BARBARO / DAS BUCH VON DER EHE FRANCESCO BARBARO DAS BUCH VON DER EHE DE RE UXORIA DEUTSCH VON PERCY GOTHEIN VERLAG DIE RUNDE / BERLIN MCMXXXIII H. F. DER MUTTER MEINER FREUNDE VORREDE 9 VORREDE WE NN EIN VOLK DEM DROHENDEN VERDERB DES UNTER- gangs zu entgehen sich anschickt und in gewaltiger Kraftanstrengung sich sammelt zur umfassenden Erneuerung aller Lebensgebiete, dann muß es zunächst die elementarsten Grundlagen seiner staatlichen Wirklichkeit mit klarer durch keine Problematik zu verwirrenden, aufs Eindeutige gerichteten Schau erfassen und auf dem mächtigen Fels der ewigen Lebensgesetze neu sichern. Was Führung und Gefolgschaft, soldatische Kameradschaft und Treue zur Fahne im männlichen Bereich des Staates und seiner geschichtlich-zeitlichen Aufgabe sind, das ist die geheiligte Ordnung der Ehe, der Mütterlichkeit, der Nachkommenschaft und der rassischen Aufzucht für die Dauer jeder Herrschaftsform, insofern sie der Zukunft bedarf und gegründet sein muß auf die Ungebrochenheit des seiner selbst gewissen, behüteten geheimen Lebens. In Zeiten des Luxus und der bürgerlichen Behäbigkeit, in denen das strenge Maß eines vorbildlichen Menschtums in Vergessenheit gerät, zeigt sich der Verfall gerade in der Ehe als der dem Naturhaften verwandtesten menschlichen Ordnung am deutlichsten. Da der Geist seine satzunggebende Vollmacht eingebüßt hat und im Leeren schweift, verliert die Frau die sinngebende Bindung in dem ihr zugehörigen Umkreis, sie verliert die Ehrfurcht vor dem Vater der Familie, und war sie vorher der kostbare zur Weiterzeugung erwählte Leib, dessen Wahl die Verantwortung vor dem Blut der Sippe forderte, oder die Matrone, die schweigsam, gütig und weise die Sitte des Hauses wahrte und der höchsten Ehrfurcht der Söhne gewiß war — nun wurde sie die beutelustige, ewig spielerische Eroberin der jungen Männer, die Virtuosin des Fürts oder die geistige Nebenbuhlerin, einzig von dem Willen beseelt, Besitzerin des Mannes zu werden, dem sie keinen nur ihm bestimmten Bezirk mehr gönnen wollte, durch ihr verehrungsdurstiges Verlangen, überall dabei zu sein, in Geselligkeit und öffentlichem Leben von gefährlich femini- sierendem Einfluß. So wurde schon 1912 von berufener Seite gewarnt: «Die moderne Frau hat sich herausgestellt als die treueste Vorkämpferin IO VORREDE aller fortschrittlich ungeschichtlichen, platt humanitären, flach rationalistischen und flach religiösen Ideen, ja sogar einige der schlimmsten wie die Theosophie und die Friedensbewegung sind gerade von Weibern ausgegangen». Wenn wir die Eheschrift des jungen venezianischen Adligen Francesco Barbaro vorlegen, so nicht zuletzt, weil hier zum erstenmal am Ausgang des Mittelalters ohne metaphysische oder asketische Seitenblicke und dabei ganz aus der lebendigen Sitte eines starken Gemeinwesens, wie es Venedig war, ja sogar mit einer unvermittelnden unzweideutigen Schroffheit der Haltung die staatlichen Grundlagen und menschlichen Voraussetzungen der Ehe aufgezeigt werden. Der natürliche Trieb des Menschen ist nach Barbaros Auffassung ein wunderbares Gesetz der Natur und keine Erbsünde, aber er muß in der Ehe mit den Notwendigkeiten des Staates in Einklang gebracht werden, als da sind Vollbürtigkeit (Legitimität), Rasseveredlung (Eugenik) usw., damit durch die ungeschwächte Erhaltung des Blutes die Stoßkraft des staatlichen Lebens nicht erlahme. Barbaro knüpft an die großen literarischen Vorgänger über diesen Gegenstand, Plato, Aristoteles, Plutarch und Augustin an und beweist durch die wundervolle Fähigkeit, seine jugendlichen Erkenntnisse mit den schönsten Zitaten seiner geistigen Väter zu belegen, wie wichtig es ist, jede Gegenwart in fruchtbarer Einung mit der besten Tradition der europäischen Vergangenheit zu erhalten, weil nur dadurch eine Sicherung vor abwegigen Radikalismen und kurzsichtiger Neuerungssucht gewährleistet ist. Er geht, wenn er etwa über die Braut spricht, als dem wichtigsten von der Sitte aus und behandelt dann in Abstufung Alter, Herkunft, Gestalt und Mitgift, bei allem aber zielt er als echter Humanist auf die Erneuerung jener urbestimmten Bräuche, deren Befolgung allein den Menschen in seiner göttlichen Abkunft erhält, wie es nicht anders in unsern Tagen der Dichter ausgesprochen hat: Mit den jrauen fremder Ordnung Sollt ihr nicht den leib beflecken Harret! lassetpfau bei äffe! Dort am see wirkt die Wellede Weckt den mädchen tote künde: Weibes eigenstes geheimnis. Nach den urbestimmten brauchen Eint sie euch den reifen schoossen Euren samen wert %u tragen. DAS BUCH VON DER EHE WIDMUNG 13 WIDMUNG AN LORENZO DE'MEDICI UNSERE ALTVORDERN, LIEBSTER LORENZO 1 , HATTEN den Brauch, die durch Zuneigung oder Freundschaft ihnen Verbundenen zur Hochzeit zu beschenken, damit bei denen das Wahrzeichen ihrer Liebe und Dienstwilligkeit zugleich auch ein Schmuck wäre 2 . Diese Gepflogenheit ist nun, wie so manche andere auch, aus der ihr von den Alten gewiesenen Bahn gewichen; denn viele sind weit anders gesonnen: sie belasten sich häufig mit Schulden, um mit den reichsten Gaben die begütertsten Leute zu beschenken. Indem sie sozusagen Geschenke aussäen, scheinen sie mir die babylonischen Bauern nachzuahmen, denen durch die Ergiebigkeit der Äcker, wie Herodot der Vater der Geschichte schreibt 3 , die allgerechte Erde 4 für das einzelne Korn immer das Zwei-, oft das Dreihundertfache wiedergibt. Solche möchte ich alles eher denn freigebige Spender nennen; denn darbend senden sie den Wohlhabendsten die Gaben, die sie selbst von allen am meisten entbehren, jene aber im Überfluß besitzen. Darum urteilt man von diesen, daß sie in der Hoffnung auf Erwerb und um Gewinnes willen mit ihren Wohltaten wuchern: die verdienen, meine ich, um den erwarteten Lohn geprellt zu werden, weil sie durch solche Schein-Freigebigkeit Dank fordern und oft nach großem und vielfachem Nutzen trachten. Ich bin ganz anders gesinnt als diese, zumal ich es mit dir zu tun habe. Denn bei soviel Reichtümern, bei soviel Schätzen, bei so allseitig glücklichen Verhältnissen finde ich nicht, wo Platz für meine Geschenke sein könnte. Denn von dem zu schweigen, was für das Leben notwendig ist: dein ist kostbares Gewand die Fülle, ansehnlicher und prachtvoller Hausrat vielerorten. Rief ich mir überdies viele unserer vertrauten Stunden ins Gedächtnis 5 , so schien es mir ein willkommeneres und anziehenderes Geschenk für dich, wenn du eher von deinem Francesco als von seiner Fortuna beschenkt würdest. Deshalb beschloß ich mit Widmung an dich 14 WIDMUNG kurze Aufzeichnungen über die Ehe niederzuschreiben, die ich dieser Hochzeitsstunde angepaßt nicht für unnütz erachte. Sie weichen nämlich von den landläufigen Lehren ab, die bei meiner bescheidenen Begabung •weder schön genug gesagt noch deutlich genug entwickelt werden könnten. Vielmehr bin ich dem zum großen Teil gefolgt, was Zacharias Trevisano 6 , der berühmteste Bürger von hier, ein Mann, nach Begabung, Klugheit, Rechdichkeit, nach Wissen um die wesentlichsten Dinge und durch Taten hervorragend in unserer Zeit und mir durch das Vorrecht der Freundschaft eng verbunden, mit Ernst dargelegt hat, als wir einmal auf ein derartiges Gespräch verfielen. Darin ist fast die ganze auserlesene Eheweisheit der Alten enthalten. Doch will ich an diese Aufzeichnungen herantreten, nicht um dich selbst, sondern um durch dich einige Zeitgenossen zu belehren; und wenn ich sie ermahne, wie zu handeln sei, magst du, was du von dir aus tatest, tust und tun wirst, an dir wiedererkennen 7 . Was sollte ich nämlich dich lehren, da dir, den die Natur zu Lob, Zier und Würde gebildet hat, Vorbilder im Hause und Hilfen der Wissenschaft zuteil wurden, denen im Bunde mit solcher Artung jeglicher Ruhmeslauf offensteht? Du ahmst ja deinem Vater Giovanni 8 nach, dem hochangesehenen Manne, und deinem vortrefflichen Bruder Cosimo 9 , mit deren Ansehen, Klugheit und Rat du völlig gewappnet bist. Du hast auch andre vorzügliche und hochweise Männer zu häufigem Umgang; sah ich doch während meiner Anwesenheit, mit wieviel Sorgfalt und Eifer du vor allen den hochgelehrten Roberto de'Rossi 10 ehrtest und hochhieltest und wie du ganz mit Recht fast nie von seiner Seite wichest. Hinzu kommt noch der Verkehr mit dem höchstberedten Leonardo Aretino 11 und nicht minder unserm weitbelesenen Niccolö, bei denen du sicher neben zahlreichem andern auch sehr vieles dieser Art beständig hörst und aufnimmst. Obgleich dem so ist, erachte ich es doch unserer Liebe nicht fremd, wenn du, was mir richtig scheint, auch von mir selbst vernähmest. Dieses selbe nämlich, glaubte ich, würde dir erfreulicher sein, wenn einiges nach meinem Sinne geschrieben zu dir gelangte. Als Xenokrates fünfzig ihm als Geschenk zugesandte Goldtalente zurückwies, als seien ihm königliche Gaben nicht vonnöten, sagte der große Alexander: Wenn dem Xenokrates Alexanders Freigebigkeit zu nichts dient, so ist es doch dem Alexander vonnöten, WIDMUNG 15 gegen Xenokrates freigebig zu sein und zu erscheinen 12 . Darum, wenn du auch derart unterrichtet bist, daß du vielleicht meines Rates nicht sehr zu bedürfen glaubst, schien mir doch dieser Gegenstand wert der Kenntnis für Jünglinge wie auch unserer Vertrautheit. Denn mag auch die gesamte Philosophie frucht- und erntebringend sein, daß kein Teil von ihr unbebaut und öde bleiben darf, so wird es doch eine besonders ertragreiche und ergiebige Stelle in ihr sein, wenn die Ehe, aus der sich die häuslichen Pflichten herleiten, nach bester Sitte und heiligster Zucht klug, gewissenhaft und ehrbewußt gewählt, geordnet und gehalten wird 13 . Leicht wird man auch ein Andenken unsres Wollens und die Treue unsrer Freundschaft daraus ersehen können. Dabei werde ich hohen und einzigdastehenden Lohn gewinnen, wenn dir, dem ich fast alles verdanke, die bescheidene Frucht meiner nächtlichen Arbeit lieb und schmackhaft ist. Unsre Freude wird es mehren, wenn auch noch die Jugend an diesen unsern Blättern Befriedigung findet. Um ihr zu nützen, haben wir selbst pflichtenlos über ihre Pflichten 14 geschrieben, damit in der Ehe Erfahrene durch das Urteil gelehrter Männer bestärkt sich erfreuen oder Unerfahrene sich zurecht ermahnen lassen können. Wenn dir irgendein Teil daraus vielleicht weniger genehm ist, so wirst du sie doch, wenn ich mich hoffentlich nicht irre, in ihrer Gesamtheit leicht billigen. So pflegen wir ja bei Gastereien, wenn sich auch der meisten Speisen einer jeweils enthält, doch das ganze Mahl zu loben, und was der Magen zurückweist, entzieht ja nicht dem das Gefallen, woran er sich labt. Von der Ehe will ich also zu handeln beginnen und, so kurz man über einen so großen Gegenstand sprechen kann, das sagen, wovon ich, wie erwähnt, bemerke, daß es dem hehren Manne, meinem Zacharias, und vielen der vortrefflichsten Männer sehr gefallen hat. Nun zur Ausführung meines Vorhabens! Du wirst mich gütig und aufmerksam anhören und dieses Werk, wie es auch sei, bei unserer wechselseitigen Zuneigung an Stelle eines glänzenden Geschenkes jetzt zu deiner Vermählung aufnehmen. l6 WAS DIE EHE IST WAS DIE EHE IST BEVOR ICH VON DER WAHL DER GATTIN UND IHREN Pflichten zu sprechen beginne, muß ich erst ein weniges von der Ehe selbst sagen. Vor allem finde ich es gut, an dieser Stelle abzugrenzen, was die Ehe ist, damit man nach dem Vorgang der gelehrtesten Männer 18 von Anfang an begreift, wovon unsre ganze Erörterung handeln wird. So nämlich, nachdem der Inbegriff der ganzen Sache bekannt ist, werden wir über das Weitere leichter und richtiger urteilen können. Es ist also die Ehe die immerwährende Verbindung von Mann und Weib, die um der Erzeugung der Nachkommenschaft oder um der Vermeidung der Hurerei willen rechtmäßig eingesetzt ist 17 . Darüber hat es mehrere und verschiedenartige Meinungen gegeben. Welche von ihnen die wahre ist, das ist langwierig zu erforschen und zu erörtern. Bei mir aber gibt den Ausschlag zwar die Meinung der berühmtesten unter den Heiden, besonders aber auch die christliche, die nach fast allgemeiner Übereinstimmung preisenswert erachtet wird. Damit nämlich die Bürgerschaft durch rechtmäßig geborene Kinder aufgefüllt würde, haben die Römer bestimmt, daß von denen Geld als eine Buße in den Staatsschatz abgeführt würde, welche bis ins Alter ein eheloses Leben führten. Sie wollten der Natur selbst folgen 18 , durch die dem ganzen Geschlecht der Lebenden zugeteilt wird, um der Fortzeugung willen zur Paarung hinzudrängen und seine Erhaltung in dem beschlossen zu glauben, was erzeugt ist 19 . Denn der Fortpflanzungssinn ist auch bei den Tieren ersichtlich. Wir sehen ja alle bei den Vögeln (um nicht zu weitläuftig von den übrigen Tieren zu sprechen) den Eifer des Nestbaus, bei denen eine gewisse Ähnlichkeit des Ehelebens zu gemeinsamer Zeugung und Aufzucht vor Augen liegt. Wie der Körper durch Speise, ebenso wird das Geschlecht der Menschen und Tiere auf diese Weise dauernd. Solange man Lykurgs Gesetze ehrte, blühte das spartanische Staatswesen vorbildlich, als man WAS DIE EHE IST 17 sie vernachlässigte, brach es zusammen; er brandmarkte diejenigen mit Schande, die im Alter von siebenunddreißig Jahren noch unbeweibt waren, und denen, die noch nicht die eheliche Bindung eingegangen waren, verbot er, bei den Übungen der Ringschule zugegen zu sein, damit die Bürgerschaft, um Schande zu meiden, oder entflammt durch den Adel des Kranzes, an freien Männern reicher und ehrenvoller werde. Deshalb war es nicht witzlos, wenn dem berühmten Feldherrn Callicks, der keine Kinder gezeugt hatte, ein Jüngling zu Lazedämon, wo der Wohnsitz für das Alter am ehrenvollsten war, nicht ehrenhalber im Theater den Platz räumte und dabei sagte: Hast du, Callicles, doch keinen gezeugt, der mir den Platz räumen wird 20 . Beim Brauche hat man festgestellt, daß in rechtmäßigen Ehen die Söhne zur Ehre tauglicher geboren, würdiger erzogen, kurz zu besseren Bürgern werden. Ein Staat, der aus solchen besteht, ist den Freunden durch Gerechtigkeit Heber, den Feinden durch Mannhaftigkeit furchtbarer; denn die Lehrmeisterin Erfahrung hat als ausgemacht erwiesen, daß die unrechtmäßig und zuchtlos Erzeugten zumeist lasterhaft, verbrecherisch und zum Schändlichen geneigter sind. Wer in angesehenem Hause geboren ist, den duldet das Licht des väterlichen Ruhmes nicht im Dunkeln, der merkt, daß die Bilder der Ahnen ihm mehr Last als Ehre bringen, wenn er nicht durch eigene Mannestugend der Würde und Erhabenheit der Vorfahren entspricht. Und wahrlich, er weiß sehr wohl, daß die Erwartung und die Wiederholung einer gewissermaßen erblichen Tugend aller Augen auf ihn lenkt. Die so zum Ruhme Geborenen werden wir die «Mauern der Stadt» heißen können. Als jemand in Anwesenheit des Agesilaus beklagte, daß Lazedämon ohne Mauern sei, sagte dieser: Da seien die Götter vor! Die Bürgerschaft selbst ist die wehrhafteste Mauer unserer Stadt; gebührt sich's doch, nicht durch Holz oder Ziegel, sondern durch Mannestugend das Vaterland, die Götter, die Hausgeister, die Altäre, Herd, Eltern, Gatten und Kinder zu schützen und zu verteidigen 21 . Was ist auch erfreulicher, als häuslicher Sorgen ledig für das gemeine Beste zu wirken und ein züchtiges Weib zu haben, das im Glück und Unglück Gefährtin, Gattin und Freundin ist, der du die innersten Gedanken, soweit sie ihrem Bereich angehören, der du die kleinen gemeinsamen Kinder anvertrauen darfst? bei der du in süßem Gespräch i8 WAS DIE EHE IST alle Sorgen und Schmerzen niederlegen kannst ? die du so liebst, daß du in ihrem Heil einen Teil deines Lebens beschlossen wähnest? Dieser Sache schulde man soviel Pflege, soviel Verehrung nach des Censors Cato censorischer Entscheidung, daß er versicherte, jeglicher, der Hand an die Gattin legte, sollte nicht anders, als wer Götterbilder geschändet hätte, allenthalben verfolgt und verflucht werden. Wir hören auch, daß er zu sagen pflegte, es scheine ihm bei weitem schwieriger, einen guten Ehemann vorzustellen, als einen guten Senator 22 . Mit dieser Fessel einigte Cadusius die ständig zwieträchtigen Karer untereinander 23 , mit diesem Verwandtschaftsbande versöhnte Cyrus die schlimm verfeindeten Chaldäer mit ihren Nachbarn 24 , und in Rom waren am selben Tage die Sabiner Feinde und Bürger. Das gleiche sänftigte die entfremdeten Herzen des Pompeius und Cäsar; und was sich noch unglaublicher anhört: Alexander verknüpfte durch diesen Knoten, nicht aber durch jene stolzeste Brücke Asien und Europa 25 . Es würde kein Ende nehmen, wollte ich erinnern, was alles die Philosophen, die Geschichtsschreiber, die Dichter, die Könige und Ersten des Staates, die wir aus den Denkmälern des Schrifttums wie aus trojanischem Pferde herausführen könnten 26 , dieser Bindung, dieser Liebe, dieser Treue zuschreiben. Doch das ist bekannt, und ich werde kürzer sein, zumal da man in einer ganz offenkundigen Sache so unnötige Zeugen nicht beibringen muß. Doch darf man die christliche Satzung nicht mit Stillschweigen übergehen, deren Würde ja verdientermaßen so groß ist, daß ihre Autorität auch ohne Vernunftgründe Kraft hat. Durch ihre Sitte wird die Ehe, die schon durch Sakrament, Treue und Nachkommenschaft besonders befestigt ist, so empfohlen, daß leicht zu ersehen ist: zuerst wurde sie geboten, danach zugestanden 27 . Wie sehr sie zu billigen sei, hat uns Christus unser Herr im Evangelium bekräftigt, einmal dadurch, daß er verbot, die Gattin zu verstoßen, und dann, weil er eingeladen zur Hochzeit kam 28 . Davon ist zu halten, daß, obwohl die Ehe nicht an sich zu erstreben ist 29 , sie doch nach meiner Meinung dem zugehört, was an sich gut ist. Weisheit, Freundschaft, Gesundheit erstreben wir um ihrer selbst willen; Begabung, Bildung und Wissen, dann ehrbare Übereinstimmung der Sitten, Ehebund und Beilager und schließlich Speise, Trank und Schlaf begehren wir als gleichsam notwendig um jener willen 30 . Wir glauben also, daß die WAS DIE EHE IST 19 Ehe gut ist wegen der Nachkommenschaft und durch die Gemeinschaft beider Geschlechter, welche uns die Natur in wunderbarer Weise anheimgibt. Andernfalls müßte die Würde der Ehe zwischen alten Leuten aufhören, wenn sie keine Kinder haben, oder wenn ihnen die Hoffnung geraubt ist, solche noch zu zeugen, wo denn dies das vorzüglichste Lob ist, daß das Ehrbare der Erzeugung von Nachwuchs dem Schimpflichen der Unenthaltsamkeit wehrt. Deshalb sind Mann und Weib durch solches Recht, solches Bündnis, solchen Zwang verbunden, daß sie selbst durch Trennung nicht voneinander gelöst werden können 31 . Freilich kommt mir vor, ich sähe einige gleich auf der Schwelle mir entgegentreten, die mir die mürrischen Sitten der Xanthippe entgegenhalten und an dem Einfall jenes Spartaners ihre Freude haben, der eine Frau von auffallender Kleinheit genommen hatte, deshalb üble Nachrede hörte und den Zuträgern sagte: Es ist ein altes und heilsames Sprichwort, daß wir unter den Übeln nach Möglichkeit das kleinste wählen sollen 32 . Darauf läßt sich viel anderes erwidern und besonders jenes Wort des Sokrates: Als dieser einst den Euthydemus aus dem Gymnasium in sein Haus mitbrachte, um das allheilige Recht der Gastfreundschaft dem Wohlwollen hinzuzufügen, stieß Xanthippe zornentbrannt den Tisch über den Haufen. Als Sokrates merkte, daß dies den Gast verdroß, sagte er: Sei guten Mutes, vom Federvieh ertragen wir öfter Schlimmeres, um Eier, Küchlein und weit geringere Genüsse als von der Frau zu bekommen 33 . Hierher gehört noch die Rede des Metellus Numidicus, des erprobten Mannes und Censors, worin er, wie erzählt wird, in einer von ihm abgehaltenen Volksversammlung über das Ehelichen von Frauen folgendes sagte: Könnten wir, o Quiriten, ohne Frauen sein, so blieben wir alle solcher Belästigung ledig, aber da es die Natur nun einmal so bestimmt hat, daß wir weder mit ihnen hinreichend bequem, noch ohne sie überhaupt leben können, so muß man, scheint es, eher auf das währende Heil bedacht sein als auf die kurze Lust 34 . Doch genug hiermit über die Ehe, weil es von hochgelehrten Männern schon reichlich behandelt ist. Um aber das Nötigste zusammenzufassen, haben wir eben dieses gesammelt. Jetzt wollen wir die Teile der Ehe, die wir bei unsern Altvordern nirgends in geordneter Reihe vorfinden, 20 WAS DIE EHE IST gleichsam unter einen Gesichtspunkt gestellt in Kürze darlegen. Aber bevor wir zu diesem Abschnitt kommen, wollen wir festsetzen, was für eine Frau man wählen soll, und nur noch daran zuvor erinnern: Es darf keine noch so große Vorzüglichkeit des Ehebundes geben, der man nicht den Willen des Vaters voranzustellen hätte. So auch nach dem Beispiel des Cyrus, der von Cyaxares eingeladen, um die trefflichste Gattin mit reichlichster Mitgift zu empfangen, erklärte, er wolle sie nicht eher, als bis er der Zustimmung der Eltern dazu gewiß sei 35 . I WIE DIE EHEFRAU GEARTET SEIN SOLL 21 ERSTER TEIL: VON DER WAHL DER EHEFRAU I WIE DIE EHEFRAU GEARTET SEIN SOLL DIE ALTEN, DEREN ANSEHEN DURCH IHR GROSSES WISSEN und ihre reiche Lebenserfahrung noch fortlebt, entschieden, daß man bei der Gattin auf Sitten, Alter, Herkunft, Gestalt und Besitz sehen müsse; vernachlässigen wir dies, so bringen wir der Sippe Unehre und uns selbst immer Ungemach, oft Kummer; wenn wir es aber gewissenhaft beherzigen, so sorgen wir für den Ruhm des Hauses, für unsre Würde und für dauernde Fröhlichkeit. Auf die Tugend also ist vor allem zu achten. Sie hat solche Macht und solche Würde, daß, wenn das übrige fehlt, dennoch die Heirat willkommen sein mag, wenn es aber vorhanden ist, sie gewiß hocherfreulich wird. Das Hauswesen nämlich, an dessen Spitze die Frau gestellt wird, kann nicht gut imstande bleiben, wenn es nicht durch Klugheit, Sorgfalt und Fleiß der leitenden Frau eingerichtet, gelenkt und geordnet wird. Den Sitten der Könige folgen leicht die Bürger, denen der Feldherren die Soldaten, denen der Eltern die Kinder, denen der Hausfrau die Mägde. Ein zuverlässiger Zeuge ist uns Homer, bei dem die Zofen der sittsamen Andromache so wohlerzogen erscheinen, daß sie an Sittsamkeit, Regsamkeit und Fleiß weit über den Dienerinnen der Helena stehen und sich auszeichnen 36 . Die Frau also, von der wir jetzt reden, wird ihre Mägde leicht in Zucht halten, wenn sie sich selbst in Zucht hält. Doch möchte ich an dieser Stelle auch denen nicht beipflichten, die nur das Höchste bei der Brautwahl suchen und mit großem Eifer begehren, was kaum in vielen Jahrhunderten gefunden ward. Viel haben wir gelesen, viel gehört, stets sehen wir, daß diejenigen des Lobes wert geachtet werden, die, wenn auch unterlegen, doch durch Erstreben ihrer Tugend den Höchstgepriesenen nachfolgen wollten. Bei den olympischen Spielen, so wird überliefert, wurde Philammon mit dem Adel des Kranzes beschenkt, nicht weil er den Glaukus, den berühmtesten 22 VON DER WAHL DER EHEFRAU Wettkämpfer der Vergangenheit, sondern weil er die Faustkämpfer der eigenen Zeit an Tüchtigkeit übertroffen habe 37 . So werden wir, obwohl unserm Zeitalter eine Porcia, eine Cornelia, eine Panthea, die Leuchten des Frauenruhmes nicht vergönnt wurden, wenn wir sorgsam sind, in Erfahrung bringen, welche Frau uns zu Zier, Nutz und Ergötzen sein könnte. Auf welche Weise solches aufzuspüren sein mag, ist ja nicht schwierig zu erforschen. Der gewesene Consul und Censor Marcus Cato nahm schon betagt eine Jungfrau zum Weibe; seinen Ratschluß möchte ich ausführlicher wiedergeben, weil ich bei seiner Erzählung, die ich griechischen Schriftdenkmalen entnommen habe, wie in fröhlichem Zeitvertreib ausruhe. Marcus Cato also, schon in sehr hohem Alter, erblickte oftmals die Tochter seines Klienten Salonius und fand an ihrer Art und Anlage ein wundersames Gefallen. Eines Tages begleitete der Schreiber Salonius wie gewöhnlich den Cato nach dem Forum. Unterwegs sagte Cato: Salonius, ich habe für deine Tochter einen Mann gefunden; wenn nicht sein vorgerücktes Alter im Wege steht, weiß ich, wird alles an ihm deine Billigung finden. Nach Worten, wie man sie in solchen Fällen bei der ersten Zusammenkunft zu wechseln pflegt, bekennt Cato sich als jener Greis und verspricht, die Tochter des andern, soweit es an ihm hege, als Gattin anzunehmen. Hierüber wundert sich Salonius, daß die Tugend seiner Tochter bei Cato soviel Gewicht gehabt habe, daß er sie, die doch von niedrigster Herkunft sei, in eine Sippe einführen wolle, die durch die Ahnenbilder von Consularen und Triumphatoren aufs höchste geehrt sei. Kurz und gut, er verlobt die Tochter. Schwer trug das Marcus Cato, der Sohn — der beste Mann, wenn wir dem Vater glauben, und von hervorragender Kindesliebe — und erbittet sich Verzeihung, falls er sich dem Vater gegenüber etwas zuschulden hätte kommen lassen, dessentwegen ihm dieser eine Stiefmutter ins Haus brächte. Der aber lobte ihn erst und gab dann zur Antwort, die Sitten dieses Mädchens hätten ihm gar zu gut gefallen. «Auch glaube, liebster Sohn, es sei geschehen, nicht um dir eine Stiefmutter ins Haus zu bringen, sondern um noch viele Söhne deinesgleichen zu bekommen und dem Staat die besten Bürger zu hinterlassen 38 .» Aus solcher Überlegung heiratete Pisistratus, als seine Söhne schon herangewachsen und in den schönen Künsten unterrichtet waren, eine Frau I WIE DIE EHEFRAU GEARTET SEIN SOLL 2 3 von, wie es heißt, besonderer Sittsamkeit, da die hervorragende Ergebenheit seiner Söhne in ihm täglich den Wunsch gemehrt hatte, noch weitere 2u erzeugen. Durch das Urteil des Marcus Cato — ein gewichtigeres kann es nicht geben — und des Pisistratus wird deutlich, wie hoch wir die Sitten halten sollen. Auch reich an Beispielen dieser Art ist unsre Bürgerschaft; wenige daraus aufzuzählen wird genügen. Andrea Barbaro, unsres ausgezeichneten Marco 39 Vater, ein sehr wohlhabender Bürger und ehrenreichsten Standes, nahm Lucia Viara zum Weib, deren bewährte und ihm bekannte Rechtschaffenheit bewirkte, daß er sie unter Beiziehung von Verwandten, die geeignet schienen, zu Hause aufsuchte. Er selbst spricht die Worte, sofern es ihr nicht anders recht schiene, würde ihm die Heirat mit ihr genehm sein, auch wenn die Geldfrage nicht berücksichtigt würde. So nahm er sie, den Reichtum anderer verschmähend, wegen ihrer Gesittung und guten Art zum Weibe an. Und hierin trog den klugen Mann sein Urteil durchaus nicht, denn sie zog so sorgender Liebe ihre Stiefsöhne auf, daß man keine geruhigere und ungetrübtere Häuslichkeit finden konnte. Diesen Barbaro, meinen Verwandten, ahmte viele Jahre später Giusto Contarini nach, ein höchst angesehener und hervorragender Bürger. Als er von der Sittsamkeit, Zucht und ausnehmenden Schönheit der Francesca, Tochter des Pantaleone Barbo, erfuhr, spricht er ohne Zeugen von sich aus den Vater an und erklärt, daß er an seiner Tochter mehr und mehr Gefallen gefunden hätte und daß er sie auch ohne Besitz mit höchstem Eifer zur Gattin wünsche, falls es ihm nicht ungenehm sei. Darüber freute sich Pantaleon, ein Mann, der nicht nur durch berühmte Familie, sondern auch durch vorzügliche Gelehrsamkeit ausgezeichnet war. Er verlangt Bedenkzeit, versammelt der Sitte gemäß zahlreiche Verwandte, legt ihnen den ganzen Fall vor und, was von gutem Glücke gesegnet war: der schon bejahrte Giusto wird mit aller Stimmen der Jungfrau aus edelstem Geblüte freilich bei kleiner Mitgift für würdig erklärt, denn so forderten es die Mittel des Hauses. Glücklich muß ich diese Ehe nennen, die durch den Glanz der Tugend begehrt und vollzogen in höchster Treue und Eintracht unverletzt blieb; denn, um an dieser Stelle hier weiteres Lob zu übergehen, sie behandelte die Kinder der ersten Frau so menschlich, so hochherzig, daß im täglichen Umgang 24 VON DER WAHL DER EHEFRAU die vielen Stiefkinder außer dem Namen niemals etwas von Stiefmutter an ihr bemerkten. Vor allem also, liebster Lorenzo, (ich sehe wohl, daß es auch dir so gut erschienen) müssen die Sitten der Gattin gefallen, denn was sonst für den Hausstand zu hoffen wäre, verstehe ich nicht. Als Agesilaus gefragt wurde, wie es geschehen werde, daß die Lazedämonier Sieger würden, antwortete er: Wenn der klügste Feldherr die Sache führt 40 . Dies mögen wir auf unsre Sache übertragen. Was bildet einen Hausstand, hält ihn in Ordnung, bringt ihn zu Ehren, wenn nicht vornehmlich Fleiß, Wirtschaftlichkeit und würdige Haltung der Gattin? Wie der Fürst die Bürger nicht gut lenken wird, wenn er nicht im öffentlichen Recht, in den Bräuchen der Vorfahren, kurz im Staatswesen ganz erfahren ist, und kein Steuermann sein Schiff aus wildem Sturm in den Hafen heimführt, ist er der Kunst der Seefahrt nicht mächtig, noch ein des Rennens unkundiger Wagenlenker mit dem Kranz beschenkt wird; so wird es mit dem Heimwesen nicht recht stehen, wenn nicht die Trefflichkeit der Hausmutter den übrigen das eine Vorbild gibt. Und wie im Kriege die Soldaten, die den besten Führer besitzen, den angewiesenen Posten im Stich zu lassen erröten, so verlassen die Knechte und Mägde nicht den Teil des Haushalts, mit dessen Hut eine züchtige und kluge Hausfrau sie betreut hat. Piaton, der ehrwürdigste Weisheitslehrer, bestimmt in den Büchern, die er in göttlicher Eingebung über den Staat schrieb: Den vorzüglichen Bürgern, nicht den ehrgeizigen sollen die Ämter überlassen werden. Er sah nämlich voraus, daß binnen kurzem ganz wenige um die Entscheidung streiten würden, wenn mit dem Adel des Kranzes nicht die Wohlverdienten beschenkt würden, sondern begehrliche Faustkämpfer. Daher schlug er selbst einen öffentlichen Sold für die Beamteten vor, damit sie nicht durch die häusliche Schädigung vom Dienst am Gemeinwesen abgezogen würden 41 . Derart werden wir bei der Gattin Klugheit so hoch werten, daß wir, wenn es unsre Güter erlauben, das Geld der Frau außer acht lassen, oder darüber hinaus ihrer Dürftigkeit etwas beisteuern, um so des Hauses Ehre und Frieden zu gewinnen. Eben dies bringt uns wahrhaftig größeren Ruhm, als wenn die Gattin durch Versippung und Gold ansehnlich, dabei des Guten bar ist. II VON WELCHEM ALTER 25 Als eine Frau aus Jonien prahlerisch ihre Reichtümer und Kleinodien sehen Heß, sagte ihr die Gattin des Phocion: Meine Kleinodien, mein Reichtum ist Phocion, durch seine Verdienste ums Vaterland schon zwanzig Jahre der erste der Athener 42 . Ebenso werden wir uns der Würde unserer Frauen rühmen dürfen und die sich selbst überlassen, die von Schätzen und Landbesitz der Gattin bereichert zahllosen Beschwernissen ausgesetzt sind. Dies ist hinfällig, jenes andere fest und beständig und kettet den Sinn der Gatten wahrhaft aneinander. Philipp, Alexanders Vater, den Theophrast an Glück und Kraft den ersten König nennt, gewann eine thessalische Frau erstaunlich Heb, so sehr, daß man ihn durch ihre Zaubermittel besessen sagte. Deshalb wandte Olympias die größte Sorgfalt darauf, diese ThessaHerin in ihre Gewalt zu bekommen; als sie sie aber mit Schönheit, Zucht und Sitten geschmückt fand, sagte sie: Fort mit den Bezichtigungen! Den Liebeszauber trägst du bei dir und mit der Verlockung deines red- Hchen Wesens sind die Tränke gewürzt 43 . Wozu mehr ? Eine edel geartete Frau werden wir nehmen und ihre HäusHchkeit, verbunden mit Ehre, Vorteil und Lust, soU von uns geehrt, geschätzt und geHebt werden. II VON WELCHEM ALTER NACHDEM ALSO GESPROCHEN IST VON DEN SITTEN DER Frau, die sie bei richtiger Erziehung sich leicht angeeignet haben kann oder sich aneignen wird, werde ich jetzt über das Alter mit wenigem darlegen, was von meinem Zacharias und vielen gelehrten Männern über- Hefert oder durch Erfahrung gelehrt ist. Doch zuvor glaube ich, daran mahnen zu müssen, daß eine Jungfrau, nicht eine Witwe, ein Mädchen, nicht ein älteres gewählt werde, denn, was nötig und dienlich ist, wird eine solche leichter lernen, und wenn sich etwa einmal Fehler festsetzen, werden sie schneüer ausgemerzt, denn weichem Wachs drücken wir leicht das Bild ein, im hart und fest gewordenen können wir die Eindrücke kaum tilgen. Den noch zarten Sinn mögen wir durch Lehren nach Wunsch bilden 44 ; Witwen, die an eigene Sitte oder gar an fremde gewöhnt sind, zu unserer Gewohnheit herüberzuziehn, kann mit viel Geist, angestrengtem Fleiß und besonderer Sorgfalt kaum erreicht werden. Denn wer kann hoffen, gleich anfangs krumme Reben später, wenn sie 26 VON DER WAHL DER EHEFRAU alt geworden, gerade zu richten? Wer wird glauben, daß der Magen eines mit alexandrinischen Leckerbissen aufgezogenen Knaben seine Lebensweise ändern und das Leben eines ganz genügsamen Alten führen wird? Wer mag den im Alter gesittet wähnen, an dessen Jugend er Frechheit, Geilheit, Dreistigkeit und Grausamkeit hört und sieht ? So ist kaum zu hoffen, daß Witwen, die irgend an einem untragbaren Gebresten kranken, genesen und sich in unsre Lebensart schicken. Ausgezeichnet war es deshalb, wenn Timotheus, der gefeierte Flötenspieler, zwiefache Bezahlung denen abzufordern pflegte, die er von andern Lehrern dieser Kunst bereits unterrichtet übernahm, einfache aber denen, die ihm unausgebildet übergeben wurden; denn es schien, wenn die einen zu lernen hatten, so die andern erst zu verlernen, um dann den Unterricht zu beginnen 45 . Dazu kommt noch jene Regel, die durch den Brauch erprobt und tief aus der Natur hergeleitet ist. Es sagen uns nämlich die, welche die verborgenen Ursachen der Dinge durchforschen, daß die Natur von sich aus immer, was das beste sei, anstrebe, daß sie, sofern sie ein Männliches nicht bilden könne, ein Weibliches erzeuge, das durch Bei Wirkung jenes geadelt und vollendet wird 45a . Deshalb lieben die Frauen von allen jene Männer am meisten, denen sie in erster Vereinigung zugesellt wurden. Wozu dies? Weil eine Jungfrau leichter unsre Sitte anlegen, ihre verkehrten ablegen und leidenschaftlicher lieben wird. Somit konnte die Witwenehe bei den Römern, bei denen auch die Scheidung gestattet war, dem Vorwurf der Leichtfertigkeit und Schamlosigkeit nicht entgehen. Die sie nämlich mit einem einzigen Manne sich begnügen sahen, beschenkten sie mit dem Kranz der Sittsamkeit. Auch brachten sie nicht die Frauen um ihr Lob, welche den dem ersten Manne geweihten Sinn auch dem Toten in unverbrüchlicher Treue fromm und unversehrt bewahrten. Wer sollte die nicht mit gutem Recht wegen ihrer Unenthaltsamkeit verurteilen, deren Gier von mehreren Männern nicht ermüdet werden konnte ? Wer wird nicht mit höchster Freude die noch keusche Dido bewundern und ihre Worte: Der als erster mich an sich gebunden, er nahm meine liebe Mit sich hinweg, er soll sie besitzen und bergen im grabe 48 . Das darf niemanden wundernehmen, verharren doch Krähen und Turteltauben 47 von der Natur aus, der besten Führerin gemäß, nach dem Tode II VON WELCHEM ALTER 27 des Männchens gewissermaßen keusch und wie Witwen. Ich bin weiter abgeschweift, indem ich das Heiraten der Witwen mißbillige und ihre Unenthaltsamkeit anklage. Kehren wir also 2urück. Zum häuslichen Frieden führt es vor allem, wenn die Gatten Gleichheit der Sitten und Ähnlichkeit der Bestrebungen verbindet oder verbunden hält. Aus diesem Grunde stellte das weise Altertum zusammen mit Venus den Merkur, die Grazien und die Willfährigkeit in den Tempeln auf, weil im Dienst der Ehe Willensausgleich, Einmütigkeit und Freundlichkeit ihren notwendigen Platz beanspruchen 48 . Sodann wäre zu sagen, zu welcher Zeit die Frau «reif für den mann und voll an jähren zur ehe 49 » ist. Hesiod, der uralte Dichter, und Xenophon, der liebenswürdige Philosoph, erkannten der Frau fünfzehn, dem Mann dreißig Jahre zu 50 ; Lykurg aber setzte achtzehn Jahre für die Frauen, für die Männer aber ungefähr siebenunddreißig fest, im Glauben, daß dies für künftige Kinder am zuträglichsten sein möchte. Denn er hat offenbar zu deren Zeugung nicht so sehr auf Menge als auf Kräftigkeit Bedacht genommen 51 . An dieser Stelle laß mich, ich bitte, artigster Lorenzo, etwas freier abschweifen; dies wird dir nicht unangenehm sein, weiß ich. Um deswillen also bestimmte er, seine Bürger sollten mit ihren Frauen nicht im gleichen Schlafgemache die Nacht verbringen, sondern sich unter Tags heimlich zu ihnen gesellen, auf daß sie von ständigem und sozusagen allzu freiem Beilager befreit für andauernde Gesundheit Sorge trügen und körperkräftigere Kinder hervorbrächten 52 . Der höchst verständige Mann sah nämlich vorher, daß die Sterblichen zur verführerischen Begierde der Wollust neigen, und traute sich, die Seinen zum großen Teil vor ihren Verlockungen zu wahren, wenn er Vorsorge träfe, daß sie der Lust nicht beständig frönen könnten. Viel trug dazu die weibliche Aufzucht bei, denn durch sehr zahlreiche Spiele und viele Wettkämpfe brachte er zustande, daß nicht durch Müßiggang oder Untätigkeit die Frauenwürde zu irgend etwas Unehrenhaftem abglitt. Den spartanischen Weibern schrieb er nämlich Wettlauf, Diskuswerfen und die Übungen der Ringschule vor, damit bei ihrer eigenen ständigen Übung die Söhne und Töchter angestammte Kraft erlangten. Er erklärte auch selbst, er habe um deswillen dieses Gesetz ergehen lassen, damit die Spartanerinnen tapferer die Wehen der Geburt ertrügen und, wenn 28 VON DER WAHL DER EHEFRAU einmal eine Gefahr hereinbräche, mutvoll für ihre Kinder kämpften 53 . Ich vermute auch, daß diese Heirats jähre von ihm festgesetzt wurden, damit soweit möglich die Schwachheit jenes Geschlechtes geschützter sei vor den Fallstricken der Lüste. So kam es, daß die Lakonierinnen in aller Art Lob sich hervortaten und besonders auch in Sittsamkeit. Dafür ist ein schwerwiegendes Zeugnis die Antwort des edlen Lazedämoniers Gera- datas. Als Xentus diesen fragte, von welcher Strafe durch Lykurgs Gesetze die Ehebrecher getroffen würden, erwiderte er, darüber stehe kein Wort bei Lykurg, «da es bei uns keine Ehebrecher gibt. Wundre dich bitte darüber nicht, Xentus, werden doch bei uns die Genüsse, Reichtümer, Putz und andre Reizmittel der Lust wieder und wieder getadelt, indes Genügsamkeit, Mäßigung und Keuschheit nicht genug gelobt werden können 54 ». Allein die unter solchen Gesetzen geborenen und erzogenen Spartanerinnen scheinen nicht Menschen, sondern Männer geboren zu haben, und dies soll Gorgo, die Frau des Leonidas, ausdrücklich gesagt haben, denn als ein Gastfreund ihres Mannes die Lazedämonierinnen verlästerte, mehr als andre Frauen beherrschten sie ihre Männer, da sagte Gorgo: «Ja, und nicht mit Unrecht, denn wir allein gebären Männer 55 ». Doch dies ist vielleicht länger als erforderlich. Nun halte ich es durchaus nicht für nötig, daß wir ein bestimmtes Urteil vortragen, welche von diesen Meinungen die wahre ist, denn wahrlich «mit großem Richter schützt sich jedwede 58 », denn du wünschest wohl nicht von mir, wie ich hoffe, ich solle gleichsam von unwandelbarer Notwendigkeit aufgerichtete Ehegesetze sozusagen bei den Zenturiatskomitien 58 einbringen. Ich möchte vielmehr am ehesten dem folgen, was ich als bekannt in der Schule oder erprobt durch Brauch erfahre. Doch loben wir, wenn so manches davon nach Umständen, Zeit und Gelegenheit gewandelt wird. Denn uns tut Überlegung und Klugheit not — wie die Alten wollten, Tochter der Erfahrung und Erinnerung. Nachdem wir also über das Alter der Gattin gesprochen haben, ist der nächste Platz ihrem Adel vorbehalten, wobei wir etwas weiter ausholen werden. III VON WELCHER HERKUNFT 2 9 m VON WELCHER HERKUNFT ICH WOLLTE, LIEBSTER LORENZO, DIE SACHE SELBST ließe zu, daß ich alles sagen könnte, was mir über die Herkunft als solche in den Sinn kommt. Ich glaube, dann würde ich wirklich ausgiebiger nachweisen, daß die Bilder der Ahnen höher geachtet werden müssen, als der Brauch es hält, der täglich mehr sich einwurzelt. Weniges jedoch, soweit es besonders nützlich und hervortretend scheint, werden wir gegenwärtig anführen, das übrige ein andermal breiter behandeln. Laß uns also in dieser Sache von der Natur selbst anheben: ein fetter blumiger wohl- besäter Anger ist ein anschaulicher Beweis, daß wir um der Kinder willen uns mit edelgeborenen Frauen durch das Recht der Ehe verbinden sollen. Denn die Saat kehrt zu ihrem Ursprung zurück. Wir nehmen wahr, was für staunenerregende Früchte von den besten Saaten hervorgebracht werden. Wir wissen, daß viele und gerade die vorzüglichsten Arten von Ölfrüchten, Nüssen und Obst außer auf dem eignen und edlen Boden durchaus nicht gedeihen wollen. Verpflanzen sie sich auf unedlen Boden, so legen sie den eingeborenen Trieb ab und «es entarten die früchte, des früheren saftes vergessend 57 ». Auch erlesene Setzreiser bringen geringeren Ertrag, wenn sie einem minderwertigeren Stamm eingepfropft sind. Daß es den Menschen auch so geht, ist in der Ordnung, weshalb man von hohen Frauen auch weit erlauchtere Söhne erwartet. Daher vornehmlich erkennen wir das Bild der Muttersippe an Leib und an Seele, wie bei den meisten Kindern zu ersehen. Auch ist doch nicht zweifelhaft, daß bei der Erzeugung der Kinder das Weib starken Ausschlag gibt, denn, wie ich sehe, ist es die Ansicht gewissenhaftester Ärzte: Erzeugung weiblicher Wesen kommt allein vom Weibe her 58 . Überaus weitreichend aber ist es, wenn wir sehen, daß nach dem bürgerlichen Recht die Söhne von der Erzeugerin die Freibürtigkeit gewinnen, denn wie in den römischen Gesetzen bestimmt ist 59 , werden bekanntermaßen alle die freigeboren genannt, die von freien Müttern stammen, seien die Väter auch Sklaven; das gleiche, bemerken wir, wollten die Gesetzgeber der Lykier 60 ; wenn bei denen eine adlige Frau einen Sklaven oder Unadligen heiratet, so werden doch adlige Kinder von ihr geboren. Zeugen sind uns auch die Dichter, nach denen die göttlicher Mutter Entsprossenen mit 3° VON DER WAHL DER EHEFRAU Göttlichkeit begabt sind. Der Tag würde nicht enden, wollte ich sie einzeln aufzählen, aber Achilles, Aeneas und Orpheus wurden aus diesem Grunde vornehmlich für göttlich gehalten 61 . Nicht nur zur Erzeugung, auch zur Erziehung trägt der Adel der Mutter sehr viel bei. Wer ist so lebensunkundig, daß er nicht einsähe, wie großes Gewicht dies für die ans Licht Getretenen hat ? Denn mag auch der erlesenste Same ausgeworfen werden, um bei einem Gleichnis derselben Art zu bleiben — wenn der Acker nicht mit Verstand und Fleiß angebaut wird, bringt er mit vielen Schäden behaftete Frucht hervor. Erlauchten Frauen ist das erste Anliegen, daran wird niemand zweifeln, daß der Glanz ihrer Eltern durch die Berühmtheit ihrer Kinder mehr und mehr erhellt werde. Wird auf diese nicht sorgfältig achtgegeben, so werden sie mehr durch Laster verrufen denn durch Abkunft als adlig erscheinen. Außerdem bewirkt oft die Würde und Ansehnlichkeit der Vorfahren, daß die Nachkommen höchster Ehren wert sind und gelten. Sich auch darum aus eigener Kraft eifrig zu mühen, sind sie gleichsam durch Gesetz der Natur verpflichtet. Ist nämlich in ihnen selbst die Tucht der Ihren nicht ausgeprägt, so lernen sie durch allergrößten Schimpf, daß sie entartet sind. Und wie die an Siegesbeute gewohnten Soldaten das Gedenken an alten Ruhm feurig und hochaufgerichtet ermutigt, so spornt das Ruhmesgedächtnis ihres Hauses die schon freiwillig Vorstürmenden noch an. Hochgeborenen ist der Zugang zu den Ehren leicht. Wer zweifelt, daß sie — wofern sie nur im übrigen nicht an Wert hintanstehen — mit aller Stimmen den Leuten niederen Standes vorgezogen werden ? Wer bemerkt nicht, daß, auch wenn sie durch eigenes Verdienst der Ehre nicht würdig sind, gar häufig aller- würdigsten Männern, ihren Vorfahren, so manches zugestanden wird? Von vielen lesen wir, die für die Heimat sterben wollten, um ihrer Pflicht zu genügen und um als reichstes Erbgut ihren Söhnen das Gedächtnis ihres Namens zu hinterlassen. Zu Athen wurden die Kinder derer auf Staatskosten erzogen, die fürs Vaterland gefallen waren 62 . In Rom wurde den auf einer Gesandtschaft Gestorbenen, wenn ihnen dieses Amt den Tod gebracht, ein Standbild auf dem Markte zuerkannt, damit es ein Denkmal ihres ehrenvollen Todes wäre und ihren Söhnen für dauernde Zeiten Ehre verleihe 63 . Wenn bei uns in schwierigen und für den Staat gefahrvollen Zeiüäuften an einigen außergewöhnliche Willenskraft, III VON WELCHER HERKUNFT 31 Leistung und Wachsamkeit sichtbar wird, so wird nicht nur ihnen, sondern auch ihren Kindern nach Maßgabe ihrer Verdienste oder Aufwendungen das Empfangene an Besitz oder Ehre wieder erstattet. Einigen wird das Bürgerrecht und der ehrenvollste Platz in der Bürgerschaft eingeräumt. Dies ist insofern gesagt, daß feststehe: Eltern werden ihren Kindern zu Nutz und Zierde. Und nicht nur von den Vätern gesagt sollst du es verstehen, sondern auch von den Müttern, deren Tugend und Verdienst den Kindern häufig bei der Nachwelt die größte Gunst eingebracht hat. Vielen war auch das Mißgeschick einer unadligen Herkunft ein solches Hemmnis, daß sie weder die Schranken des Adels zu durchbrechen noch aus der Dunkelheit ihrer Vorfahren zum Licht emporzusteigen vermochten, denn neuen Männern ist stets die Scheelsucht im Wege: die Hunde bellen nach dem alten Sprichwort den Fremden von hinten, von vorne und neben wild und grimmig an, aber denen vom Haus sind sie umgänglich. Halten wir also von beiden Seiten die Würde des Geschlechts fest und geben sie unsern Kindern mit. Ist auch alles übrige unsicher, hinfällig und dem Untergang verfallen, so kann sie, an festen Wurzeln haftend und durch keine Gewalt zu verderben, niemals ins Wanken gebracht werden. Doch möchte ich deswegen nicht das Urteil derer billigen, die bei bescheidener Abkunft die adeligsten Frauen aussuchen. Die können wir am passendsten denen vergleichen, die auf die zu hohen Kamele nicht aufspringen können und deshalb nach syrischem Brauche diese Tiere anlernen, das Knie zu beugen und sich niederzulegen 04 , denn solche machen, indes sie auf keine Weise größer werden, damit ihre Frauen niedriger. Wir werden also die Ehe am liebsten loben, durch die wir selber an Ehren zunehmen und die unsre Kinder angesehener und mächtiger macht. Hieraus kann man abnehmen, hat die alte römische Sitte ihren Ursprung, nach der verboten war, verwandt- schafdich nahestehende Frauen zu heiraten, damit nicht die Liebe, womit uns das Recht der Verschwägerung bindet, in allzu engen Grenzen gehalten werde und man die Nachkommen vieler Förderungen gleichsam beraube, die uns der Eifer von Verwandten gewährt 65 . Hinzu tritt die Bindung der Geschlechter untereinander, wobei die Bürgerschaft durch derartige Verwandtschaften wie durch ein Geflecht enger zusammengeknüpft wird. Aber jene Pest und Verderbnis des Römischen 3 2 VON DER WAHL DER EHEFRAU Reiches, Claudius Nero, zwang dem Senat einen Beschluß ab, durch den er die Ehe zwischen Oheim und Nichte für rechtmäßig erklärte, um seine Unbeherrschtheit und entfesselte Sinnlichkeit durch die Würde des Staates zu decken. Niemand jedoch in diesem ganzen Stande ward gefunden, der sich mit diesem Verbrechen beflecken wollte, außer dem einen T. Alledius Severus, einem römischen Ritter, von dem aber manche gewiß nicht unritterliche Gewährsmänner überliefern, er sei der Agrippina zulieb dazu getrieben worden 68 . Daher wollen wir vornehme Frauen nehmen, wie es von dir, Lorenzo, aufs beste gehalten wurde, daß unsre Gemeinschaft annehmlicher werde und wir von Natur und Erziehung edlere Kinder bekommen, die wir, durch Vorbild des Hauses zum Ruhm emporgerichtet, gehäufter mit Ehre und Macht wappnen. Des eingedenk, woher sie entsprossen, werden sie wachsam sein und immer darauf sehen, daß sie die Würde, die sie nicht vom Vater allein, sondern auch von der Mutter empfingen, den Nachkommen wie ein Erbgut treu und unversehrt weitergeben. IV VON WELCHER GESTALT HIER HABEN WIR NUN DEN TEIL ZU BEGINNEN, VON DEM diejenigen den Anfang ihrer Ratschläge zu nehmen pflegen, die jenes Vorhergehende auslassen. Denn es folgt jetzt, daß wir über die Schönheit sprechen, die nach vieler Belieben vor allem in der Größe des Körpers, der Zier der Haare, der Augen, des Antlitzes, des Halses und der Hände besteht. Frauen kleinen Wuchses, auch wenn die übrige Körperbildung sich dem anpaßt, sind nach meinem Dafürhalten geeigneter zum Dienst der Kebse als der Gattin; sie scheinen sich nämlich eher der Wollust zu bequemen als der Würde der Kindererzeugung. Deshalb bestraften zu Sparta die Ephoren den König Archidamus, als er eine Frau von geringer Größe genommen hatte, mit einer schweren Geldbuße, weil er nur Kinder 67 und nicht Könige zu hinterlassen dächte. Aber damit bei den übrigen Punkten die Rede nicht zu weitschweifig werde: in den Haaren liegt beim Menschen solche Anmut, daß es Homer genügt, oftmals seine Helena einzig von dieser Zierde ihres Haares als schön zu bezeichnen. Hat nicht auch unser Maro bei der Beschreibung des weisen Mannes, um IV VON WELCHER GESTALT 33 ihn mit kurzen Worten auch schön zu bilden, diesen Zug der Schönheit beigefügt ? Anditz und schultern dem gotte geähnelt- es hatte die mutter Prächtiges haupthaar dem söhne auch purpurne leuchte der jugend Und in die äugen gegeben den anhauch freudiger ehre 68 . Glaub mir, Lorenzo, hätte Mars die Venus geschoren gesehen, so wäre jene Hitze, von der der kriegerische Gott geplagt wurde, alsbald verflogen, so daß er niemals durch die Künste des Vulkan verstrickt worden wäre. Diesem besagten Liebreiz schreibt ein gewisser Mitbürger von dir 69 , den ich ehrenhalber nicht nenne, die einzige oder wenigstens eine sehr große Rolle für die Gattin zu. So wenig ich aber diesen ganzen Gegenstand um sein Lob betrügen will, so wenig kann ich ihm den obersten Rang zubilügen. So groß ist allerdings seine Macht, daß sie aller Völker Sieger besiegt hat und noch besiegt. Jupiter sogar, durch die Stimmen der Dichter als Vater der Menschen und Götter bezeichnet, nahm die Gestalt des Regens, des Schwans und wie oft mancherlei andere an, um die Schönheit zu genießen, von der er überwunden war 70 . Von den übrigen Göttern, die sich das Heidentum gemacht hat und über die, wie Anacreon bezeugt, jener blinde Knabe triumphiert, schweige ich jetzt. Daß viele auch allein um hoher Schönheit willen für unsterblich gehalten wurden, ist uns das Altertum Zeuge. Deshalb verschmähte Paris Asiens Herrschaft und Schlachtensieg, um Helena zu erlangen, von der er als der Schönsten vernommen, da er erschaute, wie Juno, Minerva und Venus — die hehrsten Göttinnen nach seiner Entscheidung — mit größtem Eifer um die Würde des Liebreizes stritten. So ist es auch das Höchste und Herrlichste, wenn die Gestalt selbst als etwas Göttliches und größter Ehren Würdiges erscheint. Wer ist so jedes Menschentums bar, daß selbst der Liebreiz ihn nicht berührt ? Alle lieben irgendwie die Schönen, halten sie der Herrschaft für wert und gehorchen ihnen bereitwilliger. Nicht unpassend also sagt der kundigste Seher Vergil: Kommt die tugend in schönem leibe so hilft sie ihm holder 71 . So wenig es nämlich eine bessere Tugend ist, ich weiß nicht, irgendwie ist sie doch willkommener. Starke, Weise, Gerechte, wenn sie unschön sind, scheut die Menge eher, als daß sie sie liebt. Daher pflegte Plato anmutig den Xenokrates, der einen sonderbar ungestalten Körper 3 34 VON DER WAHL DER EHEFRAU hatte, zu mahnen, er solle häufig den Grazien Opfer bringen 72 , denn seine Weisheit, mit Häßlichkeit der Glieder gepaart, war den meisten unangenehm, nicht gar vielen an sich lieb. Doch wohin will dies alles ? Daß wir lieber mit schönen Gattinnen leben; für die ja viele haben sterben wollen! Doch führe ich das nicht auf die Lüste zurück, welche an einem großen und ernsten Geist wie Fluten am Felsen abprallen, sondern ich meine, es gehöre zur Kindererzeugung und zu fröhlicher Gemeinschaft von Leben und Lebensart. Das hat bei Vergil weise die Juno verkündet, da sie durch Aussicht auf Wohltat solchermaßen den Aeolus zu überreden strebt: Zweimal sieben sind mein von nymphen schimmernden leibes. Welche von ihnen die schönste an wuchs ist: Deiopeia Füg ich zu dauerndem bunde mit dir und widme sie eigens Bei dir zu weilen die fülle der jähre für solche Verdienste Und dich dann zum vater zu machen der schönen geburten 73 . An dieser Stelle läßt sich leicht ersehen, wird die Fabel nicht einem Tauben erzählt, wozu wir eine schöne Gemahlin hoch werten sollen. Ich fühle, daß ich im Eifer der Rede länger verweile, als die Sache selber vielleicht erfordert, daher wende ich mich zurück und komme näher zu unserem Vorhaben. Obwohl oben so viel von mir über die Schönheit geschrieben ist, möchte ich es doch so aufgefaßt wissen, daß ich sie am höchsten schätze, wenn sie sich mit edlen Sitten und sonstigen Stützen verbindet; von ihnen getrennt aber möchte ich sie keineswegs loben. Denn wie mit Stroh leicht ein Feuer entzündet wird, aber auch leicht ausgeht, wenn ihm nicht länger vorhaltende Nahrung geboten wird, so verlischt die am Äußeren des Leibes entfachte Liebe zwischen Gatte und Gattin bald wieder, wenn sie nicht von löblicher Geistigkeit, geordneten Sitten und unsträflichem Lebenswandel genährt wird. Als der Olympias gemeldet wurde, einer aus der königlichen Umgebung habe ein Weib genommen, das sehr schön von Ansehen, aber weniger günstigen Rufes sein sollte, da sagte sie: Hätte dieser Jüngling öfter mit klugen Männern gesprochen, die älter sind als er, statt nur mit sich selbst, so hätte er wahrlich nicht mit den Augen gefreit 74 . Hat nämlich diese Anmut der Gestalt nicht feste und ausgeprägte Anzeichen redlichen Wesens an sich, dann ist sie keines V MIT WELCHEM REICHTUM 35 Lobes wert und keines Gedenkens. Dies zeigt unverhüllt der höchste Weise und Seher Homer, bei dem Nireus — Achilles lediglich ausgenommen —, der Schönste aller Griechen, nachdem einmal von ihm gesungen ist, er sei mit den anderen nach Aulis gekommen 75 , hinfort nirgends mehr erwähnt wird. Sicherlich brachte er nach Troja keinen Teil jenes Heldentums, dem der Ruhm als Lohn zu eigen ist, womit Homer jene Halbgötter für die Ewigkeit zu beschenken sich vorsetzte.. Doch nicht nur den Ehefrauen, auch nicht einmal den Buhlerinnen vermag das Äußere allein die Gunst zu verbürgen. Bei dieser Gelegenheit kommt mir Philipp, ein Paduaner, in den Sinn. Dieser war der Sohn eines wohlhabenden Vaters von nicht unedler Herkunft und sterblich verhebt in eine Buhlerin von ausnehmender Schönheit, aus deren Liebesbanden er durch Macht und Freundlichkeit des Vaters nicht loszureißen war. Als dies der Vater merkte, beschloß er mit großer Gefahr seines Rufes, den Sohn, der an so schwerer Krankheit litt, zu heilen. Er kauft jene feile, der Venus geweihte Dirne los, hält sie zu Hause bei seinem Sohn; man schläft des Nachts zusammen, und einige Tage lang genießt der verlorene Jüngling jenen Sinnenkitzel, von dem er sich eingeredet, daß er das höchste und einzige Gut sei. Bald danach, sobald die Begier durch Sättigung verraucht war und ihn durch die allzu freie Gelegenheit der Überdruß faßte, verschmähte der Jüngling, was er an ihr so sehr zu heben gewohnt war; er wird allmählich gesund und ist durch die Kur des Vaters von der tölpelhaften und rasenden Gemütskrankheit befreit. Was sollen wir da denken, das aus der Gattin werden wird, wenn die bloße Schönheit fesselte, wo Würde und Gemeinsamkeit des Lebens hätte verbinden sollen? Doch was untersuche ich weidäufig dies so lange, wie eine dunkle Sache ? Schöne Gattinnen werden wir wählen, sofern sie in allem übrigen dem entsprechen, so daß die Heirat für uns erfreulich ist, für die Unseren ehrenvoll und angemessen. V MIT WELCHEM REICHTUM ÜBER SITTEN, ALTER, AHNENSCHAFT UND GESTALT HABE ich, scheint mir, einigermaßen gesprochen. Anschließend werden wir nun, wie es unser Vorsatz war, über den Reichtum, den noch übrigen 36 VON DER WAHL DER EHEFRAU Teil der Gattenwahl, weniges sagen, was hierbei nicht unnütz erschien. Da wir also allem dem nachgehen, was zur Zierde und Auszeichnung der Ehe, zur Bequemlichkeit des Lebens, zu Gütern, Vermögen und Mitteln gehört, so ist mit Sorgfalt auf Würde und Nutzen zu achten. Deren Früchte sind: Dankbarkeit, Freigebigkeit und Hochsinn, bei denen allerdings der größte Glanz der Tugend liegt. Mögen wir auch nach dem Willen unseres Herzens noch so dankbar, wohltätig und gebefreudig sein, so werden wir doch ganz wie Feldherren, Redner und Ärzte großen Lobes nicht wert erscheinen, wenn wir unsere Gefühle nicht durch die Tat beweisen. Darum ist Besitz zu vielem äußerst nützlich. Denn so steht uns frei, jeglichem nach Würdigkeit zu spenden, und wir können den Nächsten und uns durch Neigung besonders Verbundenen soviel wie möglich zuwenden, wodurch wir unsere Kinder mit Besitz, Hilfe und Dankbarkeit derer ausstatten, gegen die wir freigebig waren. Denn in den Söhnen werden die Eltern geachtet und geliebt. Auch darf keine Pflicht ehrwürdiger erscheinen als die, Dank zu erstatten. Wer es daran willendich fehlen läßt, der muß notwendig gegen Gott den Unsterblichen selbst, gegen das Vaterland, die Eltern, Freunde und Wohltäter untreu sein. Gegen alle endlich vergeht er sich, denen er, durch Wohltaten verbunden, weder Dank weiß noch abstattet 76 . Vortrefflich werden daher nach den Gesetzen der Perser die Undankbaren von den härtesten Strafen getroffen. Denn wie Herodot berichtet, ist das größte Laster bei ihnen das Lügen, das nächste aber das Schuldigbleiben. Warum auch nicht? Mit Recht sind sie überzeugt, daß, wer sich nicht schämt, in der Schuld eines anderen zu bleiben, auch oft und in vielen Stücken wider die Pflicht eines guten Mannes fehlt und trügt und daß er immer wieder lügt 77 . Besitz müssen wir daher auf solche Weise hochschätzen. Ist er für uns selbst weniger nötig, so steht uns weithin der ehrenvollste Gebrauch gegen Freunde und gegen das ganze Menschengeschlecht offen. Alexander schickte Phocion, dem großen Manne, viele Pfunde Goldes als Geschenk zu; der sittenstrenge und höchst standhafte Mann wies die Gabe zurück, weil er dieses Geld nicht brauche. Daher fragte man ihn, ob er niemanden hätte, den ihm Gemeinschaft ehrenvollster Bestrebungen und Ähnlichkeit des Lebens verbunden habe; daß er diesem gegenüber sich V MIT WELCHEM REICHTUM 37 wohltätig und freigebig erzeige, sei doch nur recht und billig. Doch was du, Phocion, über dich bestimmst, magst du zusehen. Dem Alexander reichen kaum die unglaublichen Schätze des Darius aus, indes er dem Wohlstand derer, deren Heil und Würde ihm teuer ist, hochherzig aufhilft 78 . Das wird auch die beste Unterstützung für die Söhne sein, daß die edlen Jünglinge — was als Wichtigstes gelten muß — in erlesenen Wissenschaften und Künsten unterrichtet und erzogen werden können 79 . Mit solchen Dingen versehen sollen sie ihren hochansehnlichen Eltern würdige Kinder sein und ihre Vorfahren berühmter machen. Da dies so ist, muß man sorgfältig dem Vermögen Rechnung tragen, damit man uns nicht nachsagt, wir seien den Unsern mißgünstig und wären auf unseren Nutz und Glanz bedacht gewesen. So wie wir übrigens die Mischung von Wasser und Wein doch Wein nennen, mag auch der Anteil des Wassers größer sein als der des Weins, so werden wir Reichtümer und Vorräte die des Mannes, nicht der Gattin nennen, auch wenn die Frau mehr und Ansehnlicheres zugebracht hat. Doch möchte ich meinen, komme es darauf nicht an, wer mehr beigesteuert hat, sondern wer den Hausbesitz gemehrt hat. Wie es zudem nach dem Dafürhalten der Ärzte zu unserem Wohlbefinden nötig ist, daß die Säfte durch alle Teile des Körpers sich verbreiten, ebenso raten wir denen, die durch Vermählung sich verbinden, nicht nur das Geld, von dem wir jetzt sprechen, sondern auch ihre Herzen, ihre Freunde und Verwandten als einander gemeinsam zu vermischen. Deshalb ist in den römischen Gesetzen löblich bestimmt, daß Mann und Frau gegenseitig keinerlei Geschenke annehmen sollten, auf daß sie nichts als eigen, im übrigen alles als gemeinsam betrachteten, damit das Hauswesen mit um so größerer Sorgfalt, Eifer und Treue besorgt werde. Des Dion Wort zu Dionys ist wahr: Jeder Mann ist in eigener Sache eifriger als in fremder 80 . Daher pflegt man verständigerweise die Fürsten zu mahnen, sie sollten sich zu Gemüte führen, die Städte seien ihre Häuser, die Bürger ihre Söhne und sie selbst die Hausväter, auf daß sie mit Fürsorge, Rat, Fleiß und Wachsamkeit an das Heil und Wohlergehen der Untergebenen denken und sie so glücklich wie möglich wünschen. Doch darüber soweit. Ich wollte, unser Leben wäre in eine Zeit gefallen, in der die Jugend eher lernen als verlernen müßte, auf Besitz und Geld im Ehestand großen 3§ VON DER WAHL DER EHEFRAU Wert zu legen, dann würde in der Tat die Gesellschaft der Menschen und ihre Verbindung aufs beste gewahrt. Aber die meisten sind schon von Kind auf von eitler Hoffnung auf Gewinn so angesteckt und aufgezogen, daß sie — soviel sie es mit angestrengtester Mühe und Not schaffen können — nichts unterlassen, wovon sie glauben, es diene ihrer knechtischen Habgier. Deshalb habe ich mir vorgenommen, die Jugend unserer Zeit nicht anzureizen und zu entflammen, daß sie bei der Gattin Reichtum besonders hoch einschätze, sondern sie eher zu ermahnen, daß sie — sofern es ihr Vermögen erlaubt — diese Sache zu allerletzt erwäge, sowie auch ich darüber geschrieben habe. Ich fürchte, daß ich den meisten lästig falle, doch muß gesagt werden, was ich denke. Nicht genug kann ich diejenigen tadeln, die — je reicher sie sind — sich mit Fleiß solche Frauen aussuchen, die zu allem eher taugen als den Pflichten einer Gattin. Denn wie uns mit Gold und Perlen verzierte Spiegel zu nichts nutz sind, wenn sie nicht das Bild möglichst ähnlich wiedergeben, so halte ich den Reichtum der Frau durchaus für unnütz, wenn sie nicht das Bild der Haltung ihres Gatten durch Lenksamkeit des Sinnes widerspiegelt 81 . Alexander wird gelobt, weil er, wie einige berichten, die Bar- sine, mit der er den Hercules zeugte, die Tochter des aus königlichem Stamm gebürtigen Artabazes, ein sittsames, in griechischer Bildung erzogenes, wenngleich armes Mädchen zur Frau nahm, während er die Vermählung mit der Tochter des Darius und eine unendliche Menge Goldes hochsinnig verschmähte 82 . Man findet viele, Fürsten wie Bürger, die neben anderem auch in der Verachtung des Geldes der Frau groß waren und galten. Wie von ihrem Ruhme strahlt von Sternen die Geschichte; aber jene Obenerwähnten können sich nie ersättigen an Gütern, Landhäusern und kostbarem Hausrat; um bei vielen Schätzen doch arm zu sein, erstreben sie eine reichere, nicht eine würdigere Heirat. Wie aber Stümper in der Reitkunst Pferde um blanker Zügel willen besonders hoch schätzen, Unerfahrene im Kriegswesen Helme wegen ihres Goldes, Leute ohne Bildung verderbte Bücher wegen ihrer prunkvollen Buckel, nicht aber weil sie brauchbar, dauerhaft und zuverlässig wären, so wünschen die meisten Menschen Gattinnen mit vollem Geldkasten, die mein hochgelehrter und liebster Guarino mit Recht hoffärtigen Gräbern zu vergleichen pflegt. Obschon bei ihnen ein glänzendes Äußere sich mit V MIT WELCHEM REICHTUM 39 mannigfachem Schmucke paart, so ist doch drinnen nichts von Wert, größte Häßlichkeit, Gestank sogar als ständiger Bewohner und vieles sonst, was nur Tote aushalten können. Äsop, der älteste Geschichtsschreiber aus Phrygien, in dessen Fabeln sich einziger Ernst zu gleicher Liebenswürdigkeit gesellt, verheißt uns gleichsam aufs artigste seinen Rat in dieser Sache. Bei ihm bemerkt ein Fuchs, der in eines Musikers Werkstatt kommt, eine Leier, deren unterster Teil ein durch Geist, Kunst und Fleiß mit Edelsteinen und Gold wunderbar gearbeitetes Menschenhaupt war. Als er es bedächtig bewundert hatte, sagte er: Glückliches Haupt, doch leer und ohne Gehirn 83 ! Das können wir auch von den reichsten Frauen sagen, wenn sie sich nicht eignen, ihrer Frauenpflicht zu genügen. Jener vermessene Paris besaß die überreiche Helena, der klügere Odysseus nahm die züchtige Penelope, damals ohnegleichen die Keuscheste und Sittsamste. Seine Heirat bewundert das Altertum, es verehrt sie und erhebt sie mit Lob zum Himmel, dagegen hat es die Ehe des andern mit schwerem Schimpf vor dem Gedächtnis der Nachwelt gebrandmarkt, weil sie ja Asiens Feuersbrunst, Wüstnis, Verderb und Vernichtung war. Dies ist freilich der Ausgang, da er zu Helfern seiner Lust auch noch Schätze sucht 84 . Klug verfügte deshalb Lykurg, daß die Frauen ohne Mitgift verheiratet werden sollten, damit weder aus Armut die Spartanerinnen unverheiratet blieben, noch infolge Reichtums sich vermählten. So nämlich, sah er voraus, würden die Spartiaten Tugend, nicht Reichtum bei der Gattin suchen und die Frauen weit mehr bestrebt sein, sich mit Rechtschaffenheit zu rüsten 85 . Daß dies leichter erreicht werde, bestimmten jene Halbgötter der Vorzeit, indem sie sich gleichsam auf eine Warte stellten, um möglichst weit für die Zukunft Vorschau zu halten, es sollten nicht (wie in unserer Zeit) die Frauen ihren Gatten eine Mitgift zubringen, sondern die Männer ihrer Frau eine Antipherne, damit der Gatte nicht nach ihren Gütern trachtet 86 , sondern sorglicher abwäge, wem er sich, die Kinder und all das Seine mitteile. Hätten nicht Angewohnheiten unsern Sinn verderbt und hätten nicht die Genüsse uns allmählich verweichlicht, so dächten wir, diese weise Einrichtung sei wieder zurückzurufen und nicht fürderhin ins Altertum zu verweisen. Wenn wir nämlich Äcker und die Arbeit von Gehilfen um Lohn dingen, um denen, die uns von Vorteil sind, wiederum Gewinn zuzuwenden, warum sollte 4° VON DER WAHL DER EHEFRAU uns das gleiche für die Gattin nicht gelten, von der wir so nötige, so süße Frucht erwarten ? Aber wenn wir nicht vorher von den Lüsten, den schmeichlerischsten Gebieterinnen, frei sind, wenn nicht die kostbaren Teppiche, die Gewänder für Schwelger und das übrige fürwahr nicht bedurfte Bedürfnis, wenn nicht jene Gier, die an keiner Grenze einhält, abgelegt wird, so werden wir niemals besonnen und frei wegen der Gattin zu Rate gehen. Da das ganz sicher feststeht, so will ich an dieser Stelle nicht allzu lang sein. Es sammle sich also unsere Jugend und berate sich über die Heirat eher zu vorsichtig als zu begehrlich, oder vielmehr sie folge deinem Beispiel, damit sie nicht in Hoffnung auf Gewinst oder des Erwerbs willen sich zum Sklaven der Mitgift mache und einen Brand im Haus erregt, den sie nicht mehr sofort zu löschen vermag. Wollen sie also auf mich hin tun, was ihnen und den Ihrigen zuträglich ist, so wird man eine Gattin wählen, die mit Tugend, rechtem Alter, Adel, Schönheit und Besitz begabt ist. Was man davon, wenn es zu einem Zwiespalt kommen sollte, vorziehen muß, das werden wir dann erörtern, wenn wir zuvor — was zugleich sehr gut und notwendig scheint — nur einiges wenige zurückgewiesen haben. VI VON DEN GRÜNDEN, NACH DENEN ZUGESTANDEN IST, DIE REGEL ZU ÄNDERN VIELLEICHT KÖNNTE EINER SAGEN: WAS TUST DU? DU hast dich anheischig gemacht, für die Wahl der Gattin Regeln zu geben, und dann vergißt du so die Armen und Untern, daß du nur den Begütertsten Lehren gibst! Darauf läßt sich leicht antworten: Gar sehr möchte ich, daß diese unsere Merkblättchen für alle gültig und nutzbar würden. Aber wenn einer unsere Ratschläge durch Ungunst der Abkunft oder Armut nicht befolgen kann, so soll er seinem Schicksal, nicht unseren Lehren, grollen 87 . Kehren wir also zu unserem Vorhaben zurück. Mir scheint, ich sehe einige, die fest behaupten werden, es bleibe eher zu wünschen als zu hoffen, daß alle die Stücke zusammentreffen, die ich in erster Reihe als beherzigenswert nannte. Deshalb werden sie etwas ungeduldig fordern, ich möge jetzt jenen Vergleich anstellen; denn nicht VI VON DEN GRÜNDEN DIE REGEL ZU ÄNDERN 41 alle seien Lorenzos 88 , denen, da sie ganz bevorzugt sind durch Gaben des Geistes, des Körpers und durch Glücksgüter, Gattinnen jeder Art und jeden Ranges angeboten werden. Diesen glaubte ich aber durch das Obengesagte eine ausreichende Antwort gegeben zu haben, weil ich das mir wichtiger Erscheinende an früherer Stelle, das übrige aber hernach vorgetragen habe. Doch begegnen mannigfache Gründe, sei es der Zeit, der Notwendigkeit oder der Gelegenheit, derentwegen wir, wie es gelehrten Männern dünkt, eine Abänderung der Vorschriften zugestehen. Die Zeit nämlich, wie weise den Tolmides Perikles mahnte, sollen wir als klügsten Ratgeber befragen 89 . Denn wie die Freier der Penelope, da sie am Umgang mit ihr verzweifelten, gerne und eifrig sich zu ihren Mägden gesellten 90 , so werden wir, wenn wir die in jedem Stücke vortrefflichste Frau nicht haben können, uns die mögliche nehmen, die wir je nach unserer Würde bekommen können. Ziemt es sich doch nicht, die Knäblein nachzuahmen, die unter lautem Lachen der Zuschauer sich die Stiefel der Eltern anschnüren. So werden verdientermaßen diejenigen lächerlich erscheinen, die selbst dürftig und verachtet sind und eifrigst eine Frau suchen, an der man kein Teilchen des vollkommensten und höchsten Preises vermißt. Ich lasse also nicht ab, zu warnen, daß sie nicht zum allgemeinen Gelächter den äsopischen Kamelen gleichsehen. Als diese in der Versammlung der Tiere Hirschgeweihe begehrten, wurden ihnen beinahe die Ohren abgerissen, den anderen eine Lehre, daß sie zufrieden in ihren Grenzen bleiben sollten 91 . Daher mögen, je nach den Kräften, die jungen Leute die Gattin wählen. Zur Genüge kann fremder Schaden sie warnen: sie sollen sich hüten, andern zum Beispiel zu werden. Deshalb erachten wir jenes alte Wort in vielen anderen Dingen für sehr nützlich, hier besonders für heilsam: Gleich und gleich gesellt sich gern! Denn was ist ausgleichender, bequemer und leichter, als ein gleichartiges Weib sich zu nehmen 92 ? Denen aber stimme ich keineswegs zu, denen nichts gleichmäßiger scheint als die Ungleichheit selbst. Nach diesem ist an die Sitten zu denken, denen wir stets die erste Rolle zuweisen in dieser Sache. Denn mag einer auch ihr Schutzgeist alles außer der Tugend oder der Eignung zu guten Sitten zugebilligt haben, so möchte ich sie deswegen doch nicht besonders loben. Als Demosthenes, der große Redner, gefragt wurde, was das Erste in der Beredsamkeit sei, 42 VON DER WAHL DER EHEFRAU antwortete er: der Vortrag. Eben diesen setzte er auch an zweiter Stelle und an dritter, so daß er leichtlich erklärte, diesem vor allem andern gestehe er die Palme der Überredung zu. Hinzu kommt als gewichtiger Zeuge Hortensius, der, im übrigen vielen unterlegen, nahezu alle, wie man glaubte, beim Reden übertraf 93 . Was Demosthenes in der Redekunst dem Vortrag, das möchten wir in der Ehe eben der Tugend zuerkennen. Daher wollen wir der Sitten, die wir an erster Stelle setzten, von allem am meisten achten, da ohne sie die Heirat nicht recht gutgeheißen werden kann. Unter ihnen wird vor allem die Willfährigkeit und Freundlichkeit betrachtet werden, damit kein Raum ist für Ärgernisse und Scheidung, kurz für die Göttin Viriplaca 94 . Ein Römer verstieß seine adlige, reiche und schöne Gattin. Darauf bei allen außerordentliches Verwundern und Beklagen. Da er nun seine Entscheidung anerkannt wissen wollte, streckte er seinen Schuh hin und sagte: Der ist schön anzusehen und neu, wo er mich aber drückt, das merkt keiner außer mir 94a . Die Mitgift also, den Stammbaum und die Schönheit sollten, so wünschte ich, die Ehemänner nicht so hoch werten wie Tugend und Lenksamkeit des Sinnes bei der Frau, der nichts teurer sein soll als der Wille des Mannes 95 . Wenn aber die Jungfrau die durch Adel bewährte Sitte hütet, werden wir weniger nach dem Zauber der Reize fragen. Sokrates mahnte die Jünglinge, sie sollten sich im Spiegel betrachten; so würden sie, wenn sie sich ungestalt erblickten, durch gute Art schön und annehmlich werden, wenn aber wohlgestaltet, sollten sie sich hüten, daß sie die Gabe der Natur nicht durch ihre Ausschweifungen zugrunde richteten 96 . So zu handeln, rede ich auch den Verlobten zu. Haben sie eine weniger wohlgestalte Braut bekommen, so sollte diese durch Jugend, Sittsamkeit und Adel ihnen ohne Widerrede für schön genug gelten. Sie mögen der Meinung des Gorgias beitreten, auf dessen Rat man den Ruf der Gattin, nicht den Reiz ihrer Gestalt erkunden soll 97 . Ist sie überdies noch anziehend, dann mag man sie um so lieber haben. Zeichnet sie sich sonst aus, ist aber niederen Standes oder wenig vermögend, so wird man nach dem Beispiel des vortrefflichsten Königs Agamemnon die Heirat nicht ablehnen. Der zog die Gefangene Chryseis der Jupiter-Tochter Cly- taemnestra vor, weil er sie dieser an Wuchs, Antlitz, Klugheit und in VI VON DEN GRÜNDEN DIE REGEL ZU ÄNDERN 43 vielen Kunstfertigkeiten überlegen erachtete 98 . Jeder, der danach giert, Schätze aufzuhäufen, möge erkennen, daß er vom Wege abgewichen ist, und glauben, daß er sich besser eine gute Frau beilegt als eine begüterte. Themistokles wird uns Zeugnis geben, der einem Vater auf die Frage, ob er die einzige Tochter einem guten doch armen Mann zur Frau geben sollte oder einem nicht sehr bewährten doch wohlhabenden, den Rat erteilte: Ich möchte weit eher einen Schwiegersohn für dich, dem es am Gute, als Gut, dem es am Manne fehlt". Was jener Führer Griechenlands für die Männer, das verfügen wir für die Frauen, denn es ist billig, daß wir uns Gattinnen und nicht Reichtümer zu Gattinnen wählen. Darum erlitten unter den Ephoren als Richtern mit bestem Recht gewisse Laze- dämonier eine Strafe, die zu Lebzeiten des Lysander versprochen hatten, dessen Töchter zu Frauen zu nehmen, später jedoch, als er aus dem Leben geschieden war, sich weigerten; denn während sie den reichen gehuldigt hatten, machten sie gar kein Hehl daraus, daß sie die armen, ob auch wohlerzogenen, verachteten 100 . Wozu mehr ? Der Inbegriff meines Gedankens ist: Wir müssen uns Mühe geben, daß wir uns solchen Frauen verbinden, die in allen Stücken ehrsam, wert und angenehm sind; wenn es aber zum Zwiespalt kommt, muß es uns angelegen sein, über jedes einzelne nach seinem Werte mit uns zu Rate zu gehen. Und wie es dem Automedon 101 und den übrigen Pferdekundigen gefiel, Pferde ausgezeichnet und gut zu nennen, an denen man mehr billigen als tadeln kann, so erklären wir die Frauen des Preises der Gattin für würdig, an denen wir von den genannten Dingen die meisten, oder doch die ersten erkennen. Auch will ich nicht so viel an Last den Menschen unseres Zeitalters zumal auferlegen, denn es wäre streng und schier ohne Ende, alles zu fordern, wie sehr ich es auch wünschte und begehrte. Aber die Tugend mögen sie zuerst erstreben und dazu alles, was sie sich trauen, erlangen zu können. Ich glaube nicht länger hierüber reden zu müssen. Das übrige ist nämlich Gemeingut und wird dem, der will, durch Geist und Klugheit leicht zur Hand sein. 44 VON DER WAHL DER EHEFRAU VII VOM GEPRÄNGE UND GLANZ DER HOCHZEIT ES BLEIBT NOCH, DASS ICH VOM AMT DER GATTIN spreche, bei dem alles so voll Freude, voll Heiterkeit, voll Zierde und in allen Stücken als schönstes erkennbar ist, so daß ich fortgerissen vom Schwung der Rede etwas, was besonders zu schildern war, fast ausgelassen hätte. Ich will doch von der Hochzeit selbst, bevor ich zum zweiten Teil komme, einiges durchlaufen, das ich aus den Denkmalen des Altertums ausgrabe, da es jetzt abgekommen und fast ausgetilgt ist. Der Sache, von der wir nun handeln, wird es sehr wohl dienen, wenn wir im Geiste Umschau halten, was die weisen Alten über Gepränge und Glanz der Hochzeit gedacht haben, die wir, scheint es, auch in dieser Sache zum großen Teil nachahmen. Hierüber sind viele kundige Vorschriften gegeben worden und noch weitere lassen sich geben, deren Sinn nicht außer acht zu lassen ist; denn wir halten die Einrichtungen keineswegs für unüberlegt, da sie für Höchstes das Zeichen sind. Damit aber auch nicht in dieser Denkschrift einer etwa bei mir vermißt, auf welche Weise er die auserwählte Gattin heimführen soll, werde ich etwas Kurzgefaßtes beifügen, das aus den ältesten Aufzeichnungen entnommen ist. Vom Gott den Anfang zu nehmen 102 ist mein Vorsatz, von dem anzuheben die Vernunft dem Gelehrten, die Notdurft dem Wilden, die Sitte den Völkern gebietet und gewissermaßen die Natur selbst. Zum Beginn also pflegten die Alten mit außerordentlicher Sorgfalt Opfer darzubringen, damit offener und bezeichnender der Gott selbst Zeuge dieses heiligen Bundes sei. Hier wurde, wie bei uns Gott der Unsterbliche, so zu Athen Hymenäus 103 , zu Rom Talassius angerufen, damit die Ehe gut, fruchtbar, gesegnet und glückhaft sei. Talassius nämlich, ein anmutiger Jüngling und unter den liebsten Mitkämpfern des Romulus an Kriegsruhm hervorragend, war gesucht, beredet, gerühmt von allen. Diesem war beim Raub der Sabinerinnen eine auserlesene Jungfrau vorbehalten, die in seinem Namen bewahrt aber von unwissenden Genossen fast fortgerissen wurde. Doch die beliebte und volkstümliche Anrufung des Talassius befreite sie von der drohenden Gefahr. Daher ward, weil seine Ehe glücklich gewesen, die Sitte eingeführt, ihn bei der Hochzeit an- VII VOM GEPRÄNGE UND GLANZ DER HOCHZEIT 45 zurufen 104 . So groß also — daß die Rede dahin zurückkehre, wo sie abwich — ist die Macht jener Einung, so stark die Verknüpfung, daß die so gerühmte Treue gegen die Eltern vom Glanz dieses Bundes verdunkelt wird. Es darf nämlich der Gatte nach dem Spruch der Vorfahren wie auch unseres Glaubens 105 die Augen seines Geistes vor Liebe zur Gattin so sehr zuschließen, daß er alles andere unterläßt, nur sie verehrt, sie liebt, ihr folgt. Dem tritt ein sehr gewichtiger Zeuge bei, Homer, bei dem Hektor, da er doch starken Mutes die Asche der Eltern, Brüder und endlich des Vaterlandes ertragen will, das drohende Schicksal der wohlverdienten Gattin Andromache zu denken, nicht tragen kann. Hier wird jener tapferste Barbarenheld so mild, so weich, daß man meint, er sei ein gänzlich anderer geworden. Vom Ruhm seiner Taten aufgerichtet, hat er kein Wort der Klage über sein Ende, viele über das der Gattin angstvoll stöhnend und seufzend 106 . So werden wir, um nicht zu lang zu sein, uns mit diesem einen begnügen, denn freilich gibt es, und weit mehr als ich wünschte, überall unter den Völkern häufige Beispiele für diese Sache, die oft, der Würde zuwider ausgeklügelt, ihre Urheber mannigfach mit den Flecken der Gottlosigkeit besudeln. Ich lasse jetzt die Kränze beiseite, mit denen man die Braut sowohl als die Türpfosten zu putzen pflegt. Ich übergehe die Teppiche und die übrige Zurüstung, die ich bei solcher Gelegenheit nicht mißbillige und auch der Vornehmheit anstehend erachte. Der Brauch hat daran festgehalten, denj enigen Finger der Ehefrauen mit einem Ringe zu schmücken, der dem kleinsten der linken am nächsten ist, — woher er auch, wie zu glauben, Ringfinger genannt wird — damit ein dauerndes Denkzeichen der tiefsten Hinneigung zum Manne sichtbar bleibe. Von diesem Finger erstrecken sich nämlich, wie etliche versichern 107 , gewisse Nerven bis zum Herzen. Es war Sitte, vor die Braut Feuer und Wasser zu tragen und von ihr beides berühren zu lassen, damit bekundet würde, die Frau sei vornehmlich um der Hervorbringung des Nachwuchses willen da. Denn wie Hitze und Feuchtigkeit, die in jenen Elementen überwiegen, die Ursache der Erzeugung sind, so ist die Vereinigung von Mann und Weib zumeist wegen der Zeugung von Kindern eingeführt 108 . Die Braut pflegt sich zu hüten, daß sie nicht die Schwelle des Gatten mit den Füßen berührt, sondern sie läßt sich hineintragen, um kundzutun, nicht 46 VON DER WAHL DER EHEFRAU mit Willen, sondern gewissermaßen durch Gewalt bezwungen gebe sie die ängstliche Verschämtheit auf. Daher trugen jene Alten an bestimmten Tagen, besonders aber an allen Kaienden, die dem Janus geweiht sind, Bedenken, eine Jungfrau heimzuführen, weil es schien, es geschehe dieser irgendwie Gewalt, was damals zu sühnen war. Witwen jedoch zu solcher Zeit zu heiraten, verbot der Glaube nicht; wie es ja auch nach Angabe des Verrius Flaccus an Feiertagen gestattet war, alte Gräben zu säubern, nicht aber neue anzulegen 109 . Auch die Schwelle sprach der heidnische Irrtum dem Janus zu; daher die Sitte, um sie nicht beim ersten Überschreiten gleichsam mit Füßen zu treten und zu mißachten, sich über die Schwelle heben zu lassen, nicht sie zu betreten. Auch an Feiertagen, an denen die lupercalischen, megalensischen oder circensischen Spiele 110 oder ein anderes Schaustück das Volk in Menge festhielt, durften Jungfrauen nicht heiraten. Witwen aber war dies gestattet. Manche glauben, daß dies vorzüglich aus dem Grunde eingeführt wurde, damit die Jungfrauen auf diese Tage achteten, gedenk dessen, daß an einem Spieltage die Sabinerinnen geraubt wurden, was großen Schimpf nach sich zog und der Anfang eines schweren und gefahrvollen Krieges war. Dagegen den Witwen und denen der Scheidungsbrief gegeben war, war es durchaus nicht verboten, denn es schien ein großer Grund zum Erröten entfernt, wenn das ganze Volk vom Schauspiel in Anspruch genommen nicht zugegen war, während sie Hochzeit feierten, mochten frühere Gatten tot oder am Leben sein 111 . Es wird sich ziemen, wenn der Hochzeit, soweit es unseren Mitteln gestattet ist, Glanz gegeben wird, damit uns nicht diese Art des Ruhmes entgeht. Gastmähler, Fechterspiele und Zurüstungen zu Volksbelustigungen haben viele berühmten Männer gelobt. Hiervon war Theo- phrast so sehr eingenommen, daß er dergleichen Aufwendungen, welche dem Haschen nach Gunst der Menge dienen, des Reichtums Frucht nannte. Was soll ich jetzt Quintus Mucius, Gaius Appius, Hortensius, Silanus, Publius Lentulus, Scaurus, Pompeius, die Crassus und Luci/ier 112 erwähnen, die mit großem Eifer die curulische Ädilität aufs prunkvollste verwalteten ? Dies ist jedoch von den meisten ernsthaften Männern getadelt worden und wird noch getadelt. Doch finde ich niemanden, der den Glanz der Vermählung getadelt hätte, viele jedoch, die ihn gelobt VII VOM GEPRÄNGE UND GLANZ DER HOCHZEIT 47 haben. Aristoteles, der gelehrteste Mann, den man den Gipfel und den Fürsten der Philosophie zu nennen pflegt, billigt in den Büchern, die er über die Sitten hinterließ, solche Art des Prunkes sogar bei den besten Männern 113 . Der hochangesehene und berühmte Philosoph Manuel Chrysoloras 114 gab seinem Neffen Johannes, einem gebildeten und vortrefflichen Mann aus dem Ritterstand, eine Gattin, deren Hochzeit äußerst glänzend zugerichtet ward. Als deshalb seine Würde als ernster Philosoph von einem Angehörigen angetastet wurde, sagte er: Gott behüte ! Bei freudigsten Anlässen ist es uns erlaubt, großartig und festlich zu sein. Und wenn wir gegen den Nächsten kein Unrecht begehen, ist uns je nach Würde unserer Familie nirgends solcher Glanz untersagt. Was suchen wir noch Weiteres zusammen ? Die Sache selbst, die immer am meisten vermag, spricht für sich und verlangt keine längere Rede. Neben üppiger Bewirtung, die bei anderen Anlässen getadelt wird, hier aber Billigung erfährt, sehen wir noch jetzt nach sabinischer Sitte witzige Scherze eingeführt, auf daß es ja nicht an Gelegenheit zur Aufheiterung des Leibes und der Seele mangele 115 . Aus gleichem Grunde werden Schauspieler zugezogen, die in der Stadt Rom so hoch in Ehren standen, daß man, da alle Meister dieser Kunst gestorben waren, aus deinem Etrurien, der blühendsten Provinz Italiens, Spieler herbeizurufen beschloß. Deren Ältester und Vortrefflichster in der Kunst, wie Claudius Rufus überliefert, Histrus hieß 116 . Alle übrigen Histrionen wurden in der folgenden Zeit nach ihm benannt, gerade so wie Epikuräer, Pytha- goräer und Gnathonen 117 nach ihren Stiftern. Verwandte und sonst nahe Verbundene waren gewiß in früherer Zeit wie in unserer bei der Hochzeit als Geladene zugegen, damit alle, auf die sich Ehre und Ergötzen der Hochzeit erstreckte, auch ihre Freude mit der der anderen hätten. Der weise Solon, einer von den Sieben, bestimmte, daß die Braut, wenn sie mit dem Gatten vereint wird, einen cydonischen Apfel koste 118 , um gleichsam anzudeuten, daß Stimme und Rede der Frau vor dem Gatten als süß und lieblich gelobt werden sollen 119 . Der Jungfrau wird, wenn sie das Schlafgemach betritt, um die bräutliche Feier zu begehen, das Antlitz verhüllt; im Dunkeln, wo Venus Ehegeleiterin ist, umarmt sie der Bräutigam 120 und «in den schoß der gattin geschmiegt, harrt er, daß friedlicher Schlummer ihm durch die glieder dringe 121 ». Wir erraten, 4 8 VON DER WAHL DER EHEFRAU daß dies geboten worden, damit die jungfräuliche Scham nicht hartnäckiger, als Recht ist, sich gegen die erlaubte Umarmung sträube. Und damit nichts von Trauer in diese froheste Feier käme, ist es Brauch, Nüsse auszustreuen, daß vor knabenhaftem Lärm und dem Eifer des Auf lesens die zahlreich versammelte Menge keinen Schrei vernehme, den die Neuvermählte etwa ausstößt, sei es des Schmerzes oder der Ehre halber 122 . Nicht mehr zu sagen, dient mir vieles zur Warnung. Einmal, daß ich, wenn ich dies alles zu breit berichte, deine Ohren beleidige. Diese darf, nachdem du auf die göttlichen Lehren der Menschheit Geist, Sorgfalt und Mühe gewandt hast, nur reines Wort, sowie ernste und feine Rede erfüllen. Sodann ist, glaube ich wohl, genug gesagt, um die Unsern menschenfreundlich zu ermahnen, sie sollen die Vorfahren, deren Tugenden im Schrifttum verherrlicht sind, heben, bewundern und ihnen, wie in allen anderen Dingen, so namendich in diesem nacheifern, soweit es die Heiligkeit unseres Glaubens zuläßt. Auf daß sie uns dies leichter zugestehen, habe ich nicht alles ausgeschüttet, sondern, damit zum Reize noch Abwechselung hinzutrete, aus sehr vielem dies wenige zu unserer Sache beigesteuert. So höre ich also nicht auf, sie zu mahnen, jenen Alten größte Dankbarkeit zu zollen, durch deren Wachen und Schreiben, wenn sie es nicht an sich fehlen lassen, sie sich bessern und eine schöner unterwiesene Gattin, sowie eine ehrenvollere Ehe gewinnen werden. Davon genug, kommen wir zu Größerem. I VON DER WILLFÄHRIGKEIT 49 ZWEITER TEIL: VON DER PFLICHT DER EHEFRAU I VON DER WILLFÄHRIGKEIT DAS NÄCHSTE WAR, DASS WIR DAS ERWÄGEN, WAS DIE Hauptsache ist, nämlich die Aufgabe der Ehefrau, worauf die Rede schon längst hineilt. Das ist der bei der Haupteinteilung vorgesehene zweite Punkt; hatte ich doch versprochen, erst von der Wahl der Gattin zu reden, danach von ihrer Pflicht. Dies ist also der noch übrige Teil, dieser Abschnitt steht noch aus. Folgen mir hierin die Ehefrauen — sei es aus eigenem Antrieb oder nach Anleitung ihrer Männer — so müßte einer die Dinge sehr ungerecht beurteilen, wenn er die Pflicht der Frau von mir nicht so festgesetzt fände, daß die Jugend durch alle Altersstufen hindurch sichere Ruhe und Muße genießen kann. Drei Dinge sind es nun, die bei rechter Behandlung durch die Gattin den Ehestand höchst gepriesen und bewundernswert machen: Liebe zum Gatten, züchtige Lebensführung, ernste und fleißige Pflege des Hauswesens. Das Erstgenannte werden wir auslegen, nachdem wir vorher einiges von der Willfährigkeit, die ihr Führer und Begleiter ist, gesagt haben. Ist doch nichts willkommener und nichts wird mehr erstrebt als sie. Dies ist jenen hochweisen Alten nicht entgangen, da sie den Brauch einführten, man solle, wenn der Juno Gamelia 1 geopfert werde, die den Hochzeiten vorsteht und davon den Beinamen hat, die Gallenblase aus dem Opfertier herausnehmen. So gaben sie gleichsam durch Gesetz die weise Mahnung, alle Galle und Zornmütigkeit müsse vom Eheleben entfernt werden 2 . Deshalb pflegen viele gelehrte Männer die Antwort einer spartanischen Frau zu billigen. Als diese nämlich durch die Schmähworte eines wahnwitzigen alten Weibes gegen ihren Mann aufgehetzt wurde, sagte sie: Geh zum Henker! Als ich noch nicht aus den Kinderschuhen war, habe ich gelernt, den Eltern zu gehorchen, nun ist mir notwendig das Erste, dem Gatten zu gehorchen, wenn ich sein will, die ich soll 3 . Befehlen soll nämlich der Gatte, seinem Willen gehorchen die 4 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Frau; so ist es recht und billig. Daher verdiente jene Gorgo mit Recht Tadel, die auf die Frage, ob sie zu ihrem Mann reise, antwortete: Nein, sondern mein Mann zu mir 4 . Cyrus, der große Mann und Feldherr, gebot seinen Soldaten, wenn die Feinde mehr mit Getöse hervorbrächen, so sollten sie ihren Ansturm stillschweigend aufnehmen, kämen sie aber lautlos heran, sollten sie geraden Wegs unter Schreien und Geklirr auf sie los gehen 5 . Nicht anders möchte ich die Frauen belehren. Wenn der Gatte vom Zorn gereizt sie ärgerlicher anschreit, als ihre Ohren zu ertragen gewöhnt sind, so möge sie den Lärm schweigend aufnehmen; wenn er aber von Kummer erschöpft still ist, so soll sie selbst mit sanfter und gesitteter Rede den Mann ansprechen, ermuntern, mahnen und trösten und ihm willfahren 6 . Wer mit Elefanten zu tun hat, zieht kein weißes Gewand an, ein rotes meidet, wer mit Büffeln umgeht. Denn wegen solcher Farben geraten jene Ungetüme immer mehr außer sich. Tiger werden durch Zimbeln gereizt und gar heftig verstört, wie viele Schriftsteller bezeugen. Eben solches mag man den Frauen sagen. Wenn etwa ihren Männern der Anbück eines Kleidungsstückes zuwider war, so ermahnen wir sie, davon zu lassen, damit sie nicht von der Meinung der Männer abweichen, mit denen sie friedlich auf das sanfteste umgehen müssen 7 . Amphotiden (so werden nämlich die Ohrenschützer genannt) sind, glaube ich, für Ehefrauen weit mehr vonnöten als für Athleten, denn bei diesen sind die Ohren nur den Schlägen ausgesetzt, jenen aber drohen Scheidungsbriefe mit schwerer Schande verbunden. Deshalb muß mit großer Sorgfalt dem vorgebeugt werden, daß sie durch die Ohren Verdacht, Eifersucht und Zornmütigkeit in sich aufnehmen 8 . In dieser Hinsicht wird am meisten zuträglich sein, wenn sie König Alexanders Klugheit nacheifern wollen, denn wenn bei diesem jemand verleumderisch angegeben wurde, pflegte er immer sein eines Ohr zu verstopfen, um es für den aufzusparen, der sich nachher verteidigen wollte 8 . Die Wahrheit, in der Tat, scheint Hermione zu sagen, wenn sie gesteht und mit lauter Stimme bezeugt, daß sie durch die schlechten Frauen, mit denen sie vertraulichen Umgang gehabt, zugrunde gehe 10 . Wenn also einmal Ehefrauen auf Argwohn verfallen, dann sollen den Lästerweibern die Türen nicht offen stehen, die Ohren sollen verstopft, die Einflüsterungen verworfen werden und es soll nicht, wie es im I VON DER WILLFÄHRIGKEIT Sprichwort heißt, Feuer zum Feuer kommen. Mögen sie des hochberühmten Königs Philipp Wort lernen und im Munde führen. Diesen suchte einmal seine Umgebung aufzustacheln und gegen die Griechen zu erbittern, die von ihm viele Wohltaten erfahren hätten und ihn doch herabzögen und verlästerten. Da sagte er: Was werden sie erst tun, wenn sie von uns noch durch Kränkungen gereizt sind 10 ? Ebenso wenn aufwieglerische Weiber reden: Du bist sittsam und hebst deinen Mann so sehr und doch schätzt er dich gering, soll die Gattin zur Antwort geben: Was würde werden, wenn ich mit der Scham zugleich die Schamhaftig- keit und mit der Liebe den feurigen Eifer für ihn wissentlich und geflissentlich verlöre? Ein Herr faßte seinen flüchtigen Sklaven in der Mühle ab und sagte, gleichsam als wäre ihm schon Genugtuung geworden: Wo hätte ich dich Heber erwischt als gerade an diesem Platze? Eine Frau, die aus Eifersucht ihrem Manne gram ist und die Scheidung bedenkt und erwägt, soll, möchte ich, so mit sich sprechen: Wo wird die Buhlerin, wenn ich mich aus Haß gegen sie in die Mühle begebe, froher und glücklicher sein, als wenn sie mich fast gescheitert sieht, während sie indessen mit günstigem Wind heransegelt und in meinem Ehebett sicher vor Anker geht 11 ? Euripides schilt nach seiner Art diejenigen heftig, die während des Mahles die Leier zu hören pflegten. Weit eher sei es nämlich passend, bei Zorn und Trauer Gesang herbeizurufen, als jene zu entspannen, die von Vergnügen umfangen seien lla . Nicht anders würde ich die Frauen anklagen, die bei Huld und Eintracht mit ihren Männern zusammen schlafen, wenn aber Zorn ausbricht, getrennt sich niederlegen und die Venus verstoßen, durch deren Anmut und Künste sie sich leicht versöhnen könnten. Dies deutet Homers Juno an, «die hütet die ehelichen Bande 12 ». Denn als sie von Tethys und Oceanus spricht — wenn ich gut behalten habe — da verheißt sie, deren Hader zu lösen und sie durch Liebe zugleich und Beilager aneinander zu binden 13 . Wenn aber zu Rom eine Meinungsverschiedenheit zwischen Mann und Weib eintrat, so gingen sie in den Tempel der Göttin Viriplaca, wo sie ohne Schiedsrichter frei sich aussprachen, um dann einträchtig nach Hause zu gehen 14 . Auch das wird zu des Hauses Frieden und Besorgung beitragen, wenn die Gattin mit besonderer Sorgfalt die Gunst ihres Mannes hütet. Als der Leontiner Gorgias bei den Olympischen Spielen, die unter feierlichem 4' 52 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Zudrang ganz Griechenland für seinen besten und größten Jupiter beging, über die Eintracht eine Rede hielt, die unter den Griechen zu schaffen sei, da sagte Melantbus: Unser Redner da redet uns zu Vertrag und Bündnis zu und ist doch nicht imstande, sich selbst, seine Frau und die Magd — nicht mehr als drei — ins Einvernehmen zu bringen. Seine Gemahlin quälte sich nämüch mit Eifersucht, da Gorgias etwas zu sehr in die Zofe vernarrt war 15 . Philipp hatte lange Zeit ein Zerwürfnis mit Olympias und Alexander. Mitderweile kehrte der Korinther Demaratus aus Griechenland zurück, und als Philipp beflissen und eingehend diesen über die Eintracht der Griechen befragte, da sagte er: Ich halte es für ganz schmählich, Philippus, daß du Sorge zur Schau trägst um des gesamten Griechenlands Friede und Einhelligkeit, während du noch nicht einmal mit Frau und Sohn die Freundschaft erneut hast 16 . Deshalb sei die Frau, die irgend wünscht, Kinder und Bedienstete in Ruhe zu halten, vor allem eins mit dem Gatten, damit man von ihr nicht denke, sie wolle das nachahmen, was sie an jenen tadelt. Auf daß also durch ihr Amt für wechselseitigen Frieden und dauernde Ruhe vorgesorgt sei, soll sie auf nichts mehr ihre Gedanken richten, als daß sie nirgends mit dem Gatten uneins werde. Doch dies soweit. II VON DER LIEBE NUN KEHREN WIR ZUR EHELICHEN LIEBE ZURÜCK, DEREN höchste Kraft und größte Würde (wie wir von berühmten Männern vernommen haben) nahezu das Bild der vollkommenen Freundschaft darstellt. Hierbei muß ich vieles auslassen, um das, was zu beachten das wichtigste ist, um so eher sagen zu können. Mit so großem Eifer, mit so großer Treue und Neigung soll sie also, möchte ich, den Mann lieben, daß man an Sorgsamkeit, Wohlwollen und Ergebung nicht mehr wünschen kann. So soll sie mit ihm umgehen, daß es ganz ausgemacht ist, es werde für sie ohne den Mann nichts Gutes, nichts Angenehmes geben. Hierfür, ersehe ich, wird die Liebe selbst am meisten Hilfe leisten; denn in allen Dingen gibt es keinen besseren, keinen kürzeren Weg, um etwas zu scheinen, als daß wir es wirklich sind 17 . Wie große Mühe, wie großen Fleiß muß notwendig der träge Landmann aufbringen, wenn er emsig II VON DER LIEBE 53 erscheinen möchte ? Welch großen Scharfsinn, wie vielerlei Künste bedürfen unerfahrene Ärzte, Reiter oder Kithara- Spieler, wenn sie erpicht darauf sind, in den Dingen, worin sie am wenigsten vermögen, den anderen überlegen zu scheinen. Meistenteils kommt vieles dazwischen, wodurch erschwindelter Ruhm in der Ackerbaukunde, der Heilkunst, der Reitfertigkeit, der Musik sich verflüchtigt. Wenn solche Leute meines Rates sich bedienen wollten, würden sie sich leichter, rascher und sicherer festen und gegründeten Ruhm erwerben, als wenn sie Leute vorschieben, um ehrsüchtigen und geschminkten Ruf auszuposaunen. Und da in jeder Gattung die Wahrheit über Nachahmung siegt, wird einer dafür sorgen, mit Kunst und Übung den Acker fleißig zu bebauen, der Menschen Krankheit zu heilen, feurige Pferde, wohin er will, zu lenken, anzutreiben und zurückzurufen und die Leute mit Gesang so zu bezaubern, daß es für die Ohren nichts Erfreulicheres, nichts Linderes gibt. Wenn deshalb die Frauen den Anschein zu erwecken wünschen, sie hebten ihre Gatten von ganzer Seele, so mögen sie sie wirklich von Herzen heben. Sie mögen vor allem trachten, daß die Gatten davon durchdrungen sind, sie seien je nach deren wechselnden Stunden einmal bekümmert, dann wieder froh. Denn unter günstigen Umständen ist ein Glückwunsch erfreulich, unter widrigen ein Trostspruch erwünscht. Alles, was irgend mit Sorge sie selbst bedrückt, sofern es des Ohres eines klugen Mannes würdig ist, sollen sie ihm mitteilen, nichts erdichten, nichts verheimlichen, nichts verdecken. Oftmals wird Beklemmung und seelische Not durch Beratung und Zwiesprache, die ihr mit dem Manne am süßesten sein muß, erleichtert. Sie wird gleichsam alle Stacheln und Steinchen den Kümmernissen, die sie mit ihm gemeinsam teilt und trägt, benehmen oder sie doch erleichtern. Mögen sie auch äußerst drückend gewesen und tief eingesenkt sein, werden sie doch so lang zur Ruhe kommen, als verstattet ist, vertrauensvoll mit dem Gatten zu seufzen. Möchten sie denn so mit ihren Männern leben und gewissermaßen ihre Herzen vermischen und womöglich — wie Pythagoras in der Freundschaft will — eines aus zweien werden 18 . Damit dies um so leichter bewirkt werde, erlauben die Kreter, die schon viele Jahrhunderte unter unserer Herrschaft stehen, ihren Töchtern, keine Männer zu heiraten, mit denen sie nicht schon als 54 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Jungfrauen wechselseitig Zeichen der Liebe sehen ließen. Sie sind nämlich überzeugt, daß die ihren Frauen lieber sein werden, die ihnen schon vor den Ehebanden Heb gewesen sind. Denn sie erinnern, es sei von der Natur so eingerichtet und durch Brauch erprobt, daß alle Betätigungen, abgesehen von ganz wenigen, im Verlauf von Zeit geschehen; verbrennen wir doch nicht gleich, wenn wir Feuer berühren, noch leuchten Hölzer, die mitten in die Flammen geschoben werden, sofort auf. Deshalb halten sie es bei sich für notwendig, wie bei der Wahl von Freunden so auch bei der vom Gatten das Bild ihres Geistes mit sicherem Urteil zu wählen, denn sie zweifeln nicht, daß unvermittelt weder richtig geurteilt noch stark geliebt werden könne. Wieweit diese Gewohnheit billigenswert ist, mögen sie selbst zusehen. Doch wird in der Tat nicht zu leugnen sein, daß sie für die Freude und Beständigkeit der Liebe dienlich ist. Auch die will ich nicht mit Schweigen übergehen, die mit Liebestränken und Beschwörungen die Neigung ihrer Männer erpressen wollen. Ich pflege sie Fischern zu vergleichen, die, wie es an edichen Orten Toscanas gewöhnlich geschieht 19 , die Fische mit einem Betäubungsmittel fangen und sie dadurch unschmackhaft und fast ungenießbar machen. Nicht anders auch scheinen sie hier zu handeln als Wanderer, die Heber Bunde führen als Sehenden folgen woUen 20 . Aus Eifer also und freiem Antrieb werde die gegenseitige Liebe gesucht, gehütet und gesteigert. Dies wird durch Leben und Taten der berühmtesten Frauen beleuchtet, und wenn sie diese nachahmen, werden sie die Probe der Tugend, Liebe und Beständigkeit wagen. Panthea hegte und liebte den Fürsten von Susa, ihren Mann Abradatas, in wunderbarer Weise, sie hielt ihm auch als Gefangene die Treue, machte ihm den Cyrus zum Freunde, und um ihn prächtig auszurüsten, hatte sie all ihre Mittel und Schätze nicht etwa vergeudet, sondern wohl angelegt. Dieser kämpfte aufs tapferste gegen die ägyptischen Bundesgenossen des Krösus, um seinen Dank an Cyrus abzutragen und als Mann seiner Gatün Panthea würdig zu erscheinen, und fiel ehrenvoU beim Werk eines tapferen Feldherrn und wackeren Kriegers. Um ihm das edelste Totenopfer zubringen, gab sie sich selbst über seinem mit einzigem Eifer aufgesuchten Leichnam den Tod 21 . Cassandane Hebte den Cyrus so sehr, daß es ihr bei ihrem Sterben weit bitterer ward, von Cyrus als vom Leben II VON DER LIEBE 55 zu scheiden. Um also nicht als undankbarer Gatte zu handeln, beweinte er sie langwährende Zeit, als sie starb, und gebot ihr zu Ehren Trauer all den unendlich vielen, über die er herrschte 22 . Den Themistokles umfing die Gattin mit so großer Innigkeit, daß man von ihr glaubte, sie denke auf nichts anderes als liebevolle Ergebenheit für ihren Mann. So geschah es, daß jenes berühmteste Haupt Griechenlands ihr in allen Stücken nachgab, und daß es überliefert ist, sie habe mehr vermocht als die übrigen Griechen ihrer Zeit. Denn was sie wollte, das wollte auch Themistokles, was Themistokles, die Athener, und was die Athener, das gesamte Griechenland 23 . Thesta, des älteren Dionysius Schwester, war dem Polyxenus angetraut. Dieser wurde dem Tyrannen später verfeindet und floh in Furcht aus Sizilien. Dionys läßt die Schwester herbeirufen und beschuldigt sie, weil sie als Mitwisserin der Flucht ihres Gatten ihm nichts gemeldet habe. Im Vertrauen auf ihre Standhaftigkeit und das erlesene Vorrecht der Tugend, antwortete Thesta: Scheine ich dir denn, oh Dionys, ein dermaßen niedriges und verworfenes Weib zu sein, daß ich nicht Begleiterin und Genossin seines Geschicks hätte sein wollen, hätte ich die Flucht des Gatten erfahren? Lieber fürwahr wäre mir gewesen, Gattin des auch verbannten Polyxenus zu heißen, denn Schwester von Dionys dem Tyrannen. Die Syrakusaner bewunderten ihre Seelengröße und ehrten sie sogar nach der Vertreibung der Tyrannen mit königlichen Ehren, solange sie lebte. Dem Leichenzug der Verstorbenen aber folgten alle Stände, alle Klassen, kurz ganz Syrakus 24 . Des Tigranes Weib Armenia ist den Frauen ein ungemeines Vorbild. Auf dem Kriegszug nämlich, den Cyrus wider die Assyrer führte, folgte sie dem Gatten, da sie sein Fernsein gar nicht ertragen konnte, durch so viele Fährnisse überallhin unermüdlich mit beherztestem Mute 25 . Bei Homer verkündet Andromache, wie sehr sie an ihrem Hektor hinge, auf den sie jede Liebe gewandt hat, gar mit diesen Versen: Du du bist mir Vater allein und zu ehrende Mutter Du mir Lieblingsbruder, zu allem auch trautester Gatte 26 . Vor Sehnsucht nach ihm ihrer selbst nicht mehr mächtig, durcheilt sie einmal die Stadt und umwandert die Mauer 27 . Camma, eine ausgezeichnete Frau, hat sich's verdient, daß ich an dieser Stelle ihrer Tugend gedenke, denn obwohl die Erzählung hiervon etwas 56 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU länger ist, so wird sie doch durch ihre Hoheit, Neuheit und Buntheit dir und denen, die dies zur Hand nehmen werden, angenehm sein. Von ihrer außerordentlichen Tat wollen wir ein wenig weiter ausholend beginnen. Sinatus und Sinorix waren einander durch Verwandtschaft verbunden und übertrafen unwidersprochen die übrigen Vierfürsten Galliens 12 * an Macht, Ansehen und Ruhm. Von ihnen nahm Sinatus die Camma zum Weibe, die nicht allein durch Schönheit des Leibes, sondern auch durch ausgezeichnete Tugend eine der Ersten war. Mit Keuschheit, Redlichkeit, Klugheit und hohem Sinn begabt, hatte sie aller Herzen in erstaunlicher Liebe an sich gefesselt. Noch berühmter machte sie das Priesteramt der Diana, die die Galher vorzüglich verehrten und dem sie nach eigener und der Vorfahren Würde vorstand, denn bei der Opferhandlung war sie immer prächtig geschmückt und zog aller Augen auf sich. In sie verhebte sich Sinorix zunächst, dann sinnt er auf den Mord ihres Gatten, seines Verwandten, da er verzweifeln mußte, bei dessen Leben seiner Lust frönen zu können. Den arglosen Sinatus also übermannt der Ruchlose und vor großer Liebe Verblendete heimlich mit dem Schwerte. Bald danach fordert er stürmisch die Ehe mit Camma, die den Tod des Gatten mit tapferem Sinn ertrug, Gelegenheit und Zeit aber, die ruchlose Tat des Sinorix zu rächen, heftig ersehnte und klug ersah. Sinorix dringt auf Vollziehung der verhängnisvollen Heirat und legt ehrenhafte Gründe für seine Verirrung dar (wenn wir das für ehrenhaft halten könnten, was mit höchstem Frevel befleckt ist). Seine Bitten weist Camma anfangs zurück, dann dringen die Verwandten, um den mächtigen Fürsten dauernd an sich zu fesseln, heftiger in sie, sie solle sich zu einer Ehe mit ihm verstehen. Da, gleichsam besiegt, verspricht sie es zu tun. Sie nimmt den herbeigerufenen Jüngling freundlich auf, betritt zusammen mit ihm den Tempel der Diana, damit durch Zeugenschaft der gallischen Göttin Bund und Treue gefestigt werde. Dann empfängt sie in den Händen eine Schale, wie um zu kosten, berührt zuerst mit der Lippen äußerstem Rande und gibt das übrige zum Austrinken dem Sinorix. Es war aber in der Schale ein Honigtrunk mit Gift gemischt. Sowie sie nun gesehen, daß Sinorix diese geleert hatte, bezeigt sie mit Augen, Mienen und Stirne ihre Freude, und zum Götterbilde der Diana gewandt, spricht sie also: Dich, göttliche Mutter, rufe ich als Zeugin an, II VON DER LIEBE 57 daß ich meinen Sinatus überleben wollte, beim Himmel nicht aus Begierde nach einem Leben, das mich mit Ängsten verzehrte, so ich es zurückhielt; von mir getan aber mich aller Nöte entledigte. Mein Vorsatz war, zu leben, um diesen Tag zu nutzen und nach der Bestattung meines Gatten, für mich so trauervoll, für das Vaterland so bitter, empfing ich bei Gott keine Freude vom Leben, wenn nicht etwa einmal einige Hoffnung auf Rache mich erfrischte. Da diese vollzogen, steige ich nun zum liebsten und besten Gatten Sinatus hinab. Dir, grausamster Sinorix, möge statt Bett und Hochzeit das Grab bereitet werden. Bald danach, da schon das Gift weit durch die Glieder gedrungen war, verschied erst Sinorix, dann Camma 28 . Stratonica war ihrem Mann Deiotarus mit solcher Gewogenheit zugetan, daß sie ihre einzige Aufgabe darin sah, seinem Willen Genüge zu tun. Daher war sie in großem Schmerz oder Kummer, wie sie den Deiotarus deswegen darin sah, weil er erkannte, daß sie nicht gebären und daß für das Reich kein Nachfolger da sein werde. Darum beschafft sie aus eigenem Antrieb ein Weib von ehrbarem Aussehen und Umgang, namens Electra 29 , und rät ihrem Mann, der die Hingabe und Ruhe der Gattin bewundert, sie bittet und drängt ihn, sich mit jener zu vereinigen. Die von dieser geborenen Kinder hat sie hernach wie eigene mit größter Treue und Liebe aufgezogen, unterrichtet und mit allen Ehren behandelt 30 . Es wäre zuviel, wollte ich der Tertia Aemilia leidenschaftlichen Eifer für Publius Cornelius Scipio 31 , wollte ich der Julia 32 , Porcia, Artemisia und Hypsicratea 33 tiefste Neigung und die übrigen Bilder rechtmäßiger Liebe wieder auffrischen, welche allen denen vor Augen sind, die nur die geringste Vertrautheit mit Geschichten haben. Vieles auch von dem, was sich über die Liebe der Gattinnen lehren ließe, übergehen wir mit Fleiß, denn wir vertrauen ganz deren Geist, daß sie auch aus eigenem Antrieb angelegentlich und sorgfältig nachforschen werden, wie sie die Männer ehren und Heben sollen. Was sie aber ausfindig machen, wird, so hoffen wir, annähernd gleicher Art sein wie das, worüber gesprochen wurde. 58 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU ni VON DER MÄSSIGUNG DER NOCH ÜBRIGE TEIL HANDELT VON DER MÄSSIGUNG, durch die sehr oft eine beständige Liebe zwischen den Gatten gestiftet, immer behütet und bewahrt wird. Nicht nur den Ehemännern ist sie eine hochwillkommene Zier, sondern auch allen, denen sie kund wird, scheint sie etwas Herrliches. Man hält dafür, daß sie bei der Gattin besonders im Antlitz, in den Gebärden, den Worten, der Kleidung, der Nahrung und dem Beilager 34 ihre Stelle hat. Was wir darüber etwa aus Verstand, Lehre oder Sitte entnommen haben, wollen wir kurz anführen und dabei die beiden erstgenannten Punkte, die gleichsam einerlei Art sind, zusammen behandeln. Vor allem soll des Geistes sicherstes Abbild, das Antlitz, das bei keinem Lebewesen außer dem Menschen angetroffen wird, die Prägung eines redlichen, ehrerbietigen und enthaltsamen Sinnes offenbaren. In ihm wird die Gesinnung, die die Natur sonst tief im Innern verschlossen hat, leicht aufgedeckt. Auch ohne Rede zeigt und kündet dieses am meisten vom andern, denn am Antlitz und Gang wird der Seele Haltung entdeckt. Auch bei stummen Tieren beobachten wir Zorn, Freude und dergleichen Leidenschaften, an anderen Körpermerkmalen sowohl als an den Augen, die regsam bezeugen und geradezu bekennen, welcher Art die Gemütsbewegungen sind. Daher haben viele im Vertrauen vorzüglich auf die Züge des Gesichtes Weisungen überliefert, wie eines jeden Natur zu erfassen sei 35 . Doch ich schweife zu sehr ab. Es gefällt also, wenn die Gattin allerwärts und jederzeit Bescheidung an den Tag legt. Das wird sie erfüllen, wenn sie im Bück, im Gange, in der Bewegung des ganzen Körpers schließlich, Gleichmäßigkeit und Beständigkeit wahrt. Umherschweifen der Augen, zu hastiges Schreiten, zu starkes Bewegen der Hand oder jedweden anderen Teils kann nicht ohne Beschämung vor sich gehen und ist bei starken Anzeichen von Leichtfertigkeit immer der Eitelkeit gesellt. Deshalb soll sie stets den Sinn scharf darauf richten, daß Stirn, Miene und Gebärde, die uns mit Merkerblick bis zu den innersten Wallungen dringen lassen, sich der Wahrung des Anstandes anpassen. Dabei werden sie durch Achtsamkeit Freude und Würde gewinnen, durch Unachtsamkeit werden sie Aufregungen und Tadel nicht ver- III VON DER MÄSSIGUNG 59 meiden können. Am wenigsten möchte ich das Gesicht ungefällig und das Aussehen widerspenstig; auch zeige sich keine ungeschickte Bewegung am Körper, sondern freundliche Würde. Nicht lässig möchte ich das zu beachten raten, daß sie sich vor unbändigem Lachen hüten; ist dies bei jedermann häßlich, so gewiß am häßlichsten beim Weibe. Wenn sie daher einmal freimütigen Scherzen beiwohnen, so werden sie nicht zu mißbilligen sein, falls sie durch maßvolle Andeutung des Lachens von ernster Haltung ein wenig abweichen 36 . Demosthenes pflegte seinen Vortrag vor dem Spiegel einzuüben, um mit eigenen Augen zu beurteilen, was er bei seiner Aufgabe als Redner tun oder lassen müsse 37 . Dies möchten wir passend auf die Ehe anwenden. Täglich, möchte ich, sollen sie beobachten und bedenken, was die Würde der Herrin, was der Ernst erfordert, damit man nichts vom Anstand bei ihnen vermißt. Die spartanischen Ehefrauen, hören wir, pflegten mit bedecktem Antlitz einherzugehen, die Jungfrauen aber mit offenem. Als darob der Lazedämonier Charillus gefragt wurde, antwortete er: Diese Freiheit haben unsere Vorfahren den Mädchen zugebilligt, damit sie Männer fänden; den Verheirateten aber untersagt, damit sie einsähen, ihre Sache sei es nicht, Männer zu suchen, sondern die zu behaupten und zu hüten, die sie hätten 38 . Von dieser Gewohnheit weichen unsere Kreter nicht ab, bei denen den Mädchen gestattet ist, vor den Türen zu stehen, zu singen und vielerlei Scherz und Spiel mit ihren Freiern zu treiben. Aber sind sie den Männern zugesprochen, so halten sie sich, gleichwie dem Heiligtum der Vesta geweiht, zu Hause, gehen fast niemals aus, so daß für sie fremde Männer anzusehen geradezu Sünde ist. Wer möchte nicht sagen, daß sie solche Sitte von Xenophon haben, der klar zu erkennen gibt, wie sehr er den Anblick der Frauen eingeschränkt wissen möchte ? Denn als Tigranes zusammen mit den Eltern und seiner heißgeliebten Gattin Armenia von Cyrus nach Hause zurückkehrte und die anderen bald dessen Erscheinung, bald die Gesinnung, bald die Größe und Bildung des Körpers lobten, befragt Tigranes die Armenia, was sie von der Schönheit des Cyrus halte. Aber die Armenia ruft die unsterblichen Götter zu Zeugen an und spricht: Von dir habe ich nirgends die Augen abgewandt, daher bin ich völlig unkundig, wie die Gestalt oder Erscheinung des Cyrus beschaffen ist 39 . Damit stimmt jenes Wort des 6o VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Gorgias überein, der die Frauen zu Hause eingeschlossen haben wollte, so daß man nichts von ihnen kenne als ihren Ruf. Thucydides aber glaubte ihnen nicht einmal soviel zugestehen zu dürfen, denn er bezeichnet die als beste Hausfrau, über deren Lob oder Tadel das wenigste Gerede sich verbreitet 40 . Aber wir, die wir den Mittelweg einschlagen, verkünden ihnen freiere Gesetze. Sie sollen ja auch nicht wie im Gefängnis gehalten werden, sie mögen vielmehr so viel in die Öffentlichkeit hervorkommen, daß diese Erlaubnis, die wir ihnen geben, ein Zeugnis ihrer Tugend und Zuverlässigkeit sei. Dennoch sei das Verhältnis der Gattin zum Gatten ganz anders als das des Mondes zur Sonne. Dieser ist bei größter Nähe zur Sonne nirgends zu sehen; ist er ihr aber fern, so wird sein heller Schein allerorten erblickt. So möchte ich also, die Frauen kämen in Anwesenheit der Männer zum Vorschein, in deren Abwesenheit wären sie zu Hause verschlossen 41 . Dennoch mögen sie mit den Augen, deren Sinn auch in der Malerei, die man schweigende Dichtung nennt 42 , der schärfste ist, und mit Winken und dem übrigen Gehaben des Körpers Anstand und Ehrbarkeit wahren. Von Antlitz und Gebärde habe ich gesprochen, nun will ich von den Worten sprechen. IV VOM REDEN UND SCHWEIGEN ISOKRATES ERMAHNT DIE MÄNNER, SIE SOLLEN Aussprechen, was sie entweder bestimmt wissen oder um ihrer Ehre willen nicht verschweigen können 43 . Wir heißen die Frauen, das erstere den Männern zu überlassen, das letztere aber beiden gemein zu glauben. Bei ihnen kann Schwatzhaftigkeit von den klügsten und wissendsten Menschen nicht genug getadelt, Schweigsamkeit nicht genug empfohlen werden. Daher ist durch jene geheiligten Einrichtungen der Römer verboten, daß sie bürgerliche oder öffendiche Rechtssachen führen. Wenn Amaesia, Afrania und Hortensia 44 davon abwichen, so werden sie dafür in den Annalen bekrittelt, mißbilligt und getadelt. Als Marcus Cato der Ältere einmal wider die Bedingung ihrer Natur und matronenhafte Zurückhaltung römische Frauen auf dem Forum umhergehen, Stimmenfang treiben und mit fremden Leuten sprechen sieht, da fährt er gegen sie los, dringt auf sie ein und weist sie in ihre Schranken, wie es der Ernst IV VOM REDEN UND SCHWEIGEN 6l des angesehenen Bürgers und die Hoheit jenes Reiches erforderte 45 . Von den Pythagoräern vernahmen wir, daß ihnen auferlegt war, am Anfang nicht weniger als zwei Jahre zu schweigen, damit sie nicht schimpflicherweise dem Falschen, der Täuschung und dem Irrtum unterlegen schienen oder allzu hartnäckig verteidigten, was sie selbst noch nicht zuverlässig begriffen hatten 46 . Wir aber setzen den Frauen Zeit und Dauer des Schweigens für immer, wo nur für Leichtfertigkeit, Schimpf und Schamlosigkeit ein Zugang offen stehen könnte. Angesprochen sollen sie ihren Nächsten mit Züchten antworten, den Gruß erwidern und, was Ort und Gelegenheit bietet, so kurz streifen, daß man sie eher für gefordert als für fordernd hält. Sie werden sich auch Mühe geben, daß man an ihnen mehr der Rede ernste Kürze als glänzende Geläufigkeit lobe. Als eine Frau Theano einst aus zurückgeschlagenem Überwurf die Hand hervorstreckte, sagte ein Jüngling zu seinen Genossen gewandt: Wie schön der Arm ist! Darauf sie zu ihm: Er ist nicht Gemeingut. Daher schickt es sich, daß nicht nur die Arme, sondern sogar die Reden der Frau kein Gemeingut seien, denn eine Frau dieser Art muß nicht minder achthaben auf ihre Stimme als auf eine Entblößung der Glieder. Wenigstens müssen sie Unterredung mit Fremden meiden, woraus Wesen und Gemütserregung oft leicht wahrgenommen wird 47 . Schweigen wird hochstehenden Männern häufig als Lob angerechnet. Ein hervorragendes Haupt Griechenlands, Epaminondas, erhebt Pindar^ mit den größten Lobpreisungen, weil er wenig sprach, während er viel wußte. Denn wie in den meisten anderen Dingen, so folgte er auch hier der Natur, der besten Führerin, die als Lehrmeisterin des Lebens offen angegeben hat, was sie von der Schweigsamkeit denkt. Zwei Ohren nämlich, aber nur eine Zunge und noch mit doppeltem Walle der Lippen und Zähne verwahrt, bewilligte sie uns mit großer Vernunft 49 , denn vornehmlich durch diesen Zugang wird uns, wie Theophrast und viele gelehrte Männer dartun, die Tugend eingesät und bringt die besten und ansprechendsten Früchte, während durch die anderen Sinne, die uns die Natur wie Begleiter und Boten gewährt hat, oft der Grund zur Erkenntnis, allzuoft auch zum Unverständnis gelegt wird 50 . Einer unserer Mitbürger 51 zwar, den dir zu nennen im Augenblick nicht gar nötig ist, lobt Schweigsamkeit nur da, wo sich weder durch Geist Lob erwerben läßt, 62 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU noch Ansehen durch Klugheit, noch durch gewählte Rede Gunst. Dem pflege ich zu antworten: Von mir wird in jedwedem Ding die wichtigste Rolle der Person und dem Ort, dann aber auch der Zeit zugesprochen. Denn wenn ich bisweilen auch Männern als schicklich zugestehen mag, was jener will, so werde ich es dem Schamgefühl, dem Ernst und der Beständigkeit einer Matrone zumeist für fremd erklären. Deswegen hat Sophokles, nach meiner Meinung wenigstens kein schlechterer Gewährsmann als unser ebengenannter Mitbürger, (ein Besserer dürften alle sagen) bei den Frauen die Schweigsamkeit eine besondere Zier genannt 62 . Daher mögen sie glauben, daß sie den Ruhm der Wohlredenheit erlangen werden, wenn sie sich selbst durch den vorzüglichen Schmuck des Schweigens geadelt haben. Wünscht man doch bei ihnen nicht den Ruhm der Redeübungen oder Beifall und Lobruf einer Volksmenge, sondern beredte, gesittete und gewichtige Schweigsamkeit. Doch was treibe ich ? Ich muß mich hüten, zumal ich über das Schweigen Lehren erteile, daß ich dir nicht vielleicht zu geschwätzig vorkomme. V VON DER KLEIDUNG UND DEM ÜBRIGEN SCHMUCK ES FOLGT, DASS WIR ÜBER DIE KLEIDUNG UND 'DIE übrige Pflege des Äußern Weisungen geben. Vernachlässigt man hierin den rechten Fug, so wird nicht nur Ehegut, sondern oft auch das Erbgut 53 verlorengehen. Als Zeugen dienen mir alle, die hierauf achten wollten. Wenn man aber den niemals genug gepriesenen Mittelweg einschlagen will, so werden die Ehefrauen ob ihrer Bescheidung anerkannt werden und es wird für das häusliche Gut sowohl, als — auf anderem Weg — für das ganze Staatswesen gesorgt sein. Hier soll jene heilsame Lehre an erster Stelle stehen: Die Frauen mögen eher um Schimpf zu vermeiden, als um Gunst zu suchen, die Sorge für derlei Prunk auf sich nehmen. Denn falls das Vermögen zureicht, soll eine Frau, die hohem Hause entstammt, nicht ein geringes und schmutziges Kleid tragen. Dies muß zwar, meinen wir, besonders den Umständen von Sache, Ort, Person und Zeit angepaßt werden. Wer wird ohne zu lachen einen Priester in einen Soldatenmantel gehüllt sehen können, oder in gelehrter V VON DER KLEIDUNG UND DEM ÜBRIGEN SCHMUCK 63 Versammlung jemanden im Staatskleid gegürtet oder beim Reiterkampf mit wallendem Gewand 533 ? Vielmehr wird von uns weder zu ausgesuchte noch zu nachlässige Kleidung gebilligt werden, sondern die den Anstand wahrt. Denn hierin ist zu großer Aufwand einmal ein Beweis großer Eitelkeit und dann pflegt er Zeugnis und Anlaß zu geben, daß die Frauen von ihren Männern zu anderen Werbern abfallen. Auf daß unsere Frauen nicht mit so großem Eifer auf ihren Putz bedacht seien, diene ihnen König Cyrus zum Beispiel, der ja wegen seiner ausnehmenden Weisheit ebenso wie durch den Glanz der Mäßigung seinen Namen nicht fälschlich zu führen schien, denn es ist gewiß, daß Cyrus in der Sprache der Perser die Sonne hieß. Zu seinem Oheim Cyaxares kamen Gesandte des Königs von Indien, um über den Frieden mit den Assyrern zu verhandeln. Damit diesen sein Heer auserwählt dünke, läßt er dem Befehlshaber Cyrus sagen, er solle sobald als möglich mit allen Truppen vor dem Eingange zur Königsburg auf weitgedehntem Platze sich vorstellen. Dem Geheiß gehorchte er und war mit Manneszucht, Kraft und wunderbarer Schnelligkeit zur Stelle, mit geringem Gewand angetan, obwohl ihm Cyaxares ein Purpurgewand, eine kostbare Halskette und den übrigen medischen Schmuck gesandt hatte, damit er, der Neffe des Königs und Feldherr, glänzender und ansehnlicher wäre. All das verschmähte Cyrus hohen Sinnes und schien für die anderen wie für sich selbst geschmückt genug, wenn er kampfbereit, mit vollkommen geschultem Heere zugegen, fast früher bemerkt ward, als jener Königsbote zu Cyaxares zurückkehrte 54 . Ebenso wird den Ehefrauen die Geringschätzung von dergleichen Aufwand keine geringe Zierde sein. Dionys, Siziliens Tyrann, schickte dem Lysander zwei äußerst kostbare Gewänder zum Geschenk, auf daß dessen Töchter schöner und geschmückter wären. Lysander wies diese zurück und ließ dem Dionys melden: ohne sie würden seine Kinder schöner geschmückt sein 55 . Als Julia, die Tochter des Kaisers Augustus, einmal zu bemerken glaubte, daß dem Vater ihre zu freie Kleidung verdrießlich sei, kam sie am folgenden Tage im Mantel, den Vater zu sehen und zu begrüßen. Da dies vom Kaiser sehr gutgeheißen wurde, machte Julia gar kein Hehl daraus, daß sie ihre Tracht diesmal für die Augen des Vaters, zuvor aber für die ihres Mannes Agrippa gewählt habe 58 . 6 4 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Möge es jeder nehmen wie er will; ich bin gewiß der Ansicht, daß falsche Haare auf dem Scheitel und der ganze Schminkenkram gepflegt wird, um mit so großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit eher anderen als dem eigenen Gatten zu gefallen. Zu Hause nämlich werden diese Dinge vernachlässigt, draußen aber kann so eine Verderbnis unseres Gutes 57 nicht genügend geputzt und geschmückt sein. Die Mannigfaltigkeit an kostbaren Kleidern ist dem Manne fürwahr selten zum Nutzen, oft zur Betrübnis, den Stutzern aber, denen zuliebe dergleichen erfunden wurde, stets zur Lust. Jene, die man mit Recht frauenhörig nennen darf, pflege ich solchen zu vergleichen, denen eine glänzende Hausansicht dermaßen lieb ist, daß, während sie innerhalb der Wände den notwendigen Aufwand unterlassen, den Nachbarn und Fremden die goldene Vorderseite des Hauses Vergnügen gewährt. Auch können sie den ungeschickten aber üppigen Haarscherern ähnlich scheinen, welche die jungen Leute nie aufsuchen, außer um sich die Haare zu ordnen. Denen bringen auch ihre elfenbeinernen und kunstvollen Spiegel keinen Vorteil, sondern eher Ärger, wenn sie dauernd in den benachbarten Barbierstuben die vornehmsten Jünglinge zu ihrer besonderen Betrübnis erblicken und anschauen. Jener herrliche Glanz, jene großartigen Kleinode, jener schwelgerische Aufputz bewirken, daß es am ergötzlichsten ist, in der Vorhalle, dem Freihof und den Wandelgängen zu verweilen und öfter die ganze Stadt zu durchstreifen. Deshalb war weislich den ägyptischen Frauen untersagt, Patrizierschuhe 58 anzulegen, damit die Freiheit des Umherschweifens eingeschränkt werde. Wirklich werden sich die meisten Frauen, wenn wir ihnen den teuren Tand wegnehmen, willig und mit Vorsatz zu Hause halten 69 . Doch meine ich, muß man, da die Sitten nun einmal soweit gesunken sind, hierin den Brauch nachahmen, daß Frauen, wenn es uns das Vermögen erlaubt, mit Gold, Edelsteinen und Perlen angetan erscheinen. Solches ist nämlich mehr das Kennzeichen einer begüterten als einer üppigen Frau und zielt eher auf Wohlhabenheit des Mannes, als daß es auf begehrliche Augen Jagd machte. Ich übergehe, daß dieser Art Reichtum dauerhafter ist und mindere Pflege beansprucht. Sie kann auch leichter dem Hause wie dem Staatswesen zu oft größter Förderung gereichen. Wer weiß nicht, wie großen Nutzen den Römern dergleichen VI VON DER LEBENSHALTUNG 6j Prunk gebracht hat, woraus im schwersten Punischen Kriege nach dem Appischen Gesetz der Staat selbst Geld ummünzte 60 . Doch soll ihnen in diesen Dingen weniger freistehen, bestimme ich, als die Gesetze selbst zubilligen. Deshalb mögen sie sich allzu freier Kleidung und anderen Aufwands für den Körper enthalten, so daß man nicht schließe, es geschehe aus Dürftigkeit, die sich nicht mehr leisten könne, sondern zum Lob, das von Anfang an nicht gewollt zu haben, was sie wohl gekonnt hätten 61 . Über den Schmuck siehst du nun. VI VON DER LEBENSHALTUNG JETZT WERDEN WIR DIE LEBENSWEISE BETRACHTEN, DIE nach beiden Seiten den stärksten Ausschlag gibt, wie mir alle beipflichten, die ihr Augenmerk hierauf richten wollen. Wer zweifelt, daß eben durch die Lustbarkeiten, in denen die Menge das Wohlleben zu finden hofft, die Sehnen der Kraft zerrissen und völlig geschwächt werden? Welche Strenge ist so groß, daß sie sich nicht in kurzer Frist zerstören ließe ? Wer ist so sehr verderbt durch Wollust, daß er nicht mit Nüchternheit, Wachen und Arbeit Frucht und Lob des mäßigen Lebens erringen könnte ? Auf daß also kein Teil des Maßhaltens den Frauen fehle, möchte ich sie von solchem Geist beseelt, daß sie sich vor allem der Dinge enthalten, durch die gewöhnlich Wollust entsteht, sich festsetzt und steigert. Den heiligen Jungfrauen sind von besten und klügsten Männern Nachtwachen angeordnet und Enthaltsamkeit in Speise und Trank, damit nicht jene Üppigkeit des Fleisches die reinen Gedanken ins Wanken bringt und den festen Sinn schwächt. Einst war den römischen Frauen der Genuß des Weines unbekannt 62 , der heute noch den türkischen 63 und persischen überhaupt nicht gestattet ist. Zur Überwachung dessen, damit es leichter aufgedeckt würde, war zu Rom das Küssen zwischen Blutsverwandten eingeführt, damitUnenthaltsame schon der Geruch überführe. Die aber das Gesetz übertraten, wurden nicht nur der Rüge würdig befunden, sondern es war Rechtens, wie Cato bezeugt, sie schwer zu büßen. Zu unerlaubter Lust lädt und zieht nämlich sehr oft diese Art der Un- enthaltsamkeit 64 . Weise brachten daher manche Heiden im selben Tempel die Götterbilder des Vaters Bacchus und der Venus zusammen, daß, s 66 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU wer das Bild der Venus zu beschauen kam, vorher der Säule des Bacchus seinen Gruß bot 65 . Ist wirklich Geist und Sinn durch dergleichen kraftlos geworden, so vermag er nichts Schwieriges mehr zu denken, sich nicht mehr auf Haltung besinnen, nichts Göttliches begreifen, sondern rat- und vernunftlos setzt er sich aus Sinnenkitzel das als höchstes Gut, was, wie Cicero schreibt, selbst das Vieh, wenn es sprechen könnte, Wollust nennen würde 68 . Den Angriff des Spargapises, des Sohnes der Tomyris, mit auserlesenem Heer, wehrte Cyrus leicht ab, löschte sein Feuer und drückte seine Kühnheit zu Boden, da er ihn, der vom Gelage und Wein entmannt war, selbst hochgereckt und bereiten Muts vom Vordringen abhielt, ihn ergriff und niederschlug 67 . Hat nicht Capuas Weichlichkeit die Macht des Hannibal mehr entkräftet als die Niederlage von Cannae die der Römer zerrieben hatte 68 ? Was bedarf es der Beispiele ? Wo nicht maßvollste Haltung das Leben lenkt, da treibt auch der Geist, über die Grenzen der Ehre gerissen, schiffbrüchig in den Abgrund. Unter so vielen Geschlechtern und Arten der Lebendigen gibt es nahezu keines, das zu weichlich im Schatten aufgezogen auch nur das Schattenbild des rechten Maßes oder den Anschein gerader Gesinnung bewahren könnte. Die der Natur als Führerin folgen wollen, brauchen wenig; doch wer in verschwenderischer Übersättigung die Lust erjagt, der begehrt stets das Unmeßbare und nie Endende. An der Genügsamkeit jenes Lakoniers habe ich meine Freude, der Fischchen fing und sie einem Gastwirt zum Kochen gab. Nach Gewohnheit verlangt der Wirt Käse, öl, Essig und vieles mehr, um sie schmackhafter zu würzen. Darauf der Lakonier: Wenn ich hätte, was du forderst, brauchte ich gewiß keine Fischchen 69 . Alexandrinische Lustbarkeiten und syrakusanische Mahle haben schändliche Liebe und unzüchtiges Beilager nicht nur im Gefolge, sondern gar als Verfolger. Ausgezeichnet zogen die Lazedämonier, um Frauen und Kindern die Häßlichkeit unmäßigen Trinkens klar zu zeigen, betrunkene Sklaven, die Heloten, zu den Gastmählern bei; wenn diese dabei nach ihrer Art mit vielen Albernheiten die Augen der Zuschauer auf sich lenkten, schienen sie nicht nur erbarmenswerte, sondern erbärmliche und unselige Menschen. Auch möchte ich nicht glauben, daß erlauchte Männer sich an deren Elend ergötzt hätten, sondern sie urteilten, daß das, was bei Sklaven schimpf lieh sei, bei freien Männern das Schimpf- VII VON DER REGELUNG DES BEILAGERS lichste sein werde 70 . So mögen auch die Herrinnen trunksüchtige Mägde genauer beobachten, daß sie merken, wovor sie sich selbst am meisten 2u hüten haben. Ob nämlich auch, wie Homer sagt: Mächtige kraft verleihe der wein ermüdeten leibern 71 , so macht er doch, unmäßig genossen, den Geist blöd und übergibt die Sinne entkräftet dem Greisenalter. Denn das Übermaß an Hitze bewirkt, daß jene Wärme, die uns von Natur zugeteilt ist, durch die heftigere Kraft überwunden nicht rechtzeitig, sondern vorschnell aufgezehrt wird. Wie sehr auch zur Erfassung der Dinge dieser schwere und verworrene Dunst hinderlich ist, liegt vor Augen, da solche doch weder etwas zu erraten taugen, noch beweisen oder widerlegen oder erörtern können. Wozu so viel ? Haben doch Dichter ersonnen, aus dieser Ursache am ehesten seien so manche Menschen zu Säuen, Eseln, Löwen geworden. Dies zu vermeiden, wird man um so achtsamer sich hüten müssen, weil die Frauen durch Langsamkeit des Geistes und Entlastung von großen Geschäften (wie uns Aristoteles bezeugt 72 ) eher zu dergleichen Lastern neigen. Auch den Kindern, auf die all das größtenteils zu übertragen ist, wird die Mäßigkeit in Art und Leben der Mutter förderlich sein. Nicht abwegig sagte daher Diogenes, als er ein trunkenes Knäblein erblickte: Dich haben berauschte Eltern gezeugt 73 . Wieviel für die zur Welt Gekommenen die Erziehung einer enthaltsamen Mutter vermag, wollen wir bald erörtern. Wir müssen daher unsere Frauen erinnern und mahnen, daß sie der Natur folgen und die Lüste, in deren Reiche die Tugend schlechterdings nicht standhalten kann, gering achten und verwerfen. Auch mögen sie eher den schlichten Tisch der Lucretia als die verschwenderischen Wonnen der Tarquinius-Töchter 74 und der Cleopatra billigen und nachahmen. So wird für ihre eigene Würde und für die Söhne, denen sie alles schuldig sind, gesorgt sein. Nun werden wir der Ordnung nach kurz vom Beischlaf handeln. VII VON DER REGELUNG DES BEILAGERS DERART LIEGEN IN DER TAT DIE DINGE, DASS GANZ WIE für Speise und Trank Gesetze, so auch für den Beischlaf irgendeine Regel aufgestellt werden muß. Folgt doch die Begattung dem Fug der 5' 68 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Lebensweise, wie ein zartes Küchlein der Mutter. Und das läßt sich aus vielen Gründen und Beispielen ersehen. Wir können an dieser Stelle nicht bequemer und für den Sinn unseres Gesprächs weiser den Anfang nehmen, als von der Natur selbst, um das, was wir selbst denken, aufs kürzeste abzuschließen. Und zuvörderst: Da die Vereinigung von Frau und Mann (wie wir oben gesagt haben) vornehmlich um der Kinder willen erfunden ist und geübt werden muß, so soll ein Beilager hauptsächlich in der Hoffnung auf Nachkommenschaft stattfinden. Bei den meisten Tieren erkennen und sehen wir hinreichend, was die Natur will. Sie hat ihnen aus dem Grunde bestimmte Gesetze der Begattung vorgeschrieben, daß der sterbliche Same der Lebewesen durch ununterbrochene Nachfolge gewissermaßen unsterblich gemacht werde 75 ; hierin dienen sie uns, denen ein freierer und edlerer Drang gegeben ist, zum Beispiel, daß wir nicht um der Wollust, sondern um der Erzeugung des Nachwuchses willen den Beischlaf vollziehen. Deshalb mahnen wir, um der Julia, des Augustus Tochter, Worte zu gebrauchen, sie sollen nicht bei vollem Schiff einen Fahrer aufnehmen und nicht das Vieh vorzüglich deshalb für viehisch halten, weil es in Schwangerschaft niemals, immer nur der Erzeugung willen zur Begattung reizt 753 . Wenn es aber beliebt, diese Grenzen zu überschreiten 76 , so mögen sie sich wenigstens soweit zurückhalten, daß sie in dem Gebiet der Mäßigung, von dem die Schamhaftigkeit ihren Namen hat, schamhaft sein und heißen wollen. Hierzu, glauben wir, kann vor allem beitragen, wenn die Gatten sie von Anfang an so gewöhnen, daß sie sich nicht als Helfer der Lust, sondern der Notwendigkeit zu erweisen scheinen 77 . Sie selber aber sollen so die eheliche Haltung und Sittsamkeit bekunden, daß im Beilager selbst Liebe sowohl wie Lieblichkeit zugegen seien, auf daß sie nicht als gierig und schamlos, da sie ihre Würde aufgeben, dem Gatten — schweige er auch dazu — minder erfreulich sind. Bei Herodot steht geschrieben, zugleich mit dem Untergewande ziehe das Weib die Scham aus 78 . Wenn es sich um Hurenjäger handelt, so gestehen wir das ohne weiteres zu, bei ihren Männern aber werden sie, wenn sie auf uns hören wollen, stets das Ziemliche wahren. Als eine Frau von Philipp aus wütender Wollust mit Gewalt fortgezogen wurde, sagte sie: Laß mich, wenn du das Licht fortnimmst, ist jedes Weib allen VII VON DER REGELUNG DES BEILAGERS 69 anderen gleich und dieselbe. Das läßt sich mit Recht zu Ehebrechern sagen, doch Ehefrauen sollen sich, mag das Licht auch weit weggenommen sein, keineswegs gemeinen Frauenzimmern gleichmachen 79 . Was ? Verbietet nicht gar Hesiod, überhaupt sich nachts zu entblößen, da, wie er sagt, den unsterblichen Göttern auch die Nächte gehören 80 ? Keine Tageszeit darf eben der Pflichten bar sein, und kann auch der Körper nicht gesehen werden, so sollen die Frauen doch allüberall die Scham wahren, auf daß auch in der Finsternis jede dem Gatten nach Gebühr gesittet erscheine. Darum hat Kaiser Commodus 81 , als ihn seine Gemahlin zu ungewöhnlicher und verwerflicher Wollust zu überreden suchte, ausgezeichnet geantwortet: Wie weit man anderen Weibern in diesen Dingen willfahren darf, mögen sie selbst zusehen; doch gewiß ist «Gattin» ein Name der Würde, nicht der Wollust. Deswegen stieß der Censor Cato den Manilius aus dem Senate, weil er in Gegenwart der Tochter die Gattin abgeküßt hatte 82 . Ist es nun schon schimpflich, in Gegenwart der Angehörigen die Gattin zu küssen, oder verhebt zu umarmen, wieviel mehr ist es recht, daß den Augen des Mannes, dem die Frau vor allem gefallen soll, nichts Unmäßiges, nichts Schamloses geboten werde. Hieron belegte den Komödiendichter Epicharm mit einer schweren Geldbuße, weil er in Gegenwart seiner Gemahlin etwas Unanständiges vorgetragen hatte 83 . Denn zur Würde der Ehe gehört solche Verehrung, daß fremden Augen und Ohren kein Zugang offen stehen darf. Schön hat dies die Zurückhaltung der Athener bewiesen, als sie abgefangene Briefe des Philippus, die er an Olympias geschrieben hatte, unverletzt zurückgaben, hielten sie doch die Geheimnisse seiner eigenen Gemahlin zu hoch, als daß daran Fremde, nicht einmal Feinde, teilhaben dürften 84 . Billig ist es also, daß die Frauen dieser Sache stets Sorge und Nachdenken widmen; davon sollen sie Lob, davon Triumphe, davon Kranzgold 85 erwarten; nichts sei dermaßen lustvoll und ergötzlich, daß es sie je von der Pflicht keuscher Gesinnung abrufe. Während sie hier viele der berühmtesten Frauen nachahmen können, weiß ich doch nicht, ob Brasilia nicht zu den allerersten gehört, deren zu dieser Zeit geschehene außerordentliche Tat nicht mit Stillschweigen übergangen werden darf. Sie war nämlich in Durazzo von vornehmen Eltern geboren und wurde, wie 7° VON DER PFLICHT DER EHEFRAU von verläßlichen Gewährsmännern berichtet wird, bei einem Einfalle der Feinde gefangen und beinahe entehrt. Diese hat — in der Tat von wunderschönem Antlitz — in der höchsten Not durch Geist, Tugend und Seelengröße ihre Keuschheit fromm und unbefleckt behütet; denn mit vielen Worten besänftigte sie das Drängen des Siegers Ceric 86 und hielt seine Brunst im Zaume. Sie verhieß, wenn er sie unversehrt bewahre, zum Entgelt, durch eine Zaubersalbe zu bewirken, daß er von keiner Kriegswaffe gefällt werden könne. Die Rede des edelgeborenen und sittsamen Mädchens und die der Zauberei so sehr ergebene Gegend forderte Vertrauen. Er stellte Wachen auf, bis die edle Jungfrau allerlei Wurzeln gesammelt hätte, und wartete mit Beklemmung auf den Ausgang der Sache. Dann sucht sie hohen Mutes den Krieger auf und verspricht, nicht durch Gewäsch, sondern durch Gewächs 87 die Probe bestehen zu wollen. Darauf bietet sie, nachdem sie ihren Hals mit dem Safte gesalbt, die Kehle dar. Ceric aber, als ob er in Sicherheit wagen könne, schlägt mit dem Schwerte das Haupt ab und bewundert ein Zeugnis keuschesten Sinnes. Wozu mehr ? Weder Beispiele noch Ermahnungen werden fehlen, wenn die Frauen nur sein möchten, wie sie sein sollen. Und damit wir nicht weiter verschieben, was wir am sorgfältigsten zu besorgen haben, machen wir diesem ein Ende. VIII VON DER PFLEGE DES HAUSWESENS, VON DEN KNECHTEN UND DIENERN NUNMEHR ÜBER DIE BESORGUNG DES HAUSES MICH hören zu lassen, fordert die Zeit und die Stelle selbst. Möge man hierüber nur das wenige erwarten, was wir uns unter allem als weitaus Nützlichstes mitten aus der Erfahrung entnommen haben. Was aber von Gelehrten 88 geschrieben worden ist, werde ich keineswegs in diesen ldeinen und engen Raum einschließen, da nicht alles zur gegenwärtigen Untersuchung gehört und dann ein jeder es aus den Büchern jener Männer ersehen kann. Es wird genügen, wenn von vielem das, was notwendig ist und sich möglichst kurz und leicht umgreifen läßt, in diesen unseren kurzen Aufzeichnungen nicht übergangen ist. Es dünkt uns also die gesamte Pflege des Hauswesens vornehmlich mit dem Hausrat, den VIII VON DER PFLEGE DES HAUSWESENS 71 Knechten oder auch Bedienten und der Erziehung der Kinder sich zu beschäftigen. Mit den letzten werden wir uns dann befassen, wenn wir zuvor die beiden ersten Punkte erledigt haben. Die Pflege des Hausrats nämlich, die Achtsamkeit auf Diener und Helfer halten wir für etwas Notwendiges. Denn wir brauchen Gerät und Diener, ohne deren Menge und Hilfe die ganze Wirtschaft nicht bestehen kann. In ihnen liegt großenteils das rechte Maß des Haushaltens. Wenn das sich nicht auf Rat und Weisung der Hausfrau gründet, hat es nirgends festen Stand und pflegt sich überall zu lockern. Wie nämlich den Männern Kraft des Körpers und des Geistes von der Natur gegeben ist, aus anderen Gründen sowohl als darum, daß sie durch Fleiß, Arbeit und schließlich durch viele Wagnisse ihr Haus reich machen, wird, vermute ich, den Frauen von der Natur die Schwäche zugeteilt, damit sie das, was im Hause ist, sorgfältiger selbst überwachen 89 . Denn Furcht läßt sich nicht von Sorgen, Sorgen nicht von Wachsamkeit trennen. Was hülfe es, viel nach Hause zu bringen, wenn die Frau das Hereingebrachte nicht bewachte, bewahrte und verteilte ? Was ist anderes von den Töchtern des Danaus in der Sage geschrieben, die sich beim Füllen des durchlöcherten Fasses vergeblich verzehren? Ich bin der Ansicht, die du, Lorenzo, wie ich fest vertraue, billigen wirst, daß nicht unbeträchtlicher Gewinn aus dieser ehelichen Hut erwachsen ist. Ist ja auch ein gutes Wort von jenem so klugen Cäsar Augustus: Es hätte dem Alexander bei weitem mehr Frucht und Lob eingetragen, hätte er das, was er erworben, zu schützen und zu bewahren vermocht, als daß er im Geleit des Glückes die größten Taten vollbrachte 90 . Darum sollen die Frauen nicht um ihren Ruhm kommen, wenn sie alles, was ins Haus zusammengetragen worden ist, wie es ihres Amtes ist, in Ordnung bringen. Sie werden sich also Mühe geben und darauf denken, wie Perikles Tag für Tag das Haupt Athens, so das ihres Hauses zu sein. Auch mögen sie überzeugt sein, daß man dauernd über sie urteilt, auf daß sie es an Sorge, Eifer und Fleiß in der Wirtschaft nicht fehlen lassen. Sehr wird es hierzu beitragen, wenn sie sich gewöhnen — wie es ihnen vorzüglich zukommt —, zu Hause zu bleiben und alles zu beaufsichtigen 91 . Hierbei fällt mir jener kluge Stallknecht ein, der auf die Frage, was am meisten ein Pferd fett mache, erwiderte: Das Auge des Herrn 92 . Damit dieses Amt der 7 2 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Nachwelt empfohlen bliebe, gab man dem ehernen Standbild der Caia Caecilia 93 , der Tochter des Tarquinius, Hausschuh, Rocken und Spindel bei, die gewissermaßen den Künftigen die emsigste Emsigkeit als nachahmenswert darstellen sollten. Welcher nachlässige Landwirt darf hoffen, fleißige Ackerknechte zu haben? Welcher schlafsüchtige Feldherr wird die Soldaten wachsam für den Staat halten ? Wenn also die Frau will, daß die Mägde zu Hause bleiben, dann lehre sie das nicht nur mit Worten, sondern sie weise, erkläre und zeige durch die Tat, was zu tun sei. Im Haushalt ist fürwahr nichts vorzüglicher, als wenn jedes Ding an seinen Platz gestellt und untergebracht wird. Ordnung nämlich — es gibt nichts Schöneres, nichts Nützlicheres — ist immer von höchstem Gewicht. Sehen wir auf Chöre und Heere: wird Gliederung nicht geschickt eingehalten, so werden sie alles eher als Heere oder Chöre benannt werden 94 . Möchten die Ehefrauen die Bienenkönigin nachahmen, die, was auch immer in den Stock eingebracht wird, kennt, aufnimmt und es verwahrt, bis das Bedürfnis danach verlangt, und die stets bei den Waben ist, damit sie sorgsam und rechtzeitig vollendet werden. Diener und Knechte sollen sie aussenden, wenn sie es für nutzbringend halten; wenn sie aber zu Hause zu brauchen sind, dann sollen sie sie antreiben, drängen und ihnen Arbeit zuweisen 95 . Auch daß Speisekammer, Wein- und ölkeller dem Gatten keinen Ärger bringe, werden sie ihrem Pflichtenkreis zurechnen. Wie ein Feldherr die Zahl der Soldaten häufig mustert, so soll auch die Frau die im Hause lagernden Vorräte öfter und sorgfältigst nachprüfen, damit sie nicht spät und zu ihrem Schaden merke, daß, was für ein Jahr sein sollte, kaum einen Monat reicht 90 . Jene Ansicht des Perikles täuscht meist die Unerfahrenen und ist vielfach auch oft dem Vermögen nachteilig. Dieser verkaufte nämlich alle Früchte, die er von seinen Feldern zog, auf einmal und beschaffte nachher, was im Hause bedurft wurde, täglich vom Markte 97 . Diese Art, sich täglich mit Getreide, Holz und Wein zu versehen, schickt sich eher für einen Reisenden und einen unruhigen Kriegsmann als für einen Bürger und Hausvater, und so wird nicht gerade großzügig, glänzend und bequem für das Wohlergehen gesorgt. Ob darum einer verficht, dies sei von jenem Manne wegen der Unzuverlässigkeit des Verwalters so eingeführt, oder ob er mir folgend urteilt, man müsse eher die Unachtsamkeit der Hausfrau VIII VON DER PFLEGE DES HAUSWESENS 73 oder der Bediensteten beschuldigen als die Ansicht weisester Männer — ich halte römischem Brauch zufolge für nachahmenswert, daß sehr vornehme Frauen sich nicht mit den gemeinsten Dingen abgeben. Denn als man mit den Sabinern das Bündnis schloß, wurden die adligen Frauen von der Arbeit des Mahlens und Kochens und von Knechtsdiensten frei erklärt 98 ; dann allerdings, wenn Krankheit des Gatten eintritt oder ein Anlaß, Gäste zu ehren, mögen sie derartige Geschäfte auf sich nehmen. Denn wenn es zur Gesundheit des Mannes beiträgt, dann darf es nicht nur nicht versäumt werden, sondern wir verabscheuen die Unterlassung. Es berührt mich besonders wohltuend, wenn ich bei dem kenntnisreichsten Seher und Weisen Homer die Andromache von solcher Neigung und Liebe zu ihrem Hektor erfüllt sehe, daß sie selbst beim Futtervorschütten für die Pferde, denen Leben und Ehre des Gatten anvertraut ward, umsichtig und genau ist". Will also die Gattin auf ihre Pflicht und ihren Ruhm den Sinn richten, dann wird sie zugeben und bewähren, daß sie dem Mann alles schuldet. Wenn etwa der gastfreie Mann einige Leute bei sich zu bewirten die Absicht hat, dann soll sie auch vor der Küchenarbeit nicht zurückschrecken, die so edlen und tapferen Helden wie Achilles und Patroclus nicht fremd war. Als zu jenem Odysseus und Aiax wegen der Versöhnung kamen, legte er die Lyra beiseite und betrieb mit großem Eifer, was kaum geringer Sklaven würdig schiene, wenn es nicht um der Zuneigung oder der Gastfreundschaft willen ehrenvoll würde 100 . Doch davon genug, da wir uns vornahmen, den Stoff in großen Zügen zu durchlaufen, nicht aber, das Einzelne zu lehren, besonders da dieses Gebiet durch die Erörterung gelehrter Männer sorgfältiger und reichlicher behandelt ist, als es von mir entwickelt werden kann. Deshalb wollen wir zum Übrigen kommen. Von der Dienerschaft scheint nun, wie versprochen, zu reden. Wofern diese nicht vernachlässigt wird, wird sie nicht wenig zu Zierde, Nutzen und Ergötzung beitragen. Dies wird man erreichen, wenn die Herrin sie genau unterweist und ihnen nicht eher zürnt, als wenn sie auch nach der Verwarnung noch bei Fehltritten betroffen werden. Wie im übrigen so oft, mögen auch hierbei die Frauen der Bienenkönigin folgen, die keine säumigen, keine trägen Untergebenen duldet 101 . Diese Vorschrift für das Hauswesen beobachtete Marcus Cato der Ältere so genau, daß er, der 74 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Sittenrüger, der Rüge verfällt, er sei von der Pflicht eines guten Mannes abgegangen. Er verkaufte die Sklaven, sobald sie altersschwach geworden waren, und entschied, man müsse unnütze Mäuler unter keiner Bedingung im Hause behalten 102 . Die Frauen sollen ihre Ehrenpflicht darin sehen, unerfahrene Mägde geschickt zu machen, und haben sie eine bei geringfügigen Dingen geübt und mit Treue und Fleiß begabt gefunden, diese mit der Aufsicht über den Vorratskeller zu betreuen. Einen haushälterischen und bescheidenen Verwalter sollen sie dauernd befragen, ihn loben, gnädig mit ihm sprechen und ihn beschenken, damit durch diesen Eifer der Frau die Dienstbeflissenheit täglich kräftiger angespornt werde 103 . Für die Nahrung der Diener sollen sie so sorgen, daß es ebensowohl ihrer eigenen Menschlichkeit Genüge tut, wie deren ständiger Arbeit. Sie sollen sie passend so kleiden, daß sie der Natur, dem Ort und der Zeit sichtlich Rechnung tragen 104 . Außerdem sollen sie nach des Hesiod Vorschrift unablässig bei den Gehilfen sich vorsehen 105 , die sie von den Kindern und Angehörigen nicht fernhalten können. Denn man muß sie zusammen mit den eigenen, sei es auch insgeheim nähren. Sie sollen sich auch darin freundlich erweisen, wenn jemand aus der Dienerschaft von Krankheit befallen wird, daß er mit besonderer Aufmerksamkeit gepflegt wird. Solche Menschlichkeit, solche Zugänglichkeit wird alle besonders eifrig und dem Hause geneigt machen. Und um zum selben Beispiel zurückzukehren: Wir sehen dies deutlich bei den Bienen, die ihre Königin wegen deren Sorge und Umsicht für sie niemals verlassen und — ein starkes Anzeichen der Anhänglichkeit — ihr immer, wohin sie auch zieht, nachfolgen 108 . Dies muß niemanden wundernehmen, da auch bei den übrigen Tieren ein gewisser Anklang an Dankbarkeit nicht fehlt. Das erhellt neben vielem anderen aus folgendem Beispiel: Auf Rettung denkend verließen die Athener im Persischen Kriege die Mauern und vertrauten ihren Staat dem Meere. Als sie vom Ufer mit Eile abstießen, sah man den Hund des älteren Xanthippus von Verlangen verzehrt, was er durch Rennen, Wedeln, Heulen und Bellen kundtat, wenn er nicht mit seinem Herrn übergesetzt würde. Und so hielt Xanthippus, während der Hund mitten durch die Fluten zum Schiff seines Herrn hinüberschwamm, auf der Flucht inne und nahm den geängstigten Hund auf. Auf daß dieses denkwürdige Ereignis nicht in Ver- IX VON DER ERZIEHUNG DER KINDER 75 gessenheit gerate, setzte er später dem Hunde, als dieser eingegangen war, an einer hohen Stelle ein ehrendes Grabmal, das noch lange Zeit hernach Hundedenkmal genannt wurde 107 , so daß er den Spätem ein dauerndes Andenken hinterließ, wie zwischen Herren und Dienern wechselseitig Treue zu wahren sei. In diesem Bereich wird es bei weitem am nützlichsten sein, wenn, wie im Heerwesen die Legaten, die Tribunen, die Centurionen und in der Stadtverwaltung die Praetoren, die Zensoren, die Schatzbeamten und derartige Behörden mehr verschiedene Dinge unter sich haben, damit sie bei der Bearbeitung von wenigen Amtspflichten diesen aufs vollkommenste gerecht werden können, ebenso die Frauen, wenn sie für die häuslichen Geschäfte Vorsorge treffen wollen, Arbeits- oder Aufsichtsdienst so voneinander trennen, daß, was von einem jeden zu geschehen hat und von ihm erwartet wird, wohl bekannt ist. Wenn nicht einem jeglichen sein Platz im Schiff angewiesen ist, so wird selbst, wenn kein Sturm hereinbricht, alles unordentlicher vor sich gehen. Der Himmel selber, der uns als Wohnsitz in Aussicht gestellt ist, wird, wie wir erkennen, aus einer so großen Reihe von Dingen zusammengesetzt, daß eins an das andere gefügt und alles ineinandergepaßt und unter sich verbunden sei. Wenn Saiten zum Einklang gespannt sind, wird eine einzige Harmonie, aus verschiedenen Tönen hergestellt, über alles süß und lind zu hören sein. Wenn sie so den Dingen und den Dienern Platz und Aufsicht bestellt haben, so werden sie merken, daß dies in hohem Maße zu Glanz, Nutzen und Freude beigetragen hat. Sie werden also, wie ich vorher gesagt habe 108 , mit Sorgfalt, Klugheit und Anmut, was ins Haus gebracht wird, aufnehmen, hüten und verwalten. Und was sie nur immer mit Eifer und Fleiß einzurichten und besser zu machen vermögen, das werden sie aufs genaueste ausführen, auf daß die gemeinsame Würde des Hauses gefestigt und genährt werden kann. Dies so weit. IX VON DER ERZIEHUNG DER KINDER ES BLEIBT NOCH DIE ERZIEHUNG DER KINDER, VOM Amte der Gattin ein fruchtbringender und der bei weitem gewichtigste Teil. Denn die Umsicht für das Vermögen durch Gelderwerb würde 76 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU nahezu nichts nützen (wie der alte Crates zu sagen pflegte), wenn nicht auf die Erziehung und Sittigung der Kinder, denen es hinterlassen wird, Eifer und vorzügliche Mühe gewandt würde 109 . Auch werden dadurch den Eltern, denen sie alles schulden, die Kinder besonders verbunden; sie würden notwendig von denen verlassen und preisgegeben scheinen, wenn nicht nach der Geburt der Dienst des Nährens und des Belehrens hinzutritt; und nicht mit Unrecht. Wenn wir nämlich den Urhebern unseres Lebens, das unter Führung der Natur alle Sterblichen erstreben und auf jede Art schützen, schon alles schuldig sind, was sollen wir erst tun, wenn dazu noch den adlig Erzogenen Unterweisung zu gesitteter Lebenshaltung gespendet wird ? Hierbei wirst du finden, wenn du alles in Sinn und Gedanken musterst, daß den Müttern, sind sie der Natur selbst nicht untreu geworden, die Aufgabe der Erziehung so zukommt, daß sie sich ohne Verletzung vieler Pflichten nicht entziehen können. Denn allenthalben bekundet die Natur hingebende Liebe zu ihren Geburten, die sie unter keinen Umständen verläßt 110 . Um dies deutlicher darzutun, würde ich jetzt von der Erzeugung der Kinder, bevor sie ans Licht treten, sprechen, mangelte nicht die Zeit zu weiterer Abschweifung und hätte nicht die Natur selbst diese Teile so verdeckt und verborgen untergebracht, daß das, was nach ihrem Willen ohne Schimpf nicht zu betrachten ist, auch von uns kaum mit Würde auszusprechen wäre 111 . Was jedoch nicht übergangen werden kann, werden wir darlegen. Jenes Blut, von dem sich die Frauen zu anderer Zeit in monatlichem Erguß reinigen, wird zu dieser Zeit vorzugsweise auf Geheiß der Natur zurückgehalten, so daß davon gleichsam getränkt die Frucht warmgehalten wird, bis sie zur vorbestimmten Monatszahl gekommen ist. Dann bat die Natur allen Lebewesen, welche gebären, sobald die Frucht ans Licht getreten ist, den Nährstoff der Milch verliehen und die Mutterbrüste geschaffen, gleich wie quillende Brunnen, damit der Säugling, aus ihnen getränkt, allmählich an Gliedern wächst und regsamer wird. Auch gibt sie gewissermaßen kund, zwei Brüste deshalb gewährt zu haben, daß die Frauen, wenn sie Zwülinge gebären, bereit haben, woraus sie beide zugleich nähren und speisen können 112 . Wenn sich durch höchste Vorsehung dies auch so verhält, so würde es doch offenbar vergeblich geschehen sein, hätte ihnen die Natur nicht eine unglaubliche Liebe und IX VON DER ERZIEHUNG DER KINDER 77 Neigung zu denen eingeboren, die sie zur Welt gebracht hat 113 . Hierbei aber läßt sich die ganz besondere Fürsorge und Umsicht der Natur beobachten, denn während sie den übrigen Tieren die Zitzen unter dem Bauch bildete, heftete sie sie den Frauen an der Brust an, derart, daß sie die Kinder zugleich mit ihrer Milch nähren und in der Umarmung hegen, sie leicht und bequem küssen und, wie man sagt, mit der ganzen Brust auf sich nehmen können. So nämlich bestimmte sie ihnen das Amt des Gebärens und Aufziehens nicht als Notwendigkeit nur, sondern als einzigartige Neigung und Liebe 114 . Sehr überzeugend ist auch, wenn sie der Natur folgen wollen, was wir bei der Bärin, diesem finsteren und grimmigen Tier, beobachten, wie sie sich bei der Zurichtung ihrer Jungen mit größter Sorgfalt abmüht. Nachdem sie den Wurf unförmig hervorgebracht, formt sie ihn mit der Zunge gleichwie mit einem Werkzeug und glättet ihn so, daß man sie mit bestem Recht nicht nur Gebärerin, sondern auch Bildnerin von Jungen nennen darf 115 . Was halten wir uns bei den Kleinen auf? So große Zärtlichkeit zu den Jungen wird in der Tat von der Natur verliehen, daß wir Tiere, die von sich aus furchtsam sind, durch sie höchst wagemutig werden sehen, und behende, die träge waren, enthaltsamst solche, die dem Bauch oder der Kehle frönen. Duldet nicht auch jener Vogel Homers, um seinen Jungen Speise zu bringen, und verkümmert sich die Lust, damit ihnen wohl sei 116 . Schweren Tadel also wird eine Mutter verdienen, wenn sie die Sorge für die Kinder gering achtet und unbekümmert dahinlebt. Keiner Arbeit sollten sie sich entziehen, damit sie sich fürs Alter die besten Genossen, Helfer und Pfleger erwerben. Wollen sie also vollkommene Mütter sein, so werden sie nicht von sich tun, die sie geboren haben, sie werden vielmehr, um für Leib und Seele der Kinder zu sorgen, sie stillen, ihnen die Brust reichen, und welche sie, als Unbekannte noch, mit dem eigenen Blute nährten, die werden sie jetzt aufziehen, da sie ans Licht getreten, da sie Menschen geworden, da sie ihnen bekannt und teuer geworden sind, da sie, soweit sie es vermögen, nicht nur den Dienst der Amme, sondern auch der Mutter von ihnen erflehen 117 . Selbst nährte mit ihrer Milch des Censors Marcus CatoFrau ihr Kind 118 , und diese Sitte dauert bei den römischen Frauen bis auf den heutigen Tag. Ja sogar, da eine gewisse Kameradschaft in Nahrung und 7» VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Speise die Neigung und Liebe wachsen läßt 119 , nahm sie bisweilen die Söhne ihrer Sklaven an die Brust, um sie ihrem Kinde anhänglich zu machen 120 . Ihr nachzueifern mahnen und bitten wir die besten Frauen, zumal da mehr und mehr darauf ankommt, in wessen Schoß und aus wessen Blut ein Kind empfangen und genährt worden ist, denn keine Ernährung ist offensichtlich geeigneter und heilsamer, als wenn das gleiche Blut, das von Hauch und Wärme am stärksten erhitzt war, den Neugeborenen als ein bekannter und vertrauter Lebensstoff dargeboten wird. Es hat solche Macht, daß es zur Bildung der Eigenschaften von Leib und Seele am nächsten an die Kraft des Samens heranreicht. Das ist an vielen Dingen klar wahrzunehmen. Böckchen, die mit Schafmilch genährt werden, bekommen ein merklich weicheres Fell, dagegen ist gewiß, daß bei Lämmern die Wolle härter wird, wenn sie von Ziegen gesäugt werden. Daß bei Bäumen die Feuchtigkeit und die Scholle fast größere Macht hat als der Samen, ist bekannt; unter diesen wirst du fruchtbare und belaubte Bäume finden, die, wenn sie in den Schoß anderer Erde verpflanzt werden, durch den Saft des schlechteren Nährbodens sich gänzlich ändern 121 . Edle Frauen sollen also alles daran setzen, ihre Kinder selbst zu stillen, damit diese nicht durch den Nährstoff der schlechteren und minderwertigen Milch entarten. Wenn aber die Mütter, was häufig vorkommt, aus gerechtfertigten Gründen nicht imstande sind, die Kinder aufzuziehen, so sollen sie darauf denken, nicht Mägde oder auswärtige, trunksüchtige oder unzüchtige Ammen anzunehmen und an die eigene Stelle zu setzen, sondern freigeborene und wohlgesittete und mit feiner Sprache begabte, damit das zarte Kind nicht von verdorbenen Sitten und Reden durchtränkt und, da es schon mit der Milch Schändlichkeit, Verirrungen und unsaubere Krankheiten einsaugt, von verderblicher Ansteckung befallen wird 122 . Denn wie bei kleinen Kindern die Glieder noch leicht gerade geformt und zurecht gerückt werden können, so soll von Beginn des Lebens an die Gesinnung geziemend und ebenmäßig gebildet werden. In der Wahl der Ammen sollen sie also recht sorgfältig sein. Dieses Alter, dieses Gemüt, weich wie es noch ist, ist am leichtesten zu bilden; denn wie wir in schmiegsames Wachs das Siegel drücken, so pflegen in Knaben die Leidenschaften und Krankheiten der Amme ausgeprägt zu werden. Wie nachhaltig deren Geist IX VON DER ERZIEHUNG DER KINDER 79 und Natur ist, bezeigt der wissendste Dichter Maro, wenn er die Dido, da sie den Aeneas nicht nur hart, sondern eisern nennt, sagen läßt: Tigerkatzen Hyrkaniens reichten dir ihre brüste 123 . Ebenso klagt der liebliche Dichter Theokrit den grimmen Cupido an, den er verwünscht: Er sei nicht von der Venus geboren, sondern an einer Löwin Brüsten habe er gesaugt 124 . Deshalb mögen sie es für richtiger, ehrenvoller, löblicher halten, ihre Kinder selbst zu stillen, und sie dann mit höchster Liebe, Treue und Gewissenhaftigkeit nähren, oder diesen Teil ihrer Pflichten wohlbestellten Ammen anvertrauen, die — nicht mit erlogenem und käuf lichem Eifer — sie pflegen und Heben. Haben sie das erste Kindesalter überschritten, so sollen die Mütter Scharfsinn, Sorge und Mühe daran setzen, daß sie sich an Gaben des Geistes und Körpers hervortun. Zuerst sollen sie die Ehrfurcht lehren vor Gott dem Unsterblichen selbst, vor dem Vaterland und vor den Eltern, damit sie diese, die aller Tugenden Grundfeste ist, von den ersten Jahren an sich zu kosten gewöhnen. Nur zur besten Hoffnung werden Anlaß geben, die Gott fürchten, den Gesetzen gehorchen, die Eltern ehren, gegen Ältere ehrerbietig, mit Altersgenossen umgänglich, Jüngeren gegenüber menschlich sind. Allen sollen sie daher mit Antlitz, Stirn und Worten freundlich begegnen, mit den Besten aber am vertrautesten umgehen. Mäßigkeit in Speise und Trank sollen sie so lernen, daß fürs künftige Leben der Grund gleichsam zu aller Enthaltsamkeit gelegt sei. Jene Lüste mahne man sie zu fliehen, die irgend mit Schimpf bedecken. Beim Lernen mögen sie Sinnen und Denken auf das richten, was ihnen Ehre, Nutzen und Freude einbringt, wenn sie größer geworden sind. Kann die Erzeugerin ihren Söhnen hierin den ersten Unterricht geben, so wird sie den Kindern weit besser und leichter bei der Wissenschaft Beistand leisten. Oft sehen wir, daß Geheiße und Geschenke von Fürsten an die Ihrigen willkommen sind, während die gleichen, wenn sie aus der Hand gewöhnlicher Leute fließen, kaum annehmlich erscheinen. Wer weiß nicht, wie große Geltung für die Kinder auch blutlose und nüchterne Reden des Vaters an sich tragen ? Deshalb unterrichtete jener weise Mann, Cato der Ältere, um es seinen Kindern gegenüber an der Vaterpflicht nicht fehlen zu lassen, neben vielem anderen sie auch sorgfältig im Schreiben 125 . Auch Eurydice, eine Barbarin, 8o VON DER PFLICHT DER EHEFRAU muß nicht geringen Lobes würdig erachtet werden. Diese erlernte schon älter an Jahren die Schriften, die Denkmale von Tugend und Zucht, damit es heißen sollte, sie sei ihren Söhnen nicht nur Spenderin des Lebens gewesen, sondern habe ihnen auch (wie sie es getan hat) reichliche Würze der Bildung, die Regel guten und glücklichen Lebens gegeben 128 . Auch sollen die Mütter sie oft zurechtweisen, daß sie nicht übermäßig lachen oder Reden mit Frechheit vermengt führen; ist doch das eine ein Zeichen für Dummheit, das andere für Wüstheit. Zudem sollen sie sich hüten, daß ihnen auch nicht im Reden vertraut sei, was zu tun schändlich ist. Bei Schmutz- und Schmähworten sollen sie schelten, und wenn die Kinder etwas zu Liederüches und Unsauberes sagen, sollen sie es nicht mit Scherz oder Kuß, sondern mit dem Riemen erwidern. Immer wieder sollen sie ihnen einschärfen, daß sie nie jemandem Armut, Schmach der Vorfahren und anderes Mißgeschick vorwerfen, woraus sie sich schwere Feindschaften zuziehen und die Gewohnheit der Anmaßung einschlürfen. Solche Spiele sollen sie ihnen angeben, wobei sie freiwillig Anstrengungen auf sich nehmen, damit sie, wenn es so trifft, schwerere mit größerer Ausdauer ertragen. Ich möchte, daß die Mutter vor den Kindern Jähzorn, Habsucht und Begierden, wodurch die Kraft erschlafft, mit Abscheu nenne, damit diese von klein auf solche schmählichste Gebieterinnen verachten, fliehen und hassen; sie trage auch sehr Sorge, daß sie die heiligen Namen scheuen und vor Lästerung zurückschaudern. Denn wen werden sie herangewachsen nicht verlachen, wenn sie in diesem Alter schon das Göttliche selber verachten? Soviel kommt darauf an, sich in zartem Alter zu gewöhnen. Sie sind zu ermahnen, sich des Schwörens zu enthalten. Verdient doch in der Tat keinen Glauben, wer um der gemeinsten Sache willen leicht schwört, und wer leicht schwört, der schwört häufig, sei es auch unbedacht, falsch. Man gewöhne sie, wahr zu reden! Dies war den Persern das Vornehmste, und deshalb bestimmten sie, daß es bei ihnen keinen Handelsmarkt gebe, weil sie überzeugt waren, daß es ein Ort für Lüge, für falsche Rede und Meineid sei. Man lehre sie sowohl sonst, wie besonders beim Mahl ungeheißen nur wenig zu sprechen, damit sie nicht, was jenem Alter vor allem fernbleiben muß, unehrerbietig und schwatzhaft werden. Es wird nämlich der Zucht hinderlich sein, wenn sie das, worin sie noch nicht genügend erfahren sind, unge- IX VON DER ERZIEHUNG DER KINDER 8l scheut auseinandersetzen wollen 127 . Hübsch war darum jenes Wort des Cato, als er noch ein Jüngling war und man seine Schweigsamkeit tadelte: Das wird mich so lange gewiß nicht beschweren, bis ich das gelernt habe, was Schweigsamkeit nicht mehr verdient 128 . Wenn die Kinder recht viel dieser Art, sobald es ihr Alter erlaubt, von den Müttern selbst vernehmen, werden sie besser und bälder zu Ernst und Zucht ihrer Eltern hinübergeleitet werden. Es gibt außerdem noch vieles, was ich, da es eher Sache der Väter ist, jetzt im Augenblick übergehe, und das um so mehr, weil ich einige zu sehen glaube, die diese unsere Eheunterweisung unermeßlich und endlos nennen möchten, so daß ihr kaum die Väter unserer Zeit genügen können. Diesen wüßte ich selbst etwas Richtigeres nicht zu entgegnen: Allerdings war es nicht unser Vorsatz, zu beschreiben, was geschieht, sondern zu zeigen, was geschehen sollte. Wer ist ein so unbilliger Richter, daß er nicht, wenn er wie du aus gerechtester Ursache die Heirat gut befunden und bei der Wahl der Gattin nach Sitten, Alter, Abkunft, Schönheit und Reichtum eine der ersten Frauen erlangt hat, eine, die voll Liebe zu ihrem Mann, die bescheiden und im Hauswesen völlig erfahren ist . . . wer, sage ich, denkt da so übel von den Dingen, daß er selbst nicht das Allerhöchste erhoffen dürfte und daß Frauen dieser Artung nicht das Allergrößte leisten sollten ? Dir also, mein Lorenzo, an dessen Vorbild sie sich entzünden müssen, dir mögen deine Altersgenossen mit großem Eifer nachfolgen, der du Ginevra, diese an Tugend, Liebreiz, edelster Familie und Vermögen 129 in jedem Betracht blühendste Jungfrau, zur Gattin erwählt hast. Welch leuchtenderes Beispiel, welch würdigeres kann ich aufstellen als das deine, der du in Italiens hochberühmter Stadt Florenz, der Würdigste durch deinen Vater, deinen Großvater und deine Ahnen, die vortrefflichsten Männer, dir zur Gattin die genommen hast, deren Glücksums tände alle Welt, deren Sittsamkeit,Treue und Klugheit alle Besten so hoch schätzen und bewundern, daß sie jene, weil duihr Gatte, und dich um solcher Gattin willen für gesegnet und glücklich halten und die, da euch vortrefflichste und angesehenste Ehegemeinschaft zuteil wurde, nun Gott den Unsterblichen bitten, daß ihr euch die besten Kinder, dem Staate die ehrenreichsten Bürger erzeugen möget ? 6 82 VON DER PFLICHT DER EHEFRAU Dies alles möchte vielleicht von mir vorgetragen etwas zu ungeschickt erscheinen, nur daß es in deiner Heirat ganz zu erkennen ist. So wird fürwahr die Jugend, die sich nach dir richtet, mehr gewinnen, als wenn sie sich allein bei meiner Schrift beruhigen wollte. Denn wie Gesetze den höchsten Nutzen der Bürgerschaft bringen, wenn sie erkennt, daß der beste Fürst ihnen gehorcht, so geben wir die Hoffnung nicht auf, der Jugend einen Nutzen zu bringen, wenn zu meiner Unterweisung der Fug deiner Ehe hinzutritt. Damit aber die Rede, wo sie begann, in dir, Lorenzo,ihr Ende finde: Hier hast du nun an Stelle eines Geschenkes mein Urteil über die Ehe. Was von mir darin gesagt wurde, nicht — wie ich anfangs erwähnte—um dich zu mahnen, sondern um unsere Zuneigung zum Ausdruck zu bringen, wird, vertraue ich, von vielen wohl aufgenommen werden, von dir aber (in dessen Namen ich diese Arbeit unternommen habe) weiß ich es gewiß. Wenn dir vielleicht in diesen unseren Blättchen etwas irgend ernst und gelehrt Geschriebenes beim Lesen begegnet, so magst du es dem in jeder Art Ruhm vollkommenen Manne Zacharias Trevisano — denn gern nehme ich seinen Namen in Anspruch — und den griechischen Schriften zuschreiben, aus denen ich einiges, was sich auf diesen Gegenstand bezog, nach meiner Absicht zusammengestellt und erörtert habe. Habe ich mich auch kaum einige Monate mit ihnen beschäftigt, so scheint mir doch, als sammele ich schon üppige und süße Früchte. Soviel vermochte der Geist und der Eifer des trefflichsten und hochgelehrten Guarino Veronese, der mir als Lehrer und einziger Freund vertrautesten Verkehr gewährt, seitdem er auch mir mit vielen unserer Vornehmsten zusammen Führer ist, um den Weg zur Menschenbildung anzuheben und zu beschreiten und so Führer ist, daß durch sein Werk diese göttlichen Wissenschaften, denen ich von Kind auf geweiht bin, mir bei weitem fruchtbarer und Heber geworden sind. So nimm denn diese Hochzeitskette — um mich so auszudrücken — hier zu deiner Vermählung freundlich entgegen. Du wirst sie, weiß ich, hoch werten, weil sie von der Art ist, daß sie nicht wie anderes durch Gebrauch zerbrochen und zerrieben werden kann, oder auch weil sie aus bester Treue und sicherlich aus dir ergebenstem Sinne hervorgeht. NACHWORT 35 NACHWORT ZUR ZEIT ALS 1415 IN KONSTANZ DAS KONZIL TAGTE UND alle berühmten Geister dort versammelt waren, machte das eben erschienene Buch eines venezianischen Edelmannes großes Aufsehen; die Handschrift, in der man es erhalten hatte, ging eifrig von Hand zu Hand. Der Verfasser dieses Büchleins: De re uxoria entstammte einer uralten venezianischen Patrizierfamilie und hieß Francesco Barbaro. Er war einer der ersten Venezianer, der unter der Anleitung seines Lehrers Guarino Veronese Griechisch gelernt hatte. Nach Ablauf seiner juristischen und humanistischen Studienjahre in Padua kam er zu kurzem Besuch an die Hochburg des italienischen Humanismus, nach Florenz, und hatte sich sogleich mit allen Häuptern dieser Schule angefreundet, am meisten mit der damals langsam zu ihrer Macht emporsteigenden Familie Medici. Seine Altersgenossen waren Cosimo und dessen Bruder Lorenzo (ein Großonkel des später so berühmten Medici gleichen Vornamens). Nach Venedig zurückgekehrt begann für ihn eine glückliche Erobererzeit im Geistigen: einen griechischen und römischen Schriftsteller nach dem andern machte er sich in fieberhaftem Fleiß zu eigen, und nach wenigen Wochen griechischen Studiums war er nicht nur imstande, die plut- archische Biographie des alten Cato ins Lateinische zu übertragen — das Italienische trat in jener Frist des Humanismus fast ganz in den Hintergrund — sondern er faßte auch den Plan, als man ihn tadelte, er schriebe nichts Eignes, zu der bevorstehenden Heirat seines Lieblingsfreundes Lorenzo de'Medici etwas über die Ehe auf Grund der neuentdeckten antiken Schriftsteller zu verfassen. Es war die Zeit der aufblühenden Altertumsstudien, der Wiederentdeckung verloren geglaubter zahlreicher antiker Schriftsteller, und wir bemerken am Schrifttum jener Zeiten, an der Vorliebe für bestimmte Zitate, was gerade neu entdeckt war und im Mittelpunkt der Anteilnahme der Gebildeten stand. Ein 86 ANHANG Menschenalter früher zu Beginn des Humanismus waren es die Briefe Ciceros, die Petrarca wiedergefunden hatte. Nur er besaß zunächst eine Abschrift und teilte daraus in Zitaten, die in seine eignen Schriften eingestreut waren, den Zeitgenossen mit. Zu Barbaros Zeiten waren es griechische Schriftsteller, die im Abendland zuerst durch byzantinische Gelehrte, wie Manuel Chrysoloras, bekannt wurden, die als Diplomaten ins Abendland gesandt wurden, bald italienische Lernbegierige zu griechischem Unterricht um sich sammelten und bei ihrer Rückkehr Schüler nach Konstantinopel mit sich nahmen. Neben Homer — Petrarca hatte schon eine Handschrift mit dem Urtext besessen, aber noch nicht lesen können — war es vor allem Plutarch, der in den Mittelpunkt des Interesses der Schule um Guarino Veronese trat. Aber nicht nur die berühmten Lebensbeschreibungen Plutarchs treffen wir in Barbaros Ehebuch häufig zitiert, sondern auch die andere Schriftenreihe: die Moralia, vorzüglich die hierher gehörenden Abhandlungen über Ehevorschriften und Kindererziehung. Auf weite Strecken finden wir ein Zitat nach dem andern, aus den «conjugalia praecepta»: so ist die Schrift scheinbar unoriginell. Aber in des jungen Barbaro lateinischer Übertragung der griechischen Anekdoten des Plutarch erhält die manchmal fast grämliche und allzu biedere Moral des Alten eine neue frische Blutzufuhr. Man darf nämlich nie vergessen und man vergißt es auch bei dem Lesen dieser Eheschrift nie, daß der junge Verfasser erst fünfundzwanzig Jahre alt ist, also in dem Lebensjahrsiebt steht, in dem die Gedanken der jungen Leute dauernd um das Erotische kreisen. Als wohlerzogener junger venezianischer Edelmann tut dies Barbaro in zurückhaltenderer Weise als die andern jungen Humanisten jener Zeit, die in derb-sinnlichen Komödien in der Art des Terenz ihre Triebe literarisch austobten. Barbaro reiht ohne alle Prüderie die auf Ehe und Geschlechtstrieb bezüglichen Vorschriften der Alten aneinander, doch fehlt ein Salzkörnlein Schlüpfrigkeit, das das strenge Leben erst aufheitert, auch bei ihm nicht, wenn er die an den Dekamerone Boccaccios gemahnende Geschichte von dem unbeherrschten jungen Paduaner Philipp, von der er in seiner Universitätsstadt hörte, aufs genaueste berichtet. Aber auch die Einzelheiten seiner Verwertung Plutarchischer Stellen verraten uns Interessantes über Charakter und Arbeitsweise des jungen Venezianers. Wer NACHWORT 87 die dieser Übersetzung angefügten Anmerkungen durchblättert, erhält einen Einblick, wie belesen Francesco Barbaro war und in welcher Weise er die vielen Zitate aus antiken Schriftstellern verarbeitet und in sein lebensfrisches Werk hineinverwoben hat. Für den, der sich über die Bedeutung dieses Werkes im ganzen wie im einzelnen unterrichten will, sei auf das IV. Kapitel des im Verlage Die Runde, Berlin 1932, erschienenen Buchs des Verfassers: Francesco Barbaro, Frühhumanismus und Staatskunst in Venedig, verwiesen, das handelt von: De re uxoria, Ideen und literargeschichtliche Zusammenhänge. Zur Ergänzung dieser Ausführungen sei hier nur erwähnt, daß es aus früher Zeit, aus dem XVI. Jahrhundert, schon eine deutsche Übersetzung des Buches über die Ehe gibt, die dem Verfasser früher entgangen war. Jedoch ist diese deutsche Fassung im ganzen kein Ruhmesblatt für unser Schrifttum, denn es ist aus der feinen höflichen Ausdrucksweise eine derbe sektiererische Schmähschrift geworden. Übersetzung kann man dies Machwerk nicht nennen, es ist nur eine willkürliche Bearbeitung, in der dauernd auf Luther, Zwingli und die Wiedertäufer Bezug genommen wird. Im Jahre 1513 war in Hagenau im Elsaß der zweite lateinische Druck De re uxoria herausgekommen. Drei Jahre darauf erschien: Ein guot buoch von der Ehe weiland zu Latin gemacht durch den wolgelerten Franciscum Barbarum Rahthern zu Venedig nun aber verdeutscht durch Erasmum Alberum Getruckt zuo Hagnaw durch Valentinum Kobian MDXXXVI. Der protestantische Pfarrer Alber zu Sprendlingen (Rheinhessen) machte hier (1534) aus De re uxoria eine den Sinn und die Haltung Barbaros arg vergewaltigende lutherische Paraphrase und Streitschrift gegen die Katholiken und widmet es dem: Edlen und Ernvesten Herman Riedesel von Eysenbach meinem lieben Junkern. In der Einleitung freut er sich, daß die Geisdichen seit Luther wieder heiraten dürfen und nicht in der «Pfaffen Hurnstand» verharren müssen. Das bei den damaligen Protestanten übliche Herabsetzen der voranliegenden katholischen Zeit kommt in den Worten zum Ausdruck: Denn zu der Zeit als das Büchlein geschrieben ist, hatt man nit so fein von der Ehe künden reden, wie yetzundt, das machte der Bäpsdiche grewel, der sich alle guote ordenung zu verwüsten bevlissen hat, und den Göttlichen Ehstand für eyn fleyschlichen, das ist für eyn ungödichen standt ausgeschrien, also das michs 88 ANHANG gleich wunder hatte, das dannoch dieser Franciscus so vil guots von der Ehe gehalten und geschrieben hat. Auf jeder Seite dieser «Übersetzung» stoßen wir auf ein breites und unflätiges Schimpfen wider die Hurerei, ein Wort, das Barbaro, wie man sich überzeugen kann, höchst sparsam verwendet. Am besten gelingt diesem groben Deutschen aus der Reformationszeit noch die Nacherzählung der vielen Anekdoten und Geschichtchen, wobei ein derber und treuherziger Ton durchbricht. Mit einer solchen Geschichte sei dies Nachwort abgeschlossen (vgl. S. 17): Daher hat sichs auf eyn zeit begeben, das eyn treflicher Herr Callicla genennet / welcher on Ehe nye keyne kinder gezeuget hatte / un nun eyn wolbetagter man war / als derselb in das Theatrum das ist ins Spillhaus oder uff den Spillplatz käme da viel weiser leute auch bei pflegten zu sein / da war eyn junger Eheman / der erzeyget gedachtem alten Herrn keyne ehr / das er jm gewichen hette / unnd sprach / lieber Callicla / du hast keynen Son gezeügt der mir hernach auch weichen künde / das ist soviel gesagt: Du hast die statt nit hellfen mehrn Darumb soll man dich auch nicht ehrn. ANMERKUNGEN I. 89 ANMERKUNGEN Die Anmerkungen legen, soweit es sich um antike Zitate handelt, die Quellennachweise der Ausgabe: Francisci Barbari De re uxoria Uber, Nuova edizione per cura di Attilio Gnesotto, in Atti e memorie della r. Accad. di scienze lettere ed arti in Padova, Nuova Serie vol. xxxi 1915, Zugrunde, jedoch stellenweise berichtigt und vielfach ergänzt und erläutert. Auch möchte ich nicht unterlassen, hier für die persönliche Anteilnahme an der sprachlichen Durcharbeitung meiner Ubersetzung Ernst Gundolf, Darmstadt, Dr. Hans Nachod und Paul Stern, Leipzig, zu danken. Die Wahl des Titels seiner Schrift: De re uxoria, mag Barbaro in Anlehnung an die Seite 19 Anm. 34 benutzte Stelle aus Gellius, Noctes Atticae [, 63 vorgenommen haben. Er fand dort: Videbatur quibusdam Q. Metellum censorem, cui consilium esset ad uxores ducendas populum hortari, non oportuisse de molestia incommo- disque perpetuis rei uxoriae confiteri..... Ebenfalls stieß er bei Cicero, De officiis Iii 15 auf den Ausdruck res uxoria. Als Rechts- begriff= Mitgift las er es bei Quintilian, Institutio oratoria VH 4, 11. Ebenfalls war ihm von seinen Paduaner Rechtsstudien der Begriff in dieser Bedeutung bei den römischen Juristen geläufig. ERSTER TEIL: 1 Lorenzo d'Medici (*I39J in Florenz), der Florentiner Freund Barbaros bis an seinen 1440 erfolgten Tod. Er war der getreue Helfer seines größeren Bruders Cosimo. Uber seine Beziehungen zu Barbaro vgl. Percy Gothein, Francesco Barbaro, Frühhumanismus und Staatskunst in Venedig, Berlin 1932, passim (siehe Register dort). 2 Noch heute sind in Italien die benannten literarischen Hochzeitsgaben üblich. 3 Herodot Histor. 1 193. 4 . .justissima tellus. Vergil, Georg. 2, 460 B. 5 Francesco hatte 25 jährig 1415 seine erste Reise nach Florenz unternommen und sich mit dem dortigen Gelehrtenkreis angefreundet. Die für sein Gedächtnis liebsten Stunden verlebte er hier mit Lorenzo de'Medici, dem Bruder Cosimos. 6 Zacharias Trevisano, "j" 1413, feingebildeter venezianischer Staatsmann, älterer Freund des F. B., den er in Padua, wo B. 1412 die Rechte studierte und sich bei humanistischem Lehrer im Latein vervollkommnete, als Podesta der Stadt in die Staatsbürgerkunde einführte. Die vorliegende Schrift ist, wie B. dankend bekennt, zum Teil aus den Gesprächen mit Z. T. hervorgegangen. Über Trevisano vgl. Gothein a. a. O. Seite 42—45. 7 Der Gedanke, daß die beiden Freunde sich in ihrem Wirken auf die gleichaltrige Jugend ergänzen müssen, daß Francesco nur darstellen, was Lorenzo zu größerer Wirksamkeit darlebcn wird, kehrt im Schlußwort des Werkchens wieder, vgl. Seite 81. 8 Giovanni dei Bicci de'Medici, angesehener Bürger und Bankier in Florenz, der durch maßvolle Politik den Aufstieg seines Sohnes Cosimo vorbereitete. 9 Cosimo de'Medici, der berühmte florentinische Bankier und Staatsmann (* Sept. 1389 in Florenz, f 1. August 1464 in Careggi), befreundete sich mit seinem Altersgenossen F.B. während dessen erster Florentiner Reise 1415. Uber die wechselseitigen Beziehungen siehe P. Gothein, F. B. passim (siehe Register dort). 9° ANHANG 10 Roberto de'Rossi, Schüler des byzantinischen Gelehrten Manuel Chrysoloras, Aristotelesübersetzer und Kopist griechischer und lateinischer Handschriften in Florenz, Lehrer der Brüder Medici. 11 Leonardo Aretino Bruni (1369—1444). Florentinischer Humanist, später päpstlicher Sekretär und florentinischer Staatskanzler. Freund des Zacharias Trevisano und des F. B. Über die Beziehungen zu letzterem vgl. P. Gothein: F. B. passim (siehe Register dort). 12 Plutarch, Regum et imperat. apophthegmata, Alexander magnus 30. Xenokrates, aus Chalkedon (396—314 v. Chr.) berühmter Philosoph der Alten Akademie zu Athen. 13 In der Frührenaissance, vorzüglich in dem hier erwähnten Humanistenkreis in Florenz und in Oberitalien, macht sich zu Beginn des xv. Jahrhunderts unter Anlehnung an Cicero, De officiis ni 2. 5 eine Vorliebe für die praktisch angewandte Lebensphilosophie geltend, die sich aus den neuerschlossenen Quellen des Altertums (hier besonders Plutarch) herleitet und die sich deutlich gegen die vorhergehende Periode des begrifflichen Denkens der Spätscholastik mit ihrem veralteten Ein- teilungs- und Auf bauschema abhebt. 14 . .cui (juventuti) ut prodessemus de suo negotio otiosi perscripsimus. Vielleicht eine Anspielung darauf, daß er als ein mit Ehedingen noch Unbeschäftigter (also Unverheirateter) die Beschäftigung der verheirateten Jugend schildert. Er selbst heiratete nicht viel später. 15 Die Überschriften sind Zutaten um der Übersichtlichkeit willen. In der vom Ubersetzer verglichenen Handschrift: cod. Berol. lat. 468 von 1456 sind die einzelnen Abschnitte nur durch große Initialen geschieden. Jedoch sind die Uberschriften bereits vorhanden in den ersten Drucken des xvt. Jahrhunderts. 16 Bei «dem Vorgang der gelehrtesten Männer» bezieht sich B. wohl auf Piaton, dessen hierzu entsprechende Methode im Symposion Socrates auseinandersetzt: (199c) und Phaedtus 237b/c, vgl. auch Cicero, De officiis I 2. 7. 17 Vgl. über die Bedeutung und Herkunft dieser Definition ausführlich: P. Gothein, F. B.....Seite 67E 18 Nach Valerius Maximus, Factorum et dictorum memorabilium libri n, 9,1. Die Abgabe der Ehelosen wurde uxorium genannt (nach Forcellini, Lexicon totius latinitatis). 19 Vgl. Cicero, De officiis 1, 4, II. 20 Vgl. Plut., Lykurg 15. In Barbaros Plutarchhandschrift mag Callicles gestanden haben, sonst liest man die Geschichte von dem spartanischen Feldherrn Derkyllidas. 21 Plut., Apophthegmata laconica, Agesilaus 29 u. 30. 22 Plut., Cato maior 20. 23 Xenophon, Cyropaedia vu, 4, 1—7; dort 'A8oöaio<;, nicht Cadusius. 24 Ebendort m, 2. 26 Plut., De Alexandri Magni fortuna aut virtute, pag. 329 e/f. 28 Der Vergleich mit dem Trojanischen Pferde wird von den Humanisten stets positiv gewertet (also glückbringend vom griechischen Standpunkte aus, nicht unheilbringend vom trojanischen aus). Vgl. P. Gothein, F. B. Seite 356, Anm. 8. 27 Vgl. Petrus Lombardus, Sententiarum lib. IV distinctio XXVI; darüber Näheres bei Gothein, F, B. Seite 68. 28 Matthäus 5, 31 und Johannes 2, 1. 29 Vgl. P. Gothein a. a. O. Seite 69: «dies ist die gleiche Ansicht, wie sie Petrus Lombardus äußert». 30 Den drei übergeordneten Begriffen sind je drei andere untergeordnet. Zu sapientia gehört ingenium, doctrina, scientia; zu amicitia: honesta morum similitudo, con- jugium, concubitus; zu salus: cibus, potus, somnus. 31 Augustinus, De bono conjugali 24. 32 Plut., De fraterno amore 482A. ANMERKUNGEN I. 9 1 33 Xanthippe ira percita mensam disturbavit. Plutarch: a.vkxpttysv, also: sie stieß den Tisch um. Man vergegenwärtige sich hierbei, daß antike Tische so leicht waren, daß auffliegende Hühner sie umwerfen konnten. Ders., De cohibenda ira 461 d/e. B. faßt Sokrates' Antwort anders, als sie bei Plutarch steht: itapä ooi, S'etitev, ob itpü>Y|V opvic Tic, eioKxäoa xabxb xoüx' eitoLfjoEv, 4]|AE(C. 8'oix Y]yctvav.rr]ooi|j.ev; Barbaro: . .a cicuribus graviora saepenumero perferimus, ut ova, pullos et longe tenuiores quam ex uxore fructus capiamus. 34 Aulus Gellius, Noctes Atticae 1, 6. 1 ff. Metellus Numidicus, der Sieger im Jugur- thinischen Krieg, später Censor. 35 Xen., Cyrop. Vffl, 5. I9f. 36 Nach Homer, Ilias X und Odyssee 8. 37 Demosthenes, De Corona xvin, 319. Glaucus, berühmter griechischer Athlet, vielfacher Sieger in den pythischen, nemeischen, isthmischen und olympischen Wettkämpfen. 38 Plut., Cato maior 24. Barbaro hat eine Vorliebe für diese Vita des Plutarch, weil er sie selbst aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hat. — Aus der späten Heirat des Cato entsprang die salonische Linie der Catonen. 39 Marco Barbaro gehört einer andern Linie des Hauses Barbaro an. Der Steuerzensus von 1379 gibt diesen Marco als den reichsten der Familie an. Vgl. P. Gothein, F. B. Seite 14. 40 Plut., Apophth. lacon., Pausanias 3. PI. erzählt dies vom spartanischen König Pausanias, Sohn des Pleistonax (nicht von Agesilaus). 41 Plato, Staat I, 347 a oder Cicero, De officiis 1, §§ 85—87. 42 Plut., Phocion 19. 43 Ders., Conjugalia praecepta, Nr. 23. 44 Plut., De liberis educandis 3 f./f. 45 Quintilian, Institutio oratoria 11, 3, 3. 45a Aristoteles, De animalium generatione A 6, Mitte: 3toö-Eveaxepa fäp eati xai tpu/po-repa tä S-f|Xea vrjv cpuaiv (schon als Embryo) x npbz ffjv Y^veatv ouxui aofAflä^Xetai toi; auvcaTau-EVOK; tu? tö appev, &Xkä xb p.ev appev kp~fyi v XtvfjOBüiCj xb 8s fl"f]Xu ttjV ü).y)V .... 81a f äp xoüxo out' auxö xaS'' ubxb fevvä xb frvjXu - Seitac f äp hoffte %a\ xob mv-rpovTOi; xol SiopcoövToc.. Vgl. auch Anm. 11, 72. 46 Vergil, Aeneis IV, 28 f. 47 Für die Krähen: Plut., Bruta animalia ratione uti 989 a; für die Turteltauben: Athenaeus, Deipnosophistae 394h. Aelian, Natura animalium 111, 44. Ambrosius, Hexameron v, 19. Es lag wohl nur der Kirchenvater dem F. B. vor. 48 Plut., Conjug. praec. pag. 138 c/d. 49 Vergil, Aeneis vn, 53. 50 Hesiod, Tage und Taten 695 ff. oder Plut., Amatorius 75 3 A. 51 Es scheint nicht, daß Lykurg sich über das Heiratsalter ausgesprochen hat. Gnesotto vermutet eine Verwechslung mit Aristoteles, Politica VII, 14. 6. 52 Plut., Apophth. lac, Lykurg 17. 53 Ebendort 12. 54 Ebendort 20. F. B. verlas im griechischen Text £evtoc. für Xentus. 56 Ebendort 13. 68 Lucan., Pharsaliai, 127. Zur Anspielung auf Centuriatskomitien vgl. Seite 19 unten. 57 Vergil, Georgica 11, 59. Auch die andern ländlichen Gleichnisse stammen aus der Umgebung dieser Vergilstelle. 58 Nachdem B. oben (Seite 26 u. Anm. 45a) der während der Scholastik herrschenden Aristotelischen Auffassung Raum gab, nach der nur der männliche Samen entscheidend 9 2 ANHANG ist, kommt hier zur Sprache c oh ßaaiXeac ßaaO.etSia itapao^siv auxocc, Siavooito durch die Wiedergabe: quod liberos non reges relictum ire cogitasset, nicht recht heraus. 68 Vergil, Äeneis 1, 589 m 69 Vgl. unten Seite 62 u. Anm. II, 51. 70 Ovid, Metamorphosen. Anspielung auf die Geschichten der Io u. der Leda. 71 Vergil, Aeneis v, 344, dem Euryalus nämlich, dem die Siegesbcute bestritten wird. Die Anschauung über die Stellung und das Vorrecht des schönen Menschen in der menschlichen Gemeinschaft ist deutlich an platonische Vorstellungen aus dem Phaidros angelehnt. 72 Plutarch, Conj. praec. 28, spricht von dem unfreundlichen Gehaben des Xenokrates, Barbaro verschiebt diesen Mangel von der charakterlichen zur körperlichen Seite. Plut.: e 0 nXattuv tü) SevoxpaTst ßapuTspiu tö Tjfl-oc, ovti xaWa. hi y.aXü> xäfaä-cü itapsy.eXEÜETO ö-üeiv TaTe Xäpiaiv. Barbaro (De reux. [24,14]): Plato Xenocratem, in quo singularis corporis deformitas erat, monere solitus est, ut Gratiis saepe Sacra faceret. 73 Vergil, Aeneis 1, 71 ff. 74 Plut., Conjug. praec. 24. (Hätte dieser Jüngling öfter mit klugen Männern gesprochen als mit sich selbsb ist Zusatz Barbaros, der sich bei Plutarch nicht findet. Er mag da an seine eigne Erfahrung gedacht haben, als er bei dem älteren Zacharias Trevisano freundschaftliche Belehrung empfing. 75 Homer, Ilias B, 671 ff. Homer macht selbst eine Einschränkung, Vers 675: GcXX' öXaxao'vbz evjv, naSpot; 8s ol eitcsto X zur Nachahmung empfiehlt. 91 Aesop, Fabel 184, Ka(j.f)Xoc xa't Zsue. B. hat die aesopischeFabel etwas verändert. Bei Aesop beklagt sich das Kamel bei Zeus, weil es neidisch auf die Hörner des Stieres ist. Der erzürnte Zeus verleiht ihm nicht nur nicht Hörner, sondern kürzt ihm sogar die früher langen Ohren. 92 Plut., De lib. educ. 13 F. 93 Quintilian, Institutio oratoria xi, 3. 6 u. 8. 94 Viriplaca, vgl. vorne Seite 51 u. Anm. II, 14 unten. Es war die zwischen Ehegatten vermittelnde Göttin, deren Tempel zu Rom auf dem Palatin lag. 94a Plut., Aem. Paulus V. 95 Plut., Conj. praec. 22. 96 Ebenda 25. 97 Plut., De mulierum virtutibus 242 p, Gorgias aus Leontinoi in Sizilien (483—375 v. Chr.), Schüler des Empedokles, von Plato befehdeter Sophist, Lehrer der Redekunst in Athen. 98 Homer, Ilias A, 113fr. 99 Plutarch, Reg. et imp. apophth.: Themistokles 11. Ungenau von B. verwertet. Themistokles sagt bei Plutarch: av5pa, E der Göttermutter, nach dem Zweiten Punischen Kriege eingeführt, bestanden vorzüglich aus Theateraufführungen. Die circensischen Spiele im Circus maximus seit der Königszeit zu Ehren des Juppiter, der Juno und der Minerva. 111 Plut., Quaestiones rom. 105. 112 Plinius, Hist. nat. vin, § 53. Quintus Mucius Scacvola führte als curulischer Aedil zuerst Löwenkämpfe ein. C. Appius, richtig Appius Claudius, eröffnete als erster auf dem forum boarium Gladiatorenspiele. Cicero, De off. 11, 57: Hortensius als Aedil. Val. Max. 11, im, 6. P. Cornelius Lenrulus Spinther führte als Aedil versilberte Theaterdekorationen ein (argentatis choragiis adornavit). Marcus Scaurus führte als Schauspielergarderobe kostbare punische Gewänder ein. Sowie des Pompeius prunkvolle Aedilität. Nach Plinius, Hist. nat. vin, 40, brachte M. Scaurus als Aedil ein Hippo- potamus und 5 Krokodile aus dem Nil nach Rom. Lucilier irrtümlich für Mitglieder der Familie Lucullus. L. führte beim Theater die bewegliche Szenerie (scaena ver- satilis) ein. 113 Aristoteles, Nikomachische Ethik 1226 und 1123a, 15. 114 Manuel Chrysoloras, byzantinischer Staatsmann und Humanist, lehrte als erster die Italiener Griechisch zu Florenz und Pavia. Er war der Lehrer von Barbaras Lehrer Guarino Veronese, von beiden hochverehrt. Er starb auf dem Konzil zu Konstanz 1415, wo er der griechischen Abordnung als Dolmetscher dienen sollte. 115 vielleicht nach Plinius, Nat. hist. xxxi, 7. Derart witzige Scherze wurden in Rom Fescennien genannt; diese stammten jedoch nicht aus dem Sabinerland, sondern aus Etrurien (Fescennium). 116 Plut., Quaest. Rom. 105. Jedoch nicht Claudius, sondern Cluvius Rufus, römischer Redner und Historiker zur Zeit Caligulas. 117 Gnathonen = Parasiten, nach Plutarch, Quaestiones convivales 704 E. Dort wird der Schwelger TvaS-div so charakterisiert: fi-jove Sstvotatoc. avö-ptuitoc. z&XKözpia 8^i^tvE^v. Anklang an griechisch: f\äü'0z= Schlund. 118 Der eydonische Apfel aus dem kretischen KuSiuvia ist die Quitte, die nach der Ansicht der Alten den Atem wohlriechend macht. 119 Plut., Conj. praec. 1. 120 Plut., Quaest. rom. 65. 121 Vergil, Aeneis vin, 405 f. 122 Servius, Kommentar zum Vers 30 der 8. Ecloge von Vergil. ANMERKUNGEN IL 95 ZWEITER TEIL: 1 Juno Gamelia. "Ilpa •(»('•''l^a kommt in dieser Verbindung nur bei Eusthatios pag. 1156, 46 (nach Stephanus, Thesaurus linguae graecae) vor. Da aber f afrrjXcoc; = nuptialis, so stammt die Zusammenstellung möglicherweise von B. selber. 2 Plut., Conj. praec. 27. 3 Plut., Lacaenarum incertarum apophth. 23. 4 B. hat die Erzählung Plutarchs falsch verstanden (Conj. praec. 18). Dort wird eine jungverheiratete Frau gefragt, ob sie sich schon dem Manne genähert habe (ei YjOYj &v8pl icpooeXriXuO-Ev), worauf sie: Ich nicht, aber er mir. So, fährt Plutarch fort, soll die Hausherrin abwarten, bis der Hausherr beginnt. Da von Beilager, nicht von Reise die Rede ist, ist B. s Wiedergabe von itpoaepyeafrai mit proficisci unzutreffend. 5 Bei Plutarch, Conjug. praec. 37, geht der Befehl von den griechischen Feldherren des jüngeren Cyrus aus. 6 Plut., Conjug. praec. 37. 7 Ebendort 45. 8 Plut., De recta ratione audiendi 38 B. 9 Plut., Alexander 42. Diese Anekdote ist bei Plutarch schöner erzählt als bei B. 10 Plut., Conjug. praec. 40. Plutarch zitiert nach Euripides, Andromache, Vers 930. Hermione, einzige Tochter des Menelaus, Gemahlin des Neoptolemus und später des Orestes. 11 Bei Plutarch, Conj. praec. 71, knapper erzählt. Die Mühle war der Strafort für römische Sklaven. Barbaro hat es Freude gemacht, sich unter einem seiner venezianischen Schiffahrtsgleichnisse (vgl. über diese Vorliebe P. Gothein, F. B. Seite 233) die in das fremde Ehebett heransegelnde Nebenbuhlerin vorzustellen. Ha Euripides, Medea 190 fr. 12 Juno, cui . Vergil, Aeneis IV, 59. 13 Homer, Ilias H, 205 und 209; Plutarch, Conj. praec. 38. 14 Val. Max. n, 1, 6. 15 Plut., Conjug. praec. 43. Melanthus (Plut. MeXav&o^) eigentlich Melanthios, griechischer Maler. 16 Plut., Reg. et imp. apophth., Philipp. 30. 17 Nach Cicero, De officiis 11, 12, 43 und Xenophon, Memorabilien I, 7 u. 11, 6 Ende. 18 Cicero, De officiis 1, 17, 56. 19 B. scheint den von Plutarch ohne Ortsangabe berichteten Brauch zu seiner Zeit inTos- cana wiedergefunden zu haben, das er seiner Schreibgewohnheit zufolge Etruria nennt. 20 Plut., Conjug. praec. 5 und 6. 21 Nach Xen., Cyrop. Buch IV—vil. Abradatas,' Fürst der persischen Landschaft Susiana, anfangs mit den Assyrern im Kampfe gegen Cyrus. Auf Veranlassung seiner in persische Gefangenschaft geratenen Gemahlin Panthea wird er Cyrus' Kampfgenosse und fällt gegen die ägyptischen Bundesgenossen der Lyder. 22 Herodot, Hist. 11, 1. 23 Plut., De lib. educ. 1 c/d. 24 Plut., Dionzi. 25 Xen., Cyrop. m, 1, 41 f. 28 Homer, Ilias Z, 429 f. 27 Ebendort, X, 460—463. 28 Plutarch, De mulierum virtute 257, erzählt die Geschichte der Camma und des Sinorix aus Galatien, nicht aus Gallien, wie bei B. Die Anrufung me dius fidius «bei Gott» bezieht sich auf Fidius, den Gott der Ehebündnisse. 29 Plut., De mul. virt. 20 (257 e). Electra war eine wohlgestalte und gesittete Sklavin, die von Stratonica gekauft wurde. 7* 9 6 ANHANG 30 Ebendort 21. Deiotarus, Gemahl der Stratonica. Es ist nicht ausgemacht, ob dieser von Plutarch genannte D. derselbe ist, wie der bekannte galatischeTetrarch und König, Freund der Römer. 31 Die von Barbaro nur erwähnte Geschichte steht Valer. Max. vi, 7,1. Tertia Aemilia bemerkt, daß ihr Gemahl Scipio Africanus in eine ihrer Sklavinnen verliebt war. Hochsinnig übersieht sie dies und trägt auch dem Mädchen nichts nach. Ja sogar nach dem Tode ihres Gatten läßt sie diese frei und verheiratet sie einem ihrer Freigelassenen. 32 Die Erzählungen über Julia, Porcia, Artemisia und Hypsicratea finden sich bei Valerius Maximus im, 6 und 4, 5 und Ext. 2. Julia, die Tochter Caesars, die dem Pom- peius vermählt war und aus Schreck über die falsche Nachricht der Verunglückung ihres Gatten eine Frühgeburt erlitt. 33 Porcia, Tochter des Cato von Utica, Gemahlin des Brutus, verschlang, nachdem sie den Tod ihres Mannes bei Philippi erfahren hatte, glühende Kohlen, um sich den Tod zu geben. Artemisia, Gemahlin des Mausolus, Königs von Karien, errichtete ihrem verstorbenen Gatten ein Grabmal, das zu den sieben Weltwundern des Altertums gehörte, das Mausoleum. Hypsicratea, Gemahlin des Königs Mithridates, die aus Liebe zu ihrem Mann sich die Haare abschnitt, Männerkleidung anlegte und ihm im Kriege und auf der Flucht überallhin folgte. 34 Congressu. Obzwar der italienische Übersetzer des vorliegenden Werkes, Alberto Lollio, La scelta della moglie. .. Vicenza 1785, pag. 126, 10, übersetzt: dal procedere del quotidiano comercio, ist ohne Zweifel «Beilager» gemeint, da hier Barbaro seine Disposition entwirft und de congressu ein späteres Kapitel nämlichen Inhaltes benannt ist. 35 Zuletzt der ältere Zeitgenosse Barbaros Pier Paolo Vergerio, De ingenuis moribus pag. 448, zurückgehend auf Aristoteles Physiognomik. 36 Der ganze Abschnitt beruht auf: Cicero, De legibus 1, 2Öf. De offieiis 1, 34—36; 125—132; 29; 103 zurück. 37 Plut., Demosthenes 11. 38 Plut., Apophth. lacon., Charillus 2. 39 Xen., Cyrop. in, 1, 41. 40 Plut., De mul. virt., Prooemium. 41 Plut., Conjug. praec. 9. 42 Plut., Quomodo adulator ab amico internoscatur 58B: evtot ty]V ^(oYpafiav auuTCCüaav aKtyr\vavxo iroiY)TCXT)v. 43 Isocrates, Ad Demonicum 41. 44 Val. Max. vm, m 1—3. Amaesia: Maesia Sentinas verteidigte sich bei einer Anklage mannhaft vor dem Richter und wurde freigesprochen. Man nannte sie Andro- gyne. Afrania, Frau eines Senators, war händelsüchtig und vertrat ihre Prozesse selbst vor dem Praetor: non quod advocatis deficiebatur sed quod impudentia abundabat. Hortensia, des berühmten Redners Hortensius Tochter, machte sich vor den Trium- virn zum Fürsprech der von einer drückenden Steuer belasteten römischen Matronen, da keiner der Männer die Sache des Kohr\\i.a.aiy pr[G% i a.i nätpiov oüy. vjv. B. hatte entweder einen verderbten Text oder er hat das näxptov (= herkömmlich) falsch aufgefaßt. 69 Plut., Conjug. praec. 30. 60 Die Stelle bleibt unklar. Barbaro: Quis ignorat, quantum utilitatis Romanis attu- lerit aliquando huiuscemodi magnificentia, ex qua gravissimo bello Punico pecuniam Appia lege civitas ipsa conflavit. Es gibt im Punischen Kriege kein Appisches Gesetz, nur ein Oppisches. Ein Jahr nach der Schlacht bei Cannae fand man in Rom den Anblick herausgeputzter Frauen unerträglich, und der Volkstribun C. Oppius brachte ein Gesetz ein: ne qua mulier plus semiunciam auri haberet neu vestimento versicolori uteretur.... Dieses Gesetz gegen den weiblichen Luxus, von dem Livius xxxiv, 1 und Valerius Max. ix, 1, 3 berichten, stimmt aber nicht mit Barbaros Angaben überein. 61 Augustinus: De bono conjugali 3. 62 Val. Max. ir, 1, 5. 63 B.: nunc feminis Syris. B. hat die Humanistenangewohnheit, die in neuerer Zeit gewandelten Landschafts- und Völkernamen mit den antiken Bezeichnungen zu nennen. So spricht er von Etrurien, wenn Toscana gemeint ist, von Gallien, wenn die Lombardei (Gallia cisalpina) bezeichnet werden soll. Erst sein Freund, der Historiker Flavio Biondo, hat mit diesem Brauch gebrochen. Hier sind nicht die alten Syrerinnen gemeint, sondern die verschleierten Türkinnen der neueren Zeiten. 64 Gell, x, 23, 1-5. 65 Pausanias, Descriptio Graeciae n, 23, 8: TtX-rjatov 8e toü Aiovüaou na\ 'A8' &v8psia Y.al Stxa'.oaovr], xa&aTCEp ujsto 2(uxpäxf)c, aXX' 4) pi.sv cep^tv.Y) ävSpsta 4| 8' öitf)pe'cwf|. Vgl. auch Aristoteles: Oeconomica A, 3, 4. Über die physische Unterlegenheit der Frau nach Aristoteles vgl. oben Anm. 1, 45 a. 73 Plut., De üb. educ. 2A. 74 sumptuosae Tarquiniarum deliciae kann heißen .. .der Tarquinierinnen (Frauen aus Tarquinii) oder der Tarquinius-töchter (Töchter der römischen Könige Tar- quinius). 75 Nach Plato, Gastmahl. 75a Macrobius II, 9 und 10. B. bezieht sich auf Zwei laszive Witze, die Julia, dieTochter des Augustus, und eine andere römische Dame sich erlauben. Die Dame wundert sich, warum die Kinder der Julia dem Agrippa, ihrem rechtmäßigen Manne, alle ähneln und 9 8 ANHANG nicht andern Männern, mit denen sie Verkehr habe. Darauf gibt Julia zur Antwort, daß sie das erst dann tue, wenn sie von ihrem Mann bereits schwanger sei. B. beschränkt sich darauf, ohne auf die Laszivität einzugehen, der schwangeren Frau vom Geschlechtsverkehr abzuraten. 76 Si vero hosce transgredi terminos collibuerit.... Barbaro ist kein Moralfanatiker, der ein ethisches Prinzip der widerstrebenden menschlichen Natur auf jeden Fall aufdrängen wollte. Er weiß sehr wohl, daß der Forderung, geschlechtlichen Verkehr nur um der Kindererzeugung willen zu pflegen, schon aus Gesundheitsrücksichten nicht Folge geleistet wird, deshalb lenkt er ein und mahnt zum Maßhalten, um das hemmungslose Sich-Gehenlassen zu vermeiden, vgl. auch Seite 27. 77 Augustinus, De nuptiis et concupiscentia 1, 8. 78 Plut., Conj. praec. 10, nach Herodot I, 8; S(ia 8s xi&äjv. £x8uo[j.ev 7i Amaesia siehe Maesia Anakreon, 33 Andromache, 21, 45, J5, 73 Caius Appius = Appius Claudius, 46 u. 1, Anm. 112 Archidamus, 32 Aristoteles, 47, 67 u. 1, Anm. 45 a, II, Anm. 72 Armenia, 55, 59 Artabazes, 38 Artemisia, 57 u. n, Anm. 33 Caesar Augustus, 63, 68, 71 Automedon, 43 u. I, Anm. 101 Bacchus, 65, 66 Andreas Barbaro, 23 Francesco Barbaro, 13 Marco Barbaro, 23 u. 1, Anm. 39 Francesca Barbo, 23 Pantaleon Barbo, 23 Barsine, 38 Brasilia, 69 Leonardus Aretinus Bruni, 14 u. 1, Anm. 11 Cadusius siehe Adusius Gaia Caecilia, 72 u. II, Anm. 93 Caesar, 18 Callicles, 17 u. 1, Anm. 20 Camma, 55, 56, 57 u. 11, Anm. 28 Cassandane, 54 Marcus Cato, Censor, 18, 22, 23, 60, 65, 69, 73, 79, 81 u. I, Anm. 38,11, Anm. 103 M. Cato, der Sohn, 22 Des Censors M. Cato Gemahlin, 77 Cato von Utica, 81 u. II, Anm. 128 Ceric, 70 u. 11, Anm. 86 Charillus, 59 Christus, 18 Chryseis, 42 Johannes Chrysoloras, 47 Manuel Chrysoloras, 47, 1 Anm. 114 Cicero, 66 Claudius Nero, siehe Nero Cleopatra, 67 Clytaemnestra, 42 Kaiser Commodus, 69 u. 11, Anm. 81 Giusto Contarini, 23 Cornelia, 22 Cosimo de'Medici, 14 u. Anm. I, 9 Crassus, 46 Crates falsch für Socrates VERZEICHNIS DER EIGENNAMEN IOI Cupido, 79 Cyaxares, 20, 63 Cyrus, 18, 20, 50, 54, 55, 59, 63, 66 Danaiden, 71 Darius, 37, 38 Deiopeia, 34 Dejotarus, 57 u. 11, Anm. 30 Demaratus, 52 Demosthenes, 41, 42, 59 Diana, 56 Dido, 26, 79 Diogenes, 67 Dion, 37 Dionys 1., 37, 55, 63 Electra, 57 u. n, Anm. 29 Epaminondas, 61 Epicharmus, 69 u. Ü, Anm. 83 Die Epikuräer, 47 Euripides, 51 Eurydice, 79 Euthydemus, 19 Verrius Flaccus 46 u. 1, Anm. 109 Die Gallikanische Göttin = Diana Geradatas, 28 Ginevra de'Medici, 81 Giovanni dei Bicci de'Medici, 14 u. 1, Anm. 8 Glaucus, 21 u. 1, Anm. 37 Die Gnathonen, 47 u. I, Anm. 117 Gorgias, 42, 51, 52, 60 u. I, Anm. 97 Gorgo, Gemahlin des Leonidas, 28 Gorgo, 50 Die Grazien, 27 Guarino Veronese, 38, 82 Hannibal, 66 Hektor, 45, 55, 73 Helena, 21, 32, 33, 39 Hercules, Sohn Alexanders 38 Hermione, 50 u. 11, Anm. 10 Herodot, 13, 36, 68 Hesiod, 27, 69, 74 u. Ii, Anm. 90 Hieron, 69 Histrus, 47 Homer, 21, 32, 35, 45, 51, 55, 73 Hortensia, 60 Hortensius, 42, 46 u. 1, Anm. 112 Hymenaeus 44 u. 1, Anm. 103 Hypsicratea 57 u. II, Anm. 33 Janus, 46 Isocrates, 60 Junio, 33, 34 (Gamelia), 49, 51 u. 11, Anm. 1 Julia, Caesars Tochter, 57 u. 11, Anm. 32 Julia, Augustus' Tochter, 63, 68 u. 11, Anm. 75 Jupiter, 33 Kroesus, 54 Lorcnzo de'Medici 13, 24, 27, 29, 33, 41, 71, 81, 82 u. 1, Anm. 1 P. Lentulus, 46 u. I, Anm. 112 Leonardo Aretino siehe Bruni Lucilier, eigentlich Lucullus, 46 u. I, Anm. 112 Lucretia, 67 Lykurg, 16, 27, 28, 39 Lysander, 43, 63 Maesia Sentinas, 60 u. II, Anm. 44 Manilius, 69 Maro siehe Vergil Mars, 33 Medici siehe unter Cosimo, Giovanni, Ginevra, Lorenzo Melanthus eig. Melantios, 52 Mercur, 27 Metellus Numidicus, 19 u. 1, Anm. 34 102 ANHANG Minerva, 33 Q. Mucius Scaevola, 46 u. I, Anm. 112 Claudius Nero (Kaiser Nero), 32 Niccolö de'Niccoli, 14 u. 1, Anm. 66 Nireus, 35 Oceanus, 51 Odysseus, 39, 73 Olympias, 25, 34, 52, 69 Orpheus, 30 Panthea 22, 54 Paris, 33, 39 Patroclus, 73 Penelope, 39, 41 Perikles, 41, 71, 72 Philammon 21 Philipp von Mazedonien, 25, 51,52,68,69 Philipp, Jüngling aus Padua, 3 5 Phocion, 25, 36, 37 Pindar fälschlich für Spintharus Pisistratus, 22, 23 Piaton, 24, 34 Polyxenus 55 Pompcius, 18, 46 Porcia, 22, 57 u. Ii, Anm. 33 Pythagoras, 53 Pythagoräer, 61 Quiriten, 19 Romulus, 44 Roberto de'Rossi, 14 u. 1, Anm. 10 Claudius eig. Cluvius Rufus, 47 u. 1, Anm. 116 Salonius, 22 M. Scaurus, 46 u. I, Anm. 112 C. Cornelius Scipio, 57 u. n, Anm. 31 T. Alledius Severus, 32 Silanus, 46 Sinatus, 56, 57 u. n, Anm. 28 Sinorix, 56, 57 u. n, Anm. 28 Socrates, 19, 42, 76 Solon, 47 Sophokles, 62 Spargapises, 66 Spintharus, 61 u. 11, Anm. 48 Stratonica, 57 Talassius, 44 Tarquinius-Töchter, 67 Tarquinius, 72 Tethys, 51 Themistokles, 43, 55 Theano, 61 Theokrit, 79 Theophrast, 25, 46, 61 Thesta, 55 Thukydides, 60 Tigranes, 55, 59 Timotheus, 26 Tolmides, 41 Tomyris, 66 Zacharias Trevisano, 14, 16, 25, 82 u. 1, Anm. 6 Venus, 27, 33, 47, 51, 65, 66, 79 Vergil, 32, 34, 79 Vesta, 59 Lucia Viara, 23 Viriplaca, 42, 51 u. 1, Anm. 94 Vulcanus, 33 Xanthippe, 19 Xanthippus, 74 Xenocrates, 14, 34 u. 1, Anm. 12, 72 Xenophon, 27 Xentus verlesen für levioc,, 28 INHALT 103 INHALT VORREDE............................. 9 WIDMUNG............................. *$ WAS DIE EHE IST......................... 16 ERSTER TEIL: VON DER WAHL DER EHEFRAU.......... 21 I Wie die Ehegattin geartet sein soll............... 21 II Von welchem Alter...................... 25 HI Von welcher Herkunft.................... 29 IV Von welcher Gestalt..................... 3 2 V Mit welchem Reichtum.................... 35 VI Von den Gründen, nach denen zugestanden ist, die Regel zu ändern . 40 VII Vom Gepränge und Glanz der Hochzeit............. 44 ZWEITERTEIL: VON DER PFLICHT DER EHEFRAU........ 49 I Von der Willfährigkeit.................... 49 n Von der Liebe........................ 5 2 III Von der Mäßigung...................... 5 8 IV Vom Reden und Schweigen.................. 60 V Von der Kleidung und dem übrigen Schmuck.......... 62 VI Von der Lebenshaltung.................... 65 VII Von der Regelung des Beilagers................ 67 VIII Von der Pflege des Hauswesens, von Knechten und Dienern .... 70 IX Von der Erziehung der Kinder................. 75 ANHANG: Nachwort............................ 8 5 Anmerkungen.......................... 8 9 Verzeichnis der Eigennamen.................... 100 HERGESTELLT IN DER L.C. WITTICH'SCHEN HOFBUCHDRUCKEREI DARMSTADT Im gleichen Verlag erschien früher: BOETHIUS TROST DER PHILOSOPHIE Deutsch von Eberhard Gothein mit gegenübergestelltem lateinischen Text 216 Seiten, kartoniert RM. 6. — Die neue lateinisch-deutsche Ausgabe des «Trostes der Philosophie» des Boethius, jenes spätantiken Werkes, das wie kaum ein zweites in das Mittelalter hinein wirkte und zumal in das nordische, weil es, wie Gundolf sagt, einen Begriff gibt, «welch lebendige, wenn auch kaum mehr schöpferische Treue zum Altertum die Goten in Rom vorfanden», ist die Wiedererweckung einer jener Stimmen, und zwar einer der ergreifendsten und edelsten, die die Antike überhaupt hervorgebracht hat. Der «Trost der Philosophie» ist kein Buch der Ideenlehre, sondern der Lebenshaltung. Es ist heute nicht wegen des materiellen Inhalts seiner Philosophie wichtig, sondern weil es Rang und Platz der Philosophie, des Geistes überhaupt, in einer chaotisch verwirrten, wertzertrümmernden Zeit auf zeidos gültige Art bestimmt. K _ H _ Rupp e / } Deutscher Buchklub. Im ganzen Mittelalter war dieses herrliche Buch eine Art heilige Schrift. In wundervoll geschliffener Sprache führt es das Bemühen der Philosophie zu ihrer lebendigsten Zwecksetzung, der Lebenshilfe als Trost und Halt inmitten eines Lebens, dem alles äußere Glück geraubt worden ist. Muß noch gesagt werden, daß also mehr denn ein anderes dies das Buch unserer Tage ist? — Der verstorbene Heidelberger Gelehrte hat das alte Werk sorgsam ins Deutsche übertragen, er hat mit äußerstem Fleiß alle metrischen Stellen im Versmaß des Urtextes verdeutscht. Im doppelten Sinne ist so die vom Verlag gediegen und würdig ausgestattete Schrift ein kostbares Vermächtnis. Karl Rauch, Der Bücherwurm. Im gleichen Verlag ist erschienen: PERCY GOTHEIN FRANCESCO BARBARO FRÜH-HUMAN IS MUS UND STAATS KUNST IN VENEDIG 418 Seiten in Leinen RM. 1 /.— Über die vielen nur sehr teilweise erfreulichen Biographien von heute hinweg, in denen die klare Tatsächlichkeit des Lebenswerkes der dargestellten Person einem wohlfeilen Psychologismus aufgeopfert zu werden pflegt, darf eine Arbeit, die ernstlich gewillt ist, Werk und Leben gewissenhaft anzusehen und wohl dargestellt in ihre Umwelt einzufügen, anerkennend begrüßt werden. Dem Verfasser ist die Zeichnung seines Helden, in dem sich das gute alte Venezianerideal in seiner Vereinigung von politischem und militärischem Pflichtgefühl, von geistiger Beweglichkeit und feiner Lebenspflege verkündet, geglückt. H. Kretschmayr, Historische Zeitschrift. Dieser Barbaro war bisher nur engen Historikerkreisen bekannt. In sehr geschickter Weise macht der Herausgeber ihn als vorbildlichen Menschen, als Kämpfer des Geistes und des Schwertes lebendig. Was unserer verwirrten Generation zu begreifen vor allem anderen nottut, daß nämlich nicht die Umstände, sondern die Haltung und der zu erwählende Umgang den Menschen formen, das wird in sehr einprägsamer Art hier mit aller wissenschaftlichen Exaktheit und einer die weite Lebensfülle einschließenden Frische der Darstellung bekundet. Sture und einseitige Beschränkung, die vielerorts und unter mancher Flagge im heutigen Deutschland wirkliche Bildungsmöglichkeit hemmt, sollte am Bilde dieser ausgeglichenen, wahrhaft harmonischen Persönlichkeit einer sehr kämpferischen Epoche lernen, daß weniger im simplen Entweder-Oder als vielmehr im Vereinigen der großen Geistesströmungen, die abendländisches Dasein ausmachen, die Aufgabe und die Bewährung liegt. Karl Rauch, Der Bücherwurm. Früher erschien im gleichen Verlage: BRIEFE DES FRANCESCO PETRARCA Übersetzt und eingeleitet von Hans Nachod und Paul Stern XLVIIIund 404 Seiten, in Leinen RM. ij — Die neue Petrarca-Ausgabe befähigt den Gebildeten, in einer deutschen Übersetzung die Briefe des Initiators des europäischen Humanismus, Petrarcas, selbst zur Hand zu nehmen. Möge diese Gelegenheit auch wirklich genutzt werden. Dem Leser ist hier alles aufs bequemste zurechtgelegt, dessen er zum Genuß dieser einzigartigen Dokumente bedarf. Alles nur Gelehrte ist ferngehalten. Eine Einleitung, die Petrarca von hemmenden modernen Vorurteilen befreit, um ihn unbefangen in seine Zeit zu stellen, die kurz sein Leben umreißt, seiner Entwicklung nachgeht und den Zauber seiner Persönlichkeit schildert. Eine kurze Würdigung seiner gelehrten Bildung und vor allem eine treffende Belehrung über das Wesen des Petrarcaschen Briefes geben für das Verständnis jedes dieser Kunstwerke den notwendigen Rahmen. Knappe Anmerkungen, die das sichere Schalten der Verfasser mit der umfangreichen Petrarca-Literatur verraten, ein Personen- und ein Autorenverzeichnis am Schlüsse des Bandes erleichtern die Lektüre. — Die Verfasser haben das große Verdienst, eine glänzende Auswahl dieser literarischen und rhetorischen Kunstwerke, die doch den durch Empfänger und Zeit bestimmten Gelegenheitscharakter des Briefs nie verlieren, in einer sorgfältigen Übersetzung vorgelegt zu haben. Die Antike. Das Streben der Runde will die Kunst im Kerne kulturellen Lebens wirkend wissen, als Umgestalterin, als Ernst, der den Menschen ergreift und ihn anruft zu Nachfolge und Wirksamkeit, die sich dem Erbe und der Zukunft verpflichtet weiß, und die das Politische nicht als abgelöst von dem Ewigen betrachtet, sondern als eine Macht, die hineinwirkt in die Existenz des einzelnen. Inmitten eines Zusammenbruches sucht sie die Gestalten lebendig zu machen, die in ähnlicher trosdoser Lage wie wir standen und dennoch Kräfte fanden, sie zu überwinden. Aber auch diese Zeit, der Umfang all ihrer Gefahren, soll verdeutlicht werden. Petrarca, der Repräsentant hohen menschlichen Wirkens im 14. Jahrhundert, der Erfasser zeitlicher und ewiger Wirklichkeit, hat in seinen Briefen uns Dokumente edelster Wirksamkeit hinterlassen; sie wurden meisterlich ins Deutsche übertragen. Der Kyffhäuser. 7. CM-