulturtypus bei den Völkern des Erdballs Einkehr zu halten, so daß man sagen kann, der Gentleman habe die zivilisierte Welt erobert. So ist heute der Gentleman der allgemeine soziale Wertbegriff, an dem bei allen Nationen gemessen wird. . . . Wie tief die Wurzeln sind, die bei uns in Deutschland die Verehrung der britischen Dichterfürsten geschlagen, brauche ich Ihnen, meine Herren, in Gegenwart so hervorragender Vertreter der Literatur und ihrer Geschichte nicht auseinanderzusetzen. Ich will mich damit begnügen, daran zu erinnern, daß erst vor wenigen Wochen die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft das Fest ihres 50 jährigen Bestandes begehen konnte. Sie ist nicht nur die älteste deutsche Vereinigung dieser Art, der sich erst die Goethe-, Dante- und andere Gesellschaften angereiht haben, sondern auch die einzige, die sich dauernd mit Erfolg der Pflege eines ausländischen Dichters gewidmet hat. Die 80 Gründe, weshalb gerade ein ausländischer Dichter eine derartige Anziehungskraft ausüben konnte, sind mannigfacher Art. Sie lagen zunächst wohl in der Tatsache, daß dieser größte britische Dichter nach unserem Empfinden schon beinahe ein Deutscher geworden ist und daß keines ausländischen Dichters Werke so tief in die deutsche Volksseele eingedrungen sind, wie die seinen. Heine sagt: „Das einzige, was die Deutschen dem Shakespeare nicht verzeihen können, ist, daß er nicht vorzog, in Deutschland geboren zu sein." Dann aber besaß dieser Dichter für uns eine besonders politische Anziehungskraft durch seinen ausgesprochenen Patriotismus und nationalen Gemeinsinn. Außerdem aber kam ihm zustatten, daß England von jeher als das Land der politischen Freiheit gegolten hat und daß von hier aus verfassungsmäßige Einrichtungen und die Grundlagen bürgerlicher Rechte ihren Siegeslauf durch ganz Europa genommen haben. So ist Shakespeare für uns zu einem politischen Dichter geworden, den wir gleich Goethe und Schiller als den Unsrigen betrachten. Meine Herren, ich will Ihnen nochmals danken für die große Ehre, die Sie mir erwiesen und für den schönen Abend, den ich heute in Ihrer Mitte verbringen durfte und der in mir das Gefühl erwecken könnte, daß ich mich in Heidelberg oder Göttingen befände. Ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl der alten berühmten Universität Oxford sowie der beiden Vereine zu trinken, bei denen wir zu Gaste sind und auf deren ferneres erfolgreiches Wirken im Sinne der britisch-deutschen Geistesverbrüderung. “ Jeder wirkliche Kenner britischer Verhältnisse weiß, welche Rolle „public dinners" spielen, mit ihren unvermeidlichen „after-dinner-speeches". Es ist die einzige Art, mit der breiten Öffentlichkeit in Verbindung 6 Lichnowskv I 81 !s5& zu treten, und für einen Diplomaten, um mit den in England so einflußreichen City- und Handelskreisen Fühlung zu nehmen, mit denen das Gesellschaftsleben ihn sonst nicht zusammenbringt. Ist man Ehrengast, so kann man nicht schweigen, man wird aufgefordert „to respond“, den Begrüßungsworten zu entgegnen. Ich habe es hierbei möglichst vermieden politische Themata zu berühren und das Hauptgewicht auf die beiderseitigen Handelsbeziehungen gelegt, gewichtige gemeinsame Interessen. Gerade diese Reden hatten nicht unwesentlich dazu beigetragen, eine für uns günstige Stimmung zu schaffen, und mein französischer Kollege wurde von seiner Regierung beauftragt, meiner Werbetätigkeit durch häufigeres öffentliches Auftreten entgegenzuwirken. Kriegslustig sind im allgemeinen eher agrarische Völker und solche, die ihre nationale Grundlage noch nicht gefunden haben. Gesättigte Nationen mit weitverzweigten Handelsbeziehungen haben beim Kriege mehr zu verlieren als zu gewinnen. Ein in so hohem Grade zum Wohlleben neigendes Volk wie das britische kann unmöglich den Wunsch haben, durch das Ungemach eines Krieges in seinen Interessen wie in Genüssen und Gewohnheiten gestört zu werden. Was hatte Großbritannien in einem Kriege mit uns zu gewinnen? Unsern Handel zu zerstören? Auf unserem Handel beruht zum großen Teil der britische selbst: Im Jahre 1913 betrug der Wert der britischen Einfuhr aus Deutschland ßO 1 ^ Millionen Pfund, der britischen Ausfuhr nach Deutschland 59 1 / 2 Millionen. Der Handel Großbritanniens mit uns steht an der Spitze aller europäischen Länder, und wenn man die Vereinigten Staaten ausschließt und die britischen Kolonien, so steht er an der Spitze des gesamten britischen Warenaustausches. Außerdem braucht der bri- 82 tische Markt gewisse deutsche Erzeugnisse, wie Zucker, Chemikalien, Seidenwaren pp, und kann sie gar nicht entbehren. Jeder europäische Krieg muß dem britischen Wohlstände, der auf internationalen Handelswerten und nicht auf agrarischen, heimatlichen beruht, die empfindlichsten Schäden zufügen, selbst wenn Großbritannien nicht direkt an ihm beteiligt ist. Unsere Flotte vernichten? Daß das nicht so leicht wäre, wußten die britischen Fachleute und Staatsmänner schon vor dem Kriege. Man hatte sich auch mit unserer Flotte nach der bisherigen gesetzlichen Festlegung abgefunden; sie war den Briten unbequem, aber solange wir keine Novelle brachten, beruhigte man sich. Die britische Überlegenheit war gesichert, Pläne wie der des „Naval Holiday“ fielen ohne Mißstimmung zu Boden, und ich habe niemals Gelegenheit genommen, amtlich die Flotte zu besprechen. Ich vermied es absichtlich und bekundete damit, daß ich es als eine rein interne Angelegenheit betrachtete. Unsere koloniale Entwicklung wollte man uns lassen, schon weil die Kolonien uns von der Nordsee abziehen sollten. Das beweist auch das Entgegenkommen, das uns in der portugiesischen Kolonialfrage gezeigt wurde. England hat die besten Kolonien und braucht keinen Krieg mit uns, um neue zu erwerben. Hierzu hätte ja das portugiesische Schutzverhältnis die beste Gelegenheit geboten. Der Ausbruch des Krieges war für Großbritannien eine Katastrophe ersten Ranges, selbst wenn es gelingen sollte, uns zu schädigen. Es wäre vom britischen Standpunkt geradezu Wahnsinn gewesen, ihn herbeizuführen. England war bereit, sich mit uns über alles zu verständigen, mit uns in ein intimeres Verhältnis zu 6 * 83 treten, allerdings unter Beibehaltung seiner anderweitigen Freundschaften, aber unter einer Voraussetzung: daß wir zweifelsfreie Friedenspolitik trieben. Diese Bahn haben wir aber verlassen, als wir den Grafen Berchtold veranlaßten, gegen Serbien loszuschlagen. Diese Politik mußte zum Weltkrieg führen, selbst wenn wir ihn nicht wollten, und zum Zusammenbruch meiner Verständigungstätigkeit, da aus den dargelegten Gründen nicht anzunehmen war, daß der Konflikt sich „lokalisieren" ließ. Man sagt: „Wenn Sir E. Grey gewollt hätte, so wäre Rußland stillgeblieben." Selbst wenn Grey in Petersburg erklärt hätte, England mache nicht mit, so hätte Rußland trotzdem sich gerührt, denn von seinem Standpunkt konnte es gar nicht anders handeln. Läßt denn überhaupt eine Großmacht sich Vorschriften machen in Fragen, die sie als Lebensinteresse betrachtet? Wir hatten bis Ende Juli abgelehnt, auf unsere Verbündeten den leisesten Druck auszuüben in einer Frage, in der wir uns durch Verpflichtungen gebunden glaubten und bei denen die Existenz der Nation auf dem Spiele stand, und von Grey erwarteten wir, daß er einem befreundeten Staate gegenüber da, wo für ihn keine Verpflichtungen bestanden, im Tone des Befehles spräche! Wir verlangten von ihm, daß er den österreichischen Standpunkt sich ebenso zu eigen macht, wie wir es taten, daß er als Anwalt der k. und k. Orientinteressen auftrat, daß er eine Politik gutheißt, die San Guiliano abgelehnt und als abenteuerlich und aggressiv bezeichnet hat, daß er dreibundfreundlicher wäre als der Genannte, daß er für Österreich und gegen Rußland Stellung nähme! Daß er das tun würde, habe ich niemals behauptet, 84 wohl aber ließ er nichts unversucht, um den Frieden zu erhalten. Nach Erscheinen des Ultimatums brachte er Vermittlungsvorschläge in Antrag. Sie wurden von uns abgelehnt. Er bat uns, mit einem eigenen hervorzutreten, wir taten es nicht. Auf meine dringenden Bitten, ein Kompromiß zustande zu bringen, d a s o n s t der Weltkrieg bevorstehe, erhielt ich nur zur Antwort, wir mußten es ablehnen, uns in den serbischen Streit zu mischen, dieser sei lediglich Sache „unseres Bundesgenossen“. Dagegen seien wir bereit, zwischen Wien und Petersburg zu vermitteln. Also Vermittlung unter Ausschluß des Streitobjektes, d. h. statt einer Vermittlung, die doch nur zweiseitig sein kann, einseitiger Druck, und zwar auf Petersburg und nicht auf Wien. Wir glaubten durch strammes Festhalten einen diplomatischen Erfolg erringen und Österreich-Ungarn verjüngen zu können. Das war ein verhängnisvoller Irrtum. Sir E. Greys Formel lautete: Solange es ein österreichisch-serbischer Streit bleibt, will ich mich nicht einmischen, wenn aber daraus ein östereichisch- russischer wird, so ist es an der Zeit, daß die nicht direkt beteiligten Mächte vermitteln. Sir E. Grey sagte mir wiederholt; „If war breaks out, it will be the greatest catastrophe the world has ever seen." Er hatte recht. So spricht kein Staatsmann, der den Krieg will. Er betrachtete vielmehr den Krieg als den Zusammenbruch seiner Politik. Noch am 29. Juli, als er mich, bezw, durch mich die Regierung in der bekannten Form gewarnt hatte, erklärte er Herrn Cambon, Frankreich solle daraus nicht den Schluß ziehen, daß er es unter allen Um- ständen stützen werde, und am 31. fand der Briefwechsel statt zwischen König Georg und Poincare, der jede bindende Zusage ablehnte. Daß nach Erscheinen des Ultimatums die bereits vorher zusammengezogene Flotte nicht entlassen, sondern auf alle Fälle bereitgehalten wurde, versteht sich, wußte doch ganz Europa, was das Ultimatum bedeutet, Grey sagte dem Grafen Mensdorff, er würde sie nicht zusammengezogen haben, nun aber wolle er sie auf alle Fälle nicht entlassen. Unsere Politik erinnert an König Knut, der, am Strande sitzend, der Flut befahl, vor seinen Füßen Halt zu machen. Es war nicht seine Schuld, daß sie naß wurden, sondern die der Flut. Sie hätte eben Halt machen sollen! Allerdings konnte Herr Sasonow damit rechnen, daß, wie unser Kronzeuge, der belgische Attache, berichtete, England ihn unterstützen würde, denn er wußte trotz aller ausweichenden Antworten Greys genau, daß, wenn, wie ich bereits ausführte, die Franzosen in Frage kamen, England nicht gleichgültig bleiben konnte, „Früher oder später werdet ihr hineingezerrt, wenn der Krieg ausbricht“ sagte Herr Sasonow zum englischen Botschafter am 24, Juli. Sir E, Grey hat gesagt: „Die einen meinen, ich hätte den Krieg verhindern können, wenn ich gleich von Anfang erklärt hätte, ich mache nicht mit, die anderen, wenn ich gleich gesagt hätte, ,ich mache mit'. In ersterem Falle hätte Rußland und im zweiten Deutschland eingelenkt. Beides ist falsch.“ Der Weltkrieg war nur zu verhindern, wenn Graf Berchtold veranlaßt wurde, auf den Krieg mit Serbien zu verzichten oder wenn wir erklärten, die Streitfrage liege außerhalb des Bündnisses. Zuerst sollte Serbien von den k, und k. Truppen besetzt, d. h. das serbische Land nach dortigem Gebrauch verwüstet, Teile Serbiens an die Nachbarn verschenkt und lediglich als großmütiges Zugeständnis keine Erwerbungen seitens Österreich-Ungarns gemacht werden! Dies wurde in Berlin als „kolossales Entgegenkommen" aufgefaßt. Und bei dieser Operation sollte Rußland, das bei jeder Gelegenheit seine Bluts- und Glaubensgemeinschaft betont hatte, Zuschauer bleiben? Konnte man ernstlich annehmen, daß die öffentliche Meinung Rußlands, die Alexander II. zur Befreiung der Glaubensbrüder in den Türkenkrieg hineindrängte, so etwas dulden würde, selbst wenn Grey im Tone des Dreiverbandoberbefehlshabers es verlangt hätte? Man vergegenwärtige sich den Vorgang: Am 23. Juli erscheint das österreichisch - serbische Ultimatum, das klar erkennen ließ, daß es auf Ablehnung, d. h. auf Krieg, berechnet war. Rußland erklärte sofort und unzweideutig, es könne die Vernichtung Serbiens nicht zulassen. Das Versprechen keiner Gebietserwerbung genüge nicht. Die serbische Antwort hatte beinahe alles angenommen, über die beiden strittigen Punkte will Serbien unterhandeln. Österreich erklärt den Krieg. Wir unterstützen den österreichischen Standpunkt, lehnen jede Einmischung ab und die Vermittlungsanträge Sir E. Greys. Auch der Vorschlag des Zaren, die Angelegenheit dem Haager Schiedsgericht zu übergeben, bleibt unberücksichtigt. Nun frage ich, selbst wenn es geglückt wäre, Rußland passiv zu erhalten, welchen Vorteil konnten wir uns davon versprechen? Eine Verbesserung unserer Beziehungen zu Rußland, deren Verschlechterung auf der gehorsamen Unterstützung beruhte, die wir jederzeit bereit waren, „unserm Bundesgenossen“ bei seiner antiserbischen Politik zu gewähren? Mußte eine solche Verschärfung nicht dazu führen, die Triple- Entente, über deren Innigkeit wir klagten, nur fester zu gestalten, da sie auf dem gemeinsamen Gegensatz, der Sorge vor unserer Machtstellung, fußte? Die Triple-Entente, hervorgegangen aus dem deutsch-französischen, deutsch-britischen und russischösterreichischen Gegensatz, konnte nur durch Besserung unserer Beziehungen zu England einer- und zu Rußland andererseits gelockert werden, und indem wir die Franzosen, die im Begriff waren, die Revanche mehr als schönen Traum zu betrachten und sich im übrigen ihres Wohlstandes und ihrer Ruhe zu erfreuen, nicht fortwährend durch Rasseln des Säbels beunruhigten. Gewaltsam sprengen ließ sich die Entente nicht, wohl aber, wie Grey es wollte, eine Annäherung zwischen beiden Gruppen erreichen — „to bring the two groups nearer." Die Annäherung an England war erreicht, die an Rußland war zu erreichen durch unzweideutigen Verzicht auf jede Unterstützung der Wiener Orientpolitik. Eine mit Rußland etwa in folgender Form getroffene Vereinbarung hätte den europäischen Frieden vollkommen gesichert: „La Russie s'engage ä ne pas attaquer ni Allemagne ni l'Autriche et ä ne pas appuyer une atta- que de la France ou de lAngleterre dirigee contre lAllemangne. LAllemagne s'engage ä ne pas attaquer ni la Russie ni la France et a ne pas appuyer une atta- que de l'Autriche dirigee contre la Serbie ou le Montenegro.“ London und Petersburg sind die beiden Angelpunkte unserer Auslandspolitik, nicht Wien und Paris; erstere müssen vor allen berücksichtigt werden, letztere sind dii minorum, die ganz von selbst nachfolgen. London wurde gepflegt, die Beziehungen hatten sich erheblich verbessert. Petersburg wurde mit Rücksicht auf Wien und auch in Personalfragen ohne Verständnis behandelt; es geschah nichts zur Pflege der wichtigen deutsch-russischen Bande. Was das Ergebnis des Krieges sein wird: Österreichs Zerfall und Österreichs Ausschaltung vom Balkan, der Preis, für den wir den Weltfrieden sichern und unsere Beziehungen zu Rußland auf eine dauernde Grundlage setzen konnten. Wird etwa der Krieg die Entente sprengen? Selbst wenn wir siegten, wird sie gefestigt daraus hervorgehen und sich, wie vorauszusehen war, zu einer Quadruple-Entente ausgestalten. Zweimal konnte ich auf Grund vertraulicher Anspielungen Sir E. Greys und meines italienischen Kollegen im Laufe des Juli davor warnen, auf die Unterstützung Italiens zu rechnen. Ich wurde dahin belehrt, daß Italien die „bundesfreundlichsten" Zusicherungen gegeben habe! Wie sehr übrigens das britische Interesse das Eingreifen Englands erheischte, zeigt die Haltung der Opposition. Der Brief Bonar Laws vom 2. August, in welchem er sagte, daß sowohl er wie Lord Lands- downe und sämtliche unionistischen Führer der Ansicht seien, daß es für die Zukunft des Reiches verhängnisvoll wäre, jetzt Frankreich und Rußland nicht zu unterstützen, hat die Haltung des Kabinetts jedenfalls beeinflußt, das erst an diesem Tage sich endgültig entschloß. In diesem Briefe war von Belgien überhaupt nicht die Rede, sondern lediglich von den beiden Ententefreunden. Auf jeden Fall war das liberale Kabinett viel deutschfreundlicher, als ein konservatives es gewesen wäre. Bei den Unionisten waren französische Sympathien viel lebendiger, und sie beklagten sich ge- ■vnnrtn rjvar: i C r,^.--„< legentlich darüber, daß die Politik Greys eine Entfremdung mit Frankreich nach sich ziehen könne. Belgien ist nicht der Grund des britischen Vorgehens, sondern der Anstoß, unser Kampf gegen Belgien hat die Lage verschärft, nicht herbeigeführt. Auch ohne die belgische Frage hätte England eingegriffen, wenn auch vielleicht nicht sofort. Die Geschichte lehrt, daß England stets zu den Waffen griff (und zwar gegen Frankreich), wenn die Niederlande besetzt wurden, sowohl im Spanischen Erbfolgekrieg als 1793 gegen die Revolutionsheere, und die bisher veröffentlichten Akten beweisen lediglich defensive Verabredungen, um Belgien zu schützen, da es dort seit 1906 bekannt war, daß wir bei einem Kriege mit Frankreich die belgische Neutralität verletzen wollten. Für jeden, der die Geschichte Englands nur einigermaßen beherrscht, mußte es klar sein, daß mit dem Eintritt unserer Heere in belgisches Gebiet der Krieg mit Großbritannien unvermeidlich wurde. Übrigens ist es bezeichnend, daß bei früheren europäischen Kriegen die britische Opposition sich nie geschlossen hinter die Regierung stellte, weder zu Marlboroughs Zeit noch zu der Pitts hatte sie die Unterstützung der gesamten Gegenpartei, Wie soll die Zukunft sich gestalten, wie ein ehrenvoller Frieden erstritten werden, der es uns ermöglicht, mit unseren Gegnern wieder Fühlung und Verbindung zu nehmen? Ein Volk kann ebensowenig allein leben wie ein Mensch. Der Verkehr mit anderen ist für beide eine Bedingung des Lebens, und selbst die Großen des Mittelalters konnten den Bann, die Ausstoßung aus der Gemeinschaft, nicht ertragen. Je länger der Krieg dauert, um so leidenschaftlicher wird 90 die Erbitterung, um so schwieriger ein Friedensschluß, der den gebrachten Opfern entspräche, um so näher rückt die Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Die Widerstandskraft Österreichs wird auch eher erlahmen als die unsrige. Eine der schwierigsten Fragen wird Belgien bilden. Die Wiederherstellung und Entschädigung dieses Königreiches wird eine der Hauptbedingungen Englands bilden. Wir können Belgien nicht gebrauchen, weder geo- noch ethnographisch! Wir haben weder Elsaß-Lothringen ganz verdaut noch Posen und Westpreußen. Der Vertragsbruch, die Vergewaltigung eines kleinen Landes wird auch in der gesamten Kulturwelt dem deutschen Namen zum Vorwurf gereichen. Alle Versuche, uns durch Veröffentlichungen zu recht- fertigen, werden an der Tatsache scheitern, daß der offensive Charakter der getroffenen belgischen Verabredungen nicht zu erweisen ist. Ich bedauere die geflissentlich betriebene Anglo- phobie, weil sie den Friedensschluß erschwert und zu Erwartungen führt, die gefährliche Enttäuschungen nach sich ziehen werden. Auch müssen wir uns später wieder mit England vertragen und können es doch nicht niederzwingen. Glaubt irgend jemand ernstlich an den Abfall Indiens oder Südafrikas, wo die Buren bereits unterlegen sind, oder an die Besitznahme Ägyptens durch die Türken? Hier ist übrigens nur das arabische Element, die Intellektuellen in Kairo, antienglisch, nicht aber die breite Masse der ländlichen Bevölkerung; diese weiß die Wohltaten der britischen Verwaltung zu schätzen, welche in wenigen Dezennien geradezu Wunder zur Hebung des Landes vollbracht hat. Millionen von Streitern werden geopfert, das deutsche Volk in einen Kampf um sein Dasein ge- stürzt, die gesamte europäische Zivilisation um Jahrzehnte zurückgebracht —, und alles bloß, damit bestenfalls in Bosnien für einige Zeit Kirchhofsfriede herrscht, wie nach 1848 in Ungarn! Aus einer geradezu glänzenden internationalen Stellung, die nur eine Trübung zeigte, nämlich im Osten, welche durch die angeführten Mittel leicht hätte beseitigt werden können, sind wir in eine kaum entwirrbare Lage gekommen, deren Ausgang nicht abzusehen ist. Meine Berichterstattung schützt mich vor dem Vorwurf, nicht alles wie es gekommen, vorausgesehen und gesagt zu haben. Ich habe von Anfang an, d. h. schon vor dem serbischen Ultimatum, gewarnt und nach dessen Erscheinen unausgesetzt eine Verständigung befürwortet. Bernhard Shaw hat die Meinung ausgesprochen, daß, wenn Rußland und Frankreich uns ohne Not angegriffen und bedrängt hätten, wir auf englische Unterstützung rechnen konnten. Ich teile vollkommen diese Ansicht. England kämpft gegen uns, wie es früher gegen Ludwig XIV. und Napoleon I. gekämpft, nicht um uns zu vernichten, sondern um jede Übermacht auf dem Festland zu verhindern, denn darauf beruht die Weltmachtstellung der britischen Inseln, deren gesamte Bevölkerung nur etwa 46 Millionen beträgt. MEINE LONDONER MISSION EINE DENKSCHRIFT,*) VERFASST IM AUGUST 1916 Meine Berufung I m September 1912 starb Baron Marschall, der nur wenige Monate auf dem Londoner Posten gewesen war- Seine Ernennung, die wohl hauptsächlich wegen seines Alters und der nach London gerichteten Wünsche eines jüngeren Beamten erfolgte, gehörte zu den vielen Mißgriffen unserer auswärtigen Politik. Trotz eindrucksvoller Persönlichkeit und großen Ansehens war er zu alt und müde, um sich noch in die ihm völlig fremde angelsächsische Welt einzuleben. Zu meiner großen Überraschung wurde mir im Oktober der Posten angeboten. Ich hatte mich nach mehrjähriger Tätigkeit als Personalreferent auf das Land zurückgezogen, da auch ein geeigneter Posten nicht zu meiner Verfügung war, und die Zeit zwischen Flachs und Rüben und auf Pferden und Wiesen verbracht, dabei aber manches gelesen und auch gelegentlich politische Aufsätze veröffentlicht. So waren acht Jahre vergangen und dreizehn, seit- *) Durch eine höchst bedauerliche Indiskretion ist diese Denkschrift schon während des Krieges im Ausland erschienen und hat in Deutschland heftigen Widerspruch erregt, obwohl ich nirgends behaupte, daß wir den Krieg gewollt haben, sondern nur, daß wir hineingetapert sind! 93 dem ich Wien als Gesandter verließ. Meine letzte politische Wirksamkeit war eigentlich dort gewesen, da man damals im Amte zu keiner Betätigung gelangen konnte, ohne nach den Weisungen eines Mannes, der an Wahnvorstellungen litt, schrullenhafte Erlasse mit krausen Instruktionen zu verfassen. Auf wen eigentlich meine Berufung nach London zurückzuführen war, weiß ich nicht. Auf S. M. allein keinesfalls, denn ich gehörte nicht zu seinen Intimen, wenn er mir auch stets mit großem Wohlwollen begegnete. Aus Erfahrung weiß ich auch, daß seine Kandidaten meist mit Erfolg bekämpft wurden. Herr v. Kiderlen wollte eigentlich Herrn v. Stumm nach London schicken! Er begegnete mir sofort mit unverkennbarem Übelwollen und suchte mich durch Unhöflichkeit einzuschüchtern. Herr v. Bethmann Hollweg brachte mir damals freundschaftliche Gesinnungen entgegen und hatte mich kurz vorher in Grätz besucht. So glaube ich, daß man sich auf mich einigte, weil kein anderer Kandidat augenblicklich zur Verfügung stand. Wäre nicht Baron Marschall unerwartet gestorben, so wäre ich damals ebensowenig hervorgeholt worden, wie in den vielen vergangenen Jahren. Marokkopolitik Der Augenblick war zweifellos günstig für einen neuen Versuch, um mit England auf bessern Fuß zu gelangen. Unsere rätselhafte Marokkopolitik hatte wiederholt das Vertrauen in unsere friedlichen Gesinnungen erschüttert, zum mindesten aber den Verdacht erregt, daß wir nicht recht wußten, was wir wollten, oder daß wir beabsichtigten, Europa in Atem zu erhalten und die Franzosen gelegentlich zu demütigen. Ein österreichischer Kollege, der lange in 94 Paris war, sagte mir: „Wenn die Franzosen anfingen, die Revanche zu vergessen, dann habt ihr sie regelmäßig durch kräftige Tritte dran erinnert.“ Nachdem wir die Versuche des Herrn Delcasse, sich mit uns über Marokko zu verständigen, zurückgewiesen und vorher feierlich erklärt hatten, keine politischen Interessen dort zu besitzen, eine Haltung, die wohl den Überlieferungen der Bismarckschen Politik entsprach, entdeckten wir plötzlich in Abdul Asis einen zweiten Krüger. Auch ihm verhießen wir, wie den Buren, den Schutz des mächtigen Deutschen Reiches mit demselben Aufwand und dem gleichen Erfolge, Denn beide Kundgebungen endeten, wie sie enden mußten, mit dem Rückzug, falls wir nicht entschlossen waren, schon damals den Weltkrieg zu führen. Daran vermochte auch der traurige Kongreß von Algeciras nichts zu ändern, noch weniger der Sturz des Herrn Delcasse! Unsere Haltung beförderte die russisch-japanische und später die russisch-britische Annäherung. Gegenüber der deutschen Gefahr, „the German peril", traten alle anderen Gegensätze in den Hintergrund. Die Möglichkeit eines neuen deutsch-französischen Krieges war augenfällig geworden, und ein solcher konnte, anders wie anno 70, weder Rußland noch England unberührt lassen. Die Wertlosigkeit des Dreibundes hatte sich bereits in Algeciras gezeigt, die der dortigen Vereinbarungen aber bald danach durch den Zusammenbruch des Sultanats, der natürlich nicht zu verhindern war. Im deutschen Volke jedoch verbreitete sich der Glaube, daß unsere Auslandspolitik schwächlich sei und vor der „Einkreisung“ zurückweiche, und daß hochtönenden Gebärden kleinmütige Nachgiebigkeit folge. Es bleibt das Verdienst des Herrn v. Kiderlen, der als Staatsmann sonst überschätzt wird, daß er die marokkanische Erbschaft liquidierte und sich mit Tatsachen abfand, an denen nichts mehr zu ändern war. Ob freilich die Welt durch den Coup von Agadir erschreckt werden mußte, lasse ich dahingestellt. In Deutschland wurde das Ereignis lebhaft begrüßt, in England aber hatte es um so mehr beunruhigt, als die Regierung durch drei Wochen vergeblich auf Aufklärung über unsere Absichten wartete. Die Rede Mr. Lloyd Georges, die uns warnen sollte, war die Folge. Vor dem Sturze M. Delcasses und vorAlgeciras wären Hafen und Gebiet an der Westküste zu haben gewesen, nachher aber nicht mehr. Sir Ed. Greys Programm Als ich nach London kam im November 1912, hatte man sich über Marokko beruhigt, da inzwischen in Berlin eine Vereinbarung mit Frankreich erfolgt war. Die Mission Haldane war zwar gescheitert, da wir die Zusage der Neutralität verlangten, statt uns mit einem Vertrage zu begnügen, der uns vor britischen Angriffen und vor Angriffen mit britischer Unterstützung sichern sollte. Sir Ed. Grey aber hatte den Gedanken, mit uns zu einer Verständigung zu gelangen, nicht aufgegeben und versuchte es zunächst auf kolonialen und wirtschaftlichen Gebieten. Durch Vermittlung des befähigten und geschäftskundigen Botschaftsrats v. Kühlmann waren Besprechungen über eine Erneuerung des portugiesischen Kolonialvertrages und über Mesopotamien (Bagdadbahn) im Gange, die das unausgesprochene Ziel verfolgten, sowohl die genannten Kolonien wie Klein-Asien in Interessensphären zu teilen. Der britische Staatsmann wollte, nachdem sowohl mit Frankreich wie mit Rußland die alten Streitfragen geregelt waren, auch mit uns zu ähnlichen Abmachungen gelangen. Nicht uns zu vereinsamen, sondern uns möglichst zu Teilnehmern an der bestehenden Genossenschaft zu machen, war seine Absicht. Wie es gelang, britisch-französische und britisch-russische Gegensätze zu überbrücken, so wollte er auch die britisch-deutschen möglichst beseitigen und durch ein Netz von Verträgen, zu denen schließlich wohl auch eine Vereinbarung über die leidige Flottenfrage gehört hätte, den Weltfrieden sichern, nachdem unsere frühere Politik zu einer Genossenschaft, der Entente geführt hatte, die eine gegenseitige Versicherung gegen Kriegsgefahr darstellte. Das war das Programm Sir Ed. Greys. In seinen eigenen Worten: Unbeschadet der bestehenden Freundschaften (zu Frankreich und Rußland), die keinerlei aggressive Zwecke verfolgen und keinerlei bindende Verpflichtungen für England in sich schließen, mit Deutschland zu einer freundschaftlichen Annäherung und Verständigung gelangen. „To bring the two groups nearer.“ Es gab damals in England wie bei uns in dieser Hinsicht zwei Richtungen, die der Optimisten, die an die Verständigung glaubten, und die der Pessimisten, die den Krieg früher oder später für imvermeidlich hielten. Zu ersteren gehörten die Herren Asquith, Grey, Lord Haldane und die meisten Minister des radikalen Kabinetts sowie die führenden liberalen Organe, wie „Westminster Gazette", „ManchesterGuardian", „Daily Chronicle“. Zu den Pessimisten namentlich konservative Politiker, wie Mr. Balfour, der mir dies wiederholt zu verstehen gab, dann führende Militärs, wie 7 Lichnowsky I 97 Lord Roberts, die auf die Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht hinwiesen. („The Writing on the Wall.“) Ferner die Northcliffepresse und der bedeutendste englische Journalist Mr, Garwin („Observer“). Während meiner Amtszeit haben sie sich jedoch aller Angriffe enthalten und persönlich wie politisch eine freundliche Haltung eingenommen. Unsere Flottenpolitik und unsere Haltung in den Jahren 1905, 1908 und 1911 hatten bei ihnen aber den Glauben erweckt, daß es doch einmal zum Kriege kommen werde. Erstere werden heute in England gerade so, wie es auch bei uns geschieht, der Kurzsichtigkeit und Einfalt geziehen, letztere gelten als die wahren Propheten. Albanische Frage Der erste Balkankrieg hatte damals zum Zusammenbruch der Türkei und damit zu einer Niederlage unserer Politik geführt, die sich mit den Türken seit Jahren identifizierte. Nachdem die Türkei in Europa nicht mehr zu retten war, gab es zwei Möglichkeiten gegenüber der Regelung ihrer Hinterlassenschaft: Entweder wir erklärten unser völliges Desinteressement an der Gestaltung der Grenzen auf dem Balkan un«d überließen die Regelung den Balkanvölkern, oder aber wir unterstützten unsere „Bundesgenossen“, trieben Dreibundpolitik im Orient und traten dadurch aus der Rolle des Vermittlers hinaus. Ich befürwortete von Anfang an die erstere Lösung, das Auswärtige Amt aber vertrat um so entschiedener die letztere. Der springende Punkt war die albanische Frage. Unsere Bundesgenossen wünschten die Gründung eines selbständigen Staates Albanien, da Österreich die Serben nicht an die Adria und Italien die Griechen 98 nicht nachValona, ja, nicht einmal nördlich von Korfu gelangen lassen wollten. Im Gegensatz hierzu förderte bekanntlich Rußland die serbischen und Frankreich die griechischen Wünsche, Mein Rat ging nun dahin, diese Frage als außerhalb des Bündnisses stehend zu betrachten und weder die österreichischen, noch die italienischen Wünsche zu unterstützen. Ohne unsere Förderung aber wäre die Errichtung Albaniens, dessen Lebensunfähigkeit vorauszusehen war, unmöglich gewesen, Serbien wäre an das Meer gelangt und der jetzige Weltkrieg vermieden. Frankreich und Italien hätten sich über Griechenland ernstlich entzweit und die Italiener, falls sie nicht gegen Frankreich allein kämpfen wollten, sich mit der Ausdehnung Griechenlands bis nördlich von Durazzo abfinden müssen. Die Zivilisation in dem größten Teil Albaniens ist griechisch. Die Städte sind es im Süden vollkommen, und während der Botschafterkonferenz kamen Abordnungen aus größeren Orten nach London, um die Angliederung an Griechenland durchzusetzen. Auch im heutigen Griechenland leben albanische Volksteile, und sogar die sogenannte griechische Nationaltracht ist albanischen Ursprungs. Die Einverleibung der überwiegend orthodoxen und islamitischen Albanier in den griechischen Staat war daher die beste Lösung, die natürlichste, wenn man etwa Skutari und den Norden den Serben und Montenegrinern überließ. Für diese Lösung war auch S. M. aus dynastischen Gründen. Als ich den Monarchen brieflich in dieser Richtung bestärkte, erhielt ich vom Reichskanzler erregte Vorwürfe, ich gälte als „Gegner Österreichs“, und er müsse sich solche Eingriffe sowie die direkte Korrespondenz verbitten. Orient und die D r e i b u n d - P o 1 i t i k Wir mußten uns von der verhängnisvollen Überlieferung endlich lossagen, Dreibundpolitik auch im Orient zu treiben und den Irrtum erkennen, der darin lag, uns im Süden mit den Türken und im Norden mit den Austro-Magyaren zu identifizieren. Denn die Fortsetzung dieser Politik, die wir beim Berliner Kongreß begonnen und seither mit Eifer gepflegt hatten, mußte mit der Zeit und namentlich, wenn die nötige Gewandtheit an leitender Stelle fehlte, zum Zusammenstoß mit Rußland und zum Weltkrieg führen. Statt uns mit Rußland auf Grundlage der Unabhängigkeit des Sultans, den man auch in Petrograd nicht aus Kon- stantinopel entfernen wollte, zu einigen und uns, unter Verzicht auf militärische oder politische Eingriffe, auf wirtschaftliche Interessen im Orient zu beschränken und mit der Zerlegung Klein-Asiens in Interessensphären zu begnügen, ging unser politischer Ehrgeiz dahin, am Bosporus zu dominieren. In Rußland entstand die Meinung, der Weg nach Konstantinopel bzw. ins Mittelländische Meer führe über Berlin. Statt die kräftige Entwicklung der Balkanstaaten zu fördern, die, einmal befreit, alles eher sind als russisch, und mit denen wir die besten Erfahrungen machten, stellten wir uns auf Seite der türkischen und magyarischen Unterdrücker. Der verhängnisvolle Irrtum unserer Dreibund- und Orientpolitik, die Rußland, unsern naturgemäßen Freund und besten Nachbar, in die Arme Frankreichs und Englands gedrängt und von der asiatischen Ausbreitungspolitik abgelenkt hatte, war um so augenfälliger, als ein russisch-französischer Überfall, die einzige Hypothese, die eine Dreibundpolitik rechtfertigte, aus unserer Berechnung ausscheiden konnte. Über den Wert des italienischen Bündnisses erübrigt 100 sich ein weiteres Wort. Italien braucht unser Geld und unsere Touristen auch nach dem Kriege mit oder ohne Bündnis. Daß letzteres im Kriegsfälle versagen würde, war vorauszusehen. Das Bündnis war daher wertlos. Österreich braucht unsern Schutz in Krieg und Frieden und hat keine andere Anlehnung. Die Abhängigkeit von uns beruht auf politischen, nationalen und wirtschaftlichen Erwägungen und ist um so größer, je intimer unsere Beziehungen zu Rußland sind. Das hat die bosnische Krise gelehrt. Seit dem Grafen Beust ist noch kein Wiener Minister so selbstbewußt gegen uns aufgetreten, wie Graf Aehren- thal in den letzten Jahren seines Lebens. Bei richtig geleiteter deutscher Politik, die die Fühlung mit Rußland pflegt, ist Österreich-Ungarn unser Vasall und auf uns angewiesen auch ohne Bündnis und Gegenleistungen, bei falsch geleiteter sind wir auf Österreich angewiesen. Das Bündnis war daher zwecklos. Ich kannte Österreich zu genau, um nicht zu wissen, daß eine Rückkehr zur Politik des Fürsten Felix Schwarzenberg oder des Grafen Moritz Esterhazy dort undenkbar war. So wenig die dortigen Slawen uns lieben, so wenig wollen sie in ein deutsches Kaiserreich zurückkehren, selbst mit Habsburg-Lothringer Spitze. Sie streben den Förderalis- mus innerhalb Österreichs an auf nationaler Grundlage, ein Zustand, der im Rahmen des Deutschen Reiches noch viel weniger Aussicht auf Verwirklichung hätte, wie unter dem Doppeladler. Die Deutschen Österreichs aber erkennen in Berlin den Mittelpunkt deutscher Macht und Kultur und wissen, daß Österreich niemals wieder Präsidialmacht werden kann. Sie wünschen einen möglichst intimen Anschluß an das Reich, nicht aber eine antideutsche Politik. 101 Seit den siebziger Jahren hatte sich die Lage von Grund aus verändert in Österreich, wie etwa in Bayern. Wie hier eine Rückkehr zum großdeutschen Partikularismus und zur altbayerischen Politik nicht zu befürchten ist, so war dort ein Wiederaufleben der Politik der Fürsten Kaunitz oder Schwarzenberg nicht zu gewärtigen. Unsere Interessen aber würden durch einen staatsrechtlichen Anschluß Österreichs, das auch ohne Galizien und Dalmatien nur etwa zur Hälfte von Germanen bewohnt ist, also etwa ein großes Belgien darstellt, ebenso leiden wie andererseits durch Unterordnung unserer Politik unter Wiener und Pester Gesichtspunkte, „d'epouser les querelies de l'Autriche." Wir brauchten daher keine Rücksichten auf die Wünsche unserer „Bundesgenossen" zu nehmen, sie waren nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich, weil sie zum Zusammenstoß mit Rußland führten, wenn wir orientalische Fragen durch österreichische Brillen betrachteten. Die Ausgestaltung des Bündnisses aus eines unter einer einzigen Voraussetzung geschlossenen „Zweckverbandes" zu einer „Gesamtgemeinde", zu einer Interessengemeinschaft auf allen Gebieten, war geeignet, eben dasjenige herbeizuführen, was das Rechtsgeschäft verhindern sollte, den Krieg. Eine solche Bündnispolitik mußte außerdem den Verlust der Sympathien junger, kräftig aufstrebender Gemeinwesen auf dem Balkan nach sich ziehen, die bereit waren, sich an uns zu wenden und uns ihre Märkte zu öffnen. Der Gegensatz zwischen Hausmacht und Nationalstaat, zwischen dynastischer und demokratischer Staatsidee mußte zum Austrag kommen, und wir standen, wie gewöhnlich, auf der falschen Seite. König Karol hat zu einem unserer Vertreter gesagt, er habe das Bündnis mit uns unter der Voraus- 102 Setzung geschlossen, daß wir die Führung behielten, ginge diese aber an Österreich über, so ändere das die Grundlage des Verhältnisses, und er werde unter solchen Umständen nicht weiter mitmachen können. Ähnlich lagen die Dinge in Serbien, wo wir gegen unsere eigenen wirtschaftlichen Interessen die österreichische Erdrosselungspolitik unterstützten. Wir haben stets auf das Pferd gesetzt, dessen Niederbruch vorauszusehen war, auf Herrn Krüger, auf Abdul Asis, auf Abdul Hamid, Wilhelm Wied und — der verhängnisvollste von allen Irrtümern — schließlich den großen „plunge“ auf den Stall Berch- told gemacht. Botschafter-Konferenz Bald nach meiner Ankunft in London Ende 1912 regte Sir Ed. Grey eine zwanglose Besprechung an, um zu vermeiden, daß aus dem Balkankriege sich ein europäischer entwickelt, nachdem wir leider die Aufforderung der französischen Regierung, einer Desinteressements-Erklärung beizutreten, bei Ausbruch des Krieges abgelehnt hatten. Der britische Staatsmann nahm von Anfang an die Haltung ein, daß England an Albanien kein Interesse habe, wegen dieser Frage also nicht gewillt sei, es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Er wollte als ehrlicher Makler lediglich zwischen den beiden Gruppen vermitteln und Schwierigkeiten beilegen. Er stellte sich daher keineswegs auf Seite der Ententegenossen und hat während der Dauer der etwa achtmonatigen Unterhandlungen durch guten Willen und seinen maßgebenden Einfluß nicht unwesentlich zur Einigung beigetragen. Statt daß wir eine der englischen analoge Haltung einnahmen, vertraten wir ohne Ausnahme den Standpunkt, der uns von Wien aus vorgeschrieben 103 wurde. Graf Mensdorff führte den Dreibund in London, ich war sein „Sekundant". Meine Aufgabe bestand darin, seine Vorschläge zu unterstützen. In Berlin schaltete der kluge und erfahrene Graf Szö- gyenyi. Sein Refrain war: „und dann tritt der casus foederis ein", und als ich die Richtigkeit dieses Schlusses einmal anzuzweifeln wagte, wurde ich wegen „Austrophobie“ verwarnt! Bei allen Anlässen: Albanien, serbischer Adriahafen, Skutari, ferner bei der Bestimmung der Grenzen Albaniens stellten wir uns auf den Standpunkt Österreichs und Italiens, während Sir Ed. Grey selten den französischen oder den russischen unterstützte. Er trat vielmehr meist für unsere Gruppe ein, um keinen Vorwand zu schaffen, wie ihn später ein toter Erzherzog liefern sollte. So gelang es mit seiner Hilfe, den König Nikita aus Skutari wieder herauszulocken. Schon über diese Frage wäre es sonst zum Weltkrieg gekommen, da wir sicherlich nicht gewagt hätten, „unseren Bundesgenossen“ zur Nachgiebigkeit zu veranlassen. Sir Ed. Grey leitete die Verhandlungen mit Umsicht, Ruhe und Takt. Wenn eine Frage sich zu verwickeln drohte, entwarf er eine Einigungsformel, die das Richtige traf und auch stets Annahme fand. Seine Persönlichkeit genoß bei allen Teilnehmern gleiches Vertrauen. Wir hatten tatsächlich wieder einmal eine der vielen Kraftproben, die unsere Politik kennzeichnen, glücklich überstanden. Rußland hatte überall vor uns zurückweichen müssen, da es niemals in der Lage war, den serbischen Wünschen Erfolg zu verschaffen. Albanien war als österreichischer Vasallenstaat errichtet und Serbien vom Meere verdrängt. Der Verlauf der Konferenz war daher eine neue Demütigung für das russische Selbstbewußtsein. Wie 1878 und 1908 hatten wir uns dem russichsen Programm entgegengestellt, ohne daß deutsche Interessen im Spiele waren. Bismarck wußte die Fehler des Kongresses durch den geheimen Vertrag und durch seine Haltung in der Battenberg-Frage zu mildern; die in der bosnischen Frage wieder betretene abschüssige Bahn wurde in London weiter verfolgt und später, als sie zum Abgrund führte, nicht rechtzeitig verlassen! Die Mißstimmung, die damals in Rußland herrschte, kam während der Konferenz durch Angriffe gegen meinen russischen Kollegen und die russische Diplomatie in den russischen Blättern zum Ausdruck. Seine deutsche Herkunft und katholische Konfession, sein Ruf als Deutschenfreund und der zufällige Umstand, daß er sowohl mit dem Grafen Mensdorff wie mit mir verwandt ist, kamen den unzufriedenen Kreisen zustatten. Ohne eine hervorragende Persönlichkeit zu sein, besitzt Graf Benckendorff doch eine Reihe von Eigenschaften, die einen guten Diplomaten kennzeichnen: Takt, gesellschaftliches Geschick, Erfahrung, verbindliches Wesen, natürlichen Blick für Menschen und Dinge. Er war stets bestrebt, eine schroffe Stellungnahme zu vermeiden, und wurde durch die Haltung Englands und Frankreichs auch darin bestärkt. Ich sagte ihm später einmal: Die Stimmung in Rußland ist wohl sehr antideutsch? Er entgegnete: Es gibt aber auch sehr starke und einflußreiche prodeutsche Kreise, man ist aber allgemein antiösterreichisch, sehr antiösterreichisch! Es erübrigt sich, hinzuzufügen, daß unsere Austro- philie ä outrance nicht gerade geeignet war, die Entente zu lockern und Rußland seinen asiatischen Interessen zuzuführen. 105 Gleichzeitig tagte in London die Balkan-Konferenz, und ich hatte Gelegenheit, mit den Leitern der Balkanstaaten in Fühlung zu treten. Die bedeutendste Persönlichkeit war wohl Herr Veniselos. Er war damals nichts weniger als deutschfeindlich, besuchte mich wiederholt und trug mit Vorliebe und sogar auf der französischen Botschaft das Band des Roten Adlerordens. Von gewinnender Liebenswürdigkeit mit weltmännischem Auftreten wußte er sich Sympathien zu verschaffen. Neben ihm spielte Herr Danew, der damalige bulgarische Ministerpräsident und Vertrauensmann des Grafen Berchtold, eine große Rolle. Er machte den Eindruck eines verschlagenen und energischen Mannes, und es ist wohl nur dem Einfluß seiner Wiener und Pester Freunde zuzuschreiben, über deren Huldigungen er sich gelegentlich belustigte, daß er sich zu der Torheit des zweiten Balkankrieges verleiten ließ und die russische Vermittlung ablehnte. Auch Herr Take Jonescu war öfters in London und besuchte mich dann regelmäßig. Ich kannte ihn von der Zeit her, da ich Sekretär in Bukarest war. Er gehörte auch zu den Freunden des Herrn v. Kider- len. In London war er bestrebt, durch Verhandlungen mit Herrn Danew Zugeständnisse für Rumänien zu erreichen und wurde dabei von dem sehr befähigten rumänischen Gesandten Misu unterstützt. Daß diese Verhandlungen an dem Widerstande Bulgariens scheiterten, ist bekannt. Graf Berchtold (und natürlich wir mit ihm) war ganz auf Seiten Bulgariens, sonst wäre es wohl gelungen, den Rumänen die gewünschte Genugtuung durch einen Druck auf Herrn Danew zu verschaffen und uns Rumänien zu verpflichten, das durch die Haltung Österreichs während des zweiten Balkankrieges und danach den Mittelmächten endgültig entfremdet wurde. Zweiter Balkankrieg Die Niederlage Bulgariens im zweiten Balkankrieg und der Sieg Serbiens sowie der rumänische Einmarsch bedeuteten naturgemäß für Österreich eine Blamage. Der Gedanke, diese durch einen Waffengang gegen Serbien auszugleichen, scheint bald in Wien Eingang gefunden zu haben. Die italienischen Enthüllungen beweisen es, und es ist anzunehmen, daß Marquis San Guiliano, der den Plan als eine „peri- colosissima aventura" sehr treffend kennzeichnete, uns davor bewahrt hat, schon im Sommer 1913 in einen Weltkrieg verwickelt zu werden. Bei der Vertrautheit der russisch-italienischen Beziehungen wird die Wiener Anregung wohl auch in Petersburg bekannt geworden sein. Jedenfalls hat Herr Sasonow in Constanza, wie Herr Take Jonescu mir erzählte, offen gesagt, daß ein Angriff Österreichs auf Serbien für Rußland den Kriegsfall bedeutet. Als einer meiner Herren im Frühjahr 1914 von Urlaub aus Wien zurückkehrte, erzählte er, Herr v. Tschirschky erklärte, es gäbe bald Krieg. Da ich aber über wichtige Vorgänge stets in Unkenntnis gehalten wurde, hielt ich diesen Pessimismus für unbegründet. Seit dem Bukarester Frieden scheint tatsächlich in Wien die Absicht bestanden zu haben, eine Revision dieses Vertrages auf eigene Faust durchzuführen und man wartete anscheinend nur auf einen günstigen Anlaß. Auf unsere Unterstützung konnten die Wiener und Budapester Staatsmänner selbstverständlich rechnen. Das wußten sie, denn es war ihnen schon wiederholt „Schlappheit“ vorgeworfen worden. 107 Liman von Sanders Als ich im Dezember 1913 nach längerem Urlaub nach London zurückkehrte, hatte die Frage Liman von Sanders zu einer neuen Verschärfung unserer Beziehungen zu Rußland geführt. Sir Ed. Grey machte mich nicht ohne Besorgnis auf die Erregung aufmerksam, die darüber in Petersburg herrschte! „I have never seen them so excited“. Ich wurde von Berlin aus beauftragt, den Minister zu bitten, in mäßigendem Sinne in Petersburg zu wirken und uns bei Beilegung des Streites behilflich zu sein. Sir Edward war hierzu gern bereit und seine Vermittlung hat nicht wenig dazu beigetragen, die Angelegenheit zu ebnen. Meine guten Beziehungen zu Sir Edward und sein großer Einfluß in Petersburg wurden auf ähnliche Weise wiederholt benutzt, wenn es galt, dort etwas durchzusetzen. In den kritischen Tagen des Juli 1914 sagte mir Sir Edward: „Wenn Sie etwas in Petersburg erreichen wollen, wenden Sie sich regelmäßig an mich, wenn ich aber einmal Ihren Einfluß in Wien anrufe, so versagen Sie mir Ihre Unterstützung,“ Kolonialv ertrag Die guten und vertrauensvollen Beziehungen, die es mir gelang nicht nur in der Gesellschaft und mit den einflußreichsten Persönlichkeiten, wie Sir Ed. Grey und Mr. Asquith, sondern auch bei public dinners mit der Öffentlichkeit anzuknüpfen, hatten eine merkliche Besserung unseres Verhältnisses zu England herbeigeführt. Sir Edward war aufrichtig bemüht, diese Annäherung weiter zu befestigen, und seine Absichten traten besonders in zwei Fragen hervor : dem Kolonial- und dem Bagdadbahnvertrage. 108 Im Jahre 1898 war zwischen dem Grafen Hatzfeldt und Herrn Balfour ein geheimes Abkommen unterzeichnet worden, das die portugiesischen Kolonien in Afrika in wirtschaftliche Interessensphären zwischen uns und England teilte. Da die portugiesische Regierung weder die Macht noch die Mittel besaß, ihren ausgedehnten Besitz zu erschließen oder sachgemäß zu verwalten, hatte sie sich früher bereits mit dem Gedanken getragen, ihn zu veräußern und ihre Finanzen dadurch zu sanieren. Eine Einigung zwischen uns und England war zustandegekommen, welche die beiderseitigen Interessen begrenzte und die um so größeren Wert besaß, als Portugal sich bekanntlich in völliger Abhängigkeit von England befindet. Dieser Vertrag sollte wohl äußerlich die Unversehrtheit und Unabhängigkeit des portugiesischen Reiches sichern und er sprach nur die Absicht aus, den Portugiesen finanziell und wirtschaftlich behilflich zu sein. Er stand daher dem Wortlaut nach nicht im Widerspruch zu dem alten englisch-portugiesischen Bündnis aus dem 15. Jahrhundert, das zuletzt unter Karl II. erneuert wurde und den gegenseitigen Besitzstand verbürgte. Trotzdem war auf Betreiben des Marquis Soveral, der Vermutlich über die deutsch-englischen Abmachungen nicht in Unkenntnis blieb, ein neuer Vertrag, der sogenannte Windsorvertrag im Jahre 1899 zwischen England und Portugal geschlossen worden, welcher die alten, niemals außer Kraft gesetzten Vereinbarungen bestätigte. Die Unterhandlungen zwischen uns und England, die bereits vor meiner Ankunft begonnen hatten, bezweckten, unsern Vertrag von 1898, der auch hinsichtlich der geographischen Abgrenzung manche Unzuträglichkeiten aufwies, umzugestalten und zu ver- 109 bessern. Dank der entgegenkommenden Haltung der britischen Regierung gelang es, dem neuen Vertrag eine unseren Wünschen und Interessen durchaus entsprechende Form zu geben. Ganz Angola bis an den 20. Längengrad wurde uns zugesprochen, so daß wir an das Kongogebiet von Süden gelangten, außerdem noch die wertvollen Inseln San Thomö und Principe, die nördlich des Äquators liegen und dadurch eigentlich dem französischen Interessengebiet zufielen, eine Tatsache, die meinen französischen Kollegen zu lebhaften, wenn auch vergeblichen Gegenvorstellungen veranlaßte. Ferner erhielten wir den nördlichen Teil von Mozambique, der Licungo bildete die Grenze. Unseren Interessen und Wünschen wurde seitens der britischen Regierung das größte Entgegenkommen gezeigt. Sir Ed. Grey beabsichtigte uns seinen guten Willen zu bekunden, er wünschte aber auch unsere koloniale Entwicklung überhaupt zu fördern, da England die deutsche Kraftentfaltung von der Nordsee und von Westeuropa nach dem Weltmeer und nach Afrika abzulenken hoffte. „We dont want to grudge Germany her colonial developement", sagte mir ein Mitglied des Kabinetts. Der Kongostaat sollte auf britische Anregung ursprünglich auch in den Vertrag einbezogen werden, was uns ein Vorkaufsrecht und die Möglichkeit gegeben hätte, ihn wirtschaftlich zu durchdringen. Angeblich mit Rücksicht auf belgische Empfindlichkeiten lehnten wir aber dieses Angebot ab! Vielleicht sollte mit Erfolgen gespart werden? Auch hinsichtlich der praktischen Verwirklichung des eigentlichen unausgesprochenen Zweckes des Vertrages, der späteren tatsächlichen Teilung des portugiesischen Kolonialbesitzes, bot die neue Fassung wesentliche Vorteile 110 und Fortschritte gegen die alte. Es waren nämlich Fälle vorgesehen, die es uns ermöglichten, zur Wahrung unserer Interessen auf den uns zugewiesenen Gebieten einzuschreiten. Diese Voraussetzungen wurden so weit gefaßt, daß es eigentlich uns überlassen blieb, selbst zu bestimmen, wann „vitale“ Interessen Vorlagen, so daß es bei der völligen Abhängigkeit Portugals von England nur darauf ankam, die Beziehungen zu England weiter zu pflegen, um mit englischer Zustimmung unsere beiderseitigen Absichten später zu verwirklichen. Die Aufrichtigkeit der britischen Regierung, in ihrem Bestreben unsere Rechte zu achten, zeigte sich darin, daß Sir Ed. Grey, noch ehe der Vertrag fertiggestellt oder unterzeichnet war, englische Unternehmer, die in den uns durch den neuen Vertrag zugewiesenen Gebieten Kapitalanlagen suchten und dafür die britische Unterstützung wünschten, an uns verwies mit dem Bemerken, daß das betreffende Unternehmen in unsere Interessensphäre gehöre. Der Vertrag war schon zur Zeit des Königsbesuches in Berlin, also im Mai 1913, im wesentlichen fertig. In Berlin fand damals unter dem Vorsitz des Herrn Reichskanzlers eine Besprechung statt, an der auch ich teilnahm und bei der noch einzelne Wünsche festgelegt wurden. Bei meiner Rückkehr nach London gelang es mir mit Hilfe des Botschaftsrats v. Kühlmann, der mit Mr, Parker die Einzelheiten des Vertrages bearbeitete, auch unsere letzten Vorschläge durchzusetzen, so daß der ganze Vertrag schon im August 1913, vor Antritt meines Urlaubs von Sir Ed. Grey und mir paraphiert werden konnte. Nun sollten aber neue Schwierigkeiten entstehen, die die Unterzeichnung verhinderten und erst nach einem Jahre, also kurz vor Kriegsausbruch, konnte ich die Ermächtigung erhalten zum endgültigen Abschluß. Zur Unterzeichnung aber ist es nicht mehr gekommen. Sir Ed. Grey wollte nämlich nur unterzeichnen, falls der Vertrag mitsamt den beiden Verträgen von 1898 und 1899 veröffentlicht wurde. England besitze sonst keine geheimen Verträge und es sei gegen die bestehenden Grundsätze, bindende Abmachungen zu verheimlichen. Er könne daher keinen Vertrag ein- gehen, ohne ihn zu veröffentlichen. Über Zeitpunkt und Art der Veröffentlichung sei er aber bereit, unseren Wünschen Rechnung zu tragen, vorausgesetzt, daß die Veröffentlichung in längstens Jahresfrist nach Unterzeichnung erfolge. Im Auswärtigen Amt aber, wo meine Londoner Erfolge zunehmendes Mißvergnügen erregten, und wo eine einflußreiche Persönlichkeit, die die Rolle des Herrn v, Holstein spielte, den Londoner Posten für sich in Anspruch nahm, erklärte man, die Veröffentlichung gefährde unsere Interessen in den Kolonien, da die Portugiesen uns alsdann keine Konzessionen mehr geben würden. Die Nichtigkeit dieses Einwandes erhellt aus der Ei wägung, daß der alte Vertrag den Portugiesen höchstwahrscheinlich ebenso längst bekannt war, wie unsere neuen Abmachungen, angesichts der Intimität der portugiesisch-englischen Beziehungen, und daß bei dem Einfluß, den England in Lissabon besitzt, die dortige Regierung einem deutsch-britischen Einverständnis gegenüber völlig willenlos ist. Es galt also, einen anderen Vorwand zu finden, um den Vertrag scheitern zu lassen. Die Bekanntgabe des Windsor-Vertrages, der zur Zeit des Fürsten Hohenlohe geschlossen wurde, und der nur eine Erneuerung des niemals außer Kraft getretenen Ver- träges Karls II. war, könne die Stellung des Herrn v. Bethmann Hollweg gefährden, als Beweis britischer Heuchelei und Perfidie! Ich wies daraufhin, daß die Einleitung zu unseren Verträgen ganz dasselbe besage, wie der Windsor- Vertrag und wie andere ähnliche Verträge, nämlich, daß wir die souveränen Rechte Portugals wahren und die Unversehrtheit seines Besitzes schützen wollten. Vergebens! Trotz wiederholter Unterredungen mit Sir Ed. Grey, bei denen der Minister immer neue Vorschläge machte für die Veröffentlichung, beharrte das Auswärtige Amt auf seinem Standpunkt und verabredete schließlich mit Sir Ed. Goschen, daß alles so bleiben sollte, wie es bisher gewesen! Der Vertrag, der uns außerordentliche Vorteile bot, das Ergebnis einer mehr als einjährigen Arbeit, war somit gefallen. Als ich im Frühjahr 1914 gelegentlich eines Dinners auf der Botschaft, an dem Mr. Harcourt teilnahm, den Gegenstand berührte, erklärte mir der Kolonialminister, er befinde sich in Verlegenheit und wisse nicht, wie sich zu verhalten. Der gegenwärtige Zustand sei unerträglich, da er, Mr. Harcourt, unsere Rechte berücksichtigen wolle, andererseits aber im Zweifel sei, ob er sich nach dem alten Vertrage oder dem neuen zu richten habe. Es sei daher dringend erwünscht, Klarheit zu schaffen und die Sache, die sich nun schon so lange hinziehe, zum Abschluß zu bringen. Auf einen diesbezüglichen Bericht erhielt ich einen sehr wenig höflichen, aber um so erregteren Erlaß, demzufolge ich mich jeder weiteren Einmischung in der Sache zu enthalten hätte. Ich bedauere es heute, daß ich nicht daraufhin nach Berlin gefahren bin, um dem Monarchen meinen Posten zur Verfügung zu stellen, und daß ich immer 8 Lichnowsky I 113 noch den Glauben an die Möglichkeit einer Verständigung zwischen mir und den leitenden Persönlichkeiten nicht verloren hatte, ein verhängnisvoller Irrtum, der sich wenige Monate später in tragischer Weise rächen sollte! — So wenig ich auch damals das Wohlwollen des obersten Reichsbeamten noch besaß, so muß ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er bei unserer letzten Unterredung vor Kriegsausbruch, Ende Juni 1914, auf die ich später noch zurückkomme, seine Zustimmung zur Unterschrift und Veröffentlichung erteilte. Trotzdem bedurfte es noch wiederholter Anregungen meinerseits, die von Herrn Dr. Solf in Berlin unterstützt wurden, tun endlich Ende Juli 1914 die Genehmigung zu erwirken. Da aber die serbische Krisis damals schon den Frieden Europas bedrohte, mußte die Vollziehung des Vertrages verschoben werden. Auch er gehört zu den Opfern dieses Krieges. Bagdad-Vertrag Gleichzeitig unterhandelte ich in London, dabei wirksam unterstützt durch Herrn von Kühlmann, über den sogenannten Bagdad-Vertrag. Dieser bezweckte tatsächlch die Einteilung Klein-Asiens in Interessensphären, obwohl dieser Ausdruck mit Rücksicht auf die Rechte des Sultans ängstlich vermieden wurde. Sir Ed. Grey erklärte auch wiederholt, daß keine Abmachungen mit Frankreich und Rußland beständen, die die Aufteilung Klein-Asiens bezweckten. Unter Zuziehung eines türkischen Vertreters, als welcher Hakki Pascha erschien, wurden alle wirtschaftlichen Fragen, die mit den deutschen Unternehmen in Verbindung standen, im wesentlichen den Wünschen der Deutschen Bank entsprechend geregelt. Das wich- 114 tigste Zugeständnis, das Sir Ed. Grey mir persönlich gemacht hatte, war die Verlängerung der Bahnstrecke bis Basra. Dieser Endpunkt war nämlich unsererseits aufgegeben worden, zugunsten des Anschlusses nach Alexandrette, Bagdad bildete bisher den Endpunkt der Bahn. Für die Schiffahrt auf dem Shat-el-Arab sollte eine internationale Kommission sorgen. Auch an den Hafenbauten in Basra wurden wir beteiligt und erhielten ferner Rechte an der Tigris-Schiffahrt, die bisher ein Monopol des Hauses Lynch war. Durch diesen Vertrag wurde ganz Mesopotamien bis Basra unser Interessengebiet, unbeschadet älterer britischer Rechte an der Tigris-Schiffahrt und den Wilcox-Bewässerungsanlagen, ferner das ganze Gebiet der Bagdad- und Anatolischen Eisenbahn. Als britischer Wirtschaftsbereich galten die Küsten des Persischen Busens und die Smyrna-Aidin-Bahn, als französischer Syrien, als russischer Armenien. Wurden beide Verträge vollzogen und veröffentlicht, so war damit eine Verständigung mit England erreicht, die allen Zweifel an der Möglichkeit einer „anglo-ger- man Cooperation" für immer ein Ende machte. Flottenfrage Die heikelste aller Fragen war und blieb die Flottenfrage. Sie wird nicht immer ganz richtig beurteilt. Die Schaffung einer mächtigen Flotte am anderen Ufer der Nordsee, die gleichzeitige Entwicklung der bedeutendsten Militärmacht des Festlandes zur bedeutendsten Seemacht desselben, mußte in England zum mindesten als Unbequemlichkeit empfunden werden. Hierüber kann billigerweise kein Zweifel bestehen, Um den nötigen Vorsprung zu behalten, und 8 * 115 nicht in Abhängigkeit zu geraten und die Herrschaft der Meere zu sichern, die Britannien benötigt, um nicht zu verhungern, mußte es zu Rüstungen und Ausgaben schreiten, die schwer auf dem Steuerzahler lasteten. Eine Bedrohung der britischen Weltstellung ergab sich jedoch, wenn unsere Politik die Möglichkeit kriegerischer Verwicklungen gewärtigen ließ. Diese Voraussetzung war bei den Marokkokrisen und der bosnischen Frage in sichtbare Nähe getreten. Mit unserer Flotte nach den bestehenden Festlegungen hatte man sich abgefunden. Sie war den Briten gewiß nicht willkommen und bildete einen der Gründe, aber nicht den einzigen, für den Anschluß Englands an Frankreich und Rußland, aber wegen der Flotte allein hätte England ebensowenig zum Schwerte gegriffen, wie etwa wegen unseres Handels, der angeblich den Neid und schließlich den Krieg gezeitigt hat. Ich vertrat von Anfang an den Standpunkt, daß es trotz der Flotte möglich sei, zu freundschaftlicher Verständigung und Annäherung zu gelangen, wenn wir keine Novelle brächten und eine zweifelsfreie Friedenspolitik betreiben. Auch vermied ich es, von der Flotte zu sprechen, und zwischen Sir Ed. Grey und mir ist das Wort überhaupt nicht gefallen. Sir Ed. Grey erklärte gelegentlich in einer Kabinettsitzung: „The present German Ambas- sador has never mentioned the fleet to me.“ Während meiner Amtszeit regte bekanntlich Mr. Churchill, der damalige Erste Lord der Admiralität, den sogenannten „Naval holiday“ an und schlug aus finanziellen Gründen und wohl auch tun der pazifistischen Richtung in seiner Partei entgegenzukommen, eine einjährige Rüstungspause vor. Amtlich von Sir Ed. Grey wurde der Vorschlag nicht unterstützt, mir 116 hat er nie davon gesprochen, Mr. Churchill redete mich aber wiederholt darauf an. Ich bin überzeugt, daß seine Anregung aufrichtig gemeint war, wie überhaupt Winkelzügigkeit nicht im Wesen des Engländers liegt. Es wäre für Mr. Churchill ein großer Erfolg gewesen, dem Lande mit Ersparnissen aufwarten und den Rüstungsalp, der auf dem Volke lastete, erleichtern zu können. Ich entgegnete, es würde aus technischen Gründen schwer sein, auf seinen Gedanken einzugehen. Was solle aus den Arbeitern werden, die für diese Zwecke geworben seien, was aus dem technischen Personal? Unser Flottenprogramm sei einmal festgelegt und daran ließe sich schwer etwas ändern. Wir beabsichtigten es andererseits auch nicht zu überschreiten. Er kam aber wieder darauf zurück und machte geltend, daß die für ungeheure Rüstungen aufgewendeten Mittel doch besser für andere, nutzbringende Zwecke Verwendung fänden. Ich entgegnete, daß auch diese Ausgaben der heimischen Industrie zugute kämen. Es gelang mir auch durch Unterredung mit Sir W. Tyrrell, dem Kabinettchef Sir Edwards, die Frage von der Tagesordnung abzusetzen, ohne zu verstimmen, obwohl sie im Parlamente wiederkehrte, und zu verhindern, daß ein amtlicher Vorschlag erging. Es war aber ein Lieblingsgedanke Mr. Churchills und der Regierung, und ich glaube, daß wir durch Eingehen auf seine Anregung sowie auf die Formel 16 : 10 für Großkampfschiffe einen greifbaren Beweis unseres guten Willens und die bei der Regierung vorherrschende Tendenz, mit uns in nähere Fühlung zu kommen, wesentlich befestigen und fördern konnten. Aber, wie gesagt, es war möglich trotz der Flotte und auch ohne „naval holiday" zu einer Verständigung zu gelangen. In diesem Sinne hatte ich meine Mission 117 von Anfang an aufgefaßt und es war mir auch gelungen, mein Programm zu verwirklichen, als der Ausbruch des Krieges alles Erreichte vernichtete. Handelsneid Der Handelsneid, von dem so viel bei uns die Rede ist, beruht auf unrichtiger Beurteilung der Verhältnisse. Gewiß bedrohte das Emporkommen Deutschlands als Handelsmacht nach dem siebziger Kriege und in den folgenden Dezennien die Interessen der britischen Handelskreise, die mit ihrer Industrie und mit ihren Exporthäusern eine Art Monopolstellung besaßen. Der zunehmende Warenaustausch mit Deutschland aber, das an der Spitze aller britischen Exportländer in Europa stand, eine Tatsache, auf die ich in meinen öffentlichen Reden immer hinwies, hatte den Wunsch, mit dem besten Kunden und Geschäftsfreund in guten Beziehungen zu bleiben, gezeitigt und alle anderen Erwägungen allmählich zurückgedrängt. Der Brite ist matter of fact, er findet sich mit Tatsachen ab und kämpft nicht gegen Windmühlen. Gerade in den kaufmännischen Kreisen fand ich das lebhafteste Entgegenkommen und das Bestreben, die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zu fördern. Tatsächlich interessierte sich niemand dort für den russischen, italienischen, österreichischen, ja nicht einmal für den französischen Vertreter, trotz seiner bedeutenden Persönlichkeit und seiner politischen Erfolge. Nur der deutsche und amerikanische Botschafter erregten die öffentliche Aufmerksamkeit. Ich habe, um mit den wichtigen Handelskreisen Fühlung zu bekommen, den Einladungen der Vereinigten Handelskammern sowie der Londoner und Brad- forder Kammer entsprochen und war Gast der Städte 118 Newcastle und Liverpool. Überall war ich der Gegenstand herzlicher Huldigungen. Manchester, Glasgow und Edinburgh hatten mich gleichfalls geladen und wollte ich später dorthin gehen. Auch in allen anderen Kreisen habe ich die liebenswürdigste Aufnahme, ein warmes Entgegenkommen gefunden, bei Hof wie in der Gesellschaft und bei der Regierung. Hof und Gesellschaft Der König, ein harmloser, wohlwollender Mann mit einfachem, gesundem Sinn, common sense, war stets bestrebt, mir Wohlwollen zu zeigen und aufrichtig gewillt, meine Aufgabe zu fördern. Trotz der geringen Macht, die die englische Verfassung der Krone läßt, vermag der Monarch kraft seiner Stellung die Stimmung doch sehr zu beeinflussen, sowohl in der Gesellschaft, wie auch bei der Regierung. Die Krone ist die Spitze der Gesellschaftspyramide, von ihr geht der Ton aus. „Die Gesellschaft“, überwiegend unioni- stisch (konservativ), befaßt sich mit Einschluß der Damen von jeher eifrig mit Politik. Sie ist im House of Lords wie bei den Commons und daher auch im Kabinett vertreten. Der Engländer gehört entweder zur Society oder möchte zu ihr gehören. Sein Streben ist und bleibt ein vornehmer Mann, ein Gentleman zu sein, und selbst Politiker bescheidener Herkunft verkehren mit Vorliebe in der Gesellschaft und mit schönen, eleganten Damen. Der britische Gentleman beider Parteien genießt die gleiche Erziehung, besucht dieselben Colleges und Universitäten, betreibt die nämlichen Sports, sei es nun Golf, Kricket, Lawn-Tennis oder Polo. Alle haben in der Jugend Kricket und Fußball gespielt, sie haben dieselben Lebensgewohnheiten und verbringen das week-end auf dem Lande. Keine soziale Kluft trennt die Parteien, sondern nur eine politische, die sich in den letzten Jahren nur insofern zu einer sozialen entwickelte, als die Politiker beider Lager sich gesellschaftlich mieden. Man durfte selbst auf dem neutralen Boden einer Botschaft beide Lager nicht mischen, da die Unionisten seit der Veto- und der Homerulebill die Radikalen ächteten. Als wenige Monate nach meiner Ankunft das Königspaar bei uns speiste, verließ Lord Londonderry nach Tisch das Haus, um nicht mit Sir Ed. Grey zusammen zu bleiben. Aber es ist kein Gegensatz, der in der Kaste und Erziehung liegt, wie in Frankreich, es sind nicht zwei getrennte „Welten", sondern dieselbe „Welt" und das Urteil über einen Ausländer ist ein gemeinsames und nicht ohne Einfluß auf seine politische Stellung, ob nun Mr. Asquith regiert oder Lord Lansdowne. Ein Gegensatz der Kaste besteht in England nicht mehr seit der Zeit der Stuarts und nachdem die Welfen und die Whig-Oligarchie im Gegensatz zu dem toristischen Landadel die bürgerlich-städtischen Kreise emporkommen ließen. Es ist vielmehr ein Gegensatz der politischen Meinungen über staatsrechtliche oder kirchliche Fragen, oder über Steuerpolitik. Gerade Aristokraten, die sich der Volkspartei, den Radikalen anschließen, wie Grey, Churchill, Harcourt, Crewe, wurden von der unionistischen Aristokratie am meisten gehaßt. Niemals begegnete man einer dieser Herren in den großen aristokratischen Häusern, außer bei ihnen selbst und bei den Parteifreunden. Wir wurden in London mit offenen Armen auf- genommen und beide Parteien überboten sich in Zuvorkommenheit. Es wäre fehlerhaft, gesellschaftliche Beziehungen bei dem engen Verhältnis, das in England zwischen Politik und Gesellschaft besteht, zu unterschätzen, selbst wenn die große Mehrheit der oberen Zehntausend sich in Opposition zur Regierung befindet. Zwischen Herrn Asquith und dem Duke of Devon- shire besteht eben nicht die unüberbrückbare Kluft, wie etwa zwischen Herrn Briand und dem Duc de Doudeauville. Sie verkehren zwar in Zeiten erregter Spannung nicht miteinander, sie gehören zwei gesonderten gesellschaftlichen Gruppen an, es sind aber doch Teile derselben Gesellschaft, wenn auch verschiedener Stufen, deren Mittelpunkt der Hof ist, sie haben gemeinsame Freunde und Lebensgewohnheiten, sie kennen sich meist von Jugend an und sind auch oft verwandt und verschwägert. Erscheinungen wie Mr, Lloyd George, der Mann des Volkes, ursprünglich kleiner Advokat und self- made-man, sind Ausnahmen. Selbst Dr. Bums, Sozialist, Arbeiterführer und Autodidakt, suchte Fühlung in der Gesellschaft. Bei dem verbreiteten Bestreben, als Gentleman zu gelten, als dessen unerreichtes Vorbild der große Aristokrat noch immer erscheint, ist das Urteil gerade der Gesellschaft und ihre Haltung nicht zu unterschätzen. Nirgends spielt daher die gesellschaftliche Eignung eines Vertreters eine größere Rolle als in England. Ein gastfreies Haus mit freundlichen Wirten ist mehr wert als die profundesten wissenschaftlichen Kenntnisse, und ein Gelehrter mit provinziellen Wesen und allzu kargen Mitteln würde trotz allen Wissens keinen Einfluß gewinnen. Was der Brite haßt, ist a bore, a schemer, a prig, was er liebt, ist a good fellow. Sir Edward Grey Sir Edward Greys Einfluß war in allen Fragen der auswärtigen Politik nahezu unbeschränkt- Zwar sagte er bei wichtigen Anlässen: „I must first bring it before the cabinet", doch schloß dieses sich seinen Ansichten regelmäßig an. Seine Autorität war unbestritten. Obwohl er das Ausland gar nicht kennt, und außer einer kurzen Reise nach Paris niemals England verlassen hatte, beherrschte er alle wichtigen Fragen durch langjährige parlamentarische Erfahrung und natürlichen Überblick. Französisch versteht er ohne es zu sprechen. In jungen Jahren in das Parlament gewählt, hatte er bald angefangen, sich mit Auslandspolitik zu befassen. Unter Lord Roseberry parlamentarischer Unterstaatssekretär des Auswärtigen, wurde er 1906 unter Mr. Campbell-Bannermann Staatssekretär und bekleidet diesen Posten nunmehr seit zehn Jahren. Aus einer alten im Norden Englands begüterten Familie stammend, die bereits den bekannten Staatsmann Earl Grey geliefert hatte, schloß er sich dem linken Flügel seiner Partei an und sympathisierte mit Sozialisten und Pazifisten. Er übertrug die Theorie auch auf sein Privatleben, das sich durch die größte Einfachheit und Anspruchslosigkeit auszeichnet, obwohl er über reichliche Mittel verfügt. Jede „Repräsentation" liegt ihm fern. Er hatte in London nur ein kleines Absteigequartier, gab niemals „Dinners“, außer dem einen amtlichen im Foreign Office zu Königs Geburtstag. Wenn er ausnahmsweise einige Gäste bei sich sah, so war es zu einem einfachen Essen oder Frühstück in ganz kleinem Kreise und mit weiblicher Bedienung. Auch mied er große Geselligkeiten und Feste. Das week-end verbringt er, wie seine Kollegen, regelmäßig auf dem Lande, doch nicht mit eleganten, 122 großen Parties. Meist bleibt er allein in seinem Cottage im Newforest, wo er lange Spaziergänge macht, um Vögel zu beobachten als leidenschaftlicher Naturfreund und Ornithologe. Oder aber er ging nach dem Norden auf sein Gut, wo er Eichhörnchen fütterte, die den Weg durchs Fenster fanden, und verschiedene Arten Wasservögel züchtet. Mit Vorliebe begab er sich gelegentlich nach Norfolk, um seltene Reiherarten, die nur dort nisten, beim Brüten in den Sümpfen zu beobachten. In seiner Jugend ein berühmter Kricket- und Racketspieler, ist jetzt sein Hauptsport das Angeln nach Lachs und Forellen in den schottischen Gewässern in Begleitung seines Freundes Lord Glen- connor, des Bruders von Mrs. Asquith. „All the rest of the year I am looking forward to it". Er hat ein Buch über den Angelsport herausgegeben. Als wir ein week-end mit ihm allein bei Lord Glen- connor in der Nähe von Salisbury verbrachten, kam er auf dem Zweirad angefahren und kehrte ebenso nach seinem etwa 30 englische Meilen entfernten Cottage zurück. Die Einfachheit und Lauterkeit seines Wesens verschafften ihm auch die Achtung seiner Gegner, die mehr auf dem Gebiete der inneren wie der auswärtigen Politik zu suchen waren. Lügen und Intrigen liegen ihm gleichmäßig fern. Seine Frau, die er zärtlich liebte, und von der er sich niemals trennte, starb infolge eines Sturzes aus einem Wagen, den sie selbst lenkte. Einer seiner Brüder wurde bekanntlich durch einen Löwen getötet. Wordsworth ist sein Lieblingsdichter und er konnte ihn auswendig vortragen. Der kühlen Ruhe seines britischen Wesens fehlt nicht der Sinn für Humor. Als er bei uns frühstückte in Gesellschaft der Kinder und deren deutsche Unterhaltung hörte, meinte er: „I cant help thinking how clever these children are to talk German so well“ und freute sich über den Witz. So sieht der Mann aus, der als „Lügen-Grey“ und als Anstifter des Weltkrieges verschrien wird. Mr. Asquith Mr. Asquith ist ganz anderer Art. Jovialer Lebemann, Freund der Damen, namentlich der jungen und hübschen, liebt er heitere Geselligkeit und gute Küche und wird dabei von seiner lebenslustigen jüngeren Gattin unterstützt. Ehemals bekannter Advokat mit reichem Einkommen und langjähriger Parlamentarier, dann Minister unter Mr, Gladstone, Pazifist wie sein Freund Grey und Freund einer Verständigung mit Deutschland, behandelte er alle Fragen mit der heiteren Ruhe und Sicherheit eines erfahrenen Geschäftsmannes, dessen gute Gesundheit und vortreffliche Nerven durch fleißiges Golfspiel gestählt sind. Seine Töchter gingen in deutsche Pensionate und sprachen fließend Deutsch, Wir waren nach kurzer Zeit mit ihm und seiner Familie befreundet und seine Gäste auf dem Lande in dem kleinen Hause an der Themse. Um auswärtige Politik kümmerte er sich nur in seltenen Fällen; wenn wichtige Fragen Vorlagen, dann war natürlich die letzte Entscheidung bei ihm. In den kritischen Tagen des Juli kam Mrs. Asquith wiederholt zu uns, um zu warnen, und war schließlich ganz verzweifelt über die tragische Wendung. Auch Herr Asquith war am 2. August, als ich ihn besuchte, tun einen letzten Versuch im Sinne einer abwartenden 124 Neutralität zu machen, ganz gebrochen, wenn auch vollkommen ruhig. Die Tränen liefen ihm über beide Wangen hinunter. Nicolson Im Foreign Office hatten neben dem Minister Sir A. Nicolson und Sir W. Tyrrell den stärksten Einfluß. Ersterer war nicht unser Freund, aber seine Haltung gegen mich war immer durchaus korrekt und zuvorkommend. Unsere persönlichen Beziehungen waren die besten. Auch er wollte den Krieg nicht, als wir aber gegen Frankreich zogen, hat er zweifellos im Sinne des sofortigen Anschlusses gearbeitet. Er war der Vertrauensmann meines französischen Kollegen, mit dem er in dauernder Fühlung stand, auch wollte er Lord Bertie in Paris ablösen. Bekanntlich war Sir Arthur vorher Botschafter in Petersburg und hatte den Vertrag des Jahres 1907 abgeschlossen, der es Rußland ermöglichte, sich dem Westen und dem nahen Orient wieder zuzuwenden. T yrr eil Viel größeren Einfluß als der permanente Unterstaatssekretär besaß der Kabinettschef oder „private Secretary" Sir Edwards: Sir W. Tyrrell. Dieser hochintelligente Mann hatte in Deutschland das Gymnasium besucht und sich nachher der Diplomatie zugewandt, war aber nur kurze Zeit im Ausland gewesen. Zunächst schloß er sich der damals unter den jüngeren britischen Diplomaten modernen antideutschen Richtung an, um später ein überzeugter Befürworter der Verständigung zu werden. In diesem Sinne hat er auch Sir Ed. Grey beeinflußt, mit dem er sehr intim war. Haltung des Amtes Der Mißmut gewisser Herren über meine Londoner Erfolge und über die Stellung, die ich mir in kurzer Zeit machen konnte, war unbeschreiblich. Schikanöse Erlasse wurden ersonnen, um mein Amt zu erschweren, ich blieb in völliger Unkenntnis der wichtigsten Dinge und wurde auf die Mitteilung belangloser, langweiliger Berichte beschränkt. Geheime Agentennachrichten über Dinge, die ich ohne Spionage und die nötigen Fonds nicht erfahren konnte, waren mir niemals zugänglich, und erst in den letzten Tagen des Juli 1914 erfuhr ich zufällig durch den Marineattache die geheimen englisch-französischen Abmachungen über das Zusammenwirken beider Flotten im Falle eines Krieges. Auch andere wichtige und dem Amt längst bekannte Vorgänge, wie der Briefwechsel Grey- Cambon, wurden mir vorenthalten. Kriegsfall Ich hatte bald nach meiner Ankunft die Überzeugung gewonnen, daß wir unter keinen Umständen einen englischen Angriff oder eine englische Unterstützung eines fremden Angriffs zu befürchten hätten, daß aber unter allen Umständen England die Franzosen schützen würde, falls wir sie angriffen. Diese Ansicht habe ich in wiederholten Berichten und mit ausführlicher Begründung und großem Nachdruck vertreten, ohne jedoch Glauben zu finden, obwohl die Ablehnung der Neutralitätsformel bei der Mission Haldane und die Haltung Englands während der Marokkokrise recht deutliche Winke waren. Dazu kamen noch die bereits erwähnten und dem Amte bekannten geheimen Abmachungen. Ich wies immer wieder darauf hin, daß England als 126 Handelsstaat bei jedem Kriege zwischen europäischen Großmächten außerordentlich leiden, ihn daher mit allen Mitteln verhindern würde, andererseits aber eine Schwächung oder Vernichtung Frankreichs im Interesse des europäischen Gleichgewichts und um eine deutsche Übermacht zu verhindern niemals dulden könne. Das hatte mir bald nach meiner Ankunft Lord Haldane gesagt. In ähnlichem Sinn äußerten sich alle maßgebenden Leute. Serbische Krise Ende Juni begab ich mich auf Allerhöchsten Befehl nach Kiel, nachdem ich wenige Wochen vorher in Oxford Ehrendoktor geworden war, eine Würde, die dort vor mir kein deutscher Botschafter seit Herrn von Bunsen bekleidet hatte. An Bord des „Meteor" erfuhren wir den Tod des Erzherzog-Thronfolgers. S. M. bedauerte, daß dadurch seine Bemühungen, den hohen Herrn für seine Ideen zu gewinnen, vergeblich waren. Ob der Plan einer aktiven Politik gegen Serbien schon in Konopischt festgelegt wurde, kann ich nicht wissen. Da ich über Wiener Absichten und Vorgänge nicht unterrichtet war, maß ich dem Ereignis keine weitgehende Bedeutung bei. Ich konnte später nur feststellen, daß bei manchen österreichischen Aristokraten ein Gefühl der Erleichterung andere Empfindungen überwog. In Berlin angekommen, sah ich den Reichskanzler und sagte ihm, daß ich unsere auswärtige Lage für sehr befriedigend hielt, da wir mit England so gut ständen wie schon lange nicht. Auch in Frankreich sei ein pazifistisches Ministerium am Ruder. Herr von Bethmann Hollweg schien meinen Opti- mismus nicht zu teilen und beklagte sich über russische Rüstungen. Ich suchte ihn zu beruhigen und betonte namentlich, daß Rußland gar kein Interesse habe, uns anzugreifen, und daß ein solcher Angriff auch niemals die englisch-französische Unterstützung finden würde, da beide Länder den Frieden wollten. Darauf ging ich zu Herrn Dr. Zimmermann, der Herrn von Jagow vertrat, und erfuhr von ihm, daß Rußland im Begriffe sei, 900 000 Mann neuer Truppen aufzustellen. Aus seinen Worten ging eine unverkennbare Mißstimmung gegen Rußland hervor, das uns überall im Wege sei. Es handelte sich auch um handelspolitische Schwierigkeiten. Daß General von Moltke zum Kriege drängte, wurde mir natürlich nicht gesagt. Ich erfuhr aber, daß Herr von Tschirschky einen Verweis erhalten, weil er berichtete, er habe in Wien Serbien gegenüber zur Mäßigung geraten. Auf meiner Rückreise aus Schlesien auf dem Wege nach London hielt ich mich nur wenige Stunden in Berlin auf und hörte, daß Österreich beabsichtige, gegen Serbien vorzugehen, um unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen. Nachträglich erfuhr ich, daß bei der entscheidenden Besprechung in Potsdam am 5. Juli die Wiener Anfrage die unbedingte Zustimmung aller maßgebenden Persönlichkeiten fand. Dann bekam ich die Weisung, hinzuwirken, daß die englische Presse eine freundliche Haltung einnähme, wenn Österreich der großserbischen Bewegung den „Todesstoß“ versetze, und durch meinen Einfluß möglichst zu verhindern, daß die öffentliche Meinung gegen Österreich Stellung nähme. Die Erinnerungen an die Haltung Englands während der Annexionskrise, wo die öffentliche Meinung für die serbischen Rechte auf Bosnien sympathisierte, sowie auch an die wohl- 128 wollende Förderung nationaler Bewegung zur Zeit Lord Byrons und Garibaldis, dieses und anderes sprach sehr gegen die Wahrscheinlichkeit einer Unterstützung der geplanten Strafexpedition gegen die „Fürstenmörder", daß ich mich veranlaßt sah, dringend zu warnen. Ich warnte aber auch vor dem ganzen Projekt, das ich als abenteuerlich und gefährlich be- zeichnete, und riet, den Österreichern Mäßigung anzuempfehlen, da ich nicht an die „Lokalisierung des Konflikts" glaubte. Herr von Jagow antwortete mir, Rußland sei nicht fertig, etwas „Gepolter" würde es wohl geben, aber je fester wir zu Österreich ständen, um so eher würde Rußland zurückweichen. Österreich beschuldige uns schon so der „Flaumacherei", und so dürften wir nicht „kneifen". Die Stimmung in Rußland würde andererseits immer deutschfeindlicher, und da müßten wir es eben riskieren. Angesichts dieser Haltung, die, wie ich später erfuhr, auf einem Bericht fußte, daß Rußland unter keinen Umständen sich rühren werde, und die uns veranlaßten, den Grafen Berchtold zu möglichster Energie anzufeuern, erhoffte ich die Rettung von einer englischen Vermittlung, da ich wußte, daß Sir Edward Greys Einfluß in Petersburg im Sinne des Friedens zu verwerten war. Ich benutzte daher meine freundschaftlichen Beziehungen zum Minister, um ihn vertraulich zu bitten, in Rußland zur Mäßigung zu raten, falls Österreich, wie es schien, von den Serben Genugtuung verlangt. Zunächst war die Haltung der englischen Presse ruhig und den Österreichern freundlich, da man den Mord verurteilte. Allmählich aber wurden immer mehr Stimmen laut, welche betonten, daß, so sehr eine Ahndung des Verbrechens nötig sei, eine Ausbeutung des- 9 Lichnowsky I 129 selben zu politischen Zwecken nicht zu rechtfertigen wäre. Österreich wurde eindringlich zur Mäßigung aufgefordert. Als das Ultimatum erschien, waren alle Organe mit alleiniger Ausnahme des stets notleidenden „Standard" einig in der Verurteilung. Die ganze Welt — außer in Berlin und Wien — begriff, daß es den Krieg, und zwar den Weltkrieg bedeutete. Die britische Flotte, welche zufällig zu einer Flottenschau versammelt war, wurde nicht demobilisiert. Ich drängte zunächst auf eine möglichst entgegenkommende Antwort Serbiens, da die Haltung der russischen Regierung keinen Zweifel mehr an dem Ernst der Lage ließ. Die serbische Antwort entsprach den britischen Bemühungen, denn tatsächlich hatte Herr Paschitch alles angenommen, bis auf zwei Punkte, über die er sich bereiterklärte, zu unterhandeln. Wollten Rußland und England den Krieg, um uns zu „überfallen", so genügte ein Wink nach Belgrad, und die unerhörte Note blieb unbeantwortet. Sir Edward Grey ging die serbische Note mit mir durch und wies auf die entgegenkommende Haltung der Regierung in Belgrad hin. Wir berieten dann seinen Vermittlungsvorschlag, der eine beiden Teilen annehmbare Auslegung dieser beiden Punkte vereinbaren sollte. Unter seinem Vorsitz wären Herr Cambon, Marquis Imperiali und ich zusammengetreten, und es wäre leicht gewesen, eine annehmbare Form für die strittigen Punkte zu finden, die im wesentlichen die Mitwirkung der k. und k. Beamten bei den Untersuchungen in Belgrad betrafen. In einer oder zwei Sitzungen war alles bei gutem Willen zu erledigen und schon die bloße Annahme des britischen Vorschlages hätte eine Entspannung bewirkt und unsere Be- Ziehungen zu England weiter verbessert. Ich befürwortete ihn daher dringend, ,,da sonst der Weltkrieg bevorstehe, bei dem wir alles zu verlieren und nichts zu gewinnen hätten.“ Umsonst. Es sei gegen die Würde Österreichs, auch wollten wir uns in die serbische Sache nicht mischen, wir überließen sie unserm Bundesgenossen. Ich solle auf „Lokalisierung des Konflikts“ hinwirken. Es hätte natürlich nur eines Winkes von Berlin bedurft, um den Grafen Berchtold zu bestimmen, sich mit einem diplomatischen Erfolg zu begnügen und sich bei der serbischen Antwort zu beruhigen. Dieser Wink ist aber nicht ergangen. Im Gegenteil, es wurde zum serbischen Kriege gedrängt. Es wäre ein zu schöner Erfolg gewesen! Nach unserer Ablehnung bat Sir Edward Grey uns, mit einem Vorschlag hervorzutreten. Ich konnte keine andere Antwort erhalten, als daß es ein „kolossales Entgegenkommen“ Österreichs sei, keine Gebietserwerbungen zu beabsichtigen. Sir Edward Grey wies mit Recht darauf hin, daß man auch ohne Gebietserwerbung ein Land zum Vasallen erniedrigen kann und daß Rußland hierin eine Demütigung erblicken und es daher nicht dulden werde. Der Eindruck befestigte sich immer mehr, daß wir den Krieg wollten. Anders war unsere Haltung in einer Frage, die uns doch direkt gar nichts anging, nicht zu verstehen. Die inständigen Bitten und bestimmten Erklärungen des Herrn Sasonow, später die geradezu demütigenden Telegramme des Zaren, die wiederholten Vorschläge Sir Edwards, die Warnungen des Marquis San Guiliano und des Herrn Bollati, meine dringenden Ratschläge, alles nützte nichts, in Berlin blieb man dabei: Serbien muß gezüchtigt werden. 9* 131 , Je mehr ich drängte, um so weniger wollte man einlenken, Da entschloß sich letzterer am 29. zu der bekannten Warnung. Ich entgegnete, daß ich stets berichtet hätte, wir würden mit der englischen Gegnerschaft rechnen müssen, falls es zum Kriege mit Frankreich käme. Wiederholt sagte mir der Minister: „If war breaks out, it will be the greatest catastrophy the world has ever seen.“ Die Ereignisse überstürzten sich bald darauf. Als endlich Graf Berchtold, der bis dahin auf Berliner Weisungen den starken Mann spielte, sich zum Einlenken entschloß, und auch Herr von Bethmann Hollweg den Mut verlor, wurde die russische Mobilmachung, nachdem Rußland eine ganze Woche vergeblich unterhandelt und gewartet hatte, mit dem Ultimatum und der Kriegserklärung beantwortet. Englische Kriegserklärung Noch immer sann Sir Edward Grey nach neuen Auskünften, Am 1. August vormittags kam Sir W. Tyrrell zu mir, um mir zu sagen, sein Chef hoffe noch immer, einen Ausweg zu finden, Ob wir neutral bleiben wollten, falls Frankreich es auch täte? Ich verstand, daß wir dann bereit sein sollten, Frankreich zu schonen, er aber hatte gemeint, daß wir überhaupt, also auch gegen Rußland neutral bleiben. Das war das bekannte Mißverständnis. Sir Edward Grey hatte mich für den Nachmittag bestellt. Da er sich gerade in einer Kabinettssitzung befand, rief er mich an das Telephon, nachdem Sir W. Tyrrell gleich zu ihm geeilt war, Nachmittags sprach er nunmehr von der belgischen Neutralität und von der Möglichkeit, daß wir und Frankreich uns bewaffnet gegenüberständen, ohne uns anzugreifen. Es war also überhaupt kein Vorschlag, sondern nur eine Anfrage ohne Verbindlichkeit, da, wie ich früher schon gemeldet, bald darauf unsere Besprechung stattfinden sollte. Die Nachricht wurde aber in Berlin, ohne erst die Unterredung abzuwarten, zur Grundlage einer weitgehenden Aktion gemacht. Dann kam der Brief des Herrn Poincare, der Brief Bonar Laws, das Telegramm des Königs Albert. Die Schwankenden wurden im Kabinett, bis auf drei Mitglieder, die austraten, umgestimmt. Ich hatte auf eine abwartende Haltung Englands gehofft. Auch mein französischer Kollege fühlte sich keineswegs sicher, wie ich aus privater Quelle erfuhr. Noch am 1. hatte der König dem Präsidenten ausweichend geantwortet. In dem Telegramm aus Berlin,, das die „drohende Kriegsgefahr" ankündigte, war aber England schon als Gegner mitgenannt. Man rechnete also bereits in Berlin mit dem Kriege gegen England. Vor meiner Abreise empfing mich am 5. Sir Edward Grey in seiner Wohnung. Auf seinen Wunsch war ich hingegangen. Er war tiefbewegt. Er sagte mir, er werde stets bereit sein, zu vermitteln, „we don't want to crush Germany." Diese vertrauliche Unterredung ist leider veröffentlicht worden. Damit hat Herr von Bethmann Hollweg die letzte Möglichkeit zerstört, über England den Frieden zu erlangen. Unsere Abreise vollzog sich durchaus würdig und ruhig. Vorher hatte der König seinen equerry Sir F. Ponsonby zu mir gesandt, um sein Bedauern über meine Abreise auszusprechen, und daß er mich nicht mehr sehen könne. Prinzeß Louise schrieb mir, die ganze Familie betrauere unseren Fortgang. Mrs. Asquith und andere Freunde kamen zum Abschied in die Botschaft. Ein Extrazug brachte uns nach Harwich. Dort war eine Ehrenkompanie für mich aufgestellt. Ich wurde wie ein abreisender Souverän behandelt. So endete meine Londoner Mission. Sie scheiterte nicht an den Tücken der Briten, sondern an den Lücken unserer Politik. Rückblick Wenn ich jetzt nach zwei Jahren mir alles rückwärtsschauend vergegenwärtige, so sage ich mir, daß ich zu spät erkannte, daß kein Platz für mich war in einem System, das seit Jahren nur von Tradition und Routine lebte und das nur Vertreter duldet, die so berichten, wie man es lesen will. Vorurteilslosigkeit und unabhängiges Urteil werden bekämpft, Unfähigkeit und Charakterlosigkeit gepriesen und geschätzt, Erfolge aber erregen Mißgunst und Beunruhigung! — Ich hatte den Widerstand gegen die wahnsinnige Dreibundpolitik aufgegeben, da ich einsah, daß er zweckklos war, und daß man meine Warnungen als „Austrophobie“, als fixe Idee hinstellte. In der Politik, die nicht Akrobatentum oder Aktensport ist, sondern das Geschäft der Firma, gibt es keine Philie oder Phobie, sondern nur das Interesse des Gemeinwesens. Eine Politik aber, die sich bloß auf Österreicher, Magyaren und Türken stützt, muß in Gegensatz zu Rußland geraten, und schließlich zur Katastrophe führen. Trotz früherer Irrungen war im Juni 1914 noch alles zu machen. Die Verständigung mit England war erreicht. Wir mußten einen wenigstens das Durchschnittsmaß politischer Befähigung erreichenden Vertreter nach Petersburg senden und Rußland die Gewißheit geben, daß wir weder die Meerengen beherrschen, noch die Serben erdrosseln wollten. „Lächez 134 1‘Autriche et nous lächerons les Frai^ais", sagte uns Herr Sasonow. Und M. Jules Cambon sagte Herrn von Jagow: „Vous n'avez pas besoin de suivre l‘Autriche partout." Weder Bündnisse noch Kriege, sondern nur Verträge, die uns und andere schützten und einen wirtschaftlichen Aufschwung sicherten, der in der Geschichte ohne Vorgang war! War Rußland aber im Westen entlastet, so konnte es sich wieder nach Osten wenden, und der anglo-russische Gegensatz trat alsdann automatisch ohne unsere Mitwirkung hervor, nicht minder aber der russisch-japanische. Wir konnten auch der Frage der Rüstungsbeschränkung nähertreten und brauchten uns um österreichische Wirrnisse nicht mehr zu kümmern. Österreich-Ungarn aber war dann der Vasall des Deutschen Reiches auch ohne Bündnis und namentlich ohne Liebesdienste, die schließlich zum Kriege führen für die Befreiung Polens und die Vernichtung Serbiens, obwohl deutsche Interessen gerade das Gegenteil heischen. Ankunft In Berlin angekommen, sah ich sofort, daß ich zum Sündenbock für die Katastrophe 'gemacht werden sollte, die unsere Regierung im Gegensatz zu meinen Ratschlägen und Warnungen verschuldet wenn auch nicht gewollt hatte. Von amtlicher Seite wurde geflissentlich verbreitet, ich hätte mich durch Sir Edward Grey täuschen lassen, denn wenn er den Krieg nicht gewollt, würde Rußland nicht mobilisiert haben. „Was geht denn Serbien Rußland an?“ sagte mir ein Kollege nach achtjähriger Amtszeit in Petersburg. 135 Schuldfrage Wir haben, wie aus allen amtlichen Veröffentlichungen hervorgeht, und auch durch unser Weißbuch nicht widerlegt wird, das durch seine Dürftigkeit und Lückenhaftigkeit auffällt, 1. den Grafen Berchtold ermutigt, Serbien anzugreifen, obwohl kein deutsches Interesse vorlag und die Gefahr eines Weltkrieges uns bekannt sein mußte (ob wir den Wortlaut des Ultimatums gekannt, ist völlig gleichgültig); 2. in den Tagen zwischen dem 23. und 30. Juli 1914, als Herr Sasonow mit Nachdruck erklärte, einen Angriff auf Serbien nicht dulden zu können, die britischen VermittlungsVorschläge abgelehnt, obwohl Serbien unter russischem und britischem Drucke nahezu das ganze Ultimatum angenommen hatte und obwohl eine Einigung über die beiden fraglichen Punkte leicht zu erreichen war; 3. am 30. Juli, als Graf Berchtold einlenken wollte, und ohne daß Österreich angegeriffen war, auf die bloße Mobilmachung Rußlands hin ein Ultimatum nach Petersburg geschickt und am 31. Juli den Russen den Krieg erklärt, obwohl der Zar sein Wort verpfändete, solange noch unterhandelt wird, keinen Mann marschieren zu lassen, also die Möglichkeit einer friedlichen Beilegung geflissentlich vernichtet. Ist es zu verwundern, wenn angesichts dieser Tatsachen außerhalb Deutschlands nahezu die gesamte Kulturwelt uns die Schuld am Weltkriege beimißt? 136 Feindlicher Standpunkt Ist es nicht begreiflich, daß unsere Feinde erklären, nicht eher ruhen zu wollen, bis ein System vernichtet ist, das eine Bedrohung seiner Nachbarn bildet? Sie befürchten, in einigen Jahren wieder zu den Waffen greifen zu müssen und wieder ihre Provinzen überrannt und ihre Städte und Dörfer vernichtet zu sehen? Haben nicht diejenigen anscheinend recht behalten, die weissagten, daß der Geist Treitschkes und Bern- hardis das deutsche Volk beherrsche, der den Krieg als Selbstzweck verherrlicht und nicht als Übel verabscheut, daß bei uns noch der feudale Ritter und Junker, die Kriegerkaste regiere und Ideale und Werte gestalte, nicht aber der bürgerliche Gentleman, daß die Liebe zur Mensur, die die akademische Jugend beseelt, auch denen erhalten bleibt, die die Geschicke des Volkes leiten? Hatten nicht die Ereignisse in Zabern und die parlamentarischen Verhandlungen des Falles dem Ausland gezeigt, wie staatsbürgerliche Rechte und Freiheiten bei uns bewertet werden, wenn militärische Machtfragen entgegenstehen? In die Worte Euphorions kleidete der geistvolle, seither verstorbene Historiker Cramb, ein Bewunderer Deutschlands, die deutsche Auffassung: „Träumt Ihr den Friedenstag? Träume, wer träumen mag! Krieg ist das Losungswort! Sieg! und so klingt es fort!“ Der „Militarismus", eigentlich eine Schule des Volkes und ein Instrument der Politik, macht die Politik zum Instrument der Militärmacht, wenn der patriarchalische Absolutismus des Soldatenkönigtums eine Haltung ermöglicht, die eine, militärisch-junker- 137 liehen Einflüssen entrückte Demokratie nicht zulassen würde. So denken unsere Feinde, wenn sie sehen, daß trotz kapitalistischer Industriealisierung und trotz sozialistischer Organisierung die Lebenden, wie Friedrich Nietzsche sagt, noch von den Toten regiert werden. Das vornehmste feindliche Kriegsziel, die Demokratisierung Deutschlands, wird sich verwirklichen! Bismarck Bismarck, gleich Napoleon, liebte den Kampf als Selbstzweck. Als Staatsmann vermied er neue Kriege, deren Sinnlosigkeit er erkannte. Er begnügte sich mit unblutigen Schlachten. Nachdem er in rascher Folge Christian, Franz Joseph und Napoleon besiegt, kamen Arnim, Pius und Windthorst, Bebel, Richter, Ledochowski und Augusta an die Reihe. Das genügte ihm nicht. Gortschakow hatte ihn wiederholt geärgert. Er wurde bis hart an den Krieg bekämpft, sogar durch Entziehung des Salonwagens. So entstand der traurige Dreibund. Zum Schlüsse folgte der Kampf gegen Wilhelm, in dem der Gewaltige unterlag wie Napoleon gegen Alexander. Politische Ehen auf Tod und Leben geraten nur im staatsrechtlichen, nicht im völkerrechtlichen Verbände. Sie sind um so bedenklicher mit einem brüchigen Genossen. So war das Bündnis von Bismarck auch niemals gemeint. Die Engländer aber hat er stets schonend behandelt, er wußte, daß es so klüger war. Die alte Victoria wurde von ihm besonders ausgezeichnet, trotz des Hasses gegen die Tochter und gegen politische Engländerei, der gelehrte Beaconsfield und der welterfahrene Salisbury umworben und auch der sonder- liehe Gladstone, den er nicht mochte, hatte sich eigentlich nicht zu beklagen. Das Ultimatum an Serbien war die Krönung der Politik des Berliner Kongresses, der bosnischen Krise, der Londoner Konferenz! Doch war noch Zeit zur Umkehr! — Was vor allem zu vermeiden war: der Bruch mit Rußland und England, das haben wir glücklich erreicht! Unsere Zukunft Heute nach zweijährigem Kampfe kann es nicht mehr zweifelhaft sein, daß wir auf einen bedingungslosen Sieg über Russen, Franzosen, Italiener, Rumänen und Amerikaner nicht hoffen dürfen, mit dem „Niederringen“ unserer Feinde nicht rechnen können. Zu einem Kompromißfrieden gelangen wir aber nur auf Grundlage der Räumung der besetzten Gebiete, deren Besitz für uns überdies eine Last und Schwäche und die Gefahr neuer Kriege bedeutet. Daher soll alles vermieden werden, was diejenigen feindlichen Gruppen, die für den Kompromißgedanken vielleicht noch zu gewinnen wären, den britischen Radikalen und den russischen Reaktionären ein Einlenken erschwert. Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist das polnische Projekt ebenso zu verwerfen, wie jeder Eingriff in belgische Rechte oder die Hinrichtung britischer Bürger, vom wahnwitzigen U-Boot-Plane gar nicht zu reden. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“. Richtig. Also nicht in Polen und Belgien, in Frankreich und Serbien. Das ist die Rückkehr zum Hl. Römischen Reich, zu den Irrungen der Hohenstaufen und Habsburger. Es ist die Politik des Plantagenets, nicht die der Drake und Raleigh, Nelson und Rhodes. Drei- 139 bundpolitik ist Rückkehr zur Vergangenheit, Abkehr von der Zukunft, dem Imperialismus, der Weltpolitik. „Mitteleuropa“ ist Mittelalter, „Berlin-Bagdad“ eine Sackgasse, nicht der Weg ins Freie zu unbegrenzten Möglichkeiten, zur Weltmission des deutschen Volkes! — Ich bin kein Gegner Österreichs oder Ungarns oder Italiens und Serbiens, oder irgendeines anderen Staates, sondern nur ein Gegner einer Politik, die uns von unseren Zielen ablenken und auf die schiefe Ebene der Kontinentalpolitik bringen mußte. Sie war nicht deutsche, sondern k. u. k. Hauspolitik. Die Österreicher hatten sich daran gewöhnt, das Bündnis als einen Schirm zu betrachten, unter dessen Schutz sie nach Belieben Ausflüge in den Orient machen konnten. Und welches Ergebnis des Völkerringens haben wir zu gewärtigen? Die Vereinigten Staaten von Afrika werden britisch sein wie die von Amerika, Australien und Ozeanien. Und die lateinischen Staaten Europas werden, wie ich schon vor Jahren sagte, in dasselbe Verhältnis zu dem Vereinigten Königreich geraten, wie die lateinischen Schwestern Amerikas zu den Vereinigten Staaten. Der Angelsachse wird führen. Das durch den Krieg erschöpfte Frankreich wird sich nur noch enger an Großbritannien anschließen. Und in Asien wird der Russe und Japaner sich ausbreiten mit seinen Grenzen und Sitten und der Süden wird den Briten bleiben. Die Welt wird den Angelsachsen, Russen und Japanern gehören und der Deutsche allein bleiben mit Österreich. Seine Machtherrschaft wird die des Gedankens und des Handels sein, nicht aber die der Bürokraten und Soldaten. Er war zu spät erschienen und die letzte Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen, ein Kolonialreich zu gründen, hat der Weltkrieg vernichtet. Denn wir werden die „Söhne Jahwes“ nicht verdrängen, das Programm des großen Rhodes wird sich erfüllen, der in der Ausbreitung des Britentums, im britischen Imperialismus das Heil der Menschheit erblickte. Tu regere imperio populos Romane memento! Hae tibi erunt artes; pacisque imponere morem. Parcere subjectis et debellare superbos. 141 DIPLOMATIE UND DEMOKRATIE AUFZEICHNUNGEN VOM SOMMER 1917 I D er Gesandte macht mir viel Verdruß, ich habe es vorausgesehen. Er ist der pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umständlich wie eine Base, ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist, und dem es daher niemand zum Dank machen kann. Ich arbeite gern leichtweg, und wie es steht, so steht es; da ist er imstande, mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu sagen: „Er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres Wort, eine reinere Partikel.“ Da möchte ich des Teufels werden. Kein und, kein Bindewörtchen darf außen bleiben, und von allen Inversionen, die mir manchmal entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seine Perioden nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichts drin. Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben." — „Ich fürchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht lange mehr aus. Der Mann ist ganz und gar unerträglich. Seine Art zu arbeiten und Geschäfte zu führen, ist so lächerlich, daß ich mich nicht enthalten kann, ihm zu widersprechen und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art zu machen, was ihm dann, wie natürlich, niemals recht ist". Nun, ich hoffe, meine diplomatischen Mitarbeiter 142 in London, nebenbei gesagt, vortreffliche Beamte, haben etwas freundlicher über mich geurteilt wie der junge Werther über seinen Chef im Winter 1771/72. Klagen über die Diplomatie sind nicht neu, wenn sie auch seit dem Zusammenbruch unserer Auslandspolitik im Sommer 1914 besonders laut wurden. Geht etwas nicht nach Wunsch oder gar schief, so ist naturgemäß nur die „Diplomatie" daran schuld, der man schon längst das hohe Gehalt, die vielen Diners und Orden und die bevorzugte Stellung mißgönnt. Zudem hat gar mancher Diplomaten verschiedener Länder gekannt, die mehr durch Äußerlichkeiten und gesellschaftliche Talente glänzten als durch tiefgründiges Wissen oder bemerkenswerte Klugheit, Herren, deren Interessen sich im wesentlichen auf Hofklatsch, Diners, Placements und höchstens noch auf Bridge beschränkten. Carl Schurz gibt in seinen Lebenserinnerungen anläßlich seiner Madrider Mission eine humorvolle Schilderung seines Antrittsbesuches bei einem Kollegen, von dessen langjähriger Erfahrung am spanischen Hofe er wertvolle Einblicke in die dortigen Verhältnisse erwartete und manches zu lernen hoffte. Statt Aufschlüsse über politische Fragen zu geben, über die der Gesandte anscheinend nie nachgedacht, enthüllte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit den Inhalt einer silbernen Kassette und zeigte die Orden, die er zu verschiedenen Zeiten von Kaisern und Königen empfangen, und erklärte, warum der Orden ihm verliehen und welche Auszeichnungen er bedeute. Auch ich entsinne mich meines ersten Besuches als junger Geschäftsträger an einem mittleren Hofe bei dem damaligen Doyen des dortigen Corps diplomatique, einen alten Junggesellen, der einen südlichen Kleinstaat vertrat. Zwar sprach er mir nicht von Po- litik, dafür aber um so eifriger von den vielen Duellen seiner Jugend, zu deren Erläuterung er pietätvolle Erinnerungsstücke aus Seide und Tüll hervorholte. Mit einigen vierzig Jahren hat bei uns ein Diplomat, der sich nichts zuschulden kommen läßt und die nötige Schmiegsamkeit besitzt, es meist schon zum Gesandten gebracht, oft auch ohne bemerkenswerte Anstrengung — es sei denn des Magens und der Beine — und mit Leistungen, die manchmal hauptsächlich im Salon liegen, während andere Beamte im gleichen Alter nur in seltenen Fällen den Rang der Räte erster Klasse erreichen und meist unter weit unvorteilhafteren Bedingungen. Dieses Mißverhältnis fordert nur zu leicht zur Kritik heraus, wenn Mißerfolge eintreten und der Steuerzahler sich fragt, wozu denn eigentlich die hohen Gehälter bezahlt werden, da die Diplomaten doch nichts erreichen und man anscheinend nur den Dümmsten auswählt. Dazu kommt noch, daß bei uns wie anderswo erfolgreiche Bürger das Bedürfnis empfinden, sich feudalisieren zu lassen unter Anwendung von Formen, die der Zeit entlehnt sind, als man sich nach dem Besitze oder der Stammburg nannte. Ist die Namensverschönerung aber einmal erfolgt, die bis vor kurzem in Österreich und Bayern schon bei gewissen Orden eintrat, so bildet der Betreffende einen Bestandteil des „Adels“, auf dessen Schuldkonto das Mißvergnügen über Herrn v. Maier gesetzt wird, während man Herrn Maier vielleicht nachsichtiger beurteilen würde. Daß ein erheblicher Teil unserer Diplomaten dem eigentlichen Adel angehört, soll nicht geleugnet werden; ich sehe hierin aber keinen Nachteil, wenn nicht etwa „die Abstammung die Begabung ersetzt“, und wenn nicht die Auswahl unter besonderer Bevorzugung aristokratischer Geschlechter und zuungunsten 144 bürgerlicher Kandidaten erfolgt. Daß unsere meisten Diplomaten ein Adelsprädikat führen, hängt aber damit zusammen, daß die gesellschaftlichen und finanziellen Voraussetzungen der auswärtigen Vertretung die Auswahl auf den Kreis der Optimaten beschränkt. Ich bin in früheren Zeiten mehrere Jahre Personaldezernent für unsere Diplomatie gewesen, hatte als solcher die Annahme der Anwärter zu bearbeiten und glaube, sagen zu können, daß es nicht so leicht ist, wie man glaubt, Kandidaten zu finden, die allen Anforderungen gerecht werden. Nach dem Stammbaum habe ich nicht gefragt, auch nicht nach dem Vermögen; ganz Unbemittelte meldeten sich nicht. Manche der jungen Herren hatten damals ein sehr bescheidenes Einkommen und es wurde niemand zurückgewiesen, weil an den vorschriftsmäßigen 6000 Mark etwas fehlte. Aber ich sah nach der Tür: Wie kommt er herein? Dann wußte ich ungefähr Bescheid. Aus der folgenden Unterhaltung ergab sich auch bald, wes Geistes Kind er war. Die juristische Vorbildung bildet ohne Zweifel die beste Grundlage für den diplomatischen Nachwuchs, doch kommt es im allgemeinen weniger auf das Examen an als auf den Menschen. Handelspolitische Kenntnisse sind nützlich, wenn auch nicht unbedingt nötig, da die Konsulate und Generalkonsulate auf diesem Gebiete in der Regel alles Erforderliche leisten und bei besonderen Anlässen, wie bei Handelsvertragsverhandlungen, besondere Vertreter der Zentralbehörde erscheinen. Die meisten überseeischen Posten, wo der Handel die wichtigste Rolle spielt, da wir nicht immer das Glück haben, in den dortigen Präsidenten wertvolle Bundesgenossen zu finden, sind überdies gewöhnlich von ehemaligen Generalkonsuln besetzt, die in die Diplomatie übertreten. 10 Lichnowsky I 145 Auch ehemalige Offiziere können ausnahmsweise sich zu guten Diplomaten entwickeln auch ohne akademische Bildung, vorausgesetzt natürlich, daß sie Begabung und Eifer besitzen. Ältere Militärs aber eignen sich wohl nur in seltenen Fällen zum Sprung auf einen höheren diplomatischen Posten; es fehlt ihnen oft die nötige Skepsis, die man sich im Auslande erwirbt, die Fähigkeit, Menschen und Dinge nicht nach einem Schema zu betrachten, die Vielseitigkeit der meisten politischen Fragen und Probleme zu sehen und die „standesgemäße" Begriffswelt ganz zu unterdrücken. Ein Rezept für die Herstellung einwandfreier Diplomaten gibt es nicht und kann es nicht geben. Früher wurde das entscheidende Gewicht auf Beherrschung der französischen Sprache gelegt und Bismarck erzählt, er habe manche unter unseren älteren Gesandten gekannt, „die ohne Verständnis für Politik lediglich durch Sicherheit im Französischen in die höchsten Stellen aufrückten“. Nun, heute denken wir anders und unterschätzen vielleicht die Bedeutung dieses Hilfmittels, das fremde, zum Beispiel österreichische und russische Diplomaten meist besser beherrschen als die unseren. Wissenschaftliche Bildung? Sie ist zweifellos wünschenswert, schon weil ein ungebildeter Diplomat sich Blößen gibt und komisch wirkt. Ich habe aber unter den älteren Herren nicht nur bei uns Männer gekannt, die nach heutigen Begriffen wenig unterrichtet waren, aber durch Takt und Erfahrung, starke Persönlichkeit, soziale Stellung und natürliche Begabung erheblichen Einfluß besaßen. Man kann ein bedeutender Jurist und Volkswirt sein und alles Erdenkliche wissen, ohne Überblick und Geschick zu besitzen und sich zum Diplomaten zu eignen oder gar 146 zum Staatsmann. Die britische Diplomatie, die der unsrigen so überlegen sein soll, stellt jedenfalls keine höheren wissenschaftlichen Anforderungen. Es wird dort über Oberflächlichkeit und Unwissenheit noch mehr geklagt, wie hier, und ich las vor einiger Zeit in einer englischen Zeitung, daß ein höherer Diplomat ganz erstaunt war, als er vernahm, daß Galizien nicht zu Ungarn gehört, sondern zu Österreich. Als die Türkei den Krieg erklärte, wollten die Angriffe gegen die britische Diplomatie nicht verstummen, die naiv und ahnungslos sei, die unsere hingegen verschlagen und rührig. Vermögen? Es heißt: Die Gehälter müssen aufgebessert werden, damit ohne Rücksicht auf Privatvermögen nur ,,der Tüchtigste“ Verwendung findet. Wer ist der Tüchtigste? Der das beste Examen macht? Sollen die diplomatischen Gehälter, die z. B. im Vergleich zu den britischen nicht glänzend sind, in ein noch größeres Mißverhältnis zu dem sparsam bemessenen Einkommen unserer übrigen Beamten geraten? Kann man einen Botschafter, der kein Vermögen, aber viel Kinder besitzt, davon abhalten, die Hälfte seines Gehalts für seine Familie zurückzulegen, statt es für Repräsentation auszugeben? Muß nicht gerade der Diplomat eine gewisse Unabhängigkeit besitzen, um stets in der Lage zu sein, seinem Gewissen entsprechend zu handeln, statt für seinen Posten zu zittern, der ihm jederzeit und ohne Angabe des Grundes genommen werden kann? Entsendet nicht gerade das demokratische Amerika vorzugsweise reiche Leute als Botschafter, um den Repräsentationspflichten, deren Bedeutung man nicht unterschätzt, zu genügen? Trotzdem will ich nicht leugnen, daß die Gehälter vielfach ganz ungenügend sind und dringend einer Aufbesserung bedürfen auch schon wegen der heutigen Valuta, die sich wohl kaum sobald bessern dürfte. Das Gesandtengehalt beträgt z. B. an gewissen Posten 30 000 Mark, an manchen weniger, selten viel mehr. Davon muß der Gesandte, falls kein staatliches Gebäude vorhanden, für eine würdige Unterkunft etwa 18 000 Mark zahlen. Von dem Rest gehen noch Steuern ab und Geschäftsträgerzulage für den Urlaub. Wie soll das übrige genügen für alle Anforderungen des Lebens? Ist er verheiratet, so kann er sich der Verpflichtung, die an ihn ergangenen Einladungen zu erwidern, erst recht nicht entziehen. Die Toiletten der Gattin verschlingen beinahe schon die übriggebliebene Summe! Die österreichisch-ungarische Diplomatie ist keineswegs eine der schlechtesten und ihre Mitglieder haben meist trotz politischer Wirrnisse eine gute persönliche Stellung, weil sie gewöhnlich Familien angehören, bei denen, wie Bismarck sich ausdrückt, „größere Assurance in höfischen Kreisen und der größere Mangel an Blödigkeit“ ein Produkt der Erziehung ist. Zum guten Diplomaten gehört neben reichlicher Vorbildung und einigermaßen gesicherter materieller Grundlage vor allem Takt, gesellschaftliche Kultur, natürlicher Blick für Menschen und Dinge, gesunder Menschenverstand, die Fähigkeit, sich beliebt zu machen und fremden Verhältnissen sich anzupassen, Verständnis für den Standpunkt anderer und namentlich für wichtige Posten: politische Urteilskraft. Diese Dinge liegen jenseits aller Reglements für die Vorbildung unserer Diplomaten und aller lobenswerten Reichstagsreden über die Reorganisation der Diplomatie. „Freie Bahn für den Tüchtigen“ ist gewiß ein empfehlenswerter Leitsatz, er hat aber keinen größeren Wert als die üblichen Wappensprüche, die 148 sich jeder nach seiner Fa<;on auslegt, etwa wie jedes Volk dem lieben Gott seine eigene Gestalt gibt. Nach Ansicht gewisser Barden wäre derjenige der Tüchtigste, welcher bei fremden Ministern den eigenen Standpunkt durch kraftvolle Betonung des seinigen „vertritt“ etwa nach Art älterer Kollegen, die gewohnheitsmäßig Ballsoupers und ähnliche Veranstaltungen benützten, um, wenn auch mit anderen Absichten, diese Turnübung nach beiden Seiten zugleich zu praktizieren. Ancillon und mit ihm Bismarck wünschten bekanntlich europäischen Firnis, der doch darin bestehen soll, daß man vermeidet, Anstoß zu erregen. Ich will nicht behaupten, daß alle unsere Diplomaten den berechtigten Anforderungen entsprächen. Gewiß nicht, nur sind sie sicherlich nicht alle unfähig, wie oft behauptet wird, und im ganzen gewiß nicht schlechter, als die anderer Länder. Hingegen glaube ich, daß die auffallenden Mißgriffe, die in Personalfragen begangen wurden, mehr auf bureau- kratische als auf höfische Einflüsse zurückzuführen waren. Man verwechselt oft Diplomatie im Sinne der auswärtigen Politik mit dem auswärtigen Personal. Ein Diplomat ist nur Organ und Vertreter; er kann nur berichten, seine Wahrnehmungen weitergeben, er kann raten und warnen. Hört man nicht auf ihn und mißachtet seine Ansichten, so ist er machtlos und es ist ungerecht, ihn für Ereignisse verantwortlich zu machen, die er richtig voraussagt und gesehen. Aber selbst, wenn er sich irrt, und auch das soll sich im entscheidenden Moment ereignet haben, so trifft nicht ihn so sehr ein Vorwurf, als diejenigen, die eine Persönlichkeit, über deren Unzulänglichkeit längst niemand im Zweifel war, an wichtiger Stelle beließen. Sind denn etwa alle Ärzte empfehlenswert oder alle Künstler, Landwirte oder alle ehrsamen Schuhmachermeister? Nur bleibt es jedem überlassen, diese nach eigenen Erfahrungen oder Ansichten zu beurteilen, während die Obrigkeit Beamte, die den Anforderungen nicht genügen, zu entfernen hat. Unfähige Botschafter haben freilich auch ihre Vorzüge. Sie sind bequem. Sie berichten nur so, wie man es gerne liest, haben nie eine eigene Meinung und namentlich erblickt man in ihnen keine persönliche Gefahr! Sie werden daher und mit Recht ganz besonders geschätzt! Ein fähiger und geeigneter Vertreter kann außerordentlich nützlich sein, vorausgesetzt, daß es ihm gelingt, das Vertrauen der maßgebenden Kreise des fremden Landes zu erwerben und sich Sympathien zu verschaffen. Nur muß er die Unterstützung seiner Regierung finden; wird ihm aber aus anderen Motiven entgegengewirkt, so ist seine Tätigkeit wertlos und er ist nichts weiter als ein vornehmer Privatmann, der Diners gibt für des Reiches Herrlichkeit. II Auswärtige Politik ist Liebe und Haß für nationalistische Schwärmer, Tradition und Satisfaktion für ignorante Romantiker, Treue und Verrat für naive Philister, Aktensport für krausköpfige Berater, amüsanter Zeitvertreib für gelangweilte Höfe, ihre Karriere für viele Diplomaten, für ungeduldige Generale der Weg zum Ruhme und für deutsche Gelehrte eine terra incognita. In Wahrheit die Geschäfte der eigenen Firma mit fremden Firmen. Auch als Kunst mag sie gelten, wenn sie mit Erfolg neue eigene Bahnen betritt und eine Idee, aber keinen Irrtum verkörpert. Alsdann verrät sie den Unterschied 150 zwischen Staatskunst und bureaukratischer oder diplomatischer Routine und Mittelmäßigkeit. Auch zur Zeit Bismarcks waren die Botschafter und Gesandten nicht lauter Leuchten. Wenn wir von Hohenlohe, Schweinitz, Hatzfeldt und etwa noch Arnim und Radowitz absehen, so überragen nur wenige noch das Durchschnittsmaß brauchbarer Vertreter. Ich enthalte mich absichtlich aller persönlichen Bemerkungen, wenn ich aber sachlich sein will, so muß ich mich fragen: Liegt nicht die Schuld im System? Das System setzt alles auf eine Karte, es spielt sozusagen auf das große Los! Die Geschicke der Nation liegen in der Hand eines Beamten, der doch nur in seltenen Fällen einer solchen Aufgabe gewachsen ist. ,,The one man System", wie die Engländer es nennen. Während bei ihnen jede Frage von Belang erst vor das Kabinett gebracht wird, einem aus etwa 20 Mitgliedern bestehenden Kollegium, das wiederum mit der parlamentarischen Mehrheit in dauernder Fühlung bleibt und in wichtigen Fragen der auswärtigen Politik auch mit der Opposition, liegt bei uns alles in der Hand eines Ministers, der sich von unverantwortlichen, meist ungeeigneten oder auch absonderlichen Untergebenen beraten läßt. Gewiß hat er die Befehle des Monarchen einzuholen, und dieser fällt die letzte Entscheidung. Bei vielseitiger Inanspruchnahme und mannigfaltigen Interessen fehlt dem Souverän aber die Möglichkeit, alle Fragen zu ergründen und zu beherrschen. Er ist im wesentlichen auf den Vortrag angewiesen, der ihm gehalten wird, und zwar um so mehr, da der Minister ja auch die Verantwortung zu tragen hat und nicht der Monarch. Fällt die Entscheidung in einer wichtigen Frage gegen den Vortrag aus, so weiß ersterer, was er zu tun hat. Trotz gelegentlicher temperamentvoller Kundgebungen enthält sich der Monarch viel mehr, als man gewöhnlich annimmt, autokratischer Eingriffe und es ist mir aus der Zeit, wo ich im Auswärtigen Amt Vortragender Rat war, und auch seither kein Fall, weder in der auswärtigen Politik noch bei Besetzung wichtiger Stellen im Reichsdienst bekanntgeworden, wo nicht die Entscheidung auf Grundlage ministerieller Vorschläge gefallen wäre. Wird dieses System, das System der individualisierten Verantwortlichkeit, der Beamtengewalt nach dem Kriege noch haltbar sein? Muß der monarchische Gedanke zu Schaden kommen, wenn die Verantwortung auf breiterer Basis ruht, wenn an Stelle des einzelnen ein Kollegium tritt und wenn dieses Kollegium wiederum, ohne daß es aus Mitgliedern des Parlaments zu bestehen braucht, mit der Volksvertretung, den Mehrheitsparteien, in engerer Fühlung, in organischem Zusammenhänge sich befindet? Werden Fragen, die das Schicksal der Nation entscheiden, noch weiter bureaukratisch-patriarchalisch bestimmt werden, ohne daß das Prinzip der Selbstverwaltung auch auf die Geschäfte des Staates und des Reiches übertragen und der Nation ein erweitertes Selbstbestimmungsrecht eingeräumt wird? Der Geist „wahrer Demokratie" wird sicherlich auch bei uns einziehen, man mag dies nun für ein Glück halten oder nicht. Das ist Ansichts- und Geschmacksache, aber die notwendige Folge der gewaltigen Ereignisse, die wir seit drei Jahren erleben. Es wird in Zukunft nicht mehr angehen, Verträge zu schließen oder zu erneuern, die die Nation in einen Krieg verwickeln können, ebensowenig aber be- stehenden eine entsprechende Auslegung zu geben ohne Zustimmung der Volksvertretung. Auch die Absendung eines Ultimatums oder einer Kriegserklärung wird ohne vorherige Befragung des Parlaments nicht erfolgen können. Wenn wir in einer Zeit wachsender Demokratisierung und Republikanisierung der Völker die Monarchie ungeschädigt erhalten wollen, so muß sie entlastet werden, sonst läuft die Krone Gefahr, noch mehr als bisher der Kritik ausgesetzt und unter Umständen für Mißgriffe und oder gar für Mißerfolge belastet zu werden, an denen sie keine Schuld trägt. Die Mitarbeit und Mitverantwortlichkeit der Volksvertretung wird eine Erweiterung erfahren, man mag' über Parlamentarier und deren staatsmännische Fähigkeiten denken, wie man will. Den Beamtenstaat, das Autoritätsregime Bismarckscher Prägung werden wir nicht Wiedersehen, die Zeit der Vormundschaftsregierungen ist vorbei wie die der Theokratien, und das Recht, „Ja” zu sagen und „Hoch" zu rufen vollendeten Tatsachen gegenüber, wird in Zukunft dem Volke nicht mehr genügen. Der Krieg mag noch so günstig ausgehen, wie wir alle hoffen, das Ergebnis wird niemals den gebrachten Opfern entsprechen, selbst wenn wir fremde Gebiete erobern und unterjochen und damit den Keim zu neuen Kriegen legen. Natürlich entwickeln gerade diejenigen, die vor dem Kriege den Gedanken an Verständigung verhöhnten und den Präventivkrieg predigten, heute den wildesten Appetit und schreien am lautesten nach „Garantien". Staatsrechtliche Bedenken werden dem demokratischen Ausbau des Reichsgedankens auf die Dauer nicht wirksam begegnen können. Ich verkenne durchaus nicht die Vorzüge bundesstaatlicher Verfassung 153 und wünsche sie soweit als möglich erhalten zu sehen. Die Bedeutung des Reiches als Träger der wichtigsten Interessen der Nation ist aber im Laufe der Jahre gewachsen, seine Zuständigkeit hat sich erweitert, es hat sich wie jeder andere „Konzern" entwickelt und ausgestaltet. Dieser Prozeß konnte nur unter Preisgabe gewisser Rechte der Einzelstaaten erfolgen. Das Reich ist heute etwas anderes als ein „ewiger Bund" souveräner Staaten. Nichts bleibt stehen, nävra gei und es mußte so kommen, falls nicht eine rückläufige Bewegung eintrat, die zur Auflösung führt. Die Einzelstaaten werden genötigt sein, zugunsten des Ganzen weitere Opfer zu bringen, wie auch jeder einzelne Bürger. Auch hier gibt es kein starres Festhalten an den bestehenden Rechten und Verhältnissen, die eben den neuen Erfordernissen anzupassen sind. Wenn Bismarck heute so oft zitiert wird, um zu beweisen, daß an der Reichs Verfassung nichts geändert werden darf, so ließen sich auch nach anderer Richtung Zitate des großen Staatsmannes ausfindig machen, die mindestens ebenso lehrreich wären, die aber vorläufig besser unerwähnt bleiben. An einen Krieg gegen nahezu alle übrigen Planetenbewohner hat er wohl nicht gedacht, als er die Verfassung schuf, und diese auch nicht für alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen eines mehrjährigen Kampfes berechnet. Übrigens ist die Frage recht heikel, weshalb eigentlich Bayern und Thüringer, Oldenburger und Lipper eine größere Berechtigung haben für staatliches Sonderleben und Berücksichtigung der „Stammesart" als Hannoveraner, Schleswig-Holsteiner und Hessen- Nassauer? Was bei dem einen als Tugend gilt, gilt bei dem anderen als Laster. Der große Kanzler, auf den man sich so gern beruft, hat nicht vor legitimi- stischen und sentimentalen Erwägungen haltgemacht, .f V- nicht vor prinzipiellen, sondern vor praktischen Rücksichten. Die Forderungen des Augenblicks halfen ihm über alle Bedenken, die die Scheu, am Bestehenden zu rühren, damals vielleicht noch mehr als heute in den Weg stellte. Die Macht der Gewohnheit und weitverzweigte persönliche Interessen, die sich an das Hergebrachte knüpfen und durch jede Umgestaltung grausam zerrissen werden, bildeten von jeher das Haupthindernis für notwendige Wandlungen. Der Krieg nun und namentlich die neuen Schulden, deren Höhe sich vorläufig wohl noch ebensowenig übersehen läßt wie ihre Verzinsung und Tilgung, haben die Zentralisierung gefördert, eine neue Lage, neue Aufgaben und Probleme erstehen lassen, deren Bedeutung alle anderen Rücksichten erdrücken wird, zu deren Bewältigung die bisherigen Grundlagen unseres öffentlichen Lebens nicht mehr ausreichen. Schon heute ist das Reich im Pfandbesitz von etwa einem Drittel unseres ganzen Nationalvermögens. Und Besitz bedeutet Macht, und wirtschaftliche Fragen haben von jeher den Ausschlag gegeben im Leben des Volkes. — Vielleicht gehen wir dann auch einer Demokratisierung der Diplomatie entgegen. Wird es ihr zum Vorteil gereichen? Oder wird sie gar ganz abgeschafft? Einstweilen aber würde ich einem jungen Freunde sagen, der alles Erforderliche besäße, nur keine irdischen Glücksgüter: „Werde was du willst, nur nicht Diplomat; das ist nicht der Weg, der zu gesicherter, unabhängiger Lebensstellung führt. Man muß sie mitbringen!" 155 DIE WURZELN DER KATASTROPHE BETRACHTUNGEN ÜBER DIE DENKWÜRDIGKEITEN DES BOTSCHAFTERS GENERAL VON SCHWEINITZ, ZUGLEICH EINE KRITIK AN BISMARCKS AUSWÄRTIGER POLITIK I er die kürzlich erschienenen Denkwürdigkeiten Wdes Botschafters General v, Schweinitz aufmerksam liest, muß zu der Überzeugung gelangen, daß dieser Mann, der von 1876—92 Botschafter in St, Petersburg und vorher Gesandter und Botschafter in Wien, beziehungsweise Militärbevollmächtigter am russischen Hofe war, ein Memoirenwerk von ungewöhnlicher Bedeutung, eine Geschichtsquelle ersten Ranges hinterlassen hat. Wenn die Lektüre beendet ist, bedauert man, daß dieser Diplomat nicht der Nachfolger Bismarcks wurde. Man bedauert auch, daß es nicht noch einen dritten Band gibt. Dieses Bedauern steigert sich, wenn man vernimmt, daß die große Fülle des hinterlassenen Materials aus technischen Gründen bedeutende Kürzungen erheischte, um einen dritten Band zu verhindern. Ich habe nie die Ehre gehabt, dem General von Schweinitz persönlich näherzutreten, er galt aber schon in meiner Jugend als der bedeutendste Botschafter der Ära Bismarcks. Seine Denkwürdigkeiten rechtfertigen diesen Ruf, und ich glaube nicht, daß die Erinnerungen irgendeines anderen unserer Diplomaten, es sei denn die „Gedanken und Erinnerungen“, sich mit den vorliegenden vergleichen ließen. Man fühlt die Nähe eines großen und edlen Mannes, und wir wissen, daß auch damals beide Eigenschaften nicht immer vereinigt waren! Der ungewöhnliche Wert des Werkes liegt aber namentlich in der mutigen und schonungslosen Darlegung gewisser Irrtümer, die schließlich zur großen Katastrophe geführt haben, die wir erlebten, und in der freimütigen Kritik der Mißgriffe des ersten Kanzlers, den General v. Schweinitz wie kaum ein anderer verehrte, und dessen Wohlwollen er hauptsächlich seinen Aufstieg zu verdanken hatte. Wenn heute das Dogma von der außenpolitischen Unfehlbarkeit des Meisters zu dem Glaubensbekenntnis gewisser Kreise gehört, und wenn häufig jeder Zweifel daran als eine Verletzung nationaler Pietät betrachtet wird, so zeigen doch die vorliegenden freimütigen Darlegungen, daß die Wurzeln der Katastrophe bis auf jenes Zeitalter zurückreichen, in dem die Entfremdung mit Rußland, die schließlich zum Weltkrieg geführt hat, und vor der Herr von Schweinitz dauernd warnte, bereits ihren Anfang nahm. Schweinitz begriff vollkommen, daß die Anlehnung an Rußland die wichtigste Grundlage unserer Großmachtstellung war, er wußte, daß die Erhaltung des zaristischen Systems, es mochte sein, wie es wollte, unseren Interessen entsprach, er sah auch, daß die ebenso undankbare wie schikanöse Haltung des Diktators in den 70er und 80er Jahren zu einer gefährlichen Spannung führte, — er verstand aber nicht, daß wir zwischen Rußland und Österreich optieren mußten, und daß ein Zusammengehen mit beiden unmöglich war. Seine streng konservativ-legitimisti- sche Einstellung führte ihn zu einer Überschätzung des 157 ISST s?:M? j Wertes des Habsburgerreiches, dessen Anachronismus er nicht fühlte, da er in ihm eine wichtige Stütze des monarchischen Prinzips erblickte. Herr v. Schweinitz hat jedenfalls gezeigt, daß patriotische Gesinnung, an der niemand bei ihm zweifelt, mit mutiger Meinungsäußerung sehr wohl vereinbar ist, und daß die Vaterlandsliebe nicht notwendigerweise einen Diplomaten dazu verpflichtet, alles gut zu heißen und zu verteidigen, was die hohe Obrigkeit veranlaßt und verschuldet! Der Schwerpunkt seiner Ausführungen liegt jedenfalls in seiner Petersburger Botschafterzeit. Sehr anmutig schildert zunächst der Verfasser, der im Jahre 1822 auf dem schlesischen Gute seines Vaters geboren wurde, die damaligen ländlichen Verhältnisse und seine Jugend. Man sieht, wie die damaligen Gutsbesitzer nach den Befreiungskriegen, ganz ähnlich wie die heutigen, unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu leiden hatten. Drollig, erscheint es ferner, wenn er erzählt, daß zwar ein Theologe Hauslehrer war, daß er aber niemals jemanden im Hause habe beten sehen, und daß er als Kind nie in die Kirche geschickt wurde. Dann kam die Potsdamer Zeit beim Ersten Garderegiment zu Fuß. Wir blicken in das Hauptquartier jener Kaste, die im alten Staate eine so einflußreiche Stellung einnahm, deren Anschauungen auf die meisten anderen Stände Übergriffen, ein Organismus, der einen Staat im Staate bildete, die Politik leider auch beeinflußte und bei Hofe maßgebend war, der Großes geleistet, aber auch manches verschuldet hat, der bedeutende Männer hervorbrachte, aber einen etwas mittelalterlichen Wertmesser für das gesamte staatliche und bürgerliche Leben schuf. Sechsundzwanzig Friedensjahre werden als eine Last einp- 158 funden, weil das Avancement dadurch litt und der Krieg die einzige Möglichkeit bot zu rascher Karriere. Der Verfasser schildert sehr anschaulich den Thronwechsel 1840 mit den unausbleiblichen Uniformwechseln, die dann folgten, er schildert die Vorbereitungen für „die große Epoche, welche uns durch die Stadien der Enttäuschung und Erniedrigung, durch ernste Arbeit und blutigen Kampf zu der Höhe geführt hat, auf welcher wir unter dem großen Kaiser Wilhelm standen." Aus seinen Zeilen spricht der „Potsdamer Geist", der die Autokratie zur Voraussetzung hat, und dessen Bismarck sich bediente für seine politischen Zwecke, der aber auch leider nachher im Reiche übermäßigen Ausdruck fand. War nicht der große Staatsmann selbst bis zu einem gewissen Grade eine Verkörperung des „Potsdamer Geistes", der auf junkerlich-militärischen Voraussetzungen beruhte? In welchem anderen Lande würde wohl ein Staatsmann, der niemals Heerführer war, als Kürassier sich zeigen und als solcher in einem auf dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht beruhenden Reichstag erscheinen? Kann man sich ein Denkmal Cavours oder Gortschakows oder gar Dis- raelis als Kürassier vorstellen? Hat es nicht etwas Groteskes, wenn ein Botschafter oder Minister als Husarenleutnant oder Rittmeister einherstiefelt und die Ziviluniform verschmäht, die allerdings mehr durch Handarbeit glänzte als durch guten Geschmack? „Unsere Begeisterung für das legitime Königstum war so tief und fest begründet, daß wir jeder nationalen Erscheinung, die damit im Widerspruch stand, also vor allem der deutschen, auf Einheit gerichteten, mit Haß und Verachtung gegenüb erstanden.“ Die Frankfurter Jahre (1854 bis 1857) als Adjutant des Generals Grafen Waldersee brachten Schweinitz zuerst in intimere Fühlung mit Bismarck, und man kann sagen, daß sie der Ausgangspunkt seiner späteren glänzenden Laufbahn waren. Hier erweitern sich seine Interessen, bisher überwiegend militärische, in der Richtung der großen Politik. Er wurde zum Schüler Bismarcks, dessen Absichten er später an wichtigen Stellen zu vertreten hatte, den er stets bewunderte, aber keineswegs immer zustimmend beurteilte. Schweinitz war sodann einige Jahre Adjutant beim späteren Kronprinzen. Er bestätigt, daß wir 1859 im Mai und Juni uns zum Kriege gerüstet hatten, da der Entschluß des Prinzregenten feststand, den Österreichern zu Hilfe zu kommen, sobald Napoleon den Mincio überschritt. Also die italienische Einheit sollte damals ebenso verhindert werden, wie später die serbische! Während Bismarck, damals Gesandter in Petersburg, und auch einige Diplomaten liberaler Richtung sich gegen die Unterstützung Österreichs aus- sprachen, schrieb Moltke Denkschriften, die auch den Botschafter Schweinitz von der Notwendigkeit überzeugten, daß die Mincio-Linie in den Händen Österreichs bleiben müsse. Es klingt heute merkwürdig, aber aus der reaktionären Einstellung der damaligen Zeit verständlich, wenn Schweinitz hinzufügt: „Wenn wir damals im Verein mit Deutschland und Österreich das Napoleonische Kaisertum niedergeworfen hätten, so würden wir eine erträgliche Stellung in Deutschland erlangt haben; freilich keine Suprematie wie jetzt, aber auch kein allgemeines Stimmrecht, keinen kirchlichen Kampf und keine Verwirrung aller Begriffe von Sittlichkeit und Recht." Bismarck erkannte damals, was er leider später vergaß, daß die eigentliche Gefahr nicht in Paris, sondern in Wien zu suchen war. 160 Im Jahre 1861 wurde Schweinitz Militärattache in Wien. Hier erlag er ganz dem Zauber des Wiener Lebens und der vornehmen eleganten Gesellschaft, der aristokratischen Generale, der großen Familien, welche eine Stellung einnahmen, die mit den bescheidenen Berliner Verhältnissen keinen Vergleich zuließ. Der ausgesprochen feudale Charakter des damaligen Österreich entsprach seinem konservativen Geschmack und begründete eine auch in späteren Jahren sich geltend machende Überschätzung dieses Staatswesens. „Denn ich war fest in dem Glauben, daß nur durch aufrichtiges Einverständnis mit Österreich der Kampf gegen die Revolution und die unabweisbare Reform der Bundesverfassung zu gutem Ende geführt werden könnten.“ Aus Rücksicht auf die Empfindlichkeiten des Wiener Hofes und aus Abneigung gegen das revolutionäre Italien war er gegen einen Besuch des Kronprinzen am Turiner Hofe und wußte bei der italienischen Reise des Kronprinzen, den er begleitete, jede Berührung mit dem italienischen Königshause zu verhindern. Dann sehen wir Schweinitz wieder als Adjutant beim Kronprinzen von 1863 bis 1865. Als das Kronprinzliche Paar auf einer Reise durch die Altmark Schönhausen berührte, erwartete sie Bismarck zu Pferde an der Grenze seines Gutes. „Der Kronprinz war kühl, aber höflich, während die Prinzessin den Gruß des Ministerpräsidenten kaum erwiderte und immer nach der anderen Seite hinsah, als er neben dem Wagen einhertrabte.“ Mit seiner Ernennung zum Militärbevollmächtigten in Petersburg, einer Stellung, die er von 1865 bis 1869 innehatte, und die ihn in dauernde Fühlung mit dem Zaren brachte, beginnt die .eigentliche politische Laufbahn des späteren Botschafters. 11 Lichnowsky I 161 Bemerkenswert sind seine Äußerungen über die damalige Haltung Alexanders II. und deren Motive: „Unser Verhältnis zu Rußland im Jahre 1865 war im ganzen ein gutes, trotz unserer nationalen Bestrebungen, welche in der schleswig-holsteinschen Frage Kraft und Ernst gezeigt hatten. Glücklicherweise teilte Kaiser Alexander die allgemeine Meinung, welche in Herrn v. Bismarck den Hort des Konservatismus erblickte und von ihm glaubte, daß, wenn er die Waffen der Revolution selbst in die Hand nahm, dies nur geschehe, um sie zu zerbrechen, nicht aber um sie gegen die deutschen Fürsten zu gebrauchen.“ Ferner lesen wir: „Die Hauptsache, welche zu unseren Gunsten entschied, war freilich anderswo zu suchen, nämlich in der tiefen Verstimmung, welche zwischen Frankreich und England einerseits und Rußland andererseits nach der polnischen Insurrektion eingetreten war.“ Glänzend sind auch folgende Ausführungen: „Wenn nun jene Stimmung, welche der Austausch von Höflichkeiten beim Pariser Kongreß und in Stuttgart genährt hatte, zur Zeit des Dänischen Krieges noch fortgedauert hätte, so wäre die Lostrennung der Herzogtümer unmöglich gewesen; aber der polnische Aufstand hatte die ganze Situation verändert, und Bismarck hatte dies augenblicklich verstanden und gründlich ausgenutzt. Kaum war nämlich die Insurrektion ausgebrochen, als der preußiche Ministerpräsident mitten im heftigsten Kampf gegen die Opposition im eigenen Lande offen Partei für Rußland ergriff; ungebeten, ja fast gegen den Wunsch der Petersburger Regierung und mehr noch der Warschauer Statthalterschaft drang ihnen Bismarck unsere guten Dienste auf. Die ziemlich ungeschickt gemachte, vom Generaladjutanten Alvensleben abgeschlossene Konvention 162 vom 8. Februar 1863 wurde in Rußland und bei uns, selbst von den Konservativen, getadelt, und zwar so heftig, daß sie halb und halb verleugnet werden mußte; in Paris und London rief sie einen Sturm hervor; in Wien machte man sich über sie lustig. Bismarck aber wußte sehr wohl, was er tat, und, abgesehen von jener nicht glücklichen Form des Abkommens, ist dieses als ein Meisterstück des großen Politikers zu bewundern." An einer anderen Stelle: „Am Nachmittage jenes 15, Februar 1763, in dessen Frühe der Hubertusburger Friede unterzeichnet wurde, schrieb Friedrich der Große an Katharina II. und bot ihr seine Dienste in den Wirren an, welche die bevorstehende polnische Königswahl in Aussicht stellte. Mit diesem denkwürdigen Tage begann die Gemeinsamkeit der preußisch-russischen Interessen im Weichsellande und infolgedessen ihre Solidarität in den meisten europäischen Fragen." Als der Krieg gegen Österreich sich vorbereitete und Bismarck dazu entschlossen war, betrachtete Alexander II. diesen Kampf als ein Unglück. Er hatte sich noch nicht von den Überlieferungen der Heiligen Allianz freigemacht, und wie sein Vater den Österreichern zum Schutze der Legitimität gegen das revolutionäre Ungarn Hilfe leistete, so sah auch Alexander in der Revolution den gemeinsamen Feind, der aus einem solchen Kriege nur Vorteile ziehen würde. Der national-orthodoxe Gedanke, der später unter Moskauer Einflüssen zu einem wachsenden Gegensatz zu Österreich führte, wich damals noch in Petersburg dem legitimistischen Solidaritätsgefühl der Dynastien. In St. Petersburg hatte Schweinitz seinen ersten diplomatischen Erfolg. An der Seite eines schwachen Gesandten, der wegen seiner Austrophilie von Bismarck völlig unorientiert blieb, fiel dem damaligen 11 * 163 Oberstleutnant die Aufgabe zu, die Berliner Politik bei Alexander zu vertreten und ihm von jedem natürlich höchst unerwünschten Druck auf Berlin abzuhalten. „Ich sehe jetzt mit hoher Befriedigung auf jene schwere Zeit zurück, in welcher ich mit mehr Festigkeit als man in Petersburg bei den Vertretern Preußens zu finden gewohnt war, den Standpunkt meiner Regierung verteidigte." Tatsächlich gelang es ihm trotz mächtiger Gegenwirkungen namentlich von seiten der deutschen fürstlichen Verwandtschaft, eine Einmischung des Zaren zu verhindern. Ihm hatte es Bismarck mit zu verdanken, daß er seine größte staatsmännische Tat, die Lösung der deutschen Frage im kleindeutschen Sinne, ungehindert ausführen konnte. Bemerkenswert ist auch, was Schweinitz über die Stimmung Alexanders II. gegen Napoleon III. sagt: „Das Vorgehen Napoleons in der polnischen Sache hatte ihm bald darauf dem Kaiser von Rußland für immer entfremdet, und letzterer hat seitdem bis zum Tage von Sedan in seiner Ansicht über jenen Aven- turier nicht einen Augenblick geschwankt." Seine eigene damalige Lage und die Schwierigkeiten, denen er gegenüberstand, charakterisiert Schweinitz durch folgende Worte: „Ohne jede Instruktion von meinem Hofe, ohne eine Zeile von Bismarck, ohne Kenntnis von unserer Politik, mußte ich diese einem mächtigen Selbstherrscher gegenüber verteidigen, der von seiner Gemahlin, von seiner Schwester und von einer Schar deutscher fürstlicher Verwandten ununterbrochen gegen uns gereizt wurde. Unser Gesandter verhielt sich passiv, der Vizekanzler war gegen uns, ebenso die russischen Gesandten in 164 Berlin und Paris; nur einen Bundesgenossen hatte ich, einen mächtigen, im Herzen jenes edlen Monarchen, welcher auf dem siebenten Teil der Erdoberfläche unumschränkt gebot. Seine Pietät für das Andenken seiner Mutter, die Erinnerung an seine Kindheit und Jugend, die so innig mit preußischen Dingen verknüpft waren, und sein bewundernswertes Verständnis für die Tugenden unseres Heeres erwiesen sich stärker als alle feindlichen Einflüsterungen und wie die wohlbegründeten Mahnungen politischer Ratgeber.“ Mit dem im Jahre 1867 eingetretenen Gesandtenwechsel, wobei Graf Roedern von Prinz Reuß abgelöst wurde, hörte die anormale politische Rolle des Verfassers auf. Von 1869 bis 1876 war Schweinitz Gesandter beziehungsweise Botschafter in Wien. Zuerst ward ihm ein überaus kühler Empfang zuteil, da bei Hof und in der Gesellschaft das Jahr 1866 noch zu frisch in der Erinnerung stand. Noch über das unselige Bündnis hinaus dauerte bekanntlich die Abneigung der leitenden Wiener Kreise gegen alles „Preußische", der freilich andererseits die in bürgerlichen Kreisen heimische, nationale, auf Annäherung und sogar auf Anschluß gerichtete Bewegung allmählich entgegen wuchs. Erst unter Wilhelm II., der sich einer gewissen Beliebtheit in Wien erfreute, wurden Hof und Gesellschaft uns freundlicher gestimmt. Als der Krieg mit Frankreich unvermeidlich wurde, erklärte Graf Beust, daß Österreich neutral bleiben wolle. Schweinitz hatte aber guten Grund, an der Aufrichtigkeit dieser Äußerung zu zweifeln. Erst als Beust sich davon überzeugt hatte, daß Graf Bray, der bayrische Ministerpräsident, und die übrigen Süddeutschen nicht gegen Preußen Stellung nehmen würden, war die Gefahr einer sofortigen Unter- 165 Stützung Frankreichs beseitigt. Trotzdem berichtet Schweinitz, daß der Kaiser, Erzherzog Albrecht und der Kriegsminister schnelle Erfolge der Franzosen herbeisehnten, um dann loszubrechen. Wieviel wir damals der Haltung Alexanders II. zu verdanken hatten, geht aus der Bemerkung hervor, daß, früher als alle anderen, Graf Beust verstand, wessen sich Österreich von Rußland zu gewärtigen hätte, sobald es Anstalten zur Teilnahme am Kriege machte. „Graf Beust aber wußte, auch ohne Choteks*) Berichte und ohne Andeutung von mir, daß Rußland nicht untätig bleiben würde, wenn Österreich sich rührt e." — „Ich meinerseits habe in Wien während des ganzen Krieges nie ein Wort davon gesagt, daß wir das Versprechen des Zaren besaßen, er werde dreimalhunderttausend Mann an die Grenze rücken lassen, wenn Österreich sich am Kriege beteilige.“ Sehr betroffen ist Schweinitz durch das Telegramm, das Wilhelm I. an Alexander II. nach dem Präliminarfrieden von Bordeaux gerichtet hat: „So stehen wir am Ende eines glorreichen aber blutigen Krieges, der uns durch beispielslose Frivolität aufgedrungen worden ist. Nie wird Preußen vergessen, daß es Ihnen verdankt, daß der Krieg nicht äußerste Dimensionen angenommen hat. Gott segne Sie dafür! Ihr fürs Leben dankbarer Wilhelm.“ Er fügt hinzu: „Also nur der russischen Drohung, nicht dem Wiener Bürgersinn, nicht der deutschen Gesinnung und der Weisheit des Grafen Beust (!), nicht dem magyarischen Einfluß verdanken wir die Neutralität Österreich-Ungarns!“ Von der Dankbarkeit gegen Rußland ist später allerdings wenig mehr zu spüren gewesen, wenn auch *) Österreichisch-ungarischer Botschafter in St Petersburg. bei Wilhelm I., so doch leider keinesfalls bei seinem Minister. Die ersten Anzeichen einer Verstimmung zwischen Berlin und Petersburg zeigten sich im Jahre 1874 anläßlich der Amtsernennung Serranos als Präsidenten der spanischen Republik. Hierüber schreibt Schweinitz: „Dann aber schrieb ich dem Fürsten, daß ich, nachdem er mich seit 20 Jahren mit Wohlwollen erfreut und meine Karriere befördert habe, es ihm schuldig sei, offen zu gestehen, daß ich bedauern würde, wenn Rußland, ohne dessen Freundschaft wir die nationale Politik 1866 und 1870 nicht hätten durchführen können, jetzt Serranos wegen beleidigt würde. Kaiser Alexander war indigniert, außer sich und mehr geneigt, dem Fürsten Gortschakow Gehör zu schenken, wenn dieser das ohnehin zunehmende Mißtrauen gegen Fürst Bismarck zu steigern suchte.“ Über die berühmte „Krieg in Sicht"-Affäre, die den eigentlichen Ausgangspunkt unserer Entfremdung mit Rußland bildet, welche schließlich zum Weltkriege geführt hat, schreibt Schweinitz: „Am 10. Mai war Kaiser Alexander auf der Reise nach Ems durch Berlin gekommen. Einige unvorsichtige Äußerungen des Herrn v. Radowitz und der berüchtigte „Krieg in Sicht?“-Artikel der „Post" gaben dem Fürsten Gortschakow Gelegenheit, die Rolle des Friedensstifters zu spielen. Er telegraphierte an verschiedene Gesandtschaften, daß jetzt jede Kriegsgefahr beseitigt sei, und bald wurde in Frankreich verkündigt, daß Kaiser Alexanders Machtwort den Fürsten Bismarck verhindert habe, über Frankreich herzufallen. Der Kaiser Alexander aber hat mir später oft gesagt, er habe während seiner damaligen Anwesenheit in Berlin kein Wort von Kriegsgefahr oder Rüstungen sprechen 167 gehört und erst, als er schon in Ems war, mit Erstaunen vernommen, daß er einen Krieg verhindert haben sollte. Von jenem Zeitpunkte datierte der Haß des deutschen Kanzlers gegen den russischen, darunter haben viele Unschuldige leiden müssen." Die „Krieg in Sicht“-Affäre war der erste Schritt auf dem Wege nach Versailles! Man mißtraute dem großen Manne, der sich eigentlich schon überlebt hatte, und dessen große Zeit zwischen 1862 bis 1871 lag, in Petersburg ebensosehr wie in London. II Der bei weitem wichtigste Teil der Auszeichnungen des Generals v. Schweinitz bezieht sich auf die Zeit von 1876 bis 1892, als er Botschafter in Petersburg war und die Entfremdung zwischen Berlin und Petersburg trotz seiner Warnungen infolge des Grolles Bismarcks gegen Gortschakow immer stärker in Erscheinung trat. Daß die Epigonen später in dieser Richtung kräftig weiter schritten, war ja selbstverständlich. So kam es zur Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages und zur Russisch- Französischen Allianz von 1892. Wir sehen aus den Ausführungen des Herrn v. Schweinitz, daß damals im Gegensatz zu der von Moskau aus unter Leitung von Aksakow sich rührenden nationalistisch-orthodoxen Bewegung, die zuerst die slawophile und dann die pan- slawistische hieß, und die sich vornehmlich gegen Österreich und die Türkei richtete und gegen uns insofern, als wir uns schützend vor beide stellten, der Zar noch im Banne der Heiligen Allianz stand. Der „Monarch ging dann zu der Tagesfrage, der orientalischen, über und sprach seine Befriedigung aus, daß eine Übereinstimmung der sechs Mächte durch das einträchtige Zusammenhalten der 168 drei Kaiserreiche herbeigeführt sei, welches ohne den Namen der Heiligen Allianz deren Inhalt und Wirkung habe. Ich stimmte dem Kaiser bei, als er sagte, daß er volles Vertrauen in die Wiener Politik setzte, gipfelte doch meine Instruktion in dem Satze, allem zuzustimmen, worin Rußland und Österreich einig würden.“ (!) Auch Bismarck klammerte sich noch immer an den Gedanken des Drei-Kaiser-Bundes und sah nicht, daß in den meisten Ländern der Staatsgedanke von der dynastischen auf die nationale Grundlage überging, von der konservativen zur liberalen und demokratischen, und daß daher zwischen Rußland und Österreich auf die Dauer keine Freundschaft möglich war. Wie sehr Fürst Gortschakow übrigens bestrebt war, das gute Verhältnis zu Bismarck wieder herzustellen, zeigt das folgende: „Die unselige Friedensstiftung vom Jahre 1875 wurde gleich an einem der ersten Tage vom Fürsten Gortschakow zum Gegenstände einer Unterhaltung gemacht. Er wünschte sein damaliges Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen und schilderte die Aufregung, in welcher er die in Berlin beglaubigten Botschafter gefunden hatte. Die Grundlosigkeit ihrer Befürchtungen, die er nicht einen Augenblick geteilt, öffentlich darzulegen, sei der einzige Zweck gewesen, den er verfolgt habe, als er das bekannte Telegramm nach Karlsruhe sandte, durch welches die geängstigte Welt beruhigt werden sollte. „Es ist ja natürlich,“ fügte der Fürst hinzu, „daß ein Riese gefürchtet wird.“ Er erging sich dann in Versicherungen seiner Freundschaft und Bewunderung für den Fürsten Bismarck, der sich seinen Schüler genannt habe, ein Scherz, der nur in dem Sinne gelten könne, wie Raphael Schüler des Perugino war.“ 169 Am 18. April 1876 sagte Herr v. Giers, genau wie 1914 Herr Sasonow: ,,Nous n'avons pas de Programme, si ce n'est paix, mais nous ne pouvons pas laisser ecraser la Serbie.“ Immer weiter tritt das Bestreben hervor — auch auf russischer Seite — möglichst im bisherigen Nichtstun zu verbleiben, unbequeme Situationen zu vermeiden und den ,,status quo“ im Orient zu erhalten. Die bosnischen Unruhen im Jahre 1876 und die Haltung Serbiens und Montenegros bereiteten den Mächten arge Verlegenheiten. Sie spielten Vogel- Strauß-Politik und sahen nicht, daß die Unabhängigkeit und Einigkeit der Balkanvölker sich nicht verhindern, höchstens hinausschieben ließ. Hätten wir schon damals den Russen freie Hand gelassen, auch Österreich gegenüber, statt letzteres immer zu unterstützen und zu schützen, und unser völliges Desinteressement erklärt, so konnte es niemals einen Weltkrieggeben! Hierzu berichtet Schweinitz: „Gegen uns fing man schon damals an, etwas mißtrauisch zu werden; in einem bemerkenswerten Artikel vom 3. Juni sagte die russische „St. Petersburger Zeitung": „Aus den Berliner Verhandlungen ist zu ersehen, daß Fürst Bismarck lange nicht so nachgiebig ist in bezug auf die Wünsche und Bestrebungen Rußlands, als wir zu erwarten berechtigt waren. Im Gegenteil, der deutsche Reichskanzler hat sich in vieler Beziehung mehr auf die Seite Österreichs gestellt, und infolgedessen hat das ursprüngliche Programm des Fürsten Gor- tschakow einige wesentliche Veränderungen erfahren." Unter dem Druck dieser Verhältnisse und um freie Hand gegen die Türkei zu gewinnen, beging dann Gortschakow den verhängnisvollen Fehler der Reich- stadter Abmachungen, die den Österreichern als Kompensation den Erwerb Bosniens in Aussicht stellten. 170 Wie wenig Verlaß aber auf diesen Drei-Kaiser- Bund war, erhellt aus der Anfrage, die General von Werder zur großen Entrüstung Bismarcks am 1. Oktober 1876 im Aufträge Alexanders II. aus Livadia nach Berlin richtete, nämlich: welche Haltung wir im Falle eines russischen Angriffs auf Österreich einnehmen würden? Schon damals fühlten wohl die russischen Machthaber, daß die südslawische und auch die ruthenische Frage nicht anders als durch Krieg zu lösen sei, und Alexander II. hoffte, daß die Dankesschuld, die wir ihm für seine Haltung 1866 und 1870 zollten, und auf die Wilhelm I. in einem kurz vorher durch General v. Manteuffel überbrachten Brief noch besonders hinwies, uns veranlassen würde, eine entsprechende Haltung einzunehmen. Große Wut in Berlin über Werders Brief, obwohl wir uns in ähnlichen Lagen und mit gutem Erfolg auch des Militärbevollmächtigten v. Schweinitz bedient hatten! Schon in dieser dem Türkenkriege vorhergehenden Periode zeigt sich beim Zaren und bei seinem Kanzler eine dauernde Verstimmung über die Haltung Bismarcks, auf dessen dankbare Unterstützung man gerechnet und in dem man sich enttäuscht sah. Immer neue Klagen über die laue Haltung der Berliner Regierung in der orientalischen Frage, immer wiederholte Mahnungen für die Dankesschuld von 1866 und 1870, wie für einen Wechsel, der nicht honoriert wird! Unter dem Eindruck dieser Mißstimmung, die noch durch gereizte und vorwurfsvolle Erlasse aus Berlin genährt wurde, fanden die ersten Annäherungsversuche von französischer Seite statt. Fürst Gortschakow leugnet jede amtliche Unterstützung, fügt aber hinzu: „Les empereurs sont d'accord, mais pas les empires.“ Durch die ganze Zeit vor dem Berliner Kongreß 171 zieht sich eine dauernde Gereiztheit, eine ununterbrochene Pikiertheit, verbunden mit Sticheleien, Die üble Laune des Diktators gegen Gortschakow, der sein Selbstgefühl verletzt hatte, der vermessen genug gewesen war, den Friedensstifter zu spielen, kommt überall zum Ausdruck. Anderseits glaubte Alexander II. im Bewußtsein der ungeheueren Dienste, die er uns geleistet, und ohne die die Bis- maircksche Poditik undenkbar war, einen Anspruch auf unsere Dankbarkeit und Unterstützung zu besitzen. Daß unsere Haltung diesen Erwartungen nicht entsprach, bildet den Gegenstand dauernder Vorwürfe und Vorstellungen. Bismarck war bestrebt, zwischen Rußland einerseits und Österreich und England anderseits zu lavieren, und das war es, was man ihm in St. Petersburg verübelte. Während des Türkenkrieges trat wieder ein Umschwung der allgemeinen Stimmung zu unseren Gunsten ein. Hierüber berichtet der Verfasser: „Ich muß übrigens anerkennen, daß trotz des damals hervortretenden slawischen Übermuts eine verständige Anerkennung der Dienste zutage trat, welche wir der russischen Politik bis dahin geleistet hatten; das Überschreiten der Donau und das schnelle Vordringen Gurkos gerade auf Adrianopel zu hatte den einsichtigeren Politikern in Moskau zur Erkenntnis gebracht, daß Rußland alles dieses nur wagen konnte, weil es Deutschlands sicher war; und so ging, Ende Juli 1877, von Moskau der Vorschlag aus, eine Dankadresse an den Kaiser Wilhelm zu richten, um der Erkenntlichkeit des russischen Volkes für die freundschaftliche Haltung Deutschlands Ausdruck zu geben; gleichzeitig bildete sich ein Damenkomitee, um die Anfertigung eines kostbaren Teppichs vorzubereiten, welcher dem Fürsten Bismarck überreicht werden sollte." Während also das Verhältnis zu Berlin und auch zu Wien sich während des Balkankrieges gebessert hatte, und man in Rußland anerkennende Worte fand für unsere freundschaftliche Haltung, weiß der Botschafter von neuen Verstimmungen zu berichten, die sich nach Beendigung des Krieges einstellten. So war Alexander II. wütend über einen Brief Wilhelms I,, „er sei vom Minister diktiert, es stände kein Wort von Freundschaft drin,“ Bemerkenswert ist, daß Fürst Gortschakow gegen einen Kongreß nichts einzuwenden hatte, da er immer noch auf unsere volle Unterstützung rechnete und gern einen Krieg mit England vermeiden wollte. Auch Berlin war ihm recht als Kongreßort, Wien oder London lehnte er ab. Ganz klar formuliert Gortschakow seinen Standpunkt, wenn er sagt: „Sie sollten jetzt etwas mehr tun! Sie sagen immer, wenn Rußland und Österreich einig sind, dann stimmen wir zu; das ist jetzt nicht genug.“ Schweinitz fügt hinzu: „Und hiermit kam er wieder auf das zurück, was Kaiser Alexander im Jahre 1870 getan hätte." Damals standen wir am Wendepunkt. Der alte Drei-Kaiser-Bund, an dem offiziell zwar noch festgehalten wurde, auch auf russischer Seite, war infolge des wachsenden russisch-österreichischen Gegensatzes brüchig, wir mußten zwischen Rußland und Österreich wählen, mit beiden auf die Dauer zusammenzugehen, war nicht mehr möglich. Daß Bismarck sich für Österreich entschied, war sein größter, sein verhängnisvollster Irrtum. Im allgemeinen wird angenommen, daß es der Kongreß selbst war, der die Entfremdung mit Rußland herbeiführte. Aus den Aufzeichnungen des Botschafters entnehmen wir, daß das nicht der Fall war, 173 es war Bismarcks Haltung auf dem Kongreß, die verstimmte, und der die Schuld am Zurückweichen Rußlands zugeschrieben wurde. „Bei Fürst Gortschakow, der glückselig ist, weil wir den Kongreß in Berlin empfangen.“ „Der Kaiser bezeichnete das Zustandekommen des Kongresses und dessen friedenstiftenden Ausgang als dringend wünschenswert.“ Doch das Mißtrauen gegen Bismarck und die Erregung über seine Haltung traten bald wieder hervor, als letzterer eine Vorkonferenz anregte. England und Österreich nahmen eine drohende Haltung gegen Rußland ein, um so größeren Wert hatte unsere Freundschaft. Am 21. März 1878 berichtet Schweinitz: „Mehrere russische Zeitungen sprechen die Behauptung aus, daß Fürst Bismarck im Verein mit Graf Andraszy die von Rußland erkämpften Erfolge schmälern wolle.“ Während Fürst Gortschakow fortfährt, in elegischem Tone über unsere Haltung zu sprechen, ist Mac Mahon bereits bestrebt, sich den Russen zu nähern.“ Er erklärt: „Qu'il voulait marcher avec la Russie.“ Als Schweinitz den Auftrag erhielt, Rußland zu Zugeständnissen an Österreich zu veranlassen, um es nicht in die Arme Englands zu treiben, bemerkt er hierzu: „Ich ersuchte Herrn v. Giers,*) sich Aufzeichnungen von meinen Eröffnungen zu machen und sie zur Kenntnis des Kaisers zu bringen; er sagte, sie würden Seine Majestät schmerzlich berühren. Dies kann auch nicht anders sein, denn seitBeginn des Krieges haben Kaiser, Regierung und Presse oft genug die Erwartung ausgesprochen, daß Deutschland, gleich wie *) Vertreter des Fürsten Gortschakow und später Minister des Äußern. 174 Rußland im Jahre 187 0, einen Druck auf Österreich üben würde; das unglückselige Danktelegramm aus Versailles und die Sendung Man- teuffels nach Warschau im Herbst 1876 berechtigten zu solchen Hoffnungen; ich habe von Anfang an, auch schon in Livadia im Oktober jenes Jahres, daran gearbeitet, diese Hoffnungen abzuschwächen; dennoch muß es jetzt auf den Kaiser Alexander einenfurchtbarenEindruck machen, wenn ihm zur Gewißheit wird, daß wir, statt Österreich zur Milderung seiner exorbitanten Ansprüche zu ermahnen, ihn auffordern, letztere zu befriedigen." Deutlicher kann man es nicht aussprechen, daß wir schon damals im Begriff waren, Rußland in die Arme Frankreichs zu treiben. Am 22. Juni 1878 schreibt der Verfasser: „Prinz Alexander von Hessen, der Bruder der Kaiserin, kam heute von Zarskoje Selo herein und besuchte mich; er sagte: „Es geht sehr schlecht beim Kongreß; Andraszy treibt geradezu zum Kriege; wenn der Kaiser Alexander diesen Forderungen nachgibt, dann kann er ja gar nicht Kaiser bleiben; er sagt geradezu: „Si on veut m'acculer, me mettre entre la guerre et l'humiliation de la Russie, mon choix est fait.“ Fürst Bismarck hat es in der Hand.“ Als der Verfasser während des Kongresses in Berlin war, beklagte sich Gortschakow über Bismarcks Haltung sogar im Gegensatz zu der von Lord Beacons- field. Nach einem Besuch beim Staatssekretär von Bülow schreibt Schweinitz: „Es konnte mir aber doch keinen Augenblick verborgen bleiben, daß meine Auffassung unseres Verhältnisses zu Rußland an entscheidender Stelle nicht gutgeheißen wird." In einer Denkschrift des Generals Schweinitz vom 175 Herbst 1883 heißt es: „Als er (Graf Peter Schuwalow)*) nun durch uns in Berlin viel mehr erreichte, als er zu ertrotzen imstande gewesen wäre, wurde teils durch Fürst Gortschakow, teils durch die Presse, welche durch Erregung von Unzufriedenheit die Regierung zu liberalen Reformen drängen wollte, dasjenige, was ein Erfolg Rußlands war, zur Niederlage gestempelt. Seit jener Zeit steht am Hofe, im Heerund in allen Schichten der russischen Gesellschaft das Axiom fest, daß Rußland in Berlin geschädigt und gedemütigt wurde, und — weil dies gerade in Berlin geschah — so schiebt man alle Schuld auf uns; ebenso sinnlos und nicht minder allgemein wie einst in Frankreich der Ruf nach „Revanche pour Sadowa” ist in Rußland der Wunsch, den Berliner Vertrag zu rächen. Diese Stimmung wurde künstlich erzeugt in den Wochen unmittelbar nach dem Kongreß, als der greise Kanzler, von Berlin zurückkehrend, beim Kaiser in Zarskoje Selo wohnte; gesteigert und genährt wurde sie während des ganzen folgenden Jahres, als Kommissionen auf verschiedenen Punkten der Balkanhalbinsel tagten, um die Grenzen zu bestimmen und die neuen Staatsgebilde zu konstruieren; die Fragen wegen Arab- Tabia, wegen der albanischen, an Montenegro abzutretenden Distrikte und andere, oft recht unbedeutende Meinungsverschiedenheiten, bei welchen wir stets auf Österreichs Seite traten, erbitterten den Kaiser und die öffentliche Meinung, soweit von einer solchen in Rußland die Rede sein kann, aufs äußerste; dann folgten die Abmachungen von GasteinundWien im Herbst 1879; aber mehr Haß als alles dies haben unsere pflichtmäßigen (?) Sicherheitsmaßregeln gegen die Pest von Webljanka *) Russischer Botschafter in London und Vertrauter Alexander I. 176 erregt, welche geradezu einen Wendepunkt der Stimmung der Russen gegen die Deutschen bezeichnen." Im Februar 1879 schreibt der Verfasser: „Aus Berlin kamen unangenehme Telegramme, welche neue vexa- torische Sperrmaßregeln gegen Rußland in Aussicht stellten, obgleich gar keine Pest mehr existiert.“ Ferner: „Die russische Presse wird recht feindlich. Der „Golos“*) bezeichnet den gegenwärtigen Zeitpunkt als einen besonders günstigen, um sich Frankreichs Dankbarkeit zu sichern, indem man es aus seiner Isolierung befreit. Ich berichtete natürlich oft über diese Sprache der Zeitungen und fügte hinzu: „Viele, die noch vor sechs Wochen den Gedanken einer Annäherung an Frankreich von sich gewiesen haben würden, sind heute geneigt, darauf einzugehen. Der Grund hierfür liegt darin, daß die an sich schmerzliche Ausführung des Berliner Friedens mit den, von den westlichen Nachbarn angeordneten, unserer Initiative zugeschriebenen Sperrmaßregeln zusammenfällt." Bald darauf schreibt Schweinitz, daß Bismarck einen neuen angeblichen Pestfall wünscht, um Rußland noch mehr schikanieren zu können, als er es ohnehin schon tut! Dann hatte Schweinitz eine Unterhaltung mit dem Minister Walujew, der ihm nicht verhehlte, daß unsere Pestsperre dort Mißtrauen errege, Mißmut und die Neigung zum „Französieren" bedeutend steigere. Der Zar hatte sich gegen General v. Werder dahin ausgesprochen, daß die Pestschikanen nichts anderes seien als Bismarcks Rache für Gortschakows Depesche von 1875 („Krieg in Sicht") wegen vermeintlicher Friedensstiftung. Mit dem russischen Botschafter Oubril verkehre Fürst Bismarck gar nicht *) Bedeutendes liberales Organ. 12 Lichnowsky I 177 mehr. Bei jeder orientalischen Frage antwortete man in Berlin, man müsse sich erst in Wien erkundigen! Zu Kaisers Geburtstag am 22, März hielt Schweinitz, erregt durch die übellaunige Politik seiner Regierung, „welche dem Kaiser Alexander die ehrlich gemeinte Ausführung des Berliner Vertrags erschwerte und die Absicht, ihn so zu reizen, daß er sich ins Unrecht setze, wohl durchschauend", eine Rede, welche dieses unverhüllt aussprach. Man kann den Mut und den Charakter dieses Mannes nicht genug bewundern! Interessant ist auch, was Schweinitz über die inneren Zustände sagt: „Die Ansicht, daß es in Rußland nicht mehr lange so fortgehen kann, wie es jetzt geht, gewinnt im In- und Ausland immer mehr Boden. Die Selbstherrschaft, sagt man, passe nicht mehr für die Zeit, man irrt hierin; mehr als je ist sie gerade jetzt geboten, aber sie existiert nicht mehr; sie ist zur Selbsterhaltung abgeschwächt. Mit dem zunehmenden Marasmus der Staatsgewalt wächst die Dreistigkeit der nihilistischen Sekte und die Unzufriedenheit aller Gebildeten; die große Masse des Volkes bleibt noch unbewegt. Sieht man ab von diesen noch nicht in Bewegung geratenen neun Zehnteln der Bevölkerung, so darf man behaupten, daß der Rest, also die Mehrzahl der Besitzenden, Lesenden und Denkenden, jetzt von der Notwendigkeit überzeugt ist, daß die Regierung durch die Heranziehung anderer Kräfte neu belebt und gestärkt werde. „Es muß wohl weit gekommen sein", sagte General Trepow unlängst zu einem Bekannten, „wenn Schuwalow und ich verfassungsmäßige Zustände herbeiwünschen." Entschiedene Gegner solcher Reformen dürften im Augenblick nur diejenigen sein, welche von den Süßig- 178 ;: p ia * s f* y {* keiten des jetzigen Systems leben. Diese stehen nun aber dem Throne am nächsten, halten Charaktere und Talente fern und bestärken den Monarchen in dem Glauben, daß die Millionen, welche Gott und dem Zaren treu sind, genügenden Schutz gegen das Häuflein der Nihilisten gewähren. Es mag ja auch wahr sein, daß es ein leichtes wäre, die Studenten in Charkow durch die Bauern erschlagen zu lassen, aber wenn die Autokratie nur auf der stumpfen, duldenden Masse und auf dem servilen, genießenden Amtsadel ruht, dann kommt sie ins Wanken.“ Wie sehr Bismarck bestrebt war, die Russen zu ärgern, beleuchtet ferner die Tatsache, daß der englische Botschafter, Lord Dufferin, zu Schweinitz bemerkte, unser Londoner Botschafter habe Lord Salisbury erklärt, ,,que le gouvernement allemand ne voyait pas de raison pourquoi les Tures n'entreraient pas dans la Roumelie orientale." „Dieses ist stark! Statt des erbetenen coup d'epaule gaben wir dem Grafen Schuwalow einen coup de pied“, bemerkt Schweinitz. Der als Deutschenfreund bekannte Botschafter in London, Graf Peter Schuwalow, bat Schweinitz, „er möge alles tun, damit das Band zwischen Deutschland und Rußland nicht nur nicht gelöst, sondern nicht einmal gelockert werde.“ „Vous voyez“, sagte er halb scherzhaft, „on me croit paye par l'Allemagne et je ne puis rien faire; si je leur dis, demandez donc teile ou teile chose par Oubril on me repond, qu'on ne pourrait plus s'exposer ä de nouvelles humiliation s.“ 12 * 179 BOTSCHAFTER IN PETERSBURG. — DAS DEUTSCHÖSTERREICHISCHE BÜNDNIS ür die rabiate Stimmung, in die Bismarck sich Ruß- J7 land gegenüber hineinredete, um schließlich zum verhängnisvollen Schlage, dem österreichischen Bündnis, zu gelangen, sprechen die Aufzeichnungen des Botschafters vom 5. April 1879, über seinen Besuch beim Diktator. Daß Prinz Arenberg, damals Sekretär an der Botschaft in St. Petersburg, beim Mundieren einer Denkschrift, die r's so machte, daß sie wie w’s aussahen, bildete zunächst den Gegenstand des Anstoßes. Nachdem Bismarck alles getan hatte, was er konnte, um Rußland in die Arme unserer westlichen Gegner zu treiben, erfahren wir: „Das beständige Kokettieren Gortschakows mit Frankreich, die endlosen Rüstungen Miljutins, die Avant-Garden-Stellung der russischen Kavallerie an unserer Grenze, die tobsüchtige Sprache der Petersburger und Moskauer Presse haben im Kanzler die Überzeugung zur Reife gebracht, daß kein Verlaß mehr auf Rußland ist und selbst auf den Beherrscher nicht in demselben Grade wie früher; man könne sich also nicht um der unsicheren russischen Freundschaft willen mit den anderen Mächten verfeinden, und namentlich nicht mit England und Österreich. Mit letzterem müsse vielmehr ein engeres Verhältnis angestrebt werden, welches zu einem organischen, ohne Zustimmung der parlamentarischen Körperschaften nicht lösbaren, zu entwickeln sei." Man sieht, daß der Meister schon damals nicht mehr auf der früheren Höhe war und sich mehr von persönlichen Stimmungen leiten ließ, als von staatsmännischen Gesichtspunkten! „Am Schluß der Unterhaltung kam der Fürst nochmals auf die r's und w's in dem Arenbergschen Mun- dum zu sprechen, dann wurde der österreichische Botschafter angemeldet, und ich ging, ohne daß der Kanzler eine einzige Frage über russische Zustände an mich gerichtet hätte.“ Man höre und staune! Das also war der große Mann in der Nachkriegszeit, der Wotan unserer Teutonen! Auch Bleichröder bestätigt: „Wir stehen schlecht mit Rußland, sehr schlecht!“ Trotz aller Sticheleien und Demütigungen war Alexander II. immer noch bemüht, die alten traditionellen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Er ließ keine Gelegenheit Vorbeigehen, ohne die üblichen höfisch-militärischen Courtoisien zur Schau zu tragen. Regimentsfeste, Paraden und ähnliche Schaustellungen, die aber am Hofe eines Autokraten nicht bedeutungslos sind, werden benutzt, um seiner Sympathie für uns und unsere Waffenerfolge Ausdruck zu verleihen. Zutrinken und Erinnerung an Königgrätz und ähnliche, wohlgemeinte Brimborien! Immer noch klammerte er sich an den Gedanken der deutsch-russischen Interessengemeinschaft. Wie systematisch damals Bismarck eine antirussische Politik trieb, erhellt aus den Äußerungen Alexanders II. am 7. August 1879: „Ich habe einen Brief von Lobanow bekommen; er beklagt sich, daß Ihre Delegierten jedesmal gegen die unsrigen stimmen; bei jeder Frage, die aufgeworfen wird, sagt Ihre Regierung, daß sie kein Interesse an derselben habe, instruiert aber ihre Vertreter, mit Österreich zu votieren, auch wenn sie vorher unsere Ansicht als sachlich berechtigt anzuerkennen schien; so war es in Ost-Rumelien, und so ist es jetzt wieder an der türkisch-montenegrinischen Grenze wegen Mrko- witz. Die Österreicher haben ohne große Opfer zwei Provinzen annektiert, und Rußland hat nichts als seinen alten bessarabischen Besitz zurückbekommen, und SienehmenüberalldieParteiÖsterreichs gegen uns, auch dann, wenn wir gar nichts für uns fordern. Wenn Sie wollen, daß die Freundschaft, welche uns hundert Jahre lang verbunden hat, fort- daure, dann sollten Sie dies ändern. II est tout naturel que le contrecoup se produise icij vous voyez le langage, que tiennent les journaux; cela finira d’une maniere tres serieuse. J'en ecrirai ä l'Empereur quand je lui repondrai ä la bonne lettre qu'il vient de m'envoyer.“ „Der Ton dieser Apostrophe", sagt Schweinitz, „war mild, fast traurig, nichts weniger als drohend, und dies ist wesentlich für die Schätzung der Worte „cela finira d'une maniere tres serieuse." Das haben wir 1914 leider gesehen! Die Folgen dieser Politik machten sich natürlich fühlbar. „Es sind viele französische Gäste im Lager; sie werden mit der ihnen gebührenden Achtung und Artigkeit, aber ohne jede demonstrative Bevorzugung behandelt. Wohl aber würde ein russischer Gegenbesuch, von welchem man schon seit einiger Zeit spricht, unsere Aufmerksamkeit verdienen; es heißt nämlich, daß General Obrutschew nach Frankreich geschickt werden soll." Die Haltung Alexanders beleuchten folgende Aufzeichnungen: „Kaiser Alexander will unterscheiden zwischen der Person des Kaisers Wilhelm und dessen Regierung, das heißt Bismarck; obwohl unsererseits ihm und Fürst Gortschakow gegenüber oft genug dasselbe geschah, so konnte ich ihm doch unmöglich auf dieses Gebiet folgen. Je irritierter sich der Kaiser zuweilen gegen Bismarcks Verfahren ausdrückte, um so demonstrativer wurde er gleich darauf in seinen Freund- 182 ÄSS?.: schaftsergüssen für unseren Kaiser und die preußische Armee.” Über das Entstehen des unseligen Bündnisses mit Österreich erzählt der Verfasser, wie Bismarck die russische Mißstimmung, die er doch verschuldet hatte, und die in dem bekannten Brief Alexanders II. vom 15. August 1879 an Wilhelm I. zum Ausdruck kam, sowie die Entsendung des mit einer Französin verheirateten Generals Obrutschew zu den französischen Manövern benützte, um Wilhelm I. das Bündnis mit Österreich annehmbar zu machen. Inzwischen hatte zum großen Verdruß Bismarcks die bekannte Mo- narchen-Zusammenkunft in Alexandrowo stattgefunden, die den Zaren zu der Äußerung veranlaßte: „Gott sei Dank, ein Krieg mit Deutschland ist unmöglich!" Bismarck aber suchte in einer 30 Seiten langen Denkschrift an den Kaiser darzulegen, daß die alte und bewährte Freundschaft mit Rußland nicht mehr sicher und nur auf Alexander beruhe, und daß auch dieser nicht mehr verläßlich sei! Deshalb müßten wir uns nach anderer Anlehnung umsehen und sorgfältig vermeiden, die unsichere russische Bundesgenossenschaft durch Zugeständnisse zu erkaufen, welche uns Österreich entfremdeten oder die Stellung des Ministeriums Waddington gefährdeten, an dessen Erhaltung uns viel gelegen sei. Der Kaiser machte zu dieser Stelle die Bemerkung: „Also ich soll mich auf die zwei Augen des Herrn Waddington mehr verlassen als auf die des Kaisers Alexander." Bekanntlich und glücklicherweise ging Graf An- draszy nicht auf den Wunsch Bismarcks ein, ein organisches Verhältnis zu schaffen, das nur mit Zustimmung der beiden Parlamente zu lösen war! Also eine Rückkehr zum alten Heiligen Römischen Reiche mit den Hohenzollern statt 183 der Habsburger und mit dem Balkan statt des Apennin! Die magyarischen und österreichischen Russophoben bereiten dem Fürsten, in dem sie mit Recht den Träger einer antirussischen Politik erblickten, in Wien große Ovationen. Schweinitz aber schreibt: „Dagegen gingen wir schwere Verbindlichkeiten ein, deren Umfang ich zwar nicht genau kenne, von denen ich aber weiß, daß sie uns wegen Interessen, die uns fernliegen, in einen Krieg mit Rußland verwickeln können. Diese Abmachungen waren weder politisch noch militärisch nach dem Geschmack unseres Kaisers; deshalb ließ Fürst Bismarck den General Moltke ein Memoire schreiben welches den Kaiser umstimmen sollte. Graf Moltke tat, was man von ihm verlangte; er sagte: „Wenn das Deutsche Reich nicht stark genug ist, um allein mit Frankreich fertig zu werden, so hat es überhaupt keine Berechtigung zur Existenz; folglich ist eine Verpflichtung Österreichs, uns beizustehen, überflüssig; dagegen ist uns eine Allianz bei einem zweiseitigen Angriff von West und Ost aus sehr wertvoll." Alles dies klingt sehr schön, ist aber sophistisch und verfehlt deshalb die Wirkung auf den klaren, gesunden Kopf unseres Kaisers; besonders schwer aber wurde es ihm, daß er jetzt, nachdem er soeben mit Alexander II. die innigsten Freundschaftsbeteuerungen ausgetauscht hatte, seinen Namen unter einen Traktat setzen sollte, der ihn zur KriegserklärunganRußlandverpflichten konnte. Der Kaiser schildert mir in einfacher, ergreifender Weise den schweren Kampf, den er innerlich und äußerlich durchzumachen hatte; er sei nahe daran gewesen, zu abdizieren, als Bismarck ihm be- 184 stimmt erklärte, daß er zurücktreten werde ,,und Bismarck ist notwendiger als ich", sagte der edle Herr. Schließlich erlangte Graf Stolberg, den Bismarck nach Baden schickte, die Unterschrift des Monarchen, und jetzt handelte es sich nur darum, was man dem Kaiser Alexander sagen solle, um den Widerspruch zwischen den Gesprächen von Alexan- drowo und den Wiener Abmachungen in einem milden Lichte erscheinen zu lassen.“ Immer wieder frage ich mich: Wie war es möglich, daß keiner unserer Staatsmänner und Diplomaten die Verfehltheit dieser Politik erkannte, und daß niemand begriff, daß das Bündnis mit Österreich ein Unsinn war und mithin der ganze Dreibund, daß nur ein einziger unserer Diplomaten dauernd davor warnte, sich mit Österreich zu sehr einzulassen. Diese Erkenntnis hat dem Betreffenden allerdings den Ruf eines „Austrophoben" eingetragen, der schon deshalb bedenklich war, weil der Wert unserer Diplomaten nicht nur nach dem Grade ihrer Unfähigkeit, sondern auch nach der Temperatur ihrer Einstellung zu Österreich beurteilt wurde. Die Antwort ist einfach. Die Macht und der Fluch des Autoritätsglaubens enthebt von der Mühe selbständigen Denkens, einer Fähigkeit, die allerdings nicht alle besitzen. Wie wenige erkennen oder wagen es auszusprechen, daß der Bismarck der 70 er und 80 er Jahre nicht mehr auf der Höhe der Vorkriegszeit stand! Nichts liegt mir ferner als die Absicht, den Manen des großen Mannes die verdiente Ehrfurcht zu versagen, ich meine aber, daß die aufrichtige Bewunderung für seine großen Leistungen, die zur deutschen Einigkeit führten, sehr wohl vereinbar ist mit einer freimütigen Kritik seiner Handlungen im Zeitalter der Diktatur! Es ist ein Vor- 185 teil der englischen Verfassung, daß die Parteien sich ablösen und es selten vorgekommen ist, daß ein Minister länger als 10 Jahre hintereinander an der Macht bleibt. Als letzte Instruktion bekam Schweinitz vor seiner Abreise nach Petersburg die Worte zu hören: „Also kühl bis ans Herz hinan!“ „Auch gegen den Kaiser?" „Auch gegen den Kaiser!“ „Die Erregung des Fürsten," schreibt Schweinitz, ».gegen die kaiserlichen Freunde von Alexandrowo ist so groß, daß gar kein ruhiger Gedankenaustausch möglich ist.“ Man würde es nicht für glaubhaft halten, wenn nicht jeder Zweifel an der Zuverlässigkeit des Autors völlig ausgeschlossen wäre. Wie groß die damalige Machtstellung Bismarcks war, beleuchtet die Bemerkung: „Es pfeift hier alles aus demselben Loch; alles hängt ganz allein von Bismarck ab, nie gab es eine so vollständige Alleinherrschaft, nicht etwa bloß auf Furcht, sondern auf Bewunderung mit freiwilliger Unterordnung der Geister begründet." Unsere Haltung hatte der Stimmung Vorschub geleistet, daß wir die Absicht hatten, Rußland anzugreifen. „Es ist nämlich durch die jetzt massenhaft aus dem Auslande und namentlich aus Deutschland zurückkehrenden Russen hier (in St. Petersburg) der Glaube verbreitet worden, daß der Krieg gegen Rußland eine bei uns fest beschlossene Sache sei. Warum wir einen solchen Krieg führen wollen, wissen sie nicht zu sagen, aber sie lassen es sich nicht ausreden, daß sie jetzt an die Reihe kommen, nach dem Vorgänge Österreichs und Frankreichs geschlagen zu werden." Man vergegenwärtige sich einmal die damalige Lage. Wir hatten Frankreich besiegt und ge- 186 demütigt, es betrachtete die elsaß-lothringische Frage als eine offene Wunde an seinem Körper, die nur die Zeit heilen konnte, nicht aber rauhe Eingriffe von fremder Hand. So wenig wie der Papst offiziell auf den ,,pouvoir temporel'' verzichten konnte ohne seine Stellung zu untergraben, obwohl die Kurie genau wußte, daß der Kirchenstaat niemals wieder erstehen würde, konnte Frankreich Elsaß-Lothringen offiziell preisgeben, obwohl die Franzosen nicht daran zweifelten, daß sie niemals wieder in Metz oder Straßburg einziehen würden, es sei denn — durch unsere Torheit. Sie wußten, daß weder Rußland noch England an der elsaß-lothringischen Frage Interesse hatten, und daß sie niemals für die „Revanche“ auf deren Hilfe rechnen konnten. Mit den Franzosen war ein korrekter Modus vivendi zu erreichen, falls wir mit Geschick und Takt ihre Empfindlichkeiten schonten und ihnen nicht dauernd unsere Überlegenheit zu fühlen gaben. Alle unsere Vertreter in Paris haben übereinstimmend in dem Sinne berichtet, daß man dort den Revanchekrieg nicht wollte, wenn auch gelegentlich davon die Rede war. Die Revancheidee war für die Franzosen dasselbe wie für die Juden der Messias oder für die Araber der Mahdi. Man hoffte — und das gab der Nation ein Ideal, das weder verwirklicht werden konnte noch sollte. Mit England gab es damals noch keine Reibungsflächen, die Flottenfrage war noch nicht geboren, die Weltpolitik mit ihren Kolonien und ihrem Handel hatte noch nicht eingesetzt oder war erst in ihren Anfängen. Man wollte damals wie auch später immer sich mit uns verständigen, war aber auch schon damals entschlossen einen Angriff auf Frankreich nicht zuzulassen. 187 Mit Österreich war unter Andraszy eine Verständigung unschwer zu erreichen, auch ohne Bündnis, eine Rückkehr zur Politik ä la Beust nicht mehr zu befürchten. Das hätten weder die Deutschen, noch die Magyaren zugelassen. Alles kam darauf an, sich mit Rußland auf der alten Grundlage der dynastischen Freundschaft und des völligen Fehlens aller wirklichen Gegensätze zu verständigen. Was derZarvonunserwartete.wareinewarme Unterstützung der russischen Orientpolitik in Anerkennung der uns ge- leistetenungeheuerenDienste. Statt dessen trat Bismarck ganz offen in das gegnerische Lager über, versäumte keine Gelegenheit, um Rußland zu reizen, und schloß mit Österreich ein gegen Rußland gerichtetes Bündnis! Im Januar 1880 schreibt Schweinitz: „Der Kaiser (Alexander) beklagte sich bitter über die immer und immer wiederkehrenden Zeitungsgerüchte von russischen Truppenansammlungen an unserer Grenze und ließ deutlich durchblicken, daß er darin die Absicht vermute, unseren Kaiser mißtrauisch gegen Rußland zu machen und ihn allmählich an den Gedanken zu gewöhnen, daß ein Krieg mit demselben unvermeidlich sei." Ferner sagte der Zar: „Sie werden begreifen, daß mir die Begegnung des Fürsten Bismarck mit dem Grafen Andraszy gleich nach der Zusammenkunft von Ale- xandrowo sehr unangenehm war." Über den Inhalt der Wiener Abmachungen sprach er kein Wort; er sagte nur: „Unsere gemeinschaftlichen Feinde suchen uns zu entzweien und freuen sich jetzt; ich bin immer treu geblieben in meiner Überzeugung von der Notwendigkeit guter Beziehungen zu Ihnen und in diesen Gesinnungen werde ich auch sterben.“ 188 Von der immer gefährlicher werdenden revolutionären Bewegung im Innern bedroht, von seinem „besten Freunde" verlassen und über dessen Haltung enttäuscht, ist Alexander auch noch den Angriffen der nationalen Richtung ausgesetzt, die Rußland um die Erfolge des Sieges gebracht glaubt, schon weil Konstantinopel nicht eingenommen wurde. Schweinitz bemerkt hierzu: „Daß die Unzufriedenheit mit den Erfolgen des Sieges, der als eine Niederlage gilt, sich insofern gegen den Zaren richtet, als man bestrebt war, die Schuld auf Deutschland zu wälzen, und der Zar bei dem politisierenden Teil der Bevölkerung als der alleinige Vertreter der in den Jahren 1866 und 1870/71 befolgten deutschfreundlichen Politik gilt. Jeder gegen Deutschland gerichtete Vorwurf traf daher ihn mit.“ Am 22. März 1880 (Kaisers Geburtstag) schreibt Schweinitz: „Der Kaiser leitete seinen Toast mit einer längeren Rede ein, welche sich merklich von den Trinksprüchen früherer Jahre unterschied. Sie war sorgfältig redigiert und memoriert und wurde mit Akzentuierung gesprochen. Der Kaiser war sichtlich erregt und erbittert durch die neuesten Angriffe der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" und durch die Presseenthüllungen in der Dislokationsfrage. Je wärmer seine Glückwünsche und seine Versicherungen von der Freundschaft für unseren Monarchen waren, um so deutlicher klang es heraus, daß er für dessen Minister andere Gesinnungen hegt; die Emphase, mit welcher er die Fortdauer der hundertjährigen Freundschaft anrief, ließ erkennen, daß er dieselbe für gefährdet hielt." Das zunehmende Mißtrauen gegen uns hatte bekanntlich zu Truppenverschiebungen nach den westlichen Gouvernements geführt. Große Kavallerie- massen waren vorgeschoben worden. Die Tatsache bildete den Gegenstand gereizter Beschwerden des Fürsten Bismarck. „Man muß toll sein,“ rief der Zar aus, „um zu glauben, daß ich Deutschland angreifen wolle; ich werde aber die Stellung meiner Truppen nicht ändern und ich hoffe, daß ich hiervon nichts mehr hören werde." Am 19. August 1880 notiert Schweinitz: „Die nicht immer freundliche und zuweilen sogar verletzende Sprache der Wiener Staatsmänner schreibt man hier dem Gefühl der Sicherheit zu, welches ihnen das zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland bestehende Verhältnis einflößt.“ In welcher Erregung sich Bismarck damals befand (1880) zeigen folgende Ausführungen, die den Eindruck eines geradezu krankhaften Zustandes erwecken: „Hierauf sprach er über unser Verhältnis zu Österreich, welches, die Gagernschen Träumereien verwirklichend, ein organisches, von den Launen der Regenten und Minister unabhängiges, nur durch die drei Parlamente lösbares werden sollte. Meinen Hinweis auf Polen beantwortete er, ebenso wie im Frühjahr 1879, mit der entsetzlichen Behauptung, man könne Polen zeitweise wieder hersteilen, etwa unter einem österreichischen Erzherzog; später, wenn es seine Dienste gegen Rußland geleistet, könnemanesimmerwiederteilen. Er wolle lieber katholisch werden als russisch, habe jedoch zu keinem von beiden Lust, ziehe es überhaupt, wie von jeher vor, anständig unterzugehen, als sich schlecht behandeln zu lassen; wenn der Himmel einfiele, seien alle Spatzen tot; weit hinaus, in ferne Zukunft Politik machen zu wollen, sei Blödsinn." Beim Tode Dostojewskis schreibt der Verfasser: „Er war auch wirklich kein Nihilist, wohl aber einer von jenen Autoren, deren Schriften die Köpfe ver- 190 wirren, die Herzen krank machen und die Jugend unlustig, untätig, pessimistisch stimmen; denn, wie so viele seiner Zeitgenossen, schildert er mit Vorliebe und raffiniertem Scharfsinn die Leiden und Verbrechen, ohne den Weg zur Sühne, zur Versöhnung und Erlösung zu zeigen. Solch ein struppiger, konfuser, schwarz auf grau malender Märtyrer war aber besonders geeignet, um in der jetzigen russischen Gesellschaft gefeiert zu werden, und dies war auch während der letzten Jahre der Fall; dennoch hätte niemand erwarten können, daß man solches Aufheben von ihm machen würde, wie jetzt bei seinem Leichenbegängnis geschah. Gegen hundert Deputationen nahmen an dem Trauerzuge teil; daß eine große Volksmenge sich anschloß, ist natürlich, und ebenso natürlich ist, daß das Volk nicht wußte, um wen es sich handelte? Ein Muschik fragte, wer denn da begraben werde? „Ein Zivilgeneral“, anwortete ihm ein anderer, „ein alter Schulmeister", sagte ein dritter. Darin aber sind die Augenzeugen einig, daß mehr Volk und mehr Ordnung bei diesem Begräbnis war, als bei dem der Kaiserin, und hierin, in der Ordnung, erblicken erfahrene Männer das Neue, das Bezeichnende, das Bedrohliche dieser Manifestation.“ Man sieht, daß selbst ein so bedeutender und hochgebildeter Mann wie Schweinitz sich bei seinen Urteilen über zeitgenössische Erscheinungen, die im Widerspruch zu seiner politischen Einstellung und zu seiner literarischen Geschmacksrichtung standen, von Traditionen beeinflussen ließ. Man muß unwillkürlich an das Urteil Friedrichs II. über Goethe denken. 191 IV BOTSCHAFTER IN PETERSBURG. — MIT RUSSLAND ODER MIT ÖSTERREICH B is zum Tode Alexanders II.*) hatten immer noch Verhandlungen über eine Erneuerung des Drei- Kaiser-Bundes stattgefunden. Man wollte noch nicht begreifen, daß die Orientinteressen Rußlands und Österreichs unvereinbar waren, und klammerte sich an das Ideal der konservativ-monarchistischen Solidarität. Schweinitz schreibt hierüber nach dem Tode des Zaren: „Ich konnte mir aber doch nicht verhehlen, daß diese wichtige Sache sowohl in Wien als auch hier mattherzig betrieben wird. Wederdort noch hier wünscht man aufrichtig eine bindende Verständigung, welche man überdies für unmöglich hält, sowohl das Wiener als auch das Petersburger Kabinett wirbt um unsere Gunst, auf Kosten des Dritten. Alexander III. bleibt vorläufig noch auf der von seinem Vater vorgezeichneten Linie; er hat aber neulich schon gesagt: „Bedeutet dies alles nicht, daß eine Verständigung mit diesem Österreich überhaupt unmöglich ist?" Es scheint heute geradezu unfaßlich, daß ein Mann wie Bismarck nicht den Anachronismus des Habsburger Reiches einsah und die Unmöglichkeit, mit ihm und mit Rußland zusammenzugehen. Man wird mir entgegnen, daß auch das zaristische Rußland ein Anachronismus war! Gewiß, nur gab es dort eine durch eine allmächtige Bureaukratie vertretene nationale und kirchliche Idee, die das gewaltige Reich beherrschte, und die es zu einem weit mächtigeren politischen Faktor machte, als die brüchige Donau- *) Am 13. März 1881. 192 monarchie, in der jeder einheitliche Staatsgedanke fehlte, es sei denn der dynastische. Ein geistreicher Franzose sagte: „L'Autriche est une unite gastro- nomique!" Auch war durch die Unterstützung der russischen Orientpolitik für uns nicht die Gefahr eines Zusammenstoßes mit Österreich oder mit einer anderen Großmacht zu gewärtigen, wohl aber mußten wir durch die Unterstützung Österreichs früher oder später in einen Konflikt mit Rußland hineintreiben und letzteres außerdem den Westmächten gefügig machen. Nach seinem Sturz hat Bismarck das Fehlerhafte seiner Russenpolitik wohl eingesehen und immerfort „Zurück zu Rußland“ und „Durch dick und dünn mit Rußland" gepredigt. Wenn auch später wieder eine Annäherung bezw. Verständigung zwischen Rußland und Österreich erreicht wurde, so wurden damit nur Gegensätze zeitweilig überbrückt, keineswegs aber beseitigt! — Schon im November 1881 besprach Bismarck mit Schweinitz die Möglichkeit eines Krieges mit Rußland und Frankreich! Bei dem völligen Mangel an Reibungsflächen mit Rußland und der Schwäche Frankreichs war diese Hypothese ganz und gar unwahrscheinlich, geradezu ungeheuerlich! Daß selbst Alexander III., der ungleich seinem Vater nicht in den alten Traditionen aufgewachsen war, trotzdem zu der Erkenntnis gelangte, daß die aufrichtige Freundschaft mit Deutschland der Angelpunkt seiner Politik sein mußte, bestätigt Herr v. Giers (Minister des Äußern) dem Botschafter v. Schweinitz im September 1883. Nach dem Tode Gortschakows wollte Bismarck wieder einlenken und sich gut mit Rußland stellen. 13 Lichnowsky I 193 Leider wurde aber trotzdem das Bündnis mit Österreich erneuert, und alles blieb eigentlich beim alten. Die Stimmung gegen Österreich beleuchtet von Schweinitz im Mai 1884 folgendermaßen. „Ich habe in Berlin darauf hingewiesen, daß die übertriebene Zärtlichkeit, welche seit vorigem Herbst an die Stelle unserer früheren vexatorischen Unfreundlichkeit getreten ist, die Russen zu dem Glauben verleitet, daß sie ihrer üblen Laune gegen Österreich Raum geben dürfen. Die nationale Agitation der Slawophilen, durch uns gelähmt, hat einer kirchlichen Platz gemacht, welche sich gegen Österreich richtet. Nun gibt es in Rußland, wenn auch weniger in St, Petersburg als in Moskau und auf dem Lande, viele wohlhabende und einflußreiche Leute, welche dem politischen Panslawismus wegen seines revolutionären Charakters abhold, in Glaubenssachen kampfbereit und der Zustimmung der Volksmasse sicher sind. Dies ist die Armee des Herrn Pobjedonoszew. Seit der äußerlich günstigen Gestaltung der Beziehungen Rußlands zu uns kommt die Gehässigkeit gegen Österreich- Ungarn in der Presse und in der Agitation unter den Ruthenen zu stärkerem Ausdruck. Die freundliche Erwiderung, welche unser Entgegenkommen hier findet, ist weniger in einer durchgreifenden Änderung der gegen uns gehegten Gesinnungen als in der Hoffnung auf Lockerung unseres Einvernehmens mit der Habsburger Monarchie, welches heut notwendiger ist als zu Lebzeiten Alexanders II., begründet.“ Warum dieses Einvernehmen so notwendig war, verschweigt allerdings der Verfasser, der doch eigentlich wissen mußte, daß das Habsburger Reich sich in völliger Abhängigkeit von üns befand und gar keinen anderen Schutz und keine andere Anlehnung finden konnte! Man sieht ferner, wie Herr v. Giers immer be- 194 strebt war, alles zu vermeiden, was dem Drängen der Slawophilen nach den Meerengen Vorschub leisten konnte, und wie das offizielle Rußland diesem Drucke Widerstand leistete. Daher wünscht der Minister auch nicht eine Loslösung Ägyptens von der souveränen Macht. Schon damals beginnt die russische Gereiztheit gegen Österreich wegen Serbien sich zu zeigen. Herr v. Giers beklagt sich über Milan und ist mißtrauisch gegen Österreich. „Ich will gewiß keinen Krieg mit Österreich," sagte der russische Minister, „aber glauben Sie mir, es ist nicht ehrlich, dem König Milan gegenüber ist es gebunden pp." In Skierniewice, wo Bismarck den Russen den Kaiser Franz Joseph geradezu aufgedrängt hatte, finden wir den Verfasser an der Seite des Diktators und dessen Söhne. Franz Josef sprach sich nicht ohne Besorgnis über die russische Balkanpolitik, die zwar „korrekter" geworden sei, die aber noch besser werden müsse, da sonst Umstände eintreten könnten, die ihn zwingen würden, trotz Friedensliebe „dem Vorgehen Rußlands energisch entgegenzutreten." Natürlich mit unserer Unterstützung, denn allein war er dazu nicht in der Lage! Wie Bismarck die Reichsgründung beurteilte, zeigt eine Bemerkung, die er im April 1868 dem Verfasser gemacht hat: „Der Reichskanzler sprach über das deutsche Parlament in der während der letzten Zeit öfter gehörten geringschätzigen Weise: „Es kann wohl dahin kommen, daß ich das, was ich gemacht habe, wieder zerschlagen muß; die Leute vergessen, daß dem jetzt bestehenden Bunde dasselbe passieren kann, was dem Frankfurter Bundestage 1866 geschehen ist; die Fürsten können von ihm zurücktreten und einen neuen bilden, ohne den Reichstag." Also ohne jede Mitwirkung der Volksvertretung, lediglich auf dynastischer Grundlage glaubte der Gründer des Reiches, eine neue Verfassung der Nation aufzwingen zu können, und das im Zeitalter des allgemeinen und gleichen Wahlrechts und der — außer uns, Rußland und der Türkei — parlamentarisch regierten Staaten! Gerüchte über eine russisch-französische Annäherung beziehungsweise Allianzvorschläge tauchten im Herbst 1886 mit größerer Bestimmtheit auf und fanden Unterstützung durch Äußerungen französischer Minister an unseren Botschafter in Paris. Schweinitz war in der Lage, die Grundlosigkeit zu bekräftigen, fügt aber hinzu, daß nunmehr der Augenblick gekommen sei, um für oder gegen Rußland sich zu entscheiden, selbst auf die Gefahr hin, Österreich wenigstens zeitweise fallen zu lassen. Hierin wurde er durch Graf Peter Schuwalow*) bestärkt, der ihm sagte: „Auf diese Weise werden wir nie zu einem gesicherten Zustande kommen; solangeFürstBis- marck stets das Einverständnis zwischen Österreich und uns zur Vorbedingung seiner Unterstützung macht, wird Kaiser Alexander sein Mißtrauen beibehalten; wie stark dieses ist, wissen Sie; jetzt glaubt er, daß Sie ihn zum Einrücken in Bulgarien verlocken wollen. Und in der Tat, was ist dies für ein Dreibund, in welchem zwei gegen den dritten verbündet sind? Schreiben Sie doch dem Fürsten Bismarck, er möge durch eine geeignete Vertrauensperson dem Kaiser eine historische Rememoration vorlegen lassen, in welcher ihm klar gemacht würde, daß Ihr Anschluß an Österreich im Herbst 1879 lediglich durch unsere *) Russischer Botschafter in London und Vertrauensmann des Zaren. Fehler, unter anderem durch den Brief Alexanders II. vom 15. August herbeigeführt worden ist. Der Kaiser, der dieses alles nicht weiß, wird gewiß einsehen, daß, wenn wir künftighin ähnliche Fehler vermeiden, die Notwendigkeit Ihres Bündnisses mit Österreich wegfällt. Warum sollten wir nicht ein festes Bündnis mit Ihnen schließen, worin Rußland Ihnen den Besitz der neuerworbenen Provinzen garantiert? Wenn eines Tages in der Zeitung stünde: Rußland und Deutschland haben einen Vertrag geschlossen, in welchem sie sich gegenseitig ihren Besitzstand gewährleisten, so würde bei uns niemand etwas dagegen einzuwenden haben; wenn aber bekannt würde, was jetzt zwischen uns beiden und Österreich abgemacht ist, so würde in ganz Rußland Entrüstung laut werden. Es ist nicht unbekannt, daß der Kaiser als unverrückbares Ziel den Besitz der Meerengen im Auge hat; wenn Sie uns hierbei keine Hindernisse in den Weg legen und den Widerspruch Österreichs nicht immer unterstützen wollten, dann könnten wir einen Vertrag zu zweien schließen, durch welchen Sie sich ein für allemal Ruhe vor Frankreich schaffen.“ An unserer Weigerung, Österreich preiszugeben, scheiterte damals wie später jede wirkliche Verständigung mit Rußland, die die einzige Möglichkeit bot, den Weltfrieden dauernd zu sichern: „Lächez l'Autriche, et nous lächerons les Fran- 9 ais", sagten uns noch die russischen Staatsmänner kurz vor Ausbruch des Weltkrieges. Es war immer dasselbe Lied, immer mit demselben Ergebnis, Ferner berichtet Schweinitz während der bulgarischen Wirren 1866: „Die Petersburger und Moskauer Presse beschuldigt uns, daß wir alle feindlichen Mächte gegen Rußland zu vereinigen suchten; der Kaiser wurde mißtrauischer denn je; Katkow hatte schon im September den Anschluß an Frankreich empfohlen. Herr v. Giers war sowohl bei seinem Souverän, als auch bei seinen Kollegen und in der öffentlichen Meinung diskreditiert.“ Im Auftrag des Herrn Katkow, des Führers der pan- slawistischen Bewegung, wurde dem Verfasser eröffnet, daß Rußland unser bester Freund sein würde, wenn wir uns von Österreich lossagen wollten. Am 3. Februar berichtet Schweinitz: „Der Kaiser behielt mich fast dreiviertel Stunden bei sich und sprach freundlich und offenherzig über Bulgarien und die hessischen Verwandten, über Frankreich, über unser Parlament und besonders über Österreich. Wie schon mehrmals, so auch jetzt, betonte er seine Hochachtung für Kaiser Franz Joseph und den Wunsch, in Friede und Freundschaft mit ihm zu bleiben, aber mit der österreichisch-ungarischen Regierung sich auf nichts mehr einzulassen." Bald darauf schreibt der Verfasser, daß er keine Garantie dafür übernehme, daß der Zar in der Lage sein würde, sein Volk, falls es abermals zu einem deutsch-französischen Kriege käme, zurückzuhalten, daß er sich aber in seiner Überzeugung nicht irre machen lasse, daß Alexander III. nicht geneigt sei, sich mit der französischen Republik einzulassen. Am 27. Februar 1887 bemerkt Schweinitz: „Der Feldjäger kam mit ganz unglaublichen Ankündigungen von Zoll- und Pressekrieg!“ Über den berühmten Rückversicherungsvertrag erfahren wir, daß es Graf Peter Schuwalow war, der die erste Anregung dazu gab, und daß sein Bruder Paul, der Botschafter in Berlin, viel weiter gehen wollte als Bismarck. Im Jahre 1887 schreibt der Verfasser: „Herr von Giers ist ohnmächtig der Presse gegenüber und über den Wunsch der Russen, sich Frankreich zu nähern, kann sich niemand wundern angesichts unseres Bündnisses mit Österreich." Also Schweinitz bestätigt hiermit, daß es unser Bündnis mit Österreich war, das die Russen in die Arme Frankreichs trieb und treiben mußte. V ABSCHLUSS DER PETERSBURGER BOTSCHAFTERZEIT. — DAS RUSSISCH-FRANZÖSISCHE BÜNDNIS H errn v. Holstein, der schon damals anfing, eine einflußreiche und verhängnisvolle Rolle zu spielen, charakterisiert der Verfasser durch folgende Worte: „Dieser Sonderling, der mir Achtung abnötigte, als er im Jahre 1864 vor Düppel in den vordersten Reihen den Verwundeten beistand, der auch jetzt im stillen viel Gutes tut, hat einen hämischen Charakter, läßt sich durch persönliche Abneigung beeinflussen und schadet, ohne daß es bekannt wird, durch die gehässige Weise seiner Presseleitung; bedeutender Verstand ist ihm nicht abzusprechen, abererhat, obwohl ganz gerade gewachsen, den Geist und den Charakter eines Buckligen. Die großen Gefahren, in welche wir durch die gegenwärtige, etwas zu gekünstelte und doch mit rauher, ja manchmal mit roher Hand geführte Politik geraten sind, begreift Baron Holstein vollkommen." Geradezu unglaublich klingt, was Schweinitz im Dezember 1887, also bald nach Abschluß des berühm- ten Rückversicherungsvertrages berichtet: „Man legte mir eine Denkschrift des Grafen Moltke vor, in welcher der berühmte Stratege nachzuweisen versuchte, daß man sofort, mitten im Winter, den Krieg an Rußland erklären müsse. Dieses Memoire war in Wien mitgeteilt worden und außerdem hatte sich unser dortiger Militärattache ganz in demselben Sinne gegen den Kaiser Franz Joseph ausgesprochen. Ich erklärte, daß ich diese Ansicht entschieden bekämpfe; durch einen solchen Angriff würden wir die Macht Rußlands verdoppeln, die unsere halbieren, denn während das friedliebende russische Volk durch einen Einbruch in sein Land zu höchster Opferwilligkeit begeistert werden würde, dürfte die Notwendigkeit eines mit so großen Opfern zu führenden Winterfeldzuges weder unserem Bundesrate noch der deutschen Nation einleuchten.“ Und dann wunderte man sich in Berlin über das russische Mißtrauen und über Anbiederungsversuche mit Frankreich. Bei der bekannten Indiskretion der k. und k. Diplomatie konnten solche Dinge doch kein Geheimnis bleiben! Den gesundesten Menschenverstand zeigte, wie immer, der alte Kaiser, der bekanntlich nur unter Hochdruck seine Zustimmung zur Allianz mit Österreich gab. Schweinitz bemerkt: „Von der Mithilfe der Italiener bei dem drohenden Kriege mit zwei Fronten verspricht sich der Kaiser Wilhelm wenig und belächelte traurig die Berechnung Moltkes, wonach 150000 Italiener innerhalb dreier Tage nach dem Oberrhein transportiert werden sollen.“ Am 29. Dezember 1887 bemerkt Herr v. Giers: „Ici le Sentiment predomine que nous serons attaques au printemps." Über das bekannte Verbot Bismarcks an die Reichsbank, russische Werte zu lombardieren, er- ir-lii»" fahren wir: „Am 17, Januar besuchte mich der Finanzminister Wischnegradski und sprach sehr interessant über die schweren Schläge, welche wir dem russischen Staatskredit beigebracht haben. „Ich bin im Prinzip gegen alle Repressalien", sagte er, „und im vorliegenden Falle ganz besonders, und zwar aus dem Grunde — daß ich keine Repressalien zu ergreifen imstande bin.“ In glatter Form aber mit stillem Grimme bezeichnete der Minister Bismarcks Verbot an die Reichsbank, die russischen Werte zu lombardieren, als eine äußerst empfindliche und gehässige Maßregel, welche dadurch, daß sie unmittelbar vor der Ankunft des Zaren in Berlin erfolgte, zu einer Brutalität wurde, die die russische Gesellschaft aufs äußerste indignierte und den Kaiser insultierte; er vermied natürlich solche Ausdrücke, aber was er meinte, war verständlich." Am 5. Februar 1888 schreibt Schweinitz: „Bismarck telegraphierte mir, er werde morgen im Reichstage sprechen in beruhigendem Sinne; ich ging zu Giers, um ihm dies zu sagen. Ich fand ihn in trüber Stimmung; die hiesigen Zeitungen sprechen nämlich in verächtlichem Tone von der russischen Diplomatie, welche sich seit zehn Jahren von uns düpieren ließ, wie aus dem veröffentlichten deutsch-österreichischen Vertrage hervorgehe. „C'est une profonde humiliation’', sagte er, „nous sommes garottäs." Ferner lesen wir: „Jemand sagte: „A laRussie il ne reste que le choix entre une grande betise et la rösig- nation; Heureusement eile s'est decidöe pour cette derniere.“ Zu Kaisers Geburtstag 1889 schreibt Schweinitz: „Man kann sich nicht darüber täuschen, daß wir kein Vertrauen mehr finden, selbst bei Giers nicht!" Im November 1889 war Schweinitz in Friedrichsruh. 201 Hierüber berichtet er: „Nach dem Frühstück machte der Fürst eine lange Waldfahrt mit Herrn v. Helldorff*) und mir, und mit großem Interesse hörte ich schweigend ihrem Gespräche über die Tagesfrage, das Sozialistengesetz, zu. Der Parteimann war gekommen, um den Kanzler zu vermögen, daß er auf den Ausweisungsparagraphen verzichte, für welchen die Nationalliberalen nicht stimmen wollten, und den selbst die Konservativen für schädlich hielten. Der Fürst ging auf nichts ein, sagte, daß er keine „Schwanzklemmerei“ und „Drückebergerei" dulde, daß die Zeit für „Blut und Eisen“ sich nähere und dergleichen mehr.“ (!) „Es ist kein Zweifel“, schreibt v. Schweinitz im Dezember 1890 nach dem Besuche Alexanders III., „daß der Besuch in Berlin einen vortrefflichen Eindruck hinterlassen hat, und daß der Zar jetzt wirklich von der Besorgnis vor einem deutschen Angriffskriege befreit ist. Hiermit ist viel gewonnen, denn durch diese Furcht, welche von unseren Gegnern beständig genährt und durch die dem Grafen Walder- see zugeschriebenen Intrigen bestärkt wurde, ist der Kaiser Alexander dauernd beeinflußt und zu stets zunehmenden Kriegsvorbereitungen bewogen worden." Nach Bismarcks Sturz glaubte der Zar, der Diktator sei wegen seiner „russophilen" Politik entlassen worden, und fürchtet, daß Waldersee, von dem er genau wußte, daß er auf den prophylaktischen Krieg hinarbeite, sein Nachfolger werde. Trotz vieler und schwerer Mißgriffe wurde der Rücktritt des Diktators vom Zaren bedauert, weil dieser doch nicht glaubte, daß der große Mann es zum Kriege hätte kommen lassen, und er nunmehr völlig unbekannten und unberechenbaren Größen gegenüberstand. Der Zar be- *) Führer der Konservativen im Reichstage. 202 auftragte Schweinitz, in Berlin zu sagen, daß er darauf vertraue, daß durch die Entlassung des Fürsten weder in den persönlichen Beziehungen der Monarchen noch in den politischen der Staaten eine Änderung ein- treten werde. ZumKapitelderNichterneuerung des Rückversicherungsvertrages berichtet Schweinitz, daß Wilhelm II. den Botschafter Graf Paul Schuwalow in früher Morgenstunde aus tiefem Schlafe habe wecken und zu sich bestellen lassen, um ihm zu erklären, daß er bereit sei, sofort abzuschließen! Herr v. Holstein war es, der den Vertrag zu Fall brachte, mit Hilfe der Herren Graf Berchem und Baron Marschall. Leider ließ sich auch Herr v. Schweinitz, der für die Erneuerung war, namentlich durch den Reichskanzler v. Caprivi umstimmen. Dieser brave Mann hatte Wilhelm II. vorgeschlagen, „daß der russische Vertrag nicht erneuert werde, besonders um der Gefahr zu entgehen, in welche uns dessen Bekanntwerden versetzen würde; absichtlich oder zufällig zur Kenntnis des Wiener Kabinetts gebracht, würde er uns dieses entfremden.“ (!) O sancta simpli- citas! Botschafter Graf Paul Schuwalow war sehr erregt und aufgebracht und fühlte sich seiner Regierung gegenüber bloßgestellt. Nach Petersburg zurückgekehrt, findet Schweinitz Herrn v. Giers „konsterniert“. Über seine Audienz beim Zaren schreibt der Verfasser: „Sehr geringschätzend sprach der Monarch von unserer Tripleallianz, die sich wohl bald auflösen würde, weil die Lasten, die sie unseren Bundesgenossen aufbürde, gar zu schwer seien, besonders für Italien; aber dies schade ja nichts, wenn Rußland und Deutschland fest zusammenhielten, dann müßten alle anderen ruhig 203 Zusehen. „L'Autriche continue ä faire ses petites cochonneries“, so fuhr der Kaiser fort, „aber auch dies hat nichts zu bedeuten, wenn wir einig sind.“ Er fragte nach General v. Caprivi, ob dieser nicht etwa so wie Graf Waldersee zum Kriege dränge?“ Ferner fügt Schweinitz hinzu: „Als mich der Zar bald nach Empfang der Nachricht zu sich beschied, ließ er dem großen Staatsmann Gerechtigkeit widerfahren, indem er sagte, Fürst Bismarck habe zwar manchmal Rußland recht weh getan, aber jetzt sei man doch zu richtigem Verständnis seiner Tätigkeit beim Berliner Kongreß gekommen; auch habe er, der Zar, namentlich bei der letzten Unterredung in Berlin, das volle Vertrauen gewonnen, daß der Fürst keine feindlichen Absichten hege. Auf Wunsch des Zaren ist dann der Presseleitung die Weisung erteilt worden, dafür zu sorgen, daß die Zeitungen nicht zu lebhaft für den Fürsten Bismarck Partei ergreifen. Der Fürst hat den Russen manches Leid zugefügt; er hat eine Tripleallianz gegen sie zuwege gebracht, den Wert ihrer Papiere und den Kurs ihres Rubels herabzudrücken gesucht und sie durch vexatorische Maßnahmen aufs äußerste gereizt, zum Beispiel zur Zeit der vermeintlichen Pest von Wetljanka, aber es würde ihnen doch lieber gewesen sein, wenn er im Amte geblieben wäre, sie wußten, daß er keinen Krieg wollte, und daß er aus politischer Überzeugung taub blieb für die Klagen der baltischen Deutschen, der Lutheraner und der Kolonisten. Viele waren ihm auch wohl dankbar, daß er sie durch seine Friedensliga vor ihren eigenen panslawistischen oder chauvinistischen Verführern schützte." Man sieht, daß trotz aller Reibungen und Provokationen in Rußland der Rücktritt des Diktators bedauert wurde, weil man doch nicht glaubte, daß er 204 den Krieg mit Rußland wollte. „L’Empereur“, so hat der Minister (Giers) schon mehrere Male gesagt, „regrette pourtant la demission du Prince de Bismarck“, aber sowohl bei ihm wie bei seinem kaiserlichen Herrn, ist der beste Wille vorhanden, die guten Beziehungen zu pflegen und womöglich noch besser zu gestalten.“ Immer wieder kommt Herr v. Giers auf den Wunsch zurück, doch noch in irgendeiner Form ein Abkommen mit Deutschland zu treffen, irgend etwas „Schriftliches". Hierzu bemerkt Schweinitz: „Ich darf hierbei nicht unterlassen, die unvorgreifliche persönliche Ansicht auszusprechen, daß, wenn wir die weit entgegenkommenden Anträge des russischen Ministers völlig abweisen, er oder sein Nachfolger gezwungen sein würde, die Anlehnung, die er bei uns nicht findet, anderwärts zu suchen." Als Schweinitz an Kaisers Geburtstag vom Zaren empfangen wurde, machte er seiner Überzeugung gemäß das Thema von der Solidarität der Interessen der Monarchien zur Grundlage seiner Ausführungen. Der Zar ging nur zögernd darauf ein und stimmte eigentlich nur für Deutschland und Rußland zu. Von Österreich wollte er natürlich nichts wissen und betonte, man könne sich mit Österreich auf nichts einlassen. Immer wieder dasselbe Lied: „Mit euch wollen wir gut Freund sein, aber laßt uns in Ruh' mit den faulen Österreichern!“ Bei uns immer wieder taube Ohren I Über die damals beginnende Anlehnung an Frankreich, die unter anderem durch die Verleihung des Andreasordens an Präsident Carnot zum Ausdruck kam, schreibt Schweinitz: „Nach den Vorgängen vom 205 19. bis 22. März vorigen Jahres (1890)*) konnte er uns nicht überraschen, daß Rußland mehr Anlehnung an Frankreich suchte als zuvor; hierzu war es nicht nurberechtigt, sondernsogargezwungen.“ Nun folgen weitere Ereignisse, die dem Abschluß des französisch-russischen Bündnisses vorhergingen. „Bei meiner am 1. August (1891) erfolgten Rückkehr fand ich alle meine russischen und diplomatischen Bekannten unter dem überwältigenden Eindruck, den die Begeisterung der Volksmassen bei der Einfahrt der französischen Schiffe in der Newa und beim Empfange ihrer Offiziere im Stadthause hervorgebracht hatte. Ruhige und erfahrene Beobachter versicherten, in keinem Lande je eine so leidenschaftliche und dabei so naiv-herzliche Massendemonstration gesehen zu haben. Es war wohl nicht weise von der russischen Regierung, aus übler Laune gegen den Dreibund Demonstrationen zu gestatten und sogar zu provozieren, durch welche die Massen lernen, ihr Schwergewicht zur Geltung zu bringen. Wenngleich hiervon für den Augenblick keine üblen Folgen zu erwarten sind, so darf man sich doch darüber keiner Täuschung hingeben, daß der Zar heute weniger frei in seiner Entschließung über Krieg und Frieden ist, als vor vierzehn Tagen. Die Verleihung des Andreasordens an den Präsidenten Carnot bezeichnete die erste Stufe, die Marseillaise an der Hoftafel in Peterhof die zweite, die Entfesselung der Volkshaufen die dritte. Je größer die Raserei der Massen war, um so sicherer konnte man erkennen, wie fern ihnen alle Kriegslust liegt.“ Nachher schreibt Schweinitz: „Man fühlte sich hier nicht nur isoliert, sondern bedroht, und man erkannte als notwendig, den sensationellen Erscheinungen, unter *) Nichtemeuerung des Rückversicherungsvertrags. 206 welchen die Erneuerung des Dreibundes zutage trat, eine sensationelle Manifestation g e g e n ü b e r z u s t e 11 e n.“ Wie groß das Mißtrauen immer noch gegen uns war, zeigt eine Äußerung des Herrn Pobjedonoszew Ende 1891, die die unverhohlene Angst vor einem deutschen Angriff erkennen ließ, die Herr von Giers als nicht von ihm, aber von fast allen russischen Staatsmännern geteilt bezeichnete! Geradezu elegisch ist die Stimmung des Verfassers bei Abschluß seiner Petersburger Tätigkeit! Das Jahr 1892 ist das letzte, er fühlt, daß sein auf dynastischer Tradition und Interessengemeinschaft bestehendes Programm nicht mehr aufrecht zu halten ist, er sieht den Zusammenbruch seines Lebenswerkes. „Als nun gar durch provozierendes Benehmen bei der Erneuerung des Dreibundes Rußland in die Arme Frankreichs gedrängt wurde, da kam ich mir, als ich nach dem Besuche der französischen Flotte in Kronstadt ins Lager von Krasnoje Selo ritt, wie ein Don Quixote der Legitimität vor." Auf die aus Berlin an ihn gerichtete Frage, ob es eine Kriegspartei gäbe, antwortete Schweinitz: „Weder am Hofe, noch in der hohen Beamtenwelt, noch im Reichsrate und am wenigsten im Bestände des Ministeriums des Äußeren wüßte ich eine Persönlichkeit zu bezeichnen, von welcher sich sagen ließe, daß sie mit Bewußtsein zum Kriege treibe." Auf die fernere Frage, ob die von russischen Staatsmännern geäußerten Besorgnisse vor deutschen oder österreichischen Angriffsplänen ernst gemeint sind oder nur zum Scheine gesagt, antwortete Schweinitz kurz vor seinem Rücktritt: „Trotz seiner Verehrung für Kaiser Franz Joseph hat Alexander III. 207 ein tiefwurzelndes Mißtrauen gegen die österreichischungarische Politik und eine geringe Meinung von der Widerstandsfähigkeit des Wiener Kabinetts gegen ungarische und polnische Bestrebungen. Der Kriegsminister und die Generale Dragomirow und Gurko kennen diese Auffassung des Monarchen und bestärken ihn in derselben; neue Geldforderungen für Augmentationen, Dislokationen, Befestigungen, Bahn- und Straßenbauten werden Seiner Majestät gegenüber mit dem fast zum Axiom gewordenen Satze motiviert, daß Österreich-Ungarn, Deutschlands sicher, Rußland angreifen wolle. Die wiederholten, nur ungern eingestellten Bemühungen des Herrn v. Giers, „etwas Schriftliches" zu haben, „nur ein paar Zeilen", wodurchRuß- land gegen einen solchen Angriff gesichert würde, erklären sich aus dieser vorgefaßten Meinung, Durch unsere Abweisung der uns gestellten Zumutung wurde man in jenem Wahne bestärkt und zum Anschluß an Frankreich bestimmt. Herr v. Giers geht in seinem Mißtrauen nicht so weit wie der Zar und in seinen Besorgnissen nicht so weit, wie die Generale; er ist aber nicht stark genug, um ihren Verdächtigungen der Wiener Politik Schranken zu setzen, und gerade hierzu bedurfte er so dringend der „paar Zeilen“.“ Am Ende seiner hochbedeutenden Denkwürdigkeiten, die mit seinem im Jahre 1892 erfolgten Rücktritt aufhören, betont Schweinitz, daß er viele Beweise dafür erhalten habe, daß man in höchsten Kreisen Angriffspläne bei uns vermutet. „So unbegründet dieses russische Mißtrauen gegen uns und Österreich auch sein mag, so ist es doch nicht als zur Schau getragen, sondern als aufrichtig zu bezeichnen; durch den Ton, 208 in welchem die österreichisch-ungarische und ein Teil der deutschen Presse über den Notstand spricht, wird das Mißtrauen zu ernster Besorgnis gesteigert, und dies ist insofern schädlich, als es zu erhöhter Tätigkeit auf militärischem Gebiet, wofür Anzeichen vorliegen, und zu sorgfältigerer Pflege der etwas erkaltenden französischen Freundschaft führt,“ Bei seinem Abschied warnt Herr v, Schweinitz den Reichskanzler v, Caprivi vor der Art, wie die Geschäfte im Auswärtigen Amt geführt werden. Eine Persönlichkeit, welche „nicht ganz richtig im Kopfe” sei, übe zu großen Einfluß aus. Gemeint ist Herr v. Holstein, Und dieser Beamte, den der Verfasser zutreffend charakterisiert, und der durch die neuesten Enthüllungen auch in anderer Richtung recht bedenklich erscheint, war im ganzen Epigonen-Zeitalter der eigentliche Leiter des wichtigsten Teiles der Staatsgeschäfte, der auswärtigen Politik! Noch nach seinem Rücktritt und noch über sein Grab hinaus bis 1914 war sein System erkennbar! Zum Schluß erwähnt noch der Verfasser die Tatsache, daß wir in jedem Augenblick das frühere Verhältnis zu Rußland um den PreisderTrennungvomDreibundwieder- herstellen können. Man fragt sich, gegen wen wir dann die Bündnisse brauchten? Gegen wen die wahnwitzigen Rüstungen? Die Erinnerungen des Botschafters v, Schweinitz haben dazu beigetragen, den Glauben an die Unfehlbarkeit des Meisters gründlich zu erschüttern, indem sie darlegen, daß die letzten Wurzeln der Katastrophe auf ihn zurückreichen. Leider haben die Epigonen dafür gesorgt, daß seine großartige Schöpfung nach kurzer Lebensdauer kläglich zusammenbrach! 14 Lithnowsky I 209 BRIEFE UND ZUSCHRIFTEN I FRIEDRICH NAUMANN AN FÜRST LICHNOWSKY Berlin, 30. 7. 1917 E w. Durchlaucht haben einen Aufsatz über „Das österreichische Problem" geschrieben, den ich mit Interesse und meist auch mit Zustimmung gelesen habe, bis ich zu den letzten Sätzen gelangte, die mich veranlassen, Ew. Durchlaucht zu antworten. Die betreffenden Sätze lauten: „Wir sollen uns aber hüten, durch phantasievolle Programme wie „Mitteleuropa" die Österreicher zur Preisgabe ihrer wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit zu drängen, und es ihnen überlassen, im freien Wettbewerb mit uns die orientalischen Märkte zu versorgen. Alles, was die Meistbegünstigungsklausel Dritten gegenüber ausschließt, wäre für uns wie für sie von Übel! Jede Erneuerung des Heiligen alten Reiches ist ein Irrtum, auch wenn es statt der römischen die byzantinische Richtung einschlägt und die industrielle statt der sacerdotalen Salbung erhält." Als Schriftsteller von Beruf mache ich zunächst Eurer Durchlaucht mein Kompliment über die feine Leichtigkeit, mit der hier zahlreiche Gründe und lange Gedankenreihen zu einer kurzen, scheinbar selbstverständlichen Abwehr zusammengefaßt werden. Es findet sich aber, wenn ich mir gestatten darf, Kritik 210 zu üben, neben echter Kunst in diesem kleinen Abschnitt auch eine artistische Verwendung mehrdeutiger Worte, die zwar den Glanz erhöht, aber der Deutlichkeit nicht dient. Ich denke dabei besonders an den letzten Satz über das Heilige alte Reich und seine beabsichtigte neuzeitliche Wiederholung. Was bedeutet in diesem Zusammenhänge der Klang „byzantinisch"? Ist er nur ein poetischer Ausdruck für die türkische Bundesgenossenschaft, oder sollen die Worte römisch und byzantinisch noch weitere Erinnerungsreihen wecken? Soll die „industrielle Salbung” ein ästhetischmoralisches Abneigungsgefühl ahnen lassen? Kurz, welche literarische Tropfenmischung findet hier statt? Kein Mensch wird in Abrede stellen, daß eine einfache Erneuerung des vergangenen Heiligen römischen Reiches deutscher Nation unmöglich ist, aber, das zu versichern, ist nicht besonders nötig. Wenn trotzdem in der gegenwärtigen Zeit die Erinnerungen früherer Geschichtsgemeinschaft zwischen uns und den Österreichern stärker hervorgehoben werden, so gibt das doch noch kein Recht, die neue Verbindung von vornherein mit der Hinterlassenschaft der alten zu belasten. Auch ist es falsch, die industrialistische Tendenz als den Wesenskern der neuen Gestaltung hinzustellen, denn wenn auch alles Geschichtliche in dieser unserer Gegenwart von selbst einen industriell-kapitalistischen Charakter annimmt, so ist der Ausganspunkt der mitteleuropäischen Bestrebungen nicht ein ökonomischer, sondern ein politischer: die im Kriege erprobte Waffenbrüderschaft soll und muß zur Dauererscheinung erhoben werden. (!) Etwas bewußte Artistik finde ich auch im Gebrauch des Wortes „phantasievoll" für das Programm von Mitteleuropa, denn im Begriffe Phantasie liegen Schöpferkraft und Wahn so nahe beieinander, daß der 14 * 211 Leser kaum ganz entscheiden kann, ob mehr an das eine oder an das andere gedacht ist. Wenn Ew. Durchlaucht den Wahn, das Unzulängliche und Unmögliche in einer nicht verletzenden Form bezeichnen wollten, so widerspricht dem einigermaßen die sonst aufgewendete Energie des Gegensatzes. Auch in den Augen von Ew. Durchlaucht ist die Idee von Mitteleuropa etwas wie eine geistige Macht, ein gestaltender Gedanke, nur freilich ein Gedanke, den zu bekämpfen Sie als unnötig ansehen. Was vom reichsdeutschen Standpunkt aus die Gegengründe Ew. Durchlaucht gegen die dauernde und engere Verbindung mit Österreich-Ungarn sind, ist an dieser Stelle nicht völlig ausgesprochen und muß darum hier unerörtert bleiben. Man ersieht aus den Darlegungen, die dem oben zitierten Schlußsatz vorhergehen, daß Sie keineswegs ein Gegner des politischen Bündnisses zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn an sich sind. (?) Wer sollte das auch sein? Es handelt sich also nur um das Maß und die Geschlossenheit der aufzurichtenden Verträge, es handelt sich darum, daß die Österreicher nicht zur „Preisgabe ihrer wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit“ gedrängt werden. In diesen Worten liegt unsere Gegensätzlichkeit und zugleich das unglaubliche Mißverständnis Ew. Durchlaucht. (!) Da ich bei einem neutralen Bureau auf englische und französische Zeitungsausschnitte über „Mitteleuropa“ abonniert bin, ist es mir ganz geläufig, den Gedanken zu lesen, den Ew. Durchlaucht hier aussprechen. Mit Methode wird von der Entente der Zusammenhang des österreichischen und des ungarischen Staates dadurch zu stören gesucht, daß die Nationalitäten gegeneinander ausgespielt werden, zugleich aber wird die Monarchie täglich fürsorglich gewarnt, sich 212 nicht zum Vasallenstaat herabdrücken zu lassen. Da Ew. Durchlaucht selbst anführen, daß in Österreich eine „höfische Aristokratie mit anglomanischer Kultur - und Geschmacksrichtung" zu treffen sei, ist die englische Methode, Mißtrauen auszustreuen, vom englischen Standpunkt aus vielleicht nicht schlecht. Was mich in Erstaunen setzt, ist also nicht das Auftauchen dieses Gedankenganges, sondern seine Übernahme durch Ew. Durchlaucht. Da Ew. Durchlaucht an anderer Stelle sicherlich nicht ohne Absicht schreiben, daß der Weltkrieg durch staatsmännische Unfähigkeiten entfesselt sei, so darf ich voraussetzen, daß von Ihrer Seite eine falsche Behandlung der Beziehungen der zwei mitteleuropäischen Reiche nicht gewünscht werden kann. Muß es nun aber nicht einen schwer erträglichen Eindruck machen, wenn ein reichsdeutscher Mann hohen Ansehens als Mitunterstützer der täglichen englischen Verdächtigungen auftritt? Die englische Preßabteilung weiß, was sie tut und will, ich aber frage mich vergeblich, welcher rationelle Grund vorliegen kann, ihr beizuspringen. Ohne Zweifel würde ich ein gewisses Verständnis für diesen gewagten Akt der Beschuldigung eigener Staatsgenossen haben, wenn tatsächlich ein Stück davon wahr wäre, daß Österreich (und Ungarn) zur Preisgabe ihrer wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit gedrängt werden sollen, denn das würde ein Verbrechen am Geiste der Waffenbrüderlichkeit und Treue sein. (?) Aber in aller Welt, wo findet sich eine derartige gefährliche Absicht? Wem soll sie zugeschrieben werden? Soll etwa der Verfasser des Buches „Mitteleuropa" sie haben oder wer sonst? Sind die deutschen Unterhändler, die nach Wien fahren, damit belastet. Ich darf wohl sagen, daß mir die mitteleuropäischen Bestrebungen allseitig be- 213 kannt sind, und auf Grund dieser meiner Kenntnis versichere ich, daß hier eine durchaus schiefe Darstellung der Sachlage vorliegt. So blind und kleindenkend ist keiner von uns, die wir für Mitteleuropa uns bemühen, daß wir annehmen könnten, ein herabgedrücktes Österreich könne uns ein fester und treuer Bundesgenosse sein. Im Gegenteil, wir wünschen mit ganzer Überzeugung ein stolzes, sich aufrichtendes Österreich und Ungarn, denn nur zwischen Starken und Gleichgeachteten schließt sich der nötige Bund guten Willens. Es müssen nicht nur alle Formen der beiderseitigen Staatssouveränität gewahrt werden, nein, darüber hinaus muß ein weit besseres gegenseitiges Achten und Verstehen Platz greifen, als es bis heute vielfach vorhanden ist. Zusammen als eine große Staaten- und Völkerfamilie (!) treten wir in die Weltgeschichte ein, wir binden uns beiderseits freiwillig aneinander um des Lebens willen. Dieser Zusammenschluß ist für alle Beteiligten die bestmöglichste Steigerung aller ihrer eigenen Kräfte und Fähigkeiten. Mögen Ew. Durchlaucht das als Phantasie bezeichnen, so glaube ich meinesteils, es sei eine jener Phantasien, aus denen die neuen Geschichtsperioden geboren werden. Daß beim engeren Zusammenschluß von Mitteleuropa der zentrale Staatsvertrag von einer Reihe von Nebenverträgen umgeben sein wird, ist ohne weiteres klar. In diesen Bereich gehören die Fragen von den orientalischen Märkten und von der Meistbegünstigungsklausel, Wenn ich Abmachungen über diese Dinge als Nebenverträge bezeichne, so soll darin keine Herabsetzung ihrer sachlichen Bedeutsamkeit liegen, sondern nur zum Ausdruck kommen, daß wir beiderseits erst wissen müssen, ob wir den Staatsver- trag und die Militärkonvention machen, ehe wir abschließend zu den Wirtschaftsverträgen übergehen. Auf Grund welthistorischer Gemeinsamkeit können beide Teile sich bei den handelspolitischen Kämpfen viele unnnötige Reibung ersparen. Wenn man die Sätze Eurer Durchlaucht liest, so könnte man den Eindruck gewinnen, als wünschten die österreichungarischen Industriellen eine ungehemmte deutsche Konkurrenz auf den balkanischen Märkten, als sei es eine Preisgabe von wirtschaftlicher Unabhängigkeit, wenn wir vielleicht Abmachungen treffen, die auf eine Art von Rayonierung hinauslaufen. Wer die Dinge kennt, weiß, daß die Verhältnisse genau umgekehrt liegen! Österreich und Ungarn haben den Wunsch, in ihrer notwendigen industriellen Ausdehnung auf dem Balkan von Deutschland aus möglichst wenig gehindert zu werden. Wieweit sich deutsche Zugeständnisse an diesen Wunsch mit den berechtigten Bestrebungen einzelner reichsdeutscher Exportindustrien ausgleichen lassen, ist eine der vielen Fachfragen des mitteleuropäischen Wirtschaftsproblems, aber nicht im entferntesten eine Möglichkeit oder Gelegenheit, Österreich oder Ungarn unselbständig zu machen. Und was die Meistbegünstigungsklauseln anlangt, so sind die durch die zahlreichen Kriegserklärungen fast schon zur Sage geworden. Ob die Wirtschaftswelt nach dem Kriege sich wieder auf der Meistbegünstigungsmethode aufbauen wird, kann auch der weitblickendste Wirtschaftspolitiker heute nicht entscheiden, aber selbst angenommen, das Meistbegünstigungssystem feiert eine fröhliche Auferstehung, so ist dann sicherlich der wirtschaftliche Zusammenschluß der zwei mitteleuropäischen Wirtschaftsbereiche kein Hindernis. Wir vergeben dann die Meistbegünstigung gemeinsam, wie es andere 215 Staatengruppen wahrscheinlich auch tun werden. Doch das zu erörtern, wird noch viel Zeit und Gelegenheit sein! Noch wissen wir nicht, was das Ergebnis der jetzt versammelten Konferenzen sein wird, und diese Konferenzen sind wiederum nichts als Hilfserscheinungen im langen Prozesse des Zusammenwachsens. Das, was mir Ew. Durchlaucht gegenüber die Feder in die Hand gedrückt hat, sind die Sätze über Preisgabe der Unabhängigkeit Österreichs, die ich als einen Stoß betrachte, der nicht erfolgen durfte. Dieses auszusprechen hielt ich für Pflicht. In vorzüglichster Verehrung Fr. Na umann . AN HERRN FRIEDRICH NAUMANN, M. D. R. Berlin, 1. 8. 1917 E uer Hochwohlgeboren möchte ich zunächst verbindlich danken für die freundliche Zustimmung, die Sie, mit Ausnahme der von Ihnen wiedergegebenen Schlußsätze, meinen kurzen Ausführungen erteilten, die über die inneren Gegensätze in Österreich und deren Entwicklung erschienen sind. Um so mehr muß ich es daher bedauern, daß wir uns über das von Ihnen so warm, und wie ich aus Ihren bisherigen Veröffentlichungen entnehmen konnte, so glanzvoll vertretene Thema „Mitteleuropa“ nicht in Übereinstimmung befinden. Es war natürlich nicht meine Absicht, das ganze Gebiet der wirtschaftlichen und politischen Fragen zu berühren, die das mitteleuropäische Projekt zur Erörterung stellt, als ich mir anzudeuten erlaubte, daß wirtschaftliche Abhängigkeit die politische nach sich zieht. Man vermeidet es doch gern, einem Freunde zu sagen, daß man sich für den Stärkeren hält, man tut es höchstens dann, wenn man unfreundschaftlichen Regungen vorzubeugen beabsichtigt! Es wäre daher beinahe unzart, wenn ich sagen wollte, daß ich uns in der von Euer Hochwohlgeboren so warm befürworteten G. m. b. H. als den kräftigsten Genossen betrachte, dem für ein ersprießliches und einheitliches Zusammenwirken die Führung zufallen müßte. Zwischen Führung und Abhängigkeit besteht aber bekanntlich ein Zusammenhang, der vielleicht nicht notwendigerweise auf Finalität, wohl aber auf Kausalität beruht. Ich weiß die Entrüstung, mit der Euer Hochwohlgeboren den Verdacht illoyaler Gesinnungen gegen den bewährten Freund und erprobten Leidensgefährten von sich weisen, vollauf zu würdigen und muß es lebhaft bedauern, daß Sie mich in dem Sinne verstanden, als ob ich beabsichtigte, Sie einer an Felonie grenzenden Absicht zu zeihen. Nichts lag mir ferner, und ich möchte besonders zum Ausdruck bringen, daß ich mich den Auffassungen über den „Geist der Waffenbrüderschaft und Treue", die Euer Hochwohlgeboren so warm und eindrucksvoll verdolmetschen, in vollstem Umfang anschließe, selbst wenn es mir bisher nicht gelang, mich von der Übertragbarkeit unserer beiderseitigen idealen Wertung der Bundesgenossenschaft auf das ja leider etwas materielle Gebiet der Handelspolitik zu überzeugen, Man behauptet ja allgemein, daß in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört, und ich kann mich des Eindrucks nicht entschlagen, daß das bisher so ungetrübte Einvernehmen, als dessen Befürworter Sie mich mit Recht erkannt haben, durch die bisherige Trennung der Konten und Kassen nicht gelitten hat. Ein Zusammenschluß auf Grundlage gemeinsamer Handelspolitik nach außen, also gegen die jetzigen Gegner und Neutralen, würde die Preisgabe wichtiger Interessen einzelner Mitglieder zugunsten des Vereins zur Voraussetzung haben, den Verzicht auf wichtige Einnahmequellen, Opfer, die nur zu leicht dahin führen, als Benachteiligung ausgelegt zu werden und eine Trübung der brüderlichen Gefühle zu verursachen, insbesondere wenn die betroffenen Erwerbskreise, die vielleicht nicht immer so idealistisch denken wie wir, die lästigen Vereinbarungen öffent- 218 lieh bekämpfen oder gar heimlich zu umgehen sich anschicken. Euer Hochwohlgeboren wird es sicherlich bekannt sein, welche Schwierigkeiten sich bereits innerhalb der k. u. k. Monarchie der gemeinsamen Wirtschaftspolitik beider Reichshälften entgegenstellen. Die Klagen der österreichischen Industrie über das Bestreben der ungarischen Regierung, die dortige jüngere und weniger entwickelte Industrie auf Kosten der diesseitigen zu schützen und trotz gemeinsamen Zollgebietes eine handelspolitische Abgrenzung zu errichten, haben schon wiederholt die Eintracht beider Staaten zerstört, von den Sorgen, die die Erneuerung des „Ausgleiches" regelmäßig verursacht, gar nicht zu reden, da beide Staaten sich bei Bemessung des „Schlüssels" zu den gemeinsamen Ausgaben benachteiligt wähnen. Ohne den bundesbrüderlichen Gesinnungen unserer magyarischen Freunde zu nahe treten zu wollen, möchte ich doch bezweifeln, daß sie dem Eingang deutscher Industrieprodukte, die auf Grundlage eines Vorzugstarifs und älterer Entwickelung mit den österreichischen jedenfalls eine erfolgreiche Konkurrenz aufnehmen könnten, bereitwilliger und zum Nachteil der ihrigen Tore und Märkte öffnen würden. Wenn es schon schwer fällt, für die auf ganz verschiedener Wirtschaftsstufe stehenden Teile der k. u. k. Monarchie eine einheitliche Grundlage für ihre Wirtschaftspolitik zu finden, so vermag ich mir die Lösung nicht vorzustellen, wenn die Frage durch den Zutritt eines so mächtigen Wirtschaftskörpers wie das Deutsche Reich noch belastet wird, für dessen Warenausfuhr übrigens überseeische Länder bisher eine Richtung wiesen, die für unsere Bundesgenossen weit weniger in Betracht kam. „Zusammen als eine große Staaten- und Völker- familie treten wir in die Weltgeschichte ein!“ Diese erhebenden Worte von programmatischer Tragweite würden mich sicherlich noch mehr begeistern, als sie es tun, wenn ich nicht das Gefühl hätte, daß wir uns doch schon seit einiger Zeit in der Weltgeschichte befinden, uns darin bis zum Kriege sehr wohl fühlten und uns auch nicht über Mangel an Gegenliebe bei unseren Verbündeten zu beklagen brauchten, wenigstens nicht nach meinen persönlichen Erfahrungen, die auf jährlichem Aufenthalt in meinem Wohnsitz in Österreich fußen. Andererseits höre ich aber, daß nicht immer in allen Familien Eintracht und Friede walten, als deren Voraussetzung viele die Einheitlichkeit sowohl der Autorität wie des Portemonnaies betrachten, wenn deren Träger auch nicht notwendigerweise der pater familias zu sein braucht. Eine wahrhaft altruistische Gesinnung, die ich auch als die Grundlage politischer Ethik betrachte, tritt aus dem Wunsche Euer Hochwohlgeboren hervor, den deutschen Absatz auf den orientalischen Märkten zugunsten der österreichisch-ungarischen Konkurrenz zu beschränken, und ich kann mich in vollster Übereinstimmung mit Ihren Ansichten erklären, wenn Sie sagen, daß „Österreich und Ungarn den Wunsch haben, in ihrer notwendigen industriellen Ausdehnung auf dem Balkan von Deutschland aus möglichst wenig behindert zu werden." Das ist auch ganz meine Überzeugung. Etwas skeptischer bin ich leider hinsichtlich der von Euer Hochwohlgeboren vorgeschlagenen „Rayonierung“ des Balkans, die doch einer Einteilung in Interessensphären gleichkäme, wie wir sie mit Rücksicht auf die berechtigten Empfindlichkeiten der Pforte vor dem Kriege nicht für Kleinasien amtlich festzustellen wagten. Nur im entferntesten Afrika und Asien war dieser Begriff bisher im 220 Gebrauch, wo es sich nicht um junge, unabhängige, aufstrebende Staatswesen handelte, die sich ungern, wenn auch nur wirtschaftlich aufteilen lassen, sondern um solche, deren Hilflosigkeit fremden Schutz und Eingriff verschuldete. Einem Schriftsteller von Beruf, und wie ich mir erlauben möchte, Sie anzureden, einem berühmten Parlamentarier und Volkswirt, wird es mir doppelt sauer, in einer Frage wie die der Meistbegünstigung entgegenzutreten. Mir fehlen das umfangreiche Material, die fachmännischen Kenntnisse, die langjährige Erfahrung, die Euer Hochwohlgeboren besitzen. Ein Blick in die Statistik lehrt mich aber, daß schon vor dem Hinzutritt Amerikas in die Reihen unserer Verfolger von dem vor dem Kriege etwa 10 Milliarden Mark betragenden Export des Deutschen Reiches etwa die Hälfte nach den uns jetzt feindlichen Ländern ging, etwa das Vierfache des Wertes der Waren, die unsere heutigen Bundesfreunde von uns abnahmen, und daß das britische Reich mit etwa 20 Prozent an der Spitze unserer Kunden stand. Ich hatte bisher geglaubt, daß es eine der wichtigsten Aufgaben sein wird, die uns beim Friedensschluß erwarten, alle Hindernisse hinwegzuräumen, die sich der Wiederanknüpfung der durch den Krieg zerrissenen Handelsbeziehungen entgegenstellen. Als solches betrachte ich vor allem unseren Ausschluß von der Meistbegünstigung oder eine Differenzierung zu unseren Ungunsten in den Tarifen, wie sie von der Pariser Wirtschaftskonferenz geplant zu sein scheint. Obwohl ich leider nicht wie Euer Hochwohlgeboren bei einem neutralen Bureau auf englische und französiche Zeitungsausschnitte über „Mitteleuropa“ abonniert bin, glaube ich doch bemerkt zu haben, daß der Hinweis auf die sicherlich zu Unrecht in imperia- listischem Sinne gedeuteten mitteleuropäischen Bestrebungen ein wirksames Agitationsmittel bildet für einen wirtschaftlichen Zusammenschluß gegen uns und für die Zurückstellung auseinandergehender Sonderinteressen der Alliierten. Auch glaube ich nicht, daß wir in der Lage wären, den Minimaltarif oder die Meistbegünstigung für uns zu begehren, wenn wir sie nicht auch anderen gewähren. Ich möchte den Vorwurf „unglaublichen Mißverstehens“ nicht erwidern, schon weil er mir nicht als sehr höflich erschiene, es hat mich aber überrascht, daß Sie meine Bemerkung, jede Erneuerung des Heiligen alten Reiches sei ein Irrtum, auch wenn es statt der römischen die byzantinische Richtung einschlägt und die industrielle statt der sacerdotalen Salbung erhält, mit sichtlicher Erregung beanstanden. Daß ich unter „byzantinisch“ nicht höfische, sondern geographische Tendenzen meinte, brauche ich wohl als Antwort auf die an mich gerichtete Frage nicht zu versichern? Euer Hochwohlgeboren Erklärung, der Ausgangspunkt der mitteleuropäischen Bestrebungen sei kein ökonomischer, sondern ein politischer, enthebt mich eigentlich jeden weiteren Kommentars, da Analogien und Erinnerungen sich durch den politischen Charakter des beabsichtigten Zusammenschlusses beinahe automatisch aufdrängen, auch wenn wir nicht „Mitteleuropa“ mit Mittelalter verwechseln. Zum Schlüsse möchte ich bitten, mir noch eine persönliche Bemerkung zu gestatten. Ich bin kein Renommist. Ich liebe nicht Renommisten. Das vorausgeschickt möchte ich bemerken, daß ich doch den Mut besitze, mich zu einer Auffassung zu bekennen, selbst wenn ich dabei Gefahr liefe, gelegentlich in einer englischen Zeitung etwas ähnliches zu lesen und von Ihnen alsdann der „Mitunterstützung täg- 222 Iicher englischer Verdächtigungen" geziehen zu werden. Daß „Mitteleuropa" von gegnerischer Seite zu unserem Schaden ausgebeutet wird, habe ich bereits oben erwähnt, und es mag dies ja auch in mehrfacher Hinsicht versucht worden sein. Einen Grund, um mich für das Projekt zu erwärmen, vermag ich aber hierin nicht zu erblicken, selbst dann nicht, wenn meine Ansichten mit bewundernswerter Eristik bekämpft werden. In vorzüglichster Verehrung Lichnowsky. III AN DAS PREUSSISCHE HERRENHAUS Berlin, 20. 4. 1918 E s ist gegen mich ein Antrag aus § 9 der Verordnung vom 12. Oktober 1854 gestellt worden. Obwohl ich eigentlich ebensowenig glaubte, mich gegen den Verdacht verteidigen zu müssen, daß mein Verhalten in der Frage der vielerwähnten „Denkschrift“ nicht der Würde des Hohen Hauses entspräche, wie etwa mich zu wehren gegen die in der Tagespresse erschienenen Schmähungen und Entstellungen, so halte ich mich doch für verpflichtet, der zur Prüfung jenes Antrages eingesetzten Kommission über den eigentlichen Sachverhalt nachstehend einige Aufklärung zu geben: Meine durch unerhörte Indiskretion verbreiteten und veröffentlichten Betrachtungen werden bisher wohl den meisten der Herren entweder nur in Auszügen bekannt sein, die in der Tagespresse mit gehässigen Kommentaren erschienen sind, oder aber aus den von unbekannter Seite veranstalteten Abdrücken, die schon durch den gefälschten Titel: „Die Schuld der deutschen Regierung am Weltkriege" meiner intimen Aufzeichnung das Kennzeichen einer fremden Tendenz aufprägen. Die von meinem Privatsekretär auf der Schreibmaschine mit wenigen Durchschlägen hergestellte Niederschrift bezeichnete sich: „Meine Londoner Mission 1912—1914." Sie sollte meine persönliche 224 Haltung als Botschafter in London gegenüber unsachlichen und unbegründeten Angriffen vor mir selbst »nd meiner Familie rechtfertigen und außerdem meine dortigen Eindrücke und Erlebnisse und meine politischen Gedankengänge festhalten. Sie waren für das Familienarchiv bestimmt und ist von mir nur einer ganz kleinen Zahl mir nahestehender Persönlichkeiten, bei denen strengste Diskretion zu erwarten war, mitgeteilt worden. War es bei dem intimen Charakter der Schrift selbstverständlich, daß meine Person im Mittelpunkte der Darstellung stand, so muß letzterer Umstand peinlich berühren, wenn jemand es zu unternehmen wagt, die Schuld am Weltkriege als Überschrift zu wählen. Die Druckschrift legt mir auch in den Mund, ich hätte das Scheitern meiner Mission auf die „Tücken” unserer Politik geschoben. Meine Niederschrift aber spricht nicht von „Tücken”, sondern von „Lücken" unserer Politik. Hinsichtlich der Veröffentlichung kann ich mir auch nicht einmal den Vorwurf der Fahrlässigkeit machen. Daß ich im intimsten Kreise und unter strengster Diskretion, zumal angesichts der selbst aus amtlichen Kreisen zu Unrecht gegen mich erhobenen Vorwürfe, meine Gedankengänge besprochen habe, wird kein Politiker als ein Vergehen betrachten. Es haben nun alle Herren meine Niederschrift streng diskret behandelt, nur einer hat sich zu der Unvorsichtigkeit verleiten lassen, dem Hauptmann von Beerfelde aus der Politischen Abteilung des Generalstabes, der sich wiederholt bei ihm über politische und wirtschaftliche Fragen zu orientieren suchte, die Schrift für 24 Stunden anzuvertrauen gegen die unbedingte Verpflichtung, sie nur persönlich zu lesen und nach Ablauf dieser Frist ihm wieder zuzustellen. 15 Lichnowsky I 225 Der Offizier hat entgegen dieser Zusage trotz wiederholter dringender Erinnerung die Schrift noch ein bis zwei Tage länger behalten und in weltfremder Verkennung der Bedeutung der Schrift und in dem Wahn, sie könnte zur Herbeiführung des Friedens dienen, etwa 50 Abdrucke davon hersteilen lassen, und sie Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Kronprinzen, dem Herzog von Braunschweig, dem Prinzen Max von Baden, dem Generalfeldmarschall von Hindenburg, dem Generalquartiermeister Ludendorff, dem Staatssekretär des Kolonialamtes Dr. Solf, dem Staatssekretär des Reichsschatzamtes Grafen von Roedern, dem Generalstab und anderen offiziellen Stellen und hervorragenden Persönlichkeiten zugeschickt. Es scheint nicht, daß von irgendeinem dieser Herren oder seinen Vorgesetzten etwas geschehen ist, um dieser Verbreitung entgegenzutreten. Ich selbst habe erst einige Wochen später Kenntnis von dem bedauerlichen Vorgang erhalten und sofort versucht, die Einziehung der versandten Exemplare herbeizuführen. Leider hatte der Hauptmann von Beerfelde die Schrift inzwischen Parlamentariern und Journalisten zugesandt, so daß sich meine Bemühungen um die Einziehung als vergeblich erwiesen. Ich habe mich darauf dem damaligen Reichskanzler, Herrn Dr. Michaelis, zur Verfügung gestellt und bin seither in steter Fühlungnahme mit dem Auswärtigen Amt bestrebt gewesen, der weiteren Verbreitung, namentlich aber der Übertragung der Schrift ins Ausland entgegenzuwirken. Ich glaube aussprechen zu dürfen, daß ich mit einer derartigen Indiskretion nicht rechnen konnte. Alles dies ist in dem gegen mich von dem Herrn Oberstaatsanwalt beim Landgericht I Berlin eingeleiteten Ermittlungsverfahren eingehend erörtert und 226 klargestellt. Ich habe deshalb auch das Herrenhaus durch meinen Rechtsvertreter, Herrn Geh. Justizrat Dr. von Gordon, bitten lassen, von meiner Immunität als Herrenhausmitglied abzusehen und dem Oberstaatsanwalt die Genehmigung zur Strafverfolgung zu erteilen. Dieses Verfahren wird, so hoffe ich, auch weiter dartun, daß ich mich niemanden gegenüber einer Verletzung des Dienstgeheimnisses schuldig gemacht habe. Handlungen können es hiernach nicht sein, durch die in meiner Person die Würde des Hohen Hauses verletzt wäre. Ist es etwa die Gesinnung, die aus meiner Niederschrift spricht? Ich glaube zuversichtlich: nein! Denn ich habe keinen Gedanken zum Ausdruck gebracht, der nicht von zahlreichen Politikern auch innerhalb des Herrenhauses selbst geteilt würde. Die Gedankengänge, denen ich Ausdruck geben wollte, sind kurz die folgenden: Erstens wollte ich zeigen, daß eine Verständigung mit England, die den ausgesprochenen Zweck meiner Mission bildete, sehr wohl zu erreichen und nahezu erreicht war, als der Weltkrieg ausbrach, und daß das englische Kabinett bereitwilligst die Hand dazu bot. Die beiden fertiggestellten Verträge über die portugiesischen Kolonien und über die Bagdadbahn, in denen das Londoner Kabinett ein weitgehendes Entgegenkommen an den Tag legte, lieferten sprechende Beweise hierfür. Ist doch in ganz ähnlicher Weise die englisch-französische Verständigung 1904 durch einen Vertrag über nordafrikanische und die englischrussische 1907 durch einen solchen über asiatische Interessen entstanden. Ferner lag mir daran, festzustellen, daß England den Krieg nicht gewollt hat, sondern entsprechend meiner Londoner Bericht- erstattung nur zum Schutze Frankreichs und Belgiens eingriff. In allen wesentlichen Punkten hat auch Herr von Jagow in seinen Erwiderungen meine Ansichten bestätigt, indem er erklärt: „Auch er glaube an die Friedensliebe Sir Edward Greys und an seinen ernsten Wunsch, mit uns zu einer Verständigung zu gelangen.“ Die englische Regierung habe „eine Politik verfolgt, die auf eine Verständigung hinzielte.“ Der ehemalige Staatssekretär betont ausdrücklich, er habe „eine deutsch-englische Annäherung für erwünscht und eine Verständigung über die Punkte, wo unsere Interessen sich berührten bzw. kreuzten, auch für erreichbar“ gehalten. Ferner erklärte er, es sei nicht richtig, „daß im Amt die Berichte, England werde unter allen Umständen die Franzosen schützen, nicht Glauben gefunden hätten.“ Der zweite Gedanke, den ich ausführen wollte, war, daß unsere politische Orientierung seit dem Berliner Kongreß, jedenfalls aber seit Kündigung des Rückversicherungsvertrages, auf einem Irrtum beruhte, der mit der Zeit zum Weltkriege führen mußte. Denn der immer enger werdende Anschluß an Österreich- Ungarn brachte uns in einen scharfen Gegensatz zu Rußland, wenn wir uns den österreichisch-ungarischen Orientinteressen dienstbar machten, wie bei der bosnischen Krise, der Londoner Botschafter-Konferenz und schließlich im Juli 1914. Eine derartige Übertragung der an sich fragwürdigen Bündnispolitik auf orientalische Fragen war auch ganz gegen die Absichten des Fürsten Bismarck, wie sie in den „Gedanken und Erinnerungen" zum Ausdruck kommen. Der Anschluß Rußlands an die Westmächte war das Ergebnis der Verstimmung, die unsere Haltung in den ßalkanfragen seit dem Berliner Kongreß, namentlich 228 aber seit Kündigung des Rückversicherungsvertrages in Rußland auslöste. Auf diese Weise war eine wachsende Entfremdung zwischen uns und unserem traditionellen Freunde, dessen Haltung unsere Erfolge in den Befreiungs- wie in den Einigungskriegen ermöglicht, und dessen besondere Pflege der sterbende alte Kaiser anempfohlen hatte, im Laufe der Jahre eingetreten. Ich wollte nachweisen, daß der gegenwärtige Weltkrieg nicht in einer mangelhaften Verständigung mit England wurzelt, sondern in einer langjährigen Vernachlässigung unserer Beziehungen zu Rußland, die den Angelpunkt unserer Auslandspolitik bilden sollten, da uns keinerlei Interessengegensätze trennten. Ich kann mich für diese Auffassung auch auf Bismarck berufen und auf die Kritik, die er an der Kündigung des Rückversicherungsvertrages geübt hat. Eindringlich hat er davor gewarnt, zwischen Berlin und Petersburg einen „unheilbaren Riß“ eintreten zu lassen. Drittens und schließlich wollte ich darlegen, daß wir den Krieg zwar nicht gewollt, da wir bis Ende Juli 1914 nicht an den Ernst der Lage glaubten und die „Lokalisierung des Konflikts" für möglich hielten, daß wir aber durch unsere Haltung überall im Auslande den Anschein erweckt haben, wir hätten ihn gewollt. Sowohl die Ablehnung des von mir mit dem Hinweis auf den bevorstehenden Weltkrieg dringend befürworteten englischen Vermittlungsvorschlages wie die Nichtbeantwortung der russischen Anregung, den Streitfall dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten, werden in diesem Sinne gedeutet. Namentlich belastet uns in den Augen des Auslandes die schroffe Zurückweisung jeder Einmischung in die serbische Frage und unser Standpunkt, daß wir nur unter Ausschluß gerade dieser eigentlichen Streitfrage eine Vermittlung zwischen Österreich und Rußland zulassen wollten. Auch die an Rußland erfolgte Kriegserklärung, ohne daß Österreich-Ungarn angegriffen war, und in dem Augenblick, wo Graf Berchtold (siehe englisches Blaubuch Nr. 137 und 161, österreichisches Rotbuch Nr. 53 und Nr. 56, französisches Gelbbuch Nr. 120) einlenken wollte, mußte das Ausland in jenem Eindruck bestärken. Österreich-Ungarn ist bekanntlich erst am 5. August in den Krieg eingetreten. „Vom ersten Anfang des Konfliktes an haben wir auf dem Standpunkt gestanden, daß es sich hierbei um eine Angelegenheit Österreichs handele, die es allein mit Serbien zum Austrag zu bringen haben würde. Wir haben daher unser ganzes Bestreben darauf gerichtet, den Krieg zu lokalisieren und die anderen Mächte zu überzeugen, daß Österreich-Ungarn in berechtigter Notwehr und durch die Verhältnisse gezwungen, sich zum Appell an die Waffen habe entschließen müssen. Wir haben nachdrücklich den Standpunkt vertreten, daß kein Kulturstaat das Recht habe, in diesem Kampfe gegen Unkultur und politische Verbrechermoral Österreich in den Arm zu fallen und die Serben ihrer gerechten Strafe zu entziehen. In diesem Sinne haben wir unsere Vertreter im Auslande instruiert.“ Deutsches Weißbuch, Denkschrift vom 3. August 1914. Der Konflikt sollte eben „lokalisiert" werden. An die Möglichkeit dieser „Lokalisierung“ glaubte man aber nur in Berlin und Wien. Den Vorwurf, meine Ausführungen könnten dem Ansehen des Reiches abträglich sein, glaube ich durch den Hinweis auf die nachstehende Stelle des Deutschen Weißbuches (Denkschrift vom 3. August 1914) entkräften zu können: 230 „Unter diesen Umständen mußte Österreich sich sagen, daß es weder mit der Würde noch mit der Selbsterhaltung der Monarchie vereinbar wäre, dem Treiben jenseits der Grenze noch länger tatenlos zuzusehen. Die k. und k. Regierung benachrichtigte uns von dieser Auffassung und erbat unsere Ansicht. Aus vollem Herzen konnten wir unserem Bundesgenossen unser Einverständnis aussprechen, daß seine Aktion, die er für notwendig hielt, um der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten Bewegung in Serbien ein Ende zu machen, unsere Billigung finden würde. Wir waren uns hierbei wohl bewußt, daß ein etwaiges kriegerisches Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien Rußland auf den Plan bringen und uns hiermit unserer Bundespflicht entsprechend in einen Krieg verwickeln könnte. Wir konnten aber in Erkenntnis der vitalen Interessen Österreich-Ungarns, die auf dem Spiele standen, unserem Bundesgenossen weder zu einer mit seiner Würde nicht zu vereinbarenden Nachgiebigkeit raten, noch auch ihm unseren Beistand in dem schweren Moment versagen." Aus diesen amtlichen Darlegungen der Kriegsursachen geht folgendes hervor: a) daß Österreich-Ungarn beabsichtigte, Serbien gegenüber zu „Taten“ überzugehen (d. h. also zum Kriege), b) daß es uns von dieser Absicht „benachrichtigt" hat, c) daß wir „aus vollem Herzen“ unser Einverständnis ausgesprochen haben, mit der Versicherung, daß eine „Aktion“ gegen Serbien unsere Billigung finden würde (d. h. also, daß wir Österreich-Ungarn zum Kriege gegen Serbien ermutigt haben), d) „daß wir uns hierbei wohl bewußt waren, daß 231 ein etwaiges kriegerisches Vorgehen östereich- Ungarns gegen Serbien Rußland auf den Plan bringen und uns hiermit unserer Bundespflicht entsprechend in einen Krieg verwickeln könnte.” (Wir wußten demnach genau, daß wir den Weltkrieg zu gewärtigen hätten, denn daß England für Frankreich eintreten würde, hatte ich stets berichtet), e) daß wir dem Grafen Berchtold „nicht zur Nachgiebigkeit geraten”, sondern ihm unter allen Umständen unseren Beistand zugesagt haben. Ferner heißt es im Rundschreiben des Reichskanzlers an die Bundesregierung: „Sollte indes wider Erhoffen durch ein Eingreifen Rußlands der Brandherd eine Erweiterung erfahren, so würden wir getreu unserer Bundespflicht mit der ganzen Macht des Reiches die Nachbarmonarchie zu unterstützen haben." Die deutschen amtlichen Darlegungen besagen hiernach ganz unzweideutig, daß wir nicht überfallen worden sind, indem wir eingestandenermaßen bereit waren, auch um den Preis eines Weltkrieges uns „mit der ganzen Macht des Reiches“ ad majorem Austriae gloriam und für die dynastischen Interessen der Lothringer einzusetzen. Während ich also den Standpunkt vertrete, daß wir nicht an ein Eingreifen Rußlands geglaubt, den Krieg also nicht gewollt haben, erklärt aber das Weißbuch, wir wären ganz bewußt und in voller Erkenntnis deir Tragweite unserer Haltung in den Weltkrieg hineingesteuert. Ich glaube hiermit den Beweis erbracht zu haben, 232 daß die amtlichen Darlegungen viel belastender für uns sind als die meinigen. Man kann ja auch einen Krieg wollen, das ist an sich noch kein Verbrechen. Es handelt sich immer nur darum, ob man ihn für zweckmäßig und notwendig hält oder nicht. Das ist eben Ansichtssache. Bismarck sagt in den .„Gedanken und Erinnerungen", er habe zu drei Kriegen „geraten"; auch damals sind wir also nicht überfallen worden. Das in der Rede des Herrn von Bethmann Hollweg vom 19. August veröffentlichte Telegramm an Herrn v. Tschirschky vom 29, Juli abends, die einzige bekanntgegebene Weisung nach Wien im Sinne der Mäßigung, zeigt, daß wir im letzten Augenblick, als endlich auch in Berlin der Ernst der Lage erkannt wurde, zum Einlenken bereit waren. Dann kam die russische Mobilmachung, unser Ultimatum und unsere Kriegserklärung an Rußland, die den Weltkrieg entfesselte. Kritik zu üben ist das gute Recht aller Staatsbürger, Wenn man die innere Politik der Regierung tadeln darf, so muß dasselbe auch für die äußere gelten. Gerade die Konservative Partei hat bekanntlich an der inneren Politik des Herrn von Bethmann Hollweg die schärfste Kritik geübt. Ich bin nun zu meinem lebhaften Bedauern nicht in der Lage, die auswärtige Politik dieses Staatsmannes ebenso zu schätzen, wie dies anscheinend andere Mitglieder des Hohen Hauses tun; aber ich sehe nicht, wie diese Auffassung die Würde der Kammer irgendwie berühren könnte. Natürlich waren aber alle meine Kritiken nicht für die Öffentlichkeit oder auch nur für weitere Kreise bestimmt. Niemand bedauert mehr als ich, daß meine intimen freimütigen Erörterungen durch eine unglück- 233 selige Verkettung, Freunden und Feinden zugänglich geworden sind. Doch glaube ich sagen zu dürfen, daß die Annahme, die in meine Rechte eingreifende Publikation tue den vaterländischen Interessen schweren Abbruch, zum mindesten stark übertrieben ist. Alles Wesentliche war aus den verschiedenen amtlichen Veröffentlichungen längst bekannt und unsere waren, wie ich oben ausgeführt habe, ja eigentlich viel ungünstiger für uns als meine Auffassung. General Smuts hat kürzlich in einer Rede erklärt, daß die Erwiderung des Herrn v. Jagow viel belastender sei, wie meine Aufzeichnungen und die Enthüllungen des — mir übrigens ganz unbekannten — Herrn Mühlon. Und in einer Londoner Korrespondenz ausländischer Organe ist zu lesen, daß man in den Kreisen des britischen Parlaments der Offenherzigkeit des ehemaligen Botschafters mit Mißtrauen gegenüberstehe, da man argwöhne, die deutsche Regierung habe die Veröffentlichung veranlaßt, um eine Verständigung mit England anzubahnen und um die von Lord Lans- downe geführte Bewegung zu stärken. Ich darf zum Schlüsse wohl darauf hinweisen, daß ich mir, obschon nach meiner Rückkehr aus London von vielen Seiten ohne genügende Kenntnis der Tatsachen angegriffen, nicht ohne Selbstüberwindung in der Öffentlichkeit die größte Zurückhaltung auferlegt habe. Ich habe stets erklärt, daß, solange der Weltkrieg dauere, ich auf alle jene Angriffe nicht antworten würde. Ich hege die feste Überzeugung, daß die Herren der Kommission sich der Erkenntnis nicht verschließen werden, daß streng vertrauliche Darlegungen, die die Ansicht vertreten, der Weltkrieg hätte sich vermeiden lassen, ohne die angeführten Tatsachen im Widerspruch mit den amtlichen Veröffentlichungen stehen, der Würde eines Mitgliedes des 234 Hohen Hauses nicht Abbruch tun können. Ebensowenig glaube ich befürchten zu müssen, daß irgendein Mitglied des Hohen Hauses, dem anzugehören ich seit 16 Jahren die Ehre habe, an meiner patriotischen Gesinnung den allergeringsten Zweifel hegt. Ich hoffe zuversichtlich, mich in der Annahme nicht zu täuschen, durch meine obigen Erläuterungen eine ruhige und objektive Beurteilung des ganzen peinlichen Vorfalls nicht unwesentlich gefördert zu haben und sehe daher mit vollem Vertrauen der Erledigung des überraschenden Antrages entgegen, der sicherlich nicht ganz unbeeinflußt war durch die in gewissen Organen der Tagespresse gegen mich erschienenen gehässigen Angriffe und Verleumdungen. 235 IV AUFRUF AN DIE BRITISCHE NATION*) Berlin, 14. 11. 1918 i die britische Nation und ihre leitenden Staats- Jlmänner wende ich mich in dieser Stunde der Not und der Niederlage, nicht in amtlicher Eigenschaft, sondern als Privatmann, als Freund Englands, als einer der unzähligen Deutschen, die diesen unseligen Krieg von Anfang an verurteilt und trotz aller Schrecknisse, deren Zeugen wir seit über vier Jahren gewesen sind, niemals den Glauben an den Gerechtigkeitssinn des britischen Volkes, seine loyale Gesinnung und an seinen aufrichtigen Wunsch nach Beendigung dieses Bruderkampfes uns die Hand der Versöhnung zu bieten gezweifelt haben. Ich wende mich an meine vielen persönlichen Freunde, in erster Linie an Lord Lans- downe, Lord Grey und Mr. Asquith und bitte sie, ihren weitreichenden Einfluß, ihr hohes persönliches Ansehen, das sie über jeden Unterschied der Partei erhebt, für die hohen Ideale der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die ihre politische Vergangenheit kennzeichnen, in die Wagschale zu werfen. Nachdem die Zwecke erreicht sind, für die England in den Krieg eintrat, der Schutz Belgiens und Frankreichs und schließlich die Verwandlung Deutschlands in ein Staatswesen auf demokratischer Grundlage, vermag ich immer noch nicht zu glauben, daß das Bedürfnis nach Rache, der Wunsch, das deutsche Volk zu erwürgen, alle anderen Gesinnungen zurückdrängt, die vor dem Kriege das britische Volk beherrschten und deren Zeuge ich bei so vielen Anlässen gewesen bin. *) Dieser Aufruf erschien im „Vorwärts". 236 Wenn ich seit Beginn des Krieges niemals mich gescheut habe zu erklären, daß es nicht der Vernichtungswille war, wie eine lärmende Presse behauptete, der die britische Regierung in den Krieg trieb, so habe ich darauf gerechnet und mit mir zahlreiche politische Freunde, daß die Haltung Englands nach Beendigung des Streites meine Auffassung bestätigen und den Beweis dafür erbringen wird, daß der Sinn für Menschlichkeit und Gerechtigkeit auch die Wirren des Krieges überdauern und dem deutschen Volke, das so fürchterliche Opfer gebracht hat und bringen muß, nichts auferlegen wird, was dessen Erdrosselung bedeutet und die spätere Wiederanknüpfung der zerrissenen Bande mit England unmöglich macht. Die uns auferlegten Waffenstillstandsbedingungen sind aber von einem Geiste beseelt, den man nicht anders als den der Rache bezeichnen kann, da ihre gewissenhafte Durchführung Elend und Hungersnot, Anarchie und Chaos unfehlbar im Gefolge hätte. Keine Regierungsgewalt wäre imstande, die Folgen derartiger Zustände abzuwehren, ganz Europa, die gesamte Kulturwelt vor der ansteckenden Gefahr ordnungsfeindlicher Tendenzen zu bewahren, der Übertragung des russischen Terrorismus, des größten und gefährlichsten Feindes der Demokratie und der Freiheit auf alle übrigen Mitglieder der Staatengesellschaft zu steuern! In ihrem eigensten Interesse müssen unsere bisherigen Gegner, und an ihrer Spitze die große britische Nation sich sagen, daß sie uns behilflich sein sollten, die Ordnung aufrechtzuerhalten, statt es uns unmöglich zu machen, daß sie dem deutschen Volke, das in seiner überwiegenden Mehrheit den Krieg nicht gewollt hat und den aufrichtigen Wunsch hegt, als werktätiges Mitglied der großen 237 Völkerfamilie den Weg der Versöhnung und friedlichen Arbeit zu betreten, die Grundlagen nicht entziehen dürfen, die erforderlich sind für den Wiederaufbau nach beispielloser Katastrophe, für die Errichtung eines neuen, friedlichen, demokratischen Staatswesens. Brauche ich darauf hinzuweisen, daß ein Gewaltfrieden unter grausamer Ausbeutung unserer gegenwärtigen Lage das Ideal des Völkerbundes, den künftigen Weltfrieden, gefährden würde, ein Frieden mit Bedingungen, die unseren finanziellen und wirtschaftlichen Ruin herbeiführen, daß die Zerstückelung des Vaterlandes, die Abtrennung geographisch und wirtschaftlich unentbehrlicher Gebiete, welche ihren Wohlstand, ihre Blüte deutscher Verwaltung, deutscher Ordnung verdanken, die Vernichtung der Arbeit vieler Generationen und die Preisgabe geschlossener deutscher Volksteile bedeuten würde? Ich spreche als deutscher Patriot und zugleich als Freund Englands zum britischen Volke, zu allen Engländern, die aus dem Greuel dieses Krieges den Sinn für Menschlichkeit und Gerechtigkeit gerettet, deren politischer Fernblick nicht durch Leidenschaften getrübt ist und frage sie, ob sie uns helfen wollen, einen Zustand zu schaffen, der auf neuen Grundlagen die spätere Versöhnung und Wiederannäherung, die Wiederherstellung der beiden Nationen unentbehrlichen Handelsbeziehungen, die gegenseitige friedliche Arbeit im Dienste des Gesamtmenschheitsgedankens ermöglicht, oder ob sie diese Grundlage zerstören, das deutsche Volk verkrüppeln, dem Chaos preisgeben und dadurch den Weltfrieden und die Weltordnung illusorisch machen wollen? Nicht an das Mitleid, an die Einsicht wende ich mich und hoffe, daß mein Ruf nicht ungehört bleibt! 238 V AN HERRN THEODOR WOLFF, Chefredakteur des Berliner Tageblattes Kuchelna, 26. 5, 1925 estatten Sie mir als früherem Mitarbeiter und vJlangjährigem Leser Ihres geschätzten Blattes zu der unseligen Flaggenfrage kurz das Wort zu ergreifen. Ich habe es, wie sehr viele andere, lebhaft bedauert, daß in Weimar die schwarzweißrote Flagge, die Weltkurs besitzt und unter deren ruhmreichen Farben wir den Weltmarkt eroberten, abgeschafft wurde, und zwar in erster Linie wohl auf Betreiben des damaligen österreichischen Vertreters, Herrn Professor Hartmann, der den Anschlußgedanken unter dem schwarzrotgoldenen Panier für aussichtsreicher hielt. Ganz abgesehen davon, daß die Frage, ob der Anschluß überhaupt wünschenswert erscheint, außerordentlich strittig ist, während die andere Trage, ob die „alliierten und associierten Mächte“ ihn gestatten würden, meiner Ansicht nach nicht von Farben, sondern von Interessen abhängt, war es, gering gesagt, eine Übertreibung, wenn die angebliche Rücksichtnahme auf eine Bevölkerung, die wenig mehr als ein Zehntel derjenigen des Reiches ausmacht, so weit ging, daß ihretwegen die Flagge des neugeeinten Deutschen Reiches gegen die 48er großdeutschen Farben eingetauscht wurde. Hat doch selbst die Restauration in Frankreich die revolutionäre Trikolore nicht abgeschafft: „La Tricolore ä fait le tour du monde." 239 Da nun aber verfassungsgemäß die schwarzrotgoldene Flagge besteht, so läßt sie sich nicht einfach ignorieren, zumal sie sich zum Symbol der republikanischen Staatsform entwickelt hat. Anderseits ist nicht zu verkennen, daß das gesamte Auslandsdeutschtum wie die Mehrheit aller bürgerlichen Parteien bis in die Reihen des Zentrums und der Demokraten an den alten Farben des Norddeutschen Bundes und Deutschen Reiches festhält und nichts vom Flaggenwechsel wissen will. Aus diesem Dilemma vermag — hier teile ich die Auffassung Ihres heutigen Morgenblattes — eine neue phantasievolle „Kunstflagge“ nicht hinauszuführen, selbst wenn sie alle Vorzüge des „Esperanto“ besäße. Sie würde niemand befriedigen und den heutigen Wirrwarr nur noch vermehren. Wir besäßen alsdann statt zweier Flaggen drei! Ich möchte mich daher der Auffassung anschließen, daß hier der Volksentscheid am Platze wäre. Spricht das deutsche Volk in seiner Mehrheit sich zugunsten der einen oder der anderen Flagge aus, so ist die Frage für immer erledigt. Eine andere Lösung sehe ich nicht. Mit dem Anheimstellen beliebiger Verwendung meines Briefes Ihr sehr ergebener Lichnowsky. AN SEINE EXZELLENZ HERRN GROSSADMIRAL V. TIRPITZ Kuchelna, 3. 11. 1926 E uer Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, einen unter dem 26. Dezember 1914 an Sie gerichteten vertraulichen Brief in Ihrem soeben erschienenen neuen Dokumentenwerke der Öffentlichkeit zu übergeben. Ich habe nicht den geringsten Grund, meine damalige Ansicht zu verleugnen, daß es uns nicht gelingen wird, „den Frieden zu diktieren“, und daß daher der Verständigungsfrieden über England das zu erstrebende Ziel sei. Diesen Standpunkt habe ich sowohl im Gegensatz zu Euer Exzellenz als auch zu den meisten politischen und militärischen Persönlichkeiten während des ganzen Krieges leider ohne Erfolg vertreten, und die Ereignisse haben mir nur zu sehr recht gegeben. Es ist aber bisher Sitte gewesen, daß die Veröffentlichung von Schriftstücken, die weder einen dienstlichen noch einen geschäftlichen Charakter tragen, nicht ohne Zustimmung des Absenders erfolgt, und ich hätte mit besonderem Vergnügen mein Einverständnis gegeben, aber natürlich gewünscht, daß ironische Schlußbemerkungen über einen befreundeten Diplomaten als nicht zur Sache gehörig in Fortfall kommen. Meine Überraschung über die Bekanntgabe meines Briefes war aber um so größer, als ich einem in dem gedachten Werke gleichfalls veröffentlichten Briefe an Herrn Admiral v. Capelle vom 16. Oktober 1914 16 Lichnowsky I 241 die Ansichten entnehme, die Sie über meine Menschenkenntnis und Befähigung besitzen. Ich bin natürlich sehr weit davon entfernt, das Vertrauen, daß ich Euer Exzellenz bei verschiedenen Anlässen entgegenbrachte, als einen der Gründe für den Vorwurf mangelnder Urteilskraft zu betrachten. Die völlige Übereinstimmung unserer Ansichten über die leitenden Staatsmänner der Wilhelmstraße und über deren Politik vor Kriegsausbruch hatte eine Annäherung zwischen uns herbeigeführt. Wir begegneten uns auch in der Überzeugung, daß unsere Flotte die Teilnahme Englands am Kriege nicht verschuldet hat, daß England auch ohne die Flottenfrage und ohne die belgische Neutra 1 itätsver 1 etzung ein zweites Sedan niemals zugelassen hätte, und in diesem Sinne hatte ich stets berichtet, ohne freilich im Auswärtigen Amt Glauben zu finden. Wenn ich trotzdem noch im letzten Augenblick, wie aus den von Ihnen gleichfalls gedruckten Depeschen hervorgeht, eine abwartende Haltung Englands erhoffte, so geschah das mit Rücksicht auf den unbedingten Friedenswillen der britischen Regierung und der gesamten Nation und auf die sehr geteilte Stimmung im Kabinett. Euer Exzellenz werden mir jedoch zugeben müssen, daß mein Urteil über den Verlauf des Krieges, über die Notwendigkeit eines Verständigungsfriedens und namentlich über die Wirkungen des uneingeschränkten U-Boot-Krieges sich als richtiger erwies, als das Programm der „Vaterlandspartei", das uns zum Frieden von Versailles geführt hat. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich Euer Exzellenz sehr ergebener Lichnowsky. 242 VII AN DIE REDAKTION DER „SCHLESISCHEN ZEITUNG" IN BRESLAU Berlin, 10. 12. 1926 U nter dem Titel: „Deutsche Diplomatie in England" veröffentlichen Sie in Nr. 594 vom 7. d. M. Ihres Blattes eine Zuschrift, in der es heißt, meine „Schuld am deutschen Vaterlande" sei deshalb so groß, weil in meiner während des Krieges durch eine bedauernswerte Indiskretion und nach Schluß des Krieges mit Zustimmung des Auswärtigen Amtes veröffentlichten Denkschrift der deutschen Regierung Kriegswillen „angedichtet" wird. Ich möchte meinen, daß die poetische Veranlagung sich in diesem Falle nicht auf meiner Seite, sondern auf der Ihres Korrespondenten befindet, in dem ich einen früheren, längst abgebauten Kollegen wieder zu erkennen glaube. Hätte dieser — der übrigens vollkommen richtig die Blößen unserer damaligen Politik bei der Zentrale sucht, „wo sie allein liegen", und nicht an der Peripherie — sich die Mühe genommen, meine Denkschrift aufmerksam zu lesen, so hätte er gefunden, daß ich nirgends andeute oder ausspreche, daß unsere Regierung den Weltkrieg gewollt hat. „Die ganze Welt — außer in Berlin und in Wien — begriff, daß es (das Ultimatum an Serbien) den Krieg, und zwar den Weltkrieg bedeute." Ich will durchaus nicht leugnen, daß ich in der Denkschrift schwere Anklagen gegen die damaligen Leiter des Auswärtigen 16 * 243 Amtes erhebe, die trotz meiner fortwährenden Warnungen, daß der Weltkrieg bevorstehe, „bei dem wir alles zu verlieren und nichts zu gewinnen haben" bis zum letzten Augenblick, anscheinend beeinflußt durch eine andere Berichterstattung, an die „Lokalisierung des Konfliktes" ebenso glaubten wie auch an die italienische „Bundestreue" für den unwahrscheinlich gehaltenen Fall eines allgemeinen Krieges. Ich führe lediglich aus, daß die schroffe Haltung unserer Regierung in den kritischen Tagen im Auslande als Kriegswillen verstanden werden mußte und uns in der Kriegsschuldfrage schwer belastet. Daß die Herren aber den Weltkrieg nicht wollten, geht schon daraus hervor, daß sie, als ihnen endlich der Ernst der Lage klar wurde, zu Verhandlungen bereit waren. Da kam die russische Mobilmachung und unsere Kriegserklärung an Rußland und Frankreich. Herr von Jagow meinte, etwas „Gepolter" würde es schon geben. Man hielt die unzweideutige Sprache des Herrn Sasonow nur für „Bluff“. Mit der Bitte, dieser Zuschrift in Ihrem geschätzten Blatte Aufnahme zu gewähren Ihr sehr ergebener Fürst Lichnowsky. VIII AN DIE HERREN PROFESSOR DR. ALBRECHT MENDELSSOHN-BARTHOLDY UND DR. FRIEDRICH THIMME*) Berlin, 21. 12. 1926 Z u den Fußnoten in Band 39 der „Großen Politik” der europäischen Kabinette” auf Seite 622 und auf Seite 633 erlaube ich mir zu bemerken: 1. Mir war von den zwischen den englischen und französischen Marine- und Generalstäben festgelegten Abreden sowie von dem Briefwechsel Grey-Cambon während meiner amtlichen Tätigkeit in London nichts bekannt. Das Auswärtige Amt hatte mir vielmehr die Kenntnis des gesamten, nach dem Kriegausbruch am 16. Oktober 1914 in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten, durch Geheimagenten beschafften Materials absichtlich vorenthalten. 2. Nicht durch meine Vorgesetzte Behörde, sondern durch eine höhnische Bemerkung des durch das Reichsmarineamt informierten Marineattachäs von Müller, der sich über meine Unkenntnis belustigte, erhielt ich die erste Andeutung über englisch-franzö- siche marinetechnische Verabredungen, und zwar in der letzten Zeit meines Londoner Aufenthalts, *) Da eine Einigung zwischen Herrn Dr. Thimme und mir nicht zustande kam, sehe ich mich veranlaßt, meine an ihn bezw. an die Herausgeber der großen Aktensammlung gerichtete Beschwerde zu veröffentlichen. 245 «las 3. Falls das Auswärtige Amt der Ansicht war, ich lasse mich durch Grey „einwickeln“, und falls man in Berlin Grund zur Annahme hatte, Sir Edward Grey sei kein „ehrlicher, wahrheitsliebender Staatsmann“, so war es Pflicht des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amtes, mich unter Vorlage des nötigen Materials zu informieren und zu warnen, 4. Letzteres ist aber weder bei meinem am 29. Juni erfolgten Besuch beim Reichskanzler und bei Herrn Unterstaatssekretär Zimmermann noch sonst erfolgt. Herr von Bethmann Hollweg beklagte sich lediglich über die russischen Rüstungen und wies auf den peinlichen Eindruck hin, den gewisse Veröffentlichungen über englisch - russische Abmachungen hervorriefen. 5. Ihre Behauptung, ich sei von dem Briefwechsel Sasonow - Benckendorff, ebenso wie dem Grey- Cambonschen unterrichtet gewesen, ist demnach unrichtig; weder der Reichskanzler, noch sonst jemand hat mir hiervon jemals Mitteilung gemacht. 6. Die Feststellung des Herrn von Jagow, auf die Sie Bezug nehmen, ich sei über die „wichtigsten Dinge, soweit sie für meine Mission von Belang waren, nicht in Unkenntnis gelassen worden", ist eine Unwahrheit. Es muß ihm genau bekannt sein, daß mir gerade „wichtige Dinge“, die ich unbedingt hätte wissen müssen und die für meine Mission von größter Bedeutung waren, absichtlich vorenthalten wurden und zwar um mich (wenn möglich) irre zu führen und zu blamieren! Die Leitung unserer auswärtigen Politik lag damals nahezu unumschränkt in der Hand des Herrn Wilh, von Stumm, des würdigen Nachfolgers des Herrn Fritz von Holstein, der von dem Gedanken geleitet, mein Nachfolger in London zu werden, meine dortige Tätigkeit 246 mit der bereitwilligen Unterstützung des Herrn von Jagow mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln lahmzulegen und zu sabotieren bestrebt war. So sollte unter anderem auch der längst fertige Kolonialvertrag zu Fall gebracht werden. Rechnet etwa Herr von Jagow den Briefwechsel Grey-Cambon und die fran- zösich-englischen Marineabmachungen nicht zu den „wichtigsten Dingen?" War ferner die Mission Ballin an Grey und Haldane, die im Juli 1914 erfolgte, anscheinend um meine Stellung in London zu untergraben, und von der ich erst im Jahre 1915 erfuhr, etwa ein „unwichtiges Ding", das für meine Mission ohne „Belang" war? Als Zeugen für meine obigen Erklärungen würde ich nötigenfalls die Herren Staatssekretäre a. D. Dr. Zimmermann und Richard von Kühlmann, meinen damaligen Botschaftsrat, namhaft machen. Mit der Bitte, diese Richtigstellung dem nächsten Bande Ihrer Veröffentlichungen anfügen zu wollen, hochachtungsvoll ergebenst Lichnowsky, 247 IX AN DIE HERREN PROFESSOR DR. ALBRECHT MENDELSSOHN-BARTHOLDY UND DR. FRIEDRICH THIMME Berlin, 22. 12. 1926 B ezugnehmend auf mein Schreiben vom 21. d. M. möchte ich mir gestatten zu Ihrer Fußnote auf Seite 129, Band 37, darauf hinzuweisen, daß ich für die Richtigkeit meiner Behauptung, daß Herr Wilh. von Stumm, der damalige politische Dirigent, bestrebt war, den Kolonialvertrag zu sabotieren, auch noch außer den beiden genannten Herren noch die Herren Reichsminister a. D. Dr. Rosen, damals Gesandter in Lissabon, und Botschafter Dr. Solf, damals Staatssekretär des Reichskolonialamtes, nötigenfalls als Zeugen namhaft machen würde. Mit der Bitte, auch diesen Nachtrag aufnehmen zu wollen hochachtungsvoll ergebenst Lichnowsky. X AN DR. FRIEDRICH THIMME, BERLIN Davos-Platz, 4 . 1. 1927 S ehr geehrter Herr Doktor! Ihre freundlichen Zeilen vom 28. vorigen Monats sind mir hierher nachgesandt worden und erlaube ich mir, dazu das Nachstehende zu bemerken: Zunächst muß ich hervorheben, daß der Grey- Cambonsche Briefwechsel mit den englisch-russischen Marineverabredungen doch nichts zu tun hat. Mithin hätte der Reichskanzler, falls er mir nähere Mitteilungen am 29. Juli 1914 über die englisch-russischen Verabredungen gemacht hat, den gedachten Briefwechsel gar nicht zu berühren gebraucht. Meine damalige Unterredung mit Herrn von Bethmann Hollweg währte kaum eine halbe Stunde. Er beschränkte sich, wie ich bereits hervorgehoben habe, mehr auf allgemeine Redensarten und Klagen über die russischen Rüstungen und streifte nebenbei auch das Thema der russisch - englischen Abmachungen, die bereits im Mai im „Berliner Tageblatt" veröffentlicht wurden- Irgendwelche Tatsachen hat er mir nicht mitgeteilt, und der etwas pythische Ausdruck, ich sei „in großen Zügen" orientiert worden, dürfte daher nicht zutreffen, da seine Äußerungen weder Neues noch etwas Positives enthielten. Ich muß daher unbedingt bestreiten, daß der Reichskanzler am 29. Juni mir irgendeinen wichtigen Einblick gewährt hat. 249 Es handelt sich für mich auch nicht um die Frage, ob er die bereits durch die Presse veröffentlichten russisch-englischen Verabredungen gestreift hat oder nicht, sondern darum, ob er mir geheime unddem Auswärtigen Amte genau bekannte Tatsachen, wie das englisch-französische Marineabkommen, den Briefwechsel Sasonow-Benckendorff oder den Briefwechsel Grey-Cambon und ähnliches zu meiner Kenntnis gebracht hat, wie es seine Pflichtgewesenwäre. Auch wäre es sehr merkwürdig, wenn Herr von Bethmann Hollweg über eine so wichtige Unterredung keine Aufzeichnungen hinterlassen hätte. Daß er, wie Sie meinen, mir deutlich zu erkennen gegeben hat, daß an den Veröffentlichungen über die englisch - russischen Marineabmachungen etwas Wahres und Authentisches sein müsse, mag richtig sein, aber auch das nur andeutungsweise, und wie sie vieldeutig sagen, „in großen Zügen". Beweise unter Namhaftmachung der geheimen Quellen habe ich niemals verlangt, wohl aber die absichtliche Verheimlichung von Informationen festgestellt, die für meine Mission von größter Bedeutung waren, wie die sämtlichen nach Kriegsausbruch in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten geheimen Aktenstücke. Sehr merkwürdig erscheint es mir auch, daß der berühmte Grey- Cambonsche Briefwechsel erst im Juni 1914 zur Kenntnis des Auswärtigen Amtes gekommen sein sollte! Es ist jedenfalls auffallend, daß dieser Briefwechsel, der im November 1912 stattfand, so lange für uns ein Geheimnis blieb, während der Briefwechsel Benckendorff-Sasonow schon nach wenigen Wochen bekannt wurde. Diese Tatsache würde jedenfalls ein höchst ungünstiges Licht auf das Funktionieren des geheimen Dienstes des Auswärtigen Amtes 250 werfen. Nach meinen Nachrichten gelangte letzteres bereits im Winter 1912/13 in den Besitz obiger Korrespondenz. Leider stehen mir hier nicht die nötigen Aktenstücke zur Verfügung, doch glaube ich mich zu entsinnen, daß der genannte Briefwechsel in der Reihe der zeitlich geordneten und in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichten Geheimakten an einer der vorderen Stellen sich befindet. Ihr Angebot, mit den von mir namhaft gemachten Herren nochmals Rücksprache zu nehmen und danach eventuell eine Erweiterung Ihrer obenerwähnten Richtigstellung eintreten zu lassen, nehme ich gern an. Ich möchte schließlich noch bemerken, daß ich zu Herrn von Schubert, dem jetzigen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und dem damaligen zweiten Sekretär der Londoner Botschaft, volles Vertrauen besitze, und daß er in der Lage sein muß, Ihnen jede gewünschte Aufklärung zu geben und meine Angaben im wesentlichen zu bestätigen. Mit vorzüglicher Hochachtung Euer Hochwohlgeboren sehr ergebener Fürst Lichnowsky. Hamster -rfatifc :naw!« •''■’Vs.i'i^iiÄjf-i-^-':’ . sH ivdatfPiTtii' zfinyc 1 Tsou'O'? ::• ‘ •;. v;-;:* -isisn-’ orfo*-? ^asfafe#»!* •SBiSkks^y-. .‘■;\ <■:■•: .-;V :..j.y ^ r/;^' i.a!R-SS^'iit4äR'>lr.Ä •. -\ ;1 - ,:. v-•-.■••;S .;;■.■■! -t.^y .■ih M/sh \it&tkikim f. f •••;..:•'• . • ;* bn\: :•. >vr«o^*äl---mtö 9 ß&$Ü s - ')■.■■'' ■■ yd&iWiälKSM*« $&■ % '{flrnljftMr® . J^aigr" ’ SwtboH 4 «W Sil ■äs#® ii.W MEINE LONDONER BERICHTE Erster Abschnitt DER SERBISCH-ÖSTERREICHISCHE STREIT AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 14, 11. 1912 S ir E, Grey, welcher mich heute nachmittag empfing, drückte mir wiederholt seine Genugtuung darüber aus, daß die Spannung der letzten Tage wesentlich nachgelassen habe und kein Grund mehr vorliege, um an ernsthaftere Verwickelungen zu glauben. Er habe dem britischen Vertreter in Belgrad den Auftrag erteilt, bei der dortigen Regierung im Sinne der Mäßigung zu wirken und ihr vorzustellen, daß sie sich alle Sympathien der europäischen Großmächte verscherzen würde, falls sie eigensinnig auf dem einseitigen Verlangen nach einer Gebietserweiterung in der Richtung des Adriatischen Meeres verharre. Es biete sich nach der Auffassung des britischen Kabinetts noch ein anderer Weg, um zur Erfüllung der berechtigten Wünsche des serbischen Volkes zu gelangen: ein gesicherter Handelsweg mit entsprechendem Hafen oder die Verbindung mit dem Ägäischen Meer. In demselben Sinne habe, wie er bestimmt wisse, das rus- siche Kabinett auf die serbische Regierung eingewirkt, so daß man in Belgrad nicht im Zweifel darüber sein könne, daß auf eine Unterstützung von außen nicht zu rechnen sei. Die österreichisch-ungarische Regierung habe bisher Mäßigung an den Tag gelegt, und es sei nur zu hoffen, daß sie sich nicht werde hinreißen 255 lassen, gegen Serbien gewaltsam vorzugehen, falls letzteres den Warnungen zum Trotz auf einer Besitzergreifung am Gestade der Adria bestehen sollte. In Belgrad wisse man auch, daß die Schaffung eines faxt accompli nach dieser Richtung die spätere endgültige Feststellung der Grenzen in keiner Weise beeinflussen könne, da letztere nicht ohne Zustimmung der Großmächte erfolgen werde. Im Prinzip seien auch alle damit einverstanden, daß Albanien als autonomer Staat aus den Wirren hervorgehen müsse. Auf meine Bemerkung, daß wir gern bereit sein würden, den britischen Wünschen gemäß uns ihrem Schritt anzuschließen, der bezwecke, Konstantinopel vor einer Besitznahme durch die Bulgaren zu bewahren, falls britischerseits in Petersburg weiter im Sinne der Ruhe und Mäßigung in der serbischen Frage gewirkt würde, entgegnete der Minister, daß bereits Verhandlungen zwischen Türken und Bulgaren im Gange seien, wonach wohl der Krieg als beendigt zu betrachten wäre und eine Besetzung Konstantinopels nicht mehr zu befürchten sei, während andererseits das Petersburger Kabinett den Serben gegenüber sich in voller Übereinstimmung mit London befände. Ich benutzte diesen Anlaß, um zu betonen, wie sehr wir den Ausführungen des Herrn Asquith beipflichteten, wonach es wünschenswert sei, keine der orientalischen Fragen gesondert zu behandeln, sondern ihre Erledigung in ihrer Gesamtheit abzuwarten, daß aber das schroffe Auftreten der serbischen Regierung uns genötigt habe, zu einer einzelnen Gefahr Stellung zu nehmen, von der Österreich-Ungarn sich an einer empfindlichen Stelle getroffen fühlte. Der Minister pflichtete dieser Äußerung vollkommen bei und gab der Hoffnung Ausdruck, daß bis zur gemeinsamen Regelung aller orientalischen Fragenprobleme die Gemüter Zeit haben würden, sich wesentlich zu beruhigen, und daß es gelingen werde, allen Zündstoff bis dahin zu entfernen. Zum Schluß drückte er seine lebhafte Befriedigung darüber aus, daß es gelungen sei, in dieser Frage mit uns Hand in Hand zu gehen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich hierzu in Zukunft immer häufiger Gelegenheit bieten werde. Mein französischer und italienischer Kollege, denen ich im Foreign Office begegnete, sprachen sich in ähnlichem Sinne aus und hatten ebenfalls beruhigende Nachrichten erhalten. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 15. 11. 1912 S ir A. Nicolson bemerkte bei einer gelegentlichen Konversation, die Haltung Österreichs in der gegenwärtigen Krise verdiene größte Anerkennung. Wien habe gegenüber serbischen Provokationen in bewundernswerter Weise würdevolle Ruhe bewahrt. Die Serben hätten sich durch ihren lärmenden Größenwahn alle Sympathien entfremdet. Ihre arrogante Sprache werde jedoch von den Großmächten am besten als komische Leistung angesehen. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 18. 11. 1912 M ein russischer Kollege sagte mir heute, die russische Note nach Belgrad sei noch viel schärfer ausgefallen als die der hiesigen Regierung. Im Auslande werde aber der Einfluß Rußlands in Serbien sehr überschätzt, und namentlich jetzt nach den Erfolgen ihrer Waffen hätten die Serben erklärt, sich von jeglicher Vormundschaft befreien zu wollen, sowohl von 17 Lichoowsky I 257 der russischen als auch der österreichischen. Es sei daher schwer berechenbar, was sie in dem bestehenden Streitfall mit Österreich beschließen würden. Glücklicherweise seien die Beziehungen zwischen Sa- sonow und Graf Berchtold, wie ersterer dem Grafen Benckendorff hier versichert hat, ausgezeichnet und vertrauensvoll, was für die friedliche Beilegung aller streitigen Fragen sehr ins Gewicht fiele. Wenn noch Verhältnisse herrschten wie zur Zeit Aehrenthal-Iswolsky, so würde die Lage viel bedenklicher sein. Wenn Österreich sich der Besetzung des Sandschak widersetzt hätte, so würde die Petersburger Regierung dem Drang der öffentlichen Meinung kaum haben Widerstand leisten können. Wegen Albaniens aber, das nach übereinstimmender Meinung aller Großmächte selbständig werden solle, werde niemand Krieg führen wollen. Auch die hiesige Regierung wolle absolut keinen Krieg und habe die österreichischen Wünsche in Belgrad unterstützt, weil sie wußte, daß eine andere Haltung die Kriegsgefahr nicht unwesentlich hätte verschärfen können. Schließlich meinte noch Graf Benckendorff, daß der gewöhnlich gut unterrichtete bulgarische Gesandte sich dahin geäußert, daß seine Regierung zwar Konstantinopel nicht behalten und nicht einmal einnehmen wolle, da sie der Ansicht sei, daß Bulgarien es nicht „verdauen" könne, beziehungsweise die Folgen einer Besetzung, Blutvergießen, kirchliche (schismatische) Schwierigkeiten usw. fürchtete, daß aber das siegreiche Heer, wenn es nicht bald gelänge, zwischen Türkei und Bulgarien ein direktes Einvernehmen herzustellen, ein ganz unberechenbarer Faktor sei und unter Umständen der bulgarischen Regierung seinen Willen aufnötigen würde. 258 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 19. 11. 1912 B ei Gelegenheit der gestrigen Audienz, die mir in Windsor gewährt wurde, um mein Beglaubigungsschreiben zu überreichen, hatte ich nach dem darauffolgenden Mahle eine längere Unterredung mit Sir Ed. Grey. Er schien weniger zuversichtlich hinsichtlich der auswärtigen Lage als bei meiner ersten Besprechung, die Behandlung der beiden österreichischen Konsuln durch die Serben hatte auf ihn einen unangenehmen Eindruck gemacht, und er schien weitere Schwierigkeiten zu befürchten. Er meinte, Österreich-Ungarn sei vollkommen berechtigt, dafür Genugtuung zu verlangen. Er fürchtete aber, daß, falls es zu einem österreichisch-serbischen Zusammenstoß kommen sollte, die öffentliche Meinung in Rußland die dortige Regierung, die sich bisher durchaus einwandfrei benommen und einen überaus scharfen Wasserstrahl nach Belgrad gerichtet habe, mit sich fortreißen werde. Sir E. Grey verneinte, in dieser Richtung ungünstige Nachrichten aus den beteiligten Hauptstädten erhalten zu haben, war aber sichtlich bekümmert über die Unsicherheit der Lage. Es schien ihm vor allem daran zu liegen, einen Ausweg zu finden, der beiden Parteien annehmbar wäre, und als solchen nannte er mit einer gewissen Überzeugung die Überlassung eines ganz schmalen Streifens längs der montenegrinischen Grenze bis an die Adria an die Serben. Ich entgegnete hierauf, daß diese Lösung mir bedenklich erschiene, da es kaum anzunehmen sei, daß die österreichische Regierung nach der entschlossenen Haltung, die sie bisher in der Frage des serbischen Adriahafens eingenommen, darauf eingehen werde, und daß sie einen Rückzug wohl auch schwer ohne 17* 259 Preisgabe ihres politischen Ansehens bewerkstelligen könne. Die irrendentistische Bewegung in den südlichen slawischen Provinzen der Monarchie sei viel zu beachtenswert, als daß letztere es wünschen könne, von Serbien vollkommen umklammert zu werden. Auch bestünden in jenen Gebirgsgegenden technische Hindernisse, die es unwahrscheinlich machten, daß es sich für Serbien um wirtschaftliche Interessen handele bei seinem Wunsch, zur Adria zu gelangen. Der Minister gab dies zu, meinte aber wiederholt, daß er nicht die Abtretung ganz Nordalbaniens, wie es Serbien ursprünglich verlangte, sondern nur einen schmalen Streifen im Auge habe. Wenn Montenegro am Meer sei, so könne doch Österreich auch Serbien hinlassen. Ich suchte ihm, so gut ich konnte, diesen Gedanken auszureden unter Hinweis auf die Tatsache, daß nicht nur die beiden anderen Genossen des Dreibunds die Doppelmonarchie in ihrer ablehnenden Haltung unterstützten, sondern auch bisher die britische Regierung und das Petersburger Kabinett den Standpunkt des Grafen Berchtold vollauf gewürdigt hätten. Ich hatte bei dieser Unterredung wieder den Eindruck, daß man hier vor allem bemüht ist, größeren europäischen Verwickelungen vorzubeugen, und daß dieser Gesichtspunkt alle anderen Interessen bei der Frage der endgültigen Lösung des Balkanproblems zurückdrängt. Es ist der britischen Regierung im Grunde ziemlich gleichgültig, wie die Teilung der türkischen Beute ausfällt, wenn nur dabei kein europäischer Krieg entsteht, der Großbritannien zwingt, Stellung zum Streit zu nehmen. Auch wünscht man den Frieden oder wenigstens den Waffenstillstand möglichst bald geschlossen zu sehen und ist daher auch nicht einmal besonders erfreut über den jüng- 260 sten türkischen Erfolg bei Tschataldja, da man hiervon eine Erstarkung des türkischen Selbstvertrauens und eine Erlahmung des Willens zur Ruhe auf otto- manischer Seite befürchtet. Sir E. Grey versprach mir schließlich, darauf hinzuwirken, daß die entstandenen Streitigkeiten möglichst dilatorisch behandelt werden, da sie dadurch erfahrungsgemäß an Schärfe verlieren, und darauf hinzuwirken, daß alle Fragen möglichst zusammen und nicht vereinzelt behandelt werden. Für morgen nachmittag hat mich der Minister zu sich gebeten. Es sollen dabei auch Kolonialfragen zur Erörterung kommen. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 25. 11. 1912 B ei meinem heutigen Besuch bei Sir E. Grey brachte ich unter Hinweis auf die bekannten englischen Wünsche die Äußerung des Herrn Sasonow zur Sprache und legte nahe, in Petersburg im Sinne größerer Zurückhaltung zu wirken. Der Minister ent- gegnete, es sei ihm nicht bekannt, daß die russische Regierung sich im Sinne des serbischen Hafens festgelegt habe, im Gegenteil, soweit ihm bekannt, habe sie immer in Belgrad zur Mäßigung und Ruhe geraten. Herr Sasonow habe wahrscheinlich zwischen den übertriebenen serbischen Forderungen und der schroff ablehnenden Haltung Österreich-Ungarns in der Frage des serbischen Adriahafens einen Mittelweg finden wollen, ohne sich auf die Seite der einen oder anderen Partei zu schlagen. Auch ihm, Sir E. Grey, schwebe als mögliche Lösung ein derartiges Kompromiß vor, wobei er diesmal von einem neutralisierten Streifen Landes unter serbischer Kontrolle sprach, der das Meer mit dem Königreich verbände. 261 Ganz klar schien der Minister mir nicht zu sein über die staatsrechtliche Form seines Vorschlags, auch wiederholte er, daß er vorläufig nicht endgültig Stellung zu der Frage nehmen wolle und die Regelung der ganzen Angelegenheit am besten nach Friedensschluß im Zusammenhang mit den übrigen Fragen zu erfolgen habe. Sir E. Grey, den ich darauf hinwies, daß die britische und deutsche Regierung durch die Gemeinsamkeit des Wunsches verbunden seien, den Frieden zu erhalten und alles zu vermeiden, was die Lage verschärfen könne, stimmte meiner Auffassung vollkommen bei und erklärte, nach wie vor in diesem Sinne wirken zu wollen. Er faßt übrigens die Lage ohne jede Nervosität und durchaus optimistisch auf und erklärte die russischen und österreichischen Rüstungen als lediglich vorbereitende Maßnahmen. Er hofft, wenn es gelungen sei, zwischen Türken und Bulgaren den Frieden zu schließen, die dann noch übrigbleibenden Fragen zwischen den Großmächten friedlich erledigt zu sehen. Als solche betrachtet er, wie bereits berichtet, die Frage der Inseln, Albanien und den serbischen Hafen und meint, daß man im übrigen den Abmachungen der Kriegführenden stillschweigend zustimmen könne. Auch erzählte er, er habe den Türken geraten, nicht erst über einen Waffenstillstand, sondern gleich über den Frieden zu verhandeln, da letzterer die Tschataldjalinie nicht in sich schlösse, während der Waffenstillstand daran gescheitert sei, daß die Türken es ablehnten, durch Überlassung derselben sich dem Sieger wehrlos zu überantworten. Was die ägäischen Meer-Inseln beträfe, so werde England keine Ansprüche erheben, solange dies nicht von seiten einer der anderen Großmächte geschehe. Der Minister schien mir geneigt zu sein, einen Teil der Inseln den Griechen zu überlassen. Was mit Mazedonien geschehe, erklärte er, sei ihm gleichgültig. London, 26. 11. 1912 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT estern sagte mir mein russischer Kollege, russi- VJT sehe militärische Maßnahmen finden deshalb statt, weil Mobilmachung in Rußland so viel langsamer vor sich gehe als in Österreich und namentlich in Deutschland. Man müsse sich eben auf alle Fälle bereithalten. Herr Sasonow sei durchaus friedlich und habe hier serbischen Gesandten überaus schroff angefahren und sich über serbische Anmaßungen beschwert. In seinem Charakter liege es, sich leicht zu ereifern und dann sich schärfer auszusprechen, als er wirklich meinte. Es sei daher leicht möglich, daß er sich gegen fremde Diplomaten über die gegenwärtige Krisis in einer Form geäußert, die nicht dem beabsichtigten Eindruck entspräche. Graf Benckendorff, mit dem ich verwandt bin, und der mir hier besonders vertrauensvoll entgegentritt, sieht die Gefahr der Lage nicht so sehr in der serbischen Frage, über die man sich wohl einigen werde, als in der Möglichkeit neuer türkischer Erfolge. Nach allen ihm auß Rußland zugegangenen Nachrichten befürchte er für diesen Fall einen Druck der öffentlichen Meinung zugunsten der Balkanstaaten beziehungsweise gegen Österreich, dem keine Regierung werde widerstehen können. Das Schreckgespenst der Revolution sei keineswegs abgetan. Jede russische Regierung fürchte sich vor derselben. Es sei daher schwer, unbedingt mit den amtlichen Kreisen zu rechnen, und unmöglich zu sagen, wer eigentlich die Geschicke des Reiches in der Hand habe. 263 Ich hatte den Eindruck, daß die Ausführungen des Grafen, der auf gute Beziehungen zur deutschen Vertretung Wert legt, aufrichtig waren und auf genauer Kenntnis der Verhältnisse beruhen. Sie dürften daher Beachtung verdienen. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG ( London, 15. 11. 1912 D er Sir Edward Grey nahestehende parlamentarische Unterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten Mr. Acland hielt am Sonnabend eine Rede in Rochdale, in der er betonte, daß vom Beginn der Balkankrise bis zum gegenwärtigen Augenblick die Regierungen von Deutschland und England in ununterbrochenen, engen und freundschaftlichen Beziehungen zueinander gestanden hätten. Wenn Schwierigkeiten beständen, so seien sie jedenfalls nicht durch Maßnahmen der englischen Regierung hervorgerufen, sondern könnten höchstens, wenn überhaupt, durch Äußerungen nicht verantwortlicher Personen wie Lord Roberts entstehen. Im weiteren Fortgang seiner Rede geht Mr. Acland erneut auf die bekannte Agitationsrede Lord Roberts ein und gibt seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß der Generalfeldmarschall die seinen Worten gegebene Auslegung, Deutschland würde England angreifen, sobald es die Macht dazu habe, als irrig zurückweise. Trotzdem hätte er, Acland, einen klaren Widerruf seiner Äußerungen seitens Lord Roberts lieber gesehen, da er fürchte, daß dieselben in Deutschland besonders von Chauvinisten öfters gegen England ins Feld geführt werden würden. Jedenfalls könne er versichern, daß England niemals eine derartige aggressive Gewaltpolitik, wie sie in Lord Roberts Worten zum Ausdruck komme, betreiben würde, ebesowenig wie er glaube, daß Deutschland je daran denke. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 27. 11. 191? U nsere heutige Besprechung, die im Anschluß Ein. das Frühstück bei Mr. Asquith im Foreign Office stattgefunden, leitete Sir E, Grey mit der Bemerkung ein, daß er befriedigende Nachrichten aus Petersburg über die Audienz erhalten habe, die der Kaiser von Rußland dem österreichisch-ungarischen Botschafter erteilt. Die Aussichten für eine friedliche Lösung des Gegensatzes seien dadurch nicht imwesentlich gebessert. Auch wisse er, daß Herr Sasonow unentwegt bemüht sei, einen Ausgleich in dem österreichisch-serbischen Zwist zu finden, wobei der rus- sisiche Minister des Äußern betont habe, daß er bemüht sei, möglichst unparteiisch zu erscheinen. Auch habe der hiesige russische Botschafter ihm mitgeteilt,* daß die russische Regierung die Hoffnung hege, einem wirtschaftlichen Ausgang für Serbien nach der Adria zu erreichen, der für östererich annehmbar sei. Ihm, Sir E. Grey, sei die Frage des Adriahafens vollkommen gleichgültig. Er sei lediglich von dem Bestreben geleitet, eine Lösung zu vereinbaren, die es verhindere, daß eine oder mehrere der europäischen Großmächte in den Streit hineingezogen würden. Die Folgen einer derartigen Ausdehnung des Krieges würden unabsehbar sein, und es sei heute ganz unberechenbar, wer alsdann an dem Kampf beteiligt werden könnte. Ich betonte, wie sehr ich seit meiner Ankunft dem Eindruck gehabt, daß unsere beiden Länder, von dem gemeinsamen Wunsche zur Erhaltung des europäischem Friedens geleitet, in der gegenwärtigen Krise Hand in Hand gegangen seien, und wie ich die Hoffnung hege, daß dieses Zusammengehen sich auch im weiteren Verlauf dieser Frage und auch bei künftigen Ereignissen werde ermöglichen lassen. Es sei daher auch wünschenswert, daß wir gemeinsam bei befreundeten Mächten im Sinne der Mäßigung wirkten und von Maßnahmen abrieten, die unserem gemeinschaftlichen Ziele, der Erhaltung des Friedens, abhold scheinen. Als eine solche müßten in erster Linie die militärischen Vorbereitungen Rußlands erscheinen, die geeignet seien, Gegenzüge hervorzurufen. Sir E. Grey erwähnte entschuldigend, daß auch aufrussischerSeite derBesuch des österreichischen G e n e r a 1 s t a b s c h e f s in Berlin nicht verfehlt habe, einen gewissen Eindruck hervorzurufen und neue Rüstungen zu rechtfertigen. Ob der Minister sich in dem gewünschten Sinne in Petersburg verwenden wird, entzieht sich meiner Beurteilung. Ich glaube aber, daß meine Ausführungen nicht verfehlt haben, Eindruck auf ihn zu machen, und daß er fortfahren wird, seinen Einfluß im Sinne der Mäßigung und der Erhaltung des Friedens geltend zu machen. Er bedauerte, daß der Frieden in der Türkei noch immer nicht geschlossen sei, und daß man erst über einen Waffenstillstand unterhandele, da es leicht sei, zu einer Einigung zwischen den Mächten zu gelangen, wenn erst der Friedensschluß vorläge. Man könne alsdann gewisse Fragen wie die mazedonische aus den Verhandlungen zwischen den Großmächten ausscheiden und sich auf diejenigen beschränken, die letztere lediglich interessieren. England stelle die drei von mir bereits genannten in den Vordergrund: den serbischen Hafen, Albanien und die ägäischen Inseln. 266 An den anderen Mächten sei es nun, auch ihrerseits mit ihren Angelegenheiten hervorzutreten. Herr von Kiderlen-Waechter habe, so bemerkte der Minister im Laufe der Unterhaltung, einen Meinungsaustausch über die wichtigsten Punkte vor Zusammentritt der endgültigen Beratung angeregt. Er, Sir E. Grey, meine, daß es sich empfehlen würde, wenn in einer der europäischen Hauptstädte die betreffenden Botschafter unformell zusammenträten, um nach den Unterweisungen ihrer Regierungen über die betreffenden Punkte zu beraten und, wenn möglich, eine Einigung herbeizuführen. Es sei gleichgültig, wo das geschähe. Herr Poincare habe eine Konferenz angeregt unter Zuziehung der Vertreter der Balkanstaaten. Dies sei aber erst nach dem Friedensschluß möglich. Eine derartige Vorbesprechung scheine ihm geeigneter zu sein zur Erreichung des gesteckten Zieles als ein Hin und Her zwischen den Kabinetten, das Mißverständnisse und Verzögerungen nicht ausschlösse. Die Versicherung, daß Österreich-Ungarn nicht beabsichtigt, in die kriegerischen Operationen Serbiens in Albanien einzugreifen, nahm der Minister, wie ich schließlich bemerken darf, mit sichtlicher Befriedigung entgegen. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 4. 12. 1912 S ir E. Grey ließ mich heute zu sich bitten und er- öffnete unsere Unterhaltung mit der Bemerkung, er habe sich lebhaft über die warmen Worte gefreut, die der Herr Staatssekretär im Reichstag über unsere beiderseitigen Beziehungen gesprochen habe, da sie vollkommen seinen Wünschen und Ansichten entsprächen. Leider habe er — so fuhr er fort —■ keine sehr beruhigenden Nachrichten aus Österreich-Ungarn 267 erhalten, indem von dort die Meldung weiterer verstärkter Mobilmachungen an ihn gelangt sei. Sodann richtete er an mich die Frage, ob wir noch immer auf dem früheren, von Herrn von Kiderlen-Waechter auch wiederholten Standpunkt uns befänden, keine Frage gesondert, sondern alle zusammen nach dem Friedensschluß behandeln zu wollen. Ich bejahte lebhaft und gab meiner Verwunderung darüber Ausdruck, wie er daran zweifeln könne, daß wir das von Herrn Asquith seinerzeit verkündete und von uns bereitwilligst angenommene Programm verlassen können. Er erwiderte, er fürchte, daß die Rede des Herrn Reichskanzlers, der zu seiner Überraschung die Möglichkeit eines Krieges zwischen den Kontinentalgruppen schon jetzt betont habe, ihn zu dieser Frage veranlaßte und fragte mich, ob ich den Eindruck habe, daß dieselbe in dem Sinne gedeutet werden könne, daßwir Österreich-Ungarnfür alle Eventualitäten und für alle Schritte, die es glaubte, in seinem Interesse unternehmen zu sollen, die Rückendeckung gewährleisten, also gewissermaßen einen Blankowechsel ausstellen wollten. Er befürchte, daß eine so weitgehende Unterstützung der österreichischen Politik unserem gemeinsamen Ziele, der Erhaltung des Friedens und der Mäßigung auf beiden Seiten, unzuträglich sein und die österreichische Widerstandslust stählen werde. Sir E. Grey anerkannte dies und meinte, daß es ihm vor allem daran läge, daß keine zweite Lage entstände wie im Jahre 190 9. Denn er sei überzeugt, und diesen Satz wiederholte er zweimal mit besonderer Betonung, daß Rußland zum zweiten Male 268 einen Rückzug wie damals nicht antreten, sondern lieber zu den Waffen greifen werde. Es käme also alles darauf an, daß die serbische Hafenfrage sich nicht derartig zuspitze, daß eine von den beiden Großmächten gezwungen sei nachzugeben. Sein ganzes Bestreben gehe vielmehr dahin, daß der österreichisch-serbische Streit in Gemeinschaft mit allen anderen Fragen derart behandelt werde, daß es möglich sei, Kompensationen zu schaffen, indem man den Sandschak und andere Gebiete mit in den Handel hineinzöge. Er könne eine gewisse Besorgnis nicht unterdrücken, daß die Rede Euerer Exzellenz, obwohl sie von der hiesigen Presse im allgemeinen günstig aufgenommen worden sei, dazu beitragen könne, den serbisch-österreichischen Streit von den anderen Fragen zu sondern und dasscharfe Hervortreten der europäischen Gruppen, deren Gegenüberstellung er ängstlich zu vermeiden gesucht habe, zu betonen. Denn es käme ihm vor allem darauf an, daß aus dem Streite keine Ehren- oder Parteisache der bestehenden Gruppen entstände, damit es möglich sei, daß unsere beiden Länder, die bisher gewissermaßen als Unbeteiligte und mit dem gleichen Interesse an der Erhaltung des Friedens auch fernerhin Hand in Hand arbeiteten, in Wien bezw. Petersburg vermittelnd wirkten und auch die Grundlage zu fernerem politischen Zusammengehen schaffen könnten. Entstände aber ein europäischer Krieg dadurch, daß Österreich gegen Serbien vorginge, und Rußland, durch die öffentliche Meinung gezwungen, und um nicht abermals eine Demütigung wie 1909 zu erleben, in Galizien einmarschiere, was uns zur Hilfsleistung veranlassen 269 würde, so sei die Beteiligung Frankreichs unausbleiblich und die weiteren Folgen unabsehbar. Es ist zum zweiten Male, daß er mir gegenüber diese letztere nicht mißzuver- stehende Anspielung gebraucht. Von verschiedenen ihm sehr nahestehenden Persönlichkeiten ist mir in dieser Hinsicht in den letzten Tagen übereinstimmend gesagt worden, daß die hiesige Regierung schon deshalb bestrebt ist, einer europäischen Verwicklung unter allen Umständen vorzubeugen, weil sie fürchtet, daß durch dieselbe die angebahnte Annäherung mit uns wieder in Frage käme; denn es sei für England, obwohl keine geheimen Abmachungen mit Frankreich beständen, ein unbedingtes Lebensinteresse, zu verhindern, daß dieses Land von uns völlig niedergeworfen werde, man würde sich also für den Fall, den man hier voraussieht, daß wir die Franzosen besiegen, unbedingt genötigt sehen, für dieselben einzutreten. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 9. 12. 1912 I ch möchte meine hiesigen Eindrücke, über die ich bei verschiedenen Anlässen berichtet habe, um allen Mißverständnissen worzubeugen, dahin zusammenfassen, daß nicht nur die britische Regierung, sondern auch die überwiegende Mehrheit aller für politische Berechnungen in Frage kommenden Personen und Kreise ein gutes Verhältnis zu Deutschland lebhaft wünschen. Jeder Anlaß, um diesem Bestreben Ausdruck zu geben und ein bestehendes Einvernehmen mit uns öffentlich zu bekunden, wird daher mit Freu- 270 den benutzt. Man will mit uns in Freundschaft und Frieden leben, und der Widerhall, den die letzten Ausführungen des Herrn Staatssekretärs sowohl wie auch meine hiesige Rede in allen Kreisen gefunden haben, sowie auch die Haltung der englischen Presse in der letzten Krisis, welche es fast ausnahmslos vermied, von einem Gegensatz der Gruppen in der serbischen Frage zu sprechen, zeigt die Richtigkeit obiger Auffassung. Sir Edward Grey wird bei seiner auswärtigen Politik und namentlich in den gegenwärtigen heiklen Fragen vor allem von dem Wunsche geleitet, den Frieden zu erhalten und mit der Kaiserlichen Regierung in allen wichtigen Angelegenheiten Hand in Hand zu gehen. Nichts wäre ihm daher unangenehmer als eine Zuspitzung der Gegensätze, die einen friedlichen Ausgang nicht mehr ohne eine moralische Niederlage der einen der beiden Parteien ermöglichen würde. Indem er den Vorschlag gemacht hat, keine der Fragen getrennt zu behandeln, sondern sie vereint auf dem Wege gegenseitiger Kompromisse zu erledigen, schwebte ihm der Gedanke vor, daß auf diese Art allein ein einseitiger Rückzug zu verhindern sei. Denn wenn das offizielle Rußland sich auch keineswegs mit den serbischen Forderungen identifiziere, so sei es doch klar, daß in Rußland starke Sympathien für die Serben bestünden, und daß daher, um der russischen Regierung die bisherige gemäßigte Haltung zu erleichtern, alles vermieden werden müsse, was wie eine Drohung oder wie ein Druck gedeutet werden könne. Die starken Rüstungen Österreichs schienen ihm aus diesem Grunde nicht willkommen zu sein und ihn zu beunruhigen. Wenn auch Herr Iswolsky im Jahre 1909 den Rückzug nicht infolge eines von uns ausgehenden Druckes angetreten hat, so ist doch die Erinnerung an die wenig glänzende Rolle, die die russische Diplomatie damals spielte, noch zu lebendig und das Wort von der .„schimmernden Wehr“ noch zu frisch in Erinnerung, als daß die hiesige Regierung, der, ich wiederhole es, vor allem darum zu tun ist, einer festländischen Verwicklung vorzubeugen, nicht vor der Wiederkehr «iner ähnlichen Lage berechtigte Besorgnisse hegen sollte. Sie wünscht also mit anderen Worten, alles zu vermeiden, was dahin gedeutet werden könnte, als ob die russische Regierung einem äußeren Druck weichen sollte, und hat die Botschafterbesprechung mit der Absicht angeregt, daß aus derselben weder Sieger noch Besiegte hervorgehen sollten, und daß dort die serbische Frage durch gegenseitiges Entgegenkommen eine für Österreich und Rußland gleich annehmbare Lösung finden würde. Das sind die Gründe, weshalb mein hier nicht wünscht, daß von irgendeiner Seite die Beteiligung an diesen Besprechungen an Bedingungen geknüpft werde, die nach außen wenigstens sich erst als ein Ergebnis der Beratungen darzustellen hätten, daß man also in den Fehler der petitio principii verfalle. Aus denselben Gründen hat ferner auch die Rede Euerer Exzellenz Beunruhigung hervorgerufen. Der Hinweis auf die Bündnistreue wurde als Fanfare gedeutet in einem Augenblick, wo man Orgeltöne gewünscht hatte. Wir haben mit der Tatsache zu rechnen, und in diesen Dingen ist weder kürzlich eine Wendung eingetreten, noch dürfte eine solche zu erwarten sein, daß Englands Politik uns gegenüber eine friedliche und freundschaftliche ist, daß aber keinebritische Regierung es mit den Lebensinteressen des Landes vereinbar halten würde, eine 272 weitere Schwächung Frankreichs zuzulassen. Nicht Abmachungen geheimer Natur oder die Ränke Eduards VII. noch auch die Nachwirkungen der marokkanischen Schwierigkeiten sind es, welche diese Haltung begründen, sondern die vom englischen Standpunkte verständliche Erwägung, daß nach einem zweiten Zusammenbruch Frankreichs wie im Jahre 1870 das britische Volk einem einzigen übermächtigen festländischen Machtfaktor sich gegenüber befinden würde, und daß dieser Gefahr unter allen Umständen vorzubeugen sei. Wenn es auch immer mißlich ist, in der Politik prophezeien zu wollen, so glaube ich dennoch es aussprechen zu können, daß man uns nur dann angreifen wird, wenn wir in Frankreich einmarschieren und das erste siegreiche Gefecht geliefert haben. Aber auch schon eine Kriegserklärung an Frankreich oder von Frankreich an uns würde die Mobilisierung der britischen Flotte nach sich ziehen, während der Krieg mit Rußland allein, falls ein solcher überhaupt denkbar ist, das Eingreifen der britischen Seemacht noch nicht notwendigerweise zur Folge haben würde. Das ist die Lage, mit der wir zu rechnen haben, welche es aber ermöglicht, unsere beiderseitigen Beziehungen ohne Preisgabe unserer Interessen weiter auszugestalten und zu pflegen, falls wir den Briten Entgegenkommen zeigen und ihre Empfindlichkeiten schonen, und das sind die Gründe, aus denen Sir Edward Grey und der gesamten hiesigen Regierung die friedliche Beilegung des serbischen Streites so sehr am Herzen liegt. Lichnowsky. ly Lichnowsky 1 273 VOR DER BOTSCHAFTERVERSAMMLUNG UND DER FRIEDENSKONFERENZ DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON KIDERLEN AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 18. 11. 1912 E w. pp. bitte ich, Sir E. Grey persönlich aufzusuchen und ihm folgendes mitzuteilen: Die Gefahr der Lage erblicke ich darin, daß bei dem aus Anlaß des Friedensschlusses auf dem Balkan zu erwartenden Beratungen der Mächte von einzelnen dieser Mächte gewisse Prätentionen der Balkanstaaten unterstützt würden, die von andern als unannehmbar bezeichnet würden. Das Wesentliche zur Erhaltung des Friedens scheint mir daher zu sein, daß die Mächte vor Beginn der Verhandlungen mit den Balkanstaaten sich über ein bestimmtes Programm und insonderheit über die nach ihrer Ansicht zulässigen und nicht zulässigen Forderungen der Balkanstaaten einigten. Zunächst käme Albanien in Betracht, wo unsere Bundesgenossen Österreich und Italien besondere Interessen geltend zu machen hätten. Die Zurückhaltung Österreichs gegenüber den direkten serbischen Provokationen verdiene Anerkennung, sie sei aber nur möglich unter der Voraussetzung, daß serbische Besatzungen keine Rechte auf Definitivum schaffen könnten. Es wäre nützlich, dies den Serben auch von andrer Seite jetzt schon klar zu machen. Wegen der anscheinend von allen Seiten gewünschten Autonomie Albaniens erschiene es nicht möglich, dies Land durch serbisches Territorium in zwei Teile zu zerschneiden, wohl aber glaubten wir eine Verständigung auf etwa folgender Basis möglich: Es wäre gut, wenn Österreich die Konzessionen, die es an Serbien für möglich hält, möglichst eingehend präzisierte und den Mächten mitteilte, daß bei den Verhandlungen, die bei Friedensschluß zu erwarten snd, eine feste Basis vorliegt. Wir denken uns nach dem, was wir bisher aus Wien erfahren, als Basis einer Verständigung mit Serbien Gewährung einer sicheren Schienenverbindung, die von albanesischer Territorialhoheit in gewissen Grenzen unabhängig zu einem dem serbischen Export garantierten Adriahafen ohne serbischen eigentlichen Territorialerwerb führt, gesicherter Transit für Serbien auf bosnischen Bahnen und gesicherter Transit für Österreich nach Saloniki sowohl auf serbischen Bahnen als auf eventuell zu erbauender Sand- schakbahn. Rußland habe Wünsche, so viel wir wüßten, bezüglich Konstantinopels und Adrianopels, sowie des Berges Athos. Es würde nun nützlich sein, alle diese Wünsche genau zu präzisieren und sich zum voraus über ein von allen Großmächten zu unterstützendes Programm noch vor Beginn der Verhandlungen mit den Balkanstaaten zu einigen. Damit würde auch der Asquithschen Idee entsprochen, keine einzelnen Fragen zuvor herauszugreifen, Österreich habe dies Serbien gegenüber befolgt, und wir nehmen an, daß dies auch seitens Rußlands Bulgarien gegenüber geschehe. Falls Sir E. Grey diesem Gedankengang zustimmt, 18 * 275 wäre es vielleicht nützlich, wenn er ihm in Petersburg und Paris Eingang zu verschaffen suchte, während wir ein gleiches in Wien und Rom tun würden. Einer gefälligen Drahtmeldung über die Aufnahme, die Ihre Mitteilungen bei Sir E. Grey gefunden, sehe ich mit Interesse entgegen. Kiderlen. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 20. 11. 1912 I ch habe mit Sir E. Grey soeben im Sinne der mir erteilten Weisung gesprochen. Der Minister schien im allgemeinen ganz einverstanden zu sein, erklärte jedoch, mir augenblicklich keine bestimmte Antwort geben zu können, da er sich die einzelnen Punkte überlegen müsse. Er bat mich, morgen nachmittag wiederzukommen, um mir dann Bescheid zu geben. Ganz allgemein bemerkte er, daß meine Mitteilung zwei getrennte Fragen enthielte, die der Vorbesprechung zwecks Einigung über ein gemeinsames Programm und andererseits die Aufforderung, in Belgrad im Sinne der Anregung zu wirken, daß die serbischen Besetzungen kein Recht auf Difinitivum schaffen könnten. Ohne sich auf diese Frage näher einzulassen, erklärte er nur, daß das Prinzip eines autonomen Albaniens bereits die Frage der Bestimmung seiner Grenzen in sich schlösse. Er schien mir auf diesem Wege der heiklen Angelegenheit der serbischen Adriawünsche ausweichen zu wollen. Im übrigen machte er sich über unseren Standpunkt Notizen, ohne etwas gegen unsere Vorschläge einzuwenden. Weiterer Drahtbericht folgt morgen. Lichnowsky 276 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 21. 11. 1912 B ei meinem heutigen Besuch sagte mir Sir E. Grey, daß er der Auffassung Euerer Exzellenz von der Notwendigkeit eines frühzeitigen Meinungsaustausches zwischen den Großmächten durchaus zustimme. Was die zu verhandelnden Fragen selbst betreffe, so kämen für ihn zunächst im wesentlichen drei Punkte in Betracht: 1. Die Autonomie Albaniens, 2. die Verbindung Serbiens mit der Adria und 3. die Ägäischen Inseln. Was Konstantinopel und Adrianopel beträfe, so schiene nach den bekanntgewordenen Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Bulgaren und Türken die Frage auszuscheiden, da die beiden kriegführenden Parteien sich hierüber einigen würden. Unter dieser Voraussetzung könnte das hiesige Kabinett ebenso unbeteiligt an der Lösung dieser Frage bleiben, wie wir es ersichtlich täten. Rußland würde sich dann wohl auch zufriedenstellen. Der Berg Athos genieße heut schon eine Sonderstellung und könnte sie auch behalten. Aus den ferneren Äußerungen des Ministers entnahm ich, 1. daß das Schicksal der griechischen Inseln der Regierung besonders am Herzen liegt, und 2. daß der von mir schon an anderer Stelle gekennzeichnete Gedanke, eine mögliche Lösung der serbischen Frage durch Gewährung eines schmalen Gebietsstreifens an Serbien längs der montenegrinischen Grenze zu finden, hier immer mehr Fuß gefaßt hat. Der Minister bezeichnet zwar diese Ansicht durchaus nicht als die einzige und endgültige Form, um den serbischen Wünschen gerecht zu werden, meinte aber, daß trotz der österreichischen Bedenken, auf die ich wiederum hingewiesen, dieser Gedanke nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen sei. Meiner Frage, ob man diese Auffassung in Paris und Petersburg teile, wich er aus mit dem Bemerken, daß er glaube, daß im allgemeinen die Ansicht herrsche, daß die Besprechung dieser Lösung nicht von der Hand zu weisen sei. Da der Minister sich anscheinend mit seinen Ententefreunden schon ins Einvernehmen gesetzt hatte und ich gestern von meinem französischen Kollegen, den ich traf, ehe ich Sir Edward Grey getroffen hatte, erfuhr, daß er von unserer Anregung über Paris unterrichtet war, so glaubte ich, namentlich im Hinblick auf die abweichende Auffassung, die die hiesige Regierung in der kritischen serbischen Frage vertritt, von einer besonderen Anregung absehen zu sollen, unsere Schritte in Paris und Petersburg zu unterstützen. Im übrigen erklärte der Minister wiederholt, daß es ihm vor allem darauf ankäme, einen Ausweg zu finden, der die Erhaltung des europäischen Friedens gewährleiste, und einen Konflikt zu vermeiden, in welchen einen oder mehrere Großmächte hineingezogen werden könnten. Seine geäußerten Auffassungen sollten daher nur als Grundlage der weiteren Besprechungen dienen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 1. 12. 1912 M ein italienischer Kollege suchte mich gestern auf, um nachstehendes auseinanderzusetzen. Italien habe vielleicht noch weniger als Deutschland den Wunsch, wegen der serbischen Frage in einen Krieg verwickelt zu werden, namentlich da es 278 •ich nur um einen Handelshafen handeln soll. Man interessiere sich in Rom hauptsächlich für Valona und habe die Griechen wissen lassen, daß die Besetzung dieser Bucht nicht geduldet werden würde. Es sei daher unbedingt notwendig, daß ein Kompromiß gefunden werde zwischen dem österreichischen und dem russischen Standpunkt. Je länger man warte, um so schwieriger werde es, eine Lösung zu finden, die für keinen von beiden eine Demütigung in sich schließe, da die öffentliche Meinung in beiden Ländern schon durch die fortgesetzten Mobilmachungen immer erregter werde und der Krieg dann immer schwerer zu vermeiden sei. Es wäre auch nach seinen Nachrichten ein bedenklicher Irrtum, wenn man annehmen wollte, daß Rußland bloß mobilisiere, um zu bluffen. Die Audienz des Grafen Thurn sei ergebnislos verlaufen, und habe sich der Zar auf einige höfliche und freundliche Redensarten beschränkt, ohne irgendeine Zusicherung zu geben. Sasonow ebensowenig wie ein anderer russischer Minister könne es wagen, Erklärungen zu verlautbaren, die der öffentlichen Meinung, die für die Serben ausgesprochen Partei nähme, entgegen wären, er würde sonst von seinem Platze fortgefegt werden. Mit diesen Tatsachen müßten wir rechnen, wenn wir einen Krieg vermeiden wollten, und darauf hinwirken, daß bald eine Einigung zustande käme. Nur auf diese Weise sei der allgemeine Krieg zu vermeiden. Marquis Imperiali verglich die Angelegenheit mit der in Neapel beim Feste des heiligen Gennaro üblichen Begegnung zwischen dem Kardinal und dem Sindaco. Keiner von beiden dürfe dem anderen gegenüber sich etwas vergeben, und beide müßten die gleiche Anzahl von Schritten zurücklegen, um sich in der Mitte der Kirche zu treffen. 279 Ehe dieses Kompromiß nicht vereinbart sei, wäre es auch bedenklich, zu der von Sir Edward Grey vorgeschlagenen Botschafterkonferenz zu schreiten, da diese dann Gefahr liefe, ergebnislos zu verlaufen. Bevor nicht Österreich sowohl wie Rußland etwas nachgeben und Entgegenkommen gezeigt hätten, sei es zwecklos, ziisammenzutreten und über Dinge zu beraten, über die die Botschafter sich dann doch nicht würden verständigen können. In diesem Sinne hat Marquis Imperiali auch mit Sir E, Grey gesprochen und, wie er sagt, nach Rom berichtet, und ich vermute, daß seine Auffassungen sich im wesentlichen mit denen des Marquis San Giuliano decken. Ich verfehlte nicht, meinen italienischen Kollegen darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es sei, daß Deutschland und Italien im Interesse des Friedens den österreichischen Standpunkt unterstützten, um nicht durch Uneinigkeit die Gegner zu ermutigen und dadurch die Kriegsgefahr zu erhöhen, Marquis Imperiali gab die Berechtigung dieses Standpunktes vollkommen zu, wiederholte aber, daß es ein Irrtum sei, zu glauben, daß man in Petersburg nur bluffe. Die Lage sei äußerst ernst, und er halte den Krieg für unausbleiblich, falls Österreich nicht geneigt sei, in der Frage des serbischen Hafens etwas mehr Entgegenkommen zu zeigen. Er bat mich, in diesem Sinne in Berlin zu wirken, da nur wir in der Lage wären, auf Wien einen entsprechenden Einfluß zu nehmen. Die Persönlichkeit des englischen Vertreters in Wien sei nicht danach, daß die hiesige Regierung dort viel erreichen könnte, und Graf Mensdorff sei zwar hier gesellschaftlich sehr beliebt, habe aber weder in Wien noch hier großen Einfluß. Auch sollten wir uns nicht darüber täuschen, daß die Stimmung in Frankreich heute eine andere sei wie noch vor drei 280 Jahren. Die bulgarischen Siege über die Türken hätten auch dazu beigetragen, das Selbstbewußtsein der Franzosen zu erhöhen, und es sei nicht daran zu zweifeln, daß im Falle von Verwickelungen mit Rußland die Franzosen losgehen würden. Auch sei es sicher, daß die Engländer, trotz der augenblicklich besonders hervortretenden Hinneigung zu Deutschland und ihres ausgesprochenen Friedensbedürfnisses nicht würden unbeteiligt bleiben können. Wenn wir siegten, würden sie nicht dulden, daß Deutschland ein drückendes Übergewicht auf dem Kontinent erhält. Was den Ort der Botschafterbesprechung anbelangt, so scheint, wie ich Äußerungen meines russischen und italienischen Kollegen entnehme, Sir E. Grey Paris vorzuschweben, schon weil er das Französische nicht beherrscht. Marquis Imperiali würde London für den geeigneten Ort halten und hält Paris für bedenklich wegen des Herrn Iswolsky und einen kleinen Ort wie den Haag nicht für geeignet, weil alsdann die Sache durch Entsendung besonderer Vertreter die Formen eines Kongresses annehmen und den Absichten des hiesigen Kabinetts nicht mehr entsprechen würde. Ich möchte mich den Ausführungen meines italienischen Kollegen, denen vielleicht auch ein Auftrag aus Rom zugrunde lag, insofern anschließen, als ich glaube, daß ein von uns ausgehender Vorschlag, der London als den Ort der botschafterlichen Vorbesprechung bezeichnet, hier einen günstigen Eindruck her- vorrufen und in der Öffentlichkeit als ein Beweis unserer gefestigten Beziehungen aufgefaßt werden würde. Auch müßte die Vermittlerrolle, die Sir E. Grey alsdann zufiele, weiter dahin wirken, ihn in seiner bisherigen mehr unparteiischen Haltung zu bestärken. Lichnowsky. 28 t iS DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON KIDERLEN AN KAISER WILHELM II. Berlin, 6. 12. 1912 E uer Kaiserlichen und Königlichen Majestät melde ich alleruntertänigst, daß ich nach Eingang des österreichischen und italienischen Einverständnisses Sir Edward Goschen auf die Sondierung wegen der Botschafterkonversation heute nachstehendes geantwortet habe: „Die Kaiserliche Regierung hat von dem Vorschläge Sir E. Greys, die Botschafter der sechs Großmächte in einer der europäischen Hauptstädte zu unverbindlichen Besprechungen über mehrere vom internationalen Standpunkt besonders wichtige Fragen des Balkanproblems zu ermächtigen, mit lebhafter Genugtuung Kenntnis genommen. Sie erblickt in dem vorgeschlagenen Verfahren ein geeignetes Mittel, den Geschäftsgang zu vereinfachen und zu beschleunigen, und würde es begrüßen, wenn als Ort der Konversation London gewählt wird, von wo die Anregung ausgegangen ist. Für den Fall, daß Sir E. Grey hiermit einverstanden ist, erklärt sich die Kaiserliche Regierung bereit, Fürst von Lichnowsky ohne Verzug mit den erforderlichen Instruktionen zu versehen. Sie setzt dabei voraus, daß bei der Konversation der Botschafter auch nach außen der Eindruck einer formellen Konferenz vermieden werden wird. Da Rumänien sich in Anbetracht seiner gewichtigen Stellung und Interessen am Balkan in der gleichen Lage wie die Großmächte befindet und bei den Friedensverhandlungen der Kriegführenden als einzige Balkanmacht nicht zu Worte kommen wird, befürwortet die Kaiserliche Regierung, zu den Besprechungen der Botschafter auch den rumänischen Gesandten hinzuzuziehen. Alleruntertänigst Kiderlen. 282 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 7. 12. 1912 S ir E. Grey mit London einverstanden, falls hierin in Paris keine Unfreundlichkeit erblickt werde, da dort bekannt, daß er Paris vorgeschlagen, und da von Poincare auch erste Anregung zu einer Konferenz ausgegangen. Ich erwiderte, daß uns, soviel mir bekannt, Paris auch recht gewesen wäre, daß aber von verschiedenen Seiten, und nicht etwa bloß von uns, Bedenken gegen die Persönlichkeit des Herrn Iswolsky laut geworden wären. Ich glaube, daß, falls es gelingt, eine Form zu finden, um die Empfindlichkeiten des Herrn Poincare zu schonen, man hier gern zustimmen wird, da man sich den gegen Paris bestehenden Bedenken keineswegs verschließt. Mit der Zuziehung des rumänischen Gesandten schien der Minister einverstanden, auch wiederholte er, daß jeder Anschein eines feierlichen Kongresses vermieden werden sollte, und daher auch alle Eröffnungsfeierlichkeiten wegfallen würden. Man würde sich, so drückte er sich aus, einfach an einen runden Tisch setzen. Der Berliner Anregung entsprechend, habe er die Tagesordnung für die Botschafterbesprechung dahin entworfen, daß 1. diejenigen Punkte festgestellt würden, welche auszuscheiden seien, da man sie den Kriegführenden allein überlassen wolle, 2. diejenigen, die die beim Berliner Vertrage beteiligten Mächte interessierten, und mit denen man sich daher zu befassen habe, und 3. Besprechung dieser letzteren Punkte zum Zweck, eine Einigung über dieselben zu erzielen und alsdann mit entsprechenden Vorschlägen an die vertretenen Regierungen sich zu wenden. 283 Einen in diesem Sinne gehaltenen Erlaß, den der Minister nach Wien gerichtet hat, gab er mir zur Einsicht. Derselbe schließt mit dem rührenden Wunsch, das kommende Weihnachtsfest möge als Ergebnis der Besprechungen der Menschheit den Frieden bringen. Als Kuriosum erzählte er mir noch, daß die Balkanstaaten über London als Friedensort verfügt hätten, ohne hier anzufragen, und daß ihm hierüber nur von der bulgarischen Regierung eine amtliche Verständi- gung gemacht worden sei, Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 10. 12. 1912 S ir E. Grey, dessen Stimmung ein sicheres Barometer für den Stand der Friedensaussichten abgibt, empfing mich heute wieder in heiterer Laune. Der Minister erklärte sich mit Rücksicht auf den allgemein dahin geäußerten Wunsch damit einverstanden, daß die Botschafterbesprechungen hier stattfinden. Er hat dies auch bereits mehreren meiner Kollegen heute mitgeteilt. Sir E. Grey legt besonderen Wert darauf, daß möglichst bald damit begonnen werde, da er der Ansicht ist, daß alsdann weniger Gefahr vorliegt für unerwartete Vorfälle zwischen Österreich und Serbien. Seien einmal die Besprechungen im Gange, so sei es unwahrscheinlich, daß man sich in Österreich werde zu irgendeinem gewaltsamen Schritt hinreißen lassen, durch den die Verhandlungen unterbrochen werden könnten. Die Haltung Österreichs flöße dem Minister noch immer Besorgnis ein. Er zeigte mir ein Telegramm aus Wien, worin von neuen Truppenverschiebungen an die serbische und russische Grenze die Rede war. Er wolle diesen militärischen Maßnahmen keine übertriebene Bedeutung beimessen, man könne aber nie wissen, wohin sie führten, namentlich da die An Gelegenheit des mißhandelten Konsuls noch immer nicht beigelegt wäre. Der Minister will dem Grafen Mensdorff, der morgen früh nach Wien reist, weil Graf Berchtold ihn gerufen hat, noch besonders einprägen, daß er in Wien zur Ruhe und Mäßigung raten ließe, um zu verhindern, daß noch vor der Botschafterbesprechung sich Zwischenfälle ereigneten. Dem serbischen Geschäftsträger, der seinen Rat erbeten hat, angesichts der Gerüchte über bevorstehende österreichische Maßnahmen hat der Minister zur Ruhe und Vorsicht geraten, da keine der Mächte Lust habe, die friedliche Beilegung der Angelegenheit in Frage zu stellen, und sich dem Spruch der Mächte zu unterwerfen. Über die von Wien aus gestellte Bedingung hat der Minister sich anscheinend mit Rücksicht auf die Haltung Rußlands inzwischen beruhigt. Er meinte, die Begrenzung Albaniens werde in einer der ersten Sitzungen zur Sprache kommen und eine der schwierigsten Fragen bilden. Auch möchte er, falls bis dahin alle Botschafter mit Instruktionen versehen sind und Graf Mensdorff zurück ist, am Montag beginnen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 10. 12. 1912 ie ich von gut unterrichteter journalistischer WSeite höre, hat sich Herr Poincare bis in die neueste Zeit energisch gesträubt, London als Ort der Botschafterkonferenz anzunehmen, weil er sich nicht 285 entschließen konnte, auf seinen Lieblingsgedanken zu verzichten, den Glanz seiner Amtsführung am Quai d'Orsay durch eine internationale Konferenz zu erhöhen. Auf diese Weise hat der französische Minister Sir E. Grey, der die Schwäche seines französischen Kollegen kannte, die Annahme Londons als Ort der Botschafterkonferenz sehr erschwert und die Unstimmigkeiten, die zwischen ihm (Poincare) und Herrn Cambon bestanden, nicht verringert. Herr Cambon trat von Anfang an für die Wahl Londons ein, da er die Zusammensetzung des hiesigen diplomatischen Korps einer vernünftigen Lösung für günstiger hielt, als dies in Paris der Fall gewesen wäre. Herr Poincare wirft dem hiesigen französischen Botschafter wohl mit Recht vor, dieser habe bis zum letzten Augenblick in seiner Berichterstattung den Ausbruch eines Balkankrieges für unwahrscheinlich erklärt und dadurch dazu beigetragen, daß die französische Politik von den Ereignissen überrascht worden sei. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 13. 12. 1912 S ir Edward Grey hat sich in den letzten Tagen eingehend mit den Fragen der bevorstehenden Botschafterbesprechung in London beschäftigt. Er will sie soweit als irgend tunlich jedes formellen Charakters entkleiden, insbesondere kein Protokoll führen lassen, sondern nur zu Aufzeichnungen schreiten, wenn der zwanglose Gedankenaustausch in den einzelnen Fragen ein Ergebnis geliefert habe. Nach Sir Edwards Grey Absichten solle die Botschafterbesprechung, ohne sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten, die Hauptpunkte rasch durchberaten und 286 sich dann vertagen mit dem Vorbehalte, wieder zusammenzutreten, wenn neuer, wichtiger Beratungsstoff vorliege. Der Minister hofft, die Hauptarbeit in vier bis fünf Sitzungen erledigen zu können und scheint an die Möglichkeit zu denken, Fragen, welche umfangreiche Einzelerörterungen nötig machen wie die der Dette Publique und der Bahnen besonderen Kommissionen zuzuweisen. Sir Edward Grey scheint in den letzten Tagen noch einen ausführlichen Gedankenaustausch mit dem russischen Kabinett gepflogen zu haben, über dessen Ergebnis er im Privatgespräch Befriedigung äußerte, da er jetzt ganz sicher zu sein glaubt, daß Rußland eine durchaus friedliche und versöhnliche Politik verfolgen werde. Die Stimmung Österreich gegenüber ist in hiesigen Regierungskreisen nach wie vor günstig, die Berechtigung des österreichischen Standpunktes wird in vieler Beziehung anerkannt, dabei aber immer wieder betont, daß ein Überspannen des Bogens Serbien gegenüber die ernstesten Gefahren mit sich bringen könnte. Die fortgesetzten Rüstungen Österreichs fahren daher fort, hier lebhaft zu beunruhigen. Von den Balkanvölkern erfreut sich hier nur Bulgarien ausgesprochener Sympathien, die Serben haben durch lärmendes Auftreten und Interviews wie die von den Friedensdelegierten dem „Temps" gewährten hier sehr verstimmt. Sie werden voraussichtlich von Sir E. Grey eine sehr deutliche Sprache zu hören bekommen. Lichnowsky. 287 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 16. 12. 1912 S ir E. Grey hat den beteiligten Botschaftern soeben vorgeschlagen, die erste Besprechung morgen um halb vier stattfinden zu lassen. Die Verhandlungen sollen geheimgehalten und kein Protokoll geführt werden. Nur wenn Beschlüsse gefaßt sind, sollen sie zu Papier gebracht werden. Der Minister will gleich mit der albanischen Frage anfangen und die Grenzen Albaniens, welches bis an Montenegro heranreichen soll, in großen Zügen festlegen. Dann will er Frage der wirtschaftlichen Verbindung Serbiens mit der Adria ganz im Sinne der im Telegramm Nr. 217 enthaltenen Auffassung zur Sprache bringen. Die möglichst einstimmig gefaßten Beschlüsse sollen den Mächten vorgelegt werden, und hofft der Minister durch Vorwegnahme dieser beiden Punkte die gefährlichsten Fragen möglichst rasch zu erledigen. Die innere Abgrenzung ihrer Neuerwerbungen will er den Kriegführenden überlassen und die ägäischen Inseln erst später erörtern. Sir E. Grey, welcher bereits mit meinen Kollegen außer dem Grafen Mensdorff, der erst heute Abend zurückkehrt, gesprochen hatte, schien wieder sehr zuversichtlich zu sein und sagte, er hoffe zu einem günstigen Ergebnis zu gelangen. Wir, Deutschland und England, hätten die ganze Zeit in der gleichen Richtung gearbeitet, und es würde ihn freuen, wenn unsere gemeinsamen Bemühungen zum Ziele führten. Lichnowsky. 288 DER ANFANG DER BOTSCHAFTERVERSAMMLUNG UND DIE KOLLEKTIVDEMARCHE DER MÄCHTE IN KONSTANTINOPEL AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 17. 12. 1912 B ei der heutigen ersten Botschafterbesprechung, der Sir E, Grey persönlich vorsaß, konnte Graf Benckendorff gestützt auf seine Instruktionen eine sehr entgegenkommende Haltung einnehmen. Es wurden nachstehende Punkte einstimmig vereinbart: Erstens. Albanien unabhängig und lebensfähig, garantiert und kontrolliert ausschließlich durch die Mächte unter der Souveränität oder Suzeränität des Sultans. Mein russischer Kollege hatte hierzu die Anregung gegeben, und sein Vorschlag wurde angenommen, nachdem der Zusatz: „Mit beschränkter Anzahl ottomanischer Truppen, deren Stärke dann festzusetzen wäre" fallen gelassen worden war, da derselbe zu Bedenken Anlaß gab. Ebenso wurde: „Von den Mächten ernannter und vom Sultan bestätigter Gouverneur" ausgelassen; statt dessen mein österreichischer und italienischer Kollege gebeten, ihre Regierungen zu veranlassen, „ihre Ansichten über die Grundlagen der zukünftigen Organisation dieser Unabhängigkeit" auszuarbeiten und uns diese Projekte alsdann vorzulegen. Zweitens wurde einstimmig angenommen, daß Al- 19 Lichnowsky 1 289 banien neutralisiert werden sollte. Graf Benckendorff hatte nur die Neutralisierung der Häfen und der Küste vorgeschlagen, sich aber auch mit dieser Fassung einverstanden erklärt. Drittens gelangt zur Annahme: „Einverstanden, daß auf jeden Fall die Grenzen des unabhängigen Albanien im Norden sich mit denen Montenegros, im Süden mit denen Griechenlands berühren." Graf Benckendorff erklärte sich mit dieser Fassung, welche serbische Hoheitsrechte an der Adria ausschließt, einverstanden. Schwierigkeiten entstanden nur insofern, als Graf Mensdorff die prinzipielle Festlegung heutiger Grenze Montenegros als Nordgrenze Albaniens wünschte, während Graf Benckendorff erklärte, daß seine Regierung in die Verhandlungen der Kriegführenden mit der Türkei hinsichtlich ihrer zukünftigen Grenzen sich nicht einmischen wolle, er daher nicht in der Lage sei, sich auf die jetzige Südgrenze Montenegros festzulegen. Graf Berchtold hält aber an der Zugehörigkeit Skutaris zu Albanien nach dem Prinzip der ethnographischen Abgrenzung fest. Marquis Im- periali erklärte, ohne Instruktionen zu sein, und hat sich dieselben für morgen erbeten. Die weitere Besprechung der albanischen Grenzen soll daher morgen stattfinden, und wird Graf Mensdorff dann weitere Vorschläge unterbreiten. Hinsichtlich der serbischen Verbindung mit der Adria wurde folgende Fassung einstimmig angenommen: „Der Zugang für seinen Handel wird Serbien mittels eines freien und neutralen albanischen Hafens reserviert, der von der internationalen Eisenbahn unter europäischer Kontrolle und unter dem Schutz einer internationalen Truppenmacht bedient wird, mit Beförderungsfreiheit für alle Waren einschließlich 290 Kriegsmunition.'’ Auch hier hatte ein russischer Vorschlag als Grundlage gedient, und wurde Graf Ben- ckendorff gebeten, bei seiner Regierung über die Einzelheiten die Ausarbeitung eines Projekts anzuregen. Geheimhaltung vereinbart, kein Protokoll. Den Vorsitz wird Sir E. Grey persönlich weiterführen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 17, 12, 1912 T’irrie mir Sir E. Grey soeben mitteilt, sollen unsere WBesprechungen Freitag abend geschlosen werden, und hofft derselbe, bis dahin das bisher vorliegende Material zu erledigen. Am Sonnabend beabsichtigt der Minister gleich den meisten übrigen Mitgliedern des Kabinetts einen zehntägigen Urlaub anzutreten und erst am 30., am Tage der Wiedereröffnung des Parlaments, hier einzutreffen. Nötigenfalls sollen unsere Sitzungen danach wieder aufgenommen werden. Lichnowsky. London, 18. 12. 1912 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT er Führer der serbischen Abgesandten, Herr .L'Nowakowitsch war eben bei mir und fragte mich, ob ich glaubte, ihm raten zu sollen, die Erledigung der serbischen Wünsche hinsichtlich der Adria den Mächten vertrauensvoll zu überlassen und diesen Punkt aus den Friedensverhandlungen auszuschalten. Ich bestärkte ihn in dieser Auffassung und sagte ihm, die Mächte seien Serbien gegenüber von freundschaftlichen Gesinnungen erfüllt und würden gewiß den serbischen Wünschen um so mehr Rechnung tragen, je entgegenkommender und ruhiger die Haltung der ser- bischen Vertreter wäre. Er beklagte sich über die Haltung der Nachbarmonarchie, welche fortlühre, die serbische Bevölkerung zu beunruhigen. Auch schien er zu befürchten, daß man seinem Vaterlande überhaupt keine Gebietserweiterung gönnen würde. Ebenso wünschte er zu wissen, ob alle Mächte über die Gewährung eines wirtschaftlichen Verbindungsweges nach und eines neutralen Hafens an der Adria einig seien. Ich erklärte ihm, daß ich über unsere Verhandlungen nicht reden könnte, daß ich aber glaubte, in der Lage zu sein, ihn hinsichtlich dieser beiden Punkte beruhigen zu können. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 18. 12. 1912 D ie heutige Sitzung eröffnete Sir E, Grey mit der Mitteilung, daß der serbische Geschäftsträger ihm mitgeteilt habe, die serbischen Delegierten seien in demselben Sinne unterrichtet worden, wie Herr No- wakowitsch es mir bereits mitteilte. Der Geschäftsträger habe noch hinzugefügt, er hoffe, der Wunsch der Mächte würde ihnen in einer Form mitgeteilt werden, die es der öffentlichen Meinung in Serbien erleichtern würde, nachzugeben. Es wurde hierauf einstimmig beschlossen, unsere Regierungen zu befragen, ob sie im Falle der Zustimmung zu unseren gestrigen Beschlüssen damit einverstanden wären, daß diese Beschlüsse von Sir E. Grey nächsten Freitag dem serbischen Geschäftsträger mitgeteilt würden als das Ergebnis unserer Beratungen und als der einheitliche Wille der Mächte unter der Voraussetzung, daß Serbien bei dem Entschluß, auf jede Gebietserweiterung an der Adria zu verzichten, verbliebe. Hiervon erhofften wir eine Beschleunigung der Friedensverhand- lungen und eine Festlegung des serbischen Stand- 292 punkts. Gleichzeitig hiermit soll am Freitag abend vor der Vertagung unserer Beratungen ein Communi- que in der hiesigen Presse erscheinen, welches als das Ergebnis der Besprechungen die albanische Autonomie und die Gewährung eines freien wirtschaftlichen Verbindungsweges an einen neutralen Hafen an der Adria für Serbien verkündet. Von dieser Veröffentlichung, zu welcher ich gleichfalls um telegraphische Zustimmung bitte, verspricht sich Sir E. Grey eine erhebliche Beruhigung der öffentlichen Meinung, die, falls nichts verlautbar würde, zu der Annahme gelangen könnte, unsere Beratungen seien gescheitert. Die Abgrenzung Albaniens wurde bis auf Freitag vertagt, da Marquis Imperiali hinsichtlich Skutari noch ohne Unterweisung war und Graf Mensdorff die von Wien mitgebrachte Karte, deren Vorhandensein er nur mir und meinem italienischen Kollegen bekanntgab, und auf welcher die österreichische Auffassung von den neuen Grenzen Albaniens eingezeichnet ist, noch nicht vorlegen wollte. Prisren ist nämlich dort preisgegeben, was Graf Mensdorff erst als Zugeständnis für Skutari gelten lassen möchte. Er wurde aufgefordert, uns nächsten Freitag die Wünsche seiner Regierung vorzulegen. Vertraulich sagte mir Sir E. Grey, daß, falls es wegen Skutari zu Schwierigkeiten käme, er außerstande sei, nochmals auf die russische Regierung einzuwirken, Letztere habe sich unter seiner und der französischen Mitwirkung bereits überaus entgegenkommend erwiesen. Nun sei es an uns, der deutschen und der italienischen Regierung, auf Österreich einzuwirken für den Fall, daß Rußland, was er noch nicht wisse, auf der Abtretung von Skutari an Montenegro bestehen sollte. Graf Benckendorff ist noch ohne Anweisungen, doch dürfte die Frage am Freitag nach- 293 mittag zur Sprache kommen. In ähnlichem Sinne hat der britische Minister auch mit meinem italienischen Kollegen gesprochen. Es gelangten hierauf die ägäischen Inseln zur Sprache. Graf Benckendorff gab namens seiner Regierung die Erklärung ab, daß sie nicht wünsche, daß irgendeine Macht in den Besitz der Inseln Tenedos, Imbros, Lemnos und Samothrake gelange, denen eine Autonomie gewährt werden solle. Es gelangte hierauf der britische Antrag einstimmig zur Annahme: „Welches auch die künftige Lage der Inseln des Ägäischen Meeres sein wird, sind wir doch der Ansicht, daß sie unter der Garantie der Mächte neutralisiert werden müssen.“ Über die Besitzfrage lagen keine Anträge vor, doch war die Stimmung überwiegend für eine Autonomie. Was Kreta anlangt, so kam man dahin überein, daß, falls die Insel im Friedensschluß von der Türkei an die Griechen abgetreten würde, hiergegen keine Einwände zu erheben seien. Mein französischer Kollege gab folgende Erklärung ab: „Die französische Regierung steht betreffs Konstantinopels fest auf dem Standpunkt der Aufrechterhaltung des status quo. Diese Stadt muß also im Besitz des ottomanischen Kaiserreiches bleiben. Die Türkei muß außerdem in Europa ein Gebiet längs des Marmarameeres und der Dardanellen behalten.“ Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Mein österreichischer Kollege erklärte: „Wir halten dafür, daß die Stellung des Hafens von Saloniki und der dorthin führenden Eisenbahn unter dem Gesichtspunkt der Wahrung unserer Handelsinteressen geregelt werden.*' Auch diese Auffassung erweckte keinen Widerspruch. 294 Nächste Sitzung Freitag nachmittag. Hierauf Vertagung bis Neujahr. Sir E. Grey begibt sich auf sein Gut in Northumberland. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 18. 12. 1912 H err Danew hat hier mehreren meiner Kollegen erklärt, die Verbündeten würden mit der Türkei geschlossen verhandeln und von ihr die Abtretung ihres europäischen Besitzes westlich einer zu vereinbarenden Linie zwischen dem Ägäischen und dem Schwarzen Meer mit Einschluß von Adrianopel verlangen. Sollte die Türkei nicht nachgeben wollen, so würde Bulgarien den Krieg unweigerlich fortsetzen. Die Teilung des abgetretenen Gebiets mit Ausnahme von Albanien würden die Verbündeten alsdann untereinander vornehmen. Lichnowsky. DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON KIDERLEN AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON, FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 20. 12. 1912 N ach Ew. pp. Telegramm Nr. 207 ist türkische Souveränität oder Suzeränität über Albanien ohne weiteres angenommen worden. Wie wir anderweit hören, soll über diesen Punkt erst längere Diskussion stattgefunden haben, wobei russischer Botschafter für Oberhoheit der Pforte besonders eingetreten und durch Ew. pp. lebhaft unterstützt worden sei. Kiderlen AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 20. 12. 1912 U ber alle gefaßten Beschlüsse haben längere Verhandlungen stattgefunden, über die ich aber nur dann ausführlich berichtet habe, wenn sie zu Be- denken und erheblichen Abänderungen Anlaß gegeben haben. Der Vorschlag, der dem Beschluß ad 1 zugrunde lag, war von der russischen Regierung ausgegangen, und habe ich ihn deshalb unterstützt, weil ich im Hinblick auf die so überaus entgegenkommende Haltung des Petersburger Kabinetts in der wichtigen Frage des Adriahafens es um so mehr für angezeigt hielt, die russischen Wünsche zu fördern, als auch Graf Mensdorff nur gegen die Anwesenheit türkischer Truppen Bedenken erhoben, und die mir im Telegramm Nr. 217 erteilten Unterweisungen ausdrücklich von einer Autonomie Albaniens sprechen, was doch wohl die wenn auch nur nominelle Oberhoheit des Sultans voraussetzen läßt. Ferner wies ich darauf hin, daß, falls Mazedonien der Türkei nicht erhalten bleibe, das davon ja völlig losgelöste Albanien dem Machtbereich der Osmanen tatsächlich entrückt sein würde. In der Frage der türkischen Truppen vertrat ich den Standpunkt, daß es nicht so sehr auf die prinzipielle Zulassung derselben ankomme als auf ihre Zahl, die sich ja auf eine Art Leibwache des Gouverneurs beschränken ließe. Schließlich möchte ich noch bemerken, daß die am Schluß meines Telegramms 207 erwähnte Anregung, die russische Regierung zur Ausarbeitung eines Projekts hinsichtlich des serbischen Verbindungsweges mit der Adria zu veranlassen, wieder fallengelassen worden ist, und daß wir nur den österreichischen und italienischen Entwürfen für die Organisation der albanischen Autonomie entgegensehen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 20. 12. 1912 D ie heutige Sitzung, die abermals Sir E. Grey persönlich leitete, befaßte sich zunächst mit der Feststellung des heute abend erscheinenden Communiques und mit der Mitteilung an den serbischen Geschäftsträger. Letztere wird dem in meinem Telegramm Nr. 207 sub 1 und 3 gemeldeten Wortlaut entsprechen, den zweiten Punkt aber nicht enthalten, weil hinsichtlich der gesamten Neutralisierung Albaniens Graf Benckendorff die Zustimmung seiner Regierung noch nicht erhalten hat. Das Communique aber wird in abgekürzter Form erscheinen. Graf Benckendorff hatte vorher erklärt, daß seine Regierung den obigen Vereinbarungen zustimme unter folgender Voraussetzung: „Zuerkennung der Wahl der Richtung der Eisenbahn und des Endhafens an Serbien. Jede Garantie der Freiheit der notwendigen Studien für die Wahl und die Trassierung der Bahn für die serbische Regierung gegen die Schwierigkeiten, die etwa die zukünftige albanische Regierung verursachen könnte. Recht Serbiens, an der internationalen Kontrolle der Bahnlinie und des Hafens teilzunehmen.“ Alle Botschafter mit alleiniger Ausnahme des Grafen Mensdorff hielten diese Voraussetzungen für berechtigt und stimmten ihnen zu. Mein österreichischer Kollege erklärte jedoch, sich hierzu nicht äußern zu können, und schien die den Serben eingeräumten Vergünstigungen als zu weitgehend zu betrachten. Der Zusatz wurde daher ad referendum genommen unter der ausdrücklichen Erklärung, daß die angenommene Fassung ihn nicht ausschließe. Hierauf legte Graf Mensdorff seine albanischen Wünsche vor, die nicht nur Skutari, sondern auch 297 Ipek und Prisren umschließen. Graf Benckendorff bezeichnet den Drin als Ostgrenze und will bei der nächsten Sitzung eine Karte vorlegen. Vorläufig erklärte er, daß es unmöglich sei, ethnographisches Prinzip bis zum äußersten durchzuführen, da dies zu unmöglichen Gebilden führen würde. Die allgemeine Ansicht ging dahin, daß auf Grund der ethnographischen Verhältnisse Abrundungen und Kompromisse notwendig seien. Beschlüsse wurden nicht gefaßt und die nächste Sitzung für den zweiten Januar anberaumt. Zum Schluß bat mich Sir E. Grey noch einmal, in Berlin dahin zu wirken, daß wir die österreichische Regierung veranlassen, in der Frage Skutari Nachgiebigkeit zu zeigen. Diese Angelegenheit ist heute nicht verhandelt worden. Sir E. Grey meinte, er habe bisher alles erreicht, was wir haben wollten, und es habe ihm nicht geringe Mühe gekostet, es durchzusetzen. Sollten sich aber in diesem Falle Schwierigkeiten ergeben, so sei er außerstande, uns wieder zu helfen, und genötigt, sich auf die andere Seite zu stellen. Dasselbe hat er meinem italienischen Kollegen auch noch einmal gesagt. Beim Abschied sprach der Minister mir in warmen Worten seine Freude darüber aus, daß sich unsere Besprechungen so bewähren, und daß sich die allgemeinen Beziehungen in den letzten Wochen soviel günstiger gestaltet hätten. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 20. 12. 1912 B eim vorläufigen Abschluß der hiesigen Botschafterbesprechungen glaube ich hervorheben zu müssen, daß der günstige Eindruck, den ich während meiner bisherigen hiesigen Tätigkeit von der Haltung der britischen Regierung und namentlich von den Absichten Sir E. Greys gewonnen habe, durch seine Haltung als Leiter unserer Zusammenkünfte nicht unwesentlich bestärkt worden ist. Als Vater des Gedankens, durch einen mündlichen Meinungsaustausch unter persönlich befreundeten Diplomaten den bestehenden Gegensätzen ihre Schärfe zu nehmen, war er während unserer Verhandlungen sichtlich bemüht, den Eindruck einer Parteilichkeit zu vermeiden und eine vermittelnde Stellung, soweit dies nötig war, einzunehmen. Wenn wir es seiner Friedensliebe und dem Friedensbedürfnis des britischen Volkes zu verdanken haben, daß das Gewicht der englischen Stimme in den aufregenden Wochen, die hinter uns liegen, so schwer und entscheidend zugunsten einer besonnenen und gemäßigten Haltung der politischen Freunde Englands ins Gewicht fiel, so glaube ich hieraus den Schluß ziehen zu dürfen, daß wir auch für die Zukunft mit einer ähnlichen Haltung der britischen Regierung rechnen dürfen. Denn es liegt kein Grund zur Annahme vor, daß Großbritannien, falls es sich wirklich mit der Absicht trüge, gegen uns feindlich vorzugehen, eine so günstige Gelegenheit wie diese unbenutzt würde Vorbeigehen lassen, oder daß es nach erfolgter Beilegung des kontinentalen Zwistes plötzlich und ohne jeden Grund Lust haben sollte, über uns herzufallen. Im Gegenteil, die deutsch-englischen Beziehungen sind, wie auch maßgebende Mitglieder des hiesigen Kabinetts in Privatgesprächen erklärt haben, seit langem nicht so günstig gewesen wie heute, und es liegt Grund zur Annahme vor, daß die durch das Zusammenwirken in der letzten Krise gefestigte Annäherung, falls keine störenden Ereignisse dazwischen treten, sich weiter entwickeln wird. Die Haltung, die die maßgebenden hiesigen Persönlichkeiten mir gegenüber ausnahmslos eingenommen haben, und die Stimmung im britischen Publikum weisen darauf hin, daß der Wunsch, mit uns in ungetrübter Harmonie zu leben, ein aufrichtiger und allgemein empfundener ist. Man wird mir vielleicht entgegenhalten, daß die englischen Rüstungen zur See mit ihrer unausbleiblichen Agitation gegen den deutschen Feind auf eine andere Richtung der britischen Politik hinweisen, daß wieder neue Forderungen bevorstehen, und daß die Zugehörigkeit des britischen Reiches zu einer Gruppe, die uns, gering gesagt, abhold gestimmt ist, ein weniger rosiges Bild der auswärtigen Richtung der britischen Politik erkennen lassen. Ich beabsichtige nicht, hier in alle Einzelheiten der Flottenfrage hineinzusteigen, um so mehr als dieselben ja hinlänglich bekannt und erörtert sind. Für mich aber liegt es auf der Hand, daß es für das britische Reich, das auf die ausländische Zufuhr angewiesen ist, unerläßlich erscheint, in der Lage zu sein, seine Lebensadern, das heißt seine Zufuhrwege, gegen alle Möglichkeiten zu schützen, und daß das Anwachsen der deutschen Seemacht als willkommener Anlaß benutzt wird, um Flottenforderungen zu begründen. Die Weltmachtstellung Großbritanniens steht und fällt mit seiner Übermacht zur See, und wir würden, falls wir die Verantwortung hätten, für die Geschichte des britischen Reiches, diese Übermacht sicherlich mit derselben Fürsorge zu erhalten suchen, wie dies die britischen Minister anstreben. Was schließlich die sogenannte Ententepolitik betrifft, so glaube ich, daß ihre Festigkeit in direkter Abhängigkeit steht von der Wärme der Beziehungen 300 Englands zu uns, und daß das einzige Mittel, das es gibt, um diese Freundschaft zu lockern, darin besteht, daß wir den Engländern gegenüber ihre Ententefreundschaften nach Tunlich- keitignorierenundfernerauchallesmög- lichst vermeiden, was hier zu Mißtrauen und Unruhe Veranlassung geben könnte. Der Tag, an dem England sich mit Frankreich und Rußland formell entloben und uns reumütig in die Arme sinken wird, wird niemals kommen, es sei denn, daß wir geschlagen werden. Die Mächtigsten haben zu allen Zeiten in einem gewissen Gegensatz gestanden, und namentlich hat England durch den ganzen Lauf seiner Geschichte jede kontinentale Übermacht nur unwillig ertragen, bezw. dieselbe, wenn sie sich zur Alleinherrschaft auszugestalten drohte, bekämpft. Es wird daher zur Wahrung seiner Sicherheit und seines Einflusses im übrigen Europa dafür sorgen, daß ein gewisser „balance of power" besteht, ein Gegengewicht gegen eine gewisse Machtgruppe, und wird unter allen Umständen seine schützende Hand über Frankreich halten. Man achtet uns hier, man schätzt, man überschätzt uns vielleicht, und aus diesem Gefühle, das man mitunter geneigt wäre, Furcht zu nennen, geht das Bestreben hervor, uns einzuengen, nicht aber die Lust, uns zu bekriegen. Dazu sind die gemeinsamen Interessen zu groß, die wirtschaftlichen Verbindungen zu eng und bedeutend, die materiellen Verluste selbst eines siegreichen Krieges zu empfindlich. Dazu ist man hier auch zu bequem geworden, das Volk ist friedliebend und liebt es, in seinen täglichen Gewohnheiten nicht gestört zu werden. Ein Krieg mit uns wäre daher durchaus nicht populär, er würde aber 301 trotzdem geführt werden, um Frankreich, falls wir es bedrohten, zu schützen. Denn man glaubt hier, daß es nicht in der Lage wäre, sich ohne britische Hilfe der deutschen Übermacht zu erwehren. In diesem Umstande vermag ich aber für uns eine Bedrohung um so weniger zu erblicken, als bei uns nicht die Absicht besteht, gegen die Franzosen feindlich vorzugehen, und die letzten Ereignisse gelehrt haben, daß auch bei ihnen wie in Rußland der Wunsch überwiegt, mit uns in Frieden zu leben. Der Schutz, den England den Franzosen gewährt, entspricht doch nur etwa demjenigen, den wir den Österreichern und Ungarn zuteil werden lassen für den Fall eines russischen Angriffs, und wir würden es auch nicht verstehen, wenn man in Rußland hierin eine Bedrohung erblicken wollte. Die Beurteilung, die in Paris die deutsch-britische Annäherung der letzten Wochen gefunden hat, und die Unruhe, die sich in Blättern wie dem „Temps" zu erkennen gab, dürfte schließlich darauf hindeuten, daß dort eine vertrauensvolle Ausgestaltung unseres Verhältnisses zu England als eine Lockerung der Entente empfunden wird. Lichnowsky. AUFZEICHNUNG Berlin, 22. 12. 1912 I ch habe es mir im Verlaufe der bisherigen dreitägigen Botschafterbesprechungen besonders angelegen sein lassen, zwischen dem österreichischen und dem russischen Standpunkt zu vermitteln und den Anschein zu vermeiden, als ob Rußland etwa gedemütigt oder besiegt aus den Verhandlungen hervorgehen sollte. Als daher in der ersten Sitzung Graf Benckendorff den russischen Vorschlag hinsichtlich der Autonomie 302 Albaniens einbrachte und hierdurch die bisherigen serbischen Wünsche nach einem Adriahafen vollkommen preisgab, glaubte ich die russischen Vorschläge für die Ausgestaltung des künftigen autonomen Albaniens unterstützen zu sollen, um gewissermaßen den Russen eine goldene Brücke zu bauen. In diesem Sinne habe ich auch versucht, auf Graf Mensdorff zu wirken. Als aber die Frage der Zulassung türkischer Truppen nach Albanien und der Ernennung des Gouverneurs zu Bedenken und weitläufigen Erörterungen führte, wies ich darauf hin, daß die türkische Oberhoheit doch jedenfalls nur eine formale sein würde, da die Voraussetzung für die Ausübung tatsächlicher Machtbefugnisse doch die Autonomie Mazedoniens sein würde. Sei einmal Mazedonien aufgeteilt, so würde Albanien doch völlig losgelöst von dem übrigen Körper des türkischen Reichs sein, es sei also nicht wahrscheinlich, daß die Souveränität des Sultans störend in die Erscheinung träte. Ich erwähnte dieses, um namentlich die Bedenken meines österreichisch-ungarischen Kollegen zu zerstreuen und den russischen Wünschen Entgegenkommen zu zeigen. Von einem Antrag meinerseits war selbstverständlich niemals die Rede, schon deshalb nicht, weil die Zukunft Mazedoniens gar nicht zu dem Programm unserer Besprechungen gehörte. Es scheint hier also ein Mißverständnis bei dem durch seine Zerstreutheit bekannten russischen Botschafter vorzuliegen, das vielleicht damit zusammenhängt, daß in London das Gerücht verbreitet war, Bulgarien wünsche Autonomie Mazedoniens, um dadurch die Griechen herauszuhalten und es später um so leichter erben zu können. Was Skutari betrifft, so habe ich auch hier versucht, vermittelnd zu wirken, und dem Grafen Mensdorff vorgehalten, daß es sich nicht empfehlen würde, 303 die bisherigen so überaus günstigen Ergebnisse unserer Beratungen durch ein schroffes Festhalten an diesem Punkte in Frage zu stellen, nachdem das wichtigste den österreichischen Wünschen entsprechend erreicht sei. Auch ich meine, daß es sich empfehlen würde, in dieser wie in der Frage der nördlichen und östlichen Abgrenzung Albaniens in Wien zur Mäßigung zu raten. Sir E. Grey hat sich auf die Seite des Dreibunds in dem Streite um den serbischen Hafen gestellt. Er wird aber, wie er mir und meinem italienischen Kollegen wiederholt gesagt hat, den Wünschen Montenegros auf Skutari nicht entgegenwirken. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 1. 1913 O sman Nisami Pascha suchte mich heute früh auf, um mir zu sagen, daß über alle Punkte zwischen den Türken Einigung erzielt sei bezw. eine Verständigung möglich wäre bis zu einem: Adrianopel. Hierin nachzugeben sei für die Türkei vollkommen unmöglich, und zwar nicht nur aus militärischen Gründen, die es dringend geboten erscheinen ließen, diese Festung zu behalten, die nur etwa 300 Kilometer von Konstantinopel entfernt lag, und die Grenze nicht noch näher zu rücken. Adrianopel sei für die Osmanen etwa, was Moskau für die Russen sei, die ehemalige Residenz mit zahlreichen Heiligtümern und Moscheen, und keine Regierung könne es wagen, dieselbe preiszugeben. Auch Seine Majestät der Sultan, der sich sonst nicht in die Einzelheiten der Verhandlungen mische, sei in diesem einen Punkte unnachgiebig. Die Türkei wünscht nach dem Friedensschluß gute Beziehungen zu Bulgarien zu unterhalten, was aber unmöglich würde, wenn Adrianopel in bulgarische Hände käme, da als- 304 dann der Wunsch, es wieder zu erobern, zu neuen Kriegen führen würde. Falls nicht die Mächte einen Druck auf die bulgarische Regierung ausübten, der namentlich von Österreich aus sehr wirkungsvoll sein würde, sei das Scheitern der hiesigen Verhandlungen und die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten mit Bestimmtheit zu erwarten. Ich entgegnete ihm in Übereinstimmung mit den allerhöchsten Weisungen, daß wir den Türken nur zur Mäßigung raten könnten und es nicht verstehen würden, wenn die Friedensaussichten durch die Schroffheit des ottomanischen Standpunkts vernichtet werden sollten. Die Türkei würde alsdann jedenfalls von keiner Seite Unterstützung zu erwarten haben. Er erwiderte, man habe sich durch die Preisgabe der gesamten europäischen Türkei mit alleiniger Ausnahme des Gebiets um Adrianopel sehr entgegenkommend gezeigt, mehr sei von ihm nicht zu erwarten. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 1. 1913 S ir E. Grey bittet mich, heute mittag zu ihm zu kommen, um noch vor der Sitzung mit ihm zu sprechen. Zunächst übermittelte ich ihm den Dank Euerer Exzellenz für seine Beileidskundgebung. Er nahm hierbei Anlaß, dem verstorbenen Staatsmann von Kiderlen-Waechter noch einige warme Worte zu widmen, die sich namentlich auf seine Haltung in der letzten Krise und auf die Förderung bezogen, die Herr von Kiderlen-Waechter dem deutsch-britischen Zusammengehen habe angedeihen lassen. Hierauf sagte er mir, daß, falls ich damit einverstanden sei, die Abgrenzung Albaniens heute nachmittag nicht verhandelt würde, da namentlich die 20 Lichnowsky I 305 Italiener die Besprechung der Angelegenheit noch etwas hinauszuschieben wünschten. Die Skutarifrage gibt dem Minister noch immer zu Bedenken Anlaß, doch hofft er, daß zwischen Wien und Petersburg eine direkte Verständigung sich werde erzielen lassen. Er schlug vor, heute nachmittag die Inseln zu besprechen, und meinte, daß hierüber zwischen Graf Benckendorff und und Herrn Veniselos Verhandlungen stattfänden. Sir E. Grey sagte, daß, falls Rußland seinen ursprünglichen Standpunkt, wonach die vier die Dardanellen beherrschenden Inseln nicht an Griechenland fallen sollten, aufgebe und sich mit einer Neutralisierung begnüge, auch die britische Regierung sich mit dieser Lösung einverstanden erklären würde. Ich entgegnete, daß wir nur in zweiter Linie an der Frage beteiligt seien und uns daher dem englischen Standpunkt anschließen würden, und werde heute nachmittag die Ansicht vertreten, daß Autonomie aller bisherigen türkischen Inseln, mit Ausnahme Kretas, etwa unter griechischem Protektorat und Neutralisierung eine annehmbare Lösung erschiene, falls sie von den übrigen Mächten gewünscht und vorgeschlagen wird. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 1. 1913 B ei Eröffnung der heutigen Sitzung gab Sir E. Grey namens der versammelten Botschafter, sowie in seinem Namen dem schmerzlichen Bedauern über das Ableben des Herrn von Kiderlen Ausdruck und bat mich, dasselbe nach Berlin zu übermitteln. Sodann erklärte Graf Benckendorff, als die ägäi- schen Inseln zur Sprache kamen: „Rußland widersetzt sich der Vereinigung sämtlicher Inseln des Ägäischen Meeres mit Griechenland nicht, unter dem Vorbehalt 306 der Neutralisierung für die vier Inseln und den folgenden Bedingungen: 1. Verpflichtung Griechenlands, die bestehenden Befestigungen, sowohl militärischer wie maritimer Natur, zu schleifen. 2. Verpflichtung, niemals neue Befestigungen oder andere Verteidigungsbauten zu errichten. 3. Verpflichtung, die Inseln nicht für militärische Operationen oder strategische Zwecke zu benutzen, mit welcher Macht Griechenland auch immer im Kriegszustand sein würde. 4. Keiner anderen Macht, die Besitz-, Ausnutzungsoder anderen Rechte abzutreten, die Griechenland durch die Vereinigung der Inseln mit dem Königreich erhält." Mein österreichisch-ungarischer und italienischer Kollege erklärten, die Zustimmung ihrer Regierung zu obiger Verlautbarung einholen zu wollen, während mein französischer und englischer Kollege erklärten: „daß sie sich der Vereinigung sämtlicher Inseln mit Griechenland unter den festgesetzten Bedingungen nicht widersetzen". Ich sagte, daß wir in dem Schicksal der Inseln nicht unmittelbar interessiert seien, ich mich daher jedes Antrags enthalten wollte, auch glaubte ich sagen zu können, daß meine Regierung den Beschlüssen der anderen Mächte über das Schicksal der Inseln sich anschließen würde. Als meine rein persönliche Ansicht gab ich zu verstehen, daß die Ausdehnung der russischen Reserven hinsichtlich der vier den Dardanellen vorgelagerten Inseln auch auf die übrigen ägäischen Inseln, falls dieselben Griechenland einverleibt werden sollten, den in der Sitzung vom 18. v. Mts. gefaßten Beschlüssen hinsichtlich der Neutralisation der ägäischen Inseln entsprechen würde. Mein französischer Kollege regte die Frage an, ob 20 * 307 •rnrvl sxxz I SS. die Insel Thasos nicht Bulgarien einverleibt werden sollte wegen ihrer Nähe an der Küste, die nach dem Friedensschluß bulgarisch werden würde. Sir E. Grey erwiderte, daß Griechen und Bulgaren über diesen Punkt selbst zu einer Einigung kommen müßten. Mein russischer und französischer Kollege erklärten hierauf, daß ihre Regierungen nichts gegen eine Einverleibung von Thasos in Bulgarien einzuwenden hätten. Hinsichtlich Kretas erklärte sich E. Grey und mein französischer und russischer Kollege bereit, die Abtretung der Insel an Griechenland vorzuschlagen. Dem stimmte Marquis Imperiali zu mit der Reserve, daß Italien alsdann erwarte, daß Griechenland seine Ansprüche auf Südalbanien mäßige. Schließlich wurde mit der Möglichkeit gerechnet, daß die morgige Sitzung der Friedensdelegierten ergebnislos verlaufe und dieselben sich alsdann vielleicht genötigt sähen, sich zur Vermittlung in dem Streit um Adrianopel an die Vertreter der Großmächte zu wenden. Da eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten unter allen Umständen zu verhindern sei, wollten wir die Möglichkeit schaffen, ihre Wünsche zu besprechen, und es wurde die nächste Sitzung auf Sonnabend vormittag 11 Uhr anberaumt. Nicht unerwähnt möchte ich noch lassen, daß beschlossen wurde, den neu ernannten rumänischen Gesandten Herrn Misu gelegentlich zur Vernehmung vorzulassen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 6. 1. 1913 S ir E, Grey teilte uns soeben am Schluß der Botschafterbesprechung mit, daß, wie er eben erfahre, türkische Delegierte neue Verhandlungen auf Grund- 308 läge weiterer Zugeständnisse im Wilajet Adrianopel angeboten, ohne daß jedoch die Stadt Adrianopel dabei zur Sprache käme. Hierauf hat der Vorsitzende, Herr Nowakowitsch, die Sitzung sofort aufgehoben, ohne daß ein neuer Termin verabredet wurde. Friedensverhandlungen sind somit noch nicht endgültig abgebrochen, aber Abbruch vielleicht nahe bevorstehend. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 6. 1. 1913 B ei der heutigen Botschafterversammlung habe ich zunächst mitgeteilt, daß wir mit dem vorgeschlagenen Text einer demarche collective in Konstantinopel für den Fall des Scheitems der Friedensverhandlungen einverstanden wären. Das gleiche teilte mein italienischer Kollege mit, mit dem Hinzufügen, daß italienischer Botschafter in Konstantinopel bereits angewiesen worden sei, sich im gedachten Sinne zu äußern, falls seine Kollegen identische Anweisung erhalten. Gleichzeitig hob Marquis Imperiali hervor, daß Punkt 5 italienischerseits nur dahin verstanden werde, daß er nicht die Zustimmung zur Abtretung sämtlicher Inseln in sich schließe und sich auch allein auf die Abtretung von Kreta bezöge; es wurde hierbei von allen Seiten hervorgehoben, daß Punkt 5 in keiner Weise eine Verpflichtung in sich schließe, alle Inseln an Griechenland abzutreten. Graf Mensdorff war ohne Instruktionen, russische Regierung hatte gleichfalls zugestimmt und noch dabei bemerkt, daß sich die Telegramm Nr. 4 gemeldeten vier Bedingungen nur auf die gesamten vier Dardanelleninseln beziehen sollten, daß Griechenland aber auf das Recht verzichten müßte, die anderen etwa erworbenen Inseln an andere Mächte abzutreten. 309 Herr Poincare ließ den Punkten 1, 2 und 3 zustimmen und ist einem Kollektivschritt nicht abgeneigt, auch nicht einer Unterstützung desselben durch Kriegsschiffe, aber er würde vorziehen, daß die Schritte der Mächte sich auf die folgenden zwei Punkte beschränken: 1. Abtretung Adrianopels. 2. Regelung der Abtretung der Inselfrage durch die Mächte. Vorläufig schiene es ihm nicht nützlich, über die finanzielle Frage oder die zukünftige Stellung Konstantinopels mit den Türken zu reden, noch auch über die Möglichkeit einer kriegerischen Entwicklung in Kleinasien. Auf unsere Bemerkung, daß es sich nicht darum handele, der Türkei gegenüber Verpflichtungen einzugehen, sondern lediglich darum, den Türken den Ernst der Lage und die Vorteile einer nachgiebigen Haltung vor Augen zu führen, erklärte sich Herr Cambon bereit, in diesem Sinne befürwortend zu berichten. Sir E. Grey will seinen Botschafter dahin unterrichten, daß er sich bereithalten soll, an der demarche collective auf Grund der Vereinbarung über diese Punkte teilzunehmen. Er solle aber von den gemeldeten Reserven des Herrn Poincare Notiz nehmen und zusammen mit seinen Kollegen den Text mit dem französischen Botschafter vereinbaren. Zugleich teilte er uns mit, daß er für den Fall der Demarche auf alle Fälle zwei Kriegsschiffe nach der Besikabai entsenden werde. Als lediglich persönliche Anregung und unter Betonung, daß ich nicht hierzu beauftragt sei, habe ich das Nachstehende vorgebracht, nachdem ich mich mit meinem österreichisch-ungarischen und italienischen Kollegen ins Einvernehmen gesetzt hatte: „1. Es scheint mir zu früh, schon jetzt einen Druck oder eine Flottendemonstration vor Konstantinopel 310 ins Auge zu fassen für den Fall, daß der Kollektivschritt der Mächte scheitert. 2. Es scheint mir angebracht, sich dem von Herrn Poincare gegenüber Herrn Jonescu ausgesprochenen Gedanken anzuschließen, dem oben erwähnten Kol- lektivschritt einen analogen Schritt in Sofia zugunsten einer versöhnlichen Haltung gegenüber den Forderungen Rumäniens folgen zu lassen. 3. Es scheint mir, daß sich Erwägungen der Billigkeit und der Neutralität dem Gedanken, der Türkei sowohl Adrianopel wie auch alle Inseln zu nehmen, entgegenstellen, und daß man ihr, falls sie in der Frage dieser Stadt nachgibt, den Besitz der vier Inseln nahe den Dardanellen und von Mythilene und Chios sichern oder der Hohen Pforte wenigstens die Möglichkeit gewähren muß, einige zu behalten.“ Zu Punkt 1 wurde bemerkt, daß es sich allerdings empfehle, die Türken nicht unnötig zu brüskieren, daß man aber auf alle Fälle bereit sein müsse. Zu Punkt 2 erklärte Herr Cambon, nichts von der angeblichen Bemerkung des Herr Poincare zu wissen. Hierauf gelangte folgender Wortlaut zur Annahme: „Nach der Besprechung der Bemerkung des deutschen Botschafters fragte sich die Versammlung, ob es nicht angebracht sei, Bulgarien, falls es dank der Schritte der Mächte seinen Wünschen entsprechende Friedensbedingungen erhielte, zu verpflichten, sich gegen Rumänien entgegenkommend zu erweisen." Die Besprechung zu Punkt 3 wurde vertagt. Nächste Sitzung morgen nachmittag. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 7. 1. 1913 N ach meinen Eindrücken möchte ich nicht recht an die weitgehenden Vermutungen des Marquis di San Giuliano über die künftigen Absichten der Tripel- 311 entente hinsichtlich der Inseln glauben. Die französisch-russische Haltung erklärt sich vielleicht aus dem Wunsche einer endgültigen Regelung der Inselfrage und aus dem Bestreben, sich Griechenland gefällig zu erweisen, während England, wie mir Sir E. Grey gestern vertraulich sagte, für den Fall des Verbleibens einiger Inseln im türkischen Besitz Ausschreitungen der ottomanischen Truppen befürchtet und für den Fall der Einführung eines autonomen Regimes baldige Verlegenheiten für die Mächte voraussehe, die aus der sofort zu erwartenden Anschlußerklärung an Griechenland hervorgehen würden. Meine gestrige diesbezügliche Anregung wurde übrigens von den Ententevertretern durchaus nicht ohne weiteres zurückgewiesen. Es wurden nur Bedenken dagegen laut, und die Herren nahmen die Frage ad referendum. Vielleicht ließe sich eine Einigung auf der Grundlage erzielen, daß nur die vier Dardanelleninseln türkisch blieben, da Herr Veniselos,*) der soeben bei mir war, mir erklärte, daß es Griechenland vor allem auf den Besitz von Chios undMythilene ankäme, die die wichtigsten und entwicklungsfähigsten Inseln seien, und dann erst auf Samos, Kos und Rhodos. Sollte es die beiden erstgenannten nicht erhalten, so wolle der König lieber auf alle Inseln verzichten, da die übrigen für Griechenland mehr eine Last seien und ihm bei der Aufteilung der Türkei angerechnet werden würden. Auf die drei Dardanelleninseln schien er geringeren Wert zu legen. Im übrigen erklärte griechischer Minister, daß die Erinnerung an die Schwierigkeiten, die die kretische Autonomie verursachte, ihn nur mit Schrecken an das Wiederaufleben ähnlicher Zustände bei den anderen Inseln denken ließe. *) Griechischer Ministerpräsident. 312 Ich werde zunächst die Einbringung des italienischen Vorschlags abwarten, da Marquis Imperiali gestern noch ohne Nachricht war. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 7. 1. 1913 B ei der heutigen Botschafterberatung wurde zunächst die Frage erörtert, ob es sich empfehle, schon jetzt mit der verabredeten demarche collective in Konstantinopel vorzugehen. Die Ansicht überwiege, daß der Hohen Pforte ein Gesamtschritt der Mächte nicht unwillkommen sein würde, um ihre Nachgiebigkeit unter Hinweis auf den Willen Europas begründen zu können. Auch sei es höchste Zeit, wenn überhaupt, den gedachten Schritt zu tim, da nach dem völligen Abbruch der Beziehungen der Krieg alsbald wieder beginnen würde und es auch für die Türkei schwerer sei, alsdann einzulenken. Eine Einigung sei nun nicht mehr zu erwarten, daher Eile geboten. Auch die Frage der Flottenkundgebung wurde erörtert, und man gelangte zur Überzeugung, daß auf alle Fälle Schiffe in Bereitschaft zu halten seien. Von Ausführung einer Kundgebung oder nur der Androhung derselben hatte ich, unterstützt von den verbündeten Kollegen, vorläufig abgeraten. Es wurde hierauf auf Vorschlag Sir E. Greys der nachstehende Text vereinbart: „Die Versammlung ist der Ansicht, daß die Botschafter in Konstantinopel Anweisung erhalten sollten, sich über die Abfassung einer Note zu verständigen, indem sie über die Bemerkungen der verschiedenen Regierungen beraten, und sobald als möglich diese Note in einem Kollektivschritt zu überreichen. In Anbetracht der Möglichkeit einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten und der Unruhen, die da- raus in Konstantinopel entstehen könnten, ist es notwendig, daß die Mächte sich vorbereiten, den Schutz ihrer Staatsangehörigen und ihrer Interessen sicherzustellen, indem sie Kriegsschiffe nach der Bai von Besika senden, damit diese für jeden 1 Fall zur Hand sind.“ Hierauf erklärte Herr Cambon, daß Herr Poincarö etwa folgende Fassung für die Mahnung an die Türkei zum Einlenken wünsche: „Nehmt Euch in acht, wenn Ihr die Feindseligkeiten wieder aufnehmt, wird die Frage Konstantinopels und vielleicht die Kleinasiens aufgerollt werden, Um diesen Teil Eures Reiches zu entwickeln, der von jetzt ab Eure einzige Stärke bilden wird, werdet Ihr nicht auf die finanzielle Hilfe Europas zählen können, wenn Ihr durch Euren Widerstand gegen die Ratschläge der Großmächte den Krieg verlängert.“ Man kam darin überein, daß die Botschafter in Konstantinopel gemeinsam den genauen identischen Text vereinbaren sollten. Es gelangte hierauf die Inselfrage zur Besprechung. Mein österreichisch - ungarischer und mein italienischer Kollege vertraten die Ansicht, daß die den Dardanellen und der kleinasiatischen Küste vorgelagerten Inseln der Türkei verbleiben sollten. Sir E. Grey erklärte, die Frage morgen im Kabinett besprechen zu wollen. Als seine vorläufige Ansicht gab er zu erkennen, daß England nicht gewillt sei, türkische Truppen auf den Inseln wieder zuzulassen und die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen. Während der Teepause fragte ich Sir E. Grey vertraulich, weshalb wohl Frankreich für den Anschluß der Inseln an Griechenland eintrete. Er entgegnete, es sei, um den Griechen gefällig zu sein, und aus 314 Angst, daß etwa die Italiener doch noch auf den Gedanken kommen könnten, sich auf einer derselben festzusetzen. Es wurde auch die Anregung besprochen, den Türken den Besitz einiger Inseln im Falle der Nachgiebigkeit in Aussicht zu stellen, und man kam dahin überein, daß es unmöglich sei, sich bei der Kürze der Zeit über diese Frage zu einigen. Von den verbündeten Kollegen wurde der Gedanke eines Druckes in Sofia zugunsten Rumäniens vorgebracht und von mir unterstützt. Der Gedanke wurde von der anderen Gruppe durchaus nicht bekämpft, aber einigermaßen lau vertreten, doch glaube ich, daß alle eintretendenfalls für freundschaftliche Vorstellungen in Sofia zu haben sein werden. Graf Benckendorff brachte hinsichtlich Inseln noch in Ergänzung der neulichen Klausel die nachstehende Bedingung vor: „die Souveränität oder die Besetzung keiner anderen Macht abzutreten." Nächste Sitzung Donnerstag nachmittag, Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 8. 1. 1913 H alte italienischen Standpunkt in der Inselfrage für völlig aussichtslos, da hiesige Regierung entschlossen ist, in dieser Frage nicht nachzugeben und Inseln den Griechen zu überlassen. Befürchtungen des Marquis di San Giuliano erscheinen mir, wie gesagt, auch sehr übertrieben. Habe Grund zur Annahme, daß britische Regierung von uns in dieser Frage Entgegenkommen erwartet. Dafür will, wie ich vertraulich erfahre, Sir E. Grey versuchen, in Petersburg eine für Österreich annehmbare Lösung der Skutarifrage zu erreichen. Genaue Formulierung der Note soll unter Berück- 315 sichtigung französischer Wünsche in Konstantinopel zwischen Botschaftern vereinbart werden, halte daher Wiederaufrollung der ganzen Frage in morgiger Sitzung nicht für zweckmäßig. Punkt drei nach englischer Fassung sollte eine an die Türkei gerichtete Drohung enthalten, nicht aber eine grundsätzliche Regelung der Dettefrage den Balkanverbündeten gegenüber ins Auge fassen. Herr Poincare wollte, wie Herr Cambon wiederholt hervorgehoben, hauptsächlich den Anschein vermeiden, als wollten wir der Türkei die Aussicht auf finanzielle Unterstützung eröffnen. Werde, falls sich Gelegenheit bietet, mich entsprechend äußern, glaube aber, daß endgültige Fassung hier nicht mehr vereinbart wird. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 8. 1. 1913 S ir E. Grey hatte mich soeben zu sich gebeten und erzählte mir, er habe gerade eine längere Unterredung mit Reschid Pascha und Tewfik Pascha gehabt. Er habe den Herren keinen Zweifel über den Emst der Lage gelassen und ihnen vorgehalten, daß sich ihre Stellung nur! verschlechtern könne, falls neue kriegerische Mißerfolge einträten. Die türkischen Vertreter entgegneten, es sei unmöglich nachzugeben, nicht nur aus militärischen, sondern auch aus innerpolitischen Gründen, Sodann sagte er mir, Herr Babington Smith von der Nationalbank in Konstantinopel sei an ihn mit der Frage herangetreten, ob es ihm recht sei, wenn die Türkei von diesem Finanzinstitut Geld erhalte. Die ottomanische Regierung habe sich außerdem noch an die Banque Ottomane und an die Deutsche Bank gewandt. Er wünschte zu wissen, welche Ratschläge wir der Deut- 316 sehen Bank erteilen würden. Er habe bisher den Grundsatz verfolgt, es sei den britischen Finanzinstituten zu überlassen, auf eigene Gefahr vorzugehen. Sowohl bei Japankrieg wie bei jetzigem habe er sich streng hieran gehalten. Nun aber entstände die Frage, ob man vor befriedigender Erledigung des Streites um Adrianopel der Türkei Geld geben solle. Andererseits aber sei es bedenklich durch Versagen der nötigen Mittel den Zusammenbruch der türkischen Verwaltung des Zolldienstes pp. zu verschulden. Dann erzählte mir der Minister, daß in der heutigen Kabinettssitzung die Stimmung noch viel energischer zugunsten einer radikalen Lösung der Inselfrage erschienen wäre, als sie schon bei ihm selbst bestand. Seine Kollegen wollten absolut nichts von einer etwaigen gewaltsamen Verhinderung des Anschlusses der autonomen Inseln an Griechenland wissen, noch weniger aber von einer Preisgebung der Bevölkerung an die türkischen Truppen; auch fürchtet man sich vor höfischen Scherereien, verursacht durch die Verwandtschaft der griechischen Königsfamilie, Das britische Kabinett wolle daher unter keinen Umständen) von einer Wiederholung der Kretafrage in einer neuen Form etwas wissen. Ich werde natürlich den Schritt meines italienischen Kollegen, der bisher noch immer ohne Weisungen war, unterstützen, halte es aber für meine Pflicht, nochmals darauf hinzuweisen, daß ich ihn für völlig aussichtslos erachte. Auch sagte Sir E. Grey, er wolle mit Marquis Imperiali sprechen beziehungsweise durch Sir Renneil Rodd*) mit Marquis di San Giuliano reden lassen, um die Bedenken des italienischen Kabinetts zu zerstreuen. Dieselben seien vornehmlich auf die Haltung des „Temps" und anderer franzö- *) Britischer Botschafter in Rom. 317 sischer Blätter zurückzuführen, während man in Frankreich immer noch glaube, Italien wolle Rhodos annektieren. Er, Sir E. Grey, habe schon vor längerer Zeit Herrn Cambon erklärt, daß alle Gerüchte über angebliche Absichten Englands auf Syrien vollkommen aus der Luft gegriffen seien. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 9. 1. 1913 B ei der heutigen Botschafterbesprechung warf Herr Cambon die Frage auf, ob es sich nicht doch empfehlen würde, den Wortlaut der identischen Note für Konstantinopel hier abzufassen und den betreffenden Regierungen zu unterbreiten, da nach seiner Erfahrung ein von den dortigen Botschaftern vereinbarter Text nicht dieselbe Wirkung hervorrufen würde. Wir seien auch besser in der Lage, alle Einzelheiten festzustellen. Nach längeren Verhandlungen einigten wir uns dahin, daß Cambon gebeten wurde, einen Text zu entwerfen, den er uns morgen vorlegen wird; ich benutzte die Gelegenheit, um die im Erlaß Nr. 14 zu Punkt 2 englischer Vorschläge gemachten Bemerkungen zu verwerten. Nun gelangt die Frage der Flottenkundgebung zur Sprache. Es wurde folgende Erklärung vereinbart: „Die Botschafterversammlung wünscht zu wissen, welche und wieviel Kriegsschiffe die Regierungen nach der Besika-Bai schicken wollen und wann sie dort ankommen sollen.“ England entsendet zwei Schiffe der Vordread- noughtklasse, worunter „König Eduard VII.", sie sind aber noch nicht unterwegs. Frankreich ebenfalls zwei Schiffe, welche im Piräus oder sonstwo weiteren Befehl erwarten sollen. Österreich-Ungarn ist im Prinzip einverstanden. Es wurde der Wunsch ausgesprochen, daß die Ankunft in Besika-Bai möglichst gleichzeitig erfolge. Hierauf gab ich die nachstehende Erklärung ab: „Die Kaiserliche Regierung ist der Ansicht, daß es unerläßlich ist, den Schritt der Mächte in Sofia zugunsten der rumänischen Forderungen nicht dem Kollektivschritt bei der Hohen Pforte folgen, sondern ihn gleichzeitig stattfinden zu lassen. Eine freundschaftliche Intervention in Sofia in dieser Reihenfolge, die, wie die in Pera, darauf hinzielte, die Kriegsgefahr abzuwenden, würde in diesem Augenblick eine noch günstigere Aufnahme finden als Bulgarien rechtfertigen könne, angesichts seiner öffentlichen Meinung, die Konzessionen würden an Rumänien gemacht infolge der ernstlichen Vorteile, die die Mächte im Begriff sind, ihm bei der Hohen Pforte zu verschaffen." Ich wurde hierbei von den verbündeten Kollegen lebhaft unterstützt. Graf Bercbtold hatte allerdings den Grafen Mensdorff nicht auf die Notwendigkeit gleichzeitigen Vorgehens hingewiesen, sondern den Zeitpunkt Vorbehalten. Graf Benckendorff erhob Bedenken. Nach seinen Nachrichten seien die Unterhandlungen zwischen den Herren Danew und Jonescu keineswegs an einem toten Punkt angelangt. Nach orientalischer Sitte werde auf beiden Seiten übertrieben und gelogen. Im Prinzip sei er durchaus nicht dagegen, nur erscheine ihm die gegenwärtige Phase als ungeeignet, da Bulgarien bereit sei, entgegenzukommen, und Rumänien unnötigerweise mit Einmarsch drohe. Es müßten dann zum wenigsten Vorstellungen auf beiden Seiten erfolgen. Infolgedessen wurde kein Beschluß gefaßt und die Besprechung vertagt. Mein russischer Kollege betonte noch zum Schluß, 319 daß er nicht auf höheren Befehl gesprochen habe, aber nicht in der Lage sei, gerade jetzt seiner Regierung die Annahme des von mir gemachten Vorschlages zu empfehlen. Hierauf verlas Sir E. Grey die nachstehende, ihm vom serbischen Geschäftsträger übergebene Erklärung: „Um zu zeigen, wie es den einmütigen Willen Europas achtet und welche Opfer es im Interesse des europäischen Friedens zu bringen bereit ist, gibt Serbien folgende Erklärung ab: Seinerzeit, nach Friedensschluß und nach der Regelung der mit ihm verbundenen Fragen, wird Serbien sich dem Willen Europas unterwerfen und von dem serbischen Gestade der Adria seine Truppen zurückziehen, die um den Preis übermenschlicher Anstrengungen und riesenhafter Opfer sein altes, an das Adriadische Meer grenzendes Gebiet wiedererobert haben, ein Gebiet, dessen Besitz ihm freie Verbindung mit den anderen Staaten garantiert hätte; indem es aber diese unschätzbaren Opfer, nämlich das viele vergossene Blut und den Verlust seiner besten Söhne, auf sich nimmt, erwartet Serbien, daß die Großmächte die Wichtigkeit dieser Opfer — deren Serbien sich nur im Interesse des europäischen Friedens begibt — richtig einschätzen und nicht gestatten werden, daß man noch weitere Opfer von ihm verlangt, denn nach all denen, die es schon auf sich genommen hat, hätte es weder die Möglichkeit noch die Mittel, weitere zu bringen, und sie ihm zumuten, hieße es zur Verzweiflung bringen und eine Lage schaffen, deren Folgen nicht vorher gesehen werden können." Hierzu wurde die folgende Antwort vereinbart, welche den serbischen Vertretern übermittelt werden 320 soll, nachdem der Text von den Mächten gebilligt worden ist: „Die Mächte nehmen diese Erklärung zur Kenntnis. Sie erwägen, daß Serbien gehalten sein wird, die Küste und das Gebiet Albaniens zu räumen, nachdem dieses von den Mächten abgegrenzt ist und sobald die besagten Mächte ihm ihre Entscheidungen mitteilen werden." Nächste Sitzung morgen, Freitag nachmittag. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 10. 1. 1913 G estern abend nach einem Mahle, das Herr Cam- bon als Doyen den Friedensabgeordneten gab, sagte mir Herr Danew nochmals, daß er bereit sei, die Unterhandlungen mit Herrn Jonescu wieder aufzunehmen, daß er aber dringend bäte, ich solle dahin wirken, daß Rumänien aufhöre, eine drohende Haltung einzunehmen. Sonst sei es für die bulgarische Regierung unmöglich, den rumänischen Wünschen entgegenzukommen. Ich habe mich heute in diesem Sinne zu Herrn Jonescu geäußert, und versprach derselbe entsprechend nach Bukarest zu berichten. Ferner habe ich mit ihm verabredet, daß er unter keinen Umständen abreise, sondern die Eröffnungen des Herrn Danew abwarten würde. Sollten die Verhandlungen fehlschlagen, so wäre der Augenblick gekommen, um die Frage vor die Mächte zu bringen, und ich würde alsdann die Zulassung des rumänischen Vertreters zur Botschafterversammlung in Anregung bringen sowie auch die vorläufig vertagte Frage der gemeinsamen Vorstellungen in Sofia wieder auf nehmen. Unter diesen Umständen möchte ich vorschlagen, 21 Lichnowsky I 321 vorläufig diese letztere Frage ruhen zu lassen und die weitere Entwicklung abzuwarten. Herr Jonescu sagte mir noch, daß sich Bulgarien in keiner angenehmen Lage befände, teils wegen der starken Verluste, teils weil die bulgarischen Soldaten vor Tschataldja zu desertieren anfingen. Auch drohe der Zwist nicht nur mit Griechenland wegen Saloniki, sondern auch mit Serbien wegen Monastir, das Serbien beanspruche. Es habe auch bereits seine Truppen vor Adrianopel, angeblich um sich gegen Österreich zu sichern, zurückgezogen. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 10. 1. 1913 H err Cambon hat uns soeben den nachstehenden Text der in Konstantinopel zu übergebenden identischen Note unterbreitet, welcher einstimmig angenommen wurde zur Unterbreitung an die betreffenden Regierungen. Sir E. Grey hat diesem Wortlaut den Vorzug gegeben vor der von Herrn Lowther*) gemeldeten, dort vereinbarten Abfassung. Er wird daher seinen Vertreter beauftragen, sich an der Überreichung dieser Note zu beteiligen. „Entwurf der Kollektivnote. Die Unterzeichneten Botschafter Österreich-Ungarns, Englands, Frankreichs, Rußlands, Deutschlands und Italiens sind von ihren Regierungen beauftragt worden, Seiner Exzellenz dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten Seiner Kaiserlichen Majestät des Sultans die folgende Mitteilung zu machen: Von dem Wunsch geleitet, die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten zu verhindern, glauben die besagten Mächte, die Aufmerksamkeit der Kaiserlich ’) Britischer Botschafter in Konstantinopel. 322 Ottomanischen Regierung auf die schwere Verantwortung lenken zu müssen, die sie auf sich nehmen würde, wenn sie durch Widerstand gegen ihre Ratschläge die Wiederherstellung des Friedens verhindern würde. Sie hätte es sich selbst zuzuschreiben, wenn die Verlängerung des Krieges die Folge hätte, das Schicksal der Hauptstadt in Frage zu stellen und die Feindseligkeiten vielleicht auf die asiatischen Provinzen des Kaiserreiches auszudehnen. In diesem Fall wird sie nicht auf das Wohlwollen der Mächte rechnen können, tun sie vor Gefahren zu schützen, vor denen sie sie schon gewarnt haben... und sie widerraten ihr nochmals, sich zu exponieren. Auf jeden Fall wird die Kaiserlich Ottomanische Regierung nach Friedensschluß die moralische! und materielle Unterstützung der europäischen Großmächte benötigen, tun die Schäden des Krieges wieder gut zu machen, ihre Stellung in Konstantinopel zu befestigen und die ausgedehnten asiatischen Gebiete zu entwickeln, deren Blüte ihre Hauptstärke darstellen wird. Um dieses notwendige Werk in Angriff zu nehmen und gut auszuführen, würde die Kaiserlich Ottomanische Regierung nur dann auf die wohlwollende Unterstützung der Mächte rechnen können, wenn sie ihren Ratschlägen, die durch die allgemeinen Interesen Europas und der Türkei inspiriert werden, Folge leistet. Unter diesen Umständen glauben die europäischen Großmächte, gemeinsam von neuem der Kaiserlich Ottomanischen Regierung den Rat geben zu müssen, der Abtretung der Stadt Adrianopel an die verbündeten Balkanmächte zuzustimmen und den Großmächten die Sorge, über das Geschick der Inseln im Ägäischen Meer zu bestimmen, zu überlassen. Als Gegenleistung für diese Zugeständnisse wür- den die besagten Mächte sich bemühen, die Wahrung der muselmanischen Interessen in Adrianopel und die Achtung vor den Moscheen und religiösen Gebäuden oder Besitztümern in dieser Stadt zu sichern. Dasselbe würden sie tun, damit die von ihnen betreffs der Frage der Inseln des Archipels gegebene Lösung jede Bedrohung der Sicherheit der Türkei ausschließt." Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 10. 1. 1913 B ei der heutigen Sitzung, welche nur etwa eine Stunde dauerte, teilte Sir E. Grey uns mit, daß die türkischen Delegierten ihm erklärt hätten, sie könnten unmöglich hinsichtlich Adrianopels nachgeben, während die bulgarischen Vertreter dabei bleiben, daß es zwecklos sei, eine neue Sitzung einzuberufen, falls die Abtretung Adrianopels, über deren Einzelheiten sich reden ließe, nicht vorher schon feststände. Unter diesen Umständen ist Sir E. Grey als Ehrenpräsident der Friedenskonferenz auch nicht in der Lage, mit Vorschlägen über die Anberaumung einer nächsten Sitzung hervorzutreten. Sir E. Grey ist nach wie vor bestrebt, den völligen Abbruch zu verhindern, sieht aber die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten voraus, falls die Schritte der Mächte in Konstantinopel erfolglos bleiben. Ferner gelangte der bulgarisch-rumänische Streit zur Sprache. Leider überwog die Ansicht, daß persönliche Reibereien zwischen den Herren Danew und Take Jonescu in Betracht kommen, und daß es sich dringend empfehlen würde, den Rumänen zur Ruhe und Mäßigung zu raten. Die Hoffnung bestand aber, daß dank meiner Vermittlung, der Sir E. Grey noch durch ähnliche Ratschläge Nachdruck verleihen 324 wollte, die Verhandlungen doch noch ins richtige Gleis kommen würden. Außerdem gelangte der bereits gemeldete Text der identischen Note nach den Vorschlägen des Herrn Cambon zur Annahme. Nächste Sitzung Montag nachmittag. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 13 . 1 . 1913 I n der heutigen Sitzung brachte ich zunächst die Bemerkungen des dortseitigen Telegramms Nr. 24 zur Sprache. Dieselben wurden ad referendum genommen und begegneten keinerlei Widerspruch. Alsdann erklärte ich in Übereinstimmung mit dem dortigen Telegramm Nr. 22, daß wir an einer Flottenkundgebung teilzunehmen nicht gewillt seien. Auf Anregung Sir E. Greys, der darauf hinwies, daß es sich empfehlen würde, trotzdem den Gedanken der Entsendung von Schiffen nach der Besika-Bai näherzutreten, um für den Fall des Eintritts anarchistischer Zustände in Konstantinopel zum Schutze der Europäer bereit zu sein, wurde nachstehende Erklärung vereinbart: „Auf die besonders die technischen Schwierigkeiten berührenden Bemerkungen des deutschen Botschafters hin scheint die Möglichkeit einer gemeinsamen Flottendemonstration gescheitert zu sein. Die Versammlung bittet die Regierungen, ihre Ansichten über den Rat bekanntzugeben, der ihnen am 7. Januar betreffs der Entsendung von Kriegsschiffen nach der Besika-Bai angesichts der Möglichkeit einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten und von Wirren, die das Leben und die Habe ihrer Staatsangehörigen bedrohen und die europäischen Interessen in Konstantinopel schädigen könnten, unterbreitet wurde." 325 Graf Benckendorff*) teilte mit, daß seine Regierung auf Wunsch der bulgarischen und rumänischen eine vermittelnde Tätigkeit übernommen habe. Auch ließen Mitteilungen, die von den Herren Danew und Jonescu stammten, darauf schließen, daß die Möglichkeit einer Verständigung wieder nähergerückt erscheint. Herr Danew hat außerdem Sir E. Grey mitgeteilt, daß seine Regierung bezw. die Verbündeten beabsichtigten, sofort nach Überreichung der gemeinsamen Note den Waffenstillstand zu kündigen, und daß die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten für nächsten Montag zu erwarten sei. Sodann brachte ich gemäß Erlaß Nr. 50**) die Frage der türkischen Staatsgläubiger zur Sprache. Sir E. Grey erklärte sich mit meinem Vorschläge einverstanden, während meine Kollegen prinzipiell zustimmten, die drei von ihnen vorgelegten Punkte aber ihren Regierungen unterbreiten wollten. Ich habe auch besonders betont, daß es uns daran liegt, die Aufnahme der gedachten Vereinbarung in den Friedensvertrag zu erwirken. Nächste Sitzung Mittwoch nachmittag. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 15. 1. 1913 V ' or der heutigen Sitzung nahm ich Gelegenheit, Sir E. Grey von dem Inhalt des Telegramms Nr. 28***) Kenntnis zu geben. Der Minister erklärte sich mit *) Russischer Botschafter in London. **) Der erwähnte deutsche Vorschlag ging darauf hinaus, daß die Frage der türkischen Staatsschulden von der Londoner Botschafter-Versammlung gelöst und als der Wille der Großmächte den Friedens-Delegierten kundgegeben werden sollte. ***)‘Es handelt sich um eine Weisung des Auswärtigen Amtes, die Zustimmung zu irgendwelchen Maßnahmen gegen die Türkei zu verweigern, sofern diese Maßnahmen über die vereinbarte Demarche hinausgehen sollten. 326 unserer Auffassung einverstanden und erklärte, den weiteren Verlauf der Ereignisse abwarten zu wollen. Vor allem müsse die Note gleich übergeben werden, damit die Türkei nicht auf die Uneinigkeit der Mächte rechnen könne. Die Sitzung selbst eröffnete Herr Cambon mit der Mitteilung, daß er Gelegenheit genommen habe, Herrn Danew dringend abzuraten, die geplante Note über den Abbruch der Beziehungen an die türkischen Delegierten gelangen zu lassen. Erst müsse die Wirkung des vereinbarten Schrittes in Konstantinopel abgewartet werden. In ähnlichem Sinne hatten sich auch andere Kollegen ihm oder anderen Balkanvertretern gegenüber ausgesprochen. Als Wirkung dieser Ratschläge konnte Sir E. Grey mitteilen, daß die gedachten Abgesandten beschlossen hatten, vorläufig wenigstens nicht abzureisen. Von anderer Seite war sogar gesagt worden, daß selbst im Falle des Abbruchs mit der Türkei die Balkanvertreter fortfahren würden, hier ihre Angelegenheiten zu erörtern. Die rumänisch-bulgarischen Verhandlungen sind ebenfalls nicht vorwärts gekommen. Während aber Take Jonescu, der sich wiederum entschlossen hat, hierzubleiben, erklärt, noch immer ohne Nachricht von Herrn Danew zu sein, behauptet dieser, er habe bereits vor einigen Tagen Herrn Take Jonescu Vorschläge zugestellt. Vielleicht gelingt es mir morgen bei dem Mahl, das Graf Mensdorff*) zu Ehren der Balkanvertreter gibt, näheres über den Stand der Verhandlungen zu erfahren. Meine Anregung, Herrn Misu**) vorzuladen, wurde zwar grundsätzlich angenommen, Graf Benckendorff und Herr Cambon fanden es aber augenblicklich noch verfrüht. Sonst müsse man auch *) österreichisch-ungarischer Botschafter in London. **) Rumänischer Gesandter in London. 327 den bulgarischen Vertreter zu Worte kommen lassen. Das Scheitern der Verhandlungen sei wenigstens abzuwarten. Über die Frage der Nützlichkeit einer umgehenden Abgabe der verabredeten Note in Konstantinopel herrschte Einstimmigkeit. Sodann wurde zur Frage des Berges Athos übergegangen, worüber ich an anderer Stelle berichte. Zum Schluß teilte Cambon mit, daß Poincare im Prinzip mit unseren Wünschen hinsichtlich der Wahrung der Interessen der tükischen Staatsgläubiger einverstanden wäre, daß aber die Fassung, die ich nach Maßgabe der ersten drei Artikel der Anlage des Erlasses Nr. 50 unterbreitet hatte, einerseits den Arbeiten der Pariser Kommission vorgreife, andererseits aber ihm als zu weitläufig erscheine, um in den Friedensvertrag aufgenommen zu werden. Er werde daher bis zur nächsten Sitzung eine andere Fassung in Vorschlag bringen. Nächste Sitzung Freitag, Mittwoch soll Albanien an die Reihe kommen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 15. 1. 1913 raf Mensdorff bat mich gestern, zu ihm zu kommen, VJum mit ihm die albanische Frage zu besprechen und Kenntnis von dem ihm zur Verfügung stehenden Material zu nehmen. Er und der zu seiner Unterstützung hierzu gerufene Sachverständige in Balkanangelegenheiten, der k. und k. Gesandte in Cetinje Baron Giesl, erläuterten mir an der Hand einer von letzterem auf Grund persönlicher Erhebungen an Ort 328 und Stelle entworfenen ethnographischen Karte den österreichischen Standpunkt. Zunächst würde man in der Frage Skutaris unter allen Umständen fest bleiben. Skutari und Umgebung seien albanisch und dürften keinesfalls an Montenegro ausgeliefert werden. Man werde es in Wien lieber zum Kriege kommen lassen, als Skutari an die Montenegriner auszuliefern. Die hiesige Regierung schiene nicht mehr wie früher einen entscheidenden Wert auf die Einverleibung Skutaris in Montenegro zu legen, hingegen sei Graf Benckendorff bisher jeder Erörterung in dieser Angelegenheit ausgewichen und wünsche die albanische Frage noch nicht vor die Botschafterversammlung gebracht zu sehen, während er, Graf Mensdorff, zur Verhandlung bereit sei. Graf Mensdorff bat mich, mit Graf Benckendorff zu sprechen und ihm die Auffassung der k. und k. Regierung zu erläutern. Ich erwiderte, daß ich mir hiervon wenig verspräche, da dem Grafen Benckendorff der österreichisch-ungarische Gesichtspunkt bekannt sei und der russische Botschafter nicht selbständig vorgehen könnte, sondern nur auf Weisungen aus Petersburg. Graf Mensdorff hob noch besonders hervor, daß es bedenklich sei, durch den Fall Skutari der Strömung, welche in Österreich zu einem Austrag mit den W affen dränge, einen willkommenen Vorwand zu liefern. Auf meine Entgegnung, was denn Österreich dabei zu gewinnen hätte, erwiderten beide Herren, daß man zwar keine Gebietserwerbungen anstrebe, wohl aber gewisse Grenzberichtigungen, die der Doppelmonarchie strategisch Vorteile einräumen würden, außerdem einen Brückenkopf bei Belgrad und andere Sicherheitsmaßregeln. ,,W ennwirdann von Rußland angegriffen werden, so ist ja 329 der casus foederis für Deutschland ge- g e b e n.‘‘ (!) Ich sagte meinem österreichisch-ungarischen Kollegen natürlich meine Unterstützung zu, wenn die Frage bei unseren Beratungen zur Sprache kommt, verhehlte ihm aber andererseits nicht, daß die Aussicht, wegen Skutari Krieg zu führen, wohl wenig Anklang finden würde. Er stimmte dem durchaus zu, blieb aber dabei, daß der Krieg nur dann vermieden werden könne, wenn Skutari an Albanien fällt. Ich bin nicht in der Lage, zu beurteilen, ob es sich empfehlen würde, einen Wink nach Wien gelangen zu lassen angesichts der kriegerischen Stimmung, welche dort wohl zweifellos in gewissen Kreisen besteht, „um endlich a mal a Ruh’ zu haben", wie mir schon wiederholt versichert wurde. Sollte dies jedoch geschehen, so möchte ich dringend bitten, mich um meine Unterhaltung mit meinem hiesigen österreichisch-ungarischen Kollegen dabei nicht zu erwähnen, damit die Frage nicht vom sachlichen aufs persönliche Gebiet hinübergeleitet werde. Hinsichtlich der weiteren Grenze Albaniens erklärten beide Herren, daß man bereit sei, auf Ipek und Prisren zugunsten Serbiens zu verzichten, auf Dia- kowa aber nicht. Des weiteren sollte die Grenze dem Höhenzuge östlich des Drin und dem Drin selbst folgen, Dibra und den See Ochrida einschließen, ebenso Koriza, und schließlich dem Laufe des Kalamas folgen, der sich gegenüber von Korfu ins Meer ergießt. Im übrigen, so erklärten beide Herren, würde man in Wien über die südliche Abgrenzung mit sich reden lassen. Inzwischen hat sich Graf Benckendorff bereit erklärt, nächsten Mittwoch über Albanien zu verhandeln. Lichnowsky. 330 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 17. 1. 1913 or der heutigen Sitzung verständigte ich Sir E. Grey V vertraulich von dem Standpunkt der Kaiserlichen Regierung gemäß Telegramm Nr. 32.*) Der Minister beipflichtete unseren Auffassungen in allen Punkten und bemerkte hinsichtlich der Besikabucht, er werde es dem Ermessen des Sir Gerard Lowther**) anheimstellen, ob und wann es nötig sei, zum Schutz britischer Interessen Schiffe dorthin zu schicken. Sodann bedauerte er lebhaft, daß die Überreichung der identischen Note dadurch verzögert worden sei, daß der deutsche Botschafter ohne Weisung war. Ich konnte ihm die inzwischen erfolgte Ermächtigung mitteilen. Bei der Sitzung teilte Herr Cambon uns den Inhalt einer Depesche des französischen Botschafters in Konstantinopel mit, wonach tiirkischerseits erwogen werde, den Mächten nahezulegen, im Falle einer günstigen Aufnahme der europäischen Ratschläge der Türkei gewisse Zusicherungen zu machen hinsichtlich der Befreiung von Kriegsentschädigung, der Aufhebung der Steuerfreiheit für Ausländer, Tariferhöhungen, Anleihen usw. Sir E. Grey sprach sich im allgemeinen im Prinzip für derartige Zusicherungen aus, ohne freilich in der Lage zu sein, bindende Versprechungen ins Auge fassen zu können. Im selben Sinne redete auch die Mehrheit der Anwesenden, doch wurden Bedenken laut gegen die praktische Durchführung und die Übernahme bindender Verpflichtungen vor Abschluß der F eindseligkeiten. Für den Fall, daß die türkische Antwort bis dahin eingegangen sein sollte, die man ausweichend und *) Der erwähnte deutsche Standpunkt betraf eine Begrüßung des Verzichts auf eine Flotten-Demonstration gegen die Türkei und den Wunsch strenger Neutralität. **) Britischer Botschafter in Konstantinopel. 331 zweideutig vermutet, soll Montag die nächste Sitzung stattfinden, sonst Mittwoch, mit der Tagesordnung „Albanien". Cambon sagte mir noch, er habe bisher hinsichtlich der Finanzfrage von Poincare nichts erhalten, er zweifle jedoch nicht an der Annahme der von uns gewünschten Grundsätze, wenn auch vielleicht in etwas abgeänderter Form. Lichnowsky. Vierter Abschnitt DER BALKANBUND AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 9. 6. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde zunächst die schroffe Haltung Bulgariens besprochen, die zum Rücktritt des Herrn Geschow führte. Es überwog die Auffassung, daß Danew die treibende Kraft der Kriegspartei sei, die entschlossen ist, auf keinem Punkte nachzugeben und auch dem russischen Schiedsspruch sich nicht zu unterwerfen. Die hiesigen Balkandelegierten sind einer Mitteilung Sir E. Greys zufolge im Begriff, abzureisen. Sir E. Grey hat ihnen geraten, sich über diejenigen Punkte zu einigen, wo eine Einigung möglich ist, alles übrige aber den Unterhandlungen zwischen den beteiligten Kabinetten zu überlassen. Sodann wurde von Herrn Cambon die Frage der serbischen Bahn zur Sprache gebracht, worüber Bericht folgt. Nächste Sitzung Mittwoch. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 10. 6. 1913 M ein türkischer Kollege erzählte mir gestern vertraulich, einer der hiesigen serbischen Vertreter habe bei ihm gestern angeregt, zwischen Serbien und der Türkei eine Vereinbarung zu treffen, die sich ge- 333 meinsam gegen Bulgarien richte, und dabei die Äußerung fallen lassen, der Balkan sei die natürliche Grenze der Türkei. Tewfik Pascha hat es abgelehnt, hierauf einzugehen und geantwortet, Serbien hätte sich dies eher überlegen sollen, nunmehr sei es zu spät zu einer Verständigung, und die Türkei wolle sich auf keine weiteren Abenteuer einlassen. Die Haltung Bulgariens, das jedes Zugeständnis an Serbien ablehnt, und die intime Annäherung zwischen Sofia und Wien scheine hiernach die Serben zu diesem verzweifelten Schritt gedrängt zu haben. Auch wird hier angenommen, daß eine Verständigung zwischen Bulgarien und Griechenland erreicht sei, auf Grund deren Bulgarien — vorläufig wenigstens — auf Salonik verzichtet. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 27. 6. 1913 S ir Edward Grey ließ mich soeben zu sich bitten, um mit mir über die Ergebnisse seiner Besprechungen mit den französischen Staatsmännern zu reden. Er bezeichnete dieselben als durcaus befriedigend. Er habe feststellen können, daß auf französischer Seite das gleiche Bestreben bestehe wie hier nach Aufrechterhaltung des Friedens und gemeinschaftlicher Arbeit für möglichste Beschränkung des (Balkan-) Krieges, falls dieser wiederum ausbrechen sollte. Alle Unterhaltungen hätten sich auf der Grundlage der bekannt gewordenen Tischreden bewegt und nichts enthalten, was die Mitwirkung anderer Mächte ausschlösse. Er wies hierbei namentlich auf die entsprechende Stelle der Rede des Herrn 334 Poincarö*) in der Guildhall hin und deutete an, daß diese Äußerung in gemeinsamem Einverständnis erfolgt sei. Die Besprechungen mit den französischen Staatsmännern hätten sich nicht auf das allgemeine Gebiet des Friedens beschränkt, sondern sich auch mit der Türkei und deren Zukunft, das heißt mit der kleinasiatischen Frage, befaßt. Es seien hierbei zwei Wege als gangbar bezeichnet worden: Entweder die Mächte einigten sich, die Türkei wiederherzustellen, sie finanziell möglichst wenig zu belasten bezw. sie finanziell zu unterstützen und ihr bei der Neuordnung ihrer Verwaltung behilflich zu sein, oder aber sie verständigten sich über Interessensphären, was jedoch der Anfang vom Ende der Türkei überhaupt sein würde. Er sei mit Herrn Poincare und Herrn Pichon übereingekommen, daß der erstere Weg der richtige sei, und daß man die Türkei erhalten und wiederaufrichten müsse (retablir). Von Syrien sei mit keinem Worte die Rede gewesen. Ich benutzte diesen Anlaß, um dem Minister zu versichern, daß auch wir diese Auffassung teilten und teilen würden, solange wir uns des Einvernehmens der britischen Regierung vergewissern könnten. Alle entgegenstehenden Meinungen entsprächen vielleicht privaten oder kaufmännischen Interessen, nicht aber den Auffassungen der maßgebenden Stellen. Die Nachrichten über die Stimmung in Arabien, Syrien und anderen nichttürkischen Landesteilen böten zwar keine überaus günstigen Aussichten, aber wir glaubten, daß es dem Zusammenwirken aller Mächte gelingen werde, das türkische Reich in seiner heutigen Gestalt am Leben zu erhalten. Bei dieser Gelegenheit wiederholte Sir Edward *) Herr Poincare hatte gesagt, daß die britisch-französische Freundschaft nichts enthalte, was den Zutritt anderer ausschlösse. 335 von neuem, daß unsere Interessen, falls es jemals zur Zerlegung Kleinasiens kommen sollte, jedenfalls Berücksichtigung finden müßten. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 3. 7. 1913 S ir E. Grey sagte mir soeben, er stimme vollkommen den Ansichten zu, die der Herr Staatssekretär Sir E. Goschen gegenüber ausgesprochen, und werde auch seinerseits bestrebt sein, die auf dem Balkan neu ausgebrochenen Feindseligkeiten örtlich zu beschränken. Vor allem sei es wünschenswert, daß Österreich-Ungarn fortfahre, sich Zurückhaltung aufzuerlegen, und nicht einerseits eingriffe, da dies sonst die Einmischung Rußlands nach sich ziehen würde. Österreichs Haltung in letzter Krise habe leider, ob mit Recht oder Unrecht, könne er nicht feststellen, den Verdacht wachgerufen, daß es Bulgarien in seiner Haltung Serbien gegenüber ermutige. Beigetragen zu diesem Eindruck habe namentlich die Weigerung des Wiener Kabinetts, sich den Schritten anzuschließen, die in Sofia zur Abrüstung auffordern sollten. In obigem Sinne habe er auch mit den französischen Staatsmännern unterhandelt und bei ihnen Bereitwilligkeit gefunden, sich strengste Zurückhaltung aufzuerlegen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 7. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung erklärte Sir E. Grey, die Ereignisse auf dem Balkan zwängen die Mächte dazu, zu den dortigen Vorgängen erneut Stellung zu nehmen, und es entstünde wieder die Frage, ob eine Einmischung angezeigt erscheine. Soweit er bisher 336 habe feststellen können, wären alle Mächte letzterer abgeneigt und wünschten mit ihm strenge Zurückhaltung und örtliche Beschränkung. Es würde ihm daher lieb sein, von uns in dieser Richtung bestimmte Zusicherungen zu erhalten, und er bitte uns daher, unsere Regierungen um entsprechende Ermächtigung zu ersuchen. Ich erklärte sofort, daß dies vollkommen den Ansichten der Kaiserlichen Regierung entspräche. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT , London, 17. 7. 1913 S ir E. Grey hat GrafMensdorff kommen lassen in der Hoffnung, zwischen Rußland und Österreich- Ungarn eine Verständigung über die Friedensbedingungen der Balkanstaaten herbeizuführen. Die russischen Ansichten sind ihm bekannt, und er hat Grund zur Annahme, daß zwischen ihnen und Wiener Auffassung kein allzu großer Gegensatz besteht. Er hofft, daß, wenn beide Regierungen einig sind, die Kriegführenden sich fügen und Frieden schließen werden. Lichnowsky. 22 Lichnowsky I 337 Fünfter Abschnitt DER BALKANKRIEG AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 21. 7. 1913 V or der heutigen Sitzung besprach Sir E. Grey mit mir die gegenwärtige Lage auf dem Balkan und bezeichnete mir als seine Ansicht, daß die Balkanstaaten möglichst bald die Friedensbedingungen untereinander vereinbaren sollten, die nachher der Billigung der Mächte zu unterwerfen seien. Er hoffe auf dieser Grundlage eine Einigung herbeizuführen, und glaube, daß auch Rußland dem zustimmen werde. Über die wesentlichsten Punkte glaube er, daß zwischen Wien und Petersburg Einvernehmen bestehe. Was das Vorgehen der Türkei betreffe, so halte er es für notwendig, daß alle Mächte sich dahin einigten, daß die Enos—Midia-Linie als Grenze festgehalten werde. Eine andere Frage aber sei, welche Mittel zur Anwendung kommen sollten, falls die Türkei nicht nachgebe, und Mächte sich gezwungen sähen, gegen sie vorzugehen. Sollten alle Mächte sich für eine Flottenkundgebung aussprechen, so werde England sich nicht ausschließen. Es entstände aber dann wieder die Schwierigkeit, die Durchfahrt durch die Meerengen zu erzwingen bezw. die Türkei zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, falls die Flottenkundgebung unberücksichtigt bleibe. Vorläufig könne sie vielleicht 338 durch Vorenthaltung jeglicher Unterstützung in finanzieller und anderer Richtung eingeschüchtert werden. Bei der Sitzung regte der Minister dieselbe Frage an, unterließ aber zu sagen, daß England sich gegebenenfalls an einer Flottenkundgebung beteiligen würde, und beschränkte sich darauf, uns aufzufordern, unsere Regierungen zu bitten sich über ihre Ansichten zu äußern. Ich erklärte, annehmen zu können, daß meine Regierung der Auffassung des Ministers vollkommen beipflichte, daß ich aber glaubte, es genüge vorläufig, sich über die Frage Enos—Midia grundsätzlich zu einigen und Entscheidung über etwaige gewaltsame Druckmittel noch aufzuschieben, über deren Schwierigkeiten bei allen Regierungen wohl die gleiche Auffassung herrschen würde. Die Ereignisse auf dem Balkan hätten gezeigt, daß man dort auf überraschende Wendungen immer gefaßt sein müsse. Man könne daher vorläufig die Flottenfrage noch hinausschieben und abwarten. Graf Benckendorff ließ jedoch durchblicken, daß seiner Regierung an schnellem und energischem Auftreten der Mächte besonders gelegen sei, und bei meinen Kollegen besteht die Befürchtung, daß Rußland einseitig gegen die Türkei Vorgehen könnte. Über die Sitzung wurde der nachstehende Wortlaut vereinbart: „Sir Edward Grey drückt die Meinung aus, daß die kriegführenden Staaten, Rumänien, Serbien, Griechenland, Montenegro und Bulgarien, ermutigt werden müssen, ihre Bevollmächtigten zusammentreten zu lassen, um den Feindseligkeiten ein Ende zu machen und die Bedingungen einer Übereinkunft betreffs der Wiederherstellung des Friedens auszuarbeiten. Die Abmachungen für die Intervention werden der Prüfung 22 * 339 und Billigung durch die Mächte unterworfen, die sich zu diesem Zweck verständigen werden. Die Meinung Sir Edward Greys ruft keinen Einwand von seiten der Botschafter hervor, die sie ihren Regierungen zur Billigung unterbreiten werden. Sir Edward Grey drückt seine persönliche Mei- mung aus, daß die Mächte sich nicht der von ihnen angenommenen Verpflichtung, die Linie Enos—Midia zur Festsetzung der türkisch-bulgarischen Grenze zu bestimmen, entziehen können. Die Tatsache des Vorrückens der türkischen Truppen über diese Linie hinaus rollt eine Frage auf, die Sir Edward Grey dem Kabinett vorlegen muß, und er wünscht, daß die Botschafter sich der Ansichten ihrer Regierungen über diese Angelegenheit vergewissern." Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 22. 7. 1913 S ir E. Grey sagte mir heute, nach seinen Nachrichten schienen die Türken Adrianopel noch immer besetzt zu haben, und es fehle ihm jeder Anhaltspunkt über die türkischen Absichten. Gegen die Belassung von Adrianopel an die Türkei sprach der Minister sich von neuem aus und schien nicht ganz unbesorgt zu sein wegen etwaiger russischer Einmischungen. Er meinte, die Grenze werde wohl jetzt unter Beibehaltung der Enos—Midia-Endpunkte konkav statt konvex ausfallen, und niemand werde den Türken das Recht bestreiten wollen, nunmehr für sich strategisch günstige Punkte zu sichern. Er teilte auch vollkommen meine Auffassung, daß es sich vorläufig nicht empfehle, einer Flottenkundgebung näherzutreten, schon weil niemand die Verantwortung werde tragen wollen, daß bei der Durchfahrt durch die Dardanellen einige Schiffe zum Opfer fallen. Man könne versuchen, die 340 Türkei durch Entziehung aller Unterstützung mürbe zu machen. Im ganzen hatte der Minister heute eine günstigere Auffassung der ganzen Lage und schien eine baldige Beendigung der Feindseligkeiten vorauszusehen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 25. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung gelangte zunächst die Frage der Anwendung von Druckmitteln gegen die Türkei zur Erörterung. Ich verfehlte nicht, meine neu- lichen Erklärungen zu wiederholen und darauf hinzuweisen, daß es verfrüht wäre, schon jetzt an diese Frage heranzutreten, schon wegen der nicht unerheblichen Schwierigkeiten, die sich der Verwirklichung einer Flottenkundgebung entgegenstellten. Sir E. Grey sprach sich in ähnlichem Sinne aus, während die Kollegen sich nur dafür erklärten, falls alle anderen Mächte mitmachten. Der Gedanke wurde von keiner Seite sehr warm befürwortet und alsbald fallengelassen, obwohl Graf Benckendorff wiederholt auf die russische öffentliche Meinung hinwies. Sir E. Grey regte hierauf an, den türkisch-bulgarischen Streit gleichzeitig mit den Abmachungen der Balkanstaaten der Entscheidung der Mächte zu unterwerfen, die Türkei also mit demselben Maß zu messen wie die kriegführenden Königreiche, und sprach die Hoffnung aus, daß sie sich dem geeinten Willen der Mächte fügen werden. Graf Benckendorff bemerkte, es sei zu befürchten, daß die russische öffentliche Meinung sich nicht so lange gedulden werde. Es gelangte sodann die Frage eines diplomatischen Drucks zur Erörterung, verbunden mit Verheißungen, die den türkischen Wünschen entsprächen. Ich habe 341 diesen Gedanken warm befürwortet unter Hinweis nicht nur auf Grenzberichtigungen, sondern auch auf die Kriegsentschädigung. Ich versuchte letztere in die in Konstatinopel abzugebende Erklärung aufzunehmen, schon um alle Mächte in diesem Punkte festzulegen. Dem widersprach aber Sir E. Grey, welcher meinte, wir wollten die Türkei nur auffordern, mit Wünschen hervorzutreten, nicht aber selbst den Türken Angebote machen. Vermutlich ließ er sich auch durch Rücksichten auf Rußland leiten und die Befürchtung, daß die Aufnahme dieses Punktes die Abgabe gleichlautender Erklärungen verzögern könnte. Graf Benckendorff sagte auch sofort, daß man in Petersburg hiermit nicht einverstanden sein würde. Es wurde hierauf nachstehender Beschluß gefaßt: „Nach den Antworten aller Regierungen auf die Frage, die ihnen von den Botschaftern nach ihrer letzten Zusammenkunft vorgelegt wurde, sind die Mächte sich einig, die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der im Vertrag von London niedergelegten Bedingungen und der Ziehung der türkisch-bulgarischen Grenze entlang einer von Enos ausgehenden und in Midia endigenden Linie zu bekräftigen. Auf Vorschlag von Sir Edward Grey ist die Versammlung der Meinung, daß die Mächte durch einen übereinstimmenden Entschluß die ottomanische Regierung an die Innehaltung des Vertrages von London und besonders der Anordnung betreffs der Linie Enos—Midia erinnern sollten. Gleichzeitig könnte die ottomanische Regierung die Nachricht erhalten, daß die Mächte bei der Bestimmung dieser Grenze geneigt sein werden, die Bedingungen in Erwägung zu ziehen, die die Türkei für unerläßlich für die Sicherheit dieser Grenze halten könnte.” 342 Mein italienischer Kollege hatte am Schluß die Fassung „ses frontieres”: anstatt „cette frontiere" gewünscht und in großer Erregung um diesen Wortlaut gebeten, anscheinend mit der Absicht, die von Italien besetzten Inseln bei dieser Gelegenheit der Türkei zu erhalten. Sein Verlangen scheiterte aber am Widerspruch Sir E. Greys, welcher die Inselfrage nicht hineinziehen wollte und nicht wünschte, eine diesbezügliche Anspielung abzugeben. Ich vermute aber, daß Italien auf den Wunsch zurückkommen wird, die besetzten Inseln bei dieser Gelegenheit den Türken als Entgelt anzubieten, und bitte um Weisung, wie ich mich in dieser Frage verhalten soll. Ich habe heute die formalen Wünsche meines italienischen Kollegen unterstützt, ohne mich auf die Inselfrage näher einzulassen. Lichnowsky. 343 Sechster Abschnitt WEITERE VERHANDLUNGEN DER LONDONER BOTSCHAFTER-VERSAMMLUNG AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 5, 6. 1913 B ei der heutigen Sitzung regte zunächst Graf Benckendorff an, daß es sich empfehlen würde, die Kriegführenden zur sofortigen Abrüstung aufzufor- dem. Die Verbündeten stünden sich noch mißtrauisch gegenüber und wollten daher die Waffen nicht niederlegen, während die Türkei sich hierdurch veranlaßt fühle, ihre Truppen ebenfalls nicht zu entlassen. Es wurde hierüber der nachstehende Beschluß gefaßt: „Auf den Vorschlag des russischen Botschafters hin hält es die Versammlung für ratsam, die Krieg- führenden aufzufordem, ihre mobile Kriegsmacht sofort zu verringern,“ Hierauf wurde zur Frage der albanischen Verfassung übergegangen, Herr Cambon, unterstützt von Graf Benckendorff trat wiederum dafür ein, daß es aus praktischen Gründen nicht empfehlenswert sei, schon jetzt mit der Entsendung eines Fürsten vorzugehen, der angesichts der Unsicherheit der dortigen Zustände und des Mangels jeglicher geordneten Verwaltung dort vorläufig nicht am Platze sei. Auch wurde es vermieden, über die Frage, ob und wann 344 überhaupt ein solcher zu wählen sei, zu verhandeln, da Herr Cambon jedes Eingehen auf dieselbe ablehnte. Man begnügte sich daher, die baldige Einsetzung der „Commission de contröle“ und die Herstellung der von einem der Kleinstaaten zu liefernden Gendarmerie zu beschließen. Nachstehend der gefaßte Beschluß: „Ohne jetzt schon die Errichtung einer endgültigen Verfassung in Albanien ins Auge zu fassen, hält es die Versammlung für wünschenswert, zur Einsetzung einer internationalen Kontrollkommission zu schreiten, die aus Delegierten jeder der Großmächte unter Hinzuziehung eines albanischen Mitgliedes bestehen soll. Diese Kommission sollte an Ort und Stelle die fortschrittliche Organisation des Landes studieren und die zur Aufrechterhaltung der Ordnung notwendigen Maßnahmen treffen. Die erste dieser Maßnahmen sollte die Errichtung einer Gendarmerie sein, die von europäischen Offizieren instruiert und befehligt werden müßte. Diese sollten von einer neutralen Macht mit Ausschluß der sechs Großmächte, der Balkanstaaten und der Mächte, die direkte Interessen auf dem Balkan haben, gestellt werden. Sir Edward Grey bemerkt, daß es schwierig sei, sich vor der Errichtung einer endgültigen Verfassung eine provisorische Regierung ohne eine Exekutivgewalt vorzustellen; er regt die Ernennung eines besonderen Delegierten durch die Mächte an, der mit der Ausführung der von der Kontrollkommission getroffenen Maßnahmen betraut werden müßte. Der französische und der russische Botschafter schließen sich diesem Gedanken an. Der österreichischungarische und der italienische Botschafter können sich nicht äußern, da sie die Antworten ihrer Regierungen auf die von dem französischen Botschafter in 345 einer früheren Sitzung ausgesprochenen Bemerkungen erwarten. Fürst Lichnowsky stimmt der Anregung Sir Edward Greys zu, indem er die Meinung ausdrückt, daß die endgültige Regelung die Ernennung eines Fürsten gestatten müsse. Die Versammlung hält es für angebracht, die Aufmerksamkeit der Regierungen auf die Notwendigkeit zu lenken, von Anfang an an die unerläßlichen finanziellen Mittel zu denken, um den Dienst der internationalen Kontrolle und der Gendarmerie sicher- zustellen." Schließlich teilte Sir Edward Grey mit, daß aus inneren Verwaltungsgründen die Marinebehörde beschlossen habe, zwar den Admiral Burney in Skutari zu belassen, die dort befindlichen 300 Seeleute aber durch 300 Soldaten aus Malta zu ersetzen und die betreffenden Kriegsschiffe abzuberufen. Nächste Sitzung Montag. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 9. 6. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde, wie anderweit gemeldet, von Herrn Cambon der Antrag gestellt, nunmehr die am 17. Dezember vereinbarte Fassung über die zu errichtende serbische Bahn durch Albanien schriftlich zur Kenntnis der serbischen Regierung zu bringen, da die hiesigen serbischen Vertreter darauf drängten und nur im Hinblick auf diese Zusicherung den Frieden unterzeichnet hätten. Längeres Zögern wäre mit der von uns übernommenen Ehrenpflicht unvereinbar und müsse dazu führen, daß unser guter Wille auf serbischer Seite in Zweifel gezogen werde. Demgegenüber hob Graf Mensdorff hervor, daß seine Regierung ihre Zustimmung zu der beabsich- 346 tigten Mitteilung davon abhängig mache, daß vorher eine Verständigung erzielt werde über die Auslegung einiger ihr in der vereinbarten Fassung zweifelhaft erscheinenden Bestimmungen, Hierüber hätten bereits zwischen St. Petersburg und Wien Verhandlungen stattgefunden, die jedoch nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hätten. Der wichtigste strittige Punkt ist, wie die Grafen Mensdorff und Benckendorff übereinstimmend berichteten, die Frage, ob es Serbien gestattet werden soll, auch in Kriegszeiten Kriegsmaterial auf der Bahn zu befördern. Sowohl Sir Edward Grey wie auch Herr Cambon teilten die Auffassung der russischen Regierung, daß eine derartige Einschränkung der Rechte Serbiens mit dem Geiste unserer Abmachungen schwer zu vereinbaren sei. Namentlich aber waren sie der Ansicht, und hierin begegneten sie auch der stillschweigenden Zustimmung meines italienischen Kollegen, der ich mich anschließen möchte, daß es schwer möglich sei, mit der in Aussicht genommenen Mitteilung solange zu warten, bis alle zweifelhaften Punkte, zu denen unter anderen auch genaue Bestimmungen über die Neutralität des Hafens gehören, eine befriedigende Lösung gefunden, oder aber die Erklärung überhaupt davon abhängig zu machen, daß man zu einer Verständigung gelange. Es wurde daher auf Vorschlag Sir Edward Greys die Anregung gegeben, dem Wiener Kabinett nahezulegen, zuzustimmen, falls ihm das Recht eingeräumt würde, im Falle eines Krieges zwischen Österreich und Serbien die Zufuhr von Waffen und Munition zu verhindern. Kommt es Österreich-Ungarn allein darauf an, seine eigenen Interessen zu schützen, so dürfte diese Klausel genügen; der Verdacht liegt aber nahe, 347 daß bulgarische Wünsche im Spiele sind. Vertraulich erfahre ich allerdings, daß die nachträglichen Bedenken der österreichischen Regierung darauf zurückzuführen sind, daß Graf Mensdorff im Drange der Geschäfte und aus Versehen die Zustimmung seiner Regierung zu dem bewußten Übereinkommen zu früh abgegeben hat und so nicht in der Lage war, gewissen Bedingungen und Bedenken Rechnung zu tragen. Nachstehend der vereinbarte Sitzungsbericht: „Nachdem der französische Botschafter vorgeschlagen hatte, die der serbischen Regierung abzugebende Erklärung über die internationale Eisenbahn zu besprechen, sagt Sir Edward Grey, daß es notwendig sei, die am 17. Dezember angenommene Erklärung zu bestätigen, und daß dies eine Ehrenfrage für die Mächte sei. Der österreichisch-ungarische Botschafter sagt, es sei notwendig, Aufklärungen über gewisse Punkte zu erlangen, die in dieser Erklärung nicht definiert wurden. ~;-p Nach einer kurzen Diskussion regt Sir Edward Grey an, die österreichisch-ungarische Regierung könnte sagen, wenn sie der Erneuerung der Erklärung zustimmte, wünsche sie festgestellt zu wissen, daß im Falle eines Krieges zwischen Serbien und Österreich- Ungarn diese letztere Macht das Recht haben soll, durch ihre Seestreitkräfte die Einführung von Kriegsmaterial durch den neutralen Hafen zu verhindern. Der österreichisch-ungarische Botschafter kündigt an, daß er diese Anregung seiner Regierung übermitteln werde, und sagt, nach seinen Anweisungen komme, es der Botschafterversammlung zu, sich über die in dem Meinungsaustausch zwischen der russischen und der österreichischen Regierung, dessen Tenor der Versammlung mitgeteilt werden wird, ins Auge ge- faßten Punkte und die Auslegung, die man ihnen geben soll, auszusprechen. Der russische Botschafter erklärt, daß seine Regierung ebenfalls der Meinung sei, die Versammlung über gewisse Punkte zu befragen. Es wird beschlossen, daß Graf Mensdorff und Graf Benckendorff so bald als möglich Sir Edward Grey und ihren Kollegen die verschiedenen Punkte, die zu einer Diskussion Anlaß geben können, mitteilen sollen. Sir Edward Grey bemerkt, daß auf jeden Fall die Kundgebung an die serbische Regierung nicht von der Einigung über einige Punkte, die noch nicht genügend beleuchtet sind, abhängen darf.“ Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 11. 6. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde zunächst die Inselfrage besprochen, wobei Marquis Imperiali nachfolgende Erklärung abgab: „Die Regierung Seiner Majestät ist durch die Bestimmungen des Vertrages von Lausanne gebunden und verpflichtet, die von den königlichen Truppen besetzten Inseln zur Verfügung der ottomanischen Regierung zu halten. Die Regierung Seiner Majestät glaubt infolgedessen nicht, an der Besprechung zwischen den Mächten über das Schicksal der besagten Inseln teilnehmen und sich den eventuellen Schritten anschließen zu können, die die Mächte bei der Hohen Pforte etwa unternehmen, um ihr die gefällte Entscheidung mitzuteilen. Bei dem Interesse aller Mächte an der Erhaltung der Unversehrtheit des ottomanischen Kaiserreichs und der Sicherheit seiner Provinzen der asiatischen Türkei zweifelt die Königliche Regierung nicht, daß 349 die Mächte bei der Regelung des allgemeinen Schicksals der Inseln des Ägäischen Meeres ihre Ansicht über die Notwendigkeit, soviel als möglich die Interessen und das Prestige der Türkei zu wahren, teilen werden." Ich betonte gemäß der mir erteilten Weisung, daß wir in der Inselfrage nach Möglichkeit für Wahrung der türkischen Rechte eintreten werden und daher unbedingt die beiden den Dardanellen vorgelagerten Inseln Imbros und Tenedos der Türkei erhalten möchten. Was Chios und Mythilene beträfe, so würden wir im Prinzip auch geneigt sein, diese Inseln der Türkei zu belassen, müßten aber auf alle Fälle auf ihrer Neutralisierung bestehen, falls sich der Anschluß an Griechenland aus dem Gang der Verhandlungen ergeben sollte. Da unsere Verbündeten wünschten, die Inselfrage mit der südalbanischen in Verbindung zu bringen, so wollten wir deren Wünsche auch in dieser Frage unterstützen. Ich vermied es aber, mich auf Einzelheiten über die Abgrenzung Südalbaniens einzulassen, da mir hierüber bestimmte Weisungen nicht zugegangen sind. Sofort wiederholte mein italienischer Kollege, von Graf Mensdorff lebhaft unterstützt, daß Phtelia und Koriza für seine Regierung die Säulen des Herkules bedeuteten, über die sie nicht hinausgehen könnte. Auf diese mit großer Bestimmtheit wiederholte Erklärung richtete Sir Edward Grey an Marquis Im- periali die Frage, was seine Regierung zu tun gedenke, wenn die Griechen sich weigerten, Südalbanien zu räumen, worauf dieser entgegnete, Italien werde alsdann die besetzten Inseln nicht räumen und unter Umständen sogar die Räumung Südalbaniens mit Waffengewalt erzwingen. Graf Benckendorff 'verhielt sich sehr zurück- 350 haltend, während Herr Cambon nach einigem Zögern erklärte, nicht in der Lage zu sein, der italienischösterreichischen Auflassung beizutreten. Ein bestimmter Vorschlag wurde aber weder von ihm noch von einem anderen Mitgliede seiner Gruppe gemacht. Dann erklärte Sir Edward Grey, es empfehle sich, vor weiterer Beratung über die Abgrenzung Südalbaniens sich die Frage vorzulegen, was wohl zu geschehen habe, falls Griechenland sich weigere, den Beschlüssen der Mächte Rechnung zu tragen. Wir hätten bereits mit Skutari erlebt, welche Schwierigkeiten entstehen könnten, wenn Widerstand zu überwinden wäre, Griechenland gegenüber würde die Angelegenheit noch viel heikler werden. Den Äußerungen des hiesigen griechischen Vertreters entnehme er, daß Griechenland lieber auf einen Teil der Inseln verzichten als Südalbanien räumen wolle, so daß noch die fernere Frage entstünde, wer die Griechen von den von ihnen besetzten Inseln vertreiben würde, falls sie erklären, in der südalbanischen Frage nicht nachzugeben. Er sei überzeugt, daß die Mehrheit der Mächte sich an einem gewaltsamen Vorgehen gegen Griechenland nicht würde beteiligen wollen, und er seinerseits könne nur dann einem Beschlüsse zustimmen, falls er in der Lage sei, namens des Kabinetts zu erklären, daß England bereit sei, die Ausführung desselben durchzusetzen bezw. sie anderen Mächten zu überlassen. Alsdann müßte aber die getroffene Entscheidung so vernünftig erscheinen, daß das Unrecht offenbar sich auf griechischer Seite befände, falls es ablehne, sich zu fügen. In der nächsten Sitzung dürfte der Minister seinen Standpunkt und den des Kabinetts festlegen. Bisher hat er sich hierüber jeder Äußerung enthalten und mir nur vertraulich gesagt, es sei kaum möglich, die 351 Italiener zu veranlassen, ihre mit solcher Bestimmtheit gekennzeichneten Auffassungen preiszugeben. Sollte ich in der nächsten Sitzung befragt werden, wie wir uns zu der Frage einer etwaigen Anwendung von Gewalt gegen Griechenland stellten, so werde ich wohl am besten ausweichend antworten, wir könnten uns auf diese Frage nicht festlegen, ohne zu den gefaßten Beschlüssen Stellung genommen zu haben, und würden es wohl äußerstenfalls unseren Bundesgenossen überlassen, allein oder selbständig vorzugehen. Ich glaube, daß die griechische Regierung eine kräftige Unterstützung ihrer Wünsche an der albanischen Küste kaum zu gewärtigen hat, da Rußland es wohl nicht mit Italien verderben will und Herr Cam- bon mit keinem Worte mehr das Kap Kephali erwähnt hat, sondern den Hauptnachdruck auf Koriza legt, also im Innern eine Entschädigung für Griechenland sucht. Sir Edward Grey wird vermutlich bestrebt sein, auf dieser Grundlage und in Verbindung mit der Inselfrage eine Vereinbarung zustande zu bringen, es aber nachher vielleicht Österreich und Italien überlassen, gemeinsam vorzugehen. Das Bestrebenitalien zu schonen, undes womöglich dem Dreiverband näherzubringen, tritt zweifellos hervor, und dürften auch wohl unsere bekannten griechischen Sympathien dabei kräftig ausgenutzt werden. Nachstehend der vereinbarte Bericht: „Auf den Vorschlag des österreichisch-ungarischen und des italienischen Botschafters betreffs der südlichen Abgrenzung Albaniens sagt Sir Edward Grey, daß er sich keiner Abmachung anschließen könne, ohne bereit zu sein, sich an Maßnahmen zu beteiligen, um sie zwangsweise durchzuführen, und ohne zu prüfen, ob sie Griechenland mit Gewalt auferlegt werden könne. Dies sei eine sehr ernsthafte Entscheidung und er müsse über diese Angelegenheit den Premierminister und seine Kollegen im Kabinett befragen. Er wünsche in der Lage zu sein, bestimmt erklären zu können, ob Großbritannien bei der Empfehlung an Griechenland, eine Abmachung der Mächte anzunehmen, wenn nötig, hinzufügen könne, daß Griechenland die Folgen einer Weigerung, diese Abmachung anzunehmen, ins Auge fassen müsse, oder ob im Gegenteil Großbritannien erklären müsse, daß es sich an der vorgeschlagenen Abmachung nicht beteiligen könne. Der französische Botschafter sagt, seine Anweisungen erlaubten ihm nicht, sich dem Vorschlag des österreichisch-ungarischen und des italienischen Gesandten anzuschließen, besonders was die Zuteilung von Koriza an Albanien betreffe. Er behält sich vor, seine Regierung zu *befragen. Der österreichisch-ungarische und der italienische Botschafter erklären es für unmöglich, ihren Vorschlag abzuändern." Lichnowsky. AN DEN STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW London, 12. 6. 1913 I ch versuchte gestern in der Botschafterversammlung den Standpunkt unserer Verbündeten zu unterstützen, indem ich, wie berichtet, gleich zu Anfang erklärte, daß ich den Zusammenhang zwischen der Insel- und der südalbanischen Frage, auf den Italien so großes Gewicht legt, anerkennen und den Wünschen unserer Verbündeten hinsichtlich Südalbaniens beipflichten wolle. Ich habe mich angesichts der Stellungnahme des Kaisers, die auch hier allgemein bekannt 23 Lichnowsky I 353 geworden ist, auf diese allgemein gehaltene Erklärung beschränkt, und um den Allerhöchsten Ansichten nicht sfchroff und offenkundig entgegentreten zu müssen, es unterlassen, mich an der weiteren Erörterung zu beteiligen und meine Zustimmung zu den Ausführungen meiner beiden Kollegen in das Protokoll aufzunehmen. Diese Haltung entspricht ja auch Ihren Weisungen, die in dem letzten maßgebenden Erlaß die heikle Frage umgehen und lediglich die Hoffnung aussprechen, zwischen Wien, Rom und Athen eine Einigung zu erzielen. Daß dieser fromme Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde, war Ihnen wohl auch damals klar, und ich glaubte zu verstehen, daß ich zwar die Wünsche unserer Verbündeten unterstützen, es aber vermeiden sollte, allzu offenkundig damit hervorzutreten bezw. die Führung zu übernehmen. Die von mir beobachtete Zurückhaltung entsprach also wohl Ihren Wünschen und denen des Herrn Reichskanzlers, hat aber natürlich meinen beiden Kollegen nicht ganz gefallen. Marquis Imperiali sagte mir gestern, daß er hier von allen Seiten auf die kaiserliche Sympathie für Griechenland angesprochen werde, während Sie Bollati*) erklärt haben sollen, wir teilten vollkommen die italienische Auffassung. Ich erwiderte, daß ich mich nur formell abwartend verhalten hätte, daß aber, falls nach meinem in der Sitzung gestellten Anträge die südalbanische Frage sofort zur Besprechung gelangt wäre, was, wie Sie wissen, an dem Widerspruch Greys scheiterte, ich die italienischen Wünsche bestimmt unterstützt hätte. Es handele sich also lediglich um eine gewisse Zurückhaltung in der Form; in der Sache würden wir unsere Bundesgenossen nicht im Stich lassen. Ich habe auch *) Italienischer Botschafter in Berlin. 354 Grey gesagt, daß wir uns an der Seite unserer Verbündeten befänden, daß ich diesen aber in der ganzen Angelegenheit den Vortritt überlassen müßte. Wie Sie aus meinem gestrigen Bericht ersehen, scheint Cambon seinen früheren Widerstand zu mildern und auch Rußland den Italienern entgegenzukommen, Ich bezweifele sehr, daß Grey, der sich vorläufig noch in Schweigen hüllt, allein Widerstand leisten wird, schon weil er fürchtet, daß sich alsdann die Italiener in Rhodos festsetzen könnten, was ihm äußerst imangenehm wäre- Es wird wohl darauf hinauskommen, daß der Dreiverband versuchen wird, Griechenland im Innern, also in erster Linie auf Kosten österreichischer Wünsche (Koriza), zu entschädigen. So ungefähr denke ich mir, daß die Sache laufen dürfte, und wir werden natürlich die Hereingefallenen sein, denn man wird den Italienern sagen, daß sie die Erfüllung ihrer Wünsche nicht uns, sondern der Entente zu verdanken haben, und den Österreichern bedeuten, daß die Nichterfüllung der ihrigen unserer lauen Unterstützung zuzuschreiben sei! — Auffallend ist es jedenfalls, daß Grey nicht schon früher das Kabinett befragt hat und erst den Lauf der gestrigen Sitzung, die die Stellungnahme der einzelnen Mächte kennzeichnete, abwarten wollte. Denn er muß sich doch schon längst darüber klar sein, wie weit er gehen will, und welche Linie er für so „reaso- nable“ hält, daß er unter Umständen dafür auch die englischen Streitkräfte einzusetzen bereit ist. Er brachte die Angelegenheit gestern zur Sprache, ohne aber auf ihre Erörterung eingehen zu wollen, und brach sie sofort ab mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit, sich über die Anwendung von Gewaltmaßregeln vorher im klaren zu sein, Bitte mich also bis Mittwoch mit Ihren Ansichten 23 * 355 vertraut zu machen und mir namentlich zu sagen, ob ich mich ganz für den österreichisch-italienischen Standpunkt einsetzen und mich auch gegebenenfalls mit der Anwendung von Gewaltmaßregeln gegen Griechenland einverstanden erklären soll. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 15. 6. 1913 S elbst wenn es gelänge, wegen Kutzowalachen, die man in Wien aus Rücksicht für Rumänien bei Albanien belassen will, hier Verständigung zu erlangen, so wird das kaum genügen, um die Griechen zu befriedigen, falls sie weder Kap-Kephali-Linie noch Ko- riza erhalten. Für erstere tritt aus Rücksicht für Italien schon nicht mehr Herr Cambon ein, um so mehr aber für Koriza, auf dessen Zugehörigkeit zu Albanien wiederum Österreich besteht. Der Dreiverband ist also jedenfalls in der Lage, Griechenland mehr zu bieten wie wir, falls wir es nicht mit Italien gründlich verderben wollen. Die neuerdings so stark hervortretende Interessengemeinschaft Griechenlands und Serbiens und der gemeinsame Gegensatz zu Bulgarien und Albanien, die beide von Österreich begünstigt werden, muß Griechenland unwillkürlich dem Dreiverband näherbringen, selbst wenn Herr Veniselos noch so feierliche Erklärungen abgibt. Für die unsicheren Aussichten griechischer Freundschaft kämen wir in einen Gegensatz zu unseren Verbündeten, ohne schließlich für Griechenland das zu erreichen, was der Dreiverband in Aussicht stellt. Ich werde also Mittwoch für den Standpunkt unserer Verbündeten imzweideutig eintreten, vorher 356 aber versuchen, über die Kutzowalachen mich mit Herrn Misu zu verständigen und gegebenenfalls beantragen, daß diese an Griechenland fallen sollen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 16. 6. 1913 atte soeben eingehende Unterredung mit Herrn 11 Misu*) über Kutzowalachen. Der Gesandte erklärte, bisher keinen Auftrag erhalten zu haben, mit mir über die Frage zu verhandeln, er wolle aber unsere Unterredung nach Bukarest telegraphieren und tun Weisungen bitten. Ich suchte Herrn Misu klarzumachen, daß es im Interesse Rumäniens liege, sich mit Griechenland zu verständigen, da eine Stärkung Griechenlands niemals Rumänien unbequem werden könne und willkommenes Gegengewicht gegen die Übermacht Bulgariens bilde. Die Kutzowalachen hätten für Rumänien keine realpolitische Bedeutung, Herr Veniselos verspräche außerdem die Wahrung der nationalen Rechte zu gewährleisten. Wir müßten Griechenland irgendwo ent- gegenkommen, daher sei es angezeigt, nicht auf Zugehörigkeit der Kutzowalachen zu Albanien zu bestehen. Herr Misu entgegnete, er verschließe sich keineswegs dieser Erwägung, seine Regierung sei aber aus innerpolitischen Rücksichten in schwieriger Lage. Gebe sie die Kutzowalachen preis, so würde sie sofort des Verrats an einer nationalen Sache geziehen werden. Außerdem liefe der Minister Gefahr, ermordet zu werden, wie Kutzowalachenanschlag auf Jo- nescu beweise. Die Erbitterung gegen die Griechen sei wegen fortgesetzter Helenisierung namentlich *) Rumänischer Gesandter in London. durch Klerus in enen Gegenden nicht zu unterschätzen, und niemand traue griechischen Versprechungen. Die Regierung scheine die heikle Frage auf ihn abwälzen zu wollen aus Angst vor der öffentlichen Meinung. Augenblicklich finden erneute Verhandlungen in Athen statt durch den neuen rumänischen Gesandten, von deren Verlauf jedenfalls die weiteren Entschließungen des Herrn Majorescu abhängig seien. Gesamteindruck: Herr Misu scheint nicht abgeneigt, für Überlassung an Griechenland einzutreten, fürchtet aber, daß die rumänische Regierung aus Angst vor der öffentlichen Meinung nicht werde zustimmen können. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 18 . 6. 1913 D as wichtigste Ereignis der heutigen Sitzung war die durch Sir E. Grey gleich bei Eröffnung gemachte Feststellung, daß alle Mächte sich dahin geeinigt hätten, daß die griechische Grenze an der Küste bei Kap Stylos anzufangen habe. Meinungsverschiedenheiten beständen nur noch hinsichtlich des Hinterlandes. Hierüber wolle er vorläufig mit bestimmten Vorschlägen nicht hervortreten, sondern lieber in den nächsten Tagen mit jedem von uns gesondert verhandeln, um zu einer Einigung zu gelangen. Alsdann entfernte er sich wegen der Marconiangelegenheit im Unterhause und überließ Sir A. Nicolson den Vorsitz. Nunmehr wurde noch über serbische Fragen verhandelt, worüber ich schriftlich berichte. Nächste Sitzung voraussichtlich Montag. Lichnowsky. 358 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 20. 6. 1913 S ir E. Grey sagte mir soeben, er sei nach längerer Überlegung zur Einsicht gelangt, daß die beste Lösung für griechisch-albanische Schwierigkeiten in der Einsetzung einer internationalen Abordnung liege, welche an Ort und Stelle Erhebungen pflegen und Rassenverhältnisse feststellen sollte. Hierdurch könne innerhalb strittiger Zone, die von beiderseitig geforderter Grenzlinie eingeschlossen werde, die gerechte Mittellinie gefunden werden. Denselben Vorschlag, zu dem anscheinend bereits Frankreich und Rußland Zustimmung erteilt haben, wolle er noch heute beiden Dreibundskollegen mitteilen und ihn erst vor die Botschafterversammlung bringen, wenn die Annahme einigermaßen sichergestellt ist. Ich entgegnete, daß wir griechische Empfindlichkeiten möglichst schonen wollten und daher gewiß bereit sein würden, seinem Gedanken beizupflichten, falls Österreich und Italien dasselbe täten. Nach meinem bisherigen Eindruck aber müßte ich befürchten, daß namentlich in Wien starke Abneigung dagegen bestehe und es wohl kaum gelingen werde, die Österreicher zum abermaligen Nachgeben zu überreden. In Wien bestehe man auf der bedingungslosen Zugehörigkeit von Koriza zu Albanien, und würde dort abermaliges Zurückweichen als Demütigung für die Monarchie empfunden werden. Ich sähe daher Möglichkeit der Einigung nur auf Grundlage der Überlassung der Kutzowalachen an Griechenland und hoffe, daß hierüber schließlich noch Einigung mit Rumänien zu erzielen sein werde, da dieser Staat besondere Interessen an guten Beziehungen zu Griechenland habe. Vorläufig sei dies aber noch nicht gelungen, und da man auch in Wien sich verpflichtet fühle, für Rumäniens Wünsche einzutreten, sei ich nicht in der 359 Lage, mit derartigem Vorschläge amtlich hervorzutreten, und müsse mich auf vertrauliche Anregung beschränken. Falls er, Sir E. Grey, aber in diesem Sinne Verständigung anbahnen wolle, hielt ich den Plan nicht für ganz aussichtslos im Zusammenhang mit den Inseln. Der Minister entgegnete, daß er nicht glaube, daß auf obiger Grundlage Einigung zu erzielen sei, schon weil sich Griechenland nicht damit zufrieden geben werde. Es entstände dann wieder die Frage, wer die Griechen aus den besetzten Landesteilen vertreiben solle. Erwähnen möchte ich noch, daß der Minister abermals das Kap Stylos als Ausgangspunkt der Grenze erwähnte und auch die Zugehörigkeit von Argyro- kastron zu Griechenland voraussetzte, so daß Albanien nur ein schmaler Küstenstreifen im Süden verbliebe. Zum Schluß sagte er noch, daß, falls der Krieg zwischen den Balkanstaaten, wie es den Anschein habe, ausbräche, sich alles wieder verschieben könne. Denn Bulgarien würde möglicherweise von Griechenland den Verzicht auf südalbanische Gebietsteile verlangen. Aus seinen Äußerungen ging jedenfalls hervor, daß Sir E. Grey mit der Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen Bulgarien einerseits und Serbien und Griechenland andererseits und mit dem Siege des ersteren rechnet. In diesem Falle würden wir also durch eine hellenophile Politik nicht nur mit dem mächtigsten und zukunftsreichsten Balkanstaate in einen Gegensatz kommen, sondern auch unseren Verbündeten entgegenarbeiten müssen, die aus naheliegenden Gründen eine ausgesprochen bulgarenfreundliche Politik treiben. Lichnowsky. Ende des ersten Bandes. 360 »fl mim mm mm Hi#i&kp&G!piä£S& •;< ith .^tiüP. 80 &S$& ggaggtaaga* |^p5pg p 3£?.- i^SStÄ; m§ 0 m ^Y'^'T 5 &5jä* &£ÖS &V23 5 * 368-8 Ks*ä i^tatgea; Ü&Bß «M äsmä! £2H235iKKi vsassts&sn iKHKKKrSS föiiims sjetr Sä •K«KS! BSSSHKS: S3EHHSE aiftta« S2SS& 3SFJ225 :«ianwBW3ui.: aaiÄ wswsÄr; ;Tuvmnnrct>nnru»nnn^ msrus :^Hr2Sk?3mnS^2^^HH^A*KSHs«w$g r&oui WT*2« iTÄwn«;waw«Äfsj4n l|öi§|§K|ggp \ScjSj55SttCqOttg Ir&sS#; :5HH3 gKHKKH2$H3fö£j Lsctttr»; p*KH552 W1SU1 uwtr. r^rusi mnnr ÜttUWl ;^iSSis [jjw;*. r «sfetStiiÄ 55S! rnTsTWirami TZZSSVj issgssBbs^Skjci; BCTCUi raoa ts •»HS üuc: ?l3 ;räüÖ5JV "• a äääa fe-SHSJ eiSi ajSwoS iSSSsS apsrsgiSH; SKMtRT gsggg£»j öc3T 2SH3S rs-isa wj5^^y>^yrog 5 g gS S 9S 8 W SiHBSs p er^V-i fenrs^; SKÖ£ :^i ’~Ät ts^-si; 5§S5 •i’-.-cS ^Itllllllri xsmnh [iH&uliilcii&ä: ÄKhitliitiUiit:*!! &£&£ iäSfctöii r'. : ' g&fswvT*^?. %wk&smm mm 'AC.jj^k'" Mtäß&w >^tfm 1PS ■•ss&äi?- ?s,s: s^a f® " ;^§ä'Ä ?>mfc «larö ' -vfe^ «.•ä?£s s-*2.f?’j ^VvVls'*'': ijt . J .*_ &£&d liSi MMPi ‘iiä'ä ■'-4 i-.-.^'-.zi. 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Zunächst brachte Herr Cambon den bekannten Wunsch der serbischen Regierung zur Sprache, eine schriftliche Wiederholung des bereits erteilten Versprechens hinsichtlich des Bahnbaus und des Adriahafens zu erhalten, worauf Graf Mensdorff unter Zustimmung des Grafen Benckendorff erklärte, eine Einigung über die strittige Auslegung des vereinbarten Wortlauts, namentlich über die Frage der Zufuhr von Kriegsmaterial in Kriegszeiten, sei im Gange und werde von den beiderseitigen Vertrauensmännern ausgearbeitet. Es möge daher noch etwas gewartet werden, bis man in der Lage sei, der Versammlung einen bestimmten Vorschlag zu unterbreiten. Dieser Anregung wurde zugestimmt. Herr Cambon wiederholte hierbei seine bekannte Auffassung, derzufolge das den Serben gegebene Wort unter allen Umständen eingelöst werden müsse unabhängig von der zwischen den Mächten zu erzielenden Einigung über die Tragweite einzelner Bestimmungen. Diese Gelegenheit benützte mein österreichischungarischer Kollege, tun im Aufträge seiner Regie- 5 rung und von mir und Marquis Imperiali unterstützt darauf hinzuweisen, daß sie auf die Beibehaltung der ursprünglichen Fassung hinsichtlich des Schutzes der auf den an Serbien und Montenegro abzutretenden Gebieten wohnhaften Muselmanen, Katholiken und Albanesen bestehe. Er müsse daher die auf Wunsch der serbischen Regierung mit Unterstützung Rußlands abgeänderte Fassung: „pour assurer la liberte du culte" beanstanden. Einmal getroffene Vereinbarungen sollten auch in diesem Falle aufrechterhalten werden und könnten nicht, lediglich weil sie Serbien und Herrn von Hartwig unbequem seien, beliebigen Umwandlungen unterworfen werden. Demgegenüber machte Graf Benckendorff geltend, daß der Wortlaut vom 22. März mit Recht in Belgrad Anstoß errege, weil dadurch nach dem Vorbild türkischer Verhältnisse Voraussetzungen entstehen könnten für die Einmischung fremder Staaten in die inneren Verhältnisse Serbiens. Nach längerer Erörterung wurde auf Vorschlag Sir Arthur Nicolsons ein Wortlaut vereinbart, der in Petersburg und Wien zur Begutachtung vorgelegt werden, den beiderseitigen Wünschen möglichst Rechnung tragen und allen Zweideutigkeiten Vorbeugen soll. Nachstehend die vorgeschlagene Fassung: „Die sechs Mächte könnten es für unerläßlich erklären, daß die serbische und die montenegrinische Regierung dringend Maßnahmen ergreifen, um in den an Serbien und Montenegro abgetretenen Gebieten allen Bevölkerungsteilen ohne Unterschied der Religion die Freiheit und den wirksamen Schutz ihrer Religionsausübung und Lehrtätigkeit zu sichern." Ob diese Auslegung in Wien genügen wird, ist ungewiß, da sie, worauf es Serbien ja hauptsächlich ankommt, jede Handhabe für Österreich-Ungarn ausschließt, sich der Interessen der albanischen Katholiken in Serbien anzunehmen oder gar eine Art von Schutzverhältnis über dieselben anzustreben. Schließlich brachte Graf Mensdorff auch noch zur Sprache, daß Serbien bei der vertragsmäßigen Räumung albanischen Gebietes sich bedauerlicher Saumseligkeit schuldig mache. Die Versammlung nahm seine Darlegung zur Kenntnis, wobei Herr Cambon seine bekannte Ansicht wiederholte, daß die schleunige Einsetzung einer provisorischen albanischen Regierung allein die völlige Zurückziehung fremder Truppen ermöglichen könne. Sonst laufe das Land Gefahr, der Willkür zu verfallen, und man dürfe nicht warten, bis die Mächte sich über die endgültige Ausgestaltung des albanischen Staatswesens geeinigt hätten. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 23. 6. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde die südalbanische Grenzfrage nicht mehr berührt, da, wie Sir E. Grey uns nachher vertraulich sagte, eine Einigung vorläufig ausgeschlossen sei und er daher abwarten wolle, ob durch Erneuerung kriegerischer Verwickelungen auf dem Balkan nicht eine veränderte Lage entstände, die eine Lösung ermögliche. Sonst müsse er, wie er halb scherzend zu Marquis Imperiali bemerkte, es den Italienern überlassen, die Griechen aus Südalbanien zu vertreiben. In der Sitzung selbst wurden serbische Fragen verhandelt, worüber ich schriftlich berichte. Nächste Sitzung Dienstag, den 1. Juli. Lichnowsky. 7 AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 23. 6. 1913 B ei der heutigen Sitzung wiederholte Sir Edward Grey die Aufforderung, ehestens die den Serben in Aussicht gestellte schriftliche Erklärung über die Eisenbahn und den Hafen am Adriatischen Meere in Belgrad abzugeben, da dies gewissermaßen eine Ehrenschuld für alle Mächte bilde. Graf Benckendorff und Graf Mensdorff waren jedoch noch nicht in der Lage, eine Vereinbarung über die strittigen Punkte vorzubringen, weshalb die Angelegenheit abermals verschoben wurde. Hierauf gelangte die bereits in voriger Sitzung besprochene Frage der in Belgrad und mit Cetinje nach dem Wortlaute der Vereinbarung vom 22. März abzugebenden Erklärung über den Schutz der nationalen und kirchlichen Minderheiten in den neu erworbenen Gebieten wieder zur Besprechung. Da das Wiener Kabinett sich mit der in der letzten Sizung vereinbarten erweiterten Formel nicht einverstanden erklärte und auf der Wiederholung des unveränderten, ursprünglichen Wortlautes besteht, wurde ein Ausweg in dem Sinne verabredet, daß zwar der ursprüngliche Wortlaut aufrechtzuerhalten sei, zugleich mit dessen Übermittelung aber gewissermaßen als Erläuterung, um Mißverständnissen vorzubeugen, eine weitere Erklärung beizugeben sei. Nachstehend der gefaßte Beschluß: „Bei der Überreichung der von der Versammlung am 22, März vorgeschlagenen Erklärung an die serbische und montenegrinische Regierung meint die Versammlung, daß diese Erklärung in dem Sinne ausgelegt werden muß, daß in den von Serbien und Montenegro infolge des Krieges erworbenen Gebieten die von den Regierungen von Belgrad und Cetinje zu treffenden Maßnahmen den Zweck haben sollen, die Freiheit der Religionsausübung und der Lehrtätigkeit, den Schutz der Kirchen, Klöster, Moscheen, Schulen und religiösen Einrichtungen jeder Art, sowie die Eigentumsrechte gegen aus dem Krieg entstehende und ihrer Natur nach sie verletzende Handlungen zu garantieren." Graf Mensdorff erklärte, sich hierüber nicht aussprechen zu können, und wollte an seine Regierung berichten, während Graf Benckendorff wie Sir Edward Grey und die übrigen Kollegen sich für diese Lösung aussprachen. Auch ich hatte diesen Ausweg befürwortet als geeignetes Mittel, um allen Bedenken gerecht zu werden. Sodann brachte Graf Mensdorff die Beschwerde seiner Regierung über die Besetzung des Ljuma- gebietes durch serbische Truppen und die von ihnen vorgenommenen Übergriffe zur Sprache. Es wurde beschlossen, gleichzeitig mit der bevorstehenden Kundgebung über die Eisenbahn in Belgrad Vorstellungen im Sinne der österreichischen Anregung zu erheben. T . . , Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 27. 6. 1913 B ei der heutigen Unterredung berührte Sir Edward Grey auch die albanische Frage und unsere Botschaftervereinigung. Graf Berchtold habe den Wunsch ausgesprochen, daß wir noch vor den Sommerferien die endgültige Verfassung Albaniens festsetzen sollten. Dies sei, so meinte Sir Edward, vollkommen unmöglich. Denn länger als Ende Juni werde er auf keinen Fall hier bleiben. Er sei infolge eines sehr anstrengenden Winters erholungsbedürftig und wolle 9 Äfii üfÜi i« Wfti* iiffiiip • ■'Az.'*- mm a ®®iif m WM daher, wenn irgend möglich, noch vor Schluß des Parlamentes, das bis Mitte August tagen werde, aufs Land übersiedeln. Die endgültige Festsetzung der albanischen Verfassung werde aber lange Zeit in Anspruch nehmen, und er halte es auch für wenig praktisch, schon jetzt mit der Ernennung eines Fürsten und der Einsetzung einer regelrechten Verwaltung vorzugehen, die bei den zum Teil unbotmäßigen Völkerschaften auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen würde. Die Erfahrungen der provisorischen Regierung würden der späteren, die man keineswegs, wie Graf Berchtold anzunehmen schiene, ins Reich der frommen Wünsche verweisen wolle, dann zugute kommen. Außerdem habe man sich ja über die Berufung einer Gendarmerie aus einem neutralen Staate geeinigt, was den österreichischen Wünschen entspreche. Ich möchte anheimgeben, in Wien in dem Sinne zu wirken, daß man sich dort damit begnüge, daß zunächst eine Verständigung über die grundsätzliche Berufung eines Fürsten erzielt werde, aber aus praktischen Erwägungen darin einwillige, daß neben der sofortigen Berufung einer ausländischen Gendarmerie eine provisorische vorbereitende Regierung etwa im Sinne der letzten Vorschläge des Herrn Cambon gebildet werde. Es wäre dies insofern ein Zugeständnis, als Frankreich bisher die Berufung eines Fürsten überhaupt nicht bestimmt in Aussicht stellen wollte. In der Anlage erlaube ich mir eine Abschrift eines von Sir Edward Grey mir übergebenen Telegrammes an den britischen Vertreter nach Wien beizufügen. Dasselbe enthält auch einen Hinweis auf den Streit um die südalbanische Grenze. Sir Edward Grey schlägt vor, daß Graf Berchtold angeben soll, unter welchen Bedingungen er in die Bildung einer Kom- 10 mission willigen würde, die an Ort und Stelle über die Abgrenzung Vorschläge zu machen hätte. Ich verfehlte nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß Graf Berchtold sich jedenfalls nur unter Voraussetzungen darauf einlassen würde, die es der Gegenpartei erschweren würden, alsdann zuzustimmen. Der Minister schien jedoch alle Hoffnungen nicht ganz aufgegeben zu haben, was darauf schließen läßt, daß Frankreich unter Umständen den österreichischen Wünschen gegenüber nachgiebiger sein könnte, als es bisher den Anschein hatte. Mit einem bestimmten Abgrenzungsvorschlage will er danach nicht hervortreten, sagte auch nicht, wie weit Frankreich gehen wolle, sondern nur, daß viel von Koriza und Argyro- castron gesprochen worden sei, und daß es für ihn schwer wäre, sich von hier aus ein gerechtes Urteil über die dortigen Verhältnisse zu bilden. Schließlich erwähnte der Minister noch die Schwierigkeiten, die für die Pariser Finanzberatung entstehen könnten, falls der Krieg zwischen den Verbündeten ausbräche. Es sei nicht gut angängig, daß die Verbündeten sich daran beteiligten, während sie miteinander Krieg führten. Es bliebe dann nur übrig, daß die Mächte ohne die Verbündeten mit der Türkei zusammen die Beratungen fortsetzten. T . , , & Lxchnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 1. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung waren mein russischer und österreichisch-ungarischer Kollege in der Lage, uns die früher in Aussicht gestellte Vereinbarung über die Auslegung einiger fraglicher Punkte betreffend die künftige serbische Bahn nach der Adria zu unter- 11 breiten. Es erhob sich demgemäß kein Widerspruch von irgendeiner Seite. Es wurde beschlossen, die Vereinbarung vom 27. Dezember v. Js. mitsamt der nunmehr zustandegekommenen Auslegung durch Sir Edward Grey namens der Mächte dem hiesigen serbischen Geschäftsträger zu übergeben. Nachstehend der beschlossene Wortlaut: „Bezüglich der Erklärung betreffs der internationalen Eisenbahn und des neutralen Adriahafens, die die Mächte der serbischen Regierung offiziell zu machen sich verpflichtet haben, beschließt die Versammlung, daß Sir Edward Grey beauftragt werden soll, im Namen der sechs Mächte dem serbischen Geschäftsträger die in der Botschafterversammlung vom 17, Dezember 1912 gefaßte Entschließung zu bestätigen. Sie lautet folgendermaßen: Ein Zugang für seinen Handel wird Serbien mittels eines freien und neutralen albanischen Hafens reserviert, der von einer internationalen Eisenbahn unter europäischer Kontrolle und unter dem Schutz einer besonderen internationalen Truppenmacht bedient wird, mit Beförderungsfreiheit für alle Waren einschließlich Kriegsmaterial. Sir Edward Grey wird eine diese Erklärung erläuternde Denkschrift mitüberreichen. Die Denkschrift lautet folgendermaßen: 1. Besondere Neutralisierung des Hafens. Wenn die Neutralität des zukünftigen Albanien die Errichtung von Befestigungen für die Verteidigung des Landes zuläßt, sollte der von der internationalen Bahn bediente Handelshafen einer besonderen Regelung unterworfen werden, die die Verpflichtung auferlegt, diesen Ort nicht zu befestigen. 2. Internationale Eisenbahn und Beförderungsfreiheit. 12 Die sechs Großmächte sowie Serbien und Albanien werden sich mit ihrem Kapital an der Schaffung einer internationalen Gesellschaft für den Bau und Betrieb der fraglichen, von der albanischen Regierung zugestandenen Eisenbahn beteiligen; sie werden das Mitbestimmungsrecht über das Unternehmen nach Maßgabe dieser Beteiligung genießen. Die freie Benutzung dieser Eisenbahn sowie des Hafens wird von den Signatar-Großmächten allen Staaten in der gleichen Weise, unter den gleichen Bedingungen und jederzeit garantiert. 3. Kontrolle und Schutz der Eisenbahn. Die internationale Kontrolle wird von einer aus Vertretern der sechs Großmächte, Serbiens und Albaniens zusammengesetzten Kommission ausgeübt in der Art, wie die in Artikel 8 des Suez-Abkommens von 1888 vorgesehene Kontrolle, doch mit den durch die Verschiedenheit der Lage bedingten Abweichungen. Der Schutz der Eisenbahn wird der Gendarmerie, der Miliz oder jeder anderen öffentlichen albanischen Gewalt unter europäischer Kontrolle (sechs Großmächte) anvertraut werden. 4. Beförderung von Kriegsmaterial. Die Freiheit der Beförderung von Kriegsmaterialien begegnet im Prinzip keinen Einwendungen; das Durchsuchungs- und Prisenrecht wird kriegführenden Staaten mit Bezug auf alle Handelsschiffe vor ihrem Einlaufen in den von der internationalen Eisenbahn bedienten Hafen zuerkannt. Zugleich wird Sir Edward Grey den serbischen Geschäftsträger an die Mitteilung erinnern, die ihm am 29. März wiederholt worden ist, in der auf der Notwendigkeit bestanden wurde, ohne Verzug zur Räumung der Albanien zugeteilten Gebiete zu schreiten. 13 Eine gleichlautende Mitteilung wird der montenegrinischen Regierung gemacht werden, Sir Edward Grey schlägt vor, daß bei der Überreichung dieser Mitteilung die Vertreter der Mächte in Cetinje bemerken sollen, daß die für die Regelung der Bewässerungsfrage und für eine finanzielle Unterstützung versprochene Beihilfe von der Räumung der Albanien zugeteilten Gebiete abhängig ist,“ Auf Wunsch des Grafen Mensdorff und gemäß den in früheren Sitzungen gegebenen Zusicherungen soll die eingangs gedachte Eröffnung von der Aufforderung begleitet werden, das dem albanischen Staate zuerkannte Gebiet umgehend von serbischen und montenegrinischen Truppen zu räumen. Da hier kein montenegrinischer Vertreter beglaubigt ist, wurde beschlossen, die an die montenegrinische Regierung zu richtende Mitteilung durch die dortigen Vertreter der Mächte erfolgen zu lassen. Auf Anregung Sir Edward Greys sollen die beiden erwähnten, Montenegro bereits in Aussicht gestellten Vergütungen mit obiger Erklärung in Zusammenhang gebracht werden. Ich versuchte, entsprechend der erhaltenen Weisung anzuregen, ob nicht die in Aussicht gestellte Anleihe für die Zwecke der Regelung der Bojana und des Skutarisees Verwendung finden könnte, begegnete aber der einmütigen Auffassung, daß beide Angelegenheiten nicht vareinigt werden könnten, da sie bei verschiedenen Gelegenheiten und ganz gesondert dem König Nikolaus versprochen wurden. Nunmehr gelangte die in Belgrad und Cetinje über die albanischen Minderheiten abzugebende Erklärung zur Sprache. Da der österreichischen Regierung unsere in voriger Sitzung vereinbarte Erklärung nicht 14 zusagt, wurden die Euer Exzellenz bekannten neuen Vorschläge vom Grafen Mensdorff unterbreitet. Namentlich der unter 4 stehende Satz: „Das rechtliche Bestehen der albanischen Nationalität wird von Serbien und Montenegro ausdrücklich anerkannt," erregte bei Herrn Cambon und Graf Benckendorff Bedenken, da er den Anspruch auf Autonomie zu begründen schien. Sowohl Marquis Imperiali wie ich unterstützten die österreichischen Anregungen, während Graf Benckendorff erklärte, sich vorläufig nicht darüber äußern zu können. Nachstehend der hierüber vereinbarte Wortlaut: „Graf Mensdorff sagt, daß seine Regierung die Entschließung vom 23. Juni unvollständig finde, und legt einen detaillierten Plan vor, der, wie er sagt, gegenwärtig Gegenstand einer Erörterung zwischen Wien und Petersburg ist. Die Versammlung hält es für angebracht, das Ergebnis dieser Erörterung abzuwarten. Sir Edward Grey bemerkt, wenn eine Einigung über die detaillierte Auslegung der Entschließung vom 23. Juni erzielt wird, soll sie die Form einer Beifügung zu dieser Entschließung annehmen." Schließlich übergab uns Sir Edward Grey den anliegenden Bericht des Vizeadmirals Burney über die bisherige Verwaltung von Skutari. Auch brachte Graf Mensdorff die staatsrechtlichen Verhältnisse des Berges Athos noch zur Sprache, worauf allseitig darauf hingewiesen wurde, daß die von uns in einer früheren Sitzung beschlossene Autonomie unter dem Schutze der Mächte angenommen worden sei und daher zu Recht bestehe. Nächste Sitzung Montag. Sir Edward Grey wiederholte mir heute, daß er keinesfalls nach Ende dieses Monats noch Sitzungen abhalten werde. Alle später auftauchenden Fragen könnten auf dem sonst üblichen Wege der Verständigung zwischen den Kabinetten erledigt werden. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 3. 7. 1913 B ei unserer heutigen Unterhaltung kam Sir E. Grey auch auf die albanische Frage zu sprechen und bedauerte, daß sie so wenig Fortschritte machte. Nicht einmal über die Berufung der beschlossenen ausländischen und einem neutralen Staate zu entnehmenden Gendarmerie schiene sich Graf Berchtold schlüssig werden zu können, Mein österreichisch-ungarischer und russischer Kollege hätten zwar Vorschläge für die künftige Verfassung Albaniens unterbreitet, und es sei darin die Rede davon, daß die Commission de contröle Vorschläge ausarbeiten solle. Über die Notwendigkeit sofortiger und provisorischer Übernahme der Verwaltung durch dieselbe verlaute aber nichts. Was die südliche Abgrenzung betreffe, so seien nunmehr Vorschläge des Grafen Berchtold eingegangen, die sich auf der Grundlage Phtelia—Koriza bewegten. Sollte hierauf eingegangen werden, so müßte man im Punkt Kutzowalachen entgegenkommen. Ich erwiderte, daß dies durchaus den Auffassungen Euerer Exzellenz entspreche, daß bisher aber auf seiten Rumäniens wenig Geneigtheit bestände nachzugeben, und daß Herr Majorescu den Schwerpunkt der Verhandlungen hierher verlegen wolle. Ich legte ihm nahe, mit Herrn Misu zu sprechen, und hatte den Eindruck, daß der Minister es nicht für ausgeschlossen halte, daß schließ- doch eine Einigung auf dieser Grundlage erzielt werden könne. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 7. 7. 1913 B ezeichneten Inhalt*) vertraulich mit Sir E. Grey besprochen, der Auffassung teilt. Konnte Angelegenheit auf heutiger Vereinigung aber nicht vertreten, da Graf Mensdorff noch ohne Weisungen. Sir E. Grey hat österreichisch-italienischen Entwurf, der ihm von meinen betreffenden Kollegen übermittelt wurde, mit Gegenvorschlägen beantwortet, die Einsetzung Commission de contröle als provisorische Regierung unter Festsetzung eines Datums für Fürstenwahl enthalten. Sobald Antwort eingeht, werden gemeinsame Grundsätze Botschafterversammlung vorgelegt, vielleicht schon nächsten Donnerstag. Neue österreichische Anregung, durch österreichischen und italienischen Bevollmächtigten an Ort und Stelle zukünftige Verfassung Albaniens ausarbeiten zu lassen, wurde von Sir E. Grey zurückgewiesen unter Hinweis auf ungünstigen Eindruck, der dadurch bei anderen Mächten hervorgerufen würde. Er wünscht, daß provisorische Regierung hiermit befasse. Wiener Kabinett scheint noch immer sich der allgemein gewünschten Einsetzung einer provisorischen Regierung, verkörpert durch die Commission de contröle bis zur Ernennung des Fürsten und Bildung endgültiger Organisation zu widersetzen, da es darin nur einen Versuch wittert, dauernde Zustände überhaupt zu hintertreiben. Herr Cambon erklärte mir heute, seiner Regierung läge jede solche Absicht fern. Lediglich aus praktischen Gründen halte sie es aber für nötig, vorläufige Regierungsgewalt möglichst umgehend einzusetzen. Betreffend Koriza wies Sir E. Grey darauf hin, daß Griechenland viel daran gelegen sei, Verbindung ) Dieser erwähnte Inhalt betrifft unwesentliche Wünsche Österreichs bezügl. der Südgrenze Albaniens. 2 Lichnowtky II 17 mit Serbien zu erhalten, das auch durch Griechenland an das Ägäische Meer zu gelangen wünsche. Dies könne aber vielleicht auch über Saloniki erreicht werden, etwa nach der Art der ehedem von Österreich gewünschten Handelsverbindung. Auf meine Bemerkung, daß Ereignisse auf dem Balkan neue Lösungen der bestehenden Schwierigkeiten bringen könnten, entgegnete der Minister, daß dadurch vielleicht manche erleichtert werden würden, eine Auffassung, der ich auch bei mehreren meiner Kollegen begegnet bin. Hierbei betonte Sir E. Grey, wie er es auch in der Sitzung getan, daß der Streit der ehemaligen Verbündeten nichts an den gefaßten Beschlüssen der Mächte ändern könne. Was Koriza betreffe, so könne das an Albanien gehen, falls dafür die Inseln mit Ausnahme von Imbros undTenedos, die die Türkei behalten solle, und von Thasos, das Bulgarien bekäme, an Griechenland fielen. Samothrake erwähnte er nicht. Dabei könnten noch einige der kleineren, deren Bevölkerung im wesentlichen mohammedanisch sei, vielleicht bei der Türkei bleiben. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 11. 7. 1913 S ir E. Grey wird voraussichtlich nächsten Dienstag auf Botschafterversammlung Einsetzung provisorischer albanischer Regierung mit befristeter Fürstenwahl und Abgrenzung Südalbaniens auf bekannter Grundlage zur Sprache bringen, da durch weitere Verschleppung der Angelegenheit Erledigung derselben vor Ende des Monats immer zweifelhafter erscheint. Es wäre dringend erwünscht, in Wien darauf hinzuwirken, daß Graf Mensdorff bis dahin in die Lage gesetzt wird, sich über den Standpunkt seiner Regierung auszusprechen, auch Marquis Imperiali hat noch keine endgültigen Weisungen erhalten und wagt ohne ausdrückliche Anordnung sich nicht an Besprechung zu beteiligen. Haltung österreichischer Regierung, die immer wieder neue Schwierigkeiten macht und zu keinerlei Entschlüssen gelangen kann, macht peinlichen Eindruck. Sir E. Grey glaubt, daß infolge bulgarischer Niederlagen und nach St. Petersburg gerichteter Bitte um Übernahme des S c h i e d s r i c h t e r a m t s in Wien hochgradige Nervosität herrscht. Sasonow werde Vernichtung Bulgariens nicht zulassen, begegne sich aber mit Rumänien und übrigen Balkanstaaten in dem Wunsch, Gleichgewicht möglichst herzustellen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 15. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung sprach zunächst Sir E. Grey die Hoffnung aus, daß vor Ende dieses Monats, also vor Schluß der Sitzungen, es möglich sein werde, sowohl über die Organisation von Albanien als auch über die Abgrenzung Beschlüsse zu fassen, da hierdurch nicht unwesentlich zur Befestigung der Zustände auf der Balkanhalbinsel angesichts neuer Ereignisse beigetragen würde. Es gelangten sodann die österreichisch-italienischen Vorschläge über albanische Verfassungsfragen zur Besprechung, die von meinen beiden Kollegen unter Mitwirkung Sir E. Greys entworfen waren. Bericht folgt. Nächste Sitzung Montag. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 15. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde, wie gemeldet, der von meinem österreich-ungarischen und italieni- ndschen Kollegen im Einverständnisse mit ihren Regierungen und teilweiser Mitwirkung Sir Edward Greys verfaßte Entwurf einer Regelung der wichtigsten, die künftige Verfassung Albaniens betreffenden Fragen unterbreitet und eingehend besprochen. In der Anlage beehre ich mich, den Entwurf abschriftlich beizufügen. Die ersten vier Absätze wurden widerspruchslos angenommen. Zu Absatz 5 bemerkte Graf Benckendorff, von Herrn Cambon unterstützt, daß er eine Bestimmung vermisse, die den Fortbestand der europäischen Aufsicht gewährleiste. Für ihre Regierungen sei gerade die internationale Kontrolle, die verhindern solle, daß Albanien unter den ausschließlichen Einfluß eines oder des andern fremden Staates gelange, eine Voraussetzung gewesen für die Zustimmung zum Verzicht auf die Oberhoheit des Sultans. Auch sei sie von Anfang an vorgesehen gewesen, und ihre Regierungen würden keinem Entwürfe ihre Zustimmung erteilen, der nicht hinsichtlich des Fortbestandes der Oberaufsicht aller Mächte bindende Zusicherungen enthalte. Am weitesten ging Herr Cambon, der erklärte, man habe der Einsetzung eines Fürsten nur unter der Voraussetzung zugestimmt, daß die Gesamtheit der Mächte gewissermaßen die Oberhoheit des Landes bilden werde. An Stelle des Sultans treten nunmehr die Mächte. Er stellt sich die Commission de contröle als die eigentliche Regierung des Landes vor, der die Oberleitung und das Aufsichtsrecht sowohl über die Finanzen wie über die Verwaltung zusteht, und die gegenüber dem Fürsten last die Rechte eines Vormundes zu beanspruchen hätte, so daß dessen Stellung zu der einer dekorativen Spitze herabsinken muß. Bei beiden Kollegen war die Besorgnis unverkennbar, daß Albanien in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Österreich geraten würde, falls nicht der Einfluß aller Mächte in wirksamer Weise gewährleistet werde. Liefe die Tätigkeit der Kommission nach fünf Jahren ab ohne Zusicherung ihres weiteren Forbestandes, so sei das ganze Einspruchsrecht in Frage gestellt. Graf Mensdorff gab zu verstehen, daß seine Regierung sich auf eine internationale Kontrolle ad in- finitum nicht einlasse, und daß an dieser Frage unter Umständen das ganze Projekt scheitern könne. Ich betonte, daß ich beauftragt sei, die Vorschläge der beiden verbündeten Kollegen zu unterstützen, und daß ich mich nicht mit dem Gedanken befreunden könne, die tatsächliche Ausübung der Regierungsgewalt sogar nach Einsetzung des Fürsten und für ewige Zeiten einem internationalen Ausschüsse anvertraut zu sehen. Dies widerspreche dem Gedanken der Berufung eines Monarchen, der doch selbst befugt sein müsse, seine Regierung zu bilden. Auch sei meines Wissens in keinem anderen Lande der Balkanhalbinsel, auch nicht in dem ursprünglich kaum größeren und wohlhabenderen Griechenland eine ähnliche, die Regierungsgewalt des Herrschers einschränkende Behörde vorgesehen gewesen. Zwischen Schutzmächten und Mächten, die eine so weitgehende Beeinflussung der Regierung eines fremden Staates vornähmen, sei ein gewaltiger Unterschied. Ohne mich auf die grundlegende Frage einlasen zu wollen, ob der Anspruch einer zeitlich unbegrenzten Oberaufsicht zulässig sei, hob ich hervor, daß diese sich auf das Recht der Konsuln oder diplomatischen Vertreter, 21 nötigenfalls in die Angelegenheiten des Landes Einsicht zu nehmen, beschränken könne. Es käme also vor allem darauf an, sich darüber zu verständigen, was unter der Kontrolle der Mächte gemeint sei. Über diesen Punkt wird es aber, glaube ich, sehr schwer sein, eine Verständigung zu erreichen, da Österreich überhaupt keine Kontrolle will, die länger als fünf Jahre dauert, und Frankreich und Rußland die gesamten Angelegenheiten des Landes, namentlich aber die auswärtige Politik, unter ihre Aufsicht bringen wollen. Hierzu wurde nachstehender Bericht vereinbart: „Graf Benckendorff bemerkt, daß man nach der Entschließung vom 20. Dezember übereingekommen war, daß die albanische Unabhängigkeit ausschließlich von den sechs Mächten garantiert und kontrolliert werden und daß diese Kontrolle nicht ihr Ende nehmen sollte, wenn nach Verlauf von fünf Jahren die Befugnisse der Kontrollkommission nicht erneuert werden. Auf diese Bemerkung von Graf Benckendorff hin sagt Marquis Imperiali als seine persönliche Meinung, daß man vielleicht, statt bei der Fortdauer der Kontrolle zu verbleiben, anstelle einer Dauer von fünf Jahren eine solche von zehn Jahren setzen könnte.“ Mein italienischer Kollege hatte, um dem bedenklichen Streite, ob die Aufsicht ewig oder vorübergehend sein sollte, aus dem Wege zu gehen, eine Verlängerung der Wirkungszeit der Kommission von fünf auf zehn Jahre vorgeschlagen. Ich bemerkte hierzu, daß mir namentlich angesichts der weitgehenden Befugnisse, die von verschiedenen Seiten für die Kommission in Anspruch genommen würden, eine Verlängerung nicht unbedenklich erschiene und schon fünf Jahre mehr als genügend seien. Absatz 6 veranlaßte aus demselben Grunde wie Absatz 5 eine längere Erörterung, da der letzte Satz nur von einer Organisation der Kontrolle der Mächte während der Dauer der Tätigkeit der Kommission spricht. Graf Benckendorff beantragte, den Schluß von „pour la duree" an zu streichen. Da dieser Vorschlag aber auf Widerstand stieß, wurde der Schluß von „et de 1'Organisation" an gestrichen. Hiernach ist die Rechtslage und der Wirkungskreis der Commission de Contröle nach Einsetzung des Fürsten der Vereinbarung unter den Mächten überlassen. Zu Absatz 7 meinte Graf Benckendorff, es würde sich empfehlen, die Einsetzung des Fürsten statt nach sechs Monaten erst nach einem Jahre vorzunehmen, da der vorgeschlagene Zeitraum nicht genüge, um die für die Übernahme der Regierung als notwendige Voraussetzung zu betrachtende Ordnung der Verhältnisse herbeizuführen. Herr Cambon beanstandete aufs heftigste den Hinweis auf die bestehenden nationalen Behörden als eine tatsächliche Anerkennung der in Valona befindlichen, sogenannten provisorischen Regierung, die niemand berufen, eingesetzt oder gewählt habe, und die ihre Befugnisse lediglich aus eigener Machtvollkommenheit herleite. Auch hier wieder trat der Gegensatz der österreichischen und französisch-russischen Auffassung schroff zutage, da man in Wien bekanntlich diese Regierung unterstützen und belassen möchte, in Paris und Petersburg aber sie unter keinen Umständen dulden will, da man dort, wie Herr Cambon mir vertraulich sagte, sie in österreichischem Solde wähnt. Herr Cambon machte hierzu den nachstehenden Abänderungsantrag: „Bis zu der Bestimmung des Fürsten wählt die Kontrollkommission die ausführenden Organe der 23 Exekutivgewalt und handelt mit der Unterstützung der örtlichen Behörden.“ Die folgenden Absätze wurden widerspruchslos angenommen, nur wurden in Absatz 9 alle anderen Länder außer Schweden gestrichen. Kurz zusammengefaßt, liegen die wesentlichsten Schwierigkeiten in der Frage des Oberaufsichtsrechtes der Mächte, den Befugnissen der Commission de contröle und ihrer Wirkungszeit sowie in der Frage der Zulassung und Anerkennung der bestehenden provisorischen albanischen Regierung. Anlage „1. Albanien wird als unabhängiges, souveränes und nach dem Erstgeburtsrecht erbliches Fürstentum unter der Garantie der sechs Mächte konstituiert. Der Fürst wird von den Mächten bestimmt werden. 2. Jedes Suzeränitätsverhältnis zwischen der Türkei und Albanien ist ausgeschlossen. 3. Albanien ist neutral; seine Neutralität wird von den sechs Mächten garantiert. 4. Die Kontrolle der zivilen und finanziellen Verwaltung Albaniens wird einer internationalen Kommission anvertraut, die sich aus Delegierten der sechs Mächte und einem Delegierten Albaniens zusammensetzt. 5. Die Machtbefugnisse dieser Kommission dauern fünf Jahre und können im Bedarfsfälle verlängert werden. 6. Diese Kommission soll beauftragt werden, einen detaillierten Organisationsplan für alle Zweige der Verwaltung Albaniens auszuarbeiten. Sie wird den Mächten innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten einen Bericht über das Ergebnis dieser Arbeiten sowie ihre Beschlüsse betreffs der verwaltungs- und 24 finanztechnischen Organisation des Landes und der Organisation der Kontrolle der Mächte während der Dauer des Mandats der Kommission vorlegen. 7. Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu der Bestimmung des Fürsten wird die Tätigkeit der nationalen Behörden, die provisorisch und de facto ihr Land verwalten, von der obenerwähnten Kommission kontrolliert werden. 8. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung wird durch die internationale Organisation der Gendarmerie gesichert werden. Diese Organisation wird ausländischen Offizieren anvertraut werden, die die oberste und tatsächliche Kommandogewalt über die Gendarmerie innehaben werden. 9. Diese Offiziere werden europäischen Heeren entnommen, etwa denen Schwedens, Belgiens, Hollands, der Schweiz, Norwegens, Spaniens, unter Ausschluß der Heere der sechs Mächte, der Balkanstaaten und der Regierungen, die unmittelbar an den Balkanfragen interessiert sind. 10. Die Mission der ausländischen Instruktionsoffiziere berührt weder die Einheitlichkeit des Dienstes noch die Verwendung einheimischer Offiziere, Unteroffiziere und Gendarmen. 11. Die Bezüge dieser Offiziere können aus den Hilfsquellen des Landes mit der Garantie der Mächte sichergestellt werden." AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 22. 7. 1913 B ei meinem heutigen Besuch kam Sir E. Grey auch auf die Inselfrage zu sprechen und sagte mir, Italien wünsche anscheinend die besetzten Inseln der Türkei zu erhalten, um bei dem früher oder später 25 zu gewärtigenden Zusammenbruch der türkischen Herrschaft in der Lage zu sein, dieselben zu besetzen und als Handhabe zu benutzen für die Geltendmachung weiterer Ansprüche auf das kleinasiatische Festland. Daher käme die schwankende Haltung der italienischen Regierung in der Frage der Verquickung der Inselfrage mit den Grenzfragen in Epirus und Thrazien. Jetzt, wo Griechenland auf dem Festland vollauf befriedigt wird, wird es eine Verbindung gern sehen, früher aber, wo es sich um griechische Einbuße gegen Albanien handelte, war ihm der Gedanke einer Entschädigung durch Abtretung aller Inseln nicht angenehm. Schwierigkeiten würden aber auf jeden Fall dadurch entstehen, daß zum Beispiel Rhodos an die Türkei zurückgegeben alsbald seinen Anschluß an Griechenland erklären würde. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLL WEG London, 21. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung kam nach Erledigung der Fragen, über die ich bereits anderweit berichtet habe, wiederum Albanien auf die Tagesordnung. In der vorigen Sitzung hatte, wie berichtet, Herr Cambon zu dem Artikel 7 des österreichisch-italienischen Vorschlags über die Herstellung einer albanischen Regierung, der lautete: „7. Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu der Bestimmung des Fürsten wird die Tätigkeit der nationalen Behörden, die provisorisch und de facto ihr Land verwalten, von der oben erwähnten Kommission kontrolliert werden.", den nachstehenden Abänderungsvorschlag gemacht: 26 „Bis zur Bestimmung des Fürsten wird die Kontrollkommission die ausführenden Organe der Exekutivgewalt wählen und mit der Unterstützung der örtlichen Behörden handeln." Es kam ihm darauf an, unterstützt von Graf Benckendorff, den Hinweis auf die bestehenden provisorischen nationalen Behörden zu vermeiden, da die Mächte der Tripelentente die in Valona bestehende provisorische Regierung des Ismael Kemal nicht anerkennen wollen und Essad Pascha durch Reisen nach Wien und Rom ihr Mißvergnügen erregt hatte. Graf Berchtold aber hatte den Vorschlag meines französischen Kollegen als einen zu weitgehenden Eingriff in die Selbständigkeit des Landes beanstandet. Um allen Bedenken gerecht zu werden, hat Sir Edward Grey den weiter unten befindlichen neuen Vorschlag gemacht. Außerdem erklärten beide Bundesgenossen sich mit der Verlängerung der Amtsdauer der Commission de contröle von 5 auf 10 Jahre unter gewissen Voraussetzungen einverstanden. Nachstehend der hierüber vereinbarte Sitzungsbericht: „Graf Mensdorff sagt, daß die Abänderung des französischen Botschafters in Absatz 7 von seiner Regierung scheinbar nicht angenommen werden würde. Er erklärt ebenso wie Marquis Imperiali, daß die Verlängerung der Machtbefugnisse der Kontrollkommission auf zehn Jahre angenommen werde, wenn die gesamten Vorschläge angenommen würden. Sir Edward Grey schlägt vor, Absatz 7 folgendermaßen abzufassen: Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu der Bestimmung des Fürsten wird die Tätigkeit der Ver- 27 waltung mit Einschluß der Gendarmerie von der internationalen Kommission mit Unterstützung der örtlichen Behörden kontrolliert werden." Lichnowsky. * AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 24. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung unterbreitete Graf Mens- dorff den nachfolgenden Abänderungsvorschlag zu der letzten Greyschen Anregung über die Fassung des Alinea 7 des albanischen Statuts. Ich lasse der Übersichtlichkeit wegen die bisherigen Vorschläge der Reihe nach folgen: Graf Berchtold: „Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu der Bestimmung des Fürsten wird die Tätigkeit der nationalen Behörden, die provisorisch und de facto ihr Land verwalten, von der oben erwähnten Kommission kontrolliert werden.” Herr Cambon: „Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu der Bestimmung des Fürsten wird die Kontrollkommission die ausführenden Organe der Exekutivgewalt wählen und mit der Unterstützung der örtlichen Behörden handeln." Sir Edward Grey: „Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu der Bestimmung des Fürsten wird die Tätigkeit der Verwaltung mit Einschluß der Gendarmerie von der internationalen Kommission mit Unterstützung der örtlichen Behörden kontrolliert werden." 28 Graf Berchtold: „Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu der Bestimmung des Fürsten und der Bildung der endgültigen nationalen Regierung ist die Tätigkeit der provisorischen nationalen Behörden ebenso wie die der Gendarmerie Gegenstand der Kontrolle der internationalen Kommission.“ Der Hinweis auf die „autorites nationales“ erregte abermals den Widerspruch des Herrn Cambon, der von Graf Benckendorff unterstützt wurde, da hierin eine Anerkennung der bestehenden sogenannten Regierung des Ismail Kemal liege. Nach längerem Gerede wurde ein Vorschlag zur Übermittelung an die Regierung angenommen, welcher dahin geht, die Worte „nationales provisoires“ durch „existantes“ zu ersetzen. Graf Mensdorff meinte, nicht in der Lage zu sein, zuzustimmen, doch erklärte er sich damit einverstanden, den Vorschlag, welcher tatsächlich nicht nur einen gangbaren Ausweg, sondern angesichts der Verhältnisse den einzig möglichen darstellt, dem Grafen Berchtold zu übermitteln. Auch ich möchte mir erlauben, darauf hinzuweisen, daß es sich empfehlen würde, in Wien in zustimmendem Sinne zu wirken, da sonst mit Sicherheit anzunehmen ist, daß die Verhandlungen sich zerschlagen und wir überhaupt über das albanische Statut zu keinem Ergebnis gelangen werden. Sir Edward Grey sprach zum Schluß noch die Hoffnung aus, daß die vorliegende Fassung bis zur nächsten Sitzung, die er vorläufig auf Donnerstag anberaumte, und die möglicherweise die letzte sein wird, seitens der Mächte angenommen sein würde, um alsdann das albanische Statut zu erledigen und nach Bildung der Commission de contröle an die schwedi- sehe Regierung heranzutreten, um sie zu veranlassen, in Gemäßheit unserer Beschlüsse vom 15. Juli und auf Grundlage des Absatz 9 des Statuts die für die Bildung der albanischen Gendarmerie benötigten Offiziere zu liefern und namhaft zu machen. Ob es unter diesen Umständen noch gelingen wird, vor Schluß unserer Sitzungen die südalbanische Grenzfrage und die Inselfrage zu erledigen, erscheint mir überaus zweifelhaft. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 28. 7. 1913 S ir E. Grey sagte mir, er wolle außer der morgigen noch eine letzte Sitzung voraussichtlich am Freitag abhalten und alsdann die Sitzungen nicht schließen, sondern vertagen, schon um nicht den Eindruck hervorzurufen, als seien unsere Beratungen an der Uneinigkeit der Mächte gescheitert. Ob freilich die Botschafterberatungen im Herbst oder Winter wieder stattfinden werden, vermag er augenblicklich nicht zu übersehen. Er hofft, daß es wenigstens möglich sein wird, vor der Vertagung das albanische Statut und die Südgrenze Albaniens zu erledigen. Zu weiteren Beratungen hat der Minister augenblicklich schon wegen der neuen Lage auf dem Balkan keine Lust mehr und beabsichtigt, noch nächste Woche auf das Land überzusiedeln und in der ersten Zeit noch gelegentlich auf einige Tage zurückzukehren. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 29. 7. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde zunächst die österreichische Fassung des Alinea 7 des albanischen Statuts „indigene existence" angenommen und die Verlängerung der Mandatsdauer der Kommission von fünf auf zehn Jahre nochmals bestätigt. Hiermit ist die Frage des Statuts endgültig erledigt. Ausführlicher Bericht folgt. Nächste Sitzung Freitag, in der die südalbanische Grenzfrage und die Inselfrage erörtert werden sollen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 29. 7. 1913 ie anderweit berichtet, wurde auf der heutigen W Botschafterversammlung das albanische Statut endgültig erledigt, nachdem dem österreichischen Vorschlag gemäß in Alinea 7 hinter „autorites“ die Worte „indigenes existantes” aufgenommen wurden. Es wurde hierüber der nachstehende Wortlaut vereinbart: „Nachdem die Versammlung sich über die Verfassung Albaniens und besonders über die Bedingungen der Errichtung der internationalen Kontrollkommission geeinigt hat, hält sie es für angebracht, daß die Regierungen zu der Wahl ihrer Vertreter in dieser Kommission und zu den für die Sicherung genügender Bezüge für sie notwendigen Maßnahmen schreiten. Diese Bezüge werden den Mitgliedern der Kommission durch ihre Regierungen gesichert. Die Versammlung hält es für wünschenswert, jedem von ihnen die gleichen Bezüge zuzugestehen. Die Versammlung hält es für angebracht, sich schon jetzt an die schwedische Regierung zu wenden, um die Benennung von mit der Instruktion und dem Kommando der Gendarmerie zu beauftragenden Offizieren zu erhalten. Es erscheint nötig, zuerst einen höheren Offizier zu bezeichnen, der im Einverständnis mit der Kontrollkommission und nach den Erforder- 31 nissen des Dienstes die Anzahl der zu bestimmenden Offiziere abschätzt.'' Aus den Äußerungen der beiden britischen Vertreter und meiner Kollegen entnehme ich, daß voraussichtlich Mitglieder der konsularischen Laufbahn für die Commission de contröle auserlesen werden. Nach einer Bemerkung Sir Arthur Nicolsons dürfte möglicherweise ein englischer Generalkonsul in Frage kommen. Über die Höhe des Diensteinkommens der betreffenden Beamten werden keine bestimmten Vorschläge gemacht, doch ging die allgemeine Ansicht dahin, daß es sich um 25—30000 Franken handeln werde. Sodann gelangten die an Serbien und Montenegro noch zu machenden Erklärungen zur Erörterung. Zunächst wurde die Frage des Schutzes der albanischen Minderheiten in Serbien und Montenegro erledigt, da mein österreichisch-ungarischer und russischer Kollege in der Lage waren, eine diesbezügliche, in der Anlage gehorsamst beigefügte Vereinbarung ihrer Regierungen vorzulegen. Es wurde hierüber nachstehender Bericht aufgesetzt: „Der russische und der österreichisch-ungarische Botschafter unterrichten die Versammlung von der Einigung ihrer Regierungen bezüglich des Schutzes der Serbien und Montenegro einverleibten Minderheiten, deren Vorbereitung sie in der Sitzung vom 1. Juli angekündigt hatten. Die Versammlung stimmt dieser Auffassung zu. Auf Vorschlag von Sir Edward Grey hält sie es für angebracht, durch die Vertreter der Mächte die obige Auffassung der serbischen und montenegrinischen Regierung mitzuteilen. Auf die Bemerkung des Grafen Benckendorff hin 32 erkennt sie an, daß die Nutznießung der den Minderheiten zugestandenen Freiheiten den allgemeinen, auf alle serbischen und montenegrinischen Staatsangehörigen anwendbaren Rechten nachgeordnet ist." Ferner wurde auf Vorschlag meines österreichischungarischen Kollegen die Frage der Räumung albanischen Gebietes durch die serbischen Truppen besprochen. Im Zusammenhang damit wurde gemäß früherer Vereinbarung die den Serben mit Bezug auf ihre Adriabahn zu machende schriftliche Erklärung bestätigt. Nachfolgend der gefaßte Beschluß: „Sir Edward Grey schlägt vor, die serbische Regierung durch die Vertreter der Mächte dringlich an ihre Verpflichtung erinnern zu lassen, unverzüglich das albanische Gebiet zu räumen und die Bestimmung der Nord- und Nordostgrenze Albaniens zu achten, wie sie von den Mächten festgelegt und der serbischen Regierung am 15. April 1913 mitgeteilt wurde. Gleichzeitig sollen die Vertreter der Mächte die Verpflichtung der Mächte betreffs der Eisenbahn und des Zugangs für den Handel zur Adria gemäß der Erklärung der Versammlung vom 1. Juli und der diese Erklärung erläuternden Denkschrift vom gleichen Datum erneuern und schriftlich bestätigen." Schließlich wurde auch noch auf Anregung des Herrn Cambon die Frage der montenegrinischen Anleihe besprochen, und zwar in Hinblick auf die Mitteilung der montenegrinischen Regierung, nach welcher die Räumung albanischen Gebietes bereits erfolgt ist. Ich hielt es nicht für zweckmäßig, nochmals auf den Gedanken zurückzukommen, daß es wünschenswert sei, die Anleihe mit der Bojana- und Skutariseeregelungsfrage zu verquicken, da ich voraussah, daß hierfür keine Stimmung vorhanden wäre. 3 Lichnowsky II 33 Ich möchte aber anheimgeben, die Einzelheiten der Anleihe mit dem Wiener Kabinett zu besprechen, da auch dort wenig Geneigtheit zu sein scheint, sie bedingungslos zu gewähren. Auf Wunsch des Grafen Mensdorff wurde auch die nachstehende Fassung vereinbart, die nur von „prendre en consideration" spricht und nicht von einer eingegangenen Verbindlichkeit. „Was Montenegro betrifft, das die völlige Räumung des albanischen Gebietes bekanntgegeben hat, so nimmt die Versammlung Kenntnis von dieser Räumung und meint, daß die Vertreter der Mächte in Cetinje der montenegrinischen Regierung erklären sollen, daß die Mächte die für die Regelung der Frage der Bewässerung und für eine finanzielle Unterstützung notwendigen Maßnahmen in Erwägung ziehen werden." Nach Erledigung der Tagesordnung sprach Sir Edward Grey die Hoffnung aus, daß es möglich sein werde, auch die albanische Grenzfrage und im Zusammenhänge mit ihr die Inselfrage vor unserer Vertagung zu erledigen. Österreich habe bekanntgegeben, daß es unter der Bedingung, daß Stylos und Koriza zu Albanien kämen, in eine Feststellung der Grenze durch eine internationale Abordnung einwillige unter der Voraussetzung, daß der rumänische Vertreter zu den hiesigen Besprechungen zugezogen werde. Durch die Beteiligung Rumäniens an den Balkanwirren im Verein mit Griechenland sei diese Bedingung jedoch hinfällig geworden, da es sonst unabweislich wäre, auch den griechischen Vertreter zuzuziehen. Was die Inselfrage beträfe, so hätte Marquis Imperiali ihm, Sir Edward Grey, eröffnet, daß seine Regierung gegen die Überlassung der übrigen Inseln an Griechenland nichts einzuwenden habe, falls die von den Italienern in Gemäßheit des Friedens von Lau- 34 sänne besetzten aus der Erörterung ausschieden. Italien wolle diese Inseln nicht behalten, sei aber gebunden und müsse sie den Türken zurückgeben. Nach Schluß der Sitzung wurde noch die Frage erörtert, ob es sich nach Erledigung unseres Programmes, wozu nötigenfalls noch in nächster Woche Sitzungen anberaumt werden sollen, empfehle, unsere Beratungen sine die zu vertagen mit dem Bemerken, daß Sir Edward Grey uns wieder berufen werde, wenn eine Notwendigkeit dafür vorläge, oder aber ob es zweckmäßig sei, um den Eindruck einer Uneinigkeit zwischen den Mächten zu vermeiden, die Vertagung von 14 zu 14 Tagen eintreten zu lassen. Letztere Auffassung vertrat namentlich Herr Cambon, erstere Sir Edward Grey. Während mehrere meiner Kollegen Herrn Cambon unterstützten, bin ich für die Auffassung Sir Edward Greys eingetreten, da ich es nicht für praktisch halte, Sitzungstermine anzusetzen, die man nicht einzuhalten gesonnen ist. Angesichts etwa eintretender wichtiger Ereignisse würde dies erst recht geeignet sein, Aufsehen zu erregen und Mißdeutungen hervorzurufen, Sir Edward Grey betonte außerdem, daß er keinesfalls beabsichtige, weiterhin Sitzungen abzuhalten, teils weil er auf Urlaub gehen wolle, teils weil Sir Arthur Nicolson auch abwesend und nach seiner Rückkehr zu beschäftigt sein würde, um Zeit für Botschafterversammlungen zu erübrigen. Ich habe schließlich mit Sir Edward Grey vereinbart, und dieser Auffassung ist nachträglich auch Herr Cambon beigetreten, daß eine Verlautbarung erfolgen soll, die feststellt, daß wir nach Erledigung der uns gesetzten Aufgaben uns bis auf weiteres vertagt haben, um wieder zusammenzutreten, sobald die Notwendigkeit hierzu sich einstelle. Hierdurch ist der grundsätzliche Weiterbestand der Vereinigung als Ausdruck des Zusammenwirkens der Mächte gesichert, ohne daß hinsichtlich des Wiederzusammentritts irgendeine Verbindlichkeit besteht. Soeben geht mir vom Foreign Office ein Abdruck des jetzigen Wortlautes der Verfassung Albaniens zu, wie er nunmehr endgültig festgestellt ist. Ich beehre mich, ihn anliegend einzureichen, V er traulich Anlage Verfassung Albaniens Albanien wird als unabhängiges, souveränes und nach dem Erstgeburtsrecht erbliches Fürstentum unter der Garantie der sechs Mächte konstituiert. Der Fürst wird von den Mächten bestimmt werden. 2. Jedes Suzeränitätsverhältnis zwischen der Türkei und Albanien ist ausgeschlossen. 3. Albanien ist neutral; seine Neutralität wird von den sechs Mächten garantiert. 4. Die Kontrolle der zivilen und finanziellen Verwaltung Albaniens wird einer internationalen Kommission anvertraut, die sich aus Delegierten der sechs Mächte und einem Delegierten Albaniens zusammensetzt. 5. Die Machtbefugnisse dieser Kommission dauern zehn Jahre und können im Bedürfnisfalle verlängert werden. 6. Diese Kommission soll beauftragt werden, einen detaillierten Organisationsplan für alle Zweige der Verwaltung Albaniens auszuarbeiten. Sie wird den Mächten innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten einen Bericht über das Ergebnis dieser Arbeiten sowie ihrer Beschlüsse betreffs der verwaltungs- und finanztechnischen Organisation des Landes vorlegen. 7. Der Fürst wird spätestens innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten ernannt werden. Bis zu 36 seiner Bestimmung und bis zur Bildung der endgültigen nationalen Regierung ist die Tätigkeit der bestehenden einheimischen Behörden ebenso wie die der Gendarmerie Gegenstand der Kontrolle der internationalen Kommission. 8. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung wird durch die internationale Organisation der Gendarmerie gesichert werden. Diese Organisation wird ausländischen Offizieren anvertraut werden, die die oberste und tatsächliche Kommandogewalt über die Gendarmerie innehaben werden. 9. Diese Offiziere werden dem schwedischen Heere entnommen. 10. Die Mission der ausländischen Instruktionsoffiziere berührt weder die Einheitlichkeit des Dienstes noch die Verwendung einheimischer Offiziere, Unteroffiziere und Gendarmen. 11. Die Bezüge dieser Offiziere können aus den Hilfsquellen des Landes mit der Garantie der Mächte sichergestellt werden. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 31. 7. 1913 S ir E. Grey hat mir soeben die Gründe mitgeteilt, auf denen er morgen und in den Sitzungen der nächsten Woche eine Einigung in der südalbanischen Grenz- und Inselfrage herbeizuführen gesonnen ist. Er beabsichtigt beide Fragen derartig miteinander zu verquicken, daß zunächst Koriza und Stylos bei Albanien bleiben und eine internationale Abordnung das dazwischen liegende Gebiet nach der nationalen Zugehörigkeit untersucht, daß dafür aber die Inseln außer Imbros und Tenedos, die der Türkei Vorbehalten bleiben sollen, und Thasos und Samothrake, die zu den Fragen gehören, über die unter den Bai- kanstaaten mit nachträglicher Zustimmung der Mächte eine Einigung herbeizuführen sei, an Griechenland fallen. Voraussetzung für die Zustimmung zu dieser Vereinbarung, welche die von Italien besetzten Inseln außer Betracht ließe, sei jedoch, daß letztere von Italien gleichzeitig mit der Abtretung von Koriza und Stylos an Albanien an die Türkei ohne Rücksicht auf etwa unerfüllte Bedingungen des Vertrages von Lausanne zurückerstattet würden. Er gab mir zu verstehen, daß England und Frankreich nur unter dieser Bedingung ihre Zustimmung zu der den Wünschen Italiens und Österreichs entsprechenden Abgrenzung Südalbaniens erteilen würden. Italien habe so oft seinen Standpunkt in der Frage der von ihm besetzten Inseln gewechselt, daß es dadurch das Mißtrauen anderer Mächte erregt habe, die meinen, es werde überhaupt nicht mehr Inseln räumen. Ich entgegnete, daß von unserm Standpunkt gegen diesen Plan kaum etwas einzuwenden sei. Wir wollten zwar den Standpunkt unseres Verbündeten insoweit unterstützen, als er Inseln, die er kraft besonderen Vertrags besetzt habe, nicht in den allgemeinen Handel mit einbeziehen wollte. Wir können uns ebensowenig dem italienischen Wunsch widersetzen, die betreffenden Inseln der Türkei zurückzuerstatten, und müßten uns an die wiederholte Versicherung der italienischen Regierung halten, daß sie nicht beabsichtige, die Inseln an sich zu reißen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 31. 7. 1913 S ir E. Grey beabsichtigt, nächste Woche noch Botschaftersitzungen abzuhalten, um die südalbanische und die Inselfrage zu beendigen. Vor Schluß des Parlaments aber, also Anfang übernächster Woche, will er eine Erklärung dahin abgeben, daß er nach Erledigung unseres Programms unsere Beratungen vertagt habe, um sie, falls nötig, im Spätherbst wieder aufzunehmen. Er selbst will dann London endgültig verlassen und erst nach Mitte Oktober zurückkehren. Meine Frage, ob er beabsichtige, die endgültige Regelung der Balkanfrage durch die hiesigen Botschafter vornehmen zu lassen, verneinte er mit dem Hinweis auf die Möglichkeit, diesen Fragen durch direkten Meinungsaustausch zwischen den Mächten zu erledigen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 31. 7. 1913 ie ich soeben erfahre, hat Marquis Imperiali, den W Sir E. Grey nach mir empfing, um ihm eine entsprechende Mitteilung zu machen, in großer Erregung erklärt, für Italien sei der Gedanke unannehmbar, Inseln zu räumen, ehe nicht die Türkei ihre im Frieden von Lausanne eingegangenen Verpflichtungen erfüllt und Cyrenaica geräumt habe. Sir E. Grey hat hierauf erwidert, dies könne sich sehr in die Länge ziehen wie die meisten türkischen Vertagsverpflich- tungen; es sei nicht angängig, darauf zu warten. Unter diesen Umständen, und da mein italienischer Kollege erst Anweisungen aus Rom erhalten muß, wird es nicht möglich sein, schon morgen diese Frage zu erörtern. Es besteht jedoch die Gefahr, daß durch diese neue Schwierigkeit das ganze Ergebnis unserer Beratungen in Frage gestellt wird. Sollten wir bis zum Schluß der Beratungen, also bis spätestens Mitte August, nicht die Grenzfrage geregelt haben, so dürfte auch das Statut, die Gendarmerie und alles übrige gefährdet sein. Man ist, wie Graf Mensdorff mir sagt, in Wien entschlossen, darauf zu drängen, daß unter allen Umständen die Abgrenzung erledigt werde. Letzteres ist aber wiederum ohne Regelung der Inselfrage nicht möglich. Es würde sich vielleicht empfehlen, um ein Scheitern unserer Beratungen zu verhindern, in Rom darauf hinzuwirken, den Sir E. Greyschen Vorschlag unter der Bedingung anzunehmen, daß die von Italien besetzten Inseln in den allgemeinen Handel mit ein- gezogen würden. Gegen Räumung Adrianopels könnten der Türkei die italienischen Inseln zugesprochen werden mit der Maßgabe, daß sie verpflichtet sei, gleichzeitig dem Lausannevertrag gemäß sich aus Afrika zurückzuziehen. Ich werde versuchen, in diesem Sinne mit Sir E. Grey und Marquis Imperial! zu sprechen, um zu verhindern, daß alles bisher Vereinbarte ins Wanken gerät, und daß das hier und in Paris gegen die italienischen Absichten bestehende Mißtrauen sich noch weiter verschärft. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 1. 8. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde zunächst mit Rücksicht auf die Weigerung Schwedens, die albanische Gendarmerie zu stellen, beschlossen, sich an nachstehende Staaten in angegebener Reihenfolge zu wenden: 1. Holland, 2. Dänemark, 3. Schweiz. Hierauf wurde auf Anregung des Grafen Mensdorff bezüglich der Montenegro zu gewährenden Vorteile der nachstehende Beschluß gefaßt: „Graf Mensdorff sagt, seine Regierung wünsche zu wissen, wo das Abkommen über die Montenegro zu gewährende finanzielle Hilfe zwischen den Mächten und der montenegrinischen Regierung besprochen 40 werden solle. Nach der Ansicht Graf Benckendorffs könnten die Vertreter der Mächte in Cetinje mit diesen Verhandlungen beauftragt werden. Die Versammlung erhebt gegen dieses Verfahren keinen Einspruch." Ich bemerkte, daß unserer Ansicht nach auch diese finanzielle Frage vor die Pariser Kommission gehört, die sich allerdings vorläufig vertagt habe, daß aber, da das Wiener und römische Kabinett über obigen Modus einig seien, ich demselben nicht widersprechen wolle. Hierauf erklärte Sir E. Grey, daß er nur noch nächste Woche Sitzungen abhalten könne und am 12. oder 13. im Parlament vor Schluß desselben eine Erklärung abgeben müsse über unsere bisherige Tätigkeit. Er hoffe aber, daß das Entgegenkommen der Regierungen es uns ermöglichen würde, die südliche albanische Grenzfrage und die Inselfrage bis dahin zu erledigen. Der Minister entwickelte hierauf die weiter unten angeführten Gesichtspunkte als Grundlage einer Verständigung. Er hob hervor, daß von Anfang an die Meinung bestanden habe, Griechenland solle alle Inseln erhalten, falls es auf Stylos und Koriza verzichten müsse. Die Weigerung Italiens, die besetzten Inseln bedingungslos herzugeben, erschwere eine Verständigung. Marquis Imperiali erklärte hierauf, daß Italien die Inseln nicht behalten wolle, sondern nach Erfüllung der Bedingungen des Friedens von Lausanne sie an die Türkei zurückgeben werde. Gleich zu Anfang der Sitzung hatte ich als persönliche Ansicht angeregt, einen Ausweg dadurch zu finden, daß die italienischen Inseln zusammen mit gewissen anderen der Türkei zu gewährenden Vorteilen dazu benutzt werden sollten, um die Türken zur Räumung Adrianopels zu veranlassen, und mit der Gesamtheit aller anderen schließlich zu regelnden Fragen der Entscheidung der Mächte Vorbehalten bleiben sollten. Gleichzeitig sei die Türkei aufzufordern, den Vereinbarungen des Vertrags von Lausanne gerecht zu werden. Diese Anregung fand keinen Widerspruch, obwohl Herr Cambon und Graf Benckendorff hervorhoben, daß ihre Regierungen in den Anschluß von Koriza an Albanien nur dann einwilligen wollten, wenn alle Inseln außer Imbros, Tenedos und Thasos an Griechenland kämen. Sir E. Grey hat meiner Anregung, wie im nachstehenden Text ersichtlich, Rechnung getragen. „Sir Edward Grey drückt die Meinung aus, daß eine Einigung über die folgenden Punkte Zustandekommen könnte: 1. Eine internationale Kommission führt die Festsetzung der südlichen und südöstlichen Grenze Albaniens aus, mit Anweisung, Koriza, Stylos und die Insel Sasseno Albanien zu lassen. 2. Neutralisierung des Kanals von Korfu. 3. Griechenland bleibt unter gewissen Neutralitätsbedingungen im Besitz der von einer griechischen Bevölkerungsmehrheit bewohnten und von hellenischen Streitkräften besetzten Inseln, mit Ausnahme von Tenedos, Imbros und Thasos. 4. Italien erklärt, daß, sobald gemäß Artikel 2 des Vertrages von Lausanne die ottomanischen Truppen und die ottomanische Artillerie die Cyrenaica verlassen haben, es die von ihm besetzten Inseln räumen und sie der Türkei zurückgeben wird. 5. Bei der endgültigen Regelung entscheiden die Mächte über das Schicksal dieser Inseln. Fürst Lichnowsky regt als persönliche Meinung an, die Frage der der Türkei zurückzugebenden Inseln 42 von der Erlangung gewisser Zugeständnisse, wie zum Beispiel der Räumung von Adrianopel, abhängig zu machen. Sir Edward Grey erkennt an, daß eine den oben angeführten fünf Punkten gemäße Regelung die früher von einigen Regierungen ausgedrückten Ansichten modifizieren würde, doch habe er die Hoffnung, vor der Vertagung der Versammlung am Ende der nächsten Woche zu einer Einigung zu gelangen. Er meint, daß gewisse Änderungen in der Lage und besonders die Besetzung Adrianopels durch die Türken es rechtfertigten, daß die Mächte sich ihre Entscheidungen betreffs des zukünftigen Schicksals der von Italien besetzten Inseln nach ihrer Rückgabe an die Türkei Vorbehalten." Marquis Imperiali behielt sich vor, die Zustimmung seiner Regierung einzuholen, doch schien er persönlich mit der vorgeschlagenen Vereinbarung einverstanden zu sein. Nächste Sitzung Dienstag. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 5. 8. 1913 U ** ber die heutige Sitzung wurde nachstehende! Bericht verfaßt: „Sir Edward Grey fragt die Botschafter, ob sie Antwort von ihren Regierungen betreffs der fünf Punkte erhalten haben, die er in der letzten Sitzung formuliert hatte. Der französische Botschafter antwortet, seine Regierung sei bereit, ihre Zustimmung zu einer südlichen Abgrenzung Albaniens zu geben, die am Kap Stylos anfinge und bei Koriza endige, unter der Bedingung, daß alle Inseln im Ägäischen Meer mit Ausnahme von Imbros und Tenedos, aber mit Einschluß der gegenwärtig von Italien besetzten, diese letzteren nach ihrer Räumung, Griechenland zugeteilt würden. Der italienische Botschafter bemerkt, dieser Standpunkt sei nicht im Einklang mit den Ansichten seiner Regierung. Er beschränke sich auf die folgende Erklärung, die weder eine Verpflichtung betreffs der etwaigen Überlassung der von Italien besetzten Inseln an Griechenland noch die Anerkennung eines Zusammenhanges zwischen der Frage der Inseln und der der Abgrenzung Albaniens herstelle: ,Die Regierung Seiner Majestät hält dafür, daß die Frage der Inseln des Dodekanes, die ihre Entstehung dem italienisch-türkischen Kriege verdankt, juristisch durch die Bestimmungen des Vertrages von Lausanne geregelt ist. Unter diesen Umständen erklärt die italienische Regierung von neuem, daß sie diese Inseln der Türkei zurückgeben wird, sobald die ottomanische Regierung ihrerseits vollständig die Verpflichtungen erfüllt hat, die ihr nach Artikel 2 des Vertrages von Lausanne zufallen. Es ist unnötig, zu sagen, daß, sobald die Rückgabe der Inseln an die Türkei bewirkt ist, die italienische Regierung mit den anderen Großmächten an den einmütigen Entschlüssen teilnehmen wird, die etwa betreffs des endgültigen Schicksals dieser Inseln im Zusammenhang mit der allgemeinen Regelung aller schwebenden Fragen unter Berücksichtigung des allgemeinen Interesses Europas an der Unversehrtheit und Sicherheit der asiatischen Türkei besprochen und gefaßt werden.’ Der österreichisch-ungarische und der deutsche Botschafter unterstützen die Erklärung des italienischen Botschafters. Der russische Botschafter sagt, seine Regierung sei bereit, sich den fünf Punkten anzuschließen, wenn alle Mächte ihnen ihre Zustimmung geben, jedoch 44 unter dem Vorbehalt einer Bemerkung betreffs der Insel Sasseno, die Griechenland gehöre und deren Angliederung an Albanien eine Entschädigungsforderung von seiten Griechenlands hervorrufen könnte. Marquis Imperiali bemerkt, daß die Rechte Griechenlands auf die Insel Sasseno strittig seien, daß diese Insel als ein Teil der Bai von Valona betrachtet werden und infolgedessen das Schicksal dieser Bai teilen müsse. Graf Mensdorff und Fürst Lichnowsky unterstützten die Bemerkung des Marquis Imperiali betreffs Sasseno. Fürst Lichnowsky hat Anweisung, das Verbleiben der kleinen Insel Kastellorizo, die zwischen Rhodos und dem Kap Chelidonia an der Südküste Kleinasiens liegt, unter ottomanischer Herrschaft zu fordern. (Mein italienischer Kollege hatte mich gebeten, den Antrag zu stellen.) Der österreichisch-ungarische und der italienische Botschafter unterstützen diesen Vorschlag, gegen den die Versammlung angesichts der geringen Wichtigkeit und der Küstennahe des Inselchens, keinen Einwand erheben zu müssen glaubt. Der deutsche Botschafter sagt, seine Regierung schließe sich den fünf Punkten an. Der österreichisch-ungarische Botschafter sagt, seine Regierung sei bereit, sich ebenfalls anzuschließen, jedoch unter folgenden Vorbehalten: 1. Das Wiener Kabinett wünscht eine genaue Definition der Linie zwischen Stylos und Koriza. 2. Betreffs der Kutzowalachen fordert es die Einschaltung einer Bestimmung in die zu fassende Entschließung, die Rumänien die Möglichkeit zu- 45 erkennt, die Rechte und Interessen der Kutzo- walachen im Epirus wahrzunehmen. 3. Das Wiener Kabinett hält außerdem die Festsetzung folgender Punkte für unerläßlich: 1) genaues Datum des Beginns und der Beendigung der Arbeiten der Abgrenzungskommission, 2) für die Ausführung dieser Arbeiten soll die Kommission die abzugrenzenden Gebiete in Sektionen teilen, 3) die Abgrenzung ist nach ethnographischen und geographischen Gesichtspunkten vorzunehmen, 4) es wäre wünschenswert, daß die Versammlung sich einigte, Griechenland aufzufordern, sofort die Albanien zugeteilten Gebiete und die anderen Gegenden je nach Maßgabe ihrer Zuteilung an Albanien durch die Abgrenzungskommission zu räumen. Marquis Imperiali und Fürst Lichnowsky unterstützen diese Vorschläge. Zum 1. Absatz der österreichisch-ungarischen Vorschläge bemerkt Sir Edward Grey, daß es der Kommission zustehe, die Grenze zwischen Stylos und Koriza festzulegen, und daß es sehr schwierig sei, über eine detailliertere und genauere Festlegung zu einer Einigung zu gelangen, da der Versammlung die nötigen Unterlagen nicht zur Verfügung stünden. Der französische, der russische und der deutsche Botschafter teilen diese Meinung, der österreichischungarische und der italienische Botschafter behalten sich vor, sie ihren Regierungen zu unterbreiten. Zum 2. Absatz bemerkt Sir Edward Grey, da Rumänien und Griechenland Verbündete seien, komme es ihnen zu, sich über die Garantien zu verständigen, die den Kutzowalachen in den Griechenland angegliederten 46 Gebieten zu gewähren seien, ohne daß die Mächte die Initiative ergreifen müßten. Der französische, der russische und der deutsche Botschafter glauben, daß diese Meinung von ihren Regierungen geteilt werde. Der österreichisch-ungarische und der italienische Botschafter behalten sich vor, sie ihren Regierungen zu unterbreiten. Zum 3. Absatz: 1) die Versammlung ist sich einig über die Nützlichkeit der Festsetzung von genauen Daten für den Beginn und den Schluß der Abgrenzungsarbeiten; sie schlägt den 1. September und den 30. November vor, 2) die Versammlung erhebt keinen Einwand gegen die Teilung der abzugrenzenden Gebiete in Sektionen, 3) sie ist derselben Meinung, 4) Sir Edward Grey, der französische und der russische Botschafter sind der Meinung, daß nach Beendigung der Abgrenzung Griechenland die Räumung der Albanien einverleibten Gebiete nicht länger aufschieben dürfe. Sir Edward Grey meint, falls die österreichischungarische und die italienische Regierung diese Formulierung annehmen, könnte man gemeinsam Griechenland einschärfen, sich jeder Einschüchterung der Bevölkerung der von ihm besetzten Gebiete zu enthalten. Der österreichisch-ungarische, der italiensiche und der deutsche Botschafter behalten sich vor, ihre Regierungen von den zu Absatz 3 der österreichischen Vorschläge angeregten Abänderungen in Kenntnis zu setzen." Graf Mensdorff hatte ein umfangreiches Schriftstück mitgebracht, das die österreichischen Wünsche noch viel eingehender darlegte und namentlich hinsichtlich der Grenze noch weitere Bedingungen stellte, auf Wunsch Sir Edwards jedoch, welcher darauf hin- wies, daß es ihm nur mit Mühe gelungen war, Herrn Cambon davon abzuhalten, auch seinerseits mit Bedingungen hervorzutreten und ihn dazu zu bestimmen, alles Nähere der Kommission zu überlassen, begnügte sich mein österreichischer Kollege mit der auszugsweisen Wiedergabe seiner Weisungen, deren geographische Einzelheiten zum Teil wohl auf die Ratschläge seiner hiesigen Fachleute zurückzuführen sind. Falls man sich in Wien nicht entschließt, den heutigen Vorschlägen zuzustimmen, so dürfte Sir Edward nächsten Dienstag kaum in der Lage sein, befriedigende Eröffnungen über den Abschluß unserer Verhandlungen dem Parlamente zuteil werden zu lassen. Es würde sich vielleicht empfehlen, in Wien in diesem Sinne zu wirken, auch hoffe ich, daß es dem Einfluß Sir Edward Greys gelingen wird, zwischen Paris und Rom in der Inselfrage eine Einigung herbeizuführen. Die Haltung des Herrn Cambon in der heutigen Sitzung hat jedenfalls von neuem gezeigt, welchen Wert man in Frankreich auf die Erstarkung Griechenlands legt, das man als mittelländische Seemacht nach Möglichkeit entwickeln möchte. Die Sprache der französischen Blätter, namentlich aber des „Temps", geben einen weiteren wertvollen Hinweis in dieser Richtung. Die französischen Politiker können mit Sicherheit darauf rechnen, daß der immer stärker hervortretende Gegensatz Griechenlands zu Italien und Österreich-Ungarn ersteres mit Naturnotwendigkeit in die Arme Frankreichs treiben wird, und daß daher Frankreich im Falle eines Krieges an der griechischen Flotte und den griechischen Häfen eine wertvolle Stütze gegen Italien und Österreich-Ungarn finden muß. Schon dieser Umstand dürfte, abgesehen von der Rücksichtnahme auf unsere Verbündeten, ge- 48 nügen, um uns trotz aller griechischen Freundschaftsbezeugungen, die der Macht der Tatsachen gegenüber sich eintretendenfalls als wertlos erweisen werden, zu veranlassen, uns Ansprüchen gegenüber ablehnend zu verhalten, die auf eine allzu große Schwächung Bulgariens hinzielen. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 8. 8. 1913 B ei der heutigen Sitzung erregten die letzten österreichischen Vorschläge über die südalbanische Frage nur hinsichtlich der die Kutzowalachen betreffenden Bestimmungen Bedenken. Es wurde hierüber ein neuer Vorschlag vereinbart, der die Feststellung der Grenze selbst den Mächten überläßt auf Grund der von der Kommission gepflogenen Erhebungen, und wonach nur die den Kutzowalachen zu gewährenden Vorrechte einer Vereinbarung zwischen Rumänien und Griechenland anheimfallen. In der Inselfrage konnte kein Beschluß gefaßt werden, da Marquis Imperiali ohne Weisungen war. Herr Cambon teilte mit, daß zwischen Herrn Pichon und Herrn Tittoni eine Vereinbarung stattgefunden habe. Nächste und letzte Sitzung Montag. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 8. 8. 1913 U ber die heutige Sitzung wurde der nachstehende Bericht aufgesetzt: „Der französische Botschafter berichtet der Versammlung von einer Unterredung zwischen Herrn 4 Lichnowsky II 49 Pichon und dem italienischen Botschafter in Paris vom 6. ds., aus der hervorgeht, daß der französische Minister des Auswärtigen bereit ist, seine Zustimmung zu Artikel 5 der von Sir Edward Grey am 1. August vorgeschlagenen Formel zu geben, wenn bei der endgültigen Regelung die Mächte über das Schicksal der von Italien besetzten Inseln entscheiden. Diese Zustimmung würde unter der Voraussetzung erteilt, daß Italien den Mächten die Aufgabe überließe, über die Zuerteilung des Dodekanes zu beschließen, ohne gegen die einmütig von den sechs Mächten getroffene Entscheidung Einspruch zu erheben. Der italienische Botschafter sagt, er sei ohne Weisungen und könne sich zu dem Gegenstand nicht äußern. Graf Mensdorff macht folgende Mitteilung: Die Kaiserliche und Königliche Regierung macht ihre Zustimmung zu der Ernennung einer internationalen Kommission, der die Bestimmung der Südgrenze Albaniens anvertraut werden soll, von folgenden Punkten abhängig: 1. Die Gebiete, auf die sich die Arbeiten der Kommission erstrecken, dürfen nicht unbestimmt bleiben. Ihre Grenzen sind im Westen die Bergzüge, die den Albanien zugeteilten Küstenstrich bis Phtelia von dem Tal von Argyrokastron trennen; im Nordosten die Grenzlinie der ehemaligen ottomanischen Kasa Koriza. Dazwischen bildet die in der von Herrn Veniselos überreichten Denkschrift angegebene Linie die nördliche Grenze der Arbeiten der Kommission, während sie sich nach Süden und Südosten bis zu der von Österreich-Ungarn vorgeschlagenen Linie ausdehne. 2. Es wird schon jetzt festgesetzt, daß der Küstenstrich bis Phtelia einschließlich der Insel Sasseno, die Gegenden nördlich der griechischen Linie und die ehemalige ottomanische Kasa Koriza mit dem West- und 50 Südufer des Ochrida-Sees von dem Dorf Lin bis zu dem Kloster Swet Naum ganz zu Albanien gehören. 3. Die Kommission beginnt ihre Arbeiten am 1. September und beendet sie am 30. November lfd. Jahres. 4. Die Kommission erledigt ihre Arbeiten nach Sektionen, wobei sie der natürlichen Gestaltung der Täler Rechnung trägt. 5. Die Abgrenzung geschieht nach ethnographischen und geographischen Grundlagen; für die ethnographischen Erhebungen gilt die Muttersprache der Bevölkerung, das heißt die in den Familien gesprochene Sprache, als Richtschnur; die Kommission schenkt den Versuchen einer Volksabstimmung oder anderen politischen Kundgebungen keinerlei Beachtung. 6. Was den von Walachen bewohnten Bezirk betrifft, so hat die Kommission ihre Nationalität festzustellen. Die Frage seiner Zuteilung an Albanien oder Griechenland bildet den Gegenstand einer unmittelbaren Verständigung zwischen Griechenland und Rumänien. 7. Spätestens einen Monat nach Beendigung der Arbeiten der Kommission findet die Räumung der Albanien zugeteilten Gebiete durch die griechischen Truppen statt. Marquis Imperiali und Fürst Lichnowsky stimmen dieser Mitteilung bei. Der französische und der russische Botschafter behalten sich vor, ihre Regierungen betreffs dieser Mitteilung zu befragen. Zu Artikel 6 bemerkt Sir Edward Grey, er entziehe den Mächten die Abgrenzung der von den Kutzo- walachen bewohnten Gegenden und teile sie Griechenland und Rumänien zu. Wenn man, wie es schon vorgeschlagen wurde, diesen beiden Mächten überlassen könnte, sich un- mittelbar über die der Bevölkerung dieser Gegend zu gewährenden Garantien zu verständigen, so wäre es gut, die Frage der territorialen Abgrenzung in den Händen der Mächte zu lassen. Er schlage infolgedessen für Artikel 6 folgende Abfassung vor: Was den von Walachen bewohnten Bezirk betrifft, so hat die Kommission ihre Nationalität festzustellen. Seine Zuteilung an Albanien oder Griechenland fällt unter die Entscheidung der Mächte nach Prüfung des Berichtes der internationalen Kommission. Was die der kutzowalachischen Bevölkerung zu gewährenden Garantien betrifft, so bilden sie den Gegenstand einer unmittelbaren Verständigung zwischen Griechenland und Rumänien. Graf Benckendorff und Graf Mensdorff bemerkten, daß die Auslassung von Thasos in dem in der letzten Versammlung ausgegebenen Bericht nicht bedeute, daß diese Insel ipso facto Griechenland überlassen werde. Sir Edward Grey erinnert daran, daß im Dezember Thasos Bulgarien zugeteilt wurde, doch bemerkte er, für den Fall, daß die Mächte sich mit dem Schicksal Kawalas zu beschäftigen hätte, wäre es angebracht, die Lage dieser Insel von neuem in Erwägung zu ziehen. Der französische Botschafter sagt, seine Regierung sei der Meinung, daß der Besitz von Thasos von demjenigen Kawalas abhänge.“ Hiernach hat anscheinend zwischen Italien und Frankreich eine Einigung über die Frage der italienischen Inseln dahin stattgefunden, daß die Regelung der Zukunft derselben den Mächten Vorbehalten bleibt, und ohne daß hinsichtlich deren Überlassung an Griechenland eine Zusage zu erfolgen braucht. Ich hatte es mir stets angelegen sein lassen, den Standpunkt meines italienischen Kollegen zu vertreten, 52 und war sogar soweit gegangen, die Überlassung der italienischen Inseln an die Türkei mit der Adrianopeler Frage zu verbinden. Die Aufforderung des Marquis di San Giuliano, ihn energisch zu unterstützen, beruht, wie mir Marquis Imperiali sagte, auf einem Mißverständnis und einer irrigen Auslegung des letzten Sitzungsberichts. Was die südalbanische Grenzfrage betrifft, so versuchte ich unter Hinweis auf die früher den Rumänen gegebenen Zusicherungen den österreichischen Vorschlag zu unterstützen; die Bedenken aber gegen eine so weittragende Einmischung Rumäniens erweckten den Widerspruch der Mehrheit der Anwesenden, und es wurde als Mittelweg der Vorschlag Sir Edward Greys angenommen, wonach Griechenland und Rumänien sich nur über die den Kutzowalachen zu gebenden Vorrechte einigen sollen, die Entscheidung über die Grenze selbst aber auf Grund der Erhebungen der Kommission den Mächten anheimfallen solle. Würde dieser Vorschlag in Wien angenommen, so ist Aussicht vorhanden, daß auch die übrigen Punkte den österreichischen Wünschen gemäß erledigt werden, wodurch wir in der Lage wären, nächsten Montag die albanische Frage endgültig zu beschließen. Über die Insel Thasos herrschte im allgemeinen die Auffassung, daß sie mit der Kawalafrage eng Zusammenhänge, doch wurde vermieden, diesem Gedanken in bindender Form Ausdruck zu geben. Nächste und letzte Sitzung Montag. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 11. 8. 1913 B ei der heutigen Sitzung gelangte zunächst die von Sir E. Grey in der letzten Sitzung vorgeschlagene Fassung für Artikel 6 betreffend Kutzowalachen der 53 österreichischen Bedingungen für die Beteiligung an der internationalen Kommission zur Abgrenzung Südalbaniens zur Annahme. Damit ist die albanische Frage erledigt, soweit die Mitwirkung der Botschafterversammlung in Betracht kommt. In der Inselfrage ist zwar keine völlige Einigung zwischen dem französischen und italienischen Standpunkt erzielt worden, da die von Cambon in letzter Sitzung befürwortete Fassung nicht den Beifall der italienischen Regierung gefunden hat. Marquis Im- periali schlug den nachstehenden Wortlaut vor: „Wenn gemäß dem ersten Teil der italienischen Erklärung vom 5. August der Artikel 2 des Vertrages von Lausanne gleicherweise von beiden vertragschließenden Teilen ausgeführt ist, werden die sechs Großmächte einmütig über das künftige Schicksal der Inseln des Dodekanes entscheiden unter Berücksichtigung des Interesses Europas an der Unversehrtheit und Sicherheit der asiatischen Türkei.“ Mein italienischer Kollege erklärte sich aber bereit, den letzten Teil von ,,en tenant compte" ab fallen zu lassen, wozu er anscheinend ermächtigt worden war. Cambon hofft, bis morgen mittag eine Antwort aus Paris zu erhalten, außerdem hat Sir E. Grey nachstehend einen Vermittlungsvorschlag in Anregung gebracht: „Wenn . . ., werden sich die sechs Großmächte über die Zuteilung des Dodekanes aussprechen und nach gemeinsamer Übereinkunft die Entscheidung in dieser Hinsicht fällen." Beide Botschafter hoffen auch noch vor der morgen nachmittag zu erfolgenden Erklärung Sir E. Greys im Parlament die Antwort ihrer Regierung zu besitzen. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so wird Sir E. Grey trotzdem seine Erklärung abgeben mit dem 54 Hinzufügen, daß es sich nurmehr um kleine, mehr formelle Unterschiede handele in einer einzigen noch ausstehenden Frage. Beide Kollegen rechnen mit Bestimmtheit auf eine Einigung. Weitere Sitzungen finden vorläufig nicht statt. Ausführlicher Bericht folgt. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 11. 8. 1913 B ei der heutigen Sitzung wurde zunächst die südalbanische Grenzfrage erledigt. Nachstehend der hierüber aufgenommene Sitzungsbericht: „Graf Mensdorff gibt der Versammlung zur Kenntnis, daß die von Sir Edward Grey vorgeschlagene Abänderung des Artikels 6 der österreichisch-ungarischen Vorschläge betreffs der internationalen Kommission für die Abgrenzung Südalbaniens von seiner Regierung angenommen worden sei unter der Bedingung, daß der Rest des Vorschlages angenommen werde. Da alle Botschafter von ihren Regierungen ermächtigt sind, den österreichisch-ungarischen Vorschlag mit der von Sir Edward Grey in der Sitzung vom 8. August vorgeschlagenen Abänderung des Artikel 6 anzunehmen, hält es die Versammlung einstimmig für angebracht, sich diesem Vorschlag anzuschließen." Sodann kam Graf Mensdorff auf eine Anregung zurück über die Marktverhältnisse in Diakowa, die er in voriger Sitzung gemacht hatte. Nachstehend der Bericht: „Graf Mensdorff hatte im Verlauf der letzten Sitzung folgenden Entwurf einer Erklärung mitgeteilt: Freier Zugang zu den Märkten von Diakowa und 55 Dibra wird den Bewohnern der angrenzenden Bezirke Albaniens zugesichert, da diese beiden Städte zu allen Zeiten besagten Bewohnern als für ihre wirtschaftliche Existenz unentbehrliche Märkte gedient haben. Sie müssen daher nach diesen Städten kommen, ihre Erzeugnisse zum Verkauf dorthin schaffen und dort auch die von ihnen benötigten Waren kaufen können, ohne daß ihnen irgendwelche Einschränkungen auferlegt, werden oder dieser freie Zugang von irgendwelchen Bedingungen abhängig gemacht wird. Es herrscht jedoch Einverständnis darüber, daß sie sich den gültigen Gesetzen sowie Zoll- und Polizeiverordnungen zu unterwerfen haben. Die Versammlung hält es für wünschenswert, diesen Entwurf anzunehmen und ist der Meinung, er solle der serbischen Regierung durch die Vertreter der Mächte mitgeteilt werden." Sodann gelangte die Inselfrage zur Besprechung, bei welcher es sich eigentlich mehr um formale Unterschiede zwischen den französischen und italienischen Texten handelt. Herr Cambon erklärte, daß seine Fassung auf Zusagen beruhe, die Herr Tittoni Herrn Pichon mündlich erteilt habe, und die die Verpflichtung enthielten, für den Fall des französischen Einverständnisses mit der Abtretung Korizas an Albanien gegen die Überlassung der italienischen Inseln an Griechenland keinen Widerspruch zu erheben. Aus dieser Abmachung sei unter Weglassung der Bezugnahme auf Griechenland seine in der letzten Sitzung angeregte Formel entstanden. Von derselben könne er ohne Zustimmung seiner Regierung nicht abgehen. Sir Edward Grey benutzte den Anlaß, um mit Nachdruck zu betonen, daß die englische öffentliche Meinung sich viel mehr für die Inseln interessiere als für Albanien und es nicht dulden könne, daß sich eine 56 der Mächte endgültig dort festsetze. Es wurde der nachstehende Bericht aufgesetzt: „Sir Edward Grey fragt den italienischen Botschafter, ob er eine Antwort seiner Regierung betreffs der in der letzten Sitzung von dem französischen Botschafter bezüglich der gegenwärtig von Italien besetzten Inseln vorgeschlagenen Formel erhalten hat. Marquis Imperiali antwortet, diese Formel scheine seiner Regierung einige Widersprüche zu enthalten, und anschließend an den ersten Teil seiner Erklärung vom 5. August schlägt er folgenden Wortlaut vor, der nach Ansicht der italienischen Regierung den von der französischen Regierung geäußerten Ansichten entspricht: Wenn gemäß dem ersten Teil der italienischen Erklärung vom 5. August der Artikel 2 des Vertrages von Lausanne gleicherweise von beiden vertragschließenden Teilen ausgeführt ist, werden die sechs Großmächte einmütig über das endgültige Schicksal der Inseln des Dodekanes entscheiden unter Berücksichtigung des Interesses Europas an der Unversehrtheit und Sicherheit der asiatischen Türkei. Sir Edward Grey bemerkt, wenn man die Türkei erwähne, müsse man auch Griechenland erwähnen. Er ist der Meinung, den letzten Teil von „unter Berücksichtigung . . ab zu streichen. Ohne ermächtigt zu sein, dieser Streichung zuzustimmen, erklärt der italienische Botschafter, um die Einigung zu erleichtern, von sich aus zuzustimmen, und wird sie seiner Regierung Vorschlägen. Der französische Botschafter ist nicht ermächtigt, eine andere Formel als die, die er der Versammlung in der letzten Sitzung mitgeteilt hat, anzunehmen. Er wird seiner Regierung die von der italienischen Regierung vorgeschlagene Fassung mit der Streichung, 57 der Marquis Imperiali unter Vorbehalt der Befragung seiner Regierung zustimmt, zur Kenntnis bringen. Sir Edward Grey schlägt folgende Fassung vor, die ihm den Ansichten beider Regierungen zu entsprechen scheint: Wenn . . ., werden sich die sechs Großmächte über die Zuteilung des Dodekanes aussprechen und nach gemeinsamer Übereinkunft die Entscheidung in dieser Hinsicht fällen. Der französische und der italienische Botschafter werden ihren Regierungen diese Anregung übermitteln.“ Sodann wurde die Frage des Diensteinkommens der Mitglieder der Commission de contröle in Albanien besprochen. Man einigte sich dahin, daß ein Einkommen von etwa 1200 bis 1500 Pfund angemessen erscheine. Sir Edward Grey teilte mit, daß der derzeitige englische Generalkonsul in Saloniki, Lamb, für diese Stelle in Aussicht genommen sei. Ferner wurde erwähnt, daß Herr Misu, der rumänische Gesandte, im Aufträge seiner Regierung den Wunsch ausgesprochen habe, daß Rumänien bei der südalbanischen Grenzkommission mit vertreten sei, daß diesem Ansinnen aber mit Rücksicht auf Griechenland nicht könne entsprochen werden. Schließlich gelangte ein Antrag des hiesigen montenegrinischen Vertreters, Conte Voinowitsch, zur Besprechung über Berücksichtigung montenegrinischer Wünsche bei der Feststellung der montenegrinischalbanischen Grenze; nachstehend der betreffende Bericht: „Der montenegrinische Vertreter hat den französischen, russischen, italienischen und deutschen Botschafter gebeten, die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die Zweckmäßigkeit, bei der Bestimmung der 58 albanisch-montenegrinischen Grenze den Notwendigkeiten der Be- und Entwässerung Rechnung zu tragen, für die der montenegrinischen Regierung Mithilfe versprochen war, zu lenken. Der französische und der russische Botschafter schlagen vor, die Aufmerksamkeit der Regierungen auf diese Bitte zu lenken. Die anderen Botschafter sagen, sie werden sie ihren Regierungen unterbreiten.“ Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 8. 8, 1913 S ir Edward Grey ist ebenfalls der Ansicht, daß es sich empfehlen wird, von Regierung zu Regierung in einen Meinungsaustausch einzutreten über die in Bukarest zwischen den Kriegführenden getroffenen Vereinbarungen und hat den Gedanken, die Angelegenheit den Vertretern der Mächte in Bukarest zu überlassen, wiederum auf gegeben. Den schwierigsten Punkt werde wohl die Frage von Kawala bilden, in der er nach Befragung des hiesigen Kabinetts beschlossen habe, neutral zu bleiben und sich der Mehrheit anzuschließen. Er neige aber der Auffassung zu, daß es schwer sein würde, die Griechen aus Kawala zu vertreiben. Besondere Freude schien ihm die Tatsache zu bereiten, daß über diese Frage eine neue Gruppierung entstanden sei, und er deutet diesen Umstand als einen Beweis der zwischen den Mächten bestehenden freundschaftlichen Beziehungen sowie dafür, daß die Überzeugung bestehe, die Lösung der orientalischen Frage werde zu keiner Verschärfung der internationalen Lage führen. Jedes Symptom einer Abspannung zwischen den Gegensätzen der Gruppen erweckt bei ihm stets Befriedigung und heitere Stimmung. 59 Die Türken hat der Minister wissen lassen, daß, falls sie sich in Adrianopel ruhig verhielten und keinen weiteren Vorstoß nach dem bulgarischen Gebiet machten, die Frage der ihnen zu gewährenden Zugeständnisse für die Räumung der Stadt in einem für sie möglichst günstigen Sinne gelöst werden würde. Sollten sie jedoch weiter Vordringen, so würden sie aller Vorteile verlustig gehen, die sonst für sie in Aussicht kämen. Wie freilich sich der Minister die gewaltsame Verdrängung der Türken aus Adrianopel denkt, darüber hat er nichts verlauten lassen. Er will die Sache jedenfalls vorläufig abwartend behandeln und hofft, daß nach Erledigung aller übrigen Fragen es leichter sein wird, mit der Türkei zu einer Verständigung zu gelangen. Lichnowsky. 60 Siebenter Abschnitt UM DEN ALBANISCHEN KÖNIGSTHRON AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 14. 2. 1914 E s würde mir sehr wünschenswert erscheinen, wenn Prinz Wilhelm Wied sich auch hier vorstellen würde, ehe er die Regierung antritt. Ein kurzer Besuch hier würde sicherlich einen guten Eindruck machen und es würde der Anschein vermieden werden, als ob er sich lediglich als Schützling des Dreibundes betrachte. Schon mit Rücksicht auf die unparteiische und vermittelnde Haltung, die Sir E. Grey bei der Schaffung des albanischen Staates an den Tag gelegt hat, dürfte ein solcher Besuch sich empfehlen. Auch glaube ich, daß er persönlich gefallen würde. Vielleicht könnte er die Rückreise über Paris an- treten. T . , , Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 19, 2. 1914 P rinz Wilhelm Wied hat hier bei allen maßgebenden Persönlichkeiten, mit denen er während seines kurzen Aufenthaltes in Berührung gekommen ist, einen vorzüglichen Eindruck gemacht. Sir E. Grey hat mir dies soeben bestätigt, und ich höre aus guter Quelle, daß auch Seine Majestät der König Georg sich über- 61 aus wohlwollend über den Prinzen ausgesprochen hat. Sir E. Grey hat ihm eröffnet, daß er der Sympathien der britischen Regierung sich vergewissert halten könne, falls namentlich alles vermieden würde, was den Anschein erwecken könne, als ob Österreich- Ungarn und Italien den anderen Mächten gegenüber eine ausgesprochene Vorzugsstellung in Albanien eingeräumt werde. Mir gegenüber betonte der Minister ferner, daß er gern bereit sei, im Parlament dafür einzutreten, daß die britische Regierung ein Sechstel der Garantie für die albanische Anleihe übernehme. Es würde ihm aber schwer sein, dem Einwurf zu begegnen, daß Großbritannien in Albanien keine direkten Interessen habe und daher zum mindesten verlangen müsse, daß, falls es in dieser Hinsicht Verpflichtungen übernehme, es auch gleichmäßig an der albanischen Bank beteiligt sei, an welcher Österreich-Ungarn und Italien die Mehrheit zufallen solle. Auch müsse man verlangen, daß der Vorschuß, der dem Prinzen ä conto des Anlehns gewährt würde und der auf diesem zurückgezahlt werden solle, gleichfalls unter die Aufsicht der Commission de contröle falle. Er beabsichtige, diese Frage nicht mit mir zu besprechen, sondern wolle mir nur vertraulich seinen Standpunkt darlegen. Ich entgegnete, daß ich über die Angelegenheit nicht genau unterrichtet sei, aber annehme, daß alle Mächte das gleiche Interesse an der Entwicklung Albaniens und der Erhaltung des Friedens auf dem Balkan nähmen, und daß diesem Interesse auch die übernommene Verpflichtung entspräche, dem jungen Staate die Mittel zu gewähren und zu gewährleisten, die ihn allein in den Stand setzen könnten, die notwendigsten Einrichtungen zur Bildung eines modernen Staatswesens zu treffen. Durch eine allzu weitgehende Einschränkung seiner Rechte und Befugnisse und 62 finanzielle Bevormundung durch die Kontrollkommission würde es dem jungen Fürsten aber von Anfang an erschwert werden, seiner sowieso überaus heiklen Aufgabe gerecht zu werden. Sir Edward sah dies auch vollkommen ein, und glaube ich nicht, daß von seiner Seite in beiden ausstehenden Fragen, der Beteiligung an der Bank und der Kontrolle des Vorschusses, ernstere Schwierigkeiten zu gewärtigen sind. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLL WEG London, 29. 5. 1914 S ir Edward Grey hatte mir, wie bereits anderweitig gemeldet, deutlich zu verstehen gegeben, daß er nicht in der Lage sei, die Entsendung britischer Truppen aus Skutari nach Durazzo zu befürworten. Ohne Zustimmung des Kabinetts, meinte er, könne der Plan nicht zur Ausführung gelangen, aber er sei nicht gewillt, im Kabinett die Anregung zu unterstützen. Inzwischen ist der Minister für mehrere Tage verreist und wird erst nächsten Donnerstag zurückerwartet. Angesichts der Zuspitzung der Lage in Durazzo wollte ich feststellen, ob inzwischen eine Veränderung der hiesigen Absichten eingetreten sei. Ich hatte Gelegenheit zu erfahren, daß der Minister erst kürzlich und zwar brieflich dem erneuten italienischen Drängen gegenüber erklärt habe, daß er keinen Grund sehe, seinen bisherigen ablehnenden Standpunkt zu verlassen. Die hiesige Regierung sieht wohl der Entwicklung der Dinge in Albanien nicht ohne ernste Besorgnisse entgegen, und man ist sich vollkommen darüber im klaren, daß die Großmächte, welche Albanien geschaffen, auch ein Interesse daran haben, es vor dem Chaos zu bewahren, und daß Großbritannien 63 daher letzten Endes sich nicht auf die passive Rolle des trauernden Hinterbliebenen würde beschränken können. Der britische Vertreter Herr Lamb vertritt die Auffassung, wie ich vertraulich erfahre, daß die Entsendung internationaler Truppen, und zwar in größerem Umfange etwa nach Art der chinesischen Unternehmung sich auf die Dauer nicht werde umgehen lassen. Aber gerade diese Erinnerung an China ist es, die hier etwas abschreckend wirkt und der Regierung nicht gerade Lust macht, vor das Parlament zu treten und vom britischen Volke Soldaten und Geld für Zwecke zu verlangen, die dem eigentlichen britischen Interessengebiet vollkommen fernliegen. Mit der Entsendung einiger Soldaten aus Skutari sei wenig zu erreichen, meint man hier, und zu der Ausschiffung einer größeren Streitmacht dürfte man sich, wenn überhaupt, erst entschließen, wenn alle übrigen Mittel zur Erreichung geordneter Verhältnisse erschöpft sind. Als eins der geeignetsten Mittel, um die Stellung des Fürsten zu befestigen und eine wirksame Verwaltung zu ermöglichen, erscheint der hiesigen Regierung eine möglichst baldige Regelung der Anleihe und der mit ihr zusammenhängenden Bankfrage. Daß letztere bisher noch so wenig Fortschritte gemacht, glaubt man hier der Starrköpfigkeit der österreichischen Regierung zuschieben zu sollen, durch die eine Einigung mit Frankreich verhindert wird. Auch neigt man hier dazu, dem Auftreten der österreichischen Agenten in Albanien, die nach hiesiger Auffasung ihre amtlichen Weisungen weit überschritten hätten, einen großen Teil der Schuld an den mißlichen Zuständen zuzuschieben. Die Albanier wollten wohl von der Gesamtheit der Mächte, nicht aber von Österreich und Italien regiert werden. Im übrigen würde eine österreichisch - italienische Besetzung Albaniens, falls sie notwendig würde, hier sowohl die Regierung wie die öffentliche Meinung ziemlich kühl lassen, nur fürchtet man, das daraus sich österreichisch-italienische Streitigkeiten entwickeln könnten. Alle diese Erwägungen aber werden durch ein Gefühl des Überdrusses am albanischen Problem zurückgedrängt und durch die Unlust, britische Machtmittel mehr als unbedingt notwendig zur Aufrechterhaltung der europäischen Eintracht für albanische Zwecke zu verwenden. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 15. 6. 1914 S ir Edward Grey sagte mir heute, er habe dem Drängen der italienischen Regierung, Truppen in Albanien zu landen, nicht nachgegeben, da die britischen Interessen daselbst zu geringe seien, und es unabsehbar wäre, zu welchen Folgen ein militärisches Eingreifen führen könne. Zuerst würden 500 Mann verlangt und alsbald, wenn diese sich als ungenügend erwiesen, würde weiterer Nachschub benötigt werden. Habe man erst angefangen, so sei es schwer, nachher Verstärkungen zu verweigern, und noch schwerer, sich wieder aus dem Lande zurückzuziehen, Er habe sich daher damit begnügt, ein britisches Kriegsschiff hinzuschicken, um nötigenfalls zur Sicherheit der fürstlichen Familie einzugreifen. Mehr wollte er nicht tun. Ich hatte nicht den Eindruck irgendeiner Verstimmung, die zu dieser Haltung des Ministers geführt haben könnte. Ich glaube vielmehr, er meint, in Ermangelung wirklicher britischer Interessen sich nicht weiter als unbedingt nötig in die albanischen Wirren einlassen zu sollen. Lichnowsky. 5 Lichnowsky II 65 AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 15. 6. 1914 S ir Edward Grey kam im Laufe meines heutigen Besuches wieder auf Albanien zu sprechen, dessen Zustände ihn dauernd zu beschäftigen scheinen. Im wesentlichen sagte er wieder dasselbe wie erst kürzlich, daß England keine direkten Interessen dort habe und es daher nicht gewillt sei, Truppen hinzuschicken, um sich an einer internationalen Besetzung des Landes zu beteiligen. Italien und Österreich wollten nicht allein vorgehen aus Furcht vor Mißhelligkeiten, und andere Mächte würden wohl ebensowenig wie England sich beteiligen wollen. Unter diesen Umständen sei guter Rat teuer. Er persönlich würde gegen eine Verlegung der Regierung nach Skutari nichts einzuwenden haben, doch wolle er, um nirgends Anstoß zu erregen, mit keiner Anregung hervortreten. Namentlich seien die Österreicher diesem Gedanken abhold. Auf meinen Einwurf, daß eine solche Maßnahme wie eine Flucht vor den Aufständischen aussehen und daher dem Ansehen des Fürsten schaden würde, mußte der Minister dies zugeben. Er meinte, hierdurch nur der Abdankung des Fürsten Vorbeugen zu wollen. Hinsichtlich der Anrede, die letzerem gebühre, meinte Sir Edward, daß englischerseits „Highness" gebraucht werde, und daß er diesen Titel auch für angemessen halte, falls wir ihm zustimmten. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 24. 6. 1914 S ir Edward Grey hatte mich heute zu sich bitten lassen, um noch vor meiner Abreise sich mit mir über die politische Lage zu unterhalten. Er erwähnte zunächst den drohenden griechisch-türkischen Zusammenstoß und meinte, die Aussichten seien augenblicklich wieder günstiger, so daß die Hoffnung bestehe, daß das äußerste sich werde vermeiden lassen. Wie er mir bereits auseinandergesetzt, wünsche er namentlich vermieden zu sehen, daß durch Sperrung der Dardanellen erneute Schwierigkeiten entstünden, doch sehe er sich außerstande, den Türken eine solche Maßnahme zu verbieten, da wir nicht in der Lage seien, entsprechende Gegenleistungen zu übernehmen; aber er hoffe, wie gesagt, daß der Krieg sich noch werde vermeiden lassen. Auf Albanien übergehend, bemerkte der Minister ganz im Sinne seiner neulichen Ausführungen, daß er es nicht dem Lande gegenüber übernehmen könne, britische Streitkräfte gegen die albanischen Aufständischen kämpfen zu lassen. Die hiesige öffentliche Meinung würde ein solches Vorgehen nie dulden, und das Parlament würde nicht ermangeln, sofort hiergegen Stellung zu nehmen. Unter diesen Umständen bliebe nur übrig, ruhig zuzusehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sollte der Fürst zur Abdankung genötigt werden, so sei der Plan aufgetaucht, die Regierung der Commission de contröle zu überlassen. Er würde auch hiergegen nichts einzuwenden haben, man müsse sich nur klar darüber sein, daß ohne Machtmittel die Commission de contröle nicht in der Lage sei, ihren Willen durchzusetzen. Von seinem Standpunkte aus würde er keine Bedenken erheben, wenn Österreich und Italien als die meistbeteiligten Mächte sich zusammen der Aufgabe, in Albanien Ordnung zu schaffen, widmen wollten. Der Gedanke scheitere aber an dem Widerstand der beiden Mächte, welche in Albanien nicht allein gelassen sein wollten. Lichnowsky. 68 Achter Abschnitt DAS DEUTSCH-BRITISCHE KOLONIALABKOMMEN Anmerkung: Von Anfang an stellte die britische Regierung die Veröffentlichung des neuen und der gesamten alten Verträge als eine unumstößliche Bedingung für einen neuen Vertrag hin, und zwar sowohl aus Gründen der inneren wie der äußeren Politik. Auch lag Sir E. Grey sehr viel daran, daß „durch diesen Vertrag die Einmütigkeit der beiderseitigen Regierungen bekundet und der Welt gezeigt wird, daß es möglich sei, sich auf ähnlichen Gebieten zu verständigen". Trotz dieser unzweideutigen Äußerung war es erst kurz vor Kriegsausbruch möglich, die Zustimmung des Auswärtigen Amtes zur Veröffentlichung und zur Vollziehung des längst fertigen neuen Vertrages zu erlangen! Immer neue Vorwände wurden gesucht, um den Vertrag, wenn irgend möglich, zum Scheitern zu bringen. — Aus der ganzen Haltung des britischen Ministers ging jedenfalls sein aufrichtiger Wunsch nach einer Annäherung an uns hervor. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 20. 11. 1912 I ch hatte soeben im Unterhause eine eingehende Besprechung mit Sir E. Grey über das portugiesische Kolonialabkommen, zu welcher auch Mr. Lewis Harcourt zugezogen war. An der Hand der mir mitgegebenen Karten und der Unterweisungen, die ich in Berlin erhalten habe, suchte ich alle Gesichtspunkte zu verwerten, welche für die Berechtigung unserer Forde- 69 rung auf das linke Sambesiufer sprechen konnten. Ich erwähnte den geringen wirtschaftlichen Wert der Angolaenklave, die Minderwertigkeit des Hafens von Loanda, nicht minder aber das Entgegenkommen, das wir der britischen Regierung durch unseren Verzicht auf Timor erwiesen hätten, da sonst aus diesem Teil des Vertrages für das Londoner Kabinett eine Quelle von Unbequemlichkeiten hätte entstehen können. Die Herren entgegneten, daß Timor für sie bedeutungslos sei und auch sie darauf verzichteten. Ich wurde bald gewahr, daß ein längeres Verweilen bei dieser Frage die beiden Minister nur verstimmt hätte, ohne daß die Aussicht bestand, auf diesem Wege irgend etwas zugunsten desjenigen Punktes zu erreichen, auf den es uns hauptsächlich ankommt, auf das Gebiet nördlich des Sambesi. Die Enklave in Angola, so erklärten sie, sei für England durchaus nicht wertlos, schon weil sie die Ambaccabahn enthalte und den Hafen von Loanda. Sie bilde außerdem den Zugang zum Atlantischen Ozean für Nordrhodesia, Es sei unmöglich, auch noch auf den zweiten Zugang zum Meere, zum Indischen Ozean, zu verzichten. Das strittige Gebiet solle Britisch-Nyassaland angegliedert werden, der Rest von Mosambique aber bekanntlich der südafrikanischen Kolonie. Einen Vertrag im Sinne unserer letzten Wünsche könne die Regierung nicht vor der Öffentlichkeit vertreten. Bestünden wir auf dem Sambesidreieck, so sei die Angelegenheit gefallen; es sei denn, daß wir in die von Herrn von Kühlmann bereits gemeldete Verlegung der südlichen Grenze der Angolaenklave nach Norden einwilligten, wodurch der nördliche Teil von Angola den Engländern erhalten bliebe. Ich glaubte, im Sinne der mir erteilten Weisung zu handeln, als ich ohne auf dieses letztere Angebot näher einzugehen, und in der Überzeugung, daß ein weiteres Verharren auf unseren Wünschen hinsichtlich des Sambesidreiecks nicht nur die Angelegenheit zum Scheitern bringen, sondern auch eine gewisse Verstimmung bei der jetzigen Regierung gegen uns zurücklassen würde, mich damit einverstanden erklärte, daß die hiesige Regierung den Entwurf von Noten ausarbeitet, in welchen der alte Vertrag samt den jetzigen Zusätzen zum Gegenstand eines neuen Übereinkommens gemacht wird. Nach Eingang dieses Entwurfes werde ich nicht verfehlen, denselben zur Kenntnisnahme Euerer Exzellenz zu bringen. Was Säo Thome und Principe betrifft, so erklärten die Minister, daß diese Inseln nicht in den bestehenden Vertrag auf genommen werden dürften, da sie die Verpflichtung der gemeinsamen Abwehr fremder Eingriffe auf die genannten Inseln nicht ausgedehnt zu sehen wünschten. Es genügt, meinten sie, eine Desinteressementerklärung von der britischen Regierung in einer besonderen Note, wofür wir unsererseits auf Timor verzichten sollten, was dann aus dem alten Vertrage ausschiede. Als eine weitere Bedingung, die sie als eine unumstößliche Voraussetzung zu einemneuen Vertrag bezeichneten, stellten die Minister die Veröffentlichung des gesamten Vertrages hin, und zwar sowohl aus Gründen der inneren wie der äußeren Politik. Es sei unmöglich, meinten sie, den ferneren Anfragen über den Inhalt des Vertrages auf die Dauer auszuweichen. Der südafrikanischen Regierung habe man den Hauptinhalt bereits mitteilen müssen, und die Geheimhaltung erschwere, wirtschaftliche Übergriffe der einen Nation in das Gebiet der anderen auf die Dauer zu verhindern. Auch läge ihm sehr viel daran, betonte Sir 71 E. Grey, daß durch diesen Vertrag die Einmütigkeit der beiderseitigen Regierungen bekundet und der Welt gezeigt werde, daß es möglich sei, sich auf ähnlichen Gebieten zu verständigen. Es kommt also, wie ich gleich bemerken möchte, nicht nur die Mitteilung an die portugiesische Regierung, sondern auch die Veröffentlichung des Vertrages im hiesigen Parlament in Frage, und ich glaube nicht, daß man hier darauf eingehen würde, den Termin dieser Bekanntmachung wesentlich hinauszuschieben. Es mögen auch Gründe parteipolitischer Natur dabei im Spiele sein, da die Regierung unter den Angriffen der eigenen Partei und namentlich der „National Liberal League" zu leiden hat, welche ihr vorwirft, zugunsten ihrer französischen Freundschaft die deutschen Beziehungen zu vernachlässigen. Nach Lage der Verhältnisse glaube ich nicht, daß es sich empfehlen würde, an den englischen Vorschlägen wesentliche Änderungen vornehmen zu wollen. Ein solches Beginnen wäre aussichtslos und würde nicht nur den neuen Kolonialvertrag selbst hinfällig machen, sondern auch eine günstige Gelegenheit zerstören, um die beiderseitigen Beziehungen nicht unwesentlich zu verbessern. Auch möchte ich mir erlauben, der hochgeneigten Erwägung anheimzugeben, ob es nicht erwünscht wäre, in Anbetracht der jetzigen politischen Gesamtlage und des dringenden Wunsches, den das hiesige Kabinett augen- seinlich hat, die Angelegenheit möglichst rasch mit uns zu erledigen, in dieser Hinsicht entgegenzukommen. Mehr läßt sich, wie gesagt, nicht erreichen, auch wird man hier auf die Veröffentlichung unter keinen Umständen verzichten 72 wollen. Ebenso habe ich die Empfindung, daß eine beschleunigte Erledigung dieser Angelegenheit Sir E, Grey sehr viel empfänglicher für unsere sonstigen politischen Wünsche stimmen würde. Zum Schluß darf ich noch bemerken, daß die Minister mir die Zusicherung gaben, daß die Südafrikanische Union nichts ohne Zustimmung des Mutterlandes gegen Mosambique unternehmen werde, und daß jeder Schritt von dieser Seite im Sinne des Vertrages als eine Verwirklichung desselben aufzufassen sei. Über die Art, wie er sich die Verwirklichung aber denkt, hat sich der Minister nicht ausgesprochen, und hatte ich den Eindruck, daß es ihm lieber wäre, vorläufig sich in dieser Richtung nicht festzulegen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 17. 1. 1913 S ir Edward Grey hat mir vor einigen Tagen den beiliegenden Entwurf einer neuen Vereinbarung über die portugiesischen Kolonien übergeben, welche den früheren Vertrag, den geheimen Vertag und die geheime Note des Jahres 1898 ersetzen soll. Was zunächst die Gebietsfrage anlangt, so ist dieselbe in Artikel II dahin geregelt, daß derjenige Teil der Provinz Mosambique, welcher südlich von einer Linie liegt, die von der Mündung des Flusses Lukugu oder Likungo längs dieses Flusses läuft bis zur Verbindung desselben mit dem Flusse Lugera oder Luz- hella und dann entlang diesem Flusse bis zu seiner Quelle und hierauf nördlich bis zum 16. Breitengrad und dann längs dieses Breitengrades bis zum britischen Protektorate von Nyassaland an England fallen solle. Ebenso in der Provinz Angola alle Gebiete östlich des 20. Längengrades und südlich des 11. Breitengrades. Alle übrigen Gebiete der beiden portugiesischen Kolonien bilden den deutschen Anteil. Artikel VI enthält die Verzichterklärung Englands auf obige Gebiete, ebenso aber auf die Inseln Säo Thome und Principe; dasselbe wird von Deutschland entsprechend erwartet hinsichtlich des an England fallenden Gebietes mit Einschluß des portugiesischen Teiles der Insel Timor. Artikel IX enthält mit Rücksicht auf die Veröffentlichung insofern eine Abschwächung, als nurmehr die Rede ist von der Erlangung von Einfluß oder Aufsicht über die Verwaltung, während in dem ursprünglichen Vertrage gesagt war „in case Portugal renounces her sovereign rights over Mozambique, Angola and Por- tuguese Timor or loses this territory in any manner." Alle Einzelheiten hinsichtlich der vorgeschlagenen Veränderungen sind sowohl aus dem in Abschrift gleichfalls beigefügten Briefe Sir E. Greys an mich, wie auch aus der in der Anlage befindlichen Zusammenstellung ersichtlich. Schließlich erlaube ich mir noch, den mir gleichfalls übergebenen Entwurf einer an die niederländische Regierung zu richtenden Note über Timor zu unterbreiten. Bei dieser Gelegenheit, die aber zu keiner eingehenden Erörterung Anlaß gab, versuchte ich, mich im Sinne der mir erteilten Weisung auszusprechen und darauf aufmerksam zu machen, daß gegen die Veröffentlichung bei uns nach wie vor nicht unerhebliche Bedenken bestünden. Ich ließ dabei durchblicken, daß wir jedoch unter gewissen Voraussetzungen nicht abgeneigt wären, den Wünschen der britischen Regierung näherzutreten. Als 74 solche bezeichnete ich vor allem eine Abmachung, wonach, falls eine der beiden Regierungen oder deren Kolonien gezwungen wäre, zur Wahrung ihrer Interessen portugiesisches Kolonialgebiet zu besetzen oder dessen Verwaltung in die Hand zu nehmen, der andere vertragschließende Teil zu analogem Vorgehen in dem ihm durch das Abkommen zugewiesenen Teil berechtigt sein solle. Sir E. Grey ließ meine Bemerkung unerwidert, und ich hatte den Eindruck, daß er vorläufig einer Erörterung dieser Frage ausweichen wollte oder nicht genügend für eine Verhandlung vorbereitet war. Auch schien er Wert darauf zu legen, daß zunächst einmal der britische Entwurf geprüft und angenommen werde. Schon jetzt aber glaube ich darauf hinweisen zu sollen, daß es mir zweifelhaft erscheint, ob die hiesige Regierung einer Fassung zustimmen wird, welche beiden Staaten die gleiche Freiheit zum Einschreiten mit entsprechendem Recht zu analogen Maßnahmen einräumt. Das politische Gewissen Sir E. Greys würde es doch vielleicht als eine offenkundige Verletzung des britisch-portugiesischen Vertrages empfinden, wenn hierdurch das Schicksal der Kolonien in unsere Hand gelegt und unserem Ermessen anheimgegeben würde. Da es aber unseren Interessen nicht entsprechen würde, wenn wir für die spätere Verwirklichung des Vertrages ausschließlich darauf angewiesen wären, zu warten, ob und wann die Kapkolonie ein energisches Vorgehen gegen Mosambique für angemessen hält, so schiene es mir zweckmäßig, für diesen Fall noch zwei weitere Abmachungen in Form des Notenwechsels festzulegen, die beide von Sir. E. Grey mit dem Grafen Metternich und Freiherrn von Marschall andeutungsweise besprochen worden sind. Die erste würde festsetzen, daß, falls eine portugiesische Kolonie oder ein Teil einer solchen sich selbständig erklärte, Verträge zwischen England und dem Mutterlande auf dieses selbständig gewordene Gebiet keine Anwendung finden, während alle Punkte des deutsch-britischen Abkommens in voller Kraft verblieben. Die andere aber, daß, falls Mißwirtschaft der Portugiesen in ihren Kolonien dritten Mächten Grund zum Einschreiten geben würde, Portugal gegen ein solches Einschreiten nicht den Schutz der Bündnisverträge an- rufen oder englische Hilfe erwarten könne. Ich glaube, daß Sir E. Grey hiergegen nichts einzuwenden hätte und diese Punkte in Form eines Nofenwechsels festlegen und sich auch verpflichten würde, den letzten der drei Punkte bei Bekanntgabe unserer Vereinbarung Portugal mitzuteilen. Falls die hiesige Regierung auf den ersten Vorschlag nicht eingeht, würde durch die drei obigen Abmachungen die Möglichkeit für uns, zur Selbsthilfe zu greifen, trotzdem vorhanden sein. Falls wir in Angola durch Errichtung einer Charterkompagnie oder in Mosambique durch Erwerbung einer Majorität in der Nyassakompagnie Einfluß auf die Verwaltung größerer Gebiete gewinnen, würde vielleicht der Paragraph über Selbständigmachung von Gebieten oder Gebietsteilen Anwendung finden können. Auch der Paragraph über Bedrohung wichtiger Interessen durch Mißwirtschaft dürfte leicht praktisch anwendbar sein, sobald wir mit Energie die Schaffung wirtschaftlicher Interessen besonders auf dem Eisenbahngebiete, in die Hand genommen haben. Die wirtschaftliche Durchdringung ist wohl zunächst überhaupt ins Auge zu fassen als Vorbereitung für die mögliche spätere politische Erwerbung. Sir E. Grey und den Engländern gegenüber ist es wohl vorläufig besser, die politische Erwerbung nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen. 76 Denn obwohl sich niemand im unklaren darüber ist, was der Vertrag praktisch bedeutet, so widerstrebt es doch ihrem Gefühl, ein kleines und wehrloses Volk, mit dem sie noch dazu verbündet sind, einer anderen Macht zu offensichtlich preiszugeben, und es könnte der Förderung unserer allgemeinen Beziehungen nur zugute kommen, wenn wir bei der Durchführung dieser kolonialen Besitzveränderungen auf ihre Vorurteile und Empfindlichkeiten einigermaßen Rücksicht nähmen. Da ich immer mehr den Eindruck gewinne, daß Sir E. Grey und die britische Regierung auf kolonialem Gebiete uns möglichst entgegenzukommen wünschen, teils um ihren guten Willen zu zeigen, teils um dem vermeintlichen Bedürfnis des deutschen Volkes nach Ausdehnung und Erwerb gewissermaßen eine Ablenkung zu verschaffen, so meine ich, daß die Annahme des britischen Entwurfs in seinen wesentlichsten Punkten eine günstige Gelegenheit schaffen wird, um für unsere weiteren Wünsche verständnisvolles Entgegenkommen zu finden. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 21. 2. 1913 S ir Edward Grey ließ mir zur vertraulichen Mitteilung durch Sir Eyre Crowe folgendes sagen: Der portugiesische Gesandte habe im Aufträge seiner Regierung mitgeteilt, daß die in einzelnen Organen der europäischen Presse aufgetauchten Nachrichten betreffend deutsch-englische Verhandlungen über portugiesische Kolonien große Beunruhigung hervorgerufen hätten, zumal da zahlreiche Anzeichen 77 für eine politische Annäherung zwischen Deutschland und England vorlägen. Der Gesandte fragte dann im einzelnen, ob tatsächlich die Revision des Vertrages von 1898 ins Auge gefaßt sei, ob die Preßnachrichten über Berufung einer Konferenz zur Erörterung über afrikanische Fragen richtig seien, ob Sir Edward Grey beabsichtigte, gemäß seinem früher im Unterhause abgegebenen Versprechen den Geheimvertrag vom Jahre 1898 in dem jetzt in Vorbereitung befindlichen Blaubuch zu veröffentlichen, endlich ob die gemeinsame deutsch-englische Deklaration vom März 1912 noch als rechtsverbindlich angesehen werden könne. Sir Edward Grey habe hierauf dem Gesandten wie folgt antworten lassen: Gewisse Veränderungen in dem angezogenen Vertrage hätten sich als nötig erwiesen und würden erwogen. An Berufung einer Konferenz der bezeichneten Art habe England niemals gedacht und auch keine andere Regierung, soweit das Foreign Office unterrichtet sei. Der Minister halte auch jetzt noch die Veröffentlichung aller Geheimverträge im Prinzip für wünschenswert; ob und wann der Vertrag vom Jahre 1898 veröffentlicht werden solle, könne er jetzt nicht sagen, keinesfalls in dem in Vorbereitung befindlichen Blaubuche, das sich ausschließlich mit der Frage der Kontraktarbeiter befasse. Keine der möglicherweise in Aussicht genommenen Änderungen der bestehenden Abmachungen von 1898 sei auf die Stellung Portugals zu diesem Vertrage von dem geringsten Einfluß, deshalb sei auch kein Grund anzunehmen, daß die obenerwähnte gemeinsame deutsch-englische Deklaration nicht mehr zu Recht bestünde. Der Gesandte fragte endlich, ob die portugiesische Regierung parlamentarische Anfragen in diesem Sinne 78 beantworten dürfe, worauf Sir Edward Grey antworten ließ, es stehe der portugiesischen Regierung frei, zu erklären, was sie für gut finde. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 3. 3. 1913 H alte baldige Beantwortung der Note Sir E. Greys vom 11, Januar über koloniale Fragen dringend erwünscht. Erfolgreicher Abschluß dieser Verhandlungen würde die Stimmung leitender Kreise weiter verbessern, längeres Zögern aber könnte leicht zu Mißdeutungen und Verstimmungen führen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 20. 3. 1913 I ch hatte soeben auf dem Foreign Office eine Besprechung mit Sir Edward Grey über die Frage der portugiesischen Kolonien, der auch der Kolonialsekretär Mr. Lewis Harcourt beiwohnte. Zunächst brachte ich in Gemäßheit der mir erteilten Weisungen die Zusatzartikel zur Sprache, welche uns als Ergänzung des von der englischen Regierung ausgearbeiteten Vertragsentwurfs wünschenswert erscheinen. Die Zugrundelegung der Stanfordschen Karte von Afrika erregte keine Bedenken. Was Kabinda betrifft, so behielten sich beide Minister eine endgültige Erklärung vor, da ihnen das Gebiet unbekannt zu sein schien. In Artikel II stimmten sie der Streichung der Worte „or Likungo" und ,,or Luzhella" zu. 79 Auch die andere Abänderung in Artikel II Seite 1 fand keinen Widerspruch. Was die Annahme des Kassaitales als Grenze betrifft, so erregte dieselbe keine Bedenken. Mr. Har- court meinte nur, es wisse niemand genau, wo der Oberlauf des Flusses läge. Die Streichung des auf die Insel Timor bezüglichen Satzes wurde abgelehnt, und zwar mit Hinsicht auf die Bedeutung, welche man in Australien diesem Gebiet zuspricht. Man beabsichtigt nämlich, den alten Vertrag selbst zwar nicht zu veröffentlichen, wohl aber eine kurze Inhaltsangabe hinsichtlich der durch denselben getroffenen Gebietsbestimmungen. Es geschieht dies wohl aus parlamentarischen Rücksichten, um dem Vorwurf, der von unionistischer Seite erhoben werden könnte, als habe die Regierung den wichtigen Zugang zum Westmeer, welcher die bequemste Verbindung mit Rhodesia und der Kapkolonie bilden sollte, leichtfertig preisgegeben, unter Hinweis auf Timor zu begegnen. In obigem Sinne habe ich einen mit den nötigen Abänderungen versehenen Gesetzentwurf den beiden Ministern übergeben und den in der Anlage abschriftlich eingereichten Brief hinterlassen, in welchem ich die Gründe auseinandersetzte, die unsere Wünsche veranlaßt haben. Derselbe enthält aber auch noch die beiden Artikel, deren Annahme Euere Exzellenz als Bedingung hinstellten für unsere Zustimmung zur Veröffentlichung des Vertrages. Artikel I erregte sogleich entschiedene Bedenken, Beide Herren erklärten, daß der Begriff der Mißwirtschaft schwer zu bestimmen sei, und daß es dem Geiste des britisch-portugiesischen Vertrages widerspräche, das Schicksal der portugiesischen Kolonien der Willkür zu überantworten. Ich entgegnete, daß 80 die Selbsthilfe bereits in Unterredungen mit Baron Marschall vorgesehen gewesen sei, nur daß, falls die britische Regierung an dieser Form Anstoß nehme, die Möglichkeit vielleicht vorläge, die gegenseitige Benachrichtigung durch gegenseitige Zustimmung zu ersetzen. Beide Herren erwiderten, daß sie sich ihre endgültige Stellungnahme Vorbehalten müßten, aber auf keinen Fall einer Form zustimmen könnten, die die Geheimhaltung eines Teiles unserer Abmachungen in sich schließen müßte. Die Voraussetzung des ursprünglichen Vertrages sei ein freiwilliger Verzicht Portugals auf seine Hoheitsrechte durch Verpfändung gewesen bezw. der Abfall der Kolonien vom Mutterlande. Ein Gewaltakt aber widerspräche den bisherigen Grundlagen des Vertrages. Artikel II wurde von beiden Herren gutgeheißen, aber mit der ausdrücklichen Einschränkung, daß die Gegenseitigkeit nur auf die betreffende Kolonie selbst Anwendung finden solle. Wenn also der südliche Teil von Mosambique sich an das Kapland anschließen würde, müßte der nördliche Teil unserem Kolonialbesitz angegliedert werden. Der Anschluß der gesamten Kolonie an das Kapland wurde von der Hand gewiesen, ebenso aber die Möglichkeit, in einer anderen Kolonie sich für einen derartigen Anschluß schadlos zu halten. Beide Minister versprachen, unsere Wünsche einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und mich demnächst von dem Ergebnis zu benachrichtigen. Lichnowsky. 6 Lichnowsky II 81 AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 13. 5. 1913 I n der Anlage beehre ich mich, einen mir soeben zugegangenen Entwurf einzureichen für ein neues, die portugiesischen Kolonien betreffendes Abkommen zwischen uns und Großbritannien*) nebst erläuterndem Begleitschreiben als Antwort auf meine letzte Anregung. Wie Euer Exzellenz entnehmen wollen, kommt die britische Regierung unseren Wünschen in der Hauptsache entgegen. Nur hinsichtlich Timors besteht sie auf der Beibehaltung des von uns gestrichenen Satzes und begründet ihren Wunsch namentlich damit, daß der Verzicht auf Timor als eine Gegenleistung für die Überlassung von Säo Thome und Principe gelten müsse. Die wichtigste Neuerung aber bildet die Annahme der von uns in Vorschlag gebrachten beiden Zusatzartikel, welche die Verwirklichung des Vertrages unter gewissen Umständen anbahnen sollen. In dem ersten wünscht die britische Regierung allerdings die Fortlassung des letzten Satzes, welcher sich auf die Anrufung der englisch-portugiesischen Bündnisverträge bezieht, doch meine ich, daß wir angesichts der übrigen Fassung, die der Möglichkeit, bei Mißwirtschaft zu einer Verständigung über gemeinsames Vorgehen zu gelangen, den weitesten Raum läßt, auf den gedachten Zusatz unbedenklich verzichten können, welcher hier als eine Verletzung des bestehenden Abkommens mit Portugal betrachtet wird. Auch der zweite Artikel ist von der hiesigen Regierung angenommen worden, nur mit der Einschränkung, daß dem anderen Teil nur das Recht eingeräumt wird, den entsprechenden, ihm vertragsmäßig zu- *) Siehe Anlage, stehenden Teil derselben Kolonie alsdann sich anzugliedern. Sir Edward Grey will, wie er mir bereits früher gesagt hat, die Abmachungen von 1898 im Auszug zur Kenntnis der portugiesischen Regierung bringen und dann diesen Auszug zugleich mit dem neuen Vertrage veröffentlichen. Er legt hierauf besonderen Wert, da ihm daran liegt zu beweisen, daß der gegenwärtige Vertrag keine neue Politik einleitet, vielmehr die von den Unionisten unter Balfour eingeschlagene Politik fortsetzt. Der Minister wird hiervon auf keinen Fall abzubringen sein. Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, Timor ganz unerwähnt zu lassen, und ich möchte befürworten, daß wir auch dem zur gemeinsamen Mitteilung an die holländische Regierung bestimmten Notenentwurf zustimmen. Eine Anerkennung des niederländischen Vorkaufsrechts wird voraussichtlich in Deutschland viel weniger verstimmen als etwa der Gedanke einer Erwerbung der Hälfte Timors durch England oder Australien. Zweifellos hat die britische Regierung auch bei dieser Gelegenheit wieder gezeigt, wie sehr sie bestrebt ist, unseren W ünschen entgegenzuko m m en und mit uns in allen wichtigen Fragen zu einer Verständigung zu gelangen. Der baldige Abschluß des gedachten Übereinkommens wird auch sicherlich zu einer weiteren Befestigung der in letzter Zeit erfolgten Annäherung zwischen beiden Ländern nicht unwesentlich beitragen, und ich möchte daher schon aus allgemein politischen Gründen sowie im Hinblick auf die Möglichkeit des Ausbruchs von ernsten Unruhen in Portugiesisch-Mosambique bezw. Lourengo Marques es dringend befürworten, daß der obige Entwurf von uns in zustimmendem Sinne ehestens beantwortet wird. Anlage: Vertragsentwurf In Anbetracht der Möglichkeit, daß Portugal finanzielle Unterstützung einer fremden Macht oder fremder Mächte benötigen könnte und zu dem Zweck, den internationalen Verwicklungen, die eine solche Lage der Dinge hervorrufen könnte, vorzubeugen und die Unversehrtheit und Unabhängigkeit Portugals zu erhalten, sind die von ihren Souveränen gebührend bevollmächtigten Unterzeichneten übereingekommen wie folgt: Artikel I 1. Sobald entweder die britische oder die deutsche Regierung es für angebracht hält, einem Ersuchen Portugals nach einer Anleihe unter Verpfändung der Zoll- oder sonstigen Einkünfte von Mosambique oder Angola stattzugeben, wird sie von dieser Tatsache der anderen Regierung Mitteilung machen, und die andere Regierung soll das Recht haben, einen Teil der benötigten Gesamtsumme vorzustrecken. 2. Falls die andere Regierung ihre Absicht kundgibt, dieses Recht auszuüben, werden die beiden Regierungen über die Bedingungen der beiden Anleihen beraten, und diese Anleihen sollen unter Verpfändung der Zolleinnahmen von Mosambique und Angola möglichst gleichzeitig ausgegeben werden. Die Anleihen sollen, soweit wie möglich, in demselben Verhältnis zueinander stehen wie die Beträge der für sie verpfändeten Zolleinnahmen, 3. Die Anleihen sollen zu Bedingungen ausgegeben werden, die für Portugal so günstig sind, wie es die Lage des Geldmarktes und die Sicherheit der An- 84 leihen erlaubt, im übrigen sollen sie soweit wie möglich gleichartigen Bedingungen unterliegen. Artikel II Wenn der in dem vorstehenden Artikel erwähnte Fall eintritt, sollen für die britische Anleihe verpfändet werden: die Zolleinnahmen des Teiles der Provinz Mosambique südlich einer Linie, die von der Mündung des Lukugu-Flusses ausgeht, diesem Fluß bis zur Einmündung des Lugera-Flusses, dann diesem bis zu seiner Quelle, dann demMeridiandieserQuelle bis zum 16, Grad südl. Breite und schließlich diesem Breitengrad bis zur Grenze des britischen Nyassaland-Protektorates folgt; sowie die Zolleinkünfte des Teiles der Provinz Angola östlich des 20. Grades östlicher Länge und südlich des Kassai-Flusses. Dagegen sollen die Zolleinnahmen der übrigen Teile der Provinzen Mosambique und Angola (einschließlich des Verwaltungsbezirkes Kongo, dessen Regierungssitz Cabinda ist) für die deutsche Anleihe verpfändet werden. Artikel III Falls Großbritannien oder Deutschland Vertreter senden, um die Erhebung der für die betreffenden Anleihen verpfändeten Einnahmen zu überwachen, soll die portugiesische Regierung ersucht werden, diesen Vertretern nur Inspektionsrechte, doch keine Ver- waltungs-, Eingriffs- oder Kontrollrechte zuzugestehen, solange kein Verzug in der Zinszahlung oder Amortisation eintritt. Artikel IV Im Fall eines Verzugs in der Zinszahlung oder Amortisation einer der beiden Anleihen soll mit der portugiesischen Regierung vereinbart werden, daß sie die Verwaltung der verschiedenen Zollstationen in den beiden Provinzen abgibt, und zwar die für die deutsche Anleihe verpfändeten an Deutschland, die für die britische Anleihe verpfändeten an Großbritannien. Artikel V 1. In dem im vorstehenden Artikel erwähnten Fall sollen alle vor dem Tage des Abschlusses des vorliegenden Abkommens in den in Frage kommenden Provinzen erworbenen Rechte, seien es britische oder deutsche, ihrem vollen Umfange nach sichergestellt bleiben, vorausgesetzt, daß sie rein privater Natur sind und weder politische Rechte noch territoriale Gerichtsbarkeit oder Verwaltungsbefugnisse in sich schließen. 2. Es herrscht Einverständnis darüber, daß in Zukunft weder die britische noch die deutsche Regierung Einfluß ausüben wird, um neue Konzessionen zu erlangen, ausgenommen in den Teilen der Provinzen, deren Zolleinkünfte nach dem vorliegenden Abkommen für die betreffende Anleihe verpfändet werden würden. Artikel VI Vom Tage des Abschlusses des vorliegenden Abkommens ab wird Großbritannien sich enthalten, einen Anspruch irgendwelcher Art auf den Besitz, die Besetzung oder die Kontrolle der Teile der portugiesischen Provinzen, deren Zolleinnahmen nach dem vorliegenden Abkommen an Deutschland verpfändet werden würden, sowie der Inseln Säo Thome und Principe, oder auf die Ausübung politischen Einflusses in diesen Gebieten oder auf diesen Inseln zu erheben; in gleicher Weise wird Deutschland sich enthalten, einen Anspruch irgendwelcher Art auf den Besitz, die Besetzung oder die Kontrolle der Teile der portugiesischen Provinzen, deren Zolleinnahmen 86 nach dem vorliegenden Einkommen an Großbritannien verpfändet werden würden, sowie des portugiesischen Teiles der Insel Timor, oder auf die Ausübung politischen Einflusses in diesen Gebieten oder auf dieser Insel zu erheben. Artikel VII 1. Im Falle, daß eine der beiden Regierungen von der portugiesischen Regierung eine Gebietsabtretung oder die Gewährung besonderer Vorrechte nicht vorübergehenden Charakters in den Teilen der Provinzen Mosambique oder Angola, deren Zolleinkünfte ihr zugeteilt werden würden, erhalten sollte, so sollen diese Gebietabtretungen oder Gewährungen von Vorrechten nicht wirksam werden, bevor nicht entsprechende und, soweit wie möglich, gleichwertige Zugeständnisse der anderen Regierung in den Teilen der Provinzen, deren Zolleinkünfte nach dem vorliegenden Abkommen ihr verpfändet werden würden, gewährt worden sind. 2. Im Falle, daß eine der beiden Regierungen sich in den Teilen der portugiesischen Provinzen, deren Zolleinkünfte nach dem vorliegenden Abkommen ihr zugeteilt werden würden, um besondere Vorrechte vorübergehenden Charakters bewerben sollte, so wird sie unverzüglich die andere Regierung davon unterrichten, und wenn diese Vorrechte gewährt werden und wenn die andere Regierung es wünschen sollte, wird sie ihren Einfluß benutzen, um für die andere Regierung ähnliche besondere und gleichwertige Vorrechte vorübergehenden Charakters zu erlangen. Artikel VIII Wenn in irgendeinem Teil der Provinzen Mosambique oder Angola Leben oder Eigent um britischer oder deutscher 87 Staatsangehöriger durch örtliche Wirren oder durch die Handlungen der örtlichen Behörden gefährdet wird und die portugiesische Regierung nicht in der Lage ist, den notwendigen Schutz zu gewähren, oder aber dies aus anderen Gründen zu tun unterläßt, so werden die britische und die deutsche Regierung in gemeinsamer Beratung und nach gemeinschaftlicher Verständigung der portugiesischen Regierung die Art, Dauer und den Umfang der Maßnahmen bestimmen, die etwa zum Schutz der gefährdeten Interessen für nötig gehalten werden. Artikel IX Wenn eine der fraglichen portugiesischen Kolonien, nachdem sie unabhängig geworden und ihre Unabhängigkeit von den beiden hohen vertragschließenden Teilen anerkannt worden ist, oder wenn ein Teil einer solchen unabhängigen Kolonie seinen Anschluß an das Gebiet einer der beiden vertragschließenden Mächte erklären sollte, so soll die andere vertragschließende Macht ihrerseits nach vorhergehender Benachrichtigung der ersten Macht berechtigt sein, die Teile einer solchen unabhängig gewordenen Kolonie, deren Zolleinkünfte ihr nach dem vorliegenden Abkommen verpfändet werden würden, sich anzugliedern. Seiner Majestät Regierung erkennt an, daß die Bündnisverträge zwischen ihr und der portugiesischen Regierung sich nicht 88 auf Kolonien oder Teile von Kolonien erstrecken, deren Unabhängigkeit erklärt und von den beiden hohen vertragschließenden Teilen anerkannt worden ist. Artikel X Unter Berücksichtigung der Interessen ihrer an die portugiesischen Provinzen angrenzenden Besitzungen in Südafrika, die durch das Eingreifen einer dritten Macht in diesen Provinzen wesentlich in Mitleidenschaft gezogen würden, kommen Großbritannien und Deutschland überein, einem derartigen Eingreifen, sei es eine Anleihe an Portugal unter Verpfändung der Einkünfte der besagten Provinzen, sei es Erwerbung von Land durch Übertragung, Abtretung, Kauf, Pacht oder auf andere Weise, gemeinsam entgegenzutreten. Artikel XI Soweit Großbritannien oder Deutschland in Zukunft etwa die Verwaltung von Mosambique oder Angola oder eines Teiles dieser Provinzen beeinflussen oder beherrschen sollte, besteht Einverständnis darüber, daß die Staatsangehörigen und die Eingeborenen der Schutzgebiete des einen vertragschließenden Teiles mitsamt ihren Gütern und Schiffen sowie die Landesprodukte und Fabrikate seiner Dominien, Besitzungen, Kolonien und Schutzgebiete in den in dem vorliegenden Abkommen angeführten Gebietsteilen, die unter den Einfluß oder die Herrschaft des anderen vertragschließenden Teiles fallen, an allen besonderen Vorteilen, Befreiungen und Vorrechten in bezug auf Handel und Verkehr, Besteuerung und Schiffahrt teilnehmen sollen, deren sich die Staatsangehörigen und die Eingeborenen der Schutzgebiete des anderen vertragschließenden Teiles dort erfreuen. 89 Artikel XII Das vorliegende Abkommen soll nach gebührender Ratifizierung zwischen den vertragschließenden Mächten das Abkommen, das geheime Abkommen und die geheime Note, die am 30. August 1898 in London abgeschlossen und unterzeichnet wurden und die hiermit für kraftlos erklärt werden, ersetzen. Artikel XIII Das vorliegende Abkommen soll ratifiziert werden, und die Ratifikationsurkunden sollen sobald als möglich ausgetauscht werden. Das Abkommen soll unmittelbar nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden in Kraft treten. Zu Urkund dessen haben die Unterzeichneten, mit gebührenden Vollmachten versehen, das Abkommen unterzeichnet und ihre Siegel beigedrückt. Ausgefertigt in doppelter Urschrift zu London, d en .1913. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 13, 6. 1913 S oeben hatte ich eine Besprechung mit Sir Edward Grey und Mr. Lewis Harcourt über unsere Wünsche bezüglich des letzten englischen Entwurfes für die neue zur Veröffentlichung bestimmte Fassung des deutschbritischen Geheimvertrages über das portugiesische Kolonialgebiet. Ich hatte gleich nach meiner Rückkehr dem Staatssekretär des Äußeren unsere Vorschläge schriftlich übergeben und begründet und wurde heute zu ihm gebeten, um die Antwort der britischen Regierung entgegenzunehmen. Was zunächst die Einleitung betrifft, so lehnen beide Herren es ab, einer Änderung des bisherigen 90 Wortlautes zuzustimmen. Es empfehle sich nicht, so meinen sie, den Endzweck des Planes (scope) weiter auszudehnen und zu verallgemeinern. Wenn auch die Wahrscheinlichkeit eines finanziellen Zusammenbruches nicht naheliegen sollte, so sei doch der Hauptzweck des Abkommens, getrennte Gebiete zu schaffen für die Betätigung des deutschen und britischen Kapitals und Unternehmungsgeistes. Die in der Einleitung erwähnte finanzielle Unterstützung beziehe sich also nicht bloß auf die Verpfändung der Kolonien selbst oder von Teilen derselben, sondern auch auf private Betätigung in den genannten Gebieten, die die Erschließung und Entwicklung derselben zum Zwecke hätten. In diesem Sinne hat Sir Edward Grey auch schon mit dem früheren portugiesischen Gesandten Marquis de Soveral gesprochen, der über die Einzelheiten des Vertrages genau unten ichtet zu sein schien. Der Minister ist nach wie vor bestrebt, dem Vertrage jede gegen Portugal gerichtete Spitze zu nehmen, und möchte ihn lieber als eine Unterstützung der Kolonialwirtschaft Portugals erscheinen lassen. Auch will er dem Parlamente gegenüber in der Lage sein, sagen zu können, daß sich an den Voraussetzungen des Vertrages nichts geändert habe. Beide Minister erklärten daher, auf eine Abänderung der Vorrede nicht eingehen zu können. Hingegen wollen beide Herren unseren Wünschen mit Bezug auf Artikel VIII insofern entgegenkommen, als sie der Aufnahme des Zusatzes „or the vital interests of the adjoining British and German Colonies and Protectorates" beistimmen. Hiermit hätten wir also den wichtigsten Punkt unseren Wünschen entsprechend bei der hiesigen Regierung durchgesetzt. Die Aufnahme einer die Antisklaverei betreffenden Klausel wurde jedoch unter Hinweis auf deren Fehlen im früheren Vertrage verworfen; vermutlich um in Lissabon nicht mehr als notwendig zu verletzen. In Artikel IX stimmten die Herren der Streichung des letzten Absatzes unseren Wünschen gemäß zu. Hiermit wäre das äußerste erreicht, was bei der britischen Regierung in dieser Angelegenheit zu erlangen war, und ich möchte die Ansicht vertreten, daß es sich empfehlen würde, zu der nunmehr vorliegenden Form endgültig unsere Zustimmung zu erteilen. Über das Datum der Veröffentlichung und der Mitteilung an die portugiesische Regierung ließe sich wohl noch eine nähere Vereinbarung treffen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 1. 7. 1913 N achdem der portugiesische Kolonialvertrag völlig durchverhandelt ist, und auch in der Fassung wesentliche Änderungen nicht mehr zu erreichen sind, wäre es im politischen Interesse dringend erwünscht, wenn ich möglichst bald zur Unterzeichnung bevollmächtigt werden könnte. AN DEN STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW London, 2. 7. 1913 H eute nur wenige Worte, um Ihnen zunächst für den soeben eingegangenen Brief vom 29. zu danken. Ich werde heute oder morgen mit Grey die armenische Frage noch einmal besprechen und glaube, daß er gerne bereit sein wird, übertriebenen russischen Projekten für die Neugestaltung Armeniens mit uns entgegenzutreten, da er nach wie vor alle Teilungsabsichten zurückweist. Der Hauptzweck meines Briefes aber ist, Sie zu 92 bitten, dafür sorgen zu wollen, daß sowohl der Kolonialvertrag als das Bagdadabkommen, die sich beide in Berlin zur Begutachtung befinden, ehestens erledigt werden. Ich habe über beide Fragen gestern telegraphiert und halte es für unerläßlich, daß wir die britische Regierung nicht mehr lange auf Antwort warten lassen. Und es ist dringend erwünscht, daß noch vor meinem Urlaub bezw. vor der Abreise von Grey — das heißt noch im Laufe dieses Monats — beide Angelegenheiten ihre Erledigung finden und die Schriftstücke unterzeichnet werden. Wir haben in beiden Fragen so ziemlich alles erreicht, was zu erreichen ist. Es kann sich also höchstens noch darum handeln, in der Bagdadsache einige kleinere Verschönerungen anzubringen. Durch Verschleppung wird die Sache nicht besser; im Gegenteil, es würde hier nur einen peinlichen Eindruck hervorrufen. Im portugiesischen Handel aber ist nichts mehr herauszuschlagen. Je eher ich zur Unterzeichnung bevollmächtigt werde, desto besser. Wieichlhnenschonfrühergesagthabe, bestehthierdieausgesprocheneTendenz, unserer kolonialenAusbreitung nicht nur keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen, sondern ihr möglichst die Bahn zu ebnen, schon um uns von der Nordsee abzulenken und unseren vermeintlichen Landhunger auf Gegenden zu lenken, die für die britische Machtstellung unbedenklich erscheinen. Man wird aber nicht in den Vertrag irgend etwas auf nehmen wollen, was England Portugal gegenüber ins Unrecht setzt, und daher alles zu vermeiden suchen, was als eine Preisgabe portugiesischen Besitzstandes gedeutet werden könnte. Lichnowsky. 93 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 7. 7, 1913 H abe Inhalt soeben eingehend mit Sir E. Grey besprochen und dabei Einleitung und Artikel 3 geheimer Konvention vom Jahre 98 ihm vorgelesen. Der Minister meinte lachend, die betreffenden Stellen seien allerdings nur schwer mit dem seither erneuerten Bündnisvertrag mit Portugal in Einklang zu bringen, und es läge ihm daran, nichts zu veröffentlichen, was zu letzterem sich in einem allzu schreienden Widerspruch befände. Unsere letzten Absichten schienen ihm vollkommen verständlich. Er vermeidet es aber auch dieses Mal, zu ihnen Stellung zu nehmen, und schweigt wieder auf meine diesbezüglichen Andeutungen. Man wünscht hier, wie ich nochmals wiederholen möchte, unserem Kolonial-Ausbreitungsdrang nichts in den Weg zu legen und sieht es sogar aus naheliegenden Gründen nicht ungern, wenn unsere Kräfte in fernen Weltteilen nach Betätigung suchen. Man möchte aber nicht gern gezwungen werden, einen offenkundigen Gegensatz zu anderweitigen Verpflichtungen zu verkündigen. Um meinem Wunsche aber entgegenzukommen, wollte Sir E. Grey die Sache noch einmal mit Harcourt besprechen. Vielleicht läßt sich ein Ausweg dadurch finden, daß beide Fassungen vereinigt werden. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 18. 7. 1913 ie bereits gemeldet, hat mir Sir E. Grey mit- W teilen lassen, daß er nach Rücksprache mit Mr. L. Harcourt bereit sei, in die Einleitung zu dem letzten Vertragsentwurf über die portugiesischen Kolonien die von uns vorgeschlagene neue Fassung aufzunehmen. Die letztere würde sich demnach an die bisherige bestehende anzuschließen haben, so daß die gesamte Einleitung folgendermaßen lautet: „In Anbetracht der Möglichkeit, daß Portugal finanzielle Unterstützung einer fremden Macht oder fremder Mächte benötigen könnte, und zu dem Zweck, den internationalen Verwicklungen, die eine solche Lage der Dinge hervorrufen könnten, vorzubeugen und die Unversehrtheit und Unabhängigkeit Portugals zu erhalten, und in Anbetracht der bestehenden besonderen Interessen Deutschlands und Großbritanniens in ihren an portugiesische Gebiete angrenzenden kolonialen Besitzungen und Schutzgebieten in Ost- und Westafrika, sind die von ihren Souveränen gebührend bevollmächtigten Unterzeichneten übereingekommen wie folgt:" Ich hatte diesen Ausweg in Vorschlag gebracht, um der britischen Regierung ein Entgegenkommen auf unsere Wünsche zu erleichtern, da ich glaubte, daß die dadurch entstandene Form den beiderseitigen Wünschen vollauf Rechnung trägt, und ich meine, daß die Annahme einen neuen Beweis dafür bietet, daß man hier bestrebt ist, unseren kolonialen Wünschen möglichst entgegenzukommen, wenn nur gleichzeitig diejenigen Formen gewahrt werden, welche das politische Anstandsgefühl und die Rücksichten auf bestehende ältere Verbindlichkeiten erheischen. Hinsichtlich der Veröffentlichung glaube ich nicht, daß unsere Wünsche erheblichen Schwierigkeiten begegnen werden. Um nicht zugleich mit zu vielen Anliegen zu kommen, hatte ich Sir Edward Grey bei unserer letzten diesbezüglichen Unterredung nur von der Abänderung der Einleitung gesprochen. Seither habe ich aber feststellen können, daß man bereit sein wird, mit der Veröffentlichung noch einige Zeit zu warten, falls die Paraphierung des Vertrages schon jetzt erfolgt, und ich vermute, daß man jedenfalls bis nach Zusammentritt des Parlaments, das sich erst im neuen Jahre wieder versammelt, sich wird gedulden wollen. Euere Exzellenz möchte ich daher bitten, mich sobald als möglich zur Paraphierung zu ermächtigen, und inzwischen werde ich mich mit dem Foreign Office in Verbindung setzen, um eine genauere und übereinstimmendere Fassung des Wortlautes in beiden Sprachen zu veranlassen, möchte aber schon jetzt bemerken, daß es sich wohl empfehlen wird, den bestehenden englischen Entwurf soweit als irgend möglich als Grundlage dienen zu lassen, da jede Änderung desselben zu Weitläufigkeiten führen müßte. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 28. 7. 1913 S ir E. Grey damit einverstanden, daß Veröffentlichung des Vertrages erst nach erfolgter näherer Vereinbarung erfolgt. Der nächste Winter war als frühester, nicht als spätester Zeitpunkt in Aussicht genommen, ohne bindende Verpflichtung für uns. Bericht folgt demnächst. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 31. 7. 1913 ie bereits gemeldet, hatte mir Sir E. Grey er Wklärt , er sei damit einverstanden, daß die Zeichnung und Veröffentlichung unseres Vertrages über die portugiesischen Kolonien erst nach erfolgter näherer Vereinbarung erfolgen solle. Er hatte auch, wie aus meiner Berichterstattung hervorgeht, den nächsten Winter nicht als spätesten, sondern als frühesten Zeitpunkt ins Auge gefaßt, so daß für uns keineswegs eine zwingende Verpflichtung in dieser Richtung besteht. Unter diesen Umständen erscheint es mir zweifelhaft, ob es sich empfehlen würde, noch auf einen diesbezüglichen Notenwechsel zu bestehen. Die bereitwillige Zusicherung des Ministers, unseren Wünschen und Interessen Rechnung zu tragen, dürfte genügen, abgesehen von dem Umstand, daß die Unterzeichnung vorläufig noch nicht zu erfolgen braucht. Sir Edward Grey ließ mir am selben Tage mit dem abschriftlich beigefügten Schreiben den anliegenden, im Foreign Office festgestellten englischen Text zugehen. Die deutsche Übersetzung ist mittlerweile einer gründlichen Durcharbeitung unterzogen und mit dem zuständigen Referenten im Foreign Office in unverbindlicher Weise eingehend besprochen worden. Zwei Abschriften des verbesserten deutschen Textes, den die hiesige Regierung voraussichtlich auch amtlich anerkennen würde, beehre ich mich beizufügen. Lichnowsky, AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 13. 8. 1913 S oeben hat zwischen Sir E, Grey und mir Paraphierung portugiesischen Kolonialvertrags stattgefunden. Ich habe hierbei nochmals hervorgehoben, daß deutsche Übersetzung vielleicht geringfügige Änderungen notwendig machen würde, die sich aber lediglich auf einzelne Worte beschränken würden, um einen entsprechenden deutschen Ausdruck zu ermöglichen. Lichnowsky. 7 Lichnowsky ZI 97 Anlage: Vertragsentwurf I m Hinblick auf die Möglichkeit, daß Portugal der finanziellen Unterstützung einer oder mehrerer fremder Mächte bedürfen könnte, und um etwaigen aus einer derartigen Sachlage entstehenden internationalen Verwickelungen vorzubeugen, und um Portugals Unversehrtheit und Unabhängigkeit zu erhalten, sowie im Hinblick auf die besonderen Interessen Deutschlands und Großbritanniens in ihren an gewisse portugiesische Besitzungen angrenzenden beiderseitigen Besitzungen und Schutzgebieten in Ost- und Westafrika, haben sich die Unterzeichneten, mit gehörigen Vollmachten ihrer hohen Souveräne versehen, über nachstehendes geeinigt: I. 1. Sobald entweder die deutsche oder die großbritannische Regierung es für angezeigt hält, einem Ersuchen Portugals um ein Darlehen gegen Verpfändung der Zoll- und sonstigen Einnahmen von Mosam- bique oder Angola Folge zu geben, wird sie von dieser Tatsache der anderen Regierung Mitteilung machen, und die andere Regierung soll das Recht haben, einen Teil der benötigten Gesamtsumme darzuleihen. 2. Für den Fall, daß die andere Regierung die Absicht kundgibt, dieses Recht auszuüben, werden beide Regierungen über die Bedingungen der beiden Anleihen beraten, und diese Anleihen werden gegen Verpfändung der Zolleinnahmen von Mosambique und Angola möglichst gleichzeitig zur Ausgabe gelangen. Die Anleihen sollen so genau als möglich in demselben Verhältnisse zueinander stehen, wie die für jede derselben als Sicherheit zugewiesenen Zolleinnahmen sich ihrer Höhe nach zueinander verhalten. 3. Die Anleihen sollen zu Bedingungen ausgegeben werden, die für Portugal so günstig sind, als es die Lage des Geldmarktes und die Sicherheit der Anleihen 98 gestatten, und sollen im übrigen soweit als möglich gleichartigen Bestimmungen unterliegen. II. Bei Eintritt der in dem vorstehenden Artikel vorgesehenen Umstände sollen dem britischen Darlehen zugewiesen werden: In Mosambique die Zolleinnahmen desjenigen Teiles der Provinz, welcher südlich einer Linie liegt, die von der Mündung des Lu- kugu ausgeht, dann diesem Fluß entlang läuft bis zur Einmündung des Lugera, dann dem letzteren Flusse bis zu seiner Quelle folgt, dann entlang dem Meridian dieser Quelle bis zum 16. Grad südlicher Breite führt und schließlich diesem Breitengrad bis zur Grenze des britischen Nyassaland-Protektorates folgt; in Angola die Zolleinnahmen desjenigen Teiles der Provinz, welcher östlich vom 20. Meridian östlicher Länge und südlich vom Kassaifluß liegt. Dagegen sollen die Zolleinkünfte der übrigen Teile der Provinzen Mosambique und Angola (mit Einschluß des Kongobezirks, dessen Regierungssitz sich in Kabinda befindet) dem deutschen Darlehen zugewiesen werden. III. Im Falle, daß Deutschland oder Großbritannien Vertreter entsenden, um sich von der Erhebung der für die Sicherheit der betreffenden Anleihen verpfändeten Einnahmen zu überzeugen, soll die portugiesische Regierung ersucht werden, diesen Vertretern nur Inspektionsbefugnisse zu geben, jedoch kein Recht auf Verwaltung, Einmischung oder maßgebenden Einfluß, solange keine Einstellung der Zins- oder Amortisationszahlung eintritt. IV. Für den Fall einer Einstellung der Zins- oder Amortisationszahlung einer der beiden Anleihen soll mit der portugiesischen Regierung vereinbart werden, daß sie die Verwaltung der verschiedenen Zollstellen in den beiden Provinzen überantwortet, und zwar die der deutschen Anleihe zugewiesenen Zollstellen an 7 * 99 Deutschland, die der englischen Anleihe zugewiesenen an Großbritannien. V. 1. Bei Eintritt der im vorhergehenden Artikel vorgesehenen Umstände sollen alle Rechte, seien es deutsche oder britische, welche vor dem Tage des Abschlusses dieses Abkommens in den in Frage kommenden Provinzen erworben worden sind, in ihrem vollen Umfange sichergestellt sein, vorausgesetzt, daß sie rein privaten Charakter besitzen und weder politische Rechte noch Justizhoheit oder Verwaltungsbefugnisse in sich schließen. 2. Es herrscht Einverständnis darüber, daß künftig weder die deutsche noch die britische Regierung Einfluß zur Erlangung neuer Konzessionen ausüben wird, es sei denn in denjenigen Teilen der Provinzen, deren Zolleinnahmen nach dem gegenwärtigen Abkommen den betreffenden Darlehen zugewiesen werden würden. VI. Vom Datum des Abschlusses des gegenwärtigen Abkommens ab, wird sich Großbritannien enthalten, einen Anspruch irgendwelcher Art zu erheben auf Besitz, Besetzung, maßgebende Einwirkung oder Ausübung politischen Einflusses in den Teilen der portugiesischen Provinzen, in welchen die Zolleinnahmen nach dem gegenwärtigen Abkommen Deutschland zugewiesen werden würden, sowie auf den Inseln Säo Thome und Principe; Deutschland wird sich in gleicher Weise enthalten, einen Anspruch irgendwelcher Art zu erheben auf Besitz, Besetzung, maßgebende Einwirkung oder Ausübung politischen Einflusses in den Teilen der portugiesischen Provinzen, in welchen die Zolleinnahmen nach dem gegenwärtigen Abkommen England zugewiesen werden würden, sowie auf dem portugiesischen Teil der Insel Timor. VII. 1. Sollte eine der beiden Regierungen in denjenigen Teilen der Provinzen Mosambique oder Angola, deren Zolleinnahmen dieser Regierung zugewiesen werden würden, von der portugiesischen Regierung eine Gebietsabtrennung oder die Einräumung besonderer Vorteile erlangen, die nicht bloß gelegentlicher Art, das heißt von geringer Wichtigkeit und zeitlich begrenzt wären, so sollen derartige Gebietsabtretungen oder Einräumungen von Vorteilen nicht eher in Wirksamkeit treten, als bis entsprechende Zugeständnisse von möglichst gleichem Werte der anderen Regierung in denjenigen Teilen der Provinzen eingeräumt worden sind, deren Zolleinnahmen ihr durch das gegenwärtige Abkommen zugewiesen werden würden. 2. Für den Fall, daß eine der beiden Regierungen in denjenigen Teilen der portugiesischen Provinzen, deren Zolleinkünfte ihr nach dem gegenwärtigen Abkommen zugeteilt werden würden, besondere Vergünstigungen gelegentlicher Art, das heißt von geringer Wichtigkeit und zeitlich begrenzt nachsucht, wie sie unverzüglich die andere Regierung benachrichtigen und wird, wenn diese Vergünstigungen bewilligt werden und wenn die andere Regierung dies wünschen sollte, ihren Einfluß dahin geltend machen, um für die andere Regierung gleichartige besondere Vergünstigungen von gleichem Werte zu erlangen. VIII. Werden in irgendeinem Teile der Provinzen von Mosambique oder Angola Leben oder Eigentum deutscher oder englischer Untertanen, oder Lebensinteressen der angrenzenden deutschen oder englischen Gebiete oder Schutzgebiete durch örtliche Unruhen oder durch das Vorgehen der Ortsbehörden gefährdet, und ist die portugiesische Regierung nicht in der Lage, den nötigen Schutz zu gewähren oder ver- absäumt sie dies aus irgendeinem anderen Grunde, so werden die deutsche und die britische Regierung nach gemeinsamer Beratung und nach einer gemeinsamen Mitteilung an die portugiesische Regierung Bestimmungen treffen über Art, Dauer und Umfang der Maßregeln, welche zum Schutze der gefährdeten Interessen für nötig gehalten werden. IX. Erklärt eine der genannten portugiesischen Kolonien, nachdem sie unabhängig geworden und als solche von den beiden hohen Vertragschließenden anerkannt worden ist, oder ein Teil einer solchen unabhängigen Kolonie ihren Anschluß an das Gebiet der einen vertragschließenden Macht, so soll die andere Macht ihrerseits das Recht haben, nach vorheriger Mitteilung an die andere Macht diejenigen Teile einer solchen unabhängig gewordenen Kolonie sich anzugliedern, deren Z o 11 e in kün f t e nach dem gegenwärtigen Vertrage ihr zugewiesen werden würden. X. Mit Rücksicht auf die Interessen ihrer beiderseitigen an die portugiesischen Provinzen Angola und Mosambique grenzenden Besitzungen in Ost- und Westafrika, welche durch die Einmischung einer dritten Macht in diesen Provinzen wesentlich beeinträchtigt werden würden, kommen Deutschland und Großbritannien überein, jeder derartigen Einmischung vereint entgegenzutreten, sei es, daß diese Einmischung erfolgt auf dem Wege einer Anleihe an Portugal gegen Verpfändung der Einkünfte dieser Provinzen oder auf dem Wege der Landerwerbung durch Verleihung, Abtretung, Kauf, Pacht, oder auf irgendeine andere Weise. XI. Sollten Deutschland oder Großbritannien künftig einmal die Verwaltung von Mosambique oder Angola oder von Teilen dieser Provinzen beeinflussen 102 oder beherrschen, so besteht Einverständnis darüber, daß die Untertanen und die Schutzgebietseingeborenen der einen vertragschließenden Partei mitsamt ihren Gütern und Schiffen, sowie die Erzeugnisse und Fabrikate ihrer Gebiete, Besitzungen, Kolonien und Schutzgebiete in denjenigen Teilen der in dem gegenwärtigen Abkommen einbegriffenen Territorien, welche unter dem Einfluß und die Herrschaft des anderen vertragschließenden Teiles fallen sollten, teilnehmen sollen an allen Vorrechten, Befreiungen und Vergünstigungen in bezug auf Handel, Verkehr, Besteuerung und Schiffahrt, deren sich dort die Untertanen und Schutzgebietseingeborenen des anderen vertragschließenden Teiles erfreuen. XII. Über die Bedeutung der in dem gegenwärtigen Abkommen getroffenen Bestimmungen gibt der anliegende Abdruck von Stanfords Map of Africa, London, 1911, in großen Zügen Aufschluß. XIII. Das gegenwärtige Abkommen soll zwischen den vertragschließenden Mächten die Konvention, geheime Konvention und geheime Noten ersetzen, die am 30. August 1898 in London abgeschlossen und gezeichnet worden sind und die hiermit außer Kraft gesetzt werden. XIV. Das gegenwärtige Abkommen soll ratifiziert werden, und die entsprecherfden Ratifizierungsurkunden sollen so bald als möglich ausgetauscht werden. Das Abkommen soll sofort nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden in Kraft treten. Zur Urkund dessen haben die Unterzeichneten, mit den nötigen Vollmachten versehen, dieselbe unterzeichnet und ihre Siegel beigedrückt. So geschehen in doppelter Ausfertigung zu London, den.1913. 103 DER GESANDTE IN LISSABON ROSEN AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLL WEG Lissabon, 9. 11. 1913 D as am 20. Oktober in London paraphierte deutschenglische Abkommen über die portugiesischen Kolonien, welches Eure Exzellenz mir zur ganz vertraulichen Kenntnisnahme mitzuteilcn die Geneigtheit hatten, ist in seiner nunmehrigen endgültigen Form ein Vertragsinstrument, dessen weittragende Bedeutung und erhebliche dem Deutschen Reiche gesicherte Vorteile für jeden einigermaßen politisch Geschulten auf den ersten Blick erkennbar sind. Wer auf die oft unerfreulichen Beziehungen der letzten 12 Jahre zwischen Deutschland und England zurückblickt und der mannigfachen Enttäuschungen gedenkt, die unsere Bestrebungen nach expansiver wirtschaftlich-politischer Betätigung erfahren mußten, wird geradezu überrascht sein, daß das endliche Ergebnis der langen Verhandlungen ein für uns so günstiges geworden ist. Dieser Eindruck wird noch bestätigt und verstärkt, wenn man das Abkommen einer genaueren Prüfung und einer Vergleichung mit dem Abkommen des Jahres 1898 unterzieht. Eine solche Vergleichung der beiden Abkommen muß, der Natur der Sache nach, nach zwei Richtungen erfolgen, der der Verteilung der Interessensphären und der Realisierbarkeit. Der Verlust der portugiesischen Hälfte der Insel Timor — deren Gewinn für uns übrigens immer schon mehr als problematisch war — und des Streifens am linken Sambesiufer wird meiner Ansicht nach mehr als reichlich aufgewogen durch den Gewinn des mittleren Angola und durch das englische Desinteressement an Säo Thome und Principe, den beiden Inseln, die wohl den wertvollsten Teil des ganzen portugiesischen Kolonialbesitzes ausmachen. Was wir in Afrika aufgeben, das wirtschaftlich von Engländern 104 ganz beherrschte Gebiet am Sambesi und einen verhältnismäßig kleinen Teil des östlichen Angola, fällt kaum ins Gewicht gegenüber der Tatsache, daß nunmehr unsere Einflußsphäre in Angola mit Deutsch- Südwestafrika ein kompaktes Kolonialgebiet mit einer Küstenausdehnung von 20 Breitengraden bilden wird, dessen gute Häfen und fruchtbare, zur Ansiedelung geeignete Hochländer eine äußerst gedeihliche Entwickelung für die Zukunft verheißen. Noch größer als auf dem Gebiete der Länderverteilung erscheinen mir die Vorzüge des neuen Abkommens im Hinblick auf die Möglichkeit seiner Verwirklichung. Das Abkommen vom Jahre 1898 war ganz auf den Voraussetzungen aufgebaut, daß Portugal nahe vor einem unvermeidlichen finanziellen Zusammenbruch stände und froh sein werde, seine Kolonialzölle gegen ein von Deutschland und England zu gewährendes Darlehen zu verpfänden. Diese Voraussetzung hat sich als irrig erwiesen. Portugal hat seit jener Zeit keine größere Anleihe aufgenommen. Es hat sich finanziell — wenn auch nur mit Not — über Wasser gehalten und hat neuerdings sogar, wie es scheint, der Defizitwirtschaft ein Ende gemacht und sein Budget ins Gleichgewicht gebracht. Die rechtzeitige Erkenntnis dieser Tatsache hat Euer Exzellenz dazu geführt, in das neue Abkommen einige Klauseln hereinzubringen, welche unseren Bestrebungen auch ohne ein Anleihebedürfnis Portugals Rechnung tragen, so daß wir nicht wieder zu befürchten brauchen, daß uns das vertragsmäßig Gewonnene in der Praxis verlorengeht. Schließlich — last not least — ist die ganze Vereinbarung zwischen der Kaiserlichen und Großbritannischen Regierung nach allen Richtungen derartig abgewogen und ausgeglichen und trägt den 105 beiderseitigen Bedürfnissen und Interessen so sehr Rechnung, daß beide Teile das Gefühl haben müssen, ein günstiges Geschäft gemacht zu haben. Es ist nicht zu befürchten, daß, wie bei anderen Auseinandersetzungen in älterer und neuerer Zeit, bei dem einen ein Stachel zurückbleibt. Vielmehr kann man zuversichtlich erwarten, daß die Bekanntgabe des Abkommens zu einer dauernden Verbesserung der deutsch-englischen Be- ziehugen wesentlich beitragen wird. Soweit sich von hier aus beobachten läßt, liegen auch keine Anzeichen dafür vor, daß andere Mächte, beispielsweise Frankreich, der deutsch-englischen Verständigung gegenüber eine feindliche Haltung anzunehmen gedenken. Infolge einiger Indiskretionen der Presse ist naturgemäß die Wißbegierde meiner Kollegen stark gesteigert, indessen äußert sich diese bisher nicht in Formen, die auf eine bedenkliche Aufregung ihrer Regierungen schließen lassen, und es fällt mir nicht schwer, die nur schüchternen Anfragen ohne Unfreundlichkeit abzuweisen. Was schließlich den leitenden Teil, Portugal selbst betrifft, so ist der Augenblick des Bekanntwerdens des Abkommens ein verhältnismäßig günstiger. Das Land ist durch Parteikämpfe und innere Verschwörungen so sehr in Anspruch genommen, daß die dem Kolonialbesitz drohende Gefahr bis jetzt nicht die Erregung verursacht, die man sonst hätte erwarten müssen. In der hiesigen Presse erscheinen nicht einmal täglich Artikel, die sich mit der Kolonialfrage beschäftigen, und auch diese wenigen Artikel besprechen sie nur in einem ruhigen, mehr oder weniger resignierten Tone, indem sie die Regierung auffordern, dieser wichtigen Angelegenheit ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen, ohne aber positive Vorschläge zur Abwendung der Gefahr zu bringen. Bei dem Bekanntwerden des Textes des Abkommens müssen wir freilich mit einer gesteigerten Erregung der öffentlichen Meinung rechnen. Aber auch diese wird, bei den bevorstehenden heftigen Kämpfen nach Eröffnung der Kammern, wohl kaum so nachhaltig sein, wie es in normalen Zeiten der Fall sein würde. Rosen. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 15. 12. 1913 B ei meinem heutigen Besuche bei Sir Edward Grey brachte ich die Unterhaltung auch auf das portugiesische geheime Abkommen. Ich erwähnte, daß nach gewissen uns zugegangenen Nachrichten hier die Absicht zu bestehen schiene, gleichzeitig mit unserem Vertrag auch den sogenannten Windsor-Vertrag zu veröffentlichen. Uns sei der Inhalt unbekannt. Falls derselbe aber etwa einen Paragraphen enthielte, durch welchen England den gesamten portugiesischen Besitzstand aufrechtzuerhalten sich verpflichte, so würde die Veröffentlichung unseres Vertrages den gewünschten Erfolg, den Beweis eines guten Einvernehmens zwischen beiden Regierungen auch auf kolonialpolitischem Gebiete zu erbringen, in keiner Weise erreichen. Unsere öffentliche Meinung würde im Gegenteil gegen die Kaiserliche Regierung den Vorwurf erheben, daß sie sich habe aufs Glatteis führen lassen, und gegen England, daß es mit uns nicht aufrichtig verfahren sei. Sir Edward Grey entgegnete, daß der neue Vertrag nichts weiter enthalte, als eine Bekräftigung des alten, in welchem allerdings von einem Schutze des portugiesischen Besitzstandes die Rede sei. Dem wiederholten Drängen der portugiesischen Regierung, den 107 Vertrag zu veröffentlichen, habe er nicht eher entsprechen wollen, als bis er auch in der Lage sei, den unsrigen bekanntzugeben. Ehe er aber an die portugiesische Regierung herantreten und ihr Mitteilung machen werde von dem Inhalt unserer Abmachungen, wolle er das gesamte Material zu meiner Kenntnis bringen, so daß wir in der Lage sein würden, voher in der Frage Stellung zu nehmen. Unter diesen Umständen habe ich geglaubt, von weiteren Schritten abstehen zu sollen, da wir dadurch in die Lage versetzt werden, unsere Zustimmung zur Veröffentlichung von dem Inhalte des Windsor- Vertrages abhängig zu machen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 7. 1. 1914 I ch benutzte meinen heutigen Besuch bei Sir Edward Grey, um nochmals darauf hinzuweisen, daß die gleichzeitige Veröffentlichung des deutschen und des portugiesischen Geheimvertrages bei unserer öffentlichen Meinung den übelsten Eindruck hervorrufen müßte und bei uns daher zu den ernstesten Bedenken Anlaß gäbe. Sir Edward entgegnete abermals, daß der sogenannte Windsor-Vertrag nur eine Bekräftigung des früheren alten enthielte und auf Drängen der Portugiesen geschlossen worden sei, die von dem Abschluß unseres geheimen Vertrages Wind bekommen hätten. Den wiederholten Wunsch der Portugiesen auf Veröffentlichung ihres Vertrages habe er immer unter Hinweis darauf zurückgewiesen, daß er nur gleichzeitig mit dem unsrigen veröffentlicht werden könne. Ich entgegnete, daß es doch zweierlei sei, ob der Besitzstand vom Jahre 1661 oder der Besitzstand vom 108 Jahre 1899 gewährleistet werde. Der Minister war von diesem Einwand sichtlich überrascht und sagte, dieser Gedanke sei ihm ganz neu, und er wolle sich daraufhin die Verträge noch einmal ansehen. Als ich ihn hierauf fragte, ob er in der Lage sei, mir Einsicht in den letzten Vertrag zu gestatten, da dessen Inhalt unsere Stellungnahme sehr wesentlich beeinflussen würde, stellte er mir eine baldige Antwort in Aussicht. Anscheinend kennt er die Verträge selbst nicht mehr genau und will sie nochmals gründlich studieren. Übrigens gab er mir noch zu verstehen, daß auch für ihn die Frage der Veröffentlichung durchaus keine brennende sei. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 27. 1. 1914 B ei meinem heutigen Besuche bei Sir Edward Grey kam der Minister auf unser geheimes Abkommen über die portugiesischen Kolonien zu sprechen und sagte, er wolle mir den Inhalt des sogenannten Windsor- Vertrags unserem Wunsche gemäß mitteilen. Dieser letzte Vertrag mit Portugal bestätige ihm im wesentlichen alle früheren, nehme aber insbesondere Bezug auf zwei frühere Artikel, und zwar auf den Artikel 1 des Londoner Vertrags vom 29. Januar 1642 und auf den geheimen Artikel des Vertrags vom 28. April 1660. Nach letzterem, auf den mich Sir Edward besonders aufmerksam machte, verspricht England ,,to defend and protect all conquests or colonies belonging to the crown of Portugal against all its enemies as well future as present.“ Neue Zusätze enthalte der Windsor- Vertrag nicht, wohl aber habe die britische Regierung die Verpflichtung übernommen, den portugiesischen Besitzstand jederzeit zu schützen, und zwar nach Maßgabe der jeweiligen Ausdehnung. 109 Sir Edward meinte nun, daß er unsere Bedenken vollkommen würdige, und schien einzusehen, daß die gleichzeitige Veröffentlichung beider Verträge bei uns einen unerwünschten Eindruck hervorbringen würde. Er habe sich die Sache daher überlegt und glaube, daß ein Ausweg zu finden sei, wenn zunächst nur die Verträge von 1898 und 1899 veröffentlicht würden, also der bisherige deutsch-englische und der letzte britisch - portugiesische; die Veröffentlichung unseres jüngsten Vertrages aber erst später nachfolge. Auf diese Weise würde der Angelegenheit die Spitze genommen, da die jetzigen Staatsmänner nicht verantwortlich gemacht werden könnten für frühere Verträge; unser neuester Vertrag würde alsdann später nur als eine naturgemäße Weiterentwicklung des früheren erscheinen und könne daher zu Angriffen und Mißdeutungen keinen Anlaß bieten. Der Minister, der die beiden genannten Verträge, das heißt, die von 1898 und 1899, möglichst bald veröffentlichen möchte, wird sicherlich für die Bekannt- gebung unserer jüngsten Abmachung einen uns genehmen Zeitpunkt abwarten wollen. Er bat mich, seinen Vorschlag Eurer Exzellenz zur Prüfung zu übermitteln. Ich versprach dies zu tun, und enthielt mich vorläufig der Erwiderung. Ich darf daher bitten, mich bald in die Lage setzen zu wollen, Sir Edward zu antworten. Erwähnen möchte ich noch, daß der Windsor-Vertrag die beiden angegebenen Paragraphen wörtlich anführt, sie also der Öffentlichkeit, auch ohne besonderes Aktenstudium, bekanntgegeben werden. Trotz mancher Bedenken glaube ich mich aber dem diesseitigen Vorschläge anschließen zu sollen, da er gewissermaßen eine historische Grundlage schafft und die Gegenwart entlastet. Zu einem völligen Verzicht auf die Veröffentlichung aber wird die hiesige Regierung, schon weil sie sich durch Versprechungen gebunden fühlt, die sie den Portugiesen gegenüber eingegangen ist, wohl kaum zu veranlassen sein. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 7. 2. 1914 Für Herrn Staatssekretär von Jagow. B rief erhalten. Es ist vollkommen ausgeschlossen, daß man hier darauf eingeht, in das preamble unseres letzten Vertrages eine ausdrückliche Außerkraftsetzung des Windsor-Vertrages aufzunehmen. Es wäre daher zwecklos, mich zu beauftragen, mit einem solchen Anliegen an Sir E. Grey heranzutreten. Hier wünscht man, wie ich wiederholt auseinandergesetzt habe, den seit Jahrhunderten mit Portugal bestehenden Bündnisvertrag, der ja lediglich in Windsor erneuert wurde, wenigstens der Form nach mit unserem Vertrag in Einklang zu bringen. Kein englischer Minister würde sich dazu verstehen, unter Außerachtlassung dieser Form, das heißt unter offenkundiger Verletzung der souveränen Rechte Portugals einen Vertrag zu schließen, der die Beraubung einer befreundeten, und in diesem Fall noch dazu verbündeten Macht offenkundig zum Zwecke hätte. Selbst die über Marokko abgeschlossenen Verträge haben meines Wissens zunächst die volle Souveränität des Sultans gewährleistet. Alle mit England über die portugiesischen Kolonien abgeschlossenen Verträge behandeln formal im wesentlichen die Schaffung beiderseitiger Interessensphären. Unsere eigentlichen Absichten sind hier genau bekannt, und ist denselben in beiden Verträgen dadurch Rechnung getragen, daß Verhältnisse berücksichtigt wurden, welche die Möglichkeit schaffen, die alte englisch-portugiesische Vertragsgrundlage zu umgehen und gewaltsame Eingriffe in ,rp- 111 portugiesische Hoheitsrechte gelegentlich herbeizuführen. Ich vermag daher nicht einzusehen, wie das deutsche Publikum, namentlich, falls die Veröffentlichung unter entsprechendem Hinweis auf die vorhandenen Aussichten und Möglichkeiten erfolgen, an ■dem Fortbestand und der Erneuerung alter Verträge Anstoß nehmen könnte in der Erwartung, daß zwischen uns und England in Friedenszeiten die Eroberung des Besitzstandes einer befreundeten Macht verabredet wurde. Lichnowsky. DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 26. 2. 1914 I ch hätte in meinem letzten Brief an Sie den Vorschlag, die Engländer in dem preamble zu unserem portugiesischen Vertrag den Windsor-Vertrag abschwören zu lassen, gewiß nicht gemacht, wenn ich hätte voraussehen können, daß der Gedanke, diese Anregung bei Grey vertreten zu sollen, Sie so alarmieren würde. Ich dachte natürlich nur an eine gelegentliche Bemerkung in dem Sinne, daß, wie die Dinge nun einmal lägen, wohl nichts anderes übrig bleibe, als den Windsor-Vertrag wieder rückgängig zu machen, wie ja auch seinerzeit England durch diesen Vertrag unsere Abmachungen von 1898 annulliert hat. An eine solche halb im Ernst, halb im Scherz gemachte Bemerkung ließe sich ja dann eine weitere Diskussion der ganzen Frage leicht anknüpfen. Denn, wie ich Ihnen schon schrieb, bildet der Vorschlag Greys, die Verträge von 1898 und 1899 gleichzeitig zu veröffentlichen, keine geeignete Lösung des Problems. Unsere öffentliche Meinung geradezu mit der Nase darauf zu stoßen, daß unsere Vereinig barungen von 1898 durch England im Jahre 1899 bereits illusorisch gemacht wurden, würde doch nicht sehr zweckmäßig sein. Grey hat es wiederholt — ich glaube auch öffentlich — ausgesprochen, wieviel ihm daran gelegen ist, die englische Politik von dem auf ihr lastenden Odium der Unzuverlässigkeit zu befreien. Es ist kaum zweifelhaft, daß sein zähes Festhalten an der Entente und speziell auch die weitgehende, durch den Wortlaut der Abmachungen von 1904 nicht bedingte Gefolgschaft, die der Minister Frankreich in der Marokkofrage hat zuteil werden lassen, nicht zum wenigsten auf die Besorgnis zurückzuführen war, anderenfalls den Ruf „perfidious Al- bion" wieder erschallen zu hören. Ich glaube, daß, wenn Sie ihm Ihre Besorgnisse über die Beurteilung zum Ausdruck bringen, die der englische Schachzug im Jahre 1899 in der Öffentlichkeit finden könne, das seinen Eindruck nicht verfehlen würde. Grey ist ja, wie im Privatleben so auch politisch, zweifellos ein Sonderling und bedarf einer sehr vorsichtigen und geschickten Behandlung. Auf die scheinen Sie sich aber doch gerade zu verstehen. Ich erinnere Sie zum Beispiel an die Episode, als wir im vergangenen Frühjahr noch gewisse Zusätze zu dem preamble unseres Vertrages durchzusetzen wünschten. Sie waren damals sehr unzufrieden mit uns und haben, wie ich weiß, Ihrem Unmut über den hier herrschenden „Bureaukratismus" und das uns mangelnde Augenmaß für das in England Erreichbare freien Lauf gelassen. Um so erleichteter atmeten wir auf, als Sie bald darauf melden konnten, Grey habe lachend das Zutreffende Ihrer Argumente anerkannt. So wurde das preamble unseren Wünschen entsprechend amendiert und damit eine für unsere öffentliche Meinung sehr wesentliche Verbesserung des Vertrages erzielt. Um 8 Licbnowsky II 113 dieselbe Zeit schrieben Sie mir in einem Privatbrief vom 2. Juli, der mir vorliegt, in der Bagdadbahnfrage und der portugiesischen Frage hätten wir so ziemlich alles erreicht, was zu erreichen sei. Sie rieten dringend zum Abschluß. Was haben Sie nicht in der Zwischenzeit noch alles durchgesetzt durch ruhiges, zähes Festhalten an unseren Foderungen, ohne daß unsere Beziehungen zu England darunter gelitten hätten! Gute Beziehungen sind ja schließlich auch nicht Selbstzweck, sondern nur dann von Wert, wenn dabei etwas Positives herauskommt. Die englische Politik läuft auf eine nüchterne, konsequente, von jeder Sentimentalität sich fernhaltende Verfolgung der englischen Interessen hinaus. Es ist kein Grund vorhanden, warum wir nicht dasselbe System zur Anwendung bringen sollen. Es bedarf aber keiner näheren Begründung, daß die Veröffentlichung unserer Verträge über die portugiesischen Kolonien unserem Interesse nicht entspricht, wenn man die Vorteile und Nachteile gegeneinander abwägt. (!) Ein gewisser Vorteil liegt ja gewiß darin, daß wir nach Bekanntwerden der beiderseitigen Interessensphären das Eindringen englischen Kapitals in unsere Interessensphäre weniger zu besorgen haben. Dem steht aber als schwerer Nachteil der von portugiesischer Seite zu erwartende Widerstand gegen das Eindringen unseres eigenen Kapitals in den betreffenden Teilen des portugiesischen Kolonialbesitzes gegenüber. Wir haben schließlich — wie Sie wissen, mit großem Widerstreben — dem englischen Wunsch nachgegeben und uns zu der Veröffentlichung bereit erklärt. Allerdings konnten wir damals unmöglich annehmen, daß uns die englische Regierung eine so gewichtige Tatsache wie den Abschluß des Windsor-Vertrages verschweigen würde. Ich kann Grey den Vorwurf nicht 114 ersparen, daß er in dieser Hinsicht nicht ganz loyal gehandelt hat. Natürlich hat es keinen Zweck, darüber mit ihm rechten zu wollen. Aber wir haben anderseits keinen Anlaß, uns zu seiner Entlastung sein Argument zu eigen zu machen, der Windsor-Vertrag sei nichts anderes als die alten Bündnisverträge. Das ist eben durchaus nicht der Fall. In dem Vertrage von 1660 steht kein Wort davon, daß die englische Regierung sich verpflichtet, den portugiesischen Besitzstand jederzeit zu schützen, und zwar nach Maßgabe der jeweiligen Ausdehnung. Wenn sich diese Verpflichtung aus dem Windsor-Vertrag ergibt, so müßte darin mehr enthalten sein, als Artikel 1 des Londoner Vertrages von 1642 und der Geheimartikel des Vertrages von 1660 besagt. Es ist aber doch kaum anzunehmen, daß England im Jahre 1899 die grausame Ironie gehabt haben sollte, dem portugiesischen Bundesgenossen etwaige künftige koloniale Erwerbungen zu garantieren! Stand das aber nach englischer Auffassung schon in den alten Verträgen, wozu bedurfte es dann überhaupt deren Erneuerung im Jahre 1899? Die englische These ist eben ganz unhaltbar, wenn auch Diskussionen darüber vielleicht zwecklos sind. Aber ein Festhalten an unserer Auffassung Grey gegenüber empfiehlt sich zur Stärkung unserer Position. Was nun die weitere Behandlung der Angelegenheit betrifft, so bitte ich Sie, sobald dieselbe wieder zur Sprache kommt — wir haben ein Interesse an einer dilatorischen Behandlung im Hinblick auf unsere wirtschaftlichen Pläne in Angola und Nyassaland, deren Verwirklichung immerhin noch geraume Zeit erfordern wird —, Grey nochmals sehr nachdrücklich zunächst den Verzicht auf die Veröffentlichung der Verträge überhaupt nahezulegen. Sollte sich der Minister, wie vorauszusehen, hierauf nicht einlassen wollen, so sagen Sie ihm, das äußerste, was Sie glaubten, hier erwirken zu können, sei, daß wir der Veröffentlichung zustimmen würden, wenn die Veröffentlichung des Windsor-Vertrages unterbliebe. Ich bemerkte hierzu, daß aus keinem der Berichte aus Lissabon — die der Botschaft mitgeteilt sind — hervorgeht, daß England der portugiesischen Regierung gegenüber eine Verpflichtung zur Veröffentlichung übernommen hat. Auch ist es schließlich die Sache der englischen Regierung, wie sie sich darüber mit Portugal auseinandersetzen will. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Einem gleichzeitigen Hinweis auf die alten Bündnisverträge steht ja nichts im Wege. Enthält nach Ansicht Sir E, Greys der Windsor- Vertrag nichts, was nicht schon in diesen Verträgen enthalten war, so ist auch die Veröffentlichung des Windsor-Vertrages überflüssig. Es genügt ja vollständig die Bezugnahme auf die alten Vereinbarungen! Besser ist es natürlich, auch diese Bezugnahme unterbleibt, weil man bei uns auch daraus wieder folgern wird, daß apres tout unsere ganzen Vereinbarungen ziemlich wertlos papierne Abmachungen sind. Bei dem großen Einfluß, den Sie bei Grey haben, und der Vollendung, mit der Sie die englische Sprache beherrschen, kann ich mir kaum vorstellen, daß es Ihnen nicht schließlich gelingen sollte, ihn zu überreden. Liegen ihm die Beziehungen zu uns wirklich am Herzen, so muß er doch auch einmal zu einem Opfer bereit sein, das doch wirklich nicht sehr groß ist, wenn man die Stellung Englands in Portugal in Betracht zieht, wo die Engländer doch schließlich alles tun können, was sie wollen. Also seien Sie etwas optimistischer in Beurteilung unserer englischenF reunde. 116 Ich möchte glauben, Sie sehen manchmal etwas zu schwarz, auch wenn Sie der Ansicht Ausdruck verleihen, im Kriegsfälle werde Englandauf alle Fälle an der Seite Frankreichs gegen uns zu finden sein. Wir haben doch nicht umsonst unsere Flotte gebaut, und man wird sich meiner Überzeugung nach im gegebenen Falle in England doch sehr ernstlich die Frage vorlegen, ob es denn ganz so einfach und ungefährlich ist, den Schutzengel Frank- reichs gegen uns zu spielen. (!) Recht unerfreulich ist übrigens die tendenziöse Berichterstattung Ihres Marineattaches. Können Sie ihn nicht etwas mehr an die Leine nehmen? Diese ewigen Hetzereien und Verdächtigungen der englischen Politik sind außerordentlich störend, besonders weil en haut lieu damit immer gegen mich argumentiert wird. Letzteres natürlich streng vertraulich. Jagow. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 3. 3. 1914 ie bereits kurz gemeldet, ist es mir gelungen, WSir E. Grey dazu zu bestimmen, auf die Veröffentlichung der geheimen Verträge, und zwar sowohl auf die mit uns wie auf den mit Portugal vorläufig zu verzichten. Ich legte dem Minister dar, wie der sogenannte Windsor-Vertrag, selbst wenn er nur die Bekräftigung der früheren britisch-portugiesischen Verträge enthielte, bei unserer öffentlichen Meinung dennoch einen ungünstigen Eindruck hervorrufen und jedenfalls die erfreuliche Wirkung, die unser Übereinkommen verursachen würde, beeinträchtigen könnte. Es würde sich daher empfehlen, wenn es ge- 117 länge, die gesamte Veröffentlichung hinauszuschieben oder zu unterlassen, zum mindesten aber den Windsor- Vertrag auszuschalten. Der Minister entgegnete, daß er von den Portugiesen gedrängt werde, auch den letzten Vertrag zu veröffentlichen, daß er sich aber unseren Wünschen nicht verschließen wolle, da er gern alles vermeiden möchte, was vielleicht geeignet wäre, einen Schatten auf die öffentliche Stimmung zu werfen. Er sei aus zweierlei Gründen seinerzeit auf die Neubearbeitung des Vertrages eingegangen. Erstens, weil er durch Veröffentlichung desselben damals, wo unsere Beziehungen nicht so günstig gewesen seien wie heute, der Welt habe den Beweis erbringen wollen, daß wir uns in wichtigen gemeinsamen Interessen verständigen könnten, um dadurch auch unsere beiderseitigen Beziehungen zu verbessern, und zweitens, weil es ihm daran gelegen sei, mit Rücksicht auf Australien die Insel Timor aus dem Vertrage herauszubringen. Unsere Beziehungen hätten sich inzwischen wesentlich gebessert, so daß es nicht mehr notwendig sei, durch Veröffentlichung des Vertrages Stimmung zu machen. Unsere beiderseitige Interessensphäre sei festgelegt, und wir könnten zum Beispiel in der Benguellabahnfrage unsere Zwecke verfolgen. Unter diesen Umständen läge auch für ihn augenblicklich kein Grund vor, zur Veröffentlichung zu schreiten. Streng vertraulich erfahre ich, daß von französischer Seite heftige Vorstellungen hier erhoben wurden über den Inhalt unseres Vertrages, über den Einzelheiten in Paris bekanntgeworden sind. Man nimmt dort namentlich Anstoß daran, daß Säo Thome und Principe in den Vertrag eingeschlossen wurden, da 118 diese Inseln nördlich des Äquators liegen und daher zur französischen Interessensphäre gehörten. Überhaupt ist man in Paris über die zunehmende Innigkeit unserer Beziehungen mit England verstimmt, und mögen wohl Rücksichten auf französische Empfindlichkeiten bei der Bereitwilligkeit Sir Edwards, von einer Veröffentlichung jetzt abzusehen, mitgespielt haben. Der bevorstehende Königsbesuch wird hiernach unseren Wünschen in dieser Richtung förderlich gewesen sein. Lichnowsky. AN DEN STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW London, 7. 3. 1914 ie Sie aus meiner Berichterstattung wissen, ist Wdie portugiesische Angelegenheit vorläufig im Sinne Ihrer Wünsche erledigt worden. Es erübrigt sich daher für mich, auf die Einzelheiten Ihres Briefes vom 26 . v. Mts. näher einzugehen, obwohl ich nicht mit allen Ausführungen vollkommen übereinzustimmen vermag. Ob es nun freilich gelingen wird, die Veröffentlichung überhaupt zu verhindern, ist eine andere Frage, die sich vorläufig noch nicht übersehen läßt, und zunächst wird Grey jedenfalls auf die Veröffentlichung nicht zurückkommen, und zwar, wie ich angedeutet habe, teilweise aus Rücksicht auf französische Empfindlichkeiten. Ist aber der Besuch in Paris einmal vorüber, und ist es ihm gelungen, die Franzosen über unsere Abmachungen zu beruhigen, so halte ich es nicht für unmöglich, daß er alsdann darauf zurückgreift. Ich sehe auch nicht recht ein, wie wir, nachdem schon so viel in der Öffentlichkeit von diesen Abmachungen die Rede gewesen ist, und der Herr Reichskanzler im Reichstage davon gesprochen hat, auf die Dauer über den Inhalt unserer Vereinbarungen 119 nichts mitteilen sollen. Ich neige ferner der Auffassung zu, daß der Vertrag nach der Veröffentlichung eine weit größere Bedeutung besitzt als vor derselben. Denn daß derselbe tatsächlich die Aufteilung der portugiesischen Kolonien bedeutet, geht doch ziemlich deutlich aus ihm hervor, wenn auch die Form hinsichtlich der Unversehrtheit des portugiesischen Besitzstandes gewahrt ist und die Beraubung Portugals nicht direkt ausgesprochen wurde. Es würde auch zweifellos in allgemeinpolitischer Hinsicht nicht bedeutungslos sein, wenn ein derartiges Abkommen zwischen uns und England vor die Öffentlichkeit träte, und gerade aus diesem Grunde scheint man hier aus Rücksicht auf Paris die Veröffentlichung gerade jetzt nicht recht zu wünschen. Auch vermag ich mich, wie Sie wissen, der Auffassung, daß der sogenannte Windsor-Vertrag vom Jahre 1899 unsere Abmachungen „annulliert" hätte, durchaus nicht anzuschließen. Auch vor der Erneuerung haben die englisch-portugiesischen Verträge vollkommen in Kraft gestanden, was von allen englischen Kabinetten zu den verschiedensten Zeiten immer wieder betont worden ist. Und der Geheimartikel des Vertrages vom Jahre 1660 enthält, wie ein Blick in die Akten Ihnen zeigen wird, tatsächlich die Zusicherung der Verteidigung aller Besitztümer der Krone Portugals für Gegenwart und Zukunft. Dieser Vertrag war uns ja bekannt im Jahre 1898, und niemand ist es damals eingefallen zu verlangen, daß er außer Kraft gesetzt werden sollte. Eine derartige Zumutung würde also wohl sicherlich hier als ein schlechter Scherz aufgefaßt werden. Daß die Portugiesen, als sie von unserem ersten Vertrage Wind bekamen, unter der Führung Soverals*) auf eine Neu- *) Portugiesischer Gesandter in London. 120 belebung ihres. vergilbten Bundes drängten, läßt sich begreifen, tatsächlich haben unsere Vereinbarungen mit England im Jahre 1898 aber genau unter denselben Voraussetzungen stattgefunden, wie in den Jahren 1912 und 1913, und unser Publikum kann doch nicht gut erwarten, daß wir mit einem befreundeten Staate über den Besitz eines dritten uns befreundeten und mit dem anderen Kontrahenten verbündeten Staates Vereinbarungen treffen, die die Beraubung dieses Dritten mitten im Frieden offenkundig aussprechen. Doch hierüber brauchen wir uns jetzt nicht zu ereifern, denn die Angelegenheit ist, vorläufig wenigstens, Ihren Wünschen entsprechend geregelt, und ich glaube nicht, daß Grey sobald wieder auf die Veröffentlichung zurückkommt. Eine andere Frage ist freilich, ob wir die endgültige Ausfertigung des Vertrages, der bisher bekanntlich nur paraphiert worden ist, für angezeigt halten. Ich habe in dieser Richtung, da ich Ihre Wünsche nicht kannte, mit Grey noch nicht gesprochen. Meiner Ansicht nach wäre eine baldige Unterzeichnung schon deshalb erwünscht, weil sie allen späteren Abänderungen, die etwa französischen Klagen Rechnung trügen, einen Riegel vorschieben würde. Ich glaube ja nicht, daß Grey einen Vertrag, den er so gut wie abgeschlossen hat, nachträglich verstümmeln würde. Das wäre ganz gegen seine sonst so ehrliche und gerade Natur, aber man kann doch nicht wissen, ob nicht doch vielleicht die Unionisten mal herankommen, und ob Lord Curzon oder Lord Lans- downe oder wer sonst alsdann die äußeren Angelegenheiten übernähme, sich mit ihm einverstanden erklärt.. Nach gewissen Andeutungen, die mir geworden sind, ist es allerdings nicht unmöglich, daß man hier nicht wünschen wird, den Vertrag eher zu unterschreiben, als bis er zur Veröffentlichung gelangt. Ich möchte 121 aber, falls es Ihnen recht ist, Grey gelegentlich auf die Unterzeichnung anreden, und zwar in der Form, daß ich ihm sage, es läge mir persönlich viel daran, unser Abkommen zum Abschluß zu bringen, um auf diesem Gebiete etwas Ganzes geleistet zu haben. Sehr erleichtert würde mir meine Aufgabe in diesem Falle wie im allgemeinen, wenn es Ihnen gelänge, angesichts des bevorstehenden Besuches in Paris unsere Presse in dem Sinne zu beeinflussen, daß sie sich einer unfreundlichen und schulmeisterlichen Kritik sowohl des Besuches wie der englischfranzösischen Beziehungen überhaupt enthielte. Sir Edward Grey wird, wie Sie wissen, die Majestäten begleiten, da auch Herr Pichon mit Herrn Poincare hier war. Sonst würde Sir Arthur Nicolson mitreisen. Es würde nun Grey natürlich sehr verstimmen, wenn diese Tatsache zu ausfälligen Bemerkungen führen würde, nach Art etwa des jüngsten Artikels der „Kölnischen Zeitung" über Rußland. Wie ich wiederholt ausgeführt habe, liegt der hiesigen Regierung daran, sowohl mit uns als auch mit Frankreich auf gutem Fuße zu stehen. Die erfolgte Annäherung an uns ist von den meisten englischen Politikern, in erster Linie aber auch von der Geschäftswelt mit lebhafter Genugtuung begrüßt worden. Man wünscht hier aber nicht, daß die Besserung unseres Verhältnisses auf Kosten der französischen Entente erfolge, und Sir Edward Grey würde sich sowohl von seinen Freunden wie auch von seiten der Opposition, bei welcher zum Beispiel Mr, Balfour, Lord Lansdowne und Mr. Chamberlain lebhafte Befürworter des Zusammengehens mit Frankreich sind, heftigen Angriffen ausgesetzt sehen, falls eine Entfremdung mit Paris einträte. Streng vertraulich erfahre ich, daß man in amtlichen französischen Kreisen beunruhigt ist über die zunehmende Herzlichkeit unserer Beziehungen zu England und über den Einfluß, den wir hier besitzen. Namentlich scheint auch das Kolonialabkommen, dessen Inhalt im wesentlichen wohl in Paris bekannt sein dürfte, dort Mißfallen erregt und zu lebhaften Vorstellungen bei Sir Edward Grey geführt zu haben. Er wird also zunächst versuchen, die Franzosen zu beruhigen und ihrer Eitelkeit zu schmeicheln; auch liegt ihm viel daran, seinen bisherigen Einfluß dort zu erhalten, schon weil die innere Entwicklung dieses Landes ihm kein großes Vertrauen einflößt, und die Rückkehr Rußlands zur Reaktion ihn außerdem beunruhigt. Je weniger unsere Presse nun in den leider bei uns so beliebten Polterton verfällt, oder gar Frankreich gegenüber eine anmaßende oder kriegerische Sprache führt, um so weniger wird er sich genötigt sehen, von uns abzurücken. Denn darüber dürfen wir uns nicht im Zweifel sein, daß, wenn er zu wählen hat, er sich für Frankreich entscheiden wird, ähnlich wie wir, vor die Wahl gestellt zwischen Österreich und Rußland, uns für ersteres entscheiden würden. Die ungeschmälerte Erhaltung Frankreichs gilt den Engländern ebensosehr als eine politische Notwendigkeit wie uns die Erhaltung Österreich- Ungarns, und sie würden daher, wie ich nochmals hervorheben möchte, in einem Kriege zwischen uns und Frankreich unter allen Umständen ihre schützende Hand über letzteres halten, und ich bedauere lebhaft, daß trotz meiner wiederholten und eingehenden Darlegungen über diesen wichtigen Punkt diese Tatsache immer noch Zweifeln begegnet. Da man hier eben den Frie- 123 den will und nicht genötigt zu werden wünscht, an einem Kriege teilzunehmen, um eine Verschiebung der bestehenden Machtverhältnisse zu verhindern, so bildet die Enthaltung von allen Kundgebungen, die dahin gedeutet werden, daß wir Unruhe stiften wollen, die Grundlage für die Geneigtheit Greys, unseren Wünschen entgegenzukommen und die deutsche Freundschaft zu pflegen. Ich sage hier bei jeder passenden Gelegenheit, daß wir gegen die britischfranzösische Freundschaft durchaus nichts einzuwenden haben, da der Einfluß Englands in Paris sich stets im Sinne der Mäßigung und des Friedens betätigt hat, und wir daher keinen Grund hätten, uns über die britisch - französische Intimität zu beklagen. Unseren hiesigen Interessen und Zwecken wäre am besten gedient, wenn die deutsche Presse aus Anlaß des bevorstehenden Besuches eine ähnliche Note anschlagen wollte. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 26. 3. 1914 B ei der Entwicklung, welche die irische Angelegenheit durch das Versagen der englischen Offiziere genommen hat, dürfte ein baldiger Rücktritt des gesamten Kabinetts durchaus im Bereich der Möglichkeit liegen. Unter diesen Umständen möchte ich anheimstellen, ob nicht die politische Lage eine baldige Unterzeichnung des Kolonialvertrags unbedingt erwünscht erscheinen läßt. Der Rücktritt des Sir E. Grey könnte das Zustandekommen des vorläufig nur paraphierten Vertrages auf das schwerste gefährden. Die Bagdadverhandlungen können aber noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Was die Veröffentlichung des Windsor-Vertrags betrifft, so geht aus meiner Berichterstattung hervor: 124 1. daß Sir E. Grey die Veröffentlichung beider Verträge auf ganz unbestimmte Zeit vertagt und nie daran gedacht hat, ohne unsere Zustimmung irgend etwas zu veröffentlichen, und 2. daß er nur beide Verträge, nicht aber einen allein, veröffentlichen will, daß daher auch die Veröffentlichung des Windsor-Vertrags solange unterbleibt wie die des unseren. Sollte aber unserer später einmal auf Grund beiderseitigen Einvernehmens veröffentlicht werden, so wird dies nur unter gleichzeitiger Bekanntgabe des Windsor-Vertrags geschehen können. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 1. 4. 1914 I ch hatte heute Gelegenheit, Sir Edward Grey vor seiner morgigen Abreise zu sprechen. Der Minister wollte eigentlich schon gestern verreisen, da jetzt der gegebene Augenblick für den Angelsport gekommen ist und außerdem die parlamentarischen Osterferien vor der Tür stehen, sah sich aber genötigt, seine Abreise um einige Tage mit Rücksicht auf die parlamentarische Geschäftslage zu verschieben. Er dürfte voraussichtlich kurz nach Ostern nach London zurückkehren. Ich sagte ihm, ich sei gekommen, um ihn zu fragen, ob er Bedenken trüge, unsern bisher nur paraphierten Geheimvertrag nunmehr auch zu unterschreiben. Ich würde es lebhaft bedauern, wenn nach soviel beiderseitiger Mühe und Arbeit das Werk, welches seinem Abschluß so nahe sei, nicht zur Vollendung gelange. Das bisherige Ergebnis gewähre zwar eine moralische, nicht aber eine rechtliche Sicherheit, und es schiene mir nicht erwünscht, diesen Zustand anstehen und den 125 Wechselfällen der Politik ausgesetzt sein zu lassen. Ich ließ hierbei mit einfließen, daß wir uns zwar darüber geeinigt hätten, die Veröffentlichung der Verträge vorläufig zurückzustellen, daß ich aber dennoch glaubte, daß sich vielleicht in der Zukunft ein für beide Teile gangbarer Weg, der zur Lösung dieser Frage führe, werde finden lassen, falls die Frage der Veröffentlichung hindernd im Wege stehen sollte. Sir Edward Grey erwiderte, daßernichtinder Lage sei, den Vertrag zu unterzeichnen, fallsdersclbenichtveröffentlichtwerde. Er habe wiederholt öffentlich erklärt, daß er keine neuen geheimen Abmachungen einzugehen gewillt sei, und es sei ihm daher unmöglich, einen geheimen Vertrag abzuschließen. Er habe nicht nur durch mich, sondern in noch weit stärkeren Ausdrücken durch die Vermittlung Sir E. Goschens*) vom Herrn Staatssekretär selbst erfahren, welche verhängnisvollen Wirkungen das Bekanntwerden des Windsor- Vertrages bei unserer öffentlichen Meinung hervorrufen würde, und nichts läge ihm ferner, als eine Trübung unserer Beziehungen herbeiführen zu wollen. Er wiederholte, was er mir schon bei unserer letzten Unterredung gesagt, daß der Hauptzweck, den er bei der Neuregelung unseres Vertrages im Auge gehabt hätte, die Besserung unserer Beziehungen gewesen sei, welche damals nicht die erfreuliche heutige Temperatur hätten aufweisen können. Wenn also, wie er erfahre, unsere öffentliche Meinung an dem Windsor-Vertrag Anstoß nehmen würde, so würde der ganze Zweck verfehlt sein. Es sei ihm aber aus bekannten Gründen unmöglich, den portugiesischen Vertrag nicht zu veröffentlichen, falls der unsrige das Licht der Welt erblicke. Würde unterschrieben, so *) Britischer Botschafter in Berlin. 126 müßten beide Verträge veröffentlicht werden, und zwar möglichst gleichzeitig. Im übrigen sei unser locus standi ja der Vertrag von 1898, der sich ganz gut bewähre, wie die Benguellabahn zeige. Ich erwiderte, daß der Vertrag von 1898 für beide Teile viel weniger befriedigend sei, wie die neuesten Abmachungen, und daß er dringend einer Revision bedürfe, und zwar aus geographischen, praktischen wie politischen Rücksichten. Es würde daher höchst bedauerlich sein, wenn die ganze mühevolle Arbeit an der Veröffentlichungsfrage zunichte würde, und ich glaubte sagen zu können, daß vielleicht Aussicht vorhanden wäre, daß wir nach Schluß des Reichstages ihr vielleicht wieder nähertreten könnten trotz aller Bedenken, die wir hinsichtlich der Wirkung des Windsor - Vertrages hegten. Ich betonte bei dieser Gelegenheit nochmals, daß meiner Auffassung nach beide Teile durch die Paraphierung bereits moralisch, wenn auch nicht juristisch, an den Inhalt des Vertrages gebunden wären, und daß es deshalb doch nicht gut anginge, die Krönung des Ganzen im letzten Augenblick zu unterlassen. Es war für mich natürlich sehr schwer, nach allem, was ich ihm gegen die Veröffentlichung der Verträge bisher hatte sagen müssen, unsere plötzliche Schwenkung einigermaßen zu maskieren; ich konnte mich aber davon überzeugen, daß meine Befürchtung, daß der ganze Vertrag infolge unserer Weigerung und mit Rücksicht auf französische Empfindlichkeiten hinfällig werden würde, durchaus nicht unbegründet war. Ich hielt es für besser, mich vorläufig aller Vorschläge hinsichtlich der Form der Veröffentlichung zu enthalten und abzuwarten, daß die hiesige Regierung, falls sie überhaupt zu bewegen ist, die verlassenen Verhandlungen wieder aufzunehmen, ihrerseits mit Vorschlägen hervortritt. 127 Sir Edward beschränkte sich darauf, mir mit Nachdruck zu wiederholen, daß er unsere Bedenken gegen die Veröffentlichung vollkommen würdige, daß aber damit natürlich auch die Unterzeichnung des Vertrages zu Falle komme. Im übrigen nahm er meine Anregungen in gewohnter freundschaftlicher Stimmung entgegen, meinte jedoch, er müsse die Angelegenheit mit dem Prime Minister besprechen; vorläufig könne er mir keine bestimmte Antwort geben. Ich betonte schließlich nochmals, daß ich hoffte, wir würden über den Zeitpunkt der Veröffentlichung zu einer Einigung gelangen, da wir grundsätzlich nicht gegen die Veröffentlichung wären, sie nur vorläufig für unzweckmäßig gehalten hätten. Mein Gesamteindruck war, daß er nur ungern an die ganze Sache wieder herantritt, da er sich wohl den Franzosen gegenüber schon verpflichtet und anscheinend im Kabinett erklärt hat, daß er teils aus Rücksicht auf unseren Widerstand gegen die Veröffentlichung, teils wegen französischer Empfindlichkeiten den Vertrag habe fallen lassen. Wenigstens bin ich von verschiedenen Mitgliedern der Regierung, die allerdings hierbei die französischen Wünsche nicht erwähnten, in diesem Sinne angeredet worden. Lichnowsky. DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 4. 4. 1914 E w. pp. darf ich bitten, die Frage der Vertragsunterzeichnung einstweilen ruhen zu lassen und jedenfalls von sich aus vorläufig nicht darauf zurückzukommen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß ein 128 paraphierter Vertrag zum mindesten eine moralische Bindung bedeutet, und daß auch der alte Vertrag von 1898 uns die Wahrnehmung unserer Interessen in dem portugiesischen Kolonialbesitz ermöglicht. Sollte Sir. E. Grey die Angelegenheit erneut anregen, so bitte ich als allgemeine Richtlinie fest- halten zu wollen, daß eine Veröffentlichung überhaupt nicht in Frage kommen kann, solange unser Reichstag versammelt ist. Ich glaube die Verantwortung hierfür nicht übernehmen zu können. Was aber die Veröffentlichung unserer Abmachungen mit England betrifft, so würde eine solche, bevor ein positives Ergebnis unserer Expedition nach Angola vorliegt, den Erfolg eines mit einem unendlichen Aufwand von Mühe und Arbeit eingeleiteten Unternehmens in Frage stellen, das den ersten Schritt zur Verwirklichung unserer Absichten bedeuten würde. Wir würden es daher gegebenenfalls vorziehen, die Sache auf sich beruhen zu lassen und uns mit dem paraphierten Abkommen zu begnügen. Ich teile durchaus die Ansicht Ew. pp., daß für die Haltung Sir E. Greys die Rücksicht auf Frankreich wesentlich mitbestimmend ist. Ich frage mich, ob wir der entstandenen Schwierigkeiten etwa dadurch Herr werden können, daß wir der englischen Regierung unsere Bereitwilligkeit zu erkennen geben, gegen anderweitige Kompensationen auf Säo Thome und Principe zu verzichten. Ich darf Sie bitten, mir eventuell nach vorsichtiger Sondierung an maßgebender Stelle, Ihre Ansicht hierüber mitteilen zu wollen - Jagow. 9 Lichnowsky II 129 DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 17. 4. 1914 U nter Bezugnahme auf Erlaß Nr. 554 vom 4. dieses Monats. Sir E. Goschen sagte mir heute, daß es ihm gelungen sei, Sir E. Grey von Untunlichkeit Veröffentlichung Windsor-Vertrags zu überzeugen, und las mir Brief des Ministers vor, der Meldungen Eurer Durchlaucht bestätigte. Ich habe dem Botschafter erklärt, daß wir zeitlich getrennten Veröffentlichung von Windsor-und Angola- Vertrag aus Entgegenkommen gegen Sir E. Grey zwar angeboten hätten, dagegen gänzliche Nichtveröffentlichung vorzögen und paraphierten Vertrag als Obligation morale ansähen. Ich hoffte, daß der Zeitpunkt kommen werde, wo wir in unserer portugiesischen Interessensphäre genügend Fuß gefaßt hätten, und unsererseits England Veröffentlichung vorzuschlagen. Ich sehe Angelegenheit hiermit definitiv als geregelt an und bitte, von jedem weiteren Schritt abzusehen. Tort«™ AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 23. 5. 1914 M r. Harcourt war gestern abend unser Gast, und benutzte ich die Gelegenheit, um nach Tisch mit ihm die Frage des Kolonialvertrages vertraulich zu besprechen. Ich hob zunächst hervor, daß wir durch die erfolgte Paraphierung uns sowohl wie die britische Regierung für moralisch gebunden betrachteten, und daß wir daher keineswegs zugeben wollten, daß 130 das mühevolle Ergebnis einer zweijährigen Arbeit, das den beiderseitigen Interessen weit mehr Rechnung trage als der frühere Zustand, hinfällig würde. Über die Frage der Veröffentlichung glaubte ich, würde sich vielleicht späterhin eine Verständigung erzielen lassen. Mr. Harcourt entgegnete, er bedauere lebhaft, daß die bei uns gegen den Windsor-Vertrag bestehenden Bedenken die Erledigung der Angelegenheit bisher verzögert und einen Zustand der Unsicherheit geschaffen hätten, der auf die Dauer unmöglich fortbestehen könne. Die britischen Unternehmer und Kapitalisten wüßten jetzt gar nicht mehr, woran sie sind, denn niemand könne ihnen bestimmt sagen, welches die britische und welches die deutsche Interessensphäre sei. Ein paraphierter Vertrag sei so gut wie gar keiner und könne nicht als Grundlage dienen, werde auch von einer neuen Regierung, falls die jetzige fallen sollte, nicht anerkannt werden. Es seialsonurdieMöglichkeitvor- handen, entweder zu dem alten Vertrage z u r ü c k z u k e h r e n und den neuen als ungültig zu betrachten, oder aber den neuen mit dem W i n d s o r - V e r t r a g zusammen zu veröffentlichen. Der jetzige Zustand aber sei auf die Dauer wegen der damit verbundenen Ungewißheit unerträglich. Hierzu möchte ich bemerken, daß auch ich nicht glaube, daß uns eine andere Wahl bleibt als die Veröffentlichung oder Rückkehr zum Vertrage 1898. Euerer Exzellenz ist es bekannt, daß ich mich der Auffassung nicht anzuschließen vermag, daß die Bedenken gegen den Windsor-Vertrag die Vorteile aufzuwiegen vermögen, die sich aus dem neuen Vertrag 9* 131 ergeben und aus dem Eindruck, den die erfolgte deutsch-britische Verständigung auf diesem Gebiete hervorrufen muß.*) Lichnowsky. DER REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 29. 5. 1914 ls dem gefälligen Bericht vom 23. d. M. ersehe «4a.ich, daß Ew. pp. die Frage der Veröffentlichung des deutsch-englischen Kolonialabkommens von sich aus bei Mr. Harcourt zur Sprache gebracht haben. Ich bedauere das um so mehr, als dieses Vorgehen der Ew. pp. erteilten bestimmten Weisungen widersprach, von jedem weiteren Schritt in der Angelegenheit abzusehen, und überdies die sehr unerwünschte Folge hat, die befriedigende und den Bedürfnissen der nächsten Zeit durchaus genügende Sachlage (?) erneut kompromittieren, die die hier von Sir E. Goschen im Aufträge Sir E. Greys gegebenen Erklärungen geschaffen hatten. Jedenfalls deutet nichts darauf hin, daß Ew. pp. den Darlegungen des englischen Kolonialministers mit irgendwelchen Gegenargumenten entgegengetreten wären und ihn auf den äußerst peinlichen und ungünstigen Eindruck hingewiesen hätten, den es hier würde machen müssen, wenn die englische Regierung sich nachträglich den Standpunkt *) In einem Privatbrief vom 26. Mai an Staatssekretär von Jagow suchte ich die Berliner Bedenken gegen eine ungünstige Wirkung der Veröffentlichung des Windsor-Vertrags auf die deutsche öffentliche Meinung zu zerstreuen. Es hieß in dem Schreiben: „Ich möchte Ihnen nochmals zu bedenken geben, ob man nicht etlichen alldeutschen Schreiern nach Veröffentlichung der Verträge entgegenhalten könnte, daß durch den 99er Vertrag (Windsor) kein novum geschaffen wurde, und daß unser Vertrag schon angesichts des Bundesverhältnisses zwischen England und Portugal und mit Rücksicht auf den elementarsten politischen Anstand nicht die 132 Mr. Harcourts zu eigen machen wollte. Sollte, wie das zu befürchten steht, nunmehr auch Sir E. Grey wieder Ew. pp. gegenüber auf die Sache zurückkommen, so wollen Sie dem Minister sagen, daß die Kaiserliche Regierung die Frage der Veröffentlichung zurzeit als erledigt angesehen habe, Sie infolgedessen ohne Instruktionen seien und ihn, ohne sich auf weitere Erörterungen einzulassen, gegebenenfalls bitten, etwaige neue Anregungen oder Gesichtspunkte durch Vermittlung Sir E. Goschens an mich gelangen zulassen ' Bethmann Hollweg AUFZEICHNUNG DES GESANDTEN IN LISSABON ROSEN Berlin, 30. 5. 1914 D ie Gründe, welche für oder gegen die Unterzeichnung, und die dadurch unvermeidliche Veröffentlichung des deutsch-englischen Abkommens sprechen, müssen von zwei Gesichtspunkten aus geprüft werden, dem der Wirkung auf die internationale Politik und dem des Rückhalles, den die Bekanntgabe voraussichtlich in Deutschland wecken würde. Unter den Wirkungen nach außen ist in erster Linie die Frage zu prüfen, ob bei gleichzeitiger Bekanntgabe des Windsor - Vertrages das deutschenglische Abkommen überhaupt noch realisierbar wäre, das heißt, ob es anzunehmen ist, daß England Teilung der Kolonien im Sinne der Annexionen aussprechen könnte. In den Rahmen dieser Form passe der Windsor-Vertrag durchaus hinein, für zukünftige Entwickelungen, die durch das Bündnis aber nicht berührt würden, biete unser Vertrag eine passende Handhabe. Mit gleichzeitiger geschickter Einweihung der Presse und entsprechendem Kommentar, der hervorhebt, daß die Unversehrtheit des portugiesischen Kolonialbesitzes gewahrt bleibe, müßte sich die Sache doch machen lassen, und der Gesamteindruck wäre sicherlich zu unseren Gunsten, Der Reichstag ist nun geschlossen, die Möglichkeit neuer Wahlen im Sommer ist 133 einer allmählichen auf Festsetzung in den portugiesischen Kolonien abzielenden Politik Deutschlands Hindernisse in den Weg legen oder dieselbe nach Möglichkeit unterstützen würde. Der Windsor-Vertrag garantiert den Besitzstand Portugals, also auch dessen Kolonien. Daß dieser Vertrag zu dem Geist und Wortlaut des ein Jahr früher abgeschlossenen deutschenglischen Abkommens in flagrantem Widerspruch steht und somit auf den ersten Blick einen Beweis englischer Perfidie zu liefern scheint, liegt auf der Hand. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, daß er das deutsch-englische Abkommen aufhebt. Wenn aber der neuere Vertrag den älteren aufhebt, so ist dies bei dem jetzigen deutsch-englischen Abkommen gegenüber dem Windsor-Vertrag ebenfalls der Fall. Das Abkommen hebt eben jenen Vertrag unter bestimmten Vorausetzungen und an bestimmten Punkten auf. Es ist eine Einschränkung des Windsor- Vertrages und aller ähnlichen voraufgegangenen englisch-portugiesischen Bündnisverträge, Das, und nichts anderes kann nur der Sinn des deutsch-englischen Abkommens sein. Würden wir nicht von dieser Voraussetzung ausgehen, dann wäre es überhaupt sinnlos, ein derartiges Abkommen abzuschließen. Soweit die formale Seite. Es fragt sich aber nun weiter, welches wohl voraussichtlich die Haltung Englands sein würde, wenn, nach Unterzeichnung des hier noch immer vorhanden, und man kann nicht wissen, wie die Dinge sich später entwickeln; also ich möchte dringend zur Eile raten. Alles kommt doch bei solchen Dingen auf die Sauce an, mit der der Braten serviert wird. Mir will es oft scheinen, als ob bei uns die Angstmeierei vor der öffentlichen Meinung etwas zu weit ginge. Die Briten haben doch schließlich dasselbe Interesse daran wie wir, daß einer der im Vertrage vorgesehenen Fälle ihnen die Möglichkeit zum Einschreiten bietet. Auch sie wünschen ihre Interessensphäre auszudehnen und zu befestigen." 134 Abkommens, eine der in demselben vorgesehenen Möglichkeiten akut würde. Nichts könnte irreleitender sein, als von den Umständen der Jahre um die Jahrhundertwende einfach auf die jetzige Zeit zu schließen. Damals war die Verstimmung zwischen England und Deutschland auf ihrem Höhepunkte, und zugleich war Portugal infolge der Freundschaft seines Königs mit König Eduard und der damit zusammenhängenden Ausnahmestellung des Marquis von Soveral gegenüber dem englischen Hofe und dem eng- lichen Kabinett in weit größerer Abhängigkeit von seinen Bundesgenossen, als dies heute der Fall ist. Weder hat England für die portugiesische Republik dieselben Gefühle wie damals König Eduard für die Monarchie, noch auch betrachtet sich das republikanische Portugal in irgend annäherndem Grade wie damals das monarchische als Vasall des Britenreiches. Vor allem aber steht die öffentliche Meinung in England der portugiesischen Kolonialherrschaft in Afrika heute keineswegs freundlich gegenüber. Die Agitation der Antislavery and Aborigines Protection Society gegen die „Sklaverei" der Portugiesen in Säo Thome und in Angola, ferner der Feldzug der Herzogin von Bedford gegen die Behandlung der politischen Gefangenen seitens der Republik, und, bis zu einem gewissen Grade auch die antirepublikanische Stimmungsmache des Exkönigs in der höheren englischen Gesellschaft, haben den Boden für die Verständigung mit Deutschland vorbereitet und würden der Veröffentlichung und auch der Verwirklichung des Abkommens eine günstige Aufnahme sichern. Die englische Regierung wird aber zweifellos den Weg gehen, der mit der öffentlichen Meinung im Lande übereinstimmt. Es fragt sich nun nur noch, ob vielleicht Erwägungen der auswärtigen Politik das Kabinett von St. James bewegen könnten, bei einem etwaigen Konflikt zwischen Deutschland und Portugal sich, trotz des Abkommens, auf die Seite Portugals zu stellen. Auch dies ist nicht anzunehmen. Von den Mächten, die in Südwesteuropa und in Afrika interessiert sind, nämlich Frankreich und Spanien, steht das letztere der portugiesischen Republik geradezu feindlich gegenüber und würde Ereignisse mit Freude begrüßen, welche geeignet scheinen, das republikanische Regiment in Portugal zu erschüttern. Daß auf der anderen Seite Frankreich jeder deutschen Machterweiterung und auch jeder deutsch-englischen Annäherung mißgünstig gegenübersteht, ist sicher. Indessen hat die englische Regierung schon jetzt mehrfach bewiesen, daß sie gegenüber den Einsprüchen Frankreichs gegen das Abkommen mit uns festzubleiben entschlossen ist. Zieht man alle diese Erwägungen in Rücksicht so liegt kein Grund zu der Befürchtung vor, daß England sich als Schutzwehr der portugiesischen Kolonialmacht gegen uns aufwerfen und das Risiko eines dann unvermeidlichen Konfliktes mit Deutschland Portugal zuliebe auf sich nehmen würde. Wir kommen jetzt zu der Frage, welche Wirkung eine eventuelle Bekanntgabe des Abkommens voraussichtlich auf Portugal selbst ausüben würde. Die erste Wirkung würde zweifellos die einer großen Bestürzung sein. Portugal würde sich von seinem alten Bundesgenossen verraten und beraubt sehen. Es ist möglich, daß die Beunruhigung so weit ginge, daß dadurch die republikanische Staatsform erschüttert würde. In jedem Falle müssen wir uns auf einen Entrüstungssturm gefaßt machen und auch darauf, daß sich dieser Sturm mehr gegen Deutschland als gegen das ungetreue England wenden würde. Eine solche Bewegung wird vielleicht heftig, aber sicher nicht von 136 Dauer sein, wenn die beiden Großmächte ihr mit einer Kaltblütigkeit entgegentreten. Ihr wird zweifellos ein Gefühl der Resignation in das unvermeidliche Schicksal der Kolonien folgen, ein Gefühl, das schon jetzt in weiten Kreisen der politisch Denkenden bemerkbar ist. Man wird sich sagen, daß es besser ist, den wirtschaftlichen Ausdehnungsbestrebungen der beiden großen Kolonialnachbarn freien Spielraum zu lassen, als Konflikte mit ihnen heraufzubeschwören, die nach Bekanntwerden des Abkommens bei einer Verweigerung von Konzessionen unvermeidlich scheinen würden. Man würde bei jeder zu erteilenden Konzession einen mehr oder weniger ernstgemeinten Vorbehalt bezüglich der portugiesischen Hoheitsrechte machen und mit den hierauf erlangten Erklärungen der beiden Regierungen die öffentliche Meinung im Lande zu beruhigen trachten. — Ganz anders aber würde eine Fortdauer des jetzigen Zustandes wirken. Schon jetzt macht sich in Portugal die Tendenz bemerkbar, 1. in dem vermuteten deutschen Interessengebiet möglichst viele und bedeutende englische Unternehmungen zu konzessionieren; 2. in demselben Gebiet alle bereits begonnenen Unternehmungen auf „internationale“, das heißt wohl auf französische finanzielle Grundlage zu stellen. Gelänge dies, so würden wir mit dem Abkommen gerade das Gegenteil dessen erreicht haben, was wir anstreben, wir würden ein großes und aussichtsreiches Absatzgebiet für unsere Industrie verlieren, statt es zu gewinnen. Es kommt noch hinzu, daß erfahrungsgemäß englische Unternehmer sich scheuen, sich in Gebieten zu betätigen, die nicht englisch sind oder dem englischen Einfluß unterliegen. Wenn es nach diesen Ausführungen kaum zweifelhaft erscheinen kann, daß die Realisierung des Ab- 137 kommens durch seine Unterzeichnung und Bekanntgabe nur gefördert werden würde, so bleibt doch die wichtige Seite der Frage zu untersuchen, welche Wirkung eine solche Veröffentlichung aller Voraussicht nach auf die öffentliche Meinung Deutschlands ausüben würde. Hier ist von vornherein zuzugeben, daß der Eindruck des Windsor-Vertrages, der nach so kurzer Zeit dem Abkommen vom Jahre 1898 folgte und anscheinend sein Gegenteil besagte, nur ungünstig erscheinen kann. Man wird darin, wie bereits oben angedeutet, einen Beweis für die Unzuverlässigkeit der britischen Politik erblicken, die es fertig brachte, innerhalb eines Jahres zwei einander widersprechende Verträge abzuschließen. Man wird daraus den Schluß ziehen können, daß auch das jetzige Abkommen für uns wertlos sein würde. Man könnte sogar in gewissen Lagern der Regierung den Vorwurf machen, als hätte sie sich trotz aller gemachten Erfahrungen düpieren lassen. Man könnte auch in seinen Befürchtungen noch weitergehen und annehmen, daß die zarte Pflanze der deutsch-englischen Verständigung durch den Sturm einer durch die deutschen Zeitungen gehenden Entrüstung vielleicht vernichtet werden würde. Solchen Eventualitäten gegenüber müßte es natürlich ratsam erscheinen, das Abkommen lieber in seinem gegenwärtigen halbfertigen Zustande zu belassen, als es durch Veröffentlichung des Dargelegten Gefahren auszusetzen. Es würde leichtfertig sein, diese Gefahren, welche tief in unseren parlamentarischen Verhältnissen wurzeln, zu gering einzuschätzen. Auf der anderen Seite aber würde es ein nicht minder großer Fehler sein, sie höher anzuschlagen, als sie es tatsächlich verdienen. Es läßt sich ja auch durch geeignete Vorarbeit bei den Parteien und namentlich bei der Presse auf eine richtige Beurteilung der Bedeutung des Abkommens hinwirken, ohne daß es dabei nötig wäre, den Inhalt desselben vorzeitig zu verraten. Es müßte vor allen Dingen in einer Reihe von Zeitungsartikeln gezeigt werden, wie ganz anders die Verhältnisse vor 14 Jahren lagen als heute. Die Vorgänge jener Zeit liegen noch nicht so weit zurück, als daß der deutsche Zeitungsleser diesen Unterschied nicht verstehen sollte. Dem Abschluß des Abkommens vom 30. August 1898 folgte auf dem Fuße der drohende Ausbruch des Südafrikanischen Krieges, in welchem bekanntlich die Stimmung in Deutschland den Engländern im höchsten Grade feindlich war. Die Beschlagnahme deutscher Postdampfer und so manche andere Zwischenfälle verbitterten noch die Stimmung zwischen den beiden Ländern. Der ungünstige Verlauf des Burenkrieges zwang die Engländer, die Dienste des portugiesischen Bundesgenossen in Anspruch zu nehmen. Der Krieg konnte nicht zum glücklichen Ende geführt werden, wenn nicht Portugal den Transport englischer Truppen von Lourencjo Marques nach dem nördlichen Transvaal gestattet und erleichtert hätte. Hierin lag jedoch ein augenscheinlicher Bruch der Neutralität, für dessen Folgen sich Portugal entsprechende Garantien ausbedingen mußte, um gegen Angriffen derjenigen Mächte geschützt zu sein, welche damals England feindlich gegenüberzustehen schienen. Es lag vom portugiesischen Standpunkte gesehen damals durchaus im Bereich der Möglichkeit, daß zwischen Deutschland und England sich ein Konflikt zuspitzte, wobei Deutschland leicht in Mosam- bique oder auch in Angola einfallen und portugiesisches Gebiet besetzen konnte. Rechnet man hierzu die ganze Menge persönlicher Mißverständnisse und Verstimmungen zu beiden Seiten der Nordsee, so läßt 139 sich der Abschluß des Windsor-Vertrages jedenfalls aus der damaligen Lage erklären, wenn auch freilich nicht rechtfertigen. Anderthalb Jahrzehnte sind nötig gewesen, um die üble Wirkung jener Zeit einigermaßen zu überwinden und das Zustandekommen einer Verständigung überhaupt möglich zu machen. Würden wir jetzt dem definitiven Abschluß des neuen Abkommens gegenüber weiterhin eine ablehnende Haltung einnehmen, so würden wir die günstige Wirkung des Heilungsprozesses zunichte machen, den die Zeit ermöglicht und die unausgesetzte Bemühung der Kaiserlichen Regierung beschleunigt hat. Man könnte zwar sagen, daß durch die Paraphierung des Abkommens beide Teile sich als moralisch gebunden ansehen müßten, doch erscheint es mir im höchsten Grade zweifelhaft, ob eine englische Regierug ein eventuelles, von ihrer Vorgängerin nur paraphiertes Abkommen als bindend ansehen würde. Wenn der im Abkommen vorgesehene Fall einträte, daß Deutschland an England den Antrag stellte, gemeinsam wegen eines kolonialen Vorkommens bei Portugal vorstellig zu werden und diese Schritte bis zu einer Art Ultimatum durchzuführen, so erscheint es mehr als fraglich, ob sich ein britisches Kabinett auch bei bestem Willen in der Lage sehen würde, einem solchen Antrag Folge zu geben beziehungsweise ihn vor dem Parlament zu motivieren und zu rechtfertigen. Es würde sich der Anfrage aussetzen, auf Grund welcher Vereinbarung ein derartiger ungewöhnlicher diplomatischer Schritt erfolgte, und würde dann vor das Dilemma gestellt, entweder zu erklären, daß tatsächlich eine Vereinbarung bestände, die aber dem Parlament verheimlicht worden wäre, 140 oder daß keine Abmachung bestände, womit dann die Grundlage für das gemeinsame Vorgehen der beiden Regierungen wieder entfiele. Ich glaube daher in meinen Befürchtungen nicht fehlzugehen, daß das englische Kabinett — das jetzige und noch mehr ein künftiges — es ablehnen müßte, einen derartigen, auf Verwirklichung des nichtunterzeichneten Abkommens zielenden Schritt zu tun. In diesem Falle wäre dann das ganze Abkommen hinfällig und zwecklos, und die bei einem solchen Vorkommnis unvermeidliche Verstimmung würde die von uns so sorgsam gehegte Besserung der Beziehungen weit ernstlicher gefährden als der Lärm, dem im vorhin gedachten Falle einige unverantwortliche Zeitungen und Parlamentarier möglicherweise erheben könnten. Diesen Einwänden könnte noch allenfalls mit dem Hinweis begegnet werden, daß auf alle Fälle das erste Abkommen noch in Kraft sei, solange das zweite nicht als perfekt anzusehen ist. Dieses ist aber ein Argument, dem kaum ernst genug entgegengetreten werden kann. Die ganze Voraussetzung für die Nicht - unterzeichnung des neuen Abkommens ist ja die, daß das erste Abkommen durch den Windsor-Vertrag hinfällig geworden wäre. Außerdem aber ist in dem Abkommen vom Jahre 1898 die Verteilung der Interessensphären, namentlich in Westafrika, eine derartig verschiedene, daß seine Anwendung auf die jetzige Lage zu bedeutender Verwirrung Anlaß geben müßte, vorausgesetzt, daß es, wie gesagt, überhaupt noch anwendbar erscheint. Hierzu kommt noch eine andere, auch mit Hinblick auf unsere öffentliche Meinung sehr beachtenswerte Erwägung. Es werden und sind bereits so bedeutende deutsche Kapitalien in den verschiedenen kolonialen Unternehmungen engagiert, daß es zu erheblichen 141 Verlusten und einer nicht ungerechtfertigten Verstimmung unserer Finanz führen müßte, wenn alle ihre Aufwendungen und Arbeiten sich eines Tages als vergeblich herausstellen sollten. Es wäre dann die weitere Frage, welche Stellen beziehungsweise welche Personen für diese Verluste verantwortlich oder sogar ersatzpflichtig sein würden. Denn es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Finanz nur dadurch zu ihrem Vorgehen ermutigt worden ist, daß ihr die Annahme beigebracht wurde, als sei an dem Zustandekommen des Staatsvertrages mit England überhaupt nicht zu zweifeln. Weit wichtiger noch als bezüglich seiner Verwirklichung erscheint die Frage der Unterzeichnung des Abkommens mit Bezug auf die großen Linien unserer Politik. Mit diesem Abkommen steht Deutschland an einem Wendepunkte seines Geschickes. Daß es ohne oder gegen England auf die Dauer nicht möglich ist, eine erfolgreiche Weltpolitik zu treiben, hat uns wohl die Erfahrung gelehrt, die wir bei allen überseeischen Unternehmungen, nicht allein bei der Bagdadbahn und bei der Marokkofrage, gesammelt haben. Weit darüber hinaus handelt es sich hier um unser künftiges Verhältnis zu England und um unsere Stellung innerhalb der Mächtegruppen Europas. Nachdem wir mehrere Male — so 1901 und 1912 — eine uns angebotene nähere Verständigung, eventuell ein Bündnis mit England ausgeschlagen haben, würde zweifellos die Wirkung eines nochmaligen Zurückziehens unseres Vertrauens eine tiefe und nachhaltige Verstimmung jenseits der Nordsee hervor- rufen. England, das von den Ententemächten heiß umworben wird, würde nicht dauernd widerstehen können, wenn es einem ihm mißtrauischen und unfreundlichen Deutschland gegenüberstände. Bis jetzt hat sich bekanntlich Sir Edward Grey allen Bemühungen des Botschafters Paul Cam- bon*) gegenüber fest gezeigt, als dieser namens seiner Regierung eine große Beunruhigung wegen der deutsch - englischen Verständigung an den Tag legte. Desgleichen hat er den Lockungen widerstanden, die ihm Herr Sasonow im April durch seinen Vertrauensmann Prinz Trubetzkoi in Gestalt eines Bündnisantrages und damit zusammenhängender Marinekonvention hat zukommen lassen. Bei seiner Entscheidung hat neben dem selbstverständlichen Interesse Englands auch die Rücksicht auf uns mitgesprochen. Wenn wir aber auf die Verständigung verzichten, dann bekommt das englische Kabinett freie Hand, und noch weniger als dieses würde ein künftiges Kabinett sich an die n i c h t a b g e s c h 1 o s s e- nen Abmachungen mit uns gebunden halten. Auf der anderen Seite aber gehen die Vorteile, die uns der definitive Abschluß des Abkommens bringen würde, aller Voraussicht nach weit über dessen unmittelbares Ziel hinaus. Es kommen hier eine Menge politischer Imponderabilien in Betracht, wie sie sich beispielsweise für die Entente cordiale aus dem englisch-französischen Abkommen des Jahres 1904 über Ägypten und Marokko ergeben haben. Schon allein der Artikel des Abkommens, welcher besagt, daß Deutschland und England gemeinsam dritte Mächte von der Lösung der portugiesischen Kolonialfrage fernhalten wollen, wird automatisch zu einem engeren Zusammengehen der beiden Staaten auch in anderen Fragen führen, ähnlich wie dies bei der Be- *) Französischer Botschafter in London, 143 handlung der Balkankrisc in so erfreulicher Weise der Fall gewesen ist. Es liegt wohl kaum zu viel Optimismus in der Erwartung, daß der endgültige Abschluß und auch die Veröffentlichung aller unserer Vereinbarungen mit England — trotz des uns ja mitgeteilten Windsor-Vertrages — eine weitgehende Entspannung und erfolgreiche Ära unserer Politik einleiten würden, deren Rückwirkung im Deutschen Reiche in Gestalt eines vermehrten Zutrauens zu den Zielen und Methoden der Kaiserlichen Regierung nicht ausbleiben würde. Das Abkommen mit England ist das Beste, was die Kaiserliche Politik — soweit sie eine schaffende und erwerbende sein kann — seit den großen Zeiten der Gründung des Reiches geleistet hat. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 4. 6. 1914 E uer Exzellenz beehre ich mich in Erwiderung des Erlasses vom 29. v. Mts. nachstehendes zu melden: Zunächst beruht die Annahme, als ob ich von mir aus die Frage der Veröffentlichung bei Mr. Harcourt angeregt hätte, auf einen Irrtum. Wenn diese Frage auch im Laufe der Unterredung, die nach Tische in durchaus zwangloser Weise stattfand, naturgemäß berührt werden mußte, so war es doch nicht die Veröffentlichung, sondern, wie aus meinem Bericht hervorgehen dürfte, die Frage der Gültigkeit der neuen Vereinbarung, die ich dem Kolonialminister gegenüber berührte. Aus verschiedenen Andeutungen hatte ich entnommen, daß sowohl das Foreign Office wie das Kolonialamt, vorausgesetzt, daß nicht unterschrieben wird, den alten Vertrag vom Jahre 1898 auch fernerhin als Grundlage unserer beiderseitigen 144 Rechtsverhältnisse in den portugiesischen Kolonien betrachtet, und daß dem neuen Vertrage hier nur insofern ein moralisch bindender Wert beigemessen wird, als Sir E. Grey sich persönlich verpflichtet fühlt, im Falle eines von uns ausgehenden Wunsches unter den bekannten Bedingungen seine Unterschrift nicht zu versagen. Daß Sir E, Goschen in Berlin eine mit dieser Auffassung ausdrücklich in Widerspruch stehende Erklärung abgegeben haben sollte, muß ich bezweifeln, jedenfalls befindet sich nichts in dem mir zur Verfügung stehenden Aktenmaterial, was darauf hindeutet, Sir E, Grey hat es mir gegenüber immer ängstlich vermieden, auf die Frage, welcher von den beiden Verträgen nunmehr als Grundlage für unser ferneres kolonialpolitisches Verhältnis zu betrachten sei, irgendwie einzugehen, Sir W, Tyrrell hat mir aber keinen Zweifel darüber gelassen, daß der neue Vertrag vorläufig wenigstens nichtig ist. Bei meinen früheren Unterredungen hat sich der Minister immer nur darauf beschränkt, ähnlich wie er es in dem Briefe an Sir E. Goschen getan zu haben scheint, zu sagen, „then it es better to let things as they are." Welche Deutung er aber diesen Worten zugrunde legte, war nicht schwer zu erkennen, obwohl er nichts näheres hinzufügte. Auch hatte ich seit meiner letzten Unterredung mit ihm, die am 1, April stattfand und über die ich damals berichtet habe, keine Veranlassung zu erneuten amtlichen Schritten. Sir Edward Grey wird es wohl auch fernerhin vermeiden, die diesseitige Auffassung, daß für die Zukunft nicht der neue, sondern der alte Vertrag in Wirksamkeit bleibt, in klarer Form zum Ausdruck zu bringen. Denn er möchte die ganze Angelegenheit am liebsten einschlafen lassen, schon um aus der Ver- 10 Lichnowsky II 145 i Bi St legenheit herauszukommen, in der er sich durch die Haltung der Franzosen befindet. Er wird mich daher voraussichtlich auch nicht mehr auf den Gegenstand anreden, schon deshalb nicht, weil eine Veränderung in der Lage seit der Unterredung Sir E. Goschens mit dem Herrn Staatssekretär sich nicht zugetragen hat. Sollten die Äußerungen Sir E. Goschens jedoch eine entgegenstehende Auffassung rechtfertigen, so dürfte dies wohl auf seine geringe Vertrautheit mit den einschlägigen Verhältnissen zurückzuführen sein. Ich glaubte im dienstlichen Interesse zu handeln, wenn ich gelegentlich und gesprächsweise den Kolonialminister darauf hinwies, daß wir an den materiellen Abmachungen des neuen Vertrages festhielten, und mich gleichzeitig davon überzeugte, welche Auffassungen über die tatsächliche Rechtslage an der maßgebenden Stelle besteht. Diese Unterhaltung kann daher nicht im Widerspruch stehen zu der mir erteilten Weisung, mich jedes ferneren amtlichen Schrittes in der Frage der Veröffentlichung zu enthalten. Ich hätte viel eher geglaubt, daß Euer Exzellenz es begrüßen würden, wenn es mir gelänge, die wirkliche Auffassung der hiesigen Regierung über diese wichtige Frage einwandfrei festzustellen und über einen anscheinend bestehenden Irrtum Aufklärung zu verschaffen. Besonders überraschend ist jedoch der Vorwurf, ich hätte durch meine Unterhaltung die befriedigende und den Bedürfnissen der nächsten Zeit durchaus genügende Sachlage erneut kompromittiert. Unsere Unterhaltung müßte hiernach bei dem Minister eine uns unvorteilhafte Sinnesänderung herbeigeführt, nicht aber lediglich ihm Gelegenheit gegeben haben, seine Ansichten auszusprechen. Jedenfalls war ich nicht in der Lage, mit Gegenargumenten entgegenzutreten, 146 die nur dann wirksam gewesen wären, wenn ich ihm hätte beweisen können, daß in den Anschauungen der hiesigen Regierung sich eine Änderung vollzogen habe. Hierzu aber hatten Euer Exzellenz mich nicht befähigt, ich konnte ihm nicht erwidern, daß die im Aufträge Sir E. Greys durch den Berliner Botschafter abgegebenen Erklärungen seinen Ansichten direkt widersprächen. Zu meinem Bedauern sehe ich mich schließlich noch genötigt darauf hinzuweisen, daß ich die im Schlußsatz des eingangs genannten Erlasses mir erteilte Weisung mit meiner hiesigen Stellung nicht in Einklang zu bringen vermag. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 14. 7. 1914 E ure Exzellenz hatten mich bei meiner letzten Anwesenheit in Berlin ermächtigt, Sir Edward Grey zu erklären, daß wir nunmehr bereit seien, das Abkommen mit Großbritannien über die portugiesischen Kolonien zu unterzeichnen und in die Veröffentlichung des neuen sowie der beiden alten Verträge, des deutsch-britischen vom Jahre 1898 sowie des britischportugiesischen vom Jahre 1899, zu bewilligen. Mit der Veröffentlichung sollte aber bis zum Spätherbst gewartet werden, um unserer in Südangola befindlichen Abordnung die nötige Zeit zu gewähren zur Beendigung ihrer den Bahnbau betreffenden dortigen Studien. Ich brauchte nicht erneut auf die Bedeutung unseres neuen Vertrages hinzuweisen und dabei hervorzuheben, daß hierdurch eine dauernde Grundlage geschaffen wird für die zukünftige Erweiterung der 10 * 147 beiderseitigen Kolonialinteressen in Afrika, und Reibungsflächen beseitigt werden, die zwischen den beiderseitigen Bestrebungen auf kolonialpolitischem Gebiet entstehen könnten. Im Gegensatz zu dem alten Vertrage, welcher geographisch schwer abgrenzbares Gebiet in Angola feststellte, weist er uns den größten Teil der gedachten Kolonie mit einer günstig abgerundeten Fläche zu. Er übergibt uns ferner die wertvollen Inseln Säo Thome und Principe, welche in dem alten Abkommen überhaupt nicht erwähnt waren, sowie das Stück der Benguellabahn, das bisher der englischen Enklave angehörte. Bei obigem Anlaß hatte ich berichtet, daß die hiesige Regierung den größten Wert auf das Zustandekommen des neuen Vertrages legt, teils der Mängel wegen, die der alte auch vom britischen Standpunkte aus enthält, teils aber mit Rücksicht auf die Ungewißheit, die der heutige Zustand für alle wirtschaftlichen Bestrebungen schafft. Ich durfte hinzufügen, daß erst kürzlich Mr. Asquith*), als ich ihn auf dem Lande besuchte, an mich die Frage von sich aus richtete, was nun eigentlich aus unserem Vertrage würde, und der Hoffnung unzweideutigen Ausdruck verlieh, daß wir zum Abschluß gelangen würden. Den Bedenken, die Eure Exzellenz eine Zeitlang gegen die Veröffentlichung des Windsor-Vertrages gehegt hatten, glaubte ich entgegenhalten zu können, daß dieser Vertrag nichts weiter enthalte als eine Bekräftigung der Rechtslage, welche seit den Zeiten Karls II. vertraglich festgelegt ist. Ich erlaubte mir zu bemerken, daß, falls wirklich, was ich nicht für ausgeschlossen halte, von alldeutscher oder anderer Seite unter Hinweis auf die doppelzüngige Haltung Eng- *) Damals britischer Premierminister. 148 lands unsere Staatsleitung der politischen Einfalt geziehen werden sollte, dieser Vorwurf nicht unschwer durch die Erwägung zu entkräften sei, daß es Euerer Exzellenz gelungen ist, durch das neue Abkommen einen Weg zu finden, der es ermöglicht, ohne Verletzung politischer Anstandsbegriffe und Jahrhunderte alter Verträge gerade diejenigen Bestimmungen, welche anscheinend im Widerspruch zu dem Geiste unserer Vereinbarungen stehen, zu umgehen und unter Umständen sogar außer Kraft zu setzen. Denn während die bisherige Konvention, die ganz im Geiste des englisch-portugiesischen Abkommens sich die „Erhaltung der Integrität und Unabhängigkeit Portugals" zum Ziele setzt, nur die Voraussetzungen schafft für die beiderseitige Gewährung von Darlehen, spricht das neue Abkommen von den besonderen Interessen, die beide Staaten an den angrenzenden Gebieten und Schutzgebieten haben. Von größter Bedeutung aber für die Verwertung des neuen Abkommens dürfte der unter Euer Exzellenz persönlicher Mitarbeit entstandene Artikel VIII zu betrachten sein, der die Möglichkeit der Gefährdung von Leben und Eigentum deutscher oder britischer Staatsangehöriger in den portugiesischen Kolonien und sogar von Lebensinteressen in den angrenzenden deutschen oder britischen Besitzungen ins Auge faßt. Es liegt auf der Hand, daß die Bestimmungen dieses Artikels eine sehr weitgehende Auslegung zulassen, da er voraussieht, daß die portugiesische Regierung nicht in der Lage ist, den nötigen Schutz zu gewähren, und die betreffenden Maßregeln einer beiderseitigen Vereinbarung überläßt, und daß sie daher eine Handhabe schaffen für die Verwirklichung des Abkommens, wie sie die alten Abmachungen nicht enthielten. Es erübrigte sich noch, auf die Vorteile des Artikels IX hinzuweisen, der die 149 Lostrennung einer Kolonie oder eines Teiles einer solchen betrifft. Weit entfernt also, eine berechtigte Handhabe zu Angriffen gegen die Kaiserliche Regierung zu bieten, glaubte ich mich mit Euerer Exzellenz in der Anschauung zu begegnen, daß der neue Vertrag als ein bedeutender Erfolg Euerer Exzellenz hingestellt werden kann, und zwar nicht nur im Sinne eines weiteren Schrittes in der Richtung unserer kolonial-politischen Wünsche, sondern auch als praktisches und bedeutsames Ergebnis der viel besprochenen Annäherung. Da ich annehmen darf, daß Euere Exzellenz nicht beabsichtigen, aus Rücksicht auf leicht zu widerlegende Einwendungen das zur Vollendung gediehene patriotische Werk scheitern zu lassen, so erlaube ich mir um Weisung zu bitten, ob ich nunmehr in Gemäßheit mit den mir erteilten und eingangs erwähnten Befehlen an Sir Edward Grey herantreten darf. Über den Zeitpunkt der Veröffentlichung dürfte alsdann eine Einigung zu erzielen sein. Eile scheint mir aber insofern geboten, als Sir Edward Grey im August nach Schluß des Parlaments London verlassen wird und ich auch vor Antritt meines Urlaubs die Angelegenheit erledigen möchte. Lichnowsky. Neunter Abschnitt UM DIE BAGDADBAHN*) AN DEN STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW London, 2. 6. 1913 D en Ausführungen Ihres Briefes vom 29. v, Mts, vermag ich vollkommen zuzustimmen. Auch ich würde es für äußerst bedenklich halten, mit Cambon oder Pichon sich in Unterhaltungen einzulassen, die eine Einteilung Kleinasiens in Interessensphären zum Ziele hätten, oder bei denen wir gar durchblicken ließen, daß wir dem Gedanken einer späteren Aufteilung des türkischen Besitzstandes nähertreten wollten. Daß die Franzosen Absichten auf Syrien haben, ist ebenso bekannt, als daß von englischer Seite diesen Absichten entgegengetreten worden ist. Wenn Kitchener von Ägypten aus versucht hat, englische Propaganda in Syrien zu machen und die dort vorhandenen starken britischen Sympathien zu beleben, so ist das sicherlich in Paris übel vermerkt worden. Aber auch von hier aus hat man ihm bedeutet, daß die britische Regierung derartigen Plänen ablehnend gegenübersteht und wünscht, wie ich wiederholt festgestellt habe, in Gemeinschaft mit uns an der Erhaltung der asiatischen Türkei zu arbeiten, *) Mit Rücksicht auf den großen Umfang des diesbezügl. Materials haben sich hierbei wesentliche Abstriche als notwendig erwiesen. Der Verfasser. 151 Der Zerfall der letzteren würde den britischen Wünschen schon deshalb nicht entsprechen, weil sie unsere Festsetzung als Mittelmeermacht ungern sehen würde, und es auch schon aus geographischen Gründen schwer fiele, ein für Großbritannien geeignetes Stück herauszuschälen. Nachdem wir nun immerfort hier betont haben, daß die Erhaltung des türkischen Besitzstandes in Kleinasien uns unbedingt erforderlich erscheint, würde es den allerungünstigsten Eindruck machen, wenn es bekannt würde, daß wir hinter dem Rücken der Engländer mit Frankreich in Unterhandlungen uns einlassen, die die Teilung Kleinasiens bezweckten. Bei dem Abhängigkeitsverhältnis, in dem Frankreich sich zu England befindet, ist, wie Sie auch sagen, kaum anzunehmen, daß derartige Besprechungen geheim bleiben. Grey ist gerade im Begriff, sich mit uns über die Bagdadbahnfrage zu verständigen und unseren Wünschen ein weitgehendes Entgegenkommen zu zeigen, und würde es als unfair betrachten, wenn wir gleichzeitig geheime Unterhandlungen hinter seinem Rücken mit Frankreich führten. Wenn wir also mit Frankreich in Besprechungen eintreten, so können dieselben nur allgemein wirtschaftliche Fragen, namentlich aber die Bagdadbahn und deren Finanzierung betreffen. Hier wünscht Grey, daß wir uns mit Paris einigen, und hat auch in diesem Sinne sich Cambon gegenüber ausgesprochen. Jedenfalls dürfte der Augenblick hierfür sehr günstig sein, da die Franzosen wohl teils auf die englische Anregung hin, teils aber vielleicht auch aus Furcht, daß wir uns allein mit England verständigen, einer Einigung nicht abgeneigt zu sein scheinen. Was Sie aber auch tun mögen, vermeiden Sie vor allem, sich auf Dinge einzulassen, die angeblich hinter dem Rücken der Engländer verhandelt werden sollen. Damit wür- 152 den wir bestimmt hereinfallen, denn es ist doch ganz klar, daß man in Paris, ganz abgesehen von der von Ihnen erwähnten Unzuverlässigkeit der dortigen Machthaber, nur auf eine Gelegenheit lauert, um wieder Mißtrauen zwischen uns und den Engländern zu säen. Greys Natur liegt die Intrige vollkommen fern, aber gerade deshalb würde er sie auch uns besonders verübeln. P. S. Eben kommt Ihr zweiter Brief. Ich habe Grey nur gesagt, die Franzosen scheinen sich mit uns seinen Wünschen entsprechend über Bagdadbahn und Finanzfragen verständigen zu wollen. Es liegt ihm dies sehr am Herzen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 16. 7. 1913 S ir Edward Grey hält, wie ich vertraulich erfahre, weiter an dem Gedanken fest, eine befriedigende Regelung der gesamten mit der Bagdadbahn zusammenhängenden Fragen auch dadurch zu erreichen, daß gleichzeitig zwischen den deutschen und französischen Interessen ein Ausgleich herbeigeführt wird. Er hat daher ganz vertraulich Schritte unternommen, um zu erfahren, welches die französischen Wünsche in bezug auf Eisenbahnbauten und Konzessionen in Türkisch-Asien sind, und wie weit der direkte Gedankenaustausch deutscher und französischer Interessenten in Paris gediehen sei. Aus den französischen Mitteilungen hat der Minister anscheinend den Eindruck gewonnen, daß die französischen Wünsche weitgehend seien und zum Teil mit deutschen Bestrebungen in Widerspruch stünden, daß aber ein Ausgleich wohl möglich wäre. Der Minister ist, da ihm sehr viel daran liegt, daß das 153 Bagdadbahngeschäft nicht zu einer Verschärfung der Gegensätze zwischen Deutschland und Frankreich führt, gern bereit, falls dies den Wünschen der Kaiserlichen Regierung entspräche, von unseren gesamten Wünschen und Forderungen in Türkisch-Asien Kenntnis zu nehmen, um sich dann in Paris im Sinne eines billigen Vergleiches verwenden zu können, falls der bisherige direkte Meinungsaustausch daselbst keinen Erfolg erzielen sollte. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 4. 2. 1914 ie ich streng vertraulich unter der Hand höre, VVhat Herr Cambon bei Sir Edward Grey angefragt, ob England den Abschluß seiner Verhandlungen mit uns über die Bagdadbahn und verwandte Fragen nicht aufschieben könne, bis die Franzosen ihre Parallelverhandlungen in Berlin abgeschlossen hätten, weil sich sonst die Lage Frankreichs ungünstig gestalte. Das Foreign Office hat der französischen Botschaft schriftlich erwidert, daß der wenigstens vorläufige Abschluß der Verhandlungen mit Deutschland nötig sei, um die schon mehrfach aufgeschobene Ratifikation der Verträge mit der Türkei vornehmen zu können. Es sei für England unmöglich, den Abschluß mit Deutschland im Hinblick auf die deutsch-französischen Verhandlungen noch hinauszuziehen. Ebenso wurde eine weitere Anfrage M. Cambons, wie sich England zu einer Beteiligung Frankreichs an der mesopotamischen Flußschiffahrtsgesellschaft stellen würde, ablehnend beantwortet. Lichnowsky. 154 AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 7. 5. 1914 H akki Pascha, den ich zufällig im Foreign Office traf, bat mich um eine kurze Besprechung, der auch der Eisenbahnsachverständige Muchtar Bey beiwohnte. Hakki Pascha erzählte, es sei Dschawid Bey wegen der großen Arbeitslast unmöglich, jetzt von Konstantinopel abzukommen. Nachrichten von dort zufolge sei er ausersehen, um die Berliner Verhandlungen zu führen. Soweit er sich nach Mitteilungen Dschawid Beys und Muchtar Beys ein Bild machen könne, hoffe er zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen. Nur ein Punkt mache ihm Sorgen, und das sei Rußland. Dies habe sich auf der Forderung eines Delegierten in der Dette publique so stark festgelegt, und es sei auch in der Öffentlichkeit so viel von diesem Delegierten als der wichtigsten Errungenschaft Rußlands bei Beendigung der Balkankrise gesprochen worden, daß ein Zurückweichen des Petersburger Kabinetts und Aufgabe dieses Wunsches ihm praktisch unmöglich erscheine. Soweit er den deutschen Standpunkt kenne, machten wir hinwiederum unsere Zustimmung zur Ernennung eines russischen Delegierten davon abhängig, daß ein zweiter deutscher Delegierter ernannt werde und das Präsidium zwischen Deutschland, England und Frankreich abwechsle. Seinen Nachrichten zufolge setze dagegen Frankreich diesen deutschen Wünschen erheblichen Widerstand entgegen, während Rußland ohne Gewährung eines Delegierten sicher nicht der Zollerhöhung zustimmen würde. Aus dieser Frage drohe, so schloß Hakki Pascha, seiner Auffassung nach dem ganzen mühsamen Vertragswerk, soweit es die Zollerhöhung anbetreffe, Gefahr. 155 Hakki Pascha will nach Berlin gehen, sobald er mit den hiesigen Verhandlungen zu Ende ist; er hofft, in etwa 14 Tagen. Über die Forderung der Smyrna-Aidin-Bahn, für einen Teil ihres Netzes Garantien zu erhalten, falls die italienische Adaliabahn wirklich gebaut wird, ist eine Einigung gestern zustandegekommen. Muchtar Bey reist heute nach Konstantinopel, um die schleunige Annahme des Vergleiches durch die Pforte zu betreiben. In der Frage der englischen Reklamationen ist eine Einigung bisher nicht zustandegekommen. Hakki Pascha bietet Barzahlung einer Pauschalsumme an, die 50 Prozent aller Reklamationen beträgt. Die englische Regierung ist aber nicht geneigt, dies anzunehmen, sondern würde schiedsgerichtliche Behandlung der einzelnen Reklamationen vorziehen. Die englische Zustimmung zum türkischen Petroleummonopol ist durch die Erörterung technischer Einzelfragen, über die ich an anderer Stelle berichtet habe, erneut verzögert. Lichnowsky. Zehnter Abschnitt KLEINASIATISCHE PROBLEME AN DEN STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW London, 26. 6, 1913 TVT ie ich vertraulich erfahre, wird heute Sir Edward WGrey dem Präsidenten Poincare sagen, daß man hier nicht willens ist, sich auf irgendwelche Teilungspläne für Kleinasien einzulassen und den türkischen Besitzstand in seiner heutigen Gestalt unversehrt zu erhalten wünscht. Man rechnet hierbei auf unsere Unterstützung und darauf, daß wir den gleichen Standpunkt einnehmen. Ich habe, wie Sie wissen, im Einverständnis mit Ihnen und dem Herrn Reichskanzler wiederholt Sir Edward Grey erklärt, daß wir, solange die britische Regierung in gleichem Sinne vorgeht, die Türkei als Ganzes erhalten wollen; daß wir aber, falls andere Mächte Ansprüche an die türkische Erbschaft stellen sollten, auch verlangen würden, unsere Interessen und Rechte zur Geltung zu bringen. Leider scheint Herr von Gwinner während seines hiesigen Aufenthalts Äußerungen gemacht zu haben, die den Eindruck erweckten, als beabsichtigten wir schon jetzt, dem Gedanken der Teilung Kleinasiens näherzutreten. Diese Auslassungen haben hier Aufsehen erregt und zu Beunruhigung Anlaß gegeben. Ich bin seither von verschiedenen Seiten (nicht von Sir 157 Edward Grey) auf diese Tatsache hingewiesen worden, und ich habe, schon um zu verhindern, daß Sir Edward Grey in seiner Aussprache mit den französischen Staatsmännern unter dem Einfluß der Meinung, daß unser Standpunkt sich verändert habe, den französischen Wünschen Vorschub leiste, von neuem erklärt, daß eine Wandlung unserer Anschauungen in keiner Weise Platz gegriffen habe. Es ist von großer Wichtigkeit, daß hier nicht der Verdacht entsteht, als ob wir der britischen Regierung gegenüber es an der nötigen Aufrichtigkeit fehlen ließen. Meine Stellung zu Sir Edward Grey würde empfindlich darunter leiden, wenn er zu der Meinung käme, daß er sich nicht auf meine Erklärungen verlassen kann. Ich möchte Sie daher bitten, Gwinner oder anderen Persönlichkeiten, die hier Fühlung haben, gelegentlich zu bedeuten, daß unsere Haltung sich in keiner Weise verändert hat, und daß es daher bedenklich wäre, entgegenstehende Auffassungen zu begünstigen. Eigenhändige Nachschrift: Ich werde zu verhindern suchen, daß man mit dem naval holiday an uns herantritt, verhindern Sie aber, daß in Berlin über die Sache allzu viel geredet und geschimpft wird! Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 4, 7. 1913 ie ich auch von einem gut unterrichteten Ge- W währsmann höre, hat Sir Edward Grey im Laufe einer politischen Besprechung dem Präsidenten Poin- care und Herrn Pichon gegenüber besonders betont, daß er die Erhaltung der asiatischen Türkei als eines der wichtigsten Ziele seiner Politik ansehe, und von beiden französischen Politikern die Zusage erhalten, daß auch Frankreich mit allen Kräften diese Politik unterstützen wolle. Der englische Minister leitete das Gespräch auf die besten Mittel zur Stützung der Türkei über und bezeichnete, wie er dies auch im Parlament getan, bessere Justiz und gesunde Finanzen als die zwei wichtigsten Erfordernisse. Anschließend daran erklärte er ausdrücklich, er könne einer Kriegsentschädigung an die Balkanmächte nicht zustimmen. Nach einer Äußerung Pichons scheint dieser über die ausgesprochene Stellungnahme Sir Edward Greys eher erfreut gewesen zu sein, da er selbst im Interesse des französischen Kapitals der Kriegsentschädigung ablehnend gegenüberstehe, bisher aber aus Rücksicht auf russische Wünsche diesen Standpunkt nicht zur Geltung gebracht habe. Sir Edward Greys ausgeprägte Stellungnahme werde es ihm erleichtern, zuweitgehenden russischen Wünschen sich zu versagen. Ich habe den Eindruck, daß Sir Edward Grey in der Frage der Kriegsentschädigung durchaus fest bleiben wird, so daß wir in dieser Angelegenheit auf eine Unterstützung des deutschen Standpunktes durch England rechnen können. x . , , Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 21. 2. 1914 O bwohl von Zeit zu Zeit Meldungen durch die Presse gehen, wonach die italienisch-englischen Verhandlungen über die Ausbreitungspläne Italiens im Hinterlande von Adalia befriedigende Fortschritte machen sollen, wird mir von vertrauenswürdiger englischer Seite mitgeteilt, daß von solchen Fortschritten nicht die Rede sei, da die Italiener sich noch immer nicht hätten entschließen können, klar auszusprechen, 159 was sie eigentlich wollten. Es scheine sich um den geplanten Bau einer Bahnlinie von Adalia bis Burdur zu handeln. Nach dem Urteil des Generaldirektors der Smyrna-Aidin-Bahn ist ein solcher Bahnbau technisch möglich, würde aber große Schwierigkeiten bieten und ohne bedeutende Bürgschaften undurchführbar sein. Die Türken haben bei der genannten englischen Bahn vertraulich angefragt, ob sie selbst geneigt wäre, den Bahnbau zu übernehmen, Englischerseits ist man geneigt, dies für eine türkische Finte zu halten, um später gegenüber den zweifellos vorhandenen Vorrechten der englischen Linie geltend zu machen, die Smyrna-Aidin-Bahn habe den Bau abgelehnt. Die Herstellung eines einigermaßen brauchbaren Hafens in Adalia würde nach einem Gutachten der englischen Admiralität keinesfalls unter 50000 000 M. kosten, bei einigermaßen guter Ausführung aber erheblich mehr. Man neigt englischerseits daher zur Auffassung, daß der ganze Adaliaplan nicht wirklich ernst sei, sondern nur dem Bestreben entspringe, Rechte zu erwerben, die sich unter Umständen später zur Begründung politischer Ansprüche auf eine Einflußzone verwerten ließen. Die englische Admiralität ist der Ansicht, daß Makri der einzige Punkt an jener Küste sei, wo sich mit nicht allzu großen Kosten ein guter Hafen herstellen ließe. Es besteht daher die Vermutung, daß Italien versuchen werde, seine Hand auf diesen Hafen zu legen, tun erforderlichenfalls von hier aus mit einer Bahn nach dem Hinterland bei Burdur vorzustoßen. Dies sind aber nur Vermutungen. Nach der Ansicht der beiden gegenwärtig hier weilenden Vertreter der Deutschen Bank-Interessen wäre eine Linie von Adalia nach Burdur vorzüglich der Smyrna- Aidin-Bahn abträglich, weiterhin aber auch unseren eigenen Interessen, da bei der Kürze der Linie bis zum 160 Meere der Abfluß eines gewissen Anteiles am Handel des Seengebietes nach Süden zu erwarten wäre. Die Schädigung der Verkehrsinteressen der Smyrna-Aidin- Bahn würde voraussichtlich ziemlich bedeutend sein. Da die Italiener es bisher vermieden haben, sich mit mir wegen ihrer kleinasiatischen Pläne in Verbindung zu setzen, habe ich mich seinerzeit darauf beschränkt, im Foreign Office eine allgemein gehaltene Erklärung abzugeben, daß wir die italienischen Pläne unterstützten, bin aber seitdem auf die Frage nicht wieder zurückgekommen. Lichnowsky. 11 Lichnowsky U 161 Elfter Abschnitt DIE LIMAN-SANDERS-AFFÄRE AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 15. 12. 1913 S ir E. Grey empfing mich heute, indem er seine Genugtuung über die auswärtige Rede Euerer Exzellenz*) zum Ausdruck brachte. Er habe sich über die Ausführungen, die England beträfen, besonders gefreut, und entsprächen diese Gesinnungen auch vollkommen den seinigen. Im Laufe einer längeren Unterhaltung, während welcher ich mich davon überzeugen konnte, daß der Minister sich in der denkbar besten Stimmung befindet, kam Sir E. Grey auch auf die Angelegenheit der deutschen Offiziere in Konstantinopel zu sprechen. Die Frage schien ihn sehr zu beschäftigen, und er sagte, er freue sich, mit mir hierüber sich aussprechen zu können. Noch nie habe er die russische Regierung über eine Frage derart erregt gefunden. Infolge wiederholter und dringender Vorstellungen, die von Petersburg aus hier erhoben wurden, habe er sich bereit erklärt, in Konstantinopel mündlich und vertraulich Er- *) In seiner Reichstagsrede vom 9. Dezember 1913, in der er die außenpolitische Lage eingehend darlegte, gedachte der Reichskanzler mit besonderer Betonung der „Gleichartigkeit in dem Grundgedanken der deutschen und englischen Politik rücksichtlich der weiteren Entwicklung der Türkei" und der „in so erfreulicher Weise fortschreitenden Besserung unseres Verhältnisses zu England". 162 kundigungen über die den deutschen Offizieren ein- zuräumenden Befugnisse einzuziehen. Es schien ihm vor allem darauf anzukommen, ob die General Liman eingeräumte Stellung mit der früher von General Freiherrn von der Goltz innegehabten übereinstimme oder ob in dieser Hinsicht ein Novum eingetreten sei. Ihm persönlich würde auch dies gleichgültig sein. Er müsse aber befürchten, daß, falls die den jetzigen Offizieren erteilten Befugnisse eine wesentliche Erweiterung in der Exekutive darstellten, von russischer Seite in Konstantinopel Entschädigungen verlangt werden könnten, die etwa in Übertragung eines Kommandos in Armenien gipfelten. Eine solche Lösung scheine ihm, dem Minister, höchst bedenklich, da dies der Anfang vom Ende, der Beginn der Aufteilung der asiatischen Türkei bedeute. Er werde alles tun, um eine solche Wendung zu verhindern, doch könne er angesichts der erregten Stimmung, die in Petersburg herrsche, den Erfolg seiner Schritte nicht verbürgen. Vorläufig versprach der Minister, nichts tun zu wollen, als die gedachten mündlichen und vertraulichen Erkundigungen, die gesondert und nicht in corpore erfolgen würden, einzuziehen. Über das Ergebnis wolle er mit mir Rücksprache nehmen, ehe er irgend etwas weiter unternehme. Auf meine Entgegnung, daß die Stellung des britischen Admirals, der die gesamte türkische Flotte zu befehligen berufen sei, noch weit über die des Generals Liman hinausginge, entgegnete der Minister, daß Admiral Limpus genau dieselbe Stellung einnehme, die früher seine Vorgänger gehabt hätten, eine Veränderung der Lage durch seine Berufung also nicht eingetreten sei, während anscheinend General Freiherr von der Goltz keinen eigentlichen Oberbefehl gehabt hätte. Auch sei man in Rußland hinsichtlich der 11 * 163 i- Flotte viel weniger empfindlich als gerade wegen Konstantinopel. Hätte der deutsche General das Korps in Adrianopel erhalten, so würde man sich viel eher beruhigt haben. Aber gerade Konstantinopel sei für Rußland die empfindlichste Stelle und die englischrussische Verständigung sei auf der Grundlage erfolgt, daß Konstantinopel den Türken bleiben solle und keine andere Macht dort einen überwiegenden Einfluß erhalte. Es sei nun schwer für ihn, an dieser für das beiderseitige Einvernehmen so wichtigen Verständigung zu rütteln und einer anderen Macht indirekt behilflich zu sein, dort einen entscheidenden Einfluß zu gewinnen. Ich suchte dem Minister klarzumachen, wie wenig Wert die ganze Offiziersendung für uns besitze und wie unwahrscheilich es sei, daß einige Offiziere auf den Gang der auswärtigen Politik in Konstantinopel Einfluß gewännen. Wir hätten uns lediglich aus Gefälligkeit und mit Rücksicht auf die Überlieferung dazu verstanden, der türkischen Regierung einige Offiziere namhaft zu machen. Alles übrige sei zwischen ihr und den betreffenden Herren ohne unser Dazutun abgemacht worden. Die in Petersburg anscheinend bestehende Erregung könne ich mir daher nur aus einer gewissen Ängstlichkeit der russischen Machthaber gegenüber den nationalistischen russischen Blättern erklären. Die Unterredung fand, wie gesagt, in einer durchaus verbindlichen und freundschaftlichen Form statt, und hatte ich den Eindruck, daß die ganze Angelegenheit dem Minister sehr unangenehm war, und daß er nicht recht weiß, wie er sich den, wie er wiederholt betonte, drängenden und erregten Vorstellungen des Petersburger Kabinetts entziehen soll, ohne seine dortige Stellung auf das Spiel zu setzen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 23. 12. 1913 S ir E. Grey verreist, zurückkehrt keinesfalls vor Feiertagen. Halte es auch für besser abzuwarten, daß er mit Vorschlägen an mich herantritt, und nicht durch vorzeitige Ablehnung aller noch ungeborenen Projekte den Anschein der Schroffheit und schlechten Willens zu erwecken. Er käme auch dadurch in die Lage, unbequeme Anregungen von russischer Seite unter ausschließlicher Verwertung unserer Haltung zu beantworten. Da ihm die ganze Sache höchst peinlich ist, schon weil sie geeignet erscheint, das Einvernehmen zwischen den Mächten zu stören, so wird er versuchen, eine Lösung zu finden oder aber den Streit allmählich versumpfen zu lassen. Übrigens ist auch Graf Bencken- dorff auf vierzehn Tage nach Neapel gefahren. Vor seiner Abreise sagte er mir, er hoffe, es werde uns hier gelingen, irgendeinen Ausweg zu finden, da die Unterhaltung zwischen Berlin und Petersburg abgebrochen sei. Welchen wisse er selbst nicht. Kaiser Nikolaus fühle sich persönlich verletzt und sei sehr verstimmt. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 7. 1, 1914 S ir Edward Grey, der gestern hier eintraf und heute abend wieder abreist, um erst am 19. zurückzukehren, ließ mich soeben kommen, um mit mir nochmals die Frage der Konstantinopeler Militärmission zu besprechen. Er sagte mir, die russische Regierung habe sich keineswegs beruhigt und werde außerdem von der öffentlichen Meinung zu weiteren Schritten gedrängt. Er, Sir Edward Grey, habe bisher alles getan, um in Petersburg zu mäßigen, und werde auch fortfahren, in diesem Sinne zu wirken, besonders da er den Eindruck habe, daß wir bestrebt seien, den russischen Wünschen einigermaßen entgegenzukommen und eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung zu finden. Sollte dies jedoch nicht gelingen, so könne er sich der Befürchtung nicht entschlagen, daß Rußland eigenmächtig vorgehe und von der Türkei eine Gegenleistung verlange. Ein derartiger Schritt werde natürlich sehr unerwünschte Folgen haben. Auf meine Frage, welche Maßnahmen russischer- seits seiner Ansicht nach wohl in Frage stünden, ent- gegnete Sir Edward, er halte es nicht für unmöglich, daß Rußland das Verlangen stelle, ein russischer General solle das Kommando in Armenien erhalten unter der Mitwirkung einer entsprechenden Anzahl russischer Offiziere, auch sei es nicht ausgeschlossen, daß Rußland unter Umständen zur Besetzung türkischen Gebietes schreite, um mehr Nachdruck auf die ottomanische Regierung ausüben zu können, Konstantinopel sei nun einmal der heikelste Punkt für das russische Empfinden, und er glaube nicht, daß man sich in Petersburg beruhigen werde, falls nicht unsererseits ein Ausweg gefunden werde. Ich entgegnete unter Verwertung der mir übermittelten Gesichtspunkte, daß ich nicht daran zweifele, daß die Kaiserliche Regierung gern bereit sein würde, den russischen Wünschen etwas entgegenzukommen, obwohl ich die Berechtigung des russischen Standpunktes keineswegs anzuerkennen vermöge, daß aber die unerläßliche Voraussetzung hierfür sei, daß alle ferneren amtlichen Schritte seitens des Dreiverbandes in Konstantinopel unterblieben. Einem formellen Druck gegenüber würde es unmöglich sein, nachzugeben beziehungsweise auch nur das geringste Zugeständnis zu machen. 166 Sir Edward versprach mir wiederum, vorläufig nichts zu unternehmen. Er hoffe aber, daß bis zu seiner Rückkehr am 19, zwischen uns und Rußland eine Verständigung erreicht werde. Bis dahin sei auch Graf Benckendorff zurück, und es würde sonst schwer fallen, die russische Regierung noch weiter hinzuhalten und zu beruhigen. Vorläufig also scheint die hiesige Regierung nichts unternehmen und weiter abwarten zu wollen. Auch die Zurückziehung der britischen Seeoffiziere scheint nicht beabsichtigt zu sein, da Sir Edward nichts davon erwähnte, und sich auf die Bemerkung beschränkte, russischerseits werde immer darauf hingewiesen, daß die Gegenüberstellung der britischen Marine- und der deutschen Militärmission deshalb unzutreffend sei, weil es nur ein türkisches Heer, aber keine türkische Flotte gebe, eine Bemerkung, die ich durch den Hinweis auf den eben erst angekauften „Rio de Janeiro" zu entkräften suchte. Meine Eindrücke möchte ich abermals dahin zusammenfassen, daß Sir Edward, der übrigens durchaus nicht aufgeregt war, und in heiterster Stimmung die Angelegenheit mit mir besprochen hat, nur sehr ungern sich an irgendwelchen erneuten Schritten beteiligen würde, daß er aber fürchtet, durch die Haltung Rußlands in eine Zwangslage versetzt zu werden, und es unter Umständen nicht wagen würde, die Russen in dieser Frage vollkommen im Stiche zu lassen. Lichnowsky, Zwölfter Abschnitt DIE DEUTSCH-ENGLISCHE FLOTTENPOLITIK AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 8. 2. 1913 D ie telegraphisch hierher gemeldeten Erklärungen über die Flottenfrage, die der Herr Staatssekretär des Reichsmarineamts angeblich in der Budgetkommission des Reichstags abgegeben hat, erregen in der hiesigen Presse das größte Aufsehen und werden von fast sämtlichen führenden Blättern in Leitartikeln besprochen. Nach den hier vorliegenden Meldungen soll der Großadmiral von Tirpitz auf die Flottenrede, die Herr Churchill im März v. Js. gehalten hat, eingegangen sein und geäußert haben, daß ein Verhältnis von 10:16 zwischen der deutschen und der englischen Schlachtflotte annehmbar erscheine, und daß auch er als Chef des Reichsmarineamts dagegen keinerlei Bedenken geltend zu machen habe. Die „Times" begrüßt zwar diese Feststellung, da sie offenbar von freundschaftlichen Gefühlen gegenüber England Zeugnis ablege, mißt aber im übrigen den Worten des Herrn von Tirpitz keine große Tragweite bei. Herr Churchill habe seinerzeit das Angebot gemacht, daß, wenn Deutschland seinen Bauplan nicht vergrößern, England den seinigen auch nicht vergrößern wolle; eine bindende Annahme dieses 168 Angebots könne in den Äußerungen des Herrn von Tirpitz nicht erblickt werden. Jedenfalls dürfe man sich durch diese Äußerung nicht zu der Annahme verführen lassen, daß Deutschland nun ohne weiteres eine auf eine Einschränkung der Rüstungen hinlaufende Politik treiben werde. Tatsächlich könnten sich auch weder England noch Deutschland bei der Entwicklung ihrer Flotten unbedingt und für immer die Hände binden. Sei aber Deutschland wirklich bereit, sich mit England über die Flottenfrage in gewissem Umfange zu verständigen, so werde ein solcher Entschluß in England mit Freuden begrüßt werden; das Wachsen der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, das in den letzten Monaten durch das einmütige Zusammengehen der beiden Regierungen eine starke Förderung erfahren habe, sollte die beiden Länder dazu bringen, die Flottenpolitik fortan ohne Bitterkeit und gegenseitigen Argwohn zu erörtern. Die liberale „Westminster Gazette"*) betont, daß die Flottenfrage nur im Zusammenhang mit den politischen Fragen behandelt werden könne. Die Bemessung der Flottenstärke der beiden Länder werde immer von den allgemeinen politischen Beziehungen abhängig bleiben, die zwischen ihnen bestünden. Unter diesem Gesichtspunkte werde es in erster Linie darauf ankommen, zu verhindern, daß die natürliche und gesunde Rivalität der zwei mächtigen Handelsvölker zu einer politischen Reibung führe. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse man sich auf beiden Seiten über gewisse wichtige Grundsätze klar werden. Vor allem sei zu beachten, daß England die über- *) Der Herausgeber der „Westminster Gazette" Alfred Spender gehörte zu den intimsten Freunden Sir E. Greys. Es war daher anzunehmen, daß diese Auslassung über die Flottenfrage den Ansichten des Ministers entsprach. seeische Ausbreitung Deutschlands nicht hemmen könne, ohne sich die Feindschaft Deutschlands in Europa zuzuziehen. Es sei besser für England, wenn Deutschland seine Interessen und seine Macht in derselben Weise wie England über die ganze Welt gleichmäßig verteile, als wie wenn Deutschland seine ganze Flotte an einer Stelle gegen die Macht versammelt halte, die ihr den Ausgang versperre. Auf der anderen Seite sei es besser für Deutschland, daß England eine Seemacht mit kleiner Armee bleibe, und soviel als möglich freie Hand in der europäischen Politik behalte, als wie wenn England durch die deutschen Flottenrüstungen dazu getrieben würde, eine Kontinentalmacht mit großer Armee und kontinentalen Bündnissen zu werden. Gelänge es Deutschland, England seiner Vorherrschaft zur See zu berauben, so werde das Ergebnis sein, daß praktisch der Kanal verschwinden und daß England gezwungen werden würde, zum Schutze seines Territoriums definitive militärische und Flotten-Bündnisse mit anderen Mächten einzugehen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 14. 3. 1913 esternabend hatMr. Churchill, etwas früher als im VJParlament erwartet wurde, das Marinebudget für 1913/14 zusammen mit einem erklärenden Kommentar ausgeben lassen. Das Budget sieht 5 Schlachtschiffe, 8 kleine Kreuzer und 16 Zerstörer vor — also ein Schlachtschiff mehr und vier Zerstörer weniger als das vorjährige Budget — und rechnet mit einer Ausgabe von etwas über 46 000 000 Pfund Sterling, was gegen das Vorjahr eine Vermehrung von rund 1 200 000 Pfund Sterling darstellt. 170 Der Voranschlag bewegt sich innerhalb der Grenzen, die ziemlich allgemein in politischen Kreisen als wahrscheinlich angenommen wurden. Die hauptsächlich auf der unionistischen Seite des Hauses vertretenen Anhänger gesteigerter Rüstungen hätten es lieber gesehen, wenn statt fünf sechs Schlachtschiffe verlangt worden wären. Dieser Wunsch findet vielfach in der Presse, unter anderem auch in der „Times“, Ausdruck. In den radikalen Blättern klagen Friedensfreunde und Abrüstungsschwärmer über die wenn auch geringe Erhöhung der Ausgabe für die Seewehr. Soweit man aus dem ersten Eindruck schließen darf, ist man aber auf beiden Seiten mit dem Entwurf leidlich zufrieden, so daß stürmische Erörterungen kaum zu erwarten sind. Vielfach wird die für das Flugwesen ausgesetzte Summe als zu gering bemängelt. Manche Parlamentarier halten eine Nachforderung hierfür für wahrscheinlich. Erinnert man sich an die erbitterten Preßfehden und aufreizenden Erörterungen der englisch-deutschen Flotten Verhältnisse und des Verhältnisses beider Länder zueinander, die in den letzten Jahren eine anscheinend unvermeidliche Begleiterscheinung der Beratungen über das Flottenbudget waren, so muß diesmal die allgemein herrschende Ruhe, die Abwesenheit jedes aufreizenden Hinweises auf die deutsche Seewehr als besonderes Kennzeichen der gegenwärtigen Stimmung verzeichnet werden. Verschiedene Politiker haben gesprächsweise auf diesen geradezu auffallenden Gegensatz im Verhalten der öffentlichen Meinung hingewiesen. Es steht zu hoffen, daß auch während der Debatten jedes Wiederaufleben der alten deutschfeindlichen Stimmung vermieden werden wird. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 27. 3. 1913 I n der gestrigen Parlamentssitzung gab der Erste Lord der Admiralität, Mr, Winston Churchill, seine jährliche ausführliche Erklärung über das englische Flottenprogramm ab. Die Kostenvoranschläge, sagte er, wiesen eine bedeutende Steigerung auf, die nicht so sehr auf die Konstruktion von Dreadnoughts zurückzuführen sei als auf fünf andere Gründe. Die Zahl der Schiffe hätte infolge des neuen deutschen Flottengesetzes zugenommen, womit ein entsprechendes Anwachsen der Besatzungen und der Gehälter verbunden sei. Zweitens sei ein weiteres Anwachsen in Größe, Schnelligkeit, Panzerung und Kosten aller Schiffsgattungen zu verzeichnen. Drittens verlangten neue Dienstzweige, Ölheizung, Luftschiffahrt und Verbesserungen in der drahtlosen Telegraphie bedeutende Mittel. Viertens seien die Preise für Material und die Löhne noch weiter gestiegen. Fünftens seien noch rückständige Ratenzahlungen für Schiffsbauten der letzten zwei Jahre zu zahlen, die daher herrührten, daß die Werften ihre Kontrakte nicht rechtzeitig ausgeführt hätten. Die Anschläge für dies Jahr würden noch beträchtlich höher gewesen sein, wenn die Werften nicht so außerordentlich überlastet wären. Es hätte deshalb keinen Zweck, große Summen vom Parlament zu verlangen, die dann doch nicht verbaut werden könnten. Er habe deshalb seinem Voranschlag nicht so sehr die Ausführung des Flottenprogramms als vielmehr das Maximum der Leistungsmöglichkeiten der Werften zugrundegelegt. Falls sich noch im Laufe des Jahres eine schnellere Ausführung des Flottenprogramms ermöglichen lassen sollte, so würde er gezwungen sein, dem Parlament einen Nachtrag zu seinem Voranschlag zu unterbreiten. Sowie sich ein 172 Nachlassen in der Schiffsbauindustrie bemerkbar mache, würden die rückständigen Kriegsschiffsbauten sofort in die Hand genommen werden, und diese automatische Steigerung hätte das Gute, daß sie den Werften eine ständige Beschäftigung garantiere. Mr. Churchill fuhr dann fort, es sei keine Aussicht vorhanden, daß die Ausgaben für die Marine sich in Zukunft würden herabsetzen lassen, wenn nicht der scharfe internationale Wettstreit ein Ende nehme. Von allen Ländern sei wohl England am besten in der Lage, diesen Anforderungen zu genügen, denn in keinem anderen Lande sei so viel Reichtum aufgehäuft, und England brauche auch nicht wie die kontinentalen Länder ein großes stehendes Herr zu unterhalten, und es könne, ohne die Lebenshaltung der ärmeren Klassen zu verteuern, seine Steuern noch leicht ausbauen. Aber trotzdem England keine Schwierigkeiten hätte, Geld und Leute zu beschaffen, so müßte doch die bedauerliche Unsinnigkeit dessen, was in der ganzen Welt geschehe, selbst den Unverständigsten so klar sein, daß eine gemeinsame Anstrengung, diese Unsinnigkeit anzuhalten oder wenigstens abzuschwächen, als eines der wichtigsten Ziele anzusehen sei. Es stände aber glücklicherweise noch ein Ausweg offen, der keinen Einfluß auf die relative Stärke der Flotten hätte. Warum, frag er, sollen wir nicht für ein Jahr wenigstens in der Konstruktion von Schlachtschiffen eine Pause machen? Dies sei die Frage, die er schon voriges Jahr angedeutet habe, und die er jetzt wiederhole. Dieser Vorschlag bedeutet keinen Verzicht auf irgendeine geplante Marineorganisation oder Flottenvermehrung, er widerspreche auch keinem Flottengesetz, könnte zu keinem Mißverständnisse Anlaß geben und würde den Finanzen aller Länder zugute kommen. Dieser Appell sei an alle Länder gerichtet, aber an keines in einer auf richtigeren Weise als an den großen Nachbar jenseits der Nordsee. Der ruhige und freundliche Ton der letzten deutschen Flottendiskussionen hätte in England sehr angenehm berührt, aber man müsse sich davor hüten, den deutschen Erklärungen einen Sinn zu unterschieben, den sie nicht hätten. Man dürfe auch nicht danach trachten, die deutsche Flottenpolitik durch eine zu wörtliche Auslegung freundschaftlicher Reden im Reichstage an englische Wünsche zu ketten. Man könnte zum Beispiel sagen, Admiral von Tirpitz habe sich mit einer englischen Überlegenheit von 16:10 Dreadnoughts einverstanden erklärt, und da dies Verhältnis zurzeit etwa stimme, dürfe Deutschland keine Schiffe mehr bauen. Dies wäre vielleicht logisch, aber würde sicherlich viel Unheil anrichten, und wenn man auf diplomatischem Wege versuchen würde, Deutschland zu veranlassen, in diesem Jahre keine Schiffe zu bauen, so würde dies sicherlich zu einer Ablehnung und gegenseitigen Vorwürfen führen. Englands Flottenpolitik gegenüber Deutschland beruhe auf Stärke, Offenheit und Klarheit. Beide Nationen müßten freie Hand haben, ihre Flotten auszubauen, wie sie es für nötig hielten. Deutschland habe schon seit langem sein Programm immer für eine Reihe von Jahren im voraus festgelegt. England sei jetzt auch dazu übergegangen, soweit es möglich im voraus zu erklären, welcher Einfluß durch das deutsche Programm auf die englische Bautätigkeit ausgeübt würde. Hierdurch würden gefährliche Bestrebungen und Beklemmungen ausgeschaltet. Es hätte sich nichts ereignet, weshalb das englische, auf verhältnismäßiger Stärke beruhende Programm geändert werden müßte. Da für die nächsten sechs Jahre in Deutschland zwei Schiffe mehr gebaut würden, sehe sich England gezwungen, für dieselbe Zeit vier Schiffe mehr zu bauen. Für jedes 174 ! i j weitere deutsche Schiff würden zwei weitere eng- j lische Schiffe auf Stapel gelegt werden und allenfalls j noch andere Schiffe, falls neue Entwicklungen im ' Mittelmeer stattfinden sollten. Hierzu kämen noch außerdem die von den Kolonien gebauten Schiffe. Es werde geplant, diese Schiffe in ein einheitliches Geschwader zusammenzuziehen und in Gibraltar zu stationieren. Die Admiralität werde die Kolonien zu veranlassen suchen, Flottenstützpunkte anzulegen. Diese Entwicklungen würden auch nicht die von ihm vorgeschlagenen Flottenferien unmöglich machen. Ein derartiger Vorschlag müßte natürlich auf ein bestimmtes Jahr beschränkt bleiben. Für 1913 sei dies schon zu spät, aber wenn Deutschland sein Programm für 1914 oder, falls dies zu früh sei, für 1915 aufheben wolle, so brauche es dies nur zu sagen. Die Flottenbauprogramme der anderen Mächte müßten natürlich auch berücksichtigt werden, aber dies dürfte wohl * keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bieten. Den Einfluß, den es haben würde, wenn Deutschland und England im Interesse des Weltfriedens zusammengingen, wäre nicht so leicht zu überschätzen. Falls ein gegen diese unsinnige Verschwendung gerichteter Vertrag zustandekäme und dann einen weiteren nationalen Einfluß ausüben sollte, so wäre dies nur mit größter Freude zu begrüßen. England sei in der besten Lage, diese Vorschläge zu machen, denn es habe in den letzten Jahren gezeigt, daß es seine Superiorität gegen jedermann zu behaupten wisse. Mr. Winston Churchill ging dann zu der Besprechung einer Reihe von rein technischen Fragen über. Er erwähnte dabei auch die geplante Bewaffnung der größeren englischen Handelsschiffe, wobei die Reeder ein großes Entgegenkommen gezeigt hätten. Auch der Luftschiffahrt würde die größte Auf- 175 merksamkeit gewidmet, und es läge kein Grund vor für eine Beunruhigung. Der Entwicklung der deutschen Flotte widmet Mr. Churchill Worte des höchsten Lobes. Was England ihr entgegenstellen müsse, habe er schon voriges Jahr auseinandergesetzt. Er freue sich über die Erklärung des Admiral von Tirpitz, daß dies Verhältnis von 8:5 Geschwadern auch für Deutschland annehmbar sei. Das Verhältnis bliebe auch dasselbe, falls jedes Geschwader anstatt acht nur sechs oder sieben Schiffe enthielte, und England würde auch bereitwillig auf dieser Basis zu einer Verständigung zu kommen suchen. Zum Schlüsse seiner Rede bemerkte Mr, Churchill, Großbritannien könne keine andere Seemacht so dicht an sich herankommen lassen, daß diese durch Flottendruck die englische Politik beeinflussen könne. Eine derartige Situation würde zweifellos zum Kriege führen. Eine Superiorität, die nicht genüge, um den Erfolg zu erringen, sei auch nicht groß genug, um den Frieden zu erhalten. Mr. Winston Churchill verfolgte bei seinen Ausführungen offenbar den Zweck, soweit wie möglich allen den widerstreitenden Anschauungen gerecht zu werden, die hier in der Flottenfrage bestehen. Er befand sich insofern in einer schwierigen Lage, als bei dem linken Flügel seiner eigenen Partei eine starke Neigung für eine Einschränkung der Flottenrüstungen vorhanden ist, während die Opposition zum großen Teil energisch für einen möglichst schnellen und umfangreichen Ausbau der Flotte eintritt. Für die radikalen Flottengegner im eigenen Lager war der Vorschlag bestimmt, im Einvernehmen mit Deutschland eine Pause in den Rüstungen eintreten zu lassen; der Vorschlag ist lediglich ein Schaugericht und dürfte von niemand hier allzu ernst genommen worden sein, 176 am wenigsten von Mr. Churchill selbst. Der Opposition suchte Herr Churchill entgegenzukommen, indem er betonte, daß die britische Regierung auf jeden Fall bei etwaigen Flottenbauten anderer Mächte ihr Übergewicht zur See aufrechterhalten werde. Indem er versuchte, auf diese Weise beide Parteien zufriedenzustellen, hat Herr Churchill einen geschickten Schachzug getan; dies dürfte schon aus der Haltung der heutigen Presse hervorgehen. Denn wenn auch die Oppositionsblätter mancherlei an der Rede auszusetzen haben und es beispielsweise bedenklich finden, daß das Bauprogramm des nächsten Jahres statt sechs nur fünf Schlachtschiffe vorsehe, so findet doch selbst die unionistische „Daily Mail" die Erklärungen des Marineministers zufriedenstellend, während andererseits die radikalen „Daily News“ mit Genugtuung feststellen, daß Herr Churchill in seiner Rede sich gegen das vorige Wettrüsten ausgesprochen habe. Die Rede dürfte der hiesigen öffentlichen Meinung schwerlich zu großen und aufgeregten Erörterungen Veranlassung geben, wie sie in früheren Zeiten mit jeder Besprechung des englischen Flottenvoranschlages verbunden zu sein pflegten. Dies wäre im Interesse des weiteren Ausbaues unserer Beziehungen zu England nur zu begrüßen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 1. 4. 1913 I n der gestrigen Generaldebatte über den Voranschlag für die Flotte, die im allgemeinen ruhig verlief, ergriff Mr. Winston Churchill noch einmal das Wort, um sein diesjähriges Flottenprogramm gegen die von der Opposition erhobenen Angriffe zu ver- 12 Lichnowsky II 177 teidigen, ohne dabei etwas wesentlich Neues zu sagen. Mr. Churchill erklärte, sein Vorschlag einer einjährigen Unterbrechung im Flottenbau sei von ihm vollständig ernst gemeint gewesen, und er sei hierzu auch keineswegs durch die Überlastung der englischen Werften veranlaßt worden. Mr. Winston Churchill widerlegte dann im einzelnen die Behauptung des Lord Charles Beresford, daß die englische Marine nicht über ein genügendes Personal verfüge, um die Schiffe vollzählig zu bemannen. Er suchte ferner in einer längeren Ausführung zu beweisen, daß für die nächsten Jahre die Überlegenheit der englischen über die deutsche Flotte um 60 Prozent reichlich aufrecht erhalten werden würde. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 30. 4. 1913 M r. Winston Churchill, mit dem ich bei einem Diner zu Ehren der Majestäten bei Lord Granard zusammentraf, benutzte die Gelegenheit, um mit mir über die Flottenfrage zu sprechen. Mit dem naval holiday sei es ihm vollkommen ernst, und er halte den Gedanken für zweifellos durchführbar. Auch wolle er versuchen, die übrigen Seemächte ebenfalls dafür zu gewinnen. Die Rüstungen seien allmählich zu groß und zu kostspielig geworden, und kein Staat könne auf die Dauer das angestrengte Wettbauen ertragen. Ein großer moderner Panzer koste bereits 3 000 000 Pfund Sterling. Es wäre besser, das Geld auf nützlichere Dinge zu verwenden. Unsere Flotte bilde außerdem den einzigen Grund, der einem wirklich intimen Einvernehmen zwischen den beiden Ländern im Wege stehe. Denn durch das Entstehen unserer Seemacht sei eine Art zweites Elsaß-Lothringen ge- 178 schaffen, eine Frage, die uns ebenso trenne, wie das Reichsland eine wirkliche Annäherung zwischen uns und Frankreich verhindere. Ich entgegnete ihm, daß ich zwar mich grundsätzlich in Flottenfragen nicht einmische, daß ich aber gesehen habe, daß es trotz der Flottenfrage möglich sei, mit Großbritannien zu einem freundschaftlichen Verhältnis zu gelangen, und daß ich mit Genugtuung festgestellt habe, daß sich hier das Verständnis dafür, daß unsere Flotte nicht gegen Großbritannien gebaut sei, immer mehr zu vertiefen beginne. Euere Exzellenz hätten übrigens Ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben, etwaigen britischen Anregungen entgegenzukommen und dieselben zu prüfen, ich glaubte aber nicht, daß das deutsche Volk, das in der Flotte ein nationales Werk und eine Verkörperung des nationalen Gedankens erblicke, jemals auf eine kräftige Förderung dieser Schöpfung werde verzichten wollen. Der Minister sah dies vollkommen ein, kam aber immer wieder auf seinen Gedanken des „naval holiday” zurück und besprach die ganze Angelegenheit in durchaus freundschaftlichem und gemütlichem Ton; es scheint ihm aber jedenfalls sehr viel, vermutlich aus technischen und anderen Gründen, an einer Pause zu liegen. Aus seiner ganzen Art ging jedoch ein gewisses Mißtrauen gegen unsere auswärtige Politik hervor, die zum Teil wohl auf seiner etwas phantastischen Natur beruht, zugleich aber auch eine unverkennbare Bewunderung für unsere Flotte. Ich glaube, daß es mir gelungen ist, ihn etwas zu beruhigen und seine Bedenken zum Teil wenigstens zu zerstreuen, denn zum Schlüsse sagte er, ich hätte mich wohl schon hier davon überzeugen können, daß es sich mit den Engländern leben ließe (that we are not difficult people to deal with). Da er sehr eitel ist und 12 * 179 unter allen Umständen eine glänzende Rolle spielen will, so wird es notwendig sein, seine Eigenliebe zu schonen und alles zu vermeiden, was als eine Blamage für ihn erscheinen könnte, selbst wenn der tatsächliche Erfolg seiner Anregungen, wie ich voraussehe, dem von ihm vertretenen Plane nicht entsprechen sollte. Seinen Einfluß auf die auswärtige Politik der Regierung möchte ich im übrigen nicht überschätzen. Für letztere sind Sir Edward Grey und Mr. Asquith maßgebend, und ich glaube nicht, daß Mr. Churchills Ansichten sehr schwer ins Gewicht fallen, schon weil man ihn für unberechenbar und sprunghaft hält. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 23. 6. 1913 W enn ich mich auch mit den Schlüssen, zu denen der diesseitige Marineattache am Ende seines interessanten Berichtes Nr, 461 vom 20. d. Mts. über den naval holiday gelangt, vollkommen einverstanden erklären kann und ebenso wie Kapitän von Müller die Ansicht vertrete, daß es sich nicht empfiehlt, auf einen diesbezüglichen Vorschlag Mr. Churchills, falls er an uns damit herantreten sollte, einzugehen, so möchte ich doch den genannten Ausführungen einige Begleitworte hinzufügen. Seit meiner Berufung auf den hiesigen Posten habe ich den Standpunkt zu vertreten gesucht, daß es möglich sein wird, zwischen uns und Großbritannien trotz der Tripelentente und trotz der Flottenfrage vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehungen anzubahnen, falls wir hier nicht den Verdacht erwecken, daß wir innerhalb Europas Ausdehnungspolitik betreiben und insbesondere Frankreichgegen- 180 über kriegerische Absichten verfolgen. Ich bin hierbei von der Voraussetzung ausgegangen, daß unser Flottengesetz im wesentlichen in der bestehenden Fassung erhalten bleibt und nicht etwa durch plötzliche, unvorhergesehene Neubildungen und Neuforderungen der hiesigen öffentlichen Meinung Anlaß zur Beunruhigung gegeben werde. Auch ohne Einschränkung unseres bestehenden Bauprogramms glaube ich auch heute noch, daß sich die im Laufe des vorigen Winters vollzogene Annäherung ohne Preisgabe irgendwelcher deutscher Interessen wird weiter befestigen und vertiefen lassen. Als eine weitere Grundlage ungestörter politischer Zusammenarbeit betrachte ich gleichfalls eine vorsichtige Zurückhaltung gegenüber allen Versuchen, zu einem sogenannten Flottenabkommen zwischen beiden Ländern zu gelangen. Die Erfahrung hat bereits gelehrt, wie schwierig es ist, für die Grundlagen eines solchen eine beide Teile befriedigende, vollkommen einwandfreie Formel zu finden, die nicht verschiedenen Auslegungen zugänglich und deren Durchführung möglich wäre, ohne daß auf der einen oder anderen Seite der Verdacht der Unredlichkeit und Unaufrichtigkeit entstünde. Wie Kapitän von Müller überzeugend nachweist, sollte auf britischer Seite die für die world protection bestimmte Flotte für die Verhältniszahl gar nicht in Betracht kommen, wohl aber für den Krieg. Wenn Herr Churchill nunmehr plötzlich mit dem Gedanken eines naval holiday, also einer Einschränkung der Rüstungen hervortritt, so ist wohl anzunehmen, falls wir nicht geneigt sind, ihn etwa mit Herrn Carnegie auf dieselbe Stufe zu stellen, daß er hierfür einen Zeitpunkt gewählt hat, der den britischen Interessen besonders entspricht, und daß er sich 181 nicht lediglich durch freundschaftliche Gefühle einer Macht gegenüber hat bestimmen lassen, gegen deren wachsende Entwicklung die Verstärkungen der britischen Flotte trotz gelegentlicher Ableugnung doch als Sicherungsmittel und als Gegengewicht in erster Linie gedacht sind. Je günstiger der Vorschlag bei richtiger Bewertung aller in Frage kommenden Verhältnisse sich schließlich für England gestalten würde, um so größer das Verdienst des britischen Marineministers, und ich vermag einen Vorwurf gegen einen Staatsmann nur dann zu erheben, wenn er die Interessen seines eigenen Landes nicht gebührend wahrnimmt oder Naivität an den Tag legt bei Beurteilung der Absichten fremder Kollegen. Der Vorwurf der Unredlichkeit wäre wohl dann besonders zutreffend, wenn es erwiesen wäre, daß Mr, Churchill uns bewußt unwahre Angaben gemacht hätte. Die geographische Lage Englands uns gegenüber und das günstige Urteil, das hier im allgemeinen über die Leistungsfähigkeit unserer Seemacht besteht, machen es begreiflich, daß einem britischen Minister der Wunsch vorschwebt, eine Bresche in unser Flottengesetz zu legen. Je größer und stärker unsere Flotte, um so lästiger wird die Pflicht der britischen Regierung, ein Machtmittel stets bereit zu halten, dessen bloßes Vorhandensein schon genügt, um ihren politischen Einfluß unter allen Umständen und mit Nachdruck zur Geltung zu bringen. Aus obigen Erwägungen würde ich es bedauern, wenn die britische Flottenpolitik bei uns ab irato beurteilt und das Vorgehen des Herrn Churchill zu Verstimmungen führen würde. Ich möchte es vielmehr im Interesse einer ungestörten Weiterentwicklung der politisch so überaus wichtigen Annäherung für erwünscht halten, wenn wir eine entsprechende An- 182 regung möglichst freundlich und ausweichend beantworten würden, etwa unter Hinweis auf technische oder wirtschaftliche Schwierigkeiten. Auch ließe sich vielleicht die letzte Erklärung des Herrn Churchill über den beschleunigten Bau der drei diesjährigen Schiffe verwerten. Im übrigen bin ich, falls Euere Exzellenz es wünschen, auch in der Lage, Sir Edward Grey gelegentlich und vertraulich entweder direkt oder durch eine Mittelsperson zu bedeuten, daß es uns lieber wäre, wenn Herr Churchill mit dem Gedanken des naval holiday nicht wieder hervorträte. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 18. 7. 1913 B ei seiner gestrigen, anläßlich der Flottenvoranschlagsverhandlungen im Unterhaus gehaltenen Rede hat Mr. Winston Churchill erklärt, er habe die ganze Lage, insbesondere das englisch-deutsche Verhältnis, im März so ausführlich erörtert, daß er gegenwärtig zur Frage des Schiffsbaues nichts hinzufügen könne. Was die Kräfteverteilung im Mittelmeer anlange, so wäre bis jetzt über keine Änderung in den Bauprogrammen der Mittelmeermächte zu berichten. Zweifellos erörtere man sowohl in Österreich wie in Italien neue Programme, aber es handelt sich nicht um Tatsachen, sondern um Absichten und Gerüchte. Ihm sei zurzeit nichts bekannt, das eine Erweiterung des englischen Bauprogramms nötig mache, und er glaube nicht, daß Machtverschiebungen im Mittelmeer für diesen Herbst zu erwarten seien, denen englischer- seits vor dem Bauprogramm von 1914/15 begegnet werden müsse. 183 Ein für den englischen Schiffsbauplan wichtiges Ereignis sei die Ablehnung der kanadischen Schiffsbauvorlage durch den dortigen Senat seit seiner Programmrede im März. Es sei aber durchaus imrichtig, anzunehmen, daß Kanadas Wunsch, an seiner eigenen und der Reichsverteidigung tätigen Anteil zu nehmen, damit tot sei. Äußerungen von Führern der Regierungs- sowie der Oppositionspartei ließen vielmehr erkennen, daß man gegenwärtig kein Recht habe, zu glauben, England werde die Last zukünftiger Rüstungen allein und ohne Unterstützung Kanadas zu tragen haben. Die Regierung habe sich deshalb zu einer nur vorläufigen Maßnahme entschlossen. Die durch den Ausfall der kanadischen Schiffe geschaffene Lücke solle nicht durch eine Vermehrung der geplanten Neubauten, sondern durch Beschleunigung des Baus der bereits in das Programm eingestellten Schiffe ausgefüllt werden. Deshalb sei der Bau von drei Schiffen die sonst erst am Ende des Jahres in Angriff genommen worden wären, bereits jetzt in die Wege geleitet, und diese Schiffe würden, wenn alles ordnungsmäßig gehe, im dritten Viertel des Jahres 1915 fertig sein. Sie würden in Abwesenheit von österreichischen oder italienischen Neubauten das Stärkeverhältnis im Mittelmeer und auf der ganzen Welt voll wahren, das er im März für erforderlich erklärt habe. Freilich schaffe die Beschleunigung der Neubauten nur eine zeitweise Aushilfe, aber ihr Ergebnis sei, daß für sieben oder acht Monate am Ende des Jahres 1915 und zu Beginn des Jahres 1916 derselbe Zustand erreicht werde, der bei Annahme der kanadischen Schiffsbauvorlage erzielt worden wäre. Im nächsten Jahre werde die Lage in Kanada sich voraussichtlich geklärt haben, und er werde eher imstande sein, zu beurteilen, ob 184 eine weitere Beschleunigung des Baus nächstjähriger Schiffe oder eine Erweiterung des englischen Bauprogramms Platz zu greifen habe. Am Schluß seiner Rede wies der Minister darauf hin, daß die kommenden Monate die bei weitem zahlreichsten Ablieferungen von Kriegsschiffen an die Marineverwaltung bringen würden, die in der Geschichte der englischen Flotte je vorgekommen seien. Es werde nämlich für die nächsten neun Monate durchschnittlich jede Woche ein Torpedoboot — abgesehen von zahlreichen Unterseebooten —, für die nächsten 12 Monate durchschnittlich alle 30 Tage ein leichter Kreuzer und für die nächsten 18 Monate durchschnittlich alle 45 Tage ein Superdreadnought zur Ablieferung gelangen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 18. 12. 1913 D er Widerstand des radikalen Flügels der Regierungspartei gegen das Steigen der englischen Flottenausgaben beginnt der Regierung ernstliche Schwierigkeiten zu bereiten. Gestern suchten Vertreter einer bedeutenden Anzahl liberaler Abgeordneter den Premierminister auf, um ihn die in gewissen Kreisen der liberalen Partei herrschende Unzufriedenheit über die in Aussicht stehende Vermehrung des Flottenvoranschlags zum Ausdruck zu bringen. Eine gestern abend veröffentlichte amtliche Erklärung über den Verlauf der Unterredung besagt, daß die Abordnung die Notwendigkeit einer Beschränkung der Flottenrüstungen betont und auf das wachsende Mißbehagen im Lande über das dauernde Steigen der Ausgaben hingewiesen habe. Mr. Asquith habe ge- antwortet, er verstehe die Besorgnisse der liberalen Abgeordneten durchaus, und die Angelegenheit werde von der Regierung dauernd ernstlich geprüft. Es dürfte der Regierung nicht leicht werden, die radikalen Wünsche mit den Plänen Winston Churchills in Einklang zu bringen. Man darf jedenfalls damit rechnen, daß der sich immer mehr zum „enfant terrible” in der Regierung auswachsende Marineminister, gestützt auf sein als First Lord of the Admiralty erworbenes Ansehen, sich nicht so leichten Kaufes ergeben wird. Sein viel bemerkter intimer Verkehr mit Mr. Austen Chamberlain und seine entgegenkommende Haltung in der irischen Frage, die ihm in der liberalen Presse schon manche Rüge eingetragen hat, zeigen, daß Mr. Churchill nicht davor .zurückschreckt, seine eigenen Wege zu gehen. Es fehlt daher auch nicht an Stimmen, die sogar die Möglichkeit seiner Rückkehr in das unionistische Lager in Erwägung ziehen und ihm eine große Zukunft daselbst Voraussagen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 2. 1. 1914 M r. Lloyd George hat ganz unerwartet von seinem Weihnachtsaufenthalt in Wales aus die innerpolitische Feiertagsstimmung durch eine Kundgebung gestört, die gestern in Form eines Gesprächs mit einem Bekannten im „Daily Chronicle“ an führender Stelle veröffentlicht worden ist. Der Minister betonte die Notwendigkeit einer Erleichterung des ungeheuren Steuerdruckes und meinte, daß man nur durch eine Einschränkung der übertriebenen Rüstungsausgaben zu einer wirklich durch- greifenden Besserung gelangen könne. Kein Land habe aus der Vermehrung seiner Streitkräfte Nutzen gezogen, wohl aber hätten alle die Nachteile davon zu spüren bekommen. Der gegenwärtige Augenblick sei für eine Verminderung der Rüstungausgaben der günstigste, der sich seit 20 Jahren geboten habe. Einmal seien die Beziehungen Englands zu Deutschland unendlich freundschaftlicher als seit Jahren. Beide Länder schienen endlich eingesehen zu haben, daß sie durch Zank nichts zu gewinnen und alles zu verlieren, hingegen durch eine Rückkehr zu dem alten, durch Jahrhunderte gepflegten Freundschaftsverhältnis nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hätten. Der Zwischenfall von Agadir habe beiden Ländern die Gefahren, die aus einer künstlich geschaffenen Atmosphäre des Mißtrauens entstehen könnten, zu günstiger Zeit vor Augen geführt. Die kontinentalen Mächte richteten ferner ihr Augenmerk mehr und mehr auf die Verstärkung ihrer Landmacht. Deutschland habe in den letzten zwei Jahren die bekannte Erfahrung machen müssen, daß ein Land sich nicht auf den Ausbau eines Zweiges seiner Wehrmacht werfen könne, ohne daß der andere darunter zu leiden hätte. Die Armee sei für Deutschland bei seiner Lage inmitten gleich stark gerüsteter Nebenbuhler eine Lebensfrage. Die Anforderungen, welche die militärische Kräfteverteilung zu Lande an Deutschland stelle, müßten jeden Gedanken an einen Wettbewerb um die Vormachtstellung zur See aus dem Hirn der deutschen Staatsmänner verdrängen. Unter diesen Umständen könne England sich wohl damit begnügen, seine gegenwärtige Überlegenheit aufrechtzuerhalten, ohne fieberhafte Anstrengungen 187 für eine weitere Vergrößerung derselben machen zu müssen. Die Möglichkeit einer Störung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen England und Frankreich erscheint dem Minister ausgeschlossen, und weit entfernt, eine Schwächung der „Entente“ zu wünschen, tritt er für eine Kräftigung der die beiden Länder verknüpfenden Bande ein. Schließlich erscheint der gegenwärtige Augenblick zu einer Einschränkung der Rüstungsausgaben Herrn Lloyd George deshalb geeignet, weil in allen christlichen Staaten, insbesondere in Westeuropa, gegen den Druck der militärischen Lasten ein wachsender Widerstand sich geltend mache. Ergreife der Liberalismus nicht die sich bietende Gelegenheit, so werde er seinen vornehmsten Überlieferungen untreu werden. Das unerwartete Hervortreten Lloyd Georges, dessen antimilitaristische Tendenzen seinen sonstigen demokratischen Auffassungen entsprechen, wird dazu beitragen, den innerhalb der Regierungsgefolgschaft über die Rüstungsfrage entstandenen Zwiespalt noch erheblich zu verschärfen. Es wird den vom Schatzkanzler geführten radikalen Flügel noch mehr in Gegensatz zu Mr. Winston Churchill und zu seinen Anhängern setzen. Das Kabinett hatte, wie ich streng vertraulich höre, die Entscheidung über die Höhe des Flottenvoranschlages bis nach den Feiertagen vertagt. Daß die radikale Linke ohnehin entschlossen ist, der Flottenpolitik des Marineministers einen Riegel vorzuschieben, beweist ferner eine Zuschrift, die der Vorstand der „National Liberal Federation", Sir John Brunner, gleichfalls gestern in mehreren Blättern hat erscheinen lassen. Der aus der Schweiz stammende bekannte Mitarbeiter an den deutsch-englischen An- 188 näherungsbestrebungen fordert darin die liberalen Vereinigungen im ganzen Lande auf, noch vor Ende des Monats Erklärungen zugunsten einer Verminderung der englischen Rüstungsausgaben abzugeben, damit die Regierung noch vor Abschluß des Voranschlages für Heer und Flotte frische Beweise für die Wünsche ihrer Partei erhalte. Die Kundgebung Lloyd Georges sowie die Zuschrift Sir John Brunners finden in der liberalen Presse freudigen Widerhall. Insbesondere wird in mehreren Blättern mit lebhafter Genugtuung auf die Wandlung im deutsch-englischen Verhältnis hingewiesen. Der Ton der fraglichen Artikel macht es wahrscheinlich, daß die Regierung gezwungen sein wird, bei ihrer Flottenpolitik auf die Stimmung der radikalen Linken Rücksicht zu nehmen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 18. 3. 1914 D er Erste Lord der Admiralität hat in der gestrigen Parlamentssitzung in sehr eingehender Weise das diesjährige Flottenprogramm der Regierung begründet, das dem Unterhause vor einigen Tagen zugegangen war. Die Gesamtsumme der veranschlagten Ausgaben beläuft sich danach auf 51550 000 Pfund Sterling; der Flottenetat weist somit gegenüber dem Vorjahr eine Vermehrung von 2 740 700 Pfund Sterling auf. Im ersten Teile seiner Rede beschäftigte sich Mr. Winston Churchill mit der ausführlichen Darlegung der marinetechnischen Erwägungen, welche die Regierung bei der Ausarbeitung des Etats geleitet haben. Bei der Fülle des Materials, welches der Marine- TTT minister vorbrachte, möchte ich darauf verzichten, auf diesen Teil der Rede näher einzugehen. Ich will nur anführen, daß Herr Churchill hervorhob, daß England und Deutschland sich bei der Aufstellung der beiderseitigen Bauprogramme einer weisen Mäßigung befleißigten. Er erwähnte, daß Großadmiral von Tirpitz sich im Reichstage kürzlich in diesem Sinn ausgesprochen habe. Es wäre an sich möglich gewesen, die englischen Neubauten früher fertigzustellen, als es nunmehr vorgesehen sei; die Regierung habe sich aber für eine langsamere Durchführung des Bauprogramms entschieden, weil der Ausbau der deutschen Flotte sich nicht so schnell vollzogen habe, als er vor zwei Jahren angenommen habe. Im zweiten Teile seiner Rede ging Herr Churchill auf die politischen Fragen ein, die bei der Aufstellung des neuen Flottenprogramms mitgesprochen haben. Er hob hervor, daß die Regierung nach wie vor an dem Grundsätze festhalte, daß die englische Flotte, soweit Schlachtschiffe in Betracht kämen, eine Überlegenheit von 60 Prozent über die nächststärkere Seemacht haben müsse. Dieser Grundsatz sei jedoch natürlich in keiner Weise bindend und schließe vor allem dem Auslande gegenüber keinerlei Verpflichtung in sich. Was im übrigen die Frage anlange, ob die von den Dominien gestellten Schiffe bei Aufstellung dieses „ 60 -Prozent-Standards“ mitgezählt werden sollten oder nicht, so beabsichtige die Regierung nicht, diese Frage auf theoretischem Wege zu lösen. Sie werde nach wie vor bei der Durchführung ihres Bauprogramms lediglich von praktischen Gesichtspunkten ausgehen. Vor zwei Jahren sei in Berücksichtigung der deutschen Baupläne ein englisches Flottenprogramm aufgestellt worden. In der Zwischenzeit sei die „New Zealand“ 190 für den Dienst in den heimischen Gewässern verfügbar geworden, die „Malaya“ sei der englischen Regierung zum Geschenk gemacht worden, und es sei die Rede davon gewesen, daß Kanada ebenfalls zur Vergrößerung der Reichsflotte beitragen werde; das englische Bauprogramm habe hierdurch keine Veränderungen erfahren, da die Regierung nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen sei, daß für eine solche Änderung kein Bedürfnis vorliege. Eine besondere Berücksichtigung verdiene allerdings Englands Stellung im Mittelmeer. Im Jahre 1912 sei das englische Kabinett zu der Ansicht gekommen, daß die englischen Interessen im Mittelmeer durch das bisher dort stationierte Kreuzergeschwader nicht in genügendem Maße geschützt würden; es sei daher beschlossen worden, spätestens Ende 1915 ein Schlachtschiffgeschwader für das Mittelmeer in Dienst zu stellen. Diese Maßnahme sei hauptsächlich deshalb getroffen worden, weil die Regierung es für dringend nötig gehalten habe, daß England ganz selbständig für den Schutz seiner bedeutenden Interessen im Mittelmeer Sorge tragen müsse und zum Schutze dieser Interessen in keiner Weise irgendwelche außergewöhnlichen Verpflichtungen eingehen dürfe. Die Admiralität habe die nötigen Vorbereitungen für die Indienststellung eines entsprechenden Geschwaders getroffen. Da das kanadische Flottengesetz nicht durchgedrungen sei, sei im vergangenen Jahre mit dem Bau von drei in dem Bauprogramm von 1913/14 vorgesehenen Schiffen acht oder neun Monate früher begonnen worden, als dies ursprünglich beabsichtigt gewesen sei. Da auch in diesem Jahre mit der Annahme des kanadischen Flottengesetzes nicht zu rechnen sei, so werde man erneut zu dem im vorigen Jahre angewendeten Aushilfsmittel greifen, wenn auch 191 in geringerem Maßstabe, indem man abermals mit dem Bau von zwei Schiffen des Programms von 1914 sobald als möglich beginnen werde. Falls Kanada auch im Jahre 1915 sich nicht am Flottenbau beteilige, werde man dann wohl mit der Beschleunigung des Baues eines Schiffes auskommen. Es sei aber Aussicht dafür vorhanden, daß Kanada seine bisherige Stellung in der Flottenfrage ändern werde. Kanada habe schließlich so wichtige und weitverzweigte Interessen zu vertreten, daß es selbst wenigstens teilweise Vorkehrungen für eine entsprechende Verteidigung zur See treffen sollte. Würde Kanada von den Vereinigten Staaten annektiert, so würde es ohne Zweifel seinen Teil zur Aufrechterhaltung des amerikanischen Namens beitragen; wäre Kanada selbständig, so würde es sicherlich bei der Bewilligung von Mitteln für die Landesverteidigung den südamerikanischen Staaten nicht nachstehen wollen. Im weiteren Verlaufe seiner Rede beschäftigte sich Herr Churchill mit der englischen Stellung im pazifischen Ozean. Australien und Neuseeland seien, so führte er aus, aufs lebhafteste an der Erhaltung der britischen Vormachtstellung zur See interessiert. Bevor nicht die engliche Flotte vernichtet sei, könne keine europäische Macht an die Eroberung Autraliens und Neuseelands denken. Die überlegene Stellung, welche die britische Flotte in den heimischen Gewässern einnehme, verleihe den beiden Kolonien mittelbar aber auch den Schutz gegen Japan. Mit Hilfe seiner Flotte könne England jedem Angriffe einer europäischen Macht gegen Japan wirksam entgegentreten; Japan ziehe daher aus dem Bündnisse mit Großbritannien große Vorteile und habe durch die Erneuerung des Bündnisvertrages bewiesen, wie hoch es diese Vorteile einzuschätzen wisse. Eben dieses englisch-japanische Bündnis sei daher ein Unterpfand für die Sicherheit der englischen Besitzungen im pazifischen Ozean und dieses Bündnis wiederum basiere offenbar auf der Erhaltung der englischen Überlegenheit zur See. Mr. Churchill setzte sodann auseinander, in welcher Weise sich die englischen Dominien am zweckmäßigsten an den Seerüstungen beteiligen würden. Neuseeland habe sehr weise daran getan, daß es dem Mutterland ein Schlachtschiff für den Dienst in den heimischen Gewässern zur Verfügung gestellt habe. Die Entscheidung über die politische Lage im pazifischen Ozean werde doch nur in europäischen Gewässern ausgefochten werden. Ein neuseeländisches Schiff könne bei einem solchen Kampfe mit großem Vorteil eingreifen, während es in australischen Gewässern ohne Nutzen sein würde. Andererseits sei vollkommen zu verstehen, wenn die Dominien den Wunsch hätten, ihre Schiffe, auf die sie stolz seien, unter eigener Kontrolle zu haben. Der Wunsch, eine auf strategischen Grundsätzen aufgebaute Flottenpolitik zu betreiben und zugleich die berechtigten patriotischen Gefühle der Dominien zu befriedigen, habe dazu geführt, die Gründung eines Reichsgeschwaders anzuregen, das in regelmäßiger Folge die verschiedenen Dominien aufzusuchen hätte. Zur Durchführung dieses Planes sei es nötig, daß in den kanadischen, australischen und südafrikanischen Gewässern Flottenstützpunkte mit Docks und Reparaturwerkstätten geschaffen würden, um dem Reichsgeschwader dort einen längeren Aufenthalt zu gestatten. Ferner müßten in den verschiedenen Dominien lokale Verteidigungsflottillen, bestehend aus Torpedobooten und Unterseebooten geschaffen werden, die bei einem Besuche des Reichsgeschwaders mit diesem gemeinsame 13 Licbnowsky II 193 Manöver auszuführen hätten. Endlich sollten die Dominien in ihren heimischen Gewässern Kleine Kreuzer zum Schutze des Handels stationieren. Wenn dann die Dominien zu gleicher Zeit Schlachtschiffe für das Reichsgeschwader stifteten, so werde erreicht werden, daß in den Dominien das Interesse für die Flotte entwickelt und zugleich für die Schaffung einer einheitlichen, allen Dominien zugute kommenden Streitmacht gesorgt würde. Am Schlüsse seiner Ausführungen hob Herr Churchill mit Nachdruck hervor, daß für England die Erhaltung seiner Überlegenheit zur See eine Lebensfrage bedeute. In anderen Ländern fielen der Flotte weit weniger wichtige Aufgaben zu als in England. Die englische Flotte habe nicht nur fast ausschließlich die Verteidigung des Landes zu übernehmen, sie habe auch den sehr ausgedehnten Handel des Mutterlandes zu beschützen, das nicht einmal seine Bevölkerung aus eigener Kraft ernähren könne. Nur indem es auf eine starke Flotte hinweisen könne, sei England imstande, sich des ungestörten Besitzes seiner überseeischen Kolonien zu erfreuen, bei der Regelung internationaler Fragen ein gewichtiges Wort mitzusprechen und in wirksamer Weise zur Erhaltung des Weltfriedens beizutragen. Lichnowsky. AN DEN STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES VON JAGOW London, 10. 5. 1914 ’les, was Sie über Flottenbesuch pp, schreiben, Xiist mir aus der Seele gesprochen. Nur keine Theaterkoups, die sind den Engländern auch höchst zuwider. Überhaupt liegt eine gewisse Gefahr darin, daß man bei uns leicht zu viel will. Man wünscht keine Verbrüderung hier, die in Paris verstimmen 194 könnte, wird aber, wie wir soeben gesehen, auch alles vermeiden, was bei uns Anstoß erregt. Churchill scheint nach allem, was ich höre, nun doch mitzukommen und zwar an Bord seiner Jacht, vermutlich mit einigen Seelords und seiner schönen und sehr anmutigen Frau*). Wenn dabei nicht zuviel dummes Zeug geredet wird und wir etwas taktvoll Maß halten, so kann die Sache nicht so übel werden. Churchill ist ein sehr geriebener Fuchs und wird sicherlich versuchen, mit irgendwelchen Vorschlägen zu kommen. Hoffentlich bleiben Sie die Zeit über in Kiel und gelingt es Ihnen, ausweichend zu antworten oder die Sache auf die lange Bank zu schieben. Sonst ist er ganz angenehm und zweifellos ein bedeutender Mensch. Als Politiker etwas phantastisch und unzuverlässig. Er kommt mir aber viel offener jetzt entgegen als im Anfang. Ich glaube, er hat das Miß- *) In meinen Berichten ist von einem eventuellen Besuch Sir E. Greys in Kiel nicht die Rede; dagegen kam ich in einem Privatbrief an Staatssekretär von Jagow vom 26. Mai nochmals auf den Churchillschen Besuch, nebenbei auch auf Londoner Gerüchte über eine beabsichtigte neue deutsche Flottennovelle zu sprechen: „Hier heißt es, Churchill ginge nicht mit nach Kiel. Er speiste kürzlich mit seiner Frau und Mutter bei uns, sprach mir aber nicht von der ganzen Angelegenheit, und ich hütete mich auch, ihn darauf anzureden. Nur seiner Mutter, die neben mir bei Tische saß, sagte ich, als sie mir andeutete, daß er wahrscheinlich nicht nach Kiel ginge, daß wir ihn begreiflicherweise nicht hätten einladen wollen, daß aber, falls er sich ansagte, er einer herzlichen Aufnahme vergewissert sein könne. Er stellt sich in letzter Zeit sehr freundlich zu mir und ist weniger verschlossen und zurückhaltend als früher. Sollte er doch hingehen, so kann ich mir einen Schaden davon nicht gewärtigen, falls nicht unsererseits unnötiges Zeug mit ihm erörtert wird. Ich könnte ihm vielleicht auch zu verstehen geben, daß er mit naval holiday und ähnlichem Unsinn nicht kommen soll. Fataler wäre mir schon die Anwesenheit des Battenbergers, schon wegen seiner Freundschaft mit Prinz Heinrich und weil er als Deutscher 13* 195 trauen gegen uns überwunden, das bis vor kurzem die meisten jetzigen Politiker beherrschte. Bethmann, Sie und ich sind ihnen sympathisch, und sie haben sich beruhigt. Der empfindlichste Punkt bleibt Frankreich, dessen Erhaltung hier als Axiom gilt, und ich warne vor allen Maßnahmen, die als eine Herausforderung der Franzosen gedeutet werden könnten. Das würde sofort einen gründlichen Umschwung hervor- rufen! Unser Verhältnis zu England ist so gut — als es überhaupt sein kann. Mehr zu verlangen wäre unklug und vergeblich. Man kommt uns doch auf allen Gebieten entgegen. Sehr bedauere ich die Nichtveröffentlichung des Kolonialabkommens und möchte doch vorschlagen, in einiger Zeit wieder der Sache näherzutreten. Ich habe Angst, die ganze Sache fällt sonst unter den und als Fachmann mehr erfährt, als wünschenswert wäre. Gegen die Anwesenheit Churchills, falls er sich selbst ansagt, hätte ich aber keine ernsten Bedenken, falls die Sache nicht etwa in Pikiertheiten oder aber in Überschwenglichkeiten ausartet. Beides ist freilich nicht ausgeschlossen. . . . Übrigens herrschte vor kurzem wieder im Foreign Office Beunruhigung über eine angebliche Flottennovelle. Tyrrell, der ganz das Vertrauen Greys besitzt, redete mich kürzlich darauf an. Ich entgegnete, ich könnte ihm versichern, daß unsere Rüstungen zur See den Rahmen des Flottengesetzes innehielten und daß von einer Überschreitung derselben nicht die Rede sei. Unser Marineattachö bestätigt mir diese Auffassung und versichert mir, daß auch Tirpitz nichts im Sinne habe, was über das Flottengesetz hinausgeht. Alles, was durch das Flottengesetz vorgesehen wurde und sich nicht als eine dasselbe überschreitende Neuerung darstellt, wird hier ruhig hingenommen werden. Daran müssen wir festhalten. Neuforderungen aber in Gestalt einer Novelle würde an den hiesigen maßgebenden Stellen lebhafte Beunruhigung und Verstimmung hervorrufen und alles wieder in Frage stellen, was wir in letzter Zeit erreicht haben." 196 Tisch. Auch würde der Eindruck in der Öffentlichkeit sicherlich ein sehr günstiger sein. Der Windsorvertrag läßt sich doch mit der nötigen Sauce servieren. Warnen möchte ich auch vor Quengeleien ä la Sansibar. Erreichen werden wir doch nichts, es verstimmt bloß und die Auslegung des Protektoratsbegriffs ist in Afrika verfassungsgemäß doch recht dehnbar. Gerade mit Bezug auf unsere eigenen Zukunftsabsichten ist es doch wichtig, die Engländer bei guter Laune zu erhalten und derartige Verträge nicht zu wörtlich zu nehmen. Man hat mir hier zu verstehen gegeben, daß man Seine Majestät dieses Jahr lieber noch nicht hier haben möchte. Die innere Lage und die bevorstehenden Wahlen bieten ja eine gute Ausrede. Man wünscht hier möglichst in Ruhe gelassen zu werden, höfisch und politisch, und auf dieser Grundlage mit uns zusammen zu arbeiten. Je später er kommt, um so besser. Georg fühlt sich durch ihn auch erdrückt. Lichnowsky. Dreizehnter Abschnitt ENGLAND IN EINEM EUROPÄISCHEN KRIEGE AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 3, 12. 1912 ord Haldane besuchte mich heute, um mit mir die J—f politische Lage zu besprechen. Während der längeren Unterredung betonte er wiederholt die Notwendigkeit, in der orientalischen Krisis zu einem Ausgleich der Gegensätze zu gelangen, da es unabsehbar sei, welche Folgen eine kriegerische Verwicklung, in die eine oder mehrere der Großmächte hineingezogen würden, haben könnte. England sei unbedingt friedlich und kein Mensch wolle hier den Krieg, schon aus wirtschaftlichen Gründen. Aber bei einem allgemeinen europäischen Wirrwarr, der sich doch aus dem Einmarsch Österreichs in Serbien ergeben könnte, falls Serbien nicht gutwillig die besetzte Adriaküste räumte, sei es kaum wahrscheinlich, daß Großbritannien der stille Zuschauer werde bleiben können. Ich entgegnete, ich wolle nicht die Frage an ihn richten, ob das soviel hieße, als ob England alsdann gegen uns feindlich vorgehen würde. Er erwiderte, daß das gewiß nicht die notwendige, wohl aber die mögliche Folge eines Krieges sein würde zwischen beiden kontinentalen Gruppen. Die Wurzeln, so drückte er sich aus, der englischen Politik lägen in der hier allgemein verbreiteten Empfindung, daß das 198 Gleichgewicht der Gruppen einigermaßen aufrechtzuerhalten sei. England würde daher unter keinen Umständen eine Niederwerfung der Franzosen dulden können, die er, ein großer Bewunderer unseres Heerwesens und unserer militärischen Einrichtungen, mit einiger Sicherheit voraussieht. England könne und wolle sich nicht nachher einer einheitlichen kontinentalen Gruppe unter Führung einer einzigen Macht gegenübersehen. Sollte also Deutschland durch Österreich in den Zwist hineingezogen werden und dadurch in Krieg mit Frankreich geraten, so würden in England Strömungen entstehen, denen keine Regierung widerstehen könnte und deren Folgen ganz unberechenbar wären. Die Theorie von dem Gleichgewicht der Gruppen bilde eben für Englands Außenpolitik ein Axiom und habe auch zu der Anlehnung an Frankreich und Rußland geführt. Er könne mir verbürgen, daß man hier das beste Verhältnis mit Deutschland wünsche, und die Aufnahme, die zum Beispiel die Ausführungen Euerer Exzellenz und des Herrn von Kiderlen im Reichstage sowie meine neuliche Rede beim Festmahl der Royal Society gefunden, müßten mir die Richtigkeit dieser Ansicht beweisen. Auch würde uns niemand hier den Krieg machen wollen, solange keine europäischen Verwicklungen einträten. Die Folgen eines europäischen Krieges aber seien ganz unberechenbar, und könne er alsdann für gar nichts einstehen. Lord Haldane kam auch auf die Politik Sir E. Greys und seinen Vorschlag zu sprechen. Er ist bekanntlich mit dem Foreign Secretary intim befreundet, und dieser wohnt sogar zeitweise bei ihm. Er bestätigte mir, daß Sir Edward nach Möglichkeit danach trachte, eine vermittelnde Haltung einzunehmen und es ver- 199 meide, als Parteigänger der Ententegruppe in dieser Krisis zu erscheinen. Lord Haldane meint, die angeregte Vorbesprechung werde Russen und Österreicher zwingen, mit greifbaren Anträgen hervorzutreten, was bisher nicht geschehen, und befürwortet die Wahl von London als den geeignetsten Ort. Inzwischen müsse aber alles vermieden werden, was zu einer scharfen Sonderung der Gruppen (harden the groups) führen könnte. Dieselben müßten sich vielmehr möglichst in „Gelatine“ verwandeln. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 25. 3. 1913 ie gemeldet, hatte bei der Verhandlung über die WThronrede Lord Hugh Cecil vor kurzem die Frage an den Premierminister gerichtet, ob geheime Abmachungen zwischen England und einer anderen Macht bestünden, welche das Inselreich zwingen würden, an einem kontinentalen Kriege teilzunehmen, die dieser mit der Erklärung beantwortete, daß solche Abmachungen nicht bestünden. Gestern richtete der Abgeordnete King eine ähnliche Frage an Mr. Asquith, indem er wissen wollte, ob die auswärtige Politik Englands gegenwärtig durch irgendwelche Verträge, Abkommen oder Verpflichtungen gebunden sei, denen zufolge britische Militärkräfte unter gewissen Voraussetzungen verpflichtet sein würden, auf dem Festlande an militärischen Unternehmungen sich zu beteiligen. Mr. Asquith antwortete, daß keinerlei Verpflichtungen bestünden, welche sie zwingen würden, bei irgendeinem Kriege mitzuwirken, mit anderen Worten, falls Krieg entstünde zwischen den europäischen Mächten, so wären keine un- 200 veröffentlichten Verträge vorhanden, welche die Freiheit der Regierung oder des Parlaments einengen könnten hinsichtlich der Entscheidung, ob oder ob nicht Großbritannien an einem Kriege sich beteiligen sollte. Der Gebrauch aber, der gemacht werden würde von den See- oder Landkräften, falls die Regierung und das Parlament sich entschlössen, an einem Kriege teilzunehmen, könne aber aus naheliegenden Gründen nicht zum Gegenstand einer vorhergehenden öffentlichen Erklärung gemacht werden. Die heutige „Times" bespricht die obige Auslassung des Primierministers in einer Form, die deutlich erkennen läßt, daß sie die Ansichten der hiesigen maßgebenden Persönlichkeiten über die Stellung Englands zu einem europäischen Kriege wiedergibt. Ihre Auslassungen entsprechen den Auffassungen, die ich über diese Frage wiederholt die Ehre gehabt habe zu vertreten, und verdienen ein besonderes Interesse, weil sie ein genaues Bild geben von den Grundlinien der britischen Außenpolitik. Das genannte Blatt schreibt: „Wir sind fest entschlossen, jetzt wie in der Vergangenheit das europäische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, weil dieses Gleichgewicht für dieses Land ein Lebensinteresse darstellt. Jeder ernsthafte Angriff mit der Absicht, dieses Gleichgewicht zu zerstören, wird mit Sicherheit dem Widerstande nicht nur der britischen Diplomatie, sondern, wenn nötig, auch der britischen Waffen mit aller Macht begegnen, und zwar nicht als eine Folge diplomatischer Verbindlichkeiten, sondern im wesentlichen als ein Akt der Selbstverteidigung. In den letzten Jahren war mehr als eine Gelegenheit, wo so ein Umstand zu drohen schien. (Dies dürfte wohl ein Hinweis auf Agadir sein.) Bei jedem solchen Anlaß und für die Zwecke der damaligen Lage hat Großbritannien sich entschlossen auf die Seite der bedrohten Macht gestellt. Wenn wieder Dinge sich ereignen sollten, welche das europäische Gleichgewicht bedrohen könnten, so würde die britische Haltung dieselbe sein. Great Britain bleibt ein fester und dauernder Bestandteil der Gruppe, der es angehört, da dies eine Voraussetzung des Gleichgewichts der Gruppen bildet, welches ihre Lebensinteressen erheischen, und wir glauben nicht, daß diese Grundlagen unserer Politik weder hier noch anderswo zu Mißverständnissen Anlaß geben könnten." Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 6. 8. 1913 ord Haldane hat nach heutiger „Times" gestern J-rfgesagt: „Wir haben keine Bündnisse; aber ich gebe zu, daß man die sich bildenden Gruppen besonders in Voraussagen für die Zukunft nicht außer acht lassen darf. Unsere Beziehungen zu den Ländern, die zu der anderen Gruppe gehören, sind von der freundschaftlichsten Art. Ich hoffe, daß es so bleiben wird. Ich glaube, daß bei den Gruppen die Neigung besteht, sich enger zusammenzuschließen." Hieraus geht hervor, daß er gemeint hat, daß die Gegensätze zwischen den einzelnen Gruppen im Schwinden begriffen sind. Er hat damit jedenfalls auf die besseren deutsch-englischen Beziehungen anspielen wollen. Seine Erklärung, England habe keine Bündnisse, stimmt übrigens vollkommen mit den diesbezüglichen Erklärungen des Premierministers vom 10. März d. J. im House of Commons überein. England braucht auch, wie ich mir wiederholt darzulegen erlaubt habe, kein vertraglich festgelegtes Verhältnis zu Frankreich, 202 da es auch ohne jeden Pakt die Franzosen, falls wir sie angreifen, unter allen Umständen schützt, ebenso aber andererseits bestrebt sein wird, allen Regungen des französischen R e v a n c h e g e d a n k e n s entgegenzutreten. Was die Rede des Herrn Asquith in der Frage der Untertunnelung des Kanals betrifft, so hat er lediglich von neuen Faktoren gesprochen, welche neuerdings bei Beurteilung der früheren ablehnenden Haltung der britischen Regierung ins Gewicht fielen. Der bedeutendste hiervon sei „die Errichtung unserer Freundschaft mit Frankreich auf einer soliden und, wie ich glaube, unerschütterten Grundlage.“ Ich vermag hierin ebensowenig wie in den Äußerungen des Lord Chancellors einen Hinweis auf etwaige Abmachungen zu erblicken, schon weil der Minister sodann bemerkte, daß die Gegnerschaft des Lord Wolseley gegen den Tunnel die Möglichkeit eines französischen Angriffs in Erwägung zog, daß diese Gefahr aber durch die ausgezeichneten und herzlichen Beziehungen, welche mit Frankreich seit dem Abschluß des Abkommens von 1904, also seit beinahe zehn Jahren beständen, vollkommen verblaßt sei. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 19. 2. 1914 D er Bericht des diesseitigen Marineattaches, welcher die Frage erörtert, ob zwischen England und Frankreich für den Fall eines gemeinsamen Krieges gegen Deutschland und den Dreibund Abmachungen bestehen, die sich auf die gegenseitige Unterstützung der beiden Flotten beziehen, berührt 203 insofern das Gebiet der Politik, als Kapitän von Müller den anscheinenden Widerspruch erwähnt, der zwischen den von den beiderseitigen Marine- oder Militärbehörden etwa getroffenen Vereinbarungen und den bekannten Erklärungen der britischen Regierung bestehen würde. Ohne der Frage nähertreten zu wollen, ob es wahrscheinlich ist, daß hinsichtlich eines etwaigen Zusammenwirkens beider Flotten ein Plan verabredet ist, möchte ich darauf hinweisen, daß ich zutreffendenfalls ein derartiges Abkommen für vereinbar hielte mit den amtlichen Erklärungen der hiesigen Regierung. Denn bei letzterem handelt es sich im wesentlichen um die Frage, ob diesseits eine Verpflichtung besteht, dem französischen Freunde im Fall eines Krieges mit Deutschland beizuspringen. Daß diese Verpflichtung vertraglich nicht besteht, steht für mich außerhalb jedes Zweifels. Es widerspricht dem englischen Charakter und namentlich dem Wesen der jetzigen Machthaber, öffentlich eine bewußte Unwahrheit auszusprechen. Es widerspricht aber ferner auch der Sinnesrichtung der jetzigen Regierung, sich mit neuen Geheimverträgen und noch dazu in einer für die Zukunft des Landes so wichtigen Frage zu belasten. Für eine vertragliche Festsetzung der englischen Unterstützung läge aber auch keine logische Notwendigkeit vor, da man in Frankreich genau weiß, daß keine britische Regierung, wie ich wiederholt darzulegen mir erlaubt habe, eine zweite Demütigung und Verkleinerung Frankreichs zulassen und daß England, um auf dem Kontinent g e - wissermaßendasGleichgewichtder Gruppen zu wahren, seine schützende Hand über Frankreich unter allen Umständen halten würde. Andererseits weiß man hier auch 204 zu genau, daß die Franzosen eine ihnen günstige Gelegenheit zur Wiedereroberung Elsaß-Lothringens mit oder ohne schriftlichen Vertrag benutzen, sich aber ohne Unterstützung Rußlands in keinen Krieg mit uns einlassen werden. Die Notwendigkeit eines Vertrages liegt also für beide Seiten nicht vor, und uns kann es überdies gleichgültig sein, ob ein solcher besteht oder nicht, da wir im Fall eines Krieges mit Frankreich sowieso damit zu rechnen haben, daß die englische Flotte die Franzosen schützt. Da aber dem englischen Interesse die Aufrechterhaltung des Friedens und des status quo in Europa entspricht und England einen kontinentalen Krieg schon deshalb zu verhindern sucht, weil es befürchten muß, in ihn hineingezogen zu werden, so hat es wohl mehr eine theoretische Bedeutung, ob zwischen den beiderseitigen Marinebehörden Verabredungen bestehen, welche für den Fall ihres Zusammenwirkens die beiderseitige Tätigkeit geregelt haben. Es wäre jedenfalls überraschend, wenn hierüber noch kein Gedankenaustausch stattgefunden hätte. Lichnowsky. Vierzehnter Abschnitt DIE DEUTSCHE WEHRVORLAGE AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 5, 6, 1913 D er in Frankreich mit großer Heftigkeit geführte Streit über die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit hat eine starke deutschfeindliche Hetze im Gefolge, Diese Vorgänge werden hier in England andauernd mit großem Interesse verfolgt. Heute bringen sowohl die „Daily News and Leader" als auch die „Westminster Gazette" Leitartikel über diese Angelegenheit, Beide Zeitungen erklären, daß die Einbringung der französischen Gesetzesvorlage von Rußland angeregt worden sei, und daß dieselbe schon vor Einbringung der deutschen Armeevorlage beschlossene Sache gewesen sei. Am Schlüsse ihres Artikels weist die „Westminster Gazette" darauf hin, daß die Mehrzahl des französischen Volkes friedlich gesinnt sei, und daß auch in Frankreich die Einsicht vorherrsche, daß ein vorübergehender Sieg doch keinen dauernden Erfolg haben könnte. Frankreich wisse außerdem sehr gut, daß seine Nachbarn friedlich gesinnt seien, und daß es bei einem Angriffskrieg auf keine Unterstützung würde rechnen können. Lichnowsky. 206 AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 27. 12. 1913 M r. Caillaux äußerte in einem vertraulichen Gespräche mit einem Angehörigen der Presse, man habe ihn ganz mit Unrecht als Gegner Englands und Gegner eines herzlichen Einvernehmens zwischen England und Frankreich hingestellt. Er habe allerdings über die Art, wie die Entente aufzufassen sei, Anschauungen, die von denen seiner Vorgänger etwas ab wichen; aber seine Auffasung werde auch vom Präsidenten der Republik geteilt. Die Entente habe einer „tuteile" zu ähnlich gesehen. Frankreich müsse seine volle Bewegungsfreiheit haben und in der Lage sein, eine Politik in erster Linie nach seinen eigenen Interessen einzurichten. Sir Francis Bertie, der englische Botschafter mische sich fortwährend in französische innerpolitische Fragen ein. Dies könne nicht geduldet werden. Er werde, falls sich derartiges wiederholen sollte, unmittelbar bei Sir Edward Grey Beschwerde führen. Auf Personalien übergehend, erwiderte er dem Journalisten auf seine Frage, es sei allerdings beabsichtigt, Herrn Cambon aus London abzurufen, doch müsse man einem Manne von seinen Verdiensten und seiner Vergangenheit gewisse Rücksichten erweisen. Man könne ihm nicht ohne weiteres den Stuhl vor die Tür setzen. Als geeignete Nachfolger erschienen ihm Jusserand oder Barrere. Letzterer spreche glänzend Englisch und besitze Beziehungen in England. Die Meldungen über die Ernennung vonMargerie nach Petersburg seien mit Vorsicht aufzufassen. Ihm selbst scheine General Lyautey eine gute Wahl für Rußland. Die Äußerungen des französischen Finanzministers, für deren Echtheit eine große innere Wahrscheinlichkeit spricht, zeigt, daß seine Abneigung gegen den englischen Botschafter in Paris noch ebenso stark ist wie früher. Die Unbeliebtheit, deren sich Herr Caillaux in englischen Regierungskreisen und in der englischen Presse erfreut, beruht nicht so sehr, wie in deutschen Blättern manchmal angenommen wird, auf seinem Versuche, durch das Kongoabkommen mit Deutschland die marokkanische Frage aus der Welt zu schaffen, als auf seinen Zusammenstößen mit Sir Francis Bertie, die ihren Höhepunkt in der Äußerung Caillaux' erreichten, er pfeife auf die entente cordiale; eine Äußerung, deretwegen sich der englische Botschafter über ihn beim Präsidenten der Republik beschwerte. Sir Francis Bertie hat seitdem unermüdlich in seiner Berichterstattung und in seinem Verkehr mit dem Pariser Korrespondenten der großen englischen Blätter Herrn Caillaux so schwarz als möglich gemalt. Offenbar hat der englische Botschafter den Wunsch des Herrn Caillaux, Paul Cambon vom Londoner Posten zu entfernen, auch zum Gegenstand seiner amtlichen Berichterstattung gemacht. Denn Mr. Asquith äußerte einem Bekannten gegenüber vor einigen Tagen, es gebe Leute in Paris, die Herrn Cambon gern beseitigt sehen möchten. Dieser sei aber ein bedeutender Mann, den man nicht ohne weiteres verabschieden könne, und das Ministerium Caillaux werde wohl zu kurzlebig sein, um seine Pläne in dieser Hinsicht zur Ausführung zu bringen. Lichnowsky. 208 Fünfzehnter Abschnitt DIE DEUTSCH-RUSSISCHEN BEZIEHUNGEN AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 10, 3. 1914 D er heutige Leitartikel der „Times" mit der Überschrift „What does it mean" befaßt sich mit der seit kurzem bei uns gegen Rußland gerichteten Preß- fehde und darf als ein gutes Bild der Stimmung betrachtet werden, welche durch die Angriffe unserer Blätter hier erzeugt worden ist. Man vermag sich die kriegerische Note, die gegen den Dreiverband und namentlich gegen Rußland angeschlagen wird, nicht recht zu erklären und fühlt sich auf jeden Fall durch die rätselhaft erscheinende Sprache unserer Blätter beunruhigt. Sehr bezeichnend ist aber der Schluß, zu dem die „Times“ gelangt, und ich vermag ihr nur vollkommen beizustimmen, wenn sie sagt, daß, falls irgend etwas vonnöten wäre, um die Bande des Dreiverbandes enger zu ziehen oder um den Franzosen zu ihrer dreijährigen Dienstzeit zu verhelfen, es hierfür kein wirkungsvolleres Mittel gäbe, als die Art von Aufsätzen, die sich gegenwärtig in der deutschen Presse hervorwagen dürften. Ich meinerseits möchte noch hinzufügen, daß, wenn unsere maßgebenden Blätter in dem seit kurzem beliebten Poltertone fortfahren, alles bisher im Sinne einer Besserung des deutsch-englischen Verhältnisses Erreichte sehr bald 14 Lichnowsky II 209 wieder verloren sein wird, und daß keinerlei persönliche Einflüsse es alsdann werden verhindern können, daß die britischen Staatsmänner sich wieder enger als bisher an Frankreich und Rußland anschließen. Mißtrauen in unsere Auslandspolitik und deren unbedingte Friedfertigkeit muß notwendigerweise abermals zu einer Entfremdung der beiden Nationen führen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 10. 3. 1914 I m Laufe einer längeren vertraulichen Unterhaltung mit Sir Edward Grey kam auch die Fehde zur Sprache, die gegenwärtig von einem Teil unserer Presse gegen Rußland geführt wird. Ich erwähnte, daß meines Wissens die amtlichen Beziehungen beider Regierungen durchaus freundschaftlich seien, und daß seit Beilegung der Militärmissionsfrage sich nichts zugetragen hätte, was zu Verstimmungen Anlaß geben könne. Ich meinte daher, daß den Auslassungen einzelner Organe unserer öffentlichen Meinung keine übertriebene Bedeutung innewohne, und daß sich vielleicht ein Teil der Nervosität, die die Österreicher bei Beurteilung russischer Dinge so leicht befällt, auf unsere Presse übertragen habe. Begreiflich sei jedenfalls, daß die starken russischen Rüstungen und die Vermehrung der Truppen an der Westgrenze Unruhe verursacht hätten und im Sinne unfreundlicher Absichten gedeutet würden. Sir Edward sagte mir, er habe weder aus den Berichten des Botschafters oder des Militärattaches in Petersburg noch aus sonst ihm zugegangenen Mitteilungen den Eindruck gewinnen können, daß in der russischen Haltung uns gegenüber irgendeine Wandlung eingetreten sei, oder gar daß 210 feindliche Absichten bestünden. Er könne daher nicht den geringsten Anlaß sehen, der zu Befürchtungen berechtigen würde. Die russischen Truppenvermehrungen seien eine Folge der Bevölkerungszunahme und verfolgten keinerlei bedrohliche Absichten. Falls die gedachten Auslassungen nicht in Übereinstimmung stünden mit der amtlichen Meinung, so würde sich ja wohl bei Erörterung des Anschlages für das Auswärtige Amt Gelegenheit finden, die Stellung der Regierung zu kennzeichnen. Die ganze Unterhaltung wurde zwischen uns in durchaus ungezwungener, freundschaftlicher Form geführt, und ich glaube, daß es mir gelungen ist, den peinlichen Eindruck, den die gedachten Auslassungen hier erweckt hatten, einigermaßen wieder zu verwischen, Lichnowsky. 14 * 211 Sechzehnter Abschnitt DIE ENTENTE VOR DEM WELTKRIEG UND DIE RUSSISCH-ENGLISCHE MARINEKONVENTION AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 17. 4. 1914 E in englischer Journalist besuchte heute Sir W. Tyrell, um von ihm für die Haltung den englischen Presse während des bevorstehenden Besuches der englischen Majestäten in Paris einige Richtlinien zu erbitten. Nach den streng vertraulichen Mitteilungen meines Gewährsmannes führte der Privatsekretär (Kabinettchef) Sir E. Greys etwa folgendes aus: Die Entente mit Frankreich sei aus dem Abkommen vom Jahre 1904 und den daran sich anschließenden politischen Ereignissen entstanden. Sir Edward Grey habe die Bedeutung und Tragweite des Verhältnisses häufig öffentlich in Reden erörtert. Diese sollten als Grundlage benützt werden. Die Presse solle möglichst vermeiden, bei Besprechung des Besuches in Paris dritte Mächte überhaupt zu erwähnen, vor allem aber alles aus dem Spiele lassen, was so gedeutet werden könne, als habe die Entente oder der Besuch in Paris eine Spitze gegen irgendeine andere Macht. Dies sei keineswegs der Fall. Die Entente hindere England durchaus nicht an einem freundschaftlichen Verhältnisse zu Staaten, die außerhalb stünden. Frankreich habe offiziell niemals er- 212 kennen lassen, daß es einen geschriebenen Vertrag mit England wünsche. Es seien aber Anzeichen dafür vorhanden, daß französische militärische Kreise eine Militärkonvention für erstrebenswert hielten. Dies sei aber wohl unmöglich, da eine Militärkonvention immer eine politische Bindung irgendwelcher Art einschließe. Die meisten kontinentalen Beurteiler vergäßen ganz, daß nicht mehr England allein, sondern das ganze britische Weltreich bei militärischen und Marinefragen mitspreche, und daß das englische Kabinett auf die Wünsche und Bedürfnisse der Dominien weitgehende Rücksicht nehmen müsse. Die „Times“ habe in den letzten Tagen in einem Leitartikel diesen Gesichtspunkt glücklich hervorgehoben: er könne weiter benutzt werden. Der in der „Times“ veröffentlichte Brief des französischen Professors Lavisse enthalte vollständig falsche Auffassungen über das Wesen der Entente. Es seien die Anschauungen eines französischen Chauvinisten, glücklicherweise nicht die der wirklich maßgebenden Kreise in Frankreich. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 18, 4. 1914 er bekannte französische Historiker Ernst Lavisse JL-/ hat anläßlich des bevorstehenden Besuchs des englischen Königspaares in Paris in einer am 16. d. Mts. zum Abdruck gelangten Zuschrift an die „Times“ in ausführlicher Weise sich über die Bedeutung, das Wirken und die Ziele der englisch - französischen Entente geäußert. Unter Betonung der friedlichen Bestrebungen der Entente hat Herr Lavisse gleichzeitig dem Wunsch nach einer Stärkung des englischfranzösischen Freundschaftsverhältnisses Ausdruck 213 gegeben. Er hat in vorsichtiger Form an der Lauheit Englands Kritik geübt und mit Hinweis auf die schweren Opfer Frankreichs auf militärischem Gebiete die Frage aufgeworfen, ob nicht für England die Zeit zum Ausbau seiner Heeresmacht gekommen sei. Er hat ferner die militärischen Vorbereitungen des Dreibundes und des Dreiverbandes für den Kriegsfall in Vergleich gestellt und dabei zwar der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die englischen und französischen Militär- und Marineleitungen in Verbindung ständen und ihre Pläne gemeinsam festgelegt hätten, hat aber zweifelnd gefragt, ob England auch mit Rußland in gleicher Verbindung sei. Die „Times“ hat den Ausführungen des Professors am gleichen Tage einen Leitartikel gewidmet, in dem sie in sorgfältig gesetzten Worten dessen kritische Bemerkungen beleuchtet. England, so heißt es unter anderem in dem Artikel, erkenne gleichfalls die Gefahren, die den Mächten des Dreiverbandes drohten, aber es halte sie nicht für so unmittelbar greifbar und für weniger sicher. Ein ungerechtfertigter Angriff auf Frankreich würde England stets auf der Seite seines Freundes finden. Eine Erörterung der von Herrn Lavisse angeschnittenen Fragen der militärischen Bereitschaft Englands und seiner diplomatischen Haltung lehnt das Blatt mit dem Hinweis ab, daß diese Fragen der Besprechung zwischen den beiden Regierungen Vorbehalten bleiben müßten. Hingegen wendet sich das Blatt gegen den Vorwurf der Lauheit Englands und gibt der Überzeugung Ausdruck, daß England für eine gerechte Sache ebenso mutig kämpfen werde wie in vergangener Zeit. Freilich, so heißt es weiter, müsse die Berechtigung und die Notwendigkeit des Kampfes dem englischen 214 4t¥* Volke völlig überzeugend sein. Es werde keine Präventiv- oder Angriffskriege billigen. Es hasse kein anderes Volk und wolle keinem Unrecht tun. Außerdem könne das britische Reich nur in seiner Gesamtheit handeln, das heißt unter Zustimmung und mit Unterstützung seiner überseeischen Bestandteile, die nur die feste Überzeugung von erlittenem Unrecht dem Kriegsgedanken geneigt machen könnte. Die Dominien seien Anhänger der Ententepolitik, weil sie dem Frieden diene. Aber damit sie ihre Wurzeln befestigen könne, müsse sie den Grundsätzen treu bleiben, auf die sie gegründet sei. Die Zuschrift des Herrn Lavisse sowie der Artikel der „Times” haben wie im Ausland so auch hier zu Äußerungen der Presse Anlaß gegeben. Dabei hat sich, wie nicht anders zu erwarten war, erneut herausgestellt, daß die englische öffentliche Meinung jeder Anregung, dem Ententeverhältnis einen bündnisartigen Charakter zu geben, durchaus abgeneigt ist. In ganz besonders scharfen Worten wendet sich die „Daily News” in ihrem gestrigen Leitartikel gegen die in Frankreich zutage tretenden Bestrebungen, den Königsbesuch zu chauvinistischen und antideutschen Machenschaften auszubeuten, die Parteizwecken dienen sollen. Das radikale Blatt erklärt den Lavisse- schen Ausführungen über das militärische Zusammenwirken der Ententemächte gegenüber, die englische öffentliche Meinung werde kein Heer- und Flottenbündnis mit Frankreich dulden, während die bloße Anregung eines solchen Bündnisses mit Rußland einen Sturm der Entrüstung erzeugen würde, der die schuldige Regierung hinwegfegen müßte. Die Entente sei in den Augen Englands kein Bündnis, sie sei nicht gegen Deutschland gerichtet und sei nicht ausschließlich. Kein vernünftiger Mensch in England wünsche die 215 französischen Hitzköpfe, die den Streit mit Deutschland nicht ruhen lassen wollten, in ihrem Treiben zu bestärken. Kundgebungen wie die des Herrn Lavisse und ähnliche Äußerungen der französischen Presse, die die Absicht Frankreichs zeigen, England, wenn auch in freundschaftlicher Form, zur Verstärkung seiner Heeresrüstung oder zu festerer vertraglicher Bindung zu veranlassen, sind unter den gegenwärtigen Umständen hier einer ungünstigen Aufnahme gewiß. Es muß daher als eine grobe Ungeschicklichkeit bezeichnet werden, daß gerade vor dem Königsbesuche wieder einmal ein derartiger Versuch gemacht worden ist. Wie ich vertraulich höre, hat der Lavissesche Brief auch bei der hiesigen Regierung verstimmt; ebenso ist auch die hiesige französische Botschaft über den wenig angenehmen Auftakt zu der Reise des englischen Königspaares nach der französischen Hauptstadt wenig erfreut. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 20. 4. 1914 ie radikale Linke in England fährt fort, gegen die ■L-'von Professor Lavisse in seinem Briefe an die „Times" vertretene Auffassung des französisch-englischen Verhältnisses ärgerlich zu protestieren. Das Wochenblatt „Nation", das die Anschauungen dieser Kreise widerspiegelt, verwahrt sich, wenn auch in etwas weniger schroffem Tone als die „Daily News", gegen jeden Versuch, dem Einvernehmen mit Frankreich den Charakter eines militärischen Bündnisses zu verleihen. Mr. Garvin, der von Anfang an zu den wärmsten Verfechtern der Entente gehört hat, bringt im Sonn- tagsblatt „Observer“ eine Betrachtung, die vor allem durch ihre Mäßigung auffällt und als neuer Beweis dafür angesehen werden kann, wie groß die Disziplin der englischen Presse in wichtigen Momenten ist. Der sonst durch seine Heftigkeit bekannte Journalist führt aus, England und Frankreich würden diese Woche ihre Freundschaft erneuern. Nach einem kurzen Rückblick auf die Wirkungen des Einverständnisses auf die europäische Politik, bei dem er die Erleichterung der Lage in Ägypten und die gebesserte Stimmung zwischen französischen und englischen Kanadiern hervorhebt, betont er, daß die bestehende Freundschaft zwischen beiden Ländern keines daran hindere, freundschaftliche Annäherung an dritte Länder zu suchen. Höher aber als alle politischen Ergebnisse des Einvernehmens müsse man die kulturellen Resultate stellen, die dem Geiste beider Völker gestattet hätten, sich gegenseitig zu durchdringen und anzuregen. Der Brief Professor Lavisses war übrigens, wie ich vertraulich höre, von einer Gruppe französischer Politiker als große Aktion gedacht und sorgfältig vorbereitet worden. Auszüge davon befanden sich schon vier Wochen vor der Veröffentlichung in den Händen englischer Journalisten. Daß der Brief in amtlichen Kreisen nicht günstig aufgenommen wurde, wird mir von verschiedenen Seiten bestätigt. Sir W. Tyrrell äußerte einem zuverlässigen Gewährsmanne gegenüber, es entspreche nicht dem Wesen der Freundschaft, vor einem Besuche die Vorteile öffentlich zu erörtern, welche die Freunde gegenseitig von ihrem Verhältnisse hätten. Fingen Freunde erst einmal an, sich gegenseitig vorzurechnen, welchen Vorteil ihnen das Verhältnis bringe, so sei es um die Freundschaft schlimm bestellt. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 22. 4. 1914 I n den letzten Tagen haben sich fast alle maßgebenden hiesigen Blätter in ausführlichen Leitartikeln über die Bedeutung des Besuchs Seiner Majestät des Königs in Paris geäußert. Der Ton der Artikel ist, wie die Gelegenheit es vorschreibt, im allgemeinen herzlich. Es wird betont, daß das Freundschaftsverhältnis der beiden Staaten während der zehnjährigen Dauer seines Bestehens die englische und französische Nation einander nahegebracht habe, so daß ihr politisches Zusammengehen nicht mehr auf dem Willen der Kabinette, sondern dem Willen der beiden Völker beruhe. In warmen Worten werden die prunkvollen Vorbereitungen geschildert, die Paris zum würdigen Empfang des englischen Herrscherpaares getroffen hat. Bei der Würdigung der bisherigen Ergebnisse der englisch-französischen Ententepolitik wird in erster Linie hervorgehoben, daß sie der Wahrung des europäischen Friedens gedient habe, und die Wahrung des Friedens wird auch als das zukünftige Hauptziel der Entente hingestellt. Die bekannten Darlegungen des Professors Lavisse in der „Times" und ähnliche Äußerungen der französischen Presse haben andererseits dazu beigetragen, die englische Presse in eine gewisse Abwehrstellung zu versetzen, die fast durchweg in mehr oder minder kühlen Zusätzen zum Ausdruck kommt. Der Gedanke der Umwandlung des Ententeverhältnisses in ein Bündnis findet in keiner der bedeutenderen Zeitungen beider Parteien Unterstützung, vielmehr begegnet er allenthalben, wo er aufgeworfen wird, einer höflichen, aber bestimmten Ablehnung. In klaren Worten wird ferner erklärt, daß England weder 218 gewillt noch in der Lage sei, einer Angriffspolitik des Freundes die Hand zu bieten. Auf der anderen Seite wird aber Frankreich Unterstützung gegen einen ungerechtfertigten Angriff von dritter Seite in Aussicht gestellt. Die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und des status quo auf dem Kontinent erscheint erneut als das Hauptziel der englischen Kontinentalpolitik, Aus der Abneigung Englands, in kontinentale Händel hineingezogen zu werden, wird kein Hehl gemacht. Vielfach wird betont, daß die Entente keine Spitze gegen irgendeine andere Macht habe, daß sie durchaus nicht ausschließlich sei und die Ententegenossen nicht hindere, mit dritten Mächten in nähere Beziehungen zu treten. Der Gesamteindruck, den die Presseartikel erwecken, ist der freundschaftlicher Wärme, die jedoch von einer gewissen Zurückhaltung nicht frei ist; von Begeisterung kann nicht die Rede sein. Ich gestatte mir, dabei insbesondere auf die bemerkenswerten Äußerungen der der Regierung nahestehenden „Westminster Gazette" hinzuweisen. Das Blatt bedauert die früher aus dem englischfranzösischen Freundschaftsverhältnis erwachsenen Unstimmigkeiten mit Deutschland und betont, die englischen Väter der Entente hätten diese niemals als einen Sprung in die europäische Kontinentalpolitik aufgefaßt und täten dies auch jetzt nicht. In jüngster Zeit hätte sich Gelegenheit geboten zu zeigen, daß die englisch-französische Freundschaft durchaus mit einer freundlichen Haltung Englands gegenüber Deutschland vereinbar sei. England werde seinen Freunden und Nachbarn den größten Dienst erweisen, indem es keinen Zweifel darüber lasse, daß seine Macht und sein Einfluß dazu benutzt werden würde, Angriffen 219 entgegenzutreten und jede Angriffspolitik, durch wen auch immer sie unternommen werden sollte, zu hemmen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 27. 4. 1914 N ach einem kurzen weekend, das sich der Pariser Reise anschloß, ist Sir Edward Grey heute früh nach London zurückgekehrt und beabsichtigt, Donnerstag wieder für einige Tage fortzugehen, um dem Angelsport sich nochmals zu widmen, der durch den Aufenthalt an der Seine und die hiesige Krise beeinträchtigt worden war. Heute früh ließ er mich wissen, daß er mich zu sehen wünsche. Es lag ihm augenscheinlich daran, mit mir über Paris und seine dortigen Eindrücke zu sprechen, schon um der Meinung vorzubeugen, daß sein Wunsch, mit uns in freundschaftlicher Fühlung zu bleiben, durch französischen Einfluß irgendwie gelitten hätte. In gewohnter heiterer Stimmung erzählte er von seinen Erlebnissen, von der großen Herzlichkeit des Empfanges und der guten Haltung der Volksmassen, deren Kundgebungen alle Erwartungen übertroffen hätten. Die Majestäten seien durch die ihnen bereiteten Huldigungen tief gerührt gewesen, und die von den Parisern zur Schau getragene harmlos-heitere Lebenslust habe eine angenehme Erinnerung hinterlassen. Von Geschäften sei in erster Linie die griechische Note besprochen worden, und er habe die größte Bereitwilligkeit gefunden, auf unsere Vorschläge einzugehen. Im übrigen habe er die Franzosen politisch in einer sehr ruhigen, durchaus friedliebenden Stim- 220 mung gefunden und ohne chauvinistische Regungen; das sei seiner dortigen Tätigkeit besonders zustatten gekommen. Er schien von dem Ergebnis der Reise außerordentlich befriedigt zu sein, weniger aber von der inneren Lage. Keinesfalls werde man mit den Wahlen angesichts der sich häufenden Schwierigkeiten bis zu nächstem Jahr warten; die Auflösung des Hauses sei daher in nicht zu ferner Zeit zu gewärtigen. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London., 29. 4. 1914 I n der gestrigen Unterhaussitzung wurde an Sir Edward Grey die Anfrage gerichtet, ob ihm bekannt sei, daß jüngst die Forderung aufgestellt worden sei, die Mächte des Dreiverbandes sollten sich militärisch enger zusammenschließen im Hinblick auf ein Zusammenwirken auf dem Kontinent unter gewissen Umständen, und ob die Politik Englands noch immer auf dem Grundsätze der Freiheit von allen Verpflichtungen, sich in militärische Unternehmungen auf dem Kontinent einzulassen, fuße. Sir Edward Grey beantwortete den ersten Teil der Anfrage in verneinendem Sinne. Bezüglich des zweiten Teiles verwies er auf eine vom Premierminister am 24. März v. Js. abgegebene Erklärung, die er als auch jetzt noch zutreffend bezeichnete. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 1. 5, 1914 iS guter Quelle erfahre ich, daß die Aussprache Jrx .zwischen Sir Edward Grey und Monsieur Dou- mergue sehr zur Befriedigung des ersteren ausgefallen ist. Eine Vertiefung des bisherigen Einvernehmens, 221 das, wie ich wiederholt dargelegt habe, im wesentlichen in der britischen Zusicherung besteht, die Franzosen, falls sie angegriffen werden sollten, zu schützen, ist hiernach überhaupt nicht angeregt, und der Abschluß eines eigentlichen Bündnisses gar nicht zur Sprache gekommen. Herr Doumergue, der auf die britischen Herren einen sehr vorteilhaften Eindruck machte, soll sich darauf beschränkt haben, auf das bestimmteste zu betonen, daß Frankreich jedem Gedanken an auswärtige Abenteuer abhold sei und sich um so mehr dem inneren Ausbau widmen wolle. Auch Herr Clemenceau hat sich in ähnlichem Sinne geäußert. Er soll dem britischen Minister gesagt haben, er sei nunmehr ganz mit der Entente ausgesöhnt, da er von England die Vermittlung zwischen Frankreich und Deutschland erwarte, um ein vertrauensvolles Verhältnis herbeizuführen, das eine Einschränkung der Rüstungen ermögliche. Alle Treibereien, die auf ein Bündnis hinzielen, werden hier Herrn Iswolsky*) zugeschoben, der gern eine große Rolle spielen möchte und von Eitelkeit erfüllt sei. Alles in allem ist die hiesige Regierung mit dem jetzigen Pariser Kabinett sehr einverstanden und hofft, daß es sich recht lange am Ruder erhalten wird. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 18. 5. 1914 S owohl Mr. Asquith als auch Sir Edward Grey haben wiederholt und zuletzt am 25. bezw. 28. v. Mts. erklärt, daß keine geheimen Verträge oder Abmachungen bestehen, welche der britischen Re- *) Russischer Botschafter in Paris, ehemaliger Minister des Äußeren. 222 gierung die Verpflichtung auf erlegen, im Falle eines festländischen Krieges sich an demselben zu beteiligen und für die eine oder die andere Seite Partei zu ergreifen. Aus dem Bedürfnisse eines Zusammenschlusses der beteiligten Mächte gegenüber der in dem Dreibund verkörperten Machtvereinigung hervorgegangen in dem Augenblick, als Frankreich sich in der Marokkokrise durch uns bedroht fühlte und einer weiteren Anlehnung bedurfte, hat die Entente sich demnach nicht zu einem Bündnis verdichtet, als dessen Voraussetzung beiderseitige formelle Verabredungen und Vereinbarungen anzusehen wären. Auch der jüngste Königsbesuch in Paris hat an dem bisherigen Verhältnis nichts zu ändern vermocht, und es ist, wie ich berichtet habe, die Frage eines eigentlichen Bündnisses überhaupt nicht zur Sprache gekommen. Wenn ich trotzdem der Überzeugung wiederholt und mit Nachdruck Ausdruck gegeben habe, daß England im Fall eines Krieges zwischen uns und Frankreich, namentlich aber im Fall eines deutschen Angriffs auf den westlichen Nachbar seine schützende Hand über den französischen Freund halten würde, so ist diese Auffassung wohl mit den wiederholten Erklärungen englischer Minister vereinbar, daß formelle Abmachungen zwischen beiden Ländern nicht bestehen, die der britischen Regierung irgendwelche Verpflichtungen auferlegen. Die Grundlage der britischen Auslandspolitik, soweit europäische Mächte in Betracht kommen, ist viel zu bekannt und durchsichtig, als daß sie irgendeinem Zweifel unterliegen könnte. Sie beruht in erster Linie auf dem Grundsatz des Gleichgewichts der Gruppen. Die Hegemonie einer einzelnen Macht auf dem europäischen Festland entspricht ebenso- wenig dem britischen Interesse wie das Übergewicht einer Gruppe. Die zunehmende Erstarkung unserer Flotte hat das Bedürfnis, die französisch-russische Gruppe zu stützen, nicht gezeitigt, wohl aber gefördert, da sie ebenso wie etwa die Abnahme der französischen Bevölkerung oder die Niederlagen Rußlands in Ostasien eine Verschiebung der kontinentalen Machtverhältnisse zu unseren Gunsten und zu Ungunsten der französisch-russischen Gruppe in sich schloß. Wie die meisten Fragen auch in der Politik nicht nur eine, sondern mehrere Seiten haben, so hat wohl ohne Zweifel die Entwicklung unserer Seemacht sowohl den Wunsch, mit uns in Frieden zu leben, in England gefördert als auch die Erkenntnis begünstigt, daß es im englischen Interesse läge, die uns gegnerische Gruppe zu stützen. Es liegt daher auf der Hand, daß jede weitere Schwächung Frankreichs, namentlich aber eine Niederlage auf dem Schlachtfelde, die uns außerdem von der Notwendigkeit umfangreicher Rüstungen zu Lande für die Zukunft befreien und die Möglichkeit noch größerer Ausgaben für die Seemacht schaffen könnte, nicht im britischen Interesse liegt. Bald nach meiner Ankunft in London, zur Zeit, als die Entwicklung des Balkankrieges die Gefahr eines europäischen Krieges gewärtigen ließ, suchte mich Lord Haldane auf, wie ich am 3. Dezember 1912 zu berichten die Ehre hatte (1130), und machte mich auf die Folgen aufmerksam, die ein europäischer Krieg für England haben könnte. Aus seinen Worten ging deutlich hervor, daß England sich alsdann genötigt sehen könnte, Frankreich zu schützen, trotzdem hier der lebhafte Wunsch bestehe, mit uns dauernd in freundschaftlichen Beziehungen zu bleiben. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß er im Aufträge und im Einverständnis Sir Edward Greys gehandelt hat, 224 und daß der Zweck seines Besuches war, uns davor zu warnen, uns etwa Österreich zuliebe in einen Krieg mit Rußland und Frankreich einzulassen. Dieselbe Warnung, wenn auch in etwas weniger verbindlicher Form, war im Sommer 1911 erfolgt, und zwar durch den Mund Mr. Lloyd Georges, als unser Erscheinen in Agadir hier den Verdacht erregt hatte, wir suchten nach einer Gelegenheit, um mit Frankreich anzubinden, und nachdem Sir Edward Grey durch mehrere Wochen vergeblich auf eine Aufklärung gewartet hatte. Auch von seiten Sir Edward Greys sind mir in den ersten Monaten meines Hierseins während des Balkankrieges wiederholt Andeutungen in dem Sinne gemacht worden, daß England in einem europäischen Kriege nicht müßig würde Zusehen können. Seine Bemerkungen waren nicht mißzuver- stehen, wenn es auch nur leise Andeutungen waren, und ich konnte bei jeder Gelegenheit beobachten, wie sehr er bestrebt war, jeder Zuspitzung der europäischen Lage vorzubeugen und auch andererseits allen Regungen des französischen Chauvinismus entgegenzutreten, um nicht genötigt zu sein, zugunsten Frankreichs einzugreifen. Es wäre nun sehr wunderbar, wenn diese Verhältnisse einem so gewiegten Diplomaten, wie Herr Cam- bon es ist, entgangen sein sollten, und wenn über so wichtige Fragen nie ein Meinungsaustausch zwischen ihm und Sir Edward Grey stattgefunden hätte. Ich bin vielmehr der Ansicht, daß mein französischer Kollege ebenso genau wie ich es weiß, daß man hier den Revanchekrieg ebensowenig zulassen will wie eine Wiederholung der Ereignisse der Jahre 1870/71. Bei einer so klaren Lage der Verhältnisse bedarf es keiner formellen Verpflichtungen oder schriftlichen 15 Lichnowsky II 225 Verträge; auch dürfte sich Sir Edward Grey gehütet haben, die Form des Schutzes näher zu bezeichnen, denn unter Umständen genügt ja schon die diplomatische Dazwischenkunft. Eine militärische Hilfe ist nicht unbedingt erforderlich und braucht daher gar nicht zugesichert zu werden. DieFranzosenwis- sen auch ohne feierliche Verpflichtung, daß sie im Falle eines deutschen Angriffs auf britische Unterstützung rechnen können. Das genügt. Nach der Rückkehr des Königs aus Paris hatte ich Gelegenheit, mich mit einer genau unterrichteten Persönlichkeit über den Verlauf der Reise und ihr Ergebnis zu unterhalten. Auf seine Versicherung, daß alles unverändert geblieben sei und keine Vereinbarungen getroffen wurden, ließ ich die Worte fallen „protection in case of aggression”; er nickte zustimmend. Lichnowsky, AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 29. 5. 1914 I n einem vermutlich aus der Feder des bekannten Professors Henri Spencer Wilkinson stammenden Leitartikel äußert sich die „Morning Post" heute in wenig freundlichen Worten zu den jüngsten Auslassungen Professor Schiemanns über die englischrussischen Beziehungen. Das Blatt spricht von einem Versuch, England die Pistole auf die Brust zu setzen und stellt die Schie- mannschen Anregungen den rücksichtslosen politischen Mitteln an die Seite, die Bismarck gegen die deutschen Staaten und später auch gegen Rußland angewendet habe. 226 Es bestehe heutzutage, so heißt es weiter in dem Artikel, große Bereitwilligkeit in England, im politischen Verkehr mit Deutschland die Vergangenheit ruhen zu lassen und auf der Grundlage freimütiger Offenheit neu zu beginnen. Dies werde gerade durch solche anmaßende Auslassungen, wie die Professor Schiemanns, erschwert. Ob England für oder gegen Deutschland sei, müsse ganz von dem Verhalten Deutschlands abhängen. Ein deutscher Angriff auf Frankreich müsse logischerweise England auf Frankreichs Seite finden. Hingegen glaube man in England nicht, daß man Frankreich zu einem Angriff auf Deutschland ermutigen solle. Das Interese der Selbsterhaltung fordere es im Falle eines solchen Angriffs nicht, Frankreich Unterstützung zu leisten. Der Artikel der „Kreuz-Zeitung“ hat hier in weiteren Kreisen sehr unangenehm berührt und dürfte eher geschadet als genützt haben. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 12. 6, 1914 estern wurde im Unterhause von ministerieller VJSeite an die Regierung die Anfrage gerichtet, ob Großbritannien und Rußland jüngst ein Marineabkommen abgeschlossen hätten, und ob Verhandlungen zwecks Abschluß einer solchen Vereinbarung unlängst zwischen den beiden Ländern stattgefunden hätten oder gegenwärtig im Gange seien. Sir Edward Grey nahm in seiner Antwort Bezug auf ähnliche im Vorjahre an die Regierung gerichtete Anfragen, Der Premierminister habe damals, so fuhr Sir Edward fort, geantwortet, es bestünden für den Fall des Ausbruchs eines Krieges zwischen euro- 15* 227 päischen Mächten keine unveröffentlichten Vereinbarungen, die die freie Entschließung der Regierung oder des Parlaments darüber, ob Großbritannien an einem Kriege teilnehmen wolle oder nicht, einengen oder hemmen würden. Diese Antwort sei heute ebenso zutreffend wie vor einem Jahre. Es seien seither keine Verhandlungen mit irgendeiner Macht abgeschlossen worden, die die fragliche Erklärung weniger zutreffend machen würden; keine derartigen Verhandlungen seien im Gange und es sei auch, soweit er urteilen könne, nicht wahrscheinlich, daß in solche eingetreten werden würde; wenn aber irgendein Abkommen abgeschlossen werden sollte, das eine Zurücknahme oder eine Abänderung der erwähnten letztjährigen Erklärung des Premierministers nötig machen sollte, so müßte dasselbe seiner Ansicht nach, und das würde wohl auch der Fall sein, dem Parlament vorgelegt werden. Die hiesigen Blätter enthalten sich heute in ihrer großen Mehrzahl jeglicher Bemerkungen zu der Erklärung des Ministers. Nur die beiden radikalen Blätter „Daily News“ und „Manchester Guardian“ äußern sich in kurzen Leitartikeln. Die erstgenannte Zeitung begrüßt die Worte Sir Edward Greys mit Genugtuung und meint, sie seien klar genug, um jeden Zweifel zu zerstreuen. England sei nicht im Schlepptau irgendeines anderen Landes. Es sei nicht der Vasall Rußlands, nicht der Verbündete Frankreichs und nicht der Feind Deutschlands. Die Erklärung sei eine heilsame Lektion für diejenigen englischen Preßleute, die glauben machen wollten, daß es eine „Tripelentente“ gebe, die dem Dreibund wesensgleich sei. Lichnowsky. 228 Siebzehnter Abschnitt VOR DER KATASTROPHE AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 24. 6. 1914 I ch benutzte meinen heutigen Besuch, um Sir Edward Grey den Dank Ew. Exzellenz für seine offenen und geraden Erklärungen im Unterhause auszusprechen, durch welche er den Gerüchten über ein angebliches englisch-russisches Marineabkommen entgegengetreten ist. Ich knüpfte hieran die Bemerkung, daß Ew. Exzellenz seine Ausführungen um so lebhafter begrüßt hätten, als dieselben nicht unwesentlich dazu beitrügen, die Befürchtungen zu zerstreuen, welche namentlich in neuester Zeit weite Kreise des deutschen Volkes hinsichtlich unserer auswärtigen Lage erfaßt hätten. In erster Linie sei es Rußland, welches dieser Beunruhigung und den daraus hervorgehenden Bestrebungen für eine weitere Vermehrung unserer Rüstungen Nahrung zuführe, und ich könne in dieser Hinsicht ganz besonders auf den Artikel der „Nowoje Wremja" verweisen, welcher in Deutschland unliebsames Aufsehen erregt hätte. Angesichts der Möglichkeit, daß ein Balkankrieg wiederum ausbräche und daß Rußland sich alsdann zu einer etwas aktiveren Auslandspolitik entschlösse, erschien es uns von größter Wichtigkeit, daß die intime Fühlung- 229 nähme, welche zwischen uns während der letzten Krise bestand, auch allen zukünftigen Ereignissen gegenüber aufrechterhalten bliebe, um auf Grundlage gemeinsamer Verabredung einer kriegerischen Politik erfolgreich begegnen zu können. Ich wies den Minister ferner darauf hin, daß nur durch die Aufrechterhaltung der bisherigen deutsch-britischen Intimität, gepaart mit unserer Überzeugung, daß er auch in Zukunft bestrebt sein werde, kraft seines weitreichenden Einflusses in Paris und Petersburg allen abenteuerlichen Regungen entgegenzutreten, es der Kaiserlichen Regierung möglich sein werde, das auch bei uns zeitweise überhandnehmende Rüstungsfieber niederzuhalten und den Rahmen der bestehenden Wehrgesetze einzuhalten. Ich vermied es dabei absichtlich, auf unser Flottengesetz näher einzugehen, da ich dieses heikle Thema mit dem Minister seit meiner Ankunft in London noch nie berührt habe und er auch es bisher sorgsam unterlassen hat, diesen Gegenstand mit mir zu erörtern. Der Minister nahm meine Eröffnungen mit sichtlicher Befriedigung zur Kenntnis und sagte, daß es ebenso sein Bestreben sei, mit uns auch ferner Hand in Hand zu gehen und allen auftretenden Fragen gegenüber in enger Fühlung zu bleiben. Er habe in dieser Absicht soeben mit mir die gegenwärtige orientalische Lage besprochen und glaube, daß dieser Weg für unsere beiderseitigen Ziele der geeignete sei. Was Rußland beträfe, so habe er nicht den geringsten Grund, an den friedlichen Absichten der russischen Regierung zu zweifeln. Daß Graf Benckendorff hier keine deutschfeindliche Politik betreibe, brauche er mich nicht erst zu versichern. Kaiser Nikolaus und Herr Sasonow sprächen sich stets in friedlichem Sinne Sir George W. Buchanan gegenüber aus; nur sei es nicht zu leugnen, daß Herr Sasonow den Wunsch hege, 230 gewissermaßen als Gegengewicht gegen den festgefügten Block des Dreibundes den Dreiverband etwas kräftiger in die Erscheinung treten zu lassen. Was aber den Artikel der „Nowoje Wremja" beträfe, auf den ich angespielt hätte, so sei er ihm, dem Minister, überhaupt nicht bekannt. Lachend fügte er hinzu, er habe erst gestern abend einen heftigen Angriff des gedachten Blattes gegen Großbritannien zu Gesicht bekommen wegen des persischen Ölabkommens. Was aber Frankreich anlange, so wisse er aus guter Quelle und würde in dieser Auffassung auch durch fremde, z. B. amerikanische Nachrichten bestärkt, daß die Franzosen nicht die geringste Lust zu einem Kriege verspürten. Es bestünden, so sagte mir Sir Edward, keine nicht veröffentlichten Abmachungen zwischen Großbritannien und den Verbandsgenossen. Er könne mir dies wiederholen, wie er es im Parlament erklärt habe, und er freue sich, hinzufügen zu können, daß von ihm aus niemals etwas geschehen werde, um diesem Verhältnis eine gegen Deutschland gerichtete Spitze zu geben. Er glaube auch, daß in den letzten Zeiten bei uns über diese Frage eine befriedigtere Auffassung Platz gegriffen habe. Er wolle aber mit mir ganz offen sein und wünsche nicht, daß ich mich zu irrigen Auffassungen verleiten ließe, und möchte daher die Gelegenheit benutzen, um mir zu sagen, daß trotz obiger Tatsachen sein Verhältnis zu den beiden Genossen nach wie vor ein sehr intimes sei und dasselbe nichts von seiner früheren Festigkeit eingebüßt habe. Über alle wichtigen Fragen stände er mit den betreffenden Regierungen in dauernder Fühlungnahme. Ich dankte dem Minister für seine vertrauensvollen Eröffnungen, die er in freundschaftlich-gemütlicher Form vortrug, und erwiderte, daß für uns kein Grund 231 vorläge, daran Anstoß zu nehmen, solange er seinen mächtigen Einfluß zugunsten des Friedens und der Mäßigung zum Ausdruck brächte. T . , , Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 6. 7. 1914 I ch besuchte heute nachmittag Sir Edward Grey und nahm dabei Gelegenheit, die gesamte europäische Lage mit ihm in vertraulichem Tone zu besprechen. Zunächst glaubte ich ihn darauf hinweisen zu sollen, daß die österreichisch-ungarisch-serbischen Beziehungen durch die Ermordung des Thronfolgers eine nicht unbedenkliche Zuspitzung erhalten hätten. Man könne es der k. u. k. Regierung nicht verübeln, wenn sie diese neue Herausforderung angesichts der Unterstützung, die die Verschwörer erwiesenermaßen aus Belgrad erhalten hätten, nicht ungesühnt lassen und von der serbischen Regierung Genugtuung verlangen würde. Ob und in welcher Form dies geschehe, sei mir zwar nicht bekannt, aber ich glaubte, daß es sich schon jetzt empfehlen würde, die Möglichkeit einer Verschärfung der Beziehungen zwischen Wien und Belgrad ins Auge zu fassen, damit er, Sir Edward, rechtzeitig in der Lage sei, seinen Einfluß in Petersburg dahin geltend zu machen, daß von dort auf Serbien im Sinne der Nachgiebigkeit gegenüber den österreichischen Forderungen gewirkt würde, Sir Edward schien in dieser Richtung noch keinerlei Nachrichten erhalten zu haben. Er verkannte jedoch nicht die Gefahr, die die Lage mit sich bringen könnte, und schien zu begreifen, daß es für einen leitenden österreichisch-ungarischen Staatsmann schwer sei, sich auf die Dauer aller energischeren Maßnahmen zu enthalten. Er versprach mir, auch über diese Frage 232 mit uns in Fühlung zu bleiben, enthielt sich aber vorläufig einer bestimmteren Meinungsäußerung. Sodann erwähnte ich unter Bezugnahme auf unsere letzte Unterhaltung, daß die gewaltigen Rüstungen Rußlands und gewisse andere Anzeichen, wie der Bau strategischer Bahnen, nach meinen letzten persönlichen Eindrücken in Berlin nicht verfehlt hätten, dort ein gewisses Unbehagen hervorzurufen. Die Stimmung Rußlands für uns und Österreich-Ungarn sei zweifellos keine freundliche. Diese Tatsachen, verbunden mit dem bosnischen Frevel, hätten bei uns eine etwas pessimistische Auffassung der auswärtigen Lage gezeitigt. Da wir aber überzeugt wären, daß wir uns mit der britischen Politik in dem Wunsche begegneten, den Frieden zu erhalten und die Gruppen einander zu nähern, so glaubte ich, durch eine Aussprache mit ihm den beiderseitigen Zwecken zu dienen. Sir Edward wiederholte mir ungefähr dasselbe, was er mir erst kürzlich gesagt hatte, nämlich, daß ihm keine Anzeichen einer deutschfeindlichen Stimmung in St. Petersburg bekannt seien. Noch weniger glaube er an kriegerische Absichten Rußlands, er wolle aber der Frage erneut seine Aufmerksamkeit zuwenden und mit mir gelegentlich darauf zurückkommen, da auch er den Wunsch hege, über alle Fragen der auswärtigen Politik mit uns in Fühlung zu bleiben. Zum Schlüsse sagte ich, er müsse mir gestatten, da ich ganz offen mit ihm sein wolle und ich es für wichtig hielte, daß er über unsere Auffassungen und Stimmungen genau unterrichtet sei, ein etwas heikles Thema in vertraulicher Weise zu berühren. Wir wüßten aus seinen Erklärungen, daß geheime Abmachungen politischer Natur zwischen England und Rußland nicht bestünden. Wir hätten selbstverständlich nicht den geringsten Anlaß, an der Richtigkeit seiner Worte zu zweifeln, bedauerten aber um so mehr, daß immer wieder Gerüchte auftauchten, welche von einer Flottenverständigung zu berichten wüßten, die ein beiderseitiges Zusammenwirken gegen uns im Kriegsfälle bezwecke. Ich wäre nicht in der Lage, die Richtigkeit dieser Gerüchte zu prüfen, könne mir aber wohl denken, daß etwaige Besprechungen der beiderseitigen Seebehörden nicht in den Rahmen politischer Abmachungen und bindender Verträge fielen, und daß sie daher mit seinen Erklärungen zu vereinbaren wären. In diesem Falle aber glaubte ich ihn darauf aufmerksam machen zu müssen, daß derartige Verabredungen notwendigerweise dazu beitragen würden, die in Rußland zweifellos bestehende nationalistische Strömung zu bestärken und andererseits bei uns das Verlangen nach vermehrten Rüstungen zu fördern und der Regierung es zu erschweren, den ihm bekannten, den Rahmen der gesetzlich festgelegten Aufwendungen überschreitenden Forderungen entgegenzutreten. Sir Edward entgegnete, ohne auf die von mir berührte Frage eines Flottenübereinkommens näher einzugehen, daß er mir bereits vor kurzem gesagt habe, daß kein neues oder geheimes Übereinkommen bestünde, daß aber die Beziehungen zu den Verbandsgenossen nichtsdestoweniger einen sehr intimen Charakter trügen. Aus seiner Zurückhaltung und der Bemerkung, daß er mit mir noch einmal auf die Angelegenheit zurückkommen wolle, konnte ich entnehmen, daß er sich die ganze Frage reiflich überlegen will, ehe er mir gegenüber zu meiner Anregung Stellung nimmt. Auf jeden Fall hat er eine Fühlungnahme der beiden Marinen für den Fall eines gemeinsamen Krieges nicht direkt in Abrede gestellt. Er betonte aber auch bei dieser Gelegenheit wieder, daß sein Bestre- 234 ben dahin ginge, die beiden Gruppen einander näherzubringen und dadurch europäischen Verwicklungen vorzubeugen und eine Verständigung über alle auftauchenden Fragen zu erleichtern. Der Minister stand sichtlich unter dem Eindruck meiner Eröffnungen und dankte mir für die offene Aussprache, die sich in gewohnter gemütlicher und freundschaftlicher Form vollzogen hatte. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 9. 7. 1914 S ir Edward Grey ließ mich heute zu sich bitten und gab mir zunächst Kenntnis von der Aufzeichnung, die er über unsere Unterredung gemacht hatte, die kurz vor meiner Reise nach Berlin und Kiel stattfand. Er sagte, er habe seinen damaligen Worten auch heute nichts hinzuzufügen und könne nur wiederholen, daß geheime Abmachungen zwischen Großbritannien einerseits und Frankreich und Rußland andererseits, welche Großbritannien im Falle eines europäischen Krieges Verpflichtungen auf erlegten, nicht bestünden. England wolle sich vollkommen freie Hand bewahren, um bei festländischen Verwicklungen nach eigenem Ermessen handeln zu können. Die Regierung habe gewissermaßen dem Parlament gegenüber die Verpflichtung übernommen, sich in keine geheimen Verbindlichkeiten einzulassen. Auf keinen Fall werde bei festländischen Verwicklungen die britische Regierung auf seiten des Angreifenden zu finden sein. Da er mich aber nicht habe irreführen wollen — as I did not want to mislead you —, habe er gleich hinzugefügt, daß nichtsdestoweniger seine Beziehungen zu den genannten Mächten nichts von ihrer früheren Innigkeit verloren hätten. Wenn auch also 235 keine Abmachungen bestünden, die irgendwelche Verpflichtungen auferlegten, so wolle er doch nicht in Abrede stellen, daß von Zeit zu Zeit Unterhaltungen (conversations) zwischen den beiderseitigen Marineoder Militärbehörden stattgefunden hätten, und zwar die erste schon im Jahre 1906, dann während der Marokkokrisis, als man hier geglaubt habe, wie er lachend hinzufügte, daß wir die Franzosen angreifen wollten. Aber auch diese Unterhaltungen, von denen er meist nichts Näheres gewußt habe, hätten durchaus keine aggressive Spitze, da die englische Politik nach wie vor auf Erhaltung des Friedens gerichtet sei und in eine sehr peinliche Lage käme, wenn ein europäischer Krieg ausbräche. Ich wiederholte dem Minister ungefähr dasselbe, was ich ihm schon neulich gesagt hatte, und gab ihm dann zu verstehen, daß es wünschenswert wäre, daß solche militärische Konversationen auf ein Mindestmaß beschränkt blieben, da sie sonst leicht zu unerwünschten Folgen führen könnten. Seit unserer letzten Unterhaltung, fügte Sir Edward hinzu, habe er sich über die Stimmung, die in Rußland uns gegenüber bestehe, eingehend erkundigt und keinen Grund zu einer beunruhigenden Auffassung gefunden; er schien auch bereit zu sein, falls wir es wünschten, in irgendeiner Form auf die Haltung Rußlands einzuwirken. Auch sei er bestrebt gewesen, für den Fall, daß das Wiener Kabinett sich genötigt sehe, infolge des Sarajewoer Mordes eine schärfere Haltung gegen Serbien einzunehmen, die russische Regierung bereits jetzt für eine ruhige Auffassung und versöhnliche Haltung gegen Österreich zu gewinnen. Sehr viel würde freilich, so meinte Sir Edward, von der Art der etwa gedachten Maßnahmen abhängen, und ob dieselben nicht das slawische Gefühl in einer Weise er- 236 regten, die es Herrn Sasonow unmöglich machen würde, dabei passiv zu bleiben. Im allgemeinen war der Minister in durchaus zuversichtlicher Stimmung und erklärte in heiterem Tone, keinen Grund zu haben zu einer pessimistischen Auffassung der Lage. Lichnowsky. DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON Berlin, 12. 7. 1914 D ie Untersuchung des Mordes von Sarajewo läßt immer deutlicher erkennen, daß die geistigen Urheber in politischen und militärischen Kreisen Belgrads sitzen. Es besteht die Möglichkeit, daß Österreich sich infolgedessen zu ernsteren Maßnahmen gegen Serbien entschließen und diese zu allgemeinen Komplikationen führen könnten. Wir wünschen unter allen Umständen Lokalisierung des Konflikts. Hierzu ist es nötig, daß die öffentliche Meinung in Europa es ihren Regierungen ermöglicht, der Austragung der Differenz zwischen Österreich und Serbien ohne Parteinahme zuzusehen. Es ist daher erforderlich, daß auch in der dortigen Presse schon jetzt eine Stimmung geschaffen wird, die in dem Attentat ebenso wie seinerzeit in der Ermordung des serbischen Königspaares den Ausfluß einer mit dem Kulturgewissen Europas unvereinbaren politischen Verbrechermoral sieht und die es begreiflich erscheinen läßt, daß die Nachbarmonarchie sich gegen diese dauernde Bedrohung von serbischer Seite zur Wehr setzt. Bitte in diesem Sinne tunlichst auf die dortige Presse einzuwirken, dabei aber sorgfältig alles vermeiden, was den Anschein erwecken könnte, als hetzten wir die Österreicher zum Krie ^ e ' Jagow. 237 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 14. 7. 1914 I ch habe bereits versucht, in diesem Sinne vertraulich und vorsichtig Fühlung zu nehmen, verspreche mir aber angesichts der bekannten Unabhängigkeit der hiesigen Presse derartigen Einwirkungen gegenüber nur wenig Erfolg. Es wird schwer halten, die gesamte serbische Nation als ein Volk von Bösewichten und Mördern zu brandmarken und ihm dadurch, wie der Lokalanzeiger bestrebt ist, die Sympathien des gesitteten Europas zu entziehen; noch schwerer aber die Serben, wie eine amtliche Persönlichkeit dem Wiener Vertreter des „Daily Telegraph" gegenüber tut, auf dieselbe Stufe zu stellen mit den Arabern in Ägypten und in Marokko oder mit den Indianern in Mexiko. Es ist vielmehr anzunehmen, daß die hiesigen Sympathien sich dem Serbentum sofort und in lebhafter Form zuwenden werden, sobald Österreich zur Gewalt greift, und daß die Ermordung des hier schon wegen seiner klerikalen Neigungen wenig beliebten Thronfolgers nur als ein Vorwand gelten wird, den man benutzt, um den unbequemen Nachbarn zu schädigen. Die britischen Sympathien, namentlich aber die der liberalen Partei, haben sich in Europa meist dem Nationalitätenprinzip zugewandt, bei den Kämpfen der Italiener gegen die österreichische, päpstliche oder bourbonische Herrschaft, und haben bei Balkankrisen gewöhnlich den dortigen Slawen gegolten. Sowohl während der Annexionskrisis als auch im vorigen Winter bei akuten Fragen neigte die hiesige öffentliche Meinung zur Parteinahme für Serbien und Montenegro, und es wäre daher damals schwer gefallen, die britische Zustimmung zu einem energischeren Vorgehen gegen König Nicolaus zu erlangen. So sehr man also auch eine unnachsichtige straf- 238 rechtliche Verfolgung der Mörder begreifen wird, so wenig, fürchte ich, wird die öffentliche Meinung dafür zu haben sein, daß man die Angelegenheit auf das politische Gebiet hinüberspielt und sie zum Ausgangspunkt militärischer Maßnahmen gegen ein Volk von Verbrechern macht. In diesem Falle dürfte auch das durch die innere Krise bereits geschwächte gegenwärtige Kabinett kaum die Kraft besitzen, um eine Politik zu unterstützen, die sowohl den ethischen Empfindungen der Nation als der Geschmacksrichtung der (liberalen) Partei widerspräche. T . , . Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 15. 7. 1914 I ch habe bereits versucht, sowohl durch wiederholte Besprechungen mit Sir E. Grey, über die ich berichtet, als auch durch vorsichtige Fühlungnahme mit der hiesigen Presse für eine günstige Beurteilung etwaiger sich als notwendig erweisender ernsterer Maßnahmen Österreichs gegen Serbien vorzuarbeiten. Sir E. Grey sagte, alles käme darauf an, welcher Art etwaige Eingriffe sein würden, keinesfalls dürfe eine Schmälerung des serbischen Gebietes in Frage kommen. Er hat auch, wie berichtet, sich daraufhin bemüht, in Petersburg zugunsten der österreichischen Ansprüche zu wirken. Sollte aber in Rußland infolge militärischer Maßnahmen Österreichs eine gewaltig erregte Bewegung entstehen, so würde er gar nicht in der Lage sein, die russische Politik in der Hand zu behalten, und wird schon mit Rücksicht auf die Mißstimmung, die gegen England augenblicklich in Rußland herrscht, und von der Graf Pourtales zu berichten weiß, auf russische Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen müssen. Der Minister wird jedenfalls, dessen bin ich gewiß, bei Ausbruch eines österreichisch-serbischen Streits 239 sein möglichstes tun, um Rußland zurückzuhalten. Ich glaube aber nicht, daß er dort, wie etwa in Paris, in der Lage ist, das entscheidende Wort zu sprechen. Was aber die hiesige öffentliche Meinung betrifft, so bedauere ich, die Ausführungen meines Telegramms voll aufrechterhalten und nachdrücklich vor Täuschungen warnen zu müssen. Trotz der Bomben der Mazzinisten, die in der Verfolgung ihrer politischen Zwecke kaum zartfühlender waren als die Mitglieder der Ochrana und bekanntlich auch vor Attentaten auf Allerhöchste und Höchste Häupter nicht zurückschreckten, wandte sich die hiesige öffentliche Meinung der italienischen Einheitsbewegung zu, feierte Garibaldi hier in überschwenglicher Form. Es gelang damals Österreich ebensowenig, der italienischen Bewegung den Todesstoß zu versetzen wie sich hier Sympathie zu erwerben, und ich bezweifle, daß das Serbentum zum Verzicht auf Betätigung seiner nationalen Ideale und Hoffnungen außerhalb seiner amtlichen Grenzen durch Aufwerfung der Machtfrage zu bewegen sein wird. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 16. 7. 1914 H eutige „Times" bringt Leitartikel über Österreich und Serbien und verurteilt auf das schärfste herausfordernde Haltung der Belgrader Presse, die der serbischen Sache die Sympathien des gebildeten Europas entfremdete. Das Blatt erwartet bereitwilliges Entgegenkommen serbischer Regierung zur Aufklärung des Verbrechens und Bürgschaft gegen fernere Unterstützung der revolutionären Bewegung. Gleichzeitig warnt das Blatt die Österreicher vor der Befolgung einer Politik, wie die militärischen Zeitschriften sie fordern, bei der alles zu verlieren und nichts 240 zu gewinnen sei. Die südslawische Frage, schwierigste aller österreichisch-ungarischen Probleme, könne niemals durch Gewalt gelöst werden oder durch Drohungen. Jeder Versuch in dieser Richtung würde vielmehr den europäischen Frieden gefährden. Die eigene Geschichte lehrt die Monarchie, wohin es führe, wenn sie die Politik der ruhigen Selbstbeherrschung verlasse. Ich wiederhole meine Auffassung, daß bei militärischen Maßnahmen gegen Serbien gesamte öffentliche Meinung gegen Österreich-Ungarn Stellung nehmen wird. Lichnowsky. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 16. 7. 1914 om Standpunkt des Grafen Berchtold ist es voll- V kommen begreiflich, daß er seine durch den Bu- karester Frieden stark erschütterte Stellung und den durch den Abfall Rumäniens verminderten Einfluß der Monarchie auf dem Balkan dadurch wieder zu heben gedenkt, daß er die jetzige verhältnismäßig günstige Gelegenheit zu einem Waffengange mit den Serben benutzt. Die leitenden militärischen Persönlichkeiten in Österreich haben bekanntlich schon seit längerer Zeit dahin gedrängt, das Ansehen der Monarchie durch einen Krieg zu befestigen. Einmal war es Italien, dem der Irredentismus ausgetrieben, ein andermal Serbien, das durch Kriegstaten ä la Prinz Eugen zur Entsagung und zu besseren Sitten gezwungen werden sollte. Ich begreife, wie gesagt, diesen Standpunkt der österreichischen Staatsleiter und würde in ihrer Lage vielleicht schon früher die serbischen Wirren dazu benutzt haben, um die südslawische Frage im habsburgischen Sinne zu lösen. Die erste Voraussetzung für eine derartige Politik 15 Lichnowsky II 241 müßte aber ein klares Programm sein, das auf der Erkenntnis beruht, daß der heutige staats- und völkerrechtliche Zustand innerhalb der serbo-kroatischen Völkerfamilie, der einen Teil dieser nur durch die Religion, nicht aber durch die Rasse gespaltenen Nation dem österreichischen, einen anderen dem ungarischen Staat, einen dritten der Gesamtmonarchie und einen vierten und fünften endlich unabhängigen Königreichen zuweist, auf die Dauer nicht haltbar ist. Denn das Bestreben, den geheiligten status quo aus Bequemlichkeitsgründen unter allen Umständen aufrechtzuerhalten, hat schon oft und so erst bei der jüngsten Balkankrise zu einem völligen Zusammenbruch des auf diesen Grundlagen erbauten politischen Kartenhauses geführt. Zunächst bezweifle ich nun, daß in Wien ein großzügiger Plan, der allein die Grundlagen einer dauernden Regelung der südslawischen Frage bieten würde, ich meine den Trialismus mit Einschluß Serbiens, gefaßt worden ist. Nach meiner Kenntnis der dortigen Verhältnisse glaube ich auch gar nicht, daß man in der Lage ist, eine derartige staatsrechtliche Umgestaltung der Monarchie in die Wege zu leiten. Denn es wäre hierzu vor allem der Widerstand Ungarns zu überwinden, das sich gegen eine Abtretung von Kroatien mit Fiume auf das äußerste wehren würde. Zur Durchführung eines derartigen Programms fehlt es in Wien auch an der hierzu geeigneten kraftvollen Persönlichkeit. Man sucht dort vielmehr meist nur den Bedürfnissen des Augenblicks zu genügen und ist froh, wenn die vielen politischen Schwierigkeiten, die niemals aussterben, da sie sich aus der Verschiedenartigkeit der Zusammensetzung des Reiches ergeben, so weit behoben sind, daß Aussicht besteht, wieder einige Monate fortwursteln zu können. 242 Eine militärische Züchtigung Serbiens hätte daher niemals den Zweck oder das Ergebnis einer befriedigenden Lösung der so überaus schwierigen südslawischen Frage, sondern bestenfalls den Erfolg, die mühsam beigelegte orientalische Frage von neuem ins Rollen gebracht zu haben, um Österreich eine moralische Genugtuung zu verschaffen. Ob Rußland und Rumänien hierbei müßig Zusehen und Österreich freie Hand lassen würden, werden Ew. Exzellenz besser zu beurteilen in der Lage sein als ich. Nach meinen hiesigen Eindrücken, namentlich aber nach den vertraulichen Unterhaltungen, die ich mit Sir Edward Grey gehabt habe, glaube ich, daß meine kürzlich in Berlin vertretenen Ansichten über die Absichten Rußlands uns gegenüber zutrafen. Sir Edward Grey versichert mir, daß man in Rußland nicht daran denke, mit uns Krieg führen zu wollen. Ähnliches sagt mir mein Vetter Graf Benckendorff. Eine gewisse antideutsche Stimmung kehre dort von Zeit zu Zeit regelmäßig wieder, das hänge mit dem slawischen Empfinden zusammen. Dieser Strömung gegenüber bestehe aber immer eine starke prodeutsche Partei. Weder der Kaiser noch irgendeine der maßgebenden Persönlichkeiten sei antideutsch und seit der Beilegung der Limanfrage sei keine ernste Verstimmung wieder eingetreten. Hingegen gab Graf Benckendorff offen zu, daß ein starkes antiösterreichisches Empfinden in Rußland bestehe. Es denke aber dort niemand daran, Teile von Österreich, wie etwa Galizien, erobern zu wollen. Ob angesichts dieser Stimmung es möglich sein würde, die russische Regierung beim österreichischserbischen Waffengange zur passiven Assistenz zu bewegen, vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich aber glaube, mit Bestimmtheit sagen zu können ist, daß es 16 * 243 nicht gelingen wird, im Kriegsfälle die öffentliche hiesige Meinung zuungunsten Serbiens zu beeinflussen, selbst durch Heraufbeschwörung der blutigen Schatten Dragas und ihres Buhlen, deren Beseitigung vom hiesigen Publikum schon längst vergessen ist und daher zu den historischen Ereignissen gehört, mit denen, soweit außerbritische Länder in Frage kommen, man hier im allgemeinen weniger Vertrautheit besitzt, als bei uns etwa der durchschnittliche Quartaner. Es frägt sich, ob es sich für uns empfiehlt, unsern Genossen in einer Politik zu unterstützen, bzw. eine Politik zu gewährleisten, die ich als eine abenteuerliche ansehe, da sie weder zu einer radikalen Lösung des Problems noch zu einer Vernichtung der großserbischen Bewegung führen wird. Wenn die k. und k. Polizei und die bosnischen Landesbehörden den Thronfolger durch eine „Allee von Bombenwerfern“ geführt haben, so kann ich darin keinen genügenden Grund erblicken, damit wir den berühmten pommerschen Grenadier für die österreichische Pandurenpolitik aufs Spiel setzen, nur damit das österreichische Selbstbewußtsein gekräftigt werde, das in diesem Falle, wie die Ära Aehrenthal nach der bosnischen Krise gezeigt hat, sich als vornehmste Aufgabe die möglichste Befreiung von der Berliner Bevormundung hinstellt. Sollte aber wirklich für unsere politische Haltung die Ansicht auschlaggebend sein, daß nach Verabreichung des „Todesstoßes“ an die großserbische Bewegung das glückliche Österreich, von dieser Sorge befreit, sich uns für die geleistete Hilfe dankbar erweisen wird, so möchte ich die Frage nicht unterdrücken, ob nach Niederwerfung des ungarischen Aufstandes durch die Hilfe des Kaisers Nikolaus und die vielseitige Inanspruchnahme des Galgens nach Be- zwingung der Ungarn bei Vilägos und unter der Oberleitung des kaiserlichen Generals Haynau die nationale Bewegung in Ungarn erdrückt wurde, und ob die rettende Tat des Zaren ein inniges und vertrauensvolles Verhältnis zwischen beiden Reichen begründet hat. Lichnowsky. DER STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN VON JAGOW AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON, FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 18. 7. 1914 Lieber Lichnowsky! I hr Urteil über unsere Politik, wie sie Ihr serbischer Bericht enthält, ist mir stets wertvoll, und ich glaube, daß der Reichskanzler darüber ebenso denkt. Ich stehe auch nicht an, viele Ihrer Bemerkungen als berechtigt anzuerkennen. Aber wir haben nun einmal ein Bündnis mit Österreich: hic Rhodus, hic salta. Auch darüber, ob wir bei dem Bündnis mit dem sich immer mehr zersetzenden Staatsgebilde an der Donau ganz auf unsere Rechnung kommen, läßt sich diskutieren, aber ich sage da mit dem Dichter — ich glaube, es war Busch —: „Wenn Dir die Gesellschaft nicht mehr paßt, such' Dir eine andere, wenn Du eine hast.“ Und zu einem vollen Erfolg bietenden Verhältnis zu England sind wir leider noch immer nicht gekommen, konnten nach allem, was vorausgegangen, auch gar nicht dazu kommen — wenn wir überhaupt je dazu kommen können. Österreich, welches durch seine mangelnde Aktionskraft mehr und mehr Einbuße an seinem Ansehen erlitten hat, zählt schon jetzt kaum mehr als vollwertige Großmacht. Die Balkankrise hat seine Stellung noch geschwächt. Durch dieses Zurückgehen der österreichischen Machtstellung ist auch unsere Bündnisgruppe entschieden geschwächt worden. 245 Österreich will sich die serbische Minierarbeit nicht mehr gefallen lassen, ebensowenig die fortgesetzt provokatorische Haltung des kleinen Nachbarn in Belgrad — siehe die Sprache der serbischen Presse und des Herrn Paschitchs. — Es erkennt wohl, daß es viele Gelegenheiten versäumt hat, und daß es jetzt noch handeln kann, in einigen Jahren vielleicht nicht mehr. Österreich will sich jetzt mit Serbien auseinandersetzen und hat uns dies mitgeteilt. Während der ganzen Balkankrise haben wir mit Erfolg im Sinne des Friedens vermittelt, ohne Österreich dabei in kritischen Momenten zur Passivität gezwungen zu haben. Daß wir trotzdem — zu Unrecht — in Österreich vielfach der Flaumacherei beschuldigt sind, ist mir gleichgültig. Wir haben auch jetzt Austria nicht zu seinem Entschluß getrieben. (?) Wir können und dürfen aber ihm nicht in den Arm fallen. Wenn wir das täten, könnte Österreich (und wir selbst) uns mit Recht vorwerfen, daß wir ihm seine letzte Möglichkeit politischer Rehabilitierung verkehrt haben. Dann würde der Prozeß seines Dahinsiechens und inneren Zerfalls noch beschleunigt. Seine Stellung im Balkan wäre für immer dahin. Daß eine absolute Stabilisierung der russischen Hegemonie im Balkan indirekt auch für uns nicht admissibel ist, werden Sie mir wohl zugeben. (?) Österreichs Erhaltung, und zwar eines möglichst starken Österreichs, ist für uns aus inneren und äußeren Gründen eine Notwendigkeit. Daß es sich nicht ewig wird erhalten lassen, will ich gern zugeben. Aber inzwischen lassen sich vielleicht Kombinationen finden. Wir müssen sehen, den Konflikt zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren. Ob dies gelingen kann, wird zunächst von Rußland und in zweiter Linie von dem mäßigenden Einfluß seiner Ententebrüder ab- 246 hängen. Je entschlossener sichösterreich zeigt, je energischer wir es stützen, umso eher wird Rußland still bleiben. Einiges Gepolter in Petersburg wird zwar nicht ausbleiben, aber im Grunde ist Rußland jetzt nicht schlagfertig. Frankreich und England werden jetzt auch den Krieg nicht wünschen. In einigen Jahren wird Rußland nach aller kompetenten Annahme schlagfertig sein. Dann erdrückt es uns durch die Zahl seiner Soldaten, dann hat es seine Ostseeflotte und seine strategischen Bahnen gebaut. Unsere Gruppe wird inzwischen immer schwächer. In Rußland weiß man es wohl, und will deshalb für einige Jahre absolut noch Ruhe. Ich glaube gern Ihrem Vetter Benckendorff, daß Rußland jetzt keinen Krieg mit uns will. Dasselbe versichert auch Sasonow, aber die Regierung in Rußland, die heute noch friedliebend und halbwegs deutschfreundlich ist, wird immer schwächer, die Stimmung des Slawentums immer deutschfeindlicher. Wie Rußland uns im Grunde behandelt, zeigt der vorige Herbst. Während der Balkankrise konnte es uns nicht genug danken für unsere beruhigende Einwirkung. Kaum war die akute Krise vorbei, begannen die Unfreundlichkeiten — wegen Liman usw. Läßt sich die Lokalisierung nicht erreichen und greift Rußland Österreich an, so tritt der casus foederis ein, so können wir Österreich nicht opfern. Wir ständen dann in einer nicht gerade proud zu nennenden Isolation. Ich will keinen Präventivkrieg, aber wenn der Kampf sich bietet, dürfen wir nicht kneifen. Ich hoffe und glaube auch heute noch, daß der Konflikt sich lokalisieren läßt. Englands Haltung wird dabei von großer Bedeutung sein. Ich bin vollständig 247 überzeugt, daß die öffentliche Meinung dort sich nicht für Österreichs Vorgehen begeistern wird, und erkenne alle ihre Argumente in dieser Hinsicht als richtig an. Aber man muß tun, was irgend möglich ist, daß sie sich nicht zu sehr für Serbien begeistert, denn von Sympathie und Antipathie bis zur Entfachung eines Weltbrandes ist doch noch ein weiter Weg. Sir Grey spricht immer von dem Gleichgewicht, das durch die beiden Mächtegruppen hergestellt wird. Er muß sich daher auch klar darüber sein, daß dieses Gleichgewicht total in die Brüche ginge, wenn Österreich von uns lächiert und von Rußland zertrümmert würde, und daß das Gleichgewicht auch durch einen Weltbrand erheblich ins Wanken gebracht würde. Er muß daher, wenn er logisch und ehrlich ist, uns beistehen, den Konflikt zu lokalisieren. Doch nun satis superque, es ist 1 Uhr nachts geworden. Wenn diese Ausführungen über unsere Politik Sie vielleicht auch nicht überzeugt haben mögen, so weiß ich doch, daß Sie letztere unterstützen werden. Mit besten Grüßen aufrichtigst der Ihre! Jagow. den 19, Juli. Eben erhalte ich Ihren Brief vom 17. Die Hauptsache ist durch obiges beantwortet. Der Urlaub zunächst eine cura posterior, wegen Kolonialabkommen antworte ich demnächst. J. AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG London, 17. 7. 1914 D ie heutige „WestminsterGazette" bringt den beiliegenden Leitartikel über die europäische Lage, der sich durch die ruhige und sachliche Erörterung des österreichisch-serbischen Gegensatzes auszeichnet. Bei den freundschaftlichen Beziehungen zwischen 248 dem Herausgeber Mr. Spender und Sir Edward Grey liegt die Annahme nicht fern, daß die Ansichten des Ministers dabei nicht ohne Einfluß gewesen sind, und daß meine wiederholten Besprechungen mit ihm dazu beigetragen haben, das Recht Österreichs auf Genugtuung zu berücksichtigen. Aber auchdieseregierungsfreundlicheStimme spricht die bestimmte Erwartung aus, daß die „ultima ratio“ vermieden werde. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 20. 7. 1914 G raf Benckendorff, mit dem ich gestern das weekend bei Lord Lansdowne verbrachte, sagte mir, er könne mich versichern, daß seine mir neulich mitgeteilten Ansichten über unser Verhältnis zu Rußland vollkommen den Auffassungen des Herrn Saso- now entsprächen. Man empfinde es sogar als eine Unbequemlichkeit, daß gerade jetzt der Besuch des Herrn Poincarö erfolge, habe ihm aber nicht abwink en können. In Rußland denke niemand an Krieg, die Rüstungen seien lediglich eine Folge aller übrigen und der gebesserten Finanzen. Es sei daher sehr bedauerlich, daß Mißstimmungen, die völlig unberechtigt seien, und wohl nur auf Klatsch und falschen Nachrichten beruhten, entstehen könnten. Eine offene Aussprache würde wohl am ehesten zum Ziel führen. In Belgrad werde nach Möglichkeit abgewiegelt. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 20. 7. 1914 B ei meinem heutigen Besuch entnahm ich den Äußerungen Sir E. Greys, daß er den österreichischserbischen Zwist vorläufig noch optimistisch beurteilt und an eine friedliche Lösung der Frage glaube. 249 Er sagte, er habe keine Nachrichten erhalten, die auf das Gegenteil hindeuteten. Ich wiederholte bei dieser Gelegenheit, daß ich überzeugt sei, Graf Berchtold werde nach genauer Untersuchung aller Vorgänge und an der Hand überzeugenden Materials sich genötigt sehen, Genugtuung von Serbien zu verlangen und Bürgschaft für die Zukunft, und daß ich hoffte, es werde dem Einfluß Rußlands und Englands gelingen, Serbien zur Erfüllung dieser berechtigten Forderungen zu veranlassen. Er entgegnete, daß alles darauf ankomme, welche Form von Genugtuung verlangt werde, und ob dies mit Mäßigung geschehe, namentlich aber auch, ob die gegen Serbien erhobenen Klagen auf beweiskräftiger Grundlage geltend gemacht würden. Auf diese Weise hoffe er, daß der Streit sich werde beilegen und begrenzen lassen, denn der Gedanke an einen Krieg zwischen europäischen Großmächten müsse unter allen Umständen zurückgewiesen werden. Der Minister hat übrigens in Wien erklären lassen, daß der neuliche Artikel in der „Westminster Gazette", über den ich berichtet habe, nicht von ihm veranlaßt worden sei, da er in Erfahrung gebracht, daß man ihn dort als Ermutigung zum Losschlagen auffasse. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 22. 7. 1914 S ir Edward Grey wird, wie ich vertraulich erfahre, dem Grafen Mensdorff morgen erklären, die britische Regierung werde sich bemühen, ihren Einfluß dahin zur Geltung zu bringen, daß die österreichischungarischen Forderungen, falls sie gemäßigt seien und sich mit der Selbständigkeit des serbischen Staates vereinbaren ließen, von der serbischen Regierung angenommen würden. Lichnowsky. 250 DER STAATSSEKRETÄR DEN KAISER darüber zu befinden steht ihm nicht zu, das ist Sache S. M. des Kaisers Franz Josef! ist ihre Sache! was ist leichtfertig? Wie kann Grey so ein Wort über den alten ehrwürdigen Herrn gebrauchen! DES AUSWÄRTIGEN AMTES AN Berlin, 23. 7. 1914 E w. M. Botschafter in London telegraphiert: „Sir Edward Grey wird, wie ich vertraulich erfahre, dem Grafen Mens- dorff morgen erklären, die britische Regierung werde ihren Einfluß dahin zur Geltung bringen, daß die österreichischungarischen Forderungen, falls sie gemäßigt seien und sich mit der Selbständigkeit des serbischen Staats vereinbaren ließen, von der serbischen Regierung angenommen würden. In ähnlichem Sinne glaube er auch, daß Sasonow seinen Einfluß in Belgrad geltend machen werde. Voraussetzung für diese Haltung sei aber, daß von Wien aus keine unbewiesenen Anklagen ä la Friedjung vorgebracht würden, und daß die österreichischungarische Regierung in der Lage sei, den Zusammenhang zwischen dem Mord von Sarajewo mit den politischen Kreisen Belgrads unzweideutig festzustellen. Alles hängt von der Art ab, wie man in Wien die Note gestalte und von den Ergebnissen der bisherigen Untersuchung. Auf Grund leichtfertiger Behauptungen sei es jedoch unmöglich, in Belgrad Vorstellungen zu machen. Ich bemühe mich unterdessen, hier dahin zu wirken, daß man mit Rücksicht auf das berechtigte Verlangen Österreichs nach einer Genugtuung gibt es nicht! Wie käme ich dazu! geht mich gamichts an! was heißt unerfüllbar? die Kerls haben Agitation mit Mord getrieben und müssen geduckt werden. Das ist eine ungeheuerliche Britische Unverschämtheit, Ich bin nicht berufen, a la Grey S, M, dem Kaiser Vorschriften über die Wahrung seiner Ehre zu machen! richtig! Das soll Grey aber recht ernst und deutlich gesagt werden! Damit er sieht, daß ich keinen Spaß verstehe. Grey begeht den Fehler, daß er Serbien mit öster- und endlichen Einstellung der dauernden Beunruhigungen für eine bedingungslose Annahme der österreichischen Forderungen eintritt, selbst wenn sie der nationalen Würde Serbiens nicht vollauf Rechnung tragen sollten. Ich begegne hierbei der Erwartung, daß es unserem Einfluß in Wien gelungen ist, unerfüllbare Forderungen zu unterdrücken. Man rechnet mit Bestimmtheit damit, daß wir mit Forderungen, die offenkundig den Zweck haben, den Krieg herbeizuführen, uns nicht identifizieren würden, und daß wir keine Politik unterstützen, die den Sarajewoer Mord nur als Vorwand benutzt für österreichische Balkanwünsche und für die Vernichtung des Friedens von Bukarest. Im übrigen hat mir Sir Edward Grey auch heute wieder sagen lassen, daß er in Petersburg bestrebt ist, im Sinne des österreichischen Standpunkts zu wirken. Es hat aber hier nicht angenehm berührt, daß Graf Berchtold es bisher ganz auffallend vermieden hat, mit Sir Maurice de Bunsen über die serbische Frage zu sprechen, Ew, M. Botschafter in London erhält Instruktion zur Regelung seiner Sprache, daß wir österreichische Forderungen nicht kannten, sie aber als interne Frage österreich-Un- garns betrachteten, auf die uns Einwirkung nicht zustande. Alleruntertänigst Jagow. 252 reich und anderen Großmächten auf eine Stufe stellt! Das ist unerhört! Serbien ist eine Räuberbande, die für Verbrechen gefaßt werden muß! Ich werde mich in nichts einmischen, was der Kaiser zu beurteilen allein befugt ist! Ich habe diese Depesche erwartet und sie überrascht mich nicht! Echt Britische Denkweise und herablassend befehlende Art, die ich abgewiesen haben will! Wilhelm, I. R. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 23. 7, 1914 ein italienischer Kollege sagte mir im Laufe einer 1 * 1. längeren vertraulichen Unterhaltung, es würde für jede italienische Regierung außerordentlich schwer sein, dem Lande gegenüber die Teilnahme an einem Kriege zu vertreten, welcher etwa die Eroberung oder Austriazisierung Serbiens bezwecke. Italien unterhalte lebhafte Handelsbeziehungen mit Serbien und habe gar kein Interesse daran, diese durch Österreich vernichtet zu sehen. Der Krieg würde also dem italienischen Interesse direkt zuwiderlaufen und wäre daher nur zu führen, wenn Österreich entsprechende Gegenleistungen in Aussicht stellte. Ich möchte bitten, diese Äußerungen als streng vertrauliche behandeln zu wollen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 23. 7. 1914 D er ehemalige rumänische Minister Take Jonescu, der augenblicklich hier weilt und mir von meiner Bukarester Zeit her bekannt ist, erzählte mir, Herr Sasonow habe dem König Karl bei seinem kürzlichen Besuch die bündigsten Erklärungen hinsichtlich der russischen Friedensliebe abgegeben. Auch habe der russische Minister sich jeder Anregung hinsichtlich eines engeren Einvernehmens mit Rumänien enthalten. Herr Sasonow habe aber in bestimmter Form erklärt, daß Rußland einen An- 253 griff Österreichs auf Serbien nicht dulden könne. Herr Take Jonescu meint, daß Rußland, falls Österreich serbisches Gebiet betrete, sich genötigt sehen werde, selbst auf die Gefahr einer Niederlage hin, militärisch einzugreifen. Aus Äußerungen des kürzlich, und zwar vor dem Attentat in Sarajewo in Bukarest gewesenen Botschafters Markgrafen Pallavicini will der rumänische Staatsmann entnommen haben, daß Österreich schon vor der Ermordung den Krieg gewünscht und auf eine passende Gelegenheit gewartet habe, um seine durch die Politik des Grafen Berchtold verlorengegangene Stellung auf dem Balkan wiederherzustellen. Auch er betrachtet die Lage als überaus ernst und gab mir zu verstehen, daß Rumänien bei einem neuen Balkankriege nicht gleichgültig bleiben könne und den Bukarester Frieden erhalten wissen wolle. Das Verhältnis zu Österreich bezeichnete Herr Take Jonescu als schlecht, der russische Besuch sei dem König Carol daher ungelegen gekommen, er habe ihn aber nicht abweisen können. Noch vor 14 Tagen sei Rumänien bereit gewesen, eine größere Truppenmacht nach Albanien zu senden, falls jede der Großmächte auch nur 100 Mann hinschicken wollte. Ob diese Bereitwilligkeit heute noch bestehe, könne er mir nicht sagen. Er glaube nicht, daß die aufständische Bewegung in Albanien von serbischer oder griechischer Seite genährt werde, sie sei vielmehr von den Jungtürken ausgegangen, die glaubten, daß bei neuen Verwicklungen wieder etwas für sie abfallen könne. Serbien wisse genau, daß man es nicht nach Nordalbanien lassen werde, und ihm sei der Fürst Wilhelm lieber wie eine österreichischitalienische Besetzung. T , , , Lichnowsky. 254 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 24. 7. 1914 raf Benckendorff suchte mich auf und sagte mir VJstreng vertraulich, er halte es für kaum möglich, der serbischen Regierung, falls sie nicht zu einem Vasallen Österreichs herbabsinken solle, die Annahme derartiger Bedingungen zu raten. Er glaube nicht, daß Rußland hierzu in der Lage sei. Es hieße doch so viel, wie die Serben bedingungslos in die Hände Österreichs ausliefern. Das würde die öffentliche Meinung in Rußland nicht vertragen. Eine solche Note schreibe doch nur eine Regierung, die den Krieg wolle; das sei nicht der Ton des Friedens. Sir E. Grey hat bisher nicht mit ihm gesprochen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 24. 7. 1914 S ir E. Grey ließ mich soeben zu sich bitten. Der Minister war sichtlich stark unter Eindruck der österreichischen Note, die seiner Ansicht nach alles überträfe, was er bisher in dieser Art jemals gesehen habe. Er sagte, er habe bisher keine Nachricht aus Petersburg und wisse daher nicht, wie man dort die Sache auffasse. Er bezweifelt aber sehr, daß es der russischen Regierung möglich sein werde, der serbischen Regierung die bedingungslose Annahme der österreichischen Forderungen anzuempfehlen. Ein Staat, der so etwas annehme, höre doch eigentlich auf, als selbständiger Staat zu zählen. Es sei für ihn, Sir E. Grey, auch schwer, in diesem Augenblick in Petersburg irgendwelche Ratschläge zu geben. Er könne nur hoffen, daß dort eine milde und ruhige Auffassung der Lage Platz greife. Solange es sich um einen, wie Eure Exzellenz in dem von mir Sir E. Grey gegenüber verwerteten Erlaß 1055 betonen, lokalisierten Streit zwischen Österreich und Serbien 255 handele, ginge ihn, Sir E. Grey, die Sache nichts an, anders würde die Frage aber, wenn die öffentliche Meinung in Rußland die Regierung zwinge, gegen Österreich vorzugehen. Auf meine Bemerkung, daß man die Balkanvölker nicht mit demselben Maßstabe messen dürfe wie europäische Kulturvölker, und daß man daher ihnen gegenüber, das habe schon die barbarische Art ihrer Kriegführung gezeigt, eine andere Sprache führen müsse, wie etwa gegen Briten und Deutsche, entgegnete der Minister, daß, wenn auch er diese Auffassung vielleicht teilen könne, er doch nicht glaube, daß sie in Rußland geteilt werde. Die Gefahreines europäischen Krieges sei, falls Österreich serbischen Boden betrete, in nächste Nähe gerückt. Die Folgen eines solchen Krieges zu vier, er betonte ausdrücklich die Zahl vier, und meinte damit Rußland, Österreich-Ungarn, Deutschland und Frankreich, seien vollkommen unabsehbar. Wie auch immer die Sache verlaufe, eines sei sicher, daß nämlich eine gänzliche Erschöpfung und Verarmung Platz greife, Industrie und Handel vernichtet und die Kapitalkraft zerstört würde, Revolutionäre Bewegungen wie im Jahre 1848 infolge der darniederliegenden Erwerbstätigkeit würden die Folge sein. Was Sir E. Grey am meisten beklagt, neben dem Ton der Note, ist die kurze Befristung, die den Krieg beinahe unvermeidlich mache. Er sagte mir, er würde bereit sein, mit uns zusammen im Sinne einer Fristverlängerung in Wien vorstellig zu werden, da sich dann vielleicht ein Ausweg finden lasse. Er bat mich, diesen Vorschlag Eurer Exzellenz zu übermitteln. Fernerregte eran, daßfür den Fall einer gefährlichen Spannung 256 zwischen Rußland und Österreich, die vier nicht unmittelbar beteiligten Staaten England, Deutschland, Frankreich und Italien zwischen Rußland und Österreich-Ungarn die Vermittlung übernehmen sollen. Auch diesen Vorschlag bat er mich, Eurer Exzellenz zu unterbreiten. Der Minister ist sichtlich bestrebt, alles zu tun, um einer europäischen Verwicklung vorzubeugen, und konnte sein lebhaftes Bedauern über den herausfordernden Ton der österreichischen Note und die kurze Befristung nicht verhehlen. Von anderer Seite wird mir im Foreign Office gesagt, daß man Grund zur Annahme habe, daß Österreich die Widerstandskraft Serbiens sehr unterschätze. Es werde auf jeden Fall ein langwieriger, erbitterter Kampf werden, der Österreich ungemein schwächen und an dem es sich verbluten werde. Auch will man wissen, daß die Haltung Rumäniens mehr als ungewiß sei, und daß man in Bukarest erklärt hätte, man würde gegen jeden sein, der angriffe. Lichnowsky. AN DEN STAATSSEKRETÄR DES AUSWÄRTIGEN AMTES (PRIVATBRIEF) London, 23. 7. 1914 Lieber Jagow! ielen Dank für Ihren Brief vom 18 ., der mich aber V leider nicht ganz hat überzeugen können. Allerdings haben wir ein Bündnis mit Österreich, und ich möchte gleich wiederholen, daß ich dasselbe für nützlich halte, wenn es auch vielleicht den Voraussetzungen nicht mehr vollständig entspricht, unter denen Bismarck es abgeschlossen hat. Bismarck stand unter dem Eindruck der Gefahr eines Revanche- 17 Lichnowsky II 257 krieges mit russischer Hilfe. Diese Gefahr besteht aus bekannten Gründen heute für uns nicht mehr in demselben Maße wie damals. Rußlands Interessengebiet hat sich nach Osten verschoben, wo immer neue Gebiete der russischen Machtentfaltung erschlossen werden und immer wieder Fragen auftauchen, die die russische Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Ich glaube nicht an den russischen Krieg, und zwar schon deshalb nicht, weil es doch ganz klar ist, daß Frankreich nur so lange der Vasall Rußlands bleiben wird und auch England nur so lange anderthalb Augen über das russische Vordringen in Asien schließen wird, als wir die Aufmerksamkeit beider in erster Linie in Anspruch nehmen. Welches Interesse hätte denn Rußland, um den Krieg zu machen? — Solange ich mich entsinnen kann, das heißt, solange ich mit der Diplomatie in Fühlung stehe, und das sind beinahe nun 30 Jahre, kann ich mich erinnern, daß es hieß, Rußland sei nicht fertig, werde aber in einigen Jahren fertig sein, und daß der Generalstab beunruhigt sei. Und immer war es nicht fertig, wenn diese Jahre herankamen, und so wird es auch wohl in Zukunft sein. Ebenso habe ich immer wieder die Frage des sogenannten prophylaktischen Kriegs erörtern hören. Schon Bismarck stand diesem Gedanken sehr skeptisch gegenüber und sagte zu Waldersee und anderen Militärs, die ihm die Notwendigkeit des prophylaktischen Krieges klarmachen wollten, er könne sich ohne Beweise nicht überzeugen lassen, und Beweise konnte niemand ihm liefern. Ich glaube auch heute nicht, daß wir mit Rußland einen Krieg werden führen müssen, wenn unsere Politik geschickt geleitet wird, am allerwenigsten aber glaube ich, daß durch einen prophylaktischen Krieg etwas anderes zu erreichen wäre, als daß wir uns 258 toairr. bestenfalls einen zweiten Nachbarn zum unversöhnlichen Feind gemacht hätten. Ich möchte aber nicht dahin verstanden werden, als ob ich etwa für eine Preisgabe Österreichs etwa zugunsten einer russischen oder gar einer englischen Freundschaft eintreten wollte. Die Erhaltung Österreichs ist uns von größter Wichtigkeit, nur müssen wir bei dem Bündnis der leitende, nicht aber der leidende Teil sein. Das Bündnis war doch als eine gegenseitige Versicherung gedacht gegen politische Wetterschäden, nicht aber als ein Zusammenschluß zu einer gemeinsamen politischen Firma. Wir müssen Österreich zwar schützen, es liegt aber nicht in unserem Interesse, es bei einer aktiven Balkanpolitik zu unterstützen, bei der wir alles zu verlieren und absolut nichts zu gewinnen haben. Welche Vorteile versprechen Sie sich denn für uns davon, daß das österreichische Ansehen auf dem Balkan und sonstwo gestärkt werde? Österreichs Bundeswert beruht doch vor allem auf seiner militärischen Leistungsfähigkeit, nicht aber auf seinem auswärtigen Prestige, und unsere Machtstellung ist groß genug, um der Dreibundgruppe auch trotz der diplomatischen Niederlagen des Grafen Berchtold Einfluß zu verschaffen. Was würden Sie dazu sagen, wenn England oder Rußland die Franzosen zur Wiederbelebung ihres doch tatsächlich sehr gesunkenen Ansehens zu einer aktiven und gefährlichen Auslandspolitik ermutigte? Gerade die verhältnismäßige Schwäche Frankreichs und die Angst vor uns sind die Faktoren, die es veranlassen, sich an England und Rußland anzuschmiegen und sich willfährig zu erweisen. Ähnlich ist es mit Österreich; ich will nicht sagen das geschwächte, wohl aber das geängstigte Österreich ist für uns ein bequemer Bundesgenosse, 17 * 259 •I das Zurückgehen des österreichischen Einflusses auf dem Balkan hat sich bisher in sehr vorteilhafter Weise für unsere dortigen wirtschaftlichen Interessen geltend gemacht. Wirtschaftlich sind wir und Österreich auf dem Balkan Rivalen, und überall tritt dort immer mehr und mehr, wie mir erst kürzlich ein leitender Wiener Finanzmann klagte, der deutsche Handel in die Stellung ein, die früher der österreichische innehatte. Ob man uns in Wien der Flaumacherei beschuldigt, ist doch vollkommen gleichgültig, geschimpft wird über uns dort stets, und mit der berühmten Nibelungentreue werden wir nachträglich doch nur ausgelacht. An den baldigen Zerfall Österreichs glaube ich aber ebensowenig wie an die Möglichkeit, der inneren Schwierigkeiten durch eine aktive Auslandspolitik Herr zu werden. Das südslawische Nationalgefühl und das Bedürfnis, sich zusammenzuschließen, kann durch einen Krieg nicht vernichtet werden und wird vielleicht nur um so heftiger in die Erscheinung treten. Durch ein aktives Vorgehen Österreichs aber werden gerade die Balkanstaaten noch mehr der russischen Hegemonie in die Arme getrieben, während sie sonst, wie das Beispiel von Rumänien und auch von Bulgarien zeigt, die Tendenz haben, sich auf eigene Füße zu stellen. Was schließlich die „Lokalisierung" des Streites anlangt, so werden Sie mir zugeben, daß sie, falls es zu einem Waffengange mit Serbien kommt, dem Gebiete der frommen Wünsche angehört. Es scheint mir also alles darauf anzukommen, daß die österreichischen Forderungen so formuliert werden, daß sie mit einigem Druck aus Petersburg und London in Belgrad annehmbar sind, nicht aber, daß sie notwendigerweise zu einem Kriege führen. Lichnowsky. 260 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 25, 7. 1914 erde mich entsprechend äußern. Auch hier Auf Wfassung verbreitet, daß uns zum mindesten moralische Mitverantwortung trifft, da ohne unsere Ermutigung derartige Note undenkbar wäre. Graf Mens- dorff weiß auch von entsprechenden Äußerungen Sr. M. des Kaisers und Königs und des Herrn Reichskanzlers zu berichten. Gesamteindruck hier geradezu vernichtend, ohne Beteiligung an vermittelnder Aktion wird das Vertrauen in uns und unsere Friedensliebe hier endgültig erschüttert sein. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 25. 7. 1914 M öchte dringend raten, Vorschlag Sir E. Greys betreffend Fristverlängerung nicht abzuweisen, da uns sonst Vorwurf hier treffen wird, nicht alles zur Erhaltung Friedens unversucht gelassen zu haben. Ablehnende Haltung könnte für spätere Stellungnahme Englands von großem Einfluß sein. Heutige „Morning Post", führendes konservatives Blatt, sagt bereits am Schluß eines, Österreichs Vorgehen verurteilenden Artikels, Note sei Herausforderung des Dreiverbandes und wolle England zwingen sich zu entscheiden, ob es weiterhin an europäischer Politik teilnehmen wolle. Trotz häuslicher Zwiste, die britische Nation bewegten, werde dieselbe geschlossen hinter Regierung stehen und ihren Kurs unterstützen, welcher Art dieser auch sei. Lichnowsky. London, 25. 7. 1914 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT Privat für Staatssekretär v. Jagow! I ch möchte Sie nochmals auf die Bedeutung des Greyschen Vorschlags der Vermittelung zu vieren zwischen Österreich und Rußland hinweisen. Ich 261 erblicke hierin die einzige Möglichkeit, einen Weltkrieg zu vermeiden, bei dem für uns alles auf dem Spiele steht und nichts zu gewinnen ist. Ablehnen wir, so wird auch Grey sich nicht mehr rühren, Solange wir noch nicht mobilisiert, ist die Vermittlung immer noch möglich und eine Beilegung des Streites, die für Österreich annehmbar ist. Unsere Ablehnung aber würde hier sehr verstimmen, und ich glaube nicht, daß, falls Frankreich hineingezogen wird, England gleichgültig bleiben dürfte. Ich rate noch einmal dringend dazu, den englischen Vorschlag anzunehmen und dies in Wien und Petersburg bekanntzugeben. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT abe soeben Sir E. Grey gesehen und Inhalt Telegramms Nr, 169 verwertet. Der Minister nahm meine Erklärungen mit vollem Verständnis für unseren Standpunkt entgegen. Ohne jede Gereiztheit oder Verstimmung und mit großer Ruhe besprach er mit mir abermals die gesamte Lage und schien wieder hoffnungvoller zu sein als gestern, da Graf Mensdorff ihm im Aufträge seiner Regierung mitgeteilt hat, daß Österreich nach Ablehnung seiner Forderungen zunächst nicht beabsichtige, die serbische Grenze zu überschreiten, sondern nur zu mobilisieren. Sir E. Grey ist vorläufig noch ohne Nachricht über die in Petersburg gefaßten Beschlüsse, rechnet aber mit Bestimmtheit darauf, daß der österreichischen Mobilisierung die russische folgen werde. Alsdann sei seiner Ansicht nach der Augenblick gekommen, um im Verein mit uns, Frankreich und Italien eine Vermittlung zwischen Österreich und Rußland eintreten zu lassen. Ohne unsere Mitwirkung, meinte er, sei jede Vermitt- Lichnowsky. London, 25. 7. 1914 262 lung aussichtslos, und könne er allein nicht an Russen und Österreicher herantreten. Ob Frankreich mit- machen wolle, wisse er noch nicht. Er habe mit Herrn Cambon gesprochen, aber noch keine Antwort erhalten, und ihm dabei gesagt, daß er mir den gleichen Vorschlag gemacht habe. Er rechnet bestimmt auf die Zusage Frankreichs, obwohl er nicht weiß, wie weit dieses schon mit Petersburg verpflichtet ist. Der Minister unterscheidet scharf, wie er mir wiederholte, zwischen dem österreichisch-serbischen und österreichisch-russischen Streit. In ersteren wolle er sich nicht mischen, da er ihn nichts angehe. Der österreichisch-russische Streit aber bedeute unter Umständen den Weltkrieg, den wir im vorigen Jahre durch die Botschafterkonferenzen gemeinsam hätten verhindern wollen. Europäische Verwicklungen aber seien auch für Großbritannien nicht gleichgültig, obwohl es durch keinerlei bindende Abmachungen verpflichtet wäre. Er wolle daher mit uns zusammen wie bisher, so auch jetzt, im Sinne der Erhaltung des europäischen Friedens Hand in Hand Vorgehen, und er hoffe von unserer beiderseitigen Vermittlung, der sich wohl auch Frankreich und Italien anschließen würden, die Verhütung eines österreichisch-russischen Krieges. Was die österreichische Note betreffe, so erkenne er das berechtigte Verlangen Österreichs nach Genugtuung vollkommen an, ebenso das Begehren nach Bestrafung aller mit dem Morde in Verbindung stehenden Personen, auf Einzelheiten der Note ließ er sich nicht ein, schien aber zu hoffen, daß es unserer Vermittlung gelingen werde, eine Einigung auch hierüber zu erzielen. 263 Ich erachte es als meine Pflicht, Eure Exzellenz darauf hinzu weisen, daß die hiesige Regierung meiner Überzeugung nach solange bestrebt sein wird, eine uns freundschaftliche und möglichst unparteiische Haltung einzunehmen, als sie an unsere aufrichtige Friedensliebe glaubt und an unser Bestreben, Hand in Hand mit England an der Abwendung des aufsteigenden europäischen Gewitters mitzuwirken. Die Zurückweisung seines Vorschlages aber, zwischen Österreich und Rußland zu vermitteln, oder eine schroffe Haltung, die zu der Annahme berechtigen könnte, daß wir den Krieg mit Rußland herbeiwünschen, würde wahrscheinlich zur Folge haben, England bedingungslos auf die Seite Frankreichs und Rußlands zu treiben. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 25. 7. 1914 rhalte soeben folgenden eigenhändigen Brief Sir J—^Edward Greys: Anbei den voraussichtlicheninhalt der serbischen Antwort, der mir soeben mitgeteilt worden ist. Es scheint mir, daß er einen günstigen Eindruck in Wien machen müßte, aber es ist schwer für jeden, der nicht Verbündeter ist, der österreichischen Regierung nahezulegen, wie sie diese Antwort auffassen solle. Ich hoffe, daß, wenn die serbische Antwort bei ihrem Eintreffen in Wien diesen voraussichtlichen Inhalt entspricht, die deutsche Regierung es für möglich erachten wird, die österreichische Regierung dahin zu beeinflussen, daß sie diese Antwort günstig auffaßt. Lichnowsky. 264 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 25. 7. 1914 I m Anschluß an Telegramm Nr. 156. — Anlage zum Brief Sir Edward Greys: „Telegramm von Hr. Crackanthorpe, Belgrad, 25. Juli 1914. Der Ministerrat entwirft jetzt die Anwort auf die österreichische Note. Ich erfahre vom Unterstaatssekretär des Auswärtigen, daß sie in versöhnlicher Form gehalten sein und soweit als möglich den österreichischen Forderungen entgegenkommen wird. Der Unterstaatssekretär gab mir im voraus eine kurze Inhaltsangabe der beabsichtigten Erwiderung. Die serbische Regierung stimmt darin der Veröffentlichung einer Erklärung in ihrem offiziellen Organ zu und nimmt die zehn Punkte unter Vorbehalten an. Sie stimmt der Entlassung und gerichtlichen Verfolgung der Beamten zu, deren Schuld klar nachgewiesen werden kann, und sie hat schon den in der österreichischen Note be- zeichneten Offizier verhaften lassen. Sie erklärt sich bereit, eine gemischte Untersuchungskommission zuzugestehen, vorausgesetzt, daß nachgewiesen werden kann, daß die Einsetzung einer solchen Kommission mit dem internationalen Brauch in Übereinstimmung steht. Lichnowsky. DER REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON, FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 26. 7. 1914 Ö sterreich hat Rußland offiziell erklärt, daß es keinen territorialen Gewinn in Serbien beabsichtigte und seinerseits Bestand des Königreichs nicht antasten, sondern nur Ruhe schaffen wolle. Nach hier von vertrauenswürdiger Seite eingelangten, allerdings noch nicht verbürgten Nachrichten steht in Rußland Einberufung mehrerer Reservistenjahrgänge un- 265 mittelbar bevor, was einer Mobilisierung auch gegen uns gleichkommen würde. Sollten sich diese Nachrichten bewahrheiten, so würden wir gegen unseren Wunsch zu Gegenmaßregeln gezwungen werden. Unser Streben geht auch heute dahin, den Konflikt zu lokalisieren und den europäischen Frieden zu erhalten. Wir bitten daher Sir Edward Grey, in diesem Sinne in Petersburg zu wirken. Bethmann Hollweg AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 26. 7. 1914 P rinz Heinrich bittet mich, Eure Exzellenz zu melden, Seine Majestät der König habe ihm den lebhaften Wunsch zu erkennen gegeben, daß es der britisch-deutschen Gemeinschaft unter Zutritt Frankreichs und Italiens gelingen möge, der so überaus ernsten Lage im Sinne des Friedens Herr zu werden. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 26. 7. 1914 H eute Sonntag niemand im Foreign Office zu sprechen, kann daher Auftrag vor morgen nicht ausrichten. Bezweifle, daß Sir E. Grey in der Lage, in Rußland im gedachten Sinne zu wirken, da nach Erscheinen österreichischer Forderungen hier niemand mehr an Möglichkeit glaubt, Konflikt zu lokalisieren. Daß aus derartigem Vorgehen Öster- reichs Weltkrieg hervorgehen muß, hat hier niemand bezweifelt. Halte Augenblick für gekommen, Vermittlung im Sinne Sir E. Grey eintreten zu lassen, was allerdings wohl zur Voraussetzung hätte, daß Österreich bereit, auf weitere Lorbeeren zu verzichten. Lichnowsky. 266 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 26, 7. 1914 H abe soeben mit Sir A. Nicolson und Sir W. Tyrrell gesprochen. Nach hier vorliegenden Nachrichten steht allgemeine Einberufung russischer Reservisten nicht bevor, sondern nur partielle Mobilisierung fern unseren Grenzen. Beide Herren erblicken im Vorschläge Sir E. Greys, hier Konferenz zu vier abzuhalten, einzige Möglichkeit, allgemeinen Krieg zu vermeiden und hoffen, daß es hierbei gelingen werde, Österreich volle Genugtuung zu verschaffen, da Serbien eher geneigt sein würde, dem Drucke der Mächte zu weichen und sich in deren vereinten Willen zu fügen als den Drohungen Österreichs. Unbedingte Voraussetzung sei aber für Gelingen der Konferenz und für Erhaltung Friedens, daß alle militärischen Bewegungen unterblieben. Sei erst serbische Grenze überschritten, so wäre alles verloren, denn keine russische Regierung würde dies dulden können und zum Angriff gegen Österreich zu schreiten gezwungen sein, falls sie nicht ihre Stellung bei den Balkanstaaten für immer verlustig gehen wollte. Sir W. Tyrrell, der Sir E. Grey noch gestern abend gesehen hat und von dessen Ansichten genau unterrichtet ist, wies mich wiederholt und mit Nachdruck auf die ungeheure Wichtigkeit hin, daß bis zur Erledigung der Konferenzfrage serbisches Gebiet nicht berührt werde, da sonst alle Bemühungen vergeblich und der Weltkrieg unabwendbar sei. Die in Berlin erhoffte Lokalisierung des Konflikts sei vollkommen unmöglich und müsse aus der praktischen Politik ausscheiden. Gelänge uns beiden, Seiner Majestät dem Kaiser bezw, dessenRegierungundVertreternim Verein mit Sir E. Grey, den europäischen 267 Frieden zu retten, so seien die deutschenglischen Beziehungen für immerwährende Zeiten auf eine sichere Grundlage gestellt. Gelänge dies nicht, so stehe alles in Frage. Ich möchte dringend davor warnen, an die Möglichkeit der Lokalisierung auch fernerhin zu glauben, und die gehorsamste Bitte aussprechen, unsere Haltung einzig und allein von der Notwendigkeit leiten zu lassen, dem deutschen Volk einen Kampf zu ersparen, beidem es nichts zugewinnen und alles zu verlieren hat. Sir E. Grey kehrt heute abend zurück. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 26. 7. 1914 W/ie ich im Foreign Office vertraulich höre, ist die WStimmung in Italien nach den dort vorliegenden Nachrichten derart gegen eine Beteiligung am Kriege, daß die Regierung es nicht wagen würde, aktiv einzugreifen. Die von Wien aus verbreitete Nachricht, Italien habe seine Zustimmung ausgesprochen und bundesgemäße Zusagen gemacht, entspräche nicht den Tatsachen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 27. 7. 1914 S ir E. Grey ließ mich soeben kommen und bat mich, Eure Exzellenz nachstehendes zu übermitteln. Der serbische Geschäftsträger habe ihm soeben den Wortlaut der serbischen Antwort auf die österreichische Note übermittelt. Aus derselben gehe hervor, daß Serbien den österreichischen Forderungen in einem Umfange entgegengekommen sei, wie er es niemals für möglich gehalten habe; bis auf einen 268 Punkt, der Teilnahme österreichischer Beamter an den gerichtlichen Untersuchungen, habe Serbien tatsächlich in alles eingewilligt, was von ihm verlangt worden sei. Es sei klar, daß diese Nachgiebigkeit Serbiens lediglich auf einen Druck von Petersburg zurückzuführen sei. Begnüge sich Österreich nicht mit dieser Antwort, bezw. werde diese Antwort in Wien nicht als Grundlage für friedliche Unterhandlungen betrachtet, oder gehe Österreich gar zur Besetzung von Belgrad vor, das vollkommen wehrlos daliegt, so sei es vollkommen klar, daß Österreich nur nach einem Vorwand suche, um Serbien zu erdrücken. In Serbien solle aber alsdann Rußland getroffen werden und der russische Einfluß auf dem Balkan. Es sei klar, daß Rußland dem nicht gleichgültig Zusehen könne und es als eine direkte Herausforderung auffassen müsse. Daraus würde der fürchterlichste Krieg entstehen, den Europa jemals gesehen habe, und niemand wisse, wohin ein solcher Krieg führen könne. Wir hätten uns, so meinte der Minister, wiederholt und so noch gestern mit der Bitte an ihn gewandt, in Petersburg in mäßigendem Sinne vorstellig zu werden. Er habe diesen Bitten stets gern entsprochen und sich während der letzten Krise Vorwürfe aus Rußland zugezogen, daß er sich zu sehr auf unsere und zu wenig auf ihre Seite stelle. Nun wende er sich mit der Bitte an uns, unseren Einfluß in Wien dahin zur Geltung zu bringen, daß man die Antwort aus Belgrad entweder als genügend betrachte oder aber als Grundlage für Besprechungen. Er sei überzeugt, daß es in unserer Hand liege, durch entsprechende Vorstellungen die Sache zu erledigen, und er betrachte es als eine gute Vorbedeutung für die Zukunft, wenn es uns beiden abermals gelänge, durch unseren beiderseitigen Einfluß auf unsere Verbündeten den Frieden Europas gesichert zu haben. Ich fand den Minister zum ersten Male verstimmt. Er sprach mit großem Ernst und schien von uns auf das Bestimmteste zu erwarten, daß es unserem Einfluß gelingen möge, die Frage beizulegen. Er wird auch heute ein statement im House of Commons machen, worin er seinen Standpunkt zum Ausdruck bringt. Auf jeden Fall bin ich der Überzeugung, daß, falls es jetzt doch noch zum Kriege käme, wir mit den englischen Sympathien und der britischen Unterstützung nicht mehr zu rechnen hätten, da man in dem Vorgehen Österreichs alle Zeichen üblen Willens erblicken würde. Auch ist hier alle Welt davon überzeugt, und ich höre es auch aus dem Munde meiner Kollegen, daß der Schlüssel der Lage in Berlin liegt, und falls man dort den Flieden ernstlich will, Österreich davon abzuhalten sein wird, eine, wie Sir E. Grey sich ausdrückt, tollkühne Politik zu treiben. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 27. 7. 1914 I m Anschluß an mein heutiges Telegramm möchte ich hervorheben, daß von dem Erfolge dieses Schrittes Sir Edward Greys unsere gesamten zukünftigen Beziehungen zu England abhängen. Gelingt es dem Minister in diesem bedeutsamen Augenblick, in dem zweiffellos trotz aller innerer Spaltungen die gesamte britische Nation hinter ihm steht, durch unser Eingehen auf sein Bitten eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern, so stehe ich dafür ein, daß unsere Beziehungen zu Großbritannien auf unabsehbare Zeit den vertrauensvollen und 270 intimen Charakter tragen werden, der sie seit anderthalb Jahren kennzeichnet. Die britische Regierung, ob liberal oder konservativ, sieht in der Erhaltung des europäischen Friedens auf Grundlage des Gleichgewichts der Gruppen ihr vornehmstes Interesse, und die Überzeugung, daß es lediglich von uns abhängt, ob Österreich durch eine hartnäckige Prestigepolitik den europäischen Frieden gefährdet, bringt es mit sich, daß jede entgegenkommende Haltung Österreichs als ein Beweis unseres aufrichtigen Wunsches, mit Großbritannien vereint einen europäischen Krieg zu verhindern, zugunsten unserer Freundschaft mit England und unserer Friedensliebe gedeutet werden wird. Sollten wir hingegen unsere Sympathien für Österreich und der Korrektheit unserer Bundesverpflichtungen eine so weitgehende Auffassung zugrunde legen, daß alle übrigen Gesichtspunkte dagegen zurücktreten, und sogar den wichtigsten Punkt unserer Auslandspolitik — unser Verhältnis zu England — den Sonderinteressen unseres Bundesgenossen unterordnen, so glaube ich, daß es niemals mehr möglich sein wird, diejenigen Fäden wieder anzuknüpfen, welche in der letzten Zeit uns verbunden haben. Der Eindruck greift hier immer mehr Platz, und das habe ich aus meiner Unterredung mit Sir Edward Grey deutlich entnommen, daß die ganze serbische Frage sich auf eine Kraftprobe zwischerf Dreibund und Dreiverband zuspitzt. Sollte daher die Absicht Österreichs, den gegenwärtigen Anlaß zu benutzen, um Serbien niederzuwerfen (to crush Servia, wie Sir E. Grey sich ausdrückte), immer offenkundiger in Erscheinung treten, so wird England, dessen bin ichgewiß, sichunbedingt auf SeiteFrank- reichs und Rußlands stellen, um zu zeigen, 271 daß es nicht gewillt ist, eine moralische oder gar militärische Niederlage seiner Gruppe zu dulden. K ommt es unter diesen Umständen zum Krieg, so werden wir England gegen uns haben. Denn die Empfindung, daß der Krieg angesichts des weitgehenden Entgegenkommens der serbischen Regierung sich hätte vermeiden lassen, wird für die Haltung der britischen Regierung von ausschlaggebender Bedeutung sein. Lichnowsky AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 27. 7. 1914 lerdings unterscheidet der Minister scharf zwi- jfjL sehen österreichisch-serbischen und österreichischrussischem Konflikt, d. h. er wollte sich in den österreichisch - serbischen solange nicht einmischen, als aus demselben sich nicht ein österreichisch-russischer entwickelt hatte. Solange es ein österreichisch-serbischer bliebe, hielte er sich zurück. Jetzt aber sieht er sich genötigt einzugreifen, da daraus ein österreichisch-russischer und somit ein europäischer zu werden droht. Der österreichisch-russische läßt sich demnach vom österreichisch-serbischen gar nicht trennen, da ersterer auf letzterem beruht, und in diesem Sinne sprach auch der Minister mit mir. Eine Verständigung zwischen Österreich und Rußland beruht auf Beilegung des österreichisch-serbischen Zwistes. Ohne diese Beilegung erscheint nach hiesiger Auffassung jeder Vermittlungsversuch ganz aussichtslos. Wie soll ich für Lokalisierung des Konflikts ein- treten, wenn hier niemand daran zweifelt, daß durch das Vorgehen Österreich-Ungarns ernste russische Interessen auf dem Spiele stehen, und daß Rußland sich, falls von uns aus kein Druck auf Österreich ausgeübt wird, selbst gegen seinen Wunsch zum Ein- 272 schreiten genötigt sehen wird? Ich errege damit nur Heiterkeit und Achselzucken. Sollte sich Einigung zwischen Wien und Petersburg auf Grundlage der österreichischen Note erzielen lassen unter Vermeidung militärischer Maßnahmen gegen Serbien, so wäre alles erreicht, was Sir E. Grey erstrebt. Was er vermeiden möchte, ist Österreichs Waffengang gegen Serbien, weil er von diesem Störung europäischen Friedens befürchtet. Er bestätigt mir übrigens heute, daß keine russische Einberufung der Reserven stattfinde. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 28. 7. 1914 D ie Mitglieder der hiesigen österreichischen Botschaft, einschließlich des Grafen Mensdorff, haben in ihren Gesprächen mit den Mitgliedern der Botschaft und mit mir nie das geringste Hehl daraus gemacht, daß es Österreich lediglich auf Niederwerfung Serbiens ankomme, und daß die Note absichtlich so gefaßt wurde, daß sie abgelehnt werden mußte. Als die Nachricht am Sonnabendabend hier von der „Central News“ verbreitet wurde, Serbien habe nachgegeben, waren die genannten Herren geradezu niedergeschmettert. Graf Mensdorff sagte mir gestern noch vertraulich, man wolle in Wien unbedingt den Krieg, da Serbien „niedergebegelt“ werden solle. Auch erzählten die genannten Herren, man beabsichtige, Teile von Serbien an Bulgarien (und vermutlich auch an Albanien) zu verschenken. Ich möchte aber dringend bitten, diese Äußerungen nicht in Wien zu verwerten, da ich meine freundschaftlichen Beziehungen zu Graf Mensdorff nicht aufs Spiel setzen will. Ob die Herren sich auch anderen Personen gegenüber in ihren Gesprächen ähnlich äußerten, weiß ich nicht, die An- 13 Lichnowsky II 273 nähme dürfte aber nicht unberechtigt sein, daß es sich nicht bloß um so harmlose, pädagogische Monita handeln sollte, zu denen die mangelhafte Vigilanz des polnischen Schwätzers Bilinski den Anstoß gab. Ich bin hier stets energisch für den österreichischen Standpunkt eingetreten und habe den Herren Sir E. Grey und Sir W. Tyrrell auseinandergesetzt, daß schon der Selbsterhaltungstrieb den Grafen Berchtold veranlassen müßte, eine aktive Tätigkeit zu entfalten, da er und Österreich sonst in eine unhaltbare Stellung gerieten. Das haben sie auch eingesehen, und ich glaube, daß die bisherige objektive Haltung der hiesigen Regierung nicht zum geringsten Teil auf unseren vertrauensvollen Beziehungen beruht. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 29. 7. 1914 B ei meinem heutigen Besuch auf dem Foreign Office hatte ich eine kurze Unterredung mit Sir W. Tyrrell, der nach Sir E. Grey heute zweifellos die einflußreichste und unterrichtetste Persönlichkeit dort ist. Er gab mir wiederum zu verstehen, daß nach ihren Nachrichten der Dreibund die Probe eines Weltkriegs nicht bestehen würde. Er wisse, daß Italien sich an einem wegen Serbien ausgebrochenen Weltkrieg nicht beteiligen würde, und wir sollten uns durch anderslautende amtliche Nachrichten nicht täuschen lassen. Ich vermute, daß diese Auffassung auf der Berichterstattung Sir Renel Rodds beruht, und ich hatte nicht den Eindruck, daß Sir W. Tyrrell sie erfunden hat, um uns einzuschüchtern. Lichnowsky. 274 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 29. 7. 1914 H abe soeben mit Sir E. Grey gesprochen, der die Lage überaus ernst beurteilt. Den unangenehmsten Eindruck hat auf ihn ein gestriges Telegramm Sir Maurice de Bunsens gemacht, wonach Graf Berchtold Vorschlag Sasonows, Graf Szäpäry zu ermächtigen, mit ihm in Besprechungen des serbisch - österreichischen Streits einzugehen, unbedingt abgelehnt habe. Minister betrachtet auch heutigen direkten Gedankenaustausch zwischen Wien und Petersburg für den gangbarsten Weg, fragte mich aber, was geschehen soll, wenn, wie es nach dem Wiener Telegramm den Anschein habe, die Besprechungen zusammenbrechen. Ob wir alsdann in der Lage seien, irgendeinen Vorschlag zu machen? Er habe die Konferenz der hiesigen Botschafter angeregt, die uns nicht als gangbar erscheine, wir hätten die Vermittlung zu vieren aber angenommen, und er würde froh sein, wenn wir in der Lage wären, irgendeinen Vorschlag zu machen. Ich sagte, wir betrachten den österreichisch-serbischen Zwist als eine Angelegenheit, in die wir uns nicht hineinmischen wollten, wir könnten auch Österreich keine Demütigungen zumuten. Österreich tue nur das, was es tun müsse, um an seiner Grenze Ruhe und Ordnung zu schaffen. Das sei auch gleichzeitig ein Interesese des europäischen Friedens. Auch beabsichtige Österreich keinen territorialen Erwerb, sondern nur die Herstellung erträglichen Zustandes. Er entgegnete, er begreife vollkommen, daß Österreich nicht gedemütigt werden dürfe, davon könne nicht die Rede sein. Er hoffe, daß sich ein Ausweg finden lasse, der es Österreich ermögliche, volle Genugtuung zu bekommen, ohne daß es Rußland zumute, ruhig zuzusehen, bis Österreich an das äußerste Ende seiner kriegerischen Unternehmungen gelangt 18=» 275 sei. Das wäre gleichbedeutend mit einer Demütigung Rußlands, die letzteres unmöglich hinnehmen könne. Ich entgegnete, daß Rußland um so weniger Anlaß habe, sich in diesen grenznachbarlichen Streit einzumischen, als Österreich Serbien nicht zu annektieren beabsichtige. Er entgegnete, daß es ohne Annexion auch eine Form gebe, die Serbien in einen Vasallenstaat Österreichs verwandeln würde. Das könne und werde Rußland niemals mit ansehen. Rußlands Stellung bei der orthodoxen Christenheit stände auf dem Spiel. Er ließ hierbei den Gedanken fallen, ob es denn nicht möglich sei, über die Ausdehnungen der militärischen Operationen Österreichs und über die Forderungen der Monarchie eine Verständigung herbeizuführen? Aus den heutigen Ausführungen des Ministers entnahm ich von neuem, daß man hier fest davon überzeugt ist, wie ich mich wiederholt beehrt habe, Eure Exzellenz zu berichten, daß ohne die Bereitwilligkeit Österreichs, in eine Erörterung der serbischen Frage einzutreten, der Weltkrieg unvermeidlich sein wird. Sir E. Grey ließ hierbei halb im Scherz die Bemerkung fallen, man könne nie wissen, welche Häuser bei einem derartigen Brand unversehrt bleiben würden, jetzt rüste sogar schon das kleine Holland. Der Minister war sichtlich erfreut über meine Mitteilung, daß Eure Exzellenz bisher mit gutem Erfolg bestrebt gewesen sind, zwischen Wien und Petersburg zu vermitteln und erklärte sich zu jeder Beteiligung bereit, die Aussicht auf Erfolg verspräche. Ich bat den Minister von neuem, in Petersburg vor übereilten Entschlüssen zu warnen und namentlich zu verhindern, daß dort eine allgemeine Mobilmachung 276 Platz greife, die auch unsere Grenze berühren würde. Die Folgen müßten unabsehbar sein. Der Minister versprach mir wiederum, in diesem Sinne zu wirken und dafür zu sorgen, daß die Köpfe möglichst kühl bleiben. Schließlich teilte mir der Minister mit, daß der serbische Geschäftsträger in Rom dem Marquis di San Giuliano erklärt habe, daß, unter der Voraussetzung gewisser Erläuterung der Art der Beteiligung österreichischer Agenten, Serbien geneigt sein würde, auch die Artikel 5 und 6 der österreichischen Note, mithin also alle Forderungen zu schlucken. Da nicht anzunehmen wäre, daß Österreich sich in direkte Unterhandlungen mit Serbien einlassen würde, könnte die Sache durch Vermittlung der Großmächte als Rat an Serbien gelangen. Marquis die San Giuliano meint, daß auf dieser Grundlage sich eine Einigung erzielen lassen könne. Vor allem aber wünsche der Minister die unverzügliche Aufnahme der Besprechung. Sir E. Grey hat Marquis di San Giuliano an die Wiener und Berliner Kabinette verweisen lassen, da er ohne deren Zustimmung nicht in der Lage sei, Besprechungen aufzunehmen. Schließlich teilte mir der Minister ein Telegramm Sir George Buchanans mit, wonach russiches Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten den fremden Preßvertretern mitgeteilt haben soll, daß, da Unterhandlungen zwischen Wien und Petersburg ergebnislos verlaufen seien, Rußland sich genötigt sehe, Betreten serbischen Bodens durch österreichische Truppen als Kriegsfall zu betrachten. Lichnowsky. 277 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 29. 7. 1914 S ir E. Grey ließ mich soeben nochmals zu sich bitten. Der Minister war vollkommen ruhig, aber sehr ernst, und empfing mich mit den Worten, daß die Lage sich immer mehr zuspitze. Sasonow habe erklärt, nach der Kriegserklärung nicht mehr in der Lage zu sein, mit Österreich direkt zu unterhandeln und hier bitten lassen, die Vermittlung wieder aufzunehmen. Als Voraussetzung für diese Vermittlung betrachtet die russische Regierung die vorläufige Einstellung der Feindseligkeiten. Sir E. Grey wiederholte seine bereits gemeldete Anregung, daß wir uns an einer solchen Vermittlung zu vieren, die wir grundsätzlich bereits angenommen hätten, beteiligen sollten. Ihm persönlich schiene eine geeignete Grundlage für eine Vermittlung, daß Österreich etwa nach Besetzung von Belgrad oder anderer Plätze seine Bedingungen kundgäbe. Sollten Ew. Exzellenz jedoch die Vermittlung übernehmen, wie ich heute früh in Aussicht stellen konnte, so wäre ihm das natürlich ebenso recht. Aber eine Vermittlung schiene ihm nunmehr dringend geboten, falls es nichtzueiner europäischen Katastrophe kommen solle. Sodann sagte mir Sir E. Grey, er hätte mir eine freundschaftliche und private Mitteilung zu machen, er wünsche nämlich nicht, daß unsere so herzlichen persönlichen Beziehungen und unser intimer Gedankenaustausch über alle politischen Fragen mich irreführten und er möchte sich für später den Vorwurf der Unaufrichtigkeit ersparen. Die britische Regierung wünsche nach wie vor mit uns die bisherige Freundschaft zu pflegen und sie könne, solange der Konflikt sich auf Österreich und Rußland beschränke, abseits stehen. Würden wir aber und Frank- 278 reich hineingezogen, so sei die Lage sofort eine andere und die britische Regierung würde unter Umständen sich zu schnellen Entschlüssen gedrängt sehen. In diesem Falle würde es nicht angehen, lange abseits zu stehen und zu warten. „If war breaks out, it will be the greatest catastrophe that the world ever has seen”. Es liege ihm fern, irgendeine Drohung aussprechen zu wollen, er habe mich nur vor Täuschungen und sich vor dem Vorwurf der Unaufrichtigkeit bewahren wollen und daher die Form einer privaten Verständigung gewählt. Sir E. Grey fügt noch hinzu, die Regierung müsse auch mit der öffentlichen Meinung rechnen; bisher sei dieselbe im allgemeinen für Österreich günstig gewesen, da man die Berechtigung einer gewissen Genugtuung anerkenne, jetzt aber fange sie an, infolge der österreichischen Hartnäckigkeit vollkommen umzuschlagen. Meinem italienischen Kollegen, der mich soeben verläßt, hat Sir E. Grey gesagt, er glaube, falls die Vermittlung angenommen werde, Österreich jede mögliche Genugtuung verschaffen zu können, ein demütiges Zurückweichen Österreichs käme gar nicht mehr in Frage, da die Serben auf alle Fälle gezüchtigt und unter der Zustimmung Rußlands genötigt werden würden, sich den österreichischen Wünschen unterzuordnen, Österreich könne also auch ohne einen Krieg, der den europäischen Frieden in Frage stelle, Bürgschaften für die Zukunft erlangen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 30. 7. 1914 H abe soeben mit Sir E. Grey gesprochen. Er sagt, er könne mir versichern, daß die Franzosen ihren ganzen Einfluß in Petersburg im Sinne einer fried- liehen Entwicklung geltend machten. Auch sei nach hiesigen Nachrichten bisher lediglich die Einberufung der Urlauber an der deutschen Grenze erfolgt. Eigentliche Kriegsvorbereitungen, wie Einberufung der Reservisten, seien nicht erfolgt. Er wird übrigens heute nachmittag mit Cambon sprechen und hat mich nochmals zu sich bestellt, um mir das Ergebnis mitzuteilen. Was die russischen Rüstungen betrifft, so wird er versuchen, im gewünschten Sinne durch Graf Bencken- dorff heute noch zu wirken. Der Minister hofft zuversichtlich, daß es der vermittelnden Tätigkeit Ew. Exzellenz gelingen werde, eine Einigung herbeizuführen, und will auch in Petersburg im Sinne seines Vorschlages wirken. Zu einem Vertrauten hatte er heute früh gesagt, daß, wenn es dem deutsch-englischen Zusammenwirken diesmal gelänge, den Frieden zu retten, so glaube er, daß unsere Beziehungen für alle Zeiten sichergestellt seien, und daß es ihm in Zukunft glücken werde, durch entsprechenden Einfluß auf seine Genossen die Wiederholung ähnlicher Krisen zu verhindern. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 30. 7. 1914 S ir E. Grey zeigte mir soeben ein Telegramm an Sir George Buchanan, worin er ihn anweist, unsere Anregung zu unterstützen, in Besprechungen über Verständigung sich einzulassen, falls Österreich einwillige, nach Besetzung gewisser Grenzorte Feindseligkeiten einzustellen. Auf meinen Wunsch ist hierin vom österreichischen Ultimatum überhaupt nicht mehr die Rede, sondern lediglich von Unterhandlungen über die Serbien aufzuerlegenden Lasten und Verpflichtungen. Die dem Grafen Pourtales er- 280 teilte und vom Grafen Benckendorff hier übermittelte Antwort des Herrn Sasonow über Umwandlung des Ultimatums bezeichnete ich dem Minister als unannehmbar und hielte es daher für praktischer, das Wort Ultimatum überhaupt nicht mehr zu erwähnen. Der Minister war vollkommen ruhig und schien noch nicht alle Hoffnung aufgegeben zu haben. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 30. 7, 1914 E inziger friedlicher Ausweg liegt nach meiner und hiesiger Auffassung darin, daß Graf Berchtold durch uns veranlaßt wird, zu erklären, er sei mit Rücksicht auf europäischen Frieden und die Wünsche seiner Verbündeten bereit, sich mit bisherigen Erfolgen vorläufig zu begnügen, militärische Operationen einstweilen einzustellen und sich durch unsere Vermittlung mit Sasonow über Serbien aufzuerlegende Bedingungen zu unterhalten, falls russische Regierung weitere Rüstungen an österreichischer Grenze unterläßt. Habe in diesem Sinne auch mit österreichisch-ungarischen Kollegen gesprochen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 30. 7. 1914 S ir Edward Grey und Mr. Asquith gaben heute im Unterhaus Erklärungen ab, in denen sie großen Ernst der Lage betonten. Ersterer teilte mit, daß England nach wie vor das eine große Ziel der Wahrung des Friedens verfolge. Asquith ließ amendment bill von Tagesordnung fallen, da Parteistreit augenblicklich nicht am Platze und England, das selbst nicht direkt interessiert sei, geeinte Front darbieten müsse. Er hoffe, daß der Patriotismus aller Parteien dazu beitragen werde, das drohende Verhängnis, wenn nicht abzuwenden, so doch wenigstens zu umgrenzen. Lichnowsky. 281 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 30, 7. 1914 Telegramm an Sir George Buchanan. (Britischer Botschafter in Petersburg.) eutscher Botschafter teilt mir mit, daß deutsche jLJ Regierung sich bemühen würde, Österreich zu beeinflussen, daß es nach der Besetzung von Belgrad und serbischem Grenzgebiet verspricht, nicht weiter vorzurücken, während Mächte sich bemühen zu erreichen, daß Serbien hinreichende Genugtuung gibt, um Österreich zu beruhigen. Besetztes Gebiet würde natürlich geräumt werden, wenn Österreich befriedigt ist. Ich schlug das gestern als mögliche Erleichterung der Lage vor, und falls es erreicht werden kann, hoffe ich fest, daß man übereinkommt, weitere militärische Vorbereitungen auf allen Seiten einzustellen. Der russische Botschafter sprach mir von Bedingung, die Sasonow gestellt, wie in Ihrem Telegramm Nr. 155 angeführt, und fürchtet, sie könne nicht abgeändert werden, aber, wenn der österreichische Vormarsch nach der Einnahme von Belgrad zum Stehen kommt, denke ich, die Formel des russischen Ministers des Auswärtigen könnte dahin geändert werden, daß sie lautet, die Mächte würden prüfen, wie Serbien ohne Beeinträchtigung seiner Hoheitsrechte oder seiner Unabhängigkeit Österreich volle Genugtuung geben könnte. Wenn Österreich nach Besetzung von Belgrad und angrenzendem serbischen Gebiet sich bereit erklärt, im Interesse des europäischen Friedens seinen Vormarsch einzustellen und zu erörtern, wie eine vollständige Regelung erzielt werden kann, hoffe ich, daß Rußland sich auch zu einer Erörterung und zur Einstellung weiterer militärischer Vorbereitungen bereit erklären wird, vorausgesetzt, daß andere Mächte das gleiche tun.“ Lichnowsky. 282 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 31. 7. 1914 äre nicht Allerhöchstes Telegramm an Zaren VVgangbarer Weg, worin S. M. im Interesse europäischen Friedens Einstellung russischer Rüstungen vorschlägt, falls Österreich Operationen gegen Serbien einstellt, und Aufnahme Vermittlung durch Ew. Exzellenz über Lösung serbischer Frage? Hinsichtlich der von Sasonow dem Grafen Pour- tales gestellten Bedingungen könnte vielleicht gesagt werden, die erste sei durch die Tatsache erfüllt, daß Graf Berchtold bereit sei, mit ihm durch Ew. Exzellenz in Gedankenaustausch einzutreten, und bezüglich des Ultimatums sei er bereit, auch andere Garantie in Berücksichtigung zu ziehen und zu besprechen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 31. 7. 1914 H abe Telegramm 192*) soeben bei Sir E. Grey verwertet. Der Minister meinte zunächst, daß Rußland hinsichtlich der Kriegsmaßnahmen etwas empfindlich geworden sei, da eine entsprechende Anregung von uns dort als Drohung verstanden worden wäre. Er will aber versuchen, in diesem Sinne zu wirken. Bezüglich der österreichisch-russischen Unterhaltungen meinte er, daß alles darauf ankäme, daß Österreich ein derartiges Zugeständnis mache, daß Rußland ins Unrecht versetzt werde, falls es dann noch ablehne, — dann sei er in der Lage, einen Druck auf Paris und Petersburg auszuüben. Auch deutete er mir an, daß gerade diese Frage der Billigkeit unter Umständen auch ausschlaggebend sein könne für die Hal- *) Das Telegramm 192 betrifft Wiederaufnahme österreichischrussischer Besprechungen. tung Englands, das durch keinerlei feste Abmachungen gebunden sei. Sowie Frankreich ins Spiel käme, würde die öffentliche Meinung sich hier sehr erregen, welche vorläufig noch in keiner Weise gegen Deutschland Stellung gen ommen habe, und er müßte in der Lage sein, gegebenenfalls mit irgendeinem greifbaren Unrecht auf russischer Seite eine zurückhaltende Stellungnahme Englands zu begründen. Er sprach dieses letzte Wort nicht direkt aus, aber gab es deutlich zu verstehen, daß er nur dann den Gedanken nicht sofortiger Anteilnahme für Frankreich vertreten könne, wenn er auf irgendein greifbares Entgegenkommen hinzuweisen in der Lage sei. Er betonte immer wieder, daß England durch keinerlei Verträge gebunden wäre. Ich vermute, daß er seine ursprüngliche Anregung, die militärischen Operationen in Serbien einzustellen, im Auge hat, nach deren Übermittlung Ew. Exz. mich zu der Erklärung bevollmächtigten, daß Sie in diesem Sinne in Wien zu wirken beabsichtigten. Auch ich möchte meinen, daß, wenn Graf Berchtold sich auf die Wiederholung bekannter Erklärungen und Erläuterungen beschränkte, Verhandlungen wenig aussichtsvoll sein werden, und daß die russische öffentliche Meinung Vordringen österreichischer Heere in Serbien, verbunden mit der Zerstörung von Städten und Ortschaften, nicht ertragen und die Regierung vielleicht gegen ihren Willen zum Eingreifen zwingen würde. Nach meiner Kenntnis Wiener Verhältnisse wird es nur ein sehr energischer, von Berlin ausgeübter Druck erreichen, daß man sich in Wien zu einem derartigen Zugeständnis entschließt, dessen Gewährung für die zukünftige Haltung Englands im Kriege, falls er trotzdem ausbrechen sollte, von ausschlaggebender Bedeutung sein könnte. Lichnowsky, AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 1, 8. 1914 S ir E. Grey läßt mir soeben durch Sir W. Tyrrell sagen, er hoffe, mir heute nachmittag als Ergebnis einer soeben stattfindenden Ministerberatung Eröffnungen machen zu können, welche geeignet wären, die große Katastrophe zu verhindern. Gemeint damit scheint zu sein, nach Andeutung Sir Williams, daß, falls wir Frankreich nicht angriffen, England auch neutral bleiben und die Passivität Frankreichs verbürgen würde. Näheres erfahre heute nachmittag. Eben hat mich Sir E. Grey ans Telephon gerufen und mich gefragt, ob ich glaubte, erklären zu können, daß für den Fall, daß Frankreich neutral bliebe in einem deutsch-russischen Kriege, wir die Franzosen nicht angriffen. Ich erklärte ihm, die Verantwortung hierfür übernehmen zu können, und wird er diese Erklärung in der heutigen Kabinettssitzung verwerten.*) Nachtrag. Sir W. Tyrrell bat mich dringend, dahin zu wirken, daß unsere Truppen nicht die französische Grenze verletzten. Alles hänge davon ab. Die französischen Truppen seien zurückgewichen bei einer vorgekommenen Überschreitung. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 1. 8. 1914 S ir William Tyrrell war eben bei mir, um mir zu sagen, Sir E. Grey wolle mir heute nachmittag Vorschläge für Neutralität Englands machen, selbst für den Fall, daß wir mit Rußland wie mit Frankreich Krieg hätten. Ich sehe Sir E. Grey um 3 30 und werde sofort berichten. Lichnowsky. *) Hier handelt es sich insofern um ein Mißverständnis, als Sir E. Grey gemeint hatte, daß wir dann überhaupt neutral bleiben sollten, d. h. auch in dem österreichisch-russischen Konflikt. 285 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 1. 8, 1914 ir E. Grey liest mir soeben die nachstehende Er- Oklärung vor, die vom Kabinett einstimmig gefaßt worden war: Die Antwort der deutschen Regierung bezüglich der Neutralität Belgiens ist ungemein bedauerlich, weil die Neutralität Belgiens von Einfluß auf die Stimmung in England ist. Wenn Deutschland eine Möglichkeit sehen könnte, dieselbe bestimmte Antwort zu geben, wie Frankreich sie gegeben hat, so würde das wesentlich dazu beitragen, die Besorgnis und Spannung hier zu beheben, während es andererseits außerordentlich schwierig sein würde, die öffentliche Stimmung in England zu beschwichtigen, wenn eine Verletzung der Neutralität Belgiens durch einen der Kriegführenden stattfände, während der andere sie beachtet. Auf meine Frage, ob er unter der Bedingung, daß wir die belgische Neutralität wahrten, mir eine bestimmte Erklärung über die Neutralität Großbritanniens abgeben könne, erwiderte der Minister, das sei ihm nicht möglich, doch würde diese Frage eine große Rolle bei der hiesigen öffentlichen Meinung spielen. Verletzten wir die belgische Neutralität in einem Kriege mit Frankreich, so würde sicherlich ein Umschwung in der Stimmung eintreten, die es der hiesigen Regierung erschweren würde, eine freundliche Neutralität einzunehmen. Vorläufig bestände nicht die geringste Absicht, gegen uns feindlich vorzugehen. Man würde dies, wenn irgend möglich zu vermeiden wünschen. Es ließe sich aber schwerlich eine Linie ziehen, bis wohin wir gehen dürften, ohne daß man diesseits einschreite. Er kam immer wieder auf die belgische Neutralität zurück und meinte, diese Frage würde jedenfalls eine große Rolle spielen. Er habe sich auch schon gedacht, ob es denn nicht mög- 286 \ lieh wäre, daß wir und Frankreich uns im Falle eines russischen Krieges bewaffnet gegenüberstehen blieben, ohne uns anzugreifen. Ich fragte ihn, ob er in der Lage wäre, mir zu erklären, daß Frankreich auf einen derartigen Pakt eingehen würde. Da wir weder Frankreich zerstören, noch Gebietsteile erobern wollten, könnte ich mir denken, daß wir uns auf ein derartiges Abkommen einlassen würden, das uns die Neutralität Großbritanniens sichere. Der Minister sagte, er wolle sich erkundigen, verkannte auch nicht die Schwierigkeiten, beiderseits das Militär in Untätigkeit zurückzuhalten. Mein Gesamteindruck ist der, daß man hier, wenn irgend möglich, aus dem Kriege herausbleiben möchte, daß aber die vom Herrn Staatssekretär dem Sir E. Goschen erteilte Antwort über die Neutralität Belgiens einen ungünstigen Eindruck gemacht hat. Lichnowsky. DER REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLL WEG AN DEN BOTSCHAFTER IN LONDON, FÜRSTEN VON LICHNOWSKY Berlin, 1. 8. 1914 S oeben meldet Paris, daß Frankreich heute Nachmittag 5 Uhr, also genau zu derselben Stunde und Minute wie wir, mobilisiert hat. Wir können Zusage, daß wir französische Grenze bis Montag nachmittag 7 Uhr nicht überschreiten werden, natürlich nur unter Bedingung aufrechterhalten, daß auch Frankreich unsere Grenze strengstens respektiert. Bethmann Hollweg. 287 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 1, 8. 1914 W T estminster Gazette“ hält Lage für äußerst kri- »< W tisch. England müsse sich über Stellungnahme klar werden. Premierminister habe im Unterhaus einmal ausgesprochen, daß England im Falle eines Krieges durch keinerlei Verträge zur Teilnahme gezwungen sei. England habe also jetzt freie Hand, Deutschland müsse sich aber klarmachen, daß gewisse veröffentlichte Verträge bestünden, deren Verletzung durch Deutschland England in eine schwierige Lage bringen würde. Deutschland wisse ferner, daß ein deutschfranzösischer Kampf Folgen haben könne, welche die öffentliche Meinung in England entzünden und England zum Aufgeben seiner Neutralität bewegen könnten. Ganz zu verwerfen sei der von mancher Seite gemachte Versuch, hier ein Kriegsfieber hervorzurufen und den Plan zu propagieren, ein Expeditionskorps nach dem Kontinent zu schicken. England habe an Pflichten seines Weltreichs zu denken, besonders an Sicherheit Ägyptens und Indiens. Englands Stärke liege in seiner Seemacht, und diese müsse dazu dienen, den Frieden für England zu erhalten und den Kampf zwischen anderen Ländern in gewissen Gjrenzen zu halten. Zwar liege auch in Friedenspolitik gewisse Gefahr, aber es sei doch sehr zu hoffen, daß England imstande sein werde, seine Stelle als Versammlungsplatz derjenigen zu erhalten, welche den Frieden in Europa wünschen. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 8. 1914 W 'ie aus meinen letzten Telegrammen hervorgeht, ist die im dortigen Telegramm Nr. 206 nochmals besprochene Angelegenheit vollkommen erledigt und unsere Handlungsfreiheit dadurch nicht beschränkt. Lichnowsky. 288 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 8. 1914 iregungen Sir E. Greys, die auf Wunsch beruhten, JT*. möglichst dauernde Neutralität Englands zu schaffen, sind ohne vorherige Fühlungnahme mit Frankreich und ohne Kenntnis Mobilmachung erfolgt, inzwischen als aussichtslos völlig aufgegeben. Bitte dringend Antwort, ob Telegramme 212, 214 und dringendes offenes Telegramm ohne Nummer eingegangen? Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 8. 1914 D ie Frage, ob wir bei dem Krieg gegen Frankreich das belgische Gebiet verletzen, dürfte von ausschlaggebender Bedeutung für die Neutralität Englands sein. Ich werde in diesem Eindruck sowohl durch die Äußerungen Sir E. Greys als durch Mitteilungen der österreichischen Botschaft wie durch hiesige Presse bestimmt bekräftigt. Verletzen wir die Neutralität Belgiens und entwickelt sich daraus ein Krieg gegen die Belgier, so glaube ich nicht, daß die Regierung gegenüber dem sich in der hiesigen öffentlichen Meinung alsdann zu gewärtigenden Sturm in der Lage befinden wird, länger neutral zu bleiben. Sollten wir die belgische Neutralität hingegen achten, so ist es immerhin möglich, daß England neutral bleibt, falls wir beim Sieg über Frankreich maßvoll vorgehen. Da man aber hier nunmehr glaubt, mit der Verletzung belgischer Neutralität rechnen zu sollen, so halte ich es nicht für unmöglich, daß England schon in nächster Zeit gegen uns Stellung nimmt. Heute Sonntag findet Kabinettssitzung statt, ein unerhörtes Ereignis, und ich nehme an, daß man sich hierbei schon mit dieser Frage befassen wird. Lichnowsky. 19 Lichnowsky II 289 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 8. 1914. S ir Eyre Crowe äußerte gesprächsweise, nach einer ganz kürzlich hier gemachten Mitteilung scheine Österreich jetzt bereit, grundsätzlichen Besprechungen seiner Streitpunkte mit Serbien durch eine Vier- Mächte-Konferenz in London zuzustimmen. Die Mitteilung sei aber zu spät gekommen, um noch praktischen Nutzen zu haben. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 2. 8. 1914. S ir Eyre Crowe sagt mir soeben, daß im Foreign Office eine Drahtmeldung eingelaufen ist, wonach die deutschen Truppen in der Gegend von Nancy an mehreren Stellen in starken Abteilungen die französische Grenze überschritten hätten, ohne daß vorher eine Kriegserklärung in Paris erfolgt wäre. Er ließ dabei durchblicken, daß diese Nachricht in dem im Lauf des Abends zur erneuten Besprechung zusammentretenden Kabinettsrat einen schlechten Eindruck machen und vielleicht auf die endgültige Entscheidung nicht ohne Einfluß sein werde. Ich erwiderte Sir Eyre Crowe, wir hätten bezügliche Nachrichten nicht empfangen, es scheine empfehlenswert, genaue Bestätigung aus unabhängiger Quelle abzuwarten. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 3. 8. 1914. E inmarsch in Frankreich ohne Krieg hat hier verhängnisvollen Eindruck hervorgerufen und Rechtsgefühl der Engländer schwer verletzt. Bitte dringend Aufklärung zur Verwertung. Morgenblätter verurteilen unser Vorgehen und bezeichnen uns als eigentliche Friedensstörer. Lichnowsky. 290 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 3. 8. 1914. Z eitungen melden Beschlagnahme englischer Dampfer im Kaiser-Wilhelm-Kanal, ebenso Bewegung deutscher Flotte nach Westen. Bitte dringend Aufklärung, um Berichtigung ein- treten lassen zu können. Hiesige öffentliche Meinung nimmt seit gestern entschiedene Stellung gegen uns. Lichnowsky, AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 3. 8. 1914. H abe soeben Sir E. Grey entsprechende Mitteilung gemacht. Der Minister schien sehr verstimmt und wies darauf hin, daß England den Bruch der belgischen Neutralität, die es ausdrücklich gewährleistet habe, nicht so ruhig hinnehmen könnte. Was die französische Truppenansammlung an der belgischen Grenze betreffe, so hätte Frankreich erklärt, nur unter der Bedingung, daß die französischen Truppen zu Hilfe gerufen würden, die belgischen Grenzen zu überschreiten. Der Minister sagte mir, er beabsichtige heute nachmittag ein statement zu machen, in dem er die Bedingungen für seine Neutralität darlegt. Er sprach von einem conditional rupture. Ich bat ihn dringend, die Neutralität Belgiens nicht als conditio sine qua non anzuführen, da dies von verhängnisvollen Folgen sein würde. Er gab mir keine Zusicherungen, aber ich habe den bestimmten Eindruck, daß er, wenn irgend möglich, auch weiter neutral bleiben möchte. Ich verpflichtete mich ihm gegenüber zur nachstehenden Erklärung: 1. daß wir selbst im Falle eines Waffenganges mit Belgien die Unversehrtheit des belgischen Gebiets aufrechterhalten wollen; 2. daß wir im Falle der englischen Neutralität uns mit unserer Flotte nicht im Kanal und der Nordküste Frankreichs nähern wollten. Letztere Erklärung gab ich ab nach Rücksprache mit dem hiesigen Marineattache. Ich hoffe noch immer, daß es möglich sein wird, auf dieser Grundlage eine Einigung zu erzielen, da man hier einsieht, daß durch einen Waffengang mit uns weder für Frankreich noch für Belgien ein Vorteil entstehen könnte. Ob letzterer zu vermeiden sein wird, hängt zum großen Teil von der Stimmung im Kabinett sowie von der hiesigen öffentlichen Meinung ab, die vielleicht durch unser Vorgehen in Belgien in allzu stürmische Erregung versetzt werden könnte. Sir W. Tyrrell gab mir zu verstehen, daß man nach den Telegrammen Herrn de Bunsens in Österreich zu der Auffassung gelange, daß, da wir die Angreifer seien und nicht angegriffen worden wären, der Wortlaut des Dreibundvertrages Österreich nicht zur Mitwirkung verpflichtet. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 3. 8. 1914 S ir W. Tyrrell mitteilte im Gespräch, daß belgischer Gesandter heute nachmittag Wortlaut deutschen Ultimatums und belgische Antwort übergeben habe, Kabinett berate eben hierüber, Verständigung des Unterhauses sei wahrscheinlich. In Hinsicht auf Sir Greys heutige Rede bemerkte der Diplomat, die Frage, ob Durchmarsch deutscher Truppen durch Belgien England zur Aufgabe seiner Neutralität veranlassen werde, sei vorläufig weder mit ja noch mit nein zu beantworten. Endgültige Beschlüsse würden erst gefaßt, wenn über die Haltung des Unterhauses Klarheit geschaffen sei. Lichnowsky. 292 AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 4. 8. 1914, G estern war mir der gesamte Wortlaut der Rede Sir E. Greys noch nicht bekannt, von der lediglich ein kurzer Parlamentsbericht vorlag, und nach der heutigen Bekanntgabe des Gesamtinhalts muß ich meine gestrige Auffassung dahin berichtigen, daß ich nicht glaube, daß wir sehr viel länger noch mit der Neutralität Englands zu rechnen haben werden. Wie ich Ew, Exzellenz wiederholt berichtet habe, bildete Frage der Verletzung belgischer Neutralität einen der wichtigsten Punkte für die Zurückhaltung Englands, Sowohl Mr. Asquith als Sir E, Grey hatten mich hierauf hingewiesen, und konnte ich, wie berichtet, gestern vor der Sitzung feststellen, daß Sir E. Grey sich infolge der Verletzung des belgischen Gebiets durch unsere Truppen in tiefer Erregung befand. Welche Form das britische Eingreifen annimmt, und ob dasselbe sofort erfolgt, entzieht sich meiner Beurteilung. Ich sehe aber nicht, wie nach gedachter, mir gestern nur auszugsweise bekannter Rede die hiesige Regierung zurückweichen sollte, falls wir nicht in der Lage sind, das belgische Gebiet in allerkürzester Frist zu räumen. Wir haben daher mit der baldigen Gegnerschaft Englands zu rechnen, Die Aufnahme, die die Rede Sir E. Greys im Hause gefunden hat, kann dahin gedeutet werden, daß die Regierung außer dem linken Flügel ihrer eigenen Partei die überwiegende Mehrheit des Parlaments bei einer aktiven Politik, die Frankreich und Belgien zu schützen bezweckt, hinter sich haben wird. Die gestern eingetroffenen Nachrichten über Einmarsch deutscher Truppen in Belgien hatten in der öffentlichen Meinung einen völligen Umschwung zu 293 unseren Ungunsten herbeigeführt. Der in bewegten Worten gehaltene Appell des Königs der Belgier vertieft bedeutend diesen Eindruck. Lichnowsky. AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London. 4. 8. 1914. E rfahre soeben, daß belgischer Gesandter Foreign Office Einrücken deutscher Truppen in Belgien angezeigt hat. Unterredung mit Sir William Tyrrell bestätigt meinen Eindruck, daß nach Eintreffen der Nachricht über ernste deutsch-belgische Zusammenstöße auf Fortdauer der englischen Neutralität nicht gerechnet werden kann und Abbruch Beziehungen bevorstehen dürfte. Lichnowsky. Anhang: NACH DER FLUT AUFZEICHNUNGEN AUS DER ZEIT NACH DEM ZUSAMMENBRUCH Die folgenden Aufzeichnungen gelangten an den jeweils angegebenen Tagen im „Berliner Tageblatt" zur Veröffentlichung, desgleichen von den „Briefen" Nr. 1 und 2 sowie die beiden Arbeiten „Die Wurzeln der Katastrophe" und „Diplomatie und Demokratie”. Der letzte Aufsatz erschien in der „Neuen Rundschau". DIE GRUNDLAGEN DES RUSSISCHEN FRIEDENS AUFZEICHNUNGEN VOM 8. JANUAR 1918 D ie Sorge um die Schicksale der christlichen Völker und die Meerengenfrage“ bezeichnete Fürst G. Trubetzkoi in seinem noch vor den beiden Balkankriegen erschienenen Buche: „Rußland als Großmacht“ als die Grundprobleme der russischen Orientpolitik. Wenn Rußland nicht in der Lage wäre, sein entscheidendes Wort hierbei zu sagen, so wäre seine Rolle als Großmacht erledigt. Nicht notwendigerweise der Besitz von Konstantinopel, wohl aber die Meerengen weder in der Hand einer europäischen Großmacht, noch in der einer widerstandsfähigen Türkei, sowie das religiöse, aus dem sich später auch das nationale Protektorat über die Glaubens- und Stammesbrüder entwickelte und deren Unabhängigkeit! Das sind die Ziele der russischen Orientpolitik seit den Tagen Katharinas, die zu den Kriegen führten, die den Besitz der Küste, die Schwächung der Türkei, die Befreiung der Balkanvölker und die Befestigung der religiösen und politischen Macht Rußlands bezweckten. War die Haltung Rußlands in der Meerengenfrage von wirtschaftlichen und militärischen Bedürfnissen geleitet, da der Handel des gesamten Schwarzen Meer-Beckens in Frage stand und der russischen Flotte der Zutritt zum Weltmeer versagt war, so lagen den Balkanfragen auch Imponderabilien zugrunde, die im theokratischen Charakter des Zarentums wurzelten. 29T Der im Jahre 1774 zwischen Katharina und der Pforte geschlossene Frieden von Kütschük (Klein) Kainardje, einem Dorfe in der Dobrudscha, begründete eigentlich erst die Stellung Rußlands im Orient, da er dem Zarentum das Recht sowohl der freien Schiffahrt, wie das der Vertretung religiöser Interessen osmani- scher Christen verlieh. Im engen Zusammenhänge mit diesen Erfolgen der russischen Politik im Südwesten stand das Vordringen Rußlands im Westen gegen Polen, den Verbündeten der Türkei, Auch hier sahen wir religiöse und politische Motive sich vermengen, da das Eingreifen Katharinas zugunsten der Dissidenten den Anlaß bot zur ersten Teilung Polens, der bald nach dem zweiten Türkenkriege die zweite folgte, Orientpolitik und Polenpolitik in steter Verbindung bildeten die Grundlagen der russischen Machtentfaltung und erst seit Katharina kann Rußland als europäische Großmacht gelten. Während Rußland sich in der polnischen Frage mit seinen beiden Nachbarn zu einigen vermochte, begegnete es auf dem Wege nach dem Balkan und dem Mittelmeer dem Widerstand europäischer Mächte, die den russischen Einfluß im Orient und im Mittelmeer fürchteten: erst England, Frankreich, dann auch Italien. Diesen gesellte sich Österreich zu, das ehedem mit Katharina Hand in Hand ging, ohne freilich sich am Kampfe zu beteiligen. Seit dem Krimkrieg ist aber der Gegensatz zwischen Österreich und Rußland nicht mehr verschwunden. Hinter Österreich-Ungarn stand seit dem Berliner Kongreß die erste Militärmacht der Welt, das Deutsche Reich, welches nach Bismarck und gegen seine Absichten das als Folge des Kongresses und der deutsch-russischen Verstimmung geschlossene Bündnis zu einem Blankokredit für die Orientinteressen des Verbündeten erweiterte. Hatte schon Bismarck auf dem Kongreß mehr unter dem Einfluß persönlicher Gereiztheit als sachlicher Erwägungen Rußland nur lau unterstützt und um den vollen Ertrag des Sieges gebracht, sowie dem Grafen Andraszy zur „Okkupation" türkischer, aber ethnographisch vorwiegend serbischer Landesteile ver- holfen, so führte später unsere Haltung bei der Annexion Bosniens, die die serbischen Zukunftsträume zerstörte, zu einer weiteren Entfremdung mit dem östlichen Nachbarn und traditionellen Freunde, dessen Neutralität die Erfolge von 1866 und 1870/71 ermöglichte. Der Kündigung des Rückversicherungsvertrages war die russisch-französische Verbrüderung gefolgt, die nach Algeciras auch noch durch die britisch-russische Verständigung ergänzt ward. Während eine weitgehende Auslegung des Bündnisses unseren austromagyarischen Freunden gestattete, mit unserer Hilfe die serbischen, von Rußland unterstützten Einigkeitsbestrebungen zu bekämpfen, erregte andererseits auch die Vormachtstellung, die wir am Bosporus erstrebten, begleitet von militärischen Missionen, welche die Widerstandskraft der Türken stärken sollten, das Mißfallen der zaristischen Regierung. Flotte und Algeciras einer-, Serben- und Türkenpolitik andererseits schufen die Stimmung, aus der die Entente hervorwuchs. Auf der Londoner Botschafterkonferenz wurde alsdann Albanien mit unserer Hilfe durchgedrückt, in der Absicht, Serbien von der Adria auszuschließen. Hierdurch sah sich dieses veranlaßt, nach Süden zu drängen, die Wardarlinie zu besetzen, um im Anschluß an das befreundete Griechenland bei Saloniki das Meer zu erreichen. Und als schließlich Graf Berch- told, der den Bukarester Frieden nie wirklich anerkannt hatte, gestützt durch das Bündnis, daran gehen 299 wollte, den genannten Vertrag zu revidieren, entwickelte sich durch den Widerstand Rußlands der Weltkrieg, der uns jetzt vor die Aufgabe stellt, für unsere künftigen Beziehungen zu Rußland neue und hoffentlich dauerhafte Grundlagen zu finden. Der Weg, der zum Kriege führte, würde sicherlich auch den besten Hinweis liefern für die Grundlagen des Friedens, um so mehr als direkte deutsche Lebensfragen nicht in Frage stehen. Dieser logischen Erwägung begegnen jedoch folgende Bedenken: 1. die Interessen unserer Verbündeten; 2. die Gründung Polens; 3. die innere Lage Rußlands. Um gleich mit letzterer zu beginnen, so läßt sie sich dahin zusammenfassen: Wird das jetzige kommunistische Regiment von Dauer sein, oder haben wir mit dem Übergang zu einer demokratischen Förderativ- republik etwa nach amerikanischem Muster zu rechnen? Die monarchische Restauration möchte ich ganz ausschalten, teils weil sie nicht sehr wahrscheinlich ist, teils aber weil es wohl keinem Zweifel unterläge, daß eine Monarchie nicht anders könnte, als hinsichtlich Polens und des Orients zu den Traditionen Katharinas und ihrer Nachfolger zurückzukehren, Frieden und Freundschaft mit Rußland auf die Dauer also nur auf Grundlage der alten russischen Polen- und Orientpolitik zu finden wäre. Hält sich die jetzige Ochlokratie, so bedeutet das die Rückkehr Rußlands zur Naturalwirtschaft, die nur den Bedürfnissen des Augenblicks und den einfachen Ansprüchen des Landvolks und der städtischen Arbeiterschaft genügt. Sie produzieren dann nur, was sie selbst verbrauchen. Handel und Industrie, beide Kapital bildend, würden entweder ganz aufhören, oder sich wenigstens nur so weit entwickeln, als sie nötig 300 sind, um den Bedürfnissen der einfachsten Lebensführung zu genügen. „Die Kunst, Geld zu verdienen und Hühneraugen gründlich zu vertreiben”, rief Bazar ow*) mit verächtlichem Lächeln. Vom Standpunkt der heutigen Bazarows entfällt das Bedürfnis nach Großmachtstellung, nach Imperialismus und seinen Attributen: Handel, Wehrmacht, Gebietserweiterung und Einflußsphäre. Der Imperialismus, die Bejahung des Kollektivwillens, in nationalistischer Form durch Gewalt und auch auf Kosten gleichberechtigter Kulturvölker, in pazifistischer durch Sitte und Handel, durch höhere Zivilisation, ist untrennbar von der kapitalistischbürgerlichen Staats- und Gesellschaftsform, von einem starken und daher organisierten Gesamtwillen, von der Fähigkeit zu gelegentlicher Macht- und Kraftentfaltung. Mit der heutigen Regierungsform Rußlands steht und fällt also die Frage nach der Zukunft des russischen Imperialismus. Selbst eine demokratische Bundesrepublik nach dem Vorbilde der amerikanischen Union, die sich allmählich aus primitiven agrarischen Ansiedlerverbänden zu der größten Kapitalmacht der Welt entwickelte, könnte auf imperialistische Bestrebungen im Interesse des Unternehmertums, auf Kolonisation, Handel und auf entsprechende politische Machtstellung nicht verzichten. Hat sich nicht auch die Union immer wieder neue Gebilde angegliedert im Interesse ihrer Kolonisten und ihrer Ausbreitung, ist nicht auch hier der politische Einfluß dem wirtschaftlichen gefolgt? Hat sie nicht spanische Sprachgebiete erworben, die wir jüngst Herrn Carranza so hochherzig anboten, hat sie sich nicht mit der Monroedoktrin und ihrer seitherigen *) Nihilist aus Tolstois „Väter und Söhne". Handhabung durch Ausschaltung aller europäischen Eingriffe den Primat der angelsächsischen Rasse in dem transatlantischen Weltteil gesichert? Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß Rußland sich aus der heutigen Anarchie zu einer demokratischen Bundesrepublik ausgestaltet, in der wirtschaftliche Interessen und die russische Sprache, als die der überwiegenden Mehrheit, das gemeinsame Band bilden, ohne daß deshalb auf andere Völkerschaften ein gewaltsamer Druck ausgeübt wird. Wir werden vielleicht mit den Vereinigten Staaten von Rußland zu rechnen haben, wie mit den Vereinigten Staaten von Amerika, China, Brasilien oder dem Common Wealth von Australien. Würde dieser demokratische und daher pazifistische Bundesstaat, dem der theokratische Charakter des Zarentums abgeht, sich auf die moderne Grundlage des Rationalismus stellen und jede Rücksicht auf die Empfindungen der noch immer mächtigen Geistlichkeit und der unter ihrem Einfluß stehenden orthodoxen Landbevölkerung unterdrücken können? Wird er der kirchlich-nationalistischen Slawophilie entgegentreten und die Glaubens- und Stammesbrüder des Balkans ihrem Schicksal überlassen? Wird das künftige Rußland, wenn es sich erholt und zu einem modernen Verfassungsstaat oder Staatenbund emporgearbeitet hat, auf Ausbreitung und Einfluß in Asien und am Schwarzen Meer, auf den Zutritt zum Mittelmeer verzichten? Es ist nicht anzunehmen. Wird es ferner den Verlust Polens verschmerzen, der ihn vom Westen trennt, und die Klagen der Ru- thenen überhören, die sich schon früher über die polnische Bedrückung beschwerten? Die übereilte polnische Schöpfung, die ein weiteres Hindernis bilden kann für eine dauernde Verständigung und Versöhnung 302 wie auch für direkte Handelsverbindungen zu Rußland, erinnert nur zu sehr an das Herzogtum Warschau. Wird sie auf den Zutritt zum Meere verzichten wollen? Welcher aber ist der naturgemäße Weg zum Meere? Doch nur der Lauf der Weichsel! Es ist harmlos, zu glauben, daß das neue Polen bei Alexandrowo Halt machen, den Hut ziehen und dem Fluß „aus Dankbarkeit“ Adieu sagen wird. Welche Lösung unsere auswärtige Politik auch finden mag, sie muß sich namentlich eins vor Augen halten: Die Notwendigkeit unserer künftigen Anlehnung an Rußland, politisch und wirtschaftlich. Falls alles hinweggeräumt wird, was der Versöhnung im Wege steht, wird sich in dem aufstrebenden Riesenreiche für unsere Industrie und Technik, für den deutschen Unternehmungsgeist ein weites Wirkungsfeld eröffnen! Also mit der Front gegen England? Ganz gewiß nicht! Die können wir dann ruhig anderen überlassen! DIE AUFTEILUNG ODER VERGESELLSCHAFTLICHUNG DES GROSSGRUNDBESITZES AUFZEICHNUNGEN VOM 10. UND 11. DEZEMBER 1918 I. Großbetriebe mit intensiver und mit industrieller Bewirtschaftung D ie Erzeugung von Lebensmitteln und Rohstoffen muß in den nächsten Jahren während der Übergangswirtschaft für den Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftslebens mit allen Mitteln gefördert werden, da unter den zurzeit obwaltenden Verkehrsverhältnissen, die erst in einer Reihe von Jahren wieder auf den früheren Zustand gebracht werden können, die Erzeugung auf eigener Scholle allein Sicherheit dafür bietet, daß das deutsche Volk wieder in ein normales Wirtschaftsleben hinübergeführt wird. Die Erzeugung von Lebensmitteln und Rohstoffen kann jedoch unter den Betriebs- und Wirtschaftsverhältnissen, wie sie die lange Kriegsdauer hervorgebracht hat, nur dann wieder gehoben werden und auf den Zustand vor dem Kriege zurückgebracht werden, wenn an den bestehenden Besitz- und Bewirtschaftungsverhältnissen wenigstens zunächst während der Übergangswirtschaft möglichst wenig gerüttelt wird. Eine gewaltsame Aufteilung der landwirtschaftlichen Großbetriebe aber 304 müßte mit absoluter Sicherheit zu einem verhängnisvollen Produktionsrückgang und schließlich zur Hungersnot führen, so wichtig auch eine sachgemäße Ansiedelungspolitik zweifellos für unsere Zukunft ist. Erstens sind vorläufig gar nicht genügend Menschen vorhanden, die ausreichende Kenntnisse der landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse besitzen, um als Bauern mit Erfolg im großen Maßstab angesiedelt zu werden, zweitens für die nächsten Jahre auch nicht ausreichende Betriebsmittel, um den aufgeteilten Großgrundbesitz zu bewirtschaften. Schließlich ist die genaue Kenntnis des Grund und Bodens, der aufgeteilt werden soll, der klimatischen, Verkehrsund sonstigen landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse die notwendigste Voraussetzung für befriedigende Leistungen. Die Kenntnis der Produktionsverhältnisse läßt sich jedoch nicht von heut auf morgen erwerben. Auch die Zeit nach der Übergangswirtschaft kann und wird nicht zu einer grundsätzlichen Aufteilung des Großgrundbesitzes führen können, und zwar aus folgenden Erwägungen: Den landwirtschaftlichen Großgrundbesitz kann man nach Art der Bewirtschaftung in drei Klassen zergliedern: 1. mit extensiver Bewirtschaftung, 2. mit intensiver Bewirtschaftung, 3. mit industrieller Bewirtschaftung. Zum Großgrundbesitz mit extensiver Bewirtschaftung gehören alle Großbetriebe, die arbeits- und kapitalschwach arbeiten. Ohne Untersuchungen darüber anzustellen, ob diese volkswirtschaftlich berechtigt sind, obwohl diese Art der Bewirtschaftung sehr wohl betriebstechnisch richtig sein kann (für Pferde- und 20 Lichnowsky II 305 Viehzucht, Kartoffel- und Roggenanbau usw.), so sind sie für Ansiedelungen aber in erster Linie geeignet, weil in dieser Form des Großgrundbesitzes das in Gebäuden und Betriebsmitteln angelegte Kapital außerordentlich gering ist. Eine Entwertung von bereits vorhandenen Werten wird auf diesen Besitzungen bei einer Aufteilung, wenn überhaupt, in nur geringem Umfang in Erscheinung treten. Zum Großgrundbesitz mit intensiver Bewirtschaftung gehören alle Großbetriebe, die arbeits- und kapitalstark arbeiten. In diesen Betrieben sind die in Gebäuden und Betriebsmitteln angelegten Werte sehr hoch, das Betriebskapital hat hier bereits einen bedeutenden Umfang angenommen. Sie sind für die Aufteilung deshalb schon ungeeignet, weil die vorhandenen Gebäudewerte und Betriebsmittel (Dampfpflüge, Riesendreschsätze und sonstige Maschinen) bei Aufteilung des Besitzes eine völlige Entwertung erfahren würden, wodurch eine außerordentliche Belastung des aufzuteilenden Grund und Bodens einträte, die vom Bauer unmöglich aufgebracht werden könnte. Bei dieser Besitzgruppe kommt daher nur die Abgabe bezw. Aufteilung von Ländereien in Frage, die für die Bewirtschaftung ungünstig liegen. Diese beschränkte Abgabe hätte in manchen Fällen sogar den Vorteil, daß zu einer noch intensiveren Bewirtschaftung des restlichen Besitzes geschritten werden könnte, weil dann vor allem die Unterbringung genügender menschlicher Arbeitskräfte für den verbliebenen Besitz gewährleistet wäre. Zum Großgrundbesitz mit industrieller Bewirtschaftung gehören alle Großbetriebe, die mehr oder weniger durch entsprechende Betriebseinrichtungen eine Veredelung der landwirtschaftlichen Pro- 306 duktion vornehmen. Diesen zuzurechnen sind die großen Mastwirtschaften (besonders in der Provinz Sachsen und Posen), die Zuckerrübenwirtschaften, die Kartoffelgroßwirtschaften mit Brennereien, Stärke- und Sirupfabriken, Gemüsegroßwirtschaften mit Gemüsetrocknungsanlagen, auch die Fettweidewirtschaften gehören hierher, ebenso die Flachsveredelung mit ausgedehntem Flachsanbau. In diesen Betrieben ist das zur Veredelung der erzeugten landwirtschaftlichen Produktion angelegte industrielle Kapital oft höher als der Bodenwert einschließlich des Gebäudekapitals und der Betriebsmittel. Das umlaufende Kapital erreicht in diesen Betriebswirtschaften eine ganz außerordentliche Höhe. Der Großgrundbesitz mit industrieller Bewirtschaftung ist ausnahmslos auf die Weiterveredelung der selbsterzeugten Produkte in eigenen Industrien eingestellt. Alle Betriebseinrichtungen sind dementsprechend angelegt, weshalb in einem derartig betriebenen Großgrundbesitz durch eine Aufteilung oder auch nur durch Zwangsabgabe die vorhandenen industriellen Betriebe zum Stillstand kämen bezw. schwer geschädigt würden. Ganz abgesehen hiervon würde eine Aufteilung derartiger Großbetriebe eine vollständige Entwertung des sehr hohen Gebäudekapitals, das bis 1000 Mark pro Hektar beträgt, bedeuten, ferner der riesigen Werte in Feldbahnanlagen (bis 400 Mark pro Hektar). Großbetriebe mit intensiver und namentlich aber solche mit industrieller Bewirtschaftung sind von der größten volkswirtschaftlichen Bedeutung, Sie bringen, wie durch ungezählte einwandfreie Untersuchungen festgestellt, die höchstmöglichen Nährwerteinheiten von der Flächeneinheit hervor. Diese Be- triebe aufzuteilen, hieße daher die nationale Produktion empfindlich verringern, da für die Kleinbewirtschaftung alle Voraussetzungen fehlen, um ähnlich intensiv arbeiten zu können. Beim Zuckerrübenanbau bei mittlerer Ernte werden zwölfmal, beim Kartoffelanbau bei mittlerer Ernte achtmal soviel Nährwerteinheiten von der Flächeneinheit geerntet wie beim Weizenanbau bei mittlerer Ernte, ein landwirtschaftlicher Betrieb leistet mithin dem Staat um so größere Dienste, je größer im Verhältnis zur Gesamtfläche sein Hackfruchtbau ist, denn nur dieser kann die höchsten Nährwerteinheiten hervorbringen. Da aber nur im Großbetriebe bis dreiunddreißig Prozent, ja bis fünfzig Prozent der Ackerflächen mit Hackfrüchten bestellt werden kann, darf ein Staat sich niemals dieser wichtigsten Produktionsquellen berauben, am allerwenigsten in einer Zeit wie der gegenwärtigen. An die Frage des Ankaufs von Großgrundbesitz durch den Staat für die Zwecke der Aufteilung und Ansiedelung muß daher nur mit größter Vorsicht und Fachkenntnis herangetreten werden. Jede Überstürzung oder auch eine schematische Zwangsabgabe ohne Rücksicht auf die besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse und auf sonstige Voraussetzungen würde zu Mißgriffen führen, die nicht nur die Steuerkraft des Landes, sondern auch namentlich die notwendige Erzeugung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen schwer gefährden würde. Auch wird die Zahl der „Kriegsbeschädigten" und anderer Bewerber, die sich zur ländlichen Ansiedelung drängen und die nötigen Kenntnisse und körperlichen Voraussetzungen besitzen, für die mühevolle und wenig abwechslungsreiche ländliche Berufstätigkeit keineswegs so erheblich sein, um Zwangsmaßnahmen zu rechtfertigen. Es werden auch 308 (ganz abgesehen von Staatsdomänen) genügend Güter, deren wirtschaftliche Lage infolge des Krieges gelitten hat, auf den Markt gelangen und eine reichliche Auswahl bieten für eine sachgemäße Parzellierung, zu deren Durchführung noch ein Vorkaufsrecht des Staates in Betracht käme, das etwa auch mit rückwirkender Kraft auf die während des Krieges umgesetzten Güter ausgedehnt werden könnte. Wo sollte ferner das Geld herkommen, um für Hunderttausende in aller Eile neue Wohnstätten zu errichten? Daß schließlich die Gesamtheit aus einer Verstaatlichung landwirtschaftlicher Großbetriebe nicht den geringsten Nutzen ziehen würde, liegt für jeden auf der Hand, der die einschlägigen Verhältnisse nicht bloß in seiner Bibliothek studiert hat. Zunächst würde eine derartige Maßnahme geradezu ein Heer von landwirtschaftlichen Staatsbeamten voraussetzen mit den nötigen Kontrollorganen, die zusammen schon eine schwere finanzielle Belastung darstellen. Dann wäre aber jede freie private Initiative unterbunden, der allein namentlich die intensiv und industriell bewirtschafteten Güter ihren Aufschwung verdanken, der Ansporn zu technischen Fortschritten und zur Produktionserhöhung genommen. Der gesamte Großgrundbesitz würde alsdann bureaukratisch und nach Schema F verwaltet werden müssen! Schon die bei den in Preußen noch immer 430000 Hektar betragenden Domänen gemachten Erfahrungen sprechen gegen diese Art der „Vergesellschaftlichung“ des Großgrundbesitzes. Man ist hier zur Verpachtung übergegangen, da die Selbstbewirtschaftung durch den Staat sich als unpraktisch und imrentabel erwies. Aber trotzdem lastet der schwerfällige Beamtenapparat auf dem ganzen Betriebe. Als einmal auf einer königlichen Domäne ein neuer Schornstein gebaut werden sollte, 309 erschien zuerst eine Kommission, um den Tatbestand festzustellen und um ein Protokoll aufzunehmen, dann noch eine zweite und eine dritte. Schließlich kosteten die Kommissionen mehr als die neue Esse. So etwa würde es bei der „Vergesellschaftlichung" überall aussehen! Würden gar noch alle industriellen Großbetriebe mit eingezogen, so würde im Zukunftsstaat etwa jeder dritte Mensch ein Staatsbeamter sein und wir hätten ein bureaukratisches Regime, das den seligen preußischen Beamtenstaat als einen unschuldsvollen Waisenknaben erscheinen ließe! Will man aber zwangsweise den landwirtschaftlichen Großbetrieb in genossenschaftlicher Weise einführen, so fällt damit die vielgerühmte Selbständigkeit und Freiheit des kleinen Mannes naturgemäß fort. Er wird unter die Vormundschaft des Staates gestellt, der ihm vorschreibt, wie und was er anbauen soll, er darf seinen Acker nicht mehr nach eigenem Gutdünken bewirtschaften, sondern hat sich den Anordnungen der Behörde zu fügen. Also eine neue Form der Beamtenwillkür, der Obrigkeitsstaat bis in die intimsten Privatverhältnisse! Gegen die Annahme, daß die sogenannten Latifundien volkswirtschaftlich unter allen Umständen verwerflich seien, spricht übrigens die Tatsache, daß der Körner ertrag pro Hektar der Weizenfläche in Deutschland nur von Belgien übertroffen wird, während alle übrigen europäischen Länder, auch das so stark parzellierte Frankreich, Zurückbleiben. II. F ür den Forstbetrieb ist der Großgrundbesitz unentbehrlich. Forst, das ist Nutzwald, der der Allgemeinheit zu dienen berufen ist, kann, ob er sich 310 nun im Besitze einzelner oder des Staates befindet, mit wenigen Ausnahmen nur in hohen Umtrieben von 80—140 Jahren je nach der Holzart bewirtschaftet werden. Diese langen Wirtschaftszeiträume, also die Frist, in der sämtliche Waldbestände eines Forstes verjüngt werden, schließen ohne weiteres die Wirtschaft im Kleinbetrieb aus, da einerseits die jährliche Betriebsfläche, die einem der Umtriebshöhe entsprechenden Bruchteil der Gesamtfläche gleichkommt, für eine erfolgreiche Wirtschaft zu klein wäre und andererseits der Besitzer wegen der Geringfügigkeit des Ertrages auf die Nachhaltigkeit des Betriebes keinen Wert legen würde. Die Nachhaltigkeit des Forstbetriebes aber, verbürgt durch Einhaltung des für richtig erkannten Umtriebsalters, die Nutzung des jährlichen, im Walde erfolgenden Holzzuwachses, und durch ordnungsmäßiges Verjüngungswesen, ist die Grundlage für stetig bleibende Holzerträge und damit für dauernde Versorgung der heimischen Volkswirtschaft mit nach Möglichkeit hohen Holzmengen in den begehrten Holzsorten und deshalb oberster Grundsatz jedes geregelten Forstbetriebes. Der forstliche Kleinbesitz hat nur in den Fällen und in dem Ausmaß, daß der Wald die Bedürfnisse seines Landwirtschaft treibenden Besitzers deckt, seine gewisse Berechtigung. Notwendig ist er aber nicht, da der benachbarte Großwaldbesitz die Erfordernisse der landwirtschaftlichen Bevölkerung bei intensiver Benutzung der Waldfläche weit eher zu erzeugen in der Lage ist. Wer jemals Bauernwälder zu betrachten Gelegenheit hatte, weiß, daß der zum Kennwort schlechter forstlicher Wirtschaftsweise gewordene Ausdruck „Bauernwald“ nur allzu bezeichnend ist. 311 Im Kleinbesitz werden mangels wissenschaftlicher Pflege nicht im entferntesten die Holzwerte und die Holzmengen erzeugt, die der Großbesitz auf gleicher Fläche erzielen kann und auf die die Allgemeinheit Anspruch hat. Überließe man unsere Wälder aber der Gesellschaft, d. h. der freien Nutzung aller Staatsbürger, so würde bald wie in gewissen Teilen Italiens und des Orients kein Baum das Auge mehr stören. Der Mühe des Aufforstens würde sich niemand freiwillig unterziehen, wenn es nicht für seine Kinder und Enkel geschieht. Die Verstaatlichung forstlicher Großbetriebe, um sie vor Raubbau zu schützen, empfiehlt sich nur da, wo eine wissenschaftlich geregelte Forstwirtschaft, die als solche schon den Zwecken der Allgemeinheit dient, nicht genügend gewährleistet ist. Jedenfalls ist sie eher in Betracht zu ziehen, als die Verstaatlichung landwirtschaftlicher Großbetriebe, die viel weniger als erstere nach einem feststehenden wissenschaftlichen Schema verwaltet werden können und deren Rentabilität in erster Linie von persönlicher Initiative und Urteilskraft abhängt und auch Kapital beansprucht, falls der Boden Höchsterträge liefern soll. Die Aufteilung des forstlichen Großgrundbesitzes wäre daher niemals, die Verstaatlichung nur da gerechtfertigt, wo durch mangelhafte Waldpflege ein nachweislicher volkswirtschaftlicher Schaden entsteht, ein Übel, dem sich übrigens durch staatlich fachmännische Beaufsichtigung der Wirtschaftsführung steuern läßt. Von der gesamten Forstfläche Preußens befinden sich gegenwärtig fünfzig Prozent, von der des Deutschen Reiches sechsundvierzig Prozent in Privatbesitz. Will man die Fideikommisse (von deren Fläche etwa die Hälfte Wald ist) als nicht mehr zeitgemäß abschaffen, oder weil sie in einzelnen Fällen nicht genügend leisten, namentlich wo sie zu e x t e n - s i v bewirtschaftet werden, oder weil sie der Ansiedlungspolitik im Wege stehen, so gestatte man wenigstens etwa nach der bestehenden Anerbengesetzgebung die fideikommissarische Substitution (Nacherbe) wie in England, unter Ausschaltung des Pflichtteils, und bedenke, daß naturgemäß jeder Besitzer sehr viel geneigter ist, Aufwendungen für seinen Besitz (auch für Leutewohnungen usw.) zu machen, wenn er das Bewußtsein hat, ihn seinen Nachkommen ungeteilt zu hinterlassen, ohne daß diese gezwungen sind, ihn wegen Erbteilung zu veräußern oder zu zerstückeln. Jedenfalls hat bisher das so angefochtene Fideikommißwesen in vielen Fällen eine sichere und notwendige Grundlage geliefert für rationell bewirtschaftete Großbetriebe, die ohne Fideikommisse kaum denkbar wären. Von der Gesamtfläche des preußischen Staates sind 7 Prozent gebundener Besitz, ohne Berechnung der Gesamtwaldfläche 5 Prozent. Die Fideikommiß w a 1 d fläche beträgt aber 3,3 Prozent der Staatsfläche, 13,8 Prozent der Gesamtwaldfläche und 46 Prozent der Fideikommißfläche. Gerade für die Forstwirtschaft sind Fideikommisse deshalb schon von außerordentlicher Bedeutung, weil hier die Fideikommißbehörde, das Oberlandesgericht, jeden Raubbau verhindern kann, während jedem Besitzer bei freiem Eigentum das Recht zusteht, den Bestand nach Belieben abzuholzen. Selbst wenn der Großgrundbesitz Hunderttausende von Hektaren freiwillig für Besiedelungszwecke zur Verfügung stellt, so bleibt es doch ein Werk, zu dessen Durchführung Jahrzehnte gehören! Vorläufig würde der heimkehrende Krieger sich doch nur auf 313 eine leere Schneefläche gestellt sehen! Wo sollen mit einem Zauberschlage die vielen Wohnstätten, das unbedingt erforderliche Vieh, die Geräte herkommen, selbst wenn die Ansiedler Kenntnisse, Erfahrungen und Arbeitslust mitbringen? Was sollte aus Ansiedelungen werden, die mehr auf bukolischen als auf ökonomischen Grundlagen ruhen, wenn der enttäuschte Vaterlandsverteidiger nach einiger Zeit erklärt: „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt“, und die Scholle verläßt? Jeder erfahrene Landwirt kann nicht dringend genug davor warnen, Leute, die bisher in anderen Berufen tätig waren, durch die Aussicht auf ein idyllisches Schäferleben auf das Land zu locken. Die unausbleibliche Enttäuschung würde nur durch den angerichteten volkswirtschaftlichen Schaden übertroffen. Man kann daher unseren Kriegern nur raten, möglichst in die Berufe zurückzukehren, aus denen sie gekommen sind. Die Ansiedlung ist ein großes Werk sowohl volkswirtschaftlich wie sozialpolitisch, es braucht aber sehr viel Zeit, sehr viel Geld und sehr viel V erst ä n d n i s, wenn es nicht fehlschlagen und zu Katastrophen führen soll! Zu einer sachgemäßen Ansiedlungspolitik werden sich auch ohne Zwangsmaßnahmen genügend Gelegenheiten bieten, eine überstürzte gewalttätige würde aber nicht zum Ziele führen und dem nationalen Wirtschaftsleben schwere Erschütterungen bereiten. Unter Demokratie und Freiheit verstehe ich das denkbar geringste Maß obrigkeitlicher Bevormundung und gesetzlichen Zwanges, nicht aber das Gegenteil, sei es nun, daß die Behörde mit dem Schmuck des Roten Adlerordens oder ohne ihn einherschreitet. 314 Ein Staatswesen auf demokratischer Grundlage mit sozialpolitischen Tendenzen, nicht aber ein Sprung ins Land Utopia, bei dem wir uns Hals und Beine brechen! Will man hohe direkte Steuern erheben und dabei natürlich den kleinen Mann möglichst entlasten und zu diesem Zwecke gar noch alle indirekten Steuern abschaffen (welch letzteres aus finanziellen Gründen völlig undurchführbar und auch volkswirtschaftlich verfehlt wäre), so ergibt sich logischerweise um so mehr die Notwendigkeit, die Hennen nicht zu schlachten, von denen man goldene Eier fordert, die Kapitalbildung also nicht zu verhindern, sondern sie zu fördern ! Nur bei hohen Einnahmen und zwar bei möglichst vielen hohen Einnahmen sind hohe Steuern denkbar, die doch notwendig sind, um die ungeheuren Lasten des Reiches zu verzinsen. Woher sollen denn die Steuern kommen, wenn es keine zahlungsfähigen Bürger mehr gibt, wenn der Unternehmergewinn derartig eingeengt wird, daß niemand mehr Lust hat, ein Geschäft zu betreiben, ein Risiko zu übernehmen oder gar etwas zurückzulegen, weil ihm doch nichts mehr zur freien Verfügung gehört und er und sein Eigentum unter der Vormundschaft der „Gesellschaft" stehen? Die „Vergesellschaftlichung" ist ein Ideal, das wir niemals ganz erreichen können, dem wir aber immer näher kommen. Dafür sorgen schon die Reichsschulden, Steuern, Monopole, hohe Löhne und die sozialpolitische Gesetzgebung. Die Verwirklichung würde aber sowohl den Tod des Ideals wie den der „Gesellschaft“ bedeuten, „Ich weiß, warum es keine wirkliche Sittlichkeit und Gerechtigkeit gibt“, sagte Konfuzius, „die Weisen in ihrem geistigen Stolz gehen zu weit, und die Toren 315 gehen nicht weit genug!“ Hoffen wir also, daß unsere Weisen nicht zu weit gehen! Man wird lächeln und mir sagen, ich spräche pro domo. Ich entgegne mit Horaz: „Nam tua res agitur paries dum proxismus ardet!“ DER EINHEITSSTAAT AUFZEICHNUNGEN VOM 16. JANUAR 1919 D as Deutsche Reich, die Schöpfung Bismarcks, war bekanntlich auf bundesstaatlich-dynastischer Grundlage errichtet. Er legte gerade auf den dynastischen Unterbau das entscheidende Gewicht, wie aus den „Gedanken und Erinnerungen" hervorgeht. Die Dynastien und drei freie Städte schlossen zur Gründung des Reiches einen „ewigen Bund“, ein Plebiszit wie in Italien hatte nirgends stattgefunden. Da, wo Dynastien verschwanden, sind sie nicht wie dort der Revolution, sondern nur den Waffen gewichen und zwar zugunsten der führenden Hausmacht. Der Gedanke, durch revolutionäre Mittel die deutsche Frage zu lösen, wurde gerade von Bismarck in der preußischen Nationalversammlung heftig bekämpft. Aus der Konservativen Partei hervorgegangen und in seiner Jugend ultrakonservativ, hat er die konservative Ideenwelt niemals verlassen, wenn er sich auch später dem bürgerlich-oligarischen und ihm gefügigen Liberalismus angeschlossen hat. Eine starke H aus- rn a c h t bildete die Grundlage des neuen Reiches, wie sie die Grundlage des alten gebildet hatte, wenn auch mit nationaler Färbung und neuer Spitze. In der Demokratie mußte Bismarck als konservativer Staatsmann und dynastischer Politiker seinen Hauptfeind erblicken, da die demokratische Staatsidee mit dem dynastisch-förderalistischen Charakter seiner Schöpfung unvereinbar war. Sie hätte mit parlamentarischer 317 Regierung zum Einheitstaate geführt und den Schwerpunkt der Machtbefugnisse von den Einzelstaaten und Dynastien, oder richtiger gesagt, von der Haus- und Vormacht Preußen, in die gewählte Volksversammlung verlegt. Die oft wiederholte Behauptung, eine parlamentarische Regierung wäre mit dem föderalistischen Charakter des Reiches unvereinbar, war insofern zutreffend, als der föderalistisch-dynastische Aufbau auf der konservativen Weltanschauung beruhte, die die Krone oder die Kronen im Gegensatz zur Volksvertretung verklärt! Die Dynastie ist der Kopf, Militär und Beamtentum sind das Gerippe des Staatswesens, dem Volke aber fällt etwa die Rolle der Hände zu, während die Landwirte als die Beine erscheinen. Daher war auch der Standpunkt Bismarcks der Sozialdemokratie gegenüber gegeben, er konnte sie nicht anders als eine Störung in seinem Organismus betrachten und immer nach neuen Medikamenten greifen, um diese zu beseitigen. Der aus konservativen Anschauungen hervorgegangene Reichskörper war aber so kräftig und hatte sich mit Hilfe des kapitalistischen Bürgertums, das dem militärischen und bureaukratischen Gerippe neue und willkommene Kräfte zuführte, so glänzend entwickelt, daß es eines schweren Unfalls bedurfte, um ihn zu vernichten; sich selbst überlassen mit einem vernünftigen Regime, hätte er noch lange bei strotzender Gesundheit gedeihen können. Dieser Unfall trat nicht wie in England und in Frankreich als Folge finanziellen Siechtums ein, oder wie in Rußland als das Ergebnis einer morschen Verwaltungskonstitution; eine wahnwitzige Außenpolitik hat das Bismarcksche Deutschland zerstört. Mit dem gewiß höchst beklagenswerten Zusammenbruch der Firma Hohenzollern u. Co. und der mo- 318 narchischen G. m. b. H. sieht sich das deutsche Volk vor die Aufgabe gestellt, eine neue Gesellschaft zu bilden. Das seit dem Jahre 1848 nach dem kläglichen Ausgang der Nationalversammlung und der Revolution in Verruf geratene demokratische Prinzip tritt jetzt siegreich hervor, nachdem das konservative Gebäude, dem die Reaktion der fünfziger Jahre und die späteren militärischen Erfolge zur Grundlage dienten, im Weltkriege zusammengebrochen ist. Scheiterte damals der republikanische Einheitsgedanke an der Macht der Dynastien und an der Anhänglichkeit der leitenden Kreise an die altgewohnten Verhältnisse, der monarchische Einheitsgedanke aber hauptsächlich an dem Widerwillen Friedrich Wilhelms IV. und seiner Umgebung vor einer Verbrüderung mit der Revolution unter Preisgabe aller „altpreußischen" Traditionen, so hat die jüngste Revolution alle Hindernisse hinweggeräumt, die sich dem demokratisch-nationalen Staatsund Einheitsgedanken bisher entgegenstellten. Es fragt sich nun, ob mit dem Fortfall der Dynastien auch die dynastischen Gebilde, die bisherigen Bundesstaaten, die mit alleiniger Ausnahme der freien Städte im engsten Zusammenhänge mit den regierenden Geschlechtern entstanden sind und auch vor hundert Jahren lediglich vom Gesichtspunkte der Hauspolitik geschaffen, erweitert oder erhalten wurden, ob diese Staaten nunmehr jede Berechtigung verloren haben, oder ob alte Gewohnheit, Stammeseigenart, engeres Heimatsgefühl, und wie die löblichen Tugenden alle noch heißen, ein ferneres Sonderleben rechtfertigen. Wir sehen außerdem Bestrebungen, aus einzelnen Teilen der preußischen Monarchie besondere Republiken erstehen zu lassen und auch andererseits mehrere Kleinstaaten zu Republiken zusammenzuschließen. 319 Es läßt sich nicht leugnen, daß, wenn überhaupt, eine staatliche Gliederung einzelner deutscher Landesteile nach historischen, wirtschaftlichen oder „völkischen“ Gesichtspunkten gerechtfertigt wäre, Schlesier oder Rheinländer den gleichen Anspruch erheben dürfen wie etwa Bayern oder Mecklenburger. Die Vereinigung der ersteren zu einem Staatswesen ist zu jung, um die Gegensätze des Volkscharakters sowie wirtschaftliche und lokale Sonderinteressen ganz vergessen zu lassen. Das gemeinsame Band der Dynastie ist verschwunden, wenn auch das der Bureau- kratie vorläufig noch besteht, und das Bewußtsein tritt hervor, daß die enge Verbindung hauptsächlich ein Ergebnis dynastischer, also jetzt obsoleter Politik war. Es kommt noch eins hinzu: ein weitverbreiteter Widerwillen gegen das sogenannte Preußentum, verkörpert durchBureaukratie, Militarismus und,.Junkertum“. Man hat es erduldet, so lange alles gut ging, und es durch seine Erfolge in der Vergangenheit, wie durch Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit in der Gegenwart in glänzendem Lichte erstrahlte. Man liebte es nie, es war aber sehr geachtet, und zwar mit vollem Rechte. Mit dem Verschwinden des ancien regime, der Dynastie, des Militarismus und einer konservativ gefärbten Bureaukratie erlischt aber auch der alte Nimbus des Preußentums, man macht es sogar, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht, für die Katastrophe mitverantwortlich. Das Los-von-Berlin, das Los-von-Preußen, wird zur Parole, „wir wollen Deutsche sein, aber uns nicht von Preußen oder von Berlin was vorschreiben lassen!“ Die Furcht vor der Berliner Ochlokratie, vor der Berliner Diktatur von unten, statt der früheren von oben, trägt auch dazu bei, den Separatismus zu stärken, das Bestreben nach Bildung von Sonderrepubliken zu fördern. Der Separatismus aber muß überwunden werden, genau so wie der Spartakismus. Beides sind Kinderkrankheiten der Republik, Begleiterscheinungen des jähen Umsturzes, der plötzlichen Umwertung aller politischen Werte! Die französische Revolution hat alle historischen Erinnerungen zerstört. Im November 1789 ersetzte bekanntlich die Pariser Nationalversammlung die bisherigen Provinzen durch 83 nach geographischen Benennungen bezeichnete Departements. „Une et indivisible“ war der Grundsatz, der Gedanke, die Schaffung einer über alle Teile des Landes reichenden machtvollen Zentralgewalt. Die große Revolution hat vielleicht mit den Erinnerungen der Vergangenheit zu gründlich gebrochen. Die Zentralisierung ist mit Hilfe des bureaukratischen Präfektensystems so weit durchgeführt, daß für die Geschicke Frankreichs eigentlich nur noch Paris maßgebend bleibt und das dortige Parlament. Aber sie hat einen einheitlichen und widerstandsfähigen Organismus erzeugt, in dem das Nationalgefühl alle regionalen und sozialen Gegensätze zurückdrängt, der das Land befähigt hat, die schwersten Stürme zu überstehen und, wie wir gesehen, einen über Erwarten entschlossenen Widerstand zu leisten. Italien, das neben einer Theokratie ebenso wie wir aus dynastischen Staaten bestand, wurde durch eine monarchistische Revolution geeinigt. Es zerfällt ganz ähnlich wie Frankreich in 69 Provinzen, die wiederum in 16 historische Compartimenti verbunden sind. Auch hier hat sich das Bedürfnis nach föderalistischer Fortführung der staatsrechtlichen Überlieferungen nicht geltend gemacht. Der demokratische Gedanke hat sowohl in Frankreich wie in Italien zum Einheitsstaat geführt. 21 Lichnowsky II 321 Wenn Nordamerika ein Bundesstaat ist, so wird das bedingt durch die ungeheure Ausdehnung und die Verschiedenartigkeit seines Gebietes, sowie durch das ganz allmähliche Entstehen der einzelnen Staaten, die sich meist erst später dem ursprünglichen Bunde anschlossen oder ihm angeschlossen wurden. Braucht man beinahe eine Woche, um von einem Ende des Landes zum anderen zu gelangen, so bestehen für ein einheitliches Staatswesen räumliche Hindernisse, die nicht vorhanden sind, wenn eine einzige Nachtfahrt genügt, um von Berlin an das Ende des Reiches zu fahren. Wenn Rußland, wie vielleicht anzunehmen, aus den Wirren des Krieges und der Revolution als ein Bundesgenosse hervorgeht, so spricht die Ausdehnung des Reiches wie bei Nordamerika, Brasilien und Australien dafür, nicht minder aber die Zahl seiner Völker und Völkerschaften, die bisher der Zarismus und seine Bureaukratie einheitlich zusammenhielt. Bei den Völkern Österreich-Ungarns, falls sie sich etwa in verkleinerter Form mit oder ohne Deutschösterreich als Staatenbund einigen, sind die Grundlagen der Föderalisierung durch die nationalen Verschiedenheiten gegeben, nachdem die Niederlagen von 1866 und 1918 sowohl den Einheitsstaat wie den Dualismus zerstörten. Wo aber liegen bei uns die Voraussetzungen, die die künstliche Schöpfung neuer Einzelstaaten oder die Erhaltung alter bedingen? In der Stammeseigenart? In der Eigenbrötelei? Ist denn etwa der Rheinländer verschiedener vom Schlesier wie der . Pikarde vom Provenzalen oder wie der Neapolitaner vom Piemontesen? Haben nicht Ostpreußen und Schlesier sich bisher in einem Staate mit Westfalen, Hessen-Nassauern und Schleswig- 322 Holsteinern vertragen? Warum sollten es nicht Bayern, Schwaben und Mecklenburger? Mit dem Fortfall der Dynastien und der höfischen und materiellen Mittelpunkte, die sie bildeten, sind auch die Voraussetzungen verschwunden für den Fortbestand der Einzelstaaten. Weshalb wollen wir bestrebt sein, einen rheinischen oder schlesischen Partikularismus zu züchten und zu befestigen, oder einen bayerischen und sächsischen künstlich zu erhalten, die des Mittelpunktes beraubt sind, um den sie sich kristallisierten? Der bayerische Partikularismus ist ohne die Wittelsbacher ebenso schwer denkbar, wie der sächsische ohne die Wettiner und ihren Hof. Will man „mit feudalen Überresten gründlich aufräumen", die tatsächlich außer in der Bonner „Borussia", im würdigen Herrenhause und in gewissen Regimentern, wo vornehme junge Leute für wenig Geld und viele Grobheiten Rekruten exerzierten, im wesentlichen noch bei einigen ostelbischen Landräten und bei Hofwürdenträgern zu finden waren, so fange man zunächst mit der Kleinstaaterei an, die doch nur in Verbindung mit feudalen Traditionen eine Berechtigung hatte! Entfällt aber die höfische Grundlage der Kleinstaaterei, so besteht weder geographisch, noch wirtschaftlich, noch verwaltungstechnisch eine stichhaltige Veranlassung für die Schaffung einzelner Republiken! Man wird mir vielleicht den berühmten „Wasserkopf" entgegenhalten. Dem möchte auch ich entgehen. Aber die wirtschaftliche Dezentralisierung ist bei uns so weit vorgeschritten, die Industrie nahezu über das ganze Reich verteilt, von den vielen Pflegestätten der Kunst und Literatur nicht zu reden, daß diese Gefahr bei uns sehr viel geringer ist als woanders. Und um das Parlament vor ochlokratischer 21 * 323 Terrorisierung zu schützen, muß doch eine Wehrmacht da sein, deren kein Staatswesen, auch kein republikanisches, entraten kann, falls es nicht zur völligen Ohnmacht verurteilt sein soll! Hiernach gäbe es zwei empfehlenswerte Lösungen: entweder das Präfektensystem wie in Frankreich und Italien, etwa nach Maßgabe der preußischen oder bayerischen Regierungsbezirke mit entsprechender Selbstverwaltung; oder aber die Zusammenfassung verschiedener Bezirke zu Provinzen wie in Preußen auf historisch -geographischen, wenn auch nicht immer auf den bisherigen politischen Grundlagen. Jede Provinz könnte dann ihren eigenen Landtag und eine erweiterte Selbstverwaltung haben, und falls ein Senat gebildet wird, dessen Mitglieder aus der Zahl ihrer Landtagsabgeordneten wählen. Ich würde die Provinzialverfassung vorziehen, da es gemeinsame Angelegenheiten in Verwaltungsfragen gibt, die über den Rahmen der Bezirke hinausreichen. Wir hätten alsdann etwa die Provinzen: Bayern, Franken, Schwaben, Thüringen, Obersachsen, Niedersachsen, Mecklenburg, Pommern, Schlesien usw. Die Reichsprovinz wäre also ein Zwischenglied zwischen dem Departement und der parlamentarischen Zentralregierung, eine gemilderte und unbedenkliche Form des föderalistischen Gedankens, ohne dessen Gefahren für Kraft und Einigkeit. Der föderalistisch - demokratische Staat ist tatsächlich nur da berechtigt, wo geographische und ethnographische Voraussetzungen den Einheitsstaat unmöglich machen. Ein ganz überwiegend national-homogenes Gebilde, wie das deutsche, dessen geographische Ausdehnung die Frankreichs nicht übertrifft, dessen wirtschaftliches Leben aber ein enges Zusammenwirken aller Teile bedingt, könnte durch 324 Schaffung von Bundesrepubliken, namentlich nach Fortfall einer ausschlaggebenden und bureaukratisch- zentralisierten Vormacht, die Stellung der Gesamtregierung unnötig beeinträchtigen und Reibungen herbeiführen, die die Schwächung des Ganzen bedeuten. Monarchie oder Republik? Wir stehen kaum vor einem Zweifel! Wenn das deutsche Volk sich aber für die Republik entschließt, so gehe es entschlossen zum Einheitsstaat über und kehre nicht zur Kleinstaaterei zurück, die durch so viele Jahrhunderte das monarchistische Deutschland belastet hatte! Auch aus finanziellen Gründen dürfte der Einheitsstaat zu empfehlen sein. 325 DAS SELBSTVERSTÜMMELUNGSRECHT AUFZEICHNUNGEN VOM 14. APRIL 1919 Als der Weltkrieg ausbrach, für den weder das ./■^deutsche Volk noch der Reichstag verantwortlich war, sondern lediglich die Unfähigkeit der deutschen Staatsmänner und eine seit vielen Jahren falsch orientierte Politik, die kurz gesagt, statt mit Rußland zu gehen, mit Österreich-Ungarn sich identifizierte, da gab es nur wenige, die nicht der Suggestion des „Überfalls" und des „aufgedrungenen Krieges“ erlagen. Volk und Volksvertretung waren vorher wederbefragt, noch genau eingeweiht worden; sie standen plötzlich vor vollendeten Tatsachen und mußten schon, um nicht als unpatriotisch zu gelten, sich der allgemeinen Hurrastimmung anschließen. „Eine Welt von Feinden“ sollte „niedergerungen“ werden; der angeblich von angelsächsischen Handelsneid, russischem Imperialismus und gallischer Revanchelust entfesselte Kampf mußte, darüber gab es unter allen Gutgesinnten keinen Zweifel, in einer Form abschließen, die „Sicherungen" gegen Wiederholungen bot, die dem deutschen Volke den Platz an der Sonne, den niemand ihm hatte verwehren wollen, für ewige Zeiten gewährleistete. Kindische Professoren und urteilslose Zeitungsskribenten, von Jugend an im Ahnenkultus erzogen und durch den Götzendienst des Autoritätsglaubens der Fähigkeit freien, selbständigen Denkens beraubt, taten das ihre, um dem Auslande die Meinung beizubringen, daß das 326 gesamte Deutschland mit verschwindenden Ausnahmen den Krieg als ein „Stahlbad" begrüße und eine Politik, die auch das neutrale Ausland als hellen Wahnsinn erkannte, in voller Kenntnis des Hergangs billige. Und doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn der Reichstag oder das gesamte Volk durch Plebiszit gefragt worden wäre, ob wir wegen des modernen Aristogiton, oder weil der Generalstab Angst vor den russischen Rüstungen und Bahnbauten hatte, oder für die Ehre unseres „Bundesgenossen“ einen Kampf mit Rußland, Frankreich und England entfesseln und den von Bismarck so befürchteten Koalitionskrieg herbeiführen sollten, die Entscheidung nicht im Sinn unserer damaligen Haltung gefallen wäre. Der Irrtum unserer Gegner, die sich anscheinend anschicken, namentlich unter französischem Einfluß eine Mahlzeit zu bereiten, deren Genuß wir ebenso höflich als bestimmt a b 1 e h n e n müssen, falls wir nicht infolge von Vergiftungserscheinungen oder Amputationen dem dauernden Siechtum verfallen sollen, der Irrtum dieser Herren liegt in der falschen Prämisse. Die allerdings märchenhafte Unzulänglichkeit, die den Weltkrieg herbeiführte, und die naive Urteilslosigkeit, die ihn billigte, werden auf das Debetsaldo des deutschen Volkes gebucht, dessen Kriegswille hiernach als erwiesen gilt, das folglich bestraft werden muß. In logischer Weiterentwicklung verlangt namentlich Frankreich „Sicherungen" und sagt sich nicht, daß die einzig zuverlässige Sicherung in der demokratischen Regierungsform zu finden ist, die Kabinettskriege sowie das Übergewicht militärischer Einflüsse für alle Zukunft ausschließt. Unsere Gegner vergessen, daß jede anderweitige Sicherung unerträgliche Zustände schafft, daher entweder gar nicht oder nicht bona fide angenommen werden kann, mit einer reser- 327 vatio mentalis, die gerade das Gegenteil von dem bedeutet, was der Friedensschluß bezweckt, nämlich die Abrüstung und den dauernden Frieden. Jeder Gewaltfrieden, der uns in politische oder auch nur in finanzielle Abhängigkeit und Knechtschaft brächte, der uns wichtiger Landesteile beraubt, deren die Firma politisch oder wirtschaftlich bedarf, sei es nun, daß diese Gebiete ganz oder nur teilweise von Germanen besiedelt sind, jeder Friedensschluß, der uns zu Fronarbeitern des Auslands hinabdrückt, setzt zunächst einen Gewaltfriedenszustand auch nach der Unterzeichnung voraus. Unsere Gegner müssen sich sagen, daß ohne gewaltige Machtmittel ein Gewaltfrieden keine Dauer verspricht, und daß ein solcher Frieden in dem Augenblick zusammenbricht, wo die Gegner nicht in der Lage sind, seine restlose Durchführung zu erzwingen. Statt zur Abrüstung zu führen, wird ein dem deutschen Volk abgetrotzter Frieden nur neue Rüstungen gebären. Das Gespenst eines neuen Weltkrieges, das doch alle Beteiligten, Deutsche wie Engländer, Franzosen und Amerikaner, mit gleicher Aufrichtigkeit für alle Zukunft verscheuchen möchten, würde weiter in allen Häusern spuken. Ein Gewaltfrieden ist eben nur durch Gewalt aufrechtzuerhalten, müßte also notwendigerweise gerade zum Gegenteil von dem führen, was Herr Wilson als sein Programm verkündet hat, dessen Grundlagen wir annahmen, und die die Voraussetzungen bilden für alle weiteren Unterhandlungen. Wie unsere Annexionisten während des Krieges die flandrische Küste verlangten, weniger bescheidene sogar ganz Belgien und Nordfrankreich, während Kleinmütige sich mit Briey zufriedengaben, ohne deshalb ganz auf Ägypten oder Kurland verzichten zu können, so treibt die Kriegspsychose, die bei uns in- 328 zwischen der Revolutionspsychose gewichen: ist, heute in Paris die herrlichsten Blüten. Mich wundert nur, daß die französischen Wünsche am Rheine haltmachen statt bis an die Elbe zu gehen. Alles übrige käme dann an Polen! Das entspräche doch dem Reiche Karls des Großen und unsere Grenzen bis Otto dem Großen! „Historische Grenzen“ ist ein sehr dehnbarer Begriff, da spielen einige Jahrhunderte keine Rolle. Gehörte nicht Oberschlesien bis 1163 zu Polen? Wohnen da nicht auch Polen und Deutsche? Ist nicht Westpreußen durch die Schlacht von Tannenberg von den Jagellonen zurückerobert worden? War nicht Ostpreußen einst polnisches Lehen? Warum sollten sie nicht alle an Polen zurückfallen? Wo gibt es überhaupt im Deutschen Reiche „unbestritten" polnische Gebiete? Ist nicht der Streit um die Ostmarken so alt wie die deutsche Geschichte selbst, ein Streit, der schließlich zugunsten der höheren Ordnung und Gesittung entschieden wurde, die den. gemischtsprachigen, früher polnischen Bezirken Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung brachten? Waren es nicht gerade England und Frankreich, die uns auf dem Wiener Kongreß polnische Landesteile anboten, während Preußen sich mit der geographisch, strategisch und wirtschaftlich damals wie heute gleich nötigen Verbindungslinie zwischen Schlesien und Ostpreußen begnügte? Warum werden wir nicht ebenso behandelt wie damals Frankreich, das seine alten Grenzen zurückerhielt, und dessen Vertreter, Fürst Talleyrand, erklären konnte, er sei der ministre de Sa Majeste Tres- Chretienne und weder er noch Frankreich seien für die Sünden der Vergangenheit verantwortlich? Unsere Gegner haben während des Krieges so oft verkündet, 329 daß niemand daran dächte, das deutsche Volk zu vernichten, sondern nur das System, die Autokratie, den Militarismus, daß wir doppelt berechtigt wären, alle Zumutungen, die über eine wohlwollende Auslegung der 14 Punkte hinausgehen, unbedingt ab- z u 1 e h n e n. Wenn Polen Danzig verlangt, so könnten die Tschechen mit gleichem Rechte Hamburg beanspruchen! Weshalb denn nicht? Beides sind alte deutsche Hansastädte, und Hamburg liegt an der Mündung der Elbe, wie Danzig an der der Weichsel. Um von uns unabhängig zu sein, braucht Böhmen den Besitz von Hamburg und eines „Korridors" längs der Elbe dahin! Die polnische Frage ist tatsächlich unlöslich, wenn die Entente darauf besteht, einen völlig selbständigen Staat zu schaffen, statt Polen wie auch die Ukraine, Litauen, Kurland und alle anderen Bestandteile des russischen Reiches zu den Vereinigten Staaten von Rußland, etwa nach nordamerikanischem Muster, zusammenzuschließen. Wenn der Bolschewismus zusammenbricht, dann ist der Augenblick gekommen, um den Zusammenschluß zu bewerkstelligen, der schon deshalb angezeigt erscheint, weil das neue Rußland sich mit den Grenzen aus der Zeit vor Peter dem Großen und ohne Zugang zum Meere auf die Dauer nicht abfinden könnte. Eine Zerstückelung Deutschlands mit einer Zickzackgrenze gegen Polen aber würde ebenso wie eine Zerstückelung Rußlands, das, wenn auch keine ethnische, so doch eine geographische und wirtschaftliche Einheit bildete, den Keim zu neuen Konflikten und Kriegen liefern. Eine Einigung mit Tschechien wäre unschwer zu erreichen, wenn wir auf den Anschluß von Nordböhmen und Nordmähren verzichten, den böhmischen Wünschen hinsichtlich der Elbschiffahrt und der 330 Frachten nach Hamburg entgegenkommen und die tschechischen Ansprüche auf Ostschlesien (Teschen) unterstützten. Natürlich muß der tschechische Staat alle Ansprüche auf unser Reichsgebiet fallenlassen. Zur Angliederung an uns würde sich nur Westschlesien (Troppau) eignen, das überwiegend deutsch ist und geographisch und wirtschaftlich zu Oberschlesien gehört. Für Elsaß-Lothringen können wir das Selbstbestimmungsrecht verlangen. Lehnt Frankreich diesen Gedanken ab, so haben wir auch nicht die geringste Veranlassung, ihn im Osten und Norden zuzulassen, es sei denn, daß ein Gewaltfrieden statt eines Rechtsfriedens uns beschert würde. Dann aber ist auch das ganze Gerede vom Völkerbund leeres Geschwätz, da dieser dann doch keine Rechts-, sondern eine Gewaltsorganisation sein müßte. Ein Vertrag, der auf Gewalt beruht, ist nur mit Gewalt zu erhalten, es wäre die Weltentente in Permanenz, also das Gegenteil des Völkerbundes und der Abrüstung. Jeder Gewaltfrieden ist unbedingt abzulehnen, und zwar im Interesse aller Völker. Den Krieg gegen uns kann niemand wieder anfangen, und aushungern kann man uns auch nicht, ohne daß der gemeinsame Feind, der kommunistische Terrorismus, die gesamte Menschheit in ihren Urständ zurückversetzt! Mit dem Selbstverstümmelungsrecht, statt des Selbstbestimmungsrechtes, ist uns nicht gedient. ZUM ULTIMATUM AUFZEICHNUNGEN VOM 18. JUNI 1919 D a die Entente auf die bis an die Grenze der Selbstaufopferung gehenden deutschen Gegenvorschläge nicht eingegangen ist und die Pariser Atmosphäre mit den Autofahrten in die leider nur allzu verwüstete schöne Landschaft einen verheerenden Einfluß auf die britischen und amerikanischen Staatsmänner ausgeübt hat, so muß das deutsche Volk es ablehnen, für Dinge gestraft und verantwortlich gemacht zu werden, für die, was auch die Ententemächte in ihrer Mantelnote sagen, weder es selbst, noch das heutige Regime, sondern schlimmstenfalls nur seine früheren Leiter und der militaristisch-bureaukratische Patriarchalstaat die Schuld tragen. Das deutsche Volk ist vor die Wahl gestellt, sich entweder Bedingungen zu fügen, die ihm für immer die Möglichkeit rauben, sich zu erholen und den ihm gebührenden Platz im friedlichen Wettbewerb der Völker einzunehmen, — oder aber zu erklären, daß es das eigene Todesurteil nicht unterschreibe und es den Gegnern überlassen müsse, durch Anwendung brutaler Gewalt gegen einen geschlagenen und opferwilligen Feind das Weltgewissen zum Widerspruch zu wecken. Schon haben die letzten Wochen den Beweis dafür erbracht, daß unsere ablehnende Haltung den geradezu ungeheuerlichen Forde- rungen der Entente gegenüber selbst im feindlichen Auslande zur Erkenntnis geführt hat, daß diese Be- dingungen undurchführbar sind und daß Verständigung geboten erscheint. Diese entgegenkommende Stimmung würde zweifellos noch weit mächtiger im gesamten Auslande hervortreten, wenn nicht leider im eigenen deutschen Lager immer wieder einzelne Politiker und Publizisten, und unter letzteren solche, die jenseits unserer Grenzen Beachtung finden, der deutschen Sache durch Befürwortung des feindlichen Standpunktes den denkbar größten Schaden zufügten. In wiederholten Auslassungen habe ich mich bemüht, auf die Wichtigkeit der Ostmarkenfrage hinzuweisen und auch das Ausland davon zu überzeugen, daß Deutschland nicht auf Posen, Ostpreußen und Oberschlesien verzichten kann, selbst wenn in einzelnen Teilen dieser Provinzen das Germanentum sich in der Minderheit befindet, und daß das Polenreich, das in einem deutschen Staatsmann seinen Stifter verehren darf, keinen höheren Anspruch auf Gebiete zu erheben berechtigt ist, in denen sich polnische Mehrheiten befinden, als das Deutsche Reich auf alle Länder außerhalb unserer Grenzen mit überwiegend oder rein deutscher Bevölkerung. Nordböhmen, Sudetenland, Deutschösterreich, die deutsche Schweiz und namentlich auch das Elsaß und Luxemburg sind unbestreitbar deutsche Gebiete. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens mit dem böhmischen Anspruch auf die an der Oppa liegenden „mährischen“ Teile der Provinz Schlesien, die zu Tschechien kommen sollen. Ich habe, nebenbei gesagt, dort meinen Wohnsitz und einen Teil meiner Güter, und meine Familie gehörte ehedem zum böhmischen, nicht aber zum polnischen Adel (wie die Endung „sky“ statt „ski“ beweist). Ebensowenig wie ich hat dort irgendein anderer vernünftiger Mensch die Neigung, sich von 333 Deutschland zu trennen, und der Ratiborer Kreistag nahm im Dezember vorigen Jahres folgende Erklärung einstimmig an: „Angesichts der Bestrebungen, die sowohl von polnischer wie von tschechischer Seite darauf ausgehen, Oberschlesien vom preußischen Staat und vom Deutschen Reiche loszulösen, so namentlich den Kreis Ratibor zwischen Polen und Tschechen zu teilen, spricht der Kreistag einmütig den Entschluß aus, sich einer etwaigen Teilung und Loslösung zu widersetzen und nach wie vor bei Preußen und Deutschland verbleiben zu wollen, da er in diesem Verband allein die Voraussetzungen erblickt für das zukünftige Gedeihen des oberschlesischen Volkes, ohne Unterschied der Konfessionen und der Sprache.“ Inzwischen hat die gewaltige Bewegung, die in Oberschlesien gegen die Loslösung entstanden ist, ja auch das Ausland darüber belehrt, daß die Einverleibung Oberschlesiens in fremde Staatsgebiete auf den heftigsten Widerstand seiner Bewohner stoßen und unhaltbare Zustände schaffen würde. Mit vollem Rechte hatte die Reichsregierung für dieses Gebiet keine Volksabstimmung vorgeschlagen, da es seit 1163 nicht mehr zu Polen gehört und von einer unzweifelhaft polnischen Bevölkerung überhaupt nicht die Rede sein kann. Bei der systematischen Verhetzung namentlich der ländlichen Volkskreise und deren Verärgerung über die unleugbaren Härten der Zwangsaufbringungen und angesichts der mangelhaften Lebensmittelversorgung auf dem Lande ist es aber immerhin möglich, daß sich in einzelnen Kreisen Oberschlesiens eine Mehrheit für das Polentum ergibt. Die unwissende Menge sieht gewöhnlich nur die Mißstände des Augenblicks und erhofft nur allzuleicht von jedem Wechsel eine Besserung, indem sie auf unerfüllbare Verheißungen vertraut. 334 Die Entente hat das Selbstbestimmungsrecht für Oberschlesien verkündet, wobei es sehr auf die Art der Abstimmung ankommt, und sie will ebenso in Nordschleswig ein Plebiszit stattfinden lassen. Unter Berufung auf die von Herrn Wilson verkündeten Grundsätze, die freilich, wie Prinz Max von Baden schlagend nachgewiesen hat, von den Verbündeten überall durchlöchert wurden, fragen wir, warum das Selbstbestimmungsrecht dann nicht allen Gebieten zugestanden wird, die man uns nehmen will. Ich meine Posen, Westpreußen, Elsaß-Lothringen und auch die deutschen Teile Österreichs. Ich glaube, daß dieser Standpunkt sowohl im neutralen Auslande wie im gegnerisch-pazifistischen Lager volles Verständnis und Unterstützung finden sollte. Da unsere Gegner aber weder für Posen und Westpreußen, noch für Elsaß-Lothringen und die deutschen Teile Österreichs das Selbstbestimmungsrecht gelten lassen, so haben wir nicht den geringsten Grund, seine Gewährung in Oberschlesien als ein Zugeständnis zu betrachten oder uns durch dieses Zugeständnis für den Raub unentbehrlicher Provinzen abfinden zu lassen. Was Elsaß-Lothringen betrifft, so muß mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß das sogenannte „Unrecht“ von 1871 nicht größer war als das von 1674 bezw. 1681, wo diese Länder auch durch Waffengewalt erobert wurden, und daß mithin der Frankfurter Vertrag ebenfalls eine „Desannexion“ bedeutete, und zwar eines Landes, das mehr deutsch ist wie Posen etwa polnisch. Das an Polen im Jahre 1772 begangene „Unrecht“, mit dem man jetzt namentlich in Amerika und England auf harmlose und unkundige Gemüter erfolgreich gegen uns Stimmung macht, erscheint dem Historiker übrigens in einem wesentlich anderen Lichte. „Selbst 335 auf den Gütern der größeren Edelleute waren die Wirtschaftsgebäude verfallen und unbrauchbar, freilich konnte auch ein großer Teil des Adels ebensowenig lesen und schreiben wie die Bauern. Auch die Überzahl des Landvolks lebte in jämmerlichen Zuständen. Wer sich dort einem Dorfe nahte, sah große, windschiefe Hütten mit zerrissenen Strohdächern auf kahler Fläche, ohne Baum, ohne Garten. Das schmutzige wüste Volk lebte von Brei und Roggenmehl, von Krautsuppe, Heringen und Branntwein, dem Männer wie Frauen unterlagen; Brot wurde nur von den Reichsten gebacken, viele hatten in ihrem Leben nie einen solchen Leckerbissen gesehen. Stumm und schwerfällig trank das Volk den schlechten Branntwein, prügelte sich und taumelte in die Winkel. Auch der Bauernadel unterschied sich kaum von den Bauern. Er führte seinen Rakenpflug selbst und klapperte in Holzpantoffeln auf dem Lehmfußboden seiner Hütte. Eine Rechtspflege gab es kaum im Lande. Nur die größeren Städte bewahrten kraftlose Gerichte. Die Edelleute verfügten mit grausamer Willkür ihre Strafen. Sie prügelten Bürger und Bauern, warfen sie in scheußliche Kerker und ließen sie darin verkommen. Hatten die Schlachzizen selbst Streit untereinander, so kämpften sie durch Bestechung bei den wenigen Gerichten, die über sie urteilen durften. In den letzten Jahren hatte das auch fast aufgehört. Sie suchten ihre Rache auf eigene Faust durch Überfall und blutigen Bürgerkrieg.“ Diese Sätze entnehme ich der Schilderung, die Gustav Freytag von den Zuständen entwirft, die damals in Westpreußen herrschten, und die er den Berichten der Beamten entlehnte, die Friedrich II. in das unglückliche Land entsandte. Da man aber diese Zeugen als „Boches“ verdächtigen wird, so mögen noch 336 polnische Autoren folgen, die beweisen, daß diese Zustände nicht nur in Westpreußen, sondern auch in ganz Polen herrschten. Der Geschichtsschreiber Staszic schreibt zu derselben Zeit: „Vor meinen Augen stehen fünf Sechstel des polnischen Volkes, bedeckt mit Fellen und rauhem Tuch, von Schmutz und Krankheit entstellt, mit tiefliegenden Augen, kurzatmig, mürrisch, verkommen, verdummt. Sie empfinden wenig, denken wenig, kaum erkennt man in ihnen die vernünftige Seele. Sie haben mehr das Aussehen von Tieren als von Menschen." Und ein anderer, der erste Prälat Polens, der Erzbischof Labienski von Gnesen, schreibt aus jenen Tagen: „In der Geschichte wird niemand ein Beispiel solcher Unordnung finden wie in Polen. Man muß deshalb schließen, daß ein Reich von so elender Beschaffenheit entweder ein Raub der Feinde werden, oder sich mit der Zeit in tatarische Felder verwandeln wird.“ 22 Lichnowsky II 337 DIE ZUKÜNFTIGE DEUTSCHE AUSSENPOLITIK FEBRUAR 1919 D ie Grundlinien der zukünftigen deutschen Außenpolitik lassen sich wohl am klarsten erkennen, wenn man sich die Irrtümer vergegenwärtigt, die unsere frühere belasteten, und die die Katastrophe herbeigeführt haben. Wenn auch das Endergebnis des Krieges noch nicht genau zu übersehen ist, so kann man doch schon sagen: Wir müssen in Zukunft so ziemlich das Gegenteil machen von dem, was wir bisher taten, und zwar unter sehr viel weniger günstigen Voraussetzungen. Waren wir früher die erste Militär- und Handelsmacht des Festlandes, mit der alle übrigen politischen Firmen in Eintracht und Einvernehmen zu bleiben wünschten, und der man auf allen Gebieten ein weitgehendes Entgegenkommen zu zeigen bereit war, wenn wir nur auf Kraftproben, Demütigungen, Drohungen und herausfordernde Handlungen verzichteten, so stellen wir vorläufig keine Macht mehr dar, mit der die übrigen Staaten meinen rechnen zu müssen. Nationen, die unsere Freunde sein wollten, haben wir uns zu Feinden gemacht, und solchen, die niemals unsere Freunde sein werden, haben wir die staatliche Selbständigkeit durch den Krieg verschafft. Immerhin läßt sich aber annehmen, daß ein Volk von der kulturellen und materiellen Bedeutung des deutschen, ein Volk von etwa siebzig (mit den Deutsch- Österreichern etwa achtzig) Millionen zwar geschwächt 338 und um Jahrzehnte zurückgeworfen, nicht aber dauernd ausgeschaltet werden kann, und daß die allgemeine Weltpolitik mit dem deutschen Staate später ebenso zu rechnen haben wird, wie etwa auch mit dem russischen. Rußland hat durch den Krieg noch viel mehr gelitten als wir, es wäre aber auch verfehlt, Rußland als politischen und wirtschaftlichen Machtfaktor für die Zukunft außer Betracht zu lassen. Seine Teile werden sich nach Überwindung des Bolschewismus voraussichtlich auf neuer demokratisch - föderalistischer Grundlage zusammenfinden. Das Russentum wird trotz aller schönen Theorien über Selbstbestimmungsrecht und Völkerbund sich auch fernerhin in Asien ausdehnen und neue Gebiete erwerben, also eine halbasiatische Großmacht bleiben. Hat es die amerikanische Union den Indianern, Franzosen, Spaniern, Negern, ja auch den Russen (in Alaska) gegenüber nicht gerade so gemacht? Hat sie sich nicht aus den primitivsten agrarischen Ansiedelungen zur ersten Kapitalsmacht der Welt entwickelt? Ist der angelsächsische Kolonisator nicht immer weiter nach dem Westen und nach dem Süden seines Erdteils vorgedrungen und mit ihm das Sternenbanner? Hat nicht die Union auch die Hand auf die Philippinen, Honolulu, Cuba und Haiti gelegt? Warum sollte das republikanische Rußland nicht ganz ähnlich in Persien, Zentralasien und in der Mongolei vorgehen, da, wo der russische Siedler und Kaufmann unterstützt vom Soldaten den geringsten Widerstand findet? Die Weltpolitik wird in Zukunft mit uns rechnen müssen, wie auch mit Rußland, wenn wir auch nicht mehr in der Lage sind, mit demselben Nachdruck und gleichem Ansehen aufzutreten wie von 1871 bis 1914, und die Möglichkeit, uns auf fremden Erdteilen unter 22 * 339 eigener Fiagge auszubreiten, uns wohl genommen ist. Ein dauernder politischer und wirtschaftlicher Boykott ist aber schon deshalb unwahrscheinlich, weil dessen notwendige Voraussetzung die vollkommene Einigkeit aller übrigen Völker bildet, diese Einigkeit aber erfahrungsgemäß nur so lange besteht, wie der gemeinsame Gegensatz. Der Haß, die Entrüstung allein genügen nicht auf die Dauer, so stark diese Gefühle auch zur Zeit bei allen unseren Gegnern noch hervortreten. Allmählich drängen andere und zwar materielle und abweichende Erwägungen in den Vordergrund, die Einigkeit der Gegner, die auf der gemeinsamen Gefahr und Bedrohung beruhte, zerbröckelt. Durch eine Politik, über deren erbliche Belastung die Klagen nicht verstummten, und die in regelmäßiger Abwechslung von önologischen und von pathologischen Beamten geleitet wurde, eine Geschäftsgebarung, die nur mit der des „Fürstenkonzerns" zu vergleichen war, hatten wir es dahin gebracht, daß alle anderen Großmächte ihre Gegensätze begruben und sich zum Schutze gegen uns verbanden. Sie bildeten eine auf gegenseitige Versicherung gegen Kriegsgefahr beruhende Genossenschaft und erweiterten diese schließlich über das ganze Erdenrund, als unsere letzte Kraftprobe mißglückte und nachdem sie zum Weltkriege geführt hatte. Mit unserer Niederlage ist die frühere Gefahr verschwunden, eine neue aber tritt für die übrige Menschheit höchstens noch in der Form des Bolschewismus, nicht mehr aber in der des Militarismus hervor. Auch die neue „Heilige Allianz" wird und muß sich daher mit der Zeit lockern, wenn wir auch mit ihr unter amerikanischem Ehrenpräsidium und englischem Präsidium zu rechnen haben. Von hehren Theorien und Maximen allein können weder Menschen noch Völker leben, ebensowenig wie von Haß und von Liebe. Eine 340 ganz neue Welt- und Staatenordnung aber wird der Völkerbund ebensowenig einführen, wie etwa die Sozialdemokratie eine neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Das Ergebnis des Krieges wird schließlich nach beiden Richtungen nur eine beschleunigte Weiterentwicklung sein, ein Ruck nach einem bestimmten Ziele, dem demokratischen Ideal. Der Kernpunkt des Völkerbundes ist das Zwangsschiedsgericht für internationale Streitigkeiten. Alle beteiligten Staaten werden sich verpflichten, ihre Gegensätze nicht durch Waffengewalt auszutragen, sondern sie durch den Urteilsspruch eines Völkergerichtshofes zu erledigen. Der Völkerbund ist die Weltentente, die Verwandlung der bisherigen Kampforgani- sation in eine Schutzorganisation, der wir vielleicht angeschlossen sind, die aber dafür sorgt, daß wir nicht neue Händel suchen. Denn darüber können doch nur politische Kinder im Zweifel sein, daß der Völkerbund nicht etwa gegen amerikanische, englische, französische oder italienische Übergriffe, sondern vor allem gegen das rauflustige Germanentum gerichtet ist. Wird etwa die Union, falls in einer der spanischen Republiken Leben und Eigentum nordamerikanischer Bürger oder die Interessen großer Handelsgenossenschaften durch Anarchie oder Revolution gefährdet sind, zugunsten des Völkerbundes darauf verzichten, nötigenfalls durch Heer oder Flotte ihre Rechte zur Geltung zu bringen? Wird England, falls in Persien, Afghanistan, Tibet, oder sonstwo britische Interessen auf dem Spiele stehen, sich des Eingriffs enthalten und sich an den Völkerbund wenden oder bei einem Aufstand in Indien, in Ägypten oder in Südafrika sich der Vermittelung des Schiedsgerichts bedienen? Sind nicht Hindus, Araber, Buren und Kaffern auch Menschen und gleichberechtigte Nationen? Werden Engländer und Amerikaner ihre Flotten abschaffen und abrüsten? Sie denken nicht daran. Sie betrachten sich vielmehr als das brachium seculare des Völkerbundes, der Weltentente, dazu berufen, die Weltpolizei auszuüben, den Machtfaktor der Friedensorganisation zu bilden. Der Weltkrieg hat, wie ich voraussah und sagte, zur angelsächsischen Hegemonie und Weltherrschaft geführt. Mit dieser haben wir zu rechnen, wenn sie auch in der Gestalt des Völkerbundes auftritt. Es ist die Pax Britannica, „Rule Britannia" als Schäferlied. Fügen wir uns nicht dem Urteil des Areopags, so entsteht eben ein neuer Weltkrieg. Alles übrige ist Ideologie, Geschwätz von Kannegießern und Phrasengießkannen. England braucht uns aber als Gegengewicht gegen Frankreich und Rußland. Es braucht uns sowohl als Abnehmer seiner Waren, wie als Lieferanten. Wir waren vor dem Kriege sein bester Kunde. Das Hauptärgernis, unsere Flotte, die England in die Arme Frankreichs und Rußlands trieb, ist beseitigt, unsere Kolonien verloren, unser überseeischer Handel vernichtet. Wenn unmittelbar vor dem Kriege die Verständigung mit England trotz Flotte, trotz Kolonien und trotz Handelsrivalität erreicht war, weshalb sollte sie ohne Flotte, ohne Kolonien und ohne Handelsrivalität später nicht wieder zu erreichen sein, wenn jenseits des Kanals die Erbitterung allmählich verraucht? Aber freilich, es wird noch lange dauern, ehe man sich dort beruhigt. Eine Wiederannäherung wird aber auch dadurch erleichtert, daß eine Bedrohung Frankreichs oder Belgiens durch uns in Zukunft höchst unwahrscheinlich ist, England in diesen empfindlichsten Punkten also nichts mehr zu befürchten hat. England kann aber ein übermächtiges Spanien, Frankreich oder Ruß- 342 land ebensowenig dulden, wie eine deutsche Hegemonie auf dem Festlande. Auf diesem Grundsatz beruhte ja seine gesamte traditionelle Kontinentalpolitik, seine Kriege gegen Philipp II., Ludwig XIV., XV., die Republik, Napoleon I. und Nikolaus I. Der andere Machtfaktor, mit dem wir rechnen müssen, ist, wie schon gesagt, Rußland, wenn es sich zu Vereinigten Staaten zusammengeschlossen hat. Der Bismarcksche Grundsatz: „Rücken an Rücken mit Rußland“ war vollkommen zutreffend, nur hat er ihn leider bei und nach dem Berliner Kongresse mißachtet. Der Irrtum wuchs dann im Zeitalter der Epigonen im Quadrat der Entfernung vom Meister. Im Jahre 1890 hatte er bekanntlich zu Rußland zurückschwenken wollen. Den Dreibund nahm er nie sehr au serieux „rebus sic stantibus", er entsprang mehr einer Laune, einer schlechten Laune des Riesen. Dieser wollte eigentlich nur Gortschakow bekämpfen, nicht aber Rußland. Die Abkehr vonRußlandwar der Kardinalfehler der Epigonen. In der Vorkriegszeit, der Ära diplomatischer Hohl-, Kraus- und Wasserköpfe führte dieser Irrtum zur Weltkatastrophe, nicht die Vernachlässigung Englands! Die Rückkehr zu Rußland ist auch mit das Hauptproblem unserer künftigen A u s 1 a n d s p o 1 i t i k. Anlehnung, nicht aber Bündnis! Jedes Bündnis, selbst ein defensives, setzt einen gemeinsamen Gegensatz voraus, hat eine Spitze gegen eine dritte Macht, und dieser Gegensatz überträgt sich unwillkürlich auch auf Dinge, die dem ursprünglichen Zweck des Rechtsgeschäfts fernlagen. Jedes Bündnis mit Rußland hätte also eine Spitze gegen England und umgekehrt! Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß die Anlehnung an Rußland uns in einen Gegensatz 343 zu England bringen muß, daß wir gewissermaßen zwischen Rußland und England zu optieren haben. Im Gegenteil, die deutsch-englische Verständigung ist um so leichter, wenn wir gut mit Rußland stehen, wenn wir Rußland entlasten, statt es abzulenken, wie wir es taten, wenn es in Asien und im Orient freie Hand hat. Duobus litigantibus —. War doch die russischenglische Freundschaft unser Werk, eine Folge der Vergrämung beider. Ebenso war die russisch-französische Allianz eine Folge des Berliner Kongresses und der Erneuerung des Dreibundes nach Kündigung des Rückversicherungsvertrages. So leicht freilich wie mit dem uns so wohlgesinnten zaristischen Rußland, das uns immer zurief: „Lächez l'Autriche, et nous lächerons les Franpais“ ist die Annäherung an Rußland nicht wieder zu bewerkstelligen; wir haben es erreicht, auch dort gründlich verhaßt zu sein, und müssen es der Entente überlassen, das bürgerliche Rußland unter ihren Schutz zu nehmen. Charles Rivet, der langjährige Vertreter des ,,Temps‘‘ in Petersburg, schließt sein interessantes Buch: „Le dernier Romanof“ mit der Bemerkung: „Puissions-nous avoir reussi dans cet ouvrage ä donner au moins une vision de ce qui fut la Russie ä jamais disparue aujourd'hui, pour faire comprendre ce que les adversaires de l'Allemagne viennent de gagner avec la chute du dernier Romanof." Und als infolge der törichten Mission Liman von Sanders die Erregung in Rußland hoch ging und die französische Presse bemüht war, Öl ins Feuer zu gießen, erklärte ihm Herr Sasonow: „Quoique vous fassiez, monsieur, vous ne nous brouillerez pas avec l'Allemagne.“ Herr Rivet fügt hinzu: ,,Celle-ci s’est chargee elle-meme en 1914 de prendre sur eile, ce que redoutait tant cet excellent M. Sazonoff." 344 Von Rußland haben wir nichts zu befürchten und hatten es nicht. Der sogenannte Panslawismus und der moskowitische Imperialismus richteten sich gegen Österreich-Ungarn, die Türkei, Persien, Zentralasien, China, Japan, nur nicht gegen uns, wenn wir uns nicht schützend vor Austro-Magyaren und Türken stellten. Im Gegenteil, die polnische Frage bildete eine sichere Grundlage der Verständigung und Freundschaft zwischen uns und Rußland. Mit Japan werden wir uns schnell verstehen können, da seit dem Verlust von Kiautschou kein Gegensatz zwischen uns und Japan mehr besteht und niemand uns zwingt, wie 1895, uns dazu zu drängen, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Nach unserer politischen und wirtschaftlichen Ausschaltung aus Ostasien wird der Gegensatz Japans zur Union und auch zum verbündeten England zu unserem Vorteil hervortreten. Das sind wohl im wesentlichen die Grundlagen unserer künftigen Auslandspolitik, soweit wir überhaupt in der Lage sein werden, Auslandspolitik selbständig zu treiben. Es trennen uns gar keine Gegensätze von Rußland, auch keine von England, Nordamerika und Japan. Mit diesen Mächten werden wir auch in Zukunft, der Frieden mag ausfallen wie er will, in erster Linie zu rechnen haben. Hingegen ist der Gegensatz zu Polen am schwersten überbrückbar. Sollten wir aber die deutsch-österreichische Erbschaft antreten, so geraten wir auch noch mit Tschechen, Magyaren, Italienern und Südslawen in Streit. Polen und Tschechen werden jederzeit an Frankreich, unserem unversöhnlichsten Gegner, eine bereitwillige Stütze finden. Es erübrigt sich hinzuzufügen, daß das deutsche Volk den Verlust des deutschen Elsaß, das Frank - 345 reich uns nun zum zweiten Male durch die Waffen entreißt, niemals verschmerzen wird! Es muß sich aber sagen, daß die Schuld bei ihm selbst liegt, indem es zuließ, daß die nämliche Richtung, die uns die Elsässer entfremdet und ihnen bundesstaatliche Rechte verweigerte, den frischen fröhlichen Krieg seit Jahren gepredigt hat. Der ewige Frieden, die civitas dei! Ein schöner Traum. Wir konnten ihn aber verwirklichen, mit breiter, kolonialer und unbeschränkter wirtschaftlicher Entwicklung, denn alles, was durch Krieg zu erreichen war, war erreicht. Wir mußten lediglich auf die törichte Bündnis- und Orientpolitik unter voller Wahrung unserer Interessen verzichten und ebenso auf uferlose Flottenprogramme und auf Bedrohungen Frankreichs. Dann hatten wir den ewigen Frieden mit allmählicher Abrüstung, Diese einfachen Wahrheiten waren aber unseren „Staatsmännern“ nicht beizubringen, die stets Irrwege gingen. Werden wir den ewigen Frieden haben? Wenn man uns unsere Grenzen im wesentlichen läßt und uns keine unerträglichen Bedingungen auferlegt. Druck erzeugt Gegendruck, auch Explosionen. Kriege waren und bleiben nur gerechtfertigt als Mittel zum Zweck, niemals als Selbstzweck. Ein zweckloser Krieg aber ist ein Verbrechen sowohl an der Menschheit, wie an dem eigenen Volke. Vielleicht gehen wir der Zeit entgegen, in der es nur mehr einen Hirt gibt und eine Herde? Wer aber wird der Hirt sein? Zur Herde eignen sich recht, recht viele. 346 WICHTIGE NEUE BÜCHER DES VERLAGES CARL REISSNER IN DRESDEN mm ■r r y. Im Verlag Carl Reißner, Dresden, erschien: WALTHER RATHENAU BRIEFE Herausgegeben von seiner Mutter Zwei starke Bände mit 850 Seiten und Bildern Preis in Ganzleinen mit Kassette M. 16.— Vier Jahrzehnte eines beispiellos inhaltsreichen Lebens und Wirkens sind in diesen beiden Bänden enthalten; und selten werden Bücher veröffentlicht, die ähnlich wie dies äußerlich und innerlich monumentale Werk die Summe eines solchen Lebens dokumentieren. Rathenau als Mensch und Schöpfer in eigenen intimsten Bekenntnissen und Erinnerungen — in diese Formel läßt sich die Bedeutung des Werkes am ehesten fassen. Das Menschentum dieses seltenen Mannes kommt hier ebenso zum Ausdruck wie sein Schöpfertum. Hier sind die Bausteine zu seinen Erinnerungen, deren Niederschrift ein Revolverschuß vereitelte. Doch diese Lebensdokumente sind ungleich wertvoller als Erinnerungen, weil sie näher den Erlebnissen stehen und den unmittelbaren Niederschlag der großen Ereignisse seiner Zeit und seines eigenen Daseins bilden. Derjenige keimt nicht Rathenau, dem dies Werk unbekannt bleibt. Darüber hinaus bietet es jedoch noch einen anderen Reiz: es enthält einen Geistesaustausch mit fast allen namhaften Persönlichkeiten seiner Epoche, mit Stinnes ebenso wie mit Gerhart Hauptmann, auf künstlerischem und literarischem Gebiet nicht minder als auf wirtschaftlichem und politischem — ein unvergleichlicher Spiegel der Zeit und Zeitgenossen. „Kein Denkmal kann erschütternder zeigen als diese Bände, was das deutsche Volk, was der deutsche Staat, was die deutsche Kultur an Rathenau verloren haben", schrieb die Vossische Zeitung. „Sie lüften den Schleier, den dieser im tiefsten einsame Geist vor das Wesentliche seines Ichs zu hängen liebte." Im Verlag Carl Reißner, Dresden, erscheint demnächst: ARISTIDE BRIAND FRANKREICH UND DEUTSCHLAND Gebunden etwa M, 5.50 Dies Werk, dessen Plan und Entstehung von Stresemann schon vor Jahresfrist lebhaft begrüßt wurde, hat in Art und Bedeutung kein Gegenstück in der Literatur: der Außenminister Frankreichs gibt hier seine einzige Buchpublikation heraus, die allein sein Wollen und seine Persönlichkeit erkennen läßt und die ihn sogar für sein eigenes Land teilweise in einem unbekannten Licht zeigt. Das Einzigartige liegt nun darin, daß der Staatsmann diese Veröffentlichung einem deutschen Verlag übergibt, so daß das Werk erst auf diesem Umweg in sein eigenes Land gelangt. Daher wird dies Buch ein großes Aufsehen nicht allein in Deutschland erregen — bedeutet es doch eine Gabe Briands an das deutsche Volk, dargebracht von dem Mann, der sich seit Jahren als aufrichtiger Nachbar Deutschlands bekennt und dem wir zum erstenmal eine Friedensgesinnung in der französischen Politik zu verdanken haben, trotz Poincare. Briand läßt dies Werk in dem gleichen Verlag erscheinen, der die großen Ausgaben von Rathenau, Ebert und Stresemann herausgebracht hat — bedarf es noch eines stärkeren Beweises, welche nationale Aufgabe dies Werk zu erfüllen hat? Besonders ausführlich sind hier die Erörterungen der Locarno- Probleme. Briand ist eine der interessantesten politischen Persönlichkeiten des heutigen Europa, ein Führer unserer Zeit. Hier ist das einzige Werk, in dem er selbst Aufschluß und Rechenschaft über sein Tun und Lassen ablegt, vor allem durch eine Auswahl seiner wichtigsten Reden, diesen Meisterschöpfungen. Eis ist ein Quellenwerk, an dem niemand Vorbeigehen kann, der die Zeitereignisse verfolgt, ein Gesamt-Selbstbildnis Briands, das weit über ein politisches Maß hinausgeht und das sich zu einem Stück Weltgeschichte weitet. Briand hat sich mit dieser Publikation sogar noch während einer Erkrankung beschäftigt: so aufrichtig ist sein Wunsch, hiermit Deutschland die Hand zu reichen. Im Verlag Carl Reißner, Dresden, erschien: ABD EL KRIM MEMOIREN Mein Krieg gegen Spanien und Frankreich Mit 42 Bildern / Geheftet M. 4,—, gebunden M. 5.50 Diese Memoiren, die Abd el Krim nach seiner Gefangennahme als sein Vermächtnis uns gab, bedeuten eine Sensation: sie stellen ein Quellenwerk von einzigartiger weltgeschichtlicher Bedeutung dar. Seine Erinnerungen bringen endlich Licht in die bisher unklaren Ereignisse in Marokko — war es doch des Verfassers eigener „Heiliger Krieg", den er lange Jahre gegen eine oft hundertfache Übermacht geführt hat, mit einer Heftigkeit und in einem Umfange, von denen wir uns keinen Begriff machen. Abd el Krim ist kein „Halbwilder", sondern ein Gebildeter aus uraltem Geschlecht, dabei ein genialer Finanzmann und Feldherr, Hier gewährt er uns Blicke hinter die Kulissen der Weltgeschichte und enthüllt ein Intrigenspiel, das alle Vorstellungen übersteigt. Zum Beispiel berichtet er, wie Mussolini ihn mit ungeheuren Geldmitteln bestechen wollte, Frankreich anzugreifen, und wie der spanische Diktator ihm gleichfalls Geld, Mannschaften und Waffen anbot, wenn er sich entschlösse, gegen die Franzosen — die Bundesgenossen der Spanier! — zu kämpfen. Welcher Hohn auf den Völkerbund! Ein heldenhaftes und erschütterndes Buch, das menschlich, literarisch und geschichtlich ein unvergängliches Dokument der Anklage gegen koloniale Unterdrückung ist. Im Verlag Carl Reißner, Dresden, erschien: BISMARCK VERTRAULICHE GESPRÄCHE u. a. über Wilhelm den Zweiten Von seinem Anwalt Justizrat Ferdinand Philipp aufgezeichnet und aus dessen Nachlaß herausgegeben Mit 8 Bildern / Geheftet M. 4.—, gebunden M. 5.50 Diese Gespräche stammen aus Bismarcks wichtigsten Jahren: aus der Zeit seiner Diktatur sowie vor und nach der Entlassung. Sie geben manchen neuen Einblick in den intimen Bismarck, und manches Selbstbekenntnis erschließt uns ein neues Verständnis für diesen Recken, wenn er z. B. von dem anderen Kerl in sich spricht, dem er seine besten Entschlüsse zu verdanken habe, usw. Geschichtlich aber sind diese Gespräche von noch höherem Interesse. Offen spricht Bismarck davon, wie er mit riesigen Summen eine Frau bestach, um ein politisches Ziel zu erreichen, und wie er noch 1887 einen Verfassungsbruch, eine Alleinherrschaft ohne Reichstag plante. Das Interessanteste jedoch sind seine Berichte über den Kaiser: Diese gibt er mit einer Rückhaltlosigkeit, wie er es schriftlich nie gewagt hätte. Sie stellen eine schärfere Verurteilung dar, als etwa Emil Ludwigs Buch. Kein Deutscher kann an diesem bisher unbekannten Urteil über den Kaiser vorübergehen — denn wer vermag Bismarcks Autorität abzulehnen? Bismarck kannte ihn wie kein Zweiter. Wäre dies Urteil schon zu seinen Lebzeiten bekanntgeworden, so wäre der Widersinn eingetreten, daß er, der Gründer des kaiserlichen Deutschland, wegen Majestätsbeleidigung angeklagt worden wäre. Dies Buch ist eins der wichtigsten Bismarck-Dokumente. Jetzt erst, so lange nach seinem Tode, erfahren wir seine wahre, durch keine Rücksichtnahme mehr getrübte Beurteilung des Kaisers. iMt: stfiSsSSj KKHäSSjS: mmmm «sag Ü0#; $mm ms& mmm f3*i'K^v-v" 83SBBM1 H9t r*£$J«3aF*P :ħ^§ rSSrtäSfSPSfSS fern- i&i*% mm ;y?rs 2 fi iss "sZaßM ■%i t ösä mm mgmm s&ss wmm Wmm mm |* -'<■--%* S' SiSÄiÄH* ÜsiHäiinHS M*M •jfc&S #<££ itW0$% mmm ssssyss tsses lisssfii iäi§SS ‘m&m- :»aaaa rc5aa cacs» aa «: rosssn« asvssi ucss: ^slgipsgjgagäl :nnwi mutts: 52:H: !555555tK ?555 55 » wnn mm« [wi;&* Jcn: 0 i: H 2 SH: ausa pitiritü Hr MrjÖTJTTfrAj :3sica mm. %'t£ 8§81 gisäjsss asss; SSSSSS! isssaaas;