Die Denkschrift des llllllllllllllllllllllllllllllllllllipilllllllllllllllllllllllllllllllllM Fürsten Lichnowsky Der vollständige Wortlaut HiHiiiimiimiMiimiHiHHMmiiimminiiiiitNiiMmiMMimMmnnmimMiiiiniliimimHiiHUimmiMiimHMHimmiiiiiiiiHiHmimmuiMiMHmiiimiMMmiMn „Meine Londoner Mission 1912-14“ von Fürst Lichnowsky, ehemaliger deutscher Botschafter in London Zur Vorgeschichte des Krieges Zweite Auflage luuiiMuimimimiiiimmimih Preis 40 Cts. mmiiiiiiiHtmiiimmmiimiiii llllllilllllllll Bern o Verlag von Paul Haupt o 1918 iiiiiiiiiii!iin Meine Londoner Mission 1912-14 von Fürst Lichnowsky, ehemaliger deutscher Botschafter in London Inhalt: Vorwort. I Entstehung und Wesen der Denkschrift. II. Vollständiger Wortlaut der Denkschrift. III. Was lehrt uns die Denkschrift über die Vorgeschichte des Krieges ? Schlusswort. Zweite Auflage Herausgegeben von einer Gruppe von Friedensfreunden. Verlag von Paul Haupt Bern 1918 Vorwort. Seit vier Jahren tobt der furchtbare Krieg. Und immer noch ist der grosse Prozess, der vor dem Tribunal des Weltgewissens anhängig ist, nicht beendet und nicht entschieden. Immer noch gilt die leidenschaftliche Aufmerksamkeit aller Beteiligten der dunklen Frage nach dem Ursprung der Katastrophe, die über die Welt hereingebrochen ist. Und auch alle jene, die in einseitiger Verblendung sich bereits im Besitz der endgiltigen Lösung wähnen, weil für sie die grosse Frage nicht aus dem ehrlichen unparteiischen Drang nach Wahrheit erwächst, horchen jedesmal, wenn ein neuer Zeuge sich zum Worte meldet, voll Spannung auf. Nichts aber beweist wiederum besser als diese Spannung, wie wenig klar wir noch in den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit sehen. Die Sensation, die die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky bei ihrem Bekanntwerden erregte, ist nur aus dieser Spannung zu verstehen. Auch so nur ist es begreiflich, dass die Schrift sofort in den Streit der Parteien hineingezerrt wurde und dass man ihr die sachliche und ruhige Würdigung versagte, die ihr unter anderen Voraussetzungen zuteil geworden wäre. In sensationeller Weise ans Licht gezogen, bruchstückweise veröffentlicht, leidenschaftlich angegriffen und leidenschaftlich ausgebeutet, wurde sie teilweise überschätzt, teilweise unterschätzt, auf jeden Fall unter einseitigen Gesichtspunkten beurteilt und verurteilt. Die Meinung all jener, die von der Schrift nichts als den lauten Streit in der Oeffentlichkeit kennen, wurde von vornherein in hohem Masse verwirrt und getrübt. Die Herausgeber glauben daher, der Oeffentlichkeit einen wirklichen Dienst zu erweisen, wenn sie die Schrift hiermit in ihrem vollständigen Wortlaut im neutralen Auslande veröffentlichen und den Versuch ermöglichen, sie einer objektiven Prüfung zu unterziehen. I. Entstehung und Wesen der Denkschrift. Im Monat März ^1918 veröffentlichte die schwedische sozialistische Zeitung Politiken in Fortsetzungen eine Denkschrift des früheren deutschen Botschafters in London, des Fürsten Lichnowsky. Die Veröffentlichung rief überall grösste Sensation hervor. Sie zwang die deutsche Regierung zu sofortiger Stellungnahme. Im deutschen Reichstag, vor dem Hauptausschuss, bemühten sich die leitenden Persönlichkeiten, dem deutschen Volke alle „Aufklärungen“ zu geben, die geeignet erscheinen konnten, um der gefürchteten Wirkung der fürstlichen Denkschrift entgegenzutreten. Da die Entente-Agenturen die wichtigsten Kapitel der Denkschrift nach dem Text der Politiken in den neutralen Ländern verbreiteten und inzwischen der Text bereits heimlich in Deutschland gedruckt worden war, erschien es in Berlin umso dringlicher, alles aufzubieten, um den zu erwartenden Eindruck abzuschwächen. Dem Vizekanzler von Payer, dem Vertrauensmann der Reichstagsmehrheit und vor allem der Linken, fiel die undankbare Aufgabe zu, dem deutschen Publikum und den Neutralen die „Wahrheit“ über den Fürsten Lichnowsky und seine Enthüllungen zu offenbaren. Die Arbeit wurde Herrn von Payer zum Teil durch den fürstlichen Verfasser selbst erleichtert, da der Vizekanzler ein Schreiben Lichnowskys an den Reichskanzler verlesen konnte, das folgenden Wortlaut hat: „Euerer Exzellenz ist es bekannt, dass rein private Aufzeichnungen, die ich im Sommer 1916 niederschrieb, durch einen unerhörten Vertrauensbruch den Weg in weitere Kreise gefunden haben. Zur Erläuterung der Angelegenheit darf ich Nachstehendes berichten: Es handelt sich im wesentlichen um subjektive Betrachtungen über unsere gesamte Auslandspolitik seit dem Berliner Kongresse. Ich erblickte in der seitherigen Abkehr von Russland und in der Ausdehnung der Bündnispolitik auf orientalische Fragen die eigentlichen Wurzeln des Weltkriegs. Daran anschliessend unterzog ich auch unsere Marokko- und Flottenpolitik einer kurzen Beleuchtung. Meine Londoner Mission konnte hierbei naturgemäss umso weniger unberücksichtigt bleiben, als ich das Bedürfnis empfand, der Zukunft gegenüber und zu meiner eigenen Rechtfertigung die Einzelheiten meiner dortigen Erlebnisse und Eindrücke zu notieren, ehe sie meiner Erinnerung entschwanden. Diese gewissermassen nur für das Familienarchiv bestimmten Aufzeichnungen, die ich ohne Aktenmaterial oder Notizen aus der Zeit meiner amtlichen Tätigkeit aus dem Gedächtnisse niederschrieb, glaubte ich einigen ganz wenigen politischen Freunden, zu deren Urteil ich das gleiche Vertrauen besass wie zu ihrer Zuverlässigkeit, gegen die Zusicherung unbedingter Verschwiegenheit zeigen zu können. 4 Leider hat einer dieser Herren ohne mein Wissen einem in der politischen Abteilung des Generatstabes angestellten und mir unbekannten Offizier, der sich für die einschlägigen Fragen lebhaft interessierte, meine Schrift zu lesen gegeben. In völliger Verkennung der Tragweite seines Schrittes hat letzterer die Schrift vervielfältigt und an eine Reihe mir meist unbekannter Persönlichkeiten verschickt. Als ich den Unfug erfuhr, war es leider schon zu spät, um alle ausgegebenen Exemplare restlos einziehen zu können. Ich habe mich dem damaligen Reichskanzler, Herrn Dr. Michaelis, daraufhin zur Verfügung gestellt und ihm mein tiefstes Bedauern über die ganze peinliche Angelegenheit zu erkennen gegeben. In steter Fühlung mit dem Auswärtigen Amt bin ich seither bestrebt gewesen, der weiteren Verbreitung meiner Betrachtungen möglichst entgegenzuwirken, leider ohne den gewünschten Erfolg. Eure Exzellenz wollen mir gestatten, mein bereits mündlich vorgebrachtes lebhaftes Bedauern über den höchst ärgerlichen Vorfall noch in dieser Form zu erneuern. In aufrichtiger Verehrung Euerer Exzellenz ganz gehorsamer gez. Lichnowsky.“ Aus diesem Brief erfuhr man 1. dass die Denkschrift bereits 2 Jahre alt war, 2. dass sie zur Rechtfertigung der Londoner Politik des Fürsten Lichnowsky dienen sollte, 3. dass sie gegen den Willen des Verfassers in Deutschland und im Auslande verbreitet worden war, 4. dass der Fürst diese Verbreitung auf das tiefste bedauerte und zu verhindern bemüht war. Veranlassung für die Abfassung der Schrift waren die heftigen Angriffe gewesen, denen Fürst Lichnowsky nach seiner Rückkehr aus London zum Opfer fiel. Die alldeutsche Presse hatte ihm vorgeworfen, seine Unfähigkeit habe den Beitritt Englands zu den Feinden Deutschlands verschuldet, er habe sich völlig von den englischen Machthabern düpieren lassen. Die Feindseligkeit gegen den Fürsten äusserte sich bis in die höchsten Kreise. Zahlreiche für Lichnowsky äusserst verletzende Anekdoten wurden in Umlauf gesetzt. Fürst Lichnowsky versuchte infolgedessen, wie es sein gutes Recht war, seine Politik im Kreise seiner Freunde zu rechtfertigen, ohne dagegen eine Veröffentlichung zu beabsichtigen. ln seinem Brief an den Reichskanzler nennt Fürst Lichnowsky seine Schrift „subjektive Betrachtungen über unsere gesamte Auslandspolitik seit dem Berliner Kongress“. Er hebt hervor, dass er in der „Abkehr von Russland und in der Ausdehnung der Bündnispolitik auf orientalische Fragen die eigentlichen Wurzeln des Weltkrieges“ erblickte. Die Schuldfrage streift der Fürst nur in dieser Form. • So sympatisch aber auch die Zurückhaltung wirkt, mit der der Verfasser seine Arbeit beurteilt, so muss sie doch ungeachtet aller Abschweifungen auf andere Gebiete und aller ihr anhaftenden Mängel als ein gewichtiger Beitrag zur Vorgeschichte des Krieges, als eine wertvolle Erscheinung auf dem Gebiete der Kriegsliteratur betrachtet werden. Das Interesse, das wir ihr zuwenden, erwächst ja auch zum grossen Teil aus dem Misstrauen, dem, seit die Völker aus dem ersten Kriegs- 5 rausch erwacht sind, alle amtlichen Veröffentlichungen über die Kriegsursachen begegnen. Wir horchen begierig auf, jedesmal wenn ein unabhängiger Zeuge, der nicht einfach Propaganda treibt, die Stimme erhebt, wenn ein Wissender ohne den Willen, gegen den Wunsch seiner Regierung die Geschehnisse vor Kriegsausbruch beurteilt, oder wenn der Zeuge in Gestalt unbekannter Dokumente auftritt, Dokumente aus den Archiven einer Regierung, der nichts peinlicher ist, als eine solche Veröffentlichung. Hätte Lichnowsky im Auftrag seiner Regierung gesprochen oder geschrieben, so würden seine Mitteilungen auf dieselbe Gleichgültigkeit gestossen sein, wie so zahlreiche andere Aeusserungen von Diplomaten und Staatsmännern der kriegführenden Länder. Der Umstand aber, dass der Fürst und seine Denkschrift so überaus heftig bekämpft werden, dass man ihn zum Hochverräter stempeln will, gibt uns Vertrauen zu ihm, was nebenbei gesagt ein ausreichender Beweis für den Mangel an Intelligenz ist, mit dem die Gegner des Fürsten ihren Rachefeldzug inszenierten. Ist es aber einerseits von Bedeutung für uns, dass der Fürst nicht als gehorsames Mitglied des deutschen Regierungskörpers das Wort ergreift, so ist es natürlich andererseits von nicht minder grosser Bedeutung, dass er bis Kriegsausbruch als hoher Reichsbeamter wirkte. Ohne diese seine Eigenschaft wäre seine Zeugenaussage natürtich immer noch interessant. Aber sie hätte doch dann kaum mehr Wert als gewisse andere Erzeugnisse der Kriegsliteratur, wie z. B. das Buch „J’accuse“, die „Verite“ von Joseph Bertorieux oder die Schriften, in denen die englischen Pazifisten ihre Regierung angriffen. So wirksam in der Tat diese Arbeiten über die Vorgeschichte des Krieges auf das grosse Publikum sein mochten, so beruhte doch ihr Wert, der in erster Linie ein propagandistischer war, nicht auf dem Neuen das sie vermittelten, sondern nur eben auf der Tatsache, dass es Angehörige des betreffenden Staates waren, die Ansichten vertraten, wie sie sonst nur von den Gegnern dieses Staates vertreten wurden. Man hat sie daher auch nie als wirkliche Beiträge zur Geschichte unserer Zeit aufgefasst; sie reihten sich ein in die vielfältigen Kriegswaffen, mit denen sich die einzelnen Regierungen bekämpfen. Nicht in dem Material, das sie brachten, das längst von der jeweils feindlichen Seite verbreitet worden war, lag ihre Wirksamkeit, sondern wie gesagt in dem einzigen Umstande, dass dieses Material von Angehörigen des angeschuldigten Staates aufgegriffen und kommentiert wurde, worin man eine Erhöhung der Beweiskraft dieses Materials erblicken wollte. Für die geschichtliche Erkenntnis ist es aber selbstverständlich ganz gleichgiltig, ob schon oft gesagte Dinge von Feinden oder von Freunden neu vorgetragen werden. Es ist umso notwendiger, auf den Unterschied hinzuweisen, der zwischen dieser Art von Kriegsliteratur und der Denkschrift des Fürsten Lichnowsky besteht, als die lächerliche Hochverratsanklage sich zum Teil auf solch böswillige Verwechslung stützt. Ein Blick auf den Brief des Fürsten, den der deutsche Vizekanzler selbst im Reichstage verlas, sollte doch auch denjenigen, die sich nicht die Mühe nahmen, die Denkschrift selbst zu lesen, genügen, um die Unhaltbarkeit solcher Anschuldigungen zu erkennen. Der Fürst wollte keine Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen. Sie können daher unter keinen Umständen als bewusste Propaganda gegen seine Regierung aufgefasst werden. Die Vorwürfe, die man auf der einen Seite dem deutschen Verfasser von „J’accuse“, auf der andern dem Franzosen Bertorieux machen durfte, sind hier nicht am Platze. Es war nicht die Absicht Lichnowskys, seiner Regierung im Auslande und ebensowenig im eigenen Lande 6 Schwierigkeiten zu bereiten. Während beispielsweise der Verfasser von „J’accuse“ sein Werk in der ganzen Welt verbreitete, hat der Fürst die grössten Anstrengungen gemacht, um nachträglich die gegen seinen Willen erfolgte Verbreitung zu verhindern. Man kann also wirklich nicht sagen, dass er sich zum Werkzeug feindlicher Propaganda machte. Mit dieser Feststellung ist nicht nur die Haltlosigkeit jener Angriffe erwiesen, die sich auf den juristischen Boden stellen, sondern vor allem auch jene Vorwürfe, die den dokumentarischen Wert der Denkschrift abzuschwächen suchen, indem sie in ihr nur eine ihrer zahllosen und kurzlebigen Anklagbücher, wie sie in allen Ländern entstanden sind, sehen wollen. Ebenso ungerecht und unrichtig sind aber auch die Vorwürfe, denen zufolge die Denkschrift ein Vertrauensmissbrauch wäre, weil sie sträfliche Enthüllungen bringt. Wäre dieser Vorwurf zutreffend, so würde er natürlich den Feinden des Fürsten noch erwünschtere Unterlagen für ihre Kampagne geben als die Anschuldigung, es handle sich um ein neues J’accuse. Ein Blick in die Denkschrift lehrt aber, dass der Fürst keineswegs irgendwelche unbekannten und geheimen Dokumente an den Tag gefördert hat, wozu er ja auch gar nicht in der Lage war. Eine der berechtigtsten Anklagen, die er seiner Regierung ins Gesicht schleudert, gipfelt ja tatsächlich auch in der Feststellung, dass sie ihn systematisch in Unkenntnis über die wichtigsten politischen Vorgänge gelassen habe, dass er beispielsweise als Botschafter in London lange nichts von dem englisch-französischen Geheimabkommen wusste, obgleich es in Berlin bekannt war. Ausserdem betont er ja selbst in seinem Brief an den Reichskanzler, dass er seine Aufzeichnungen ohne irgend ein einschlägiges Aktenmaterial aus dem Gedächtnis niedergeschrieben habe und dass er vor allem die Absicht verfolgte, seine Politik zu rechtfertigen. Es wäre in der Tat den Führern der Lichnowskyhetze schwer, in der Denkschrift irgendwelche dokumentarischen Enthüllungen zu finden, wie sie beispielsweise die belgischen Diplomatenberichte, die in Brüssel aufgefunden wurden, der Suchomlinowprozess, die von der maximalistischen Regierung veröffentlichten Geheimverträge der Entente und auch das von Minister Pichon verlesene Telegramm Bethmann Hollwegs an von Schön bieten. Für den Historiker ist das bedauerlich, ebenso bedauerlich für die Feinde des Fürsten. Welcher Freudenrausch hätte sich aller Ueberpatrioten bemächtigt, wenn sie dem Fürsten hätten nach- weisen können, er habe diplomatische Berichte veröffentlicht, die Deutschland so deutlich des Kriegswillens beschuldigen, wie die belgischen Berichte die Entente, er habe aktenmässige Mitteilungen über die militärischen Vorbereitungen Deutschlands gemacht in der Art der Aussagen des Suchomlinowprozesses, der bekannten Enthüllungen über die russische allgemeine Mobilmachung und ihre verhängnisvolle Rolle für den Ausbruch des Krieges! Welch Jubel auch im Lager all jener Kreise, die durchaus eine Verurteilung des Fürsten herbeiführen wollen, wenn er ein Telegramm in der Art der Instruktion des Reichskanzlers an von Schön mitgeteilt hätte. Die Ententediplomatie konnte mit Recht der russischen maximalistischen Regierung vorwerfen, dass sie durch Veröffentlichung der Geheimverträge die englisch-französisch-italienischen Annexionspläne enthüllt, damit der These vom Verteidigungscharakter des Ententeskrieges Abbruch getan und die Ententeinteressen auf das Schwerste geschädigt hatten. Und wir wissen ja auch, dass diese unzeitgemässen Enthüllungen von entscheidendem Einfluss auf den Friedenswillen des russischen Volkes waren. Nichts von alledem aber kann dem Fürsten 7 Lichnowsky vorgeworfen werden, so sehr sich seine Gegner auch in dieser Richtung bemühen. So sorgsam sie auch suchen mögen, es wird ihnen nicht gelingen, in der Denkschrift irgend ein Dokument in der Art jener übrigen Enthüllungen zu finden. So sehr man sich darüber freuen mag, dass den Gegnern des Fürsten auf diese Weise eine wirksame Waffe aus der Hand gewunden ist, so sehr muss man andererseits vom Standpunkt des Historikers bedauern, dass die Denkschrift, wenn sie auch höher als andere Zeugenaussagen zur Vorgeschichte des Krieges steht, nicht etwa jenen aufklärenden Enthüllungscharakter besitzt, wie eben beispielsweise die belgischen Diplomatenberichte. Die belgischen Diplomatenberichte, mit denen der Vergleich am nächsten liegt, waren in der Tat zu keinem anderen Zweck als dem der Informierung der eigenen Regierung niedergeschrieben worden. Beyens, Greindl und seine Kollegen hatten nicht die Absicht, ihre eigene Politik zu rechtfertigen, sondern gaben einfach ihre Beobachtungen wieder. Das gerade verleiht ihnen ihren historischen Wert. Die Schrift des Fürsten Lichnowsky dagegen dient, wie er ausdrücklich sagt, der Rechtfertigung seiner Politik. Die Tatsachen, die er schildert, sind nicht für seine Regierung bestimmt, sondern gegen sie gerichtet, wenn sie auch nicht veröffentlicht werden sollten. Andererseits sind die'Berichte der diplomatischen Vertreter Belgiens Tag für Tag, Stunde für Stunde, vor der Ausreifung der Ereignisse abgefasst worden. Die Schrift Lichnowskys ist zwei Jahre nach Kriegsausbruch, unter ganz bestimmten retrospektiven Gesichtspunkten, mit der vorgefassten Absicht, eine ganz besondere These zu beweisen, niedergeschrieben worden. Die Berichte der Belgier sind an und für sich diplomatische Dokumente. Die Denkschrift des Fürsten ist, wie er ausdrücklich hervorhebt, ohne Notizen, ohne Material aus dem Gedächtnis niedergeschriebene Erinnerung. Wenn Fürst Lichnowsky während seiner Amtszeit, vor Kriegsausbruch seine Eindrücke zu Papier gebracht hätte, zu einer Zeit, da er noch im Glanze seines Lebens stand und nicht daran zu denken brauchte, in eigener Sache zu schreiben, und wenn diese Aufzeichnungen durch Aufzeichnungen anderer deutscher Botschafter an wichtigen Stellen ergänzt werden könnten, so würde allerdings eine deutliche Parallele zwischen den belgischen Berichten und den Darlegungen des Fürsten zu ziehen sein. Als die Belgier ihre Berichte nach Brüssel sandten, waren sie überdies leitende Mitglieder der belgischen Staatsmaschine und handelten im Aufträge ihrer Regierung. Als Lichnowsky seine Denkschrift verfasste, war er ein angegriffener Aussenseiter, ein Privatmann, der die offene Absicht verfolgte, die Regierung, wenn auch nur im engsten Kreise, blosszustellen. Die belgischen Berichte waren für die Staatsarchive, die Schrift des Fürsten, wie er selbst sagt, für das Familienarchiv bestimmt. So kommen wir denn zu dem Ergebnis, dass es sich bei der Denkschrift des Fürsten weder um eine Anklageschrift noch um eine Enthüllung unbekannter Dokumente zur Schädigung des Vaterlandes handelt. Das Amt des Verfassers verleiht ihr höheren Wert, als eben sonst Kriegsliteratur aufweist, führt aber nie dazu, dass er irgendwelche ihm vielleicht kraft seines Amtes bekannt gewordene Geheimnisse preisgibt. Wenn wir diese wesentlichen Feststellungen machen, werden wir, ungehindert um die geräuschvolle Polemik, die um die Aufzeichnungen des Fürsten entfesselt wurde, ihren historischen Gehalt würdigen können. Die Bemühung der deutschen Offiziösen, den Fürsten als pathologische Erscheinung darzustellen, als einen voll- 8 ständigen Troddel und Hohlkopf, können dabei nicht entschieden genug zurückgewiesen werden. Nichts ist billiger und einfacher, als die Arbeit eines Mannes durch Beschimpfungen blosszustellen. Es ist kindisch, zu sagen: Der Fürst ist ein Idiot, also sind seine Mitteilungen auch idiotisch. Auch mit humoristischen Schilderungen des langen Schädels des Fürsten, der an einen Cretin erinnere, mit der Wiederholung einer Aeusserung Roger Casements, Nicolson habe Lichnowsky einen Verrückten genannt (in einem wenig geschmackvollen Berliner-Artikel einer Schweizer Zeitung), mit wenig vornehmen Seitenhieben auf die dichtende exzentrische Gattin des Fürsten ist der historischen Wahrheit nicht gedient. Aber auf diese kam es ja auch den Berliner Feinden des Fürsten nicht an. Man wäre sogar versucht, anzunehmen, dass auch die Schuldfrage selbst sie nur in geringem Masse interessierte, da sie sich sonst wohl vor allzu übereilter Aburteilung gehütet hätten und nicht blind an gewissen Beobachtungen des Fürsten vorbeigegangen wären, die der Entente zum Mindesten ebenso unangenehm sein dürften wie den Mittelmächten. In Berlin scheint man aber nur für die Angriffe des Fürsten auf die Persönlichkeiten im Auswärtigen Amt Sinn gehabt zu haben. Ihr Ansehen geht in der Tat nicht gerade leuchtend aus der Denkschrift hervor. Ausserdem verwirrte wohl schon die blosse Tatsache, dass ein Fürst Lichnowsky, ein deutscher Botschafter in London, ein vom Auswärtigen Amt auf den wichtigen Londoner Posten gesandter Staatsmann, plötzlich seiner Regierung „in den Rücken fällt!“ Das erschien den Berliner Kreisen schon als so kompromittierend, dass man keine andere Rettung mehr sah, als die Redensart von dem verbitterten, unfähigen pathologischen Mann. Der Reichstag hat es sich selbstverständlich nicht nehmen lassen, bei der Regierung höflich anzufragen, wieso ein solch unfähiger Mensch Botschafter in London werden konnte, und die Antwort erhalten, dass er früher ganz brav gewesen sei! Mit solch billigen Mitteln kommt man natürlich nicht aus. Fürst Lichnowsky ist pathologisch ? Warum soll er es nicht sein! Andere Leute leiden wieder an anderen Formen der Kriegspsychose. Er besass keine besonderen Fähigkeiten? Ja, woher sollte er. sie denn haben, er, der nur wegen seiner ihm heute so heftig vorgeworfenen „Anglomanie“ nach London gesandt wurde! Seine Urteile sind einseitig orientiert? Gut, aber warum orientierten die Berliner Herren ihn so einseitig, warum Hessen sie ihn in Unkenntnis über wichtigste Vorgänge? Das rächt sich heute. Es ist auch richtig, dass der Fürst seine Schrift aus Verbitterung und Rechthaberei gegenüber allzuschroffen und allzu unvorsichtigen Angriffen geschrieben hat. Aber entschuldigt ihn das nicht gerade? Und kommt es wirklich auf all diese Nebenumstände an ? Und ist es klug, falls seine Arbeit wirklich nur Ausfluss persönlicher Motive und ihr Ergebnis wertlos wäre, in der Abwehr auch nur mit persönlichen Motiven vorzugehen und wertlose Ergebnisse zu erzielen ? Bestehen bleibt, trotz des langen Schädels und der Anglomanie, trotz der Unfähigkeit und der Verbitterung, dass Fürst Lichnowsky deutscher Botschafter in London war. Als er seine Schrift abfasste, war er es nicht mehr, aber nichts auf der Welt kann hindern, dass er es gewesen ist. Er hat nicht auf Grund von genauen Aufzeichnungen, er hat für rein persönliche Zwecke seine Denkschrift verfasst. Das alles stimmt. Aber diese Schrift liegt nun einmal vor, sie ist die Denkschrift eines früheren Botschafters in London. Es hat also keinen Zweck, sie dem Publikum vorzuenthalten, sie mit polemischen Redensarten abzutun. Wir sind durch vier Jahre lange Kriegspropaganda hinreichend gewitzigt, um ohne offiziöse Polemik 9 den Wert oder Unwert einer Arbeit zu erkennen. Unser geschichtlicher Sinn ist hinreichend geschärft, um Neues von Altem, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Dazu bedürfen wir keiner „aufklärenden“ Reichtagsreden, denn für uns ist es keine Todsünde, dass Fürst Lichnowsky stets ein erbitterter Feind des Bündnisses mit Oesterreich-Ungarn war, seine politischen Neigungen und Liebhabereien gehen uns nichts an, wie es uns gleichgültig ist, dass dieser deutsche Staatsmann verliebt war in englische Sitten, englische Denkungsart und im Grunde seines Herzens mehr als Angelsachse denn als Preusse fühlte. Das sind Dinge, die für die öffentliche Meinung in Deutschland und die Regierung ein gewisses Interesse haben können. Uns interessiert nur diese eine Frage: Inwiefern sind die Aufzeichnungen des Fürsten Lichnowsky ein Beitrag zur Vorgeschichte des Krieges? Inwiefern erlauben sie, mehr Licht in die dunklen Vorgänge zu tragen, aus denen der ungeheuerliche Konflikt erwachsen ist? Uns interessiert nur der Charakter der Denkschrift, nicht der des Fürsten! Andere Voraussetzungen brauchen wir nicht, um aus der Denkschrift selbst zu erkennen, wie weit sie Material für die Erweiterung oder Vertiefung unserer Kenntnisse über die Vorgeschichte des Krieges bieten kann. Ob damit der Propaganda dieser oder jener Mächtegruppe gedient ist, darf uns gleichgültig sein. Der „Fall Lichnowsky“ ist hinreichend unter diesen wenig erbaulichen Gesichtspunkten gewertet worden. Und fast scheint es, als ob man auf beiden Seiten, verblendet durch die Polemik, in einseitiger Ausbeutung und Bekämpfung des Fürsten vergessen habe, die Denkschrift wirklich zu lesen!*) II. Vollständiger Wortlaut der Denkschrift des Fürsten Lichnowsky. Wir sind in der Lage, im Folgenden den vollständigen Wortlaut der Denkschrift, so wie sie geheim in Deutschland verbreitet wurde, wiederzugeben. Der in Deutschland verbreitete Druck trägt den Titel „Die Schuld der deutschen Regierung am Kriege“. Dieser Titel stammt nicht vom Verfasser, der seiner Denkschrift nur den (als Untertitel von den unbekannten Verbreitern wiedergegebenen) Satz voranstellte: Meine Londoner Mission 1912—1914. *) Es ist bezeichnend, dass man in England durchaus keine übertriebene Freude über das Erscheinen der Denkschrift an den Tag legte. In einer durchaus anglophiien Londoner Korrespondenz der „Neuen Zürcher Zeitung vom 4. April 1918 wurde in der Tat ausdrücklich festgestellt, dass die Schrift in London sehr reserviert aufgenommen wurde. Der Korrespondent schrieb u. a.: „So kommt es, dass die Veröffentlichung der Denkschrift Fürst Lichnowskys misstrauisch (im Original gesperrt) aufgenommen wird. Die Offenheit, mit der er sicli ausdrückt und die Ehrlichkeit der Politik Sir Edwards Qreys hervorhebt, fällt dermassen auf, dass man nacli den Gründen sucht, warum ein Dokument veröffentlicht wurde, das zur Rechtfertigung der Haltung seines Verfassers für wenige sehr zuverlässige Freunde bestimmt war. Man argwöhnt stark, dass sie in Berlin arrangiert wurde , um die Anhänger der Anschauungen Lord Lansdownes in England zu überzeugen, dass keine unüberwindbaren Schwierigkeiten gegen eine Vereinbarung über die Hauptfriedenspunkte bestehen, da doch Graf Hertling selbst die vier Grundsätze Präsident Wilsons angenommen habe, und um sie zu ermutigen, neue Anstrengungen zu unternehmen, in dem Glauben, dass Versuche zugunsten eines vernünftigen und ehrenhaften Friedens in England beträchtliche Unterstützung fänden.“ Also. Lichnowsky gilt in Berlin als Hochverräter, in London als Strohmann der deutschen Regierung für ihre Friedenspliine! Nichts beweist besser die Verwirrung, die die „Sensation“ Lichnowsky angerichtet hat. 10 Das Titelblatt verzeichnet einen Verlag W. Paul, Görlitz, der nicht existiert. Der Broschüre ist ein Nachwort angehängt, in der in manchen Fragen gegen den Fürsten Stellung genommen wird, in Fragen, in denen seine Darstellung tatsächlich so anfechtbar erschien, dass die Herausgeber es für klug hielten, selbst die Kritik zu üben, die sonst der Leser üben würde. Das allerdings nur zu dem Zwecke, die der österreichischen und deutschen Regierung einigermassen gefährlichen Sätze umso deutlicher zu unterstreichen.*) Inwieweit der Text völlig authentisch ist, können wir nicht feststellen. Manche Stellen machen den Eindruck, als seien sie zu propagandistischen Zwecken von den Herausgebern hinzugefügt. Wir geben die Schrift nichtsdestoweniger vollständig wieder, verzichten auch darauf, durch Anmerkungen oder-Fussnoten dem Urteil des Lesers vorzugreifen. Nur wird durch resümierende Ueberschriften eine Gliederung des häufig flüchtigen und wirren Textes erleichtert. Der flüchtigen und anekdotischen Art der Niederschrift ist es wohl auch zuzuschreiben, dass an vielen Stellen überraschende Widersprüche stehen blieben, die der Verfasser, wenn er selbst eine Herausgabe beabsichtigt hätte, sicher ausgemerzt haben würde. An einer Stelle wird beispielsweise als unumgängliches Erfordernis eines englischen Staatsmannes weitgehende Gastfreundschaft, die Führung eines grossen Hauses hingestellt. Aber bei der Schilderung Greys, den Lichnowsky als einen hervorragenden Staatsmann darstellt, - - nicht etwa als eine Ausnahme, diese ist einzig Loyd George — betont Lichnowsky als besonders schönen Zug, dass Grey ganz einfach und zurückgezogen lebt und nur einmal im Jahr ein Essen gibt. Im ersten Teil der Schrift wird Deutschland als völlig im Banne Oesterreichs dargestellt. Im zweiten heisst es, dass Deutschland sich Oesterreichs bediente und es aufmunterte. Lichnowsky schildert an einer Stelle, dass er entgegen den Berliner Auffassungen nicht an kriegerische Absichten Russlands glaube. Kurz darauf tadelt er von Jagow, weil dieser nicht an solche Absichten Russlands glauben will. Diese Beispiele Hessen sich häufen. Die Flüchtigkeit der Niederschrift ist auch aus der sprunghaften Darstellung ersichtlich. Wichtige politische Ereignisse sind übergangen, banale Vorgänge des Gesellschaftslebens breit geschildert, ohne Uebergang, mitten in politischen Erwägungen. Das sind aber Kleinigkeiten, die schon deshalb nicht tragisch genommen werden dürfen, weil der Fürst sich all dieser Mängel sicher bewusst war. Wichtiger aber ist, dass häufig die notwendige Unterscheidung zwischen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen und einfach von anderer Seite übernommenen Ansichten fehlt. Hie und da ist zwar hinzugefügt, „nachträglich erfuhr ich“, aber flüchtige Leser gleiten darüber hinweg und legen dem Fürsten als „Enthüllungen“ Mitteilungen in den Mund, die er nur nachspricht. Manchmal flicht er in seine Darstellung Schilderungen ein, die wahrscheinlich der Presse entnommen sind. Er selbst hat *) Ein Beispiel für die Methoden der Verfasser der Nachschrift: Lichnowsky schreibt an einer Stelle, dass ein österreichischer Gast der Kaiserjacht Meteor, der bis dahin seekrank gewesen war, bei Eintreffen der Nachricht von der Ermordung Franz-Ferdinands gesund wurde. „Der Schreck oder die Freude hatte ihn geheilt“. Diesen nicht gerade glänzenden Witz fälscht die Nachschrift auf folgende Weise: „Es kennzeichnet die Lage, dass ein österreichischer Junker, der sich ebenfalls als Gast des Kaisers an Bord des Meteor befand, durch die Trauerkunde von dem schmählichen Ende seines geliebten Thronfolgers so erfrischt wurde, dass er alle Qualen der Seekrankheit abschtitteln konnte“. Lichnowsky hatte diese scheuss- liche Verleumdung nicht ausgesprochen. Er ist ebenso schuldlos an der Nachschrift wie an dem gefälschten Titel der Broschüre. Nachschrift und Titel haben aber wesentlich dazu beigetragen, den Charakter der Schrift zu verschieben. 11 keinen Beweis für ihre Richtigkeit und kann ihn auch nicht geben. Der Eindruck der „Enthüllung“ wird aber auch hier natürlich erweckt. Das schadet natürlich den wirklichen Enthüllungen des Fürsten, von denen man infolgedessen nicht immer weiss, ob auch sie einfach nachgesprochen sind. Dass diese Flüchtigkeit — die man dem Verfasser nicht vorwerfen darf, da er ja keine Veröffentlichung wollte, — oft zu gröbsten Missverständnissen führen kann, beweist beispielsweise die Art, wie die Resümierung der Schuldfrage in Deutschland aufgefasst wurde. Vielleicht hätten sich die deutschen Feinde des Fürsten weniger gegen ihn empört, wenn sie bei der Aufzählung der einzelnen Feststellungen über die Schuldfrage nicht über den wichtigen Satz hinweggesehen hätten: „ Wie aus allen amtlichen Veröffentlichungen hervorgeht und auch durch unser Weissbuch nicht widerlegt wird“. Die amtlichen Veröffentlichungen sind, da ausserdem das Weissbuch noch ausdrücklich genannt wird, die £nfe/?fe-Farbbücher. Es ist natürlich in den Augen der deutschen Gegner des Fürsten schon ein schweres Verbrechen, dass er die Schuldfrage nach den feindlichen Farbbiichern beurteilt! Aber dieses Verbrechen ist doch immerhin weniger schwer und den deutschen Interessen weniger schädlich, als wenn er diese Anklagen als Ergebnis seiner eigenen Erfahrungen gemacht hätte. Das tut er aber nicht. Das tut er schon deshalb nicht, weil er dazu gar nicht in der Lage war, da er die betreffenden Ereignisse nicht selbst miterlebt hat, wenn er auch durch die unmittelbare Anreihung dieser den Ententedokumenten entnommenen Leitsätze an seine Darstellung seinen eigenen Standpunkt kennzeichnet. Aber die Offiziösen hätten doch nicht übersehen sollen, dass der Fürst damit diese Feststellungen keineswegs als Schlussfolgerung seiner eigenen Erfahrungen hinstellt, dass es sich also nicht um böswillige Enthüllungen des Fürsten, sondern um Wiederholung der bekannten Ententeauffassung handelt und dass es im Gegenteil äusserst bezeichnend ist, wenn der Fürst bei den Deutschland ungünstigen Feststellungen auf Ententequellen angewiesen ist. Diese Bemerkungen mögen genügen, um Methode und Darstellung kurz zu charakterisieren. Was die einzelnen geschichtlichen Angaben betrifft, müssen wir natürlich dem Verfasser die Verantwortung überlassen. Jagow und Mensdorff haben bekanntlich die ihnen in den Mund gelegten Aeusserungen energisch bestritten. Auch der Hinweis auf die Beschlussfassung vom 5. Juli ist in Deutschland mit einem Dementi beantwortet worden. Was endlich den Stil betrifft, so mag nur gesagt werden, dass er hier und da in der Charakterisierung einzelner englischer Persönlichkeiten frisch und anziehend wirkt, aber natürlich auch unter der sprunghaften Art des Verfassers leidet, der z. B. dem Charakterbild Greys hinzufügt, dass sein Bruder durch einen Löwen getötet wurde! Einzelne Stellen sind unklar und allzu langatmig. Hier und da gerät die Darstellung wiederum in schnellen leidenschaftlichen Fluss, so, wenn der Fürst sich darüber beklagt, dass man ihm seine Erfolge neidete, und wenn er dann alle Ereignisse unter diesem Gesichtspunkt beurteilt. Dann geht auch der kühle Verstand mit dem Herzen durch und es entstehen Entgleisungen, wie der Satz, in dem der Fürst den Kriegsausbruch darauf zurückführt, dass Berlin ihm nicht den Erfolg der Friedensvermittlung gönnte! Solche Stellen wirken natürlich peinlich. Aber man darf nie vergessen, dass der Fürst nicht für die Oeffentlichkeit schrieb, sondern nur einem gepressten Herzen Luft machen wollte. Er ist sicher nicht der Einzige, der in 12 seinem Tagebuch oder im vertraulichen Kreise lässig hingeworfene Dinge sagt, die, hätte er sie für die breite Oeffentlichkeit bestimmt, ganz anders dargestellt worden wären. Und wer möchte so ganz die Möglichkeit von der Hand weisen, dass, wäre Fürst Lichnowsky, wie von vielen Seiten erwartet wurde, als Bethmanns oder Michaelis’ Nachfolger Reichskanzler geworden, er die Weltereignisse ganz anders betrachtet hätte als in seiner heimlichen Denkschrift? Meine Londoner Mission 1912 — 1914. ^ Von Fürst Lichnowsky. Fürst Lichnowsky wird Botschafter. Er wundert sich darüber. Im September 1912 starb Baron Marschall, der nur wenige Monate auf dem Londoner Posten gewesen war. Seine Ernennung, die wohl hauptsächlich wegen seines Alters und der nach London gerichteten Wünsche seines jüngeren Beamten erfolgte, gehörten zu den vielen Missgriffen unserer Politik. Trotz eindrucksvoller Persönlichkeit und grossem Ansehen zu alt und zu müde um sich noch in die ihm völlig fremde angelsächsische Welt einzuleben, war er mehr Beamter und Jurist als Diplomat und Staatsmann. Er war sofort eifrig bestrebt, die Engländer von der Harmlosigkeit unserer Flotte zu überzeugen, wodurch natürlich nur der gegenteilige Eindruck erstarkte. Zu meiner grossen Ueberraschung wurde mir im Oktober der Posten angeboten. Ich hatte mich nach mehrjähriger Tätigkeit als Personalreferent auf das Land zurückgezogen, da auch ein geeigneter Posten nicht zu meiner Verfügung war, und die Zeit zwischen Flachs und Rüben und auf Pferden und Wiesen verbracht, dabei auch manches gelesen und gelegentlich politische Aufsätze veröffentlicht. So waren 8 Jahre vergangen und 13, seitdem 'ich Wien als Gesandter verliess. Meine letzte politische Wirksamkeit war eigentlich dort gewesen, da man damals im Amte zu keiner Betätigung gelangen konnte, ohne nach den Weisungen eines Mannes, der an Wahnvorstellungen litt, schrullenhafte Erlasse mit krausen Instruktionen zu verfassen. Auf wen eigentlich meine Berufung nach London zurückzuführen war, weiss ich nicht. Auf S. M. allein keinesfalls, denn ich gehörte nicht zu seinen Intimen, wenn er mir auch stets mit Wohlwollen begegnete. Aus Erfahrung weiss ich auch, dass seine Kandidaten meist mit Erfolg bekämpft werden. Herr von Kiderlen wollte eigentlich Herrn von Stumm nach London schicken ! Er begegnete mir sofort mit unverkennbarem Uebelwollen und suchte mich durch Unhöflichkeit einzuschüchtern. Herr von Bethmann Hollweg brachte mir damals freundschaftliche Gesinnungen entgegen, und hatte mich kurz vorher in Grätz besucht. So glaube ich, dass man sich auf mich einigte, weil kein anderer Kandidat augenblicklich zur Verfügung stand. Wäre nicht Baron Marschall unerwartet gestorben, so wäre ich damals ebensowenig hervorgeholt worden, wie in den vielen vergangenen Jahren. Die Marokkoaffäre ist ein deutscher Misserfolg. Die deutsche Diplomatie ist Schuld daran, dass Westmarokko nicht deutsch wurde. Der Augenblick war zweifellos günstig für einen neuen Versuch, um mit England auf besseren Fuss zu gelangen. Unsere rätselhafte Marokkopolitik hatte wiederholt das Vertrauen in unsere friedlichen Gesinnungen erschüttert, zum mindesten aber den Verdacht erregt, dass wir nicht recht wussten, was wir wollten, oder 13 dass wir beabsichtigten, Europa in Atem zu erhalten und die Franzosen gelegentlich zu demütigen. Ein österreichischer Kollege, der lange in Paris war, sagte mir: „Wenn die Franzosen anfingen, die Revanche zu vergessen, dann habt Ihr sie regelmässig durch kräftige Tritte daran erinnert.“ Nachdem wir die Versuche des Herrn Delcasse, sich mit uns über Marokko zu verständigen, zurückgewiesen und vorher feierlich erklärt hatten, keine politischen Interessen dort zu besitzen — eine Haltung, die wohl den Ueberlieferungen der Bismarckschen Politik entsprach, — entdeckten wir plötzlich in Abdul Asis einen zweiten Krüger. Auch ihm verhiessen wir, wie den Buren, den Schutz des mächtigen deutschen Reiches mit demsejben Aufwande und dem gleichen Erfolge. Denn beide Kundgebungen endeten, wie sie enden mussten: mit dem Rückzug, falls wir nicht entschlossen waren, schon damals den Weltkrieg zu führen. Daran vermochte auch der traurige Kongress in Algeciras nichts zu ändern, noch weniger der Sturz des Herrn Delcasse. Unsere Haltung förderte die russisch-japanische und später die russisch-britische Annäherung. Gegenüber der deutschen Gefahr — „the German peril“ — traten alle andern Gegensätze in den Hintergrund. Die Möglichkeit eines neuen deutschfranzösischen Krieges war augenfällig geworden, und ein solcher konnte, anders wie anno 70, weder Russland noch England unberührt lassen. Die Wertlosigkeit des Dreibundes hatte sich bereits in Algeciras gezeigt, die der dortigen Vereinbarungen aber bald danach durch den Zusammenbruch des Sultanats, der natürlich nicht zu verhindern war. Im deutschen Volke jedoch verbreitete sich der Glaube, dass unsere Auslandspolitik schwächlich sei und vor der „Einkreisung“ zurückweiche und dass hochtönenden Gebärden kleinmütige Nachgiebigkeit folge. Es bleibt das Verdienst des Herrn von Kiderlen, der als Staatsmann sonst überschätzt wird, dass er die marokkanische Erbschaft liquidierte und sich mit den Tatsachen abfand, an denen nichts mehr zu ändern war. Ob freilich die Welt durch den Coup von Agadir erschreckt werden musste, lasse ich dahingestellt. In Deutschland wurde das Ereignis lebhaft begrüsst, in England aber hatte es umsomehr beunruhigt, als die Regierung durch drei Wochen vergeblich auf Aufklärung Uber unsere Absichten wartete. Die Rede Mr. Lloyd Georges, die uns warnen sollte, war die Folge. Vor dem Sturze Delcasses und vor Algeciras wären Hafen und Gebiet an der Westküste zu haben gewesen, nachher aber nicht mehr. Das deutsch-französische Marokkoabkommen beruhigt in England. Als ich nach London kam im November 1912, hatte man sich über Marokko beruhigt, da inzwischen in Berlin eine Vereinbarung mit Frankreich erfolgt war. Die Mission Haldanes war zwar gescheitert, da wir die Zusage der Neutralität verlangten, statt uns mit einem Vertrage zu begnügen, der uns vor britischen Angriffen und vor Angriffen mit britischer Unterstützung sichern sollte. Sir Ed. Grey aber hatte den Gedanken, mit uns zu einer Verständigung zu gelangen, nicht aufgegeben und versuchte es zunächst auf kolonialen und wirtschaftlichen Gebieten. Durch Vermittelung des befähigten und geschäftskundigen Botschafters von Kühlmann waren Besprechungen über eine Erneuerung des portugiesischen Kolonialvertrages und über Mesopotamien (Bagdadbahn) im Gange, die das unausgesprochene Ziel verfolgten, sowohl die genannten Kolonien, wie Kleinasien in Interessensphären zu teilen. 14 Sir Edward Greys deutsch-englische Kolonialpläne. Der britische Staatsmann wollte, nachdem sowohl mit Frankreich wie mit Russland die alten Streitfragen geregelt waren, auch mit uns zu ähnlichen Abmachungen gelangen. Nicht uns zu vereinsamen, sondern uns möglichst zu Teilnehmern an der bestehenden Genossenschaft zu machen, war seine Absicht. Wie es gelang, britisch-französische und britisch-russische Gegensätze zu überbrücken, so wollte er auch die britisch-deutschen möglichst beseitigen und durch ein Netz von Verträgen, zu denen schliesslich wohl auch eine Vereinbarung über die leidige Flottenfrage gehört hätte, den Weltfrieden sichern, nachdem unsere frühere Politik zu einer Genossenschaft, der Entente, geführt hatte, die eine gegenseitige Versicherung gegen Kriegsgefahr darstellte. Das war das Programm Sir Ed. Greys. ln seinen eigenen Worten : unbeschadet der bestehenden Freundschaften (zu Frankreich und Russland), die keinerlei agressive Zwecke verfolgen und keinerlei bindende Verpflichtungen für England in sich schliessen, mit Deutschland zu einer freundschaftlichen Annäherung und Verständigung zu gelangen. „To bring the two groupes nearer“ (die beiden Gruppen einander näher bringen). Zwei Strömungen in England: Verständigungspolitiker und Kriegspartei. Es gab damals in England wie bei uns in dieser Hinsicht zwei Richtungen: die der Optimisten, die an die Verständigung glaubten, und die der Pessimisten, die den Krieg früher oder später für unvermeidlich hielten. Zur ersteren gehörten die Herren Asquith, Grey, Lord Haldane und die meisten Minister des radikalen Kabinetts sowie die führenden liberalen Organe, wie „West- minster Gazette“, „Manchester Guardian“, „Daily Chronicle“. Zu den Pessimisten namentlich konservative Politiker, wie Mr. Balfour, der mir dies wiederholt zu verstehen gab, dann führende Militärs wie Lord Roberts, die auf die Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht hinwiesen. („The Writing on the Wall.“) Ferner die Northcliffepresse und der bedeutende englische Journalist Mr. Garvin („Observer“). Während meiner Amtszeit haben sie sich jedoch aller Angriffe enthalten und persönlich wie politisch eine freundliche Haltung eingenommen. Unsere Flottenpolitik und unsere Haltung in den Jahren 1905, 1908 und 1911 hatten bei ihnen aber den Glauben erweckt, dass es doch einmal zum Kriege kommen werde. Erstere werden heute in England gerade so, wie es auch bei uns geschieht, der Kurzsichtigkeit und Einfalt geziehen, letztere gelten als die wahren Propheten. Der erste Balkankrieg ist eine deutsche Niederlage. Lichnowsky gegen den Dreibund. Durch Unterstützung Italiens verhindert Deutschland einen italienischfranzösischen Konflikt. Der erste Balkankrieg hatte damals zum Zusammenbruch der Türkei und damit zu einer Niederlage unserer Politik geführt, die sich mit den Türken seit Jahren dentifizierte. Nachdem die Türkei in Europa nicht mehr zu retten war, gab es zwei Möglichkeiten gegenüber der Regelutfg ihrer Hinterlassenschaft: entweder wir erklärten unser völliges Desinteressement an der Gestaltung der Grenzen auf dem Balkan und überliessen die Regelung den Balkanvölkern, oder aber wir unterstützten unsere „Bundesgenossen“, trieben Dreibundpolitik im Orient und traten dadurch aus der Rolle des Vermittlers heraus. 15 Ich befürwortete von Anfang an die erstere Lösung, das Auswärtige Amt aber vertrat umso entschiedener die letztere. Der springende Punkt war die albanische Frage. Unsere Bundesgenossen wünschten die Gründung eines selbstständigen Staates Albanien, da Oesterreich die Serben nicht an die Adria und Italien die Griechen nicht nach Valona, ja, nicht einmal nördlich von Korfu gelangen lassen wollte. Im Gegensatz hierzu förderte bekanntlich Russland die serbischen und Frankreich die griechischen Wünsche. Mein Rat ging nun dahin, diese Frage als ausserhalb des Bündnisses stehend zu betrachten und weder die österreichischen noch die italienischen Wünsche zu unterstützen. Ohne diese Förderung aber wäre die Errichtung Albaniens, dessen Lebensunfähigkeit vorauszusehen war, unmöglich gewesen. Serbien wäre an das Meer gelangt und der jetzige Weltkrieg vermieden. Frankreich und Italien hätten sich über Griechenland ernstlich entzweit und die Italiener, falls sie nicht allein gegen Frankreich kämpfen wollten, sich mit der Ausdehnung Griechenlands bis nördlich von Durazzo abfinden müssen. Die Zivilisation in dem grössten Teil von Albanien ist griechisch. Die Städte sind es im Süden vollkommen, und während der Botschafterkonferenz kamen Abordnungen aus grösseren Städten nach London, um die Angliederung an Griechenland durchzusetzen. Auch im heutigen Griechenland leben albanische Volksteile und die sogenannte griechische Nationaltracht sogar ist albanischen Ursprungs. Die Einverleibung der überwiegend orthodoxen und islamitischen Albaner in den griechischen Staat war daher die beste Lösung, die natürlichste, wenn man etwa Skutari und den Norden den Serben und den Montenegrienern überliesse. Für diese Lösung war auch S. M. aus dynastischen Gründen. Als ich den Monarchen brieflich in dieser Richtung bestärkte, erhielt ich vom Reichskanzler erregte Vorwürfe,, ich gälte als „Gegner Oesterreichs“ und er müsste sich solche Eingriffe und die direkte Korrespondenz verbieten. Lichnowsky wünscht ein deutsch-russisches Zusammengehen auf Kosten der Türkei und Förderung der Balkanstaaten gegen Russland. Wir mussten uns von der verhängnisvollen Ueberlieferung endlich lossagen, Dreibundpolitik auch im Orient zu treiben und den Irrtum erkennen, der darin lag, uns im Süden mit den Türken und im Norden mit den Austro-Madjaren zu identifizieren. Denn die Fortsetzung dieser Politik, die wir beim Berliner Kongress begonnen und seither mit Eifer gepflegt hatten, musste mit der Zeit und namentlich, wenn die nötige Gewandtheit an leitender Stelle fehlte, zum Zusammenstoss mit Russland und zum Weltkriege führen. Statt uns mit Russland auf Grundlage der Unabhängigkeit des Sultans, den man auch in Petrograd nicht aus Konstantinopel entfernen wollte, zu einigen und uns, unter Verzicht auf militärische und politische Eingriffe, auf wirtschaftliche Interessen im Orient zu beschränken und mit der Zerlegung Kleinasiens in Interessensphären zu begnügen, ging unser politischer Ehrgeiz dahin, am Bosporus zu dominieren. In Russland entstand die Meinung, der Weg nach Konstantinopel bezw. ins Mittelländische Meer führe über Berlin. Statt die kräftige Entwicklung der Balkanstaaten zu fördern, die, einmal befreit, alles eher sind als russisch, und mit denen wir die besten Erfahrungen machten, stellten wir uns auf die Seite der türkischen und madjarischen Unterdrücker. Der verhängnisvolle Irrtum unserer Dreibund- und Orientpolitik, die Russland, unsern naturgemässen besten Freund und Nachbar, in die Arme Frankreichs und 16 Englands gedrängt und von der asiatischen Ausbreitungspolitik abgedrängt hatte, war umso augenfälliger, als ein russisch-französischer Ueberfall, die einzige Hypothese, die eine Dreibundpolitik rechtfertigte, aus unserer Berechnung ausscheiden konnte. Der Dreibund ist zwecklos, da Italien abfällt und man Oesterreich zu einem Vasallen machen sollte. Lieber den Wert des italienischen Bündnisses erübrigt sich ein weiteres Wort. Italien braucht unser Geld und unsere Touristen auch nach dem Kriege mit oder ohne Bündnis. Dass letzteres im Kriegsfälle versagen würde, war vorauszusehen. Das Bündnis war daher wertlos. Oesterreich braucht unseren Schutz in Krieg und Frieden und hat keine andere Anlehnung. Die Abhängigkeit von uns beruht auf politischen, nationalen und wirtschaftlichen Erwägungen und ist umso grösser, je intimer unsere Beziehungen zu Russland sind. Das hat die bosnische Krise gelehrt. Seit dem Grafen Beust ist noch kein Wiener Minister so selbstbewusst gegen uns aufgetreten, wie Graf Aehrenthal in den letzten Jahren seines Lebens. Bei richtig geleiteter deutscher Politik, die die Fühlung mit Russland pflegt, ist Oesterreich- Ungarn unser Vasall und auf uns angewiesen, auch ohne Bündnisse und Gegenleistungen, bei falsch geleiteter sind wir auf Oesterreich angewiesen. Das Bündnis war daher zwecklos. Ich kannte Oesterreich zu genau, um nicht zu wissen, dass eine Rückkehr zur Politik des Fürsten Felix Schwanenberg oder des Grafen Moritz Esterhazy dort undenkbar war. So wenig die dortigen Slawen uns lieben, so wenig wollen sie in ein deutsches Kaiserreich zurückkehren, selbst mit Habsburg-Lothringer Spitze. Sie streben den Föderalismus innerhalb Oesterreichs an auf nationaler Grundlage, ein Zustand, der im Rahmen des deutschen Reiches noch viel weniger Aussicht auf Verwirklichung hätte, wie unter dem Doppeladler. Die Deutschen Oesterreichs aber erkennen in Berlin den Mittelpunkt deutscher Macht und Kultur und wissen, dass Oesterreich niemals wieder Präsidialmacht werden kann. Sie wünschen einen möglichst intimen Anschluss an das Reich, nicht aber eine antideutsche Politik. Seit den siebziger Jahren hatte sich die Lage' von Grund aus verändert in Oesterreich wie etwa in Bayern. Wie hier eine Rückkehr zum grossdeutschen Partikularismus und zur altbayerischen Politik nicht zu befürchten ist, so war dort ein Wiederaufleben der Politik des Fürsten Kaunitz und Schwarzenberg nicht zu gewärtigen. Unsere Interessen aber würden durch einen staatsrechtlichen Anschluss Oesterreichs, das auch ohne Galizien und Dalmatien nur etwa zur Hälfte von Germanen bewohnt ist, also etwa ein grosses Belgien darstellt, ebenso leiden wie andererseits durch Unterordnung unserer Politik unter Wiener und Pester Gesichtspunkte, — d’öpouser les querelies de l’Autriche (sich mit den österreichischen Zwistigkeiten vermählen). Man müsste den Balkan gegen Oesterreich unterstützen. Wir brauchten daher keine Rücksichten auf die Wünsche unserer „Bundesgenossen“ zu nehmen, sie waren nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich, weil sie zum Zusammenstoss mit Russland führten, wenn wir orientalische Fragen durch österreichische Brillen betrachteten. Die Ausgestaltung des Bündnisses aus einem unter einer einzigen Voraussetzung geschlossenen „Zweckverbande“ zu einer „Gesamtgemeinde“, zu einer Interessengemeinschaft auf allen Gebieten, war geeignet, 17 eben dasjenige herbeizufiihren, was das Rechtsgeschäft verhindern sollte — den Krieg. Eine solche Bündnispolitik musste ausserdem den Verlust der Sympathien junger, kräftiger, aufstrebender Gemeinwesen auf dem Balkan nach sich ziehen, die bereit waren, sich an uns zu wenden und uns ihre Märkte zu öffnen. Der Gegensatz zwischen Hausmacht und Nationalstaat, zwischen dynastischer und demokratischer Staatsidee musste zum Austrag kommen, und wir standen wie gewöhnlich auf falscher Seite. König Karol hat zu einem unserer Vertreter gesagt, er habe das Bündnis mit uns unter der Voraussetzung geschlossen, dass wir die Führung behielten, ginge diese aber an Oesterreich über, so ändere das die Grundlage des Verhältnisses, und er werde unter solchen Umständen nicht weiter mitmachen können. Aehnlich lagen die Dinge in Serbien, wo wir gegen unsere eigenen wirtschaftlichen Interessen die österreichische Erdrosselungspolitik unterstützten. Wir haben stets auf das Pferd gesetzt, dessen Niederbruch vorauszusehen war, auf Herrn Krüger, auf Abdul Asis, auf Abdul Hamid, Wilhelm Wied und — der verhängnisvollste von allen Irrtümern — schliesslich den grossen „plunge“ auf den Stall Berchtold gemacht! Lichnowsky tadelt, dass Deutschland auf der Balkankonferenz für Oesterreich eintritt. Er lobt Grey, der auch für Oesterreich eintritt. Bald nach meiner Ankunft in London Ende 1912 regte Sir Ed. Grey eine zwanglose Besprechung an, um zu vermeiden, dass aus dem Balkankriege sich ein europäischer entwickelt, nachdem wir leider die Aufforderung der französischen Regierung, einer Desinteressementserklärung beizutreten, bei Ausbruch des Krieges abgelehnt hatten. Der britische Staatsmann nahm von Anfang an die Haltung ein, dass England an Albanien kein Interesse habe, wegen dieser Frage also nicht gewillt sei, es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Er wollte als „ehrlicher Makler“ lediglich zwischen den beiden Gruppen vermitteln und Schwierigkeiten beilegen. Er stellte sich daher keineswegs auf Seite der Ententegenossen und hat während der Dauer der etwa achtmonatlichen Unterhandlungen durch guten Willen und seinen massgebenden Einfluss nicht unwesentlich zur Einigung beigetragen. Statt dass wir eine der englischen analoge Haltung einnahmen, vertraten wir ohne Ausnahme den Standpunkt, der uns von Wien aus vorgeschrieben wurde. Graf Mensdorff führte den Dreibund in London, ich war sein „Sekundant“. Meine Aufgabe bestand darin, seine Vorschläge zu unterstützen, ln Berlin schaltete der kluge und erfahrene Graf Szögyenyi. Sein Refrain war: „und dann tritt der Casus föderis (der Bündnisfall) ein“, und als ich die Richtigkeit dieses Schlusses einmal anzuzweifeln wagte, wurde ich wegen „Austrophobie“ ernstlich verwarnt. Unter Anspielung auf meinen Vater hiess es auch, ich sei „erblich belastet“! Bei allen Anlässen: Albanien, serbischer Adriahafen, Skutari, ferner bei der Bestimmung der Grenzen Albaniens stellten wir uns auf den Standpunkt Oesterreichs und Italiens, während Sir Ed. Grey fast niemals den französischen oder den russischen unterstützte. Er trat vielmehr meist für unsere Gruppe ein, um keinen Vorwand zu schaffen, wie ihn später ein toter Erzherzog liefern sollte. So gelang es mit seiner Hilfe, den König Nikita aus Skutari wieder herauszulocken. Schon über diese Frage wäre es sonst zum Weltkrieg gekommen, da wir sicher nicht gewagt hätten, „unseren Bundesgenossen“ zur Nachgiebigkeit zu veranlassen. 2 18 Sir Ed. Grey leitete die Verhandlungen mit Umsicht, Ruhe und Takt. Wenn eine Frage sich zu verwickeln drohte, entwarf er eine Einigungsformel, die das Richtige traf und auch stets Annahme fand. Seine Persönlichkeit genoss bei allen Teilnehmern gleiches Vertrauen. Das Scheitern der großserbischen Ansprüche erbittert Russland. Wir hatten tatsächlich wieder einmal eine der vielen Kraftproben, die unsere Politik kennzeichnet, glücklich überstanden. Russland hatte überall vor uns zurückweichen müssen, da es niemals in der Lage war, den serbischen Wünschen Erfolg zu verschaffen. Albanien war als österreichischer Vasallenstaat errichtet und Serbien vom Meere verdrängt. Der Verlauf der Konferenz war daher eine neue Demütigung für das russische Selbstbewusstsein. Wie 1878 und 1908 hatten wir uns schon dem russischen Programm entgegengestellt, ohne dass deutsche Interessen im Spiele waren. Bismarck wusste den Fehler des Kongresses durch den geheimen Vertrag und durch seine Haltung in der Battenbergfrage zu mildern; die in der bosnischen Frage wieder betretene abschüssige Bahn wurde in London weiter verfolgt und später, als sie zum Abgrund führte, nicht rechtzeitig verlassen. Die Mißstimmung, die damals in Russland herrschte, kam während der Konferenz durch Angriffe gegen meinen russischen Kollegen und die russische Diplomatie in den russischen Blättern zum Ausdruck. Seine deutsche Herkunft und katholische Konfession, sein Ruf als Deutschenfreund, und der zufällige Umstand, dass er sowohl mit dem Grafen Mensdorff, wie mit mir verwandt ist, kamen den unzufriedenen Kreisen zu statten. Ohne eine sehr bedeutende Persönlichkeit zu sein, besitzt Graf Benckendorff eine Reihe von Eigenschaften, die einen guten Diplomaten kennzeichnen: Takt, gesellschaftliches Geschick, Erfahrung, verbindliches Wesen, natürlichen Blick für Menschen und Dinge. Er war stets bestrebt, eine schroffe Stellungnahme zu vermeiden und wurde durch die Haltung Englands und Frankreichs auch darin bestärkt. Ich sagte ihm später einmal: Die Stimmung in Russland ist wohl sehr antideutsch. Er entgegnete: Es gibt auch sehr starke und einflussreiche prodeutsche Kreise, man ist aber allgemein antiösterreichisch! Es erübrigt sich, hinzuzufügen, dass unsere Austrophilie ä outrance (Oesterreich-Freundschaft bis zur äussersten Grenze) nicht gerade geeignet war, die Entente zu lockern und Russland seinen asiatischen Interessen zuzuführen! Lichnowsky missbilligt das Interesse Deutschlands für Bulgarien. Gleichzeitig tagte in London die Balkankonferenz, und ich hatte Gelegenheit, mit den Leitern der Balkanstaaten in Fühlung zu treten. Die bedeutendste Persönlichkeit war wohl Herr Venizelos. Er war damals nicht weniger als deutschfeindlich, besuchte mich wiederholt und trug mit Vorliebe und sogar auf der französischen Botschaft das Band des Roten Adlerordens. Von gewinnender Liebenswürdigkeit, mit weltmännischem Auftreten, wusste er sich Sympathien zu verschaffen. Neben ihm spielte Herr Danew, der damalige bulgarische Ministerpräsident und Vertrauensmann des Grafen Berchtold, eine grosse Rolle. Er machte den Eindruck eines verschlagenen und energischen Mannes, und es ist wohl nur dem Einfluss seiner Wiener und Pester Freunde zuzuschreiben, über deren Huldigungen er sich gelegentlich belustigte, dass er sich zu der Torheit des zweiten Balkankrieges verleiten liess und die russische Vermittelung ablehnte. 19 Auch Herr Take Jonescu war öfters in London und besuchte mich dann regelmässig. Ich kannte ihn von der Zeit her, da ich Sekretär in Bukarest war. Er gehörte auch zu den Freunden des Herrn von Kiderlen. In London war er bestrebt, durch Verhandlungen mit Herrn Danew Zugeständnisse für Rumänien zu erreichen und wurde dabei von dem sehr befähigten rumänischen Gesandten Nisu unterstützt. Dass diese Verhandlungen an dem Widerstande Bulgariens scheiterten, ist bekannt. Graf Berchtold (und wir natürlich mit ihm) war ganz auf seiten Bulgariens, sonst wäre es wohl gelungen, den Rumänen die gewünschte Genugtuung durch einen Druck auf Herrn Danew zu verschaffen und uns Rumänien zu verpflichten, das durch die Haltung Oesterreichs während des zweiten Balkankrieges und danach den Mittelmächten endgültig entfremdet wurde. Der Sieg Serbiens ist eine Blamage für Oesterreich. Für Sasanow ist ein österreichischer Angriff auf Serbien ein casus belli. Die Niederlage Bulgariens im zweiten Balkankriege und der Sieg Serbiens sowie der rumänische Einmarsch bedeuteten naturgemäss für Oesterreich eine Blamage. Der Gedanke, diese durch einen Waffengang gegen Serbien auszugleichen, scheint bald in Wien Eingang gefunden zu haben. Die italienischen Enthüllungen beweisen es, und es ist anzunehmen, dass Marquis San Giuliano, der den Plan als eine „pericolosissima aventura“ (äusserst gefährliches Abenteuer) sehr treffend kennzeichnete, uns davor bewahrt hat, schon im Sommer 1913 in einen Weltkrieg verwickelt zu werden. Bei der Vertrautheit der russisch-italienischen Beziehungen wird die Wiener Anregung auch wohl in Petersburg bekannt geworden sein. Jedenfalls hat Herr Sasanow in Konstanza, wie Herr Take Jonescu mir erzählte, offen gesagt, dass ein Angriff Oesterreichs auf Serbien für Russland den Kriegsfall bedeutet. Als einer meiner Herren im Frühjahr 1914 von Urlaub aus Wien zurückkehrte, erzählte er, Herr von Tschirschky erklärte, es gäbe bald Krieg. Da ich aber über wichtige Vorgänge stets in Unkenntnis gelassen wurde, hielt ich diesen Pessimismus für unbegründet. Seit dem Bukarester Frieden scheint tatsächlich in Wien die Absicht bestanden zu haben, eine Revision dieses Vertrages auf eigene Faust durchzuführen, und man wartete anscheinend nur auf einen günstigen Anlass. Auf unsere Unterstützung konnten die Wiener Staatsmänner selbstverständlich rechnen. Das wussten sie, denn es war ihnen schon wiederholt „Schlappheit“ vorgeworfen worden. Man drängte in Berlin sogar auf eine „Rehabilitierung“ Oesterreichs. Russische Erregung über die Mission Liman von Sanders. — Der grosse Einfluss Greys auf die russische Politik. Als ich im Dezember 1913 nach längerem Urlaub nach London zurückkehrte, hatte die Frage Liman von Sanders zu einer neuen Verschärfung unserer Beziehungen zu Russland geführt. Sir Ed. Grey machte mich nicht ohne Besorgnis auf die Erregung aufmerksam, die darüber in Petersburg herrsche! „I have never seen them so excited“ (ich habe sie niemals so aufgeregt gesehen). Ich wurde von Berlin aus beauftragt, den Minister zu bitten, in mässigendem Sinne in Petersburg zu wirken und uns bei Beilegung des Streites behilflich zu ein. Sir Edward war hierzu gern bereit, und seine Vermittelung hat nicht wenig dazu beigetragen, die Angelegenheit zu ebnen. Meine guten Beziehungen zu Sir 20 Edward und sein grosser Einfluss in Petersburg wurden auf ähnliche Weise wiederholt benutzt, wenn es galt, dort etwas durchzusetzen, da unsere Vertretung sich hierzu als völlig ungeeignet erwies. ln den kritischen Tagen des Juli 1914 sagte mir Sir Edward: „Wenn Sie etwas in Petersburg erreichen wollen, wenden Sie sich regelmässig an mich, wenn ich aber einmal Ihren Einfluss in Wien anrufe, so versagen Sie mir Ihre Unterstützung.“ Deutsch-englischer Kolonial-Imperialismus. Die guten und vertrauensvollen Beziehungen, die es mir gelang, nicht nur in der Gesellschaft und mit den einflussreichsten Persönlichkeiten, wie Sir Ed. Grey und Mr. Asquith, sondern auch bei public dinners (bei öffentlichen Diners) mit der Oeffentlichkeit anzuknüpfen, hatten eine merkliche Besserung unseres Verhältnisses zu England herbeigeführt. Sir Edward war aufrichtig bemüht, diese Annäherung weiter zu befestigen, und seine Absichten traten besonders in zwei Fragen hervor: dem Kolonial- und dem Bagdadvertrag. Im Jahre 1898 war zwischen dem Grafen Hatzfeld und Herrn Balfour ein geheimes Abkommen unterzeichnet worden, das die portugiesischen Kolonien in Afrika in wirtschaftspolitische Interessensphären zwischen uns und England teilte. Da die portugiesische Regierung weder die Macht noch die Mittel besass, ihren ausgedehnten Besitz zu erschliessen oder sachgemäss zu verwalten, hatte sie sich früher bereits mit dem Gedanken getragen, ihn zu veräussern und ihre Finanzen dadurch zu sanieren. Eine Einigung zwischen uns und England war zustande gekommen, welche die beiderseitigen Interessen begrenzte, und die um so grösseren Wert besass, als Portugal sich bekanntlich in völliger Abhängigkeit von England befindet. Englands Kolonialpolltik steht im Widerspruch zum englisch-portugiesischen Bündnis. Dieser Vertrag sollte wohl äusserlich die Unversehrtheit und Unabhängigkeit des portugiesischen Reiches sichern, und er sprach nur die Absicht aus, den Portugiesen finanziell und wirtschaftlich behilflich zu sein. Er stand daher dem Wortlaut nach nicht im Widerspruch zu dem alten englisch-portugiesischen Bündnis aus dem 15. Jahrhundert, das zuletzt unter Karl 11. erneuert wurde und den gegenseitigen Besitzstand verbürgte. Trotzdem war auf Bestreben des Marquis Soveral, der vermutlich über die deutsch-englischen Abmachungen nicht in Unkenntnis blieb, ein neuer Vertrag, der sogenannte Windsorvertrag, im Jahre 1899 zwischen England und Portugal geschlossen worden, welcher die alten, niemals ausser Kraft gesetzten Vereinbarungen bestätigte. Ein Erfolg Lichnowskys: Deutschland darf sich an der Aufteilung der portugiesischen Kolonien beteiligen. Die Unterhandlungen zwischen uns und England, die bereits vor meiner Ankunft begonnen hatten, bezweckten, unseren Vertrag von 1898, der auch hinsichtlich der geographischen Abgrenzung manche Unzuträglichkeiten aufwies, umzugestalten und zu verbessern. Dank der entgegenkommenden Haltung der britischen Regierung gelang es mir, dem neuen Vertrag eine unseren Wünschen und Interessen durchaus entsprechende Form zu geben. Ganz Angola bis an den 20. Längengrad wurde uns zugesprochen, so dass wir an das Kongogebiet von Süden gelangten, ausserdem noch die wertvollen Inseln San Thome und Principe, die nördlich des Aequators liegen 21 und dadurch eigentlich dem französischen Interessengebiet zufielen, eine Tatsache, die meinen französischen Kollegen zu lebhaften, wenn auch vergeblichen Gegenvorstellungen veranlasste. Ferner erhielten wir den nördlichen Teil von Mosambik,- der Lincango bildete die Grenze. England will die deutsche Politik von Europa ablenken. Unseren Interessen und Wünschen wurde seitens der britischen Regierung das grösste Entgegenkommen gezeigt. Sir Ed. Grey beabsichtigte, uns seinen guten Willen zu bekunden, er wünschte aber auch unsere koloniale Entwicklung überhaupt zu fördern, da England die deutsche Kraftentfaltung von der Nordsee und von Westeuropa nach dem Weltmeer und Afrika abzulenken hoffte. ,We don’t want to grudge Germany her colonial development“ (wir wollen Deutschland seine koloniale Entwickelung nicht missgönnen), sagte mir ein Mitglied des Kabinetts. England möchte belgisches Kolonialgebiet in ähnlicherWeise wie portugiesisches aufteilen. Deutschland lehnt mit Rücksicht auf Belgien ab. Der Kongostaat sollte auf britische Anregung urspiinglich auch in den Vertrag einbezogen werden, was uns ein Vorkaufsrecht und die Möglichkeit gegeben hätte, ihn wirtschaftlich zu durchdringeu. Angeblich mit Rücksicht auf belgische Empfindlichkeiten lehnten wir aber dieses Angebot ab! Vielleicht sollte mit Erfolgen gespart werden ? Portugal völlig von England abhängig: Wenn Deutschland seine Beziehungen zu England pflegt, kann es eine tatsächliche Teilung der portugiesischen Kolonien erreichen. Auch hinsichtlich der praktischen Verwirklichung des eigentlichen unausgesprochenen Zweckes des Vertrages, der späteren tatsächlichen Teilung des portugiesischen Kolonialbesitzes, bot die neue Fassung wesentliche Vorteile und Fortschritte gegen die alte. Es waren nämlich Fälle vorgesehen, die es uns ermöglichten, zur Wahrung unserer Interessen auf den uns zugewiesenen Gebieten einzuschreiten. Diese Voraussetzungen wurden so weit gefasst, dass es eigentlich uns überlassen blieb, selbst zu bestimmen, wenn „vitale“ Interessen Vorlagen, so dass es bei der völligen Abhängigkeit Portugals von England nur darauf ankam, die Beziehungen zu England weiter zu pflegen, um mit englischer Zustimmung unsere beiderseitigen Absichten später zu verwirklichen. Die Aufrichtigkeit der britischen Regierung in ihrem Bestreben, unsere Rechte zu achten, zeigte sich darin, dass Sir Ed. Grey, noch ehe der Vertrag fertiggestellt oder unterzeichnet war, englische Unternehmer, die in den uns durch den neuen Vertrag zugewiesenen Gebieten Kapitalanlagen suchten und dafür die britische Unterstützung wünschten, an uns verwies mit dem Bemerken, dass das betreffende Unternehmen in unsere Interressensphäre gehöre. Der Vertrag war schon zurZeit des Königsbesuches in Berlin, also im Mai 1913, im wesentlichen fertig, ln Berlin fand damals unter dem Vorsitz des Herrn Reichskanzlers eine Besprechung statt, an der auch ich teilnahm und bei der noch einzelne Wünsche festgelegt wurden. Bei meiner Rückkehr nach London gelang es mir mit Hilfe des Botschaftsrats Herrn von Kühlmann, der mit Mr. Parker die Einzelheiten des Vertrages bearbeitete, auch unsere letzten Vorschläge durchzusetzen, so dass der ganze Vertrag schon im August 1913 vor Antritt meines Urlaubes von Sir Ed. Grey und mir paraphiert werden konnte. Die deutsche Regierung geniert sich. Sie will ihren Interessen in Portugal nicht schaden. Nun sollten aber neue Schwierigkeiten entstehen, die die Unterzeichnung verhinderten und erst nach einem Jahre, also kurz vor Kriegsausbruch, konnte ich die Ermächtigung erhalten zum endgültigen Abschluss. Zur Unterzeichnung aber ist es nicht mehr gekommen. Sir Ed. Grey wollte nämlich nur unterzeichnen, falls der Vertrag mit samt den beiden Verträgen von 1898 und 1899 veröffentlicht würde. England besitze sonst keine geheimen Verträge, und es sei gegen die bestehenden Grundsätze, bindende Abmachungen zu verheimlichen. Er könne daher keinen Vertrag eingehen, ohne ihn zu veröffentlichen. Ueber Zeitpunkt und Art der Veröffentlichung sei er aber bereit, unseren Wünschen Rechnung zu tragen, vorausgesetzt, dass die Veröffentlichung in längstens Jahresfrist nach Unterzeichnung erfolge. Im Auswärtigen Amt aber, wo meine Londoner Erfolge zunehmendes Missvergnügen erregten, und wo eine einflussreiche Persönlichkeit, die die Rolle des Herrn von Holstein spielte, den Londoner Posten für sich in Anspruch nahm, erklärte man, die Veröffentlichung gefährde unsere Interessen in den Kolonien, da die Portugiesen uns alsdann keine Konzessionen mehr geben würden. Die Nichtigkeit des Einwandes erhellt aus der Erwägung, dass der alte Vertrag den Portugiesen höchstwahrscheinlich ebenso längst bekant war, wie unsere neuen Abmachungen, angesichts der Intimität der portugiesisch-englischen Beziehungen und dass bei dem Einfluss, den England in Lissabon besitzt, die dortige Regierung einem deutsch-britischen Einverständnisse gegenüber völlig willenlos ist. Berlin verzichtet, weil das Abkommen, das gegen die englisch-portugiesischen Verträge (Unabhängigkeit Portugals) verstösst, als „Beweis britischer Heuchelei und Perfidie“ gelten könnte. Es galt also, einen andern Vorwand zu finden, um den Vertrag scheitern zu lassen: Die Bekanntgabe des Windsorvertrages, der zur Zeit des Fürsten Hohenlohe geschlossen wurde und der nur eine Erneuerung des niemals ausser Kraft getretenen Vertrages Karls II. war, könne die Stellung des Herrn von Bethmann Hollweg gefährden, als Beweis britischer Heuchelei und Perfidie! Ich wies darauf hin, dass die Einleitung zu unsern Verträgen ganz dasselbe besage wie der Windsorvertrag und wie andere ähnliche Verträge, nämlich, dass wir die souveränen Rechte Portugals wahren und die Unversehrtheit seines Besitzes schützen wollten. Vergebens! Trotz wiederholter Unterredungen mit Sir Ed. Grey, bei denen der Minister immer neue Vorschläge machte für die Veröffentlichung, beharrte das Auswärtige Amt auf seinem Standpunkt und verabredete schliesslich mit Sir Ed. Goschen, dass alles so bleiben sollte, wie es bisher gewesen! Die wahre Ursache des Verzichts: Berlin gönnt Lichnowsky den Erfolg nicht. Der Vertrag, der uns ausserordentliche Vorteile bot, das Ergebnis einer mehr als einjährigen Arbeit, war somit gefallen, weil er für mich ein öffentlicher Erfolg gewesen wäre. Als ich im Frühjahr 1914 gelegentlich eines Diners auf der Botschaft, an dem Mr. Harcourt teilnahm, den Gegenstand berührte, erklärte mir der Kolonialminister 23 er befinde sich in Verlegenheit und wisse nicht, wie sich zu verhalten. Der gegenwärtige Zustand sei unerträglich, da er, Mr. Harcourt, unsere Rechte berücksichtigen wolle, andererseits aber im Zweifel sei, ob er sich nach dem alten Vertrage oder dem neuen zu richten habe. Es sei daher dringend erwünscht, Klarheit zu schaffen und die Sache, die sich nun schon so lange hinziehe, zum Abschluss zu bringen. Auf einen diesbezüglichen Bericht erhielt ich einen sehr wenig höflichen, aber umso erregteren Erlass, demzufolge ich mich jeder weitern Einmischung in der Sache zu enthalten hätte. Ich bedaure es heute, dass ich daraufhin nicht nach Berlin gefahren bin, um dem Monarchen meinen Posten zur Verfügung zu stellen, und dass ich immer noch den Glauben an die Möglichkeit einer Verständigung zwischen mir und den leitenden Persönlichkeiten nicht verloren hatte, ein verhängnisvoller Irrtum, der sich wenige Monate später in so tragischer Weise rächen sollte! Einen Monat vor Kriegsausbruch nimmt Deutschland aber die englischen Vorschläge betr. Portugal an. So wenig ich auch damals das Wohlwollen des obersten Reichsbeamten noch besass, da er fürchtete ich strebe nach seinem Posten, so muss ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er bei unserer letzten Unterredung vor Kriegsausbruch, Ende Juni 1914, auf die ich später noch zurückkomme, seine Zustimmung zur Unterschrift und Veröffentlichung erteilte. Trotzdem bedurfte es wiederholter Anregungen meinerseits, die von Herrn Dr. Solf in Berlin unterstützt wurden, um endlich Juli 1914 die Genehmigung zu erwirken. Da aber die serbische Krisis damals schon den Frieden Europas bedrohte, musste die Vollziehung des Vertrages verschoben werden. Auch er gehört zu den Opfern dieses Krieges. Der Bagdadvertrag. Gleichzeitig unterhandelte ich in London, dabei wirksam unterstützt durch Herrn von Kühlmann, über den sog. Bagdadvertrag. Dieser bezweckte tatsächlich die Einteilung Kleinasiens in Interessensphären, obwohl dieser Ausdruck mit Rücksicht auf die Rechte des Sultans ängstlich vermieden wurde. Sir Ed. Grey erklärte auch wiederholt, dass keine Abmachungen mit Frankreich und Russland beständen, die die Aufteilung Kleinasiens bezweckten. Unter Zuziehung eines türkischen Vertreters, als welcher Hakki Pascha erschien, wurden alle wirtschaftlichen Fragen, die mit den deutschen Unternehmungen in Verbindung standen, im wesentlichen den Wünschen der deutschen Bank entsprechend geregelt. Das wichtigste Zugeständnis, das Sir Ed. Grey mir persönlich gemacht hatte, war die Verlängerung der Bahnstrecke bis Basra. Dieser Standpunkt war nämlich unserseits aufgegeben worden zu Gunsten des Anschlusses nach Alexandrette; Bagdad bildete bisher den Endpunkt der Bahn. Für die Schiffahrt auf dem Schatt-el-Arab sollte eine internationale Kommission sorgen. Auch an den Hafenbauten in Basra wurden wir beteiligt und erhielten ferner Rechte an der Tigrisschiffahrt, die bisher ein Metropol des Hauses Lynch war. Durch diesen Vertrag wurde ganz Mesopotamien bis Basra unser Interessengebiet, unbeschadet älterer britischer Rechte an der Tigrisschiffahrt und den Wilcox- Bewässerungsanlagen, ferner das ganze Gebiet der Bagdad- und Anatolischen Eisenbahn. Als britischer Wirtschaftsbereich galten die Küsten des Persischen Busens und die Smyrna-Aidin Bahn, als französischer Syrien, als russischer Armenien. 24 Würden beide Verträge vollzogen und veröffentlicht, so war damit eine Verständigung mit England erreicht, die allen Zweifeln an der Möglichkeit einer „anglo-german Cooperation“ (eines englisch-deutschen Zusammenwirkens) für immer ein Ende machte. England empfindet die deutsche Flottenpolitik als Unbequemlichkeit, aus finanziellen Gründen. Die heikelste aller Fragen war und blieb die Flottenfrage. Sie wird nicht immer ganz richtig beurteilt. Die Schaffung einer mächtigen Flotte am andern Ufer der Nordsee, die gleichzeitige Entwicklung der bedeutendsten Militärmacht des Festlandes zur bedeutendsten Seemacht desselben musste in England zum mindesten als Unbequemlichkeit empfunden werden. Hierüber kann billigerweise kein Zweifel bestehen. Um den nötigen Vorsprung zu behalten und nicht in Abhängigkeit zu geraten und die Herrschaft der Meere zu sichern, die Britannien benötigt, um nicht zu verhungern, musste es zu Rüstungen und Ausgaben schreiten, die schwer auf dem Steuerzahler lasteten. Eine Bedrohung der britischen Weltstellung ergab sich jedoch, wenn unsere Politik die Möglichkeit kriegerischer Entwickelungen gewärtigen Hess. Diese Voraussetzung war bei den Marokkokrisen und der bosnischen Frage in sichtbare Nähe getreten. Mit unserer Flotte nach den bestehenden Festlegungen hatte man sich abgefunden, sie war den Briten gewiss nicht willkommen und bildete einen der Gründe, aber nicht den einzigen und vielleicht auch nicht den wichtigsten, für den Anschluss Englands an Frankreich und Russland; aber wegen der Flotte allein hätte England ebensowenig zum Schwerte gegriffen, wie etwa wegen unseres Handels, der angeblich den Neid und schliesslich den Krieg gezeitigt hat. Ich vertrat von Anfang an den Standpunkt, dass es trotz der Flotte möglich sei, zu freundschaftlicher Verständigung und Annäherung zu gelangen, wenn wir keine Novelle brächten und eine zweifelsfreie Friedenspolitik trieben. Auch vermied ich es, von der Flotte zu sprechen, und zwischen mir und Sir Ed. Grey ist das Wort überhaupt nicht gefallen. Sir Ed. Grey erklärte gelegentlich einer Kabinettssitzung: „The present German Ambassador has never mentioned the fleet to me“ (der gegenwärtige deutsche Botschafter hat vor mir nie die Flotte erwähnt). Während meiner Amtszeit regte bekanntlich Mr. Churchill, der damalige erste Lord der Admiralität, den sogenannten „naval holiday“ (Flottenfeiertag) an und schlug aus finanziellen Gründen und wohl auch um der pazifistischen Richtung in seiner Partei entgegen zu kommen, eine einjährige Rüstungspause vor. Amtlich von Sir Ed. Grey wurde der Vorschlag nicht unterstützt, zu mir hat er nie davon gesprochen, Mr. Churchill redete mich wiederholt darauf an. Ich bin überzeugt, dass seine Anregung aufrichtig gemeint war, wie überhaupt Winkelzügigkeit nicht im Wesen des Engländers liegt. Es wäre für Mr. Churchill ein grosser Erfolg gewesen, dem Lande mit Ersparnissen aufzuwarten und den Rüstungsalp, der auf dem Volke lastete, erleichtern zu können. Ich entgegnete, es würde uns aus technischen Gründen schwer werden, auf seinen Gedanken einzugehen. Was sollte aus den Arbeitern werden, die für diese Zwecke geworben seien, was aus dem technischen Personal? Unser Flottenprogramm sei einmal festgelegt und daran Hesse sich schwer etwas ändern. Wir beabsichtigten es andererseits auch nicht zu überschreiten Er kam aber wieder darauf zurück und machte geltend, dass die für ungeheure Rüstungen aufgewendeten Mittel auch 25 besser für andere, nutzbringende Zwecke Verwendung fänden. Ich entgegnete, dass auch diese Ausgaben der heimischen Industrie zugute kämen. Es gelang mir auch durch Unterredungen mit Sir W. Tyrell, dem Kabinetts- chef Sir Edwards, die Frage von der Tagesordnung abzusetzen, ohne zu verstimmen, obwohl sie im Parlamente wiederkehrte, und zu verhindern, das ein amtlicher Vorschlag erging. Es war aber ein Lieblingsgedanke Mr. Churchills und der Regierung, und ich glaube, dass wir durch Eingehen auf seine Anregung sowie auf die Formel 16: 10 für Grosskampfschiffe einen greifbaren Beweis unseres guten Willens geben und die bei der Regierung vorherrschende Tendenz, mit uns in nähere Fühlung zu kommen, wesentlich befestigen und fördern könnten. Aber, wie gesagt, es war möglich, trotz der Flotte und auch ohne „naval holiday“ zu einer Verständigung zu gelangen. In diesem Sinne hatte ich meine Mission von Anfang aufgefasst, und es war mir auch gelungen, mein Programm zu verwirklichen, als der Ausbruch des Krieges alles Erreichte vernichtete. Lichnowsky wirkt für die deutsch-englischen Handelsbeziehungen. Public dinners. Der Handelsneid, von dem bei uns soviel die Rede ist, beruht auf unrichtiger Beurteilung der Verhältnisse. Gewiss bedrohte das Emporkommen Deutschlands als Handelsmacht nach dem siebziger Kriege und in den folgenden Dezennien die Interessen der britischen Handelskreise, die mit ihrer Industrie und mit ihren Exporthäusern eine Art Monopolstellung besassen. Der zunehmende Warenaustausch mit Deutschland aber, das an der Spitze aller britischen Exportländer in Europa stand, eine Tatsache, auf die ich in meinen öffentlichen Reden immer hinwies, hatte den Wunsch, mit dem besten Kunden und Geschäftsfreund in guten Beziehungen zu bleiben, gezeitigt und alle anderen Erwägungen allmählich zurückgedrängt. Der Brite ist „matter of fact“, er findet sich mit Tatsachen ab und kämpft nicht gegen Windmühlen. Gerade in den kaufmännischen Kreisen fand ich das lebhafteste Entgegenkommen und das Bestreben, die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen zu fördern. Tatsächlich interessierte sich niemand dort für den russischen, italienischen, österreichischen, ja nicht einmal für den französischen Vertreter, trotz seiner bedeutenden Persönlichkeit und seiner politischen Erfolge. Nur der deutsche und amerikanische Botschafter erregten die öffentliche Aufmerksamkeit. Ich habe, um mit den wichtigen Handelskreisen Fühlung zu bekommen, den Einladungen, der vereinigten Handelskammern sowie der Londoner und Bradforder Kammer entsprochen und war Gast der Städte Newcastle und Liverpool. Ueberall war ich der Gegenstand herzlicher Huldigungen. Manchester, Glasgow und Edin- burg hatten mich gleichfalls geladen, und ich wollte später dorthin gehen. Es wurde mir von Leuten, die britische Verhältnisse nicht kennen und die Bedeutung der „public dinners“ nicht würdigen, und auch von solchen, denen meine Erfolge unerwünscht waren, der Vorwurf gemacht, ich habe durch meine Reden geschadet. Ich glaube vielmehr, dass mein öffentliches Auftreten und die Betonung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen nicht unwesentlich zür Besserung der Beziehungen beigetragen hat, abgesehen davon, dass es ungeschickt und unhöflich gewesen wäre, alle Einladungen abzulehnen. Auch in allen anderen Kreisen habe ich die liebenswürdigste Aufnahme und ein warmes Entgegenkommen gefunden, bei Hof wie in der Gesellschaft und bei der Regierung. 26 Die massgebende englische Gesellschaft ist der konservative Adel. Politik und Sport. Der König, wenn auch nicht gerade sehr gebildet und bedeutend, aber ein harmloser und wohlwollender Mann mit einfachem, gesundem Sinn, „common sense“ war bestrebt, mir Wohlwollen zu zeigen, und aufrichtig gewillt, meine Aufgabe zu fördern. Trotz der geringen Macht, die die englische Verfassung der Krone lässt, vermag der Monarch kraft seiner Stellung die Stimmung doch sehr zu beeinflussen, sowohl in der Gesellschaft, wie auch bei der Regierung. Die Krone ist die Spitze der Gesellschaftspyramide, von ihr geht der Ton aus. Die Gesellschaft, überwiegend unionistisch (konservativ), befasst sich, mit Einschluss der Damen, von jeher eifrig mit Politik. Sie ist im House of Lords (Oberhaus) wie bei den Commons (Haus der Gemeinen) und daher auch im Kabinett vertreten. Der Engländer gehört entweder zur Society (Gesellschaft) oder möchte zu ihr gehören. Sein Streben ist und bleibt, ein vornehmer Mann, ein Gentlemen, zu sein, und selbst Leute bescheidener Herkunft, wie Mr. Asquith, verkehren mit Vorliebe in der Gesellschaft und mit schönen, eleganten Damen. Der britische Gentleman beider Parteien geniesst die gleiche Erziehung, besucht dieselben Colleges und Universitäten, betreibt die nämlichen Sports, sei es nun Golf, Cricket, Lawn-tennis oder Polo. Alle haben in der Jugend Cricket und Fussball gespielt, sie haben dieselben Lebensgewohnheiten und verbringen das week-end (Ende der Woche) auf dem Lande. Keine soziale Kluft trennt die Parteien, sondern nur eine politische, die sich in den letzten Jahren nur insofern zu einer sozialen entwickelte, als die Politiker beider Lager sich gesellschaftlich mieden. Man durfte selbst auf dem neutralen Boden einer Botschaft beide Lager nicht mischen, da die Unionisten seit der Veto- und Homerulebill die Radikalen ächteten. Als wenige Monate nach meiner Ankunft das Königspaar bei uns speiste, verliess Lord Londonderry nach Tisch das Haus, um nicht mit Sir Ed. Grey zusammen zu bleiben. Aber es ist kein Gegensatz, der in der Kaste und Erziehung liegt, wie in Frankreich, es sind nicht zwei getrennte Welten, sondern dieselbe Welt, und das Urteil über einen Ausländer ist ein gemeinsames und nicht ohne Einfluss auf seine politische Stellung, ob nun Mr. Asquith regiert oder Lord Lansdowne. Politische Gegensätze. Ein Gegensatz der Kaste besteht in England nicht mehr seit der Zeit der Stuarts und nachdem die Welfen und die Whigoligarchie im Gegensatz zu dem toristischen Landadel die bürgerlich-städtischen Kreise emporkommen Hessen. Es ist vielmehr ein Gegensatz der politischen Meinungen über staatsrechtliche Fragen oder über Steuerpolitik. Gerade Aristokraten, die sich der Volkspartei, den Radikalen anschliessen, wie Grey, Churchill, Harcourt, Grewe wurden von der unionisti- schen Aristokratie am meisten gehasst. Niemals begegnete man einem dieser Herren in den grossen aristokratischen Häusern, ausser bei den wenigen Parteifreunden. Wir wurden in London mit offenen Armen aufgenommen und beide Parteien überboten sich in Zuvorkommenheit. Es wäre fehlerhaft, gesellschaftliche Beziehungen bei dem engen Verhältnis, das in England zwischen Politik und Gesellschaft besteht, zu unterschätzen, selbst wenn die grosse Mehrheit der oberen Zehntausend sich in Opposition zur Regierung befindet. 27 Zwischen Herrn Asquith und dem Duke of Devonshire besteht eben nicht die unüberbrückbare Kluft wie etwa zwischen Herrn Briand und dem Duc de Dou- deauville. Sie verkehren zwar in Zeiten erregter Spannung nicht miteinander, sie gehören zwei gesonderten gesellschaftlichen Gruppen an, es sind aber doch Teile derselben Gesellschaft, wenn auch verschiedener Stufen, deren Mittelpunkt der Hof ist, sie haben gemeinsame Freunde und Lebensgewohnheiten, sie, kennen sich meist von Jugend an und sind auch oft verwandt und verschwägert. Lloyd George ein kleiner Advokat und Selfmademan. Erscheinungen wie Mr. Lloyd George, der Mann des Volkes, kleiner Advokat und Selfmademan, sind Ausnahmen. Selbst Mr. Burns, Sozialist, Arbeiterführer und Autodidakt, suchte Fühlung in der Gesellschaft. Bei dem verbreiteten Bestreben, als Gentleman zu gelten, als dessen unerreichtes Vorbild der grosse Aristokrat noch immer erscheint, ist das Urteil gerade der Gesellschaft und ihre Haltung nicht zu unterschätzen. Grosses Haus oder grosse Kenntnisse? Nirgends spielt daher die gesellschaftliche Eignung eines Vertreters eine grössere Rolle wie in England. Ein gastfreies Haus mit freundlichen Wirten ist mehr wert als die profundesten wissenschaftlichen Kenntnisse, und ein Gelehrter mit provinziellem Wesen und allzu kargen Mitteln würde trotz allem Wissen keinen Einfluss gewinnen. Was der Brite hasst, ist a bore, a shemer, a prig (ein langweiliger Kerl, ein Ränkeschmied, ein Fant), was er liebt, ist a good fellow (ein guter Gesell)! Grey fast unbeschränkter Herr der äusseren Politik. Sir Ed. Greys Einfluss war in allen Fragen der auswärtigen Politik nahezu unbeschränkt. Zwar sagte er bei wichtigen Anlässen: „I must first bring it before the cabinet“ (ich muss das erst im Ministerrat Vorbringen), doch schloss dieses sich seinen Ansichten regelmässig an: Seine Autorität war unbestritten. Obwohl er das Ausland gar nicht kennt und ausser einer kurzen Reise nach Paris niemals England verlassen hatte, beherrscht er alle wichtigen Fragen durch langjährige parlamentarische Erfahrung und natürlichen Ueberblick. Französisch versteht er, ohne es zu sprechen, ln jungen Jahren in das Parlament gewählt, hatte er bald angefangen, sich mit Auslandspolitik zu befassen. Unter Lord Roseberry parlamentarischer Unterstaatssekretär des Auswärtigen, wurde er 1906 unter Mr. Campbell- Bannermann Staatssekretär und bekleidet'diesen Posten nunmehr seit zehn Jahren. Ein idealer „Sozialist“, Vogelfreund und Angler. Aus einer alten, im Norden Englands begüterten Familie stammend, die bereits den bekannten Staatsmann Grey geliefert hatte, schloss er sich dem linken Flügel seiner Partei an und sympathisierte mit Sozialisten und Pazifisten. Mann kann ihn einen Sozialisten im idealen Sinne nennen, denn er überträgt die Theorie auch auf sein Privatleben, das sich durch die grösste Einfachheit und Anspruchslosigkeit auszeichnet, obwohl er über reiche Mittel verfügt. Jede Repräsentation liegt ihm fern. Er hatte in London nur ein kleines Absteigequartier, gab niemals Diners, ausser dem einen amtlichen im Foreign Office (Auswärtigen Amt) zu Königs Geburtstag. Wenn er ausnahmsweise einige Gäste bei sich sah, so war es zu einem einfachen Essen oder Frühstück in ganz kleinem Kreise und mit weiblicher Bedienung. Auch mied er grosse Geselligkeiten und Feste. 28 Das week-end verbringt er, wie seine Kollegen, regelmässig auf dem Lande, doch nicht mit eleganten, grossen Parties. Meist bleibt er allein in seinem Cottage in Newforest, wo er lange Spaziergänge macht, um Vögel zu beobachten als leidenschaftlicher Naturfreund und Ornithologe. Oder aber er ging nach Norden auf sein Gut, wo er Eichhörnchen fütterte, die den Weg durch das Fenster fanden, und verschiedene Arten Wasservögel züchtete. Mit Vorliebe setzte er sich gelegentlich nach Norfolk in die Sümpfe, um seltene Reiherarten beim Brüten zu beobachten, die nur dort nisten. In seiner Jugend ein berühmter Cricket- und Racketspieler, treibt er jetzt als Hauptsport das Angeln nach Lachs und Forellen in den schottischen Gewässern — in Begleitung seines Freundes Lord Glenconner, des Bruders von Mr. Asquith. „All the rest of the year J am looking forward to it.“ (Das ganze Jahresende warte ich darauf.) Er hat ein Buch über den Angelsport herausgegeben. Als wir ein week-end mit ihm allein bei Lord Glenconner in der Nähe von Salisbury verbrachten, kam er auf dem Zweirad angefahren und kehrte ebenso nach seinem etwa 30 englische Meilen entfernten Cottage zurück. Die Einfachheit und Lauterkeit seines Wesens verschafften ihm auch die Achtung seiner Gegner, die mehr auf dem Gebiete der innern als der auswärtigen Politik zu suchen waren. Lügen und Intriguen sind ihm gleichmässig fern. Ein guter Gatte. — Ein schlechter Witz. Seine Frau, die er zärtlich liebte, trotzdem sie angeblich nicht eigentlich seine Gattin war, und von der er sich niemals trennte, starb infolge eines Sturzes aus einem Wagen, den sie selbst lenkte. Einer seiner Brüder wurde bekanntlich durch einen Löwen getötet. Wordsworth ist sein Lieblingsdichter, und er konnte ihn auswendig vortragen. Der kühlen Ruhe seines britischen Wesens fehlt nicht der Sinn für Humor. Als er bei uns frühstückte in Gesellchaft der Kinder und deren deutsche Unterhaltung hörte, meinte er: „1 can’t help thinking how clever these children are to talk German so well“ (ich muss immer denken, wie klug sind diese Kinder, dass sie so gut deutsch sprechen) und freute sich über den Witz. So sieht der Mann aus, der als Liigen-Grey und als Anstifter des Weltkrieges verschrieen wird. Asquith: Premierminister, Lebemann, Damenfreund. Wenig Interesse für auswärtige Politik. Mr. Asquith ist ganz anderer Art. Jovialer Lebemann, Freund der Damen, namentlich der jungen und hübschen, liebt er heitere Gesellschaft und gute Küche und wird dabei von seiner lebenslustigen Gattin unterstützt. Ehemals bekannter Advokat mit reichem Einkommen und langjähriger Parlamentarier, dann Minister unter Mr. Gladstone, Pazifist wie sein Freund Grey und Freund einer Verständigung mit Deutschland, behandelte er alle Fragen mit der heiteren Ruhe und Sicherheit eines erfahrenen Geschäftsmannes, dessen gute Gesundheit und vortreffliche Nerven durch fleissiges Golfspiel gestählt sind. Seine Töchter gingen in deutsche Pensionate und sprachen fliessend deutsch. Wir waren nach kurzer Zeit mit ihm und seiner Familie befreundet und seine Gäste auf dem Lande in dem kleinen Hause an der Themse. 29 Um auswärtige Politik kümmerte er sich nur in seltenen Fällen, wenn wichtige Fragen Vorlagen; dann war natürlich die letzte Entscheidung bei ihm. ln den kritischen Tagen des Juli kam Mrs. Asquith wiederholt zu uns, um zu warnen und war schliesslich ganz verzweifelt über die tragische Wendung. Auch Herr Asquith war am 2. August, als ich ihn besuchte, um einen letzten Versuch im Sinne einer abwartenden Neutralität zu machen, ganz gebrochen, wenn auch vollkommen ruhig. Die Tränen liefen ihm über die beiden Wangen hinunter. Unterstaatssekretär Nfcolson. Starker Einfluss. Deutschfeindlich. Im Foreign Office (Auswärtigen Amt) hatten neben dem Minister Sir A. Nicolson und Sir W. Tyrell den stärksten Einfluss. Ersterer war nicht unser Freund, aber seine Haltung gegen mich war immer durchaus korrekt und zuvorkommend. Unsere persönlichen Beziehungen waren die besten. Auch er wollte den Krieg nicht, als wir aber gegen Frankreich zogen, hatte er zweifellos im Sinne des sofortigen Anschlusses gearbeitet. Er war der Vertrauensmann meines französischen Kollegen, mit dem er in dauernder Fühlung stand; auch wollte er Lord Bertie in Paris ablösen. Bekanntlich war Sir Arthur vorher Botschafter in Petersburg und hatte den Vertrag von 1907 abgeschlossen, der es Russland ermöglichte, sich dem Westen und dem nahen Orient wieder zuzuwenden. Tyrell: zuerst deutschfeindlich, dann Freund der Verständigung und muss daher das Foreign Office verlassen. Viel grösseren Einfluss als der permanente Unterstaatssekretär besass der Kabinettschef oder „private sekretary“ Sir Edwards: Sir W. Tyrell. Dieser hochintelligente Mann hat in Deutschland das Gymnasium besucht und sich nachher der Diplomatie zugewandt, war aber nur kurze Zeit im Ausland gewesen. Zunächst schloss er sich der damals unter den jüngeren britischen Diplomaten modernen antideutschen Richtung an, um später ein überzeugter Befürworter der Verständigung zu werden. In diesem Sinne hat er auch Sir Ed. Grey beeinflusst, mit dem er sehr intim war. Seit Ausbruch des Krieges hat er das Amt verlassen und im Home Office (Ministerium des Innern) Anstellung gefunden, wohl infolge der gegen ihn wegen seiner germanophilen Richtung erhobenen Kritik. Das auswärtige Amt in Berlin tobt. Die Herrschaften sind neidisch. Die Wut gewisser Herren über meine Londoner-Erfolge und über die Stellung, die ich mir in kurzer Zeit machen konnte, war unbeschreiblich. Schikanöse Erlasse wurden ersonnen, um mein Amt zu erschweren; ich blieb in völliger Unkenntnis der wichtigsten Dinge und wurde auf die Mitteilung belangloser langweiliger Berichte beschränkt. Ein englisch-französisches Geheimabkommen. Geheime Agentennachrichten über Dinge, die ich ohne Spionage und die nötigen Fonds nicht erfahren konnte, waren mir niemals zugänglich, und erst in den letzten Tagen des Juli 1914 erfuhr ich zufällig durch den Marine Attache die geheimen englisch-französischen Abmachungen über das Zusammenwirken beider Flotten im Falle eines Krieges. Auch andere wichtige dem Amt längst bekannte Vorgänge wie der Briefwechsel Grey-Cambon wurden mir vorenthalten. 30 England wird bei einem deutsch-französischen Kriege auf Frankreichs Seite treten. Ich hatte bald nach meiner Ankunft die Ueberzeugung gewonnen, dass wir unter keinen Umständen einen englischen Angriff oder eine englische Unterstützung eines fremden Angriffes zu befürchten hätten, dass aber unter allen Umständen England die Franzosen schützen würde. Diese Ansicht habe ich in wiederholten Berichten und mit ausführlicher Begründung und grossem Nachdruck vertreten, ohne jedoch Glauben zu finden, obwohl die Ablehnung der Neutralitätsformel durch Lord Haldane und die Haltung Englands während der Marokkokrise recht deutliche Winke waren. Dazu kamen noch die bereits erwähnten und dem Amte bekannten geheimen Abmachungen. Ich wies immer darauf hin, dass England als Handelsstaat bei jedem Kriege zwischen europäischen Grossmächten ausserordentlich leiden, ihn daher mit allen Mitteln verhindern würde, andererseits aber eine Schwächung oder Vernichtung Frankreichs im Interesse des europäischen Gleichgewichts und um eine deutsche Uebermacht zu verhindern, niemals dulden könne. Das hatte mir bald nach meiner Ankunft Lord Haldane gesagt, ln ähnlichem Sinne äusserten sich alle massgebenden Leute. Lichnowsky Ehrendoktor von Oxford. Ende Juni begab ich mich auf allerhöchsten Befehl nach Kiel, nachdem ich wenige Wochen vorher in Oxford Ehrendoktor geworden war, eine Würde, die vor mir kein deutscher Botschafter seit Herrn von Bunsen bekleidet hatte. An Bord des „Meteor“ erfuhren wir den Tod des Erzherzogthronfojgers. S. M. bedauerte, dass dadurch seine Bemühungen, den hohen Herrn für seine Ideen zu gewinnen, vergeblich waren. Ob der Plan einer aktiven Politik gegen Serbien schon in Konopischt festgelegt wurde, kann ich nicht wissen. Die Ermordung Franz Ferdinands. — Der seekranke Graf. Da ich über Wiener Ansichten und Vorgänge nicht unterrichtet war, mass ich dem Ereignisse keine weitgehende Bedeutung bei. Ich konnte später nur feststellen, dass bei österreichischen Aristokraten ein Gefühl der Erleichterung andere Empfindungen überwog. An Bord des „Meteor“ befand sich auch ein Gast S. M., ein Oesterreicher, Graf Felix Thun. Er hatte die ganze Zeit wegen Seekrankheit, trotz herrlichen Wetters, in der Kabine gelegen. Nach Eintreffen der Nachricht war er aber gesund. Der Schreck oder die Freude hatte ihn geheilt! Lichnowsky und Bethmann sind verschiedener Ansicht über Russland. Die Rolle des deutschen Botschafters in Wien. In Berlin angekommen, sah ich den Reichskanzler und sagte ihm, dass ich unsere auswärtige Lage für sehr befriedigend hielt, da wir mit England so gut ständen, wie schon lange nicht. Auch in Frankreich sei ein pazifistisches Ministerium am Ruder. Herr von Bethmann Hollweg schien meinen Optimismus nicht zu teilen und beklagte sich über russische Rüstungen. Ich suchte ihn zu beruhigen und betonte namentlich, dass Russland gar kein Interesse habe, uns anzugreifen, und dass ein solcher Angriff auch niemals die englisch-französische Unterstützung finden würde, da beide Länder den Frieden wollten. Darauf ging ich zu Herrn Dr. Zimmermann, der Herrn von Jagow vertrat, und erfuhr von ihm, dass Russland im Begriffe sei, 900,000 Mann neuer Truppen aufzustellen. Aus seinen Worten ging eine unverkennbare Mißstimmung gegen Russland hervor, das uns überall im Wege sei. 31 Es handelte sich auch um handelspolitische Schwierigkeiten. Dass General von Moltke zum Kriege drängte, wurde mir natürlich nicht gesagt. Ich erfuhr aber, dass Herr von Tschirschky einen Verweis erhalten, weil er berichtete, er habe in Wien Serbien gegenüber zur Mässigung geraten. Auf meiner Rückreise aus Schlesien auf dem Wege nach London hielt ich mich nur wenige Stunden in Berlin auf und hörte, dass Oesterreich beabsichtige, gegen Serbien vorzugehen, um unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen. Lichnowsky bedauert, dass er nicht seine Demission gab. Leider unterschätzte ich in diesem Augenblick die Tragweite der Nachricht. Ich glaubte, es würde doch wieder nichts daraus werden und, falls Russland drohte, leicht beizulegen sein. Heute bereue ich, nicht in Berlin geblieben zu sein und sogleich erklärt zu haben, dass ich eine derartige Politik nicht mitmache. Nachträglich erfuhr ich, dass bei der entscheidenden Besprechung in Potsdam am 5. Juli die Wiener Anfrage die unbedingte Zustimmung aller massgebenden Persönlichkeiten fand, und zwar mit dem Zusatze, es werde auch nichts schaden, wenn daraus ein Krieg mit Russland entstehen sollte. So heisst es wenigstens im österreichischen Protokoll, das Graf Mensdorff in London erhielt. Bald darauf war Herr von Jagow in Wien, um mit Graf Berchtold alles zu besprechen. England und Serbien. Dann bekam ich die Weisung, darauf hinzuwirken, dass die englische Presse eine freundliche Haltung einnehme, wenn Oesterreich der grosserbischen Bewegung den „Todesstoss“ versetze, und durch meinen Einfluss möglichst zu verhindern, dass die öffentliche Meinung gegen Oesterreich Stellung nähme. Die Erinnerungen an die Haltung Englands während der Annexionskrise, wo die öffentliche Meinung für die serbischen Rechte auf Bosnien Sympathie zeigte, sowie auch an die wohlwollende Förderung nationaler Bewegungen zur Zeit Lord Bryons und Garibaldis, dieses und anderes sprach so sehr gegen die Wahrscheinlichkeit einer Unterstützung der geplanten Strafexpedition gegen die Fürstenmörder, dass ich mich veranlasst sah, dringend zu warnen. Ich warnte aber auch vor dem ganzen Projekt, das ich als abenteuerlich und gefährlich bezeichnete und riet den Oesterreichern Mässigung anzuempfehlen, da ich nicht an Lokalisierung des Konfliktes glaubte. Ansichten des Herrn von Jagow und des Grafen Pourtales. Herr von Jagow antwortete mir, Russland sei nicht bereit, etwas Gepolter würde es wohl geben, aber je fester wir zu Oesterreich ständen, um so mehr würde Russland zurückweichen. Oesterreich beschuldigte uns schon so der Flaumacherei und so dürften wir nicht kneifen. Die Stimmung in Russland würde anderseits immer deutschfeindlicher, und da müssten wir es eben riskieren. Angesichts dieser Haltung, die, wie ich später erfuhr, auf Berichten des Grafen Pourtalfes fusste, dass Russland unter keinen Umständen sich rühren werde, und die uns veranlassten, den Grafen Berchtold zu möglichster Energie anzufeuern, erhoffte ich die Rettung von einer englischen Vermittlung, da ich wusste, dass Sir Ed. Greys Einfluss in Petersburg im Sinne des Friedens zfl verwerten war. Ich benutzte daher meine freundschaftlichen Beziehungen zum Minister, um ihn vertraulich zu bitten, in Russland zur Mässigung zu raten, falls Oesterreich, wie es schien, von den Serben Genugtuung verlangte. 32 Umschwung in der englischen Presse. Zunächst war die Haltung der englischen Presse ruhig und den Oesterreichern freundlich, da man den Mord verurteilte. Allmählich aber wurden immer mehr Stimmen laut, welche betonten, dass, so sehr eine Ahndung des Verbrechens nötig sei, eine Ausbeutung desselben zu politischen Zwecken nicht zu rechtfertigen wäre. Oesterreich wurde eindringlich zur Mässigung aufgefordert. Das Ultimatum und die britische Flotte. Als das Ultimatum erschien, waren alle Organe, mit Ausnahme des stets not- leidenden und von den Oesterreichern anscheinend bezahlten „Standard“ einig in der Verurteilung. Die ganze Welt, ausser in Berlin und Wien, begriff, dass es den Krieg und zwar den Weltkrieg bedeutete. Die britische Flotte, welche zufällig zu einer Flottenschau versammelt war, wurde nicht demobilisiert. Greys Vermittlungsvorschlag. Ich drängte zunächst auf eine möglichst entgegenkommende Antwort Serbiens, da die Haltung der russischen Regierung keinen Zweifel mehr an den Ernst der Lage Hess. Die serbische Antwort entsprach den britischen Bemühungen, denn tatsächlich hatte Herr Paschitsch alles angenommen, bis auf zwei Punkte, über die er sich bereit erklärte zu unterhandeln. Wollten Russland und England den Krieg, um uns zu überfallen, so genügte ein Wink nach Belgrad, und die unerhörte Note blieb unbeantwortet. Sir Ed. Grey ging die serbische Antwort mit mir durch und wies auf die entgegenkommende Haltung der Regierung in Belgrad. Wir berieten dann seinen Vermittlungsvorschlag, der eine beiden Teilen annehmbare Auslegung dieser beiden Punkte vereinbaren sollte. Unter seinem Vorsitz wären Herr Cambon, Marquis Imperioli und ich zusammengetreten, und es wäre leicht gewesen, eine annehmbare Form für die strittigen Punkte zu finden, die im wesentlichen die Mitwirkung der k. u. k. Beamten bei den Untersuchungen in Belgrad betrafen, ln einer oder zwei Sitzungen war alles bei gutem Willen zu erledigen, und schon die blosse Annahme des britischen Vorschlages hätte eine Entspannung bewirkt und unsere Beziehungen zu England weiter verbessert. Ich befürwortete ihn daher dringend, da sonst der Weltkrieg bevorstehe, bei dem wir alles zu verlieren und nichts zu gewinnen hätten. Umsonst! Es sei gegen die Würde Oesterreichs, auch wollten wir uns in die serbische Sache nicht mischen, wir überliessen sie unserm Bundesgenossen. Ich solle auf „Lokalisierung des Konfliktes“ hinwirken. Es hätte natürlich nur eines Winkes von Berlin bedurft, um den Grafen Berch- told zu bestimmen, sich mit einem diplomatischen Erfolg zu begnügen und sich bei der serbischen Antwort zu beruhigen. Dieser Wink ist aber nicht ergangen. Im Gegenteil, es wurde zum Kriege gedrängt. Es wäre ein so schöner Erfolg gewesen. Warum brach der Weltkrieg aus ? Nach unserer Ablehnung bat Sir Edward uns, mit einem Vorschlag hervorzutreten. Wir bestanden auf dem Kriege. Ich konnte keine andere Antwort erhalten, als dass es ein kolossales „Entgegenkommen“ Oesterreichs sei, keine Gebietserwerbungen zu beabsichtigen. 33 Sir Edward wies mit Recht darauf hin, dass man auch ohne Qebietserwerbung ein Land zum Vasallen erniedrigen kann, und dass Russland hierin eine Demütigung erblicken und es daher nicht dulden werde. Der Eindruck befestigte sich immer mehr, dass wir den Krieg unter allen Umständen wollten. Anders war unsere Haltung in einer Frage, die uns doch direkt nichts anging, nicht zu verstehen. Die inständigen Bitten und bestimmten Erklärungen des Herrn Sasanow, später die geradezu demütigen Telegramme des Zaren, die wiederholten Vorschläge Sir Edwards, die Warnungen des Marquis San Giuliano und des Herrn Bollati, meine dringenden Ratschläge, alles nützte nichts, in Berlin blieb man dabei, Serbien muss massakriert werden! Je mehr ich drängte, um so weniger wollte man einlenken, schon weil ich nicht den Erfolg haben sollte, mit Sir Edward Grey den Frieden zu retten! Im Falle des Krieges marschiert England mit Frankreich. Da entschloss sich letzterer am 29. zu der bekannten Warnung. Ich entgegnete, dass ich stets berichtet hätte, wir würden mit der englischen Gegnerschaft rechnen müssen, falls es zum Kriege mit Frankreich käme. Wiederholt sagte mir der Minister: „If war breaks out, it will be the greatest catastrophe the world has ever seen“ (wenn ein Krieg ausbricht, gibt es die grösste Katastrophe, die die Welt je erlebt hat.) Das Ultimatum an Russland. Die Ereignisse überstürzten sich bald darauf. Als endlich Graf Berchtold, der bis dahin auf Berliner Weisungen den starken Mann spielte, sich zum Einlenken entschloss, beantworteten wir die russische Mobilmachung, nachdem Russland eine ganze Woche vergeblich unterhandelt und gewartet hatte, mit dem Ultimatum und der Kriegserklärung. Ein Missverständnis und ein Telephongespräch. Noch immer sann Sir Ed. Grey nach neuen Auswegen. Am 1. August vormittags kam Sir W. Tyrell zu mir, um zu sagen, sein Chef hoffe noch immer, einen Ausweg zu finden. Ob wir neutral bleiben wollten, falls Frankreich es auch täte? Ich verstand, dass wir dann bereit sein sollten, Frankreich zu schonen, er hatte aber gemeint, dass wir überhaupt, also auch gegen Russland, neutral bleiben. Das war das bekannte Missverständnis. Sir Edward hatte mich für den Nachmittag bestellt. Da er sich gerade in einer Kabinettsitzung befand, rief er mich an das Telephon, nachdem Sir W. Tyrell gleich zu ihm geeilt war. Nachmittags sprach er nur mehr von der belgischen Neutralität und von der Möglichkeit, dass wir und Frankreich uns bewaffnet gegenüber ständen, ohne uns anzugreifen. Es war also überhaupt kein Vorschlag, sondern eine Frage ohne Verbindlichkeit, da, wie ich schon früher gemeldet, bald darauf unsere Besprechung stattfinden sollte. Die Nachricht wurde aber in Berlin, ohne erst die Unterredung abzuwarten, zur Grundlage einer weitgehenden Aktion gemacht. Dann kam der Brief des Herrn Poincare, der Brief Bonar Laws, das Telegramm des Königs Albert. Die Schwankenden wurden im Kabinett bis auf drei Mitglieder, die austraten, umgestimmt. Abschied von England. Ich hatte bis zum letzten Augenblick auf eine abwartende Haltung Englands gehofft. Auch mein französischer Kollege fühlte sich keineswegs sicher, wie ich aus privater Quelle erfuhr. Noch am 1. August hatte der König dem Präsidenten 3 Ausweichend geantwortet. In dem Telegramm aus Berlin, das die drohende Kriegsgefahr ankündigte, war aber England schon als Gegner mitgenannt. Man rechnete also in Berlin mit dem Kriege gegen England. Vor meiner Abreise empfing mich am 5. Sir Ed. Grey in seiner Wohnung. Auf seinen Wunsch war ich hingegangen. Er war tief bewegt. Er sagte mir, er werde stets bereit sein, zu vermitteln: „We don’t want to crush Germany“ (wir wollen Deutschland nicht zerschmettern). Diese vertrauliche Unterredung ist leider veröffentlicht worden. Damit hat Herr von Bethmann Hollweg die letzte Möglichkeit zerstört, über England den Frieden zu erlangen. Lichnowsky wird in London besser behandelt als in Berlin. Unsere Abreise vollzog sich durchaus würdig und ruhig. Vorher hatte der König seinen Equerry (Stallmeister) Sir E. Ponsonby zu mir gesandt, um sein Bedauern über meine Abreise auszusprechen, und dass er mich nicht selbst sehen konnte. Prinzess Louise schrieb mir, die ganze Familie betrauere unsern Fortgang. Mrs. Asquith und andere Freunde kamen zum Abschied in die Botschaft. Ein Extrazug brachte uns nach Harwich. Dort war eine Ehrenkompagnie für mich aufgestellt. Ich wurde wie ein abreisender Souverän behandelt. So endete meine Londoner Mission. Sie scheiterte nicht an den Tücken der Briten, sondern an den Tücken unserer Politik. Auf dem Bahnhof in London hatte sich Graf Mensdorff mit seinem Stabe eingefunden. Er war vergnügt und gab mir zu verstehen dass er vielleicht dort bliebe, den Engländern aber sagte er, Oesterreich habe den Krieg nicht gewollt, sondern wir. Ein Rückblick aus dem Jahre 1916. Wenn ich jetzt nach zwei Jahren mir alles rückwärts schauend vergegenwärtige, so sage ich mir, dass ich zu spät erkannte, dass kein Platz war für mich in einem System, das seit Jahren nur von Tradition und Routine lebte und das nur Vertreter duldet, die so berichten, wie man es lesen will. Vorurteilslosigkeit und unabhängiges Urteil werden bekämpft, Unfähigkeit und Charakterlosigkeit gepriesen und geschätzt, Erfolge aber erregen Missgunst und Beunruhigung. Ich hatte den Widerstand gegen die wahnsinnige Dreibundpolitik aufgegeben, da ich einsah, dass es zwecklos war, und dass man meine Warnungen als Au- strophobie (Feindschaft gegen Oesterreich), als fixe Idee hinstellte. In der Politik, die nicht Akrobatentum oder Aktensport ist, sondern das Geschäft der Firma, gibt es keine Philie oder Phobie (Feindschaft oder Freundschaft), sondern nur das Interesse des Gemeinwesens. Eine Politik aber, die sich bloss auf Oesterreicher, Madjaren und Türken stützt, muss in Gegensatz zu Russland geraten und schliesslich zur Katastrophe führen. Trotz früherer Irrungen war im Jahr 1914 noch alles zu machen. Die Verständigung mit England war erreicht. Wir mussten einen wenigstens das Durchschnittsmass politischer Befähigung erreichenden Vertreter nach Petersburg senden und Russland die Gewissheit geben, dass wir weder die Meerengen beherrschen, noch die Serben erdrosseln wollten. „Lächez l’Autriche et nous lächerons les Frangais“ (lasst Oesterreich fallen, und wir werden die Franzosen fallen lassen), sagte uns Herr Sasanow. Und Mr. Cambon sagte Herrn Jagow: „Vous n’avez besoin de suivfe l’Autriche partout“ (Ihr braucht mit Oesterreich nicht alles mitzumachen). 35 Lichnowsky ist für Serbien und gegen Polen und Oesterreich. Weder Bündnisse noch Kriege, sondern nur Verträge brauchten wir, die uns und andere schützten und einen wirtschaftlichen Aufschwung sicherten, der in der Geschichte ohne Vorgang war. War Russland aber im Westen entlastet, so konnte es sich wieder nach Osten wenden, und der anglo-russische Gegensatz trat alsdann automatisch und ohne unsere Mitwirkung hervor, nicht minder aber der russischjapanische. Wir konnten auch der Frage der Rüstungsbeschränkung näher treten und brauchten uns um österreichische Wirrnisse nicht mehr zu kümmern. Oesterreich-Ungarn war dann der Vasall des Deutschen Reiches und ohne Bündnis und namentlich ohne Liebesdienste, die schliesslich zum Kriege führen für die Befreiung Polens und die Vernichtung Serbiens, obwohl die deutschen Interessen gerade das Gegenteil heischten. Ich hatte in London eine Politik zu unterstützen, deren Irrlehre ich erkannte. Das hat sich an mir gerächt, denn es war eine Sünde wider den Heiligen Geist. Die deutsche Regierung benutzt Lichnowsky als Sündenbock. ln Berlin angekommen, sah ich sofort, dass ich zum Sündenbock für die Katastrophe gemacht werden sollte, die unsere Regierung im Gegensatz zu meinen Ratschlägen und Warnungen verschuldet hatte. Von amtlicher Seite wurde geflissentlich verbreitet, ich hätte mich durch Sir Ed. Grey täuschen lassen, denn wenn er den Krieg nicht gewollt, würde Russland nicht mobilisiert haben. Graf Pourtales, auf dessen Berichterstattung man sich verlassen konnte, sollte geschont werden, schon wegen seiner Verwandtschaft. Er habe sich „grossartig“ benommen, er wurde begeistert gelobt, ich um so schärfer getadelt. „Was geht denn Serbien Russland an?“ sagte mir dieser Staatsmann nach achtjähriger Amtszeit in Petersburg. Die ganze Sache sollte eine britische Tücke sein, die ich nicht gemerkt. Im Amte erklärte man mir auch, im Jahre 1916 wäre es doch zum Kriege gekommen, dann wäre Russland „fertig“, daher sei es besser jetzt. Faclt aus den Farbbüchern der Entente. Wir haben, wie aus allen amtlichen Veröffentlichungen hervorgeht und auch durch unser Weissbuch nicht widerlegt wird, das durch seine Dürftigkeit und Lückenhaftigkeit eine schwere Selbstanklage darstellt: 1. den Grafen Berchtold ermutigt, Serbien anzugreifen, obwohl kein deutsches Interesse vorlag und die Gefahr eines Weltkrieges uns bekannt sein musste — ob wir den Wortlaut des Ultimatums gekannt, ist völlig gleichgültig —; 2. in den Tagen zwischen dem 23. und 30. Juli 1914, als Herr Sasanow mit Nachdruck erklärte, einen Angriff auf Serbien nicht dulden zu können, die britischen Vermittelungsvorschläge abgelehnt, obwohl Serbien unter russischem und britischem Drucke nahezu das ganze Ultimatum angenommen hatte und obwohl eine Einigung über die beiden fraglichen Punkte leicht zu erreichen und Graf Berchtold sogar bereit war, sich mit der serbischen Antwort zu begnügen ; 3. am 30. Juli, als Graf Berchtold einlenken wollte, und ohne dass Oesterreich angegriffen war, auf die blosse Mobilmachung Russlands hin ein Ultimatum nach Petersburg geschickt und am 31. Juli den Russen den Krieg erklärt, obwohl der Zar sein Wort verpfändete, solange noch unterhandelt wird, keinen Mann marschieren zu lassen, also die Möglichkeit einer friedlichen Beilegung geflissentlich vernichtet. Es ist nicht zu verwundern, wenn angesichts dieser unbestreitbaren Tatsachen ausserhalb Deutschlands die gesamte Kulturwelt uns die alleinige Schuld am Weltkriege beimisst. Weiterer Standpunkt der Entente. Ist es nicht begreiflich, dass unsere Feinde erklären, nicht eher ruhen zu wollen, bis ein System vernichtet ist, das eine dauernde Bedrohung unserer Nachbarn bildet? Müssen sie nicht sonst befürchten, in einigen Jahren wieder zu den Waffen greifen zu müssen und wieder ihre Provinzen überrannt und ihre Städte und Dörfer vernichtet zu sehen ? Haben diejenigen nicht recht behalten, die weissagten, dass der Geist Treitschkes und Bernhardis das deutsche Volk beherrschte, der den Krieg als Selbstzweck verherrlicht und nicht das Uebel verabscheut, dass bei uns noch der feudale Ritter und Junker, die Kriegerkaste regiere und Ideale und Werte gestalte, nicht aber der bürgerliche Gentleman, dass die Liebe zur Mensur, die die akademische Jugend beseelt, auch denen erhalten bleibt, die die Geschicke des Volkes leiten ? Hatten nicht die Ereignisse in Zabern und die parlamentarischen Verhandlungen des Falles dem Ausland gezeigt, wie staatsbürgerliche Rechte und Freiheiten bei uns bewertet werden, wenn militärische Machtfragen entgegenstehen ? ln die Worte Euphorions kleidete der geistvolle, seither verstorbene Historiker Gramb, ein Bewunderer Deutschlands, die deutsche Auffassung: „Träumt Ihr den Krieg? Träume, wer träumen .mag, Krieg ist das Losungswort 1 Sieg, und so klingt es fort.“ Der Militarismus, eigentlich eine Schule des Volkes und ein Instrument der Politik, macht die Politik zum Instrument der Militärmacht, wenn der patriarchalische Absolutismus des Soldatenkönigtums eine Haltung ermöglicht, die eine militärisch-junkerlichen Einflüssen entrückte Demokratie nicht zulassen würde. So denken unsere Feinde, und so müssen sie denken, wenn sie sehen, dass trotz kapitalistischer Industriealisierung und trotz sozialistischer Organisierung die Lebenden, wie Friedrich Nietzsche sagt, noch von den Toten regiert werden. Das vornehmste feindliche Kriegsziel, die Demokratisierung Deutschlands, wird sich verwirklichen! Der Dreibund und der Salonwagen. Bismarck, gleich Napoleon, liebte den Kampf als Selbstzweck. Als Staatsmann vermied er neue Kriege, deren Sinnlosigkeit er erkannte. Er begnügte sich mit unblutigen Schlachten. Nachdem er in rascher Folge Christian, Franz Joseph und Napoleon besiegt, kamen Arnim, Pius und Augusta an die Reihe. Das genügte ihm nicht. Gortschakow hatte ihn wiederholt geärgert, der sich für grösser hielt. Er wurde bis hart an den Krieg bekämpft, sogar durch Entziehung des Salonwagens. So entstand der traurige Dreibund. Zum Schluss folgte der Kampf gegen Wilhelm, in dem der Gewaltige unterlag, wie Napoleon gegen Alexander. Politische Ehen auf Leben und Tod geraten nur im staatsrechtlichen, nicht im völkerrechtlichen Verbände. Sie sind um so bedenklicher mit einem brüchigen Genossen. So war das Bündnis von Bismarck auch niemals gemeint. 37 Die Engländer aber hat er stets schonend behandelt; er wusste, dass es so klüger war. Die alte Viktoria wurde von ihm besonders ausgezeichnet, trotz des Hasses gegen die Tochter und gegen politische Engländerei, der gelehrte Beacons- field und der welterfahrene Salisbury umworben, und auch der sonderliche Glad- stone, den er nicht mochte, hatte sich eigentlich nicht zu beklagen. Das Ultimatum an Serbien war die Krönung der Politik des Berliner Kongresses, der bosnischen Krise, der Londoner Konferenz; doch noch war die Zeit zur Umkehr. Was vor allem zu vermeiden war, der Bruch mit Russland und mit England, das haben wir glücklich erreicht. Ein Blick in die Zukunft aus dem Jahre 1916. Polen, Belgien, Serbien, U-Bootkrieg. Heute nach zweijährigem Kampfe kann es nicht mehr zweifelhaft sein, dass wir auf einen bedingungslosen Sieg über Russen, Engländer, Franzosen, Italiener, Rumänen und Amerikaner nicht hoffen dürfen, mit dem Niederringen unserer Feinde nicht rechnen können. Zu einem Kompromissfrieden gelangen wir aber nur auf Grundlage der Räumung der besetzten Gebiete, deren Besitz für uns über-, dies eine Last und Schwäche und die Gefahr neuer Kriege bedeutet. Daher sollte alles vermieden werden, was denjenigen feindlichen Gruppen, die für den Kompromissgedanken vielleicht noch zu gewinnen wären, den britischen Radikalen und den russischen Reaktionären, ein Einlenken erschwert. Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist das polnische Projekt ebenso zu verwerfen, wie jeder Eingriff in belgische Rechte oder die Hinrichtung britischer Bürger, vom wahnwitzigen U-Boot- Plane gar nicht zu reden. Deutschlands Unglück: das Bündnis mit Oesterreich. Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser. Richtig, also nicht in Polen und Belgien, in Frankreich und Serbien. Das ist die Rückkehr zum Heiligen Römischen Reich, zu den Irrungen der Hohenstaufen und Habsburger. Es ist dies die Politik der Plantagenets, nicht die der Drake und Raleigh, Nelson und Rhodes. Dreibundpolitik ist Rückkehr zur Vergangenheit, Abkehr von der Zukunft, dem Imperialismus, der Weltpolitik. Mitteleuropa ist Mittelalter, Berlin—Bagdad eine Sackgasse, nicht der Weg ins Freie, zu unbegrenzten Möglichkeiten, zur Weltmission des deutschen Volkes. Ich bin kein Gegner Oesterreichs oder Ungarns oder Italiens und Serbiens oder irgend eines andern Staates, sondern nur ein Gegner der Dreibundpolitik, die uns von unseren Zielen ablenken und auf die schiefe Ebene der Kontinentalpolitik bringen musste. Sie war nicht deutsche, sondern k. und k. Hauspolitik. Die Oesterreicher hatten sich daran gewöhnt, das Bündnis als einen Schirm zu betrachten, unter dessen Schutz sie nach Belieben Ausflüge in den Orient machen konnten. Das Ende des Krieges: England wird Afrika und alle lateinischen Staaten Europas, darunter das erschöpfte Frankreich beherrschen. Und welches Ergebnis des Völkerringens haben wir zu gewärtigen ? Die Vereinigten Staateri von Afrika werden britisch sein, wie die von Amerika, Australien und Ozeanien. Und die lateinischen Staaten Europas werden, wie ich schon vor Jahren sagte, in dasselbe Verhältnis zu dem Vereinigten Königreich geraten, wie die lateinischen Schwestern Amerikas zu den Vereinigten Staaten. Der Angelsachse wird sie beherrschen. Das durch den Krieg erschöpfte Frankreich wird sich nur 38 noch enger an Grossbritanien anschliessen. Auf die Dauer wird auch Spanien nicht widerstehen. Und in Asien wird der Russe und der Japaner sich ausbreiten mit seinen Grenzen und Sitten, und der Süden wird den Briten bleiben. Die Welt wird den Angelsachsen, Russen und Japanern gehören und der Deutsche allein bleiben mit Oesterreich und Ungarn. Seine Machtherrschaft wird die des Gedankens und des Handels sein, nicht aber die der Bürokraten und Soldaten. Er war zu spät erschienen, und die letzte Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen, ein Kolonialreich zu gründen, hat der Weltkrieg vernichtet. Die englische Weltherrschaft ist das Heil der Menschheit. Denn wir werden die Söhne Iahwes nicht verdrängen, das Programm des grossen Rhodes wird sich erfüllen, der in der Ausbreitung des Britentums, im britischen Imperialismus das Heil der Menschheit erblickte. Tu regere imperio populos Romano, memento. Hae tibi erunt artes: pacisque imponere morem, Parcere subjectis et debellare superbos. (Du sollst die Völker im Römerreiche regieren. Deine Kunst wird sein, Friedenssitten zu erzwingen, die Unterworfenen zu schonen und die Hochmütigen des Krieges zu entwöhnen. / III. Was lehrt uns die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky über die Vorgeschichte des Krieges? Man hat versucht, wie wir bereits ausführten, den Wert der Denkschrift als Beitrag zur Geschichte des Krieges dadurch herabzusetzen, dass man den Verfasser in mehr oder weniger geistvoller Weise bloßstellte. Wir lassen uns auf diese Methode nicht ein und begnügen uns daher mit den kurzen Angaben über Entstehung, Wesen und Ton der Denkschrift, die wir in dieser Neuausgabe vorausschickten. Man hat desgleichen aus den zahlreichen Widersprüchen, aus der flüchtigen Art der Darstellung, aus offenkundigen Irrtümern und Unrichtigkeiten in den Aufzeichnungen des Fürsten den Nachweis ableiten wollen, dass ihnen kein historischer Wert beizumessen sei. Es kann nicht bestritten werden, dass eine Kritik, die nicht von aussen an die Denkschrift herangetragen wird, sondern in der Schrift selbst wurzelt, durchaus zulässig ist, und dass diese Kritik, wenn sie, was ebenfalls unbestreitbar ist, in wichtigen Fällen zu Ungunsten der Denkschrift ausfällt, durchaus geeignet sein kann, die Bedeutung ihrer Mitteilungen und Enthüllungen erheblich abzuschwächen. Aber auch in diesem Falle ist es erste Pflicht, sich vor Ueber- treibungen zu hüten. Die Gegner des Fürsten haben diese elementare Pflicht nicht erfüllt, sondern sich mit einem wahren Freudengeheul auf alle Schwächen, Irrtümer, Unrichtigkeiten und Entstellungen, die dem Fürsten unterlaufen, gestürzt, wobei sie vollständig vergassen, dass der Verfasser, der keine Veröffentlichung beabsichtigte, 39 ihnen keine Rechenschaft schuldig ist, dass sie ihm aber, indem sie ihn öffentlich aburteilen, Rechenschaft über ihre Stellungnahme schulden.*) Viel wichtiger aber für die Beurteilung des Wertes oder Unwertes der Schrift, als die Irrtümer, die schiefen Urteile, die Ungenauigkeiten und dergleichen ist die unleugbare Tatsache, die gerade an den entscheidenden Stellen der Arbeit immer wieder auffällt, dass der Fürst sich als das Opfer gehässiger Verfolgungen fühlt, seinen eigenen Erfolg in den Mittelpunkt aller Geschehnisse stellt, und den Neid, mit dem man seinen Erfolgen begegnet, als die wesentliche Ursache wichtigster Ereignisse auffasst. Zweifellos war dem Fürsten bitteres Leid geschehen. Seine subjektive Einstellung zu der Zeitgeschichte ist daher so offenbar, dass es keiner besonderen Beschimpfungen gegen ihn bedarf, um die unvermeidlichen Rückschlüsse auf den Wert seiner Arbeit zu ziehen. Wenn der Fürst die Weigerung der Berliner Regierung, das Kolonialabkommen mit England zu unterzeichnen, darauf zurückführt, dass die Regierung ihm den öffentlichen Erfolg neidet, dieses Abkommen herbeigeführt zu haben, ist es in der Tat selbstverständlich, dass man die Urteilsfähigkeit des Verfassers in diesem besonderen Falle bestreiten muss. Wenn der Fürst das Scheitern der Vermittlungsvorschläge damit begründet, dass die deutschen Machthaber es vorzogen, einen Weltkrieg zu entfesseln, anstatt ihrem Londoner Botschafter den Erfolg der Mitarbeit am Friedenswerk zu gönnen, so ist es klar, dass auch in diesem Falle die ganze Darstellung der unmittelbaren Kriegsursachen, die Lichnowsky gibt, als belanglos für die historische Erkenntnis bezeichnet werden darf. Und desgleichen wird man ohne weiteres auch in weniger wichtigen Fragen die starke subjektive Einstellung des Erzählers in Betracht ziehen müssen. So zeigt sich Fürst Lichnowsky von grosser Empfindlichkeit gegen alle Kritik von Seiten seiner Regierung, während er eine fast rührende Dankbarkeit für alle Zeichen der Freundschaft, die ihm von englischer Seite zu teil wurden, an den Tag legt. Menschlich ist das zu begreifen, aber politisch ? So berichtet er, dass Nicolson deutschfeindlich ist, glaubt aber, diese politische Haltung habe nichts zu sagen, weil der Unterstaatsekretär sich stets korrekt gegen ihn benahm. Er steht unter dem Eindruck der persönlichen Liebenswürdigkeit Greys, bewundert einen schlechten Witz, den vor Grey schon hundert gute Onkels in der Kinderstube ihrer Freunde machten, und folgert nun hieraus mit Entrüstung, dass Greys Gegner ihm Unrecht tun, wenn sie ihn einen politischen Ränkeschmied nennen. Das Urteil mag richtig sein, ist es auch offenbar. Aber die Beweisführung ist natürlich verkehrt. Der Krieg ist zwischen Deutschland und England ausgebrochen. Man erwartet nun an der betreffenden Stelle der Denkschrift irgend eine ernste sachliche Betrachtung. Der Fürst aber bleibt haften an den Erinnerungen über den prächtigen Abschied, den man ihm bereitete. Er schreibt unter anderem: „Ein Extrazug brachte uns nach Harwich, dort war eine Ehrenkompagnie aufgestellt. Ich wurde wie ein abreisender Souverän behandelt. *) Für einige Irrtümer ist der Fürst überhaupt nicht verantwortlich zu machen. So regte man sich darüber auf, dass er in dem kurzen Fazit der Ententefarbbiicher als Datum der deutschen Kriegserklärung an Russland den 31. Juli angab! Man übersah dabei, dass Lichnowsky diese und die dazu gehörenden Angaben ausdrücklich als Ententedarstellung wiedergibt. Der Fürst wusste natürlich, dass die Kriegserklärung erst am 1. August stattfand. Die „irrtümliche“ Datumsangabe unterstreicht also gerade die schon ohnehin klar gekennzeichnete Tatsache, dass jene Zusammenfassung nicht auf den Feststellungen des Fürsten beruht, sondern die Ententedarstellung resümiert. Hätte der Fürst selbst die Schuldfrage zusammengefasst, so würde er selbstverständlich nicht die den Ententequellen unterlaufenen Irrtümer mitgemacht, sondern an der betreffenden Stelle den 1. August als Tag der Kriegserklärung angegeben haben! Wir haben hier ein besonders charakteristisches Beispiel für die Leichtfertigkeit, mit der Lichnowsky angegriffen wurde. 40 So endete meine Londoner Mission. Sie scheiterte nicht an den Tücken der Briten, sondern an den Tücken unserer Politik“. Auch hier ist es selbstverständlich, dass man den Nachsatz als Schlussfolgerung aus der prunkvollen Behandlung, die Lich- nowsky durch die Engländer erfuhr, nicht ernst nehmen kann, umsoweniger als der Fürst in der Tat nicht nur in seinem eigenen Falle die weltgeschichtlichen Ereignisse aus der Perspektive des Extrazuges betrachtet, sondern sogar Bismarks Werk in dieser Weise beurteilt. Man lese, wie er über Bismarck und Gortschakow urteilt: „Gortschakow hatte ihn (Bismarck) wiederholt geärgert, der sich für grösser hielt. Er wurde bis hart an den Krieg bekämpft, sogar durch Entziehung des Salonwagens. So entstand der traurige Dreibund.“ Der Dreibund als Folge eines entzogenen Salonwagens . . .! Das ist ein Beispiel einer subjektiven Geschichtsbetrachtung, deren Schwäche der Leser der Denkschrift an Dutzenden ähnlicher überraschender Urteile feststellen konnte. Welchem gewissenhaften Leser wird es aber nun einfallen, deshalb das Kind mit dem Bade auszuschütten ? Es genügt, diese Schwächen zu erkennen, um aus ihnen die notwendigen Folgerungen zu ziehen. Welche Folgerungen? Etwa die, dass die ganze Denkschrift von Anfang bis zu Ende Blödsinn oder ein böswilliges Unternehmen ist? Mit nichten. Die einfache Folgerung, dass sie kritisch zu lesen ist, dass wir alles auszumerzen haben, was sich ohne weiteres, auch für den Freund des Fürsten — und sicher für ihn selbst — als unhaltbar erweist, und dass wir uns nur an den sachlichen Tatbestand halten dürfen. Es ist kein Grund vorhanden, nur weil manches auf den ersten Blick unwahrscheinlich wirkt, auch das Tatsächliche ausser Acht zu lassen. Diese selbstverständliche Methode der säuberlichen Sichtung haben wir, wie wir bereits in den einleitenden Worten zum Neudruck der Denkschrift selbst andeuteten, vor allem auch überall dort anzuwenden, wo eigenes mit fremdem Gut vermengt ist, wo die Erfahrungen und selbständigen Urteile des Fürsten sich übergangslos an Rekapitulationen von Urteilen auf Grund längst bekannter und nicht immer einwandfreier Quellen anschliessen. Nur so können wir den Fürsten gerecht beurteilen, nur so können wir das wirklich neue Material, das der Fürst bietet, erkennen und uns davor bewahren, es mit nachträglichen Schlussfolgerungen zu beschweren und den Fürsten für Mitteilungen verantwortlich zu machen, für die er nicht verantwortlich ist. Bei einer solchen Sichtung, die jeder Leser ohne besondere Voraussetzungen durchführen kann, können wir es uns ersparen, die Ansichten des Fürsten mit schwerfälligen Dokumenten zu widerlegen. Das können wir den deutschen Offiziösen überlassen, die mit dem schweren Geschütz des bekannten amtlichen Farbbüchermaterials, mit dem man alles „beweisen“ und alles „widerlegen“ kann, den Fürsten mundtot zu machen versuchten. * * * Bei einer kritischen Betrachtung der Denkschrift sind vier Teile zu unterscheiden, deren Inhalt sich folgendermassen angeben lässt: A. Die weitere Vorgeschichte des Krieges. B. Die Krisis unmittelbar vor Kriegsausbruch. C. Die allgemeine politische Atmosphäre. D. Die Entwicklung des Krieges und die Zukunft Europas. 41 A. Die weitere Vorgeschichte des Krieges. Aus der weitern Vorgeschichte des Krieges interessieren den Fürsten folgende Fragen: Die Marokkopolitik, Die Balkanpolitik. Die englische Politik in ihren Beziehungen zu Deutschland (die Frage der portugiesischen und belgischen Kolonien, der Bagdadbahn, das deutschenglische Flottenproblem). Der österreichisch-russische Gegensatz und Deutschlands Stellung dazu. Die nicht minder wichtigen Probleme, wie die Tendenzen der russischen Politik, der französischen Politik u. a., berührt der Fürst nicht, weil er sie nicht kennt. In der Besprechung der oben angeführten Fragen fällt er dagegen folgendes Urteil über die deutsche Politik: Sie ist inkoherent, sie begeht unaufhörlich Fehler, setzt auf das falsche Pferd. Kriegerische Absichten Deutschlands entdeckt der Fürst in dieser Epoche aus der Vorgeschichte des Krieges nicht. Die Hauptfehler der deutschen Politik bestehen darin, dass sie an dem Dreibund festhält, dessen Gründung der schwerste Fehler Bismarcks war, dass sie, anstatt mit Russland, gemeinsame Sache mit Oesterreich macht; dass sie Oesterreichs Balkanpolitik unterstützt, was Russland erregen muss, anstatt die Balkanstaaten zu unterstützen, die in diesem Falle — einer der Widersprüche in der Argumen- tation Lichnowskys — dem russischen Einfluss entzogen würden Was die Einzelheiten der Balkanpolitik betrifft, so wirft der Fürst der deutschen Regierung die Unterstützung Bulgariens vor. Er möchte eine Unterstützung Rumäniens sehen. Bekantlich hat hier, wie man einschieben darf, die in andern Fällen so hervorragend kurzsichtige deutsche Politik auf das richtige Pferd gesetzt und mit ihrer Förderung Bulgariens im Laufe des Krieges gute Erfahrungen gemacht, ln der albanischen Frage hätte nach Lichnowskys Ansicht Deutschland Serbien begünstigen sollen. Die Berücksichtigung der griechischen Wünsche hätte den Vorteil gehabt, einen ernsten Konflikt zwischen Frankreich und Italien hervorzurufen, der sich sogar zu einem italienisch-französischen Kriege auswachsen konnte! In der türkischen Frage beging Deutschland den Fehler, sich nicht mit Russland und England auf Kosten der Türkei Einflussphären zu schaffen. Fürst Lichnowsky erklärt, dass er in all diesen grundlegenden Fragen eine der Berliner Politik entgegengesetzte Politik wünschte, und glaubt, dass seine Politik den Weltkrieg verhindert hätte. Man muss dem Fürsten in vielen Dingen unbedingt Recht geben, so wenn er sagt, dass die Zuteilung albanischen Gebietes an Serbien kriegsverhindernd gewirkt hätte, wobei er sich allerdings die These zu eigen macht, dass Serbiens Vergrösserungswünsche am Kriege schuldig sind. Man muss sich über die klare Aufdeckung der deutschen Fehlgriffe freuen, man braucht aber nicht seiner Meinung zu sein, wenn er den Dreibund desshalb bekämpft, weil Oesterreich als Vasall behandelt werden müsste. Welche Folgen eine solche Gewaltspolitik auch für den Weltfrieden gehabt hätte, liegt auf der Hand. Aber Lichnowsky ist nun einmal grundsätzlich ein Gegner der Bündnispolitik mit Oesterreich, er ist ein Anhänger des Zusammengehens mit Russland. Er will überhaupt nichts von methodisch festgelegter Politik wissen, sondern von Fall zu Fall vorgehende Kabinettspolitik treiben, die sichtbare, wenn auch kleine Erfolge einheimst. Rücksichten und Bedenken kennt er dabei nicht. Er ist ein Diplomat aus der alten Schule. Es widerstrebt ihm auch nicht, Kriege, die Deutsch- 42 land nützlich sein können, zu entfesseln, und die einzelnen Staaten gegeneinander auszuspielen. Sein Tadel in der Marokkofrage mündet in dem Vorwurfe aus, dass die Unfähigkeit der deutschen Politik die Erwerbung von Westmarokko unmöglich gemacht habe. Er ist ein überzeugter Anhänger des Kolonialimperialismus, der Aufteilung Afrikas und des Orients unter den Grossmächten- ohne Rücksicht auf die kleinen Kolonialstaaten wie Portugal und auf das Nationalitätenprinzip. Seine Haupttätigkeit gilt diesen Fragen und sein Hauptgroll der Verständnislosigkeit, die Berlin hierbei zeigte. Auch hier denkt er ganz im Geiste der alten Schule. Er macht sich über die Berliner Regierung lustig, weil Rücksichten auf die Rückwirkung in Portugal und Belgien sie davon abhalten, Verträge über die Teilung portugiesischen und belgischen Kolonialgebietes einzugehen. Aus diesen Anschauungen erwachsen seine Vorwürfe gegen die Berliner Politik. Man wird der Ansicht sein, dass manche Vorwürfe gerechtfertigt sind, ohne aber die Politik des Fürsten zu billigen. Eine Politik, wie er sie befürwortet, hätte ebenfalls zu schweren Konflikten führen können. Sie ist auf jeden Fall von keinem weiteren Geist erfüllt als die offizielle Berliner Politik. Unsere Aufgabe ist es aber hier nicht, zu untersuchen, inwieweit die Politik des Fürsten oder die seiner Regierung die bessere ist. Wir dürfen uns mit der Feststellung begnügen, dass seine Urteile und seine Vorwürfe, soweit sie sich auf die weitere Vorgeschichte des Krieges beziehen, die Schuldfrage ungelöst lassen und für die Erkenntnis von den Ursachen des Krieges belanglos sind. Hinter seinen Urteilen stehen aber die Tatsachen, die er beobachtet und übermittelt hat, und auf diese kommt es in erster Linie an. Sie gilt es, sachlich aus den Aufzeichnungen heraus zu schälen. Marokko. In der Marokkofrage stellt Lichnowsky fest, dass sie rätselhaft und fehlerhaft war. Er behauptet, dass Delcasse eine Verständigung mit Deutschland suchte. Wir wissen aber nicht, worauf der Fürst hierbei anspielt. Er verzeichnet den schlechten Eindruck des Coup von Agadir, rühmt aber das Verdienst Kiderlens, der die Marokkoaffäre liquidierte. Sie ist ein Rückzug der deutschen Diplomatie. Das endgültige Abkommen mit Frankreich beruhigte England. Die Marokkoaffäre ist befriedigend beigelegt. Der deutsche Rückzug beweist, auch nach Ansicht Lichnowskys, dass Deutschland damals den Krieg nicht wollte. Balkan. Deutschland überlässt Oesterreich die Führung. Es vernachlässigt die Förderung deutscher Interessen zugunsten österreichischer. Der Sieg Serbiens im zweiten Balkankriege ist eine Blamage für Oesterreich. Brütet Oesterreich auf Rache? Lichnowsky kann nur Vermutungen aussprechen und sich dabei nur auf die bekannten Angaben San Guilianos beziehen. Russland. Der Ausgang der von Grey präsidierten Londoner Botschafterkonferenz lässt starke Verstimmung in Russland zurück, das über das Scheitern der großserbischen Ausprüche erbittert ist. Das Ergebnis der Konferenz ist zum grossen Teil auf Greys Vermittlung zurückzuführen. Die deutsche Politik in der Türkei erbittert ebenfalls Russland. Der Einfluss Deutschlands in Russland ist mehr als gering. Wenn 43 Deutschland etwas von Russland erlangen will, muss es in London um Vermittlung bitten, da England starken Einfluss auf Russland ausübt. Die russisch-italienischen Beziehungen werden sehr intim. Frankreich. Lieber Frankreich, seine Politik, seine Beziehungen zu Deutschland erfahren wir nichts. Italien. Italien ist längst bereit zum Abfall. England. Den grössten Raum nimmt die englische Politik ein. Sie spielt die hervorragendste und beherrschende Rolle in Europa. Sir Ed. Grey macht die auswärtige Politik fast yöllig allein. Wenn er in wichtigen Fällen die übrigen Minister befragt, werden seine Vorschläge ausnahmslos angenommen. Der Ministerpräsident interessiert sich nicht für auswärtige Politik. England ist eng mit Russland verbunden. Der englische Einfluss in Russland ist gross. England ist auf jeden Fall entschlossen, im Kriegsfälle Frankreichs Partei zu ergreifen und gegen Deutschland zu marschieren. England hat mit Frankreich hierauf bezügliche geheime Abmachungen abgeschlossen. Interessant ist die Feststellung Lichnowskys, dass Grey seinen Wunsch nach Veröffentlichung des Kolonialabkommens über Portugal mit der Versicherung rechtfertigt, England habe keine Geheimverträge. Andererseits stellt aber Lichnowsky die seitdem bekannt gewordenen entscheidenden Geheimabmachungen zwischen England und Frankreich fest. Englands Politik Deutschland gegenüber geht von dem Grundsatz aus, Deutschland von Europa abzulenken. Daher Englands Bereitwilligkeit, Deutschland einen Anteil bei der Aufteilung der Türkei in Einflußsphären und der Teilung der portugiesischen Kolonien zu sichern. England ist Verbündeter Portugals, beherrscht aber dieses völlig als seinen Vasallen. Sein Bündnisvertrag hindert es nicht, Deutschland die Teilung der Kolonien Portugals anzubieten. England will einen Vertrag zum Zwecke späterer Aufteilung der belgischen Kongokolonie mit Deutschland abschliessen. Deutschland lehnt aus Rücksicht auf Belgien ab. Zur Annahme des Vertrages über Portugal entschliesst es sich erst kurz vor Kriegsausbruch, was allerdings nicht darauf hindeutet, dass man in Berlin auf einen Kriegsausbruch rechnete. England will eine Verständigung mit Deutschland unter der Voraussetzung, dass es seine Bündnisabmachungen mit Frankreich und England und seine Flottenvorherrschaft aufrecht erhält. Als wirkliche Bedrohung fasst England die deutsche Flotte nicht auf — zwischen Grey und Lichnowsky wird nie über die Flottenfrage gesprochen — sondern mehr als Unbequemlichkeit. England würde bei Wahrung seines Vorsprunges aber gerne einen Stillstand im beiderseitigen Flottenbau sehen, um seine Steuerlasten einzuschränken. Das sind in wenigen Strichen die geschichtlichen Tatsachen aus der Vorzeit des Krieges, wie sie sich aus dem betreffenden Abschnitt der Lichnowskyschen Denkschrift ergeben. Losgelöst von dem feuilletonistischen Geplauder und den subjektiven Ausbrüchen stellen sie sich als ziemlich zuverlässige Schilderung der 44 politischen Entwicklung Europas in dem letzten Jahrzehnt vor dem Kriege dar. Sie zeigen Englands glänzende Machtstellung und die wachsende Isolierung Deutschlands. Sie bestätigen die starke Spannung zwischen den Mittelmächten und Russland. Sie enthüllen die dauernde Gefahr der Balkanlage. Sie zeigen deutlich die Kräfteverschiebung, die sich im europäischen Gleichgewicht vorbereitet: Der Ueber- gang Italiens zu der Entente, Englands künftige Haltung in einem europäischen Kriege, die deutlich auf Seiten Frankreichs und Russlands vorgezeichnet ist. Zweimal wird der Weltkrieg vermieden: In der Marokkoaffäre dank eines deutschen Rückzuges; nach dem ersten Balkankrieg dank des russischen Misserfolges auf der Botschafterkonferenz. Der zweite Balkankrieg macht den russischen Misserfolg wieder wett. Serbien triumphiert und Oesterreich ist gedemütigt. England lässt die Balkanfragen ausreifen, tut nichts, um die österreichische oder die russische Misstimmung zu erhöhen oder zu beseitigen. Es versucht Deutschlands Kräfte ebenso in exotischen Unternehmungen zu binden, wie früher Bismarck die Kräfte Frankreichs. Es ist entschlossen, seine Vormachtstellung zu wahren. Es mochte den Gegnern des Fürsten unangenehm sein, dass der Fürst dieses für die deutsche Politik wenig glänzende Bild entwarf. Man darf aber überzeugt sein, dass wirkliche deutsche Vaterlandsfreunde Lichnowsky kaum darüber gram gewesen wären, wenn nicht eben die subjektive, gereizte und sprunghafte Art, mit der er seine Schilderung nicht eben vorteilhaft und nutzbringend umgibt, in sie Tendenzen hineingetragen hätten, die in Wirklichkeit mit dem geschilderten Sachverhalt nichts zu tun haben. Immerhin dürfte man es auch in der vorliegenden Form der Denkschrift anerkennen, dass trotz seiner „Anglomanie“ Lichnowsky die England stark bloßstellenden Ereignisse durchaus nicht unterschlägt, wie Englands Pläne hinsichtlich der neutralen belgischen Kolonien, sein Vorgehen in Portugal und sein Geheimabkommen mit Frankreich. Bei einer sachlichen Durcharbeit seiner Aufzeichnungen, bei einer freiwilligen Veröffentlichung wären diese Teile der Denkschrift, losgelöst von den persönlichen Stimmungen, sicher in ganz anderem Lichte erschienen. Es ist mehr als zweifelhaft, dass sich in diesem Falle die Feinde Deutschlands ihrer bedient hätten ; und Reuter hätte dann wohl gerne darauf verzichtet, jene Kapitel aus der Vorzeit des Krieges- zu verbreiten, in denen neben einer fehlerhaften und unklugen deutschen Politik das eindrucksvolle Bild einer zielbewussten, nur auf eigene Interessen bedachten und von einem einzigen Manne geleiteten britischen Weltmachtspolitik entworfen wird, einer Weltmachtpolitik, die gewillt ist, ihren imperialistischen Charakter zu wahren, sei es durch geschickte Bindung der Kräfte des Rivalen im Frieden, sei es durch militärisches Eingreifen auf Seiten Frankreichs und Russlands im Kriege. B. Die Krisis unmittelbar vor Kriegsausbruch. Wie sehr die unbedachte Polemik, die um die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky entfesselt wurde, alle tatsächlichen Proportionen verschob, erhellt wohl am besten aus der Tatsache, dass die Ausführungen über die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges einen recht geringen Raum in der Denkschrift einnehmen. Dies lehrt ohne weiteres eine flüchtige Lektüre. Bei aufmerksamem und kritischem Lesen erkennen wir aber, was nicht minder bezeichnend ist, dass der Fürst gerade bei diesem Teil der Arbeit seinen persönlichen Meinungen und den aus fremden be- kannten Quellen zitgeflossenen Kenntnissen, ein ganz anders geartetes Tatsachenmaterial gegenüberstellt. Der Fürst behandelt folgende Fragen: Die österreichisch-serbische Krisis, Das Ultimatum Oesterreichs an Serbien und die serbische Antwort, Die Stimmung in Russland, Greys Vermittlungsversuche, Deutschlands Haltung, Englands Haltung und Kriegserklärung. Auch in diesem Teil vernachlässigt der Verfasser eine Reihe überaus wichtiger Probleme, so die gesamte Entwicklung der europäischen Rüstungen während der Krisis, die Haltung Frankreichs usw. Das ist zum Teil ebenfalls daraus erklärlich, dass er schlecht unterrichtet wurde, und vor allem daraus, dass er während der ganzen Krisis nur zweimal vorübergehend in Deutschland, sonst ununterbrochen in England weilte. Seine Urteile und Beobachtungen basieren sich vor allem auf Londoner Erlebnisse; über die Vorgänge in den andern Staaten gelangen nur Gerüchte zu ihm. Das persönliche Urteil, das der Fürst über die Ereignisse in dieser kurzen Zeit abgibt, ist zwiespältig. Es spiegelt sich in folgenden Bemerkungen wieder: Bethmann-Hollweg habe bereits vor dem eigentlichen Ausbruch der Krisis, vor dem österreichischen Ultimatum, Misstrauen gegen die russische Politik und die russischen Rüstungen gehegt. Lichnowsky widersprach dieser Auffassung, hielt Russland für friedfertig. Einige Sätze weiter wirft Lichnowsky aber Herrn von Jagow vor, er glaube auf Grund unzutreffender Berichte des deutschen Botschafters in Petersburg, Pour- tales, dass Russland sich ruhig verhalten werde. Einer der häufigen Widersprüche im Bericht und im Urteil. Weiter missbilligt er das Ultimatum an Serbien und die Ablehnung der serbischen Antwort, sowie die von Deutschland verfolgte Politik der „Lokalisierung“ des Konfliktes. Diese und nur diese Vorwürfe erwachsen aus der Schilderung der Ereignisse, so wie Lichnowsky selbst sie sah. Unvermittelt dagegen, ohne dass er diesen Satz in irgend einen Zusammenhang mit den Ereignissen stellt, ohne dass er ihn mit Material belegt, schreibt der Fürst folgende Anklage nieder: „Es hätte natürlich nur eines Winkes von Berlin bedurft, um den Grafen Berchtold zu bestimmen, sich mit einem diplomatischen Erfolg zu begnügen und sich bei der serbischen Antwort zu beruhigen. Dieser Wink ist aber nicht ergangen. Im Gegenteil, es wurde zum Kriege gedrängt. Nach unserer Ablehnung bat Sir Edward uns, mit einem Vorschläge hervorzutreten. Wir bestanden auf dem Kriege.“ Dieser Passus, ausser dem oben bereits zitierten Satz, in dem bei Erwähnung des englischen Extrazuges und der englischen Ehrenwache die deutsche Tücke gegen die Legende von der britischen Tücke ausgespielt wird, ist die einzige Stelle der Denkschrift, in der in aller Form Lichnowsky selbst die Schuldfrage zu ungunsten Deutschlands beantwortet. Warum gab Lichnowsky an dieser Stelle keine Beweise? Seine Anschuldigung in dieser Form ist bedauerlich und schädlich. Es war um so nötiger, bei Behandlung dieser Frage dokumentarisches Material anzuführen, als von deutscher Seite gerade hier mit einem wahren Aufwand von Material operiert wird. Die oft zitierte Depesche Bethmanns an Tschirschky, dass Deutschland sich unter keinen Umständen durch Oesterreich in einen Krieg hinreissen lassen wolle, sowie die immer wieder an- 46 geführten Zitate aus dem englischen Blaubuch, in dem Grey die deutschen Bemühungen in Wien anerkennt und deutsche Gegenvorschläge, die er akzeptiert, verzeichnet, machten es unbedingt nötig, dass Lichnowsky für seine Auffassung Belege brachte und sich nicht mit einigen Bemerkungen begnügte, die sogar im Zusammenhang seiner eigenen Darstellung der Ergänzung bedürfen. Auf Beweise gestützt, hätte dieser Satz entscheidende Bedeutung erlangen hönnen. Da er an und für sich natürlich kein Beweis ist, bleibt er historisch belanglos. Wirklichen Wert maßen ihm übrigens auch nur die Alldeutschen und ihre offiziösen Schleppenträger bei, die es sich nicht nehmen Hessen, gerade auf diesen Aeusse- rungen herumzureiten, um den Fürsten des Hochverrates zu bezichtigen. Als einen Beitrag, der unsere Kenntnis von der Vorgeschichte des Krieges bereichert, können wir ebensowenig die Mitteilungen buchen, die dem Fürsten nachträglich zugeflogen sind, und für die er nicht als Zeuge einstehen und keinen Gewährsmann nennen kann. Dazu gehört alles was er über Tschirschky und Pour- tales sagt, das, was er über die entscheidende Besprechung in Potsdam am 5. Juli anführt, auf der die Wiener Politik gegen Serbien gebilligt worden sei. Bei diesen und anderen Aeusserungen fügt übrigens Lichnowsky loyalerweise stets hinzu: „später erfuhr ich“ , oder „wie ich nachträglich erfuhr“. Es war zweifellos sein gutes Recht, in privaten Aufzeichnungen, die nicht als historisches Dokument gedacht waren, diese und andere Gerüchte einzutragen. Und, hätte er sie je selbst veröffentlicht, so hätte er sie sicher entweder zu belegen versucht, oder gestrichen. Der Satz: „Je mehr ich drängte, um so weniger wollte man einlenken, schon, weil ich nicht den Erfolg haben sollte, mit Sir Edward Grey den Frieden zu retten,“ gehört ebenfalls in die Kategorie solcher Aussprüche. Denn wenn man auch im Uebrigen vom Auswärtigen Amt in Berlin so denken kann wie der Fürst, niemand wird dem Amt doch Zutrauen, dass es das Schicksal eines Landes dem niedrigen und lächerlichen Gesichtspunkt unterordnete, den Lichnowsky hier in seiner Erbitterung als ausschlaggebend für die Entfesselung des Krieges hinstellt. Und ähnlich wird man die Urteile über viele Dinge und Persönlichkeiten auffassen müssen. Was nun das wirkliche und einzig massgebende Tatsachenmaterial betrifft, das Lichnowsky in diesem Teil seiner Denkschrift bietet, so muss man, um seine Dürftigkeit zu verstehen, wiederum in Betracht ziehen, dass er über eine Reihe wichtigster Fragen überhaupt nicht unterrichtet wurde. Was die Berliner Entschliessungen anbelangt, so war er, wie bereits gesagt, auf ganz flüchtige Eindrücke angewiesen: „An Bord des Meteor erfuhren wir den Tod des Erzherzogthronfolgers. S. M. bedauerte, dass dadurch seine Bemühungen, den hohen Herrn für seine Ideen zu. gewinnen, vergeblich waren. Ob der Plan einer aktiven Politik gegen Serbien schon in Konopischt festgelegt wurde, kann ich nicht wissen“. Welche Ideen Lichnowsky meint, ist nicht ersichtlich. Bekannt ist nur, dass Lichnowsky den Kaiser und den Erzherzog nicht für friedensfeindlich hält. Wollte der Kaiser Deutschland von der Wiener Politik emanzipieren? Wichtiger ist die Mitteilung, dass dem Fürsten nichts über einen in Konopischt gefassten Aktionsplan gegen Serbien bekannt war. Man darf wohl annehmen, dass, hätte ein solcher Plan bestanden, er auf dem Meteor bei den Gesprächen über die Ermordung Franz Ferdinands darüber unterrichtet worden wäre. Was die Wiener Entschliessungen betrifft, so sagt Lichnowsky, dass er „über Wiener Ansichten und Vorgänge nicht unterrichtet war“, ln Berlin konnte er nicht 47 viel erfahren, da er sich „auf dem Wege nach London“ dort nur „wenige Stunden aufhielt“. Er hörte nur, „dass Oesterreich beabsichtige, gegen Serbien vorzugehen, um unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen“. Wo er das hörte, wird nicht gesagt, ist aber auch belanglos, da seinerzeit die gesamte österreichische und europäische Presse diese Mitteilung brachte und die Ententediplomatie bereits unmittelbar nach Ermordung des Thronfolgers über diese Absichten unterrichtet war, wie das französische Gelbbuch beispielsweise beweist. Das hat natürlich die Feinde des Fürsten nicht gehindert, ihn wegen dieser Wendung ebenfalls zu beschimpfen. Seine wirkliche Kenntnis von den Vorgängen hat der Fürst also in erster Linie aus seinen Londoner Beobachtungen und aus den Instruktionen und Berichten, die ihm aus Berlin zugingen. Von seinen Beobachtungen in London kann man naturgemäss nicht viel Neues erwarten. Für Deutschland Günstiges und England Ungünstiges hätte das Auswärtige Amt sicher längst veröffentlicht! Für England Günstiges und Deutschland Belastendes hätte die englische Regierung ihrerseits mitgeteilt. Wirkliche Enthüllungen durften wir also nur in Mitteilungen aus bisher unbekannten Berliner Erlassen an Lichnowsky suchen. Begreiflicherweise galt auch, als man erfuhr, dass ein früherer deutscher Botschafter eine vom Auswärtigen Amt bekämpfte und unterdrückte Denkschrift geschrieben hatte, die öffentliche Neugier solchen etwaigen Enthüllungen. Die Enttäuschung war gross und ist wohl auch von den Lesern der in dieser Ausgabe abgedruckten Denkschrift geteilt worden. So schmerzlich das auch Lich- nowskys Gegnern sein mag, er berichtet in der Tat nichts über die Instruktionen seiner Regierung, was nicht längst bekannt war. Die Erlasse des Amtes haben danach folgenden Inhalt: Der Fürst möge darauf hinwirken, dass die englische Presse eine freundliche Haltung anlässlich des österreichischen Vorgehens gegen Serbien einnehme. Die Gefahr eines Krieges bestehe nicht, da Russland nachgeben werde; eine Nichtunterstützung Oesterreichs dagegen würde die russische deutschfeindliche Stimmung nur gefährlich erhöhen. Lichnowsky möge auf die Lokalisierung des Konfliktes hinwirken. All das — ausgenommen natürlich der Beeinflussungsversuch der englischen Presse — ist aus dem deutschen Weissbuch und dem englischen Blaubuch bekannt. Schliesslich berührt der Fürst auch noch den ebenfalls bekannten Schriftwechsel über sein berühmtes „Missverständnis“. Grey hatte Tyrell am 1. August zu Lichnowsky mit der Frage geschickt, ob Deutschland neutral bleiben würde, wenn Frankreich auch neutral bliebe. Lichnowsky verstand diesen Vorschlag falsch. Er teilte ihn nach Berlin in der Form mit, ob Deutschland bereit sei, auf einen Krieg mit Frankreich zu verzichten. Diese Unterredung wurde, wie Lichnowsky sagt, von Berlin zu einer weitgehenden Aktion benutzt, ln der Tat erteilten der Kaiser und der Kanzler sofort ihre Zustimmung. Lichnowsky erzählt jetzt, dass Grey auch Deutschlands Neutralität im österreichisch-russischen Kriege gemeint habe, setzt aber hinzu, dass weiter die Frage besprochen wurde, ob Deutschland und Frankreich, trotz der Entfesselung des Krieges auf den andern Kriegsschauplätzen, nicht einander bewaffnet, aber ohne kriegerische Aktionen, gegenüberstehen könnten, ein Plan, der wie gesagt von Deutschland angenommen, dann von England aufgegeben worden war. Schliesslich muss noch folgende Bemerkung Lichnowskys als Niederschlag der Berliner Berichte gelten: 48 Die politische Situation nach Ueberreichung des österreichischen Ultimatums in Belgrad sei folgende gewesen: „Die ganze Welt, ausser in Berlin und Wien, begriff, dass es den Krieg und zwar den Weltkrieg bedeute“. Diese Aeusserung Lichnowskys verdient insofern Beachtung, als sie Deutschland zwar unter der Anklage belässt, durch falsche Einschätzung der Lage den Krieg mitverursacht zu haben, aber es von der Anklage, es habe den Krieg gewollt, freispricht. Im Uebrigen ist die Ausbeute ziemlich dürftig. Aber auch dieser Umstand, an und für sich, ist bedeutungsvoll. Die noch unveiöffentlichten Instruktionen und Erlasse aus Berlin an Lichnowsky enthalten also nichts Neues, weder für England noch für Deutschland neu Belastendes. Sonst hätte die Denkschrift zweifellos hierüber Mitteilungen gemacht. Der Tatbestand stellt sich nunmehr nach der Denkschrift, soweit es sich um die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges handelt, folgendermassen dar: Deutschland, Oesterreich, Russland. 1. Noch kurz vor Kriegsausbruch erklärte sich Deutschland zur Unterzeichnung des von England vorgeschlagenen Kolonialvertrages über Portugal bereit, in dem Lichnowsky die Grundlage für eine deutsch-englische Verständigung erblickte. 2. Ueber eine deutsche Beteiligung am Ultimatum an Serbien weiss Lichnowsky nichts zu berichten und beschränkt sich auf später erfahrene Gerüchte. 3. In Berlin war man einerseits über Russlands militärische Vorbereitungen beunruhigt, glaubte aber andrerseits an Russlands Nachgiebigkeit. 4. Man legte Wert darauf, dass England den österreichischen Schritt freundlich beurteile. 5. Man wünschte die Lokalisierung des Konfliktes und hielt eine Einmischung in den österreichisch-serbischen Konflikt als unvereinbar mit der Würde Oesterreichs. 6. Deutschland hielt die Gefahr beseitigt durch das Entgegenkommen Oesterreichs, das keine Gebietserwerbungen beabsichtigte. 7. In Berlin und Wien glaubte man nicht, dass aus dem österreichischen Schritt ein Weltkrieg entstehen könne. Lichnowsky verzeichnet die „demütigen“ Telegramme des Zaren, stellt aber fest, dass Russland mobil machte, allerdings nachdem es eine ganze Woche gewartet hatte, und dass das deutsche Ultimatum die Folge dieser Mobilmachung war. 8. Deutschland war bereit, den angeblichen Vorschlag Englands betr. einer französisch-deutschen Neutralität anzunehmen. Alle diese Tatsachen sind bekannt und decken sich mit den amtlichen, auch deutschen Feststellungen. Mit der Einschränkung, dass heute, nicht nur durch den Suchomlinowprozess, erwiesen ist, dass die russische Mobilmachung nicht erst nach einer Woche, sondern sofort nach Ueberreichung des Ultimatums an Serbien beschlossen wurde. Fürst Lichnowsky war diese'Tatsache bei Niederschrift der Denkschrift unbekannt, wie ihm alle Vorgänge in Petersburg dank des merkwürdigen Misstrauens, das die Berliner-Regierung ihrem Londoner Vertreter entgegenbrachte, unbekannt blieben. Wenn daher Lichnowsky gerade in der verhältnismässig klaren Frage der Mobilmachung sich dem amtlichen Berliner Standpunkt nicht anschloss mögen die Herren sich selbst darüber Vorwürfe machen. England. 1. Bei Ausbruch des Krieges wird die englische Politik fast ausschliesslich von Sir Edward Grey gemacht, der entschlossen ist, im Kriegsfall mit Frankreich zu gehen. Neben Grey hat der deutschfeindliche Nicolson starken Einfluss. Neben Nicolson Sir W. Tyrell, der wie alle jüngern englischen Diplomaten deutschfeindlich war, später Anhänger einer Verständigung wurde, als solcher aber nach Kriegsausbruch das Foreign Office verlassen musste. .2. Die öffentliche Meinung in England ist zuerst Oesterreich freundlich gesinnt. Diese Stimmung ändert sich allmählich. 3. England mobilisiert nach Bekanntwerden des Ultimatums seine Flotte. 4. Sir Ed. Grey will eine Botschafterkonferenz zur Regelung des österreichischserbischen Streitfalles. 5. Sir Ed. Grey erklärt am 29., dass England auf Seiten der Gegner Deutschlands kämpfen wird. 6. Drei Mitglieder des englischen Kabinetts sind gegen den Krieg mit Deutschland und treten aus. Auch diese Tatsachen sind bekannt. Sie enthalten nichts, was unsere bisherigen Kenntnisse über den Kriegsausbruch verschieben könnte. Immerhin sind einige Punkte bemerkenswert: Lichnowsky weiss mit keinem Wort etwas über vorzeitige deutsche militärische Massnahmen zu berichten. Die Darstellung in den Ententequellen, die Deutschland vorzeitiger militärischer Massnahmen beschuldigt, ist durch Lichnowsky nicht zu belegen. Das ist sehr wichtig. Lichnowsky, so sehr er auch und mit Recht den Berliner Optimismus verurteilt, erklärt andererseits, dass man in Berlin und Wien nicht die tragischen Folgen des Ultimatums an Serbien voraussah, sondern an eine Beilegung des Konfliktes glaubte. Und endlich: Lichnowsky macht sich nicht die bekannte englische These zu eigen, der zufolge England infolge der Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland in den Krieg getreten sei. Der belgischen Frage legt er überhaupt keine Bedeutung bei, vielleicht weil er den englischen Standpunkt in der Frage der belgischen Kolonien zu genau kannte. Nach der Darstellung Lichnowskys spielte die belgische Frage keine Rolle in dem Entschluss Englands, in den Krieg einzutreten, der vorher bereits aus der Bündnispolitik Englands erwachsen ist. Es ist eine seltsame Ironie, dass der „Anglomane“ Lichnowsky, der deutsche „Hochverräter“ in diesen wesentlichen Punkten der amtlichen deutschen These gewissermassen zu Hilfe eilt. Hatten wir so Unrecht, wenn wir sagten, dass die ärgsten Führer der Lichnowskyhetze die Denkschrift wahrscheinlich nie gelesen haben ? Als Beitrag zur Geschichte des Kriegsausbruches sind diese kurzen Angaben, die der betreffende Teil der Denkschrift enthält, wie man sieht, nicht ohne Wert. Was die Schuldfrage betrifft, ergibt sich vor allem zu Englands Ungunsten der Wegfall des berühmten belgischen Motives, zu Deutschlands Ungunsten nur die Ablehnung der Botschafterkonferenz. Wenn man gerecht urteilen will, muss man aber zugeben, dass gerade die Lichnowskysche Denkschrift diese Ablehnung erklärlich macht. Die Konferenz, die über Oesterreichs Forderungen zu entscheiden hatte und auf der Oesterreich nicht vertreten sein durfte, sollte von Grey präsidiert werden, der sich als treues Glied der Entente erwiesen hatte. Sie sollte sich zusammensetzen aus dem französischen Botschafter Cambon, der mit Grey das Geheimabkommen unter- 4 50 zeichnet hatte und absolut auf Russlands Seite stand, aus dem Botschafter Italiens dessen Abfall Lichnowsky selber feststellt, und aus Lichnowsky, der ein eingestandener Feind Oesterreichs war. Dass damit Oesterreichs Interessen ohne weiteres verraten waren, ist klar. Es ist eine merkwürdige Tragik der Geschichte, dass u. a. wohl gerade die Persönlichkeit Lichnowskys, der ein überzeugter Freund und Anhänger der Konferenzidee, war, dazu beitrug, den Konferenzplan unmöglich zu machen. Wie immer auch das österreichische Vorgehen gegen Serbien beurteilt wird, die Konferenz war unannehmbar und eine Unmöglichkeit, wenn sie sich nur aus Gegnern Oesterreichs zusammensetzte. Der einzige, auf den Oesterreich unter diesen Umständen rechnen konnte, wäre vielleicht nur Sir Edward Grey gewesen, der die österreichische Politik zweifellos weit weniger verurteilte als der deutsche Botschafter! Aber Grey waren Russland gegenüber die Hände gebunden, er musste mit der Entente gehen, wollte er nicht die gesamte britische Politik aus ihrer bisherigen Richtung abbiegen. War aber ein Eintreten Greys für Oesterreich überhaupt wahrscheinlich, und hätte es bei der sonstigen Zusammensetzung der Konferenz nicht erfolglos sein müssen ? Auf jeden Fall war Lichnowsky nicht der Mann, den im Fall einer Konferenz Deutschland zur Unterstützung der österreichischen Politik in London brauchte, wie er auch nicht der Mann war, auf dessen Mitarbeit die deutsche Regierung zur Förderung einer eigenen agressiven Politik oder gar zur Entfesselung des Krieges rechnen konnte. Das geht auf jeden Fall aus der Denkschrift hervor. Und diese Tatsache ist bezeichnend für den ganzen „Fall“ Lichnowsky. Der Fürst glaubt, dass seine Regierung nichts tat, um zu einer Verständigung mit England zu gelangen und den Krieg zu vermeiden. Aber andererseits zeugt seine Person selbst dafür, dass diese selbe Regierung einen Mann nach London schickte, der mit seiner ganzen Seele an der Verständigung mit England hing, dass man an den massgebenden Posten, an dem man am erfolgreichsten für den Krieg oder den Frieden arbeiten konnte, einen überzeugten Friedenspolitiker gestellt hatte! Und endlich bestätigt nicht auch die Persönlichkeit Lichnowskys, der als Gegner Oesterreichs bekannt war, dass die deutsche Auslandspolitik doch nicht so ganz im Banne Wiens stand, wie er fürchtete? C. Die allgemeine politische Atmosphäre. ln den Darlegungen, die sich auf die allgemeine politische Atmosphäre in Europa vor Kriegsausbruch beziehen, beruht der Hauptwert der Denkschrift. Hier erreicht sie zeitweise die Bedeutung eines Dokuments, ln diesen Darlegungen liegt ihr dauernder Wert, in ihnen wurzelt die starke Wirkung — nicht die Sensationswirkung, die sich wie immer an Belangloses haftet — sondern eine dauerhafte aufklärende Wirkung, die nicht hoch genug zu werten ist. Lichnowsky will allerdings hier gerade kein Erzieher und Aufklärer sein. Aber so wenig er gerade dort bietet, wo er aufklären und schulmeistern will, so viel gibt er hier, wo er einfach berichtet. Man hat diese Schilderungen nicht mit Unrecht als Gesellschaftsklatsch empfunden. Das hindert nicht, dass wir aus ihnen am Meisten lernen. Fürst Lichnowsky entwirft ein Bild der Leute, die die Welt regieren, die Welt, die sich jetzt in den Schrecknissen des Krieges windet. Es ist ein Bild der sogenannten herrschenden Kreise. Seine Modelle nimmt er in Berlin und London. Den ersten 51 gilt seine tiefe Abneigung, den zweiten seine Bewunderung. Die Männer, die die deutsche Politik machen, werden eigentlich nur als Gesamtheit gezeichnet. Ein liebevolles Eingehen auf ihr Leben gönnt der Fürst ihnen nicht. Aber doch gleiten einige deutlich gesehene Persönlichkeiten an unserem Auge vorüber. Dem Kaiser verleiht Lichnowsky immerhin sympatische Züge. Darf man ihm glauben, so ist der Kaiser ohne Einfluss, und die Politik wird gegen ihn gemacht. Herr von Bethmann wird mit wechselnden Gefühlen behandelt, Pourtales und Tschirschky, vor allem der tote Bismarck, kommen recht schlecht davon. In sehr unvorteilhafter Weise wird das Auswärtige Amt als Gesamterscheinung geschildert. Nach der Ansicht Lichnowskys bringen die hohen Reichsbeamten ihre Zeit mit schikanösen Erlassen und Intriguen gegen ihren Londoner Vertreter zu. Das vorherrschende Gefühl im Amt ist die Wut über Lichnowskys Erfolge, eine Wut, die er „unbeschreiblich“ nennt! Die politischen Fähigkeiten der Herren sind gering. Sielassen sich blind von Oesterreich regieren. Wollen wir hier die Erbitterung Lichnowskys gegen seine Feinde im Auswärtigen Amt in Betracht ziehen, so müssen uns allerdings, angesichts seiner Liebe für alles Englische und seiner Bewunderung für die englische Diplomatie, die Schattenseiten umso bedenklicher stimmen, die sein viel ausführlicheres und in zusammenhängender Weise geschildertes Londoner Bild aufweist. Nach Lichnowsky bedarf es keiner Kenntnisse, sondern nur grossen Reichtums um England zu regieren. Trotz der liberalen Parlamentsmehrheit beherrscht der konservative Adel mit seinen Damen das Land. Die Geschicke der Nationen werden in den Salons gemacht. Sport, Spiel, Gastmähler: das ist die Atmosphäre, in der die herrschenden Kreise Englands leben. Der Ministerpräsident kümmert sich um die Frauen und die Küche, nicht um auswärtige Politik, die ihn überhaupt nicht interessiert. Die auswärtige Politik des demokratischen Landes wird fast ausschliesslich von dem Staatssekretär am Foreign Office gemacht. Das Parlament als massgebenden Faktor kennt Lichnowsky nicht. Der Leiter der auswärtigen Politik kennt nicht das Ausland. Er versteht zwar französisch, spricht es aber nicht! Vom Volke ist in alle dem keine Rede. Selbst M. Bums, erzählt Lichnowsky, „Sozialist, Arbeiterführer und Autodidakt, suchte Fühlung in der Gesellschaft“. Ein hervorragender Kopf, wie Lloyd George, bleibt in diesen Kreisen eine Ausnahme. Er ist ein „kleiner Advokat“. Die hier kurz angedeuteten Schilderungen der Denkschrift sind charakteristisch und vielsagend genug, als dass es nötig wäre, sie besonders hervorzuheben, ln ihnen finden wir mehr Aufschluss über die wahren Ursachen des Krieges als in den Spitzfindigkeiten diplomatischer Chinoiserien. Eine eitle, unwissende, dafür umso lustigere, liebenswürdige Lebewelt, eine Welt ohne moralische Grundsätze, das sind die paar Männer, die 1914 Weltgeschichte machten. Aufschlussreicher als ein Blick in ihre krausen Schriftzüge, ist ein Blick auf ihr Portrait, so wie es einer ihrer Bewunderer malte. D. Die Entwicklung des Krieges und die Zukunft Europas. ‘ In seiner Betrachtung über die Zukunftsfragen lässt sich Lichnowsky ebensosehr wie bei seiner Charakteristik der leitenden Kreise in Deutschland und England durch Abneigung auf der einen und Bewunderung auf der anderen Seite leiten. Aber auch hier erweist sich, dass Sympathien kompromittierender sein können als Antipathien. 52 Fürst Lichnowsky schildert vom feindlichen Standpunkt aus die Zustände in Deutschland und kommt zu dem richtigen Schluss, dass der deutsche Militarismus verschwinden, dass Deutschland demokratisiert, dass Belgien und Serbien wieder hergestellt werden müssen. Es ist nur schade, dass er sich gleichzeitig gegen die Selbständigkeit Polens ausspricht und sein demokratisches Friedensprogramm dadurch der Wirksamkeit in Deutschland beraubt, dass er den Sieg des englischen Imperalismus nicht nur wünscht, sondern als sichere Folge eines Verständigungsfriedens ausmalt. Zu diesen Anschauungen gelangt er allerdings auf Grund unrichtiger Prophezeihungen über die Entwicklung des Krieges. ZurZeit der Niederschrift — im Jahre 1916 — war er durch Rumäniens Kriegseintritt erschreckt, war der Zarismus noch am Ruder, glaubte er nicht an einen Erfolg des „wahnwitzigen U-Bootkriegs“. Sein Wunsch nach einem Verständigungsfrieden macht ihm alle Ehre und wirkt sympathisch. Aber Lichnowsky leistet diesem Frieden keinen Vorschub, wenn er, im Tone der Resignation beginnend, im Tone der Begeisterung endend, als Folge eines unentschiedenen, d. h. ohne deutschen Sieg endigenden Krieges, als Folge eines sogenannten Verständigungsfriedens die englische Weltherrschaft ausmalt. Er begnügt sich dabei nicht, festzustellen, dass für Deutschland kein Platz mehr in der grossen Welt sein wird, dass es sich mit geistiger Arbeit begnügen müsse und dass England sich mit Russland und Japan in Asien teilen werde. Nein, er malt in besonders eindrucksvollen Farben die ungeheure Hegemonie aus, die England über die ganze Welt, seine Verbündeten inbegriffen , ausüben wird. Afrika wird englisch sein, wie Amerika, Australien und Ozeanien. Die lateinischen Staaten Europas werden zu britischen Vasallenvölkern, das völlig erschöpfte Frankreich, Italien, selbst Spanien. Die Ausbreitung des Britentums, die uneingeschränkte Herrschaft des englischen Imperalismus ist das Heil der Welt. Dass eine derartige Ausmalung der englischen „Weltmission“ in Deutschland böses Blut machen musste, kann man verstehen. Dass sie aber auch England nicht erwünscht ist, schon mit Rücksicht auf seine Verbündeten, liegt ebenfalls auf der Hand. Willkommen kann sie nur den Alldeutschen sein. Aus diesem Grunde, — nicht weil wir in Lichnowskys englandfreundlicher Gesinnung, undedingt ein „Verbrechen“ sehen oder seine Darstellung der englischen Politik für unzuverlässig halten, müssen wir die letzten Schlussfolgerungen, in die die Denkschrift ausmündet, tief bedauern. Sie sind Wasser auf die Mühle der Alldeutschen und der preussischen Generäle. War es nötig, dass Lichnowsky auf diese Weise mit einer Schrift, die seine eigene Politik rechtfertigen sollte, die Politik der deutschen Ueberpatrioten rechtfertigt, die überall die englische Gefahr wittern ? War es klug, dass er die Folgen eines unentschiedenen Krieges — nicht einmal einer deutschen Niederlage! — in dieser Weise darstellte, dass er die Merkmale des Verständigungsfriedens in der Ausschaltung Deutschlands, der Unterwerfung Frankreichs, Italiens, Spaniens unter England, in der Aufrichtung der englischen Herrschaft über die ganze Welt sah? Diese Darstellung wird in der Vaterlandspartei grosse Freude erregen. Man wird dort triumphierend Lichnowsky als Kronzeugen für die Gefahr eines „faulen Friedens“» für die Notwendigkeit des „Sieg-Friedens“ anrufen. Wir wollen nicht von unserem Thema abschweifen, das nur den Wert der Denkschrift als Beitrag zur Erkenntnis der Kriegsursachen in Betracht ziehen will. Aber auch unter diesem Gesichtspunkt kann die Darstellung, die Lichnowsky von 53 der britischen Politik gibt, nicht übergangen werden. Schon vorher, in seinen Darstellungen über die Zeit vor dem Kriege, stellte er die zielbewusste englische Ausbreitung in der Welt fest, die Absicht, Deutschland von europäischen Zielen fernzuhalten und nur durch gutmütige Beteiligung an englischen Kolonialplänen zu befriedigen, ln seinem Schlusswort zeigt er nun, wie traurig die weltpolitische Zukunft Deutschlands bestellt ist. „Die Welt wird den Angelsachsen , Russen und Japanern gehören und der Deutsche allein bleiben mit Oesterreich und Ungarn. Seine Machtherrschaft wird die des Gedankens und des Handels sein, nicht aber die des Bureaukraten und Soldaten. Er war zu spät erschienen, und die letzte Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen, ein Kolonialreich zu gründen, hat der Weltkrieg vernichtet, denn wir werden die Söhne lahwes nicht verdrängen, das Programm des grossen Rhodes wird sich erfüllen, der in der Ausbreitung des Brifentums, im britischen Imperialismus, das Heil der Menschheit erblickte.“ War sich der Fürst, als er diese und ähnliche Worte niederschrieb, wie sie auch vor dem Kriege andere deutsche Politiker im Munde führten, klar darüber, dass er sich damit die These von der Einkreisung Deutschlands, dem man nicht den Platz an der Sonne gönnte, zu eigen macht? Tatsächlich zeigt er uns eine Weltlage vor Kriegsausbruch, die sich mit den bekannten deutschen Vorwürfen deckt: die drohende englisch-russisch-japanische Umklammerung, die englische Welthegemonie. Für die Schuldfrage ist aber gerade diese Frage von Bedeutung. Allerdings spielt sie für Lichnowsky selbst überall, wo er von der Schuldfrage spricht, keine Rolle, da er ja tatsächlich Deutschland nicht ein einziges Mal vorwirft, den Krieg entfesselt zu haben, um sich aus dieser Aschenbrödelstellung zu befreien. Schlusswort. Wir haben mit unseren Betrachtungen zu der Denkschrift des Fürsten gesehen, dass sie in der Behandlung der unmittelbaren Kriegsursachen die bekannten Tatsachen bestätigt, dass sie für die Erkenntnis der weiter zurückliegenden politischen Vorgänge hier und da bemerkenswertes Material bietet, dass sie aber vor allem kulturgeschichtlich interessante und aufschlussreiche Aufzeichnungen über die wichtigsten Persönlichkeiten der Vorgeschichte des Krieges enthält. Was die Schuldfrage betrifft, so verschiebt sie kaum das bisherige Bild. Die Ansichten und Sympathien des Fürsten richten sich gegen Deutschland, seine sachlichen Angaben ‘belasten aber in auffälliger Weise England. Dort wo man Deutschland belastende Enthüllungen am ehesten vermutet hätte, schweigt der Verfasser, und seine Sympathien für England sind häufig aufschlussreicher als seine Antipathien gegen die deutsche Regierung. Seine Denkschrift ist kein J’Accuse und kein Dokument. Sie gehört zwar in die Archive des Krieges, aber in die Abteilung Curiosa. Sie ist ein typisches Memoir, das leider nur Brouillon blieb und fragmentarisch wirkt. Das Unglück des Fürsten war es, dass er einem Vertrauensbruch zum Opfer fiel und seine Schrift in die Oeffentlichkeit gelangte. An dem privaten Charakter der Denkschrift liegt es auch, wenn manches so falsch und kindlich geschildert ist. Ihrem privaten Charakter danken wir es aber wieder, dass manch nützliche, wenn auch ungewollte, doch gerade darum nützliche Feststellung unterlief. Ein Vorbild für Diplomaten und solche die es werden wollen, ist der Fürst vielleicht nicht. Aber einen Hochverräter oder Schwachkopf dürfen ihn seine Gegner 54 deshalb noch lange nicht nennen; damit beweisen sie nur, dass sie denselben Fehler machen, den sie dem Fürsten vorwerfen, dass sie nur an Aeusserlichkeiten hängen und nicht in die Tiefe zu gehen vermögen. Ein Verräter ? Nein! Fürst Lichnowky mutet vielmehr an wie jene merkwürdigen und liebenswürdigen Erscheinungen aus dem 18. Jahrhundert, die im frohen Treiben des französischen Hofes über die kleinen deutschen Gesichtspunkte hinwegsahen, sich im Glanze Versailles sonnten und sich wohl auch im Feuer dieser Sonne die Flügel verbrannten. Wie in den Memoiren jener Epoche des Niedergangs spiegelt sich auch hier ein sterbendes Zeitalter wieder, ein Zeitalter der Verderbnis, des Leichtsinns, des schrankenlosen Hochmutes, das Zeitalter einer prunkhaften und verrotteten Gesellschaft, die sich anmasst, die ganze Welt zu regieren und für die das Volk, sein Wille, sein Glück, sein Leben nicht zählt. Indem der Fürst als Mitspieler des wirren Treibens, das er liebte, sein verblassendes Bild festhält, gewährt er uns, oft ohne es zu wollen, oft ohne es zu ahnen, einen tiefen Blick in die Welt, aus der der Krieg hervorbrach, hervorbrechen musste. Und damit gibt er gleichzeitig — und dafür darf man ihm danken — den unschuldigen Opfern einer verrotteten Zeit die Möglichkeit, die wirklichen Ursachen, — nicht nur die umstrittenen äussern Anlässe — des ungeheuren Jammers zu erkennen und zu bekämpfen. Denn jene Welt muss untergehen in den Flammen dieses Krieges. Ein neues Zeitalter muss aus ihrer Asche erstehen. Durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Die militärpolitische Lage der Schweiz und die Landesbefestigung im Urteil der neueren Geschichte, von einem Stabsoffizier. Fr. 2.— Jean Jaur6s, Rede über den grossen Volksfreund, der als Vorkämpfer für den Weltfrieden am 31. Juli 1914 ermordet wurde. Von Otto Volkart. Fr.—.50. Was ist Anarchismus? Von Privatdozent Dr. F. Lifschitz in Bern. Preis Fr. 1.20. Was ist Sozialreform? Von Privatdozent Dr. F. Lifschitz in Bern. Fr. —. 90. Egoismus und Wohlwollen im russischen Staatswesen. Ein Beitrag zur Erkenntnis der russischen Zustände. Von Privatdozent Dr. F. Lifschitz in Bern. Fr.—.50. Probleme der Volksernährung. Eine Untersuchung über die Entwicklungstendenzen der Ernährungspraxis und der Ernährungswissenschaft. Von Privatdozent Dr. A. Lipschütz in Bern. Fr. 2. 80. Der Mensch als Organisationsvorbild. Von Wirkl. Geh. Rat Dr. K. A. Lingner in Dresden. . Fr. 1. 20 Der internationale Arbeiterschutz in den letzten 12 Jahren. Von Prof. Dr. N. Reichesberg in Bern. Fr. 2. 25. Kriegs-Chemie. Von Prof. Dr. A. Tschirch in Bern. 2. Auflage Fr. 1. —. Die Besteuerung der Erbschaften in den wichtigeren europäischen Staaten mit besonderer Rücksicht auf die schweizerische Finanzreform. Von Prof. Dr. E. Grossmann in Bern. Fr. 1. — Durch alle Buchhandlungen zu beziehen: LOTSCHEN Eine vollständige Darstellung der altertümlichen Kultur eines Schweizer Hochgebirgstales, das ist eine Schilderung des Gesamtlebens des Tales und seiner Bewohner: der geographischen, wirtschaftlichen, sprachlichen, geschichtlichen, religiös-kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, reich durchsetzt von Bildern, Sagen und Weisen. Text von Dr. phil. Hedwig A n n e 1 e r Bilder von Kunstmaler Karl A n n e 1 e r Dieses wertvolle, hochinterressante Werk umfasst 360 Seiten in 4° Format, enthält über 200, darunter 20 ganzseitige Abbildungen im Text nach Federzeichnungen, zwei Kunstbeilagen in Zehnfarbendruck und eine Karte des Lötschentales. Preis brosch. Fr. 40, handgebunden in Halbpergament Fr. 50, handgebunden in Halbleder Fr. 67, in Ganzleder Fr. 90. Herr Dr. Dübi, Redaktor des Jahrbuches des S. A. C., an die Mitglieder des Schweizerischen Alpenklubs (vor Erscheinen des Werkes geschrieben): Der Unterzeichnete möchte nicht verfehlen, Sektionsvorstände, Bibliotheken und Einzelmitglieder des Schweiz. Alpenklubs nachdrücklich auf das von Dr. phil. Hedwig Anneler und deren Bruder, Kunstmaler K. Anneler, erstellte Prachtwerk „Lötschen“ hinzuweisen. Ich habe Gelegenheit gehabt, Proben vom, Text, von den Originalzeichnungen und den Musikbeilagen zu sehen und zu hören, die einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht haben, so dass ich den Augenblick herbeisehne, wo es mir vergönnt sein wird, das ganze in seiner Art für Volkskunde, Geographie, Landschaftszeichnung und Sittenbildung einzig dastehende.Buch zu durchlaufen und in mich aufzunehmen. Herr Prof. Dr. O. von Greyerz Im „Bund“ vom 30. Dezember 1917. Vor allem denke man es sich als ein Werk, an dem Schönheitssinn, Wissenschaft und Liebe vereint gearbeitet haben; ein Denkmal der Anhänglichkeit und liebevollen Bewunderung von zwei Menschen, denen das Lötschental zu einem erinnerungsreichen Erlebnis geworden ist; darum voll Seele. Schon das prächtige Titelblatt redet dichterische Sprache . . . Und wenn wir die grossen Blätter umwenden, überall dieselbe Ueberein- stimmung und Durchdringung von Inhalt und Form . . . Das Lötschenbuch darf besonders als Geschenkwerk empfohlen werden. V J Druck von Rudolf DUrrenmatt in Bern.