Deutschlands Finanzen Rede des Staatssekretärs des Reichsschahamts Dr. Karl Helfferich (gehalten im Reichstag am ^4. Dezember ^s) Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Äerlin 5946 Alle Mchle vorbehalten Äruck der «euischen Veriag-i-Anstalt in Sluligarl Papier von der Papierfabrik Salach in Saiach, Wnriicmbera eine Herren, die verbündeten Regierungen beantragen einen weiteren Nachtragskredit von 10 Milliarden Mark für die Zwecke der Kriegführung. Ich lege Wert darauf, auch dieses Mal vor diesem hohen Äause und vor der Öffentlichkeit die Anforderung der neuen Milliarden mit einigen Worten zu begründen. Die Begründung des Nachtragsetats, der Ihnen vorliegt, ist einfach und zwingend: Die Sicherung unseres Bestandes als Volk und Reich muß unseren Feinden noch abgerungen werden, unseren Feinden, die nach mehr als sechzehn Monaten militärischer Fehlschlüge und Niederlagen immer noch von einer Zerschmetterung und Verkuppelung Deutschlands phantasieren. Der Krieg, so hart und grausam er ist, muß und wird weitergeführt werden auf jede Gefahr und um den Preis eines jeden Opfers, bis die Sicherung der Zukunft von Volk und Reich erkämpft sein wird. (Bravo!) Die angeforderten Kredite sollen uns die finanzielle Bewegungsfreiheit geben, die wir für die Weiterführung dieses Daseinskampfes brauchen. Ihre Zustimmung, meine Herren, wird der Welt aufs neue beweisen, daß unser Entschluß zum siegreichen Durchhalten unerschütterlich ist und daß jede Rechnung aus Schwäche und Zwietracht, auf Ermüdung und Kunger eine falsche Rechnung ist und bleibt. (Sehr richtig!) Meine Kerren, die bisherigen Bewilligungen für den Krieg belaufen sich, wie Ihnen bekannt ist, auf 30 Milliarden Mark. Davon wurden die letzten 10 Milliarden im August dieses Jahres zur Verfügung gestellt. Ich habe damals im August die monatlichen Kriegsausgaben auf ungefähr zwei Milliarden beziffert. Wir haben inzwischen Monate gehabt, in denen die Ausgaben die Summe von zwei Milliarden Mark noch übertroffen haben. Alles in allem aber ist die Steigerung gegenüber dem Amfange, den unsere Kriegsausgaben schon im Frühjahr dieses Jahres erreicht hatten, eine nicht allzu erhebliche. Schon der März hat eine monatliche Summe 3 von etwa zwei Milliarden Mark erfordert. Sie sehen also, daß trotz der Erweiterung des Kriegsschauplatzes, trotz der Aufstellung neuer Formationen, trotz der Preissteigerung aller Lebensmittel und Rohstoffe, trotz der sich immer noch steigernden Anstrengungen zur Verbesserung und Ergänzung unseres Kriegsmaterials, — daß trotz aller dieser Amstände es uns gelungen ist, die Steigerung unserer monatlichen Kriegsausgaben in verhältnismäßig engen Grenzen zu halten. Sie dürfen daraus entnehmen, wie sich alle an der Kriegführung beteiligten Stellen von der Notwendigkeit der sparsamsten Wirtschaft haben durchdringen lassen. Aber, meine Herren, auch die strengste Sparsamkeit hat ihre Grenze an der Rücksicht auf unsere braven Truppen draußen im Felde. Kaum jemals hat ein Krieg an den Feldsoldaten dauernd so gewaltige und fast über das Menschliche hinausgehende Anforderungen gestellt; und jetzt im Beginn des zweiten Winterfeldzugs steht uns mit doppelter Klarheit vor Augen die elementare Pflicht, die Lage unserer Truppen draußen erträglich zu gestalten. Wir müssen also auch bei der äußersten Sparsamkeit mit dauernd hohen und wahrscheinlich weiterhin steigenden Ausgaben rechnen. Meine Herren, das hieraus sich ergebende Exempel ist einfach. Seit der letzten Kreditbewilligung von 1l) Milliarden Mark sind etwa vier Monate verflossen; daraus ergibt sich, daß der größte Teil der bewilligten 10 Milliarden heute bereits verausgabt ist. Eine Auffüllung der Kredite ist erforderlich, wenn wir nicht binnen weniger Wochen in unserer finanziellen Bewegungsfreiheit in unerwünschter und unzweckmäßiger Weise beschränkt sein sollen. Neben der Höhe der bisher aufgelaufenen Kriegsausgaben haben wir bei der Beurteilung der neuen Kreditvorlage die Art und Weise zu berücksichtigen, in der die Kredite bisher flüssig gemacht worden sind und weiterhin flüssig gemacht werden sollen. Die bisher aufgelegten und gezeichneten drei Kriegsanleihen belaufen sich, wie Ihnen bekannt ist, auf rund 25^. Milliarden Mark gegenüber einer Kreditbewilligung für Anleihezwecke von 30 Milliarden Mark. Nicht in Anleiheform begeben ist also bisher von den bewilligten Anleihekrediten ein Betrag von etwa 4^ Milliarden. Hiervon ist ein Teil in kurzfristigen Schatzanweisungen flüssig gemacht, der Rest und ebenso Beträge des neu zu bewilligenden Kredits werden auf demselben Wege flüssig gemacht werden bis zu dem Zeitpunkt, wo die Ausgabe einer neuen Anleihe in Betracht kommt. 4 Was diesen letzteren Punkt anlangt, die neue Anleihe, so wissen Sie, daß die Septemberanleihe mit ihrem Ertrag von mehr als 12 Milliarden uns nicht nur die Konsolidierung der bis dahin aufgelaufenen Schatzanweisungen ermöglicht hat, sondern daß uns der Ertrag darüber hinaus noch neues Geld gebracht hat. Wir verdanken es diesem großen Erfolg, daß wir mit der nächsten Anleihe in aller Ruhe bis zum März warten können, und daß wir bis dahin, wie im letzten Frühjahr, ohne Schwierigkeit mit der Begebung von kurzfristigen Schatzanweisungen auskommen werden. Der neue Kredit wird also zunächst in der Weise Verwendung finden, daß Schatzanweisungen verausgabt werden; später tritt dann der für die Anleihebegebung noch offene Restbetrag der alten Kredite von 4^4 Milliarden dem neuen Kredit zu. Die Äöhe des neuen Kredits schlagen wir Ihnen vor abermals mit 10 Milliarden zu bemessen, wie im letzten März und wie im letzten August. Die Gesamtsumme der Kriegskredite wird damit den Betrag von 40 Milliarden erreichen. Es ist schwer, einen Maßstab zu finden, um eine solche gewaltige Summe dem allgemeinen Ver- ständnis näher zu bringen. Ich kann nur wiederholen, was ich bereits im August vor Ihre Augen gerückt habe: der Wert des gesamten deutschen Eisenbahnnetzes mit allem rollenden Material und allen Anlagen ist auf kaum mehr als 20 Milliarden Mark zu schätzen; das ist also die Äälfte des Betrags derjenigen Kredite, die mit der neuen Forderung für den Krieg bewilligt sein werden. An der erschütternden Größe dieser Belastung der Allgemeinheit mag der einzelne ermessen, welche Opfer er jetzt und späterhin auf sich zu nehmen hat, um seine Pflicht als Staatsbürger zu erfüllen, um durch die Äergabe von Geld und Gut und, soweit es sein muß, durch Einschränkungen und Entbehrungen sür seinen Teil dem Vaterland in dieser schweren, für unsere Zukunft entscheidenden Zeit zu dienen. Aber wenn unserem Volke das Pflichtbewußtsein und der Opferwille erhalten bleiben, die den deutschen Mann und die deutsche Frau in schwerer Zeit stets ausgezeichnet haben, dann haben wir keinen Grund, an dem guten Ende zu zweifeln. Nach dieser Richtung gibt uns gerade auf finanziellem Gebiet das bisher Geleistete die beste Gewähr. Auch unsere Feinde haben sich überzeugen müssen, daß auf dem Felde der Kriegsfinanzen Kraft und Wille nirgends so sehr im Einklang stehen wie bei uns.. Daß man 2 5 unseren früheren Wohlstand in einer verhängnisvollen Weise unterschätzt hat, davon will ich heute nicht weiter sprechen; das liegt heute klar vor aller Augen. Aber das will ich heute von dieser Stelle noch einmal laut bekunden: Der kategorische Imperativ der Staatsbürgerpflicht und der Vaterlandsliebe ist es, der in unseren Milliarden seine Triumphe feiert. (Sehr richtig I und Bravo!) Die Zahlen der dritten Kriegsanleihe, so nüchtern Zahlen sind, reden nach dieser Richtung hin eine erhebende Sprache. 12 160 000 000 in wenigen Wochen gezeichnet von mehr als vier Millionen einzelner Personen! (Äört! hört!) Vergegenwärtigen Sie sich, meine Herren, was das heißt! Erinnern Sie sich, daß es vor dem Krieg in Preußen rund 8 Millionen Äaushaltungs Vorstände und selbständige Einzelpersonen mit einem Einkommen von mehr als 900 Mark gegeben hat! Auf das Reich bezogen, wären das etwa 13 Millionen. Davon hat also nahezu jeder dritte Mann gezeichnet. Oder, um Ihnen den Sachverhalt noch anschaulicher zu machen: Zensiten mit einein Einkommen von mehr als 3000 Mark gab es vor dem Kriege in Preußen zwischen 800 000 und 900 000. Im Reich sind das etwa 1 300 000. Gezeichnet haben auf die dritte Kriegsanleihe mehr als vier Millionen Personen, also sicher nahezu drei Millionen Personen mit einem Einkommen von weniger als 3000 Mark. Dem entspricht die Tatsache, daß von den vier Millionen Zeichnern nicht weniger als zweidreiviertel Millionen Beträge bis zu 1000 Mark gezeichnet haben. Wie viel schwer verdientes Geld, wie viel sauer ersparte Groschen wurden hier in Opferwillen und Vertrauen dem Vaterlande dargebracht! (Sehr richtig!) Ich halte mich sür verpflichtet, von dieser Stelle aus allen zu danken, die das Ihrige zu dem großen Erfolge beigetragen haben, (Bravo!) allen, die werbend und gebend sich in den Dienst der großen Sache gestellt und uns zu dem großen Erfolge verholfen haben. Was hier erreicht wurde, das ist in der Tat eine Volksanleihe, wie sie England machen wollte, aber nicht machen konnte. Der englische Schatzkanzler hat kürzlich im englischen Anterhause eingestehen müssen, daß die während vieler Monate offengehaltene Volks- 6 zeichnung auf die zweite englische Kriegsanleihe ein glatter Fehlschlag gewesen ist. (Äört! hört!) Es wurden nur wenige hundert Millionen Mark gezeichnet in Monaten, gegen die Milliarden bei uns in einigen Wochen. Man ist dabei dort herabgegangen bis zu verzinslichen Scheinen von fünf Schilling, also bis zu verzinslichen Fünfmarknoten, nur um die Absahbasis zu verbreitern. (Äört! hört!) Meine Herren, die Art und Weise, wie sich seither die Einzahlungen auf die Kriegsanleihe abgewickelt und wie sich die sonstigen geldlichen Verhältnisse in Deutschland gestaltet haben, berechtigt nns zu der Erwartung, daß auch der nächste Ruf an die deutsche Sparkraft den erwünschten und notwendigen Erfolg haben wird. Ich will Ihnen hierfür einige Zahlen geben. Ant ersten Pflichtzahlungstage, dem 18. Oktober, waren auf die dritte Kriegsanleihe bereits eingezahlt mehr als 8^/2 Milliarden Mark, mehr als 70 Prozent des gezeichneten Gesamtbetrages, gegenüber einer Pflicht- einzahlung von nur 3l) Prozent. Äeute belaufen sich die Einzahlungen auf mehr als 10,6 Milliarden. (Kört! hört!) Sie eilen den fälligen Einzahlungen um mehr als 4^ Milliarden Mark voraus. Das ist der beste Beweis, wie leicht die deutsche Volkswirtschaft diese gewaltige Äergabe von Kapital bewerkstelligt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, daß die Darlehenskassen nur in ganz bescheidenem Amfange für die Zwecke der dritten Kriegsanleihe in Anspruch genommen worden sind; trotz des größeren Betrags der Anleihe lim sehr viel weniger als für die erste und zweite Kriegsanleihe. Zur Zeit sind die Darlehenskassen für die dritte Kriegsanleihe beansprucht mit 580 Millionen Mark, das sind ungefähr 5,4 Prozent der eingezahlten Beträge, nicht mehr. Die Sparkassen — gleichfalls ein wichtiger Faktor für die Beurteilung unserer finanziellen Leistungsfähigkeit — zeigen ebenfalls ein sehr erfreuliches Bild. Die Gesamtzeichnungen der Sparkassen selbst und ihrer Einleger auf die drei Kriegsanleihen bettagen nicht weniger als 5 Milliarden 890 Millionen Mark. Davon kommen rund 2 Milliarden 875 Millionen auf die dritte Kriegs- 7 anleihe allein, und etwas mehr als Z Milliarden Mark auf die erste und zweite Kriegsanleihe zusammen. Im September dieses Jahres — also vor der Einzahlung auf die dritte Kriegsanleihe, aber nach Abführung der vollen drei Milliarden für die erste und zweite Kriegsanleihe — war der Einlagebestand, den unsere Sparkassen vor Kriegsausbruch gehabt hatten, nicht nur unberührt, sondern die Summe der Einlagen war sogar um rund l ^ Milliarde Mark höher als zu Beginn des Jahres 1914. (Äört! hört!) Ähnlich steht es mit den Einlagen, mit den Depositen bei unseren Banken. Der Depositenbestand bei unseren Banken erreichte im August und September Köchstziffern, wie sie in Friedenszeiten überhaupt niemals erreicht worden sind. And trotz der so stark beschleunigten Einzahlungen auf die dritte Kriegsanleihe sind auch jetzt wieder, soweit ich es übersehen kann, die Einlagen bei unseren Banken höher, als sie es vor Jahresfrist waren. Aber den Stand der Reichsbank brauche ich kein Wort zu verlieren. In dem wesentlichsten Punkte, der Golddeckung der Noten- und sonstigen täglich fälligen Verbindlichkeiten, steht sie nach wie vor günstiger als die Zentralbank irgendeines der anderen kriegführenden Länder. Meine Herren, ich weiß sehr wohl, daß unsere Feiude all dies nicht gelten lassen wollen. Ihre Presse verurteilt uns täglich mehrfach zum Bankrott, genau wie sie täglich aus den Erfolgen unserer Waffen uns die endgültige Niederlage prophezeit. Seit einiger Zeit scheinen unsere Gegner allerdings einzusehen, daß es ihnen nicht allzuviel nützt, wenn unser Bankrott nur innerhalb ihrer eigenen Grenzen und höchstens in dem oder jenem uns nicht gerade wohlgesinnten neutralen Blatt proklamiert wird. Sie lassen es sich in der letzten Zeit angelegen sein, uns selbst davon zu überzeugen, daß wir am Ende sind. Ich habe hier eine kleine Schrift, betitelt: „Das britische und das deutsche Finanzwesen", verfaßt von einem Mr. Dcivies. Diese Schrift ist in den letzten Wochen von Kolland aus ganz massenhaft in Deutschland verbreitet worden; ich selbst habe Dutzende von Exemplaren davon zugesandt bekommen. Sogar die gestrenge Zensur hat bei nur angefragt, ob es sich nicht empfehle, diese Broschüre und ihren Vertrieb zu verbieten. Meine Herren, aus dieser kleinen instruktiven Schrift habe ich unter anderem erfahren, daß wir unsere Bankdirektoren durch L „Drohung mit dein Kriegsrechr" gezwungen haben, uns ihre Depositen zum Zweck der Zeichnung auf die Kriegsanleihe auszuliefern. (Heiterkeit.) Der Verfasser setzt hinzu, er selbst habe die Nachricht anfangs nicht geglaubt, aber die Erkundigungen, die er dann habe einziehen können, hätten diese ganz unglaubliche Geschichte voll und ganz bewahrheitet. Ich habe natürlich verhindert, daß die Zensur dem Vertrieb dieser Schrift irgendwelche Schwierigkeiten in den Weg legt, (Heiterkeit und Zustimmnng) obwohl ich eigentlich Grund gehabt hätte, mich gegenüber den Herren Engländern zu revanchieren. Ich habe im Inni einem amerikanischen Journalisten auf seinen Wunsch einige Bemerkungen über die damals gerade bevorstehende englische Kriegsanleihe gemacht. Der Journalist hat meine Bemerkungen nach Newyork gekabelt; aber die englische Kabelzensnr hat das Telegramm unterschlagen. (Hört! hört!) Es hat erst späterhin in Amerika brieflich das Licht der Welt er- blickt, und in England überhaupt nie. Aber, meine Herren, nicht nur ein unbekannter Mister so und so, wie der Verfasser dieser Schrift, sondern die gesamte feindliche Presse bei unseren Gegnern und bei den Neutralen widmer sich mit einer Beharrlichkeit, die wirklich einer besseren Sache würdig wäre, dem Bestreben, uns finanziell totzusagen; und vor allein wird immer wieder darauf hingewiesen — ich habe das letzte Mal hier schon darauf aufmerksam gemacht —, daß unsere Anleihen nur ein großer Bluff seien, daß sie ausschließlich finanziert seien durch unsere Darlehenskassen. Das ist aus der Welt und aus der feindlichen Presse nicht herauszukriegen! Der Pariser „'temps" hat noch vor wenigen Tagen in einem Artikel, der zum Lobe der neuen französischen Anleihe geschrieben war, behauptet, daß nicht ein einziger Deutscher, der auf die deutschen Kriegsanleihen gezeichnet habe, vorhanden sei, der das Geld nicht der Darlehenskasse oder seineni Bankier schulde. (Große Heiterkeit.) Ähnliche Behauptuugen sind vor einigen Wochen ausgestellt worden von dem englischen Handelsminister Mr. Runciman. Dies alles angesichts der Tatsache, daß der Gesamtbestand der Darlehenskassen an Ausleihungen für Kriegsanleihe uud andere Zwecke nur etwa l6l)<) Millionen beträgt gegenüber 25^ Milliarden Kriegs- 9 anleihen, und daß die für die Kriegsanleihen gewährten Dar- lehen insgesamt noch nicht einmal fünf Prozent der Einzahlungen betragen. Meine Herren, wenn ich auf diesen Punkt hier wieder zurückkomme, so geschieht es nicht etwa, um unsere Gegner zu belehren; das ist aussichtslos, das weiß ich. (Sehr gut!) Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit I (Sehr richtig! und Heiterkeit.) Von solchen sachlichen Nichtigstellungen nimmt weder die feindliche Presse, noch nehmen davon die feindlichen Staatsmänner Notiz. Ich wiederhole diese Feststellungen hier nur, um Ihnen den Geisteszustand nahezubringen, in dem sich die mit uns im Kriege liegenden Völker befinden, (sehr gut!) dank eines ebenso raffinierten wie gewissenlosen Systems der Täuschung, von Negierungen und Presse im Verein in unverantwortlichster Weise gehandhabt. Ich frage mich jeden Tag, wenn ich die ausländischen Zeitungen lese, ob es denn möglich ist, daß Arteil und Verstand durch die in diesem Kriege aufgewühlten Leidenschaften so furchtbar getrübt werden, und ich nehme daraus Anlaß zu der Selbst-- Prüfung, ob wir denn unsererseits bei der Beurteilung der Verhältnisse unserer Gegner ebenso in die Irre gehen wie die Gegner bei der Beurteilung unserer Dinge. Aber ich glaube, der Deutsche ist zu objektiv und zu gewissenhaft. Er neigt mehr nach der anderen Seite; er neigt mehr dazu, die Schwierigkeiten bei sich selbst zu Kauft zu überschätzen, (allgemeine Zustimmung) die Schwierigkeiten bei den anderen zu gering zu veranschlagen. (Sehr richtig!) Daß wir damit, meine Herren, nur allzuoft Wasser auf die feindlichen Mühlen leiten, das steht für jeden, der die ausländische Presse verfolgt, außerhalb jeden Zweifels. Nun, meine Herren, möchte ich in dem Geiste strenger, leidenschaftsloser Prüfung hier vor Ihnen darlegen, wie die Kriegs - finanzverhältnisse in ihrer Gesamtheit, also auch bei unseren Feinden, sich gestaltet haben. Ich will auch diesmal zunächst einen Überblick geben über die gesamten Kriegskosten aller kriegführenden Staate». 10 Ich habe hier im August die gesamten Kriegskosten auf nahezu 300 Millionen Mark pro Tag geschätzt. Das reicht heute nicht mehr aus. Meine Ziffern kommen heute auf 320 bis 330 Millionen pro Tag; die monatlichen Kriegskosten kommen damit an die 10 Milliarden Mark heran, die jährlichen Kriegskosten auf nahezu 120 Milliarden Mark. (Äört! hört!) Meine Äerren, 120 Milliarden Mark, das ist die Äälfte des ganzen öffentlichen und privaten, beweglichen und unbeweglichen französischen Nationalvermögens, wie es vor dem Kriege stand. (Kört! hört!) Von diesen gewaltigen Kriegskosten entfällt auch heute noch etwas weniger als zwei Drittel auf unsere Gegner und etwas mehr als ein Drittel auf uns und unsere Verbündeten. In der Höhe der laufenden Kriegskosten hat England mit einem Tagesbedarf, der drüben kürzlich erst wieder von Mr. As quith mit 100 Millionen Mark angegeben worden ist, uns wohl endgültig überholt. Ich hoffe nicht, daß wir den Engländern bis zu dieser Äöhe nachkommen werden. Auch was den Gesamtbetrag der bisher aufgelaufenen Kriegskosten anlangt, dürfte England heute dicht vor uns an erster Stelle stehen, und sein Vorsprung wird sich wohl rasch vergrößern. Wenn Sie Aufwand und Erfolg vergleichen, so werden Sie finden, daß nicht nur auf dem Felde der Schlachten, sondern auch auf dem Gebiete des Geldes mächtigere Faktoren entscheiden als bloße Zahlen. Wir geben mit unseren Bundesgenossen nicht viel mehr als halb so viel aus wie der Verband unserer Feinde, und ich glaube, ohne unbescheiden zu sein, sagen zu können, daß wir mit dieser geringeren Summe doch wesentlich mehr erreicht haben. (Lebhafte Zustimmung.) Ich habe aber nicht den Eindruck, als ob das doppelte Gewicht der finanziellen Last unsere Gegner deshalb etwa weniger gedrückt habe. Wir brauchen uns nur ein Bild davon zu machen, wie die verschiedenen Kriegführenden bisher mit der Aufbringung dieser gewaltigen Mittel fertig geworden sind. Wir in Deutschland und unsere österreichisch-ungarischen Bundesgenossen haben den größten Teil unseres Kriegsgeldbedarfs durch langfristige Anleihen decken und konsolidieren können. Von den Gegnern ist dies bisher nur England gelungen, aber nicht ent- 1! fernt in demselben Maße wie elwa uns. Bcl ungefähr gleichem Ge- samtaufwande für den Krieg hat England bisher 18,5 Milliarden Mark etwa, wir dagegen haben 25,5 Milliarden Mark durch langfristige Anleihen gedeckt. Frankreich, das bisher nur einen geringfügigen Betrag seiner Kriegskosten durch zehnjährige Obligationen, alles übrige durch kurzfristige Kredite beim Publikum und bei der Bank von Frankreich aufgebracht hat, macht erst jetzt eine verzweifelte Anstrengung mit einer zu sehr niedrigem Kurs aufgelegten 5°/„igen Anleihe, auf die ich gleich noch kommen werde. Dieser Unterschied in der Art der Deckung der Kriegskosten ist derjenige, den ich in die erste Reihe rücken möchte. Der zweite Anterschied ist: Wir haben bisher unseren Geldbedarf für uns und für unsere Verbündeten so gut wie ausschließlich im Inlande gedeckt, haben aus dem unversieglichen Brunnen unserer heimischen Arbeitskraft geschöpft. Ansere Feinde waren genötigt, in großem Amfang auf die Geldquellen des Auslandes, insbesondere der Vereinigten Staaten, zurückzugreifen. Dritter Anterschied: Wir haben unsere Geldbeschaffung nach einem einheitlichen und einfachen großen Plan durchgeführt, dabei die Bedingungen für das Reich von Schritt zu Schritt verbessert und den Erfolg von Schritt zu Schritt vergrößert. (Bravo!) Von Anfang an haben wir den 5°/yigen Anleihetyp gewählt. Die Ausgabekurse sind, wie Ihnen bekannt, 97,5, 98,5 und 99 Prozent gewesen, und der Ertrag stieg von 4,5 auf9 und etwa 12,2 Milliarden Mark. Bei unseren Gegnern dagegen sehen wir ein Suchen und Tasten, sehen Verlegenheitsmaßnahmen und, was das Wichtigste ist, eine fortgesetzte Verschlechterung der Bedingungen der Geldbeschaffung. Ich will nicht zu tief in die Einzelheiten eingehen und deshalb nur von England und Frankreich, den finanziell wichtigsten unserer Gegner, sprechen. Frankreich hat bisher während des Krieges mehr als ^Milliarden Franken aufgenommen. Sie werden die Musterkarte sehen, nach der das geschehen ist. Mehr als 7,5 Milliarden Franken hat es bei der Bank von Frankreich geliehen, 75 Millionen Franken bei der Bank von Algier, 8 Milliarden 359 Millionen in kurzfristigen Lons cke la «äetsrise riationÄle mit verschiedener Laufzeit, 3669 Millionen in Form von zehnjährigen OdliZerdions 6e 1a äeiense n-rt.io- nale, über eine Milliarde im Wege verschiedener kurzfristiger Kredit» !.? geschäfte m England, ein paar hundert Millionen durch kurzfristige Operationen in den Vereinigten Staaten und schließlich 1,25 Milliarden durch die mit England in den Vereinigten Staaten abgeschlossene Anleihe. Meine Herren, als Deutschland bald nach Kriegsausbruch im Monat September mit seiner 5°/gigen Kriegsanleihe zum Kurse von 97,3 herauskam, sprachen die französischen Zeitungen von dem bevorstehenden deutschen Staatsbankrott. Die Franzosen sind sehr bald bescheidener geworden. Sie haben zu Beginn des Jahres 1915 ihre '5°/gigen Lons 6e la ckekense nationale nicht zu 96,5, sondern zu 95 herausgebracht, und es war ein Mißerfolg. Sie haben sich jetzt entschlossen, für ihre neue 5°/„ige Anleihe sich einen Erfolg unter allen Ausständen dadurch zu sichern, daß sie einen Ausgabekurs festsetzten, der nominell 88 ist, sich aber, wenn Sie die verschiedenen Zinsvergütungen usw. abziehen, auf etwa 86,80 Prozent stellt. (Hört! hört!) Also, meine Herren, eine deutsche 5°/„ige Anleihe zu 97^, das war der deutsche Staatsbankrott, aber eine französische 5°/gige Anleihe zu 86,80 Prozent ist 7-, (Zurufe rechts: Siegesanleihe!) jawohl, das „ZZlnprunt cle 1a Victoire", die „Siegesanleihe". Herr Ribot, der französische Finanzminister, hat diesem 5°/oigen Papier, zu dem sich das Land der 3°/„igen Rente entschließen mußte, sehr zärtliche Worte mit auf den Weg gegeben. Er hat in der Kammer bei der Einführung des Anleihegesetzes unter anderem gesagt: Die 5°/oige Anleihe ist das alte französische Papier, das man in jedem Haus, ja in jeder Hütte fand, das unsere Väter gekannt und geliebt haben, weil es ein Stück von Frankreich war, (Heiterkeit) ein Andenken an die Tage, die auf die langen Kriege folgten, die Frankreich überdauerte. Auch über den niedrigen Ausgabekurs weiß sich der kluge Akademiker hinwegzutrösten. Er ist bei Till Eulenspiegel in die Schule gegangen (Heiterkeit) und sagt: 13 Der niedrige Kurs schädigt den Kredit Frankreichs in keiner Weise, im Gegenteil; denn gerade ein niedriger Kurs hat die Möglichkeit zu steigen, (große Heiterkeit) und wenn auf diese Weise der Zeichner einen Vorteil hat, so profitiert auch der Staat davon. Meine Herren, diese Siegesanleihe ist, abgesehen von dem niedrigen Ausgabekurs, auch sonst noch mit einer Reihe von allen möglichen Reizmitteln ausgestattet. Die 3°/oige französische Rente, die jetzt auf 64^4 steht, zeitweise bis 63 heruntergegangen ist, kann bis zu einem Drittel der Zeichnungen auf die neue Anleihe zu 66 in Zahlung gegeben werden. Die sämtlichen bisher ausgegebenen Lons und OdliZarions cke la cketense nationale werden auf die neue Anleihe in Zahlung genommen. Besonders interessant ist aber, daß die Sparkassen, die auf Grund des noch bestehenden Moratoriums alle 14 Tage nur 50 Franken auszuzahlen brauchen, einerlei, wie hoch das Guthaben ist, nunmehr durch das Anleihegesetz angewiesen sind, die Einlagen für die Zwecke der Anleihezeichnung freizugeben, aber nur dann, wenn der Einleger außerdem noch, wie es in dem Motivenbericht heißt, ein „ektort personnel", eine persönliche Anstrengung, macht und den gleichen Betrag, den er von der Sparkasse abhebt, noch einmal aus anderen Mitteln zeichnet. In der Agitation für die Anleihe hat Frankreich die englische Propaganda, die ich für unübertrefflich gehalten habe, noch Uber- troffen. Sogar die sämtlichen Kinos sind in den Dienst der guten Sache-gestellt worden, (Heiterkeit) und die reich remunerierte Begeisterung der Pariser Presse (Heiterkeit) für die Siegesanleihe kennt keine Grenzen. Meine Herren, morgen soll die Zeichnung geschlossen werden. Wir warten das Ergebnis in Ruhe ab und werden zwischen Geld und Papier wohl zu unterscheiden wissen. (Sehr richtig!) Aber, meine Herren, noch viel wichtiger als die Beurteilung der französischen Verhältnisse ist für uns der Stand der Dinge auf finanziellem Gebiet in England; denn England ist finanziell wie politisch der Eckpfeiler der gegnerischen Kombination. 14 Zunächst möchte ich feststelle», m welchem Maße man sich in England von Anfang an in den Kriegskosten verrechnet hat. Ich erinnere an das leicht hingeworfene Wort von Sir Edward Grey vom 4. August v. I., der Krieg werde England kaum größere Opfer auferlegen, wenn es sich an ihm beteilige, als wenn es beiseite stehe. Die englischen Staatsmänner haben sich inzwischen eines besseren belehren lassen müssen. Aber noch im Mai hat der damalige englische Schatzkanzler die Kosten des Kriegs bis zum Ende des laufenden Etatsjahres, d.h. bis zum 31. März 1916, auf etwa 1133 Millionen Pfund geschäht. Vier Monate später dagegen hat sein Nachfolger die Schätzung auf 1590 Millionen Pfund erhöhen müssen, und der vor kurzem von der englischen Regierung verlangte neue Kredit, der bis Mitte Februar reichen soll, also immer noch nicht bis zum 31. März, bringt die Gesamtsumme der bisher angeforderten Mittel auf mehr als 1660 Millionen Pfund. (Äört! hört!) Die Aufbringung dieser Mittel ist für England fortgesetzt schwerer geworden. Zu Anfang des Krieges spielte Lloyd George noch mit dem Gedanken, es könnte entsprechend der guten alten britischen Tradition ein sehr erheblicher Teil der Kriegskosten durch Steuern aufgebracht werden. Er selbst hat an die Napoleonischen Kriege erinnert, in denen mehr als 49 Prozent der Kriegsausgaben durch Steuern gedeckt worden seien. Aber die damals im November vorigen Jahres beschlossenen Steuern machten von vornherein nur wenige Prozente des Kriegsbedarss ans. Eine zweite Steuervorlage im Frühjahr 1915 kam überhaupt nicht über die Schwelle des Parlaments. Eine dritte Steuervorlagc, die angeblich 199 Millionen Pfund bringen soll, deren Ertrag für das lausende Jahr aber nur auf 39 Millionen veranschlagt wurde, wird seit vielen Wochen im englischen Unterhaus beraten. Die Verhandlungen sind nicht sehr rasch vom Fleck gekommen, und wenn diese Finanzbill jetzt in der Hauptsache Gesetz wird, so wird sie, wie heute schon festzustehen scheint, kaum irgend etwas zu den eigentlichen Kriegskosten beitragen, sondern gerade genügen, vielleicht nicht einmal ganz genügen, um das durch den Krieg verursachte Mehr an Schuldzinsen zu decken. Die Absicht, durch Steuern einen ansehnlichen Teil der Kriegskosten zu decken, ist in England gescheitert. England kämpft heute lediglich um die Erhaltung des Gleichgewichts in seinem ordentlichen Budget. Auch das ist ein sehr schwerer Kampf, IS ein Kampf, von dem ich sagen muß, daß er uns in Deutschland noch bevorsteht und kommen wird. In seiner Anleihepolitik sieht sich England aus Wege ge> drängt, die in den englischen Finanzkreisen die größte Besorgnis seit Monaten erregen. Vor einem Jahr noch glaubte man mit einem 3^°/oigen Zinsfuß für die Kriegsanleihen auskommen zu können. Die Anleihe war kein Erfolg. Das Gesicht wurde nur dadurch gewahrt, daß die großen englischen Banken veranlaßt wurden, etwa 100 Millionen Pfund zu zeichnen, also nahezu ein Drittel der Anleihe auf sich zu übernehmen. Die Folge dieses Fehlschlags war, daß der Markt für eine ähnliche Anleihe nicht mehr aufnahmefähig wurde. Die Regierung behalf sich, solange es ging, mit der Ausgabe von kurzfristigen Schatzscheinen und Tresorbons. Als dann im Juni die Begebung von weiteren Schatzscheinen wegen der Übersättigung des Marktes und der Banken auf Schwierigkeiten stieß, wurde ein neuer Anleiheversuch nötig. Damals griff England zu dem heroischen Mittel der mit der Kinaufkonventierung der 2^2°/yigen Konsols verbundenen 4^/2°/„igen Anleihe, deren Effektivzinssatz in Wirklichkeit höher war als 5 Prozent. Der britische Schatzkanzler erklärte im Parlament im Juni dieses Jahres, daß er hoffe, der Ertrag der Anleihe werde genügen, um den Geldbedarf Englands für den Krieg bis zum 31. März 1916 sicherzustellen. Die Anleihe erbrachte nicht ganz 600 Millionen Pfund. Aus ihr mußten zunächst die aufgelaufenen kurzfristigen Verbindlichkeiten gedeckt werden. Der Überschuß war im September oder spätestens im Oktober vollständig aufgezehrt, statt bis zum 1. April nächsten Jahres zu reichen. Also aufgezehrt in drei bis vier Monaten statt in neun Monaten! Aber nicht nur in ihrem Ertrag war die Anleihe ein Fehlschlag, sondern auch in ihrer Einwirkung auf die Verhältnisse des englischen Kapitalmarktes. Die Anleihe, die angeblich zu pari, in Wirklichkeit aber zu 98'/« Prozent ausgegeben wurde, ging alsbald nach dem ersten Notierungstage unter den Ausgabekurs herunter und steht heute wenig über 97 Prozent. Gleich nach der Emission gestand die Presse zu, daß eine weitere Anleihe nur zu 5 Prozent in England überhaupt möglich sein werde. England hat bisher einen weiteren Anleiheversuch auf seinem eigenen Markt nicht unternommen. Es hat sich wieder mit der Begebung von Schatzscheinen geholfen, und ich nehme an, daß heute die Schatz. 16 scheute einschließlich der Rx^liec^uei-dolicls einen Betrag von etwa 350 Millionen Pfund erreichen werden. In welcher Weise diese kurzfristigen Kredite im neuen Jahr konsolidiert und in welcher Weise darüber hinaus neues Geld beschafft werden soll, darüber ergibt sich aus der englischen Fachpresse und aus den Äußerungen der englischen Staatsmänner keine Klarheit. Bezeichnend aber ist das Eingeständnis einer großen englischen Zeitung gerade in diesen Tagen. Es heißt dort: es sei durchaus möglich, daß die Regierung ihre fälligen Zahlungen etwas langsamer bewirke, um mit der neuen großen Anleihe warten zu können, bis sich neues Anlagekapital angesammelt haben werde. Meine Herren, zu der Verschlechterung der Verhältnisse aus dem englischen Kapitalmarkt kamen hinzu die gerade für England ganz besonders enwfindlichen Erschwernisse auf dem Gebiete der Valuta. Die Entwertung des Pfund Sterling gegenüber dem Dollar betrug im Monat September nahezu 8 Prozent. England stand vor der Gefahr nicht nur einer schweren Erschütterung seines Prestiges auf dem internationalen Geldmarkt, sondern auch vor einer ernsten Gefährdung seines Kriegsmaterial- und Lebensmittelbezuges aus den Vereinigten Staaten. Anter dem Druck dieser Sachlage wurde die englisch-ftanzösische Kommission im September nach Newyork geschickt mit dem Austrag, dort eine Anleihe von mindestens einer Milliarde Dollar abzuschließen. England und Frankreich, die Geldgeber der Welt, erschienen kreditsuchend vor ihren bisherigen Kreditnehmern. Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig. Das Ergebnis entsprach nicht den Erwartungen. Statt einer Milliarde Dollar erhielten die beiden Großmächte zusammen nur eine halbe Milliarde, und zwar gegen ö°/oige Schatzscheine mit fünfjähriger Laufzeit, die zu 96 Prozent an das amerikanische Konsortium begeben wurden. Das ist eine effektive Verzinsung von mehr als 6 Prozent für eine kurzfristige Anleihe, die die solidarische Garantie von England und Frankreich trägt. (Äört! hörtl links.) Die Schatzscheine sind bekanntlich in den Vereinigten Staaten zur öffentlichen Zeichnung ausgelegt worden. Auch hier ist der Mißerfolg den Verbündeten treu geblieben. (Heiterkeit.) Die verschiedenen Mitteilungen gehen nur darin auseinander, ob 17 das Bankenkonsortium auf 150, 250 oder, wie andere behaupten, gar auf 350 Millionen Dollar sitzen geblieben ist. (Äört! hörtl) Natürlich stehen die Schatzscheine unter ihrem Ausgabekurs, sie sollen jetzt auf 94 gesunken sein. Sowohl Frankreich wie England waren von dem Ergebnis dieser amerikanischen Aktion so wenig befriedigt, daß sie alsbald die Aufnahme weiterer Kredite versuchten. Aber selbst das Bankhaus Morgan zeigte jetzt zugeknöpfte Taschen. Nur um den Preis der Bestellung von Sicherheit in anderen Werten, teilweise in englischen Kriegsanleihen, vor allem aber in amerikanischen Eisenbahnobliga- tionen und ähnlichen amerikanischen Werten, ist es den Engländern und Franzosen gelungen, in Amerika weitere sogenannte „kommerzielle Kredite" zu erhalten. Der Staatskredit allein hat also nicht mehr genügt, es wurde eine zusätzliche Sicherheit in Form von Papieren, vorwiegend amerikanischen Papieren, verlangt. Meine Herren, ich stelle hier gerne fest, daß der mangelhafte Er- folg der Alliierten in den Vereinigten Staaten zum großen Teil dem Widerstand zu verdanken ist, den die amerikanischen Staatsbürger deutscher Abstammung dem englisch-französischen Anleihe - Projekt entgegengestellt haben. (Allseitiger lebhafter Beifall.) Es hat ja vereinzelte Ausnahmen gegeben, aber in ihrer großen Mehrza hl haben unsere Blutsverwandten jenseits des großen Wassers geglaubt, ebenso gute Bürger eines neutrale« Staates zu sein, wenn sie auf die Anleihe nicht zeichneten, wenn sie der Ententeanleihe einen Widerstand entgegensehten, wie diejenigen, die Amerika mit der Ententeanleihe zu beglücken versuchten. (Erneuter Beifall.) Ersteulicherweisc haben sie mit diesem Bestreben auch in breiten Schichten der amerikanischen Bevölkerung angelsächsischer Abstammung Widerhall und Nachfolge gefunden. (Bravo!) Meine Äerren, wenn Sie mit einem einzigen Zahlenbild die Entwicklung der Finanzverhältnisse in England, Frankreich und Deutschland während des Krieges überblicken wollen, dann brauchen Sie nur den gegenwärtigen Kursstand der drei wichtigsten Staatspapiere der drei Reiche zu betrachten. Im Durch- 18 schnitt des Jahres 1913 notierte die französische 3°/„ige Rente 87 Prozent. Heute steht sie auf 64^4 Prozent. (Äört! hört!) Der Rückgang beträgt also 22^ Prozent. Die 2^°/oigen englischen Konsols sind von 73,60 auf 58 gesunken, also um mehr' als 15^ Prozent. Die 3°/«ige deutsche Reichsanleihe ist von 77,7 auf 7l), also um 7,7 Prozent zurückgegangen. Der Kursrückgang der englischen Konsols infolge des Krieges ist doppelt so groß und der Kursrückgang der französischen Rente ist dreimal so groß als der Rückgang unserer Reichsanleihe. (Äört! hört!) Meine Herren, die Gründe, aus denen sich unsere Finanzen um so viel leistungsfähiger und widerstandsfähiger erwiesen haben als die unserer Gegner, brauche ich Ihnen hier nicht auseinanderzusetzen. Die Gründe liegen teils in unserem staatsbürgerlichen Pflichtgefühl, teils in der Tatsache, daß wir in diesem schweren Kriege stark und fest auf unseren eigenen Füßen stehen, daß unsere eigene Arbeit in Landwirtschaft und Industrie aus heimischem Boden uns alles schafft, was nur zum Leben und zur Kriegführung brauchen. (Bravo I) Wir zahlen so gut wie ausschließlich an uns selbst, während die Gegner gezwungen sind, Milliarden um Milliarden an das Ausland zu entrichten. In diesem Anterschiede liegt eine Gewähr, daß wir weiterhin den Vorsprnng behaupten werden, den wir auf dem Felde der Kriegsfinanzen unseren Feinden abgerungen haben. Aber, meine Herren, das ist nicht alles. Geld ist ein anderes Ding für England als für Deutschland. (Sehr richtig I) Für England sind Macht und Geld unzertrennbare Begriffe. Das britische Weltreich ist zum guten Teil auf der britischen Geld- macht ausgebaut und wird von dieser zusammengehalten. (Sehr richtig I)" Seine Allianzen hat England zumeist mit Geld gemacht, seine Kriege zumeist mit Geld geführt. Wenn Sie einen klassischen Zeugen wollen: der Mann, der an die Spitze des Foreign Office berufen wurde, als Grey augenleidend wurde, Lord Crewe, hat am 10. November dieses Jahres im britischen Oberhause gesagt — ich führe das in wörtlicher Übersetzung an —: 19 Seil 200 Jahren und länger, so oft wir in auswärtige Kriege verwickelt waren, war es unsere Gewohnheit, die Verbündeten, mit denen wir gerade zusammengingen, in weitestem Maße mit Geldvorschüssen zu unterstützen. Es ist interessant, daran zu erinnern, daß kein Land in der Vergangenheit von dieser Fürsorge — ,,Provision" ist der englische Ausdruck — mehr profitiert hat als Preußen selbst. (Heiterkeit.) Meine Herren, das ist englische Welt-- und Geschichtsauffassung. In den Augen der Engländer ist Friedrich der Große etwas ganz anderes als für uns. In den Augen der Engländer ist Friedrich der Große nicht der Mann, der das neue Preußen begründet und damit den Kern für das neue Deutsche Reich geschaffen hat, sondern lediglich der Mann, der die Franzosen festgehalten hat, bis ihnen die Engländer Indien und Kanada abgenommen hatten. (Heiterkeit.) Unser Daseinskampf gegen den ersten Napoleon war für England nur die Gelegenheit, seine Herrschaft über das Weltmeer zu befestigen und seinen überseeischen Besitz auf Kosten Frankreichs und Hollands zu erweitern und zu stärken. (Sehr richtig!) Auch in dem jetzigen Kriege hoffte England nach dieser bewährten Methode arbeiten zu können. Von Anfang an hat es sich seine Hauptrolle gedacht als Geldgeber oder, wie ein anderer Engländer gesagt hat, als „rnÄNnksctnrinZ Partner", als industrieller Teilhaber, eine Rolle, die es nun allerdings zum Teil an die Vereinigten Staaten hat abgeben müssen. (Sehr richtig!) Um den Ring, der uns einkreisen und erdrosseln sollte, zusammen- zuschmieden und zusammenzuhalten, hat England seinen Verbündeten und solchen, die es nach seiner Absicht werden sollten, viel größere Mittel zur Verfügung stellen müssen, als jemals die englischen Staatsmänner erwartet hatten. Aber der ursprüngliche englische Kriegsplan hat sich nicht durchführen lassen. Unsere braven Truppen haben England gezwungen, in das wankende Spiel nicht nur Britengeld, sondern auch Britenblut einzusetzen. (Sehr gut!) Der Zwang, eine starke Armee aufzustellen, hat wiederum die Wirkung gehabt, die eigenen Kriegskosten Englands nahezu ins An- 20 gemessene zu erhöhen und die englischen Finanzen und die englische Wirtschaft in eine Lage zu bringen, die von den britischen Staatsmännern selbst als äußerst ernst bezeichnet wird. Das leichte Wort von der letzten Milliarde, mit der England den Krieg entscheiden werde, ist zu Anfang des Krieges gefallen. Jetzt spricht Mr. A s - quith vor englischen Arbeitern von dem letzten Penny, bis zu dem sie kämpfen müßten; (Beifall und Heiterkeit) und Bonar Law hat neulich im Oberhause sogar vom Staatsbankrott gesprochen, den man im äußersten Fall riskieren müsse, um den Krieg zu gewinnen. (Äört! hört!) Meine Herren, wir wollen uns in aller Ruhe und in aller Nüchternheit Rechenschaft davon geben, daß mit der englischen Finanz- und Wirtschastsmacht die Grundlage des englischen Weltreichs ins Wanken gerät. (Sehr richtig!) Ich möchte das britische Weltreich mit einem großen Sonnensystem vergleichen, in dem der Zentralstern durch die Wucht seiner Masse die Planeten in seine Kreise bannt. So war Englands gewaltige wirtschaftliche und finanzielle Überlegenheit bisher ein wesentliches Stück der Schwerkraft, die das große britische Weltreich zusammen-- hält. Verliert die Sonne einen wesentlichen Teil ihrer Substanz, dann zerstiebt das ganze Planetensystem im Weltenraum. (Sehr gut!) Deutschland, meine Äerren, steht zum Gelde anders. Wir können es vertragen, ärmer zu werden, und wir bleiben doch, was wir sind. (Sehr richtig!) Eiu verarmtes England aber heißt: tiriis Lriranni^e! (Sehr richtig!) Wir Deutsche haben den Dreißigjährigen Krieg, wir haben die Napoleonischen Kriege überstanden, wir sind ausgesogen und ausgeplündert worden, aber wir haben uns immer wieder in unverwüstlicher Lebenskraft und in zähem Schaffen emporgearbeitet. Man hat uns zerschlagen und zerstückelt, aber wir sind wieder zusammengewachsen. Wenn aber das britische Weltreich erst in die Brüche gegangen ist, dann wird es auch in Jahrtausenden nicht wieder auferstehen. (Sehr richtig!) 2l And dieses England, das mit solchem Risiko, mit solcher Gefahr behaftet ist, spricht das frevelhafte Wort vom Erschöpfungskrieg! Dieses England will von den Waffen, mit denen es uns nicht zu überwältigen vermag, mit denen es bis in die jüngste Zeit sich schwere Mißerfolge holte, an den Kunger und Bankrott appellieren! Der Appell wird versagen! (Bravo!) Wir wissen, daß wir das Nötige zum Leben und zum Kämpfen haben und haben werden; wir wissen, daß trotz aller Absperrung das Brot, die Kartoffeln und andere wichtige Dinge bei uns billiger sind als in England und in Frankreich, denen das Meer offensteht. (Sehr richtig!) And der Feind soll wissen, daß wir auf jeden Aberfluß verzichten, daß wir, wenn es sein muß, lieber jede Not ertragen als des Feindes Gebot. (Lebhafter wiederholter Beifall.) Er soll aber auch wissen, daß uns außerdem nach wie vor unser scharfes Schwert zur Verfügung steht, ungebrochener Kampfesmut und ungebrochene Siegeszuversicht. (Lebhafter Beifall.) Die deutsche Eisenfaust, die jetzt mit wuchtigem Schlage das Eiserne Tor gesprengt und über den serbischen Vasallen und Torwächter hinweg eine breite Bahn nach dem Osten geöffnet hat, — diese eiserne Faust holt zu neuen Schlägen aus, wenn unsere Feinde es durchaus so haben wollen. (Erneuter lebhafter Beifall.) Die Verantwortung allerdings für das Blut, das dann weiterhin fließt, für alle die Not, die weiter über die Welt kommt, für die schweren Gefahren, die unserer ganzen europäischen Kultur drohen, diese Verantwortung fällt nicht auf Deutschland; (lebhafte Zustimmung) sie sällt auf jene, die sich nicht entschließen können, aus unseren Erfolgen, die uns die ganze Welt nicht mehr streitig machen kann, die Folgerung zu ziehen: uns das Recht auf die Sicherung unserer Zukunft zuzugestehen. (Zustimmung und Beifall.) Sie fällt auf jene, die in törichtem und verbrecherischem Wahn heute noch von unserer Zerschmetterung und Zerstückelung reden und von dem Ersch öpfungs krieg, der sie ans Ziel bringen soll. 22 Erschöpfungskrieg, meine Äerren? — Wir stehen fest wie gewachsener Fels in der heimischen Erde; an den goldenen Pfeilern des britischen Weltreiches aber leuchtet in Flammenschrift, wie an Belsazars Palast, das „mene telcel upliarsin!" (Stürmisches Bravo und Händeklatschen im Äause und auf den Tribünen.) 23