^ 'iL^W ^^rT.l^i/^^ ^w^A ; "k** o Ju>U~r &~*yy^L 4&**i^t4. r Jlk A/t^Cl^w^X ^ ^. Vl^i/Ce^^ ^W' ft~~^l-^> x^SK^C A •• J • ^ So^m, Anrüchiges y A1: „ und Allzumenschliches Einblicke in das Kapitel PFUI von Dr. Paul Englisch, Berlin /$x,s?df*. - V^*- * 2. AUFLAGE ^ XJ^ *^t/£M Qy* ^ tjUsv~^f6w-*fX *i~^/r.<$V"*, -~/ . /fc^W-^v ~\ 4i^U^^Oi J^/ax^-^^ /^w^^^^!^^' ^J^^/^y ^^^^U^Lv.r^ c "-'- —-- ^ ^ «^^iju ^ J^LC / fo^»-^n- ^f, ~- ^f-ry/^A- lt/~J^^C' sJt^-P^ /*>Jst±~' • JULIUS PÜTTMANN VERLAGSBUCHHANDLUNG, STUTTGART Alle Reditc, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten Copyright 1928 by Julius Puttinann,Verlag, Stuttgart Hergestellt in der Offizin von Stähle & Priedel Typographische Anordnung von Paul Gunkel, beide in Stuttgart i Einleitung Eine Geschichte der Skatologie ist noch nicht geschrieben, wird wohl auch nie geschrieben werden. Die wenigsten trösten sich mit Vespasians Wort: Non olet! Die Mate- j rie ist auch nicht dazu angetan, ein jedes Faktum genau zu rubrizieren und auf eine bestimmte Formel zu bringen. Nichts ist ja lächerlicher und langweiliger, als die trockene Wissenschaftlichkeit auch bei Materien in Anwendung zu bringen, die sich ihrer ganzen Natur nach nur dazu eignen, durch eine, ach so verpönte, journalistische Behandlungsweise auf gefällige Manier Erklärungen unbekannter Phänomene zu vermitteln, mit anderen Worten, die Skatologie hat nur einen Reiz, wenn durch Plaudern und Erzählen von Anekdotenkram der Leser zu den tieferen Wurzeln des menschlichen Gefühlslebens geführt wird, wenn er über Zusammenhänge aufgeklärt wird, die für ihn bisher eine terra incognita oder vielmehr male cognita gewesen sind. Viele Schriftsteller haben das Skato- logische gehegt und gepflegt, haben es nicht verschmäht, ein übelduflendes Reis aus dem verwilderten und mit Abfallprodukten gedüngten Abladeplatz zu pflücken, auf dein die Endergebnisse eines gesegneten Stoffwechsels gelandet sind, um von da aus den Kreislauf des Werdens und Vergehens von neuem zu beginnen. Unsere besten Geisteshelden haben es nicht für zu gering erachtet, mit behaglichem Schmunzeln die Nüstern zu blähen, um wenigstens einen Atemzug dieser köstlichen Stickluft in sich aufzunehmen. An eine Sammlung der einzelnen Fakta ist man noch nicht gegangen. Diese Lücke klafft, sie klafft entsetzenerregend ^ und harrt der ordnenden Hand. „0 braver Mann, braver Mann, zeige dich!" Was ich bringe, sind Bausteine, deren sich ein großer Geist bedienen soll, um ein Haus zu zim- 7 mern, dem man schon von weitem seine Bestimmung ansehen oder besser anriechen wird, an dem aber unsere Systematiker ihre helle Freude haben werden. Er sei gesegnet! Wir sprechen im folgenden kurzweg von skatologischen Anekdoten, Redensarten, Geschichten usw. und müssen deshalb zunächst erklären, was wir darunter zu verstehen haben. Bloch 1 definiert Skalologie als die fast immer sexuell betonte Rolle des Endprodukts des menschlichen Stoffwechsels und der damit verbundenen Vorgänge im Folklore, im Mythus, Aberglauben und in der Literatur aller Völker und Zeiten! Aber wie so viele der Blochschen Definitionen ist auch diese seiner selbstherrlichen apodiktischen Manier entsprungen, das letzte und entscheidende Wort gesprochen zu haben. Die Sexualität ist nicht so sehr entscheidender Faktor. Wie wir zu beobachten vielfach Gelegenheit haben werden, ist es gerade das Lächerliche der Erscheinung, der bewußt oder unbewußt empfundene Gegensatz zwischen dem ideellen Schein und dem höchst realen Sein, was die ungewollte komische Wirkung auslöst. Die sexuelle Wurzel dagegen ist nicht sehr ins Kraut geschossen. Viel eher spielen Aberglaube, Kult, Indifferentismus, Protest gegen die Zimperlichkeit eine große Rolle, und die widerstreitenden Meinungen für und gegen kommen in den geistigen Produkten zum Ausdruck. Wagen wir uns also an eine Definition, so können wir sagen: Skatologie ist die Literatur, die sich in irgendeiner Weise (ausgenommen die Medizin) mit den Endprodukten der menschlichen Ernälirung beschäftigt. Welche Gründe nun dafür maßgebend sind, ist gleichgültig, die Tatsachen allein entscheiden. 1 Beiträge zur Psychopathia sexualis, Dresden igoß, II, 228. 8 ERSTER TEIL l. Ansichten über die Entleerung. Verschiedenartiges Schamgefühl Genau betrachtet, ist der Ekel, den ein natürlich denkender Mensch vor dem Kot oder Urin empfindet, unnatürlich. Denn tatsächlich ist das Endprodukt der Verdauung nur ein Glied im Prozesse des Werdens und Vergehens. Die Pflanzen erfreuen zuerst unser Auge, parfümieren die Luft und erquicken unsere Nase, dann schmücken sie unsere Tafel, befriedigen unsern Magen, passieren unsern Darm, und schließlich düngen sie wieder das Feld, dem sie entstammen. Eine ähnliche Metamorphose wird auch in einem alten lateinischen Gedichte geschildert (vgl. Dornavii, Amphitheatrum I 3 1\ 9: De f urno et Latrina): Clinda quidem variunt formam, sed nil perit: Mine Huc venit, hinc illucitque reditque eibus. Triticeo molitum pistumque e semine panem Ardensi fornax coneavus igne coquil. At fumo coctum, slomachoque gulaque voratum, Egestumque culo servo latrina eibum. Vertuntur panes in slercora; at illa per agros Sparsa Herum fiunt pinguis et alma ceres. Collecto rursum coquilur de semine panis, Atque ita consumptum reddo latrine eibum. Debetur, fateor, patulo sua gloria furno, Sed tanta aut major gratia habenda mihi est. Wir haben also tatsächlich keinen Grund, uns unserer Gottähnlichkeit zu rühmen und naserümpfend uns von den Kakteen menschlicher Herkunft wegzuwenden. Moszkowski 1 sagt treffend: „Es bleibt schon dabei, daß wir verurteilt sind, Ekel zu empfinden und den Ekel- stoff am unpassendsten Ort hervorzubringen: und in welchen Mengen! Drei Pfund täglich beim erwachsenen Menschen! Aber freilich, die Natur hat uns in allen vitalen Dingen so wenig verwöhnt, daß wir über dem Grundgefühl: ,Es schmeckt', die schauderhafte Grundbedingung vergessen, unter welcher das Schmecken zustande kommt Wie wir ja auch das Vergnügen eines gesegneten Stuhlganges mit der nämlichen Herzlichkeit begrüßen." Und er hat nicht so unrecht, denn was ißt der Mensch auch alles! Nicht einmal vor dem Kot selbst macht er halt. Schnepfendreck gilt den Feinschmeckern als erlesenste Delikatesse. Pauliini sagt in seiner berühmten „Dreckapotheke": „Dreckfresser sind wir alle. Alle Speisen und Früchte sind mit allerley Thiere und Gewürme Unflat besudelt Was vor Ungeziefer beschmeißt nicht das Garten-Obst! Gehe doch zum Fleisch-Bänken und siehe, wie häßlich die Fliegen das Fleisch zurichten. Kleine Fische essen wir mit Koth, eben wie Krammetsvögel, und lecken die Finger danach. Fressen nicht alle Fische tote Äser, und wir die Fische, folglich Dreck? Ezechiel sollte Gerstenkuchen mit Menschen-mist backen, als er sich aber dessen beschwerte, ließ ihm der Herr Kuh-mist zu. Einem Schwein ist jeder Dreck angenehm, wir essen's hinwieder, samt dem Unflat, und dünken uns, gute Schnabelweide gehabt zu haben. Von rozichten Schnecken gar nicht zu gedenken. Fürsten und Herren geben wir morsulos magnamimitatis, von Hahnen- und anderen Hoden bestehende, den Bettpruntzern: vulvam suillam. Summa: i Die Welt von der Kehrseite. Hamburg-Berlin 1920, S. 6/|. IO ein Mensch vom Scheitel bis zu den Fersen ist ein rechter Sack voll Dreck." Würden wir aus dieser Erkenntnis heraus die Konsequenzen ziehen, so müßte der Mensch sich des Essens wegen schämen, denn dadurch macht er sich bzw. seinen Magen zur Ablade-, zur Friedhofstätte für organische und anorganische Substanzen und schafft dadurch erst die Vorbedingung für die Entleerung, letztere bildet also das Korrektiv für eine ästhetisch nicht einwandfreie Handlung. Und tatsächlich finden wir diese Auffassung auch bisweilen vertreten. Montaigne berichtet 2 : „Ich kenne eine Dame, und zwar eine der Vornehmsten, welche der Meinung ist, das Käuen mache einen unangenehmen Übelstand, der ihrer Anmut und ihrer Schönheit viel benehme, und sich auch nicht gern öffentlich sehen läßt, wenn sie Eßlust hat. Auch kenne ich einen Mann, der es nicht ausstehen kann, andere essen zu sehen, noch sich selbst beim Essen sehen zu lassen, und wenn er sich anfüllt, alle Zuschauer sorgfältiger vermeidet, als wenn er sich ausleert" Montaigne bucht diese Tatsache als Merkwürdigkeit, aber sie bezeugt nur, daß der Betreffende ein Mann von Geschmack ist, wenn er den Geschmack perhorresziert, und die Leitsätze, die neuerdings „Der Zwiebelfisch" 3 aufstellt, wird jeder feinfühlige Mensch vollinhaltlich unterschreiben: „Das Essen und Trinken zum Zwecke der Sättigung sollte man entschieden ebenso wie die sonstigen animalischen und Verdauungsfunktionen hinter verschlossenen Türen verbannen. Gemeinsames Tafeln erscheint mir wenigstens nur dann ästhetisch gerecht- 2 Michael Montaignes Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände. Ins Deutsche übersetzt. Berlin, bey F. T. Lagarde 179/1- Fünfter Band, S. a/ji. 3 4. Jahrgang, S. 198. II fertigt, wenn es sich um Diners, Festessen, kurz, um jene Sorte von Schlemmereien handelt, die Unterhaltung, Stimmungserhöhung, persönliche Annäherung, Reize der Gourmandise usw. bezwecken. Wobei Voraussetzung ist, daß nur Menschen mit gleichen Tafelsitten dabei vereinigt werden. Sonst aber! Man lege einmal bitte die alles verwischende Brille der Gewohnheit ab, beobachte prüfend und objektiv hungrige Schweine am Trebertroge und gleich darauf speisende Menschen an einer Table d'höte, im Speisewagen oder gar im Theater während der großen Pause! Einen Unterschied wird man gemeinhin nur darin finden, daß die feinfühligeren Schweine sich bei der unappetitlichen Verrichtung nicht auch noch anschauen und mit vollen Rüsseln einander Witze zugrunzen." Die von der Kultur noch nicht allzu sehr Beleckten sind in dieser Hinsicht wohl bessere Menschen. Bei den Orientalen ist der Vornehmste, der allein speist. Der türkische Sultan hatte bei seinem Mahle keinen Zeugen. Gab Sultan Abdul Hamid Il.europäischen Fürstlichkeiten oder Diplomaten ein Festessen, so nahm er wohl an der Tafel Platz, berührte aber selbst keine Speise in Gegenwart der Fremden. Von den brasilianischen Bororo berichtet der bekannte Forschungsreisende Karl von den Steinen eine bezeichnende Anekdote 4 : „Am Abend bot mir Tumayaua draußen auf dem Platz, wo wir Männer plaudernd bei dem Mandickagestell standen, ein Stück Fisch an, das ich hocherfreut sofort verspeisen wollte. Alle senkten die Häupter, blickten mit * Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens. Reiseschilderung und Ergebnisse der zweiten Schinguexpedition 1887—1888, Berlin 1896, S. 66—67. 12 dem Ausdruck peinlichster Verlegenheit vor sich nieder oder wandten sich ab, und Podeko deutet nach meiner Hütte. Sie schämten sich. Erstaunt und betroffen ging ich in das Flötenhaus, den Fisch zu verzehren. Ich hatte die Mahlzeit noch nicht beendet, als Kule Kule eintrat. Mit einem Gesicht, das deutlich sagte: Ah, Sie sind noch nicht fertig! setzte er sich nieder auf den Boden, schweigend, abgewandt und mit gesenktem Kopfe und wartete... Als Paleko mir den Topf mit kleinen Fischen brachte, waren wir beide allein im Flötenhaus, er kehrte mir den Rücken zu und sprach kein Wort während der langen Zeit, die ich mit den Gräten kämpfte. Ich gab Tumayaua von unserem Bohnengericht. Er nahm die Portion und ging bis zu seinem Hause, wo er sich hinsetzte, aß und zwischendurch, aber ohne den Kopf zu wenden, herüberrufend sich auch an unserer Unterhaltung beteiligte. Er hatte sich also mit voller Absicht entfernt... Ehrenreich hat später bei den Karaja am Araguay etwas Ähnliches gefunden: Die Etikette verlangt, daß jeder, von dem andern abgewendet, für sich ißt. Wer dagegen verstößt, muß sich den Spott der übrigen gefallen lassen." Der Durchschnittseuropäer, dem das Folklore ein Buch mit sieben Siegeln ist, wird dieser gewiß zu billigenden Sitte der „unkultivierten" Neger vielleicht verständnislos gegenüberstehen und ihre Anschauungen als rückständig belächeln, und doch bezeugt gerade dieses Anstandsgefühl, das diesen nichtzivilisierten Völkerschaften innewohnt, ein zartes Empfinden. Andere Völker, andere Sitten! Was dem einen Volke ganz natürlich erscheint, erregt die Verwunderung des andern. Unter dem Schah Fesh Ali fragte deshalb einmal der Großwesir den englischen Gesandten, „weshalb die Eu- 13 ropäer stehend pissen und nicht hockend wie die Orientalen, und weshalb sie sich den Hintern mit Papier abwischen, anstatt ihn wie die Moslems mit Wasser zu reinigen. Der entsetzte Brite, befangen in seiner engherzigen Ansicht von Schicklichkeit, schnauzte den armen Großwesir an und fertigte ihn derb ab" 5 . Der neugie,- rige Großwesir hätte sich an Beroalde de Verville wenden sollen, der ihm die Antwort nicht vorenthalten hätte. „... Sie hätte es wie das Fräulein von Saumur machen sollen, die so haushälterisch ist, daß sie es zu zwo Malen mit einem Arschwisch macht. Nachdem sie sich nämlich das erstemal den A. gewischt hätt, steckt sie das Papier in den Täschlein, allwo sie das Zuckerwerk für die Pagen birgt, so in den Täschlein der Damen herumwühlen, um Schleckereien zu suchen, wie du soeben sagtest." „Pfui, ich glaube, das ist der Grund, weswegen die Türken sich den A. nit mit Papier wischen, maßen sie Liebhaber von Naschwerk sind, und so sie dann das Gelüsten überfiele, täten sie dann in den Täschlein der Damen kotig Papier finden." „Du hast recht gesprochen... Ich werde euch den Grund sagen, weswegen sich die Türken nit den A. mit Papier wischen, es ist aus Furcht, dieses Papier könnte eine geistliche Bulle sein oder etwelcher Bericht der Kon- sistorii oder ein Beschluß des Kapitels. Und wofern man sich von ohngefähr damit über den Hintern gefahren wäre, so bekäme man des zweifellos Hämorrhoiden, so die Türken baß fürchten, maßen sie glauben, daß die Seele im Blute wäre, und daß — wofern das Blut dergestalt durch den A. flösse — ihre Seele ganz nackt würde 6 ." 5 Dr. J. E. Polak, Persien, Leipzig, I, 67. G Beroalde de Verville, Der Weg zum Erfolge. Deutsch von Spiro. Berlin 191 !\. 14 Die Defäkation vor andern zu verrichten, gilt bei den Äthiopiern als Schande. Männer wie Frauen waschen sich sowohl nach der Defäkation wie nach der Miktion die betreffenden Partien. Ohne ein Gefäß mit Wasser geht kein Moslim an dieses Geschäft. Ist kein Wasser zur Hand, wie zum Beispiel bei der Reise, muß ein Stein oder Sand genügen. Nach dem Urinieren wird in diesem Falle die Eichel mit dem ersten besten Stein gerieben. Diese figürliche Waschung wird auch in voller Öffentlichkeit und immer mit der rechten Hand vorgenommen, da die linke als unrein gilt. Die dort lebenden Christen dagegen reinigen sich nie mit Wasser, sondern mit einem Blatte oder einem Stein 7 . Das Schamgefühl ist ja bekanntlich ein ganz relativer Begriff. Nur in dem Organismus „Gesellschaft" kann es sich entwickeln, und nach deren Struktur wird es verschiedene Formen annehmen. Wo Kastengeist herrscht, wird der Niederstehende nicht als vollwertig angesehen, und in den Staaten, in denen die Hörigkeit oder Leibeigenschaft besieht, erscheint der Hörige, Leibeigene nicht als Mensch. Er ist bestenfalls etwas Indifferentes, das nicht zählt, das man nicht beachtet, vor dem man sich keinen Zwang anzutun braucht. Einen trefflichen Beweis für das eben Gesagte bietet uns folgende Anekdote: „Eine russische Dame ging mit einer Französin spazieren, und zwei große Bedienten folgten ihnen nach. Auf einmal rief ihnen die Dame, ließ sich von ihnen unter den Armen fassen und entfernte sich ein wenig vom Wege. Hier ließ sie sich hinter einem Gesträuch durch ihre zwei Pagen die Röcke aufheben und verrichtete, von ihnen gehalten, ein dringendes Bedürfnis. Die Französin konnte es nicht unterlassen, ihr ihreVer- 7 Friedrich J. Bieber in Anthropophytheia, VII, a3i. '5 wunderung und Mißbilligung zu erkennen zu geben, daß sie sich nicht schämte, ein solches Geschäft zwischen zwei Männern zu verrichten. Wie? antwortete die russische Dame, es sind ja meine Sklaven, sie sind mit mir erzogen worden, sie sollten sich nur einmal den Gedanken einfallen lassen, daß ich noch etwas anderes habe als einen Rock, oder sich gar einbilden, daß ich für sie Frau und sie für mich Männer sind 8 !" Diese Frau, gewiß eine Dame der „guten" Gesellschaft, stand in ihrer geistigen Entwicklung auf der Stufe der Kinder, die in ihrer naiven Natürlichkeit noch keinen Abscheu vor den Ausscheidungen hegen, den ihnen erst die Erziehung einimpft. So mancher hat wohl schon die Beobachtung gemacht, die ein französischer Memoirenschreiber in die Worte kleidet: „Ich habe Kinder beobachtet, die oft eine Viertelstunde bei ihren Exkrementen verweilten und zuweilen mit einem Stecken darin herumstocherten. Sie zeigten dabei die gleiche Aufmerksamkeit und denselben Ernst wie die alten Auguren, die in die Geheimnisse der Völker zu dringen glaubten, wenn sie in den Eingeweiden erschlagener Feinde herumwühlten. Die Entfernung, die man zwischen sich und seinen Ausscheidungen zu legen sich bemüht, entspringt keinem natürlichen und verständlichen Gefühl, darüber sind sich die Gelehrten einig. Dasselbe will wohl auch Marc Aurel ausdrücken, wenn er sagt, daß der Riechende jeden Geruch ertragen, der Weise vor keinem Sinneseindruck zurückschrecken soll 9 ." 8 Geheime Nachrichten über Rußland unter der Regierung Katharinens II. und Pauls I. Ein Gemälde der Sitten des Petersburger Hofes gegen das Ende des 18. Jahrhunderts (von Major Masson). Zweiter Teil. Paris 1800, S. 19^, Note 9. 0 Memoires de l'Academie des Sciences, inscriptions, heiles letlres, nouvellement elahlies. A Trnyes en Champagne. A Troyes, chez 16 L' ART DE PETER, E S S A i THEORI-P HYSIQUE ET METHODIQUE, A Vufagt des Ptrfonnes conflipecs, des Per- fonnages graves & aufleres, des Dames mclancoliques , & de tous ceux qui j'ont efclaves du prejuge. Suivi de VHißoire de P et-en ■ CAlR & de la Reine des Amazones } oü ton trouve l'orlginc des Vuidangeurs. Sujet du Frontifpice. Hr CrEPITUS muhos, nequieiu erumpere ptrdit j Et falval pleno quando dal ort virum . Ergo fi fervm fugLcnt, jugulacve retemus , Omnibtu hunc Medien quu negei ejje parem ? Anonym, - thige, ergötzliche und Verwunderungswürdige Haus-Apotheke etc. Von einem Liebhaber der Medizin, Frankfurth am Mayn i6g<). S. 5o. 19 Dr. Heinr. Br. Schindler, Der Aberglaube des Mittelalters, Breslau i858, S. i65ff. so Schindler, a. a. 0., S. 166. 70 Eine originelle Heilmethode erzählt uns auch Brantome von Brusquet, dem Hofnarren König Heinrichs IL, Franz' II. und Karls IX. Als er einen Hofmann von einer heftigen Kolik befallen sah, empfahl er ihm folgendes prompt wirkende Heilmittel: „Ich stecke", sagte er, „in solchen Fällen einen Finger der Linken in den Mund, einen Finger der Rechten in die untei'e Öffnung, dann wieder umgekehrt, eine halbe Stunde lang." Einen Beweis, wie zäh derartige Schnurren im Gedächtnis des Volkes haften, bietet die Tatsache, daß sie noch in unserem Jahrhundert Friedrich den Großen in den Mittelpunkt dieses Begebnisses stellt. Der große König hatte nämlich einmal ein Geschwür im Halse, das die Ärzte nicht zu schneiden wagten. Es würde aber zum Aufbrechen kommen, wenn der Patient einmal von Herzen lachen würde. Dieses Verdikt der Ärzte drang zu einem Korporal, der bei einer Besichtigung durch Friedrich seinen Leuten befahl: „Hosen runter! Zeigefinger der Linken in den Mund, Zeigefinger der Rechten in den Arsch!" Und nach einigen Minuten: „Wechselt!" Der beabsichtigte Erfolg soll auch prompt eingetreten sein. Von einer Heilung durch Urin weiß uns Diodor von Sizilien zu berichten: „Ein König von Ägypten, der seit zehn Jahren blind war, bekam vom Orakel den Rat, seine Augen mit dem Urin einer Frau zu waschen, die die Treue gegen ihren Mann niemals gebrochen hätte. Der König gebrauchte zunächst den Urin seiner Gemahlin, darauf den Urin der Gemahlinnen seiner Hofleute und den von vielen ^ eibern seiner Residenz. Allein keiner von allen verschaffte ihm sein Gesicht wieder. Endlich hatte der Urin einer armen Gärtnersfrau für ihn die erhoffte Wirkung. Erließ alle Weiber. 71 deren Untreue er auf diese Weise erfahren, umbringen und nahm die Gärtnersfrau zur Gemahlin." In Syrien soll das Urintrinken, um einen plötzlichen Schreck zu bannen, gebräuchlich sein 21 , während die afrikanischen Dinka sich, wie Schweinfurth erzählt 22 , täglich mit Rinderurin waschen. Auch bei den Eskimos gilt Urin als hochgeschätzte Flüssigkeit, und bei Tische zu pissen, erscheint ihnen ebensowenig wie den alten Römern ekelerregend. Und diesem Beispiel eiferten noch im vorigen Jahrhundert deutsche Studenten nach, die, um nicht vom Tisch aufstehen zu müssen, sich darunter hatten einen Trog machen lassen, in den sie nun ihr Wasser abschlugen, ohne sich zu erheben 23 . Und die Gräfin Lulu von Thürheim berichtet in ihren Memoiren 2 *: „Mein Vater erzählte mir öfters, daß in seiner Jugend der Kapuziner so ziemlich die Rolle des ehemaligen Hofnarren eingenommen habe. Beim Fürsten Schwarzenberg hatte er gesehen, wie sich im Momente, als der Kapuziner das Tischgebet vollendete, ein Bächlein unterhalb seines Stuhles sich ergoß. Solchergestalt waren die Spässe im achtzehnten Jahrhundert in Österreich." Daß auch heute noch viele Naturdoktoren lediglich aus dem Urin die Art der Krankheit erkennen und danach ihre Diagnose stellen, ist ja bekannt, und auch die zünftige ärztliche Wissenschaft geht daran nicht achtlos vorüber. Daß aber ein Arzt den Urin des Kranken auch kostet, dürfte wohl eine Fabel sein. Eine 21 Bernhard Stern, Medizin, Aberglauben und Geschlechtsleben in der Türkei, Berlin 1903, I, S. 21 1\. 22 Ebenda, S. 20C. 23 Kaspar Risbeck, Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder zu Paris. 2. A. 178/4, I, S. io5. 24 Mein Leben 1788—1819, 2. Band, München igi3, S. 25. 72 Anekdote weiß allerdings davon zu berichten: „Der Leibarzt eines indianischen Sultans besuchte seinen Herrn, welcher an einer hitzigen Krankheit darniederlag, und bei einem seiner Besuche betrachtete er den Urin, welchen sein Herr kurz vorher gelassen hatte, sehr aufmerksam. Eine Hofschranze, die dabeistand, sagte zu ihm, daß er ihn auch kosten solle. Er hielt es für widerrechtlich, sich eine Nachlässigkeit zuschulden kommen zu lassen, welche vielleicht mit dem Tode hätte bestraft werden können, und kostete ohne Verzug 26 ." Die früheren Ärzte behaupteten auch, aus dem Urin des Weibes leicht auf verletzte oder unverletzte Jungfernschaft schließen zu können. „Der Urin einer Jungfrau", sagte einer 26 , „ist klar und rein, der von Frauen hingegen trübe und dick." Ferner: „Die Jungfrauen können in einem Bogen das Wasser lassen, welches die Frauen nicht können, wegen der Schlaffheit der Teile." Ein anderer meinte: „Eine unverletzte Jungfrau läßt den Urin in einem dünnen Strom und mit einem gewissen Zischen, eine Frau hingegen wird allezeit in einem breiten Strom und mit weit größerem Geräusch ihr Wasser lassen. Denn bei der ersteren sind die Urinwege verengert, bei der anderen weit und erschlafft" Ein dritter versichert, daß er Jungfrauen gesehen habe, „welche Wände hoch hätten pissen können," andere, Deflorierte, „könnten aber dies so wenig, daß sie sich alleweil selbst benetzt haben". Dazu paßt, was in der „Zimmerschen Chronik" berichtet wird: Eine Klosterfrau (!) hat mit zwei Bittern gewettet, 25 Medizin Vademekum, I, Nr. 43, i5. 26 Medizin. Vademekum, I, 4g, Nr. l\ und 5. 73 sie wolle in einen kleinen silbernen Becher pissen, daß kein Tröpflein daneben gehen solle, und hat sich hierauf in aller Beisein auf den Tisch gestellt und das. wie vorausgesagt, verrichtet und damit ihre Wette gewonnen. Else Hartmann aus Meßkirch dagegen ist so unverschämt gewesen, daß sie oft in Gegenwart vieler Zuschauer an eine Wand weit voraus wie ein Mann pißte. Natürlich bemächtigte sich auch der Volkswitz des dankbaren Stoffes. Es seien einige Schnurren wiedergegeben : Einen großen Ruf als Urinbeschauer genoß der Arzt Porzio in Neapel. Ein Schüler Porzios war schwer krank, und der Lehrer kam, ihn zu besuchen. Die jungen Leute beschlossen, dem Meister einmal einen Possen zu spielen und ihn auf die Probe zu stellen. Einer von ihnen ließ seinen Urin in ein Glas fließen und stellte es zum Krankenbett. Porzio untersuchte den Patienten und erklärte: Der Schüler werde unfehlbar genesen. Nun reichten die Übermütigen ihm das Glas, damit er auch über den Urin sein Urteil abgebe. Nach einigen Augenblicken sagte er betroffen: „Das verstehe ich nicht, der Kranke ist unbedingt außer Gefahr, und dieser Urin ist wie von einem Menschen, der dem Tode ganz nahe ist.'' Und wenige Tage darauf starb der Student, dessen Urin Porzio so furchtbar kritisiert hatte, ganz plötzlich 27 . Ein Bauer kam in die Stadt zu einem Arzt und brachte ihm den Urin, damit er aus demselben nicht nur die Krankheit, sondern auch die Person und alle Umstände des Kranken erkenne. Der Arzt legte dem Bauer allerlei verfängliche Fragen vor und wußte bald alles, was "~ Salzburgcr medizinisch-chirurgische Zeitung 1794, Nr. 33. 74 er wissen wollte. Nun nahm er ruhigen Gemüts die Miene eines strengen Forschers an und prophezeite ernst: „Ich sehe, Euer Patient ist eine Mannsperson, ist Euer Sohn, er ist eine Treppe hinuntergefallen und hat sich ein Bein gebrochen." Der Bauer war entzückt, doch noch nicht völlig befriedigt. „Aber, Herr Doktor," bat er, „kann Er mir auch sagen, wieviel Stufen der .Junge herabgefallen ist?" DerArzt sagte aufs Geratewohl: „Zehn." — „Nein," entgegnete treuherzig das Bäuer- lein, „das hat Er doch nicht gesehen, es waren zwölf." Der Arzt aber half sich schnell aus seiner Verlegenheil. ,,Bauer." fragte er. „ist dies aller Urin, was Euer Sohn gelassen hat?" — „Nein," sagte der Bauer, „ein wenig blieb noch zurück, weil das Glas schon voll war." — „Aha," meinte der Arzt, „hättet Ihr mir allen Urin gebracht, so würde ich auch die übrigen zwei Stufen gesehen haben." In einer kleinen Gemeinde war eine Epidemie ausgebrochen. Man beschloß, einen Arzt in der Stadt zu befragen. Einer meinte, da alle dieselbe Krankheit hätten, brauchte man bloß einen Deputierten in die Stadt zu schicken, und was der Doktor dem einen verschreibe, könnten sie alle gebrauchen. Der Schulze aber war noch praktischer: „Man soll dem Arzte bloß den Urin schicken!" Und also pißte ein Bäuerlein nach dem andern in ein Faß, und eines schönen Morgens erhielt der Arzt in der Stadt ein mächtiges Faß voll Urin. Welche Diagnose er daraufhin gestellt hat, verschweigt die Geschichte. Die erotische Literatur weiß ebenfalls sehr vortrefflich das Thema des Urintrinkens und den Genuß der anderen körperlichen Ausscheidungen für ihre Zwecke zu verwenden. In dem berühmten Erotikon ..Memoiren 75 einer Sängerin", die der bekannten Sängerin Wilhel- mine Schröder-Devrient zugeschrieben werden 28 , berichtet die Erzählerin ausführlich von dem wohligen Empfinden, das durch das Urintrinken aus der Quelle verschafft werde. Ich führe die betreffende Stelle aus der lesbischen Szene hier an: „Das Mädchen ging dem Bette zu und suchte das Nachtgeschirr, der Champagner wollte heraus. ,Oh, so haben wir nicht gewettet', rief ich ihr zu. ,Du, böses Kind, willst mir das Beste entziehen. Ich sage dir, daß du nicht einen Tropfen zurückbehältst, sonst werde ich böse auf dich. Schnell den rechten Fuß auf den Stuhl gestellt!' Ich kniete nieder und hielt meinen Mund an ihre Muschel, den filtrierten Champagner erwartend. Bald sprudelte er heraus in meinen Mund. Der Wein hatte von seinem Geschmack nicht nur nichts verloren, sondern sogar gewonnen." Die dritte im Liebesbunde erweist der Erzählerin sofort den gleichen Dienst. Diese Szene ist öfter verwertet, zum Beispiel in dem Sotadikon „Sinnenrausch" von Hajos Jusanity, wo sich dieses Urin trinken zwischen einem jungen Mann und zwei Mädchen abspielt In dem Erotikon „Eine Meisterin der Liebe", zwölf Kapitel, von Davernos, 1920, wird unter anderem die perverse Geschmacksrichtung einer ganz jugendlichen Pensionärin beschrieben, die auf das Urinam bibere direkt aus der Quelle geradezu versessen ist, und die die Sekreta aus dem Cunnus ihrer Freundin in sich aufzunehmen wünscht „Ich suche deinen Duft, den Duft deiner Haut Du 23 Vgl. aber dazu Dr. Paul Englisch, Geschichte der erotischen Literatur, Stuttgart 1927, S. 2G2. 76 riechst so gut nach Weib. Aber warum parfümierst du dich? Ich möchte..." „Was?" „Ich möchte deinen ursprünglichen, deinen echten, ganz persönlichen Duft. Wenn du mich lieb hast, parfümiere dich nicht, und wasche dich auch mal nicht... drei Tage lang. Sag, willst du?" Sie war bezaubernd... Ich tat, als wollte ich nicht „Unglaublich! Was verlangst du von mir?" „Doch, doch! Versprich es mir!" sagte sie, und mit der Spitze ihrer kleinen Katzenzunge kitzelte sie mich dabei im Ohr. „Also gut, du kleines Schwein, ich verspreche es dir..." „Du wirst dich von den Schultern abwärts nicht mehr waschen?" „Ja, abgemacht!" Die angebliche Erzählerin fügt hinzu, daß diese Szene tatsächlich erlebt wurde und nicht etwa ihrer Phantasie entsprang. 3. Kot in der Medizin, Kotfresser Der medizinischen Behandlungsweise durch Urin habe ich bereits einige Worte gewidmet und die Verwendung von Kot kurz gestreift Daß das Volk, in abergläubischen Vorstellungen befangen, zu Urin und Kot seine Zuflucht nimmt, um Krankheiten zu bannen, kann nicht überraschen, denn das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Verwunderung muß es jedoch erregen, daß praktische Ärzte und Gelehrte den Exkrementen heilbringende Macht zuschrieben. Schon in „Plinii Se- cundi Historiae mundi libri, Lugduni 1561", finden sich 77 mehrere Abhandlungen „De stercoris humani medicina usu" (Über den Gebrauch von Menschenkot in der Medizin), und die deutschen Ärzte eiferten ihm nach. Helvetius zum Beispiel empfiehlt „stercus humanuni recens et adhuc calidum" (frischen und noch warmen Menschen dreck). Auch in Schurigs „Chylologia histo- rico-medica, Dx-esdae 1725", kann man eine Abhandlung ,,De slercoris humani usu medico" (Über den medizinischen Gebrauch von Menschendreck) lesen. Der Autor prüft zunächst die Frage, ob die Anwendung von Menschenkot erlaubt sei, kommt dann auf das Aussehen, die Farbe, Geruch, Unterschied des Alters zu sprechen und studiert sodann seine besonderen, für die verschiedenen Krankheiten günstigen Eigenschaften. Er empfiehlt schließlich (was als besonderes Kuriosuni vermerkt sei) aus Kot destilliertes Wasser als besonders wirksames Haarwuchsmittel. Sogar die französische Akademie der Wissenschaften hielt es nicht für unter ihrer Würde, die Abhandlung eines solchen Dreckarztes in ihre Berichte 29 aufzunehmen. In dieser Abhandlung, betitelt „Observation^ sur la matiere fecale par Guillaume Homberg", berichtet der Gelehrte unter anderem, daß er vier Menschen eigens mietete, um mit ihnen Experimente nach seiner Dreckheilmethode zu machen. Im „Medizinischen Vademekum", das schon des öfteren herangezogen wurde, findet sich auch 30 eine Stelle aus dem alten „Wirtemb. Apothekerbuch" zitiert, worin ein Bezept, „Menschliche Nachgeburt zu bereiten", wiedergegeben ist. „Man nehme einen Mutterkuchen, ziehe die Häute - 9 Memoire» de V Academie. des Sciences pour Vannee 1711. :l ° I, S. 95, Nr. 5. 78 und den iNabelstrang davon ab, reinige und wasche ihn in einer genügsamen Menge Weins, schneide ihn sodann in Stücke und trockne sie langsam. Bewahre sie an einem lauwarmen Ort." Was der Verfasser damit anfangen will, verrät uns die Sammlung ebenfalls ganz unzweideutig. „Wird das so erhaltene Material fein in Pulver zerrieben, so gewinnt man ein gutes Mittel, den Kropf zu vertreiben, die fallende Sucht zu heilen und als Aphrodisiakon zu wirken. Die größten Dienste gewährt es aber bei einer schweren Geburt." Als berühmtestes W erk der medizinisch - komischen Literatur ragt aber zweifellos hervor: „Neuvermehrte Heilsame Dreck-Apotheke, wie nämlich mit Koth und Urin fast alle, ja auch die schwerste, giftigste Krankheiten, und bezauberte Schaden, vom Haupt bis zu den Füßen inn- und äußerlich glücklich curiert worden; durch und durch mit allerhand curieusen, so nützlich als ergetzlichen Historien und Anmerkungen, auch andern seinen Denkwürdigkeiten, abermals bewährt, und um ein merkliches vermehrt und verbessert von Kristian Frantz Pauliini.'' 171 !\. In dem Vorwort bricht der Verfasser eine Lanze für seine Heilmethode: „Es wird ohne Zweifel mancher träge Bankbruder und dünkelwitzige Stumpfhirn, abermals die Nase über meinen neu vermehrten, heilsamen und so schleunig abgegangnem, auch ernstlich wieder verlangten Dreck rümpfen, dessen Muthwillen ich zwar nicht hemmen kann. Ein Weiser erinnerte sich hiebey, wie er aus Leimen gemacht sey und darum billich alles für Dreck achten sollte, und sein Fleisch üm und üm würmicht undkoticht, er selbst Thon, und eitel schändliche!'Koth, oder, daß ich etwas höflicher rede, Erde und Asche sey. auf daß er Christum gewinne, und stets mit Hiob 79 sagen: Gedenke doch, daß du mich aus Leimen gemacht hast, und wirst mich wieder zu Erden machen. Wir sind Thon, du aber bist unser Töpfer, und wir sind alle deiner Hände Werk Darum errette mich aus dem Koth, daß ich nicht versinke, daß ich errettet werde von meinen Hassern. Unsere erste Herberg, darinn wir unter mütterlichem Herzen neun Monat lang eingekerkert liegen, ist traun sehr schmutzig, zwischen Koth und Urin. ,Mein Körper ist Dreck, und eben darum habe ich so dreckichte, unflätige, wohllüsternde Gedanken', sagt der fromme Burgunder und Abt zur Clarevall, Bernard. Und wenn ich mich gleich mit Wasser wasche, so wirst du mich doch im Koth dunken. Wir stammen alle von Koth und Leimen her. Fürsten und Herren gehen mit nichts liebers als gelbem Dreck um. Auf diesen Dreck prägen sie ihre Bilder, wir heben solche auf, stutzen damit, und hängen sie gar an Hals. Streuen wir nicht Dreck, Puder wollte ich sagen, in die Haare, und schwäntzen so einher? 0 du dreckichter Hochmuth!" Und Paullini verkündet seine Überzeugung noch weiter in einigen dem Stoffe angemessenen Versen: Sey nimmer müßig: Hör und schaue, Gottes Wunder Sind auch im kteinslen Dreck. Ein jede Kreatur Ist dessen Güte Pfand, und seiner Liebe Zunder, Im Koth und im Urin liegt Gott und die Natur. Kuhfladen können dir weit mehr als Bisam nützen, Der bloße Gänsedreck geht Mosch und Ambra für. Was Schätze hast du oft im Kehricht und Mistpfützen, Der beste Theriak liegt draußen vor der Thür. Diese Verehrung des Kotes mag noch hingehen, wenn sie uns heute auch als lächerlich und guter Witz erscheint Weniger annehmbar erscheinen uns dagegen die Kotfresser, die es immer gegeben hat und auch 80 Titelbild einer bekannten skatologiscben Komödie von Grandval pere heute noch gibt, wobei die Motive hierzu außer Betracht bleiben sollen. Bei den meisten solcher Personen wird, auch wenn das Kotfressen in der Libido sexualis begründet ist, ein geistiger Defekt vorliegen, wodurch das Aussetzen der moralischen Hemmungen, der naturgemäßen physischen Aversion erklärlich wird. Im dritten Kapitel des zweiten Buches der „Memoiren einer Sängerin" wird eine Bordellszene beschrieben, in der ein impotenter Lustgreis nur dann zur Liebe reif wird, wenn er die Fäkalien einer Bordelldime verschlingt. Diese Szene ist, wie jeder Kenner der Sexualpathologie bestätigen wird, durchaus kein bloßes Phantasiegebilde, sondern der Wirklichkeit abgelauscht. Die hier in Frage stehende Verirrung findet sich in allen Ständen vertreten, wovon in den Kryptadia und den Anthropophytheia reichliche Belege beigebracht werden 31 . Zuweilen ist in solchen Ausschnitten oder Anekdoten die sexuale Note unverkennbar. Da der Urin durch die Sexualorgane den menschlichen Körper verläßt und der Anus in unmittelbarer Nähe dieser Teile gelegen ist, wird eine Verknüpfung der Vorstellungen von den einzelnen Organen in ihren Verrichtungen wesentlich erleichtert, und die Phantasie pervers empfindender Menschen, die sich vorzugsweise mit den Funktionen des Darmkanals beschäftigen, sehr leicht zu aktiver und passiver Koprolagnie geführt. Ein normaler, sinnenkräftiger Mensch wendet sich mit Ekel davon ab. Nicht so der Impotente, der zur Aufpeitschung seiner Libido der unnatürlichsten Beizmittel bedarf. Deshalb finden sich Kotfresser nie unter Frauen, da diese immer kohabitationsfähig sind, auch 31 Vgl. a. Albert Hagen (i. e. Iwan Bloch), Die sexuelle Ophresio- logie. Berlin 1906. 6 81 nicht bei jungen Männern, sondern stets bei älteren Semestern. Krauß führt in den „Anthropophytheia" 32 ein eigenes Erlebnis an. Ein hübsches nettes Mädchen berichtete ihm, daß sie von einem reichen Hauswirt ausgehalten werde. Wenn sie Entleerungsdrang verspüre, gehe sie zu ihm, hocke auf den Tisch, worauf sie ihr Bedürfnis in die Kaffeetasse des Schweinigele verrichte. Dieser rühre das Ganze mit dem Löffel durcheinander und verzehre es mit schmatzendem Behagen I Uff, Kellner, einen Schnaps! Von ihm kann man die Verse der „Chezonomie" mit Becht anführen: Et mangeant de la rnerde avec un goüt extreme II semblait avaler une glaee ä la creme. (Er fraß mit Lust den Dreck vom Steiß, Als äße er das beste Eis.) Pauliini erzählt bereits in seinem Werk von einer schwangeren Frau, „die aus sonderbarem Appetit den Koth ihres Mannes aß, oder, wie es heißt, den frischen Rauch, den dieser ins Gras gelegt hatte". Und weiter: „Solcher Schweinigel war auch jener Lothringer, der nichts Lieberes aß als warmen Kuhfladen. Eine frantzö- sische Dame trug immerfort ihr Konfekt, pulverisierten Menschenkoth, bey sich und leckte die Finger darnach... Andere, sonderlich im Königreich Boutan (?), würtzen ihre Speisen mit dürrem Menschenkoth, brauchen solchen anstatt Schnup-Tobacks (Dulaure, His- toire de Paris 182 5, VII, 262, erzählt von einem gewissen Bullien, der in seiner goldenen Tobacksdose statt des Tobacks immer pulverisierten Menschenkoth hatte und diesen schnupfte) und mischen ihn, als eine rechte Panaoee, unter alle ihre Artzneyen." 32 V, 368, Anm. 1. 82 Nicht jedermanns Geschmack wird die Glorifikation des Kotes sein, die sich ein anonymer französischer Verfasser gestattet. In der „Ode ä la Merde, avec des notes", par M. de Peressoncu (Pseudonym), Montpellier 1807, läßt er sich, wie folgt, vernehmen: Gourmands, qui des mets les plus rares Goütez ä peine les douceurs; Vous, de Flore amateurs bizarres, Et vous partisans des senteurs; Sur vos dilicieuses tables, Dans vos pariertes agreables Dans vos sultans, dans vos Sachets, Fut-il jamais rien que nefface, Par son Parfüm, son goüt, sa gräce, Vn ambigu d'Etrons laut frais? Ein gesunder, vernünftiger Mensch nimmt diese für den Homo sapiens beschämende Tatsache achselzuckend zur Kenntnis. Chacun ä son goüt. Der Geschmack ist verschieden, und deshalb hat ein Dichterling ganz recht, wenn er kurz und bündig den Rat gibt: Mangez donc des etrons, Si vous les trouvez bons! Diese Stelle findet sich in „La Foiropedie, almanach des Chieurs, contenant ce qu'il y a de plus agreable sur cette matiere aussi utile que precieuse; etc." s. d. In deutschen Sprichwörtern wird auch der Kotfresser gedacht: Friß Kot, gib Gold, So ivird dir alle Welt hold. Er ist so geizig, daß er. seinen eigenen Dreck frißt. Wenn du mich fressen willst, dann fange hinten an, so hast du den Senf zum besten 33 . 33 Dr. Kainis, Die Derbheiten im Reden des Volkes, 2. A., Leipzig, o. J., S. 58. 83 DRITTER TEIL Die Exkremente in der Literatur I. Didaktische Literatur Der Mediziner darf selbstverständlich an den Ausscheidungen des menschlichen Körpers nicht achtlos vorbeigehen. Sie verhelfen ihm oftmals dazu, seine Diagnose richtig zu stellen, nachzuweisen, ob Gifte noch im Körper sind, festzustellen, ob eine Krankheit im Abnehmen begriffen ist usw. An derartige Schriften wird hier nicht gedacht. Zu allen Zeiten haben sich Männer gefunden, die dem Stoffwechsel, ohne selbst Ärzte zu sein, ihre ganz besondere Aufmerksamkeit widmeten und sich eingehend damit befaßten. Viel davon ist heute nur noch als Kuriosum zu werten, viel aber kann auch jetzt noch als Quelle benützt werden. Ein großer Teil ist im Laufe der Jahro außerordentlich selten geworden, und nur wenige der Schriften haben es auf mehr als eine Auflage gebracht. Die gelegentliche Abschweifung auf das skatologische Gebiet oder die Freiheit in der Wahl der Ausdrücke soll hier nicht weiter erwähnt werden. Zeiten, die von Europens übertünchten Sitten noch nicht infiziert sind, reden ohne Scheu und ungeschminkt von den natürlichsten Dingen, und es wäre wirklich schwer, Anfang und Ende zu finden, wenn jeder skatologische Ausdruck historisch treu gebucht werden sollte. Die alten Griechen und Römer, die Humanisten, die italienischen Novellisten, die deutschen Schwankerzähler, die Verfasser der 84 französischen Fabliaux übertreffen einander an Derbheit, ohne jedoch in die Fäkal ienatrnosphäre lediglich um des Skatologischen willen hinabzusteigen. Gerade aber über die Werke dieser Außenseiter der Literatur sollen einige Worte gesagt werden. Die älteste Schrift über unser Thema ist wohl: „Libri duo de excrementis, foecibus etc.", auct. J. B. Montano, Patavii et Venetiis i55/i, in Sie mag nur registriert sein. Fast ebenso alt ist: „De Egestionibus", auct. J. M. de Savonarola, Lugduni i56o, in 8°. Lange Zeit hindurch scheut man sich, über dieses verfängliche Thema in der Muttersprache zu schreiben, ein Beweis dafür, daß sich derartige Abhandlungen nicht an die breitere Öffentlichkeit wandten, sondern lediglich für einen engeren wissenschaftlichen Kreis bestimmt waren. Hierher gehören: „Pharmacopaea nova de hominis stercore", auct. J. D. Rulando, Nürnberg i644.. in 12°. — „Disser- tatio de remediis et corpore humano", Erfordiae 1788. in l\ 0 (eine Doktorarbeit). — „Dissertatio de medicina stercoria", auct. C. Buckio, Utrajecti 1700, in4°- — „De officio et praxi exonerandi ventrem' , von dem berühmten Christian Wolf. Nur C. F. Paullini scheut sich nicht, um die breilere Masse für seine Ideen zu gewinnen, deutsch zu schreiben: „Heilsame Dreck-Apotheke, wie nemlich mit Koth und Urin fast alle, auch die schwersten Krankheiten curieret werden", Francfort 1696, in 8°. Dieses Medizinbuch wurde mehrfach neu aufgelegt, 1713/1/i, 17/18 und sogar noch (bei Scheible in Stuttgart) i8/(7//|8. Die Mehrzahl dieser dem Gebiet der Skatologie angehörigen Schriften sind von geringerer Bedeutung. Hervorgehoben zu werden verdienen nur weniga Interessant ist der Artikel: „Latrinae Querela Caroli Liebardi Langmarcaei Flandri" (aus Dornavii 85 Amphitheatrum I, 348/349, worin eingehende Ausführungen mit Nachweisungen über das antike Latrinenwesen enthalten sind, die von Ersch und Gruber in ihrem bekannten Lexikon anscheinend mitverwertet wurden. In „J. Ravisii Textoris officinae Epitome, Lugduni, Gryphius i5q5", findet sich ein Abschnitt: „In latrinis mortui aut occisi", worin die bekanntesten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, die auf dem Abort gestorben sind oder das Licht der Welt erblickt haben, aufgezählt werden. England hat seinen Swift als Verfasser eines Skato- logikums, das ins Französische übersetzt wurde: „Le grand Mistere, ou l'art de mediter sur la garde-robe, renouvele et devoile par l'ingenieux docteur Swift, avec des observations historiques, politiques et morales, qui prouvent l'antiquile de cetle science et qui contienneni les usages differents des diverses nations par rapport ä cet important sujet, trad. de l'anglais (par l'abbe Des- fontaines)", La Haye, Van Düren 1729, pet. in 8°. Die zweite Ausgabe von 17 1\ 3 hat einen etwas abweichenden Titel: „L'art de mediter sur la chaise percee, par l'auteur de Gulliver l'aine. Avec un projet pour bälir et enlretenir des iMtrines publiques dans la ville et faubourgs de Paris, sous la direction d'une compagnic, dans laquelle on pourra s'interesser en prenant des actions. Dublin, de l'impr-du docteur Swift", 17^3, in 12 °. Diese kleine Schrift ist nach der „Bibliotheca scatologica" eines der amüsantesten Produkte. Nach einer ironischen Einleitung an den Dr. W... d (Woodward) überläßt sich Swift philosophischen Betrachtungen über die Würdigkeit seines Themas. Er weist vor allem auf die Wichtigkeit hin, die der Staat auf Grund der Aufsicht über die Fäkalien dieser ganzen Materie beilegen müßte und ver- 8ö langt, daß Fachleute an der Spitze stehen sollten. Dann fordert er in seiner skurrilen Art die Errichtung von Schulen, in denen gelehrt werden solle, mit Anstand und Würde sich seiner Exkremente zu entledigen. Schließlich entwirft er in durchaus anerkennenswerter Weise ein Projekt über den Bau und die Unterhaltung öffentlicher Latrinen in den Städten und Vorstädten von London und Westminster. Leider predigte Swift tauben Ohren, und erst viel später kam sein Projekt zur Ausführung. In sehr zopfiger Manier packt der Verfasser folgender Schrift sein Thema an: „La Chezonomie, ou l'art de ch ..., poeme didaclique en U chants, par C. R ... (Charles Remard). A Scoropolis et Paris, Merlin 1806", in 8°. Es war damals die Zeit, in der alles in ein System gebracht wurde. Es gab da: „Die Kunst, zu lieben", „Die Kunst, zu gefallen", „Die Kunst, zu essen", warum sollte es darum nicht auch eine Kunst geben, den Stuhlgang richtig auszuführen? Der Verfasser gibt zunächst einige Untersuchungen über diese Tätigkeit bei den Alten, behandelt die Verstopfung, den Einfluß scharf gewürzter Speisen auf die Verdauung usw. Der Wichtigkeit regelrechter Verdauung legt auch der Verfasser des folgenden Schriftchens große Bedeutung bei: „Chute de la Medecine et Chirurgie, ou le Monde, revenu des son prämier Age, traduit du Chinois par le Bonze Luc-Esiab. AEmeluogna, lapresente anneeOOOO". Es handelt sich hier um ein Bezept, bei dessen pünktlicher Befolgung eine Lebensdauer bis zu 3oo Jahren gewährleistet sein soll. Das Bezept stammt von dem berühmten Doktor Reihc-a-Top, Arzt des großen Luc- Ecus. Die Bestandteile der Medizin sind folgende: 87 Essius-ed i\orle. ein Groß, Etomram-ed-Eriof, 2 Unzen, Neihc-ed Edrem, h Unzen. Alles gut miteinander vermischt, zeitigt die erhoffte Wirkung. Wenn man den Sinn der Abhandlung entziffern will, muß man von hinten anfangen zu lesen. 2. Belletristische Werke Auch hier will ich mich, wie bei dem vorigen Abschnitt, nur auf Stichproben beschränken. Die Farcen und Fa- bliaus würden eine ergiebige Ausbeute geben. Es seien zur Illustrierung nur zwei angeführt In dem „Fabliau de la Merde" wettet eine Frau mit ihrem einfältigen Mann, daß er nicht erraten können werde, was sie in der Hand habe. Nachdem er hin und her geraten hat, steckt ihm das Weib das fragliche Stück in den Mund, und nun weiß er auf einmal, daß es „Dreck" sei, ein Beweis, daß er wahrgesagt hat. In der „Farce nouvelle des cinq sens de 1'komme, mora- lisee et fort ioyeuse ... et est ä sept personnaige. C'est assouoir, l'komm.e, la Bouche, les Mains, les Yeux, les Pieds, louye et le Cul." Imprime nouvellement ä Lyon, en la maison de feu Barnabe Chaussard.. .l'an MDXLV, will der Mensch den fünf Sinnen einen Schmaus geben. Der Hintere beschwert sich darüber, da er nicht mit eingeladen sei, und will als sechster Sinn angesehen werden. In dem darauf folgenden Streit obsiegt er. Der Schluß des nur acht Seiten starken Poems lautet: Qu'il n'est roys, ducz, comtes, empereurs, Marquis, ne cheualiers d'honneurs, Femine, ne homme, tant. soit-il, nul Qu'ils ne soyent subiectz au cul, Comme nous auons cy monslre. 88 Der Körperteil, den wir euphemistisch als „Allerwertesten" bezeichnen, muß sich deshalb notgedrungen einer großen Wertschätzung erfreuen, und wir verstehen es durchaus, wenn ein Dichter ausruft (allerdings nur beim Anblick weiblicher Hemisphären): Je jure, 6 beaute qui m'engage, Que ton derriere m'a vaincu, J'aimerais mieux baisei- ton Cul Qu Helene auf plus beau du visage. Celle Grecque pleine d'appas, Par qui le bon roi Menelas Se vit coeffe comme une huppe, Encor qu'on la vanle si bien, Ne porla jamais sous sa jupe Un Cul si rare que le tien. (Aus „he Plat du carnaval, ou les heignets appretes par Guilkiume Bonnepate [par Pierre Simeon Caron]. A Bonne-Huile, chez Feu-Clair . . . Van dix-huit cenl d'ceufs.") Und das vielfach künstlerisch behandelte Motiv, daß sich ein weiblicher Hinterer beim Falle entblößt, hat wohl keiner eleganter in Reime gegossen als höret in seiner „Muse hi&lorique" (Bibl. scat. 80): L'autre jour une demoiselle Jeane, aimable, charmante et belle, Non sans se faire un peu de mal, En chassanl tomba de cheval; Et Zephir, la prenant pour Flore, Hormis quelle est plus fraiche encore, hui souleva, quand eile chut, Chemi.se et cotillon. Mais chut! Je suis si simple et si modeste Que j'ai peine ä dire le reste. On ne vit qu'an beau cul pourtanl, Admirablcment eclatant, 80 Et dont la blancheur sans pareille Des autres culs est la merveille; Cul royal et des plus polis, Puisqu'il est tout semi de Iis; Cul qui, cette fois, sans obstacle Fit voir un prodige ou miracle: Car c'est la pure verite Que, dans un des chauds jours d'6te, Quand il fit ce plaisant parterre, On vit de la neige sur terre. Plusieurs se trouvant vis-ä-vis De cet objet furent ravis, Le nommant, en cette aventure, Vn chef-d'oeuvre de la nature; Et meme un auteur incertain Composa ce joli hultain: Tresor caehe, beaute jumelle, Brillant sejour de l'embonpoint, Ta splendeur a pavu si belle Et mit ta gloire ä si haut point, Qu'il faut qu'incessament Von pröne, -O cul qui. les dieux charmeret, Que si tu n'es digne du trone, Tu l'es au moins du tabouret. Freilich gilt diese Lobpreisung nur, solange der Cul nicht in Aktion tritt. Andernfalls können die Wirkungen furchtbar sein. Das beweisen: „Grandes etrecreatives pro- gnosticalions, pour cette presente annee 081U5000^i70. Selon les promenades et beuvettes du Soleil, par les douze cabarets du Zodiaque, et ennuisagement des con- ionclions copulatives des Pianettes. Par maislre Aslro- phile le Rovpievx ... premier valet de la garderobbe de Cypris. Dediees aux beaux expritis" (1615). Diese Fa- zetie im Stile von Rabelais enthält folgendes Epitaphium auf Rude-en-Soupe: Cy gist dans ce tombeau foireux Rud-en Soupe le valeureux, 90 Qui voyant la guerre entreprisc Au pays, et qu'on le cherchait, Se cacha dessous la chemise De sa grand Jeanne qui petoit. Luy qui tout tremblant escoutoit Tant redoubler des petarades, Saisi de peur, creut qu'il estoit Au milieu des harqubusardes. Qu'en aduint-il? Ses sens malades, Et le trou de son cul puant Perdant sa vertu retentrice, Au Heu de combattre en la lice, II mourut de peur en chiant. Die fruchtbarsten Schriftsteller auf skatologischem Gebiete waren unstreitig Grandval pere und fils. Von er- sterem stammt: „Lepotde chambre casse, tragedie pour rire ou comedie pour pleurer. A Ridiculomanie, chez Georges VAdmirateur", s. L s. d. In der Vorrede beklagt sich der Verfasser über den herrschenden Zeitgeschmack. Man beklatscht Tragödien, die zum Lachen, und Komödien, die zum Weinen sind Ein Liebhaber, der in den Kampf zieht, macht seiner Geliebten zum Abschied ein Geschenk, das für den Nachtgebrauch bestimmt ist. Pro- pet, ein abgewiesener Liebhaber, will sich an der Dame rächen. Mit einer Horde von Abtrittsf egern stürmt er den Palast, und die Dame, in die Enge getrieben, weiß sich nicht anders zu retten, als daß sie das Töpfchen auf das Haupt des Angreifers herniedersausen läßt, samt dem Inhalt, was den Sterbenden am meisten kränkt. — Von seinem Sohne stammen die beiden Stücke : ,.Sirop-au-cul,ou Vheureuse delivrance, tragedie heroi-merdifique, par M., comedien italien. Au temple du Goüt", s. d. in 8°, und „Les deux biscuits, tragedie traduite de la langue, que Von paloit jadis au royaume d'Astracan, et mise depuis peu enversfrangois. Astracan.chezunlibraire", i^bi, in 8°. 91 Die Initialen der Schauspieler ergeben den Namen Grandval und die Schlußbuchstaben das Wort le fils. Die Dienerin verabreicht ihrer Herrin ein Klistier und erhält den ganzen Darminhalt ins Gesicht, worauf sie die treffende Bemerkung macht: Les derrieres des rois et ceux de leurs sujels Sont egaux pour l'odeur, quand ils nc sont pas nels. Die besten skatologischen Produkte sind zusammengefaßt in „Merdiana, recueil propre ü certain usage. An XI, i8o3, in i8° (i/i/i S. mit einem Holzschnitt)". Diese Sammlung wurde oft nachgedruckt und enthält alles Wertvollere auf diesem Gebiete. Sie wurde nachgeahmt in „Nouveau Merdiana ou inanuel des facetieux bons chieurs, recueil de poesies ei d'anecdotes propres ä certain usage journalier. A Merdixmopolis, chez lamere des Vidangeurs, rite de la Torchette", s. d., auch bloß unter dem Titel „Le nouveau merdiana ou manuel sca- lologique par une societe de Gens sans gene. A Paris et en lous lieux'', 1870, 8°. Nicht eigentlich skatologisch, wohl aber in diesem Milieu spielend, ist „Serrefesse, parodie en cinq actes et en vers", von Louis Protat. oder M. Ponsard (nach der Bihl. scat. Nr. 56). Aborträumer spielen neben der Titelheldin die Hauptrolle. Serrefesse wird von Pinecul vergewaltigt, den man entmannt 1 . Ein stark skatologisches, daneben aber auch sehr witziges Stück enthält „Le theatre erotique de la rue de la Sante, suivie de la Grande Symphonie des punaises. Partout et nulle pari (Bruxelles). Van de joie (186/I)". 1 Das Erotikon erschien auch deutsch: Serrei'esse. Parodistische Tragikomödie von Louis Pine-a-l'Envers, Mitglied des Caveau. —- Aus dem Franz. übersetzt von Theophil Marquardt. Privatdruck Leipzig 1910, in 5oo Ex. Q2 Dieses „Theaire" hat folgende Vorgeschichte: Im Kreise junger französischer Bohemiens kam der Gedanke auf, ein kleines freies Marionettentheater zu schaffen zur Belustigung ganz weniger Auserwählter. Es sollten hierbei Stücke gegeben werden, in denen die Dichter ihrer Laune die Zügel schießen lassen könnten. Die Idee kam auch zur Ausführung. Am 27. Mai 1862 wurde das Theater in Anwesenheit von 2 5 jungen Künstlern und Verlegern eröffnet 3 . Hierher gehört das Stück „Signe d'argent" von Amadee Rolland und Jean Du- boys. Dieses Singspiel ist neben Monniers Einakter „La grisetle et l'etudiant" das beste der Sammlung. Inhalt: Der Herr Marquis, ziemlich abgelebt, wünscht sich einen Erben. Er macht deshalb alle Anstrengungen, um zum Ziele zu gelangen. Es bedarf jedoch mancher Kunstgriffe, zum Beispiel daß der Marquis sich eine Pfauenfeder in den Anus steckt und nun stolz als Pfau in der Stube herumstolziert. Doch auch dieses Mittel versagt zuletzt. Es kommt zu einem Zwist. Im zweiten Akt pflanzen ein Soldat und ein Hausierer je einen „Wächter" von verschiedener Größe. An diesen Platz kommen später der Marquis und die Marquise. Ersterer hält sich die Nase zu und meint, es stinke. Letztere äußert sich entzückt über den würzigen Duft. Bei dem daraufhin entstehenden Streite fällt die Schwangere in Ohnmacht. Um sie zu erwecken, gerät der Marquis auf den Gedanken, ihr das Corpus delicti unter die Nase zu halten. Aber wie? Mit bloßen Fingern wagt er es nicht. Da taucht zum Glück der Hausierer auf, von dem der Marquis ein 2 Vgl. Gay, Bibliotheque des ouvrages relatifs ä l'amour etc. 3. A., VI, S. 3a5, und besonders: Apollinaire, Fleuret et Perceau, L'enfer de la bibliotheque nationale. Nouvelle edition. Paris 1919. S. 92 bis II 4. 93 Buch erwirbt, ein Blatt herausreißt und damit den Haufen anfaßt Bei dem Duft verfliegt die Ohnmacht im Nu. Die Marquise befiehlt nun dem Pantoffelhelden, die Exkremente bei sich zu behalten, da sie noch öfter daran zu riechen gedenke. Entsetzt willfährt der Gatte, der später auf alle mögliche Weise trachtet, sich des übelriechenden Stoffes zu entledigen. Immer kommt die Marquise dazu, die endlich den Wunsch äußert, die Exkremente gekocht zu sehen. Nach erfülltem Wunsch soll der Marquis davon essen. Da er sich weigert, taucht sie sein Gesicht in die Brühe und läßt ihn angeekelt stehen. Ungeachtet des unsauberen Stoffes ist der Dialog sehr witzig. Um aber nicht den Eindruck zu erwecken, daß nur Frankreich derartige Werke aufzuweisen hat, seien auch ein italienisches, spanisches und deutsches hier angeführt „Le lodi sopra il cacatajo", in Londra 1786, heißt das italienische. Der Autor ist von seinem Stoff so begeistert, daß er sein Erstaunen nicht verbergen kann, daß Jupiter, anstatt sich in einen Stier, einen Schwan usw. zu verwandeln, nicht die Gestalt eines Nachtstuhls angenommen hat Mi stupisco ci Giove fortemente, Che essendosi converso in cigno, e in toro, Per godersi con altri allegramente, Non abbia preso mai de Cacatoro La forma, che goduto certamente Avrebbe piü d'allor, che divenrioro; Danae, Europa, et Leda poi rubare Voteva, quando andavano a cacare. Das spanische betitelt sich: „Los Perfumes de Barcelona, cancion catable, que si oliera el diablo que la leyera. Poema en cinco cantos." Palma, imprenta de A. Gibert, 94 ano i843, in 16 0 , 64 S. (2. Auflage unter dem Titel ,,Cancion catable" bereits i836 erschienen). Und schließlich das deutsche: „Über die Posteriora von Dr. Pru- zum." Leipzig 1794, in 8°. Genauer heißt der Titel: „Adam Theobald Pruzum. Über die Posteriora. Eine physiologisch-historisch-pbilosophisch-litterärische Abhandlung. Naturalia non sunt turpia. Buslar 179/1. Gedruckt auf Kosten eines Hypochronisten." Das Gegenstück hierzu ist: „Über die Priora. Eine physiologisch-historisch-litterarische Abhandlung. Buslar 1795, gedruckt auf Kosten eines Menschenfreundes." Beide Abhandlungen zusammen mit der obenerwähnten Schrift von Swift erschienen 1908 in einem Neudruck 3 . Verfasser ist der bekannte Ch. Fischer-Althing 8a . An originaler deutscher skatologischer Literatur ist verhältnismäßig wenig erschienen. Amüsant zu lesen ist das humoristische Werkchen „Untersuchungen über die Kakteen. Nach dem natürlichen System von Jussieu. 7. A. Leipzig 1908, 8°, 3o S." Als Vorbild für diese Schrift dienten: „DePeditu ejusque speciebus, crepituet visio. Discursus methodicus in Theses digestus: des Buldrianus Sclopetarius" und das „Amphitheatrum" des Caspar Dornavius von 1719. Die vorliegende, i65o zum erstenmal erschienene Abhandlung geht jedoch durchaus selbständig vor und ist für alle diejenigen eine Quelle urwüchsigen Humors, die einen derben Scherz zu schätzen wissen. Wie gründlich der Verfasser sein Thema zu behandeln verspricht, geht aus der Vorrede hervor. Er sagt: „Zunächst wäre der Zweifel zu lösen, ob das Genus 3 Hayn-Gotendorf, Bibliotheca Germanorum erotica. 3. A. München 191/ii VI, 3i4- s * Vgl. Dr. Paul Englisch, Geschichte der erotischen Literatur, Stuttgart 1926, S. ig4- 95 Cactus in das Pflanzenreich oder in das Gebiet des menschlichen Kunstfleißes — und im letzteren Falle, ob es zu der höheren Monumentalkunst zu rechnen sei. Für und wider sind von Sachverständigen gewichtige Gründe beigebracht worden, und die Kontroverse dürfte wohl dahin zu bescheiden sein, daß — da nirgends in der Natur ein Übergang fehlt — dieser zwischen Pflanzenreich und der Architektur durch den Kaktus vermittelt wird." Es wird nun eine Einteilung nach Linneschem System gegeben. In die gleichen Fußstapfen tritt der Verfasser von „Hi- storia naturalis cactuum oder ausführliche Naturgeschichte der Kakteen". 3o. vermehrte Auflage. Leipzig 1921 4 . Er behandelt die Kakteen nach folgendem Schema: 1. \erbreitung und Fundorte der Kakteen. 2. Die Form der Kakteen. 3. Anpflanzung und Behandlung der Kakteen. Ii. Die Farbe der Kakteen. 5. Der Geruch der Kakteen. 6. Größe und Gewicht der Kakteen. 7. Die Pseudo- oder falschen Kakteen. 8. Die idealen Kakteen. 9. Über den Nutzen und die Verwendung der Kakteen. Hayn-Gotendorf (III, 280) verzeichnen noch einige weitere hierher gehörende Abhandlungen. „Historia naturalis cactuum von Jaunus. A. Leipzig 1874", scheint mit der vorstehenden Ausgabe identisch zu sein. „Historia naturalis locis oder Naturgeschichte des Steißes von S. T. Eisbein (Pseudonym), 2. A., Leipzig, Expedition der Naturgeschichten, o. J. (ca. 1870), K1.-8 0 ., 4 Hayn, III, 280. Q6 Aus: Gillray, Nationale Gebräuche so S." — „De loci historia natura et varietate tractatio, cui illustrandae Corpus inscriptionum a locis abditis con- quisitarum adscripsit S. Webesius, Görlitz, A. Wolmann 6 . Von diesem Webesius, richtig Student Schwebs in Breslau, erschienen mehrere solcher Jocosa: die bereits erwähnte „Historia vaporum ex humano corpore effluen- tium" und vielleicht auch „Historia naturalis pissuum. Das ist Naturgeschichte der natürlichen Fontänen. Ergänzungsheft zu jedem hydraulischen Werke von P. Is- sor major, 2. sehr vermehrte u. verb. Aufl. Leipzig 1875, K1.-8 0 , 24 S." Aus der Perspektive der Rotundenfrau erzählt „Wetti Himmelreich" ihre Erlebnisse, „Leben, Meinungen und Wirken der Witwe Wetti Himmelbach, die ihre Laufbahn als Malermodell angefangen, langjährige Toilettenfrau gewesen etc. Leipzig 1906". Sehr viel skatologisches Material bringt das Mitte der achtziger Jahre erschienene Werk „Das Arschenal der Liebe! Bilder von der Kehr- und Kehrichtseite des Lebens. Führer durch dunkle und üble Stätten der Liebe. 12°, 2/18 S., o. 0. u. J." 6 . Als humoristisches Preislied für eine ordnungsgemäß funktionierende Verdauung wäre zu rubrizieren: „Sang von des menschlichen Leibes Verhärtung und Wiederbefreiung. Hämorrhoidi- sches Epos vermischt mit lyrischen Liedern. Leipzig, Rainer Wunderlich, o. 0., 8°, 26 S." „Der Undank des Menschen gegen seinen allerwer- testen, treuesien Freund" (o. 0. u. J.), den uns ein anonymer Verfasser in beweglichen Worten schildert, entbehrt auch tatsächlich jeder Berechtigung. Ich kann es mir nicht versagen, diese witzige Jeremiade hier in extenso wiederzugeben: 5 Anthr., IX, 5o5. 6 Anthr., VII, /io3. 7 97 Meine Herren! „Das größte Laster ist der Undank", hat ein großer Dichter irgendwo einmal gesagt. Deshalb glaube ich. Sie auf einen großen, von Ihnen begangenen Undank aufmerksam zu machen, in der Hoffnung, daß Sie sich bessern werden. Man hat in der letzten Zeit an den verschiedensten Orten alle möglichen und unmöglichen Arten von Er- innerungs- und Gedächtnisfeiern begangen, nur eines treuen Menschenfreundes hat niemand gedacht, ja sein Name wird von der undankbaren Welt so selten ausgesprochen, daß er geradezu „Der Unaussprechliche" heißt, während er auf der anderen Seite einem jeden von uns so teuer ist, daß ihn jeder mit voller Überzeugung seinen Allerwertesten nennt. Dieser Allerwerteste, an dessen Wohlergehen uns allen so viel gelegen ist, den man auch wohl den „großen Unbekannten" nennen könnte, weil ihm sicher noch keiner direkt ins Antlitz gesehen hat, obgleich ihn jeder als seinen getreuen Freund überallhin mitnimmt, und den auch momentan jeder, wenn auch nur maskiert, mitgebracht hat, ist auch, wie gleichgültig er auch aussehen mag, sehr empfindlicher und zartfühlender Natur und über die beständige Hintansetzung, welche er sein Leben lang erdulden muß, sehr bedrückt und betrübt. Ich habe ihn neulich bei einem längeren Selbstgespräch belauscht und will nun die Wehklagen, durch welche er seinem beklommenen Herzen Luft zu machen suchte, Ihnen getreulich mitteilen, vielleicht daß dadurch der eine oder der andere von Ihnen in Zukunft zu einer liebevolleren Behandlung seines treuesten Freundes und zu häufigerer Erleichterung seines drückenden Loses Veranlassung nehmen wird. 98 Dieser allerwertesle Freund ließ sich nun, soviel ich von seiner Sprache, über welche bis jetzt leider weder eine Grammatik noch ein Wörterbuch geschrieben wurde, verstehen konnte, folgendermaßen aus: ,,Ich bin", brummte er, „von uraltem Geschlecht, war schon mit Adam im Paradiese auf das innigste verbunden, habe den Sündenfall mitgemacht und namentlich von dem fatalen Apfelbiß meinen Teil mitbekommen und nachträglich die Folgen verspürt. Soweit sich seitdem die Menschen über die Erde ausgebreitet haben, bin ich ihnen als ihr unzertrennlicher Begleiter überallhin gefolgt Ich schließe mich dem Menschen gleich bei der Geburt an, begleite ihn durchs ganze Leben und lasse mich aus purer Anhänglichkeit sogar mit ihm begraben. Durch meine sich bei Mohren wie bei Kaffern, Eskimos, Lappländern, Buschweibern und Hottentotten überall findende unleugbare Familienähnlichkeit und gleichförmige Bildung liefere ich allen entgegengesetzten gelehrten Ansichten zum Trotz den evidenten Beweis, daß alle Menschen von einem Paare nur abstammen und Brüder sind. In meiner Jugend habe ich noch einige Freiheit und darf mich hinter Hecken und Sträuchern zuweilen der Öffentlichkeit zeigen, aber bei fortschreitendem Alter muß ich der Luft und dem Licht entsagen, weshalb ich desselben so ungewohnt werde, daß, wenn man mir auf mein hartnäckiges Drohen doch einmal die Freiheit auf Augenblicke gibt, mich die ungewohnte Luft sofort zum Übergeben bringt. Selbst wenn ich mich freimachen und mit Vatermörder und Krawatte ausstaffieren würde, dürfte ich mich in anständiger Gesellschaft nicht blicken lassen; sogar 99 meinen ehrlichen Namen auszusprechen, hält man für unschicklich. Trotzdem habe ich auf der Welt gar viel zu bedeuten. Was hülfen alle Schätze, wenn man mich nicht besitzen könnte. Ein jeder anständige Mensch verwahrt mich deshalb auf das sorgfältigste, hüllt mich, solange er noch einen Groschen in der Tasche hat, in Samt, Seide und feine Leinwand und nennt mich seinen Allerwertesten. Wer mich nicht mehr bekleiden kann, den sieht man für einen Lumpen an. Durch mich wird die Jugend gebildet und erzogen; durch mich sitzt der König auf seinem Thron, ja — Markus saß durch mich auf den Trümmern Karthagos, und der Verbrecher sitzt durch mich in seiner Zelle. Mit den edelsten Geschlechtern stehe ich in der innigsten Verbindung. Kaiserinnen, Königinnen, Fürstinnen gehen mit mir zu Bette, und ich habe gleich der Garde das Vorrecht, in Gegenwart des Königs bedeckt zu bleiben. Dessenungeachtet fühlt sich doch der geringste Bettler beleidigt, wenn er bei mir zu Gaste gebeten wird. Im Punkte der Ehre bin ich sehr kitzlich. Es kann sich niemand rühmen, mich jemals an der Nase herumgeführt zu haben. Obgleich ich die Buhe liebe, stehe ich in dem Gerüche, sehr häufig Stänkereien anzufangen. Bei den feierlichen Sitzungen der Gerichte und Kammern habe ich besonders viel zu dulden, spiele aber dabei die Hauptrolle; denn, wenn auch bei der Abstimmung meine Stimme nicht mitgezählt wird, so weiß doch ein jeder, daß die ganze Sitzung nur auf mir beruht und ohne mich nicht aufgehoben werden kann. Trotz der Ähnlichkeit meiner Wangen und der feinen Bildung meines Mundes bin ich kein großer Bedner, und nehme ich mir einmal die Freiheit, zu reden, so stiebt IOO Leider bin ich nicht ganz einig, sondern in zwei Parteien gespalten, eine rechte und eine linke, und hat eine Vereinigung derselben trotz der redlichsten Anstrengungen und der gründlichen Bearbeitung mancher Schulmeister bis jetzt noch nicht zustande gebracht werden können. Auf alle Journale bin ich abonniert, alle, auch die gelehrtesten Schriften, dann aber auch manche un- quittierte Rechnung und feine Liebesbriefe werden schließlich mir zur letzten Begutachtung vorgelegt. Doch noch keines dieser Werke hat meinem hohen Verstände genügen können, vielmehr lasse ich sie alle, mit meinem Handzeichen versehen, in den Abgrund der Vergessenheit fallen. Ich muß bemerken, daß ich bei dieser kritischen Arbeit meist durch eine große Brille sehe. Trotz aller dieser Vorzüge werde ich sehr von der Menschheit vernachlässigt und habe fortwährend unter dem Drucke zu leiden. Während zum Beispiel mein glücklicher Stiefbruder da oben in der Beletage stets mit Speise und Trank bis zum Überfluß angefüllt wird, denkt niemand daran, mir auch einmal ein Pries- chen anzubieten. Doch werde ich mich nicht rächen, obgleich ich es sehr leicht könnte, denn die ganze Welt machte ja bankerott, wenn ich nur einmal sechs Wochen lang die Türe zuhalten und meine Ausgaben einstellen wollte, oder wenn ich z[\ Stunden in einem Stück räsonierte. So schleiche ich denn ungesehen und im Dunkeln durch dies undankbare Leben als ein gezwungener Junggeselle, da man bei der Erschaffung der Welt sogar vergessen hat, mir eine Lebensgefährtin zuzuteilen. — Doch eines tröstet mich für alles Ungemach und läßt I02 mich alle Bedrückung ohne Stirnrunzeln ertragen, das ist das Bewußtsein, daß meine Seufzer nicht vergeblich und auch nicht der kleinste derselben — unge- rochen — bleibt." 3. Skatologisdie Episoden aus der Weltliteratur Das Folgende sollen nur Streif züge durch das Gebiet der Literatur sein, keine systematische Erfassung des ganzen Stoffes. Wir werden dabei Gelegenheit haben, festzustellen, daß Erotik wie die Skatologie sich an kein Volk und keine Zeit binden, sondern daß sie überall zu Hause sind. Wir wollen uns dabei an keine bestimmte Beihenfolge und keine bestimmte Epoche klammern, auch nicht streng nach literarischen Gesichtspunkten vorgehen, sondern auf dem weiten Gebiete ungebunden umherschweifen. In dieser Wahllosigkeit liegt eben der Beiz des Ganzen, und nur so läßt sich die Szylla der Langweile und die Charybdis der Weitschweifigkeit vermeiden. Und nun in medias res! Bei der realistischen Ausmalung von weitverbreiteten Lastern, gegen die sich der Angriff richtet, verfällt der Angreifer nicht selten ins Unflätige. Ein Beispiel hierfür bildet das „Kurtzweilig Gedicht von den vier unterschiedlichen Weintrinkem". Von dem Phlegmatikei' heißt es hier: Wenn fürs drill ein Phlegmatikus, Der Wein trinkt mit Überfluß, Gewinnt er bald der Säu Figur, Weil ist von Wasser sein Natur. Wenn er zu trinken fähet an, Er schwerlich bald nachlassen kann, Bis er sein Wanst gefället hat Und liegen bleibt auf der Walstatt. I03 Will ihn jemand von dannen führen. So tut man bald sein Säuart spüren. Er treibt gar unverschämte Wort Bei der Gesellschaft fort und fori. Solchs währet bis zu Mitlernacht, Bis daß die Zeche wird gemacht, Daß jedermann soll gehn zu Haus, So will er nicht zur Stuben raus, Sondern darf sich legen auf die Bank Und drinnen machen großen Gestank. Kommt er dann endlich auf die Gassen, So torkelt er über die Maßen, Als warn die Häuser alle sein. Im Kot wälzt er sich wie ein Schwein, Bis er zuletzt wird gebracht zu Haus. Seine Frau muß bald ihn ziehen aus, Find't aber in dem G'säße sein Ich weiß nicht was für Weinbeerlein, Dafür sie einen Ekel hat, Also daß sie rieht an ein Bad Und putzet ihm die Hosen aus, Davon stinket das ganze Haus. Wenn sie nun solches hat vollbracht, Alsdann sie ihn nimmt wohl in acht. Mit großer Müh zu Bette bringt, Allda er mit der Sauglock klingt, Wann er ist zugedecket wohl, So farzet er das Bette voll, Er grolzt, bis ihm das Kellergeschoß Ausstößt ein Haufen Brocken groß, Vielleicht hofiert auch ins Bett, Daß eine Sau bei ihm Nahrung hält usw. usw. Abraham a Santa Clara (iG/i4— J 709) ist wohl der populärste Kanzelredner seiner Zeit gewesen, und seine Predigten sind auch heute noch lesenswert Unser Wiener Hofprediger scheut sich nicht, alle Register zu ziehen, selbst an die heikelsten Dinge heranzugehen und diese mit solch unverblümter Deutlichkeit seinen Hörern I04 vor die Nase zu halten, daß die erhoffte Wirkung wohl selten ausgeblieben sein wird. Ich setze aus seiner Schrift „Wunderwürdiges, ganz neu ausgehecktes Narren-Nest oder Curieuse Oficin und Werkstatt mancherlei Narren und Närrinnen" 7 eine Probe aus den „Weiber-Narren" im Auszug hierher: „Es trinken viele die Gesundheiten ihrer Weiber nicht nur aus denen Stengelgläsern, sondern auch aus denen Pantoffeln; und hat der Herr Co- ridon neulich seine schöne Frau Amaryllis versichert, daß er sie dergestalten liebe, daß er nicht entblödete, ihre Gesundheit aus dem zinnernen Nachttopf zu trinken, welcher unter ihrem Bette stunde. Es ist mir unlängst von einer klugen und schlauen Magd vor gewiß erzählet worden, daß dieselbe bei einer solchen Frau gedienet, deren Mann allezeit in das geheime Gemach dem Weib das Papier nachgetragen, und der Frau ihrer Müh überhebt, welches ich um desto ehender glauben können, indem mir die Magd hochbeteuert, daß sie dieses schöne Spektakel mit Augen durch eine Klumsen der Thür gesehen. O ihr wilde, garstige Säu-Närren, ihr aberwitzige Courtisanen! Ist dieses dann eine so anständige und zulässige Liebe gegen eure Weiber!" Diese auf Grund masochistischer Einstellung resultierende Unterordnung des Mannes nimmt indessen zuweilen noch krassere Formen an. Moscherosch spricht in den „Wunderlichen und wahrhafftigen Gesichten Phi- landers von Sittewald" auch von solchen W r eibernarren, die da begehren, das Brett auf dem geheimen Kabinett zu sein, auf daß Urnen die „Tränen" aus der Liebsten Gesäß ins offene Maul fallen. In der „Wohlausgeführten Jungfern-Anatomie usw." 7 Im i3. Band seiner „Gesammelten Werke", Passau 18/J0. I05 meint Verfasser (wahrscheinlich Karl Seyffart, um 1660), man müsse die Frauen Göttin titulieren usw. Man muß sich wünschen offt zum schwartzen Florh zu werden, Zu hüpffen in das Bett, sonst oder an der Erden. Ja mancher wünscht offt: Ach wäre ich die Sacli, Darauff das Jungfervolck sich setzet im Gemach, Acli war ich doch die Schürtz, das Hündgen und das Kätz- gen usw. Dieser alle Manneswürde verleugnende, aktiv sich betätigende Masochismus findet einen weiteren Verteidiger in der Person des bekannten Dichter-Zeichners Aubrey Beardsley, der sich in „Venus und Tannhäuser" folgendermaßen mit seinen Wünschen manifestiert: „Ganz entfernt am Rande der Wiese saß ein Jüngling unter einem Rosenbusch und nahm einsam sein Frühstück. Nervös wendete er die aufgetragenen Speisen, aber die meiste Zeit saß er ganz reglos da in seinen Stuhl zurückgelehnt und schmachtete zu Venus hinüber. Auf eine Frage des Chevaliers antwortete die Göttin: ,Dies ist Felix!' Und sie erzählte ihm, weshalb jener ein so eigentümliches Benehmen zur Schau trage. Felix saß da und wartete jedesmal, bis Venus sich auf den geheimen Ort zurückzog. Er war ihr dort behilflich, bediente sie sorgsam und demütig und war ganz versessen darauf, ihr die Kleider zu lösen, die Röcke zu heben und zu sehen, wenn es fiel. Dann steckte er einen Finger oder gar die gespitzten Lippen in die göttliche Absonderung, bemalte sich auf eine befremdende Art damit und schätzte es als höchstes Glück, in solchem Augenblick dicht unter ihr zu liegen und diese ersehnte Gunst zu empfangen..." In Zeiten, da man das Natürliche zu schätzen wußte, bildete überhaupt das skatologische Moment ein beliebtes lOÖ und nicht zu unterschätzendes Kampfmittel im Streite der aufeinander platzenden Meinungen. Man denke nur an die Reformationskämpfe! Luther forderte IÖ2 6 seine Anhänger auf, den römischen Antichrist mit Bildern anzugreifen. Man müsse dessen Dreck, „der so gern stincken wolle, weidlich rühren, bis sie Maul und Nasen voll kriegen". Und so fertigte denn Lukas Cranach als „Abbildung des Papstthums" jene Holzschnitte, die Luther unter seinem Namen und mit Versen versehen im Jahre i5/j5 herausgab. Auf einem dieser Holzschnitte hält der Papst eine Bannbulle, aus welcher Flammen und Steine nach zwei vor ihm stehenden Männern sprühen, die dem Papst ihren entblößten dampfenden Hintern zeigen. Auf einem anderen reitet der Papst in vollem Ornat auf einer Sau und spricht seinen Segen über einen Haufen Kot, nach dem die Sau den Rüssel streckt. Auf einem dritten entleert sich ein Mann in die Höhlung einer päpstlichen Krone, ein anderer bereitet sich vor, dasselbe zu tun, während ein dritter neben dem Tisch sein Gewand wieder zuknöpft 8 . Auf einem anderen zeitgenössischen Holzschnitt, „Die Erschaffung der Mönche" 9 , sitzt wiederum der Teufel auf einem Galgen und läßt seinen Kot in Gestalt von Mönchen fallen. Fuchs bringt sehr reichhaltiges Material, aus dem die Einschätzung der Mönche und Nonnen deutlich hervorgeht Mit zu den bissigsten und wirksamsten Streitschriften gegen das Mönchswesen gehört unstreitig „Jo. Physiophili specimen monachologicae methodo Linneana Iribus aeneis illustratum cum thesibus. Aug. Vindeb. i783", 8 Ed. Fuchs, Geschichte der erotischen Kunst, Berlin 1910. S. 19/1—196. 9 Fuchs, S. 193. 107 4°, von Ignaz von Born (17^3— I 79 I )> einem sehr verdienstvollen Gelehrten am Hofe der Kaiserin Maria Theresia 10 . Das Werk soll nach Linneischem Muster eine Naturgeschichte der Mönche geben und war ursprünglich lateinisch geschrieben. Die drei beigegebenen Kupfertafeln sind von der gleichen Derbheit wie der Inhalt der Spottschrift Besonders kommt die zweite hier in Betracht. Sie enthält nämlich die Ansicht „eines fast unverkennbaren Afters in einer vollständigen Samthose", dann „eines Dickarsches in halber Tuchhose" und drittens „eines Schmalafters in Leinwandumliüllung". Nach einer allgemeinen Beschreibung der Mönche werden die einzelnen Orden gebührend abgehandelt. Vom Kapuzinermönch heißt es: „Das Wesen des Kapuziners ist ein sehr erbärmliches, sein Gang träge, das Gesicht wüst, am ähnlichsten einem Satyrn aus dem Affenlande. Es ist nicht gut, sich ihm zu nahen, denn er läßt einen fürchterlichen Gestank von sich. Allen Vorrat verwahrt er am Leibe in Säckchen. Bücksichten kennt er nicht, ohne weiteres schlägt er die Kulte in die Höhe und scheißt und brunzt, ohne den geringsten Anstand — dann wischt er sich den Podex mit dem Strick am Leib ab." Aus dem reichhaltigen Material, das uns G. J. Wit- kowsky in seinem zweibändigen, reich illustrierten Werke „L'art profane ä l'eglise" bietet, können wir schließen, daß das Mittelalter an der Darstellung von Personen bei der Verrichtung natürlicher Bedürfnisse keinen Anstoß nahm. Man sah derartige Fakta eben als ganz natürlich an und hatte um so weniger Grund zum 10 Die Bibliographie dieser lehrreichen Schrift ist in Pisanus Praxi, Cenluria librorum abscondilorum, p. XXXIII, Anm. !\i unter Essai sur l'histoire naturelle de quelques Especes de Moines, bei Hayn- Gotendorf und Gay enthalten. 108 Einschreiten, als der Künstler sein Bestreben darauf richtete, diese Darstellungen an möglichst nicht in die Augen fallenden Stellen anzubringen, entweder im Dunkel des unteren Chorgestelles oder hoch oben an den Säulenkapitellen oder Dachfirsten. Als Dachtraufen findet die Darstellung von männlichen oder weiblichen Personen im Zustande der Entleerung sich nicht oft. Sonst beschränkt sich der Künstler in der Hauptsache auf die Wiedergabe eines Mannes, der die Hosen niedergelassen hat oder sein Wasser abschlägt Merkwürdigerweise finden sich derartige Profanierungen an Kirchen meistens nur bei den Flämen, und die einzelnen Bildwerke, die in Frankreich anzutreffen waren, verdankten flämischen Künstlern ihre Entstehung. Der Fläme ist in dieser Hinsicht sehr ungezwungen. Ich erinnere nur an die vielen Notdurftszenen, die uns Bubens, Bembrandt, Ostade, Jan Steen, Brouwer und Breughel gemalt haben. Mitten in einer lustigen Gesellschaft findet sich häufig ein Mann oder ein Kind, die ihren Bedürfnissen freien Lauf lassen, seltener ist es ein Weib. Joachim Patenier hatte die Gewohnheit, in seinen Landschaften einen Mann anzubringen, der seine Blase erleichtert. Marcus Ghee- raerts aus Brügge dagegen fügte eine Frau ein, die auf einer Brücke oder an einer anderen Stelle kauerte und ein kleines Bedürfnis verrichtete. Beroalde de Verville bringt in seinem „Moyen de par- venir" zahllose skatologische Anekdoten und Schnurren, und man gerät tatsächlich in Verlegenheit, wenn man ein bezeichnendes Beispiel auswählen soll. Es sei deshalb nur die Schnurre wiedergegeben, in der das Vergnügen einer guten Entleerung gepriesen wird 11 . 11 Der Weg zum Erfolge, deutsch von Mario Spiro, Berlin, Bruno Cassirer 191 !\, S. 35g. IOQ „Wie sie eines Nachmittags miteinander plauderten, ihr Gemahl und sie, kam ihr bei, zu ihm zu sagen: ,Aber mein Schatz, ich bitte dich, mir zu sagen, ob du mich wohl liebst.' — ,Ei freilich, meine Liebe!' — ,Wie was, mein Herz?' — .Wie einen guten Schiß, liebstes Schwesterlein!' — ,Wahrlich, Ihr achtet meiner recht gering!' Er bemerkte diesen Unwillen und beschloß, des Rats zu schaffen. Eines Tages, wie er auf dem Lande zu thun hätt, sagte er zu seiner Frau, daß er wünsche, sie begäben sich selbander hin. Worein sie willigte. Er hieß sie früher aufstehen denn gewöhnlich, ehe noch die Natur die auszuscheidenden Stoffe gehörig präpariert hatte, so daß sie noch nit ihr Bedürfnis zu erledigen vermochte, wozu auch kam, daß er sie zu großer Eile antrieb. Sie stiegen zu Pferde, er auf seinen Karrengaul, und sie auf das wackere Lastpferd mitsamt dem Bediensteten, so es am Halfter führte und des unterrichtet war, was er zu thun hätt. Wie sie zwo Meilen hinter sich hatten, verspürte die Dame ein Gelüsten nach dem Misten. Aber der Diener sagte ihr, daß er sich nit getraute anzuhalten, und daß man eilen müsse, so daß sie an sich hielt und so trefflich, daß sie sich bei ihrer Ankunft mit eins gedrängt fühlte, ihr Geschäft zu verrichten. Und stracks lief sie zum Purgatorium, allwo sie sich reichlich entleerte und mit so viel Vergnügen, daß ihr die Freundschaft zu Sinn kam, so ihr Gemahl für sie empfand. Derowegen sprach sie — zurückgekehrt: ,Ei, mein Freund, nun habe ich getreulich erkannt, daß Ihr mich mächtig liebt Ich habe selbiges soeben empfunden und glaube, daß nichts so gut ist wie ein wackrer Schiß. Nur eines hat mich traurig gemacht, ich war nämlich gar betrübt, daß ich kein Papier hatte, um milden A ... zu wischen.' " HO Ein weiteres Skatologikum ist das etwa um 1190 von einem unbekannten Spielmann verfaßte Epos „Solomon und Morolf", dessen Spruchgedicht uns hier interessiert. Morolf ist ein häßlicher, unflätiger Possenreißer, der mit dem Könige Salome in einen Disput gerät und auf Salomes Weisheitssprüche mit einer skatologischen Redensart antwortet. Der Gegensatz zwischen den erhabenen Worten Salomos und der ganz im gemeinen wurzelnden Sprechweise des groben Bauemklotzes ist ungemein reizvoll 13 . Eins der bekanntesten Stücke von Hans Sachs ist sein „Nasentanz", der i55o gedichtet wurde. Ein Schultheiß trägt an seiner Stange drei Schmuckstücke und verheißt sie den drei größten Nasenträgern als Preis. Die nun auftretenden Bewerber preisen die Vorzüge ihrer Nasen in recht drastischer Weise. Schon die Namen gehören in das Reich der Skatologie. Da ist zum Beispiel ein 12 Vgl. Salomon und Marcolf, hrsg. von Hans W. Fischer, Leipzig 1907. Die Beliebtheil, dieses Dialoges geht daraus hervor, daß er in verschiedenen Sprachen fast gleichzeitig erschien, z. B. französisch: Les Dictz de Salomon avec les responces de Marcon fort joyeuses. s. 1. n. d. (vers i5oo; vgl. Gay, Analectes III, 30—21) und polnisch, vgl.: Collationes inier Salomonem et Marcolphum. — Rozmowy ktore myat Zmarcholtem grubym a sprosnym / ä wssäkoz iäka o nyem powyedäia bärzo zwymownyem zfigurämi y zgadkami smyessnymi. Wydat Ludwik Bernacki, Folio. Haarlem, Joh. En- schede en Zonen Naktadem Wydawcy I0,i3. Nur in ia5 numerierten Exemplaren hergestellt. — Das Werk ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Es bringt den Neudruck von drei Marcolf-Frag- menten, Krakow i5ai, i5z5 und i535, in altpolnischer Sprache, also die überhaupt ersten polnischen Drucke; ferner „Wyjatki z .Marcholta'. Wokabularz rozmaitych sentencyf. Krakow, IL Wietor / i53g". Mit 3i Faksimilereproduktionen, darunter von einigen durch Holzschnitte illustrierten alten Ausgaben. — Das „Wokabularz" stellt eine bisher unbekannte deutsche Übersetzung des Marcolf dar, und außerdem sind zwei noch nicht bekannte lateinische Inkunabeln des Buches, gedruckt von Quentell und Kacheloffen, darin genau beschrieben. III Kunzel Kleienfurz, ein Friedel Zettelscheiß, die sich rühmen — der erste: Schultheiß, ich heiß Kleienfurz, Mein Nas ist breit, plump, munk und kurz. Daran die Naslöcher auf zäunen (klaffen), Breiten sich aus wie ein Futterwannen, Womit ich sehr viele Fürz auffang, Die mir zuhlasen früh und z'Nacht Von Mägden, Knechten und Roßbuben, Wenn ich bin in der Rockenstuben ... Der andere: Schultheiß, ich heiß Friedel Zettelscheiß, Am Tanz ich zu bestehn nicht weiß, Weil ich noch war ein Kind beschissen, Da hat mir ein Sau mein Nas abbissen usw. Als ein sittengeschichtliches Dokument ersten Ranges ist der im Mittelalter sehr verbreitet gewesene „Till Eulenspiegel" anzusehen. Die darin enthaltenen Spässe drehen sich fast durchweg um die Verwendung menschlicher Exkremente. Da das Werk zu bekannt ist und jederzeit nachgelesen werden kann, gebe ich nur einige besonders bezeichnende Titel an: Wie Eulenspiegel ein Hof junge ward und ihn sein Junker lehrt, wenn er fände das Kraut „Henep", so sollte er darein hofieren, also hofierte er in den „Senep" und meinte, „Henep" und „Senep" wären dasselbe. Wie Eulenspiegel ein Meßner ward im Dorf Buddenstekt, und wie ein Pfarrer in die Kirche hofierte, womit Eulenspiegel eine Tonne Bier gewann. Wie Eulenspiegel die Juden zu Frankfurt am Main betrog um tausend Gulden, indem er ihnen seinen Dreck als Prophetenbeere vertrieb. Wie Eulenspiegel sich bei einem Kürschner verdingte 112 und ihm in die Stube Stank machte, auf daß ein Gestank den andern vertriebe. Wie Eulenspiegel zu Hannover in die Badstube hofierte und meinte, es wäre ein Haus der Reinlichkeit... usw. Aus Paulis „Schimpf und Ernst", einer der beliebtesten Fazetiensammlungen des 16. Jahrhunderts, seien nach der Reclamschen Ausgabe zwei bezeichnende Fazetien mitgeteilt: „Wie man die jungen Kinder gewöhnt zur Beichte, so kam ein Töchterlein zu dem Priester und beichtete. Der Beichtvater fragt das Kind, ob es auch in das Bett brünzele. Es sprach: ,Ja!' Der Beichtvater sprach: ,Lug, daß du es nicht wieder tuest, ich esse die Kinder, die in das Bett brünzele!' Das Töchterlein sprach: ,Nein, du sollst mich nicht essen, weil ich in das Bett brünzele! Ich habe ein Brüderlein daheim, das kackt ins Bett, das iß!'" „Es war ein Arzt, der hatte zween Kranke oder Brest- haftige angenommen und wollte ihnen beiden helfen, wiewohl ihr Gebrest sehr ungleich war. Denn der erste Kranke war ein alter, betagter Bürger, der hatte eine gar schöne junge Tochter zur Ehe genommen, und kam zum Arzte und bat ihn, er sollte ihm eine Arznei machen, damit er seiner jungen Frau auf die Nacht wohl gefiele. Der gute Arzt tat das Beste und verordnete dem alten Mann ein Rezept, damit er seiner Braut wohl gefiele: Des andern Kranken Siechtage waren also, daß er nicht konnte zu Stuhle gehen, langer Krankheit halber. Darum verordnete ihm der Arzt ein Rezept, das ihm Stuhlgang brächte und den Magen weichte. Während diese beiden Rezepte gemacht wurden, ging der Doktor zu Gast essen und hinterließ dem Apotheker, die zween Kranken würden die beiden Latwergen holen. Aber der Apotheker ward irr und gab dem Kranken, der nicht konnte zu 8 Stuhle gehen, die Arznei, die dem alten Manne zugehörte, der gern mit der jungen Frau fröhlich wäre gewesen. Als der die Arzenei einnahm, ward ihm seine Notdurft vonnöten, und als er einmal oder zweimal auf dem heimlichen Gemach war gewesen, hatte er doch keine Ruhe, sondern trieb das die ganze Nacht also, daß die junge Frau gar wenig erfreut ward auf diese Nacht. Sie war darum sehr traurig, denn sie besorgte, es wäre allso seine Art und Weise. Der andere Kranke aber lag die ganze Nacht und wartete, wann ihm der Stuhlgang würde kommen. Aber seine Arznei wirkte in einem andern Weg, denn er hätte lieber eine Frau bei sich gehabt, als daß er wäre zu Stuhle gegangen. Des Morgens kam der Arzt zuerst zu dem alten Manne und wollte sehen, was er ihm als Honorar gäbe, aber der gute Mann lag noch und ruhte, denn er hatte die ganze Nacht nicht viel geschlafen und war so schwach geworden, daß er kaum reden konnte und sagte dem Arzte: .Fürwahr, Herr, Ihr habt mir ein böses Stück getan! Wenn ich stärker wäre, als ich bin, so solltet Ihr es keinem Pfaffen dürfen beichten!' Der Arzt fragte: ,Wieso?' Der Alte sagte ihm, wie er die ganze Nacht hätte laufen müssen und die Braut seiner gar wenig froh gewesen wäre. Da erkannte der Doktor, daß der Apotheker die Arzeneien verwechselt hätte und bat den alten Mann um Entschuldigung. Der andere Patient ist natürlich ebensowenig erbaut, daß er statt einer ,Weichung des Bauches inwendig' eine .Härtung des Bauches auswendig' erreicht hat" Nicht minder beliebt als Paulis „Schimpf und Ernst" war Jörg Wickrams „Rollwagenbüchlein". Der ziemlich derbe Schwank „Von der Bäuerin und der süßen Martinsmilch" gehört ebenfalls hierher. Da er aber sehr 114 weitschweifig ist, lasse ich die Erzählung nur auszugsweise folgen. Nach einer reichhaltigen Abendmahlzeit bei einem wohlhabenden Bauern, bei der es viel süße Milch gegeben hatte, bekommen zwei Knechte des Bauern, die in der Stube nebenan schlafen, Durst. Der eine Drescher erhebt sich leise, um in die Milchlcammer zu gehen und eine Satte Müch für sich und seinen Genossen zu holen. In der dunklen Nacht verfehlt er aber den Weg, denn als er meinte, er ginge wieder zu seinem Gesellen, kam er in des Bauern Kammer. „Da lag die, Bäuerin mit bloßem Hintern unbedeckt. Der gute Drescher meinte, es wäre sein Gesell, der wäre wieder entschlafen, und hob der Bäuerin die Milch vor den Hintern. Indem ließ die Bäuerin einen Wind von sich gehen, der Drescher sagte: ,Du Narr, was bläsest du in die kalte Milch? Ich meine, du seiest voller Wein seit dem Abend.' Indem entfuhr der Bäuerin noch ein Bläster- ling, da ward der Drescher erzürnt, erwischte die Milch, vermeinte, sie seinem Gesellen in das Angesicht zu schütten, und schüttete sie der Bäuerin in den Hintern. Davon erwachte die Bäuerin und wußte nicht, wie ihr geschehen war, sie gebärdete sich übel darob. Der Bauer wachte auch auf und fragte sie, was ihr geschehen wäre. ,0 weh!' sagte die Bäuerin, ,ich weiß nicht, ich liege ganz naß im Bette.' Der Bauer sprach: ,Sagte ich dir nicht am Abend, als du der Milch so viel zu essen tatest? Dir ist eben recht geschehen!' usw." Von den deutschen Schwankerzählern wagen wir einen großen Schritt zu den italienischen Fazetisten. Sacchetti, Straparola und die andern Novellisten zeichnen sich durch überquellende Lebensfreude aus. Die Derbheiten in ihren Schriften lassen sich nicht mit wenigen Worten erschöpfen. Immer aber ist das skatologische Moment H5 nur Beiwerk, bildet nicht den Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Ein solches Aufgehen im rein Skatologischen finden wir nur bei dem Erzschelm Gonella, den wir mit einigen Schnurren zu Worte kommen lassen wollen: Einstmals versprach er einem Ferraresen, der dies sehnlichst wünschte, ihn für wenige Groschen zum Wahrsager zu machen. Nachdem sich der Mann auf sein Geheiß zu ihm ins Bett gelegt hatte, ließ er einen geräuschlosen Wind streichen. Dann befahl er ihm, den Kopf unter die Decke zu stecken. Der tat es, zog ihn aber vor Gestank eiligst hervor und sagte: „Wie ich sehe, hast du gefurzt." Darauf Gonella: „Zahl mir das Geld, denn du hast richtig wahrgesagt 13 ." Auch Poggio führt sie an 14 in etwas geänderter Fassung: „Zu einem Florentiner, der ein Wahrsager zu werden wünschte, sagte Gonella : ,Mit einer einzigen Pille werde ich dich zum Wahrsager machen.' Da der einverstanden war, gab er ihm eine aus Dreck gedrehte Pille in den Mund. Der Arme spie vor Ekel aus und sagte: ,Das schmeckt ja nach Dreck, was du mir gegeben hast.' Nun bestätigte ihm Gonella, daß er wahrgesagt habe, und verlangte seinen Lohn." Dieses Motiv, nach dem Geschmack die Herkunft einer übelduftenden Sache zu erraten, scheint nach den Nachweisungen, die Albert Wesselski in „Die Begebenheiten der beiden Gonella l5 " bietet, sehr beliebt gewesen zu sein, denn es findet sich in altfranzösischen, italienischen und deutschen Novellen. Das altfranzösische Fa- 13 S. a. Poggio, Facetien Nr. 166; dieselbe Geschichte findet sich auch in Grimmelshausens Abenteuerlichem Simplicissimus, I. Buch, 38. Kapitel, Ausgabe von Tittmann, 2. A.. Leipzig 1877, I. S. 77 ff. 14 Les facities de Pogge. Iraduites en Frannais, auec le texte talin. Edition complete. Paris 1878, Nr. i65. 15 Weimar, Alex. Duncker, igao. S. 99—102. 116 bliau 18 , Nie. de Troyes 17 , Sacchetti 18 erzählen die Geschichte, Seb. Brant hat sie in die „Aesopi vita et fabulae" aufgenommen, und Hans Sachs geht darauf zurück 19 . Damit ist das Wandern der Novelle aber noch nicht erschöpft. Wesselski gibt noch mehrere Nachweise, auf die ich verweise. „Groß geworden, verfügte sich Gonella zu Herzog Borso. Als er bei diesem von ungefähr krank wurde, kam ihn der Herzog zum Zeitvertreib alltäglich besuchen, und bei einer solchen Gelegenheit sagte er ihm einmal, wenn er irgendeinen Wunsch habe, solle er ihn nur frei herauissagen. ,Herr,' antwortete Gonella, ,ich schäme mich, zu sagen, was ich möchte, und doch glaube ich sicherlich, daß ich genesen würde, wenn ich es äße.' Der Herzog entgegnete ihm: ,Laß dir nicht bange sein, du sollst bekommen, was du willst, und wenn es Dreck wäre.' — ,Du hast es erraten', sagte Gonella; ,ich möchte einen dicken Strunz und habe ihn auch schon von dem verlangt, der mir das Bett macht, aber er will mir keinen geben, und so bitte ich dich, sieh zu, daß er mir einen bringt' Der Herzog rief diesen Diener und sagte zu ihm: ,Merk' dir's, wenn du nicht alles tust, was dir Gonella befiehlt, so lass' ich dich henken.' Aus diesen Worten gewann der Schalk Mut und heischte den Strunz von dem Diener, und der Diener brachte ihn ihm auf einem Teller. Nun sagte Gonella: , Jetzt habe ich i 6 G. Raynaud et A. Monlaiglon, Recueil general et complet des fabliaux. Paris 1872, III, S. 46 ff. 11 Parangon des nouvelles honnestes et delcctables, 3U. Nov. w Übersetzt von Floerke, III, S. 216 ff. 19 Sämtliche Fabeln und Schwanke, hrsg. v. E. Goetze und C. Drescher, Halle 1893 ff., IV, S. 463 ff. U7 keine rechte Lust, darum sei so gut und kau' mir ihn vor, und da wird mir die Lust wieder kommen.' Den Diener deuchte das wohl seltsam, aber aus Furcht vor dem Herzoge, der zugegen war, steckte er ihn in den Mund und kaute eine Weile daran herum. Dann wollte er ihn erbost dem Narren reichen. Der jedoch sagte schmunzelnd, während jeder gespannt war, ob er ihn essen werde: ,Du hast mir ja den ganzen Saft herausgezogen, und weil du die Trester herausgezogen hast, so iß jetzt alles, und laß es dir wohl bekommen.' Und so sah sich der arme Schelm von einem Diener aus Angst, es könnte ihm etwas noch Schlimmeres zustoßen, gezwungen, diese Schweinerei hinunterzuschlucken 20 ." Zuweilen aber fällt Gonella selber in die Grube, die er anderen gegraben hat. Davon ein Beispiel, das die Dichtergestalt Dantes zum Gegenstand hat: „Von den Florentinern war Dante, der Dichter, als Gesandter zu den Venetianern geschickt worden. Auf der Durchreise hielt er sich einige Tage in Ferrara bei dem Herzog auf und war dort Gegenstand vieler Ehrungen. Eines Tages sah nun Gonella die Kapuze, die Dante nach florentinischer Weise trug, und da sagte er zu dem Herzog: ,Herr, ich sterbe, wenn du mir nicht eine Gnade erweist' Der Herzog antwortete: ,Verlange, was du willst!' Und der Possenreißer verlangte die Kapuze Dantes. Dieser, der sah, daß er damit dem Herzog einen Gefallen tat, gab sie ihm. Kaum aber hatte sie Gonella, so hofierte er hinein. Nun bat Dante den Herzog um die Gnade, daß sie Gonella sich aufsetzen müsse, und ihm wurde willfahrt, und Gonella setzte sie sich auf und 20 Die Begebenheiten der beiden Gonella, hrsg. v. A. Wesselski, Weimar 1920, S. 6g—70. n8 teigte sich völlig ein zum großen Vergnügen aller, die dabei waren. Also war der Schalk dank der Hoheit von Dantes Geist der Gefoppte 21 ." Einigermaßen ähnlich ist der 52. Schwank in Jörg Wickrams „Rollwagenbüchlein" 22 : „Einer satzt seinem gefaxtem ein hut mit Bruntz auf den kopff in einer abenzech." Daß viele solcher skatologischen Erzählungen Allgemeingut waren, zeigt sich an folgender Schnurre: „Als Gonella einmal nach Neapel kam, sah er beim For- mellinischen Brunnen eine aufgeschürzte Magd, die dort wusch, und weil sie ihren Leib bei der Arbeit tüchtig rührte, hatte sich ihr das Hemde im Hintern eingeklemmt Da sagte Gonella zu ihr: ,He, Mädchen, merkst du es denn nicht, daß dir dein Arsch dein Hemd frißt?' Ohne sich erst zu besinnen, antwortete sie: ,Bei Gott, du bist im Irrtum, das Hemd wischt nur den Arsch, damit du ihn sauber küssen kannst' " Dazu vergleiche Morlinis Novellen 23 . Auch Lodovico Domenichi 24 erzählt denselben Schwank. In der etwa 1600 verfaßten „Saladed'espfs sa grame" des Grafen d'Aube 25 steht ein Epigramm „Contre-pique", das auf Domenichi zurückgeht In einem Stücke der zuerst i52Ö erschienenen „Hundred Mery Tales" 26 ist nicht Gonella, sondern ein Mönch der Gehänselte. In der Art wie Rochesters „Sodom", nur nach der skatologischen Seite gerichtet, ist folgendes Stück: „Crasseau- cul, roi d'Etronie, trag, biblique en un acte et en vers", 21 Die Begebenheiten der beiden Gonella, S. 75 f. 22 Herausg. v. J. Bolte, Tübingen 1903, S. 68 ff. 23 Herausg. v. A. Wesselski, München 1908, Nov. 5o. 24 Facetie, molti et burle di diversi signori et persone private. Raccolle per M. Lodovico Domenichi. Venelia i58i, S. 20 ff. 25 Recueil de pieces rares et facitieuses anciennes et modernes, Paris 1872, S. 170. 2 s Ed. by Oesterley, London 1866, S. 44, Nr. 23. IIQ ]xtr M____r, Paris i855 (Bruxelles 18G7). Dieses Stück, das in Sodom einige Tage vor seiner Zerstörung spielt, erschien zuerst in „Nouveau Theätre Gaillard" und ist, wenn man Gay 27 glauben darf, die stärkste obszöne Burleske skatologischer Art 28 . Und nun noch einen kurzen Sprung nach Deutschland. Goethes „Leiden des jungen Werther" (177/1) riefen bekanntlich eine ganze Flut von Spott- und Gegenschriften auf den Plan. So trat unter anderen Nicolai (17-33 bis 1811) mit seinen „Freuden des jungen Werther" (1775) an die Öffentlichkeit, worin Goethe gehörig parodiert wurde, was ihm dieser mit dem derben Schmäh- gedicht „Nicolai auf Werthers Grab" vergalt: Ein junger Mann, ich weiß nicht wie, Verstarb an der Hypochondrie Und ward dann auch begraben. Da kam ein schöner Geist herbei, Der halte seinen Stuhlgang frei, Wie ihn so Leute haben. Der setzt sich nieder auf das Grab Und legt sein reinlich Häuflein ab, Schaut mit Behagen seinen Dreck, Gehl wohl eratmend wieder weg Und spricht zu sich bedächtiglich: „Der gute Mann, er dauert mich. Wie hat er sich verdorben! Hält' er geschissen so wie ich, Er wäre nicht gestorben!" In dem anonym erschienenen „Marioneltentheater" des Johann Friedrich Schink, Wien, Berlin und Weimar (Berlin, Himburg) 1778, findet sich das Drama „Hans- 27 3. A., II, 376. 23 Vgl. a. Drujon, Cataloguc des ouvrages condamnes. Paris 1871), S. 110. I20 wurst von Salzburg mit dem hölzernen Gat", das eine genaue Parodie des Götz ist 28a . Im Prolog heißt es: Und der Doktor Goethe ist doch ein Genie — (Sagen's ja alle Kriticil) Mischt in seinem Schauspiel, wie Hecksei und. Slroli, Zigeuner und Reitknechte, Pfaffen und Helden, Lassen sich auch — mit Ehren zu melden — Die Helden im Arsch lekken, wie solches gar schön Im Götz von Berlichingen zu sehn. Und am Schluß: Werden also, meine Herren und Frauen, Ein Schauspiel ä la Goethe hier schauen: Wird darin gescheißkerlt, geschwerenoth't und gekokt. Es folgt nunmehr der erste Akt. Auch die „Leiden des jungen Franke, eines Genies" ( 1 777) von J° n - M or i tz Schwager gehören zu den gegen Goethe gerichteten Spottschriften. Der Held des Stückes schleicht sich zu seiner Geliebten, einer verheirateten Frau, fällt aber deren eifersüchtigen Gatten in die Hände, der ihn zum Kapaunen macht. Aus Schmerz erhängt er sich an einer alten Eiche, hält aber noch im Tod eine Reliquie seiner Geliebten, nämlich deren Nachttopf, in der Hand, was auf dem Titelbild getreulich abgebildet ist 29 . Goethe war bekanntlich einem derben Wort nicht abgeneigt, wenn dadurch der Sinn am deutlichsten und sinnkräftigsten wiedergegeben werden konnte 30 . Ihm war deshalb in die Seele zuwider diese alberne Sucht, durch euphemistische Ausdrücke mit den allermensch- lichsten Bedürfnissen Verstecken zu spielen und sich der 28. Vgl. Goedeke IV, 1, 911, 11. 29 Ebeling, Geschichte der komischen Literatur. Liegnitz und Leipzig i 7 83, I, S. 554. 30 Schopenhauers Gespräche und Selbstgespräche, hrsg. v. Ed. Grisebach, Berlin 1898, S. 28. 121 Funktionen seines eigenen Leibes zu schämen. Im Laufe der Jahre wandelte sich allerdings darin sein Geschmack ein wenig, dann, als er abgeklärt war oder zu sein glaubte. Aber in seinen Sturm- und Drangjahren konnte ihm die ängstliche Prüderei wenig imponieren: Mußt all die garst'gen Wörter lindern, Aus Scheißkerl Schurk, aus Arsch mach Hintern, empfiehlt er einmal ironisch, und Götz von Berlichingens Antwort ist ja bereits zum geflügelten Wort geworden. Auch in dem Spiel „Hanswursts Hochzeit" hat er seiner sprudelnden Laune die Zügel schießen lassen. Leider ist das Stück ein Torso geblieben und über das Namensverzeichnis und kurze Bemerkungen nicht hinausgekommen. Aber die Namen verraten schon, von welcher Derbheit das beabsichtigte Drama gewesen wäre, wenn Goethe den Mut besessen hätte, es auszuführen. Er konnte sich nicht genug tun, die niederen Beziehungen von Männlein und Weiblein und ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale und -unterschiede in Namensform zu kleiden. Da war vorgesehen: Hans Arsch von Rippach, Neckärsch- chen, Schnuckfötzchen, Quirininus Schweinigel, Thomas Stinckloch, Stinkwitz, Blackscheißer, Hosenscheißer, Wurstfresser aus dem Scheißhaus, Leckarsch, Lapparsch, Dr. Bohnefurz, Scheißmatz, Piephahn, Farzpeter, Heularsch, Jungfer Arschloch, Hans Schiß, Nonnen- fürzchen usw. usw. 31 War dieses Stückchen eine Ausgeburt toller Laune, so zeugt das Pamphlet „Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn" (1790) von einer pöbelhaften Gemeinheit. In dieser Schrift schüttet Kotzebue, der hier wirklich seinem Namen alle Ehre macht, Kübel von Schmutz auf 31 Vgl. die von Stammler besorgte Ausgabe bei Paul Steegemann, Hannover 1921. 122 seine Gegner aus, um zur Ehrenrettung Zimmermanns beizutragen. Für uns kommt hier insbesondere der dritte Akt in Betracht. Nachdem sich die Verschworenen zum Sturze Zimmermanns verbunden haben, sind „alle tüchtig besoffen, taumeln, krakeelen und rülpsen". Gedicke will sich schlechterdings Lichtenbergs Munde als eines unaussprechlichen Geschirrs bedienen. Kästner macht keine Epigramme mehr, sondern gibt halbverdaute Vik- tualien von sich. Brie schnarcht, sperrt das Maul seiner Gewohnheit nach dabei auf und erhält die ganze Masse eines Magenüberladenen dabei hinein. Campe verrichtet seine Notdurft an der Nasenspitze seines schlafenden Kollegen Trapp und reinigt sich mit einem Stück der Berliner Monatsschrift, wovon er aber Giftblasen am Hintern bekommt Klockenbring ruht in einem Schweinestalle „wie unter Brüdern" usw. usw. 32 Im allgemeinen hat die neuzeitliche belletristische Literatur der Deutschen wenig für die skatologische Bich- lung übrig. Deshalb finden sich derartige Züge nur vereinzelt. Chamisso erlaubt sich in der letzten Strophe seiner Schauerballade „Der arme Sünder" eine kleine skatologische Abschweifung 328 , und nur der in seiner zügellosen Kühnheit auch vor dem Äußersien nicht zurückschreckende Oskar Panizza bringt von seinem auf den Mond verschlagenen Erdenbewohner eine ganze Szene, in der eine eingehende Beschreibung der Entleerung enthalten ist 32b . Auch dem begeistertsten Verehrer der Exkremente wird es nicht immer angenehm sein, wenn er wider Willen 32 Ebeling, Geschichte der komischen Literatur, Leipzig und Liegnitz 1869, Bd. i, S. 434-/1/11. 32 * Richard M. Meyer, Deutsche Parodien, S. 177. S2b Visionen der Dämmerung, München 1916, S. i38. 123 mit ihnen Bekanntschaft machen muß. Daraus folgt erstens, daß entweder nur die Ausscheidungen des geliebten Wesens geschätzt werden, und daß sich der Liebhaber in seiner Phantasie zu ihnen in Beziehung bringen muß. um sexuell erregt zu werden, oder zweitens, daß es der Wärme der Ausscheidungen bedarf, um den andern in Erregung zu versetzen. Alles andere wirkt peinlich oder stößt ab. Für jeden Dritten erregt der unverhoffte Gegensatz zwischen höchster Wollust und Be- kanntschaftmachen mit dem Unreinen die Lachlust Ein bezeichnendes Beispiel finden wir in dem Erotikon: „Priaps Normalschule, die Folge guter Kinderzucht, ein kleiner Boman in gefühlvollen und zärtlichen Briefen." Berlin 1789. S. 78. Bei einem Schäferstündchen in einem Viehstalle hat ein Ziegenbock einen hinterlistigen Angriff auf den Liebhaber gemacht. „Itzt wanderten sie beide miteinander zur Thüre hinaus, und es wäre gewiß für einen vierten eine äußerst komische Szene gewesen, den Passagier mit nackichtem Podex und den Bock mit gesenkten Hörnern in seinen Hosen zu sehen. Ich wußte nicht, sollte ich weinen oder lachen: aber das Lustigste kam erst Kaum waren sie vor der Thüre, so stolperte mein Freund und fiel samt seinem Führer nach aller Länge in die Mistpfitze, in welcher eine Menge Kühfladen und Menschensatzungen herumschwammen. Der Bock arbeitet aus allen Kräften, um aus der Pfütze zu kommen, und brachte seinen Gegner immer noch tiefer hinein, bis ihm auf mein hierüber erregtes Geschrei einige Leute zu Hilfe kamen und vom Bock erlöseten. Das erste, was er that, war, daß er hurtig, noch in der Pfütze, die Hosen hinaufzog und zuknöpfte, aber er hatte zugleich auch eine Parthie solcher schwimmender Materialien mit hineingeschlagen, daß sie ihm unter den 124 Kniegürteln hervorqualschelten, und er sich weder zu rathen noch zu helfen wußte. Alles, was in der Gaststube war, lief heraus, den armen Schelmen zu betrachten, der wie ein Aas stank." In gleich übler Verfassung befand sich auch der Teilnehmer einer Soiree, der auf den teuflischen Rat des verschmähten Liebhabers der Hausfrau in deren Boudoir Erleichterung seiner Magenpein sucht. Ehe er aber noch dazu kommen kann, wird er von der Hausfrau, die der Meinung ist, ein Liebespärchen entdecken zu können, und deren Ehemann, dem zugesteckt wurde, er könne seine Gattin mit ihrem Galan in flagranti ertappen, überrascht und muß nun vor Angst seine Hosen als Ablagerungsstätte für seine Exkremente wählen 32 c . 4. Skatologisches aus der Weltgeschichte Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur ein Schritt, und wenn es etwas gibt, das ims unsere Erdenschwere so recht zum Bewußtsein bringt, so ist es die Notwendigkeit der Entleerung. In diesem Punkte heißen wir alle „Hase"! Das Gesetz des Ausgleichs herrscht überall. Mag ein Mensch auf der sozialen Stufenleiter noch so hoch stehen, er ist den Gesetzen seines Körpers unterworfen wie der niederste Bettler. Diese Tatsache tröstet das nicht zur Klasse der Beaii possiden- tcs gehörende Volk einigermaßen, und es zieht mit Vorliebe derartige Fakta ans Tageslicht, aus denen die Niedrigkeit des Menschenlebens recht deutlich erhellt. So weiß man von großen Männern zu berichten, die auf dem Abort geboren worden sind, zum Beispiel 32c rj er deutsche Casanova, herausgegeben von Max Bauer, Berlin, Eigenbrödlerverlag, o. J., Bd. II, S. i4g. 125 Karl V. In Gent kann man im Fürstenhof noch das geheime Gemach sehen, in welchem Johanna von Ara- gonien am 2 5. Februar i5oo von den Wehen plötzlich überfallen wurde und niederkam. Wieder andere beschlossen in dieser unreinen Zufluchtstätte ihrer Tage Lauf. So wird berichtet, daß Arius und Papst Leo, die angesehensten Häupter der arianischen Ketzerei, wegen heftigen Bauchgrimmens aus der Disputation weg zum Privet eilen mußten und dort den Geist aufgaben. Man sah in diesem plötzlichen Tode an unreiner Stätte die Strafe Gottes für die beiden „Ketzer". Indessen so ganz stimmt das wohl nicht, denn auch der fromme Irenäus erlitt das gleiche Schicksal. Kaiser Heliogabal wurde auf dem Abtritt, auf dem er sich am sichersten glaubte, von den Meuchelmördern überrascht und umgebracht 33 . Mögen die vorstehenden Tatsachen nun verbürgt sein oder nicht: der tiefere Grund für die Abfassung und Verbreitung derartiger Geschichten war wohl das Bestreben, zu nivellieren, der revolutionäre Gedanke der Gleichmacherei, der Wunsch, auch die Größten in ihrer menschlichen Hilflosigkeit, unterworfen den Gesetzen der Natürlichkeit, mit faunischem Behagen darzustellen und grinsend auf sie zu weisen: „Seht, das sind eure Helden!" Dem Kaiser Napoleon I. hat man sogar ein eigenes (nur acht Seiten starkes) skatologisches Büchlein gewidmet, worin erzählt wird: Un ccrtain jour chiant sans peur Se chia lui — meme l'empereur, 33 I. Ravisii Textoris officinae Epitome, Lugduni i5g3, enthält ein Kapitel über die auf dem Abort Verstorbenen und Geborenen „In Latrinis mortui aut occisi". Vgl. auch Montaigne, Gedanken und Meinungen über allerley Gegenstände, Berlin 1793, II, i3i. 126 11 emmerda la Republique, Ainsi il nous emmerda tous. Malgre sa merde despotique Ses etrons etaient encore doux 3i . Selbst der ehrwürdige Dante wird zum Helden einer skatologischen Anekdote gemacht (wie an anderer Stelle des näheren dargetan ist), und Beroalde de Verville bringt in seinem „Moyen de parvenir" noch weitere bezeichnende Beispiele. In der deutschen Literatur wird oft Friedrich der Große in den Mittelpunkt mancher skatologischen Anekdote gestellt, zum Beispiel: „Ein Bauer klagte einst bei Friedrich dem Großen, er habe beim hohen Senate eine Bittschrift eingereicht, und selbe wäre ihm nicht angenommen worden. Der König untersuchte die Sache und fand, daß diese Weigerung auf sehr unerheblichen Gründen beruhe. Hierüber aufgebracht, befahl er dem Bauern, bei nächster Rathssitzung jene Sache nochmals vorzutragen, und wenn sie sich wieder weigerten, ihm zu willfahren, ihnen das A...lecken zu schaffen, er wolle schon Sorge tragen, daß ihm nichts geschähe. Der Bauer erscheint und wird sehr unhöflich abgewiesen. Aufgebracht schreit er: ,Ich werde mit dem Könige selbst reden, dann kann mir der versammelte Rath den A... lecken!' und läuft davon. Der ganze Rath ihm nach. Plötzlich tritt der hinter der Thür verborgene König hervor. ,Wohin, meine Herren redete er sie an. Man weigerte, es ihm zu sagen. ,Ich befehle es!' war seine Rede. Schäumend erzählte der Präsident, der Bauer habe ihnen dies und das empfohlen. ,Ünd muß das so eilig sein?' erwiderte der König 35 ." 3 * La merde hislorique de Napolion etc. Dzagnignan, imprimerie de P. Garcin, 18Ü8. 35 Vgl. auch noch Anthropophytheia. Bd. 1, S. 2o5, Nr. 3o. 127 Neben Friedrich dem Großen ist die Kaiserin Maria Theresia eine beliebte Heldin skatologischer Anekdoten: „Ein Hofbediensteter ging zu Maria Theresias Zeiten am Graben spazieren. Da erblickte er vor sich ein nettes Maderl und zwickte es beim Vorbeigehen in den Hintern. Als sich die Gezwickte jedoch umdrehte, erkannte der Mann die Kaiserin, fiel auf die Knie und sagte: .Majestät, wenn Ihr Herz auch so hart ist wie Ihr Hintern, so bin ich verloren." Diese Anekdote wird übrigens auch anderen, weniger bedeutenden Frauen angedichtet Kaiserin Katharina II. fehlt nicht im Reigen. Wiener Ursprungs ist diese Geschichte: „Kaiserin Katharina von Rußland läßt bei der Hoftafel einen Wind ziemlich laut streichen. Alles wird verlegen. Ein junger Leutnant von der Marine will diese Gelegenheit benützen, um sich bei der Regentin beliebt zu machen, wird rot, springt auf und stürzt aus dem Saal. Am andern Tag beruft ihn die Kaiserin und ernennt ihn zum Kapitän mit den Worten: ,Ein Leutnant, der einen ungünstigen Wind so zu benützen versteht, verdient Kapitän zu sein 36 .'" Von einem ungenannten Herrscher wird berichtet: „Ein König kam nach Wien und wollte sich von der berühmten Grobheit der Fratschlerinnen (Obstverkäuferinnen) überzeugen. Er begab sich auf den Naschmarkt und stieß aus Spaß einen Stand um. Die Fratsch- lerin überschüttete ihn darauf mit einer Flut von Schimpf Worten. Endlich sagte der König: , Wissen Sie, wer ich bin?' — ,Na, so a Sakramentspflastertreta san S\ Sö Äff, Sö!' — ,Nein, ich bin der König von ...' 36 Eine mit einer derberen Pointe ausgestattete Anekdote findet sieh in Anthr. a, 207/8. 128 Auf dies hin dreht sich die Fratschlerin um und sagt zu einer andern: ,Geh, Nani, scheiß ihm a Krön 37 !'" 5- Skatologisdie Sprichwörter Will man das Wesen eines Volkes erkennen, so frage man nach seinen Sprichwörtern. Sie geben aufs unverblümteste den Glauben und die Lebensauffassung eines Volkes wieder. Skatologische Sprichwörter finden sich im Sprachschatz jedes Volkes. Ich kann mich hier nur auf einige Stichproben beschränken. Der Lateiner sagt treffend: Stercus cuique suum bene olet. Zuweilen streift diese Art Volksliteratur das Erotische oder direkt Obszöne. So sagt der Pole: Lepiej dobrze sie wyszcuac niz kiepsko schedozyc (Es ist immer besser, gut zu pissen, als schlecht zu koitieren), womit er sagen will, daß man eine Krankheit erwischt hat, die einem das Urinieren beschwerlich macht. Für Deutschland liegen über diese Materie zwei umfassende Sammlungen vor: „Dr. Kainis, Die Derbheiten im Reden des Volkes, Leipzig, Verlag des Literatur- Bureau, o. J. (1872) 38 " und „Tausend Bauernwitze. Kluge Derbheiten aus Bauernmund. Mit Zeichnungen von Walter Trier. München und Berlin. G. Müller, 1914". Aus diesen beiden Sammlungen seien folgende Sprichwörter hier angeführt: Er sieht aus wie ein Beltpisser, das heißt, er ist ein Schwächling, zu nichts nutze. Es pißt ihn kein Hund mehr an (als Zeichen der Verachtung ). hat löpen, see Lätje, dö pißte he in de Brök. Dat 's ken Spaß, sed de Nachtwätter, wenn man mi in't Hurn schitt. 37 Anthr. 2, S. 209, Nr. 45. 38 Vgl. Hayn-Gotendorf, III, 5o5. 9 I2Q Schmeckt's gut in der Küche, so schmeckt's um so übler im Abtritt. Hei deut so dick, as wenn he recht luat iveer und 't is doch mit 'n Sehet besegelt. Ih, sä' de besopen Buer, da ebne Jürgen in de Hosen scheten harre, Arften gelten und Linsen schatten. Er sieht einen Hundsdreck für einen Grenzstein an, sagt man von einem Menschen, der aus einer Mücke ein Kalb macht. De kackt di vor de Dor un bringt di ken Beesen mit, sagt man von einem Menschen, der einem anderen einen. Floh ins Ohr gesetzt hat. He het got kacken, he hett 'n Eers bi sick, mit anderen Worten: er kann gut reden. Kacken un Sorgen kuml alle Morgen. Da haben wir den Dreck, sagte der Pfarrer und ließ das Kind fallen. Da wird er kleine Dreckle seh . . ., das heißt, er wird sich einschränken müssen. Den Dreck soll niemand rütteln, er stinkt sonst um so mehr. Was natürlich ist, das hat man sich nicht zu schämen, sagte der Kerl und setzte einen Haufen auf den Markt. Wat ivoßt eine Kuh, wenn's Sonnta ist. man geit'r ja kenn weß hemmet. Das ist schändlich! sagte der Bauer, da die Kuh int Wasser machte, das Land ist groß genug. Es kommt, sagte der Bauer, da hatte er drei Tage auf dem Nachtsluhl gesessen. Wer hot de Wost fräten? rein de Burhier mal all up 'n Emmerl Der Hund mag Geld sch .. ., sagte der Bauer, als der Knecht mehr Lohn verlangte. Dat's ken Spaß, ma kann jetzunder den eegenen Ers nich truen, sät Josef Maier, da ivoll hei en Furz laten un harre si darbi in de Büx schitten. Je mehr man den Dreck trampt, desto dünner wercht he, das heißt, man soll das Begrabne ruhen lassen. Smii de Dreck an de wand, klift he, so klift he. Wal soll ein Dreck, loenn er nicht stinket. I30 Wen man aus dem Dreck gezogen, der hofiert einem zum Dank aufs Maul. Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen, und ivär's ein Misthaufen. Einem Horcher an der Wand, gibt man einen Dreck in die Hand. Kälberdreck, armer Leute Hoffart und Gewalt, die verriechen bald. Dat sin Minschen! segt Füst, erst schilen se up de Klink, denn seggen's: Füst, malt de toer to! Schiete, segt Kriethe! Spezifisch niederösterreichische Sprichwörter verzeichnen die Anthr. II, 61 ff.: Herrendreck und Pfaffendreck stinkt im ganzen Land. Friß Fett, so machst, du keine Knochen, das heißt, sei deinen Vorgesetzten gegenüber liebedienerisch, so wirst du ein gutes Leben haben. Man muß nicht stärker farzen wollen, als der Ars vermag, das heißt: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Wer einen Dreck im Munde hat, dem stinkt die ganze Welt, sagt man von einem, der die ganze Welt verlästert. Wer kann an allen Dreck denken, sagte die Frau zum Manne, als sie das Mittagessen für ihn zu bereiten vergessen hatte. Eine besonders reiche Ausbeute liefert das Elsaß. Gschisse is nich gmolt, sunscht könnt e jeder Hund mole S9 . Besser a Schiß gelon, aß of der Doktor verton (Besser einen Crepilus lassen, als den Arzt zu Rate ziehen). Von einem, der Sommersprossen hat, sagt, man, er hätt' mit. dem Teufel Schißdreck gedroschen. Von jemand, der trotzig ist und gern mit dem Fuß aufstampft, sagt man: Hell nix im Kopf, aber im Ars. Es schißt eme nackichte Mann in de Hossesack — gebraucht man von einem lügenhaften Weibe. Von einem, der ungern an eine Arbeit, herangeht, sagt man: Der geht, an d'Arbeit, eer meint, es is ihm in d'Händ g'schisse. 39 Vgl. Anthr., Bd. 3, S. i32ff. 131 Über die französischen skatologischen Sprichwörter gibt die Bibliotheca scatologica erschöpfende Auskunft Abschnitt VIII: Mementro scatoparemiologique S. io5 — 120 ist nachgedruckt in Anthr. III, 147—i5c;. Einige bezeichnende Sprichwörter und Redensarten mögen hier folgen: Serrer les fesses, quand on a chie au lit, das heißt: Wenn's Kalb ersoffen ist, deckt der Bauer den Brunnen zu. Von dem Gerede eines unbedeutenden Menschen sagt man: II parle comme un cul. Von einem Menschen, der von einer schweren Krankheit genesen ist, heißt es: II a fait un pet ä la mort. Die Italiener bezeichnen das gleiche mit den Worten: Fare il peto ai lupo. II a chie plus de la moitie de sa merde, ist die Umschreibung für einen todkranken Menschen. Ist er tot: II ne petera plus; denn: Pour viure sain et longuement 11 faut donner ä son cul vent. Pisser sans peter, c'est aller ä Dieppe sans voir la mer. Einen langweiligen Menschen läßt man abfahren: Parle ä mon cul, ma tete est malade. Von einem schneilauf enden Menschen sagt man: II a le feu au derriere. Auch in Frankreich kennt man die Redensart: Dorthin gehen, wohin auch der Kaiser zu Fuß muß (Aller oü le roi va ä pied). Der Ausdruck „bescheißen" für „betrügen" ist auch in Frankreich gang und gäbe. Von einem, der ihn betrogen hat, sagt der Franzose: II a chie dans ma malle (Er hat in meinen Koffer hofiert). On ne peut pas chier au goül de tout le monde (Man kann nicht nach dem Geschmack aller Menschen hofieren), das heißt: Man kann es nicht alten recht machen. Die russische Sprache ist besonders reich an skatologischen Ausdrücken: 132 Auf einen schamlosen, unverschämten Menschen sagt man: Kack ihm in die Augen, und er sagt doch, es ist Gottes Geschenk. Einen geschickten Menschen rühmt man: Er macht selbst aus Dreck eine Kotelette. Honig oder Dreck ist gleich — nur gib den Honig zuerst. Die Erde ist schwarz, und doch gibt sie Getreide; weiß ist, der Schnee, und doch machen die Hunde darauf. Von einer Person, die große Eile hat, sagt man, daß sich der Dreck bei ihr im Anus entzündet habe. Will man jemandem seine Verachtung bezeugen, so sagt man: Wenn dem so ist, will ich mit dir nicht einmal hofieren gehen. Wenn jemand kleinlich verfährt, so sagt man von ihm: Er zieht dem Dreck die Haut ab. Eine gute Zielscheibe für den Spott gibt der Klerus ab. Auch folgende Sprichwörter und Redensarten sind den beiden eingangs zitierten Sammlungen entnommen: Luft ist Luft, sagte der Pfaffe, und ließ einen streichen. Ich kann das Nachtgeschirr nicht entbehren, sagte der Pf äff, als man ihm vorhielt, daß er seine Konkubine mit im Lande herumführe. Dal kümmt von't lange Predigen! säd de Paster, dor harr he in de Büx schäten. Die Mönche hat der Teufel vom Galgen gesch . . . und sich den A ... an einer Nonnenkutte gewischt. An Hoffart wischet der Teufel den Hintern. Die Frau erscheint fast noch öfter im Sprichwort als der Klerus: Lust und List vmchsen auf der Weiber Mist. Wie das Faß, so der Wein, sagte die Frau zu ihrem Mann, als er von ihrem Urin getrunken. Die zweite Frau hat goldne Hinterbacken. E süfer (sauberes) Maidel ische beseht Kristier (Klistier) for e Mann, sagt man im Elsaß, um auszudrücken, daß es einen Mann lebensfroh machen kann. 133 Frauen sollen sprechen, wenn die Hühner pissen, das heißt also niemals. Wie oft die Frauen schwatzen und die Hunde pissen, wer kann das luissen. Ö. Der Crepitus im Sprichwort Gemäß seiner Bedeutung ist dem Crepitus auch im Sprichwort ein großer Raum eingeräumt worden. Die allgemeine Anschauung im Volke geht dahin, daß sein Verhalten schwerste gesundheitliche Gefahren mit sich bringt, so daß deshalb der Crepitus als durchaus daseinsberechtigt gilt Dat was 'ne Wohltat! seggte Sievers, als er einen fahren ließ. Wo Wasser ist, da ist auch Wind, sagte jener, schlug sein Wasser ab und ließ einen streichen. Hei is 'n Dichter! seggt de Buer, hei makt ut'n Furz 'n Dunnerschlag. Man muß nicht stärker farzen wollen, als der A... vermag. Welcher farzet, ivann er will, der farzet, wann er nicht will. Um auszudrücken, daß es in manchen Fällen klüger ist, großzügig zu handeln, sagt der ländliche Franzose: Ne cau pas houle peta dab la mieytat dou cu, das heißt: Man soll nicht mit dem halben Hintern furzen. Um kleinliche Menschen abzuführen, sagt man auch: Man kann nicht jeden Furz auf die Wagschale legen. Ein unbeständiger Mensch ändert sich alle Furzlang. Von einem Vergeßlichen sagt man: Seine Gedanken sind so kurz wie ein Furz. Bei den Südslawen muß der Crepitus die Begleitmusik beim Koitus machen. Man sagt kurz: Nema jeba bez prda (Kein Koitus ohne Furz) *», und das gleiche sagt ein Reigenlied: Es gibt keinen Bogen ohne Donner und Blitzen Und keinen Fisch ohne Wasserspritzen « Anthr., Bd. 3, Nr. 54g. 134 Und keine Pilschka ohne Hinlerbacken Und keine Brust ohne Warzen Und keinen Koitus ohne Farzen 11 . Pitschka ist die Bezeichnung für den weiblichen Geschlechtsteil. Für das kleinere von zwei Übeln sagt man: Besser ein Furz entrannt, als ein Dorf abgebrannt. Eigene Fürze riechen wohl, das heißt: Jeder Narr lobt seine Kappe. Wer eigene Fürze hat, braucht keine fremden zu riechen, sagt man, um auszudrücken: Jeder kehre vor seiner Tür. Um einen anmaßenden Menschen zu kennzeichnen, sagt schon der Lateiner: Ne sutor supra crepitum, und der Pole drückt dies mit dem Satze aus: Er stinkt höher als sein kleines Loch. Auch der Franzose kennt diese Redensart: II ne faut pas peter plus haut que le cu/ 42 . Ist eine Angelegenheit gänzlich mißlungen, taugt sie also nichts, so ist sie keinen Furz wert. Einem Cholerischen kommt jeder Furz in die Quere. Aus einem verschlossenen Menschen kann man noch weniger herausbringen als einen Furz aus einem toten Esel. J. Der Podex im Sprichwort Der Podex als Vater des Crepitus beschäftigt fast noch stärker als die von ihm ausgehenden Wirkungen die Phantasie des Volkes. Unzählig sind die an ihn anknüpfenden Sprichwörter. Vergleiche, Rätselfragen. Über allem aber schwebt der Humor als versöhnendes Element. Treffend sind die Vergleiche, Lebenswahrheiten werden kurz und schlagend in einige kurze Worte destilliert: 11 Bernhard Stern, Medizin, Aberglaube und Geschlechtsleben in der Türkei, Berlin, Bd. a, S. 19g. 43 Vgl. Bibliotheca scalologica, Nr. ioi. 135 Wer den jungen Arsch nicht züchtigt, der züchtigt noch weniger den großen (Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr). Er vergäße den Arsch, wenn er nicht angewachsen wäre. 1 bin au koiner Sau vom Arsch g'falle, sagte der Bauer, da sich einer mit seiner Abkunft vom Schulmeister brüstete. Hals über Kopf umschreibt man auch mit den Worten: Über Ars, über Kopf. Ehuas Selbstverständliches kann man sich „am Arsch abfingern" oder „am Arsch abklavieren". Ein Zaghafter dreht den Finger lang im Arsch herum und bricht noch den Finger im Arsch ab. Aus einem verdrießlichen Arsche fährt kein fröhlicher Furz. Man mag den Hintern schminken, wie man will, ein ordentliches Gesicht wird nicht daraus. Von einem stolzen Menschen sagt man: Er weiß vor Hoffart nicht, wo ihm der Ars stehet. Er springt einem, mit dem nackten Arsche ins Gesicht. Wer den Hintern verbrennt, muß auf den Blasen sitzen, sagt man von einem, der sich die Finger verbrannt hat. Auch Frankreich hat treffende Bezeichnungen: Lever le cul, das heißt flüchten. Man nennt „cul plat" einen unbedeutenden Menschen. Einen armen Menschen bezeichnet man treffend: II na que le cul. Von zwei Unzertrennlichen sagt man: Ce n'est qu'un cid et une chemise. Se servir de la chemise d'autrui pour lui torcher le cul, heißt, sich frei machen von der Hilfe eines, dem man verpflichtet ist. Gratter son cul au soleil, oder: Geduldig leiden. Laid comme un cul: Schlapper Mensch. Von den Italienern seien gleichfalls einige Sprichwörter genannt. Non trovi culo da luo naso, sagt man von einem Menschen, dessen Schwadronieren keinen überzeugen kann. 136 II culo alla ortical: Ich lasse mich nicht dumm machen. Konzessionen machen: Dal del culo nella pietra. Ein Schwätzer: Hai mangato merda du cusetta. Bei den Russen fehlen selbstverständlich diesbezügliche Sprichwörter nicht: Wenn man jemanden übertölpeln will, so heißt es vorwurfsvoll: Du ziehst dem Arsch Bastschuhe an. Ein Dummer drischt Getreide mit dem Hintern. Einen faulen Menschen fragt man: Soll man dir nicht zwei Löffel Teer in den Hintern gießen? Von einem klobigen Menschen sagt man: Er schneidet den Hintern wie mit einer Sichel. 8. L. m. i. A. Die vier Buchstaben sind keine Hieroglyphen, sondern leicht verständlich. Will man jemandem seine Verachtung kund tun, so richtet man an ihn die bekannte Aufforderung aus dem „Götz von Berlichingen". Die sonstigen Aufforderungen drehen sich mit abgewandelten Worten stets um die gleiche Handlung: Küss' mich, wo der Buckel ein End' hat — Küss' mich am Ende des Rückgrats. — Küss' mich da, wo der Buckel seinen ehrlichen Namen verloren hat. — Küss' mich da, wo mein Gesicht keine Nase hat — Leck' mich, wo ich hübsch bin. Die Anekdoten, die sich mit dieser Aufforderung beschäftigen, sind sehr zahlreich. Interessenten finden sie in den „Kryptadia" und „Anthropophytheia" verzeichnet Zu Beginn des 18. Jahrhunderts existierte in Toulouse eine Confrerie des Baise-Culs. Die Mitglieder des Klubs waren Söhne vornehmer Häuser, die in ihrer Ausgelassenheit in den langen Winternächten die Gassen 137 unsicher machten, was um so leichter möglich war, da man die Straßenbeleuchtung noch nicht kannte. Sie hielten die Passanten an, nahmen ihnen ihre Börse, und schließlich wurden die Beraubten gezwungen, den Räu- bern den Anus zu küssen. Das Parlament von Toulouse mußte endlich einschreiten. Da aber viele Parlamentsmitglieder einen Sohn oder Verwandten unter den Tunichtguten hatten, kam es zu keinen Bestrafungen 43 . Das „Juristische Vademekum" bringt einige sehr interessante hierher gehörige Rechtsfälle: „Wenn in Rimini ein Verschwender genötigt war, seine Habe seinen Gläubigern zu zedieren, so geschah dies nach folgendem Ritus: Der Richter hieß ihn unter dem Schall der Trompeten vor seinen Gläubiger nach dem öffentlichen Platze bei der Burg führen und ließ ihn dort mit entblößtem Hintern dreimal auf den Stein sich niedersetzen und die Worte sagen: Ich überlasse mein Hab und Gut meinem Gläubiger zur Befriedigung. — Dann wurde die Zession als gültig angenommen Auch in anderen oberitalienischen Städten, zum Beispiel in Padua, herrschte sogar noch im 18. Jahrhundert ein ähnlicher Brauch. „Wenn jemand seine Schulden nicht bezahlen kann und so arm ist, daß er nicht drei Lire im Vermögen hat, so hängt es von ihm ab, sich durch eine gerichtliche Erklärung seiner Insolvenz aller Ansprüche seiner Gläubiger zu entledigen. Allein mit dieser Erklärung ist eine Zeremonie verbunden, die so schimpflich ist, daß dieses Hilfsmittel höchst selten gewählt wird. Der Schuldner muß sich nämlich auf einen Stein vor dem Rathaus mit dem bloßen Hintern setzen und in Ge- 43 Dinaux-Brunet, Societes badincs, I, 71. « A. a. O., I. Nr. ■>.. 1.38 genwart der Sbirren oder Gerichtsdiener eine Stunde lang begaffen lassen 45 ." Zum Schlüsse zwei Anekdoten: „Ein Kavalier sah einstmals eine wohl gewachsene und galant geputzte Weibsperson vor sich hergehen. Da er nun ein großer Liebhaber schöner Frauenzimmer war, so eilte er auch dieser schön scheinenden Person nach. Als er aber nahe an sie kam, wurde er inne, daß sie im Gesicht ein häßliches Rabenaas war. Deswegen sagte er: ,Madam, wenn Sie von vorne so schön gewesen wären als von hinten, so hätte ich Sie küssen wollen.' Sie gab ihm aber diese nachdenkliche Antwort: ,Küssen Sie micb. mein Herr, wo ich schön bin 46 !'" Fast dergleichen begegnete einem naseweisen Stutzer, der eine Jungfer mit ihrer langen Nase aufgezogen, wegen welcher man ihren schönen Mund nicht küssen konnte. Sie gab ihm zur Antwort: Sie wollte ihm leicht einen Ort zum Küssen weisen, da ihn keine Nase hindern würde 47 . Q. Abortinschriiten Die Sitte oder vielmehr Unsitte, die Wände der öffentlichen Klosetts zu beschreiben und zu bekritzeln, ist uralt, jedenfalls so alt, wie diese selbst bestehen. Schon Martial erwähnt diesen Brauch 48 : Nigri formicis ebrium poetam, Qui carbone rudi putrique coeta Scribit carmina, quae legunt cacantes. 45 Ebenda, IV, 16, Nr. 3o. 46 Die gleiche Anekdote findet sicli auch bei den Südslawen: Anthr., Bd. 3, S. 353. 47 Neues Vademekum für lustige Leute, II, 4i, Nr. Prodromus aegypliacus, cap. ult. 146 „Wenn jemand unter dir ist, der nicht rein ist, daß ihm des Nachts etwas widerfahren ist, der soll hinaus vor das Lager gehen und nicht wieder hineinkommen, bis er vor abends sich mit Wasser bade... Und du sollst draußen vor dem Lager einen Ort haben, dahin du zur Not hinausgehst Und sollst eine Schaufel haben, und wenn du dich draußen setzen willst, sollst du damit graben. Und wenn du gesessen hast, sollst du zuscharren, was von dir gegangen ist... Darum soll dein Lager rein sein." Beim Niederhocken pflegten die Juden ihre langen Gewänder rund um ihren Körper zu legen, damit man ihre nackten Körperteile nicht sehen sollte. Daher nannte man diese Tätigkeit „sich bedecken". Erst nach Beendigung der Wüstenwanderung wurden öffentliche Abtritte angelegt, besonders in Jerusalem. Im Sanchedrin Seite 17 heißt es sogar ausdrücklich: „Es ist verboten, in einer Stadt zu wohnen, wo kein Abort vorhanden ist." Klosette in Privatwohnungen scheint es selten gegeben zu haben, jedenfalls galten sie als ein Luxus, denn derjenige wird als reich bezeichnet, der „nahe seinem Tische einen Abtritt hat". Nach der Zerstörung Jerusalems und der Zerstreuung der Juden in die ganze Welt beschäftigten sich die Bab- biner häufig mit den Fragen der Verdauung. Beinlich- keitsfragen und Fragen der Schicklichkeit spielten dabei eine große Bolle. Aus Anstandsgründen wird empfohlen : Wenn einer zu einer Mahlzeit geht, so sollte er zunächst vier Ellen zurücklegen, dann den Abtritt benutzen und hierauf erst zur Mahlzeit sich begeben. Diese Vorschrif t ist vom hygienischen Standpunkt durchaus zu billigen: Man soll sich nicht mit vollem Magen zu Tische setzen, damit man nicht während der Mahlzeit die Nachbarn 147 inkommodiere, wenn man plötzlich aufstehen und hinausgehen muß. Das Zurückhalten eines natürlichen Bedürfnisses kann zu Krankheit und Tod führen, deshalb „zögere und säume nicht, wenn du den Abtritt benötigst". Im Mittelalter waren die Juden, besonders im Morgenland, dem Aberglauben sehr zugetan G . Es gab nach Ansicht der zeitgenössischen Rabbis keinen gefährlicheren Feind für den Menschen als den Abort. Da man ihn von bösen Geistern belagert glaubte, so hielt man es für gefährlich, allein ihn aufzusuchen, besonders des Nachts, und wenn der Mond im Zunehmen begriffen ist. Denn zu diesen Zeiten regiere der böse Feind. Läßt es sich jedoch unter keinen Umständen vermeiden, allein auf den Abort zu gehen, so muß man die bösen Geister durch Beschwörungen verscheuchen. Fast den gleichen abergläubischen Anschauungen begegnet man seltsamerweise bei den auf der untersten Stufe der Kultur stehenden Südslawen, wovon Krauß 7 mehr als ein bezeichnendes Beispiel bietet. Nach der Rückkehr vom Abort hat man wiederum verschiedene Gebete zu sprechen. 3. Griechen und Römer Die Griechen besaßen keine öffentlichen Klosette. Jeder Winkel, jede Straße war ihnen gut genug, um sich der Bürde zu entledigen. Das ergibt sich aus einer Stelle der „Wolken" von Aristophanes (V. 2). Hier läßt der Dichter den alten Strepsiades seinem Sohn folgenden Vorwurf machen: 6 Vgl. Bernhard Stern, Medizin, Aberglauben und Geschlechtsleben in der Türkei, Berlin igo3. Bd. I, S. 3.S7. 7 Anthr., Bd .5, S. 270—352. [48 „Unglücklicher, ich bin es, der dich in deiner Kindheit bewacht hat. Kaum konntest du lallen, und ich wußte schon, was du wolltest. Stammeltest du: nanan, so eilte ich, um dir zu essen zu bringen, und ich wartete nicht einmal, bis du kaka sagtest, um dich auf die Straße zu tragen und dich dort zwischen meinen Armen deine Notdurft verrichten zu lassen. Und du willst mich jetzt erwürgen? Umsonst rufe ich, daß ich sterbe vor Drang nach Entleerung. Unreiner! Du willst mich nicht auf die Straße lassen, und indem du mir die Gurgel zusammendrücktest, ließest du mich hier nicht einen Wächter setzen." Daß man den Anstand zu wahren wußte und sich möglichst den Blicken der anderen entzog, ergibt sich aus den „Ekklesiazousen", wo Blepsyros, der Gemahl der Proxagora, von seinem nächtlichen Erlebnis berichtet: „Seit langem lag ich verzweifelt im Bett und starb fast vor Lust nach Entleerung. Aber ich suchte vergebens meine Schuhe und meinen Mantel und nahm schließlich das Kleid und die Pantoffel meiner Frau. Könnte ich nicht hier abseits meinen Drang befriedigen? Es ist doch völlig Nacht. Ich glaube, daß man überall seine Notdurft verrichten kann. Wer wird mich da sehen?" In der gleichen Komödie beschließen die Frauen, daß in der von ihnen gegründeten Frauenrepublik ein Mann die Gunst einer hübschen Frau bloß dann genießen darf , wenn er erst eine alte und häßliche befriedigt hat. Infolge dieses Beschlusses legen zwei alte Weiber Beschlag auf einen jungen Mann, der alles aufbietet, um sich los zu machen. Doch umsonst. Da ruft er, um auf die Gasse gelangen zu können, aus: „So laßt mich doch wenigstens meine Notdurft verrichten, damit ich meiner Sinne wieder mächtig werde, oder ich muß hier alles vollmachen." 149 Aber die beiden Alten lassen nicht locker: „Fasse Mut und verrichte dein Geschäft im Hause." Daraus geht hervor, daß Begüterte und Vornehme ihre Zimmerklosette hatten. Man nannte solche Gelegenheiten ägt-dgav und die Verrichtung selbst änonreiv (sich zurückziehen). Auch in Sparta benutzte man die Straßen als Abladeplatz. Plutarch überliefert ein Geschichtchen, das dies bestätigt. Deputierte der Insel Chios kamen nach Sparta und begaben sich neugierig auf den Gerichtsplatz. Dabei wurden sie von heftigem Leibweh überrascht und verrichteten wirklich anstandslos auf den Sitzplätzen der Richter ihre Notdurft Nach der Entdeckung glaubt man an einen mutwilligen Streich. Zur Verantwortung gezogen, entschuldigen sich die Fremdlinge damit, sie hätten nicht gewußt, daß man in Sparta überall frei und offen seiner Last sich entledigen dürfe, daß es aber nicht üblich sei, auf den Sitzen der Ephoren dies zu tun. Im Jahre 32 5 v. Chr. scheint es allerdings mit dieser Herrlichkeit ein Ende gehabt zu haben, denn es erging eine Verordnung, daß derjenige, der die Straßen beschmutze, auch den Schmutz wegzuräumen hätte 8 . Die Römer besaßen in ihren Häusern, die Paläste der Herrscher und Vornehmen ausgenommen, keine Klosette. Es war indessen auch nicht üblich, in den Straßen nach Belieben seinen Drang zu befriedigen, sondern es gab öffentliche Abtritte, und die Kloaken in Rom waren ganz außerordentliche Bauwerke. Diese Aborte waren aber nicht auf Rom allein beschränkt. Man fand sie auch in den Kolonien. In der römischen Kolonie Timgad 8 Vade Mecuin für lustige Leute, 1768, 2. Teil, Nr. 122. ISO in Afrika sind heute noch Überreste von solchen Klosetten erhalten. Sie standen direkt mit der Straße in Verbindung. Noch heute lassen sich 2 5 Sitze nachweisen. Setzte man sich auf die Steinsitze, so hatte man unter sich ein steinernes Bassin von etwa 20 cm Höhe, das von unten her durch eine Leitung mit Wasser gespeist und gesäubert wurde, so daß die Sauberkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Von der Straße war der ganze Betrieb abgesperrt 9 . Noch heute läßt sich aus den Überbleibseln der großen Kloake erkennen, welches gewaltige Bauwerk vom Zahn der Zeit benagt worden ist. Quadersteine sind vorhanden, die über i5 Fuß breit sind. Sie hatten große Lasten an Gebäuden auszuhalten, so daß sich schon Plinius wunderte, daß sie darunter nicht zusammenbrachen. Als Kaiser Vespasianus das Amphitheatrum baute, das 80000 Sitzplätze und 20000 Stehplätze umfaßte, machte sich auch die Anlage von Massenaborten notwendig. Meist waren sie zu etwa 2 5 Sitzen im Kreis angeordnet. „Die altrömische Latrine stellt unzweifelhaft eine sowohl konstruktiv wie auch hygienisch keinesfalls irgendwie minderwertige Ausführungsform der Massenaborte dar. Lediglich die Anlage einer unterirdischen Fäkalgrube ist im Laufe der Zeit als neu hinzugekommen, und zwar ist dies die einzige wesentliche Verbesserung auf diesem Gebiete in der Zeit von fast 2000 Jahren 10 ." Verschiedene Päpste haben die alten Gewölbe ausbessern lassen und mit neuen vermehrt, doch ist das nur ein Schatten der ehemaligen Pracht 11 . 9 Boeswilhvald, Timgad, Paris igo5, S. i3. 10 „Das Wasser", Bd. 9, Nr. 12, v. a5. April 1913, S. 343. 11 England und Italien, von J. W. von Archenholtz, Leipzig 178C, Bd. 2, S. i5i. 151 Die Reinigung unierstand zur römischen Kaiserzeit den Tribunen „rerum nitentium". Es war streng verboten, Unreinigkeiten in den Tiber oder auf die Straße zu werfen. Zuwiderhandelnde hatten Strafe zu gewärtigen. Germanicus, der Neffe des Kaisers Tiberius, wird von Martial wegen seiner Fürsorge für die Sauberkeit der Stadt besungen: Du, Germanicus, zwangst die schmalen Gassen zumWachsen, Und nicht mitten im Kot braucht der Prätor zu gehn 12 . Die Reinigung der Latrinen wurde von Sklaven besorgt Die öffentlichen Abtritte waren überaus zahlreich. In allen Straßen und auf den Marktplätzen standen Freigelassene mit Eimern oder Tonnen, um für eine Kleinigkeit den Vorübergehenden die Blase erleichtern zu lassen. Es lag hier durchaus keine menschenfreundliche Absicht zugrunde, sondern der Erwerbssinn war rege. Es ist wohl kaum bekannt, daß die Römer Urinwäschereien besaßen. 1826 wurden in Pompeji die wohlerhaltenen Reste einer solchen TJrinwaschanstalt ausgegraben. Feldhaus 13 berichtet darüber: „ Die Fullonen stellten im römischen Reich große irdene Töpfe an den Straßen auf, um den Urin der Bevölkerung zu sammeln. Waren die Töpfe voll, dann wurden sie abgeholt. Man ließ ihn etwa zehn Tage stehen, bis er gefault war. Mit dem in den zu waschenden Kleidern enthaltenen Fett bildete der Urin eine ammoniakalische Seife. Urin hat nur den Nachteil, daß die Gewebe spröde werden;. . . Auf die irdenen Urintöpfe der römischen Wäscher bezieht sich ein Epigramm des Spottdichters Martialis, der gegen 12 Ep. Buch 7, Nr. 61; J. Beckmann, Beiträge zur Geschichte der Erfindungen, 1788, Bd. 2, S. 35i. 13 Ka-Pi-Fu, Berlin-Friedenau 1921, S. 23. 152 Ende des ersten Jahrhunderts schrieb. Er erzählt von einer Dame Thais: Thais duftet so schlecht wie nicht des geizigen Wäschers Altes Geschirr, das just mitten im Wege zerbrach. Aus den erwähnten Wandmalereien und der ausgegrabenen römischen Waschanstalt wissen wir, daß der Urin in vier großen gemauerten Waschbehältern, die untereinander in Verbindung standen, gesammelt wurde." In den öffentlichen Abtritten für ernstere Bedürfnisse (lairinae slerquilianae) gab es geschlossene Gemächer mit Sitzplätzen, wie schon aus den Bezeichnungen: sellaz perforatae hervorgeht 14 . Die Privatlatrinen in den kaiserlichen Gemächern waren prächtig ausgestattet. Die im Jahre 1773 ausgegrabenen, später wieder überdeckten Klosette des Kaisers Au- gustus sind ganz aus Marmor. Auch der Sitz ruht auf schön verzierten marmornen Säulen. In dem marmornen Fußboden war auch ein Loch vorhanden, über das man sich stellen konnte, wenn man den Sitz nicht benützen wollte. Unter dem Fußboden floß dauernd frisches Wasser, das durch gegossene bleierne Bohren zugeleitet wurde 15 . Das Klosett des Kaisers Hadrian stand mit den großen Abzugskanälen in Verbindung. Seltsamerweise hat man aber keinen Palast eines Vornehmen gefunden, der gleichfalls Abzugskanäle aufweist. Zur Säuberung waren Eimer mit Wasser aufgestellt. Jeder Eimer enthielt einen Stab, an dessen einem Ende ein Schwamm befestigt war. Nach der Beinigung wurde der Stock wieder in den Eimer zurückgestellt Martial, der von der Vanitas vanitatum singt (Ep. 12, l\8), sagt, 1* Bibl. scalol., S. i4- 1 5 Darembertj und Saglio, Dictionnairc des antiquites grecques et romaines. Paris 1877 ff.: cloaca. 153 nachdem er das leckere Mahl gepriesen hat: „Doch nichts sein wird es morgen bereits ... was der leidige Schwamm des gewünschten Stabes gestehen wird." Und Seneka berichtet in seinem 70. Brief, daß ein germanischer Sklave aus Verzweiflung dadurch Selbstmord verübt habe, daß er sich einen solchen Stab in den Schlund hinabstieß. War demnach als hinreichend für Reinigungsgelegenheiten Sorge getragen, so fanden sich doch schon zur damaligen Zeit Widerspenstige, die „den Abort nicht so verließen, wie sie ihn anzutreffen wünschten". Verunreinigungen und Bekritzeln der Wände waren an der Tagesordnung. An den Thermen des Titus mußte zum Beispiel eine warnende Inschrift angebracht werden, die den Zorn der Götter auf das Haupt dessen herabrief, der die Mauern zu beschmutzen wagte: Duodecim dios et Dianam et Jovem Optimum Maximum habeat iratos quisquis hic mixerit aut cacarit. Als während der Regierung des Kaisers Nero eine grobe Schmähung gegen den Kaiser angeschrieben ward, wagte kein vornehmer Römer, diesen Ort mehr zu betreten, aus Furcht, der Verfasserschaft geziehen zu werden. Sehr zimperlich benahm sich in dieser Hinsicht Kaiser Tiberius. Unter ihm galt es als ein Verbrechen, eine öffentliche Latrine zu betreten, wenn man einen Fingerling mit dem Bildnis des Kaisers trug. Ja, man mußte sich sogar hüten, darin ein Geldstück mit dem Abzeichen der kaiserlichen Majestät sehen zu lassen 16 . Um die Narrenhände vor dem Bekritzeln der Wände abzuschrecken, gravierte man neben die Verbote zwei Schlangenbilder. Im ganzen Mittelalter behielt man diese 1C Daremberg und Saglio, a. a. O. 154 Inschriften bei, ersetzte die Schlangenbilder nur durch ein Kreuz. In Genua wurde die Verunreinigung sogar mit Exkommunikation bestraft 17 . 4- Mitteleuropa Aborte sind in Mitteleuropa bereits frühzeitig nachzuweisen. Um das Jahr 820 setzte der Abt Goppert das etwa 200 Jahre vorher gegründete Kloster des irischen Glaubensboten Gall wieder instand. Es wurden umfangreiche Neubauten vorgenommen, und bald gehörte das Kloster St Gallen zu den schönsten im ganzen Frankenreiche. In der Klosterschule im Zimmer des Magisters und im Krankenhaus wurde je ein Abort eingebaut 18 . Kleine Gänge leiteten zu den Häuschen, die zwei bis sechs voneinander durch Wände getrennte Sitze aufwiesen. Besonders groß sind die „Necessarien", wie man sie nannte, an der äußeren Schule, wo man 16 Kämmerchen, und am Gasthaus für vornehme Fremde, wo man deren 18 zählt. Dieses frühe Vorkommen verdient um so mehr unsere Verwunderung, als, wie wir sehen werden, die Burgen der Bitter und Edlen noch Hunderte von Jahren später sich zu einer solchen Errungenschaft, wie das Kloster St. Gallen sie hat, noch nicht aufschwingen konnten. Hier sind diese unumgänglich notwendigen Orte viel primitiver. In nur vereinzelten Burgen findet man im Eingangsstockwerk zu den Verließen auch einen einfachen Abort, so in der Habsburg (gegründet um 1020), auf der Lützelburg im Wasgau (um 1100), auf der Nürburg in der Eiffel (um 1110) und auf der Burg 17 Spor und 'Wlieler, Voyage d'llalie, de Dalmatie, de Grece et du Levant, La Haye lT2.li, I, S. 20. 18 F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen, Zürich i8/|/j. 155 Stargard in Mecklenburg (iaöo) 10 . Auf der nl\lx errichteten Burg Landsberg hat man sich mit geringem Aufwand zu helfen gewußt: Aus dem dazu bestimmten Zimmer ist ein schräger Kanal gebaut, der auf bequeme Weise die herunterrieselnden Exkremente ins Freie befördert 20 . Ähnlich ist die Vorrichtung auf Burg Birkenfels im Wasgau 21 . Im allgemeinen kannte man keine Abtritte in unserem Sinne. Zur Erledigung kleiner und großer Bedürfnisse fanden sich wie Schwalbennester an den Mauern angeklebte Erker, zum Beispiel auf der stattlichen Burg Carneid an der Mündung des Eggentals in Tirol, die seit 1387 vom Grafen Liechtenstein bewohnt wurde 22 , in der Burg Eitz a. d. Mosel. Auch an einer Front des Palas zu Verres im Aostatal in Oberitalien kann man sie sehen. Die oberen Erker sitzen nicht über den oberen, so daß alles hübsch ordentlich nebeneinander herunterfallen kann 23 . In der 1180 von Friedrich Barbarossa erbauten Kaiserburg in Eger sind neben dem großen Saal zwei Zimmer und an jedem ein Abtrittserker angebaut Man achtete also sorgsam darauf, daß in der Nähe eines höfischen Festsaals ein paar Aborte sich befanden 24 . Zuweilen sind die Burgen aueb so angelegt, daß der Schmutz in einem darunter liegenden weiten Kellerraum durch ein Loch des darüber liegenden Fußbodens auf die Erde fallen mußte, zum Beispiel in der bereits 12 ko nachweisbaren Burg Maretsch in Tirol Ein einfaches Loch im Fußboden sehen wir noch heute im Bergfried 19 Vgl. 0. Piper, Burgenkunde, o. A.. München, 1912, S. 310. 20 O. Piper, a. a. O., Abb. 520. 2 1 0. Piper, a. a. 0., S. 487. 22 0. Piper, a. a. 0., S. 48g. W 0. Piper, a. a. 0., S. 48g. 21 0. Piper, S. 417. I5Ö zu Morstein in Württemberg (vor 12 4o erbaut) 2!i . Diese einfache Handhabung konnte aber auch schwere Gefahren in sich bergen, wie aus folgender verbürgten Tatsache ersichtlich ist. Als Kaiser Friedrich I. im Jahre 1183 im Schloß zu Erfurt einen Reichstag abhielt, brachen die schwachen, an den Enden angefaulten Balken des Sitzungssaales unter der Last der versammelten Fürsten durch. Unter diesem Saal lag die seit Jahren nicht geräumte Kloake, so daß drei Fürsten, fünf Grafen, viele Edle und über 100 Ritter den Tod in diesem grausigen Ort fanden. Der Kaiser konnte sich noch rechtzeitig durch einen Sprung aus dem Fenster retten 2fi . Kuriositätshalber sei noch mitgeteilt, daß auf der Wartburg an der Stelle eines jetzt angesetzten zierlichen Balkons sich jahrhundertelang ein Abort befand, der zwei Sitze nebeneinander hatte, die sich „durch ihre eigentümlichen Ausschnitte" als für das männliche und für das weibliche Geschlecht getrennt bestimmt, erkennen ließen 27 . Noch übler als die Herren der Burg waren selbstverständlich deren Gefangene dran. Das ersieht man aus der auf der Burg Bergfried zu Steinsberg in Baden angebrachten Anlage. Die gemauerte Grube hat eine runde Öffnung von 60 cm Weite. Daran schließt sich eine geräumigere Grube von 3 m Tiefe und i35 cm Durchmesser. Die obere Öffnung scheint durch Bretter, die einen Ausschnitt hatten, abgeschlossen gewesen zu sein. Da dieser Abort keinen anderen Zugang hatte als vom Kerker aus, scheint er auch nie geleert worden zu sein. 25 Vgl. Pij^er, S. 486 und 488. 26 Alwin bchultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger, Leipzig 1879, Bd. I, S. 85. ^ 0. Piper, S. /,8g. 157 Vorbildlich gingen hier die Ritterorden voran. In der richtigen Erkenntnis, daß bei einem dauernden Zusammensein vieler Menschen für eine geregelte Ablage der Exkremente gesorgt werden müsse, wenn nicht Krankheiten und Seuchen ausbrechen sollen, errichtete man eine Anlage, die man in der Baukunst „Danzke" oder „Danziger" nennt, und die man auch heute noch auf dem im Jahre 13/i 3 gebauten Schloß der Deutschherren zu Marienwerder bewundern kann. Vom Schloßbau führt ein überdeckter Gang, der gute Lüftung hat, zu einem entfernter liegenden Turm, wo sich die Kammern befinden. Unter dem Turm floß Wasser, das die Exkremente mit fortspülte 28 . Aus den Städten lassen sich erst seit dem iA- Jahrhundert Aborte nachweisen. Die Rechnungen der Stadt Bern weisen im Jahre i382 eine Ausgabe für Lohn zur Anlage eines Abortes auf: „Lon umbe den privaten ze ma- chene 29 ." Die Magdeburger Schöppenchronik verzeichnet im Jahre i452: „In dem sulven Jare leit de rad to Magdeborch umme des gemeinen besten willen buwen ein priveten benedden der steinen bruggen an dem teigel- hove, an der Mersche, wente to vorn was to male grot vulnisse mang den holtboppen uppe der Mersche und unreinichkeit 30 ." Frühzeitig erkennt man auch die verpestende Wirkung der aus den Abtritten fließenden Abwässer. Es werden Vorschriften erlassen, die verbieten, daß diese Aborte irgendeine Verbindung mit den Stadtgräben oder den Brunnen hätten, zum Beispiel in Nürnberg 31 : „Und nie- 28 0. Piper, Abb. 5ig. 29 Weltli, Stadtrechnungen von Bern. Bern 1896, S. 211. 30 A. Schultz, Deutsches Leben im Mittelalter. Wien 1892, S. 54- 31 E. Tucher, Baumeisterbuch i/|64—1^75, hrsg. v. M. Lexer, Stuttgart i85a, S. n3, 180, 282, 28^. 299. 158 mand soll kein unflat in hafen oder in andern Dingen an die Straß werfen." Wer es aber dennoch tut, muß sechzig Heller Strafe zahlen. Hilfsweise muß der Hauseigentümer einspringen. Der Inhalt der Abtrittsgruben durfte nicht in den Fischbach vor der Stadt geschüttet werden. Für München hat die „Bau- und Kundschaftsordnung" eine sehr sanitäre Vorschrift erlassen. Wer „haimlich gemach" neu herstellen lassen will, darf die dazu gehörigen Gruben nicht durch den Lehm graben lassen, damit die benachbarten Brunnen nicht verdorben würden 32 . Die Stadt Lauringen a. d. Donau erläßt im Jahre i555 in ihrer „Zucht- und Polizey-Ordnung" folgende beherzigenswerte Vorschrift: „Damit der hochbeschwerliche Gestank in der Stadt abgestellt werde, will ein ehrbarer Bat, daß alle Bürger, die eigene Häuser haben, „ihre Heimlichkeiten, so auf die Gasse laufen, bis zu Weihnachten bei Vermeidung emstlicher Strafe untergraben". Es wird also verordnet, daß der Kot nicht mehr auf die Straße laufen dürfe, sondern daß er in unterirdischen, überdeckten Binnen abgeleitet werde. Diese sollten zu gebührlicher Zeit ausgekratzt werden. Der Unrat des Hauses sollte den herumfahrenden Karren mitgegeben werden, damit der Gestank, der „von Priuet vnnd heimlichen gemachen" käme, verhindert würde M . Man sieht also, daß für die Leerung der Abortgruben bereits frühzeitig Vorsorge getroffen wurde. Dazu angestellte Arbeiter müssen bereits einige Jahrhunderte 32 J. Wiedenhofer, Die bauliche Entwicklung Münchens. München 191Ö, S. i5. 33 Mitteilungen zur Geschichte der Medizin 1919, Bd. 18. S. 365. 159 % früher vorhanden gewesen sein, denn schon im Jahre i33o wird im „Confeßbuch" der Stadt Frankfurt a. M. eine Frau Hilla als „schizhuzfegern" erwähnt 34 . 1 werden die zum Reinigen gedungenen Arbeiter „husel- feger" oder „heymlichkeitsfeger" genannt Sie hatten den Auftrag, den gesammelten Kot auf der Mainbrücke auszuschütten, beileibe an keinem andern Ort, bei Vermeidung von Strafen 35 . Die Reinigung solcher Abortgruben geschah aber nur selten, und so ist es verständlich, daß die gelegentliche Säuberung gewaltige Mengen Schmutz zutage förderte. Die „Frankfurter Chronik" 36 berichtet zum Reispiel aus dem Jahre 1/177. daß die Grube eines „Profait" oder „Profeyen" (Abort) 9 Fuß lang, 6 Fuß breit und 6 Fuß tief sei und beim Reinigen 992 Eimer Kot enthalten habe, und Anton Tucher, der genaue Aufzeichnungen machte, erzählt uns von den „haimlichen gemächern" 37 aus den Jahren i5o7—1517, daß er im Jahre i5o8 durch zwei Arbeiter die Grube reinigen ließ. Zum letztenmal war dies 1 ^99 geschehen. An dieser Grube, die 9 Fuß lang, 8 Fuß breit und i3 Fuß tief war, hatten die Arbeiter 10 Stunden lang zu schöpfen. Rei der nächsten Reinigung im Jahre 1515 wurden in 11 Stunden 2 3 Karren Schmutz weggefahren. Das war im Hinterhause. Im Vorderhause lag zwischen den beiden Leerungen ein Zwischenraum von sage und schreibe l\o Jahren (1/177 und Man wußte damals den Wert des 34 K. Bücher, Berufe der Stadt Frankfurt a. M. im Mittelalter, Leipzig 191/1, S. ioü. 36 K. Bücher, a. a. O. 36 C. A. von Lersner, Der Stadt Francfurt Chronica 1706, Bd. 1, S. 5i2. 37 Anton Tauhcr, Haushaitungshuch, hrsg. v. W. Loose, Stuttgart 1877. IÖO OrisöFZlliclie Vorfchriften 2~u- ftrma'dung ^unlir^nkhsj^cii £nd folgende IbrJ&hrtftexi öenau zu tt&tchtejx ■ Ecr MuJJ i ft in dj'a TiüIlXiße. 7-ekhc öenü^end$ra/3 and mzt Deckel versehen seza xau£, zu schalten fidelfälUdTTe dft rogrünA/ifg — morgens »tar das Haus fieLiai. tun erdleerd 2£i- u^zreian. fKonlerren&ijchscn, Flascher. . 'ZbLITachen /Lnd be£bnd&~s zu fhmmeJxU AufdamHofm-xl lühMr den Jndusem r/Arf Jcexri ttifi- ocZers" .PTzLilhauten antfeJegf werden VadlhrJocher und Suerc/TZeüsn aud*detn £faf oder ztj der ffähe. derQuartiered\hd ezxzzuebnen Die KcHervrdnde zmdJixJen /Xäa'ih der Zeü* vom t ^.^Cjyr'jJ z**eizxtal zn& aflfener Irfajxzme abzuglätten, um EUechmizeksiihrad. zu- ^ernJCSilcn. Sdas AaJ unter AuJ&&h£ das Quarlj'eräiteßen x^u, ge/baeüen, J>j'e Umöebunö der Urujuxxt muß v^llzg reih geTzäZ/cn forden Der Jfa3&er^ftuJ3 znzi£ geregelt J*edh. J5s ^dstEfreng» fiens rinf 0 T>fygt_ zn die? Spannen iröenaC efh en, Oedezu^fcind^l^' (Mu£2, Sledne u a. Jhih&n&uuser&n 20jeßciö/^/^Lnzt^Jznd<>2'zz /hctlxzj'Z^j halten., sie dörs^hrj nx^Lt Pvldhrzn: Verden 7>ie J3rdAncs dackeJ ffn<2z*äcn Gelir.'tc^hx- u {i±ddeJ3&n, dde^tmer dizudazifdib Brunnendeckel z**r¥e2Jen I>j'e Zsairi~n& 222Z4J3 fiaia/huber rf cjb&Eie XZ derZa/rdhen- deckel n&cn GeJbraacJi g^hlpfferi werden- Mz'e Sntleerunö dfj xndz Brde xi&uiz^zrren J&ruzrml itSölxzn df°f dn diel/elrme und äufdde T'rjtfZire/ler C&larJSraJX &u streuen Vde Tjtalrdne? xf/ zn der <3j><3eSuJdefen. Jfockred/s/eI2r2j2^' &u Z&izirix&n den bsxorzt d. J?es Feldlatrinenordnung von der Westfront l/y/ylftATi^M 0?/" *0 vf PON^/fE N ■ i_> m jjf^A».T/ r rJ^2r v * i - - IfMt - #^ ; ' * ■[ -«»•/ „) l ; S "i> m ^ i ö_ f/|]J <' : 1 r \/\ r fisSy* W\ / /y /.j P- t M/.r / - Ludwig XIV. pflegte bei seinem Lever einen großen Hofstaat um sich zu versammeln und genierte sich dabei so wenig, daß er währenddessen vor aller Augen auf den Nachtstuhl sich setzte. Ebenso erteilte auf dem vorerwähnten Thron, umgeben von seiner Dienerschaft, der 65 Hrsg. v. Helmolt, Annaberg 1909, Bd. 2.. S. 260, Nr. 5. 176 Herzog von Orleans dem Herzog von Noailles Audienz ss . Selbst der große Rousseau pflegte stundenlang auf seinem Nachtstuhl zu verbringen c7 . Unter Ludwig XIV. wurden auch die geheimen Gemächer mit großem Luxus ausgestattet. Chaulieu 68 schreibt von einem Schlosse des Marquis de Bethune: „Jedes Schlafzimmer hat seinen Nachtstuhl (chaise percee) mit Samt überzogen und mit Fransen geziert, mit Porzellanbecken und einem Leuchtertische zum Lesen. Der Marquis von Bethune hat seinen Nachtstuhl neben den meinigen bringen lassen, und wir verbringen die Tage an diesem Ort der Freude. Ich weiß außer Montaigne niemanden, der das Kapitel vom Nachtstuhl mit solcher Gründlichkeit behandelt hätte." Ein Modenstich von 1688 stellt die Dame von Rang „etant ä ses necessites" dar 69 . Wie wenig Aufhebens man von der Verrichtung eines kleinen Bedürfnisses machte, berichtet uns die Liselotte gleichfalls in ihren Briefen 70 : Der bekannte Finanzmann John Law erfreute sich 1718—1720 großer Beliebtheit in Paris. „Wenn Mr. Law wollte, würden ihm die französischen Damen wohl mit Verlaub den Hintern küssen; zu sehen, wie wenig scrupuleux sie seyen, ihn pissen zu sehen; er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar noth zu pissen war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: Das macht nichts, pissen Sie, und hören Sie uns an. Also blieben sie so lange bei ihm." Uns modernen Menschen, die wir die Verrichtung der 66 Max Kemmerich, Kulturkuriosa, München, Bd. i, S. ig/|. 07 M. Kemmerich, a. a. O. 68 Letlres inidites, p. i4o—14x. 69 Hanns Floerke, Die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon, München io,i3, 2. Bd., S. 367. 7 ° A. a. 0., S. 368, TNr. 7. n 177 Notdurft unter einem ganz anderen Gesichtswinkel betrachten, erscheinen die erwähnten Tatsachen ganz ungeheuerlich, und wir finden es eher begreiflich, daß solche Ungeniertheit Platz greifen darf, wenn amoureuse Beziehungen bestehen, wie es bei Stendhal der Fall war. Dieser hatte ein Verhältnis mit der Gräfin Curia! Einmal wäre er von dem eifersüchtigen Gatten beinahe überrascht worden, aber die Geliebte verbarg ihn drei Tage im Keller und kam täglich, um ihm Essen zu bringen und den Nachtstuhl zu leeren 71 . So ungeniert man auch sonst am französischen Hofe war, so streng hielt man sonst auf die Einhaltung der Etikette. In dem anonym erschienenen Memoirenwerk „Denkwürdigkeilen aus dem Leben der Königin Marie- Antoinette, Königin von Frankreich 72 , findet sich folgende bezeichnende Anekdote: „Die strenge Etikette erstreckte sich auch auf den Nachttopf. Als Marie-Antoinette zum ersten Male am französischen Hofe übernachtete, fühlte sie Verlangen nach Befriedigung eines kleinen Bedürfnisses. Sie beugte sich unter das Bett und zog das Geschirr herbei und besorgte ihre Sache. Die Kammerfrau bemerkte dies und war außer sich vor Verwunderung. Und die Oberzeremonienmeisterin gar konnte sich nicht enthalten, der Prinzessin den Vorwurf zu machen, daß sie die französische Etikette in gröblichster und leichtfertigster Weise verletzt hätte: Die Gemahlin des Thronfolgers darf eher das Bett vollmachen als sich den Nachttopf halten." Der Königin war übrigens bei ihrer Krönung ein Klosett d l'angloise eingerichtet worden, also mit einer ArtWas- 71 Ausgewählte. Briefe Slendhals, deutsch von Arthur Schurig. München und Leipzig 1910, S. LX. 7 * Leipzig 1837, Bd. III, S. 122. 178 serspülung,- was man den Spendern als Gipfel der Kriecherei verübelte 73 . Die Benützung der Nachttöpfe bürgerte sich allmählich derart ein, daß eigene Händler deren Vertrieb im Straßenhandel übernahmen. In Bouchardon 74 findet sich die Wiedergabe eines bezeichnenden Sujets. Ein Mädchen vom Lande, das den Tragekorb bis obenauf mit Nachtgeschirren gefüllt hat, ist neben dieser schweren Bürde auf dem Pflaster eingeschlafen. Es gab ganz einfache Töpfe aus Ton und vornehme, wenn man so sagen will, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattete Nachtstühle, die mit Tuch oder Samt überzogen waren und durch einen Deckel sich verschließen ließen, was schon in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon erwähnt wird. Das beweist auch folgende Anekdote: „Ein Mann wollte in einer großen Stadt zu einem gehen, der sehr weit wohnete. Unterwegs kam ihm die Noth- durf t dermaßen an, daß er sich kaum halten konnte. Da er keinen bequemen Ort sofort fand und eben bei einem Tapezier vorbeiging, so trat er zu ihm herein und fragte, ob er überzogene Nachtstühle fertig habe? Der Mann zeigte ihm einen; da er aber gefragt wurde, ob er keine reicheren habe, antwortete er, daß er welche von Sam- met von allerlei Farben habe. ,Nun, holen Sie einige her', sagte der erstere. Der Tapezier lief weg, um sie zu holen. Unterdessen zog jener die Hosen ab und entledigte sich in den Stuhl, der ihm zuerst gewiesen worden. Als der Tapezier wiederkam und ihn in dieser Positur fand, rief er:,Was machen Sie da, mein Herr?' — ,Ich probiere ihn,' antwortete er, ,er stehet mir aber nicht an 75 .'" 73 Max Kemmerich, Kulturkuriosa, a. a. O., I, S. 194. 74 Cris de Paris, serie 5, Paris 17/16, Bl. 8. 74 Vademekum für lustige Leute, 177/4, i. Teil, Nr. 237. 179 Mit zunehmender Kurastfertigkeit stattete man die Nachttöpfe mitunter humorvoll aus oder brachte sie in Beziehung zu einer mißliebigen Persönlichkeit. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Bey uns fehlt es auch nicht an besonderen Devisen, Mahlereyen und anderen Verzierungen, die man diesem Geschirre gibt. Sie sind gemeinhin aber zu zweydeutig, als daß man sie füglich mittheilen könnte. Vor mehreren Jahren waren che porzellanenen Nachtgeschirre mit einem Spiegel auf dem Boden bey Leuten, die den Scherz lieben, sehr bekannt 76 ." Auf dem Boden mancher solcher Gefäße war ein offenes Auge gemalt mit der Umschrift: „DasAuge sieht den Himmel offen!" Auch der politische Kampf lobte sich auf dem Boden der Nachttöpfe aus. Selbst der große Napoleon mußte sich eine derartige Blasphe- mierung gefallen lassen. Ein Zeitgenosse (Der deutsche Casanova usw., herausgegeben von Max Bauer, Eigen- brödlerverlag, Berlin, etwa 1925, II, S. ii8) berichtet uns folgenden Vorfall: „Die Douaniers an der Käste von Kalabrien hatten eine von Sizilien kommende Barke mit Nachtgeschirren, lauter englische Ware, gekapert . . . Es waren dies nämlich keine gewöhnlichen, sondern bemalte Nachtgeschirre, in deren Grund Napoleons Porträt mit weit aufgesperrtem Mund sich befand, gleichsam zum Empfang dessen, was in das Geschirr gegossen wurde. Dergleichen Geschirre bedienten sich schon länger in England die eingefleischten Feinde des französischen Kaisers und hatten sie auch nach Spanien und Sizilien versendet . . . Als die Sache vor Murat kam, befahl er, die Geschirre sämtlich zu zerschlagen und die Trümmer ins Meer zu werfen, die Schiffer aber, die sie gebracht, sollten vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen werden. Glücklicherweise aber waren sie entwischt. Bald aber kam die Polizei der Tatsache auf die " s Krünitz, Enzyklopädie, Bd. 100. S. Nr. 12, Abs. 2. I8O Spur, daß schon mehrere solcher Geschirre im Reiche eingeschmuggelt worden seien und es selbst in Neapel Personen gebe, die sich solcher bedienten .... auch versicherte man, daß sich die alte Königin von Neapel sowie der ganze Hof in Sizilien ihrer bediene. Als aber die Sache auf dem Festland ruchbar wurde, fanden die Besitzer der Geschirre für geraten, dieses gefährliche Eigentum zu zertrümmern." Während des Burenkrieges hatte man solche mit dem Bildnis des englischen Premierministers Chamberlain, und im Weltkrieg konnte man sich das eigentümliche Vergnügen leisten, Nachttöpfe, in denen das Wort „Gott" in der Verwünschung „Gott strafe England!" gemißbraucht war, zur Erleichterung zu verwenden. Ein gewisser Twiß ließ 1776 eine Beise nach Irland drucken, in welcher er von der irländischen Nation viel Verächtliches gesagt hatte. Darauf ward in Dublin eine Subskription auf tausend Nachttöpfe von Steingut angekündigt, auf dessen Grunde des Verfassers Bildnis stehen sollte mit der Umschrift: Dies ist Herr Twiß, Auf den ich piß'. Die Subskription war in acht Tagen zusammengebracht 17 . Diese Nachttöpfe oder Leibstühle waren damals, als die Wasserklosette noch nicht erfunden waren, geradezu eine Notwendigkeit, und man kann dem schon mehrfach erwähnten Lexikon von Krünitz beipflichten, wenn es sagt: „Man muß daher den Gebrauch der Nachtstühle zu den nothwendigen Übeln rechnen, die sich nicht gut von dem Hauswesen entfernen lassen." Einen Fortschritt 77 Krünitz, a. a. 0., S. i34, Note, und Vade Mecum für lustige Leute, 7. Teil, Berlin 1777, S. 6, Nr. 9. I8l bedeutete die Erfindung des Spenglers Ottacher in Wien, der sich in Wien 1825 einen Nachtstuhl mit Wasserspülung patentieren ließ. Bei dieser allgemeinen Wertschätzung, der der Nachtstuhl sich erfreute, nimmt es nicht wunder, daß sich große und kleine Dichter zu seiner Verherrlichung fanden. Man weiß vom Hörensagen, daß Alois Blumauer, der Vergils Äneis travestiert hat, eine „Ode an den Leibstuhl" gedichtet hat. Da seine Werke aber in den Bibliotheken friedlich, von Staub bedeckt, schlummern, sei der Wortlaut dieser Ode nachstehend wiedergegeben: Ode an den Leib stuhl Du kleiner Sitz, von dessen eignem Namen Man mit Respekt nur spricht, Den täglich doch die ekelste der Damen Besieht und fühlt und riecht, Du bist der größte aller Opferherde, Auf deinem Altar nur Zollt täglich der galantre Teil der Erde Sein Opfer der Natur. Du bist der Götze, der selbst Majestäten Ihr Hinterhaupt entblößt, Der Freund, vor dem sogar sich ohn Erröten Die Nonne sehen läßt. Erhaben setzt, wie auf den Sitz der Götter, Der Weise sich auf dich, Sieht stolz herab und läßt das Donnerwetter Laut krachen unter sich. Du bist das wahre Ebenbild der Thronen Auf diesem Erdrevier, Denn immer sitzt von vielen Millionen Ein einziger auf dir. Du bist's allein, den Prunk und Etikette Selbst mehr als Thronen ziert, 182 Denn sag', bei welchem Thron wird so zur Wette Als wie bei dir hofiert? Worin jedoch aus allen Sorgestühlen Kein einziger dir gleicht, Ist dies: Auf Thronen sitzt, man oft sich Schwielen, Auf dir sitzt man sich leicht. Du beutst als Freund den Menschen hier auf Erden Gefällig deinen Schoß Und machest von den drückendsten Beschwerden Der Menschlichkeit sie los. Zu dir wallfahren groß' und kleine Geister, Wenn sie die Milzsucht quält, Du nimmst von ihnen weg den Seelenkleister, Der sie umnebelt hält. Man sieht dich täglich viele Wunder wirken: Du bist der Ort, wohin, So wie nach Mekka die bedrängten Türken, Die armen Kranken ziehn. Du bist der Heiltumstuhl, an dem der Kranke Nie fruchtlos Opfer zollt, Weil er dafür gewiß mit regem Danke Sich die Genesung holt. Du bist der Chef, für den auf seinem Stuhle So mancher H . . schwitzt, Der Gott, für den so manche Federspule Des Autors ab sich nützt. Der Richterstuhl, wo über die Gehirne Man streng Gerichte hält; Der Schlund, worein, gebrandmarkt an der Stirne, So manches Wischchen fällt. Drum, daß du mich dereinst nicht auch als Richter Verschlingst mit Haut und Haar, So bring' ich dir, du Erbfeind aller Dichter, Dies Lied zum Opfer dar. 183 Aus der Feder eines anonymen deutschen Dichters stammt das Poem: Der Nachttopf und das Siegeszeichen An einem halbverfallenen Palast Sah man ein großes Siegeszeichen Den Trümmern nah — die schwere Last Des Alters droht es bald zu beugen. Es trauerte ob dem Ruin Und glaubte, wenn einst diese Zierde Die grausame Zerstörerin, Die Zeit, in Staub verwandeln würde, Auch die Triumphe, die erfochtnen Siege, Die es als Sinnbild vorgestellt, Vergessen wären, und die hünft'ge Welt Von all den großen Taten schwiege. Indem es nun zwar traurig, aber immer Voll Heldenmut sein Mißgeschich beklagt, Vernimmt ein Nachltopf, der im nächsten Zimmer Am Fensler stand, was er gesagt. Jetzt sah es ihn und fuhr ihn wütend an: ,,Du schändliches Gefäß, aus schlechtem Ton geschaffen, In dem ein Wasser stockt, von dem sich jedermann Mit Abscheu kehrt — was hast du hier zu schaffen? Zerbrechliches Geschirr! Des Siegers Monumenten Kannst du so frevelvoll dich nahn?" — Der Nachttopf ließ es ruhig enden Und hub dann seine Antwort an: „Warum sprichst du auf diese Art mit mir? Weit besser wär's, du hätt'st geschwiegen. Wenn ich das Denkmal von den großen Siegen Und deine Faszes, Pfeile, Fahnen hier Betrachte — was kann dir's wohl schaden? Doch wenn ich höre, daß du dich So eitel rühmst mit jenen Taten, Dann wahrlich ist mir's lächerlich. Du prahlst mit deinen Ehrenzeichen Und nennst dich des Triumphes Kind. Und deine Faszes? — Ha! was zeigen 184 Sie denn wohl an? Beglückte Länder sind Durch des Erobrers Hand verwüstet worden. Man hat geplündert und verheert Und konnte kalt Geschlechter morden. Ein schöner Gegenstand, des Künstlers Meißel wert, Die Schauder der Natur zu bilden! — Ich aber bin ein nützliches Gerät Der Nacht, dem von den unenthüllten Geheimnissen der Liebe nichts entgeht. Wenn eine Frau dem süßen Spiele Sich ohne Murren überläßt; Wenn aus des Mädchens Brust, beim wonnigen Gefühle, Sich lüstern mancher Seufzer preßt, Wenn grenzenlos entzückt das frohe Fest Von neuem sie beginnt — bin ich ein Augenzeuge, Ein Zeuge, wie das Unheil, das der Krieg Stets mit sich führt, in Amors Reiche Ersetzet wird. — Und nun vergleiche dich Mit mir, dein Schicksal mit dem meinen; Zu meiner Ehre wirst du dann gestehn — Die deine wird drum nie geringer scheinen — Daß es weit besser ist, mit anzusehn, Wenn Amor baut, als wenn in seiner Wut Mars niederreißt." — Der Schluß ist für die Menschheit gut: Das Siegeszeichen ist Schimäre, Erfunden von der falschen Ehre, Der Nachttopf aber ist ein wahres Gut. 6. Die Reinigungsmethoden Es ist ein notwendiges Übel, daß jede Entleerung des Menschen auch eine Reinigung erfordert. Man hat sich nicht immer der gleichen Mittel hierzu bedient. Die Griechen verwendeten hierzu Steine, wie aus den Komödien des Aristophanes ersichtlich ist. Daß damit die Reinigung nur unvollkommen vonstatten ging, liegt auf der Hand, und aus diesem Grunde ist es auch verstand- 185 lieh, daß bei Homer Nausikaa genötigt war, die Kleider ihrer Brüder gründlich zu waschen 78 . Die Römer bedienten sich zu dem gedachten Zwecke der Finger, später eines Stockes, an dem schließlich ein Schwamm befestigt wurde. In jedem öffentlichen Klosett befand sich ein mit Salzwasser gefüllter Eimer und einem derartigen Stock, wie aus Martial 79 ersichtlich ist, wo er sagt: Aber das Mahl ist fein: ich gesteh''s, das feinste, doch nichts sein Wird es morgen bereits, ja auch heute noch, ja jetzt, Was der leidige Schwamm des gewünschten Stabes gestehn wird. Das ist die Ursache, warum das Wort spongia (Schwamm) in Latein nur mit „Reverenz zu melden!" gesagt wird. Ein Sklave, der den wilden Tieren vorgeworfen werden sollte, wußte kein anderes Mittel, sich dem zu entziehen, als daß er diesen Stock sich in die Kehle stieß und daran erstickte 80 . Das in den öffentlichen Latrinen zur Verfügung stehende Salzwasser konnte natürlich auf die Dauer den an Luxus und Wohlleben gewöhnten Römern nicht genügen. Das Wasser wurde mit wohlriechenden Substanzen duftend gemacht, und die Vornehmen parfümierten sich dazu noch am ganzen Leibe 81 . Ob die Römer auch bereits Papier verwendeten, ist nicht ganz sicher. Catull spricht allerdings von „cacata charta". Ob er aber damit ein Werk bezeichnen will, das nur gut ist, bei der Entleerung gelesen zu werden, oder ob die Schrift Reinigungszwecken zu dienen be- 78 Vgl. Homer, Odyssee, cant. VI. ™ Ep. XII, 48. 80 Nouvecu Merdiana, S. 31. 81 Montaigne, a. a. 0., II, 651. 186 stimmt sein soll, geht nicht ganz klar aus der Stelle hervor. Im Mittelalter bediente man sich zum gleichen Zwecke, wie einst in Rom, der Wolle, weicher Stoffe. Das Bauernvolk nahm Stroh, Gras und Laub. In der Lebensbeschreibung des Abbes Leon von Nonantula werden solche „anitergia" erwähnt 82 . Rabelais spricht weiter in seinem „Gargantua" (I, i3) von den „Torche-culs". Die Bedeutung dieser Bezeichnung ist klar. Die feinen Reinigungsmittel, die bei der vornehmen Welt Frankreichs gebräuchlich waren, führt ein Rondeau des Eustory de Beaulieu auf: Du velours vault mieulx que satin, Pour torcher son cul au matin Ou au soir quand on va coucher, Mais c'est lout vng, mais qu'il soit fin. Taffetas simple, en armoysin, Damas, camelot, chanure ou lin, N'approche (pour vng cul moucher) Du velours. S'vng komme chie par chemin Et na papier ne parchemin, N'estoupe ou drap pour se torcher, II se pourroit bien empecher S'il n'a au moins a toulefin Du velours. Hier wird also bereits Papier erwähnt, das bald alle anders gearteten Säuberungsmittel verdrängen sollte. Bei der Mohammedanern in der Türkei hat das Papier als Reinigungsmittel auch heute noch nicht Anklang gefunden. Man verwendet wie zu früheren Zeiten Wasser, ist solches nicht vorhanden, so genügt ein glatter Stein. Zur Bewerkstelligung dieser Verrichtung wird die linke 82 Nouvean Merdiana, S. 32, Anm. b. 187 Hand verwendet, die deshalb als unrein gilt. Feldhaus (S. 282) erzählt, daß einem Apotheker, der den Orientfeldzug mitmachte, seine kleinen Flaschen in rätselhafter Weise abhanden kamen, sobald man mit der türkischen Begleitmannschaft des Lazarettes in die Wüste kam. „Eines Tages klärte sich das Rätsel: Die Flaschen wurden von den Türken in Ermangelung von Steinen zum Abputzen verwendet" Auch bei den Arabern gilt die linke Hand aus dem gleichen Grunde für unrein 83 . Einen plausiblen Grund, warum die Mohammedaner kein Papier verwenden, gibt Beroalde de Verville, wie bereits früher angegeben, und weiterhin Kindleben M : „Überdies halten sie dafür, daß das Papier nicht so bequem dazu ist, diesen Theil des menschlichen Leibes, den die natürliche Nothdurft beständig schmutzig macht, so zu reinigen, daß gar keine Unsauberkeit übrig bleibt, und daß ihre Gebete nicht erhört werden können, wofern sie nicht ganz rein wären, weil sie vor Gott mit einer völligen Reinigkeit des Leibes und der Seele erscheinen müßten." Der gleichen Anschauung huldigen natürlich auch die Perser, soweit sie Mohammeds Glauben angehören. Jeder einigermaßen Vornehme hat seine Kupferkanne immer bei der Hand, und läßt sie sich gegebenenfalls durch seinen Diener nachtragen 85 . Da die Mitführung solcher Kannen aber nicht immer angängig ist, schreibt das mohammedanische Ritual vor, die Entleerung möglichst am Ufer eines fließenden Baches oder im Wasser selbst zu vollbringen. In früherer Zeit war das anders. Zo- roaster befahl, daß das Wasser überall in seiner Rein- 83 Lane, Die Sitten der Ägypter, I, i53; II, 11; Anthrop. VII, 23i. 84 Galanterien der Türken, Frankfurt und Leipzig 1783, I, 173. 85 Dr. I. E. Polack, Persien, Leipzig i865, Bd. 1. 188 heit bewahrt werden solle. Diese Anschauung vertraten übrigens auch die Griechen, denen es verboten war, die Fontänen oder Flüsse zu verunreinigen 86 . Eigentümlicher Reinigungsmittel bedienten sich die Russen im 17. und 18. Jahrhundert. Man gebrauchte dazu „wohlpolierte kleine Schäuflein von Tannenholz". Die deutschen Rauern bedienen sich noch heute, wenn nichts anderes zur Hand ist, der von der Natur zur Verfügung gestellten Mittel, wie Gras, Stroh usw. Papier zur Reinigung ist seit langem gebräuchlich. Das eigens dazu hergestellte Klosettpapier kam 1880 auf und soll amerikanischen Ursprungs sein. Bis 1900 galt die Verwendung solchen Papiers als Luxus. Erst in den letzten zehn Jahren hat es sich eingebürgert. Rollenpapier wurde in Deutschland zuerst von der im Jahre 1896 in Rerlin gegründeten „British-Paper-Company Alcock & Co." fabriziert 86 a . Um nun auch dem Humor zu seinem Recht zu verhelfen, sei schließlich das „Lied von der Reinlichkeit" angeführt, das man noch heute nach der Melodie „Studio auf einer Reis" bei Studentenkneipen singt 87 . Um die Reinlichkeit zu fördern, Ist vor allem zu erörtern, Wie, womit, wozu und wann Man sich reinlich putzen kann. Schon in seinen Kinderjahren Hat ein jeder wohl erfahren, Daß man von dem Stuhlgang her Nicht so reinlich wie vorher. Eh' wir uns vom Sitz erheben, Bleibt doch meistens etwas kleben, 86 Hesiod. Erga kai Hemerai, Vers 756. 88« Feldhaus, a. a. 0., S. s83. 87 Anthr. IX, S. 5oa. 189 Dieses schleunigst zu entfernen Soll der Mensch von Jugend lernen. Bauern nehmen sich hierbei Meistens einen Büschel Heu, Hat man das nicht in der Näh', Nimmt man Stroh, doch tut das iveh. Jeder aber soll sich schämen, Seinen Finger nur zu nehmen. Sitzet man in Rohr und Schilf, Nimmt man dieses rasch zu Hilf. Geht man einsam über Land, Nimmt man wohl auch Gras zur Hand, Doch wenn Nesseln sind dazwischen, Darf man sich damit nicht wischen. Denn bevor man umgeschaut, Brennt es heftig auf der Haut, Kleine Bläschen, weiße, gelbe, In dem Loch und um dasselbe. Der Gebrauch von Tannennadeln Wäre gleichfalls sehr zu tadeln, Da sie schmerzlich uns berühren Und doch nicht zum Ziele führen. Handwerksburschen in der Fremd' Tun dies meist mit ihrem Hemd, Mit den Zeiten, mit den Ländern Tun sich die Methoden ändern. Wie zum Beispiel die Azteken Rieben sich mit einem Stecken, Währenddem die Kannibalen Sich mit diesem Stoff bemalen. Doch, gottlob, bei uns zu Land Hat man meist Papier zur Hand, Doch darf dieses nicht zu klein, Es muß fest und haltbar sein. Ist es nämlich dünn und feucht, Bricht es durch nur gar zu leicht, Und du fährst, mit deinem Finger Frisch hinein in deinen Dänger. Fahr nicht immer drüber weg, Denn sonst geht nicht fort der Dreck; Wischest du nach aufwärts nur, Zeigt sich links und rechts die Spur. Und vom bloßen Abwärtsfahren Bildet sich ein Spieß von Haaren, Durcheinander, auf und ab, Dies allein hilft gründlich ab. Wenn du 's Putzen unterläßt. Hängen sich die Klumpen fest, Die sich dann als lästig zeigen Und sogar den Wolf erzeugen. Ja sogar mit heißer Brüh' Bringt, man sie nur fort mit Müh', Darum spart euch diese Schmerzen, Und ich ruf euch zu von Herzen: Männer, Greise, Weiber, Kinder, Haltet reinlich eure Hinter. Schluß Wir glauben, eine recht erfreuliche Lektüre geboten zu haben. Sie war nicht immer duftend; aber liegt das an der Materie oder an unserer verbildeten Geruchsfunktion? Wenn soviel erreicht ist, daß manchem an „seiner Gottähnlichkeit bange wird", daß er sich als das betrachtet, was er in Wirklichkeit ist, nämlich ein Häuflein Dreck, so hat das Büchlein seinen Zweck erfüllt 191 Vom gleichen Verfasser liegt vor: Geschichte der erotischen Literatur Mit 112 ganzseitigen Abbildungen In Halbleder gebunden 55 RM. AÜS DEN BESPRECHUNGEN: Prof. Dr. Friedridi S. Krauß in Wien, der Begründer der ethnologischen Url riebsforschung, schreibt: In unseren Tagen, in welchen durch das kürzlich erlassene Schund- und Schmutzgesetz die Inquisitionstribunale in Deutschland eingeführt werden, ist Dr. Paul Engllschs Geschichte der erotischen Literatur als Aufklärungswerk zeitgemäß, eine wahrhaft rühmliche Tat zum Schutze gegen die staatlich unternommene Ächtung der Literatur und die versuchte geistige Volksverseuchung. In Wirklichkeit ächtet da9 seltsamste aller Vergewaltigungsgesetze die Frau als das Gefäß der Unzucht, die Liebe und die geistige Arbeit, die von Frauen und der Liebe handelt. Englisch deckt die Irrgänge der geistigen Kastraten aller Zelten und Völker auf und bespricht mit der Sicherheit des in der Weltliteratur und der Urtriebsforschung innig vertrauten Mannes der Wissenschaft die bedeutendsten Erscheinungen der meisten Literaturen. Es sind hauptsächlich meistgelesene, darunter auch Meisterwerke, von denen die landläufigen, offenbar für geschlechtslose Menschen verfaßten allgemeinen Literaturgeschichten so gut wie nichts erwähnen. Eine gründlichere und bei aller Gelehrtheit unterhaltlichere Einleitung in die Wissenschaft vom Geschlechtsleben der Menschheit lag uns bisher nicht vor. VERLANGEN SIE AUSFÜHRLICHEN SONDERPROSPEKT! JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Sexualwissensdiaftliche Dokumente Herausgegeben von Dr. Gaston Vorberg inMündtien Die einmalige Auflage jedes Bandes beträgt 350 Exemplare, die mit der Hand in Pergament gebunden wurden. Die Preise sind durch jede Buchhandlung oder vom Verlage zu erfragen. Ausführliche Prospekte stehen kostenlos zur Verfugung. Band i: Aloyse Cynthio degli Fabritii (Wenn klar dein Harn, kannst du den Arzt entbehren) Geheimrat Sudhoff schreibt in den „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin": Splendid in Druck und Papier, bringt das hübsche Buch von dem Venezianer Arzt und Dichter Aloysio Cynthio degli Fabritii drei Geschichten in Versen, eine Philippika gegen die verdorbenen Sitten der Zeit, eine historische Lobrede auf die Heilkunst und ihre Vertreter seit deren Sendung vom Himmel und die Geschichte eines Charlatans, die in das dem Ganzen vorgesetzte Sprichwort ausklingt: „Piassa chiaro e encaca al Medico" (Pisse klar und scheiß auf den Arzt), dessen Lehre in verkapptem Konditionalsatz der Herausgeber sinngemäß auf die gemilderte Form des Titels gebracht hat. Das Ganze ist eine Kostprobe aus dem poetischen Libro della Origine delü volgari Proverbi des Cynthio, das 1526 bei den Brüdern Vitali in Venedig gedruckt wurde und von alleräußerster Seltenheu ist. Die Sprichwörter sind oft nur der Vorwand, eine Geschichte zu erzählen, wie auch hier. Zur Kulturgeschichte der Medizin ein interessanter Beitrag, den mir der Verfasser als nachträgliche Gabe zu meinem 70. Geburtstag gewidmet hat. Band Ii: Antonio Vignali de' Buonagiunti Die Cazzaria Mit Nachwort des bekannten Psychoanalytikers Wilhelm S t e k e I, Wien Die Cazzaria des Antonio Vignali de' Buonagiunti (oder Buonagi- unta) ist eine Sammlung von 51 Fragen, die der Verfasser unter dem Namen I'Arsiccio intronato mit Sodo, d. h. mit Marcantonio Piccolomini erörtert. Die Originalausgabe (Neapel 1530) ist überaus selten; sie gehört zu den unauffindbaren Büchern. Ein seltsames Gemisch von religiösen und philosophischen Gedanken, von lustigen Einfällen und geschlechtlichen Erörterungen. Die Biographie des ouvrages relatifs ä l'amoui, aux Femmes, au mariage usw. (Band I, Seite 505) meint, es sei verblüffend, mit welcher Kühnheit, mit welcher Selbstverständlichkeit sich der Verfasser selbst an die gewagtesten Dinge heranmache, wie er aus einer alltäglichen spaßhaften Sache philosophische und wissenschaftliche Schlüsse von der größten Tragweite ziehe. Die Cazzaria zeugt von reichem Wissen, von großer Belesenheit, sie ist das Werk eines echten Humanisten. Das Buch ist eine Fundgrube für den Geschlechtsforscher und für den Psychoanalytiker. JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Band ni:Das Gescklecktsleben der Antike Die Erotik ist der Schlüssel zum Verständnis der alten Welt und ihrer Kultur! Das oben genannte Werk ist das Ergebnis einer langen mühsamen quellengeschichtlichen Untersuchung. Sie ist tür den Arzt und Sittenforscher bestimmt — nicht für die breite Masse. Das Buch stützt sich auf geschichtliche Quellen und liefert Beweisstücke. Es zeigt die hervorragende Rolle, die das Sinnliche auf sittlichem und künstlerischem Gebiete spielt. Die kraftstrotzende Sinnlichkeit des Altertums widerspricht allerdings den heutigen Anschauungen von „Zucht und Sitte", Aufgabe der Wissenschaft ist es nicht, zu richten oder Sittengesetze aufzustellen. Dem Werke werden wertvolle Lichtdrucktafeln beigegeben mit zum Teil unveröffentlichten Abbildungen aus dem Berliner Antiquarium, aus dem Kunsthandel und aus Privatbesitz; darunter Kostbarkeiten aus einem bekannten englischen Privatmuseum. Als Ergänzung zu dem umstehenden Werke erschien soeben die Ergänzungsmappe ARS EROTICA VETERUM die weitere erotische Kostbarkeiten der Antike, zum größten Teil aus Privatsammlungen enthält. Die Mappe wird nur an die Subskribenten dieses Werkes abgegeben. Sie erschien nur in einer der Subskription entsprechenden Auflagehöhe. Ein Neudruck findet unter keinen Umständen statt. Beide Werke wurden bisher von zahlreichen Universitätsbibliotheken und archäologischen Instituten des In- und Auslandes angekauft und werden bald zu gesuchten Seltenheiten gehören. Weitere Bände befinden sich in Vorbereitung. VERLANGEN SIE AUSFÜHRLICHEN PROSPEKT! JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Das Buch der Versuchungen Eine Bildergalerie zum Thema „Sünde" (mit 80 Li cht druck tafeln) Von Prof. Dr. E. \V. Bredt / München Aus einer Besprech ung: Im vorigen Jahre erschien „Das Buch der Versuchungen" von Prof. Bredt, München, ein Buch, das mir nicht allein als kunstfreundlichem Mediziner, sondern am meisten rein als Mensch einen ganz ungewöhnlichen Eindruck machte. Mit der Versuchung verbindet sich im allgemeinen Sinne ja fast ausnahmslos die Vorstellung des intensiv Weiblichen oder irgendeiner anderen grob sinnlich in die Erscheinung tretenden Szene, wie z. B. Susanna im Bade, Adam und Eva, der heilige Antonius. Außerdem aber denkt man kaum oder nie daran, dafi noch gar sehr viele andere Dinge — sind oder bergen denn nidit die Wünsche meist auch eine ^rsuchung? —* als eben nur das Weib gewaltige Versuchung auslösen und einen Künstler zur Darstellung begeistern können. Solche bildliche Darstellungen für den fühlenden Leser und denkenden Betrachter ausgesucht zu haben, darin besteht ein ganz besonderer Wert und Reiz und beweist die tiefe Veranlagung des Werkes: wenn bei den Tafeln, gebunden durch den Umstand, daft ja für den darstellenden Künstler bei der Versuchung das Weib meist das sinn- und augenfälligste Symbol ist, eben das weibliche Element vorherrscht, so ist die Darstellung der anderen Versuchungen um so wirksamer und seelisch ergreifender. Noch nie kam mir so das Wesen der Versuchung innerlich näher als bei den Tizianischen Zinsgroschen, und wie überzeugend ist die Versuchung des Säufers durch einen vollen Krug, wenn die angsterfüllte Frau bekümmert dem Gatten den Trunk, wohl vergebens, vorenthalten will. Absichtlich will ich nur zwei Beispiele herausgreifen, der Käufer und der Leser soll selbst suchen und wolle es ihm gehen wie mir. Das Bredtsche Budi hat mir viel, sehr viel gelehrt zu innerlicher Überlegung, was denn die Versuchung sei, wie sie auftritt und daß wir ihr allerwärts und in den heimlichsten Formen — das sind ihre gefährlichsten — begegnen. Und darum auch muß ich dem Werke einen hohen moralischen Wert, neben dem künstlerischen, zuerkennen. Oft und gerne nahm und nehme ich das Buch in nachdanklicher Stimmung zur Hand und fand jedesmal darin neue Ansichten zur Beurteilung des Menschlichen, neue Anregungen und ergehe mich in Selbstprüfung. In dem Leserkreise befinden sich genug, die mit mir gleicher Gesinnung sind, und ihnen sei die Beschaffung des Werkes, namentlich als Geschenk, besonders ans Herz gelegt. Es ist kein Buch zum Blättern, sondern zum Nachdenken, und bewundernswert ist die vollendete Beherrschung des ungeheuren Stoffes, aus dem der Autor seine Bilder entnahm . . . Ausstattung und Wiedergabe der Stiche und Bilder sind vorzüglich und hat der Verlag wirklich gro§e Mühe und Kosten auf die würdige Ausstattung des Werkes verwendet. Ich möchte aus vollem Herzen dem Autor und seinem wagemutigen Verleger eine recht weite Verbreitung und regen Ankauf ihres Werkes wünschen—denn es sei noch einmal gesagt, es wird wohl kein Käufer das Buch ohne innere, sagen wir einmal Erweckung aus der Hand legen. Preis in Ganzleinen 5o RM. Verlangen Sie den ausführlichen Sonderprospekt! JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Gesdileditskunde bearbeitet auf Grand 30|ährlger Forschung und Erfahrung Von Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld in Berlin Unter den Begründern und Bearbeitern der modernen Sexualwissenschaft steht seit einem Menschenalter der Verfasser der „Geschlechtskunde", Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld in Berlin, in erster Reihe. Seine große Spezialpraxis als Sexualarzt, seine ausgedehnte Tätigkeit als Sachverständiger In zahlreichen Prozessen, in denen Männer und Frauen wegen sexueller Verbrechen und Vergehen vor Gericht standen, die vielen Einzelfrngen, die im Zusammenhang mit seinen Veröffentlichungen, besonders auch im Anschluß an die Hunderte von Vorträgen aufgeworfen wurden, die er vor Ärzten und allen Schichten der Bevölkerung hielt, haben ihm auf dem Gebiete körperseelischer Geschichtlichkeit eine einzig dastehende Kenntnis und Erfahrung vermiltelt. 2 Bände in Ganzleinen le RM. 28.- Das Werk kann auch In Lieferungen zu Je 2RM. bezogen werden. Ausführlicher Prospekt steht auf Verlangen kostenlos zu Diensten. Ein Schularzt schreibt an den Verfasser: . . . um Ihnen aufrichtig zu danken für den Dienst, den Sie damit der Menschheit leisten. Ihr Werk müßte in den Händen aller Ärzte, Lehrer und Juristen sein. Mich haben die ersten Lieferungen derartig gepackt und erschüttert, daß ich mit Spannung den weiteren entgegensehe . . . . Die Weltkultur: Alles in allem: Es ist hier ein Standardwerk Im Entstehen, das besonders die mit der Materie noch weniger vertrauten Eltern und Erzieher unbedingt kennen lernen müssen. Berichte über die gesamte Gynäkologie: . . . daß auch der Fachmann dieses Buch ob seines glänzenden Stiles und seines reichen Inhaltes nicht nur durchblättern, sondern mit Genuß lesen wird. Zeitschrift für Schulgesundheitspflege: .... Stehen die weiteren Lieferungen den vorliegenden nicht nach, so wird der Sozialhy- gieniker und besonders derjenige, dem als Schularzt oder Lehrer die Beschäftigung mit Sexualproblemen zur Pflicht gemacht wird, an dem Werk nicht achtlos vorübergehen dürfen. Zentralblatt für die gesamte Hygiene und ihre Grenzgebiete: Der Anfang eines groß angelegten Werkes liegt vor uns, das verspricht, die Aufmerksamkeit vieler Kreise zu erregen; unter den Ärzten werden sowohl die in der Praxis stehenden als die liygieniker und Gerichtsärzte dem Buche besonderes Interesse entgegenbringen. JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART Über den Ursprung der Syphilis Quellengeschichtliche Untersuchungen von Dr. Gaston Vorberg in München Über den Ursprung der Syphilis Ist viel pestritten worden. .Manche glauben, die Lustseuche schon aus den Schilderungen der Schriftsteller des Altertums zu erkennen. Andere halten die Syphilis für eine aus Amerika in die Alte Welt eingeschleppte Krankheit Ein begeisterter Verteidiger dieser Lehre war Iwan Bloch, der, ein zweiter Christoph Girtanner, mit Bienenfleiß alles gesammelt hat, um der Lehre vom amerikanischen Ursprung zum Siege zu verhelfen. Der bekannte Geschlethtsforscher Dr. Gaston Vorberg in München hat nach langjährigen quellengeschlchtlidien Forschungen die Frage über den Ursprung der Syphilis zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gemacht. Er beleuchtet kritisch die Lehre von der Altertumssyphilis. Er verwirft den Glaubenssatz von der Einschleppung der Lustseuche durch die Mannschaft des Kolumbus. In klarer Sprache, mit großer Sachkenntnis und Gründlichkeit zerstört er eine bequeme und manchem liebgewordene Legende. Landläufige Anschauungen und Behauptungen werden widerlegt, die angebliche dunkle Kehrseite der Entdeckung Amerikas wird in eine grelle Beleuchtung geruckt. Das Buch führt aus verworrenem Dik- klcht aufwärts zum Gipfel der Erkenntnis. Es ist nicht nur für den Arzt, sondern auch für jeden Quellcnforscher eine reiche Fundgrube. Wertvolle Lichtdrucktafeln sind dem Werke zur Erläuterung beigegeben. — Das Buch In buchtechnisch vollkommener Ausstattung wird Jeden Forscher, jeden Sammler erfreuen, seine Bücherei bereichern. Preis broschiert 21 RM., Halbleinen 26 RM., Ganzleinen 28 RM., Halbleder 30 RM. Wiener Klinische Wochenschrift: . . . Die wertvolle, vornehm ausgestattete und reich Illustrierte Schrift verdient das Interesse ärztlicher wie nichtärztlicher Kreise. Zentralblatt für Innere Medizin: . . . Die Beweisführung Ist völlig zwingend. Man weiß nicht, was man an dieser Schrift mehr bewundern soll: den eminenten Fleiß des Verfassers, seine große Belesenheit, die ungeheure Sorgfalt, mit der er durch die verworrene Literatur jenes Zeitabschnittes dem Leitgedanken folgerichtig bis ins einzelne hinein nachgebt, oder die Prägnanz, Klarheit und Knappheit der Darstellung, die schon rein stilistisch als Vorbild gelten kann. Man wird nicht bezweifeln, daß dieses Werk eine medizinhistorisch sehr wertvolle Gabe darstellt. Zentralblatt für Haut- und Geschlechtskrankheiten: . . . Jeder medizinische Historiker wird von ihm Kenntnis nehmen müssen. JULIUS PUTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART In meinem Verlage erschien aus dem weiten Gebiete der Seelenkunde eine Reihe fesselnder Einzelabhandlungen unter dem Titel: KLEINE SCHRIFTEN ZUR SEELENFORSCHUNG Es sind ernst zu nehmende Einzelarbeiten, deren wissenschaftlicher Wert über allem Zweifel sieht. Wenngleich ihre Fassung flüssig und jedem Gebildeten verständlich ist, so liegt ihr Niveau doch weit über dem sogenannter „populärer" Darstellungen. Der Name des Herausgebers — Dr. med. et phil. Artur Kronfeld, Berlin — bietet dafür jede Gewähr. Bisher sind erschienen: HEFT 1 Zur Psychologie der Hypnose und der Suggestion Von Dr. Th. Friedrichs, Berlin, mit einem Vorwort von Dr. Artur Kronfeld, Berlin HEFT 2 Uber Gleichgeschlechtlichkeit Erklärungswege und Wesensschau von Dr. med. et phil. Artur Kronfeld, Berlin HEFT 3 Das Problem des Mediumismus Von Dr. Wilhelm Haas, Privatdozent an der Universität Köln HEFT 4 Mystisches Denken, Geisteskrankheit und moderne Kunst Von Dr. Walter Lurje, Frankfurt a. M. HEFT 5 Das Problem des Unbewußten Von Dr. Gaston Roffenstein, Wien HEFT 6 Das seelisch Abnorme und die Gemeinschaft Von Dr. med. et phil. Artur Kronfcld, Berlin HEFT 7 Vom Wesen der Musik Von Dr. Kurt Singer, Berlin JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGART HEFT 8 Der psychologische Raum Ein Beitrag zur Erziehungslehre von Dr. Paul Plaut, Berlin HEFT 9 Neue Strahlen des menschlichen Organismus Ein Beitrag zum Problem der Hypnose von Dozent Dr. Sydney Alrutz, Upsala HEFT 10 Gedanken 2ur Rassenpsychologie Von Dr. med. et phil. Kurt Hildebrandt, Berlin HEFT 11 Experimentelle Telepathie Neue Versuche zur Gedankenübertragung mittels Zeichnungen Von Dr. med. Carl Bruck, Berlin HEFT 12 Zur Psychologie der Eunuchoiden Von Dr. med. Gerhard Scherk, Berlin HEFT 13 Uber seeliscb bedingte Störungen der Menstruation Von Dr. med. Theo Brande!}, Tübingen HEFT 14 Uber Autosuggestionsbehandlung insbesondere die Lehren von Coue, nebst Bemerkungen über Psychotherapie und Kurpfuscherei von Dr. med. Emerich Decsi in Budapest H EFT 15 Das Problem des psychologischen Verstehens Ein Versuch Über die Grundlagen von Psychologie, Psychoanalyse und Individualpsychologie von Dr. Gaston Roffenstein, Wien HEFT 16 Heilwirkung der Musik Von Dr. Kurt Singer, Berlin HEFT 17 Die Bifjl^ysdie Diagnoskopie Von Graf Georg von Arco und Alex. Herzberg, Dr. phil. et med. Die Preise sind für Heft 1 RM. 1.20 - Heft 2 RM. 1.20 - Heft 3 RM. 1.50- Heft 4 RM. 1---Heft 5 RM. 1.50- Hefi 6 RM. L-- Heft 7 RM. 1.50 — Heft 8 RM. 1 50 — Heft 9 RM.1.50 — HeftlORM.l.— Heft 11 RM.5.--Heft 12 RM. 1.20- Heft 13 RM. 1 50 - Heft 14 R M. 1.50 Heft 15 RM. 7.50 — Heft 16 RM. 1.50 — Heft 17 RM. 1.50. JULIUS PÜTTMANN / VERLAGSBUCHHANDLUNG / STUTTGAR r