DAS SKATOLOGISCHE ELEMENT DAS SKATOLOGISCHE ELEMENT IN LITERATUR, KUNST UND VOLKSLEBEN VON DR. PAUL ENGLISCH BERLIN JULIUS PÜTTMANN VERLAGSBUCHHANDLUNG, STUTTGART * I 9 2 8 Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung In fremde Sprachen, vorbehalten Copyright 1928 by Julius Puttmann,Verlag, Stuttgart Hergestellt In der Offizin von Stahle & Friedel Typographische Anordnung von Paul Gunkel, beide in Stuttgart Einleitung Eine Geschichte der Skatologie ist noch nicht geschrieben, wird wohl auch nie geschrieben werden. Die wenigsten trösten sich mit Yespasians Wort: Non olet! Die Materie ist auch nicht dazu angetan, ein jedes Faktum genau zu rubrizieren und auf eine bestimmte Formel zu bringen. Nichts ist ja lächerlicher und langweiliger, als die trockene Wissenschaftlichkeit auch bei Materien in Anwendung zu bringen, die sich ihrer ganzen Natur nach nur dazu eignen, durch eine, ach so verpönte, journalistische Behandlungsweise auf gefällige Manier Erklärungen unbekannter Phänomene zu vermitteln, mit anderen Worten, die Skatologie hat nur einen Reiz, wenn durch Plaudern und Erzählen von Anekdotenkram der Leser zu den tieferen Wurzeln des menschlichen Gefühlslebens geführt wird, wenn er über Zusammenhänge aufgeklärt wird, die für ihn bisher eine terra incognita oder vielmehr male cognita gewesen sind. Viele Schriftsteller haben das Skalo- logische gehegt und gepflegt, haben es nicht verschmäht, ein übelduftendes Reis aus dem verwilderten und mit Abfallprodukten gedüngten Abladeplatz zu pflücken, auf dein die Endergebnisse eines gesegneten Stoffwechsels gelandet sind, um von da aus den Kreislauf des Werdens und Vergehens von neuem zu beginnen. Unsere besten Geisteshelden haben es nicht für zu gering erachtet, mit behaglichem Schmunzeln die Nüstern zu blähen, um wenigstens einen Atemzug dieser köstlichen Stickluft in sich aufzunehmen. An .eine Sammlung der einzelnen Fakta ist man noch nicht gegangen. Diese Lücke klafft, sie klafft entsetzenerregend und harrt der ordnenden Hand. „0 braver Mann, braver Mann, zeige dich!" Was ich bringe, sind Bausteine, deren sich ein großer Geist bedienen soll, um ein Haus zu zim- 7 mern, dem man schon von weitem seine Bestimmung ansehen oder besser anriechen wird, an dem aber unsere Systematiker ihre helle Freude haben werden. Er sei gesegnet! Wir sprechen im folgenden kurzweg von skatologischen Anekdoten, Redensarten, Geschichten usw. und müssen deshalb zunächst erklären, was wir darunter zu verstehen haben. Bloch i definiert Skatologie als die fast immer sexuell betonte Rolle des Endprodukts des menschlichen Stoffwechsels und der damit verbundenen Vorgänge im Folklore, im Mythus, Aberglauben und in der Literatur aller Völker und Zeiten! Aber wie so viele der Blochschen Definitionen ist auch diese seiner selbstherrlichen apodiktischen Manier entsprungen, das letzte und entscheidende Wort gesprochen zu haben. Die Sexualität ist nicht so sehr entscheidender Faktor. Wie wir zu beobachten vielfach Gelegenheit haben werden, ist es gerade das Lächerliche der Erscheinung, der bewußt oder unbewußt empfundene Gegensatz zwischen dem ideellen Schein und dem höchst realen Sein, was die ungewollte komische Wirkung auslöst. Die sexuelle Wurzel dagegen ist nicht sehr ins Kraut geschossen. Viel eher spielen Aberglaube, Kult, Indifferentismus, Protest gegen die Zimperlichkeit eine große Rolle, und die widerstreitenden Meinungen für und gegen kommen in den geistigen Produkten zum Ausdruck. Wagen wir uns also an eine Definition, so können wir sagen: Skatologie ist die Literatur, die sich in irgendeiner Weise (ausgenommen die Medizin) mit den Endprodukten der menschlichen Ernährung beschäftigt. Welche Gründe nun dafür maßgebend sind, ist gleichgültig, die Tatsachen allein entscheiden. 1 Beiträge zur Psychopathia sexualis, Dresden igo3, II, 228. 8 ERSTER TEIL I. Ansichten über die Entleerung. Verschiedenartiges Schamgefühl ijrenau betrachtet, ist der Ekel, den ein natürlich denkender Mensch vor dem Kot oder Urin empfindet, unnatürlich. Denn tatsächlich ist das Endprodukt der Verdauung nur ein Glied im Prozesse des Werdens und Vergehens. Die Pflanzen erfreuen zuerst unser Auge, parfümieren die Luft und erquicken unsere Nase, dann schmücken sie unsere Tafel, befriedigen unsern Magen, passieren unsern Darm, und schließlich düngen sie wieder das Feld, dem sie entstammen. Eine ähnliche Metamorphose wird auch in einem alten lateinischen Gedichte geschildert (vgl. Dornavii, Amphitheatrum I 3 k 9: De furno et Latrina): Clinda quidem variunt formam, sed nil pcrit: Mine Huc venit, hinc illucilque reditque eibus. Triticeo molitum pistumque e semine panem Ardensi fornax coneavus igne coquit. At furno coctum, slomachoque gulaque voratum, Egestumque culo servo latrina eibum. Vertuntur panes in stercora; at illa per agros Sparsa Herum fiunt pinguis et alma ceres. Collecto rursum coquilur de semine panis, Atque ila consumptum reddo latrine eibum. Debetur, fateor, patulo sua gloria furno, Sed tanla aut major gratia habenda mihi est. Wir haben also tatsächlich keinen Grund, uns unserer Gottähnlichkeit zu rühmen und naserümpfend uns von 9 den Kakteen menschlicher Herkunft wegzuwenden. Moszkowski 1 sagt treffend: „Es bleibt schon dabei, daß wir verurteilt sind, Ekel zu empfinden und den Ekelstoff am unpassendsten Ort hervorzubringen: und in welchen Mengen! Drei Pfund täglich beim erwachsenen Menschen! Aber freilich, die Natur hat uns in allen vitalen Dingen so wenig verwöhnt, daß wir über dem Grundgefühl: ,Es schmeckt', die schauderhafte Grundbedingung vergessen, unter welcher das Schmecken zustande kommt Wie wir ja auch das Vergnügen eines gesegneten Stuhlganges mit der nämlichen Herzlichkeit begrüßen." Und er hat nicht so unrecht, denn was ißt der Mensch auch alles! Nicht einmal vor dem Kot selbst macht er halt. Schnepfendreck gilt den Feinschmeckern als erlesenste Delikatesse. Pauliini sagt in seiner berühmten „Dreckapotheke": „Dreckfresser sind wir alle. Alle Speisen und Früchte sind mit allerley Thiere und Gewürme Unflat besudelt. Was vor Ungeziefer beschmeißt nicht das Garten-Obst! Gehe doch zum Fleisch-Bänken und siehe, wie häßlich die Fliegen das Fleisch zurichten. Kleine Fische essen wir mit Koth, eben wie Krammetsvögel, und lecken die Finger danach. Fressen nicht alle Fische tote Äser, und wir die Fische, folglich Dreck? Ezechiel sollte Gerstenkuchen mit Menschen-mist backen, als er sich aber dessen beschwerte, ließ ihm der Herr Kuh-mist zu. Einem Schwein ist jeder Dreck angenehm, wir essen's hinwieder, samt dem Unflat, und dünken uns, gute Schnabelweide gehabt zu haben. Von rozichten Schnecken gar nicht zu gedenken. Fürsten und Herren geben wir morsulos magnamimitatis, von Hahnen- und anderen Hoden bestehende, den Bettpruntzern: vulvam suillam. Summa: 1 Die Welt von der Kehrseite. Hamburg-Berlin 1920, S. 64- IO ein Mensch vom Scheitel bis zu den Fersen ist ein rechter Sack voll Dreck." Würden wir aus dieser Erkenntnis heraus die Konsequenzen ziehen, so müßte der Mensch sich des Essens wegen schämen, denn dadurch macht er sich bzw. seinen Magen zur Ablade-, zur Friedhofstätte für organische und anorganische Substanzen und schafft dadurch erst die Vorbedingung für die Entleerung, letztere bildet also das Korrektiv für eine ästhetisch nicht einwandfreie Handlung. Und tatsächlich finden wir diese Auffassung auch bisweilen vertreten. Montaigne berichtet 2 : „Ich kenne eine Dame, und zwar eine der Vornehmsten, welche der Meinung ist, das Käuen mache einen unangenehmen Übelstand, der ihrer Anmut und ihrer Schönheit viel benehme, und sich auch nicht gern öffentlich sehen läßt, wenn sie Eßlust hat. Auch kenne ich einen Mann, der es nicht ausstehen kann, andere essen zu sehen, noch sich selbst beim Essen sehen zu lassen, und wenn er sich anfüllt, alle Zuschauer sorgfältiger vermeidet, als wenn er sich ausleert." Montaigne bucht diese Tatsache als Merkwürdigkeit, aber sie bezeugt nur, daß der Betreffende ein Mann von Geschmack ist, wenn er den Geschmack perhorresziert, und die Leitsätze, die neuerdings „Der Zwiebelfisch" 3 aufstellt, wird jeder feinfühlige Mensch vollinhaltlich unterschreiben: ,.Das Essen und Trinken zum Zwecke der Sättigung sollte man entschieden ebenso wie die sonstigen animalischen und Verdauungsfunktionen hinter verschlossenen Türen verbannen. Gemeinsames Tafeln erscheint mir wenigstens nur dann ästhetisch gerecht- 2 Michael Montaignes Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände. Ins Deutsche übersetzt. Berlin, bey F. T. Lagarde 179'). Fünfter Band, S. ail. 3 4. Jahrgang, S. ig3. II fertigt, wenn es sich um Diners, Festessen, kurz, um jene Sorte von Schlemmereien handelt, die Unterhaltung, Stimmungserhöhung, persönliche Annäherung, Reize der Gourmandise usw. bezwecken. Wobei Voraussetzung ist, daß nur Menschen mit gleichen Tafelsitten dabei vereinigt werden. Sonst aber! Man lege einmal bitte die alles verwischende Brille der Gewohnheit ab, beobachte prüfend und objektiv hungrige Schweine am Trebertroge und gleich darauf speisende Menschen an einer Table d'hote, im Speisewagen oder gar im Theater während der großen Pause! Einen Unterschied wird man gemeinhin nur darin finden, daß die feinfühligeren Schweine sich bei der unappetitlichen Verrichtung nicht auch noch anschauen und mit vollen Rüsseln einander Witze zugrunzen." Die von der Kultur noch nicht allzu sehr Beleckten sind in dieser Hinsicht wohl bessere Menschen. Bei den Orientalen ist der Vornehmste, der allein speist Der türkische Sultan hatte bei seinem Mahle keinen Zeugen. Gab Sultan Abd ul Hamid Il.europäischen Fürstlichkeiten oder Diplomaten ein Festessen, so nahm er wohl an der Tafel Platz, berührte aber selbst keine Speise in Gegenwart der Fremden. Von den brasilianischen Bororo berichtet der bekannte Forschungsreisende Karl von den Steinen eine bezeichnende Anekdote*: „Am Abend bot mir Tumayaua draußen auf dem Platz, wo wir Männer plaudernd bei dem Mandickagestell standen, ein Stück Fisch an, das ich hocherfreut sofort verspeisen wollte. Alle senkten die Häupter, blickten mit 4 Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens. Reiseschilderung und Ergebnisse der zweiten Schinguexpedition 1887—1888, Berlin i8g4, S. 66—67. 12 dem Ausdruck peinlichster Verlegenheit vor sich nieder oder wandten sich ab, und Podeko deutet nach meiner Hütte. Sie schämten sich. Erstaunt und betroffen ging ich in das Flötenhaus, den Fisch zu verzehren. Ich hatte die Mahlzeit noch nicht beendet, als Kule Kule eintrat. Mit einem Gesicht, das deutlich sagte: Ah, Sie sind noch nicht fertig! setzte er sich nieder auf den Boden, schweigend, abgewandt und mit gesenktem Kopfe und wartete... Als Paleko mir den Topf mit kleinen Fischen brachte, waren wir beide allein im Flötenhaus, er kehrte mir den Rücken zu und sprach kein Wort während der langen Zeit, die ich mit den Gräten kämpfte. Ich gab Tumayaua von unserem Bohnengericht. Er nahm die Portion und ging bis zu seinem Hause, wo er sich hinsetzte, aß und zwischendurch, aber ohne den Kopf zu wenden, herüberrufend sich auch an unserer Unterhaltung beteiligte. Er hatte sich also mit voller Absicht entfernt... Ehrenreich hat später bei den Karaja am Araguay etwas Ähnliches gefunden: Die Etikette verlangt, daß jeder, von dem andern abgewendet, für sich ißt. Wer dagegen verstößt, muß sich den Spott der übrigen gefallen lassen." Der Durchschnittseuropäer, dem das Folklore ein Buch mit sieben Siegeln ist, wird dieser gewiß zu billigenden Sitte der „unkultivierten" Neger vielleicht verständnislos gegenüberstehen und ihre Anschauungen als rückständig belächeln, und doch bezeugt gerade dieses Anstandsgefühl, das diesen nichtzivilisierten Völkerschaften innewohnt, ein zartes Empfinden. Andere Völker, andere Sitten! Was dem einen Volke ganz natürlich erscheint, erregt die Verwunderung des andern. Unter dem Schah Fesh Ali fragte deshalb einmal der Großwesir den englischen Gesandten, „weshalb die Eu- 13 ropäer stehend pissen und nicht hockend wie die Orientalen, und weshalb sie sich den Hintern mit Papier abwischen, anstatt ihn wie die Moslems mit Wasser zu reinigen. Der entsetzte Brite, befangen in seiner engherzigen Ansicht von Schicklichkeit, schnauzte den armen Großwesir an und fertigte ihn derb ab" 5 . Der neugierige Großwesir hätte sich an Beroalde de Verville wenden sollen, der ihm die Antwort nicht vorenthalten hätte. „... Sie hätte es wie das Fräulein von Saumur machen sollen, die so haushälterisch ist, daß sie es zu zwo Malen mit einem Arschwisch macht. Nachdem sie sich nämlich das erstemal den A. gewischt hätt, steckt sie das Papier in den Täschlein, allwo sie das Zuckerwerk für die Pagenbirgt, so in den Täschlein derDamen herumwühlen, um Schleckereien zu suchen, wie du soeben sagtest." „Pfui, ich glaube, das ist der Grund, weswegen die Türken sich den A. nit mit Papier wischen, maßen sie Liebhaber von Naschwerk sind, und so sie dann das Gelüsten überfiele, täten sie dann in den Täschlein der Damen kotig Papier finden." „Du hast recht gesprochen... Ich werde euch den Grund sagen, weswegen sich die Türken nit den A. mit Papier wischen, es ist aus Furcht, dieses Papier könnte eine geistliche Bulle sein oder etwelcher Bericht der Kon- sistorii oder ein Beschluß des Kapitels. Und wofern man sich von ohngefähr damit über den Hintern gefahren wäre, so bekäme man des zweifellos Hämorrhoiden, so die Türken baß fürchten, maßen sie glauben, daß die Seele im Blute wäre, und daß — wofern das Blut dergestalt durch den A. flösse — ihre Seele ganz nackt würde 6 ." 5 Dr. J. E. Polak, Persien, Leipzig, I, 67. G Beroalde de Verville, Der Weg zum Erfolge. Deutsch von Spiro. Berlin 191 1\. 14 Die Defäkation vor andern zu verrichten, gilt bei den Äthiopiern als Schande. Männer wie Frauen waschen sich sowohl nach der Defäkation wie nach der Miktion die betreffenden Partien. Ohne ein Gefäß mit Wasser geht kein Moslirn an dieses Geschäft. Ist kein Wasser zur Hand, wie zum Beispiel bei der Reise, muß ein Stein oder Sand genügen. Nach dem Urinieren wird in die- sam Falle die Eichel mit dem ersten besten Stein gerieben. Diese figürliche Waschung wird auch in voller Öffentlichkeit und immer mit der rechten Hand vorgenommen, da die linke als unrein gilt. Die dort lebenden Christen dagegen reinigen sich nie mit Wasser, sondern mit einem Blatte oder einem Stein 7 . Das Schamgefühl ist ja bekanntlich ein ganz relativer Begriff. Nur in dem Organismus „Gesellschaft" kann es sich entwickeln, und nach deren Struktur wird es verschiedene Formen annehmen. Wo Kastengeist herrscht, wird der Niederstehende nicht als vollwertig angesehen, und in den Staaten, in denen die Hörigkeit oder Leibeigenschaft besteht, erscheint der Hörige, Leibeigene nicht als Mensch. Er ist bestenfalls etwas Indifferentes, das nicht zählt, das man nicht beachtet, vor dem man sich keinen Zwang anzutun braucht. Einen trefflichen Beweis für das eben Gesagte bietet uns folgende Anekdote: „Eine russische Dame ging mit einer Französin spazieren, und zwei große Bedienten folgten ihnen nach. Auf einmal rief ihnen die Dame, ließ sich von ihnen unter den Armen fassen und entfernte sich ein wenig vom Wege. Hier ließ sie sich hinter einem Gesträuch durch ihre zwei Pagen die Böcke aufheben und verrichtete, von ihnen gehalten, ein dringendes Bedürfnis. Die Französin konnte es nicht unterlassen, ihr ihreVer- 7 Friedrich J. Bieber in Anthropophytheia, VII, 231. '5 wunderung und Mißbilligung zu erkennen zu geben, daß sie sich nicht schämte, ein solches Geschäft zwischen zwei Männern zu verrichten. Wie? antwortete die russische Dame, es sind ja meine Sklaven, sie sind mit mir erzogen worden, sie sollten sich nur einmal den Gedanken einfallen lassen, daß ich noch etwas anderes habe als einen Rock, oder sich gar einbilden, daß ich für sie Frau und sie für mich Männer sind 8 !" Diese Frau, gewiß eine Dame der „guten" Gesellschaft, stand in ihrer geistigen Entwicklung auf der Stufe der Kinder, die in ihrer naiven Natürlichkeit noch keinen Abscheu vor den Ausscheidungen hegen, den ihnen erst die Erziehung einimpft. So mancher hat wohl schon die Beobachtung gemacht, die ein französischer Memoirenschreiber in die Worte kleidet: „Ich habe Kinder beobachtet, die oft eine Viertelstunde bei ihren Exkrementen verweilten und zuweilen mit einem Stecken darin herumstocherten. Sie zeigten dabei die gleiche Aufmerksamkeit und denselben Ernst wie die alten Auguren, die in die Geheimnisse der Völker zu dringen glaubten, wenn sie in den Eingeweiden erschlagener Feinde herumwühlten. Die Entfernung, die man zwischen sich und seinen Ausscheidungen zu legen sich bemüht, entspringt keinem natürlichen und verständlichen Gefühl, darüber sind sich die Gelehrten einig. Dasselbe will wohl auch Marc Aurel ausdrücken, wenn er sagt, daß der Riechende jeden Geruch ertragen, der Weise vor keinem Sinneseindruck zurückschrecken soll 9 ." 8 Geheime Nachrichten über Rußland unter der Regierung Katharinens II. und Pauls I. Ein Gemälde der Sitten des Petersburger Hofes gegen das Ende des 18. Jahrhunderts (von Major Masson). Zweiter Teil. Paris 1800, S. 194, Note 9. 9 Memoires de l'Academie des Sciences, inscriptions, helles lettres, nouvellement Hahlies. A Troyes en Champagne. A Troyes, chez 16 Max Brüning L' ART DE PETER, ESSAI THEORI-P HVSIQC/E ET METHODIQUE, A Vufagt des Perfonnts conßipees , des Per- fonnages graves & äußeres , des Dames melancoliqu.es , & de tous ceux qui fönt efclaves du prejuge. Suivi de l'Hißoire de P'ET-EN-1'AlR 0 de U Reine des Amazones } oü Con trone l'origüsc des Vuidangcurs. Sujet du Frontifpice. Kt CrEPITUS multot , nequient erumpere perdit ; Et falvat pleno quanda dat ort verum . Ergo ß fervat fugtent , jugulatve rttenlui, OmnibtiJ hitnc Midien qutt neget ejfe parem ? Anonym. *K+ EN WESTP H AL1E, Chez Florent-Q, nie Pet-en-Gueule, au Soufflet. M. DCC. LXXVI. Nach solchen Prinzipien handelte die Menschheit in den alten Zeiten. Der Mensch dachte nicht daran, sich vor etwas zu ekeln, das ein Stück seines Selbst ist oder war. In den südlichen Staaten Europas herrscht in dieser Beziehung noch heute eine Ungeniertheit, die für unsere Begriffe etwas Erstaunliches hat Johann Christoph Maier sagt 10 : „Vom Edelmann bis zum Bettler entladet sich jeder seines Unrats auf der Stelle, wo ihn die Notdurft ankömmt Hier sieht man einen Edelmann seine Gondel ans Land steuern und aussteigen, um das vor jedermanns Auge zu tun, was nur ins Verborgene gehört. Etliche Schritte davon sitzt ein Bettler und tut ein gleiches. Selten kommt man durch eine Straße, wo man nicht einen oder den anderen in solcher Stellung findet... Vornehmlich aber scheint die Unfläterei ihren Sitz im Palast zu St. Markus völlig aufgeschlagen zu haben. Er gleicht mehr einem Kloak als einer Besi- denz... Eines Morgens frühe, wo der Zulauf im Palaste sehr groß ist, stand ich an der Saaltüre des großen Bats im Gespräch mit jemandem, als ich auf einmal eine ungewöhnliche Wärme an einem Beine fühlte. Ich sah mich nach der Ursache davon um und erblickte einen Patrizier in der Weste, der sich diese Ungezogenheit ganz frei erlaubte." — Nicolai erzählt: „Einer unserer Postillione stieg vom Pferde, zog, vor dem Wagen bleibend, ohne weiteres die Beinkleider herunter und verrichtete mit der größten Unbefangenheit, gegen uns gekehrt, seine Notdurft Es ist uns dies schon einmal begegnet... Unf läterei ist in Italien die Losung." Karl le libraire de l'Academie et se trouve ä Paris, chez Duchesne, libraire, rue Saint-Jacques au Temple du goüt, 1756, 1877. 10 In seiner „Beschreibung Venedigs", Leipzig 1795, Bd. II, S. 198—199. 17 August Mayer, der diese Stelle zitiert, erlebte selbst noch etwas Schlimmeres, indem mehrmals Damen aus bestem Stande in seiner Gegenwart und vor seinen Augen ihre Notdurft verrichteten und sogar dies ankündigten 11 ! Es sei hier noch des Gremus merdae der Einbrecher gedacht. Bekanntlich verrichten Gewohnheitseinbrecher am Orte der Tat oft ihre Notdurft. Soweit physiologische Ursachen dabei keine Rolle spielen und nicht die Absicht besteht, den Betroffenen zu ärgern, ist mit dieser Betätigung der Aberglaube verknüpft, daß die Täter so lange vor Überraschungen sicher sind, als der „Nachtwächter" noch warm ist 12 . Auch über die Auffassung, was als „Geruch" und was als „Gestank" anzusehen ist, herrscht durchaus keine Einigkeit. Albert Hagen (Iwan Bloch) hat ein ganzes Werk, „Die sexuelle Ophresiologie" 13 , geschrieben, in dem er den Einfluß der Gerüche auf das Sexualleben eingehend schildert. Aber seine Ansicht, daß alle Düfte mit der Sexualität des Menschen zusammenhängen, ist zu einseitig. Gewiß, in der Mehrzahl wird ein solcher Zusammenhang nachzuweisen sein. Auch die Tatsache, daß selbst die Exkremente als Reizmittel der Libido dienen, steht wohl unverrückbar fest Wir finden hier alle Gattungen und Schattierungen, vertreten, vom harmlosen Renifleur, der in den Aborten herumstreicht, da ihn der dort herrschende Duft wollüstig erregt, oder da er hofft, eine Frau im Zustande der Defäkation zu sehen, was ihm Samenabgang verschafft, bis zum Kotfresser. Einige Beispiele für viele. 11 Vgl. K. A. Mayer, Neapel und die Neapolitaner. Oldenburg 18/1O, I, 3a4. 12 Anthropophytheia, II, 44a—Albert Hellwig, Der Gremus merdae der Einbrecher. 13 2. A., Berlin igoG. IS Ein als Sonderling und Misanthrop seiner Umgebung von Jugend her bekannter Notar, der in seiner im Kon- vikt verbrachten Studienzeit der Onanie sehr ergeben war, regte nach eigener Erzählung seine Geschlechtslust dadurch auf, daß er eine Anzahl von ihm gebrauchter Klosettpapiere auf der Bettdecke ausbreitete, bis durch Betrachtung und Beriechung derselben Erektion eintrat, die er dann zur Onanie benutzte. Nach seinem Tode fand sich ein großer Korb solcher Papiere mit genau notiertem Datum und Jahreszahl bei seinem Bette vor u . Ein alter impotenter Grobian hatte ein Dienstmädchen, das sich seinen Wünschen gefügig zeigte. Das ganze Vergnügen dieses 8ojährigen Lüstlings bestand darin, das Mädchen zu beriechen. Der Gebrauch jeder Art von künstlichem Parfüm wurde streng untersagt, und das Mädchen durfte nur einmal in der Woche frisches Wasser benutzen. Eines Tages wollte das Mädchen dem Hofknecht gefällig sein, der feinere Empfindungen hatte als sein Herr, und beging das schreckliche Verbrechen, sich zu waschen. Dieser bemerkte das sofort und sagte: „Dein Bouquet hat keinen Geruch. Du wirst morgen gehen, weil du meinen Befehlen nicht gehorcht hast." Die Arme wurde von dem Hofe gejagt und durfte niemals wieder dort erscheinen 15 . Ein Normalmensch würde mit dem Dichter Grandval fils sagen: Les derrieres des rois et ceux de leurs sujets Sont egaux pour l'odeur, quand ils ne sont pas nels lß . 14 Hagen, a. a. 0., S. 117. » Hagen, S. 87. 16 Les deux biscuits, tragedie de la langue que Von parloit jadis au royaume d'Astracan, et mise depuis pexi en vers frangois. Astra- can, chez un libraire, 1751. IQ Der gebildete Mitteleuropäer weiß sehr wohl Duft und „Duft" zu unterscheiden. Die Erzählungen und Witze, die sich mit dem Faktum der Defäkation befassen, sind sehr zahlreich. Ein Umstand fällt dabei ganz besonders ins Gewicht: In allen diesen Erzählungen und Schwänken sind sich die Erzähler darüber einig, daß der eigene Dreck dem Erzeuger nicht rieche. Belustigend wirkt schon die Tatsache, daß jeder seinen Exkrementen noch einen Abschiedsblick zuwirft. Andreas Vignale hat diesem Umstand eine eigene Abhandlung gewidmet, und zwar in seinem Buch „La cazzaria" de l'Arsiccio In- tronato, unter dem Titel: „Perche subito que l'uomo a cacato, mira la merda?" (Warum betrachtet der Mensch, nachdem er sein Geschäft verrichtet hat, seinen Dreck?) Für einen andern ist die Betrachtung weniger angenehm. Moliere zum Beispiel braucht in seinem „Malade ima- ginaire" eine ganze Szene, um den „eingebildeten Kranken" über die Notwendigkeit und die Wirkung seiner Klistiere räsonieren zu lassen, und läßt seinen Kranken an die Dienerin die putzige Frage richten: „Hat mein Klistier gut gewirkt? Habe ich viel Galle gemacht?" Und es ist nur logisch, daß ihm die schnippische Antwort zuteil wird: „Als ob ich mich um so etwas kümmerte!" Die Erwiderung war sehr treffend, denn tatsächlich sind gar keine Fälle von weiblichen Renif leurs bekannt Stets ist es der Mann, der die weiblichen Ausdünstungen und Ausscheidungen sucht, und vielen ist es ganz recht, daß das Lustgärtchen in der Nähe der Senkgrube errichtet ist... Wer nicht pervers veranlagt ist, wird auch an dem Anus des gleichen Geschlechts und seinen Ausscheidungen keinen Gefallen finden, denn ob König, ob Bettler, der Duft des Afters ist kein Nasenschmaus. Rabelais, der Schalk, 20 hatte demnach nicht so unrecht, wenn er einmal sich weigerte, vor dem Papste zu erscheinen. Als er sich in Rom befand, wollte er niemals den Gesandten, zu dessen Gefolge er gehörte, zur Audienz beim Papste begleiten. Man fragte ihn um den Grund dieser seltsamen Weigerung. „Ich fürchte", sagte er, „die schlechten Gerüche. Da mein Herr, der einen großen König vertritt, dem Papst die Füße küssen muß, würde man mich, der ich nur ein armer Arzt bin, zweifellos nur zum Arschkuß zulassen 17 ." Wie oben schon erwähnt, spielt der Geruch bei der sexuellen Annäherung eine ausschlaggebende Rolle, wenn er auch nicht derart in den Vordergrund gestellt zu werden pflegt wie bei den „wilden" Völkerschaften. Der König von Arrakau in Peru erhielt alljährlich von jedem seiner Statthalter zwölf der schönsten Mädchen als Geschenk. Waren die Mädchen bei Hofe angelangt, so zog man ihnen dicke baumwollene Kleider an, führte sie in die größte Sonnenhitze und ließ sie so lange tanzen, bis ihre Kleider vom Schweiß durchdrungen waren. Nachdem sie sich umgekleidet hatten, brachte man die nassen Kleider dem König, der eins nach dem andern beroch und zu seinen Weibern oder Beischläferinnen jene erwählte, deren Schweiß ihm am besten zusagte 18 . Bekanntlich verliebte sich auch Heinrich III. von Frankreich leidenschaftlich in Maria von Cleve, als er sich mit ihrem schweißbefeuchteten Tuche sein Gesicht getrocknet hatte. 17 Letlres juiues, ou correspondance philosophique, historique et critique, entrc im Juif voyageur en differents Etats de l'Europe, et ses Correspondants en divers endroits (Par le marquis d'Argens). Nouv. id. A la Haye, 1766, VI, 266. 18 Juristisches Vademekum, IV, S. 0, Nr. i3. 21 Seiteamerweise beruht die Abneigung, die einzelne Nationen gegeneinander hegen, lediglich auf dem Geruch. Schon die Herzogin Elisabeth von Orleans klagt in einem Briefe an eine Freundin: „Die Straßen von Fon- tainebleau sind besonders vom Dreck der Schweizer erfüllt, die solche Haufen machen, groß und dick, wie Sie, Madame." Gerade der Schweizer dient mehrfach als Zielscheibe des skatologischen Spottes, ob mit Recht oder nicht, lasse ich dahingestellt. In einer älteren, überaus seltenen Sammlung von Pikanterien: „L'art de deso- piler la rate" 19 , findet sich folgende recht schlagfertige Antwort eines Soldaten. Dieser verrichtete eben seine Notdurft, als ein Offizier vorbeiging. „Ah, welch ein Gestank!" rief der Offizier und hielt sich die Nase zu, worauf der Soldat: „Wie denn, Herr Offizier, verlangt man etwa, daß ich für fünf Sous per Tag Moschus machen soll?" Dieser an sich recht netten Anekdote nahm sich nun die zünftige Literatur an und machte sogleich einen Schweizer zum Verbreiter der lieblichen Düfte. Und der Poet, dem wir „La Chezono- mie ou l'art de chier"- 0 verdanken, dichtete die Verse: La merde d'un Suisse exhale force odeur, Qu'on seilt et qu'on respire avant de l'auoir vue, Et le due de erier: Ahl le coquin, qu'il pue! Der gute Schweizer: Pour cinq sols que le roi me fait donner pour jour, Vous chierai-je du muse? replique le tambour 21 . 1 9 Sive de modo C . . . . prudenler, en prenant chaque feuillet pour se T.....le D . . . Enlremele de quelques bonnes choses. Nouvelle edition, Revue et augmentee par F. A. L. D. C. Premiere Partie. AVenise, chez Antonio Pasquinatti. 178873. 20 Poeme didactique en qualre chants par Ch. Remard, nouvelle edition, ä Scoropolis 1873. 21 La Chezonumie, p. 91. 22 Interessant ist daran vor allem die lange Erhaltung dieser Anekdote, die nach einem Jahrhundert noch nichts von ihrer Zugkraft eingebüßt hat. Eine große Wahrheit steckt trotz des schmutzigen Gewandes in den Ausführungen, die der französische Hanswurst Tabarin macht 22 . Tabarin fragt, was anständiger sei, der Arsch eines Edelmannes oder der eines Bauern, und welcher von beiden am ärgsten stinke. Der Meister entgegnet: „Es ist zwar nicht anständig, davon zu reden, doch will ich deine Neugier befriedigen. Eines Edelmannes hintere Partie..." Aber Tabarin unterbricht ihn: „Verstümmelt nicht die Worte, ich bitt' euch, es ist vom Arsch die Rede!" — „Eh bien, der Arsch eines Edelmannes erscheint mir anständiger als der eines Bauern, weil der Edelmann stets sauber in Ordnung ist, sich mit Moschus und allen feinen Parfümen salbt und also von oben, bis unten gut duftet." Tabarin ist anderer Ansicht: „Ich bezeuge für meinen Teil, daß der Arsch eines groben Bauern nicht so übel riecht wie der eines Edelmannes. Beweis: Wenn ein Edelmann, mit Respekt zu sagen, hofieren will und sein Prive aufsucht, so kommt er an einen Ort voller Gestank, er setzt seinen Wertesten just auf das Maul des Herrn Prive, die Düfte daraus steigen auf wärts und kleben sich an den Sitzenden, der sie nachher noch lange nicht los werden kann. Zum Schluß benutzt der feine Herr Papier, um sich den A. zu wischen, aber je mehr er wischt, desto mehr pickt er sich den Dreck an, und gewöhnlich fährt er noch mit einem Finger durch das Papier direkt ins Loch. Nun seht mal 22 Tabarin, Recueil general des renconlres, demandes et aulres osuvres tabariniques, avec leurs responses. Paris Ani. de Somma- ville, 1622, Question VIII. Diese Sammlung ist von äußerster Seltenheit, und die obige Anekdote findet sich nur in dieser Ausgabe. 23 unsern groben Bauer! Der kennt keinen Durchfall, weil er keine Luxusspeisen genießt. Er leidet nur. an Verstopfung, und wenn ihn die Lust anwandelt, hat er es nicht eilig. Gemächlich geht er an die freie Luft, wählt sich ein Plätzchen auf freiem Felde, ein Eckchen, auf dem vor ihm noch keiner gesessen, ein sauberes Nestchen: „Allez flairer au cul de l'un et de l'autre qui seni hüten, daß auch nur ein Atom der Gestanklüfte den A. berühre, setzt er sich so, daß der Wind den Rauch des Drecks beiseite treibt." Und als trotz dieser überzeugenden Darstellung der Meister noch zweifelt, rät Tabarin ihm, er möge doch mal eine praktische Erfahrung suchen: „Allez flairer au cul de l'un et de l'autre qui *,enl meilleur. Vous y trouverez de quoy et de quoy manger. Mangez, vous n'auriez qua ouvrir les narrines, l'odeur vous montera au cerveau, cela vous confortera les hi- pondrilles et l'entendement." Hanswurst zeigt sich hier als Menschenkenner und guten Beobachter. Das Beispiel des Bauern sollte nachgeahmt, wenn — ja wenn —. Es wird auch hier so bleiben wie mit Montaignes gesittetem Bauern, der zwei Finger als Taschentuch benutzt, was entschieden hygienischer ist als die sorgsame Verpackung der Sekrete im Taschentuch: Man stimmt seiner Meinung zu, bleibt aber hübsch beim Alten. 2. Der Furz Es ist ja bekanntlich ein Axiom der medizinischen Wissenschaft, daß das Befinden des menschlichen Organismus sich nach der mehr oder minder prompt funktionierenden Verdauung richtet, daß also ein träges Funktionieren des Darmes Mißbehagen und mancherlei Krankheiten zur Folge hat. Aber bereits ein leichtes 24 Unwohlsein bestimmt seelisches Befinden und geistige Tätigkeit. Wer diesen Zusammenhang erkannt hat (und es bedarf dazu nicht einmal einer tiefschürfenden Untersuchung), der läßt auch dem Flatus die ihm gebührende Rolle zukommen. Die mehr oder minder laxe Auffassung hängt meines Erachtens aufs innigste mit der Ernährungsweise zusammen. Die Südländer und die Juden, welche Feigen, süße Weine, Bohnen, Zwiebeln und Knoblauch zu schätzen wissen, kommen natürlich öfter in die Lage, Gas zu produzieren, als der mäßigere und wählerische Nordländer. Wenn aber hoch und gering dem gleichen Zwange unterworfen sind, liegt es nahe, aus der Not eine Tugend zu machen. Die Winde reinigen die Luft und den Dunstkreis, und so reinigen auch die Darmwinde den Körper, verschaffen Gesundheit und Frohsinn. Dieser Ansicht verschloß sich auch der römische Kaiser Claudianus nicht. Man sagte ihm nach, er habe ein Edikt zu erlassen beabsichtigt, das die Erlaubnis erteilen sollte, daß jeder bei einem Gastmahl oder einer öffentlichen Versammlung einen Wind streichen lassen dürfe, denn er hatte gehört, daß einst jemand von einem verhaltenen Winde in Lebensgefahr geraten sei (Sueton, Tib. Claud. c. 32). Der gute Kaiser verschied nach Senekas Apotheose, wie er gelebt hatte, sein letzter Seufzer und sein letzter Ton war ein Donner aus dem Orte, mit dem er während seines Lebens am vernehmlichsten zu sprechen geruhte 1 . Von dem Griechen Metrokies aber wird erzählt, daß er deswegen in der Öffentlichkeit nicht mehr zu erscheinen wagte, weil ihm ein Furz entschlüpft sei. Er 1 Weber, Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen. Stuttgart i858. 12. Bd., S. 3n. 25 beschloß vielmehr, zu sterben. Als dies Krates hörte, machte er sich nach einer tüchtigen Bohnenmahlzeit auf, um ihn von seinem Entschluß abzubringen. Vergeblich, endlich läßt Krates die schwersten Geschütze auffahren und öffnet die Ventile seines Unterstedts. Dieser überwältigenden Beweiskraft kann sich der Jüngling nicht entziehen und gibt lachend seinen Plan auf. Auch Cato der Ältere teilte die Ansicht von Krates. Er tröstete selbst einen Sklaven, der in seiner Gegenwart gefurzt hatte und darüber zu Tode erschrocken war, mit den Worten: „Nulluni mihi viticum facit", und selbst der elegante Cicero ist dieser Meinung 2 . Zar Peter der Große war berühmt als Furzer, sein Buf in dieser Beziehung war so gewaltig, daß der Minister Polens in Berlin nach einem Diner mit dem Herrscher aller Beußen seinem König eigens zu berichten für nötig findet: „Der Zar hat sich selbst übertroffen! Er hat bei Tische nicht aufgestoßen, nicht gefurzt!" 3 Die Ansichten über die Nützlichkeit des Furzens sind natürlich geteilt, die einen preisen ihn, die andern wenden sich schaudernd ab. Manche pflegen und fördern ihn gar. So berichtet man von einem lächerlichen Frondienst, den ein Furzfreund verlangte 4 : „Der Vasall mußte an einem festlichen Tage vor seinem Lehnsherrn tanzen, pfeifen und einen Crepitum ventris fahren lassen." Weber, der berühmte Verfasser des bereits erwähnten 2 Ad famil., IX, 22. 3 Bernh. Slern, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Rußland, Berlin 1907, I, S. 16. 4 „Juristisches Vademekum für lustige Leute", I, 2,?. Nr. 8. 26 „Demokritos", berichtet 6 „von einem theologischen Freitischler, der gegen ein Seidel Bier sich in die Ecke setzte und, die Beine an sich ziehend, mit der prächtigsten Musik aufwartete, die aus den unteren B.e- gionen kam. Die Schlußszene war die stärkste, die am meisten lachen machte. Die Kraft seines Windes verlöschte die Lichter". Schon der heilige Augustin berichtet von einem Menschen, der in der Kunst des Furzens eine außerordentliche Fertigkeit erlangt hatte: „Er wußte die Töne so zu modifizieren, daß er eine Melodie herausbrachte." e Und gleiche Fälle sind uns auch sonst bestätigt. Friedrich S. Krauß 7 berichtet uns: „Vor ungefähr vierzig Jahren gab es zu Pozega in Slowenien einen Kriminalgefangenen, der ein solcher Kunstfurzer war, daß er einmal ein öffentliches Konzert veranstalten mußte. In dem großen Ratsaal waren 5o Sessel aufgestellt. Zwei Schergen führten den Künstler herein. Er war beim Anblick der aufgedonnerten Frauen recht verlegen. Jedoch der Obergespan und der Gerichtspräsident stellten ihm 2 5 Stockstreiche in Aussicht, so daß er sich lieber dem Gebote der Unanständigkeit fügte. Er ließ seine leinenen Hosen herab, hielt sie mit der Linken über den Pudendis fest, lehnte sich mit der Rechten an den Tisch an, hob etwas das linke Bein in die Höhe, zeigte dem Publikum den Allerwertesten, und nun kam klar und deutlich in seltsamer Klangfarbe die chrowotisch-patriotisch-nationale Hymne herausgetönt Herren und Damen riefen: Divno! Za kudno, krasno! Göttlich, wunderbar, herrlich! Und 5 A. a. 0., 3oi. 0 De civitate Dei, lib. XVI, cap. 2^. 7 Anthrop., III, l\02 —/|o3. 27 Ihre Hochwohlgeboren die allergnädigste Frau Ober- gespanin und die hochmögende gnädige Frau Stuhl- richterin näherten sich dem naturwüchsigen Musikinstrumente und überzeugten sich durch Augenschein, daß kein Betrug mitunterlaufe!" Anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts trat sogar in Brüssel, Paris und anderen Städten ein französischer Kunstfurzer öffentlich auf und erregte bedeutendes Aufsehen (ebenda). Ein französischer Arzt, Jeröme Gardan, hat sogar schon vor Jahrhunderten die Fürze in Hinsicht auf ihre Töne studiert und vier Grundtöne neben 58 Variationen, zusammen also 62 Töne festgestellt Jeder, der auf Deutschlands hohen Schulen geweilt hat, kennt den „Bierfriedrich". Wenn einer nach dieser Bichtung hin des Guten oft etwas zuviel getan hat, ist er von der Tafelrunde genötigt, bei jedem Verstoß ein passendes Zitat anzuführen. Mancher bringt es darin zu einer kaum noch zu übertreffenden Fertigkeit. Die Anthropophytheia (IX, 511) enthalten eine kleine Blütenlese: 1. Fahr hin, ich hab' auf Dank ja nicht gerechnet! (Schiller, Wallenstein.) 2. Endlich allein. 3. Das war ein Schuß, von dem wird man noch sprechen in den spätsten Tagen. (Schiller, Teil.) tt. Der Freiheit eine Gasse. 5. Ich kann und will das Pfand nicht mehr vergraben. (Goethe, Lieder, Zueignung.) 6. Alle Vergnügungen auf alle Weise genießen zu wollen, ist unvernünftig, alle ganz vermeiden, gefühllos. (Plutarch, Gastmahl der Weisen § 15.) 7. Das Verhängnis muß geschehen, das Gefürchtete muß nahen. (Schiller, Kassandra.) 28 8. Wenn sich der Verirrte findet, freuen alle Götter sich. (Goethe, Deutscher Parnaß.) 9. Wie freu' ich mich, wie freu ich mich, wie trieb mich das Verlangen! (Lustige Weiber von Windsor.) 10. Verlassen, verlassen bin i. 11. Vor andern fühl' ich mich so klein, Ich werde stets verlegen sein. (Goethe, Faust.) 12. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. 13. Gute Ware lobt sich selbst. lU.In allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch. 15. Nur außi mit die tiafen Toynl 16. Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte? (Schiller, Wallensteins Tod.) 17. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft 1 (Schiller, Teil.) Daß die unterschiedliche Beurteilung des Furzes mitunter das juristische Forum beschäftigen kann, dürfte weniger bekannt sein. Thomasius erzählt von einem sonderbaren Rechtshandel wegen einer Blähung 8 : „Ein Kaufmann steht abends vor seiner Haustüre. Gerade, als ein Mann, der mit ihm in Feindschaft lebte, vorbeigeht, läßt der Kaufmann einen sehr hörbaren Wind gehen. Dies nimmt der Vorbeigehende für eine Injurie und klagt darüber. Der Prozeß wurde durch alle Instanzen mit großer Erbitterung und vielem Kostenaufwand fortgesetzt, am Ende mußte dann freilich der Kläger verlieren." Bei einigen Völkern, namentlich Russen und Italienern, ist das Furzen, selbst in Gesellschaft, durchaus nicht unanständig. Weder in der Familie, noch in Gesellschaft tut man seinen Gefühlen irgendwelchen Zwang an. Selbst die prüden Engländer wissen zuweilen die Wohltaten des Furzes zu schätzen. Dies kann man in s Jurist. Vademekum, II, i48. Nr. 18. 2Q einem englischen Furzbuch nachlesen, das allerdings wahrscheinlich das einzige in der englischen Literatur ist. Es wurde in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in London in nur 5o Exemplaren gedruckt und führt folgenden Titel: „An essay upon wind, with curious anecdotes of eminent peteurs. Prin- ted on superfin pot paper, at the office of Peter Paffendorf, Potsdam o. J." Bei den Ghrowoten haben Erwachsene ihre helle Freude daran, junge Leute in den April zu schicken. Ist wo irgendeine größere Gesellschaft in fröhlicher Stimmung, so erhebt sich plötzlich unter ihnen ein älterer Mann, blickt bestürzt um sich und ruft laut: „Wer von euch kann am schnellsten laufen? Aber rasch, es drängt!" Nun glauben die Jüngeren, da gäbe es was durch einen Gang zu verdienen, und sie schreien durcheinander: „Ich, ich, ich!" — „Mir dico! Ruhe, Kinder!" gebietet der Alte, hebt das eine Bein in die Höhe und läßt einen Lauten fahren: „Wer am schnellsten laufen kann, renne ihm gleich nach, hole ihn ein und behalte ihn, er sei ihm gern gewährt!" Dieser südslawische Scherz ist übrigens Gemeingut. Er findet sich zum ersten in der bekannten Sammlung der „Kanthariden": Zu einem Flickschuster, der sich auch mit Hundedressur befaßte, trat der Lehrbursche aus einem großen Geschäfte. „Meister, Er dressiert wohl auch Hunde?" — „Ja, mein Sohnl" — „Nun, so dressieren Sie mir wohl dieses Windspiel!" rief der Junge und ließ einen Kräftigen fahren. Ferner ist Friedrich der Große der Held der Anekdote. Bei einer Besichtigung fragt er den einen Rekruten: „Was war Er von Beruf?" — „Schnelläufer, Majestät!" — „Nun, so hole Er mir den zurück!" und Friedrich 30 ließ einen streichen. Sofort setzte sich der Soldat zu des Königs großem Erstaunen in Bewegung, kam nach einigen Minuten wieder zurück, stellte sich vor dem König stramm, ließ einen donnern und meldete: „Ausreißer zurückgeholt, Majestät!" Frankreich, das klassische Land der Skatologie, hat sogar eigene Furzgesellschaften aufzuweisen: „Petre- Laconique et Bomboraxale ä Morlanwetz" und die „Societe des Francs-Peteurs". Die erstgenannte Akademie war eine fingierte, und ihr angeblicher Begründer Comte des Fortsas hat nie gelebt Ein gewisser Bene Chalor erfand um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diese Phantasieakademie und alle die fingierten Titel der Bibliothek des Grafen von Fortsas. Das Buch, in welchem von der Furzakademie die Bede ist, führt den Titel: „De la vitesse relative et analectique de l'Academie d'un corps solide en repos, memoire presente ä l'Academie Petrc-Laconi- que et Bomboraxale (section des sciences exactes) par Hcleno Cranir Mnos en Argolide (Renier Chalon de Möns) ä Morlanwetz (Möns, Hoyois) imprimc par Vordre de l'Academie." i84o, 8°. Nur in 16 Exemplaren auf rosa Papier gedruckt 9 . Die „Societe des Francs-Peteurs" dagegen existierte tatsächlich im 18. Jahrhundert in Caen. Von dieser Gesellschaft wird in einem angeblich von Courvoisier verfaßten Büchlein „Zephirartillerie" (1743, 8°, XII u. 36 S.) berichtet, das später der „Art de peter" von Hurtaut beigedruckt wurde. Es gibt von diesem merkwürdigen klassischen Buche verschiedene Ausgaben: „L'art de peter, essai theoriphysique et metho- dique, en Westphalie, chez Florent Q., rue Pet-en- 9 Vgl. Dinaux-Brunet, Societfe badines, II, i3C. 31 Queule, an Soufflet (Paris)" 1751, 12°, mit zwei Bildern. Auch in dem Buche „L'esclamge rompu" (Bordo- Polis 1750) ist von unserer Gesellschaft die Bede. Es wird hier erzählt von der Entstehung der Gesellschaft, von ihren Statuten, von ihren Versammlungen und ihren Vorteilen. Wenn die Mitglieder zusammenkommen, hört man tausend Fürze auf einmal, die Pro- selyten müssen darauf nach bestem Können antreten. Die Statuten der Gesellschaft stellen fest, daß in jeder Stadt eine Casa der Gesellschaft etabliert werden könne. Die Anzahl der Mitglieder soll höchstens dreißig betragen. An der Spitze einer jeden Filiale steht ein Direktor, ihm ist ein Unterdirektor unterstellt, außerdem gibt es das Amt eines Bedners, eines Donnerers und eines Einführers. Die Generalversammlung findet am i5. März statt, da man um diese Zeit am meisten von Winden geplagt ist Der Zweck der Gesellschaft ist die Zerstörung des Vorurteils gegen das freie Furzen. Jeder Freifurzer soll handeln, reden, überzeugen im Sinne der Gesellschaft und die Triumphe der Furzgesellschaft zu mehren sich bemühen. Die neuaufgenommenen Mitglieder werden aufgefordert, durch ungeniertes Furzen in ihrem eigenen Hause, auf der Gasse und in der Gesellschaft für die Sache Propaganda zu machen. Sobald eine Sitzung eröffnet ist, furzt der Präsident brüsk, und alle Brüder machen es ihm nach. Dies wird dreimal wiederholt. Dann vereinigt man sich zu einem feinen Malale, bei dem man furzen darf „sans ordre et sans nombre". Einige lesen Gedichte oder Erzählungen vor. Beifall soll man durch Fürze beweisen 10 . 10 Karl Amrain, Blähungsorakel in Anthropoph., VII, S. 392 bis 3g3. 32 Titelbild von „L'art de peler" 1776 Uns erscheint diese Ungezwungenheit höchst absonderlich und shocking. Ist sie das wirklich? Ich kann sie nur als bewußte Reaktion gegen den Zwang der Etikette und Rückkehr zur Natur auffassen. Hat man sich einmal zu der den Kindern eigenen Vorurteilslosigkeit aufgeschwungen, so entfällt auch bald die Scheu davor, Nase und Ohr eines anderen zu beleidigen. Es finden sich dann schnell gleichgestimmte Seelen, die in bewußter Zuwiderhandlung gegen die beengenden Vorschriften der Gesellschaft sich lediglich als animalische Lebewesen geben. 3. Der Furz in der Literatur Rücher zur Unterweisung in der rechten Kunst des Furzens scheint es schon früh gegeben zu haben, und zwar in Frankreich, dem klassischen Lande der Skato- logie. Rabelais erwähnt bereits im zweiten Ruche, Kapitel VII, des Pantagruel die Schrift: „Ars honneste peltandi in societati". Ob die Schrift der Phantasie des Dichters ihr Erscheinen verdankt oder tatsächlich bestanden hat, ist unbekannt Ein Exemplar ist bisher nicht nachgewiesen. Die älteste bekannte Schrift, die sich über dieses Thema erhalten hat, ist: „La Farce nouvelle et fort ioyeuse du Pect, a quatre personnaiges. C'est assauoir Hubert, la Femme, le Juge et le Procureur." S. r in d. goth. in Hier wird ein fingierter Rechtsfall über das fragliche Thema vorgetragen, worauf der Richter am Schlüsse folgende Entscheidung fällt: J'ordonne que tous mariez Qui doresnavant pectz feront, Tous ensemble les beuront, Et partiront egalement 3 33 A portion du sentiment, Se, ung en destourne la face, L'autre luy dira: Prou vous face! Faictes tost la senlence escripre. Nicht viel später erschien in Deutschland das Werk eines Musikers, späteren Arztes, und zwar vom fachmännischen Standpunkt aus betrachtet: „De flatibus humanum molestantibus commentarius novus ac singu- laris, in quo flatuum natura etc. aucl. J. Fieno, Ant- werpiae" 1582, in 8°. Es wurde mehrfach aufgelegt, ins Deutsche, Holländische und Englische übersetzt, zuletzt 1676 in London. Das Thema von der Wunderkraft des Furzes, aber in durchaus humoristischer Weise, griff gegen i54o ein unbekannter Franzose auf: „he Plaisant deuis du Pel, aucques la vertu propriete et signification diceluy quaulresfoys un noble Champion auroit faict a sa dame Valentine, malade de la collicque venteuse. Et comment par le Pet on peult prognoslicquer plusieurs bonnes aduenlures. Imprime ä Paris, par Nicolas Büffet" (gegen i5. Cypris. Dediees aux beaux expritis" (1615). Diese Fa- zetie im Stile von Rabelais enthält folgendes Epitaphiuni auf Rude-en-Soupe: Cy gist dans ce tombeau foireux Rud-en Soupe le valeureux, 90 Qui voyant la guerre entreprite Au pays, et qu'on le cherchait, Se cacha dessous la chemise De sa grand Jeanne qui petoit. Luy qui tout tremblant escoutoil Tant redoubler des petarades, Saisi de peur, creut qu'il estoit Au milieu des harqubusardes. Qu'en aduint-il? Ses sens malades, Et le trou de son cul puant Perdant sa vertu retentrice, Au Heu de combattre en la lice, II mourut de peur en chiant. Die fruchtbarsten Schriftsteller auf skatologischem Gebiete waren unstreitig Grandval pere und fils. Von er- sterem stammt: „Le pot de chambre casse, tragedie pour rire ou comedie pour pleurer. A Ridiculomanie, chez Georges V Admirateur", s. 1. s. d. In der Vorrede beklagt sich der Verfasser über den herrschenden Zeitgeschmack. Man beklatscht Tragödien, die zum Lachen, und Komödien, die zum Weinen sind. Ein Liebhaber, der in den Kampf zieht, macht seiner Geliebten zum Abschied ein Geschenk, das für den Nachtgebrauch bestimmt ist. Pro- pet, ein abgewiesener Liebhaber, will sich an der Dame rächen. Mit einer Horde von Abtrittsfegern stürmt er den Palast, und die Dame, in die Enge getrieben, weiß sich nicht anders zu retten, als daß sie das Töpfchen auf das Haupt des Angreif ers herniedersausen läßt, samt dem Inhalt, was den Sterbenden am meisten kränkt. — Von seinem Sohne stammen die beiden Stücke: ,.Sirop-au-cul, ou Vheureuse delivrance, tragedie heroi-merdifique, par M., comedien italien. Au temple du Goüt", s. d. in 8°, und „Les deux biscu.its, tragedie traduile de la langue, que Von paloit jadis au royaume d'Astracan, et mise depuis peu enversfrangois. Astracan,chezunlibraire", i7Öi, in 8°. 91 Die Initialen der Schauspieler ergeben den Namen Grandval und die Schlußbuchstaben das Wort le fils. Die Dienerin verabreicht ihrer Herrin ein Klistier und erhält den ganzen Darminhalt ins Gesicht, worauf sie die treffende Bemerkung macht: Les derrieres des rois et ceux de leurs sujels Sont egaux pour l'odeur, quand ils ne sont pas nels. Die besten skatologischen Produkte sind zusammengefaßt in „Merdiana, recueil propre u certain usage. An XI, i8o3, in i8° {it\k S. mit einem Holzschnitt)". Diese Sammlung wurde oft nachgedruckt und enthält alles Wertvollere auf diesem Gebiete. Sie wurde nachgeahmt in „Nouveau Merdiana ou rnanuel des facetieux bons chieurs, recueil de poesies et d'anecdotes propres ä certain usage journalier. A Merdianopolis, chez lamere des Vidangeurs, rue de la Torchetle", s. d., auch bloß unter dem Titel „he nouveau merdiana ou manuel sca- tologique par une societe de Gens sans gene. A Paris et en lous lieux", 1870, 8°. Nicht eigentlich skatologisch. wohl aber in diesem Milieu spielend, ist „Serrefesse, parodie en cinq actes et en vers", von Louis Protal. oder M. Ponsard (nach der Bihl. scat Nr. 56). Aborträumer spielen neben der Titelheldin die Hauptrolle. Serrefesse wird von Pinecul vergewaltigt, den man entmannt 1 . Ein stark skatologisches, daneben aber auch sehr witziges Stück enthält „Le theatre erotique de la rue de la Sante, suivie de la Grande Symphonie des punaises. Partout et nulle pari (Bruxelles), Van de joie (i86f\)". 1 Das Erotikon erschien auch deutsch: Serrefesse. Parodistische Tragikomödie von Louis Pine-a-l'Envers, Mitglied des Caveau. — Aus dem Franz. übersetzt von Theophil Marquardt. Privatdruck Leipzig 1910, in 5oo Ex. 92 Dieses „Theatre" hat folgende Vorgeschichte: Im Kreise junger französischer Bohemiens kam der Gedanke auf, ein kleines freies Marionettentheater zu schaffen zur Belustigung ganz weniger Auserwählter. Es sollten hierbei Stücke gegeben werden, in denen die Dichter ihrer Laune die Zügel schießen lassen könnten. Die Idee kam auch zur Ausführung. Am 27. Mai 1862 wurde das Theater in Anwesenheit von 2 5 jungen Künstlern und Verlegern eröffnet 3 . Hierher gehört das Stück „Signe d'argenl" von Amadee Rolland und Jean Du- boys. Dieses Singspiel ist neben Monniers Einakter „La grisetle et l'etudiant" das beste der Sammlung. Inhalt: Der Herr Marquis, ziemlich abgelebt, wünscht sich einen Erben. Er macht deshalb alle Anstrengungen, um zum Ziele zu gelangen. Es bedarf jedoch mancher Kunstgriffe, zum Beispiel daß der Marquis sich eine Pfauenfeder in den Anus steckt und nun stolz als Pfau in der Stube herumstolziert. Doch auch dieses Mittel versagt zuletzt. Es kommt zu einem Zwist. Im zweiten Akt pflanzen ein Soldat und ein Hausierer je einen „Wächter" von verschiedener Größe. An diesen Platz kommen später der Marquis und die Marquise. Ersterer hält sich die Nase zu und meint, es stinke. Letztere äußert sich entzückt über den würzigen Duft. Bei dem daraufhin entstehenden Streite fällt die Schwangere in Ohnmacht Um sie zu erwecken, gerät der Marquis auf den Gedanken, ihr das Corpus delicti unter die Nase zu halten. Aber wie? Mit bloßen Fingern wagt er es nicht. Da taucht zum Glück der Hausierer auf, von dem der Marquis ein 2 Vgl. Gay, Bibliotheque des ouvrages relatifs ä l'araour etc. 3. A., VI, S. 325, und besonders: Apollinaire, Fleuret et Perceau, L'enfer de la bibliotheque nationale. Nouvelle Edition. Paris 1919. S. 92 bis 114. 93 Buch erwirbt, ein Blatt herausreißt und damit den Haufen anfaßt Bei dem Duft verfliegt die Ohnmacht im Nu. Die Marquise befiehlt nun dem Pantoffelhelden, die Exkremente bei sich zu behalten, da sie noch öfter daran zu riechen gedenke. Entsetzt willfährt der Gatte, der später auf alle mögliche Weise trachtet, sich des übelriechenden Stoffes zu entledigen. Immer kommt die Marquise dazu, die endlich den Wunsch äußert, die Exkremente gekocht zu sehen. Nach erfülltem Wunsch soll der Marquis davon essen. Da er sich weigert, taucht sie sein Gesicht in die Brühe und läßt ihn angeekelt stehen. Ungeachtet des unsauberen Stoffes ist der Dialog sehr witzig. Um aber nicht den Eindruck zu erwecken, daß nur Frankreich derartige Werke aufzuweisen hat, seien auch ein italienisches, spanisches und deutsches hier angeführt „he lodi sopra il cacatajo", in Londra 1786, heißt das italienische. Der Autor ist von seinem Stoff so begeistert, daß er sein Erstaunen nicht verbergen kann, daß Jupiter, anstatt sich in einen Stier, einen Schwan usw. zu verwandeln, nicht die Gestalt eines Nachtstuhls angenommen hat. Mi stupisco ci Giove fortemente, Che essendosi converso in cigno, e in toro, Per godersi con altri allegramente, Non abbia preso mai de Cacatoro La forma, che goduto certamente Avrebbe piü d'allor, che divenn'oro; Danae, Europa, et heda poi rubare Voteva, quando andavano a cacare. Das spanische betitelt sich: „hos Perfumes de Barcelona, cancion catable, que si oliera el diablo que la leyera. Poema en cinco cantos." Palma, imprenla de A. Gibert, 94 ano i8^3, in 16 0 , 64 S. (3. Auflage unter dem Titel „Gancion catable" bereits i836 erschienen). Und schließlich das deutsche: „Über die Posteriora von Dr. Pru- zum." Leipzig 179/i, in 8°. Genauer heißt der Titel: „Adam Theobald Pruzum. Uber die Posteriora. Eine physiologisch-historisch-philosophisch-litterärische Abhandlung. Naturalia non sunt turpia. Buslar 1794. Gedruckt auf Kosten eines Hypochronisten." Das Gegenstück hierzu ist: „Über die Priora. Eine physiologisch-historisch-litterarische Abhandlung. Buslar 1795, gedruckt auf Kosten eines Menschenfreundes/' Beide Abhandlungen zusammen mit der obenerwähnten Schrift von Swift erschienen 1908 in einem Neudruck 3 . Yerfasser ist der bekannte Ch. Fischer-Althing 3 a . An originaler deutscher skatologischer Literatur ist verhältnismäßig wenig erschienen. Amüsant zu lesen ist das humoristische Werkchen „Untersuchungen über die Kakteen. Nach dem natürlichen System von Jussieu. 7. A. Leipzig 1908, 8°, 3o S." Als Vorbild für diese Schrift dienten: „DePeditu ejusque speciebus, crepituet visio. Discursus methodicus in Theses digestus: des Buldrianus Sclopetarius" und das „Amphitheatrum" des Caspar Dornavius von 1719. Die vorliegende, i65o zum erstenmal erschienene Abhandlung geht jedoch durchaus selbständig vor und ist für alle diejenigen eine Quelle urwüchsigen Humors, die einen derben Scherz zu schätzen wissen. Wie gründlich der Verfasser sein Thema zu behandeln verspricht, geht aus der Vorrede hervor. Er sagt: „Zunächst wäre der Zweifel zu lösen, ob das Genus 3 Hayn-Gotendorf, Bibliotheca Germanorum erotica. 3. A. München 191&, VI, 3i4. 3 * Vgl. Dr. Paul Englisch, Geschichte der erotischen Literatur, Stuttgart 1926, S. igl\. 95 Cactus in das Pflanzenreich oder in das Gebiet des menschlichen Kunstfleißes — und im letzteren Falle, ob es zu der höheren Monumentalkunst zu rechnen sei. Für und wider sind von Sachverständigen gewichtige Gründe beigebracht worden, und die Kontroverse dürfte wohl dahin zu bescheiden sein, daß — da nirgends in der Natur ein Übergang fehlt — dieser zwischen Pflanzenreich und der Architektur durch den Kaktus vermittelt wird." Es wird nun eine Einteilung nach Linneschem System gegeben. In die gleichen Fußstapfen tritt der Verfasser von „Hi- storia naturalis cactuum oder ausführliche Naturgeschichte der Kakteen". 3o. vermehrte Auflage. Leipzig 1921*. Er behandelt die Kakteen nach folgendem Schema: 1. Verbreitung und Fundorte der Kakteen. 2. Die Form der Kakteen. 3. Anpflanzung und Behandlung der Kakteen. 4. Die Farbe der Kakteen. 5. Der Geruch der Kakteen. 6. Größe und Gewicht der Kakteen. 7. Die Pseudo- oder falschen Kakteen. 8. Die idealen Kakteen. 9. Über den Nutzen und die Verwendung der Kakteen. Hayn-Gotendorf (III, 280) verzeichnen noch einige weitere hierher gehörende Abhandlungen. „Historia naturalis cactuum von Jaunus. i4-A. Leipzig 1874", scheint mit der vorstehenden Ausgabe identisch zu sein. „Historia naturalis locis oder Naturgeschichte des Steißes von S. T. Eisbein (Pseudonym), 2. A., Leipzig, Expedition der Naturgeschichten, o. J. (ca. 1870), K1.-8 0 ., 1 Hayn, III, 280. Q6 Aus: Gillray, Nationale Gebräuche Aus: Gillray, Nationale Gebräuche ao S." — „De loci historia natura et varietate tractatio, cui illustrandae Corpus inscriptionum a locis abditis con- quisitarum adscripsit S. Webesius, Görlitz, A. Wolmann 5 . Von diesem Webesius, richtig Student Schwebs in Breslau, erschienen mehrere solcher Jocosa: die bereits erwähnte „Historia vaporum ex humano corpore effluen- tium" und vielleicht auch „Historia naturalis pissuum. Das ist Naturgeschichte der natürlichen Fontänen. Ergänzungsheft zu jedem hydraulischen Werke von P. Is- sor major, 2. sehr vermehrte u. verb. Aufl. Leipzig 1875, K1.-8 0 , 24 S." Aus der Perspektive der Rotundenfrau erzählt „Wetti Himmelreich" ihre Erlebnisse, „Leben, Meinungen und Wirken der Witwe Wetti Himmelbach, die ihre Laufbahn als Malermodell angefangen, langjährige Toilettenfrau gewesen etc. Leipzig 1906". Sehr viel skatologisches Material bringt das Mitte der achtziger Jahre erschienene Werk „Das Arschenal der Liebe! Bilder von der Kehr- und Kehrichtseite des Lebens. Führer durch dunkle und üble Stätten der Liebe. 12°, 2 1\ 8 S., o. O. u. J." c . Als humoristisches Preislied für eine ordnungsgemäß funktionierende Verdauung wäre zu rubrizieren: „Sang von des menschlichen Leibes Verhärtung und Wiederbefreiung. Hämorrhoidi- sches Epos vermischt mit lyrischen Liedern. Leipzig, Rainer Wunderlich, o. 0., 8°, 26 S." „Der Undank des Menschen gegen seinen all er wertesten, treuesten Freund" (o. 0. u. J.), den uns ein anonymer Verfasser in beweglichen Worten schildert, entbehrt auch tatsächlich jeder Berechtigung. Ich kann es mir nicht versagen, diese witzige Jeremiade hier in extenso wiederzugeben: 6 Anthr., IX, 5o5. 6 Anthr., VII, 4o3. 7 97 Meine Herren! „Das größte Laster ist der Undank", hat ein großer Dichter irgendwo einmal gesagt. Deshalb glaube ich, Sie auf einen großen, von Ihnen begangenen Undank aufmerksam zu machen, in der Hoffnung, daß Sie sich bessern werden. Man hat in der letzten Zeit an den verschiedensten Orten alle möglichen und unmöglichen Arten von Er- innerungs- und Gedächtnisfeiern begangen, nur eines treuen Menschenfreundes hat niemand gedacht, ja sein Name wird von der undankbaren Welt so selten ausgesprochen, daß er geradezu „Der Unaussprechliche" heißt, während er auf der anderen Seite einem jeden von uns so teuer ist, daß ihn jeder mit voller Überzeugung seinen Allerwertesten nennt. Dieser Allerwerteste, an dessen Wohlergehen uns allen so viel gelegen ist, den man auch wohl den „großen Unbekannten" nennen könnte, weil ihm sicher noch keiner direkt ins Antlitz gesehen hat, obgleich ihn jeder als seinen getreuen Freund überallhin mitnimmt, und den auch momentan jeder, wenn auch nur maskiert, mitgebracht hat, ist auch, wie gleichgültig er auch aussehen mag, sehr empfindlicher und zartfühlender Natur und über die beständige Hintansetzung, welche er sein Leben lang erdulden muß, sehr bedrückt und betrübt. Ich habe ihn neulich bei einem längeren Selbstgespräch belauscht und will nun die Wehklagen, durch welche er seinem beklommenen Herzen Luft zu machen suchte, Ihnen getreulich mitteilen, vielleicht daß dadurch der eine oder der andere von Ihnen in Zukunft zu einer liebevolleren Behandlung seines treuesten Freundes und zu häufigerer Erleichterung seines drückenden Loses Veranlassung nehmen wird. 98 Dieser allerwerlesle Freund ließ sich nun, soviel icli von seiner Sprache, über welche bis jetzt leider weder eine Grammatik noch ein Wörterbuch geschrieben wurde, verstehen konnte, folgendermaßen aus: ..Ich bin", brummte er, „von uraltem Geschlecht, war schon mit Adam im Paradiese auf das innigste verbunden, habe den Sündenfall mitgemacht und namentlich von dem fatalen Apfelbiß meinen Teil mitbekommen und nachträglich die Folgen verspürt Soweit sich seitdem die Menschen über die Erde ausgebreitet haben, bin ich ihnen als ihr unzertrennlicher Begleiter überallhin gefolgt. Ich schließe mich dem Menschen gleich bei der Geburt an, begleite ihn durchs ganze Leben und lasse mich aus purer Anhänglichkeit sogar mit ihm begraben. Durch meine sich bei Mohren wie bei Kaffern, Eskimos, Lappländern, Buschweibern und Hottentotten überall findende unleugbare Familienähnlichkeit und gleichförmige Bildung liefere ich allen entgegengesetzten gelehrten Ansichten zum Trotz den evidenten Beweis, daß alle Menschen von einem Paare nur abstammen und Brüder sind. In meiner Jugend habe ich noch einige Freiheit und darf mich hinter Hecken und Sträuchern zuweilen der Öffentlichkeit zeigen, aber bei fortschreitendem Alter muß ich der Luft und dem Licht entsagen, weshalb ich desselben so ungewohnt werde, daß, wenn man mix auf mein hartnäckiges Drohen doch einmal die Freiheit auf Augenblicke gibt, mich die ungewohnte Luft sofort zum Übergeben bringt. Selbst wenn ich mich freimachen und mit Vatermörder und Krawatte ausstaffieren würde, dürfte ich mich in anständiger Gesellschaft nicht blicken lassen; sogar 99 meinen ehrlichen Namen auszusprechen, hält man für unschicklich. Trotzdem habe ich auf der Welt gar viel zu bedeuten. Was hülfen alle Schätze, wenn man mich nicht besitzen könnte. Ein jeder anständige Mensch verwahrt mich deshalb auf das sorgfältigste, hüllt mich, solange er noch einen Groschen in der Tasche hat, in Samt, Seide und feine Leinwand und nennt mich seinen Allerwertesten. Wer mich nicht mehr bekleiden kann, den sieht man für einen Lumpen an. Durch mich wird die Jugend gebildet und erzogen; durch mich sitzt der König auf seinem Thron, ja — Markus saß durch mich auf den Trümmern Karthagos, und der Verbrecher sitzt durch mich in seiner Zelle. Mit den edelsten Geschlechtern stehe ich in der innigsten Verbindung. Kaiserinnen, Königinnen, Fürstinnen gehen mit mir zu Bette, und ich habe gleich der Garde das Vorrecht, in Gegenwart des Königs bedeckt zu bleiben. Dessenungeachtet fühlt sich doch der geringste Bettler beleidigt, wenn er bei mir zu Gaste gebeten wird. Im Punkte der Ehre bin ich sehr kitzlich. Es kann sich niemand rühmen, mich jemals an der Nase herumgeführt zu haben. Obgleich ich die Ruhe liebe, stehe ich in dem Gerüche, sehr häufig Stänkereien anzufangen. Bei den feierlichen Sitzungen der Gerichte und Kammern habe ich besonders viel zu dulden, spiele aber dabei die Hauptrolle; denn, wenn auch bei der Abstimmung meine Stimme nicht mitgezählt wird, so weiß doch ein jeder, daß die ganze Sitzung nur auf mir beruht und ohne mich nicht aufgehoben werden kann. Trotz der Ähnlichkeit meiner Wangen und der feinen Bildung meines Mundes bin ich kein großer Redner, und nehme ich mir einmal die Freiheit, zu reden, so stiebt IOO gleich alles auseinander, schlimmer wie beim langweiligsten Kammerredner. Doch bin ich sehr musikalisch, und meine Stimme ist gar oft .melodisch', dem Waldhorn vergleichbar. Zum Sänger bin ich jedoch wegen meines sehr kurzen Atems nicht geeignet; dagegen habe ich meiner kurzen, kräftigen und sonoren Ausdrucksweise wegen ein entschiedenes Talent zum Posaunisten. Außerdem bin ich Ritter yom Hosenband und vom goldnen Sporn, habe als ehrsames Handwerk das Seildrehen gelernt, und wenn sich meine Fabrikate auch nicht gerade durch eine besondere Länge auszeichnen und besondere Haltbarkeit aufweisen, so kann ich doch das mit vollem Recht von ihnen rühmen, daß sich noch kein Mensch mit ihnen aufgehangen hat. Im ganzen bin ich nicht sehr gesprächig, nur wenn man mir meine Lieblingsgerichte, als da sind: ein solider Erbsenbrei, Rüben oder Zwiebeln, in genügender Menge verabreicht hat, ergehe ich mich später aus Behaglichkeit in längeren Perioden. Zwar protestiert meine Nachbarschaft immer gegen dergleichen Redensarten, allein ob mit Recht, kann ich selbst nicht beurteilen, da die Natur leider meinem sonst so reichlich bedachten Antlitz das Riechorgan zu versagen für gut befunden hat Ich bin noch ganz unverdorbener Natur, auf welche die Mode und Eitelkeit dieser Welt ihre Herrschaft noch gar nicht auszudehnen vermochte. Eau de Co- logne, Lilionese, Moras orientalisches Enthaarungsmittel, ungarische Bartwichse oder gar die Hand eines Barbiers haben mich noch niemals berührt. Selbst die größte Kokette hat niemals versucht, meine großartigen Wangen zu schminken. ; IOI Leider bin ich nicht ganz einig, sondern in zwei Parteien gespalten, eine rechte und eine linke, und hat eine Vereinigung derselben trotz der redlichsten Anstrengungen und der gründlichen Bearbeitung mancher Schulmeister bis jetzt noch nicht zustande gebracht werden können. Auf alle Journale bin ich abonniert, alle, auch die gelehrtesten Schriften, dann aber auch manche un- quittierte Rechnung und feine Liebesbriefe werden schließlich mir zur letzten Begutachtung vorgelegt. Doch noch keines dieser Werke hat meinem hohen Verstände genügen können, vielmehr lasse ich sie alle, mit meinem Handzeichen versehen, in den Abgrund der Vergessenheit fallen. Ich muß bemerken, daß ich bei dieser kritischen Arbeit meist durch eine große Brille sehe. Trotz aller dieser Vorzüge werde ich sehr von der Menschheit vernachlässigt und habe fortwährend unter dem Drucke zu leiden. Während zum Beispiel mein glücklicher Stiefbruder da oben in der Beletage stets mit Speise und Trank bis zum Überfluß angefüllt wird, denkt niemand daran, mir auch einmal ein Pries- chen anzubieten. Doch werde ich mich nicht rächen, obgleich ich es sehr leicht könnte, denn die ganze Welt machte ja bankerott, wenn ich nur einmal sechs Wochen lang die Türe zuhalten und meine Ausgaben einstellen wollte, oder wenn ich 2 k Stunden in einem Stück räsonierte. So schleiche ich denn ungesehen und im Dunkeln durch dies undankbare Leben als ein gezwungener Junggeselle, da man bei der Erschaffung der Welt sogar vergessen hat, mir eine Lebensgefährtin zuzuteilen. — Doch eines tröstet mich für alles Ungemach und läßt I02 mich alle Bedrückung ohne Stircirunzeln erlragen, das ist das Bewußtsein, daß meine Seufzer nicht vergeblich und auch nicht der kleinste derselben — unge- rochen — bleibt." 3. Skatologische Episoden aus der Weltliteratur Das Folgende sollen nur Streif züge durch das Gebiet der Literatur sein, keine systematische Erfassung des ganzen Stoffes. Wir werden dabei Gelegenheit haben, festzustellen, daß Erotik wie die Skatologie sich an kein Volk und keine Zeit binden, sondern daß sie überall zu Hause sind. Wir wollen uns dabei an keine bestimmte Beihenfolge und keine bestimmte Epoche klammern, auch nicht streng nach literarischen Gesichtspunkten vorgehen, sondern auf dem weiten Gebiete ungebunden umherschweifen. In dieser Wahllosigkeit liegt eben der Reiz des Ganzen, und nur so läßt sich die Szylla der Langweile und die Charybdis der Weitschweifigkeit vermeiden. Und nun in medias res! Bei der realistischen Ausmalung von weitverbreiteten Lastern, gegen die sich der Angriff richtet, verfällt der Angreifer nicht selten ins Unflätige. Ein Beispiel hierfür bildet das „Kurtzweilig Gedicht von den vier unterschiedlichen Weintrinkern". Von dem Phlegmatiker heißt es hier: Wenn fürs drill ein Phlegmutikus, Der Wein trinkt mit Überfluß, Gewinnt er bald der Sau Figur, Weil ist von Wasser sein Natur. Wenn er zu Irinken. fähet an, Er schwerlich bald nachlassen kann. Bis er sein Wanst gefüllet hat Und liegen bleibt auf der Walstatl. I03 Will ihn jemand von dannen führen, So tut man bald sein Säuart spüren. Er treibt gar unverschämte Wort Bei der Gesellschaft fort und fort. Solchs währet bis zu Mitlernacht, Bis daß die Zeche wird gemacht, Daß jedermann soll gehn zu Haus, So will er nicht zur Stuben raus, Sondern darf sich legen auf die Bank Und drinnen machen großen Gestank. Kommt er dann endlich auf die Gassen, So torkelt er über die Maßen, Als wärn die Häuser alle sein. Im Kot wälzt er sich wie ein Schwein, Bis er zuletzt wird gebracht zu Haas. Seine Frau muß bald ihn ziehen aus, Find't aber in dem G'säße sein Ich weiß nicht was für Weinbeerlein, Dafür sie, einen Ekel hat, Also daß sie rieht an ein Bad Und putzet ihm die Hosen aus, Davon stinket' das ganze Haus. Wenn sie nun solches hat vollbracht, Alsdann sie ihn nimmt wohl in acht. Mit großer Müh zu Bette bringt, Allda er mit der Sauglock klingt, Wann er ist zugedecket wohl, So farzet er das Bette voll, Er grolzt, bis ihm das Kellergeschoß Ausstößt ein Haufen Brocken groß, Vielleicht hofiert auch ins Bett, Daß eine Sau bei ihm Nahrung hätt usw. usw. Abraham a Santa Clara (iG/j/i—1709) ist wohl der populärste Kanzelredner seiner Zeit gewesen, und seine Predigten sind auch heute noch lesenswert Unser Wiener Hofprediger scheut sich nicht, alle Register zu ziehen, selbst an die heikelsten Dinge heranzugehen und diese mit solch unverblümter Deutlichkeit seinen Hörern I04 vor die Nase zu halten, daß die erhoffte Wirkung wohl selten ausgeblieben sein wird. Ich setze aus seiner Schrift „Wunderwürdiges, ganz neu ausgehecktes Narren-Nest oder Curieuse Oficin und Werkstatt mancherlei Narren und Närrinnen" 7 eine Probe aus den „Weiber-Narren" im Auszug hierher: „Es trinken viele die Gesundheiten ihrer Weiber nicht nur aus denen Stengelgläsern, sondern auch aus denen Pantoffeln; und hat der Herr Co- ridon neulich seine schöne Frau Amaryllis versichert, daß er sie dergestalten liebe, daß er nicht entblödete, ihre Gesundheit aus dem zinnernen Nachttopf zu trinken, welcher unter ihrem Bette stunde. Es ist mir unlängst von einer klugen und schlauen Magd vor gewiß erzählet worden, daß dieselbe bei einer solchen Frau gedienet, deren Mann allezeit in das geheime Gemach dem Weib das Papier nachgetragen, und der Frau ihrer Müh überhebt, welches ich um desto ehender glauben können, indem mir die Magd hochbeteuert, daß sie dieses schöne Spektakel mit Augen durch eine Klumsen der Thür gesehen. 0 ihr wilde, garstige Säu-Närren, ihr aberwitzige Courtisanen! Ist dieses dann eine so anständige und zulässige Liebe gegen eure Weiber!" Diese auf Grund masoehistischer Einstellung resultierende Unterordnung des Mannes nimmt indessen zuweilen noch krassere Formen an. Moscherosch spricht in den „Wunderlichen und wahrhafftigen Gesichten Phi- landers von Sittewald" auch von solchen Weibernarren, die da begehren, das Brett auf dem geheimen Kabinett zu sein, auf daß ihnen die „Tränen" aus der Liebsten Gesäß ins offene Maul fallen. In der „Wohlausgeführten Jungfern-Anatomie usw." 7 Im i3. Band seiner „Gesammelten Werke", Passau i84o. I05 meint Verfasser (wahrscheinlich Karl Seyffart. um 1660), man müsse die Frauen Göttin titulieren usw. Man muß sich wünschen offt zum schwartzen Floch zu werden, Zu hüpffen in das Bett, sonst oder an der Erden. Ja mancher wünscht offt: Ach wäre ich die Sach, Darauff das Jungfervolck sich setzet im Gemach, Ach war ich doch die Schürtz, das Hündgen und das Kät:- gcn usw. Dieser alle Manneswürde verleugnende, aktiv sich betätigende Masochismus findet einen weiteren Verteidiger in der Person des bekannten Dichter-Zeichners Aubrey Beardsley, der sich in „Venus und Tannhäuser" folgendermaßen mit seinen Wünschen manifestiert: „Ganz entfernt am Rande der Wiese saß ein Jüngling unter einem Rosenbusch und nahm einsam sein Frühstück. Nervös wendete er die aufgetragenen Speisen, aber die meiste Zeit saß er ganz reglos da in seinen Stuhl zurückgelehnt und schmachtete zu Venus hinüber. Auf eine Frage des Chevaliers antwortete die Göttin: ,Dies ist Felix!' Und sie erzählte ihm, weshalb jener ein so eigentümliches Renehmen zur Schau trage. Felix saß da und wartete jedesmal, bis Venus sich auf den geheimen Ort zurückzog. Er war ihr dort behilflich, bediente sie sorgsam und demütig und war ganz versessen darauf, ihr die Kleider zu lösen, die Röcke zu heben und zu sehen, wenn es fiel. Dann steckte er einen Finger oder gar die gespitzten Lippen in die göttliche Absonderung, bemalte sich auf eine befremdende Art damit und schätzte es als höchstes Glück, in solchem Augenblick dicht unter ihr zu liegen und diese ersehnte Gunst zu empfangen..." In Zeiten, da man das Natürliche zu schätzen wußte, bildete überhaupt das skatologische Moment ein beliebtes IOÖ und nicht zu unterschätzendes Kampfmittel im Streite der aufeinander platzenden Meinungen. Man denke nur an die Ref ormationskämpfe! Luther forderte iÖ2 6 seine Anhänger auf, den römischen Antichrist mit Bildern anzugreifen. Man müsse dessen Dreck, „der so gern stincken wolle, weidlich rühren, bis sie Maul und Nasen voll kriegen". Und so fertigte denn Lukas Cranach als „Abbildung des Papstthums" jene Holzschnitte, die Luther unter seinem Namen und mit Versen versehen im Jahre i5/j5 herausgab. Auf einem dieser Holzschnitte hält der Papst eine Bannbulle, aus welcher Flammen und Steine nach zwei vor ihm stehenden Männern sprühen, die dem Papst ihren entblößten dampfenden Hintern zeigen. Auf einem anderen reitet der Papst in vollem Ornat auf einer Sau und spricht seinen Segen über einen Haufen Kot, nach dem die Sau den Rüssel streckt Auf einem dritten entleert sich ein Mann in die Höhlung einer päpstlichen Krone, ein anderer bereitet sich vor, dasselbe zu tun, während ein dritter neben dem Tisch sein Gewand wieder zuknöpft s . Auf einem anderen zeitgenössischen Holzschnitt, „Die Erschaffung der Mönche" 9 , sitzt wiederum der Teufel auf einem Galgen und läßt seinen Kot in Gestalt von Mönchen fallen. Fuchs bringt sehr reichhaltiges Material, aus dem die Einschätzung der Mönche und Nonnen deutlich hervorgeht. Mit zu den bissigsten und wirksamsten Streitschriften gegen das Mönchswesen gehört unstreitig „Jo. Physiophili spccimen monachologicae methodo Linneana Iribus aeneis illustratum cum thesibus. Aug. Vindeb. 1783", 8 Ed. Fuchs, Geschichte der erotischen Kunst, Berlin 1910, S. ig4—196. 9 Fuchs, S. 193. I07 4°, von Ignaz von Born (17/12—1791), einem sehr verdienstvollen Gelehrten am Hofe der Kaiserin Maria Theresia 10 . Das Werk soll nach Linneischem Muster eine Naturgeschichte der Mönche geben und war ursprünglich lateinisch geschrieben. Die drei beigegebenen Kupfertafeln sind von der gleichen Derbheit wie der Inhalt der Spottschrift Besonders kommt die zweite hier in Betracht. Sie enthält nämlich die Ansicht „eines fast unverkennbaren Afters in einer vollständigen Samthose", dann „eines Dickarsches in halber Tuchhose" und drittens „eines Schmalafters in Leinwandumhüllung". Nach einer allgemeinen Beschreibung der Mönche werden die einzelnen Orden gebührend abgehandelt. Vom Kapuzinermönch heißt es: „Das Wesen des Kapuziners ist ein sehr erbärmliches, sein Gang träge, das Gesicht wüst, am ähnlichsten einem Satyrn aus dem Affenlande. Es ist nicht gut, sich ihm zu nahen, denn er läßt einen fürchterlichen Gestank von sich. Allen Vorrat verwahrt er am Leibe in Säckchen. Rücksichten kennt er nicht, ohne weiteres schlägt er die Kutte in die Höhe und scheißt und brunzt, ohne den geringsten Anstand — dann wischt er sich den Podex mit dem Strick am Leib ab." Aus dem reichhaltigen Material, das uns G. J. Wit- kowsky in seinem zweibändigen, reich illustrierten Werke „L'art profane ä l'eglise" bietet, können wir schließen, daß das Mittelalter an der Darstellung von Personen bei der Verrichtung natürlicher Bedürfnisse keinen Anstoß nahm Man sah derartige Fakta eben als ganz natürlich an und hatte um so weniger Grund zum 1° Die Bibliographie dieser lehrreichen Schrift ist in Pisanus Praxi, Centuria librorura absconditorum, p. XXXIII, Anm. 4i unter Essai sur l'histoire naturelle de quelques Especes de Moines, bei Hayn- Gotendorf und Gay enthalten. IO8 Einschreiten, als der Künstler sein Bestreben darauf richtete, diese Darstellungen an möglichst nicht in die Augen fallenden Stellen anzubringen, entweder im Dunkel des unteren Chorgestelles oder hoch oben an den Säulenkapitellen oder Dachfirsten. Als Dachtraufen findet die Darstellung von männlichen oder weiblichen Personen im Zustande der Entleerung sich nicht oft Sonst beschränkt sich der Künstler in der Hauptsache auf die Wiedergabe eines Mannes, der die Hosen niedergelassen hat oder sein Wasser abschlägt Merkwürdigerweise finden sich derartige Profanierungen an Kirchen meistens nur bei den Flämen, und die einzelnen Bildwerke, die in Frankreich anzutreffen waren, verdankten flämischen Künstlern ihre Entstehung. Der Fläme ist in dieser Hinsicht sehr ungezwungen. Ich erinnere nur an die vielen Notdurftszenen, die uns Bubens, Bembrandt, Ostade, Jan Steen, Brouwer und Breughel gemalt haben. Mitten in einer lustigen Gesellschaft findet sich häufig ein Mann oder ein Kind, die ihren Bedürfnissen freien Lauf lassen, seltener ist es ein Weib. Joachim Patenier hatte die Gewohnheit, in seinen Landschaften einen Mann anzubringen, der seine Blase erleichtert. Marcus Ghee- raerts aus Brügge dagegen fügte eine Frau ein, die auf einer Brücke oder an einer anderen Stelle kauerte und ein kleines Bedürfnis verrichtete. Beroalde de Verville bringt in seinem „Moyen de par- venir" zahllose skatologische Anekdoten und Schnurren, und man gerät tatsächlich in Verlegenheit, wenn man ein bezeichnendes Beispiel auswählen soll. Es sei deshalb nur die Schnurre wiedergegeben, in der das Vergnügen einer guten Entleerung gepriesen wird 11 . 11 Der Weg zum Erfolge, deutsch von Mario Spiro, Berlin, Bruno Cassirer 1914, S. 35g. IOQ „Wie sie eines Nachmittags miteinander plauderten, ihr Gemahl und sie, kam ihr bei, zu ihm zu sagen: .Aber, mein Schatz, ich bitte dich, mir zu sagen, ob du mich wohl liebst.' — ,Ei freilich, meine Liebe!' — ,Wie was, mein Herz?' — ,Wie einen guten Schiß, liebstes Schwesterlein!' — .Wahrlich, Ihr achtet meiner recht gering!' Er bemerkte diesen Unwillen und beschloß, des Rats zu schaffen. Eines Tages, wie er auf dem Lande zu thun hätt, sagte er zu seiner Frau, daß er wünsche, sie begäben sich selbander hin. Worein sie willigte. Er hieß sie früher aufstehen denn gewöhnlich, ehe noch die Natur die auszuscheidenden Stoffe gehörig präpariert hatte, so daß sie noch nit ihr Bedürfnis zu erledigen vermochte, wozu auch kam, daß er sie zu großer Eile antrieb. Sie stiegen zu Pferde, er auf seinen Karrengaul, und sie auf das wackere Lastpferd mitsamt dem Bediensteten, so es am Halfter führte und des unterrichtet war, was er zu thun hätt. Wie sie zwo Meilen hinter sich hatten, verspürte die Dame ein Gelüsten nach dem Misten. Aber der Diener sagte ihr, daß er sich nit getraute anzuhalten, und daß man eilen müsse, so daß sie an sich hielt und so trefflich, daß sie sich bei ihrer Ankunft mit eins gedrängt fühlte, ihr Geschäft zu verrichten. Und stracks lief sie zum Purgatorium, allwo sie sich reichlich entleerte und mit so viel Vergnügen, daß ihr die Freundschaft zu Sinn kam, so ihr Gemahl für sie empfand. Derowegen sprach sie — zurückgekehrt: ,Ei, mein Freund, nun habe ich getreulich erkannt, daß Ihr mich mächtig liebt Ich habe selbiges soeben empfunden und glaube, daß nichts so gut ist wie ein wackrer Schiß. Nur eines hat mich traurig gemacht, ich war nämlich gar betrübt, daß ich kein Papier hatte, um mir den A ... zu wischen.' " HO Ein weiteres Skatologikum ist das etwa um 1190 von einem unbekannten Spieiniann verfaßte Epos „Salomon und Morolf", dessen Spruchgedicht uns hier interessiert. Morolf ist ein häßlicher, unflätiger Possenreißer, der mit dem Könige Salomo in einen Disput gerät und auf Salomos Weisheitssprüche mit einer skatologischen Redensart antwortet. Der Gegensatz zwischen den erhabenen Worten Salomos und der ganz im gemeinen wurzelnden Sprechweise des groben Bauemklotzes ist ungemein reizvoll 12 . Eins der bekanntesten Stücke von Hans Sachs ist sein „Nasentanz", der i55o gedichtet wurde. Ein Schultheiß trägt an seiner Stange drei Schmuckstücke und verheißt sie den drei größten Nasenträgern als Preis. Die nun auftretenden Bewerber preisen die Vorzüge ihrer Nasen in recht drastischer Weise. Schon die Namen gehören in das Reich der Skatologie. Da ist zum Beispiel ein 12 Vgl. Salomon und Marcolf, hrsg. von Hans W. Fischer, Leipzig 1907. Die Beliehtheil dieses Dialoges geht daraus hervor, daß er in verschiedenen Sprachen fast gleichzeitig erschien, z. B. französisch: Les Diclz de Salomon avec les responces de Marcon fort joyeuses, s. 1. n. d. (vers i5oo; vgl. Gay, Analectes III, 20—21) und polnisch, vgl.: Collationes inier Salomonen! et Marcolphum. — Rozmowy ktore myat Zmarchottem gruhym a sprosnym / ä wssäkoz iäka o llyem powyedäia bärzo zwymownyem zfigurämi y zgadkami smyessnymi. Wydat Ludwik Bernacki, Folio. Haarlem, Joh. En- schede en Zonen Nakladem Wydawcy 1913. Nur in 125 numerierten Exemplaren hergestellt. — Das Werk ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Es bringt den Neudruck von drei Marcolf-Frag- inenlen, Krakow i5ai, i5a5 und i535. in altpolnischer Sprache, also die überhaupt ersten polnischen Drucke; ferner „Wyj^tki z ,Marchotla'. Wokahularz rozmaitych sentencyi. Krakow, H. Wietor / i53g". Mit 3i Faksimilcreproduktionen, darunter von einigen durch Holzschnitte illustrierten alten Ausgaben. — Das „Woka- bularz" stellt eine bisher unbekannte deutsche Obersetzung des Marcolf dar, und außerdem sind zwei noch nicht bekannte lateinische Inkunabeln des Buches, gedruckt von Quentell und Kacheloffen, darin genau beschrieben. III Kunzel Kleienfurz, ein Friedel Zettelscheiß, die sich rühmen — der erste: Schultheiß, ich heiß Kleienfurz, Mein Nas ist breit, plump, munk und kurz. Daran die Naslöcher aufzannen (klaffen), Breiten sich aus wie ein Futterwannen, Womit ich sehr viele Fürz auffang, Die mir zuhlasen früh und z'Nacht Von Mägden, Knechten und Roßbuhen, Wenn ich bin in der Rockenstuben... Der andere: Schultheiß, ich heiß Friedel Zettelscheiß, Am Tanz ich zu bestehn nicht weiß, Weil ich noch war ein Kind beschissen, Da hat mir ein Sau mein Nas abbissen usw. Als ein sittengeschichtliches Dokument ersten Ranges ist der im Mittelalter sehr verbreitet gewesene „Till Eulenspiegel" anzusehen. Die darin enthaltenen Spässe drehen sich fast durchweg um die Verwendung menschlicher Exkremente. Da das Werk zu bekannt ist und jederzeit nachgelesen werden kann, gebe ich nur einige besonders bezeichnende Titel an: Wie Eulenspiegel ein Hof junge ward und ihn sein Junker lehrt, wenn er fände das Kraut „Henep", so sollte er darein hofieren, also hofierte er in den „Senep" und meinte, „Henep" und „Senep" wären dasselbe. Wie Eulenspiegel einMeßner ward im Dorf Buddenstekt, und wie ein Pfarrer in die Kirche hofierte, womit Eulenspiegel eine Tonne Bier gewann. Wie Eulenspiegel die Juden zu Frankfurt am Main betrog um tausend Gulden, indem er ihnen seinen Dreck als Prophetenbeere vertrieb. Wie Eulenspiegel sich bei einem Kürschner verdingte 112 und ihm in die Stube Stank machte, auf daß ein Gestank den andern vertriebe. Wie Eulenspiegel zu Hannover in die Badstube hofierte und meinte, es wäre ein Haus der Reinlichkeit... usw. Aus Paulis „Schimpf und Ernst", einer der beliebtesten Fazetiensammlungen des 16. Jahrhunderts, seien nach der Reclamschen Ausgabe zwei bezeichnende Fazetien mitgeteilt: „Wie man die jungen Kinder gewöhnt zur Beichte, so kam ein Töchter lein zu dem Priester und beichtete. Der Beichtvater fragt das Kind, ob es auch in das Bett brun- zele. Es sprach: ,Ja!' Der Beichtvater sprach: ,Lug, daß du es nicht wieder tuest, ich esse die Kinder, die in das Bett briinzele!' Das Töchterlein sprach: ,Nein, du sollst mich nicht essen, weil ich in das Bett briinzele! Ich habe ein Brüderlein daheim, das kackt ins Bett, das iß!' " „Es war ein Arzt, der hatte zween Kranke oder Brest- haftige angenommen und wollte ihnen beiden helfen, wiewohl ihr Gebrest sehr ungleich war. Denn der erste Kranke war ein al l er, betagter Bürger , der hatte eine gar schöne junge Tochter zur Ehe genommen, und kam zum Arzte und bat ihn, er sollte ihm eine Arznei machen, damit er seiner jungen Frau auf die Nacht wohl gefiele. Der gute Arzt tat das Beste und verordnete dem alten Mann ein Rezept, damit er seiner Braut wohl gefiele. Des andern Kranken Siechtage waren also, daß er nicht konnte zu Stuhle gehen, langer Krankheit halber. Darum verordnete ihm der Arzt ein Bezept, das ihm Stuhlgang brächte und den Magen weichte. Während diese beiden Rezepte gemacht wurden, ging der Doktor zu Gast essen und hinterließ dem Apotheker, die zween Kranken würden die beiden Latwergen holen. Aber der Apotheker ward irr und gab dem Kranken, der nicht konnte zu 8 »3 Stuhle gehen, die Arznei, die dem alten Manne zugehörte, der gern mit der jungen Frau fröhlich wäre gewesen. Als der die Arzenei einnahm, ward ihm seine Notdurft vonnöten, und als er einmal oder zweimal auf dem heimlichen Gemach war gewesen, hatte er doch keine Ruhe, sondern trieb das die ganze Nacht also, daß die junge Frau gar wenig erfreut ward auf diese Nacht. Sie war darum sehr traurig, denn sie besorgte, es wäre allso seine Art und Weise. Der andere Kranke aber lag die ganze Nacht und wartete, wann ihm der Stuhlgang würde kommen. Aber seine Arznei wirkte in einem andern Weg, denn er hätte lieber eine Frau bei sich gehabt, als daß er wäre zu Stuhle gegangen. Des Morgens kam der Arzt zuerst zu dem alten Manne und wollte sehen, was er ihm als Honorar gäbe, aber der gute Mann lag noch und ruhte, denn er hatte die ganze Nacht nicht viel geschlafen und war so schwach geworden, daß er kaum reden konnte und sagte dem Arzte: ,Fürwahr, Herr, Ihr habt mir ein böses Stück getan! Wenn ich stärker wäre, als ich bin, so solltet Ihr es keinem Pfaffen dürfen beichten!' Der Arzt fragte: ,Wieso?' Der Alte sagte ihm, wie er die ganze Nacht hätte laufen müssen und die Braut seiner gar wenig froh gewesen wäre. Da erkannte der Doktor, daß der Apotheker die Arzeneien verwechselt hätte und bat den alten Mann um Entschuldigung. Der andere Patient ist natürlich ebensowenig erbaut, daß er statt einer ,Weichung des Bauches inwendig' eine ,Härtung des Bauches auswendig' erreicht hat" Nicht minder beliebt als Paulis „Schimpf und Ernst" war Jörg Wickrams „Rollwagenbüchlein". Der ziemlich derbe Schwank „Von der Bäuerin und der süßen Martinsmilch" gehört ebenfalls hierher. Da er aber sehr 114 weitschweifig ist, lasse ich die Erzählung nur auszugsweise folgen. Nach einer reichhaltigen Abendmahlzeit bei einem wohlhabenden Bauern, bei der es viel süße Milch gegeben hatte, bekommen zwei Knechte des Bauern, die in der Stube nebenan schlafen, Durst. Der eine Drescher erhebt sich leise, um in die Milchkammer zu gehen und eine Satte Milch für sich und seinen Genossen zu holen. In der dunklen Nacht verfehlt er aber den Weg, denn als er meinte, er ginge wieder zu seinem Gesellen, kam er in des Bauern Kammer. „Da lag die, Bäuerin mit bloßem Hintern unbedeckt. Der gute Drescher meinte, es wäre sein Gesell, der wäre wieder entschlafen, und hob der Bäuerin die Milch vor den Hintern. Indem ließ die Bäuerin einen Wind von sich gehen, der Drescher sagte: ,Du Narr, was blasest du in die kalte Milch? Ich meine, du seiest voller Wein seit dem Abend.' Indem entfuhr der Bäuerin noch ein Bläster- ling, da ward der Drescher erzürnt, erwischte die Milch, vermeinte, sie seinem Gesellen in das Angesicht zu schütten, und schüttete sie der Bäuerin in den Hintern. Davon erwachte die Bäuerin und wußte nicht, wie ihr geschehen war, sie gebärdete sich übel darob. Der Bauer wachte auch auf und fragte sie, was ihr geschehen wäre. ,0 weh!' sagte die Bäuerin, ,ich weiß nicht, ich liege ganz naß im Bette.' Der Bauer sprach: .Sagte ich dir nicht am Abend, als du der Milch so viel zu essen tatest? Dir ist eben recht geschehen!' usw." Von den deutschen Schwankerzählern wagen wir einen großen Schritt zu den italienischen Fazetisten. Sacchetti, Straparola und die andern Novellisten zeichnen sich durch überquellende Lebensfreude aus. Die Derbheiten in ihren Schriften lassen sich nicht mit wenigen Worten erschöpfen. Immer aber ist das skatologische Moment 115 nur Beiwerk, bildet nicht den Mittelpunkt, um den sich alles dreht Ein solches Aufgehen im rein Skate-logischen finden wir nur bei dem Erzschelm Gonella, den wir mit einigen Schnurren zu Worte kommen lassen wollen: Einstmals versprach er einem Ferraresen, der dies sehnlichst wünschte, ihn für wenige Groschen zum Wahrsager zu machen. Nachdem sich der Mann auf sein Geheiß zu ihm ins Bett gelegt hatte, ließ er einen geräuschlosen Wind streichen. Dann befahl er ihm, den Kopf unter die Decke zu stecken. Der tat es, zog ihn aber vor Gestank eiligst hervor und sagte: „Wie ich sehe, hast du gefurzt." Darauf Gonella: „Zahl mir das Geld, denn du hast richtig wahrgesagt 13 ." Auch Poggio führt sie an 14 in etwas geänderter Fassung: „Zu einem Florentiner, der ein Wahrsager zu werden wünschte, sagte Gonella : ,Mit einer einzigen Pille werde ich dich zum Wahrsager machen.' Da der einverstanden war, gab er ihm eine aus Dreck gedrehte Pille in den Mund. Der Arme spie vor Ekel aus und sagte: ,Das schmeckt ja nach Dreck, was du mir gegeben hast.' Nun bestätigte ihm Gonella, daß er wahrgesagt habe, und verlangte seinen Lohn." Dieses Motiv, nach dem Geschmack die Herkunft einer übelduftenden Sache zu erraten, scheint nach den Nachweisungen, die Albert Wesselski in „Die Begebenheiten der beiden Gonella 15 " bietet, sehr beliebt gewesen zu sein, denn es findet sich in altfranzösischen, italienischen und deutschen Novellen. Das altfranzösische Fa- 13 S. a. Poggio, Facetien Nr. 166; dieselbe Geschichte findet sich auch in Grimmelshausens Abenteuerlichem Simplicissimus, I. Buch, 28. Kapitel, Ausgabe von Tittmann, 2. A., Leipzig 1877, I, S. 77 ff. 14 Les faceties de Pogge. traduiles en Francais, aven le texte laiin. Edition compldte. Paris 1878, Nr. i65. ir> Weimar, Alex. Duncker, 1920, S. 99—102. IIÖ bliau 16 , Nie. de Troyes 1 ?, Sacchetti 18 erzählen die Geschichte, Seb. Branl hat sie in die „Aesopi vita et fabulae" aufgenommen, und Hans Sachs geht darauf zurück 19 . Damit ist das Wandern der Novelle aber noch nicht erschöpft. Wesselski gibt noch mehrere Nachweise, auf die ich verweise. „Groß geworden, verfügte sich Gonella zu Herzog Borso, Als er bei diesem von ungefähr krank wurde, kam ihn der Herzog zum Zeitvertreib alltäglich besuchen, und bei einer solchen Gelegenheit sagte er ihm einmal, wenn er irgendeinen Wunsch habe, solle er ihn nur frei heraussagen. ,Herr,' antwortete Gonella, ,ich schäme mich, zu sagen, was ich möchte, und doch glaube ich sicherlich, daß ich genesen würde, wenn ich es äße,' Der Herzog entgegnete ihm: ,Laß dir nicht bange sein, du sollst bekommen, was du willst, und wenn es Dreck wäre.' — ,Du hast es erraten', sagte Gonella; ,ich möchte einen dicken Strunz und habe ihn auch schon von dem verlangt, der mir das Bett macht, aber er will mir keinen geben, und so bitte ich dich, sieh zu, daß er mir einen bringt.' Der Herzog rief diesen Diener und sagte zu ihm: ,Merk' dir's, wenn du nicht alles tust, was dir Gonella befiehlt, so lass' ich dich henken.' Aus diesen Worten gewann der Schalk Mut und heischte den Strunz von dem Diener, und der Diener brachte ihn ihm auf einem Teller. Nun sagte Gonella: , Jetzt habe ich 16 G. Raynaud et A. Montaiglon, Recueil general et complet des fabliaux.'Paris 1872, III, S. 46 ff. 17 Parangon des nouvelles honnestes et deleclables, 3U. Nov. 18 Übersetzt von Floerke, III, S. a 16 ff. 19 Sämtliche Fabeln und Schwanke, hrsg. v. E. Goetze und C. Drescher, Halle 1893 ff., IV, S. 463 ff. H7 keine rechte Lust, darum sei so gut und kau' mir ihn vor, und da wird mir die Lust wieder kommen.' Den Diener deuchte das wohl seltsam, aber aus Furcht vor dem Herzoge, der zugegen war, steckte er ihn in den Mund und kaute eine Weile daran herum. Dann wollte er ihn erbost dem Narren reichen. Der jedoch sagte schmunzelnd, während jeder gespannt war, ob er ihn essen werde: ,Du hast mir ja den ganzen Saft herausgezogen, und weil du die Trester herausgezogen hast, so iß jetzt alles, und laß es dir wohl bekommen.' Und so sah sich der arme Schelm von einem Diener aus Angst, es könnte ihm etwas noch Schlimmeres zustoßen, gezwungen, diese Schweinerei hinunterzuschlucken 20 ." Zuweilen aber fällt Gonella selber in die Grube, die er anderen gegraben hat. Davon ein Beispiel, das die Dichtergestalt Dantes zum Gegenstand hat: „Von den Florentinern war Dante, der Dichter, als Gesandter zu den Venetianern geschickt worden. Auf der Durchreise hielt er sich einige Tage in Ferrara bei dem Herzog auf und war dort Gegenstand vieler Ehrungen. Eines Tages sali nun Gonella die Kapuze, die Dante nach florentinischer Weise trug, und da sagte er zu dem Herzog: ,Herr, ich sterbe, wenn du mir nicht eine Gnade erweist.' Der Herzog antwortete: ,Verlange, was du willst!' Und der Possenreißer verlangte die Kapuze Dantes. Dieser, der sah, daß er damit dem Herzog einen Gefallen tat, gab sie ihm. Kaum aber hatte sie Gonella, so hofierte er hinein. Nun bat Dante den Herzog um die Gnade, daß sie Gonella sich aufsetzen müsse, und ihm wurde willfahrt, und Gonella setzte sie sich auf und 20 Die Begebenheiten der beiden Gonella, hrsg. v. A. Wesselski, Weimar 1920, S. 69—70. n8 teigte sich völlig ein zum großen Vergnügen aller, die dabei waren. Also war der Schalk dank der Hoheit von Dantes Geist der Gefoppte 21 ." Einigermaßen ähnlich ist der 52. Schwank in Jörg Wickrams „Rollwagenbüch- lein" 22 : „Einer satzt seinem gefaxtem ein hut mit Bruntz auf den kopff in einer abenzech." Daß viele solcher skatologischen Erzählungen Allgemeingut waren, zeigt sich an folgender Schnurre: „Als Gonella einmal nach Neapel kam, sah er beim For- mellinischen Brunnen eine aufgeschürzte Magd, die dort wusch, und weil sie ihren Leib bei der Arbeit tüchtig rührte, hatte sich ihr das Hemde im Hintern eingeklemmt Da sagte Gonella zu ihr: ,He, Mädchen, merkst du es denn nicht, daß dir dein Arsch dein Hemd frißt?' Ohne sich erst zu besinnen, antwortete sie: ,Bei Gott, du bist im Irrtum, das Hemd wischt nur den Arsch, damit du ihn sauber küssen kannst' " Dazu vergleiche Morlmis Novellen 23 . Auch Lodovico Domenichi 24 erzählt denselben Schwank. In der etwa 1600verfaßten „Saladed'esph sa grame" des Grafen d'Aube 25 steht ein Epigramm „Conlre-pique", das auf Domenichi zurückgeht In einem Stücke der zuerst i52Ö erschienenen „Hundred Mery Tales" 26 ist nicht Gonella, sondern ein Mönch der Gehänselte. In der Art wie Rochesters „Sodom", nur nach der skatologischen Seite gerichtet, ist folgendes Stück: „Crasseau- cul, roi d'Etronie, trag, biblique en un acte et en vers", 21 Die Begebenheiten der beiden Gonella, S. 75f. 22 Herausg. v. J. Bolte, Tübingen 1903, S. 68 ff. 23 Herausg. v. A. Wesselski, München 1908, Nov. 5o. 24 Facette, molti et burle di diversi signori et persone private. Raccolte per M. Lodovico Domenichi. Venelia i58i, S. 20ff. 26 Becueil de piüccs rares et facitieuses anciennes et modernes, Paris 1872, S. 170. 26 Ed. by Oesterley, London 1866, S. 44, Nr. 23. IIQ par M____r, Paris i855 (Bruxelles 1867). Dieses Stück, das in Sodom einige Tage vor seiner Zerstörung spielt, erschien zuerst in „Nouveau Theälre Gaillard" und ist, wenn man Gay 27 glauben darf, die stärkste obszöne Burleske skatologischer Art 28 . Und nun noch einen kurzen Sprung nach Deutschland. Goethes „Leiden des jungen Werther" (1774) riefen bekanntlich eine ganze Flut von Spott- und Gegenschriften auf den Plan. So trat unter anderen Nicolai (17-33 bis 1811) mit seinen „Freuden des jungen Werther" (1775) an die Öffentlichkeit, worin Goethe gehörig parodiert wurde, was ihm dieser mit dem derben Schmähgedicht „Nicolai auf Werthers Grab" vergalt: Ein junger Mann, ich weiß nicht wie, Verstarb an der Hypochondrie Und ward dann auch begraben. Da kam ein schöner Geist herbei, Der halle seinen Stuhlgang frei, Wie ihn so Leute haben. Der setzt sich nieder auf das Grab Und legt sein reinlich Häuflein ab, Schaut mit Behagen seinen Dreck, Gehl wohl eratmend wieder weg Und spricht zu sich bedächtiglich: „Der gute Mann, er dauert mich, Wie hat er sich verdorben! Hält' er geschissen so wie ich, Er wäre nicht gestorben!" In dem anonym erschienenen „Marioneltentheater" des Johann Friedrich Schink, Wien, Berlin und Weimar (Berlin, Himburg) 1778, findet sich das Drama „Hans- 27 3. A., II, 3 7 6. 2S Vgl. a. Drujon, Calulogue des ouvrages condamnes. Paris 187;), S. 110. 120 warst von Salzburg mit dem hölzernen Gat", das eine genaue Parodie des Götz ist 28 ". Im Prolog heißt es: Und der Doktor Goethe ist doch ein Genie — (Sagen's ja alle Kriticil) Mischt in seinem Schauspiel, wie Hecksei und Stroh, Zigeuner und Reitknechte, Pfaffen und Helden, Lassen sich auch — mit Ehren zu melden — Die Helden im Arsch lekken, wie solches gar schön Im Götz von Berlichingen zu sehn. Und am Schluß: Werden also, meine Herren und Frauen, Ein Schauspiel ä la Goethe hier schauen: Wird darin geschcißkerlt, geschioerenoth't und gekokt. Es folgt nunmehr der erste Akt. Auch die „Leiden des jungen Franke, eines Genies" ( 1 777) von J° n - Mc-ritz Schwager gehören zu den gegen Goethe gerichteten Spottschriften. Der Held des Stückes schleicht sich zu seiner Geliebten, einer verheirateten Frau, fällt aber - deren eifersüchtigen Gatten in die Hände, der ihn zum Kapaunen macht. Aus Schmerz erhängt er sich an einer alten Eiche, hält aber noch im Tod eine Reliquie seiner Geliebten, nämlich deren Nachttopf, in der Hand, was auf dem Titelbild getreulich abgebildet ist 29 . Goethe war bekanntlich einem derben Wort nicht abgeneigt, wenn dadurch der Sinn am deutlichsten und sinnkräftigsten wiedergegeben werden konnte 30 . Ihm war deshalb in die Seele zuwider diese alberne Sucht, durch euphemistische Ausdrücke mit den allermensch- lichsten Bedürfnissen Verstecken zu spielen und sich der 281 Vgl. Goedeke IV, 1, 911, 11. 29 Ebeling, Geschichte der komischen Literatur. Liegnitz und Leipzig i 7 83, I, S. 554- 30 Schopenhauers Gespräche und Selbstgespräche, hrsg. v. Ed. Grisebach, Berlin 1898, S. 28. 121 Funktionen seines eigenen Leibes zu schämen. Im Laufe der Jahre wandelte sich allerdings darin sein Geschmack ein wenig, dann, als er abgeklärt war oder zu sein glaubte. Aber in seinen Sturm- und Drangjahren konnte ihm die ängstliche Prüderei wenig imponieren: Mußt all die garst'gen Wörter lindern, Aus Scheißkerl Schurh, aus Arsch mach Hintern, empfiehlt er einmal ironisch, und Götz von Berlichingens Antwort ist ja bereits zum geflügelten Wort geworden. Auch in dem Spiel „Hanswursts Hochzeit" hat er seiner sprudelnden Laune die Zügel schießen lassen. Leider ist das Stück ein Torso geblieben und über das Namensverzeichnis und kurze Bemerkungen nicht hinausgekommen. Aber die Namen verraten schon, von welcher Derbheit das beabsichtigte Drama gewesen wäre, wenn Goethe den Mut besessen hätte, es auszuführen. Er konnte sich nicht genug tun, die niederen Beziehungen von Männlein und Weiblein und ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale und -unterschiede in Namensform zu kleiden. Da war vorgesehen: Hans Arsch von Bippach, Neckärsch- chen, Schnuckfötzchen, Quirininus Schweinigel, Thomas Stinckloch, Stinkwitz, Blackscheißer, Hosenscheißer, Wurstfresser aus dem Scheißhaus, Leckarsch, Lapparsch, Dr. Bohnefurz, Scheißmatz, Piephahn, Farzpeter, Heularsch, Jungfer Arschloch, Hans Schiß, Nonnen- fürzchen usw. usw. 31 War dieses Stückchen eine Ausgeburt toller Laune, so zeugt das Pamphlet „Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn" (1790) von einer pöbelhaften Gemeinheit. In dieser Schrift schüttet Kotzebue, der hier wirklich seinem Namen alle Ehre macht, Kübel von Schmutz auf 31 Vgl. die von Stammler besorgte Ausgabe bei Paul Steegemann, Hannover 1921. 122 seine Gegner aus, um zur Ehrenrettung Zimmermanns beizutragen. Für uns kommt hier insbesondere der dritte Akt in Betracht. Nachdem sich die Verschworenen zum Sturze Zimmermanns verbunden haben, sind „alle tüchtig besoffen, taumeln, krakeelen und rülpsen". Gedicke will sich schlechterdings Lichtenbergs Munde als eines unaussprechlichen Geschirrs bedienen. Kästner macht keine Epigramme mehr, sondern gibt halbverdaute Vik- tualien von sich. Brie schnarcht, sperrt das Maul seiner Gewohnheit nach dabei auf und erhält die ganze Masse eines Magenüberladenen dabei hinein. Campe verrichtet seine Notdurft an der Nasenspitze seines schlafenden Kollegen Trapp und reinigt sich mit einem Stück der Berliner Monatsschrift, wovon er aber Giftblasen am Hintern bekommt Klockenbring ruht in einem Schweinestalle „wie unter Brüdern" usw. usw. 32 Im allgemeinen hat die neuzeitliche belletristische Literatur der Deutschen wenig für die skatologische Bich- tung übrig. Deshalb finden sich derartige Züge nur vereinzelt Chamisso erlaubt sich in der letzten Strophe seiner Schauerballade „Der arme Sünder" eine Ideine skatologische Abschweifung 32a , und nur der in seiner zügellosen Kühnheit auch vor dem Äußersien nicht zurückschreckende Oskar Panizza bringt von seinem auf den Mond verschlagenen Erdenbewohner eine ganze Szene, in der eine eingehende Beschreibung der Entleerung enthalten ist 32b . Auch dem begeistertsten Verehrer der Exkremente wird es nicht immer angenehm sein, wenn er wider Willen 32 Ebeling, Geschichte der komischen Literatur, Leipzig und Liegnitz 1869, Bd. 1, S. 43/i—44i. 32 » Richard M. Me)er, Deutsche Parodien, S. 177. 82b Visionen der Dämmerung, München iai4, S. i38. 123 mit ihnen Bekanntschaft machen muß. Daraus folgt erstens, daß entweder nur die Ausscheidungen des geliebten Wesens geschätzt werden, und daß sich der Liebhaber in seiner Phantasie zu ihnen in Beziehung bringen muß, um sexuell erregt zu werden, oder zweitens, daß es der Wärme der Ausscheidungen bedarf, um den andern in Erregung zu versetzen. Alles andere wirkt peinlich oder stößt ab. Für jeden Dritten erregt der unverhoffte Gegensatz zwischen höchster Wollust und Bekanntschaftmachen mit dem Unreinen die Lachlust. Ein bezeichnendes Beispiel finden wir in dem Erotikon: „Priaps Normalschule, die Folge guter Kinderzucht, ein kleiner Boman in gefühlvollen und zärtlichen Briefen." Berlin 1789. S. 78. Bei einem Schäferstündchen in einem Viehstalle hat ein Ziegenbock einen hinterlistigen Angriff auf den Liebhaber gemacht. „Itzt wanderten sie beide miteinander zur Thüre hinaus, und es wäre gewiß für einen vierten eine äußerst komische Szene gewesen, den Passagier mit nackichtem Podex und den Bock mit gesenkten Hörnern in seinen Hosen zu sehen. Ich wußte nicht, sollte ich weinen oder lachen: aber das Lustigste kam erst. Kaum waren sie vor der Thüre, so stolperte mein Freund und fiel samt seinem Führer nach aller Länge in die Mistpfitze, in welcher eine Menge Kühfladen und Menschensatzungen herumschwammen. Der Bock arbeitet aus allen Kräften, um aus der Pfütze zu kommen, und brachte seinen Gegner immer noch tiefer hinein, bis ihm auf mein hierüber erregtes Geschrei einige Leute zu Hilfe kamen und vom Bock erlöseten. Das erste, was er that, war, daß er hurtig, noch in der Pfütze, die Hosen hinaufzog und zuknöpfte, aber er hatte zugleich auch eine Parthie solcher schwimmender Materialien mit hineingeschlagen, daß sie ihm unter den 124 Kniegürteln hervorquatschelten, und er sich weder zu rathen noch zu helfen wußte. Alles, was in der Gaststuhe war, lief heraus, den armen Schelmen zu betrachten, der wie ein Aas stank." In gleich übler Verfassung befand sich auch der Teilnehmer einer Soiree, der auf den teuflischen Rat des verschmähten Liebhabers der Hausfrau in deren Boudoir Erleichterung seiner Magenpein sucht. Ehe er aber noch dazu kommen kann, wird er von der Hausfrau, die der Meinung ist, ein Liebespärchen entdecken zu können, und deren Ehemann, dem zugesteckt wurde, er könne seine Gattin mit ihrem Galan in flagranti ertappen, überrascht und muß nun vor Angst seine Hosen als Ablagerungsstätte für seine Exkremente wählen 32 c . 4. Skatologisches aus der Weltgeschichte Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur ein Schritt, und wenn es etwas gibt, das uns unsere Erdenschwere so recht zum Bewußtsein bringt, so ist es die Notwendigkeit der Entleerung. In diesem Punkte heißen wir alle „Hase"! Das Gesetz des Ausgleichs herrscht überall. Mag ein Mensch auf der sozialen Stufenleiter noch so hoch stehen, er ist den Gesetzen seines Körpers unterworfen wie der niederste Bettler. Diese Tatsache tröstet das nicht zur Klasse der Beati. possiden- les gehörende Volk einigermaßen, und es zieht mit Vorliebe derartige Fakta ans Tageslicht, aus denen die Niedrigkeit des Menschenlebens recht deutlich erhellt. So weiß man von großen Männern zu berichten, die auf dem Abort geboren worden sind, zum Beispiel 32 ' Der deutsche Casanova, herausgegeben von Max Bauer, Berlin, Eigenbrödlerverlag, o. J., Bd. II, S. 1^9. 125 Karl V. In Gent kann man im Fürstenhof noch das geheime Gemach sehen, in welchem Johanna von Ara- gonien am 2 5. Februar i5oo von den Wehen plötzlich überfallen wurde und niederkam Wieder andere beschlossen in dieser unreinen Zufluchtstätte ihrer Tage Lauf. So wird berichtet, daß Arius und Papst Leo, die angesehensten Häupter der arianischen Ketzerei, wegen heftigen Bauchgrimmens aus der Disputation weg zum Privet eilen mußten und dort den Geist aufgaben. Man sah in diesem plötzlichen Tode an unreiner Stätte die Strafe Gottes für die beiden „Ketzer". Indessen so ganz stimmt das wohl nicht, denn auch der fromme Irenäus erlitt das gleiche Schicksal. Kaiser Heliogabal wurde auf dem Abtritt, auf dem er sich am sichersten glaubte, von den Meuchelmördern überrascht und umgebracht 33 . Mögen die vorstehenden Tatsachen nun verbürgt sein oder nicht: der tiefere Grund für die Abfassung und Verbreitung derartiger Geschichten war wohl das Bestreben, zu nivellieren, der revolutionäre Gedanke der Gleichmacherei, der Wunsch, auch die Größten in ihrer menschlichen Hilflosigkeit, unterworfen den Gesetzen der Natürlichkeit, mit faunischem Behagen darzustellen und grinsend auf sie zu weisen: „Seht, das sind eure Helden!" Dem Kaiser Napoleon I. hat man sogar ein eigenes (nur acht Seiten starkes) skatologisches Büchlein gewidmet, worin erzählt wird: Vn certain jour chiant sans peur Se chia lui — rneme l'empereur, 33 I. Ravisii Textoris officinae Epitome, Lugduni i5o,3, enthält ein Kapitel über die auf dem Abort Verstorbenen und Geborenen „In Latrinis mortui aut occisi". Vgl. auch Montaigne, Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände, Berlin 1793, II, i3i. 126 II emmerda la Republique, Ainsi il nous emmerda tous. Malgre sa merde despotique Ses etrons elaient encore doux u . Selbst der ehrwürdige Dante wird zum Helden einer skatologischen Anekdote gemacht (wie an anderer Stelle des näheren dargetan ist), und Beroalde de Vervilla bringt in seinem „Moyen de parvenir" noch weitere bezeichnende Beispiele. In der deutschen Literatur wird oft Friedrich der Große in den Mittelpunkt mancher skatologischen Anekdote gestellt, zum Beispiel: „Ein Bauer klagte einst bei Friedrich dem Großen, er habe beim hohen Senate eine Bittschrift eingereicht, und selbe wäre ihm nicht angenommen worden. Der König untersuchte die Sache und fand, daß diese Weigerung auf sehr unerheblichen Gründen beruhe. Hierüber aufgebracht, befahl er dem Bauern, bei nächster Baths- sitzung jene Sache nochmals vorzutragen, und wenn sie sich wieder weigerten, ihm zu willfahren, ihnen das A... lecken zu schaffen, er wolle schon Sorge tragen, daß ihm nichts geschähe. Der Bauer erscheint und wird sehr unhöflich abgewiesen. Aufgebracht schreit er: ,Ich werde mit dem Könige selbst reden, dann kann mir der versammelte Bath den A... lecken!' und läuft davon. Der ganze Bath ihm nach. Plötzlich tritt der hinter der Thür verborgene König hervor. ,Wohin, meine Herren?' redete er sie an. Man weigerte, es ihm zu sagen. ,Ich befehle es!' war seine Bede. Schäumend erzählte der Präsident, der Bauer habe ihnen dies und das empfohlen. ,Und muß das so eilig sein?' erwiderte der König 35 ." La merde historique de Napoleon etc. Dzagnignan, imprimerie de P. Garcin, 1848. 35 Vgl. auch noch Anthropophytheia, Bd. a, S. ao5, Nr. 3o. 127 Neben Friedrich dem Großen ist die Kaiserin Maria Theresia eine beliebte Heldin skatologischer Anekdoten: „Ein Hofbediensteter ging zu Maria Theresias Zeiten am Graben spazieren. Da erblickte er vor sich ein nettes Mäderl und zwickte es beim Vorbeigehen in den Hintern. Als sich die Gezwickte jedoch umdrehte, erkannte der Mann die Kaiserin, fiel auf die Knie imd sagte: ,Majestät, wenn Ihr Herz auch so hart ist wie Ihr Hintern, so bin ich verloren." Diese Anekdote wird übrigens auch anderen, weniger bedeutenden Frauen angedichtet Kaiserin Katharina II. fehlt nicht im Reigen. Wiener Ursprungs ist diese Geschichte: „Kaiserin Katharina von Rußland läßt bei der Hoftafel einen Wind ziemlich laut streichen. Alles wird verlegen. Ein junger Leutnant von der Marine will diese Gelegenheit benützen, um sich bei der Regentin beliebt zu machen, wird rot, springt auf und stürzt aus dem Saal. Am andern Tag beruft ihn die Kaiserin und ernennt ihn zum Kapitän mit den Worten: ,Ein Leutnant, der einen ungünstigen Wind so zu benützen versteht, verdient Kapitän zu sein 315 .'" Von einem ungenannten Herrscher wird berichtet: „Ein König kam nach Wien und wollte sich von der berühmten Grobheit der Fratschlerinnen (Obstverkäuferinnen) überzeugen. Er begab sich auf den Naschmarkt und stieß aus Spaß einen Stand um. Die Fratsch- lerin überschüttete ihn darauf mit einer Flut von Schimpfworten. Endlich sagte der König: ,Wissen Sie, wer ich bin?' — ,Na, so a Sakramentspflastertreta san S', Sö Äff, Sö!' — ,Nein, ich bin der König von 36 Eine mit einer derberen Pointe ausgestattete Anekdote findet sich in Anthr. 2, 207/8. 128 Auf dies hin dreht sich die Fratschlerin um und sagt zu einer andern: ,Geh, Nani, scheiß ihm a Krön 37 1' " 5. Skatologisdie Sprichwörter Will man das Wesen eines Volkes erkennen, so frage man nach seinen Sprichwörtern. Sie geben aufs unverblümteste den Glauben und die Lebensauffassung eines Volkes wieder. Skatologische Sprichwörter finden sich im Sprachschatz jedes Volkes. Ich kann mich hier nur auf einige Stichproben beschränken. Der Lateiner sagt treffend: Stercus cuique suum bene olet. Zuweilen streift diese Art Volksliteratur das Erotische oder direkt Obszöne. So sagt der Pole: Lepiej dobrze sie wyszcuac niz kiepsko schedozyc (Es ist immer besser, gut zu pissen, als schlecht zu koitieren), womit er sagen will, daß man eine Krankheit erwischt hat, die einem das Urinieren beschwerlich macht Für Deutschland liegen über diese Materie zwei umfassende Sammlungen vor: „Dr. Kainis, Die Derbheiten im Reden des Volkes, Leipzig, Verlag des Literatur- Bureau, o. J. (1872) 38 " und „Tausend Bauernwitze. Kluge Derbheiten aus Bauernmund. Mit Zeichnungen von Walter Trier. München und Berlin. G. Müller, 1914". Aus diesen beiden Sammlungen seien folgende Sprichwörter hier angeführt: Er sieht aus wie ein Bettpisser, das heißt, er ist ein Schwächling, zu nichts nutze. Es pißt ihn kein Hund mehr an (als Zeichen der Verachtung). hat lüpen, see Lütje, dö pißte he in de Brök. Dat 's ken Spaß, sed de Nachtiuätter, wenn man mi in't Hurn schitt. 3' Anthr. 2, S. 209, Nr. 45. ss Vgl. Hayn-Golendorf, III, 5o5. 9 I2Q Schmeckt's gut in der Küche, so schmeckt's um so übler im Abtritt. Hei deut so dick, as wenn he recht wat weer und 't is doch mit 'n Sehet besegelt. Ih, sä' de besopen Buer, da ehne Jürgen in de Hosen scheten harre, Arften getten und Linsen schelten. Er sieht einen Hundsdreck für einen Grenzslein an, sagt man von einem Menschen, der aus einer Mücke ein Kalb macht. De kackt di vor de Dor un bringt di ken Beesen mit, sagt man von einem Menschen, der einem anderen einen Floh ins Ohr gesetzt hat. ' He het got kacken, he hell 'n Eers bi sick, mit anderen Worten: er kann gut reden. Kacken un Sorgen kuml alle Morgen. Da haben wir den Dreck, sagte der Pfarrer und ließ das Kind fallen. Da wird er kleine Dreckle sch . . ., das heißt, er wird sich einschränken müssen. Den Dreck soll niemand rütteln, er stinkt sonst um so mehr. Was natürlich ist, das hat man sich nicht zu schämen, sagte der Kerl und setzte einen Haufen auf den Markt. Wat woßl eine Kuh, wenn's Sonnta ist. man geit'r ja kenn iveß hemmet. Das ist schändlich! sagte der Bauer, da die Kuh int Wasser machte, das Land ist groß genug. Es kommt, sagte der Bauer, da hatte er drei Tage auf dem Nachtstuhl gesessen. Wer hol de Wost fraten? reip de Burhier mal. all up 'n Em.mer! Der Hund mag Geld sch .. ., sagte der Bauer, als der Knecht mehr Lohn verlangte. Dat's ken Spaß, ma kann jetzunder den eegenen Ers nich truen, sät Josef Maier, da woll hei en Furz laten un harre si darbi in de Büx schitten. Je mehr man den Dreck trampt, desto dünner werchl he, das heißt, man soll das Begrabne ruhen lassen. Smit de Dreck an de wand, klift he, so klift he. Wat soll ein Dreck, ivenn er nicht stinket. I30 Wen man aus dem Dreck gezogen, der hofiert einem zum Dank aufs Maul. Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen, und tuär's ein Misthaufen. Einem Horcher an der Wand gibt man einen Dreck in die Hand. Kälberdreck, armer Leute Hoffart und Gewalt, die verriechen bald. Dat sin Minschen! segt Füst, erst, schiten se up de Klink, denn seggen's: Füst, mak de toer toi Schiele, segt Kriethel Spezifisch niederösterreichische Sprichwörter verzeichnen die Anthr. II, 61 ff.: Herrendreck und Pfaffendreck stinkt im ganzen Land. Friß Fett, so machst du keine Knochen, das heißt, sei deinen Vorgesetzten gegenüber liebedienerisch, so wirst du ein gutes Leben haben. Man muß nicht stärker farzen wollen, als der Ars vermag, das heißt: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Wer einen Dreck im Munde hat, dem stinkt die ganze Welt, sagt man von einem, der die ganze Welt verlästert. Wer kann an allen Dreck denken, sagte, die Frau zum Manne, als sie das Mittagessen für ihn zu bereiten vergessen hatte. Eine besonders reiche Ausbeute liefert das Elsaß. Gschisse is nich gmolt, sunscht könnt e jeder Hund mole ?0 . Resser a Schiß gelon, aß of der Doktor verlon (Besser einen Crepilus lassen, als den Arzt zu Rate ziehen). Von einem, der Sommersprossen hat, sagt man, er hätt' mit dem Teufel Schißdreck gedroschen. Von jemand, der trotzig ist und gern mit dem Fuß aufstampft, sagt man: Hett nix im Kopf, aber im Ars. Es schißt eme nackichte Mann in de Hossesack — gebraucht man von einem lügenhaften Weibe. Von einem, der ungern an eine Arbeit, herangeht, sagt man: Der geht, an d'Arbeit, eer meint, es is ihm in d'Händ g'schisse. 39 Vgl. Anthr., Bd. 3, S. i32ff. 131 Über die französischen skatologischen Sprichwörter gibl die Bibliotheca scatologica erschöpfende Auskunft Abschnitt VIII: Mementro scatoparemiologique S. io5 — 120 ist nachgedruckt in Anthr. III, 1/17— 15g. Einige bezeichnende Sprichwörter und Redensarten mögen hier folgen: Server les fesses, quand on a chie au Iii, das heißt: Wenns Kalb ersoffen ist, deckt der Bauer den Brunnen zu. Von dem Gerede eines unbedeutenden Menschen sagt man: II parle comme un cul. Von einem Menschen, der von einer schweren Krankheit genesen ist, heißt es: II a fait un pet ä la mort. Die Italiener bezeichnen das gleiche mit den Worten: Fare il peto ai lupo. II a chie plus de la moitie de sa merde, ist die Umschreibung für einen todkranken Menschen. Ist er tot: II ne peiera plus; denn: Pour vivre sain et longuement II faut donner ä son cul vent. Pisser sans peter, c'est aller ä Dieppe sans voir la mer. Einen langweiligen Menschen läßt man abfahren: Parle ä mon cul, ma tele est malade. Von einem Schnellauf enden Menschen sagt man: II a le feu au derriere. Auch in Frankreich kennt man die Redensart: Dorthin gehen, icohin auch der Kaiser zu Fuß muß (Aller oü le. roi va ä pied). Der Ausdruck „bescheißen" für ,,betrügen" ist auch in Frankreich gang und gäbe. Von einem, der ihn betrogen hat, sagt der Franzose: II a chie dans ma malle (Er hat in meinen Koffer hofiert). On ne peut pas chier au goüt de tout le monde (Man kann nicht nach dem Geschmack aller Menschen hofieren), das heißt: Man kann es nicht allen recht machen. Die russische Sprache ist besonders reich an skatologischen Ausdrücken: 132 Auf einen schamlosen, unverschämten Menschen sagt man: Kack ihm in die Augen, und er sagt doch, es ist Gottes Geschenk. Einen geschickten Menschen rühmt man: Er macht selbst aus Dreck eine Kotelette. Honig oder Dreck ist gleich — nur gib den Honig zuerst. Die Erde ist schwarz, und doch gibt sie Getreide; weiß ist der Schnee, und doch machen die Hunde darauf. Von einer Person, die große Eile hat, sagt man, daß sich der Dreck bei ihr im Anus entzündet habe. Will man jemandem seine Verachtung bezeugen, so sagt man: Wenn dem so ist, will ich mit dir nicht einmal hofieren gehen. Wenn jemand kleinlich verfährt, so sagt man von ihm: Er zieht dem Dreck die Haut ab. Eine gute Zielscheibe für den Spott gibt der Klerus ab. Auch folgende Sprichwörter und Redensarten sind den beiden eingangs zitierten Sammlungen entnommen: Luft ist Luft, sagte der Pfaffe, und ließ einen streichen. Ich kann das Nachtgeschirr nicht entbehren, sagte der Pf äff, als man ihm vorhielt, daß er seine Konkubine mit im Lande herumführe. Dal kümmt von't lange Predigen! säd de Paster, dor harr he in de Büx schäten. Die Mönche hat der Teufel vom Galgen gesch . . . und sich den A ... an einer Nonnenkutte gewischt. An Hoffart xuischet der Teufel den Hintern. Die Frau erscheint fast noch öfter im Sprichwort als der Klerus: Lust und List wachsen auf der Weiber Mist. Wie das Faß, so der Wein, sagte die Frau zu ihrem Mann, als er von ihrem Urin getrunken. Die zweite Frau hat goldne Hinterbacken. E süfer (sauberes) Maidel ische beseht Kristier (Klistier) for e Mann, sagt man im Elsaß, um auszudrücken, daß es einen Mann lebensfroh machen kann. 133 Frauen sollen sprechen, wenn die Hühner pissen, das heißt also niemals. Wie oft die Frauen schwatzen und die Hunde pissen, wer kann das wissen. 6. Der Crepitus im Sprichwort Gemäß seiner Bedeutung ist dem Crepitus auch im Sprichwort ein großer Raum eingeräumt worden. Die allgemeine Anschauung im Volke geht dahin, daß sein Verhalten schwerste gesundheitliche Gefahren mit sich bringt, so daß deshalb der Crepitus als durchaus daseinsberechtigt gilt Dal was 'ne Wohltat! scggte Sievers, als er einen fahren ließ. Wo Wasser ist, da ist auch Wind, sagte jener, schlug sein Wasser ab und ließ einen streichen. Hei is 'n Dichter! seggl de Buer, hei makt ut'n Furz 'n Dunnerschlag. Man muß nicht stärker farzen wollen, als der A ... vermag. Welcher farzet, wann er will, der farzet, wann er nicht will. Um auszudrücken, daß es in manchen Fällen klüger ist, großzügig zu handeln, sagt der ländliche Franzose: Ne eau pas boule peta dab la micytat dou cu, das heißt: Man soll nicht mit dem halben Hintern furzen. Um kleinliche Menschen abzuführen, sagt man auch: Man kann nicht jeden Furz auf die Wagschale legen. Ein unbeständiger Mensch ändert sich alle Furzlang. Von einem Vergeßlichen sagt man: Seine Gedanken sind so kurz wie ein Furz. Bei den Südslawen muß der Crepitus die Begleitmusik beim Koitus machen. Man sagt kurz: Nema jeba bez prda (Kein Koitus ohne Furz) 40 , und das gleiche sagt ein Reigenlied: Es gibt keinen Bogen ohne Donner und Blitzen Und keinen Fisch ohne Wasserspritzen «o Anthr., Bd. 3, Nr. ölig. 134 Und keine Pitschka ohne Hinterbacken Und keine Brust ohne Warzen Und keinen Koitus ohne Farzen^. Pitschka ist die Bezeichnung für den weiblichen Geschlechtsteil. Für das kleinere von zwei Übeln sagt man: Besser ein Furz entrannt, als ein Dorf abgebrannt. Eigene Fürze riechen wohl, das heißt: Jeder Narr lobt seine Kappe. Wer eigene Fürze hat, braucht keine fremden zu riechen, sagt man, um auszudrücken: Jeder kehre vor seiner Tür. Um einen anmaßenden Menschen zu kennzeichnen, sagt schon der Lateiner: Ne sulor supra crepitum, und der Pole drückt dies mit dem Satze aus: Er stinkt höher als sein kleines Loch. Auch der Franzose kennt diese Redensart: II ne faut pas peter plus haut que le cul i2 . Ist eine Angelegenheit gänzlich mißlungen, taugt sie also nichts, so ist sie keinen Furz wert. Einem Cholerischen kommt jeder Furz in die Quere. Aus einem verschlossenen Menschen kann man noch weniger herausbringen als einen Furz aus einem toten Esel. 7- Der Podex im Sprichwort Der Podex als Vater des Crepitus beschäftigt fast noch stärker als die von ihm ausgehenden Wirkungen die Phantasie des Volkes. Unzählig sind die an ihn anknüpfenden Sprichwörter, Vergleiche, Rätselfragen. Über allem aber schwebt der Humor als versöhnendes Element Treffend sind die Vergleiche, Lebenswahrheiten werden kurz und schlagend in einige kurze Worte destilliert: 41 Bernhard Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei, Berlin, Bd. 2, S. 199. 13 Vgl. Bibliotheca scatologica, Nr. 101. 135 Wer den jungen Arsch nicht züchtigt, der züchtigt noch weniger den großen (Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr). Er vergäße den Arsch, wenn er nicht angewachsen wäre. I bin au koiner Sau vom Arsch g'falle, sagte der Bauer, da sich einer mit seiner Abkunft vom Schulmeister brüstete. Hals über Kopf umschreibt man auch mit den Worten: Über Ars, über Kopf. Etwas Selbstverständliches kann man sich „am Arsch abfingern" oder ,,am Arsch abklavieren". Ein Zaghafter dreht den Finger lang im Arsch herum und bricht noch den Finger im Arsch ab. Aus einem verdrießlichen Arsche fährt kein fröhlicher Furz. Man mag den Hintern schminken, wie man will, ein ordentliches Gesicht wird nicht daraus. Von einem stolzen Menschen sagt man: Er weiß vor Hof- farl nicht, wo ihm der Ars stehet. Er springt einem mit dem nackten Arsche ins Gesicht. Wer den Hintern verbrennt, muß auf den Blasen sitzen, sagt man von einem, der sich die Finger verbrannt hat. Auch Frankreich hat treffende Bezeichnungen: Lever le cul, das heißt flüchten. Man nennt „cul plat" einen unbedeutenden Menschen. Einen armen Menschen bezeichnet man treffend: II na que le cul. Von zwei Unzertrennlichen sagt man: Ce n'est qu'un cul et une chemise. Se servir de la chemise d'autrui pour lui torcher le cul, heißt, sich frei machen von der Hilfe eines, dem man verpflichtet ist. Gratter son cul au soleil, oder: Geduldig leiden. Laid comme un cul: Schlapper Mensch. Von den Italienern seien gleichfalls einige Sprichwörter genannt. Non trovi culo da tuo naso, sagt man von einem Menschen, dessen Schwadronieren keinen überzeugen kann. 136 // culo alla ortical: Ich lasse mich nicht dumm machen. Konzessionen machen: Dal del culo nella pietra. Ein Schwätzer: Hai mangato merda du cusetta. Bei den Russen fehlen selbstverständlich diesbezügliche Sprichwörter nicht: Wenn man jemanden übertölpeln will, so heißt es vorwurfsvoll: Du ziehst dem Arsch Bastschuhe an. Ein Dummer drischt Getreide mit dem Hintern. Einen faulen Menschen fragt man: Soll man dir nicht zwei Löffel Teer in den Hinlern gießen? Von einem klobigen Menschen sagt man: Er schneidet den Hintern wie mit einer Sichel. 8. L. ra. i. A. Die vier Buchstaben sind keine Hieroglyphen, sondern leicht verständlich. Will man jemandem seine Verachtung kund tun, so richtet man an ihn die bekannte Aufforderung aus dem „Götz von Berlichingen". Die sonstigen Aufforderungen drehen sich mit abgewandelten Worten stets um die gleiche Handlung: Küss' mich, wo der Buckel ein End' hat — Küss' mich am Ende des Rückgrats. — Küss' mich da, wo der Buckel seinen ehrlichen Namen verloren hat. — Küss' mich da, wo mein Gesicht keine Nase hat — Leck' mich, wo ich hübsch bin. Die Anekdoten, die sich mit dieser Aufforderung beschäftigen, sind sehr zahlreich. Interessenten finden sie in den „Kryptadia" und „Anthropophytheia" verzeichnet Zu Beginn des 18. Jahrhunderts existierte in Toulouse eine Confrerie des Baise-Culs. Die Mitglieder des Klubs waren Söhne vornehmer Häuser, die in ihrer Ausgelassenheit in den langen Winternächten die Gassen 137 unsicher machten, was um so leichter möglich war, da man die Straßenbeleuchtung noch nicht kannte. Sie hielten die Passanten an, nahmen ihnen ihre Börse, und schließlich wurden die Beraubten gezwungen, den Räubern den Anus zu küssen. Das Parlament von Toulouse mußte endlich einschreiten. Da aber viele Parlamentsmitglieder einen Sohn oder Verwandten unter den Tunichtguten hatten, kam es zu keinen Bestrafungen 43 . Das „Juristische Vademekum" bringt einige sehr interessante hierher gehörige Rechtsfälle: „Wenn in Rimini ein Verschwender genötigt war, seine Habe seinen Gläubigern zu zedieren, so geschah dies nach folgendem Ritus: Der Richter hieß ihn unter dem Schall der Trompeten vor seinen Gläubiger nach dem öffentlichen Platze bei der Burg führen und ließ ihn dort mit entblößtem Hintern dreimal auf den Stein sich niedersetzen und die Worte sagen: Ich überlasse mein Hab und Gut meinern Gläubiger zur Befriedigung. — Dann wurde die Zession als gültig angenommen 41 ." Auch in anderen oberitalienischen Städten, zum Beispiel in Padua, herrschte sogar noch im 18. Jahrhundert ein ähnlicher Brauch. „Wenn jemand seine Schulden nicht bezahlen kann und so arm ist, daß er nicht drei Lire im Vermögen hat, so hängt es von ihm ab, sich durch eine gerichtliche Erklärung seiner Insolvenz aller Ansprüche seiner Gläubiger zu entledigen. Allein mit dieser Erklärung ist eine Zeremonie verbunden, die so schimpflich ist, daß dieses Hilfsmittel höchst selten gewählt wird. Der Schuldner muß sich nämlich auf einen Stein vor dem Rathaus mit dem bloßen Hintern setzen und in Ge- 43 Dinaux-Brunet, Societ6s badincs, I, 71. 44 A. a. O., I. Nr. 2. 138 genwart der Sbirren oder Gerichtsdiener eine Stunde lang begaffen lassen' 15 ." Zum Schlüsse zwei Anekdoten: „Ein Kavalier sah einstmals eine wohl gewachsene und galant geputzte Weibsperson vor sich hergehen. Da er nun ein großer Liebhaber schöner Frauenzimmer war, so eilte er auch dieser schön scheinenden Person nach. Als er aber nahe an sie kam, wurde er inne, daß sie im Gesicht ein häßliches Rabenaas war. Deswegen sagte er: ,Madam, wenn Sie von vorne so schön gewesen wären als von hinten, so hätte ich Sie küssen wollen.' Sie gab ihm aber diese nachdenkliche Antwort: ,Küssen Sie mich, mein Herr, wo ich schön bin 46 !'" Fast dergleichen begegnete einem naseweisen Stutzer, der eine Jungfer mit ihrer langen Nase aufgezogen, wegen welcher man ihren schönen Mund nicht küssen konnte. Sie gab ihm zur Antwort: Sie wollte ihm leicht einen Ort zum Küssen weisen, da ihn keine Nase hindern würde 47 . Q. Abortinschriften Die Sitte oder vielmehr Unsitte, die Wände der öffentlichen Klosetts zu beschreiben und zu bekritzeln, ist uralt, jedenfalls so alt, wie diese selbst bestehen. Schon Martial erwähnt diesen Brauch 48 : Nigri formicis cbrium poetam, Qui carbonc rudi putrique coeta Scribit carmina, quae legunt cacantes. 45 Ebenda, IV, 16, Nr. 3o. 46 Die gleiche Anekdote findet sich auch bei den Südslawen: Anthr., Bd. 3, S. 353. 47 Neues Vademekum für lustige Leute, II, 4l, Nr. A. Schultz, Deutsches Leben im Mittelalter. Wien 1892, S. 54. 31 E. Tucher, Baumeisterbuch i464—1^75, hrsg. v. M. Lexer, Stuttgart i85a, S. Ii3, 180, 282, 28/i, 299. 158 mand soll kein unflat in hafen oder in andern Dingen an die Straß werfen." Wer es aber dennoch tut, muß sechzig Heller Strafe zahlen. Hilfsweise muß der Hauseigentümer einspringen. Der Inhalt der Abtrittsgruben durfte nicht in den Fischbach vor der Stadt geschüttet werden. Für München hat die „Bau- und Kundschaftsordnung" eine sehr sanitäre Vorschrift erlassen. Wer „haimlich gemach" neu herstellen lassen will, darf die dazu gehörigen Gruben nicht durch den Lehm graben lassen, damit die benachbarten Brunnen nicht verdorben würden 32 . Die Stadt Lauringen a. d. Donau erläßt im Jahre i555 in ihrer „Zucht- und Polizey-Ordnung" folgende beherzigenswerte Vorschrift: „Damit der hochbeschwerliche Gestank in der Stadt abgestellt werde, will ein ehrbarer Rat, daß alle Bürger, die eigene Häuser haben, „ihre Heimlichkeiten, so auf die Gasse laufen, bis zu Weihnachten bei Vermeidung emstlicher Strafe untergraben". Es wird also verordnet, daß der Kot nicht mehr auf die Straße laufen dürfe, sondern daß er in unterirdischen, überdeckten Rinnen abgeleitet werde. Diese sollten zu gebührlicher Zeit ausgekratzt werden. Der Unrat des Hauses sollte den herumfahrenden Karren mitgegeben werden, damit der Gestank, der „von Priuet vnnd heimlichen gemachen" käme, verhindert würde 33 . Man sieht also, daß für die Leerung der Abortgruben bereits frühzeitig Vorsorge getroffen wurde. Dazu angestellte Arbeiter müssen bereits einige Jahrhunderte 33 J. Wiedenhofer, Die bauliche Entwicklung Münchens. München 1916, S. i5. 33 Mitteilungen zur Geschichte der Medizin 1919, Bd. 18, S. 365. 159 früher vorhanden gewesen sein, denn schon im Jahre i33o wird im „Confeßbuch" der Stadt Frankfurt a. M. eine Frau Hilla als „schizhuzfegern" erwähnt 3 *. 1 werden die zum Reinigen gedungenen Arbeiter „husel- feger" oder „heymlichkeitsfeger" genannt Sie hatten den Auftrag, den gesammelten Kot auf der Mainbrücke auszuschütten, beileibe an keinem andern Ort, bei Vermeidung von Strafen 35 . Die Reinigung solcher Abortgruben geschah aber nur selten, und so ist es verständlich, daß die gelegentliche Säuberung gewaltige Mengen Schmutz zutage förderte. Die „Frankfurter Chronik" 36 berichtet zum Reispiel aus dem Jahre 1/177, daß die Grube eines „Profait" oder „Profeyen" (Abort) 9 Fuß lang, 6 Fuß breit und 6 Fuß tief sei und beim Reinigen 992 Eimer Kot enthalten habe, und Anton Tucher, der genaue Aufzeichnungen machte, erzählt uns von den „haimlichen gemächern" 37 aus den Jahren 1607—1517, daß er im Jahre i5o8 durch zwei Arbeiter die Grube reinigen ließ. Zum letztenmal war dies 1A99 geschehen. An dieser Grube, die 9 Fuß lang, 8 Fuß breit und 13 Fuß tief war, hatten die Arbeiter 10 Stunden lang zu schöpfen. Rei der nächsten Reinigung im Jahre i5i5 wurden in 11 Stunden 2 3 Karren Schmutz weggefahren. Das war im Hinterhause. Im Vorderhause lag zwischen den beiden Leerungen ein Zwischenraum von sage und schreibe t\o Jahren (1477 und 1517). Man wußte damals den Wert des 34 K. Bücher, Berufe der Stadt Frankfurt a. M. im Mittelalter, Leipzig 1914, S. 10C. 35 K. Bücher, a. a. 0. 36 C. A. von Lersner, Der Stadt Francfurt Chronica 1706, Bd. 1, S. 5i2. 37 Anton Tauber, Haushaltungsbuch, hrsg. v. W. Loose, Stuttgart 1877. IÖO Ortsärztlidie Vorfchrifieu Zur Vermeidung von Itr^uikheiten Jindfolgende PbrJ&brz'ften. dezx*u zu txs^chtrn 1 ZtrrtälJiftinctfeMuSJciße. yekhe^cnü^ndgroß andau?2>eckel ■p-erjehcn setn mu£, zu scfialfen ßj^ Jj^tlkitte zfi svge /r j<£ / 3sg morgens ^ar das H&us-zo /Jt-Lüsj.c^TieKilecrJ zjs- werdest. (KariZerrenbtJchscn. Flascher. IbiHachezi ilxxz bejhndexrs zu fhmzneJxu Aufaeua Hof und funJer den Mausern darf Jceizi i£Ü? - oder^ tTzLlhaut&n angelegt werden 2t2/7&rJ£±er uixt SumpftteBsti aufdein Hof ocfer jaa dsr Jfdhe der Quartiere ilhd ettiui etu&za Di e Kell CT* wJndfe zzzxi lec&n fthdzn der Zeit Pom t-t£^iprtj zweimal mir offener* tftqjmre atszuölütsen. um &6chrnzic&*xLbrat zu. prsrtvkfi/en 22tb3 tmt iznJer ALL&fctif c£es Gfr^tier-dLte&tLa Zu. ^etbhdäecu J>ie Ihsö&bunö d&r> -Eir-ujsrjen znuß v^IIzö j°eih ^ehaJJcn Tarden Der ffZusSere&fjLLß'muß geregelt feth. Ä "iürÄsc^p fiens unfanthgf. isi die Srnnnen xi>6&nc£ eth eti Ge^n $<3X2ctL^ (ttzffl. Steine et a. /hüiexjiziius&fizxi Die Schöpfeimer' Jtnd&wz fbtd3G2*^a halfen, sie dur&rz? njehi eutäk-nat werden 7>fe Srdhnez dseksj tfndzkX'ti GehrcKJCh %, u t^hiiejSen, at & 2}tzner> 'A na azifczuz Brunnendeckel z^itlfellen Die Latrine nstetS fZetsfhubei* deJbaittzn. der£Zzd2 tt°f th diel^eirjSe exen!azufeiiet Tr-iitZir'etzczr- CblorJcetK £qeJuJdetev2, Ifockredfsfellung' ir.-s. den 1J~^.& Jtabsdwzj- d-J?eS Feldlatrinenordnung von der Westfront Inspiration des Künstlers, von Mich! Fingesten Düngers noch nicht richtig einzuschätzen, und so war es natürlich, daß zum Beispiel in Paris noch 1780 die Stadtverwaltung für die Fortschaffung des Inhaltes der Kloaken 5ooo Livres bezahlte, während etwa 3o Jahre später ein spekulativer Unternehmer seinerseits 15o 000 Franken für die Erlaubnis bezahlte, allen Kot aus der Stadt abführen zu dürfen. Er kam aber glänzend auf seine Kosten, denn zu Montfaucou bei Montmartre errichtete er eine Fabrik zur Gewinnung von Düngpuder, und der Vertrieb dieser Fabrikate warf ihm riesige Gewinne ab 38 . Paris ging überhaupt allen anderen Städten in bezug auf die Ausgestaltung des Latrinenwesens voran. Schon frühzeitig begann es mit der Pflasterung der Straßen, was auf folgende Ursache zurückzuführen ist. König Philipp II. stand im Sommer des Jahres 1184 eines Tages am Fenster seines Schlosses zu Paris, als einige schwere Lastwagen vorbeifuhren, die den auf dem Wege liegenden Kot so sehr aufwühlten, daß ein fürchterlicher Gestank entstand, wovon der König ohnmächtig wurde. Aus Anlaß dieser Begebenheit erließ er den Befehl, die Hauptstraßen von Paris mit Feldsteinen zu pflastern 39 . Im allgemeinen führte dieser Befehl natürlich keine Änderung in den angestammten Gewohnheiten herbei. Nach wie vor schüttete man zum Fenster hinaus, was sich an Unrat im Hause angesammelt hatte, so daß die Straßen und Plätze vor Schmutz starrten. König Philipp der Schöne wagte einen schüchternen Versuch, diesen unhaltbaren Zuständen Einhalt zu tun, indem er befahl, daß die Bewohner der Häuser für die 38 V. Hazzi, Über den Dünger, München i8a4» S. III. 33 Monumenta trium font. chron. Ausgabe von Leipniz, Hannover 1698, S. 367. Reinigung der dem Haus vorgelagerten Straße selbst zu sorgen hätten 40 . Im Jahre 1872 und noch einmal im Jahre i3g5 wurde die Verunreinigung der Straßen streng verboten. Dessenungeachtet herrschte noch das ganze Jahrhundert hindurch und noch lange Jahre nachher die grausliche Gewohnheit, daß jeder, was und wann er nur wollte, aus den Fenstern ausgießen oder werfen durfte, wenn er vorher dreimal „Gare l'eau" (Achtung! Wasser!) gerufen hatte. Noch heute hat sich der Ausruf „Gare l'eau" für „Kopf weg!" erhalten 41 . Im Jahre i5i3 schrieb eine Ordonnance vor, daß jedes Haus seine Latrinen haben müsse, die man „Aisements" (Bequemlichkeiten) nannte. Dieser Befehl wurde i533 unter Androhung schwerster Strafe wiederholt, und fünf Jahre später wurden alle Häuser von den Polizeibedienten besichtigt, um diejenigen zur Anzeige zu bringen, die noch nicht die vorgeschriebenen „Privets" errichtet hätten. Doch der eingerissene Schlendrian ließ sich auch durch diese Strafen nicht beseitigen, denn noch in den Jahren 1697 und 1700 erschienen Polizeiverordnungen, „zureichende Latrinen in den Häusern anzulegen und diejenigen instand zu setzen, die vorhanden sind, und zwar binnen eines Monats; andernfalls die Häuser so lange zu schließen, bis alles in gutem Zustand sei 42 ." Auch in den französischen Schauspielhäusern scheint man zu dieser Zeit keine Aborte gekannt zu haben, oder die „Damen", von denen uns Bussy-Rabutin in seinen Erinnerungen erzählt, standen auf der Stufe der Gassendirnen. 40 J. Beckmann, Beyträge zur Geschichte der Erfindungen 1788, Bd. 2, S. 356. 41 J. Beckmann, a. a. O., S. 356. 42 Beckmann, a. a. O., 35g. IÖ2 „Die Damen de Saulx, de la Trernouille und die Mar- quise Le Ferte begaben sich nach einer üppigen Mahlzeit in die Komödie. Sie wurden von einem plötzlichen Bedürfnis gezwungen, das, was sie nicht zurückhalten konnten, in ihrer Loge zu entleeren. Dann aber fühlten sie sich von Gestank so belästigt, daß sie ihre Exkremente zusammenpackten und ins Parterre hinabwarfen. Die damit Beworfenen überschütteten diese schamlosen Herzoginnen und Marquisen mit solchen Injurien, daß die Damen sich schleunigst zurückziehen mußten." 43 Öffentliche Latrinen gab es im 18. Jahrhundert bis in die letzte Zeit noch nicht. 1800 werden als besondere Merkwürdigkeiten zwei öffentliche Klosette genannt und beschrieben, das eine nahe beim Theätre de la Republi- que, das andere in der Passage du Theätre Feydeau 44 . Am 10. März 1809 wurde in Paris verfügt, daß jeder Abort einen vollkommen undurchdringlichen Sammelbehälter haben müsse. Jede Grube sollte gleichfalls mit einer Lüftungsvorrichtung versehen werden. Doch auch diese gewiß nützliche und selbstverständliche Vorschrift kam nicht zur Durchführung, aus dem einfachen Grunde, weil die Kosten für die Herstellung zu hohe waren 45 . Als Kuriosum sei vermerkt, daß das Wasserklosett, welches von England aus seinen Siegeszug durch die Lande angetreten hat, noch einmal erfunden wurde. Eine Madame Benoist ließ sich im Jahre 1823 ein Patent auf „einen nicht riechenden Sitz" erteilen 46 . Die im Gebrauch befindlichen Klosette hatten zur Ableitung 43 Supplement aux Memoires et lettres du comte Bussi-Rabutin LL, 199. 44 London und Paris. Weimar 1800, 9. Bd., S. 429/430. 45 Die beweglichen Abtrittsgruben. Weimar 1819, S. 4- 46 Franz. Patent Nr. i335 v. 19. Juni i823: Feldhaus, S. a5i. 163 der Gase einen zum Dach hinausf ührenden Schamstein* 7 . Dessenungeachtet kann man sagen, daß Frankreich allen anderen Ländern hinsichtlich des Latrinenwesens vorausgeeilt war, mit Ausnahme Englands, denn noch 1823 war man in Österreich mit derartigen Einrichtungen so weit zurück, daß dem Baumeister Wit- halm in Grätz ein Patent auf einen Abort erteilt wurde, das als einzige Neuerung dünne Abzugsröhren aufwies, um „den üblen Geruch abzuleiten". Und zwei Jahre später erteilte man einem Schweizer Gutsbesitzer ein Patent auf ein Tonnensystem 48 . i835 wird ein Patent dem Wiener Tischler Krupnik gegeben für „englische Retiraden". Die „Erfindung" bestand in der Verwendung von zwei übereinanderliegenden Blechgefäßen. Nach Benützung öffnete man durch eine Vorrichtung die Verbindungsklappe, und der Kot fiel in das untere Gefäß. Die Verwendung von Wasser wurde ängstlich vermieden. Auf dem gleichen System beruhte die Erfindung des Spenglers Morsch, der sich ein Patent auf „geruchlose Retiraden in Sekretärs, Kommoden, Garde- rob- und Nachtkästchen" erteilen ließ 49 . In England fand sich bereits frühzeitig ein findiger, gleichzeitig aber auch geistreicher Kopf, der die ganze Materie gewissenhaft durchdachte und die Resultate seiner Forschungen in zwei von großem Scharfsinn zeugenden Schriften niederlegte. Es ist der bekannte Humorist Swift. Diese Abhandlungen führen in französischer Übersetzung den Titel: „Le grand Mistere, ou Varl de mediter sur la garderobe, renouvele et devoile par l'ingenieux docteur Swift, avec 47 Instruction des Gesundheitsconseil zu Paris, deutsch von Gelshaus, Lemgo 1826. 48 Beschreibung der Erfindungen, Wien i84i, Bd. 1, S. 317. 49 Beschreibung der Erfindungen, a. a. 0., S. 319. 164 des observations hisloriques, politiques et morales, qui prouvent l'antiquite de cette science et qui contiennent les usages differents des diverses nations par rapport ä cet important sujel, trad. de l'anglais (par l'abbe Des- fontaines). La Haje, Van Düren, 1729, pet. 8°, und ferner : L'art de mediter sur la chaise percee, par l'auteur de Gulliver l'aine (J. Swift). Avec un projet pour bätir et entretenir des Latrines publiques dans la ville et fau- bourgs de Paris, sous la direction d'une compagnie, dans laquelle on pourra s'interesser en prenant des actions. Dublin, de l'imprimerie du docteur Swift, 17 [[3, in 12 0 , 54 S. 50 . Diese Ausgabe enthält größere Varianten gegenüber der ersten Schrift. Der Inhalt ist pikant genug. Nach einer ironischen Widmung an Dr. W... (Woodward) überläßt sich Swift philosophischen Betrachtungen über die Würdigkeit des zur Behandlung stehenden Stoffes. Er meditiert besonders darüber, welche Vorteile die Politik daraus gewinnen könnte, wenn Gelehrte und Forscher aus dem Kot Schlüsse auf den Charakter der einzelnen Personen ziehen würden. Dann schlägt er die Gründung von Akademien vor, in denen die Kunst der Entleerung praktisch vordemonstriert werden sollte. Nach diesen Buffonerien entwirft er ein Projekt über den Bau und die Unterhaltung öffentlicher Latrinen in London und Westminster. Swifts durchaus beachtenswerte Vorschläge fielen in England aber auf keinen fruchtbaren Boden, denn noch bei Erscheinen der ,£ibliolheca scatologica" (i85o) gab es in London nur zwei Botunden zur Befriedigung kleinerer Bedürfnisse 51 . Auch hier prangte schon die prä- 60 Biblioiheea scatologica, S. II. 6 1 Bibl. scat., S. 12, Anm. 1. 165 zise und knappe Inschrift: You are requesled to rajusl your dresses before leaving (Knöpfen Sie Ihre Hosen vorm Hinausgehen zu!). Und doch ist England die Geburtsstätte des Wasserklosetts, das 1775 vom Londoner Uhrmacher Alexander Cumming erfunden wurde. Das zuerst angewandte Prinzip ist auch heute noch beibehalten. Bedeutsamer als die Wasserspülung ist bei dieser Erfindung das doppelt gekrümmte Abfallsrohr, der sogenannte Siphon, der auf der Anwendung der kommunizierenden Röhren beruht und die Frage der Beseitigung des unangenehmen Geruchs löste. Dieses Wasserklosett bürgerte sich jedoch nicht so schnell ein, wie man hätte vermuten sollen. Gegen Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts hatten in Manchester von 70 000 Häusern nur 10000 Wasserklosette. Bei Neuanlagen bevorzugte man eine Kombination von Abort und Aschengrube, da die Steinkohlenasche wirksam desinfizierte. Nur in Liverpool ging man mit rücksichtsloser Schärfe vor und erreichte es 1866, daß von 86000 Häusern in über 3i 000 Wasserklosette angelegt wurden. 20000 Klosette hatten die erwähnte Kombination von Abort und Aschenablage, und nur 2000 waren mit dem auswechselbaren Tonnensystem ausgestattet. Von den größeren Städten hatten Birmingham und Edinburgh von der segensreichen Erfindung überhaupt keinen Gebrauch gemacht 62 . Italiens Unsauberkeit im Punkte der Latrinen ist ja hinreichend bekannt, und mancher Italienfahrer wird sich noch lange Zeit mit Schaudern an die dortigen Reti- raden erinnern. Eine besondere Erwähnung verdient Florenz. Hier enthielten die Mietskontrakte lange Zeit 52 Feldhaus, S. 277. 166 hindurch die Klausel, wonach die Mieter verpflichtet wurden, nur den Hausabort zu benützen, dagegen keinen fremden. Diese kuriose Vorschrift verdankt kaufmännischen Erwägungen ihre Entstehung: Die Hausbesitzer verkauften nämlich den Inhalt der Latrinen an die Landwirte als Dung und waren natürlich darauf bedacht, möglichst viel von diesem geschätzten Artikel abliefern zu können. Ehe wir dieses Kapitel beschließen, sei noch ein Rückblick auf die Zeiten der Postkutsche und der ersten Eisenbahnen getan. Feldhaus teilt nach ihm brieflich zugegangenen Mitteilungen des Eisenbahnmuseums Nürnberg folgendes mit (S. 275): „Als vor rund 80 Jahren die Postkutsche durch die Eisenbahn abgelöst wurde, entstand die drängende Frage, wie die Fahrgäste ihre Bedürfnisse verrichten könnten; denn man konnte nicht mehr für jeden Fahrgast an der Waldesecke anhalten. Zunächst baute man in den Gepäckwagen ein „Cabinet" ein. i863 wird berichtet, daß die „Benutzung der Cabinets in den Gepäckwagen vollständig an dem richtigen Gefühle der Passagiere gescheitert sei". Man empfahl damals bereits Wagen mit Seitengang, damit jeder zu den „Cabinets" gelangen könne. 1866 kamen in Frankreich die ersten Wagen dieser Art mit Aborten an beiden Enden der Wagen auf. Die Prüderie der Engländer sträubte sich gegen die Einrichtung fahrender Aborte, und so vermißt man diese dort noch im Jahre 1871. In Deutschland kamen sie sogar noch etwas später auf. Sprechen wir von den Eisenbahnen, dann müssen wir uns auch fragen, wie es auf den Schiffen war. Im Mittelalter hing zu jeder Seite des Hecks ein Korb, in den man hineinstieg. Auf den Galeeren verrichteten die I67 Sträflinge ihre Bedürfnisse dort, wo sie angekettet waren. Zur Barockzeit brachte man kleine Ausbauten zu beiden Seiten des Hecks an, die zur Nelsonzeit als „Taschen" bezeichnet wurden. Nur auf den holländischen Schiffen herrschte die größte Sauberkeit. Dort lag unter dem Bugsprit die „Pißback"... Auf kleinen Schiffen läßt der Seemann noch heute, indem er sich über Bord hockt, „den Mond über dem Wasser leuchten". 5- Interessantes über den Nachttopf undLeibstuhl Der Nachttopf setzt bereits eine gewisse Kultur voraus. Ein Nomadenvolk kann seiner entraten. In Hütten ist er überflüssig, da der Weg ins Freie nur einige Schritte erfordert. Erst bei Zusammendrängung vieler Menschen auf einem kleinen Baum (Städtegründung) macht er sich notwendig. Sein Geburtsjahr ist nicht bekannt. Jedenfalls kann er auf ein langes Bestehen zurückblicken. So wird uns zum Beispiel schon aus der ersten Dynastie in Ägypten berichtet, daß bei den Mahlzeiten der Könige zahlreiche Diener mit goldenen und silbernen Vasen herumgingen, in welche die Gäste ihr Wasser abschlugen und sogar ihre großen Bedürfnisse verrichteten 53 . Das gleiche wird vom Kaiser Heliogabal erzählt 58 ". Diesen Luxus scheint sich jedoch nicht nur der Kaiser geleistet zu haben, denn er wird auch von anderen Großen berichtet So sagt Martial 63b : 63 Le nouveau merdiana ou Manuel scalologique par une societi de Gens Sans gene. A Paris 1870, S. 16. S3 ' Pelronius, Satyrikon, c. 27. 63b E P „ I, 3 7 . 168 Während du schamlos Gold mit der Last des Leibes befleckest, Bassus, trinkst du aus Glas: teurer denn leerst du dich aus. Die üppigen, verweichlichten Römer und Römerinnen ließen sich von schönen Sklavinnen die Nachttöpfe zu ihren lukullischen Schmausereien herantragen und bedienten sich ihrer coram publice- 64 . Schon frühzeitig scheint der Gebrauch des Nachttopfs sich bei allen Schichten der Bevölkerung eingebürgert zu haben, denn Juvenal rügt die Unsitte, derartige Gefäße auf die Vorübergehenden zu entleeren 55 . Blicke nun noch auf andre Gefahr und verschiedne der Nachtzeit, Was bis zur Höhe des Dachs für ein. Raum, von wo aus dir den Schädel Scherben zerschlagen, so oft zerbrochen, lecke Geschirre Dort aus den Fenstern man wirft; mit wie großer Wucht das aufs Pflaster Stürzt und es zeichnet und sprengt. Du könnlest nachlässig erscheinen, Nicht auf plötzliche Fälle bedacht, wenn du testamentlos Gehest zum Mahl; ja der Tode so viele dröhn, wie in der Nacht, Welche vorüber dich führt, dort aufslehn wachende Fenster. Wenn im Mittelalter Schlafzimmer bildlich dargestellt werden, fehlt selten der unentbehrliche Pot-de-cham- bre 56 . Im Jahre i5io gab Tucher einiges zerbrochene Zinngeschirr weg und ließ es „für 2 new ozine prunez- scherben" verrechnen. Unter diesen „Prunzscherben" sind natürlich Nachtgeschirre zu verstehen 57 . Es gab 54 C. A. Boettger, Sabina oder Morgenszenen im Putzzimmer einer Römerin, Leipzig, Göschen, igoo. 55 Sat. III, 268—27/i. 56 Vgl. Brunswig, Liber pestilentialis. Straßburg i5oo; K. Sudhoff, Beiträge zur Geschichte der Chirurgie in Mittelalter. Leipzig igi4, S. 61. 57 Auton Tuchers Haushaltsbuch, a. a. 0. IÖQ also zu dieser Zeit sowohl tönerne wie solche aus Zinlu. Amüsant ist die Vorrichtung, die sich der berühmte Philosoph Leibniz herstellen ließ. Feldhaus berichtet darüber aus eigener Anschauung 58 : „Als ich vor einigen Jahren im Kunstgewerbemuseum zu Hannover das Leibnizzimmer besuchte, fiel mir ein starkes Buch auf, das an den Sterbesessel des großen Philosophen gelehnt stand. Ich besah es mir von allen Seiten und bemerkte, daß es zwar einen schönen Einband, aber keine Blätter enthalte. Also rief ich den Diener herbei und fragte ihn, was dieses sonderbare Buch gerade in diesem Zimmer zu bedeuten habe. Da ich in Gesellschaft einer Dame war, machte der Diener ein verlegenes Gesicht und meinte, ob er offen reden dürfe. Als wir ihm das gestatteten, nahm er den Folianten und ging damit in die Mitte des Baumes. Dort klappte er die schweren Metallschließen des Großfoliobandes auf und stellte die beiden hölzernen Einbanddecken so auf die Erde, daß sie einen rechten Winkel zueinander bildeten. Aus dem einen der Deckel klappte 68 A. a. O., S. 180. Schade, daß der alte Fontane dieses praktische Aushilfsmittel nicht gekannt hat, er hätte sich dann mancherlei Unbequemlichkeiten erspart. In seinem Briefe vom iti. Juli 1887 aus dem Seebad Rüdersdorf, in dem er über die kleinen Bedürfnisse des täglichen Lebens schlicht und gewinnend plaudert, findet sich die ulkige Stelle: „ . . . wobei mir einfällt, daß mitten im Garten, unter zahllosen Levkojenbeeten, auch der ,Lokus' ist, an welch letzteren sich für mich tragikomische Erinnerungen knüpfen. Es ist ein durch eine Holzwand geteiltes Häuschen, dessen eine Hälfte für Erwachsene, die andere für Kinder ist. Letztere mit sehr niedrig gehaltenem Sitzapparal. Nun trifft es sich so unglücklich, daß für mich — der ich ja regelmäßig zu spät komme — immer nur der für Kindermaß berechnete frei ist, was mir Attitüden aufzwingt, die ich meinem bittersten Feind nicht wünsche." (Theodor Fontanes engere Well. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Dr. Mario Krammer, Artur Collignon, Berlin 1920, S. 151.) I70 er dann eine Bretterwand heraus. Jetzt bildeten die Einbanddecken mit der Bretterwand diese Figur: Q Erstaunt sahen wir zu. Aus dem anderen Deckel klappte der Alte ein kürzeres Brett mit einem großen Loch heraus und legte es so, daß es die drei Wände oben bedeckte. Ich sah sogleich an der Form des Brettausschnittes, was hier aufgebaut worden war. Aber ich konnte mir den Zweck dieses Gegenstandes doch noch nicht erklären. Da sagte der Alte so leise, daß meine Begleiterin es noch eben hören konnte: Dieses Buch nahm Leibniz auf allen seinen Beisen in seiner Kutsche mit Und wenn er denn einmal durch einen Wald kam, baute er sich den Sitz im Grünen so auf. Das war für den alten Herrn bequem." Erwähnung verdient hier auch der „Kotstuhl" der Päpste. Man erzählte, daß sich der Papst am Tage seiner Weihe auf ihn setzen mußte, wobei der Sängerchor den ii3. Psalm sang: „. ..der Herr richtet den Geringen auf aus dem Staub und erhöhet den Armen aus dem Kot..." Alsdann setzte man den Papst auf einen prächtigen Thronsessel. Das Volk verstand indessen diese symbolische Handlung nicht, und so entstand die Sage, daß sich der Pontifex auf diesen Stuhl setzen müsse, damit der jüngste Diakon nachsehen könnte, ob der Papst ein Mann sei. Diese Inspektion leitete man daher, weil der Sage nach eine Päpstin Johanna auf den Stuhl Petri gekommen sei, deren Geschlecht im Jahre 855 anläßlich ihrer Fehlgeburt bei einer Prozession zutage getreten sei. Friedrich Wilhelm Bruckbräu beschreibt diese Szene ausführlich in seinem Erotikon „Der Papst im Unterrocke" (Stuttgart i832) 59 . 59 Vgl. auch Bourke-Krauß, Der Unrat in Sitte, Brauch und Glauben der Völker. Leipzig 1913, S. 187. 171 Der Stuhl wird sella perforata oder exploratoria genannt 60 . Auch der Papst hatte wie Leibniz (nur in anderer Gestalt) während des Bestehens des Kirchenstaats seinen Leibstuhl, der ihn auf allen seinen Reisen begleitete. Man sah im Zuge einen Offizier zu Pferde, der am Sattelbogen zu jeder Seite ein mit blauem Tuch überzogenes Möbelstück befestigt hatte. Diese beiden Stücke waren die Leibstühle des Papstes. König Ferdinand IV. von Neapel glaubte es seiner Würde schuldig zu sein, dem Papste nacheifern zu müssen. Wenn er ins Theater ging, brachte ein von einem Offizier geführtes Detachement der Garde seinen bequemen Leibstuhl nach der Loge, damit sich die Majestäten desselben nach Wohlgefallen bedienen konnten. Und die Fremden, die zur Zeit dieses Fürsten Neapel besuchten, konnten das wundervolle Schauspiel erleben, daß allabendlich ein prunkvoller militärischer Zug bei Fackelbeleuchtung vom Palast zum Theater und zurück wanderte und in seiner Mitte einen Leibstuhl mit sich führte. Und die Offiziere entblößten vor diesem Leibstuhl den Säbel, und die Soldaten präsentierten das Gewehr 61 . In einem sehr seltenen deutschen Erotikon, das ich in einer Privatbibliothek fand, und dessen genauen Titel ich nachstehend wiedergebe, wird ausdrücklich und sehr eingehend über die eines Fürsten würdige Zere- 60 Er ist abgebildet in L'Enfant, Historie der Päpstin Johanna, Frankfurt i'/S'], S. 207. — Vgl. Dissertatio juridica de eo, quod ju- stum est circa Spiritus familiäres feminarum, hoc est pulices. Aulore Ottone Philippo Zaunschliffer. Prof. ord. jur. utriusque Marburgonsi. Neu herausgegeben v. Dr. Sabellicus, Heilbronn 1879, S. 55 und 102, Anm. 6. 61 Neapel, wie es ist. Aus dem Französischen des Santo Domingo von Dr. Aecht von Santo Domingo. Leipzig 1828, S. 171. 172 inonie berichtet, sobald der Herrscher zu Stuhle geht. Der Titel heißt: Historische Relation Von der Liebe des Kaysers Von Marocco Vor die Durchleuchtigste Verwiltibte Prinzessin Von Conty, In Form einiger Sendschreiben geschrieben an eine Persohn von Qualität durch den Herrn Graffen von D . . . Aus dem Frantzösischen in das Hoch- teutsche übersetzet. Cölln/ Bey Peter Marteau / 1700* 1 * Welcher Verfasser und Verleger dahinter zu suchen ist, ließ sich nicht feststellen. Leonce Janmart de Brouillant, Histoire de Pierre du Marteau, imprimeur ä Cologne. Paris 1888 verzeichnet es nicht. Die Bibliotheca sea- tologica und Hayn-Gotendorf kennen es nicht. Aufgeführt ist es im Katalog der Bibliotheca Zoachina, dem eine Bibliotheque des Dames angehängt ist (erschienen 1752) auf Seite i/i/i/j als Nr. i4 283. In diesem kleinen Bändchen wird berichtet, wie ein Edelmann aus der Normandie, Monsieur de Pierreville, an den Hof des Sultans kommt. Es heißt dann: „Nachdem er (der Sultan) nun an den Herrn Pierreville einige Fragen / so von keiner besonderen Wichtigkeit gewesen / getan und in der Meinung auch war / daß dieser «U 12 o, a £ 0 Seiten inklusive Titelblatt. 173 neue Sklave müßte von einem vornehmen Geschlecht« seyn / hat er ihn vor seinen Nachtstuhl Sorge zu tragen / bestellet / welche Charge dann vor einer Stunde durch den Todt des vorigen Verwalters wäre ledig worden / und so viel Vertrauen hat / als nimmermehr dieselbe / so der Lord in Engelland hat / und Gromm of the Stoul heißet. Bey dieser honorablen Verrichtung... erkundigte sich der Kaysei' wegen des Ansehens und Magnif icens des frantzösischen Hoffes... nur eine Sache / welche das größte Kennzeichen ist der Hoheit und einigen Persohn des Kaysers von Marocco / befunde er / daß ihm mangels der Hoheit des Königes von Frankreich / nehmlichen daß er nicht öffentlich unter gewissen Ceremonien zu Stuhle ginge... Wenn der Kayser von Marocco will zu Stuhle gehen / wird solches auff einen hohen Turm kundge- machet / da dann zwölf Trompeter / zwölf Paucker / und zwölf Schalmeyen-Pfeiffer unter einer gantz offenen und auff allen Seiten übergüldenen Ballistraden umbgebenen Loge sich verfügen / und träget derjenige / so über den Nachtstuhl bestellet ist / solchen auff seyn- men Haupte und gehet also zuerst voran / indem ein ander ihme zur Linken Seite den Nachtstuhl mit eyner Parisol bedekket, hernach folgen vier der größten Herrn vom Hofe / gantz weiß gekleidet / und endlich folget der Kayser. In diese Loge nun darff über vorerwähnten Persohnen mit dem Kayser kein Mensch gehen: wann sie nun an den Ort gekommen / und der Nachtstuhl zurechte gesetzet worden / setzet sich der Kayser darauf / und thun ihm die vier Minister den Bock ab / und reiben ihm über die Achseln von oben bis unten an: der Kayser bleibet allezeit in einer solchen Positur eine gute halbe Stund sitzen / während der Zeit lassen sich die Trompeter / Tambours und Schallmey-Pfeiffer tapfer hören / 174 und darf kein Unterthai) einige Arbeit verrichten / und sobald man auff einer Stangen eine Serviette / welche das Waschen wol verdienet hat / in die Höhe richtet / so hören die Trompeter / Paucker und Schallmeyen-Pfeif- fer auff / und ruffet das Volk zu dreyen mahlen / Alla Mohamet / worauf der Kayser gantz alleine zurückgehet / und muß derjenige / so über den Nachtstuhl zum Aufstellen bestellet ist / solchen wieder auff seinem Kopffe zurücktragen in Begleitung der anderen / umb den Nachtstuhl wieder reine zu machen..." Doch kehren wir zu realen Tatsachen zurück, denn daß es sich bei vorstehender Anekdote um ein Phantasiei- gebilde handelt, liegt auf der Hand. So beliebt die Nachttöpfe auch waren, so sehr fürchtete man sie auch. Abortgruben wurden erst spät angelegt. Wohin also mit dem Inhalt der Gefäße? Nun, ganz einfach: Man griff zu dem Nächstliegenden und leerte sie, wie schon im alten Rom, einfach aus dem Fenster auf die Straße. Ergötzliche Berichte sind uns darüber überliefert Auf emem Holzschnitt von 1/189 finden wir diese Ausleerung bereits im Holzschnitt dargestellt 65 .. Man konnte den Kammertopf aus dem Fenster leeren, wenn man (in Paris) dreimal „Gare l'eau" gerufen hatte. Auch in anderen Ländern waren die Zustände um keinen Deut besser. In München erging schon 1870 strenges Verbot, die Nachtgeschirre einfach auf die Straße zu schütten 63 . Und aus Schottland berichtet der Reisende Edward Burst M : „Wir... waren recht lustig, bis die Uhr zehn schlug. Dies ist die Stunde, da jedermann die Frey- 02 Jac. Hartlieb, De fide meretricum in suos araores. Argent. 1489; reproduziert bei Feldhaus, S. 109. 63 S. Westenrieder, Beiträge zur vaterländischen Historie, München 1788, Bd. 6, S. 106. 64 Briefe über Schottland. Hannover 1776, S. 17. 175 heit hat, auf ein durch die Stadttrommel gegebenes Zeichen seinen Unflath aus dem Fenster zu werfen... Wie ich auf meinem Wege nach Hause, durch einen langen engen Gang, welcher hier Wynde heißt, gehen mußte; so ward mir ein Wegweiser mitgegeben, welcher, um ein Unglück, das mir hätte begegnen können, abzuwenden, beständig mit lauter Stimme schrie: Hud your Haunde, das ist: Haltet ein! Ich zitterte, wenn ein Fenster geöffnet ward, da immer nicht weit von mir der erschreckliche Guß, von hinten und vorne herunterstürzete. Jedoch ich entgieng aller Gefahr glücklich, und kam nicht allein wohlbehalten und gesund, sondern auch wohlriechend und rein in meinem neuen Quartiere an. Allein, wie ich im Bette lag, mußte ich meinen Kopf zwischen den Laken verstecken; denn der Geruch des Unflathes, welchen die Nachbaren an der Hinterseite des Hauses ausgeworfen hatten, drang dergestalt ins Zimmer, daß ich vor Ge- stanke fast hätte ersticken mögen." Die Benützung des Nachttopfes hatte durchaus nichts Schamverletzendes an sich. Die Liselotte berichtet in ihren „Briefen" 65 über den Dauphin: „Er hat gern, daß man ihm auf dem Kackstuhl entretenierte, aber es ging gar modeste, denn man sprach mit ihm und wandte ihm den Rücken zu; ich habe ihn oft so entre- tenierl in seiner Gemahlin Kabinett, die lachte von Herzen darüber, schickte mich allein hin, ihren Herrn zu entretenieren." Das war in der Zeit von 1697—17 12 - Ludwig XIV. pflegte bei seinem Lever einen großen Hofstaat um sich zu versammeln und genierte sich dabei so wenig, daß er währenddessen vor aller Augen auf den Nachtstuhl sich setzte. Ebenso erteilte auf dem vorerwähnten Thron, umgeben von seiner Dienerschaft, der 65 Hrsg. v. Helraolt, Annaberg 1909, Bd. a, S. a6o, Nr. 5. 176 Herzog von Orleans dem Herzog von Noailles Audienz G6 . Selbst der große Rousseau pflegte stundenlang auf seinem Nachtstuhl zu verbringen 67 . Unter Ludwig XIV. wurden auch die geheimen Gemächer mit großem Luxus ausgestattet. Chaulieu 68 schreibt von einem Schlosse des Marquis de Bethune: „Jedes Schlafzimmer hat seinen Nachtstuhl (chaise percee) mit Samt überzogen und mit Fransen geziert, mit Porzellanbecken und einem Leuchtertische zum Lesen. Der Marquis von Bethune hat seinen Nachtstuhl neben den meinigen bringen lassen, und wir verbringen die Tage an diesem Ort der Freude. Ich weiß außer Montaigne niemanden, der das Kapitel vom Nachtstuhl mit solcher Gründlichkeit behandelt hätte." Ein Modenstich von 1688 stellt die Dame von Rang „etant ä ses necessites" dar 69 . Wie wenig Aufhebens man von der Verrichtung eines kleinen Bedürfnisses machte, berichtet uns die Liselotte gleichfalls in ihren Briefen 70 : Der bekannte Finanzmann John Law erfreute sich 1718—1720 großer Beliebtheit in Paris. „Wenn Mr. Law wollte, würden ihm die französischen Damen wohl mit Verlaub den Hintern küssen; zu sehen, wie wenig scrupuleux sie seyen, ihn pissen zu sehen; er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar noth zu pissen war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: Das macht nichts, pissen Sie, und hören Sie uns an. Also blieben sie so lange bei ihm." ! Uns modernen Menschen, die wir die Verrichtung der 66 Max Kemmerich, Kulturkuriosa, München, Bd. 1, S. 19/j. 67 M. Kemmerich, a. a. O. 6S Letlres inidites, p. i4o— i/Ji. 69 tlanns Floerke, Die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon, München 1913, 2. Bd., S. 367. 79 A. a. 0., S. 368, Nr. 7. [3 177 Notdurft unter einem ganz anderen Gesichtswinkel betrachten, erscheinen die erwähnten Tatsachen ganz ungeheuerlich, und wir finden es eher begreiflich, daß solche Ungeniertheit Platz greifen darf, wenn amoureuse Beziehungen bestehen, wie es bei Stendhal der Fall war. Dieser hatte ein Verhältnis mit der Gräfin Curial. Einmal wäre er von dem eifersüchtigen Gatten beinahe überrascht worden, aber die Geliebte verbarg ihn drei Tage im Keller und kam täglich, um ihm Essen zu bringen und den Nachtstubl zu leeren 71 . So ungeniert man auch sonst am französischen Hofe war, so streng hielt man sonst auf die Einhaltung der Etikette. In dem anonym erschienenen Memoirenwerk „Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Königin Marie- Antoinette, Königin von Frankreich 72 , findet sich folgende bezeichnende Anekdote: „Die strenge Etikette erstreckte sich auch auf den Nachttopf. Als Marie-Antoinette zum ersten Male am französischen Hofe übernachtete, fühlte sie Verlangen nach Befriedigung eines kleinen Bedürfnisses. Sie beugte sich unter das Bett und zog das Geschirr herbei und besorgte ihre Sache. Die Kammerfrau bemerkte dies und war außer sich vor Verwunderung. Und die Oberzeremonienmeisterin gar konnte sich nicht enthalten, der Prinzessin den Vorwurf zu machen, daß sie die französische Etikette in gröblichster und leichtfertigster Weise verletzt hätte: Die Gemahlin des Thronfolgers darf eher das Bett vollmachen als sich den Nachttopf halten." Der Königin war übrigens bei ihrer Krönung ein Klosett ä Vangloise eingerichtet worden, also mit einer .Art Was- 71 Ausgewählte Briefe Slendhals, deutsch von Arthur Schurig. Alün- chen und Leipzig 1910, S. LX. « Leipzig 1837, Bd. III, S. 122. 178 serspülung, was man den Spendern als Gipfel der Kriecherei verübelte 73 . Die Benützung der Nachttöpfe bürgerte sich allmählich derart ein, daß eigene Händler deren Vertrieb im Straßenhandel übernahmen. In Bouchardon 74 findet sich die Wiedergabe eines bezeichnenden Sujets. Ein Mädchen vom Lande, das den Tragekorb bis obenauf mit Nachtgeschirren gefüllt hat, ist neben dieser schweren Bürde auf dem Pflaster eingeschlafen. Es gab ganz einfache Töpfe aus Ton und vornehme, wenn man so sagen will, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattete Nachtstühle, die mit Tuch oder Samt überzogen waren und durch einen Deckel sich verschließen ließen, was schon in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon erwähnt wird. Das beweist auch folgende Anekdote: „Ein Mann wollte in einer großen Stadt zu einem gehen, der sehr weit wohnete. Unterwegs kam ihm die Noth- durft dermaßen an, daß er sich kaum halten konnte. Da er keinen bequemen Ort sofort fand und eben bei einem Tapezier vorbeiging, so trat er zu ihm herein und fragte, ob er überzogene Nachtstühle fertig habe? Der Mann zeigte ihm einen; da er aber gefragt wurde, ob er keine reicheren habe, antwortete er, daß er welche von Sam- met von allerlei Farben habe. ,Nun, holen Sie einige her', sagte der erstere. Der Tapezier lief weg, um sie zu holen. Unterdessen zog jener die Hosen ab und entledigte sich in den Stuhl, der ihm zuerst gewiesen worden. Als der Tapezier wiederkam und ihn in dieser Positur fandj rief er:,Was machen Sie da, mein Herr?' — ,Ich probiere ihn,' antwortete er, ,er stehet mir aber nicht an 75 .' " 73 Max Kemmerich, Kulturkuriosa, a. a. 0., I, S. igtt- li Cris de Paris, s6rie 5, Paris 1746, Bl. 8. 75 Vademekum für lustige Leute, 177/1, ta Teil, Nr. 337. 179 Mit zunehmender Kunstfertigkeit stattete man die Nachttöpfe mitunter humorvoll aus oder brachte ßie in Beziehung zu einer mißliebigen Persönlichkeit In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Bey uns fehlt es auch nicht an besonderen Devisen, Mahlereyen und anderen Verzierungen, die man diesem Geschirre gibt. Sie sind gemeinhin aber zu zweydeutig, als daß man sie füglich mittheilen könnte. Vor mehreren Jahren waren die porzellanenen Nachtgeschirre mit einem Spiegel auf dem Boden bey Leuten, die den Scherz lieben, sehr bekannt 76 ." Auf dem Boden mancher solcher Gefäße war ein offenes Auge gemalt mit der Umschrift: „DasAuge sieht den Himmel offen!" Auch der politische Kampf tobte sich auf dein Boden der Nachttöpfe aus. Selbst der große Napoleon mußte sich eine derartige Blasphe- mierung gefallen lassen. Ein Zeitgenosse (Der deutsche Casanova usw., herausgegeben von Max Bauer, Eigen- brödlerverlag, Berlin, etwa 1925, II, S. i/|8) berichtet uns folgenden Vorfall: „Die Douaniers an der Küste von Kalabrien hatten eine von Sizilien kommende Barke mit Nachtgeschirren, lauter englische Ware, gekapert . . . Es waren dies nämlich keine gewöhnlichen, sondern bemalte Nachtgeschirre, in deren Grund Napoleons Porträt mit weit aufgesperrtem Mund sich befand, gleichsam zum Empfang dessen, was in das Geschirr gegossen wurde. Dergleichen Geschirre bedienten sich schon länger in England, die eingefleischten Feinde des französischen Kaisers und hatten sie auch nach Spanien und Sizilien versendet . . . Als die Sache vor Mural kam, befahl er, die Geschirre sämtlich zu zerschlagen und die Trümmer ins Meer zu werfen, die Schiffer aber, die sie gebracht, sollten vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen werden. Glücklicherweise aber waren sie entwischt. Bald aber kam die Polizei der Tatsache auf die 76 Krünitz, Enzyklopädie, Bd. 100, S. i3ß, Nr. 12, Abs. 2. I8O Spur, daß schon mehrere solcher Geschirre im Reiche eingeschmuggelt worden seien und es selbst in Neapel Personen gebe, die sich solcher bedienten .... auch versicherte man, daß sich die alte Königin von Neapel sowie der ganze Hof in Sizilien ihrer bediene. Als aber die Sache auf dem Festland ruchbar wurde, fanden die Besitzer der Geschirre für geraten, dieses gefährliche Eigentum zu zertrümmern." Während des Burenkrieges hatte man solche mit dem Bildnis des englischen Premierministers Chamberlain, und im Weltkrieg konnte man sich das eigentümliche Vergnügen leisten, Nachttöpfe, in denen das Wort „Gott" in der Verwünschung „Gott strafe England!" gemißbraucht war, zur Erleichterung zu verwenden. Ein gewisser Twiß ließ 1776 eine Reise nach Irland drucken, in welcher er von der irländischen Nation viel Verächtliches gesagt hatte. Darauf ward in Dublin eine Subskription auf tausend Nachttöpfe von Steingut angekündigt, auf dessen Grunde des Verfassers Bildnis stehen sollte mit der Umschrift: Dies ist Herr Twiß, Auf den ich piß'. Die Subskription war in acht Tagen zusammengebracht 77 . Diese Nachttöpfe oder Leibstühle waren damals, als die Wasserklosette noch nicht erfunden waren, geradezu eine Notwendigkeit, und man kann dem schon mehrfach erwähnten Lexikon von Krünitz beipflichten, wenn es sagt: „Man muß daher den Gebrauch der Nachtstühle zu den nothwendigen Übeln rechnen, die sich nicht gut von dem Hauswesen entfernen lassen." Einen Fortschritt 77 Krünitz, a. a. 0., S. i34, Note, und Vade Mecum für lustige Leute, 7. Teil, Berlin 1777, S. 6, Nr. 9. I8l bedeutete die Erfindung des Spenglers Ottacher in Wien, der sich in Wien 182 5 einen Nachtstuhl mit Wasserspülung patentieren ließ. Bei dieser allgemeinen Wertschätzung, der der Nachtstuhl sich erfreute, nimmt es nicht wunder, daß sich große und kleine Dichter zu seiner Verherrlichung fanden. Man weiß vom Hörensagen, daß Alois Blumauer, der Vergils Äneis travestiert hat, eine „Ode an den Leibstuhl" gedichtet hat Da seine Werke aber in den Bibliotheken friedlich, von Staub bedeckt, schlummern, sei der Wortlaut dieser Ode nachstehend wiedergegeben: Ode an den Leib stuhl Du kleiner Sitz, von dessen eignem Namen Man mit Respekt nur spricht, Den täglich doch die ekelste der Damen Besieht und fühlt und riecht, Du bist der größte aller Opferherde, Auf deinem Altar nur Zollt täglich der galantre Teil der Erde Sein Opfer der Natur. Du bist der Götze, der selbst Majestäten Ihr Hinterhaupt entblößt, Der Freund, vor dem sogar sich ohn Erröten Die Nonne sehen läßt. Erhaben setzt, wie auf den Sitz der Götter, Der Weise sich auf dich, Sieht stolz herab und läßt das Donnerwetter Laut krachen unter sich. Du bist das wahre Ebenbild der Thronen Auf diesem Erdrevier, Denn immer sitzt von vielen Millionen Ein einziger auf dir. Du bist's allein, den Prunk und Etikette Selbst mehr als Thronen ziert, 182 Denn sag', bei welchem Thron wird so zur Wette Als wie bei dir hofiert? Worin jedoch aus allen Sorgestählen Kein einziger dir gleicht, Ist dies: Auf Thronen sitzt man oft sich Schwielen, Auf dir sitzt man sich leicht. Du beutst als Freund den Menschen hier auf Erden Gefällig deinen Schoß Und machest von den drückendsten Beschwerden Der Menschlichkeit sie los. Zu dir wallfahren groß' und kleine Geister, Wenn sie die Milzsucht quält, Du nimmst von ihnen weg den Seelenkleister, Der sie umnebelt hält. Man sieht dich täglich viele Wunder wirken: Du bist der Ort, wohin, So wie nach Mekka die bedrängten Türken, Die armen Kranken ziehn. Du bist der Heillumstuhl, an dem der Kranke Nie fruchtlos Opfer zollt, Weil er dafür gewiß mit regem Danke Sich die Genesung holt. Du bist der Chef, für den auf seinem Stuhle So mancher H . . schwitzt, Der Gott, für den so manche Federspulc Des Autors ab sich nützt. Der Richterstuhl, wo über die Gehirne Man streng Gerichte hält; Der Schlund, worein, gebrandmarkt an der Stirne, So manches Wischchen fällt. Drum, daß du mich dereinst nicht auch als Richter Verschlingst mit Haut und Haar, So bring' ich dir, du Erbfeind aller Dichter, Dies Lied zum Opfer dar. m Ans der Feder eines anonymen deutschen Dichters stammt das Poem: Der Nachttopf und das Siegeszeichen An einem halbverfallenen Palast Sah man ein großes Siegeszeichen Den Trümmern nah — die schwere Last Des Alters droht es bald zu beugen. Es trauerte ob dem Ruin Und glaubte, wenn einst diese Zierde Die grausame Zerstörerin, Die Zeit, in Staub verwandeln würde, Auch die Triumphe, die erfochtnen Siege, Die es als Sinnbild vorgestellt, Vergessen wären, und die künft'ge Welt Von all den großen Taten schiuiege. Indem es nun zwar traurig, aber immer Voll Heldenmut sein Mißgeschick beklagt, Vernimmt ein Nachttopf, der im nächsten Zimmer Am Fenster stand, was er gesagt. Jetzt sah es ihn und fuhr ihn wütend an: ,,Du schändliches Gefäß, aus schlechtem Ton geschaffen, In dem ein Wasser stockt, von dem sich jedermann Mit Abscheu kehrt — was hast du hier zu schaffen? Zerbrechliches Geschirr! Des Siegers Monumenten Kannst du so frevelvoll dich nahn?" — Der Nachttopf ließ es ruhig enden Und hub dann seine Antwort an: ,,Warum sprichst du auf diese Art mit mir? Weit besser wär's, du hält'st geschwiegen. Wenn ich das Denkmal von den großen Siegen Und deine Faszes, Pfeile, Fahnen hier Betrachte — was kann dir's wohl schaden? Doch wenn ich höre, daß du dich So eitel rühmst mit jenen Taten, Dann wahrlich ist mir's lächerlich. Du prahlst mit deinen Ehrenzeichen Und nennst dich des Triumphes Kind. Und deine Faszes? — Ha! was zeigen 184 Sie denn wohl an? Beglückte Länder sind Durch des Erobrers Hand verwüstet worden. Man hat geplündert und verheert Und konnte kalt Geschlechter morden. Ein schöner Gegenstand, des Künstlers Meißel wert, Die Schauder der Natur zu bildenl — Ich aber bin ein nützliches Gerät Der Nacht, dem von den unenthüllten Geheimnissen der Liebe nichts entgeht. Wenn eine Frau dem süßen Spiele Sich ohne Murren überläßt; Wenn aus des Mädchens Brust, beim wonnigen Gefühle, Sich lüstern mancher Seufzer preßt, Wenn grenzenlos entzückt das frohe Fest Von neuem sie beginnt — bin ich ein Augenzeuge, Ein Zeuge, wie das Unheil, das der Krieg Stets mit sich führt, in Amors Reiche Ersetzet wird. — Und nun vergleiche dich Mit mir, dein Schicksal mit dem meinen; Zu meiner Ehre wirst du dann gestehn — Die deine wird drum nie geringer scheinen — Daß es iveit besser ist, mit anzusehn, Wenn Amor baut, als wenn in seiner Wut Mars niederreißt." — Der Schluß ist für die Menschheit gut: Das Siegeszeichen ist Schimäre, Erfunden von der falschen Ehre, Der Nachttopf aber ist ein wahres Gut. 6. Die Reinigungsmethoden Es ist ein notwendiges Übel, daß jede Entleerung des Menschen auch eine Reinigung erfordert Man hat sich nicht immer der gleichen Mittel hierzu bedient. Die Griechen verwendeten hierzu Steine, wie aus den Komödien des Aristophanes ersichtlich ist Daß damit die Reinigung nur unvollkommen Yonstatten ging, liegt auf der Hand, und aus diesem Grunde ist es auch verstand- 185 lieh, daß bei Homer Nausikaa genötigt war, die Kleider ihrer Brüder gründlich zu waschen 78 . Die Römer bedienten sich zu dem gedachten Zwecke der Finger, später eines Stockes, an dem schließlich ein Schwamm befestigt wurde. In jedem öffentlichen Klosett befand sich ein mit Salzwasser gefüllter Eimer und einem derartigen Stock, wie aus Martial 79 ersichtlich ist, wo er sagt: Aber das Mahl ist fein: ich gesteh's, das feinste, doch nichts sein Wird es morgen bereits, ja auch heute noch, ja jetzt, Was der leidige Schwamm des gewünschten Stabes geslehn wird. Das ist die Ursache, warum das Wort spongia (Schwamm) in Latein nur mit „Reverenz zu melden!" gesagt wird. Ein Sklave, der den wilden Tieren vorgeworfen werden sollte, wußte kein anderes Mittel, sich dem zu entziehen, als daß er diesen Stock sich in die Kehle stieß und daran erstickte 80 . Das in den öffentlichen Latrinen zur Verfügung stehende Salzwasser konnte natürlich auf die Dauer den an Luxus und Wohlleben gewöhnten Römern nicht genügen. Das Wasser wurde mit wohlriechenden Substanzen duftend gemacht, und die Vornehmen parfümierten sich dazu noch am ganzen Leibe 81 . Ob die Römer auch bereits Papier verwendeten, ist nicht ganz sicher. Catull spricht allerdings von „cacata charta". Ob er aber damit ein Werk bezeichnen will, das nur gut ist, bei der Entleerung gelesen zu werden, oder ob die Schrift Reinigungszwecken zu dienen be- 78 Vgl. Homer, Odyssee, cant. VI. ™ Ep. XII, 48. s » Nouveau Merdiana, S. 31. 81 Montaigne, a. a. 0., II, 651. 186 stimmt sein soll, geht nicht ganz klar aus der Stelle hervor. Im Mittelalter bediente man sich zum gleichen Zwecke, wie einst in Rom, der Wolle, weicher Stoffe. Das Bauernvolk nahm Stroh, Gras und Laub. In der Lebensbeschreibung des Abbes Leon von Nonantula werden solche „anitergia" erwähnt 82 . Rabelais spricht weiter in seinem „Gargantua" (I, i3) von den „Torche-culs". Die Bedeutung dieser Bezeichnung ist klar. Die feinen Reinigungsmittel, die bei der vornehmen Welt Frankreichs gebräuchlich waren, führt ein Rondeau des Eustory de Beaulieu auf: Du velours vauli mieulx que satin, Pour torcher son cul au matin Ou au soir quand on va coucher, Mais c'est lout vng, tnais qu'il soit fin. Taffetas simple, en armoysin, Damas, camelot, chanure ou lin, N'approche (pour vng cul moucher) Du velours. S'vng komme chie par chemin Et na papier ne parchemin, N'estoupe ou drap pour se lorcher, II se pourroit hien empecher S'il na au moins a toutefin Du velours. Hier wird also bereits Papier erwähnt, das bald alle anders gearteten Säuberungsmittel verdrängen sollte. Bei der Mohammedanern in der Türkei hat das Papier als Reinigungsmittel auch heute noch nicht Anklang gefunden. Man verwendet wie zu früheren Zeiten Wasser, ist solches nicht vorhanden, so genügt ein glatter Stein. Zur Bewerkstelligung dieser Verrichtung wird die linke 82 Nouveau Merdiana, S. 32, Anm. b. 187 Hand verwendet, die deshalb als unrein gilt. Feldhaus (S. 282) erzählt, daß einem Apotheker, der den Orientfeldzug mitmachte, seine kleinen Flaschen in rätselhafter Weise abhanden kamen, sobald man mit der türkischen Begleitmannschaft des Lazarettes in die Wüste kam. „Eines Tages klärte sich das Rätsel: Die Flaschen wurden von den Türken in Ermangelung von Steinen zum Abputzen verwendet" Auch bei den Arabern gilt die linke Hand aus dem gleichen Grunde für unrein 83 . Einen plausiblen Grund, warum die Mohammedaner kein Papier verwenden, gibt Beroalde de Verville, wie bereits früher angegeben, und weiterhin Kindleben 84 : „Überdies halten sie dafür, daß das Papier nicht so bequem dazu ist, diesen Theil des menschlichen Leibes, den die natürliche Nothdurft beständig schmutzig macht, so zu reinigen, daß gar keine Unsauberkeit übrig bleibt, und daß ihre Gebete nicht erhört werden können, wofern sie nicht ganz rein wären, weil sie vor Gott mit einer völligen Reinigkeit des Leibes und der Seele erscheinen müßten." Der gleichen Anschauung huldigen natürlich auch die Perser, soweit sie Mohammeds Glauben angehören. Jeder einigermaßen Vornehme hat seine Kupferkanne immer bei der Hand, und läßt sie sich gegebenenfalls durch seinen Diener nachtragen 85 . Da die Mitführung solcher Kannen aber nicht immer angängig ist, schreibt das mohammedanische Ritual vor, die Entleerung möglichst am Ufer eines fließenden Baches oder im Wasser selbst zu vollbringen. In früherer Zeit war das anders. Zo- roaster befahl, daß das Wasser überall in seiner Rein- 83 Lane, Die Sitten der Ägypter, I, i53; II, Ii; Anthrop. VII, 23i. 84 Galanterien der Türken, Frankfurt und Leipzig 1783, I, 173. 85 Dr. I. E. Polack, Persien, Leipzig i865, Bd. I. 188 heit bewahrt werden solle. Diese Anschauung vertraten übrigens auch die Griechen, denen es verboten war, die Fontänen oder Flüsse zu verunreinigen 86 . Eigentümlicher Reinigungsmittel bedienten sich die Russen im 17. und 18. Jahrhundert. Man gebrauchte dazu „wohlpolierte kleine Schäuflein von Tannenholz". Die deutschen Rauern bedienen sich noch heute, wenn nichts anderes zur Hand ist, der von der Natur zur Verfügung gestellten Mittel, wie Gras, Stroh usw. Papier zur Reinigung ist seit langem gebräuchlich. Das eigens dazu hergestellte Klosettpapier kam 1880 auf und soll amerikanischen Ursprungs sein. Ris 1900 galt die Verwendung solchen Papiers als Luxus. Erst in den letzten zehn Jahren hat es sich eingebürgert. Rollenpapier wurde in Deutschland zuerst von der im Jahre 1896 in Rerlin gegründeten „Rritish-Paper-Company Alcock & Co." fabriziert 86 ». Um nun auch dem Humor zu seinem Recht zu verhelfen, sei schließlich das „Lied von der Reinlichkeit" angeführt, das man noch heute nach der Melodie „Studio auf einer Reis" bei Studentenkneipen singt 87 . Um die Reinlichkeit zu fördern, Ist vor allem zu erörtern, Wie, womit, wozu und wann Man sich reinlich putzen kann. Schon in seinen Kinderjahren Hat ein jeder wohl erfahren, Daß man von dem Stuhlgang her Nicht so reinlich wie vorher. Eh' wir uns vom Sitz erheben, Bleibt doch meistens etwas kleben, 86 Hcsiod. Erga kai Hemerai, Vers 756. 86« Feldhaus, a. a. O.. S. a83. " Anthr.IX, S. 5o2. 189 Dieses schleunigst zu entfernen Soll der Mensch von Jugend lernen. Bauern nehmen sich hierbei Meistens einen Büschel Heu, Hat man das nicht in der Näh', Nimmt man Stroh, doch tut das weh. Jeder aber soll sich schämen, Seinen Finger nur zu nehmen. Sitzet man in Rohr und Schilf, Nimmt man dieses rasch zu Hilf. Geht man einsam über Land, Nimmt man wohl auch Gras zur Hand, Doch luenn Nesseln sind dazwischen, Darf man sich damit nicht ivischen. Denn bevor man umgeschaut, Brennt es heftig auf der Haut, Kleine Bläschen, weiße, gelbe, In dem Loch und um dasselbe. Der Gebrauch von Tannennadeln Wäre gleichfalls sehr zu tadeln. Da sie schmerzlich uns berühren Und doch nicht zum Ziele führen. Handwerksburschen in der Fremd' Tun dies meist mit ihrem Hemd, Mit den Zeiten, mit den Ländern Tun sich die Methoden ändern. Wie zum Beispiel die Azteken Rieben sich mit einem Stecken, Währenddem die Kannibalen Sich mit diesem Stoff bemalen. Doch, gottlob, bei uns zu Land Hat man meist Papier zur Hand, Doch darf dieses nicht zu klein, Es muß fest und haltbar sein. Ist es nämlich dünn und feucht, Bricht es durch nur gar zu leicht, IQO Und du fährst mit deinem Finger Frisch hinein in deinen Dünger. Fahr nicht immer drüber weg, Denn sonst geht nicht fort der Dreck; Wischest du nach aufwärts nur, Zeigt sich links und rechts die Spur. Und vom bloßen Abwärtsfahren Bildet sich ein Spieß von Haaren, Durcheinander, auf und ab, Dies allein hilft gründlich ab. Wenn du 's Putzen unterläßt. Hängen sich die Klumpen fest, Die sich dann als lästig zeigen Und sogar den Wolf erzeugen. Ja sogar mit heißer Brüh' Bringt man sie nur fort mit Müh', Darum spart euch diese Schmerzen, Und ich ruf euch zu von Herzen: Männer, Greise, Weiber, Kinder, Haltet, reinlich eure Hinter. Schluß Wir glauben, eine recht erfreuliche Lektüre gel.x>ten zu haben. Sie war nicht immer duftend; aber liegt das an der Materie oder an unserer verbildeten Geruchsfunktion? Wenn soviel erreicht ist, daß manchem an „seiner Gotlähnlichkeit bange wird", daß er sich als das betrachtet, was er in Wirklichkeit ist, nämlich ein Häuflein Dreck, so hat das Büchlein seinen Zweck erfüllt. iQl Vom gleichen Verfasser liegt vor: Geschichte der erotischen Literatur Mit 112 ganzseitigen Abbildungen In Halbleder gebunden 55 RM. AUS DEN BESPRECHUNGEN: Prof. Dr. Friedrich S. Krauß in Wien, der Begründer der ethnologischen Urtriebsforschung, schreibt: In unseren Tagen, in welchen durch das kürzlich erlassene Schund- und Sdimutzgesetz die Inquisitionstribunale in Deutschland eingeführt werden, ist Dr. Paul Englischs Geschichte der erotischen Literatur als Aufklärungswerk zeitgemäß, eine wahrhaft rühmliche Tat zum Schutze gegen die staatlich unternommene Ächtung der Literatur und die versuchte geistige Volksverseuchung. In Wirklichkeit ächtet das seltsamste aller Vergcwaltigungsgesetze die Frau als das Gefäß der Unzucht, die Hebe und die geistige Arbeit, die von Frauen und der Liebe handelt. Englisch deckt die Irrgänge der geistigen Kastraten aller Zeiten und Völker auf und bespricht mit der Sicherheit des in der Weltliteratur und der Urtriebsforschung innig vertrauten Mannes der Wissenschaft die bedeutendsten Erscheinungen der meisten Literaturen. Es sind hauptsächlich meistgelesene, darunter auch Meisterwerke, von denen die landläufigen, offenbar für geschlechtslose Menschen verfaßten allgemeinen Literaturgeschichten so gut wie nichts erwähnen. Eine gründlichere und bei aller Gelehrtheit unterhalt lieh ere Einleitung in die Wissenschaft vom Geschlechtsleben der Menschheit lag uns bisher nicht vor. VERLANGEN SIE AUSFUHRLICHEN SONDERPROSPEKT 1 JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Sexualwissenschaftliche Dokumente Herausgegeben von Dr. Gaston Vorberg inMündien Die einmalige Auflage jedes Bandes beträgt 330 Exemplare, die mit der Hand in Pergament gebunden wurden. Die Preise sind durch jede Buchhandlung oder vom Verlage zu erfragen. Ausführliche Prospekte stehen kostenlos zur Verfügung. Band i: Aloyse Cynthio degli Fabritii (Wenn klar dein Harn, kannst du den Arzt entbehren) Geheimrat Sudhcff schreibt in den ,,Mitteilungen zur Geschichte der Medizin": Splendid in Druck und Papier, bringt das hübsche Buch von dem Venezianer Arzt und Dichter Aloysio Cynthio degli Fabritii drei Geschichten in Versen, eine Philippika gegen die verdorbenen Sitten der Zeit, eine historische Lobrede auf die Heilkunst und ihre Vertreter seit deren Sendung vom Himmel und die Geschichte eines Charlatans, die in das dem Ganzen vorgesetzte Sprichwort ausklingt: „Piassa chiaro e encaca al Medico" (Pisse klar und scheiß auf den Arzt), dessen Lehre in verkapptem Konditionalsatz der Herausgeber sinngemäß auf die gemilderte Form des Titels gebracht hat. Das Ganze ist eine Kostprobe aus dem poetischen Libro della Origine delli volgari Proverbi des Cynthio, das 1526 bei den Brüdern Vitali in Venedig gedruckt wurde und von alleräußerster Seltenheit ist. Die Sprichwörter sind oft nur der Vorwand, eine Geschichte zu erzählen, wie auch hier. Zur Kulturgeschichte der Medizin ein interessanter Beitrag, den mir der Verfasser als nachträgliche Gabe zu meinem 70. Geburtstag gewidmet hat. Band Ii: Antonio Vignali de' Buonagiunti Die Cazzaria Mit Nachwort des bekannten Psychoanalytikers Wilhelm S t e k e 1, Wien Die Cazzaria des Antonio Vignali de' Buonagiunti (oder Buonagi- unta) ist eine Sammlung von 51 Fragen, die der Verfasser unter dem Namen l'Arsiccio intronato mit Sodo, d. h. mit Marcantonio Piccolomini erörtert. Die Originalausgabe (Neapel 1333) ist überaus selten; sie gehört zu den unauffindbaren Büchern. Ein seltsames Gemisch von religiösen und philosophischen Gedanken, von lustigen Einfällen und geschlechtlichen Erörterungen. Die Biographie des ouvrages relatifs ä l'amoui, aux Femmes, au mariage usw. (Band I, Seite 505) meint, es sei verblüffend, mit welcher Kühnheit, mit welcher Selbstverständlichkeit sich der Verfasser selbst an die gewagtesten Dinge heranmache, wie er aus einer alltäglichen spaßhaften Sache philosophische und wissenschaftliche Schlüsse von der größten Tragweite ziehe. Die Cazzaria zeugt von reichem Wissen, von großei Belesenheit, sie ist das Werk eines echten Humanisten. Das Buch ist eine Fundgrube für den Geschlechtsforscher und für den Psychoanalytiker. JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBÜCHHANDLUNG / STUTTGART Die Erotik ist der Schlüssel zum Verständnis der alten Welt und ihrer Kultur! Das oben genannte Werk ist das Ergebnis einer langen mühsamen quellengeschichtüchen Untersuchung. Sie ist tür den Arzt und Sittenforscher bestimmt — nicht für die breite Masse. Das Buch stützt sich auf geschichtliche Quellen und liefert Beweisstücke. Es zeigt die hervorragende Rolle, die das Sinnliche auf sittlichem und künstlerischem Gebiete spielt. Die kraftstrotzende Sinnlichkeit des Altertums widerspricht allerdings den heutigen Anschauungen von „Zucht und Sitte", Aufgabe der Wissenschaft ist es nicht, zu richten oder Sittengesetze aufzustellen. Dem Werke werden wertvolle Lichtdrucktafeln beigegeben mit zum Teil unveröffentlichten Abbildungen aus dem Berliner Antiquarium, aus dem Kunsthandel und aus Privatbesitz; darunter Kostbarkeiten aus Als Ergänzung zu dem umstehenden Werke erschien soeben die Ergänzungsmappe ARS EROTICA VETERUM die weitere erotische Kostbarkeiten der Antike, zum größten Teil aus Privatsammlungen enthält. Die Mappe wird nur an die Subskribenten dieses Werkes abgegeben. Sie erschien nur in einer der Subskription entsprechenden Auflagehöhe. Ein Neudruck findet unter keinen Umständen statt. Beide Werke wurden bisher von zahlreichen Universitätsbibliotheken und archäologischen Instituten des In- und Auslandes angekauft und werden bald zu gesuchten Seltenheiten gehören. Weitere Bände befinden sich in Vorbereitung. VERLANGEN SIE AUSFÜHRLICHEN PROSPEKTl JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART einem bekannten englischen Privatmuseum. Das Bück der Versuchungen Eine Bildergalerie zum Thema „Sünde" (mit 80 Lichtdruckfafeln) Von Prof. Dr. E. W. Bredt / Münzen Aus einer Besprechung: Im vorigen Jahre erschien „Das Buch der Versuchungen" von Prof. Bredt, München, ein Buch, das mir nicht allein als kunstfreundlichem Mediziner, sondern am meisten rein als Mensch einen ganz ungewöhnlichen Eindrudi machte. Mit der Versuchung verbindet sich im allgemeinen Sinne ja fast ausnahmslos die Vorstellung des intensiv Weiblichen oder irgendeiner anderen grob sinnlich in die Erscheinung tretenden Szene, wie z. B. Susanna im Bade, Adam und Eva, der heilige Antonius. Außerdem aber denkt man kaum oder nie daran, dafi noch gar sehr viele andere Dinge — sind oder bergen denn nicht die Wunsche meist auch eine \ersuchung? — als eben nur das Weib gewaltige Versuchung auslösen und einen Künstler zur Darstellung begeistern können. Solche bildliche Darstellungen für den fühlenden Leser und denkenden Betrachter ausgesucht zu haben, darin besteht ein ganz besonderer Wert und Reiz und beweist die tiefe Veranlagung des Werkes: wenn bei den Tafeln, gebunden durch den Umstand, dafi ja für den darstellenden Künstler bei der Versuchung das Weib meist das sinn- und augenfälligste Symbol ist, eben das weibliche Element vorherrscht, so ist die Darstellung der anderen Versuchungen um so wirksamer und seelisch ergreifender. Noch nie kam mir so das Wesen der Versuchung innerlich näher als bei den Tizianischen Zinsgroschen, und wie überzeugend ist die Versuchung des Säufers durch einen vollen Krug, wenn die angsterfüllte Frau bekümmert dem Gatten den Trunk, wohl vergebens, vorenthalten will. Absichtlich will ich nur zwei Beispiele herausgreifen, der Käufer und der Leser soll selbst suchen und wolle es ihm gehen wie mir. Das Bredtsche Buch hat mir viel, sehr viel gelehrt zu innerlicher Überlegung, was denn die Versuchung sei, wie sie auftritt und dafj wir ihr allerwärts und in den heimlichsten Formen — das sind ihre gefahrlichsten — begegnen. Und darum auch mun ich dem Werke einen hohen moralischen Wert, neben dem künstlerischen, zuerkennen. Oft und gerne nahm und nehme ich das Buch in nachdenklicher Stimmung zur Hand und fand jedesmal darin neue Ansichten zur Beurteilung des Menschlichen, neue Anregungen und ergehe mich in Selbstprüfung. In dem Leserkreist befinden sich genug, die mit mir gleicher Gesinnung sind, und ihnen sei die Bcsdiaffung des Werkes, namentlich als Geschenk, besonders ans Herz gelegt. Es ist kein Buch zum Blättern, sondern zum Nachdenken, und bewundernswert ist die vollendete Beherrschung des ungeheuren Stoffes, aus dem der Autor seine Bilder entnahm . . . Ausstattung und Wiedergabe der Stiche und Bilder sind vorzüglich und hat der Verlag wirklich grof^c Mühe und Kosten auf die würdige Ausstattung des Werkes verwendet. Ich möchte aus vollem Herzen dem Autor und seinem wagemutigen Verleger eine recht weite Verbreitung und regen Ankauf ihres Werkes wünschen —denn es sei noch einmal gesagt, es wird wohl kein Käufer das Buch ohne innere, sagen wir einmal Erweckung aus der Hand legen. Preis in Ganzleinen 5o RM. Verlangen Sie den ausführlichen Sonderprospekt! JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Gesdilechtskunde bearbeitet auf Grund 30jähriger Forsdiung und Erfahrung Von Sanitätsrat Dr. Magnus Hirsdhfeld in Berlin Unter den Begründern und Bearbeitern der modernen Sexualwissenschaft steht seit einem Mensöhenalter der Verfasser der „Gcschlechts- kunde", Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld in Berlin, in erster Reihe. Seine große Spezialpraxis als Sexualarzt, seine ausgedehnte Tätigkeit als Sachverständiger in zahlreichen Prozessen, in denen Männer und Frauen wegen sexueller Verbrechen und Vergehen vor Gericht standen, die vielen Einzelfragen, die im Zusammenhang mit seinen Veröffentlichungen, besonders auch im Anschluß an die Hunderte von Vorträgen aufgeworfen wurden, die er vor Ärzten und allen Schichten der Bevölkerung hielt, haben ihm auf dem Gebiete körperseeiischer Gcschlechtlichkelt eine einzig dastehende Kenntnis und Erfahrung vermittelt. 2 Bände in Ganzleinen je RM. 28.— Das Werk kann auch in Lieferungen zu le 2RM. bezogen werden. Ausführlicher Prospekt steht auf Verlangen kostenlos zu Diensten. Ein Schularzt schreibt an den Verfasser: . . . um Ihnen aufrichtig zu danken für den Dienst, den Sie damit der Menschheit leisten. Ihr Werk müßte in den Händen aller Ärzte, Lehrer und Juristen sein. Mich haben die ersten Lieferungen derartig gepackt und erschüttert, daß ich mit Spannung den weiteren entgegensehe . . . . Die Weltkultur: Alles in allem: Es ist hier ein Standardwerk im Entstehen, das besonders die mit der Materie noch weniger vertrauten Eltern und Erzieher unbedingt kennen lernen müssen. Berichte über die gesamte Gynäkologie: • . . daß auch der Fachmann dieses Buch ob seines glänzenden Stiles und seines reichen Inhaltes nicht nur durchblättern, sondern mit Genuß lesen wird. Zeitschrift für Schulgesundhcltspflege: .... Stehen die weiteren Lieferungen den vorliegenden nicht nach, so wird der Sozialhy- gienlker und besonders derjenige, dem als Schularzt oder Lehrer die Beschäftigung mit Sexualproblemen zur Pflicht gemacht wird, an dem Werk nicht achtlos vorübergehen dürfen. Zentralblatt für die gesamte Hygiene und ihre Grenzgebiete: Der Anfang eines groß angelegten Werkes liegt vor uns, das verspricht, die Aufmerksamkeit vieler Kreise zu erregen; unter den Ärzten werden sowohl die in der Praxis stehenden als die Hygieniker und Gerichtsärzte dem Buche besonderes Interesse entgegenbringen. JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Über den Ursprung der Syphilis Quellengeschichtliche Untersuchungen von Dr. Gaston Vorberg in München Über den Ursprung der Syphilis ist viel pestritten worden. Manche glauben, die Lustseuche schon aus den Schilderungen der Schriftsteller des Altertums zu erkennen. Andere halten die Syphilis für eine aus Amerika in die Alte Welt eingeschleppte Krankheit. Ein begeisterter Verteidiger dieser Lehre war Iwan Bloch, der, ein zweiter Christoph Girtanner, mit Bienenfleiß alles gesammelt hat, um der Lehre vom amerikanischen Ursprung zum Siege zu verhelfen. Der bekannte Geschlechtsforscher Dr. Gaston Vorberg in München hat nach langjährigen quellengeschichtlichen Forschungen die Frage Ober den Ursprung der Syphilis zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gemacht. Er beleuchtet kritisch die Lehre von der Altertumssyphilis. Er verwirft den Glaubenssatz von der Einschleppung der Lustseuche durch die Mannschaft des Kolumbus. In klarer Sprache, mit großer Sachkenntnis und Gründlichkeit zerstört er eine bequeme und manchem liebgewordene Legende. Land- laufige Anschauungen und Behauptungen werden widerlegt, die angebliche dunkle Kehrseite der Entdeckung Amerikas wird in eine grelle Beleuchtung gerückt. Das Buch führt aus verworrenem Dik- kicht aufwärts zum Gipfel der Erkenntnis. Es ist nicht nur für den Arzt, sondern auch für jeden Quellenforscher eine reiche Fundgrube. Wertvolle Lichtdrucktafeln sind dem Werke zur Erläuterung beigegeben. — Das Buch in buebtechnisch vollkommener Ausstattung wird jeden Forscher, jeden Sammler erfreuen, seine Bücherei bereichern. Preis broschiert 21 KM., Halbleinen 26 RM., Ganzleinen 28 RM., Halbleder 30 RM. Wiener Klinische Wochenschrift: . . . Die wertvolle, vornehm ausgestattete und reich illustrierte Schrift verdient das Interesse ärztlicher wie nichtärztlicher Kreise. Zentralblatt für innere Medizin: . . . Die Beweisführung Ist vöUig zwingend. Man weiß nicht, was man an dieser Schrift mehr bewundern soll: den eminenten Fleiß des Verfassers, seine große Belesenheit, die ungeheure Sorgfalt, mit der er durch die verworrene Literatur jenes Zeitabschnittes dem Leitgedanken folgerichtig bis ins einzelne hinein nachgeht, oder die Prägnanz, Klarheit und Knappheit der Darstellung, die schon rein stilistisch als Vorbild gelten kann. Man wird nicht bezweifeln, daß dieses Werk eine medizinhistorisch sehr wertvolle Gabe darstellt. Zentralblatt für Haut- und Geschlechtskrankheiten: . . . Jeder medizinische Historiker wird von ihm Kenntnis nehmen müssen. JULIUS PUTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART In meinem Verlage erschien aus dem weiten Gebiete der Seelenkunde eine Reihe fesselnder Einzelabhandlungen unter dem Titel: KLEINE SCHRIFTEN ZUR SEELENFORSCHUNG Es sind ernst zu nehmende Einzelarbeiten, deren wissenschaftlicher Wert über allem Zweifel steht. Wenngleich ihre Fassung flüssig und jedem Gebildeten verständlich ist, so liegt ihr Niveau doch weit über dem sogenannter ,,populärer" Darstellungen. Der Name des Herausgebers — Dr. med. et phil. Artur Kronfeld, Berlin — bietet dafür jede Gewähr. Bisher sind erschienen: HEFT 1 Zur Psychologie der Hypnose und der Suggestion Von Dr. Th. Friedrichs, Berlin, mit einem Vorwort von Dr. Artur Kronfeld, Berlin HEFT 2 Über Gleicbgeschlechllichkeit Erklarungswege und Wesensschau von Dr. med. et phil. Artur Kronfeld, Berlin HEFT 3 Das Problem des Mediumismus Von Dr. Wilhelm Haas, Privatdozent an der Universität Köln HEFT 4 Mystisches Denken, Geisteskrankheit und moderne Kunst Von Dr. Walter Lurje, Frankfurt a. M. HEFT 5 Das Problem des Unbewußten Von Dr. Gaston Rofienstein, Wien HEFT 6 Das seelisch Abnorme und die Gemeinschaft Von Dr. med. et phil. Artur Kronfeld, Berlin HEFT 7 Vom Wesen der Musik Von Dr. Kurt Singer, Berlin JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART HEFT 8 Der psychologische Raum Ein Beitrag zur Erziehungslehre von Dr. Paul Plaut, Berlin HEFT 9 Neue Strahlen des menschlichen Organismus Ein Beitrag zum Problem der Hypnose von Dozent Dr. Sydney Alrutz, Upsala HEFT 10 Gedanken zur Rassenpsychologie Von Dr. med. et phil. Kurt Hildebrandt, Berlin HEFT 11 Experimentelle Telepathie Neue Versuche zur Gedankenübertragung mittels Zeichnungen Von Dr. med. Carl Bruck, Berlin HEFT 12 Zur Psychologie der Eunuchoiden Von Dr. med. Gerhard Scherk, Berlin HEFT 13 Uber seelisch bedingte Störungen der Menstruation Von Dr. med. Theo Brande^, Tübingen HEFT 14 Uber Autosuggestionsbehandlung insbesondere die Leliren von Coue, nebst Bemerkungen Über Psychotherapie und Kurpfuscherei von Dr. med. Emerich Decsi in Budapest H EFT 15 Das Problem des psychologischen Verstehens Ein Versuch über die Grundlagen von Psychologie, Psychoanalyse und lndividualpsychologie von Dr. Gaston Roffenstein, Wien HEFT 16 Heilwirkung der Musik Von Dr. Kurt Singer, Berlin H EFT 17 Die Bitjkysdie Diagnoskopie Von Graf Georg von Arco und Alex. Herzberg, Dr. phil. et med. Die Preise sind für Heft 1 RM. 1.20 - Heft 2 RM. 1.20 - Heft 3 EM. 1.50— Heft 4 UM. 1---Heft 5 RM. 1.50- Heft 6 RM. 1.-- Heft 7 RM. 1.50 — Heft 8 RM. 1 50 - Heft 9 RM. 1.50 — Heft 10 RM. 1.— Heft 11 RM. 5.--Heft 12 RM. 1.20- Heft 13 RM. 1 50 - Heft 14 R M. 1.50 Heft 15 RM. 7.50 - Heft 16 RM. 1.50 — Heft 17 RM. 1.50. JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART