Jßü /I & SsV Ä w 3p p'< % V£h> YM ME 7 .* Bimetallistische Bücherei Max S V.. Hl 1 , f « R 4* « •$tnk p 5/ö - ■ M fti R 51 » m « 8 H •w p ine luseinandersetzung mit fferrn f)r. (Mio ^reneft von Dr. Karl KelffericH- KommisBicmsTerlag von Anton Neustadt a. Hdt. Büctiere Max Ser Bimetallistische Kampfesart. Eine Auseinandersetzung mit Herrn ür. Otto ikrendt, Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses von Dr. Karl Helfferich. Einleitung. Es ist immer eine heikle Sache, in einer persönlichen Angelegenheit vor die Oeffentlichkeit zu treten. Im vorliegenden Falle bin ich durch das Verhalten meines Gegners dazu gezwungen. Offen gestanden ist mir diese Zwangslage nicht einmal unangenehm, denn einmal handelt es sich um sachliche Streitfragen, um die Frage der Silberentwertung, des Einflusses der Silberentwertung auf die indische Getreidekonkurrenz und um die soziale Seite der Währungsfrage, und ausserdem bietet sich Gelegenheit, einige Worte über die Art, mit welcher die bime- tallistischen Agitatoren, speziell Herr Dr. Arendt, ihre Gegner bekämpfen, zu sagen, und das ist mir sehr erwünscht. Niemals ist eine politische oder wirtschaftliche Partei mit annähernd der Anmassung aufgetreten, wie die bimetallistische. In allen politischen und wirtschaftlichen Streitfragen, in den Fragen der Staatsverfassung, der Besteuerung, der Zollgesetzgebung etc. haben beide Seiten ihre Argumente wissenschaftlichen Forschungen entnommen. Niemals ist es einer Partei eingefallen, sich als die allein unfehlbar-wissenschaftliche aufzuspielen und der Gegenpartei schlankweg alle Wissenschaftlichkeit abzustreiten. Ein solches anmassendes Auftreten ist den deutschen Bime- tallisten unter der Führung des Herrn Dr. Arendt vorbehalten geblieben. Aber mit dieser Anmassung ist der genannte I Ierr nicht zulrieden, er begnügt sich nicht damit, seinen Gegnern die Wissenschaftlichkeit abzusprechen, er wirft der ganzen Goldwährungspartei im allgemeinen und einzelnen seiner Gegner im besondern direkt Unehrlichkeit . vor. Die „unehrliche Kamplesweise der Goldwährungspartei" ist im bimetallistischen Lager ein feststehender Ausdruck geworden. In würdiger Weise wird diese Taktik durch Denunziationen ergänzt, ohne welche die bimetallistische Agitation nicht auskommen zu können scheint. vamam _ 4 _ Man erinnert sich an den Brief, welchen Herr von Kardorff im Jahre 1880 an den Fürsten Bismarck geschrieben hat und in welchem er den damaligen Finanzminister Scholz Bamberg-er- o o scher und Delbrückscher Gesinnung beschuldigte, um dadurch den goldwährungsfreundlichen Minister bei dem allmächtigen Kanzler in Misskredit zu bringen. Derselbe Herr von Kardorff hat neuerdings in der Reichstagssitzung vom 16. Februar gelegentlich der Währungsdebatte einen hervorragend sachkundigen Geheimen Rat des Reichsschatzamtes wegen seiner Mienen und Gesten während der Verlesung der bekannten Erklärung des Reichskanzlers denunzirt. Würdig reihen sicli daran die seit geraumer Zeit offen und versteckt gegen den Reichsbankpräsidenten erhobenen Beschuldigungen an, der gelegentlich als „Vorkämpfer grosskapitalistischer Interessen" denunzirt wird, der angeblich eine „eigene Politik" treibt, welche der seines Chefs (des Reichskanzlers) widerspricht. Herr Dr. Arendt hat ihm am 21. Mai 1. J. im Abgeordnetenhaus direkt Unehrlichkeit vorgeworfen, allerdings in einer Form, welche es unmöglich machte, ihn dafür zu fassen. Er hat nämlich die Behauptung, die riesige Steigerung der Silberproduktion seit 1870,75 (von 2 Millionen auf über 5 Millionen kg) sei eine Ursache der Silberentwertung, als „unehrlich" bezeichnet, und gerade diese „unehrliche" Ansicht hatte wenige Tage zuvor der Reichsbankpräsident im Herrenhaus vertreten. Arendt wurde darauf festgenagelt, suchte natürlich sich mutig herauszureden und erklärte schliesslich, er nehme an, dass die Einsicht des Reichsbankpräsidenten nicht weiter reiche als seine Behauptung; mit andern Worten: er setzte an die Stelle des Vorwurfs der Unehrlichkeit den Vorwurf der Unwissenheit. Angesichts eines solchen Auftretens erscheint es angezeigt, die bimetallistische, insbesondere die Arendtsche Wissenschaftlichkeit und Ehrlichkeit etwas näher auf ihr Vorhandensein zu untersuchen. Arendt ist seit 1880 durch und durch Agitator. Erkämpft mit staunenswerter Unerschrockenheit für sein Ziel, den internationalen Bimetallismus und lässt sich darin durch keine Vorgänge und Thatsachen beirren. Alles, was sich ereignet, sieht er lediglich darauf an, wie es sich für den Bimetallismus verwerten lässt, und in der Ausnutzung jedes beliebigen Ereignisses tür seine Zwecke hat er durch fortgesetzte L r buny nachgerade — 5 — eine grosse Fertigkeit erlangt. Seine Gewandtheit in dieser Beziehung ist allmählich so gross geworden, dass er aus jeder Thatsache genau dasselbe beweisen kann, wie aus ihrem Gegenteil. Als die Goldproduktion bis Mitte der achtziger Jahre sank, da predigte Arendt immerzu: Gold wird knapp! Die Welt muss zum Bimetallismus übergehen, denn die Goldwährung ist nicht mehr haltbar. Als seit 1885 die Goldproduktion wieder eine steigende Richtung einschlug und immer mehr anwuchs, da schrieb Arendt mit demselben Eiter und derselben Überzeugung: Gold wird reichlich! Die Welt muss zum Bimetallismus übergehen, denn jetzt muss auch das letzte Bedenken gegen die Durchführbarkeit des Bimetallismus schwinden. — Gut, dass man jedes derartige Sophisma umkehren und so ad absurdum führen kann! Gold wird knapp? — Sehr schade, dadurch wird der an und für sich jetzt wünschenswerte Bimetallismus undurchführbar. — Gold wird reichlich? — A la bonheur! Der Bimetallismus wäre jetzt vielleicht durchführbar — ist aber überflüssig. Das nur als eine Probe Arendtscher Wissenschaftlichkeit! Wie bei solchen Seiltänzereien die „Ehrlichkeit" intakt bleiben kann, mag etwas zweifelhaft erscheinen. Es ist aber vielleicht hier angebracht, speziell darüber, wie genau es der strenge Richter über Ehrlichkeit und Unehrlichkeit seiner Gegner seinerseits mit der Wahrheit nimmt, etwas zu erzählen. In der 16. Auflage seines „Leitfadens" schrieb Arendt: „Argentinien, ein altes Silberland, folgte dem europäischen Beispiel, führte die Goldwährung ein, machte Goldschulden, bis ein Krach kam und zu einer Goldagio-Wirtschaft führte (250 bis 300 pCt.), welche die Überschwemmung Europas mit den argentinischen Erzeugnissen herbeiführte." In der „Nation" vom 4. Mai 1. J. machte ich Herrn Dr. Arendt darauf aufmerksam, dass es mit dem „alten Silberland" nicht seine Richtigkeit habe, dass Argentinien nicht von der Silberwährung zur Goldwährung übergegangen sei, sondern dass seit 1826 in Argentinien Papierwährung bestand und dass deren Gold-Agio bis zur Wende der 70er und 80er Jahre bis auf etwa 3000 °/o angewachsen war. Argentinien ist also nicht durch den Übergang zur Goldwährung von einer alten soliden Silberwährung zur Papierwirtschaft gebracht worden, die Goldwährung, von der alle Übel sich ableiten sollen, ist nicht, wie Arendt glauben machen möchte, schuld an der argentinischen — 6 - Päpierwirtschafti denn diese letztere bestand bereits unter der gesetzlichen Silberwährung und zwar in weit höherem Grad als unter der Goldwährung. Ihr Agio betrug 3000 "/n, während das Agio seit der Einführung der gesetzlichen Goldwährung 300 °/ 0 kaum überstiegen hat. Ob ich Herrn Dr. Arendt mit diesen Ausführungen etwas neues sagte, weiss ich nicht. — Vom 15. Mai datirt erschien nun eine neue Auflage des Arendtschen Leitfadens. Man hätte erwarten können, dass die bezeichnete thatsächliche Unrichtigkeit darin ausgemerzt sei. Man schlägt nach und findet: „Argentinien, ein, wie schon der Name sagt, altes Silberland, folgte dem europäischen Beispiel etc. etc." Das ist offenbar, was Arendt „Ehrlichkeit" nennt. Das Bedürfnis, die Existenz einer wirklichen Silberwährung in Argentinien vor dessen Übergang zur Goldwährung zu beweisen — trotz aller Thatsachen, scheint Arendt ja gefühlt zu haben, und er beweist sie damit, dass — Argentinien Argentinien heisst. Die Entdeckung; dass Argentinien seinen Namen von seiner angeblichen ehemaligen Silberwährung trägt, ist zwar sicher sehr originell — aber wir möchten doch Herrn Dr. Arendt bitten, wenn er wieder einmal seinen Gegnern Unehrlichkeit und That- sachenfälschung vorwirft, sich an das „alte Silberland" Argentinien zu erinnern. — Auch das nur als Beispiel! So sieht der Mann aus, der stets Wissenschaftlichkeit und Ehrlichkeit im Munde führt und diese Prädikate oder ihr Gegenteil mit suveräner Sicherheit und Unfehlbarkeit verteilt. Seine sophistische Dialektik, mit welcher er alles beweist, ist manchmal geradezu lächerlich, so dass einem Zweifel aufsteigen müssen, ob ihn selbst seine einsichtigeren Parteifreunde im Innersten ihres 1 Ierzens ernst nehmen. Seine Manier, welche er seit seinem Eintreten in die bimetallistische Agitation mit Konsequenz verfolgt, die bona Ildes und Ehrlichkeit seiner Gegner zu verdächtigen, muss auf alle, welche ihn näher kennen, ausgesprochen komisch wirken. Er bietet das vollendete Bild des Mannes, der im Glashaus sitzt und wütend mit Steinen um sich wirft. Leider beherrscht seine unfeine Art der Polemik viel zu sehr den ganzen Währungsstreit. Jede sachliche Diskussion mit ihm muss zur persönlichen werden, und sich persönlich mit ihm zu raufen, daran linden begreiflicher Weise nur wenige Geschmack. Man lässt deshalb seine Anzapfungen über sich er- - 7 - gehen, und so kommt allerdings der Anschein zu stände, als ob Arendt einen gewissen Terrorismus in der Währungsfrage ausübe, als ob sich niemand recht getraue, sich mit ihm einzulassen. Dass der Grund nicht in seiner sachlichen Überlegenheit, sondern lediglich in seiner Kampfesart liegt, w ird dabei vielleicht manchmal übersehen. Hauptsächlich als Illustration dieser Kampfesweise sind die hier zusammengestellten Dokumente gedacht. Wenn sie in dieser Beziehung eine aufklärende Wirkung ausüben, haben sie ihren Zweck erreicht. Herrn Dr. Arendts Auslassungen haben darin „wörtlich und unverkürzt" Aufnahme gefunden. Das Publikum hat also Gelegenheit, beide Teile mit ihren eigenen Worten zu hören und danach zu entscheiden. Neustadt a. d. Haardt, Anfang Juli 1895. Karl HellTerieh. ■' ; ■» Ä--i~iKiÄ'5. -.v:-:v- ±jlM ■ ■ - ■ 1. Aus Nr. Iii des „Deutschen Wochenblattes". Karl Ilelfferich. Gegen den Währungs-Umsturz, mit einem Vorwort von L. Bamberger, Berlin, Verlag von Leonhardt Simion. Der jugendliche Verfasser, der vor einiger Zeit eine tüchtige Untersuchung über den deutsch-österreichischen Münzverein veröffentlichte, hat sich bedauerlicher Weise zu einer Streitschrift veranlasst gefühlt, die nicht mehr mit wissenschaftlichem Massstab gemessen werden kann, sondern lediglich den Partei- und Tendenzcharakter trägt, den schon das Vorwort von Bamberger andeutet. Helfferich entledigt sich seiner Aufgabe mit dialektischem Geschick aber ohne jede tiefere Durchdringung des Gegenstandes. Die Oberflächlichkeit der ganzen Beweisführung ist für einen jungen Gelehrten geradezu bedauerlich. Falsche Angaben, wie die über die Silberentwertung, die in der Mitte der sechziger Jahre begonnen haben soll, was den Schein wecken soll, als ob sie nicht auf d ie Aenderung derWährungsgesetzgebung zurückzuführen sei, mussten unbedingt vermieden werden. Die Hauptfrage, ob durch internationales Uebereinkommen ein festes Wertverhältnis beider Edelmetalle hergestellt werden kann und ob die so geschaffene Währungseinheit nicht dem jetzigen Währungskrieg vorzuziehen sei, hat der Verfasser ebensowenig erörtert, wie er der furchtbaren Wertzerstörung durch die Silberentwertung, deren Ursachen er auch unerörtert lässt, gerecht wird. Die Schlusssätze der Schrift werden jeden denkenden Landwirt oder Industriellen — zum Bimetallisten machen, ein allerdings nicht gewolltes Ergebnis. Der nicht unbegabte Verfasser wird vermutlich, wenn er nicht beabsichtigen sollte in die Banklautbahn einzutreten, diese Jugendsünde einmal bereuen. Dass Dr. Bamberger ein Vorwort zu dieser recht unreifen Arbeit schrieb, zeigt, wie ihm jede Bundesgenossenschaft recht ist, aber was hilfts — die böse Welt wird trotz Dr. Helfferich den „Währungs-Umsturz" — dieser Titel ist mindestens eine Geschmacklosigkeit — vornehmen. Alle Einzelheiten einer solchen Tendenzschrift richtig zu stellen erfordert eine Gegenschrift, und das lohnt nicht. Ich hebe nur noch hervor, dass die Silberentwertung nach Helfferich ein mächtiger Schutz für die deutsche Landwirtschaft ist, denn sie hindert, dass das Goldkapital in Indien Anlage sucht, dort Eisenbahnen baut und mithin die indische Produktion und den indischen — 9 - Export verstärkt. Gewiss ein „verflucht gescheiter Gedanke" — im Uebrigen mache die Zunahme der Goldproduktion allen Zweifeln und Sorgen, die, wie wir jetzt erfahren, bis Mitte der achtziger Jahre sehr berechtigt waren, ein Ende — wenn wir nun aber in ein paar Jahren wieder da sind, wo wir Mitte der achtziger Jahre waren, und wenn wir wieder dahin kommen, wo wir vor Kalifornien waren — solche Erwägungen stören unsere Goldleute und auch Dr. Helffe.mch nicht. Apres nous le deluge. Dass die Goldwährungspresse für diese Schrift die grösstmögliche Reklame macht, ist bei dem tiefen geistigen Standpunkt, auf den die Vertretung der Goldwährung herabsank, selbstverständlich. q^ 0 A ren clt. II. Aus Nr. 355 der „National-Zeitung" vom 6. Juni 1 895. Neustadt a. d. Haardt, 3. Juni. Nachstehenden Brief sandte ich am 1. Mai an Herrn Dr. Arendt ab, mit der lütte, ihn in seinem „Deutschen Wochenblatt" als Erwiderung auf eine nicht blos sachlich sehr abfällige, sondern auch in persönlicher Beziehung etwas unfeine Kritik zu veröffentlichen, welche er dort meiner Flugschrift „Gegen den Währungs-Umsturz" hat angedeihen lassen. Ich begreife wohl, dass es Herrn Dr. Arendt nicht ganz angenehm war, diesen Brief in seinem Blatte drucken zu lassen, und erwartete deshalb eine ablehnende Antwort. Es scheint ihm aber noch unangenehmer gewesen zu sein, ihn in einem andern Blatt gedruckt zu sehen. Unterm 6. Mai schrieb mir Herr Dr. Arendt: „Ich werde Ihre „Berichtigung" gern zum Abdruck bringen, sobald die Raumverhältnisse des „ü. W." es gestatten, voraussichtlich in 1—2 Wochen." Damit war der Erfolg erreicht, dass die Sache für zwei Wochen hinausgeschoben war. Ich war entschlossen, falls nach zwei Wochen das „D. W." den Brief nicht brachte und ich sonst keine Nachricht erhielt, anderweitig zu verfügen. Vor dem Erscheinen des „Wochenblattes", in welchem ich den Abdruck meines Briefes zu erwarten berechtigt war, erhielt ich einen Korrekturabzug. Nichtsdestoweniger enthielt das „Wochenblatt" vom 23. Mai den Brief nicht; ebenso wenig die Nummer vom 30. Mai. Der Gedanke liegt nahe, dass Herr Dr. Arendt mir den Brief vom 6. Mai geschrieben und mir die Korrektursendung hat zukommen lassen lediglich in der Absicht, mich hinzuhalten und die Veröffentlichung des ihm unangenehmen 10 - Briefes hinauszuschieben. Um ein Ende zu machen, telegraphirte ich vorgestern (1. Juni) nachmittag gegen zwei Uhr an Herrn Dr. Arendt mit bezahlter Rückantwort: „Bitte bestimmte Antwort, ob mein Brief im nächsten Wochenblatt erscheint." Herr Dr. Arendt hat es vorgezogen, dieses Telegramm bis jetzt (3. Juni Abends) nicht zu beantworten. Infolge dessen halte ich mich dem „Deutschen Wochenblatt" gegenüber, trotzdem der Brief bereits gesetzt ist, für frei, und bitte Sie höflichst, von dem Brief den Ihnen gutdünkenden Gebrauch zu machen. Hochachtungsvoll Dr. Karl Helfferich. Der Brief an Herrn Dr. Arendt lautet: Berlin, 1. Mai 1895. Hochverehrter Herr ! Sie haben mich der Ehre gewürdigt, meine Brochüre „gegen den Währungsumsturz" in Nr. lo des „Deutschen Wochenblattes" einer Besprechung zu unterziehen. Ich darf Sie wohl bitten, mir zu derselben einige Bemerkungen zu gestatten. Sie greifen meine wissenschaftliche Ehrlichkeit an, indem Sie mir „falsche Angaben, wie die über die Silberentwertung, die .Mitte der sechziger Jahre begonnen haben soll", vorwerfen. Die betreffende Bemerkung in meiner Schrift lautet: „Der Silberpreis hatte seit Mitte der sechziger Jahre eine sinkende Tendenz." Diese „sinkende Tendenz" werden Sie in Anbetracht der folgenden Zahlen nicht bestreiten können: Jahre Ihircliiiilllidier Silberpreis in London Zu- oder Abnahme gtgai Jas Vorjahr Abnahme gegen den Pirduthnittspreis 1851-64 d. d. d. 1851—62 61 3 / s 1863 6P/8 1864 61 n /8 1865 61'/l6\ -> -»/.. 1866 61'/« — 4 /l8 1867 60 9 /i8 $$t:;;:^ -»/" 1868 6ov, y — «*/« 1869 60 7 /i«l M/ /j -»/16 ->?/" 1870 1871 1872 60>; liAhl +'-'/"• 601/2 \Wk - lfie 60>J , — 3 /i« — 18 /l8 - M /<« — I7 /l(i 1873 59'/< -"/.« — - 11 — Ich komme zu dem Wichtigeren. Den grössten Wert lege ich darauf, festzustellen, dass Sie aussagen: ,,Die Schlusssätze der Schrift werden jeden denkenden Landwirth oder Industriellen zum Bimetallisten machen." Die Schlusssätze stellen als Wirkungen des Bimetallismus Folgendes fest: „Eine Schuldenentlastung einerseits und einen vorübergehend gesteigerten Unternehmergewinn auf Kosten des Arbeitslohns andererseits", mit einem Wort: ungerechtfertigte Vorteile für einzelne Klassen auf Kosten der Allgemeinheit. Sie in- sinuiren nun unseren „denkenden" Landwirten und Industriellen eine Gewissenlosigkeit sondergleichen, wenn Sie ihnen unterschieben, dass sie sich durch die Aussicht auf einen ungerechtfertigten Vortheil zu einer schweren Benachteiligung der Gesamtheit verlocken lassen könnten, zu einer Massregel, welche allem Gerechtigkeitsgefühl und aller Ehrlichkeit ins Gesicht schlagen würde. Zugleich entschleiern Sie damit die wahren Ziele Ihres Bimetallismus. Wenn Sie behaupten, die Aussicht auf eine durch Geldverschlechterun«' herbeizuführende Schuld- Ö entlastung auf Kosten der Gläubiger und Steigerung des Unternehmergewinns auf Kosten des Arbeitslohnes müsse jeden denkenden Landwirth oder Industriellen zum Bimetallisten machen, dann gestehen Sie damit ein, dass Sie die Geldverschlechterung, die Schuldentlastung, die Steigerung des Unternehmergewinns unter Herabdrückung des Arbeitslohns erstreben. Ihre Gegner werden Ihnen dankbar sein, dass Sie damit Ihre arbeiterfreundliche Maske endlich fallen lassen. Weiter möchte ich Sie, hochverehrter Herr, auf ein kleines Versehen aufmerksam machen, das Ihnen bei der Besprechung unterlaufen ist. Mit einer gewissen Ironie schreiben Sie: o „Ich hebe nur noch hervor, dass die Silberentwertung nach Ilelfferich ein mächtiger Schutz für die deutsche Landwirtschaft ist, denn sie hindert, dass das Goldkapital in Indien Anlage sucht, dort Eisenbahnen baut und mithin die indische Produktion und den indischen Export verstärkt. — Gewiss ein „verilucht gescheiter Gedanke". Ich bin weit entfernt, mir Verdienste anzumassen, welche mir nicht zukommen, und infolge dessen bin ich gerne bereit, die^Ehre, diesen „verilucht gescheiten Gedanken" in Deutschland zuerst ausgesprochen zu haben — Ihnen, hochverehrter Herr. — 12 — zu überlassen. Sie haben selbst in der Silberkommission wörtlich gesagt: „Es würden auch heute Eisenbahnen gebaut werden können, wenn sich unser Kapital nur in die Silberländer begeben könnte. Man hat ausgerechnet, dass wenn in Indien so langsam weiter gebaut wird, w ie es jetzt der Fall ist, man 900 Jahre braucht, bis Indien dieselben Eisenbahnen hat, wie England." Die sich daraus für die Entwickelung des indischen Ackerbaues ergebenden Konsequenzen haben Sie natürlich in Rücksicht auf Ihren deutschen agrarischen Anhang nicht gezogen. Ich bin ferner im Stande, Ihnen zu sagen, woher Sie jenen „verflucht gescheiten Gedanken" bezogen haben. Sie waren Teilnehmer der internationalen bimetallistischen Konferenz, welche am 2. und 3. Mai 1894 in London versammelt war. Dort sagte Herr William Taylor: „Die Münzfrage steht der schnelleren Entwickelung Indiens im Wege. Wenn wir erwägen, dass nur etwa die Hälfte des der Kultivirung fähigen Landes des indischen Reiches wirklich kultivirt ist, ist es da nicht erstaunlich, dass wir das Verbleiben bei dieser Politik (der antibimetallistischen) gestatten?" Herr Taylor führte dann des Näheren den Einlluss des Eisenbahnbaues auf die Entwickelung der indischen Volkswirtschalt aus und schloss: „Bei dem gegenwärtigen Umfang der Eisenbahnbauten in jenem Lande (im vergangenen Jahre wurden nur 4/0 Meilen gebaut) wird es 900 Jahre dauern, ehe der Umfang des Eisenbahn-Netzes in England im A'erhältnis zum Flächenraum erreicht worden ist." Dass auch der von Ihren bimetallistischen Freunden sehr hochgeschätzte Erzbischof Walsh von Dublin die Verzögerung des indischen Eisenbahnbaues der Silberentwertung zuschreibt und dass er klipp und klar den Satz ausspricht: „Jede Meile Eisenbahn erleichtert den Export des Landes", dürfte Ihnen gleichfalls nicht unbekannt sein, zumal ich mich in meiner Schrift ausdrücklich auf Walsh bezogen habe, was Ihnen kaum entgangen sein dürfte. Wir wollen uns also dahin einigen, dass die Ehre, aul den „verflucht gescheiten Gedanken" gekommen zu sein, Ihren englischen bimetallistischen Freunden gebührt, und dass Ihnen, hoch- — 13 — verehrter Herr, das Verdienst zukommt, denselben nach Deutschland importiert zu haben. Ich selbst habe nur die selbsverständ- lichen Konsequenzen für den europäischen Ackerbau gezogen. Ich richte an Sie die etwas unbescheidene, aber höfliche Bitte, diesen Brief im „Deutschen Wochenblatt" zum Abdruck zu bringen. Sollten Sie diesem Ansuchen nicht entsprechen können, so würde ich Sie bitten, mir baldthunlichst davon Mitteilung zu machen, damit ich über den Inhalt des Briefes anderweitig verfügen kann. Herr Dr. Arendt brachte diesen Brief im „Deutschen Wochenblatt" vom 13. Juni 1895 gleichzeitig mi't einer Entgegnung, beides unter dem Titel: „Eine „Berichtigung" des Herrn Dr. Helfferich nebst Antwort". Wenn es dem Herrn Dr. Arendt Vergnügen macht, meinen Brief als Berichtigung zu bezeichnen, so will ich ihn daran nicht hindern. Ich selbst habe das nirgends gethan, er hätte sich also füglich die Gänsefüsschen sparen können. III. Antwort des Herrn Dr. Arendt. Herr Dr. Helflerich scheint geglaubt zu haben, dass das „Deutsche Wochenblatt" nach dem Vorbilde der Goldwährungs- presse eine gegnerische Anschauung nicht zu Wort kommen lässt. Das ist natürlich irrig. Seine Auseinandersetzung ist mir sehr willkommen, als ein hübsches Beispiel von der den Kern der Sache verschleiernden Dialektik der Goldpartei. *) *) Herr Dr. Helfferich hat, obwohl ihm schriftlich mitgeteilt ist. dass das „Deutsche Wochenblatt" seine „Berichtigung" abdrucken würde, diese in der „National-Zeitung" bereits mit der Begründung veröffentlicht, dass ich die mir „unangenehme" Veröffentlichung hinauszuschieben suche, um Zeit zu gewinnen. — Die Leser des „Deutschen Wochenblattes" werden es begreiflich finden, dass mir eine Besprechung der Währungsdebatte im Landtag und eine Zuschrift von der Bedeutung des offenen Briefes des Freiherrn von Koggenbach eiliger zu sein schien, als die Auseinandersetzung mit Herrn Dr. Helfferich. (Meinen Brief erhielt Herr Dr. Arendt am l. Mai: die Währungsdebatten im Landtag fanden erst am 20. und 21. Mai statt, der Brief des Freiherrn von Roggenbach erschien sogar erst am 6. Juni.) Der Herr hat übrigens nicht entfernt so lange zu warten gehabt, als die meisten Mitarbeiter des „Deutschen Wochenblattes". Die Wichtigkeit, die Herr Dr. Helfferich dieser „Berichtigung" beilegt und die Ausführlichkeit, mit «elcher er in der „National-Zeitung" meine angebliche Verschleppungstaktik gegenüber dieser „unangenehmen" Berichtigung klarlegt, entbehrt nicht eines komischen Beigeschmacks. (I)ie — 14 — Wenn Herr Dr. Helfferich Schreibt, dass der Silberpreis seit Mitte der sechziger Jahre eine sinkende Tendenz hatte, so soll doch der Leser annehmen, dass die Entwertung nach seiner Auffassung Mitte der sechziger Jahre begann, denn Entwertung und sinkende Tendenz sind sich deckende Begriffe. Nun aber beweisen die von Herrn Dr. Helfferich selbst beigebrachten Zahlen das Gegenteil. Die steigende Tendenz des Silbers hörte Mitte der sechziger Jahre auf und Silber blieb stabil ungefähr dem Wertverhältnis von 1 : 15'/; (60 ls /i6 d. (d. = pence) entsprechend. Der Durchschnitt des Jahres 1871, im welchem das erste deutsche Münzgesetz erlassen wurde, blieb nur um 5 /n; d. hinter dieser „Parität" zurück und im Februar 18/2 stand Silber sogar noch 61'/'s d., also höher als die Parität, allerdings nicht so hoch als das von Helfferich ganz willkürlich gewählte Durch- schnittsVerhältnis 1851 — 62, umfassend die Zeit, wo Silber Auf- | geld bedang, wo man eine Goldentwertung befürchtete. Als Durchschnittsverhältnis kann man doch nur die „Parität" zwischen Silber und Gold, also 60 ,:! /n: d. = 1 : 15,5 aufstellen. Die Silberentwertung begann mit der Änderung der europäischen Münzgesetzgebung und wäre ohne diese nicht möglich gewesen, das ist die einfache und absolut feststehende Wahrheit, die Helfferich zu verschleiern sucht. Helfferich muss das Jahr 1873, also das Jahr der begonnenen Umwälzung, noch seiner Tabelle hinzufügen, um eine nennenswerte Ziffer des „Sinkens" beizubringen, wie er zum gleichen Zweck eine zu hohe Durch- schnittsziffer der Berechnung zu Grunde legt. Das sind Kunststücke, die vielleicht auf den unkundigen Laien wirken, aber wissenschaftlich unzulässig sind. Was will denn eine „sinkende Tendenz" besagen, die innerhalb eines Penny bleibt, wenn nach 1873 Silber um 33 d. sich entwertet. Übrigens lautet die ganze Stelle in der Broschüre von Helfferich, auf welche sich mein scharfes Urteil bezog, wie folgt: „Der Silberpreis hatte seit Mitte der sechziger Jahre und dann besonders stark seit 1872 eine sinkende Tendenz ziemlich stetig Wichtigkeit, welche Herr Dr. Arendt meiner „Berichtigung" beilegt, erscheint mir weit grösser als die, welche ich ihr zumass. Seine Antwort ist doppelt so lang als mein Brief, und ausserdem verlangte er vom (Soldwährungsverein und von der „National-Zeitung" — von letzterer sogar zweimal die Wiedergabe seiner Entgegnung, und zwar „wörtlich und unverkürzt". Wo liegt also die Komik ?) — 15 — und gleichmässig bis etwa Ende 18/5. Anfangs 1876 begann ein rapider Preislall, der mit der bekannten Panik im Juli dieses Jahres bei einem Silberpreis von 46 :; /i d. seinen Tiefstand erreichte. Das Jahr 1877 brachte eine kolossale Silberausfuhr nach Indien und diese hob den Preis des Silbers bis auf 58'/i d. im Februar. Darauf folgte wieder ein allmäliges Hinabgleiten bis auf 49 d. im Februar 1879." Diese Darstellung ist, ich wiederhole es, eine unwissenschaftliche, falsche und irreführende. Helfferich ist genügend in die Einzelheiten gegangen, um zu wissen, dass die Steigerung des Silberpreises nach der Panik von 1876 lediglich auf den Beschluss des amerikanischen Kongresses zurückzuführen ist, der die Einführung der Doppelwährung beschloss; damals wurden Silbersendungen von London nach New-York geschickt und im Dezember 1876 erreichte Silber den höchsten Kurs von 5S 1 j-2 d., während des dann folgenden Jahres 1877 fand allerdings eine kolossale Silberausfuhr nach Indien statt, aber trotzdem sank der Silberpreis beständig, weil die Doppelwährung in den Vereinigten Staaten scheiterte und die deutschen Silberverkäufe die indische Ausfuhr noch überboten. Im Februar 1877 findet sich der Preis von 58 1 /1 cl. nicht mehr, derselbe ist im Januar notiert, es hätte aber einen eigenartigen Eindruck gemacht, wenn die angebliche Wirkung eines im Laufe des Jahres eintretenden Exports nach Indien im Januar hervorgetreten wäre. Deshalb nennt Helfferich den Februar, während er verschweigt, dass der Höhepunkt der Aufwärtsbewegung schon 1876 eintrat. In Wahrheit ging die Preissteigerung der Exportvermehruiig voraus und diese sah erheblich weichende Silberpreise. Das Jahr der grössten Silberausfuhr nach Indien 1877 schloss mit einer Entwertung des Silbers bis 53 :l /t d., also um 4 1 /2 d. Allein Herr Helfferich will eben den Schein erwecken, als ob nicht die silberfeindliche Gesetzgebung, sondern der natürliche Lauf der Dinge die Silberentwertung herbeiführte. So erfahren wir von der „sinkenden Tendenz seit Mitte der sechziger Jahre, die besonders stark seit Anfang 1872 hervortritt." Im Februar 1872 — also noch nach Erlass des ersten deutschen Münzgesetzes! notirt Silber bl l ja d. also ein Aufgeld gegen die „Parität" von 1 :15,5 und erst im November 1872 als die gesetzlichen Massnahmen gegen das Silber in vollster Vorbereitung oder bereits entschieden waren, sinkt Silber unter 60 d., der — i6 — niedrigste Kurs des Jahres 1872, wo Silber „besonders stark" fiel, ist 59'/t d., Anfangs 18/3 erreicht Silber wieder 59 ir '/n; d. Das „besonders starke Sinken" 187-2 ist also nicht halb so stark, als das Sinken im Jahre 1877, wo Silber nach Helfierich „stieg". - Erst im Oktober 1873, also erst nachdem Frankreich die ersten Prägebeschränkungen für Silber durchgeführt, sinkt Silber unter 59 d. und erreicht im November 57'/* d., einen vorher niemals erlebten Kurs, erst da beginnt die Entwertung, denn Schwankungen von 59—61 d. hatten auch vorher stattgefunden. Wenn eine Thatsache wissenschaftlich feststeht — ich brauche nur auf die englische Enquete von 1889 zu verweisen, die hier ein einstimmiges Urteil aussprach — so ist es die, dass die europäische Münzgesetzgebung die Silberentwertung verursachte. Diese Wahrheit ist wegen ihrer Schlussfolgerungen der Goldpartei peinlich, wer aber das Gegenteil, wie Helfierich, behauptet, muss sich den Vorwurf einer falschen und unwissenschaftlichen Darstellung gefallen lassen. Hier handelt es sich um Thatsachen, nicht um Meinungen. Nun weiter. Ich hatte geschrieben: „Die Schlusssätze der Schrift werden jeden denkenden Landwirt und Industriellen zum Bimetallisten machen," ganz willkürlich bezieht Herr Helfierich diese Worte auf den Satz „eine Schuldentlastung einerseits, und einen vorübergehend gesteigerten Unternehmergewinn auf Kosten des Arbeitslohnes andererseits" etc. Ich hatte aber meinerseits nicht diese, sondern folgende Auslassung des Herrn Helfierich im Auge: „Nun zum Schluss die "Wirkungen, welche auf diesem eminent sozialwirtschaftlichen Gebiet ein Ubergang zum Bimetallismus hätte. Die Bimetallisten wollen und erwarten Preissteigerung. Diese würde eintreten, das gebe ich zu" etc. Das genügt, meiner Ansicht nach, um den denkenden Landwirt und Industriellen zum Bimetallisten zu machen, umsomehr als die Schlussfolgerungen, welche Herr Helfierich hieran anknüpfend über die Schädigung der lohnarbeitenden Klassen vorbringt, so den praktischen Erfahrungen widersprechen, dass sie auf keinen denkenden Landwirt oder Industriellen irgend welchen Eindruck machen — damit entfallen alle weiteren kühnen Schlüsse des Herrn Dr. Helfferich über die Stellung der Bimetallisten zur Arbeiterfrage. Meine Arbeiterfreundlichkeit ist allerdings andersartig als die seinige. Ich glaube, dass die arbeitenden Klassen nicht an sinkenden Preisen, mit Hungerlöhnen und Arbeits- - 17 — losigkeit, sondern an steigender Arbeitsnachfrage mit reichlichem Verdienst interessirt sind und dass diese nur bei günstigen Produktionsbedingungen für Landwirtschaft und Industrie möglich ist. Die Bimetallisten wollen keine Geldentwertung, sondern Schutz vor Geldverteuerung und vor Valuta-Differenzen. Diese Kehrseite der Goldwährungsmedaille existiert für die Goldpartei nicht. Die älteren Sozialpolitiker in Deutschland legten hierauf entscheidendes Gewicht. Die Arbeiterfreundlichkeit der bime- tallistischen Nationalökonomen wie SchäfTle und Ad. Wagner wird es noch mit derjenigen der Herren Lötz und Helfferich aufnehmen können. Zum Schluss wendet sich Herr Helfferich der indischen Frage zu. Er schreibt in seiner Schrift: „Es wäre geradezu unbegreiflich, wenn dieser riesige Aufschwung in den Verkehrsverhältnissen Verzwanzigfachung des Eisenbahn-Netzes seit 1860 (in Russland und Indien) den Getreidebau und die Getreideausfuhr nicht enorm gesteigert und die Getreidepreise nicht ausserordentlich verbilligt hätte." Ja haben sich denn die Getreidepreise in Indien ausserordentlich verbilligt ? Sie haben sich in Europa ausserordentlich verbilligt, aber nicht in Indien. Weizen kostete in Kalkutta nach offizieller Notirung 1873 L. R. 3.5.0, 1893 dagegen 3.4.9 L. R., in Bombay 1873 34.0.0, 1S93 36.0.0 (per Bandy). — Weizen ist also in Indien trotz der Verzwanzigfachung der Eisenbahnen nicht billiger geworden, aber das indische Geld wurde für Europa um die Hälfte billiger und folglich kaufte europäisches Geld mit dem doppelten Quantum Silber das doppelte Quantum indischen Weizen, obwohl dieser seinen Preis in Indien nicht änderte und indischer Weizen konnte also für den halben Preis den europäischen Weizen unterbieten, ohne in Indien selbst seinen Preis zu ändern. Das ist eine Valuta- aber keine Transport-Frage. Nicht die Konkurrenz, nicht den Import fürchtet der europäische Landwirt — Europa muss ja Getreide importiren — sondern die Unterbietung in Folge der Valuta- Differenzen; Fällt diese fort, wird der Silberpreis wieder hergestellt, so kann indischer Weizen nur zum doppelten Preis wie jetzt in Europa verkauft werden, oder er müsste in Indien auf die Hälfte sinken! Die Erschliessung Indiens durch Eisenbahnen ist für unsere Industrie ein Glück, aber sie ist kein Unglück für unsere Land- - 18 - Wirtschaft, wenn die Währurigsgleichheit hergestellt ist. Eben deshalb haben die englischen Bimetallisten und habe ich auf die grossen Absatzgebiete hingewiesen. Welche Indien bez. Ostasien bieten, wenn die Festlegung des Silberwertes dem europäischen Kapital gestattet, dort draussen Anlage zu suchen. ,,Jede Meile Eisenbahn, welche gebaut wird, erleichtert den Export des Landes", ganz recht, was uns schädigt, ist aber nicht der Export, sondern der Export zu schwankenden und entwerteten Silberpreisen. Herr Dr. Helfferich schreibt in seiner Broschüre: „Wie stände es aber erst, wenn die Ausdehnung des indischen Eisenbahnnetzes seit 1860 sich nicht nur verzwanzigfacht, sondern sich vielleicht verdreissig- oder vervierzigfacht hätte! Wäre dann nicht die den Anbau lohnende Fläche in Indien in demselben Grade mehr gewachsen, wäre dann nicht der indische Weizenexport in weit höherem Masse gestiegen, wäre er nicht der europäischen Konkurrenz in noch ganz anderer Weise als jetzt verderblich geworden? Ich glaube das gibt Jedermann zu." — „Wenn dem so ist, dann kann der europäische, insbesondere der deutsche Getreideproduzent dem Himmel für die indische Silberwährung und den Preisfall des Silbers nicht genug dankbar sein." — Das ist der Gedanke, den ich als „verflucht gescheit" bezeichnete — und wieder bezeichne, denn was angeblich „Jedermann zugibt", wird, glaube ich, Jedermann bestreiten, der weiss, worauf es ankommt. Nicht wie viel Weizen Indien produzirt, sondern zu welchen Preisen Indien Weizen in Europa verkauft, kommt für unsere Produzenten in Beträcht. Die Ausdehnung der indischen Eisenbahnen hat bisher den Getreidepreis in diesem Reich von beinahe 300 Millionen Seelen nicht vermindert, warum soll das künftig der Fall sein? Man nehme nur die Valuta-Dillerenz fort und der indische Weizen genirt uns nicht. Dass übrigens in einem uralten, dichtbevölkerten Kulturland der Getreidebau so erheblich anwachsen kann, ist eine zwar aufgestellte, aber nicht bewiesene Behauptung. Selbst wenn sie sich bewahrheitet, steigt damit noch nicht die Exportfähigkeit, denn diese beruht überhaupt nur auf der Anspruchslosigkeit der Bevölkerung. Erhöht der Eisenbahnbau wie wahrscheinlich die Lebenshaltung der Indier, so würde ihr Getreideverbrauch vermutlich stärker steigen als der Getreideanbau. Ich bedauere, dass ein so junger Gelehrter wie I lerr Dr. HehYerich sich in das Parteigetriebe mischt. Die Wissenschaft soll objektiv sein. In den Fusstapfen des Herrn Dr. Bamberger wird Herr HelHerich Objektivität nicht linden können. Leider zeigt die Art der Beweisführung des Herrn Dr. Helflerich, dass er sich Herrn Dr. Bamberger nur zu sehr zum Muster genommen, daher tritt denn auch bei ihm die Tendenz an die Stelle der Erkenntnis. Seine Schrift und die obige „Berichtigung" sind rein advokatenhaft und durchaus unwissenschaftlich. Otto Arendt. IV. Helfferich an Arendt. Neustadt a. d. IT., den 19. Juni 1895. Sehr geehrter Herr! Ich bedauere sehr, Sie abermals mit einer Zuschrift belästigen zu müssen. Zunächst ersuche ich Sie höflichst, Ihren Lesern den wahren Grund der Veröffentlichung meines Briefes vom 1. Mai in der National-Zeitung mitzuteilen. Nach vierwöchentlichem Warten richtete ich am 1. Juni an Sie mit bezahlter Rückantwort die telegraphische Anfrage, ob mein Brief im nächsten Wochenblatt erscheinen werde, Sie jedoch fühlten sich nicht zu einer Antwort bewogen. Dass ich erst daraufhin den Brief der National-Zeitung übergab, konnte Ihnen nicht unbekannt sein, da ich es Ihnen unterm 5. Juni ausdrücklich mitgeteilt habe. Was den Inhalt Ihrer Antwort auf meinen Brief anbetrifft, so gestatten Sie mir wohl, dass ich zunächst der indischen und sozialpolitischen Frage einige Worte widme. Der Grund, warum trotz der Ausdehnung des Eisenbahnnetzes und der Anbaullächen *) der indische Getreidepreis im Jahre 1893 annähernd ebenso hoch war wie 1873, ist Ihnen ebenso wenig unbekannt wie mir. Mit der Silberentwertung musste auch der Wert des indischen Silbergeldes sinkend 'jede Geldwertverringerung wirkt nun nach Ihrer eigenen Theorie dahin, „dass alle Warenpreise eine steigende Richtung einschlagen". Wo ist aber die „steigende Richtung" der Getreide- *) Dass letztere, entgegen Ihrer Behauptung, auch in Indien in hohem Grade möglich ist, wird dadurch bewiesen, dass sich von 1878 bis 1892 die Anbaufläche für Weizen in Indien von 19 auf 26 Millionen Acres ausgedehnt hat. — 20 — t l preise in dem sich entwertenden indischen Silbergeld? — Gerade der Umstand, dass die Getreidepreise in Indien trotz der starken Wertyerringerrung des indischen Geldes nicht gestiegen sind, beweist zur Evidenz, dass Ursachen vorhanden sind, w elche bei /gleichbleibendem Geldwert den Getreidepreis drücken mussten. Dass diese Ursachen in der Aufschliessung neuen Bodens durch Eisenbahnen etc. zu linden sind und ausserdem in erheblichen Transportverbilligungen, darüber kann m. E. kein Zweifel sein. Des weiteren hielt ich mich für vollauf berechtigt, Ihre famose Behauptung, die Schlusssätze meiner Schrift müssten jeden denkenden Landwirt oder Industriellen zum Bimetallisten machen, auf die Quintessenz dieser Schlusssätze zu beziehen und nicht auf einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satzteil. *) Denkende Leser, welche meine Schrift bis zur letzten Seite gelesen haben, werden wohl kaum aus Freude über die von mir zugegebene Preissteigerung mitten im Satze aufhören zu lesen, gerade dort, wo Sie aufgehört haben zu zitiren. Wer eine Preissteigerung ä tout prix will, dem Mann kann ja am besten durch Assignate geholfen werden: v/er das nicht will, wird sich nach den Bedingungen und Folgen umsehen. Die eine von mir behauptete Folge, die Schuldentlastung auf Kosten der Gläubiger, haben Sie aus guten Gründen nicht angefochten, sondern nur die zweite, die vorübergehende Herabdrückung der Lebenshaltung der Arbeiter. Ich möchte Sie bitten, darüber *) Die ganze in Betracht kommende .Stelle lautet: Nun zum Schlüsse die Wirkungen, welche aut' diesem eminent sozial- wirtschaftlichen Gebiet ein Übergang zum Bimetallismus hätte. Die Bimetallisten wollen und erwarten Preissteigerung. Diese würde eintreten, das gebe ich zu. denn der Bimetallismus bezweckt Wertverringerung unseres Geldes. Daraus ergeben sich zwei Folgen, eine dauernde und eine vorübergehende. Alle Schulden würden erleichtert. Das wäre für alle Schulden, besonders für die landwirtschaftlichen mit unkündbaren Hypotheken ein Vorteil auf Kosten der Gläubiger, auch auf Kosten der vielen Sparkassengläubigen die man gewiss nicht zu den „wirtschaftlich stärkeren" Klassen rechnen kann. Die vorübergehende Folge wäre der Arbeitslohn — insbesondere der landwirtschaftliche, denn dieser ist am wenigsten bewegungsfähig — würde erst langsam der allgemeinen Preissteigerung der Ware folgen. Bis dieser Ausgleich sich vollzogen hat, ist der Unternehmer im Stande, auf Kosten des nicht im gleichen Verhältnis gestiegenen Arbeitslohnes von den erhöhten Warenpreisen zu profitieren. — Das wären die Folgen des Bimetallismus : eine Schuldentlastung einerseits, und ein vorübergehend gesteigerter Unternehmergewinn auf Kosten des Arbeitslohnes andererseits. — 21 — im „Leitfaden der Währungsfrage" von Otto Arendt, auf dessen Autorität Sie — wie man sagt — sehr viel halten, nachzulesen. Sie werden dort finden, dass „die arbeitenden Klassen vielleicht (!) anfangs nicht so schnell wie die Unternehmer die Lage für sich ausbeuten (!) können". Genügt Ihnen aber dieses zarte Eingeständnis nicht, dann haben Sie vielleicht die Güte, sich an Ihren Freund, den Herrn Grafen Mirbach zu wenden : der Herr wird Ihnen gerne Aufschluss geben. In der Reichstagssitzung vom 15. Februar 1. J. hat er aus einer goldwährungsfreundlichen Zeitung vorgelesen: „Alle Lebensbedürfnisse steigen infolge der Erhöhung der Silberpreise sofort im Preise, während die Arbeitslöhne langsam nachfolgen", und er fügte hinzu: „Ja, meine Herrn, das ist das, was wir eben anstreben". Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass Graf Mirbach über die bimetallistischen Ziele ausreichend informirt ist. — Schliesslich glaube icli die ernste Pflicht zu haben, Ihre abermaligen, gröblichen Angriffe auf meine Ehrlichkeit und Objektivität mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen. Sie hatten ausdrücklich die Angabe, dass der Silberpreis seit Mitte der sechziger Jahre eine sinkende Tendenz gehabt habe, als „falsch" bezeichnet. Es ist deshalb einfach unrichtig, wenn Sie jetzt behaupten, dieses „scharfe Urteil" habe sich auf einen 10 Zeilen langen Passus bezogen. Die sinkende Tendenz des Silberpreises seit Mitte der 60er Jahre können Sie nicht wegleugnen, deshalb suchen Sie unsern Streit auf ein anderes Gebiet hinüberzuspielen. Ich hätte nicht nötig, mich auf ein derartiges Manöver einzulassen. Ihre neuerlichen Angaben strotzen aber derartig von Entstellungen und Verdächtigungen, dass ich mir im Interesse der geschichtlichen Wahrheit und zugleich meiner Selbstverteidigung nicht versagen darf, zu replizieren. Der Hauptpunkt des von Ihnen neu aufgeworfenen Streites ist: Ich behaupte, dass der gesteigerte indische Bedarf den Silberpreis nach der Panik im Juli 1876 wieder hob und während des Jahres 1877 verhältnismässig hoch Hielt: Sie behaupten, „ich sei genügend in die Einzelheiten gegangen", um zu wissen, dass die 1876 vom amerikanischen Congress beschlossene, aber nicht durchgeführte Doppelwährung infolge von Silbersendungen nach den Ver. Staaten diese Wirkung hervorgebracht habe. Die Entscheidung überlasse ich den von Ihnen in der „vertragsmässigen Doppelwährung" gegebenen Zahlen. — 22 — Mitte Juli 1876 sank der Silberpreis auf 46 s /4 d., bis zur zweiten Augusthälfte hob er sich auf 53 s /4 d. — also eine Steigerung um 7 d.; gegen Ende 1876 kam eine weitere Steigerung hinzu (bis 58'/* d.). Im Jahre 1877 war der Durchschnittspreis des Silbers 54 I3 /i<; gegen 52 :i U d. im Vorjahr. Suchen wir nun in Ihrem genannten Werk nach den Ursachen für die rasche Hebung des Silberpreises nach der Juli- krisis! In den Monaten Januar bis Juli 1876 bezog Indien im Monatsdurchschnitt 507.000 £ Silber aus England, dagegen in den Monaten August bis Dezember 937.000 £. Speziell im August, welcher die rapide Besserung brachte, überschritt die englische Silberausfuhr nach Indien 1 Million £, war also doppelt so hoch wie im Juli. Im Monatsdurchschnitt 1877 betrug sie 1.363.000 £. Ich dächte, durch eine solche enorme Steigerung der Silberbezüge Indiens liesse sich das rasche Steigen des Silberpreises nach der Krisis hinreichend erklären. Wenn Sie aber die Ursachen anderswo suchen, dann müssen dort natürlich die Aenderungen noch viel wichtiger gewesen sein. Wie gestaltete sich nun die Silberbilanz zwischen den Ver. Staaten und England nach der Julikrisis? — Im 1. Halbjahr 1876 exportierten die" Ver. Staaten 1.294.000 £ Silber nach England, im 2. Halbjahr, müsste man nach Ihrer Darstellung erwarten, hätten sie bedeutend weniger exportiert, ja sogar Silber an sich gezogen. Nicht eine Spur! Sie exportierten sogar eine Kleinigkeit mehr als im 1. Halbjahr, nämlich 1.343.000 £. Speziell im August, der die grosse Besserung brachte, importierte England aus den Ver. Staaten 359.000 £ Silber gegen 278.000 £ im Juli, also eine Vermehrung der Silberimporte aus den Ver. Staaten um 40°/o an Stelle einer Verminderung! Die Silberbilanz mit den Ver. Staaten hätte also nach der Krisis den Silberpreis drücken müssen, anstatt ihn zu heben. Die „Silbersendungen nach den Ver. Staaten, denen Sie eine so wunderbare Wirkung zuschreiben, beliefen sich im ganzen Jahr nur auf etwas über 378.000 £, also auf nicht viel mehr, als in dem einen Monat August von dort importiert wurde. — Sie sehen, ich bin „so weit in die Einzelheiten gegangen", um zu der wissenschaftlich wohlbegründeten Ansicht gekommen zu sein, dass die Steigerung des indischen Silberbedarfs, und nicht ein in seinen Anfängen stecken gebliebener Gesetzgebungsversuch die rasche und starke Hebung des Silber- preises nach der Julikrisis herbeiführte. AVenn Sie mir absichtliche Entstellung vonThatsachen behufs Täuschung des Publikums unterschieben, so füllt also dieser Vorwurf auf seinen Urheber zurück. Von Silber-,,entwertung" habe ich in dem von Ihnen zitierten Passus mit keinem Wort gesprochen. Was Sie in Ihrem bime- tallistischen Jargon darunter verstehen, kann mir deshalb gleich- giltig sein. Eben so wenig ist es mir eingefallen, den Eintluss der Münzgesetzgebung auf die Gestaltung des Silberpreises zu leugnen. Sie haben in der Besprechung meiner Schrift mir mit vollem Recht vorgeworfen, dass ich die Ursachen der Silber- entwertung unerörtert gelassen habe. Dass Sie nun meine Meinung über diese Ursachen, von welchen Sie gar keine begründete Ansicht haben können, als „falsch und unwissenschaftlich" bezeichnen, kann mich daher nicht rühren. Wenn Sie aber das „einstimmige Urteil der englischen Enquete von IS89" — soll heissen 1888 — direkt falsch wiedergeben, um es meiner angeblichen Behauptung entgegenzuhalten, so bedarf auch das noch einer Richtigstellung. Die englische Kommission hat nicht das Urteil ausgesprochen, „dass die europäische Münzgesetzgebung die Silberentwertung verursachte", sondern sie hat als ihre Meinung bekundet, dass der Grund der Silberentwertung „in einer Kombination von Ursachen zu suchen ist und nicht einer Ursache allein zugeschrieben werden kann", und das ist — wenn Sie es interessiert — auch meine Ansicht. Um Ihre Taktik prägnant zusammenzufassen: Sie entstellen das Urteil der englischen Enquete und halten es einer Behauptung, die ich nirgends aufgestellt habe, gegenüber, um mich dadurch zu zwingen, mir „den Vorwurf einer falschen und unwissenschaftlichen Darstellung gefallen zu lassen." Ich meinerseits bin mir bewusst, stets nach der Wahrheit mit Fleiss gesucht und nur meine aus diesem Suchen gewonnene Ueberzeugung vertreten zu haben. Ich kann dabei irren, wie jeder andere, und ich bin jederzeit bereit, mich von objektiv- denkenden Leuten belehren zu lassen. Ihnen dagegen, der Sie seit 1'/-' Jahrzehnten mit einem Fanatismus, dem — wie obige Darstellung zeigt — jedes Mittel recht-ist, eine parteipolitische Agitation leiten und dabei offenbar allen Blick für Objektivität eingebüsst haben, muss ich zu meinem Bedauern durchaus die Fähigkeit absprechen, den wissenschaftlichen Wert meiner Arbeiten zu beurteilen. — 24 — Ich bitte Sie höflichst, auch diese Zuschrift in Ihrem Wochenblatt zum Abdruck zu bringen. Da Ihnen Ihre „Raumverhältnisse " auf meinen 2 Spalten langen Brief eine 4 Spalten lange Antwort gestattet haben, machen sie es Ihnen wohl auch möglich, auch diese Entgegnung aufzunehmen. Jedenfalls wäre ich für möglichst baldige Nachricht, ob und wann Sie diese Zuschrift zu bringen gedenken, sehr zu Dank verpflichtet. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Karl HelfFerich. V. Arendt an Helfferich. Berlin, den 26. Juni 1895. Sehr geehrter Herr! Gern werde ich die Auseinandersetzung mit Ihnen fortsetzen — auch Ihr letzter Brief, den ich bei meiner Rückkehr aus Kiel gefunden, ist ausserordentlich geeignet, die Kampfesweise der Goldpartei klarzustellen. Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, diese Polemik gemeinsam für beide Währungsvereine herauszugeben, nachdem Sie vorher festgestellt, wie oft Sie meine Ausführungen zu beantworten wünschen. Der Bimetallisten-Bund ist bereit, die so entstehende Schrift allen seinen Mitgliedern zu übersenden. Bezüglich des „Deutschen Wochenblattes" bin ich in einer schwierigeren Lage, da das kein ausschliessliches Währungsblatt ist und ich eine Polemik in Rücksicht auf die Leser nicht hrs Endlose fortspinnen kann. Wenn ich Ihnen gegenüber einer Bücherbesprechung einmal das Wort zu einer Antwort gegeben, so genügt das nach litterarischem Gebrauch — andernfalls könnten Zeitschriften dauernd ihren Raum lediglich für persönliche Auseinandersetzungen hergeben. Trotzdem würde ich nochmals Ihnen Raum geben, allerdings unter einer Bedingung. Es scheint mir recht und billig, dass die Goldwährungspartei, zu deren Vorkämpfern Sie ja jetzt gehören, das, was sie von bimetallistischer Seite fordert, auch selbst den Bimetallisten zugesteht. Nun hat die „National-Zeitung" Ihren Angriff*) gegen mich veröffentlicht, meine zweimalige Aufforderung aber, meine Ant- : ) Soll heissen „Verteidigung". wort gleichfalls abzudrucken, ignoriert. Der Goldwährungsverein hat die Hauptstellen Ihres Angriffes*) gleichfalls in einem Flugblatt abgedruckt, auf meine Aufforderung aber, auch meine Entgegnung darauf zu veröffentlichen, ablehnend geantwortet. Ich bin bereit, Ihre Auseinandersetzungen im „Deutschen Wochenblatt" abzudrucken, wenn entweder die „National-Zeitung" oder die „Goldwährungs-Correspondenz" meine Entgegnung wörtlich und unverkürzt zum Abdruck gebracht hat. Sie hatten ursprünglich die Ansicht, dass die Veröffentlichung Ihres Briefes mir „unangenehm" wäre — aus meiner Beantwortung ersehen Sie wohl das Gegenteil. Wohl aber muss meine Antwort den Goldblättern recht „unangenehm" **) sein, da man mir zur Verteidigung keinen Raum gönnt. Vielleicht gelingt es Ihrem Einftuss, hier eine Änderung herbeizuführen, dann soll Ihr Brief mit entsprechender Antwort im „Deutschen Wochenblatt" erscheinen. Persönlich bemerke ich noch, dass der schwere Vorwurf, dass ich Ihre Depesche unbeantwortet Hess, vielleicht eine Milderung durch die Plingstzeit erfährt: Ihre Depesche kam am Pfingstsonnabend an — gleich nach Pfingsten Hess ich Ihnen schreiben. Mit vorzüglicher Hochachtung Otto Arendt. VI. Helfferich an Arendt. Neustadt a. d. IL, den 29. Juni 1895. Sehr geehrter Herr! Soeben erhalte ich Ihr vom 26. Juni datirtes Schreiben (nach dem Poststempel ist der Brief erst am 28. Juni in Berlin abgegangen), und ich beeile mich, Ihnen zu antworten. Zunächst ein Wort über den von Ihnen aufgestellten „litterarischen Gebrauch". Sie haben mir — allerdings etwas verspätet — gegenüber Ihren Angriffen in der Besprechung meiner Broschüre „Gegen den Währungs-Umsturz" das Wort gegeben. Sie glauben, dass das genügt. Es hätte mir gewiss genügt, wenn Sie nicht im Anschluss an meinen Brief einen *) Soll heisscn „Verteidigung". **) Unangenehm, aber nicht durch ihren Inhalt, sondern nur durch ihre Länge! — 26 — zweiten, recht längen Artikel gegen mich in Ihrem „Deutschen Wochenblatt" veröffentlicht hätten. Es lallt mir gar nicht ein, zum zweitenmal das Wort gegen Ihren ersten Angriff zu verlangen, ich verlange lediglich zum erstenmal das Wort gegen Ihren zweiten Angriff, und dem „litterarischen Gebrauch" würde es nur entsprechen, wenn Sie dies Verlangen erfüllten, Sie lehnen nun die Aufnahme meiner zweiten Verteidigung nicht unbedingt ab, Sie wollen den Brief vielmehr unter der Bedingung bringen, dass vorher die „National-Zeitung" oder die „Goldwährungs-Correspondenz" Ihren zweiten Angriff auf mich wörtlich und unverkürzt zum Abdruck bringt. Ich finde diese Bedingung schon deshalb sehr merkwürdig, weil ihre Erfüllung durchaus nicht in meiner Macht steht. Ich habe weder auf die „National-Zeitung", noch auf die „Goldwahrungs-Correspondenz" den Einlluss, dass ich diese Blätter zum Abdruck Ihres zweiten AngriJls bestimmen könnte. Dass die „National-Zeitung" Ihre dahin gehende Aufforderung ignorirt hätte, ist überdies nicht ganz richtig. In der Morgenausgabe dieses Blattes vom 15. Juni linden Sie folgendes: In einer Zuschrift an die „Xational-Ztg." hatte Herr Dr. Helfferich sich darüber beschwert, dass das „Deutsche Wochenblatt" des Herrn Dr. Arendt eine diesem übersandte, vom 1. Mai datirte die Währungsfrage betreffende Berichtigung, trotz der Zusage, sie veröffentlichen zu wollen, bis Anlang Juni nicht gebracht hatte; Herr Dr. Helfferich veröffentlichte sie deshalb mit seiner Zuschrift an uns. Jetzt übersendet Herr Dr. Arendt uns die neueste, am 13. Juni erschienene Nummer seines Wochenblatts, in welcher er endlich die Berichtigung abdruckt, und er mutet uns zu. eine lange Antwort an Herrn Dr. Helfferich, die er hinzufügt, „wörtlich und unverkürzt" mitzutheilen. Dazu haben wir nicht den mindesten Anlass, Wer sich für die Einzelheiten des Streites zwischen den beiden Herren intcressirt, kann den Arendtschen Artikel im „Deutschen Wochenblatt" nachlesen: wir haben lediglich Herrn Helfferich die Möglichkeit gewährt! der höchst Ungewöhnlichen Verschleppung einer Berichtigung entgegenzutreten. Ich linde dieses Verhalten völlig korrekt; ebenso das Verhalten des „Vereins zum Schutze der deutschen Goldwährung" in dieser Angelegenheit. Dieser Verein hat ein Flugblatt „Der Schutz der Landwirtschaft und die Doppelwährung" versendet, in w elchem nur nebenbei auf meinen Verteidigungsbrief Bezug genommen ist. Halten die Bimetallisten eine Entgegnung auf dieses Flugblatt für wünschenswert, dann steht es ihnen selbstverständlich frei, ein solches drucken und verbreiten zu lassen. 21 - Wie Sie aber zu der Zumutung kommen, der Goldwährungsverein solle Druck und ( Verbreitung eines solchen Gegenflugblattes übernehmen, ist mir unverständlich. Soviel ich weiss, ist eine solche Zumutung im politischen Leben ein vollständiges Novum. Sie verlangen damit von der Goldwährungspartei etwas ganz anderes, als ich von Ihnen verlange. Ich verlange von Ihnen lediglich, mich in Ihrem Blatt, in welchem Sie mich angegriffen, verteidigen zu dürfen. Sie verlangen von den Blättern der „Goldwährungspartei", mich in Ihren Spalten angreifen zu dürfen. Nicht einmal meine Verteidigung, welche Sie selbst eine „Berichtigung" nennen — ich meinerseits habe das nämlich nirgends gethan — hätte ich in der „National-Zeitung" veröffentlicht, wenn ich auf ihre baldige Veröffentlichung in Ihrem Wochenblatt hätte hoffen dürfen. Auf meine Depesche vom 7. Juni erhielt ich aber nicht „gleich nach Pfingsten" Antwort, sondern erst Freitag nach Pfingsten, Hätten Sie mir, wie Sie behaupten, „gleich nach Pfingsten" schreiben lassen, dann wäre die Donnerstag nach Pfingsten erfolgte Veröffentlichung in der „National-Zeitung" unterblieben. Ihr Vorschlag, unsere Polemik gemeinsam für beide Wäh- rungsvereine herauszugeben, nachdem ich vorher festgestellt, wie oft ich Ihre Ausführungen zu beantworten wünsche, ist das merkwürdigste, was mir jemals vorgekommen. Einmal habe ich über den Goldwährungsverein nicht die absolute Verfügung, wie Sie über den Bimetallistenbund; dann aber ist es doch ein etwas starkes Stück, von mir zu verlangen, im voraus festzustellen, wie oft ich Ihnen antworten will. Ich werde Ihnen genau so oft antworten, als es mir nach Ihren zu erwartenden Gegenantworten, deren Inhalt ich ja im Voraus nicht kenne, angezeigt erscheint. Die Absicht, unsere Polemik als Brochüre zu veröffentlichen , hatte ich übrigens bereits vor Empfang Ihres Schreibens für den Fall, dass Sie meiner zweiten Verteidigung die Aufnahme in Ihr Wochenblatt verweigerten. Diesen Fall muss ich nach Ihrem Brief vom 26. (bezw. 28.) Juni als eingetreten anseilen, denn Ihre Zusage unter, einer von vornherein unerfüllbaren Bedingung sehe ich wohl mit Recht als eine verschämte Ablehnung an. Der Grund, warum wir den Goldwährungsverein und den Bimetallistenbund mit der Sache behelligen sollen, ist mir nicht - 28 — ersichtlich. Dagegen bin ich gerne bereit, Ihnen Abzüge meines zweiten Briefes für Ihre Leser zur Verfügung zu stellen. Sie brauchen mir nur Ihre Abonnentenzahl mitzuteilen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Karl Helfferich. Bis jetzt (9. Juli) hat Herr Dr. Arendt in dieser Sache nichts weiter von sich hören lassen. <*CT