MAXIMILIAN KRONBERGER NACHLASS Alle Rechte vorbehalten Nachdruck verboten ERFÜLLUNG Jetzt naht nach Tausenden von Jahren Ein einziger freier Augenblick: Da brechen endlich alle Ketten, Und aus der weitgeborstnen Erde Steigt jung und schön ein neuer Halbgott auf. MEIN TOD Der Königsaar schwingt sich vor seinem Tode Noch einmal auf zum hellen Sonnenlichte, Dort hört er den Gesang der Sphären ... Gekräftigt senkt er sich zur Erde nieder Und wartet auf den Allerlöser Tod. Auch ich will einst vor meinem Ende Mich auf zu Deinen Höhen schwingen Und will Dir meine reine Seele Dann wiedergeben, wie Du sie mir gabst. ES HAT DIE WELT . Es hat die Welt mir meist nur Schmerz geboten Auf dieses Lebens Trauerlauf. Doch will sie eine Perle mir entbieten, So lös ich sie in meinen eignen Tränen auf. 9 AUS EINEM FRÜHEN ZYKLUS Ich will Mir meine Gottheit selbst efbilden. Ich will mich aus der geistigen Ruhe An ewige Gedanken wenden. * Nehmt mir mein irdisch Gut; mein heilig Können Bleibt doch mein Eigen, denn ich selbst Gebar es mir in heißen Stunden. * Der Mensch Will was die Ewigkeiten aufgebaut Mit seinen schwachen Kräften stürzen, Das Meer des göttlichen Entzückens Will er erschöpfen, daß den Grund er sehe. * Zieht mit mir, ihr, die Einsam- und Verlaßnen, Laßt einen Himmel uns errichten, In dessen unbeschränkten Räumen Die ewige Heimat unsres freien Geistes ist. * Sogar in diesen öden Räumen Muß ich den Hymnus seines Wesens hören. In dieser Leere selbst muß ich vernehmen, Wie alles sich nach seinem Lichte wendet. Den Tod, den ich mir eben geben wollte, Dürft ich empfinden doch mit dem Gefühle, Daß ich mit Gott versöhnt. Zu seinen Füßen will ich ewig sitzen, Ich will an seinem Auge hängen, An seinem unvergleichlichen Gesichte Will ich mein Auge weiden, seine Worte Sind meines Ohres Harmonie. KLÄNGE DES MEERES Kinder, so im Meer ertrunken, Solche die im See versunken, Die in Städten von Korallen Jetzt in heiigen Prozessionen wallen: Diesen heilt in mitternächtger Stunde Ihres frühen Todes schwere Wunde, Aus den unterirdischen Kerkermauern Steigen sie hinauf mit leichten Schauern, Fliehen aus den schlecht verwahrten Pforten Auf zum Licht des Mondes, daß sie dorten In der frischen Luft sich baden, Die das Meer so lange eingeladen. Und es spricht in immer volleren Fluten Von der Liebe still entfachten Gluten, Und es rauscht in immer wilderen Tönen Heißer Liebe heimliches Versöhnen ... Und die Scharen, so dem Meer entsteigen, Harren still in andachtvollem Schweigen, Lauschen dem geheimnisvollen Sange Und versinken langsam bange. GRUSSE Wie sind für euch hinabgestiegen Hinunter an den schwarzen Fluß, Wo Tote in den stillen Kammern liegen, Und bringen jetzt euch ihren Gruß. Wir durften Städte dort erspähen, Die wesenlose Schemen aufgebaut, Wir haben Lande dort gesehen, Wo dieser Himmel niemals blaut. Die Menschen, so dort unten wandeln, Versanken in Vergessenheit, Und all ihr Treiben, all ihr Handeln, Das straft ihr Gott Vermessenheit. 13 AM BRUNNEN Du sitzt am Brunnen mit den Sphinxen, Die aus den hellen Felsen sind gehauen. Ihr Haar verwirrten nicht die Winde, Noch unverwittert sind die großen Klauen. Du sitzt am Brunnen mit den Sphinxen - Dem Untier legst den Lorbeer du aufs Haupt, Den einst dein Ahne hat gewunden, Den du der Statue im Hof geraubt. Du sitzt am Brunnen mit den Sphinxen - Du legst dem Tier aufs Haupt die weiße Hand, An der du liebreich mich geleitet Zurück aus der Verbannung Land. Du sitzt am Brunnen mit den Sphinxen - Die singen dir ein stilles Lied. . . In kurzer Zeit bist du gealtert, Wie vor dem Herbst die Rose schied. O EWIGER GOTT. O ewiger Gott, du gabst mir alles, Vollendet ist die höchste irdische Lust, So nimm zur himmhschen Vollendung Mich auf an deine ewige Brust. 2 15 BEREITSCHAFT Was säst du in den Schoß der Erde Und wartest auf ein Auferstehn ? Du wirst auch ohne all dein Zutun Die Früchte deiner Schöpfung sehn. Was fragst du nach der Sterne Wechsel, Nach Weltensturz und nach Entstehn ? Sei selber du zum Reisen fertig, In höhere Lande einzugehn, Nur eine Fessel darfst du dulden, Der Liebe sehnsuchtvolles Flehn . . . EWIGKEIT Ich bin gewesen, eh die dunkle Nacht, Von der die Welt im Urbeginn bedecket war, In heftigen ungestillten Wehen In wiederholten Stößen sich das Licht gebar. Ich bin gewesen, als das hehre Licht Geworden war zum Götzen dieser Welt. Ich werde sein, wenn einst die starke Hand, Die dieses große All erhält, Es niederschmettert in gerechtem Zorne - Wenn wieder in die Herrschaft tritt die Nacht: Dann werd ich sein und bleiben immerdar, Bis wiederum ein neues All erwacht. *7 ENGELCHOR Wir schweben in dem unbegrenzten Räume, Herauf, hernieder ewig wechselnd, Wir sehen Sterne werden und vergehen In ewig unbarmherzgem Lauf. Am Urquell dieses Lebens sitzen wir Und schaffen unaufhörlich rege Am großen Webstuhl dieser kleinen Welt. 18 ROSEN IM HAAR In deinem Haar die ersten Rosen schwanken, Die zum Geschenk der Lenz dir dargebracht, Die erste Zierde, welche dir gelacht, Und neben Rosen Lilien, die schlanken. Wie eines großen Geistes heiligste Gedanken, Die er gewagt, als aus der langen Nacht, Dem Traum der Kindheit, trunken er erwacht, Sind diese Blumen, die für dich zu Boden sanken / PANS STUNDE Ein leises Flimmern gleitet über Feld, Ermattet neigen sich die gelben Ähren, Der Sonnenschein liegt blendend auf der Welt Mit blassem Duft, mit heißem vollem Schwären. Müd fließt der Bach - die grauen Weiden, Sie senken sich, die unterm Mittag leiden. Aus grünumbuschten Hütten steigt der Rauch Hinauf zum wolkenlosen Blau, Und unbeschattet lechzend ruhen auch Das weite Feld, die gelb versengte Au. Ein stilles Grauen lagert auf der Welt, Das sie mit heißem Atem still umfangen hält. Es glüht die Erde hell, mit schwachen Stößen Erzittert sie, als wollte sie sich kühn Von ungewohnter Kleidung schnell entblößen, Um nackt aufs neue hinzublühn. Ein leises Flimmern gleitet über Feld - Ermattet ruht vom Ringen aus die Welt. SONNENAUFGANG Aus Feuergründen ringt sich nun das Licht, Als wollte eine Welt sich neu gebären: Die Sonne, die das göttliche Gesicht Zur Erde kehrt. Wie leise Zähren Neigt sich zur Erde frischer kühler Tau. Durch weiße Stämme flutet goldner Strahl. Des Berges mächtigen steilbewachsnen Bau Umflutet Licht mit einem einzigen Mal, Es glänzen goldig grüne Matten, Die Sonne steigt empor - ein ewiger Gral -, Im Tal die Hütten liegen tief im Schatten. DAS FEST Im glühenden Taumel der reißenden Macht, Umwunden mit rankenden Reben, So ziehen wir hin durch die klare Nacht, Durchglüht von heiligem Leben. Es fällt das zarte Geknosp aus dem Haar - Es donnert die Zimbel zu rasender Lust. Bacchanalisch tobt die entfesselte Schar Und schlägt sich die nackende Brust. HERBER TAG In Nebelfemen glimmt ein rotes Licht... Die Bäume starren, Funken stieben wider. Kein Strahl durch bleichgetönte Wolken bricht, Die tief vom Firmamente hangen nieder. Still Hegt der Wind. Wie eine Demantmauer Stehn rings die Wolken. Uber graues Feld Zieht her ein ewig eherner Schauer. In Nebelfernen träumend ruht die Welt, Die Fernen zittern leis in heiigen Wehen. Auf braunen Sümpfen tanzt ein grünes Licht... Soll ich nach düstrer Weite Wunder spähen ? Hüll in den Mantel stumm ich das Gesicht ? 23 DÜSTERE ZWIESPRACH Dichter Nebel lagert auf dem Felde. «Nächtger Reiter, nimm mich mit auf grauem Roß !» Düster verborgen liegt in der Ferne die Heimat - Ein stiller Abgrund darüber in trunkenem Taumel. Wir weben und schweben in ewigem Tanze der Welten. «Nimm mich und führe mich hin an die nährenden Brüste, Wo mir Erlösung von meinen Leiden soll werden.» Schwing dich aufs Roß. Ich trage dich über die Klüfte. Giftiger Hauch entquillt dem geborstenen Rand, Und wir tanzen, bis nieder in bläuliche Tiefe Wir sinken ... v 24 WEIHENACHT Aus dunklen Höhen fallen güldne Sterne, Im Haine tönts wie Orgelklang, Es öffnen sich des Himmels hehre Pforten Und reine Schönheit tritt daraus herfür. Am Feld die Hirten stürzen stumm zu Boden, Sie tragen nicht den hellen Glanz, Das Haupt verhüllt, erwarten sie mit Weihe Des Boten Stimme, welche also spricht: «Mit euch sei Friede, gottgeliebte Scharen, Die ihr noch heut den Heiland sehen sollt, Mit euch sei Friede, gottgeliebte Scharen, Zieht hin und huldiget dem neuen König.» Im Haine ziehn die Hirten schweigend, Bald sehen sie das Höchste Licht, Und betend stürzen nochmals sie zu Boden Und heiiger Friede zieht in ihre Brust. 25 TIEFE AUGEN In deinem Blick liegt jenes tote Sehnen, Das schied, von Blütenregen sanft umhüllt. In deinem Aug hängt jenes fromme Wähnen, Die Sehnsucht nach erspähtem Bild. Des Sonntags Trauer wohnt in deinem Blick Gleichwie in Menschenaugen, welche schieden Im Mai, die eine goldene Musik Auf samtnen Schwingen raubte uns hienieden. Einst, da ich ruhte, bückte ich in Träumen In dieses Auge, welches zart umsponnen Von schwarzem Tuch mit weichen grauen Säumen, Doch als ich hinsah, war der Traum zerronnen. ROSEN ZUM FRÜHROT Du mein Erlesener, du mein Erkorner, Rosen bring ich zum Frührot dir, Will dir kränzen den lockigen Scheitel Mit der Blüten zarter Last. Fromm auf die Stufen, darüber du schreitest, Will ich die sonnegeborenen streun - Will dir die Türe mit Kränzen behängen ... Rosen bring ich zum Frührot dir. 27 LANDSCHAFT Einst gingen wir im Frühling durch die Wiesen, Um zarte Stämme spielten weiche Winde, Die Schmeichellüfte, die nach Süden wiesen, Sie trafen keusch die helle Rinde. Am Himmel zogen lichte goldne Flügel. Geheimnisvoll in Lüften tönt Musik. Wir standen beide auf dem Hügel. Ins weite Feld verwandten wir den Blick. 28 WIR STANDEN EINST . Wir standen einst am Tempel in dem Götterhaine, Verschränkten Armes blickten wir hinaus in kalte Ferne Und badeten den weißen keuschen Leib im Scheine Des heißen Mondes und dem Glanz der ewig nahen Sterne. 29 DIE HEXE Bist du es im Walde ? Die Bäume rauschen. Durch schimmernde Stämme huscht schlanke Gestalt. Bist du es ? Die goldenen Haare umfluten Die Schultern dir und das weiße Gewand. Ich weiß es, du standest bei mir an dem Lager. In heißen Kämpfen träumte ich mich. Du aber tatst mir die Hand auf die Augen, Da zog mich ein glühend Begehren nach dir. Bist du es im Walde ? Nur zitterndes Zagen. Durch schimmernde Stämme huscht schlanke Gestalt. 30 RITORNELLE O ruhe du still. Hörst du in Lüften weiches süßes Locken, Vom Frühling Töne, der sich nähern will ? O ruhe du still. Am See zerbrach die Rinde. Auf der Wiese Erstarb die Totenlilie Asphodill. O ruhe du still. Vom Süden streichen wieder weiße Vögel. Sanft läuten die Winde. Nun ruhe du still. 3 31 WECHSELNDE STERNE Greifst du noch einmal in die tönenden Saiten Zum Ruhme der Frauen und der Mädchen ladender Zier ? Vernähmest du nicht, mein Sänger, das Tönen der Weiten, Das, anderer Pflichten zu mahnen, suchte nach dir ? Du streichst wie im Traume die langen wallenden Haare, Ein Sehnen entquoll der Harfe in deiner Hand. Ich sehe: dich greift die Liebe entschwundener Jahre, Der goldene Schimmer von fernem farbigem Land. Wohl kennst du die Laute, die hier dich besuchten, Den Ruf, der einst an deine Ohren wohl drang, Als sie, noch ferne, in träumenden schilfigen Buchten Die Pracht ihres lange versunkenen Volkes besang: Du glaubtest der Stimme vertrauten Laut zu vergessen Und flohst aus des Südens heiliger schattender Nacht, Das Herz von den zehrenden Flammen der Liebe zerfressen. Da plötzlich erklang dir bei rauschender, brausender Pracht Von ferne die Stimme. Es schwiegen die singenden Saiten, Im Busen ward vergangenes Sehnen dir wach: Dich treibt es hinaus in die bläulich verhangenen Weiten, Der Stimme nach, die liebend einst zu dir sprach. 32 SAH ICH DICH NUR . Sah ich dich nur in frühen schwanken Träumen, Lag nie auf meinem Haupte deine Hand ? Stiegst nie du aus des wilden Meeres Schäumen Von Wolken zart umsäumt ans goldne Land ? Ja, deine schmale Lippe sang vor Tagen Mir einst im Herbst ein Abschiedslied, Da hört ich schon die holde Stimme klagen, Die mich seit jenen Zeiten mied. Doch heut fand ich dich in der Straßen Toben. Dein Leib zeigt nichts von jener frühern Pracht, Doch deine Augen sind noch still umwoben Vom Zauber einer fernen Nacht. 33 HYMNE Ich saß am Ufer des endlos weiten Meeres Müde Wellen schlugen an den Sonneglitzernden Strand. Fern, wo sich Woge und Himmel Zu vereinigen scheinen, Schwimmt auf den träumenden Fluten Ein Sonnenfunken. Ich saß am Ufer, starrte trostlos Weinend in die Wasser, Die weich und schmeichelnd Lauschten über bleichem Sand. Und in der Ferne war der Abglanz Der Sonne verschwunden. Auf purpurnen Schwingen Zog sehnsuchtsvoll einher Die Finsternis und hüllte mich Am Ufer schweigend ein. Meine laute Totenklage Verhallte ungehört. HERBSTLICHES BILD So bist du tot und kommst du nimmer wieder, Der du so oft im Sommer dich genaht ? Der weiche Regen rinnt am Fenster nieder, Wie deine Stimme, die mich zögernd bat, Als wir zusammen durch die Felder gingen. Der Tauwind strich vorbei wie weiches Weh Und an des Baches sanften Rändern hingen Noch graue Mulden angefüllt mit Schnee. Du sprachst zu mir von fernen bunten Tagen: Ich lauschte deinen Worten still befangen, Im Haine hörte ich die Amsel schlagen Und sah das Feld im Frühlingstaumel bangen. Es wechseln Trauerzüge und Gelage. Es friert der See, dann braust der Bach . .. So rief denn die Erinnrung früher Tage In meinem Herzen bunte Bilder wach. An deine Schulter lehnte ich mich leise Und weinte lange. Doch du nahmst Mich an der Hand und führtest leise, leise Mich zu dem Land, aus welchem einst du kamst. BITTE AN DEN WIND Ich folgte ihr auf manchen bunten Wegen Zu einem hohen gottgesetzten Ziel, Es blühte unter ihrem Fuß der Segen Der Flur in luftgewobnem Spiel. Die frühen Blumen sanken ihr zu Füßen, Es wälzte sich das Meer in langen Wogen Zur Felsenküste, fromm sie zu begrüßen; In heitrem Azur glüht des Himmels Bogen. Auch ich, berauscht von ihrer Schönheit Macht, Sank vor ihr nieder, küßte ihre Füße Und huldigte der hehren Macht Und bat den Zephir, daß er von mir grüße, Wenn er auf sanften Fahrten einst das Land Erreiche, wo der Götterdienst der Schöne Gelöst das harte frevelhafte Band, Das eine Göttin schlang um ihre Söhne. 36 AM BAUME. Am Baume stand ich, wo des Nachts die Schatten, Die blauen Schatten ihren Tanz beginnen, Ich sah der Sonne Purpurstrahl ermatten Und ihre Funken in das Dunkel rinnen, Und ich erhob das Lied vom trüben Tage, Da ich aus einem Land der Liebe ging Zu öden Küsten. Fern von dem Gelage, Das früher meinen heitren Sinn umfing, Belausch ich hier den Ton der toten Weiten, Der Sonne Sterben und den Tod der Blüten, Wenn von den Zweigen lächelnd sie entgleiten, Auf denen sie vor kurzem erst erblühten. Und als der Rauhreif dann das Feld versteckte, Die Wolken tief und schwer am Himmel gingen, Als hoher Schnee mir meine Straße deckte Und von den Bäumen starr die Zweige hingen: Da zog ich fort zum Ziele meiner Träume Zum Lande, da die bunte Schar der Götter Die Wege völkert, wo der Tempel Räume Dem jugendlichen ungeweihten Spötter Die Heimat gaben, die auf ferner Flucht Auf grauen Straßen und an öden Küsten Mit wildem Flehn und heißem Aug er sucht. . . Die Tempel, unbekannt mit toten Lüsten, 37 Zum Diener wählten sie den fremden Knaben, Der durch die Meere ihrem Reich genaht Und der geziert mit all den heitren Gaben Mit frohem Wort zu ihrer Weihe trat. 38 ICH KAM ZUM BERG . Ich kam zum Berg und hör im düstern Hain Vom goldnen Frühling und von goldnen Tagi Von sonnetrunkner Festiichkeiten Schein Die Nachtigall mit leiser Stimme Idagen. In Purpurwolken sank der Sonne Strahl, Mit bleichem Finger fasse ich den Stab Und steige in das abendliche Tal Zu stillen Freuden still vom Berg herab. PHRONTIS ONETORIDES Gott des Lichtes, Gott der Freude, Dessen milde goldne Strahlen In die kühne Brust mir drangen: Phoibos Chryselakatos ! Gott des Lichtes, Gott der Freude, Der du mich auf Sonneschwingen Aus den dunklen Fluten hobest Auf zu deines Thrones Stufen: Laß mich deine Hände küssen Und zu deinen Füßen stürzen, Dir auf deinem Strahlenwege Betend und bewundernd folgen ! Bei der Götter Liebesmahle Will vor dir ich niedersinken, Der aus dunkelroten Wogen Mich an seinen Busen hob - Phoibos Chryselakatos. WEISSER BLUTEN. Weißer Blüten sommerschwerer Duft Schwillt mit letztem Brüten durch die Luft. Rote Vögel wenden ihren Flug Zu der stillumwobnen Höhen Zug. Durch den Blütenhain auf blassen Wegen Schreiten wir dem Sonnenstrahl entgegen, Gehen, wie sie niedersinkt, verklärt - Wie das Dunkel rings das Laub beschwert. Und wir wandeln, Hand in Hand gelegt, Immer weiter und du singst bewegt In die kühle Abendluft ein Lied. Auf dem Teich ein weißer Vogel zieht. DER TOD DER GELIEBTEN Leda, Der Dichter, Die Flötenspieler Leda Mein Bruder, denkst du noch an jenen Tag, Da wir im Schein der Purpurwolken gingen, Da tief in West die Sonne scheidend lag Und von den Bäumen blaue Schatten hingen ? Den heiligen Rausch, der uns erzeugte, mehrte Der sehnsuchtschwangre Duft der Abendblüten, Der unsre keusche junge Liebe nährte - Und all die Rosen, die im Dunkel glühten, Entsandten ihr berauschendes Geduft Verschmolzen mit dem letzten Strahl Zu uns herüber durch die laue Luft, Zu uns herüber durch das blaue Tal. Mein Bruder, denkst du noch an jenen Tag, An jenen Rausch, der unsre Glieder weihte, An jenes Klingen, das im Haine lag, An jenes abendliche Schlußgeläute ? Nun scheide ich . . . Weißt du: in dieser Stunde Fleht ich zur Gottheit um geheimsten Schluß Und mir enthüllte sich die hohe Kunde, Daß ich an jenem Tage sterben muß, An dem der Glanz der göttlich hohen Feste, Die wir erlebt, an welche wir geglaubt, Vor meine Seele tritt und alle Reste Des Erdenwallens aus dem Busen raubt. Nun ist er da. Nun reiche mir die Hand Und ruf den Flötenspieler, dessen Klang Die grauenvolle Macht des Abschieds bannt, Ihn, der schon oft vor meinem Lager sang. Dann will ich scheiden wie ein Hirtenlied, Wie ein Vergessen durch den Abend quillt, Wie blauer Weihrauch um den Altar zieht, Wie ein Gebet, das auf zum Himmel schwillt. Der Dichter In meinem Herzen, Leda, kämpft die Nacht Mit einem Meer von Rosen - und die Lust, Zu deinen Knieen hinzusinken, wacht Ob jedem andren Trieb in meiner Brust. Ich bin des Gottes voll, der mich gebar .. . In meinem Auge schimmern keine Tränen Und meine Seele lächelt in dem Jahr Voll Trauer, in dem Jahr voll Sehnen. Doch die du stets gehebt hast - deine Knaben Will ich dir rufen, daß ihr Spiel dein Scheiden Dir leichtre, und du sollst dich laben An ihren Klängen, Rausches voll dann scheiden Aus einer Welt voll Rausches und voll Blüten: Hinübergehen sehnsuchtsvoll und leicht 43 In eine Welt voll Rausches und voll Blüten, So wie ein Schwan das Heimatland erreicht. Die Flötenspieler, violett gekleidet, sind indessen eingetreten mit Kränzen im Haar. Sie stellen sich um Ledas Lager. Leda Die Blüten gleiten nieder von den Zweigen, In einem Sonnenmeere schwimmt die Welt. Von ferne klingt ein Ton wie zarter Geigen, Aus deinem Haar der Rosenkranz entfällt. Ihre Hand gleitet durch die dunklen Locken des Dichters. Die Musik verklingt leise und wie aus weiter Ferne. Der Dichter erhebt sich nach einer Pause. Der Dichter Ihr Flöten, klagt! Ihr Zimbeln, rauscht hervor ! Ihr Knaben schwingt den grünumwundnen Stab ! Noch tönen ihre Worte mir im Ohr. Ihr meine Knaben, leitet sie hinab 1 Mit weißen Blüten ziert den weißen Leib Und ehrt sie, wie man eine Göttin ehrt, Und schmückt sie, wie man schmückt das Weib, Das aus der Nacht, die ihm der Gott gewährt, Zum Reigen schreitet und den zarten Fuß Auf grünem Plane hebt - dem Tag zum Gruß 1 44 STEFAN GEORGE / ERINNERUNGEN Vorwort Dies Buch soll nicht etwa den Anspruch erheben, sich vor anderen einen Namen zu machen, sondern seine Bestimmung ist, den Charakter Stefan Georges aus seinem Umgang mit mir zu entwickeln. Wenn es den Lesern möglich sein wird, auf Grund dessen, was ich im folgenden darlege, einen Einblick in des Dichters Eigenart zu tun, so ist meine Absicht vollkommen erreicht. München 1902 M. K. 4 47 1902 Schon lange hatte ein Herr, dem ich öfters in der Leopoldstraße begegnete, meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er war ziemlich groß, hielt sich jedoch schief, die rechte Schulter höher als die linke. Am interessantesten war sein Kopf. Die Stirne hoch, die geistreichen Augen ziemlich tiefliegend, die Nase feingeschnitten, der Mund gewöhnlich fest zusammengekniffen, das Kinn etwas vorspringend, die Backenknochen scharf markiert. Er hatte langes schwarzes, nach hinten gekämmtes, seidenweiches üppiges Haar; trug gewöhnlich schwarzen Mantel, dunkle Jacke, graue Beinkleider, Stock mit eingelegtem Knopf und ziemlich hohen Hut. Mein Freund Hanns Braun behauptete, es sei ein Mitglied der Elf Scharfrichter, was ich, da kein Grund da war es nicht zu glauben, auch glaubte. Eines Tages, es war im Februar (oder März), stand ich mit meiner Schwester Hanna und deren Freundin E. S. vor unserem Haus, Nikolaiplatz 1, als dieser Herr auf mich zukam und mich um die Erlaubnis bat, meinen Kopf, den er sehr interessant finde, abzeichnen zu dürfen. Ich erlaubte es natürlich. Am nächsten Tag, es war dies ein Sonntag, traf ich ihn zuerst mit Hanna zusammen, dann allein. Er bat mich, mit zu einem Photographen zu gehen, da er mich photographieren lassen wolle. Als dies geschehen, versprach er mir ein Bild und wir gingen zusammen nach Hause. Er fragte mich, ob ich bestimmte Neigungen und Anlagen habe, ich aber verschwieg mein bißchen Versemachen und schützte Naturkunde vor. 49 Dann fragte ich ihn nach seinem Namen: Stefan George. Dies war das letzte Mal, daß ich ihn 1902 sah. Ich erhielt kein Bild, sah ihn nicht mehr, und vergaß die Sache ganz. Da sah ich eines Tages in Littauers Buchhandlung ein Buch ausgestellt: Dr. Ludwig Klages, «Stefan George». Mein Vater kaufte es mir, jedoch ich verstand darin nur sehr wenig, da es nur ein Kommentar zu seinen Werken war, von denen ich keines hatte. Nur soviel wußte ich: George war Dichter, und das genügte mir. Trotz aller Bemühungen traf ich George nicht mehr und fast wäre die Sache im Sand verlaufen . . . 50 Seine Persönlichkeit Stefan George wurde im Jahre 1868 in Bingen geboren. Seine Eltern leben heute (1903) noch, außer ihm haben sie noch einen Sohn und eine Tochter. Seine Urgroßeltern sind aus Frankreich eingewandert, für welches Land wie für alle romanischen Länder er ganz besonders eingenommen ist. Er besuchte das Gymnasium zu Darmstadt. Hier entstand sein erstes (?) Gedicht, ein Epos, eine Schulstunde als Traum behandelt. Von seinen Mitschülern hat er sich ziemlich zurückgezogen. Dann studierte er in Paris, Berlin und München, und zwar Philologie, Philosophie und Kunstgeschichte. Nachdem er das Gymnasium absolviert hatte, machte er bedeutende Reisen nach England, Frankreich, Spanien, Italien etc. Eigentlich wohnt er in Bingen, doch ist er die längste Zeit des Jahres auf Reisen fort. 51 1903 Erster Teil Ich war schon nahe daran, mir die Episode aus dem Sinn zu schlagen, als plötzlich Mitte Januar, beim Heimweg von der Stenographiestunde, George mit seinem Freund Wolfskehl mir begegnete. Am folgenden Tag traf ich ihn wieder und ging mit ihm in die Wohnung Wolfskehls, Leopoldstraße, Ecke Kaiserstraße, wo er wohnt. Er war die ganze Zeit nicht hier gewesen, deshalb konnte er mir auch erst jetzt die (nebenbei ganz gute) Photographie geben. Nun kam ich oft zu ihm, wir gingen miteinander spazieren, doch von meinem Dichten wußte er nicht. Da bat er mich einst um einige Zeilen von mir, da er Graphologie betreibe. Ich gab ihm mein Gedicht: Ist das die Welt, von der ihr Lust und Wonne, Von der ihr Fried und Freude mir verhießt, Ist das die Welt, in der nur stete Sonne, In der nur Sommer, doch kein Winter ist ? Wohl ist es das, was ihr die Welt genannt, Doch was ihr mir verhießt, kann ich nicht finden. O glücklich, wer die andre Welt erkannt Im Schmuck der Reben und in Laubgewinden ! So zieht mit mir in bessre Weiten, Kommt mit mir, um gleich Gott zu sein, Erhaben über Raum und Zeiten Ziehn in den ewgen Himmel selbst wir ein. 52 Nun sahen wir uns einige Tage nicht. Endlich traf ich George wieder und er sagte mit der größten Bestimmtheit: «Was Sie mir gaben, haben Sie geschrieben.» Ich verstand es zuerst als Frage und sagte Ja. Da begann er dann gleich, das Gedicht sei ja ganz nett, ob ich mehr dichte und ob er es sehen könne. Ich versprach, ihm meine weiteren Sachen zu geben. Er fand einige ganz gut, besonders «Ein Ziel», «Der Dolch», «Das Ende». Letzteres fand er am besten. Doch ginge ein trübdüsterer Zug durch das ganze Buch. Er schenkte mir nun am i. Februar den dritten Band seiner Auslese deutscher Klassiker und versprach mir die andern. Einige Tage drauf sagte er, er wolle mir zur Konfirmation alle drei Bände gebunden schenken. Auf meine Gedichte hin richtete er das Gedicht «Das Wunder» an mich, dessen Abschrift ich aber leider nicht besitze, dann ein zweites: Der Jünger blieb in Trauer Tag und Nacht. . . Hinzuzufügen ist noch, daß George wie auch sein ganzer Kreis alle Worte mit Ausnahme der Verszeilenanfänge, der Namen und Beinamen klein schreibt. Ich komme gewöhnlich Samstag nachmittags um 5 Uhr zu ihm. Am zt. II. konnte ich nicht kommen, traf ihn jedoch Sonntag mittag. Er lud mich ein, um 6 Uhr einen Maskenzug in Wolfs- kehls Wohnung anzusehen, und unterhielt sich mit mir über Masken. Schöne Masken, sagte er, sehe er immer mit großem Vergnügen. Um 6 Uhr kam ich dann und hatte Gelegenheit einen prachtvollen Zug zu bewundern. Zehn Personen bildeten 53 ihn, alle in sehr schönen Gewändern, George als Cäsar, eine Persephone, ein Hermes und noch mehr famose Gestalten. Später (ii. IV. 1903) schenkte mir George einen Ausschnitt der Photographie, sich als Cäsaren und ihm zu Füßen einen als Persephone verkleideten Herrn. Montag den 23. II. nachmittags ging ich mit ihm spazieren; er gab mir einige Gedichte zurück, von denen er den Zyklus «Ein Kampf» ganz gut fand. Er war noch ganz begeistert von dem gestrigen Fest. Am 25. II. traf ich ihn früh in Begleitung des Herrn, der bei dem Festzug die Persephone dargesteUt hatte. Es ist dies ein bekannter Archäologe. Nachmittags brachte ich George wieder neue Gedichte. Wir gingen unsern gewöhnlichen Spaziergang, die Schwabinger Landstraße hinaus, und ich erwähnte, daß ich gestern (Fastnachtsdienstag) in der Maximilianstraße gewesen sei. Er bedauerte aufrichtig nicht auch gekommen zu sein, zumal er von einigen Bekannten aufgefordert worden war. Er war auf dem Scharfrichterball gewesen, sei aber erkannt worden. Daraufhin habe man ihm stürmische Ovationen bereitet. Samstag 28. II. brachte ich ihm die Gedichte «Entweihung» und «Leben». Als ich sie vorgelesen hatte, sagte er, er müsse mir etwas Trauriges sagen, er müsse auf einige Zeit nach Wien. Ich versprach ihm einige Male zu schreiben, er hingegen sagte, wenn er wieder hier sei, wolle er meine Eltern besuchen. Und so schieden wir. Ich schrieb ihm am 6. III. und sandte ihm einige Gedichte: «Nächtliche Wanderung» etc. 54 Am 14. III. lud er mich ein, ihn zu besuchen. Er war unverändert. Kurze Zeit war er inzwischen wieder hier gewesen, dann aber wieder zu seinem Verleger gereist. Am 15. III. besuchte er meine Eltern. Was geredet wurde weiß ich nicht, nur soviel hat er mir gesagt, daß er mich sehr gelobt habe. Als ich sagte: «Doch wohl nicht zu viel», sagte er vieldeutig: «Ganz nach Verdienst.» Am selben Tage kam Herr Gundolf aus Berlin, der soeben seinen Doktor in Germanistik gemacht hatte. Auch Schriftsteller, hat einen sehr interessanten Kopf, sehr ähnlich dem Hofschauspieler Kainz. George hat sich jetzt ein Häuschen gemietet, Belgradstraße 57. Mittwoch den 1. IV. besuchte ich ihn das letzte Mal vor der Konfirmation. Er sprach zu mir über meine einstweiligen Ziele und daß ich alles daransetzen müsse, um sie zu erreichen. Das erste sei jetzt für mich das Absolutorium des Gymnasiums, und um dieses zu erreichen, müsse ich alle Kräfte anspannen. Das sei ich meinen Eltern, mir und auch ihm schuldig, und nur darauf sei unsere Freundschaft gegründet. Dann überreichte er mir drei seiner Bücher: «Deutsche Dichtung, ausgewählt und eingeleitet von Stefan George und Karl Wolfskehl» 1. Band «Jean Paul» 2. Band «Goethe» 3. Band «Das Jahrhundert Goethes». Dann versprach er mir, zu meiner Konfirmation zu kommen, obwohl er noch nie einer solchen Feierlichkeit beigewohnt habe und glaube, daß es ihn sehr aufregen werde. Am 5. IV. 03 kam er auch wirklich zu meiner Konfirmation und mit ihm Herr Gundolf. Donnerstag den 9. IV. führte ich meine beiden Vettern Arthur 55 und Walter Dietrich aus Wien, die ihn gerne kennenlernen wollten, zu ihm. Zuerst war er sehr erstaunt, doch dann wurde er recht unterhaltend. Wir sprachen zuerst von Maeterlinck und «Monna Vanna» wie über seine anderen Schriften, die er sehr lobte. Dagegen sprach er von Paul Heyse sehr schlecht. Solche Sachen, sagte er, lese er jetzt schon lange nicht mehr. Dann kamen wir auf seine Reisen zu sprechen. Italien gefiele ihm sehr gut, doch noch besser Spanien. Hier hauptsächlich seien die Eingeborenen von einer großartigen Höflichkeit und edlem Wesen in ihrem Benehmen (Grandezza). Dann unterhielten wir uns über das moderne Lehrwesen. «Das jetzige Lehrpersonal», sagte er, «ist nicht schlecht, doch fehlt noch viel, um von ihm sagen zu können, es ist gut.» Auch sprachen wir noch über Musik. Er, selbst ein großer Musikfreund, besuche Konzerte nur wenig und wenn er es tue, so bliebe er nur einige Zeit, da er dann soviel Stoff zu verarbeiten habe, daß er nicht mehr annehmen könne. Da kam Herr Gundolf, George zeigte uns noch seine Wohnung. Dann verabschiedeten wir uns. Am ii. IV. war ich früh mit meinem Vater bei ihm, zuerst unterhielten wir uns über Politik, dann lud mein Vater ihn zu Montag den 13. IV. zum Abendessen ein, wozu er sichtlich erfreut zusagte. Mein Vater ging, ich blieb noch und sah mit ihm eines seiner Werke in der Prachtausgabe an. Dann gingen wir aus dem Empfangszimmer ins Arbeitszimmer, wo Gundolf war. George schenkte mir die Photographie von dem Maskenball. 56 In der %ühjahrsausstellung der Münchener Sezession befand sich ein ziemlich schlechtes, von Jan Toorop gezeichnetes Bild Georges. Am Montag, den 13. IV. abends, war George bei uns. Es waren noch da: meine Eltern, Hanna, Lisa, Großmama, Onkel und Tante, Arthur und Walter Dietrich, Oldenbourg und ich. Herr Gundolf ließ mir noch nachträglich zur Konfirmation ein Buch Georges schenken: «Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten». Zuerst sprachen wir im Salon von allem möglichen, dann gab mir George eine von dem Kunstmaler Schmitz gemachte, sehr gute Photographie von mir. Dann gingen wir zum Essen, wo wir über alle möglichen Gegenden sprachen. Nach dem Essen zogen wir uns wieder in den Salon zurück, wo Arthur George abzeichnete. Das Bild wurde nicht gerade schlecht, trotzdem gefiel es George gar nicht. Um 10 Uhr ging er. Ich versprach ihm, Mittwoch zu kommen, wurde jedoch verhindert und schrieb ihm kurz vor der ausgemachten Zeit ab. Dummerweise war nun eben da ein Freund zu ihm gekommen, den er abbestellte, da er mich erwartete. Dann war ich wieder am 17. IV. bei ihm. Er war sehr erregt, daß ich am Mittwoch nicht gekommen war, und sagte, er sei nicht gewohnt, daß seine Freunde ihn in Kleinigkeiten vernachlässigten, und sie täten dies auch nicht. Um so mehr müsse ihm also mein Verhalten mißfallen. Wenn man jemand erwarte, so sei es eine große Ungezogenheit, wenn dieser zwei Stunden vor der verabredeten Zeit absage. Dann gab er mir Meyers Literaturgeschichte, in der er rühmlichst erwähnt ist, und be- 57 gleitete mich bis zur Wohnung seines Freundes Wolfskehl. Ich schrieb ihm am 27. IV. und schickte ihm das Gedicht «Grüße». In der Folgezeit schrieb ich ihm noch oft und erhielt auch häufig Antwort entweder von Gundolf oder von ihm selbst. 58 Einige Aussprüche Georges Ich schiebe hier einige wenige Aussprüche Georges ein, die ich mir nach und nach aufgezeichnet habe und die ich jetzt auf keine andere Weise mehr unterbringen kann. Das Datum ist nie angegeben. «Nicht viel braucht man gelesen haben, aber was man gelesen, muß man voll und ganz in sich aufgenommen haben. ,Ich hatte nicht Zeit' ist eine leere Phrase: Der Mensch hat immer Zeit, seine Sache ist es nur, Zeit zu finden. Der Dichter soll nie abgeschmackte Bilder, wie man sie so oft findet, gebrauchen. Er soll vielmehr womöglich neue Bilder einführen. Bei einem Gedicht soll man nie nach dem Ort und nach bestimmten Personen forschen, sondern man soll das Produkt auffassen, wie es der Seele des Dichters entsprungen. Einst fragte er mich: ,Max, glauben Sie, daß es eine Freundschaft gibt, die höher als die Liebe steht?' Und ich bejahte es. Ein unbeschreibliches Gefühl überkommt mich jedesmal bei Frühlingsanfang, es ist wie ein heiliges Ahnen . . . Böcklins flötespielender Hirtenknabe in der Schack-Galerie ist der erhabenste Ausdruck des Hellenentums. Seinetwegen gehe ich immer wieder in die Sammlung.» 59 1903 Zweiter Teil Im Oktober hörte ich, daß an der Universität Halle Vorlesungen über ihn gehalten wurden, wie auch in einem Wiener Verein Gregori an einem Leseabend Werke Georges und seines Kreises vortrug. Am 29. X. sah ich Herrn Gundolf, konnte ihn jedoch nicht sprechen, da er in Begleitung zweier Herren war. Am 30. X. hörte ich von Herrn Wolfskehl, daß Georges neues Werk dieser Tage erscheinen werde. George selbst werde erst im Februar kommen. Am 1. XL traf ich Herrn Gundolf und begleitete ihn eine Strecke Wegs. Er war vier Wochen in Darmstadt gewesen, am 29. X. aber für vierzehn Tage nach München gekommen. Am 9. XL erhielt ich durch Gundolf das neue Werk Georges «Tage und Taten» zugestellt. Am 26. XL traf ich Gundolf, der neue Nachricht von George hatte. George ließ mir sagen, ich solle ihm noch mehr Gedichte von Wilhelm Seidel schicken, da er sonst darüber kein Urteil abgeben könne. Gundolf wollte jetzt bei mir die Literaturgeschichte von Meyer holen, die mir George seinerzeit geliehen. Ich führte ihn in mein Zimmer und gab sie ihm da mit der Schere, die damals darinnen gelegen. Er bleibt noch bis Dienstag und geht dann nach Darmstadt. Am 19. Dezember frühmorgens erhielt ich einen Brief Georges aus München. Ich besuchte ihn also und fand ihn unverändert. Wir sprachen ziemlich lange miteinander. Zuerst über 60 die Gedichte meines Vetters Oskar Dietrich in Wien, dann über die von Wilhelm Seidel. Die ersteren fand er sehr gut, besonders «Ariadnes Klage». Er sagte: «Man muß schon aus dem Rhythmus des Gedichtes unendlich viel für den ganzen Inhalt finden.» Dann sprachen wir über das Buch meines Lehrers S. Röckl; bei dieser Gelegenheit sagte er, für Biographien habe er nie besondere Sympathien. Er empfinde es stets als eine gewisse Rücksichtslosigkeit, Indiskretion, wenn ein Mensch Sachen, die sich zwischen zwei anderen abgespielt haben und die nur für diese bestimmt seien, bekannt macht und dadurch das große Publikum als Richter einsetzt. Dann sagte er, in meinen neuesten Gedichten habe er etwas ganz Neues gefunden, ich hätte mich von der früheren Unbehilflichkeit im Ausdruck so ziemlich freigemacht und auch für den Rhythmus sehr viel gewonnen. Hierauf zeigte er mir das Titelbild von Gundolfs «Fortunat», das der Bruder des Verfassers gezeichnet. Ebenso ein von demselben Künstler entworfenes, bei Otto von Holten für mich gedrucktes Exlibris, welches ich recht schön finde. Dann gingen wir, ich begleitete ihn noch bis zur Ohmstraße. Er erzählte mir noch von dem Berliner Richard Wagner-Denkmal, das ihm gar nicht gefiel, und eine heitere Episode, die ihm dort passierte. Er ging einmal im Tiergarten, und um nicht an dem Denkmal vorbei zu müssen, schlug er einen Seitenweg ein. Da trat ein kleiner Bursche auf ihn zu und bat, ihn zum Denkmal zu führen ! - Weiterhin zeigte ich ihm mein Gedicht «Die tote Stadt» und es stellte sich heraus, daß auch er Zur gleichen Zeit ein Gedicht des gleichen Namens verfaßt habe. «Also Sie wollen schon mit mir konkurrieren», wandte er sich lächelnd zu mir. Bei Gelegenheit der obenerwähnten Gedichte sagte er zu mir: «Ich fälle sehr ungern über die Gedichte jemands ein Urteil, den ich nicht entweder persönlich oder aus größeren Gedichten kenne. Denn ist das spezielle Gedicht gut geraten und ich lobe es, so wird der Verfasser leicht stolz; ist es aber schlecht und ich sage es, so wird es leicht übelgenommen oder der Verfasser wird unnötig abgeschreckt.» Als wir vor unserem Haus waren, traf er zufällig Dr. Klages, der noch nichts von seiner Anwesenheit in München wußte und deshalb begreiflicherweise sehr überrascht war. «Ich verwerfe mythologische Stoffe nicht, das ist Sache der Naturalisten, aber ich finde sie deshalb nicht gut, weil ihnen schwer eine neue Seite abgewonnen werden kann. Denn wenn ein Moderner einen mythologischen Stoff behandelt, so ist dieser bereits von der Antike durch Goethe gegangen und kommt als abgedroschenes Ding auf uns. Etwas anderes ist es, wenn es dem Künstler gelingt, dem Stoff eine neue Seite abzugewinnen; dann kann er ihn behandeln, denn darin beruht ein Hauptwesen des Gedichts . . . Unsere heutige Literar- historik ist im Hinblick auf die Ästhetik und andere Gebiete noch weit zurück. Ihr liegt z. B. bei Goethe nur daran, seine Gretchens und Lilis zu finden. Wer wird bei der Malerei, die der Dichtkunst wohl sehr nahesteht, fragen, welches Modell zu dem und dem Bild gesessen ist ? Und das ist das eigentlich Richtige.» Am 21. XII. traf ich beim Heimweg von der Schule George, 62 den ich nach Hause begleitete. Et sprach über die antiken Versmaße und war der Ansicht, daß diese Maße auf lange, lange Zeit hinaus für die deutsche Sprache ausgeschöpft seien. In der klassischen Zeit seien sie zu höchster Höhe gelangt, aber ein moderner Mensch könne nie in Hexametern ausdrücken was er fühle. Mittwoch den 23. XII. ging ich abends kurze Zeit zu George. Er sprach von Musik und daß die Fähigkeit zur Musik ganz wo anders liegen müsse als bei Dichtung und Malerei. In Jahren, in denen das Verständnis des Wiedergebens noch unbedingt nicht dasein könne, da zeige sich bei der Musik schon die Veranlagung. Er habe einmal eine Geschichte gehört, die ihm dies etwas klarer machte: Ein Knabe von 13 Jahren multiplizierte mit unheimlicher Schnelligkeit drei-, vier- und fünf- ziifrige Zahlen. Als dieser Knabe aber in Mathematik ausgebildet wurde, war er einer der schlechtesten Schüler. Es müssen also beim bloßen Anhören der Zahlen gewisse Vorstellungen in ihm geweckt worden sein, die aber absolut nicht «Verständnis» seien. Ähnlich denke er sich das bei Musik. Wie man Dichtung mit Malerei, Malerei mit Skulptur zusammenbringen kann, so vereinzelt steht die Musik da. Das oben Gesagte bezieht sich aber nur auf reproduktive Geister, Schöpfer dagegen arbeiten vollständig verstandesmäßig. Auch seien Musiker meist sehr einseitig, während die Dichter meist Interesse für Malerei etc. zeigen. Als Gegenbeispiel führt er Melchior Lech- ter an, der sehr eingenommen für Musik ist und in dem gewisse Tonstücke bestimmte Farben wecken. Er sei auch dichterisch veranlagt. 5 63 Dann schenkte er mir die Exlibris, eine Ansicht von Hildesheim, sowie die 3. Aufläge vom «Jahr der Seele». Er war heute etwas eingenommen, er hatte, wie er selbst sagte, schlechte Nachrichten erhalten. Deshalb entfernte ich mich ziemlich bald. Einen Ausspruch von ihm will ich nicht versäumen anzuführen. Er sagte nämlich: «Musik steht auf der tiefsten Stufe der Kunst. Sie ist die Kunst, die selbst den Tieren in einem bestimmten Grade eigen ist.» Mittwoch den 31. XII. erhielt ich durch einen Dienstmann ein versiegeltes Schreiben zugestellt, er sei den ganzen Nachmittag frei. Ich ging also zu ihm. Er zeigte mir eine Anzahl Lithographien von Gundolfs Bruder, E. Gundolf, welche von einem liebevollen Eingehen auf den Gegenstand zeugten. Sie waren alle meisterhaft ausgeführt, nicht das Kleinste war übersehen. Es waren traumhafte, wunderbare Landschaften, eine war George «in Ehrfurcht gewidmet», eine andere «Karl und Hanna Wolfs- kehl». Weiter zeigte er mir ein wunderbares Bild, gemalt von dem englischen Präraffaeliten und Dichter Rossetti. Er sagte mir ferner, daß es ihm für die nächste Zeit leider unmöglich sei mich wiederzusehen, denn er habe sehr viel zu arbeiten. Bald darauf entfernte ich mich. 64 1904 Am 2.1. 04 traf mein Vater George, der sich darüber aufhielt, daß ich an Neujahr nicht bei ihm vorgesprochen hätte. Als ich das hörte, war ich ganz perplex, denn er hatte mir ja selbst zwei Tage vorher gesagt, es sei ihm leider unmöglich mich in absehbarer Zeit wieder zu empfangen. Am 3.I. besuchte er meine Eltern. Uber was gesprochen wurde, weiß ich nicht, ich sprach George nur am Ende auf einige Worte. Am 10.1. besuchte ich George in der Wohnung Wolfskehls. Dann begleitete ich ihn zu dem Kunstmaler H. Schlittgen. Er sprach sehr wenig und schien überaus präokkupiert. Am nächsten Sonntag ging ich wieder zu ihm. Er zeigte mir eine Kollektion Lechterscher Gemälde, italienische Landschaften, welche von einer Ausstellung gekommen waren. Er war sehr unliebenswürdig zu mir und schien von widerwärtigen Gedanken eingenommen. Freitag den 29.1. ging ich nachmittags um 3 / 4 6 Uhr zu ihm. Als ich ins Zimmer trat, ließ er mich ungewöhnlich lange warten, obwohl er im Nebenzimmer war. Endlich kam er, reichte mir die Hand und sah mich lange an. Ich fragte ihn, wie es ihm gehe, erhielt aber keine Antwort. Ziemlich deprimiert sagte ich, daß ich leider am Sonntag keine Zeit habe und deshalb heute so frei gewesen sei zu kommen. Nun begann er mit zunehmender Heftigkeit mir Vorwürfe zu machen, daß ich an dem vorigen Sonntag nicht zu ihm gekommen war. - In dem Brief, in dem ich für den kommenden Sonntag absagte, hat- 65 te ich geschrieben, ich stehe ihm zur Verfügung. Diesen Ausdruck, der an und für sich eine bloße Phrase ist, beanstandete er aufs heftigste, indem er sagte, ich habe nicht das Recht das zu schreiben; wenn er das mir gegenüber tue, so sei das gerechtfertigt. Und daß ich am Sonntag keine Zeit gehabt hätte, sei eine bloße Ausrede, er kenne das aus seiner Jugend etc. Auch für den kommenden Sonntag sei es eine dumme Ausrede. Ich sagte ihm, ich hätte in der Tat keine Zeit, er tue mir Unrecht. Da drehte er sich zu mir, legte die Stirn in Falten und drohte mir mit dem Finger. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und begann, wenn ich keine Zeit resp. nicht den Willen habe zu kommen, wenn er Zeit habe, so habe auch er nicht Zeit noch Willen mich zu empfangen, wenn ich komme. «Kommen Sie, wenn Sie wollen», schloß er. Ich sagte kalt adieu und reichte ihm die Hand, er aber sah absolut nicht her. Da zog ich sie denn heftig zurück und ging mit kräftigen Schritten aus dem Zimmer. Hinter mir stand er auf und ging ins Nebenzimmer. Er hatte in letzter Zeit immer zunehmende Beweise seiner Gleichgültigkeit gegen mich gezeigt, so begleitete er mich nie, wenn ich fortging, aus dem Zimmer, grüßte auf der Straße so steif und förmlich als kenne er mich gar nicht, zeigte mir ein Gedicht, welches ich mit vollem Recht auf mich beziehe und welches dann einem sehr derben Reisepaß gleichkommt. Warum ich das Gedicht auf mich beziehe ? Er zeigte mir sonst nie seine Gedichte, außer einem, welches auch auf mich Bezug hat, und einem, dessen Abschrift ich nicht habe. Da nun dies Gedicht zu all dem übrigen Benehmen paßt, so beziehe ich das Gedicht auf mich. 66 Ich brauche mich doch nicht vor: ihm zusammenschimpfen lassen wie ein Schuljunge. Am nächsten Tag schrieb ich ihm folgenden Brief: Sehr geehrter Herr George ! Nach dem gestrigen Vorkommnis und nach Ihrem kühlen Verhalten gegen mich in der letzten Zeit sehe ich keinen Grund unsere Bekanntschaft weiterzuführen, sondern bitte Sie, alle Beziehungen zu mir abzubrechen. Bitte schicken Sie mir umgehend alle Sachen meines Vetters, die in Ihren Händen sind. Hochachtungsvollst Maximilian Kronberger. Auf diesen Brief hin kam George am Montag zu meinem Vater und entschuldigte sich wegen seines Verhaltens, das durch Familienverhältnisse veranlaßt sei. Dienstag also ging ich zu ihm. Er hielt mir eine große Rede über mein ungerechtes Verhalten und so söhnten wir uns wieder aus. Am 12. II. traf ich abends George und ging mit ihm spazieren. Wir unterhielten uns über den kommenden Fasching, dann sagte er, daß am Sonntag bei Henry Heiseler ein Maskenball sei. Hierauf sprachen wir über Hofmannsthals «Elektra» und ihre ungünstige Aufnahme in Stuttgart. George schob diese auf das prüde Verhalten der Stuttgarter, die kleinstädtisch genug sind, jedes freiere Wort zu beanstanden. Wir sprachen weiterhin über Verlaine und Mallarme, den er persönlich kannte. Dieser, ein dunkler Dichter, sagte, wenn ihm junge Bekannte eine 6? Deutung seiner Sonette brachten, nur: «Sie haben alle recht.» Weiter kamen wir auf Hauptmann, für den er wenig übrig hat. Hauptmann dagegen hat, wie George durch einen Maler erfahren hat, ein Porträt Georges in seinem Zimmer. Unter solcherlei Gesprächen kamen wir an sein Haus und verabschiedeten uns. Ich versprach, am Sonntag zu ihm zu kommen. Als ich Sonntag zu ihm kam, gab er mir die Sachen meines Vetters und sagte mir dann, daß er auf den Ball bei Heiselers gehen werde, und ob ich ihn begleiten wolle. Ich sagte, dies hänge ganz von meinen Eltern ab. Er forderte mich dann auf, den Maskenanzug anzulegen. Wir bildeten eine Dichtergruppe, und zwar Wolfskehl, geführt von einem Leierknaben, als Homer, dann ein Vergil, hierauf George als Dante, von mir als einem Florentiner Edelknaben geführt. Uns folgten einige Florentiner Edelfrauen. - Der Anzug paßte mir prächtig. Ich hatte rote Strümpfe, einen rotseidenen Uberwurf, in der Hand eine rote Kerze und auf dem Kopf einen Kranz von roten Nelken. Um 6 Uhr gingen George und ich in unsere Wohnung, wo noch niemand war. Ich führte ihn in mein Zimmer, wo wir im Horaz lasen. Als meine Mutter kam, sprach er längere Zeit mit ihr, sie erlaubte gleich, daß ich mitgehe. Wir kleideten uns also in Wolfskehls Wohnung an, und zwar in einem riesigen Atelier, dem Schlafzimmer Georges. George als Dante hatte einen weißen Uberwurf, einen weißen Kopfputz und einen Lorbeerkranz. Um 1 / 2 9 gingen wir zu Heiseler, wo nach einem Zug durch alle Säle Wolfskehl ein prachtvolles Gedicht aufsagte. Nach ihm kam Vergil mit einer lateinischen Ode und George mit einer Danteübersetzung 68 («Bekränzung mit dem Schilf»), Dann verteilten wir uns in die Säle. Nachdem wir bis 1 3 / 4 Uhr geblieben waren, begleitete George mich nach Hause. Am 15. IL sandte er mir einen Lorbeerzweig aus dem Kranz, den er tags vorher als Dante getragen. Am 16. II. ging ich nachmittags zu ihm, wo die ganze Gruppe mehrmals aufgenommen wurde. Er sagte mir, daß in dem neuen Band der «Blätter für die Kunst» über einem Gedicht von ihm, «Der Minner», drei Zeilen eines Gedichtes von mir stehen sollten, und zwar: In deinem Aug hängt jenes fromme Wähnen, Die Sehnsucht nach erspähtem Bild, Des Sonntags Trauer wohnt in deinem Bück. Sonntag den 21. besuchte ich ihn wieder. Montag den 22. II. war er bei uns eingeladen. Wir unterhielten uns sehr lebhaft über Berliner Kunst. Am 28. II. besuchte ich ihn wieder. Da bei Wolfskehls ein Kind an Halsentzündung krank ist, gingen wir spazieren. Ich sagte ihm, daß ich von nun an wie er auch in meinen Gedichten alles klein schreiben werde. Wir unterhielten uns über Spaltungen im Kreise der «Blätter für die Kunst», an denen u. a. Schuler und Oskar Schmitz teilnahmen, die jetzt gegen George Partei ergriffen. Später gingen wir in meine Wohnung, wo wir zusammen lasen. Das nächste Mal besuchte ich George wieder in dem Haus Bel- gradstr. 5 7. Er bewohnte dort für einige Tage eine kleine Dachkammer. Zuerst schrieb ich ihm einige Briefe, dann korrigier- 69 ten wir die neuen «Blätter für die Kunst». Um 6 Uhr ging ich. Am 16. III. besuchte ich ihn wieder. Er bewohnt nun die alten Zimmer. Zuerst gingen wir nach Nymphenburg, für das er sehr eingenommen ist und das auch in seinem «Jahr der Seele» verherrlicht ist. Als wir wieder heimkamen, war er sehr gut aufgelegt, ich las ihm verschiedenes vor und er freute sich über meine gute Art, vorzulesen. Auch Herrn Wolfskehl soll sie sehr gefallen haben. Ich erinnere mich an ein Gedicht von Albert Verwey, «Michael, an D.». Nun tragen einige meiner Gedichte die Initialen M. D. Darauf spielte George an, als er sagte: «Sehen Sie, Max, wieder dieses ominöse D.» Um 4V2 ging ich. 7° Soweit die Aufzeichnungen. Sie enthalten außer dem hier Mitgeteilten eine Beschreibung der Räume in der Belgradstraße, Zitate aus R. M. Meyers Literaturgeschichte und einige Briefe Georges und Gundolfs. - Max Kronberger fuhr am 24. März zu Verwandten nach Wien, wo er George, welcher auch dort weilte, am 30. besuchte. Am 10. April kehrte er, an Genickstarre zu Tode erkrankt, nach Hause zurück. Am 15. April 1904, einen Tag nach seinem sechzehnten Geburtstag, setzte das Schicksal seinem irdischen Leben das Ziel. 71 Privatdruck Zu beziehen durch Adolf Bürdeke, Zürich