Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort. 3 Klubsesselsheim. 4 Brauchen wir in Deutschland Rindvieh? . 6 Gottlieb Paragraph. 7 Automobil-Export. 8 Wider die Handelsfreiheit.8 Rindvieh und Landwirtschaftsministerium.10 Weh’ dir, daß du ein Berliner bist.11 Artikel 126.12 Das Visum und die Schnüffelei.13 Zuständigkeit.14 Jeder Steuerpflichtige ist ein Verbrecher .15 Außenhandelsstellen.15 Und die Industrie und der Handel?.16 Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in fremde Sprachen, Vorbehalten Klubsesselsheiui. Der nachfolgend gedruckte Brief an den Hausvater von Klubsesselsheim wurde bereits im „Berliner Tageblatt“ veröffentlicht: An den Herrn Reichskommissar für die Aus- und Einfuhrbewilligungen. Herr Reichskommissar, ist Ihnen bekannt, daß in Ihrem Amt und den unter- oder nebengeordneten Aemtern eine Tätigkeit ausgeübt wird, die nicht für den Kaufmann arbeitet, sondern gegen ihn? Ich weiß nicht, ob in Ihrem Amt Anweisung gegeben ist, den Auskunft suchenden Kaufmann möglichst schroff zu behandeln, um ihm das Wiederkommen zu verleiden, um ihn abzuschrecken und die Damen und Herren Ihres Amts nicht mehr zu belästigen. Es macht auf jeden Fall diesen Eindruck. Die Ihre Aemter in Anspruch nehmen müssenden Kaufleute werden zu der Erkenntnis gebracht, daß sie einer minderwertigen Kategorie des Wirtschaftslebens angehören und werden dementsprechend behandelt. Nachfolgend einige Beispiele. Man erkundigt sich telephonisch nach der Geschäftsstunde. Von 10 bis 2. Kommt man dann persönlich, so sieht man, daß die Bürozeit sogar schon von 9A Uhr beginnt. Man muß den Referenten irgendeiner Abteilung sprechen. Vor 11 Uhr ist aber in Ihrem Amt kein Referent zu sprechen. Die Damen in untergeordneten Stellungen wissen nicht Bescheid, also muß man bis 11 Uhr spazieren gehen. Man will beispielsweise eine Vase exportieren. Es sind mehr als 2 kg Bronzeverzierungen an der Vase, also braucht man eine Bewilligung. Man geht um 9'A Uhr nach dem Liitzowufer und fragt, ob man auf die Unterschrift für die Bewilligung warten könne. Das dauere bis I Uhr. Die Bewilligung würde erteilt, aber das Einträgen der Scheine und die Unterschrift nähmen bis 1 Uhr in Anspruch. Man bietet Rohr- postporto an, um abends noch die Bewilligung zu haben, da der Kunde abends abfährt. Rohrpostporto kann im Amt nicht angenommen werden, das ist zu umständlich, aber die Bewilligung würde bestimmt mittags mit gewöhnlicher Post abgesandt. Am nächsten Morgen empfängt man sie nicht. Man geht wieder zum Lützowufer, und siehe da, die Bewilligung ruht auf dem Tische der Auskunftei, um vielleicht nach einigen Tagen mal abgesandt zu werden. Man erinnert an das gestrige Versprechen. „Fehler können doch Vorkommen,“ ist die schnippische Antwort. Man sieht ein, daß man Ungebührliches verlangte, und daß man als lästiger Kaufmann ruhig zu sein hat. Man fragt ein andermal höflichst an wegen Exports einer Exzenterpresse. Da müsse man nach der Hildebrandstraße 25. Man geht hin. Man fragt, wartet, sieht den Appetit der frühstückenden Damen und erhält nach längerer Zeit den Bescheid, dafür sind wir nicht zuständig, da müssen Sie nach der Neuen Grolmanstraße in Charlottenburg. Man geht hin. Der gleiche Stiefel. Man sucht eine Ausfuhrbewilligung für Chemisetts nach. Nach 14 Tagen bekommt man diese Ausfuhrbewilligung nicht von der Hildebrandstraße etwa, wohin die Auskunft des Lützowufers den Kaufmann erst, schickte, sondern von einer Privatfirma aus Dresden, der irgendein Amt aus Versehen die Bewilligung geschickt hatte. Der fremde Kaufmann in Dresden kennt den Betrieb in Ihren Aemtern und aus Solidaritätsgefühl für einen Leidensgenossen schickt er die ihm fälschlich zugesandte Bewilligung direkt an den richtigen Empfänger. Er weiß, daß dieser gleich ihm minderwertige Mensch sonst nochmals 14 Tage warten müßte. Man will aber die Schlamperei zur Kenntnis des Referenten bringen, um bessern zu helfen. 5 Man geht zur Hildebrandstraße 25 und wird zum Herrn Oberzollkontrolleur gewiesen. Man erzählt ihm seine Beschwerde. Er bittet, selbst mit dem Sekretariat zu sprechen. Man kommt in ein hübsches Zimmer. Au! dem Balkon dieses Raumes mit dem Ausblick zum Tiergarten sitzt ein Kranz schöner Damen, eifrig kauend. Man kann in irgendein Bureau Ihrer Aemter kommen, Herr Reichskommissar, wenn man nur will, in Ihren Aemtern wird zwischen 9A und 2 Uhr immer gekaut. Eine der Holden fragt den lästigen Eindringling, mit beiden Backen kauend, nach seinem Begehr. Man bringt es vor und erkundigt sich boshafterweise nach dem Verbleib seiner Ausfuhrbewilligung. Da müssen Sie zur Zentralstelle für die Wäscheindustrie. Nun wird man deutlich und erreicht, daß eine der Damen das Dejeuner unterbricht, um zu suchen. Es wird nichts gefunden. Zufällig kommt der Bote eines großen Wäschehauses, um im Aufträge seines Chefs nach dem Verbleib einer Ausfuhrbewilligung zu fragen. Die Damen suchen und finden. Sie erklären, daß die Bewilligung für diese Firma am 12. Mai an die Firma abgegangen sei. Da man den Betrieb nun kennt, kann man aber darauf aufmerksam machen, daß dies nicht wahr ist, sondern daß durch ein Versehen das Original und das Duplikat dieser Firma bei den Akten ruhe bis zum Sankt Nimmerleinstag. Das eigene Duplikat ist überhaupt nicht da. Man geht zurück zum Kontrolleur und erzählt ihm die Bummelei. Er gibt alles zu und erklärt, daß er „machtlos sei. Er wäre soeben erst von längerem Urlaub zurückgekehrt. Es sei nicht möglich, so schnell Ordnung zu schaffen. Er sei selbst mit den Nerven völlig herunter. Beschwerden privater oder öffentlicher Natur seien im übrigen völlig zwecklos. Aendern hätte bisher noch niemand etwas können.“ (Seine eigenen Worte.) Wenigstens ein ehrlicher Mensch. Ein andermal will man sich erkundigen, ob Thoriumnitrat ausgeführt werden kann. Liitzowufer. Falsch. Man muß nach der Regentenstraße 23. Um 10 Uhr ist man da. Vor All ist der Referent nicht zu sprechen. Man wartet. Um Ail2 erkundigt man sich endlich, wann man herankäme, denn es sei schon eine Stunde nach All. Darauf die schnippische Antwort: „Manche von den Besuchern scheinen zu glauben, daß wir nur für sie da seien.“ (Wörtlich.) Da hatte man vergessen, daß die Kaufleute nur für die Aemter und die geehrten Beamten da seien. Jetzt will man sich mal über die ganze Geschäftsführung beschweren. Man geht um 11 Uhr zum Lützowufer. Der Herr Reichskommissar Meisinger ist erst um 12 Uhr zu sprechen. Man fordert einen Vertreter. Man wird von einer Dame auf einen dunklen Korridor geführt und wartet vor dem Zimmer eines „Rechnungsrats“. Selbstverständlich schon auf dem Flur Hut in der Hand. Die Dame kommt heraus. Man müsse noch warten, es sei noch eine Dame darin. Man wartet. Die Dame kommt heraus. Man wartet im Gefühl seiner Minderwertigkeit weiter, denn man nimmt an, daß man gerufen werden würde. Das geschieht nicht. Also klopft man nach einiger Zeit höflich an und tritt ein. Ein Herr, ganz Würde, sitzt am Tisch. Er sagt, ohne aufzustehen: „Fräulein“. Das heißt, das Fräulein, seine Sekretärin, solle den Besucher abfertigen. Den Unsinn macht man nicht mehr mit. In einem Zimmer von vielleicht 8 qm erst dem Fräulein und dann dem Herrn Rechnungsrat die gleiche Geschichte erzählen, das ist zu viel. Also wendet man sich direkt in einem Gefühl von Größenwahn an den Herrn Rat und sagt: „Ich möchte eine Beschwerde Vorbringen. Man brachte mich hierher, hieß mich warten, bis die Dame heraus sei. Ich komme nun . . .“ Da unterbrach der Gewaltige: „Da hätten Sie zuerst warten sollen, bis ich Sie gerufen hätte.“ Tableau! Man dreht sich um und verzichtet auf Beschwerde. Das Benehmen des Herrn Rats ist selbst eine Beschwerde wert. 6 Nach dem Zusammenbruch des alten Systems versucht man die zusammengebrochene Wirtschaft wieder aufzurichten. Ein jeder Kaufmann arbeitet daran mit. Die Amtsmethoden Ihres Amts aber verhindern jede Betätigung. Die Ueberhebung Ihrer untergeordneten Beamten überschreitet die zulässigen Grenzen und schädigt nicht nur den einzelnen Kaufmann, sondern auch die Allgemeinwirtschaft und das Gemeinwohl. Meine Zeilen sind diktiert vom Wunsche, das Zusammenarbeiten zwischen Kaufleuten und Beamten zu ermöglichen. Ist das auch das Bestreben des Reichskommissars oder legt dieser Wert auf den Titel, den ihm die Kaufmannschaft seit langem gibt: „Reichskommissar zur Erschwerung der Ein- und Ausfuhr?“ Hochachtungsvoll H. B. Brauchen wir in Deutschland Rindvieh? Ein dänischer Geschäftsmann bietet einem deutschen Kaufmann an, mit ihm gemeinschaftlich 500 Stück Rindvieh einzuführen und auf dem Hamburger Schlachtviehhof zur Auktion zu stellen. Der Däne will das Geld für den Ankauf der Tiere auslegen, die Verladung vornehmen und sämtliche Kosten bis zur Stunde des Verkaufs tragen. Von dem Verdienst, den er bei dem Verkaufe macht, will er dem deutschen Kaufmann 50 Prozent abgeben, und als Entgelt soll der deutsche Kaufmann die für die Einfuhr notwendigen Formalitäten mit der deutschen Beamtenschaft erledigen. Der deutsche Kaufmann wendet sich an den Reichskommissar für die Aus- und Einfuhrbewilligungen und erhält den Bescheid, daß die Einfuhr von- Schlachtvieh frei ist, daß aber der in Liquidation befindliche Ueberwachungsausschuß für Fleischeinfuhr noch der Form nach die Bewilligung auszustellen hat. Der deutsche Kaufmann stellt den entsprechenden Antrag und erhält nach einigen Wochen den Bescheid, daß der Antrag nicht auf dem vorschriftsmäßigen Formulare eingereicht ist, und daß er sich die vorgeschriebenen Formulare bei einer Buchdruckerei in Berlin, die das alleinige Recht auf Herstellung dieser Formulare hat, besorgen muß. Da inzwischen Wochen vergangen und der Däne sein Rindvieh nicht auf unbeschränkte Zeit auf der Weide stehen lassen kann, so verkauft er es nach England. Es vergehen wieder einige Wochen, und der deutsche Kaufmann erhält eine Aufforderung der Handelskammer, zu der er gehört, einige Angaben über seine Firma zu machen wegen der von ihm beabsichtigten Schlachtvieheinfuhr. Da die in Frage stehenden 500 Rinder inzwischen längst in England verzehrt sind, so ist für den deutschen Kaufmann das Geschäft erledigt. Es ist ja auch selbstverständlich, daß der Einfuhr von Schlachtvieh nach Deutschland ein Riegel vorgeschoben wird, denn brauchen wir in Deutschland Rindvieh? Wir haben genug. Die Kehrseite dieser Angelegenheit zeigt uns aber ein anderes Bild. Ein Ausländer will Schlachtvieh hierher liefern. Er fordert keine Vorausbezahlung und will dem deutschen Kaufmann, mit dem er das Geschäft gemeinsam zu machen beabsichtigt, die Hälfte seines Verdienstes abgeben. Der deutsche Kaufmann würde einen Verdienst verzeichnen, für den er dem Staat Einkommensteuer bezahlen könnte. Von dieser Einkommensteuer könnte der Staat seine Organisationen mit den allzuvielen Beamten bezahlen. Diese Beamten verhindern durch Mangel an gutem Willen, durch Lässigkeit und Nichtverstehen des Grundsatzes, daß sie Diener der Allgemeinheit sind, diese Einnahme des Kaufmannes. Der Kaufmann verliert seinen Verdienst und der Staat seine Steuer.