I Die Aaumwollfrage. Gin rveLtrvirtscHcrftLiches ^robtenr. ^ Von Prof. vr. Helfferich, Wirkl. Legationsrat^ I. Der europäische Kulturmensch ist an den täglichen Gebrauch von Dingen, deren Urstosf ein fremder Boden und eine fremde Sonne hervorgebracht haben, so gewöhnt, daß er es sich fast abgewöhnt hat, über die Kompliziertheit der Bedingungen nachzudenken, auf Grund deren ihm eine Reihe der für ihn unentbehrlichsten Nahrungsund Genußmiltel und wichtige Rohstoffe für seine Bekleidung zugeführt werden. Der Gelehrte ergründet im stillen Kämmerlein die Grundlagen der „internationalen Arbeitsteilung" und sucht die tausendfach verschlungenen Fäden der Handelsbeziehungen zu entwirren, durch welche die einzelnen Länder zur Weltwirtschaft verflochten werden. Der großen Mehrzahl derjenigen, die im praktischen Leben stehen, kommt jedoch die Bedingtheit und Kompliziertheit der Voraussetzungen, auf welchen nicht nur das Schicksal der wichtigsten Erwerbszweige, sondern auch der tägliche Verbrauch selbst der kleinsten Haushaltung beruht, erst dann zum Bewußtsein, wenn an irgend einer empfindlichen Stelle in dem Netz der internationalen Verkehrsbeziehungen Reibungen und Hemmungen eintreten. Unter allen den unzähligen Waren des Weltverkehrs ist für die europäischen Staaten keine so geeignet, die Stellung der einzelnen Länder in dem Ganzen der Weltwirtschaft mit ihren Licht- und Schattenseiten vor Augen zu führen, wie die »- Baumwolle. Die Erzeugung der Baumwolle im eigenen Lande ist durch Klima und Boden den großen europäischen Industriestaaten versagt. Während bei den wichtigsten Nahrungsmitteln die Frage so steht, ob wir einen Zuschuß zur eigenen Produktion vom Ausland nötig haben oder ob wir unsern ganzen Bedarf unter erträglichen Bedingungen im Inland decken können, setzt uns die Natur des eigenen Landes hinsichtlich der Gewinnung des wichtigsten Rohstoffes für die Bekleidung ein absolutes Nein entgegen. Wir sind für unseren ganzen Bedarf an diesem Artikel auf den internationalen Handel angewiesen, und unsere Einfuhr an Baumwolle steht in der Liste unserer Importartikel dem Werte nach an der ersten Stelle; sie hat im Jahre 1903 etwa ^ Die Baumwollfrage. 384 Millionen Mark betragen. Daß uns der auswärtige Handel diesen Rohstoff in gewaltigen Mengen und zu Preisen zuführt, die auch im ungünstigen Falle hinter denjenigen anderer Spinnstoffe wesentlich zurückbleiben, daraus ergibt sich ein außerordentlich günstiger Einfluß auf die gesamte materielle Lage der großen Masse unserer Bevölkerung. Die Baumwolle gestattete im Laufe des verflossenen Jahrhunderts durch eine gewaltige Steigerung der Produktion und durch eine erhebliche Ermäßigung ihres Preises gerade den breitesten Schichten eine reichlichere Befriedigung des Bedürfnisses nach Kleidung. Noch im Durchschnitt der fünf Jahre 1346 bis 1350 hat der jährliche Verbrauch an Baumwolle im deutschen Zollgebiet nur 0,53 KZ pro Kopf betragen, 1871/75 kamen bereits 2,84 KZ auf den Kopf, und inzwischen ist abermals eine Vermehrung auf mehr als das Doppelte eingetreten, so daß im Jahre 1903 der durchschnittliche Verbrauch 6,30 lcZ pro Kopf betrug. Selbstverständlich erleichtert die Möglichkeit der billigen Bekleidung, wie sie durch die Baumwolle gegeben ist, eine reichlichere Befriedigung der sonstigen materiellen und der Kulturbedürfnisse. Die Ausschaltung der Baumwolle würde mithin eine ganz gewaltige Verschiebung aller Konsumverhältnisse und der gesamten Lebenshaltung der europäischen Völker zur Folge haben müssen. Aber nicht nur in unserer Verbrauchsgestaltung spielt die Baumwolle eine so enorme Rolle, sondern auch in der Gestaltung unserer Produktions- und Erwerbsverhältnisse. Die Baumwolle verarbeitende Industrie beschäftigt in England. Deutschland und Frankreich viele Hunderttausende von Arbeitern. Dieser wichtige Industriezweig stellt ferner nicht nur Waren für den inländischen Verbrauch her, sondern er arbeitet in großem Umfange für den Absatz nach dem Auslande; der Export an Baumwollwaren steht in Deutschland dem Werte nach stets an erster oder zweiter Stelle unter den Exportartikeln, er hat sich im Jahre 1903 auf einen Wert von etwa 286,5 Millionen Mark beziffert. Ein Land mit einer dichten und arbeitsamen Bevölkerung muß die notwendige Einfuhr an Naturprodukten anderer Länder, an Rohstoffen und Nahrungsmitteln in erster Reihe mit seiner Arbeit bezahlen, mit seiner Arbeit, die sich in Industrie-Erzeugnissen und Fabrikaten kondensiert. Die meisten unserer Exportindustrien verarbeiten überwiegend Rohstoffe, die im eigenen Land gewonnen werden, so vor allem die Industrien der Metalle und Mineralien. Bei der Baumwollindustrie dagegen wird ein fremder Rohstoff zum Träger für deutsche Arbeit, die dann als Gegenwert für Einfuhrwaren nach dem Anslande geht. Im Jahre 1903 hatte unsere Einfuhr von Rohbaumwolle (382 500 Tonnen zu 384 Millionen Mark) einen durchschnittlichen Wert von etwa 1,004 Mark pro Kilogramm; unsere Ausfuhr an Baumwollwaren (47 50l) Tonnen zu 286,5 Millionen Mark) hatte einen durchschnittlichen Wert von 6,03 Mark pro Kilogramm. Wenn man bei der Verarbeitung der Rohbaumwolle 25 v. H. Abgang rechnet, so bleibt eine Werterhöhung bei den exportierten Baumwollwaren von etwa 4,70 Mark pro Kilogramm; von dem Gesamtwert der im Jahre 1903 ausgeführten Baumwollwarcn kamen nach dieser Berechnung etwa 60 bis 65 Millionen Mark auf den Rohstoff. 220 bis 225 Millionen Mark auf die in Deutschland bewirkte Verarbeitung. Ungefähr diese letztere Summe wird jährlich durch die Baumwolle den deutschen Unternehmungen und Arbeitern vom Auslande zugeführt. Diese Zahlen geben einen Begriff davon, in welchem Umfange die Baumwolle, die uns Die Baumwollfrage. Z bis auf das letzte Pfund durch den auswärtigen Handel zur Verfügung gestellt wird, die ganze Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft bedingt. Als Einfuhrartikel ermöglicht sie dem Volke eine reichliche und billige Kleidung, als Rohstoff für eine unserer wichtigsten Exportindustrien liefert sie einem großen Teile unserer Bevölkerung Arbeitsgelegenheit und damit das tägliche Brot. Nun die andere Seite! Nachdem einmal die Baumwolle als Produkt eines fremden Bodens in dem eben geschilderten Umfange einen Teil der Grundlagen bildet, auf denen die gegenwärtige Gestaltung der Produktion und des Konsums unseres Volkes beruht, muß jede Erschwerung der Zufuhr dieses Rohstoffes unsere gesamte Verbrauchs- und Erwerbswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Vor allein ist die Erhaltung und weitere Entwicklung unserer Baumwollindustrie, deren Aufschwung den Bevölkeruugsspielraum Deutschlands erweitert und unsern Volksreichtum erheblich vermehrt hat, durchaus abhängig davon, daß es uns stets gelingen wird, die Rohbaumwolle in ausreichender Menge und zu hinreichend billigen Preisen von auswärts zu beziehen. Jede Verteuerung des Rohstoffes verteuert den inländischen Konsum an Baumwollwaren und vermindert damit die Kaufkraft der Bevölkerung für andere Dinge, erhöht den Betrag, den wir an das Ausland für die Baumwolle zu bezahlen haben, erschwert den Absatz unserer Baumwollfabrikate nach außerhalb. Eine jede beträchtliche Einschränkung der Baumwollzufuhr muß zu Betnebseinschränkungen und Arbeiterentlassungen, zu Massenelend und Kapitalverlusten führen, als deren schrecklichstes Beispiel die durch den amerikanischen Bürgerkrieg hervorgerufene Baumwollkrisis in England heute noch vor aller Augen steht. Gewiß ist die Baumwolle nicht der einzige Artikel, dessen Schwankungen in der verfügbaren Menge und im Preise die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse nachhaltig beeinflussen; der Ausfall unserer heimischen Getreideernte, der von Witterung und Elementarereignissen abhängt, übt bekanntlich gleichfalls auf die Lebenshaltung der Massen und auf den Geschäftsgang einen sehr starken Einfluß aus. Aber bei der Baumwolle erfährt die Frage der ausreichenden Versorgung gerade dadurch eine ganz besondere Zuspitzung, daß es sich hier um ein Produkt handelt, für dessen Beschaffung wir ganz und gar auf das Ausland angewiesen sind. Zu dem elementaren Moment des Ernteausfalls kommen hier noch Komplikationen hinzu, die ihren Sitz in den unserem Einfluß mehr oder weniger entzogenen ökonomischen und handelspolitischen Entwicklungen fremder Gebiete haben. Der Verfasser dieses Aufsatzes gehört nicht zu den ängstlichen Seelen, die bei der Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft nur die Gefahren der Abhängigkeit von dem ausländischen Absatz einheimischer Judustrieerzeugnisse und von der auswärtigen Zufnhr der notwendigen Nahrungsmittel und Rohstoffe sehen wollen und die Deutschland, um diesen Gefahren vorzubeugen, am liebsten mit seiner Produktion auf den inneren Markt und mit seinem Verbrauch auf die inländische Produktion zurückführen möchten. Wer einen Blick für die großen Züge der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung hat, kann nicht verkennen, daß jedes Fortschreiten der Kultur, insbesondere auch der ökonomischen Kultur, Hand in Hand geht und bedingt ist durch eine Steigerung und Ausdehnung der wechselseitigen Abhängigkeit der einzelnen -1 Die Baumwollfrage. Individuen und der einzelnen kleinen und großen gesellschaftlichen Gebilde. Denn diese wechselseitige Abhängigkeit ist das notwendige Korrelat des gegenseitigen Sichaushelfens und des planmäßigen und organischen Zusammenwirkens der menschlichen Kräfte zur Erreichung immer höherer kultureller und ökonomischer Ziele. Um dieser Ziele willen muß das einzelne Individuum und muß auch die einzelne Volkswirtschaft die Gefahren der Abhängigkeit von einer größeren Gesamtheit in Kauf nehmen. Sie können das um so leichter, als gegen diese Gefahren eine natürliche Gegenwirkung in der Wechselseitigkeit des Abhängigkeitsverhältnisses gegeben ist: wo der einzelne ganz und gar auf sich selbst steht, kann er den andern schweren Schaden tun, ohne sich selbst zu treffen; je mehr aber der einzelne durch tausenderlei Fäden mit seinen Nebcnmenschen verbunden ist, desto mehr wird er selbst in Mitleidenschaft gezogen dnrch die Wunden, die er anderen schlägt. Was von den Individuen gilt, hat seine Richtigkeit auch für die Staaten. Die mehr oder weniger feststehenden natürlichen Grundlagen sowie die historisch gewordenen ökonomischen und kulturellen Bedingungen der internationalen Arbeitsteilung, die sich gleichfalls nicht von heute auf morgen willkürlich umgestalten lassen, stellen für den internationalen Warenaustausch ein durch wechselseitige Interessen gesichertes Fundament dar; die Abhängigkeit, in die der internationale Warenaustausch die einzelnen Volkswirtschaften bringt, wird dadurch gemildert, daß sie — wenigstens im großen ganzen — eine gegenseitige ist. Die Länder, an die wir unsere Industrie- Produkte absetzen, haben ein Interesse daran, daß wir ihnen ihre überschüssigen Erzeugnisse, insbesondere Nahrungsmittel und Rohstoffe, abnehmen. Freilich berechtigt diese Auffassung keineswegs zu einer völligen Passivität gegenüber den Problemen des auswärtigen Handels. Die allmählich sich vollziehenden Änderungen in wesentlichen Grundlagen der internationalen Arbeitsteilung, Verschiebungen in der Bevölkerungsdichtigkeit, der wirtschaftlichen Intelligenz und Energie und der technische» Ausbildung von Unternehmern und Arbeitern, dem Kapitalreichtum usw. mit ihrer Wirkung auf die Prvduktions- und Nachfrage-Verhältnisse in der Weltwirtschaft — das alles sind Vorgänge, durch die jedes einzelne Land vermittels seiner Export- und Jmportbeziehungen stark in Mitleidenschaft gezogen werden und durch die es in seiner wirtschaftlichen Struktur uuter schweren Krisen für seine ökonomische Lage entscheidende Veränderungen erfahren kann. Dazu kommen die handelspolitischen Maßnahmen fremder Völker, die bestimmt sind, Veränderungen in dem internationalen Warenaustausch hervorzubringen oder zu beschleunigen. Aber auch schon im Ruhezustande — ganz abgesehen von allen sich im Laufe längerer oder kürzerer Zeit vollziehenden Verschiebungen — ist bei aller Gegenseitigkeit des Ab- hängigkeitsverhällnisses der miteinander im Handelsverkehr stehenden Länder die Position der einzelneu Volkswirtschaften von verschiedener Stärke. Der kapitalkräftige Unternehmer ist zur Nutzbarmachung seines Vermögens an sich ebenso davon abhängig, daß er Arbeiter findet, die sich in seine Dienste begeben, wie der besitzlose Arbeiter davon abhängig ist, daß er jemand findet, der ihn gegen Lohn beschäftigt; aber in diesem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis hat der Unternehmer im allgemeinen unstreitig die stärkere Position. Im privaten Handelsverkehr ist stets derjenige im Vorteil, der mit dem Angebot zurückhalten kann, während sich auf seine Ware eine dringende Die Baumwollfrage. 5 > Nachfrage richtet. Wer gar das Monopol der Herstellung oder des Vertriebes eines für andere unentbehrlichen Bedarfsartikels besitzt, der ist zwar immer noch davon abhängig, daß diese anderen ihm die Dinge zur Verfügung stellen, deren er selbst benötigt, aber seine Machtstellung ist eine solche, daß er die Bedingungen des Austausches förmlich diktieren kann. Genau ebenso liegt es in Ansehung des Verhältnisses zwischen den einzelnen der am Weltverkehr beteiligten Volkswirtschaften. Ein wenig kapitalkräftiges oder verschuldetes Land, dessen Produzenten und Kaufleute gezwungen sind, ihre Waren so rasch wie möglich loszuschlagen, ist stets im Nachteil gegenüber Ländern, die infolge der Kapitalkraft ihrer Produzenten nnd Händler mit ihrem Angebot zurückhalten und auf eine günstige Absatzgelegenheit warten können. Ein Land, das für wichtige Welthandclswaren ein mehr oder weniger ausgeprägtes Monopol besitzt, hat , im internationalen Verkehr eine stärkere Position als Länder, die darauf augewiesen sind, ihre Erzeugnisse in scharfer Konkurrenz abzusetzen. Das gilt nicht nur für die Gestaltung der Verhältnisse, wie sie sich aus dem freien Spiel der Kräfte auf dem Weltmarkte ergibt, sondern auch hinsichtlich der Möglichkeiten der Einwirkung auf die handelspolitischen Maßnahmen der einzelnen Länder, insbesondere in Hinblick auf die Möglichkeit, durch Handelsverträge für das eigene Land günstige Konknrrenzbedingungen zu sichern. Ein Land, das günstige Absatzbedingungen für seinen Export erreichen will, muß unter Umständen in der Lage sein, den Export des fremden Landes, wenn dieses kein Entgegenkommen zeigt, durch Einfuhrerschwerungen treffen zu können. Solche Maßnahmen werden um so eher möglich seiu, je mehr der fremde Staat auf den Absatz nach einem bestimmten Lande angewiesen ist, und umsoweniger, je niehr ein Land genötigt ist, für seinen Verbrauch oder seine Produktion unentbehrliche Stoffe aus dem fremden Lande zu beziehen. Deutschland z. B. ist für seineu Bedarf au Getreide, soweit er die eigene Produktion übersteigt, nicht auf irgend ein bestimmtes fremdes Land angewiesen. Wenn es in einem Zollkriege mit einem großen Getreideproduktiouslande die Einfuhr dieser Ware erschwert, so kann es seinen Bedarf ohne allzu große Schwierigkeiten aus anderen Quellen decken. Nehmen wir aber einmal Kupfer, als einen der wichtigsten Rohstoffe der großen elektrischen Industrie, so hat Deutschland hier als Bezugsquelle für den seine eigene Produktion überschreitenden Bedarf fast nur die Vereinigten Staaten von Amerika zur Verfügung. In welchem Maße Deutschland hinsichtlich des Bezuges von Baumwolle auf die Vereinigten Staaten angewiesen ist, werden wir noch näher zu erläutern haben. Infolge dieser Sachlage ist es für Deutschland > unmöglich, die Vereinigten Staaten durch einen Zoll auf die Einfuhr von Kupfer und Baumwolle zu treffen; die deutsche Industrie würde trotz des Zolles vou Nordamerika kaufen müssen, sie allein würde unter der Erhöhung des Preises dieser wichtigen Rohstosse zu leiden haben, vor allem in ihrer Exportfähigkeit. Die Vereinigten Staaten dagegen sind kaum für eine der wichtigsten Einfuhrwaren auf irgend ein bestimmtes Land als Bezugsquelle unbedingt angewiesen. Die Wandclbarkeit der historisch gewordenen Grundlage!?, auf denen der internationale Warenaustausch beruht, zwingt ein jedes am Welthandel beteiligtes Land, die Angen offen zu halten für die sich fortgesetzt weiter vollziehenden Veränderungen und rechtzeitig Vorsorge zu treffen, um die eigene Volkswirtschaft gegen nachteilige 1* > l; Die Baumwollsrage. oder gar verhängnisvolle Wirkungen dieser Veränderungen nach Möglichkeit sicherzustellen. Ferner muß jeder Staat, der auf seine wirtschaftliche Zukunft bedacht ist, sein möglichstes tun, um seine Machtstellung innerhalb der Weltwirtschaft zu befestigen und auf diese Weise bei den fremden Staaten für seine Produktion und seinen Handel möglichst günstige Bedingungen zu erlangen. In diesem Zusammenhange haben für unsere europäischen Länder Besitzungen in überseeischen Gebieten eine ganz besondere Bedeutung. In dem Kampfe um die Absatzbedingungen haben zweifellos diejenigen Staaten die stärkste Machtstellung, welche in den unter ihrer Hoheit stehenden Territorien über die vielgestaltigsten Produktions- und Absatzmöglichkeiten verfügen. Die Produktionsmöglichkeiten der europäischen Länder selbst sind beschränkt durch ihr Klima, das die Gewinnung wichtiger Genußmittel und Rohstoffe ausschließt; zur Ergänzung ihrer Produktionsmöglichkeiten sind sie auf die Erwerbung nnd die Entwicklung von Kolonien in anderen Zonen angewiesen, und diese Kolonien erfüllen ihre wirtschaftliche Aufgabe um so vollkommener, je mehr sie durch ihre eigene Produktion und Aufnahmefähigkeit für das Mutterland einen Rückhalt in dem Kampfe um die Absatzbedingungen bilden. Man kann diese von den Freihändlern der alten Schule verkannte Bedeutuug leistungsfähiger Kolonien als Stütze für die weltwirtschaftliche Machtstellung des Mutterlandes und als Rüstzeug im Kampfe um die internationalen Handelsbedingungen klar vor Augen sehen, ohne daß man deshalb sich zu der Ansicht zu bekennen braucht, daß der Kolonialbesitz am besten nutzbar gemacht werde durch den zollpolitischen Zusammenschluß mit dem Mutterlande und die gemeinsame Absperrung nach außen hin. Denn konsequent durchgedacht würde ein solches System nicht die Ausnutzung der Kolonien zur Erlangung möglichst günstiger Handelsbedingungen im gesamten Weltverkehr darstellen, sondern im Gegenteil ein Sichzurückziehen auf die eigenen Territorien unter Verzicht auf den Verkehr mit fremden Gebieten. Unter diesem Gesichtswinkel ist es mindestens sehr zweifelhaft, ob nicht dieses System selbst für die größte Kolonialmacht der Welt von überwiegendem Nachteil wäre, ob nicht das „größere Britannien" der Imperialisten in Wirklichkeit gegenüber der heutigen Weltstellung Englands ein kleineres Britannien sein würde. Aber diese weitausschauenden Erwägungen können hier, wo es sich darum handelt, an der Bedeutung eines einzelnen Stapelartikels die Gestaltung der Machtverhältnisse in den weltwirtschaftlichen Beziehungen der einzelnen Länder klarzulegen, nicht weiter verfolgt werden. Wir kehren vielmehr zurück zu unserm praktischen Falle und untersuchen zunächst, wie speziell bei der Baumwolle die weltwirtschaftlichen Verhältnisse gelagert sind, und welche Entwicklungstendenzen sich hier zeigen. II. Die Baumwollproduktion der Erde, soweit sie für den Handel in Betracht kommt, beträgt heute etwa 15 bis 16 Millionen Ballen jährlich. Davon entfallen allein etwa 10 bis 11 Millionen Ballen auf die Vereinigten Staaten von Amerika, 2,5 bis 3 Millionen Ballen auf Ostindien, 1 bis 1,3 Millionen Ballen auf Ägypten Die Baumwollfrage. 7 und ein nicht bedeutender Rest auf einige andere Produktionsgebiete.") Ein wesentlich anderes Bild zeigt die Baumwollverarbeitung. Der größere Teil des gesamten Weltverbrauchs kommt auf Europa, das jährlich etwa 8 Millionen Ballen Rohbaumwolle verarbeitet, davon Großbritannien etwas über 3 Millionen. Der Baumwollverbranch der Vereinigten Staaten stellt sich jetzt auf mehr als 4 Millionen Ballen jährlich; Ostindien konsumiert etwa 1,3 Millionen Ballen pro Jahr, Japan etwa 700 000 Ballen, während der Baumwollverbrauch aller übrigen Länder zusammengenommen nur unbedeutend ist. Der weitaus größte Baumwollkonsument ist mithin derjenige Erdteil, der Baumwolle überhaupt nicht produziert und niemals in sehr erheblichem Umfange wird produzieren können. Daraus ergibt sich, in welchem Maß das Schicksal der gewaltigen europäischen Baumwollindustrie abhängig ist davon, daß es gelingt, für die europäischen Industriestaaten dauernd eine hinreichende Zufuhr von Rohbaumwolle zu sichern. Europas Versorgung mit Rohbaumwolle ist bedingt einmal durch die Gestaltung der Weltproduktion, ferner durch die Gestaltung des eigenen Baumwollverbrauchs der Baumwollproduktionsländer. Wenn wir zunächst betrachten, wie diese Verhältnisse sich gestaltet haben und in der nächsten Zeit voraussichtlich weiter gestalten werden, dann kommen wir zu folgenden Ergebnissen: Wir beobachten während des 19. Jahrhunderts in dem heute weitaus wichtigsten Produktionsland, den Vereinigten Staaten, eine gewaltige Steigerung der Bauinwoll- erzeugung, von der die folgenden Ziffern eine Anschauung geben: Baumwollernte der Vereinigten Staaten: 1842: 760 Millionen engl. Pfund, 1898: 5677 Millionen engl. Pfund, 1843: 1077 - 1899: 5795 1860: 2274 - 1900: 4757 1881: 3200 - 1901: 5298 1891: 4316 1902: 5430 1895: 5037 - - - 1903: 5023 Wir sehen aber auch aus diesen Zahlen, daß mit den Jahren 1898 und 1899 ein vorläufiger Höhepunkt in der nordamerikanischen Baumwollproduktion erreicht worden ist und daß die Produktiousziffern der Jahre 1900 bis 1903 hinter den Ernten der Jahre 1898 und 1899 zurückbleiben. Die Erutebewegung der Vereinigten Staaten ist ausschlaggebend gewesen für die Bewegung der Welternte an Baumwolle. Wenn auch die indische und die ägyptische Baumwollvroduktion im großeu Ganzen gleichfalls eine beträchtliche Zunahme während Mr. I. Arthur Hutton, Vizepräsident der Lrltislt Lotton Nroving ^ssooiÄtion, hat in einer Sitzung der Zls-nokester Ltatistieal Looist)- vom 10. Februar 1304 die Baumwollvroduktion folgendermaßen geschätzt: Vereinigte Staaten........... 11000000 Ballen, Indien............... 3000000 Ägypten............... 1000000 Andere Länder............. 1000000 _ Weltproduktion............. 16 000 000 Ballen. (Vergleiche auch Tabelle I im Anhang.) 2 « Die Baumwollfrage. des 19. Jahrhunderts zu verzeichnen hatten, so blieben die Veränderungen in ihrer Größe doch beträchtlich hinter den Bewegungen der amerikanischen Ernte zurück. Vou 1879 bis 1903 ist die Baumwollproduktion Ostindiens von 618 Millionen auf mehr als 1200 Millionen engl. Pfund, die Baumwollproduktion Ägyptens von 178 Millionen auf 577,5 Millionen engl. Pfund gestiegen. Im ganzen hat sich die Weltproduktion von Baumwolle von etwa 3 Millionen Ballen um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf 15 bis 16 Millionen Ballen um die Wende des 19. Jahrhunderts vermehrt. Seit 1379 hat die durchschnittliche Jahresproduktion der Welt betragen:") 1879 bis 1833: 6 630 000 Ballen, 1891 bis 1898: 13 360 000 Ballen, 1881 - 1838: 9600000 - 1899 - 1903: 15680000 - 1839 - 1893: 11540 000 - Die Stockung, die in der amerikanischen Baumwollproduktion seit 1899 eingetreten ist, findet ihren Ausdruck auch in den Ziffern der Welternte. Seit 1898/99 ist die Welternte auf der Höhe von 15,5 bis 16 Millionen Ballen stehen geblieben. Gegenüber den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, in welchen Europa sich gewöhnt hatte, Jahr für Jahr eine größere Menge von Baumwolle aufzunehmen, und gegenüber der allein schon mit der Zunahme der Bevölkerung fortgesetzt steigenden Nachfrage nach Baumwollwaren bedeutet der Stillstand in der Weltproduktion eine knappere Baumwollversorgung. Zu dem Stillstand in der Produktion kommt nun aber die weitere Erscheinung hinzu, daß die beiden wichtigsten der Baumwollproduktions- länder — die Vereinigten Staaten und Indien — ihre heimische Baumwollindustrie mit Riesenschritten entwickeln und auf diese Weise einen stetig anwachsenden Anteil ihrer Baumwollernte im eigenen Lande verarbeiten. In der Union sind es vor allem die Baumwolle produzierenden Südstaaten, die im Laufe der letzten 10 bis 15 Jahre in der Baumwollverarbeitung geradezu rapide Fortschritte gemacht haben. Die Zahl der Baumwollspindeln in den Südstaaten betrug 1890 erst 1 600 000, im Jahre 1900 stellte sie sich auf 4 541 000, im Jahre 1903 auf 7 039 000. Die Zahl der Spindeln in dem Gesamtgebiet der Vereinigten Staaten hat zugenommen von 14,6 Millionen im Jahre 1890 auf 13,3 Millionen im Jahre 1899 und auf 22,2 Millionen im Jahre 1903. Der Banmwollverbrauch der Vereinigten Staaten betrug im Durchschnitt der 5 Jahre 1376 bis 1880: 1 551 000 Ballen, 1896 bis 1900: 3 410 000 Ballen, und er überschritt in den letzten Jahren den Betrag von 4 000 000 Ballen. Der amerikanische Baumwollverbrauch hat mithin nicht nur mit der gewaltigen Steigerung der eigenen Baumwollerzeugung Schritt gehalten, sondern er hat sich in noch rascherem Tempo als diese gesteigert. Während im Jahrfünft 1876/30 die Vereinigten Staaten von ihrer eigenen Baumwollernte 31,3 Prozent ver- *) Diese Zahlen sind aus einein Vortrag von Mr. Alfred Emmot, der in »?Iis ^Vsst ^.krieari KI-ül- vom 25. März und 1. April 1904 abgedruckt ist, entnommen. — Die Angaben sind naturlich nur als Annäherungswerte aufzufassen. Vor allem ist zu berücksichtigen, daß das Gewicht des Ballens in den einzelnen Ländern ncht genau übereinstimmt. In den Vereinigten Staaten bleibt das Gewicht des Ballens etwas hinter SM 11>s. zurück, in Indien hat der Ballen ein Gewicht von etwa 4OV 1ds.> in Ägvvten wiegt der Ballen etwa 7öl) Ids. Die Baumwollfragc, arbeiteten, haben sie im Jahrfünft 1896/1900 35,3 Prozent und in den 3 Jahren 1901/03 33,9 Prozent der eigenen Ernte konsumiert. Dazu kommt, daß der Fortschritt der amerikanischen Baumwollindustrie im Laufe der letzten Jahre zu einer wesentlichen Steigerung der Einfuhr anderer Qualitäten von Rohbaumwolle, namentlich von ägyptischer Baumwolle, geführt hat, die an Länge und Feinheit des Stapels der amerikanischen Baumwolle überlegen und für bestimmte Zwecke, z. B. für das Merzerisierungsverfahren, allein brauchbar ist. Während im Jahre 1882 erst 4,3 Millionen lks. ausländischer Baumwolle in den Vereinigten Staaten zur Einfuhr gelangten, sind 1892 bereits 28,5 Millionen Ids, importiert worden, und in den letzten Jahren belief sich die Einfuhr auf folgende Mengen: Durch diese steigende Einfuhr fremder Baumwolle hat der Auteil der Vereinigten Staaten an der Verarbeitung der Weltproduktion dieses Rohstoffs eine weitere Vergrößerung erfahren. Ähnlich, wenn auch innerhalb engerer Dimensionen, vollzog sich die Entwicklung in Indien, dem an zweiter Stelle stehenden Produktionsgebiet. In Indien waren im Jahre 1880 nur 1,5 Millionen Spindeln tätig. Im Jahre 1890 stellte sich die Spindelzahl bereits auf 2,9 Millionen, Abermals ein Jahrzehnt später wurden 4,7 Millionen Spindeln gezählt, und im Jahre 1903 wurde die Zahl von 5 Millionen überschritten. Mit der Spindelzahl hat auch hier der einheimische Baumwollverbrauch erheblich zugenommen. Er betrug 1881/85: 450 000 Ballen, 1391/95: 995 000 Ballen. 1895/1900: 1 171000 Ballen, 1903: 1 400 000 Ballen. Indiens Baumwollausfuhr zeigt folgende Bewegung: 1884/1885: 507 Millionen Ids. 1899/1900: 437 Millionen Ids. 1889/1390: 632 - - 1900/1901: 358 1894/1895: 339 - 1901/1902: 570 Soweit Indien in Betracht kommt, ist also bereits seit dem Beginn der 90 er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Einschränkung der Baumwollversorgung deutlich bemerkbar. Die Zunahme des eigenen Baumwollverbrauchs in den wichtigsten Baumwoll- produktiousläudern hat zunächst — solange die Welternte an Baumwolle in einer erheblichen Zunahme begriffen war — zwar noch nicht zu einer Schmälerung der Baumwollzufuhr in den alten Industrieländern geführt, aber sie hat immerhin auch schon vor den Jahren 1898 und 1899 eine beträchtliche Verschiebung in der relativen Bedeutung der einzelnen Länder in der Baumwollindnstrie bewirkt, wie die folgende Zusammenstellung ergibt (vergleiche auch Tabelle II nnd III im Anhang): 1898 1899 1900 1901 1902 1903 Gesamteinfuhr von fremder Baumwolle . . . 49,7 Millionen Ids. Davon aus Ägypten: 33.0 Millionen lks. . . 62.0 . . 60.5 . . 63.3 . . 85.4 . . 63,2 45.5 44,8 52.0 73.8 51,4 1<» Die Baumwollfrage. Spindelznhl (in 1000 Stück): 1890 1895 ^ 1900 1903 Jährlicher Baumwollverbrauch (in 1000 Ballen): 1891,95 ^1896/1900 1903 Großbritannien") . . 44 750 45 400 45 600 47 200 3161 3356 3200 Europ. Kontinent , , 19 258 28 200 33 000 34 000 3874 4586 5096 Vereinigte Staaten. , 14 600 16100 19 100 22 200 2541 3367 4015 2 900 3 772 4 900 5100 994 1171 1400 Noch im Jahre 1890 war also die Spindelzahl Europas (Großbritanniens und des Kontinents) mit 64 Millionen Stück fast viermal so groß wie diejenige Amerikas und Indiens zusammengenommen mit 17,5 Millionen; im Jahre 1903 hatte Europa trotz der absoluten Vermehrung der Spindelzahl auf 81 Millionen nicht mehr ganz dreimal soviel Spindeln als die beiden anderen Länder. Der Baumwollverbrauch Amerikas und Indiens war 1891/95 mit 3,5 Millionen Ballen halb so groß wie derjenige Europas, der sich auf 7 Millionen Ballen belief; im Jahre 1903 war das Verhältnis 5,4 zu 8,3 Millionen Ballen. Am stärksten ist England durch diese Wandlung betroffen worden. Während England noch im Jahre 1890 beträchtlich mehr Spindeln hatte als die ganze übrige Erde zusammengenommen, standen im Jahre 1903 den 47 Millionen englischen Spindeln auf dem europäischen Kontinent, in den Vereinigten Staaten und in Indien etwa 61 Millionen Spindeln gegenüber, zu denen noch etwa 3,6 Millionen in anderen Ländern hinzukommen. Der steigende Baumwollverbrauch in den Produktionsländern mußte natürlich in seiner Wirkung aus die Baumwollversorgung der europäischen Industriestaaten eine beträchtliche Verschärfung erfahren, als in der progressiven Zunahme der Weltproduktion von Baumwolle eine Stockung eintrat. Sowohl in Deutschland als auch in England hat sich das in den Ziffern der Baumwolleinfuhr deutlich bemerkbar gemacht. Der Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr von Rohbaumwolle betrug: In England: In Deutschland: 1871/75 .... 1279 Millionen Ids. 116,4 Millionen kg. 1876/80 ..... 1270 - 124,5 1881/85 .... 1439 - 152,3 1886/90 .... 1542 - 201,0 1891/95 .... 1530 252.4 1896 ..... 1571 - - 256,6 1897 ..... 1499 - -, 287.9 1898 ..... 1925 - - 343.4 1899 ..... 1342 - - 316,3 1900 ..... 1544 - - 335,6 ") Anmerkung: Das ausfallende Mißverhältnis zwischen Spindelzahl und Baumwollkonsum in Großbritannien einerseits und den übrigen Ländern andrerseits (in Großbritannien kommt auf die Spindel nur ein etwa halb so großer Baumwollverbrauch als anderwärts) erklärt sich aus der hochentwickelten Feinspinnerei in England, bei welcher derselbe Rohstoff die Spindel sehr viel länger in Anspruch nimmt als bei der Herstellung gröberer Garnnummern. Die Baumwollfrags, 11 In England: In Deutschland: 1901 . . . . . 1623 Millionen Ibs. 326.8 Millionen k». 1902 ..... 1541 - - 335,6 1903 ..... 1488 - - 363.7 Während in England schon seit 1886/90 eine Stockung in der Baumwollzufuhr zu verzeichnen ist, die nur im Jahre 1893 eine nennenswerte Unterbrechung erfuhr, ist in Deutschland, dessen Baumwollzufuhr bis zum Jahre 1898 eine fortgesetzte und erhebliche Zunahme aufweist, der seither eingetretene Stillstand ganz besonders bemerkenswert. Die ganze Entwicklung in den Verhältnissen von Produktion uud Verbrauch an Baumwolle stand selbstverständlich in einer intimen Wechselwirkung mit der Gestaltung der Baumwollpreise. Die in sechs bis sieben Jahrzehnten eingetretene Steigerung der Baumwollgewinnung auf das Zehnfache hat zu einem beträchtlichen Rückgang des Baumwollpreises geführt, der nur während des amerikanischen Bürgerkrieges, in der Zeit der bekannten „Baumwollhungersnot", eine wesentliche und längere Zeit andauernde Unterbrechung erfuhr. Der Preisrückgang des Rohmaterials allein hat die enorme Ausdehnung des Verbrauchs von Baumwollwaren und den gewaltigen Aufschwung der Baumwollindustrie möglich gemacht; denn nur durch den Preisrückgang sind die untersten Schichten der Bevölkerung aller Kulturstaaten instand gesetzt worden, so enorm steigende Mengen von Baumwollwaren aufzunehmen. In den letzten Jahren jedoch, als die Baumwollerzeugung aufhörte mit der Steigerung der Nachfrage Schritt zn halten, ist unter zeitweise sehr heftigen Schwankungen der Baumwollpreis beträchtlich in die Höhe gegangen. Mr. Alfred Emmot gibt in seinem oben bereits erwähnten Vortrag folgende Übersicht über die Durchschnittspreise des englischen Pfuudes Baumwolle Niää- UnA ^msi-ieÄQ auf dem Liverpooler Markt: 1870/74: 9.21 ä, 1890/94: 4.66 ä, 1875/79: 6,56 6, 1895/99: 3,85 ci, 1880/84: 6,35 lo. 189, Information onneerninx tue ^lexiean Lotton IZoll ^Vsovil, dv ^iV. O, Lunter, Lxsvial ^Mnt in vl^ar-is ok Lntton IZoll "VVesvil Investigation, Division ok ^ntornologv, ^Vasnin-zton löö-t. ^ i,; Die Baumwollsrage, je zehn Landschaften gegenübergestellt, von denen die einen seit 1899 von dem Voll Weevil befallen worden sind, die anderen nicht. Die Landschaften liegen nahe beieinander, so daß die klimatischen Bedingungen und die Witterungsverhältnisse die gleichen sind. Verglichen wird der Ernteertag der beiden Jahre 1899 und 1902, die in bezng auf Regenfall und andere für die Ernte in Betracht kommende Verhältnisse mit einander ungefähr übereinstimmten. Das Ergebnis der Begleichung ist, daß von 1899 auf 1902 in den verseuchten Landschaften die Baumwollernte sich von 371 349 auf 174 174 Ballen, also um 53 Prozent, vermindert hat, während sich die Ernte in den verschont gebliebenen Landschaften von 338 871 auf 379 611, also um 11 Prozent, vermehrt hat. Auch andere Angaben stimmen darüber überein, daß der Boll Weevil die Ertragsfähigkeit des befallenen Landes ungefähr um die Hälfte verringert. Der in Texas im Jahre 1903 durch den Boll Weevil verursachte Minderertrag der Baumwollernte wird auf 740 000 Ballen, also auf etwa 7^/s Prozent der ganzen amerikanischen Baumwollernte, geschätzt. Dazu kommt, daß der Boll Weevil sich unaufhaltsam über weitere Gebiete ausdehnt. Der Chef der entomologischen Abteilung des ^»rieulwral OsMitniellt, der Vereinigten Staaten, Mr. L. O. Howard,^) hält es für sicher, daß der Schädling sich über alle Baumwollgegenden der Union ausbreiten werde; falls nicht energische Maßnahmen zur Bekämpfung ergriffen werden, sei eine Steigerung des jährlichen Schadens bis auf etwa 250 Millionen Dollars, d. i. ungefähr die Hälfte des Wertes der gegegenwärtigen Baumwollernte, zu erwarten. Arbeitermangel, Bodenerschöpfung, Verschlechterung des Saatguts, verheerende Schädlinge — das alles sind keineswegs vorübergehende Ursachen, sondern Momente, die eine längere Zeit andauernde Hemmung der Produktion von amerikanischer Baumwolle befürchten lassen. Nicht wesentlich günstiger stehen die Produktionsverhältnisse in den beiden Ländern, die nach den Vereinigten Staaten — allerdings in großem Abstand und unter mancherlei Beschränkungen — für die Versorgung unserer Baumwollindustrie in Betracht kommen. In Indien ist, wie bereits hervorgehoben wurde, die Baumwollerzeugung schon seit dem Jahre 1890 ins Stocken gekommen. Es besteht eine allgemeine Übereinstimmung nicht nur darüber, daß die indische Baumwolle im Laufe der letzten 10 bis 15 Jahre eine entschiedene Verschlechterung erfahren hat, sondern auch darüber, daß dem indischen Ryot nur sehr schwer und sehr langsam eine bessere Auswahl des Saatguts und eine rationellere Kulturmethode beizubringen sein wird. Die Versuche, die in Indien mit amerikanischer und anderer fremder Saat gemacht worden sind, haben sämtlich einen Fehlschlag ergeben, so daß man heute von Experimenten nach dieser Richtung hin nichts mehr erwartet. Ein baldiger neuer Aufschwung der indischen Baumwollproduktion, durch welchen die Knappheit an amerikanischer Baumwolle auch nur annährend ausgeglichen werden könnte, steht deshalb nicht in Aussicht. *) Siehe den Artikel von Howard im Februarheft 1304 der „.i.raerieari Hlontlil^ Illn- strstecl Revier ok Revisws". Die Baummollfrage. l7 Was Ägypten anlangt, so ist das verfügbare Areal relativ klein, und es hat auch durch den großen Staudamm bei Assuan nur eine Vergrößerung um etwa 15 Prozent erfahren. Eine sehr bedeutende Steigerung der Produktion wird auch hier nicht möglich sein. Dagegen sind gerade in den allerletzten Tagen Nachrichten aus Ägypten gekommen, nach denen in den dortigen Baumwollgebieten große Massen von Heuschrecken aufgetreten sind — zum ersten Male wieder seit 1891 —, die der jungen Baumwollsaat gefährlich zu werden drohen. Bewahrheiten sich die Besorgnisse, dann würde die Knappheit an amerikanischer Baumwolle in diesem Jahre durch einen schlechten Ausfall der ägyptischen Ernte noch verschärft werden. Wenn so die Verhältnisse der wichtigsten Produktionsgebiete die europäischen Industriestaaten nötigen, sich mit dem Gedanken einer längere Zeit andauernden Stockung der Baumwollproduktion vertraut zu machen, so kommt als ein weiteres Moment hinzu, daß auch die weltwirtschaftliche Verschiebung im Baumwollverbrauch, wie wir sie für die letzten Jahrzehnte beobachtet haben, aller Voraussicht nach auch in der Zukunft noch iveitere Fortschritte zuungunsten Europas machen wird. Die Zunahme der Baumwollverarbeitung in den Gebieten der Baumwollerzeuguug beruht auf den natürlichen Vorteilen, welche die Nähe der Gewinnungsstätte des Rohstoffs einer jeden Industrie gewährt, sobald nur die nötigen Arbeitskräfte, die nötige technische Schulung der Arbeiter und die erforderlichen Kapitalien für einen industriellen Betrieb vorhanden sind. Je mehr Amerika und Indien in ihrer ganzen Entwickelung fortschreiten, desto mehr werden diese letzteren Voraussetzungen gegeben sein, desto größer muß infolgedessen der Anteil werden, den diese Länder von ihrer eigenen Baumwollproduktion selbst verarbeiten. Ob diese Entwicklung sich schneller oder langsamer vollzieht, ob sie gelegentlich durch Rückschläge unterbrochen wird, das alles ist nicht entscheidend. Auf alle Fälle haben sich die europäischen Industriestaaten darauf einzurichten, daß sich auch in der Zukunft ihr Anteil an der amerikanischen und indischen Baumwollerzeugung allmählich weiter verringern wird. Und damit muß sich die europäische Baumwollindustrie auch auf relativ hohe Baumwollpreise gefaßt machen. Zwar ist nicht zu bestreiken, daß die Preisgestaltung der letzten Jahre durch eine wilde Spekulation stark beeinflußt war und daß insbesondere die heftigen Preisschwankungen, die mitunter innerhalb ganz kurzer Zeiträume sich vollzogen haben, auf die Kraftproben der Hausse- und Baisse- Partei in Amerika zurückzuführen sind. Aber auch daran kann kein Zweifel sein, daß die Haussespekulation bei allen ihren Übertreibungen und Ausschreitungen von der Gestaltung der realen Faktoren des Baumwollmarktes ausgegangen ist. Mr. Sully, der schließlich das Opfer seiner verwegenen Haussespekulation geworden ist, hat in dem oben erwähnten Aufsatz sehr richtig und klar auseinandergesetzt, daß keine Spekulation auf die Dauer erfolgreich sein könne, die mit der auf der tatsächlichen Gestaltung von Angebot und Nachfrage beruhenden Tendenz des Marktes in Widerspruch stehe. Er hätte hinzufügen müssen, daß der Erfolg der Spekulation nicht nur von der zutreffenden Beurteilung der Richtuug der Markttendenz, sondern auch von dem richtigen Augenmaß für die Größe der zu erwartenden Preisverschiebuugen abhängig ist. Er ist an einer Überschätzung der auf eine Preissteigerung der Baumwolle hinwirkenden Ursachen 1.^ Die Baumwollfrage, zugrunde gegaugeu; daß er sich in der Richtung der Preisbewegung nicht geirrt hat, daß die Hausse in Baumwolle in der Gestaltung von Produktion nnd Bedarf eine sehr reale Grundlage hatte, dafür sind die Wirkungen seines eigenen Zusammenbruchs ein Beweis. Je mehr für eine starke Hausse die tatsächlichen Vorbedingungen fehlen, desto stärker der Preissturz, der auf den Zusammenbruch der Haussespekulation folgen muß- Nach dem Zusammenbruch der Baumwollhausse in der ersten Februarwoche 1904 haben sich die Baumwollpreise zwar niedriger gestellt als in den letzten Wochen der Überspekulation, aber sie halten sich auch heute noch auf einem Niveau, welches nicht unwesentlich höher ist als der Durchschnitt selbst des Jahres 1903 und mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt des Jahres 1898. Die europäischen Baumwollindustrien werden demnach fürs nächste mit dem Fortbestand relativ hoher Baumwollpreise und infolgedessen vielleicht mit einem Rückschlag in der Entwicklung des Verbrauchs von Baumwollwaren rechnen müssen. Auch an eine größere Stetigkeit der Preise, wie sie für die gesunde Entwicklung der Industrie nötig ist, kann so lange nicht gedacht werden, als Amerika vermöge seines unbedingten Übergewichts in der Baumwollproduktion die Preise diktiert und als man es der wilden Spekulationslust der Amerikaner nicht verwehren kann, die schwierigen Verhältnisse der Baumwollversorgung zu einem Fangballspiel mit den Baumwollpreisen auszunutzen. III. Die geschilderte Entwicklung von Baumwollproduktion und Baumwollverbrauch stellt die europäischen Staaten vor das Problem, auf welche Weise sie die Grundlagen einer ihrer allerwichtigsten Industrien gegenüber der wachsenden Bedrohung durch die Knappheit der Rohstoffzufuhr und durch das Rohstoffmouopol der Vereinigten Staaten sicherstellen können. Die europäische Baumwollindustrie selbst hat bis vor wenigen Jahren jeden Schritt zu einer solchen Sicherung ihrer Existenzgrundlagen unterlassen. Es war für sie am bequemsten, ihr Rohmaterial dort zu kaufen, wo es in der besten Qualität und zn den billigsten Preisen zu kaufen war. Auf diese Weise haben die Vereinigten Staaten die anderen Produktionsländer — abgesehen von Ägypten — mehr und mehr verdrängt. Von dem großen an sich für den Baumwollbau geeigneten Areal, das auf der Erde zur Verfügung steht, von dem „Oottvn IZsIt,", wie der Engländer sagt, ist heute nur ein verhältnismäßig kleiner Teil für den Baumwollbau in Benutzung genommen. Die Baumwollerzeugung konzentriert sich heute mehr auf ganz bestimmte Gebiete, als es in früheren Zeiten der Fall war. Solange Amerika der europäischen Industrie in übergroßer Fülle und zu fortgesetzt weichenden Preisen die benötigte Rohbaumwolle zur Verfügung stellte, dachten die Industriellen in keinem europäischen Staate daran, sich unter Opfern neben Amerika andere Bezugsquellen zu erhalten oder neue Bezugsquellen aufzuschließen. Charakteristisch ist in dieser Beziehung das Schicksal, das bei uns in Deutschland der erste Anlauf zur Beförderung der Baumwollkultur in unseren Kolonien hatte. Es ist über dieses Vorspiel zu den heutigen Versuchen auf dem Gebiet der kolonialen Die Baumwvllfrcigc, 1Ü Baumwollkultur bisher selbst in engereu Kreisen kaum etwas bekannt, aber dieser erste, wenn auch schließlich erfolglose Schritt ist gerade in Beziehung zu den heutigen Bestrebungen interessant genug, um der Vergessenheit entrissen zu werden. Der Vater des Gedankens einer planmäßigen Förderung der Baumwollknltur in den deutschen Kolonien ist kein Geringerer als der Reichskanzler Fürst Bismarck. Am 17. September 1889 brachten die „Berliner Politischen Nachrichten" einen kurzen Auszug aus einem Artikel der „NimolieZtsr Dxg,miuki- g,vä l'imes" über die Kultur der Baumwolle in Westafrika. In dem Artikel war die Frage aufgeworfen, ob es nicht möglich sein sollte, die Eingeborenen Afrikas zur Anpflanzung von Baumwolle zu veranlassen; das Operationsfeld ; für ein solches Unternehmen müsse an der Westküste Afrikas liegen, von wo wir etwa ebensoweit entfernt wären, wie von New- Orleans, ohne — wie es bei dem Bezug von Baumwolle von der Ostküste Afrikas der Fall wäre — Kanalgebühren zahlen zu müssen. Dieser Artikel gab dem Fürsten Bismarck Anlaß zu der Anordnung, es sollte Herr v. Soden, der damalige Gouverneur von'Kamerun, zu einer gutachtlichen Äußerung darüber aufgefordert werden, ob und in welcher Weise die Baumwollkultur in unseren westafrikanischeu Besitzungen eingeführt werden könne. Desgleichen solle Herr v. Hansemann über die Aussichten der Baumwollkultur in Neu-Guinea gehört werden. Dabei bekundete Fürst Bismarck als seine Ansicht, daß ihm der Anbau von Baumwolle da, wo er möglich sei, als eines der wichtigsten Mittel zur wirtschaftlichen Förderung überseeischer Gebiete erscheine. Nachdem dem Reichskanzler umgehend Vortrag über die damals schon vorliegenden Feststellungen über das Vorkommen von Baumwolle und über die privaten Versuche mit Bammvollpflanzungen in den deutschen Schutzgebieten gehalten worden war, ließ der Reichskanzler die deutsche Gesandtschaft in Washington anweisen, sie solle die Konsuln in den amerikanischen Baumwolldistrikten zum Bericht auffordern, ob dort eine geeignete Persönlichkeit, womöglich deutschen Ursprungs, zu finden wäre, die man nach unseren westafrikanischen Besitzungen oder Neu-Guinea entsenden könnte, um an Ort und Stelle die Baumwollpflanzungen zu überwachen und mit Rat und Tat einzugreifen. Gleichzeitig erklärte sich der Reichskanzler bereit, die Kosten auf seinen Dispositionsfonds zu übernehmen. Da es Schwierigkeiten machte, in den Vereinigten Staaten eine geeignete Persönlichkeit zu finden, wurde ein Pflanzer, der in der Südsee in der Baumwollkultur tätig gewesen war, als Sachverständiger engagiert und im Mai 1890 zunächst nach Togo und dann nach Kamerun ausgesendet. In beiden Schutzgebieten wurden kleinere Versuchspflauzungen angelegt; da aber offenbar ohne System und ohne die notwendigen Vorarbeiten verfahren wurde, war das Ergebnis kein befriedigendes. Auch die Versuche, die Eingeborenen heranzuziehen, scheiterten. Der Sachverständige berichtete darüber aus Togo im Herbst 1890, es sei in den 60 er Jahren Baumwolle in größeren Mengen von den Eingeborenen angebaut und von französischen Kaufleuten für den Export aufgekauft worden. Mit dem starken Preisrückgang nach dem amerikanischen Bürgerkrieg sei jedoch ein böser Rückschlag gekommen, der den Baumwollbau bei den Eingeborenen in Verruf gebracht habe. Er habe versucht, die Häuptlinge für den Baumwollbau zu interessieren, doch ihre Frage sei stets: was sollen wir mit der 20 Die Baumwollfrage. Baumwolle, wer kauft sie uns ab? Außerdem seien zur Überwindung der Transportschwierigkeiten Gin-Maschinen und Pressen im Innern notwendig, die ohne Wege nicht dorthin gebracht werden könnten. Kurz, es zeigte sich sehr bald, daß ein planmäßiges Vorgehen und größere Mittel die unerläßliche Voraussetzung für einen Erfolg darstellen. Um die Grundlagen für eine bessere Organisation der Baumwollkulturversuche zu schaffen, wendete sich die Regierung zu Beginn des Jahres 1892 an zwei der großen Unternehmerverbände, bei welchen ein Interesse an dieser wichtigen Frage erwartet werden konnte, nämlich an den Zentralverband deutscher Industrieller und an den Verein süddeutscher Baumwollindustrieller, um deren Mitwirkung bei einem weiteren Vorgehen auf dem Gebiet des Baumwollanbaus zu gewinnen. „Innerhalb der ihr zur Verfügung stehenden Mittel" — so heißt es in einem der hier in Betracht kommenden Schreiben — „ist die Kolonialverwaltung bereit, die Anlage von Baumwollpflanzungeu in unseren Schutzgebieten nach Möglichkeit zu fördern. Ohne die tatkräftige Beteiligung der nächsten Interessenten werden aber die Schritte der Regierung ergebnislos bleiben." Die beiden befragten Verbände glaubten jedoch, bei aller Anerkennung der eminenten wirtschaftlichen Bedeutung der Förderung der kolonialen Baumwollkultur, bei der damaligen Lage des Baumwollmarktes nnd der Baumwollindustrie außerstande zu sein, sich tatkräftig an den geplanten Versuchen zu beteiligen. Es wurde darauf hingewiesen, daß die reichen amerikanischen Ernten eine Überfüllung des Baumwollmarktes und eine Entwertung der Rohbaumwolle und damit große Verluste für die Spinnerei herbeigeführt hätten; daß ferner die Stockung des Absatzes von Geweben und Garnen die deutschen Baumwollspinnereien veranlaßt habe, Vereinbarungen über Produktionseinschränkungen in Erwägung zu ziehen. Unter diesen schwierigen Verhältnissen sei die Baumwollindustrie nicht in der Lage, für den Baumwollanbau in den deutschen Kolonien Mittel zur Verfügung zu stellen; es dürfte vielmehr zweckmäßig sein, von der Erörterung der Frage in einem weiteren Kreise von Vertretern der Baumwollindustrie und des Baumwollhandels abzusehen und einen geeigneteren Zeitpunkt abzuwarten, bis zu welchem sich auch die Verhältnisse in unseren Schutzgebieten mehr konsolidiert haben würden. Das war die Sachlage 'vor 12 Jahren, zu einer Zeit, als die Zunahme der amerikanischen Baumwollernte» noch Schritt hielt mit der Steigerung des amerikanischen Baumwollverbrauchs und als die Baumwollcrzeugung dem Weltbedarf noch vorauseilte. Kaum jemand hat damals vorausgesehen, wie rasch die Verhältnisse sich ändern würden und wie rasch an die Stelle der durch Überflutung des Marktes und Preisrückgänge verursachten Verluste die Sorge um die Beschaffung des benötigten Rohmaterials und die Einbußen durch ungemessene Preissteigerungen treten würden. Heute ist sich die Baumwollindustrie aller europäischen Länder darüber einig, daß ihre Zukunft zu einem wesentlichen Teil davon abhängt, ob es gelingt, durch die Einführung der Baumwollkultur in neuen Gebieten nicht nur die Baumwollproduktion der Erde in einem der Steigerung des Bedarfs entsprechenden Tempo zu vermehren, sondern auch das Baumwollmonopol der Vereinigten Staaten zu brechen. Die Bedeutung dieser Frage reicht weit über den Kreis der unmittelbar interessierten Die Baumwollfrags. 21 Baumwollindustric hinaus. Wie im ersten Teil dieses Aufsatzes gezeigt wurde, spielt die Baumwolle in der gestimmten Erwerbs- und Verbrauchswirtschaft der europäischen Industriestaaten eine solche Rolle, daß durch die Gestaltung der Baumwollversorgung der Nationalreichtum dieser Staaten und die Lebenshaltung ihrer Bevölkerung auf das stärkste berührt werden. Nicht zum wenigsten hängt von der Lösung der Baumwollsrage ab die wirtschaftliche Machtstellung des alten Europa gegenüber der aufstrebenden und herrschlustigen Tochter jenseits des Ozeans. Diese Erkenntnis hat bewirkt, daß im Laufe der letzten Jahre in den verschiedenen europäischen Industriestaaten eine rasch anwachsende Bewegung entstanden ist, welche die Einführung der Baumwollkultur auf einer möglichst breiten Basis in bisher vernachlässigten Gebieten bezweckt. Abgesehen von Rußland,") wo die Verhältnisse durchaus anders liegen als in Mittel- und Westeuropa, ist die Bewegung zugunsten der Ausdehnung des Baumwollbaus, der „Baumwollkulturkampf", überall aus der privaten Initiative der unmittelbar berührten Kreise hervorgegangen, und bei aller Unterstützung, die ihr von amtlichen Stellen zuteil wird, zieht die Bewegung auch in ihrer weiteren Entwicklung aus der privaten Initiative ihre beste Kraft. Die Bewegung ist organisiert in großen Vereinigungen, die im Wege von freiwilligen Beiträgen ihrer in der Hauptsache aus Interessenten und Interessenten- Verbänden bestehenden Mitglieder die Mittel zur Förderung der Baumwollkultur in neuen Gebieten aufbringen. In Deutschland hat das Kolonialwirtschaftliche Komitee"*) sich bereits im Jahre 1900 entschlossen, unter Verzicht auf weitere theoretische Erörte- *) Nußland ist seit einer Neihe von Jahren bemüht, die Versorgung seiner jungen Baum- wollindustrie mit Rohmaterial durch die Produktion auf russischem Boden in Turkestan uud in Transkaukasien zu bewirken. Es hat zur Unterstützung der Baumwollkultur in jenen Gegenden nicht nur gewaltige Summen aus öffentlichen Mitteln für Bewässerungsanlagen, Versuchspflanzungen, Eisenbahnen, Subsidien an Baumwollpflanzer usw. aufgewendet, sondern es hat außerdem durch einen hohen Zoll auf fremde Rohbaumwolle die russische Industrie genötigt, in erster Linie die russisch-asiatische Baumwolle zu verarbeiten. Nußland, dessen junge Baumwollindustrie gen einheimischen Bedarf noch keineswegs deckt, geschweige denn Exportinteressen hat, konnte zu dem Gewaltmittel eines hohen Zolls auf fremde Rohbaumwolle greifen und seine Industrie durch noch höhere Zölle auf Baumwollwaren schadlos halten, obwohl auch hier die nachteilige Wirkung bleibt, daß die erhöhten Preise der Baumwollmaren den einheimischen Verbrauch und damit schließlich auch die einheimische Baumwollindustrie in der Entwicklung hemmen. Für Länder mit einem großen Export von Baumwollfabrikaten scheidet ein Zoll auf Rohbaumwolle aus dein Kreis der Maßnahmen zur Förderung einer eigenen Baumwollproduktion von vornherein aus. Aber auch die direkte Subventionierung der Baumwollkulturcn durch große Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln kann für die übrigen europäischen Staaten kaum vorbildlich sein. Nur der „aufgeklärte Absolutismus" ist zu einer solchen künstlichen Züchtung von Industrien und landwirtschaftlichen Kulturen aus einem zielbewußten und einheitlichen Willen heraus imstande. Dagegen kann allerdings das planmäßige Vorgehen der Russen mit Bewässerungsanlagen, Versuchspflanzungen usw. auch für die westlichen Nationen als Vorbild dienen. **) Vergl. Karl Sups, Zur Baumwollsrage, Berliu 1900. Über die Arbeiten des Kolonialwirtschaftlichen Komitees berichten die fortlaufend erscheinenden Mitteilungen über dessen Verhand- luugen, ferner die von dem Komitee herausgegebenen Spezialberichte: Baumwollexpedition nach Togo, Bericht 1901; Deutsch-koloniale Baumwollunternehmungen 1902/03, II. Bericht; Deutsch-koloniale Baumwollunternehmungen 1903/04, III. Bericht. 22 Die Baumwollsrage. rung in der Kolonie Togo einen praktischen Versuch mit der Einführung der Baumkultur nach einem wohlvorbereiteten und systematischen Plane zu unternehmen. In England wurden die von einzelnen Handelskammern (vor allen von Oldham, Manchester und Liverpool) ausgehenden Bestrebungen im Mai 1902 in der „Lritisli <üottoQ Oi-ovinA ^LsoLiAtlon^) zusammengefaßt. Im Januar 1903 gründeten die französischen BaumwoUinteressenten nach dem deutschen und englischen Vorbild die „^.ssociAtioii Lottoniörs Oolonials"^) und noch in demselben Jahre thaten sich die belgischen Interessenten gleichfalls zu einer „^.Zsooistion Oottonisi's" zusammen. Es ist natürlich, daß die einzelnen Vereinigungen ihr Augenmerk zunächst auf die für den Baumwollbau geeigneten Kolonien ihres Heimatlandes richteten; daß sie auf Gruud der bisherigen Kenntnisse und Erfahrungen in eine Prüfung darüber eintraten, welcher Teil ihres Kolonialbesitzes für die Einführung einer leistungsfähigen Baumwollkultur den besten Erfolg verspreche. Soviel bis jetzt feststeht, kommeu in erster Linie in Betracht die westafrikanischen Kolonien Englands, Frankreichs und Deutschlands, in denen die klimatischen Verhältnisse, die Bodenbeschaffenheit und die Bevölkerung besonders günstige Vorbedingungen für den Baumwollanbau darstellen. Die Baumwolle ist seit den ältesten Zeiten in jenen Gebieten einheimisch, und zur Zeit der Baumwollnot wnrdcn nicht unerhebliche Quantitäten von Baumwolle von dort exportiert. Die Baumwollausfuhr von Lagos allein betrug noch im Jahre 1870 etwa 1 Million Ibs., hörte aber dann — ebenso wie die oben erwähnte Baumwollausfuhr aus Togo — infolge des Preisrückgangs so gut wie vollständig auf. Die einheimische Baumwolle ist allerdings überwiegend in einem mehr oder weniger verwilderten Zustand, aber es haben sich auch unter den einheimischen Arten Qualitäten gefunden, die der Durchschnittsqualität der amerikanischen Baumwolle überlegen sind, und vor allem hat es sich möglich gezeigt, durch Kreuzungen und rationelle Kulturmethoden ein Produkt zu gewinnen, das es mit dem amerikanischen durchaus aufnehmen kann. Neben Westafrika scheinen vor allem Britisch- und Dentsch-Ostafrika sowie Britisch-Zentralafrika günstige Aussichten zu bieten, und zwar namentlich für die Produktion einer der ägyptischen Baumwolle nahe kommenden Qualität. Es wird namentlich in England viel bemerkt, daß — während bisher alle Versuche, die ägyptische Baumwolle in Amerika oder Indien zu naturalisieren, gescheitert sind — die ägyptische Baumwolle in Ostasrika ihre charakteristische nnd wertvolle Eigenschaft, den langen und seidenartigen Stapel, behält. Eine Baumwollprobe aus Deutsch-Ostafrika wurde von der Liverpooler Baumwollbörse als „tns dsst L^Man substituts evsr xroäucöä" bewertet. Abgesehen von den beiden genannten Länderkomplexen, kommen für die Versuche mit Baumwollkulturen in dem großen „vottov Lslt" natürlich noch zahlreiche andere Die vollständigste Auskunft über die Arbeiten dieser Vereinigung ist enthalten in dem bereits mehrfach erwähnten Bericht von Hutton, abgedruckt in der ,>Vest ^kriean Mail" vom 19. Februar 1904. Vergl. den Bericht von Maigret in der „Revue clss Lulturss Oolouiales^ vom 5. März 1904. Die Baumwollfrage. N Gebiete in Betracht; für die Engländer vor allem Westindie», woher vor hundert Jahren England die Hälfte seines Bedarfs an Rohbaumwolle bezog; für Deutschland außerhalb seines eigenen Kolonialreichs vor allem gewisse Gebiete in Kleinasien, in denen wir heute schon größere wirtschaftliche Interessen haben. Kurz, es ist ein gewaltiges und aussichtsvolles Feld, das der Tätigkeit der europäische» Banmwollvereinigungen offensteht. Aber auch darüber darf man sich wohl keinen Illusionen hingeben, daß es großer Aufwendungen sowie einer ausdauernden und planmäßigen Arbeit bedürfen wird, um dieses Feld für die europäische Baumwollindustrie nutzbar zu machen. Das deutsche Kolonialwirtschaftliche Komitee darf stolz darauf sein, daß es nicht nur den Anstoß zu der wirksamen Organisation der kolonialen Baumwollkulturversuche gegeben hat, sondern daß es auch mit seiner Arbeitsmethode — namentlich in Westafrika — vorbildlich gewirkt hat. Dieses große Verdienst wird auch vom Auslande neidlos anerkannt. So hat Mr. Hutton in seinem mehrfach erwähnten Bericht ausgeführt: „Der Goldküste benachbart ist die deutsche Kolonie Togo, die zwar nicht in das Bereich meines Themas fällt, die jedoch höchst interessant ist als das Gebiet, auf dem der erste Versuch, den Baumwollbau auf einer wissenschaftlichen Grundlage in Westafrika einzuführen, gemacht worden ist. Das deutsche Kolouialwirtschaftliche Komitee hat dort seine Arbeiten im Jahre 1301 begonnen, und hat — wie alles, was diese intelligente Nation tut — sein Unternehmen von vornherein ans eine gesunde und wissenschaftliche Grundlage gestellt. Es ist dort eine große erzieherische Arbeit geleistet worden, und es sind alle Arten von Versuchen ausgeführt worden, wie das Hybridisieren und Sterilisieren des Samens, Versuche mit künstlicher Befruchtung der Baumwolle, ferner Versuche mit Impfungen des Viehs gegen die Tsetsefliege usw. Das Komitee hat uns in der entgegenkommendsten Weise die Ergebnisse seiner Erfahrungen zur Verfügung gestellt, nicht nur in Westafrika, sondern auch in Ostafrika und anderwärts, und ich freue mich sagen zu können, daß zwischen dieser wichtigen Vereinigung und der britischen Oottov. (ZrowinZ ^.ssoLiativri die besten Beziehungen bestehen, und daß auf beiden Seiten anerkannt wird, daß England und Deutschland bei dem gegenwärtigen Wellengang in demselben Boote sitzen und sich gegenseitig helfen müssen." Das System, nach welchem das Kolonialwirtschaftliche Komitee bisher in Togo gearbeitet hat und das in seinen wesentlichen Zügen von den Engländern uud Franzosen in ihren westafrikanischen Besitzungen adoptiert worden ist, geht darauf hinaus, den Baumwollanbau als Eingeborenenkultur, d. h. als Kleinkultur der ackerbautreibenden Eingeborenen, einzuführen, und zwar unter Zuhilfenahme amerikanischer Neger, die theoretisch und praktisch in der Baumwollkultur ausgebildet sind. Einige solche Baumwollexperten sowie die notwendige maschinelle Ausrüstung wurden von dem unter der Leitung des bekannten Booker Washington stehenden l'usIiöAes Normal ancl In»Zustii^1 Institute in Alabama beschafft. Im November 1900 trat die erste Baumwollexpedition des Kolonialivirt- schaftlichen Komitees ihre Ausreise nach Togo an. Ihre Aufgabe war eine vorbereitende; sie sollte die Möglichkeit einer rationellen Baumwollkultur als Eingeborenen- ^4 Die Baumwollfrage. kultur in Togo festellen und gegebenenfalls die Marktfähigkeit des Produkts für die deutsche Industrie nachweisen. Die Aufgabe wurde gelöst durch die Errichtung einer Versuchs- und Lehrstation in Tove, im Zentrum des für den Baumwollanbau in Betracht kommenden Gebiets, und durch die Errichtung einer Anzahl von kleineren Versuchsfarmen bei den einzelnen Regierungsstationen, deren Leiter angewiesen waren, den Bestrebungen der Expedition jede mögliche Förderung angedeihen zu lassen. Die Pflanzung in Tove stellte in zahlreichen Versuchen die günstigste Pflanzzeit fest und ermittelte die für den Anbau sich am besteu eignenden Varietäten; sie zog ferner Eingeborene aus den verschiedensten Teilen der Kolonie heran, um sie in der Anwendung rationeller Kulturmethoden, im Gebrauch von Pflug, Ginmaschine und Presse usw. zu unterweisen. Auf Grund der Erfahrungen der Versuchspflanzung in Verbindung mit denjenigen der Statiousfarmen konnte das Komitee die Ergebnisse des ersten Versuchsjahres (1901) dahin zusammenfassen, daß das für den Baumwollanbau geeignete Areal der Kolonie Togo an Ausdehnung ungefähr dem Baumwollareal Ägyptens entspreche; daß die klimatischen und Bodenverhältnisse für die Baumwolle günstig seien; daß die erzielte Baumwolle in ihrer Qualität mindestens der Marke wiclälinA Ainei-ieau gleich, iu ihrer Ausgiebigkeit jedoch noch verbesserungsfähig sei; daß die verhältnismäßig dichte Bevölkerung zur Aufnahme der Baumwollkultur sich hinreichend willig und intelligent zeige; daß schließlich die Rentabilität der Baumwollkultur als Eingeborenenkultur gesichert erscheine, sobald eine Verbilligung des Transports, insbesondere durch den Ban einer Eisenbahn von der Küste nach dem Hinterlande, erreicht sei. Auf dieser im ersten Versuchsjahr gewonnenen Grundlage ist seither mit wachsendem Erfolg weiter gearbeitet worden. Vor allem ist das Komitee dazu übergegangen, an einzelnen Plätzen schwarze amerikanische Baumwollfarmer als Lehrmeister anzusiedeln und eine Reihe von Stationen zu errichten, die mit Ginmaschinen und Baumwollpressen ausgestattet sind, die gleichzeitig die von den Eingeborenen produzierte Baumwolle zu bestimmten Preisen aufkaufen und die ferner die Eingeborenen mit dem geeigneten Saatgut versehen. Neben der Versuchspflanzung in Tove ist im Atakpame- bezirk eine Banmwollschule für Eingeborene errichtet worden, die unter der Leitung dreier farbiger Amerikaner steht. Diese Organisation, welche den Eingeborenen vor allem den Absatz ihres Erzeugnisses außerordentlich erleichtert und ihnen damit ein erhöhtes Interesse am Baumwollbau gibt, hat ihre Spitze erhalten in der im Jahre 1903 eingerichteten Baumwolliuspektion, deren Leitung einem erprobten deutsch-amerikanischen Baumwollfarmer anvertraut ist und der außerdem ein in Westafrika erfahrener Kaufmann und ein Maschinenmeister angehören. Die Mitglieder der Inspektion bereisen während der Pflanzungs- und Ernteperiode das ganze Baumwollgebiel, um den Pflanzern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Sie überwachen ferner die Versuchsstation, die Baumwollschule, die Aufkaufs- und Ginstationen. Der Erfolg der bisherigen Tätigkeit ist eine Verbilligung des Ginnens und — durch eine vorteilhaftere Pressung — auch des Transports, ferner eine Steigerung der Ausgiebigkeit der Baumwolle, eine fortschreitende Verbesserung der Qualität und eine erhebliche Vergrößerung der Anbaufläche und der Erntemeuge. Kreuzungsversuche amerikanischer mit einheimischer Saat haben für die Togo-Baumwolle als bisher höchste Die Baumwollfrage. 2'> Taxe ergeben: „lull)? ^ooä MiäälivA, etwa 30 min Stapel, Wert am 25. Februar 1904 75 Pfennig pro ^/s Der Ernteertrag des ersten Versuchsjahres hat 25 000 Pfund entkernte Baumwolle ergeben, die Ernte des zweiten Bersuchsjahres stellte sich auf 50 000 Pfnnd, 1903 wurden 100 000 Pfund erzielt, die jetzt hereinkommende Ernte von 1904 wird auf 200 000 Pfund geschätzt,' und in diesem Jahre ist es gelungen, die Anbaufläche aus das Fünffache zu vermehren, so daß für 1905 eine Ernte von etwa 1 Million Pfund erwartet werden kann. Auch diese letztere Menge ist, absolut genommen, noch verschwindend klein, aber die rasche und progressive Zunahme der Produktion berechtigt zu guten Erwartungen für die Zukunft. Am 24. März 1902 tagte in Berlin eine von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts einberufene Kommission von Sachverständigen uud Interessenten auf dem Gebiet des Baumwollanbaus, des Baumwollhandels und der Baumwollindnstrie. Ans Grund der Ergebnisse und Beschlüsse dieser Konferenz hat das Kolonialwirt- schaflliche Komitee seine Arbeiten noch im Jahre 1902 auch auf Deutsch-Ostafrika ausgedehnt. In dieser Kolonie bewegen sich die Arbeiten des Komitees zum Teil auf einer anderen Basis als in Togo. Der Stand der Bevölkerung läßt dort von der Baumwollkultur iu der Form eines selbständigen Kleinbetriebs der Eingeborenen, wie er in Togo so gute Erfolge verspricht, für die nächste Zeit noch nicht allzuviel erwarten. Günstigere Aussichten bieten hier die mehr nach Art von Plantagen betriebenen, von Europäern geleiteten und mit farbigen Arbeitern wirtschaftenden Versuchspflanzungen, wie sie sowohl von einzelnen europäischen Farmern als auch von Kommunen und Missionen eingerichtet worden sind. Frühere Versuche dieser Art sind großenteils an dem Mangel eines systematischen Vorgehens und einer planmäßigen Zusammenfassung und Sichtung der gemachten Erfahrungen gescheitert. Das Kolonialwirtschaftliche Komitee hat im Jahre 1903 auch hier eine Baumwollinspektion eingerichtet, die ebenso wie in Togo von einem deutsch-amerikanischen Baumwollfarmer geleitet wird und der außerdem ein landwirtschaftlicher Assistent und ein Maschinentechuiker zugeteilt sind. Die Inspektion hat die Aufgabe, den einzelnen Pflanzungen mit sachverständigem Rat znr Seite zu stehen und deren Erfahruugen zu verwerten. Außerdem unterstützt das Komitee die Banmwollsarmer durch die Gewährung von Anbauprämien, durch die unentgeltliche Überlassung von Saatgut und Lieferung von Ginmaschinen und Baumwollpressen; ferner dadurch, daß es den Pflanzern jede Menge Baumwolle zu bestimmten Preisen abnimmt. Zur Zeit wird in der Kolonie ein Zentralginstation mit , Dampfbetrieb errichtet. Außerdem sind bei den verschiedenen Pflanzungen bereits 26 Ginmaschinen und 23 Pressen im Betrieb. Insgesammt sind in den Küsten- bezirkeu über 2000 lia bereits mit Banmwolle bestellt. Das Komitee bereitet eine Banmwollkultur großen Stils in Rufiyi-Delta vor, wo nach dem Urteil der Sachverständigen allein etwa 700 000 u-i, vorzügliches Baumwollland zur Verfügung stehen sollen. Auch hier wird ein Deutsch-Amerikaner, der bisher im Dienste der Regierung der Vereinigten Staaten eine Baumwollversuchs- uud Lehrstation in Texas geleitet hat, mit der Durchführung der Aufgabe betraut werden. Das Komitee verwirklicht also, soweit die Leitung seiner Versuche in Betracht koinmt, mit der Heranziehung deutsch-amerikanischer Sachverständigen den Gedanken, den Fürst Bismarck schon im 26 Die Baumwollftage, Jahre 1889, als er der kolonialen Baumwollkultnr seine Aufmerksamkeit zuwendete, -< sofort als den richtigen erfaßt und ausgesprochen hat. Es sei wiederholt, daß die Unternehmungen des Kolonialwirtschaftlichen Komitees aus privater Initiative hervorgegangen und bisher in der Hauptsache mit Geldmitteln, die von den beteiligten Interessenten und Jnteressentenvereinigungen im Wege freiwilliger Beiträge aufgebracht wurden, zur Durchführung gelangt sind. Das Komitee hat dadurch eine Unterstützung erfahren, daß ihm aus der „Wohlfahrtslotterie zu Zwecken der deutschen Schutzgebiete" für seine Baumwollunternehmungen erhebliche Beträge zugewiesen worden sind. Im ganzen beziffern sich die von dem Komitee für seine Baumwollunternehmungen aufgebrachten Mittel bisher auf etwa 700 ()()() Mark. Wir bleiben mit diesen Beträgen allerdings noch weit hinter England zurück, wo für die Zwecke der Lotton KrovinZ ^ssociiation vor einigen Monaten bereits 100 000 ^. Pfd. Sterl. — 2 Millionen Mark gezeichnet waren und wo man das Kapital dieser Gesellschaft auf 10 Millionen Mark bringen zu können hofft. Immerhin ist es das erste Mal, daß in Deutschland für einen kolonial-wirtschaftlichen Zweck eine solche Summe' aus freiwilligen Beiträgen aufgebracht worden ist. Die Kolonialverwaltung hat den Bestrebungen des Kolonialwirtschaftlichen Komitees jede mögliche Förderung zuteil werden lassen. Überall arbeiten die Bezirksamtmänner und Stationsleiter Hand in Hand mit den Organen des Komitees. Soweit es die in den Kolonialetats zur Verfügung gestellten Mittel zulassen, wird der Baumwollbau auch durch eine finanzielle Unterstützung von feiten der Regierung gefördert. So wertvoll jedoch diese staatlichen Unterstützungen sind, die Hauptaufgaben des Staates bei den kolonialen Baumwollunternehmungen liegen auf einem anderen, breiteren Felde. Die Quintessenz einer jeden auf wirtschaftliche Ergebnisse gerichteten Kolonialpolitik ist, daß der Staat durch seine Tätigkeit und seine Aufwendungen den Rahmen schafft, innerhalb dessen die private Initiative sich erfolgreich betätigen kann; wo überhaupt die natürlichen Voraussetzungen gegeben sind für eine günstige wirtschaftliche Entwicklung, da wird im Laufe der Zeit die Prosperität der privaten Unternehmungen bewirken, daß dem Mutterlande seine Aufwendungen auch rein finanziell — ungerechnet alle die indirekten wirtschaftlichen Borteile — wieder ersetzt werden. Das gilt insbesondere von der Schaffung leistungsfähiger und billiger Verkehrswege, von deren Vorhandensein in Kolonialgebieten meist die Möglichkeit eines rentabeln Wirtschaftsbetriebs in allererster Reihe abhängt. Die Größe der erforderlichen Aufwendungen und die Unsicherheit über deu Zeitpunkt des Eintritts einer Privatwirtschaft- ^ lichen Rentabilität machen den Bau von kolonialen Eisenbahnen für private Unternehmer in der Regel unmöglich. Hier muß der Staat eintreten, der mit größeren Zeiträumen zu rechnen hat als die einzelnen Individuen und dessen Pflicht es ist, in der Gegenwart diejenigen Opfer zu bringen, welche dazu beitragen können, seine eigene Zukunft sicher zu stellen. Die Togv-Jnlandbahn und die ostafrikanische Eisenbahn Daressalam—Mrogoro haben aus diesem Gesichtspunkt heraus für die Baumwollunternehmungen in den beiden Schutzgebieten eine ganz besondere Bedeutung. ^ Die Baumwollfrage. 27 Wie nun auch die bis jetzt vorliegenden bescheidenen Anfänge mit unserer kolonialen Baumwollkultur sich gestalten mögen, zwei Gewinne können hente schon verzeichnet werden. Der eine Gewinn ist, daß es zum ersten Male an einem ganz besonders wichtigen Einzelfall einem großen Teil der deutschen Industrie und des deutschen Handels zum Bewußtsein gekommen ist, wie es unter Umständen für die Sicherung unserer heimischen Volkswirtschaft notwendig werden kann, auf die natürlichen Hilfsquellen unserer Kolonien zurückzugreifen, und daß zum ersten Male ein großer Teil der deutschen Industrie und des deutschen Handels sich zu einem einheitlichen Vorgehen, das die Nutzbarmachung unserer kolonialen Hilfsquellen bezweckt, zusammengeschlossen hat. Wenn die Führer einer gewissen parlamentarischen Partei, die unserer Kolonialpolitik ein prinzipielles Nein entgegensetzen, genauer nachprüfen, dann werden sie vielleicht finden, daß Leute mit gewichtigen wirtschaftlichen Namen aus ihren eigenen Reihen sich dem kolonialen Baumwollunternehmen und den Petitionen an den Reichstag um Bewilligung der beiden Kolonialbahnen angeschlossen haben. Nur zur Charakterisierung der Stimmung sei erwähnt, daß sogar der „Vorwärts" am 16. Oktober 1903 schrieb: „Wir sind durchaus Gegner der Kolonialpolitik, stehen aber den in Afrika betriebenen Versuchen, dort die Baumwollkultur einzuführen und auszudehnen, sympathisch gegenüber. Das Baumwollmonopol, das die Vereinigten Staaten von Amerika immer noch besitzen, führt dort in jedem Jahre zur Bildung von Spekulationsringen und schamlosen Preistreibereien, welche fast regelmäßig anhaltende Störungen in der englischen, deutschen und französischen Baumwollindustrie nach sich ziehen. . . Könnte dieses Monopol Amerikas und damit der dortigen Baumwollkönige durchbrochen werden, so würde das für die gesammte Baumwollindustrie ein großer Vorteil sein." Der zweite Gewinn ist, daß die Leitung und die bisherigen Erfolge der deutschen Baumwollunternehmung die Aussicht eröffnen, daß die wirtschaftliche Energie in Verbindung mit der wissenschaftlichen Gründlichkeit — die Eigenschaften, denen das neue Deutschland seinen großen wirtschaftlichen Aufschwung verdankt — auch auf kolonialem Felde schließlich sich durchsetzen werden. Jedenfalls hat Deutschland in seinem Baumwollunternehmen zum ersten Male auf kolonialem Gebiete bahnbrechend und vorbildlich auch für die größeren und älteren Kolonialmächte gewirkt. Anhang. Tabelle I. Baumwollproduktion der Welt im Jahre 190S/0Z. Nach den neuesten Aufstellungen des ^grievlinral vexartment der Vereinigten Staaten.) Länder: Ernte in Ballen - Vereinigte Staaten............. 10 630 945 Ostindien ................ 2 687 813 Ägypten................. 1 163862 Brasilien................. 346 700 Asiatisches Rußland............. 353681 Mexiko................. 124328 Japan ................. 120566 Asiatische Türkei.............. 30200 Persien . . ............... 32800 Peru.................. 13111 Zusammen einschl. anderer Länder . . , 15579 765 Tabelle II. Zahl der Baumwollspindeln in den einzelnen Ländern. (Nach den Angaben des Ilniiect Lta-tes Oex^rtment ok Oomweres ainl I^bor.) Länder 1903 1902 1901 1900 1399 Großbritannien..... Europäischer Kontinent . . 47 200 000 34 000 000 47 000 000 33 900 W« 46 100 000 33 359 000 45 600 000 33 000 000 45400 500 32 5»0 «00 Summe für Europa , . , 61 ^» «»« 80 900000 79 459 000 78600 00» 77 900 500 Verein. Staaten: Norden . Süden. . 15 200000 7 039 633 15150 000 6 408 974 15050 000 5 819 835 14590000 4 540 515 14 290 000 3 987 735 Summe für Perein. Twalcn 22 239 633 21 558 974 20 869 335 19 130 515 18 277 735 Ostindien....... Japan....... China........ Kanada....... Mexiko....... 5 100 000 1450 000 600 000 700 000 500 000 5 006 965 1400 000 600 000 690 000 500 000 5 006 936 1 250 000 600 000 680 000 500 000 4 945 783 1 220 975 600 000 670 000 500 000 4 723 333 1187 159 600 000 618 212 491000 Gesamtsumme für die Erde. 111 789 633 110 655 939 108 756 771 105 667 273 103 822 439 Tabelle III. Banmwollverbrauch in den einzelnen Ländern (in Ballen zu 500 Ids.). (Nach derselben Quelle wie Tabelle II.) Länder 1902/03 1901/02 1900/01 1899,1900 1898/99 Großbritannien..... Europäischer Kontinent . . 3 200 000 5 096 000 3 255 000 4 336 000 3 269 000 4 576 00!) 3 334 000 4 576 000 - 3 519 000 4 784 000 Summe für Europa . . . 8 091000 7 845 000 7 910000 « 303 »00 Verein. Staaten: Norden . Süden. . 2 048 000 1 967 000 2 207 000 1 820 000 2150000 1 577 000 2 356 000 1 500 000 2 244 000 1 309 000 Summe für Verein. Staaten 4015000 j 4037 000 ^.3 727 000 3 »»» 3 553 000 1400000/ 439 000 i 202 000 - ^^84000, 726 000? 179 000 .»^60000 ..632 00» 152 000 1139000 711000 157 000 1314000 703 000 142 000 Gesamtsumme für die Erde . 14 352 000^ 14 415 000 13 416 000 13 773 000 14 015000 Gedruckt in der Königl. Hoibnchdruckci'ei'von E. S. Mittler >Ü! Sohn, Berlin Kochstr. S8—71. ^ ^