....... Rede üe§ StaakmmMers vr.fieltterich über die deutsche UcksW gehalten am 11. Oktober 1918 vor den Vertretern der Kriegs- anleihe-Werbeorganisationen von Groß-Berlin und Brandenburg Herausgeber: Reichsbank, Nachrichtenbüro für die Kriegsanleihen. Berlin C 19. Unterwasserstraße Nr. 3 W!!W!!!M!W!!!W!!!>>«!!!>>!i!!»^ , » , , , , ,,,,,, « , , erne bin ich der Aufforderung gefolgt, über die neunte Kriegsanleihe zu sprechen. Ich weiß aus meiner eigenen Zeit als Leiter der Reichsfinanzen, in welchem Maße die Erfolge unserer bisherigen Kriegsanleihen Ihrer unermüdlichen, eindringlichen und geschickten Werbetätigkeit zu verdanken sind und ich bin überzeugt, daß Sie auch diesmal in der ernstesten und schwersten Zuspitzung des Krieges Ihre Schuldigkeit und mehr als das tun werden, um auch der neunten Kriegsanleihe zu einem vollen Erfolge zu verhelfen. Ernster und schwerer sind die Tage, als wir alle sie je gesehen haben. Und schwerer und verantwortungsvoller als je bisher in diesem Kriege ist Ihre Arbeit. Die Opfer und Lasten des Krieges haben sich für unser Volk ins Uebermenschliche gehäuft. Die Zahl und Machtmittel unserer Feinde sind ins Uebermenschliche gewachsen. Wir haben nach der Niederwerfung der feindlichen Ostfront und nach dem Friedensschluß mit dem russischen Gegner das Ziel des Zerbrechen^ des feindlichen Kriegswillens auf dem westlichen Kriegsschauplatz nicht erreicht. Wir haben nach den großen Erfolgen unserer Frühjahrsoffensiven Rückschläge erlitten im Kampfe gegen eine feindliche Koalition, die aus den Menschenreserven aller Rassen und Kontinente schöpft und die Industrie der ganzen Welt für ihre Kriegsmaschine arbeiten läßt. ^» - 4 - Aber übermenschlich wie die Macht unserer Feinde ist auch der Geist unseres Volkes in Waffen; trotz harter Einbußen und Verluste hält unser Heer in ungebrochener Front auf fremder Erde todesmutig die Wacht für die Heimat. Es erwartet, daß die Heimat soweit es an ihr liegt — es ihm gleichtut, unermüdlich und unverzagt bis zum letzten Augenblick, in dem das Wort „Frieden" den Bann löst, der seit mehr als vier Jahren auf der Menschheit lastet. Unsere neue Regierung hat in dieser Lage Waffenstillstand und Friedensverhandlungen vorgeschlagen. Sie ist, um des Friedens willen, den jedes fühlende Menichenherz heiß ersehnt, unseren Feinden bis zur Grenze dessen entgegengekommen, was die Rücksicht auf unsere Existenz als Volk und Reich noch irgendwie gestattet — viel weiter, als es Millionen deutscher Patrioten in allen den schweren Wechselfällen dieses Krieges jemals für denkbar gehalten hätten. Nun gilt es, sich mit der Tatsache abzusinken und ihr mit unerbittlicher Tapferkeit ins Gesicht zu sehen. Mehr wie je brauchen wir in dieser Stunde die geschlossene Einheit der inneren Front. Denn so weit unsere Regierung mit ihren Zugeständnissen gegangen ist — noch wissen wir nicht, ob unsere Feinde, deren Uebermut aufs höchste gestiegen ist, sich hiermit genügen lassen, ob sie nicht ihre Forderungen bis zu einem Grade steigern, daß auch dem friedfertigsten Teutschen keine Wahl bleibt, als auf jede Gefahr und auf jedes Opfer hin den Kampf fortzusetzen. Von der Bereitschaft zur Fortsetzung des Kampfes müssen wir uns in allem und jedem durchdringen lassen, wenn wir zu einem Frieden kommen wollen, der unsere nationale Ehre und die Grundlage unseres nationalen Daseins wahrt. Wer die Reden der feindlichen Staatsmänner, wer die Aeußerungen der feindlichen Presse liest, der kann nicht daran zweifeln, daß es unsere Feinde daraus abgesehen haben, im kritischen Augenblick unsere Nerven niederzukämpfen oder zum mindesten zu — 5 — erkunden, wie tief bei uns das Wasser ist, wie weit sie uns demütigen, wie weit sie uns verkleinern können. Nur wenn unsere Feinde sehen, daß unsere moralische Kraft ungebrochen ist, daß wir fest entschlossen sind, auf Bedingungen, die mit unserer Ehre und unserem Dasein unverträglich sind, mit der Fortsetzung des Krieges bis zum äußersten zu antworten, alles und jedes an die Verteidigung unserer Volksehre und unseres Volksdaseins zu setzen — nur dann dürfen wir hoffen, daß die jetzt eingeleiteten Verhandlungen zum Frieden führen werden. Und damit beantwortet sich eine Frage von selbst, die sicherlich in diesen Tagen häufig in Ihrer Werbetätigkeit für die Kriegsanleihe an Sie herantritt, die Frage: Hat es denn noch Zweck, besteht denn noch eine Notwendigkeit, auf die Kriegsanleihe zu zeichnen, nachdem der Friede dochoffenbaraufdemWegei st? — Mancher wirdsagen:EinschlechterFriede,fürden » kein Opfer mehr lohnt. Darauf gibt es nur die Antwort: Wer will, daß es zum Frieden kommt, der zeichne nach seinem besten Vermögen auf die neunte Kriegsanleihe. Und wer will, daß der Friede noch ein möglichst guter wird, der zeichne erst recht Kriegsanleihe. Denn unsere Feinde, die uns bisher samt und sonders um die großartigen Erfolge unserer Kriegsanleihen beneideten, die in diesen Erfolgen — ob sie wollten oder nicht — ein Zeichen unserer ungebrochenen Kraft und unseres ungebrochenen Willens erblickten, werden dieses Mal mit ganz besonderer Aufmerksamkeit auf das Ergebnis der neunten Kriegsanleihe achten. Sie werden mehr denn je zuvor ausspähen nach Zeichen unserer Erschöpfung und unseres Ver- zagens, und nach ihren Wahrnehmungen werden sie die — 6 — Forderungen und Zumutungen bemessen, die sie vor oder bei den Friedensverhandlungen glauben werden uns stellen zu können. Unsere Feinde haben ein feines Empfinden für den finanziellen Ausschlag der Volkskrast und des Volkswillens. Ich brauche nur an das Wort Lord George's von den silbernen Kugeln zu erinnern, mit denen er den Krieg gewinnen wollte, und an das Wort von den Schecks, mit denen unsere Schützengräben zusammengetrommelt werden sollten. Je besser das Ergebnis der neunten Kriegsanleihe, je würdiger es sich cm das Ergebnis der früheren Kriegsanleihen anschließt, die auch nicht alle nur in sonnenhellen Tagen gezeichnet worden sind, um so deutlicher wird unseren Feinden auf dem Feld der Waffen und am Tisch der Verhandlungen zum Bewußtsein gebracht werden, daß wir nicht niedergebrochen, nicht reif für jede Bedingung, sondern daß wir gewillt und imstande sind, für unsere Ehre und unser Dasein, wenn es sein muß, bis zum Letzten zu kämpfen und das Letzte zu opfern. Es geht dabei nicht nur uni eine bloße Demonstration, um ein bloßes taktisches Manöver, um unsere Feinde zu beeindrucken. Wir haben allen Ernstes mit der Möglichkeit zu rechnen, daß unsere Feinde uns keine Wahl lassen, als den Kampf bis zum Aeußersten fortzusetzen. Und wer will aus falscher Friedenshoffnung oder aus kleinmütiger Verzagtheit oder auch aus lauer und bequemer^Selbstberuhigung heraus die Verantwortung dafür übernehmen, daß unser Vaterland in dem Augenblick, wo es zum schwersten Kampfe geht, der nötigen Mittel entbehrt? Es heißt, überall die Erkenntnis dafür zu wecken, welche Stunde geschlagen hat. Es ist die Schicksalsstunde unseres Vaterlandes, und deshalb ist es die Stunde der äußersten Pflichterfüllung. Der Appell an die Pflicht gegenüber dem Vaterlande, an den kategorischen Imperativ der Vaterlandsliebe hat im - 7 — deutschen Volk stets dann den stärksten Widerhall gefunden, wenn die Not am größten war. Er wird auch heute nicht versagen. Diesen Appell wollen wir, ein jeder in seinem Kreis, dem Zweifeln und Fragen aller derer entgegensetzen, die glauben, weil jetzt vom Frieden gesprochen wird, sich ihrer finanziellen Wehrpflicht vorzeitig entziehen zu können. Ich weiß, es treten, abgesehen von diesem kardinalen Punkte, noch andere Zweifel und Fragen an Sie heran, großenteils alte Bekannte, die aber unter den jetzigen Zeitverhältnissen — nicht ohne Hilfe von Seiten der Propagandaorganisation unserer Feinde — mehr denn je ihr Haupt erheben. Es sind die Fragen und Zweifel des guten Hausvaters, den die Rücksicht auf die materiellen Grundlagen seiner Familie bewegen. Wir haben die Kriegsanleihen des Reiches immer als eine sich gut rentierende Anlage von ein- Wandsfreiester Sicherheit empfohlen. Die Entwicklung der Dinge mag manchem die Frage auf die Lippen drängen, ob diese Empfehlung heute noch Stich hält, ob das Reich bei einem Frieden, wie wir ihn auf Grund der politischen und militärischen Ereignisse und des Friedensangebots unserer Regierung bestenfalls zu erwarten haben, noch die Möglichkeit haben wird, seinen gewaltigen Anleiheverpflichtungen gerecht zu werden, und ob, diese erste Frage als bejaht vorausgesetzt, das Reich unter den neuen Verhältnissen noch den guten Willen haben wird, seinen Anleiheverpflichtungen in vollem Umfange nachzukommen. Das sind Einwände und Bedenken, denen — so hinfällig sie dem Unterrichteten erscheinen mögen — nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Der Herr Staatssekretär des Reichs schatzamts hat gerade diese Zweifel vor wenigen Tagm zum Gegenstand einer Aussprache mit führenden Abgeordneten aller Parteien gemacht und von seiner autoritiven Stellung aus das Beste getan, um durch — 8 — gründliche Aufklärung solche Zweifel zu zerstreuen. Die Vertreter der Reichstagsfraktionen haben in dieser Aussprache ihrerseits eine Auffassung bekundet, die geeignet ist, die Darlegungen des Herrn Reichsschatzsekretärs in ganz besonderem Maße zu verstärken. Die unbedingte Zuversicht in die finanzielle Kraft des Reiches und der uneingeschränkte Wille von Bundesrat und Reichstag, den Verpflichtungen des Reiches aus den Kriegsanleihen jederzeit und unter allen Umständen nachzukommen, sind in dieser Aussprache in einer so klaren und bestimmten Weise zum Ausdruck gebracht worden, daß ich allen, die für die neunte Kriegsanleihe werbend tätig sein wollen, nur empfehlen kann, von den Berichten über diese Aussprache den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. Lassen Sie mich bei der Wichtigkeit der Sache auch meinerseits, auf Grund meiner amtlichen und außeramtlichen Beschäftigung mit den hier in Frage kommenden Verhältnissen, einige Worte über die entscheidenden Punkte sagen. Ich wende mich zuerst zu dem Zweifel, ob die finanzielleKraftdesReichesderge waltigen Belastung, die der Krieg erzeugt hat, gewach s e n i st. Die Belastung ist in der Tat enorm. Wenn der Krieg im Laufe der nächsten Monate zu Ende gehen sollte, werden die unmittelbaren Kriegsausgaben des Reiches 13V Milliarden Mark und mehr betragen. Schlagen Sie zu den Zinsen die jährlichen Ausgaben für Hinterbliebenen- und Invalidenrenten, so kommen wir auf eine Vermehrung der Reichsausgaben um rund 9 Milliarden Mark. Was das bedeutet, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der gesamte Reichshaushalt vor dem Kriege mit nicht viel mehr als 3 Milliarden Mark in Einnahme und Ausgabe abschloß. Die Reichsausgaben werden also durch den Krieg vervierfacht werden. — 9 — Dcizu kommt, daß auch die Ausgaben der Einzelstaaten und Kommunen, wenn auch nicht entfernt in demselben Maße wie die Ausgaben des Reiches, durch den Krieg eine Steigerung erfahren. Alles in allem darf man wohl rechnen, daß die gesamten Ausgaben der öffentlichen Körperschaften, Reich, Einzelstaaten, Kommunen, die vor dem Kriege — abgesehen von den Ausgaben für rentierende öffentliche Betriebe — gegen 7 Milliarden Mark betragen haben, nach dem Kriege kaum weniger als 18 Milliarden betragen werden. Das ist eine Steigerung auf mehr als das Anfache. ^ Daß dieser Mehrbedarf eine gewaltige Steigerung der Steuerlast zur Folge haben wird, liegt auf der Hand. Aber ebenso sicher ist, daß diese vermehrte Steuerlast wird getragen werden können. Abgesehen von allen anderen Erwägungen ergibt sich das schon aus der Tatsache, daß unsere Kriegsanleihen so gut wie ausschließlich im Inland untergebracht worden sind, daß also künftig die vermehrten Zinsausgaben des Reichs in Form von Zinseinnahmen den einzelnen Reichsangehörigen wieder zufließen. Dafür sind allerdings manche anderen Einnahmequellen bei den Steuerpflichtigen in Wegfall gekommen. Trotzdem kann kein Zweifel daran bestehen, daß die gewaltigen Ausgaben des Reichs, die in der Hauptsache durch Kriegsanleihen, also eine Verschuldung des Reichs, bestritten worden sind, bei den Einzelpersonen zu leiner gesteigerten Vermögensbildung, großenteils angelegt in Kriegsanleihen, und damit auch zu einer entsprechenden Steigerung des Renteneinkommens geführt haben. Das ist ein Moment, das die Deckung des vermehrten Reichsbedarfs immerhin etwas erleichtern wird. Der Sachverhalt wird besonders klar beleuchtet durch folgende Erwägung: Die Kriegsausgaben können nicht ohne weiteres gleichgesetzt werden mit einer Ver- — 10 — Minderung des deutschen Volksvermögens. Das gilt für uns und in ähnlicher Weiie natürlich auch für unsere Feinde. Wenn das gesamte deutsche Volksvermögen vor dem Krieg auf 330 bis 380 Milliarden Mark veranschlagt wurde, so ist es durch die etwa 130 Milliarden Mark Kriegsausgaben sicher nicht auf 200 bis 2S0 Milliarden Mark vermindert worden. Denn die Kriegsausgaben sind zum weitaus überwiegenden Teil im eigenen Land geleistet worden als Entgelt für die während des Krieges und für den Krieg geleistete Arbeit. Wenn es falsch ist zu sagen: Das Volksvermögen sei um den Betrag der Kriegsausgaben vermindert worden, so will ich nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen und behaupten, wie man es mitunter behaupten hört, daß, soweit die Ausgaben im Jnlande gemacht worden seien und infolgedessen das Geld im Lande geblieben sei, eine Verminderung des Volks- Vermögens überhaupt nicht stattgefunden habe. Das hieße ganz an der Oberfläche der Dinge bleiben und das bare Geld, das nur ein bescheidener Teil des Volksvermögens ist, mit der Gesamtheit des Volksvermögens verwechseln. Wenn wir zu einem zutreffenden Ergebnis kommen wollen, müssen wir gewissermaßen eine Inventur der deutschen Volkswirtschaft für die Zeit zu Kriegsanfang und zu Kriegsende machen. Da wird sich zeigen, daß erhebliche Vermögenswerte, die vor dem Kriege vorhanden waren, durch den Krieg und während des Krieges aufgezehrt oder in ihrem Wert gemindert worden sind, daß aber Wertzerstörung, Wertverbrauch oder Wertminderung nur einem kleineren Teil der Kriegsausgaben des Reichs entsprechen. Der- eigentlichen Zerstörung anheimgefallen sind nur bescheidene Teile unseres wirtschaftlichen Inventars, hauptsächlich in Ostpreußen während des Russeneinfalls und in< dem Südzipfel des Elsaß. Im übrigen Reichsgebiet haben wir lediglich Fliegerschäden zu verzeichnen, die an sich zwar bedauerlich, — 11 — aber im Verhältnis zu den unzerstört gebliebenen Werten verschwindend gering sind. Es kommen an eigentlichen Zerstörungen noch hinzu die versenkten Schiffe und, was in der Wirkung auf dasselbe herauskommt, die vom Feinde weggenommenen Schiffe. Im übrigen sind die gewaltigen Werte, die in unserem nutzbaren Grund und Boden und seinem Zubehör, in Bergwerken, in Gebäuden, Fabriken, Meliorationen, Eisenbahnen, Land- und Wasserstraßen usw. stecken, vor Zerstörung bewahrt geblieben. Neben der eigentlichen Zerstörung haben wir in Betracht zu ziehen den Verbrauch und die Abnutzung. Die Absperrung von ausländischer, namentlich überseeischer Zufuhr und die Inanspruchnahme aller verfügbaren inländischen Arbeitskräfte für die unmittelbaren Kriegszwecke haben uns gezwungen, von den sehr erheblichen Beständen zu leben, über die wir vor Kriegsausbruch in Fabriken, Lagern, Kaufläden, Einzelhaushaltungen verfügten. Unsere Bestände an Rohstoffen und Halbfabrikaten, Nahrungs-, Futter- und Genußmitteln und sonstigen Verbrauchs- und Gebrauchsartikeln, namentlich solchen überseeischer Herkunft, sind aufgezehrt oder stark gelichtet. Auch in den Viehbestand unserer Landwirtschaft haben wir stark eingreifen müssen. Selbst Dinge, die normalerweise nicht für den Verbrauch bestimmt sind, sondern in Betrieben und Haushaltungen dem dauernden Gebrauch dienten, wie Kupferteile von Maschinen, kupferne Geräte, selbst Denkmäler und Kirchenglocken, sind für Kriegszwecke herangeholt und aufgebraucht worden. Starke Wertminderungen wirtschaftlicher Anlagen aller Art sind während des Krieges aus einer Reihe von Ursachen entstanden, Fabriken, Maschinen, Eisenbahnen — sowohl der Bahnkörper wie das rollende Material — haben durch die fortgesetzte intensivste Anspannung und die ungenügende Unterhaltung und Erneuerung eine Abnutzung weit über das nor- — 12 — male Matz hinaus erlitten. Dazu kommt die Umstellung zahlreicher Betriebe auf Kriegszwecke und auf die Verarbeitung von Ersatzstoffen, durch die in großem Umfang Anlagen und Maschinen für ihre ursprünglichen Zwecke, für die sie im Frieden wieder dienen sollen, unbrauchbar gemacht oder wenigstens teilweise entwertet worden sind. Auch die Landwirtschaft hat eine nicht zu unterschätzende Wertverminderung ihres lebenden und toten Inventars erlitten? die Ertragsfähigkeit des Bodens ist durch mangelhafte Bearbeitung und ungenügende Düngung beeinträchtigt worden. Zu allen diesen Verlusten an volkswirtschaftlicher Vermögenssubstanz kommt die Verausgabung unserer Auslandsguthaben, die Kontrahierung von Schulden im Ausland, der Verkauf eines großen Teils unseres ausländischen Effektenbesitzes, der Verlust durch Konfiskationen und Liquidation unserer auswärtigen, insbesondere auch kolonialen Unternehmungen und sonstigen Auslandswerte. Es ist nicht leicht, alle diese Einbußen unseres Volksvermögens auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu veranschlagen. Die Fehlergrenzen sind für jede Schätzung außerordentlich weit gezogen. Mit diesem Vorbehalt möchte ich mich in ungefährer Uebereinstimmung mit anderen Volkswirtschaftlern dahin aussprechen, daß kaum mehr als ein Drittel unserer gesamten "Kriegskosten auf die Zerstörung, die Wertminderung und den Verbrauch an nationaler Vermögenssubstanz entfällt, während die anderen zwei Drittel unserer Kriegskosten auf den Verbrauch von solchen Dingen entfallen, die während des Krieges selbst von unserem arbeitenden Volk neu geschaffen worden sind. Das heißt mit anderen Worten: Wir haben die riesenhaften Kosten dieses Krieges zu etwa einem Drittel aus unserem vor dem Kriege vorhandenen Nationalkapital, zu zwei Dritteln aus unserer Arbeit bestritten. Das ist eine gigantische Leistung, die nur möglich geworden — 13 — ist einmal durch die dem ganzen Volk aufgezwungene äußerste Sparsamkeit in seiner Lebenshaltung, ferner durch die äußerste Anspannung aller irgend verfügbaren Arbeitskräfte, durch arbeitssparende, die vorhandenen Stoffe bis zu den früher wertlosen Abfällen auf das äußerste ausnutzenden Erfindungen und Arbeitsmethoden. So hart und fchwer auch der Substanzverlust unseres Volksvermögens ist, der nur in-einer Reihe von Jahren angespanntester Arbeit wieder eingebracht werden kann, so bewegt er sich doch innerhalb von Grenzen, die den bangen Zweifel, ob Deutschland in der Lage sein wird, die finanziellen Lasten des Krieges zu tragen, einigermaßen zu beruhigen vermögen. Da- zu kommt, daß die Not des Krieges neue produktive Anlagen und neue produktive Kräfte geschaffen hat, die uns dauernd zugute kommen und uns den Wiederaufbau erleichtern werden. Ich erinnere an die Stickstoff- und Aluminium-Fabriken, an die Erfindung und praktische Bewährung zahlreicher neuer Verfahren, die Stoff und Arbeit ersparen und uns vom Auslande unabhängiger machen. Die Not des Krieges hat bei uns technische und organisatorische Fortschritte gezeitigt, wie sie kaum jemals in einer so kurzen Zeitspanne errungen worden sind. Und diese Fortschritte, zusammen mit der unverwüstlichen Lebens- und Arbeitskraft des deutschen Volkes, geben mir die feste Zuversicht, daß wir die ungeheuren Kriegslasten bewältigen und uns wie in den schwersten Zeiten der Vergangenheit, so auch in den gewiß nicht leichten Verhältnissen, die uns bevor- stehen, wieder emporarbeiten werden. Allerdings in dem finanziellen Verhältnis zwischen Staat und Staatsbürger hat sich eine ganz gewaltige Verschiebung vollzogen. Wenn der überwiegende Teil der Kriegsausgaben als Entgelt, leider oft als übermäßiges Entgelt, für die während des Krieges geleistete Arbeit bewirkt worden ist, so muß dieser Teil der Kriegskosten, um den sich das Volksvermögen nicht — 14 — vermindert, die Verschuldung des Reichsfiskus aber erhöht hat, in einem Vermögenszuwachs der einzelnen privaten Unternehmungen und Staatsbürger zum Ausdruck kommen. Der Ertrag der Kriegssteuer für die Jahre 1914 bis 1916 — mehr als 5,7 Milliarden Mark — gibt eine Bestätigung, obwohl sicherlich ein Teil der eigentlichen Kriegsgewinne bei dem Spielraum, den ein Kriegssteuergesetz notwendigerweise im Interesse einer gesunden Wirtschaft für Abschreibungen und Rückstellungen geben mußte, nicht entfernt im vollen Umfang erfaßt worden ist. Dazu kommt, daß die Kriegsausgaben keineswegs nur einzelnen größeren Unternehmungen und wohlhabenden Einzelpersonen zugute -gekommen sind, sondern zweifellos in ganz gewaltigem Umfang auch der breiten Unterschicht unserer Bevölkerung. Die hohen Löhne in der Kriegsindustrie, auch für Frauen und Jugendliche, die Verdienst- Möglichkeiten in der Landwirtschaft, auch für den kleinen Landwirt, haben auch in diesen Schichten Ersparnismöglichkeiten in bisher nie gekanntem Umfang geschaffen, und zwar in einem mit der Dauer des Krieges stetig wachsenden Ausmaß. Das deutliche Zeichen hierfür ist die Entwicklung unserer Sparkassen. Während vor Kriegsausbruch die Einlagen unserer Sparkassen kaum jemals um mehr als 1 Milliarde Mark während eines Jahres gestiegen sind, hat ihre Zunahme in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres 4U Milliarden betragen, gegen 2,4 Milliarden im Jahre 1917 und nicht ganz 2 Milliarden im Jahre 1916. Die Sparkasse ist bei uns die Bank des kleinen Mannes. Wenn unsere Sparkasseneinlagen eine solche Entwicklung aufweisen, die jeden Vergleich mit der erstaunlichen Entwicklung unserer Bankdepositen aushält, so kann jedermann daraus entnehmen, daß die Verschuldung des Reiches nicht nur in großen Kriegsgewinnen Einzelner, sondern in Ersparnissen der breitesten Schichten unseres Volkes ein Gegengewicht hat. — 15 — Mit der Steuerlast ist also, wenn auch nicht in dem gleichen Umfang, die Steuerfähigkeit des deutschen Volkes gewachsen. Es wird Sache nicht nur unserer künftigen Finanzpolitik, sondern unserer gesamten Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsführung sein, diese Steuerfähigkeit weiter auszubauen und nutzbar zu machen, eine Aufgabe, größer als sie je in der Vergangenheit auf finanziellem und wirtschaftlichem Gebiet einem Staate gestellt worden ist, aber sine Ausgabe, deren Durchführbarkeit feststeht, sobald der feste Wille dazu vorhanden ist. Und dieser f e st e W i l l e ist vorhanden bei allen zur Mitwirkung berufenen Stellen. Von Anfang an hat die Reichsleitung, haben Bundesrat und Reichstag sich mit aller Entschiedenheit auf den Standpunkt gestellt, daß die Sicherung des Dienstes der Kriegsanleihe die erste finanzielle Ehrenpflicht des Reiches ist und bleibt. Wir haben bei unserer Kriegsfinanzpolitik mit der Freiwilligkeit und dem Appell an die vaterländische Pflicht gearbeitet und von Zwangsmitteln abgesehen, wir haben keine Zwangsanleihen ausgeschrieben und haben auch nicht den schließlich auch in England unter sehr viel günstigeren Verhältnissen trotz heroischer Anstrengungen nur in bescheidenem Uinfange geglückten Versuch gemacht, einen erheblichen Teil der Kriegsausgaben durch die stärkste Anspannung der Steuerkraft noch während des Krieges selbst zu decken. Wir haben aber von Anfang an für die Verzinsung der Kriegsanleihen durch die Erschließung neuer Einnahmen Sorge getragen und damit vor dem deutschen Volke nachdrücklichst bekundet, daß die finanzielle Ehrenpflicht des Reichs kein leeres Wort ist. Ich habe als Reichsschatzsekretär im Frühjahr 1916 die ersten Kriegssteuervorlagen gegen starke Widerstände an Bundesrat und Reichstag gebracht, ganz wesentlich von dem eben angedeuteten Gesichtspunkte aus; es sollte in keinem — 16 — 0 Augenblick ein Zweifel darüber aufkommen, daß das Reich gewillt sei, seine Finanzen in Ordnung zu halten und die Deckung für den Dienst seiner Kriegsanleihen zu schaffen. Die Widerstände gegen jedes Anziehen der Steuerschraube während des Krieges sind damals überwunden worden, und mein Nachfolger im Reichsschatzamt, Graf Reedern, ist in Uebereinstimmung mit Bundesrat und Reichstag den von mir betretenen Weg weitergegangen. Allein die vor wenigen Monaten beschlossenen neuen Steuervorlagen sollen nach dem Anschlag des Reichsschatzjekretärs 2,6 Milliarden laufende und 1,8 Milliar- den Mark einmalige Einnahmen bringen. Insgesamt sind durch die während des Krieges beschlossenen neuen Reichssteuern neben 7^ Milliarden einmaliger Einnahmen rund 4 Milliarden jährlicher Mehreinnahmen gesichert, immerhin ein anständiges Zehrgeld auf dem Wege zur endgültigen Neuordnung der Reichsfinanzen und ein ansehnlicher Bruchteil der zu vollbringenden Gesamtleistung. Daß der Weg bis zu Ende gegangen werden wird, mit derselben Entschiedenheit und Promptheit, mit der die letzte große Etappe der Steuervorlagen dieses Jahr bewilligt worden ist, dafür biirgen uns außer den feierlichen Erklärungen, die der Reichsschatzsekretär kürzlich für Reichsleitung und Bundesrat abgegeben hat, die von den Parteiführern des Reichstags gegebene Antwort, „daß es für Reichstag und Reichs- regierung erste Pflicht sein müsse, den Zinsendienst der Kriegsanleihen in zugesagter Höhe mit allen Mitteln sicherzustellen". Die Erfüllung, die restlose Erfüllung dieses Versprechens, ist eine Selbstverständlichkeit. Gerade weil wir die jetzt bald IM Milliarden Mark unserer Kriegsanleihen auf dem Wege des Aufrufs zur freiwilligen Pflichterfüllung aufgebracht haben, muß und wird jeder Gedanke ausgeschlossen sein, der die Zeich- ner der Kriegsanleihen benachteiligen und die ihnen in schwerer Stunde feierlich verbrieften Rechte beeinträchtigen — 17 — könnte. Hier heißt es Treue um Treue und Pflicht um Pflicht I Jede Benachteiligung der Anleihezeichner wäre eine Bevorzugung der finanziellen Drückeberger; und mag der Steuerdruck noch so hoch werden, einer solchen Umkehrung aller sittlichen Begriffe in der staatlichen Finanzgebahrung wird niemand, keine Partei und keine Regierung, jemals das Wort reden können. Schon deshalb nicht, weil erfreulicherweise unsere Kriegsanleihen, mit durch das Verdienst aller derjenigen, die sich in den Dienst der Anleihepropaganda gestellt haben, immer mehr zu Volksanleihen geworden sind, weil Millionen von Zeichnern aus allen Schichten der Bevölkerung an jeder neuen Anleihe beteiligt waren, weil die Minderbemittelten, die sich eine eigene Zeichnung nicht gestatten können, sondern ihre bescheidenen Ersparnisse auf einer Sparkasse liegen haben oder die von wohltätigen Stiftungen usw. Unterstützung erfahren, an den Kriegsanleihen dadurch mittelbar beteiligt sind, daß die Einlagen der Sparkassen, das Vermögen der Stiftungen großenteils in Kriegsanleihen angelegt sind. Für die Sicherung und Aufrechterhaltung des Dienstes der Kriegsanleihen besteht also eine Volkssolidarität, die in sich allein stärker ist als jede Gewähr, die innerhalb des Reichs für irgendeinen Vermögenswert besteht oder geschaffen werden könnte. Deshalb kann man auch heute mit ruhigem Gewissen sagen, daß die Kriegsanleihe — komme, was da kommen mag — nach wie vor die denkbar sicherste Anlage für Ersparnisse und Kapitalien darstellt. Eine Bedrohung von Zinsen und Kapital der Kriegsanleihen ist nur denkbar, wenn vorher alle anderen finanziellen Möglichkeiten ausgeschöpft, wenn vorher alle anderen Vermögenswerte ins Wanken geraten sind. Denn für die Kriegsanleihen haftet mate- — 18 — riell das Reich mit allem, was es an Vermögenswerten einschließt, haftet das deutsche Volk sich selb st mit seinem ganzen Vermögen, mit seiner ganzen Arbeits - und Steuerkraft. Die Vorgänge auf den Börsen in der letzten Zeit haben erwiesen, daß in ernsten Zeiten dieser Sachverhalt sich Anerkennung verschafft. Die Zuspitzung der Kriegslage hat zu einem schweren Kurssturz der Jndustriepapiere geführt, während die Kriegsanleihen eine kaum merkliche Einbuße erlitten haben, eine Erfahrung, die gerade jetzt bei der Werbung für die neunte Kriegsanleihe von Nutzen sein wird. Wir können überhaupt darauf hinweisen, daß in allen Wechselfällen des Krieges unsere deutschen Kriegsanleihen nur ganz unbedeutende Kursschwankungen erfahren haben, jedenfalls viel geringere Schwankungen als die Anleihen Englands und Frankreichs, die zeitweise um 1V A und mehr unter ihren Ausgabekurs zurückgegangen sind. Zu dieser erfreulichen und auch für die Zukunft beruhigenden Erscheinung haben nicht nur die von Anfang an richtige Auswahl des Typs unserer Kriegsanleihe, unsere von Anfang an stabile und folgerichtige Anleihevolitik, der gesunde Sinn des deutschen Volkes, sein Vertrauen in die eigene finanzielle Kraft und in die Rechtlichkeit und Zuverlässigkeit seiner Regierung beigetragen, sondern auch gewisse Vorkehrungen, die in umsichtiger Weise gegen einen unberechtigten Kursdruck getroffen worden sind. Diese Vorkehrungen werden auch über die Dauer des Kriegszustandes hinaus nach den wiederholt von dem Reichsschatzsekretär und dem Reichsbankpräsidenten abgegebenen Erklärungen aufrechterhalten und ausgebaut werden. Für die Zeit nach dem Krieg ist eine Aufnahmeaktion großen Stils geplant, die stärkere Kursschwankungen der Kriegsanleihe verhindern soll. Daneben wird dafür Vorsorge getroffen werden, daß die- X — 19 — jenigen, welche bares Geld für die Wiederaufnahme ihrer Friedensarbeit und ihrer Friedensbetriebe benötigen, sich bei den Darlehnskassen Geld zu günstigen Bedingungen im Wege der Beleihung von Kriegsanleihestücken verschaffen können. Allein schon durch diese Maßnahme wird der Andrang von Kriegsanleihen zum Markt in der Zeit nach Friedensschluß und damit der Druck auf den Kurs der Kriegsanleihe erheblich eingeschränkt werden. Darüber hinaus wird dem Besitzer von Kriegsanleihen der Uebergang in die Friedenswirtschaft wesentlich erleichtert. In ähnlicher Richtung wird eine andere Bevorzugung wirken, die der Kriegsanleihe zugedacht ist: Die Kriegsanleihe soll bei der bevorstehenden Veräußerung von entbehrlich werdendem Heeresgerät, also von lebendem und totem Inventar aller Art, vorzugsweise und zum Parikurs in Zahlung genommen werden. Am wichtigsten für den-Anleihezeichner ist natürlich die Behandlung der K r i e g s a n l e i h e auf dem Gebiete der Besteuerung. Daß jede Verkürzung des Zinsbezuges der Kriegsanleihen ausgeschlossen ist, habe ich bereits erwähnt. In der Tat: eine solche Verkürzung käme auf nichts anderes hinaus als auf eine Extrabesteuerung der Anleihezeichner, also auf eine Bestrafung derjenigen, welche dem Reich in seiner Bedrängnis ihre Mittel zur Verfügung gestellt haben. Eine solche Benachteiligung und Bestrafung der Anleihezeichner ist in jeder Form völlig ausgeschlossen. Es ist aus allen den Gründen, die ich mir vorher erlaubt habe zu entwickeln, ganz undenkbar, daß die Kriegsanleihezeichner in irgendeiner Beziehung schlechter gestellt werden als diejenigen, die sich ihrer finanziellen Wehrpflicht ent- zogen haben. Es ist also ein ganz unsinniges Gerücht, wenn da und dort verbreitet wird, daß die Anleihezeichner eine besondere Besteuerung riskierten. — 20 — Das Gegenteil ist richtig. Wir haben in unserer Steuergesetzgebung den Weg einer Bevorzugung der Kriegsanleihen betreten. Zuerst im Kriegssteuergesetz von 1916, also noch zu meiner Zeit als Schatzsekretär, in dem vorgesehen ist, daß die Kriegssteuer in Kriegsanleihen zum Nennwert bezahlt werden kann. Das ist, da die meisten Kriegsanleihen zum Kurs von 98 A aufgelegt worden sind, eine Prämie von 2 Da auf die Kriegssteuer bisher mehr als 5 Milliarden Mark in Anleihestücken eingezahlt worden sind, berechnet sich die bisher schon den Steuerzahlern aus dieser Bestimmung erwachsene Be- vorzugung auf insgesamt mehr als 100 Millionen Mark. Bei der neuen Kriegssteuer dieses Jahres ist dieselbe Bevorzugung vorgesehen. Ebenso wird in dem neuen Börsensteuergesetz der Umsatz von Kriegsanleihen mit dem niedrigsten Steuersatz belegt. Ich kann mir denken, daß dieses System der planmäßigen Bevorzugung der Kriegsanleihen auch noch weiter ausge- baut werden könnte. Auch der Reichsjchatzsekretär hat sich dahin ausgesprochen, daß bei künftigen Steuergesetzen ähnliche Bestimmungen vorgesehen werden sollen, und ebenso haben sich die Parteiführer zu dem Grundsatz bekannt, „daß die Besitzer von Kriegsanleihen bei allen steuerlichen und sonstigen Maßnahmen keine Benachteiligung, vielmehr nach Möglichkeit Begünstigung erfahren sollen." Alle diese Maßnahmen und Bekundungen, auf die ich ja in diesem Kreise nicht weiter im einzelnen einzugehen brauche, werden Ihnen bei Ihrer Werbetätigkeit helfen, den törichten Gerüchten entgegenzutreten, die da und dort ausgesprengt werden, und die Zweifel zu zerstreuen, die sich in ernster Zeit begreiflicherweise da und dort einstellen. Alle diese Maßnahmen und Bekundungen werden es Ihnen erleichtern, überall deutlich zu machen, daß — so groß und drückend die Last unserer Kriegsschuld ist — wir nicht nur stark genug sind, diese Last zu tragen, sondern auch daß alle be- rusenen Stellen einig sind in dem festen Willen, den Zeichnern der Kriegsanleihe gegenüber des Reiches Ehrenpflicht zu erfüllen, jede Verkürzung ihrer Rechte abzuwehren und ihnen, soweit es angeht, Erleichterungen und Vergünstigungen zu schaffen. Aber ich weiß auch, daß alle diese Einzelheiten nur kleine Mittel sind, mit denen wir die finanzielle Schlacht nicht entscheidend schlagen. Entscheidend ist der Geist unseres Volkes. Diesen Geist gilt es aufzurichten und mit neuer Zuversicht, mit neuer Entschlossenheit zu erfüllen. So schwer die Zeit ist, das deutsche Volk hat in seiner tausendjährigen Geschichte Schwereres durchgemacht. Es sind noch nicht viel mehr als hundert Jahre, daß der französische Eroberer in Tilsit stand, daß Preußen und Deutschland für ewig zerbrochen und zerschmettert erschienen. In wenigen Jahrzehnten hat unser Volk sich zu ungeahnter Höhe hervorgearbeitet. Wodurch? Vor allem anderen durch die Energien, die gerade die Zeit der größten Not in ihm ausgelöst hat. — Heute haben wir gegen eine nie gesehene Uebermacht von Fein- den ungebrochen standgehalten, kaum ein Feind steht auf deutschem Boden, in Ost und West stehen unsere Heere weit in Feindesland, Und wenn wir auch im Westen hart von der Ueberzahl der Menschen und der Kriegsmittel bedrängt werden — sind wir geschlagen? Sind wir zu Boden geworfen? Haben wir Anlaß und Recht zu verzagen? Wir werden einen Frie- den bekommen, der manchen Traum zerstört. Aber wir werden — davon bin ich durchdrungen — keinen Frieden nehmen, der unsere Ehre und die Wurzeln unseres Daseins antastet. Unsere Feinde sollen wissen, daß wir lieber in Ehren untergehen, als in Schande verkümmern. Also Kopf hoch, was immer kommen mag, sei es weiterer — 22 — Kampf auf Leben und Tod, fei es harte Friedensarbeit I Ein Volk wie das deutsche, gehärtet und gestählt durch eine Leidensgeschichte, wie sie kein anderes Kulturvolk sein eigen nennt, ein Volk, das den Dreißigjährigen Krieg, den Siebenjährigen Krieg, die Napoleonischen Kriege überstanden hat, ein Volk, das zerrissen und zerstückelt wurde und wieder zusammengewachsen ist, das in das tiefste Elend erniedrigt wurde und immer wieder zu neuer Jugend und Kraft auferstanden ist, ein Volk, das in diesem Kriege das Höchste an sittlicher Kraft geleistet hat — ein solches Volk muß sich auch nach den Prüfungen dieses Krieges und auf der Grundlage des kommenden Friedens wieder Hocharbeiten. Freilich, dazu tut not, daß wir alle zusammenstehen, in gemeinsamer Anstrengung alle Kräfte zusammenfassen. Alles Trennende muß zurückgestellt werden zum späteren Austrag. Wir kämpfen nicht um ein konstitutionelles oder ein parlamentarisches Deutschland, wir kämpfen schlechthin um das Vaterland. Niemand, wer es auch sei, darf sich durch Verstimmung, Bitterkeit, Trauer und Sorge irre machen lassen in der Erfüllung seiner vaterländischen Pflicht. Niemand darf beiseite stehen. Ein jeder muß Hand anlegen und für das Vaterland in seiner schwersten Stunde sein Bestes geben und Aeußerstes leisten. Wenn es Ihnen, meine Herren, gelingt, diesen Geist, das beste Erbteil unserer Väter, zu wecken und zu stärken, dann leisten Sie die wirksamste Arbeit für unsere neunte Kriegsanleihe. Gedruckt be! Franz Weber. Berlin W66 Mau-rstr. 80