Der 5neöe von Versailles Rede an Sie akademische Jugenö gehalten am 26. Juni 19l9 im Auditorium Narimum oer Berliner Universität von Staatsminister Dr. Helfferich 2. Auslage. — b. Tausend. Deutfchnationale Zlngschrift Nr. 20. Deutschnationale Schristenvertriebsstelle G. n». b. H. Berlin SW. 11, Bernburger Straße 24 > ^ I ^> Aahreslieferungen Durch die Einführung von „Jahreslieferungen" wollen wir den Mitgliedern lästige Einzelbestellungen unserer Neuerscheinungen ersparen. Die Jahreslieferungen stellen das Jahresabonnement unserer wichtigsten Neuerscheinungen eines ganzen Kalenderjahres zum Preise von 25 Mk. dar. Für diese Summe werden regelmäßig geliefert: 1. die Wochenzeitschrift „Eiserne Blätter", 2. die „DeutschnationalenFlugschristen" (Broschüren), 3. die „Deutschnationalen Parlamentsreden", 4. die Werbeblätter" (Flugblätter), 5. der „Vaterländische Volkskalender 1920". Wer auf die Lieferung der „Eisernen Blätter" verzichten will, kann alle übrigen Schriften (zu 2—5) zum Jahrespreise von nur 14 Mk. beziehen. Der Bezugspreis versteht sich für die Zeit vom 1.1. bis 31. 12. jedes Jahres. Bei späteren Bestellungen werden alle bis dahin erschienenen und noch vorrätigen Schriften nachgeliefert. Deutschnationale Schriftenvertriebsstelle G. m.b7Ki Berlin SW. 1!, Bernburger^Straße 24. Lieferung nur gegen Voreinsendung des Betrages nebst Porto (Postscheckkonto: Berlin 372S0) oder gegen Nachnahme. v In Versailles, im Spiegelsa«! des „Sonnenkönigs", bereiten unsre Feinde ihr Siegesfest. Einer der fluchbeladensten unter den Despoten und Eroberern, unter den Völkerbedrückern und Mcnschheitsverächtern aller Jahrhunderte hat aus Blut und Tmnen die goldene Pracht aufgebaut, in der die Vertreter Deutschlands durch ihre Unterschrift die tiefste Schmach der zweitausendjährigen deutschen Geschichte besiegeln sollen. Sie werden, so ist es im hohen Rat unsrer Feinde beschlossen, unterschreiben müssen, ohne ein Wort des Vorbehalts oder Einspruchs, als stumme Hunde! Sie werden unterschreiben müssen im Angesicht der ringsum thronenden Repräsentanten der zweiunddreiM Staaten — von Großbritannien, Frankreich und Amerika bis herab zu den Negerrepubliken Haiti und Liberia —, die sich rühmen dürfen, nach mehr als vierjährigem Ringen mit vereinter! Kraft Herr über uns geworden zu sein. Sie werden unterschreiben Müssen: daß wir einwilligen in die Losreißung von Millionen unsrer deutschen Stammesbrüder und in ihre Auslieferung an Franzosen und Belgier, an Polen und Tschechen; daß wir uns zur dauernden Ohnmacht und Wehrlosigkeir verpflichten, zu Wasser wie zu Land; daß wir auf alles verzichten, was deutsche Arbeit und deutsche Tüchtigkeit außerhalb der künftigen Reichsgrenzcn in Jahrzehnten und Jahrhunderten geschaffen und aufgebaut hat; daß der Deutsche außerhalb unsrer künftigen Grenzen mit Person und Eigentum fortan rechtlos und vogelfrei ist; daß wir im eigenen Lande uns fremder Vormundschaft unterwerfen; daß wir als Knechte und Sklaven unabsehbare Jahrzehnte hindurch für die Sieger fronden und hungern wollen, daß wir auf jede Besserung der Lage des eigenen Volkes verzichten; — 4 — ja sie werden unterschreiben, daß wir Deutsche allein die Schuldigen am Weltkrieg sind; daß wir als Verbrecher und Aussätzige nicht verdienen, in die Gemeinschaft der übrigen Völker ausgenommen zu werden; daß wir unwürdig sind, Kolonien zu verwalten; daß wir uns verpflichten, unsern Kaiser als den angeblichen Urheber des Krieges an unsre Feinde auszuliefern, desgleichen alle diejenigen Heerführer und Offiziere, Staatsmänner und Beamten, deren Auslieferung wegen angeblicher Verletzung der Gesetze und Gebräuche des Kri-eges unsern Feinden gut scheinen wird — Hin- denburg wie den kleinsten U-BootSmann, einen Reichskanzler wie den kleinsten Schreiber, der irgendwo im besetzten Gebiet irgend- jemanden nicht gefallen hat! Das alles' im Namen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, wie sie Wilson dem deutschen Volke immer und immer wieder vorgezaubert hat! Das alles aus Grund von Zusagen und Abmachungen, die unsrer sogenannten „Volksregierung" und unsern mißleiteten Massen als eine hinreichende Sicherheit erschienen, um die Waffen wegzuwerfen, das Heer zu zertrümmern und Deutschlands Schicksal wehrlos in die Hand rachsüchtiger, raffgieriger, grausamer, siegestrunkener, vernichtungstoller und wortbrüchiger Feinde zu legen! Jetzt sind die Masken gefallen. Jetzt sieht auch der Blinde, daß die von Herrn Wilson verkündete Gerechtigkeit nichts ist als brutale Gewalt, als die Verdammnis des deutschen Volkes zu Hunger und Siechtum, zu Knechtschaft und Schande. Im Spiegelsaal zu Versailles wird Wilson über dem zusammengebrochenen, in den Staub gedemütigten Deutschland dem Geiste Ludwigs XIV. und Eduards VII. die Hand reichen, um vollenden zu helfen, was keiner von diesen beiden für sich allein, was Frankreich und England, Rußland und Italien zusammen mit dem ganzen Schwärm ihrer Satelliten nicht zu vollbringen vermocht haben. Die Würfel sind gefallen. Wir stehen dabei mit geballter Faust und blutendem Herzen, ohnmächtig, das Verhängnis abzuwenden. Noch am 12. Mai haben drüben in der Aula zu Füßen des Bildnisses Johann Gottlieb Fichte's die Wortführer unsrer sogenannten Regierung und der deutschen Nationalversammlung in großen Worten gelobt und geschworen, niemals werde das deutsche Volk sich einem Frieden der Knechtschaft und Schande unterwerfen. Man hörte da aus dem Mund des Reichs- Minister-Präsidenten, des Herrn Scheidemann , den Fluch, daß die Hand verdorren soll, die einen solchen Friedm unterschreibe. Und die ganze Versammlung erhob sich in einer Kundgebung, die aussah wie heilige Entschlossenheit, lieber in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben. Sechs Wochen später, am 22. u. 23. Juni, — 5 — beschloß dieselbe Nationalversammlung in dem Weimarer National- thcater, in den Räumen, die durch Schillers und Goethes Genius geweiht sind, die schimpfliche Kapitulation. Der noch am 12. Mai so mutige Ministerpräsident hat, statt für seine Ueberzeugung zu kämpfen, statt seine Partei bei der Stange zu halten, seinen Posten vor dem Feind verlassen. In der. beispielosen Kopflosigkeit und Verwirrung l)at der, Mann nach dem Steuer gegriffen, der in diesem Krieg Deutschlands größtes- Verhängnis war, ein größeres noch als Lloyd George, Clemenceau und Wilson zusammengenommen : der Reichsverderb er Matthias Erzber- g e r. Unter der Flagge Schwarz und Rot hat er das Schiff des Friedens in den Hafen der Schmach gebracht. Er hat es erreicht'. Aber gibt es irgend jemanden im deutschen Volk, der so verblendet und hirnverbrannt ist zu meinen, daß dieser uns aufgezwungene Friedensvertrag der Friede sei? — Auch die Befürworter der Unterzeichnung haben stets betont, daß die Friedensbedingungen für das deutsche Volk schlechthin unerfüllbar sind. Gerade die deutsche Unterschrift unter dem Friedensvertrag wird unsern Feinden den Schein des Rechts liefern für jede weitere Gewalt, die sie dem deutschen Volke antun wollen. Die Unterzeichnung wird nicht das Ende des Trauerspiels sein. Der kaum gefallene Vorhang wird sich wieder heben. Neue Schmach und neue Leiden stehen uns bevor. Wir werden den Kelch bi,s zur Neige leeren müssen, bis daß unter all den selbstverschuldeten Prüfungen und Züchtigungen das deutsche Volk sich auf sich selbst besinnt, bis daß es, in Not und Elend neu geläutert und neu gehärtet, die Kette., bricht und seine Verderber und Peiniger abschüttelt, bhs daß die Zeit kommt, wo wieder der Ruf durch die deutschen Lande geht, den einst der im Schmerz um sein Vaterland verblutende Feuergeist eines Heinrich von Kleist lM erschallen lassen: „Stehst Du auf, Germania? Ist der Tag der Rache da?" Kommilitonen! Ihr seid die Jugend! In Eurer Hand liegt die Gestaltung der künftigen Geschicke unsres deutschen Volkes! Euch wird es hoffentlich beschicken sein, die Schmach auszulöschen und das deutsche Volk wieder zu einem Leben zu führen, das menschenwürdig ist!, Der erste Schritt ist Selbstbesinnung. Wir müssen das deutsche Volk herausbringen aus der Betäubung und Lähmung, in die es die furchtbaren Schläge der letzten acht Monate versetzt hahen. Wir brauchen wieder klare Augen. Wir müssen sehen, erkennen, wir müssen andere sagm, wie es hat s» kommen könnm und wo der Weg ins Freie ist. — 6 — Lassen Sie mich anknüpfen an das Wort, das in den schweren, einem jeden an das Herz greifenden Kämpfen der letzten Woche um Annahme oder Ablehnung des Schmachfried ens mehr als «lles andere ins Gewicht fiel; an das Wort: „Das deutsche Volk ist moralisch gebrochen; es ist nicht mehr imftand, die Folgen einer Ablehnung auf sich zu nehmen und b u x ch z u h a l t e n." In dem Ausruf an sein Volk, den Friedrich Wilhelm III. am 17. März 1812 erließ, standen die Worte: „ Keinen andern Ausweg gibt es, als »inen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet Ihr getrost entgegengehen, weil ehrlos der Preuße und Deutsche nicht zu leben vermia g." Das ist damals, und das ist jetzt! Damals hat dqs preußische und deutsche Volk gegenüber der furchtbaren napoleonischen Uebermacht die Schicksalswahl angenommen. Es hat unerschrocken dem runwollen Untergang in die Augen gesehen und damit den chrenvollcnFrieden erkämpft. Heute müssen wir uns von den Befürwortern der schmachvollen Unterwerfung sagen lassen, daß unser Volk nicht mehr über die moralische Kraft verfügt, seine Wahl zu treffen. Und in der Tat, wir brauchen uns nur umzusehen, um die entsetzlichen.Verwüstungen in der Moral des deutschen Volkes gewahr zu werden. Jeder Tag bringt neue Zeichen der Auflösung des Sinnes für deutsche Zucht und deutsche Ordnung, für deutsche Zusammengehörigkeit und deutsches Staatsgefühl. Jeder Tag bringt neue Zeichen für den erbärmlichen Kleinmut und die stumpfsinnige Gleichgültigkeit gegenüber unsern höchsten Gütern, für das hemmungslose Ueberwuchern des ödesten und blödesten Materialismus, des borniertesten und kurzsichtigsten Egoismus. Das ist aus dem wunderharen Geist der Einheit und Entschlossenheit geworden, in dem das deutsche Volk im August 1914 zu den Waffen griff, um HawS und Herd, deutsche Arbeit und deutsches Wesen vor fremder Gewalt zu schützen! Dieser in der Geschichte der Völker beispiellose moralische Zusammenbruch ist es, der in der entscheidenden Stunde des Krieges unsere Kampfkraft und Widerstandsfähigkeit vernichtet, der uns die fälschlich „Waffenstillstand" genannte Entwaffnung gebracht, der uns schließlich in dchs Elend und die Schande des Versailler „Friedens." geführt hat. Auf vielen Tausenden von Lippen liegt heute die schmerzliche Frage: Wie war es möglich, daß unser Volk nach mehr als vier Jahren eines Heldenkampfes ohnegleichen so elend in sich zusam- — 7 — menstürzte? Wie war es möglich, daß auf die höchste Anspannung aller vaterländischen Tugenden die Wahnsinnsorgie der nationalen Sclbstentäußerung, dn Verleugnung und Beschmutzung alles dessen folgen konnte, was unserem Volke heilig war und es groß gemacht hat? Ich weiß, die Ursachen sind vielgestaltig nnd lassen sich nicht ohne weiteres auf eine einheitliche Formel bringen. Ich will die zermürbenden Wirkungen des Krieges selbst nicht unterschätzen. Die Ueberspannung aller Kräfte bei mangelhafter Ernährung haben den körperlichen Zustand des deutschen Volkes in einer Weise herabgebracht, daß auch die moralische Widerstandsfähigkeit berührt werden mußte. Die seelischen Leiden, von denen keiner verschont geblieben ist, haben ein übriges getan. Der jähe Absturz von der Höhe unserer militärischen Erfolg« im Juli' und August 1918 tras das deutsche Volk unvorbereitet und erschütterte seinen Glauben an sich selbst und sein bisher unbedingtes Vertrauen in die militärischen Führer, die im Verlauf des Krieges der feste Stein des Glaubens an unseren Sieg geworden waren. Alles das macht eine morallische Depression erklärlich, wie wir sie zu Z-eiten auch bei den Völkern unserer Feinde beobachten konnten. Wenn aber bei uns die moralische Depression zur moralischen Katastrophe geworden ist, so fällt die Schuld daran auf die Maulwürfe, die in langer unterirdischer Arbeit den Boden unserer nationalen Selbstbehauptung unterwühlt und unterhöhlt habe«. In das Verhängnis geführt haben uns die W a h n i d e e n, die unserem Volke in Heer und Heimat in leichtfertiger und geradezu verbrecherischer Weise eingeimpft worden sind; die Wabnideen, die sich schließlich in vielen Millionen von Köpfen zu der Ueberzeugung verdichteten: der Verteidigungskrieg ist eine Lüge; der deutsche „Imperialismus" ist am Krieg schuldig oder zum mindesten mitschuldig; wir könnten längst einen erträglichen und ehrenvollen Frieden der Verständigung haben, wenn nicht die Eroberungsgelüste unserer Gewalthaber ihn verhinderten; der Kaiser, unsere monarchische Staatsform und unser „Militarismus" sind Friedenshindernisse, die einer Verständigung mit den Völkern unserer Feinde entgegenstehen; werden diese Hindemisse beseitigt, bekennen wir uns laut und immer wieder zu einem Frieden der „V erstand ignng", bekennen wir reumütig unsere Schuld und zeigen wir uns bereit, Buße zu tun, dann ist der Friede da; und sollte sich eine feindliche Regierung widersetzen, uns dann einen ehrenvollen Friede« z« gewähren, so wird sie von dem Sturm des solidarisch fühlenden Proletariats hinweggefegt werden! Wer von Ihnen l>at solche Klänge nicht gehört? Sie kamen in den verhängnisvollen Monaten immer lauter und lauter a«4 den arbeitenden Massen, die so lange unter- harten Entbehrungen ihre — 8 schwere Pflicht getan; sie kamen auch aus des Reihe» unserer Truppen, die vier Jahre hindurch mit ihren Leibern das Vaterland geschützt hatten; sie kamen vor allem aus den Etappen, wo der lange Krieg die Unzufriedenheit am meisten wachsen ließ. Es war, wie wenn das Licht des ersehnten Friedens, das unserm in Heer und Heimat schwer kämpfenden, schwer arbeitenden und schwer leidenden Volk von gewissenlosen Agitatoren vorgespiegelt wurde, als je» es zum Greifen nah, wenn das Volk selbst nur danach greifen wollte, — es war, als ob dieses Licht die Augen blendete und die Sinne verwirrte. Selbst heute noch, nach den Erfahrungen der Waffenstillstandsund Friedensverhandlungen zuckt und windet sich ein großer Teil unseres Volkes in diesen Wahnvorstellungen, als solle e>s keine Gesundung geben. Und es wird keine Gesundung geben, keine Hoffnung auf ein Wiederaufrjichten, auf ein Wiederanfbanen, solange dieser furchtbare Spuk nicht verscheucht und der Bann, in den er das deutsche Volk geschlagen hat, nicht gebrochen ist. Darum lassen Sie mich dem Uebel bis in seine Wurzelsasern nachgehen! Den entscheidenden Antrieb haben die verhängnisvollen Wahnideen erhalten in den parlamentarischen Vorgängen des Juli 1917, die zu der vielberufenen Friedensresolution des Reichstags führten. Von den Verl^andlungen des Hauptaus- schusses des Reichstags ausgehend, erschütterte zum erstenmal ein heftiger Stoß das deutsche Vertrauen in die Möglichkeit des Durchhaltens und verbreitete sich der verhängnisvolle Glaube, daß unsere Feinde für eine gütliche Verständigung zu haben wären, daß jedoch unsere heimischen Gewalten durch den Druck des Volkes und der „Mehrheitspar- teicn" des Reichstags zu einer solchen Verständigung gezwungen werden müßten. An die Friedensresolution knüpfte alles weitere an, sowohl die defaitiftisch - pazifistische Agitation wie auch die revolutionäre Propaganda in Heimat und Heer. Es war der damalige Abgeordnete und heutige Reichsfinanzminister Erzberger, der den ersten Streich führte. In der Sitzung des Hauptausschusses vom 6. Juli 1917 machte er den im Inland und Ausland die größte Sensation erregenden Vorstoß, der dann mit der Resolution des Reichstags vom 19. Juli seinen Abschluß fand. Herr Erzberger, dem leider vom Kanzler wie vom Auswärtigen Amt in Dingen der auswärtigen Politik eine Vertrauensstellung eingeräumt worden war, wie sie niemals bisher ein Außenstehender gehabt hat, machte diesen für die politische Führung des Krieges so folgenschweren Vorstoß, ohne vorher die Reichsleitung von seiner Absicht zu unterrichten, ja ohne auch nur seiner eigenen Partei diesen Vorstoß anzukündigen. Er hat die verantwortlich« Leitung — 9 — der Retchspolitik aus dem Hinterhalt überfallen. Dagegen muß ich hervorheben, daß — so unglaublich es klingt — Herr Erzbc»gar seinen Vorstoß im Bunde mit dem Leiter der österreichischen Politik unternommen hat. Graf Czernin selbst hat in einer Rede, die er am 4t. Dezember vorigen Jahres zur Rechtfertigung feiner Politik gehalten hat und die damals in dem durch seine revolutionären Sorgen beschäftigten Deutschland nicht die gebührende Beachtung gefunden hat, über diesen Punkt ausgeführt: „Einer meiner Freunde hatte auf mein Ersuchen mehrere Unterredungen mit den Herren Südekum (dem jetzigen preußischen Finanzminister, damals stellvertretender Vorsitzender des Hauptaus- schusses des Reichstages) und Erzberger und bestärkte sie durch meine Schilderung unserer Lage in ihren Bestrebungen zur Erreichung der bekannten Friedensresolution. Es war auf Grund dieser Schilderung, daß die beiden genannten Herren die Reichtagsresolution für einen Verständigungsfrieden durchsetzten, jene Resolution, welche so viel Hohn und Spott von selten der Alldeutschen und anderer Elemente geerntet hat. Ich hoffte damals einen Augenblick, im deutschen Reichstag einen dauernden und kräftigen Verbündeten gegen die Eroberungspkäne der Militärs zu finden." Es ist wichtig, diesen österreichischen Einschlag der Friedens- resolution festzuhalten und ihn in den Zusammenhang der österreichischen Kriegspolitik einzustellen. Oesterreich-Ungarn war in unserem Bündnis der weitaus schwächere Teil. Es brauchte unsere militärische und finanzielle Hilfe; es brauchte sogar zeitweise unsere Unterstützung mit Brotgetreide, und es brauchte vor allem eine fortgesetzte moralische Rückenstärkung durch Deutschland,' letzteres namentlich seit dem Regierungsantritt des Kaisers Karl. Ja es brauchte seit jenem Thronwechsel die größte Wachsamkeit von unserer Seite; denn der junge und schwache Kaiser stand in politischen Dingen offenkundig unter der Einwirkung seiner klugen, aber klerikalen Einflüssen zugänglichen und zu Frankreich hinneigenden Gemahlin aus dem Hause Bouirbon-Parma. Wie notwendig gegenüber Oesterreich-Ungarn die äußerste Vorsicht geworden war, dafür ist ein schlagender Beweis der Brief des Kaisers Karl an seinen Schwager, den Prinzen Sixtus »on Parma. Die Echtheit des von Herrn Clemenceau im April 1917 im Verlauf einer Polemik mit dem Grafen Czernin veröffentlichten Briefes ist zwar damals von Wien aus mit den stärksten Worten bestritten worden; aber alles, was seither über diese Affaire weiter bekannt geworden ist, gestattet kaum mehr einen Zweifel. Die entscheidende Stelle in diesem Brief war das Ersuchen an den Prinzen, „g e b e i m und inoffiziell Herrn Poincare, dem Präsidentender f r a nzösischen Republik, mitzuteilen, daß ich mit allen Mit- - 10 - teln und unter Aufbietung allen meines persönlichen Einfln^ses bei meinen Verbündeten die gerechten französischen Ansprüche hinsichtlich Elsaß-lLothringens unterstützen werd e." Der- Kaiserbries war vom 31. März 1917 datiert. Wenige Tage nach seiner Absenkung besuchte Kaiser Karl unsem Kaiser im Großen Hauptquartier zu Homburg. Der ihn begleitende Graf Czernin machte damals zum ersten Male eine Andeutung, die uns die H e r- ausgäbe von Elsaß-Lothringen zumutete. Prinz Sixtus entledigte sich in den ersten Apriltagen seines Auftrages bei dem Präsidenten Poincare und begab sich dann zu Lloyo George nach London. Der französische Präsident, dem der Prinz Elsaß-Lothringen auf dem Präsentierteller darbrachte, erklärte das Angebot sür ungenügend und verlangte außer den Reichslanden das Saargebret und „Garantien auf dem linken Rhe in- u f e r". Lloyd George vertrat zunächst die Meinung, daß auf das Angebot des österreichischen Kaisers eingegangen werden müsse, fügte sich aber schließlich auf der Konferenz von St. Jean de Maurienne (17. April 1917) der französischen Auffassung. So war es damals mit dem Verständigungswillen der Entente bestellt! Die nächsten Woä)en und Monate brachten, hauptsächlich wohl infolge des wachsenden Drucks des U-Boot-Krieges, Anzeichen eines Umschwunges. Die Unruhe und Beklemmung in England wuchs, und die französische Regierung, die im April so hochmütig das Angebot des österreichischen Kaisers abgelehnt hatte, tat nun ibrerseit» Schritte, um eine Fühlung mit den Mittelmächten aufzunehmen. In diese verheißungsvollen Anfänge platzte die von Herrn Erz- berger im Bunde mit der Wiener Politik veranstaltete Sensation. Herr Erzberger gab sich dazu her, die Geschäfte der Wiener Politik gegen die eigene Regierung zu besorgen. Statt Oesterreich-Ungarn bei der Stange zu halten und ihm den Rücken zu stärken, verstand er sich dazu, sich mit dem weich und unzuverlässig werdenden Bundesgenossen hinter dem Rücken der eigenen Regierung zu verbünden, um die Stimmung im eigenen Volke zu zermürben und damit den Boden zu bereiten für einen Frieden nicht etwa der Verständigung, sondern des Verzichts und der Unterwerfung, wie ihn die Wiener Politik damals uns zumutete. Die männlichen und weiblichen Röcke, vor denen Bismarck so eindringlich gewarnt hat, l^aben dabei ihre verhängnisvolle Rolle gespielt. Nach außen bin, bei unseren Feinden und bei den Neutralen, war der Erfolg der ErzbevgMchen Aktion der Eindruck, daß Deutschland in die Knie breche, daß das deutsche Volk nicht mehr weiter könne und jede Hoffnung anf eine glückliche Beendigung des Krieges aufgebe. Die feindlichen Staatsmänner, die von dem Brief de» Kaisers Karl Kenntnis hatten, konnten sick die Hände reiben: Nach — 11 — dem moralischen Zusammenbruch Oesterreich-Ungarns, wie er in dem Kaiserories zum Ausdruck gekommen war, kündigte sich jetzt in der Erzberger-Attion der m o r a l i! s ch e Zusammenbruch Deutschlands an. Nun brauchte man sich nicht weiter zu sorgen und nicht weiter um Verständigung zu bemühen. Die noch kurz vorher von Frankreich erstrebten Aussprachen mit Vertrauensmänner« der Wiener und Berliner Regierung unterblieben. Dafür aber erklärte der englische Minister Carson am Tage nach der Annahme der Friedensresolution, daß Verhandlungen mit Deutschland erst möglich seien, wenn die deutschen Truppen hinter dem Rhein ständen; dafür wurde am 25. Juli 1917, also sechs Tage nach der deutschen Friedensresolution, eine im britischen Unterhause von M c. D o n a l d und Trevclyan eingebrachte Friedensresolution mit 188 gegen 19 Stimmen abgelehnt; dafür bekannte sich nun am 30. Juli Herr R ibot in der französischen Kammer offen zu der Forderung auch der Angtiederung des Saargebiets und der Errichtung eines linksrheinischen Pufferstaates; dafür zwang schließlich LlodGeorge am 11. August den Arbeiterführer Henderson zum Ausscheiden anH dem britischen Kabinett, weil dieser sich zugunsten der Beschickung der Stockholmer Friedenskonferenz durch Delegierte der britischen Arbeiterschaft eingesetzt hatte. Das war das glorreiche Ergebnis der Friedensjresolution nach Außen! Nach Innen aber erzeugte und verbreitete die unselige „Friedensresolution" zunächst die erste starke Erschütterung des Glaubens an unsere Sache und des Willens zum Durchhalten; dann die grundverkehrte Meinung, daß irgendwelche phantastischen Kriegsziele der Militärs,'der Regierung oder des Kaisers das wahre Friedenshindernis seien, und daß der Reiä>stag, — der im Gegensatz zu den Militärs, der Regierung und dem Kaiser friedliebende Reichstag! — sich genötigt gesehen habe, die Sache des Friedens in seine Hand zu nehmen. Sogar die „Friedensresolution" dem Kampf um den Frieden die Richtung nach innen, die Richtung gegen die Spitzen des Heeres und des Staates, gegen „Alldeutsche" lind „Annexionisten", statt gegen die Feinde, deren nur nach völliger Niederwerfung Deutschlands erreichbaren Kriegsziele das wahre und einzige Friedenshindernis waren. Die „Friedensresolution" brachte uns zwar nicht denFrieden nach außen, wohl aver den Kamp-f im Innern. Mit welcher Ausrichtigkeit der Gesinnung und Treue der Ueberzeugung der Kamps gegen die „Annexionisten" und „Kriegsverlänge- rer" von Herrn Erzberger geführt wurde, das werden Sie ermessen können, wenn Sie einmal die Denkschrift über die Kriegsziele zur Hand nehmen, die dieser selbe Mann im September 1914 den Spitzen der politischen und militärischen Leitung eingereicht hat. Bescheidenheit war nie die Zier des Mannes aus Buttenhansen. Er ist — 12 - auch schon damals aufs Ganze gegangen, nur nach der entgegengesetzten Richtung." „Das blutige Ringen des deutschen Volkes in Verbindung mit den Anstrengungen Oesterreichs — so ließ er sich damals vernehmen ^ erheischt die dringende Pflicht, die Folgen des Sieges so auszunutzen, daß Deutschlands militärische Oberhoheit auf dem K o ntinent für alle Zeiten gesichert ist." Als zweites Ziel bezeichnete er die „Beseitigung der für Deutschland unerträglichen Bevormundnng Englands in allen Fragen der Welbpolitik", als dr-ittes Ziel „Z e r s plitterung des russischen Koks s s e s". Rußland müsse sowohl von der Ostsee wie vom Schwarzen Meere abgeschnitten werden! . Erreicht müsse serner werden, und zwar „unter allen Umständen", daß Deutschland über Belgien die militärische Oberhoheit erhalte, außerdem die militärische Oberbeiheit über den ganzen französischen K ü st e n g ü r t e l Dünkir - ch« n—C alai s—B o u l o g n e. Für notwendig erklärte er ferner „den d'e u t s ch e n B e s i tz der cngliscben normannischen Inseln, die E b e r b. o u r g vorgelagert s i n d". Außerdem verlangte cr das E i s c n e r z g e b i e t von Longwy und Briey sowie die Festung B c l f o r t. In Afrika verlangt er ein großes deutsches Kolonialröich von Dar-es-salam über Duala bis Senezambien muer Eingliederung des belgischen und französischen Kongo, von Britisch Nigeria, Französisch Dahomey und Französisch Westasrika. Nur nebenbei erwähnen will ich, daß cr Aegpvtcn gnädigst an Oesterreich verschenkte! Ich weiß nicht, ob jemals einer der später von Herrn Erzbor- ger so heftig befehdeten „Alldeutschen" und „Annexionisten" ein anch nur annähernd so ausschweifendes Annexionsprogramm aufgestellt hat. Aber nicht nur gewaltig annektieren wollte damals dieser edle Herr, er war auch sonst sehr forsch. Im roten „Tag" vom 5. Februar 1915 hat er einen Artikel veröffentlicht, überschrieben: „Nur keine S entim en t a l kt ät!" — einen sehr lesenswerten Artikel, der dem Gedächtnis der Nachwelt überliefert zu werden verdient. Dort heißt es: „Wenn man in der Lage ist, durch ein Mittel ganz London zu vernichten, so ist das humaner, als wenn man noch einen einzigen deutschen Volksgenossen auf dem Kampffelde bluten läßt." „Es ist komisch und erheiternd (sie!), wie England sich entrüstet, wenn unbefestigte Städte und Dörfer auf dem Jnselreiche mit Bomben ans unseren Luftfahrzeugen beworfen werden." — 13 — „Für jedes uns weggestohlene deutsche Handelsschiff sollte mindestens eine englische Stadt oder ein englisches Do-vf durch unsere Klugzeugo vernichtet werden." Und der spätere unentwegte Bekämpfe? des U-Boot-Krieges läßt sich also vernehmen: „Wenn Deutschland einmal die wirAiche Blockade verhängt, dann auch keine Schonung, sondern rücks ichtslosesVers enken jedes englischen Handelsschiffe s". Der Artikel schließt mit den Worten: „Weichlichkeit und Sentimentalität im Kriege wären unverzeihliche und polizeiwidrige Dummheit. Mag der Feinw alles von uns sagen, so soll er beim Friedensschluß nur nicht das eine konstatieren können: daß die Deutschen die Dummm gewesen seien." — Ich habe Verständnis dafür, daß Herr Erzberger als Opportunist während des Krieges seine Ansichten geändert hat. Aber ich habe kein Verständnis dafür, daß ein Mann, der im ersten Kriegsjahr den Mund so übervoll nahm, späterhin die Leute, die nicht seine Fixigkeit im Umlernen besaßen, in der unerhörten, die Leidenschaften des Volkes aufpeitschenden Weise befehden konnte. Jedenfalls steht dem Opportunisten, der seine Ansichten über Kriegführung und Kriegsziele in kurzer Zeit so radikal geändert hat, .die sittliche Entrüstung schlecht zu Gesicht, mit der Herr Erzberger und seine Leute späterhin das deutsche Volk aufgewühlt, zermürbt und zu Kapitulation und Revolution reif gemacht haben. In verhängnisvoller Weise verstärkt wurde die Walmidee des Friedenshindernis im eigenen Land durch das i r r s i n n i g e F l a- gellantentum, das da glaubte, durch die Selbstbezichtigung der Schuld am Kriege dem deutschen Volke die Gnadenpforte des Friedens öffnen zu können. Erst begann das Geraune und Getuschel im Geheimen, dann kamen Handzettel und vertrauliche Denkschriften, und schließlich ging es ganz öffentlich von Mund zu Mund und durch die Blätter: ..Es ist ja unwahr, daß der Krieg ein Verteidigungskrieg ist! Er ist ja von uns gemacht worden, vom Kaiser, vvn den Militärs, von der Regierung! Man hat ja die serbische Geschichte nur als willkommenen Vorwand benutzt! Militarismus, Herrschsucht und Größenwahn wollten ihr Opier! Der Potsdamer Kron- rat vom ersten Julisonmtag hat ja lange vor der serbischen Ablehnung des österreichischen Ultimatums den Krieg beschlossen!" All' dieses verlogene Gemunkel, all' dieser bösartige Klatsch erhielt Nahrung durch die berüchtigte Denkschrift d e s F ü r st e n L i ä> nowsky, dieser Ausgeburt einer verletzten und dadurch ins Pathologische gesteigerten Eitelkeit; durch die sogenannte Denkschrift des HerrnMühlon, den das furchtbare Erlebnis des Krieges offenbar aus seinem seelischen Gleichgewicht gebracht hat; schließlich durch die tendenziösen Veröffentlichungen des Herrn Kurt Eisner. Begierig wurde dieses Gift der Selbftverleumdung von all' den Aufwieglern aufgenommen, denen an unseren? Sieg nichts, an der Revolution alles gelegen war. Geschäftig wurde daH Gilt durch taufend Kanäle in das Volk gebracht, in der Heimat und an der Front. Das ging an die Wurzeln unserer moralischen Kraft. Das Vertrauen von Volk und Heer auf unsere gute und gerechte Sache, an. die Aufrichtigkeit seiner politischen und militärischen Führer, an die Friedensliebe und Ehrenhaftigkeit seines Kaisers würd« erschüttert. Unser schärfstes Schwert wurde stumpf gemacht. Heute noch sitzt dieses üble Gift unserem Volke im Blut und bindert seine Genesung, so klar und einwandfrei nachgewiesen worden ist, — duxch amtliche und private Veröffentlichungen —, daß unser Kaiser und unsere leitenden Männer in der Politik und im Heer, bis zur alleräußersten Grenze des Möglichen gegangen sind, um der Welt und dem eigenen Volke den Frieden zu erhaiten; daß ihr einziger, und jedenfalls ihr größter Fehler der gewesen ist, daß sie, von der eigenen Friedfertigkeit durchdrungen, sich zu sehr auf die friedfertige Gesinnung der anderen verlassen haben. Ich weiß aus des Kaisers eigenem Munde — er hat mir das Ende August 1914 gesagt, als wir dem Sieg zum Greifen nahe waren — wie er sich bis zum letzten Augenblick, selbst über die russische General-Mobilmachung hinaus, für den Frieden eingesetzt hat, und wie bitter schwer eö ihm geworden ist, als keine Wahl mehr blieh untz die Stunde drängte, seinen Namen unter den Mobilmachungsbefehl zu setzen. — Ich weiß aus der eigensten und unmittelbarsten Wahrnehmung, wie der Kaiser und wie seine Regierung vom ersten Tag des Krieges an mit beißem Bemühen gesucht haben, einen Wog zum Frieden zu finden, zu einem anständigen und ehrenvollen Frieden, der uns ließ, was uns von Gottes und Rechts wegen gehört. Ich kann Ihnen die Versicherung geben: in keinem Augenblick des Krieges konnten wir den „Vorständigungsfrieden" haben, von dem unsere Pazifisten und Illusionisten träumten und mit dem sie das Volk beschwatzten; einfach deshalb nicht, weil unsere Feinde unsere Niederwerfung, unsere Vernichtung wollten. Wäre auch nur in einem einzigen Augenblick bei unseren Feinden Geneigtheit gewesen, ei! nen ,,V erständ i - g u n g s f r. i e d e n", einen „Frieden ohne Annexio - nen und Kontributionen" mit uns abzuschließen, wir hätten denFrieden gehabt, derKaiser hätte ihn gemacht über alle Widerjstände im eigenen Lager hinaus. Hören Sie den Grafen Czernin, dessen Friedenswille gewiß unverdächtig ist! Er hat in seiner Rede vom 11. Dezember 1918 ausgeführt: „Wir (in Oesterr.-Ungarn) hatten öfters dm Eindruck, daß wir imstande seien, einen Separatfrieden ohne Deutschland zu schließen, jedoch niemals wurden uns die konkreten Bedingungen - 15 — genannt, unter denen Deutschland seinerseits Frieden schließen könne. Niemals wurde uns vor allem erklärt, daß Deutschland seinen vorkriegerischen Besitzstand werde bekalten können. Dadurch, daß die Entente niemals erklären wollte, daß sie mit einem Deutschland sprechen wolle, welches keine Eroberringsabsichten babe, daß die Entente immer erklärte, sie wolle Deutschland vernichten, zwauz sie uns gewaltsam t c., Verteidigungskrieg für Deutschland auf." Hier haben Sie die Bestätigung!, Auch alle die vielfachen Sondierungen und Verhandlungen Wiens haben immer wieder ergeben, daß die Entente vielleicht Oesterreich-Ungarn mit einem blauen Auge herausgelassen hätte, daß sie aber mit Deutschland nicht verhandeln wollte, auch nicht mit einem Deutschland, dem alle Eroberungsabsichten fernlagen, daß vielmehr ihr Ziel der „Zlnoek-out-dlov" Llopd Georges war, die Vernichtung Deutschlands. Unser Volk hat dm Worten nicht geglaubt. Es wird mir immer unbegreiflich bleiben, daß es auch aus den handgreiflichsten Taten nicht begriffen hat, um was es unserm Feinden ging. Ich denke an die entsetzlichen fünf Wochen zwischen unserem Ersuchen um Waffenstillstand am 5. Oktober und seinem Inkrafttreten am 11. November vorigen Jahres. Am 5. Oktober haben wir die Wilsonschen 14 Punkte als Grundlage des Friedens angenommen, also nicht nur einen Frieden der Verständigung, sondern eimn Frieden großer und schwerer Opfer; denn das Wilsonsche Programm bedeutete für uns die Preisgabe Elsaß-Lothringens und eines Teiles unserer Ostmarken. Das große Morden war damit zwecklos und sinnlos geworden. In dem folgenden Notenaustausch erklärten wir uns bereit, die besetzten Gebiete kampflos, zu räumen. Das große Morden war erst recht zwecklos und sinnlos geworden.. Aber was erlebten wir? Tag und Nacht überschütteten unsere Feinde unsere Truppen, die bereit waren, den Kampf einzustellen und sich zurückzuziehen, mit einem Eisenhagel aller Kaliber, bis zum allerletzten Augenblick, bis zum 11. November Glockenschlag 12 Uhr! Tausende und Abertausende mußten täglich weiter verbluten! Es war kein Krieg mehr, es war Lustmord im großen! Wenn die Auflistung des Krieges für diejenigen, die die Schuld trifft, ein ungeheures Verbrechen war, nvck größer ist das Verbrechen dieser fünf Wochen des Mordens um des Mordens willen, des Mordens um keines anderen Zwecks, als noch möglichst viel deutsches Blut fließen zu lassen. So zeigten unsere Feinde ihren Verständigungswillcn, ihre Friedenshoreitschaft, ihre Menschlichkeit! Hunderttausende haben es gespürt, und ach! wie wenige haben es begriffen! So tief saß bereits in den Köpfen die Verwirrung, daß die Worte eines Wilson, nachgesprochen von blindwütigen Agitatoren und Revolutionären, mehr Glauben fanden als die Kanonen und Maschinengewehre unserer Feinde. — 16 — Die W o r t e e i n e s W i l s o n! Sie konnten sich ja nicht genug tun in Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Versöhnlichkeit. Er wollte ja einen Frieden, der „die Zustimmung der ganzen Menschheit findet^. Er hatte ja erklärt: Ein Frieden, der dem unterlegenen Teil aufgezwungen wird, würde ein Rachegefühl zurücklassen, auf dem der Friede wie auf Flugsand ruhen würde"! Er wollte ja keinen Unterschied zwischen großen und kleinen, starken und schwachen, siegreichen und besiegten Nationen! Er erstrebte ja eine neue Weltordnung, in der Vernunft, Gerechtigkeit und das Gemeinwohl der Menschheit regiert, ein „gleiches Recht der Völker auf Freiheit, Siä>rheit, Selbstverwaltung, auf gleiche und gerechte Beteiligung an den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Welt"; ja er hatte hinzugefügt: „selbstverständlich mit Einfluß des deutschen Volkes, wenn es diese Gleichberechtigung annimmt und nicht nach Gewaltherrschaft strebt." Er hatte übervaupt gedenüber dem deutschen Volk die beste und freundschaftlichste Gesinnung bekundet. Er hatte erklärt, daß Amerika „auf Teutschlands Größe nicht eifersüchtig sei" und uns „keine Errungenschaft auf dem Gebiete der Wissenschaften und des Unternehmungsgeistes neide"; daß er uns „kein Unrecht tun oder irgendwie den rechtmäßigen Einfluß und die rechtmäßige Macht Deutschlands, sei es mit den Waffen, sei es mit feindseligen Handelsmaßnähmen, bekämpfen wolle." Er l)